Herman Bang Wechselnde Themen Reportagen– Eine Auswahl – 1880 [Herman Bang. Vekslende Themaer I–IV. Udgivet af Sten Rasmussen. Det Danske Sprog- og Litteraturselskab. C.A. Reitzels Forlag, København 2006. ISBN 978-87-7876-465-2.] © 2009. Aus dem Dänischen übersetzt von Dieter Faßnacht Sten Rasmussen Vorwort zur deutschen Auswahl der »Wechselnden Themen« von Herman Bang (1857–1912) Der Journalist Herman Bang: Ein genialer, rastloser Künstler »Ja, ich wurde regelrecht in die Literatur hineingezwungen, und ich darf wohl sagen, daß ich die Feder erst dann aufs Papier setzte, als der Augenblick gekommen war, in dem auch das älteste Weib zu spinnen lernt. […] In Blättern zu schreiben taten nur die Leute, die gar nichts anderes konnten.« Dies schrieb Herman Bang in einem munter-selbstironischen Rückblick von 1891 über sein Debut als Journalist im Jahre 1878. Er war nichts anderes als ein Grünschnabel, der gerade sein Studium begonnen hatte, und er hätte eigentlich Jura und Staatswissenschaften studieren sollen, um Diplomat zu werden; dies wünschte seine vornehme Familie – er selbst wollte jedoch Schauspieler werden; dies gelang jedoch nicht, weil niemand seine Begabung erkannte, ja, so blieben schließlich nur die Zeitungen übrig, auf die er zurückgreifen konnte. Sein Durchbruch als freiberuflicher Kritiker bei der führenden Kopenhagener konservativen Zeitung »Dagbladet« gelang ihm schnell. »Ich verfaßte gelehrte Artikel über Literatur, die dann in einem Buch veröffentlicht wurden«, erzählte er viele Jahre später. »Ich stellte mich mit Vorliebe als einen Mann von siebzig dar. Ich war gerade zwanzig Jahre alt, so daß dies nicht verwunderte.« Aber im späten Herbst 1879 bekam er bei der »Nationaltidende« den Fuß in die Tür, wo er mehr als vier Jahre lang der stete Sonntagsfeuilletonist der Zeitung war. Die »Nationaltidende« bestand erst seit drei Jahren, als er dort angestellt wurde; die Zeitung wandte sich besonders an Beamte und Kaufleute. Eigentümer war Etatsrat Jens Chr. Ferslew, der noch andere Blätter herausgab und im Laufe der 1880er der Zeitungsmogul des Landes wurde. Die dänischen Zeitungen bildeten damals eine von der Männerwelt geprägte Presse, die darüber schrieb, wofür sich die Abonnenten, reife Familienväter, interessierten: Politik, Gewerbe und Wirtschaft. Christian Ferslew war jedoch konservativ genug, aber nicht so ideologisch, daß er ohne weiteres begriff, daß die neue Zeit nach einer anderen Art Zeitung fragte. Die Jüngeren wünschten sich eine freiere öffentliche Debatte und neue Stoffe, und die Frauen, für die das Stimmrecht für die Reichstagswahlen – 30 Jahre nach der Einführung des Grundgesetzes – noch in weiter Ferne lag, hatten die Lektüre in den altmodischen Zeitungen als trostlose Wüstenwanderung empfunden. Und dann erscheint Herman Bang als der neue Komet in der dänischen Presse. »Ich war 22 Jahre alt«, schrieb er später, »und ich stürmte mit jugendlichen Plänen, mit jugendlichen Gedanken, mit einem neuen Wesen, in neuer und wirrer Weise zu schreiben, durch die Redaktion der ›Nationaltidende' … vor allen anderen. […] Hatte ich eine Entschuldigung? Vielleicht. Es sind nur so wenige Jahre, in denen man voller Glück glaubt, alles zu können. Aber für die Älteren waren die Tage endlos.« Der Etatsrat ließ ihm freie Hand zu schreiben, wie er wollte, und unter der Rubrik »Wechselnde Themen« (»Vekslende Themaer«) verfaßte er über vier Jahre lang mehr als 200 Sonntagsfeuilletons über sozusagen alles, was im Kopenhagen König Christians des IX. geschah. Die meisten seiner Artikel – oder Feuilletons, wie man damals sagte – hatten die doppelte Länge eines modernen Zeitungsfeuilletons. Aber sie wurden gelesen. Und sie erweckten umgehend Aufsicht. Viele ihrer Themen waren nicht besonders tiefsinnig, sondern nur begabte Plaudereien über dies und das im Leben der Stadt. Herman Bang war ein unvergleichlicher Beobachter, und Kopenhagen erwachte unter seinen virtuosen Händen durch eine Fülle genau beschriebener Details zum Leben. Langweilig waren die Artikel nicht, denn der Feuilletonist wußte über alles, was man sprach und worüber man in den Foyers der Theater und den Cafés der Stadt hinter vorgehaltener Hand tuschelte, Bescheid. Und es gab für ihn kein größeres Vergnügen, als kleine Gucklöcher in die Welt der Vornehmen mit seinen elegant formulierten Indiskretionen und seiner nadelspitzen Kunst des Pointierens zu öffnen. Das Neue an seinen Texten war der Stil, eine raffinierte, leicht dahinlaufende Intimprosa, die durch ihren kunterbunten Farbenreichtum und scharf profilierte Ironie glänzte. Mit sicherem Instinkt wählte er die Briefform als die Gattung, die zu pflegen ihm nie zuviel wurde. Diese Form paßte genau zu dem redseligen Ton und bagatellhaften Inhalt, der manchen würdigen Familienvater den Kopf schütteln ließ, ihm aber als Lohn die ungeteilte Gewogenheit der Damen sicherte. Herman Bang liebte Kopenhagen, das sich in diesen Jahren von einer Kreisstadt zur Großstadt wandelte. Im selben Jahr, in dem er geboren wurde – 1857 –, hatte man mit dem Schleifen der Wälle begonnen, die die militärische Befestigungsanlage um die Stadt herum gebildet hatten. Damit war die Grundlage für die hektische Expansion, die folgte, geschaffen. In den Jahrzehnten bis zur Jahrhundertwende erlebte man das alte Kopenhagen innerhalb der Stadtbefestigung immer häufiger als verlorene Idylle, während inzwischen riesige Flächen besonders westlich der Seen für Fabriken und die Mietskasernen des Industrieproletariats zur Heimat wurden. Zugleich schuf die wohlbehütete Bürgerschaft ihre Villenviertel nördlich in Hellerup und Gentofte und weiter dem Strandvejen entlang. Diese zunehmenden Entfernungen verschärften die soziale Klassenbildung, und ganz langsam, wie die neue Großstadt Form annahm, wurde sie zum Rahmen eines unpersönlichen Lebens in der Masse, das sich den Einzelnen isoliert und verloren fühlen ließ. Man trifft auf die Melancholie dieser zunehmendenVerfremdung an mehreren Stellen in den »Wechselnden Themen«, und in dieser Hinsicht sind diese Artikel auch literaturhistorisch gesehen die früheste Bekräftigung, daß Herman Bang Dänemarks erster moderner Verfasser ist. Aber natürlich bestand die Großstadt ja nicht nur aus Melancholie und Weltschmerz. Sie war auch der Ort, wo das Geschehen spielte. Im Menschengewimmel Tivolis sich zu bewegen, faszinierte den zwanzigjährigen Studenten aus der Provinz vom Internat »Sorø Akademi« in Südseeland, und berauschte ihn, als wäre ihm der Wein zu Kopf gestiegen: »Ich ging hinüber ins Tivoli, wo ich mitten in die Freilichtvorstellung kam. Dieselben Lümmel beim Konzertsaal, dieselben Damen auf der Promenade, dieselben Fragen, dieselben Antworten. Gestern abend war ich hier schon spazieren gegangen: Aber ich war gar nicht weg gewesen. Herr Brix ging mit Herrn Nybölle spazieren und Mr. Green mit Mr. Red – genauso wie gestern – und sie hatten nicht einmal ihre Kleidung gewechselt. Dann wurden die Gaslaternen angezündet. Man lachte, man plauderte, man verabschiedete sich, man traf sich, man trank, man flanierte. Und über diesen flanierenden, spazieren gehenden, lachenden, kritisierenden, leichtsinnigen, leichtfertigen, träumenden und wachen, zerstörenden und zerstörten Scharen – der Schein der Gaslaternen, dieses Licht, das erfunden worden schien, das Bleiche aufzufrischen und das Häßliche schön zu machen, das mehr zu verbergen als zu offenbaren schien, mehr zuzudecken und zu verhüllen als zu erhellen. Hier war kein Sorö mehr! Wenn etwas aus mir werden soll, muß es in dieser Atmosphäre sein. Man stirbt vielleicht an dieser Atmosphäre von Gas, Schweiß, Parfümen, Geruch und Weindunst, aber man lebt darin«, schrieb er in einem Brief. Die »Wechselnden Themen« beinhalten zahlreiche Beschreibungen seiner unermüdlichen Rundgänge in der Stadt. Abend für Abend bewegte er sich mitten in der Menschenmenge, in Theatern, Cafés, in Tivoli und auf dem Dyrehavsbakken, während er tagsüber auf einsamen Spaziergängen die Ferienhausviertel der Reichen und die Viertel der Armen durchwanderte. Wir begegnen ihm auf dem »Strøget«, in Kongens Have, auf dem Assistens Kirkegaard und auf der Langelinie sowie dem Kurhotel Marienlyst bei Helsingör, wo er mehrmals Ferien machte, wenn Straßenstaub und Sommerhitze ihn von den gepflasterten Straßen vertrieben. Überall fand er für seine Feuilletons Stoff, und immer hatte er seinen Lesern etwas Neues zu berichten, denn zu Beginn der 1880er Jahre war Kopenhagen bereits so stark gewachsen, daß jemand aus dem einen Stadtteil kaum mehr erfuhr, was in einem anderen geschah. Andere seiner Artikel bestanden aus Porträts, die den Lesern Berühmtheiten nahebrachten, die man sonst nur von den Bühnen der Theater oder den Schaufenstern der Buchhändler kannte. Sowohl große als auch kleine Künstlerpersönlichkeiten der damaligen Zeit werden in lebendiger Weise durch genaue Analysen und illustrierende kleine Anekdoten porträtiert. Die Politik in Schloß Christiansborg interessierte ihn dagegen nicht im entferntesten. In allen 210 Feuilletons streift er nicht ein einziges Mal die heftigen Auseinandersetzungen jener Jahre zwischen der regierenden Rechten und der Linksopposition, die im übrigen die dänische Öffentlichkeit stark erregten. Man befand sich ja in den sogenannten »provisorischen Jahren«, wo der Konseilspræsident, Kammerherr Estrup, das Land mit Hilfe parlamentarischer Finten mit fast diktatorischen Methoden regierte. Dieses politische Drama beschäftigte zu jener Zeit viele der besten Jungautoren, besonders Herman Bangs gleichaltrigen Kollegen, den späteren Nobelpreisträger Henrik Pontoppidan. Aber die Kämpfe drinnen im Reichstag interessierten den vorwärtsstürmenden Starjournalisten nicht im geringsten. Es macht nachdenklich, daß Christiansborg, das damals sowohl Parlament und Königsschloß zugleich war, erst dann die Aufmerksamkeit des Feuilletonisten erregte, als es in einer Herbstnacht des Jahres 1884 abbrannte. Aber dann schrieb Herman Bang sein größtes journalistisches Meisterstück. Seine Zeitung hatte ihr Haus unmittelbar gegenüber dem Schloß, und er saß am Fenster und schrieb, von Angesicht zu Angesicht der Katastrophe, während die Funken dieses mächtigen Scheiterhaufens auf das Dach über seinem Kopf stoben, und viele Jahre später konnte er im Gedenken an diese Nacht, wo er sein journalistisches Meisterwerk schrieb, lächeln und in die Worte ausbrechen: »Die Ereignisse lieben mich!« Herman Bang ist einer der großen Reisenden in der dänischen Literatur; er hielt sich mehrmals längere Zeit im Ausland auf. Im Herbst 1880 bekam er den Auftrag, als Korrespondent seiner Zeitung in Belgien die Festlichkeiten anläßlich des 50jährigen Staatsgründungsjubiläums zu begleiten. Hier zog er los und teilte mit den Lesern seine ungehemmte Heiterkeit über die verklemmte Pensionshölle, wo er während seines Aufenthalts wohnte. Die Reise verhalf ihm aber auch zu Erlebnissen, die eine grundsätzliche Bedeutung für seine künstlerische und menschliche Entwicklung hatten. Die Besuche in Geel und in der Stadt der Nonnen entsetzten ihn wegen der namenlosen Leiden und des grotesken Benehmens der Irren und verursachten ein verwundertes Kopfschütteln darüber, was er als lebensferne und sinnlose Selbstauslöschung bei den frommen Schwestern in Gent sah. Nach der Heimkehr engagierte er sich deshalb stärker als vorher gegen die unterdrückte und politisch verdrängte menschliche Zerstörung auf dem Boden der dänischen Gesellschaft und schrieb im Laufe des Herbstes und Winters einige aufsichtserregende Reportagen über die Zustände in den Kopenhagener Armenvierteln. Mit diesen ungeschminkten und redlichen Schilderungen führte er moderne, soziale Journalistik in der bürgerlichen Presse ein. Im November 1880 schickte ihn seine Zeitung nach Klitmöller an der Westküste Jütlands, wo er in zwei hervorragenden Artikeln die näheren Umstände einer tragischen Strandung schilderte und scharfe Angriffe gegen die Gleichgültigkeit der Schiffahrtsbehörden und das zynische Schachern der Reeder um Sicherheit und Leben der ihnen anvertrauten Mannschaft richtete. Diese Artikel kommen einer politischen Meinungsäußerung noch am nächsten. Aber nicht alle Leser der Nationaltidende fanden, daß Artikel über solche düsteren Schattenseiten der dänischen Gesellschaft in ihre Zeitung gehörten, und man kann an mehreren Stellen der »Wechselnden Themen« erkennen, wie Bang sich mit haltlosen Beschuldigungen, er habe übertrieben und einen Elendstourismus begonnen, auseinandersetzen mußte, was durch halb- oder ganzprivate Kanäle zu ihm kam. Auch nach außen hin in der breiten Öffentlichkeit kam ihm dies teuer zu stehen. Als er 1880 einen harschen und gut begründeten Angriff gegen die reichlich blühende »lichtscheue« Trivialliteratur richtete, die diese geistige Speise zurichtete, mit der Proletariat und Unterschicht damals abgespeist wurden, ließ dies die Witzbolde der gesamten Unterhaltungspresse Blut wittern: Konnte man sich seit Sören Kierkegaards Tagen überhaupt eine bessere Beute als dieses parfümierte Patrizierwesen vorstellen, dessen aparte Faszination von Armut und Schmutz jedes anständigen Bürgers Pflicht zu rügen war? Nun verbarg der aristokratische Herman Bang selbst auch nicht seinen exklusiven und kultivierten Hintergrund, wenn er über die Elendsquartiere in Christianshavn und die Freidenkertreffen der Unterschicht schrieb oder die Morde im Schoß der Gesellschaft erforschte; immer wieder sieht man, wie seine Artikel den Abstand zwischen »denen und uns« deutlich ausloten. Er ekelte sich offensichtlich über die Vulgarität und den Gestank, auf den er stieß, und konnte dennoch so weit gehen, sich mit Ironie und Sarkasmus dagegen zu wehren. Aber bei weitem nicht alle verstanden, daß gerade der Ekel und die Übelkeit, die er beim Anblick all dieses Elendes in einem mitmenschlichen Verantwortungsgefühl, das viele mit einem desillusionierten Blick in die Gesellschaft von sich abstreifen konnten, selbst das Wahrzeichen seiner widersprüchlichen Persönlichkeit war. Aus tiefer Achtung gegenüber seinem Thema verfiel er nie in Übertreibung und billige Sensationshascherei, sondern blieb als der Aristokrat, der er nun einmal war, dabei, die Dinge von außen zu betrachten. Hatten die Artikel überhaupt eine Tendenz, so schrieb er 1881, war »das Mitgefühl (…) meine Tendenz«, und er faßte seine Verzweiflung mit Dantes Wort zusammen: »Ihr, die ihr herkommt, lasset alle Hoffnung, die Worte sah in dunkler Farbe ich geschrieben über einer Pforte Bogen.« Höhere Gedanken über eine gerechtere Verteilung der materiellen Güter dieser Welt vermochte er sich in seiner desillusionierten Weltsicht, die ihm eigen war, nicht vorzustellen. Aber als Ausgleich übernahm er bereitwillig die Rolle des größten Bettler der Kopenhagener Presse, indem er regelmäßig in seinen Berichten eindringliche Appelle an die Wohlhabenden richtete, doch mindestens sein Scherflein beizutragen, um die entsetzlichen Zustände der Elenden der Gesellschaft zu lindern. Neben den leichten Plaudereien, Reiseschilderungen und dem ungemütlichen, sozialen Gruselkabinett, wohin seine Reportagen die bürgerlichen Leser des Blattes führten, finden sich auch bei Herman Bang eine Anzahl Themen, die die wichtigsten Theater- und Literaturereignisse behandeln. Trotz ihrer hohen Qualität sind solche eher fachkritischen Artikel aus Platzgründen in dieser Auswahl nur wenig berücksichtigt. Mit ihnen aber festigte er seinen Namen als führender Kritiker seiner Generation, und diese Feuilletons sind auch heute noch für alle die, die sich in die Literatur und das Theater seiner Zeit vertiefen wollen, wichtige Quellen. So schrieb er einige glänzende Einführungen zu den großen Zeitdramen Henrik Ibsens »Nora oder Ein Puppenheim« (1879), »Ein Volksfeind« (1881) und »Die Wildente« (1884), die ihre Welturaufführung alle in Kopenhagen hatten. Sowohl als jemand, der seine Stadt beschreibt, als auch als Reisejournalist, als Kritiker und als Sozialreporter war Herman Bang der bedeutendste Journalist seiner Zeit. Seine Inspiration und sein Ausgangspunkt waren das französische Kulturfeuilleton, das in der Pariser Presse zwischen 1800 und 1870, zur Zeit der beiden napoleonischen Kaiserreiche, entwickelt worden war. Hier erlangte eine Reihe bedeutender französischer Essayisten wie zum Beispiel Sainte Beuve und Alphonse Daudet ihren Ruhm, indem sie ein buntes Gemisch im Rahmen des Feuilletons schufen, von literarischer und dramaturgischer Kritik bis zu einem umfassenden Erlebnisjournalismus, der Reisen, größere öffentliche Ereignisse, Wanderungen in der Natur oder der Großstadt und Porträts interessanter oder kurioser Personen umfaßte. Grundsatz dieser Artikel war, daß sie nicht langweilen durften, und ihr wichtigstes Merkmal waren der unpolitische Inhalt und eine stark individualistische Prägung. Alles in allem sind die »Wechselnden Themen« ein Hauptwerk der Autorenschaft Herman Bangs. Als journalistische Leistung bringen sie die dänische Presse den modernen Massenmedien, das heißt der Zeitung für alle, ein großes Stück näher. Einer Zeitung, die beweist, daß es auf dieser Welt anderes als Politik und Wirtschaft gibt. Herman Bang war ein bedeutender Meilenstein in dieser Entwicklung: Er war ein Journalist internationalen Zuschnitts und Formats, und hätte er nicht in einer so unscheinbaren Sprache wie dem Dänischen geschrieben, hätte er es sicher früher oder später zu einem Namen in der damaligen europäischen Presse gebracht. 1886 jedoch hatte er dieses Ziel fast erreicht. Es gelang ihm nämlich, mit Rudolf Mosse von der vornehmen liberalen Zeitung »Berliner Tageblatt« in Verbindung zu treten, aber gerade als er hier eine Karriere als Mitarbeiter beginnen sollte, ließ ihn ein Artikel in der fernen norwegischen Zeitung »Bergens Tidende« scheitern; dieser Artikel enthielt einige ironische und beleidigende Äußerungen über die deutsche Kaiserfamilie. Seine Bemerkungen bewirkten in Berlin Aufruhr, und er wurde unverzüglich aus Deutschland ausgewiesen. Hals über Kopf reiste er zuerst nach Meiningen, dann nach Wien und landete schließlich in Prag, wo er unter ärmlichen und kümmerlichen Verhältnissen mehrere seiner literarischen Meisterwerke schuf (u.a. die Romane »Am Wege« (1886) und »Stuck« (1887). Im übrigen erhielt er sein ganzes Leben hindurch eine rastlose und vielfältige journalistische Tätigkeit aufrecht, die sich über eine große Zahl dänischer und ausländischer Zeitungen und Zeitschriften erstreckt. Dies war die feste Grundlage seiner Existenz, ohne die er nicht leben konnte. Von seinen Lesungen, Vorträgen und Inszenierungen hätte er nie leben können, und seine schöngeistigen Bücher wurden erst in den 1890ern mit wirklichem Respekt und Anerkennung bedacht, ohne daß er dadurch größere Einnahmen erzielte. Nach den »Wechselnden Themen« wurden Herman Bangs Artikel weniger und weniger. Vieles wurde nun mit der sicheren Routine, die er sich mit der Zeit zugelegt hatte, geschrieben. Nie mehr gab er so viel von sich selbst, wie in den Jahren bei der »Nationaltidende«, aber bis zum heutigen Tag kann man überall in fernen und vergessenen Stellen in vergilbten alten Zeitungen auf wirkliche Meisterwerke stoßen, die man zur Zeit vor dem Vergessen zu retten versucht. Er selbst verstand seinen Journalismus als etwas, was seine literarische Tätigkeit befruchtete. »Der Feuilletonist lernt zu beobachten«, schrieb er, »und sein Gedächtnis wird zu einer Rumpelkammer, in der alles mögliche aufbewahrt wird.« Seinerzeit sagten seine Neider über ihn, er sei ein oberflächlicher Schreiberling, der kraft seiner magischen Herrschaft über die Sprache unbegrenzt lange über alles mögliche reden könne. Die Satirepresse behauptete dasselbe. Ist man aber seine Texte Zeile für Zeile durchgegangen und hat sie kommentiert, kommt ein ganz anderes Bild zum Vorschein: Hinter all seinen gesellschaftlichen Texten und hinter all den literarischen und dramaturgischen Studien liegen überaus gründliche Nachforschungen. Er ist als Journalist diszipliniert und vertrauenswürdig, er weiß immer, wovon er spricht, und es ist äußerst selten, daß man ihn dabei ertappt, auch nur einen unbedeutenden Faktenfehler zu begehen. Er liebte es zu posieren und die Rolle des genialen Tausendsassas zu spielen, der die Dinge nur so aus dem Ärmel schüttelte – aber die Wahrheit über ihn war, daß er wie nur wenige hart arbeitete.     Wenn Herman Bang einen seiner hektischen Vortragsabende beendet hatte, und schwitzend, die Kleidung in Unordnung und die obligate weiße Nelke aus dem Knopfloch hängend, von der Bühne herabgestürzt kam, lief er zum Nächstbesten hinter der Kulisse und stöhnte mit seiner heiseren Stimme: »War ich gut?« Was der zufällig anwesende Maschinenmeister oder Theaterdirektor erwiderte, wissen wir ja nicht, aber wir, die wir heute seine journalistischen Werke lesen, können diese Frage auf jeden Fall beantworten: »Ja, das warst Du, Du warst gut!« Holbæk, im Sommer 2009 Sten Rasmussen Vorwort des Übersetzers Herman Bang (1857–1912) hat neben seinen großen, international bekannten Romanen eine Unzahl anderer Arbeiten geschrieben, die weithin unbekannt geblieben sind. So ist etwa seine journalistische Tätigkeit weitgehend unbeachtet geblieben. Allein in seiner Zeit als Kritiker und Korrespondent der Nationaltidende von 1879–1884 schrieb er unter verschiedenen Rubriken (»Vekslende Themaer«, »Charivari«, »Mosaik«) mehr als 200 Reportagen, Skizzen, Berichte u.a. Allein die Rubrik »Vekslende Themaer« umfaßt 210 Stücke. Sie beschäftigen sich mit den Kopenhagener Begebenheiten jener Jahre, aber auch mit Kunst, Kultur und Theater sowie Reiseberichten. Bis zum Erscheinen der o.a. historisch-kritischen Ausgabe waren in dänischer Sprache (außerhalb der Nationaltidende) nur etwa ein Drittel erneut veröffentlicht, teils von Herman Bang selbst (Realisme og Realister, Kritiske Studier, Herhjemme og Derude, insgesamt 37 Stücke), teils von Autoren wie Woel, Lehrmann, Claes Kastholm und Knud Arne Jürgensen (»Dramaturgiske Pennetegninger«). Ins Deutsche wurden bisher nur etwa 25 Reportagen übersetzt (Perlet, Sonnenberg). Die beiden Bang-Gesamtausgaben von 1912 ff./1919 (Samuel Fischer, Berlin) und von 1926 (Samuel Fischer, Berlin) enthalten keine einzige Reportage, die »Ausgewählten Werke des VEB Hinstorff Verlags Rostock 1982« (in Lizenz bei Hanser Klassiker 1982) beinhalten 20 Reportagen, teils jedoch nur in Auszügen (übersetzt von Gisela Perlet). Mit dieser Auswahl liegt eine Zusammenstellung von 54 Reportagen vor, davon zwei Drittel zum ersten Mal in deutscher Sprache. Sie ist so zusammengestellt, daß der Leser einen möglichst umfassenden Eindruck der journalistischen Tätigkeit Bangs erhält; wegen ihrer Zeitgebundenheit nehmen die kulturhistorischen Berichte einen verhältnismäßig geringen Raum ein. Das Besondere an dieser Übersetzung sind die zahlreichen Erläuterungen, deren Recherche oft mehr Zeit als die eigentliche Übersetzung erforderte. Aber bei journalistischen Ausführungen, die die Zeit von 1879–1884 behandeln und in Kopenhagen spielen, wo sich wohl nicht jeder Leser zu Hause fühlt, schien es mir nicht vertretbar, den Leser sich selbst zu überlassen. Die Anmerkungen fußen zum Teil auf der dänischen Ausgabe von Sten Rasmussen, zum Teil auf eigenen Nachforschungen.     Die »Vekslende Themaer« sind für den Übersetzer eine schwierige Nuß zu knacken. Beliebigkeiten in der Zeichensetzung, viele abgebrochene Sätze, unzählige Auslassungszeichen, manche Redewendung oder Wörter, die sogar die dänischen Herausgeber vor schwierige Fragen stellten, erforderten viel Mühe und Nachforschung. Ohne die Hilfe des Herausgebers der »Vekslende Themaer«, Herrn Lektor Sten Rasmussen, hätte das Werk in dieser Form nicht gelingen können. Ihm sei an dieser Stelle ganz besonderer Dank ausgesprochen, sowie den vielen auskunftsfreudigen Helfern, die in den Anmerkungen genannt sind. Gedankt sei auch »Det Danske Sprog- og Litteraturselskab«, Kopenhagen, die mir zusammen mit Sten Rasmussen die deutschen Rechte verlieh. Freiburg (Breisgau), im Sommer 2009 Dieter Faßnacht 28.12.1879 Drangsal Gedränge – Ein netter Gedanke – »Eine Kleinigkeit zum Übernachten, guter Herr!« – »Wandergesellen« – Schweinebraten – Das Heim »der Obdachlosen« – Tiefpunkte eines Lebens – »Der Kandidat« – »Das ist Humbug« – Die Geschichte der Champagnerflaschen – Naßschnee – Die Lichter sind heruntergebrannt – Ein Blick durch das Fenster Die Lichter unseres Weihnachtsbaumes waren erloschen. Wie hatten sich die Kinder doch gefreut! Hänschen stand ganz ruhig, alle fünf Finger in den Mund gesteckt, unentwegt auf den Baum starrend; seine hellblauen Augen waren doppelt so groß wie sonst, doppelt so groß und strahlend. Wir waren um den Baum getanzt und hatten die alten Lieder gesungen, die uns wieder zu fröhlichen Kindern machten. Wir waren glücklich zu geben, und froh zu empfangen; wir hatten Päckchen geöffnet und den Baum geplündert; wir hatten gelacht und gelächelt, bewundert und gedankt. Wie Viggo doch gejubelt hatte, als er seine Trompete bekam, und Jenny begann sofort »Den standhaften Zinnsoldaten« »Der standhafte Zinnsoldat«: Märchen von H.C. Andersen, 1838 erschienen (»Den standhaftige Tinsoldat«). und »Das Weib« »Das Weib«: Es handelt sich wahrscheinlich um den Kinderreim »Katten og kællingen, sloges om vællingen« (Die Katze und das Weib schlugen sich um den Brei). zu lesen. Der Baum leuchtete. Wie goldene Früchte hingen die Apfelsinen an seinen Zweigen, die großen Zuckerengel mit den gelben Flügeln schwebten auf den hohen Zweigen, mit roten Bändern festgebunden; die dunkeln Zuckerkränze, mit leckerem Likör, der im Kerzenschein schimmerte, gefüllt, glühten in Licht und Glanz. Und ganz oben an der Spitze war ein großer Stern. Rundherum Kinderlachen und Singen. Nun waren die Lichter erloschen. Wir gingen die Straße hinab, sie war wie ausgestorben. Noch vor einigen Stunden war sie voller Menschen gewesen: Männer mit Paketen und Männer mit Körben, Jungen mit Christbäumen und arme Frauen mit Zweigen, Boten, die aneinander stießen und in der Eile ärgerlich fluchten, Herren, die aus dem Büro kamen, und Damen, die in die Kirche wollten. Die Läden waren gedrängt voll, man wurde vor der Ladentheke weggeschoben und hatte kaum Zeit, das Wechselgeld in Empfang zu nehmen, man vergaß sogar das Feilschen, und selbst ältere Damen entschlossen sich schnell. Man stieß aneinander und rief dann »Frohe Weihnachten« anstelle von »Entschuldigung«; man lachte, man drängelte, man rief. Der arme Handlungsgehilfe war schon ganz durcheinander, so daß er demjenigen einen Fächer einpackte, der um ein Zigarrenfutteral gebeten hatte. Dann wieder auf die Straße hinaus. Ein schnelles »Frohes Fest!« zu einem Freund, der gerade vorbeigeht, ein fröhliches vergnügtes Summen; man tastet seine Taschen ab, ob man jetzt nichts vergessen hat, ertappt sich dabei, wie man in das Pfeifen eines Straßenjungen einfällt, eilt schnell davon. Ja, und wie man sich beeilt! Und trotzdem regt es einen kaum auf, wenn ein eiliger Nebenmann einen unsanft in den Rinnstein stößt. Man nimmt es, wie es kommt: es ist so etwas merkwürdig Versöhnliches an Weihnachten, man ist nie dazu fähig zurückzuschlagen … Aber nun waren die Straßen leer. Die erhellten Fenster in ihren langen Reihen sahen in der Dunkelheit wie die glänzend strahlenden Augen des glücklichen Zuhauses aus. Genau: Zuhause, denn dies ist das allerschönste Geschenk des Heiligen Abends, daß es eine kurze Zeit lang in jeder Familie ein Zuhause zu schaffen vermag. Für einige ist der Weihnachtsgesang auf dem Felde Bethlehems zum hübschen Mythos geworden, dem sie nur den Wert eines alten Mythos zumessen können, aber das Evangelium vom Heiland lebt doch bei ihnen allen halbwegs. Es dämmert wie der Widerschein des Lichtes ihrer Kindheit, erklingt in ihrer Seele wie das tönende Echo eines lieblichen Gesangs, den sie fast vergessen hatten … Aber was gibt es wohl über dieses Weihnachtsfest zu berichten? Sie sind ja selbst Mutter, die den Weihnachtsbaum geschmückt hat, während Sie im voraus den Jubel und die Freude der Kinder genossen; selbst Vater, der vielleicht am Vormittag gebrummt hat, der ganze Sinn der Sache sei der, Geld auszugeben, jetzt aber abends, während der Baum im Lichterglanz erstrahlt, so unglaublich leichtsinnig ist, daß Sie gerne mehr als das Doppelte ausgegeben hätten, um all diese Freude zu sehen; selbst ein Kind oder ein Verwandter einer dieser glücklichen Familien, die Weihnachten, das Fest der Familien, doppelt so hell und fröhlich machen. Was könnte ich Ihnen Neues von all dem, was Sie so gut kennen, erzählen? Ich wußte, ich könnte es nicht, und gerade deshalb gingen wir durch die leeren Straßen, wo wir in Schneematsch und Schlamm herumwateten, und wo das Wasser in unsere Stiefel schwappte, hinaus, um das Weihnachtsfest nicht der Glücklichen, sondern der Obdachlosen zu suchen. Vor etlichen Jahren gingen einige junge Leute an Heiligabend hinaus auf die Straßen und Gassen und sammelten alle armen Kinder, auf die sie trafen. Sie brachten sie in einen warmen Saal, wo lange Tische bereit standen und wo man ihnen zu essen und zu trinken gab. Und es stand auch ein Christbaum da, ein wunderschöner großer Baum, wie wohl die wenigsten von ihnen jemals gesehen hatten. Er war edel gestaltet und schön geschmückt; aber es gibt mehr Obdachlose als die, die man auf der Straße trifft, und selbst mit dem besten Willen kann man keine Weihnachtslichter für sie alle anzünden. Und es sind Obdachlose verschiedenster Art. Da gibt es alte, einsame Leute ohne Verwandtschaft und Freunde, man nennt sie Heimatlose, weil man weiß, daß selbst an Heiligabend ihr einsames Kämmerlein zu keiner Heimat werden kann. Man trifft auf einen einzelnen älteren Mann, der schläfrig und mürrisch im Winkel eines Cafés oder eines Austernkellers Austernkeller: Kellerwirtschaft, in der Austern angeboten wurden; der Begriff ist leicht herabsetzend. sitzt, dies ist ein solcher Heimatloser. Dann gibt es andere, die in buchstäblichem Sinn Obdachlose sind, Leute, die beim Aufstehen nicht wissen, wo sie sich abends hinlegen sollen, Leute, die nichts besitzen und die keine eigene bleibende Statt haben; deren Leben ein beständiger Kampf ist, Leute, die sozusagen die wandernden Handwerksgesellen des Lebens sind, oft aber nicht einmal Tornister oder Bündel haben. Ihr Weihnachten suchte ich. Sie begegnen Ihnen bettelnd auf Kongens Nytorv, Kongens Nytorv: Zentraler Platz in Kopenhagen mit Königlichem Theater und Magasin du Nord. Die Fußgängerzone (»Strøget«) endet dort mit ihrem nordöstlichen Teil. Die Bettler, die sogenannten »Banditen« hielten sich auf den Bänken rund um »Hesten« (»Das Pferd«) auf. wenn Sie abends vom Theater nach Hause zurückkehren. Sie haben ja so oft die übliche Bitte »Guter Herr, eine kleine Gabe für das Übernachten« … »Guter Herr, eine kleine Unterstützung für die Nacht« gehört. In Neapel geboren wären diese Menschen »Lazzaroni« Lazzaroni (pl.), lazzarone (sg.) (it.): Nichtsnutz, Lump, Faulenzer. geworden. Sie hatten fast kein Einkommen, und ihre Wünsche reichen nicht weiter, als für heute das Notwendigste zu erwerben und für die Nacht ein Bett zu bekommen; sie helfen auf dem Markt und bieten ihre Dienste beim Zollamt an, manche bekommen Arbeit bei den Packhäusern, aber alles nur tageweise, und derjenige, der gestern etwas hatte, hat heute so gut wie nichts mehr. Deshalb muß er, wenn der Abend naht, hinaus, um für die 25 Öre zu kämpfen, die es kostet, im Obdachlosenheim, in das er möchte, zu übernachten. Denn der Wirt schreibt nicht an. Waren Sie schon einmal in einem solchen Obdachlosenheim? Oder glauben Sie noch an die alten Londoner Märchen vom nächtlichen Stehen, wo man mit den Armen schlafend über ein gespanntes Seil hängt? Die Räume unserer Obdachlosenheime werden von unserer Gesundheitspolizei genau überwacht, und man stößt hier auf keine furchtbaren Dinge – wie man genau so wenig natürlich auf besonderen Komfort trifft. Einige große Räume, deren Raumgröße genau bemessen ist, einige Betten längs der Wände, deren Anzahl die Polizei gemäß der Raumgröße bestimmt. An der Tür hängt ein Holzbrett mit der Hausordnung, die unter anderem bestimmt, daß die Bettwäsche im Monat mindestens einmal zu wechseln ist. Es ist ja fast das Übliche – aber man muß bedenken, daß ein Monat dreißig Nächte hat und daß jedes Bett in diesen dreißig Nächten meist dreißig verschiedene Besitzer hat. Übrigens gibt es in den Betten sowohl Bettdecke als auch Leintuch und zwei Kopfkissen, auf die aufzupassen recht schwer ist, wie der Heimleiter berichtet. »Diese Kopfkissen«, sagte er, »sind ewig auf Wanderschaft. Mehrmals in der Woche muß ich aufs Polizeirevier, um sie wieder zu holen.« Um für eine Nacht ein solches Lager zu ergattern, muß »der Kämpfer« 35, 25 oder 15 Öre 1 dän. Krone hat eine Kaufkraft von etwa 7–8 €; sie ist in 100 Öre unterteilt. bezahlen, je nach dem, was es für ein Bett ist; denn es gibt verschiedene Arten von Betten und deshalb auch verschiedene Preise. Diese 25 Öre muß man sich abends oder nachts auf Kongens Nytorv verschaffen, wo es dann geschehen kann – denn es sind viele Landstreicher darunter –, daß die Polizei Nacht für Nacht einen guten Fang unter den wechselnden Bewohnern der Obdachlosenheime macht. Obdachlosigkeit führt zu Leichtsinn – dies ist eine alte Wahrheit … Am Vormittag, als ich meine Ankunft anmeldete – es ist immer klug, dies vorher zu tun – wurde ich vom Heimleiter freundlich empfangen. »Ich hätte mir gerne einmal den ›Heiligabend der wirklich Armen' angesehen«, sagte ich zu ihm, »den Heiligabend der Obdachlosen.« »Bitte sehr, aber hier gibt es keine Obdachlosen: Sie haben hier ja ein Obdach.« Dann erzählte er, daß er von 7 Uhr bis 10 Uhr seine Stammgäste mit Schweinebraten, Bier und Schnaps bewirte. Er erwartete etwa zweihundertfünfzig, Alte wie Junge. Dies war ein vielversprechendes Programm. Dann gingen wir um 9 Uhr hin. Im Speisesaal sei gedeckt, sagt die Frau des Heimleiters, die in der Küche steht und riesige Kartoffelberge auf verschiedenen Schüsseln anrichtet. Im Speisesaal herrscht ein schrecklicher Mief. Eine Luft, die schwanger vom Tabakrauch ist – solchem Tabak, den solche Leute rauchen, – schwanger von Branntweindunst, dem Geruch der großen Schweinebraten, dem Gestank von Kautabak, Ausdünstungen und Schweiß dieser siebzig Menschen, die in qualvoller Enge an den hufeisenförmigen Tischen sitzen. Die Luft schlägt mir stickig entgegen. Anfangs versuche ich vergebens, etwas zu erkennen … Dunst legt sich wie ein dichter, alles bedeckender Qualm, wie ein Schleier über Menschen und Gegenstände. Der kleine Weihnachtsbaum mit dem großen Zwerg schimmert schläfrig durch den übelriechenden Nebel. Es wird nicht viel gesprochen, man ißt , denn nicht an jedem Tag bekommt man Schweinebraten und in Butter gebräunte Kartoffeln. Nach und nach gewöhnt man sich an die Luft. Man gewöhnt sich so schnell daran, bei jeder Art von Luft zu atmen, und auch die Augen beginnen zu sehen. Wie gierig sie essen, sie schneiden das Fleisch in große, breite Streifen, tauchen es in Senf und schieben es in den offenen Mund, wo sich die Zähne darüber schließen. Durch die einzelnen Rufe, durch die einzelnen Flüche hört man ein unaufhörlich murmelndes Schmatzen. So langsam erkennt man im Dunst die Gesichter. Bärtige Physiognomien, junge und alte, weiche und zerfurchte Züge; die meisten breitschultrig, muskulös, einige mit nackten Armen. Der dort mit der Bäckermütze und dem blonden Schnurrbart hat die Hemdsärmel hochgekrempelt – er hat ein Hemd an – um es bequemer zu haben. Die Muskeln längs des Armes bilden zähe, kräftige Bündel, die Hände sind groß, fleischig und drahtig. Er esse bereits die dritte Portion, sagt der Wirt. Jetzt nimmt er die Mütze ab: Er hat kräftiges, mittelblondes, leicht gelocktes Haar mit einem Mittelscheitel. »Ich habe den Beruf des Metzgers erlernt«, sagt er dann zu einem meiner Begleiter. Dies konnte man an seinen Armen und dem Scheitel sehen. Neben ihm sitzt ein pausbäckiger Kerl mit großen, aufgeblasenen Backen und ganz hellblauen Augen ohne Farbe oder Glanz. Er hat bereits genug; Leute, die so viel trinken, sind selten hungrig. Nun sitzt er an der Wand und gähnt. Kurz darauf fällt er in Schlaf, fällt mit dem Oberkörper auf den Tisch, nach rechts zum Metzger, nach links zu Petersen, erhält einen Stoß, fällt zurück an die Wand und schnarcht. Petersen ist ein gedrungener Mann, leicht gebeugt von Alter und Jahren, seine Augen sind wäßrig, gelbrot im Weißen, der Mund eingefallen, die Nase scharf … Ich werde ihn im Auge behalten … Dann stimmt einer dröhnend ein Lied an. »Der er et yndigt land« »Der er et yndigt Land« (»Es ist ein liebliches Land«): Das Lied des Vaterlands (damals noch nicht Nationalhymne) wurde 1819 von Oehlenschläger gedichtet. … für gemischten Chor. Gebrüll, Gekreische, Geheul, Geheul nach Melodie. Jeder singt in seiner Tonart, fast jeder hat seine eigene Melodie. Der Kleine mit dem schwarzen Bart am Tischende wirft sich in die Arme des neben ihm Sitzenden, und einander eng in die Arme schließend liegen sie beide da und schreien einander ins Gesicht. Man trampelt den Takt, den es nicht gibt, wer nicht singen kann, pfeift, oder er schlägt mit dem Messerstiel Trommel auf dem umgedrehten Teller. Unten am anderen Tischende sitzt man einander auf dem Schoß und schlägt den Takt, indem man einander auf die Schenkel klatscht. Dann schreit man auf, macht Lärm, bleibt mitten im Vers stecken, fängt plötzlich mit »De sønderjyske piger« »De sønderjyske Piger« (»Die Mädchen im Süden Jütlands«): Gedicht aus Holger Drachmanns Reisetagebuch »Derovre fra Grænsen« 1877. Vielleicht ist auch das Gedicht von Vilhelm Bergsøe gemeint, das 1879 als Untertext einer landesweit bekannten Fotografie zweier südjütländischer Mädchen in Nationaltracht veröffentlicht wurde. an, stoppt nach der dritten Strophe. Der Metzger fängt mit »Den tapre landsoldat« »Den tapre Landsoldat«: Lied (1848) von Peter Faber aus dem dreijährigen Krieg 1848-1850. an, stößt seinem schlafenden Nebenmann in den Magen, so daß der besagte Schlafende erwacht, sich erhebt und mit einem langgezogenen Heuler hinfällt, der vom Gebrüll des Metzgers – dumpf wie der Ruf eines Nebelhorns – begleitet wird. Man erhebt sich von den Tischen und hilft beim Aufräumen. Jetzt kann man sie richtig beobachten. Der Speisesaal gleicht einer der abgerissenen Buden in der Helliggejststræde, wo die Kleider lebendig geworden sind und als zerbrechliche Decke um einige merkwürdige Gestalten wandeln. Man prügelt sich überall, und wir bestellen noch eine Runde. Der Heimleiter stellt das Bier auf den Tisch, die Gläser zu uns. Der Lärm steigt. Draußen vor der Schenke tanzen drei, vier Kerle trampelnd einen Volkstanz mit sechs Touren; ein anderer sucht sich eine Ecke um zu schlafen; andere scharen sich um uns und betrachten uns neugierig, vielleicht ein wenig ängstlich. Gut gekleidete Herren kommen ihnen etwas feindlich vor, etwas, das zu sehr an die Leute mit dem Schild Die Leute mit dem Schild: Schutzmänner, Polizei. erinnert … Aber das Bier beruhigt sie, und nachdem sie erst sicher sind, wen sie vor sich haben, drängen sie sich alle vor, um ihre Geschichte oder, vielleicht besser, eine Geschichte zu erzählen. Sie sind darin überaus geübt, und sie sind gute Schauspieler. Sie sprechen halblaut, jammern, erzählen von unverdientem Unglück und Leid, das sie getroffen hat, ohne daß sie schuld daran gewesen wären … Aber es liegt so viel Unglaubwürdigkeit über ihren Erzählungen … Petersen hat sich neben mich gesetzt. Er zieht einige Empfehlungsschreiben hervor. Das erste Datum ist 1849. Da war er Soldat bei den Leibjägern, oder Krämer von Beruf. Dann wird er Unteroffizier, kehrt vom Krieg zurück, wird wieder Krämer. Einige Jahre vergehen. Das nächste Datum ist 1859. Ich frage ihn, wie diese Jahre verlaufen sind. Er schaut mich von der Seite an und sagt treuherzig: »Ich erinnere mich nicht daran.« In jedem Leben gibt es Jahre, die man am liebsten vergäße, Zeiten, an die man sich nicht erinnert, weil man es nicht will, und weil man sich eigentlich zu gut daran erinnert. Nach dieser Zeit treffen wir ihn wieder als Bevollmächtigten des Bornholmer Landrats. Er bekommt gute Empfehlungsschreiben für Fleiß und Tüchtigkeit, auch die juristischen Angelegenheiten führt er gut durch, beginnt jedoch schnell wieder etwas Neues und wird Gehilfe bei einem Buchhändler, Angestellter bei der Ausstellung, Assistent im Alhambra, Alhambra: Volkspark, der im Jahre 1856 von Tivoligründer Georg Carstensen in der Frederiksberg Allé angelegt wurde. Die Anlage bestand aus einem großen Gebäude mit Konzertsaal und Theater, in dem leichtere Schauspiele, Ballette und akrobatische Darbietungen aufgeführt wurden. 1870 abgerissen erinnert nur noch der Alhambravej daran. Wächter auf dem Turm der Nikolaikirche Turm der Nikolaikirche: Der Turm der Nikolaikirche (unweit von Kongens Nytorv) wurde bis 1892 als Brandwache genutzt. und wieder Krämer. Wiederum ein toter Punkt, wo die sonst so beredte Kopie schweigt, wo der Mann aber beginnt, wortreich und überzeugend zu reden. Hätte er nicht diesen auf die Seite schielenden Blick, käme man in Versuchung, ihm zu glauben – so aber fragt man ihn, was er jetzt macht. »Er wohnt hier.« Man sieht auf seinen ausgeblichenen Mantel, der sorgfältig gebürstet ist, auf seine Hände, die klein und so sauber sind, wie man sie ohne Seife bekommen kann; auf seine scharfen Gesichtszüge, die hübsch wären, wären sie nicht von seinem Blick verunziert, der nach unten gerichtet ist, weg, nie genau auf den, mit dem er spricht. »Möchten Sie eine Krone?«, frage ich. Er blickt schnell mit einer Art Schimmer im schielenden Auge. Dann umfaßt er hart und krampfhaft mein Knie und flüstert leise: »Danke, aber sagen Sie es nicht den anderen. Sie verstehen, es ist für einen Mann wie mich schlimm …« Ich lasse eine Krone in seine Hand gleiten. Wenn die anderen dies sähen, hätte er mit dem Geld keine große Freude. Dann müßte er ja »eine Runde schmeißen«, das weiß er. Draußen auf dem Fußboden prügelt man sich in aller Freundschaft – – Ein kleiner untersetzter Bursche stößt mich an und sagt, er wolle gerne unter vier Augen mit mir reden. Er zieht mich zum Ausgang. »Was soll das heißen?«, frage ich, »was wollen Sie von mir?« – »Ich will den Herrn nur vor den anderen warnen. Es ist Humbug – Herr, reinster Humbug von ihnen.« – »Ja, das weiß ich«, antworte ich. »Möchten Sie 50 Öre haben?«, füge ich schnell hinzu, als ich ihn seine Hand mit einer eindeutigen Geste ausstrecken sah. »Ja, danke, Herr, es fehlt ja noch für die Nacht. Aber die anderen – es ist nur Humbug.« Wir gehen wieder hinein. Der gute Mann trinkt ein Bier für das Geld und ruft dann einen meiner Freunde zum Ausgang, um ihm dieselbe Wahrheit – über die anderen zu erzählen. Ich komme mit dem »Kandidaten« ins Gespräch. Er spricht Latein, spricht von Ploug Ploug (…) Attellanen: Ende der 1830er und Anfang der 1840er schrieb Carl Ploug unter dem Pseudonym Poul Rytter eine Reihe übermütiger satirischer, dramatischer Skizzen, die sogenannten Atellanen, die in der Studentenburse »Regensen« aufgeführt wurden und als Vorläufer der Studentenkomödien C. Hostrups gelten. als Dichter gewisser Atellanen, über die Dreißigjährigen als Jungen. Er spricht auch über Philosophie. »Ja, Nielsen ist ein tüchtiger Repetitor«, sagt er. Ich sage ihm nicht, daß Rasmus Nielsen Rasmus Nielsen (1809-1884): Bekannter Philosophieprofessor, weit bekannt für seine ausgezeichnete und einflußreiche Schriftsteller- und Vortragstätigkeit, weniger für seine wissenschaftliche Lehrtätigkeit an der Universität. ein alter Professor ist. Für ihn ist er noch der tüchtige Repetitor. Es hat mit diesem Niedergang der Dreißiger etwas Entsetzliches auf sich. Und doch ist er in diesem Kreis eine Autorität, und wenn er spricht, schweigen die übrigen. Man hört sich andächtig seine hebräischen Brocken an, ruft »Er lebe hoch!«, wenn er seine alten Witze erzählt, spendiert ihm einen »Schwarzen«, »Ein Schwarzer«: Kaffee mit Branntwein. wenn man etwas zu spendieren hat. Er erzählt mir von damals, als er sich und seine Frau in Öl malen ließ. Es ist schon lange her, aber es verschafft doch Ansehen, besonders wenn man ein Studierter ist, der zu den »Vornehmen« gehört hat. – – Welch merkwürdiger Begriff: »Die Vornehmen« für diese Menschen. Die Vornehmen sind alle, die auf der Oberfläche sind, alles, was sich oben hält ohne zu sinken. Hier ist auch ein alter Mechaniker; er hat in Korups Have Korups Have: Gartenlokal in Frederiksberg. Geige gespielt, studiert und danach geforscht, um das Perpetuum mobile zu erfinden, geforscht und den Bau einer Flugmaschine ersonnen, die einen Menschen tragen konnte. Nun sitzt er da und reibt an seiner alten Fiedel, die er in besseren Tagen in Korups Have gespielt hatte, die jetzt aber nur noch zwei Saiten hat, aus herausgefummelten Bindfäden gefertigt. – – Draußen auf dem Tanzboden tanzt man immer noch Volkstänze in sechs Touren. Ein Hüne in blauer Jacke, die offensteht, erzählt uns, daß er mindestens eine Bedingung erfüllt, um glücklich zu sein: Er hat kein Hemd, tanzt mit einem blonden Burschen von achtzehn, neunzehn Jahren, der trällert und pfeift und trampelt, und jeden Augenblick einen langen Zug aus der Champagnerflasche, die auf dem Tresen steht, nimmt. Hier drinnen sah ich nur Champagnerflaschen. »Sie sind das Einzige, was sie bei uns hält«, sagte der Heimleiter. So landen Witwe Clicquots Witwe Clicquot: Der Clicquot-Champagner wird von der Firma Veuve (Witwe) Clicquot in Reims hergestellt. leere Flaschen hier. Welche Geschichten könnten uns die Flaschen nicht erzählen! Erzählungen von frohen und jubelnden Stunden in den Häusern der Reichen, muntere Gastmähler, Ehrenfeste. Man schenkte aus ihnen in schlanke, geschliffene Schalen ein, wo der Wein wie spielende Perlen funkelte; lachende Frauenlippen tranken ihren feurigen Wein, Begeisterung riefen sie empor, und flüchtige Liebe, deren einzige Frucht eine sekundenlange Berührung war, ein einziger verweilender Blick, ein schweigendes, suchendes Behagen. Sehnsüchte hat ihre Traube geweckt und Begierde und errötende Freude. Man hat ihn bei lärmenden Fanfaren getrunken, man hat ihn zu den weichen Tönen des Walzers geleert, auf Bällen, auf Maskenfesten, während des Taumels wacher Nächte; der Wein dämpfte Trauer, verstärkte Freude … Und nun stehen sie hier, mit dünnem Bier abgefüllt. Ein Dichter, der sie erblickte, hätte darüber ein Gedicht schreiben können, ein Gedicht, das abwechselnd und bunt wie die Zufälligkeiten des Lebens selbst wäre. Oder gibt es vielleicht keine Zufälle im Leben? Ich frage nur, ich blicke auf diese Champagnerflaschen, deren Silberpapier halb abgekratzt ist, ich frage. Aber Sie dürfen weder »ja« noch »nein« antworten. Hier gilt ein »alles« oder ein »nichts«. Wie stickig doch der Mief ist. Der »Pausbäckige« schnarcht ganz fürchterlich. Der Metzger beginnt wieder loszubrüllen. Dort am anderen Ende des Saales beginnt man Lieder zu singen; sie bringen das eine mit dem anderen durcheinander, bleiben mitten in der Strophe stecken, erzählen Witze, beginnen wieder zu singen, werden schließlich von »Dummer Peter« »Dummer Peter«: Nach einem Kinderreim der 1870er Jahre. übertönt … Petersen ist in melancholische Betrachtungen versunken, er ist fertig mit seiner Geschichte, er hat sie uns allen vieren erzählt. Dauernd kommen Neue hinzu, die uns ihre Geschichten erzählen wollen und betteln. Der Heimleiter lädt uns zu einem Glas Punsch ein, wir dürfen Weihnachten nicht hinaustragen. »Weihnachten hinaustragen«: Alter dänischer Ausdruck, der auf dem Glauben beruht, daß derjenige, der an Weihnachten das Haus verläßt, ohne etwas zu sich zu nehmen, Unglück über das Haus bringt. Ich erinnere mich daran, daß wirklich Weihnachten ist. Ich hatte sowohl Weihnachten als auch den Schweinebraten vergessen … Ja, es könnte nützlich sein, in reinere Luft hinauszukommen, außerdem ist es wirklich spät geworden, fast Mitternacht. Wir müssen nach Hause. Dort in der Ecke beim Ofen sitzt der Kandidat und doziert, der alte Mechaniker traktiert die Fiedel mit den Bindfadensaiten. Der Metzger singt zum siebten Mal die vier ersten Zeilen von »De sønderjyske Piger« … Wie Mief und Dunst sich doch in dem niedrigen Raum stauen … Sie singen entsetzlich falsch. Lieder klingen nicht gut, wenn sie falsch gesungen werden … Wir stehen wieder auf der Straße. Sie ist öde, leer und halbdunkel. Naßschnee peitscht uns ins Gesicht, legt sich wie nasse Kleckse auf die Wangen, verschließt unsere Augen wie mit einer Haut. Wir machen uns auf den Weg, drinnen aus dem Saal des Heimes brüllt der Baß des Metzgers. Ich sehe ein Gesicht an der Scheibe – es ist Petersen. Ich erkenne die scharf geschwungene Nase. Er nickt uns zu. Dann ertönt ein lautes Krachen. »Gut, daß wir schon draußen sind«, sagt einer aus der Gesellschaft. »Jetzt werfen sie die Tische um.« Zu Hause herrscht in allen Zimmern Durcheinander. Den Weihnachtsbaum hat man in eine Ecke geschoben; die Kerzen sind herabgebrannt und haben alle Zweige vertropft. Hier und dort hängt ein kleiner Fetzen hellrotes Seidenpapier; dort ist ein Kuchen, den zu pflücken man vergessen hat. Ich trete ans Fenster. Unmittelbar gegenüber steht die Kirche, von zitterndem Licht beleuchtet, hoch, majestätisch und ruhig. Die lärmenden Wogen menschlichen Elends können sich noch lange an dieser unberührten Steinmasse brechen. Und ganz oben auf dem schlanken Turm schimmert das Kreuz. – 25.1.1880 [Vor und hinter den Kulissen] Ein Theater am Vormittag – Im Foyer – Eine Uraufführung – »Lady Arabella« in zwölf Stunden einstudiert – Die Theatergarderobe – Eine Anekdote über Ristori – Erdbeben und Luftsprünge – Gedränge in den Kulissen – 300 Lichter – Der Tanz mit den Fächern – 1 Pfund Schießpulver – Herr Zangenberg am Südpol – Was Herr Direktor Andersen nicht zulassen konnte – Etwas, was er dagegen gerne sieht Es riecht nach frischer Farbe und nach altem Staub, nach Schminke und ausgeströmtem Gas. Rings herum ein Wirrwarr von Schnüren, Tauen und verschiedenen Gasrohren, von Schläuchen, Wasserrohren und Latten, von Balken, Sparren und Schnüren. Dort ein Stückchen Wald, hier ein Stückchen Straße, zur Rechten ein Salon, zur Linken ein Dachfenster. Und alle Farben sind verfälscht: Die Bäume schreiend grün, grüner als irgendein Spinatgrün, der Salon knallgelb und rot, die Häuser nur Kleckse, wo der eine Klecks ein Fenster sein soll, der andere eine Tür. Alles ohne Übergänge, ohne Nuancen und ohne Feinheit, übertriebene Farben, unmögliche Gegensätze, dunkelrot mit hellblau, lila mit hellgrün, alles schreiend, übertrieben und erlogen. Und andere Farben schmutzig, ausgeblichen, verblaßt und vergilbt, überzogen mit Staub, grau von Alter und Verschleiß. Rings um einen eine Düsternis, die den Tag vergessen läßt und doch keine Nacht ist. Ein Licht, verschwommen und undeutlich wie das eines Wintermorgens, wenn der Schein des Morgengrauens bleich, kalt und farblos Stunde um Stunde gegen das Dunkel ankämpft. Der Tag, der durch die geöffneten Luken und Fensterläden dringt, verirrt sich zwischen all diesen Schnüren, Leinwänden und Behängen, wird von den verwitterten Farben abgestoßen, weigert sich, mit dem Staub, Gasdunst und dem unendlichen Wirrwarr in den Winkeln zu kämpfen, bleibt weg und verliert sich im Dunkel hinter den unzähligen Luken, in den aufgestapelten Versatzstücken, hinter den Balken der Kulissenständer. So sieht vormittags ein Theater aus, und man muß Künstlerblut in sich haben, um wie eine unserer bekanntesten Schauspielerinnen, als sie das erste Mal gerade an einem solchen Vormittag auf die Bühne kam, in den Ruf auszubrechen: »Nein, wie ist das hier schön!« Denn es ist, gelinde gesagt, überhaupt nicht schön! Aber dann wird es Abend. Man läßt den Vorhang herab, und man schließt die Läden. Und wenn der große Vorhang sich wieder hebt, sind die Farben wahr, ist die Luft rein, die Bühne ein Zauberland. Die Fee des Theaters hat ihre Hand ausgestreckt und aus einem Chaos eine geordnete Welt erschaffen. Eine mächtige Fee, trügerisch wie eine Fata Morgana, verfänglich wie eine Elfe, zwieköpfig wie Janus, betörend wie die Königin der Sirenen, angebetet wie keine andere Fee in der Welt, mächtiger als die Elfen aller Märchen, Herrscherin im einzigen Märchenland, das uns der Unglaube der heutigen Zeit gelassen hat … Ich hatte »Kapitän Grants Kinder« vom Zuschauerplatz aus gesehen, noch dazu am ersten Abend, als Carey Carey: Vater von Leontine und Fanny Carey, zweier französischer Ballettänzerinnen. Carey war während der Abwesenheit Bournonvilles 1862 Leiter des Königlichen Balletts. Von 1868 bis in die 80er Jahre komponierte er eine Fülle von Tänzen für seine Töchter, die auf offener Bühne im Tivoli und im Casino stürmischen Beifall erhielten, unter anderem auch in der Vorstellung »Die Kinder des Kapitäns Grant«. vorgerufen wurde und man für sein Geld fast doppelt so viel wie jetzt erhielt, wo über die Hälfte der Lieder gestrichen wurde. »Die Kinder des Kapitäns Grant« ist ein Roman des französischen Schriftstellers Jules Verne. Der Roman erschien erstmals 1867/1868 in drei Bänden unter dem Titel Les enfants du Capitaine Grant . Die erste deutsche Übersetzung erschien 1874, die erste dänische 1879. Die Dramatisierung in fünf Akten mit 8 Szenen und Gesängen von P.M. (ungelöstes Pseudonym) wurde im Casino 114mal zwischen 1880 und 1900 aufgeführt. Als Kinderkomödie 1880 erschienen. Die Handlung des Stückes folgt im wesentlichen der Handlung des Romans: Der Schotte Lord Glenarvan findet auf der Jungfernfahrt seiner Yacht Duncan im Magen eines Hammerhais eine Flaschenpost mit drei nur noch teilweise lesbaren Schriftstücken – einem auf Englisch, einem in Französisch und einem auf Deutsch –, die einen Hinweis auf den Aufenthaltsort des verschollenen Kapitäns Grant enthalten. Es ist erkennbar, daß Kapitän Grants Schiff untergegangen ist und der Kapitän sowie zwei Matrosen den Schiffbruch überlebt haben. Nur der Breitengrad ihres Aufenthaltsortes, der 37. Breitengrad der südlichen Hemisphäre, ist lesbar, die Angabe des Längengrads wurde vom Salzwasser zerfressen. So bricht Lord Glenarvan mit seiner frisch angetrauten Ehefrau – Lady Helena -, seinem Vetter Major MacNabbs , sowie den Kindern des Kapitäns Grant, dem zwölfjährigen Robert Grant und der 16jährigen Mary Grant , auf, um die Verschollenen zu suchen. Mit an Bord der Duncan ist der zerstreute Geograph Paganel , der sich aufgrund einer Schiffsverwechslung auf der Duncan einschiffte. Die Reise führt zuerst nach Südamerika. Lord Glenarvan und seine Gefährten durchqueren den Kontinent entlang des 37. Breitengrades. Dabei geraten sie in den Anden in ein Erdbeben. Robert wird von einem Kondor entführt, kann jedoch gerettet werden. Sie finden in Südamerika keine Spur der Verschollenen. Als sie während ihres Rittes über die Pampa in eine Überschwemmung geraten, können sie sich auf einen Baum retten. Während sie auf dem Baum festsitzen, beschäftigt sich Paganel mit den Briefen aus der Flaschenpost. Er entdeckt eine neue Auslegungsvariante, die die Reisenden nach Australien führt. An der Westküste von Australien treffen sie auf Ayrton , einen ehemaligen Matrosen Kapitän Grants. Er erzählt ihnen, daß sich der Schiffbruch an der Ostküste Australiens ereignet habe und bringt den Lord und seine Gefährten dazu, mit ihm den Kontinent zu durchqueren. Unterwegs ereignen sich allerlei Zwischenfälle, die am Ende dazu führen, daß die Reisenden in der Wildnis festsitzen. Ayrton wird von dem mißtrauisch gewordenen Major MacNabbs als Ben Joyce , Anführer einer Bande entflohener Sträflinge, entlarvt. Im weiteren Verlauf der Ereignisse fällt die Yacht Duncan scheinbar in die Hände von Ayrton und seiner Bande; Lord Glenarvan und seine Gefährten erleiden Schiffbruch an der Küste von Neuseeland und werden dort von Kannibalen gefangengenommen. Natürlich kehren Lord Glenarvan und seine Gefährten auf die Duncan zurück, und Kapitän Grant wird doch noch gefunden. Das Werk lebt von seinen schrecklichen Katastrophen, überraschenden Wendungen und wunderbaren Rettungen, und zwischendurch berichtet der zerstreute Paganel über die Geschichte der Erforschung Patagoniens, Australiens und Neuseelands. Der Roman ist wegen der wechselnden Schauplätze und der Vielzahl der handelnden Figuren farbiger als manch anderer Roman Jules Vernes. Im ersten Band haben sich die Protagonisten hauptsächlich mit Widrigkeiten der Natur, wie Erdbeben, wilden Tieren und Überschwemmungen auseinanderzusetzen, in den beiden anderen Bänden haben sie es mit Menschen, Sträflingen und Kannibalen zu tun. Die Figur des Ayrton , der zum Schluß auf einer einsamen Insel ausgesetzt wird, taucht auch in Jules Vernes Roman »Die geheimnisvolle Insel« auf. (Aus Wikipedia »Die Kinder des Kapitän Grant« und Sten Rasmussen, »Vekslende Themaer« IV, S. 1481)     Wie alle anderen hatte ich Wallins Wallin: Keine nähere Information verfügbar. Dekorationen bewundert, das elektrische Licht, die Ballettänzer, die so gut, wie man es verlangen konnte, tanzten, und die viel besser aussahen, als der verstorbene Bournonville Bournonville: Auguste Bournonville (1805-1879), französisch-dänischer Tänzer und Choreograph. Verhalf dem Königlichen Ballett als Ballettmeister (1830-1877) zu Weltruhm. Schuf über 50 Ballette mit den Schwerpunkten nordische Mythologie und Folklore des Mittelmeeres. Die bekanntesten sind: »Sylfiden« (1836), »Napoli« (1846) und »Et Folkesagn« (1854). uns zu verlangen hieß, den feuerspeienden Berg, der an Amicis Amici(s): Keine nähere Information verfügbar. Feuerwerke denken ließ, und das Erdbeben, das an die großartige Kulisse, die »Thrymskviden« Thrymskviden: Ballett von A. Bournonville mit Musik von J.P.E. Hartmann (1868). rettete, erinnerte; besonders hatte ich jedoch Direktor Andersens Direktor Andersen: Theodor Andersen (1835-1909). Schauspieler. 1869-1884 Direktor des Casinos, 1884-1887 Direktor des Dagmar-Theaters. Seine Bedeutung für das dänische Theater bestand nicht zuletzt in seiner Fähigkeit, selbst mäßige Operetten und Ausstattungsstücke mittels einer durchdachten, farbenfrohen und oft stimmungsvollen Inszenierung zu sehenswertem Niveau zu heben. Sein Einsatz für eine große Anzahl französischer Dramen des zweiten Kaiserreiches war verdienstvoll. Sein Schauspielerstab bestand in der Saison 1880-1881 aus etwa 30 Personen; die meisten von ihnen sind in späteren Lexika nicht erwähnt. Von den weniger bekannten nennt das Feuilleton: Hunderup, Frl. Schmidt, Frl. Petersen, Aagaard, Frl. Holter. Energie bewundert, denn seine Willenskraft war letztlich die beherrschende, lebendige Seele in diesem großartigen, unendlich verzweigten Organismus, dessen Schauseite ich an jenem Abend sah und dessen Rückseite zu betrachten ich durch Herrn Andersens Güte kürzlich Gelegenheit hatte. Das Leben hinter den Kulissen pulsiert immer heftig, aber niemals so heftig wie während der Aufführung eines Ausstattungsstückes, bei dem insgesamt 207 Personen mitwirken, und in das ein Ballett mit 80 Mitwirkenden eingestellt ist. Zwischen sechs und sieben versammeln sich all diese Leute im Theater. Maschinisten und Feuerwerker, Schauspieler und Statisten, Maskenbildnerinnen, Friseure und Friseusen, Musiker und Tänzerinnen, Feuerwehrleute und Regisseure, Schauspielerinnen und Soldaten, Garderobefrauen und Inspektoren, Schneider und Maler, die ganze unüberschaubare Masse an Kindern und Erwachsenen, Groß und Klein, sichtbar und unsichtbar Mitwirkende. In den Garderoben werden die Lichter angezündet, und die Ankleidezimmer sind voll von Lachen, Summen, Gesang und Geplauder. Man schminkt sich, der Liebhaber macht sich schön, der Schurke maskiert sich, die Liebhaberin pudert sich, kleidet sich und schminkt sich, schnürt sich, ordnet ihren Ausschnitt und putzt sich, der Vater legt sich seinen Bart an. Die Tänzerinnen prüfen die Trikots, die Kinder schlagen sich um ihre Palmen. Der Regisseur geht umher und ordnet alles, klingelt, ermuntert, warnt, ist überall zugegen. Auf der Bühne zeigen sich wilde Felsen: die berüchtigte Insel Balker, wo Kapitän Grant hungern muß und wo das arme Fräulein Betzonich Fräulein Betzonich: Johanne Betzonick, Schauspielerin am Casino (1860). ähnliche Schrecken wie die arme »Jungfrau Eselsfell« »Jungfrau Eselsfell«: »Jomfru Æselskind« wurde als Märchenstück 1879 von Erik Bøgh verfaßt und 33mal im Casino aufgeführt. aushalten muß. Wie lustig die Felsen von hinten aussehen. Der Felspfad ist eine Leiter; das Boot, das Ayrton und die anderen Bösewichte retten soll, wird wie Rollschuhe auf Rollen gezogen. Die ferne, auf Grund gelaufene »Britannia« besteht aus zusammengeklebten Pappstücken, die auf einem Ständer befestigt sind. All diese Gegenstände, die so weit von den Zuschauern weg sind, nehmen sich, bei Nähe betrachtet, wie die Requisiten eines Puppentheaters aus. Unten von den Zuschauerplätzen hört man ein an- und abschwellendes Brausen, einen murmelnden Lärm, der wie eine Welle ansteigt, gegen den Vorhang brandet und über die Köpfe der Menge zurückweicht. Im Orchestergraben werden die Instrumente gestimmt, die eigentümlich klagenden Töne der größeren Hörner mischen sich mit den Stimmen der Geigen, mit den tieferen Tönen der Celli, werden durch den vereinzelten Schlag eines Beckens, den vereinzelten Laut einer Trommel, aufgeschreckt. Drinnen im Foyer versammeln sich nach und nach die Spieler. Es ist nicht mehr der erste Abend. Sie gehen unruhig umher, ohne miteinander zu reden, haben ein eigentümlich würgendes Gefühl im Hals, werden abwechselnd rot und weiß unter der Schminke, richten jeden Augenblick, ohne sich dessen bewußt zu werden, mechanisch und unbewußt ihre Kleidung, betrachten sich flüchtig in dem großen Spiegel, trippeln rastlos und ruhelos umher und reiben sich die klammen, naßkalten Hände. In solch einem Augenblick könnte Rußland Republik werden, ohne daß sie sich wunderten, wenn man es ihnen erzählte; sie würden unbestimmt und gedankenverloren lächeln, wenn man ihnen von einem Unglück berichtete; mit tiefer Anteilnahme einem die Hand drücken, wenn man erzählte, das große Los gewonnen zu haben. Sie sehen nicht, sie hören nicht, sie haben nur dieses merkwürdige, ergreifende Gefühl im Hals, einen beklemmenden Druck auf der Brust, sie wissen allzu gut, daß das Publikum, das in einem solchen Augenblick immer ein aus tausend Mündern zischendes Ungeheuer ist, dort unten hinter der Reihe von Lampen sitzt und gerade auf sie wartet. Sie memorieren zum hundertsten Mal ihren großen Monolog, ihre beste Replik, sie gehen in eine Ecke und üben einen schnellen Abgang, einen langsamen Heldenabgang. Man kann dies ruhig tun: die anderen üben auch, und so sieht es keiner. Der Diener ist genauso ängstlich wie die Marquise, die Hände der Maskenbildnerin zittern genauso wie die der Primadonna; der Mann, der die Lampen anzündet, hat dasselbe merkwürdige Kribbeln in den Fingerspitzen wie der Direktor und der erste Liebhaber. Die Maschinisten reden leiser und fluchen weniger. Der Mann am Vorhang hat Schwierigkeiten, ihn hochzuziehen. Der Schauder des Lampenfiebers hat alle ergriffen und umfaßt. Aber nun, bei der neunten Vorstellung – ist die Angst vorbei. Man unterhält sich fröhlich, und man kommt und geht. Der Schurke steht vor dem Spiegel und parodiert seine Rolle. Ein paar Indianer diskutieren die »Schandorph«-Frage und die Unterstützung des Dichters. Schandorph und die Unterstützung des Dichters: Im Januar 1880 bewilligte das Folketing nach lebhafter Aussprache ein jährliches Stipendium von 1 000 Kronen für den radikalen, aber auch volksfreundlichen Verfasser des Durchbruchs, Sophus Schandorph (1836-1901). Man lacht über ein paar schnell hingemalte Landschaften, die während des Ankleidens mit Hilfe von Schminke von einigen agierenden Künstlern entworfen wurden. Landschaften, die zeigen, daß es keine unbegreifbare Kunst ist, Signor Carlo zu sein. Man erzählt sich Bühnengeschichten, man erzählt sich verstohlen etwas in einer Ecke, zu zweit, man erfindet, man fährt fort, man plaudert. In einem Theaterfoyer schießen die Geschichten wie Pilze aus dem Boden, verbreiten sich wie Fliegen im September, sterben genauso schnell wie die Insekten, von denen Aristoteles berichtet, sie lebten nur drei Stunden. – Man sieht sich flüchtig im Spiegel, richtet etwas an sich selbst oder an einem anderen. – Dann läutet der Regisseur. Hinaus auf die Bühne. Man hört das Finale der Ouvertüre Brandts. Der Vorhang hebt sich. Wir sind auf der Insel Balker. Der Ärgernis erregende Ayrton. Er müßte ausgepeitscht werden; wie gut, zu wissen, daß er im vierten Akt stirbt. Und dann Burke, der mir schon, vom Zuschauerplatz aus gesehen, eine geheimnisvolle, sphinxartige Person zu sein schien, und der hier oben noch merkwürdiger und noch mystischer wird. Im Hintergrund beginnt man, das Feuerwerk vorzubereiten, das den Brand der »Britannia« darstellen soll, drei Mann liegen hinter den Wellen auf den Knien. Nun stößt Ayrton vom Land ab, und das Boot rollt hinaus. Es hilft den Maschinisten, daß Burke bei Grant geblieben ist: Herr Hunderup ist nicht so leicht zu ziehen. Drüben in der linken Kulisse legt der Maschinenmeister das Boot zusammen und stellt es ab. Das ganze Fahrzeug war nur noch ein ziemlich kleines Paket. Nun soll die »Britannia« in Flammen aufgehen. Das Feuerwerk zischt los – die drei Maschinisten, die hinter den Wellen auf den Knien liegen, kriechen heraus. Von der Lampenreihe unten hört man einen Schrei von Grant und seinem Sohn. Die Unglücklichen – alleine auf dieser entsetzlichen Insel, alleine mit ihrem Todfeind! Der Vorhang fällt – und der Darsteller Kapitän Grants geht hinunter, um sich in »Patience« zu üben. Während das Publikum vor dem Vorhang sich unterhält, verwandelt sich die Insel Balker im Nu in den lieblichen Park des Lords. Herr Wallin ist ein Meister, selbst von hier oben ist das Dampfschiff des Lords glaubwürdig – Lady Arabella kommt aus ihrem Ankleidezimmer. Wir nehmen auf der Terrasse einen Augenblick Platz, und die Künstlerin erzählt mir, wie ihr am ersten Abend zumute war, als sie – nach flüchtigem nächtlichem Durchlesen der Rolle – diese am Morgen um elf Uhr endgültig zugeteilt bekam und die vierzig Seiten lange und für den Erfolg des Stückes besonders wichtige Rolle zu spielen hatte. Sie spielte sie wie im Traum, die Angst hatte sie fast betäubt, alles, was sie tat, geschah mechanisch, aber sie gab die Repliken richtig wieder, vertat keine Pointe. Aber wie müde war sie auch, als es vorbei war! Sie mußte ja nicht nur die Rolle lernen, sondern diese mußte auch geprobt werden, und sie hatte sich zweimal umzukleiden. Das Publikum kennt die Opfer, die der szenischen Künstler tägliches Brot sind, nur selten und schätzt sie noch seltener. Trotzdem kann man glauben, daß ein gewisses Maß an Arbeit und Willen dazugehörte, solch ein Kunststück zu vollbringen. Ich möchte Ihnen eine Anekdote über Ristori Ristori: Adelaide Ristori (1822-1906) war eine weltbekannte italienische Schauspielerin. In Cividale (Friaul) geboren, entfaltete sie zuerst im Lustspiel, dann in der Tragödie, eine bedeutende Begabung. Vermählte sich 1847 mit dem Marchese del Grillo. Seit 1855 europaweite Kunstreisen (Wien, Paris, London, Berlin, Kopenhagen, 1857 Spanien, 1860 Holland, 1861 Rußland). Ab 1864 auch außereuropäische Reisen (1864 Konstantinopel, 1867 USA, Mittel- und Südamerika, ab 1870 Australien und England, sowie Deutschland und Schweden). Tiefe Innerlichkeit und Leidenschaft zeichnete ihre Gestalten Lady Macbeth, Phädra, Maria Stuart u.a.) aus. erzählen. Die große Schauspielerin war Tag und Nacht gereist, kam dann mit dem Zug von Korsör hierher, probte mit ihren Schauspielern, die sie noch nie gesehen hatte, und von denen Signor Piacentini seine umfangreiche Rolle in einem Zugabteil gelernt hatte, wartete während der Probe, wo sie im Laufe von zwei Stunden die dänischen Statisten mit ihrer italienischen Glut beseelte, ununterbrochen auf ihre Garderobe, die von Hamburg kommen sollte. Es war inzwischen jedoch vier Uhr geworden, und es kam keine Garderobe. Um sieben Uhr sollte Ristori als Medea sich zum ersten Mal vor fremdem Publikum zeigen. Sie durchsuchte eilends den Fundus des Theaters, wählte eine Einkleidung der »Iphigenie« und ließ sie sich ins Hotel bringen. Daraufhin verbrachte Marchesa del Grillo Marchesa del Grillo: 1847 heiratete Ristori den Marchese del Grillo. zwei Stunden damit, Medeas Kleidung zu nähen, spielte die Rolle abends und probte nachts für die »Maria Stuart«. – Der Lord kommt aus seinem Ankleidezimmer herab. Der Akt beginnt. Es gibt nichts Besonderes in dieser Abteilung, und die Gewandmeister zeigen mir den Fundus. Welch unendliche Fülle an Kleidungsstücken, welche Gegensätze! Alle Länder, alle Zeiten und alle Völker haben in diesem Raum ihren Platz gefunden: Geister und Menschen, Engel und Teufel, Kaiser und Bettler, Königinnen und Feen, Zauberer und Bäcker, Helden und Feiglinge, Soldaten der Republik und Höflinge aus Sankt Petersburg, phantastische Bewohner märchenhafter Welten und das gemeine Volk der Straße. »Wie viele Jahre Theatergeschichte bergen diese Räume?«, fragte ich. »Ach, wir gehen bis 1850 zurück«, erwiderte der liebenswürdige Gewandmeister. Wieviel tausend Erinnerungen verstecken sich nicht innerhalb dieser Wände, Erinnerungen, die in den Falten der Kostüme lauern, die sich hinter den Atlasroben verstecken, den türkischen Seidenhauben, dem Sultansmantel, dem Kostüm der Königin Krinoline, Königin Crinoline«: Singspiel in 2 Akten, von Erik Bøgh bearbeitet und im Casino von 1865-1893 aufgeführt. dem Jagdkostüm Aladdins. Tausende Märchen werden hier von Winkel zu Winkel geflüstert, die farbigen Gewänder erhalten Leben, das strahlend kurze blendende Leben der Lampenreihe. Jedes Stück hat seine Geschichte. Aus jedem einzigen Ärmel steckt eine schelmische Anekdote ihr lächelndes Antlitz, eine lustige Kulissengeschichte taucht aus jedem Ritterstiefel und jedem Fehdehandschuh hervor. Das Theaterleben von dreißig Jahren träumt und wispert längs dieser dichtbehängten Wände, wo alle Nationen, wo alle Zeiten und alle Länder sich in demselben verwirrten Karneval treffen. Dort liegen zwei Harnische von »Die schöne Helene«. »Die schöne Helene«: »La belle Hélène« (1864), parodierende Operette von Jacques Offenbach mit Text von Halévy und Meilhac, dänische Bearbeitung von Ad. Recke. Von 1865-1891 123mal im »Folketheatret« aufgeführt, von 1876-1905 47mal im Casino. »Ich bin Ajax der Erste« – »Ajax der Erste« – man hört die ganze Operette; das Urteil des Paris auf dem Berg, das Duett, den Gesang des Orestes. Nun liegen die Harnische der Helden verstaubt neben der Klinge Aladdins und Morgianes Spinnrad. orgianes Spinnrad: In Oehlenschlägers Märchenspiel »Aladdin oder die Wunderlampe« (1805) spinnt die Mutter der Hauptperson Aladdin, Morgiane, Baumwolle. Von »Helene« zum Märchen der Märchen. Der Weg ist lang, aber in einem Fundus liegt alles drunter und drüber, genauso wie die Ideen in einem modernen Gehirn oder die Phantasiegeschöpfe in eines Dichters Kopfe. Jahrhunderte werden Tage, und Offenbach hat an der Seite Oehlenschlägers Oehlenschläger: Adam Oehlenschläger (1779-1850). Dänischer Dichter und Verfasser. Berühmt sind von seinen Gedichten (1803) »Guldhornene« und das lyrische Drama »Sanct Hansaften-Spil«. Begründer der Romantik in der dänischen Literatur. Das Märchenspiel »Aladdin« folgte 1805. Platz genommen. Es gibt keine Gesetze, ausgenommen die des Kataloges, der die Hosen für sich und die Westen für sich aufzuhängen gebietet. Dort steht die Sänfte der »Reichen Bäckerin«. »Die reiche Bäckerin«: »La boulangère a des écus«, Operette von Meilhac und Halévy, Musik von J. Offenbach. Im Casino von 1878-1902 72mal aufgeführt. Von der Sänfte erzählt man sich eine lustige Anekdote. Bei der Generalprobe brach der Boden durch – die »Reiche Bäckerin« hatte nicht folgenlos ihre Weizenbrötchen verzehrt. »Die sieben Soldatenmädchen« »Die sieben Soldatenmädchen«: Vaudeville in einem Akt von Francis, Armand und Théaulon: »Les jolis soldats ou la forteresse mal défendue«. Übersetzt von J.L. Heiberg, im Folketheatret 1862-1865 32mal aufgeführt, im Casino 42mal von 1854-1887. hängen Seite an Seite mit den Mänteln der »Verbannten«. »Die Verbannten«: »Les Exilés«, Schauspiel von V. Sardou und Eugène Nus, nach dem gleichnamigen Roman von Lubomirsky, 1878 29mal im Casino aufgeführt. Dort ist ein Rock, in dem Pepita tanzte. Denk nur, welche Triumphe dieses Stück Atlas feierte! Der ganze Wahnwitz der Pepita-Tage Pepita-Tage: Pepita d'Oliva (1830-1868), von Erik Bøgh, 1855-1860 Direktor des Casinos, engagierte spanische Tänzerin. Sie erweckte beim Kopenhagener Publikum großes Aufsehen, insbesondere mit ihrem Auftritt in der kleinen Gelegenheitskomödie »En Caprice« , die für sie geschrieben worden war. zieht an unserem Auge vorbei, wenn wir diesen Atlasrock betrachten, der mit seiner wunderbaren Schönheit die Menschen ergötzt hat, einer Schönheit, die Europa sogar mehr als »El Ole« »El Ole«: spanischer Tanz. bewundert hat. Dort haben wir ein gesticktes Galakleid, voller Staub, aber es hat seine Geschichte. Adam Oehlenschläger trug es auf den Hoffesten. Nun wird es gelegentlich von Dienern vornehmer Häuser, die einen Trauerfall haben und deren Dienerschaft deshalb schwarz gekleidet ist, verwendet. Im übrigen: welche Mengen an Livreen! Etliche sehr kostbare, ein Paar original französische, das Adelswappen auf den Bändern, mit denen der Rock von oben bis unten besetzt ist, eingewoben. Alle Geister von »Mehr als Perlen und Gold«, »Mehr als Perlen und Gold«: Komödie (1849) von Hans Christian Andersen (1805-1875). 1849-1888 im Casino 162mal aufgeführt. die Hochzeitskleidung des »Kleinen Herzogs«, »Der kleine Herzog«: Le petit duc (1878). Operette von Meilhac und Halévy mit Musik von Charles Lecocq, im Casino 39mal von 1879-1880 aufgeführt. die Bauerntracht des »Fastnachtsfests« »Das Fastnachtsfest«: »Fastelavnsgildet«: Singspiel in einem Akt (1858) von Erik Bøgh, 113mal im Casino aufgeführt, 1855–1889, im Folketheatret 1870–1905 73mal. Stigaards Stigaard: Lauritz Stigaard (1829–1889), Schauspieler an Privattheatern; seine Spezialität waren Rollen als kecker junger Mann. Eine besonders hervorragende Darbietung war die Rolle als Aage in dem Singspiel von C. Hostrup »Meister und Lehrling« (1852), die er noch an seinem 40jährigen Jubiläum (1888) spielen konnte. Kostüm aus »Meister und Lehrling«, diese Kleidung wurde für Kristian Schmidt Kristian Schmidt: Christian Schmidt (1822–1865). Schauspieler an Privattheatern, 1865 zweiter Direktor am Casino. Als Schauspieler spielte er die unschuldige Munterkeit des Lustspiels in Erik Bøghs Vaudevillen und den treuherzigen Held in H.C. Andersens Komödien. angefertigt; es ist Gulnares Schleier, Gulnares Schleier: In Oehlenschlägers Lustspiel »Aladdin eller Den forunderlige Lampe« (1805). 58mal 1878–1882 im Casino aufgeführt. Im 2. Akt belauert Aladdin Prinzessin Gulnare, die am Eingang zu ihrem Badehaus den Schleier aufschlägt und ihr Gesicht zeigt. Er ist daraufhin hoffnungslos in sie verliebt. der zuletzt von seiner Tochter getragen wurde; Zangenbergs Zangenberg: Christian Zangenberg (1853–1914). Schauspieler mit einem großen Repertoire von Vaudeville-Liebhabern sowie volkstümlichen Komödien- und Operettenhelden. 1881 von Frau Heiberg an das Königliche Theater verpflichtet. Hut aus »Die Glocken von Corneville«, »Die Glocken von Corneville«: Operette in vier Akten nach L.F. Clairvilles »Les cloches de Corneville«, von Erik Bøgh übersetzt und bearbeitet, wurde im Casino 110mal aufgeführt (1877–1896). Frau Schwartz-Nielsens Frau Schwartz-Nielsen: Thora S.-N. (1854–1894), Schauspielerin, die auf der volkstümlichen Bühne des Casinos mit ihrer guten Laune, ihrer Derbheit und dem ausgelassenen und pikanten Gebrauch ihrer guten Stimme, glänzte. Verließ das Casino endgültig 1890. Toga aus »Die schöne Helene«, die Uniformen der Hähne von »Dornröschen«, »Dornröschen«: Komödie von Vilhelm Bergsøe, 1877 im Casino aufgeführt. Fräulein Lerches Fräulein Lerche: Camilla Lerche (1836–1914), Schauspielerin, die 1858–1884 am Casino wirkte. Ging mit Direktor Th. Andersen ans Dagmartheater. Armreife aus »Madame Angot«, Frau Angot: »La fille de Madame Angot« ist eine Oper von Clairville, Siraudin und Koning mit Musik von Charles Lecocq, 58mal im Casino von 1878–1893 aufgeführt. eine Uniform von Erik Bøghs Erik Bøgh: (1822–1899). Konservativer Autor, Feuilletonist und Dramatiker, der dem Casino seine beste Kraft widmete. 1850–1860 belieferte er das Theater mit etwa 50 Stücken und Singspielen, darunter etlichen Bearbeitungen. erster göttlicher Neujahrsrevue, Seine erste göttliche Neujahrsrevue: Die Zauberfarce »Neujahrsnacht« (1850) wurde 1849–1875 35mal aufgeführt. die Tracht der Pagen aus »Der kleine Herzog«, Amagermädchen, die Krone des Bergkönigs aus »Eselsfell«. Dieses Gewand wurde von Oda Larsen Oda Larsen: Oda Petersen, geb. Larssen (1851–1936), in der Theatergeschichte am besten unter dem Namen »Oda Nielsen« bekannt, Schauspielerin am Casino, Dagmartheatret und dem »Königlichen Theater«. getragen, diesen Königsmantel trug Amalie Hagen, Amalie Hagen: geb. Price (1831–1892), seit 1857 Tänzerin und Schauspielerin am Casino, wo sie in der Volkskomödie, Vaudevillen und der Farce den Platz der Primadonna behauptete. Sie zog sich 1867 zurück. jener Schleier gehört zur »Tochter der Luft« »Tochter der Luft«: französische Zauberkomödie aus den 1830ern, Verfasser sind die Gebrüder H. und Th. Cogniard. Das Stück war in den 1850ern in Kopenhagen äußerst populär. und wurde von Fräulein Petersen benutzt, die genauso schön tanzte wie sie spielte. Dieser Keller ist nicht der Garten der Lampe, aber er ist ein wundervolles Land. Oben auf der Bühne sind sie bereits mit der dritten Szene fertig. Alle Kinder von Herrn Albrecht sind auf der Bühne aufmarschiert, um überprüft zu werden. Sie mögen es, recht schmutzig zu sein, die Kleinen. Sie kommen fast ganz geschwärzt hinauf, mit einigen großen, schwarzen Flecken im Gesicht. Deshalb werden sie wieder hinuntergeschickt, um noch einmal gewaschen zu werden; nach dem Waschen kommen sie wieder hoch und sind allzu sauber geworden. Das Kleinste, nur mit einem Hemd bekleidet, ist der Liebling aller, aber es ist auch schrecklich schwarz im Gesicht. Bernhard Olsens Bernhard Olsen: (1836–1922) wird hier als der Kostümbildner des Casinos genannt, wurde später als Gründer des »Dansk Folkemuseum« bekannt. Kostüme sind vom Besten – wenn nicht das Beste – am ganzen Stück. Die Komödie anzuschauen lohnt sich alleine wegen der Kinderkompanie, die Herr Albrecht kommandiert … Direkt hinter der Klippe liegt eine Matratze auf einer Erhöhung. Es ist der Abgrund, in den Fräulein Andersen abstürzt, von wo Robert hinunterrutscht, und wo der Patagonier ihn rettet … Der Vorhang geht auf, und das kleine Korps nimmt den Beifall entgegen. Hinter der Bühne bereitet man das Goldgräberfest vor, hinter dem eisernen Vorhang stellt man das Feuerwerk, das während des Erdbebens abgebrannt werden soll, zusammen. Die Kinder, die tanzen sollen, stehen im Gang der Damen und streiten sich um die Palmen, so daß der Regisseur sie zur Ruhe mahnen muß. Die beiden Fräulein Carey gehen, als Damen gekleidet, schnell durch das Foyer. – Robert ist bereits auf die Klippe gestiegen, wo er steht und über die Schlucht zu Frau Krum ruft, die im Hintergrund sitzt und auf das Stichwort wartet, das sie jedoch nicht hören kann, um ihn vor dem Sturz in den Abgrund zu retten. So rutscht Robert über den Rand der Klippe, und Fräulein Andersen fällt auf die Matratze, wo drei Mann kauern, um sie aufzufangen. Herr Aagaard hebt sie hoch und geht auf einer Treppe zum oberen Teil der Klippe. Dort steht er mit dem ohnmächtigen Robert in seinen Armen, und als der Lord fragt, wer er denn sei, nennt er ganz ernst – ein Patagonier ist sehr ernst – seinen barbarischen Namen, den ich vergessen habe und auf den ich nicht mehr komme. Bitten Sie mich nicht, etwas über das Erdbeben zu erzählen. Während der fünften Szene glaubt man auch hinter den Kulissen, den Anfang des Weltuntergangs zu erleben. Die Maschinisten fiebern, und die Ausstattungen tanzen Galopp. Man kann es unmöglich begreifen. Paganel steigt aus dem Keller empor, Fräulein Andersen verschwindet, und es ist fast lebensgefährlich, sich auf der Bühne zu bewegen, wo alle Luken geöffnet sind, so daß die Erde sowohl Klippen als auch Menschen verschlucken kann. Die Indianer kommen herein, das Unwetter beginnt. Jetzt kommt das Erdbeben. Die Indianer heulen, flüchten, kämpfen. Ein Unteroffizier der Kavallerie rutscht auf einem Felsstück oben von der Deckendekoration hinunter in den Keller; ein vollendeter Luftsprung, der von hier aus genauso furchterregend aussieht wie von der Lampenreihe aus gesehen. Das Feuerwerk bricht los, eine ganze Feuerkaskade, versichere ich Ihnen, und fast genau so schön wie die größte Nummer in einem der Tivolifeuerwerke- Tivolifeuerwerk: Tivoli – der große Kopenhagener Vergnügungspark zwischen Hauptbahnhof und Rathausplatz, von Georg Carstensen 1843 nach englischem und französischem Vorbild gegründet. Die Fläche beträgt 80 000 m². Die bekanntesten Gebäude sind der Glassaal, das Pantomimentheater und der Konzertsaal. Fahrbetriebe und vornehme Restaurants runden das Bild ab. Es gibt zwei Vorhänge. Drinnen im Foyer herrscht großes Gedränge, alle jungen Damen stehen vor dem Spiegel und üben mit ihren paillettenbesetzten Fächern. Burke kommt mit einer Jacke herein, die er einem Kohlenstauer für ein Viertel Branntwein abgekauft hat und die zuerst dampfgereinigt werden mußte, bevor man sie verwenden konnte. Die Fräulein Carey unterhalten sich lächelnd mit dem Lord und seinem Zweitkommandanten. Mary schlägt Ayrton freundschaftlich auf die Schulter. Welch ein Durcheinander von Tänzerinnen, Kindern, Goldgräbern, Matrosen und spanischen Kavalieren. Ein Reichtum an Farben, Seidenbändern, Fächern, Palmzweigen, tanzenden Röcken, wattierter Seide mit eingewobenen Goldfäden, Kettenhemden, Bändern, Flor und Schals, weißen Hälsen, strahlenden Augen, gepuderten Armen. Die Luft ist überaus warm und vom Duft der Fettschminke, des Parfums, des Veilchenpulvers und der Pomade gesättigt. Man riecht die Brennschere, die in verschiedenen Locken einen Brandgeruch hinterlassen hat, die Puderquaste, die über all diese Ausschnitte geglitten war. Man lacht, scherzt, trippelt vor und zurück in den Atlasschuhen. – Draußen auf der Bühne hat man damit begonnen, die große Reihe Leuchter für den Tanz aufzustellen. Ungefähr 300 Leuchter mit etwa 400 Lichtern. Die Leuchter stehen in langen Reihen, der Regisseur geht herum, um sie anzuzünden. Fräulein Holter sitzt unten auf der Bühne und summt ihren Gesang von den Goldgräbern, einen Gesang, den bereits ganz Kopenhagen summt, und der bald von allen Leierkästen gespielt wird. Wenn Herr Neumann Herr Neumann: Sophus Neumann (1846–1912), bedeutender Schauspieler und Komiker, der an die 700 Rollen im Repertoire der Kopenhagener Privattheater spielte. Lady Arabellas Papagei getötet hat, geht der Regisseur schnell durch das Foyer und läutet mit seiner Glocke. Die Tänzer des Balletts strömen auf die Bühne, man kommt weder vor noch zurück, man bleibt – umgeben von Tarlatanskleidern Tarlatan: sehr leichter, glatter Baumwollstoff, locker gewoben, meist einfarbig. Nicht waschbar, preiswert. Wurde meist für Ballkleider benutzt. – stecken, wie, nein ich kann im Augenblick kein Bild finden, das genügend schmeichelt. Alle diese Menschen sollen hinaus, um in einem Raum, der knapp 225 Quadratellen 225 Quadratellen: 225 Quadratellen sind 87,75 m², 1 Quadratelle = 0,39 m². groß ist, Figuren zu bilden. 80 Damen und Herren sollen sich frei auf dieser Bühne bewegen. Selbst im »Fackeltanz« »Fackeltanz«: »Valdemars Fakkeldans«. Im Ballett »Valdemar« (1835) von Bournonville mit Motiven aus Ingemanns historischen Romanen. des Balletts »Valdemar«, wo man im Nationaltheater durch die Masse wirkt, treten nicht mehr als 60 Tänzer auf einmal auf. Die Prozession beginnt, die Damen richten ihre Kleider. Die Solotänzerinnen stehen hinter der Kulisse und bemalen ihre Füße mit Kreide. Nun gehen die Tänzer vor zur Reihe der Lampen und entfalten ihre Fächer. Das elektrische Licht blendet fast, wenn es durch die farbigen Gläser fällt. Diese Fächer und dieses Licht haben »Kapitän Grant« Erfolg verschafft – alle wollen die Fächer sehen. Man kann mit geringen Mitteln viel erreichen, wenn man sie nur zu nutzen versteht, d.h. wenn man ein Ballettmeister Carey und ein Direktor Andersen ist. Und trotzdem – um dieses elektrische Licht zu erzeugen, hat man eine ganze Batterie aufgebaut, ausreichend für eine Telegraphenstation, 120 Einzelelemente umfassend. Solche »kleinen« Mittel sind aufwendig. Der Fächertanz ist zu Ende, Leontine und Fany haben ihren alten Ruf wiederum behauptet – man stürzt in die Ankleidezimmer, um sich umzukleiden. Ein tüchtiger General vervielfacht seine Truppen … während die halberwachsenen Mädchen mit ihren Palmen zu Métras hinreißendem Walzer tanzen, wechselt ein großer Teil der Tänzerinnen seine Toilette. Dann tanzen sie einen Pas de Shavl , während all die unzähligen Lichter, die nun endlich angezündet wurden, für die Schlußszene bereitstehen. Sie haben doch diesen nervenzehrenden Wirrwarr von Lichtern gesehen? 300 Laternen verschiedener Farben, die durcheinander schwirren, surren und drehen sich im Rund, bilden Ehrenpforten und Girlanden, Halbkreise und gerade Linien, tanzen vor und zurück, stürmen im Lauf nach vorne und weichen im Walzertakt wieder zurück. Und sie werden von Groß und Klein getragen, Damen und Herren. Ein magischer Anblick. Man stellt sich in Reihen auf, die kurz nach ihrer Bildung wieder aufbrechen, man hebt und senkt alle diese Lichter, die einen Hexentanz aufzuführen scheinen, getragen von ausgestreckten Armen, von den tanzenden Körpern hin und her gewiegt. Die Solotänzerinnen eilen zwischen den Reihen hin und her, stürmen wie Bacchantinnen vor, verlieren sich dann im Getümmel. Und es kommen immer neue Lichter. Ein zitterndes Meer flackernder Lichter … Man ist fast blind, wenn der Vorhang fällt. »Ruhig«, ruft der Regisseur, »sachte mit den Lichtern.« Die nächste Dekoration ist die schönste des Stückes. »Sie macht uns bedeutungslos«, sagt einer der Schauspieler zu mir. Es ist unmöglich, einem Kulissenmaler ein schöneres Kompliment zu machen. Während dieser Szene ist die Kulisse kein be-neidenswerter Aufenthaltsort. Man schießt etwas zu viel – man verbraucht im Kampf gegen die Indianer ein Pfund Schwarzpulver. Ein rasender Matrose feuert unmittelbar vor meiner Nase eine Pistole ab. »Vorwärts, Kinder, vorwärts«, brüllt der Zweitkommandierende des Lords, und seine Antwort ist wie ein gerufener Schuß in eine lebhafte Unterhaltung mit Frau X. über den Karneval der Studenten. Die ganze Szene ist voll Rauch und Schwarzpulverdampf. Man heult, schreit und feuert. Robert feuert zwei Schüsse ab und findet dies so lustig, daß die junge Künstlerin sich wünschte, daß das ganze Stück »Die Kinder des Kapitäns Grant« solch ein Gefecht seien. Aber das wäre sicher etwas zuviel des Guten. Kapitän Grant ist sehr alt geworden, und Fräulein Betzonich sieht sehr mitgenommen aus. Vielleicht hat der Tanz sie so angestrengt. Ich gebe ehrlich zu, ich schätze die letzte Szene nicht, aber das Publikum hat hier ganz sicher eine andere Meinung. Ich habe nie ein so tief empfundenes »Aa-h« wie das, das durch das Haus ging, gehört, als Burke den Jungen töten wollte. Und dieses »Aa-h« kehrt jeden Abend wieder. Für mich ist die Ausstattung des Lords und seiner Gesellschaft unbedingt das Lustigste. Lord Glenarvon geht am Südpol in Frühjahrsspaziergangstracht an Land, mit einem Überwurf – in der Hand. Das ist vom Lord unvorsichtig, sehr unvorsichtig; das Casino erlitte einen allzu unersetzlichen Verlust, wenn Herr Zangenberg hinginge und Schwindsucht bekäme. Direktor Andersen dürfte dies auf keinen Fall zulassen. Die Vorstellung ist vorbei. Unten im Saal eilt das Publikum nach Hause. Bald würden die Lichter erloschen sein – für heute abend. Aber morgen zieht Lord Glenarvon wieder los, um Kapitän Grant zu finden, und Sie wären ganz bestimmt willkommen, wenn Sie seiner Reise folgen möchten – vom Zuschauerplatz aus. Auf der Bühne ist doch zu wenig Platz. 21.3.1880 Unser Umgang mit den Verstorbenen »Deshalb ist«, so schloß einer der Universitätsprofessoren seine philosophischen Vorlesungen für die Studenten dieses Jahres, »das Ergebnis unserer Untersuchungen jenes, daß wir nur mit Wahrscheinlichkeiten rechnen können und deshalb alles anzweifeln müssen. Es gibt nur eine Wahrscheinlichkeit, die meiner Meinung nach an Gewißheit grenzen dürfte, diejenige, meine Herren, daß jeder von uns eines schönen Tages sterben muß. Deswegen tun wir vielleicht gut daran, mit dieser Wahrscheinlichkeit vor Augen zu leben.« Der Professor verneigte sich und stieg mit leicht gebeugtem Rücken die Stufen des Katheders herunter. Dann ertönte das Aufbruchszeichen, das rasselnde Umdrehen des Schlüssels im Türschloß. Aber heute blieb man ruhig. Es war einige Sekunden lang, als ob ein einziger Gedanke allen die Luft genommen hätte, als ob seine ruhigen Worte in einem merkwürdig geronnenen Augenblick sie von Angesicht zu Angesicht mit dem »Sprung in das Dunkel« konfrontiert hätten. Und dann schwoll der Lärm an wie der Lärm einer Sturmbö, deren Brausen ansteigt. Was der Professor sagte, verdiente, Nachdenklichkeit zu erwecken. Es besteht ja eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß wir eines Tages sterben werden. Und »tot« ist »tot«. Der Tod ist ein und derselbe für alle. Nur die äußeren Umstände des Todes sind verschieden und müssen es auch sein, denn diese äußeren Umstände des eigenen Todes »sind das Letzte, was man kaufen kann«. Mit einem letzten Gruß schmücken wir alle den gleichen Tod verschieden. Erst nachdem der ganze Apparat in Gang gekommen ist, nachdem der letzte Ton des Gebetes des Pfarrers verklungen ist, der letzte Gruß über das Grab gewechselt ist, ist die Welt mit dem Menschen N. N. fertig, und dann geht er – sozial gesehen – hinaus in die Finsternis. Aber gerade, weil es derselbe Tod ist, den wir zurecht schmücken, ergibt das ganze, verschiedenartige Drumherum oft einen so eigentümlichen und einschneidenden Eindruck, daß wir uns hundertmal selbst sagen: das Letzte, was käuflich ist. »Nummer 9. Witwe Ane Hertel, am 15.3.80 in der Kapelle aufgebahrt.« Der Totengräber steht da und liest den Laufzettel, der mit einer Stecknadel auf dem Sargdeckel befestigt ist. »12½«, sagt er und geht weiter den numerierten Särgen entlang, die alle Etiketten tragen. »Nr. 15. Arbeiter Jakob Knudsen, aufgebahrt in der Kapelle –«. Ein paar Bestatter schieben Witwe Hertel nach vorne und setzen den Dreifuß mit Sand ans Kopfende. Dann beginnen einige schniefende Frauen mit Schals um den Kopf, Christusdornkränze auf den Sarg zu legen. Das Leichengefolge tritt heraus: fünf, sechs Mann, die sich in einer Ecke versammeln, wo sie stehen und murmeln und mit einer eigentümlich verlegenen Verzagtheit um sich schielen; einige ältere Frauen, blaßgrau im Gesicht, gehen zwischen den Särgen umher und flüstern, während sie die Zettel studieren und schniefen und die Nasen mit der Rückseite ihrer roten Hände trocknen; dann ein paar Kinder in blauen Strümpfen und zerschlissenen Blusen und einem langen braunschwarzen Flor um die Mützen. Sie stehen mitten auf dem Steinboden, schauen bald auf die Särge, bald auf die geweißelten Wände, bald auf Mutters Sarg und die Christusdornkränze mit den gefärbten Ewigkeitsblumen. Sie sehen so eigentümlich hilflos verfroren in ihren dünnen Kleidern aus, und sie lutschen an ihren Fingern, um sie zu wärmen. Dann kommt der Pfarrer. Der Totengräber steht an der Tür und verbeugt sich in verwunderlichem Winkel. »Witwe Hertel?« fragt der Pfarrer. »Ja, Hochwürden.« Der Pfarrer geht etwas nach vorne, das Haupt leicht auf die Seite geneigt, der Ausdruck in seinem Gesicht zeigt eine gewisse vage, halb tröstende, halb würdige Betrübnis. Er blickt schnell zum Sarg hin, dann zu den Männern in der Ecke, die dort stehen und die Köpfe zusammenstecken, als ob sie am liebsten ganz wegwären; geht dann zu den Frauen, die sich mit gefalteten Händen, ihre Augen unter Tüchern niedergeschlagen, aufgestellt haben. Der Totengräber winkt, und die Männer verlassen langsam und zögernd ihre Ecke, einer nach dem anderen, unbeholfen, gebeugt. Jeder dreht sich um, um zu sehen, ob die anderen mitkommen. Ein paar Frauen packen die Kinder fest an ihren dünnen Blusen. Sie werden direkt am Dreifuß aufgestellt. »Die Finger aus dem Mund!«, flüstert eine Frau. Während man wartet, hört man einige abgerissene Fetzen des Choralgesangs aus der Zwölfkronenkapelle. Zwölfkronenkapelle: Die Friedhofskapelle bestand aus drei Abteilungen, je nach Aufwand der Bestattung: die einfachen Beerdigungen fanden im Leichenraum für 4 Kronen statt, die bürgerlichen in einem der kleineren Räume für 8 Kronen und die der Reichen im Großen Saal der Kapelle für zwölf Kronen statt. 1 Krone entspricht heute (2008) etwa einer Kaufkraft von € 7-8. Es hört sich wie ein singendes einschläferndes Murmeln an. »Wieviele Kinder sind es?«, fragt der Pfarrer die neben ihm stehende Frau. Es gibt einen Ruck in den Tüchern. »Drei«, antworten fünf Münder auf einmal. »Und wie – wie war ihr Leben?«, fragt er, genauso laut wie vorher. Ein neuer Ruck in den Tüchern, drei-vier Stimmen lassen einen schniefenden Auftakt vernehmen, aber die größte Frau übernimmt die Stellung. »Es steht ja schlecht mit einer Witwe, Herr Pastor« – Schniefen – »Ja, es verhält sich so, Herr Pastor« – mit Betonung auf der letzten Silbe – »Mein Mann ist letztes Jahr vom Gerüst gefallen …«. Die Stimme versagt im Schniefen. »Aber sie litten keinen Hunger«, erschallt es aus einem neuen Tuch. Der Pfarrer beugt sich ein wenig zu der Sprechenden und fragt noch einmal, halb gegen die Männer gewandt. Sie aber stehen da, schütteln sich und versuchen, ihre Hände unter den Mützen zu verstecken. »Aber«, fragt der Pfarrer wieder, »wie war ihr Verhältnis« – seine Stimme nimmt einen tieferen, gleichsam geheimnisvoll verschleierten Klang an – »zu Gott Vater und unserem Herrn Jesus Christus?« Die Tücher schweigen, es fährt wie ein elektrischer Schlag in die Köpfe. Daraufhin bricht die hochgewachsene Frau in einen langen, plätschernden Wortschwall aus. Der Pfarrer ist sehr aufmerksam geworden. »Es war doch gut, mich zu holen«, sagt er dann zuletzt, und nachdem er mit einer beschwichtigenden Handbewegung Ruhe geboten hatte, tritt er zwei Schritte vor den Sarg und beginnt in einem halb schmachtenden, halb salbungsvollen, etwas tränenerstickten Tonfall über die Witwe Hertel zu sprechen. Die Handflächen bewegen sich eifrig zu den Nasen. Dann ist der Pfarrer fertig, er drückt einigen Frauen die Hand, sieht mitleidsvoll auf die zerschlissenen Blusen und geht. Das Gefolge trägt den Sarg hinaus, die sechs Männer trotten hinkend die Friedhofsallee hinunter. Danach kommt die hochgewachsene Frau mit den beiden Jungen, die weinen – am meisten vor Kälte. Dies ist der Abschiedsgruß der Welt für die Witwe Hertel. Und wenn die Frauen nach Hause kommen, dürfen sie doch sagen, es sei eine schöne Beerdigung gewesen – für vier Kronen. »Manchesmal haben wir ja alle Pfarreien an einem Tag«, sagt der Totengräber, »dann geht es anders zu.« Ja, dann geht es wirklich anders zu. Wenn Nr. 11 um 12 Uhr beerdigt werden soll und Nr. 5 um 12½ und Nr. 7 um 12½; wenn zwei Pfarrer gleichzeitig sprechen müssen; wenn man das Weinen der Witwe auf Minuten begrenzen muß; wenn das eine Trauergefolge die Trauerkleidung und Tränen des anderen beglotzt, und wenn man die Kränze auf den einen Sarg legt, während am anderen gesprochen wird; wenn der Pfarrer es genauso eilig hat wie der Totengräber und der Totengräber genauso wenig Zeit hat wie die Sargträger, wenn man Nr. 13 hervorholt, bevor man Nr. 12 hinausgetragen hat, wenn der Pfarrer in der Eile von einem Mädchen spricht, obwohl es ein Junge ist … ja, dann geht es anders zu, wie der Totengräber sagt, dann ist es lebhaft in der Vierkronenkapelle. Aber vielleicht ist es drinnen zu lebhaft. Vielleicht ist unter diesem atemlosen Gehetztsein zu viel Bitterkeit in diesem nackten, kalten und feuchten Raum entstanden, der so viel Trauer und so viel schmerzliche Liebe beherbergt hat; hier, wo der Mann seinen Schmerz in sich hineinfressen mußte, weil fremde Augen ihn beobachteten; wo die Witwe nicht den kleinsten Winkel finden konnte, um dort alleine zu weinen, und wo die Herzen der Mutterlosen unter gleichgültigen Blicken in ihrer Brust zu Steinen geworden waren; wo der Tod zum Geschäft geworden ist, das am liebsten in wenigen Sekunden durchzuführen ist, wo ein ungeduldiger Totengräber einer Tochter Trauer bemißt, und wo der Arme mit seinen Toten nicht einmal allein sein darf … Man sagt, es seien gefährliche Zeiten. Wenn man ein Schauspiel wie dieses sähe, könnte man es nicht für wahr halten. In solchen Augenblicken wie diesen können wir Menschen ins Gespräch verwickeln, wo selbst der Trägste erwacht, selbst der am meisten Versteinerte für Eindrücke empfänglich ist. Es war deswegen vielleicht auch ganz klug, darauf zu achten, welche Eindrücke die Gesellschaft ihren Gliedern in solch einem Augenblick schenkt. Und diese Eindrücke sind in diesem Fall vielleicht etwas zu gefährlich vermischt. Wir wissen ja, wenn wir Trauer tragen, daß unser Schmerz uns entweder in die Einsamkeit oder zumindest zu Freunden drängt. Er wird zur versteinerten Bitterkeit, die Kälte fremder Menschen läßt uns frösteln, läßt unser ganzes Wesen erstarren. Die Trauer drängt uns zum Schweigen, damit wir sie über sie nachdenken können, zum Stillehalten, damit wir uns in Trost vertiefen können, zur Ruhe, damit wir weinen können. Die Göttin der Trauer hat ihr Antlitz verhüllt, und es ist unmenschlich, ihren Trauerschleier mitten auf dem Markt herunterzureißen. Und der Arme – aus der Vierkronenkapelle – empfindet die gleiche Trauer wie wir, ihn treibt es genauso stark in die Einsamkeit, genauso stark in die Stille, genauso stark, unbeobachtet trauern zu können. Und wenn er es dort nicht kann, wenn die letzte Stunde, die er mit seinen Toten verbringt, weder ruhig noch einsam ist, noch ganz ihm gehört, ob er da nicht in die Gefahr gerät, den etwas Reicheren zu beneiden, der acht Kronen für die Kapelle bezahlen konnte, und der deswegen mit seiner Trauer und seinen Freunden allein sein kann? Ob man das wohl bedacht hat, als man die große Kapelle mit ihren drei Abteilungen baute, die eine zu vier Kronen mit vielen Särgen und ohrenbetäubendem Lärm, die andere zu acht Kronen mit einem einzigen Sarg und nackten Wänden, die dritte zu zwölf Kronen mit einem Totenhemd aus feinem Tuch und viel Platz. Mancher Arme, dessen Sarg draußen ohne Gesang und ohne Blumen stand, hat vielleicht die Faust gegen den Choralgesang der großen Kapelle geballt und geflüstert: »Es ist doch das Letzte, was sie kaufen können!« Dies sollte man doch bedenken. Denn solche Bitterkeit, die in einem solchen Augenblick in der Brust eines Menschen entsteht, gebiert Böses. Unterschiede muß es geben, der Arme kann seinen Verstorbenen nicht so begraben wie es der Reiche tut, man könnte jedoch das eine oder andere tun, um den Unterschied weniger ins Auge stechen zu lassen, zumindest dafür Sorge tragen, daß der Trauernde mit seiner Trauer alleine sein kann. Dies kann selbst der Ärmste verlangen – auch wenn er nur vier Kronen für die Kapelle bezahlt. Und es ist – wie gesagt – derselbe Tod, den wir verschönern, dieselbe Erde, der wir alle Leiber schenken … Laßt uns dies bedenken und versuchen, den Unterschied und – das Ärgernis so gering wie möglich zu halten. Für acht Kronen erhält man also die Erlaubnis, mit seinem Sarg allein zu sein. Der Raum ist kalt, die Wände sind nackt, das Ganze ist ungemütlich, aber es ist doch meines. Sonst ist es das gleiche Schauspiel: ein Sarg mit ein paar armseligen Blumen, einige wenige Freunde, etwas wahre und viel geheuchelte Anteilnahme. Am Sarg ein Pfarrer, der hier wie da über ein Leben spricht, das er meist nicht kennt. Es gibt genügend Anekdoten, die zeigen, daß nicht alle Pfarrer – und wie sollten sie es auch können, da sie ja auch nur Menschen sind? – die Zeit haben, genau nachzufragen wie derjenige, der über die Witwe Hertel sprach. Der eine Pfarrer sprach von einem jungen Mädchen, das auf dem Felde der Ehre fiel, der andere von einem jungen Mann, der seinen Eltern eine gehorsame Tochter gewesen sei, der dritte brach über Fräulein D.s Brüder, von denen der eine kahlen Hauptes und der andere weißhaarig war, aus: »Diese Jünglinge, des Lebens unerfahren, des Leides unbekannt, die deinen Tod beklagen!« Wir alle kennen Dutzende solcher Geschichten, die sich ereignen, und die sich ereignen müssen, wenn ein Fremder über Fremde redet. Aber doch kommt dies nur selten vor. Es geschieht nicht häufig, daß Leichenreden zur reinen Farce werden, denn meist verschafft sich der Pfarrer Wissen über den Verstorbenen, und dann hält er seine Rede auf der Grundlage dieser Auskünfte. Wir haben beobachtet, wie er sich draußen in der Kapelle dieses Wissen verschafft. Bei den großen Begräbnissen geht es jedoch auch in dieser Beziehung anders zu. Ein solch naives öffentliches Befragen könnte vielleicht bei dem einen oder anderen Anstoß erregen, und denken Sie nur, alle würden durcheinander reden! Dies ginge doch nicht! Dunkelgraues Licht in der blendenden Kirche, Trauerflor um die Leuchter, schwarze Teppiche auf den weißen Stufen. Vorne der Taufengel, der im graugelben Schein des Gases kalt lächelt, der Sarg wie ein Altar, den man mit Blumen geschmückt hat, mit Palmen bedeckt. Drinnen in der Kirche eine scheue, flüsternde Stille über den gefüllten Bänken. Der Kirchendiener geht grüßend leise mit den Liederblättern umher. Ein Säbel klirrt gegen die Fliesen, und alle Gesichter wenden sich mit einem Ruck. Man murmelt weiter, schielt zur Empore, man sieht einige bleiche Gesichter aus Wogen schwarzen Tülls auftauchen … Die Orgel beginnt. Man freut sich, den Choral zu hören, die schwere Melodie, das Schleppende in den Tönen. Man sitzt da und wiegt sich, von einer wachen Empfindsamkeit ergriffen. Gelegentlich schreckt man durch einen Mißton der Orgel auf. – Dann tritt der Pfarrer hervor. Würdevoll mit dem Ritterkreuz Ritterkreuz: Ehrenzeichen des Dannebrog-Ordens. Der Orden selbst ist ein alter dänischer Ritterorden, 1671 von Christian V. gestiftet (vielleicht schon 1219 von Waldemar II.). Der Orden als Ehrenzeichen wurde bis 1951-1952 nur Ordensmitgliedern (keinen Frauen), dann aber auch ausländischen und dänischen Personen (seit 1952 auch Frauen) für bürgerliche oder militärische Verdienste verliehen , wenn ihr Wirken für Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft oder ihre Tätigkeit für dänische Interessen geehrt werden soll. Der Orden besteht aus einem silbernen Kreuz mit rotem Rand, innen weiß emailliert, einer Königskrone und dem Monogramm des regierenden Monarchen. Seit dem 2. Weltkrieg wird der Orden in Form des silbernen Kreuzes an verdiente Bürger verliehen, ohne daß sie Mitglieder des Dannebrog-Ordens sein müßten; er entspricht damit unserem Bundesverdienstkreuz. auf dem Talar. Er macht eine merkwürdige Verbeugung zum Sarg hin, taucht mit den gefalteten Händen zwischen den Knien hinunter. Sieht dann unbestimmten Blickes in den Raum, etwas Fernes, Jenseitiges im Blick, trocknet sich die Mundwinkel mit dem Taschentuch und spricht. Hier wie dort über ein Leben, das er selten kennt. – Er hat die Witwe besucht, einen der Freunde des Verstorbenen um Rat gefragt, nimmt von hier und da etwas heraus. Dann spricht er. Aber es liegt in der Natur der Sache, daß ein Freund immer in einem solchen Augenblick ein sehr einseitiges Bild liefert und nichts mit festen Zügen schildert. Dann erdichtet der Pfarrer über diesem losen Entwurf einen Lebenslauf, und wenn man sich in der Kirche trifft, um das letzte »Auf Wiedersehen« zu sagen, erkennt der Freund selten denjenigen, den zu grüßen er gekommen ist. Selbst das lockerste Bild kann auf diese Weise gegen das Wissen des Pfarrers – natürlich ist er guten Glaubens – zur Parodie werden, und das Nichtkennen schenkt vielleicht dem Toten Tugenden, wo er eher Laster besaß, und schweigt womöglich dort, wo man hätte loben können. Nicht wahr, wir haben doch alle solche Gelegenheiten miterlebt? Man sagt ja schon, daß man sich darauf beschränken möchte, ein Gebet zu sprechen, daß man weder abwägen noch verurteilen will. Aber es sind doch nur wenige Pfarrer, die nicht einige Worte über das Leben dieses Menschen, an dessen Bahre sie sprechen, sagen, und die wenigen Worte, die gesprochen werden, können allzu oft wahrheitsverdrehende Mißverständnisse werden. Für einen Fremden ist es sehr schwer, über einen Fremden zu reden. Deswegen wird in der Rede des Pfarrers allzu oft der Charakter des Verstorbenen verdreht. Und das ist nicht das Einzige. »Aber wie – wie war ihr Verhältnis zu Gott Vater und zu unserem Herrn Jesus Christus?«, fragte der Pfarrer die sich bewegenden Tücher an Witwe Hertels Sarg. Und mit dieser Frage kommen wir zu dem wichtigsten Punkt bei der jetzigen christlichen Beerdigung, dem Punkt, der verschiedenen Wohlhabenden Anlaß zum Ärger gibt. Jener Pfarrer war in seinem guten Recht, wenn er diese Frage stellte. Von seinem Standpunkt aus mußte er es tun. Und die meisten, denen er diese Frage stellt, würden sicher wie die Frau antworten – mit Ausflüchten. Sie täten dies aus mehreren Gründen. Etwas beim Tod, das aus der Gleichgültigkeit reißt, der Tod in der Nähe ängstigt die meisten; selbst derjenige, der täglich nicht nur gegen die Religion, sondern sogar ohne Religion ist, fühlt sich am Sterbelager religiös bewegt. Dieser Unglaube – in jedem Fall der gewohnheitsmäßige Unglaube – wird oft für einen Augenblick an seinem eigenen Unglauben zweifeln, und er wird sozusagen die Hand über die Augen halten, um in das Dunkel zu spähen. Wenn dann der Pfarrer diesen im Augenblick Erschütterten nach dem religiösen Standpunkt des Verstorbenen fragt – dann werden er und der Pfarrer zusammen leicht Anzeichen des Glaubens im Leben des Toten finden. Der Befragte, weil er zurückweicht und sich nicht anders traut, der Fragende, weil er solche Zeichen sehen will. Er muß es ja wollen: von seinem Standpunkt aus bedeutet Unglaube Verdammnis, aber seine Menschlichkeit scheut sich davor, jemanden zu verdammen, seine Liebe zum Menschen freut sich, wenn er selig preisen kann. Diese doppelte Ursache erzeugt diesen ganzen »schlummernden Glauben«, der so vielen unterstellt wird, die »sicher nicht über himmlische Dinge sprachen«, aber ganz sicher »in ihren stillen Stunden an sie dachten«. Der Pfarrer muß aus den edelsten Beweggründen heraus dazu gebracht werden, Hunderte Lebensläufe, die aus anderen Gesichtspunkten und von anderen Standpunkten her gelebt wurden, zu vergewaltigen. Er muß es tun, um für ihre Leben einen christlichen Hintergrund zu retten, einen Hintergrund, den er ihnen wünscht, wenn er ein wahrer Christ ist. So entstehen diese Hunderte von Leichenreden, in denen der Pfarrer, um von seinem Standpunkt aus nicht verurteilen zu müssen, gegen seinen Willen dazu gebracht wird zu verdrehen. Von einem anderen Standpunkt aus gesehen – vielleicht ein Gesichtspunkt mehr, den in mehr als einem Fall die Mehrzahl der Anwesenden teilt, wäre dieses Leben, von dem die Rede ist, vielleicht einfühlbar, in jedem Fall erklärbar, ehrlich; dagegen jetzt während der Verdrehung wird ein Inhalt, der fernlag und der fremd war, aus der Bahn gehoben, wird unehrlich, unwahr. Etwas in uns schreit unaufhörlich gegen diese Verdrehung der Wahrheit, diese Unwahrheit, die die Fremdheit und der religiöse Eifer belastet, die aber – wie wir wissen – eine Unwahrheit ist. Und diese Unwahrheit ist anstößig. Beim Begräbnis der Witwe Hertel geschieht dies weniger. Diese zwei Dutzend Personen sind in religiöser Hinsicht im täglichen Leben gleichgültig: heute führt ihre etwas unterwürfige und träge, ängstliche Verzagtheit vielleicht sehr oft dazu, sich dessen Autorität zu beugen, der mit so überlegener Befugnis spricht. Sie glauben nicht – man weiß nur wenig von der fast erstaunlichen Religionslosigkeit der Kopenhagener kleinen Leute, die nicht oft Zeit haben, zum Himmel hochzuschauen –, aber sie fügen sich. Die Kritik schweigt – wie so oft. Sie sind es nicht so gewöhnt, an einem Sarg zu stehen. Aber ein großer Teil des Gefolges, das sich bei größeren Beerdigungen versammelt, geht aus Höflichkeit gegenüber einem Geschäftsfreund, einem fernen Bekannten, kommt her, weil es auf dem Ball des Bruders des Verstorbenen gewesen ist, weil es mit seiner Schwester zu Mittag gegessen hat, kurz gesagt, aus hundert Gründen, die die Konvention zu Gründen macht, die aber unmöglich die Betreffenden wirkliche Anteilnahme fühlen läßt. Und selbst die besten Freunde des Verblichenen sind so gewohnt, an Beerdigungen teilzunehmen, daß ihr kritischer Sinn trotz ihrer Trauer hellwach ist. Wenn der Pfarrer nun spricht und in bester Absicht – die nämlich, ich wiederhole es, diese Seele aus der Verdammnis zur Gnade zu erheben – das Leben, das hier abgeschlossen ist, verzeichnet, erwacht oft nicht nur die Kritik, sondern auch die Entrüstung. Es wird so oft behauptet, die Zeit wäre ohne Religion. Wäre dies wahr, müßte zu allererst die Kirche selbst sich davor hüten, Anlaß zur Empörung zu geben. Und mitunter entsteht Entrüstung. Meist sind es die nahen Freunde des Verstorbenen, die die Unwahrheit in dem Gesagten peinigt, und sie sitzen wie auf Nadeln, während der Pfarrer spricht. In solch einem Fall schüttelt man nur den Kopf, ärgert sich oder lächelt. Aber schlimmer ist es, wenn der Verstorbene das Eigentum des Volkes war, wenn sein Leben bekannt war, wenn er als Künstler oder Dichter uns allen gehört hat, so daß wir alle ihn kannten; wenn es sozusagen das Volk ist, das sich um seine Bahre versammelt, um einzuhalten und um Dank und Auf Wiedersehen zu sagen. Lassen Sie uns annehmen, dieser Mann sei ein Lyriker gewesen. Problematisch wie alle Dichternaturen, viel zu empfänglich, um stark zu sein, viel zu weich, um als Persönlichkeit hart wie Granit zu sein, genauso unmoralisch wie die meisten Genies, sich selbst genießend, Teil eines Gottes. Aber dieser Mann, der auf diese Art und Weise wie ein Mensch war – und er war so, wie wir alle wissen – war ein großer Dichter. Was soll der Pfarrer, der über diesen Mann sprechen soll, nun tun? Nur seine Bedeutung als Dichter nennen? Sein Gewissen wird ihm das verbieten, was er in der Stunde des Todes als das für ihn Wichtigste nicht vergessen darf: des Dichters menschliche Seele. Nur für den Menschen beten? Die Bedeutung dieses Menschen als Dichter ließe dies nicht zu. Und schon befinden wir uns auf den weiten Feldern der halben Verschweigungen und der ganzen Unwahrheit. Der Pfarrer hat den kranken Dichter in seinen letzten Tagen besucht: er war von Todesangst geplagt, die gerade bei einer Natur wie der seinigen besonders stark zuschlägt, gepackt von der Krankheit; seine Kraft ist gebrochen. Der Pfarrer redet mit ihm über den Trost der Religion, über die Gnade, über Christus, der für uns alle gestorben ist. Die Stimmung gewinnt die Herrschaft über den kranken Sinn des Dichters: diese Botschaft von der Gnade ist so mildernd, wenn die Todesangst uns quält. Die Botschaft der Gnade ist ein leises Echo seiner Kindheitshoffnung. Der Pfarrer betet, der Sterbende flüstert die Worte des Gebets. – Und so ist heute der lebensfrohe Dichter zu einem gläubigen Christen geworden, der sich sein ganzes Leben lang nach der Gnade gesehnt hat. Der Eifer des Pfarrers macht ihn zu einem nach Gnade dürstenden Asketen, zu einem Mann, der einmal jung war, und der in der heißen Zeit der Jugend einige Lieder der Begierde geschrieben hat, aber diese waren nicht Teil seines Wesens, nicht Blut von seinem Blut oder Fleisch von seinem Fleisch, nur Kinder der weltlich fieberkranken Träume des Jugendlichen – die menschliche Seele ist gerettet, aber wir, die wir gekommen sind, um uns vom Dichter zu verabschieden, ja wir – wir staunen. Wir wissen es doch besser. Dies war doch gerade sein Wesen, sein Lied war doch gerade sein Leben. Deshalb konnten wir nicht an das glauben, was man uns jetzt erzählt. Wir konnten es nicht glauben und deshalb – nehmen wir Anstoß. Deshalb spüren wir bei solchen Gelegenheiten am stärksten den Verlust der größeren Freiheit bei unseren Beerdigungen. Solange der Pfarrer am Sarge sprechen muß, solange an der Bahre eines Verstorbenen von einem ganz anderen Standpunkt aus als dem, den der Verstorbene innehatte, gesprochen werden muß, wird immer viel Unwahrheit an der Rede kleben. Denn selbst wenn der Pfarrer kein Urteil fällt, muß er doch nach seiner Überzeugung urteilen. Und sowohl sein Nichtwissen als auch seine Milde werden die Wahrheit seiner Rede verdrehen. In anderen Ländern sprechen Freunde an den Bahren der Toten. Selbst der Gefühlloseste ist mehr als gewöhnlich empfänglich, wenn er an einer Bahre steht, aber gerade – ich wiederhole es noch einmal – weil der Tod uns aufrüttelt und stärkere Eindrücke vermittelt, müssen wir dafür sorgen, daß die Maschinerie des Todes weder beim Reichen noch beim Armen noch bei sonst irgend jemandem – irgendeine Art des Anstoßes erweckt, denn Anstößigkeit kann sich ausbreiten. Anmerkung des Übersetzers: Der Friedhof, von dem Herman Bang berichtet, ist der Assistenskirkegård im Stadtteil Nørrebro, auf dem auch H.C. Andersen und Søren Kierkegaard begraben sind. Herman Bang dagegen wurde auf dem Vestre Kirkegård anonym begraben, jedoch ist sein Grab – unter einer Blutbuche – bekannt.1868 erließ der Magistrat von Kopenhagen eine Verordnung für die Benutzung der Assistenskirkegårds-Kapelle; danach betrug die Nutzung des großen Saales der Kapelle 6 Reichstaler (12 Kronen), für einen der kleineren Räume 4 Reichstaler (8 Kronen), für die ausschließliche Nutzung des Leichenraumes waren 2 Reichstaler (4 Kronen) zu bezahlen. 4.4.1880 Von einer einsamen Insel Man hat die Glocke auf die Lampe gesetzt. Man legt das eine Bein über das andere und meditiert ein bißchen, schlägt dann das Buch auf und stützt den Kopf mit der Hand. Der Sturm fegt wie mit ungleichen, heulenden Flügelschlägen die Fenster entlang und packt mit Gewalt das Thermometer, das klappernd hin und her rasselt, und jagt dann stöhnend in Böen weiter. Man merkt, daß es im Zimmer ziemlich kalt wird, und steht auf, Kohlen nachzulegen, setzt sich in den Lehnstuhl vor dem Kachelofen und schaut dem Feuer zu. Die Funken stieben wie spielende Irrwische um die dunkle Masse der Kohlen; sie weichen zurück, springen nach vorne und plötzlich wieder zurück, knistern in allen Winkeln, bohren sich wie hundert Glühwürmchen in das Dunkel, erlöschen, leuchten wieder auf und erlöschen. Dann bricht das Ganze zusammen, und aus dem schwarzen Rost stiebt ein glühender Strom züngelnder, wabernder Wellen, deren Hitze einem entgegenschlägt. Und während wir auf das Spiel des Feuers blicken, verwandeln sich unsere Gedanken nach und nach in Träume. Es ist, als ob in Fieberwahn oder in Erschöpfung unsere Gedanken fortglitten, und fast so, als nähme das Gehirn Urlaub. Was in unserem Bewußtsein wogt, ist wie der Dunst über dem Meer, wo alles grau und undeutlich ist. Und wenn ein flüchtiges Erinnern oder eine liebe Erinnerung plötzlich aufsteigen, von einer Macht geboren, mit der uns niemand vertraut machen kann, und hierher gelockt, zeigt sie sich unserer Seele in den Umrissen eines losgerissenen Bildes auf dem Hintergrund undurchdringlichen Dunkels. Das Bild selbst jedoch steht klar in reichen Farben … Die Phantasie bemächtigt sich unserer Erinnerung, und während wir träumen, zieht ein Zug von Bildern abwechselnd durch unseren Sinn wie eine lange Galerie aufeinanderfolgender Nebelbilder, wo der Vorführer, den niemand sieht, ohne Nachdenken und ohne Ordnung Bild auf Bild folgen läßt. So gleiten viele Bilder ohne Verbindung mit unserem hindämmernden Gehirn hin. Tausende wechselnde Erinnerungen. Fetzen von Liedern, die unsere Mutter sang, als wir klein waren, vergessene Weisen, die wir einst gesummt haben, wehmütige Töne, die wir in unserer Erinnerung tot glaubten. Aber genau wie alles, was auf die Nerven des Ohrs trifft, sich als Ton äußert, und alles, was die Nerven des Auges trifft, sich als Farben zeigt, lebt selbst die Erinnerung an die Töne für uns nur in einem Bild: unsere Mutter über das alte Klavier gebeugt, vom Fenster der Widerschein des Gases auf den weißen Tasten flackernd; ich selbst auf einen Schemel hinter den Vorhang in der Ecke gekrochen – – über den Boden gesaust, sie ruht fest in meinem Arm; und während die Töne wiegend um uns gleiten, sehe ich ihren Blick fragend den meinen suchen. – Ich mußte am nächsten Tag abreisen, und keiner von uns wußte, wann mein Weg mich wieder an dem weißen Haus mit dem sich hochrankenden Efeu vorbeiführte. Ich hatte den Weg, wo es heiß und stechend war, verlassen, um einen Trunk zu erbitten und meinen Durst zu löschen. Dann bat mich ihre Mutter doch Platz zu nehmen und brachte eine Mahlzeit. Ich müsse doch von meiner Wanderung müde sein … Während ich aß, erzählte ich von diesem und jenem; während ich erzählte, hörte sie zu. So blieb ich lange in dem kleinen Haus, und wenn ich abends auf der Höhe im Garten stand und auf den graugelben Weg, der sich über die Hügel erstreckte, sah, legte sie ihre warme duftende Hand schützend über meine Augen. Jetzt war aber der Herbst gekommen, und morgen würde ich zum letzten Mal das grüne Gartentor öffnen und alleine weggehen. Ich hatte meinen Kopf in ihren Schoß gelegt, und während mein Herz von einer tränenlosen, unsagbaren Bitterkeit erfüllt war, sang sie, wie man für ein Kind singt, das man in den Schlaf wiegt. Dann nahm sie meinen Kopf in ihre Hände, und halb singend flüsterte sie: »Ich warte, bis du wiederkommst.« – So schieben sich tausend Erinnerungen dauernd wie Bilder aus der dunstigen Dämmerung vor. Aber manchmal machen wir Halt, und der schlummernde Gedanke erwacht. Dann kreist, zunächst unsicher und schwach, dann immer deutlicher, der erwachte Gedanke um ein einzelnes Bild, das kam, der Himmel weiß woher. Und mit dem lebendig gewordenen Gedanken verbunden werden uns losgerissene Träume zu einem zusammenhängenden Wiedersehen. Die Sonne war über dem Meer aufgegangen, eine reich strahlende Sommersonne, die von den steigenden Wellen gebrochen wurde und mit deren Schaum, der auf die dunkelblaue Fläche wie eine lange Reihe funkelnder Perlen gefallen war, spielte; sie schienen auf einen samtenen Teppich ausgestreut zu sein. Und weit draußen, am Horizont, so weit das Auge reichte, traf er denselben wogenden, weichen Teppich mit seinen Perlenströmen. Über uns der Himmel hell, leuchtend und ruhig. Es ist eine herrliche Fahrt. Unter Singen und Lachen im Boot, über die Reling gebeugt haben die jungen Mädchen mit bloßen Armen im schwappenden Wasser geplanscht und gespritzt, haben es durch ihre gespreizten Finger gleiten lassen, mit ihrem Arm dagegengestemmt wie mit einem Ruder, dann es plötzlich mit einem Schrei auf uns andere geschüttet. Dann wurde es ruhiger. Ein paar Herren lagen ausgestreckt auf dem Boden des großen Bootes, die anderen tuschelten auf den Ruderbänken. In der Stille hörte man das Wasser schlürfend gegen die Planken des Fahrzeugs schlagen. Das Meer bringt uns dazu zu lauschen. Seine Musik ist immer eine Begleitung, die die Stimmung unserer eigenen Seele ergreift. Dann beginnt der Bootsführer zu erzählen. Er ist ein alter, wettergegerbter vollbärtiger Kerl. Er hat lange dagesessen, geschmunzelt, den Kautabak im Munde hin- und hergerollt, und leicht am Sitz gerüttelt, wo er sonst so fest sitzt. Aber das Wetter ist ja ruhig. Dann bricht es plötzlich aus ihm hervor: wir sollten doch nicht meinen, daß jeder Tag so lustig sei. Im Herbst, wenn »der Junge jede Minute sein Vaterunser betet« – sei es gar nicht gemütlich. »Aber dann werden die Fahrten sicher eingestellt?« »Kann sein, aber gegen Weihnachten bringt man es nicht so einfach über sein Herz. Dann erwarten sie drüben ja ›Maagen' bei jedem Wetter, ob Schneesturm oder Schneegestöber. Dann kann auch Eisregen auf das Boot prasseln, und es ist hundekalt, so daß einem die Finger abfrieren. Dann können wir nicht von dem einen Ende des Bootes zu dem anderen sehen, und der Schiffsjunge muß festgebunden werden. Und alles geht ineinander über, Himmel und Meer, und das Ganze – Wasser wie Luft – wird zu einer dichten Mauer, die sich ringsum auftürmt. Wir hören nichts Anderes als den Sturm, der losbrüllt, und die Segel, die klappern und sich fast losreißen. Und manchmal schreie ich nach dem Jungen, um zu hören, ob er noch da ist – .« Ich sah unwillkürlich zum »Jungen« hin. Doch, da stand er, sonnengebräunt, mit breiten Schultern, frisch und munter. Er lacht zu uns herüber. Dann frage ich ihn, ob er nicht lieber auf »große Fahrt« gehen will, um etwas vom Leben zu sehen. Es müsse doch langweilig sein, immer in diesem Boot zu sitzen und ewig dieselben vier Meilen Meile: 1 dänische Landmeile entspricht 7 532 m, eine Seemeile 1 851 m. hin- und zurückzusegeln. Das meine er nicht, man könne auch hier viel sehen. Und während der Alte weiter erzählte, gab ich dem Jungen recht. Man konnte in diesem Boot hier, das beständig dieselbe Strecke segelt, gewiß viel Pflichtgefühl, unerschütterlichen Glauben und große Zuversicht antreffen. Vielleicht sind diese Menschen näher an dem, was sie Gott nennen. In der Gefahr ist er ihnen nahe, und die Gefahr lauert überall. Deswegen haben diese Menschen sozusagen immer Gottes Rockschoß in ihren Händen, den sie auf ihre eigene Weise verehren. Unumwunden, ohne Worte, verehren sie den Gott des Sturms, und wenn er sie nach einem Schneesturm durch den fauchenden Hagel hindurch nach Hause auf das Festland bringt, danken sie ihm als dem Vater der Liebe. Doch, er hat recht, man konnte auf diesem Boot viel lernen. Man blickt über das Meer. Unentwegt lächelnd rollt die Ostsee ihre samtenen Wellen zu uns, steigt und fällt, fällt und steigt mit leise schmatzendem Seufzer. Und dennoch ist es dasselbe Meer, von dem der Alte erzählt. Grau, mit grauem Schaum bedeckt kann es sich gegen das Boot mit geöffnetem Rachen wälzen, während der Sturm über seinem gähnendem Abgrund heult. Und Schneetreiben kann es wie ein finsteres Unwetter peitschen, und es ist, als ob der Himmel seine Wolken herabgesenkt hätte, so daß die Wogen ihre Massen durchnäßten. Während der Bootsführer erzählte, glitten wir schnell Richtung »Dänemarks Malta«, zur aufgegebenen Festung »Christiansö«. Christiansø: Christiansø ist die größte der Ertholm-Inseln (Ertholmene), die aus drei Felseninseln 20 km nordöstlich von Bornholm bestehen: Christiansø (22,3 ha), Frederiksø (4 ha) und Græsholmen (unbewohnt, 9 ha). In den 1880ern waren nur die beiden ersten von ungefähr 300 Menschen bewohnt (heute knapp 100). Christiansø hat man früher oft »Das Malta der Ostsee« genannt, obwohl die Ähnlichkeit mit Malta nicht sehr ausgeprägt ist. Die strategische Bedeutung der Insel war immer äußerst gering. Die 1684 von Christian V. errichtete Festung wurde 1855 aufgegeben. Die Festung bestand aus zwei Türmen, dem großen Turm auf Christiansø, dem kleinen Turm auf Frederiksø, einigen Bastionen und Ringmauern sowie militärischen Anlagen am Hafen; die Festung steht unter Denkmalschutz. Die beiden Hauptinseln sind miteinander durch eine 30 m lange Fußgängerbrücke verbunden. Auf dem Turm hißte man die Flagge, als man sah, daß an Bord Gäste waren; jetzt sind Gäste selten, von Meer und Sturm umtost liegen die einsamen Klippen vergessen und verlassen da … Und wenn sie von Gästen besucht werden, handelt es sich immer um einen Künstler, der gekommen ist, das Meer aufzusuchen. Möchten Sie, daß ich Ihnen von Dr. Dampe J.J. Dampe (1790-1867) Arzt und Politiker. Er wollte den dänischen Absolutismus durch eine konstitutionelle Regierung ersetzen, weshalb er 1820 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde. Dieses Urteil wurde dann zu lebenslanger Haft umgewandelt, von der er fast 20 Jahre in der Festung von Christiansø verbrachte. Nach seiner Begnadigung erhielt er als erster Märtyrer des politischen Liberalismus und der konstitutionellen Monarchie eine jährliche Staatsunterstützung. erzähle? Über ihn kann man in jedem der Konversationslexika, die die Bibel der Bildung unserer Zeit sind, lesen. Was ich geben kann, ist ein Eindruck, mein Eindruck von diesen Klippen, nichts anderes. Wir standen auf dem Turm der großen Insel. Unter uns sahen wir die zahllosen Klippen. Die Insel besteht aus Granit. Ein einsamer Fels ragt aus der Ostsee, nackt und kalt. Dann machte das Gebot des Königs Das Gebot des Königs: 1684 ff. ließ Christian V. die Inseln befestigen. Die Festungsanlage wurde jedoch nie benutzt und 1855 aufgegeben. diese Klippe zur Festung. Von Bornholm und Seeland brachte man Erde, so daß man diesen Felsen mit einem Zoll Zoll: 1 dän. Zoll entspricht 2,62 cm. Erdreich bedecken konnte. Die Kanonen donnerten von den aufgeschütteten Wällen, die Damen der Garnison hielten Feste im Garten des Königs, man ergötzte sich in ausgelassenen Maskenfesten in dem kleinen Turm. Das war die gute Zeit. Drüben auf der kleinen Insel lag das Staatsgefängnis. Die dem Land und Reich Gefährlichen wurden hierhergebracht. Hier konnten sie über die Macht der Könige von Gottes Gnaden nachdenken. Wir schauten uns im Turm um. Viele Namen waren in die weißen Mauern eingeritzt, Jahreszahlen, Daten tief in den Stein eingekratzt. Welche Geduld fordernde Mühe hat es nicht gekostet, diese Schriftzeichen in den Granit einzukerben! Aber diejenigen, die sie eingeritzt haben, haben die Zeit dazu gehabt, und vielleicht haben sie geseufzt, wenn die Arbeit zu Ende war. Jahr um Jahr haben sie hier gesessen und dem Gesang des Meeres gelauscht, der für sie so traurig wie das Leben selbst war. Aber immer wieder wurden sie von einem munteren Klang geweckt. Mit Lampen leuchtend sind die Honoratioren auf die muntere Insel gekommen, um im Turm ein Maskenfest abzuhalten. So wirbelt der Tanz munter in dem runden Saal, und man stellt lebende Bilder Lebende Bilder: sogenannte Tableaus. Es handelt sich um »eingefrorene« szenische Darstellungen, die z.B. historische oder mythische Situationen, aber auch berühmte Gemälde, darstellten und im 19. Jahrhundert als Gesellschaftsspiel sehr beliebt waren. auf der errichteten Bühne. Gesang und Gelächter erschallen aus den geöffneten Turmfenstern über das Meer, das seine grauen Wellen gegen die klingende Klippe schlägt. Jetzt ist der Turm verlassen: vom alten Leiden sind nur ein paar Schriftzeichen übrig, die keiner von uns deuten kann. Aber wir sagen, wenn wir die verschnörkelten Jahreszahlen und die breiten Buchstaben lesen, uns selbst, daß die Geschichte des Leidens immer dieselbe ist. Von den Maskenfesten ist auch nichts mehr übrig. Öffnen wir die Tür, schlägt uns stickiger Gestank entgegen: Staub, Krankenhausgeruch. Als die Cholera ausbrach, legte man hier die Leichen ab. Es ist schwierig, hier im Fels Gräber auszuheben; deshalb mußten die Leichen warten, und sie warteten hier im alten Ballsaal der Garnison. Die letzten Töne des fröhlichen Kehraus erbebten noch in den Spinnweben der Ecken. Das Leben traf sich mit dem Tod … Wir aber stehen noch auf dem großen Turm und blicken über die Insel. Dann änderten sich die Zeiten. Die Könige waren keine richtigen Könige mehr, das Volk brauchte keine meerumschlungenen Gefängnisse, um seine Verbrecher einzuschließen. Eines schönen Tages erging an die Insel der Auflassungsbefehl: Die Festung solle aufgegeben werden und die Bevölkerung umgesiedelt werden. Die goldenen Tage waren vorbei, und die Festungskanonen sandten zum letzten Mal ihre Rauchwolken über das Meer als Abschiedsgruß für die, welche die Insel, die sie geboren hatte, verließen. Ein trauriger Gruß. Nur wenige blieben zurück, und diese wenigen gingen nun machtlos umher und betrachteten das Werk der Zerstörung, die das Meer und der Sturm vollbrachten und das sie nicht aufhalten konnten. Die Bäume im Garten des Königs standen ohne Pflege, jene Bäume, die die Insel so sehr liebte, um die man sich so sehr gekümmert hatte, während die Jahre mit Sommer und Winter dahingingen; die Weinranken verkrüppelten und trugen keine Frucht; der Wind schlug gegen die Pavillonfenster Nacht für Nacht, so daß sie unter dem Druck des Sturms zerbrachen. Die Zeit machte alles gleich, zerstörte alles. Die Gänge verschwanden. Die Blumen, die man gepflanzt hatte, verwilderten, krochen über den Boden, fanden zuviel Erde, um sterben zu können, zu wenig Pflege, um leben zu können. Der königliche Garten wurde ein trauriger Grasplatz. So zeigt sich die Insel jetzt, wie wir sie vom Turm aus sehen. Die Granitfelsen ragen auf wie zerbrochene Säulen, als mächtige, halb umgestürzte Zyklopenmauern, als heruntergestürzte Kapitelle. Zwischen den eingestürzten Palästen wächst das Gras üppig, ein einzelner Baum, dessen Krone vom Sturm gepeitscht ist, beugt sich mit gebücktem Rücken vor dem Wind. Es sieht wie eine mächtige Stadt in Ruinen aus. Oder man könnte sich auf einem Friedhof wähnen. Alle diese Granitsäulen gleichen umgestürzten Denkmälern, deren Kreuze vom Sturm zersplittert wurden. Winter- und Herbststürme jagten sich über den verlassenen Gräbern, wo ein Geschlecht, das tot ist, weilt, eine Zeit, die vorbei ist und die nie wiederkehren wird. Wenn wir über die vom Unwetter gebrochenen Bäume, die ohne Pflege hinsiechen, hinwegschauen, erscheinen sie uns als verkrüppelte Trauerweiden mitten in der Häßlichkeit all dieser Zerstörung. Rund um die Klippen das Meer. Soweit wir sehen können, dieselbe wogende Fläche, und die Einförmigkeit selbst drückt uns mit einer bedrückenden Trostlosigkeit. Wir gehen auf die kleinere Insel hinüber. Hier tritt der Granit stärker hervor, hier ist das Zuhause der Armen, und die Armen brauchen nicht so viel Land, nicht einmal für ihre Gräber. Der dunkle Stein erhebt sich wie zusammengestürzte Wände; bald als Spitzen, bald als runde Blöcke, bald als mächtige Grundmauern. Und wo sich in Spalten und Rissen ein wenig Erde und etwas Sand gesammelt hat, blüht die Distel in großer Zahl – die Blume der Armen, die man ihnen läßt, weil sie keine Frucht bringt. Hier wachsen die Nesseln üppiger: sie bilden einen grünen Teppich, der den Fels bedeckt. Man durchquert sie, und der Fuß stößt unter dem Teppich auf ein Holzkreuz: wir stehen auf dem Cholerafriedhof. Sehen Sie, hier wurden die unglücklichen Toten jener Schreckenszeit begraben, wo es Glück war, zuerst zu sterben und leicht zu sterben, aber entsetzlich, auf den Tod zu warten. Kein Ausweg zum Heil. Im Inneren die Seuche, die wütete und in Stunden Menschen zu Aas machte, draußen um sie herum das Meer; und niemand durfte weg, niemand. Wo sie auch hinsahen, der Tod, und alle Wege versperrt. Das Meer um sie herum war zu einer höhnischen Mauer geworden, die sie nicht überwinden konnten. – Sie tanzen auf dem Achterdeck. Draußen in der Sommernacht ertönen die Melodien des Orchesters – Erinnerungen an die städtischen Opernbälle – über die Wellen des Ozeans hin. Der Ozean ist ruhig, die dumpfen Wasser gehen ruhig, steigen zu runden Höhen und senken sich zu breiten Tälern, aus der Tiefe erklingt der Lärm des Mahlstroms wie das Schnarchen eines riesigen Tieres. An den Seiten des Schiffes leuchten und glitzern die aufgehängten Lampen auf den gleitenden Wassern. Rings um das Schiff liegt die Nacht wie ein Teppich. Man feiert im Trubel. Aber zischend – wie eine unglücksbringende Natter – kommen – niemand weiß woher – dunkle Gerüchte auf und schleichen sich zwischen die Lichter des Festes, von Mann zu Mann geflüstert: es sei an Bord die Cholera ausgebrochen. Und der Schrecken läßt die fröhlichen Gesichter gefrieren, so daß zwar die Lippen noch lächeln, die Augen aber schreckerstarrt sind. Das Grauen ergreift sie. Der eine flieht vor dem anderen, der ja die Ansteckung mit sich tragen könnte. Es ist, als wäre das Schiff unter diesem Grauen ausgestorben, dem Grauen, das nicht weint und dessen Klagen nur tiefe Seufzer sind. Man geht sich aus dem Wege, sucht in allen Winkeln des Schiffes die Einsamkeit, späht über das Meer, gefangen, angstgeschlagen. Dann folgt die Zeit des Wartens mit ihren langen Tagen. Jeden Abend hören die Schreckgeschlagenen ein entsetzliches Plumpsen, dumpf, ungemütlich und schwer, ein Schwappen an der Seite des Schiffes, wie ein Seufzer aus dem Wasser, das sich über einem Opfer öffnet und schließt. Man zählt voller Angst: eins, zwei … Es sind die Toten des Tages, die man vom Schiff wirft … Die Lebenden aber warten. Ein kribbelndes Sintflutentsetzen liegt über diesen Lebenden. Jeden Abend hören sie dasselbe Plumpsen, und der Blick verrät scheu, wer es war, aber man stellt keine Fragen. Hätte man Gold bekommen, so hätte man doch nicht gefragt … Das Choleraschiff mit dem Tod an Bord fährt weiter. So litten sie, die Unglücklichen, die unter diesen Disteln begraben liegen, hier auf diesem Felsen, der so traurig nackt ist. Die Hütten ringsum sind alt und baufällig. Sie sind der Zeit anheimgefallen. Was die Menschen verließen, ist der Zerstörung unterworfen. Wir gehen der Festungsmauer entlang. Die Wellen klatschen dagegen, Strandhafer und Gras wogen längs des Abbruchs. Die Mauern verfallen. Hier und dort in den Guckfenstern liegt eine alte Kanone: man hat sie nicht mitgenommen, sie war dessen nicht wert. Selbst die verrostete Kanone, die hier liegt und still verwittert, ist wie bitterer Hohn. Trostlos, entsetzlich. Ihre Stimmen waren zu der Zeit erschollen, als Dänemark um die Vorherrschaft in der Ostsee kämpfte, damals, als unsere Flotten das Meer füllten, da sprachen unsere Kanonen mit gebieterischer Stimme. Aber jetzt sind die letzten Feuerstimmen, die sprachen, diejenigen, die bei Düppel Düppel: (dän. Dybbøl): Hinweis auf die Schlacht an den Düppeler Schanzen am 18.4.1864, wo Dänemark endgültig den zweiten deutsch-dänischen Krieg verlor. traurig über den Leichen der Dänen erschollen. Die Kanonen hier, die vor sich hinrosten, weil sie nicht wert waren, mitgenommen zu werden, werden fast zum Sinnbild. Wir verlassen die kleinere Insel, gehen den Pfad entlang um den Felsen zur Kirche. Ein heller und freundlicher Raum. Es liegt über allem hier etwas Vertrautes, aber diese Menschen müssen hier ja auch ein Zuhause gehabt haben, hier drinnen wurden sie ja alle zusammengerufen, um denen, die wegzogen, Auf Wiedersehen zu sagen, Herzlich willkommen denen, die neu ankommen. Hier versammelt man sich als große Familie, in der alle miteinander verwandt sind, und hier trifft man sich. Außerdem ist man an solch einsamen Stätten Gott immer näher, oder eher Gott ist uns näher. Die Einsamen werden immer noch einen Gott haben, wenn wir, die wir im Lärm und in der Masse leben, ihn längst verloren haben. Er lebt in der Natur, Er ist es, der die Stürme über die Wasser schickt, Er spricht in der Einsamkeit. Und die Trostlosigkeit in allem und über allem beugt der Menschen Knie. – Der Blickwinkel dieser Menschen ist so eng wie ihre Insel, und es gibt keinen Platz für Zweifel. Das Pfarrhaus liegt hinter dem Abhang am Salomonsbrunnen versteckt. Es mutet merkwürdig an, in dieser Ödnis auf einen Hauch der großen Welt zu stoßen. Thorvaldsens Reliefs an der Wand, Mozart und Schubert über dem Klavier. Und überall Krimskrams und Bücher, Tischchen, Glasschränkchen und Blumen. Die Pfarrersleute sind jung verheiratet, und es sieht aus, als ob die Liebe hier am Salomonsbrunnen im weißen Pfarrhaus gut gedeihe. »Man glaubt, es sei hier so einsam«, sagt die junge Frau. »Ich meine, hier ist es wunderschön.« »Ist es hier nicht doch sehr eintönig?« »Eintönig? Nein.« »Doch, in der Natur.« »Ach, die Natur ist ja doch nichts anderes als das, wozu man sie macht.« Und dann sagt man noch, die Menschen seien nur das, wozu die Natur sie macht. Wir aber gehen weiter. Längs der Mauer zu der heiligen Quelle. Der Fels bricht steil ab, steil wie ein gebohnerter Fußboden; auf beiden Seiten erheben sich Wände wie Mauern. Wenn der Sturm von Osten heranrast, ist die heilige Quelle vom Meer überflutet, von den schäumenden Wogen bedeckt. Heute aber kann man sich die steile, rutschige Böschung hinabwagen, und wenn man sich weit nach vorne beugt, aus der frischen Quelle trinken, die am Fuß der Klippe ins Meer rieselt. Die Wellen schlagen schwer gegen den Steilhang. Ganz unten, unter unserem Blick, ist das Wasser blauschwarz. Weiter draußen blinkt es metallisch veilchenblau. Man erzählt sich auf der Insel die Sage von einer unglücklichen Frau, die sich bei der heiligen Quelle hinabstürzte. Sie sank tief, denn dieses dunkle Wasser ist viele Faden Faden: 1 dänischer Faden als nautische Maßeinheit beträgt 1,884 m. tief. Ihr Vater war auf der kleinen Insel Gefängniswärter. Er war als Gefangener dahingekommen, die Liebe aber fragt nicht nach Stand noch nach Sprache. Sie spricht beständig ihre eigene, merkwürdige Sprache. So ging diese Frau eines Nachts die Klippe zur heiligen Quelle hinab, und die tiefen Wasser verschlangen zwei Leben. Erzählt hier die Stille von dieser Frau? Von ihr oder einen anderen? Hier, wo alles ohne Hoffnung dem Sturm ausgesetzt ist und für menschliche Hoffnungen trostlos ist, ist das eine wie das andere genauso gut möglich … Während es immer dunkler wurde, fuhren wir nach Bornholm zurück. Das Lachen war verstummt. Der alte Fischer erzählte mit gedämpfter Stimme – wie vom Schweigen der Nacht gedrückt – eine Sage von dem stolzen Hammershus. Die Sage war traurig und trübsinnig wie die Menschen selbst, die sie überliefert haben. Denn die schwermütigen Felsen der Insel haben ihre Bewohner finster und streng gemacht, so wie sie auch selbst ist. Die Sonne lächelt diese Granitmassen, die dem Meer zu drohen scheinen, vergeblich an. Und während wir der Sage von dem großen Geschlecht der Skjalm Hvide Das Geschlecht der Hvide: Eines der berühmtesten dänischen Adelsgeschlechter. Bang war zeit seines Lebens der Ansicht, er stamme von diesem Geschlecht ab, was aber nicht zutrifft. Die Hvide kommen im 11. Jahrhundert aus Jütland. Hervorragende Gestalten waren im Mittelalter Asser Rig, Erzbischof Absalon und Esbern Snare. Um 1300 Zerfall in verschiedene Zweige. lauschten, saßen wir ruhig da, beeindruckt von all dem, was wir auf der trostlosen Insel des Invalidenfonds Invalidenfonds: Die kleinen Inseln bildeten keine eigenständige politische Gemeinde. Sie wurden vom Marineministerium verwaltet. Hier gehörten sie zum Invalidenfonds, der sich zum Ziel gesetzt hatte, für die Hinterbliebenen Gefallener und die Angehörigen Kriegsbeschädigter zu sorgen. gesehen haben. Vor uns erblickten wir die gegen den dunklen Himmel aufragenden großen Ruinen der mächtige Hvide-Burg: Hammershus. Auch sie ist ein Denkmal, das über einem Geschlecht, das schon längst ausgestorben ist, zerfällt. Und selbst die fromme Erinnerung hat es vergessen. Das Meer brauste schwer an den Seiten des Bootes. Alles glitt in derselben Dämmerung zusammen. Aber wir, die wir durch die Nacht zogen, wurden von der Stimme des Windes in merkwürdig verzauberte Träume gelullt. 11.4.1880 Aus den Pfand- und Leihhäusern Bang berichtet hier von einem Besuch des »Assistenshuset«, im folgenden mit »Pfandleihanstalt« wiedergegeben. Das Assistenshus war seit 1688 zunächst ein privates Pfandleihhaus, von Nikolai Wesseling gegründet. 1751 war die Pfandleihe bankrott. 1752 wurde das Haus jedoch als »Det Kongelige Privilegerede Assistence-Hus« wieder eröffnet und befand sich ab 1757 unter der Verwaltung des Marinekrankenhauses (»Søkvæsthuset«) in Christianshavn. Seit 1904 war das Finanzministerium federführend. 1962 wurde der Betrieb des Leihhauses eingestellt. Nach einem Umbau von 1962-1964 zog das Kulturministerium ein. Das Haus befindet sich am Gammel Strand (gegenüber von Christiansborg, unweit der heutigen Schiffsrundfahrtenablegestelle) und hat die Postanschrift Nybrogade 2. Darüber hinaus gab es zur Zeit Bangs in Kopenhagen etwa 120 privat geführte Pfandleihen.     Er wendet das Deckbett zum sechsten Mal und klopft mit den flachen Händen heftig darauf. »Wieviel?«, fragt er dann und schiebt, ohne aufzusehen, langsam die Pfeife in den linken Mundwinkel. »Ja, wieviel kann ich denn bekommen?« wird aus dem Schal heraus fragend geantwortet. Man merkt, daß dieses »Wieviel?« nie viel genug sein kann. Er sieht flüchtig über die Brille die Frau an, verschiebt die Pfeife, schmatzt wieder etwas und untersucht das Deckbett. Aus dem Schal heraus folgt ein ängstlicher Blick unverwandt seinen Händen, die prüfend das Inlett glätten. »Fünf Kronen«, 1 dänische Krone ist in 100 Öre unterteilt und entspricht kaufkraftmäßig etwa 7-8 €. sagt er halb fragend und läßt seine Augen über die Abschrankung hinweg die Frau suchen. Sie steht halb in der Ecke, außerhalb des Scheins der Lampe, ganz in den grau karierten Schal gehüllt. Ihre Schultern gleichen zwei spitzen Kanten. Und ganz im Schatten ein Gesicht mit harten Sehnenbündeln und mit hautüberzogenen Knochen. Sie tritt etwas nach vorne, drückt mit ihrem langen gebräunten, nackten Arm, wo die Haut in dichten, dunklen Falten um die Knochen liegt, den Schal an sich und sieht ihn ängstlich an. »Sechs«, sagt sie bange … »Sie versetzen alles«, erwidert er und sieht wieder zu ihr. Der Blick der Frau gleitet schnell zur Seite, an seinem vorbei. » Er ist es«, windet es sich gedämpft, demütig, fast flehend aus dem Schal. Er! Er ist immer der Mann, der Mann, der die neue Woche damit beginnt, betrunken nach Hause zu kommen, nachdem er das Geld verpraßt hat; der Essen haben muß, auch wenn die Kinder, die sie zur Welt gebracht hat, hungern müssen, er, der sein Einkommen als sein eigenes ansieht, und der Dank erhält, wenn er gnädig genug ist, nicht das ihrige zu rauben; der ins Wirtshaus geht, während sie sich abrackern muß, der sie verprügelt, sie schlägt, sie fast zu Frondienst zwingt – und dennoch bei ihm bleibt; der ihr Gesicht mit den tiefen, entsetzlichen Furchen grau gewordener Gram durchpflügt; der des Lebens Mühe als unabwerfbare Bürde auf ihre abgemagerten Schultern lädt; der ihre Liebe vergessen hat und ihre zahllosen Opfer nur als verdammte Pflicht ansieht; der alles vergessen hat, mit der Ausnahme, daß er ein Mann ist, und daß der Mann das Haupt der Frau ist. So ist dieser »Er«, für den sie hingeht, um die sechs Kronen, die sie für ihr letztes Deckbett bekam, zu holen, die Kronen, die er ohne zu danken entgegennimmt oder die er ihr vielleicht mit einem Fluch entreißen wird. So ist er. Auf solches kann man draußen in den Arbeitervierteln stoßen, wo die Spekulation mit unserem Baugesetz gespielt hat, so daß die Mauern weder vor Sturm noch vor Feuchtigkeit schützen. Hier draußen gibt es Keller, wo die Frau die letzte Decke versetzt, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen – es ist immer die Frau, die am Pfingstsamstag das Geld zusammenkratzen muß, daß er am Sonntagmorgen herauskommen kann und zuschauen kann, wie die Sonne tanzt. Die Sonne tanzt: Das Spiel des Sonnenlichtes im Frühjahr ist gemeint. Im Volksglauben ist mit dem Pfingstmorgen die Vorstellung verknüpft, daß dann die Sonne tanzt. In Kopenhagen gab es einen bekannten Gassenhauer von Sganarel, dem Kritiker und Dichter Axel Henriques (1851-1935): »Die Sonne pflegt am Pfingstsonntag/sich einen Trippelwalzer zu genehmigen.« Wo die Armut sich entkleidet, um nicht den ungemütlichen Raum des Hauses, den die Unglücklichen ihr Heim nennen, zu verlieren; wohin eine Mutter die letzten Kleidungsstücke ihrer Kinder bringt, die letzten traurigen Lumpen, die ihre Nacktheit bedecken, damit die armen wenigstens nicht sterben müssen. Es gibt solche Stätten, und dort sind viele Tränen aus heißen, trockenen Augen geflossen, und dort hat großer angstvoller Kummer gewartet, der auf das Verständnis des Pfandleihers wie auf ein Urteil wartete. Solche Leihhäuser haben die Maler immer wieder für uns gemalt, die Dichter uns beschrieben und unsere Phantasie erschaffen. Dunkle, fettige Räume, wo die Sonne ein Hohn wäre. Treffpunkte für die Hoffnungslosigkeit und Leid Hunderter, für tötenden Hunger und das stinkende Elend der Armut. Ausgezehrte Leiber, von Not und Leiden entstellt, Leiber, in deren Knochen jahrelange Bedrängnis das Mark des Lebens verdorrt hat, bedeckt von kümmerlichen Lumpen, deren Schmutz die einzige Farbe ist. Träge Blicke aus tiefen Augenhöhlen, das zitternde Lächeln der Trostlosigkeit um die schmalen Lippen. So hat Hogarth Hogarth, William (1697-1754): Englischer Kupferstecher und Maler, für seine satirischen Bilder von menschlichen Lastern und Torheiten bekannt. eine Pfandleihe gemalt, und vielleicht könnte man auch hier einen Winkel finden, wo man Gleiches treffen könnte. Ich habe keinen gefunden, und jemand, der sich anschickt, das eine oder andere zu untersuchen, sollte, wenn er zurückkehrt, am besten die Wahrheit berichten, auch wenn dies weniger sentimental und melodramatisch ist, und selbst, wenn es auf seine Art zu ernst ist, als daß man darüber weinen könnte. Aber die Wahrheit hat immer ein unbezahlbares Verdienst, nämlich, daß es die Wahrheit ist. Und deswegen soll man dies am liebsten vorziehen. Außer der Pfandleihanstalt gibt es in Kopenhagen über hundert Leihhäuser. Vernimmt man, daß allein die Pfandleihanstalt jährlich 200 000 Pfänder entgegennimmt und einen Umsatz von ungefähr 3 Millionen Kronen hat, versteht man, welche Summen in diesen Häusern jährlich umgesetzt werden, und welche bedeutende Rolle im Leben eines großen Teils der Bevölkerung das gesamte Pfandwesen spielt. Man versteht weiterhin, daß die Leihhäuser unbedingt notwendig sind, daß sie im Leben gewisser Gesellschaftsschichten eine Rolle spielen. Aber welche Schichten der Bevölkerung sie in erster Linie benützen, ist sicher den meisten unklar. Allgemein geht man wohl davon aus, daß die Leihhäuser Zufluchtsstätte der Armen seien, aber das stimmt nur teilweise, und wenn sie es jemals gewesen waren, sind sie es ganz sicher nicht mehr länger. Bei uns stimmt Hogarths Bild nicht. »Sie kommen an einem unserer Haupttage«, sagt einer der Assistenten am Strand zu mir. »Heute ist Pfandauktion.« Und als ich erkläre, ich wüßte nicht, was Pfandauktion sei, bringt er mich in einen Saal mit terrassenförmigen Stufen und einer Abschrankung, hinter der sich eine schwatzende, drängelnde Menge stößt und schiebt. »Das sind alles Leute, die Pfänder einlösen wollen, die zur Versteigerung kommen. Sie lösen sie hier ein und gehen dann auf die andere Seite und versetzen sie wieder. Hier sehen Sie unsere festen Stammgäste.« Und der Mann hatte Recht. Ohne es im voraus zu wissen, war ich – da Glück oft mehr hilft als der Verstand – tatsächlich an einem der großen Tage gekommen, ich wurde plötzlich und unversehens dem Publikum gegenübergestellt, das ich suchte: die Pfandstammgäste der Pfandleihanstalt. Einzelne Männer, Handwerksgesellen und »Kleinbürger«; Frauen mit ihren unausweichlichen Schals, runde, geschwätzige Gesichter; halberwachsene Mädchen mit fantastischen Hüten, der Himmel weiß, wo sie gekauft wurden, mit Bändern, die einmal farbig gewesen waren, und Mänteln mit ausgerissenen und ausgefransten Astrachanbordüren; Astrachanbordüren: Säume aus Astrachaner Lammfellen. Matronen mit schwarzen Hauben und mühsam aufgesetzten Schmachtlocken, die die Stirn bekränzten, spitze Nasen und falsche Zähne hinter den schmalen Lippen; Damen, die sich an ihren Türen Witwen nennen lassen, deren Männer fast immer »Handelsvertreter« in Hobro oder Varde Hobro, Varde: Zwei dänische Provinzstädte auf Jütland. Hobro ist Hafenstadt an der Ostküste und hatte zur Zeit Bangs etwa 3 000 Einwohner, Varde hatte damals gut 4 000 Einwohner. oder einem anderen Kaff, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, gewesen waren, wo der normale geographische Sinn versagt, deren Stolz ihre Samoware sind – eine Erfindung, die in Hobro neu war – und deren Leidenschaft Kaffee ist, den sie mit Kandiszucker genießen, nachdem sie ihre kostbaren Vorderzähne herausgenommen haben; Lehrlinge in Lederblusen und blauen, zusammengeflickten Hosen, nackten Armen und schwarz bemalten Gesichtern, denen Wasser ein fremdes und unbekanntes Element zu sein schien; junge Dienstmädchen in dünnen Mänteln mit ewig verschnupftem Lächeln um die krausen Münder und kleinen munteren Stupsnasen, die beim Reden in dauernder Bewegung hinauf und herunter sind; Kinder, die man hierher schickt, um sie ans Feuer zu gewöhnen und für die »der Onkel« »Der Onkel« : Unter dem allseits beliebten Verwalter Harbo (gest. 1837 oder 1840) gab der Volksmund dem Assistenshus den Spitznamen »Onkel Harbo«, abgekürzt »Onkel«. der erste Freund ihres Lebens wird. Während der Assistent aufruft, summt und schnattert die Schar wie eine Herde lärmender Enten, und derjenige, der in der Erwartung hierher gekommen ist, Herzzerreißendes anzutreffen, fühlt sich sicherlich von dieser munteren, schwatzenden Unbekümmertheit enttäuscht. Für alle diese Menschen ist das Ganze offensichtlich etwas Alltägliches, vielleicht sogar Ermunterndes in der Schufterei ihres Lebens. Die Pfandleihanstalt ist eine liebenswerte Anstalt, wo sie jede Woche einen kleinen – oder auch sehr großen – Vorschuß auf den Verdienst der kommenden Woche nehmen. Und weil die gemeinen Leute keine Volkswirtschaftler sind und deswegen nicht einschätzen können, wie schädlich es ist, Vorschuß zu nehmen, tun sie dies ohne Bekümmerung. Alle diese Menschen vertrauen auf »nächste Woche« und auf ein höheres Einkommen, das morgen kommen wird. Sie taten dies jahrelang voller Vertrauen, aber ohne Ergebnis; und wenn der größere Verdienst kommt – lösen sie ihre Pfänder nicht ein. Komm Tag für Tag, und Du wirst dasselbe Publikum antreffen, Leute, die nicht hungern und denen es nicht an Kleidung fehlt – natürlich haben sie andererseits nicht mehr als das, worin sie gehen und stehen – denen es weder an einer Behausung fehlt noch an Vergnügungen, die sie sich leisten können, die aber einfach nur ins Hintertreffen geraten sind, weil sie wöchentlich dauernd fünf Kronen mehr brauchen, als sie meistens verdienen. Leute, die zweimal im Jahr in den Wald wollten, die Geburtstage feiern und unbedingt ins Theater mußten – das Frederiksbergtheater Frederiksbergtheater: Das Frederiksbergtheater der leichten Muse wurde 1869 in der früheren Bierhalle und dem Sängerinnenpavillon Odeon von 1857 eröffnet. Heute beherbergt das Gebäude das Betty-Nansen-Teatret. oder das Thaliatheater. Thaliatheater: Theater der leichten Muse Ecke Østergade und Kristen Bernikows Gade. Und, wie wir noch sehen werden, sind es gerade ihre Vergnügungen, die die Pfandleihanstalt unterstützen muß. Aber, wird man fragen, wo sind denn die Menschen, die hungern, die keine Unterkunft haben, die nicht einmal das Nötigste zum Überleben haben? Wo findet man den Hunger, das Elend und die Not? Man kann doch nicht bestreiten, daß es Elend in Kopenhagen gibt. Leider, nein. Es gibt Elend und Not und mehr als diese beiden; hier aber treffen Sie sie nicht – oder nur ausnahmsweise. Wenn wir in der lärmenden Menge hinter der Abschrankung suchen, können wir natürlich den einen oder anderen treffen, den Armut hierher getrieben hat; Unbekümmertheit aber ist die Regel, Armut die Ausnahme. Ganz drüben an der Türe, in die Ecke gedrückt, soweit wie möglich von den anderen entfernt, steht eine gut gekleidete Frau: der dichte Schleier bedeckt ganz ihr Gesicht, fällt in langem Wurf über den Rücken auf den Mantel aus Tuch, der stramm über einer hohen festen Brust sitzt; unter dem Mantel ein schwarzes Kleid, mit Atlas besetzt, die Handschuhe sind blendend weiß. Ab und zu dreht sie den Kopf und sieht sich unruhig um, drückt dann den Schleier dichter über ihr Gesicht. Warum ist sie gekommen? Der alte Schätzer steht da und wiegt einen glatten Goldring; es ist der ihrige. Ihre Stimme zittert leicht, als sie sich bedankt und die vier Kronen in die fellbesetzte Tasche gleiten läßt. Sie hat die Not dazu getrieben. Sie war lange unsicher dagestanden. Dann zeigt ihr ein halberwachsenes Mädchen – hier kundig – , wie es vor sich geht: will sie ein Kleid verpfänden, diesen Weg. Sie knüpft das Bündel auf und holt ein schwarzes Seidenkleid vor, etwas altmodisch mit ein paar kleinen schwarzen Samtbändern am Ärmel. Sie streicht sorgfältig, fast zärtlich den Rock und blickt scheu zur Schätzerin hin, die das Kleid gegen das Licht hält. »Es ist schon etwas zerschlissen«, sagt sie. Der Mund der Frau zuckt ein bißchen. »Wieviel?« »Soviel wie ich bekommen kann.« »Zehn Kronen.« Die Frau nickt, ergreift ihr Taschentuch und putzt die Nase, langsam, unauffällig. Die Schätzerin rollt das Kleid zusammen, die Frau sieht hinüber, sagt dann gedämpft, etwas zittrig: »Es wird doch sicher gut behandelt.« Die Schätzerin sieht die Frau an, ihre Blicke treffen sich, dann wendet sich der ihrige tränenerfüllt ab. »Es muß aufgehängt werden«, sagt die Schätzerin. Das alte schwarze Samtkleid war gewiß ein Kleinod, und dieses hat die Armut geopfert. In der Regel aber – ich wiederhole es – trifft man hier selten auf nacktes Elend. Der Ärmste der Armen kommt nicht hierher, sowohl weil er nur wenig besitzt, als auch weil das Wenige, das er hat, wertlos ist. Der Ärmste der Armen besitzt ja nur einige Kleidungsstücke; aber während der jetzigen Zeiten, wo man alles Mögliche an geringer Qualität, die die Armen benutzen, so unglaublich billig kaufen kann, können weder die privaten Pfandleihen noch die Pfandleihanstalt Geld auf die Lumpen leihen, die das wahre Elend herbeischaffen kann. Unter diesen Umständen bringt man in der Pfandleihanstalt das Elend sehr selten zur Sprache. Sowohl die staatliche Einrichtung als auch die privaten Pfandleihen – darunter ja die Aktiengesellschaft »Die billigen Leihhäuser« haben zuerst die Aufgabe, das dauernde Defizit der arbeitenden Klasse zu decken, und wenn man sieht, wie dieser Fehlbetrag entsteht, und wie lebhaft-unbekümmert er ertragen wird, müßte es wohl mehr als zweifelhaft sein, inwieweit der Staat verpflichtet ist oder sogar moralisch gezwungen ist, hier helfend einzuspringen. Wir sprachen oben von »großen Tagen«. Die größten Tage für alle Leihhäuser sind Pfingstsamstag und der Tag vor der Ziehung der Lotterie. Diese Leute verpfänden ihr letztes Hemd, um ihr Los erneuern zu können, ihr letztes Deckbett, um sich am Pfingstsonntag morgen in Schale zu werfen. Ganze Karawanen stürmen noch am Pfingstsonntag morgen die Pfandleihanstalt und die Leihhäuser, um mit dem Geld, das sie noch zusammengekratzt haben, wer weiß wo, einen echten Schal, einen Ring, eine Halskette oder ein Paar Stiefel einzulösen. So müssen die Wintersachen die Kosten dafür decken, die Sommersachen heimzubekommen; und so ist es immer. Der große Teil der Bevölkerung, von dem hier die Rede ist, ist dauernd ohne Eigentum, eigentlich nicht, weil er arm wäre – darunter sind zum Beispiel Pflasterer, die gekochte Hummer zum Mittagsmahl essen könnten, und die täglich, so lange es geht, Rotwein zum Mittagessen trinken könnten – die aber, weil sie dauernd den Wechsel auf die Zukunft ziehen, wirklich mehr genießen als sie eigentlich bezahlen können. »Natürlich ist der Winter die geschäftigste Zeit«, sagte ich zum Besitzer eines der Leihhäuser, den ich besucht hatte. »Ach ja, die Maskeraden brauchen doch viel. Ich will aber doch nicht behaupten: Wenn der Wald grünt, brauchen die Leute mehr Geld.« Dieselbe Antwort – die zu stimmen scheint, weil 10 % sämtlicher Pfänder in der Pfandleihanstalt im Mai eingereicht werden –, bekam ich überall. Was die Leute im Winter zu den Pfandgebern treibt, sind weder Kälte noch Hunger noch Arbeitslosigkeit – sondern vor allem Vereinsbälle und Maskeraden. Im Gegenteil: Arbeitslosigkeit und Geschäftsaufgaben halten sie fern. Der Umsatz der Pfandleihanstalt und der Pfandhäuser war nie so groß wie zu Zeiten des Aufschwungs zu Beginn der 1870er Jahre. Die Pfandleihanstalt hatte damals etwa 30 000 Pfänder mehr als jetzt. Als der wirtschaftliche Stillstand begann und der leichte Zugang zum Geldverdienen zu Ende war, wurden überall weit weniger Pfänder hereingegeben und soviel Pfänder eingelöst wie in den guten Jahren. Der Umsatz der Pfandleihen steht direkt im Verhältnis zum Reichtum des Publikums, und mit dieser Tatsache vor Augen dürfte man wohl Veranlassung haben zu glauben, daß die Not in den Jahren der Arbeitslosigkeit um einiges geringer war als angenommen. Auf jeden Fall scheint es, als sei die kurze Krise eine gute Lehrzeit gewesen, gut, aber nicht gut genug, denn das letzte Jahr mit seiner leichteren Möglichkeit, Geld zu verdienen – man kann ja eigentlich nicht von Reichtum sprechen – weist eine entsprechende Erhöhung des Pfänderversetzens auf. Sobald bessere Zeiten eintreten oder richtiger, zu dämmern beginnen, gibt die Bevölkerung also offensichtlich wieder das Sparen auf und gibt sich zügellos ihrer Lust hin, mit einem Fehlbetrag zu leben, der von dem morgigen Tag, der nie kommen wird, gedeckt ist. »Worauf wir hier stoßen«, sagte mir einer der Assistenten der Pfandleihe »Am Strande«, »ist vor allem der Leichtsinn der Leute. Niemand hat so viel Gelegenheit, sich über die fröhliche Unbekümmertheit der Leute zu verwundern oder sie zu bewundern wie wir.« Kann man es jedoch als erwiesen ansehen, daß die Pfandleihanstalt nur ausnahmsweise eine Hilfe in echter Not ist, sondern in der Regel eine Einrichtung, die Hilfe erweist und alle diejenigen unterstützt, die aus Mangel an ökonomischem Sinn trotz guten Einkommens oder vielleicht gerade aufgrund all zu guten und allzu leichten Einkommens mit dauernd neuem und möglicherweise sich dauernd erhöhendem Fehlbetrag leben, könnte man es durchaus überflüssig finden, daß eine solche Anstalt vom Staat unterstützt und geleitet wird. Die Notwendigkeit oder Erwünschtheit der Pfandleihanstalt als staatliche Einrichtung ist sicher ein Aberglaube, der in der falschen Meinung wurzelt, die Anstalt wäre eine Hilfe gegen die wirkliche Not. Will man aber der nackten Armut helfen, muß man die Mittel an anderer Stelle einsetzen; will man der unverschuldeten Not Einhalt gebieten, muß man sicher auf eine andere Weise vorgehen. So wie die Dinge liegen, ist die Pfandleihanstalt in erster Linie eine beredte Aufforderung, leichtsinnig zu leben. Und das dänische Volk ist nicht mehr so sparsam, daß man es zu finanziellem Leichtsinn auffordern muß. Welches Publikum, glaubt man, verpfändet wohl die 20 000 Taschenuhren, die, niedrig geschätzt, jährlich in der Pfandleihanstalt landen? Und wer versetzt wohl die anderen 40 000, die man vermutlich in den etwa 120 privaten Pfandleihen verpfändet? Ob es die Armen sind, die sie versetzen, oder ob es nicht eher die sind, die über ihre Verhältnisse leben? Und selbst wenn die Pfandleihanstalt nur den wirklich Armen hülfe, wären es ja doch nur die Armen Kopenhagens, denen geholfen würde; selbst in dem Fall wäre es richtiger, daß es Sache der Stadt und nicht des Staates wäre, die Anstalt zu betreiben. Was das übrige Land verpfändet, ist verschwindend gering, und ich sehe keinen Grund, daß der Staat eine Institution besitzt und leitet, die allenfalls die Stadtverwaltung Kopenhagens einzurichten verpflichtet wäre. – – Man kann viel lernen, wenn man den alten Hof am Strand begeht, vielen Merkwürdigkeiten begegnen und viel auf der Rückseite sehen. Alles Mögliche findet sich in diesen Speichern, Altes und Neues, Kleidungsstücke und Bettzeug, Bettdecken und Mäntel, Stiefel – einen ganzen Schuhmacherladen – Mäntel – für den Winter im Sommer, für den Sommer im Winter – Damenkleider und Herrenkostüme, Tuche und Leder, Oberkleidung und Unterwäsche. Dort steht ein Koffer mit Damenkleidung, Seidenhemden, französischen Blumen, Ballschuhen und langen Unterröcken; in jenem Korb liegen zwei Maskeradekostüme aus lila Samt mit Rot und warten auf das nächste Jahr; all die Überschuhe dort stammen von einem Fabrikanten, über hundert Paar: es wurden 50 Öre pro Paar ausgezahlt, erklärt der Assistent. Dieses große Paket ist von einem Händler versetzt; es sind Kleider; jene Ladung Mäntel sind das Eigentum eines Schneiders. Hier gibt es Seide und Samt, Pelze und Gehäkeltes, die »in einer augenblicklichen Verlegenheit« helfen mußten … 200 000 Pfänder … wenn man auf eine so hohe Anzahl gekommen ist, hat man ziemlich Schwierigkeiten zu ermessen, was die Zahl wirklich bedeutet. Der interessanteste Raum ist jedoch der Kupferkeller. Dort unten riecht es nach Holberg: Holberg, Ludvig (1684-1754): Dänischer Dichter, im damals dänisch-norwegischen Bergen geboren, seit 1714 Professor in Kopenhagen für Philosophie, Metaphysik, lateinischer Rhetorik und Geschichte. Schrieb unter anderem 1722-1723 fünfzehn Komödien für das Theater in der Grønnegade. all die alten Kupferkessel, Gefäße und Leuchter, alte Maschinen, Küchengeräte, Puddingformen und Zinnbecher, Lüster und Wandleuchten, Kaffeekannen und Töpfe, alles, was sich hier befindet … und alles scheint aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen. »Nun wird ja nicht mehr viel Kupfer verpfändet«, sagt der Assistent, »aber wir haben doch noch einiges; es sind so viele alte Sachen, deren Verpfändung die Besitzer ständig erneuern.« Und er zeigt mir ein paar Leuchter, einfache, alte Leuchter, die seit dreiundzwanzig Jahren hier im Keller stehen. »Sie werden niemals ausgelöst werden, die Frau liegt im Krankenhaus, sie hat kein Geld für die Auslösung. Aber das Geld für die Pfanderneuerung kann sie bezahlen, und dann weiß sie doch, daß sie die Leuchter noch hat, und daß sie hier stehen.« »Das ist ein dürftiges Vergnügen«, erwidere ich. »Ja, besonders, da sie sie nie zu Gesicht bekommt.« … Ich kann mein Lachen nicht unterdrücken. »So verhält es sich mit vielem alten Kram hier«, sagt der Assistent und geht weiter. Und während ich einen letzten Blick auf die mit Grünspan überzogenen Kupfergefäße werfe, höre ich auf zu lachen. Über die alte Frau, die an ihren Leuchtern festhielt, gab es nichts zu lachen.Wenn es eine Stelle in der ganzen Pfandleihanstalt gibt, wo man gerührt ist, ist es hier im Kupferkeller, und dieser ist aus dem letzten Jahrhundert. Die Silberkammer ist nicht entfernt so interessant. »Die Leute mögen kein Silber mehr«, sagt der Wärter, der trotzdem in diesen Räumen Aufsicht führt und ein Drittel einer Million bewacht … »Die Zeit des Silbers ist vorbei, nun behilft man sich, wenn man kann, mit Versilbertem.« Es gibt mehr »Versilbertes« unter den Leuten, als man ahnt – das lernt man vor allem auf einem Rundgang durch unsere Leihanstalten. Du findest in derselben Rumpelkammer den Wintermantel deines besten Freundes, Frau Z.s Aufsatz, den du dem Ehepaar zu ihrer Silbernen Hochzeit geschenkt hast, Großhändler S.s Uhr, Fabrikant D.s Kandelaber und Fräulein K.s hellblaues Seidenkleid, jenes unheilvolle Kleid mit den leuchtend hellgelben Rosen, mit der du dich auf dem Ball des Großhändlers T. fast verlobt hättest … Dies alles findest du. Und wenn man von seiner Wanderung müde nach Hause kommt, fragt man sich selbst ängstlich, ob man in unseren Tagen wirklich so viel leichtsinniger ist als zu Großvaters Zeiten. Denn was wir antreffen, ist vor allem ein gen Himmel schreiender und erstaunlicher Leichtsinn. »Was mich betrifft«, sagte einer der Beamten der Pfandleihanstalt zu mir, »so wünsche ich den Leuten eine Reihe schlechter Jahre. Ohne dies – – –«. Diese Worte bedeuten in vielem ein Verdammungsurteil. 9.5.1880 Endlose Tage Studie von Herman Bang Dies ist eine einfache Geschichte, wahr und traurig. Eine Erzählung von einem vertanen Leben; ein schicksalsschwerer Betrug, der ein Herz zerstörte, der die Glut des Lebens entkleidet, kahl wie eine nackte Ebene, unfruchtbar. Ich erzähle dies alles, wie es geschah, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen. Aber die im Leben Hartgewordenen, deren Herzen von altem Kummer schwer sind, könnten vielleicht eine befreiende Träne über den fremden Schmerz vergießen. Denn oft können wir über andere weinen, wenn wir aufgehört haben, über uns selbst weinen zu können.   Draußen über der Niederung längs des Flusses liegt die Heide still wie ein grauer Dunst, ein spinnwebenartiger Schleier, der vor der brennenden Sonne schützt. Manchmal kommt ein einzelner Windstoß zwischen den Hügeln und dem Wald hervor, fährt wogend über die Wiese, biegt das Schilf des Flußlaufs vor und zurück, streicht über die Hecke, über den verdorrten Rasen und erreicht als erfrischender Hauch die Palmen längs der Terrasse. In weißlichem Grau flimmernd und menschenleer liegen die Terrassen Gyldenstens da, von der Hitze des Julitages geröstet. Langweilig flimmernd. Alles ruht in einschläfernder Trägheit, in verwirrendem Glanz. Schwere, sonnendurchglühte Trägheit. Nur die Palmen an den Geländern recken saugend-begehrlich ihre breiten Blätter in die Sonne. Sonst ist alles Leben erstorben; und die hohen, geweißelten Wände, die vielen schlaffen Markisen über den breiten Fenstern und das ausgespannte Sonnensegel über der hohen Treppe – alles leuchtet weiß. Es ist totenstill. Manchmal verfängt sich ein etwas stärkerer Windstoß im Sonnensegel über der Treppe. Dann klappert das Segel träge, gestört in seiner sonnenträgen Ruhe, klatscht dann unlustig weiter in der weißscheinenden Langeweile der Terrasse. So lag die Terrasse Stunde um Stunde an diesem endlosen Julinachmittag da, aufreizend menschenleer. Kein Leben draußen, und schläfrige Stille drinnen. Die Hitze des Julitages hat überall das Leben ausgedörrt. Aber gegen Abend öffnet ein alter Diener langsam und ohne Lärm die hohen Türen zur Treppe, nimmt die erste Stufe und stellt sich wartend auf den ersten Absatz. Baronesse Millada bleibt einen Augenblick lang in der Tür stehen, gleitet dann lautlos an dem schweigenden, sich verbeugenden Diener vorbei, bleibt eine Minute auf dem untersten Absatz stehen, atmet zum letzten Male die kühle Luft unter dem Segel ein und schwebt dann ruhig auf die sonnenbeschienene Terrasse hinaus. Es war, als glitte eine Schlafwandlerin schlaftrunken den hohen Balustraden entlang. Wenn sie den Sonnenschirm hebt, sieht man hinter dem Schleier, den sie phantasievoll um den Kopf gelegt hat, ein bleiches, sehr schmales Gesicht. Die Lippen sind dünn, nervös zusammengezogen, verschlossen, die Falte bei der Nase tief gefurcht, wie gemeißelt, die Augen graublau, als wären sie mit einer schleierähnlichen Haut überzogen, unsicher schwermütig, flackernd ohne zu sehen, der Umriß der Stirn ist scharf, die feine Haut der Schläfen zittert immer wieder nervös. Sonst sieht es aus, als wäre eine Maske sorgenvoller Gefühllosigkeit über alle Züge gelegt. Sie geht langsam, sozusagen in ihren Schritten zögernd, vor und zurück. Wenn sie stehen bleibt, zieht sie den Atem tief ein und blickt über den Garten. Aber selbst dann ist ihr Blick leer, leblos. Es ist, als wäre eine Wolke von Tränen am Leuchten dieses Blickes vorbeigeglitten. Während der wartende Diener halb gedankenlos der umhergehenden Frau mit seinen Augen folgt, verrinnt während ihres einförmigen Gangs Viertelstunde um Viertelstunde. Die Dämmerung folgt dem Tage. Der Dunst der Sonnenhitze hebt sich draußen über die Wiese, und während die Sonne im Westen hinter dem Wald untergeht, hüllen sich Land und Fluß in eine traumreiche Klarheit. Es ist als ob dämmrige Schatten wie umhüllende Schleier sich vom Wald aus über die Niederung der Felder ausbreitete, langsam sich senkend, lautlos voran gleitend. Und die dichten Schleier gleichen ätherfeinen Wolken; wie ein Teppich, der zärtlich die lockenden Geheimnisse der Sommernacht einhüllt. Es war, als sänke die Kühle über die vor Hitze stöhnende Erde. Sie geht beständig auf demselben Stück hin und her. Aufrecht, gleitend. Man könnte glauben, sie wäre ein wanderndes Denkmal, dem einer der kindlichen Götter des Altertums kein Leben eingehaucht hätte, sondern nur die Fähigkeit zu atmen und zu gehen. Plötzlich aber bleibt sie stehen. Die bläulichen Schatten der Dämmerung haben sich über die großen Rasen gelegt; die Blutbuche unten am Hang steht wie ein verschleierter Riese, schrecklich groß, dunkel gegen den rötlichen Himmel. Unten im Park flüstern die Blätter leise, vom bebenden Geistatem der Dämmerung schwach zitternd bewegt. Solche gedämpften Stöße, die man in stillen Nächten hört, die ruhigen Atemzüge der Nacht. Sie blickt hinaus, und mitten in der kühlen Stille, wo der Frieden eine Stimme zu bekommen scheint, lächelt sie ein wenig in die kommende Nacht hinaus. Die Lippen öffnen und verziehen sich, aber das Lächeln, das gegen die Müdigkeit der Lippen ankämpft, mündet in einem gedämpften Seufzer. Dann geht sie langsam die Stufen der Treppe hoch, an dem sich verneigenden Diener vorbei. Der Diener blickt über den Garten, schließt die Türen, langsam und ohne Lärm. Die Terrassen liegen wieder menschenleer da.   Der Baron geht wartend im großen Speisesaal auf und ab. Ein großer, graumelierter Mann mit vielen Falten auf der Stirn und um die Augen. Er hält sich gerade, aber manchmal, wenn er sich unbemerkt glaubt, fällt er plötzlich wie unter einem drückenden Gewicht zusammen; dann streicht er sich schnell über die Stirn und sieht sich schnell, etwas scheu, um. Die Augenlider sind sonst schlaff, mit roten Säumen, der Blick hinter ihnen erloschen. Während er spricht, hält er oft die Augen ganz geschlossen, und wenn er sie dann plötzlich öffnet, spürt man einen kalten, glasigen Ausdruck. Dann schaut er wieder von einem weg, und die Augenlider erschlaffen. Er dreht sich um, als die Tür geöffnet wird, und tritt aufrecht seiner Gattin entgegen. Als sie hereinkam, hat er sich zurecht gemacht und sie mit einem blitzschnellen Blick gemessen. Sie sieht nicht auf; sie geht mechanisch und langsam zu ihm hin, steif wie eine Gipsfigur; es liegt auf ihrem graubleichen Gesicht eine Art Gipsschicht, die das Leben erstickt. Er beugt sich hinab und küßt flüchtig ihre Hand, sie flüstert einige Worte, wobei sich die scharf gezeichneten Lippen kaum halb öffnen; sie nimmt seinen angebotenen Arm. Aufrecht wie bei Hofe führt Baron Gyldenstjerne sein Gemahlin zu Tisch. Sie speisen schweigend. Die gedämpften Schritte des Dieners und das klirrende Klingen, wenn die Teller getauscht werden, sind der einzige Laut, der die Stille des Mahles unterbricht. Man könnte glauben, die Speisenden fürchteten, in diesem Saal schlummernde Geister zu wecken. Der alte Diener trägt still die wechselnden Gerichte auf und stellt sich dann wieder an die große Eichenholzanrichte, steif und aufrecht, mit Falten wie der Baron. Manchmal blickt er traurig auf das Gesicht seines Herrn, aber der Baron bemerkt dies nicht; er speist unbeeindruckt ruhig, über seinen Teller gebeugt. Die Baronesse rührt das Essen kaum an, und wenn der Diener einladend auf ein besonders leckeres Stück zeigt, schüttelt sie abwehrend den Kopf. So geht das Mahl in drückendem Schweigen dahin. Man hat den Mund ausgespült, und mit einem französischen »Wohl bekomm's!« bietet der Baron seiner Frau höflich seinen Arm. Sie gehen beide mit vornehmer Ruhe langsam durch den Saal, die matt scheinende Schleppe der Baronin fällt wie ein dahingleitender Strom über das Eichenparkett. Die Tür wird geöffnet und wieder geschlossen – das tägliche Zusammensein dieses Ehepaares ist beendet, wenn diese Tür geschlossen ist. Der alte Diener schaut mit traurigem Blick zur geschlossenen Tür und beginnt, etwas fieberhaft, mit dem Geschirr zu klirren. Er weiß, daß der Baron seine Frau schweigend durch den großen Saal in das gelbe Kabinett geleiten wird. Dort wird er sich verbeugen und sein höfliches »Gute Nacht!« mit einem leeren, verbindlichen Lächeln sagen. Und während seine Lippen ihre Hand leicht berühren, wird sie ein paar dankende Worte flüstern. Dann wird sie, während die Stunden der Nacht verrinnen, verlassen in ihrer steingewordenen Einsamkeit, in vage Träumereien versinken; Träume, die kein Schlaf sind und doch nur der Schatten eines wachen Lebens. Und so haben diese Menschen sechzehn Jahre lang nicht endenwollende schleppende Tage erlebt. Genau sechzehn Jahre – so lange liegt jene entsetzliche Nacht zurück, als das Lachen in diesem Haus erstarb, das Lachen und das Singen und das Leben – denn das kann man nicht Leben nennen … Der alte Diener schüttelt bekümmert sein altes Haupt, und während er langsam und mit zitternden Händen die schweren Löffel mit dem Familienwappen auf den Stielen zählt, hört man ein unterdrücktes Schluchzen. Jene Nacht. Jede ihrer kleinsten Begebenheiten ist mit ewig brennender Schrift in diese drei Herzen eingebrannt. Nach für Nacht sind ihre sorgenvollen Gedanken, todmüde wie flügellahme Vögel, um diese entsetzliche Erinnerung gekreist. Während ihr Leben unter dem langsamen Seelenverbluten des grau werdenden Entsetzens verwelkte, ist die Erinnerung selbst in ihrem Denken unbestimmbar grau geworden, ihr ganzes Wesen ist langsam der grauen und trostlosen Schwermut gewichen, einer Dämmerung, die der Vorbote der Nacht ist. Es war eine eigentümliche Verbindung. Und sie war so unerwartet gekommen, so Hals über Kopf, so beleidigend Hals über Kopf. Die Nachbarschaft hatte von dem Ganzen ja eigentlich keine Nachricht bekommen; man hatte es auf Umwegen erfahren, von Handwerkern, die Gyldensten für die Neuvermählten in Stand setzen sollten. Aber es war unanständig, unpassend, ja beleidigend vom Baron, daß er seine nächste Umgebung die Eheschließung auf diese Weise erfahren ließ … sehr merkwürdig, fand man. Im übrigen war das Ganze sicher eine ziemlich mysteriöse Geschichte … man kannte ja den Baron, und außerdem war es ja die einfachste Sache der Welt zu sagen, man stamme aus Böhmen – wer konnte das schon nachprüfen? Und selbst wenn sie aus Böhmen war – sie könnten auch von der Straße kommen – und schlimmeren Stätten. Im Ganzen gesehen neigte man dazu, als die Eheschließung in der Gegend ruchbar wurde, diese Baronesse Millada als eine persönliche Beleidigung zu betrachten. Daß sie Millada hieß, wußte man vom Gutsverwalter, der telegrafisch angefragt hatte, welchen Namen er über die Ehrenpforte setzen lassen sollte; das war im Grund auch das einzige, was man wußte. Aber dieses Bißchen reichte aus. Denn selbst wenn Frau Millada – wozu es ja nach allen Weihnachtsmarken Weihnachtsmarken: Die Weihnachtsmarken waren in früherer Zeit gezeichnete oder geschnitzte Marken, die man auf dem Land zwölf Weihnachtstage lang am Deckenbalken anbrachte; sie sollten anzeigen, wie das Wetter in den kommenden zwölf Monaten würde. Die Redwendung »nach allen Weihnachtsmarken zu urteilen« bedeutet jedoch nur »so weit ich beurteilen kann«. zu urteilen leider keinen Anlaß gab – wirklich anders wäre als sie sein müßte, war sie auf jeden Fall eine Fremde, und es gab ja wirklich genügend Partien, gut passende Partien, hier zu Lande: Der Amtmann hatte drei Töchter, und Baron Krabbe bekam nun die vierte konfirmiert. Da brauchte man wirklich nicht seine Frau, Gott weiß wo in Böhmen, aufzulesen. Nein, diese Partie genoß bei weitem nicht die Billigung der Nachbarschaft. Dann kamen die Frischvermählten in einer Juninacht auf Gyldensten an. Die Bauern begleiteten den Brautwagen mit Fackeln, die drei Töchter des Gutsverwalters – es gab ungewöhnlich viel Töchter in dieser Gegend – streuten Blumen, und »Millada« erstrahlte in kunstvollem Gebinde über der großen Ehrenpforte. Das Ganze war wohlgeglückt. Die »salonfähigen« Damen waren im Gartensaal versammelt. Dies war ein Einfall der Gattin des Amtmannes: Man wollte der jungen Baronesse einen Strauß überreichen, um sie sofort nach der Ankunft in Augenschein nehmen zu können. Der Strauß aus französischen Veilchen Französische Veilchen: Keine nähere Information verfügbar. und Rosen war nur ein duftender Deckmantel für die nagende Neugier der Damen. Die Damen hatten sich wie bei einer Kür in zwei Reihen aufgestellt, und sie hatten alle heiße Köpfe und waren von einer nicht mehr zu ertragenden aufgeregten Neugier erregt. Ein stoßweise steigendes, unruhiges Murmeln erfüllte den ganzen Saal. Die Gattin des Amtmannes stand mitten im Raum, beeindruckend wie eine gekränkte Diana, Diana: Römische Göttin der Jagd. den Strauß wie einen Schild vor ihren Bauch haltend. Niemand konnte sagen, wie sie hereingekommen waren: Plötzlich waren sie da. Die atemlose Neugierde umfaßte beide mit einem Blick. Millada war groß und sehr schlank; während sie den Saal durchschritt und sich ängstlich dicht an seinen Arm hängte, sah es aus, als ob sie voller Angst zu ihm geflüchtet wäre und im nächsten Augenblick ihren schlanken Leib in unbeherrschter Furcht an ihn schmiegte. Sie sah nicht auf. Es sah fast so aus, als trüge der Baron sie – und wäre glücklich damit. Die Gattin des Amtmanns sagte in schlechtem Französisch einige Phrasen, die von ihrem Gemahl berichtigt wurden, und überreichte der Baronesse mit würdiger Verbeugung die Veilchen. Dann erhob Millada einen Augenblick lang ihren Blick und sah sie scheu, aber abschätzend an. Die Blicke der beiden Damen begegneten sich einen kurzen Augenblick. Dann schlug die junge Baronesse wieder schnell die zitternden Lider nieder. Aber die Amtmännin hatte bemerkt, daß sie blaue, dunkle Augen hatte, die wie verglimmender Sternenschein über dunklem Wasser aufblitzten. Der Baron dankte den Damen, Millada hängte sich schwerer an seinen Arm. Sie machte einen scheuen, erschrockenen Eindruck. »Mein Gott«, sagte die Frau des Gutsverwalters zu ihrem Mann, während sie ihre gestreifte Nachthaube fest über die Lockenwickler band, »sie sah aus wie ein gestutzter Vogel.«     »Fremdes Gut«, brummte der Verwalter. Bald waren sie beide eingeschlafen, aber der Gutsverwalter stöhnte im Schlaf. Er träumte, das große Herz über der Ehrenpforte wäre gerissen … Die Sache mit dem Strauß war ein glücklicher Einfall der Frau des Amtmanns, denn ohne ihn wäre die Neugier der Damen wahrscheinlich nicht befriedigt worden. Die Barons gingen nicht aus: Millada wollte nicht, und der Baron wollte sie nicht dazu zwingen, dazu war er zu glücklich. Tag auf Tag verging, sonnenhelle, spielerische Tage. Es war eine glückliche Zeit. Er hatte Millada wie ein Kind zu sich genommen, von ihrer Unschuld betört, eingenommen von der merkwürdig schwebenden, wehmütigen Schwermut, die das Besondere an ihrem Wesen ausmachte. Er hatte sie in einer Kleinstadt in Böhmen getroffen; er hatte sich bei einem Sturz eine Beinverletzung zugezogen und mußte sich deshalb in der Stadt längere Zeit aufhalten. Der Aufenthalt in dem kleinen Flecken war für den erfahrenen Mann eine Idylle; er hatte in dieser wehmütigen Stille – Wehmut ist das Markenzeichen Böhmens – ein aufreizendes Wohlbehagen genossen, das ihn gerade durch die Macht des Gegensatzes berauscht hatte. Millada war die Tochter seiner Wirtin. Abends, nach Sonnenuntergang, wenn er mit dem Bild der heiligen Anna Die heilige Anna: Mutter der Jungfrau Maria. Schutzheilige der Mütter, der Armen und der Berg- und Kaufleute. Ihr Gedenktag ist der 26. Juli (Annentag). alleine unter der Eiche saß, kam Millada mit ihrer Gitarre und sang ihm böhmische Volkslieder vor. Alle diese slawischen Weisen, deren Töne sachte dahingleiten wie das schwermütige singende Murmeln eines plätschernden Flusses; gedämpfte, seufzende Kehrreime, wehmütig gleitende Töne, die sich in unterdrückten Klagen verbergen; es ist, als ob ein alter Schmerz, gesättigt mit den Tränen eines Jahrhunderts, mit großen tränenerfüllten Augen uns aus diesen Volksliedern voller Kummer entgegen starrte. Aber manchmal taucht in den dunklen, feuchten Augen ein Blitzen auf; es ist, als ergösse sich Feuer durch die Weisen der Lieder. So sieht man vor seinem inneren Auge den bewegten, feurigen Czardas Czardas: Ungarischer, von Zigeunermusik begleiteter, schneller Nationaltanz. … Die Lieder ertönen mild wie geflüsterte Wiegenlieder, die Witwen bei Kindern singen, deren Vater noch vor ihrer Geburt gestorben ist. Böhmens slawische Kinder erwachen zum Leben, umwogt von den mild-schwermütigen Klagen ihrer Mütter. Es ergriff ihn. Aus Milladas melodischem Gesang entstand ein Märchen. Diese ewige Wehmut war wie kühlende Kräuter, die eine liebevolle Pflegerin auf die offene Wunde seiner Leidenschaft legte. Denn er war hierher matt vom Fieber gekommen. Sie, das Leben hier und die Menschen, alles war ihm ein Märchen. Dann riß er ein Stück aus dem Märchen heraus und nahm es mit sich, aus seinem Zusammenhang. Millada wurde seine Frau. Und das Märchen lebte weiter in dem ihr fremden Land. Millada war dieselbe wie vorher. Ihr Lächeln war immer voller Schwermut gewesen, und sie war ja erst ein Kind. Aber gerade deswegen wollte er sie haben. Stundenlang konnte er bei ihr auf der Terrasse sitzen und reden und erzählen und belehren. Ihre Augen folgten ihm, und statt zu reden, lächelte sie nur und statt zu lachen, liebkoste sie ihn. Sie sah zu ihm auf, und sie glaubte, daß sie ihm all dies niemals zurückzahlen könnte. Sie tat alles um seinetwillen, nur ausgehen wollte sie nicht. Wenn er sie darum bat, schüttelte sie immer sachte ihren Kopf; sie war vor diesen Damen mit ihren Veilchen scheu geworden. Die Monate vergingen … Wenn es Abend wurde, saß Millada mit ihrer Gitarre unter der Blutbuche, sie sang nicht mehr, sie flüsterte ihre Lieder nur noch. Dann entglitt die Gitarre ihren runden Armen mit den schönen Handgelenken, und sie konnte lange schweigend dasitzen, leise lächelnd. »Millada«, flüsterte er, »bist du glücklich?« Dann bot sie ihm ihren Mund zum Kuß. Er aber meinte zu spüren, daß ihre warmen Lippen kalt geworden waren. Der Winter kam. Man mußte drinnen bleiben. Millada fühlte sich heimatlos in den hohen Räumen, fand sich nicht zurecht. Er ließ ihr ein Nest bauen. Es bestand aus gelben Seidenpolstern an den Wänden: So saß die junge Frau alleine in ihrem seidenen Käfig, den sie »Milladas Nest« nannte. Sie waren weniger zusammen als vorher, er konnte nicht jegliches gesellschaftliches Leben meiden, außerdem war er Jäger, und man mußte sich auch des Gutes annehmen. Wenn er nach Hause kam und den gelben Vorhang zu »Milladas Nest« hob, sah er sie mit der Hand unter dem Kinn sitzen, gebeugt, wie von einer Bürde beschwert. Für ihn aber hatte sie immer ein Lächeln. Und trotzdem fragte er, wenn er auf seine junge Frau sah, oft sich selbst, ob er das Märchen nicht zerstört habe. Er stellte sich die Frage, aber wagte nicht, sie sich selbst zu beantworten. Die Wirklichkeit aber war, daß Millada Tag für Tag dahinwelkte. Die Jahre vergingen. Sie wurde immer bleicher, sie suchte Arbeit und Zerstreuung. Mit dem Singen hatte sie aufgehört, Tag für Tag saß sie in ihrem gepolsterten Nest, sich langsam in ihrem weichen Stuhl wiegend. Sie arbeitete nicht, sprach nicht, las nicht; sie welkte dahin. Dies war Milladas Geschichte in diesen Jahren. Dann aber kam der Krieg, Krieg: Gemeint ist der zweite schleswigsche Krieg 1864. und Jütland wurde besetzt. Millada stand auf der Treppe und sah, wie die fremden Truppen in den Hof einrückten. Sie glaubte, ihr Weinen zu unterdrücken, würde ihren Herzschlag anhalten. Sie wurde ohnmächtig, als sie ihre Muttersprache von den Lippen ihrer Landsleute hörte. Ihr Vaterland war zu ihr gekommen. Es war, als wäre Millada nach Hause zurückgekehrt. Abends, wenn die Soldaten Feuer im Hof entzündeten und einer von ihnen vorsang, während die anderen mit dem wogenden Kehrreim einfielen; wenn die Söhne ihres Vaterlandes in schnellen, atemlosen Takten mit hastigen Griffen auf der Gitarre den alle Sinne umfassenden Czardas jubelten; wenn ihre Gesänge wie schwermütig gedämpftes Summen erklangen, in dem ihre eigene brennende Sehnsucht ergreifenden Ausdruck erhielt – da lebte Millada wieder auf. In dieser Zeit weinte sie viel. Der junge Hauptmann wohnte im Hauptgebäude. Er war ein schlanker, geschmeidiger Ungar. Und seine Augen brannten so heiß wie die Sonne seines Landes. Der Baron schätzte ihn sehr. Der Hauptmann munterte Millada auf, und er wollte seine Gemahlin gerne fröhlich sehen. Er freute sich am Tisch, wenn die Stimme seiner Gattin einschmeichelnd weich ihre melodische Muttersprache sprach. Es hörte sich wie Musik an, wenn die beiden miteinander redeten. Er verstand nur wenig, was sie sprachen, aber sie lachten und scherzten wie zwei munter spielende Kinder. Und gerade dies wollte er. Und wenn sie am Abend sangen, den Wechselgesang von der Schlacht auf dem Weißen Berge, Die Schlacht auf dem Weißen Berge: Im Dreißigjährigen Krieg besiegte Tilly 1620 in der Schlacht auf dem Weißen Berge bei Prag Friedrich von der Pfalz und unterwarf sich damit die aufständischen protestantischen Böhmen. war es, als ob ihre weichen Töne sich schützend über Böhmens hoffnungslose Trauer legten. Manchmal sangen sie auch Liebeslieder, Strophen voller Glut, feurig, zügellos; dann erlosch das Feuer wieder, und der Gesang wurde wieder wehmütig wie die Wiegenlieder der Witwe … so schnell wechselt die Stimmung in der Brust dieses Volkes. Selbst ihre Liebe ist Wehmut, denn sie wissen, daß ihre Kinder unfrei bleiben werden wie sie selbst. Der Hauptmann spielte. Bilder erhoben sich mit den Tönen. Runde Arme, tanzende Beine, Feuer in den Blicken, Sporenrasseln, dröhnendes Trampeln, Paar auf Paar im sausenden Czardas. Millada tanzte dazu. Sie war wieder die Millada geworden, die ihr Gatte liebte. Aber es war die Liebe zu einem anderen, der sie dazu gemacht hatte. So geschah es eines Tages – nein, lassen Sie es mich kurz machen, denn es ist so leicht zu verstehen, was geschah. Er fand eines Abends den jungen Hauptmann in Milladas Nest auf Knien vor seiner jungen Gemahlin. Und sie küßte seine geschlossenen Augenlider. Der Baron schrie, als er dies sah, sie drehten sich um; der Baron stand gelbbleich, steif da und zeigte auf die Tür. Der Hauptmann ging. Millada blieb versteinert sitzen und rührte sich nicht. Als der Baron auf seine Gattin herabblickte, traf er auf einen Blick, verängstigt wie der Blick einer sterbenden Hinde. Es schien ihm, sie säße so aufrecht. Am nächsten Morgen fand man den Hauptmann erschossen … niemand erfuhr, wie er gestorben war, man sagte, er habe sich selbst erschossen, und das war ja auch nicht abwegig. Was aber die Nacht verbarg, weiß nur sie, ihr Gemahl und der alte Diener, der die Leiche von der Terrasse weggeschleppt hatte. Und auf sein Schweigen kann man vertrauen …   Die Jahre vergingen, die Jahre kamen in diesem entsetzlichen Schattenleben, dessen furchtbares Geheimnis die drei hüteten. Tag um Tag verging immer auf die gleiche Weise, und mit jedem Tag wurden die Schatten finsterer. Glückselig die Stunde, zu der die Schatten in die Nacht gleiten! 23.5.1880 »Magasin du Nord« Ein Geheimnis steckt hinter der Aufgabe eines Feuilletonisten: es muß immer so aussehen, als stolperte er auf der Straße über seine Themen, es muß so aussehen, denn er tut es nicht. Die Arbeit eines Feuilletonisten besteht weder aus Lesen, Studieren noch viel zu denken – er muß dauernd nur vieles sehen. Wenn Albert Wolff Albert Wolff (1835-1891): deutsch-französischer Journalist, der besonders mit »Figaro og Événement« mit Schwerpunkt »Plaudereien« (»Causeries«) über bildende Kunst und Theater verbunden war. in seinen besten Tagen über seine Themen zu stolpern schien, geschah dies nur, weil er so viel gesehen hatte, daß er dies konnte. Und was ein Feuilletonist vor allem sehen können muß, ist das, was wir alle sehen, und das keiner sieht, das, was uns so nahe liegt, daß wir jeden Tag mit der Stirn dagegen laufen, von dem wir nie etwas hören wollten, weil wir jeden Tag davon hören – kurz gesagt das, was uns am nächsten liegt und das wir deswegen nicht kennen. Was man sieht, muß man wahrheitsgemäß berichten – es gibt viele Gründe, die Wahrheit vorzuziehen, wenn man berichtet; unter anderem den, daß sie auf Dauer unbedingt das Interessanteste ist. Und wenn man glaubt, man habe etwas zu erzählen, darf man dies nicht verschweigen, weil z.B. keiner vorher über solche Dinge geschrieben hat oder weil man gegen das eine oder andere Vorurteil verstößt, oder weil das, was man berichtet, Verleumdungen in Gang setzt. Was mich betrifft, werde ich nie und nimmer den Verfasser beneiden, den Verleumdung nie angegriffen hat, denn dann muß er sehr unbedeutend gewesen sein. Diese Artikel haben im vergangenen Winter ihre Themen aus den verschiedensten Gebieten geholt. Was ich mir gewünscht habe, ist, an dieser Stelle etwas über alles zu erzählen, insbesondere doch etwas über solche Dinge, die irgendwo anders nicht behandelt werden, entweder weil sie mit Recht als Kleinigkeiten betrachtet werden, die eines ernsten Mannes unwürdig sind, oder weil sie, wie oben gesagt, so naheliegen, daß wir sie nie bemerken. Wenn ich über »Holger Danske« Holger Danske: Feuilleton Bangs (28.12.1880) über den dänischen Sagenheld, der der Sage nach in den Kasematten des Schlosses Kronborg (Helsingör) schläft und dann erwacht, um das Land zu retten, wenn es sich in äußerster Not befindet. oder »Ein Puppenmagazin«, um »Børre-Lorenzens Modebasar«, über »Unser Umgang mit den Toten« und über »Lichtscheue Blätter« geschrieben habe, habe ich dies mit derselben Absicht getan. Ich wollte meinen Lesern berichten, was sie selbst sehr gut sehen könnten, worauf sie aber nie achten, weil es ihnen allzu lächerlich erscheint, sich dies anzuschauen. Wenn ich über ein Puppenmagazin geschrieben habe, war dies, um zu erzählen, womit die heutigen Kinder spielen; wenn ich einen Modebasar beschrieben habe, geschah dies, damit alle sehen konnten, wie heutige Damen sich kleiden; ich habe dies geschrieben, weil ich es für nützlich ansah, solches schwarz auf weiß zu sehen: es gibt so viel, das merkwürdig schrill aussieht, wenn man es schwarz auf weiß sieht. Und ich werde dabei bleiben, so zu schreiben, werde damit dabei bleiben, ohne mich darum zu kümmern, daß die Gedankenlosen, die nicht zu sehen vermögen und die dauernd glauben, daß »etwas hinter allem steckt«, was sie nicht verstehen, auf den Gedanken kommen zu behaupten, ich schriebe über ein bestimmtes Geschäft, weil ich daran interessiert sei, über gerade diese Firma zu schreiben. Diejenigen, die denken, werden sofort begreifen, daß der Grund, warum ich schreibe, nur darin besteht, daß ich mir wünsche, über solche Bagatellen aufzuklären, über die nur ein Feuilletonist reden darf, und daß es derselbe uneigennützige Beweggrund ist, der mich über ein Puppenkaufhaus wie über »Holger Danske« sprechen läßt. Oder gibt es jemanden, dem einfällt zu glauben, ich hätte wegen des Glases Punch, das der Wirt mir aufnötigte und das mir Übelkeit bereitete – wie noch kein Glas Punch mir Übelkeit bereitet hat – über den Weihnachtsabend der Obdachlosen geschrieben? Wohl kaum – aber im übrigen lasse ich die Leute gerne reden und bleibe dabei, nur zu schildern. Das ist wirklich die einzige Art, wie ich mich an der Verleumdung der Gedankenlosen rächen kann. Wenn ich heute, wo ich etwas über das »Magasin du Nord« »Magasin du Nord«: Th. Wessel \& Vetts Weißwarengeschäft bestand von 1871 an in dem damaligen »Hotel du Grand Nord«, Kongens Nytorv 13-15. Im Jahre 1889/90 kaufte und riß die Firma das Hotel und ein angrenzendes Gebäude ab und baute das »Magasin du Nord«, dessen Hauptgebäude zum Kongens Nytorv hin 1893 fertig stand. Mit seiner (heute verschwundenen) glasüberdachten Haupthalle glich das Gebäude dem ersten Großkaufhaus der Welt, »Au bon marché«, das 1852 in Paris eröffnet worden war. erzählen will, diese Bemerkungen, die sich an viele und niemanden richten, vorauszuschicken wünsche – denn wer will als gedankenlos gelten? –, geschieht dies eigentlich nicht, weil heute ein besonderer Anlaß dazu bestünde – das »Magasin du Nord« ist ein zu großartiges Kaufhaus, als daß ein Bericht darüber den Argwohn erregen könnte, Werbung zu sein – sondern weil mein Besuch bei Vett \& Wessel Vett \& Wessel: ursprünglich Firmenname: Th. Wessel \& Vett, benannt nach den beiden Handels- und Industriemagnaten Theodor Wessel (1842-1905) und Emil Vett (1843-1911). Der im Jahre 1879 nach Pariser Vorbild hinzugefügte Name »Magasin du Nord« brauchte etliche Jahre, um in den Kopenhagener Sprachgebrauch Eingang zu finden. in diesem Jahr der letzte sein wird, und ich deswegen bei dieser Gelegenheit gewünscht habe, die erhaltenen Unterstellungen, mit denen man den hierher gehörenden Artikeln begegnete, zu quittieren. »Wie schön muß es doch sein, hier umherzugehen und zu wissen, daß man Anteil an all diesem hat«, sagte ich zum jüngsten Chef der Firma, als wir auf unserem Gang durch das Gebäude die breite, teppichbelegte Treppe in den großen Mittelsaal des Kaufhauses hinaufstiegen. Er lächelte. Was ich gesagt hatte, war einer dieser Ausbrüche, die uns unwillkürlich entfahren, gegen unseren Willen, und die gerade deswegen ein so nüchternes Kompliment enthalten, weil sie dauernd einer unserer zollfreien Gedanken sind, der in dem Augenblick auftaucht, in dem er gedacht wird, ohne mit einer schmückenden oder verfälschenden Worthülse versehen zu sein. Was ich auf diesem Rundgang fühlte, war wirklich Bewunderung: ich gebe dies gerne zu; ich fühle mich immer wieder hilflos, wenn ich mit einem Willen, einer Energie, die vorwärts will, konfrontiert werde – und Willen hat dazu geführt, daß das »Magasin du Nord« erschaffen wurde – Begabung und Wille. Oder glaubt man vielleicht nicht, daß Tatkraft dazu gehört, um innerhalb von zehn Jahren dieses Warenhaus Stein für Stein aufzubauen? Um jedes Jahr seine Fläche neu festzulegen? Um unter schlechter, jedes andere Geschäft hemmender Konjunktur Tag für Tag so weiterzukommen, daß man jetzt so zahlreiches Personal beschäftigt wie die Bevölkerung einer Kleinstadt zählt und daß man täglich Tausende Käufer in seinen Räumen zählt? Und doch ist das Warenhaus mit seinen 20 Abteilungsleitern, 20 Büroangestellten und 8 Kassiererinnen aus bescheidenen Anfängen hervorgegangen. Man begann 1867 in Aarhus mit Weißwaren. Weißwaren: Bezeichnet zur Zeit Bangs alle Arten ungefärbter Baumwoll- oder Leinenwaren. Damals war es ein kleines Geschäft, jetzt arbeitet man auch in Aarhus im eigenen, höchst eleganten Haus, und die Räumlichkeiten der Firma Vett \& Vessel gehören zu den Sehenswürdigkeiten, die in Augenschein zu nehmen die Kellner des »Royal« dringend empfehlen. Und man geht dorthin, zunächst, glaube ich, um die Angelegenheit hinter sich zu bringen; man hat es satt, ewig denselben Namen zu sehen, der einen überall hin verfolgt, der Eisenbahn entlang auf Werbetafeln, in allen Provinzzeitungen und in allen Hauptstraßen der Kreisstädte. Man kommt nicht umhin, es zu bemerken. Aber es versteht sich von selbst, das »Magasin du Nord« hat nämlich 15 Filialen, davon 14 in den dänischen Kreisstädten. Man findet die Firma in Aalborg und in Stege, in Odense und in Grenaa, in Nakskov und in – neun anderen Städten. Alle diese Zweiggeschäfte haben am Kongens Nytorv ihre eigenen Räume, unten im Keller, links. Einige dunkle, hohe Räume, von der gleichen beherrschten Emsigkeit erfüllt, wie im ganzen übrigen Kaufhaus. Dort sitzen unter anderem sechs Angestellte, die tagaus, tagein das ganze Jahr hindurch Proben zusammenstellen, die in die Provinz zu schicken sind. Man kann sich vorstellen, wie viele damit beschäftigt sind, die 40 000 Pakete und Kisten, die jedes Jahr von hier aus hinausgehen, zu ordnen, zu sortieren und zu verpacken. Und diese 40 000 Pakete sind nur ein verschwindender Teil der Gesamtzahl, die ausgeliefert wird. 1879 wurden außerdem an Kunden im Umland nicht weniger als 125 000 Pakete ausgeliefert, davon die meisten in den letzten drei Wochen vor Weihnachten, das jedoch in Bezug auf Umsatz hinter den großen Ausverkaufsmonaten steht, von denen Wohlunterrichtete versichern, der Tagesumsatz könne sich auf etwa 15 000 bis 20 000 Kronen 1 dänische Krone (1880) entspricht kaufkraftmäßig 2008 etwa € 7-8. belaufen. Aber das versteht sich von selbst, das »Magasin du Nord« beschäftigt auch täglich 20 Boten und Jungen, die diese unendliche Fülle von Paketen austragen und ausliefern, verfügt über drei Omnibusse – diese wohlbekannten, kunterbunten Wagen, die alle Brama-Lebenselixier-Busse Brama-Lebenselixier-Busse: Es handelt sich wahrscheinlich um Pferdebusse, die dem Frachtverkehr des Kaufhauses dienten. Diese Frachtbusse waren mit großflächiger Werbung versehen. – Das »Brahma-Lebenselixier« wurde von Fabrikant Mansfeldt-Büllner hergestellt, der die berühmte »Villa Hasa« am Strandvejen bewohnte. Sie hatte zwei Minarette, war im türkischen Stil gebaut. 1923 abgerissen. in den Schatten stellen, übrigens genaue Kopien der Wagen der großen Pariser Warenhäuser – und 9 Handwagen, offen und geschlossen. Nicht wahr – das ist Pariser Art? So viele Menschen können schon etwas eingepackt bekommen. Aber der Zoll, den das »Magasin du Nord« jährlich bezahlt, beläuft sich auf eine höhere Summe als die, welche die Zolleinkünfte, die eine Stadt wie z. B. Vejle erhält, bilden. Aber lassen Sie uns die Abteilungen außerhalb der Stadt betrachten. Einer der Firmenchefs leitet alle diese Filialen und bereist ständig die jeweiligen Städte. »Man muß die Arbeit verteilen«, sagte mein Führer zu mir. »Einer von uns hat die Provinz übernommen, wir sind ja zu zweit, und der vierte von uns ist ständig in Frankreich, mit festem Aufenthalt in Paris. Man muß an Ort und Stelle sein, das bedeutet für uns Geschwindigkeit und Preiswürdigkeit – wir müssen alles so schnell wie möglich und so billig wie möglich bekommen, deswegen haben wir einen ständigen Vertreter in der Nähe der großen tonangebenden Kaufhäuser.« Während wir durch das Kaufhaus wanderten, wurde mir klar, wie notwendig diese Anwesenheit in Paris ist. Es ist eine notwendige Folge der Grundsätze, die den Ruf dieses Geschäftes begründet haben. Nur durch ständigen persönlichen Einkauf, durch eigene Anwesenheit, kann man in einem günstigen Augenblick diese prachtvollen Gobelins kaufen, deren Schattierungen an die schönsten Aquarelle erinnern und die nun verhältnismäßig billig verkauft werden können; nur hier kann man diese eigentümlichen indischen Teppiche erwerben, die die Raritätenhändler sich als große Seltenheiten bezahlen lassen, und wovon das »Magasin du Nord« im Augenblick über einige Dutzend zu etwa 10 Kronen das Stück verfügt. Der Pariser Firmenchef hat ein waches Auge auf alles, kauft alles, was für die hiesigen Verhältnisse paßt, und sein Aufenthalt nützt sowohl dem großen Käuferheer, das billig einkaufen will, als auch dem weißbärtigen Herrn aus Schonen, der in meiner Anwesenheit beschließt, sich einen Brüsseler Teppich zu 3 000 Kronen zu kaufen. Übrigens Schonen! Hier wie überall sind es Schweden, die die teuren Sachen kaufen. Mit Ausnahme von drei, vier Familien gibt es in Dänemark niemanden, der sich auf Luxus versteht; man begnügt sich damit, es gemütlich zu haben. Aber um es »gemütlich zu haben«, nimmt man nicht den grünen, schwer fallenden Atlas mit den eingewobenen Buketten aus Goldfäden. Dänemark zieht Repps Portieren Repps Portieren: Türvorhänge, die aus Stoff mit dichten, erhabenen Streifen (»Rippen«) bestehen. und dunkle Bodenteppiche vor. Der schwedische Adel dagegen versteht, sein Vermögen einzusetzen – selbst wenn sein Vermögen groß ist, sind seine Schulden meist noch größer. Solche Leute sind angenehme Kunden in einem Geschäft, wo man einen einzelnen Sitz für den Schreibtischstuhl des Herrn für 100 Kronen erhält, einen Hut für die Dame des Hauses, gelb, besetzt mit gelben Federn und violettem Samt – ähnlich einem, den man aus Paris für eine unserer eigenen hochgestellten Damen bezogen hat – zu 120 Kronen, helle Sommerkleidung für Säuglinge und Henry-deux-Mode Henri-deux-Mode: Ursprünglich ein Modestil des 16. Jahrhunderts, von der Renaissance beeinflußt, aber charakterisiert durch Schlichtheit, Mäßigung und Betonung gerader Linien und geometrischer Formen. Der Stil war um 1880 neueste Jungmädchenmode. für das achtzehnjährige Fräulein. Dies alles kann man im »Magasin du Nord« kaufen – alles dies und vieles, vieles andere. Im Jahre 1870 – entschuldigen Sie, daß ich heute noch sprunghafter als sonst die Geduld des Lesers auf die Folter spanne, aber man kann über dieses Warenhaus nur berichten, wenn man es sozusagen mit Anekdoten umspannt – wurde das Geschäft nach Kopenhagen verlegt, und das Stammhaus in Aarhus wurde zur Filiale. Unten im Erdgeschoß links begann man zuerst nur en gros mit Weißwaren, später dann verkaufte man en Detail. So ging man vom Verkauf von Laken und Handtüchern dazu über, ganze Betten auszurüsten, das ganze Geschäft, das sich nun im Erdgeschoß links befindet und wo man unwillkürlich wegen des Gedränges erschrickt, wenn man sich durch die Unzahl der aufgestellten Wiegen, die hier auf ihre hoffnungsvollen Bewohner warten, zwängt. »Hier haben wir angefangen«, sagt mein Begleiter. Und ich schaue mich in dem verhältnismäßig unscheinbaren Raum um – verzeihen Sie das Wortspiel –, der Wiege des »Magasin du Nord«. Dieser Raum aber wurde bald zu klein. So mußte Mieter auf Mieter wegziehen; die Teppiche brauchten Platz. Die Möbelstoffe, die Unterwäsche, man nahm das ganze Erdgeschoß ein, man verdoppelte die Auswahl der Artikel, die das Geschäft handelte. Die Lager mußten erweitert, die Räume vergrößert werden. Man braucht viel Platz für eine Teppichabteilung, wo jährlich 200 000 Quadratellen Dänische Quadratelle: = 0,39 m². 200 000 Quadratellen = 78 000 m². Teppiche verkauft werden. Versteht man, was diese Zahl bedeutet? Der Teppichverkauf des »Magasin du Nord« ist so bedeutend – lehrt diese Zahl, wenn ich in etwa richtig gerechnet habe – daß man Jahr für Jahr ungefähr den vierten Teil des Nørrefælled Nørrefælled: Seit 1912 der nördliche Teil (nördlich der Østerallee) des heutigen Fælledparken; bis 1893 militärisches Übungsgelände und Truppenaufmarschplatz. Heute beliebtes Erholungsgebiet. mit den verkauften Teppichen auslegen könnte. Nørrefælled mißt 67 Tønder Tønde (dän. Flächenmaß): = 5 516 m². 67 tønder = 369 600 m². Land, und ein Tønde Land mißt 14 000 Quadratellen – so kann man es selbst ausrechnen. Oder wird man mich besser verstehen, wenn ich den Verkauf damit verdeutliche, daß man jährlich 32 dänische Meilen 1 dänische Meile: = 7 532 m; 32 Meilen = 241,02 km. Teppiche im »Hôtel du Nord« verkauft? Die Weißwaren brauchen jedoch auch Platz. Man braucht Platz für die 25 000 Satz Gardinen, die hier jährlich umgesetzt werden, und für die 200 000 Taschentücher, die von hier aus über das Land verteilt werden. Wie gesagt, der Raum wurde zu klein, und eines schönen Tages mußte auch der erste Stock geräumt werden. Es war im Jahre 1878, als das »Magasin du Nord« seine neue Gestalt bekam. Man schuf neue Flächen, die Tapezierwerkstatt, die jetzt 25 Gesellen beschäftigt, wurde errichtet; man richtete eine Abteilung für Herrenunterwäsche ein, eine überaus großzügige für Damenunterwäsche, ein wachsendes Geschäft mit Kinderkleidung, mit Damenkostümen, mit französischen Hüten, mit Blumen, mit Nähartikeln, mit Parfümen – mit – ja, sehen Sie selbst. Man kann im »Hôtel du Nord« keine Stiefel bekommen – sonst aber, glaube ich, erhält man das Notwendigste! Wie das Geschäft jetzt ist, ist es den großen Pariser Kaufhäusern ebenbürtig. Das Prinzip ist das gleiche: alles unter einem Dach und deshalb geringer Gewinn, möglich durch einen hohen Umsatz. Hier greift das eine in das andere, Bequemlichkeit und niedrige Preise gehen für den Käufer Hand in Hand. Aber das Geheimnis an diesem großen Mechanismus, der wie ein Chaos von Möglichem und Unmöglichem aussieht, ist, daß die zwanzig Abteilungen selbständig arbeiten: hier steht nicht ein Regal mit Strümpfen, sondern ein selbständiges Geschäft, wo jährlich die Kleinigkeit von 10 000 Dutzend, 120 000 Paar Strümpfen, verkauft wird, und die Strumpfabteilung ist unabhängig von den anderen. Der Leiter der Strumpfabteilung ist auf Strümpfe spezialisiert, genauso wie der Chef der Teppichabteilung in den französischen Fabriken studiert hat. Wir betreten die Damenkonfektionsabteilung. Was für merkwürdige Hüte! Dort liegt ein Satinhut, Satin: seidener Atlas, dann jeder atlasartig hergestellte Stoff mit glänzender Oberfläche lila, mit fliederfarbener Feder und unendlich viel Flieder, dort ein Capothut, Capothut: Kleiner, haubenförmiger Hut, der mit zwei Bändern unter dem Kinn festgebunden wurde. mit schwarzen Perlen und bleichroten Rosen reich besetzt, den Rand mit einer breiten Klöppelspitze aus Goldfaden verziert, im übrigen werden überall Stiefmütterchen verwendet. Dort in der Ecke steht ein großer Wäschekorb: er ist bis zum Rand mit künstlichen Gräsern, die in großen, dicken Büscheln liegen, gefüllt – das ist schon ein Hauch Frühjahr. Im untersten Raum steht eine junge Dame über ein mattes Seidenkleid gebeugt, das mit Puffen und gekräuselten seidenen Besatzstücken versehen ist, geschmückt mit Imitaten von Brüsseler Spitzen auf der zwei Ellen langen Schleppe. Es ist ihr Brautkleid. Das »Magasin du Nord« hat ihre ganze Aussteuer besorgt, seine Tapezierer haben ihre Wohnung eingerichtet. Die Schreinerwerkstätten der Gebrüder Jensen, die sich in einem Seitenhaus befinden, haben sich um ihre Möbel gekümmert. Übrigens ist diese Abteilung die neueste. Zuerst verkaufte man nur die wollenen Kleiderstoffe ellenweise, man wollte sich nicht damit abgeben, sie zu nähen. Man hatte mit dem fertigen Leinen genügend zu tun; alleine mit dem Zuschneiden und der Auslieferung waren 25 Damen beschäftigt, die sich in dem geheimnisvollen Allerheiligsten aufhielten, wo die zweihundert Näherinnen täglich das zugeschnittene Leinen abholten und wo an der Türe steht »Angestellten ist der Zutritt verboten«. Nur die Abteilungsleiter haben das Recht, diese fest verschlossenen Türen zu öffnen. Aber nun zwangen die Verhältnisse dazu, auch fertige Kleider zu verkaufen. Jetzt sind die teppichbelegten Räume, wo die 32 Damen, die diese Abteilung beschäftigt, emsig arbeiten, einer der bedeutendsten Zweige des Kaufhauses – und draußen in der Stadt sitzen täglich 400 bis 500 Näherinnen an der Arbeit, um das Begehren all der Damen, die zu einem niedrigen Preis modern sein möchten, zu stillen. Denn hier wie überall ist der geringe Gewinn an jeder einzelnen Ware die unbedingte Lösung. Es ist wohl auch diese Lösung, die das großartige Geschäft erschaffen hat, das Tag für Tag 1 400 Menschen Arbeit gibt, nicht gerechnet die 100 Arbeiter, die in den Fabriken der Firma in Nørrebro Nørrebro: Stadtteil von Kopenhagen, südlich des Hauptbahnhofes gelegen. beschäftigt sind, bedeutenden Damast- und Stoffwebereien, die mit einer Bleicherei in Verbindung stehen, die ungefähr fünfzig Menschen Lohn und Brot gibt. Wir sind von Raum zu Raum gegangen. Überall hat mich die Masse erschlagen, die großen Mengen alles Möglichen. All dies ist der Gegenbeweis der ewig wiederholten Behauptung über unsere kümmerlichen Verhältnisse, denn dies ist groß. Unendliche Mengen weißen Gardinenstoffes befinden sich hier genauso wie haufenweise Bänder und Blumen, Riesenstapel von Teppichen, Berge von Damast, ein Meer von Daunen, eine Menge Betten, Dutzende von Modellkleidern, Prachthüte in großen Schachteln – man fühlt, daß in diesem Geschäft alles schockweise Schock: altes dänisches Mengenmaß, 60 Stück. gezählt und en gros verkauft wird. Es tut gut, dies zu spüren und doch zu sehen, wenn man an das Fenster tritt, daß das »Pferd« »Das Pferd« (»Hesten«): volkstümliche Bezeichnung der Reiterstatue Christian V. auf Kongens Nytorv, 1688 von C.A. L'Amoureux gegossen. Darf nicht mit den Reiterstatuen in Christiansborg und Amalienborg verwechselt werden. noch steht – wenn auch zerbrechlich – und man doch in Kopenhagen ist. Zuletzt besuche ich das Restaurant. Vorläufig erhält man hier nur zweites Frühstück, aber der fest angestellte Gastwirt soll in Übereinstimmung mit der Firma planen, Speisen zu allen Mahlzeiten aufzutischen. »Mehr gibt es nicht zu sehen«, sagt mein Begleiter. Und ich hätte ihm fast dafür gedankt – denn es ermüdet ungemein, das »Magasin du Nord« anzusehen. Gegenüber einem Geschäft wie diesem hat der Feuilletonist außerdem eine schwierige Aufgabe. Der Stoff überwältigt ihn, man kann auf novellistische Art diese großen Räume nicht erfassen, man schlägt sich mit Zahlen herum, die ein gewöhnlicher Mensch – und ich erlaube mir, mich selbst zu den gewöhnlichen Menschen zu zählen – nur unter Schwierigkeiten erfassen kann, man kann nicht in die Einzelheiten gehen, man will alles andeuten und bekommt nichts vollständig mit, man ertrinkt in der Menge, weiß nicht, wo man anfangen soll, um das Ganze zu erfassen. So wird das, was man beschreiben will, schnell nur zu Anekdoten, das Beschreibende fehlt, man beschränkt sich auf Einfälle. Denn es ist zuviel verlangt, etwas davon ausmalen zu können. Dies habe ich nicht versucht. Ich habe Ihnen nur ein wenig von diesem und jenem erzählt, so wie es mir einfiel, als ich schrieb. Und mein Ziel wäre erreicht, wenn Sie, nachdem Sie diese Zeilen gelesen haben, denselben Eindruck wie ich selbst bekommen haben – eine echte Achtung vor der Energie, die das »Magasin du Nord« geschaffen hat, diese große Republik mit ihren 1 400 Einwohnern. 20.6.1880 Eine Mutter Die meisten Badegäste waren eigentlich überhaupt nicht lustig. Man müßte sich eigentlich darüber wundern, daß sie wirklich interessant genug sein könnten, doch ihre Rolle im Getratsche des Badeortes inne zu haben. Aber in Seebädern schießen Geschichten genau so hurtig wie Freundschaften ins Kraut, und beide schießen so emsig wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden. Man wohnt so nah beieinander, man kann sich von Altan zu Altan unterhalten, und man kann nicht vermeiden, das zu hören, was in der Wohnung nebenan gesagt wird: Die Wände solcher Sommerhotels sind immer dünn, und die Türen schließen nur schlecht. Außerdem phantasiert man vieles, wenn man einen ganzen Vormittag damit zubringt, unter dem Altansegel über einem englischen Roman zu gähnen oder sich müßig in einer Hängematte zu wiegen. Die Phantasie bleibt lebhaft und braucht nur wenig: Wenn dann, wie gesagt, die Wände dünn sind und die Türen nur schlecht schließen, hat man nachmittags beim Kaffee einiges zu erzählen. Die Geschichten nützen der Verdauung und heben die Stimmung – schaden keiner Mutterseele. Es sind die unschuldigsten Geschichten der Welt, man malt nicht schwarz, man macht nur einen kleinen Fleck, oder höchstens ein paar kleine Flecke. Selbst die üble Nachrede wird im Sommer gutmütig: Dies kommt von der Wärme und der zehrenden Luft. Es ist ja wirklich nichts Schlechtes daran, wenn man erzählt, daß Frau H. hierher gekommen ist, um ein paar Töchter unter die Haube zu bekommen; wenn man fünf Töchter im Alter von 16-20 Jahren hat, ist das Bestreben von Frau H. sogar außerordentlich löblich; oder daß Baronesse J. kürzlich ihrer Kammerzofe eine Ohrfeige gab, während besagtes dienendes Wesen ihr Vorderhaar kräuselte; man läßt sich doch wirklich nicht sein Vorderhaar kräuseln, um bei dieser Gelegenheit vom glühenden Brenneisen mit einer Narbe an der Stirn verziert zu werden; oder daß Fräulein S. mit allen und jedem ein bißchen kokettiert; oder daß Herr B. sehr gut Billard spielt und dabei immer gewinnt, was aber ganz natürlich ist, wenn man nichts anderes tut als Billard spielen, was an und für sich jedoch auch nicht brotloser ist als so mancher andere Zeitvertreib, der weit weniger unschuldig ist; oder daß Kammerherrin Kammerherrin: Zu jener Zeit wurde die Frau mit dem Titel ihres Mannes angesprochen, und zwar in der männlichen Form. »Frau Hofrat«, »Frau Staatsrat« u.s.w. Der Titel »Kammerherre« wird auch heute noch vergeben; in der Rangfolge des königlichen Hofes ist er der 2. Klasse, Rang 5 zugeteilt, in der u.a. die Richter des Höchsten Gerichtshofs (Højesteret), Staatssekretäre, Generalstaatsanwalt, Oberbürgermeister in Kopenhagen, die Bischöfe, Generalmajore und Konteradmiräle eingereiht sind. N. sich schminkt; oder daß Herr v. C. nach einer gescheiterten Beziehung wieder auf die Jagd geht, die den Hahn in seinem Wappen neu vergolden kann; oder daß Frau M. – nun viele Dinge, denn mit Frau M. ist man beschäftigt. Frau M. ist Witwe und zwar eine vernünftige Witwe, die eingesehen hat, daß der Witwenstand entweder der beklagenswerteste oder der behaglichste Stand in der Gesellschaft ist. Beklagenswert, wenn man es so will, oder behaglich, wenn man es so will. Da die Frau in ihrem ganzen Leben vernünftig genug war, das Behagliche vorzuziehen, tanzt sie auf Abendgesellschaften, nimmt Einladungen zu Ausfahrten an; glänzt mit Pariser Mode und geht mit Fußkettchen. All dies ist höchst erlaubt, und daß der junge W. sie eines abends hinter einem Vorhang in einer Fensterlaibung küßte, setzt nicht unbedingt das geringste Unstatthafte voraus. Und weiteres weiß man nicht sicher; denn der Geschichte mit dem Duell und dem schwedischen Freiherrn hat man eigentlich nie so ganz getraut; sie ist auch zu abenteuerlich. Man sieht, es sind alles nur unschuldige Geschichten, die niemandem schaden können, und die doch die gemeinsame Hotelmahlzeit im grünen Saal würzen können. Lustig sind die Geschichten ja eigentlich nicht, und ich gebe gerne zu, daß ich sie in den ersten Tagen etwas kindisch fand, aber nach einer Woche wurde ich Teil des Ganzen, und die Chronik des Seebades war zu unserer Chronik geworden. Außerdem verhält es sich mit Seebädern wie mit Festungen und Atlantikdampfern: Man lebt außerhalb der Welt, hier aus Notwendigkeit, dort aus Laune. Hält man sich im Seebad auf, ist man im Seebad in der Sommerfrische und will nicht von der übrigen Welt gestört werden. Die Welt besteht aus unserem Hotel, unseren Badehäusern und unserem Wasser. So lebten wir Seebadwerktagsmenschen ein angenehmes Werktagsleben. Ich war etwas spät zum Abendessen gekommen, und man hatte bereits begonnen. Ich grüßte die mir vertrauten Gäste flüchtig, die im ersten Eifer tief über die Suppenteller gebeugt saßen und ließ meinen Blick gedankenverloren über die gegenüberliegende Reihe gleiten. Ich begegnete einem strahlenden Lächeln von Frau M., erwiderte den Gruß des jungen W., als mein Blick plötzlich auf eine Fremde fiel … Sie sah auf, und ich grüßte leicht verwirrt. »Kennen Sie Mrs. Bradstown?« fragte Frau J., die mein Grüßen bemerkt hatte. Ich gab keine Antwort, sondern blickte weiter auf den neuen Gast. Ich hatte gleich auf den ersten Blick den Eindruck von etwas Schlankem und Kräftigem bekommen; etwas ganz Sicherem, Beherrschtem. Ein kräftiger Busen und ein Paar starke Schultern. Das Gesicht lag ganz im Schatten, aber selbst bei Licht mußte der Teint sehr dunkel sein; die Augen waren dunkel; wenn sie sie aufschlug, wunderte man sich über einen gewissen verschleierten Glanz in ihrem Blick. Ich blickte weiter hinüber und wünschte mir, sie stünde auf und ginge, damit ich ihre Gestalt sehen könne. »Sie ist sehr hübsch«, sagte Frau J. Ich nickte, ich wußte nicht, warum, aber ich brachte es nicht fertig zu sagen, daß ich Mrs. Bradstown zum ersten Male sah. »Sie ist sicher gekommen, um nach dem Grab ihres Kindes zu sehen«, sagte die Frau. Ich beantwortete diese Vermutung mit einem Nicken, und Frau J. verließ das Thema Mrs. Bradstown. Hätte mich jemand gefragt, was wir an jenem Tag im Badehotel zu Mittag bekamen, hätte ich die Frage nicht beantworten können. Ich war die ganze Zeit damit beschäftigt, mich zu fragen, was für ein Kind es wohl sein könne, dessen Grab die Fremde hier besuchte … Meine Phantasien wurden zu einem ganzen Roman … Man trifft manchmal – leider aber nur selten – unter den Hunderten, die entweder die Phantasie oder das Herz beschäftigen, eine einzelne, die wir umgehend zur Heldin eines Romans machen, um den unserer Gedanken kreisen, ohne daß wir uns darüber Rechenschaft ablegen können, warum, deren Bild uns manchmal tagelang, ja wochenlang beherrscht und verfolgt. Bevor wir uns vom Tisch erhoben, war Mrs. Bradstowns schwarzgekleidete Gestalt in meinen Gedanken in einen kunstvollen Roman verwoben. Ich stand noch da und sah ihr nach. Sie hatte sich langsam erhoben, es war etwas Zögerliches über allen ihren Bewegungen; etwas Müdes, als würde sie dauernd halb von einer Bürde gelähmt, die sie tragen wollte und dies unbemerkt. Dann hatte sie sich ins Licht gewandt. Das Profil war scharf, die Nase eben, die Mundwinkel nach unten gezogen, das Kinn rund; der Schatten auf der Wange war tief, die Wangenknochen standen etwas vor. Manchmal zitterten die Lippen nervös, dann drückte sie sie stärker zusammen; die Oberlippe war stark gekräuselt. Das glänzende, rabenschwarze Haar lag wie eine Trauerkrone über ihren Zügen. Sie ging aufrecht. Man wunderte sich über die Kraft ihrer Erscheinung, insbesondere die kräftigen Schultern. Ich glaube, es sah aus, als ob die stille symbolisierte Trauer in ihrem aufrechten Körper dahin schritte. Sie grüßte Frau M. mit einem freundlichen Lächeln und durchquerte den Saal. Man konnte nicht behaupten, sie hätte sich zum Lächeln gezwungen; aber die etwas steifen Züge weigerten sich lange, einem Lächeln zu weichen, und das Lächeln erstarb in den Mundwinkeln. Die Tür öffnete sich, ihre lange, perlenbesetzte Schleppe fiel wie ein voller, mattschwarzer Strom über die Türschwelle – dann schloß sich die Tür hinter ihr. Ich setzte mich neben Frau M. Sie sah sehr betrübt aus – die hübsche Witwe. »Arme Mrs. Bradstown«, sagte sie. »Jetzt ist es bald ein Jahr her, daß ihr Kind starb.« »Welches?«, fragte ich. »Ihr letztes Kind.« Die Stimme von Frau M. klang ganz traurig. »Sie hat viel durchgemacht«, sagte sie. Dann schlug sie ein wenig laut ihren Fächer auf, und als sie ihn wieder zusammenfaltete, lächelte sie aufs neue. – Ich weiß nicht, wie es geschehen konnte, aber bei meinem Abendspaziergang stand ich plötzlich vor dem Friedhof. Ein fast Übelkeit erregender Geruch schlug über die weiße Mauer, ich öffnete die Tür und ging hinein. H.s Friedhof ist ein eigentümlicher Platz, dicht bewachsen wie ein zugewachsener Hain. Die Wege winden sich kaum noch sichtbar durch das dichte Gebüsch, man geht gleichsam unter einem Dach von laubreichen Lindenkronen, von Birken, deren zartes Laub immer leise flüstert, von Trauerweiden. Längs der Wege Flieder und Jasmin, so dicht wie Mauern. In diesen Gängen herrscht immer Halbdunkel. Aber drinnen hinter den Gebüschmauern liegen die Gräber still. Man lichtet den dichten Jasmin, bildet ein Hüttengewölbe aus dem Flieder, und unter dem Dach der Blätter hebt man dann seine Gräber aus. Tagsüber ist es hier kühl und ruhig – Regen kommt nicht hindurch, und die Sonne scheint hier nie. Das zunehmende Schlagen des Sturms klingt wie gedämpftes Sausen, das in den Kronen der Linden erklingt. Und dann diese kühlende Dämmerung unter dem schützenden Laub. Wenn dann der Abend naht, wird die Dämmerung zur Nacht. Die kühle Luft erfüllt sich mit Duft, so daß man kaum noch Atem schöpfen kann, der drückende Dunst der Gräber, der unter den Blättern gehalten wird, der süßliche Duft der Linden, der betörende Wohlgeruch des Jasmins, der Duft der Rosen – jede Grabstätte wird zu einem dufterfüllten Opfertempel. Wie ein Tempel steht das schweigende Gebüsch und verbirgt die Gräber. Nachtschwarze Tempel, die über dem Geheimnis des Todes brüten. Ich ging den großen Weg hinab. Es war ganz ruhig. Hie und da flüsterte man leise hinter den Jasminbüschen: es waren Leute, die sich leise mit ihren Toten beschäftigten. Drüben bei der Kapelle gingen ein paar junge Mädchen. Sie sprachen laut und lachten, während das Lachen tonlos klang und dann innehielt, erschreckt von der Stille des Friedhofs. Ich fand das Grab. Es lag unter dem Flieder versteckt, ganz im Dunkeln. Auf dem Kreuz stand nur: »Tom Bradstown, zehn Jahre alt, gestorben am 16. August 1878. Letztes Kind einer fremden Witwe.« Ich setzte mich auf die Bank und betrachtete das Kreuz: Dieser Marmor schien mir eine lange Geschichte zu erzählen. Ich wurde durch sich nähernde Schritte aus meiner Nachdenklichkeit gerissen; ich erhob mich schnell: Mrs. Bradstown schob den Flieder zur Seite und trat an das Grab. Ich sah ihre Gestalt scharf gegen das Halbdunkel des Eingangs, der sich über ihrer stolzen Figur wölbte. Sie zitterte, als ich grüßend vorbeiging. »Verzeihung«, sagte ich. Sie beugte ihr Haupt, und ich ging. Ich ging einige Schritte den nächsten Gang hinab und setzte mich auf eine Bank, wo ich beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Ich wartete lange. Endlich raschelten die Fliederblätter, und Mrs. Bradstown trat heraus. Sie ging gebeugten Hauptes, die Hände krampfhaft an ihre Brust gedrückt, langsam und lautlos. Wie eine Statue, ein Schatten dunkler als die Nacht. Dann verschwand sie unten am Ausgang. – Seither besuchte ich den Friedhof oft. Mrs. Bradstown sah ich nicht. Oben im Kursaal hatten wir manchmal einige Worte miteinander gewechselt; sie sprach sonst mit niemandem, und man belästigte sie weder mit Anteilnahme noch mit Fragen. Man achtete ihre fremde Trauer, die sich unter uns niedergelassen hatte. Nur ein einziges Mal sah ich Mrs. Bradstown ihre Gefühle äußern. Es war an einem Regentag abends. Ein Teil der Badegäste hatte sich im Kursaal versammelt, der Tag war lang und langweilig gewesen. Wir baten Fräulein H. zu singen. Sie hatte eine hübsche Stimme und sang gut. Sie trug zuerst einige Opernstücke vor, die Herr v.C. begleitete – Stücke aus Traviata La Traviata: Die Oper »La Traviata« (1853) von Giuseppe Verdi (1813-1901). und Lucia. La Lucia: Lucia di Lammermoor (1835), Oper von Gaëtano Donizetti (1797-1848). »Nein, das ist doch langweilig«, sagte sie. »Löschen Sie lieber das Licht, dann werde ich für Sie im Dunkeln singen.« Wir löschten die Gasbeleuchtung und öffneten die Balkontüren. Aus dem Garten wogte der Duft der Linden in den Saal hinein. Draußen zwischen den Bäumen, die wie furchteinflößende Riesen im zärtlichen Zwielicht der Sommernacht standen, schimmerte silbern der Sund. Im Saal war es stockdunkel. Verhalten spielte Fräulein H. ein langes Präludium – seine Töne verwehten geheimnisvoll in der Sommernacht. Dann begann sie zu singen. Es war ein polnisches Lied mit einem wehmütig klingenden Kehrreim, mehr Rezitativ als richtiger Gesang. Die Melodie war schlicht. Es war, als hörte man das Murmeln eines Flusses durch jede Strophe. Sie schwieg. Es war ganz ruhig im Saal, man hörte nur Frau M.s Fächer hin- und herschwingen, einige einzelne schleichende Schritte unter im Garten. Dann begann sie wieder zu singen. Eine schottische Ballade von einer Mutter, Schottische Ballade von einer Mutter: nicht identifizierte Ballade, vielleicht eine Auswahl oder Nachdichtung des monumentalen Gedichts des ältesten schottischen Nationaldichters John Barbour (ca. 1316-1395). Sein monumentales Gedicht »The Brus« (ca. 1375) besteht aus 14000 paarweise gereimten achtsilbigen Versen, die die Geschichte des Königs Robert Bruce in schottischer Sprache dichtet. die Robert Bruce Robert Bruce (1306-1329): Robert I., schottischer König, der sein Vaterland von englischer Herrschaft befreite. und dem Vaterland alle ihre hoffnungsvollen Söhne opfert. Tränen und leise Trauer lagen in jedem Ton des Liedes, ja, fast Schreie in der klagenden Melodie … die Worte hielten inne, die Begleitung verlor sich gedämpft in wenigen dahinsterbenden Tönen, schwoll wieder an, fest, entschlossen. Sie sprach deutlich mit scharfer, etwas singender Betonung die letzten Worte des Liedes: »Aber ihre seligen Seelen sind beim Herrn, ihrem Gott.« Es herrschte atemlose Stille im Saal. Dann schritt eine hohe Gestalt eilig über den Boden, beugte sich über Fräulein H., umarmte sie und brach in einen Strom von Dankesworten aus. Es war Mrs. Bradstown. Sie riß schnell ein Armband von ihrem Arm. »Nehmen Sie«, sagte sie. Wir bemerkten, daß ihre Gestalt vor Schluchzen zitterte. Ihr Schluchzen klang wie ein halb unterdrücktes Stöhnen. Sie drückte die Arme fest an ihre Brust wie an jenem Abend auf dem Friedhof, erhob sich mit einem Ruck und ging. Als die Beleuchtung wieder angezündet wurde, waren nicht mehr viele im Saal. – Am fünfzehnten – es war im August – spät abends legte ich einen Kranz Rosen auf Tom Bradstowns Grab. Am nächsten Tag, seinem Todestag, ging ich wieder hin. Es war gegen 8 Uhr, die Dämmerung lag schon dicht über dem Friedhof. Ich glaube, ich war dort allein, die Menschen fliehen vor den Toten im Dunkel. Ich saß auf der Bank unter dem Flieder und dachte an den Abend, als Mrs. Bradstown im Kursaal geweint hatte. Seither hatte sie sich nicht mehr sehen lassen und alle Mahlzeiten in ihrem Zimmer eingenommen; bei den Badegästen hieß es, sie sei unpäßlich. Ich aber hatte sie jeden Morgen zum Grab hinausgehen sehen. Als ich den Weg hinabging, traf ich Mrs. Bradstown einige Schritte vor dem Grab. Ich grüßte stumm und wollte vorbeigehen, sie aber schlug ihren Schleier zur Seite und reichte mir ihre behandschuhte Hand. »Sie sind es, der die schönen Rosen aufs Grab gelegt hat«, sagte sie. Ich fühlte, wie ich rot wurde. – Sie nahm mein Schweigen als Einverständnis und sagte: »Ich wußte es. Danke!« … Wir standen einen Augenblick da. »Kommen Sie mit?«, fragte sie. Wir gingen schweigend zum Grab und setzten uns auf die Bank unter dem Flieder. »Sie hatten bemerkt, daß es sein Todestag war?« »Ja.« Wir saßen wieder einige Zeit schweigend da. Ich hatte das Gefühl, daß Mrs. Bradstown sprechen wollte, aber ich wußte nicht, wie ich das Schweigen brechen sollte. »Er war mein jüngstes Kind«, sagte sie dann – ihr Ton war etwas hart, gezwungen. »Jetzt sind sie alle tot.« Es hörte sich an wie eine unterdrückte Klage, fast singend in der lautlosen Stille. »Sie sang wunderschön«, unterbrach sie sich selbst mit einem neuen Gedankengang und fuhr dann schnell, gleichsam fieberhaft, fort: »Ich hatte so lange nicht geweint, sehr lange; nicht seitdem Tom gestorben war.« – Diese Worte wurden schnell, stoßweise gesprochen … »Ich hatte fünf Kinder, hübsche Kinder, ein Erbe zu schützen, dann wurde der Älteste krank – anfangs merkten wir das nicht –.« Die Worte kamen stoßweise, dumpf wie ein tiefes Flüstern. Sie saß nach vorne gebeugt und blickte auf die Erde. Es war, als spräche sie zu sich selbst. – Manchmal schüttelte sie leicht ihren Kopf und rang ihre Hände. »Er war damals zehn Jahre alt – groß und gesund. Es war der Rachen, die Ärzte wußten keinen Rat, so starb er – der Älteste.« Sie hielt inne und holte tief Luft. »Aber ich hatte ja noch die vier anderen, meine geliebten Kinder, und Gott – mein Gott, ich wußte nicht, was mich noch erwartete. – Als der Nächste in dasselbe Alter kam, wurde er genauso krank wie John – dieselbe Krankheit, der Rachen –. Meine Angst entsetzte die berühmtesten Ärzte Londons, sie gaben vor, auf die Sonne Ägyptens zu vertrauen und schickten mich mit dem Kind weg. – Ich begrub es unter Palmen in Kairo. – Verstehen Sie, was ich leiden mußte? Es war Wahnsinn, Irrsinn, Verzweiflung, ich blieb Tag und Nacht wach, sah den Tod ihre Stirn zeichnen –.« Sie versuchte, trotz zusammengeschnürter Kehle Worte zu finden. »Es waren die furchtbarsten Jahre. Sie waren gesund und kräftig und klug, und ich hoffte, man muß hoffen – aber wenn sie das zehnte Lebensjahr erreichten, waren ihre Tage gezählt. Es war ein qualvoller Kampf mit dem Tod lange Zeit hindurch. –« »Ich zog von Land zu Land und fragte um Rat und Hilfe, aber Rat war nicht zu bekommen und Hilfe nicht zu finden; in Nizza starb der dritte; ich litt, und ich hoffte – aber kein Arzt wußte Rat für ihr Übel – Wie es mir ging? Wie dem Vater, der von Wölfen verfolgt seine schreienden Kinder eines nach dem anderen den hungrigen Tieren vorwirft – so fühlte ich … Ach, wie viel ich gelitten habe!« – Sie ergriff meinen Arm heftig. »Verstehen Sie denn?« fragte sie heftig, »verstehen Sie, daß ich weinte? Ich hatte nur noch ihn, den Jüngsten, übrig, den letzten, und der Tod hatte ihn schon gezeichnet, ich wußte es genau, ach mein Gott, er war der hübscheste von allen – meinen fünf geliebten Kindern. Dann gab man mir den Rat, hierher zu reisen. – Und hier wurde er begraben. – »Mein letztes Kind.« Es war wie ein Platzregen von Tränen. Sie faßte sich und wurde wieder ruhiger. »Seither habe ich nicht mehr geweint. Ihr Gesang brachte mich zum Weinen – sagen Sie es ihnen, dann wird man mir verzeihen. Ich schämte mich für meine Schwäche in diesem Augenblick.« Ich erhob Einwände. »Die Trauer muß keusch bleiben«, sagte sie. Wir erhoben uns von der Bank und gingen den Weg hinab. »Jetzt reise ich beständig von Grab zu Grab, um mich mit meinen Kindern zu beschäftigen. Morgen fahre ich nach Nizza –.« Wir waren am Ausgang angelangt. »Auf Wiedersehen«, sagte sie, »und sagen Sie viele Grüße!« Ich beugte mich nieder und küßte ihre Hand. »Danke für Ihre Rosen«, sagte sie. Sie ging die Allee hinab, aufrecht, langsam. Ihr langer Schleier umwehte sie. Und während sie im Dunkel der Allee verschwand, klangen ihre gedämpften Worte wie schmelzende Töne in meinem Ohr: »Die Trauer muß keusch sein.« 11.7.1880 Zigeunerleben Die Reportage betrifft den »Dyrehaven« und »Bakken«. Frederik III. legte 1669 ein Park- und Waldgebiet nördlich von Kopenhagen (Klampenborg) als königlichen Jagdbann an. Sein Sohn Christian V. ließ das Gebiet auf die heutige Größe von ca. 1 000 ha erweitern. Ursprünglich hatte nur der königliche Hof Zugang. Erst 1756 wurde Dyrehaven für die Öffentlichkeit geöffnet. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde er mit dem Dyrehavsbakken und dem königlichen Jagdschloß »Eremitagen« zum volkstümlichsten Ausflugsziel der Kopenhagener. Im Sommer gab es ein Freilufttheater und Pferderennen. Der Unterhaltungspark Dyrehavsbakken (kurz nur »Bakken« genannt) hat seine Wurzeln in ferner, unbekannter Vergangenheit; er ist deutlich über 400 Jahre alt. Der Ursprung scheint bei der Kirsten-Pil-Quelle zu liegen; es ist eine heilige Quelle, die schon seit dem Mittelalter von vielen Wallfahrern besucht wurde, um Genesung zu erlangen. Hier war ein Markt entstanden, der die Gläubigen mit Nahrungsmitteln, Getränken und Unterhaltung versah. Dieser entwickelte sich im 18. Jahrhundert zu einem Jahrmarkt mit Zelten und Buden. Bald kamen Wandertheater, Gaukler und andere Volkskünstler hinzu, die sommers die Schaulustigen unterhielten. Die Kopenhagener Bürger machten jährlich ihre Waldausflüge – besonders ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Heute ist der Bakken ein im Sommerhalbjahr belebter Vergnügungsort mit Restaurants, Fahrgeschäften u.a. Er ist volkstümlicher als Tivoli. Mit Gesetz vom 15.5.1875 wurde es noch einmal verboten, daß sich »ausländische Zigeuner, die einem Wandergewerbe nachgehen« in Dänemark aufhalten, eine Bestimmung, die 1879 und 1895 noch verschärft wurde. Wie früher auch ließ sich das Verbot kaum durchführen. Man fand sich stillschweigend damit ab, daß einzelne Zigeuner sich mehr oder weniger dauernd im Land aufhielten und ihrem Gewerbe als umherziehende Scherenschleifer, Zirkusleute, Gaukler oder Spielleute nachgingen (sogenannte »Reisende«).     Es ist ganz ruhig. Zwischen den säulenartigen Stämmen liegt eine bläuliche Dämmerung, ein veilchenfarbenes Zwielicht, kühl, verlockend. Wie ein lichtüberfluteter, säulenreicher Tempel lockt der tiefe Wald, dessen Dämmerung die Vorstellungskraft beflügelt. Eine Lichtung erahnt man dort. In der Sonne liegt die Wiese, in hellem Licht; und der helle Strahl bricht mit breiten Strahlen durch die Reihen der Stämme, die im Scheine weißlich leuchten. So weit weg, tief drinnen, wo die Säulen sich zu Mauern verdichten, verliert sich der weglose Strahl in schummrigem Dunkel. Selbst die Alleen liegen menschenleer da. Hier und da auf einer einzelnen Bank kann man einer Dame in ihrer Morgentoilette begegnen, die liest oder näht, während sie mit ihren Augen ein paar spielenden Kindern folgt, die sich draußen im Gras tummeln. Sie hält das Buch auf ihrem Knie, ihren Kopf nach vorne gebeugt, so daß der breite Hut die Seiten des Buches beschattet. Ein Junge geht singend den Weg hinter dem Weißdorn hinab; unten am Kirchplatz haben sich einige Kindermädchen schnatternd versammelt. Die Kleinen liegen heulend auf dem Rasen rings um die Bänke, wo die Mädchen einander die gestrigen Geschehnisse durcheinander gewürfelt erzählen. Dann und wann wird der Chor von einem einzelnen schrillen Sopran beherrscht, dann fallen die anderen ein wie Spatzen, die mit aufgeregtem Tschilpen aufstieben. Aber sonst liegt der Dyrehaven ruhig da. Während der Vormittag vergeht, liegt er abwartend, kühl und in seiner majestätischen Ruhe beschaulich da. Gegen Abend, wenn die Sonnenstrahlen zwischen Reih und Glied der Stämme rötlicher mit ihrem Flammenschein funkeln, und wenn die Dunkelheit drinnen zunimmt, erwacht im Wald das Leben. Die Wege füllen sich, man hört lautes Gelächter längs der breiten Alleen, der Lärm der vielen Stimmen schreckt die gejagten Tiere auf, die in fliehendem Rudel über die Wiesen hetzen. Der Mond geht auf. Sein weißliches Licht spielt mit der Dämmerung der Sommernacht, so daß die Schatten dunkler werden, erschreckend dunkel. Die Sträucher auf der Wiese, die dichten Büsche des Weißdorns, die einzelnen gebeugten Birken, alles wird lebender Spuk, jetzt, da die Dryaden Dryaden: In der griechischen Mythologie Wald- oder Baumgöttinen niederen Ranges. erwachen. Aber der Sommernacht Schleier wird wie ein schützender Behang um den Tanz der Nymphen Nymphen: In der griechischen Mythologie weibliche Naturgottheiten niederen Ranges, die im Meer (Nereiden), in Quellen und Bächen (Najaden), auf Bergen (Oreaden) und Wiesen, in Tälern, Wäldern und Bäumen (Dryaden, Hamadryaden) wohnen. gezogen … Man sitzt alleine da. Lachen, Reden und Singen erklingen bald ferner, bald näher in der Nacht. Das Echo ergreift sie, der Lärm erstirbt in den Wipfeln, steigt wieder an und erstirbt mit einem halb geflüsterten Seufzer. Plötzlich wird die Stille von einem schwächer werdenden Rufen durchbrochen, einem roh klingenden Gesang; es sind die Faunen, Faunen: In der griechischen Mythologie Naturgottheiten niederen Rangs. die sich auf der Wiese streiten … Die Nacht schreitet voran. Gesang und Stimmen verstummen, das Dunkel des Waldes erhält seine Stille wieder, mit einem Schleier bedeckt ruht die Lichtung; ein einzelner Windstoß geht durch die hohen Stämme, flüstert zu den Büschen, der Wiese, beugt das hohe Gras, liebkost murmelnd die Blumen. Es ist der Geist des Waldes während ihres ruhigen Schlummers. So kann man dies betrachten. Aber die Faunen sind angeheiterte Kopenhagener, und die Nymphen sind Phantasie, die Musik kommt aus Drehorgeln vom »Bakken«. Man merkt es, wenn man näher kommt. Rufe, Lärm, Schreie, die man Gesang, Trompetenstöße, Rufe von Jahrmarktschreiern und Trommeln nennt. Ja, das ist der »Bakken«, das sind die Faunen des Bakken und die Nymphen des Bakken. Man geht durch die Reihen der Zelte. Bewirtung auf Bewirtung. Die Lampe über der Tür brennt düster und schläfrig; aus dem Zelt drinnen schlägt uns ein stickiger Bierdunst entgegen. Der Wirt schläft in einem alten Lehnsessel in einer Ecke hinter dem Tresen. Der Kopf ist auf die hohe Schulter gefallen, der Mund steht offen, er keucht schwer beim Einatmen; die dicken Backen plustern sich durch das Atemholen auf, so daß all ihre behaarten Warzen von der Anstrengung schwitzen. Drüben in der entgegengesetzten Ecke macht ein Matrose einer stumpfnasigen Bedienung den Hof, indem er handfest der Schönen den Rücken hinauf und hinunter klatscht. Sie schreit, der Wirt erwacht, sieht sich erschrocken um und trocknet sich seine Purpurröte mit einem schmutzigen Lappen ab, mit dem er sonst Gläser trocknet. Mitten auf dem Boden, direkt unter der Lampe ist ein älterer Herr in Schlaf gefallen, Oberkörper und Arme über den Tisch gestreckt. Das Bier aus dem umgestürzten Glas rinnt in einem schmutzigen Strom über Tisch und Boden. – Draußen auf der Straße hört man den Mann vom Karussell aufmunternd die letzte Fahrt ausrufen. Die Lichter vor den Spiegeln gehen nacheinander aus, der Leierkastenmann dreht im Halbschlaf nickend die Arie der »La Traviata«. »La Traviata«: Oper in vier Akten (1853) von Giuseppe Verdi, die auf dem Roman »La dame aux Camélias« von A. Dumas d.J. fußt. Drüben auf der anderen Seite schließt der Gaukler seine Bude. Im hinteren Raum hinter der Bude schlägt seine Frau ein Bett aus Eisen auf, die schlaftrunkenen Kinder schlagen sich vor der Tür um eine Flasche schalen Biers. Dann zieht der Gaukler sein kariertes Taschentuch vor, und auf dem Bett sitzend zählt er die Kupferschillinge auf der Bettdecke. Das Licht fällt auf die sich kreuzenden Falten in seinem Gesicht, seine Augen sind unterlaufen; langsam, als wollte er jede Münze festhalten, läßt er das Kupfer durch seine Finger gleiten. Die Augen der Frau wandern scheu von seinem Gesicht zu seinen tastenden Händen. – Sie holt das Abendessen vor, Schnaps, Bier, ein Stück fettig glänzenden Specks auf einem Knaus Knaus, Knaust: Brotanschnitt, Ende des Brotes. trockenen Roggenbrots. Sie sprechen nicht; sie bringt die schläfrigen Kinder auf einem paar zerlumpter Matratzen ins Bett, blickt hin und wieder verstohlen zu ihrem Mann. Er schmatzt und trinkt. Das Geld hat er im Taschentuch verknotet. Er reicht ihr grunzend die Flasche und wirft sich angezogen auf das Bett; schnell schläft er tief, Mund und Nase in der Luft. Sie wacht über seinen Schlaf, die Arme wie das Taschentuch mit dem Geld unter dem Kopf gekreuzt, hin und wieder kramt sie im Schlaf danach. Drüben von der »Harmonien« Harmonien: Bekanntes Festzelt auf dem Bakken, wo junge Sängerinnen auftraten. erschallt der Gesang schnarrend laut, er fährt halb hoch und krümmt sich auf der einen Seite des Betts zusammen. Sie nimmt die Lampe und betrachtet sein Gesicht. Der Schnapsgeruch, der ihr entgegenschlägt, ist stetig und ruhig. Dann tritt sie zum Bett. Ihre Augen verweilen ununterbrochen fast ängstlich auf dem Gesicht des Schläfers, ihre mageren Arme, wo die Adern gebündelt liegen tasten zitternd das Kopfkissen ab. Mit einem Ruck ergreift sie das Tuch, und ständig die Züge ihres Mannes beobachtend stiehlt sie zitternd etwas von seinen klebrigen Kupfermünzen. Das kleinste Kind seufzt im Schlaf, der Mann streckt sich im Bett – sie löscht das Licht, sie hat für morgen Brot gestohlen. Oben am Rondell geht es noch lebhaft zu. Eine lärmende Gruppe strömt johlend aus der »Alhambra«, wo einige Kellnerinnen einen unendlichen, schwingenden Trippeltanz mit einigen Metzgergesellen tanzen, die ihre Damen mit beiden Händen um den Leib drücken und sie gleichsam nach vorne schieben, indem sie sie sachte mit den Knien stoßen.   Die drei Musikanten sitzen sich hin- und herwiegend mit geschlossenen Augen da. Manchmal scheint die Musik hinzusterben. Die Geige zieht ihre Töne langsam klagend hinaus, und die große Trompete stößt ein zittriges Heulen aus. Aber dann kommt man wieder in Gang, und die Metzgergesellen schieben ihre Damen in schnellerem Schwung herum. –   Die »Harmonie« ist von Rauchwolken verhüllt. Unmittelbar in der Tür sitzt der Hüter der Ordnung und trinkt mit dem Wirt des Hauses. Drüben am Tisch zur Linken streitet sich der Ringerkönig mit seinem Agenten. Er ist ein großer riesiger Kerl. Sein Ausschnitt geht über die ganze Brust, seine Muskeln liegen in Bündeln längs des Halses. Sie machten wegen seiner Künste Ärger. Er hatte fünfzigmal die 500 Pfund mit seinen langen Fingern gehoben, dann konnte er schließlich nicht mehr, und so gab es Ärger. Es war ihnen gleichgültig, daß seine Finger bluteten, wenn sie ihre zehn Öre bezahlt hatten. So war auch Samson Samson oder Simson: Anspielung auf Richter 16 und wahrscheinlich darauf, daß man die Kleinbürger früher als Philister bezeichnete. böse geworden und hatte über den Philistern das Zelt niedergerissen. Darüber streiten sie sich jetzt. Der Ringer schnaubt wie ein Stier. Hin und wieder trocknet er sich heftig mit einem roten Tuch, das genauso naß ist wie sein Gesicht, und er schlägt auf den Tisch, daß der Ordnungshüter in seiner Ecke zusammenfährt. Oben auf dem Podium wird »Suzanne« vorgetragen. Die Dame ist grobgliedrig mit einem Berg von Busen. Sie steht aufrecht und keucht in ihrem stark gespannten Mieder, während sie bei jeder zweiten Zeile den kleinen Finger zum Daumen führt und so ihre Hand einen koketten Bogen von dem üppigen Busen zum Ringer schlagen läßt, der mit seinem Blick immer wieder billigend über den Leib der »Göttin« schweifen läßt und mitten im Streit verliebt die Augenbrauen hebt. Und wenn »Suzanne« zum Kehrreim von Englands Küste Kehrreim von Englands Küste: »Oh Susanne! / Du bist mein Leben, meine Lust. / Es gib keinen Mann so froh wie ich / an Englands ganzer Küste!« Populärer Gassenhauer, der in hoher Auflage von Jul Strandbergs Liederverlag vertrieben wurde. kommt, legt sie schmachtend das geschminkte Gesicht auf die Seite und läßt ihren sanftflehenden Blick vom Teller auf dem Klavier über das Publikum im Saal gleiten. Die anderen Damen stimmen mit ein, sie kichern hinter ihren Fächern, schnattern plötzlich laut dazwischen, schweigen dann, von einem strengen Blick der Direktorin unterbrochen, einer älteren ausgezehrten Dame in Schwarz mit knochigen Zügen und einer nicht endenwollenden Fülle von Schraubenzieherlocken und einer leuchtenden Reihe künstlicher Zähne, die sie beim Singen ständig schluckt und wieder nach vorne schiebt. Die Romanzensängerin erhebt sich langsam. Sie ist ganz in Weiß und trägt Handschuhe. Sie watschelt mit ständig knacksenden Knien auf ihren hohen Absätzen. Sie verneigt sich, indem sie den Kopf hängen läßt, auf den Boden hopst und sich wieder mit einem neuen knacksenden Hopser erhebt. Jetzt singt sie »Foglan«. Foglan: Volkslied »Foglans Viso« des finnischen Lyrikers Zacharia Topelius (1818-1898) auf Schwedisch. Sie schleift die Töne wie der Dorfküster, wenn er zu Beerdigungen singt, und läßt sie am Ende jeder Zeile in unbestimmten Erbeben dahinsterben, einer Unbestimmtheit, die bedenklich an ein klägliches Miau erinnert. Die Schöne selbst nennt dies ein Tirili. Samsons Streit übertönt ihr tremulierendes Seufzen, und mit einem beleidigten Blick zum »König« stößt sie plötzlich einen laut gellenden Ton aus, der die Gläser auf den Tischen erzittern läßt. Ein Schwärmer mit Stanleyhut und langen Stiefeln klatscht lärmend und wird mit einem Lächeln belohnt. »Suzanne« geht kokettierend mit einem Teller umher. – – Unten bei Kirsten Pil brechen die letzten Gäste auf. Sie machen »den Damen« Platz auf ihrem Kremser, Kremser: Pferdewagen (meist Viespänner), der zur Beförderung von Personen diente. Nach seinem Erfinder, dem Wiener Kremser benannt. und unter grölendem Gesang rumpeln sie Richtung Jægersborg … Man hört in der Ferne Gesang und Rufe dahinsterben. Unten bei Kildeø fahren die Hunde bellend auf. Im Kilden setzt man die Klappläden vor die Türen. Es ist Nacht. In Buden und Zelten schläft die Bevölkerung des »Bakken« den Schlaf der Gerechten. Die Sonne geht auf, das graue unbarmherzige Licht des frühen Morgens fällt auf die bunten Schilder, auf die zerlumpten Zelte, durch Scheiben und Spalten auf das schlummernde Elend. Im Hinterzimmer liegen sie bunt durcheinander, Männer, Frauen, Kinder. Von Laster befleckte Jugend und entstelltes Alter in einem Raum. Die Damen aus der »Harmonie« liegen zusammen in einer Bude, Bett an Bett. Sie haben um ihren Kopf Taschentücher festgebunden, um die Frisur zu schützen. Sie schlafen geschminkt, und bei dem hellen Licht wird die Farbe auf den bemalten Backen graubleich. Die Direktorin hat ihre Perücke auf den Eisenpfosten gehängt. Ihr Kinn fällt auf die Brust, so daß man das schwarze zahnlose Zahnfleisch in ihrem Mund sieht. Suzanne stöhnt im Schlaf, der Schweiß löst in ihrem Gesicht die Schminke auf, so daß die Narben wie Wunden aussehen, die Romanzesängerin schläft im Morgenmantel, besetzt mit hellroten Schleifen. Drinnen im Zirkus Wulff Zirkus Wulff: Kleinere Zirkusgesellschaft, die 1880/81 in Kopenhagen und auf Seeland gastierte. Sie wurde von Direktor Lorentz Wulff geleitet. schläft der einzige Artist des Zirkusses auf dem Sand der Manege mit dem Kopf gegen das Geländer. Zum Trocknen hat er sein Trikot auf eine Schnur gehängt. Manchmal öffnet er die Lippen und seufzt. Vielleicht träumt er. Träumt von seinem Vaterland, dem großen Land der Steppen, dem Reich des Zaren. Er ist in Moskau, der heiligen Stadt Rußlands, geboren. Als er noch klein war, ging er in der Prozession mit den heiligen Kerzen zu den hell erleuchteten Tempeln des Kreml. Wie er sich daran erinnern konnte: berauschender Weihrauchduft aus rasselnden Goldfässern, prachtvolle Schalen, in denen die Priester der Kirche die jährliche Grütze als ein Opfer für Rußlands mächtigen Gott brachten. Glänzendes Gold und Purpur und samtene Talare. Geschwungene Weihrauchfässer und wogender Gesang. Jubel aus tausend Mündern unter dem himmelhohen Gewölbe der Kirchen. Gebete, brausende Orgelmusik, Knien auf eisigen Marmorplatten. Er träumte dies, er träumte dies! Aber eines schönen Tages wurde er an den Zirkus verkauft. Seine Mutter brachte ihn dorthin, sie sagte, er bekomme schöne Kleider, schöner als die der Ministranten am Tage des heiligen Nikolaus. Und seine Brüder müßten nicht mehr hungern. Er war acht Jahre alt. Es war fast zu spät um anzufangen, aber es ging, der Körper wurde durch Schläge geschmeidig, seine Künste lernte er durch Hunger. Es dauerte nicht lange, bis er als Kunstspringer auftrat. Wie sein Herz bebte. Er wurde durch die Lichter, durch die brausende Musik, durch die tausend Gesichter, durch den Lärm, durch den Peitschenknall verwirrt. Er lächelte im Traum, er hatte Lust zu schreien, er glaubte, er müsse in all diesem Licht und diesem Glanz sterben. Dann schloß er seine Augen. Die Peitsche pfiff um ihn. Hoch ging es über Hindernisse und Leitern, hoch. Er wußte nicht wie, er wirbelte umher, klammerte sich fest, ließ nach; der Lärm um ihn herum nahm zu, der Junge fühlte sich weit weg … Aber mit geschlossenen Augen immer weiter. So ging es Abend für Abend, Jahr um Jahr. Aber der Zirkus Wulff verarmte. Der Direktor begann zu trinken, er mußte alles verkaufen, Pferde, Requisiten. Nun war nur noch dieser arme russische Junge übrig, den er gekauft hatte, und der sich selbst verkauft hatte, um seine Geschwister vom Hunger zu befreien … Der Russenjunge schläft mit dem Kopf auf seinem Arm … Sie schlafen alle, diese heimatlosen Zigeuner. Vom Sturm sind sie zusammengefegt, zusammengefegt aus allen Enden der Welt. Die Mausefallenjungen aus Böhmen; sie konnten sich zu Hause ihren Lebensunterhalt nicht verschaffen, die Berge waren unfruchtbar, es gab kein Brot. So verdingten sie sich bei einem Führer, fern ihrer Berge, weg von ihren Eltern zu fremden Menschen, die andere Sprachen sprechen und andere Sitten haben. Not mußten sie ertragen und den Winter erleiden, Schneegestöber und Sturm und Kälte. Aber sie trugen ein Amulett auf ihrer nackten Brust; es schützte sie: die heilige Anna Die heilige Anna: Legendäre Mutter der Jungfrau Maria, Patronin der Mütter, Berg- und Kaufleute und Britanniens, hl.gesprochen (Fest: 26. Juli, orth. 25. Juli). ist mächtig. Die Savoyarden. Savoyarden: Einwohner Savoyens (Südost-Frankreich). Hier sind jedoch Jungen aus Savoyen gemeint, die früher in fremden Ländern umherzogen und auf der Straße spielten oder dressierte Tiere vorführten. Es sind nur drei übrig. Angelo und Gioachimo sind tot. Sie wurden an einem Wintertag in einer fremden Stadt ohne Chorgesang und ohne Pfarrer begraben. Die drei, die zurückgeblieben waren, spielten am Grab, bis es Abend wurde. Dann zogen sie auf ihrer langen Wanderung weiter. Drehorgelspieler, Seiltänzer, Sängerinnen, Mädchen, Verkäufer, Kunstreiter …   Der Sturm hat sie zusammengescheucht, Laster und Unschuld, Verbrecher und Schläger, Alte und Junge. Viele von ihnen kennen Recht nur dem Namen nach, und die Welt nennt sie lasterhaft, der Himmel gab ihnen keine Priester; das Gewissen ist ihr einziger Priester, aber das Gewissen ist durch die Sünde verdunkelt; für sie sind Laster Tugenden, Tugenden Laster, das Leben besteht aus dem Aufenthalt in Wirtshäusern, wo ihre hohläugigen Leidenschaften die Stühle umwerfen und die dünnen Wände erzittern lassen. Aber sie sterben für einen Kameraden, sie geben ihr Leben für ihre Kinder, sie teilen ihr letztes Brot mit denen, die noch ärmer als sie sind. Eine Welt, die ihre eigenen Gesetze schrieb und die Gesetze einer anderen Welt nicht kennt. So sind sie, diese heimatlosen Zigeuner, die hier den ruhigen Schlaf der Gerechten schlafen! Es ist heller Tag, wenn sie aufwachen. Suzanne werkelt schon, legt sich die Locken mit Teewasser; die Direktorin bringt ihr künstliches Gebiß in Ordnung. Überall lüftet man die Schankräume. Man scheuert die Böden, wäscht. Draußen hinter den Zelten krabbeln und lärmen die Kinder mit nackten Beinen halb angezogen mit bunten, zusammengenähten Lumpen. Sie wühlen im Gras, während die Mutter die Röcke wäscht, streiten sich um das Butterbrot, kreischen. Hühner, Küken, Schweine und Kinder laufen brüderlich in schöner Unendlichkeit durcheinander. Auf dem großen Stein draußen im Freien zündet man Feuer an. Die alten Frauen gehen hochgeschürzt mit roten Beinen in Holzschuhen. Sie krempeln die Hemdsärmel bis zu den Ellbogen hoch, man braucht freie Hände. Dann schmoren und kochen sie bis abends. Überall sind Leinen mit Wäsche zum Trocknen, die Dienstmädchen stehen mit roten Augen über ihren Waschzubern gebeugt, sie summen, sie schwatzen, rufen von Zelt zu Zelt. Vor den Zelten genießen die Künstler ihr Mittagessen. Der Zirkus Wulff läßt »das Pferd« unten bei Kildeøen grasen. Drinnen beim Trommelkönig probt man. »Wenn man keine Fortschritte macht, macht man Rückschritte«, sagt der König, und deswegen trommelt er den ganzen Tag. Man bereitet sich auf den abendlichen Feldzug vor. Und wenn dann der Abend kommt, spielt man auf, zeigt Kunststücke, ruft aus, trommelt, verkauft sich selbst, feilscht und macht Lärm. Man lärmt in einer Wüste, man macht Kunststücke füreinander. Denn Trop ist tot: Trop ist tot: Trop ist »ein ewiger Jurastudent von 60 Jahren« in J.L. Heibergs Vaudeville Recensenten og Dyret (1826), dessen Handlung sich an der Kirsten-Pil-Quelle abspielt. Der alternde Akademiker wird dafür bezahlt, kleine nette Kunstkritiken über die Attraktionen des »Bakken« zu schreiben. die Zeit des »Bakken« ist vorbei, vorüber. Der Strom der Menschen nimmt andere Wege, es gibt kein Gewimmel mehr, kein Gedränge, kein Getümmel. Viele meiden diesen Markt der Lumpen und des Elends. Wenn man sieht, wie Menschen sich zur Kirstenquelle hinab beugen, stimmt man die Geige; die leeren Karusselle drehen sich im Kreis, die Hochräder sausen, Jakel Jakel: Verkleinerungsform von Jakob (vgl. deutsch »Jokel«), Schimpfwort für »Bauer«, »Dummrian«. Von den 1780ern an wurde auf dem Dyrehavsbakken nach deutschen Vorbildern eine Puppenkomödie gespielt, Meister Jakels Komödie genannt, die zu den Lieblingsstücken des Volks gehörte. beginnt seine alte Komödie. »Die braunäugige Tochter« ordnet ihre roten Ballone.   Arme Braunäugige! Wie lange ist es her, daß Du mit runden Wangen und strahlenden Augen jung warst! Lange her – ach, hier auf dem »Bakken« wird man schnell hohläugig. Nun sitzt »Ferdinands« Tochter da und verkauft Ballone und näht Flaggen. Die Wenigsten kennen sie. Der Russenjunge zieht sein Trikot stramm, die Romanzensängerin knöpft ihre Handschuhe zu, der Trommelkönig schlägt seinen besten Wirbel … Es ist wie in der Sächsischen Schweiz, wo man für jeden Reisenden die Wasserfälle anstellt … Die Wasserfälle anstellen: Bang bezieht sich ganz sicher auf den Lichtenhainer Wasserfall, der bis heute eine Touristenattraktion ist. Der Wasserfall wird angestaut und bei passender Gelegenheit in Gang gesetzt. Einen ähnlichen – auf die Römer zurückgehenden – Wasserfall gibt es in Terni (Umbrien/Mittelitalien). Auch er wird zu bestimmten Zeiten als Touristenattraktion angestellt. Sonst dient sein Wasser der Elektrizitätserzeugung. Und so verdient man genug, um selbst leben zu können und seine Kinder zu dem Elend der Väter im selben Leben aufziehen zu können. Dem Leben hinter den Zelten. 18.7.1880 Leben auf dem Lande Der Schnee stob längs der windgepeitschten Hecken, legte sich in Haufen um die blattlosen Büsche, in Verwehungen vor das Gitter der Veranda. Der wilde Wein wirft sich mit seinen verwitterten Zweigen wie verschlungene Krakenarme im Sturm vor und zurück. Die Häuser sehen hilflos aus, in ihrem Inneren starrt uns die Kahlheit der leeren Wände kalt und ungemütlich entgegen; die Türen sind krumm und schief, der Schnee kann hineinfegen, so daß er sich fast wie ein deckender Teppich auf den Boden des Wohnzimmers legt, der Sturm reißt die Türen auf, rüttelt an den Schlössern, schlägt sie wieder zu, pfeift aus Löchern heraus und durch Spalten hindurch; es sieht fast so aus, als könnte es ihm ohne weiteres einfallen, die ganze Villensiedlung mit sich zu nehmen. Aber dann kommt der Frühling, und der wilde Wein treibt Blätter, der Flieder blüht, und alle Sträucher werden grün. Die Häuser verschwinden unter all dem schwellenden Grün, Löcher und Risse weichen dem zudeckenden Teppich. Hinter den schützenden Bäumen lugen die kleinen Häuser wie kleine Nester hervor. Und die Sonne lächelt alle und alles an. Die Sommerhäuser der Kopenhagener erwarten ihre Gäste. In der Stadt wird es heiß. Man hält sich auf der Straße im Schatten, man knöpft sich den Sommermantel auf und bestellt Eis zu seinem Sprudel. Man unternimmt einen Waldspaziergang, um den Waldboden nachzusehen, der seit langem nicht mehr blüht, und die Dame des Hauses reicht beharrlich acht Tage hintereinander Kaltschale. »Lieber Henrik, Du willst doch wohl keine Fleischsuppe, wenn es sechzehn Grad im Schatten hat …« »Es gab heute nacht Frost …« »Sechzehn Grad im Schatten, Henrik. Ich habe es selbst mit Karoline auf dem Domplatz gesehen …« Die Frau sitzt da und bläst auf die Kaltschale, so daß ihr Kopf vor Anstrengung hochrot wird. Der Herr kämpft vergeblich mit der unbarmherzigen Härte des Roggenzwiebacks. Man hört seine Kiefer knirschend arbeiten. »Gradmans sind auch aufs Land gekommen«, wirft Karoline ein und läßt den Löffel sinken. Mutter und Tochter wechseln einen schnellen Blick über die Terrine. »Ja«, prustet die Frau, so daß die halbe Kaltschale vom Löffel spritzt. »Gradmans sind verreist.« Die Kiefer des Herrn arbeiten sehr stark. »Und Kolds haben gemietet«, fügt Fräulein Karoline hinzu. Der Hausherr sitzt über seine Kaltschale gebeugt und schüttelt den Kopf wie ein Schaf, das von Fliegen geplagt wird. »Kriegen wir nie Dickmilch?« sagt er. »Dickmilch? Nein, Holm, du mußt mich entschuldigen. In der schwülen Speisekammer wird es zu nichts anderem als Molke.« Wiederum Pause. Der Hausherr wackelt dauernd mit seinem Kopf hin und her und beugt sich immer tiefer über den Teller. Er führt den Löffel mit gebeugtem Arm. Es sieht aus, als wolle er sich gegen die eine oder andere unsichtbare Bedrohung wehren, so sitzt er da. »Wer nimmt die Loge heute abend?«, sagt er, ohne seinen Kopf zu erheben. Das Schweigen erdrückt ihn wie die Ruhe vor dem Sturm. »Der Platz muß leer bleiben«, erklärt Karoline und legt sich mit ausgestreckten Beinen lässig im Stuhl zurück. Pappa sieht auf: »Leer?« Seine Frau richtet sich im Stuhl auf. »Ja, Henrik«. Sie macht eine kurze Pause, dann sagt sie laut über die Terrine hinweg: »Wir müssen mindestens so tun, als wären wir auf dem Lande.« Henriks Löffel fällt klirrend auf den Teller. Er nimmt sein Taschentuch und wischt sich den Schweiß mit einer langsamen kläglichen Bewegung ab. Karoline stemmt die Ellbogen auf den Tisch, bleibt sitzen und betrachtet ihre gespreizten Finger. Die Frau hält sich sehr aufrecht auf dem Stuhl und sieht kalt zu ihrer besseren Hälfte hinüber, die wieder den Kopf senkt und versucht, die letzten Reste der Kaltschale vom geleerten Teller zu schlürfen. »Möchtest Du mehr, Holm?«, fragt seine Frau irritiert, unnötig laut. Nein, Henrik will nicht noch mehr haben. Drei Tage später mieteten sich die Holms in Ny Taarbæk Ny Taarbæk (heute: Tårbæk): Alle in dieser Reportage genannten Orte liegen im Norden Kopenhagens an der Öresundsküste zwischen Klampenborg und Helsingör; ursprünglich arme Fischerdörfer wurden sie in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr und mehr von der Kopenhagener Ober- und Mittelschicht als Sommersitze erobert. Seit August 1897 sind die meisten dieser Ortschaften durch die Kystbanen (Küstenbahn entlang des Öresunds: Kopenhagen – Helsingör) verkehrsmäßig erschlossen. Zu Zeiten dieser Reportage (1880) führte die Bahn von Helsingör über Snekkersten und Hillerød (also über das Binnenland) zum Kopenhagener Ostbahnhof (Østerport). ein. Henrik hatte das Spiel aufgegeben: sein Widerstand war in den Kaltschaleströmen seiner Frau ertrunken. Sie und Karoline fuhren in einem Landauer Landauer: Vierrädriger Luxuswagen mit Langbaum. Das Verdeck kann auf- und niedergeschlagen werden. von Haus zu Haus und mieteten zuletzt drei Zimmer mit Zugang zum Garten und einer Veranda, wo man eine rote Lampe an die Decke hängte, einen Pan in die Ecke stellte und einen Strauß Farne auf die theatralischen Blumentischchen aus Eisen mit einer Venus obenauf; das Ganze sah vom Weg aus fast dramatisch aus. Ny Taarbæk war für die Holms genau das Richtige. In Gammel Taarbæk findet man schreiende Extreme. Dort gibt es alte Landsitze mit viel Platz, drei, vier Obstbäumen im hinteren Garten, Kartoffeln, Petersilie und so viele Erdbeerbeete, daß die Frau mit betörendem Lächeln ihren Herrn darum bitten kann, die Erdbeeren vom »Garten« zu versuchen, wenn der Diener die Hagebutten aus Hellerup anbietet, die in einer eisgekühlten Terrine serviert werden. Salon und Eßzimmer befinden sich im Wohnzimmer, ein kleines, einfenstriges Zimmer führt auf die Terrasse; alles in diesem hellen Sommerstil in Blau und Weiß gehalten, wie man es in Romanen liest; weiß lackierte Stühle mit Chintz Chintz: glänzender Baumwollstoff (wachsartig appretierte Oberfläche). bezogen, weiße Tische mit imitierten Marmorplatten und ein Kamin, den man an den kühlen Septemberabenden anfeuert, wenn die Dame des Hauses, nachdem sie ihr Abendessen verdaut hat, die Sterne von der Anstalt an der Langelinie Badeanstalt: Das öffentliche Bad in Klampenborg, das auch über einen Konzertsaal verfügte. aus zu bewundern weiß, Briefe liest oder schreibt, die Füße am Kaminrost wie die Baronessen in den Proverbes dramatiques. Proverbes dramatiques: der französische Dichter Carmontelle (1717-1806) ist der Schöpfer dieser schnell hingeworfenen Skizzen in lebhafter und witziger Sprache, die sich oft auf eine Sentenz oder ein Sprichwort beziehen. In den Sommerhäusern hält man es bis Mitte Oktober aus; dann muß man das Getreide geerntet haben. Außerdem bleibt man so lange wie möglich im Landhaus. Dies weist auf etwas Solides hin, zeigt an, daß man einen Kachelofen hier draußen hat. Und das bedeutet eine weitere Stufe im gesellschaftlichen Rang.   Diese Villen sind alt, man hat sie geerbt, sie gehörten der Familie; sie sind ein Teil des Vermögens ihrer Bewohner. Seite an Seite von ihnen liegen Miethäuser, Fischerhütten, Lehmkaten mit Veranden, die an stinkende Gassen stoßen, Siedlungen, die würdige, ländliche Gegenstücke zu Peder-Madsens-Gang Peter-Madsens-Gang: Berüchtigte Rotlicht-Straße zwischen Østergade (Strøg) und Grønnegade, etwa an der Stelle der heutigen Ny Østergade, unweit von Kongens Nytorv. 1875 abgerissen und saniert. bilden, Löcher, wo man Menschen aus Speichern und in Hinterhäusern zusammenpackt, ein Euphemismus, mit dem man wohlklingend das gichtbringende Elend des undichten Schuppens beschönigt; wo man in demselben Raum ißt, lebt und schläft, wo ein Wandschirm die zerbrechliche Mauer gegen die Wiedergeburt vollständig paradiesischer Zustände bildet; wo man als Speisekammer einen Fliegenschrank benützt, der in dem einzigen Baum hängt, der sich auf der Quadratelle 1 Quadratelle entspricht 0,39 m². Boden befindet, den die Hausfrau als Garten bezeichnet; wo man unmittelbar vor seinem Fenster einen derart stinkenden Rinnstein hat, daß der Rosenaa Rosenaa (heute: Rosenå): »Rosenbach« ist der ironische Name eines heute überdolten Bachs im Stadtteil Vesterbro. Vor der Verdolung eine stinkende Kloake. im Vergleich mit dieser Kloake ein Segen ist; wo man bei Sonnenschein vor Hitze schmachtet, und aufgrund des undichten Daches auf dem Speicher unter einem Schirm sitzen muß, wenn es regnet … wo man wohnt, aber sich nie aufhält, einfach, weil es unmöglich wäre, sich dort aufzuhalten. Aber das macht auch nichts: Vater ist im Laden, Mutter besucht eine Freundin »droben am Hang in Ry«, und die Töchter ziehen mit ihrer Musikmappe und Aufsatzheften jeden Vormittag in die Stadt, um den Freundinnen zu erzählen, wie schön es draußen ist. – Das sind die Mietshäuser. Und so liegen sie aneinander gekleistert versteckt hinter staubigen Bretterzäunen, von der Sonne gebacken, zugestaubt vom Staub der Landstraße, aufgeheizt, eng zusammengebaut, übermäßig beglotzt. In diesen Siedlungen hat man keine Geheimnisse voreinander; alle wohnen in Glashäusern – aber leider, wirft man trotzdem tüchtig mit Steinen. Aber eine solche Fröhlichkeit war nichts für die Holms. »Ny Taarbæk« ist das richtige Milieu. Kleine Häuser, buchstäblich auf Sand gebaut, winzige Veranden mit wildem Wein, ein grüner Rasen zwischen vier Hecken, ein kleiner Hof, wo man einige Kugeln umherkullert und glaubt, man spiele Krocket, wenn man dies tut, ein kleines Wohnzimmer mit einem Sofa und zwei Lehnstühlen, einem Eßzimmer, wo man knapp zu sechst essen kann, eine Küche so groß wie die Kombüse des Kochs auf einem Schoner und zwei kleine Schlafzimmer, wo man der Frischluft wegen bei offenem Fenster schläft. Oben im Giebel ein Loch, wo die Mädchen auf einer Pritsche schlafen und die abenteuerlichen Ängste der Bleikammern Bleikammer: Anspielung auf die Gefangenenverliese unter dem Bleidach des Dogenpalastes in Venedig. aufs neue erleben. Das Ganze sieht aus, als sei es in Eile gebaut worden und solle genau so schnell abgerissen werden. Fachwerk, Bretter, Flechtwerk und Halbsteinmauer. Moderne Baukunst in verkleinerter Ausgabe. Aber man hat es für sich selbst, versteht sich, und Ny Taarbæk hat so viele Vorzüge. Man hat bequemen Zutritt zum Dyrehaven, Dyrehaven: Erholungsgebiet und Jahrmarkt (»Bakken«) nördlich von Klampenborg. wo die Damen des Hauses vormittags mit einem kleinen Klappstuhl und einem englischen Roman, mit dem man nie weiterkommt, hingehen. Dann und wann auch mit einer koketten Staffelei und einem Stück Leinwand, auf dem der Lehrer vorgezeichnet hat, und wo man glaubt, daß man mit dem Hinklecksen von etwas Spinatgrün und etwas Glasblau auf die Leinwand all diese hinreißende Schönheit bannt, die Christian Winther Christian Winther (1796-1876): Dänischer Schriftsteller. Mit seinen Gedichten und Erzählungen ist er ein Repräsentant des poetischen Realismus. Hauptwerk: Hjortens flugt (1855). Seelands sommergrünen Wäldern abgeschaut hat. Man kann auch mittwochs in die Anstalt zu den Sinfoniekonzerten gehen, wo »ganz Kopenhagen« sich trifft, um wie in der Musikforeningen Musikforeningen: »Musikforeningen i Kjøbenhavn«, 1836 gegründet, nahm bald nach ihrer Gründung die vorherrschende Stellung im dänischen Musikleben ein. Ihr Einfluß war unter der Leistung von Niels W. Gade in den Jahren 1850-1890 besonders prägend. über Haydn zu gähnen und um in all diesen Tausenden Feinheiten des Tuches zu glänzen, um deren Vorzeigen sich Damen und Herren zanken. Und dann um sich »die Fremden« anzuschauen: einige Herren in Prunellstiefeln Prunellstiefel: Prunell ist ein dicht verwobener genoppter Stoff, schlehenschwarz; das Wort kommt vom Französischen »la prune«, die Pflaume. und farbigen Hemden mit hellen Krawatten und Goldnadel; Damen in kurzen Kleidern und blauem Schleier und halbnackten Kindern, daß man unwillkürlich dächte, sie wären im Badeanzug und müßten ins Wasser. Es summt im Konzertsaal. Man trifft sich, man grüßt sich, man macht sich den Hof; von oben betrachtet scheint es ein wogender Ball zu sein, alle diese sich schüttelnden Häupter mit ihren weißen Hüten, weißen Schleiern und weißen Federn. Die Bedienungen sprechen deutsch, die Fremden etwas von allem, wir selbst »schlagen mit Sprachkenntnissen um uns, die die Gäste erstaunen lassen.« Die Hitze drückt, die Fächer und die parfümierten Taschentücher wedeln vor und zurück. Die Luft ist durchdrängt von Puder, Rosenduft und Essensgeruch. Das Orchester schwitzt während der a-Moll-Sonate heftig. Der Schweiß tropft langsam von der Nasenspitze des Waldhornisten auf die gestickte Hemdbrust. Gammel Taarbæk trifft sich mit Ny Taarbæk, und man macht einander beim Treffen den Hof. »Die Alten« heißen die neuen Emporkömmlinge, und sie rivalisieren dauernd; man kämpft um Richardts Wagen, um Geermanns Butter und um die Gemüsefrauen; jeder Tag gießt aufs neue Öl ins Feuer der Mißgunst. Dann geht man nach Hause. Der »Strandvej« liegt ruhig da. Drinnen in den Häusern verliert sich das Licht aus dem Wohnzimmer im Laub der Bäume, gleitet durch die Zweige der Sträucher, legt sich wie ein leuchtender Streif über das Resedabeet des Rasens. Das Licht im Gang macht den Schatten der Büsche doppelt geheimnisvoll. Unten am Gartentor hört man gedämpftes Flüstern – man spricht miteinander über die Hecke … Dumpf murmelnd rollt der Sund seine Wellen gegen den Strand. Die Sommernacht ist überall schön. Aber Taarbæk hat keine Zeit, die Schönheit der Sommernächte zu bewundern: Vater muß den ersten Zug nehmen, und Joakim und Ludvig fahren jeden Morgen um 8 Uhr los; man muß früh ins Bett, wenn man um 6 Uhr aufstehen muß. So rast der Herr morgens davon, schlaftrunken, ohne etwas Flüssiges oder Trockenes bekommen zu haben, macht er Tag für Tag einen Wettlauf mit der Geduld Leutnant Lissners, Leutnant Lissner: vermutlich fiktive Figur. der beim ersten Zug das alte Wort von Eisenbahnen, die nicht warten, widerlegt. Keuchend, verschwitzt und aufgelöst erreicht er um 8 Uhr sein Büro ganz draußen in Christianshavn, von wo er um 7 Uhr heimkehrt. Dann bekommt er das Essen, das man aufgehoben hat und das vom Warten im Ofen trocken geworden ist, läßt sich in den Sessel fallen und schläft ein. Aber er läßt sich in einen Lehnstuhl auf dem Lande fallen, er schläft im Schoß seiner Familie im Ferienhaus ein. Die Familie macht Ferien auf dem Lande. »Die Familie« – das ist doch eine Frage. Die Kinder werden um 6 Uhr aufgescheucht, um in aller Eile zu baden, um die Bücher zu richten, kurz drüber zu lesen und atemlos zur Eisenbahn zu stürzen. Von der Eisenbahn hinaus in die Bredgade Bredgade: eine der Kopenhagener Hauptstraßen; sie führt von Kongens Nytorv in nördlicher Richtung bis fast zur Langelinie. oder nach Christianshavn. Die Kinder kommen dort müde, erschöpft und schläfrig an. Dann werden sie Stunde um Stunde in den warmen, aufgeheizten Klassenzimmern eingesperrt, wo man sie mit Gelehrsamkeit voll stopft wie Straßburger Gänse, die nicht verdauen dürfen. Sie schlafen schon in der ersten Stunde ein, die Müdigkeit nach dem Bad, das Rennen zur Bahn, durch die Straßen, jetzt die eintönige Stimme des Lehrers, das Murmeln eines Schülers, wenn er aufgerufen wird – sie fallen in Schlaf. »Adolf!« Adolf fährt mit einem Ruck hoch und packt seinen Cäsar mit beiden Händen. »Drittes Kapitel«, sagt der Lehrer. Man hört ein nuschelndes Murmeln, das wellenartig ansteigt und abfällt, während Adolf im Takt Oberkörper und Kopf bewegt. Der Lehrer sitzt nickend auf dem Pult, mit geschlossenen Augen, die Arme gekreuzt. Auf den Bänken sitzen die Jungen, ihre Köpfe auf die verschränkten Arme gelegt. »Es reicht!« Ein Ruck fährt durch die ruhenden Gestalten. Der Kopf erhebt sich etwas, der Lehrer nickt immer noch … Schleppend vergeht an diesem heißen Sommertag Stunde um Stunde. Um 3 Uhr fahren die Kinder nach Hause. Zu Hause schlingt man das Essen hinab und geht dann in die Mansarde hinaus, um einnickend über den Wissenschaften, die man in Hemdsärmeln und mit der Pfeife, der verbotenen Frucht, beackert, ganz in Schlaf zu fallen. Der Ruf: »Tee, Jungen!« weckt sie. Und nach dem Tee wieder ins Bett. Ja, die Familie macht Urlaub auf dem Land. Man kann dies als komisch ansehen, aber man muß trotzdem zugestehen, daß diese Art von Landleben auch ernst genommen werden kann. Gibt es jemanden, der glaubt, daß ein solches Rennen vom Landhaus zur Eisenbahn und von der Eisenbahn, Straße auf und Straße ab, in eine aufgeheizte Schule für Kinder nützlich ist, die Tag für Tag bald in sengender Hitze, bald im Schneeregen denselben Weg laufen? Immer in Unruhe, immer auf dem Sprung, nie zu Hause, auf Straße und Landstraße zehn Stunden am Tag. Gedränge in der Eisenbahn mit vielen verschiedenen Kindern aus ganz verschiedenen Elternhäusern. Man stürzt sich in den Abteilen über die Hausaufgaben, man schwatzt, schnattert, plaudert und lästert. Die jungen Damen rauchen Zigaretten, die jungen Herren Zigarren, man turtelt, bändelt an, schwärmt, schäkert und benimmt sich affig. Die Stunden in der Bahn bedeuten Erholung von diesem Leben auf dem Lande. Aber – im Ernst gefragt – wo bleibt hier Platz für die Erziehung dieser Kinder? Es gibt genügend Grund zu dieser Frage, denn selbst in der Stadt hat manches Zuhause nur wenig Zeit, seine Kinder zu erziehen. Es ist die alte herkömmliche Art, der man bei der Erziehung folgt. Die Kinder tauchen auf, so schnell, eh' der Deubel die Schuh' anhat, auf jeden Fall, bevor ihre Mutter daran gedacht hat aufzustehen. Sie bekommen eine Tasse Tee in der Küche, das Dienstmädchen steht da und richtet ihre Haare, während sie ihnen die Frühstücksbrote schmiert. Während des Teetrinkens überfliegen sie noch einmal ihre Hausaufgaben, schleichen an der Tür zum Schlafzimmer vorbei, um Mama nicht zu wecken und gehen dann zur Schule. Die Eltern sehen sie erst mittags. Der Vater bittet sie, richtig auf ihren Stühlen zu sitzen und läßt während des Kaffees die zweitälteste Tochter um den Tisch herumgehen mit einem Lineal zwischen den Armen auf dem Rücken. Die Mutter schimpft, weil sie mit dem Messer essen. Der Kleinste bekommt eine Ohrfeige, weil er in der Nase bohrt. Nach Tisch werden Hausaufgaben gemacht. Abends machen die Eltern ihre Besuche. Mama hat in einer Glasschale auf dem Buffet einige Apfelsinen hingestellt. Wenn man sie gegessen hat, klaut man einen verbotenen Roman aus dem Bücherschrank – unselige Gewohnheit, den Schlüssel in Bücherschränken stecken zu lassen – oder man legt sich auf den Eßzimmertisch um zu schlafen … Das nennt sich Erziehung. Und jeder, der zu sich selbst sagt, dies sei nur ein Teil der Wahrheit, darf diese Schilderung als bittere Anklage betrachten. Ja, eine Anklage; denn das ist es, nicht zu erziehen, und das Geschlecht, das seine Kinder nicht erzieht, verurteilt sich selbst zum Tod. Die Eltern überlassen alles der Schule, man bezahlt ja schließlich genügend Schuldgeld, und das Zeugnis ist ja auch gut. Vilhelm wird wohl die besten Noten zum Examen in der Schule bekommen! Die Schule, wo man, obwohl man die Jungen von fünfzehn Jahren zu Spezialisten ausbildet, den Stoff nicht bezwingen kann, ohne die Schüler bis zum Hals vollzustopfen, wo man einpaukt, eintrichtert, flüchtig übergeht, wo man fünf-sechs Sprachen in den Köpfen Sechzehnjähriger tanzen läßt, wo das Zeugnis alles bedeutet, und der Charakter nichts – ja, man kann ruhig alles der Schule überlassen. Aber wann findet man die Zeit zu erziehen? Gewiß, die Versuchungen sind den Kindern näher auf den Leib gerückt, die Ansteckung ist höher, die Nerven reizbarer, Zeitungen, Illustrierte, Diskussionen und Gespräche, die man in Anwesenheit der Kinder führt, lassen sie an tausend Dingen teilnehmen, die Kinder nie hätten erfahren dürfen; gewiß, Kopenhagen ist eine große Stadt, Schulen und Elternhäuser liegen oft mit den moralischen Kloaken der Großstadt Seite an Seite – auf jeden Fall gibt es in Kopenhagen eine Schule, die eine – gelinde gesagt – eigentümliche Lage hat, – was soll's, die Zeiten sind gefährlich – aber sie sind auch streng, und Vater hat es schwer genug, für das tägliche Brot zu sorgen. – Vielleicht, aber in einem solchen Fall muß man sich an die Mütter wenden, um ihnen klar zu machen, daß nicht die Schule ihre Kinder erzieht, daß sie es nicht kann und nicht tut; daß die Schule, die vollauf damit beschäftigt ist, sie zu unterrichten, kaum Auge auf ihr Leben haben kann, geschweige denn auf ihre Träume. Doch gerade über die Phantasie der Kinder muß man wachen, ihren Träumen muß man eine Richtung verleihen. – Unsere Kindheitsträume bestimmen unser Leben … Dieses Thema aber ist für meine flüchtige Feder zu hoch – und wir befinden uns außerdem in Taarbæk. Manchmal stehe ich in der Versuchung zu meinen, der Feuilletonist sei eigentlich der glücklichste Mensch auf Erden – er kann alle Themen streifen und muß ihnen nicht auf den Grund gehen; das ist angenehm, denn auf dem Grund gibt es immer Schlamm … Wie gesagt, »Alte« und »Neue« streiten miteinander. Nur in einem sind sie sich vollständig eins: »Verachtung für die aus Charlottenlund.« Charlottenlund: Erholungsgebiet und Ort nördlich von Hellerup, bekannt durch sein Schloß mit Park und Danmarks Akvarium. Sie kennen Charlottenlund? Sie fahren dort nie hinaus? Das kann ich gut verstehen.   Einige von der Sonne ausgedörrte Vogelkäfige, die auf einem Acker aufgestellt wurden, wo Schatten nur ein Wort ist; Sandwüsten, denen man den Namen Gärten gibt, hier und da ein verkrüppelter Strauch, der dafür um Verzeihung zu bitten scheint, daß es ihn gibt. Schließlich bei jeder Villa einen Hühnerhof. Hühnerhöfe sind die Spezialität von Charlottenlund, man exportiert Hähnchen. Dann die Nachbarschaft zum Wald, ein zweiter Dyrehavsbakke ohne Madame Lund-ager Madame Lundager: ihr Stand befand sich in Jægersborg Dyrehave. und ihre Waffeln. Ohne zu übertreiben: zweifellos ein richtiger Dyrehavsbakke. Da ist das Grøndalshus, Grøndalshus: beliebtes Wirtshaus mit Tanzboden. eine ländliche Tanzstätte, wo alles ländlich ist, und wo möglicherweise nur hier die ländliche Unschuld erlebt werden kann; da ist Gyldenlund Gyldenlund: Wirtshaus im Wald von Charlottenlund, das viele Jahre hindurch mit jungen Sängerinnen warb. mit seinen fremden Artisten, der Alexanderpavillon, Alexanderpavillon: Sängerinnenpavillon am westlichen Waldrand, der Ende der 1880er zusammen mit Gyldenlund wegen Beschwerden der Nachbarschaft geschlossen wurde. Egely, Stalden Stalden: »Over Stalden«, Wirtshaus in Charlottenlund. und noch ein Pavillon, dessen Name ich vergessen habe. Birket Birket: wahrscheinlich der Name des zuständigen örtlichen Polizeimeisters, der noch nicht gegen das Unwesen der singenden Mädchen eingeschritten ist. hat diesen Teil des Waldes tatsächlich mehr als reichlich mit Nachtigallen Nachtigallen: Bezeichnung für leichte Sängerinnen. bevölkert. Warum läßt man diese Kneipen zwischen Stadt und Bakken ihre lohnenden Geschäfte machen? Fragen Sie mich nicht danach, denn auch ich finde dies merkwürdig. Es sei denn, man tut es, um die unglücklichen, alten und verwelkten Frauen, die hier – ihre letzten Verse – singen, bevor sie in dem dunklen Strom verschwinden, der ihr Elend schluckt, zudeckt und verschwinden läßt, ihr Leben noch eine Weile fristen zu lassen. In solch einem Fall denkt man aber möglicherweise zu menschenfreundlich. Möglich ist auch, daß diese Einrichtungen nicht schaden. Wohl ist der Ton frei, die Gesänge lebhaft; Komikerinnen spielen Damen, Komiker sind als Herren äußerst glaubwürdig, die Lieder würden wohl kaum von der Kopenhagener Polizei zugelassen werden, aber das Ganze ist so abscheulich ärmlich, abschreckend knochig, aufgedonnert und alt, daß es niemanden in Versuchung führen kann. Nur glaube ich, die Miete in Charlottenlund stiege nicht wenig, wenn man die Zelte schlösse. Taarbæk und Charlottenlund sind die Hauptquartiere der Sommerfrischler – vorläufig. In zwanzig Jahren wird die vornehme Gesellschaft Ny Taarbæk verlassen haben und weiter gen Norden gezogen sein. Nun ist Rungsted für sie, die morgens und abends fahren müssen, die Grenze. Skotterup Skotterup: Badehotel zwischen Espergærde und Snekkersten. gehört den Schauspielern, Snekkersten den Feriengästen, Hellebæk gehört allen. Aber der Strom zieht nach Norden: das Wasser ist besser, die Luft frischer, die Baugrundstücke sind billiger. Nur eines bedaure ich; die armen Kinder in der Zukunft, die von Hellebæk aus nach Kopenhagen in die Schule müssen. Aber laß Zukunft Zukunft sein. Vorläufig ist Vedbæk ein Ort von Ferienhäusern und nicht irgendein Ort, Rungsted ländlich, Hellebæk das Land. Dort kann man ein kleines Haus am Hang des Strandes finden, in dem die Decke niedrig ist und wo man sich in der Türe bücken muß, um hineinzukommen; wo man sein Fleckchen Garten bestellen kann, ohne dauernd begafft zu werden, und wo man, ohne Anstoß zu erregen, in Hemdsärmeln in der Hängematte unter den Kirschbäumen faulenzen kann. – Oder man zieht weiter aufs Land in einen richtigen Bauernhof mit großen Räumen und einem Obstgarten mit dichten Hecken um die Rosenbeete herum. Hier weilt man richtig auf dem Land. Hier gibt es Feldwege und einsame Pfade in den Wald und Zaunübergänge und eine schlichte Bank unten beim Bach hinter der Mühle. Die junge Frau trinkt morgens süße Milch, direkt von der Kuh. Und die Kinder fahren auf dem Heu mit, wenn der Bauer einfährt. – Das ist ländliches Leben, aber jedem das Seine, und hier gibt es weder Konzertsaal noch Tombola mit Roulette. Deshalb ist es gut, daß jeder nach seinem Gutdünken auswählen kann und das entlang der Küste bekommen kann, was er möchte. Aber – zeige mir Deine Sommerwohnung, und ich werde Dir sagen, wer Du bist. Zeige mir Deine Sommerwohnung, und ich werde Dir sagen, wer Du bist: Bangsche Abwandlung des Sprichwortes: »Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist.« Das Sprichwort entstammt vermutlich einer Sentenz des Euripides (484-406 v.Chr.) im Fragment Phoenix. Die heute verwendete Form findet sich wohl zuerst in Cervantes Roman »Don Quixote de la Mancha« (1605-1615). 22.8.1880 Rue de Venise, numéro vingt-six Lassen Sie uns die Straße »Rue de Venise« nennen! Eine ruhige Straße, unweit des Boulevards. Straßenbahn. Straßenbahn: Hier handelt es sich um eine Pferdestraßenbahn; die erste elektrische Straßenbahn weltweit fuhr im Linienbetrieb erst ab 1883 in Berlin-Lichterfelde (Probebetrieb ab 1881). Nun – Madame hat Recht, die Rue de Venise liegt weiter vom Nordpol, aber es sind geradewegs zwanzig Minuten zu Fuß zur Rue des Capucins; und Madame Madame la directrice: Frau Direktorin. hat zweimal Recht, eine Straßenbahn gibt es auch, die Gesellschaft fand es der Mühe nicht wert, die Schienen herauszureißen, als sie vor drei Jahren in Konkurs ging. Sonst nur eine graue Straße. Alles in der Rue de Venise ist grau. Die Häuser, die Türen, die Gesimse, die Vorhänge vor den Fenstern, schmutziggrau, muffig. Die ganze Straße ist wie von Schimmel bedeckt. Als man das letzte Mal einen Farbtopf in der Rue de Venise sah, diente dieser dazu, ein rotes Schild für Herrn Raideurs Internat zu malen. Ein prächtiges Schild, auf dem die Buchstaben von lächelnden Kindergesichtern, rund wie Kugeln, gebildet wurden, zufrieden wie Posaunenengel, und das »T« ist ein Engel mit einer Trompete. Aber das Internat des Herrn Raideur stört den Frieden in der Venediger Straße nicht. Es ist völlig ruhig hinter den mit Kreide zugemalten Fenstern, im »Heim«, dem grauschwarzen Haus mit den tiefen Fenstern und den dicken Mauern. Mitten an der hohen Tür ein Türklopfer, groß, ein Löwenhaupt mit offenem Rachen, wie ein Siegel für das Internat Herrn Raideurs, wo Madame la directrice den dankbaren Lehrlingen des Monsieurs liebevolle und mütterliche Pflege schenkt. Manchmal hält eine Droschke vor der Tür mit dem roten Schild, und es ertönt ein heftiger Schlag mit dem aufgerissenen Löwenkopf. Dann weiß die Straße, daß das Institut mit den lächelnden Gesichtern wieder einen Schüler mehr bekommen hat. Ein Vormund, der sein Mündel in dieses stille Haus gebracht hat, wo man ohne Extrabezahlung die Ferien verbringen kann. Sonst ist das Haus mit den lachenden Engeln ruhig.   Die Schüler des Herrn Raideur spielen nicht. In ihrer Freizeit sitzen sie in die vier Ecken verkrochen und leise flüsternd ruhig da, wo die abgestorbenen, jämmerlichen Akazien, die der Prospekt Garten nennt, stehen – ein Kiesflecken mit einigen Grasbüscheln und dann diese staubbedeckten, schmachtenden Bäume mit abgeschabter Rinde und gelbgeränderten Blättern. Ringsum Mauern, feuchte, schwarze Mauern, die nie die Sonne gesehen haben. Nur freitags öffnet sich die graue Tür. Herr Raideur geht mit seinem Institut spazieren. Und wenn sich in der Venediger Straße der eine oder andere Mitleidige findet, schaut er lange dem merkwürdigen Zug nach. Zuerst Herr Raideur. Ein langer, zerschlissener Mantel, der um eine knochige pergamenttrockene Gestalt schlottert, Quäkerhut, Brille auf einer spitzen Nase, die ein Paar rotumrandete Augen bedeckt, deren Farbe hellgrau ist. Herrn Raideur folgen die Schüler ohne zu sprechen. Sie gehen ängstlich, als wolle sich der eine auf den anderen stützen; gelbbleich, mit großen Augen, vornüber gebeugt, mit Hemden, die zu klein sind, Hosen, auf deren Beine sie ständig treten, gestopften Strümpfen in Schuhen, die niemals passen. Hoch aufgeschossene Jungen, die zu schnell gewachsen sind, kleine Gnome mit großen Köpfen, im Wachstum stehen geblieben … Herr Raideur schreitet würdevoll durch die Straße. Wenn er zu Nummer 26 kommt, grüßt er ehrerbietig. Madame öffnet das Fenster, und der Direktor zeigt mit seinen Mephistophelesfingern auf seine blühenden Lehrlinge. Madames Doppelkinn lächelt, und Herr Raideur schreitet mit seinen wandernden Kümmerlingen weiter … Findet sich aber in der Venediger Straße die eine oder andere mitleidige Seele, der dieser Anblick, der zum Leben dieser grauen Straße gehört, nicht vertraut ist, wird er dem Zug mit seinen Augen folgen, bis er an der Ecke zur Rue de Paris abbiegt … Bei Nummer 26 gibt es kein Schild. Madame würde es nicht passend finden. »Man findet mich auch ohne Werbung«, fügt Madame hinzu, während sie gleichsam breiter wird, in ihrem schwarzen Atlaskleid mit den leuchtenden Säumen. Man findet sie. Eine Droschke mit einem Lederkoffer und einigen alten Hutschachteln hält unter dem Altan vor der Tür, Jeanette öffnet. Und der Fremde geht durch Madames gastfreundliche Tür auf den Marmorfliesen des Eingangs hinein. Jeanette bittet den Fremden, im »Salon« zu warten. Ein großes Zimmer im Erdgeschoß. Wenn Jeanette die Tür öffnet, schlägt einem modrige Luft entgegen, ein gemischter, vergessener Mief wie aus den Kleidern armer Leute oder einem alten Kleiderschrank. Madame klopft nie ihre Möbel aus; sie haben immer wie jetzt gestanden, Jahr und Tag unberührt, so lange wie Madame ihr schwarzes Atlaskleid gehabt hat und beim Essen den Vorsitz geführt hat – und das ist schon sehr lange. Aber sie sind auch zu empfindlich um weggeschoben zu werden, bleiche, dünnbeinige Möbel, die nichts aushalten. Mitten auf dem Boden steht ein runder Tisch mit dünnen Beinen, mit Papier unterlegt, zwei Lehnstühle mit wackligem Rücken, bedeckt mit grauweißen Tüchern. An der rechten Wand ein Klavier. Mrs. Lee versucht, auf diesem Klavier zu spielen, Madame händigte den Schlüssel mit einem Lächeln aus und erklärte, die Saiten könnten vielleicht etwas verstimmt sein … Nach fünf Minuten gab ihr Mrs. Lee den Schlüssel zurück, Madame nahm ihn mit dem gleichen Lächeln entgegen – und seither hat niemand mehr auf dem Pianoforte der Pension gespielt. Längs der Wände Stühle, mit schiefen Beinen, mit rotem Bezug, der im Dämmerlicht des Salons ausgebleicht ist, gepolstert, hellrot, angeschimmelt in der stehenden Luft hinter den dünnen Vorhängen, deren Stoff grauweiß zur Straße weist. Gleich vor der Tür der Kamin. Eine Marmorplatte, grau von Staub und Ruß. Der Rahmen des Spiegels ist vergoldet, die Verzierung angelaufen, die Spiegelfläche gleichsam von Nebel bedeckt. Jahrelanger Staub und Schmutz haben sich wie Rinde über das Glas gelegt. Vor dem Spiegel ein paar Vasen, jeweils neben der schwarzen Marmoruhr mit der Bronzefigur. Madame behauptet, diese Figur sei ein Kunstwerk – eine Göttin mit einem Füllhorn. Der rumänische Prinz versichert, dies sei ein Symbol. Wahrheit ist jedoch, daß Madame die Figur bei einem Trödler in der Rue aux Herbes Potagères für drei Franken Franken: 1865 gründeten Frankreich, Belgien, Italien und die Schweiz die Lateinische Münzunion, die dann praktisch in den meisten europäischen Staaten bis zum 1. Weltkrieg galt. 1 franz. Franc entsprach 4,5 g Feinsilber = 1 Franc Belgien, 1 Franken Schweiz, 1 Lira Italien. Zwei silberne 5-Franc-Stücke (= 45 Gramm Feinsilber) entsprachen einem goldenen 10-Franc-Stück (= 2,9032 Gramm Feingold), also 15,5: 1 (heute liegt das Verhältnis von Gold zu Silber zwischen 50:1 und 60:1). Danach wird sich in dieser Skizze, die in Brüssel spielt, 1 belgischer Franken kaufkraftmäßig auf etwa ca. € 50 (Goldstandard) oder ca. € 22 (Silberstandard) belaufen. gekauft hat. Vor dem Kamin thronen die Prachtmöbel des Hauses, einsam, in schreiendem Gegensatz zu den anderen Möbeln, die ganze feingliedrige Dünnbeinigkeit und gebleichte Trödler-Unbequemlichkeit zerstörend. Ein Paar bestickte Thronsessel mit hohen Lehnen und festen Beinen. Alles ist unbewohnt, leer. Die Stühle in Reihen, das geschlossene Klavier, die Vorhänge in heruntergekommener Dürftigkeit, die Ausgebleichtheit des Unbewohnten und die schwere Luft. Mitten auf dem Boden die Silberhochzeitsstühle in Reihe. Madame bekam diese Stühle von einem Verwandten zum 25jährigen Hochzeitstag geschenkt. Ein wahrer Festtag, diese Silberhochzeit. Die Geschwister Day konnten sich noch gut daran erinnern und sprachen oft davon: Monsieur wurde aus dem Keller geholt – tagsüber hielt sich Herr Dubaisse in diesem Raum auf, übrigens eine ganz gewöhnliche Erscheinung, Herr Dubaisse mit stumpfsinnigen Augen, einem etwas struppigen, zerzausten Bart, abgebissenen Fingernägeln und einer leuchtenden Seidenweste über dem sich wölbenden Bauch. Herr Dubaisse zählt die Wäsche ab und schreibt die Rechnungen des Pensionats, Madame nennt dies, die Bücher des Hauses zu führen; er ißt bei Tisch nicht mit – und man speiste im Salon. Die Geschwister Day erinnern sich überaus deutlich daran. Man speiste Truthahn und als Zwischengericht Filet mit Trüffeln. Herr Dubaisse trank, bis er wieder in seinen Keller gebracht wurde, und Madame weinte. Was die Stühle betrifft, pflegte man sich nicht auf sie zu setzen. Abends räumt man sie in eine Ecke, und die Geschwister Day, denen auf Grund ihres Alters dieser Platz zukam, setzten sich auf die Dünnbeinigen vor den Kamin. Nur ce pauvre prince Ce pauvre prince: Dieser arme Prinz. setzt sich manchesmal rittlings auf Frau Dubaisses Heiligtum. Er tut, als wäre nichts geschehen, schlägt seinen Klappzylinder auf die gestickte Lehne und lächelt. Manchmal knackt er jedoch Nüsse und wirft die Schalen auf den Teppich. Und Madame duldet das. Sie duldet beim Prinzen Unglaubliches. »Sie verstehen« … sagt sie, während sie die Goldkette durch ihre fetten weißen Finger gleiten läßt und ihre angemalten Augen zur Decke hebt – Madame schminkt ihre Augen, ist im ganzen gesehen eine gut erhaltene Dame, Madame, trotz ihrer fünfzig Jahre, mit Locken um die Schläfen an der Stirn und einem großen, tief ausgeschnittenen Kragen, das Kleid leicht geöffnet in einem eigentümlichen Dreieck, wo eine Wolke aus Tüll diskret den Berg der Wonnen bedeckt, ce pauvre prince treibt mit diesem Tüll oft seinen Schabernack. Einmal beim Nachtisch kitzelte er sogar Madame … aber abends bekam er seine Rechnung, eine sehr hohe Rechnung, von Herrn Dubaisses flotter Bürohand geschrieben. Sonst pflegt Madame dem Prinzen keine Rechnung zu stellen. »Sie verstehen« … und die Augen von Frau Dubaisse suchen wieder die Decke … Der Fremde hat im Salon gewartet. Jetzt geht die Türe auf. Madame entschuldigt sich für ihre Kleidung … Gerade heraus gesagt, Frau Dubaisse hat kein Korsett an, und das lose Leinenkleid ist nicht ganz sauber. Eine Ninonhaube Ninon: Haube aus weichem Seidenstoff. verbirgt nur unvollständig die kokettierenden Lockenwickler. Madame möchte Monsieur das Haus zeigen. Ein Zimmer im zweiten Stock – magnifique. Magnifique: wunderbar, großartig. Frau Dubaisse geht als erste die Treppe hinauf. Latschen aus graubraunem Filz an den massigen Füßen werden sichtbar. Auf der Treppe riecht es nach Schimmel. Madame zeigt auf den ersten Stock. »Monsieur Bennett«, sagt sie und deutet auf die Tür. Monsieur Bennett hat den Salon mit dem Altan Altan: Größerer Balkon, der vom Erdboden aus gestützt ist. und bezahlt acht Franken am Tag pro Person. Frau Dubaisse hat großen Respekt vor Monsieur Bennett. Und Madame Bennett – oh, monsieur, elle chante, chante divinement. Oh, monsieur, elle chante, chante divinement: Oh, mein Herr, sie singt, sie singt göttlich. Ein Seufzer, der Madame noch mehr anschwellen läßt, illustriert die Göttlichkeit des Gesangs der Dame. Übrigens ist Monsieur Bennett ein englischer jüngerer Sohn, der bei einem Café-Konzert in Lille über Madame Bennett gestolpert ist, wo die Dame kostümiert Leonoras Arie des Troubadours Die Arie des Troubadours: Giuseppe Verdis Oper Il trovatore (1853, dänisch Trubaduren , 1865), nach dem Text des spanischen Dichters Garcia Gutiérrez aus dem Drama El Trovador (1836). sang … »Mr. Enox«, sagt Madame und weist auf die andere Tür. Geht dann weiter, ohne Frau Enox ein weiteres Wort zu widmen. Frau Dubaisse stöhnt. »Der Garten«, sagt sie und zeigt durch das Gangfenster. »Wie ich diesen Fleck liebe!« Ein Rasen ohne Gras mit einem Birnbaum, dessen Früchte den ganzen August hindurch den Nachtisch liefern, zur Mauer hin einige Farne, die den Himmel um Vergebung zu bitten scheinen, weil sie noch nicht eingegangen sind. »Das Treibhaus«, sagt Madame und zeigt hin. Man sieht ein Glasdach mit einer grünen Bank darunter. Madame beehrt dieses Glasdach mit dem Namen »Treibhaus«. Man kommt zu dem Zimmer im zweiten Stock. Der Raum ist zwei Ellen Elle: 1 dänische Elle beträgt 62,77 cm, 1½ Ellen sind 94,1 cm, 2 Ellen 1,26 m. breit und 1½ Ellen lang, zwei Stühle, gespenstisch schlank, ein Tisch, rote Vorhänge. Es riecht nach altem Staub, den Jeanette gewissenhaft in die Ecken fegt. Frau Dubaisse hält sieben Franken für ein angemessenes Entgelt. Dann bittet sie Monsieur, zum Mittagessen hinunterzugehen. »Madames Day«, sagt sie und zeigt auf die gegenüberliegende Tür. Au troisième le prince. Au troisième le prince: Im dritten (Stockwerk) der Prinz. Es ist wie nach einem schnellen Strich, nach dem man einen Punkt gesetzt hat. Man betritt La salle à manger. La salle à manger: der Speisesaal, (größeres) Eßzimmer. Der faulige Geruch des Hauses mit einem Zusatz von verbranntem Fleisch, angebrannten Zwiebeln und angesengten Kartoffeln. Von Madames Küche bekommt man eine Ahnung, die einen erstarren läßt, wenn man diesem Geruch begegnet. Jeanette trägt auf. Man kann sich kaum jemand Ausdauernderen vorstellen als Jeanette. Sie steht um 5 Uhr auf, serviert mit ihrem leicht buckligen Körper Tee, fegt den Schmutz in die Ecken, reibt die Bronzefigur ab, rennt treppauf, treppab zum Prinzen au troisième, der jede Minute läutet. Sie richtet das Mittagessen an, kleidet Mrs. Enox an – Frau Bennett hat eine Kammerzofe, stumpfnäsig, mit tiefem Ausschnitt und Stöckelabsätzen – hilft Madame im Keller, serviert Kaffee, bedient beim Abendessen, wäscht das Geschirr ab, kocht Tee, macht Besorgungen und dient als Pförtner. Und immer ist ihr Gesicht mit dem glatt gekämmten Haar gleich fröhlich. Sie kommt erst spät in der Nacht ins Bett und muß um 4, 5 Uhr dem Prinzen aufschließen. Sie nährt unbedingte Ehrfurcht vor Madame. Jetzt beim Mittagessen reicht sie dem fremden Gast die Schüssel mit den Koteletts mit einem verhaltenen »S'il vous plaît«, S'il vous plaît: Bitte sehr! , zeigt auf die Herrlichkeiten auf dem wackelnden Tisch und entschwindet. Lange am gleichen Ort kann Jeanette nicht sein. Einige Knochen, umhüllt von einer trockenen, lederartigen Ingredienz, die in einer fettigen Brühe mit schwarzem Bodensatz schwimmen. Man hat sich nach und nach angewöhnt, dies ein Kotelett numéro vingt-six zu nennen. In einer Glasschüssel schwimmen ein paar Pflaumenschalen in Zuckerwasser. Frau Dubaisse hat kundgetan, daß sie Mittagessen mit Nachtisch serviert. Aber das Abendessen ist der Höhepunkt des Tages. Man ißt um 7 Uhr. Mr. Dubaisse läutet mit einer großen Glocke am Eingang, und fünf Minuten später richtet Madame an. Der Speisesaal ist erleuchtet, Madame präsidiert in ihrem Atlaskleid am Tischende direkt an der Tür. Frau Dubaisse weiß zu lächeln, sie variiert ihr Lächeln bei jedem Gast und läßt endlich, wenn Mr. Bennett hereinkommt, ihr schwellendes Kinn im diskreten Tüll fast verschwinden. Mr. Bennett kommt immer zuletzt. Er nimmt gegenüber Madame Platz und läßt seine gepflegten diamantbesetzten Finger mit seiner Gabel spielen. Mr. Bennett hat sein eigenes Service. Die Schwestern Day kommen zuerst. Schnatternd, einander ins Wort fallend, einander wie zwei Tropfen Wasser gleichend, gleich gekleidet. Sie gehen immer im Gänsemarsch, die eine trippelt in gleichem Takt hinter der anderen her. Sie haben eine sehr feuchte Aussprache, und wenn die Ältere die Jüngere unterbricht, setzt letztere mit einem langen unartikulierten aa-aa fort, die als nickende Begleitung den Worten der anderen folgt. Unendlich einschläfernd. Und wenn sie sprechen, wiegen sie dauernd ihren Kopf sachte von rechts nach links. – »Go-ott«, so die Jüngere, »wie es heute nacht doch gestürmt hat. Das Da-ach.« Sie dehnt das »a« in langem spuckendem Schnattern, das schnell von der Älteren aufgegriffen wird. »Wackelte richtig«. – Und die Ältere fährt fort, während die Jüngere sie mit »aa-aa« begleitet – wie um den Jammer des Sturmes zu illustrieren. Der Prinz macht sich über die Schwestern immer lustig. Er fragt sie nach dem einen oder anderen, regt sie auf, und wenn sie sowohl mit dem Erzählen als auch den »aa« in Fahrt gekommen sind, bremst er sie jede Minute aus. Außerdem will Mrs. Day, daß er in die Kirche geht. Jeden Sonntag ziehen die Schwestern davon, in schwarzem Seidenkleid, Spitzenschal und mit Gesangbuch, die eine hinter der anderen hertrippelnd, während die Blumenfeder auf den Kapotthüten schwankt, und sie schreiten federnd in Brunellstiefeln, Brunellstiefel: Schwerer, geköperter Stoff aus Wolle, der für Schuhwerk, Stiefelschäfte u.ä. verwendet wurde. flach, plattfüßig, ohne Absätze. Sie erinnern an Enten. Der Prinz hat sie erbost. Er hat eine Geschichte vom »Café Royal« erzählt, von einer Schlägerei mit Champagnerflaschen. Er hat bestimmte Einzelheiten berichtet. Die Schwestern sitzen, mit dem Kopf wackelnd, schweigsam über ihren Suppentellern. Madame nennt dieses Nudelfluidum Suppe. Die Geschichte interessiert Mrs. Enox. Sie beugt sich zum Prinzen vor, während er seine gepuderten Wangen mit einem Fächer aus rotem Schirting Schirting (Skirting): Hemdenkattun aus Baumwollgarn, mäßig dicht gewoben. verdeckt. Und der Prinz flüstert noch leiser mit der Witwe. Am oberen Tischende lacht man laut. Die Dame aus Lille, deren Augen von schwarzen Schatten umrahmt sind, kokettiert mit dem jungen Enox hinter einer Weinflasche. Der junge Enox hat eine Jacke an, deren Ärmel er ständig hinab zieht, um seine breiten, stark geröteten Handgelenke zu verbergen; man spricht ihn mit »Georges« an. Ein aufdringlicher Bursche mit stechenden Augen und wulstigen Lippen, der überall seine Nase hineinsteckt, liest die Briefe seiner Mutter und küßt Frau Bennetts Kammerzofe auf der Treppe. Nun lacht er mit dem unangenehmen, rostigen Lachen des Übergangsalters kratzig auf. »Georges«, weist ihn Mrs. Enox zurecht. Der Prinz aber läßt nicht ab. Er spricht zu Madame über den Tisch hinweg, über den australischen Arzt mit Familie hinweg. Die Australier trinken Bier und löffeln ihre Suppe. Madame bereut, sie in Vollpension genommen zu haben: Die Kinder essen so unglaublich viel. Die Familie besteht aus sechs Personen und hat zwei Zimmer hinter der Salle à manger. Salle à manger: Speisesaal, (größeres) Eßzimmer. Mr. Bennett hat diese Familie noch gar nicht bemerkt. Madame schöpft mit leicht zitternder Hand die dritte Portion für einen der Australier. Der Prinz grüßt Miss Lee. Miss Lee ist sehr zugeknöpft, steif, mit einem Leinenstreifen am Hals, das Haar hochgesteckt, mit einer weißen Stirn. Sie hat ein Zimmer au troisième . Sonntags trägt sie ein rotes Seidenkleid, genauso zugeknöpft, genauso unbeweglich. Sie sitzt am runden Tisch und liest in der Bibel, geht dreimal in die Kirche. Sie ist achtundzwanzig Jahre alt. Damals, als sie um den Schlüssel für das Klavier bat, war dies um Long, long ago, long ago! Long ago, long ago! Lang, lang [ist es] her; Motto von Bangs »Det hvide hus« (1899) und »Det graa Hus« (1901): »Tell me the tales, / that to me were so dear, / long long ago / long long ago.« Der Vers stammt aus einem Volkslied der englischen Romanautorin Ada Ellen Bayly, besser unter dem Pseudonym Edna Lyall bekannt. zu spielen. Sie beantwortet den Gruß des Prinzen mit einer steifen Bewegung des Halses. Sitzt mit einem Stock im Rücken, wie ein lebende Demonstration gegen seine Unterhaltung. Jeanette stellt die Kartoffeln auf den Tisch. Zwei große Schüsseln. Frau Dubaisses Küche gründet auf diesen Bergen. Begierig werfen sich die Australier auf die Schüsseln, Jeanette reicht einen Teller umher. Madame erklärt dem Prinzen, es handele sich um Curry. Er nimmt mit einer Grimasse davon, Mr. Bennett übergießt seinen Teller mit englischer Soße. Englische Soße: Wahrscheinlich ist hier die Worcestershire-Soße gemeint, die seit den 1830er Jahren in England hergestellt wurde und in Europa weit verbreitet war. Sie besteht ursprünglich aus Essig, Melasse, Zucker, Salz, Sardellen, Tamarinden-Extrakt, Zwiebeln, Knoblauch, verschiedenen Gewürzen sowie natürlichen Aromen und reift mehrere Jahre lang in geschlossenen Behältern (Fermentation). Eine verkochte Brühe aus wiederverwendetem Kalbfleisch mit Wasser und einem Zusatz von Salz. Der Prinz beginnt wieder zu erzählen. Unten am anderen Tischende fangen die Schwestern ein Gespräch mit der Frau aus Australien an. In aller Vertraulichkeit. Der Umgangston hier im Haus sei verdorben – absolut, wirft die Jüngere ein – absolut verdorben, schnattert leise die Ältere, durch diesen Prinz. – Ein Prinz aus Rumänien, die nie seine Rechnungen bezahlt. – Und das mit den Rechnungen ist merkwürdig. Eines schönen Tages kam der Prinz vor Numéro vingt-six mit zwei großen Koffern mit gekrönten Namensinitialen und drei Hutschachteln mit Pariser Aufschrift vorgefahren. Er mietete das Altanzimmer, stand erst zum Mittagessen auf, kam manchesmal im Schlafrock und manches Mal im Frack. Er lächelte, schlug seine langen Beine übereinander, zwirbelte seinen wunderlichen Knebelbart. Seine Augen waren sehr dunkel, mit blauen Pupillen. Er erzählte Geschichten vom Hof in Wien und zeigte Mrs. Enox sein Album mit Bildern von Aristokraten aus der ganzen Welt. Nur in England war er nicht gewesen. Er machte Madame den Hof, drückte ihre Hand sehr lange und beschäftigte sich, wie gesagt, neckisch mit ihrem diskreten Tüll. Nach einem halben Jahr betrug seine Rechnung 2000 Franken, Madame bat ihn, au troisième Au troisième: In den dritten Stock. zu ziehen. Dort wohnte er immer noch … Madame konnte mit »dem armen Prinzen« doch nicht streng sein! Nur wenn der Prinz beim Nachtisch Mrs. Enox zu nahe rückte, konnte sie hinter der großen Kuchenschale dem Rumänen einen scharfen Blick zuwerfen. Einmal, als sie die Witwe in einer ziemlich verfänglichen Situation mit dem Prinzen im Salon getroffen hatte, schlug sie hinter sich sogar die Tür laut zu und sprach draußen im Treibhaus in spießiger Entrüstung zur Schwester von Damen, die Witwen von Männern waren, die niemand je gesehen hatte. Sonst aber redete Madame nie schlecht über ihre Gäste. Miss Lee demonstriert immer noch. Jeanette bringt Schnittbohnen zu den Hühnern hinab. Frau Dubaisse schneidet auf. Ihr Gesicht ist sehr ernst. Die Schwestern verschlingen die Hühner mit ihren Augen. – Der Prinz gibt mit einem Pfeifen zu erkennen, daß er das Abendessen verlassen wird. »Wohin will er?« – Frau Dubaisse klingt sehr warm. »Es wäre eine Beleidigung, dies Madame zu erzählen.« Der junge Enox sieht ihm lange nach. Seine Mutter lacht. »Le gommeux!«, Le gommeux: Sicherlich Verballhornung von »Le gourmet«, Feinschmecker, Genießer. sagt sie. Jeanette bietet Birnen an. Nach dem Abendessen begibt man sich in den Salon. »Die Schwestern« setzen sich auf die Dünnbeinigen vor dem Kamin, Miss Lee sitzt still in einer Ecke. Mrs. Enox geht ins Theater; Mrs. Enox geht oft ins Theater, in großem Abendkleid, mit strahlenden Augen und viel falschem Haar. Mrs. Enox kann noch sehr schmuck aussehen, wenn sie ausgeht. – Währenddessen hilft Madame selbst der Frau mit ihrer Kleidung, dann nennt sie sie ihr Kind und küßt sie auf die Stirn. Wenn Mrs. Enox ins Theater geht, kommt sie niemals vor Mitternacht nach Hause. Die australischen Kinder schlafen rundum auf den Stühlen, Bennetts ziehen sich zurück. Dann hört man oben aus dem Altanzimmer Mrs. Bennett zu ihrem eigenen Klavierspiel singen. »Divinement«, versichert Madame der australischen Familie, während sie die Schultern hebt und von ihrer Patience am mittleren Tisch aufsieht. Die Australier hören einige scharfe, langgezogene gellende Schreie und heftige Begleitung. Die Schwestern nicken vor dem Kaminfeuer, Miss Lee näht in zugeknöpftem Schweigen … Madame knöpft ruhig an ihrem Kleid zwei Knöpfe auf. – Um ½ 11 Uhr wird im Salon das Licht gelöscht. Jeanette sitzt vor dem Kaminfeuer im Dunkeln und wartet. Wenn es läutet, schließt sie auf, immer schweigend, immer lächelnd. Jeanette würde niemals jemandem die Geheimnisse von numéro vingt-six verraten. Wenn der Prinz heimkommt, wirft er manchmal einige Bonbons auf den Tisch im Gang, Reste eines reichlichen Nachtisches. Jeanette nimmt sie mit einem dankbaren Lächeln entge-gen. Im Keller schlummert Madame an der Seite ihrer besseren Hälfte, stöhnend und pustend in einem engen Raum neben der Küche. Wenn es aber sehr warm ist, läßt man die Tür zur la cuisine La cuisine: Die Küche. offen – wegen der Luft. So vergeht der Tag im Familienhotel von Frau Dubaisse in der Venediger Straße numéro vingt-six. 29.8.1880 Eine Seelenmesse Die Marquise fror. Angekleidet mit einem roten Abendkleid mit goldenen Blumensträußen wärmte sie ihre Füße am Kamin. Die Marquise hatte ihren schwarzen Pelz bis zu den Ohren geschlagen. »Wenn ich nur wüßte, warum Du die Tür offen stehen läßt«, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Der Marquis lachte. – »Weil niemand da ist, der mich gebeten hätte hereinzukommen«, sagte er, während er seinen Kragen herunterzog und den Vorhang fallen ließ. Einen schweren gelben Vorhang. Der Marquis zuckte mit den Schultern. – »Ich wußte nicht, daß Du soviel Ehrfurcht vor den Türen einer Ankleide hast«, sagte sie. Sie erhob sich und begann, ihre Perlenkette abzulegen; ihre Schleppe störte sie, und sie hob die schwere Seide an und schlug sie über das Plaudersofa Plaudersofa: fr. Causeuse. In der Empirezeit beliebtes kleines Sofa (meist in S-Form), dessen zwei Plätze mit dem Rücken zueinander lagen, um vertraulich miteinander plaudern zu können. hinter sich. Die goldgestickten Spitzen der Seidenrobe streiften die Knie des Marquis. »Entschuldige«, sagte sie und löste den Diamantverschluß der Perlenkette, »diese Festkleider sind unerträglich.« Der Marquis rückte seinen Stuhl auf dem Boden etwas weiter und ließ seine langen Finger mit seinem Schnurrbart spielen. Er würde gerne dieser seidenumhüllten Frau ein Kompliment machen, er hatte wirklich noch nie jemanden Schöneren gesehen, und er verfluchte sich selbst, aber er konnte nicht begreifen, daß er in diesem Ankleidezimmer immer stumm blieb und der Marquise kein Kompliment machen konnte. »Man hat mir erzählt, daß Du beim Frühstück sehr von dem russischen Gesandten angetan warst«, sagte er. Die Marquise ließ einen Augenblick lang ihren weißen Arm auf dem Kaminvorsprung ruhen und sah über ihre Schulter lächelnd auf ihren Mann. »Du bist doch nicht – eifersüchtig?« fragte sie. Der Marquis sah auf seine Stiefel und ließ ein leises Zischen vernehmen, das einem Pfeifen nahekam. »Ich mache mich niemals lächerlich«, sagte er. Madame hob leicht ihre Augenbrauen und ließ das Perlenarmband etwas hart in das offene Schmuckkästchen fallen. »Ich wußte nicht, daß Du Dich damit abgibst, Bonmots zu machen. Übrigens ist«, die Marquise hob die Arme und löste das Perlenband, das das blonde Haar zusammenhielt, »der russische Gesandte der reinste Mephistopheles«, erwiderte sie. Der Marquis lachte. »Viele Frauen widerstehen einem Don Juan und unterwerfen sich einem Mephistopheles.« Er lehnte sich im Stuhl leicht zurück, streckte die Beine etwas vor und sah zu seiner Frau hoch. Madame stand immer noch mit dem Rücken zum Spiegel und entkleidete sich mit aufreizender Ruhe. »Wenn Du hier noch viel länger bleibst, lieber Victor, wirst Du mich noch im Morgenrock sehen.« »Ist das ein Ersuchen zu gehen?« Victor machte Anstalten, sich zu erheben. »Auf keinen Fall, bester Freund, – nur die Bitte, mir meinen Morgenrock zu reichen.« Die Marquise wandte sich um und wies auf einen Haufen Spitzen, die sich auf einem Sofa beim Tisch ausbreiteten. Er erhob sich, nahm den Morgenrock und legte ihn um die Schulter der Marquise. Er nahm die hellen Locken vorsichtig aus dem Nacken, sog ihren Duft mit einem Seufzer ein und ließ sie dann in Wellen auf die gelbweißen Spitzen des Morgenmantels herabfallen. »Clementine«, sagte er, »soll das ewig dauern?« »Ewig.« Sie drehte sich ganz herum, und einen Augenblick später, nachdem sie ihre grauen Augen auf dem Gesicht ihres Mannes hatte verweilen lassen, begann sie, laut zu lachen. Dann nahm sie die Schleppe weg und setzte sich, in die Spitzen des Morgenrocks eingehüllt, im Plaudersofa ganz zurück. »Du lachst?« »Bester Victor, vergib mir, aber es ist lächerlich. Du stellst mir ja regelmäßig dieselbe Frage, jedes Mal, wenn wir weg waren und ich in Abendkleidung war – «. Clementine konnte mit dem Lachen nicht aufhören. Der Marquis saß im Sessel am Kamin mit gebeugtem Haupt und spielte mit seinem Klappzylinder, den er zwischen seinen gespreizten Knien hielt. »Wohin gehst Du heute abend?« fragte er. Madame betrachtete einen Augenblick lang die weißen Spitzen auf ihrer Brust, entfaltete dann den Perlmuttfächer, der am Rand des Plaudersofas lag, vor ihrem Gesicht, als wollte sie ihre Wangen vor der Hitze des Kaminfeuers beschützen. »Ich gehe in die Kirche«, sagte sie dann. Victor ließ seinen Kopf mit komischer Ehrerbietung nach vorne fallen. »Ach, hat einer dieser Heiligen seinen Feiertag?« Clementine bewegte den Fächer langsam. »Ich gehe am 24. November immer in die Messe.« »Ach, jetzt erinnere ich mich – um den Heiligen für deine Genesung zu danken – das ist nun fünf Jahre her – nicht wahr? Damals, als – –.« »Du schwärmtest für Melanie am Théâtre de Saint-Hubert und fuhrst mit dieser Dame um den See im Bois de Chambre …« Die Marquise sprach etwas schnell, hart, in kurzen Sätzen von dieser Melanie. Der Marquis überhörte diese Bemerkung … »Ich habe drei Nächte lang nicht geschlafen«, sagte er. »Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen, daß ich vom Klub heimkam und Dir eine Geschichte erzählen wollte – der Himmel weiß, welche … Du hattest die Tür zu Deinem Schlafzimmer geschlossen. Als ich endlich hineinkam und meine Geschichte erzählen konnte, fielst Du in Ohnmacht. – Du glaubst es vielleicht nicht, aber es ist auf mein Ehrenwort wahr, liebe Clementine – ich schlief drei Nächte lang nicht, während Du eine Gehirnentzündung hattest.« Die Marquise hatte sich ganz zurückgelehnt. Das Kaminfeuer mußte sie sehr stören, sie hielt den Fächer dicht vor sich und schob mit dem Fuß das Plaudersofa leicht weg … »Du hast mir das wenigstens oft genug erzählt, lieber Freund«, sagte sie. »Vielleicht oft, Clementine«, der Marquis lachte, während er sich erhob, »oft genug wohl kaum, da du das immer noch nicht glaubst. Aber«, er nahm seinen Pelzmantel über den Arm und trat etwas vor, »man darf die Heiligen nicht warten lassen. Au revoir, mon amie!« Der Marquis verbeugte sich und ergriff mit der rechten Hand den Arm seiner Frau, der von den Spitzen des Morgenrockes halb verdeckt auf der Rückenlehne des Plaudersofas lag. Und während er einen Kuß auf das hellrote Handgelenk drückte, seufzte er leise. »Du wirst einmal als Minnesänger enden«, sagte die Marquise. – Der Vorhang fiel, und die Tür wurde geschlossen. Die Marquise erhob sich und atmete mit vorgeschobener Brust tief ein, als werfe sie eine Last von sich, legte sich in die Kissen des Plaudersofas zurück, den Kopf nach vorne gebeugt, und begrub ihre Hände in dem aufgelösten Haar. Das Kaminfeuer fiel flackernd über ihr Gesicht, über die schief vorgezogenen Lippen, über die Wangen, die eingefallen schienen, über die scharfe Kante der Schläfen. So saß Marquise de Jonghe lang, unbeweglich wie eine Statue, mit geschlossenen Augen. Es war, als ob diese Träume sie altern ließen, und als sie sich vom Plaudersofa erhob, um die Silberglocke vor dem Spiegel zu ergreifen, blieb sie erschrocken stehen, während sie sich in dem venezianischen Glas betrachtete – sie war grau geworden, und ein kaum sichtbares Netz feiner Falten hatte sich über die klare Stirn gelegt. Sie schob ihre Schultern zusammen, schauderte und ließ ihre diamantenbesetzte Hand reibend über ihre Stirn fahren. Dann läutete sie. Schweigend ließ sich die Marquise für die Messe ankleiden. Sie band den schwarzen Schleier fest um ihren Kopf und raffte den samtenen Mantel dicht um ihre Brust. Die Kammerzofe hielt ein langes Halstuch aus Tüll in ihrer Hand. Sie wand es um die Schultern der Marquise und wollte die langen Enden mit einem Strauß Stiefmütterchen festmachen. Die Marquise schob die Blumen weg. »Eine Nadel«, sagte sie. »Madame sieht ja wie eine Witwe aus«, sagte Annette …   In der Brüsseler Kathedrale war es dunkel. Im Zwielicht, tief und still wie die Nacht, liegt das große Schiff mit seinen dreigeteilten Säulen. Durch das untere Fenster fällt der Lichtschein flackernd, unbestimmt und ungewiß auf die marmorgetäfelten Fliesen, zeigt das Stück einer Säule, verharrt auf dem Marmor einer Apostelstatue. Einsam und unbestimmbar im Dunkel steht der heilige Matthäus in der schlummernden Nacht der Halle. Aus den Kapellen scheinen schwach die heiligen Lichte der Heiligen, deren Licht vom Gold der Atlasmäntel auf den Bildern gefangen wird. Die einsamen Kerzen am Altar lassen wie leuchtende Funken den Schein der heiligen Gefäße, der vielfältigen Vasen, der hundert silbernen Kreuze sich im Dunkel des Zwielichtes verirren. Und in der leeren Kapelle zu Ehren der Dame von Lourdes stehen die hohen Kirchenbänke in langen Reihen leer. Nur die heilige Grotte erstrahlt in bläulichem Licht, wo die hohe Dame von Lourdes, in schimmernde Seide gekleidet, wie im Glanz gebadet steht. Aber der Schein aus der Grotte der Jungfrau ergießt sich gleißend in das mächtige Gewölbe der Kapelle und verliert sich in der Nacht unter den dreigeteilten Säulen. Sie war lange ohne jede Bewegung mit gebeugtem Haupt auf der weißen Stufe gelegen. Und während sich die Lippen leise bewegten, ließ sie die Perlen ihres Rosenkranzes durch ihre gekrümmten Finger gleiten. Wenn sie den Blick erhob, sah sie die betenden Priester, die auf den Kissen der Altarstufe knieten, fast unhörbar murmeln. Das Licht der Altarkerzen fiel auf die gebeugten Häupter, die sich langsam während des Gebets bewegten. Wie tiefe Atemzüge erklangen die leisen Gebete. Oben die heilige Grotte mit dem bläulichen Licht. Die knienden Jungen rasselten mit den Weihrauchgefäßen, sie ließ den Rosenkranz schnell durch die Finger gleiten, während sie ihr Haupt fast auf die Stufe, auf der sie lag, beugte. Und die murmelnden Worte der Priester hüllen wieder ihre Gebete ein. Dann und wann wendet einer der heiligen Väter schnell sein Haupt vom Altar und sieht auf die ruhende Frau mit dem bleichen Gesicht und dem Körper, der unter der schwarzen Kleidung gebeugt zu sein scheint. Und beständig gleiten die Perlen des Rosenkranzes durch die rastlosen Finger … Aber wenn der Schein aus der heiligen Grotte auf das gebeugte Haupt fällt, erblickt man ein sorgengraues Antlitz unter weißem Haar. Unten an der Türe im tiefen Dunkel der Kirche hört man leise Schritte, das Rascheln einer Schleppe auf den Marmorfliesen des Bodens. Dann wird es wieder still … Nur die gemurmelten Gebete. Die Frau auf der untersten Altarstufe hingestreckt und gebeugt, für ihren einzigen Sohn betend. Man rührt sich wieder unten, man verschiebt vorsichtig eine Bank … Irgend jemand muß in der Kapelle sein. Und aus dem Dunkel gleitet mit gebeugtem Haupt, als wollte sie sich gegen unsichtbare Schläge wehren, langsam eine Frau. Sie sinkt auf die Auflage der Bank, betet, erhebt sich, tritt etwas nach vorne. Wie eine kreuztragende Pilgerschar zur Dame von Lourdes … Die Dame von Lourdes: In einer Grotte bei der südostfranzösischen Stadt Lourdes soll sich 1858 der damals 14jährigen Bernadette Soubirons die Jungfrau Maria gezeigt haben. In der Grotte befindet sich eine Quelle, die danach als wundertätig und heilend angesehen wurde. Um die Quelle herum entwickelte sich ein Wallfahrtsort. Als sie die Mitte der Kapelle erreicht, schlägt sie den langen Schleier von ihrem graubleichen Gesicht zurück und sinkt mit hochgestreckten Armen vor der heiligen Jungfrau nieder … Die Priester murmeln tiefer, in sich steigerndem Takt, wie das Brausen der heiligen Eiche. Sie, die Mutter hat ihre heiße Stirn auf die kalte Stufe gepreßt. Dann erhebt sich die Marquise schnell, und wie ein Tier, das ängstlich flieht, eilt sie zum heiligen Altar. Schwer wie Blei sinkt sie auf den Fliesen hinter der gebeugten Mutter zusammen. Die Alte wird vom Lärm geweckt, und während sie sich auf ihre Hände stützt, erhebt sie sich langsam. Groß und mager ist sie. Sie sieht einen Augenblick lang mit unbeschreiblichem Schmerz auf die Gestalt zu ihren Füßen, beugt sich dann zu ihr, und während sie die Marquise hochzieht und das Weinen, das in ihr aufsteigt, ihre Stimme verschleiert, sagt sie milde wie eine traurige Liebkosung: »Kommen Sie, Madame! Lassen Sie uns für ihn beten.« Wie eine Flehende schleppt sich die Marquise nach vorn, und während sie die zitternden Hände mit Küssen bedeckt, fällt sie vor den betenden Priestern auf der Stufe nieder. »Danke«, flüsterte sie. Und Seite an Seite beten beide, sie und die Mutter für den Toten. Schwach, wie ein geatmetes Flüstern erstirbt das Murmeln der Priester, die weißgekleideten Jungen schwingen die duftenden Fässer. Die Messe für den Toten ist vorbei. Leise, nebeneinander, gehen die Frauen in Trauerkleidung hinunter durch die Kapelle der Dame von Lourdes. Die Marquise ist klein neben der ungebeugten Trauer dieser Mutter. Am Eingang der Kapelle bleiben sie stehen. »Sie sind mir willkommen«, sagt die Marquise leise, demütig zögernd. Aber die Alte läßt abwehrend ihre Hand fallen: »Ich gehe heute abend nach Hause«, sagt sie dann. Das ist alles, und nachdem sie sich furchtsam gebückt und die kalte Hand geküßt hatte, verschwindet die Marquise schnell im Dunkel der Kirche. Zu dieser Messe begibt sich die Marquise von Jonghe jedes Jahr am 24. November von dem Tag an, als der Marquis – damals als er vom Klub nach Hause kam – das Gemach geschlossen fand, und als seine Frau mitten im Höhepunkt seiner Erzählung mit einem Schrei vor der offenen Balkontür ohnmächtig wurde … Jedes Jahr würden sich die beiden Frauen an diesem Tag treffen, und käme dereinst ein Tag, an dem die Marquise alleine betete, wüßte sie, daß sie nun mit ihrem Geheimnis alleine wäre. 5.9.1880 Eigenartige Städte I »Die Stadt der Irren« »Sie möchten nach Geel?« Geel: frühere Schreibweise (so auch bei Bang) Gheel. Belgische Stadt 46 km östlich von Antwerpen, 35 000 Einwohner, 1880 10 500 Einwohner. Schon vor dem 10. Jahrhundert Wallfahrtsstätte für psychisch Kranke, die das Grab der heiligen Dymphna aufsuchten. Bereits im 16. Jahrhundert gab es das »Ziekenhus«, wo man die Kranken pflegte und versuchte, sie durch religiöse Zeremonien zu heilen. Die Bürger der Stadt begannen, viele psychisch Kranke in ihre Familie aufzunehmen und ihnen mit Fürsorge und Freundlichkeit zu begegnen, was in früherer Zeit sonst unbekannt war. So wurde Geel bis zum heutigen Tag in vielfältiger Weise Vorbild für eine neuzeitliche Pflege psychisch Kranker. Auch heute werden in Geel noch ca. 2000 Patienten in Familien gepflegt. – »Ja …« »Geel – la ville des fous … vous savez?« La ville des fous … vous savez (franz.): die Stadt der Verrückten … Sie wissen Bescheid? – Ja, ich wußte es. Man fragte nicht weiter – es gibt Dinge, über die man nicht lange redet, und dazu gehört Geel – aber man sah mich leicht bedenklich an – das war doch eine eigenartige Idee! – »Übrigens ist es sehr weit dorthin.« … »Ach ja, zwei Stunden Fahrt von Brüssel.« – »Nicht länger? Oh, wir glaubten, es sei viel weiter … aber fürchterlich abgelegen ist es …« Ja, abgelegen ist es. Mitten in Belgiens dichtest bebauten Gegenden, an der Grenze zu Waas-Land, Waasland (Bang: Waes Land): franz. Pays de Waes. Landschaft im belgischen Ostflandern, von Gent abwärts links der Schelde. Ackerbau auf den Poldern, die durch Trockenlegung des Sumpflandes gewonnen wurden. Seit 1175 Teil der Grafschaft Flandern. Die größten Städte sind Lokeren und St. Nicolas. wo selbst die sandige Heide zu Gärten wird, wo liebliche Kanäle die Landstraßen der fruchtbaren Ebenen bilden und Eisenbahnen das Land wie ein Netz umspannen; wo das Land wie eine einzige Stadt bebaut ist, wo Schlösser, hinter Gärten versteckt, Kirchen mit gotischen Türmen, Fabriken, Dörfer und Städte im Flug an dem dahinbrausenden Eilzug vorbeigeeilten; wo alles lächelt, die Wiesen, die rieselnden Flußläufe, die weißen Schlösser, die hell schimmernden Villen – mitten in dieser Gegend liegt einsam Geel. Abseits. Die Angst der Menschen vor dem Elend hat einen Bannkreis um die Stadt gezogen. Die bleiche, zitternde Furcht der Masse, der Aberglaube der Menge und der Abscheu der Aufgeklärten hat »die Stadt der Irren« von der lächelnden Landschaft getilgt.   Es ereignen sich jedoch zeitweise in unseren Familien eigentümliche, stille Unglücksfälle. Jeder Angehörige kennt sie, aber man spricht nicht darüber, man brütet über dem Unglück und schweigt. So schweigt man über Geel. Und selbst diejenigen, die Verwandte und gute Freunde in der »Stadt der Irren« haben, verschweigen gerne die Stätte: für sie ist ja häufig die Geisteskrankheit das Siegel, das eine traurige Verwirrtheit oder ein vertanes Leben verschließt. Deswegen sind sich alle darin einig, über Geel zu schweigen, und mitten in den am dichtesten bebauten Gebieten Belgiens, an der Grenze zum Waasland, wo sogar die sandigen Heiden als Gärten genutzt werden, liegt die »Stadt der Irren«, abgeschieden und einsam. Man gelangt in zwei Stunden dorthin, aber man muß in diesen zwei Stunden dreimal umsteigen. Eine kleine Bahn führt dorthin – eine Strecke, die von einer Nebenbahn abzweigt, mit schlechten Wagen und geringem Verkehr. Man könnte sich darüber wundern, daß die Strecke ihre Kosten deckt, aber der Bahnhofsvorsteher erzählt, daß man häufig ein ganzes Abteil nutzt, obwohl man nur zu zweit ist: der Kranke und der Aufsichtsführende. Dies bringt die Bilanz ins Gleichgewicht – und das ist ein Glück, da man ja nicht verlangen kann, daß eine Aktiengesellschaft Eisenbahnen aus Mitleid mit einigen Unglücklichen, die ihren Verstand verloren haben, baut. Die Stadt sieht wie alle Kleinstädte aus, mit Straßen, die hinein- und herausführen, Gassen, die sich zwischen Bretterzäunen winden, Gärten vor den weißen Häusern. Ruhig ist es. Ruhig in den Straßen und ruhig auf dem sandbedeckten Marktplatz mit den verwachsenen Pappeln und dem steinernen Brunnen mit seinem Marmorbecken. Die aus Feldsteinen gefügte Friedhofsmauer begrenzt den Platz, eine alte Mauer, auf der das Gras in Büscheln wächst. Ein dankbarer Genesener hat ein Kreuz auf der Mauer errichtet – aber das ist lange her, die Christusfigur hat im Laufe der Zeit das eine Bein verloren, und das Kreuz steht ganz schief. Der Platz ist groß: jetzt im Sommer wird der Sandboden von der Sonne gebacken, aber im Herbst findet der Sturm guten Halt und rüttelt am Kreuz. So entstand der Schaden, während die Zeit verging. Gleich gegenüber der Kirche liegt das »Weiße Lamm«, grau, mit zwei Stockwerken und einer Steintreppe. Der Frachtführer von Turnhout Turnhout (Bang: Tornhout): Hauptstadt des Arrondissements Turnhout, Provinz Antwerpen. 40 000 Einwohner. Im 19. Jahrhundert Zentrum der Papierindustrie. Bekannter Beginenhof aus dem 13. Jahrhundert (UNESCO-Weltkulturerbe). Im Mittelalter Sitz der Herzöge von Brabant. lädt vor der Treppe seine Fässer ab, während Madame Elisa – die roten Arme in die Seite gestemmt – nach Neuem fragt und feilscht. Man muß immer etwas in der Küche haben, es kommen jeden Tag Gäste in das »Weiße Lamm«, sie essen zu Mittag, bevor sie wieder nach Hause fahren, und manchmal bleiben sie sogar über Nacht. Es ist sehr gemütlich im »Weißen Lamm«, Madame Elisa hat keine Dauergäste wie der Wirt des »Goldenen Horn«, dessen Baron alle seine Gäste zur Tür hinausgejagt hat. Denn die Fremden – Sie verstehen – , die nicht an Dauergäste gewöhnt sind – – – Madame Elisa ist eine sehr vernünftige Frau, die das »Weiße Lamm« tüchtig regiert und versichert, daß das große Brüsseler Feuerwerk keine fünf Centimes Centimes: 1 belgischer Franc wird in 100 Centimes unterteilt. Er entsprach 1880 etwa einer dänischen Krone (Kaufkraft ca. € 7-8). besser war als das, das der Bürgermeister am Tag der heiligen Dymphna Dymphna (auch Dympna oder Dimpna): Heilige der psychisch Kranken. Spanische Märtyrerin, etwa 650 umgebracht. Der Legende nach Tochter eines irischen heidnischen Königs, der – verzweifelt über den Tod seiner Frau – seine Tochter verheiraten wollte. Sie wurde Christin und im Geheimen getauft, nachdem sie nach Geel geflohen war. Der Vater suchte und fand sie; er tötete sie, da sie seine Bitten nicht erfüllte. Bald geschahen an ihrem Grab Wunder, und insbesondere Geisteskranke wurden geheilt. Gedenktag: 19. Mai. Schutzheilige der psychisch Kranken und Epileptiker. in Geel abbrennen läßt, keine fünf Centimes. In der Allee liegen die feinen Häuser. Kleine Hotels, freundlich und weiß, mit Blumen hinter den Scheiben. Im ersten Stock sind Gitter vor den Fenstern. Sonst ist die Allee etwas dunkel, selbst zur Mittagszeit, und die Leute in den freundlichen Häusern können sicher bis Mittag schlafen, denn hier ist es sehr ruhig, so ruhig, daß man sich fast nach etwas Lärm sehnen könnte, daß jemand etwas sagt. Hinter sich hat man den hell scheinenden Marktplatz, und so weit wie man nach vorne sehen kann, die enge Allee mit ihren stillen Häusern. Ein junger Mann kommt aus dem Garten gegenüber dem Spital – ein junger Mensch im traditionellen Crevékostüm, Crevékostüm: crever (franz.) = platzen, reißen. Kleidung für eine sehr korpulente Person. heller Jacke und blauen Hosen, er trägt seine Lorgnette an einem sehr breiten Band und kaut an einem Stock mit Agatknopf Achat: Halbedelstein, der künstlich gefärbt werden kann. Diente als Schmuckware. – – Ich überquere halb den Weg, um ihn zu fragen, wo ich den Arzt finden kann, für den ich eine Empfehlung habe, nehme den Hut ab … Der junge Mann stöhnt, und während er plötzlich an allen Gliedern zu zittern beginnt, verneigt er sich dreimal tief … Mein Herz erstarrte mir in der Brust, und ich eilte mit einem Satz davon, hinter mir hörte ich das verzerrte Gelächter des Irren. Ich traf Herrn X. im Spital, und, nachdem er meine Empfehlungen gelesen hatte, war er bereit, mich zu führen. »Aber«, sagte er, während er den Mantel wechselte, »haben Sie starke Nerven?« Ich war sehr bleich, und ich verspürte, wie meine Knie zitterten, ich sah immer noch diesen jungen Mann, der sich im Sankt Veitstanz Sankt Veitstanz: Vorwissenschaftliche Bezeichnung verschiedener Krankheiten, die durch einen abnormen Bewegungsdrang auffielen: Chorea maior (Huntington) und Chorea minor (Sydenham), die Tanzwut, die auf eine Vergiftung mit Mutterkorn zurückgeht. verneigte. Ich war den ganzen Tag von dieser schreckengeschlagenen Neugierde gequält, die uns dazu treibt, z.B. den Stoff von einer Wunde oder das Laken vom Angesicht einer Leiche zu ziehen, der Neugierde, die uns eine Gänsehaut bekommen läßt und den Herzschlag verlangsamt. Und nun diese Wanderung durch die schweigende Stadt, nur von Dauergästen und ihren Wächtern bewohnt, die Mittagshitze – nein, ich fühlte mich nicht wohl. Aber ich wollte sie unbedingt sehen, die »Stadt der Irren«. Ich erbat ein Glas Wasser. Der Arzt lächelte. »Jetzt schon«, sagte er, »ja, es ist der kleine Baron, der sie erschreckt hat.« Natürlich. »Wir werden jetzt ein halbes Dutzend Häuser aller Schweregrade besuchen, verstehen Sie, und um mit dem Anfang zu beginnen, werden wir zuerst die Kirche besuchen – die heilige Dymphna ist die Mutter des Ganzen – und dann behauptet man noch, die Heiligen seien zu nichts nutze.« Auf dem Weg zur Kirche erzählte er mir die Geschichte von der Prinzessin: sie hatte sich zum Christentum bekehrt und wurde dann hier in Geel – vor langem schon, versteht sich, es war das Jahr 600 – von ihrem Vater geköpft. Die Priester bewahrten das abgeschlagene Haupt auf, und an ihrem Sarg begannen bald Wunder zu geschehen. Die heilige Dymphna hatte die Macht, die Dämonen der Besessenen auszutreiben. Man strömte nach Geel, Töchter brachten ihre geistesschwachen Väter, Mütter ihre Töchter dahin, Kranke und Aussätzige, Dämonenbesessene und Teufelsbeherrschte sammelten sich um den Stein, wo der grausame Vater seine Tochter ermordet hatte. Neun Tage und neun Nächte kniete man betend am Stein, und am neunten Tag geschah manchmal das Wunder: Der Dämon flüchtete. Manchmal starb dann der Kranke – das war das häufigste Wunder. Sollte man dies nicht glauben, kann man es schwarz auf weiß lesen, die ganze heilige Geschichte der Dymphna und einen Anhang mit den wichtigsten Wundern – ein ganzer Katalog mit den Wundern der Heiligen. Dann folgte eine dunkle Zeit, in der die Mönche von Tornhout behaupteten, sie besäßen Dymphnas Haupt, und als sie die Prinzessin in einem silbernen Sarg, der auch Wunder vollbringen konnte, vorwiesen, entzweiten sich die geängsteten Gemüter. Man wußte ja, daß die fromme Prinzessin schwerlich zwei Köpfe gehabt haben konnte. Aber die Priester von Geel siegten, ihr Kopf war Dymphnas Haupt, sie erhielten einen noch größeren silbernen Sarg, und sie bauten der Heiligen eine Kirche … die Kirche, die mir der junge Arzt nun zeigte. Mit der Zeit mehrte sich der Ruf der heiligen Dame, man versammelte sich mit Kranken in Geel. Hinter dem Altar sieht man unter dem Schrein der Heiligen den schwarzen Marmorstein, auf welchem die Tausende gekniet haben, die in sechshundert Jahren an dieser Stelle Genesung gesucht haben. Neun Stunden lang schleppte sich der Kranke und seine Anverwandten kniend unter Gebeten um diesen Stein, und wie ein Flußbett sieht man rund um den Stein – markiert von den Knien der demütig Betenden – eine tiefe Furche. Aber manchmal hatte die Heilige nicht die Kraft, in den 81 Stunden der neun Tage zu helfen, der Dämon war zu stark. Dann forderten die Priester sie auf, den Kranken in Geel zu lassen. War es ein frommer Ritter oder eine edle Dame, nahmen sie den Aussätzigen in demselben Gebäude bei der Kirche in Kost, wohin die eine oder andere fromme Familie einen Unglücklichen schickt, der in die alten Zellen der Priester eingesperrt werden muß – um Gott oder der Geistlichkeit die Gelegenheit zu bieten, Wunder zu tun, sagte der Arzt. War der Patient nicht so vornehm, kam er bei einem Geeler Bürger in Pflege. Jahr für Jahr nahm die Anzahl derer zu, die in der heiligen Stadt blieben; Generation um Generation gewöhnte sich daran, die Kranken zu pflegen; Geels Bevölkerung wuchs und lebte mit den Geisteskranken, sie wurden als »Wächter« geboren, sie lebten mit den Irren zusammen. Sie dienten Gott und der heiligen Dymphna, während sie des Lebens Unterhalt verdienten. So entstand rund um die Kirche der heiligen Dymphna die »Stadt der Irren«. Wir verließen die Kirche. »Sehen Sie«, sagte der Arzt, während wir durch die Allee schritten, »dieser Ursprung hat den Charakter der ganzen Kolonie bestimmt. Die Basis, auf der wir arbeiten, ist vor allem das der Bevölkerung angeborene, in Jahrhunderten vererbte Mitgefühl für die Unglücklichen, die sie pflegen. Außerdem ist die Pflege der Geisteskranken so gut wie die wirtschaftliche Grundlage der Stadt, und Geisteskranke untereinander sind die beste Polizei. Zu allererst ist es jedoch das vererbte Mitgefühl, womit wir rechnen. Geel ist eine Welt für sich, Fremde scheuen sie, in hundert Jahren hat sich kein Gesunder in der Stadt niedergelassen; jahrhundertelang haben dieselben Familien die Kranken gepflegt, und – unter uns gesagt – es grenzt meiner Meinung nach an ein Wunder, daß die Geeler in ihrem Leben nicht auch abnorm geworden sind. Nach unseren Theorien müßte die Geisteskrankheit anstecken – aber die Rasse ist kräftig, das ist wohl die Lösung.« »Lassen Sie uns zuerst den Prinzen besuchen«, sagte er und blieb am Eingang zur Allee stehen. »Ein Dauergast, der 6 000 Francs jährlich bezahlt. Übrigens eine traurige Geschichte«, setzt er fort, während er an der Tür des Hotels läutet. – »Der Prinz hält Pferde – seine Hoheit wurde sechs Wochen nach der Hochzeit geisteskrank, und die Familie schleppte ihn fünf, sechs Jahre lang in Deutschland und Frankreich von Anstalt zu Anstalt. Man hätte sich die Mühe sparen können, der Mann ist unheilbar und spielt jetzt mit Puppen.« Eine Dame öffnete. Wir wollten das Haus besichtigen. »Sehr gerne. Aber der Prinz ist gerade heute morgen angekommen, und …« »Wir wollten seine Hoheit nicht stören, aber dieser Herr ist von weit her gekommen, um Geel zu sehen …« Das Hotel war wie ein reiches Haus in Brüssel ausgestattet. Marmortreppen, Salons, ein großer Speisesaal mit einer prächtigen Decke. Im ersten Stock die Privaträume der Dauergäste: ein Salon und ein Schlafzimmer für jeden. Alles war sehr elegant; die Wohnung des Fürsten insbesondere war in raffiniertem Luxus ausgestattet, blaue seidene Gardinen um das Bett und vor den Türen, ein marmorner Toilettentisch mit unendlich vielen Kristallschachteln mit Fürstenkrone und den Wappen der Poniatowskis Poniatowski: Bedeutendes polnisches Fürstengeschlecht. – der Kranke ist ein Poniatowski – eine Chaiselongue, mit einem Tigerfell bedeckt, niedrige Stühle und ein Teppich aus Smyrna, in dessen Weichheit die Füße verschwinden … Der Salon des Engländers war mit Eichenholz ausgestattet; steif, etwas kalt, wie das Kontor eines Geschäftsmannes, über dem Schreibtisch hing ein Gemälde von Stewens, Stewens: Alfred Stevens (1823-1906). Bedeutender belgischer Maler. Bekannt für seine Pariser Salonmalerei (Darstellung der mondänen Frau des 2. Kaiserreiches). eine junge Dame in Weiß mit großen schwermütigen Augen und einem melancholischen Zug um den Mund … »Seine Schwester«, sagte der Arzt und wies auf das Bild. »Die Krankheit liegt sicher in der Familie.« Der Prinz trat ein. Ein mittelgroßer Mann, elegant, ungefähr dreißig Jahre. Er war für den Mittag angekleidet, das Haar in der Stirn gescheitelt, die ganze Person nach dem schwachen Parfüm feiner Seifen duftend. Er mußte einst schön gewesen sein – er war immer noch schön, wenn er schwieg und seine aristokratischen Züge ruhten. Redete er, kam etwas Verzerrtes auf sein Gesicht, in den Blick das eigentümlich Glänzende, das den Kranken verrät. Der Arzt stellte mich vor, und der Prinz verbeugte sich. Während er sich seine diamantenbesetzten Finger rieb, hörte er stehend die Ausführungen des Arztes an. Aber plötzlich schlug Ihre Hoheit mit den Armen aus und begann zu singen. Ein Gesang, der bald langgezogenen Klagen, bald erstickten Schreien glich, Und drinnen im Speisesaal stimmten die beiden anderen Dauergäste ein – laut schreiend, ein gräßliches Konzert. Mein Führer sah mich an. »Geben Sie dem Herrn ein Glas Wasser«, sagte er. Dann gingen wir. Alle Kranken in Geel hatten die gleiche Freiheit; sie konnten spazieren gehen, das Kasino der Stadt besuchen, in den Billardstuben spielen, ihren Wein im »Lamm« trinken. Und diese Freiheit gilt für mindestens zwölfhundert der etwa 20 000 Kranken 20 000 Kranke: Hier ist entweder Bang oder dem Schriftsetzer ein Fehler unterlaufen: es muß mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 2 000 heißen, zumal es in der Version von »Herhjemme og derude« (1881) 2 000 Kranke heißt. 1880 hatte Geel 10 000 Einwohner. Die Höchstzahl der jemals betreuten Kranken wurde 1938 mit 3 736 erreicht. in der Stadt. »Es ist ganz einfach«, meinte der Arzt, »die ganze Stadt ist ein Narrenhaus, wir kennen nur zwei Gruppen von Menschen: Kranke und Wächter. Geht der kleine Baron ins »Lamm«, um Champagner zu trinken, will Madame Elisa, die ihm den Wein einschenkt, wissen, wieviel Wasser sie eingießen soll; wenn Mister Bretton ins »Horn« geht, um Billard zu spielen, weiß der Wirt, ob Mister Bretton es am besten erträgt, zu gewinnen oder zu verlieren. Bei unseren Konzerten spielen die Kranken, bei unseren Theatervorstellungen spielen sie – und all dies ist möglich, weil man sich in der »Stadt der Irren« befindet …«. Hier noch eine Anmerkung: überall in Belgien spricht man von la ville des fous La ville des fous: (franz.) Die Stadt der Verrückten. – in Geel selbst ist das Wort fou aus der Sprache getilgt. – Aliéné Aliéné: (franz.) Irrer, Geistesgestörter. ist die Bezeichnung für den Kranken. Die Freiheit des Patienten ist der eine Grundsatz für die Behandlung des Kranken. Das Bestreben, ihn in seiner Krankheit in dieselben Verhältnisse zu setzen, in denen er als Gesunder lebte, ist der andere bestimmende Grundsatz in dieser merkwürdigen Stadt, die für Irre gebaut ist. Sowohl die Gesunden als auch die Kranken brauchen einen Schuhmacher, einen Schreiner, einen Schneider – und der kranke Schuhmacher, Schreiner oder Schneider findet Unterschlupf bei seinem gesunden Kollegen, wird Mitglied seiner Familie, nimmt an seiner Arbeit teil, bleibt – kurz gesagt – Schuhmacher und lebt in Schuhmacherluft. In Geel spielen die Kranken weiterhin das Leben, das die Unglücklichen nicht mehr zu leben vermochten. Wir besuchten etliche, verschiedene Häuser. Wir sahen bürgerliche Heime, ungemütliche Wohnzimmer, große Gärten, freundliche, helle Räume, wo der Kranke überall freien Zutritt hatte. Hier hatte er sich als Aufenthalt eine Gartenlaube gewählt, wo er stundenlang an dem grünen Tisch saß und zeichnete – Kartons, merkwürdige wilde Gesichter mit großen Augen und wirrem Haar, verzerrten Mündern und dicken Lippen. Die Blätter zeugten von Begabung, der junge Mann – eine bleiche, dunkeläugige, von der Krankheit gebeugte Gestalt – war Maler gewesen, man hatte große Hoffnungen in ihn gesetzt. Ein großes Talent, das mit mächtigen Kräften kämpfte. »Einige Körnchen Selbstbeherrschung«, sagte der Arzt, »und dieser Mensch hätte vielleicht seinen Namen an der Seite von Rubens eingeschrieben – er stand auf der Grenze zum Genie. Nun malt er das Narrenhaus.« Der Kranke erzählte von seinen Bildern wilde, merkwürdige Geschichten, geboren in einem brodelnden Gehirn, Ausgeburten einer Phantasie, die Ungeheuer mit Michel Angelo'schen Michel Angelo'sche Glieder: Verballhornung des Namens Michelangelo Buonarotti, italienischer Maler und Bildhauer (1475-1565), bekannt für seine Darstellung muskulöser Gestalten. Gliedern gebar … Geels Krankenakten könnten viel erzählen – aber das Papier bleibt stumm. Es nimmt jede Vertraulichkeit entgegen, ohne zu erröten, und es versteht zu schweigen. »Warum ist der und der krank geworden?«, fragte ich auf unserer Wanderung den Arzt. »Weiß es nicht«, entgegnete er. »Manche behaupten, Gott habe es gewollt. Und angst und bange ist es einem immer noch vor den Armen.«   »Merkwürdig, daß diese Scheu nie überwunden werden kann«, sagte ich, als ich aus der Laube des kranken Malers hinausging. Ich warf noch einen letzten Blick auf diese grauenerregenden Bilder, die von den Ängsten einer kranken Phantasie strotzten, einen letzten Blick auf den Unglücklichen, der sie erschuf. »Merkwürdig und doch erklärbar«, antwortete der Arzt. »Sie wissen ja so gut wie ich, daß die Geisteskrankheit oft einen Fleck zudeckt, eine Versündigung, eine Verwirrung, durch Generationen hindurch verübt … dies ist die Ursache dafür, daß das Geschlecht des Kranken scheu ist – und solange dieses nicht offen über seine Kranken wie über jede andere Krankheit spricht – solange wird dies nicht anders …« »Vielleicht.« »Diejenigen, die mir leid tun, sind die Kranken von Geburt an. Hier ist die Vererbung zum Schrecken geworden. Die anderen, wie er zum Beispiel« – er wies auf den Maler – »haben fast alle ihre Phantasie in der Religion oder im Genuß berauscht, das Leben der von Geburt an Kranken ist durch die Ausschweifungen ihrer Vorfahren zerstört.« Ich sah zurück. Gebeugt, mit wackelndem Kopf, mit leeren Augen, deren Feuer erloschen war, vor sich hinstarrend, saß der junge Maler auf der Schwelle der Laube. Und während ich hinter mir das Gartentor schloß, war es mir für einen Augenblick, als würde ich erwürgt und sänke zusammen, unter diesem fremden Elend … »Kann er lange leben?«, fragte ich. »Lange«, sagte der Arzt. »Er wird die Zeit bekommen, die ganze Geschichte des Irrenhauses zu malen.« »Lange«, sagte ich mechanisch. »Das geht Ihnen sehr nahe – ruhen Sie sich etwas aus!« Wir ruhten uns aus. Der Arzt unterhielt sich mit einem anderen Kranken, einem Juden aus Hamburg. Er war vierzig Jahre alt, gesund, gepflegt und lächelnd, er lebt schon seit fünfzehn Jahren in diesem Haus. Er redete viel, über Gladstone, Gladstone: Hier ist wahrscheinlich der englische Politiker William Gladstone (1809-1898) gemeint. Nach vielen Ministerämtern übernahm Gladstone 1869 das Amt des Premierministers, das er mit Unterbrechungen bis 1894 bekleidete. Freihandel, Kaulbach Kaulbach: Wilhelm von Kaubach (1805-1874) war deutscher Maler, dessen Porträtstudien häufig auf physiognomischen Studien geistesverwirrter Menschen beruhten. … Er sprang hastig von dem einen Thema zum anderen, ließ sozusagen das eine schleifen, während er mit dem nächsten begann. Sonst bemerkte man nichts Ungewöhnliches. Man hätte ihn gut für einen wohlredenden Exzentriker halten können. Aber dann nannte der Arzt ganz nebenbei den Namen Rothschild. Dies war wie ein zündender Funke, »das rote Tuch«. »Ich bin sein Sohn«, wandte der Kranke sich an mich, »Sie wissen gut, daß ich sein Sohn bin, unehelich, verstoßen.« … Er folgte uns auf die Straße, gestikulierend, eifrig, unablässig redend. Der Arzt sah, daß es mich störte. »Gehen Sie nach Hause«, sagte er kurz, etwas hart im Ton. Mit einem sklavischen Knurren wandte der Kranke sich ab und ging. In einem anderen Haus trafen wir den kleinen Baron. Sein Salon sah wie das Boudoir einer Dame aus, erfüllt von einem stickigen Duft, halb dämmrig, mit rotem Licht von den vorgezogenen Vorhängen. »Er wird nie gesund«, sagte der Arzt, »deswegen hat er es, wie er will.« Im Raum herrschte eine übertriebene, frauenähnliche Weichheit, die rund herum verstreut stehenden Möbel, die niedrigen Schemel, die Blumen, der große Spiegel … Vor dem Spiegel saß der kleine Baron mit dem Rücken zu uns, umgeben von Etuis und Schminktiegeln. Er malte seine Augen und probierte die Puderquaste auf seinen Händen. Er betrachtete sich lange im Spiegel, erhob sich und zog Handschuhe an, sah wieder in den Spiegel. In diesem Licht war er noch hübsch, ein kleiner Boulevardlöwe im Käfig … »Möchten Sie mit ihm sprechen?« »Ach nein, ach nein« … ich erinnerte mich an die Verbeugung in der Allee, den Sankt Veitstanz … »Ach nein.« Über dem Bett im Schlafzimmer des kleinen Barons hing Leda mit dem Schwan. Darunter hatte eine Frauenhand geschrieben: Mou-Mou von Zi-Zi … Die Wörter waren von einem Rosenkranz umschlungen. Arme Mou-Mou! Wir gingen von Haus zu Haus. In jedem Heim immer zwei Dauergäste – nur im Hotel des Prinzen sind drei – entweder zwei Männer oder zwei Frauen. Es bedarf vieler Räume, um 1600 zu beherbergen, und während wir schnell von Haus zu Haus gingen, beschlich mich – warum sollte ich es nicht zugeben? – eine klamme, starke Angst. Es war nicht meine Phantasie, die erregt wurde, sie war müde und abgespannt. Es war mein Mitleid, das verzagt über dieses graue Elend jammerte. Wir sahen Frauen und Männer, junge und alte, reiche und arme. Und sie alle lebten dasselbe Scheinleben in dieser merkwürdigen Stadt. Hier wohnte eine Pianistin. Sie war dabei, sich einen Namen zu verschaffen, sie war jung, sie war schön … Nun lehrt sie hier in der Stadt die Kinder spielen, die Kinder der Gesunden in der Stadt der Irren. Der Arzt bat sie, für uns zu spielen, und sie setzte sich an das Klavier. Erst spät oder gar nie werde ich diese wunderliche Musik vergessen, ein Schwall unruhiger Töne, ein wogender Strom lärmender Laute, wo es war, als ob die Spielende selbst ruhelos herumjagte, um ihren eigenen Gedanken zu finden. Es war melodisch, eigentlich schön – aber hinter den Tönen war es leer, etwas war zerbrochen … Sie war sehr schön, reine, etwas kindliche Züge, einen Mund mit einem heiteren Lächeln. Aber die Augen waren verschleiert. Wie eine Regenwolke, die von der Sonne durchbrochen wird, war der Blick in ihren Augen. Wir sahen eine ältere Frau, die mit Puppen spielte; sie hüllte sie ein, wiegte sie auf ihren Knien, gab ihnen ihre ausgezehrte Brust … »Früher hatte sie ein Kind«, sagte der Arzt, »sie erstickte es nachts mit der Bettdecke.« Wir sahen die Häuser der Armen, die Dauergäste wohnten hier für 200 Francs jährlich. Sie leben hier, wie sie es gewohnt sind zu leben, in gleicher Weise, von derselben Nahrung, unter denselben Umständen. Tagsüber arbeiten sie, helfen in der Familie, abends versammeln sie sich auf dem Markt, um miteinander zu plaudern, am Brunnen zu schwatzen und andere anzuschwärzen. Jeder hat sein kleines Zimmer, einen Raum mit einem Bett, einem Stuhl und einem Tisch, alles sauber, ordentlich, gut … Sie haben es ja so gut, die Unglücklichen. Und doch welches Elend in diesem Zerrbild des Lebens – welches Elend. Dante sah auf seiner Wanderung durch die Hölle keine größeren Schrecken als das Mitgefühl auf seinem Gang durch Geel findet. Doch ich will meine Feder im Zaume halten. Ich habe mir selbst versprochen, die bloße Wahrheit zu schreiben, ohne Pathos. Aber auch wenn man den Mut hat zu schauen, hat man nicht immer den Mut zu schreiben. Sicher ist es schon lange her, daß man in Geel die Kranken in Gruppen mit Fußfesseln trieb; sicher ist es schon lange her, daß man beide Geschlechter in fürchterlicher Gemeinschaft zusammen leben ließ; lange her, daß man auf dem Markt Wahnsinnige traf, die mit zusammengebundenen Händen schrieen; lange her, daß man die Rasenden hier in der »Stadt der Irren« in Käfige sperrte. Aber immer noch gibt es weit draußen – weit weg von der kleinen Allee – das »Viertel der Rasenden«. Man hört ihre Schreie nicht, denn der Umkreis der Stadt beträgt eine Meile, 1 dän. Meile ist 7 532 m. aber ich habe sie gesehen; man verschweigt sie hier in der »Stadt der Irren«, aber ich weiß, daß es sie gibt. Sie schreien, lärmen, weinen, sie klagen in ihren ledernen Zwangsjacken. Und noch weiter weg pflegt man die epileptischen Kranken, die Wahnsinnigen, ganz draußen an der Grenze des Bezirks leben die Idioten … Fürchterliche, herzzerreißende Zonen um die »Stadt der Irren«: les pensionaires externes. Das Hospital wird fast als Strafanstalt benutzt. Wenn der Kranke sich unschicklich benimmt, fortzulaufen versucht, sich nichts mehr sagen läßt, schickt man ihn ins Hospital. Er sehnt sich nach dem Familienleben zurück und bessert sich. Dann kehrt er in seine Pension zurück. »Werden hier viele geheilt?«, fragte ich. »Arme zum Teil«, sagte der Arzt, »Reiche wenige. Diejenigen, die wir hier bekommen, sind fast immer von den Anstalten ihres eigenen Landes zum Tode verurteilt und werden hierhergeschickt, um vergessen zu werden und aus dem Wege zu sein. Das ist das traurige daran.« Ich war müde, ich konnte nicht mehr weitergehen … »Und wir haben nur die halbe Abteilung gesehen«, sagte der Arzt. »Sie haben schwache Nerven.« Ja, ganz gewiß, ich mußte ihm die anderen dreieinhalb Abteilungen schenken. Geel ist in vier Abteilungen aufgeteilt, jede mit ihrem eigenen Arzt und ihrem garde de section Garde de section: (franz.) Abteilungswärter – etwas wenig scheint mir das für diese riesige Anzahl von Kranken zu sein, die über ein so großes Gebiet – 11 000 Hektar – verteilt sind, und nach dem, was man mir erzählt hatte, solle auch die unzureichende ärztliche Aufsicht eine der Schattenseiten der Geeler Einrichtung sein. Aber jedes Ding hat seine unschönen Seiten, und dieser Mangel, dem abzuhelfen die Regierung erwägen soll, kann doch kaum die Vorteile dieser Stadt der Geisteskranken aufheben, wo man doch mindestens so tut, als ob die Unglücklichen noch am Leben teilnähmen. Die Zirkusbetreiber verwahren ihre Tiere in Käfigen, die zoologischen Gärten geben ihnen zumindest große Häuser und eingezäunte Rasenflächen. Geel ist bei diesem traurigen Vergleich der zoologische Garten. Der Aufenthalt ist billig. 80 Centimes täglich – alles inbegriffen, davon 200 Francs für den Wächter, – ist die niedrigste Bezahlung, und von diesem Anfang an kann man über verschiedenste Stufen auf 6000 Francs jährlich steigen. Für 600 Francs wohnt man beim Bürgermeister. Sonntags geht man zur Kirche, man kniet auf den Gebetspolstern der Fliesen in langen Reihen, man betet zur heiligen Dymphna. Gelegentlich geschieht es, daß der eine oder andere Patient während des Gebetes » agité« wird, der dann schnell hinausgeführt wird, so daß die anderen nicht gestört werden. Am häufigsten jedoch murmeln die Kranken ruhig ihre Gebete. Nirgendwo habe ich mehr Heiligenbilder als in Geel gesehen, man stieß überall auf sie, ein Kreuz über den Türen, Heiligenbilder in den Gärten, heilige Bilder in den Zimmern. Es war eine einzige Kapelle, solch ein Haus. »Sie drängen danach, Gott um sich zu haben«, sagte der Arzt. »Außerdem hält es viele Kranke im Zaum.« Wir gingen zur Eisenbahn. Der Arzt hob ein letztes Mal den Vorteil dieser eigentümlichen Stadt hervor, die Freiheit, die die Patienten an einer Stätte genießen können, wo ihnen alles gehört, alles für sie ist; umgeben von Wärtern, die seit Generationen über Kranke gewacht haben, deren Leben, deren Wohlergehen diese Kranken sind. Denn in Geel lehrt man die Kinder zuerst, mit » les aliénés« umzugehen, und dann ein Handwerk zu lernen. Und so geschah dies seit Jahrhunderten. Ich gab ihm recht. Im Herzen voll von allem, was ich gesehen hatte, all das Elend, das an dieser Stätte zutage trat, mußte ich seine Bewunderung teilen. »Aber ich könnte hier nicht leben«, sagte ich. Der Arzt blieb vor einem Gartenzaun stehen. Dahinter lag ein zugewachsener Garten, die weißen Marmorfiguren sahen durch das Laub hervor. Der Rasen ging in die grünen Gänge über. Ganz innen war das Schloß versteckt, eine weiße Villa mit geschlossenen Läden. Alles war trist wie die traurige Verlassenheit selbst. »Ein belgischer Reicher erbaute dieses Schloß für seinen jungen Sohn, der, wie so viele, zerstört vom Feldzug des Lebens hierher nach Geel kam – hier gehören Feld und Jagdbezirk zum Haus. Der Vizegraf war das einzige Kind. Vor zwei Jahren starb er, nun kann man das Ganze für 500 Francs mieten – aber ich denke, sie lassen das Schloß abreißen – Liebhaber werden kaum kommen. Wer sollte es wohl auch haben wollen – außer ein Rothschild würde irre.« »Einer, der vergessen werden will«, sagte ich. »Sie haben Recht – man wäre gut versteckt.« … Wir erreichten schweigend den Bahnhof, wir verabschiedeten uns, und der Arzt bat mich, gut zu Geel zu sein. »Diese Armen haben es gut … die anderen sind schlechter dran. Als ich die Anstalt in Gent besuchte, weinte ich, Arzt, der ich bin. Hier haben sie es gut.« Weit draußen erblickte ich aus dem Zugfenster den Turm der heiligen Dymphna und das Dach des Schlosses. Dann verschwand auch dies, und während ich mich im Wagen zurücklehnte, seufzte ich tief …   Ich habe mich bemüht, die Forderung, die ich an mich selbst gestellt habe, zu erfüllen: nur zu erzählen, was ich gesehen habe; ich habe die Dramen, die ich von der »Stadt der Irren« hätte wiedergeben können, übersprungen, ich habe nicht ihre Schrecken gemalt, ich habe so gut erzählt, wie ich vermochte, und was ich gesagt habe, hat zumindest einen Vorteil: wahr zu sein. Mitten in den dichtest besiedelten Gegenden Belgiens liegt abseits der Landstraße Geel, die merkwürdige »Stadt der Irren«. Die Scheu der Menschen, Aberglaube und Furcht haben sie von der Karte der Belgier getilgt, eine Mauer um die Stadt errichtet, deren einzige Einwohner die Geisteskranken und deren Wächter sind. 12.9.1880 Eigenartige Städte II Die Stadt der Nonnen Gents Boulevard hinunter, wo einige belgische Soldaten unter den Sonnensegeln der Gaststätten sich die Zeit vertreiben, über den Markt, wo üppige Marktfrauen, schwitzend und rot, hinter ihren halbgefüllten Obstkörben in der Mittagshitze schreien, hinaus aus den Gassen, hinein in die Gäßchen, über Brücken, gewundene Gäßchen mit Häusern, die Herrn Jacques de Artevelde Jakob van Artevelde (um 1287–1345): Flandrischer Patriot, Sohn des reichen Tuchhändlers Johann van Artevelde in Gent. Vertrieb an der Spitze der Volkspartei 1337 den Grafen Ludwig I. von Flandern, der mit dem Adel des Landes zu Frankreich neigte. Er verbündete sich mit Eduard III. von England. Als er die englische Herrschaft in Gent einführen wollte, wurde er ermordet. kannten, wo runde Kinder sich lärmend im Sand wälzen, und wo man seine Lumpen auf Leinen über der Straße trocknet – das ist der Weg zur Stadt der Nonnen. Früher lag sie am Brüggener Tor, hinter alten Gräben versteckt, beschirmt von Wällen und Mauern, mit einem Eisentor als Eingang. Es war zu Kriegszeiten erbaut worden, als selbst die heiligen Schwestern ihres Lebens nicht sicher waren, und noch weniger, glaube ich, waren es die weltlichen Schätze des Ordens und der kostbare Reliquienschrein. Es ist lange her. Aber sechshundert Jahre lang trotzte der heilige Orden der Zeitläufte und der Gewalt der Generationen. Revolutionen schlugen mit ihren Wellen an die Mauern der Beginen, Beginen: ( begginae ) werden seit dem 13. Jh. fromme Frauen genannt, die freiwillig arm und keusch, aber ohne bindende Gelübde, ohne Ordenszugehörigkeit und -regel gemeinsam in B.-Häusern und -höfen leben. Die religiöse Armutsbewegung um 1200 führte zuerst in Brabant (Nivelles) und in Deutschland, auch in Frankreich viele Frauen in solche Gemeinschaften, die keine Aufnahme in die neuen Orden fanden, aber anfangs oft von Zisterziensern, später meist von Dominikanern oder Franziskanern als Seelsorgern betreut wurden. Sie waren besonders empfänglich für die Mystik, auch gegen deren häretischen Überschwang nicht gefeit. Von nun an oft verdächtigt, wurden die B. 1311 verboten, aber bald unter Vorbehalt ihrer Rechtgläubigkeit und Ehrbarkeit wieder zugelassen. Sie beschränkten sich aber seitdem zumeist auf karitative Versorgung und Betätigung von unverheirateten Frauen unterer Stände. In Belgien und den Niederlanden bestehen bis heute B.-Höfe. Ihr Name, fälschlich auf die hl. Begga († 695) oder auf den Lütticher Priester Lambert »le Bègue« († 1177) zurückgeführt, ist noch nicht einhellig erklärt, vielleicht vom Ketzernamen »Albigenser«, vielleicht von ihrer graubraunen Tracht (»beige«) abgeleitet. – Das männliche Seitenstück waren die Beg(h)arden , die weniger Verbreitung fanden, häufiger der Ketzerei verfielen und nach dem 15. Jh. kaum noch vorkommen. [Aus: Beginen. Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 1, S. 959 ff.) und die Mauern vermochten ihnen zu trotzen. Gesetzgeber änderten die Welt, aber la grande dame La grande dame : (franz.) Die Priorin des Beginenhofes. Jeder Beginenhof ist souverän und hat seine eigene – von den Schwestern frei gewählte – Priorin ( »Magistra«, »Grande Dame«, »Groote Juffrouw«). herrschte ungestört, respektiert von Josef II., Joseph II. (1741–1790): Römisch-deutscher Kaiser von 1765–1790. Sohn Maria Theresias, dem es trotz intensiver Bemühungen nicht gelang, Bayern zu erwerben. Vertreter eines aufgeklärten Despotismus, hob die Leibeigenschaft auf, kümmerte sich um Handel und Gewerbe, förderte Künste und Wissenschaften, erließ 1781 ein Toleranzedikt. Die heutigen Niederlande und Belgien standen unter seiner Herrschaft. selbst von den Jakobinern Jakobiner: Radikal-politische Partei der Französischen Revolution. verschont, mit Ehrfurcht vom Übermut des großen Napoleon Napoleon I. (1769–1821): französischer Kaiser von 1804–1815. gegrüßt. Die heiligen Schwestern meinten, die Heiligen wachten über ihnen und schützten sie. – – Aber was in Kriegszeiten besteht, kann in Friedenszeiten fallen, was dem Sturm trotzte, fällt oft bei Stille. So erging es der Stadt der heiligen Schwestern. Gent wuchs. Neue Häuser wurden an die alten Mauern der Nonnen gebaut, moderne Straßen mußten vor der roten Mauer enden; man legte vor dem Eisentor der Schwestern lärmende Gasthäuser an und zweideutige Häuser direkt hinter ihrer Kirche. Belgiens Liberale wollten die Nonnen mit Hilfe von Offenbach Jacques Offenbach (1819–1880): Deutsch-französischer Operettenkomponist, näheres siehe »Wechselnde Themen« 10.10.1880 »Jacques Offenbach«. auf dem Orchestrion Orchestrion: ein mechanisches Musikwerk (1851 erfunden von Fr. Th. Kaufmann) mit starken Zungenstimmen, die mit Hilfe verschieden gestalteter blecherner Aufsätze den Klang der Blasinstrumente des Orchesters ziemlich täuschend nachahmen. und anderen Wohltaten der Zivilisation vertreiben. Die Schwestern blieben, sie beteten zu den gnädigen Heiligen, La grande dame beraumte Messen zum ehrenvollen Gedenken der Sainte Bègues Sainte Bègues: (franz.). Name der heiligen Begga (um 615–694). Urgroßmutter Pippins des Kurzen, stiftete angeblich 692 das Kloster Andennes am rechten Ufer der Maas, zwischen Namur und Lüttich. Sie gilt als Schutzheilige der Beginen. Ihr Gedenktag ist der 17. Dezember. an. – Aber dann entdeckte man in Gents Stadtrat, daß der Grund und Boden, auf dem die Stadt der Nonnen lag, nie bezahlt worden war und auch niemals rechtsverbindlich geschenkt worden war. Grund und Boden gehörten der Stadt. Die Schwestern hatten kein Recht, dort zu wohnen. Vergeblich bat und beschwor Die Große Dame den Stadtrat, vergeblich beriet der Rat der Schwestern, umsonst erbat man Mitleid: Gent wuchs, und die Stadt mußte frei wachsen. Sechshundertfünfzig Jahre hatten die Beginen an dieser Stelle Kranke gepflegt, für Unglückliche gebetet, Armen geholfen – nun war es vorbei, man riß ihre Mauern ab, zerstörte ihre Häuser: Die Schwestern standen mit ihrem Kreuz und den heiligen Bildern obdachlos da. Dann baute der Herzog von Arenberg Herzog von Arenberg: auch Herzog von Aremberg. Franz Ludwig Prinz von Aremberg (1849–1907). Das Herzogsgeschlecht der Arenberger reicht bis in das 12. Jahrhundert zurück; Stammschloß bei Aremberg (Koblenz). Das Geschlecht hatte zur Zeit Bangs große Landbesitzungen in Deutschland, Frankreich und Belgien. den Obdachlosen eine Stadt, kaufte Grund und Boden und ließ eine Stadt errichten, wo die heiligen Damen wieder auf ihrem eigenen Grund wohnen konnten, versteckt hinter Wällen, beschützt von Gräben: denn es kann oft unfriedliche Tage zu Friedenszeiten geben. Der Fremde, der sich die Stadt der Nonnen ansehen will, fährt an der Kirche vorbei, am Friedhof vorbei, einem eingezäunten Rasen mit einigen Rosen, wo man Linnen trocknet und Wäsche zum Bleichen auslegt. Die Kirche liegt einsam. Im Schiff liegen die schwarzen Gebetskissen in Reihen, längs des Ganges die Pulte der Priorinnen, zuoberst unter dem Chor – unter einem blauen Baldachin – der Ehrenplatz des Bischofs von Gent und des Beschützers des Ordens, des jungen Herzogs von Arenberg. Der Raum ist freundlich und hell. Die Straßen der Stadt gehen in Form eines Zweiges vom Kirchplatz aus. Einsam und ausgestorben liegen sie in der Mittagssonne. Die Bäume der Gärten der Nonnen bewegen sich sachte über die roten Mauern, die alle mit grünen Türen und mit der Heiligen des Hauses in einer Nische versehen sind. Tür an Tür, Heiliger neben Heiligem in den roten Mauern, so lang die Straße ist. Hinter den hohen Mauern liegen die gotischen Häuser mit Erkern und Türmchen, Portalen und Türen mit Bogen, Haus an Haus, in unserer heutigen Zeit nach dem Muster der verschwundenen Jahrhunderte erbaut. An den Straßenecken, wo der Straßenheilige prangt, mit Blumen von den frommen Händen der Schwestern behängt, sind die Klöster mit Türmen und Kapellen, mit farbigem Glas in den hohen Rundfenstern, erbaut … Und man sieht kein lebendes Wesen auf den Straßen der gotischen Stadt. Steht man oben an der Kirche, sieht man die roten Mauern, die schimmernden Dächer der Häuser, die Türme der Eckklöster, die Bilder der Heiligen – ein Stück Mittelalter, von der modernen Kunst erschaffen, schöner als das Mittelalter selbst es hätte tun können. Der Herzog von Arenberg wünschte, daß die Schwestern ihr Unglück vergäßen, spurlos sollte die Zeit der Zerstörung für den Orden der Beginen in neue Jahrhunderte münden. So baute er die gotische Stadt für ihre siebenhundert Bewohner. In diesen Rahmen paßt dieses Leben, hier konnten die Nonnen noch, fünf Minuten Wegs in das lebhafte Gent, unter dem milden Szepter der Großen Dame davon träumen, daß »neue Zeiten« eine krankhafte Sage und ein »neuer Geist« nur ein erschreckendes Abenteuer seien. Die Große Dame wohnt unmittelbar neben der Kirche in einem großen Haus mit Bogenfenstern, drei Erkern und einem Turm. Von ihrem Lieblingsplatz im Erker aus kann die Große Dame alle Straßen überblicken. Die Schwestern gehen langsam vorbei, das Gebetbuch in der Hand, mit ehrfurchtsvoller Verbeugung die Priorin grüßend. Die Dame erwidert den Gruß, sie hebt die weißen Finger, und die Schwestern empfangen gebeugten Hauptes den Segen. Ich ließ mich bei der Großen Dame melden. Ein Schlag mit dem mächtigen Türhammer, und ich wurde von einer dienenden Schwester in den hohen Empfangsraum geleitet. Die Decke besteht aus einem Gewölbe, wie ein Kirchenschiff von Pfeilern getragen; im Raum befinden sich einige hohe Stühle, ein Tisch mit schweren Beinen, ein Schrank aus Eiche mit goldenen Gebetsbüchern auf den groben Ablagen. Vor dem Tisch steht ein Stuhl mit seidenem Bezug, breiten Armen und einem Schemel; dies ist der Sitz der Großen Dame . Hier sitzt sie dem Rat vor. Und während sie hier in ihrer gotischen Halle mit den schweigenden Schwestern in Reih und Glied sitzt und hinter den rechteckigen Scheiben die Mauern und Türmchen der Stadt der Nonnen sieht, kann sie die Stadt Gent und ihre Tage ohne Obdach vergessen. Die dienende Schwester bat mich zu warten. Sie mußte die Priorin aus der Kapelle holen. Einen Augenblick später öffnete sich die Seitentüre, und ich erhob mich schnell, um die Großpriorin der Beginen zu begrüßen. Sie ist nicht schön, die Großpriorin, eine knochige Stirn unter der weißen Spitzenhaube, eine spitze Nase, Schneidezähne, die unter den hängenden Lippen nach außen streben. Wenn sie spricht, senkt sie das Kinn auf ihre Brust und schiebt die dünnen Lippen wie einen Rüssel nach vorn, um die Zähne zu bedecken. Sie kam langsam, sehr steif, einige Schritte zu mir hin, und nachdem ich mich vorgestellt hatte, bat sie mich mit einer Handbewegung, gegenüber dem Thronsitz Platz zu nehmen. Sie führte das Gespräch leicht, hielt die Hände im Schoß, die Finger leicht gegeneinander gespreizt, und wenn sie sprach, bohrte sie ihr Kinn immer heftiger in die Falten ihrer Kleidung, wo die Natur die weibliche Brust vermuten würde. Sie redete nicht von den Beginen. Nach einem kurzen Gespräch über das belgische Königshaus geht sie dazu über, die Prinzessin von Wales Prinzessin von Wales: Die Gemahlin des späteren Eduards VII. war die dänische Prinzessin Alexandra (1844–1925), Tochter Christian IX. zu loben, die sie in Paris gesehen hatte; sie beklagt die Exkaiserin Exkaiserin: Gemahlin Kaiser Napoleons III., die spanische Gräfin Eugenie von Teba. und erzählt eine Begebenheit aus dem Krieg von 1870. Die Beginen versahen damals ihren Dienst bei den Sanitätern. Als ich äußerte, ich hätte davon gehört, auch von der Aufopferung, die die Schwestern während dieses Dienstes gezeigt hätten, beugte sie ihr Haupt, ergriff den Rosenkranz und ließ ihn langsam, gedankenlos durch ihre Finger gleiten. »Wir versuchen immer, den Unglücklichen zu helfen«, sagt sie. Nach einer Pause hebt sie wieder das Haupt. Sie hat von den Diakonissen reden hören, einer Institution, die ihrem Orden gleicht, nicht wahr? »Ja – aber die Diakonisse ist durch kein Gelübde gebunden … sie ist frei und kann in die Welt zurück, wann sie will. – –«   Die Priorin lächelt: »Genau wie wir«, erwidert sie. »Die Beginen binden niemanden, wir nehmen den Schleier ohne Gelübde. Man kommt, um getröstet zu werden und um zu trösten, man geht, wenn man gehen möchte. – Ist man aber einmal«, und die Stimme der großen Dame klingt innerlich, während sie das Kreuz des Rosenkranzes umfaßt, »in Gottes Nähe gekommen, verläßt man ihn nicht. In fünfzig Jahren haben uns nur zwei Schwestern verlassen – sie wurden nicht glücklich.«   Ich blickte auf, und berührt vom Klang in der Stimme der Priorin traf ich ihren Blick. Unter einem Netz feiner Falten lagen tief innen die grauen Augen, in die ein Aufleuchten, eine kurze Flamme, gekommen war. Aber dann schlug sie die Augen wieder nieder. Nach einer Pause brachte ich den Streit mit der Stadt Gent zur Sprache. »Sie wußten nicht, was sie taten«, sagte sie ohne aufzusehen, während sie die Hand erhob, um auf ein Gemälde über ihrem Sitz zu weisen, und fügte hinzu: »Dann schickte der Herr uns ihn.« Es war das Bild des Herzogs von Arenberg. Man hat um den Rahmen einen Kranz aus Trockenblumen gelegt. Unter dem Bild kann man auf einem goldenen Schildchen lesen: »Dem Wohltäter des Ordens, dem edlen Beschützer der Schwestern, Ernst, Herzog von Arenberg«. »Er baute uns diese Stadt – und starb. Gott möge ihn belohnen.« Ob der Herzog hier in der Kirche ruht? »Nein – das ist ein Verwandter. Im übrigen darf hier auf dem Friedhof niemand begraben werden. Der König hat es untersagt. Dies würde der Gesundheit der Nonnen schaden. Und«, fügt die Priorin bitter hinzu, »es kommt so selten vor, daß der Rat sich um das Leben unserer Schwestern sorgt, daß diese Rücksichtnahme unseren Orden nur freuen konnte. Man begräbt ganz Brüssel in Laeken Laeken: Nordwestlicher Vorort von Brüssel mit königlichem Schloß und Königsgräbern. – uns hat man nicht erlaubt, in unserer eigenen Erde zu ruhen.« Ihre Stimme zittert, sie umfaßt mit ihren mageren Händen leicht krampfartig die Armlehne und wechselt dann plötzlich über: »Aber Gott wird seine Toten überall finden«, sagt sie milde, während sie ihre Hand erhebt und sich bekreuzigt. Sie erhob sich, und nachdem sie mir eine Karte, die Zugang zu allen Häusern und Klöstern gewährte, gegeben hatte, bedeutete sie mir, daß die Audienz beendet sei. Als ich an den Fenstern des Erkers vorbei den Kirchplatz überquerte, sah ich hoch. Hinter der Scheibe saß die Priorin gesenkten Hauptes, den Blick fest in ihrem Buch. Ich ging die Straße des heiligen Antonius Antonius: Die Straße ist entweder nach dem heiligen Antonius (250–356), Vorläufer des christlichen Mönchtums, der als Eremit in der ägyptischen Wüste lebte (Gedächtnistag: 17. Januar), oder nach Antonius von Padua (1195–1231), führendem Franziskaner, der als Bußprediger Italien und Frankreich durchzog, benannt. Gedächtnistag: 13. Juni. hinab, der Mauer entlang und blieb an der zweiten Tür unter dem Bild der Sancta Cecilia Sancta Cecilia: die Heilige der Kirchenmusik. Sie erlitt als junge Christin den Märtyrertod in Rom; ihr Grab soll angeblich 1851 in Roms Katakomben gefunden worden sein. stehen. Eine Schwester öffnete, und ich gelangte in einen Garten mit hohen Buchsbaumhecken und steifen Blumenbeeten. Ein kiesbedeckter Weg wandt sich um die vier Beete. In Mauernischen standen die Heiligen der Schwestern, vor die Bilder hatten sie Blumen im Glas aufgestellt und Kronen aus Glasperlen hingelegt. Es war die Zeit des Gebets. Die Schwestern beteten gemeinsam im Hof, aber wenn ich das Haus sehen wolle, stehe es zur Verfügung. In einem solchen Haus wohnen vier Schwestern. Sechs Jahre muß la beguine im Kloster verbringen – nach dieser Zeit kann sie Unterkunft in einem der kleinen Häuser fordern, wo sie ihre eigene Wohnung und ihren eigenen Haushalt hat. Alles in diesen Stuben ist blitzblank. Der Holztisch ist mit einem blendend weißen Tischtuch bedeckt, die Kommode mit einem hellen, am Rand mit Spitzen versehenen Tuch, die Holzstühle und der Boden, Simse und Fenster – alles strahlt vor Sauberkeit. Die Zimmer sind schmucklos, nur ein Kruzifix und einige Heiligenbilder. An der Wand hängt immer dasselbe Bild: der Herzog von Arenberg, umkränzt mit Trockenblumen, gelegentlich eine verwischte Lithographie einer frommen Schwester, die vor Jahrhunderten verstarb, eine Lithographie, die die Großpriorin bei einem Brand rettete, und von der man eine hübsche Legende erzählt. In Jahrhunderten werden die gleichen beiden Bilder an diesen weißen Wänden der hellen friedlichen Zimmer hängen, und man wird von Generation zu Generation eine Legende erzählen – von beiden. »Hier leben wir, wie wir wollten«, sagt die Schwester, während sie in dem Zimmer, wo das spitzenumrandete Kissen auf einen Stuhl gestellt ist, umherschaut. Wir kennen nur eine Verpflichtung – jeden Tag beten wir sieben Stunden.« Sie sagte dies geradeheraus, wie etwas, das sich von selbst verstand … »Sieben Stunden … jeden Tag. Das ist ziemlich lang.« »Oh nein«, entwortete sie lächelnd, »unser Tag hat sechzehn Stunden. Was sollten wir da wohl tun?« Nein, was sollten sie wohl tun? – Sie hat vielleicht recht. Und nach einem kurzen Schweigen fügt sie naiv hinzu: »Genauso gerne beten – wie reden.« Durch die Türverglasung kann man in den Hof hinaussehen. Unter dem Halbdach sitzen die drei Schwestern mit nickenden Häuptern, gebeugt auf den Stühlen, mümmelnden Mundes und geschlossenen Augen. Sie beten halblaut, durcheinander, schnell. Wenn die eine aufhört, um Atem zu schöpfen und zu schnaufen, werden die anderen um so lauter, bis die dritte mit einem Ruck einsetzt. Dann gleitet der Strom des Betens wieder näselnd gleichmäßig, als ob die nickenden Frommen sich selbst mit ihrem flüsternden Gebet in den Schlaf murmeln wollten. Der einen Schwester wurde es während des Gebetes sehr warm, der Schweiß perlt auf der Stirn unter der weißen Haube, und immer wieder trocknet sie die dampfenden Wangen mit der Rückseite ihrer fetten Hand. Immer wieder fällt das Haupt schräg zur Seite, während sie weiter murmelt. Sie nickt ein. Dann stößt die Nachbarin sie heftig mit ihrem Ellenbogen an … Ginge es mir nicht darum, nur die Wahrheit zu erzählen, hätte ich diese Klöster leicht mit jungen, unglücklichen Frauen bevölkern können, hätte Mariengesichter oder Magdalenen Magdalenen: Maria Magdalena. Wird in der Leidensgeschichte unter dem Kreuze Jesu (Mt 27, 56), bei der Grablegung (Mt 27, 61) sowie bei der Auferstehung Jesu (Mt 28, 1–10) erwähnt. mit schwarzem Schleier malen können, traurige Stirnen unter weißen Hauben; es wäre leicht, die Stadt der Nonnen mit Schiffbrüchigen zu bevölkern und Vergangenheitsdramen aus traurigen Blicken zu lesen. Weil ich aber die Wahrheit berichten möchte, kann ich den Lesern mit so etwas nicht dienen. Es waren nur wenige junge Gesichter in den Gebetsstühlen der Klöster, und was ich aus den Zügen der Schwestern las – große volle Gesichter mit hochroten Wangen unter den Schleiern – war meist gutmütige Stumpfheit. Sie saßen zur Zeit des Gebets in langen Reihen in dem großen Saal, unaufhörlich murmelnd, die Augen halb geschlossen, leichtes Hin- und Herbewegen, die Hände um den Rosenkranz. Die meisten waren alt und zahnlos. Sie saßen mit halb geöffnetem Mund da und betrachteten den Besucher mit stumpfer Verwunderung, während sie weiterbeteten und weiter mit den zahnlosen Kiefern murmelten. Hier und da war vereinzelt eine Novizin. Meist erblickte man ein grobes Gesicht unter der weißen Haube, eine starke, plumpe Figur. Die Tracht schmückt nicht. Die heilige Tracht löscht die Jugend aus. Aber die meisten waren alt. Schon längst hatten die Sieben-Stunden-Gebete die Unruhe ihres Sinnes zur Ruhe gebracht, die Leiden mit Nebel bedeckt, die Begierde abgestumpft, die Begierden und Gedanken mit einer Decke von Stumpfheit zugedeckt. Begierde und Leben waren in der langen Zeit des Betens in ein Netz von Trägheit gemurmelt. Aber früher – damals, als sie hierher kamen, damals, als sie hier hinter den Mauern des Gebäudes, beschützt von den heiligen Gräbern, Ruhe suchten, – damals? Damals ist lange her. Und sie haben ja außerdem ihre Freiheit: Sie können gehen, wann sie wollen, die Beginen halten niemals diejenigen auf, die die Freiheit suchen. »Aber in den letzten fünfzig Jahren haben uns nur zwei Schwestern verlassen – sie sind nicht glücklich geworden.« Wo das Gelübde nicht hält, fesselt die Scham. Den Schleier vor den versammelten Schwestern zu Füßen der Großen Dame zu zerreißen; unter so vielen bösen Blicken zu gehen, mit der stillen Mißbilligung des Ordens, mit dem Zorn der heiligen Bègues … nein, dann lieber weitermurmeln, die alten Gebete, dieselben Worte, murmeln, mümmeln; jedes Gebet legt ja Mull auf den Lebensnerv der Begierde. Ich sah alle diese schlaffen, vollen Gesichter mit den schläfrigen, erloschenen Blicken; die gebeugten Gestalten, die schlaffe Haltung … Und wohin ich auch kam, begegnete mir in dieser Reihe der Betenden derselbe – immer derselbe Anblick … Ich atmete tief durch und verließ das Kloster. Ich ging über den Platz in die Kapelle der Priorin. An der großen Wand hing ein altes Bild: eine Schwester auf dem Totenbett. Gemälde eines flämischen Meisters, die Züge sind schwer, das Lächeln zufrieden. In den Händen, über der Brust gefaltet, hielt sie ein Gebetbuch, über der Stirn trug sie eine Brautkrone. So endet eine Braut Christi in der heiligen Gesellschaft der Beginen. Ich betrachtete das Bild, und zuletzt war es, als ob die Lippen sich bewegten und als ob die Tote noch die näselnden Gebete mümmelte, die so viele Kräfte verzehrt hatten, so viele Existenzen eingelullt hatten. Jahrhunderte lang! Jahrhunderte lang! Wieviele Kräfte hat man nicht begraben, wievieler Leben hat man die Gesellschaft nicht beraubt. Und der Gedanke schweift über diese graue Existenz mit ihrem Tag von sechzehn Stunden, mit ihrer Morgenandacht, ihren Gebeten, ihren kleinen Intrigen, ihrem verklemmten Geschwätz, neuen Gebeten, neuer Andacht und neuem Geschwätz … Eine Frau kommt herein, kräftig, gesund, vielleicht um zu vergessen, vielleicht um Buße zu tun. Und langsam werden ihre Vorstellungen verschluckt, eine nach der anderen in diesem grauen Nebel des Lebens, langsam schwindet ihr Denken, unmerklich stirbt ihre Intelligenz. Ohne Sonne, unter einem grauen Himmel welkt ihr Leben, denn welche Vorstellungen könnten wohl hier zurückbleiben, welche Gedanken in einer Existenz wie dieser? Man betet siebenmal, geht zweimal zur Kirche – von den sechzehn Stunden des Tages sind noch sieben geblieben. Man klöppelt, näht, unterhält sich. Aber worüber unterhält man sich? Für einen Psychologen müßte solch ein Gehirn einer alten Nonne ein glückliches Mysterium sein … Am Altar der Kapelle kniete eine Schwester. Es war etwas Eigentümliches in der Haltung der Knienden, etwas Festes, Starkes. Diese Gestalt, die ich von hinten sah, betete eifrig, innerlich. Ich blieb stehen und wartete. Die Kniende betete lange, dann erhob sie sich und ging gebeugten Hauptes vorbei. Und zum ersten Mal erblickte ich ein junges Gesicht, bleich, traurig unter dem Schleier der Begine. Ich folgte der Gestalt mit meinen Augen. »Sie erhielt gestern den Schleier«, sagte die dienende Schwester. Gestern. Und in zehn Jahren wird der Blick dieser traurigen Augen wie der der anderen stumpf sein, ihre Züge schlaff, ihre Nerven abgestumpft, eine Existenz ausgebrannt. Die junge Nonne bog zur nächsten Straße ab, langsam. »Sie ist neunzehn Jahre alt«, sagte die Schwester. Ich ging. Es kam mir vor, als ob mich etwas heraustriebe, als ob die Luft in den ruhigen Straßen der Nonnen zu stickig würde, in jenen Straßen mit den Heiligenbildern in den Türnischen. Abends ging ich noch einmal hinaus. In Scharen eilten die Nonnen in die Kirche, sie traten ein, schlugen mit ihrem heiligen Buchs das Kreuz und legten sich schweigend über die auf den Fliesen liegenden Kissen. Es herrschte Dämmerlicht in der Kirche der Nonnen. Gesenkten Hauptes knieten Hunderte Frauen in schweigenden Reihen auf dem Boden. Die schwarzen Schleier wogten auf dem Marmor des Kirchenbodens. Hoch über der Schar thronte die Großpriorin, die Hände an der weißen Haube über der Stirn gefaltet. Und über den Knienden erklang das geheimnisvolle Brausen der Messe. … Nach dem Gottesdienst ging jede in ihr Heim in der stillen gotischen Stadt. Während die Schwestern über den Platz gingen, knieten sie vor dem Denkmal des Herzogs von Arenberg – einem Stein, hinter einem feuervergoldeten Gitter errichtet. Auch wenn er nie ein so großer Sünder war, dieser Herzog, muß doch seine Prüfung im Fegefeuer kurz sein – bei so vielen Gebeten, die er für seine Seele gekauft hat … Die Türen werden geschlossen. Der Tag ist zu Ende. Und der nächste Tag wird wie der heutige sein, und der nächste wieder wie dieser. Es wird ihnen gegeben, die dies Leben nennen. Und vielleicht wird die neue Stadt der Nonnen mit ihren siebenhundert Bewohnern jahrhundertelang unberührt stehen, geführt von der Großen Dame und dem heiligen Rat, und die Nachkommen werden sich über dieses eigentümliche Denkmal wundern, ein Denkmal, errichtet von einem Herzog im inkonsequenten Jahrhundert des Unglaubens. Vielleicht – wer weiß? 26.9.1880 Eigenartige Städte III Europa zur Ansicht Jede Zeit hat ihren Badeort, das Kurbad, das gerade modern ist, wo jedermann hin muß. Vor langer Zeit war es Spa Spa: Kurbad in Belgien (Provinz Lüttich) mit kalten, kohlesäurehaltigen Eisenquellen. Der Ort, der zur Zeit Bangs etwa 7 000 Einwohner hatte, diente schon ab dem 16. Jahrhundert als Kurbad. Im 17. und 18. Jahrhundert war er innerhalb Europas so berühmt, daß das Wort im Englischen für jedes Kurbad benutzt wurde. – vor langer Zeit, vor der Sintflut, damals als Königinnen Landwirtschaft spielten und »Fremde kommen« und man auf denselben Schlössern, die die Philosophen untergruben, für Philosophie schwärmte; Im kleinen Trianonpark beim Schloß von Versailles befand sich der »Weiler« von Königin Marie Antoinette, ein kleiner Fleck mit ländlichen Häusern, wo die Hofdamen gemäß der Philosophie Rousseaus ein idyllisches Landleben genießen sollten. 1792 zerstörte die Französische Revolution dieses Idyll. damals zur Zeit jener unvergeßlichen Geschlechter, deren Jugend das Lächeln satt hatte und die im Alter nicht mehr zu weinen vermochte, die in weißen Atlasschuhen das Menuett tanzte und alles verlachte, bis sie im Blut ertrank, damals, als die Fürsten Reformen durchführten und die Philosophen Freunde der Könige Philosophen […] Freunde der Könige: Anspielung an den Philosophen der Aufklärung, Voltaire und seine Freundschaft mit Friedrich dem Großen von Preußen, den er lehrte und bei dem er bis zur ihrem Zerwürfnis von 1750-1753 lebte. waren, in der eigentümlichen Zeit der Theorien, Idylle und Seidenstrümpfe, war es Spa. Hier trafen sich Europas Herrscher mit den großen Philosophen Frankreichs, Londons eitle Gecken mit den schönheitsbepflasterten Damen der Seinestadt. Spa war der Sommeraufenthaltsort des Universums, und Tausende und Abertausende versammelten sich an seinen Quellen. Aber dann kam die Sintflut, und von dem Alten blieb kein Stein auf dem anderen. Spa hatte seine Rolle ausgespielt. Das Julikönigtum Julikönigtum: Das Bürgerkönigtum 1830-1848 unter Louis Philippe, der König nicht »von Gottes Gnaden«, sondern »durch den Willen des Volkes« wurde. propagierte Dieppe. Dieppe: Stadt am Ärmelkanal, im 19. Jahrhundert erstes französisches Seebad nach dem Vorbild des britischen Brighton. Wochenendparadies für viele Pariser. Hatte zur Zeit Bangs etwa 22 000 Einwohner. Die ehrliche Zeit der Bankiers, als die jungen Damen wie Scribes Ingenuen Scribes Ingenuen: Augustin Eugène Scribe (1791-1861) war ein französischer Dramatiker und Librettist. Seine Theaterstücke waren in der Mehrzahl Vaudevilles und Komödien, die am Pariser Théâtre français uraufgeführt wurden. 1834 Mitglied der Académie française. Ingenuen sind unschuldige, junge Mädchen, auch als Theaterrolle. zickig waren, und jeder Großhändler auf seinen Stand so stolz war, daß er unbedingt Pair Pair: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Bezeichnung der Mitglieder der ersten Kammer des französischen Reichstages. sein wollte, als Louis Philippe seinen Schirm schützend über Frankreich hielt und die Mächtigen Europas auf ihren Thronen Mittagsschlaf hielten, als man in allen Ländern von Freiheit sprach und als Deutschland für die Einheit schwärmte – damals, bevor man sich noch seine Finger verbrannt hatte, war es Dieppe. – Dann wurde es Baden Baden: Seit 1931 ist der offizielle Name »Baden-Baden«. Weltbekanntes Heilbad, das zur Zeit Bangs überwiegend von Russen besucht wurde. Zur Zeit Dumas des Jüngeren, Dumas der Jüngere (1824-1895): Französischer Schriftsteller, dessen Wirken im Zweiten Kaiserreich (1853-1870) unter Napoleon III. seinen Höhepunkt erreichte. als die Halbwelt reich genug wurde, um Schlösser aufzukaufen und in Bäder zu reisen, als die Polen, die falsch spielen, modern wurden, als in Frankreich die Boulevards gebaut wurden und Marguerite Gautier, Marguerite Gautier: Hauptfigur in Dumas d.J. Roman Kameliendame (1848). zum Vorbild wurde, als die Kaiserin noch nicht ganz vergessen hatte, daß sie einmal Eugenie von Teba Eugénie von Teba: Napoleon III. ehelichte die spanische Adlige Eugénie Montijo, Gräfin von Teba (1826-1920), die 1853 französische Kaiserin wurde. gewesen war und als der Kaiser eher ein Abenteurer als ein Träumer gewesen war. Dann wurde es Trouville. Trouville: Trouville-sur-Mer, Hafenstadt im französischen Departement Calvados, an der Mündung der Touques in die Seinebai, (1901) 6 000 Einwohner, prunkvolles Seebad. Das Kaiserreich erfand Trouville wie die Krinoline und das Nationalitätsprinzip. Trouville wurde in den goldenen Jahren Oktave Feuillets Octave Feuillet (1820-1890): Feuillet war in den Salons des Zweiten Kaiserreichs der Modedichter. modern, als in der Literatur nur für Marquisen Platz war, als die Tuilerien Tuilerien: das ehemalige Residenzschloß in Paris, 1564 von Katharina von Medici begonnen, dann mit dem Louvre zusammengebaut und teilweise während des Aufstands der Kommune (1871) zerstört. Frankreich waren und das Fenster eines Schlosses Aussichtspunkt der Dichter, als man eher bigott denn tugendhaft war, als Haussmann Haussmann, Baron Georges Eugène (1809-1891): In kaiserlichem Auftrag führte er von 1852 an die Stadtplanung von Paris durch, die durch den Abriß engbebauter Stadtviertel und den Bau breiter Boulevards und sternförmiger Plätze gekennzeichnet war. seine Zauberwelten inszenierte und man das größte Ausstattungsstück erfand: die Weltausstellung, Weltausstellung: 1855 (und erneut 1867) wurden in Paris Weltausstellungen veranstaltet, deren Ziel es in allererster Linie war, die industrielle Kraft des wiedererstandenen napoleonischen französischen Kaiserreiches zu demonstrieren. als Gustave Droz Gustave Droz (1832-1895): Als französischer Schriftsteller Vertreter des Realismus. seine Heldinnen entkleidete und Schneider bei Hofe sang, wo sie mit einem Fächer spielte, der an das Feigenblatt des Paradieses erinnerte. Damals war es Trouville. Nun ist es Ostende Ostende (niederländisch: Oostende): Internationales Seebad in der belgischen Provinz Westflandern, an der Nordsee gelegen, Überfahrt nach Dover (England), damals ca. 16 000 Einwohner (heute ca. 60 000). Herman Bang besuchte 1881 als Korrespondent der Nationaltidende Ostende. Nun ist Ostende schick , und jedermann muß deshalb nach Ostende. Frag nie den Zeitgeist, warum; eine Göttin will es – und selten dasselbe zwei Stunden in Folge – sie nennt keine Gründe. Man muß nach Ostende, der Zeitgeist will es. Das Bad ist schick und schick ist das Adelsprädikat des Augenblicks, die mention honorable Mention honorable: ehrfürchtige Erwähnung. der Mode. Ich kam mit dem Schnellzug um ½6 Uhr an. Auf dem letzten Teil der Reise war die Reisegesellschaft ruhig geworden, man schlief, war eingenickt oder döste. Selbst die Pariserin war still: in der Ecke des gepolsterten Sitzes zurückgelehnt schlief sie mit dem Kopf auf die Seite gelegt wie ein kleiner Vogel, der auf seinem Zweig schläft, der Feiste aus Brüssel überdeckte sein ständiges Gähnen mit »Nanna«, Nanna: Roman von Émile Zola (1880). der Ehemann zwiebelte seinen Schnurrbart, und ich war über dem Baedeker, durch dessen englische Ausgabe ich mich durchbuchstabierte, eingenickt. Die deutschen Frischverheirateten saßen eng nebeneinander und verbargen mit germanischer Schamhaftigkeit ihr sehnsüchtiges Liebesglück hinter einer aufgefalteten Nummer von Gil Blas , Gil Blas: Gil Blas de Santillane (1815-1835): Roman von A.L. Lesage, hier wahrscheinlich als Fortsetzungsroman in einer Zeitung abgedruckt. hinter dessen keuschem Schutz man ein süßliches Murmeln vernahm, dem gedämpften Gurren in einem Taubenschlag nicht unähnlich. – Aber nach und nach glitt Gil Blas langsam auf die Knie der Frischvermählten, dem Hinterkopfgescheitelten entglitt »Anna«. Der Baedeker verschwamm vor meinen müden Augen. – Dann pfiff der Zug, und ich fuhr mit einem Ruck hoch. Die Pariserin erwachte und schüttelte rasch ihre Federn mit einem munteren zwitschernden Ausruf, die weißen Hände des Feisten tasteten hurtig nach dem Scheitel, und die Frischvermählten ertränkten die süße Überraschung des Aufwachens mit einem langen, schmachtenden Blick. Der Ehemann zwirbelte rasch seinen runden Schnurrbart nach oben. Und im nächsten Augenblick schwamm das Abteil von einer grenzenlosen Fülle von Hutschachteln, Reisedecken und Reisetaschen, die der Himmel weiß woher kamen, und auf einmal wurde fieberhaft auf allen Sitzplätzen und Netzen gewühlt, auf dem Boden und dem Schoß der Damen, so daß man in dem kunterbunten Wirrwarr ertrank und kaum seine eigenen Beine finden konnte. In dem Maße wie die Fahrt langsamer wurde, wurden wir alle von der eigentümlichen, sinnlosen Hast, die uns plötzlich befällt, wenn wir uns dem Ziel der Reise nähern, ergriffen. Nachdem wir zehn Stunden ruhig gefahren waren, und froh darüber waren, im Schnellzug zu reisen, hielt es uns nun keinen Augenblick mehr; die zehn Sekunden, die vergehen, bis der Schaffner die Abteiltüre aufschließt, kommen uns wie eine halbe Ewigkeit vor; die drei Minuten, bis wir unser Gepäck ausgehändigt bekommen, als himmelschreiendes Unrecht, das uns der Genüsse unseres halben Daseins beraubt. Eine Hast, die uns aus den Abteilen fliegen läßt wie Brieftauben, die instinktiv fühlen, daß sie prämiierte Tiere sind, die es deswegen eilig haben müssen , diese Eile, die uns selbst der interessantesten Reisegesellschaft Guten Tag sagen läßt. Wir drücken klamme Hände, verabschieden uns mit leerem Blick, atemlos vom Reisefieber, das Blindekuh mit Kleidersäcken und Reisetaschen spielt und Reiseführer, Hutschachteln und Reisetaschen durcheinander würfelt. – Und geht es schon überall verrückt zu, ist es in Ostende noch schlimmer als sonstwo. Man kommt um ½6 Uhr an und weiß, daß das gemeinsame Abendessen auf La digue unwiderruflich um 6 Uhr beginnt. Wenn man sich vorher noch frisch machen will, was nach einem Tag Eisenbahnfahrt recht angenehm ist, wundert es einen nicht, daß man in Eile ist. Man springt heraus, schreit noch lauter als gewöhnlich nach seinem Gepäck, schluckt den Ärger über das Warten hinunter, drängt sich mit heiler Haut durch die Schar der Gepäckträger, die mit sachtem Schnappen den bestickten Kleidersack ergreifen, über den Hafenplatz laufen und einen der schreienden Droschkenkutscher aussuchen, deren heisere Rufe sich in babylonischer Sprachverwirrung überschlagen, ein Vorgeschmack auf den Kosmopolitismus, der sur la plage regiert. In einem zerbrechlichen Korbwagen rollte ich durch einige Gassen, in verwinkelte Sträßchen und wieder in moderne Straßen, durch das unendliche Wirrwarr, das immer in einer belgischen Stadt herrscht, wo die Gegenwart in der einen Straße aufbaut, während die Vergangenheit in der anderen zerbröckelt. Die Rue de Flandre hinab, wo die Schaufensterscheiben der Luxusgeschäfte ihre Pariser Wunder bergen, wo die Restaurants mit Riesenspiegeln und prachtvoller Vergoldung erstrahlen, erreichte ich – bergab, bergauf – das wirkliche Ostende – das Ostende, das Europa kennt, wo sich »die ganze Welt« trifft, das Paris der Sommerzeit, der Vorort Berlins, das verheißene Land der Russen, das neue Jerusalem der Juden – kurz gesagt, ich gelangte zu La digue . Stellen Sie sich eine geschotterte Promenade von der Breite der Passage vor, die zwischen Axelhus und Tivoli besteht, so lang wie die Strecke von Halmtorvet Halmtorv: Bis etwa zur Jahrhundertwende Name des heutigen Rathausplatzes; der heutige Halmtorv (Strohmarkt) liegt beim alten Schlachthof (Kødby) im Stadtteil Vesterbro. bis zum Anfang der Vesterbrogade, gerade, nur an beiden Enden mit einer hübschen Biegung versehen. Bauen Sie entlang diesem Tanzboden eine Reihe Schlösser, stolz wie die Denkmäler der Pariser Boulevards, mächtig wie die Steinmassen Berlins, kurzweilig wie die Häuser in einer Villengegend in Hunderten Stilarten. Hotel an Hotel, Villa an Villa, Säulenreihe an Säulenreihe. – Ein Wirrwarr von Balkonen mit vergoldeten Geländern, von Nischen, von Loggien: von offenen Hallen, gefüllt mit Palmengruppen, von Türmchen und gleißenden Erkern. Der Reichtum spiegelt sich lächelnd in jeder einzelnen der blitzenden Scheiben, Luxus steckt kokett sein Gesicht aus jedem Winkel hervor. – Schauen Sie sich die »Villa Neptune« an. Zur Straße hin eine offene Halle mit einem vergoldeten Geländer. In den Ecken der Halle stehen große, mächtige Palmen, die weiße Faunen Faunen: in der griechisch-römischen Mythologie krummnasige, spitzohrige, mit Schwänzen und Bockfüßen versehene, nach Liebesabenteuern lüsterne Walddämonen. verbergen, die vor leuchtenden Nymphen Nymphen: in der griechisch-römischen Mythologie weibliche Naturgottheiten niederen Ranges, die im Meer (Nereiden), in Quellen und Bächen (Najaden), auf Bergen (Oreaden) und Wiesen, in Tälern, Wäldern und Bäumen (Dryaden, Hamadryaden) wohnen. spielen. Palmen, Geländer und Nymphen spiegeln sich in den Nischenspiegeln und lachen im Glas einander zu. Und hinter der Halle sieht man durch die halb weggezogenen Behänge eine Reihe kleiner Zimmer, die sich unter dem Überfluß des Luxus biegen, Staffeleien und goldene Kandelaber, Pflanzen und volle Glasschränkchen, gepolsterte Wände und Wandteppiche, die Spiegel bedecken, Gemälde und Statuen, Bilder und Nippes, ein Durcheinander, das nur ein Stewens Émile Wauters (1846-1933): belgischer Maler bedeutender Geschichtsbilder (Maria von Burgund [Rathaus Brüssel]) und Bildnisse (z.B. Prinzessin Clémentine von Belgien, Rothschild). Mitglied der Akademien in Berlin und München. Seit 1890 in Paris. malen kann, eine Zartheit, die nur Wauters Émile Wauters (1846-1933): belgischer Maler bedeutender Geschichtsbilder (Maria von Burgund [Rathaus Brüssel]) und Bildnisse (z.B. Prinzessin Clémentine von Belgien, Rothschild). Mitglied der Akademien in Berlin und München. Seit 1890 in Paris. wiedergeben kann. – Oder die Villa Esperance mit ihrem Kupferdach, ihrem Erker und ihren Türmen. Die Villa Medici mit ihrem hellen säulengesäumten Gang oder die Villa Pologne, die so dunkel wie ein Gefängnis ist. – So liegen sie Haus an Haus, Prachtbau an Prachtbau, die Steinkolosse der großen Hotels, die heiteren Türme der Villen, die wuchtigen Schlösser. – Erbauen Sie solche Häuser längs dieser Promenade bis zur Ecke hinunter, wo der Kursaal mit seiner luftigen Halle thront, seinem Wirrwarr schöner Terrassen, Balustraden, Balkonen und Dächern. Erbauen Sie in Gedanken auf der höchsten Terrasse das königliche Schloß mit seinem Durcheinander an Sommergalerien, kleinen Pavillons und Türmen, runden Sie das Bild ab, und begrenzen Sie es mit dem Rahmen der trostlosen Einöde der Dünen. – Und wenn Du dann in Gedanken das Meer vor diesem Panorama wogen lassen kannst, den mächtigen, großen Ozean, der mit seinen Wellen, die sich nie zur Ruhe begeben, gegen die Dämme der La digue anrollt – dann – ja dann hast Du Ostende! Es fällt nicht leicht, dieses Meer zu malen. Stunde um Stunde kann man an das Geländer des Damms gelehnt seinem lauten Schnarchen lauschen, bis es uns als Gesang erscheint. Stunde um Stunde sucht unser geblendeter Blick die wogende Grenzenlosigkeit ab und verirrt sich draußen, weit, weit draußen, wo der Himmel das Meer im hohen, hellen Horizont trifft … Zu ihnen allen spricht das Meer, zu allen Tausenden, die von allen Winkeln der Erde herbeiströmen und ergriffen der gleichen Musik lauschen … – Dieser Damm ist ganz Ostende, diese Steinmasse mit ihren Schlössern und dem Ozean zu seinen Füßen ist der Sammelplatz Europas. Dieser Sammelplatz ist nicht alt, es ist noch nicht so lange her, daß Belgien und die Stadt Ostende den Mut faßten, ihre Millionen in dieses Meer hinauszuwerfen, das sie ihnen nun tausendfältig Jahr für Jahr zurückgibt, und diesen 1 600 Fuß Fuß: 1 dänischer Fuß ist 0,3139 m; 1 600 Fuß sind 50,2 m. langen Damm als Anrichte, wo Europa sich präsentieren konnte, baute … Aber zuerst zum gemeinsamen Abendessen. Der Wagen hält vor dem »Hôtel de Russie«, der Portier verbeugt sich, weist mir ein Zimmer im zweiten Stock zu und teilt mir mit, das Abendessen beginne gleich. Die Glocke läutet, und nach kurzem Frischmachen muß ich in den Speisesaal zur festlichen Abendmahlzeit. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt schon viele Speisesäle gesehen, viele Scharen von Kellnern, die lautlos wie Geister von einem ernsten Oberkellner geführt werden, viele Tische, mit rücksichtslos versilberter Pracht gedeckt. Und doch stutzte ich ob dieses Reichtums. Brüssels Hôtel de Flandre war vornehmer, der Geschmack war beherrschter, es standen frische Blumen in den Tischaufsätzen. Kölns Hotel war größer, königlicher mit seinen imponierenden Säulenreihen und Riesengemälden, die Deutschlands Größen verewigten, Hôtel de l'Europe war gemütlicher – jedoch ein so unglaubliches Strahlen habe ich nirgendwo gesehen … Ein Meer von Lichtern wird von den hundert Aufsätzen der Tischkaraffen und Teller, Schalen und geformten Glases, Silbers und gleißender Vergoldung gebrochen. Künstliche Blumenfluten ergossen sich aus den riesigen Tafelaufsätzen, hindurch durch strahlende Leuchter, Sektkühler und weiße Statuetten. Längs der breiten Tische saß die Gruppe verschiedenster Gäste, Russinnen mit riesengroßen Pfauenfächern und wie indische Götzenbilder mit Diamanten behängt, blonde Engländerinnen mit Taubenaugen und Stock im Rücken, Amerikanerinnen mit elastischen Miedern und rosa Puder auf den Wangen, polnische Glücksritter mit dunkelblauen Augen, Polens Schmerz wie ein Plakat auf der Brust, englische Geschäftsleute mit steifen Stehkrägen und dünnem Kinnbart, wohlgenährte Deutsche mit drallen Töchtern, die immerzu lächeln; französische Damen, in ihr Selbstbewußtsein eingeschlossen und in unglaublich engen Kleidern zusammengeschnürt, spanische Donnas mit Halbhandschuhen und Fächern, über deren gehäkeltem Saum die Augen blitzen, Stutzer und würdige Herren, Kinder, die steif wie Stöcke auf den Stühlen sitzen, Kindermädchen, die aussehen, als hätten sie nur einen halben Platz, Junge und Alte … Alle badeten sich im Glanz des Saales, erhitzt von der zunehmenden Wärme. Die Kellner bedienen leise, ein verhaltenes Flüstern von Gast zu Gast, das Klappern der Messer – ein hundertfaches Murmeln im Speisesaal des Hôtel de Russie … Man genießt seinen Kaffee auf dem Altan vor seinem Zimmer. Entlang La digue zündet man die Gaslaternen an, der Kursaal erstrahlt wie ein Feenpalast. Unten auf La digue strömt die Menge lachend und schwatzend vor und zurück, die Brise vom Meer her trägt die Töne des Orchesters von der Terrasse des Kursaals zu einem herüber. Gegen Abend bummelt man an den erleuchteten Restaurants vorbei, in deren sommerlichen Vorhallen Damen Eis essen, während die Herren Domino spielen und Absinth Absinth: Im Altertum Bezeichnung für Wermutwein; im 19. Jahrhundert aus Wermut mit Anis und Beifuß (Artemisia absinthium) bereiteter grünlicher starker Likör mit 55 Volumen-Prozent. Alkohol, der besonders in Frankreich, meist mit Wasser vermischt, genossen wurde. Übermäßiger Genuß erzeugt chronische Vergiftungserscheinungen und bis zu Krämpfen sich steigernde Nervenreizung mit späterer Lähmung. trinken, vorbei an Läden, die in elektrischem Licht erstrahlen, hell wie der Tag und schöner als an den Balkonen der Villen vorbeizugehen, wo die Frauen in großen Schaukelstühlen träumen und man Musik und Gelächter aus den offenen Türen hört – vorbei an der Villa d'Ostende (der heimlichen Spielbank), deren gastfreundlicher Eingang einen himmelblauen Vorsaal mit einer marmornen Venus victrix Venus victrix: die siegende Venus (römische Göttin der Liebe). in der Ecke erahnen läßt. Der höfliche Diener, der an der Treppe seinen Platz hat, lächelt einem entgegen und legt den Finger auf den Mund, es könnte ein Hinweis sein, man könnte es als Warnung auffassen: durch den offenen Eingang blickt man in ein rotes Kabinett, von Pflanzen vollgestellt wie ein Wald, halb dunkel, in der geheimnisvollen schönen Dämmerung wie ein Dornröschenschloß schlummernd; und auf einem Sofa unter Palmen liegt Dornröschen selbst, von einer Lampe beschienen, von einer Schar Herren umringt, die lachend mit großen Farnwedeln der Ruhenden Kühlung zufächeln. Lassen Sie uns das Zeichen als Warnung gelten. Es gibt viele Säle hinter dem halbdunklen Kabinett, wo man, bevor die Bank von der modernen Venus geöffnet wird, in die eleusinischen Mysterien Eleusinische Mysterien: Das Heiligtum der Göttin Demeter in Eleusis war im Altertum in Griechenland religiöser Mittelpunkt. Zu ihrer Verehrung hatten nur Geweihte (Mystai) Zugang. eingeweiht wird … und man spielt drinnen sehr laut. Vorbei am Palast des Prinzen von Ligne Prinz von Ligne (Eugène Lamoral Fürst von Ligne, 1804-1880): Belgischer Politiker. Seit 1851 Mitglied, seit 1852 Präsident des belgischen Senats mit seinen in Stein gemeißelten Wappen und den springenden Löwen, vorbei am Cercle des bains, Cercle des bains: wörtlich Kreis der Bäder, hier wahrscheinlich das Spielkasino des Kurbades. wo schwarz befrackte Herren sich im ganzen Saal über die aufgestellten Spieltische beugen, hinab zu »Le Kursaal« , wo die Musik, der Lärm der Gäste, die Schreie der Zeitungsjungen und die Rufe der Bedienungen, wenn sie sich durch die dichten Reihen der Gäste drängen, sich vermischen und zu einem Brausen anschwellen, das gegen das des Meeres angeht. Gehen Sie hinein in »Le Kursaal« . Die Musik des großen Orchesters verschwindet in diesem Riesensaal mit seinen gewaltigen Wölbungen und mächtigen Bögen, ein Konzertsaal für Europa gebaut, mit Platz für Tausende. Man kann sie nicht beschreiben, nicht diese dichte Menge, die an den Hunderten von Tischen durcheinander redet, nicht den betäubenden Lärm, nicht dieses siedende Durcheinander der Sprachen aller möglichen Länder, gleichzeitig gerufen, gesprochen und geflüstert, den kochenden Wirrwarr Offenbachscher Weisen, die babylonische Sprachverwirrung und den Lärm Tausender, die auf den überdachten Terrassen und den hohen Galerien flanieren. Man begegnet allen Nationen und allen Physiognomien, allen Altersklassen und allen Völkern … Wir gehen dem Meer entlang ins Hotel zurück. Der Himmel ist dunkel, weit draußen am Horizont liegt ein heller Streif, gesäumt von ausgefranzten Wolken. Vor uns braust das Meer, die Gischt der Wellenkämme zeichnet sich weißlich im Dunkeln ab. Aber nach und nach wird die Gischt heller, aufscheinend, feurige Streifen trennen das Dunkel. Und wie tausend Sterne, die sich im dunkeln Strom widerspiegeln, glimmen tausend feurige Funken, die im Dunkel des Meeres zerstieben. Bald wie ein zischender Lavastrom, glühend; bald wie eine leuchtende Milchstraße, funkelnd mit unendlich vielen Sternen. So erlebt man den Ozean. Man kommt zurück ins Hotel, langsam erstirbt das Leben auf La digue , selbst aber kann man nicht schlafen. Man träumt die Sommernacht durch, während das Meer leise murmelt und die Brise des Ozeans die merkwürdigsten Dinge flüstert. Als hätte der heimliche Schlund der Erde seine mächtigen Schleusen geöffnet und seine schäumenden Massen in glühenden Strömen ausgesandt, rollt das Meer seinen feurigen Strom bis vor unsere Füße. – Aber gegen Morgen werden die Wogen ruhiger, die Fläche der See wird blank und ruhig, und nur wie Millionen ferne, unruhige Sterne funkelt ihr phosphorner Schein in der Nacht … Es ist, als hätte man die Milchstraße im Himmel und die Sterne des Universums eine Sommernacht lang zu seinen Füßen ausgebreitet. Man schlummert ein wenig, zieht sich an und geht hinunter zu »La plague«. Man badet von zehn bis eins, und der Strand ist bereits voll. Nacktbeinige Stuhlverleiher rufen: une chaise, une chaise! Die Badewärterinnen hantieren mit ihren Eimern, die Kutscher spannen an und spannen ab. Überall am Strand suchen Damen unter ausgespannten Segeln oder großen Sonnenschirmen Schutz vor der Sonne; man liest Zeitungen, empfängt Besuch, macht Besuche; man leiht sich einen Badewagen und nutzt ihn als Salon, man bietet Obst in einer Tüte, aus dem »Figaro« »Le Figaro«: Führende liberal-konservative französische Tageszeitung, die seit 1826 in Paris erscheint. Neben »Le Monde« die wichtigste Zeitung Frankreichs. gefaltet, an; Herren nehmen ein Sonnenbad, ausgestreckt in dem heißen Sand, Kinder bauen Strandburgen, graben Kanäle und schlagen Seeschlachten. Junge Leute gehen mit hochgekrempelten Hosen umher, Damen rutschen auf ihren Stöckelabsätzen ab und kreischen; Kindermädchen lassen unbekümmert ihre weißen Säuglinge am Strand sich wälzen, und die Kleinen graben sich bis zum Hals in dem feinen Sand ein … Und alle in dem bunten Haufen lachen, schreien, lächeln, rufen einander zu … Wagen fahren aus und ein. Draußen vom Wasser hört man Schreie und Gelächter, die Badenden springen gegen die Wellen, drehen sich um, springen gegen das Wasser, tauchen unter, jubeln, lassen sich vollspritzen, sausen vor und zurück, wie die Strömung sie treibt. Ganz draußen sieht man die Rettungsboote, deren weiße Seiten in der Sonne leuchten … Die Badewagen schirmen wie eine Mauer den Blick Neugieriger ab, aber plötzlich öffnet sich eine Bresche in der Mauer, einer der Wagen setzt zurück, und man sieht in der Bresche einige Herren und Damen, die die Française »Française«: Die Française als Gesellschaftstanz ist ein Kontratanz des 19. Jahrhunderts, also ein Tanz, bei dem die tanzenden Paare nicht für sich tanzen, sondern alle miteinander eine Folge von Tanzfiguren ausführen. in der Brandung tanzen. Neue Schreie, Flucht, neue Wellen, man rutscht, fällt, taucht … Wie Hunderte Athleten tummeln sich die Badenden in ihren Trikots im Wasser. Auf dem Strand plaudert man, bildet Gruppen, die sich wieder auflösen, betrachtet mit der Lorgnette, sieht durch Ferngläser, unterhält sich. Ein Durcheinander von Kindern, die sich im Sand wälzen, geöffnete Sonnenschirme, weißgekleidete Damen, die lesen, und Herren, die mit lauten Rufen die besetzten Wagen entern wollen. Man krempelt die Hosen hoch, läuft ins Wasser, springt auf die Stufen des Badewagens, der Kutscher schreit, die Badewärterin stößt einen runter, man will wieder hinauf, man einigt sich, man schlüpft hinein, und platsch, platsch geht es ins Meer hinaus, wo man in seiner gestreiften Badekleidung schnell Bekanntschaft stiftet, denn beim Baden gibt es keine Etikette, man zeigt sich ja fast so, wie man ist, und man nimmt es, wie es kommt … Man läßt sich auf Gespräche ein, man bildet Ketten, um der Brandung zu widerstehen, und wo sonst hat man das Recht, als Leitspruch »Honni soit qui mal y pense« »Honni soit qui mal y pense«: »Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.« Devise des englischen Hosenbandordens. auszugeben? Und über allem die Sonne des Julitages, auf dem schimmernden Sand des Strandes das wuselnde Gewirr eines Ameisenhaufens, draußen von der See Gelächter, Rufen und Spielen. Die Wagen rollen, die Badewärterinnen schreien, hochgeschürzte badende Mädchen rufen, hinaus und herein, vor und zurück fahren die Wagen, am Strand wimmelt es immer noch von Menschen. Aber es sind auch 16 000 Gäste in Ostende. Dann kehrt man zurück zu La digue , man ruht sich aus, ißt zu Mittag, tanzt in »Le Kursaal« , lauscht der »Teeblume« »Teeblume«: Musikstück aus der burlesken Operette Fleur de thé von H.C. Chibot und A. Duru, im Kopenhagener Volkstheater am 14.10.1879 erstmals aufgeführt. oder besucht den Zirkus. Aber wo man auch hingeht, bleibt man auf La digue, denn der Damm ist Ostende. Nicht wahr, eine merkwürdige Stadt, die nur aus einer Promenade besteht, 1 600 Schritt lang und 100 Schritt breit, und wo doch »die ganze Welt« hingeht, um sich zu treffen, die nur ihre prachtvollen Hotels hat, ein mittelmäßiges Theater, einen fünftklassigen Zirkus und dann – den Ozean? Eine Stadt, in der vier Monate lang Leben ist, und die stirbt, wenn die Herbststürme die Wogen des Ozeans schäumend über La digue treibt. Welch eigentümliches Erlebnis, solch ein Sturm! Hoch wie Berge, mit unheilschwangerem Brausen, gegen die jagenden Wolken taumelnd, als ob sie den Himmel verschlingen wollten, schwappen die Wellen an den Strand; und gleitend gehen die Massen des Meeres über den Tanzboden des Dammes und donnern gegen die geschlossenen Läden der prachtvollen Gebäude. Dann singt der Ozean brummend eine andere Weise, ein Lied von unseligen Nächten und Schiffbrüchen und dem Untergang Tausender; kalt, heulend schlägt der Sturm an die Kursaalterrassen, die Wetterfahnen heulen, die Häuser zittern, die Wassermassen schäumen an ihrem Fuß. Auf dem Deich ist es nicht gerade gemütlich; menschenleer, vom Schnee des Winters zerfurcht, vom Schneesturm gepeitscht, liegt der Deich im Herbst und in den winterlichen Nebeltagen, im Schneetreiben und unter Wolkenbrüchen aus dem Westen wehrlos und verlassen da. Das Meer hebt sich mit Macht und feiert den Tanzboden mit Gesang, der Sturm schlägt lärmend gegen die Läden und spielt mit den gotischen Türmchen. Die Sommerpaläste frieren; bedeckt mit Holzbalken und Segeltuch, wie eine Frau im Abendkleid, die nachts mit klappernden Zähnen auf den schlafenden Pförtner wartet und ihren nackten Hals bedeckt, während sie von der feuchten Kälte schaudert – so warten Ostendes zugedeckte Paläste auf den Sommer, das Licht und die Sonne … Und der Sommer kommt. Wie Zugvögel treffen die Gäste ein – sie kommen mit zwitscherndem Gesang und belegen die Wohnung jubelnd – sie folgten der Sonne und dem Licht und bleiben so lange wie sie … Ostende ist wieder Ostende. 10.10.1880 Jacques Offenbach Jacques Offenbach (1819–1880): Deutsch-französischer Operettenkomponist, seit 1849 Kapellmeister am »Théâtre Français«, dann 1855–1866 Leiter und Eigner der Operettenbühne »Théâtre des Bouffes-Parisiens«, für das er über 100 Operetten und die »Musiquettes« (Parodien in Form von Einaktern) schuf, von denen viele in ganz Europa einzigartige Popularität erfuhren. 1873 übernahm er das »Théâtre de la Gaité«, das 1875 bankrott ging und ihn damit letztlich ruinierte. Nach der Niederlage Frankreichs im deutsch-französischen Krieg 1870/71 verblaßte wegen seiner deutschen Herkunft sein künstlerischer Ruhm. Seine Musik hat sich als sehr langlebig erwiesen; sie ist nicht tiefsinnig, glänzt aber mit Witz, Charme und neckischer Laune, Einfallsreichtum und Eleganz. Weit über ihre musikalischen Werte hinaus verdienen die Operetten großes kulturhistorisches Interesse als Ausdruck des Lebensstils im Paris des zweiten Kaiserreichs. Offenbach wurde auf dem Friedhof Montmartre (Paris) beigesetzt.   Der Theaterbote des Renaissance Renaissance: Theater in Paris. traf letzten Dienstag wie gewöhnlich im Boulevard des Capucines 8 ein, um die Partitur für die neue Operette des Meisters »La belle Lurette « »La belle Lurette«: Dt. »Die schöne Lurette«, Operette 1880 postum uraufgeführt. abzuholen, in welcher er nach der gestrigen Probe noch einige Takte verbessern wollte. »Für Herrn Offenbach«, sagte er beim Pförtner. Aber der Pförtner hielt ihn an: »Es hat keinen Sinn hinaufzugehen«, sagte er, »Herr Offenbach ist verstorben.« Wie der Blitz verbreitete sich das Gerücht vom Tode des Maestros in Paris, aber auf den Boulevards stieß es auf Mißtrauen. »Jacques« – man nannte ihn wieder »Jacques« – gestorben … das kann nicht sein: Man hatte ihn ja erst kürzlich im Café Riche gesehen, war ihm gestern bei den Seen begegnet, summte neulich im Bouffes die fröhlichen, zwitschernden Melodien, die Zulma auf der Bühne jubelte. Merkwürdig: »Gestern« ist zehn Jahre her, »Kürzlich« war die Zeit des Kaiserreiches, Die Zeit des Kaiserreichs: 1852–1870. »Neulich« war der Sedanstag, Sedanstag: Die Schlacht von Sedan am 2.9.1870, aus der Deutschland als Sieger hervorging, besiegelte das Ende des zweiten französischen Kaiserreichs. denn Paris hatte seinen Maestro vergessen, und obwohl er mitten unter ihnen lebte, war er doch schon lange tot. Aber jetzt, da er wirklich gestorben war, erweckten die hundert Erinnerungen, die dem Tode folgen, ihn plötzlich wieder zum Leben, und sie formten die Jahre des Vergessens, die für sie kurz gewesen waren, für ihn jedoch allzu lange, zu Wochen, wo sie nicht an ihn gedacht hatten. Man bereute die Vergeßlichkeit des Augenblickes, und die Reue zeigte den Parisern Offenbach wieder als jungen, frohen, göttlichen Komponisten, der die Menschen zum Tanzen brachte, das verwöhnte Kind der Pariser, den echtesten Pariser, den ausgelassensten Gamin Gamin: frz. Straßenjunge, Lausbub. aus Frankreichs munterster Zeit – – und er, nein er konnte nicht tot sein! Aber Jacques war tot, und es war gut, daß er es war, denn Kinder der fröhlichen Zeit müssen sterben, wenn die Freude vorbei ist, und der Dirigent führt den Kehraus Tempo. Kehraus: hier: Schlußtanz in sehr schnellem Tempo. an; am Tage geboren muß man mit dem Abend gehen, und für Offenbach drohte die Dämmerung schon zur Nacht zu werden. Deswegen war es gut, daß er nun tot war, während man noch nicht an seinen Tod glauben wollte, weil man sich seines Lebens erinnerte. Denn es genügt nicht, von Offenbach zu sagen, er sei Kind seiner Zeit gewesen: Alle Künstler sind Kinder ihrer Zeit, und sie werden nur deshalb Künstler, weil sie es sind, weil sie ganz in ihr gelebt haben, mit ihr gekämpft und gelitten, wie sie geträumt haben, sich wie sie gesehnt und wie sie geliebt haben. Aber eben deswegen reicht es nicht aus, von dem nun verstorbenen Maestro zu sagen, wie es Albert Wolff Albert Wolff (1835–1891): Französischer Feuilletonist, arbeitete hauptsächlich für »Le Figaro« und »Événement«, Freund Offenbachs. gesagt hat, er sei ein Kind seiner Zeit und ein großer Künstler gewesen, doch für denjenigen, der denkt, ist dieser Begriff allzu weit und nicht genau genug. Nein, Jacques Offenbach war »Kind des Tages«, des Tages oder der festlich erleuchteten Vauxhall-Nacht, Vauxhall-Nacht: Vauxhall war von der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts bis 1859 Londons Vergnügungspark. Hier: die Nacht des Vergnügens. die das zweite Kaiserreich in seinen reichen Jahren erschuf – als Kind dieses Tages, mit genußvollen Augenblicken verbunden, hat Offenbach die frohen Melodien des Augenblickes gesungen, in dem alle diese Augenblicksgenüsse auflebten, weil er selbst voll im Augenblick »gelebt« hat. Offenbach gab in Tönen wieder, was er von dieser Zeit verstand, und was er verstand, war ihr Streben nach Genuß : deswegen berauschten seine Rhythmen, die beständig zärtlich um die Ergriffenheit der Sinne und den Genuß kreisten, ein Geschlecht, dem der Zeitgeist zu genießen gebot, aber deswegen wurden sie auch vergessen, als der Zeitgeist sich änderte. Im Kaiserreich war es modern zu genießen. Ein gewisses munteres Genießen war modern, ein Genießen ohne Übertreibung, so wie wir es bei alten Jungesellen finden, deren Erfahrung die Ausbeute ihrer Genüsse vertieft, und die tausend Mal tiefer als die Jugend genießt, weil sie sich nicht bei jedem Schritt einer Illusion hingeben und nicht in jedem Augenblick auf ein unerfülltes Versprechen stoßen. Man genoß, wie ein alter Junggeselle genießt, ruhig, wie ein Gourmand , Gourmand: Schlemmer, Fresser. Gegensatz: Gourmet = Feinschmecker. der einen Wein kostet und ihn auf die Zunge fallen läßt – fast Tropfen um Tropfen. Das Genießen eines solchen Mannes ist nicht berauschend frisch, aber er verschluckt sich auch nicht und hält bis zum Ende der Mahlzeit durch: Er bindet sich die Serviette bis zum Kinn und studiert schon beim ersten Gericht das Menü um zu sehen, wie viel er essen kann, um seinen Appetit aufzuteilen, wie viel er trinken kann, um sich zu besinnen, ohne betrunken zu werden. Sie haben es so gut, diese sechzehn-achtzehn Lebemänner besten Alters in dem erhellten Speisezimmer an dem reichgedeckten Tisch und der stummen Dienerschar – sie sitzen so gemütlich. Sie reden hauptsächlich von »Frauen«, reden von ihnen mit halben Wörtern, die ganze Zugeständnisse beinhalten, und diskretem Lächeln, das mehr als Zugeständnisse beinhaltet; sie behandeln alles en bagatelle , sie möchten eher grausam als empfindsam scheinen, aber sie sind keins von beiden, sie sind nur gleichgültig, sie sind Skeptiker in allem und glauben an nichts; wo sie noch etwas abergläubisch sind, enthüllen sie dies schonungslos, indem sie es parodieren. Die Parodie setzt ihrer Furcht eine Grenze, und der Kater setzt ihrem Genuß eine Grenze, sie könnten Zyniker sein, aber sie sehen wie Zyrenaiker Zyrenaiker: Anhänger des griechischen Philosophen Aristipp von Kyrene (4. Jht. v. Chr.), der den Genuß in den Mittelpunkt seiner Philosophie stellte. aus, und sie setzen sich jeden Tag mit dem gleichen Appetit an denselben Tisch. Etwas in diesem Bild gleicht der Gesellschaft des Kaiserreichs, und von dieser Gesellschaft entfaltete sich der Drang nach Genuß in verschiedenen Formen, wenn auch nicht über Frankreich, so doch zumindest über Paris; man mußte genießen, den Augenblick genießen, aber wohlgemerkt, nicht ohne an den nächsten zu denken: wenn man nicht an das Morgen dächte, könnte der morgige Tag ja nicht so reich wie der heutige werden. Offenbach war ein Kind dieser Zeit: in keinem Leben pulsierte dieser Drang nach Genuß stärker als bei ihm, er lebte nur in diesem Genuß, und sein Schaffen wurde gerade deshalb das, was es für die Zeit wurde: ein Bruchstück ihrer frohen Botschaft in Tönen. Für die Zeit – denn das ist die Bedeutung des zweiten Kaiserreichs, es war eine Zeit, der Abschluß einer bestimmten Entwicklung, ein in sich geschlossener Zeitabschnitt wie die Renaissance oder »der Tag des großen Königs«. »Der Tag des großen Königs«: vielleicht Anspielung auf die komische Oper der 1840er Jahre von Adolphe Adam (1803–1856) »Si j´étais roi«. Er war nicht »moralischer« als die meisten; er war ein guter Vater, aber er war schwerlich ein tadelloser Ehemann; er schätzte die Frau sehr hoch, solange sie sich ihm nicht hingegeben hatte, und er verließ sie mit einem Lächeln, wenn er sie erobert hatte; er hatte wie alle eine Ehre, aber sein Gewissen plagte ihn nicht, und als einmal einer seiner Freunde den Komponisten der »Die Schöne Helena« »Die schöne Helena« (1864), Operette von Offenbach. fragte, ob er nicht bereue, was er genossen habe, antwortete Jacques lächelnd: »Ich bereue, was ich nicht genossen habe –.« Ihm, der im »Orpheus« die Götter Kankan Kankan: schneller französischer Tanz im 2/4 Takt, besonders um 1830 in den Pariser Konzertcafés getanzt; dann Bühnenschautanz, der wegen der hohen Beinwürfe und Spagatsprüngen der Tänzerinnen als obszön polizeilich verboten wurde. hatte tanzen lassen, gab man am letzten Mittwoch ein Kruzifix in jene Hände, die so oft den Taktstock zu Jupiters bacchantischen Bocksprüngen geführt hatten. Und doch waren diese Bocksprünge sicherlich irreligiös. Man hat behauptet, Offenbach habe Achilles parodiert, um sich zu rächen, weil er als Orchesterdirigent im »Théâtre Français« sich so oft über die tötenden Alexandriner der Heroen gelangweilt habe, und vielleicht hat jene Langeweile, die der Maestro jahrelang Abend für Abend ertragen mußte, wirklich seinen Witz geschärft, als er die heiligen Götter von ihren Podesten herabtrieb, während er als Orpheus aufspielte, so daß selbst die Steine Lust zum Tanzen bekamen. Aber selbst wenn der Platz im Orchester des Français gewisse Impulse gegeben haben könnte, liegt doch der Grund für die Herkunft dieser Parodien sicher weit tiefer. Es war eben die Lust der Zeit, das zu parodieren, wovon man noch den Rest eines dummen Aberglaubens, der diese Parodien schuf, zurückbehalten hatte. Die Zeit freute sich daran, wenn sie Corneilles Corneille: Pierre (1606–1684), Verfasser von Komödien und Tragödien, gehörte dem Dichterkreis rund um Richelieu an. Übersetzte Thomas von Kempens »Imitatio Christi« ins Französische (1651). und Racines Racine, Jean (1639–1699): Franz. Dramatiker. Seit 1677 königlicher Kammerherr und Hofgeschichtsschreiber am Hofe Ludwig XIV. Helden wie Satyren umhergejagt sah, verfolgt von jenem Reigen, der sie zu unanständigen Gebärden zwang, wie der Märchen-Hof, der nach der Wunderrätsche des Prinzen den Volkstanz tanzt. Der Märchenhof des Prinzen/Wunderrätsche: Anspielung auf H.C. Andersens Märchen »Svinedrengen« (1842). Es waren mehr als Corneilles Helden, die sich in diesem Hexentanz drehten, es war die Autorität, die lächerlich wurde, die Ideale, die man im Trikot herumspringen ließ; man lachte über das Heilige, wenn man über Kalkas »Zu viele Blumen« Kalkas: Figur in der »Schöne Helena«. jubelte, man dachte vielleicht an die Tuilerien, Tuilerien: Residenzschloß in Paris, 1564 von Katharina von Medici erbaut, teilweise mit dem Louvre zusammengebaut und bei dem Aufstand der Pariser Kommune 1871 zerstört. wenn man der Königin der Griechen lauschte. Diese Musik, die sich einschmeichelnd und spielerisch wie ein durchsichtiger Schleier um die Obszönität der Mythen legte, und – die Farce streifend – sie als ursprüngliche Schönheit entkleidete, die sich der Leidenschaft anbiederte und durch beständiges neues Verhüllen, was sie eben noch entblößt hatte, zudeckte – war gerade die Tafelmusik jener alten Junggesellen, die Begleitung ihres Gespräches, das nichts respektierte, das parodierte, von dem man noch fühlte, es stehe auf Podesten. Offenbach war zum Freund der alten Junggesellen geworden, weil er selbst mitten unter ihnen saß, und er wurde das Hätschelkind seiner Zeit, weil sie ihm glich. Aber lassen Sie uns dieses Bild verlassen. Muß man noch berichten, daß Rolf Blaubarts Rolf Blaubart: Offenbachs Operette »Ritter Blaubart« (1866). Komponist ein Don Juan war, oder daß derjenige, der Helena besungen hat, kein verehelichter Spartaner war, daß der Sänger der Eurydike Wert darauf legte zu leben, oder daß der, der den Götterkönig Kankan tanzen ließ, keine Ehrfurcht hegte? Es versteht sich wohl von selbst, daß man jetzt am offenen Grab nicht belegen muß, daß Jacques Offenbach im Leben wie in der Kunst der frohe Priester des Genusses war, einem Genuß, der niemals roh ist, der aber wohl rücksichtslos sein kann, und der das Genießen als natürliche Sache, die keines Aufhebens bedarf, ansieht? Die Kritik heutiger Tage hat damit aufgehört, über einen Künstler in zwei Rubriken zu schreiben, wo man in der einen einige Jahreszahlen findet, den Rahmen um ein Leben, in der anderen einige Titel, Meilensteine eines Schaffens, so daß zwischen diesen beiden nur eine neue Inspiration Brücken schlagen läßt: Für uns ist das künstlerische Schaffen die Frucht eines Lebens – und Offenbachs Leben war das wie eines jeden anderen. Und wie gesagt, gerade weil er diese Seite des Lebens seiner Zeit voll auslebte, gerade deswegen machte diese seine Zeit ihn so berühmt, wie er wurde. Das Talent, das weniger mächtig ist, was eigentlich nur bedeutet, weniger empfänglich als das Genie, greift immer eine bestimmte Seite des Lebens auf, ein bestimmtes Feld auf dem Gebiet der Gefühle, welches es sich unterwirft und untertan macht, das Feld, das seine Anlage, Leben und Geneigtheiten bestimmen, und Offenbach blieb, als er der Komponist der »Schönen Helena« wurde, sicher, was er bleiben mußte, und hatte deshalb Recht, als er dem Freund nie vergab, der einmal zu ihm sagte: »Wäre ich an Deiner Stelle gewesen, wäre ich ein angesehener Komponist geworden.« So stark er im Leben von einer bestimmten Seite seines Lebensabschnitts eingenommen war, wurde seine Begabung zum Priester dieses Lebens, und sie mußte es werden; was aber ein besonderer Grund zum Verweilen ist, ist der, daß diese Begabung von ihrem Besitzer aufs sorgfältigste ausgebildet wurde, und daß Offenbach, »modern« in seinem Leben und in seiner Tendenz, dies auch in höchstem Maße in der Ausübung seiner Kunst war. Offenbach war nicht nur ein echtes Kind der Vauxhallnacht, welche das Kaiserreich in seinen reichen Jahren Frankreich schenkte, er war nicht bloß der echteste Pariser, dessen bestes Libretto eine Nummer des »Figaro« »Le Figaro«: Führende liberal-konservative französische Tageszeitung, die seit 1826 in Paris erscheint. Neben »Le Monde« die wichtigste Zeitung Frankreichs. hätte sein können, und dessen »Pariser Leben« ein Droz-Roman Droz, Gustav (1835–1895): franz. Schriftsteller, wurde durch seinen Lesbenroman »Un été à la campagne, correspondance de deux jeunes Parisiennes, recueullie par un auteur à la mode 1868) berühmt. dt. Ein Sommer auf dem Lande, Briefwechsel zweier Pariserinnen, gesammelt und veröffentlicht durch G. Droz. Berlin 1907. in Tönen ist – sondern er war auch als Künstlerindividualität ein echtes Kind der modernen Zeit. Er war nicht nur ein großer Techniker, dessen Instrumentierung seine größte Stärke war, sondern seine Art daran zu arbeiten und den Reichtum seiner Begabung auszuschöpfen, war so absolut modern, daß man sich geschlagen geben mußte. Man hat anläßlich seines Todes davon gesprochen, daß Komponieren für Offenbach ein Spiel gewesen sei, und man hat als Stütze dieser Behauptung teils die Anzahl seiner Partituren angeführt – 102, unbestreitbar eine riesige Produktion –, teils einige Anekdoten erzählt, die zeigen sollten, daß seine Kompositionen so gut wie Improvisationen gewesen seien. Aber man hat vielleicht übereilt gehandelt, jeder Dichter kann wohl eine Tischrede improvisieren, und jeder Komponist kann in einem geeigneten Augenblick einige Takte auf ein Blatt Papier werfen, um es als Almosen einem Bedürftigen, der darum bittet, zu reichen, obwohl seine Taschen leer sind – aber all dies beweist eigentlich nichts, genauso wenig wie die Tatsache, daß Offenbach erst bei der letzten Generalprobe summend den Gesang des Paris von den Göttinnen auf Idas berühmtem Berg improvisierte. Im Gegenteil: Offenbach arbeitete langsam, und das Komponieren war für ihn wie jeden modernen Künstler, der nicht wie Sokrates über einen Dämon, Dämon: Der griechische Philosoph Sokrates spricht von einem »Dämon«, einer inneren Stimme, die ihn davor zurückhält, was er gerade tun will, ihm aber nie positiv sagt, was er tun soll. Dieses Thema wird von Herman Bang in »Stuck« Herluf Berg zugewiesen, wo es eine zentrale Rolle in seinem Selbstverständnis spielt. der spricht, verfügt, eine angestrengte Arbeit, bei der man dauernd nachdenken muß, wo es zu verwerfen, zu ändern und zu berichtigen galt; wo der Künstler niemals zufrieden war mit Ausnahme des ersten Augenblicks, der immer den Schöpfer mit der Vaterfreude, die das Geschaffene verschönt, erfüllt, und wo er nie müde wurde, durch neue Anstrengungen etwas Besseres und Vollendeteres zu erreichen. Offenbachs Verbesserungen waren zum geflügelten Wort geworden, wie Balzacs Korrekturen Balzacs Korrekturen: Der französische Verfasser Honoré de Balzac (1799–1850) war für seine häufigen und chaotischen Korrekturen bei seinen Verlegern und Buchdruckern berüchtigt. , und niemand war sich gegenüber selbstkritischer als er. Besonders haßte er Breite; er tilgte, strich Dacapo- Nummern, merzte Force- Stellen aus, drehte er erbarmungslos seinem eigenen Kind den Hals ab, auch wenn es bei der letzten Probe war, wenn er dies als notwendig ansah; er wurde nie fertig mit einer Arbeit, nach der ersten Vorstellung des »Orpheus« strich er eine Romanze, die dreimal wiederholt worden war, und nach der 50. Aufführung des »Pariser Leben«s war er noch nicht damit fertig, die Partitur seines Lieblingswerkes zu verbessern. Aber wann hatte er nur die Zeit, all dies zu schreiben? Wie hätte er zur selben Zeit so intensiv leben und so viel schreiben können, wenn ihm das Komponieren nicht ein Zeitvertreib gewesen wäre? Fragen Sie nicht danach. Gerade dies ist eines der Geheimnisse dieses Geschlechtes: Das Leben gehört den Genüssen, die Arbeit dessen freien Augenblicken, und die Priester dieser Genüsse erröten fast über ihrer Arbeit und geben sich den Anschein, nichts zu tun, wie ein Mann, der mit reichen Nichtstuern verkehrt, selbst jedoch arbeiten muß, um ½ 6 Uhr direkt von seinem Bürostuhl oder seinem Laden in den schwarzen Rock schlüpft, und dann, wenn er in die Gesellschaft kommt und zu Tische geht, so tut, als hätte er wie die anderen den ganzen Tag geschlafen. Genau so spielten diese Männer des Kaiserreichs Komödie voreinander, und wenn Offenbach den Vormittag bei der Probe verbracht hatte, den Nachmittag auf den Boulevards, den Abend im Klub, saß er die ganze Nacht in Studien versunken vor seinem Flügel und gebeugt über seinem Schreibtisch. Er war nicht stark, aber nervös, er besaß in höchstem Grad die aufhaltende Kraft des modernen Künstlers: eine unbeschreibliche Nervosität, die alles erträgt, durchwachte Nächte, Ausschweifungen, Schlaflosigkeit und Gemütsbewegungen, Unruhe und dauerndes Umgetriebensein, alles – ausgenommen Ruhe. In unseren Tagen, in denen selbst die Gehirne gewöhnlicher Leute überfrachtet sind, wo Schreie und Schreien eines Ameisenhaufens, der kämpft, gestoßen und gedrängelt wird, selbst auf die gewöhnlichsten Nerven aufreizend wirkt, wäre der Künstler, dessen Studien, dessen Fieber und dessen verzweifelter Kampf weiterzukommen bereits frühzeitig den Leib schwächen, verloren, wenn nicht die fürchterliche Erhitzung der Nerven selbst ihm ein schicksalsschwangerer Vorteil wäre, eine Bedingung seines Schaffens, ohne welche er überhaupt nicht leben könnte, und unter welcher er jetzt lebt und atmet in einem Nervendelirium, das ihn aufrecht erhält wie das Opium einen Raucher und ihn mit Anspannung aller Fasern stark leben läßt, bis plötzlich alle Stricke reißen. Die Gesundheit war das Geheimnis der Künstler früherer Perioden, die Nervosität ist das Geheimnis unserer Tage. Und auch auf diese Art war Offenbach in höchstem Grade modern, und tief wahr ist seine Äußerung, er sei so zerstört, daß er nie krank werden könne, denn dieses Nie-Krank-Sein-Können ist gerade eines der Erkennungszeichen dieser Opfer der Nervosität, die nie gesund sind. Es war diese Nervosität, die trotz der Anstrengungen bei der Arbeit Offenbach so viel arbeiten ließ und so Unglaubliches erschaffen ließ, was ihm die rastlose Energie schenkte, die zehn Vermögen schuf und zwanzig vernichtete, und die seine ganze Existenz mit einer Unruhe erfüllte, die nicht rasten durfte, und die ihn beständig nach etwas Neuem sehnen ließ. Sieht man in diesem Leben nicht, wie diese Reizung der Nerven hundert Dinge erfaßte, den Plan eines Blattes, die Verfasserschaft, die Leitung des Theaters, glaubt man denn, daß dieser übermütige Komponist des »Pariser Leben«s unter diesen Verhältnissen weniger hirnerhitzt gewesen sei als alle anderen Künstler der Zeit?   Nein, erforscht man Offenbachs Leben, findet man die gleiche Geschichte, die uns jedes moderne Künstlerdasein erzählt – dieselben Kämpfe, dieselben Enttäuschungen, dieselben Leidenschaften und dieselben Sinnesbewegungen. Oder lassen Sie uns das Ende dieses Lebens betrachten, des Lebens, das begonnen hatte, als der junge Mann mit der Hoffnung im Herzen, berühmt zu werden, wie der Soldat den Marschallsstab im Tornister Marschallstab im Tornister: »Tout soldat français porte dans sa giberne le bâton de maréchal.« »Jeder französischBalsacat trägt den Marschallstab in seinem Tornister.« Ludwig XVIII. in einer Rede in der Militärakademie von Saint-Cyr. trug, zum ersten Mal mit seinem Cello als einzigem Reichtum nach Paris kam. Wir folgen in Gedanken all den unbeschreiblichen Anstrengungen, die der Ehrgeiz – die Achse dieser Dinge – ihm allein dazu verhelfen konnte auszuhalten, wir sehen unter dem Spielerischen die Arbeit, er tat, als ob er spielte; und wir sehen ihn einen Weg brechen und als die Berühmtheit des Tages so hoch steigen, daß ihn sogar die Größten beneiden mußten … Und dann – ja, dann zerbricht es, und die Zeit des Talents ist vorbei, während der Ehrgeiz noch nicht vorbei ist. Der, der Offenbach kennen will, muß bei diesen Jahren verweilen: Er hatte sein Vermögen verloren, und er wollte sich ein neues schaffen, die Jagd nach dem Geld, die die Überspanntheit des Künstlers mehrt, vereinte sich mit dem Ehrgeiz, der mit dem Unmöglichen kämpfte und davon träumte, den Komponisten der »Schönen Helena« an die Seite Margrethes Margrethe: Es handelt sich um die Oper »Margarethe« (deutsch) (1859), franz. »Faust« von Charles Gounod (1818–1893). zu stellen. Jedes Mal, wenn Offenbach ein neues Werk veröffentlichte, wurde er mit einer neuen Niederlage zu Boden geschlagen, jedes Mal, wenn er wieder das launische Publikum, das nun jünger war als er, zu bezwingen versuchte, sah er, daß er nicht mehr für es spielen konnte, und jedes Mal, wenn er besiegt worden war, sammelte er sich wieder zu einer neuen Schlacht – ein langer Weg von Niederlage zu Niederlage. Wie hat dieser Ehrgeiz nicht in diesen Jahren gelitten, in denen die Nacht über ihn hereinbrach, und wo er sterbend – denn sein Leben war fünf Jahre lang ein Todeskampf – gegen das Vergessen kämpfte, wo er, von Gicht, von Husten, von Schwäche jeder Art auf den Boden gezwungen, Tag und Nacht für »dieses Nächste« – den ungeborenen Reim, das große Werk, das ihm einen Weg in das große Genre bahnen sollte, Balsam für seinen verletzten Ehrgeiz sein sollte, ihn für immer von dem Vergessen retten sollte, vor dem er mit demselben Schrecken zurückwich wie vor der Auflösung, und je stärker, ja näher er sie fühlte, beide gehörten zu ihm! Erkennen Sie den übermütigen Tanzkomponisten wieder in diesem Bild? Es ist nach der Schilderung seiner besten Freunde gezeichnet. Abends glaubten seine Freunde, er würde in der Nacht sterben, und morgens fanden sie ihn wieder vor seinem Flügel, beständig an »Hoffmanns Erzählungen« Hoffmanns Erzählungen: Komische Oper von Offenbach, die postum 1881 aufgeführt wurde. arbeitend, sie dauernd ändernd, dieses ans Herz gewachsene Werk dauernd verbessernd, das Werk, in dem er noch einige Stunden vor seinem Tod etliche Takte auf der letzten Seite verbesserte, das buchstäblich den Händen des Sterbenden entglitt. Ist nicht diese Energie das Erkennungsszeichen des wahren Künstlers, und erkennt man nicht den modernen Künstler in dieser letzten Äußerung zu seinem einzigen Sohn: »Werde nie unglücklich – werde nie Künstler!« Und dies wiederholte er in den letzten Jahren oft vor seinen Freunden, daß der Sohn kein Künstler werden sollte. Wie entfernt sind wir von jener Zeit, als die Kasten den Sohn dem Vater im gleichen Handwerk und im gleichen Glück folgen ließen –, in unseren Tagen, wo der Vater meist seinem Sohn nur sagen kann: »Versuche, glücklich und zufrieden zu werden – aber wähle deshalb einen anderen Beruf als ich!« Lassen wir es stehen, daß die Kümmernisse der letzten Jahre diesen letzten Wunsch diktiert haben: niemand weiß, dachte wohl der Vater, wann die Sonne über dem Leben eines Künstlers untergeht, und er zehn Jahre lang so viel erlitten hat. Als der Direktor des »Renaissance«, das so lange für den alternden Maestro verschlossen war, sich zuletzt an ihn wandte, rief Offenbach: »Oh – so bekommen Sie endlich einmal wieder im »Renaissance« Musik zu hören!« Es war ein Jubelschrei, berichtet Wolf – aber wieviel vergangene Enttäuschung hatte man nicht jahrelang in der Brust unterdrückt, aus der er hervorging? Doch, dieser fröhliche Komponist, das in frohen Tagen vergötterte Hätschelkind, hat die durch Fieber und Überanstrengung verschärften Kümmernisse des Künstlers ausgeschöpft, aber es gibt noch einen letzten Punkt, bei dem wir verweilen wollen und wo er sich so stark zeigt wie jemand eigentümlich Moderner in seiner Kunst – und dies im wahrsten Sinn des Wortes. Offenbachs Operetten wurden bei den Proben ausgearbeitet. Es ist beim Dramatiker unserer heutigen Tage ein eigentümlicher Zug, daß sein Manuskript höchstens ein Skelett, ein Libretto ist, dessen Effekt, dessen Wirkung und dessen Kraft er nicht vorher beurteilen kann, bevor es das läuternde Fegefeuer der Proben durchlebt hat. Man erzählt sich, daß Offenbach einmal begann, die Partitur einer neuen Operette den versammelten Freunden mit den Worten vorzutragen: »Ich habe es mir ungefähr so vorgestellt.« Und diese Äußerung traf zu, denn es gab kaum zehn Takte, die nach der ungeheuren Anzahl Proben genau so waren wie in dem, das man mit gutem Grund Studie, ersten Entwurf nennen konnte … es waren nicht nur einzelne Nummern, es waren ganze Szenen, sogar Figuren, die er während dieser Arbeit aussiebte, während er sich sein Werk vom Zuschauerplatz aus und mit den Augen des Zuschauers ansah. Man weiß, daß es Sardou genauso erging, daß seine Dramen halbwegs in den Proben geschrieben wurden und deswegen von denen, die nicht besser Bescheid wissen, Improvisation genannt werden; sie verstehen die geistigen Anstrengungen nicht, die Probe auf Probe kostet, sich außerhalb seines Werkes zu stellen und dessen Wirkung hinter der Reihe der Lampen zu beurteilen. Und was fast noch merkwürdiger ist, Offenbach ordnete – wieder wie Sardou Sardou, Victorien (1831–1908): franz. Theaterdichter. Seinerzeit auch in Deutschland viel gespielt. – während er seine Noten schrieb, die er natürlich immer für bestimmte Personen komponierte, dauernd sogar die kleinsten Einzelheiten der »Mise-en-scène « Mise-en-scène: Inszenierung. in seinem Kopf; er wußte, wenn er zur Probe kam, genau, auf welchem Platz selbst der nebensächlichste Statist zu stehen hatte, bei welcher Note er zu gehen, zu stehen oder sich zu setzen hatte: für ihn war die Partitur wie für Sardou das Souffleurbuch eigentlich nur ein Regisseurbuch, wo der ganze Text eingetragen ist – ein mächtiger Beweis dafür, in welch hohem Grad die verschiedenen Kunstarten zur gleichen Zeit die gleichen Ideen vertreten. Was er wollte, konnte er ohne weiteres durchsetzen, er wurde von vielen als der tüchtigste Spielleiter in Paris angesehen. Man hätte ihn in den letzten Jahren sehen sollen, wie er von Krankheit geplagt, von Leiden vernichtet war! Er kam zu den Proben in einen Pelz eingehüllt, der ihn versteckte, so daß man kaum den mageren Mann unter dem großen Bärenfell ahnte, und er setzte sich vom Weg mitgenommen ruhig auf einen Stuhl auf der Bühne. Man hätte glauben können, er schliefe, wie er mit halbgeschlossenen Augen vollständig bewegungslos dasaß. Aber schon nach der ersten Szene fuhr er hoch mit seinem »Très bien – mais –«, das in der Welt des Theaters typisch geworden war, er humpelte angestrengt über den Boden, beschwerlich, als ob er auf den Brettern einen Berg erklömme, wo er so lange geherrscht hatte; er verbesserte die Primadonna, korrigierte die Partitur, ließ sie wieder und wieder spielen. Er ereiferte sich, er rief, bis ihn der Husten unterbrach, er stöhnte, er marschierte mit den Statisten, übte mit dem Chor – legte endlich den Pelz ab und lieh sich – den Mantel des Direktors. Erst dann war Offenbach wieder er selbst, er dirigierte, manövrierte, änderte, schrie auf und kommandierte – schlimmer als Laube Laube, Heinrich (1806–1884): Journalist und Redakteur der Leipziger Zeitung »Zeitung für die elegante Welt«. Mehrfach wegen seiner liberalen Einstellung verhaftet. 1849–1867 Leiter des Wiener Burgtheaters, das unter ihm einen bedeutenden Aufschwung erlebte. und genau so verrückt wie Sardou. Wenn er schließlich auf dem Stuhl zusammensank und seinen Schmerz mit einer Grimasse, die einem Lächeln gleichen sollte, verbarg, gab es nicht viele, die den Akt wiedererkannten, und nicht einen, der diesen Sterbenden nicht bewundert hätte, ihn, der für das Glück kämpfte, so daß es schien, er müßte auf der Walstatt fallen. Einige Zeit vor seinem Tod zeigte er einem seiner Freunde einen riesigen Stapel Manuskripte: »Das sind sicher ein Paar Opern«, sagte der Freund. »Mindestens«, lachte Offenbach, »aber sie dürfen nicht aufgeführt werden. Eine Operette von mir, die ich nicht selbst inszeniert habe, wäre abscheulich.« »Ein munteres Kind einer munteren Zeit«, sagen die meisten. Vielleicht sollte man lieber sagen: ein echtes Kind der modernen Zeit. »Wie wunderbar es sein muß, alle Welt zum Summen zu bekommen«, sagte einmal eine Freundin zu Offenbach. »Man braucht, gnädige Frau«, antwortete der Komponist, »nur die Melodien zu spielen, die die Leute am leichtesten lernen können.« Leicht gesagt, aber diese Melodien spielen zu können ist ja gerade die Sache, und daß Offenbach es konnte, ist seine unbestrittene Größe. Ob er zu den Besten seiner Zeit zählte, kann wohl nicht gefragt werden, noch, daß er dazu gezählt hat, daß er mit Tönen Millionen, die sonst nie ein Ohr für Musik gehabt hätten, Dinge erzählte, die sie gerne hören wollten, und die vielleicht ihre Ohren für etwas Edleres und Besseres geöffnet haben. Selbst wenn der König der Operette eher unsere Sinne als unser Ohr angesprochen hat, ob dann – und das darf man wohl fragen – Musik wirklich demoralisieren und verderben kann? Gegenspieler, die ihre zweifelhafte Stärke in Extremen suchen, haben behauptet, der moderne Geist, der sich seinen Ausdruck verschafft und dasselbe mit allen Künsten erzählt – denn wir leben alle mit denselben Gedanken, die wir in die verschiedenen Formen der Künste gießen – habe sich in Tönen nur durch zwei Meister ausgedrückt: Wagner und Offenbach, die in der Literatur Zola und der niederen Literatur des Kaiserreiches entsprechen. Das Ganze ist ein Paradox, und doch versteht man ohne weiteres, daß man gerade diese beiden nebeneinander gestellt hat: Wagner, erhöht wie ein Gott, in die Heiligkeit seiner Kunst wie in einen Königsmantel eingehüllt, fern der Masse, unverstanden und stolz über das Fehlen einer sich ihm anschließenden Schar, die er profan heißt, in einsamer Majestät auf dem öden Olymp thronend, an dessen Fußschemel ein schwermütiger König kniet. Und dann Offenbach: froh, mitten auf dem Marktplatz jubelnd, auf allen Drehorgeln und in allen Tonarten gespielt. Wie der junge Dionysos geht die Muse des Künstlers mit einem reichen und jubelnden Gefolge aus, Geigen und Flöten und Posaunen und Bacchantinnen umkreisten den Gott mit ihren Tänzen, und die Satyrn spielen, und der Jubel wogt – während der siegreiche Gott mit seinem Gefolge Welt nach Welt bezwingt. Denn Offenbach wußte, weil er voll verstand und in einem Teil seiner Zeit gelebt hatte, welche Melodien die Welt am leichtesten mitsummen konnte … Dies ist keine Charakteristik, auch kein Versuch zu charakterisieren. Ich habe nun, indem ich anläßlich des Todes des Meisters einen Blick zurück auf sein Leben geworfen habe, mein Augenmerk auf einzelne Punkte gelenkt – und diese habe ich gezeichnet: Mein Wunsch war es, in wenigen Zügen einige Beobachtungen in Bezug auf den Mann Jacques Offenbach hervorzuheben, den drei Eigenschaften bestimmten: Er war Kind eines bestimmten Augenblicks seiner Zeit, er war der echteste Pariser, als Paris am echtesten war, und er war ein echter Künstler, mit allen Eigenschaften auf der Höhe der Zeit. Gut, daß Offenbach nun tot ist: Niemand ist so heftig zu beklagen wie derjenige, der sich selbst überlebt hat, und vielleicht wird seine »große Opera« zu einer neuen Niederlage … Aber selbst wenn dies zutrifft, werden wir nicht vergessen, was er war, der mit diesem Werk die letzten Hoffnungen seines Ehrgeizes ausschöpfte und starb – bevor sie enttäuscht wurden. 31.10.1880 »Das Haus mit den fröhlichen Gesichtern« Eine Inschrift steht nicht über dem Eingang, keine Christusfigur, die wie ein Schild aussähe. Das rote Haus liegt frei auf dem Flecken Erde, den man im Villenviertel Garten nennt. Geht man daran vorbei, sieht man durch die breiten Saalfenster, meist Kopf an Kopf, eine Schar plappernder Kinder. Von einigen sieht man den Nacken, von anderen ein paar nach vorne gestreckte Arme, die vordersten drücken ihre Stirn gegen die Scheibe. Oben stehen den ganzen Tag hindurch alle Fenster offen – man scheint frische Luft im Haus zu lieben. Man beeilt sich, man ist durchgefroren und schläfrig, und jetzt kommt man auch noch zu spät zu seiner Arbeit. Die Straßenbahn fuhr davon, während man noch seinen Mantel zuknöpfte, morgens ist man immer durcheinander. Fällt aber der Blick, während man sich beeilt, auf die plappernden Kinder hinter der Scheibe, bleibt man vielleicht eine Minute stehen, und geht ein Vater oder eine Mutter vorbei, denkt man an das Glück der Eltern. Und das Bild verfolgt einen vielleicht den ganzen Tag: Man ist müde, man hebt einen Augenblick lang den Kopf von seinen Büchern, legt die Feder weg, und wenn man sich in seinem Stuhl zurücklehnt oder seine Hand langsam über die Stirn gleiten läßt, sehen die geschlossenen Augen hinter der breiten Scheibe das Gewimmel lächelnder Münder, pralle vorgestreckte Arme, Kindernacken … Und der Anblick ist einem so lieb wie der Fetzen einer milden Melodie, der zu uns kommt und uns gegen unseren Willen labt … Von da an vergißt er das Haus nicht mehr, man verweilt eine Minute, nickt den fröhlichen Gesichtern zu und schenkt widerwillig seine Gedanken oft »Dem Haus mit den glücklichen Kindern«.   Es sah aus, als wären sie der Erde entsprungen. Große und Kleine, Jungen und Mädchen, Mädchen in Baumwollkleidern, zerschlissenen Schals, durch die der Wind durchbläst, durchgefroren. Zähneklappernd streckten sie einem die eiskalten Hände entgegen, einige riefen, andere baten: »Das Schillingsblatt! Das Schillingsblatt!« Schillingsblatt: Kleines, billiges Blatt, das auf der Straße verkauft wird. Mit seinem Inhalt (z.B. Gassenhauer, erbauliche Abhandlungen, aber auch Extrablätter) soll die breite Masse erreicht werden. Von 1813-1873 war die Krone in 48 Schillinge unterteilt, so daß 1 Schilling kaufkraftmäßig heute (2008) etwa € 0,13-0,15 entspricht. Bei jedem zweiten Schritt stieß man auf sie, einige waren Krüppel, alle froren, und man stolperte fast über sie. »Das Schillingsblatt!« – »Das Schillingsblatt!« Es dauerte nicht lange, bis ihre Rufe störten, und dann wurde es auch ungemütlich … Es hat klein angefangen: Einige Jungen begannen, Zeitungen auf der Straße zu verkaufen, dies war bequem, man bekam die Neuigkeiten in die Hand, und man findet immer zwei Öre Zwei Öre: Mit der Währungsreform und der Einführung des 10er-Systems in das Münzwesen 1873 wurde die Krone in 100 Öre unterteilt. 2 Öre entsprechen etwa 15 ¢. in der Westentasche … Aber nun nahm es überhand, die Straße wimmelte von Kindern, die schrieen; sie standen in allen Eingängen, krochen aus allen Winkeln, es war zu viel; es wurde zu einer Plage, die beanstandet werden muß: Man wurde taub von all dem Schreien. Außerdem wurde man schlecht gelaunt, alle Gassen, jeder Durchgang spie seine blaugefrorenen Kinder auf die Gehwege unter die Gaslaternen aus – es war ein Jammer, dies zu beobachten. Und wie leicht konnte ihnen etwas zustoßen! Alle diese Krüppel, diese kleinen Kinder, die kaum gehen konnten, all dieses Elend, dieser Hunger … Man konnte es nicht verantworten – wegen des Verkehrs. Die Polizei verjagte den Schwarm, die Kinder behinderten den Verkehr, ihr Schreien gellte in den Ohren, selbst die stillen Bitten störten: ein vorgereckter blauer Arm, ein paar bittende Augen in einem mageren Gesicht. Man kann so nicht das Armenhaus die Plätze überfluten lassen, dies sieht so häßlich aus. So machte man auf das kindliche Elend Jagd. Die Östergade Östergade: Der nördlichste Teil der Fußgängerzone, bei Kongens Nytorv. Zur Zeit Bangs waren dort die vornehmsten Geschäfte. leerte sich wieder, man jagte die Kinder nach Hause, in dunklere Straßen, engere Gassen, wo sich die Jämmerlichkeit im Hinterzimmer hält, in den hohen Giebeln baufälliger Hütten. Aber der Magistrat sorgt dafür, daß die Straßenlaternen weniger hell scheinen und kein Licht von den großen Geschäften ausgeht. Dann sieht man das Elend weniger. Manchmal ist es jedoch angenehm, so im Halbdunkeln zu sein. Aber trotzdem hat man seitdem – trotz Polizei und Obrigkeit – in strengen Wintern, wenn sie die Not dazu trieb, solche Kinder antreffen können. Sie halten sich im Schatten, drücken sich in Eingänge, in Mauernischen, außerhalb der Gaslaternen. Sie trauen sich nicht mehr zu rufen, sie strecken einem mit ihren kalten Händen nur Streichhölzer oder Glückslose entgegen und schluchzen, bitten ganz leise: »Ein Los – einen Schilling – Glück, guter Herr, für einen Schilling!« … Wir wissen ja genau, daß es Elend gibt, aber es jeden Tag so nackt zu sehen – nein, das ist nicht lustig, und es hilft ja auch nicht weiter. Dann bitten die Ordnungshüter die Kinder, wieder nach Hause zu gehen.   Und wohin gehen sie dann? Ja, das weiß man ja genau: hinauf in die kalten Dachkammern, von denen man in den Frauenromanen lesen kann, dunkle Hinterzimmer, von denen wir alle so oft gehört haben. Das wissen wir. Vielleicht – aber dem Elend gegenüber ist man vergeßlich, es reizt selten unsere Sinne, und es ist im Leben oft elender als in den Romanen … Lassen Sie uns dennoch nachschauen, wo diese verjagten Kinder hingehen. Was ich berichte, habe ich erlebt, nicht gelesen, überall in den Straßen, wo der Magistrat Halbdunkel angeordnet hat, gesehen; dort ist Halbdunkel angenehm. Es sind Kinder, die Hühnerleitern emporklettern, bis unters Dach. Man nennt es Dachwohnung, es ist ein Nest unter den Dachziegeln; mit Lumpen und Strohwischen und Kleiderfetzen hält man die Kälte draußen, aber der Regen fließt von den Ziegeln in Pfützen auf den Boden, so daß das Stroh, auf dem die Mutter liegt, naß wird. Denn es ist »Mutter«, dieses halbnackte Wesen, die das schreiende Lumpenbündel, das unter dem Stroh liegt, mit schlaffer Brust stillen soll … Jetzt kann sie wenigstens ein paar Kleider auf den Leib bekommen, jetzt, da das Mädel mit dem Schal heimkommt … Und andere wohnen draußen in den großen Särgen, wo es durch die dünnen Wände, die bei Sturm in den Straßen erzittern, hereinsickert. Die Stube ist leer, die Arbeitslosigkeit hat sie gelichtet – die Arbeitslosigkeit und die Verzweiflung. Drüben am Tisch, auf dem einzigen Stuhl, den er für sich beansprucht, sitzt er, die halbleere Flasche vor sich, tappend: er kann seine Familie nicht ernähren, er sieht, wie seine Kinder hungern. So gibt er seiner Verzweiflung etwas, um sich aufzuwärmen … Überall in den Ecken sitzen die Kinder auf dem Boden, sie wagen nicht zu jammern, zu seufzen, sie sitzen nur ganz still da, so verzweifelt wie Kinder sind, die hungern … Ist all dies trivial? Hat man es schon so oft vernommen? Oh – da gibt es andere Geschichten, die man genauso oft hört, glücklichere Erzählungen von glücklicheren Menschen, hellere Bilder. Und die vernimmt man gern. Aber davor verschließt man seine Ohren und erwidert dem, der ungelegen erzählen will: »Hör auf, wir haben das schon so oft gehört!« Aber manchmal muß man zuhören. Es sind Kinder, die, wenn sie heimgejagt werden, sich in die Straßen des Lasters verkriechen, wo die Miete niedrig ist – ganz oben unter dem Dach. Dem Laster ist es nicht komfortabel genug, deshalb bleibt es für das äußerste Elend billig. Und oft ist die Frau unterm Dach nur ihre Pflegemutter – die Mutter wohnt unten Die Mutter wohnt unten: Sie wohnt wahrscheinlich deswegen unten, weil sie der Prostitution nachgeht. , den Vater kennen weder sie – noch kennt ihn ihre Mutter! Einige kehren zu Krankheit zurück, andere zu Trunksucht, andere zu Prügeln, wieder andere zu Tränen – aber alle kehren ins Elend zurück.   Manchmal geschieht es jedoch, daß das Kind mit den Losen dem Ordnungshüter antwortet, es könne nirgendwohin. Dieses Kind gehört der Gesellschaft, die seine einzige Mutter ist. Aber die Gesellschaft muß Pflegemütter anstellen, und die Pflegemütter müssen am besten billig sein. Deshalb sind die heimatlosen Kinder oft zu beklagen.   Es ist immer schrecklich, dem Elend von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, immer furchtbar, vor das nackte Laster gestellt zu werden. Es schnürt einem das Herz ab, man kann kaum noch atmen – aber Kinder leiden, die Jugend hungern und die frühen Jahre in hilflosem Untergang rettungslos auf den Grund sinken zu sehen, ist doch das Schrecklichste von allem. Wenn Lasterhaftigkeit alt ist, gesteht man seine Hilflosigkeit ein, hat die Verelendung graue Haare, tröstet man sich damit, daß Tage keine Ewigkeit sind. Aber elende Kinder! Kinder, die in der Gosse aufwachsen, die im Dreck ihre Nahrung suchen, verpestete Luft einatmen – darüber gerät man in Aufruhr, kann sich nicht mit dem Unglück versöhnen, und das Leben, das man ihnen zuteilt, dauert Jahre, die Ewigkeiten scheinen, eine graue Unendlichkeit in tiefer Trauer. Aber gerade deshalb hat die Barmherzigkeit, obwohl sie leider immer geringer als das Elend sein wird, sich gerade in unseren Tagen der Kinder angenommen. Sie sind die Nächsten, und gerade für die Nächsten können wir etwas tun; sind wir glücklich, können wir sie genauso glücklich machen wie uns selbst, sind wir unglücklich, können wir sie glücklicher machen. Die Kinder können gerettet werden. Lassen Sie die Vererbung noch so bestimmend sein, das Blut noch so entscheidend, das Leben und die Entwicklung haben mehr Bedeutung als beide. Und nirgendwo kann die Barmherzigkeit, die sich des Unglücks annimmt, so hoffnungsvoll wirken wie hier. Deswegen hat unsere Zeit, die tausendfältig die Wunden zu heilen versucht, die die Gesellschaft schlägt, nirgendwo eifriger als hier gewirkt. Kinderheime, Zufluchtsstätten, Arbeitsstuben, Erziehungsheime haben alle in verschiedener Weise für dasselbe Ziel gearbeitet: rechtzeitig einen ungesunden Keimling elenden Verhältnissen zu entreißen und der Gesellschaft einen tüchtigen Menschen zu schenken. Und die Enttäuschungen, in deren Schatten die Taten der Barmherzigkeit stehen, sind hier weniger gewesen als irgendwo anders. Es ist diese Barmherzigkeit, die sich der Kinder annimmt, die in dem roten Haus mit den fröhlichen Gesichtern den Heimatlosen eine Heimat geschenkt hat. Das Haus mit den fröhlichen Gesichtern – der Schar einer Pflegemutter!   Wollte man die Geschichte dieses Hauses erzählen, wäre es wie so oft die Erzählung von der Aufopferung einer Frau, ein stilles Wirken, ausgeführt in einem versteckten Winkel, in aller Stille gewachsen – weswegen niemand nach Dank gerufen hat, und weswegen niemand benannt wurde. Aber vielleicht ist es gerade deswegen gewachsen. Und vielleicht könnte man aus dieser Geschichte lernen. Denn jeden Tag Willensstärke zu zeigen, jeden Tag mit Kleinigkeiten zu kämpfen, still jeden Tag kleine Opfer zu bringen – erfordert vielleicht mehr Mut als einmal ein Held zu sein. Man schreibt die Geschichte der Helden auf, die der stillen Existenzen bleiben in ihren Herzen verborgen. Aber diese Geschichte gehört nicht uns. Die Leiterin des Kinderheims im Vodrofsvej Das Kinderheim im Vodrofsvej: Nach 1864 begannen sich die eigentlichen Kinderheime von den älteren Anstalten zur Erziehung »mißratener Kinder« abzusondern und sich über ganz Dänemark auszubreiten. Sie verdankten so gut wie alle ihre Errichtung privaten Wohltätern (wie z.B. das 1874 von Gräfin Danner errichtete Heim in Jægerspris), mit der Zeit wurde aber die Unterstützung durch den Staat notwendig. Die Einrichtung der »Plejeforening« im Vodrofsvej 20 wurde im Jahre 1874 unter der Leitung von Josephine Schneider (1820-1887) eröffnet und beherbergte im Jahre 1880 über 50 Kinder. Die Anstalt hieß »Himmelbjerggaard« (»Himmelsberghof«). sagt nur: »Die Zeit, bevor ich das Kinderheim übernahm«; welche Aufopferung viele Jahre hindurch diese Worte verbergen, Jahre, in denen sie allein war, mit eigenen Mitteln, die nicht üppig waren, ihre vierzehn »Ersten« aufzog – darüber schweigen sie und die Geschichte. »Die Zeit, bevor ich das Kinderheim übernahm« ist nun auch schon lange her und vielleicht schon ziemlich vergessen mit Ausnahme der vierzehn – einige von ihnen sind immer noch im Kinderheim. Die Leiterin nahm vor vierzehn, fünfzehn Jahren einige arme Kinder auf, zog sie auf, rettete sie vor dem Elend; dies ist der schlichte Anfang. Und langsam wuchs die Zahl der Kinder. Die Pflegemutter meisterte die Aufgabe nicht mehr alleine, und Private schlossen sich zusammen um zu helfen. Man sah ja die glücklichen Früchte, die Kinder waren aus frühem Elend herausgeholt, einige ohne Mutter, andere ohne Vater, für etliche waren die Eltern ein Fluch; hier kamen sie in reine Luft, blühten auf und genasen. Die Leute sind immer hilfsbereit, wo Ergebnisse vorzuweisen sind. Und hier sprachen rote Wangen und Kinderglück für sich. Dies war der Beginn des Kinderheims im Vodrofsvej, wo man vor fünf Jahren 25 Kinder aufzog, jetzt aber 62. Manchmal, wenn die Arbeiter von der Mühle direkt gegenüber heimgehen, an Sommerabenden, wenn die Kinder im Garten spielen, bleiben sie stehen und sehen dem Spielen zu. »Sie haben ja richtig viele Kinder bekommen«, sagen sie dann zur Leiterin. Die Kinder spielen »Versteck« oder »Fang mich!« Der Platz ist nicht groß – ein Fleck Erde so groß wie ein Teller, genauso klein wie das Haus, das für 80 gebaut ist und meistens über 70 Kleine beherbergen muß – sie freuen sich aber trotzdem. Sie verstecken sich, sie rufen »Komm!«, die Kleinsten spielen mit dem Hund, die Älteren sitzen flüsternd auf der Bank unter dem Weißdorn … Dann ruft die »Mutter«, und im Nu scharen sie sich um sie. Sie sagt jedem einzelnen Gute Nacht, wünscht ihnen einen guten Schlaf, und Groß und Klein gehen ins Haus. Im Schlafsaal geht es hoch her. Bett steht an Bett – zu viele Betten und viel zu wenig frische Luft – mit weißen Laken und roten Deckbetten, die kleinsten gleichen Puppenbetten, so winzig sind sie. Auf der Holzbank am Fußende ziehen sie sich aus, sitzen und rufen und strampeln mit ihren hellroten Beinen, während sie ihre Nachthemden angezogen bekommen, und die Älteren machen »Pst!«, aber sie werden nicht ruhiger. Wie doch Kinder immer quasseln können, wenn sie ins Bett sollen. Sie spielen, bis sie mit einem Lächeln in Schlaf fallen. Die Kleinsten – zwei Jahre alt, die im Bettchen liegen und die Arme ausstrecken und »Mutter« küssen wollen – werden auf den Tisch gelegt, um gewaschen zu werden. Dann schreien und strampeln sie und wollen nicht still liegen, bis sie endlich mit einem Laken abgetrocknet und gewickelt werden. Dann bekommen sie das Nachthemd an und ab ins Bett. Die Leiterin geht durch die Schlafsäle, bleibt hie und da stehen und hält das Licht hoch. Sie schlafen bereits, den Kopf auf der Seite und die Hände über der Bettdecke liegen sie Bett an Bett. Oben schlafen die Größten: oben summt es, es sind vierzehnjährige Mädchen darunter, und in dem Alter hat man immer viel zu tuscheln, sie murmeln dort oben leise von Bett zu Bett. Aber sie sind seit 5 Uhr auf, und sie sind müde. Langsam werden die Wörter weniger, die Pausen größer, das Flüstern erstirbt mit einem »Gute Nacht«. Das Kinderheim schläft. Um 5 Uhr werden die Ältesten geweckt, und einige Stunden später erwachen die Kleinen. Sie wachen jäh auf wie Vögel, die zwitschernd ihr Gefieder schütteln, und wenn sie ihre Brotsuppe im Magen haben, beginnt ihr Tagewerk. Und das Tagewerk ist im roten Haus breit gefächert. Das Kinderheim ist nicht reich, es hat ja nur die Hilfe guter Menschen, um sich zu halten, und gute Menschen müssen so viel spenden; und selbst wenn es reicher wäre als es ist, müßte doch gearbeitet werden. Alle arbeiten ist Grundsatz. Man bringt selbst dem Kleinsten bei, sich nützlich zu machen, und der, der sich nützlich fühlt, ist schon fast glücklich. Deswegen hat jeder etwas zu tun, hat seine Aufgabe im Heim auszuführen. Die Kleinsten rupfen Lumpen. Sie sitzen auf den niedrigen Bänken im Arbeitssaal mit ihren Lumpen und rupfen so fleißig, so fleißig, denn sie wissen ja, daß das, was sie rupfen, wieder zu Kleidern und Strümpfen wird. Und das hilft. Eine der Älteren paßt auf – eine der vierzehn aus »der Vorzeit des Kinderheims«, die besten Stützen – bald erzählt sie Geschichten, bald singt sie. Und sie lernen auch zu stricken, die kleinen Finger können kaum die Stricknadeln halten, und es kostet auch Tränen, wenn man so viele Maschen fallen läßt – aber zuletzt lernt man auch das, und man kommt in die nächste Klasse an die Seite derjenigen, wo buchstabiert und gelesen wird und die Landkarte gelehrt wird. Dort sind die Kinder bereits groß, sie sind – sechs Jahre alt. Im nächsten Raum sind die großen – nicht die größten, denn diese sind unten im Waschkeller und wringen Wäsche – sondern die zwölf-, dreizehnjährigen Mädchen. Sie lernen mit dem Lehrer. Zuerst waren sie oben, um die Schlafsäle zu ordnen und die Böden zu scheuern. »Wir machen dies selbst«, sagt die Leiterin, »es ist so schön, es selbst zu können – so spart man den Lohn für Mägde.« Und man fegt den Schmutz nicht in die Ecken des Kinderheims, man legt Wert darauf, sauber zu fegen und täglich die Böden naß aufzuwischen. Es ist so wenig Platz, daß es schon um der guten Luft willen nötig ist. Wenn sie oben fertig sind, ziehen die Großen ihre guten Kleider an und gehen unten in die Schule. Die Größten gehen in die Küche. Es ist eine große Küche. An allen Wänden hängen Schüsseln aus Zinn in Reih und Glied, sie leuchten selbst hier im Halbdunkel, und auf den Regalen sind die Teller aufgestellt, Teller an Teller, eine hell scheinende Legion. »Die Töpfe sind bald zu klein«, sagt eines der großen Mädchen und zeigt auf einige Riesenkessel. Da geht viel hinein. Heute soll es süße Suppe geben – Apfelstücke schwimmen an der Oberfläche des Kessels. In der Küche gibt es viel zu tun. Von hier aus sind ja nicht nur die 62 Münder des Heims satt zu bekommen, sondern es ist auch das Essen der »Pflegevereinigung« »Pflegevereinigung«: Privater Kopenhagener Verein von 1837 zur Rettung vernachlässigter Kinder. zuzubereiten, kräftigende Portionen für die kranken Frauen – und alles geschieht ruhig, still, ohne Lärm. Oben, von einem Zimmer im Obergeschoß, verbreitet sich diese stille Geschäftigkeit, die so reichlich Zeit zu haben scheint und immer Muße zu warten: Die Leiterin wacht über allem, und eine der mithelfenden Damen sagte sicher die Wahrheit, als sie meinte: »Das Geheimnis liegt darin, daß das Fräulein überall ist.« Um 3 Uhr wird gegessen. Man räumt auf und lüftet – man muß dieselben Räume benützen, es gibt keine anderen, und selbst in diesen ist man nur zur Miete – deckt den Tisch und tischt das Essen auf, die Älteren helfen den Jüngeren, die mit ihren Lätzen sich den Mund an der süßen Suppe verbrennen und das Fleisch nicht geschnitten bekommen. Dann schreien und lärmen alle die süßen Münder. Essen sie aber nicht ordentlich, bekommen sie einen »Klaps« auf die Finger. Nach dem Essen lernen die Größten. Abends spielt man. Manchmal erledigt man auch Hausarbeiten, stopft, näht, flickt. Oder man hat eine Arbeit außer der Reihe vor, wie Rosinen verlesen. Rosinen verlesen die Jüngeren: Wenn man die große Kiste bekommen hat, kommt sie hinauf in den Arbeitsraum, und die Kleinen müssen verlesen. Sie wissen, daß sie nichts davon essen dürfen – und sie naschen auch nicht. Auch die Älteren haben solch vernünftige Arbeit. Sie sammeln in den täglichen Freistunden die Beiträge ein, sie gehen zu allen Wohltätern des Heimes und holen die monatlichen Zuschüsse ab. Jedes Kind hat oft hundert Kronen, bevor es zurückkommt, aber es ist noch nie geschehen, daß irgendein Schilling verschwunden wäre.   »Es gibt genügend«, sagt die Leiterin, »was die Kinder draußen im Leben erzieht. Das hilft meinen Kindern nicht, sie können doch nicht hier im Heim bleiben, und wenn sie gehen, gehen sie hinaus ins Leben. Dazu müssen sie erzogen werden.« Dann setzt sie die Kleinen vor die große Rosinenkiste. »Sie müssen das Leben kennen lernen – ich spreche darüber mit ihnen. Wenn die Größten dieses Heim verlassen, gibt es nichts, was sie nicht wüßten. Ich erzähle ihnen alles, damit sie auswählen können.« Könnten da nicht »richtige« Mütter von dieser Pflegemutter lernen? Mütter, für die Unwissenheit dasselbe wie Unschuld bedeutet, die ihre Kinder raten lassen anstatt sie zu beraten, die so viel Mißtrauen gegen ihr eigenes Fleisch und Blut hegen, daß sie die Versuchungen tot schweigen, als käme nicht der Tag, wo leider dieses Blut zu sprechen begönne? »Pflegemutter« kennt das Leben besser. Sonntags ist im Heim Ruhetag. Die Großen gehen zur Kirche – diejenigen, die es verdient haben: »Die, die unter der Woche faul gewesen sind, dürfen nicht mit – Gottes Wort zu hören ist eine Belohnung.« Im Heim selbst findet kein Gottesdienst statt, keine müßigen Gebete. Hier lernen die Kinder nicht, morgens lange liegen zu bleiben, weil sie so gerne noch »ein Vaterunser« mehr beten wollen. Man bringt ihnen nicht bei, in »ein anderes Zimmer« zu gehen, um mit Gott zusammen zu sein und zum Gebet zu knien. Was man ihnen beibringt, ist, daß Gott überall da ist, wo man seine Pflicht liebevoll erfüllt, und daß man beim Gebet, während man arbeitet, zur gleichen Zeit Gott dient, zu dem man betet und dem man dankt. Arbeit – jeder hat sein Tun still zu verrichten – ist der Wahlspruch dieses Heimes. Sich ohne großes Getue in den großen Mechanismus einzufügen und still das Beste, was man kann, zu vollbringen – dies lehrt man in diesem Haus die heimatlosen Kinder, wo die Kleinen Lumpen rupfen und die Großen Böden aufwischen, das ist vielleicht eine Lehre, die für die Zukunft am besten Zufriedenheit schaffen kann. Zufriedenheit ist nicht dasselbe wie Glück, aber es ist wenigstens sein bester Ersatz. – So vergehen die Tage im roten Haus mit den fröhlichen Gesichtern.   »Woher stammen denn die Kinder?«, fragte ich. Und merkwürdig genug – die Leiterin erzählte mir von jener Zeit mit den Schillingsblättern. »Die Kinder sind immer noch dort, auch wenn die Polizei dafür sorgt, daß sie nicht den Verkehr behindern. Einige sammeln wir auf, entreißen sie dem Elend, andere wiederum werden von ihren Eltern gebracht – von einem Vater, der seine Frau verloren hat, einer Witwe, die nichts zu essen hat. – Es gibt immer genug Unglückliche!«   Ich fragte, wie alt die Kinder seien. »Alle Altersgruppen – wir nehmen sie und stecken sie sofort in die Badewanne.« Ich hatte alles gesehen und erhob mich, um zu gehen, dankte für alles, was ich gesehen hatte, es hatte mir viel Freude bereitet. »Ja«, sagte die Leiterin, »es ruht Segen auf der Arbeit. Nur eines ist traurig: Das Heim ist voll, das Haus ist zu klein, und wir sind zur Miete … Gestern brachte eine Witwe ein gelähmtes Kind her, ich mußte sie wegschicken und die Türe schließen.«   »Aber jetzt das Geld, das durch den Basar hereinkommt – – Ob sie dann nicht Ihr eigenes Haus bekämen? …« »Ach, sagen Sie nicht so etwas, ich traue mich nicht einzugestehen, daß ich es hoffe –!«   Aber wir, die wir jeder unser Scherflein beitragen können, könnten wir diese Hoffnung nicht Wirklichkeit werden lassen? Mindestens, daß viele sehen könnten, daß immer Segen auf stillem Tun, das getreulich geübt wird, liegt, und mindestens einen Einzigen der vielen »Stillen«, deren Geschichte – außer in dankbaren Herzen – nicht niedergeschrieben wird, zu ehren. Und mehr als das: um des Wirkens willen, um des Hauses willen, wo Mutterlose eine Mutter bekommen haben, Heimatlose ein Heim. Aber es wird auch gelingen: Über dieses Haus spricht man nicht vergeblich – wie selten man es auch tut – niemals vergeblich zum Herzen irgendeiner Mutter; über dieses Lebenswerk nicht vergeblich zur irgendeiner Frau, die in ihrem Leben Opfer gebracht hat. Und es gibt viele Mütter und viele stille Frauen. 7.11.1880 Aus dem Abseits I Der Arbeiterfreidenkerverein Es gibt keine anderes Schild in der Toreinfahrt als ein riesengroßes »Kegelbahn«, mit fetten, schwarzen Buchstaben auf den weißen Kalk gemalt; auf einer Tafel mitten an der Wand sieht man einige Plakate mit Hinweisen auf einen öffentlichen Ball. Man balanciert auf einigen Brettern über den matschigen Hof und gelangt in einen Vorraum mit einer leeren Garderobe und Kartenverkauf. Auf einem verrauchten gelben Plakat über der Tür liest man: »Versammlungsraum der Freidenkervereinigung. Eintritt 10 Öre.« 10 Öre: 1 Krone (= 100 Öre) entspricht heute (2008) etwa einer Kaufkraft von 7-8. 10 Öre entsprechen folglich kaufkraftmäßig 70-80 ¢. Darunter klebt ein Preisaushang, der mit Champagner für 6 Kronen beginnt. Man bietet seine zehn Öre einem älteren Gentleman mit weißer Krawatte an, der dasitzt und über seinem Teller mit dem Kupfergeld schlummert, und man stellt seinen Schirm in die Garderobe, wo man von einer jungen Dame die Nummer 1 erhält, einer jungen Dame, die erstaunt aussieht und flüsternd in einer Ecke hinter einem dunkelgrünen Vorhang wegen des Bezahlens um Rat nachsucht, worauf man plötzlich ein tiefes grunzendes Brummen hört und einen Hemdsärmel mit einem Bündel Zeitungen hervorkommen sieht: »›Der freie Gedanke‹ – zehn Öre – ›der freie Gedanke‹, meine Herren, zehn Öre …« Der Hemdsärmel bewegt sich heftig, und die Stimme wiederholt sich: »›Der freie Gedanke‹ – zehn Öre – ›der freie Gedanke‹ …« Die Wiederholung verfolgt uns die Treppe hinauf. Die Dame reicht ein paar Nummern der Zeitung von dem hervorgestreckten Arm hin zu dem Mann mit dem Teller, und der Rest des freien Gedankens verschwindet wieder hinter einem schützenden Vorhang. Die Treppe hinauf finden sich Plakate mit Ballhinweisen und Preislisten und Plakate mit mystischen Händen, die den Weg zu den warmen Gerichten des Restaurants weisen, die man im übrigen leicht finden könnte, indem man nur dem Geruch angebrannter Zwiebeln und Humpen mit abgestandenem Bier folgte. Der große Saal war fast leer. In dem halbdunklen Saal, wo nur der eine Leuchter angezündet ist – teils fehlen die Zylinder, teils sind sie kaputt und schwarz von Rauch –, sitzen längs der Wände einige Leute, die verfroren aussehen, und die offensichtlich gekommen sind, um sich aufzuwärmen. Sie sitzen in ihren Matrosenhosen und Botenmänteln mit zerrissenen Stanleyhüten Stanleyhüte: Hüte, die in ihrer Form an einen Tropenhelm erinnern. über die Ohren gezogen, in den Ecken und verstecken ihr unrasiertes Gesicht hinter dem »Socialdemokraten«. Socialdemokraten: Tageszeitung, die von 1874 an als Organ der kurz zuvor gegründeten Kopenhagener Gewerkschaften herausgegeben wurde. Ihr erster Redakteur war der bekannte Sozialist und Politiker A. Mundberg. Unten bei der Tür unter einem roten Feld, wo man mit halb verwischter gelber Farbe geschrieben hat: »Arbeit adelt den Mann«, »Arbeit adelt den Mann«: dän. »Arbejdet adler Manden.«: »Arbetet adlar mannen.« (schwed.). Titel des 1859 erschienenen Romans der schwedischen Schriftstellerin Maria Sofia Schwarz (1819–1894). haben sich sechs Jungen mit weißen Tonpfeifen und Holzschuhen um einen etwas älteren Herrn mit spitzer Nase und hohem Hut mit einem Trauerflor unbestimmter Farbe geschart, der in gedämpften Ton laut aus »Den nye Humorist« Genien: Plural zu genius : schützender Geist. liest, während die Jungen mit den Pfeifen grölen und kichern. Einige einzelne gutgekleidete Herren promenieren unsicher auf dem gefirnißten Boden und mustern die Bilder an der Decke: einige Schubkarren und andere unverständliche Dinge, eingefaßt in Blumensträuße. In der Mitte schwebt die Muse der Arbeit, eine füllige Dame in blauem Mantel, mit einer Küchenwaage in der Hand, umgeben von pausbäckigen Genien. Genien: Plural zu genius : schützender Geist. Drüber an der gegenüberliegenden Wand hat sich eine Familie auf einigen Stühlen niedergelassen; eine wohlgenährte Frau mit einem großen weißen Kragen auf ihrem Kleid und zwei Töchter, die in Sommerhüten mit langen hellgelben Bändern, die bis hinab auf die Regenmäntel reichen, prangen. Die Familie strickt und hat sich nahe an den Kachelofen gesetzt. Über die Empore hinaus hängen bereits die Mitglieder des Vereins, die freien Eintritt haben, Kopf an Kopf, junge Männer, von deren Hemd man nicht viel sieht, mit den Hüten nach hinten über das krause Haar, ältere »Mißvergnügte« mit langen Bärten, roten Nasen und bösen Augen, Frauen mit Schals um den Kopf, einige Soldaten, Jungen, junge Mädchen; alle beugen sie sich vor, Kopf an Kopf, der eine über dem anderen, und schauen auf den leeren Boden hinab und machen ihre Bemerkungen über die Leute längs der Wände und die Gutgekleideten, die nun ruhig geworden sind und mit den Händen in der Tasche auf die beeindruckende Leere des Rednerpultes starren, die sich feierlich unter den roten Feldern ausbreitet, in denen zu lesen ist: »Die Kette muß zerbrochen werden« – »Das Leben soll genossen werden«. Dann und wann fällt ein volkstümlicher Witz, und man vernimmt das Gelächter auf der ganzen Empore. Der eine oder andere Bursche, dessen Pfeife zu stark ist, spuckt auf den Boden. Nach und nach füllt sich der Saal. Es ist ein eigentümliches Publikum: in der Hauptsache ganz junge Menschen aller Arbeiterschichten, drei-vier Halbkünstler mit Künstlerhüten und Schlips über dem Mantel, einige Schneidergesellen aus der Provinz mit Polkahaar Polkahaar: männliche Haartracht, deren Haar über Ohren und Nacken fällt und unten gerade abgeschnitten ist. und auffälligen Hosen, Lammschlächtergesellen in blauen Hemden und Westen ohne Knöpfe, Bartstoppeln über das ganze Gesicht, einige Studenten, die lärmen und steif wie ein Stock in der Menge umhergehen, etliche gutgekleidete Herren mit Operngläsern, die sich hauptsächlich für die Empore interessieren. Aber mitten unter den Jungen begegnet man älteren Gesichtern mit Falten und dichten Bärten, merkwürdigen Vertretern demokratischer Unzufriedener, die auf den Boden trampeln und mit Knüppeln Lärm machen und zugleich »Psst!« rufen, bevor die Verhandlungen begonnen haben. Sie sehen zornig aus und hegen eine eigentümliche Vorliebe dafür, mit dem Weißen der Augen zu schielen, und sich immer dicht neben einen modernen Überzieher und einen Herrn mit blank gebürstetem Seidenhut zu stellen und manchmal etwas Unverständliches zwischen den Zähnen hervor zu flüstern oder ein Stück Kautabak auf die Ziegenfellstiefel des Nachbarn zu spucken. Es finden sich grauhaarige Herren mit Backenbart und bissigen Gesichtern wie bösartige Möpse, denen man einen Maulkorb verpaßt hat, weil sie bösartig immer nach den Beinen der Vorbeigehenden schnappten, alte Pensionäre, bankrotte Provinzkaufleute, ausgediente Büroangestellte – ins Leben entlassene Droschkenpferde, die man von der Krippe weggejagt hat, als sie zahnlos geworden waren, und die nun von der Luft und altem Groll leben. Sie tragen schwarze Hosen und unbeschreibliche graue Mäntel, deren Rücken die Bürste schon längst blank wie ein Spiegel auf den runden, zusammengesunkenen Figuren gestriegelt hat. Sie gehen im Sommer mit Lederhandschuhen, aber ihre Hände sind trotzdem immer blau. Sie rufen Bravo, wenn von fetten Ämtern die Rede ist, und machen mit ihren Baumwollschirmen Lärm, wenn die Redner Fasanen Fasanen: Als Jagdobjekt der Gutsbesitzer und als Feinschmeckerspeise ein Symbol für Reichtum und Wohlleben. erwähnen. Sie leben von Mißgunst, und sie freuen sich darüber, den Fußtritt ins Leben zu sehen. Sie sind Stammgäste. Man sieht auch junge Mädchen, die lachen und flüstern, wenn man von Lots Töchtern Lots Töchter: Abrahams Neffe Lot wurde aufgrund seiner Verbindung mit seinen Töchtern Stammvater der Stämme Moab und Ammon. Die Erzählung in 1. Mose 19, 29 ff. drückt die Verhöhnung der verwandten Nachbarvölker durch Israel aus. vorgeliest, Mädchen, die sich immer nach vorne drängen, um sich dort aufzustellen, wo das Gedränge am größten ist; man sieht hölzerne Jungfrauen, sehr spitze, demokratische Blaustrümpfe Blaustrümpfe: Spottname einseitig intellektuell geprägter Frauen, die u.a. für die Befreiung der Frau von der Vorherrschaft des Mannes kämpfen. mit zerschlissenen Kleidern, die jedesmal rasen, wenn der Begriff »Theologe« genannt wird, und die verbiestert überlegen aussehen, wenn man eine demokratische Lieblingsphrase in Kopenhagener Mundart auszischt; heimliche, in Baumwolle gehüllte Ausgaben der europäischen Brandstifterinnen der Pariser Kommune, Brandstifterinnen der Pariser Kommune: dän. petroløser. Bürgerliche Spottbezeichnung für die aufständischen Frauen der Pariser Kommune (1871), die sich gegen den Angriff der Versailler Truppen durch Brandstiftung mit Petroleum wehrten. Ebenbilder der auf Missionstreffen Missionstreffen: »Kirchlicher Verein der Inneren Mission in Kopenhagen« wurde 1865 von Pastor Rudolph Frimodt gestiftet mit dem Ziel, die Diakonie der Kirche im Volk durchzusetzten; dies erstreckte sich auf die verschiedensten Bereiche, z.B. die Armenviertel, die Straßen der Prostituierten oder die Aufenthaltsorte Obdachloser. So wurde 1877 das Magdalenenheim und 1882 das große Missionshaus Bethesda eingeweiht. strickenden Unbestimmbaren mit Hängelocken und roten Taschen; sie schielen, weil sie immer mit gen Himmel gewandten Blicken leben, die oft kopfschüttelnd den »Splitter« Splitter: »Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?« Matthäus 7, 3. sehen und ihn zu einem Balken machen, um jedoch mit »Blick zum Himmel« und einem »Man verurteilt nicht« Man verurteilt nicht: »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.« Matthäus 7, 1. Gnade vor Recht ergehen lassen – Halbschwestern auch zu den lächelnden Matronen der Freundschaftstreffen, Freundschaftstreffen (dän. Vennemøderne): Treffen der Anhänger N.F.S. Grundtvig. mit innerer Freude das grundtvigsche Gesangbuch Das Grundtvigsche Gesangbuch: »Sangværk til den danske kirke (1837–1880) von N.F.S. Grundtvig. – Grundtvig, Nikolai Frederik Severin, dän. Dichter, Geschichtschreiber und Theologe, geb. 8. Sept. 1783 zu Udby auf Seeland, seit 1839 Pastor in Kopenhagen, gest. das. 2. Sept. 1872. Begründer des Grundtvigianismus , der bes. eine freie nationale Volkskirche anstrebt. Als Dichter war G. Romantiker; schrieb eine nord. Mythologie, ein Handbuch der Weltgeschichte, vorgenanntes Gesangbuch (neben Kingo ist Grundtvig der bedeutendste Dichter des heutigen dänischen Kirchengesangbuches), und andere Werke. auf den Lippen und keinen Ton im Leib; wohlgenährte Damen mit Schleier und Rosen auf den Hüten, von ihrem Mieter dorthin gelockt; sie lauschen der Diskussion mit offenem Mund, so daß es ihnen im Laufe des Abends so heiß wird, daß sie die Hutbänder lösen und den Mantel öffnen, um Luft zu bekommen; diese bleiben bis zuletzt, ungeachtet dessen, daß sie kein einziges Wort verstehen, sonntags aber gehen sie zum Abendgebet in schwarzem Damastkleid . Damastkleid: eigentl. Seide aus Damaskus. Figurierter Seidenstoff, galt als besonders kostbar. Hier finden sich auch verschiedene massige Leute mit strotzenden Armen und fröhlichen Gesichtern, Gastwirte mit praktischer Begeisterung für die Freiheit, die Seite an Seite mit zum Übermaß schuftenden Fabrikarbeitern mit brennenden Augen und müdem Zug um den Mund stehen, die die ganze Zeit lächeln, während sie die Hände in die Taschen stecken und rufen »Wir haben verstanden!«, wenn ein Kalauer fällt. Direkt unter dem Rednerpult stehen » die Getreuen« in einer Gruppe zusammen, sie grüßen sich mit einem Seitenblick und Handschlag und breiten sich so weit wie möglich aus wie alle Leute, die die häuslichen Gefühle der Stammgäste haben. Sie spucken Richtung Empore und rufen jedesmal »zur Ordnung«, wenn über einen unfreiwilligen Komiker, der sich hinter dem Tisch mit der Wasserkaraffe produziert, gelacht wird. Der Saal ist ganz voll. Dann und wann beginnt man oben auf der Empore, wo man immer noch über das Geländer hängt, zu trampeln, und unten im Saal lärmt man mit den Stöcken. Sonst ist es erstaunlich ruhig. Hausmeister drängen vor, um auch die anderen Leuchter anzuzünden, und endlich zeigt sich der Vorstand auf dem Podest, einige recht gut gekleidete Herren, die prüfend auf die Versammlung schauen, miteinander tuscheln und einige Sekunden später auf den in langer Reihe aufgestellten Rohrstühlen mit gefalteten Händen Platz nehmen. Das Mitglied zur äußersten Rechten, ein rotbärtiger Kraftkerl, erhebt sich, um die Anwesenden zu bitten, einen Versammlungsleiter vorzuschlagen. Es entsteht eine summende Unruhe auf der Empore: es wird ein Name gerufen, aber sofort folgen weitere Namen. Der Versammlungsleiter ergreift die Glocke und teilt mit, daß der Erstgenannte die Wahl nicht annehmen kann. Es werden weiter Namen geflüstert. Der Leiter läutet wieder und stürzt sich auf einen Namen. Man kann darüber abstimmen. Und sehr laut und bedächtig fragt er, ob jemand dagegen ist. Er sieht einen Augenblick über die Versammlung. »Niemand.« – Und nach neuem Läuten, um einige fröhliche Rufe der Jugend auf der Empore zu übertönen: »Das ist er, das ist er!«, erklärt er den Betreffenden für einstimmig gewählt und gibt sein Amt ab. Um die Pause auszufüllen, schenkt er Wasser aus der Karaffe und tut, als ob er tränke. Dann klingelt er wieder und erteilt als Leiter dem eigentlichen Vortragenden das Wort, um die Diskussion über das Alte Testament einzuleiten. Der Vortragende, der mit einer Hand in der Hosentasche hervortritt, ist ein kleiner Mann mit Spitzbart und Mittelscheitel. Er hat eine Zigarette zwischen den Lippen und spuckt weit durch die Schneidezähne, bevor er, die Arme auf den Tisch gestützt und den Kopf duckend, etwas näselnd beginnt: »Meine Anwesenden« – die Betonung auf »meine«, eine halbe Verbeugung bei »Anwesende« … Das Organ läßt den Redner des »Der freie Gedanke« vom Vorhang der Garderobe wiedererkennen. Die »Getreuen«, die beim Auftritt des Redners eine fiebrige Unruhe gezeigt haben, gleich einem Tier in der Manege vor der Fütterung, rufen Bravo, die Empore klatscht. Der Redner streckt seine Brust vor, und nach einer Kunstpause, während der sich der Beifall gelegt hat, wiederholt er aufs neue mit demselben Tonfall: »Meine Anwesenden«, und räuspert sich dreimal. Dann beginnt er in starkem Kopenhagener Tonfall, stark näselnd, sich mit geschwellter Brust ausbreitend, in jenem eigentümlichen Tanzbodenjargon, der vor Kalauern, flotten Friseursprüchen und populären Sprichwörtern nur so wimmelt, seinen Vortrag über das Alte Testament. »Die Pfarrer sind es, die die Bibel ein heiliges Buch nennen, und Pastor Petersen sagte kürzlich, daß die Freidenker von Kain, Kain: 1. Mose 4. dem Brudermörder, abstammten, und ein anderes Mal sagte er, sie würden von Judas Judas: Matthäus 26, 14–16. abstammen, und Gott weiß, von was für einem Mörder wir noch nach Meinung dieser Broterwerbsleute abstammen, bloß weil wir nicht glauben, daß die Bibel ein moralisches Buch ist, sondern hübsche Geschichten, von den jüdischen Spaßvögeln verfaßt (Beifall, die Getreuen lassen ein Knurren wie von Hunden, die mit dem Schwanz wedeln, hören; der Redner streicht seinen Bart mit dem Rücken seiner fülligen, grauweißen Hand, schenkt sich ein und fährt fort), und von den christlichen Mythenerzählern. (Der Redner trinkt.) Denn wäre die Bibel ein heiliges Buch und ihre Worte aus Gottes Mund gekommen, so müßte es ein böser Geist sein, und nicht ein guter Gott, sage ich , denn sie ist ein schlechtes Buch, und sowohl Mord und Lächerliches und alles Mögliche, das wir sofort sehen können, wenn wir bei Mose und den Propheten nachschlagen.« Der Redner zieht nun zu diesem Zeitpunkt die Bibel hervor und beginnt – nachdem er mit dem zerstreuten Eifer des Zweiflers im Buch herumgesucht hat – mit der Schöpfungsgeschichte und deren sechs Tagen: Die Erschaffung der Erde in sechs Tagen: 1. Mose 1–2. »Sich aber lange mit diesen ›Geschiechten‹ aufzuhalten, ich meine jedoch nicht, meine Anwesenden, daß sich dies für ernste Leute wie die Freidenker schicke, die an anderes als die Kindernahrung der Pfarrer, die diese glühend zum Fasanenbraten hinunterschlucken, zu denken haben. – – Denn man kann ihre Lügen in ihren Augen erkennen, was so »die Religiösen« sagen – – Und wenn Gott die Welt erschaffen hat, wer hat dann vielleicht, verehrte Anwesende, diesen Gott der Mühe erschaffen, der die Schlange spre-echen (Zehn E´s mit geschlossenem E-Laut, der blanken Hohn barg) – was war das für eine merkwürdige Schlange, anders als die in den Menagerien, die ich gesehen habe, die nicht spricht und die Eva in Versuchung führte, die dann vom Appel aß, woraufhin die gesamte Menschheit verdammt wurde, weil sie von dem Appel gegessen hatte. Aber die Pfarrer und die christlichen Märchenerzähler behaupten ja noch, der Tod sei mit der Sünde in die Welt gekommen, die alle getötet habe, weil sie alle gesündigt hätten, aber wenn uns dann Christus von der Sünde erlöst habe, dann müßten wir ja nicht mehr sterben, aber ich , liebe Anwesende, habe nie von einem gehört, der nicht gestorben wäre«. – – Man findet die Argumente schlagend. Das Bravo der Getreuen, das lange anhält, hört sich wie ein begeistertes Brummen an, das Gelächter auf der Empore begleitet es. Mitten im Saal wogt die Menge unruhig hin und zurück, wie Vieh, das beim Ausladen zusammengedrängt wird, und man wirft im Gewimmel die Hände hoch. Unten vom Kachelofen schreit eine dünne Stimme nach oben: »Geistlich, geistlich!«, sie überschlägt sich mittendrin, während der Ruf vom Redner mit einem langen »Wie bitte?« beantwortet wird, hinausgerufen wie aus einem Sprachrohr durch die hohlen Hände (Gelächter). Der Redner spuckt sehr weit. Der Versammlungsleiter klingelt und erinnert daran, daß es sich um eine ernste Veranstaltung handelt. Der Redner macht sich auf der Tribüne breit und läßt die Aufmerksamkeit des Publikums auf ein paar Anekdoten über die Pfarrerschaft und Lots Töchter verweilen. Er schlägt wieder die Bibel auf und liest von Mose auf dem Sinai Mose auf dem Berg Sinai: 2. Mose 24. vor, »denn er hatte doch genügend betont, daß er mit Gott reden müsse, und daß er ihnen unter Androhung strenger Strafen verboten hatte, sich dem Berge zu nähern, aber falls sie dorthin gekommen wären, so hätten sie ihn tatsächlich dort sitzen sehen und mutterseelenallein die Zehn Gebote in Steintafeln hauen sehen.« Der Redner näselt stark beim letzten Wort und macht eine neue Pause. Eine der Egerien Egerien: In der römischen Mythologie Quellnymphe, später Geburtsgottheit. Daher bildlich für eine ratgebende oder auch eine laut schreiende Frau verwendet. der Freidenker, die einen Stuhl erklommen hatte, fällt mit einem Schrei herunter. Einige Wohlgekleidete lachen. Sie rufen: »Schmeißt sie hinaus, schmeißt sie hinaus!« Der Redner stützt sich auf das Pult und wartet. Dann geht er die Bibel durch. Er verweilt weniger beim Wissenschaftlichen, beim Anfechtbaren der Bücher, nicht bei ihrer größeren oder kleineren Echtheit, nur beim Hiobbuch führt er Vergleiche an. Sein Vortrag ist sonst volksnah mit schlagkräftigen Phrasen, Ausdrücken eines Marktschreiers und Refrains von Kneipenliedern. »Was mich betrifft, verabscheue ich die Bibel wie alles Schlechte, und da muß ich doch fragen, ob man seiner Tochter dieses Buch zu lesen geben kann? Oder das Buch der Könige – handelt es sich da um etwas anderes als Mord, Verrat und Lächerlichem? Und das Buch Esther ist eine Erzählung von einem, der einen über den Durst trank, Der einen über den Durst trank: In Esther 1–2 (Altes Testament) verstößt der Perserkönig Ahasverus im Rausch wegen Esther seine Königin Vashti. und das Buch Ruth – ist ein gewöhnlicher Leihbüchereiroman von einer Kusine, die mit ihrem Vetter schlief Eine Kusine, die mit ihrem Vetter schlief: vgl. Ruth 3. und Landstreicherin war. Aber das ist doch das Feinste, ihr Kopenhagener –«. Die Versammlung beantwortet die Hinwendung zu ihrem Beifall mit Lärm, dann und wann hört man aus den Reihen der Getreuen ein: »Wir habens gehört!«. Die Menge verhält sich ruhig. Oben auf der Empore beugt man sich angespannt vor, um nicht einen einzigen Laut zu überhören, das Licht der Leuchter fällt auf die hundert Gesichter, deren Augen am Redner hinter dem Pult verweilen. Der Redner sonnt sich, mit der Bibel in beiden Händen, stolz im Wohlbehagen der Popularität. »Aber Salomos Hohes Lied stammt überhaupt nicht von ihm, sondern ist eine Mischung von Liebe und Narrheit, nur Schwärmer nennen es göttlich.« Alle Schriften des Alten Testaments wurden genau so zitiert wie das Hohe Lied Salomos, »das nicht von dem alten Kavalier geschrieben wurde, denn wenn es von ihm geschrieben worden wäre, so hätte er neunzehn Jahre alt sein müssen, als er es schrieb – und da hatte er wohl anderes zu tun als über Frauenzimmer zu schreiben.« Der Vortrag nähert sich seinem Ende, man hört dies am Ton, der sozusagen mit jedem Wort das Publikum zum Zeugen anruft, und mit einem Sprung kehrt der Redner zur Schöpfung und zu Eva zurück. Er erhebt die Stimme zu einer letzten Anstrengung und nach einem Streifzug zum Mond, der stille stand, Der Mond, der stille stand: vermutlich Anspielung an Josua 10,12 oder Habakuk 3,11. schleudert er einen Fluch über die Pfarrer, die sich selbst Ochsen nannten, um den Zehnten zu bekommen, und schließt dann mit einem Dithyrambus Dithyrambus: eine besonders in Athen ausgebildete Gattung der lyrischen Poesie im höchsten und kühnsten Stil, die aber bald in Schwulst und Unnatur ausartete, von Chören ursprünglich zu Ehren des Bacchus, dann auch anderer Götter gesungen. Hier: Lobgesang, Lobpreisung. über die Freidenker. »Wir wollen nur den Verstand zu Rate ziehen und Gutes tun, es ist jedoch Geschwätz, daß wir von Natur aus schlecht seien. Wäre Gott gut, hätte er ja niemals den Satan erschaffen – hier wurde eine Parenthese über die Titanen Titanen: Nach Hesiods Theogonie ein zahlreiches Geschlecht von Urwesen, die als Söhne und Töchter des Uranos (Himmel) und der Gaia (Erde) angesehen wurden. Unter der Leitung des Kronos stürzten sie die alten Götter und erhoben sich selbst zu Herren des Himmels und der Erde. Zeus, der Sohn des Kronos, zettelte zwischen den Titanen und Zeus mit seinen Bundesgenossen einen Kampf an, d eingeschoben, mit einem ›Hört!‹ von der Reihe mit den gefalteten Händen begrüßt – um uns zu zerstören – sondern die Pfarrer sind es, die ihn brauchen und die ihn frei herumgehen lassen, ohne einmal ein Ehrenwort zu geben. Wir jedoch glauben an eine Naturkraft, an eine kleine Zelle, und von Natur aus sind alle Menschen gut.« … Lautes »Hört! Hört!« unterbricht den Redner, der mit einer letzten Anstrengung die Stimme erhebt und wild gestikulierend schließt: »Die Institutionen verderben die Menschen. Die Tanzböden für die Frauenzimmer und die Kneipen für die Männer, und deswegen müssen wir den Fortschritt haben, und nieder mit der Lüge!« Der Redner stellt sich auf die Zehen, und nachdem er das Wort »Lüge« herausgedonnert und mit einer tiefen Verbeugung zur gleichen Zeit die Versammlung angetrieben und sich bei ihr bedankt hatte, schlendert er wieder, die Hände in der Tasche, zu seinem Platz, wo die Reihe mit den gefalteten Händen schnell und ehrerbietig zusammenrückt. Und langsam geht der Lärm des Beifalls in ein rege summendes Murmeln über, wie der Lärm eines riesigen Bienenschwarms, der plötzlich auffliegt. Die Rufe der »Getreuen«, das Beifallsschnarren der Unzufriedenen, der Lärm der Jungen, all sie sprengen die aufgezwungene Ruhe und sie fangen an, laut zu reden. Leben ist in alle diese dicht zusammengedrückten Gesichter gekommen, Bewegung in die Masse, die zum Podest drängt und lärmend die Mauer der Getreuen sprengt, die das Allerheiligste des Vorstandes schützt … Die Glocke des Versammlungsleiters bittet um Gehör für einen neuen Sprecher. Dieser tritt hervor, ein zierlicher Mann mit kleinen, stechenden Augen und deutschem Akzent. Er möchte etwas über die Schöpfung erzählen und trinkt zunächst dreimal Wasser, während die Getreuen einige heftige »Psst!« zischen und der Lärm langsam am Saalausgang abebbt. Der Redner argumentiert wissenschaftlich: Er rührt aus Darwin und Mill Mill: Mill, John Stuart, engl. Philosoph und Nationalökonom (1806–1873). Vertreter der induktiven Methode, Vorkämpfer der Frauenrechte; Hauptwerke: »System of logic« (2 Bde., 1843), »Principles of political economy«. eine hypothetische Suppe unverdauter Brocken, mißverstandener Gedanken und unbegründeter Behauptungen zusammen, er nennt Mill den Christus der Neuzeit und berichtet von einem Freidenkertreffen in Brüssel. In Klammern bemerkt er, daß viel zu viele Bibelausgaben herausgekommen seien, als daß »nicht Fehler entstanden seien«, sowohl bei der Korrektur als auch bei den Setzern und Lehrjungen. Aber Darwin geht auf eine Zelle zurück, und aus der Zelle hat sich das Ganze entwickelt, und das sei leicht zu verstehen … Die Menge wird ganz still. Der größte Teil dieser Menschen ist interessiert, sie möchten etwas erfahren, und jetzt hören sie etwas, das so leicht zu verstehen ist … Danach folgt ein junger Wissenschaftler mit rotem Haar und nach oben strebender Nase. »Ein Theologe, ein Theologe!« Der Ruf kommt von den Getreuen, und gegrüßt mit dem Lärm der Stöcke und Geschrei entsteht ein ohrenbetäubendes Donnern durch den großen Saal. Man drängt sich zusammen, man lacht, man zischt, man pfeift. Und durch dieses ganze Konzert schallt es wie ein Echo: »Theologe, Theologe!« Der Vorstand erhebt sich, der Versammlungsleiter läutet die Glocke als wäre es eine Sturmglocke und schwenkt beide Arme wie die Flügel einer Windmühle. Der Wissenschaftler studiert indessen die Muse der Arbeit an der Decke und sieht unbeteiligt aus. Und nachdem er überaus lange geläutet hatte, ruft der Leiter mit Stentorstimme Stentorstimme: Nach Stentor, einem Kämpfer in Homers Ilias (ca. 550 v.Chr.), der so laut wie 50 Mann schreien konnte. : »Nein, er ist Politiker!« Der Wissenschaftler lächelt, und genauso laut mit einer Stimme, die mitten im Wort bricht, brüllt er: »Polytechniker!« Aber er hätte genau so gut diesen Sturm mit einem Abrakadabra beschwören können. Dann kommt der Vorredner zu Hilfe, und oben vom Stuhl herab ruft er sehr laut: »Er gehört zur Wissenschaft.« Und wie durch ein Zauberwort legt sich das Unwetter bei diesem Ruf »Wissenschaft«. Der junge Sproß der Wissenschaft wartet einige Augenblicke und, das Taschentuch halb in den Mund gestopft, beginnt er. »Meine Herren! Es tut mir leid, dies zu sagen, aber mein Vorredner hat Darwin geschlachtet.« … Er sagt noch einige Wörter, aber sie gehen in einem brausenden Strom von Mißbehagensrufen und Lärm, Heulen und Pfeifen unter. Der Redner putzt sich die Nase und wartet. Die Sturmglocke wird wieder in Gang gesetzt. Er sieht einige Augenblicke lang lächelnd auf die Versammlung und ruft dann wieder wie ein Schimpfwort: »Geschlachtet!«, lacht und geht seines Weges … Einige unten am Buffet rufen Hurra. Ein kleiner rotbärtiger Herr folgt auf dem Podest. Er will bloß eine Rückfrage stellen. »Christus hat ja nach Aussage der Pfarrerschaft gesagt: ›Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.‹ Wann kamen sie denn in dessen Besitz? Denn nun sind sie lange genug sanftmütig gewesen. Aber zum Teufel, hat denn jemand etwas geerbt?« Der Rotbärtige hat Ruhe geschaffen. Aber plötzlich steigt der Lärm wieder an, als sich ein neuer Redner am Pult zu Wort meldet. Er erscheint in einen Schal gehüllt und mit dem Finger im Mund. Er will Zeugnis ablegen … Rufe: »Leg es ab! Leg es ab! Lauter! Lauter!« Vieles in der Bibel verstehe er nicht, und er könne dem großen Herrn Charles Darwin nicht das Gegenteil beweisen. Aber Herr Charles Darwin spreche den Verstand an, Gott jedoch das Herz … Es bereitet dem Herrn mit dem Schal Mühe, mit seinem Zeugnis durchzudringen, er schreit sehr laut, sehr fünisch Fünisch: Adjektiv: der Insel Fünen (Fyn) zugehörig. und gestikuliert mit dem Zeigefinger in der Luft … »Aber der Christ steht zu seinem Gott und Herr Charles Darwin zu seiner kleinen Blattlaus, und was wird man wählen, Herrn Charles Darwin, der zu seiner kleinen Blattlaus hält, oder mich, der zu Gott hält?« Der Redner ficht gegen das tobende Gelächter, so daß er fast vom Podest gefallen wäre und wirft mit seinen Gesten die Karaffe um. Man hört einige letzte Worte über Gefühlsleben und eine kleine Blattlaus, und nachdem sein Blick einige Augenblicke auf dem Schubkarren an der Decke verweilt hatte, verläßt er das Rednerpult, noch tiefer in seinen Schal eingehüllt und dauernd mit der rechten Hand herumfuchtelnd. Es ist unmöglich, noch etwas zu verstehen. Man sieht den Leiter mit der Glocke schellen, aber man hört sie nicht mehr. Es dröhnt einem förmlich in den Ohren, aber man drängt weiter nach vorne um aufzufangen, was von der neuen Erscheinung auf der Tribüne gesagt wird … Es ist ein junger Mann, in Schmiedekluft, unrasiert. Die Augen sind sehr groß, und er beugt sich über den Tisch vor, beide Arme ausgestreckt, während er fortfährt, in dem Brausen dieses Wasserfalls, das der Lärm schafft, zu rufen. Man hört noch nichts, aber man wird von dem alles ausdrückenden Eifer seiner Körperhaltung in den Bann gezogen, er beugt sich vor, als wollte er sie aufrufen, und dann und wann schüttelt er den Kopf und greift sich an den Hals, als ob es ihm wehtäte, so laut zu reden … Jetzt kann man ihn hören. Seine Stimme klingt angestrengt, wie verschleiert von der Kraftentfaltung und dem Weinen, das ihm im Hals steckt: »Es ist lange her, lange her, daß ich Christus aus meiner Brust riß«, schreit er, »ich konnte nicht glauben, konnte nicht.« Er hebt die Hand, als ob er gleichzeitig seine Ohnmacht bezeugen wollte und mit einem Schlag die Menge zum Zuhören zwingen wollte. Und seine Rede, die zum Geschrei wurde, klang schrill wie schneidende Notrufe eines Mannes in Lebensgefahr … wie eines Schiffbrüchigen, der weiß, daß er vergebens kämpft, aber dennoch gegen den Sturm anschreit, weil er schreien muß. »Konnte nicht, aber weil ich Christus herausreißen mußte, riß ich dennoch nicht das Herz heraus. Ich habe ein Herz …«. Er fuchtelt immer noch herum. Aber die Menge, die die letzten Wörter verstanden hat, wird von einer nicht anhaltbaren Munterkeit gepackt, die alles fortspült … Er bewegt die Lippen, redet weiter, mit geschwollenen Adern und offenem Mund, aber plötzlich ringt er die Hände, und mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Hoffnungslosigkeit fällt er – die Arme auf den Tisch gestützt – in sich zusammen … Dann beendet der Versammlungsleiter das Diskussionstreffen des Freidenkervereins.   Vielleicht könnte man in Versuchung kommen, gegen diesen Bericht Einwände zu erheben – dennoch ziehe ich es vor, auf jeden Fall vorläufig, dies so zu berichten, mit der Behauptung, daß all dies wirklich gehört und gesehen wurde, ohne Kommentare, nur als Hinweis und möglicherweise mit einem Fragezeichen. Die Treffen sind öffentlich. Ich war nur einer von Hunderten, die sich Woche für Woche in dem regen Vortragsverein der Freidenker versammelt haben. 26.11.1880 Briefe vom Schiffbruch bei Klitmöller I Thisted, Mittwoch. Vom Schneesturm behindert erreichte ich erst gestern morgen Klitmöller und die Stelle der Strandung. Klitmöller und die Stelle der Strandung: Am Dienstag, 16. 11. und Mittwoch, dem 17. 11. 1880 blies ein Südweststurm, der den Dreimaster »Sleipner«, 1853 erbaut, so stark beschädigte, daß die Mannschaft am 19. 11. vor dem Strand von Klitmöller die Barke auf Grund setzte. Hier wurde sie von den Wellen zerschlagen; die gesamte Besatzung kam um, während die Bevölkerung – ohne helfen zu können – zum Zuschauen verdammt war. Außer Herman Bang besuchte auch Holger Drachmann die Stelle und schrieb ebenfalls eine Reihe von Reportagen über das Unglück (veröffentlicht in der »Dags-Avisen«). Aber obwohl es ohne mein Verschulden der vierte Tag nach dem Schiffbruch geworden war, war alles am Strand doch noch von der Zerstörung des letzten Freitags geprägt. Die Bevölkerung an Ort und Stelle war in der ständigen Aufregung noch so redefreudig, daß ich leichter als sonst möglich deren sachkundige Meinung über die beiden Ursachen erfahren konnte, die zweifellos diesen traurigen Verlust an Menschenleben herbeigeführt haben. Während ich jedoch deswegen nicht behaupten darf, daß ich zu spät gekommen bin, um Ihnen alle Einzelheiten des Unglücks mitteilen zu können, muß ich leider zugeben, daß ich nach meinem Besuch in Klitmöller noch stärker als zuvor bedaure, daß die Zeitung mich und nicht einen sachkundigen Mitarbeiter an den Ort der Strandung geschickt hat, die sicher weit mehr einer sachkundigen Behandlung und gründlichen Untersuchung bedurft hätte als einer feuilletonistischen Schilderung, zu der diese Sache zwingt. Aber nun traf es eben mich, und ich will versuchen, meine Pflicht nach bestem Vermögen zu erfüllen. Ohne meinen Mangel an Sachkenntnis zu verbergen, werde ich in meinem Bericht wenigstens versuchen, dafür Buße zu tun, indem ich mich so genau wie möglich an die hier erhaltenen Auskünfte der Sachkundigen halte. Genauso wie man unwillkürlich in einem Zimmer, in dem ein Verstorbener ruht, die Stimme dämpft, scheut man bei einer ernsten Angelegenheit wie dieser unwillkürlich alle grellen Farben und spricht nur in respektvoller Nüchternheit über die Ereignisse. Obwohl es ganz sicher unmöglich sein wird, gewisse Wiederholungen zu vermeiden, ist es doch nötig, anfangs noch einmal sowohl an die ganze Vergangenheit der »Sleipner« zu erinnern und in kurzen Zügen wiederzugeben, was das Logbuch über ihre letzte Reise, was die Augenzeugen am Strand über ihren Schiffbruch mitteilen – denn auch dies hat wohl, wenn dieser Brief Sie erreicht, Herr Redakteur, Herr Redakteur: Der Redakteur der »Nationaltidende«, H.R. Hiort-Lorenzen (1832–1917). bereits anderweitig in den Kopenhagener Blättern Platz gefunden. Aber die Tatsache allein, daß die bisher zerstreuten Mitteilungen gesammelt werden, wird den Überblick erleichtern und hoffentlich helleres Licht als vorher auf eine Seite des Ereignisses werfen, die in Kopenhagen weniger behandelt wurde, aber hier – und das mit größtem Recht – die größte Rolle spielt und die größte Diskussion weckt. In Kopenhagen hat man, soweit mir bekannt, sich hauptsächlich mit dem skandalösen Mangel an Seetüchtigkeit der »Sleipner« beschäftigt, hier vor Ort jedoch ist es »der schlechte Zustand des Rettungswesens in Klitmöller«, der die Gemüter in heftigste Bewegung versetzt hat. Und diese beiden Seiten der Angelegenheit hoffe ich durch eine gedrängte Darstellung am besten beleuchten zu können. Der Dreimastsegler »Sleipner« gehörte bis vor einigen Jahren Gesellschaftern hier in Thisted, die aber bereits um 1872 ernsthaft davon sprachen, das Schiff zu verschrotten, da es kaum weiter seetüchtig sei. Eine durchgeführte Untersuchung stellte seinen schlechten Zustand fest und erklärte es, falls es verantwortbar sein sollte, weiterhin mit dem Schiff zu fahren, für notwendig, etwa 10 000 Kronen 10 000 Kronen: Kaufkraft heute (2008) etwa € 70 000-80 000,–. für einen neuen Boden im Fahrzeug aufzuwenden. Die Aktionäre in Thisted spielten dann Karten um die wertlosen »Anteile« an der »Sleipner«, und nach verläßlicher Quelle verschenkte der Hauptaktionär seinen Anteil, worauf das Schiff in das Eigentum der Firma Brown jun. \& Co. überging. Hier bekam der Dreimastsegler ein neues Deck und wurde hergerichtet – von einem neuen Boden war keine Rede. Aber trotz neuem Deck und Herrichtung gelang es mehrere Jahre lang nicht, den Dreimastsegler versichert zu bekommen. Dieses Schiff wurde für Nordseefahrten verwendet. Auf ihrer letzten Reise schlug die »Sleipner« bereits auf der Fahrt nach England leck, ein Schaden, der jedoch in Grimsby Grimsby: auch Great Grimsby (Lincolnshire). See- und Fischereihafen in Ostengland, 1880 etwa 60 000 Einwohner (1991: 90 000). Damals bekannt für seinen Ostsee- und Niederlandehandel (Ausfuhr von Baumwoll- und Wollwaren, Maschinen und Kohlen). beseitigt wurde. Aber nachdem man im Hafen die Ladung gelöscht hatte, begann das Schiff – nach den Eintragungen im Schiffstagebuch – wieder »noch stärker zu lecken«, und die Mannschaft erklärt, auf der Heimreise nicht die ganze Zeit pumpen zu können. »Sie baten um die Erlaubnis, die sie auch erhielten, den Konsul aufzusuchen und die Sache vorzutragen.« Der Kapitän selbst reist nach Hull, Hull: Kingston upon Hull (Yorkshire). Haupthafen des nordöstlichen Englands, Drehscheibe des Schiffsverkehrs von und nach Skandinavien. Damals drittgrößte Hafenstadt Englands mit (1901) 240 000 Einwohnern (1998: 262 000). um mit dem Befrachter zu sprechen. Inwiefern die Mannschaft von der erteilten Erlaubnis, den Konsul aufzusuchen, Gebrauch gemacht hat, berichtet das Schiffstagebuch nicht, aber die Regierung hat sich wohl sofort, nachdem sie den vom Amtmann an das Innenministerium erstatteten Bericht erhalten hatte, direkt an den betreffenden Konsul gewandt, der, wenn er die geringste Ahnung von der Sache gehabt hat, eine große und schicksalschwere Verantwortung getragen hat. Über das Auftreten des Befrachters gibt das Schiffstagebuch hingegen direkte Auskunft, weil der Kapitän einträgt, daß jener am Samstag, dem 6., von Hull herunterkam und an Bord ging. Er sprach mit der Mannschaft, und es wurde beschlossen, daß unter der Voraussetzung, weitere drei Mann anzuheuern, um beim Pumpen zu helfen, die Fahrt fortgesetzt würde. Wie diese drei Frischangeheuerten behandelt wurden, befremdet; in einer an Land angetriebenen Kiste gibt es dafür Beweise. Wenn auf einem Schiff Hilfe angenommen wird, um die Arbeit der Mannschaft auszuführen, werden die Ausgaben für diese Hilfe in der Regel immer auf die übrige Mannschaft in der Form verteilt, daß der Betrag von der festgesetzten Heuer gleichmäßig bei jedem Einzelnen abgezogen wird. Dies schien auf der »Sleipner« jedoch nicht der Fall gewesen zu sein, weil das gefundene Beweisstück so lautet: »Ich, der unterzeichnende Emil Müller, Führer des Dreimastseglers »Sleipner«, erkläre hiermit, drei zusätzliche Mann mitzunehmen, um die »Sleipner« von Grimsby nach Kopenhagen zu bringen. Obwohl die drei zusätzlichen Mann an Bord kommen, soll die ganze Besatzung ihre volle verdiente Heuer ohne die geringste Kürzung in Kopenhagen ausbezahlt bekommen. Grimsby, 6. November 1880. H.E. Müller. Beglaubigt: C. Engel und Chr. Sørensen.« Nicht wahr, ein für sich sprechendes Aktenstück – dieser Beweis? Für sich sprechend diese vier Wörter: »ohne die geringste Kürzung«. Wie man diese drei Extramann hatte anheuern können, werden wohl nur die verstehen, die wissen, wie das Anheuern in den großen englischen Seemannsheimen vor sich geht. Am Dienstag, dem 9. kommen die drei Mann an Bord, am Mittwoch hat man das Schiff mit den Lenzpumpen fast trocken gebracht, am Donnerstag, dem 12. legt man – ständig pumpend – ab. Am darauffolgenden Donnerstag sieht man zum ersten Mal das Schiff hier an der Westküste, wo es vom Leuchtturm in Hansted, der nördlich liegt, beobachtet wird. Das Schiffstagebuch vermerkt, daß man vom Schiff aus den Leuchtturm bei Marstrand gesehen hat, was jedoch sicher auf einem Mißverständnis beruhen muß, das vielleicht dadurch zu erklären ist, daß alle Beobachtungen der letzten drei Tage an groben Fehlern litten. Man nimmt allgemein an, daß der beobachtete Leuchtturm Lindesnæs und später Hirtshals gewesen ist. Freitag vormittag wird das Schiff wieder vom Leuchtturm bei Hansted beobachtet, wie es bei einer frischen Nordostbrise, die Notflagge gehißt, segelt. Man signalisierte der »Sleipner« vom Leuchtturm aus, sie solle südlich des Leuchtturms anlegen, wo das Wasser ruhig und tief an das Land reichte; aber möglicherweise wurde das Signal nicht verstanden, möglicherweise hat auch der Kapitän, der von der Karte her wußte, daß die Rettungsstation von Hansted nördlich des Leuchtturms lag, es vorgezogen, direkt vor Klitmöller und der dortigen Rettungsstation anzulegen. Ebenfalls vergeblich waren die Signale des Leuchtturms an die »Thingvalla«, »Thingvalla«: Schiff, das im Linienverkehr Auswanderer von Kopenhagen nach Amerika brachte. die draußen auf See gesichtet wurde, die aber nach den zuverlässigsten Erklärungen die Signale des Leuchtturms gar nicht bemerkte und auch natürlich das Notsignal des Dreimasters nicht. Wie dem auch sei, trieb das Schiff also südlich am Leuchtturm Richtung Klitmöller vorbei, wo es der erste Beobachter um ½ 12 Uhr bemerkte; er beobachtete, wie das Schiff anzulanden versuchte, und er wußte, daß genau die Stelle, an der er stand, besonders dazu geeignet wäre. Da er aber nicht die Verantwortung, es hierher zu winken, zu übernehmen wagte, blieb er nur stehen. – Man erblickte ihn vom Schiff aus, aber obwohl selbst das Stehenbleiben und nach einem Boot oder Schiff, das anlanden will, Ausschau zu halten, im allgemeinen als Hinweis darauf gesehen wird, daß dort, wo der Mann stehen bleibt, der beste Punkt für eine Anlandung wäre, fuhr die »Sleipner« doch Richtung Süden , offenbar, um der Rettungsstation so nahe wie möglich zu kommen. Endlich gelangte das Schiff ungefähr vor die Rettungsstation, und um 12 Uhr strandete es an der Nordseite des Örehage bei Klitmöller. Die Mannschaft stand in einer Gruppe am Bug und wartete ruhig, während sie versuchte, sich durch Schwingen der Arme warm zu halten. Das Wetter war ruhig, die Brise Windstärke 4, der Wind Nordost. Vom Schiff aus wurde keinerlei Versuch unternommen, mit einem eigenen Boot an Land zu fahren, was unmittelbar nach der Strandung möglich gewesen wäre, auf jeden Fall wenn das Boot in Ordnung war. Am Strand wurde umgehend nach Thisted berichtet, und man sammelte eilig die Mannschaft und die Zugpferde für das Rettungsboot. Bereits um ½ 1 Uhr waren die Raketenabschußgeräte zur Stelle, und man schoß zwei Raketen ab, wobei die erste 40, die zweite 60 Faden Faden: dän. favn. Altes Längenmaß, entspricht 188,31 cm (= 3 Ellen). 40 Faden entsprechen 75,3 m, 60 Faden 113,0 m. weit flog; beide flogen jedoch ohne Ergebnis Richtung Wrack, das ja ungefähr 1000 Ellen Elle: dän. alen. Altes Längenmaß, entspricht 62,77 cm (= 2 Fuß). 1 000 Ellen entsprechen 627,7 m. vor der Küste lag. Die Beamten von Thisted, die durch den Telegraphen von Hansted herbeigerufen worden waren, trafen den ausgesandten Boten unterwegs und fragten, ob für die Schiffbrüchigen Gefahr bestehe, woraufhin der Bote antwortete, davon könne am hellen Tag und bei ruhiger See wohl keine Rede sein. In der Zwischenzeit war das Rettungsboot am Strandungsort angelangt, und um 1 Uhr ruderte die Mannschaft zum Boot, das unmittelbar vor dem Wrack plaziert wurde. Aber trotz der verhältnismäßig ruhigen See konnte man die Sandbank nicht überqueren, sondern trieb mit der See und der Strömung gen Süden, weit in Lee des Schiffes. Das Boot mit der Mannschaft wird dann mit Hilfe einer Trosse längs der Küste nach Norden gezogen und auf diese Weise drei Kabellängen Kabellänge: dän. kabellængde. Altes maritimes Längenmaß, entspricht 185,2 m (= 1/10 Seemeile). 3 Kabellängen entsprechen 555,6 m. nördlich des Schiffes angebracht (Die »Sleipner« lag in einer nicht besonders tiefen Bucht, die im Süden von Örehage, im Norden von einer kleineren Ausbuchtung der Küste gebildet wurde.), von wo aus man erneut versuchte, zur »Sleipner« hinauszurudern, was jedoch gleicherweise mißlang. Das Rettungsboot ließ sich nicht steuern, weder mit Rudern noch Steuer und schlug ständig quer zur See, so daß es schnell wieder nach Süden trieb und an Land gesetzt werden mußte, weil man unter dem zunehmenden Sturm – es blies nunmehr so heftig, daß man keine Segel mehr setzen konnte – nicht die geringste Hoffnung hegen konnte, mit einem dritten Versuch ein besseres Ergebnis zu erlangen. Man entsandte nun – es war inzwischen 2 Uhr geworden – einen reitenden Boten nach Hansted, um möglicherweise mit dem dortigen Rettungsboot das Schiff zu erreichen. Vom Hansteder Leuchtturm aus hatte man die unglücklichen Rettungsversuche beobachtet, aber man hatte, da es nie zuvor geschehen war , daß ein Rettungsboot außerhalb seines eigentlichen Gebietes einen Rettungseinsatz durchführte, nicht daran gedacht, das Rettungsboot auslaufen zu lassen. Als der reitende Bote ankam (Längs der Küste beträgt die Entfernung 1 Meile.), Meile: dän. mil. Altes Längenmaß, entspricht 7 532 m (= 24 000 Fuß). Oder: Seemeile, dän. sømil. Maritimes Längenmaß, entspricht 1 852 m. war es bereits zu spät, da bei der Ankunft des Boten das Schiff bereits vollständig auseinandergebrochen war, was man vom Leuchtturm aus beobachten konnte. Die Schiffbrüchigen, die sich immer noch auf dem Vorderdeck aufhielten, schienen einen weiteren Rettungsversuch erwartet zu haben. Die See wurde von Nordosten her ständig rauher, und das Wrack wurde mehr und mehr zerschlagen. Ratlos feuerte man vom Strand noch einige Raketen ab – drei – , von denen die letzte wohl die für eine Rakete übliche Strecke von 400–500 Ellen zurücklegte, was aber natürlicherweise trotzdem nichts nützte, weil das Schiff ja 1000 Ellen vom Land lag. Um 3 Uhr fiel der Fockmast. Fockmast: Der vorderste Mast eines größeren Schiffes. Bis dahin hatte sich die Mannschaft an Bord ruhig verhalten. Jetzt, da der Mast fiel, hörten die Leute, die auf den Dünen saßen und zuschauten, ein langgezogenes Schreien vom Schiff. Nach dem Fall des Masts war das Leben auf dem Wrack nur noch ein Todeskampf, dessen Zeuge man vom Strand aus wurde, ohne im geringsten helfen zu können. Einer nach dem anderen wurde die Mannschaft von Bord gerissen, und die Männer am Strand gingen, nachdem sie alle Hoffnung aufgegeben hatten, wirkliche Hilfe leisten zu können, hinaus zur Spitze des Örehage, wohin Strömung und See die Bruchstücke des Wracks spülten. Möglicherweise konnte wenigstens ein einziger sich an einer Planke festhalten, und so, wenn sie antrieb, auf ein Fischerboot im Windschatten der Spitze des Örehage gerettet werden. Kurz danach entdeckte man auch einen Mann, der auf einem Wrackteil trieb; es lag tief im Wasser und trieb Richtung Spitze des Örehage. Man ließ das Fischerboot ins Wasser und versuchte, in der Lee der Spitze den Ertrinkenden zu erreichen, aber bevor man ihn erreicht hatte, ging er unter, ungefähr hundert Ellen vom Boot entfernt. Es war der einzige Mann, den man im Meer treiben sah. Auf dem Wrack war nunmehr von der Besatzung nichts mehr zu sehen, und nach vierstündigem Todeskampf war die »Sleipner« ein herrenloses Wrack. Um 4 Uhr sandte man einen weiteren Boten nach Hansted, und nachdem man gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit das an den Strand gespülte Schiffstagebuch gefunden hatte, mußte man die Küste verlassen. Kurz danach kamen von Thisted die Beamten und gingen, »weil sie dort die Mannschaft treffen wollten«, gleich zum Strandvogt. Einer der Herren fragte die Frau des Vogtes: »Sie sind sicher hier drinnen?« Daraufhin erfuhr man, daß alle ertrunken waren. Ich hoffe, mit dieser Schilderung das Wesentlichste angeführt zu haben; und wir müssen also im Licht dieser Tatsachen, die ich auf die verläßlichsten Auskünfte der Leute auf dem Strand gestützt habe, zuerst untersuchen, was in Kürze geschehen kann, weil diese Seite der Angelegenheit bereits so heftig erörtert wurde und genau so gut von Leuten entschieden werden kann, die den Ort nicht besucht haben, die Beziehung der verschiedenen Betroffenen zu dem nicht seetüchtigen Schiff aufgeklärt zu bekommen, um dadurch Klarheit darüber zu erhalten, wem die schicksalsschwere Verantwortung am meisten zufällt; danach , was mir am wichtigsten für denjenigen zu sein scheint, der hier persönlich die Verhältnisse untersucht hat, den Zustand des Rettungswesens zum Zeitpunkt des Schiffsbruchs. Über das Verhalten der Reederei steht das Urteil wohl schon fest, und die Auskünfte, die der hier befindliche frühere Anteilseigner mir über das Schiff gegeben hat, schienen nur die allgemeine Meinung weiter zu bestärken. Außer der Reederei kann, was diese letzte Reise betraf, sicher die Rede davon sein, drei verschiedenen Personen eine entscheidende Verantwortung aufzuerlegen: dem Konsul, dem Befrachter – und dem Agenten des Reeders vor Ort – sowie dem Kapitän. Jedoch muß man von diesen dreien, wie oben angeführt, wohl vorläufig den Konsul ausnehmen, da aufgrund des fehlenden Eintrags im Schiffstagebuch nicht zu erkennen ist, inwiefern man sich wirklich an ihn gewandt hat oder sich mit den drei Mann, die der Befrachter zur Hilfe beim Pumpen versprach, zufrieden gab. Mir kommt es so vor, daß man davon ausgehen muß, daß der Befrachter die größte Verantwortung trägt. Der Kapitän, aus dessen Logbuch man nicht den Eindruck erhält, gerne mit dem Schiff in die See zu stechen, hat kaum vor diesem Herrn den schlechten Zustand der »Sleipner« verborgen, und das Eingeständnis, daß die Mannschaft trotz der Ankunft der drei Extraangeheuerten dieselbe Heuer erhalten soll, scheint klar zu zeigen, daß er sich sowohl der gewagten Fahrt voll bewußt war als auch des berechtigten Verlangens der Mannschaft, die volle Heuer zu behalten. Der Befrachter hat mit Rücksicht auf die Unkosten, die Ladung an Land zu lagern, die Berechtigung dieser erheblich geringeren Ausgabe eingeräumt, und er hat mit der Auszahlung der Heuer an die Extraangeheuerten die Mannschaft dazu bewogen, an Bord zu bleiben. Verglichen mit diesem Verhalten des Befrachters scheint der Kapitän wenigstens leichter zu entschuldigen zu sein. Man verläßt sein Schiff ungern – und das nicht alleine deswegen, weil man eine Existenz aufgibt – und Herr Müller setzte sowohl sein eigenes Leben wie das der Mannschaft aufs Spiel. Er fuhr mit hinaus, der Befrachter schickte sie alle hinaus. Die an Land getriebenen Leichen hatten Papiere dabei, die darüber unterrichteten, daß die übrigens aus allen Nationen bestehende Besatzung verhältnismäßig lange auf der »Sleipner« angeheuert hatte; es liegt die Annahme nahe, daß der Kapitän, wenn die Mannschaft wirklich Fahrt auf Fahrt auf einem Schiff blieb, dessen Gefahr zu sinken ihnen nicht unbekannt war, so tüchtig gewesen sein muß, daß seine Person sie an ein Schiff band, zu dem sie sonst nicht das geringste Zutrauen gehabt hätten. Die wenigen Aufzeichnungen des Schiffstagebuchs deuten auf das Gleiche hin. * Aber trägt nun von den Betreffenden die Hauptverantwortung wer auch immer – ich wage nicht, ein abschließendes Urteil zu fällen – so wird sich hoffentlich als glücklicher Zufall herausstellen, Herr Redakteur, daß Ihr verehrtes Blatt am selben Tag in seinen »Seefahrtsnachrichten« »Seefahrtsnachrichten«: dän. Søfartstidende; feste Rubrik der »Nationaltidende«. einen Bericht über das »Gesetz seeuntaugliche Schiffe betreffend« brachte und das erste Telegramm von der Strandung der »Sleipner«, deren angespülte Wrackreste sich bei weitem nicht alle als durchgefault erwiesen – das Deck war ja neu –, wie die erste Nachricht lautete; aber wenn die angespülten Klammern, Stützen und Spanten so verrottet waren, daß jedes angetriebene Teil ein Ausrufezeichen der Gewissenlosigkeit für diejenigen gewesen war, die es gesehen haben – eine Gewissenlosigkeit, die, gleichgültig wem die Hauptverantwortung zufällt, die Schuldigen heimsuchen muß. Zur Beleuchtung dieser einen Seite der Angelegenheit muß man das Material hauptsächlich in den Verhältnissen der Reederei suchen, teils auch in den Ereignissen vor dem Ablegen des Schiffs in Grimsby; zur Erhellung des anderen Hauptpunktes des Geschehens, der bei ruhiger See mißglückten Rettung, muß man die Umstände von dem Augenblick an untersuchen, als die »Sleipner« den Leuchtturm von Hansted passierte, ohne die Signale zu verstehen oder Notiz von ihnen zu nehmen, den Signalen, die das Schiff aufforderten, im Lee der Insel südlich des Leuchtturms anzulegen. Der Kapitän wollte anlegen, er kannte seine Karte und fuhr deswegen trotz der Signale so nahe an die Rettungsstation wie möglich. Unglücklicherweise lief er nun bereits 1000 Ellen vor der Küste auf Grund, ein trauriges Unglück, das ihm jedoch nicht zugerechnet werden kann, da er nicht in dem Maße die Küste kennen konnte; dies jedoch brachte allen das Unglück. 100 Ellen weiter südlich wäre er dem Strand 500 Ellen näher gekommen. Aber trotz dieses Unglücks wartete die Mannschaft ruhig ab: Man war auf Grund gelaufen, bei ruhiger See, am hellen Tage, 1000 Ellen vor der Rettungswache. Man muß auch zugeben, daß diese Leute keinen Grund hatten, sich zu fürchten, und daß sie, als sie ertranken, tatsächlich im Hafen Schiffbruch erlitten. Der Kapitän der »Sleipner« und die Mannschaft glaubten, als sie das Schiff bei Klitmöller auf Grund setzten, so am sichersten gehandelt zu haben. Dies gibt uns Grund anzunehmen: sowohl die Unterlassung, das Schiff direkt südlich des Leuchtturms anzulanden, weil es weiter von der Rettungswache war, als auch vor allem die unerklärliche Besonderheit, daß man, wie oben erwähnt, nicht den geringsten Versuch unternahm, mit dem eigenen Boot an Land zu gelangen, eine Besonderheit, die ganz sicher nur teilweise dadurch erklärt werden kann, daß die Mannschaft, ermattet vom Auspumpen, es nicht vermocht oder auch gewagt hat, die Mühe auf sich zu nehmen, mit Rudern und Anlandung die Brandung zu queren. Die Hauptursache hierfür muß die Überzeugung gewesen sein, daß das Rettungsboot mit größter Leichtigkeit auslaufen könnte, um sie holen. Dies ist zugleich die einzig mögliche Erklärung und der Angelpunkt der ganzen Sache. Aber wie konnte auch diese Überzeugung versagen? Wie konnte es geschehen, wie konnte es möglich sein, daß vierzehn Mann am hellen Tag, während einer mäßigen Brise, ihr Schiff auf Grund setzen konnten, und – tausend Ellen vom Land entfernt, direkt vor einer königlich-dänischen Rettungsstation – sich dreieinhalb Stunden auf dem Wrack halten konnten, um dann – zu ertrinken? Diese Frage beschäftigt hier die Bevölkerung am meisten, und es müßte wohl die Mühe wert sein zu untersuchen, wo die Schuld für dieses schicksalsschwere »Wie war es möglich?« liegt – – vielleicht wird die Untersuchung das eine oder andere klären. Nach allen übereinstimmenden Aussagen darf man bei der Mannschaft am Strand, der Rettungsmannschaft von Klitmöller, nicht die geringste Spur von Schuld suchen. Im Gegenteil: Die Einwohner gerade dieser Gemeinden gehören zu den unerschrockensten an der ganzen Küste, und man bedauert allgemein, daß dieser »Schandfleck«, wie der Vormann der Mannschaft das Unglück nannte, gerade über das Haupt der Fischer von Klitmöller gekommen ist. Und während alle die Mannschaft freisprachen, schieben sie alle einstimmig die Schuld auf den Zustand des Bootes. Und man muß zugeben, daß die Geschichte des Bootes so merkwürdig ist, daß sie es wert ist, sie so gehört zu haben, wie die Schwatzhaftigkeit der Fischer, die augenblicklich durch ihre Verbitterung entstanden ist, es mitgeteilt hat. Das Rettungsboot von Klitmöller wurde in Skagen gebaut, nachdem es aber ohne Glück einmal benutzt worden war, wurde es in Skagen außer Dienst gestellt, weil es den hohen Wellen nicht standhielt. Dies geschah ungefähr 1862. Von Skagen ging das Boot nach Fanø, aber da es sich dort ebenfalls als unbrauchbar erwies, wurde es erneut außer Dienst gestellt. Nach diesen wechselnden Schicksalen stationierte man das Boot in Klitmöller, wo es sich nun seit zehn Jahren befindet – ohne jemals ein einziges Menschenleben gerettet zu haben und ohne zu etwas anderem als Übungsfahrten benutzt worden zu sein, die wohlbemerkt immer bei ruhiger See stattfanden. Selbst nach diesen Fahrten hatte die Mannschaft zwischenzeitlich eingesehen – und wie es sich vollständig zu Recht zeigt, denn auch der Schiffbruch ereignete sich ja bei verhältnismäßig gutem Wetter –, daß das Boot unbrauchbar war; ein Teil der Mannschaft beantragte, ein brauchbares Boot zu bekommen. Wie weit dieser Antrag gelangte, bei wem er strandete, weiß ich nicht, aber es ist wohl zu hoffen, daß der Schiffbruch der »Sleipner« dem Antrag Nachdruck verleiht. Die Mannschaft erklärt, es sei unmöglich, das Boot zu steuern, weil es um ein Viertel Viertel: dän. Kvarter. Hier handelt sich um ein altes Längenmaß. Eine Elle (62,77 cm) besteht aus vier Kvarter oder 6 Zoll. 1 Kvarter (Viertel) = 15,69 cm. zu hoch über dem Wasser liegt, so daß man immer wieder mit den Rudern überhaupt nicht in das Wasser gelangt und das Boot steuerungslos vor Wind und Strömung treibt. Daß die Besatzung nach dieser Erprobung der Tüchtigkeit des Bootes jede Spur von Zutrauen auf das Schiff verloren hatte, muß jedem klar sein; was aber nicht zu erklären ist, ist die Tatsache, daß der Vorstand des Rettungswesens, so lange wie hier geschehen, sein Vertrauen auf ein Boot setzen konnte, daß an zwei Orten für unbrauchbar erklärt wurde, und schließlich an einem dritten Ort auf den Probefahrten als untauglich bezeichnet wurde, wenn auch die örtliche Aufsicht – wo übrigens niemals jemand Seemann gewesen ist – das schön gemalte Boot in seinem dannebrogsgeschmückten Schuppen in solch einem Zustand hält, daß der Prüfer bei einer Kontrolle alles in schönster Ordnung findet – solange das Boot, das nach den Regeln anerkannter Baukunst gebaut worden war, ruhig auf seinen Rollen stand. Und man würde vielleicht keine solch starken Worte gebrauchen, wenn man sich erlaubte, dieses Vertrauen sowohl blind als auch dumm-dreist zu nennen. Unter allen Umständen hat dieser Schiffbruch gewisse Mängel unseres Rettungswesens aufgezeigt und daß es an der Zeit war, den Dingen tiefer auf den Grund zu gehen als bisher, wo man sich hier in der Gegend auf eine rein anekdotische Freude über gewisse komische kleine Unfälle beschränkt hat, die aber bereits schon lange Eingeweihten beträchtliches Mißtrauen gegenüber der Sachkunde des Innenministeriums eingeflößt hat. Wenn Kapitän Müller nicht direkt südlich von Hansted landen wollte, weil die Rettungsstation windwärts lag und weiter weg war als die Station von Klitmöller, landete er – lassen Sie uns dies wiederholen – wie er mußte, da er ja nicht wußte, daß das Rettungsboot in Hansted brauchbarer war als das Boot in Klitmöller, was man hingegen auf dem Leuchtturm gut wußte, obwohl man sich dort wohl gut an den Unfall erinnerte, den das Hanstedboot vor einigen Jahren hatte, und welches auch dieses Boot nicht in das vorteilhafteste Licht rückt. Auf einer Übungsfahrt kenterte nämlich das Hanstedboot – man erinnere sich daran, daß die Fahrten bei gutem Wetter vorgenommen wurden – und der Fahrgast, der gerade wegen des guten Wetters die Übungsfahrt als Vergnügungsfahrt mitmachte, ertrank, während die Mannschaft gerettet wurde. Man beschränkte sich jedoch im wesentlichen darauf, sich über diese tragikkomischen Übungen eines königlichen Rettungsbootes lustig zu machen, und es ist entschuldbar, daß man dies tat. Beim Schiffbruch der »Sleipner« ist es deutlich schwieriger, die Komik zu erkennen, und dieses Unglück darf auf keinen Fall als Anekdote behandelt werden. Der Zustand des Bootes muß untersucht werden, und man darf nicht noch zehn Jahre lang dieses geschmückte Monster von Boot hinter seinem dannebrogsgeschmückten Dannebrog: die dänische Nationalfahne, weißes Kreuz auf rotem Grund. Gilt als älteste Flagge der Welt. Tor verstecken. Was den Abschuß der Rakete betrifft, war er vom ersten Augenblick an überflüssig, weil keine Rakete tausend Ellen weit reicht. Daß die Doppelraketen nach Aussage der Mannschaft nie auch nur halb soweit wie die Einfachrakete reichen, scheint eine Merkwürdigkeit, die, wenn wiederholte Versuche die Erfahrungen von Klitmöller bekräftigen sollten, die hohen Ausgaben für Doppelraketen in allen Stationen des Landes ziemlich überflüssig machten. Möglicherweise könnte das in diesem Fall bei den Raketen eingesparte Geld zum Kauf eines brauchbaren Rettungsbootes für die Rettungsstation Klitmöller verwendet werden. Für heute jedoch will ich einhalten. Vielleicht werde ich Ihnen morgen in einem weiteren Brief etwas von den Episoden der Strandung erzählen, etwas von diesen Dramen im Drama, die solche Unglücke so herzzerreißend machen. Mit Absicht habe ich dies heute nicht getan. Alles, was ich vermochte, ist, sorgfältig das Zerstreute zu sammeln, um durch eine geschlossenere Darstellung beide Seiten der Sache besser beleuchten zu können, denn hier ist nicht nur von der mangelnden Seetüchtigkeit des Schiffes die Rede. Der Schiffbruch der »Sleipner« hat nicht nur eine Reederei bloßgestellt. Dieser Schiffbruch draußen vor einer Rettungsstation, dieser Verlust an Menschen, wobei vierzehn Mann bei verhältnismäßig ruhiger See ums Leben kamen, klagt auch unser Rettungswesen an. Insbesondere dies habe ich versucht nachzuweisen. Ist es mir an diesem Punkt gelungen, das eine oder andere Unbeachtete hervorzuziehen, bitte ich Sie, Herr Redakteur, Ihren einzigen Dank an alle hier in Thisted und Klitmöller zu richten, durch deren Hilfe dies vornehmlich geschehen ist. 28.11.1880 Briefe vom Schiffbruch bei Klitmöller II Was ich fürchtete, Herr Redakteur, als Sie mich auf diese Reise schickten, war nicht nur, und wohl zu Beginn nicht einmal am nächsten, mein Mangel an Kenntnis in Bezug auf das Thema, über welches ich zu reden hatte: Sie hatten mich ja nur hingeschickt um zu schreiben, was ich nun konnte, und Sie haben nie von mir verlangt, was ich nicht vermochte – nein, es war weit mehr das, daß ich auf dieser Reise gegenüber dem Ungewöhnlichen, dem Neuen, dem mir völlig Fremden standhielte, auch wenn es sich darum drehte, eine Stimmung zu schildern. Selbst wenn es sich nur darum handelte, einen Eindruck zu vermitteln, ergriffe mich alles selbst in Natur und Verhalten mit der verwirrenden Macht des Ungewohnten. Und was kann man wohl begreifen, wenn das Neue sozusagen unseren Blick verschleiert? Noch eines ängstigte mich auf dieser Reise: ich fürchtete mich vor der Kraft meiner Empfindsamkeit, fürchtete mich, daß es mir mit diesem Meer und seiner verlassenen Küste so geht, wie es dem im Grunde Unmusikalischen geht, der eine Sinfonie hört; von der Musik nimmt er nur eine Stimmung, nur einen bestimmten Gedanken, mit nach Hause: er setzt die Töne um. Der Musikalische setzt nicht um, ihm sind die Töne nur Töne, nicht mehr; aber das Geheimnis besteht darin, daß er sowohl in Tönen sprechen kann als auch in Tönen denken kann. Dies bezeugt die Innerlichkeit seines musikalischen Verstehens, genau wie man erst dann in einer Sprache zuhause ist, sie sich zu eigen gemacht hat, wenn man darin denkt. Aber was ich fürchtete, war, wie gesagt, daß ich mich sogar der Natur gegenüber, der Sie mich entgegensandten, als der Unmusikalische erwiese, als der, der nicht in derselben Kunstform denkt und spricht, in derselben Tonart oder im selben Takt. Alle Stimmungen können auf den Saiten unserer Seele spielen, aber nicht für alle hat der Resonanzboden die richtige Antwort. Dann vergeht die Stimmung. Man braucht einen anderen Pinsel als den meinigen, um dieses Meer und diese Küste zu malen, und einen anderen Resonanzboden als den meinigen, um die Vielfalt der Eindrücke in dieser Gegend klangvoll wiederzugeben. All dies sagte ich voller Besorgnis zu mir selbst; und meine Sorge wuchs, als ich ankam und mich umsah. Ich sah aber zugleich ein, daß das Erste, das hier zu erledigen war, nicht die Stimmungen waren, sondern daß hier Eindrücke zu verbergen waren; ich habe in meinem letzten Brief, so gut wie ich konnte, versucht, Fakten, deren Zuverlässigkeit feststand, zu sammeln – daß Gerüchte um einen in Lauf gesetzt werden, Gerüchte, die mitunter in den überaus hastigen Erwägungen der örtlichen Behörden Gestalt annehmen, werden Sie verstehen können; aber die Vielfalt dieser Gerüchte erreicht Sie ohne meine Vermittlung rechtzeitig genug – so daß andere diese Fakten aufnehmen können. Wenn ich Ihnen heute etwas über meine Eindrücke von dieser Gegend erzähle, meine Eindrück von der Küste von Klitmøller, tue ich das, weil ich dadurch bei den »Episoden« dieses Dramas, das hier gespielt wurde, verweilen kann; diese Episoden, die einem solchen Geschehen ihre eigene Farbe geben, ihre Farbe, sich selbst gegenüberstellen. Der wahre Kritiker ergreift den Verfasser, dem er gegenübersteht, in einem einzigen Ausruf, einem Seufzer, in dem er mit aufmerksamer Sympathie die Eigentümlichkeit der Persönlichkeit ganz trifft. Dies geht dem Beobachter genauso gegenüber einer Begebenheit: er erfaßt schnell einen kleinen Zug, den kleinen Zug, der die Eigentümlichkeit der Begebenheit ist. War es, um bei dem Schiffbruch in Klitmøller zu bleiben, nicht das Bezeichnende für eben diese Strandung bei ruhiger See und hellem Tag, daß die Mannschaft, als das Schiff auflief, ruhig auf dem Deck umherstapfte und sich nur mühte, die Wärme zu halten, mit den Armen schwangen, wie Reisende, die am Bahnhof angekommen sind, einen Augenblick aus dem Wagen aussteigen, um die Glieder zu dehnen und herumzustapfen? Liegt nicht alles bei dieser Strandung genau darin? Diese Menschen, die ihr Schiff auf Grund setzen, nachdem sie es durch Pumpen auf der Nordsee gehalten hatten, setzen es so sicher auf den Grund, als ob sie in einen Hafen einliefen, hier kurz vor der Rettungsstation, deren Zeichen sie vom Meer aus sehen. Ist es nicht dieser Zug, der sein Licht über das gesamte Verhalten des Kapitäns von seiner Fahrt am Leuchtturm vorbei wirft, auf das ruhige Warten der Mannschaft, die nicht einmal das Rettungsboot zu Wasser läßt, derselbe Zug, der am stärksten anklagt – den- oder diejenigen, die die Anklage trifft. Denn es müßte wohl geschehen, daß es sich hier um etwas anderes handelte als Sorge dafür zu tragen als von vornherein seine Auffassung festzumachen mit dem Deklamieren des »Rechts der armen Leute« »Das Recht der armen Leute«; »das gewagte Leben des armen Mannes«: Hinweis auf die Reportagen Holger Drachmanns. und »das gewagte Leben des armen Mannes«. Oder nur dieser eine Schrei, als der Mast fiel? »Sie waren ganz still auf dem Wrack«, sagte der Strandvogt. Sie warteten. Und selbst als sie sahen, daß das Rettungsboot nicht auslaufen konnte, selbst als der Versuch zum zweiten Mal fehlschlug – standen sie immer noch ruhig im Steven. Sie warteten. Das schien ihnen wohl zu unwahrscheinlich, und selbst, als die anderen die Hoffnung aufgaben, hofften sie weiter. Sie waren der Hoffnung am nächsten, denn man hofft sehr lange, wenn es das Leben gilt, und deswegen verhielten sie sich weiterhin ruhig. Als aber der Fockmast fiel, schrieen sie. Sie erhoben die Arme und schrieen. Welches plötzlich blitzschnell verdunkelnde Entsetzen hat diese beschwörenden Arme nicht erhoben, diesen Schrei erfüllt, worin sie die Medusazüge Medusa: In der griechischen Mythologie ein weibliches Wesen mit Schlangen statt Haaren und schmerzverzogenem Gesicht, als Symbol des Schreckens verwendet. des Todes erkannten. »Dann merkten sie, es ist vorbei«, sagte der Strandvogt. Dies könnte man die Begebenheit der »Begebenheiten« nennen, sozusagen das Aufbäumen der Seele der Begebenheiten. Es war früh am Morgen, als wir Thisted verließen, und das Grau des Morgens lag noch wie ein Nebel über der schneebedeckten Einförmigkeit. Wo alles nackt ist. Die leere Flachheit, die wie ein ausgebreiteter Tanzboden vor dem Westwind liegt, nichts, das unterbricht, nichts, das aufragt, nur Flachheit, schneebedeckt. Und selbst der Schnee scheint in dieser Luft nicht weiß, es gibt nichts, was scheint. Unter einem grauen Himmel liegt der Nebel über schweren Feldern. Es gibt kein Licht. Und die Häuser verstecken sich: sie verkriechen sich hinter der kleinsten Böschung, hinter der geringsten Erhebung in der Einförmigkeit der Bloßheit. Es scheint, als fürchtete die ganze Gegend und die Menschen einen Feind – und der Feind ist dort. Man sieht es weniger bei dem, der sich verkriecht, als bei dem, der kämpft. Dieser Mann hat sein Haus fast auf einem Hügel gebaut, aber er hat seine Behausung hinter Bäumen abgeschirmt. Der Kutscher erzählt mir, wie dieser Mann gekämpft hat. Nun ist hier ein Hain gewachsen, dünne Stämmchen, weit auseinander stehend, aber dieser Hain um dieses Haus erzählt weitaus mehr und weitaus anderes darüber, was ein Wille vermag. Gegen Westen besteht der Hain aus Büschen, nur ein Viertel der gepflanzten Bäume wurde zu Bäumen. Aber der Mann soll doch sehr stolz auf sein Stückchen Wald sein. Auch die Kirchen sind ohne Turm, man baut in dieser Gegend keine Türme, geht im übrigen auch nicht viel in die Kirche. Die steinernen Häuser, gebaut, um die Anbetung der Menschen zu beherbergen, liegen verlassen und trostlos hinter ihren Steinmauern, mitten in dem nackten Fleck, den man hier Friedhof nennt. Man bepflanzt diese Friedhöfe nicht. Man hat genug um die Lebenden zu kämpfen, man kann nicht auch noch den Kampf für die Ehre der Toten aufnehmen. Deswegen errichtet man auch keine Steinkreuze oder Gitter. Dann und wann kommt der Verwandte eines Schiffbrüchigen und errichtet ein Kreuz, das zeigen soll, daß hier in fremder Erde ein Mensch begraben liegt, der weit weg Freunde hatte, deren Gedanken diesen Fleck mit dem Kreuz suchen. Die Leute der Gegend haben keine Zeit, Denkmale zu errichten. Hier gibt es keine Gärten, weder für Lebende noch für Tote. – Je weiter wir kamen, desto heller wurde es, die Sonne brach hervor. Und wie eine plötzliche Fata Morgana Fata Morgana: Die Fee Morgana ist ein übernatürliches Wesen, von dem man annahm, daß sie Luftspiegelungen hervorruft. erhoben die Dünen sich wie sonnenbeleuchtete Schneeberge hinter dem Vannet-See. Vannet-See: See zwischen Klitmøller und Thisted (heutige Schreibweise: Vandet-Sø). Während man auf die schneebedeckten Dünen starrte, hügelig, gebogen, zerrissen wurden ihre gebrochenen Umrisse zu Marmorschlössern auf Bergen, wo das Licht mit der blendenden Weiße des Steins spielt. Es wurde zu einer schräg gebauten Stadt über dem blauenden See: ein kurzer Augenblick erbaute die Fata Morgana aus den Dünen und aus dem Vannet-See Genua und den Golf »des Prächtigen«. Es war ein Lichtspiel, ein Spiel der Launen der Sonne. Draußen über dem See flogen die Schwäne zu den Dünen, stolz, königlich. Es liegt über den Schwänen etwas Eigentümliches: Die Mythen und Märchen haben Schimmer über ihre Schönheit gelegt. In alten Zeiten sangen sie. Warum wohl haben sie aufgehört zu singen? Böse Feen haben ihre Zungen gefesselt, aber wenn man sie sieht, denkt man, daß, wenn die verzauberten Königskinder, die die Feen unter der Haut verborgen haben, zu sprechen begönnen, wir königlich Gesänge zu hören bekämen. Die Schwäne sammeln sich in Schwärmen, und mit segelndem Flügelschlag erheben sie sich über dem See. Wir rumpeln den Weg durch die Dünen hinunter, weichen links und rechts aus. Die Berge der Fata Morgana sind zu sandigen Höhen geworden, wo der Strandhafer seine Büschel aus dem Schnee hervorreckt. Wie den Lärm eines nahenden Unwetters hören wir das Meer. »Es ist ruhig«, sagt der Kutscher. Wir halten an, der Strandvogt bietet uns Wein an, und wir müssen trinken, müssen aus Höflichkeit warten. Mich aber hält es nicht länger, es gab etwas im Brausen dieses Unwetters hinter der Düne, das einen gefangen nahm. Schließlich lief ich los , ich fieberte nach dem Meer. Wir stiegen durch die Dünen hinauf, es war mühsam, sich durch den Schnee zu arbeiten, beschwerlich voranzukommen, es war rutschig; Schnee und Sand bildeten ein Gemenge. Die anderen unterhalten sich über die Strandung, über das Wrack, über die vierzehn Leichen. Ich hörte es nicht: Das Meer mußte ich sehen. Dies war der einzige Gedanke. Es dauerte noch etwas, bevor ich dazukam, an den Schiffbruch zu denken. Ich hatte auf das Meer hinausgespäht. Der Strandvogt hatte Recht, es war ruhig. Die Luft war schneeschwer, das Licht grau, als hätte man einen Lampenschirm auf die Sonne gesetzt. Und unter diesem Himmel wälzte das Meer sich noch schwerer als die Wolken am Himmel. Die Wogen erhoben sich nicht, sie schäumten nicht weiß, sie wälzten sich eine nach der anderen auf den Strand. Man starrte unablässig ernsten Gesichtes hinaus. Dann fragte ich endlich nach dem Wrack. Man zeigte hinaus: »Dort«. »Dort? So nahe am Land?« Der Strandvogt lächelte. »Es sind 1000 Ellen«, Elle: 1 dänische Elle (2 Fuß) ist 62,77 cm, 1 000 Ellen sind 627,70 m. sagte er. Und sie begannen, mir von den Wellen dieses Meeres zu erzählen. Das Wasser reicht bis zu den Dünen, die Wellen sind so hoch wie Türme, genau so hoch wie Häuser – richtige Riesen, die auf einen losgehen … »Riesen, die auf einen losgehen« … Man begreift solche Bilder nie, sie vermochten, eine Stimmung zu wecken, sie vermitteln keine Anschaulichkeit. Sie lassen uns etwas erspüren , niemals erblicken. Aber wie sollten sie dies auch können? Man kann keinem Menschen erklären, wie die Alpen aussehen, man kann ihm auch die Wogen nicht erklären. Sie erzählten mir alles über den Schiffbruch, und ich zwang mich zum Zuhören, aber diese Strandung war nur ein Blatt von allen, was diese Küste lesen ließ, und während sie erzählten, verirrte sich mein Blick oft über den Strand … Die Trümmer des Wracks lagen am Meer entlang verstreut, dunkle Punkte in der Grauheit des Strandes und des Meeres. Hier und dort hatte man begonnen, sie auf Haufen zu sammeln. So konnte man diesem schweren, unbegreiflich Ernsten, das einem so nah auf den Leib rückte, nicht entkommen. Ich glaubte fast, daß selbst das, was die Seeleute erzählten, klein wurde. Größere Dramen könnten darin stecken. Aber welche größeren Dramen als Leben oder Tod von Hunderten könnte man finden? Man erzählte mir Einzelheiten vom Schiffbruch der »Sleipner«. In der Kiste des Schiffsjungen hatte man ein Blatt gefunden, worauf er in Grimsby am 8. – das Datum stand darunter – ein Lied aus einem Liederbuch abgeschrieben hatte, so eine sentimentale Weise, von denen die Seemannsliederbücher strotzen: Leb wohl, leb wohl, Du, der Du hinausmußt, Das wilde Meer zu pflügen, Deinen Stolz und Deine Lust. Von der Väter Heim, von Tälern, Bergen, Höhen, Fährst Du hinaus zu Indiens ferner Küste. Während die Tränen des Abschieds aus meinem Auge fließen Und stille Gebete meiner Brust entfliehen. Leb wohl, leb wohl – so mußt Du wieder ziehen Zu Indiens Strand, Dir selbst zu Frommen und Nutzen. Vielleicht kehrst Du nie wieder zurück Zu Vater und Mutter, dem sicheren Hafen der Kindheit. Vielleicht wird Dich die grausame Woge ergreifen, In einer stürmischen Nacht in ihren kalten Schoß. Leb wohl, leb wohl, nun muß das Schiff den Anker lichten Und die Pflicht ruft Dich, Du mußt an Bord. Und gedenke, während die Wellen an des Schiffes Planken klatschen, Seiner, der Himmel, Meer und Erde steuert. Leb wohl, leb wohl, schließ in Deine Gedanken ein Das stille Heim, wo Friede und Traulichkeit wohnen. Das Gedicht ist gewöhnlich, gefühlsbeladen wie alle solche Weisen – aber das Datum spricht für sich. Es standen wohl viele Weisen im Liederbuch des Schiffsjungen an dem Tag in Grimsby, als man ausfuhr, obwohl das Schiff »stärker leckte«; daß er gerade dieses herausgeschrieben hat, zeigt uns etwas davon, wie es ihnen zu Mute war, erzählt uns ein wenig über diese Fahrt auf einem Sarg, die bei ruhigem Wetter in der Brandung der Nordsee endete. Man versteht, daß diese vierzehn erst dann schrieen, als der Fockmast Fockmast: Vorderer Mast eines mehrmastigen Segelschiffes. fiel: nachdem sie sich so sehr geängstigt und so sehr auf dem Meer gelitten hatten, waren sie nun so nahe an Land. Aber der Schiffsjunge stieß zufällig auf diese Weise. Wendungen, wie »Ereignisse« und »zufällig auf etwas stoßen«, sagen wenig. Das Gedicht klagt Reeder und Befrachter an, wie die sichere Erwartung auf dem Wrack anklagt – und viele andere … Wir gingen den Strand entlang. Der Zollbeamte erzählte Sagen und Ereignisse an dieser Küste, und die Sagen waren so schwer wie die Geschehnisse, die Geschehnisse so dunkel wie die Küste und der Strand selbst. Vor einigen Jahren tobte ein fürchterlicher Sturm, ein Sturm aus West. Gegen Abend strandete ein Schiff auf der äußersten Sandbank. An Rettung war nicht zu denken; der Sturm wetteiferte mit der Dunkelheit, die See mit der Nacht; Rettungsmaßnahmen waren unmöglich. Sie mußten draußen in der Dunkelheit sterben. Man verließ den Strand und begab sich nach Hause. Aber man konnte in dieser Nacht nicht schlafen, denn sie schrieen die ganze Zeit so laut auf der Sandbank. Unablässig kämpften ihre Schreie mit dem Sturm. »Erst um zwei Uhr hörten sie auf.« Es war die Leichenrede über diese Verzweiflung, die stundenlang gegen den Tod und das Dunkel angeschrieen hatte. Ich weiß nicht warum, aber plötzlich wurde ich von einem schrecklichen Zweifel befallen. Ob diese Leute, die die Schreie wach gehalten haben, ob sie nun, da jene verstummt sind, ein »Vaterunser« für die Toten beteten – oder ob sie sich nur im Bett herumdrehten und froh waren, daß sie endlich schlafen konnten? Man wird ja hart an dieser Küste. Sie erzählten weiter, aber was sie erzählten, fesselte mich nicht länger. Das Meer war ernster als alles, was sie erzählten. Was sie berichteten, war aufregend, und doch regte man sich über dieses Meer nicht auf, man wurde auf seine Grausamkeit nicht böse. Man fügte sich. Und es herrschte kein Sturm, das Meer lag ruhig da, in schwerem Grau sein Wasser wälzend, schlaff wie ein Raubtier, das verdaut und seine eigene Schlaffheit genießt. Aber ein Bild auszumalen, vermag ich nicht. Ich starrte nur stumm auf das Wasser, und ich hätte mir gewünscht, die anderen hätten geschwiegen: zu sprechen entweihte, hier war Stille Gottesdienst. So wie Weihrauch, Prozessionen und Gesänge im Dom zu Köln stören und die Größe des Gotteshauses verhöhnen, so wurden selbst die einfachsten Worte zum unwürdigen Flitter der schrecklichen Größe. Nein, ein Bild kann ich nicht wiedergeben, denn das Bild müßte höchst wahrhaftig sein, um hier zu dienen. Denn hier schrumpft die Unwahrheit und verwelkt; man steht der Wahrheit nahe. Entkleidet liegen Strand und Küste, und man regt sich nicht über eine Grausamkeit auf, die sich selbst so offen entblößt. Aber was ich dachte, war, daß ich gerne an einem Tag wie diesem Tausende zu diesem Meer führen würde, damit dieser beeindruckende Ernst sie mit seinem Blick durchbohren könnte und ihnen die Lumpen herunterreißen könnte, diese Fetzen der Unwahrheit, so daß sie zumindest sähen, daß sie nackt waren. Man könnte die Blasierten herausführen, und ihre vornehme Blasiertheit, Blasiertheit: Arroganz, Überheblichkeit, Hochmut. ein errichteter Bretterzaun um ihre moralische Unvollkommenheit, würde Stück für Stück zusammenschrumpfen – die Jungen, die damit beginnen, ihre Illusionen zu zertrampeln, und wenn sie sie zu Tode getrampelt haben, pflegen sie ihre Trägheit und umhüllen mit »Weltschmerz« Weltschmerz: Der Begriff entstammt dem Roman »Selina« (1827) des Dichters Jean Paul (1763–1825). ihre Feigheit. Ihr Leiden an der Welt würde sich schämen und fliehen – die Schwermütigen, die ihr Leben einnebeln, weil das Halbdunkel ihr Auge nicht blendet, aber gegenüber diesem Ernst hätten sie wohl den Mut, über ihre Schwermut zu lächeln – diejenigen, die in Leidenschaft leben, die ihre Seele auffrißt: hier würden sie wohl sehen, daß selbst ihre Leidenschaft Egoismus ist, ihr Leiden Leere, die sie mit Bildern füllen, ihre Klagen Opfergesänge zur eigenen Verherrlichung. Dieselbe Größe risse die Maske von dem Antlitz aller dieser Nichtigkeiten. Dies dachte ich am Meer, diesem grauschweren Meer unter einem winterlichen Himmel, auf einem mit Wrackteilen übersäten Strand, wo man erwartete, daß Leichen angetrieben würden. Aber ein Bild zu malen scheue ich mich. Und hat selbst dies Sie noch nicht zufrieden gestellt, dann müssen Sie mir dieses Mal vergeben: alles, was wir berichten, ist ja Wirklichkeit, aber »Wirklichkeit, im Spiegel unseres Temperaments gesehen«. »Wirklichkeit im Spiegel unseres Temperaments gesehen«: Abwandlung von Émile Zolas berühmten Satz aus Mes haines (1866): »Une œvre d'art est un coin de la création vu à travers un tempérament« (»Ein Kunstwerk ist ein Zipfel des Vorhandenen, durch eine Gemütsart gesehen.«) 19.12.1880 Aus dem Abseits II. Armenbesuche vor Weihnachten Vorbemerkung: Diese »Lumpenburg«, die Herman Bang besuchte, war die berüchtigte Mietskaserne »Das Haus des Juden« oder »Die Höhle des Juden« in Christianshavn, Overgaden oven Vandet 4. Sie wurde wohl in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gebaut. Ab 1864 war der Kolonialwarenhändler J. Levy Besitzer, dann der Lotterieeinnehmer J. Perlstein. Die Gebäude wurden 1890 abgerissen. Wir gingen über einen alten Laubengang, dessen Boden so baufällig war, daß die Bretter unter uns nachgaben. Wir mußten die Köpfe einziehen und fast kriechen: An einer alten Leine hingen graue Fetzen zum Trocknen. Sie versperrten den Durchgang. Aus den Fenstern auf beiden Seiten starrten uns hinter den schmutzigen Scheiben Frauen- und Kindergesichter mit diesem halb scheuen, halb weinerlichen Blick an, diesem Blick, mit dem das Elend starrt, welcher uns aus Hunderten Gesichtern auf der ganzen schrecklichen Wanderung verfolgt hatte. »Sie waschen für Weihnachten«, sagte der Schutzmann und beugte sich unter einige zusammengeflickte Lumpen, die man hier Rock nennen würde. Wir stolperten über einige Stufen in das Dunkel geheimer Winkel, erreichten die Treppe, eine merkwürdige Stiege, die mit ausgetretenen, klebrigen Stufen hin- und herführt, auf jedem Absatz ein Pfosten, schmutzig-grau, fast feucht wie alles in diesen Häusern, als Schutz für diejenigen eingebaut, die sonst im Dunkeln die geländerlose Stiege hinunterfielen. »Es dürfte für sie ganz schön schwer sein, hier hinaufzukommen, wenn sie betrunken sind«, sagte H., der dritte im Bunde. Der Schutzmann bemerkte trocken: »Deswegen fallen sie auch herunter.« Wir kletterten die Stufen hinunter, in ein Gäßchen hinaus, wo der Rinnstein das Durchkommen erschwert. »Im Sommer stinkt es hier furchtbar«, sagt der Schutzmann. »Am schlimmsten muß es sein, die Toten hier herauszutragen«, sagt H., als er das Gäßchen ausmaß, den einen Arm ausstreckend. »Ach, man legt sie hier draußen in den Sarg.« … »Nun … ah ja … , das kann ich verstehen.« Wir standen jetzt auf der Straße. Der Schutzmann zog sein Notizbuch hervor und las. »Jetzt zum Nächsten«, sagte er. Schweigend folgten wir beide. Er erzählte. Und was er erzählte, waren die Zustände in den Wohnungen, genauso erschreckend wie die Häuser selbst. Ich hörte und hörte auch nicht: Seine Berichte waren wie eine undeutliche, halb vernommene Begleitung für meine gelähmten Gedanken. Wir waren die Straße hinuntergegangen, als ich durch sein Verstummen wach wurde: er hatte aufgehört zu erzählen. Mein Kopf war leer, wie wenn man aus einer Ohnmacht erwacht, er merkte, daß H., der auf der anderen Seite des Schutzmanns ging, einen Walzer pfiff. Aber als ich in sein Gesicht sah, das trotz der Kälte des Wintertages, die Farbe verleiht, graubleich war, sah ich, daß sein Pfeifen sicher dasselbe ausdrückte wie mein Schweigen: Schrecken. Der Schutzmann hob wieder an. »Jetzt sind nur noch vier-fünf zurück«, sagte er. Er sah auf und blieb stehen, wir waren an die Straßenecke gekommen. »Aber … Sie sind vielleicht schon müde, Sie sehen etwas bleich aus.« … Ich antwortete nicht. H. murmelte etwas davon, das Ganze sei ja etwas ungewohnt. »Das kann ich gut verstehen. Selbst wir Alten können bei diesen Besuchen wunderlich werden – besonders wenn das Wetter schlecht ist. Doch Sie haben es ja bei Sonnenschein gesehen.« »Bei Sonnenschein?« »Ja, bedenken Sie, wenn es regnet, ist es ja den ganzen Tag über Nacht in diesen Löchern – dann taumelt das Elend umher und fällt im Halbdunkel über seine eigenen Beine.« … Ich verstand ihn, und in einem einzigen Augenblick sah ich all diese Bilder, die ohne Form in meinen Gedanken waberten, noch trostloser, noch dunkler, im Schneeregen eines Regentages, im Zwielicht eines Nebeltages. Das Elend, das im Dunkeln taumelt und über seine eigenen Beine fällt. »Gott sei Dank«, sagte ich … »daß die Sonne schien« … Dann trennten wir uns an der Straßenecke. H. und ich ließen uns einige Sträßchen hinabtreiben, bogen in die Östergade Östergade (Østergade): Der nördlichste Teil der Fußgängerzone (Strøget), die vom Rathausplatz bis Kongens Nytorv führt. Beginnt am Amagertorv und führt bis zu Kongens Nytorv. War zur Zeit Bangs der am stärksten genutzte Teil des Strøg. ein; es war die Zeit der Spaziergänge. Hier spendete die Kälte Farbe, Röte auf Pausbacken, Geschmeidigkeit den Gestalten, die vorbeieilen, weil man sich warm halten muß. Vor den Geschäften konnte man die Schaulustigen der Weihnachtswoche in Scharen sehen, beide Bürgersteige waren voll. Damen in stramm sitzenden Mänteln mit einem Lächeln im Gesicht, das aus Pelzkragen und Tüllschleier auftauchte, Herren im Pelz und Herren in Mänteln. Und über allem die Sonne des Dezembertages. Ich starrte auf die Gesichter, auf die Farben der verschiedenen Kleidung, auf das Glück in all diesem Lächeln. Es war, als erwachte man aus einem Traum, aus einem tiefen Schlummer. Aber beim Aufwachen fühlte man sich ungewohnt und fremd. Wir sprachen nicht, weder H. noch ich. Wir blieben unten beim »Pferd« »Pferd«: Die Reiterstatue (1687 von A.C. L'Amoureux gegossen) Christian des V. auf Kongens Nytorv. noch einen Augenblick stehen. Er schüttelte sich: »Du, auf Wiedersehen«, sagte er. »Auf Wiedersehen!« »Hör, weißt Du was – ich gehe rüber und esse ein Steak. Mir ist so komisch – so leer, gerade als ob ich von einer Beerdigung käme.« Er gab mir die Hand und schlenderte zum d'Angleterre »Angleterre«: Das berühmteste Hotel Kopenhagens an Kongens Nytorv gelegen. 1874 von V. Dahlerup erbaut; einziges international bekanntes Hotel Dänemarks. Hier logieren ausländische Staatsoberhäupter und andere berühmte Gäste. hinüber. Aber noch gestern, als ich ihn traf, sagte er: »Nein, hör mal – dies war das letzte Mal, daß ich mit der Polizei ging … ich habe es immer noch nicht überwunden.« »Nein – das war überhaupt kein Vergnügen.« »Und dann kann man es genauso gut bleiben lassen, dies anzuschauen«, sagte er. »Es wird dadurch nicht besser.« »Nicht viel – nein.« – – »Und dann kann man es genauso gut bleiben lassen, dies anzuschauen«, sagte H. Vielleicht, denn es ist nicht so lustig: Wenn man das gesehen hat, was wir drei an jenem Tag sahen, weiß man, wie das Elend aussieht; sein Antlitz ist furchteinflößend. Nicht lustig, hat man nämlich einmal sein entsetzliches Antlitz gesehen, vergißt man dies nicht mehr so schnell; vielleicht vergehen Monate, in denen man einen wirklichen Gedanken mit Wörtern wie Not und Verzweiflung, Hunger und Entbehrung verbindet, wo jeder Buchstabe dieser Wörter ein Gesicht hat, das sich in unsere Erinnerung einbrennt, jeder Laut ein Mißton, der unser Ohr schmerzt; wo wir etwas weniger gedankenlos sind als gewöhnlich – und Gedankenlosigkeit ist ein Glück. Vielleicht ist es am besten, gerade, wenn man es gesehen hat , über das, was man gesehen hat, zu schweigen; es ergibt keinen Sinn, darüber zu reden, und man erhält keinen Dank, wenn man es tut. Was man gesehen hat, ist das Unglaubliche, und selbst wenn ein Meister – der tiefste Menschenfreund und keineswegs sentimental – dieses Unglaubliche schildert, trifft er auf Unglauben, geschweige denn einer von uns … Und da all das Elend, das wir bei jenem Besuch sahen, nun einmal für diese glückliche Gesellschaft unausweichlich ist, warum sollte man von ihm reden, wenn doch keiner glauben will und keiner danken will? Wer bittet darum? Möchte wohl jemand erschreckt werden, indem er in das Antlitz des Todes schaut? Wohl kaum. Wenn ich Ihnen heute trotzdem etwas von diesen Besuchen erzähle, tue ich dies nicht, um Sie aufzuregen, nicht, um mit dem Tuch zu spielen, das über das Gesicht des Toten gelegt ist, nicht um einen Zipfel zu lüften, den ich wieder leichtfertig wie im Spiel fallen lasse. Das ist für mich kein Leichtsinn. Aber diese Menschen hungern. Deswegen will ich sprechen, und ich will die große Gesellschaft, in der diese Elenden täglich den Hunger spüren, bitten, barmherzig zu sein und sie für einen einzigen Tag satt zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, rufe ich nicht die hohen Musen Musen: die neun griechischen Göttinen der Künste und Wissenschaften. an, die gewiß damit beschäftigt sind, mit den Grazien Grazien: die drei römischen Göttinen der Schönheit, Anmut und des Festes. auf dem Olymp zu tanzen, aber die Erinnerung möge mir beistehen, so daß ich ein wenig davon erzählen kann, was ich gesehen habe, und nur dies. Hier kann nicht übertrieben werden, hier kann kaum ausgemalt werden. Denn was ich sah, war ohne Farben, derjenige, der erzählen muß, steht sprachlos da. Wir, die wir schreiben, sind zu leichtsinnig: Warum spielen wir so oft mit Wörtern, spielen leichtfertig mit Begriffen wie Hunger und Elend, um dann, wenn wir endlich einmal der Nacktheit des Elends gegenüber stehen, leer an Worten und ratlos mit Bildern zu sein? Deswegen müssen Sie in den tieferen Ton übergehen, den Klang des Ernsts in den alten Wörtern, denn ich kann keine neue Sprache erschaffen, um all dies Entsetzliche zu erzählen. Und noch eines: Sagen Sie nicht, das, was erzählt wird, sei übertrieben: was wir sahen, wird schlimmer sein als alle Worte, selbst wenn die Phantasie sie mit Farbe versieht und wenn sich die Leser hinter der Behauptung, es sei alles übertrieben, unter einem Deckmantel verstecken.   Also das erste Haus. Der Hof bestand aus einem Gäßchen. Auf der einen Seite eine baufällige Hütte, die man als Schuppen ansehen mochte, eine Bruchbude mit verfallenem Fachwerk, deren Türen schief und undicht waren, die Fenster mit Papier zugeklebt, herausgeschlagene Scheiben mit Lumpen zugestopft. Diese Lumpen ließen mich beim Vorbeigehen erstaunen. Aber vielleicht war eine Werkstatt im Schuppen. Auf der Gegenseite eine Häuserzeile mit Hochkeller. Fünf Türen mit Treppen zum ersten Stock. Sie froren, die fünf Treppen, die zu dieser Nacktheit hinaufführten. Und das Haus selbst fror auch in seiner Baufälligkeit und schauderte vor Kälte. »Hier«, sagte der Schutzmann, »die zweite Treppe. Hier ist es nett.« Wir klopften im ersten Stock, es kam keine Antwort. Der Schutzmann zog an der Tür und öffnete sie. Wir kamen in die Küche. Ein kleiner Raum mit einer verlassenen Feuerstelle; man wunderte sich darüber, daß er so voll mit Rauch sein konnte, wo er doch zugleich so verlassen war. Ein Tisch unter einem schmutzigen Fenster, ein Tisch, wo nasser Schmutz, nasser, kalter Schmutz eingetrocknet war und nun auf den Brettern wie grauer Schimmel lag, eine Staubschicht über der Verlassenheit der Küche. Auf dem Regal über der Tür zwei Blumentöpfe. H. öffnete das Schränkchen unter dem Tisch. Ich weiß nicht, ob die Masse, die er herausholte, möglicherweise einmal Armenbrot gewesen war. Sonst nichts. Aber warum Ihnen die Kälte dieses Raumes ausmalen, die Nacktheit, die Leere? Dieser Raum war die Zubereitungsstatt des Hungers. Dahinter lag der Wohnraum. Stellen Sie vier Wände auf, deren Nacktheit kalt und dreckig ist, legen Sie in Ihrer Phantasie einen Fußboden so schmutzig wie der Tisch in der kahlen Küche. Füllen Sie diesen Raum, dessen Decke gerissen ist, so daß es durchregnet, mit der stinkenden Feuchtigkeit des »Miefs armer Leute«. Dann wissen sie, wie dieses Zimmer aussah. In einer Ecke stand ein Bett mit einigen Lumpenbündeln, eine graue farblose Masse, irgendwelche Fetzen von etwas, das einmal Decken und Kleidungsstücke war; auf dem Fußboden zwei Stühle, Rohrstühle mit zerbrochenen Sitzflächen. An einem Haken neben der Tür hing ein Rock. Der Pfandleiher hätte ihn lächelnd mit einem Kopfschütteln zurückgegeben. Deswegen hing er auch hier. So sah es hier aus. Auf dem Fußboden lag in einen grauen Schal gewickelt das jüngste Kind. Zwei andere krochen schreiend hinter der Tür. Ich weiß nicht, ob sie sich versteckten, weil sie nackt waren, aber das ist kaum wahrscheinlich, sie hatten keine Ahnung davon, was es hieß, Lumpen anzuhaben, die bedecken konnten. Der Schutzmann zog das eine Kind hervor. Es war schrecklich mager, diese erschütternde Magerkeit bei Kindern, die hungern. Die Wangen eingefallen, bläulich; die Augen groß, aber ganz innen im Kopf, stumpf. Der Blick war voller Angst, älter als ihr Lebensalter. Hunger gibt Kindern eine eigene Altklugheit des Ausdrucks. Und die Haut – bei ihnen allen bronzefarben – , die über diese dünnen Knochen gezogen war, war mit Wunden bedeckt. Es waren Wunden an Armen und Beinen, eklige, aufgebrochene Wunden um die Nase. »Hunger«, sagte der Schutzmann. »Sie hungern.« »Ich wußte nicht, daß dies so aussieht«, sagte ich. Und es muß etwas wie ein Schaudern im Ton gewesen sein, denn unser Begleiter sah auf. »Die sind noch die glücklichsten«, sagte er. Er ließ den Arm des Kindes los und wandte sich um zu gehen. Wir standen bereits im Gang. »Gut, daß nicht ich es bin, der darüber schreiben muß«, sagte er. »Warum?« »Diese Wörter stehen nicht im Molbech«, Molbech (1783–1857): Christian Molbech war seit 1829 Professor für Literaturgeschichte an der Universität Kopenhagen. Sein »Dansk Ordbog« (1. Aufl. 1833, 2. Aufl. 1854–1859) (»Dänisches Wörterbuch«) war das Standardwerk im 19. Jahrhundert; seine Rechtschreibung galt als beispielhaft. sagte er. Ein Seil hing von der Decke. Der menschenfreundliche Vermieter hatte es aufgehängt, um das Leben derer zu schützen, die monatlich 10 Kronen Dänische Krone: heutige Kaufkraft 1 dkk = ca. 7–8 € (2008). für den Speicher zahlten, und die diese Stiege hinaufmußten. Die Schritte schwankten leicht. Dort oben war es stockdunkel. Der Schutzmann schwankte leicht, stieß auf Holz und klopfte. Von innen hörte man ein Grunzen. Dann öffneten wir eine Tür, einige zusammengeklopfte Bretter, und traten ein. Ich fuhr zurück. »Müssen wir da hineingehen?«, fragte ich. Es war die Luft, die mich zurücktrieb. Man schmeckte diese Widerlichkeit. Es war ein Gestank nach den Ausdünstungen des Kranken, nach verdorbenem Essen, nach Dreck; man mußte in dieser Luft geboren sein, um sie einatmen zu können. Wenn man sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, sah man im Zwielicht einen Tisch mit unendlich vielen Scherben, zerbrochene Blumentöpfe, nicht näher bestimmbare Bruchstücke, und in all diesen zertrümmerten Stücken halbverfaulte Überreste der Mahlzeiten der Not. Es waren diese Überreste, die so stanken. Am Fenster stand eine Kommode, die Schubladen waren herausgezogen, sie waren bis oben hin voll mit Lumpen, Lappen, unbestimmbaren Resten, in Dreck getunkt. Die Bettdecken waren aus Hunger geplündert, zurück war nur unbestimmbarer Stoff, durchwühlte Reste von Stroh. – Aber warum sind alle Wörter doch so mißbraucht, daß kein Ausdruck Ihnen erzählen kann, wie schrecklich diese eiterbeulenbesetzte Nacktheit war, kein Ausdruck kann Ihnen diesen stinkenden Inhalt der Kommode ausmalen, diese elende Schweinerei des Tischs? Auf dem Fußboden war keine Stelle frei, die nicht zu einem Berg von Lumpen und Müll geworden wäre, nicht ein einziger Fleck. In den Wänden waren Löcher, Ungeziefernester.   Mitten auf dem Fußboden lag ein halberwachsener Mensch wie Hiob. Hiob (Job): Das Buch Hiob im Alten Testament berichtet von einem frommen Mann, dessen Glaube von Gott geprüft wird und deshalb schwere und lange Leiden ertragen muß. Er war der einzige Sohn einer Witwe und schwachsinnig. Er bekam den Sankt-Veits-Tanz, Sankt-Veits-Tanz: Die Nervenkrankheiten Chorea major (Huntington) und Chorea minor (Sydenham) wurden früher Veitstanz genannt. Weiterhin wird als Sankt-Veits-Tanz ein Phänomen des Mittelalters beschrieben, die Tanzwut, bei der die Bevölkerung ganzer Landstriche in wilde Tänze verfiel, weil sie sich mit einem halluzinogen wirkenden Pilz (Mutterkorn), der auf den Kornähren sitzt, vergiftet hatten. als er uns erblickte, dieses krampfartige Stoßlachen, mit dem Schwachsinnige uns dümmlich angrinsen. Er erhob sich halb und sprach – wie Betrunkene, die ihren Mund nicht richtig aufbekamen, undeutlich lallend. Alles, was er anhatte, war ein alter Rock. Der Schwachsinnige grinste murmelnd dauernd vor sich hin, er tappte umher und kramte in den Scherben auf dem Boden. Als ob das Elend die Gestalt eines gräßlichen Hampelmanns angenommen hätte und zu sich selbst Grimassen schnitte … Wir wollten in diesem Haus nicht noch mehr ansehen, wollten nicht. »Einen Augenblick noch«, sagte der Schutzmann, und nachdem wir die Treppe hinuntergeklettert waren, öffnete er die Tür zum Schuppen. Es wohnten Menschen in diesem Schuppen. Ich berichte Ihnen nicht, wie es dort aussah. Die Bewohner, die dieselbe Sprache wie wir sprechen, würden den unbestimmbaren Hausrat Tische, Betten und Stühle nennen, ich jedoch kenne keinen Namen für solche Überbleibsel, die von Schimmel und Feuchtigkeit, von Schmutz und schrecklichem Gestank durchdrungen waren. Schlafstätten, wo stinkende Decken nasses Stroh bedeckten, Tische, die nur solange stehen blieben, wie sie sich an die Wände, die so hinfällig wie die Tische waren, stützen konnten. Schmutz und Dreck ließen einen frieren. Eine der Wohnungen stand leer. Die Frau war verstorben. Vor kurzem war einer der Nachbarn auf der Wache erschienen. Sie hätten Angst davor, daß Madam Lund aufhöre zu atmen, sagte er, sie liege so schrecklich da und schnappe nach Luft, sagte er. Als die Polizei hereinkam, standen alle Bewohner des Hauses beieinander, müßig, gafften, ohne etwas zu unternehmen. Der Nachbar war gekommen, Madam Lund wälzte sich in Krämpfen auf dem Boden. Dann waren die anderen auch gekommen und hatten zugesehen. Nun glaubten sie, sie sei weg. »Und ›weg‹ war sie«, sagte der Schutzmann. »Woran ist sie gestorben?« fragte ich. »Ach« – H. zuckte mit den Schultern, »es ist ganz normal, daß diese Menschen sterben.« Ja – ganz normal. Außergewöhnlich, daß sie leben. Während wir die Straße hinuntergingen, erzählte unser Begleiter Polizeigeschichten, die manchmal sehr lustig waren. Sie paßten zu unserer Stimmung wie schlechte Witze zu einem Leichenschmaus. »Das ist natürlich der Abschaum«, sagte er, »aber ein Gutes ist daran. Diese Bevölkerung ist so stabil, daß wir sie über Generationen hinweg kennen – das erleichtert die Arbeit.« »Und die Überwachung«, sagte H. »Wie im alten Ägypten«, entfuhr es mir. »Genauso«, sagte der Schutzmann, »Sie bleiben, wo sie sind.« Diese Worte waren fürchterlicher als alles, was wir gesehen hatten. Dantes Überschrift über der Hölle des Proletariats.   Dann gingen wir weiter. Wir sahen ein zweites Haus, ein drittes, ein viertes, aber was wir sahen, waren dieselben Bilder. Das Einzige, was diesem Elend Ungleichheit verlieh, war das Maß an Lastern, das auf es folgte. Elend ist ein Januskopf, dessen Zwillingsantlitz Laster genannt wird. Es war ganz oben in einem Haus, wo man die Stufen hinaufkroch. Und durch alle Stockwerke hindurch verfolgte uns die Luft der Trunksucht, die sich mit dem Gestank des Unrats und seiner Feuchtigkeit mischte, einer Feuchtigkeit, deren übelriechenden Schimmel man nur unter Anstrengung einatmen konnte. In einigen Häusern war man scheu, man öffnete die Türe nur einen Spalt breit und starrte durch Ritzen. Man folgte uns mit dem darbenden Blick des Heißhungernden durch Fensterscheiben und Türöffnungen. Hier war man zudringlich. Das machtlose Wimmern der Trunksucht, deren jammernde Klagen trafen uns. Eine große Frau trat uns in den Weg. Sie nötigte uns, den Kopf ihres Kindes zu betrachten, den Kopf, der mit Wunden übersät war, ihre eigenen Finger zu untersuchen, die geschwollen waren. Das Kind war noch kein Jahr alt … Der Schutzmann wollte an ihr vorbei. Aber sie blieb stehen, und mitten in ihrem Wehklagen begann sie laut und beständig lauter zu wiederholen: »Bekommen wir was zu essen? Bekommen wir was zu essen?« Der Schutzmann schob sie auf die Seite, stieß sie, ungeachtet dessen, daß sie schwanger war, so daß wir endlich an ihr vorbeikamen und einen Stock höher erreichten. Aber von drinnen hörten wir noch einmal lauter: »Gibt er uns was zu essen?« »Wie alt ist das Kind?«, fragte ich. »Ach« – und zum ersten Mal war eine heftig unterdrückte Bewegung in der Stimme unseres Begleiters – »Sie haben Recht – Kinder sind hier ein genauso schlimmes Unglück wie die Trunksucht.« Unterm Dach wollten sie uns nicht aufmachen. Sie jammerten drinnen. Dann kam die Frau doch noch heraus. Sie war fast nackt: sie hielt mit ihren Händen eine durchlöcherte Nachtjacke zusammen. Der Rock spannte über ihrem Bauch. Sie lallte bereits am frühen Morgen, und ihre Versicherungen, es sei noch nicht sauber, ertranken in der geschwätzigen Weinerlichkeit der Trunksucht. Sie trocknete sich mit geschwollenen Fingern die Tränen aus ihren nassen Augen. Die schweißige Aufgedunsenheit des Trinkers hatte diesen ganzen Leib aufgetrieben. Wir sollten uns noch das Dach ansehen, sagte unser Begleiter, und zuletzt schlüpften wir hinein. Man braucht Mut dazu, um den Bewohner, der mit offenem Mund schwachsinnig sich hin- und herbewegend, die Lippen wundübersät wie alles andere in diesem schrecklichen Haus, in der Ecke unter dem Dachfenster auf einem Schemel saß, anzusehen . Mut, die beiden Kinder wahrzunehmen, die sich nackt in der Kiste wälzten, die nachts diese vier beherbergte: die Frau, ihren Untermieter und ihre Enkel – man zwingt sich dazu, es zu sehen, man weigert sich jedoch, es zu beschreiben. Solche Erinnerungen sind nicht in Worte zu fassen, das Grauen der Erinnerung lähmt die Feder in unserer Hand. »Die Kinder leben von Schnaps«, sagte der Schutzmann. Sie kauerten im Bett, blau gefroren, und starrten uns an. So stumpf und neidisch starrt nur der Hunger. Was dieser Blick uns neidet, sind nicht Kleider, nicht Glück, nichts außer dem Fleisch auf unserem Körper – – – So erlebten wir Haus um Haus die Trunksucht, gepaart mit Elend. Und jedesmal, wenn uns unser Begleiter neues Elend zeigte, sagte er: »Aber das muß so sein. Hier kann man nicht helfen.« Wir sahen Keller, feuchte Räume, wo die Luft durch Ausdünstungen verpestet war, wo das Wasser von der Wand tropfte, wo der Tag Nacht war. In solch einem Zimmer lagen nachts neun Menschen. Ich will berichten, wie. In einer Ecke stand ein Doppelbett, wo Mann und Frau lagen, zu ihren Füßen ihre zehnjährige Tochter und ein kleines Kind. Auf etwas Stroh in einer anderen Ecke erblickten wir zwei Pferdedecken, die als Lager für vier reichen mußten. Das neunte Kind lag in einer Wiege. So fanden sie Platz; wie sie Luft bekamen, weiß ich nicht. Drei der Kinder waren älter als zehn. An anderen Stellen hatte die Scham die Räume mit Lumpen getrennt, die einen Schutz vorspiegelten, der jedoch meist Unsittlichkeit in diesem Zusammengepacktsein zeitigte.   Überall standen Wiegen, selbst in den spärlichst ausgerüsteten Heimen, überall waren Kinder. Hilflose, elendige Nacktheit hatte sie ins Elend geboren. Elend heißt hier Hunger. Denn diese Menschen wissen nichts, kennen nichts: Die Sittlichkeit wird in ihren ersten Jahren meuchlings gemordet, das Gewissen hat bei ihnen seine eigenen Gesetze, die unsrigen verstehen sie nicht. – Hunger heißt ihr Gesetz! – Schauen Sie auf ihr Leben! Sie erblickten das Licht der Welt in diesem Raum, wo ihre Mutter sie ohne Hilfe gebiert – »noch eines « zur Schar dazu, denn die Kinderschar ist der Segen ihres Lebens. Es sind bereits ein halbes Dutzend Münder zu füttern, und ihr Mann hat »nichts Festes«. Wenn die Mutter Milch hat, stillt sie das Kind, wenn nicht, stirbt es wohl – was am besten ist. Sonst wächst es heran. Es sieht um sich Trunksucht und Not, sein Feind ist der Hunger, sein einzig klar gedachter Wunsch ist, einmal satt zu werden … Wenn man hungert, wird man träge. »Am meisten tun mir die armen Mädchen leid«, sagt unser Begleiter … Sie haben in der Regel nur einen Weg vor sich.« »Aber dann bekommen sie wenigstens Brot«, sagt H. »Ja« – er zögert einen Augenblick – »in jedem Fall eine Zeitlang.« »Ja, und dann kommen sie in den ›Ladegaarden‹ Ladegaarden: Lag am jetzigen Åboulevard. War ein Zwangs- und Arbeitszuchthaus. Die Einrichtung umfaßte auch eine Abteilung »Armenhaus« für Frauen, die z.B. durch Prostitution auf die schiefe Bahn gekommen waren. Dieses »Armenhaus« lag zwischen dem Ladegården und Vodroffsvej. 1881 zählte die Anstalt die größte Anzahl an Gefangenen, nämlich 1 114 Menschen. – und das muß doch ein Segen sein.« Er erwiderte nichts. »Aber helfen kann man hier nicht«, sagte er dann. »Nehmen Sie ihnen die Kinder weg«, sagte ich. Er schüttelte den Kopf: »Ja«, sagte er, »wenn man dies könnte« …   Wir sahen auch andere Häuser, wo die Männer schufteten, wo die Frau, mager, fast ohne Kleider am Leib, sich um Kinder kümmerten, deren Hände nicht vom Zusammenflicken der Lumpen müde geworden waren – wo das Elend mindestens reinlich war. Wir sahen Wohnungen, wo das Laster reicher als das Elend war, wo noch Reste von Wohlstand übrig waren, und wo die Gleichgültigkeit größer als die Armut war –. Wieder andere, wo der Hunger mit Krankheit gelähmt hatte, der Hunger hatte mit Wunden zugeschlagen – – aber überall war es dieselbe entsetzliche Geschichte: der Kampf ums Brot. Und dauernd wiederholte unser Begleiter dieses eine Wort: »Mach sie satt.« »Und morgen?« »Ja, dann hungern sie wieder – aber einige müssen hungern.« – Ich höre jetzt auf, und ich weiß, ich habe Ihnen keinen Eindruck verschafft – überhaupt nicht. Die Worte bleiben mir ob des Brodems dieses hilflosen Elends im Hals stecken. Aber – und dies tröstet mich – hier kommt es nicht auf meine Worte an, die armselig sind, meinen Pinsel, der den Stoff eines Hogarth Hogarth, William (1697–1764): Sozialkritischer englischer Maler und Graphiker. In seinen Gemälden und Kupferstichen prangerte er mit beißender Ironie die Sitten und Gebräuche seiner Zeit an. nicht bewältigt: alles, was ich zu sagen habe, ist eine Bitte, die ich für die Hungrigen tue, für die, die hungern, an diejenigen, die Brot haben. Was wir auf jenem Gang sahen, kann ich nicht ausmalen; aber in meinen Worten ist bloß ein Unterton entsetzlichen Mitleids, ein Unterton, der arm an Bildern geworden ist, arm an Gleichnissen, arm an Farben, um das Farblose zu malen – da verstehe man meine Unfähigkeit, weil das, was wir sahen, furchtbar war. Und versteht man dies, dann wissen Sie, daß dieses Elend in einem Wort gipfelt: Hunger – und machen Sie diese Menschen, die nach Brot schreien, für einen einzigen Tag satt. Vergessen Sie nicht, daß die stärksten Augenblicke im Leben dieser Trägen vielleicht die Minuten sind, in denen sie die Glücklichen hassen, wo der nagende Hunger uns mißgönnt, daß wir uns satt essen konnten … sie können ja nicht einsehen, daß das »Leben der Glücklichen« – das ist die Gerechtigkeit des Lebens – vielleicht nicht glücklicher ist, daß ihre Seelen, die nicht vom Kampf ums Brot gefesselt werden, andere Schlachten kämpfen und andere Sorgen haben. Zu hungern ist ihr Leiden – sich satt zu essen ist der Genuß ihres Lebens. Sie machen das Leben einfach. Aber gerade deshalb können wir, wenn wir ihnen nur an einem einzigen Tag genügend zu essen geben, sie eine einzige Stunde beglücken – glücklicher vielleicht als wir selbst es sind, wir, die wir geben. Wohin wir auch kamen, bat man uns um Brot – Brot zumindest für die Kinder. »Heiligabend«, sagte unser Begleiter überall und teilte freigiebig Essensgutscheine für die »Weihnachtsfreude der armen Kinder« »Die Weihnachtsfreude der armen Kinder«: Es handelt sich um eine private Spendenorganisation, die Herman Bang jahrelang mit Zeitungsberichten unterstützte. aus. Lassen Sie an diesem einen Tag, diese Tausende, die sonst hungern, satt werden. Lassen Sie uns alle, die es vermögen, jedem sein Scherflein zukommen. »Sehen Sie«, sagte der Schutzmann, »hier kann man mit einer Schale Milchreis glücklich machen. Das kann man nicht überall.« Nein – nicht überall. 25.12.1880 Warum der Christbaum nicht geschmückt wurde Es ist nicht gut auszumachen, ob es auf dem Holmgaard in den Sommerferien oder an Weihnachten am besten war. Denn es war auch im Sommer schön. Man hatte seine Freiheit: Man konnte mit dem Boot auf dem kleinen See rudern, wo es nicht so schlimm war, wenn man kenterte, denn man konnte von überall an das Ufer waten, und es traf sowohl Damen als auch Herren, daß sie dies tun mußten; man nahm sein Buch und verzog sich in den Wald, wo die Hitze zur Kühle wurde und der Sommertag duftete, man machte es sich in einer Hängematte zwischen den Obstbäumen gemütlich, es ging einem richtig gut. Einige gingen auch zum Meer. Lange Sommertage lag es ruhig da, schwer in der warmen, diesigen Luft. Man sah weit draußen, wie die Sonne hindurchbrach wie Stahl. Und murmelnd wie das Echo brausender Stürme erscholl dumpf das dahingleitende Meer die Sommertage hindurch. Und doch sagten einige, am Meer sei es am ruhigsten. Schön war es tagsüber auf dem Holmgaard, schön auch abends. Man saß auf der Treppe zum Garten hinaus, aufgeräumt nach dem Abendessen, die Damen spielten lächelnd, nahmen die wedelnden Fächer als Vorwand und als Waffen, nippten an den Kaffeetassen, die man auf die Palmenkübel zurückstellte, die Herren lehnten am Geländer, stützten sich rücklings an die weißen Blumenkübel und pusteten den Zigarrenrauch in Ringen. Der eine oder andere gestikulierte auch mit Armen und Händen, die er gegen seine Brust drückte, so daß Frau Kaas ihn von der Maschine aus warnte, aus Furcht, er könnte hinfallen. Frau Kaas war die Herrin des Holmgaards, und sie schenkte selbst hinter einer großen silbernen Maschine den Kaffee ein. Dann entstand plötzliche Verwirrung, Gelächter verbreitete sich in Wellen auf der großen Treppe, erstarb und schwoll wieder an. Man lachte so gerne auf dieser Treppe. Es begann vielleicht als silberheller Ausbruch einer Dame, die den Schaukelstuhl in flottere Fahrt versetzte, während sie sich mit dem Palmwedel schützte, vielleicht als halblauter Ruf eines Herrn, der von etwas überzeugen wollte – aber immer wieder begann das Gelächter, und es begleitete gleichsam Bemerkungen, Antworten und Gesprächsfetzen, die wie Bälle auf der hohen Treppe umeinander flogen … Über den Bäumen des Wäldchens färbte sich der Himmel rot. Es sah aus wie eine rosenrote Wolke, die hinter dem Wald geboren wurde und über den dunklen Bäumen zu dunkelrotem Gold wurde. Über dem Rasen im Garten schlich sich die Dämmerung heran und ließ die Umrisse verblassen, schuf Märchenformen von Hainbuchen und Eiben. Und mit dem Dunkel kamen die Wogen der Düfte, schwer, die Nacht sättigend. Die Rosen dufteten, auch Reseden, Jasmin und Thujas, die die Süße des Rosendufts überdeckten. Der Garten des Holmgaards hüllte sich in Dunkel und Sommernachtsduft. Auf der Treppe wurde es ruhig. Man sprach nicht mehr, das Gelächter war verstummt; schweigend starrte man in den Garten. Oh! Es war, als ob er lockte. Man glitt die Treppenstufen hinunter zu den Buchsbaumterrassen: man ging Arm in Arm und flüsterte ganz leise, als fürchtete man ängstlich, den Frieden der Sommernacht im Garten zu stören. Bei einer Biegung erschraken einige Damen vor den Steinfiguren auf der Terrasse – dann klammerten sie sich fester an den Arm des Herren. Andere gingen über den Rasen, vom Dunkel des Gebüschs angelockt – aber die Nacht verbarg ihre Geheimnisse gut, die sich zwischen den Eibenstämmen verflüchtigten. Frau Kaas hatte Angst vor dem Tau, aber sie mußte lange rufen, bevor sie sie zum Melonendessert versammeln konnte … So ging es sommers auf dem Holmgaard zu. Aber es gab auch diejenigen, die meinten, Weihnachten sei bei Frau Kaas noch schöner. Denn es lag eine frohe Feierlichkeit über dem Weihnachtsfest, als Hintergrund für die Freude. Wagen fuhren zu jedem zweiten Zug zum Bahnhof, und blaugefroren streckten die Gäste ihre Köpfe aus den hochgeschlagenen Krägen und Pelzen heraus; und sämtliche Fußsäcke, die auf dem Holmgaard vorhanden waren, versammelten sich auf den Wagenböden, zur Not verwandte man auch Pferdedecken. Die großen Messingknöpfe auf der Treppe des Hofes schienen mit den Fensterscheiben um die Wette, und der Türklopfer war so blank wie noch nie. Drinnen im Flur streute Frau Kaas immer Christusdorn auf den Boden. Dann sah man sofort beim Hereinkommen, daß es Weihnachten war. Man merkte es auch am Geruch in der Luft, die nach Tanne und Lebkuchen und Gewürzen von Pfeffernüssen roch. Der große Plätzchenschrank stand mitten im Flur, und er wurde viele Male am Tag geöffnet, dann wurde in der Gesindestube um Nüsse gespielt, und dann wollte die Herrschaft Kaffee trinken, dann kamen Pfarrers, um Weihnachtsgrüße zu überbringen, oder es mußten Tüten für das Armenhaus gerichtet werden. Deswegen roch es in der Diele immer nach Kuchen. Am Heiligabend hatte man die Lichter des Baums angezündet; alle Knechte und Mägde waren da, sie umrundeten auf weißen Strümpfen den Baum, und sie wagten kaum, ihn sich anzusehen. Die meisten stellten ihre Pantoffeln und Holzschuhe auf die Treppe, aber der Stallmeister und der kleine Junge, der meinte, den Stallmeister nachahmen zu müssen, hielten sie feierlich in der Hand. Am Weihnachtstag mußte man in die Kirche – alle miteinander, das wollte Frau Kaas so haben. Sie versammelten sich im Gartenzimmer, und alle Damen gaben Frau Kaas einen Kuß, auch die Herren durften, und man wünschte sich schöne Weihnachten und stritt um die Fußsäcke, denn in der Kirche war es kalt. Man fuhr den Feldweg hinab. Der Schnee gleißte über den weißen Feldern und erhob sich auf den Auneberghügeln zu Bergen. Man glaubte, weit ins Land sehen zu können, so klar war die Winterluft. Die Gesichter der Damen röteten sich hinter den Schleiern. Die Kirche war gestopft voll, und alle Bankreihen entlang war ein ewiges Nicken, besonders auf der Seite der Frauen, die nach allen Seiten »Fröhliche Weihnachten!« wünschten. Die Männer saßen steif da und wechselten den Kautabak im Mund hinter dem Gesangbuch. Alle sangen sie die Weihnachtslieder mit: es ist merkwürdig mit den Weihnachtsliedern, sie locken und sind so bekannt, und man muß sie mitsingen. Man meint, hinter jeder Strophe ein Kindergesicht zu erblicken, und man wird fröhlich, wenn man singt … Dann hielt der alte Pfarrer die Predigt. Am ersten Weihnachtsfeiertag blieb man zu Hause auf dem Holmgaard: das war so Brauch. Die Herren durften Whist Whist: Kartenspiel mit französischer Karte (52 Blätter) unter 4 Personen, wobei die einander Gegenübersitzenden Partner sind. spielen, der eine oder andere verschwand mit seiner Tasse Kaffee wohl auch in das Billardzimmer oben, die Damen saßen um den runden Tisch bei der Lampe und arbeiteten. Frau Kaas legte Wert darauf, daß über dem ersten Weihnachtsfeiertag so etwas wie Feiertagsfrieden lag. Das war nun eine altmodische Idee einer älteren Generation. An den nächsten Tagen ging es los mit Festen, in den Nachbarhöfen, zu den Bällen der Kreisstadt. Herrschte Schneetreiben, fuhr man mit Schlitten, und »gab es weder Weg noch Pfad«. – Kutscher Jens war das Faktotum für das Wetter, und viele Zigarren wurden als Bestechung ausgegeben und in der Gesindestube an Weihnachten gehütet – und dann tanzte man in der Wohnstube. Schlittschuhlauf konnte es auch geben, und Schneeballschlachten lieferte man sich im Hof. Die Herren bauten Schneeburgen, und man sparte nicht an bunten Lampen. So begann man das neue Jahr. Es war am Abend des 23. Dezembers. Alle Gäste waren erschienen. Manche hatten sich seit dem Sommer nicht mehr gesehen, und nun war überall ein Fragen, ein Grüßen und ein Sicherkundigen. Die Schaukelstühle schaukelten rund um den großen Kachelofen, wo die Holzscheite knisterten. Es war Brauch auf dem Holmgaard, lange im Dunkeln zu sitzen. Denn Frau Kaas schätzte dies. Man redete durcheinander, jeder erzählte, es war schwer, jemanden zum Zuhören zu bringen. Jeder meinte auf einmal, ihm sei so viel zugestoßen, was er unbedingt erzählen müsse. Manchmal, wenn sie so in der Dämmerung saßen, begannen sie auch, Geschichten zu erzählen, fürchterliche Gespenstergeschichten, die feierlich anfingen und von nächtlichen Schrecken erzählten, die einem die Haare grau werden ließen, so daß die jungen Mädchen sich in die Stühle kauerten; aber schließlich endeten die Schrecken in Gelächter … An anderen Tagen konnten sie jedoch auch schweigen. Es war ein Engel in der Stube, »Engel in der Stube«: alte dänische Redensart ungewisser Herkunft. »Wenn alle zugleich am Tisch verstummen, fliegt ein Engel durch die Stube; er bleibt bei dem, der zuerst das Schweigen bricht.« (J.M. Thiele, Danske folkesagn [1860]). und sie starrten ohne zu sprechen und ohne zu merken, daß sie schwiegen, auf die großen Holzscheite, die so kräftig im Kachelofen von Frau Kaas brannten. An solchen Tagen war das Halbdunkel fast gemütlich. Aber heute abend war – wie schon gesagt – Unruhe um den Kachelofen herum. Ab und zu erhoben sich einige Damen, um in einer Ecke zu flüstern – zu keiner Zeit flüstert man soviel wie an Weihnachten –, dann nahmen einige Herren Platz auf den verlassenen Stühlen. Das war ein Fragen nach den Leuten der Gegend, nach den Pfarrers, wie es der Müllersfrau ging, und wie es allen auf dem Hof ging, sowohl Vieh als auch Menschen. Aber nach und nach wurde das Gespräch leiser, man rückte näher zusammen, man sprach unter vier Augen. Der eine oder andere schob den Stuhl weiter ins Dunkel, aus dem Lichtschein weg, und in der Düsternis der Stube sprach man ganz vertraulich. Kandidat Kandidat: Bezeichnung für jemanden, der sein Studium nach 4-7 Jahren an der Universität oder einer anderen Hochschule abgeschlossen hat. Lind saß mit Sofie Kaas zusammen. Sofie Kaas war die zweitjüngste Tochter der Gutsherrin. Das Haar war das Schönste an Sofie, es spielte mit ihrem Nacken wie goldene Ströme mit einem Flußbett. Sonst war sie nicht hübsch, aber ordentlich. Sie war auch die einzige ruhige der übermütigen Töchter von Frau Kaas und die einzige blonde unter ihnen. Sie vermochte auch, schön zu singen, Mezzosopran, und sie war sehr musikalisch. Sie sang aber nie aus Opern. Nun waren sie und Emma von den sechs Töchtern alleine im Haus zurückgeblieben: die vier älteren waren verheiratet. Damals, als Frau Kaas mit sechs Töchtern Witwe wurde, bemitleidete man sie: es war so schwierig, die Töchter zu versorgen. Nun hatte wohl die eine oder andere Nachbarsfrau ihr immer das eine oder andere vorzuwerfen, weil es gut war zu wissen, warum man auf dem Holmgaard mit so vielen jungen Menschen – Gott weiß woher – einen so großen Haushalt führte. Und sie blieben hängen … Aber Frau Kaas, die nur noch die beiden hatte, lächelte über die Vorwürfe, wie sie auch die Beschwerden leicht genommen hatte. Sofie war die Seele des Hauses, Emma, die jüngste, war verwöhnt, hatte struppiges, dunkles Haar und große schwarze Augen. Die Haushälterin höchstpersönlich mußte morgens Fräulein Emma den Tee ans Bett bringen, während Sofie ihr das Haar richtete; aber Sofie war im Großen und Ganzen hilfsbereit, wo sie nur konnte. Nun saß sie leicht schaukelnd in dem amerikanischen Stuhl an der Seite des Kandidaten Lind. Ganz langsam, nach und nach, und ohne es selbst zu bemerken, waren ihre Stühle auf dem Boden ins Dunkle gerutscht. Und das war nicht geschehen, weil sie miteinander flüstern wollten –, sie redeten gewöhnlich nicht so viel miteinander. Auf langen Spaziergängen, wenn sie alleine durch den Wald gingen, oder morgens, wenn sie sich am Meer trafen – und sie trafen sich jetzt oft und überall –, hatten sie viel miteinander zu reden. Oder wenn Sofie vielleicht gesungen hatte, dann konnten sie auch viel miteinander reden. Sonst waren sie sehr still. Lind war so sonderbar, er schaute sie dauernd an, und stets war er dort, wo sie auch war, und immer kreiste er um sie, so daß die anderen lachten und ihre Späße machten. Aber mehr wurde nicht daraus. So waren die Sommerferien vergangen, und nun begann die Weihnachtszeit auf dieselbe Weise. Die anderen lachten wie gesagt, aber die beiden gingen in stiller Behaglichkeit, als genössen sie ein uneingestandenes Glück. Denn sie wußten ja beide, daß sie sich liebten. Oder wußte war vielleicht ein zu starkes und unfeines Wort. Sie wußten nichts, aber verstohlen schlichen ihre Seelen sich in helle, milde Gefilde, wo sie sich voller Hoffnung trafen. Der schüchterne Morgen der Liebe, wo die nächtlichen Träume schamhafte Ahnungen sind und die Sprache des Tages Schweigen ist, weil Worte das Märchengewebe der Verzauberung über das stumme Verstehen sprengen könnten. Wo Blicken dafür gedankt wird, was Blicke gaben, wo Begierde nur Sehnsucht ist und Sehnsucht schlummernde Hingabe. Wie Wesen eines verzauberten Schlosses schlummern Liebe und Zuneigung im Morgengrauen des Verliebtseins. Sie saßen schweigend nebeneinander, ihre Schaukelstühle wippten im Takt. So waren sie lange gesessen, bis die Lampen hereingetragen wurden. An Weihnachten war es auf dem Holmgaard Brauch, daß immer zwei der Gäste den großen Weihnachtsbaum schmücken mußten, es war ein Brauch, über den die Nachbarinnen oft sprachen, aber Frau Kaas hielt an ihm fest, und man loste am Vorabend des Heiligabends die aus, die den Baum schmücken sollten. Vetter Adolf führte immer die Verlosung durch, und nun sollte sie durchgeführt werden, als die Lampen hereingetragen waren. Alle versammelten sich um den Tisch. Sofie und Lind erhoben sich langsam aus ihren Stühlen. Um die Lampe mit dem grünen Schirm herum war Gesicht an Gesicht. Vetter Adolf sah geheimnisvoll aus. Es war eigentlich merkwürdig, diese Verlosung, dieses einige Lebkuchen mit einem Kreidestrich, der die Personen anzeigte, auf dem Rücken zu halten. Wie es geschah, kann man nicht genau sagen, aber zuerst traf es Sofie und zuletzt Lind. Alle lachten, und Frau Kaas zupfte Vetter Adolf an den Haaren, während Lind sich in seine Knöchel biß, was er oft tat, obwohl es nicht die schönste Angewohnheit war. Sofie war hinausgegangen, um Tee zu holen. – Lind kam am nächsten Tag nicht zum Mittagessen. »Vetter« hatte ihn morgens über die Felder gehen sehen. Es träfe sich gut, wenn er jetzt zu spät käme, und sie den Baum gleich nach dem Essen schmücken müßten. Als sie aber beim Kaffeetrinken saßen, riefen ein paar Damen, Lind komme gerade über den Hof. Adolf fragte flüsternd, ob er einen roten Kopf habe? Denn er behauptete, er habe es seit gestern abend. Aber jetzt könne das ja von der Kälte kommen, jetzt wo er von draußen reinkomme und bis zu den Ohren rot war. Es wurde gerätselt, wo er wohl gewesen war, und man beeilte sich, um zum Baum zu kommen. Nur Sofie war ganz schweigsam wie gewöhnlich. Sie lächelte und nahm ihm das Sahnekännchen ab: sie machte aus dem Kaffee einen café au lait . Café au lait (auch Café crème): Kaffee mit heißer Milch (im Verhältnis 50:50). Milchkaffee. Aber kurz darauf hatte sie sich in die Küche begeben, um nach dem Rechten zu sehen, und als sie hineinging, war Lind hochgegangen, um die Stiefel zu wechseln. So kam Sofie allein in den Saal, wo der Baum stand. Sie ging zum Fenster, wo sich ein großer Korb mit Papierblumen und Lebkuchen mit Bändern befand. Kurz darauf hörte sie die Tür gehen; es war Lind, der hereingekommen war. Er ging durch den Saal, blieb aber beim Tisch stehen. Sofie wandte sich um: »Ja, dann schmücken wir mal«, sagte sie. »Ja«, sagte Lind und schnell: »Soll ich die Leiter hinstellen?«, sagte er. »Ja, wir könnten ja mit der Spitze beginnen«, antwortete Sofie. »Gerne.« Der Baum war sehr groß, und man brauchte eine Leiter für die Spitze. So wurde die Leiter angelegt. »Oder sollen wir ihn nicht zuerst von unten her schmücken?«, sagte Sofie. »Sonst geht uns noch der Schmuck aus.« Sie ging wieder zum Fenster. »Ja, sonst geht uns noch der Schmuck aus«, wiederholte Lind, der halb versteckt hinter der Leiter stand. Sie gingen beide zum Tisch und begannen, in den Rosen, Mandeln und Tüten zu wühlen. Er band die Bänder, und sie schmückte. Wenn er ihr das Papier reichte, zitterten seine Hände, und er antwortete nur: »Ja« und »Nein« auf alle ihre Fragen. Denn Sofie stellte viele Fragen und sprach unentwegt. Aber sein »Ja« und »Nein« fielen wie Blei auf ihre Beredtheit. Sie war vom Sprechen fast außer Atem. Aber es war viel schlimmer, ruhig zu sein. Und dennoch kam das Schweigen: sie standen beide und füllten und füllten, und sie konnte nichts sagen, und er sah auf den Boden, und sie hatte einen roten Kopf. Sie meinte wirklich, dies sei entsetzlich. Aber Lind – er blickte verstohlen zu ihr hin und füllte weiter. Wegzugehen wäre noch schlimmer. Aber auf einmal begannen beide zu lachen. Sie waren in Gedanken gewesen und hatten lauter Rosinen in die Tüten gefüllt. Und sie lachten weiter, als ob sie froh darüber wären. Dann begann Sofie wieder zu sprechen, ein ganzer Wortschwall, bis sie wieder außer Atem geriet und zum Baum ging. »Nun müssen die Sterne hinauf«, sagte sie. Ja, so mußte er ja auch auf die Leiter. Lind ging leicht benommen hinter ihr zum Baum. Er stieg hinauf, die Leiter wackelte etwas unter ihm, und er mußte die zweitoberste Stufe nehmen. Dort stand er dann, den großen Stern in der einen Hand, und versuchte mit den Armen das Gleichgewicht zu halten – er hatte Angst hinunterzufallen. »Ihnen ist schwindlig, Lind«, sagte Sofie und begann, wieder zu lachen. Es lag ein etwas harter Ton im Lachen, aber vielleicht deshalb, weil es erzwungen war. Er lachte auch, aber auf einmal hörten sie beide auf. Und sie merkten, daß die Stille genauso erzwungen war wie das Lachen. Aber Lind konnte den Stern nicht festbekommen, und es endete damit, daß er den Baum umstieß, so heftig focht er mit den Armen. »Nein – Lind, Lind, sie stoßen den Baum um«, rief Sofie und hielt die Leiter. Lind antwortete nicht, sondern bog die Spitze mit Gewalt nach unten. »Sie brechen sie ab, Lind – sie brechen sie ab!« rief Sofie wieder und faßte ihn in ihrer Angst am Bein. »Lind, Lind«, sagte sie und lockerte den Griff an seiner Hose. »Ja, ich schaff's nicht«, sagte Lind und kam herab. Er war völlig verschwitzt und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Sie sah in an und begann zu lächeln – es war ihr so warm. »Ja – dann muß ich«, sagte sie und ging zwei Stufen hoch. »Aber … aber wird es Ihnen nicht schwindlig?« fragte er. Sie lächelte weiter: »Nein«, sagte sie und sah hinunter, während sie weiter hochstieg. Er sah hinauf, und ihre Blicke trafen sich einen Augenblick lang. Sofie hielt ihren Rock zusammengerafft. »Aber wird es Ihnen nicht schwindlig?« fragte Lind wieder, und er wurde plötzlich mutig und griff in die Leiter. »Ja, wenn Sie an der Leiter rütteln«, sagte sie. Er ließ die Leiter los. »Wenn Sie mir den Stern gäben.« – »Was? Was denn?« – »Den Stern«, sagte sie. »Ja«. Er nahm ihn, reichte ihn hoch, und während sie sich herabbeugte, reichten sie einander die Hände. Er sprach nicht, sah sie nur an, der Weihnachtsstern fiel auf den Boden. »Der Stern ist hinuntergefallen«, flüsterte sie, ging ein paar Stufen hinab, ohne jedoch seine Hand loszulassen. »Ja«, sagte er wieder. – Aber kurz darauf saßen sie beide auf der untersten Stufe der Leiter, und plötzlich faßte Kandidat Lind den Mut, zu Sofie Kaas zu sprechen. Als die Glocke zum Mittagessen läutete, fand Vetter Adolf sie auf dem großen Kübel sitzen, in dem der Baum stand. Aber der Weihnachtsbaum auf dem Holmgaard war nicht geschmückt.