Heinrich Seidel Die goldene Zeit Neue Geschichten aus der Heimat Stuttgart und Berlin 1909 J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger   Gottfried Keller                   zugeeignet Ach, wer bringt die schönen Tage, Jene holde Zeit zurück! Goethe . Am Wege.                   Wir wanderten am heissen Maientag. Zur Rechten blitzend lag ein See, und sonst In weitem Bogen ward das grüne Feld Von sonnbeglänztem Tannenwald umzirkt. – Ein Häuschen dort in hellem Obstbaumgrün, Ein Ackersmann, der seine Furchen zog, Und hier und da ein Busch – das war die Landschaft. Wir sprachen mancherlei und achteten Des Weges wenig.                                 Plötzlich sah ich auf: Sieh da, ein Mädchen an des Gartens Rand Leicht an ein spärlich Bäumlein angelehnt, So stand sie da, und blickte träumerisch Mit blauen Augen in die blaue Ferne. Kaum sechzehn Jahr! Noch hatte diese holde, Die frische jugendblühende Gestalt Zur vollen Fülle nicht sich ausgerundet, Auf ihrem Antlitz lag's wie zarter Flaum Der unberührten Frucht. Allein die Augen Sie wussten schon von mehr. Es träumte dort In ihrem halbverhüllten Glanz die Ahnung Von süss geheimnissvollen Dingen schon. Sie blickte uns nicht an – nur in die Ferne So schritten wir vorbei.                                         »Wie seltsam doch Traf dieser Anblick an mein Herz und weckte Dort süsse, längst verlorne Melodieen Aus einer schönren Zeit. Das Mädchen dort War meine Jugend. Ja sie steht am Weg Und blicket mich nicht an und fragt doch still: »Kennst du mich noch? Und weisst du wohl, Wie einst auch dir des Glückes Ahnung aufging, Und wie ein rosenrothes Meer der Wonne Vor deinen Augen lag?!«                                           O goldne Zeit!   Inhalt . Die goldene Zeit (1887) Drei Rosen an einem Zweig (1887) Eva (1886) Hans Beinhart's Abenteuer (1887) Die goldene Zeit. Ein Strandidyll. I. Der Einsiedler. Martin Wedeking war ein wenig, was man einen Einsiedler nennt. Solche gedeihen bekanntlich am besten in den Wüsten und Wildnissen oder in den ganz grossen Städten, wo sich niemand viel um seinen Nebenmenschen bekümmert. Es ereignet sich nun öfter, als manche kluge Leute annehmen, dass solche zum träumerischen Vorsichhinleben geneigte Menschen in der von ihnen gewählten praktischen Thätigkeit voll ihren Beruf erfüllen und zwar in einer nüchternen und tüchtigen Weise, die niemanden ahnen lässt, welche bunte Gedankenwelt noch ausserdem in diesem Kopfe wohnt. Das Leben solcher Sonderlinge ist scharf in zwei Theile geschieden, und der Mensch der Geschäftsstunden ist so sehr von dem Menschen der Freistunden verschieden, dass es kaum glaublich ist, beide könnten in einem Rocke stecken. Martin Wedeking war Oberingenieur in einer der grossen Maschinenfabriken vor dem Oranienburger Thore in Berlin; dort war er kurz, scharf und klar in allen seinen Aeusserungen, sein Denken war mathematisch und einzig auf sein Fach gerichtet, so dass er unter den Genossen für einen der tüchtigsten Ingenieure galt. Wenn er aber zu Hause sass in seiner behaglichen kleinen Wohnung, die an dem sogenannten »Kessel« lag, jenem stillen friedlichen Platz mit Blumenanlagen und Springbrunnen, der sich von der Kesselstrasse abzweigt, da war jene Welt mit ihrem hastigen Getriebe, schnurrenden Riemscheiben, klappernden Rädern und schütternden Dampfhämmern gänzlich versunken und Martin Wedeking war ein friedlicher Träumer, der Blumen zog, seltene einheimische Singvögel fütterte, Ameisen beobachtete, die er in glasbedeckten, mit Erde gefüllten Kästen hielt, und sich mit Werken der Dichtkunst beschäftigte. Daraus wird nun wohl jeder, der sich einige Klugheit zutraut, schliessen, dass er selber ein heimlicher Dichter war und seine Musestunden auch dazu verwandte, schönes weisses Papier höchst unökonomisch nur in der Mitte zu beschreiben, wie Scheffel sagt; allein dies war nicht der Fall, sondern er gehörte zu den heutzutage so seltenen platonischen Liebhabern dieser Kunst. Ihm erschien es wie Wunder und Geheimniss, dass durch den blossen Zauber der Sprache solche Wirkungen erzielt werden konnten, und mit gewissen Lieblingsgedichten vermochte er sich jederzeit in Rührung zu versetzen. Denn er gehörte zu denjenigen Naturen, welche, wenn sie der Schönheit und Vollendung begegnen, davon bis zu Thränen ergriffen werden. Da Martin Wedeking ein grosser Naturfreund war, so gehörten Stifter und Storm zu seinen Lieblingen, andererseits aber auch zog ihn im vollen Gegensatze zu seinem scharf verstandesmässigen Beruf das Märchenhaft-Phantastische an, und an manchem stillen Winterabend ergötzte er sich höchlich an Hoffmann, Edgar Poe und Gullivers Reisen von Swift, welches Buch er immer und immer wieder lesen konnte, wobei ihn weniger die grausame Satire auf das Menschengeschlecht als vielmehr die ungewöhnliche Kunst zu fabulieren anzog, durch welche dieser ausserordentliche Schriftsteller auch das Wunderbarste anschaulich zu machen versteht. So lebte Martin Wedeking in seinen zwei Welten behaglich vor sich hin mit der Regelmässigkeit eines Uhrwerkes, und nur alljährlich im Sommer durchbrach er diese Einförmigkeit seines Daseins dadurch, dass er sich auf vier Wochen frei machte, um aus der Einsamkeit der grossen Menschenwüste in die wirkliche Einsamkeit des Gebirges, des Waldes, der Haide oder des Seestrandes zu verschwinden. Dies waren die stillen Freuden- und Glanzpunkte seines Lebens, von welchen er das ganze Jahr hindurch in der Erinnerung zehrte. Nachdem er nun dergleichen Sommervergnügen schon in den einsamsten Theilen des Harzes und Thüringer Waldes, ja einmal sogar in Ausführung eines langgehegten Planes in der Lüneburger Haide zugebracht hatte, war die Sehnsucht nach der See und nach dem Strandwalde in ihm erwacht, und als wieder der Sommer kam, war er fest entschlossen, seinen Urlaub diesmal in seiner mecklenburgischen Heimat an der Ostsee zu verbringen. Er wusste dort einen Ort, im Walde gelegen und nicht weit vom Strande, der nur aus den Gehöften von zwei kleinen Bauern und dem Anwesen eines Forstwärters bestand. Wenn er dort unterkommen konnte, was er nicht bezweifelte, war er nach seinen Begriffen wohl aufgehoben, und dachte er daran, so hörte er schon im Geiste das eintönige Singen der Tannenwipfel, vernahm das taktmässige Rauschen der Wellen, die unablässig an's Ufer schlagen, fühlte den wunderbar frischen Anhauch des Seewindes, und jene Sehnsucht nach grüner Waldeinsamkeit stieg in ihm empor, deren zwingende Kraft nur der Naturfreund kennen lernt, welchen sein Geschick jahraus, jahrein in der Häuserwüste einer riesigen Stadt festhält. So machte er sich denn rechtzeitig frei, begab sich an einem schönen Junitage auf den Stettiner Bahnhof und bald versank hinter ihm der aus ungezählten Schornsteinen dampfende geräuschvolle Norden Berlins mit seinen rauchgeschwärzten Fabrikgebäuden. Einem anderen Norden rollte er zu, wo er nicht nur mit dem Kopfe, sondern auch mit dem Herzen zu Hause war. II. Baumgartenheide. Wedeking war wirklich bei dem Forstwärter von Baumgartenheide untergekommen, obwohl dieser und seine Frau sich anfangs sehr gesträubt hatten, weil sie auf die Unterbringung von Gästen gar nicht eingerichtet seien. Da sich aber der Fremde mit allem zufrieden erklärte, hatte sich eine kleine Kammer gefunden, in welcher gerade ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl stehen konnten, und man hatte sich schliesslich geeinigt. Nachdem er dann die nächste Umgebung bis an die nicht weit entfernte See hin durchstreift und mit der unvergleichlichen Wonne eines in dem einförmigen Berufs- und Stadtleben vollständig ausgehungerten Naturfreundes sich an dem Dufte des Waldes, dem einsamen Säuseln der Wipfel und dem frischen Rauschen der unbegrenzten See erfreut hatte, sass er in der Dämmerung behaglich in einem kleinen Vorbau des Hauses vor einem weissgedeckten Tisch und verzehrte sein Abendbrot. Auch dies erschien ihm unvergleichlich und voller Poesie, obwohl es nur aus Rührei mit Schinken, Butter, Schwarzbrod und ein wenig Kuhkäse bestand, nachdem er zuvor eine kleine Satte dicker Milch mit geriebenem Brot und Zucker ausgelöffelt hatte. Das war alles so ursprünglich, so einfach und so frei von Künstelei. Solche Gerichte ass er niemals in der Stadt, weil sie ihm dort gar nicht schmeckten, aber hier in dem strohgedeckten Landhause, das rings umgeben war von der schweigsamen Majestät des dämmernden Waldes, in dessen Wipfeln noch ein wenig Abendschein träumte, hier in dieser stillen Ländlichkeit, da erschien ihm dies wie eine köstliche Sache, und unwillkürlich summten ihm die Goetheschen Verse durch den Kopf: Wie ist Natur so hold und gut, Die mich am Busen hält. Die Thür nach der Vordiele war geöffnet, und hinter dieser lag gleich die Küche. Dort befand sich das hübsche Mädchen, welches ihm das Essen aufgetragen hatte, die jüngere Schwester des Forstwärters. Er war fast verwundert gewesen über die schlanke Schönheit mit der feinen gebogenen Nase und den blauen Augen, über welche lange dunkle Wimpern schatteten. Sie war fein und doch kräftig gebaut und ihre Gesichtsfarbe nicht zu blühend, aber auch nicht zu blass durchleuchtet von jenem unvergleichlichen Rosenschimmer der Gesundheit. Es giebt vielleicht keinen besseren Ausdruck für das äussere Ansehen dieses Mädchens, als wenn man sagt, sie besass das, was man bei schönen Pferden Rasse nennt. Sie hatte sehr schnell und geschickt, aber fein ernsthaft und mit niedergeschlagenen Augen ihr Werk verrichtet, und nun war sie in der Küche mit dem Dienstmädchen, welches eine kleine flinke rundliche Büdnerstochter aus der Umgegend war, mit häuslichen Arbeiten beschäftigt. Dabei unter dem Schlüsselgeklapper und dem Platschen des Wassers, welches Wedeking vernahm, zwitscherten die frischen Kinder zusammen wie zwei Vögelchen, und ab und zu trällerte die eine oder die andere eine Strophe aus einem Volksliede. Der junge Mann sass nach beendigter Mahlzeit behaglich zurückgelehnt, während draussen die Dämmerung immer weiter sich verbreitete, und indem er diesem freundlichen Geplauder, dessen Worte er nicht verstand, lauschte, wie man auf ein Bächlein horcht, das über Kiesel lieblich klingend dahinplätschert, fühlte er sich innerlich glücklich und voller Frieden, und weit versunken hinter ihm war die grosse Stadt mit ihren Tausenden von Schornsteinen, ihrem Dampf, Rauch und Getöse. Das Leben dort kam ihm vor wie ein breiter und trüber Strom, verunreinigt durch allerlei Schlamm und Fabrikgewässer, aber hier war ihm, als sähe er seinen unberührten klaren Quell aus verborgener Tiefe sprudeln. Dann kam der Forstwärter aus dem Walde nach Hause, und die beiden Männer sassen im Wohnzimmer und rauchten und plauderten mit einander. Dort waren die Wände geziert mit einer grossen Anzahl von Gehörnen und Geweihen, deren Träger der Forstwärter in anderen Gegenden der grossen Heide, wo er früher als Jäger thätig gewesen, alle selber erlegt hatte. Jede dieser Trophäen hatten natürlich ihre kleine Geschichte, und dergleichen hörte Wedeking für sein Leben gern. Zudem hatte sich der Forstwärter durch Anregung seines früheren Lehrherrn ein wenig mit Botanik befasst und wusste über die seltenen Pflanzen der Umgegend gute Auskunft zu geben. Es wuchs dort mancherlei, das nicht überall vorkam, so die grosse über mannshoch werdende Saudistel, deren Blätter wie gezackte Hellebardenspitzen aussehen, die strauchartige Sumpfwolfsmilch mit den leuchtend rothen Zweigen, das stattliche und schöne Königsfarnkraut und im Moor die schöne Andromeda mit blass violetten Glöckchen, sowie auf den mit dunkelbraunem Wasser erfüllten Tümpeln die seltsame Utricularia , welche nicht im Boden wurzelt, sondern auf ihrer feinverzweigten, mit kleinen Bläschen besetzten Wurzelverzweigung schwimmt, aus welcher sie zur Blütezeit über die Wasseroberfläche einen Stengel mit Blüten vom herrlichsten Goldgelb emportreibt, und was dergleichen kleine freundliche Naturwunder mehr sind. So sassen sie und plauderten, indes draussen die Finsternis der Nacht sich verbreitete und eine grosse Stille herrschte, so dass Wedeking mitunter in den Pausen des Gespräches eine Leere in seinem Ohre fühlte, weil er das gewohnte Rollen der Wagen vermisste. Nur eine Eule flog zuweilen mit klagendem Schrei draussen vorüber oder ein Nachtfalter mit leichtem Stoss gegen das erleuchtete Fenster. Aus dem entfernten Schlafzimmer tönte der summende Gesang der Frau, welche ihre unruhige Jüngste in Schlaf wiegte, und in der Küche plauderten und sangen die beiden Mädchen, bis auch sie still wurden. Dann kam die Frau, um dem Manne gute Nacht, zu sagen, denn es war zehn Uhr, und bald darauf fing auch der Forstwärter an heimlich zu gähnen, denn morgens war er früh auf und den ganzen Tag thätig. So nahm Wedeking denn sein Licht und suchte sein kleines Schlafkämmerchen auf. Das Fenster war geöffnet und der ganze Raum erfüllt von frischem Waldgeruch. Er kramte seine Sachen zurecht und schloss dann die unteren Flügel, während er die oberen geöffnet liess. Als er in seinem Bette lag, herrschte das tiefste Schweigen im Hause, nur der Holzwurm pickte im Gebälk und ein Mäuschen raschelte behutsam vor der Thür seiner Kammer. Da vernahm er wie aus weiter Ferne durch diese grosse Stille hindurch ein leises taktmässiges Rauschen wie den Pulsschlag der schlafenden Natur. Es war die Ostsee, welche, von einem längst entschlafenen Winde aufgeregt, unablässig an ihre Ufer brandete. III. Der Strandwald. Eine ungewohnte Musik erweckte Wedeking am andern Morgen in der Frühe aus dem Schlafe. Das unablässige Gezwitscher einer Rauchschwalbe, das Flöten eines Rothschwanzes vom Dachgiebel, der kecke Gesang eines Zaunkönigs in der Gartenhecke und das Schmettern der Finken im nahen Walde hatte sich schon unbemerkt in seine Träume gesponnen; er sass in der Philharmonie zu Berlin und hörte mit verwundertem Behagen eine feine Musik von Geigen, Klarinetten und Flöten, aber plötzlich fuhr es mit Glockenlauten, Kontrabass und Bombardon dazwischen, welches einen so seltsamen Eindruck machte, dass er sogleich aufwachte und nun vernahm, dass es die mit Kupferglocken behangenen Kühe des Forstwärters waren, welche fröhlich brüllend auf die Weide zogen. Vergnügt kleidete er sich an, um ebenfalls auf die Weide zu gehen, auf die Augen-, Ohren- und Herzensweide, welche ihm die freundliche Natur in Gestalt von Wald und Wasser und Wiese draussen aufgebaut hatte. Mit unendlichem Behagen durchstreifte er jetzt und in den folgenden Tagen die waldige Einsamkeit nach allen Richtungen. Am stärksten aber zog es ihn immer zum Strande und seiner Umgebung, wo sich in das gleichmässige Sausen und Singen der Wipfel das taktmässige Rauschen der ans Ufer schlagenden See mischte, denn an den meisten Stellen trat der Wald nahe an den Strand, indem er entweder von steil abfallendem hohem Ufer auf die See hinblickte oder hinter schützenden Sanddünen sich aus verkrüppeltem Strauch- und Buschwerk und kriechendem Geäst allmählig in seinem eigenen Schutze kräftigend zur vollen Grösse aufbaute. Dort war er zu vergleichen einer Flotte von Soldaten, die hinter einem Erdwall den Angriff feindlicher Reiterscharen erwartet, wobei die erste Reihe auf dem Bauche liegt, die zweite kniet, die dritte gebückt und erst die vierte aufrecht steht. Ja, dieser Kampf dauert schon lange und ward in dieser Gegend nicht zum Vorteil des Waldes entschieden, der an besonders ausgesetzten Punkten trotz tapferer Gegenwehr Schritt um Schritt zurückwich. Dies war besonders an einer Stelle der Fall, welche sich Wedeking bald als einen Lieblingsplatz erkoren hatte. Nachdem der Wald, gleichsam um neue Kräfte zu sammeln, weit zurückgewichen war, um einer Strandwiese Platz zu machen, an deren entferntem Rande seine tapferen Baumscharen, von blauem Dämmer und tieferem Schatten durchsetzt, in der Nachhut standen, ging er muthvoll in dichten Reihen zu neuem Kampfe vor und erreichte seinen ruhelosen Feind bei einem Landvorsprung, der den Schiffern als Wahrzeichen diente und bei ihnen den Namen Rosenort führte. Hier sah man es deutlich, dass die See in siegreichem Fortschreiten begriffen war, denn einzelne alte krüpplige Bäume standen nahe dem Strande zum Theil schon im Sande vergraben, während ihre verdorrten Aeste von der See abgewendet sich ausdehnten, so dass sie Menschen glichen, welche mit vorgestreckten Armen sich zur Flucht wenden. Weiterhin, wo die Bäume noch ein wenig flatterndes Laub zu ernähren im stande waren, zeigte sich immer noch derselbe Anblick einer Flucht vor dem Winde und vor der See, und nur allmählig stiegen die Bäume nach allen Graden der Verkrüppelung zu ihrer natürlichen Pracht und Grösse wieder auf. Auch der Name Rosenort deutete auf etwas Entschwundenes hin, denn zur Zeit war dort kaum eine Spur von wilden Rosen zu erblicken, während doch sonst dieser genügsame Strauch die Nähe des Strandes liebt, an geschützteren Orten hoch in die Bäume emporsteigt und im Juni mit einer Fülle blassrother Blüthen aus dem dunklen Eichenlaube hervorleuchtet. Dort auf dem kleinen Dünenhügel unter einigen verkrüppelten und zur Flucht gewendeten Eichen sass Wedeking gern, denn von diesem kleinen Landvorsprung aus übersah man weithin die langgestreckten Buchten des Ufers. Zur Linken eine unendliche Kette von weissen Dünen mit breitem schimmerndem Strande, von welchem sich der ausgeworfene Tang in dunklen wellenförmigen Reihen abhob, zur Rechten aber ward der Boden besser und lehmhaltiger und stieg zu den Bolderaa genannten, mit stolzen Buchen bewachsenen Höhen empor. Auch hier an diesem hohen Ufer frass die See immer weiter, so dass es, von sturmbewegten Wellen angenagt, steil, ja zuweilen überhängend abfiel und weithin in sanftgeschwungenen Linien wie mit einer gelblichen Mauer den stellenweise nur sehr schmalen Vorstrand einsäumte. Kehrte er dann am Abend in die friedliche Forstwärterwohnung zurück, so liess er sich gern erzählen, wie es im Winter sich in dieser Einsamkeit lebte, wo der Strand mit einer unglaublichen Pracht phantastischer Eisbildungen sich bedeckte und durch unendlichen Schneefall oft jeder Verkehr auf Wochen unterbrochen wurde. Gern erzählte auch der Forstwärter von der grossen Sturmfluth und von dem furchtbaren Eindruck, den es macht, wenn die See durch den Wald angewandert kommt. Ja, von zwei Seiten sogar war dies geschehen, denn auch von dem in der Nähe befindlichen Binnenhaff aus war sie durchgebrochen und man hatte sich auf den Boden flüchten müssen. In den Rosenbüschen des Gartens hatte sie zum Wahrzeichen ihres Besuches Tang und Seegras aufgehängt und als Andenken zurückgelassen. Dies erschien alles in dieser schönen friedlichen Sommerszeit, wo schon seit Wochen ein ständiger Nordost wehte und die klarsten sonnigen Tage mit sich führt wie ein wunderliches und grausiges Märchen, dem es sich mit behaglichem Gruseln lauschen liess. Zuweilen auch stieg ein Bild auf vor seiner Seele von wimmelnden und hastenden Rädern und Riemscheiben, er hörte im Geiste das Knattern der Nietkolonnen, den dumpfen Schlag der Dampfhämmer und das Zischen und Fauchen abströmenden Dampfes; ja, er glaubte sogar den Geruch von Schmieröl und Kohlenrauch zu spüren, welcher allen Maschinenfabriken eigenthümlich ist; aber alsbald versank dieses Bild wieder und erschien ihm ebenfalls wie ein Märchen, von welchem es heisst: »Es war einmal.« IV. In's Heu! Aber die schönen Sommertage flossen unerbittlich dahin, und mit Schrecken dachte Wedeking zuweilen daran, dass jenes Bild nur zu bald Wirklichkeit und kein Märchen mehr sein würde. Und noch eins kam dazu, ihm den gewählten Aufenthalt lieb und wert zu machen, denn es dünkte ihm nichts Geringes alle Tage ein so schönes Mädchen freundlich um sich thätig zu sehen wie die Schwester des Forstwärters. Jeder Mann trägt oft ihm selber halb unbewusst das Traumbild eines Weibes in seinem Herzen, und wenn solches ihm dann in der Wirklichkeit begegnet, so berührt es ihn wie ein liebliches Wunder, dass diese Träume leben, und andere kluge Leute erstaunen dann, wenn in solchem Falle die Liebe so plötzlich kommt wie bei Romeo und Julia. Aber sie kommt gar nicht plötzlich, sie war schon längst da, es fehlte nur der Gegenstand. Wedeking wusste kaum, dass er schon vom ersten Anblick gefangen war, und hielt das tiefe Wohlwollen, mit welchem er jede Lebensäusserung des anmuthigen Kindes verfolgte, für ein selbstloses Gefallen an der Schönheit an und für sich, wie man es herrlichen Kunstschöpfungen entgegenbringt. Sein seit der ersten Knabenliebe wohlgeschontes Herz war noch recht unerfahren in diesen Dingen. Aber das schöne Bild wanderte alltäglich mit ihm, und aus dem Flüstern der Blätter und dem Rauschen der See klang es ihm wie abgerissene Strophen ihres ungeschulten aber lieblichen Gesanges, dem er so gern lauschte, wenn er aus der Küche, aus dem Nebenzimmer oder aus dem Garten her schallte, denn in seiner Gegenwart sang sie nie. Er konnte sich nicht erinnern, dass jemals von der Bühne aus oder im Konzertsaal Gesang so auf ihn gewirkt hatte, als nur einmal, da er in ihrer besten Zeit die grosse Niemann-Seebach als Gretchen sah, wie sie bei der Verrichtung häuslicher kleiner Arbeiten den König von Thule sang, kunstlos und in Gedanken vertieft, wobei sie zuweilen mitten in der Strophe sinnend aufhörte und nach einer Weile mit einem kleinen Seufzer den Schluss hinzufügte, während die Tausende von Zuschauern in dem grossen Hause den Atem anhielten und das Pochen ihrer Herzen dämpften, um keinen Hauch zu verlieren. Insbesondere die Melodie eines Liedes, das er öfter von dem Mädchen gehört hatte, ohne genau den Text zu verstehen, – er wusste nur, dass darin von Heckenrosen, von der Nachtigall, von Mädchen in blühenden Jahren und von der goldenen Zeit die Rede war – hatte sich so fest seinem Gedächtniss eingeprägt, dass sie ihn Tag und Nacht nicht verliess und ihn fast ein wenig quälte, denn immer musste er sie summen oder leise vor sich hinpfeifen, eine jener anspruchslosen und ein bischen wehmüthigen Volksmelodien, wie sie im deutschen Vaterlande so mannichfach vernommen werden. Wie war er deshalb verwundert, als er eines heissen sonnigen Nachmittages, da er tief im Walde nachdenklich auf einem Fusswege, der durch hohes Adlerfarnkraut sich hinzog, umherschlenderte, dies Lied vernahm, gesungen von jener ihm so angenehmen Stimme. Er bahnte sich einen Weg durch das Dickicht der gefiederten Zweige, sah alsbald den Himmel durch die lichteren Stämme schimmern, und als das Lied eben verklang, trat er auf eine Waldwiese hinaus, woselbst der Forstwärter mit seiner Schwester und dem Dienstmädchen beschäftigt waren, Heu zu wenden. Er trat hinzu und sprach mit dem Manne, nicht ohne dass seine Blicke zu dem schönen Mädchen hinschweiften, welches in einiger Entfernung mit elastischen Schritten und anmuthigen Bewegungen ihre Arbeit verrichtete. »Heisse Zeit,« sagte der Forstwärter, »alles heuet jetzt in der ganzen Gegend, und Arbeiter sind schwer zu kriegen, da müssen wir alle mit heran, zumal ich so einen Animus habe, dass es mit dem schönen Wetter die längste Zeit gedauert hat. Morgen wollen wir einfahren, und ich denke, wir bringen dann unser Gut ein so schön wie nie, denn bei dem trockenen Ostwind und der Hitze, da heuet es barbarisch. Aber wir müssen uns dazuhalten, dass wir heute fertig werden, denn eine Frau, auf welche wir rechneten, ist nicht gekommen, und mein Knecht hat recht zur Unzeit sich den Fuss verstaucht.« »O, da helfe ich mit,« sagte Wedeking. Der Forstwärter sah ihn verwundert an, das rundliche Dienstmädchen kicherte vernehmlich über dieses Ungewöhnliche, dessen sich der feine Stadtmensch unterfangen wollte, und die Schwester des Forstwärters unterbrach ihre Arbeit und schaute, auf ihre Harke gestützt, belustigt auf ihn hin. Sie trug einen jener unschönen aber den besten Schutz vor der Sonne gewährenden Helgolander Hüte, aus dessen Tiefe das feine Antlitz mit zartem rosigem Dämmer hervorschaute. »Eine Harke ist noch vorhanden,« sagte der Forstwärter lächelnd, »wenn Sie mit Gewalt wollen – aber es ist heisse Arbeit.« Statt jeder Antwort ging Wedeking an den Ort, wo er die Harke an einem Busche lehnen sah, holte das Arbeitsgeräth herbei und schwenkte es voller Thatenlust. »Nun, dann wollen wir uns aber die Arbeit eintheilen,« sagte der Forstwärter vergnügt, »Sie nehmen mit meiner Schwester hier diesen Kabel bis zu dem grossen Saalweidenbusch und ich mit dem Mädchen den andern. Wer zuerst fertig wird, kann nach Hause gehen.« Die nöthigen Handgriffe lernte Wedeking durch Unterweisung und Beispiel seiner schönen Gefährtin bald, und dann herrschte grosser Fleiss und Wetteifer auf der sonnigen Waldwiese. Die beiden Paare schritten in steter Bewegung hin und wieder und arbeiteten bald nah, bald fern von einander. Das frische und schnell getrocknete Heu duftete balsamisch und sandte Wolken von Wohlgeruch empor, wenn es gewendet ward. Zugleich sprühte nach allen Seiten hüpfendes Insektenvolk davon. Für diese war nun auch der grosse Wendepunkt ihres Lebens eingetreten, sie waren mit einemmal aus Grashüpfern zu Heuspringern geworden. In der Ferne spazierte ein Storch mit stelzendem Gange und nickendem Kopfe, indes er zuweilen den Schnabel zu Boden stiess, um wohlgefällig etwas aufzunehmen. Als die beiden jungen Leute einmal standen und ein wenig ruhten, machte Wedeking das Mädchen auf diesen fleissigen Mitarbeiter aufmerksam. »Er kommt mir immer vor«, sagte diese, »wie der lange Herr Professor, welcher im vorigen Jahre oft von dem Badeorte herüberkam und auch so auf den Wiesen umherstelzte, wo er alle Augenblicke etwas aufnahm.« »O,« sagte Wedeking, »der Storch ist kein Botaniker, er verachtet sogar die Pflanzenkunde; nein, der Storch ist ausschliesslich Zoologe, er studiert besonders die Insekten, Amphibien, Eidechsen und Schlangen und ist einer der grössten Kenner aller unserer Kleinthiere.« Dem braven Professor Stelzenbein war die Aufmerksamkeit, welche man ihm zuwendete, lästig geworden, er nahm plötzlich einen Anlauf, entfaltete die mächtigen Flügel und erhob sich schwerfällig bis über die Höhe der Baumkronen, worauf er in schnellem Fluge nach Osten zu abstrich. »Ach, das ist unser Storch aus Petershagen«, rief das Mädchen, »denn dorthin liegt kein anderes Dorf! Er wohnt auf der Scheune unseres Nachbars in einem uralten Nest, das schon beinahe mannshoch ist. Als kleines Kind hab ich ihn immer angesungen: Adebor, du Roder, Bring mi 'n lütten Broder! »Hat er's denn gethan?« fragte Wedeking. »Nein, aber eine Schwester hat er mir noch gebracht,« sagte lächelnd das Mädchen, »die ist unser Nestküken und noch zu Hause bei der Mutter.« »Ist die Schwester auch so hübsch wie Sie?« fragte Wedeking plötzlich und fast ohne es zu wollen. Das Mädchen sah ihn eine kurze Weile überrascht an und erröthete tief. Sie wandte dann denn Kopf ab und fing so emsig an zu arbeiten, dass Wedeking genug zu thun hatte, um mitzukommen. Das Wenden war jetzt beendigt, und da der Abend nahte, ward das fast trockene Heu in grosse Haufen zusammengeschoben, um es vor der Einwirkung des nächtlichen Taues zu schützen. Wenn nun die beiden das ausgebreitete Heu zusammenholten, um es dann in gemeinsamer Arbeit mit den Harken zu einem Hügel aufzuthürmen, da suchte Wedeking einen Blick auf das rosige Antlitz zu gewinnen; allein dies gelang ihm nicht, denn mit grosser Geschicklichkeit vermied sie es, wirksam von dem weit vorstehenden Hute unterstützt, das Gesicht ihm zuzuwenden. Ein nachdenkliches Wesen war über sie gekommen, welches sich erst allmählig wieder verlor. Unterdess brannte schon die Abendsonne in den Wipfeln der Bäume, der Forstwärter und das Mädchen hatten ihre Arbeit beendet, schulterten die Harken und zogen, aus der Ferne mit fröhlichem Lachen herübergrüssend, davon. Nach zehn Minuten angestrengter Arbeit hatten auch die beiden Nachzügler ihren Theil vollendet, standen nun am Waldrande und sahen mit Befriedigung auf die dunklen Reihen wohlgebauter Hügel, welche die glatte Wiese gleichmässig bedeckten. Die Sonne streifte nur noch die Wipfel und liess die Stämme und Aeste der Kiefern roth aus dem dunklen Grün der Nadeln hervorleuchten; ein kühler Dunst stieg aus dem Boden hervor, das Heu duftete stärker und in den Büschen des Waldrandes sang mit unablässigem Geschwätz eine Dorngrasmücke. Beide wandelten nun durch den stillen Wald nach Hause. Nur ein fernes Taubengurren oder zuweilen der Ruf eines Pirols waren vernehmlich. Selbst die so selten schweigsamen Wipfel der Kiefern und Fichten sangen nicht mehr, sie standen mit all ihren feinen Nadeln regungslos im Schein der sinkenden Sonne und strömten einen sanften balsamischen Hauch aus. Zuweilen kam aus den kleinen Lichtungen, wo am Tage die Sonne gebrütet hatte, ein würziger Duft von wildem Erdbeerkraut. Dies erinnerte Wedeking an eine Entdeckung, welche er an demselben Tage gemacht hatte. Er sagte: »Hier ganz nahebei habe ich heute einen vorzüglichen Erdbeerhorst gefunden, eigentlich eine Seltenheit in dieser Heide, sie stehen kaum fünfzig Schritte von hier.« Damit bog er vom Wege ab zu einem Orte hin, wo es licht durch die Stämme schimmerte, und das Mädchen folgte ihm. Am Rande einer jungen Fichtenschonung auf etwas ansteigendem Boden unter mächtigen Kiefern hatte das freundliche Beerenkraut sich weithin angesiedelt, die schönen Früchte waren dort ungestört zur Reife gelangt und prangten zum Theil schon in jenem tiefen Purpur der letzten Vollendung. In einer fernen Waldlücke stand niedrig die glühende Abendsonne und warf einen letzten Schein auf die aus feinem Grase und röthlichem Kraut hervorleuchtenden Beeren. Bald war das Körbchen des Mädchens in gemeinschaftlichem Wetteifer bis zur Hälfte gefüllt, indes die Sonne allmählich in ihrem eigenen Feuer verglühend versank und ein feiner Dunst der Dämmerung zwischen den Stämmen sich ausbreitete. Während nun die Schatten in den Gründen sich vertieften und ein sanfter röthlicher Schein in den Lüften war, gingen sie am Rande der Schonung weiter, bis sie an einen prächtigen Busch von wilden Rosen gelangten, der, in eine junge Eiche hoch emporsteigend, mit Hunderten von zart gefärbten Blüthen den Schein des Abendrothes zurückgab. Das Mädchen hatte den hässlichen Hut, dessen sie zum Schutze gegen die Sonne nicht mehr bedurfte, jetzt abgenommen, und als sie nun neben dem blühenden Strauche stand, ebenfalls angeleuchtet von den röthlichen Strahlen, da sah Wedeking es deutlich, dass ihr Antlitz an Farbe jenen schönen Blumen gleichkam, ja noch edler und reiner schimmerte diese liebliche Blüthe des Menschengeschlechtes. Ringsum war es nun ganz still, nur ein Rothkehlchen sang, wie es dieser Vögel Art ist, in einem rothbeglänzten Wipfel sein süss melancholisches Abendlied. Zugleich ging Wedeking durch eine unwillkürliche Gedankenverbindung jenes andere Lied durch den Kopf, welches er so oft gehört, doch niemals ganz verstanden hatte, und er bat sie, es ihm zu singen. Sie waren jetzt in einen schmalen Fusssteig eingebogen, wo das Mädchen schlank und schön vor ihm her schritt, während von seitwärts durch die lichten Stämme das Abendroth in die Dämmerung des Waldes hineinglühte. Sie verstand ihn gleich, als er sie ersuchte um das Lied von der goldenen Zeit, und ob nun auch ihr Ort und Stunde angemessen erschien – genug, sie weigerte sich nicht und sang mit anmuthiger Stimme das kleine Lied einfach und kunstlos, wie es sich für diese Verse und die anspruchslose, ein wenig melancholische Melodie gebührte: Ihr Blumen auf Wiesen und Weiden, Ihr Rosen in Hecken und Heiden, Blühet und glühet, es naht schon die Zeit, Dass ihr vom sonn'gen Tag müsst scheiden! Du Nachtigall dort auf der Halde, Ihr Vögel im Feld und im Walde, Singet und klinget, so lang es noch Zeit – Verstummt zum Süden müsst ihr balde! Du Jüngling in lockigen Haaren, Du Mädchen in blühenden Jahren, Nutzet die Jugend, die goldene Zeit! Wie bald wird sie von dannen fahren! Dann schritten sie eine Weile schweigend weiter, während die Dämmerung zunahm und das Abendroth verblasste. »Wo haben Sie das Lied her?« fragte Wedeking endlich. »Ich habe es so gehört,« antwortete sie, »in unserem Dorfe wird es gesungen.« Sie traten dann aus dem Walde auf die kleine Lichtung, wo das Forstwärterhaus gelegen war. Mit seinem schwarzen Strohdach hob es sich dunkel ab von dem blassen Roth, das als letzte Sonnenspur am Abendhimmel noch träumte, aus einem seiner kleinen Fenster schimmerte freundlich ein Lichtschein, eine feine Säule bläulichen Rauches stieg schnurgerade aus dem Schornstein in die helle Luft empor und ringsum war Frieden und süsse Abendstille. V. Die Bolderaa. Der »Animus« des Forstwärters ging in Erfüllung. Das Heu wurde noch glücklich eingebracht, aber an demselben Abend stieg im Nordwesten aus der See ein riesiger Wetterbaum auf, der seine mächtigen Wolkenäste über den ganzen Himmel verbreitete, und in der Nacht kam ein Gewittersturm, dass die Wipfel heulend brausten und das Rauschen der aufgeregten See deutlich vernehmbar war. Am Morgen aber war alles vorüber, und die Sonne glänzte, als wäre nichts geschehen, vom unbewölkten Himmel. Als Wedeking aufgestanden war, brachte die Frau des Forstwärters ihm den Kaffee, und er vernahm von ihr, dass die Schwester ihres Mannes schon in aller Frühe nach Petershagen zu ihrer Mutter gegangen sei und erst am Nachmittage zurückerwartet werde. Das Haus erschien ihm merkwürdig öde und leer an diesem Tage. Wie gewöhnlich machte er sich für seinen täglichen Ausflug bereit, denn selten pflegte er vor dem späten Nachmittag zurückzukehren, und nahm seine Hauptmahlzeit immer erst am Abend ein. Er packte Mundvorrath und etwas Wein in seine Wandertasche, und ausserdem war er stets ausgerüstet mit einem jener leichten Regenmäntel, die sich auf einen kleinen Raum zusammenrollen lassen, mit einem wollenen Plaid und einem sogenannten Touristenschirm, der ihm zugleich als Wanderstab diente. So war er auf alle Wechselfälle der Witterung vorbereitet und konnte sogar mit einer gewissen Behaglichkeit im Walde übernachten, im Falle er sich verirrt hätte. Dann machte er sich rüstig auf, und bald war er wieder in dem von dem nächtlichen Gewitterguss erfrischten und balsamisch duftenden Walde verschwunden. Planlos und in Gedanken vertieft trieb er sich heute umher, und ein gewisses Wehmuthsgefühl ward seiner Herr, wenn er dachte, dass diese Zeit der goldenen Freiheit nun bald ein Ende nehmen und er in das gewohnte Joch zurückkehren sollte. Und dann konnte er jenes Lied nicht loswerden, immer und immer summte es ihm durch den Kopf wie eine süsse Mahnung: Du Jüngling in lockigen Haaren, Du Mädchen in blühenden Jahren, Nutzet die Jugend, die goldene Zeit! Wie bald wird sie von dannen fahren! Da er bei allen diesen Gedanken wenig auf den Weg geachtet hatte, so geschah es um Mittag, dass er nicht genau wusste, wo er sich befand. An der einen Seite des Weges standen wie eine Mauer junge schwarzgrüne Fichten, an der anderen hochstämmiger Buchenwald. Um diese Mittagszeit, wo alle Vögel schwiegen und der Wind eingeschlafen war, herrschte rings die Stille der Einsamkeit bis auf das Summen der Fliegen im Sonnenschein und das Knistern der Libellenflügel, wenn diese Thierchen, welche wie kleine Raubvögel in der Luft standen, plötzlich ihren Ort veränderten. Das erste, was Wedeking that, wenn er in diesem Strandwalde die Kenntniss des Ortes verloren hatte, war, dass er auf die See horchte, deren Rauschen in solcher Einsamkeit weithin vernommen wird. Aber er hörte nichts, als er lauschte, nur einmal lachte ein Wiedehopf weit in der Ferne und dann war wieder alles still. Aber es war noch früh am Tage und Zeit hatte er genug, darum wandte er sich nach jener Richtung, wo dem Stande der Sonne nach die See zu suchen war, und schlenderte gedankenvoll in den Buchenwald hinein. Nach einer viertel Stunde hielt er wieder an und horchte. Da noch eben seine Füsse in dem welken Laube gerauscht hatten, war nun wieder eine grosse Mittagsstille um ihn her und anfangs vernahm er nichts. Es war, als horchten alle die regungslosen Blätter der Buchen mit ihm. Dann tönte es ganz fern aus der grünen Waldestiefe kaum vernehmbar aber taktmässig und, als das Ohr sich erst zur Aufmerksamkeit gewöhnt hatte, auch deutlicher; ja, was dort so klang wie das leise Athmen eines schlafenden Kindes, das war die See. Zugleich trat zu seiner Rechten ein anderes Geräusch an sein Ohr, ein traumhaft verschlafenes Rieseln wie von fliessendem Wasser; er blickte dorthin und sah zwischen den Stämmen es in lichterem Grün schimmern, und mit einemmal ging in seinem Kopfe jenes sonderbare Drehen vor sich, das uns befällt, wenn wir glauben, uns in unbekannter Gegend zu befinden, und nun plötzlich alles sich zurechtrückt. Dort ging ja die Bolderaa durch die selbstgegrabene Schlucht, jener kleine Bach, welcher dieser ganzen Gegend den Namen gegeben hatte; nun war ihm mit einemmal alles wohlbekannt. Er schritt auf den Bach zu und folgte, an dem hohen Ufer entlangschreitend, der Richtung seines Laufes. Drunten im Grunde floss das grünliche glasklare Gewässer und rieselte und plätscherte so kühl durch die vielfach zerstreuten Steine, dass die Schwüle, mit welcher die brütende Sonne die breite, von mächtigen Buchen umstandene Schlucht erfüllte, noch drückender erschien und es Wedeking forttrieb an die Kühlung verheissende See, deren Rauschen schon immer deutlicher ward. Plötzlich bei einer Biegung der Schlucht lag sie vor ihm, und zugleich wehte ein etwas frischerer Hauch an seine erhitzte Stirn. Von hier ab verbreiterte sich die Schlucht nach der See zu ganz ausserordentlich, und ein süsser Duft stieg aus diesem Grunde empor, denn an den lehmigen Seitenufern wuchs in über mannshohen kleinen Wäldern der mit unzähligen weissen Blümchen übersäete Honigklee. Wedeking stieg an die See hinunter und wandte sich zurück, wo das steile, von Buchen gekrönte Lehmufer zur Linken sich bis zu dem kleinen Landvorsprunge Rosenort hinzog, während überall nur ein schmaler Strand zwischen der steil abfallenden Wand und der See vorhanden war. Ja, zuweilen fehlte dieser ganz, so dass man durchs Wasser seinen Weg nehmen musste. Auch Wedeking gelangte jetzt an eine solche Stelle, vermochte aber, da sie nicht sehr breit und das Wasser nicht tief war, dieselbe bei einer zurückkehrenden Welle laufend zu überschreiten. Bei starken andauernden Stürmen war überhaupt dieses schmale Vorland nicht gangbar, da die See alles überflutete, an der etwa sechzig Fuss hohen Uferwand hoch emporschlug und Schaum und Tang in die Sträuche des Waldes warf. Nun befand sich Wedeking wieder an einem Orte, welchen er besonders gern hatte, denn hier war er ganz aus der Welt. An der einen Seite hatte er die steile Mauer der Uferwand und an der anderen die unendliche See, mit deren Rauschen und Wogen er mutterseelenallein war. Er schritt über den feuchten röthlichen Uferkies, aus welchem mit gelbem Bernsteinglanze zuweilen ein Donnerkeil hervorleuchtete , bis an den Ort, wo die See in jahrhundertlanger Arbeit einen Vorsprung des hohen Landes abgetragen hatte, dessen einstmalige Ausdehnung noch genau durch die ausgespülten, weit in die See hineinreichenden Felsblöcke bezeichnet war. Auf dem Strande lagen ebenfalls solche zum Theil halb im Sande begraben, zum Theil frisch herabgestürzt und seltsam durcheinander geworfen; auch aus der steilen Lehmwand ragten, von dem letzten Sturm freigespült, solche hervor wie ungeheure Rosinen aus einem Kuchen, während an anderen Stellen sich leere glatte Höhlungen zeigten, wo solche Blöcke gesessen hatten. An einem Orte, wo diese zum Theil sehr mächtigen Steine am häufigsten lagen, waren drei derselben dicht an der steilen Wand so seltsam übereinander gestürzt, dass eine Höhlung entstanden war, in welcher sich bequem ein Mensch verbergen konnte. Wedeking hatte früher, als er diese Einrichtung entdeckt hatte, mit grosser Mühe einen vierten Stein herzugewälzt, der nun innerhalb dieser steinernen Laube einen Sitz bildete. Dort hatte er schon oft und gern gesessen, um träumend auf die See hinauszublicken, und auch heute nahm er wieder diesen vor der glühenden Sonne geschützten Platz ein. Es war an der See fast ebenso schwül als im Walde, denn es ging kein Wind, und der wenige Luftzug, der zuweilen entstand, kam vom Lande her. Der Horizont war in leichten Dunst gehüllt, so dass Wasser und Himmel ineinander schwammen, und ausser dem eintönigen Rauschen der Wellen, welche die Uferkiesel knirschend hin und her schoben, war nichts vernehmlich als das Zwitschern der Uferschwalben, die den obersten Rand der steilen Lehmwand siebartig mit ihren Nisthöhlen durchlöchert hatten und dort gleich emsigen Bienen unablässig ab und zu flogen. Obwohl Wedeking diese Vögel selber nicht zu sehen vermochte, so wurden ihm deren Bewegungen doch an den leichten Schatten kund, welche vor ihm auf dem weissen Sandboden unablässig durcheinander glitten. Als er nun so träumend sass, da fing es im Rauschen der Wellen wieder an zu singen von der goldenen Zeit, und vor seinen Augen schwebte wieder die schöne schlanke Gestalt. Er war doch recht thöricht, schon über dreissig Jahre alt und noch immer so schüchtern wie ein Knabe. »Nutzet die Jugend, die goldene Zeit, wie bald wird sie von dannen fahren!« Das hatte sie kürzlich gesungen in der abendlichen Waldesdämmerung und war dabei vor ihm her gewandelt wie ein holder Arm voll Glück, aber er hatte die Stunde versäumt. Ja, und wenn er sie an sich gezogen hätte, da Zeit und Gelegenheit günstig waren, was wäre die Folge gewesen? Die wilde Rose ist die schönste Blume des Waldes, aber sie hat auch scharfe Dornen, und er wusste nicht, ob sie ihm sich glühend neigen oder ob sie ihn zornig abwehren würde. Nun begann er Orakel darum zu fragen. Dort in der Weite lag ein Steinblock in der See, an welchem die Wellen emporschlugen, während zuweilen eine angerollt kam, grösser als ihre Schwestern, und einen Regen von weissem Schaum über das dunkle Felsenhaupt emporspritzte. Wenn unter den nächsten dreien eine solche war, dann sollte es ein gutes Zeichen sein. Da kam schon die erste und wogte machtlos an dem Steine empor, die zweite folgte und sank wieder zurück, und dann rollte die dritte herbei, die gar nicht besonders aussah; aber plötzlich, klatsch, sprühte ein mächtiger Schaumregen über den schwarzen Felsen hin. Dies stimmte Wedeking fröhlich, allein es genügte ihm noch nicht. Dicht vor ihm war zwischen den von der See ausgeworfenen Kieseln ein besonders weisser Sandfleck. Wenn in dem Verlaufe der Zeit, da drei Wellen hintereinander den Strand erreichten und ehe die vierte sich überschlug, über diesen Fleck ein Schwalbenschatten hinhuschen würde, dann wollte er dies für ein Hoffnung weckendes Ereigniss ansehen. Die erste kam, überschlug sich und glitt mit singendem Zischen wieder zurück, die zweite und die dritte folgten, allein der Fleck blieb leer; doch kurz bevor die vierte eben ihr schaumgekröntes Haupt vorüberneigen wollte, huschten wie der Blitz zwei Schatten nebeneinander über die weisse Stelle dahin. Nun fürchtete sich Wedeking fast, sein Glück noch einmal zu probiren; allein aller guten Dinge sind drei, und er begann nach einem weiteren Orakel zu suchen. VI. Nach Rosenort. In diese wunderlichen Spielereien war er so vertieft gewesen, dass er auf gar nichts weiter geachtet hatte, und so erschrak er fast, als er schon ganz in der Nähe an dem sonst so einsamen Strande eine weibliche Gestalt bemerkte, welche, von einem breiten Strohhut beschattet, in der brennenden Sonne ebenmässig dahinschritt. In demselben Augenblicke aber schlug ihm auch mächtig das Herz, weil er sofort die schöne Wandererin erkannte. Als sie ganz nahe herangekommen war, ohne ihn bemerkt zu haben, trat er aus seiner Steinlaube hervor und redete sie an. Sie hatte den Weg am Strande gewählt, wie sie sagte, weil sie dort mehr Kühlung zu finden hoffte als in dem schwülen Walde; allein dies war fehlgeschlagen, und nun war sie heiss und ermüdet von dem Wege im Sande und in der glühenden Sonne. Wedeking bot ihr seinen schattigen Sitz an, und als er dann auf einem anderen Steine vor ihr in der Sonne seinen Platz genommen hatte, unterhielten sie sich von allerlei Dingen, von Petershagen, von ihrer Mutter und Schwester, von dem kleinen Garten dort, in welchem so schöne Rosen blühten, von dem Fliegenschnäpper, welcher in dem grössten Rosenbäumchen sein Nest hatte und gar nicht scheu war, sondern mit: blanken braunen Augen jedermann furchtlos anschaute, wenn er auf seinen Eiern sass, und wie es dem alten Haushund Nero ging, welcher nun schon fünfzehn Jahre alt war und einen beständigen Husten hatte, gegen welchen er Malzbonbons einnahm, die ihm sehr wohl schmeckten, aber nichts halfen, und wie die rothbunte Kuh sich gefreut hätte, als sie ihr Haustöchterchen wiedersah, und das Lied von der goldenen Zeit, das habe die Pastorstochter einmal mitgebracht von einer Reise, und von der habe es die Pastorsköchin abgehört, und nun könnten sie es alle im Dorf, die überhaupt sängen. An seine Frage hatte sie doch noch gedacht und sich um eine Antwort bemüht; das freute den jungen Mann so, dass er es nicht sagen konnte. Als nach einer kleinen Weile dieser Gesprächsstoff erschöpft und er im Besitze aller Neuigkeiten von Petershagen war, entstand eine kleine Stille, während das Mädchen nachdenklich auf den fernen Horizont und Wedeking auf die schwärmenden Schwalbenschatten auf dem besonnten Sande schaute. Aber mit einemmal liess dieser blendende Schimmer nach und alle Schatten waren hinweggelöscht, indes zugleich durch das eintönige Rauschen der See ein fernes grollendes Murmeln hörbar ward. Wedeking sah sich hastig um und bemerkte nun eine blauschwarze Wolkenwand im Westen halb über der See und halb über dem Lande, deren weissliche Ränder bereits die Sonne erreicht und verdeckt hatten. Nun war Eile geboten, denn überraschte sie hier ein anhaltender Gewittersturm, so konnte ihnen, da das Vorland an manchen Stellen so überaus schmal, ja kaum vorhanden war, durch die anstürmenden Wogen der Weg vollkommen abgeschnitten werden. Nach kurzer Ueberlegung erschien es Wedeking richtiger, anstatt den nächsten Weg nach Hause über Rosenort einzuschlagen, wieder zurück nach der Bolderaa zu eilen, denn dort befand sich eine sogenannte Heringshütte, welche Schutz vor dem Unwetter zu gewähren vermochte. Auch war dieser Weg bedeutend kürzer, um aus diesem Gefängnis zwischen der steilen Uferwand und der tückischen und unberechenbaren See zu entfliehen. Sie machten sich eilig auf; allein der Sturm war schneller als sie. In der aufrückenden Wand zuckten die Blitze, der Donner rollte mächtiger, dann kam ein breiter weisser Schaumstreifen über die schwärzliche See gejagt, und plötzlich stürzte sich der mit zerstäubtem Wasser gefüllte Sturmwind an die steile Uferwand und darüber in die aufbrausenden Kronen der mächtigen Buchen. Die anfangs kochende und krause See war bald mit stetig anschwellenden Wogen erfüllt, welche sich überschlagend immer höher und gieriger am Ufer emporleckten und flockigen Schaum weit von sich sprühten. Nun war es schon zu spät, denn dort, an der Stelle, die beide zuvor noch bei einer zurückfliessenden Welle laufend passiert hatten, war weithin nichts als ein wogendes Schäumen von Gewässern, die sich überschlugen und hoch an der Uferwand emporspritzten, während der Streif, wo sie standen und eine Weile auf dieses Schauspiel hinstarrten, ebenfalls immer schmaler wurde. Nun mussten sie wieder zurück und eilten, so schnell sie konnten, bei dem furchtbaren Knattern und Rollen des Donners und dem unsäglichen Rauschen und Brausen ringsumher. Als sie bei der Steinlaube wieder angelangt waren, fielen die ersten schweren Regentropfen, und nun blieb nichts anderes übrig, als Schutz zu suchen, so gut es ging, zumal höchst wahrscheinlich weiterhin, wo das Ufer wieder sehr schmal wurde, ebenfalls schon eine Ueberfluthung eingetreten war. Hier war der Strand am breitesten, die vielen grossen Steinblöcke gewährten als Wellenbrecher einigen Schutz, und es war nicht wahrscheinlich, dass während der kurzen Dauer eines Gewittersturmes die See auch hier bis an die steile Uferwand vordringen würde. Das träumerische Wesen Wedekings hatte sich plötzlich verloren, nun war er wieder ganz der Mann, als welcher er in seinem Berufe bekannt war. Schleunigst öffnete er das Bündel, welches sein Plaid und den Regenmantel umschloss, und ehe das Mädchen es sich recht versah, war es mit dem letzteren bekleidet. Dann musste sie sich in die Höhlung zwischen den Steinen setzen, deren vordere Oeffnung Wedeking durch das Plaid wie mit einer Zeltwand schloss, indem er es oben auf den Felsblöcken und am Boden durch daraufgelegte Steine befestigte. Als er dann seitlich den Kopf hineinsteckte und nun seinen Schützling dort in behaglicher Sicherheit sah, während draussen die Tropfen sich mehrten und die schäumende See schon in dichtem Regenschauer lag, da beschwor ihn das Mädchen hineinzukommen. Sie wolle sich ganz schmal machen, dann sei neben ihr noch gerade genug Platz, und als der junge Mann sich beharrlich weigerte, drohte sie ebenfalls herauszukommen. Nun blieb ihm wohl nichts anderes übrig, und bald sassen die beiden jungen Menschenkinder dicht aneinander gedrängt in dem dämmerigen Raume wie in einem Vogelnest, während draussen Himmel und See ineinander tobten und der Regen stromweise herniederrauschte. Der Wind blähte den wollenen Stoff wie ein Segel nach innen und sendete sprühenden Wasserstaub durch sein Gewebe. Wedeking spannte den Schirm auf und drängte damit das Plaid nach aussen, und so war es ganz behaglich in dem engen Raume, wenn auch an einigen Stellen das durch die Fugen eindringende Wasser an den Felsblöcken niederrieselte. Allmählig ward das Getöse des Donners gelinder und seltener und der Wind sanfter, nur das Rauschen der aufgeregten See blieb sich gleich. Die Dämmerung in dem eingeschlossenen Raume erhellte sich mehr und mehr, und nun ward Wedeking wieder erinnert, dass ihm das dritte Orakel noch fehle. Wenn während der nächsten zehn Wellenschläge die Sonne durch die Wolken brechen würde, das sollte das letzte Zeichen sein. O du sonderbarer Ingenieur, der du alle Tage mit unwandelbaren Naturgesetzen und erbarmungslosen mathematischen Formeln zu thun hast, welch ein wunderlicher Geist ist in dich gefahren! Du, der in seinem Kopfe Maschinen ersinnt, welche auf einen Fingerdruck hin Tausende von Centnern spielend bewegen, der du schwindelnde Abgründe kaltblütig überspinnst mit eisernen Geweben, was bist du für ein zaghafter Träumer und Hasenfuss und hast nicht den Muth, ein schönes Mädchen, das eng an dich geschmiegt an deiner Seite sitzt, auf den Mund zu küssen und zu sagen: »Ich liebe dich!« Aber die Sonne meinte es gut, schon nach dem siebenten Wellenschlage war rings alles von hellem Glänze erfüllt, von welchem die letzten schimmernden Regentropfen gleichsam aufgesogen wurden. Das Schicksal hatte dreimal ja gesagt, nun war es wahrlich an der Zeit. In diesem Augenblicke erhob sich das Mädchen rasch, schob das Plaid beiseite, sprach: »Der Regen hat aufgehört,« und trat dann hinaus. Das Gewitter war abgezogen und stand mit grauem Gewölk und niederhängenden Regenschleiern in der Ferne; doch hier unter der lachenden Sonne war es, als sei gar nichts geschehen. Als die beiden am Strande in der Richtung nach Rosenort weiter gingen, bemerkten sie ein sonderbares Ding in der Ferne. Der Sturm hatte eine Buche am obersten Rande des steilen Ufers, deren Fuss schon zum Theil durch den Anprall früherer Sturmwogen freigestellt war, umgerissen, und während sie noch oben mit einigen Wurzelarmen sich festhielt, war die stattliche Krone kopfüber auf den schmalen Strand gestürzt, so dass die ans Ufer prallenden Wogen in die grünen Aeste hineinschlugen und sie mit Schaum bewarfen. Obwohl an einigen Stellen der gangbare Streifen durch das Anwachsen der Wellen sehr geschmälert war, so konnten sie doch überall vorwärts kommen und gelangten bald zu jenem Orte hin, wo sie sahen, dass hier durch das Gewirr halb zersplitterter Aeste der Weg vollständig versperrt war und dass sie richtig in einer Mausefalle sassen, denn an dem steilen Ufer hinauf gab es nirgends einen gangbaren Weg. Jedoch so schlimm, als sie anfangs aussah, war die Sache doch nicht, und als Wedeking den Berg grünen Gezweiges, welcher vor ihm lag, prüfend musterte, merkte er, dass man mit einiger Gewandtheit wohl auf seinen Gipfel gelangen konnte. Nachdem er sich hinaufgeschwungen, fand er, dass auf der anderen Seite auch der Abstieg nicht mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft war. Er warf die Sachen, welche er trug, hinüber auf den Sand, stieg wieder zurück und sagte: »Nun müssen wir klettern, da giebt's nichts anderes.« Als er nun dem jungen Mädchen behilflich war, sie zu sich hinaufzog, sie leitete und stützte, begann er diesen gestürzten Baum für eine äusserst segensreiche Einrichtung zu halten, da er ihm zu so einer lieblichen Arbeit verhalf, und war es nun eine zu grosse Aengstlichkeit des Mädchens oder eine zu übertriebene Vorsicht des jungen Mannes, kurz diese Uebersteigung wurde durchaus nicht überhastet, sondern mit einer merkwürdigen Gründlichkeit ausgeführt. Endlich waren sie oben und mussten nun doch ein wenig rasten, den Aufstieg überschauend und den Abstieg prüfend, und bei dieser gefährlichen Lage auf der Höhe war es ganz unumgänglich nothwendig, dass er das Mädchen stützte, indem er den Arm um sie schlang und sie ein wenig an sich zog; wie leicht hätte sie doch sonst fallen können. Beide bemühten sich aber, dazu möglichst gleichgültige Gesichter zu machen und zu thun, als ob sie von alledem gar nichts bemerkten. Das Hinabsteigen schien noch mehr Schwierigkeiten zu bereiten und ging noch langsamer; aber es half alles nicht, ein Ende nahm es doch zuletzt. Der letzte Ast war ziemlich hoch über der Erde, und als Wedeking nun beide Hände emporstreckte, um ihr behilflich zu sein, da waren beide recht ungeschickt, denn sie glitt plötzlich aus und ihm in die Arme, langsam an ihm niedersinkend. Als er sie nun so umschlossen hielt und sich zu ihrem Köpfchen niederbeugte, wahrscheinlich um zu sehen, ob sie auch gar zu sehr erschrocken sei, fand er dort einen rosenschönen Mund, den er in einem Anfall von Begriffsverwirrung einigemal küsste, wozu das Mädchen sänftlich stille hielt, als ob es so sein müsse. Dann aber drängte sie mit einer Hand ihn ein wenig zurück und schaute mit dem in zarte Gluth getauchten Antlitz seitwärts über die schäumende See hinaus. Er aber sagte, ganz leise: »Ich bin Ihnen sehr gut, was sagen Sie dazu?« Sie sagte gar nichts dazu, aber sie nickte, ohne sich zu wenden, mehrmals eindringlich mit dem schönen Köpfchen. Dann, als sie fühlte, dass seine Blicke fortwährend auf ihr ruhten, wandte sie langsam das Haupt und liess ihn die Antwort in ihren Augen lesen. Und als er gesehen, was dort geschrieben stand, schloss sie diese wie überwältigt und bot ihm freiwillig den schönen Mund dar. O Gott, wie war das alles leicht gegangen und wie wunderschön war die Welt! Ja, noch war die goldene Zeit und er hatte sie nicht versäumt, und das Glück hielt er in den Armen. Sie wanderten nun einträchtig weiter, bis sie nach Rosenort kamen. Die Sonne und der Wind hatten die Oberfläche des weissen Dünensandes schon wieder getrocknet, und dort sassen sie nun auf dem reinlichen Hügel unter den verkrüppelten alten Eichen, sich erzählend, wie alles so gekommen war, und für kurze Zeit führte dieser Ort seinen Namen wieder einmal mit vollem Recht, denn eine schönere Rose hatte dort niemals geblüht. Und ringsum die See und die rauschenden Wipfel des Waldes und die flüsternden Halme des Strandhafers und die Vögel im Buschwerk, alles in der Runde sang das Lied von der goldenen Zeit, aber es klang nicht mehr wehmüthig, sondern wie Jauchzen der Wonne. Drei Rosen an einem Zweig I. Konrad Dannenberg. Der Bibliothekar Doctor Konrad Dannenberg war ein behäbiger Junggeselle im Anfange der Vierziger, ein Mann in den besten Jahren, wie man so sagt. Er hatte in der Bendlerstrasse zu Berlin in einem alten, merkwürdig kleinen Hause eine sehr behagliche Wohnung inne, und dazu das Glück gehabt, dass ihm in Frau Randow der Himmel eine Wirthschafterin beschert hatte, welche über alles Lob erhaben war. Die alte Dame kochte bewunderungswürdig; Alles, was mit ihrer Hand in Berührung kam, glänzte von Ordnung und Sauberkeit, und an ihrer Ehrlichkeit zu zweifeln, wäre offenbare Tempelschändung gewesen. Ja, auf die Gefahr hin, an Glaubwürdigkeit einzubüssen, muss ich sagen, dass sie es verstand, eine ganze Bibliothek abzustäuben, ohne auch nur ein einziges Buch aus seiner geheiligten Ordnung zu rücken oder auf den Kopf zu stellen; ja, noch mehr, sie vermochte sogar einen mit Notizen bedeckten Schreibtisch aufzuräumen, ohne dessen Besitzer an den Rand der Verzweiflung zu bringen. Wer da weiss, dass dies Tugenden sind, welche der Himmel nur in seiner Gebelaune austheilt, der wird zugestehen, dass Herr Konrad Dannenberg in dieser Hinsicht ein Glückskind war. Auch sonst hatten ihn die Natur und das Schicksal nicht vernachlässigt. Er war ein gutgewachsener Mann von einer angenehmen Körperfülle; sein von einem vollen Barte umrahmtes Gesicht trug hübsche, wohlwollende Züge zur Schau, und war ihm auch schon das Haar ein wenig nach hinten gerückt, so trug dies nur dazu bei, eine schön geformte Stirn in's rechte Licht zu setzen. Er war, obwohl im Grunde eine zurückhaltende Natur, in Kreisen, wo er sich zu Hause fühlte, ein angenehmer Gesellschafter, dessen behaglicher Humor etwas wie stillen Sonnenschein um sich verbreitete, und er verstand es, in leichter und spielender Art seine mannigfachen Kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten ohne Aufdringlichkeit leuchten zu lassen. Von einer freundlichen poetischen Begabung legte ein Bändchen »Gedichte von Konrad Dannenberg« Zeugniss ab, das, schon vor Jahren erschienen, ein besseres Los verdiente, als nur von Wenigen gekannt zu sein. Vor Allem gewandt in der Form, zeichneten sie sich durch eine gewisse saubere Gediegenheit der Arbeit und eine gewinnende Liebenswürdigkeit des Inhaltes vor den meisten ähnlichen Veröffentlichungen aus, die alljährlich zu Hunderten in dem grossen Maculatur-Strome auftauchen und wieder verschwinden. Im Uebrigen eine maassvolle und wohlwollende Natur, die Jedem das Seine gönnte, waren seine Fehler vielleicht ein allzu grosser Hang zur Bequemlichkeit und zu behaglichem Genuss; er war ein wenig Feinschmecker auf allen Gebieten und genoss ein köstlich bereitetes Gericht oder einen vorzüglichen Wein mit demselben Behagen, wie eine Novelle von Storm oder Keller, oder ein Joachim'sches Quartett, oder eine gute Theater-Vorstellung. Da er nun ein solcher Lebenskünstler war und Alles besass, was dazu gehört, – einen guten Magen, ein hübsches Vermögen, ein heiteres Gemüth, die Gabe, das Hässliche und Unschöne von sich auszuschliessen, und vor Allem die so seltene Fähigkeit, sich zu beschränken und mit dem Erreichbaren sich zu begnügen, so hätte er eigentlich glücklich sein müssen, soweit dies für einen Menschen überhaupt möglich ist. Allein zuweilen empfand er doch, dass ihm etwas fehle, insbesondere, wenn er in einer befreundeten Familie zu Gaste war, wo hübsche, fröhliche Kinder, die Abbilder ihrer Eltern, um den Tisch sassen; dann fühlte er, dass sein behagliches Junggesellenleben doch ein ödes und einsames war, und dass nur der wirklich im Leben steht, der alle seine Sorgen und Pflichten ganz und gar auf sich nimmt. Solches hatte er schon vielfach in seinem Geiste erwogen; allein niemals hatte es sich fügen wollen, dass er die Rechte fand, obwohl es an Entgegenkommenden ihm niemals gefehlt hatte. So hatte er sich allmälig in das Schicksal, als ein alter, einsamer Junggeselle sein Leben zu beschliessen, fast gefunden, und um so leichter gelang ihm dies, als ihm durch Frau Randow die sämmtlichen Schrecken des ehelosen Standes erspart blieben. So war er vierundvierzig Jahre alt geworden, hatte an seinem Geburtstage einige gute Freunde mit köstlichen Rebhühnern und auserlesenen Weinen bewirthet, und sie hatten das Lob der Frau Randow in allen Tonarten gesungen, was sowohl diese, als ihr Herr mit befriedigtem Schmunzeln aufnahmen. Unter diesen guten Freunden befand sich ein alter Studiengenosse, Otto Brüning, ein Gutsbesitzer aus Mecklenburg, der zufällig in Berlin anwesend war, um unter dem Vorwande eines geringfügigen Geschäftes, das in der Hauptstadt zu erledigen war, sich einmal ein recht tüchtiges Vergnügen zu bereiten. Dieser zeigte sich besonders begeistert von Frau Randow's Kochkunst und rief: »Donnerwetter, das kann ja kaum meine Martha, und die ist doch ein Genie im Kochen; das darf ich wohl sagen, obwohl ich der Vater bin. Meine Aelteste nämlich, der ist es angeboren; sie hat es, wie Uhland sagt, in den Fingerspitzen. Ja, das sind Gaben, – aber die Randow kann's auch.« Man war nun verwundert, dass ein verhältnissmässig so junger Mann schon erwachsene Kinder habe, und der Gutsbesitzer erklärte dies: »Ich musste schon mit zweiundzwanzig Jahren das väterliche Gut übernehmen, und mit dreiundzwanzig habe ich mich verheirathet. Das habe ich nie bereut, denn das alte Sprichwort hat sein Wahres. Leider ist mir meine Frau vor einem Jahre gestorben; aber ich habe drei Töchter, von zwanzig, achtzehn und sechzehn Jahren, und einen Jungen von dreizehn; der ist in Rostock auf dem Gymnasium und kriegt mal das Gut. Was nun meine Töchter betrifft, so hat Martha die Wirthschaft übernommen, und das geht Alles, wie am Schnürchen. Meine zweite Tochter Marie ist mehr für die Bücher und die Musik, und Lene, meine Jüngste, ist noch ein bischen unbedarwt und sagt nicht viel; aber sie hat's hinter den Ohren und wird noch mal die Hübscheste von Allen.« Als die anderen Freunde sich entfernt hatten und Dannenberg mit Brüning, welcher bei ihm wohnte, noch eine Weile bei einer Flasche Rauenthaler sass, sprach dieser: »Höre mal, mein lieber Freund, diesmal lasse ich Dich nicht los; diesmal musst Du mit. Zweiundzwanzig Jahre sind es nun her, dass Du nicht bei uns warst, und alle diese Jahre hast Du mich mit Versprechungen genarrt. Und jetzt ist es gerade schön in Rolandshagen. Das Gut hatte schon früher immer etwas Wald, und ich habe im Laufe der Zeit alle die Stellen mit geringerem Boden, wo doch nichts Ordentliches wuchs, wieder angeschont, sodass die älteren Bestände schon zwanzigjährig und recht stattlich sind. Infolge dessen, und weil wir sowohl im Sommer als im Winter hinter den infamen Füchsen und dem übrigen Raubzeuge her sind, hat sich der Wildstand mächtig vermehrt, und besonders Rehe haben wir viel, da auch die Nachbarn in verständiger Weise schonen und nur Böcke oder ganz alte Ricken abschiessen. »Hühner wurden in diesem Jahre einunddreissig Völker gezählt, denn seit ich in alten Mergelgruben und an andern passenden Orten ihnen dichte Remisen von allerlei Dornsträuchern und Wachholder habe anlegen lassen, wo sie im Winter Schutz und Nahrung finden, sind sie viel häufiger geworden, als früher. Sieh mal, da kannst Du am Tage auf die Hühnerjagd gehen und am Abend auf den Anstand und einen Rehbock schiessen; oder wenn Du magst, kannst Du auch den Dohnensteig abgehen und in Ordnung halten; er liegt sehr günstig, und wir haben im Herbst oft so viele Krametsvögel, dass wir manches Schock verschenken können. Na, und für die langen Abende, oder wenn schlechtes Wetter ist, habe ich, wie Du weisst, eine ganz nette Bibliothek; denn ich habe mir stets Alles angeschafft, was Du mir in Deinem jährlichen Weihnachtsbrief empfohlen hast und gelte bei meinen Nachbarn für einen Bücherwurm, obgleich ich wenig genug zum Lesen komme. Ferner, und auf dieses freue ich mich besonders, – habe ich so ein paar alte Jahrgänge im Keller, von denen Keiner in der Umgegend etwas versteht; das ist so etwas für Abends nach Tische, mein alter Junge. Schon deshalb musst Du kommen, denn solche Weine trinkt man nicht allein, sondern dazu gehören ein oder zwei mitfühlende Herzen.« Nachdem nun Brüning diese lange Rede hinter sich hatte, erhob er sein Glas, liess es an dasjenige seines Genossen anklingen, schlürfte behaglich den köstlichen Inhalt und sagte dann: »Also abgemacht, übermorgen mit dem Schnellzuge geht die Reise vor sich!« Dannenberg sträubte sich noch eine Weile, allein vergeblich; der Freund liess keinen seiner Gründe gelten und gab sich nicht eher zufrieden, als bis er im Besitze eines festen Versprechens war. II. Alle Drei. Die Dunkelheit war schon längst hereingebrochen, als der Wagen, welcher den Gutsbesitzer und seinen Freund von der Bahnstation abgeholt hatte, mit scharfem Ruck vor der Thür des freundlichen Herrenhauses zu Rolandshagen hielt, während der Kettenhund am Viehhause unter wahnsinnigem Gebell an seiner Kette rasselte und ein Jagdhund und ein Teckel mit ausgelassener Freude an dem Wagen in die Höhe sprangen. Eilfertig kam ein schmuckes, in Landestracht gekleidetes Stubenmädchen die kleine Freitreppe herab, um den Schlag zu öffnen, und dieser folgten drei anmuthige Mädchengestalten, den zurückgekehrten Vater freudig zu begrüssen. Man begab sich an die grosse Vordiele, wo bereits ein gedeckter Tisch der Ankömmlinge harrte, und hier, bei der hellen Beleuchtung, sah sich Konrad Dannenberg mit Behagen drei rosigen Schönheiten gegenüber, die, obwohl unter sich ziemlich verschieden, doch alle einen gemeinsamen Familienzug trugen, der ihn an seinen Freund erinnerte, dessen blühende Frische sich ebenfalls in den Gesichtern seiner Töchter wiederspiegelte. »Na, Dirns,« sagte Brüning, »ich sehe, dass mein Brief zur rechten Zeit angekommen ist. Das blaue Zimmer also, Martha; ich werde den Herrn Doctor selber hinaufbringen.« Als nach einer Viertelstunde Konrad Dannenberg wieder herunterkam, setzte man sich mit grossem Behagen zu Tische, und beide Reisende thaten den guten Dingen und dem trefflichen Rothwein alle Ehre an. Als nach der Suppe und einem köstlichen Fischgericht die dritte Schüssel aufgetragen wurde, verklärten sich die Züge des Gutsbesitzers, und er rief in beistimmendem Tone, der sichtlich aus tiefstem Herzen kam: »Bravo, Martha, das hast Du gut gemacht: Krammetsvögel à la Oberstlieutenant! Nun bin ich doch neugierig, was der Doctor sagen wird.« Mit etwas bänglichen Gefühlen bediente sich Dannenberg von dem gepriesenen Gerichte; denn er wusste, nun musste er es loben, ob er Grund dazu hatte oder nicht, und das letztere war für sein wahrheitsliebendes Gemüth immer eine hässliche Aufgabe. Aber nachdem er gekostet, verklärten sich seine Züge sanft, und er leerte den Teller mit stiller Andacht. Dann lehnte er sich in den Stuhl zurück und sprach mit dem tiefsten Ausdruck innerster Ueberzeugung: »Ich weiss nicht, ob die Randow das kann!« »Höchstes Lob, Martha,« sagte der Gutsbesitzer, »Nummer Eins mit Auszeichnung, rother Strich im Kalender.« Eine sanfte Röthe der Befriedigung verbreitete sich über das Antlitz der also Gelobten, als nun Dannenberg in zierlicher Rede und mit merkwürdiger Sachkenntniss sich über die Vorzüge dieser ihm neuen Zubereitung der geschätzten Vögel ausliess und für Frau Randow um das Recept bat. Die zweite Tochter, Marie, dagegen sah mit einiger Verwunderung auf ihn hin, und um ihre Lippen kräuselte sich etwas, wie leise Verachtung, als halte sie es eines gebildeten Mannes unwürdig, sich mit so viel Aufwand von Geist und Wärme mit so niederen Dingen zu beschäftigen. Dannenberg stammte selbst aus einer Gutsbesitzer-Familie und seine Mutter war eine berühmte Hauswirthin gewesen. Ein gewisser angeborener Sinn für die Bethätigungen des Hauswesens war durch die Erziehung in ihm befestigt und ausgebildet worden, und er sah mit Behagen und Vergnügen auf das junge Mädchen, welches mit ruhiger Sicherheit ein so grosses Hauswesen zu leiten schien. Sie hatte sich den ganzen Abend nicht vom Platze gerührt; man hatte kaum einen Augenwink von ihr an das bedienende Mädchen bemerkt, und doch ging Alles ohne Hast und Geräusch, wie von selber. Es giebt Hausfrauen, – und zwar sind unter diesen auch solche, die für tüchtig gelten, – welche, auch wenn nur ein einziger fremder Gast vorhanden ist, arbeiten wie eine schlecht gebaute Dampfmaschine, deren Getriebe unter Stossen und Schüttern, gewaltigem Gezische und mächtigem Rädergerassel vor sich geht, während ein wohlconstruirtes Bauwerk dieser Art sanft und fast lautlos hin- und hergleitet und doch das Doppelte leistet. Und während die eine Hausfrau, welche mit rothem Kopfe aus- und einfährt, mit hastigen Augen überall umherspäht und Befehle ertheilt, um sie im nächsten Augenblicke schon zu widerrufen, dem ganzen Hause dieselbe Unruhe mittheilt, so strömt von der anderen ein wohliges Behagen und eine schöne Sicherheit aus, welche der ganzen Umgebung zu Gute kommen. Nach Tische sass Dannenberg mit seinem Freunde noch eine Weile in dessen Zimmer bei einer guten Zigarre und einem behaglichen Gespräche, welches durch eine Flasche köstlichen Haut Sauternes befördert und in Fluss gehalten wurde, und suchte dann nach guter ländlicher Sitte bei Zeiten sein Schlafzimmer auf. Als er die Lampe auf den Sopha-Tisch stellte, entdeckte er dort eine freundliche Sache, welche er bei dem ersten Besuche des Zimmers übersehen hatte. Es stand dort nämlich ein altes geschliffenes Spitzglas, und in demselben befand sich ein Zweig blühender Rosen, wie dergleichen oft noch der October als eine verspätete Sommergabe und einen Gruss aus längst entschwundenen schönen Zeiten freundlich bietet. Sie waren von jener zarten, blass-rothen Art, die an Farbe der Apfelblüthe gleicht, und es standen drei Blumen an dem Zweige nahe bei einander: eine voll aufgeblühte, eine halberschlossene und eine, deren Knospe sich eben öffnen wollte. Man hatte wohl die herbstliche Seltenheit, welche in dem stillen Scheine der Lampe wie ein zartes Wunder dastand, nicht besser zu verwenden gewusst, als dem gern gesehenen Gaste und Freunde des Vaters das Zimmer damit zu schmücken. Dannenberg setzte sich auf das Sopha und betrachtete den schönen Zweig mit einer gewissen Andacht, und er hätte kein Poet sein müssen, wenn ihm nicht gleich die Schwestern dabei eingefallen wären: das waren ja auch drei Rosen an einem Zweig, – eine voll aufgeblühte, eine halb erschlossene und eine, deren Knospe sich eben öffnen wollte. Ja, welches war nun die Schönste? Eigentlich gefielen sie ihm alle drei, aber am liebsten dachte er doch an Martha. Es dünkte ihn: wer die zur Hausfrau erhielte, der sei wohl berathen. Dann verfiel er in ein tiefes Sinnen, während immer seine Blicke auf dem vollen Runde der aufgeblühten Rose hafteten. Plötzlich schrak er auf, und zwar vor dem Laute seiner eigenen Stimme, welche seltsam das tiefe Schweigen der Nacht unterbrach, denn unwillkürlich hatte er das Resultat seiner Gedanken ausgesprochen: »Vierundzwanzig Jahre Unterschied!« hatte er gesagt. Er nahm die Lampe, ging an den Spiegel und betrachtete sich prüfend, während er zugleich mit der Hand über das noch ziemlich volle Haar leise hinstrich. Die Besichtigung schien zu seiner Zufriedenheit auszufallen, denn er kehrte zum Sopha zurück und versank bei dem Anblick des schönen Rosenzweiges in neue Träumereien. Er stellte sich vor, wie er, müde und hungrig von der Bibliothek zurückkehrend, im Hause Alles so behaglich und heiter finden würde, wie es niemals eine Wirthschafterin, sondern nur eine Frau zu Wege bringt, eine sorgsame und immer thätige Hausfrau, auf deren Wangen die Gesundheit blüht. Aber sie würden nicht allein bleiben; es würden Kinder kommen, aber keine mit klugen, blassen Gesichtchen und dünnen Beinchen, deren er so viele in Berlin kannte, nein, solche mit apfelrunden Köpfen und derben Waden, – ja, die würden schön auf den Fussböden herumtrampeln und bei den darunter Wohnenden allerlei unliebsame Vorstellungen von Erdbeben, Gewitter und anderen geräuschvollen Natur-Erscheinungen erwecken. Aber sollten sie denn als Etagen-Kinder aufwachsen, welche die Natur und die Freiheit nur vom Hörensagen oder auf einer kümmerlichen Sommerreise kennen lernen? O nein, er würde ja dann gar nicht in der Stadt wohnen, sondern er würde sich in Steglitz oder Friedenau oder Wilmersdorf ein Haus bauen, so recht nach dem eigenen Geschmack, mit einem schönen Garten rings herum; da wollte er Obstbäume ziehen und Wein und Spalier-Obst, und er stellte sich eine schöne, kräftige Frauengestalt vor, wie sie im hellen Frühlingskleide, mit dem grossen Garten-Strohhut auf dem Kopfe, allerlei köstliches Gemüse säet und pflanzt und auch der zierenden Blumen nicht vergisst, während blühende Kinder, jauchzend vor Frühlingslust, sich in den Steigen und auf freiem neubegrünten, mit gelben Butterblumen gestickten Rasen umhertollen. Das Haus sollte von aussen einfach und schmucklos, aber im Innern desto hübscher eingerichtet werden, mit behaglichen Wohnstuben und riesigen, luftigen Schlafzimmern, nach Südost gelegen, und bequemen und geräumigen Wirthschafts-Einrichtungen. Ja, darauf freute er sich, wenn er die junge Frau zum ersten Male in die Küche fuhren würde, einen hellen, schönen Raum, an den Wänden tapeziert mit blaugemusterten Majolika-Fliesen und ausgestattet mit der besten Kochmaschine, die zu finden, mit dem hübschesten Porcellan und Steingut, und mit den solidesten Geräthen von Kupfer, Messing, Zinn und Holz, und ganz ohne das infame Weissblech. Ja, er sah schon die erstaunten, grossen Augen, welche sie machen würde. . . . Aus diesen Träumereien störte ihn der Klang der alten englischen Standuhr auf der Diele, welche schnurrend aushob und mit hell tönender Glocke zwölf schlug. Er fuhr empor, besann sich, strich sich über die Stirn, lächelte dann ein wenig und schickte sich an, zu Bette zu gehen. Kurze Zeit darauf erlosch das letzte Licht in Rolandshagen, und das einzig Leuchtende in weitem Umkreise blieben der Mond und die unzähligen Sterne. III. Die Eine. Der Mond glitt langsam zum Horizont nieder und versank gross und roth in dem herbstlichen Nebeldunst, der über den Wiesen und Feldern schwebte. Aber noch lange, bevor die Sterne erblassten und die Hähne den Morgengesang anstimmten, ward es auf dem Gutshofe von Rolandshagen wieder lebendig. Verschlafenen Schrittes ging der Wirthschaftslehrling mit einer Laterne zum Kornboden, um den Knechten, welche mit schweren Stiefeln die Treppe auf- und abpolterten, den Hafer abzumessen. Aber auch im Hause rührte es sich schon, und bald schwankten mit wiegendem Schritt und mit klappernden Eimern die Mädchen zum Viehhause wegen der Morgenmilch, und dazwischen quiekte das Gestänge mangelhaft geschmierter Pumpen, aus welchem Vieh und Menschen mit Wasser versorgt wurden. Darnach ward das Getrappel der auf die Arbeit ziehenden Pferde und das Rollen von Wagen vernehmlich, und da nun die nahende Sonne den schwimmenden Herbstnebel zu röthen begann, so ward auch das kleine Vieh mit Gackern, Schnattern und Gurren lebendig, um seinen gewohnten Beschäftigungen nachzugehen; und als das glänzende Gestirn endlich roth hervorgetaucht war und sieghaft den Nebel zerstreut hatte, da fand es auf dem ganzen Gute Niemanden mehr zu wecken, als den behaglichen Langschläfer aus der Stadt, den noch allerlei wunderliche Zukunftsträume umgaukelten. Als dieser dann endlich nach acht Uhr hinunterkam, fand er nur die drei Töchter dort, denn Brüning war bereits auf das Feld geritten, um sich nach seiner längeren Abwesenheit die Arbeiten und Fortschritte anzusehen. Wieder weilten die Augen des Doctors mit Behagen auf Martha's voller und doch elastischer Gestalt, welche durch ein einfaches hellgraues Kleid und eine tüchtige weisse Schürze sehr vortheilhaft hervorgehoben wurde, und als er sah, dass sie den Hut aufsetzte, um nach der Meierei zu gehen, bat er, sie begleiten zu dürfen; denn mit einem Male war wieder in seiner Seele eine höchst merkwürdige Theilnahme für die verschiedensten Zweige der Landwirthschaft erwacht. Er liess sich dort Alles zeigen, betrachtete es sorgfältig und fand, dass es gut war, sowohl der kühle Milchkeller, in welchem Alles von Frische und Sauberkeit strahlte, der blank gescheuerte Steinfussboden, die schimmernden Wände und die unzähligen flachen, mit Milch gefüllten Satten, in welchen sich der Rahm absetzte, als auch die schneeweiss gescheuerten Eimer und sonstigen Holzgegenstände, an denen die Eisentheile wie Silber glänzten. Es ward gerade gebuttert, und hier liess er sich genau die Neuerungen an der Maschine erklären und nahm sogar an der Butterliese, einem alten erblindeten und pensionirten Pferde, welches nur noch benutzt wurde, den Göpel zu treiben, tiefen Antheil. In dem Räume, wo die Butter fertig gemacht wurde, war die Meierin, ein hübsches, kräftiges Mädchen, mit Kneten beschäftigt, eine Arbeit, welche sehr wichtig ist, und zu welcher Geschicklichkeit, Ausdauer und Kraft gehören. Martha streifte das Kleid an den weissen und schönen Armen bis über die Ellenbogen in die Höhe, nahm an derselben Arbeit Theil, und Dannenberg sah nun mit Bewunderung, wie ihr dieses Geschäft von der Hand ging, wie der anfangs krümliche, zarte, weissgelbe Stoff unter ihren Fingern sich ballte und die feinen Perlen überflüssigen Wassers aus ihm hervorschwitzten, wie sie den erhaltenen Klumpen mächtig warf und emsig knetete, bis jene schöne, ebene Gleichmässigkeit erzielt war, welche der Zweck dieser Bearbeitung ist. Er, der so lange Zeit ohne grosse Abwechslung in einem künstlichen Stadtleben, fern von den Quellen der Natur, sich bewegt hatte, ward ganz ergriffen von dem Zauber der Frische und Ursprünglichkeit, welche allen solchen Urbeschäftigungen der Menschheit innewohnt, zumal er sie ausüben sah von einem schönen und blühenden Mädchen, welches anfing, ihm nicht gleichgültig zu sein. Zugleich hatte er Gelegenheit, die klare Bestimmtheit zu bewundern, mit welcher Martha ihre Anordnungen traf und den Mägden, welche dort beschäftigt waren, ihre Befehle ertheilte. Diese aber warfen heimlich Seitenblicke auf den stattlichen Fremden und ihre junge Herrin, und wenn sie nachher ausser Beobachtungsweite waren, ergingen sie sich in geheimnissvollen Bemerkungen, welche so heiter stimmten, dass ihr lustiges Gelächter weithin schallte. Nach einer Weile begleitete Martha den fremden Gast in das Viehhaus, welches einige neunzig stattliche Kühe und eine Anzahl von Mastkälbern enthielt. Das war aber nicht mehr der veraltete, dunkle und niedrige Stall von früher, als man noch keine Stallfütterung, sondern nur Weidegang kannte, nein, die Kühe befanden sich in einem hohen, saalartigen Raume, dessen Decke nur von einzelnen starken Holzsäulen getragen ward, und durch grosse Fenster kam eine genügende Helligkeit. Die breiten Krippen hingen an eisernen Stangen von der Decke herab, wo sie auf Rädern liefen und in der Längsrichtung des Gebäudes verschiebbar waren. Auch konnte man sie mit Schrauben und Handrädern höher und tiefer stellen, je mehr durch das häufig frisch geschüttete Stroh der Fussboden sich erhöhte. An jede dieser beweglichen Krippen waren zwei Reihen Kühe nur lose mit Ketten angebunden und erfreuten sich, gemächlich kauend, an dem aufgeschütteten, köstlichen Grünfutter, sodass ein behaglich mahlendes Knirschen von über neunzig Mäulern den ganzen Raum erfüllte. Martha kannte sie alle beim Namen und zeigte dem Gaste ihre Lieblinge, die sich durch besondere Schönheit und den höchsten Milchertrag auszeichneten. Kapitain, Nachtigall, Heister (Elster), die natürlich schwarz und weiss war, Bismarck, Putschenelle und Hüppup'nbülten wurden am meisten gerühmt. Auch Kamerun, eine ganz schwarze Kuh, fast ohne Abzeichen, ward lobend erwähnt und aufmunternd gestreichelt. Dann kamen die Mastkälber an die Reihe. Sie standen in kleinen, ganz engen Verschlägen, in welche man von oben hineinblicken konnte, wo sie sich fast keine Bewegung machen und sich nur eben hinlegen konnten. Dannenberg kannte diese Methode noch nicht und fand solche Art von Einsperrung für Geschöpfe von natürlicher Munterkeit ein wenig grausam. Martha, die von dergleichen Sentimentalität vollständig frei war, sah ihn ganz verwundert an und sagte: »Aber, Herr Doctor, die Thiere wissen es ja gar nicht besser und werden gerade noch mal so schnell fett, als wenn sie frei herumspringen. Die sind ganz vergnügt und kriegen so viel zu saufen, als sie mögen. Seh'n Sie die nur mal an, ob sie traurig aussehen!« Und wirklich, sie trugen auf ihren Angesichtern den Ausdruck wohlgenährter Behaglichkeit zur Schau, und ihre Augen strahlten von innerster Zufriedenheit. Martha wurde auf einen Augenblick abgerufen, und der in der Nähe stehende Futterknecht übernahm einstweilen die Führung. Er führte Dannenberg zu zwei Kälbern von besonders glänzender und rundlicher Schönheit: »Dei sehn Sei sick man mal an, Herr,« sagte er; »das sünd Staatskalwer; dei sünd mit idel säut Melk upbörmt.« Der Doctor meinte, da würden sie im Verkauf auch wohl bedeutend höhere Preise erzielen. Da grinste der Brave und erwiderte: »Ja, dei, wat Sei woll glöben! Dei warden gor nich verköfft, dei frett uns' Herr sülwst!« Der Doctor musste laut auflachen über diese drollige Auskunft und theilte Martha welche soeben wieder herzutrat, den Grund seiner Heiterkeit mit. Sie stimmte fröhlich in sein Gelächter ein und sagte dann: »Ja, Recht hat er; für guten Kalbsbraten hat Papa eine Schwäche, und er sorgt immer dafür, dass ein neuer heranwächst.« Mittlerweile war die Zeit für das Frühstück herangekommen, zu welchem sich Brüning wieder eingestellt hatte, und nun nahm dieser seinen Freund für den übrigen Theil des Tages in Anspruch, um ihm das Gut zu zeigen, besonders sein Steckenpferd, die neu angepflanzten Waldungen, Feldgehölze und vor Allem die lebendigen Hecken an allen Wegen und zwischen den einzelnen Schlägen, die sämmtlich erst in der Zeit entstanden waren, da ihm das Gut gehörte. »Sieh 'mal, früher,« sagte er, »vor langer Zeit, da war ganz Norddeutschland von solchen Hecken durchzogen. Jetzt findet man sie fast nur noch im westlichen Mecklenburg, im Lauenburgischen und in Schleswig-Holstein, wo man sie Knicke nennt. Unsere Vorfahren wussten ganz genau, was sie thaten, und waren überhaupt nicht so dumm, wie manche Leute heutzutage, die sich klug dünken. Denn diese Hecken mit den kleinen Wällen, auf welchen sie stehen, sind Windbrecher und Wärmefänger und geben Schutz vor unserem bösesten Feinde, dem scheusslichen, kalten und trockenen Nordost. Aber da kamen die klugen Leute und rechneten, so und so viel Morgen könnten sie für den Kornbau gewinnen, wenn sie den Boden urbar machten, wo die nach ihrem Urtheile nutzlosen Hecken ständen. Das thaten sie denn auch, und Einer hat's dem Anderen nachgemacht, sodass der mörderische Wind stellenweise viele Meilen weit über die kahle und völlig unbeschützte Fläche dahinbrausen kann. Meine Nachbarn haben sehr gelacht und gespottet, als ich anfing, mit grosser Mühe und vielen Kosten überall wieder Hecken anzupflanzen; aber jetzt machen sie schon sehr nachdenkliche Gesichter bei der Sache und lachen nicht mehr. Denn in dem bösen, trockenen, kalten und sonnigen März vor drei Jahren, als ewig dieser böse Wind wehte, da sind ihre ganzen Schläge ausgewintert, während ich auf meinen geschützten Feldern kaum nennenswerthe Verluste hatte. Und, sieh 'mal, soviel Poet bin ich auch noch, um mich über einige andere Dinge zu freuen; denn Du kannst Dir denken, wie hübsch es aussieht, wenn im Frühjahr in den Hecken der Weissdorn blüht, oder im Juni die wilden Rosen, oder, wie jetzt, aus dem gelben Laube die rothen Hagebutten und das andere Beerenzeug hervorleuchten. Und von der Singerei im Frühling kannst Du Dir kaum eine Vorstellung machen; denn da wimmelt es hier von Hecken-Braunellen, Hänflingen, Grasmücken und Ammern, die alle höchst willkommene Nist-Gelegenheiten finden und ausserdem lauter nützliche Thierchen sind, die sich von schädlichen Insekten und Unkrautsamen ernähren.« Unter dergleichen weisen Gesprächen und Belehrungen verging bei der Besichtigung aller dieser verschiedenen Anlagen der Tag, und erst als Dannenberg am Abend spät allein auf seinem Zimmer war, gewann er die Zeit, ganz den freundlichen Gedanken nachzuhängen, welche den Tag über alle Augenblicke, wie Sonnenblicke aus wolkigem Himmel, in ihm aufgetaucht waren. Er versenkte sich wieder in den Anblick der einen Rose, welche, nun voll und ganz aufgeblüht, schon die äusseren Blätter zurückbog und in jener Vollendung sich zeigte, die den Anfang vom Ende bedeutet. Er wagte nicht sie zu berühren, aus Furcht, die Blüthe zu zerstören, und sank dann bald aus den bewussten Träumen des Wachens in die unbewussten des Schlafes. IV. Die Andere. Herr Brüning musste am anderen Tage in einer geschäftlichen Angelegenheit nach Rostock, und Dannenberg blieb für den ganzen Tag auf die Gesellschaft der drei Schwestern angewiesen, womit er schon zufrieden war. Doch hatte jede derselben ihre häuslichen Geschäfte, und so kam denn bald ein Augenblick, wo er in dem behaglichen Wohnzimmer allein war. Draussen ging ein feiner Staubregen hernieder, sodass ein Ausflug in Feld und Wald nichts Verlockendes hatte, und so beschloss er denn, sich einmal in der Bibliothek seines Freundes umzusehen. Als er in dessen Zimmer eintrat, fand er dort ein Tohuwabohu, denn Martha benutzte die Abwesenheit des Vaters, um eine gründliche Herbst-Reinigung vorzunehmen, und war unter Beihülfe des Stubenmädchens gerade mit dem Abstäuben der Bücher beschäftigt. Wieder erfreute ihn die flinke Tüchtigkeit und die fröhliche Arbeitslust, mit welcher das schöne, frische Mädchen auch dieses Geschäft betrieb. Mit dem einen Büchergestell waren sie bereits fertig, und als nun Dannenberg dort heranging, um aus dem Vorrathe Passendes auszuwählen, da fuhr ihm mit einem Male ein Schreck in die Glieder, denn er sah etwas, das seinem bibliothekarischen Herzen tiefen Schmerz bereitete; denn nicht allein, dass die Bücher einfach nach der Grösse wieder eingeordnet waren, fehlte auch bei den mehrbändigen Werken jede richtige Reihenfolge, ja einzelne Bände waren in fremde Gesellschaft gerathen und schienen in tiefe Trauer versunken über die Trennung von ihren Angehörigen, während andere wieder, die Sohlen gen Himmel gerichtet, voll stillen Grames auf dem Kopfe standen. Dannenberg fühlte, dass in seinem Innern etwas zerriss, allein er wollte doch noch einen Versuch machen und stellte Martha mit leichtem Scherz über ihre Unthaten zur Rede. Diese aber sah mit einem Blicke voll feindlichen Hasses auf das Gestell hin und sagte: »Ach, die alten, dummen Bücher! Sie kosten eine Masse Geld und man hat nichts, als Arbeit und Aerger daran. Es ist nur, dass sie dastehen und Staub fangen. Der Einzige, der noch manchmal kommt und sich einen Band leiht, ist unser Schulmeister, – na, und dass der schon halb tickerig ist, weiss ja Jeder.« Dabei zeigte sie mit dem Finger auf ihre weisse Stirn und lachte spöttisch. Dannenberg war zerknirscht; er zog aufs Gerathewohl ein Buch heraus, und während er sich dann die Treppe hinauf zu seinem Zimmer begab, summten alle die freundlichen Träume davon, welche sich in seinem Kopfe schon so behaglich eingenistet hatten: die schöne Villa in Steglitz, die hübsche, sorgliche Hausfrau, der prächtige Garten, die lustigen Kinder, der Rasenplatz mit den Butterblumen, und Alles. Als er dann in seinem Zimmer auf dem Sopha sass, fiel ihm wieder das Glas mit den Rosen in die Augen, und unwillkürlich holte er es zu sich heran. Jedoch die kleine Erschütterung, welche dadurch bewirkt wurde, war für die eine überblühte Rose schon zuviel, und mit einem Male lagen sämmtliche Blätter auf dem Tischtuche, als ein zartes, rosiges Häufchen. Dannenberg lächelte ein bischen wehmüthig über dies symbolische Ereigniss und richtete seine Augen auf die folgende Rose, welche nun voll aufgeblüht war und die vergangene an Schönheit fast übertraf. Es war merkwürdig, wie schnell jeder Gedanke an die wirthschaftliche Martha in seinem Innern vertilgt war durch das eine kleine Ereigniss, wo er plötzlich die Kluft gähnen sah, welche zwischen ihm und ihr sich aufthat. Es war eine jener flüchtigen Zuneigungen des menschlichen Herzens, die gleichsam auf eine Schiefertafel geschrieben sind, sodass ein Strich mit dem Schwamm genügt, sie hinwegzulöschen; und als der Doctor mit den drei Mädchen zu Mittag ass, da war die Ruhe seines Gemüthes schon so weit wieder hergestellt, dass er bereits fröhlich zu scherzen vermochte. Einige Zeit nach Tische gelangte er durch Zufall in das kleine grüne, nach dem Garten hinaus gelegene Eckzimmer, wo er schon öfter sich lesend aufgehalten hatte, weil es so still und abgelegen war. Dort fand er die zweite Tochter, Marie, vor, in ein Buch vertieft, und mit dem Falkenblicke des Autors bemerkte er sofort, dass dieses Buch die »Gedichte von Konrad Dannenberg« waren. Ein zweiter Blick sagte ihm, dass die Schöne trotz der nachmittäglichen Stunde nicht dabei eingeschlafen war, sondern dass sie mit von Theilnahme gerötheten Wangen sich wirklich in das Buch vertieft hatte. Da dies nun mehr ist, als ein gelegentlicher lyrischer Dichter in Deutschland heutzutage billiger Weise verlangen kann, so that es seinem Herzen gut, und ein freundliches Wohlwollen gegen das junge Mädchen regte sich in ihm. Schon wollte er mit einer leichten Entschuldigung sich wieder entfernen, um die Leserin nicht zu stören, da blickte Marie zu ihm und sagte: »Ich wusste gar nicht, Herr Doctor, dass Sie ein Dichter sind, – da hat mir Papa gestern Ihr Buch gegeben. Ich muss nun gestehen, dass ich ganz verwundert bin; denn seit Sie am ersten Abend mit so grosser Theilnahme und Kenntniss sich über Kochkunst und Essen und Trinken unterhielten, glaubte ich nicht, dass Sie überhaupt an idealen Dingen Antheil nehmen könnten.« Dannenberg setzte sich, schaute behaglich vor sich hin und sagte: »Ja, mein Fräulein, was sind ideale Dinge? Zu essen sind sie jedenfalls nicht, wie Sie anzunehmen scheinen. Zunächst muss ich vorausschicken, dass ich einen vielleicht ungerechtfertigten Hass gegen die Bezeichnungen ideal und Idealismus hege. Ich bin der Meinung, diese Ausdrücke haben die Philister erfunden, um damit eine Art von hohler optimistischer Rhetorik zu bezeichnen, welche ihnen imponiert, und welche sie wegen ihrer tönenden Gemeinplätze für Poesie halten. Diese Art Idealismus fängt genau dort an, wo die Kenntniss der Wirklichkeit aufhört, und solche Art von Poesie ist sehr bequem auszuüben, weil sie nur ein wenig formale Begabung und eine möglichst grosse Unkenntniss der Welt erfordert. Alle wirkliche Kunst aber ist realer Natur und gleicht einem Baume, der seine Wurzeln tief in die wohlgegründete Erde streckt und aus ihr die Kraft saugt, seine Krone weit auszubreiten und schimmernde Blüthen und schwellende Früchte zu zeitigen. Und wenn ihr das gelingt, das heisst, wenn sie es vermag, die Dinge dieser Welt, die Gedanken, Meinungen und Handlungen wirklicher Menschen in ihrem Kerne darzustellen, befreit von allen Zufälligkeiten, so kann man sagen, dass das Ideal erreicht ist. Aber der Mechanismus dieser Welt und des menschlichen Herzens ist ein sehr verwickelter, und Wenigen gelingt es, dies Getriebe zu überschauen, – weshalb es wohl viele Poesiebeflissene, aber nur wenige Dichter giebt. Doch entschuldigen Sie diese Abschweifung; ich wollte Ihnen eigentlich antworten auf das, was Sie vom Essen und Trinken sagten. Der wahre Dichter, dessen ideales Bild dem braven deutschen Philister tief in's Herze gegraben ist, legt allerdings auf Essen und Trinken keinen Werth. Er lebt in einer Dachstube, trägt etwas zu langes Haar, vernachlässigt seine Kleidung und ist bei Bouletten und Bratkartoffeln und einem Glase Dünnbier froh, wie ein König, denn in seinem Haupte hegt er ja das Ideal, und er weiss, dass er nach seinem Tode ein schönes Denkmal bekommt, oder auch nicht. Im Grunde liegt die Sache nun wohl nicht ganz so; denn der Dichter ist doch eben ein Mensch, wie Andere auch, und unterscheidet sich nur dadurch von der grossen Menge, dass es ihm gegeben ward, die Dinge dieser Welt mit neuen Augen anzusehen; denn nicht, was man sieht, sondern wie man sieht, darauf kommt es an. Und da sollte es ihm entgehen, welcher Schatz von Poesie im Essen und Trinken liegt, den allernothwendigsten Beschäftigungen der ganzen Menschheit? Dem wahren Dichter soll nichts Menschliches fremd sein und nichts zu gering, dass er nicht versuche, mit liebendem Blick es zu durchdringen, um seine Eigenart oder Schönheit zu Tage zu fördern. Ich spreche nicht von mir, Fräulein Marie; ich bin ein kleines Poetlein und laufe so mit im grossen Haufen; ich spreche von meinem Ideale. Und da muss ich sagen eine gewisse Ausbildung des Geschmackssinnes gehört zur Bildung. Barbarisch nenne ich Jenen, und sei er der gelehrteste Professor, der stumpfsinnig in einer widerwillig abgerungenen Arbeitspause sein Essen in sich hineinschlingt, ohne zu wissen, was er verzehrt, und eine leise Verachtung hege ich vor Jenen, die es als eine Tugend hinstellen, dass sie für Tafelgenüsse keinerlei Sinn haben, während sie sich doch eigentlich dieses Mangels ein wenig schämen sollten. Verächtlich sind mir aber auch die Gegenbilder: der gewöhnliche Fresser, dem es auf die Masse ankommt, und der protzenhafte Schlemmer, welchem nur die Kosten Genuss bereiten. Und schliesslich mache ich Sie darauf aufmerksam, dass man niemals von einem Kochhandwerk, sondern von einer Kochkunst spricht, dass also unsere sinnreiche Sprache auch hier fein und richtig unterscheidet, und ausserdem steht fest, dass Niemand den Gipfel dieser Kunst erreicht, der nicht zugleich ein Stück Poet ist, denn kochen im höchsten Sinne heisst dichten!« Hier ward Dannenberg von Marie Brüning durch ein lustiges Gelächter unterbrochen. Dann sprach sie: »Wahrhaftig, Sie verstehen es, eine Sache zu vertheidigen. Man bekommt ja ordentlich Ehrfurcht vor einem solchen Dichter-Koch oder Koch-Dichter. Ich stelle ihn mir vor in seiner hohen, geräumigen, mit dem herrlichsten Geschirr angefüllten Küchenhalle, wie er, umgeben von andächtigen Schülern, vor dem Herde gleichwie vor einem Altare waltet und, angethan mit einem schneeweissen Talar und einen Lorbeerkranz auf dem Haupte, weihevoll eine Schnepfen-Pastete dichtet.« »Sehr gut,« sagte Dannenberg belustigt, »ich sehe, wir verstehen uns.« Es gefiel ihm ausnehmend, dass das junge Mädchen es vermochte, sogleich auf den humoristischen Ton einzugehen, welchen er angeschlagen hatte. Als sie dann im weiteren Verlaufe des Gespräches sich von seinen Dichtungen unterhielten, bemerkte er mit Wohlgefallen, – denn welcher Poet wäre dagegen unempfindlich? – dass sie diese mit Sorgfalt gelesen hatte; auch schienen ihm die Fragen, welche sie stellte, wo ihr etwas dunkel geblieben war, sehr verständig. Er fing an, sie für eine recht angenehme junge Dame zu halten. Es reizte ihn dann, zu erfahren, wie sie über seine beiden Lieblinge unter den lebenden Dichtern dächte, über Gottfried Keller und Theodor Storm, zwei Poeten, deren einer an der äussersten Südgrenze, der andere an der äussersten Nordgrenze deutschen Sprachthums seine Heimath hat. Da stellte sich allerdings heraus, dass sie von dem ersteren nichts wusste, kaum seinen Namen; der zweite aber war ihr wohlbekannt, allerdings auch nur durch die weitverbreitete Erzählung »Immensee,« und dies führte auf die Besichtigung ihrer niedlichen kleinen Bibliothek, welche auf einem zierlichen Hängebrette an der Wand desselben Zimmers untergebracht war. Es war die richtige Backfisch-Bibliothek, und zwar so normal, dass sie dem Bücherkenner Dannenberg unwillkürlich ein Lächeln entlockte. Da waren, als am stattlichsten in der äusseren Erscheinung, Stifter's »Studien«, da war »Waldmeisters Brautfahrt« von Roquette, Kinkel's »Otto der Schütz« und Fouqué's »Undine.« Dort befand sich »Frau Holde« von Baumbach, Leander's »Träumereien an französischen Kaminen« und Andersen's »Bilderbuch ohne Bilder«. Natürlich fehlten nicht »Die Irrlichter« von der Peterssen, »Das Wort der Frau« von Heyden, »Was sich der Wald erzählt« von Putlitz, und was dergleichen poetische Nippsachen mehr sind. Das war nun zwar nicht viel, aber doch etwas; es war wenigstens ein literarisches Interesse vorhanden, und das that Dannenberg nach seiner trübseligen Erfahrung von demselben Morgen doppelt wohl. Zudem war Marie eine sehr angenehme Erscheinung. Sie war nicht von der derben, blühenden Schönheit ihrer älteren Schwester, sondern Alles an ihr war zarter und sanfter, und ein gewisser verschleiert träumerischer Ausdruck stand den dunkelgrauen Augen sehr gut. So kam es denn, dass Dannenberg, als er an demselben Abend auf seinem Zimmer sass und sinnend die zweite Rose betrachtete, welche nun sich voll erschlossen hatte, wiederum in höchst merkwürdige Träumereien verfiel. Es musste doch köstlich sein, ein sanftes, weibliches Wesen um sich zu haben, das Antheil nimmt an Allem, was Geist und Gemüth des Mannes bewegt. Wie schön, mit ihr gemeinsam zu geniessen, was Poeten, Musiker, und Künstler Herrliches geschaffen haben; wie schön sie einzuführen in diese Wunderwelt und das Alte, längst Bekannte in dem träumerischen Spiegel ihrer Augen neu zu geniessen! Wie schön, – ja, Herr Doctor Konrad Dannenberg war ein sonderbarer und gründlicher Träumer. V. Die Dritte. Der nächste Tag war ein Sonntag; es hatte sich abgeregnet, und der morgendliche Nebel war von dem klarsten Herbstsonnenschein zerstreut worden, sodass bei stiller Luft und blauem Himmel draussen einer jener milden Octobertage glänzte, die das Herz berühren, als sei die Welt in träumerische Erinnerung verloren an die erste junge Frühlingszeit. Der Gutsbesitzer war in der Nacht von seiner Ausfahrt zurückgekehrt und stattete beim Frühstück sehr aufgeräumt Bericht ab über seine Erlebnisse in der Stadt und über die Erledigung mannigfacher Aufträge, welche seine Töchter dem Kutscher und ihm ertheilt hatten. »Euch, Dirns,« sagte er, »habe ich auch das Gewünschte mitgebracht; für Martha die neuen Butterformen und den Stoff zu Küchenschürzen, für Mike die Bücher aus der Leihbibliothek, – hör' mal, Frauenzimmer, es ist wieder ein ganzer Packen; Du liest mir zu viel solches Zeug, – und für mein Lening was zum Naschen, Magen-Morsellen aus der Apotheke, – ich weiss, die mag der Süssschnabel. Und dann hab' ich noch was mitgebracht, nämlich dem Pastor seinen Candidaten, der nun ja in Rostock vor dem Examen liegt und sich mal wieder des Sonntags bei Mutter verpusten will.« Hier bückte sich Lene, denn ihre Serviette war hingefallen; und als sie sich wieder erhob, war sie von der Anstrengung ganz roth im Gesicht, – oder kam es davon, dass der Vater sie vor dem fremden Gaste einen Süssschnabel genannt hatte? Nach dem Frühstück begab sich Dannenberg in das kleine grüne Zimmer; und obwohl er es sich nicht recht gestehen wollte, hatte er doch die stille Hoffnung, dort wieder mit Marie zusammenzutreffen. Er fand auf dem Tische den stattlichen Haufen Bücher aus der Leihbibliothek, welche Brüning mitgebracht hatte, und nun plagte ihn die Neugier, zu sehen, welche Lectüre das junge Mädchen bevorzugte. Das Aussehen dieser Schmöker, welche er zunächst prüfte, gefiel ihm allerdings wenig. Sie waren alle etwas fettig und klebrig und trugen auf dem Rücken einen schmutzigen, gelben Zettel, der eine mit Tinte geschmierte Zahl zeigte. Auch im Innern sahen sie nichts weniger als appetitlich aus; die Blatt-Ecke unten rechts hatte bei allen Büchern durch das viele Umblättern von unzähligen, nicht immer sauberen Fingern eine schmutzig gelbe Färbung angenommen, und bei näherer Durchsicht gewährten allerlei Flecke von Kaffee, Oel, Tinte, Bratensauce und anderen nicht mehr festzustellenden Flüssigkeiten dem Auge eine reiche Abwechselung. Auch strömten alle diese Bände jenen muffigen, undefinirbaren Duft aus, welcher allen Leihbibliotheken gemeinsam ist, gleichwie auch alle Apotheken in der ganzen Welt denselben Geruch von sich geben. Die Nase des Bibliothekars krauste sich ein wenig, als er diese Wahrnehmungen machte; doch noch ganz anders wurde ihm zu Muth, als er die Titel betrachtete und dadurch bei seiner grossen Literatur-Kenntniss einen Begriff von dem Inhalte dieser Bücher erhielt. Das waren also die Geisteswerke, welchen Fräulein Marie Brüning ihre Theilnahme zuwendete! Es waren lauter Hervorbringungen jener fleissigen Handarbeiter männlichen oder weiblichen Geschlechtes, welche Tag für Tag am Webstuhle der Literatur sitzen und Romane von bestellter Länge »auf Stück« arbeiten, in solcher Weise, wie es gerade die Tagesmode verlangt. Ein elendes Geschlecht hungeriger Pfuscher, – man könnte es fast bemitleiden, wenn sein Thun nicht so widerwärtig wäre. Wie abgestumpft musste der Geschmack Derjenigen sein, die an solchen Bettelsuppen Gefallen fand! Ein abgegriffener Katalog der Leihbibliothek lag bei den Büchern, und in diesem waren alle Werke bezeichnet, welche bereits gelesen waren oder zu lesen gewünscht wurden. Es war immer dieselbe Gattung, und nur höchst selten lief ein Buch von besserer Art mit unter. Dannenberg huddelte sich ein wenig, als er sich von diesen Thatsachen hinreichend überzeugt hatte, und begab sich still hinweg in den herbstlichen Garten, alle schönen Träume, welche ihn am Abend vorher so schmeichlerisch umsponnen hatten, hinter sich lassend. Merkwürdig, die Beschäftigung mit Büchern war sein Beruf, und mit Büchern hatte er hier nun schon zum zweiten Male Unglück gehabt. Nach dem Mittagessen sagte Brüning zu Dannenberg: »Lieber Freund, ich kenne nun schon Deine wunderliche Passion, nach Tische, wo jeder verständige Mensch, also auch ich, ein Schläfchen macht, spazieren zu gehen. Heute könntest Du mir einmal einen Gefallen thun und das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Mein Jäger hat heute Urlaub, und infolge dessen ist der Dohnensteig noch nicht begangen. Wie wäre es nun, wenn Du ihn Dir jetzt einmal ansähest, die gefangenen Vögel auslöstest und die Dohnen wieder in Ordnung brächtest? Ich weiss, früher machte Dir das Vergnügen; das ist nun allerdings schon über zwanzig Jahre her. Ich geb' Dir Lene mit; die Dirn weiss Bescheid und kann die Quitschbeeren tragen. Du nimmst meine grosse Jagdtasche, und ich denke, Du wirst Dich an dem, was sich seit gestern gefangen hat, nicht gerade todt schleppen.« Dieser Vorschlag sagte Dannenberg zu; Lene ward gerufen, zog zwar ein wenig mit den Schultern, als ob sie keine rechte Lust hätte zu dem Geschäfte, nahm aber doch das Körbchen mit Ebereschenbeeren über den Arm und fügte sich in ihr Schicksal. Der Herbsttag draussen war so träumerisch still, sonnig und warm, wie ihn der October nur bietet, wenn er in der besten Laune ist. Sie gingen durch den Garten, wo Sonnenblumen und Astern blühten und ein herbstlicher Duft von welkem Laub und Reseda wehte. Farbige Herbstschmetterlinge gaukelten über die Beete, setzten sich an die dunklen Stämme, ihre schimmernden Flügel zu glätten, und Alles rings, Alles, was noch blühte oder Blätter hatte, schien einzig darin versunken, so viel von dem milden Sonnenschein zu trinken, als nur möglich war. Sie gingen durch das Pförtchen hinaus, den Fusssteig entlang, der durch die Felder führt, und als sie auf die Höhe kamen, sahen sie rings die Waldungen und Gehölze liegen, theils in der finsteren Tracht der Nadelhölzer, theils in dem farbigen Glänze des Herbstes vom dunklen Purpurbraun bis zum hellsten Gelb, während dazwischen das freudige Grün der jungen Saaten als eine Verheissung fröhlicher Zukunft leuchtete. Der Fussweg war schmal, sodass nicht zwei Personen neben einander gehen konnten; und als nun Lene schlank und ebenmässig vor ihm herschritt, betrachtete Dannenberg mit Wohlgefallen ihre feine und doch kräftige Gestalt und sah mit Vergnügen, wie zierlich und schön sie auf den Füssen ging. Wenn sie bei dem spärlich fliessenden Gespräch den Kopf ein wenig wendete, um ihm zu antworten, so erfreute er sich an den schönen Linien ihres Profils, an der reinen Stirn, dem feinen Näschen, den zart schwellenden Lippen und dem rundlichen Kinn. Sie trug das Haar, wie er es gern hatte: einfach zurückgenommen und hinten in einen Knoten gewunden, wie man es an griechischen Bildwerken sieht. Wo hatte er eigentlich bis dahin seine Augen gehabt, dass er diese unvergleichliche kleine Schönheit gar nicht beachtet hatte? Freilich, sie war etwas still und einsilbig; doch das war auf ihre Jugend zu schieben und am Ende, zehnmal besser, als wenn sie albernes Zeug geschwatzt hätte. Bald war ein dichter Bestand von jungen Fichten erreicht und hier nahm der Dohnensteig seinen Anfang. Ein grünes, dämmeriges Licht herrschte in dem schnurgeraden, langen Gange, der sich nun vor den Beiden aufthat, und eine feierliche Stille, die nur zuweilen durch das feine Zwitschern streichender Meisen und Baumläufer oder das warnende Schnicken eines Rothkehlchens unterbrochen wurde. Drosseln schienen nicht in der Gegend zu sein, sonst hätte man wohl ihre Lockstimmen gehört. Aber dagewesen waren sie, denn plötzlich lief Lene schnell voraus und stand bei einer Dohne, darin sich einer der geschätzten Vögel gefangen hatte und wie ein armer kleiner Sünder am Galgen hing. Das Mädchen löste ihn mit den zierlichen Fingern geschickt aus und stellte dann die Pferdehaarschlingen wieder sachgemäss ein, sodass sie sich ein wenig überschnitten. Dann hob sie dem Vogel einen Flügel empor, zeigte auf das Roth an der Unterseite und sagte: »Das ist eine Weindrossel; die sind zwar nur klein, aber die besten, wie Papa sagt.« Es musste wohl am Vormittage ein grosser Zug dieser Vögel durchgewandert sein, denn sie fanden ausschliesslich solche, die sich in ziemlicher Menge gefunden hatten, ja einmal kam sogar der seltene Fall vor, dass in einer Dohne zwei Vögel hingen, in jeder Schlinge einer. Als die beiden Leute nun sich gegenüber standen und jeder eines der Thierchen auslöste, wobei sich ihre Hände mehrfach berührten, sah Dannenberg wieder auf das liebliche Gesicht vor ihm, das von einer rosigen Farbe der Gesundheit blühend durchleuchtet und so rein und frisch war, wie eine unberührte Frucht; nur über den schmalen Nasenrücken ging, kaum sichtbar, ein kleiner Sattel von blassen Sommersprossen hin. Er fand auch dies entzückend. Die Züge dieses anmuthigen Gesichtes waren noch kindlich zu nennen; nur in den Augen lag ein träumerischer Glanz, als wüssten sie schon von süssen Dingen. Der Dohnensteig zog sich nun aus den Fichten heraus in einen gemischten Bestand, der in der vollen Pracht des Herbstes schimmerte. Dort standen Birken in blassem Golde und junge Buchen in allen Tönen leuchtenden Brauns, und dazwischen wieder dunkle Edeltannen mit weisslichen Stämmen. Hier ging der Steig nicht mehr geradeaus, sondern wand sich, je nach der Gelegenheit, durch das Gehölz hin, und dies vermehrte die Spannung, da man nicht mehr schon von Weitem sehen konnte, ob sich was gefangen hatte. Es entwickelte sich ein lustiger Wetteifer, die gefangenen Vögel zuerst zu erspähen, und bei dem stürmischen Gange rötheten sich die Wangen des Mädchens, und ihre Augen blitzten vor Lust. Endlich hörte der Dohnensteig auf, nachdem die Ausbeute neununddreissig Vögel, lauter Weindrosseln, betragen hatte. Sie traten dann hinaus, auf einen zirkelrunden Platz im Walde, in dessen Mitte eine einzelne, herrlich gewachsene alte Eiche stand. Rings an die Grenze des Gehölzes hatte Brüning eine dreifache Reihe schöner, gleichmässiger Fichten pflanzen lassen, welche die Wand dieses, von der mächtigen Eichenkuppel überwölbten Saales bildete. An dem Stamme des riesigen Baume gingen eine Anzahl mehr als armdicker Epheuranken empor, die sich oben an die mächtigen Aeste, deren jeder für sich schon ein tüchtiger Baum war, vertheilten und solche bis in die höchsten Zweige über und über berankt hatten. Ganz feierlich gestimmt durch den Anblick dieses schönen Platzes und des herrlichen Baumes, der ihn überwölbte, sah Dannenberg eine Weile zu der majestätischen Krone empor. Da ward er aufmerksam auf ein tiefes, sonores Summen und Brummen, welches gleichmässig die Luft erfüllte und aus den Zweigen des Baumes zu dringen schien. Er trat näher und sah nun, dass der Epheu, welcher alle die mächtigen Aeste mit buschigen Zweigen umgrünt hielt, über und über in Blüthe stand, und dass die hellgrünlichen Blumenbüschel, welche sich dem Sonnenscheine darboten, ein unendliches Insektenvolk umsummte. Da gab es Fliegen von allen Arten, schwarze und metallisch glänzende in Grün und Gold und Roth, und Tausende von Honigbienen, die in eiliger Hast von einem Büschel zum andern flogen, um diese letzte süsse Gabe des Herbstes auszunutzen. Vor Allem aber machte sich eine Unzahl von stattlichen Hornissen bemerklich, mit ihren schön getigerten Leibern, und diese Insekten waren es auch, welche durch das sonore Brummen ihrer glasklaren Flügel den Grundton zu dieser merkwürdigen Waldmusik angaben. Die ganze Eiche war zur Zeit ein ungeheures Wirthshaus, wo süsser Blumensaft verschenkt ward, und alle kleinen geflügelten Schlecker der ganzen Umgegend schienen sich dort versammelt zu haben. Dannenberg machte Lene auf das merkwürdige Schauspiel aufmerksam, allein diese schaute nur mit geringer Theilnahme darauf hin. Dagegen deutete sie auf eine weite, halbrunde Nische in dem Fichtenkreise, woselbst sich eine nach vorn offene Rohrhütte mit einem grossen Tisch und eine Anzahl von Stühlen befand. »Hier werden, wenn schönes Wetter ist, unsere Geburtstage gefeiert,« sagte sie. »Sie fallen alle in den Sommer. Und dann wird getanzt, immer um die Eiche herum. Wir haben im Dorf einen Weber, der fiedeln kann; der spielt dann auf.« Dannenberg sah auf die einladende glatte Fläche, die mit kurzem, weichem Grase bestanden war, und fragte: »Tanzen Sie gern?« »Furchtbar gern,« sagte Lene. Dannenberg nahm seine Jagdtasche ab, legte sie an den Fuss der Eiche und sprach, indem er auf den summenden Wipfel des Baumes deutete und dann mit einer zierlichen Verbeugung vor das Mädchen hintrat: »Die Waldmusik spielt schon auf, – wie denken Sie über ein Tänzchen?« Halb verwundert, halb belustigt sah sie auf ihn hin, dann lachte sie ein wenig und legte ohne Weiteres den Arm auf seine Schulter. »Zuerst also Walzer,« sagte Dannenberg, und indem er leise vor sich hinpfiff, ging der Tanz los. Der Doctor fühlte sich so jugendlich, wie in seinen Studentenjahren, wo er auch so manches Mal auf grünem Rasen sich herumgeschwenkt hatte, und das Mädchen tanzte wunderbar, so leicht, wie ein Vogel; er fühlte kaum, dass er sie im Arme hatte. Und dabei summte ihm ein Text durch den Kopf zu der Melodie des Walzers, der lautete einzig: »O schöne Ju-u-gend, schö-ö-ne Ju-u-gend!« Nach dem Walzer kam eine Polka, rechts herum, links herum, vorwärts und rückwärts, recht nach der Kunst, und dann ein Rheinländer. Aber Dannenberg war, wenn auch nicht stark, doch ziemlich wohlbeleibt und ausserdem solcher Uebungen ein wenig entwöhnt, und nach diesem Tanze fühlte er, dass er kochte und für eine Weile genug hatte. Während er nun stand, sich den Schweiss abtrocknete und ziemlich pustete, sah er auf Lene hin, welche der Tanz nicht anzustrengen schien. Ihre Wangen waren zwar etwas geröthet, und ihre Augen blitzten vor Vergnügen, aber der junge Busen wogte kaum viel stärker, als vorher. Sie gehörte zu Denjenigen, welchen das Tanzen das Natürliche ist, die es nicht angreift, wenn sie von einem Arm in den anderen übergehen, welche sich bei einem Walzer von den Anstrengungen eines vorhergehenden Galopps ausruhen. Sie machten sich nun auf den Heimweg, denn die Sonne sank, und der Abend nahte sich. Bald gelangten sie an eine jener alten, breiten Landstrassen, wie man sie in Norddeutschland noch häufig findet. Früher bewegte sich der Verkehr zwischen den Städten auf ihnen hin, aber jetzt sind sie verlassen, denn Chausseen und Eisenbahnen haben sie todt gelegt, und Gras und Blumen machen sich breit auf ihnen. Zur Seite war die Strasse von stattlichen, lebendigen Hecken eingefasst, die zum Theil noch grün, zum Theil schon in den Farben des Herbstes schimmerten, während Hagebutten und Pfaffenhütchen daraus hervorleuchteten, der Hollunder in unzähligen schwarzblauen Trauben stand und der Schlehdorn im Schmuck seiner hell bereiften Früchte. Sie gingen schweigend den stillen, einsamen Weg entlang, zuweilen im Schatten, zuweilen im Lichte, wenn die Sonne von der Seite durch eine Lücke der Hecke einen goldenen Strom sendete. In der leicht bewegten Luft flogen Sommerfäden dahin, und überall wehten die silbernen Gespinnste von den Zweigen der Hecke, von den Bäumen am Wege und von den Spitzen der Kräuter. Während nun die beiden Menschenkinder, ein jegliches mit den eigenen Gedanken beschäftigt, neben einander hergingen, geschah es, dass von diesen leichten Fäden gar manche gegen sie flogen und sich an ihre Kleider hängten, so eine zarte Verbindung von Einem zum Anderen herstellend. Als Dannenberg dies bemerkte, schritt er unwillkürlich vorsichtiger dahin, um diese zarten, silberglänzenden Fesseln nicht zu zerreissen, und während er sich über das zierliche Spiel der Natur seine eigenen Gedanken machte, glaubte er zu fühlen, dass auch Lene von ähnlichen Empfindungen bewegt ward. Aus seinen Träumen wurde er plötzlich gestört, und alle die feinen Fäden zerrissen, als Lene plötzlich zur Seite trat und auf ein Haus deutete, das jetzt eben neben der alten Dorfkirche zum Vorschein kam, und dessen Fenster im goldenen Feuer der Abendsonne brannten, während aus dem Schornstein eine schmale Rauchsäule in die stille Luft emporstieg. »Dort wohnt unser Pastor,« sagte sie, und ihre Augen blickten nach dem Hause hin, so lange es sichtbar blieb. Dannenberg erwiderte nichts darauf, und so schritten sie schweigend weiter, bis sie an die niedrige Feldsteinmauer kamen, welche den Obstgarten des Gutes einfriedigte. »Hier müssen wir klettern oder einen Umweg machen,« sagte Lene. »Ich bin für Klettern,« erwiderte Dannenberg, und indem er seine Füsse zwischen die Lücken der grossen Findlingsblöcke setzte, stieg er mit turnerischer Geschicklichkeit auf die Mauer. Dann reichte er dem Mädchen die Hand, und dieses folgte ihm nach. Sodann sprang er hinab und fing das schlanke Mädchen in seinen Armen auf, wobei sie eine ganz kurze Weile an seiner Brust ruhte. Die findigen Augen der Kleinen hatten aber unterwegs eine Entdeckung gemacht, und schnell eilte sie fort, zu einem Gravensteiner Apfelbaume, der in einiger Entfernung seine stattliche Krone ausbreitete. Sie nahm aus dem dürren Laube zu seinen Füssen einen prächtigen Apfel jener Art, der von herrlicher Goldfarbe und von jenem unvergleichlichen Duft war, welchen diese Frucht nur in ihrer Heimath, an den Küsten der Ostsee gewinnt. »Das sind für mich die schönsten,« sagte Lene; »der ist am Baume reif geworden und dann bei stiller Luft von selber abgefallen.« Dies erinnerte Dannenberg plötzlich an seine Kindheit, wo er dieselbe Neigung hatte für jene Früchte, welche man am Baume lässt, einem alten Gebrauche folgend, der noch bis auf die Heidenzeit zurückgeht. Auch er hatte die Früchte gern aufgesucht, wenn sie dann nach und nach ausreiften und von selber vom Baume fielen, und auch ihm waren sie immer besonders köstlich erschienen. Lene brach den schönen Apfel mit ihren schlanken, aber kräftigen Fingern in zwei Theile und reichte dem Doctor die Hälfte. Dieser versenkte sich eine Weile in den köstlichen Duft, und dann verzehrten Beide nachdenklich die Frucht, welche von einer wundervollen kühlen Frische war. Als sie damit fertig war, mussten sie Beide lachen, obgleich sie nicht recht wussten, warum, und gingen dann dem nahen Hause zu. VI. Keine von Allen. Im Hause fanden sie Niemand vor, und ehe es sich Dannenberg versah, war ihm auch Lene entwischt und nicht wieder aufzufinden. Der Abend war so still und schön und warm, dass er beschloss, in's Freie zurückzukehren. Er ging durch den Obst- und Gemüsegarten, bis zu dem Park, der auf einem kleinen, die Gegend beherrschenden Hügel angelegt war. Man konnte von hier aus fast das ganze Gut übersehen. An verschiedenen Punkten hatte Brüning erhöhte Sitze anbringen lassen, von welchen aus er, über die geschorene Hecke der Einfassung hinweg, seine Feldarbeiter beobachten konnte; denn er war etwas wohlbeleibt und bequem und machte sich, zumal an heissen Sommertagen, nicht gern viel Bewegung. Als Dannenberg durch den Park dahinschlenderte, kam er an einen dieser Sitze, der, vom rothen Golde der sinkenden Sonne angestrahlt, wohl zum Träumen und Spintisiren einlud, und dort liess er sich nieder. Er blickte hinweg über die dunklen Ackerfelder, die frischen Saaten und die rothbraunen Wälder. Fern in dem breiten, dämmernden Wiesengrunde ging die Warnow einher, zuweilen ein mattes Silberlicht aus dem Grün sendend, und noch ferner ragten, in einen feinen, blassen Dunst gehüllt, die Thürme von Rostock aus der Thalsenkung hervor. Seine Blicke wanderten aber immer wieder dorthin, wo im letzten Abendscheine leuchtendes Saatengrün sich in eine rothbraune Bucht des Buchenwaldes erstreckte, und wieder wiegte es sich im Walzertacte ihm durch den Sinn: »O schöne Ju-u-gend, schö-ö-ne Ju-u-gend.« Aber die Sonne sank tiefer, das helle Grün der Saaten dämpfte sich und nahm einen dunstigen, bleiernen Ton an, und bald lag nur noch in den herbstlichen Wipfeln des Buchenwaldes ein Widerschein des Abendrothes, das allmählig verglomm. Nun kroch aus den finsteren Schatten der Bäume die Dämmerung heran und verschlang eine Farbe nach der anderen, während, von dem noch hellen Himmel scharf sich abhebend, viele Krähen, einzeln und geschäftsmässig, wie Arbeiter, die Abends von der Fabrik nach Hause gehen, dem Walde zuflogen. Die Dunkelheit hatte sich rings verbreitet und auch Dannenberg ganz in den Schatten der Bäume eingehüllt; es war kühler geworden, in den Wiesengründen dampfte der Nebel, und doch sass er noch immer dort und träumte und fühlte sich mitten im Herbst von dem Veilchenduft der Jugend angeweht. »O schöne Ju-u-gend, schö-ö-ne Ju-u-gend,« so ging es noch immerzu nach der Melodie des Walzers durch seinen Sinn. Da hörte er leise Stimmen und Schritte auf dem wenig begangenen Fusspfade, der an der Hecke entlang dem Dorfe zuführte. Derselbe war ein sogenannter Kirchsteig und wurde, ausser beim Kirchenbesuche, wenig benutzt. Die Schritte kamen näher, und mit einem Male durchzuckte es Dannenberg, wie ein Schlag, denn die Stimme kannte er: es war Lene, die da sprach, und er verstand, was sie sagte, obwohl er die Personen nicht sehen konnte. Sie standen im Schatten eines grossen Baumes, der seine niederen Aeste, über die Hecke hinweg, weit in das Feld streckte. Er hörte Lene sagen: »Heute Morgen, als Papa beim Frühstück sagte, Du seiest mitgekommen, da bekam ich einen solchen Schreck, dass ich ganz roth wurde und nur schnell meine Serviette fallen liess, damit Niemand etwas merken sollte.« Darauf entstand eine kleine Pause, offenbar durch einen Kuss ausgefüllt, und dann liess sich eine männliche Stimme von angenehmem Klange vernehmen: »Liebe Lene, die Heimlichkeit missfällt mir eigentlich recht sehr.« »Aber Gustav,« antwortete das Mädchen, »erst neulich, als die Verlobung des jungen Brennecke bekannt wurde, der eben ausstudirt hat, da hat Papa so gescholten über die jungen Leute, die sich binden, ehe sie die Gewissheit haben, dass sie auch ihr Fortkommen finden, und hat das Sprichwort gebraucht: »Ierst 'ne Parr un denn ne Quarr!« Ich glaube, er wird furchtbar böse, wenn Du jetzt damit kommst. Und obgleich ich doch gar nicht mehr so jung bin, behandelt er mich immer noch, wie ein Kind, und ich bin doch schon sechzehn Jahre und sieben Wochen alt. Ich glaube ganz gewiss, er lacht mich aus und schenkt mir eine neue Puppe, damit ich auf andere Gedanken komme, denn so was sieht ihm ähnlich.« Der Candidat lachte ein wenig und sagte: »Nun gut, bis nach dem Examen will ich warten; es ist vielleicht besser so.« »Wie lange dauert's noch?« fragte Lene rasch. »In einem halben Jahre denke ich durch zu sein,« war die Antwort. »Dann ist es wieder Frühling,« sagte Lene, »und gerade ein Jahr her, seit wir zusammen die Veilchen pflückten. Weisst Du noch?« Darauf entstand wieder eine verdächtige Pause, in welcher Platz war für mehrere Küsse, und dann sprach wieder der Candidat. »Und noch etwas kann ich Dir mittheilen, was mir mein Vater heute gesagt hat. Das Podagra setzt ihm arg zu, und er verrichtet alle seine Amtsgeschäfte ›in tormentis‹, wie er sagt. Da denkt er denn, so bald es meinetwegen angeht, sich emeritiren zu lassen und glaubt sicher, dass die Bauern mich wählen und dass auch Dein Vater, als Patron, mir seine Stimme geben wird.« »Ach, das wäre ja wunderschön!« rief Lene ganz entzückt, und man hörte, wie sie auf ihren leichten Füssen ein wenig hüpfte, wie es ihrem ehrwürdigen Alter und einer zukünftigen Frau Pastorin eigentlich gar nicht zukam. Dann, nach einer Weile, entfernten sich die Schritte wieder in der Richtung nach dem Hofe zu, und die leisen Stimmen verklangen in der Ferne. Dannenberg hatte sich in seinem dunklen Baumschatten mäuschenstill verhalten und sass noch lange Zeit regungslos, während hoch über ihm die Stimmen nächtlich wandernder Vögel erklangen, welche nach Süden zogen. Die Dunkelheit nahm noch immer zu, und aus dem Nebel der Wiesen stieg die Kühle der Nacht empor, sodass er zusammenschauernd aufstand und langsam sinnend dem Hause zuwanderte. »Du alter Träumer,« dachte er; »die Wunderblume blüht nicht mehr für dich, es hat sie schon ein junger Geselle an seinen Hut gesteckt. Geh' nur wieder nach Hause und treibe deinen Göpel, wie die Butterliese.« Doch als er nun, mit zur Erde gewendetem Antlitz und zuweilen stehen bleibend, langsam durch den dunklen Garten weiter schritt, kam ihm ein anderer Gedanke, der ihm plötzlich das Haupt aufrichtete und seine Schritte elastisch machte, und so ging er schneller, indess seine Füsse durch das welke Herbstlaub streiften, dem Hause zu. Zum Abend war der junge Candidat eingeladen; der alte Pastor ging seines Leidens wegen nicht mehr in Gesellschaft, und seine Frau pflegte dann bei ihm zu bleiben. An solchen stillen Sonntag-Abenden las der Alte ihr vor aus seinen Lieblings-Schriftstellern, Cervantes, Walter Scott, Cooper und Dickens, während die Frau Pastorin in einem dunklen Winkel auf dem Lehnstuhle sass und strickte, wobei die alte Dame regelmässig einschlief. In dem Moment aber, wo ihr Mann aufhörte, zu lesen, erwachte sie sofort, die Stricknadeln, setzten sich wieder in Bewegung, und sie sagte ein- wie allemal: »Sehr schön, Gottlieb, sehr schön!« Dieses Verfahren hatte den Vortheil für sie, dass, wenn sie einmal wirklich zuhörte, es in den so oft schon vorgelesenen Büchern immer noch Stellen gab, welche ihr neu waren. Der junge Candidat machte auf Dannenberg einen sehr angenehmen Eindruck; er hatte ein frisches und natürliches Benehmen und war ganz frei von jenem gemessenen und salbungsvollen Wesen, welches Andere seiner Art, im Hinblick auf den zukünftigen Beruf, schon früh glauben annehmen zu müssen, obgleich junge Leute, die noch im Anfange der Zwanziger stehen, wohl nichts schlechter kleidet. Man setzte sich fröhlich zum Abendessen, und alsbald entspannen sich zwischen den Mädchen und dem jungen angehenden Geistlichen jene kleinen Neckereien, zu welchen eine in engem Kreise gemeinsam verlebte Kindheit und Jugend so vielerlei Veranlassung zu geben pflegt. Dannenberg, als Eingeweihter, beobachtete das Pärchen genauer und sah nun, was kein Anderer bemerkte, alle die kleinen, zierlichen Zeichen des Einverständnisses, welche zwischen den Beiden hin- und herflogen, wie bei Handreichungen die Finger sich unter dem Teller begegneten, in Momenten, wo sie sich unbeachtet glaubten, die Augen flüchtig in einander ruhten, und was dergleichen verliebte Scherze mehr waren. Aber er dachte: »Wartet, ich will euch schon kriegen!« Und als die Mahlzeit sich dem Ende näherte, klopfte er plötzlich an sein Glas, stand auf und begann folgende Rede: »Lieber Brüning, bevor ich dies gastliche Haus verlasse . . . .« »Na, was sind das für Neuerungen!« rief der Angeredete dazwischen, aber der Doktor fuhr unbeirrt fort: »Bevor ich dies gastliche Haus verlasse, in welchem Du sowohl, als Deine drei anmuthigen Töchter wetteifernd bestrebt waren, in das Leben eines alternden Mannes . . . .« »Hoho!« unterbrach ihn Brüning . . . »die angenehmsten Rosen der Erinnerung zu flechten, bevor ich mich also zu diesem schweren Schritt entschliesse, muss ich gestehen, dass ich in meiner grossen Unbescheidenheit so weit gehe, durch Alles dies noch nicht befriedigt zu sein, sondern in der mir angeborenen hässlichen Eigenschaft nie zu stillender Habgier möchte ich mir ausserdem noch ein köstliches Gastgeschenk erbitten. Mein lieber und alter Freund Brüning, Du hast drei anmuthige Töchter, vergleichbar jenen drei Rosen an einem Zweige, welche ein sinniges Gemüth und eine freundliche Hand mir am Abend meiner Ankunft in das Schlafzimmer gestellt hat.« Hier wurden die Gesichter der drei Schwestern von einer zarten Röthe durchblümt, dass sie drei Rosen noch ähnlicher wurden, und alle schauten mit grosser Spannung auf den Redner. Dieser aber fuhr fort: »Es ist nun Jemand gekommen, der eine dieser drei lieblichen Rosen pflücken möchte, um sie an seiner Brust zu hegen und zu pflegen, so lange ein gütiger Gott ihm Leben und Gesundheit schenkt, ein Mann, der Dir seit lange bekannt ist, und den Du schätzest und liebst, wie ich alle Ursache habe, zu glauben.« Hier machte der Doctor eine kleine Pause und räusperte sich, während alle Augen starr auf ihn gerichtet waren und es so still war, dass man das Knistern der Mieder hören konnte, die von drei jungen Busen bewegt wurden. Dann sprach er weiter: »Seltsamer Weise nun hat es dieser Jemand nicht abgesehen auf die voll erblühte Rose, welche dieses Haus mit dem Dufte wirtschaftlichen Ruhmes erfüllt; auch die zweite begehrt er nicht, welche, halb erschlossen, anmuthig in die Welt schaut, – nein, die Knospe hat es ihm angethan, die soeben erst lieblich dein Lichte sich öffnet. – Da nun die Sache Ernst wird, will ich alle verblümten Redensarten bei Seite lassen und mit klaren, männlichen Worten Dir meinen Wunsch vortragen. Mein lieber und alter Freund Brüning, Genosse meiner Jugend, ich bitte Dich, nach reiflicher Ueberlegung, um die Hand Deiner Tochter Lene . . .« Hier machte der Doctor, gleichsam von Rührung bewältigt, eine kleine Pause, während rings Alle in einer Art von Erstarrung dasassen. Lene war blass, wie eine jener Rosen, die man auf Gräber pflanzt; der Candidat sah ebenfalls ungemein kalkig aus, und Brüning war wortlos vor Verblüffung. Nachdem der Doctor mit Befriedigung sich von der Wirkung seiner Rede überzeugt hatte, fuhr er mit gehobener Stimme fort: »Ich bitte Dich um die Hand Deiner Tochter Lene für den Candidaten Gustav Brömel, einzigen Sohn seiner Hochehrwürden, des Pastors Gottlieb Brömel, und seiner Ehefrau Karoline, geborenen Peters.« Es steht fest, dass im ganzen Verlaufe des historischen Zeitalters, und noch darüber hinaus, nur wenige Reden in Hinsicht der »Wirkung auf die Zuhörer mit dieser verglichen werden können. Lene und der Candidat, welche soeben noch zwei blutlosen Geschöpfen geglichen hatten, erglühten plötzlich, wie zwei Purpuräpfel, da nun alle Augen fragend auf sie gerichtet waren, besonders diejenigen der überraschten Schwestern, während Brüning, an seinem und seines Freundes Verstande zweifelnd, rathlos von Einem zum Anderen blickte. Der Doctor, nachdem er sich genügend an diesem Anblicke geweidet hatte, fuhr fort: »Dies also, lieber Brüning, erbitte ich mir als Gastgeschenk! Die jungen Leute haben mich in ihr Vertrauen gezogen, zwar ohne es zu wissen und zu wollen, aber das hat mich nicht gehindert, ihre Sache zu der meinen zu machen. Darum, theuerster Otto, sei kein Tyrann, vermehre nicht die unbeliebte Schar der widerspenstigen Väter, die uns aus vielen Geschichten und Theaterstücken genugsam bekannt sind und, trotz übermenschlicher Borstigkeit, doch in den allermeisten Fällen im Schlussakt oder im letzten Kapitel unter allgemeiner Rührung klein beigeben müssen! Sei kein Unmensch, sondern ein milder Vater und sage es gleich, das richtige Wort, mit vibrirender Stimme und eine Thräne im linken Auge zerdrückend, das Wort, welches zwei junge Herzen mit jauchzendem Jubel erfüllt, das erlösende Wort, welches lautet: ›Na meinetwegen!‹« Weildess hatten sich die jungen Leute von ihrem Schrecken erholt, besonders Lene, die des Vaters Liebling war und dies wusste. Sie zog ihren Gustav an der Hand hinter sich her und stand nun mit bittend erhobenen Händen vor dem Vater, so schön und demüthig, dass ihr nur ein Unmensch etwas hätte abschlagen können. Endlich polterte Brüning heraus: »So'n Gör! Ich weiss es gewiss, sie hat noch in diesem Jahre mit Puppen gespielt! Und so'n junger Mensch, der noch nicht mal sein Examen hinter sich hat!« Hier fiel der Candidat ein: »Herr Brüning, glauben Sie mir . . . .« »Ach was, glauben!« sagte Brüning. »Was ich glaube, ist dies, dass mein alter Freund Dannenberg einer der grössten Jesuiten auf Gottes Erdboden ist, und dass ich ihm nicht mehr um die Ecke herum traue! Und was nun diese Verloberei betrifft, so bin ich dagegen . . . Nur ruhig Kinder, nur ganz ruhig . . . . Immer ausreden lassen . . . . Aber zugleich bin ich klug genug, um einzusehen, dass mir das gar nichts helfen wird, aber auch gar nichts, – und darum, mein liebes, kleines Gör, mein Nestküken, und Du mein lieber Gustav . . . . Na, meinetwegen!« schoss er plötzlich hervor, wendete sich ab und fing richtig an, ein wenig mit der Hand an den Augen zu wischen. Als nun auch die beiden Schwestern herzutraten und sich um den guten Familienvater ein Knäuel bildete, in welchem heftig geküsst, gelacht und geschluchzt wurde, da bemächtigte Dannenberg sich des Kellerschlüssels und eines Lichtes und wischte heimlich davon in den Keller, da ihm dieses Ortes Gelegenheit sehr wohl bekannt war; und als er nach einer Weile, in jeder Hand eine Champagnerflasche, wieder in die Thüre trat, da war nichts, als eitel Freude und Wohlgefallen, was er vorfand. Kaum erblickte ihn Lene, als sie auf ihn zuflog, beide schönen Arme um seinen Nacken schlang und ihm den blühenden Mund zum Kusse darbot, und so pflückte Dannenberg von diesen schwellenden Lippen als einzigen Lohn die Blume der Entsagung. Dieser Abend nahm nun ein sehr lustiges Ende, sodass Dannenberg später als gewöhnlich auf sein Zimmer kam. Als er nun wieder den Rosenzweig betrachtete, war es mit seiner Pracht ganz vorbei, denn auch die zweite Rose hatte ihre Blätter fallen lassen, und die dritte war vor dem völligen Aufblühen verwelkt, und hatte das Haupt gesenkt. Dannenberg sass noch eine Weile sinnend und liess die Ereignisse des Tages an seinem Geiste vorüberziehen. »Es war doch am besten so,« sagte er dann plötzlich mitten aus seinen Gedanken heraus, ging eilfertig zu Bette und schlief den Schlaf des Gerechten. VII. Heimkehr. Dannenberg hielt sich nicht mehr lange in Rolandshagen auf; er hatte Heimweh bekommen nach seiner stillen Stadtwohnung und nach seinen gewohnten Beschäftigungen. Als er zu allgemeinem Bedauern abreiste, überreichte ihm Martha ein Papier und sagte: »Hier ist etwas für Ihre Randow; es ist das Recept zu den ›Krammetsvögeln à la Oberstlieutenant‹; grüssen Sie sie von mir.« Marie, die sich vor den Schwestern durch allerlei Kunstfertigkeiten »auszeichnete, hatte ihm sehr zierlich auf weisser Seide, mit goldenen und farbigen Fäden, ein Lesezeichen für die »Gedichte von Konrad Dannenberg« gestickt; Lene aber, deren Herzchen noch immer von überquellender Dankbarkeit erfüllt war, lauerte ihm heimlich hinter der Thür auf und gab ihm einen Kuss mit auf den Weg, dessen holde Erinnerung die ganze Reise hindurch nicht von seinen Lippen wich. Als er, in Berlin angekommen, seine alte Randow und seine von Sauberkeit glänzenden Räume begrüsste, auch der Obhut seiner Wirthschafterin eine Kiste mit Gravensteinern übergeben hatte, welche trotz der Verpackung die ganze Wohnung durchdufteten, sagte er zu der Alten: »Gold und Schätze bringe ich Ihnen nicht mit, liebe Randow, aber etwas Besseres, nämlich ein Recept. Hören Sie: ›Krammetsvögel à la Oberstlieutenant. Man brate die zurechtgemachten und mit Speckhemdchen versehenen Krammetsvögel etwa eine Viertelstunde lang scharf in Butter, löse sodann Brust und Kopf ab und zerstosse die Knochen, von welchen alles Fleisch sorgsam entfernt ist, in einem Mörser und koche von diesem Pulver eine Bouillon. Dann verarbeite man die Eingeweide und das abgelöste Fleisch, natürlich mit Ausnahme der Brüstchen, mit Pfeffer, Salz und Trüffeln zu einer feinen Farce, mische die Bouillon dazu, streiche dies auf Semmelscheiben, lege auf diese die Brüstchen und den Kopf, brate das Ganze nochmals in Butter über und bringe es möglichst warm zu Tische.‹ Verstanden, Frau Randow?« »Jawoll, Herr Doctor! Und da liegt was drin, Herr Doctor!« »Es zeugt von Ihrem hohen Verstande und von Ihrer ungewöhnlichen Begabung für die Kochkunst, Frau Randow, dass Sie dieses sofort empfinden. Also morgen Mittag um die gewöhnliche Zeit!« »Jawoll, Herr Doctor!« Aber diese materiellen Dinge waren nicht das Einzige, welches der Doctor von Rolandshagen zurückbrachte. Es findet sich in der zweiten Auflage der »Gedichte von Konrad Dannenberg,« welche ein Jahr nach den hier geschilderten Ereignissen erschien, ein kleines lyrisches Lied, dessen Ursprung wohl unzweifelhaft auf die Tage von Rolandshagen zurückzuführen ist. Es lautet also: Sommerfäden. Still im Herbsteslicht der Sonnen, Stand der Blumen bunte Zier, – Sommerfäden, leicht gesponnen, Woben sich von Dir zu mir. Und wir Beide schritten sinnig, Sprachen wenig, – dachten viel, – Nur die Augen, still und innig, Gaben Deutung diesem Spiel. Jene Tage sind verstoben, Jene Blumen sind versäet . . . . Sommerfäden, leicht gewoben, Ach, wohin seit ihr verweht! In dem schön gebundenen Exemplare der zweiten Auflage der »Gedichte von Konrad Dannenberg« ruhen bei diesem Liede ein zierlich in Gold und Seide gesticktes Lesezeichen, ein von wenig geübter weiblicher Hand geschriebenes Recept zur Bereitung von »Krammetsvögeln à la Oberstlieutenant« und ein von Künstlerhand ausgeführtes kleines Aquarell, drei Rosen an einem Zweige darstellend, friedlich beisammen. Eva I. Wenn die Linden blühn. Es war ein schöner stiller Abend am Ende des Juni. In den zahlreichen Fabriken, welche vor dem Thore lagen, wurden die Feuer der Dampfkessel gelöscht, und hier und da stieg aus den thurmhohen Schornsteinen eine schmale schwarze Rauchsäule in den reinen Himmel. Allmählich legte sich das unablässige Tagesgeräusch dieser Gegend, das helle schmetternde Tönen der mit dem Meissel bearbeiteten Schienen und Träger, das Gewehrsalven ähnliche Knattern der Nietkolonnen und das taktmässige dumpfe Schüttern der Dampfhämmer. Dann schlug eine grelltönende Uhr irgendwo sieben und bald darauf kam von allen Seiten, aus Nähe und Ferne das Bimmeln von Glocken, welche die Feierabendstunde kündeten. Das Brummen der Ventilatoren, welches den Grundton aller Geräusche dieser lärmreichen Gegend bildete, stieg in die Tiefe und verlosch, während auf allen Dächern nach und nach die weissen stossenden Wolken versanken, welche den Standort der Dampfmaschinen bezeichnen, und zugleich Strassen und Wege sich mit Strömen schwärzlicher Arbeiter erfüllten, die sich allmählich in fernen Gassen und Gässchen verloren. Auch die auf dem höchsten Punkte der Gegend gelegene chemische Fabrik der Gebrüder Scherenberg lag bereits still und verlassen da in einem Dunstkreis seltsamer Gerüche, als der technische Leiter derselben, Herr Doctor Bernhard Brunow, vor das Thor trat und von seinem erhöhten Standpunkte aus einen prüfenden Blick über die Gegend gleiten liess. Seine einsame Junggesellenwohnung am Lindenplatz hatte heute wenig Verlockendes für ihn, denn es war ein heisser Tag gewesen und die Stadt lag in einem grau-blauen Dunst von Fabrikrauch und Strassenstaub. Auch war jetzt die Zeit, da am Lindenplatz sämmtliche Klaviere bei geöffneten Fenstern losgelassen wurden und die Qualen ihres verstimmten Innern in die Welt hinauswinselten. Der Abend war so schön und still, er wollte ihn im Freien, in reiner Luft und fern von dem Gedudel zur Musik abgerichteter Haustöchter verbringen; und da er für diesen Zweck einen guten Ort wusste, so kehrte er alsbald der Stadt den Rücken, schritt eine Weile auf der von Kohlenstaub schwarz gefärbten Chaussee fort und bog sodann in einen von Gärten und grünen Hecken begrenzten Feldweg ein. Als er dort dem Bereich der Kohlen- und Oelgerüche und der chemischen Dünste glücklich entronnen war, der Duft des Grünen und der wilden Heckenrosen und der süsse Hauch des frischgemähten Heues aus einem Wiesengrunde ihn lieblich umspielte, mässigte er seine Schritte und schlenderte langsam weiter, zuweilen wohlgefällig nach einem Vogel spähend, der in den Zweigen sang und eine anmuthige treffliche Musik vollführte, die jeglichem gefiel und niemandem zur Last war. Bald sah der behagliche Spaziergänger hohe Baumwipfel vor sich ragen, welche das Ziel seiner Wanderung bezeichneten. Unter den schattigen Ulmen und Platanen sassen einige wenige Gäste, als Brunow in den Garten eintrat. Er schritt grüssend vorüber, nachdem er zuvor ein wenig zu essen, einige gezuckerte Erdbeeren und eine Flasche Rheinwein bestellt hatte. Der Garten senkte sich allmählich in Terrassen zu einem breiten Wiesenthal hinab, durch welches in sanften Bögen der Fluss dahinging. Eine Fliederlaube, die gerade auf diese Aussicht sich öffnete, fand der Doctor zu seiner Freude unbesetzt, mit Behagen streckte er sich auf die Holzbank und liess seine Blicke in der Ferne weiden. Hier war er aus der Welt und doch mitten in ihr. Auf dem Flusse zogen hier und da mit schimmernden Segeln schwere Lastkähne langsam einher, hinten auf den Wiesen waren die Leute mit dem Heuen beschäftigt, sie nahmen sich von hier wie winzige Püppchen aus, die mit Maulwurfshaufen zu thun hatten, und zuweilen hörte man von dort in der Abendstille ein Jauchzen oder ein fröhliches Gelächter. Jenseits des Thales stiegen wieder Hügel auf, aus deren dunklen Kieferbeständen helle sandige Flächen hervorleuchteten, während dahinter, in immer matteres Blau getaucht, noch andere Höhenzüge sich in die Ferne verloren. Auch die Stadt zeigte sich von diesem Orte aus im besten Lichte, denn zur Seite streckten sich ein Stück der alten Mauer, ein runder Ziegelthurm, mit Epheu bewachsen, und einige spitzige Giebel hervor, über welche ein friedlicher Dämmer der Vergangenheit gebreitet lag. Herr Doctor Bernhard Brunow verzehrte in Ruhe sein Abendbrot, füllte zum zweitenmale sein Glas mit dem guten Rheinwein, hielt es gegen das Licht und trank, nachdem er sich eine Weile an dem goldklaren Schimmer erfreut hatte. Sodann lehnte er sich in seine Bank zurück, legte den rechten Fuss auf das linke Knie und genoss in aller Stille den schönen Sommerabend. Die Gedanken spielten in seinem Kopfe wie Mücken in der klaren Abendluft oder wie die Blätter eines Baumes, die ein leises Aufsteigen der Luft bewegt; er dachte an allerlei und gar nichts. Nachdem er eine Weile so gesessen hatte und mit den Augen bald dem Fluge eines Vogels, bald dem Flattern eines Schmetterlings oder dem langsamen Dahingleiten der weissen Segel durch die grüne Wiese gefolgt war, kam allmählich ein stärkerer Wind auf, der das Wasser des trägen Flusses kräuselte und den Geruch des Wiesenheues und eine süsse Wolke von Lindenblüthenduft zu ihm herübertrug. Nun erst ward er des unsäglichen Bienengesummes inne, das ihm bisher fast als ein Theil der friedlichen Stille erschienen war. Es kam her von einigen Lindenbäumen, welche am Rande des Gartens ihre mächtigen Kuppeln ganz in den weisslich-gelben Schimmer unendlicher Blüthen gehüllt hatten. Und aus diesem Summen und mit diesem Dufte kam die Erinnerung, ein wehmüthiger Ernst breitete sich über die Züge des Mannes und seine Augen starrten sinnend in die Ferne. Eine neue Wolke von Lindenblüthenduft nahm seine Gedanken auf und trug sie mit sanftem Flügel über Berge, Wälder und Wiesen in das Land seiner Jugend, in eine andere Zeit, da auch die Linden blühten. II. Die alte Stadt. Die alte Ostsee-Handelsstadt hatte einst bessere Tage gesehen. Die Zeit ihres höchsten Glanzes war in jenen Tagen gewesen, als der Hansabund blühte. Da hatte sie Krieg geführt mit Dänemark und den Landesfürsten, und gewaltigen Reichthum hatten die zahlreichen Schiffe und der blühende Handel den Bewohnern gebracht. Zeugen davon waren ein alterthümliches Rathhaus, einige schöne alte Gebäude mit reich verzierten gothischen Giebeln und eine Anzahl stattlicher Kirchen, welche stolz aus dem Gewimmel spitziger Ziegeldächer hervorragten wie mächtige Fregatten aus einer Schar von Fischerkähnen. Aber dieser alte Glanz und Reichthum war längst erloschen und verschwunden; und was sich mit einer gewissen schläfrigen Behaglichkeit jetzt von Handel und Wandel dort noch regte, war von keiner grossen Bedeutung mehr. In dieser Stadt verbrachte Bernhard Brunow die Zeit seiner Kindheit. Sein Vater, ein Kaufmann, hatte sich aus Rücksichten beständiger Kränklichkeit frühzeitig mit einem mässigen Vermögen zurückgezogen und wohnte mit seiner Frau und dem einzigen, spät geborenen Sohne in einem kleinen Häuschen einer der winkligen Nebenstrassen, in welchem schon mehrere Generationen seines Geschlechts gelebt hatten und gestorben waren. Es war ein echtes, altes, eingewohntes Nest mit Urväter-Hausrath und viel zu viel Möbeln, alten Kupferstichen an den Wänden und hunderten von Erinnerungsdingen. Auf dem etwas finstern Flur standen zwei ungebührlich grosse Ungethüme von Leinenschränken mit reichem dunkelbraunen Schnitzwerk. Sie enthielten eine grosse Menge von zum Theil sehr kostbarer Wäsche, deren grösster Theil aber niemals gebraucht, sondern nur zuweilen bewundert wurde und dann einen sanften Lavendelduft ausströmte. Es gab in diesem Hause eine Kleiderkammer, in welcher noch, ausser vielen anderen Reliquien, die ehrwürdigen Staatskleider der Urgrosseltern hingen. Dergleichen kostbares, unverwüstliches Tuch und so schwere, wunderlich geblümte Seidenstoffe gab es überhaupt gar nicht mehr in der Welt. Was nun in diesen überfüllten Zimmern nicht mehr Platz fand oder schon gar zu alt oder gerümpelig erschien, das war hinaufgewandert auf den geräumigen Hausboden und führte dort in dem Lichte, das durch winzige Dachluken mit verwittertem, in allen Farben spielendem Glase in schmalen Streifen eindrang, ein staubiges und vergessenes Dasein. Ja, das Haus war ein rechtes Familienmuseum. In diesen altväterlichen Frieden waren mit dem jungen Bernhard recht moderne Dinge eingekehrt. Er besuchte die Realschule der Stadt, um dereinst, wie es seit Menschengedenken in der Familie gebräuchlich war, ebenfalls sich dem Handelsstande zu widmen. Jedoch in den oberen Klassen übten die naturwissenschaftlichen Fächer und darunter insbesondere Physik und Chemie solche Anziehungskraft auf ihn aus, dass er alle seine freie Zeit diesen Studien widmete. Da er ein angeborenes mechanisches Geschick besass, so richtete er bald in einem nach dem Hofe heraus gelegenen Zimmer des Oberstockes eine kleine Werkstatt und ein Laboratorium ein und brachte dort wunderliche und künstliche Dinge zustande, nicht gerade zum grossen Vergnügen der Mutter, welcher diese mit allerlei hässlichem Abfall und vielerlei ihr bis dahin ganz unbekannten Arten von Schmutz verknüpften Beschäftigungen eigentlich ein Greuel waren. Aber wenn er den Eltern seine gelungenen Werke vorführte, sahen diese sich still an in der Empfindung, dass eine unheimliche Art von Genie in diesem Knaben walte, dergleichen bis jetzt in der Familie nicht gebräuchlich gewesen war. Schliesslich fiel aber doch dem Vater ein entfernter Blutsverwandter ein, welcher ein Tausendkünstler gewesen war und sogar ein lenkbares Luftschiff erfunden hatte. Zwar hatte es die grossen Erwartungen nicht erfüllt, welche der Erfinder und seine Freunde darauf setzten, indem es bei allen Proben ausschliesslich der herrschenden Windrichtung folgte und am Ende mit einem grossen Knall geplatzt war. Aber ersteres ist stets eine Eigenschaft aller lenkbaren Luftschiffe gewesen bis auf den heutigen Tag, und das zweite hatte ein Zufall herbeigeführt. Jedenfalls wusste man nun aber doch, dass auch eine Welle von Erfinderblut in den Adern der Brunows rollte, die unter günstigen Umständen zu einer Hochfluth anzuschwellen vermochte. Schliesslich entstand aus diesen Beschäftigungen in der Seele des jungen Mannes ein Wunsch, dessen Aeusserung den Frieden dieses altväterlichen Hauses noch mehr erschütterte, denn alles andere zuvor. Längst schon galt es als abgemacht, dass Bernhard bei dem alten Handelshause Seebohm und Becker, dessen Leiter dem alten Brunow seit Jahren befreundet war, die Handlung erlernen sollte, und nun kam es ihm plötzlich in den Sinn, gegen alle Familienüberlieferung Chemie studieren zu wollen. Da man bald einsah, dass dies wirklicher Ernst war, suchte man ihn wenigstens zum Apotheker zu überreden, da dies ehrenvolle und einträgliche Gewerbe doch einem Kaufmannsgeschäfte näher verwandt schien und eine altersgraue Vergangenheit besass, während das Studium der Chemie, sowie dasjenige des Maschinenbaues ein neuerfundenes und ungebräuchliches war, über welches man nur dunkle Vorstellungen besass. Aber Bernhard war nun einmal der Einzige und setzte es durch, und nach vielen Verhandlungen, Erkundigungen und Besprechungen reiste er, wohlversehen mit Geldmitteln und guten Rathschlägen, nach München ab, wo damals gerade der Ruhm Justus Liebigs als ein heller Stern glänzte. III. Andreas Boldewin. Ausser dem Lehrer für Naturwissenschaften und den Apothekern gab es nur noch einen Mann in der Stadt, von welchem die Sage ging, dass er sich mit Chemie beschäftigte, das war der sehr wohlhabende Rentier Herr Andreas Boldewin, der in einer benachbarten Strasse mit seiner einzigen Tochter und einer alten Wirthschafterin in dem Hause seiner Väter wohnte. Die Hinterseite des Brunowschen Hauses grenzte an das Boldewinsche Grundstück, welches sich durch eine Seltenheit in diesem ältesten Theile der Stadt auszeichnete; es enthielt nämlich einen ziemlich grossen Garten, den einzigen in der ganzen Gegend, welcher solchen Namen wirklich verdiente. Aber nur wenige konnten sich rühmen, einen Blick in diesen Garten sowie in das Innere des Boldewinschen Hauses gethan zu haben, denn der Alte war ein finstrer, eigensinniger und menschenscheuer Sonderling, der mit niemandem verkehrte und auch seine Tochter vollständig von jeglichem Umgange mit der Welt abschloss. Brachte man eine der alten Tanten, welche in ihren lockenumzitterten Häuptern die Chronik der Stadt bewahrten, auf das Kapitel Andreas Boldewin, da wackelten sie ganz besonders mit den Köpfen, und wenn man nur die Hälfte glaubte von dem, was man erfuhr, da war es schon vollkommen genug. Die Geschichte begann mit dem Vater dieses Herrn, dem Sanitätsrath Klaus Boldewin. Der hatte als Arzt, obwohl er in keinem besonderen Rufe stand, genügend zu thun gehabt, denn er nahm es nicht sehr genau und pflegte sich in Ausstellung von wichtigen Attesten und sonstigen geheimen Angelegenheiten sehr gefällig zu erweisen. Dergleichen Dinge muss er nun wohl zu arg getrieben haben, denn einmal ist es fast zu einem grossen Skandalprozess gekommen. Da aber manche Angehörige der ersten Familien an dieser Sache betheiligt waren, so hatte man die Geschichte niedergeschlagen und im geheimen erledigt. Dem Herrn Sanitätsrath ist aber infolge dessen die Ausübung der ärztlichen Praxis verboten worden, auch soll es ihm eine bedeutende Summe gekostet haben, der Gefängnisstrafe zu entgehen. Im geheimen hat er aber doch immer eine fortdauernde lichtscheue Kundschaft behalten, die in Dämmerung und Dunkelheit zu ihm schlich oder ihn im stillen zu sich rufen liess. Er hatte sich ein vom Garten aus zugängliches Zimmer zu einer förmlichen Apotheke eingerichtet, wo er unter dem Anschein chemischer Studien seine verdächtigen Tränke braute. Auch fing er allmählich ein kleines Wuchergeschäft an, das sich immer weiter ausdehnte und ein schönes Stück Geld abwarf. Seine erste Frau war ohne Kinder zu hinterlassen gestorben, und er hatte dann eine noch ziemlich junge Witwe als Wirthschafterin zu sich genommen und diese nach einigen Jahren geheirathet. Der einzige Sprössling dieser Ehe, Andreas Boldewin, war spät erschienen und hatte sogleich alles, was in beiden Eltern an Liebesfähigkeit vorhanden war, auf sich vereinigt, so dass sie ihn auf die unverständigste Art verzogen und sich in ihm einen grausamen Tyrannen heranzüchteten. So wuchs er auf als ein fettes, überfüttertes Kind, das in Spielzeug fast erstickte und dessen verrückteste Laune Befehl war. Als er fast erwachsen war, fand er Gefallen an des Vaters geheimer Apotheke und versuchte mit grossem Eifer dort allerlei sonderbare Dinge herzustellen. Er entdeckte unter alten Scharteken auf dem Hausboden eine Reihe von Rezeptenbüchern aus dem vorigen Jahrhundert, wie zum Beispiel: »Der zu vielen Wissenschaften dienstlich-anweisende Curiose Künstler«, und dergleichen Werke mehr. Nun sass er fast den ganzen Tag und machte verschiedenfarbige Tinten, allerlei Pomaden und wohlriechende Wässer, braute Schnäpse und sonstige Getränke, verfertigte Sonnenuhren und gab sich mit den sonderbarsten Experimenten ab. Hieran fand er so viel Gefallen, dass er in der Folge bis in sein Mannesalter stets mit solchen Sachen beschäftigt war und eine gewisse Geschicklichkeit in diesen Dingen erreichte. Wirkliche chemische Kenntnisse dagegen blieben ihm ganz fremd, da seine Lehrmeister ausschliesslich die vielfach mit Aberglauben und Wunderlichkeiten versetzten und oft sehr kuriosen Bücher vergangener Jahrhunderte waren, und wenn er auch von dem Vorhandensein der Chemie als Wissenschaft eine Ahnung hatte, so war er doch sehr geneigt, als ein weltfremder Autodidakt ohne jegliche Bildung und Erziehung diese Wissenschaft eher zu verachten als zu schätzen. Sein Vater war unterdessen gestorben und hatte den Platz im Laboratorium geräumt, wo nun Herr Andreas Boldewin allein munter weiter schmierte, kochte und destillierte und die ganze Nachbarschaft gegen ein Billiges mit seinen Präparaten versorgte. So war er über dreissig Jahre alt geworden und es erschien seiner Mutter hoch an der Zeit, ihn zu verheirathen. Eine entfernte Verwandte, ein armes aber schönes Mädchen, ward dazu ausersehen, und obwohl sie den unangenehmen und etwas schmierigen Vetter nicht mochte, ward ihr doch von allen Seiten so viel vorgeredet von dem grossen Glücke, welches diese reiche Heirath für sie bedeute, dass sie wie ein Lämmlein sich fügte. Bald nach der Hochzeit, welche in aller Stille vor sich ging, erkrankte die alte Frau Boldewin an der Wassersucht und nach Verlauf eines halben Jahres war sie todt. Sie hatte aber ihre Zeit noch wohl benutzt, ihre Schwiegertochter zu ihrer Nachfolgerin, dass heisst zu einer gehorsamen Sklavin ihres Sohnes zu erziehen, so dass sie beruhigt ihre Augen schliessen konnte. Die junge schöne Frau war nicht zu beneiden an der Seite dieses Mannes, der noch immer nichts weiter war als ein grosses verzogenes Kind. Die Welt da draussen schien ihr noch schöner und glänzender, weil sie nie aus dem Hause kam, denn alle Einkäufe besorgte eine alte tyrannische Köchin, die schon gerade so lange im Hause diente, als Herr Andreas Boldewin Jahre zählte, weil sie damals seine Amme gewesen war. Indess Herr Boldewin im Hinterhause seine Salben und Tränke und wunderlichen Dinge kochte, sass seine junge schöne Frau am Fenster und nähte, stickte oder strickte und langweilte sich. An den Sonntagen, wenn die geputzten Familien vorüberzogen nach dem Dampfer-Landungsplatz, um den allbeliebten Hafen- und Badeort an der Mündung des Stromes zu besuchen, da blickte sie ihnen lange nach und seufzte. Es geschah dann auch bald, dass junge Männer häufiger die Strasse passirten, welche dort eigentlich gar nichts zu thun hatten. Darunter befand sich einer, ein junger Rechtsgelehrter, bei dessen Anblick der Busen der jungen Frau bald tiefer zu athmen anfing, und als er eines Tages langsam vorbeiging und sie grüsste, erschrack sie sehr, aber verneigte sich tief erröthend wieder. Bei diesem Ereigniss hatte aber Herr Boldewin unbemerkt im Hintergrunde gestanden und durch die geöffneten Thüren einer ganzen Flucht von Zimmern dieses Bild wie in einem Rahmen betrachtet. Könnte man von Gefühlen sagen, dass sie eine Farbe hätten, so waren die seinigen bei diesem Anblick von einem gelblichen Giftgrün. Ihn überströmte eine Fluth von widerlichen Gedanken, die seiner selbstbewussten Eitelkeit bis jetzt ganz fremd gewesen waren, und Aussichten eröffneten sich plötzlich, von welchen er sich nichts hatte träumen lassen. Die arme kleine hübsche Frau musste diesen erröthenden Gruss schwer büssen. Noch an demselben Tage wurden sämmtliche Läden der auf die Strasse führenden Fenster fest verschlossen und niemals wieder geöffnet, und die junge Frau musste sich in dem geräumigen Hause in Zimmern, welche auf den Hof mündeten, einrichten, wo sie einer strengen Bewachung unterlag und keine anderen Augen auf sie blicken konnten, als die der Sperlinge und Nachbarskatzen. Die jungen Männer aber wurden der ewig geschlossenen Läden mit den finstern herzförmigen Einschnitten bald müde, sie verloren ganz die Theilnahme an dieser Strasse und wandten ihre Aufmerksamkeit freundlicheren Gegenden zu. Die schöne Frau führte nun das Leben einer Gefangenen, aber obwohl sie zwei so gestrenge Wächter besass, so geht doch die Sage, dass sie den jungen Rechtsgelehrten, welcher im Hause nebenan wohnte, bei dem verhängnissvollen Grusse nicht zum letztenmale gesehen hat. Nach einiger Zeit ereignete es sich, dass die junge Frau Boldewin ein kleines wunderhübsches Töchterlein bekam und bald nachher an den Folgen eines Kindbettfiebers verstarb. Das Kind aber gedieh und wuchs heran und wurde immer schöner. Sonst veränderte sich wenig in den Verhältnissen des Hauses, die Fensterläden nach der Strasse zu blieben nach wie vor geschlossen, und die Insassen dieser ungastlichen Wohnung lebten ruhig weiter wie auf einer einsamen Insel im Weltmeer. Es kam überhaupt ausser einer alten Lehrerin für das Kind niemand mehr ins Haus, denn seit einiger Zeit hatte Boldewin das Kochen von Salben und Tränken aufgegeben und sich ausschliesslich einer Beschäftigung gewidmet, die er schon vorher mit Feuereifer angegriffen hatte. Unter den alten Büchern seines Vaters befanden sich eine Menge, welche von der Alchemie und der Herstellung des Steines der Weisen handelten und mit einem mystisch erhabenen Unsinn strotzend gefüllt waren. Bei dem Mangel jeder wissenschaftlichen Bildung kann es nicht verwundern, dass seine Phantasie sich bald mit ausschweifenden Ideen erfüllte und ihm die Erlangung der Kunst, Gold zu machen, als ein glänzendes und erreichbares Ziel vor Augen schwebte. So sass er denn eifrig Monate und Jahre lang und studirte die chymischen Schriften des Sincerus Renatus, des Ripläus, des Sendivogius und vor allem auch Kunckels » Laboratorium chymicum « und laborirte wacker drauf los. Man kann sich vorstellen, welche Verwirrung in seinem Geiste schliesslich stattfand durch das ewige Grübeln über Schriften, welche deren Verfasser zum allergrössten Theile selber nicht verstanden haben. Unser Andreas Boldewin, der all diesen Unsinn auf guten Glauben hinnahm, ward nur immer mehr in seinem Vorhaben bestärkt und lebte der Hoffnung, dass ihm gelingen würde, den unvergleichlichen Stein zu entdecken und dadurch zu unermesslichen Reichthümern zu gelangen. Dass er sich solchem Wahne hingab, ist am Ende nicht gerade so verwunderlich, wenn man bedenkt, dass viele Hunderte von Personen Zeit und Vermögen hinopfern, um das Perpetuum mobile zu erfinden, eine Maschine, deren Herstellung überhaupt nicht im Bereiche der Möglichkeit liegt, weil ihr Princip gegen die einfachsten Naturgesetze verstösst. Er ward zuletzt so hingenommen von solchen Gedanken, dass diese fixe Idee ihn ganz beherrschte und er mit der Sicherheit eines Fanatikers an den endlichen Erfolg seiner Bemühungen glaubte. Da sein Herz ausserdem nur noch an seiner schönen Tochter hing, welche er abgöttisch liebte, so schwelgte er gern in dem Gedanken, dass diese dann bei so unermesslichem und unbegrenztem Reichthume die Wahl haben würde unter den vornehmsten Freiern der Welt, so dass mindestens ein Fürst sie heimführen müsse. Darum hielt er sie ebenso wie ehemals seine junge Frau, ganz abgeschieden von der Welt, so dass sie emporwuchs wie eine einsame Wunderblume. IV. Eva. Leonhard Brunow war als ein junger Doktor von der Universität zurückgekehrt und hielt sich bis zum Herbst, wo er eine Stelle in einer chemischen Fabrik antreten sollte, bei seinen Eltern auf. Er hatte sich im ersten Stock ein Laboratorium in seinem früheren Zimmer eingerichtet und verbrachte dort einen Theil der Tageszeit mit Arbeiten und Experimentiren; im übrigen freute er sich seiner Freiheit, die mit dem Eintritt in den neuen Beruf ein Ende nehmen sollte. Auch ihm ward mancherlei erzählt von dem wunderlichen Treiben in dem Hause des Andreas Boldewin und von der seltsamen Schönheit seiner Tochter, denn obwohl sie fast niemand zu sehen bekam, war doch ein Gerücht über dies märchenhafte Wesen in die Stadt gedrungen und alles ward natürlich ausserdem fleissig übertrieben. Da der junge Mann sein Leben im halben Müssiggang verbrachte, so hatte er Zeit, über dergleichen nachzudenken, und da schon während seiner Kindheit alles seine Theilnahme erregt hatte, was man über das merkwürdige Treiben des Herrn Andreas Boldewin und über sein schönes Töchterlein erzählte, so beschäftigte er sich viel mit solchen Gedanken und es erwuchs in ihm der brennende Wunsch, eine nähere Kenntniss dieser Verhältnisse zu gewinnen. Aber wie sollte dies geschehen, da das Boldewinsche Haus fast schwerer zugänglich war als ein türkisches Serail? Finster und verschlossen, als sei es Jahre lang nicht bewohnt, lag das Haus da, und in den geheimnissvollen Garten konnte man von keiner Seite aus einen Blick werfen. Der junge Doktor hatte die Kühnheit, sich bei Herrn Boldewin als ein Gleichstrebender zu einem Besuche anmelden zu lassen, allein er bewirkte nichts als eine schroffe Abweisung. Und doch war er nur durch eine Wand von jenem Garten getrennt, und zwar durch diejenige seines Laboratoriums. Neben diesem lag eine kleine Kammer, in welcher allerlei altes Gerümpel und dergleichen aufbewahrt wurde, und diese war ganz finster, weil sie merkwürdigerweise gar kein Fenster hatte. Als er dort einmal zwischen alten Büchern kramte, zu welchem Geschäfte ihm die offene Thür des Laboratoriums ein spärliches Licht gab, fiel ihm dies plötzlich auf, da es doch nicht gewöhnlich ist, selbst in solchen alten Häusern, dass Räume ganz ohne Licht gelassen werden. Er fing an, die Wände zu betrachten, konnte aber nichts entdecken. Zugleich setzte sich aus irgend einem Grunde die Thür, welche stets eine Neigung hatte ins Schloss zu fallen, in Bewegung und that sich zu, so dass er plötzlich im Dunkeln war. Als er das Buch, welches er eben in Händen hielt, fortstellen wollte, um die Thür wieder zu öffnen, fiel ihm durch die Lücke, in welcher das Buch gestanden hatte, eine feine glänzende Linie in die Augen, wie ein Sonnenriss, durch welchen das Tageslicht schimmert. Er rückte schnell das Büchergestell von der Wand ab und fand dahinter eine kleine Fensteröffnung, welche mit Rahmen und Scheiben noch vollständig versehen, jedoch von aussen ersichtlich mit Brettern vernagelt war. Das eine dieser Bretter liess durch einen feinen Riss das Licht schimmern. Das Fenster öffnete sich zum guten Glück nach innen, und als er dies bewerkstelligt hatte, fand er, dass er von dem Ziele seiner Neugier, dem geheimnissvollen Garten, nur durch eine dünne und schon ziemlich morsche Bretterwand getrennt war. Zugleich dämmerte ihm plötzlich auf, dass er in seiner Kindheit viel von einem Streit hatte sprechen hören, den sein Vater mit dem alten Klaus Boldewin um ein Fenster geführt hatte, welche Angelegenheit aber, noch bevor die Sache zum Prozess kam, gütlich geschlichtet worden war. Der junge Mann stand eine Weile und horchte, allein hinter dem Bretterverschlag war nichts vernehmlich als ein sanftes, sommerliches Summen und ein Rauschen und ein Plustern wie von Blätterwerk, und als er das Auge an den Sonnenriss legte, bemerkte er nichts als ein grünliches Geflimmer dahinter. Er ging in sein Laboratorium, holte einen Zentrumbohrer und begann, obwohl ihm das Herz klopfte und ihm seine Handlungsweise nicht ganz in Ordnung erschien, leise und vorsichtig ein sauberes, rundes Loch in die Bretterwand zu bohren. Das Holz war alt und nachgiebig, und von oben rieselte durch die Erschütterung reichliches Wurmmehl hernieder. Plötzlich, als er einen etwas stärkeren Druck anwendete, gab das ganze Bretterwerk, welches durch Querriegel zu einer zusammenhängenden Tafel verbunden war, nach, das morsche Holz löste sich von den Nägeln, deren Köpfe längst weggerostet waren, und die ganze Bescheerung rauschte mit ziemlichem Lärm zwischen der Wand und dem Rankenwerk von wildem Wein, welcher diese dicht bedeckte, in die Tiefe. Eine Fluth von grünlichem Lichte drang durch das besonnte Blätterwerk in die langjährige Finsterniss der Kammer ein und beleuchtete das erschrockene Gesicht des jungen Doktors. Zugleich erfüllte ein Strom von süssem Lindenblüthenduft den dumpfigen Raum mit frischem Wohlgeruch. Da alles still blieb, bis auf ein emsiges Summen fleissiger Bienen, fasste Bernhard neuen Muth, bog vorsichtig die Ranken des wilden Weines bei Seite und steckte den Kopf hindurch, um in den fremden Garten zu blicken. Dass er dort einen blühenden Lindenbaum sah, bereitete ihm weiter keine Verwunderung, aber was unter diesem zu schauen war, jagte ihm solchen Schreck ein, dass er beinahe schnell wieder zurückgefahren wäre. Unter dem Baume standen nämlich zwei Stühle und ein Gartentisch und auf dem Tische ein Teller mit Erdbeeren. Dies war es nun zwar auch nicht, was ihm das Blut zum Herzen trieb, aber auf dem einen dieser Stühle sass ein wunderschönes Mädchen von etwa siebzehn Jahren und sah mit grossen, schwarzbraunen Augen verwundert auf ihn hin, indes die eine ihrer schlanken Hände mit einer Erdbeere auf halbem Wege innehielt. Indem nun diese jungen und hübschen Leute auf einander hinstarrten, errötheten sie beide sehr. Dann blickte das Mädchen ein wenig seitwärts und lachte halb verlegen und halb verwundert, sah wieder auf den jungen Mann hin und erröthete noch stärker. Plötzlich, auf ein Geräusch vom Garten her, fuhr sie zusammen und erbleichte. Aengstlich und verstohlen winkte sie Bernhard zurück, und obwohl er kaum etwas hörte, sah er doch, dass ihre Lippen Worte formten, die er zu verstehen glaubte. Sie schienen ihm seltsamer Weise zu lauten: »Der Alte kommt!« Schnell fuhr er mit dem Kopfe zurück und liess die Ranken des wilden Weines sich wieder schliessen. Auf dem Kies des Gartensteiges ward nun ein schlürfender Schritt hörbar und ein kurzes, trocknes Husten liess sich vernehmen. Dann sprach jemand mit einer hässlich knarrenden Stimme: »Was war das eben für ein Geräusch, Eva?« »Geräusch? ach!« antwortete diese, »ja mir ist auch so, als hätte ich was gehört. Es war wohl die grosse Nachbarskatze; sie ist immer hinter den Sperlingen her.« »So so! Nun ich gehe jetzt zur Apotheke,« sagte Herr Boldewin, »in einer halben Stunde bin ich wieder da. Adieu mein Schatz.« Dann entfernten sich die Schritte wieder, hallten weiterhin über das Steinpflaster des Hofes, eine Thür ward in der Ferne zugeschlagen und dann war es wieder still bis auf ein emsiges Summen fleissiger Bienen in dem blühenden Lindenbaum. Nach einer Weile wagte Bernhard wieder hinauszublicken. Eva stand an dem Tische und machte sich mit den Erdbeeren zu schaffen, indem sie diese fortwährend von neuem auf dem Teller ordnete. Dann sah sie flüchtig von der Seite auf den jungen Mann und sagte so vor sich hin: »Nun ist er fort.« Bernhard wusste durchaus nicht, was er sagen sollte, das Herz schlug ihm mächtig bange, aber in seinem Kopfe war kein einziger Gedanke von klarer Form, sondern nur ein seltsames Strömen und Sieden unklarer aber holder Empfindungen. Natürlich verfiel er auf das Trivialste und sprach mit einem Blick auf die Erdbeeren: »Wachsen die in Ihrem Garten?« »Ach ja, viele,« erwiderte Eva, dann aber sah sie plötzlich auf ihn hin und fragte: »Haben Sie da schon öfter durchgeguckt?« »Nie!« sagte Bernhard und legte unwillkürlich die Hand aufs Herz, obwohl man das draussen gar nicht sehen konnte. Das Mädchen schwieg eine Weile und drehte eine Erdbeere am Stengel zwischen den Fingern, sah dann wieder von der Seite auf ihn hin und sprach wie als Antwort auf Bernhards Frage: »Sie sind sehr reif und süss.« »Ich glaub' es wohl!« antwortete Bernhard und nickte heftig mit dem Kopfe. Eva blickte suchend eine Weile um sich her und endlich blieben ihre Augen an einer leichten Leiter hangen, welche weiterhin an dem Stamme eines Frühkirschenbaumes lehnte. Bernhard war diesem Blicke gefolgt, und als sie dies bemerkte, erröthete sie wieder ein wenig, sagte aber ganz tapfer: »Meinen Sie, dass sie hinaufreichen wird?« »Gewiss!« rief Bernhard, indem ihm das Herz zitterte über die merkwürdige und liebliche Entwicklung der Dinge. »Ich sehe es von hier, sie reicht ziemlich hinauf.« Eva sah wieder eine Weile in den Garten hinein und zauderte. Dann zog sie ein wenig mit den weissen Schultern, lachte heimlich und verlegen vor sich hin und holte die Leiter, um sie an die grünberankte Mauerwand zu legen. Dann nahm sie den Teller mit Erdbeeren und stieg langsam die Sprossen hinauf. Als sie die genügende Höhe erreicht hatte, hielt sie den Teller, sich gerade aufrichtend, hoch empor, so dass Bernhard, wenn er den Arm lang ausstreckte, ihn eben erreichen konnte. Dieser aber fasste nun auch Muth und sagte: »So geht das nicht. Sie müssen ganz herauf kommen.« Langsam, mit niedergeschlagenen Augen stieg Eva höher wie in einem Bann, indem sie, als die Leiterholme aufhörten, mit der Linken in das grüne Geflecht des wilden Weines griff. Endlich waren die beiden jungen Gesichter auf einer Höhe und ganz nahe bei einander. Unwillkürlich bog sich Bernhard ein wenig zurück, als fürchte er sich vor dem leuchtenden Zauber mädchenhafter Weiblichkeit, der wie ein holdes Wunder vor ihm aufgestiegen war. Eva schlug die sammetbraunen Augen auf und eine Weile ruhten die beiden Blicke stumm in einander. Dann gingen die langen dunklen Wimpern wie Schmetterlingsflügel einigemale hastig auf und nieder, wie um den seltsamen fremden Augenstrahl abzuwehren, das Mädchen wandte das Haupt seitwärts und hielt Bernhard stumm den Teller hin. Dieser wollte ihn ergreifen, hielt aber zugleich die schlanken Finger, welche ihn umspannt hielten, in den seinen, und wie vor Berührung des Feuers zuckte er zurück, um den Teller an der anderen Seite zu fassen. Darüber kam dieser ins Schwanken, und da jeder glaubte, der andere hielt ihn, fiel er hinab. Eva wollte nach ihm greifen und verliess sich dabei zu sehr auf die Haltbarkeit der grünen Ranken, an welchen sie sich mit der Linken geklammert hatte. Diese gaben nach und sie wäre gestürzt, hätte nicht Bernhard schnell ihren Arm ergriffen und sie an sich gezogen, und so geschah es denn mit einemmale, dass er die schlanke Gestalt fest umschlungen hielt, während die eine der zarten, blühenden Wangen an der seinen lag. Der Schreck über das glücklich vermiedene Unglück mochte nun wohl sehr gross sein, denn eine Weile lang wagten beide nicht diese Stellung zu verändern, während die beiden Herzen mächtig pochten und die langen Augenwimpern des Mädchens beim Aufundniedergehen Bernhards Antlitz leise streiften. Dann glitten beide Wangen langsam und fast unmerklich aneinander hin, bis die Lippen sich begegneten, und dort geschah ein kleiner Aufenthalt, worauf beide ein wenig auseinander fuhren. Jedoch Eva schien nicht zu zürnen über das letzte kleine Ereigniss, sie sah nur etwas verwundert und nachdenklich aus über eine Sache, die ebenso neu als beängstigend angenehm war. Ein leiser, kaum merklicher Druck des Armes, der sie umschlossen hielt, genügte, die mehrfache Wiederholung dieses ersten Versuches herbeizuführen, bis endlich ein unbekanntes Feuer durch ihre Adern lief, so dass sie stärker sich abdrängte und das Gesicht abwendend unter tieferen Athemzügen mit sanft erglühten Wangen seitwärts blickte. »Ich muss nun fort!« sagte sie leise. »Noch nicht,« erwiderte Bernhard, »wir sind ja Nachbarskinder und haben uns noch nie gesehen.« Da kam es mit einemmal wie Uebermuth in die dunklen Augen. Sie blickte Bernhard fast verschmitzt an und sagte: »O doch! Ich habe Sie schon öfter gesehen.« »Wie ist das möglich?« sagte dieser. Eva lachte ein wenig und erwiderte: »Wenn ich mich sehr langweile, da schleiche ich mich manchmal in die dunklen Vorderstuben. Dann klettre ich auf einen Stuhl und gucke durch die Herzlöcher nach den Leuten, die vorübergehen. Da habe ich Sie schon zweimal gesehen. Und neulich, da Sie den Vater besuchen wollten, da habe ich durch das kleine Flurfenster gesehen, wie Sie dort standen und warteten und sich indes die alte Wanduhr besahen. Ach, der Alte hat noch eine ganze Woche gebrummt, aber jetzt sagt er doch manchmal, er möchte Sie doch wohl einmal sprechen. Das wäre wunderschön, wenn Sie zu uns ins Haus kommen dürften.« »Ach Du!« sagte Bernhard plötzlich und zog sie an sich. »Ja, Du, Du!« erwiderte Eva, schlang die Arme um seinen Hals und verbarg den Kopf an seiner Brust. Eine Hausthürglocke läutete in der Ferne und Eva fuhr erschreckt empor. »Er kommt schon zurück!« rief sie, stieg eilfertig die Leiter hinab und trug sie fort, so schnell sie konnte. Bernhard zog sich ebenfalls zurück und ordnete so gut es ging die arg verbogenen Ranken des wilden Weines. Dann hallten bedächtige Schritte näherkommend über das Steinpflaster des Hofes, und nach derselben Richtung hin eilten leichte Füsschen über den knirschenden Gartenkies. Abgerissene Laute eines kurzen Gespräches drangen in Bernhards Ohr, und dann ward es wieder still bis auf ein emsiges Summen fleissiger Bienen in dem blühenden Lindenbaum. V. Der Alchemist. Herr Andreas Boldewin sass unablässig in seinem Laboratorium, grübelte über seinen alten Büchern, die gefüllt waren mit dem Aberwitz finsterer Jahrhunderte, und suchte den Stein der Weisen. In seinen Tiegeln häufte er die sonderbarsten Dinge zusammen, und sein Schmelzofen, den er sich nach alten Vorschriften erbaut hatte, war oft Tag und Nacht im Gange. Zuweilen schien ihm eine Klarheit in den Unsinn zu kommen, welchen er aus den alten Schmökern schöpfte, und dann ward seine Thätigkeit eine fieberhafte, dass er Essen und Trinken und Schlaf darüber vergass. Aber alles zerrann ihm wieder in Rauch und Schlacke. Ach, er wusste nicht, dass die wahre Goldmacherkunst längst erfunden war, wenn auch in anderem Sinne, als die alten Laboranten meinten, und dass ein einziger vielseitig verwendbarer Stoff, wie zum Beispiel die Salicylsäure, dem Erfinder unendlichen Reichthum zu schaffen im stande war. Zuweilen jedoch stiegen Zweifel in ihm auf und erzeugten den Wunsch, mit irgend einem Eingeweihten über diese Dinge zu sprechen. Da er aber gewohnt war, in diesem Falle bei dem Apotheker, an den er sich zu wenden pflegte, nur Achselzucken oder ihm unverständliche Ausdrücke zu finden, so ging er schon seit der Zeit, als Bernhard ihn vergeblich hatte besuchen wollen, mit dem Gedanken um, sich an diesen zu wenden, denn auch in diese Abgeschlossenheit waren Gerüchte über die Gelehrsamkeit des jungen Chemikers gedrungen. Als er nun einmal bei Tisch diesen Gedanken wieder vorbrachte, verstand es Eva in listiger Weise, ihn in diesem Vorhaben zu bestärken, und nachdem er noch einige Tage geschwankt hatte, kam dieser Entschluss wirklich zur Reife. Bernhard Brunow war nicht verwundert, als die alte Köchin den Zettel mit einer Entschuldigung wegen der einstigen Abweisung und der Bitte um einen Besuch überbrachte, denn er war darauf schon durch das kleine Fenster in dem wilden Wein vorbereitet worden. Als er nun zum zweitenmale sich in das geheimnissvolle Haus begab, ward er von der Alten über den Hof in den Garten geführt und trat dann ein wenig pochenden Herzens bei dem Goldmacher ein. Dieser befand sich in seinem Arbeitszimmer, welches er als ein richtiger Laborant überhaupt selten verliess, da er sich in dem schmutzigen verräucherten Räume, in welchem ein stumpfer Geruch von Chemikalien und Kohlendunst herrschte, jeder Zeit am wohlsten fühlte. Ursprünglich war dies ein wohlgeschmücktes Gartenzimmer gewesen, und unter dem Russ, Staub und Schmutz, welcher die Wände und die Decke gleichmässig überzog, dass sie einem wohlangerauchten Meerschaumpfeifenkopf zu vergleichen waren, bemerkte man noch die geschweiften Muscheln und Rahmen üppiger Rokoko-Verzierungen und die Spuren reichlicher Vergoldung. In den früher offenen Kamin war nun ein Schmelzofen von sonderbarer Konstruktion hineingebaut, in welchem auch heute ein Feuer glühte, und auf dem Sims dieses Kamins, sowie auf verschiedenen schmutzigen, von Säuren zerfressenen und von den mannigfaltigsten Flüssigkeiten gefärbten Tischen und Geräthen stand und lag ein wahrer Wust von Gefässen, Tiegeln und anderen Gegenständen, darunter sich besonders eine Anzahl von Flaschen bemerklich machte, deren farbiger Inhalt in dem sonst so verräucherten Zimmer auf das leuchtendste in der Sonne schimmerte. Im Grunde sah es in dieser Werkstatt eigentlich nicht viel anders aus als in einem allerdings besonders verschmutzten und unordentlichen chemischen Laboratorium gewöhnlicher Art. Herr Boldewin, mit einem alten Schlafrock angethan, der vielfach fettig, von Säuren zerfressen und mit Brandflecken ausgestattet war, kam Bernhard etwas verlegen entgegen. Er war ein mittelgrosser Mann mit dünnem strähnigem Haar und einem fetten grauen Gesichte, welchem ein Paar runde Augen von fast gelber Farbe etwas Eulenhaftes verliehen. Er hatte die Gewohnheit, den Leuten, mit welchen er sprach, über die linke Schulter hinweg zu sehen und von Zeit zu Zeit das vielfach um den Hals geschlungene schwarzseidene Tuch, welches ihm als Binde diente, im Nacken mit dem Zeigefinger zu lockern. Nachdem er etwas wie eine verworrene Entschuldigung hervorgestottert und Bernhard ersucht hatte, auf einem alten Sopha Platz zu nehmen, während er sich in einen Lehnstuhl mit Ohrenklappen setzte, begann er unablässig die Hände umeinander zu drehen und zu reiben, bis er endlich hervorschoss: »Sie sind nun wohl ein grosses Licht in der chemischen Wissenschaft, Herr Doktor?« Als Bernhard bescheiden ablehnend erwiderte, dass er sich nach Kräften bemüht habe, in die Geheimnisse dieser ausgedehnten, täglich wachsenden und fortschreitenden Wissenschaft einzudringen, aber noch weit entfernt sei, wirklich etwas zu leisten wie seine grossen Lehrer und Meister, da fiel der Alte mit hämischem Kichern, das in der Gegend des Kehlkopfes seinen Wohnsitz hatte, ein: »Ja die Herren Professoren sollen ja ungeheuer klug sein und meinen, dass sie allein was können und dass die alten Alchemisten dumme Leute gewesen sind.« Bernhard versuchte nun Herrn Boldewin einen Begriff zu geben von den ungeheuren Fortschritten, welche die Chemie als Wissenschaft in den letzten hundert Jahren gemacht hat, wie die Chemiker früherer Jahrhunderte nur im Dunkeln tappten gleich jemandem, der in finsteren weitverzweigten Kellergewölben tastend etwas sucht, dessen Ort ihm nicht bekannt ist. Das war nun bei dem Herrn Boldewin wohl übel angebracht, denn sein erdiges Gesicht röthete sich und der Zeigefinger seiner rechten Hand lockerte heftig an der Halsbinde, während die Linke eifrig das blanke abgescheuerte Knie seiner alten schwarzen Hosen rieb. »Oh, oh, oh!« sagte er, »das geht zu weit, junger Herr Doktor. Und wenn Ihre Professoren Ihnen das gesagt haben, so sage ich Ihnen, dass die alten Gelehrten viel gewusst haben, davon man jetzt keine Ahnung mehr hat. Der Beweis ist doch der, dass man ihre Bücher nicht mehr versteht. Unter den alten Alchemisten waren welche, die zu den grössten Gelehrten ihrer Zeit gehörten, glauben Sie denn, dass solche Leute Bücher schrieben, welche sie selber nicht verstanden? Nein, sie wussten, was man nicht mehr weiss und was verloren gegangen ist. Und haben sie nichts geleistet? Brandt entdeckte so nebenher die Herstellung des Phosphors, Böttcher die des Porzellans, das ist wohl gar nichts, he? Haben Sie nichts von dem berühmten Kunckelglas gehört. Nun, Kunckel war auch ein Alchemist und kein schlechter!« Bernhard sah wohl ein, dass er mit dem verbohrten alten Herrn auf diese Art nicht weit kommen würde, und gedachte sich nicht weiter auf Streitigkeiten mit ihm einzulassen. Ihm war schon einige Zeit eine Inschrift aufgefallen, welche neben dem Kamin an die rauchgeschwärzte Wand gekritzelt war. Sie lautete: » Diamand, Weinstein, Federweiss, nuzzen Gold, vierfach Feuer bereitet, der Feind findet den Stein. « Er fragte, was das zu bedeuten habe. »Ach damit,« sagte Herr Boldewin, »habe ich viel Zeit verloren. Ein ganzes Jahr habe ich darüber gegrübelt und laboriert. Es giebt ein altes Buch, welches betitelt ist: »Wunderliche Fata einiger Seefahrer, absonderlich Alberti Julii u. s. w.«, für gewöhnlich nennt man es aber die »Insel Felsenburg.« Das Buch hat ein sehr kluger und erfahrener Mann geschrieben, der auch von der Alchemie nicht geringe Kenntnisse besass. Es enthält viel Lebensgeschichten, darunter auch diejenige des Monsieur Plager, der ein tüchtiger Laborant war. Darin findet sich nun eine Beschreibung, wie der berühmte Daniel Artista in Gegenwart des Herrn Plager vermöge einer Messerspitze voll rubinrothen Pulvers zwei Pfund Blei in das feinste Gold verwandelt und später bei seiner plötzlichen Abreise dem Lehrmeister des Herrn Plager 6 Gran des köstlichen Pulvers und die Nachricht hinterlässt, dass aus dem 3. Verse des 28. Kapitels im Buche Hiob durch ein reines Anagramm der richtige Prozess zu finden sei, den Stein der Weisen zu erlangen. Dieser Vers lautet: »Es wird ie des finstern etwa ein Ende, und iemand findet ia zuletzt den Schieffer tief verborgen.« Daraus haben nun die beiden Laboranten durch Buchstabenversetzung in achtmonatlicher Arbeit dasjenige herausgebracht, was dort an der Wand angeschrieben steht. Im Anfang, als ich erst begann zu arbeiten, habe ich darüber viel Zeit verloren, aber jetzt habe ich es schon lange aufgegeben. Ich arbeite jetzt fast nur mit Quecksilber oder Merkur, wie die alten Schriftsteller sagen, denn ich bin der Meinung des Sendivogius, der in der Beschlussrede seiner »Chymischen Schriften« sagt: »Der Merkur ist des Goldes Haus!«« In Bernhards Kopfe begann es sich wunderlich zu drehen, als er dieses sonderbare Zeug mit soviel Ueberzeugung und Eifer vortragen hörte, er glaubte sich einem Irrsinnigen gegenüber zu befinden, obwohl die gelben Augen des Herrn Boldewin gerade besonders pfiffig blickten. Dieser war nun einmal im Zuge und fing an, von seinen Experimenten zu erzählen, bei welcher Gelegenheit er so sonderbare veraltete Ausdrücke und alchemistisches Kauderwelsch brauchte, dass Bernhard ihm kaum zu folgen vermochte. Aber ein wahres Angstgefühl ergriff ihn, als ihm plötzlich die Gefahr klar ward, in welcher der Alte bei seinen mangelnden chemischen Kenntnissen täglich schwebte, zumal er so viel von dessen Darstellungen verstand, dass die Furcht gerechtfertigt war, Herr Boldewin möge sich durch sein stetes Arbeiten mit Quecksilber gründlich vergiften oder auch einmal gelegentlich durch Knallquecksilber in die Luft sprengen. Denn er glaubte zu verstehen, dass die Experimente, welche der fanatische Alchemist für die nächste Zeit vorhatte, in der Behandlung von Quecksilber mit Salpetersäure und Alkohol bestehen würden, wodurch unfehlbar sich das äusserst explosive Knallquecksilber bildet. Bernhard versuchte dem Goldmacher dies klar zu machen, allein dieser grinste nur überlegen, zwinkerte pfiffig mit den Augen und sagte: »Was denken Sie, junger Herr Doktor. Ich bin ein alter Laborant, habe hier in diesem Raum schon destillirt und digerirt und sublimirt, als Sie noch gar nicht geboren waren, und bin, wie Sie sehen, noch niemals in die Luft geflogen.« Dann kicherte er wieder so recht von Herzen, dass er ganz roth im Gesicht wurde. Bernhard wollte es aus guten Gründen mit dem Alten nicht verderben und schwieg auf diese Antwort. Sie unterhielten sich dann von einigen gleichgültigen Dingen, und zuletzt empfahl er sich in der Hoffnung, dass er, da ihm nun einmal der Eingang dieses Hauses geöffnet gewesen, noch öfter dort zugelassen werden würde. VI. Heimlichkeiten. Von Eva war in all dieser Zeit keine erfindliche Spur zu sehen oder zu hören gewesen. Zwar waren Bernhards Blicke immerfort durch die verwitterten Scheiben in den Garten geschweift, aber nichts hatte sich dort gezeigt, als ein sanftes Wiegen grüner besonnter Zweige, und nichts war vernehmlich gewesen, als der laute, schwatzende Gesang eines Gartenlaubvogels. Als er nun aber den weiten, dunklen Vorflur betrat, wo die riesigen Leinenschränke standen und die alte englische Wanduhr in der Einsamkeit tickte, da huschte plötzlich eine helle Gestalt hinter der Treppe hervor und umschlang ihn unter listigem Lachen. »Martha ist aus auf den Markt«, flüsterte Eva dann, »und der Alte kommt um diese Zeit niemals in diese Gegend. Komm, komm!« Damit zog sie ihn an der Hand einen Gang entlang, öffnete die Thür zu einem niedlichen, sonnigen Zimmer und schob ihn hinein. Dann lachte sie noch einmal fast lautlos und freute sich wie ein Kind über ihren Einfall. Als sie nun beide auf dem alten geblümten, schnörkelbeinigen Sofa sassen, rief Eva: »Angeboten hat er Dir natürlich nichts, daran denkt er nicht, aber ich!« Damit sprang sie auf, holte einen Teller mit gezuckerten Erdbeeren, eine Flasche süssen spanischen Weines und zwei Gläser herbei, alles in einer zierlichen Eilfertigkeit und doch ein wenig unbeholfen, so dass man sah, Gäste zu bewirthen, gehörte nicht zu den Uebungen dieses Hauses. Sie war offenbar sehr stolz auf diese Idee und sah Bernhard leuchtend an. »Es sind die letzten aus dem Garten«, sagte sie, »ganz überreife, dunkelrothe, für Dich sind sie aufgespart.« Sie schenkte ein und dann stiessen beide an, aber ganz leise, dass nur ein zarter Ton von den alten, mit eingeschliffenen Anfangsbuchstaben verzierten Spitzgläsern ausging, und dann tranken sie auf ihr heimliches Glück. »Soll ich nicht zu Deinem Vater gehen und ihm sagen, dass wir uns lieben?« sagte Bernhard plötzlich. Sie sah ihn erschrocken an. »Nein, das darfst Du nicht!« sprach sie dann schnell, »denn der Alte wirft Dich ganz gewiss hinaus! Du glaubst es gar nicht, wie fest das in ihm sitzt, dass ich einen Fürsten oder doch wenigstens einen Grafen heirathen soll, wenn er erst das Goldmachen erfunden hat.« Hier fügte sie ein kleines, etwas unehrerbietiges Gelächter ein und fuhr dann fort: »Wenn wir bei Tische sitzen, oder wenn er sonst mit mir zusammen ist, so spricht er fast nur davon und malt mir vor, was ich dann alles haben werde: die herrlichen Schlösser und Landgüter, die kostbarsten Pferde, die vergoldeten Kutschen und die gestickten Seidenkleider und unzählige Bedienten.« »Er wird und kann das nie erfinden,« sagte Bernhard, »und sollen wir darauf warten? Es muss doch etwas geschehen, oder wenigstens ein Versuch gemacht werden!« Eva hielt eine Erdbeere am Stengel, welche so roth war wie ihre schwellenden Lippen. Sie drehte dieselbe eine Weile im Zucker herum und verzehrte sie dann nachdenklich. Dann sagte sie plötzlich: »Das ist ja aber so einfach! Du musst mich entführen!« Bernhard sah sie ganz verblüfft an, denn sie machte diesen Vorschlag scheinbar im vollsten Ernst und ohne dass sie etwas Auffälliges darin zu finden schien. Sie aber fuhr eifrig fort: »Du musst nicht denken, dass ich nicht weiss, wie es in der Welt hergeht. Erstens erzählt Martha mir alle Geschichten, die in der Stadt passieren; die sind oft wunderlich genug. Und dann bringt sie mir Bücher mit aus der Leihbibliothek – viele hundert habe ich wohl schon durchgelesen. In den Büchern ist es doch immer so – wenn es gar nicht anders geht, dann kommt eine Entführung. Ich denke mir das wunderschön, so süss und so graulich um Mitternacht, wenn wir in einer mit vier schnellen Pferden bespannten Kutsche über die Haide jagen!« Dies alles sagte sie, als handele es sich um die natürlichsten Dinge von der Welt, und sah dazu aus wie ein Märchen. Es ging eine Frische und ein Duft süsser junger Weiblichkeit von ihr aus, wie sie so da sass mit dem knappen Kleidchen aus einem veralteten, wunderlich geblümten Stoff, aus dessen zarten Spitzenbesatz der schimmernde Nacken und die hold gerundeten Schultern sich emporwölbten, um auf dem schönsten Halse die Wunderblume des anmuthigen Köpfchens zu tragen. Als Bernhard sie nun eine Weile ganz nachdenklich anblickte und sich in die schwarzen Augen vertiefte, die zu denjenigen gehörten, in welchen immer etwas wie Wunder und Geheimniss schwimmt, da ging es wieder wie ein Lächeln über ihr Gesicht und sie sagte: »Ach Du, küsse mich doch lieber!« Sie sank hingebend in seinen Arm und bot ihm die vollen Lippen dar. Nun genossen sie die Stunde und gedachten einstweilen der Zukunft nicht mehr. Draussen vor dem halboffenen Fenster summten die Fliegen, die Schwalben schossen zwitschernd vorüber, und aus dem Garten tönte der unablässige Gesang des Laubvogels. Zuweilen brachte von den Lindenbäumen ein stärkerer Lufthauch eine Wolke süssen Duftes, welche das Zimmer mit Wohlgeruch füllte. – Eva trug um den Hals eine feine goldene Kette, deren Enden sich zwischen die Hügel des zarten, jugendlichen Busens verloren. Bernhard zog daran und brachte eine glatte goldene Kapsel zum Vorschein, ganz warm von ihrem lieblichen Versteck. Eva nahm ihm das Medaillon aus der Hand und öffnete es durch den Druck auf eine Feder. Es zeigte sich darin ein schönes, aber etwas schwermüthig blickendes Frauenbildniss. Ueber Evas Antlitz ging ein ernster Zug, sie küsste das Bildniss und sagte: »Meine süsse Mutter! Sie war nicht glücklich, sie liebte einen anderen!« »Aber woher weisst Du das,« fragte Bernhard peinlich berührt, »Du hast sie ja gar nicht gekannt.« »O, ich weiss alles,« sagte Eva, »ich habe die alte Martha im Gespräch mit ihrer Freundin belauscht, da habe ich alles erfahren. Sie glaubten, ich sei in meinem Zimmer, ich war aber in der Kammer nebenan, wo die alten Kleider hängen.« Plötzlich umschlang sie mit ihren weissen Armen ganz fest seinen Hals, legte den Mund dicht an sein Ohr und flüsterte leise, aber eindringlich: »Ich weiss noch mehr! Ich weiss auch, wer der Mann ist und habe ihn sehr lieb, weil meine Mutter ihn so gern hatte. Er wohnt im Hause nebenan und sieht so schön und stattlich aus, wie ich mir einen Fürsten denke. Früher, da ging er jeden Morgen zu einer bestimmten Stunde aufs Amt und da habe ich oft in der Vorderstube gestanden und ihm durch das Herzloch im Laden zugenickt; er konnte mich ja aber nicht sehen.« Dann löste sie wieder die liebliche Schlinge, in welcher Bernhard gefangen war, lehnte sich ein wenig seufzend zurück und sagte: »Ach, könnt' ich ihm nur einmal die Hand küssen!« Der wohlerzogene Bernhard war wieder ganz bestürzt über die Harmlosigkeit, mit welcher Eva alle diese Dinge vorbrachte, und sagte nichts weiter als: »Aber mein liebes Kind, das ist doch wohl nur Geschwätz von alten Weibern.« Sie sah ihn mit einem sonderbaren Blicke an: »Die Leute finden, ich sähe ihm ähnlich,« sagte sie. Es durchzuckte Bernhard wie ein Schlag. Fürwahr, das war nicht zu leugnen. Er sah plötzlich den auch ihm wohlbekannten Amtsrichter im Geiste vor sich. Da waren dieselben schwarzbraunen Augen, dieselbe feine gerade Nase, dieselben ein klein wenig zu vollen Lippen, welche zu dem sonstigen Eindruck des Antlitzes etwas Genussbegehrendes hinzufügten., da waren sogar einzelne kleine Bewegungen und eine eigenthümliche Art zu lächeln, welche beiden gemeinsam angehörte. Bernhard fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wolle er dort etwas fortscheuchen, das ihm peinlich und qualvoll war, aber Eva nickte befriedigt vor sich hin, als wollte sie sagen: »Ich weiss, was ich weiss, und was ich weiss, das weiss ich sicher!« Sie füllte die Gläser wieder mit dem süssen, feurigen Spanierwein, hob das ihre empor und sagte: »Wir wollen anstossen auf das, was uns theuer ist.« Die Gläser klangen sanft zusammen und dann bemerkte Bernhard fast mit Schrecken, dass Eva auf einen Zug das ziemlich grosse Spitzglas leerte, und sah zugleich, dass schon die Gluth des vorher genossenen aus ihren Augen leuchtete und ihre Wangen von seinem ungewohnten Feuer sanft geröthet waren. »Liebe Eva,« sagte Bernhard, indem er die Flasche beiseite schob, »der Wein ist süss, aber stark, du kennst seine Tücke nicht.« Sie lachte übermüthig: »Aber, ein rechter Schulmeister bist Du doch, ein rechter alter Schulmeister! Ich glaube, Du bist furchtbar brav!« In diesem Augenblick klang die Hausthürglocke und in demselben Moment schon huschte Eva hinaus, und Bernhard vernahm, wie sie die Thür von aussen verschloss und den Schlüssel abzog. Eine Weile darauf hörte er sie mit der alten Köchin sprechen und kurz dahinter diese mit schlürfenden Schritten über den Hof nach der Küche gehen. Eva kam wieder zurück, ergriff Bernhard an der Hand und zog ihn hinter sich her. »Nun ist der alte Spion wieder im Hause,« sagte sie, »nun sind wir keinen Augenblick mehr sicher.« Sie verabschiedete sich hastig auf dem Hausflur, doch als Bernhard die Thür öffnen wollte, hielt sie ihn zurück und rief ängstlich: »Nein, so geht das nicht!« holte schnell eine kleine leichte Trittleiter herbei, stieg empor und hielt die Hausthürglocke fest, dass sie nicht läuten konnte, und so wie ein Dieb schlich sich Bernhard davon. VII. C 2 Hg N 2 O 2 . Der junge Chemiker, lebhaft angeregt durch sein Gespräch mit dem sonderbaren Goldmacher, er konnte in der Folge seine Gedanken kaum abwenden von den wunderlichen Experimenten und Anschauungen, von welchen er dort gehört hatte. Er quälte sich vergeblich ab, Gründe und Beweise zu erfinden, den Alten von der Nutzlosigkeit und Thorheit seiner Arbeiten zu überzeugen, allein immer sah er wieder ein, dass dies ein vergebliches Bemühen sein werde, ebenso wie es unmöglich ist, jemanden wieder zur Vernunft zu bringen, der sich einmal auf die Quadratur des Zirkels, das Perpetuum mobile oder auf das lenkbare Luftschiff verbissen hat. Zugleich war Bernhard von einer steten Unruhe gequält, wenn er an die neueren Experimente des Alten dachte; er konnte den Gedanken an die Gefahren, mit welchen dieser in seiner Unwissenheit spielte, nicht los werden, der Gedanke an die furchtbaren explosiven Wirkungen des Knallquecksilbers verliess ihn gar nicht mehr, und dies gedieh bald so weit, dass ihn jedes laute Geräusch zusammenfahren liess und er zuweilen des Nachts aus dem Schlafe emporschreckte, in der Meinung, einen lauten Knall vernommen zu haben. Schliesslich in seiner Unruhe verfiel er darauf, eine geringe Menge des gefährlichen Stoffes, an dem er eine so plötzliche Theilnahme gewonnen hatte, selber herzustellen, und obwohl diese so klein war, dass von einer zufälligen Explosion keine wesentliche Gefahr zu befürchten war, so ging er doch sonderbarer Weise mit Zittern und Herzklopfen an diese Arbeit. Er bereitete sich eine Kältemischung, indem er salpetersaures Ammoniak mit Wasser mischte, setzte ein weites Glasgefäss hinein und löste darin drei Gramm Quecksilber in sechsunddreissig Gramm Salpetersäure auf. Sodann fügte er siebzehn Gramm Alkohol hinzu, schüttelte diese Mischung tüchtig um und dämpfte die alsbald entstehende heftige Reaktion durch einen weiteren Zusatz von siebzehn Gramm desselben Stoffes. Nachdem nun nach einer Weile das Knallquecksilber aus dieser Mischung in farblosen Kristallen sich abgeschieden hatte, nahm er mit einem Holzspan einen Theil desselben hervor, trocknete ihn auf Fliesspapier und ging nun unter einem, ihm als gewiegtem Chemiker selbst unerklärlichen Bangen daran, sich von den explodierenden Eigenschaften des soeben hergestellten Stoffes zu überzeugen. Ihm war, als beginge er eine verwerfliche That, die besser unterbliebe, und jedes Geräusch, das sich draussen in der schwülen Stille des heissen Sommertages hervorthat, erschreckte ihn. Er legte das Knallquecksilber auf einen langen Kienspan, klemmte diesen in eine Ritze der Tischschublade, entzündete das Holz am äussersten Ende und beobachtete dann den Verlauf der Sache aus gesicherter Entfernung. Ein leichter Rauch stieg von dem knisternden Spane auf und verbreitete einen harzigen Duft im Zimmer, und während das kleine Flämmchen aufflackerte und allmählich dem Orte näher brannte, wo der Explosionsstoff niedergelegt war, empfand Bernhard ein Herzklopfen und eine peinliche Spannung, dass er fast anfing, sich dessen zu schämen, da er doch sonst gar nicht zu den Leuten gehörte, welchen das angespannte Warten auf einen Schuss oder Knall unangenehme Empfindungen bereitet. In dem Augenblick nun, wo die Flamme des harzigen Holzes schon ganz in der Nähe jenes Stoffes flackerte und in weniger als einer Minute die Wirkung vorauszusehen war, geschah plötzlich ein so furchtbarer Knall, dass die Grundfesten des Hauses erschüttert wurden, die Fenster klirrten, die Thüren aufsprangen und Bernhard vor Schreck fast vom Stuhle fiel. Ein knisterndes Krachen und ein Rieseln des Kalkes von den Wänden folgte hinterher, dann ward es todtenstill. Von einer schrecklichen Ahnung erfüllt, stürzte Bernhard in das kleine Nebenzimmer. Dort lagen die Scheiben des kleinen Fensters zum Nebengarten eingedrückt und zersplittert am Boden. Er riss es auf und schaute durch den wilden Wein in den Garten des Goldmachers. Zur Seite, wo hinter dem Grün des Buschwerks das Laboratorium gelegen war, quoll eine schwere gelbgraue Wolke von Staub und Rauch hervor und verlor sich langsam in die stille Sommerluft. Nun hörte er die kreischende Stimme der alten Martha in der Ferne und eilte so schnell er konnte auf die Strasse. Hier waren die Leute zusammengelaufen oder schauten mit angstvollen Gesichtern aus den geöffneten Fenstern und thaten rathlose Fragen an einander. Ohne sich aufhalten zu lassen, eilte Bernhard an ihnen vorüber durch die schmale Quergasse und kam noch rechtzeitig vor dem Boldewinschen Hause an, bevor die arg erschrockenen Umwohner mit ihren Vermuthungen zu einem richtigen Schluss gekommen waren, denn die erste Meinung der Leute ging dahin, die Explosion sei in der Werkstatt eines benachbarten Feuerwerkers geschehen, und dorthin lief einstweilen die Menge zusammen. Als Bernhard in dem Garten anlangte, fand er die alte Martha dort, welche jammernd vor den Trümmern des zerstörten Laboratoriums stand, und Eva, welche starr und geisterbleich ihn mit grossen Augen verwirrt anblickte. Die Thür des ehemaligen Gartenzimmers hing zersplittert in ihren Angeln, die Fenster waren zerstört und grosse Stücke aus den geborstenen Mauern nach aussen geworfen. Die Decke war zum Theil eingestürzt, die grösste Menge der Dachziegel herabgeworfen, und die zersplitterten Sparren des Dachgebälkes ragten in die Luft empor. Seltsam war es, dass ein Schwalbennest unter dem Dachvorsprung ganz unversehrt geblieben war und die Alten, als sei nichts geschehen, zwitschernd ihre Jungen fütterten. Als Bernhard in den zerstörten Raum eindringen wollte, fühlte er plötzlich seine Hand festgehalten. »Geh nicht hinein!« flüsterte Eva. Er entwand ihr die Hand. »Lass mich,« sagte er, »vielleicht ist noch Hilfe möglich.« Sie schüttelte den Kopf. Als er zurückkehrte, las man den Schauder auf seinem Gesicht. Halb bedeckt von den Trümmern der eingestürzten Decke, hatte er den alten Goldmacher gefunden mit zerschmettertem Kopfe. Unterdessen waren Leute forschend in das Haus eingedrungen, und der Garten füllte sich mit Menschen, welche mit bangem Flüstern die Stätte des Unheils umstanden und die Beete zertraten. Die Nachricht verbreitete sich mit geheimnissvoller Schnelligkeit in der Stadt, und immer mehr Leute drangen in den sonst so ängstlich verschlossenen Garten. Dann kamen die Gerichtspersonen, um den Thatbestand aufzunehmen, unter der Leitung des benachbarten Amtsrichters. Als dieser einige Worte der Theilnahme an Eva richtete, sah er sie mit einem Ausdrucke erinnernder Verwunderung an, während sie mit einem seltsamen Blicke zu ihm aufsah. Er blickte nachher noch einmal scharf und heimlich nach ihr hin, fuhr hierauf mit der Hand über die Stirn, als wolle er etwas hinweglöschen, und wandte sich dann seinem traurigen Geschäfte zu. Als er später in einem der nach dem Garten gelegenen Zimmer am Tische sass und dem Schreiber das Protokoll diktirte, und aller Aufmerksamkeit gerade auf Bernhard gerichtet war, welcher seine Muthmassungen über die Entstehung des Unglückes auseinandersetzte, da fühlte der Amtsrichter plötzlich eine weiche, warme Berührung auf seiner Hand, welche er über die Stuhllehne hinabhängen liess. Als er sich verwundert umsah, erblickte er Eva, die leise zur Thür hinausglitt. Bernhard sprach unterdess weiter, aber nach einer kurzen Zeit unterbrach ihn der durch seine schnelle Auffassungsgabe berühmte Amtsrichter und bat ihn fast ein wenig verwirrt, er möge doch die Güte haben, die letzten Sätze noch einmal zu wiederholen. VIII. Wie es weiter kam. Der einzige Bruder von Evas Mutter war Landmann. Er hatte durch Fleiss und Geschick sich ausgezeichnet und schliesslich durch eine Heirath die zur Bewirthschaftung eines grossen Gutes so nothwendigen Geldmittel in die Hand bekommen. Jetzt war der noch junge Mann bereits in dem glücklichen Besitz des sehr grossen Gutes Wiesenthal nicht weit von der Stadt und sah sich schon nach andern Erwerbungen um. Sofort nachdem die Nachricht von dem Unglück und dem schrecklichen Tode des alten Goldmachers zu ihm gedrungen war, hatte er anspannen lassen und seine schöne junge Nichte zu sich geholt. Diese hatte in einer heimlichen Stunde stürmischen Abschied von Bernhard genommen, und nun war es zu Ende mit den verstohlenen Zusammenkünften an dem verborgenen Fenster, und nur noch Briefe gingen zwischen ihnen hin und wieder. So verrann die Zeit und ein Monat ging ins Land. Zu Anfang des August kam ein Brief von Eva, welcher Bernhard, trotzdem er fortwährend gegen dies Gefühl anzukämpfen versuchte, in eine sonderbare Unruhe versetzte. Er lautete:   »Mein geliebter Bernhard! Gestern habe ich im Park eine Stelle entdeckt, die ist wunderschön, und ich möchte wohl dort mit Dir zusammen sein. Denke Dir, ganz am Ende, wo der Park in den Wald übergeht, da zweigt ein Weg ab, fast ganz verwachsen, dass man die Büsche von einander biegen muss, wenn man dort gehn will. Dieser führt zu einem kleinen Platz am Wiesenrand, wo ein kleines Wasser entspringt, in Stein gefasst, und darüber breitet eine alte mächtige Linde ihre Zweige aus, und ringsum erhebt sich dichtes Gebüsch, so dass man von der alten bemoosten Steinbank aus, welche dort sich befindet, nur durch eine Lücke die weite Wiese sehen kann und den fernen Wald, welcher sie umgiebt. Hinter der Bank ist eine Bildsäule, ein kleiner nackter Junge aus Stein mit Flügeln, der schiesst mit einem Bogen und zielt auf mich, wenn ich dort sitze. Dort ist es so heimlich und man ist ganz aus der Welt. Mir gefällt es hier in Wiesenthal noch immer sehr gut, nur dass Du nicht bei mir bist, das ist nicht schön. Onkel und Tante sind stets so freundlich gegen mich und auch die Kinder. Ich weiss nicht, ob ich Dir geschrieben habe, dass wir jetzt Besuch haben. Es ist der jüngste Bruder von meiner Tante und heisst Albert Brinkmann. Er studiert Medizin schon über fünf Jahre; Medizin soll das schwerste Studium sein, aber nun wird er bald sein Examen machen, das soll auch sehr schwer sein, sie werden so oft examiniert, ich glaube wohl sechsmal. Ich sage immer Onkel Albert zu ihm, und darüber müssen wir viel lachen. Denke Dir, vor acht Tagen war grosse Gesellschaft hier zu meiner Tante Geburtstag, und aus der Umgegend waren alle Bekannten geladen, solche, die Onkel und Tante gern haben aber auch solche, die sie nicht gern haben, denn das geht nicht anders. Am Abend wurde viel getanzt, nur ich tanzte nicht mit, weil ich es nicht gelernt habe, und dann habe ich ja auch Trauer. Sonst haben alle Damen getanzt, selbst die alte dicke Madame Beselin, welche dreihundert Pfund wiegt. Ihr Tänzer sagte aber nachher, lieber wolle er eine ganze Last Korn zu Boden tragen, als die noch einmal um den Saal bringen. Er schwitzte aber auch ordentlich und sie auch. Ich würde nicht mehr tanzen, wenn ich so dick wäre. Albert sagte nachher, es sei doch eine Schande, dass ich nicht tanzen könne, und nun habe ich alle Tage Stunde bei ihm. Er tanzt himmlisch, das sagen alle Damen, und ich lerne es furchtbar schnell, die gewöhnlichen Rundtänze kann ich alle schon recht gut; »wie Oel«, sagt Albert. Du sagtest einmal, Du hättest nicht tanzen gelernt; wenn wir einmal wieder zusammen sind, da sollst Du es bald lernen, da will ich Dir schon eins, zwei, drei beibringen. Onkel Albert spielt auch sehr schön Klavier, und denke Dir, wenn man ein Handtuch über die Tasten deckt, so ist ihm das vollständig egal, er spielt doch alles ganz richtig. Da habe ich nun wirklich »Onkel« geschrieben, es ist doch zu komisch. Nun aber muss ich schliessen, denn ich muss in den Park zum Schiessstand. Pistolenschiessen lerne ich nämlich auch bei »Onkel« Albert. Zuerst habe ich recht vorbeigeknallt, denn ich machte beim Abdrücken immer die Augen zu, jetzt treffe ich aber schon manchmal die Scheibe, und einmal habe ich sogar ins Zentrum geschossen, aber nur aus Versehen, denn es war in der ersten Zeit, als ich noch die Augen zumachte. Er aber schiesst ganz famos und war in Heidelberg der beste Pistolenschütze. Denke Dir, er hat schon siebenzehn Mensuren gehabt, aber nicht mit Pistolen, sondern mit Schlägern. In Heidelberg nannten sie ihn das Notenblatt, weil er auf der linken Backe fünf Horizontale übereinander hatte; die sind aber sehr gut geheilt und nicht mehr viel zu sehen. Doch nun muss ich wirklich schliessen. Es grüsst und küsst Dich tausendmal Deine Dich innig liebende             Eva.«    Es ist nicht zu verwundern, dass Bernhard diesen Brief mit ein wenig gemischten Empfindungen las und dass er ihm ein Gefühl des Unbehagens und der Unruhe hinterliess. Er war der erste junge Mann, welcher mit dem schönen Kinde in Berührung gekommen war – hatte nicht vielleicht ein blosser sinnlicher Instinkt das junge und feurige Mädchen so schnell in seine Arme geführt? Ihr hatte nie eine Mutter zur Seite gestanden, und Klatschgeschichten, die nicht für ein reines Ohr bestimmt waren, nebst unpassenden Romanen waren die geistige Nahrung ihrer frühen Mädchenjahre gewesen. Nun ward sie plötzlich aus ihrer Einsamkeit mitten in die unbekannte Welt versetzt, die mit tausend neuen Reizen auf sie einstürmte, und alle Verlockung, die für Mädchen, welche von Kind auf unter Menschen leben, durch Erziehung oder Gewöhnung sich abstumpft, drang doppelt ein auf ein unerfahrenes Herz, das keine Vorsicht kannte. Diese Unruhe wuchs und ward zur Qual, als ein weiterer Brief von Eva zur gewohnten Zeit nicht eintraf. Nun litt es ihn nicht länger in der Stadt, die widerlichsten Gedanken bestürmten ihn und liessen ihm keine Ruhe – er musste sich Gewissheit verschaffen. Das Gut und dessen Umgebung war ihm bekannt, denn mit dem Sohne eines benachbarten Besitzers befreundet, hatte er einmal die Sommerferienzeit in der Gegend verbracht, jedoch den jetzigen Inhaber kannte er nicht. Es war aber eine gute Krugwirthschaft in dem Dorfe, wo er einzukehren gedachte, um dann weiter seinen Zweck zu verfolgen. An einem heissen Augusttage brach er auf und gelangte nach dreistündigem Marsche in eine grosse Waldung, die zum Theil jenem Gute zugehörig war. Es war ein friedlicher und stiller Sonnentag, in welchen die wilde Unruhe seines Herzens wenig hineinpasste. An den Grabenufern zur Seite des Weges blühten unzählige Blumen und schauten alle wie mit stillen kleinen Gesichtern nach ihm hin. An lichteren Stellen summte ein mannigfaches Geschlecht von Fliegen, und Libellen aller Art tanzten an den sandigen Abhängen dahin oder standen schwirrend in der Luft, während auf den kleinen Waldwiesen Kaisermäntel und Perlmutterfalter sich lautlos im Sonnenschein wiegten. Und alle die so leicht beweglichen Wipfel standen wie versteinert da, als lauschten sie mit allen Blättern auf die grosse sommerliche Stille. Dieser feierliche Frieden ward ihm fast zur Pein. Endlich trat er aus dem Walde und sah eine mächtige Wiese vor sich liegen, an deren Rande der Weg entlang führte. Gegenüber erhoben sich die stattlichen Baumwipfel des Parkes von Wiesenthal. Als er nun zwischen Wiese und Wald hinschreitend dorthin gelangt war, fand er zur Seite eine kleine unverschlossene Heckenpforte, welche in den Park hineinführte, und nun beschloss er, anstatt auf dem breiten Fahrwege fortzuschreiten, der zum Dorfe führte, seinen Weg durch den Park zu nehmen, zumal er nicht fürchten durfte, in dieser heissen Nachmittagsstunde, wo man auf dem Lande die Kühle des Hauses aufzusuchen pflegt, dort jemandem zu begegnen. Auch verlockte es ihn stark, jenen verborgenen Ort an der Quelle aufzufinden, welchen Eva in ihrem Briefe erwähnt hatte. Nichts störte an diesem Sommernachmittage die feierliche Stille der Natur. Bernhard schritt auf einem Wege dahin, der sich am Rande der Wiese entlang zog und zur Seite von einem jener fast lautlos dahinfliessenden Bäche des Tieflandes begrenzt war. Um die Stämme der alten Weiden flogen schon jene schönen Schmetterlinge, die den Herbst verkündigen: der bunte Admiral und der sammetbraune Trauermantel, dessen Flügel wie mit Gold eingefasst sind. So schritt Bernhard eine Weile fort, bis aus dem Park eine mit Haselbüschen, wilden Rosen, Weissdorn und anderen Gesträuchen bewachsene Halbinsel in die Wiese vorsprang. Zwischen dem mannigfaltigen Gebüsch hatte sich wilder Hopfen mächtig emporgerankt und dadurch waren an manchen Stellen fast undurchdringliche Dickichte gebildet. Vor diesem Orte bog der Weg ab und führte tiefer in den Park hinein. Als Bernhard dieser neuen Richtung eine kurze Strecke gefolgt war, stutzte er plötzlich, denn er sah einen schmalen, etwas verwahrlosten Weg, welcher in das Dickicht der Halbinsel hineinführte. Offenbar war seit lange für diesen Steig nichts gethan worden, denn er war mit Gras und Kraut hoch bewachsen und die umliegenden Büsche hatten ihn stellenweise mit ihren Wurzelschossen erfüllt. Es durchzuckte Bernhard wie ein Schlag, als er bemerkte, dass der Weg offenbar vor kurzem begangen war, denn die hohen Gräser waren wie von menschlichen Fusstritten niedergebogen und richtete sich zum Theil mit leisem Knistern wieder empor. Eine plötzliche Hoffnung erfüllte ihn; vielleicht war dies der Weg, der zu Evas Lieblingssitze ging, und er traf sie dort allein. So leise wie möglich verfolgte er den schmalen und etwas gewundenen Pfad, der auf die gegenüberliegende Wiesenbucht zuzuführen schien, und bald erkannte er, dass dort ein mächtiger Lindenbaum seine rundliche Kuppel wölbte. Als er so pochenden Herzens weiter schritt, erschien dort plötzlich unter dem Dämmer der Lindenzweige durch eine Lücke im hopfenberanktem Gebüsch wie in einem Rahmen das Steinbild eines geflügelten Amors, der mit Pfeil und Bogen in die Welt hineinzielte. Nun schlug ihm das Herz fast bis zum Zerspringen. Als er eine Weile still stand, um sich zu beruhigen, hörte er ein sanftes, tönendes Rieseln wie von fliessendem Wasser und nun, was war das? Das war kein klingendes Quellengeplätscher mehr, obgleich es ihm ähnlich erschien, das war ein leises, kurzes Mädchenlachen, und so lachte auf der Welt nur eine. Aber wenn sie lachte, war sie nicht allein. – Bernhard stand an einer Biegung des Weges und die Aussicht ward ihm verdeckt durch ein dichtes, hopfenberanktes Gebüsch von Nussbaum und wilden Rosen, durch dessen Lücke er nur den grauen steinernen Amor sehen konnte. Leise trat er einige Schritte vor, nun ward das Gebüsch, das ihm die Aussicht versperrte, lichter und bot eine andere kleine Lücke dar, und durch diese sah der unglückliche Bernhard noch mehr, als er gefürchtet hatte. Dort sah er Eva zärtlich hingeschmiegt an einen jungen, hübschen Mann in heller Kleidung, der ihren schlanken Leib umschlungen hielt, während sie, mit beiden Armen seinen Hals umfassend; zurückgebogenen Hauptes in seinen Küssen aufging. Noch konnte es ein Irrthum sein, obwohl die ihm so wohlbekannte schlanke, zärtliche Gestalt sich in ihrem schwarzen Kleide deutlich von dem hellen Anzuge des jungen Mannes abhob, doch plötzlich fuhren alle drei Theilnehmer dieser Begebenheit in jähem Schreck zusammen, denn eine Schwarzamsel, welche in der Gegend ihren Geschäften nachging, hatte Bernhard bemerkt und erhob nun jenes zeternde Warnungsgeschrei, das dem pürschenden Jäger so verhasst ist, weil es dem klugen Wilde seine Anwesenheit verräth. Die jungen Leute unter dem Lindenbaum schreckten auseinander und wandten ihre Gesichter jenem Orte zu, woher der plötzliche Lärm kam, und nun sah Bernhard – es war kein Zweifel mehr, sein Geschick war entschieden. Das junge Paar beruhigte sich bald, Eva lachte darüber, dass sie sich so hatten erschrecken lassen, jenes entzückende kleine kurze, silberne Lachen, und dann wandten sich beide ihrer verliebten Beschäftigung wieder zu. Bernhard hatte, als er sich zur Seite bog, um nicht gesehen zu werden, in den dornigen Zweig einer wilden Rose gegriffen. Die spitzigen Haken drangen in sein Fleisch ein, allein er liess die Ranke nicht los, sondern packte nur noch fester zu, der Schmerz that ihm wohl. So stand er eine Weile, während es ihm dunkel vor den Augen ward, und rang nach Fassung. Dann löste sich langsam seine Hand von dem dornigen Zweige und lautlos, wie er gekommen, ging er davon, hinter sich lassend den schönsten Traum seiner Jugend. IX. In der Dämmerung. Es dunkelte schon, als der Doctor Bernhard Brunow in jener Fliederlaube des Gartens vor der Stadt aus seinen Träumereien dadurch erweckt wurde, dass ein Mädchen der Wirthsleute kam, den Tisch abzuräumen, weil unterdess der Himmel sich bezogen hatte und schon einige Regentropfen fielen. Er stand auf mit einem kleinen Seufzer, zugleich war aber um seinen Mund das stille Lächeln dessen, der überwunden hat. Er machte sich auf den Heimweg. Unter den Ulmen und Platanen war es schon dunkel, leer und still, nur der Regen trommelte auf den Blättern. Der Doctor wanderte nun in der Dämmerung langsam seinen Weg, während die Tropfen leise auf ihn hernieder rieselten. Noch stärker und würziger kam in der Kühle des Abends der Heuduft aus dem Wiesengrunde, die Blätter der wilden Rosen am Wegesrande hauchten ihren apfelartigen Geruch aus, und in dem dunklen Gebüsch schlug zuweilen abgebrochen wie aus einem Traume heraus eine Nachtigall. Dann kamen zur Seite die Gärten der Landhäuser und füllten rings die Luft mit einem Hauch von blühenden Rosen und Jasmin, und dann war wieder die schwarze Chaussee da und der stumpfe und dem Doctor doch so heimische chemische Dunst. Er wanderte vorüber an den zahlreichen Fabrikgebäuden, die am Tage so lärmreich und geräuschvoll waren, doch nun so still und todt dalagen und mit mannigfachen dunklen Giebeln und Schornsteinen in die dunstige Regenluft emporragten. Dann tönte das Brausen des Wehres am Mühlenthore vor ihm; er stand eine Weile und blickte nachdenklich in das stürzende Wasser und den fliessenden Schaum, ging dann nach der andern Seite, wo das Wasser glatt war und jeder Regentropfen einen kleinen Kreis um sich machte, in dessen Mitte das Wasser zierlich aufhüpfte, und diesem Spiele sah er lange zu. In den sonst so frischen und thätigen Doctor war wohl heute ein ganz besonders träumerischer Geist gefahren. Dann schlenderte er langsam durch das alterthümliche Mühlenthor und die wegen des Regens fast leeren Strassen seiner Wohnung zu. Als er in sein Zimmer trat, dessen Fenster geöffnet waren, fand er es ganz erfüllt von frischem Lindenblüthenduft und der Kühle des Regens. Er zündete kein Licht an, sondern nahm eine Cigarre und setzte sich in einen Lehnstuhl ans geöffnete Fenster. Dort sass er noch lange, während draussen die Linden blühten und der feine Regen unablässig auf sie niederrieselte. Hans Beinharts Abenteuer. I. Die Heimkehr. Fünf Jahre hindurch war ich nicht in meiner Vaterstadt gewesen, da mein Beruf mich auf Reisen und Arbeiten in fremde Länder geführt hatte. Endlich für längere Zeit in die Heimath zurückgekehrt, hatte ich mich, sobald es anging, freigemacht, um zum erstenmale seit Jahren in ungestörter Ruhe einige Wochen bei meiner Mutter zu verleben. Wie behaglich berührte es mich, als das erste Plattdeutsch wieder an mein Ohr tönte, und wie gern lauschte ich den behäbigen Gesprächen meiner Mitreisenden, deren Mundart jenen breiten Beigeschmack hatte, an welchem meine Landsleute in der Fremde sofort erkannt werden. Schon jetzt wehte mich etwas an wie Ruhe und Frieden, die Leute hatten alle so wundervoll viel Zeit, und die Bahnbeamten betrieben ihr Geschäft nicht in unwürdiger Hast, sondern hübsch gemächlich und ohne jede Uebereilung. Es ist jetzt in dieser Hinsicht sehr viel anders geworden, aber damals war noch die schöne Zeit, da man in der Station Kleinen auf die Frage, wann der Zug weitergehe, von dem Schaffner die Antwort erhalten konnte: »Ja, ich weiss's auch nich, zehn Minuten kann's woll noch dauern.« Es dauerte dann aber gewiss noch zwanzig, welche angenehme Pause man mit der Vertilgung vortrefflicher Krabben-Butterbröte würdig ausfüllen konnte. Der Zug ruckelte so gemächlich durch die fruchtbare Landschaft, dass man den Stand der Feldfrüchte in aller Ruhe betrachten und vergleichen konnte und die Goldammern, behaglich nebenher fliegend, immer noch Zeit hatten, auf jeder Telegraphenstange ihr Liedchen zu singen. Jedoch in das Reich der böswilligen Erfindung möchte ich die Geschichte von jenem Landbriefträger verweisen, der mit einem gewissen Zuge jedesmal eine Strecke, die auf seiner Route lag, mitzufahren pflegte. Als er sich nun aber einmal ausnahmsweise zu Fusse auf den Weg machte und nach dem Grunde befragt wurde, da sagte er wichtig einen Brief emporhebend: »Hut heww ik keinTied to fuhren – dei Breif hett Ihl!« Im übrigen kam man zuletzt doch auch an, gerade so wie heute, und so traf ich denn glücklich in meiner Vaterstadt ein. Ich übergab meinen Gepäckschein einem Dienstmanne und machte mich zu Fuss auf den Weg. Viele Menschen und Städte hatte ich gesehen, und eine Fülle des Neuen war an mir vorübergerauscht, doch nun war mir mit einemmale so zu Muthe, als sei ich in den Drehpunkt der Zeit gekommen, wo sie stille steht, denn hier war alles so, als ob ich es gestern erst verlassen hätte. Auf dem Bahnhofe lungerte wie gewöhnlich Adi Lemmermann, Müssiggänger von Profession, der mal in grauen Zeiten irgend einen Examen nicht hatte hinter sich bringen können und nun schon seit lange von den Zinsen eines kleinen Vermögens lebend als Mörder und Dieb bekannt war, allerdings nur von jener harmlosen Sorte, welche die Zeit todtschlagen und dem lieben Gott den Tag abstehlen. Mit demselben nichtssagenden Blicke wie vor Jahren betrachtete er die Aussteigenden und sah so überflüssig aus wie immer. Auf der Promenade begegnete mir, die Hände auf den Rücken gelegt und den Kopf etwas in den Nacken gerichtet, der uralte emeritirte Prorector Rein auf seinem gewohnten Spaziergange um den grossen Teich. So uralt sah er schon aus vor fünfzehn Jahren, als ich vor ihm auf der Schulbank sass und er mich von Zeit zu Zeit, wenn ich wieder einmal meine unüberwindliche Abneigung gegen die alten Sprachen allzudeutlich kundgegeben hatte, mit milder Stimme fragte: »Beinhart, wann gehen Sie ab?« worauf die ganze Klasse im Chore zu antworten pflegte: »Noch lange nicht, Herr Prorector.« Dann schüttelte er sanft sein weisses Haupt und sagte: »Das ist schade!« Nicht weit hinter ihm kam auch richtig der ewig betrunkene Böttcher Maass angetorkelt, wie er schon seit unzähligen Jahren so oft torkelte, und hinter ihm war wie immer ein johlendes Gefolge hoffnungsvoller Knaben. Auch dies rief liebliche Jugenderinnerungen in mir wach, denn diesem Manne verdankte ich eine der unverdientesten, aber gewaltigsten Maulschellen, welche jemals gebacken worden sind. So aufgelegt zu allerlei dummen Streichen ich auch immer war, betheiligte ich mich doch niemals an den Hänseleien, mit welchen die Jugend Betrunkene oder geistig Gestörte, deren immer einige in solcher Stadt frei herumlaufen, so gern verfolgt, und Böttcher Maass, Pauline Panköke, oder der grosse Dichter Kägebein waren sicher vor mir. Als nun einmal wieder die unnützen Jungen um den torkelnden Böttcher Maass beschäftigt waren und ihn mit kleinen Steinen und anderen Gegenständen warfen, verwies ich ihnen dies und forderte sie auf, das unglückliche Geschöpf ruhig laufen zu lassen, womit ich allerdings nicht den geringsten Erfolg erzielte. Böttcher Maass aber, in Zorn versetzt durch einen Stein, welcher ihn ans Schienbein getroffen und ihn in seinen heiligsten Gefühlen verletzt hatte, machte plötzlich einen Ausfall, bei welchem die anderen auseinander sprühten, während ich in dem Gefühle meiner Rechtschaffenheit und Tugend und erfüllt von unbegreiflicher Vertrauensseligkeit und monumentaler Dummheit ruhig stehen blieb. Böttcher Maass, sich an das einzig Bleibende in der Flucht der Erscheinungen haltend, stürzte auf mich los, holte stolpernd aus und versetzte mir eine Maulschelle, welche mein Vertrauen auf Recht und Gesetzmässigkeit bedenklich erschütterte und mich zu Zweifeln an der göttlichen Vorsehung verleitete. Aber ich habe ihm dies längst verziehen und ihn sogar später zum Helden meines ersten Epos gemacht, »die Maassiade« genannt. Ja, alles war in dieser Stadt noch wie früher, nur die kleinen Mädchen, welche vor fünf Jahren noch Reifen und Ball spielten, waren stattliche Damen mit Sonnenschirmen und modernen Hüten geworden ; die Reifen trugen sie in den Kleidern und auf den Ball gingen sie. Dieses Geschlecht wächst einem in gewissen Jahren am schnellsten aus der Kundschaft. Die Primaner und Sekundaner in ihren bunten Mützen gingen, wie ich später zu sehen Gelegenheit hatte, denn jetzt waren sie noch in der Schule, ehrbar wie immer und im Bewusstsein der Würde ihres Standes und der Höhe ihrer gesellschaftlichen Stellung einher; einige drehten bereits heftig an einem kleinen Schatten unter der Nase und beneideten gewiss Frau Rebekka Bonnheim, welche wie immer vor ihrem Seifenladen stand und sich wieder einmal vierzehn Tage lang nicht rasirt hatte, ein Umstand, der im Verein damit, dass sie mit Seife ausschliesslich nur handelte, ihrem alten fetten Gesichte einen hohen Reiz verlieh. Ach, und die alten wohlvertrauten Läden sahen meistens noch geradeso aus wie vor langen Jahren. Vor dem kleinen Schaufenster des alten Freudenberg, mit welchem ich so manches Geschäft in Kandiszucker und Murmeln abgeschlossen hatte, standen noch dieselben gekreuzten Kalkpfeifen und staubigen Tabakspakete und dieselben blinden Gläser mit Backpflaumen, Grütze und Erbsen und dieselbe Flasche Kalmüser-Schnaps mit der schönen Inschrift: »Ein Kalmüser hilft schon sehr, Zwei Kalmüser noch viel mehr.« Wie oft hatte ich davorgestanden und darüber nachgedacht, wozu er denn nun wohl eigentlich helfen möchte! Im Ladenfenster des Zuckerbäckers Grübel stand noch immer die braunangemalte Göttin aus Gips, welche in meinen Jugendphantasieen eine so grosse Rolle spielte, denn ich war des festen Glaubens, sie sei durch und durch aus lauter Chocolade und infolgedessen von unermesslichem Werthe. In meinen Träumen von Glück und Reichthum fehlte nie die Scene, wie ich bei Herrn Grübel eintrat, mich in leichtem Tone nach dem Preise seiner Chocoladengöttin erkundigte, ohne weiteres die geforderte Summe bezahlte und mit einer vornehmen Handbewegung befahl, dieselbe in meine Wohnung schaffen zu lassen. Ich pflegte dann in nachlässiger Weise hinzuzufügen: »Legen Sie auch ein Schock Ihrer berühmten Apfeltorten bei.« Ja, wohin waren diese Kinderträume geschwunden! Soeben kam eine heisse Platte dieser beliebten Törtchen aus dem Ofen, eine Wolke von verlockendem Dufte durch die offene Thür sendend, allein, obwohl ich soviel Geld bei mir trug, um den Grübelschen Laden auszukaufen, ging ich kaltsinnig vorüber. Nie hätte ich als Kind geglaubt, dass solche Wandlung möglich wäre. Nun kam ich an den Dom, der, auf dem höchsten Punkte der Stadt gelegen, mit seinem braunrothen Ziegelgemäuer ernst und massig auf das Häusergekribbel zu seinen Füssen herabschaut. Die Dohlen kläfften in seinen Mauerlöchern und die Thurmschwalben schweiften schreiend um seine Giebel so wie es immer war. Als ich den kühlen Kreuzgang durchschritt, welcher zwei an den Dom angebaute frühere Klostergebäude, die jetzt das Gymnasium enthielten, verbindet, war es gerade vier Uhr, und ein wohlbekanntes Donnern und Rumoren erhob sich in dem Gebäude, denn die Nachmittagsschule war zu Ende. Dann kam in langen und hastigen Sprüngen jemand die breite Holztreppe hinabgepoltert: es war der erste der Schüler, dem es gelang, die Freiheit zu gewinnen. Das war ich immer gewesen in früherer Zeit, es war dies einer der wenigen Ehrgeize, die ich damals hegte, und ich sah mir voller Theilnahme nun meinen Nachfolger an. Es war ein kräftiger Tertianer, etwas braungebrannt und sommersprossig, und in seinen Augen lag ein Ausdruck, der mehr an Wald, See und Wiese als an Studirlampe, Bücher und Schreibpapier erinnerte. Ja, es war alles noch beim alten. Jetzt ging ich den alten Schulweg, den ich wer weiss wie oft zurückgelegt hatte, und es rührte mich fast, denn alles war so wohlbekannt. Je näher ich der Wohnung meiner Mutter kam, je eiliger wurden meine Schritte, bis ich endlich um die Ecke bog und das Haus in Sicht kam. Ja, nicht allein das Haus, denn aus dem Fenster lauschte der liebe, wohlbekannte alte und doch noch so jugendliche Kopf, und nun nickte er, dass die sauberen Spitzen der Haube zitterten. So war es auch schon oft gewesen, wenn ich in den Ferien oder zu kurzem Urlaube heimkehrte, denn wir beide liebten nicht die Empfangskomödie auf dem Bahnhofe, aber so lange Zeit hatte noch niemals dazwischen gelegen. Nun klingelte zeternd die Hausthürglocke, und mit denselben mächtigen drei Sätzen, welche mir noch von früherer Zeit her in den Gliedern lagen, war ich die Treppe hinauf und wieder daheim. II. Wieder daheim. Nichts ist der rührenden Sorgfalt und Ausdauer zu vergleichen, mit welcher eine Mutter ihren Sohn betrachtet, wenn er längere Zeit von ihr getrennt gewesen ist. Es scheint, als wolle sie das in Jahren Versäumte nun in kurzem desto gründlicher nachholen. Als wir nun bei dem duftenden Extrakaffee sassen, zu dem die Mutter, wie sie scherzend sagte, mir zu Ehren eine Bohne mehr genommen hatte, während ich es mir nicht nehmen liess zu behaupten, es müssten mindestens zwei gewesen sein, wurde sie nicht müde mich anzusehen und zu fragen und zu erzählen, während ich meine Augen im Zimmer umhergehen liess, wo alles so wohlvertraut und bekannt mich anlächelte und selbst die Bilder an den Wänden auf mich hinsahen, als freuten sie sich meiner Heimkehr. Ja, die prachtvollen Nelken auf den Fensterbrettern schienen mit rothen und gelben Gesichtern sich nach mir umzublicken und schienen die Köpfe zusammenzustecken und zu flüstern: »Da ist er ja, unser Sohn.« Dann kam die »sanfte Doris« herein, unser ältliches Dienstmädchen, das meine Mutter schon acht Jahre hatte. Sie lächelte sehr verschämt und reichte mir die Hand, knixte und ward roth und meinte, der junge Herr wäre so braun geworden, das käme wohl weil es in Spanien so heiss wäre. Die Dienstmädchen meiner Mutter wurden immer Doris genannt, weil sie sich an diesen Namen gewöhnt hatte, und da schon eine lange Prozession derselben durch unser Haus gewandelt war, gleich der Erscheinung im Macbeth, so wurden sie durch ein bezeichnendes Beiwort unterschieden, wenn man ihrer gedachte. Da war die »schreckliche Doris,« an deren kurze Anwesenheit sich greuelvolle Erinnerungen knüpften, und die am Arme eines Vertreters der irdischen Gerechtigkeit unser Haus verlassen hatte, um eine Zeitlang in einer Staatsspinnanstalt dem öffentlichen Wirken entzogen zu werden; da war die »donnernde Doris,« deren kräftiger Schritt das Haus erzittern machte, und deren Denkmal ein Monte Testaccio von zerbrochenem Geschirr bildete; da war die »gefühlvolle Doris,« welche weinen konnte, wann sie wollte, und eine Tyrannin war; die »schöne Doris,« welche sehr bald dem einträglicheren Ammenberufe sich zuwandte; die »geschwätzige,« die »lange,« die »dumme,« die »Soldaten-Doris,« und wie sie sonst noch hiessen. Alle aber an Ausdauer hatte unsere letzte, die »sanfte Doris« übertroffen, obwohl von ihr bis zu einem Ideale auch noch einige Siriusweiten Entfernung vorhanden waren. Insbesondere scheute sie jede anstrengende Arbeit und suchte sich einer solchen gern durch eine stets bereitwillig sich einstellende Krankheit zu entziehen. Sie pflegte dann meine Mutter etwa durch folgende, im sanftesten Tone gesprochene Erklärung zu überraschen: »Wie es nu mit die Wäsche werden soll, Frau Doctorin, das weiss ich nich – ich geh zu Bett.« Aber sonst war sie eine Seele. Plötzlich sagte meine Mutter: »Denke mal, beinahe hätte ich unser Haus verkauft, schon vor fünf Jahren, gerade als du fortgegangen warst nach England. Ich habe dir gar nichts davon geschrieben, weil ich weiss, wie du an dem Hause hängst, und ich fürchtete, du würdest mir dennoch zureden, weil das Gebot so ausserordentlich gut war. Zwölftausend Thaler konnte ich bekommen; denke nur, als dein Vater es erwarb, hat er nur fünftausendsechshundert gegeben.« »Wie ist das möglich?« fragte ich verwundert. »Nun, der Amerikaner nebenan, der damals hierherzog, wollte es mit Gewalt haben, hauptsächlich des Gartens wegen. Die Zaunnachbarschaft war ihm unangenehm, und da unser kleiner Garten an der anderen Seite von dem fensterlosen Hintergebäude des Nebenhauses begrenzt ist, so hätte er sein Reich ganz für sich gehabt. Er war bei mir und wurde sehr ungnädig, als ich nicht wollte. Er konnte es absolut nicht begreifen, dass ich das Geschäft ausschlug. Zuletzt gerieth er förmlich in Wuth und lief fort. Seitdem verachtet er mich. Ich bin Luft für ihn, und wenn er in seinem Garten herumpusselt, wie es den ganzen Tag der Fall ist, denn er hat ja weiter nichts zu thun, da sieht er mich nicht. Dieses kleine Stück der Welt, welches uns gehört, ist für ihn überhaupt nicht mehr vorhanden, es könnte ebensogut in Neu-Guinea liegen oder sonstwo.« Dies machte mich neugierig und ich fragte: »Was ist er denn eigentlich für ein Mann, der Amerikaner?« Meine Mutter antwortete: »Ein Ungethüm ist er und zwar ein höchst sonderbares. Er stammt aus unserer Stadt und ist der Sohn des alten, längst verstorbenen Registrators Rodekamp, den du nicht mehr gekannt hast. Er war der einzige und sollte studieren, darauf hatte sein Vater sich ganz versessen, obwohl der Junge lieber zur See gegangen oder Landmann geworden wäre. Mit grosser Noth hat er denn auch das Gymnasium absolviert und ist auf die Universität gegangen. Dort hat er nun immerfort studiert und ist nicht fertig geworden, acht Jahre lang, bis ihm sein Vater nichts mehr hat geben können, weil er um diese Zeit gestorben ist. Mit dem geringen Erlöse aus dessen Nachlasse ist der junge Rodekamp, dem natürlich an dem eigentlichen Studieren gar nichts lag, nach Amerika gegangen, und da hat man lange Zeit nichts wieder von ihm gehört. Er ist übrigens einer der berühmtesten Studenten von Deutschland gewesen, soll dreiundsiebzig Duelle gehabt haben und schamlos viel Bier haben trinken können. In Jena erzählt man noch von ihm als von einem Heros der alten Zeit. Wie er sich dann in Amerika sein grosses Vermögen erworben hat, das weiss man nicht recht, darüber sind allerlei verschiedene Legenden verbreitet; die einen sagen mit Fabrikation von Stiefelwichse, ein anderer, der in Amerika war, behauptet, er habe in allen Zeitungen, ja an den Häuserwänden und selbst an Felsen, die an der Eisenbahn liegen, John Rodekamps Hühneraugenwasser angezeigt gelesen, und ein dritter wieder will wissen, er habe Geld gemacht durch einen schwungvollen Handel mit Schweineschmalz. Das Wahre aber ist, dass er vor fünf Jahren mit einer hübschen kleinen zwölfjährigen Tochter und einem, wie es scheint, ansehnlichen Vermögen aus Amerika zurückkehrte und sich hier das Nachbarhaus mit dem grossen Garten kaufte. Dort lebt er ganz allein mit seiner Tochter, einer Köchin und einem alten Diener, denn mit keinem kann er sich vertragen, und schimpft auf alles Deutsche, das Gute mit eingeschlossen. Den ganzen Garten hat er mit Zwergobstbäumen und Beersträuchern, Wein, Pfirsichen, Aprikosen und Schattenmorellen an Spalieren angepflanzt und nur am Rande einige von den schönen alten Obstbäumen von früher stehen lassen. Es ist merkwürdig, wie unter seinen Händen alles gedeiht, obwohl er ein so widerborstiger alter Geselle ist; aber das muss ich sagen, es ist eine Pracht! Diese idyllische Neigung und dieses Geschick sind mir bei seinem Charakter ein Räthsel, und dann hat er noch eine andere Gewohnheit, welche mir sehr zuwider ist. Des Abends nämlich nach vollendeter Arbeit sitzt er in seinem Gartenzimmer und trinkt unmenschlich viel starken Grog, und dabei überkommt ihn zuweilen die Erinnerung an seine langjährige Studentenzeit und deren ruhmvolle Tage. Dann muss ihm die arme Eveline das Kommersbuch holen und ihn auf dem Klavier begleiten, wenn er mit fürchterlicher Stimme seine alten Studentenlieder abgröhlt. Jetzt, da es warm geworden ist, geschieht dies bei offenem Fenster, und ich kann dir sagen, lieber Hans, wenn er so recht in Begeisterung geräth, dann ist diese ganze Gegend eigentlich unbewohnbar!« »Das ist doch ein ganz netter und eigentümlicher Zug von ihm,« sagte ich. »O, pfui,« sagte meine Mutter, »denke doch an das arme Mädchen, welches dabei sitzen muss, wenn er singt: ›Bayrisch Bier und Leberwurst Und ein Kind mit runder Brust Und ein Glas Krambambuli, Donnerwetter Parapluie!‹ Und das ist noch nicht mal das schlimmste von allen. Aber ich glaube, das gute Mädchen hört gar nicht danach hin.« Als ich mich nun des Näheren nach Eveline erkundigte, da ward meine Mutter ganz begeistert: »Das ist ein hübsches sanftes und gutes Kind,« sagte sie, »sie muss das von der Mutter haben, die schon in Amerika gestorben ist, vom Vater hat sie nur die Nase, welche das einzig Hübsche an ihm ist und in seinem Gesichte wohnt wie ein Einsiedler in der Wüste. Wenn der Alte nicht zu Hause ist, was aber selten der Fall ist, da kommt sie gleich an das Geländer, wenn ich im Garten bin, und da plaudern wir miteinander. Ihre Mutter hat sie kaum noch gekannt, und als wir neulich mal beide recht herzlich miteinander waren, da beugt sie sich mit einemmal auf meine Hand und küsst sie. ›Kind,‹ sage ich, ›was machen Sie?‹ Da sieht sie mich mit einem Paar von Thränen verschleierten Augen an und sagt: ›Ach, ich möchte Sie zur Mutter haben!‹ Lieber Hans, da wurde mir ganz seltsam zu Muthe, und da küssten wir uns und haben ein bischen zusammen geweint.« Ich schwieg eine Weile, aber zuletzt prickelte mich ein neckischer Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, so sehr, dass ich ihn aussprechen musste: »Dem Mädchen könnte ja vielleicht geholfen werden!« sagte ich. Meine Mutter gab mir einen kleinen Klaps auf die Hand, dann aber nickte sie mir ernsthaft einigemal zu und sagte mit einem kleinen Seufzer: »Ja, das wäre schon gut, aber das alte Ungethüm!« Als ich am Abend hinaufging in das kleine Giebelzimmer, in welchem ich meine Knabenzeit verlebt hatte, strömten neue Erinnerungen mit Macht auf mich ein, denn hier war noch alles in derselben Ordnung wie vor fünf Jahren, als ich nach der Aufgabe meiner Stellung und vor dem Antritte der anderen, welche mich ins Ausland führte, einige Wochen in der Heimath verbrachte. Das Zimmer war ein richtiges Hans Beinhart-Museum. Den Obertheil der Thür zur Schlafkammer einrahmend, hing dort immer noch die bogenförmig ausgestopfte Riesenschlange, die mir ein Onkel Seekapitän vor Zeiten mitgebracht hatte, einstmals der grösste und vielbeneidete Schatz meiner Kindheit. Dort auf dem schiebladenreichen Schranke für die Steinsammlung stand die selbsterbaute Elektrisiermaschine nebst anderen physikalischen Apparaten, an den Wänden hingen, sauber in Glaskästen gereiht, selbstgefangene Schmetterlinge und dazwischen andere Raritäten, nebst einer Reihe von Pfeifen aus der Zeit meines Studiums, gekreuzte Schläger mit Cerevis und Verbindungsband, und in Gruppen geordnet die Bilder von »Freunden,« deren Namen ich schon zum Theil wieder vergessen hatte. Und wie sauber und in Ordnung war das alles. Meine Mutter hielt Zimmer und Bett jederzeit so im stande, dass ich kommen konnte, wann ich wollte, und immer alles zu meiner Aufnahme fertig fand. Auf dem Arbeitstische lag Papier und Mappe bereit, das sonderbare, alte Bronzeschreibzeug war frisch mit Tinte gefüllt, Schere, Papiermesser, Roth- und Blaustift, Federhalter und Radiergummi waren sorgfältig geordnet, und als ich prüfend den Deckel des Tabakskastens öffnete, fand ich ihn voll Varinaskanaster von Saniter \& Weber in Rostock. Wahrhaftig auch, daran hatte sie gedacht. Seit fünf Jahren hatte ich keine lange Pfeife mehr geraucht. Ich stopfte mir eine, ein ungeheures Renommierinstrument aus meiner Studienzeit mit farbigen Quasten und dem Verbindungswappen, setzte mich an den alten, lederüberzogenen Lehnstuhl ans offene Fenster und rauchte die Pfeife der Erinnerung. Es war eine warme und etwas wolkenverhangene Mainacht, aus den Gärten stieg ein würziger Duft jungen Lebens zu mir empor und hier und dort war in dem dunstigen Dunkel ein matter weisslicher Schein von blühenden Kirschbäumen bemerklich. In einiger Ferne, wo der Schimmer von erleuchteten Fenstern durch die Zweige glomm, ward jetzt ein Klavier angeschlagen, und bald liess sich eine rauhe, fürchterliche Berserkerstimme vernehmen, welche mit gewaltiger Inbrunst das Lied anstimmte: »O alte Burschenherrlichkeit, Wohin bist du verschwunden? Nie kehrst du wieder, goldne Zeit, So froh und ungebunden! Vergebens spähe ich umher, Ich finde deine Spur nicht mehr. O jerum, jerum, jerum, O quae mutatio rerum!« So ging es fort, alle sechs Strophen hindurch. Schön war der Gesang fürwahr nicht, allein von so grausamer Wirkung wie meine Mutter fand ich ihn nicht. Das kam wohl daher, weil er in meinem Herzen eine gleiche Saite anklingen machte. Denn niemand wohl, der einige Jahre seiner schönsten Jugendzeit auf deutschen Hochschulen verbracht hat, kann dies nach Inhalt und Melodie gleich wunderbare Lied hören, ohne dass eine sanfte Rührung sein Herz bewegt. Und so vermochte ich ohne Zorn dem furchtbaren Gesange des alten Sonderlings zu lauschen. III. Im Garten. Am anderen Morgen erwachte ich schon früh, und der sonnige Morgen verlockte mich, sogleich aufzustehen und in den Garten hinabzugehen. Zuvor aber hielt ich mich eine Weile vor dem Borte auf, wo in sauberen Einbänden die wer weiss wie oft gelesenen Bücher meiner Jugendzeit sich befanden. Wie vertraut schauten mich die alten Freunde an und welche Fülle von Entzückung und von sanften Freuden hatten sie einst in mein Herz gegossen! Nur ein Kind vermag zu lesen und das Gelesene zu geniessen, wer vermeint, dass gereifte Erkenntniss zur Erhöhung dieser Freuden beitrage, der irrt sich. Es ist gerade wie mit der ersten Liebe. In Erinnerung an diese kindlichen, aber unvergleichlichen Genüsse nahm ich »Paul und Virginie« in der schönen Pforzheimer Ausgabe mit den Illustrationen von Tony Johannot, Meissonnier, Français und anderen mit mir in den Garten und ganz unwillkürlich lenkte ich meine Schritte zu dem Orte hin, wo ich in früherer Zeit so manche Stunde lesend und in eine fremde Zauberwelt versunken zugebracht hatte. Wir hatten dort einen alten Apfelbaum, dessen Stamm in so schräger Neigung emporstieg, dass man mit einiger Geschicklichkeit an ihm hinaufgehen konnte. Dort, wo seine Aeste sich theilten, bildete sich eine Art von bequemem Lehnsessel, und zu diesem Orte stieg ich mit meinem Buche empor. Doch bevor ich anfing zu lesen, liess ich meine Blicke über den Nachbargarten schweifen und sah nun von meinem erhöhten Sitze, wie sehr sich dieser in den letzten fünf Jahren verändert hatte. Die frühere schattige Baumwildniss, in welcher ich mit den Nachbarskindern die herrlichsten Spiele ausgeführt hatte, war verschwunden, und statt ihrer sah man reihenweise, und sauber gehalten, die gleichmässigsten Zwergobstbäume von der Welt, hochstämmige Stachelbeer- und Johannesbeersträucher und wohlbeschnittene Himbeerpflanzungen. An anderen Orten wieder erblickte man ganze Reihen von Gitterwänden, an denen Pfirsich und Aprikose bereits verblüht waren, während Schattenmorellen ganz in leuchtendem Weiss und Weinreben im ersten jungen Grün standen. Alles war sauber und sonnig und wie nach der Schnur, ausser an den Rändern des Gartens, wo der Nachbar noch einige der mächtigen Obstbäume und dichten Gebüsche aus früherer Zeit hatte stehen lassen. So begrüsste ich mit Vergnügen meinen alten Freund, einen gewaltigen Bergamottenbirnbaum, der, obwohl schon einige grosse Hohlräume zeigend, doch noch ganz gesund war und sich auch in diesem Jahr über und über mit weisslichen Knospen bedeckt hatte. Er besass die Eigenschaft, auch einen Theil unsers Gartens mit seinem Ueberflusse zu bedecken, so dass ich mich bei diesem »Wirthe wundermild« schon oft hatte zu Gaste laden können, wenn er in windiger Nacht köstliche Früchte auf unsern Rasen gestreut hatte. Ich betrachtete ihn deshalb mit Wohlwollen, obgleich ich nicht ahnen konnte, dass dieser gute Baum mir noch einmal einen höheren Freundschaftsdienst zu leisten bestimmt war. Rings glänzte der schönste Frühlingsmorgen. Der Gartenlaubvogel, der Mönch und die graue Grasmücke sangen unglaublich, dazwischen schmetterten die Buchfinken, die Bienen summten in lauter Duft und ein weicher Morgenwind wühlte in Knospen und Blüthen und jungen Früchten wie ein Geizhals in seinen Schätzen. Ich lehnte mich behaglich in meinen natürlichen Lehnstuhl zurück, schlug mein Buch auf und vertiefte mich in seinen Inhalt. Eigentlich nicht so sehr in diesen als in die Gedanken meiner eigenen Kindheit, welche zwischen den Zeilen hervorblühten und aus den so oft andächtig und grübelnd betrachteten Bildern mir entgegenlächelten. Doch allmählig ergriff das kleine Naturgedicht in seiner zarten Einfachheit mich aufs neue, so dass ich mit stiller Rührung den einfachen Erlebnissen der guten Leute auf Isle de France folgte, bis mich endlich ein seltsames Gefühl überkam, welches mich veranlasste aufzublicken und nach einer bestimmten Richtung zu sehen. Im Nachbargarten unter dem grossen Birnbaume stand ein junges schönes Mädchen und blickte verwundert auf mich hin. Sie musste von der Seite genaht sein, wo die Zweige mich verdeckten, und hatte nun plötzlich mit Erstaunen bemerkt, welch eine seltsame Frucht unser alter Apfelbaum trug. Als ich so plötzlich aufblickte, erröthete sie ein wenig und schien einen Augenblick zu zaudern, ob sie weiter schreiten sollte, an mir vorbei, oder wieder umkehren. Aber nur eine ganz kurze Weile, dann setzte sie den unterbrochenen Weg fort, während ich mich schnell aus meiner bequemen Lage aufrichtete und der lieblichen Nachbarin meinen Gruss darbrachte. Sie dankte durch eine leichte Verbeugung, die zugleich vornehm und verbindlich war, und wendete mir dabei im Vorübergehen noch einmal die dunklen Augen zu. Zugleich schien mir um den lieblichen Mund der leise Schimmer eines Lächelns zu schweben. Dann war sie vorüber und verschwand zwischen dem Laubwerke. Was war denn nun eigentlich geschehen, dass sich die Welt mit einemmale verändert hatte? Die Sonne schien, die Vögel sangen, die Bienen summten und die Blätter rauschten wie vordem, und doch war alles anders. Warum kam es mir plötzlich so ungemein albern vor und unpassend für meine Jahre, in einem Apfelbaum zu sitzen und »Paul und Virginie« zu lesen, ein Buch, welches ebenso plötzlich ohne allen Reiz für mich war. Ich kletterte sofort aus dem Baume heraus, legte das Buch auf eine Bank und ging nachdenklich in dem kleinen Garten umher. Welch ein Segen ist es doch um ein schönes Menschenkind in der Blüthe der Gesundheit und Jugend. Wie ein Geschenk Gottes erscheint solche liebliche Bildung und erfüllt das Herz mit Dank, dass auf dieser Erde solches möglich ist. Was Dichter oder Künstler uns schufen, erscheint doch immer nur wie ein matter Traum und wie ein Abglanz, wenn uns das Bild, das wir im Herzen tragen, plötzlich leibhaftig begegnet als ein holdes Wunder. Ich spähte durch eine Lücke im Gebüsch, und siehe da, in einiger Entfernung tauchte die schöne Gestalt wieder aus dem Blätterwerke hervor und ging langsam, halb von den niedrigen Büschen verborgen, dem Nachbarhause zu. Ich sah auch, wie das Mädchen heimlich seinen Blick wieder zu dem Apfelbaume schweifen liess, und fast enttäuscht, dass sie dort niemand mehr bemerkte, die Augen suchend umherschickte. Dies alles geschah in einem kurzen Augenblicke, dann schritt sie ruhig weiter auf das Haus zu und verschwand darin. Nachdem ich noch eine Weile in einem wunderlichen Gefühle von unbegründeter Glückseligkeit in unserem Garten umhergewandert war, that sich in dem Nachbarhause eine Thür auf und ein mittelgrosser, starker und ganz in weissen Baumwollenstoff gekleideter Mann trat in die Erscheinung und ging, während er aus einer kurzen Holzpfeife mächtig rauchte, in den Garten hinein, wo er alsbald geschäftig war und nacheinander jeden Strauch und jeden Baum sorgfältig besichtigte. Bei dieser Gelegenheit näherte er sich mir allmählich, und ich besah ihn mir aus der Verborgenheit. Ausser seiner weissen Kleidung und seinem gelblichen Panamahute war fast nur Rothes an ihm zu sehen. In dem gesunden rothen Gesichte sass die feine, gerade Nase, welche schon meiner Mutter aufgefallen war, unter zwei hellgrauen und von dichten, wulstigen Brauen überwölbten Augen. Der etwas grosse Mund mit den schmalen Lippen war nur wie eine scharfe Linie sichtbar, und zu beiden Seiten bis an seine Winkel ging ein dicker, röthlicher Backenbart, schon mit etwas grau gemischt. Das übrige Roth waren zwei stattliche Hände, ein seidener Taschentuchzipfel, der aus der Brusttasche hing, und ein Paar rothe lederne Morgenschuhe. So friedfertig der Mann sich auch im Augenblicke beschäftigte, so hatte ich doch das Gefühl, dass es für eine fernere erfreuliche Entwickelung der Dinge günstiger sei, wenn ich mich zur Zeit noch nicht sehen liesse, und benutzte einen Augenblick, da er mir den Rücken wendete, um in das Haus zurückzukehren. IV. Morgenstunde hat Gold im Munde. Für das Frühaufstehen bekam ich jetzt eine nie gekannte Passion, zur grossen Verwunderung meiner Mutter, die sich daran nicht betheiligte und im übrigen dies für eine Reiseangewohnheit hielt, die sich bald geben würde, denn es läge nicht in der Familie. Am nächsten Morgen war ich schon vor sechs Uhr im Garten, und meine schöne Nachbarin mochte wohl diese Passion mit mir theilen, denn sie war auch schon dort und machte sich mit den Blumen zu thun, welche der Vater ihrer Pflege überliess. Ein sonderbares Zusammentreffen fügte es, dass diejenigen Pflanzen, welche ihrer Sorgfalt jetzt am meisten bedürftig waren, gerade in der Nähe unsers niedrigen Gartenzaunes wuchsen. Wenn ich nun sagen sollte, wie es kam, so wäre das schwer, denn wer vermag in der Folge alle die kleinen Fäden und Maschen zu entwirren, aus denen so holde Netze gesponnen werden, die halben Blicke, welche von ganzer Wirkung sind, jenes Abwenden, welches das Gegentheil bedeutet, jene zarte Sprache, in welcher ein kleines Neigen oder Aufwerfen des Kopfes mehr sagt, als der Mund je wagen würde, und alle diese nichtigen und wundervollen Dinge, die so zart sind wie ein Hauch und doch fester binden als Stahl. Und als nach einer Woche etwa das Netz nun fertig war, da gedachte der kleine listige Gott, der es gewoben hatte, es auch zu prüfen, schwang sich hinab von dem blühenden Zweige, wo er bis dahin mit seinen Waffen spielend sich gelagert hatte, und flog, in eine gewaltige Hornis verwandelt, mit schrecklichem Summen um Evelinens schönes Köpfchen. Da diese nun eine grosse Furcht vor diesem Tiger unter den Insekten besass, so ward sie bleich und rathlos und wusste nicht, ob sie fliehen oder nach dem Thiere schlagen sollte. Ich bemerkte dies, trat schnell an das Geländer und rief: »Schlagen Sie nicht, es wird Ihnen nichts thun, wenn Sie sich ruhig verhalten!« Aber die Furcht vor diesem Insekte war so gross, dass Eveline Schutz suchend auf mich zueilte und sich angstvoll an das Geländer klammerte, während die Hornis noch immer summend ihr Haupt umschweifte. Ich ergriff sanft aber fest ihre beiden Arme und sagte: »Nun, Fräulein Eveline, halten Sie sich ganz ruhig wie eine Marmorfigur, da wird dem Thierchen die Sache schon langweilig werden.« Eveline schlug die Augen nieder vor meinem nahen Blicke und erröthete sanft. »Lachen Sie nicht über meine grosse Furcht,« sagte sie. »Ich hatte in Amerika eine Freundin, die ward bei einem Sommerausfluge aufs Land von solchen Thieren fast todtgestochen und lag wochenlang krank. Denken Sie, drei können einen Menschen tödten. »Und sieben ein Pferd,« sagte ich. Sie nickte ernsthaft. Ich weiss nicht, ob diese naturhistorische Angabe auf Wahrheit beruht, allein sie ist weit verbreitet und ward mir schon als Kind von unserm alten Kutscher Johann unter Flüchen beschworen. Es ging nun doch nicht an, dass ich sie immer noch an den Armen hielt, deshalb glitt ich leise hinab und bemächtigte mich ihrer Hand. »O, diese Handschuhe sind so hässlich,« sagte sie da und streifte die weichen Lederstulpen ab, welche sie im Garten trug. Die schöne weisse Hand aber liess sie mir, indem sie mit ängstlichem Blicke sich umschaute und sagte: »Das Thier wird doch nicht wiederkommen?« »Ich kann mir kein Wesen denken,« erwiderte ich da, »das so von Gott verlassen wäre, Ihnen weh zu thun.« Du liebe Zeit, man sagt ja meistens Alltäglichkeiten in solchen Lagen, aber sie kommen von Herzen. Sie lächelte ein wenig und begann auf Flucht zu sinnen; ich fühlte, wie sie ihre Hand zu befreien suchte. »Ach bitte, gehen Sie noch nicht,« sagte ich. »O doch, ich muss jetzt,« erwiderte sie, »um diese Zeit steht mein Vater auf; es wäre schrecklich, wenn er uns bemerkte, er darf ja nicht einmal sehen, dass ich mit Ihrer Mutter spreche.« War es das Bewusstsein, dass wir nun ein kleines Geheimniss miteinander hatten, welches mich plötzlich so kühn machte? Ich führte die schöne, sanft widerstrebende Hand an meine Lippen und küsste sie. Eveline ward verwirrt und bat: »O lassen Sie mich doch gehen. Morgen . . .« sie vollendete nicht, aber dies »Morgen« klang so verheissungsvoll. Unsere Augen trafen sich eine Weile, und dann nach einem Augenblicke war sie fort. War das, was so sanft auf meinen Lippen glühte, wirklich ein Kuss gewesen? Ein Kuss, wie ein vorüberfliegendes Rosenblatt, das sich wie ein Hauch an die Lippen schmiegt und dann weiter flattert, ein Kuss, wie wenn der Wind von fernen blühenden Feldern eine Wolke balsamischen Duftes eilend vorüberträgt, flüchtig wie ein Gedanke. Am liebsten hätte ich nun Rad geschlagen, wäre auf den Händen gegangen oder in die Bäume geklettert, so unparlamentarisch war mir zu Muthe. Da nun dies alles doch nicht schicklich erschien, so rannte ich hinaus in das einsame Werdergehölz und mag mich dort wohl einigermaassen sonderbar betragen haben. Das weiss ich noch ganz sicher, dass ich mutterseelenallein auf dem Zeltenberge gesessen und über den im Sonnenlichte flimmernden See hinaus Hurrah! geschrieen habe, so laut ich konnte. Mein innerer Mensch hatte zu hohe Dampfspannung, es war ganz nothwendig, dass das Sicherheitsventil geöffnet wurde. Ich will sogar offenherzig bekennen, dass ich schon das Messer in der Hand hatte, um in eine schöne Buche ein kunstvolles E einzuschneiden. Als ich aber um den Baum herumging, um mir den besten Platz auszusuchen, da fand ich, dass dieser schon einmal von mir für solchen Zweck benutzt worden war in jener holden Jugendzeit, da ich siebzehn Jahre alt war und für die schöne Luise eine überschwengliche Liebe pflegte, ohne dass diese wahrscheinlich die geringste Ahnung davon hatte. Da stand es noch deutlich, ein grosses L, und ringsherum ein schönes geräumiges Herz, alles schon recht verwachsen, aber noch gut zu lesen. Ich schämte mich ein wenig meiner verspäteten Jugendlichkeit und steckte das Messer wieder ein. Das aufgefundene Dokument hatte die erfreuliche Wirkung, die hasenfüssigen Aeusserungen meiner Begeisterung etwas herabzudämpfen, so dass ich mich hinfort wieder eines gesitteten Betragens befleissigte und wie ein manierlicher Spaziergänger heimkehrte. Wo der leichte Zaun unseres Gartens an einem dichten Gebüsch des benachbarten vorüberführte, da waren schon seit alter Zeit einige Latten beweglich und liessen sich beiseite schieben, so dass ein nicht zu starker Körper bequem durchzuschlüpfen vermochte. Dieser Mechanismus, der bereits früher den Kinderverkehr zwischen den beiden Nachbargärten vermittelt hatte, war noch in bester Ordnung und wurde bereits am anderen Morgen von mir seiner ursprünglichen Bestimmung wieder übergeben. Was konnte ich an einem so köstlichen sonnigen Maimorgen holderes thun, als mit einem schönen, geliebten Mädchen, das mit der Hingabe der Unschuld sich an mich schmiegte, in einem blühenden Garten zu wandeln und jene Gespräche zu führen, deren grösste Bedeutung nicht in den Worten liegt, sondern in den angenehmen Thaten, welche sie begleiten. So hatte der Mai doch noch nie geblüht – die Apfelbäume standen in rosigem Schimmer, und als wir unter dem alten Birnbaume endlich Abschied voneinander nahmen, da schüttelte er wie segnend einen Schnee von weissen Blumenblättern auf uns herab. Wir hatten aber die Rechnung ohne den Indianerspürsinn des alten Amerikaners gemacht und bei unserm verliebten Thun nicht beachtet, dass die Gartensteige ganz frisch geharkt waren. Als nun gegen acht Uhr der Alte wie immer den ersten Gang durch den Garten machte, da gelangte er bald an eine Stelle, wo er den Boden mit besonderer Aufmerksamkeit in Augenschein nahm, denn neben den schmalen, zierlichen Fussstapfen seiner Tochter bemerkte er andere kräftigere, die offenbar von Männertritten herrührten, sich jedoch um ein Beträchtliches von jenen unterschieden, welche durch die eisenbeschlagenen geräumigen Lederbottiche seines Dieners hervorgebracht wurden. »Hm, Hm!« brummte er und ward noch viel rother als gewöhnlich. Dann machte er sich an die Verfolgung der Spuren. Bis hierher war seine Tochter mit dem Fremden vorgeschritten und hier hatten sie eine Zeitlang verweilt, wie die Stapfen zeigten, welche in einem kleinen Umkreis vielfältig nebeneinander standen. Es war dies in einer durch Gebüsch und Baumwerk gedeckten Gegend geschehen, wohin man weder von seinem Hause noch von dem Nebengarten aus sehen konnte. Herr Rodekamp paffte eine Weile furchtbar aus seiner kurzen Holzpfeife, spuckte dann einen mächtigen Strahl seitwärts aus und machte seinem Herzen durch einen etwa zwei Meter langen, wundervoll construirten Fluch amerikanischer Herkunft Luft. Sodann schritt er weiter. Die Spuren liefen wieder zurück nach dem Orte, wo sie hergekommen waren, und fast überall, wo höheres Buschwerk oder alte Bäume eine Deckung gaben, wiederholten sich die Anzeichen, dass beide eine Weile stehengeblieben waren, ein Umstand, welcher den Alten stets von neuem veranlasste, in seine reiche Sammlung altehrwürdiger Flüche zu greifen. Endlich langte er unter dem grossen Birnbaume an, wo sowohl die erste Begegnung als auch der Abschied stattgefunden hatte, und hier sah er die Spuren seiner Tochter vom Hause her- und wieder zurücklaufen, während die der Männerfüsse in dem dichten Gebüsch an dem Zaune des Nachbargartens verschwanden. Fast hatte es den Anschein, als hege er noch die Hoffnung, den fremden Vogel dort zu ertappen, so vorsichtig schlich er an das Dickicht heran und stierte, die Büsche bei Seite biegend, hinein. Da es leer war, drang er hinein und entdeckte bald das Geheimniss des Lattenzaunes. Finster brütend stand er dann eine Weile und stierte roth wie der untergehende Mond in das kleine Gärtchen der Nachbarin, während er unausgesetzt mit allen Fingern in seinen Backenbart fuhr und ihn emsig nach beiden Seiten auszog. Da er von meiner Anwesenheit noch keine Ahnung hatte, so blieb ihm die Hauptsache bei diesen Begebenheiten natürlich ziemlich dunkel, jedoch ein Gedanke, der ihm bald darauf durch das Gehirn schoss, schien ihm zu gefallen und verlängerte den schmalen Mund mit den eingekniffenen Lippen zu einem boshaften Grinsen. Dann nickte er befriedigt vor sich hin und begab sich an seine gewohnte Arbeit, während es ihm scheinbar grosse Befriedigung gewährte, die Strophe eines bekannten Studentenliedes vor sich hinzubrummen, welche lautet: »Geh du nur immer hin, Wo du gewesen hast. Und binde deinen Gaul An einen dürren Ast!« Diesen Gesang wiederholte er wohl an die sieben Mal, während er dabei Raupen von den Bäumen las und sie mit seinen breiten Füssen und mit Genuss an der Sache todttrat. V. Der Schwur. Ohne eine Ahnung zu haben von dem Unwetter, welches sich in der Stille zusammengebraut hatte, standen wir beide am anderen Morgen vor sechs Uhr schon wieder unter dem alten Birnbaum. Aber während wir uns des sicheren Maximums gegenseitigen Glückes zu erfreuen gedachten, schlich bereits eine furchtbare Depression in Gestalt des alten Herrn Rodekamp, vom Buschwerk gedeckt, durch den Garten, und als ich gerade mit Eveline, welche das Köpfchen an meine Brust schmiegte, in einer mündlichen, aber stummen Unterhaltung begriffen war, welche uns beide sehr interessierte, ward ich mit einemmale aufgeschreckt durch den eisernen Griff einer mächtigen Hand an meiner Schulter und den Klang einer fürchterlichen Stimme, welche rief: »Ei, da haben wir ja den Gartendieb!« Eveline fuhr entsetzt zurück und verbarg das Gesicht in den Händen, doch ich, nachdem ich mich durch eine schnelle Drehung vom Griffe dieser Faust befreit hatte, gewann schnell meine Fassung wieder und sagte: »Mein Name ist Hans Beinhart, ich bin Ingenieur der Eisenwerke von Bering \& Röttgers in Westfalen und bitte um die Hand Ihrer Tochter Eveline!« Auf diese Frechheit, denn als solche erschien ihm meine plötzliche Werbung doch wohl, schien er nicht vorbereitet zu sein, denn er war zuerst ganz sprachlos und ward dunkelroth vor Zorn, und seine hellgrauen Augen leuchteten unheimlich unter den buschigen Brauen hervor. Endlich schnappte er nach Luft und stiess die Worte hervor: »Zu solchem Zwecke kommt man durch die Hausthür! Sie sind ja aber ein Zaunkriecher! Sie sind nichts als ein Gartendieb!« »Zum Glücke führen oft die wunderlichsten Wege, Herr Rodekamp!« sagte ich ganz ruhig. Das ereiferte ihn aber noch mehr, und wüthend rief er aus: »Ein ordentlicher Kerl geht den geraden Weg und erarbeitet es sich. Aber andere junge Laffen wollen es sich bequemer machen und es sich erheirathen. Das glaube ich wohl, dass das ein hübscher und amüsanter Weg ist. Aber ich habe keine Lust, Schmarotzer zu ernähren!« Ich wurde immer ruhiger, je mehr er sich ereiferte, und sagte so sanft und zugleich eindringlich wie ich konnte: »Herr Rodekamp! Zaunkriecher, Gartendieb, Laffe und Schmarotzer sind nicht die Ausdrücke, mit welchen Sie sich bei Ihrem zukünftigen Schwiegersohne in Gunst setzen können. Ich bitte Sie deshalb, dergleichen nicht zu wiederholen und mich eine Weile ruhig anzuhören. Die Sache liegt so: Ihre Tochter Eveline und ich lieben uns sehr und möchten uns gern recht bald heirathen. Was mich betrifft, so habe ich eine gute Stellung, bin nicht ganz ohne Vermögen, und besitze ein Patent auf eine Erfindung, welches mir sehr angenehme Nebeneinnahmen verschafft. Ich bin also vollständig in der Lage, eine Familie zu gründen und mehr als ausreichend zu erhalten. Irgend einen Theil Ihres hochgeehrten Vermögens bedarf ich nicht dazu, daran ist mir auch gar nichts gelegen, sondern Sie mögen damit thun, was Ihnen beliebt. Ich begehre nur Ihre Tochter, allerdings den grössten Schatz, welchen Sie zu vergeben haben.« Herr Rodekamp, der wohl merkte, wie wenig er mit der gewohnten Grobheit erreichte, hatte unterdess seine Taktik geändert, verzog den schmalen Spalt seines Mundes zu einem Lächeln, das wahrscheinlich für ein liebenswürdiges gelten sollte, verbeugte sich ein wenig und antwortete mir in einer ungewöhnlich hohen Stimmlage, so verbindlich er nur konnte: »Ja, mein lieber Herr Ingenieur und Patentbesitzer, das ist nun gerade derjenige Schatz, den ich Ihnen zu geben am allerwenigsten geneigt bin, zumal Sie vermöge der Ihnen angeborenen Klugheit doch wohl ganz genau wissen, dass der andere, welchen Sie mit einem etwas verächtlichen Beigeschmack mein hochgeehrtes Vermögen nannten, doch schliesslich daranhängt. Sie werden sich wohl ohne meine Tochter behelfen müssen. Sie werden ferner jetzt die Ehre haben, hier diesen Steig entlang zu spazieren bis an jene Thür. Dort werden Sie den Ausweg auf die Strasse ohne Mühe finden. Ich darf Ihnen nicht zumuthen, dass Sie noch einmal sich der Unbequemlichkeit unterziehen, durch diesen Zaun zu kriechen, Herr Patentbesitzer. Ich habe die Ehre.« Damit verbeugte er sich, so gut er bei seiner völligen Figur konnte, reichte seiner Tochter Eveline, welche schluchzend danebenstand, den Arm und sagte in seinem gewöhnlichen Tone: »Heule nicht, Line, es nützt dir ja doch nichts. Komm, wir wollen mal sehen, ob die Grafensteiner gut angesetzt haben.« Das war ja wirklich ein unbehaglicher alter Tyrann, und ich fühlte, wie jetzt in mir der Zorn aufstieg, und ich rief: »Herr Rodekamp, ist das Ihr letztes Wort auf meine ehrliche Werbung?« Er antwortete wieder, so sanft er nur konnte: »Jawohl, Herr Beinhart, es thut mir leid, Ihnen das wiederholen zu müssen, aber Sie kriegen sie nie! – Nie!« fügte er dann noch einmal hinzu, indem er dieses Wort mit beleidigender Weichheit aussprach, als wäre es aus Schmelzzucker. Unterdes hatte sich ein stärkerer Wind aufgemacht kam durch den Garten dahergerauscht und streute aus dem verblühenden Birnbaume zu unsern Häupten eine ganze Wolke duftigen Blüthenschnees auf uns herab. Der Alte sah hinauf und nun kam ihm ein neuer Gedanke, diese ihm scheinbar sehr zusagende Sorte von sanftmüthigem Hohne noch weiter an mir auszulassen, und er fuhr fort: »All und jede Hoffnung will ich Ihnen doch nicht nehmen, junger Mann. Sehen Sie, wenn es mal so kommt, dass an diesem alten Bergamottenbirnbaum Rosen blühen, lauter Rosen, dann will ich mit mir reden lassen. Dann sollen Sie meine Tochter haben, das schwöre ich Ihnen. Denken Sie, lauter Rosen. Es wird ein poetischer Anblick sein!« Damit hatte er sich zum Gehen gewendet, zog seine Tochter mit sich und brach in ein ungeheures, schallendes Gelächter der Befriedigung aus, in dessen Zwischenpausen er mit grossem Vergnügen immer wieder die Worte »lauter Rosen« einflocht. Was sollte ich nun machen? Es blieb mir nichts anderes übrig, als einstweilen besiegt und geschlagen den Rückzug anzutreten, ja meine Lage war fast eine schimpfliche zu nennen, und die Hoffnung, diesem hartnäckigen Feinde günstiger beizukommen, einstweilen eine sehr geringe. Meine Mutter sah mir, als ich zum Kaffee kam, sofort meine niedergeschlagene Stimmung an, und nach einer kleinen Weile beichtete ich. Ich hätte nie gedacht, dass meine Mutter so in Zorn gerathen könnte. Sie ward ganz außerordentlich böse, und ich glaube, sie fasste es kaum, wie man ihrem Einzigen in einer nach ihrer Meinung so gerechten Sache auf dergleichen schnöde Weise begegnen könne. »I, da soll ja doch gleich . . .« sagte sie, »das ist ja ein ganz gewöhnlicher Mensch. Ja, gewöhnlich!« – wiederholte sie, und zwar mit einer Betonung, welche diesen Ausdruck als eine wahre Pandorabüchse voll ehrenrühriger Bezeichnungen erscheinen liess. Alle Fische in dem grossen See meiner Vaterstadt wären gestorben, hätte man dieses Wort in ihn versenkt. »Aber,« fuhr sie fort, »wenn er glaubt, dass ihm das gelingen wird, da irrt er sich. Armer Junge, nimm dir's nicht zu Herzen, es wird ja alles gut. Sie will, du willst, ich will, da werden wir doch den bockbeinigen Amerikaner unterkriegen! Aber dass du mir das jetzt erst sagst! Ja, wenn alles verfahren ist, da kommt das Kind zur Mama, Aber warte nur, das bring' ich schon zurecht.« Damit lief sie eilfertig hinaus in ihr Schlafzimmer, und ich hörte sie dort eifrig in den Schränken kramen. Nach einer Weile kam sie wieder heraus, ganz stolz geschmückt und feierlich anzusehen. Sie trug ein perlgraues Kleid von schwerer Seide, den schönen Amethystschmuck, der noch von ihrer Urgrossmutter stammte, und ein fast ebenso altes Besitzthum von echten Spitzen. Ihre Hände umspannten eine feste, verschlossene Ledermappe, welche, wie ich wusste, ihre sämtlichen Papiere von Werth enthielt. Dann sprach sie sehr entschieden zu mir: »Jetzt sagst du kein Wort gegen das, was ich thun will, denn es hilft dir doch nichts. Ich gehe jetzt in aller Form auf die Brautwerbung für meinen Sohn, und dieser wird sich ganz still auf das Sofa setzen, eine Cigarre rauchen und abwarten, was daraus wird.« Wenn über meine Mutter die Thatkraft kam und ihre inneren Sprungfedern in Spannkraft geriethen, das wusste ich wohl, dann musste man sie gewähren lassen, und deshalb fügte ich mich und sagte nur: »Versuche dein Heil!« Im Innern aber glaubte ich nicht an einen Erfolg. Nach einer halben Stunde etwa kam sie wieder zurück als ein Gefäss voller Zorn und Enttäuschung. Sie war glücklich bis zu Herrn Rodekamp vorgedrungen, hatte aber gar nichts ausgerichtet. Sie war mit derselben beleidigenden Höflichkeit behandelt worden wie ich vorhin und hatte auf alle ihre Vorstellungen nur ein sanftmüthiges »Niemals!« zu hören bekommen. Als sie ihm ihre ganz behagliche Vermögenslage auseinandersetzte, hatte er nur die Hand erhoben, als lägen Haus und Garten und alle die hübschen Hypotheken und Staatspapiere wie ein Federflaum darauf, und hatte darüber hingeblasen. Als sie ihn beschworen hatte, nicht das Glück seiner einzigen Tochter und ihres einzigen Sohnes einer blossen Laune wegen zu vernichten, da hatte er die schmale Spalte seines Mundes um das Doppelte verlängert und bloss gelächelt. »Als ich dieses schreckliche Lächeln sah,« rief meine Mutter, »da riss mir die Geduld, und da habe ich ihm gesagt, dass er ein herzloses Ungethüm ist. Er aber blieb immer gleich höflich und sprach, mein Urtheil sei ihm zwar nicht schmeichelhaft, aber meine Gefühle müsse er achten. ›Grüssen Sie Ihren Herrn Sohn und Patentbesitzer,‹ sagte er dann, ›und vertrösten Sie ihn auf die Zeit, wenn die Rosen blühen.‹ Dabei lächelte er wieder so grässlich. Sag mal, was soll das heissen?« Ich erklärte ihr dies, worauf sie mich eine Weile starr ansah, dann heftig mit dem Kopfe nickte und ausrief: »Das ist er ganz. Das ist seiner würdig. Ich möchte, dieses Land hier würde despotisch regiert und ich wäre der Obertyrann. Dann wüsste ich, was ich thäte!« VI. Gottfried Lüben. In meiner Vaterstadt, die ich frühzeitig verlassen hatte, besass ich wenig alte Bekannte, denn diejenigen, welche in der Schulzeit meine Freunde waren, hatten fast alle, wie ich, in der Fremde ihr Glück gesucht. In einem Lande, welches beinahe nur aus grossen Gütern besteht, geringen Handel und wenig Industrie besitzt, ist immer eine grosse Menge der jungen Leute zur Auswanderung genöthigt, weshalb man meinen Landsleuten auch überall in der Fremde in einer auffallend grossen Anzahl begegnet. Der beste Freund, welchen ich noch besass, war bedeutend älter als ich, und seine Bekanntschaft hatte ich in meiner Tertianerzeit gemacht, als ich meine freien Stunden mit allerlei fanatisch betriebenen Liebhabereien ausfüllte. Herr Gottfried Lüben war ein wenig als Sonderling bekannt, wie alle Leute, welche still für sich leben und mit Vorliebe Dinge betreiben, die nicht Jedermanns Sache sind. Einer der stärksten Triebe, welche der grossen Menge innewohnen, ist derjenige, gleich der Wüste eine Ebene zu bilden und nichts unter sich zu dulden, das eigne Art zeigt. So sich nun einer still und bescheiden absondert, seine eignen Gedanken zu denken und sein eignes Leben zu leben, da zucken sie die Achseln über ihn und sind immer geneigt, einen Mangel an dem Mechanismus seines Gehirns vorauszusetzen. Und doch gerade sind oft solcherlei Menschen gleich den erquicklichen Blüthen zwischen einem öden Meer von Sand und Steinen, und man darf wohl sagen, dass derartige Leute oft dem Fortschritte in der Welt einen grösseren Anstoss gegeben haben, als die Tausende, die mit dem Strome schwimmen. Nun war allerdings Herr Lüben weder ein Genie noch ein einsamer Denker, sondern ein friedlicher Bankbeamter, welcher in einem Hause mit hübschem Garten in der Vorstadt lebte und seine freie Zeit mit unendlichem Fleisse durch allerlei Betriebe ausfüllte, welche sämmtlich in einer leidenschaftlichen Liebe zur Natur ihren Ursprung hatten. Ein hübsches Talent zum Zeichnen und Malen hatte er nach der Richtung hin ausgebildet, dass es ihm möglich war, fast jeden deutschen Vogel farbig aus dem Kopfe darzustellen. Er ward nicht müde, diese seine Lieblinge in allen möglichen Grössen und allen denkbaren Zusammenstellungen aufs neue zu malen, und jedesmal wenn ich ihn nach längerer Zeit besuchte, fand ich ihn beschäftigt, die zierlichen und bunten Geschöpfe nach einem neuen Grundgedanken zu Gruppen zu vereinigen. Sein kleiner Garten war mit Sorgfalt zum angenehmen Wohnplatze für die lieblichen Sommergäste hergerichtet, und er hatte die Freude, in jedem Jahre eine Anzahl von Nestern zu hegen und zu beschützen, denn ihre wahren Freunde erkennen diese klugen Thierchen gar bald. Es darf aber nicht verschwiegen werden, dass die katzenhegenden älteren Jungfrauen der ganzen Umgegend von einem finsteren Verdachte erfüllt waren wegen des Umstandes, dass, wer weiss wie oft, um die Zeit, wo die kleinen Vögel nisten, ihre süsse Miez oder ihr würdiger Murr nicht mehr zu der gewohnten Morgenmilch erschienen und trotz aller Forschung der Verbleib des angenehmen Lieblings in ein grausiges Dunkel gehüllt blieb. Ach, wenn sie gewusst hätten, was ich wusste, dass ein grosser Theil der farbigen Blumenpracht des Lübenschen Gartens aus den Leichen ihrer gemordeten Hausgenossen hervorwuchs, dass dieser jauchzende Vogeljubel über blutigen Gräbern erschallte, da hätten sie wohl tödtlichen Groll in ihren jungfräulichen Herzen gehegt. Herr Gottfried Lüben hat mir selbst unter diabolischem Schmunzeln anvertraut, dass er in einem einzigen Jahre schon einmal fünfunddreissig dieser Todfeinde seiner gefiederten Lieblinge zur Strecke gebracht hätte, wie er sich jägermässig ausdrückte. »Dieser Garten ist von ungeheurer Anziehungskraft für die ganze Katzenschaft der Umgegend,« sagte er, »und wenn ich sie ruhig gewähren liesse, dann würden sie hier Tag und Nacht herum botanisiren und mir alle meine kleinen Vögel aufessen, und zum Ersatze hätte ich dann nur den Genuss ihrer nächtlichen Hochzeitsgesänge im Frühjahr und ihr Gewälze auf meinem wilden Baldrian.« Eine zweite Eigentümlichkeit dieses Gartens war nämlich die, dass er nur einheimische Pflanzen und Gesträuche enthielt, wie sie in den verschiedenen Gauen unsers Vaterlandes wachsen. Insbesondere für wilde Rosen hegte Herr Lüben eine Vorliebe und hatte sich seit lange bemüht, die verschiedenen deutschen Abarten in seinem Garten zu vereinigen. Seine Neigung für diesen schönsten unserer einheimischen Sträucher ging soweit, dass er sogar in seinem kleinen Gewächshause eine Treiberei eingerichtet hatte, um sich auch zu ungewöhnlichen Zeiten seiner Lieblingsblüthen erfreuen zu können. In diesem Garten fand man den Seidelbast, der oft schon im Februar mit duftenden rosigen Blüthenruthen dasteht und im Sommer mit leuchtenden Scharlachbeeren bedeckt ist, den rothen Traubenholunder, der das Gebirge liebt, den wilden Schneeball, die wohlriechende Myrica aus norddeutschen Torfmooren und eine Unzahl anderer einheimischer Sträucher. Es war ihm sogar gelungen, die sagenreiche Mistel auf einem seiner Bäume anzusiedeln, wobei er genau das Verfahren der Natur zur Verbreitung dieser Pflanze eingeschlagen und sich der Vermittelung einer in Gefangenschaft gehaltenen Misteldrossel bedient hatte. An dem, was sonst auf den Gartenbeeten hervorsprosste, um nach einem oder zwei Sommern wieder zu vergehen oder auch beständig aus Zwiebeln und Knollen wiederzukehren, konnte man sehen, über welche Fülle von Anmuth, zarter, farbiger Bildung und süssem Duft das eigene Vaterland gebietet, und dass keine Anleihen bei dem schreienden Prunk der Fremde nöthig sind, um eine schöne und harmonische Wirkung zu erreichen. Ich würde kein Ende finden, wollte ich alles aufzählen, was in diesem anmuthigen kleinen Garten zu sehen war, und was das Museum des kleinen Landhauses, welches darin lag, noch alles an Schätzen und Wunderlichkeiten barg, denn kaum ein Gebiet der Naturkunde gibt es, auf welchem mein unermüdlicher Freund nicht gesammelt hätte. Das Bedürfniss nach Rath und Mittheilung trieb mich am Nachmittage dieses Tages zu ihm hin, allein ich fand ihn nicht zu Hause. Auf seinem Arbeitstische lag ein halbvollendetes Blatt eines neuen Cyklus, den er in Arbeit hatte. »Die Vögel unserer Gärten in den vier Jahreszeiten.« Es war der Frühling, welchen er vorhatte, und ringsum lagen die schimmernden Farbenschälchen, welche er benutzt hatte, und standen ausgestopfte Vögel, die als Modell gedient hatten. Daneben lag aufgeschlagen ein Band des »Naumann«. So ruhig und friedlich war es hier und alles so in sich selbst abgeschlossen. Von den Wänden schimmerten aus sauberen Glaskästen einheimische Schmetterlinge und Käfer, gemalte und ausgestopfte Vögel sahen von allen Seiten mit blanken Augen auf mich hin, auf einem offenen Eckborte glänzten farbige Kristalldrusen und flimmernde Erzstufen in einfallenden Sonnenstrahlen, während anderwärts wieder schöngebogene Muscheln zarten Porzellanglanz von sich gaben. Dazu war durch das ganze Zimmer ein sanfter Duft von Naturalien und gutem Varinaskanaster verbreitet, in das geöffnete Fenster leuchtete ein sonniges Grün und ein farbiger Schimmer von Frühlingsblumen und tönte ein wirres, aber liebliches Geschwätz der verschiedensten Vogelstimmen. Ja, hier war Frieden und Behagen, dass es meinem unruhig bewegten Herzen fast weh that. Ich erfuhr, dass Herr Lüben ausgegangen sei, um dem Treiben eines Eisvogels, dessen Standplätze er kürzlich entdeckt hatte, nachzuforschen, dass er aber für mich hinterlassen hätte, er würde am Abend im »Uhlenhorst« zu finden sein. Ich wanderte nachdenklich an das Thor und strich stundenlang durch die wallenden Kornfelder und vorüber an saftigen Wiesen. In den blühenden Hecken sangen die Ammern und Hänflinge, und über mir war es wie ein Dach von lauter Lerchenjubel. Es war ein herrliches Wetter, aber im stillen sehnte ich mich nach düsterem Wolkengeschiebe, nach Sprühregen und Wind, der die flatterndem Wipfel beugt, denn dies entsprach meiner Stimmung. VII. Im Uhlenhorst. Der »Uhlenhorst« war weiter nichts als eine Weinstube, deren Besitzer Jakob Uhl hiess. Uhl ist der plattdeutsche Name für Eule, und deswegen hatte vor langen Jahren einmal Jemand für dieses Lokal, das er mit Vorliebe besuchte, einen ausgestopften Waldkauz gestiftet, der alsbald mit klugen, dunkelbraunen Glasaugen von der Wand aus auf die zechende Gesellschaft heruntersah. Diese Idee gefiel, und auch dem Wirthe behagte dieses Wahrzeichen, deshalb ward dieser eine Kauz der Keim zu einer mächtigen Eulensammlung, welche sogar einige Seltenheiten enthielt. Ueber den Thüren sassen diese seltsamen Thiere reihenweise, blickten von oben angebrachten Borten herab und stierten mit gelben Augen aus finstern Winkeln hervor. Und nicht allein ausgestopfte Eulen hatten sich eingefunden, nein allmählich auch solche aus jedem möglichen Material, aus Holz, Pappe, Gips und Metall, Maasskrüge in Eulenform gab es dort und eine ganze Sammlung jener künstlichen Eulen und Eulchen jeder Grösse, wie sie die Japaner so zierlich aus Federn herstellen. Dieser seltsame Schmuck gab der Weinstube einen besonderen Reiz und machte sie zu einer Stadtmerkwürdigkeit, welche jedem Fremden gezeigt werden musste. Auch dies trug dazu bei, die Sammlung durch seltene Stücke zu vermehren, denn eines Tages traf von einem Schiffskapitän, welcher manchen vergnügten Abend im Uhlenhorst verlebt hatte, eine grosse Kiste ein, die eine ganze Sammlung von ausgestopften ausländischen Eulen enthielt, welche, wie der schöne Ausdruck lautet, eine tiefgefühlte Lücke auszufüllen bestimmt waren. Als ich in den Uhlenhorst kam, sass Lüben schon da an einem Ecktische des kleinen Seitenzimmers, überschattet von den ausgebreiteten Flügeln eines mächtigen Uhus, der im Begriffe war, einen ausgestopften Hasen zu verzehren. Dies war Lübens Lieblingsplatz, ihm zu Ehren hing dort auch in schwarzem, polirtem Holzrahmen ein von ihm gemaltes Gruppenbild, sämmtliche Eulen Deutschlands darstellend, und alle übrigen Eulen dieses behaglichen, verräucherten Zimmers waren so aufgestellt, dass sie mit grossen runden Augen auf diesen Platz hinblickten. Mein Freund strich sich behaglich durch seinen bereits ergrauten Bart, als er mich erblickte, und bestellte ein zweites Glas. Bei mir zu Lande schätzt man noch den fast aus der Mode gekommenen französischen Weisswein, und so sass ich denn bald neben ihm und schlürfte nachdenklich den vortrefflichen Sauternes. Lüben war noch ganz erfüllt von seinen heutigen Erlebnissen und erzählte mit dem Feuer und der Ausführlichkeit eines Liebhabers von seinen Beobachtungen. Er hatte das Glück gehabt, den scheuen Eisvogel beim Fischen mehrfach zu belauschen, und zum Schlusse hatte er gar an einem Abhange von lehmigem Sande seine Nesthöhle entdeckt. »Der Eisvogel,« sagte Lüben, »hat für mich immer etwas von einem Märchen gehabt, und so gut ich ihn auch jetzt kenne, etwas Unglaubliches haftet ihm für mich immer noch an. Man denke sich in unserm bescheidenen Norden das sonderbare kurze Geschöpf mit dem unglaublich grossen Schnabel und der glänzenden Farbenpracht eines Kolibri. Wenn er so rasenden Fluges über das Wasser dahinschnurrt, und es trifft ihn ein Sonnenlicht, da leuchtet er auf in Grün, Roth, Gold und Blau wie ein fliegendes Juwel. Wie sonderbar, wenn er so stockstill auf seinem Zweige hockt und unverwandt ins Wasser starrt. Plötzlich kopfüber plumpst er hinein und kehrt dann auf seinen Platz zurück, unfehlbar mit einem Fischlein im Schnabel, das er auf wunderliche Art hinabwürgt. Und dieser sonderbare kleine juwelenglänzende Fischräuber gräbt sich in die steilen Uferwände metertiefe Gänge, an deren Ende er in einer sauberen Höhle ein Nest aus Fischgräten baut, dieses Thierchen, mit all der funkelnden Pracht des Südens geziert, bleibt im kältesten Winter bei uns, um an raschfliessenden Bächen und offenen Stellen dem Fischfange obzuliegen; nicht wahr, alles dies ist doch höchst wunderlich. – Eigentlich ist es ein ganz unmöglicher Vogel!« fügte er dann schnell hinzu und sah, indem er seine kleinen Augen so weit als möglich öffnete, starr vor sich hin, gleich als vertiefe er sich im Geiste recht in dies geflügelte Wunder. Es gehörte zu Lübens Eigentümlichkeiten, zuweilen in dieser Weise in Bewunderung auszubrechen für Einrichtungen in der Natur, die ihm sinnreich, schön oder merkwürdig erschienen, und dann fand er oft schwer ein Ende. So fuhr er auch jetzt noch eine Weile fort, ohne ein Auge dafür zu haben, dass ich ihm nicht wie sonst lauschte, weil meine grübelnden Gedanken fortwährend in anderer Richtung geschäftig waren. Endlich, als wir schon die zweite Flasche in Angriff genommen hatten, fiel ihm doch mein Aussehen und mein verändertes Wesen auf. »Na, was haben Sie denn?« fragte er plötzlich. »Sie sehen ja aus, als hätten Ihnen die Jungens das Nest ausgenommen.« »Haben sie auch,« antwortete ich, »und zwar eins, das ich mir erst bauen wollte!« »Hoho!« sagte er, fuhr mit der Hand in seinen grauen Bart und sah eine Weile nachdenklich auf mich hin, während seine Augenlider fleissig auf und nieder gingen, und alle Eulen ringsumher gleichsam forschend auf uns herabblickten. Der Uhlenhorst war heute wenig besucht; in unserm Zimmer befand sich Niemand weiter, und nebenan sassen nur drei Referendare, welche ihre Zeche auswürfelten. Man hörte weiter nichts als das eintönige Klappern der Würfel und dazwischen die schönen Kunstausdrücke der Spielenden, wie »Muckensturm«, »fliegende Hasen«, »höchste Hausnummer« und dergleichen geistreiche Bezeichnungen, während zwischendurch ein donnerndes Gelächter den besonderen Beifall für etwaige ausserordentliche Kapriolen der Glücksgöttin ausdrückte. Wir waren demnach ungestört, und ich konnte dem Freunde, ohne einen Horcher befürchten zu müssen, meine Angelegenheit auseinandersetzen. Die Aufmerksamkeit und Theilnahme, mit welcher er zuhörte, war ausserordentlich, und bis ins kleinste musste ich ihm alle Einzelheiten berichten. Dann versank er eine Weile in Nachdenken, bis er eine pfiffig forschende Miene annahm und fragte: »Ich glaube, den alten Birnbaum kenne ich. Ist er nicht hohl?« »Ja, an mehreren Stellen,« antwortete ich. »Noch ganz genau erinnere ich mich, dass ich als Kind mit süssem Schauder meinen ersten Griff in ein Vogelnest that, das in einem niedrigen Astloche dieses Baumes befindlich war. Ein Feldsperling hatte sich dort eingebaut, und nie vergesse ich das seltsame Gefühl, das mir bei der ersten Berührung der warmen Eier von den Fingerspitzen aus durch den ganzen Körper rieselte.« »Sehr gut,« sagte Lüben, der für dieses kleine Erlebniss besonderes Verständniss hatte, »und ausserdem sind noch mehr Höhlungen da?« »Ja, grosse und kleine,« antwortete ich, »der Baum ist sehr alt, und Herr Rodekamp hat ihn wohl nur desshalb stehen lassen, weil er, wie so oft solche alte abscheidende Bäume an seinen gesunden Zweigen fast alljährlich eine Menge köstlicher Früchte von einer ausgezeichneten Sorte bringt. Der Baum ist mein Jugendfreund, ich habe eine gewisse Liebe für ihn.« »Sie sollen ihn noch lieber gewinnen,« sagte Lüben geheimnissvoll in sich hineinschmunzelnd. Dann fuhr er fort: »Also hohl ist der alte Birnbaum, hat mehrere grosse und kleine Oeffnungen. Hm, hm. – Nun, da thun wir Rodekamp den Gefallen!« »Was meinen Sie?« fragte ich verwundert. »Nun, wir lassen Rosen auf ihm wachsen!« rief Lüben, indem er seine Augen so klein machte, dass ein Halbkreis von listigen Fältchen sie umzüngelte. Dabei lachte er mit lautlosem Schüttern in sich hinein, wie es so oft die Art einsam lebender Menschen ist. Ich muss ihn dabei wohl etwas schafig angesehen haben, denn er lachte noch stärker und rief dann: »Nun, das ist doch ganz einfach. In meinem kleinen Treibhause gelangen in den nächsten Tagen so ein sechs bis acht Rosenstöcke zur Blüthe, und ich werde sie etwas fikatzen, dass es noch ein bisschen schneller geht. Dann in einer schönen Nacht thun wir Gartenerde bester Sorte in die Baumlöcher und pflanzen die ganze Gesellschaft mit dem Ballen da hinein. Wenn er dann kommt und seinen ganzen Birnbaum in blühenden Rosen stehen sieht und noch nicht zufrieden ist, dann kann ich ihm nicht helfen.« Ich war eigentlich etwas enttäuscht und machte ein trauriges Gesicht zu seiner Siegesgewissheit. »Ach, verzeihen Sie, lieber Lüben,« sagte ich, »würde er das nicht für einen kindischen Streich halten und uns auslachen, und würde es dann nicht weit schlimmer um meine Sache stehen?« »Ach bewahre,« sagte Lüben, »solche alte Simpel muss man mit dem Buchstaben fangen. Sie kennen Rodekamp nicht wie ich, der mit ihm zur Schule gegangen ist. Er ist lange so schlimm nicht, wie er sich stellt, und im Grunde ganz gutmüthig. Aber er gehört zu jenen nicht ganz seltenen Menschen, welche sich fast zu Tode schämen, wenn es herauskommt, dass sie eigentlich nur weichgeschaffene Seelen sind, und sich deshalb in einen Panzer von sorgfältig eingeübter Rauhigkeit hüllen, gerade wie der Einsiedlerkrebs sein nacktes, unbeschütztes Hintertheil sorgfältig in ein festes Schneckenhaus verbirgt, das er mühsam mit sich herumschleppt. Noch andere Thiere giebt es, die Niemand etwas zu Leide thun können und ganz wehrlos sind, weshalb die Natur ihnen zum Schutze Furcht erweckende Gebärden und ein greuliches Aussehen verliehen hat. Auch diesen ist er zu vergleichen. Wie es höchst solide Menschen giebt, die ihren Stolz darin finden, für liederliche Schwerenöther gehalten zu werden, so giebt es auch solche, die es erfreut, wenn ihr butterweiches Gemüth nicht erkannt und sie für hart und jeder zarten Regung unzugänglich angesehen werden. So war Rodekamp schon als Kind und als Student und wird sich seitdem wohl nicht viel geändert haben.« Alles dies konnte mich nicht überzeugen. »Es ist doch ein Kinderstreich, lieber Lüben,« sagte ich, »und ich verspreche mir gar nichts davon.« »Ach was, Kinderstreich!« rief dieser mit komischer Entrüstung, » smart wird Rodekamp es finden als richtiger Amerikaner und wird froh sein, dass er mit seinem unbedachtsamen Schwur in Liebessachen so glücklich wieder herausgewickelt wird. Denn einige Tage werden darüber vergehen, und er wird unterdess eingesehen haben, dass er sich auf Sachen eingelassen hat, denen er durchaus nicht gewachsen ist. Denn er liebt seine Tochter über alles. Glauben Sie, dass er das mit ansehen kann, wenn sie umhergeht wie eine geknickte Lilie und das Köpfchen hängen lässt wie ein welkes Vergissmeinnicht, oder wenn sie dasitzt, wie Chamisso sagt, ›bleich und schön, wie der erste Schnee, der manchmal im Herbste die letzten Blumen küsst und gleich in bittres Wasser zerfliessen wird?‹ Er ist gewöhnt an ihr gleichmässiges freundliches und heiteres Wesen; wenn er nun das plötzlich vermissen soll, versinkt er in einen Abgrund von Trübsinn, und das hält er auf die Dauer nicht aus. Sehen Sie, lieber Freund, da müssen wir ihm die Hand zur Umkehr bieten, und er wird sie sicher ergreifen, wenn es auch nur eine Kinderhand ist, wie Sie meinen.« Obwohl ich die Sache noch immer nicht in einem so rosigen Lichte sehen konnte, so redete mein Freund doch so lange und so eindringlich auf mich ein und wusste unserm Unternehmen so verlockende Seiten abzugewinnen, dass mir bei der dritten Flasche schon leichter ums Herz wurde und wir endlich auf das Gelingen unsere wunderlichen Vorsatzes kräftig anstiessen, während sämmtliche Eulen in der Runde mit grossen Augen auf uns hinglotzten. Wie lange sie aber noch an diesem Abend Gelegenheit hatten, uns nachdenklich zu betrachten, während ein unglücklicher Kellner hinter dem Ofen schnarchte, und wie viele Flaschen sie haben entkorken sehen, das bewahren diese klugen und verschwiegenen Thiere still in ihrem mit Heu ausgestopften Busen. VIII. In der Zwischenzeit. Meine Mutter hatte wieder einmal grosse Wäsche, und mit unfehlbarer Sicherheit war die »sanfte Doris« in der Nacht vorher erkrankt. Diesmal war es Zahnweh. Trotz aller Sanftmuth war das Mädchen doch sehr stark in Ausdrücken und entwarf mit qualgesättigter leiser Stimme furchtbare Beschreibungen von den Leiden der letzten Nacht, welche in der Behauptung gipfelten, dass sie vor Schmerzen unausgesetzt auf dem Kopfe gestanden hätte und an den Wänden in die Höhe gelaufen wäre. Wie sie diese beiden akrobatischen Thätigkeiten miteinander vereinigt hatte, blieb ihr Geheimniss. Von ihrer Kammer aus durchzog ein Duft von gewärmten Kamillenkissen das Haus, und dort sass sie, immer ein solches Hausmittel mit einem Tuche an die Backe gebunden, wie eine Illustration zu den Versen »Wer nie sein Brot mit Thränen ass« auf dem Bette in einer Atmosphäre von Jammer und Hoffmannstropfen. Meine Mutter war durch diesen Zwischenfall natürlich sehr in Anspruch genommen, hatte mit grosser Noth eine Wäscherin aufgetrieben und wurde durch ihre häuslichen kleinen Sorgen einstweilen von der grösseren um mich und meine Angelegenheiten abgezogen. Die grosse Wäsche ist eine zeitweilige Erkrankung des Hauswesens, gegen welche es kein Mittel giebt als Geduld oder Flucht, und ich mied infolgedessen das von Seife und Kamillenthee durchduftete Haus soviel ich konnte, trieb mich in der herrlichen Umgegend meiner Vaterstadt umher und musterte täglich zweimal wenigstens die Fortschritte der Rosensträuche in Lübens kleinem Treibhause und freute mich, dass deren Knospen bereits in rothem Schimmer standen. Ich habe später erfahren, dass auch im Nachbarhause um diese Zeit wenig Vergnügen herrschte, und muss meinem Freunde Lüben das Zeugniss geben, dass er ein besserer Menschenkenner war, als ich je gedacht hatte. Herr Rodekamp, der sich sein Leben lang wenig um verliebte Thorheiten gekümmert hatte, war wirklich bald um seine ganze Behaglichkeit gebracht, denn das blasse und verweinte Aussehen seiner Tochter war ihm unerträglich. Er liebte sie über alles, sie war der Sonnenschein seines Alters, und an eine Trennung hatte er nie gedacht. Nun hatte sich ein heimlicher Dieb in seinen Garten geschlichen, ein fremder, ihm ganz gleichgültiger junger Mensch, und wollte ihm den Schatz fortnehmen, der seine grösste Freude war. Durch den Zaun war er sogar gekrochen; war das ein ehrlicher Weg, und konnte Jemand, der solches that, es ehrlich meinen? Rodekamp hatte gar nicht daran gedacht, dass es seine Tochter kränken könne, wenn er so schroff gegen mich auftrat, denn es wollte ihm gar nicht in den Sinn, dass sie ihr Herz an eine nach seiner Meinung so windige Sache hängen könne. Sie war ja noch ein Kind nach seiner Ansicht, und Kinder greifen auch nach den giftigen Beeren, die oft von verlockender Schönheit sind. Reisst man sie ihnen aus der Hand und vernichtet sie, da weinen sie, aber nachher sehen sie ein, dass es besser so war. Er hatte dann freundlich und väterlich mit ihr gesprochen, aber sie hatte es nicht eingesehen. Das gute Kind hatte gesagt, ich wäre der beste Mensch von der Welt und hätte so treue Augen, die nicht lügen könnten, und noch vieles, das ich aus Bescheidenheit nicht wiederholen mag, wofür sie aber der Himmel segnen möge. Den Alten hatte es wie Verzweiflung übermannt über diese schreckliche Geschichte; er war mächtig paffend in den Garten gegangen und hatte versucht, sein Herz durch einige altbewährte Flüche zu erleichtern, es war ihm aber nicht gelungen. Mit besonderer Wuth trat er heute die Raupen todt, und eine unglückliche Maulwurfsgrille, die sich in einem der für diesen Zweck eingegrabenen Töpfe gefangen hatte, ward mit dem Spaten in hundert Stücke zerhackt. Zuletzt trieb ihn die Unruhe aus dem Hause, und er ging, wie er zuweilen, aber selten, that, in den Uhlenhorst, um seinen Gram in Spiritus zu setzen. Denn er schätzte nicht die schwachen Getränke und pflegte dort eine Mischung von Kognak mit sehr wenig heissem Wasser zu geniessen. Da wollte es der Zufall, dass dort zwei ehrsame Bürgersleute ihr Schöppchen tranken, welche gute Freunde meines Vaters gewesen waren, und als diese zufällig dessen Namen nannten, ward Rodekamp hellhörig und verstand es, nach einer Weile das Gespräch auf mich zu bringen, um die Meinung dieser Männer zu erfahren. Da war er aber gerade an die Richtigen gekommen, indem diese beiden ehrenwerthen Herren eine viel zu hohe Meinung von meinen Gaben und Tugenden besassen und nun anfingen, ein Duett zu singen, das ich nicht wiederholen kann, weil sonst mein Ansehen in den Augen der Menschheit leicht von seinem Wohlgeruche verlieren könnte. Aber man findet es so oft, dass wenn Jemand in der Fremde sein Glück sucht und findet, die lieben Landsleute immer geneigt sind, dies zu überschätzen und die Lebensumstände dieses Kindes ihrer Stadt in freudigem Heimathstolze mit lieblichen Legenden zu verzieren. Dazu wussten sie Geschichten von den genialen Thaten meiner Kindheit zu erzählen, die mich selber, als ich sie später erfuhr, durch den Reiz ihrer absoluten Neuheit in das höchste Erstaunen setzten. Herr Rodekamp war aber mit diesen Berichten äusserst unzufrieden, denn sie passten durchaus nicht in sein System. Er ward noch mürrischer als zuvor und haderte mit sich und der Welt. In solchen Stimmungen war er immer geneigt, den Grund seines Missbehagens auf die verdrehten Einrichtungen der Alten Welt zu schieben, und fing an, so gotteslästerlich auf Deutschland zu schimpfen, dass die beiden alten bescheidenen und wohlwollenden Leute ganz traurig und bange wurden, ihr Schöpplein bezahlten und Rodekamp in seinem sinnlosen Zorne allein liessen. Ja, das Behagen war fort und kam nicht wieder; der stille Vorwurf, der auf dem blassen Antlitz seiner Tochter lag, zerstörte es immer wieder von neuem. Seine Hoffnung war, die Zeit würde mildernd einschreiten, aber hierauf zu warten war ihm eine schwere Aufgabe, denn er geizte bereits nach einem freundlichen Blicke von ihr und tausend Thaler hätte er hingegeben, wenn er ihr fröhliches Lachen wie sonst hätte durch das Haus schallen hören. Alles Elegische war ihm zuwider, und nun sass seine Tochter, die sonst die heitere Freundlichkeit selber war, ihm gegenüber, als hätte Matthisson sie gedichtet. So gingen die Tage hin, und als er am Sonnabend Abend bei seinem Grog im Gartenzimmer sass, da lag das Kommersbuch unbeachtet vor ihm, obwohl er an diesem Abend sonst seit Jahren seine rauhen Gesänge erschallen zu lassen gewohnt war. Aber heute war ihm darnach nicht zu Muthe. Er sass und trank, paffte eine Pfeife nach der andern und brütete vor sich hin. Nachdem er so über eine Stunde seine Gedanken gewälzt hatte wie Sisyphos seinen Stein, wurden diese endlich übermächtig in ihm, so dass ihm der Schluss- und Kernsatz, fast ohne dass er es wollte, auf die Lippen trat: »Der verdammte Schwur!« rief er plötzlich und donnerte dabei mit der Faust so auf den Tisch, dass Eveline, die im Nebenzimmer bei einer Arbeit sass, emporfuhr und sich nach seinen Wünschen erkundigte. Er brummte etwas unverständliches und fuhr fort zu rauchen, zu trinken und zu schweigen, bis es Zeit war zu Bett zu gehen. IX. Wenn die Rosen blühn. An demselben Sonnabend waren die Rosen in Lübens kleinem Treibhause so weit zur Blüthe gekommen, dass wir beschlossen, am Sonntag Morgen in aller Frühe unser wunderliches Attentat in Gang zu setzen. Die Astlöcher und Höhlungen des alten Birnbaums hatte ich in einer nebligen Morgenfrühe sorgfältig ausgemessen und ihren Inhalt berechnet, um danach die Menge der Erde zu bestimmen, welche für unser Vorhaben nöthig war, und diese stand in einem Korbe bereit. Lüben bewahrte eine heitere Zuversicht, allein mir war weniger tröstlich zu Muthe; ich sah diesem Morgen ungefähr mit den Empfindungen eines Examinandus entgegen, welchem das Bewusstsein, seine Nase statt in die Bücher vorzugsweise in das Bierglas gesteckt zu haben, die Hoffnung auf den Sieg seiner gerechten Sache bedenklich erschüttert hat. In seltsamer Scheu und wegen meines schlechten Gewissens hatte ich vermieden, meine Mutter in diese Pläne einzuweihen, und deshalb mussten alle Vorbereitungen mit besonderer Heimlichkeit angestellt werden. In der Nacht vorher schlief ich keinen Augenblick, und als kaum der Morgen dämmerte, schlich ich mich hinab, um leise die Hausthür zu öffnen und meinen Mitverschwörer zu erwarten. Dieser erschien kurz darauf mit zwei Dienstmännern, welche die Rosen trugen, deren zarte Blüthen in üppiger Fülle aufgegangen waren und mit leisem Schwanken über den Rand des grossen Korbes nickten. Die Leute mussten sich ihre nägelbeschlagenen Stiefel ausziehen und dann ging es auf Socken über den Flur und den schmalen Hof zum Garten. Endlich waren wir in Sicherheit, und nichts im Hause hatte sich gerührt. Die beiden Dienstmänner wurden königlich belohnt entlassen und schlichen sich schmunzelnd davon. Dann begann eine fieberhafte Thätigkeit. Vermittelst einer kleinen Leiter konnte man von unserm Garten aus in den Baum steigen, und dies Geschäft übernahm als der jüngere und behendere ich, während Lüben mir die nöthigen Handreichungen leistete. Zuerst wurden die Astlöcher und grösseren Höhlungen bis zur nöthigen Höhe mit Erde ausgefüllt, dann die Rosen ausgetopft und sorgfältig mit dem Ballen eingesetzt. In die kleinen Löcher kam einer und in die grösseren zwei der lieblichen Sträucher. Lüben hatte eine Anzahl kleiner Töpfchen mit Linaria cymbalaria mitgebracht, einer Pflanze, welche er ebenfalls sehr liebte und fast zu allen Zeiten in Blüthe hatte. Diese wurden an passenden Stellen dazwischen gesetzt, also dass die zierlichen Ranken mit den feinen blassblauen Blümchen gefällig über die rauhe Borke des Stammes herniederhingen, und nachdem im Verlaufe einer Stunde alles fertig und tüchtig angegossen war und der grosse alte Birnbaum in blühenden Rosen stand, da hatte das Ganze ein so freundliches und natürliches Aussehen, als sei es von selber so geworden. Niemals werde ich die schrecklichen Stunden der Erwartung vergessen, welche nun folgten bis um acht Uhr, wo Rodekamp seinen Garten regelmässig zu betreten pflegte. Lüben hatte mich verlassen und war den Gang hinuntergeschritten, welcher von unserm Garten aus zwischen Hecken an das Wasser führte. Die Ränder dieser flachen Seebucht waren von sumpfigen Rohrwiesen eingeschlossen und von einzelnen Kanälen durchschnitten, dort wollte er ein wenig umherrudern, um nach den Rohrvögeln zu sehen. Er würde um neun Uhr zum Gratulieren wiederkommen, hatte er gesagt. Mir war das fast wie Hohn vorgekommen. In solchen Stunden erscheint uns die Natur grausam und gefühllos, wenn gleichgültig gegen unsere Stimmung alles seinen gewohnten Gang geht, die Vögel aus voller Brust ihre Liebeswonne jauchzen, die Schmetterlinge sich umkreisen und um die Blumen tändeln und diese den leisen Morgenwind mit Düften tränken. Man mag daraus ersehen, wie ein jeder doch im Grunde das in seiner Brust pochende Herz für den Mittelpunkt der Welt anzusehen gewohnt ist. Endlich hörte ich die Uhr vom Thurme der Nicolaikirche acht schlagen, ungefähr mit den Gefühlen eines Menschen, der fünf Minuten später hingerichtet werden soll, und nun hegte ich mit einem Male den Wunsch nach Aufschub und hoffte, Herr Rodekamp würde heute ausnahmsweise einmal nicht so pünktlich sein wie gewöhnlich. Jedoch eine Minute später klirrte dort die Glasthür des Gartenzimmers und fiel dröhnend ins Schloss; eine Weile hinterher kamen schwere Schritte die Stufen hinab und knirschten auf dem Kies der Gartensteige. Dann war es still, und ich bog die Zweige des Gebüsches, wo ich im Hinterhalte lag, beiseite, um einen Ausblick zu gewinnen. Herr Rodekamp wendete mir den Rücken zu und sah scheinbar in tiefe Gedanken versunken das Haus an, wo er hergekommen war, während der Wind die taktmässig vordringenden Rauchwölkchen seiner Pfeife beiseite wehte. Unbehagliche Vorstellungen schienen sein Gemüth zu bewegen, denn plötzlich paffte er stärker, schüttelte mit hörbarem Grunzen heftig sein Haupt und wendete sich schwerfällig, um den unterbrochenen Weg in den Garten hinein fortzusetzen. Jedoch bald stand er wieder und starrte auf einen Zwergapfelbaum, allein wie abwesend mit seinen Gedanken, und nun konnte ich sehen, dass seine Mienen finster und verdriesslich waren, was ich für das Gelingen meines Unternehmens als kein günstiges Zeichen erachtete. Unterdess war ein Pirol, der in dem an der anderen Seite der Seebucht gelegenen Parke des Marstalles sein Nest hatte, durch die Wipfel geschweift und liess plötzlich aus der Spitze des alten Bergamotten-Birnbaumes seinen wundervollen Flötenruf erschallen: »Vogel Bülow! Vogel Bülow!« erklang es zwei Mal. Es ist mir ausser allem Zweifel, dass Lüben vermöge geheimer, nur ihm bekannter Künste diesen Vogel veranlasst hat, solches zu thun, um die Sache geschickt einzuleiten. Für eine Art Zauberer habe ich ihn immer gehalten, und als ich ihn später danach fragte, lächelte er so geheimnissvoll wie ein Kanzleiregistrator. Rodekamp aber, der diesen wunderschönen Vogel als einen bösen Kirschendieb ingrimmig hasste, konnte sich, obwohl die Zeit dieser Früchte noch lange nicht da war, nicht enthalten, einen Blick der tiefsten Missbilligung auf den Ort zu werfen, woher diese Flötenstimme erschallte, und dabei bekam er an seinem Birnbaume etwas zu sehen, das seine höchste Verwunderung erregte. Er hielt die Hand über die Augen und starrte eine Weile. Dann schritt er eilfertig näher, wobei ihm die Pfeife entfiel, ohne dass er es beachtete, und stand dann wieder, indem er nach seiner Gewohnheit beide Flügel seines Backenbartes mit den Händen emsig bearbeitete und dazu so wunderliche Gesichter schnitt, dass ich hätte lachen mögen, wenn mir nicht so schrecklich ernsthaft zu Muthe gewesen wäre. Plötzlich bedeckte er mit der Hand die Augen und blickte dann nach einer Weile wieder starr auf das Phänomen hin. Aber es war nicht verschwunden, es war wirklich da, überall wuchsen aus dem alten Birnbaume blühende Rosen hervor. Jetzt hielt ich meinen Augenblick für gekommen, und obwohl mir das Herz entsetzlich pochte, kämpfte ich mit aller Kraft meine Aufregung nieder, schritt aus meinem Verstecke hervor, machte eine sehr schöne Verbeugung und sprach in so leichtem und geschäftsmässigen Tone als ich nur vermochte : »Herr Rodekamp, die einzige und nicht gerade allzu schwierige Bedingung, welche Sie mir vor einiger Zeit gestellt haben, ist erfüllt. Sie sehen, an Ihrem Birnbäume blühen bereits die allerschönsten Rosen. Ich erlaube mir deshalb zum zweiten Mal um die Hand Ihrer Tochter Eveline anzuhalten!« Herr Rodekamp war dunkelroth geworden und starrte bald auf mich hin, bald auf die Rosen. In seinem Innern waren die widerstrebendsten Gedanken im Kampfe begriffen, wie rosige, geflügelte Engelchen, die sich mit schwarzen, meckernden Teufeln balgen, und dieser ganze Widerstreit der Gefühle spiegelte sich höchst wunderlich auf seinem zuckenden Antlitze ab. Aber das Gute siegte, und wie eine weisse Friedenstaube senkte sich zuletzt der Gedanke herab, dass er nun mit einem Schlage der ganzen Unbehaglichkeit der letzten Tage ein Ende machen könne, und dass ihn Ruhe und Frieden nur ein Wort koste. Seine Züge klärten sich allmählich auf, er sah noch einmal auf die Rosen und dann auf mich; ein unbeschreibliches Lächeln zeigte sich um seinen schmalen Mund und zwischen den Zähnen knirschte er die schmeichelhaften Worte hervor: »Verfluchter Kerl!« Dann wandte er sich plötzlich und rief mit so furchtbarer Stimme, dass die Sperlinge aus dem Epheu flogen und eine Nachbarkatze in schleuniger Flucht sich über das Geländer rettete: »Eveline!« Eine zarte Stimme antwortete vom Hause her: »Ja, Vater!« »Eveline,« brüllte er dann, »komm ganz schnell her, dein Bräutigam ist da!« Wie ich über das Geländer kam, kann ich nicht mehr sagen, ich weiss nur, dass ich plötzlich auf der andern Seite war und einer hellen Gestalt entgegeneilte, welche zagend die Gartentreppe hinabschritt und nicht wusste, was dieser seltsame Zuruf zu bedeuten hatte. Aber bald wusste sie es und ward fast ohnmächtig über diese schnelle Wendung der Dinge. Noch Jemand hatte diesen merkwürdigen Ruf gehört, meine Mutter nämlich, welche am offenen Fenster stand und nach mir aussah, da sie mit dem Kaffee auf mich wartete. Voller Verwunderung kam sie in den Garten, und als sie dort diese unerwartete Bescheerung fand und in der ersten Aufregung fragte: »Aber Herr Rodekamp, was ist denn los?« da rief dieser, der sich überhaupt ganz sonderbar benahm, als hätte er am frühen Morgen schon zuviel von seinem Lieblingsgetränk Kognak mit einem kleinen Schuss heissen Wassers genossen: »Was hier los ist? Eine Verlobung ist los! Ich will getheert und gefedert sein, wenn das keine Verlobung ist! Ich will meinen eignen Kopf aufessen, wenn wir hier nicht alle so glücklich sind wie die Hasen im Kohl! Kommen Sie her, Frau Doktorin, und geben Sie mir Ihre Hand, wir wollen gute Freunde sein. Verdammt noch mal, das wollen wir!« Damit reichte er seine mächtige Pranke über das Geländer und drückte die schmale Hand meiner Mutter so kräftig, dass sie fast geschrieen hätte. Als wir nun diese gesehen hatten, liefen wir natürlich zu ihr hin und bildeten am Geländer eine Gruppe der Freude und verwunderten Glückseligkeit, wobei die verschiedensten Küsse in allen möglichen Kombinationen durcheinander gingen. Aus dieser erfreulichen Beschäftigung wurden wir aufgeschreckt durch die furchtbare Stimme Rodekamps, der an dem Tische einer kleinen Laube in der Nähe sass und mit grosser Inbrunst und an den geeigneten Stellen mit der Faust auf den Tisch donnernd folgendes Lied sang: »Mädel ruck, ruck, ruck an meine grüne Seite, I hab di gar zu gern, i mag di leide! Gib mir einen Kuss! – Bum! Wie'n Kanonenschuss! – Bum! Mädel ruck, ruck, ruck an meine grüne Seite, I hab di gar zu gern, i mag di leide!« Der alte Herr war ja ausnehmend vergnügt heute morgen, aber er wusste wohl, weshalb er sich so närrisch benahm, denn innerlich war er furchtbar gerührt, und nur die entsetzliche Angst, es könne dies Jemand bemerken, trieb ihn von einer Tollheit in die andere. X. Ausklang. Einige Monate nach diesen Ereignissen kam ich zu meiner Hochzeit wieder in meine Vaterstadt und zog dann mit meiner jungen Frau an den Ort meiner Thätigkeit. Dem Alten ward die Trennung sehr schwer, jedoch einigen Ersatz leistete es ihm, dass er sich unterdess mit meiner Mutter sehr angefreundet hatte und den behaglichsten Verkehr mit ihr pflegte. Ueber das ereignissreiche Geländer hinweg wurden weise gärtnerische Gespräche geführt und die Erstlinge aller Früchte bewundert. Das beste Obst und die auserlesensten Stücke desselben wanderten überhaupt immer zu meiner Mutter, und bei Ueberreichung desselben auf einem Teller mit Weinblättern brachte der alte Herr in Anbetracht seiner sonstigen Steifigkeit die zierlichsten Verbeugungen zu Stande und war wundervoll galant. Für den alten Birnbaum mit seinen Rosen hatte er eine besondere Vorliebe gefasst und pflegte beide mit Aufbietung aller seiner Kunst. Um diese Pflege besser ausüben zu können, hatte er sich ein hübsches Gerüst mit Treppen und einem erhöhten Sitze um den Baum machen lassen, und dort sass er gern an schönen Abenden zwischen den Rosen und trank seinen Grog und rauchte, während meine Mutter in ihrem kleinen Garten ihm gegenüber auf der Bank sass und strickte und beide sich allerlei von ihren Kindern erzählten. Als dies wegen der vorgerückten Jahreszeit nicht mehr möglich war, luden sie sich sehr oft einmal zum Thee ein, und dann musste ihm meine Mutter allerlei Musikstücke vorspielen, die er gern hatte. Ja einmal hat sie sogar ihren Schauder überwunden und seinen barbarischen Gesang begleitet, aber allzu borstige Lieder durfte er nicht singen. Auch hat sie ihren ganzen Einfluss angewendet, ihm den unchristlich starken Grog abzugewöhnen und ihn glücklich schon auf halb und halb herunter gebracht. Weiter aber lässt er sich nicht treiben, denn dies ist für ihn die Grenze, wo das Zuckerwasser anfängt. So kam allmählich ein neues Frühjahr heran und mit seinem Ende die Zeit, wo die wilden Rosen von selber und ohne Treibhaus blühen, und da sah es sehr hübsch aus, wenn Herr Rodekamp mit seinem grossen rothen Gesichte zwischen all den zarten Blüthen der herrlich gedeihenden Rosensträucher hervorschaute und zuweilen mit seltsamer Zärtlichkeit einen der Zweige aufmerksam betrachtete. Um diese Zeit ging eines Nachmittags der Eilbriefträger zuerst in Rodekamps Haus und dann in das Haus meiner Mutter. Kurze Zeit hinterher kam Rodekamp mit einem Briefe in der Hand, so eilfertig er konnte, den Hauptsteig seines Gartens daher und strebte auf seinen Lieblingssitz an dem alten Birnbäume zu. Von der Höhe blickte er in den Nachbargarten, jedoch es war noch Niemand dort. Allein gleich hernach tönte die Klinke der Gartenpforte, und meine Mutter kam auch sehr eilfertig an, ebenfalls mit einem Briefe in der Hand. Als die beiden Alten sich in Sicht bekamen, hielten sie beide zugleich die Briefe hoch, und Rodekamp brach zugleich in ein furchtbares Hurrah aus. Dann sassen sie beide und blickten wieder in die Briefe. »Ein Junge!« rief Rodekamp. »Wiegt achtundeinhalbes Pfund!« sagte meine Mutter. »Hat 'ne Nase wie der Grossvater!« »Und blaue Augen wie die Grossmutter!« »Soll Christian heissen wie ich!« »Und Johannes nach mir!« »Donnerwetter noch mal zu!« »Na, na!« Dann stieg Christian Rodekamp so eilig wie er konnte von seinem Sitze herab, ging an das Geländer und sagte: »Kommen Sie her, Frau Doctorin, und geben Sie mir 'nen Kuss, heut geht's nicht anders!« Und dann küssten sich die beiden alten Leute über das Geländer hinweg wie einst die jungen und waren glücklich.