Balduin Möllhausen Der Piratenlieutenant – Teil 1 Der Roman wurde erstmals als Zeitschriftenvorabdruck ab Oktober 1869 im 7. Jahrgang der Deutschen Roman-Zeitung, Verlag Otto Janke, Berlin, veröffentlicht. Der hier vorliegende Teil enthält den unveränderten Text der Bände 1 und 2 des in 4 Bände eingeteilten Vorabdrucks. Erster Band. Erstes Capitel. Der Abschied. »Bis hierher und nicht einen Schritt weiter, lieber Johannes, gestatte ich Dir, mich zu begleiten. Gieb mir daher die Reisetasche und laß uns scheiden, scheiden als das, was wir einander stets gewesen sind und bleiben werden, als unveränderliche, treue Freunde.« »Eigentlich wollte ich mich erst im Dorf von Dir trennen, nachdem ich mich überzeugte, daß Du in dem Hauderer ein gutes Plätzchen gefunden – und die Tasche, meine gute Anna, sie ist nicht leicht, wirklich, es wäre besser, ich trüge sie bis dahin.« »Nein nein, Johannes, hier laß uns scheiden, bedenke, im Dorfe wohnen Leute, die ich kenne und denen ich ebenfalls Lebewohl sagen möchte, ständest Du aber dabei und ich könnte Dir meine Zeit nicht ganz allein schenken, so wäre mir das zu schmerzlich. Ferner kann es vier, fünf Uhr werden, bevor der Hauderer eintrifft; was sollte nun Deine arme Mutter glauben, kehrtest Du so spät heim, während Du sie jetzt gerade von ihrem Mittagsschläfchen erwacht findest.« »Nur noch bis an den Meilenstein,« bat Johannes freundlich, »auf der Bank dort wollen wir ein Weilchen rasten – wer weiß, wo und wann wir uns wiedersehen – und wenn es denn nicht anders sein kann – ja, Anna, so will ich eben umkehren.« »Gut, lieber Johannes, diese Strecke gebe ich noch zu,« entschied Anna, »jedoch nur unter der Bedingung, daß Du mir die eine Handhabe überläßt und wir die Tasche gemeinschaftlich tragen.« Mit einem schwermüthigen Lächeln erfüllte Johannes die Bedingung, und dann schritten die beiden jungen Leute längere Zeit schweigend auf dem Sommerwege der Chaussee dahin. Sie schritten dahin ernst und sinnend, wie es wohl gerechtfertigt ist, wenn Jugendgespielen, die stets mit herzlicher Liebe an einander gehangen haben, von dem Geschick getrennt und in Sphären geschleudert werden, welche sie, der nothwendigen Trennung wegen, als ihnen feindlich zu betrachten geneigt sind; sie schritten dahin, nur von dem Gedanken an den bevorstehenden Abschied beseelt: Anna mit anmuthigen, leichten und elastischen Bewegungen, ihr Gefährte dagegen, als ob des Lebens Last ihn unendlich schwer bedrücke und er nur noch mit Mühe sich vorwärts bewege. Erstere hatte kaum das sechszehnte Jahr erreicht, stand also in dem Alter, in welchem bei ihrer hohen natürlichen Bevorzugung holde Kindheit und schüchtern erwachende Jungfräulichkeit sich zu einem überaus lieblichen Bilde vereinigten. Ihre zarte Gestalt zeigte eben noch kindliche Formen, welchen indessen eine gewisse, das schönste Ebenmaß herstellende Fülle nicht mangelte. Ein einfaches schwarzes Kleid schmiegte sich züchtig an die zierlich abgerundeten Glieder an; ein dunkelfarbiges Tuch verhüllte theilweise den schlanken Hals und bekundete, wie das den runden Strohhut umschlingende schwarze Band, daß sie nicht ohne schwer wiegende Gründe sich in die ernste dunkle Farbe gekleidet habe. Wie um den äußeren Ausdruck der Trauer zu erhöhen, legte sich das starke, sehr sorgfältig gescheitelte Haar glatt und kastanienbraun an die weißen Schläfen an, während auf der klaren Stirne schwarze Brauen sich über ein Paar Augen wölbten, in welche der Himmel sein schönstes und tiefstes Blau ergossen zu haben schien, um dadurch einen andern, mit ihm selbst wetteifernden Himmel zu erzeugen. Ein unbeschreiblicher Liebreiz ruhte auf den von Jugend und Gesundheit mild angehauchten Wangen und um die rosigen Lippen; war aber, indem sie vielleicht des bevorstehenden Abschieds gedachte, verhaltene Wehmuth auf ihrem schönen Antlitz vorherrschend, so entdeckte man auch leicht wieder einen Zug, der auf angeborenen Frohsinn, auf jene bezaubernde Heiterkeit des Gemüthes hindeutete, welche so vielfach gleichsam als Andenken an die sorglos verlebte Kindheit mit in das spätere Alter hinüber genommen wird. Vergeblich hätte man dagegen in dem bleichen Gesicht ihres Gefährten nach einer Spur dieser unschätzbaren Kleinode geforscht. Erst zweiundzwanzig Sommer hatte derselbe gesehen, und dennoch prägte sich in den jugendlichen Zügen ein so schmerzlicher Ernst aus, daß man nicht auf dieselben blicken konnte, ohne von herzlicher Theilnahme ergriffen zu werden. Wie wenige Stunden kräftigender körperlicher Bewegung ließen sich aus der weißen, mädchenhaft zarten Hautfarbe des etwas länglichen, durchaus edel gebildeten Antlitzes herausrechnen! Wie viele, viele Stunden nächtlicher Arbeit bei unzureichender Beleuchtung waren dagegen in den großen, träumerischen, mit einem dunkeln Schatten umgebenen blauen Augen aufgezeichnet! Auf den Wangen, welche nach unten in einem hellblonden Vollbart endigten, ruhte zwar eine tiefe Röthe, allein diese Röthe war scharf abgegrenzt, wie bei Giftblumen, hinter deren verlockendsten Farben unheimlich der Tod lauert. Ein leiser, trockner Husten, der sich gelegentlich der etwas eingeengten Brust entwand, bildete die Erläuterung zu der gleißnerischen Röthe und der bitteren Entsagung, welche so verständlich aus den schönen blauen Augen sprach. Eine freundliche Milde, eine unendliche Herzensgüte thronte auf den bleichen Zügen; wenn sich aber hierzu der Ausdruck eines tiefen Schmerzes gesellte, so entsprang derselbe weniger dem Bewußtsein eines gefährlichen körperlichen Krankheitszustandes, als dem Gedanken an die bevorstehende Trennung von der Jugendgespielin. Auch er war einst von dem heimatlichen Städtchen fortgewandert, um in der Residenz seine Studien zu beendigen; er war fortgewandert mit trüben Aussichten. Es lag ihm ob, durch Ertheilen von Unterricht nicht nur für sich selbst zu sorgen, sondern auch eine kränkliche Mutter zu unterstützen; dagegen begleitete ihn die tröstliche Gewißheit, bei seinen Ferienbesuchen alle Diejenigen wieder zu begrüßen, an denen sein Herz mit ganzer Liebe hing. Jetzt aber, da auch seine holde Freundin dem Städtchen Lebewohl sagte, beschlich ihn das niederdrückende Gefühl, als ob er nunmehr gänzlich verwaist sei: war doch die Hoffnung, nach Ablauf der Ferien mit ihr in der Residenz zusammenzutreffen, eine zu trügerische; und sahen sie einander wieder, dann geschah es vielleicht in solchen Verhältnissen, in welchen sie höchstens ein flüchtiges Wort, einen flüchtigen Gruß wechseln durften, um sogleich wieder andern Leuten zu Diensten zu stehen. Der arme Johannes, er wußte zu genau, was es bedeutet, von fremden Menschen abhängig zu sein, und nur um seiner lieblichen Gefährtin Zuversicht nicht zu erschüttern, ihr hoffnungsvolles Hineinschauen in die Zukunft nicht zu trüben, vermied er, mit ihr darüber zu sprechen. Die Erfahrungen, welchen sie entgegenging, kamen ja noch immer mehr als zu früh, und wer konnte wissen, ob sie seine eigenen nicht sogar an Bitterkeit übertrafen? – Er war noch Student, hoffte aber, innerhalb zweier Jahre seine Studien zu beendigen. Weiter mochte er nicht hinausdenken; denn eine friedliche Dorfpfarre, nach welcher er sich seit seiner frühesten Kindheit sehnte – er hustete leise – wie weit, wie unerreichbar weit lag für ihn ein solches Glück! Wohl war er noch Student; das halblange, seidenweiche blonde Haar und der jugendliche Vollbart verriethen nothdürftig seinen Stand; doch der kurze Rock, die dreifarbige Mütze, das gestreifte Corpsband und vor Allem der sorglose, herausfordernde Blick, welche im Allgemeinen das Aeußere eines feurigen, jungen Musensohnes kennzeichnen, wo waren sie? Fadenscheinige, vielfach ausgebesserte Kleidungsstücke umhüllten wenig anmuthig seine hohe, etwas geneigte Gestalt, und statt der heiteren Corpsmütze beschattete ein abgegriffener schwarzer Hut die blonden Locken, während die sinnenden, schwermüthigen Augen bald auf die staubige Straße, bald seitwärts mit innigem Ausdruck auf seine Gefährtin gerichtet waren. Hätten ihn aber geschmückt alle phantastischen Zierrathen, die nur immer von einem toll ins Leben hineinstürmenden Jugendmuthe erdacht und ersonnen werden können; hätte in ihm gewohnt die muntere Lebenskraft, die mit gleicher Bereitwilligkeit zugespitzte Worte, wie den blanken Schläger handhabt, so wäre dadurch gewiß am wenigsten die rührende Besorgniß gesteigert worden, mit welcher Anna die Schweißtropfen auf seiner Stirn beobachtete und ihn bat, die Reisetasche ein Weilchen niederzustellen und zu rasten. »Es hat nichts zu bedeuten,« sagte Johannes freundlich, indem er mit dem Taschentuch leicht über sein Gesicht hinfächelte, »wenn ich etwas kürzer athme, so ist das keine Folge der Erschöpfung, sondern der Wärme; die Sonne meint es in der That redlich heute – übrigens liegt der Meilenstein auch dicht vor uns.« Einige Minuten später erreichten sie den bezeichneten Punkt, wo sie auf der Rasenbank dicht neben einander Platz nahmen. »Dies ist also die äußerste Grenze, bis zu welcher ich Dich begleiten darf?« fragte Johannes, der Freundin Hand ergreifend, und seine Augen ruhten mit Wohlgefallen auf dem geliebten Haupt an seiner Seite. »Die äußerste Grenze,« bestätigte Anna, wie zerstreut; »dort, gleich hinter der nächsten Biegung liegt das Dorf, und da wir doch einmal von einander scheiden müssen, so ist es besser, es geschieht hier, wo wir nicht von fremden, neugierigen Menschen beobachtet werden.« »Du hast wohl recht, Anna, wie immer, wenn Du Dein Herz sprechen läßt, allein ich hörte nie davon, daß im Dorfe Bekannte von Dir wohnen?« »Biedere Bauersleute, von welchen ich zuweilen kaufte,« erwiderte Anna sich abwendend, um zu verbergen, daß Verlegenheit ihr jugendfrisches Antlitz tiefer färbte. »So wirst Du jedenfalls eine recht herzliche Aufnahme bei ihnen finden und mit erneuten Kräften den vorbeifahrenden Hauderer besteigen.« Anna antwortete nicht, sondern spähte schärfer die Chaussee abwärts, als ob sie daselbst etwas gesucht hätte. Johannes kämpfte einen leisen Hustenanfall nieder; dann legte er plötzlich seine Hand auf die der Gefährtin. »Blicke mir einmal recht gerade in die Augen,« hob er an, wobei die unheimliche Gluth auf seinen Wangen ihre gewöhnliche Grenze weit überschritt, »blicke mir in die Augen, damit mir der Muth nicht fehle zu Dem, was ich Dir, bevor wir scheiden, noch mittheilen muß.« Anna folgte mit einer leichten Verwirrung dem Gebot ihres geliebten Jugendgefährten und fragte wehmüthig lächelnd : »Ich soll Dir Muth verleihen? Ich, die ich gewissermaßen unter Deiner Obhut aufgewachsen bin?« Auch Johannes lächelte jetzt, aber aus seinem Lächeln sprach eine so tiefe Beschämung, daß Anna ihn kaum wiedererkannte und mit ängstlicher Spannung seinen weiteren Enthüllungen entgegensah. »Du bist heute in den Vormittagsstunden bei meiner Mutter gewesen?« fragte er endlich zögernd. »Ich war dort, um Deiner guten Mutter Lebewohl zu sagen; denn es kann recht lange dauern, bevor ich sie wiedersehe.« »Du hast ihr etwas – Du hast ihr Geld gegeben?« »Wenn Du es dennoch erfahren hast, so darf ich es nicht leugnen, ja, ich gab ihr Geld – ich konnte nicht von dannen ziehen, ohne meine letzten Verbindlichkeiten gelöst zu haben.« »Aber Kind, Du empfingst ja nie einen Pfennig von ihr!« fiel Johannes mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit ein. »Ich nicht, aber meine verstorbene Mutter, und da wäre es doch gewiß recht sündhaft gewesen, hätte ich diese auf mich übergegangene Verpflichtung nicht als ein heiliges Erbtheil betrachten wollen.« »Deine Handlungsweise entspricht wohl den edlen Regungen Deines Herzens, Du gute Anna, allein Du hast nicht berücksichtigt, daß Dir selbst nur sehr geringe Mittel zu Gebote stehen. Erwäge, Du gehst einer ungewissen Zukunft entgegen und kannst in Lagen gerathen, in welchen etwas Geld Dir sehr zu Statten käme, weit mehr, als meiner Mutter, die ausreichend zu unterstützen mir gar nicht schwer wird. Ich bitte Dich daher dringend, und meine Mutter bittet Dich mit mir: das Geld zurück zu nehmen. Ich verlange es sogar als einen Beweis Deiner Freundschaft und Anhänglichkeit von Dir. – Ja – liebe Anna – hier, nimm es zurück und laß uns nicht weiter darüber sprechen.« Er wollte das Geld hervorziehen, als Anna ihn schnell hinderte. »Nein, Johannes,« sagte sie mit einer Entschiedenheit, die in wunderbarem Contrast zu dem holden, kindlichen Antlitz stand, »das Geld kann und darf ich nicht zurücknehmen; es gehört Deiner Mutter, und wenn es zu Deiner Beruhigung gereicht, so gestehe ich offen ein, daß es mir nicht schwer wurde, die alte Schuld abzutragen. Das Geld rührt nämlich von dem Erlös der Sachen meiner verstorbenen Mutter her, welche mir noch geblieben waren und die ich ohnehin hätte verkaufen müssen. Es hat mir also gar keine Mühe verursacht, während Du – verzeihe mir, lieber Johannes – unendlich lange arbeitest und sparst, um eine kleine Summe zu erübrigen. Dringe daher nicht weiter in mich, sondern gönne mir das Bewußtsein, meine Pflicht erfüllt zu haben –« »So nimm wenigstens die Hälfte,« unterbrach der junge Mann mit einem schmerzlichen Seufzer die in Eifer gerathene Gefährtin, »sechs Thaler reichen für meine Mutter schon sehr weit, Du aber weißt nicht, ob die andern sechs nicht einen unglaublich hohen Werth für Dich erhalten.« »Sollten Sie wohl einen höheren Werth für mich erhalten können, als für Deine Mutter, der es kein Geheimniß, daß Du Gesundheit und Leben opferst, um sowohl für Deine Studien, als auch für ihren Unterhalt die Mittel herbeizuschaffen?« fragte Anna vorwurfsvoll. »Nein, nein, Johannes, alle Deine Einwendungen sind vergeblich, nicht einen Pfennig nehme ich zurück; aber eine Bitte richte ich an Dich, eine Bitte, welche Du mir nicht abschlagen darfst, lieber, guter Johannes, ich meine, daß Du, nachdem Du jetzt meinen unerschütterlichen Willen erfahren hast, die Sache auf sich beruhen läßt. Erwähne keine Silbe mehr davon, verbittere mir nicht die letzten Minuten, welche mir nur noch vergönnt sind, in der lieben alten Weise mit Dir zu verleben.« Johannes seufzte wieder, als hätte er vor tief empfundenem Weh sterben mögen; dann neigte er sich vornüber, das Haupt schwer auf seine Hände und Kniee stützend. »O, die Armuth,« flüsterte er, »man könnte zweifeln an der Gerechtigkeit des Himmels –« Wie erschrocken über seinen Ideengang richtete er sich empor, und Anna's Hand wieder ergreifend, sagte er mit seltsam gepreßter Stimme: »Nein, Kind, die letzten Minuten unseres Beisammenseins sollen wenigstens Dir nicht vergällt werden; nur eine einzige Frage erlaube mir noch, deren Beantwortung dann das letzte in dieser Angelegenheit gesprochene Wort sein soll: Sage mir frei und offen, sind durch Dein Verfahren Deine Mittel nicht in einer Weise erschöpft worden, daß Dir Verlegenheiten daraus erwachsen?« Anna's gutes Gesicht zeigte wieder einen eigenthümlichen Anflug von Verwirrung, als sie die großen blauen Augen so treuherzig, so besorgnißvoll auf sich gerichtet sah; es kostete sie offenbar große Mühe, mit erzwungener Heiterkeit zu antworten. »Beunruhige Dich nicht,« begann sie, den Staub nachlässig aus den Säumen ihres Kleides klopfend, »ich besitze weit mehr, als ich in nächster Zeit gebrauche – doch gedenken wir lieber der Zukunft und des Tages, an welchem wir uns zum erstenmal wiedersehen. Du wirst mich nach Ablauf Deiner Ferien jedenfalls aufsuchen?« »Ohne Zweifel, wogegen ich von Dir die betreffenden Angaben erwarte, um Dich finden zu können.« »Sie sollen Dir werden; ist Deine Adresse in der Residenz noch immer die alte?« »Ich weiß es nicht; um die Miethe zu sparen, gab ich meine Wohnung auf; ist nach Ablauf der Ferien mein Stübchen frei, so beziehe ich es selbstverständlich wieder. Auf alle Fälle ist es am rathsamsten, Du läßt Deinen ersten Brief durch die Hände meiner Mutter gehen, und wo Du auch weilst, ich komme zu Dir. »Erwarte nur nicht zu bald Nachricht von mir, lieber Johannes, ich möchte wenigstens nicht gern schreiben, bevor sich über meine Zukunft irgend etwas entschieden hat. Wie lange dauern Deine Ferien noch?« »Drei Wochen; wenn das Glück uns begünstigt, können wir uns in der vierten Woche, von heut gerechnet, wiedersehen.« »Eigentlich eine kurze Zeit,« bemerkte Anna sinnend, »zu kurz, um so traurig auseinander zu gehen. Aber siehe, mein Schatten ist in der Zeit, welche wir hier verbrachten beinahe eine viertel Elle weiter herumgeglitten. Er mahnt mich an die Fortsetzung meiner Reise, und Dich an Deine arme Mutter. Laß uns daher aufbrechen, mein lieber Johannes, und wenn ich jetzt von Dir gehe, dann sieh nicht so traurig und niedergeschlagen aus – der Abschied wird mir sonst noch viel schwerer.« Sie hatte sich erhoben, und die Reisetasche ergreifend, wog sie dieselbe prüfend. »Eine Strecke werde ich sie schon mit Leichtigkeit tragen können,« bemerkte sie lächelnd, dann reichte sie Johannes, der ebenfalls aufgestanden war, die Hand. »So lebe denn wohl,« fuhr sie mit bebenden Lippen fort, während ihre redlichen Augen einen feuchten Glanz erhielten; »lebe wohl, Du einziger Freund, welchen ich besitze. Mit schwerem Herzen gehe ich von Dir, denn so, wie es bisher zwischen uns gewesen ist, wird es wohl nicht mehr sein, wenn wir uns wiedersehen. Doch mag mir beschieden sein, was da wolle, meine treue Anhänglichkeit kann sich nie ändern, Du bist und bleibst mein lieber, guter Johannes, wie ich selbst – ich weiß es ja – Deine gelehrige, kleine Anna bis in die Ewigkeit hinein bleiben werde.« Stumm sah Johannes auf die geliebte Gefährtin nieder; er schien kaum zu verstehen, was sie sagte. Wie um ihr jugendlich holdes Bild tiefer und unauslöschlicher seiner Seele einzuprägen, blickte er fort und fort in das unschuldige, dunkelblaue Augenpaar. Vor seine eigenen Augen aber legte es sich wie ein trüber Schleier; nur mit Aufbietung seiner ganzen Kraft vermochte er die Thränen zurückzudrängen; ihm war so namenlos wehe um's Herz, und vergeblich bemühte er sich, die traurigen Ahnungen zu besiegen, die mit erstickender Wucht seine wunde Brust beengten. »Segne Dich Gott, meine geliebte Anna,« sprach er endlich tief bewegt, indem er seine Hand auf das theure Haupt legte, »segne Dich Gott, Du meine ganze Herzensfreude, mein Trost; der einzige Lichtpunkt in meinem armen Leben ist Dein trautes Bild, die einzigen freundlichen Strahlen, welche meinen einsamen, dornenvollen Lebenspfad erhellten, sind von Dir ausgegangen, von Dir mit Deinem edlen Herzen und Deiner unerschütterlichen Anhänglichkeit.« Heiße Thränen rollten über Anna's Wangen; von ihren Gefühlen überwältigt, schlang sie die Arme um des geliebten Freundes Nacken. Ihre Lippen suchten wie unbewußt die seinigen, er dagegen wich dieser innigen Berührung aus, und während er einen entsetzlichen Blick des bittersten Vorwurfs und unsäglichen Schmerzes zum Himmel emporsandte, drückte er einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirne. »Geh' jetzt, Kind,« sagte er leise, und wie die eisige Hand des Todes legte es sich auf seine gemarterte Brust, »geh' mit Gott Deiner Wege – meine Gebete begleiten Dich. Ich werde noch ein Weilchen hier sitzen bleiben – so lange, bis Du hinter jener Biegung zwischen den Bäumen verschwunden bist. Vorher aber, Kind, schaue noch einmal zurück, winke mit der Hand, wie ich es thun werde, und sprich dabei: Auf Wiedersehen!« »Auf Wiedersehen,« wiederholte Anna schluchzend; dann nahm sie ihre Reisetasche, und sich hastig abwendend, schritt sie davon. Johannes war auf die Bank zurückgesunken; die Todesrosen auf seinen Wangen glühten und hatten schärfere Umrisse angenommen. Thräne auf Thräne entquoll den schwermüthigen Augen, und unheimlich kurz entwand sich der gepreßte Athem seiner Brust. »Ich hätte sie mit meinem Hauch vergiftet,« flüsterten die bleichen Lippen. Wie schrecklicher Hohn klang es aus den leisen Worten hervor. In der nächsten Minute lagerte wieder inniges Wohlwollen und männliche Ergebung auf den gramgezeichneten, jugendlichen Zügen. Anna hatte unterdessen die Biegung der Chaussee erreicht. Der verabredete Scheidegruß wurde ausgetauscht, und dichte Baumgruppen entzogen dem Zurückbleibenden die Aussicht auf die eilfertig dahinschreitende, schlanke Gestalt. Aber als hätten die großen traurigen Augen die sich ihnen entgegenstellenden Hindernisse zu durchdringen vermocht, blieben sie noch lange auf dem Punkte haften, wo sie zum letzten Male zwischen dem grünen Laub hindurch das Wehen der schwarzen Bänder auf dem hellfarbigen Strohhut wahrgenommen hatten. – Fünf Minuten später trat Anna in das Dorf ein. Vor den ersten Häusern blieb sie stehen und ängstlich spähte sie rückwärts. Erst nachdem sie sich überzeugt hatte, daß Johannes, in seiner Besorgniß um sie, ihr nicht nachgefolgt war, setzte sie sich wieder in Bewegung. Mit eiligen Schritten begab sie sich in das Dorf hinein, und mit eiligen Schritten wanderte sie aus dem andern Ende desselben wieder hinaus. Kaum daß die den Leuten zu danken wagte, welche ihr einen freundlichen Gruß zuriefen. Erst als das Dorf weit hinter ihr lag, athmete sie freier auf und vorsichtig mäßigte sie ihre Hast, um nicht zu früh zu ermüden, denn vor ihr erstreckte sich ein langer, langer Weg. – Johannes befand sich um diese Zeit auf dem Heimwege. Langsam und gesenkten Hauptes schritt er einher; anfänglich beabsichtigte er, auf den Hauderer zu warten und dem Kutscher die junge Reisende recht warm anzuempfehlen; dann aber trat das Bild seiner kranken Mutter ihm vor die Seele, schnell eine andere Entscheidung herbeiführend. – Zweites Capitel. Der Kärrner. Geheimnißvolle Stille verlieh der noch im Festkleide des Hochsommers prangenden Natur einen träumerischen Ausdruck. Leichter Höhenrauch erfüllte die Atmosphäre; milchweiße Wolkenreste folgten planlos den Strömungen in den oberen Luftschichten, während tief unter ihnen sanft ersterbende Windstöße aus fast entgegengesetzter Richtung über einen prächtig bestandenen Forst hinhauchten. Wie verloren gegangene Fleckchen Sonnenschein contrastirten einzelne gelb und röthlich belaubte Zweige zu dem vollen kräftigen Grün der stolzen Buchenwipfel. Die Sonne selbst neigte sich stark dem Westen zu; ihre Strahlen trafen daher nur theilweise die Chaussee, welche in gerader, unabsehbarer Linie den schönen Hochwald durchschnitt. Schlank gebaute Rehe und breitgeweihte Damhirsche, durch die Abendkühle ermuntert oder aufgescheucht durch peinigende Insecten, traten hin und wieder auf die mit weißem Staub bedeckte Straße hinaus. Furchtlos spähten sie aufwärts und abwärts; die Aussicht auf einen mit gemäßigter Eile einherrollenden Frachtwagen flößte ihnen nicht mehr Scheu ein, als der Anblick eines einfältig und regungslos gen Himmel weisenden zweifarbigen Schlagbaumes, der ihnen die Lage einer für sie höchst ungefährlichen Hebestelle bezeichnete. Sonst war auf der ganzen langen Wegestrecke nichts sichtbar, das auf die Anwesenheit oder Nähe menschlicher Wesen hingedeutet hätte. – Im Dickicht, festgeklammert an geborstener Rinde, hämmerte noch immer fleißig der Specht; die Wandertauben gurrten in den schattigen Baumwipfeln; spielend und ein seltsames Rascheln erzeugend sprangen die munteren Eichhörnchen auf dem mit moderndem Laub und noch grünenden Pflanzen bedeckten Erdboden umher, während schon kleine Heerden von Wanderdrosseln flatternd der Chaussee nachfolgten und die in bestimmten Entfernungen von einander gepflanzten Ebereschen ihrer bereits röthlich glühenden Beeren beraubten. Lustig zirpten und pfiffen die sorglosen Vögel auf ihrem Plünderungszuge, gerade, als hätten sie dem einzigen ihnen sichtbaren Menschen, dem Begleiter des Frachtwagens, lehren wollen, wie man es anfangen müsse, um das Reisen und Wandern recht leicht und genußreich zu machen. Doch der Kärrner sah nicht aus, wie Jemand, der ein sonderlicher Freund vom Pfeifen und Singen. Weit eher hätte man derartige Neigungen seinen drei plumpen, holsteiner Gäulen zugetraut, die ihre wuchtigen, langbehaarten Hufe mit einer Gewalt niederschmetterten, als wären sie eigens beauftragt gewesen, die etwa noch vorstehenden scharfen Chausseesteine tiefer in ihre Fugen und Lagen hineinzutreiben, oder auch zu feinem Staub zu zermalmen. Selbst der Leinwandverdeckte Wagen, welcher, aus der Ferne gesehen, lebhaft an einen geheiligten weißen Riesenelephanten erinnerte, zeigte in seinem Aeußeren gefälligere, freundlichere und Zutrauen erweckendere Formen, als sein breitschultriger, hochgewachsener Besitzer, dessen mit drittehalb Hundert dickköpfiger Nägel beschlagene, ungelenkige Schnürstiefel kaum mit geringerer Schwere auf die Straße fielen, als die Hufe der drei ehrlichen Holsteiner. Wie die meisten Kärrner vom Fach, trug auch dieser auf seinem Haupte einen Hut von steifem Glanzleder, wie sie bei den Postillonen gebräuchlich, nur daß er solche an Höhe und Umfang weit übertraf. Unter dem Hute nun sah ein breites, unregelmäßig gebildetes Gesicht hervor, dessen kleine graue und blinzelnde Augen durch zwei mächtige gelbe Brauen verschleiert wurden, welches im Uebrigen aber sich vorzugsweise durch einen großen, schiefgezogenen Mund und die brennend rothe Hautfarbe, eine natürliche Folge von Witterungseinflüssen, auszeichnete. Ein feuerrother Backenbart, der auf beiden Seiten bis in die Mundwinkel hineinlief und der sich ausnahm, als sei er mittels des enggeschnürten, roth und gelb geblümten Tuches künstlich an seinem Halse befestigt gewesen, konnte ebenfalls nicht als Zierde des nichts weniger, als schönen Gesichtes gelten, wenn er auch, vermöge seiner Länge, Farbe und wunderbaren Struppigkeit vollkommen zu demselben paßte. Seinen gewaltigen Oberkörper umhüllte ein olivenfarbiger Rock, von welchem indessen nur der Kragen und eine Viertelelle der Schöße sichtbar. Alles Uebrige verbarg ein blaues Staubhemde, welches sich so dicht um Nacken und Handgelenke legte, daß es fast unbegreiflich erschien, wie es gelungen, das starke Haupt und die mächtigen Fäuste, ohne den Stoff zu zerreißen, durch die runden, festgesäumten Oeffnungen zu zwängen. An das Staubhemde, oder vielmehr an die Rockschöße schlössen sich nach unten manchesterne Kniehosen an, die ihre Fortsetzung in blau und grau gestreiften Gamaschen fanden; diese aber, anstatt schützend über die Füße zu fallen, verloren sich in die halblangen Schnürstiefel, welche mittels starker Riemen so eng um die Knöchel zusammengepreßt worden waren, als hätten, wie bei den Pferden, Sohlen, Leder und Fuß aus einem einzigen Stück bestanden. Was nun sonst noch im Allgemeinen die äußere Erscheinung eines rechtschaffenen Kärrners charakterisirt, das fehlte auch diesem nicht. Da sah man die kurze Tabackspfeife, die aus der linken Brusttasche seines blauen Kittels neugierig in die Welt hinausschaute und dabei munter ihre verschossenen seidenen Quasten wiegte und schüttelte, während die rechte durch eine mit echtem Virginia-Kanaster gefüllte Schweinsblase weit aufgebauscht wurde. Da sah man ein verwelktes Blümlein in dem den Hut umschlingenden Bande, und zwei silberne Stifte, welche die Stelle von Ringen vertraten, in den durchbohrten Ohrläppchen; ferner bemerkte man die Peitsche mit dem dicken, elastischen Stiel und der langen Schnur, die müßig unter dem linken Arm ruhte, und endlich den Hund, welcher seinem Herrn überallhin auf Schritt und Tritt so dicht und genau nachfolgte, daß man glauben konnte, die grau und blau gestreiften Gamaschen hätten zwei unförmliche, starke Magnete umschlossen, durch welche des getreuen Thieres gußeiserne Doppelnase beständig angezogen wurde. Im Uebrigen wetteiferte der Hund mit seinem Herrn an Häßlichkeit. Halb Dogge, halb Dachs, halb Schlächterhund, schien er im Wachsthum nach oben zurückgeblieben zu sein und sich dafür desto mehr in die Breite ausgedehnt zu haben. Sein braun und schwarz getigertes Haar war kurz und schloß dicht und glänzend an die kräftige Musculatur an, und nicht viel länger, als das Haar, ragten die letzten Knorpelrestchen der ungleichmäßig abgeschnittenen Ohren über den breiten Schädel empor. Ebenso entdeckte man bei aufmerksamer Prüfung nur noch einen spitzen Haarwirbel, der höchst unzuverlässig die Stelle bezeichnete, auf welcher vor der wunderlichen Verstümmelung vielleicht eine langgebogene Schweifruthe, ähnlich dem getigerten Schlagbaum, in einem Winkel von fünfundvierzig Graden ausdruckslos gen Himmel gewiesen haben mochte. Zum Ueberfluß war das arme Thier von der launischen Natur mit einem sogenannten Glasauge mit weißer Iris bedacht worden, welches ihm, im Gegensatz zu dem andern, einen so furchtbar grimmigen Ausdruck verlieh, daß man sich scheute, ihm einen Bissen Brod zu reichen, aus Furcht, mit Haut und Haar verschlungen zu werden. Doch wie schon angedeutet: Kärrner, Hund, Pferde und Wagen paßten ganz vortrefflich zu einander, und mochte die Welt über sie denken, wie sie wollte, eine größere Eintracht, als zwischen ihnen, konnte selbst im Paradiese vor dem Sündenfall nicht geherrscht haben. Es verrieth sich sogar eine gewisse Zuneigung in den Blicken, welche »Hechsel« – so hieß nämlich der Hund – gelegentlich von den blau gestreiften Magneten an der Hünengestalt seines Herrn emporsendete, und in dem Ausdruck, mit welchem dieser wieder, das eine Auge zukneifend und den einen Mundwinkel tief gesenkt, seine drei Holsteiner betrachtete. Und recht stattliche, wohlgenährte Holsteiner waren es in der That, der schwarze sowohl, der die Spitze führte, wie die beiden Braunen, welche durch die Deichsel von einander geschieden wurden; trugen sie doch ihre riesenhaften, mit klingenden Messingzierrathen und rothen Zeugstreifen geschmückten Kummete so leicht, als wären es Perlenhalsbänder gewesen, wogegen von den übrigen Geschirrtheilen nur wenig sichtbar, indem dieselben, zum Schutz gegen Bremsen und sonstiges fliegendes Ungeziefer, dicht mit reichbelaubten Buchenzweigen besteckt worden waren. – Knirschend rollten die breitbeschlagenen Räder auf der festen Straße einher, und dazu klirrten und rasselten Ketten und Ringe, daß es eine Lust war. Der grimmig dareinschauende, vierschrötige Kärrner hatte eben einen Sprung Rehe durch einen Doppelknall seiner Peitsche tiefer in den Forst hineingescheucht, und wohl tausend Schritte trennten ihn noch von dem Schlagbaum, als er plötzlich mit einigen langen Schritten neben das Vorderpferd hintrat und dann stehen blieb, um, wie eine Parade abnehmend, das Fuhrwerk an sich vorüber poltern zu lassen. Das rechte Auge schloß sich, der linke Mundwinkel zog sich niederwärts, der lackirte Hut neigte sich mit dem Haupte zur Seite, und sichtbar weidete sich das alte Fuhrmannsherz an all den Herrlichkeiten, welche sich im Vorbeirollen seinen Blicken darboten. Dem kleinen grauen Auge entging nichts; es beobachtete die Pferde mit ihren Geschirren bis in die kleinsten Einzelheiten hinein und prüfte zugleich die silbern glänzenden Hufeisen; dann überflog es den Wagen, und ein leichtes Nicken des Hauptes bewies, daß Alles noch stimmte und sich fein säuberlich in gewohnter Ordnung befand: Die Leinwand und die Leiterbäume, die Achsenstützen und die Spannketten, der Hemmschuh, die Winde und das schwebende Gerüst unterhalb des Wagens, welches mit Fug und Recht den Namen Rumpelkammer verdient hätte; selbst die wohlverschlossene Schmierbüchse, die in ihrer äußeren Form nicht wenig an einen altmodischen Tschakot erinnerte, entging nicht dem scharfen Blick des blinzelnden grauen Auges. Und als der Wagen dann endlich vorüber war, da trat der Kärrner auf die andere Seite desselben, und seine Schritte verlängernd, wodurch die seltsame, wiegende Bewegung seiner Schultern noch erheblich verstärkt wurde, gelangte er nach kurzer Zeit, immer prüfend und beobachtend, neben das Handpferd. Seine Blicke trafen den vorspringenden Erker des Chausseehauses. »Immer successive!« knurrte er den drei Holsteinern zu, die, das Wort auf eigene Art deutend, ihre Schritte beschleunigten. Dann führte er während des Gehens eine so tiefe Verbeugung aus, wie sie nur je ein vor innigster Devotion ersterbender Unterbeamter vor einer betreßten Excellenz zu Stande brachte. Als er sich wieder emporrichtete, wurde es indessen klar, daß am allerwenigsten scheinheilige Unterwürfigkeit oder gar der Anblick des gestrengen Herrn Schlagbaums ihn zu der ehrerbietigen Bewegung veranlaßt hatte. Der Lackhut war nämlich in seinen Händen zurückgeblieben, und indem er ein roth und gelb geblümtes Taschentuch aus demselben hervorzog, um Schweiß und Staub von seiner Stirne zu entfernen, zeigte es sich, daß die wasser- und feuerfeste Kopfbedeckung eigentlich die Stelle eines geheimen und sichern Schubfaches bei ihm vertrat; denn in demselben lagen wohlgeordnet eine Anzahl Frachtbriefe, eine große lederne Brieftasche, ein kleiner Handspiegel nebst Kamm und Bürstchen, kurz, lauter Gegenstände, welche er zugleich gegen Regen zu schützen und jederzeit zur Hand zu haben wünschte. Nach flüchtiger Benutzung des Tuches, nach ebenso flüchtiger, jedoch sehr gewandter Benutzung des Kammes, der Bürste und des Spiegels, in Folge deren die Haare der Schläfen und des Hinterkopfes sich über einer handgroßen kahlen Platte mitten auf dem Scheitel heuchlerisch die Hände reichten, wanderte der Hut mit einer neuen tiefen Verbeugung auf den Kopf zurück, die rechte Faust holte die Peitsche unter dem linken Arm hervor, und nachdem dieselbe in der Luft pfeifend einige Kreise beschrieben, folgten drei so heftig knallende Doppelschläge nach, daß ein mißtrauischer Wildwärter dadurch hätte getäuscht werden können. Auf die Pferde übte das Peitschengeknall keinen andern Eindruck aus, als daß sie die Ohren spielend an den Kopf legten und eins nach dem andern zu schnauben begannen. Sie wußten, was es bedeutete, sie wußten es wenigstens eben so gut, als der Chausseeeinnehmer, der nach kurzer Frist, anstatt sich mit dem Stockbeutel zu bewaffnen und den Schalter zu öffnen, vom Hofe auf die Straße hinaustrat, bereit, den guten Bekannten, der sich schon von weitem angemeldet hatte, zu begrüßen. Bald darauf trafen die alten Freunde unter dem Schlagbaum zusammen; der Kärrner ließ Pferde und Wagen ihrer Wege gehen, und des Einnehmers Hand ergreifend, erkundigte er sich angelegentlich nach dessen Familie. »Alles wohlauf,« antwortete dieser, ein munteres Männchen, dessen Aeußeres auf einen früheren subalternen Staatsbeamten deutete, »Alles wohlauf, lieber Braun; Frau und Kinder fleißig im Garten, der Herbst rückt heran, Aepfel, Kartoffel und Pflaumen reifen – aber Sie, mein lieber Braun? Bei Ihnen braucht man kaum zu fragen, 's geht immer gut?« Braun kniff das linke Auge zu, den rechten Mundwinkel senkte er bedächtig, und nachdem er mit der freien Faust den rothen Borstenkragen um etwa zwei Zoll weiter aus seiner Halsbinde hervorgezogen, antwortete er herablassend: »Nun, Herr Einnehmer, wie sollt's gehen? Immer successive, ganz successive.« »Ah, das freut mich herzlich,« versetzte der Einnehmer außerordentlich zufrieden und zugleich versuchte er, die in seinen Händen befindliche Felsenfaust kräftig zu schütteln. »Sie sind übrigens früher zurückgekehrt, als ich glaubte, und gute Fracht, wie's scheint?« »Nun, 's macht sich,« entgegnete Braun, einen Seitenblick auf die Pferde werfend, die etwa zwanzig Schritte weiter neben der Einfahrt des Hofes stehen geblieben waren, »denke, morgen Abend zu Hause zu sein, und möchte daher heute noch anderthalb Meilen zurücklegen; wollen Sie also so gut sein, Herr Einnehmer, während ich mich etwas vernüchtere –« »Verstehe, verstehe, lieber Freund,« erwiderte der Zöllner schnell, »essen Sie ungestört, ich werde unterdessen die Pferde eigenhändig tränken. Möchten Sie aber nicht näher treten?« »Nein, nein,« antwortete der Kärrner in seinem tiefsten Baß und der rechte Mundwinkel wechselte mit dem linken Stellung, »ich setze mich dort beim Meilenstein auf die Rasenbank, 's schmeckt mir doppelt gut, wenn ich meine Holsteiner so recht nach Herzenslust trinken sehe.« »Ganz nach Ihrem Belieben,« versetzte der Einnehmer und wollte davon eilen, um sogleich mit dem Tränken zu beginnen, als Braun ihn aufforderte, ihn vorher an den Wagen zu begleiten, wo er zuerst einen großen Kober unter dem Leinwandverdeck hervorzog, dem alsbald eine Rolle fest gewickelten Virginia-Tabacks nachfolgte. »Das ist für Sie, Herr Einnehmer,« sagte er dann, dem freudig Ueberraschten den Taback darreichend, und mit seinem grimmigsten Gesicht, in der linken Hand die Peitsche, in der rechten den Kober, und ohne auf den ihm dargebrachten Dank zu achten, schritt er geradewegs auf den Meilenstein zu, der ungefähr dreißig Schritte weiter auf einer halbmondförmigen, mit einer Rasenbank umgebenen Fläche errichtet worden war. Er wollte sich eben niedersetzten, als er plötzlich stehen blieb und mit allen Zeichen größten Erstaunens auf den am meisten zurückliegenden Theil der Rasenbank, welchen er bereits eingenommen fand, hinstierte. Aber auch Hechsel war so überrascht, daß er sich mit Gewalt von den beiden blaugestreiften Magneten losriß, um die fremde Erscheinung prüfend zu betrachten und demnächst aus seines Herrn Gesichtszügen herauszulesen, wie er sich derselben gegenüber am gescheidtesten zu benehmen haben würde. »Verdammt! Die scheint hier successive übernachten zu wollen,« brach sich endlich das Erstaunen des Kärrners Bahn, doch lag im Tone seiner halblauten Stimme so viel Milde, daß der Schweifbüschel Hechsels sich sogleich in eine höchst bezeichnende wedelnde Bewegung setzte und die Gamaschen ihre Anziehungskraft zurückerhielten. »Hm, hm,« fuhr er darauf kopfnickend fort, »wenn das nicht die liebe Unschuld vom Himmel selber ist, will ich heute zum letzten Male meinen Wagen unter einem Schlagbaum hindurchgefahren haben.« Dann stellte er den Kober auf die Bank, und die Peitsche fest unter den linken Arm geklemmt, die schwieligen Fäuste auf dem Rücken ineinander gelegt, trat er leise vor die Schläferin hin, in welcher er den vom Himmel gekommenen Engel der Unschuld zu erkennen meinte. Sinnend blickte er auf die liebliche Erscheinung nieder, das rechte Auge kniff er dabei so fest zu, daß die sich darüber hinwölbende, struppige Braue fast seine wetterzerrissene Wange berührte, und indem er den linken Mundwinkel tief herabzog, gewann das grimmige Gesicht einen Ausdruck, als hätte er sehr ernstlich darüber nachgegrübelt, auf welche Weise er das vor ihm liegende Opfer am schnellsten und bequemsten verspeisen könne. Wohl eine Minute hatte er regungslos auf die fest schlummernde Wandrerin niedergeschaut, als er sehr bedächtig die linke Hand nach vorn holte und mit überlegender Miene die langen, rothen Borsten seines natürlichen Halskragens durch die eisenharten Finger zu ziehen begann. Dabei vergaß er die Peitsche, und obwohl er schnell nach derselben haschte, fiel sie doch zur Erde nieder, und zwar so, daß deren schwerer Stiel einen der kleinen bestäubten Schuhe der jungen Schläferin leicht streifte. Anna erwachte; doch wenn es den Kärrner befremdete, anstatt der vielleicht erwarteten schwarzen Augen ein großes blaues Augenpaar vor sich zu sehen, so prägte sich in Anna's Zügen ein wahres Entsetzen aus, sich plötzlich und unvermuthet einem so schrecklichen Manne und einem nicht minder schrecklichen und häßlichen Hunde gegenüber zu befinden. Sie schien förmlich gelähmt durch den Anblick; schlaff öffneten sich die auf ihrem Schooße gefalteten Hände, ihre Lippen bewegten sich leise, als hätte sie um Erbarmen flehen wollen, und indem ihre Blicke angstvoll zwischen dem Glasauge des Hundes und dem breiten rothen Gesicht des Kärrners hin und her flogen, die gleich grimmig und drohend auf sie hinstarrten, wich die frische, rothe Farbe von ihren Wangen. Der Kärrner hatte unterdessen die Peitsche wieder aufgehoben und deren Schnur durch einige sausende Schwingungen geordnet. Daß er der jungen Reisenden, die eben vielleicht noch von freundlichen Träumen umfangen gewesen, Furcht einflößte, begriff er, und wie um sie zu ermuthigen nickte er ihr in seiner treuherzigsten Weise zu, die indessen weit entfernt davon war, wirklich Zutrauen zu erwecken. »Wie, in aller Welt, kommst Du hierher?« fragte er mit heiserer Stimme, und die rechte Faust schien den rothen Borstenkragen bis in die Ewigkeit hinein verlängern zu wollen. Anna bebte bei dieser Frage bis in's Herz hinein, und mit der Hand matt nach der Richtung hinüber weisend, aus welcher der Kärrner gekommen, antwortete sie zögernd: »Heute Mittag verließ ich das Städtchen, in welchem ich seit meiner Geburt lebte; ich befinde mich jetzt auf dem Weg nach der Residenz.« »Also doch ein Marsch von über zwei Meilen,« bemerkte Braun, »und, wie's scheint, zu Fuß?« »Ich wanderte zu Fuß, um den Hauderer hier zu erwarten,« lautete es gedämpft von den frischen Rosenlippen zurück. »Aber zum Teufel, Schätzchen, warum hast Du nicht an Ort und Stelle bis zum Aufbruch des Hauderers gewartet, anstatt Dich müde zu laufen, und obenein mit einer Reisetasche? Zeige einmal her,« und die Tasche ergreifend, wog er sie prüfend mit der Hand. »Alle Welt!« fuhr er fort und das rechte Auge versank hinter der gelben Braue, während das linke sich wüthend in Anna's Antlitz einbohrte, »solche Last zwei Meilen weit zu schleppen, muß successive seinen Grund haben!« »Sie birgt meine ganze Habe,« erklärte Anna, ihre Hände ängstlich auf die noch immer von dem Kärrner gehaltene Tasche legend. »Glaub's wohl, Schätzchen, glaub's recht gern,« entwand es sich heiser der breiten Brust, indem die schwielige Faust zögernd die Last fahren ließ, »allein darnach fragte ich eigentlich nicht, sondern ich meinte: warum nicht lieber gleich den Hauderer besteigen, bevor man successive müde geworden ist?« Anna schwieg verwirrt; das Blut schoß ihr in das liebliche Antlitz. Dem Fragenden die Antwort ganz zu verweigern, fürchtete sie sich; ihm dagegen eine Unwahrheit zu sagen, war sie eben so wenig fähig, wie der Kärrner die Fertigkeit besaß, den wahren Ausdruck seiner Gefühle jedesmal in sein von der Natur gerade nicht sehr bevorzugtes Gesicht zu legen. Sie faßte sich daher ein Herz, und sittsam aufstehend, antwortete sie schüchtern und wie begütigend: »Ich mußte diese Reise nothwendig antreten, und da mein Geld nicht ausreichte, die ganze Fahrt zu bezahlen, so ging ich bis hierher voraus, in der Hoffnung, von dem mich wohl bald einholenden Hauderer mitgenommen zu werden und ihn völlig befriedigen zu können.« »Du glaubst also wirklich, die zwei Meilen würden einen großen Unterschied im Preise bewirken?« fragte der Kärrner erstaunt und aus seiner Brust erschallte es wie ein höhnisches, heiseres Lachen, während sein grimmiges Gesicht sich noch grimmiger verzog, »o Schätzchen, wie bist Du doch successive und unerfahren! Nicht fünf Silbergroschen hast Du mit Deinen armen kleine Füßen von dem gewöhnlichen Preise abgearbeitet, und wenn der Hauderer Dich für weniger, als zwanzig Groschen mitnimmt, muß er eine andere Institution sein, als für die ich ihn halte.« Anna erbleichte und wendete sich rathlos ab, um die andringenden Thränen zu verbergen. »Vielleicht würde er weniger fordern, wenn ich eine Meile weiter gegangen wäre – aber noch ist es wohl nicht zu spät, das Versäumte nachzuholen?« sprach sie mit unendlich rührendem Ausdruck, dann nahm sie die Reisetasche, um sich sogleich wieder auf den Weg zu begeben. Da tupfte der Kärrner sie mit dem Zeigefinger leicht auf die Schulter, und mit einer Miene, die keinen Widerspruch zu dulden schien, forderte er sie auf, sich niederzusetzen. Anna leistete stumm Folge und beobachtete gespannt den Kärrner, als dieser schweigend und beständig die gußeiserne Doppelnase des Hundes an den gestreiften Magneten davonschritt, gleich darauf mit seinem Kober zurückkehrte und neben ihr Platz nahm. Hechsel war jetzt seines Dienstes natürlich entlassen, doch übten die Gamaschen noch immer insoweit ihre magnetische Kraft aus, daß er sich vor seinen Herrn hinsetzte und mit dem schwarzen Auge in den offenen Kober hineinspähte, mit dem Glasauge dagegen gleichsam begutachtend zu dem fremden jungen Mädchen hinaufschielte. Schweigend traf der Kärrner auch seine Vorbereitungen zu der Mahlzeit, und erst als er ein erschreckend großes Taschenmesser aufgeklappt und die breite Klinge oberflächlich an der nächsten Gamasche abgewischt hatte, wendete er sich seiner jugendlichen Gefährtin wieder zu. »Nun iß, Schätzchen,« sagte er ernst, indem er sich niederbeugte und ein halbes Brod aus dem Kober nahm, schnell hinter einander zwei dünne und zwei mindestens viermal so dicke Schnitte von demselben trennend, »'s geht sich successive besser, wenn der Mensch gegessen hat, und da Dir leider das Geld für den Hauderer fehlt, wird's wohl am Ende beim Gehen bleiben müssen.« »Ich besitze nur einen halben Thaler,« antwortete Anna traurig, und um ihrem unheimlichen Nachbarn nicht zu mißfallen, öffnete sie die Reisetasche, aus welcher sie ein Weißbrödchen und einen Apfel hervorzog, »ja, nur einen halben Thaler, und den möchte ich nicht gerne ganz ausgeben, weil ich vielleicht etwas Geld gebrauche, um mich in der fremden Stadt zu dem Herrn führen zu lassen, an welchen ich –« Sie stockte; die plötzliche Regungslosigkeit ihres Nachbarn hatte sie befremdet, und als sie zu ihm aufsah, gewahrte sie, wie derselbe, in der einen Hand das Brod, die andere mit dem Messer bewaffnet auf das Knie gestützt, sie mit allen Zeichen des Erstaunens betrachtete. Dabei erschien er ihr aber, trotzdem er das eine Auge tief in seinem Kopf versteckt und den einen Mundwinkel über's halbe Kinn herabgezogen hatte, bei weitem nicht mehr so drohend und gefährlich; sie gewann es sogar über sich, zu lächeln, was von dem Kärrner mit einem zwar grimmigen, jedoch billigenden Kopfnicken, von Hechsel dagegen mit einem herablassenden Wedeln seines abhanden gekommenen Schweifes belohnt wurde. »Hier lange zu, Schätzchen,« knurrte Braun, mit der Spitze seines Zuschlagemessers auf die dünnen Brodschnitte und auf die Butter, den Käse und das Fleisch in dem Kober weisend, »lange fleißig zu, und je mehr davon hinter Deinen kleinen, scharfen Zähnen verschwindet, um so lieber soll mir's sein. Dein Brod magst Du dem Hunde geben – ja, ja, 's ist mein Ernst, verwundere Dich weiter nicht, denn so viel, wie wir Beide heute und morgen gebrauchen, ist noch vorhanden – aber vor allen Dingen, Schätzchen, wie heißt Du successive?« »Ich heiße Anna,« antwortete diese, frei aufseufzend, als ob durch des Kärrners wohlwollend rauhes Wesen eine sie fast erdrückende Last von ihrer Brust genommen worden wäre, »Anna Werth, doch bin ich gewöhnt, einfach Anna genannt zu werden.« »Hm, Anna,« wiederholte Braun, und deutlicher trat auf seinem gerötheten Gesicht das Wohlgefallen zu Tage, welches er darüber empfand, daß sein Gast nunmehr wirklich mit der Zutraulichkeit eines Kindes sich anschickte, das eigene Brod dem Hunde zu reichen und sich dafür an der Mahlzeit aus dem Kober zu betheiligen, »ich dagegen heiße Christian Braun, der Hund hier ist Hechsel, ein sehr treues und wachsames Thier, das schwarze Pferd drüben auf der Spitze heißt Morian, nach einem alten verstorbenen Onkel von mir, mit dem es einige Aehnlichkeit hat, und die beiden Stangenpferde sind successive Däne und Zeisig.« »Welch' sonderbare Namen!« versetzte Anna, die in demselben Grade, in welchem sie von dem Kärrner als Kind behandelt wurde, auch in die Jahre tändelnder Kindheit zurückversetzt zu werden schien; »wirklich recht sonderbare Namen, allein sie klingen deshalb nicht minder freundlich,« fügte sie wie entschuldigend hinzu, und als sie dann wieder in das breite rothe Gesicht mit der seltsamen, struppigen Bürsteneinfassung schaute, da konnte sie nicht anders, sie mußte über sich selbst lächeln, dasselbe auch nur einen Augenblick verabscheuungswürdig häßlich gefunden zu haben. Sogar Hechsel, der mit vielem Behagen ihr trocknes Brod verzehrte, gewann für sie einen Ausdruck, als hätte er in das rechte Auge ein Lorgnon geklemmt gehabt, um sie mit erhöhter Theilnahme zu betrachten, wie sie sich entsann, an einem Reisenden bemerkt zu haben, der aus dem Fenster eines ihr begegnenden Postwagens zu ihr herüber geschaut hatte. In demselben Maße aber, in welchem des Kärrners Gesichtszüge befreundete Formen für sie gewannen, verlor sich auch ihre anfängliche Schüchternheit; den vor ihr stehenden Speisen sprach sie zu, wie es nach der langen, mühsamen Wanderung zu erwarten stand, und dabei vertiefte sie sich mit sittiger Gesprächigkeit in eine solche Menge von Fragen und Erklärungen, daß sie gänzlich übersah, wie der Kärrner selbst das Essen vergaß und ihr fortwährend mit einer gewissen Andacht zuhörte und zusah. Erst als sie ihr Mahl beendigt hatte und der Einnehmer herüber rief, daß die Pferde zur Genüge Wasser erhalten hätten, entsann sich Braun, zu welchem Zwecke er sich ursprünglich nach der Rasenbank begeben hatte. Er verwandelte daher schnell die noch neben ihm liegenden Brodschnitte in ein unförmliches Butterbrod, welches er, um später während des Gehens zu speisen, behutsam in seine Brusttasche schob, worauf er den Inhalt des Kobers wieder zu ordnen begann. »Höre, Schätzchen, ich habe mir die Sache überlegt,« sagte er, während er den Riemen um den Speisebehälter schnallte, wobei ihm der ängstliche Ausdruck entging, mit welchem das junge Mädchen auf die sich in weiter Ferne verlierende Chaussee hinausschaute, »ich denke mir nämlich, wenn ich Deine Reisetasche in den Wagen lege, wirst Du's successive noch'n Stündchen mit dem Gehen aushalten. Hältst Du's aber nicht aus, magst Du Dich zu der Tasche in den Wagen setzten; Platz ist genug da, ziehen werden Dich die Pferde auch noch – Du brauchst dann weder den Hauderer, noch sonst irgend ein anderes Fuhrwerk der Welt, und erreichst Du statt morgen früh, erst morgen Abend Dein Ziel, wird daraus wohl kein großes Unglück entstehen, und Deinen halben Thaler magst Du zu anderen Dingen verwenden.« Ueber Anna's kindliches Antlitz flog ein Schimmer freudiger Ueberraschung. »Sie wollten so gütig sein, mich mitzunehmen?« rief sie aus, und es drängte sie, mit ihren zierlichen Händen des Kärrners eisenharte Faust zu ergreifen und dankbar zu drücken. Der schwarze Lackhut nickte zustimmend, daß man die in demselben befindlichen Frachtbriefe und den Kamm deutlich klappern hörte. »Wer hätte gedacht, als ich mich vor einer Weile müde und traurig hierher setzte, daß mir heute noch ein solches Glück bevorstände?« fügte das erfreute Mädchen hinzu. Der steife Lederhut nickte noch stärker, und indem das graue Auge sich fester und durchdringender auf Anna richtete, glaubte diese, lange kein Gesicht gesehen zu haben, welches das des riesenhaften Kärrners an wirklicher Schönheit übertroffen hätte. Das aber, indem das breite, rothe Gesicht sich in den vertrauensvoll zu ihm aufschauenden Augen spiegelte, in der gewaltigen Hünenbrust ein biederes Herz vor Rührung gleichsam schmolz, das ahnte sie nicht; sie kannte eben nur das einzige Gefühl inniger Dankbarkeit für eine Gefälligkeit, welche von einem fremden Menschen zu erbitten, sie in ihrer Anspruchslosigkeit nie gewagt haben würde. Ein Weilchen blickte der Kärrner noch ernst auf seine jugendliche Gefährtin nieder, dann nahm er Kober und Reisetasche. »Vorwärts denn, Schätzchen, wenn wir einig sind,« sprach er halb zu sich selbst, halb zu Anna gewendet, »mit dem Herrn Einnehmer plaudere nicht viel, er ist zwar ein guter, gefälliger Mann und successive recht gebildet, aber etwas neugierig, und Fragen und Antworten kosten Zeit, deren wir eben nicht zu viel übrig haben; Du siehst ja, die Sonne sinkt und wartet nicht auf uns.« Dann bewegte er sich auf den Wagen zu, Hechsels gußeiserne Nase heftete sich wieder an die blaugestreiften Magnete, dicht hinter Hechsel aber folgte Anna so leichten Schrittes und so leichten Herzens, als wäre sie eine Schwester der blühenden Pelargonien in dem Erkerfenster des Chausseehauses, oder eine Gespielin des muntern Rothkehlchens gewesen, welches von der höchsten Spitze des Schlagbaums lustig in die kühle Waldluft hinauszirpte. – Der neugierige Zöllner war mit einigen kurzen Bemerkungen über die ihm fremde junge Wandrerin abgefunden worden; eine längere Lobrede über die Gewissenhaftigkeit, mit welcher er die drei Holsteiner getränkt und ihnen schließlich die behaarten Hufe begossen und gekühlt hatte, reihte sich an jene Bemerkungen an, worauf ein fester Händedruck die flüchtige Zusammenkunft der beiden alten Bekannten abschloß. Ein zierlicher Doppelschlag mit der Peitsche, dem ein durchdringender Knall nachfolgte, diente als Signal zum Aufbruch, aber erst auf das mit vieler Würde ausgesprochene: »Immer successive!« ihres Herrn lehnten die drei Holsteiner sich in die Geschirre, und knirschend und knarrend rollte der schwer befrachtete Wagen ihnen nach. Die Ketten rasselten, die breitbeschlagenen Räder schlugen auf den wohlgeschmierten eisernen Achsen klingend hin und her, die Zierrathen an den hohen Kummeten klirrten, der fürchterliche Elephantenrücken schwankte leicht; um so lustiger tanzte dafür das Theertönnchen, wiegte sich der Hemmschuh, bewegte sich federnd das beinahe auf der Erde schleifende Tragegerüst und wies die sicher befestigte Hebewinde ihre stählernen, in schwarzem Fett schwimmenden Zähne. Neben dem Sattelpferde auf dem Sommerwege wandelten dicht neben einander der riesenhafte Kärrner und Anna's zarte, schlanke Gestalt; Letztere fast einherschwebend, Ersterer dagegen den Oberkörper schwerfällig wiegend und mit dem vorwärts schreitenden Fuße jedesmal die entsprechende Schulter um eine halbe Elle nach vorne schwingend. Der Einnehmer hatte ihnen einige Minuten wohlgefällig nachgeblickt, bevor er sich in den Garten zu den Seinigen zurückbegab. Das Rothkehlchen zirpte wieder im Waldesdickicht, der Hund des Einnehmers lag mitten in der Hausthüre und schnarchte; in nächster Nähe von ihm spann eine weiße Katze; melancholisch schauten die roth glühenden Pelargonien zum Fenster hinaus, als hätten sie die gegenüber auf dem Grabenufer blühenden Feldblumen um die sich bereits einstellende Wirkung des sich ihnen anschmiegenden Thaus beneidet. – Drittes Capitel. Die Erzählung einer Waise. Der Schlagbaum war längst, längst nicht mehr zu sehen; der Sonnenschein hatte sich allmälig von der Chaussee zurückgezogen und nur noch die höchsten Wipfel der hervorragendsten Bäume schwammen in der von dem feurigen Westen ausgehenden rothen Beleuchtung. Anna schritt rüstig neben ihrem vierschrötigen Freunde dahin, ohne daß die geringste Spur von Müdigkeit an ihr zu entdecken gewesen wäre. Hatte sie doch sogar mit einer gewissen Geringschätzung zu dem Hauderer hinübergeschaut, als derselbe sie einholte, und endlich auf die Post selber, die ihr, trotz des prahlenden gelb und schwarzen Anstrichs und des weithin schallenden Hornsignals, im Vergleich mit dem mächtigen Frachtwagen schrecklich unbedeutend und langweilig erschien. Wer in einem der beiden ringsum geschlossenen Wagen hätte ihr auch wohl eine so anregende Unterhaltung geboten, wie sie in der Gesellschaft ihres stattlichen Begleiters mit dem prächtigen, sonnverbrannten Gesicht und dem so wohlkleidenden feuerrothen Bartkragen genoß? Und dann erst das Gefühl der Sicherheit, dessen sie sich in dem endlosen Walde erfreute, seit sie sich unter dem Schutze eines Mannes wußte, der sich, nach ihrer Ueberzeugung, an Kräften mit jedem einzelnen seiner drei Holsteiner messen konnte! Selbst Hechsel erschien ihr plötzlich als ein höchst zuverlässiger Freund und Beschützer, und mit innerer Befriedigung gewahrte sie, daß weit über die Hälfte der Anziehungskraft aus den blaugestreiften Magneten in ihr schwarzes Kleidchen übergegangen war und das närrische Thier mehr in ihren Spuren, als in denen seines Herrn folgte. Und dann, wie mußte die Luft in dem geschlossenen Wagen beschaffen sein, während jetzt der kühle Abendwind ihre Schläfen erquickend umfächelte, so daß sie sich bewogen fühlte, das Strohhütchen über ihren Arm zu hängen und der thauerfüllten Atmosphäre ihr ganzes Haupt preiszugeben? Wie aber die lieben hohen Bäume mit ihren schattigen Laubkronen unter der Wirkung der sich auf ihre Blätter senkenden Feuchtigkeit aufzuleben begannen, wie die Immortellen, die wilden Federnelken und die rothen Glöckchen der Haidekrautbüsche auf der Rasenwand des Chausseegrabens sich emporrichteten, so athmete auch sie freier und ihre Brust dehnte sich weiter aus, daß sie hätte mit einstimmen mögen in das Concert, welches die kleinen Heimchen ihr auf dem ganzen Wege gaben, und die großen, grünen Heuschrecken, die, auf den Bäumen sitzend, ihre Triller bis in die Ewigkeit hinein schienen ausspinnen zu wollen. Doch wenn sie auch nicht sang, so tönte das Entzücken, welches sie empfand, dafür um so deutlicher aus dem Tone ihrer süßen Stimme hervor, indem sie ihre Worte und Fragen an den biedern Kärrner richtete und ihn bald über Dieses, bald über Jenes um Belehrung bat. Der alte Braun aber ertheilte herzlich gern jede verlangte Belehrung, um so mehr, da die Fragen vorzugsweise solche Gegenstände betrafen, welche ihm am nächsten lagen und mit denen er schon von Kindesbeinen an vertraut gewesen. So waren sie denn noch keine halbe Meile gewandert, da kannte sein holder Schützling nicht nur die ganzen Lebensgeschichten der drei Holsteiner, sondern auch die Bestimmung aller Geräthschaften, die rings um den Wagen und unter ihm ihren Platz angewiesen erhalten hatten; und Alles war ihr neu und für Alles verrieth sie Theilnahme, am meisten jedoch für Hechsel's Lagerstätte in dem schwingenden Gerüst, welche aus einem Bündelchen weichen, duftenden Heu's bestand und noch einen Sack mit Hafer als besondere Rücklehne erhalten hatte. In die weitere Umgebung schweiften ihre Blicke und Gedanken ebenfalls: in den dämmerigen Wald, der sich so geheimnißvoll zu beiden Seiten der Straße ausdehnte und in welchem hundertjährige Stämme so anmuthig mit jungen Schößlingen abwechselten, gerade so, wie sie sich entsann, in früheren Jahren im Geiste sich ein Bild von den verzauberten Forsten entworfen zu haben, wenn sie die Schilderungen solcher in wunderbaren Märchen las. Denn in einen wirklichen großen Wald war sie heute zum ersten Male gekommen, und erst seit sie in der Gesellschaft des riesenhaften Kärrners reiste, hatte sie hinlängliche Ruhe gefunden, an etwas Anderes, als an ihre Vereinsamung und ihren bevorstehenden Eintritt in die Welt zu denken. Dann führte die Chaussee wieder an kleineren und größeren Waldwiesen vorbei; auf manchen standen runde Heuhaufen, während auf andern zerstreute Erlenbüsche sich erhoben. Die bei Annäherung des Abends diesen grasigen Niederungen entsteigenden Dünste lagerten in geringer Höhe über dem feuchten Erdboden, so daß die Spitzen der Heuschober und Büsche, wie aus einem milchigen See, über der ebenmäßigen Nebelschicht emportauchten. Wäre Anna aber allein gewesen, allein und einsam in dem großen Walde, dann würde sie durch die weißen Nebelschichten an Leichentücher erinnert worden sein, an Leichentücher, wie sie deren schon so manche in ihrem jungen Leben gesehen. Ihr armes Herz hätte dann wohl schneller gepocht, und scheu und die Blicke abwendend, wäre sie vorüber geeilt an den unheimlichen Stellen. Jetzt dagegen, in der Gesellschaft des freundlichen Kärrners, kannte sie weder Furcht noch Scheu, und auf die geheimnißvollen Nebelstreifen schaute sie mit reger Theilnahme hin, als ob unter denselben ein Heer von Blumengeistern seinen Reigen aufgeführt und verschwenderisch zahllose Thauperlen auf Halme und Blätter und sogar oben auf die plumpen Heuschober hinaufgestreut hätte. Aber auch nützlich wußte sie sich zu machen, denn während ihr riesenhafter Begleiter den fast schwarzen Maserkopf seiner schön bequasteten kurzen Pfeife aus dem strotzenden Tabacksbeutel füllte und demnächst ein blaues Rauchwölkchen nach dem andern links und rechts um den rothen Borstenkragen warf, trug sie ihm die Peitsche. Der alte Braun hatte zwar unzählige Male seine Pfeife gestopft, ohne dabei durch die unter den linken Arm geklemmte Peitsche gehindert zu werden, allein heute war ihm plötzlich eingefallen, sich wie ein Herr bedienen zu lassen. That es seinem ehrlichen Herzen doch so unendlich wohl, zu beobachten, wie es dem lieblichen, dienstfertigen Wesen an seiner Seite so große Freude gewährte, sich ihm gefällig zu zeigen. Ja, wenn sie ihm nur nicht zu schwach vorgekommen wäre, dann hätte er, um ihre Freude zu erhöhen, ihr auch noch den feuer- und wasserfesten Hut sammt seinem ganzen Inhalte zum Tragen dargereicht, unbekümmert darum, daß dann der kalte Thau auf die handgroße Fläche seines Hauptes gefallen wäre, auf welcher er nur nothdürftig mittels einiger Bürstenstriche etwas Haar zu erheucheln vermochte. Und so wanderten sie dahin, immer weiter und weiter. Der letzte Tagesschimmer versank, aber freundlich lugte über die hohen Bäume fort der beinahe volle Mond zu ihnen nieder. Der Wagen knirschte, rasselte und klapperte; unabänderlich, wie von einem künstlich geregelten Mühlenwerk belebt, stampften die schwer beschlagenen Hufe den festen Boden, daß zuweilen die hellen Funken unter ihnen hervorstoben. Schon mehrfach hatte der Kärrner seine jugendliche Begleiterin aufgefordert, den Wagen zu besteigen, in welchem sie gleich vorn über der Deichsel ein bequemes Plätzchen gefunden hätte, aber jedesmal erhielt er eine abschlägige Antwort. »Ich bin nicht müde,« betheuerte Anna heiter, »der Abend ist so schön und dabei fühle ich mich so frisch, daß ich die ganze Nacht hindurch gehen und plaudern möchte; ich fürchte nur, Ihnen durch meine vielen Fragen lästig zu werden.« »Lästig, Schätzchen?« fragte der Kärrner wie beleidigt zurück, jedoch das Grimmige im Tone seiner Stimme nach besten Kräften zu mildern, legte er die schwielige Hand auf das üppige, seidenweiche Haar seines Schützlings. »Ja, lästig, ich meine successive lästig,« bekräftigte Anna, in einer Anwandlung von Muthwillen das Lieblingswort des Kärrners schärfer betonend. Die schwielige Hand glitt leise von dem holden Haupte niederwärts bis auf den schlanken Hals, und nachdem sie dort einigemal so leicht geklopft, als ob sie das feinste Spinngewebe berührt hätte, zog sie sich ganz zurück. Dann aber lachte die alte biedere Haut, zwar nicht sehr melodisch, dagegen so herzlich und wohlwollend, daß es seiner Begleiterin wie die schönste Musik in die Ohren schallte. »Schätzchen!« rief er aus, und wie um den Anfall von Heiterkeit niederzukämpfen, paffte er mehrere Male geräuschvoll den Tabacksdampf aus dem niedergezogenen Mundwinkel, »Schätzchen, Du bist ja so lustig, wie ein zweijähriges Füllen, welches in seinem Leben nichts weiter, als schönen, reinen, vollwichtigen Hafer gesehen hat! Ei, ei, successive! Und ich dachte schon – ich meine, Schätzchen – ja, von wegen des schwarzen Kleides und des schwarzen Bandes auf Deinem Hütchen?« »Es ist wahr, ich sollte eigentlich nicht so frohsinnig sein,« versetzte Anna plötzlich ernst, »allein ich hatte meine gerade nicht sehr viel versprechende Lage ganz vergessen – ja, ich traure um eine entfernte Verwandte oder wohl mehr Freundin meiner Mutter, bei welcher ich die letzten Jahre zubrachte. – Aber auch meine Eltern habe ich schon betrauert und noch heute beweine ich sie mit tiefem Schmerz; sie sind seit Jahren todt, allein ich werde sie nie, nie vergessen.« Der Kärrner räusperte sich verlegen; drei Rauchwolken stoben geräuschvoll in die Nachtluft hinaus, und dann hob er mit wunderlich gedämpfter Stimme an: »Sprechen wir von etwas Anderem, denn es hat wahrlich und successive nicht in meiner Absicht gelegen, Dich traurig zu stimmen; weiß selber zu gut, wie 'nem Menschen zu Muthe ist, dem's Herz zermorschte, als ob meine Holsteiner den befrachteten Wagen darüber hingezogen hätten, – hm, Schätzchen, und darum denke lieber an etwas Anderes.« – »Und ich glaubte wieder, es wäre Ihnen recht, meine Vergangenheit kennen zu lernen,« fiel Anna zutraulich ein, und sie trat so nahe an ihren Begleiter heran, daß Hechsel ganz unentschieden war, ob der blaugestreifte oder der schwarze Magnet eine größere Anziehungskraft auf die gußeiserne Doppelnase ausübte. »Hm, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, Schätzchen,« erwiderte der Kärrner zögernd, »so möchte ich wohl Näheres über Dich wissen, das heißt, nicht aus Neugierde, sondern – nun, weil Du mir successive gefällst. Hast Du also Lust und schneidet es nicht zu tief in Dein liebes kleines Herz ein, so erzähle immerhin, und wenn ich Dir dann irgendwie von Vortheil sein kann, Schätzchen, so weißt Du: mein Name ist Christian Braun.« Bevor Anna eigentlich wußte, was sie that, hatte sie des Kärrners Hand ergriffen, um sie dankbar zu drücken; die harte, schwielige Faust aber schloß sich sanft um das zarte Händchen, um es nicht mehr loszulassen, und Hand in Hand schritten sie neben dem klingenden und klirrenden Dreigespann auf dem staubigen Sommerwege einher, wie wohl Kinder thun, die sich gegenseitig lieb gewonnen haben und glauben, Einer ohne den Andern nichts mehr unternehmen zu können. »Meine Eltern sind schon lange todt,« begann Anna ihre Lebensgeschichte, nachdem sie wohl hundert Schritte schweigend zurückgelegt hatten; »ich war erst acht Jahre alt, als mein guter Vater starb, und ein Jahr später folgte ihm meine arme Mutter nach. So lange mein Vater lebte, ich entsinne mich dessen noch sehr genau, fehlte es uns nie am Nothwendigsten; wir hatten eine größere Wohnung und wie die Mutter mir später erzählte, verdiente er immer noch etwas mehr, als wir zu unserem Lebensunterhalt gebrauchten. Er unterrichtete nämlich im Klavierspiel –« »Was sagen will: auf dem Pianum?« schaltete der Kärrner halb fragend ein. »Auf dem Pianoforte,« bekräftigte Anna ernst. »Richtig, richtig, Schätzchen; Pianum fortum; erzähle nur weiter – wollte eben nur meiner Sache gewiß sein,« entschuldigte sich der Kärrner, und Anna, die den Fehler in der Aussprache nicht beachtet hatte fuhr fort: »Nach dem Tode des Vaters versuchte die Mutter wohl noch eine Zeit lang, selbst zu unterrichten, denn auch sie war sehr musikalisch, allein ihre Kräfte waren einer solchen Aufgabe nicht gewachsen. Sie mußte es sehr bald wieder einstellen; kaum, daß sie bei ihrer zunehmenden Schwäche im Stande war, den Unterricht, welchen ich bereits bei meinem Vater genossen hatte, fortzusetzen. »Obwohl wir uns in unsern Ausgaben auf alle erdenkliche Weise einschränkten, neigten sich die Ersparnisse meines Vaters und die geringe Summe, welche wir aus dem Verkaufe unserer überflüssigen Sachen lösten – wir hatten nämlich eine kleinere Wohnung bezogen – doch bald ihrem Ende zu. Es war ja so wenig, was meine kranke Mutter mit Sticken und Nähen verdiente, und wenn ich auch bereits die Fähigkeit besaß, Anfängerinnen im Klavierspiel nachzuhelfen, so erschien ich den Leuten doch wohl zu jung, als daß sie mir durch Uebertragung von Stunden hätten zu Hülfe kommen mögen. Eine traurige, eine unbeschreiblich traurige Zeit war es, welche wir damals verlebten, doppelt traurig für mich, weil ich trotz meiner Jugend einsah, daß nicht nur das bitterste Elend uns unwiderruflich erwartete, sondern daß auch sie, an der ich mit meiner ganzen Seele hing, dem Grabe langsam entgegensiechte. Was aber muß meine arme Mutter gelitten haben, wenn sie meiner Zukunft und zugleich Derer gedachte, die ihr in die Ewigkeit vorangegangen waren; denn außer ihrem Gatten, meinem so heißgeliebten Vater, hatte sie noch drei Kinder durch den Tod verloren, von welchen ich indessen keins kennen lernte. Meine Geschwister waren nämlich schon gestorben, lange bevor ich geboren wurde, ich glaube, sie hatten jedesmal ein Alter von nur wenigen Tagen erreicht. Es läßt sich daher denken, daß meine armen Eltern mich nie ohne heimliche Besorgniß ansahen, und dennoch mußten Beide vor mir hinübergehen. Woher ich damals die Kraft nahm, vor meiner Mutter heiter und sorglos zu erscheinen, ist mir jetzt fast unbegreiflich; viel mag aber mit dazu beigetragen haben, daß die häuslichen Obliegenheiten eine nach der andern in meine Hände übergingen und endlich sogar der Broderwerb einzig und allein auf meinen Schultern ruhte. Mit Hülfe menschenfreundlicher Leute war es mir nämlich dennoch gelungen, in mehreren Häusern mit der Nachhülfe junger Klavierspieler betraut zu werden, wofür ich freilich ein nur sehr geringes Honorar bezog, welches indessen nothdürftig für unsern wenig kostspieligen Lebensunterhalt ausreichte. Erst als meiner armen Mutter Zustand sich in so hohem Grade verschlimmerte, daß sie das Bett nicht mehr verlassen konnte und ich kaum von ihrer Seite weichen durfte, waren wir genöthigt, uns in Schulden zu stürzen.« Hier schwieg Anna; das Haupt auf die Brust geneigt, schritt sie neben dem Kärrner hin. Es war ersichtlich, ihr Geist weilte in jenen längst entschwundenen Zeiten, in welchen sie schmerzerfüllt die im Tode erkaltende Hand der Mutter mit ihren zarten Fingern umschloß, während jetzt – sie blickte seitwärts zu ihrem Begleiter empor, dessen schwarzer Hut sich ebenfalls nah vorn neigte und der ihre Hand so sanft hielt und sie so behutsam führte, als sei seine schwerfällig wiegende Hünengestalt nur ein Traum gewesen, der sie wie ein Schutzengel umschwebte. »Was ich litt, als sie endlich meine arme, treue, unvergeßliche Mutter in die Gruft senkten,« nahm Anna plötzlich ihre Erzählung wieder auf, »was ich empfand, als Erde und Steine dumpf rasselnd auf den Sarg fielen, der meine Mutter, mein Einziges und mein Alles umschloß, ich kann es nicht beschreiben. Doch ich behielt nicht viel Zeit, mich dem Gram um die Dahingeschiedene gänzlich hinzugeben, denn kaum war der kleine Hügel über ihrer letzten Ruhestätte aufgeworfen, da stellten sich auch Diejenigen ein, die noch Forderungen an uns hatten. Mein Vormund stand mir freilich in dieser schweren Zeit hülfreich zu Seite, allein er konnte nicht hindern, daß alle unsere Sachen, selbst unser Instrument, verkauft wurden, er drang sogar darauf, daß alle Diejenigen, die noch gerechte Ansprüche an die Hinterlassenschaft hatten, möglichst schnell befriedigt wurden. Gewiß meinte er es gut und redlich, allein ich glaube, hätte mein einziger Freund, ein junger Mann, welchen ich seit meiner frühesten Kindheit kenne, in meiner Nähe geweilt, wäre Manches anders gekommen. Das aus dem Verkaufe der Sachen gelöste Geld reichte leider nicht aus, die Gläubiger abzufinden, und zwei Jahre hindurch mußte ich noch arbeiten und sparen, bevor ich so weit gelangte, frei von der mich quälenden Last mich zum Schlafe niederlegen zu können. »Eine alte einzelne Frau, die in demselben Hause wohnte, in welchem meine Mutter gestorben war, hatte mich, sobald ich gänzlich verwaist war, zu sich genommen, theils um sie zu pflegen – denn auch sie war kränklich –, theils, um, in Ermangelung eines Dienstboten, ihrem kleinen dürftigen Hauswesen vorzustehen. Daß ich überhaupt ein Unterkommen bei ihr fand, betrachtete ich als ein großes Glück, um so mehr, als sie mir täglich einige Stunden Zeit gönnte, welche ich zum Unterricht-Ertheilen verwendete. Sie miethete sogar ein Instrument, auf welchem ich ihr vielfach, zuweilen sogar des Nachts, wenn sie vergeblich den Schlaf herbeisehnte, vorspielen mußte. Mir gereichte dies indessen noch besonders zum Segen, indem ich dadurch nicht nur Gelegenheit fand, mich selbst aufzuheitern, sondern auch mich auszubilden und befähigter für die Stellung einer Klavierlehrerin zu machen. »So gingen also die zwei Jahre dahin, und der letzte meiner Gläubiger hatte sein Geld empfangen, als meine Wohlthäterin – und meine Wohlthäterin war sie ja, trotzdem sie mir gewöhnlich nur wenig frohe Stunden bereitete – schwer erkrankte, wodurch ich gezwungen wurde, das Unterrichten auszusetzen und meine Zeit ihrer Pflege zu widmen. Ich that es gern, wenn ich auch mit schwerem Herzen und tiefer Besorgniß daran dachte, daß ich durch die lange Unterbrechung meiner künstlerischen Thätigkeit meinen Broderwerb untergrub. »Wiederum verstrichen fünf oder sechs Monate, als der Tod plötzlich und unerwartet den Leiden meiner Wohlthäterin ein Ziel setzte. Es sind seitdem sechs Wochen verflossen, ein Zeitraum, welchen ich nothgedrungen noch im Hause der Verstorbenen zubringen mußte und nach dessen Ablauf mir die Erben, nach Theilung der ärmlichen Hinterlassenschaft, anheimstellten, mich anderweitig nach einem Unterkommen umzusehen.« »Und mit einem einzigen halben Thaler in der Tasche!« schnaubte der Kärrner so geräuschvoll und grimmig, daß die Pferde, in der Meinung, der Zornausbruch habe ihnen gegolten, ihre Schritte beschleunigten. »Immer successive!« ertönte es gleich darauf gedehnt und beruhigend aus der breiten, rauhen Brust. Die Pferde verfielen wieder in ihren alten Schritt, der Kärrner aber, nachdem er die das warme Händchen umschließende Faust geöffnet, nahm seiner Begleiterin die Peitsche ab und knallte in rascher Folge ein halbes Dutzend Mal nach rechts und links in den Wald hinein, als hätte er mit jedem wohlgemeinten Hiebe einen der nach seiner Ueberzeugung entsetzlich undankbaren Erben getroffen. Anstatt aber die kleine zarte Hand wieder zu ergreifen, behielt er die Peitsche, sie im rechten Arme tragend, ähnlich einem Kavalleristen, welchem bei gezogenem Säbel »rührt Euch!« commandirt wurde. »Wie viel ich noch besaß, wußten die guten Leute nicht,« entschuldigte Anna, sobald Braun sie zu Worten kommen ließ, »und ich wieder sah keinen Grund, ihnen dieses noch besonders mitzutheilen. Hatte ich doch mein Gutes im Hause der Verstorbenen genossen, so daß ich an Niemand mehr Forderungen stellen durfte; dagegen bedauerte ich tief den Verlust meiner Stunden, in Folge dessen mir nicht vergönnt war, länger im heimatlichen Städtchen, in der Nähe der Gräber meiner Eltern und Geschwister zu weilen. Ich mußte fort, fort, so schnell als möglich und so lange ich noch nicht durch neue Verpflichtungen gebunden war; denn bevor ich die zu meinem Lebensunterhalte nöthige Beschäftigung gefunden hätte, wäre ich, wer weiß wie tief verschuldet gewesen. Mein Vormund, dem meine Rathlosigkeit jedenfalls lästig wurde, pflichtete meinen Ansichten bereitwillig bei. Ich entschloß mich daher kurz; meine geringen Habseligkeiten waren schnell gepackt, und nachdem ich allen Bekannten Lebewohl gesagt hatte, begab ich mich auf den Weg, um möglichst bald in die Hauptstadt zu gelangen. Daß meine Geldmittel bis auf einen halben Thaler zusammengeschmolzen waren, sagte ich bereits, und dennoch bin ich der Vorsehung recht dankbar dafür; denn hätte ich genug besessen, um den Hauderer benutzen zu können, wäre mir nie die Freude zu Theil geworden, mit Ihnen bekannt zu werden.« »Hm, eine schöne Freude,« murmelte der Kärrner zweifelnd, und der nächtliche Schatten verbarg, daß der die Pfeife tragende Mundwinkel bis über das halbe Kinn hinabsank. Dann räusperte er sich einige Male, als ob er recht verlegen gewesen wäre, dem Räuspern folgte ein tiefer Bückling nach, welcher den Lederhut in seine Hände brachte, und nachdem er sehr umständlich den Staub von seiner Stirne entfernt hatte, führte ein neuer Bückling den glanzledernen Tresorkasten auf die gewohnte Stelle zurück. »Sie wollen also nach der Hauptstadt?« fragte er darauf, noch immer zweifelnd, seine junge Begleiterin, »haben Sie aber auch successive überlegt, was es bedeutet, so jung und dabei ohne Geld und ohne Freund sich unter so und so viel Hunderttausend Menschen zu wagen, die im allgemeinen Einer für den Andern nicht mehr Freundschaft hegen, als Hechsel für die geweißten Chausseesteine hier?« Anna sah überrascht empor; es befremdete sie, daß ihr treuherziger Gefährte sie plötzlich mit »Sie« anredete, doch in der Meinung, sich verhört zu haben, antwortete sie nach kurzem Sinnen freundlich: »Ja, ich will nach der Hauptstadt; glauben Sie indessen nicht, daß ich leichtfertig und auf gut Glück und ohne jegliche Aussicht meinen Entschluß gefaßt habe. O nein, ich finde dort einen Anhalt, und zwar einen Anhalt, der mir von meiner sterbenden Mutter empfohlen wurde. Doch das muß ich Ihnen noch erzählen. Wenige Tage vor ihrem Tode händigte mir meine arme Mutter einen Brief ein – ich trage ihn hier bei mir in der Tasche – und unter heißen Thränen sprach sie zu mir folgende unvergeßlichen Worte: »Du armes, armes Herz, die Du dazu bestimmt bist, im zarten Jugendalter als elternlose Waise in die Welt hinausgestoßen zu werden! Die Trennung von Dir und die Unsicherheit Deiner Zukunft machen mir das, was mir in nächster Zeit unwiderruflich bevorsteht, allein schwer und bitter. Ich besitze nichts, das ich Dir hinterlassen könnte; Deiner Eltern einziges Vermächtniß besteht in Deiner Fertigkeit des Klavierspiels, an welcher beide vereinigt mit heiliger Pflichttreue gearbeitet haben. Unsre Nachbarin versprach mir, im Fall ich sterben sollte, sich Deiner anzunehmen; es steht daher zu erwarten, daß Dir dadurch später Dein Eintritt in die Welt als Musiklehrerin erleichtert wird. Unmöglich ist es aber nicht, daß meine innigen, bangen Hoffnungen sich nicht erfüllen, daß sich Hindernisse Dir entgegenstellen, welche nicht vorhergesehen werden konnten. Für solchen Fall gebe ich Dir diesen Brief; Du siehst, er ist dreifach versiegelt, ein Beweis, daß er Dinge enthält, welche ich selbst vor Dir als Geheimniß bewahrt haben möchte. Solltest Du in die Lage gerathen, – was Gott verhüten möge – daß Du keinen andern Ausweg mehr vor Dir sähest, dann nimm diesen Brief, reise nach der Residenz und übergieb ihn Demjenigen, dessen Namen und Adresse ich mit größter Sorgfalt und Genauigkeit niedergeschrieben habe. Es ist eine schwere Aufgabe für mich gewesen, diesen Brief abzufassen, allein nachdem es geschehen war, fühlte ich mich wunderbar getröstet und ruhiger werde ich von dannen gehen – weiß ich doch, daß da, wohin dieses Schreiben Dich führt, man Dir mit treuem Rathe hülfreich zur Seite stehen wird. Sollte indessen bis zu Deinem fünfundzwanzigsten Jahre die Ablieferung dieses Briefes sich nicht als nothwendig erweisen, dann, mein Kind, vernichte ihn, ohne ihn gelesen zu haben.« »So sprach meine sterbende Mutter. Ich war damals erst dreizehn Jahre alt, allein ich begriff die volle Bedeutung der mir ertheilten Aufträge; kein einziges ihrer Worte habe ich vergessen, und getreulich hielt ich, was ich in jener ernsten Stunde versprach. »Daß ich jetzt im Begriff stehe, den Brief an seine Adresse zu tragen, stört nicht die Ruhe meines Gewissens; bis zum letzten Augenblick habe ich mit diesem Entschluß gezögert, bis zu dem Zeitpunkte, in welchem ich wirklich keinen anderen Ausweg mehr vor mir sah, einer mir drohenden, entsetzlich elenden Lage zu entgehen, ohne andern Menschen lästig zu werden. Mit Ihnen zusammen getroffen zu sein, als ich mich von neuen Verlegenheiten umringt sah, betrachte ich als eine gute Vorbedeutung; ich bin seitdem viel, viel ruhiger und zuversichtlicher geworden, und wollten Sie mir gar noch behülflich sein, die Wohnung des Herrn, dem ich den Brief übergeben soll, aufzusuchen, dann würde meine Dankbarkeit –« »Gewiß und wahrhaftig thue ich das,« fiel der Kärrner überzeugend ein, und die Faust mit geschulterter Peitsche schwang sich so regelmäßig vor und rückwärts, daß ein mit gezogenem Säbel vor seiner Compagnie einhermarschirender Schützenkönig dadurch beschämt worden wäre, »aber wie steht es? In welcher Gegend wohnt der Mann? Kennen Sie successive seinen Namen und die Adresse auswendig? Denn sie jetzt hier zu lesen, möchte es selbst für Ihre klaren Augen zu dunkel sein.« Anna sah wieder überrascht empor. Dieses Mal hatte sie das förmliche »Sie« deutlich verstanden. Etwa eine Minute zögerte sie, dann aber, anstatt zu antworten, fragte sie mit kindlich zutraulichem Ausdruck: »Habe ich durch meine Erzählung Ihr Mißfallen erregt?« »Nein nein, mein liebes – Fräulein – keineswegs, nicht mit einem Buchstaben,« lautete die gedehnte Antwort, und wie der Dampf aus der Mündung eines abgefeuerten Terzerols, paffte der weiße Rauch aus dem gesenkten Mundwinkel. »Warum nennen Sie mich denn nicht mehr ›Du,‹ Herr Braun?« »Herr Braun? Pah! Ich bin Braun, Christian Braun, der Frachtfuhrmann, und von 'nem Herrn nicht die äußerste Spitze meiner Peitschenschnur! Und was das ›Du‹ anbelangt? Hm, da glaube ich successive ein recht grobes Versehen gemacht zu haben. Hm, nur daran zu denken, Jemand wie'n Kind zu behandeln, ich meine Jemand, der auf dem Pianum spielt und so wunderbar spricht und erzählt, als ob er Alles hinter einander aus einem gedruckten Buche ablese. Oh, das geht nicht, nein, durchaus nicht! Ich bin zwar nur ein einfacher Kärrner, und obenein der Sohn eines Kärrners –« »Wollen Sie lieber Herr Braun genannt werden?« fragte Anna jetzt wieder mit einem Anfluge von Heiterkeit, welche eigentlich mehr, als die vorhergegangene ernste Stimmung, in ihrem Charakter lag. »Braun, Christian Braun, und nicht anders,« antwortete der Kärrner entschieden, und wie um einen Punkt hinter seinen ernst ausgesprochenen Willen zu setzen, fügte er einen scharfen Knall seiner Peitsche hinzu. »Gut also,« fuhr Anna darauf so herzlich, so innig fort, daß das alte Kärrnerherz, wie Wachs auf einer glühenden Ofenplatte, zerfloß; »Sie nennen mich entweder »Sie« und ich sage Herr Braun, oder ich bin nach alter Weise ihr Schätzchen, welches Sie mit ›Du‹ anreden, und ich sage Vater Braun.« Dann der gern nachgebenden Riesenfaust die Peitsche mit Leichtigkeit entwindend und ihre Hand an deren Stelle legend, fuhr sie mit unbeschreiblich süßem, zutraulichem Wesen, wie es nur eben durch ein goldenes Gemüth, wie das des Kärrners, geweckt werden konnte, fort: »Seien wir also wieder gute Freunde, lieber Vater Braun; ich trage Ihnen die Peitsche, und dafür halten Sie meine Hand; ich fühle mich auf diese Weise sicherer und werde nicht so leicht müde.« Braun räusperte sich eine ganze Weile, und mehrere Ladungen Dampf mußten in die feuchte Nachtluft hinausgesendet werden, bevor er Worte fand. »Schätzchen, wenn Du's nun einmal willst,« hob er stotternd an, und dabei riß er an den langen, rothen Borsten, als wären dieselben mittelst Draht an ein gefühlloses Bürstenholz befestigt gewesen, »so kann ich freilich nichts dagegen einwenden; bist aber ein seltsames Wesen, Schätzchen, ich meine, so etwas von 'nem Zauberer; ist mir doch, wenn Du mit mir altem Kerl sprichst, als sei ich wirklich Dein Vater, als liefe mir das Blut so recht warm über's Herz und von da successive bis in die Fingerspitzen hinein – habe so 'was noch nicht erlebt, und will ich Dir doch Alles zu Gefallen thun, und bis vor die Thüre des Herrn will ich Dich bringen, des Herrn – wie heißt er gleich, Schätzchen?« »Rechtsanwalt Alvens,« antwortete Anna pünktlich. »Rechts–an–walt?« fragte Braun, indem er erschrocken stehen blieb und starr auf seinen in dämmeriges Mondlicht gehüllten Schützling niederschaute. »Alvens,« wiederholte Anna befangen und den Bewegungen des nunmehr wieder einherschreitenden Kärrners folgend, »Sie scheinen ihn zu kennen?« »Hm, wenn ich ihn nicht kennen wollte, wer sollte ihn dann kennen?« grollte Braun in sich hinein, als hätte er mit sich selbst gesprochen, und fester drückte die Hand das Händchen, entschlossener und in weiteren Bogen schwangen die Schultern abwechselnd nach vorn, und herausfordernder wirbelten die dem schiefen Mundwinkel entströmenden Rauchwolken um den lackirten Tresorkasten und über diesen empor. »Ist er ein freundlicher Herr?« fragte Anna ängstlich weiter. »Mehr, als zu freundlich,« antwortete Braun in ernstem Protectortone, und dann fuhr er milder, jedoch noch bestimmter fort: »ich sagte wohl, Schätzchen daß ich Dich eigenhändig zu ihm begleiten würde, und Christian Braun ist der Mann, der sein Wort zu halten weiß, allein in diesem Falle, hm, nein, 's geht nicht – 's geht successive nicht, weil – nun – weil ich eben nicht will!« und hätte sich die Peitsche in seiner Hand befunden, würde er gewiß wieder den schallenden Punkt hinter seinen Ausspruch gesetzt haben. Anna schwieg; sie suchte offenbar zu enträthseln, was ihren treuherzigen Gefährten zu der plötzlichen Sinnesänderung veranlaßt haben könne; dieser aber, der den Ideengang des jungen Mädchens instinctartig ahnen mochte, brach nach einer längeren Pause tiefen Nachdenkens das ihm drückend werdende Schweigen. »Ich habe meinen Plan gemacht, Schätzchen,« begann er, und in der heiseren, knurrenden Stimme lag eine ganze Welt voll Zärtlichkeit, »ja, einen Plan, welcher, – ich bin zwar nur ein alter, einfacher Frachtfuhrmann – nichtsdestoweniger mit Recht successive genannt werden kann. Ich begleite Dich also ebenso wenig zu dem Herrn Alvens, wie ich Dich allein hingehen lasse –« »Aber mein Gott, der Brief,« fiel Anna dem Kärrner klagend in die Rede, »bedenken Sie, was soll ich in der großen, mir völlig unbekannten Stadt beginnen, wenn ich den Rath des Freundes nicht in Anspruch nehmen darf, an welchen ich von meiner verstorbenen Mutter gewiesen wurde?« »Beginnen, Schätzchen? Pah, das wird sich finden. Vorläufig bin ich Dein Freund, und den Brief soll der Herr Alvens auch haben, nur Du selbst sollst ihm denselben nicht zustellen. Du bist nämlich zu unschuldig und offenherzig, und der Herr Alvens ist ein viel zu kluger Mann, – habe nämlich so meine gewisse Meinung über ihn, denn ich kenne ihn schon lange – doch das sind Dinge, über die wir später vielleicht einmal sprechen – 's bleibt also dabei: Du schlägst vorläufig Dein Quartier in meinem Hause auf, und dann wollen wir weiter sehen, das heißt, wenn Dir so um's Herz ist und Du nichts dagegen einzuwenden hättest.« »Bei Ihnen bleiben möchte ich wohl,« versetzte Anna sinnend, »aber Sie vergessen, ich bin ganz arm, wenn ich auch etwas gelernt habe und zu arbeiten verstehe, und dann, was würde Ihre Frau sagen, wenn durch mich Ihr Hausstand vergrößert würde?« »Hm, Schätzchen, die Armuth wäre eben kein Hinderniß, und mein Haus ist groß genug, um ein ganzes Dutzend solcher Geisterchen von Deiner Art zu beherbergen – aber meine Frau! Verdammt! Das müßte doch successive wohl vorher etwas überlegt werden.« »Nein, nein, lieber Vater Braun,« entgegnete Anna mit unverkennbarer Besorgniß, »ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre große Güte, allein es wäre doch wohl besser – ich meine, lieber, als daß ich Ihre gewohnte häusliche Ordnung störte – es giebt ja Leute, die nicht gern fremde Gesichter um sich sehen, und deren Herz dennoch –« »Das Herz meiner Frau, Schätzchen?« rief der Kärrner aus, bevor Anna Zeit gewann, ihren Nachsatz zu beendigen, »das Herz meiner Kathrin? Ha, darüber wollen wir nicht lange streiten, wirst's schon selber herausfinden, sage ich Dir, aber wunderlich ist die gute Alte, sehr wunderlich, und sie hat auch Ursache dazu, denn was die schon Alles successive erlebt hat, Schätzchen, das ist genug, um meine drei Holsteiner mitsammt dem Fuhrwerk unter die Erde zu bringen! Ja, die arme Frau!« Der Kärrner seufzte, daß es klang, wie das Schrammen eines ungeschmierten Rades, und dennoch drang es so innig, so klagend in Anna's Herz, daß sie kaum zu athmen wagte und unwillkürlich die harte, schwielige Hand mit ihren zarten Fingern zu drücken versuchte. Der alte, treue Braun, daß er denselben Schmerz, denselben Kummer zu tragen habe wie Frau Kathrin, das sagte er nicht. Es lag nun einmal in seiner Natur, an sich selbst immer zuletzt zu denken. »Ja, sie ist sehr wunderlich,« wiederholte er nach einer längeren Pause trüben Sinnens, »sie will auf ihre Art genommen werden, und wer sie nicht genauer kennt, möchte zuweilen wohl nicht ganz gut von ihr denken. Doch Du wirst sie ja sehen, und wenn ich Dir sage, Schätzchen, laß Dich durch ihr Wesen nicht beirren, so reicht das hin, Dir successive einen Begriff von ihr zu geben, damit Du nichts für ungut nimmst.« »Bestehen Sie darauf, daß ich mit Ihnen nach Hause gehe?« fragte Anna schüchtern und von einer unbestimmten Furcht erfüllt. »Ja, ich bestehe darauf,« erwiderte der Kärrner entschieden, »und ich denke, es wird uns Beiden nicht leid werden. Doch gieb mir die Peitsche; das Licht da unten links von der Straße ist der Krug, in welchem wir übernachten. Rechts, wo die vielen Lichter auftauchen, zieht sich das Dorf hin; dort haben wir indessen nichts zu suchen – aber – da schlage doch – hm, im Krug ist Tanzmusik, und wird's daher mit dem Nachtquartier wohl schlimm werden. Schadet indessen nicht, Schätzchen, werde schon für Dich sorgen, sollst so warm und ungestört schlafen, wie in Abrahams Schooß, also hübsch munter und immer successive!« Die Peitsche knallte, die Gäule schnaubten und beschleunigten auf den anfeuernden Zuruf ihre Schritte, und einige Minuten später hielt der Wagen seitwärts auf der Straße vor einem geräumigen Stallgebäude des ländlichen Gasthauses, aus welchem neben der Tanzmusik das tactmäßige Stampfen schwerer Füße und der verworrene Lärm heiterer Menschen herüberschallten. Trotz des lustigen Lebens in dem Kruge, fanden sich gefällige Hände, die dem Kärrner beim Ausspannen, Abschirren, Unterbringen, Futtern und Tränken der drei Holsteiner behülflich waren, und kaum eine Viertelstunde war verstrichen, da saßen Braun und Anna auf der Bank vor dem Stalle, zwischen sich den geöffneten Kober und ein mächtiges Glas Bier, vor sich aber Hechsel, der bei jedem ihm abwechselnd von einer Riesenfaust und von einem schlanken Händchen dargereichten fetten Bissen sich die erdenklichste Mühe gab, mit seinem abhanden gekommenen Schweif zu wedeln. Freundlich und gefällig leuchtete der Mond ihnen zu ihrer Mahlzeit. Anna hatte auf dringendes Anraten des Kärrners, zum Schutz gegen die tauige Nachtluft, eine Pferdedecke um Haupt und Schultern geschlagen, so dass sie sich wie ein Madonnenbildchen ausnahm, auf welches der Mond verschwenderisch seine schönsten bläulichen Lichtreflexe ergoß. Sie aß und plauderte, sie betrachtete den Frachtwagen, den Mond und ihren riesenhaften Freund, und dabei äußerte sich in jedem ihrer Worte, ja, gewissermaßen in jeder einzelnen ihrer Bewegungen die glückliche Zufriedenheit welche sie beseelte. Das wilde Jauchzen, der schrille Ton der Klarinette, das unermüdliche Kratzen der beiden Geigen und das schmerzliche Grunzen des Kontrabasses beachtete sie kaum; um so aufmerksamer lauschte sie dagegen auf das dumpfe, mahlende Geräusch, mit welchem, nur wenige Schritte von ihr, die drei Holsteiner gemächlich den festkörnigen Hafer zwischen ihren breiten Zähnen zermalmten. Nach Beendigung der Mahlzeit ordnete sie sehr sorgfältig den Inhalt des Kobers, während Braun eine kleine Blendlaterne anzündete und mit derselben über die Deichsel seines Wagens fort unter dem Leinwandverdeck hindurch in den Wagen selbst hineinkroch. Er arbeitete dort lange und angestrengt, Kisten wurden geschoben und gerückt, Tönnchen wurden gehoben und gerollt, Ballen mit weicherem Inhalte wurden nebeneinander hingelegt, und als er endlich eine ebene Fläche von beinah sechs Fuß Länge und zwei Fuß Breite hergestellt hatte, breitete er noch ein aufgerissenes Bund Heu und eine Decke über dieselbe aus. »So wird's gehen«, sagte er nach Beendigung dieser Arbeit vor sich hin, und das eine Auge schließend und den Mundwinkel begutachtend gesenkt, leuchtete er noch einmal die weiche Lagerstätte und deren Umgebung behutsam ab. »So wird's gehen«, wiederholte er zufrieden; dann stellte er das Laternchen auf die vorspringende Ecke einer Kiste, von welcher aus das Licht gerade auf das Lager fiel. Immer mit derselben rührenden Sorgfalt und mit manchem ermutigenden Zuspruch, der von seinem Schützling mit kindlichem Lachen und den mutwilligsten Gegenbemerkungen beantwortet wurde, half er darauf Anna in den Wagen hinein, und erst als diese beteuerte, dass sie warm und bequem gebettet sei, steckte er den Kopf noch einmal unter der Leinwand hindurch, um seinen Tresorkasten zu verwahren und die Laterne fortzunehmen. »Liegst Du auch wirklich gut, Schätzchen?« fragte er mit der Zärtlichkeit einer Mutter, und zugleich drückte seine derbe Faust noch einmal unbegreiflich sanft die kleine, schlanke Hand. »Außerordentlich gut und bequem«, tönte es lieblich zwischen dem duftenden Heu und den schweren Pferdedecken hervor. »Keine Ecken oder Kanten, welche dich drücken?« »Alles weich und glatt, als ob ein Tapezierer sein Wesen hier getrieben hätte.« »Hm, Schätzchen, fürchtest Du Dich auch nicht, auf offener Landstraße zu schlafen?« »Vor wem sollte ich mich fürchten? Sie sind ja bei mir.« »Richtig, Schätzchen, keine zehn Schritte weit von Dir; ich lege mich so zwischen die Holsteiner auf die Streu, dass ich durch die offene Tür den Wagen im Auge behalte. Und dann ist auch der Hechsel da, der schläft unter dem Wagen und läßt keine Maus zu Dir heran; also gute Nacht, Schätzchen!« »Gute Nacht, lieber Vater Braun!« »Schlafe recht sanft; morgen geht's früh weiter!« »Schlafen auch Sie recht sanft und succesive.« Der struppige Kopf, auf welchem nunmehr eine gestrickte blaue Nachtmütze thronte, die rothen Borsten und das runde Laternchen verschwanden aus dem Wagen, aber ein behagliches Lachen vernahm Anna noch, welches die sich nach dem Stalle entfernenden schweren Tritte begleitete. In der Stalltüre blieb der Kärrner noch einmal stehen. Seine Blicke schweiften prüfend über den hoch gewölbten Wagen und blieben endlich auf dem Monde haften. Der alte Freund mit seinem bleichen Gesicht erschien ihm heute so zutraulich und zufrieden, wie noch nie in seinem Leben. Er betrachtete ihn lange; ob seine Gedanken sich in geordneter Reihenfolge aneinander schlössen, prägte sich in seinen Zügen nicht aus, aber sein Blut kreiste so ruhig, als ob sich bei jedem Pulsschlage etwas von dem Frieden, der in seinem Herzen wohnte, demselben mitgeteilt hätte. »'s wird sich machen,« murmelte er endlich vor sich hin, »Hechsel, auf Deinen Posten,« fügte er etwas lauter hinzu, und gleich darauf versank seine Hünengestalt in der Dunkelheit des Stalles. Hechsel riß die gußeiserne Doppelnase mit Gewalt von den gestreiften Magneten los und verfügte sich auf sein gewohntes Lager. Anna unterschied noch deutlich das knisternde Geräusch, welches der Hund im Heu erzeugte, indem er sich einige Male um sich selbst herumdrehte, bevor er sich in das durch diese Bewegung entstandene Nest niederlegte, dann aber senkte sich allmählig der Schlaf auf ihre Augen. Die Tanzmusik und das Jauchzen schallten wohl noch zu ihr herüber, aber es schlich sich in ihre Träume als das Klirren und Rasseln ein, mit welchem sie den befreundeten Frachtwagen auf der ebenen Straße einherrollen sah; auch das dumpfe Getöse, mit welchem die drei Holsteiner den Hafer zermalmten, erreichte ihr Ohr, aber in Form von liebreichen Worten, welche der Kärrner ihr in seiner biederen, treuherzigen Weise zuraunte. Zu drollig sah die alte, ehrliche Haut in ihrem wunderlichen Kopfputz aus, denn statt des steifen Tresorkastens und der blauen Nachtmütze, schmückte ein Kranz von den schönsten Feldblumen sein Haupt, während statt der bequasteten Pfeife eine riesenhafte Sonnenblume von seinem Mundwinkel niederhing, so daß Anna ihm in das Gesicht lachen mußte, gerade, als ob sie noch ein Kind von vier oder fünf Jahren gewesen wäre. Wie Anna aber von dem Kärrner träumte, so träumte der Kärrner wieder von ihr, nur dass sich ihr eine jugendkräftige Gestalt zugesellte, eine Gestalt, die dem alten Braun schon so namenlos viel Herzeleid bereitet hatte und dennoch mehr, als sein eigenes Leben bedeutete. Unruhig warf er sich auf seinem harten Lager hin und her. Die Pferde kauten ihren Hafer und bliesen schnaubend die unschmackhaften Strohteilchen zur Seite. Ein dummer Hahn, der sich unverantwortlich in der Zeit verrechnete, krähte; in Milliarden von Tautropfen spiegelte sich der höher steigende Mond. Im Tanzsaal hatte die tolle Laune ihren höchsten Grad erreicht; zwischen dem Stall und dem Frachtwagen vermittelten freundliche Traumgeister. Viertes Capitel. Frau Kathrin. In einer der abgelegensten Vorstädte der Residenz, wo man sich in einem Landflecken oder gar in einem Dorfe wähnen konnte, lag das kleine Gehöft des weit und breit bekannten Kärrners Braun. Dasselbe erhob sich auf einer durchaus glücklichen und vorteilhaften Stelle, indem sein nächster Nachbar links ein Hufschmied war, rechts dagegen ein Stellmacher seine Werkstatt aufgeschlagen hatte, während gegenüber Bäcker, Fleischer und Kaffeekrämer sich der schönsten Aussicht auf das Gehöft des Kärrners erfreuten. Es war dies freilich keine Aussicht, die sich mit einem Blicke auf das Rathaus und sonstige entsetzlich wichtige Baulichkeiten messen durfte, allein wer nur immer mit einem Kennerauge auf das kleine einstöckige Haus mit daran stoßender breiter Einfahrt, auf den geräumigen Hof, die Remise und den Pferdestall nebst Heuboden hinsah, der empfand stets eine gewisse innere Befriedigung über die musterhafte Ordnung, welche nach allen Richtungen hin auf dem ganzen Grundstück herrschte. Sauberkeit und Nettigkeit überall, von dem geweißten Schornstein bis herab in die gußeisernen Pferdekrippen, aus welchen Austern und Hummern zu essen, die verwöhntesten Exzellenzen und Geheime-Kommerzienräte sich nicht hätten zu scheuen brauchen. Und dabei waren denjenigen, welche den Kärrner Braun zu sprechen wünschten, das Auffinden seines Hauses so unendlich leicht gemacht; doch nicht, als ob hier die vergoldete Nummer den Ausschlag gegeben hätte, nein, keineswegs, denn Nummern trugen alle Häuser und die richtige konnte man vergessen haben, aber ein Schild prangte über der Haustüre, ein Schild, so groß und bezeichnend, daß ein neu angekaufter Holsteiner mittelst desselben ohne weitere Hülfe seinen Weg nach dem ihm bestimmten Stalle gefunden hätte. Auf dem Schilde sah man nämlich einen hellblauen, sehr künstlerisch gleichmäßig angestrichenen Himmel; vor dem Himmel schwebte in freier Luft ein schmaler Wiesenstreifen, der einen sehr großen, weiß verdeckten Frachtwagen trug. Gezogen wurde der Frachtwagen von nur zwei Pferden, indem die Fläche nicht ausgereicht hatte, auch noch das dritte auf derselben anzubringen; diese beiden waren aber dafür um so besser geschult, denn so gleichzeitig hoben sie die beiden rechten Vorderfüße empor, und so gleichzeitig stellten sie die beiden linken Hinterfüße nieder, dass der schwierigste Exerziermeister darüber hätte in Entzücken geraten können. Sogar der gemalte Kärrner mit dem blauen Hemde und der in wunderbaren Wellenlinien um sein Haupt fliegenden Riesenpeitsche hielt gleichen Tritt mit den Pferden, wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass in dem steifgliedrigen Gesellen nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit dem Kärrner Braun zu entdecken war, es sei denn, man hätte die Figur des Ersteren, dessen Hutrand mit der höchsten Spitze des Frachtwagens abschnitt, als eine schwache Anspielung auf den mächtigen Gliederbau des letzteren betrachtet. Die Haustür unter dem Schilde berührte beim Öffnen mit einem eisernen Stift eine leicht federnde Klingel, so dass jeder Eintretende, gleichviel weß' Ranges und Standes, sich auf das Geräuschvollste anmeldete. Hinter der Haustür lag eine geräumige Flur, auf welche drei andere Türen mündeten. Die eine führte geradeaus durch eine saubere Küche auf den Hof; die zweite öffnete nach links in ein wohl eingerichtetes, jedoch unbewohntes Gemach, und die dritte führte rechts in das Wohnzimmer des Kärrnerehepaars, an welches sich nach hinten heraus noch eine umfangreiche Schlafstube mit Alkoven anschloß. Einfach war das Wohnzimmer eingerichtet, einfach und dabei doch behaglich, wie es anspruchslosen, rechtschaffenen Bürgersleuten geziemt. Alles trug den Stempel der Gediegenheit und fast peinlicher Sauberkeit: der schwere, eichene Tisch wie die braunen Holzstühle, das altmodische Kleiderspinde wie die feste, birkene Kommode. Sogar der ledergepolsterte Lehnstuhl und das ähnlich gepolsterte Sofa schienen für die Ewigkeit berechnet zu sein, während die weiße Stubendecke und der weiß gescheuerte, mit weißem Sande bestreute Fußboden wieder freundlich für eine gewisse Neuerungssucht sprachen. Ein einfacher Goldrahmspiegel und mehrere wohlerhaltene, sonst aber ziemlich wertlose Lithographien schmückten die grau tapezierten Wände; blau und weiß gestreifte Gardinen hingen an den beiden Fenstern. Rechnet man hierzu noch einen zierlichen polierten Nähtisch, einen Thermometer, einen Wetter prophezeienden Laubfrosch in einem langen Bierglase, und endlich noch einen schwarzen Korbstuhl, so hat man die ganze Einrichtung des Gemaches, in welchem der Kärrner und seine Gattin nunmehr schon über fünfundzwanzig Jahre in nie gestörter Eintracht gehaust hatten. Frau Kathrin war eben aus der Küche gekommen, wo unter der Aufsicht einer Magd das Mittagsmahl für Menschen und Tiere auf dem Feuerherde langsam brodelte; um die Zeit nicht unbenutzt verstreichen zu lassen, hatte sie zu ihrem Strickzeug gegriffen und an dem einen Fenster vor dem Nähtischchen Platz genommen. Sie saß da, wie sie schon hundert und tausend Mal auf derselben Stelle gesessen haben mochte, nur mit dem Unterschiede, daß in früheren Jahren vielleicht Heiterkeit und Frohsinn auf den mäßig hübschen Zügen thronten, über welche die Zeit verwitternd, oder vielmehr versteinernd hingezogen war. Ja, versteinernd, denn das hagere, gerunzelte Antlitz mit den schmalen Lippen, den eingefallenen Wangen, der vorspringenden, scharfen Nase und der Einfassung von wohlgeordnetem, grauem Haar, schien in seinem ganzen Leben kein Lächeln kennen gelernt, kein freundliches Wort an andere Menschen gespendet zu haben. Es rief in seiner kalten Regungslosigkeit sogar den Eindruck hervor, als ob freundliche Worte von ihm hätten abprallen müssen, wie der Strahl einer klar sprudelnden Quelle von dem in ihr Bett hineingerollten Granitblock. Erst achtundvierzig Jahre waren über Frau Kathrins Haupt dahingegangen, allein die Spuren der entschwundenen Zeiten hätten nicht tiefer in ihrem Äußeren ausgeprägt sein können, wenn sie der Jahre noch fünfzehn bis zwanzig mehr gezählt hätte. War aber durch Kummer und Gram das Verblühen beschleunigt und dem Altern Vorschub geleistet worden, so deutete nicht die leiseste Miene auf derartige traurige Erfahrungen hin. Sie war stark genug gewesen, alles, was sie litt, in ihrer Brust zu verschließen, störrisch jeden zurückzuweisen, der sich ihr tröstend zu nahen, oder auch nur leicht die wunden Stellen ihres Herzens anzurühren wagte. Es gereichte ihr gewissermaßen zur Genugtuung, dass man sie ihrer Unzugänglichkeit wegen mied, fast fürchtete. Der spöttische Blick ihrer großen blauen Augen aber, welcher denjenigen traf, der gezwungen war, vorübergehend mit ihr zu verkehren, eignete sich am wenigsten, diese Scheu zu vermindern. Sogar in ihrer Haltung sprach sich die starre Sinnesart aus; eine Statue hätte nicht aufrechter dasitzen können, als diese hagere, von einem dunkeln Kleide umhüllte Gestalt. Den Kopf neigte sie leicht nach vorn, und leise knisternd, gleichsam mechanisch, rührten die kundigen Finger die Nadeln ihres blauen Strickzeugs. Etwa eine Viertelstunde war verronnen und nur einmal, als eine laut schnatternde und kreischende Heerde Gänse vorbeigetrieben wurde, hatte Frau Kathrin einen feindseligen Blick durch's Fenster auf die Straße geworfen. Da ertönte die Klingel auf der Hausflur; ein Zug von Unwillen glitt über das ernste Antlitz und die Stricknadeln arbeiteten, als hätten sie durch die fortgesetzte Reibung in Rotglut versetzt werden sollen. Gleich darauf klopfte es an die Stubentür; ein kaltes »Herein« entwand sich den zusammengepreßten Lippen und unter den gesenkten Lidern hervor stahl sich ein flüchtiger Blick auf den Eintretenden. »Besten guten Tag, meine liebe Madam Braun!« hieß es im verbindlichsten Tone, und ein älterer Herr, der sich sowohl durch seinen Anzug, wie durch sein Wesen als ein Mitglied der feinsten Gesellschaft auswies, schritt auf die Kärrnerfrau zu. Diese neigte zum Gegengruß, ohne aufzuschauen, leicht das Haupt, dann strickte sie weiter, als ob sie, außer einigen Fliegen und dem auf seinem Leiterchen hoch oben gutes Wetter prophezeienden Laubfrosch, das einzige lebende Wesen in dem Gemach gewesen wäre. Der Ankömmling, der in seinem glattrasierten Gesicht und in den scharfen, dunkelbraunen Augen denselben Ausdruck zeigte, welchen er in seinem Bureau beim Durchblättern der Akten zur Schau tragen mochte, schien mit dieser Art von Empfang vertraut zu sein; denn anstatt Mißvergnügen zu verraten, schob er einen Stuhl in die Nähe des Fensters, auf welchen er sich gelassen niedersetzte. »Sie erlauben, meine liebe Madam Braun,« bemerkte er dabei ruhig, wie jemand, der sich vollkommen zu Hause fühlt. »Mein Mann befindet sich auf der Reise,« versetzte die Angeredete kurz, und die Stricknadeln kämpften mit so blinder Wut, dass eine Masche fiel, welche indessen alsbald wieder mit großer Gewandtheit aufgenommen wurde. »Es tut mir zwar leid, Ihren braven Mann nicht persönlich begrüßen zu können«, erwiderte der Herr, einen prüfenden Blick durch das Gemach sendend, »doch Sie wissen ja, meine liebe Madam Braun, die Geschäfte, welche mich hierherführen, sind der Art, daß die Gegenwart Ihres Mannes nicht gerade unumgänglich notwendig ist.« »Weder die Gegenwart meines Mannes, noch die meinige«, bemerkte Frau Kathrin mit unerschütterlicher, beleidigender Ruhe; »tun Sie, als ob ich ebenfalls nicht zu Hause wäre – ich werde ein gleiches Verfahren mit Ihnen beobachten.« »Recht gern würde ich Ihrem deutlich ausgesprochenen Willen gemäß handeln, meine liebe Madam Braun,« entgegnete der Herr mit einem verbindlichen Lächeln, von welchem es schwer zu unterscheiden, ob es mehr eine Folge des über das seltsame Benehmen der Kärrnerfrau empfundenen Ergötzens, oder einer heimlichen Schadenfreude, »ja, recht gern,« wiederholte er bedächtig, »allein ich muß Sie leider darauf aufmerksam machen, daß ich mich amtlich hierher verfügte und daher gezwungen bin, einige Fragen an Sie zu richten.« »Amtlich,« spöttelte Frau Kathrin, indem sie ihre großen blauen Augen mit eisiger Kälte flüchtig auf ihren Besuch richtete, »ich möchte wissen, was die sich regelmäßig wiederholenden Belästigungen mit Ihrem Amte gemein haben.« »Wenn meine Freunde mir Aufträge ertheilen und ich sie ausführe, befinde ich mich im Amte, und da ich mich im Auftrage des Herrn –« »Sprechen Sie den Namen nicht aus, Herr Alvens,« fuhr Frau Kathrin hastig empor, und das Beben ihrer farblosen Lippen zeugte von ihrer inneren tiefen Bewegung, »tun Sie, was Sie glauben, das Ihres Amtes sei, aber lassen Sie mich den Namen nicht hören! Schauen Sie sich um, prüfen Sie alles, ich für meine Person dagegen will unbehelligt bleiben, und wenn ich Ihnen nicht die Tür weise, Ihnen verbiete, jemals die Schwelle dieses Hauses wieder zu betreten, so verdanken Sie das nur dem Umstände, dass es mir als das Aufgeben einer letzten Hoffnung erschiene.« Dann neigte sie wieder das Haupt, und wie die Rapierklingen geübter Fechter, trafen die dicken Stricknadeln aufeinander. »Und dennoch möchte ich seinen Besuchen ein Ziel setzen, denn alles Warten und Hoffen ist vergeblich«, lispelten die schmalen, blassen Lippen dem eigenen erregten Herzen zu, und eine längere Pause tiefen Schweigens folgte. Alvens saß in ungezwungener, vornehmer Haltung da; auf seinem zwar nicht unschönen, jedoch nichts weniger als einnehmenden Gesicht spielte ein eigentümliches Lächeln der Überlegenheit; dagegen ruhte in seinen dunkeln, stechenden Augen, die unausgesetzt das scharfe Profil seiner Gegnerin beobachteten, ein lauernder Ausdruck, der sich indessen, so oft die Kärrnerfrau Miene machte, ihre Blicke zu ihm zu erheben, jedesmal gerade in das Gegenteil verwandelte. »In Ihrer Lebensweise hat sich seit meinem letzten Hiersein nichts geändert?« fragte er endlich im Geschäftston, jedoch nicht unfreundlich. Eine Masche des Riesenstrumpfes fiel, und erst nachdem diese sehr kaltblütig aufgenommen worden war, blickte Frau Kathrin mit erheuchelter Neugierde durchs Fenster auf die Straße hinaus, wobei sie ausdrucklos bemerkte: »Wenn sich in den letzten drei Monaten nichts geändert hat, so werden Sie nach Ablauf der nächsten drei Monate alles um so veränderter finden. Geschieht das nicht, so trifft Sie oder Ihre Auftraggeber am allerwenigsten deshalb ein Vorwurf. Wir sind freie, unabhängige Leute; wir besitzen unser Geschäft und etwas Vermögen, und halten wir es für angemessen, auf dieser Stelle ein herrschaftliches Haus zu bauen und statt der Ackergäule schöne Kutschpferde anzuschaffen, so kümmert das weder Sie, noch irgendeine andere Menschenseele.« Alvens zuckte geringschätzig die Achseln. Das spöttische, ungläubige Lächeln trat deutlicher auf seinen Zügen hervor. »Bedenken Sie aber auch die Folgen, wenn Sie plötzlich Ihren Stand änderten und aus ihren einfachen Verhältnissen herausträten?« fragte er, jedes einzelne Wort besonders betonend. Frau Kathrin wendete sich mit einer heftigen Bewegung halb auf ihrem Stuhle um. »Herr Alvens!« rief sie aus, und ihre großen blauen Augen sprühten, »wenn ich Ihnen nicht jetzt gleich die Thüre weise, so verdanken Sie das allein den Rücksichten, welche ich meinem Manne schulde. Spioniren Sie so viel herum, wie Sie wollen, an mich aber richten Sie keine Ihrer beißenden Bemerkungen mehr, denn ich bin fest entschlossen, Ihre Fragen und Drohungen fortan unbeachtet zu lassen!« Das bleiche Antlitz neigte sich wieder, die Stricknadeln erneuerten grimmiger und giftiger ihren Kampf; der Rechtsanwalt dagegen, das Vergebliche seiner ferneren Bemühungen, eine friedliche Unterhaltung herbeizuführen, einsehend, hatte sich erhoben und schickte sich an, Abschied zu nehmen. »So will ich Sie nicht weiter belästigen,« begann er, indem er zuerst die wohlgepflegten Nägel an seinen Fingern andächtig prüfte und demnächst gleichgültig ein Staubfäserchen von seinem Rockärmel entfernte; »den Zweck meines Besuches betrachte ich als erfüllt: Alles ist noch beim Alten; den freundlichst angedeuteten Veränderungen aber kann ich nicht früher meine Aufmerksamkeit zuwenden, als bis Sie wirklich in's Leben getreten sind. Gehaben Sie sich daher wohl, meine liebe Madam Braun, grüßen Sie Ihren Gatten von mir, und auf Wiedersehen nach drei Monaten.« »Glückliche Reise,« tönte es unter dem gesenkten Haupte so gehässig hervor, als hätten die wildesten Schmähungen nachfolgen sollen, und Frau Kathrin befand sich wieder allein. Die Stricknadeln knisterten, der blaue Strumpf tanzte; lüstern schielte der grüne Wetterprophet auf seinem Leiterchen nach einer ihn tollkühn umschwärmenden Fliege; mitleidig schauten die lithographirten Gesichter aus ihren Rahmen zu der hageren, fast regungslosen Gestalt hinüber. Die bleiche Hausfrau aber, als sie an dem Schatten erkannte, daß der Rechtsanwalt auf der Straße dicht an ihrem Fenster vorüberschritt, seufzte tief auf, als sei mit ihm eine Unheil drohende Gewitterwolke an ihrem Gehöft vorbeigezogen. »Die sollen seine Füße schon warm halten«, flüsterte sie nach einer längeren Pause, während die beweglichen Finger den angefangenen Strumpf ausreckten und die schwermüthigen Augen die Weite desselben maßen, »und alt genug ist er, und hart genug gearbeitet hat er auch in seinem Leben, um allmälig Rheumatismus kennen zu lernen – mögen seine letzten Tage ihm leicht werden, der guten, treuen Seele.« Wiederum seufzte sie; es klang, wie der letzte Athem eines Sterbenden. Dann aber erhielt das bleiche Antlitz einen so menschenfeindlichen Ausdruck, daß man hätte meinen mögen, die kämpfenden Stricknadeln seien vergiftete Pfeile gewesen, welche sich bei jeder neuen Masche tief in ein wundes, ohnmächtig zuckendes Herz bohrten. – Herr Alvens verfolgte unterdessen mit schnellen Schritten seinen Weg heimwärts. »Oh, wenn sie nur Ernst machen wollten mit ihrem Bauen und den Kutschpferden,« murmelte er mißmuthig vor sich hin, »zu Credit wollten wir ihnen schon verhelfen, wenn auch auf Umwegen, aber sie sind zu verstockt. Auf eigenen Antrieb thun sie es nie, es müßten denn der Trotz und der Eigensinn der alten Person als Hebel benutzt werden.« Sein Gesicht legte sich in strenge Falten; ernste Gedanken schienen seinen Geist zu beschäftigen. Es waren offenbar Verhältnisse der wichtigsten Art, welche seinen sich vierteljährlich immer wieder erneuernden Verkehr mit dem Kärrner bedingten. – Mittag war längst vorüber und Frau Kathrin saß wieder an ihrem Fenster, ihre Aufmerksamkeit allein dem wachsenden Riesenstrumpf zugewendet, als plötzlich von der Straße her der dreimal wiederholte Doppelknall einer Peitsche zu ihr drang. Alsbald schob sie das zu dem Strumpf gehörende Knäuel unter den linken Arm, und unausgesetzt strickend und ohne vorher einen Blick durch's Fenster geworfen zu haben, begab sie sich nach der Küche. Hier ertheilte sie der Magd einige Befehle, unter welchen vorzugsweise die Worte »Kaffeewasser« und »schnell« sehr vernehmlich hervortönten, und als die drei Holsteiner mit ihrer Last schnaubend und ihre Geschirre schüttelnd vor der Hofeinfahrt anhielten, saß sie bereits wieder auf ihrer gewohnten Stelle vor dem Nähtisch. Trotzdem die aus allen Richtungen herbeieilenden Nachbarknaben dem gutmüthigen Kärrner beim Ausspannen der Pferde behülflich waren, und selbst im Stalle noch gefällige und nicht ganz unkundige Hände ihm zu Diensten standen, dauerte es doch eine Viertelstunde, bevor er seine breite Figur durch die leise geöffnete Thüre in das Wohnzimmer schob und geradewegs auf seine ämsig strickende Frau zuschritt. »Da wären wir successive wieder eingetroffen,« sagte er heiter, indem er seine geöffnete Faust auf den Nähtisch hielt, in welche Frau Kathrin sogleich ihre Hand legte. »Alles gut abgelaufen?« fragten die schmalen, bleichen Lippen, während die blauen Augen einige Sekunden prüfend auf dem rothen, wetterzerrissenen Gesicht ruhten. »Alles gut und munter,« lautete die pünktlich ertheilte Antwort. Die wieder leer gewordene Faust zog sich von dem Nähtisch zurück, und nach einer tiefen Verbeugung seines Eigenthümers stand der steife, glanzlederne Tresorkasten an deren Stelle. »Alles gut abgewickelt,« fuhr der ehrliche Kärrner darauf fort, und vor lauter Selbstbewußtsein schloß er das rechte Auge, senkte er den linken Mundwinkel und zerrte er unbarmherzig an den beiden rothen Bürsten, »der Wagen bleibt übrigens hier stehen, bis ich weiß, wohin die Herren Empfänger ihre Kollers« – Collis wolle er sagen – »gebracht haben wollen. Sonst nichts Neues?« »Alvens war hier.« »Hol' ihn der Teufel!« fuhr der Kärrner zornig auf und zugleich warf er einen verstohlenen Seitenblick auf die Straße, wo seine junge Begleiterin, der Verabredung gemäß, hinter dem Frachtwagen stehen geblieben war, »also Alvens; hm, hm, habe ich doch unterwegs an ihn gedacht und sogar von ihm gesprochen; was führte ihn denn schon wieder hierher?« »Die alte Geschichte, das Vierteljahr war abgelaufen,« versetzte Frau Kathrin, indem sie ihren Gatten forschend, fast mißtrauisch betrachtete. »Also die alte Geschichte,« bemerkte er plötzlich stehen bleibend, »weißt Du wohl, daß mir dies Spioniren, mag es nun gut oder schlecht gemeint sein, successive recht lästig wird?« »Ist mir schon lange lästig gewesen,« schienen die fünf Stricknadeln zu zischen, denn für eine menschliche Stimme klangen die scharf ausgestoßenen Worte beinahe zu feindselig. »Ja, wenn's noch so wäre, wie früher,« stöhnte der Kärrner, und sein Gesicht lief, in Folge der Bemühung, seine innere Erregung niederzukämpfen, dunkelbraun an. »Still, Christian, still,« tröstete die Kärrnerfrau schnell, »was nicht zu ändern ist, ist nicht zu ändern; betrachte einmal diese Wolle und sage, wie sie Dir gefällt.« Dumpf und barsch klang die Stimme, allein in ihrem Tone mußte etwas verborgen sein, was einen eigenthümlichen Zauber auf den Kärrner ausübte, denn sein Gesicht nahm seine natürliche Farbe an und legte sich in begutachtende Falten, während er die Weite des Strumpfrandes sorgfältig prüfte. »Gut, sehr gut, liebe Kathrin,« murmelte er dann wohlgefällig, und wiederum schielte er nach dem Wagen hinüber; »'s geht nichts über warme Füße – ja – hm – ich meine so successive –« »Was ist Dir?« fragte Frau Kathrin befremdet, denn sie fühlte heraus, daß irgend ein Umstand mißlicher Art sein Gemüth beschwerte; »die Pferde sind doch gesund?« »Vollkommen gesund; aber hast recht, 's ist mir was in die Quere gekommen, wodurch ich sehr zweifelhaft geworden bin.« »Und das wäre?« hieß es weiter, und wenn die Stricknadeln, anstatt des kalten, theilnahmlosen Antlitzes, durch ihre Bewegung verriethen, was die Kärrnerfrau bei dieser gleichgültig klingenden Frage empfand, dann hätte man das wiederholte Fehlstechen nach den Maschen mit einem Ausdruck der Besorgniß vergleichen mögen. »Nun Kathrin, das Ganze ist ein junges Mädchen, welches sich mir unterwegs zugesellte und mich bis hierher begleitete.« »So?« »Ja, liebe Kathrin, ein armes, aber sehr ordentliches Kind. Konnte ihm meinen Schutz nicht gut abschlagen, um so mehr, als es hier fremd ist – will ihm aber gleich den Weg in die Stadt beschreiben –« und sich umkehrend schritt er zögernd der Thüre zu. »Wird wohl ein echter Strolch sein,« rief Frau Kathrin ihrem Gatten spöttisch nach, »aber gleichviel, nachdem Du ihn bis hierher mitgeschleppt hast, würde es merkwürdig aussehen, wolltest Du ihn weiterschicken, ohne ihm eine Stunde Rast gegönnt und etwas Erfrischung gereicht zu haben; nöthig haben wir es freilich nicht, und weggeworfen ist Deine Freundlichkeit unstreitig – aber auch den ersten Besten auf offener Landstraße aufzulesen!« Die Stricknadeln hatten ihre Ruhe und Sicherheit zurückgewonnen, und so leise und vorsichtig arbeiteten die dürren Finger, als wären sie, nach einer ergreifenden Predigt über den barmherzigen Samariter, über die Tasten einer Kirchenorgel hingeglitten. »Also Du meinst, ich soll die junge Fremde hereinnöthigen?« fragte Braun, den Thürdrücker in der Hand. »Wie willst Du's anders machen? Sollen wir etwa den Leuten Gelegenheit geben, uns zu bereden?« Die Thür schloß sich hinter dem schnell Davoneilenden; gleich darauf öffnete sich vor ihm die Hausthür, und auf die Straße hinaustretend blickte er nach der Richtung hinüber, in welcher er seine junge Reisebegleiterin ängstlich harrend zurückgelassen hatte. Diese war auf das zu ihr dringende Geräusch schüchtern hinter dem Frachtwagen hervorgekommen; sobald sie aber einen vollen Abblick des rothen Gesichtes ihres Freundes gewann, der ihr mit wunderlich triumphirendem Ausdruck zunickte, fühlte sie sich merkwürdig erleichtert, und wenn auch klopfenden Herzens, folgte sie ihm doch mit wachsender Zuversicht nach, als er ihr in das Haus hinein voranschritt und sie demnächst seiner Frau vorstellte. »Hier, Kathrin, ist die junge Wandrerin, mit der ich unterwegs Bekanntschaft geschlossen habe,« sagte er mit erzwungener Gleichgültigkeit, worauf er sich nach seinem Lehnstuhl hinbegab, um von diesem Hinterhalte aus den weiteren Verlauf der Sache zu beobachten. Obwohl Anna auf die Zusammenkunft vorbereitet war, befiel sie ein leises Zittern, als sie sich der seltsamen Frau gegenüber befand, die, anstatt ein Wort des Willkommens an sie zu richten, ihre schwermüthigen Augen durchdringend auf sie heftete und sie mehrere Male vom Kopf bis zu den Füßen kalt und prüfend betrachtete. Den ernsten, forschenden Blick hielt Anna mit genauer Noth aus; allein die Anrede, welche sie gemeinschaftlich mit dem Kärrner entworfen und auswendig gelernt hatte und die ganz darauf berechnet war, ihr Frau Kathrins Herz sogleich zu öffnen, war plötzlich vergessen. Es beschlich sie das Gefühl, daß sie im Begriff stehe, nach einem vorher verabredeten Plane zu handeln und sich dadurch gleichsam einer Täuschung schuldig zu machen. Dies Gefühl aber trieb ihr das heftig erregte Blut mit Gewalt in die zarten Wangen, und trotz des merkwürdigen Hustenanfalls, durch welchen der Kärrner ihr Gedächtniß aufzufrischen hoffte, standen ihr nur Thränen zu Gebote, die ihr unaufhaltsam in die flehentlich emporschauenden Augen drangen. Frau Kathrins Gesicht dagegen schien sich bei dem Anblick des zagenden Mädchens noch mehr zu verhärten; wie sich weidend an der Verwirrung eines geängstigten Gemüthes, erweiterten sich ihre Augen, während ein spöttischer Zug um ihre zusammengepreßten Lippen zuckte. »Man ist wohl sehr weich gestimmt,« lispelte sie endlich ausdruckslos, so daß der ehrliche Braun, welchem die Scene peinlich wurde, vor Verlegenheit mit seiner klobigen Faust bald die rechte, bald die linke rothe Haarbürste aus ihren Grundfesten zu reißen suchte. »Verzeihen Sie,« stotterte Anna, fast überwältigt von ihrer Enttäuschung und Beschämung, »verzeihen Sie – es lag nicht in meiner Absicht, mich einzudrängen – ich will wieder gehen – gewiß finde ich Jemand, der gütig genug ist, mir den Weg zu zeigen –« »Und wohin, wenn man das Fräulein fragen darf?« tönte es scharf zurück. Der Kärrner hustete und räusperte sich, und es bedurfte in der That dieser versteckten Ermuthigung, um das Gefühl gänzlicher Vereinsamung zu mildern, welches das junge Mädchen einer schrecklichen Verzweiflung entgegen zu führen drohte. »Zu Herrn Alvens bin ich gewiesen worden,« antwortete die Gefragte zögernd und schüchtern. »Zu Herrn Alvens?« fragte Frau Kathrin heftig und mit höhnischem Lachen; dann aber warf sie einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Gatten, als ob sie in ihm den Uebelthäter vermuthet hätte, welcher die junge Fremde an den ihr so verhaßten Rechtsanwalt gewiesen. »Zu Herrn Alvens?« wiederholte sie darauf noch feindseliger, zu Anna gewendet, »und was sucht man bei dem Herrn Alvens, wenn ich so frei sein darf, die Frage an das Fräulein zu richten?« »Ich glaube, freundlichen Rath von ihm erwarten zu dürfen,« entgegnete Anna, unter den eisigen Blicken der Kärrnerfrau zusammenschauernd, »ich kenne ihn zwar noch nicht,« fügte sie entschuldigend hinzu »allein derjenige, der mir rieth, zu ihm zu gehen –« »Wie hängt das zusammen?« wendete Frau Kathrin sich an ihren Gatten, denn sie war nunmehr fest überzeugt, daß die junge Fremde allein durch ihn Kenntniß von dem Namen des Rechtsanwalts erhalten haben könne. »Sie hat einen Brief von ihrer verstorbenen Mutter,« erklärte Braun bereitwillig, und der linke Mundwinkel sank sehr überlegend um etwa einen halben Zoll tiefer herab, »und dieser Brief ist successive an den Herrn Alvens geschrieben worden.« Frau Kathrin blickte sinnend auf den Riesenstrumpf nieder; die Stricknadeln rüsteten sich zum Kampfe, doch bevor derselbe zum Ausbruch gelangte, kehrte sie sich ihrem Ehegemahl wieder zu. »Was ist Deine Ansicht in dieser Sache, ich meine mit Rücksicht auf den Rechtsanwalt?« fragte sie eintönig. »Nun, Kathrin, da brauche ich mich nicht lange zu bedenken,« antwortete der Kärrner, während aus dem einen geöffneten guten, grauen Auge ein unverkennbarer Triumph hervorleuchtete, »ich glaube nämlich, daß wir successive ganz dasselbe können, was der Herr Alvens kann.« »Gewiß können wir das,« bekräftigte Frau Kathrin, indem die Stricknadeln so sicher und entschieden durch die Maschen fuhren, als seien es lauter Tonnreifen gewesen, »setzen Sie sich!« herrschte sie dann dem gespannt lauschenden jungen Mädchen zu, was auf einen verstohlenen Wink des Kärrners sogleich befolgt wurde, »setzen Sie sich und entscheiden Sie, ob Sie vorläufig hier bleiben wollen, oder die Gesellschaft des hochgeehrten, vornehmen Herrn Alvens vorziehen?« Anna blickte seitwärts auf den Kärrner, der mit Auge und Mundwinkel zustimmend nickte, und antwortete stotternd: »Wenn ich wüßte, Frau Braun, daß ich nicht hinderte, im Gegentheil, Gelegenheit fände, mich nützlich zu machen, dann möchte ich wohl lieber – vielleicht einen oder zwei Tage – um –« »Das »wie lange« wird sich finden,« schienen die gesenkten Augen aus den Maschen des Strumpfes herauszulesen, »und nützlich machen? O, ich gebrauche Niemand, der sich nützlich macht – was könnte eine so feine Dame gelernt haben?« »Pianum, Kathrin, Pianum fortum,« antwortete der Kärrner an Anna's Stelle. Frau Kathrin warf wieder einen fragenden Blick auf Anna, die, aufs neue gegen Thränen kämpfend, nur beipflichtend das Haupt zu neigen wagte. In diesem Augenblick brachte die Magd den Kaffee herein und gleich nach diesem eine Auswahl kräftiger Speisen, die offenbar von der sorglichen Hausfrau für die Rückkehr ihres Gatten besonders angerichtet und aufbewahrt worden waren. Frau Kathrin wollte noch eine halbe Nadel abstricken und dann mit dem Ordnen der Tassen und dem Vorlegen beginnen, als sie gewahrte, daß Anna sich bereits erhoben und mit der Gewandtheit und Geräuschlosigkeit einer Fee in die Obliegenheiten der Hausfrau eingegriffen hatte. Entsetzt über solche Kühnheit legte sie die Hände sammt Strickzeug in den Schooß; sie schien ihren Augen nicht zu trauen, und erst als Braun sie durch ein bezeichnendes Achselzucken belehrte, daß er weder mittelbar noch unmittelbar Veranlassung zu dem unerhörten Benehmen der Fremden gegeben, gewann sie ihre Fassung so weit zurück, daß sie Anna genauer zu beobachten vermochte. Ihr hageres Antlitz behielt allerdings seinen kalten, menschenfeindlichen Ausdruck; indem sie aber mit wachsendem Erstaunen entdeckte, daß die kleinen zierlichen Hände die irdenen Tassen und Teller unhörbar und ohne auch nur ein einziges Mal anzustoßen hierhin und dorthin stellten, belebten sich die blauen, unheimlich kalten Augen in einer Weise, als ob sie, von Wohlgefallen erfüllt, gar nicht zu dem übrigen Gesicht gehört hätten. Was aber aus ihren Blicken kaum bemerkbar hervorlugte, das stand strahlend geschrieben auf dem breiten, glühendrothen Antlitz des Kärrners, äußerte sich in dem lustigen Zwinkern seiner Augen, in dem krampfhaften Ziehen der Mundwinkel und in der fürchterlichen Grausamkeit, mit welcher die schwielige Faust die feuerfarbigen Bürsten marterte. Geräthe und Speisen standen wohlgeordnet da, und ängstlich sah Anna auf die Kärrnerfrau, die plötzlich wieder ämsig strickte, als hätte ihr Geist seit der letzten halben Stunde in fernen, unbekannten Regionen geweilt. »Kathrin, 's ist Alles bereit, und ich verspüre successive einigen Appetit,« bemerkte Braun gutmüthig, und zugleich rückte er mit seinem Lehnstuhl dicht an den Tisch heran. Frau Kathrin legte das Stickzeug zur Seite und nahm ihrem Eheherrn gegenüber Platz, durch kurzes Nicken Anna einladend, sich ebenfalls zu setzen. Ihre Blicke flogen dabei prüfend über den Tisch, allein nirgend entdeckte sie etwas zu tadeln oder nachzuordnen, was nicht minder günstig, als alles Vorhergegangene, auf ihre Stimmung wirkte. Einsilbig bewegte sich anfangs die Unterhaltung zwischen den beiden Ehegatten, bis der Kärrner endlich durch einzelne, mit rührender List gestellte Bemerkungen Frau Kathrin veranlaßte, sich genauer nach Anna's Vergangenheit und gegenwärtiger Lage zu erkundigen, in Folge dessen er Letztere bat, ihre Geschichte noch einmal zu erzählen. Anna ging bereitwillig darauf ein, und bald vertiefte sie sich so sehr in die Schilderung ihrer Erlebnisse, daß sie ihre Scheu mehr und mehr schwinden fühlte und aus ihren Worten dieselbe innige Wärme hervorklang, welche am vorhergehenden Abend den Kärrner während der Fahrt durch den Wald in so hohem Grad entzückte. Frau Kathrin hatte wieder das Strickzeug zur Hand genommen und schaute unveränderlich auf den wachsenden Riesenstrumpf nieder. Man hätte bezweifeln mögen, daß sie die mit lieblicher Einfachheit vorgetragene Erzählung ihres Gastes hörte, und dennoch entging ihr nicht das leiseste Wort. Die Zeit verrann; des alten Brauns Pfeife war ausgebrannt. Er begab sich nach dem Pferdestall, um nach seinen Holsteinern zu sehen, und als er zurückkehrte, erzählte Anna noch immer mit derselben Lebhaftigkeit, und lauschte Frau Kathrin mit derselben, hinter einer theilnahmlosen Haltung versteckten Spannung. Erst lange nachher, als Anna unter dem Eindruck der wachgerufenen Erinnerungen mit dem wehmüthigen: »und so bin ich in dieses Haus und an Ihren Tisch gekommen,« schloß, schien die Kärrnerfrau von neuem Leben durchströmt zu werden. Das Strickzeug hastig, wie um die verlorene Zeit einzubringen, fortlegend, war sie im Begriff, den Tisch abzuräumen, als Anna ihr wieder zuvorkam. Sie stutzte; dann aber ihre Blicke fest auf das erschreckt zusammenfahrende Mädchen heftend, bemerkte sie unfreundlich: »Ich bin nicht gewohnt, mich bedienen zu lassen,« und zugleich begann sie mit den nächsten Tellern eifrig zu klappern. Anna ließ die Hände sinken; bis ins Herz hinein schmerzlich getroffen sah sie zu Frau Kathrin empor, unfähig die Thränen zurückzuhalten, welche ihr langsam über die Wangen rollten. Braun räusperte sich verlegen; er glaubte ersticken zu müssen vor Weh über die Behandlung, welche sein Schützling erfuhr, vor Weh, daß seine alte Kathrin sich mit Gewalt bestrebte, so recht herzlos zu erscheinen. Gleich darauf aber blies er den Tabacksdampf wieder freier und freudiger von sich; denn er bemerkte, daß seine Frau, nach einem flüchtigen Blick auf das bestürzte Mädchen, sich niedersetzte und schnell nach dem Riesenstrumpf langte. »Tragen Sie Alles hinaus, wenn es Ihnen nicht zu schwer wird,« sprach sie eintönig, und dann wurde es still in dem Zimmer, daß man hätte ein Blatt können fallen hören. Nur die Stricknadeln kämpften leise, leise wand sich auch der Tabacksdampf aus den behaglich gesenkten Mundwinkeln empor, und leise knisterte der Sand unter Anna's kleinen Füßen, indem sie mit den Tassen und den Tellern durch die Thür verschwand. »Was meinst Du?« fragte Frau Kathrin, sobald sie sich mit ihrem Gatten allein sah. »Hm, ich meine, daß wir successive dasselbe können, was Herr Alvens zu leisten im Stande ist.« »Mehr als das können wir,« lispelten die bleichen Lippen, und über das hagere Antlitz flog ein röthlicher Schimmer; »der Alvens kann ihr wohl ein Unterkommen gewähren, aber keine Heimat. Wir dagegen vermögen ihr eine Heimat zu bieten, und das wollen wir thun, wenn auch nur der Leute wegen und dem verabscheuungswürdigen Advokaten zum Trotz.« Frau Kathrin hatte kaum ausgesprochen, da reichte der Kärrner seine Riesenhand hinüber, in welche sie sogleich die ihrige legte. »Wie Du's einrichtest, ist's immer am besten,« sprach die Hünengestalt mit dem Kinderherzen. Frau Kathrin seufzte; die Hände schlossen sich zum innigen Druck in einander, und als Anna wieder eintrat, da kämpften die Stricknadeln wieder wüthend unter den feindselig gesenkten Blicken der Kärrnerfrau, während ihr Gatte mit dem vierten Finger der rechten Hand sehr bedächtig die Asche in seiner Pfeife niederdrückte. »Nur der Leute wegen und dem Advokaten zum Trotz,« sagte Frau Kathrin, und Braun nickte beifällig, als ob ihm dieser Ausspruch eine recht große Freude bereitet habe; denn der linke Mundwinkel, von welchem die Pfeife mit dem braunen, silberbeschlagenen Maserkopf schwer niederhing, kam gar nicht mehr aus seiner schiefen Stellung heraus, die derben Finger pflügten behutsam in dem rothen Bürstenkragen, als hätte derselbe aus den feinsten chinesischen Seidenfäden bestanden, und dazu erzählte und plauderte er behaglich von seiner Fahrt, von den drei Holsteinern und dem getreuen Hechsel, der auch jetzt noch nicht von seinem Posten unterhalb des beladenen Frachtwagens wich, daß Anna ihm noch lange hätte zuhören können, ohne zu ermüden oder Langeweile zu empfinden. »Nur der Leute wegen und dem Advokaten zum Trotz,« fügte Frau Kathrin abermals recht geschäftsmäßig hinzu, als sie bei Prüfung des Inhaltes von Anna's Reisetasche erklärte, daß ein junges Mädchen ganz anders eingerichtet sein müsse, wenn es länger unter ihrem Dache zu weilen gedenke, daß sie zeigen wolle, was der Anstand selbst bei den einfachsten Bürgersleuten bedinge, und daß es ihr, um das Ansehen ihres Hauses zu bewahren und den Leuten keine Gelegenheit zu üblen Stichreden zu geben, durchaus gar nicht auf ein Stück Leinwand und etliche Thaler ankomme. »Nur der Leute wegen und dem spionirenden Advokaten zum Trotz,« betheuerte sie endlich wieder eintönig, als sie Anna in das gegenüberliegende Gemach führte und dort von den Kissen eines Bettes die groben Ueberzüge entfernte und sie durch ihr feinstes Linnen ersetzte. Es galt dies als Antwort auf die schüchterte Bemerkung Anna's, daß sie nicht verwöhnt sei und nie in ihrem Leben die unverdiente Güte würde vergelten können. Und als Anna die bescheidene Bitte hinzufügte, ihr das grobe Bettzeug zu lassen, hui, wie da das hagere Antlitz sich kurz nach ihr umwendete, und wie die großen blauen Augen so böse und kalt auf sie hinstarrten. »Ich möchte wissen, ob ich das Recht besitze, mit meiner Leinwand zu thun, was mir beliebt,« sprach sie scharf und unfreundlich, »und willst Du wie eine Dienstmagd behandelt werden, so mußt Du in dem Bodenkämmerchen bei der Dienstmagd schlafen. Ich aber danke dann für Deinen Besuch, denn ich gebrauche keine zwei Dienstboten in meiner kleinen Wirthschaft.« Darauf kehrte sie sich wieder dem Bett zu, und vor ihren gewandten Griffen schienen die Pfühle förmlich in die fein Ueberzüge hinein zu fliegen. Anna bebte; kaum daß sie die Augen aufzuschlagen und, wo sich Gelegenheit bot, hülfreiche Hand zu leisten wagte. Und dennoch, sie wußte nicht warum, hätte sie Frau Kathrin nicht zürnen können. Vor der angelehnten Thür aber, auf der Hausflur, stand der alte, biedere Kärrner. Sein breites Gesicht war braunroth angelaufen, so viel Mühe kostete es ihn, ein lautes herzliches Lachen zu unterdrücken. Er war sogar gezwungen, seine Riesenhand quer über den krampfhaft zuckenden Mund zu legen, und als auch dieses Mittel sich als unzureichend erwies, da schlich er auf den Spitzen seiner eisenbeschlagenen Schuhe durch die Küche auf den Hof hinaus in den Pferdestall. Um einen Grund zu haben, hinter welchem er sein Lachen verstecken konnte – und das zu einer Lavine herangewachsene Lachen mußte ja herunter von seiner Seele –, legte er die Hand leise auf das Kreuz des schwarzen Holsteiners, in Folge dessen dieser mit dem Schweife um sich peitschte, die Ohren anlegte, mit den Füßen trippelte und die Zähne schallend auf einander schlug. »Immer successive,« sprach der noch begütigend zu dem an dergleichen Neckereien gewöhnten Pferde, und dann erst lachte er so laut und seelenvergnügt, daß es den ganzen Stall erschütterte. »Nur der Leute wegen und dem Advokaten zum Trotz,« murmelte er mit thränenden Augen in sich hinein, »'s ist capital, wirklich successive! Nennt das Mädchen plötzlich Du, als ob's ihr eigen Fleisch und Blut wäre; und das nur der Leute wegen und dem Advokaten zum Trotz! O, 's ist wahrhaftig zum Todtschießen!« Fünftes Capitel. Beim Rechtsanwalt. »Alvens, Rechtsanwalt,« stand mit Fracturschrift auf einem großen porzellanenen Schilde geschrieben, welches auf der geräumigen Flur eines stattlichen Hauses gerade da angebracht worden war, wo eine breite und bequeme Treppe nach den oberen Stockwerken hinaufführte. Neben dem Schilde hing der weiße Porzellangriff einer fernen Klingel nieder, nach dessen Benutzung sich von unsichtbaren Händen die Glasthür öffnete, durch welche die Treppe verschlossen gehalten wurde. Die Benutzung der Treppe stand indessen nur denjenigen zu, die Herrn Alvens persönlich zu sprechen wünschten. Alle Andern, die in Geschäftsangelegenheiten kamen, wurden durch eine unterhalb des Schildes auf die Mauer gemalte Hand und die vor deren ausgestrecktem Zeigefinger angeschriebenen Worte: »Nach dem Bureau!« auf den Hof hinausgewiesen. Auf dem Hofe bezeichnete ein anderes Schild die Lage des Bureaus; man gelangte in dasselbe, wenn man im Hinterhause auf einer schmalen Treppe bis in die zweite Etage hinaufstieg, wo man nicht mehr irren konnte. Die Geschäftsräume erstreckten sich durch drei Zimmer des Hinterhauses und endigten in einem vierten, zum Vorderhause gehörigen, welches, als Arbeitskabinet des Chefs, gewissermaßen die Verbindung zwischen dem Bureau und der großen, elegant eingerichteten Wohnung des Herrn Alvens herstellte. Von der Treppe des Hinterhauses aus betrat man zuerst einen Raum, welcher ebensowohl den Namen Wartezimmer, wie Schreiberstube oder Actenmagazin verdiente. Außer einer Reihe von Stühlen, die gleich neben der Eingangsthüre zur Bequemlichkeit der harrenden Clienten hingestellt worden waren, befanden sich ein langer, einfacher Tisch und zwei Stehpulte in demselben, während hohe Brettergestelle mit regelmäßigen Fächern sich ringsum an den Wänden hinzogen. Wie gewöhnlich bei Rechtsconsulenten, lugten aus diesen Fächern dickleibige und abgezehrte Actenbündel hervor, welche auf weißen und farbigen niederwärts hängenden Papierstreifen mit fetter Schrift Namen und Nummern zur Schau trugen, die eben nur demjenigen verständlich waren, der längere Zeit hindurch in dem Bureau beschäftigt gewesen. An dem langen Tische saßen, umgeben von allen nur denkbaren Bureau-Utensilien, drei, an den Pulten je ein Schreiber, lauter bleiche, wenig kräftig aussehende Gestalten mit jungen und alten Gesichtern, je nachdem ein heruntergekommener Kaufmann oder ein zum schnellsten Broderwerb gewaltsam gedrängter Schüler hier eine kärglich dotirte Stelle als Kopist gefunden hatte. Im Allgemeinen wurde das Gemach charakterisirt durch geheimnißvolle Stille, durch geflüsterte Fragen und Antworten, durch das Kritzeln schnell einherlaufender Federn, und endlich durch zahllose Dintenflecke, blankgescheuerte Rockärmel, verstreuten Schnupftaback und gelegentliches schwindsüchtiges Hüsteln, nicht zu gedenken der bleichen Gesichtsfarbe und der militairisch gezogenen struppigen und anderer, erst mit wenig Erfolg zum Vorschein gerufener Barte. Das nächste Gemach hatte nur zwei Schreiber aufzuweisen und nur ein mäßig großes Actengerüst. Dafür herrschte aber etwas mehr Comfort in demselben; namentlich lag eine Strohdecke auf dem Fußboden und stand ein lederbezogenes Sopha an der Rückwand, jedenfalls das Ansprechendste in dem ganzen Räume, indem die beiden alten Schreiberveteranen mit den verbissenen Physiognomieen und den einen höheren Schreiberwohlstand verrathenden grünbaumwollenen Ueberärmeln nur noch nothdürftig von einem Paar recht abgegriffener, reich mit Schnupftaback bestreuter Actenfascikel unterschieden werden konnten. In dem letzten Zimmer, also in demjenigen, welches an das Kabinet des Chefs stieß, war nur ein einzelner Schreiber oder Protokollführer beschäftigt, dagegen hatte man auf die innere Einrichtung erhöhte Aufmerksamkeit verwendet. Actenträger erblickte man nirgends, nur auf dem umfangreichen Schreibtische lagen vereinzelte Foliohefte und in blaue Deckel geschlagene Documente, welche auf besonders bevorzugte Rechtsfälle hindeuteten, die in aller Stille und mit vielem Fleiß abgewickelt, aufgewickelt, künstlich verwirrt, entwirrt und dann wieder ganz von neuem aufgesponnen und abgesponnen wurden. Die hier abgeschieden hausende Persönlichkeit vertrat offenbar mehr die Stelle eines Geheimschreibers, als daß ihr die Aufgabe gestellt gewesen wäre, mit in den Geschäftsgang wirksam einzugreifen. Zu Letzterem erschien sie außerdem zu jung und unerfahren, obgleich Alles dafür sprach, daß sie sich des Vertrauens des Chefs im höchsten Grade erfreute. Selbst die fast elegante Zimmereinrichtung war man geneigt, für eine Bevorzugung des noch jugendlichen Schreibers zu halten, wiewohl sie im Grunde nur zur größeren Bequemlichkeit des Herrn Prinzipals diente, der nicht selten Veranlassung fand, längere Zeit in diesem Gemach zu verweilen. So war der junge Protokollführer auch der Einzige, der, nachdem das übrige Schreiberpersonal die schmale Treppe des Hinterhauses hinuntergestolpert, seinen Weg durch das Vorderhaus nehmen durfte. Die Ursache hierfür war indessen darin zu suchen, daß es ihm oblag, nach Schluß der Arbeit die Außenthüre nicht nur zu verriegeln, sondern auch von Innen mittelst einer sinnig angebrachten eisernen Stange doppelt und dreifach zu versichern. Bei allem Vertrauen, welches sein Brodherr in ihn setzte, hätte schwerlich ein Anderer, als eben ein Rechtsanwalt, viel Vertrauen Erweckendes in dem Aeußeren des Geheimsecretairs entdeckt. Denn abgesehen davon, daß die lange, knochige Gestalt noch nicht vollständig ausgebildet zu sein schien, trug das sommersprossige Gesicht mit den weißen Brauen, den röthlich grauen Augen, der breiten Nase, den vorstehenden Backenknochen und den übermäßig aufgeworfenen Lippen einen so wunderbaren Ausdruck von Einfältigkeit, Hinterlist und Verschmitztheit, daß es einen unbetheiligten Beobachter überraschen mußte, wie ihm auch nur das Abschreiben eines Speisezettels, geschweige denn eines wichtigen Actenstückes übertragen werden konnte. Das hellblonde, fast gelbe schlichte Haar, welches sich feucht und dicht an den unförmlichen Schädel anschmiegte, milderte das Unfreundliche in seinem Aeußeren ebenso wenig, wie die große Brille von Fensterglas, welche offenbar den hoffnungslosen Zweck hatte, der widerwärtigen Physiognomie eine gelehrten Anstrich zu verleihen. Zum Uebrigen bot der Herr Geheimsecretair das Bild eines unsaubern, filzigen Gesellen mit einer unbezwinglichen Abneigung gegen weiße Wäsche wie gegen offen und frei auf ihn gerichtete Augen, Untugenden, von welchen man mit Recht behaupten durfte, daß er sie, nachdem er sich beinahe sechsundzwanzig Jahre mit denselben herumgetragen hatte, auch in seinem späteren Alter nicht mehr ablegen würde. Doch wie schon angedeutet, Herr Alvens mußte von der Treue und Gewissenhaftigkeit seines Geheimsecretairs, des Herrn Beltram, aufs festeste überzeugt sein, indem er entgegengesetzten Falls schwerlich seine Beihülfe in den verwickeltsten und die strengste Discretion erheischenden Geschäftsangelegenheiten in Anspruch genommen hätte. – Es war in den Nachmittagsstunden am Tage nach demjenigen, an welchem Alvens dem Hause des Kärrners seinen Besuch abstattete, als von der Treppe des Vorderhauses her ein Fremder angemeldet wurde, der den Herrn Rechtsanwalt sehr dringend zu sprechen wünschte. Alvens war eben mit der Durchsicht einiger von Beltram copirten Briefe beschäftigt; da er nun vielfach erlebt hatte, daß Leute aus wohl berechneten Gründen ihren Namen vor dem Dienstpersonal geheim zu halten wünschten, so ließ er den Angemeldeten ohne Weiteres bei sich eintreten. »Ich habe die Ehre, Herrn Rechtsanwalt Alvens zu begrüßen,« redete eine geschmeidige Stimme diesen an, sobald die Thür sich hinter dem verschwindenden Diener geschlossen hatte. Alvens, sich stellend, als koste es ihn unendliche Mühe, seine Aufmerksamkeit von den vor ihm liegenden Schriften loszureißen, blickte zögernd empor, und ein unverkennbares Mißvergnügen spiegelte sich in seinen Zügen, als er in das lauernde, jedoch zuversichtlich lächelnde Gesicht eines Mannes schaute, dessen Aeußeres so wenig einer dringenden, keinen Zeitverlust gestattenden Angelegenheit entsprach. »Mein Name ist Alvens,« sagte er daher mit ruhiger, zurückweisender Kälte. Der Fremde lächelte geringschätzig zu dem kalten Empfange, zog einen Stuhl heran, und nachdem er sich auf denselben niedergelassen und mit dem Aermel seines Rockes bürstend über seinen Hut hingefahren war, bemerkte er, wie beiläufig: »Sie haben einen Brief von Amerika erhalten?« Alvens blickte schärfer auf den Fremden hin, und seine an Schrecken grenzende Ueberraschung gewandt hinter eine ernste Geschäftsmiene versteckend, antwortete er nachdenklich: »Ich erhalte häufig Briefe von Amerika.« »Hm, Herr Alvens,« versetzte der Fremde wiederum zuversichtlich lächelnd, und eine wohlgebildete Hand fuhr über das durch eine seltsam geformte Nase verunstaltete Gesicht und demnächst über den zu demselben gehörigen braunrothen Vollbart und das schwarze, nachlässig gebürstete Haar, »ich meine einen Brief so recht mitten aus den Vereinigten Staaten, in welchem Ihnen der Besuch eines Herrn angekündigt wird, der seinen Namen nicht schreiben kann.« Alvens betrachtete den Fremden noch argwöhnischer, der seinerseits, trotz der erheuchelten Sorglosigkeit, seine Blicke nicht von ihm abwendete. »Aber wie, in aller Welt, wollen Sie einem Document Gültigkeit verleihen, wenn Sie nicht im Stande sind, dasselbe durch Ihre Unterschrift zu vollziehen?« fragte er mit unverkennbarer Spannung. »Nun, ich glaube, darauf nicht besser antworten zu können, als wenn ich sie ersuche, ein Blatt Papier, Feder und Dinte auf eine Minute zu meiner Verfügung zu stellen,« erwiderte der Fremde schnell. Ueber Alvens' Gesicht flog ein Ausdruck des Erstaunens, während seine schwarzen, durchdringenden Augen noch immer einen hohen Grad von Ungläubigkeit verriethen. Die vernommenen Worte übten indessen eine unwiderstehliche Wirkung auf ihn aus, denn seinen Rollstuhl von dem Arbeitstisch zurückschiebend, wies er den Fremden durch eine bezeichnende Handbewegung an, von den vor ihm liegenden Schreibmaterialien freien Gebrauch zu machen. Dieser ergriff sogleich eine Feder, bevor er dieselbe aber dem Papier näherte, wendete er sich noch einmal dem Rechtsanwalt zu. »Die Kunst des Schreibens ist nicht immer nothwendig, einem Documente Gültigkeit zu verschaffen,« hob er mit einem Ernste an, der in seltsamem Widerspruch zu seinem früheren leichtfertigen Wesen stand, und seine merkwürdig bewegliche Nase zuckte sammt der Oberlippe von der einen Seite nach der andern hinüber, »Sie selbst wissen aus Erfahrung am besten, daß zuweilen drei Kreuze genügen. Sicherer, als drei Kreuze, bleibt natürlich immer der volle Name, und will man ihn nicht schreiben, braucht man nur die einzelnen Buchstaben zu malen.« Alvens, der sich vergeblich bemühte, in der Seele des Fremden zu lesen, nickte beipflichtend, und dieser bog sich über das Papier hin, jedoch so, daß Alvens die unter der Feder entstehenden Zeichen im Auge behielt. »Sie erkennen diesen Buchstaben?« fragte der Schreibende, sobald er, anscheinend mit vieler Mühe, ein römisches S auf das Papier gezeichnet hatte. »Vollkommen,« antwortete Alvens mit erhöhter Theilnahme. »Auch diesen?« fragte der Fremde in derselben Weise nach Anfertigung des zweiten Buchstabens. »a,«, las der Rechtsanwalt laut. »Und diese Silbe?« fuhr Ersterer fort »kul, also Sakul,« hieß es zurück. »Sakul,« bekräftigte der Fremde, Sakul ist mein Name; er klingt freilich etwas fremdländisch, ist aber ein echt deutscher Name, sobald Sie sich der Mühe unterziehen, ihn rückwärts zu lesen.« »Lukas, ah, Lukas,« versetzte Alvens nachdenklich, »es ist wahr, ich erwarte einen Herrn aus den Vereinigten-Staaten, und ich werde mich sehr freuen, in Ihnen den Erwarteten zu begrüßen, allein ebenso gerechtfertigt werden Sie es finden, daß ich vorsichtig zu Werke gehe.« Der Fremde verneigte sich verbindlich, doch wurde auf seinem Gesicht wieder das eigenthümliche Lächeln bemerkbar, welches der ihm überflüssig erscheinenden Vorsicht des Rechtsanwalts galt. Dieser dagegen hatte ein Schubfach seines Schreibtisches aufgezogen und, nachdem er einen geöffneten Brief hervorgeholt, sich in den Inhalt desselben vertieft. Nach einer längeren Pause und nachdem er mit sich über das zunächst zu beobachtende Verfahren zu Rathe gegangen, las er laut: »Ich für meine Person halte das Unternehmen für so außerordentlich wichtig, daß ich nicht wage, die einzelnen Umstände brieflich näher zu erörtern – warum Andern Gelegenheit geben, uns zuvorzukommen? – Ich beabsichtige daher, eine zuverlässige Person an Sie abzusenden, die von mir beauftragt sein wird, Ihnen alle und jede gewünschte Auskunft zu ertheilen und weitere Verabredungen mit Ihnen zu treffen. Um aber vollständig sicher zu gehen, trauen Sie keinem Menschen, der sich nicht rückwärts bei Ihnen einführt und nicht, des Schreibens unkundig, als Maler auftritt.« »Sakul, rückwärts eingeführt: Lukas,« fügte er, den gelesenen Brief vor sich niederlegend, hinzu, worauf er, wie zu einem endgültigen Entschluß gelangt, dem Fremden die Hand reichte: »Das Unternehmen muß in der That sehr wichtig sein,« fuhr er fort, »denn Kleinigkeiten halber würde unser gemeinschaftlicher Freund schwerlich ein so geheimnißvolles Verfahren eingeschlagen haben, Ihrer Reisekosten gar nicht zu gedenken.« »Als ob Sie mit dem Unternehmen nicht längst vertraut wären?« spöttelte Lukas, seiner Nase einen heftigen Schwung nach rechts gebend, dann aber in einen ernsteren Ton verfallend, sprach er weiter: »Uebrigens begreife ich und erkenne ich an, daß Sie mich noch immer mit einem gewissen Argwohn betrachten, denn wo es sich um mindestens anderthalb Millionen handelt –« »So viel?« fragte Alvens kalt, doch konnte er nicht verhindern, daß ein rother Schimmer, der sich flüchtig über sein Gesicht ausbreitete, die tiefe Erregung verrieth, welche sich bei der unerwarteten Kunde seiner bemächtigt hatte; »ich glaubte bis jetzt, er habe es höchstens bis zu dem sechsten Theil dieser Summe gebracht,« schloß er noch kälter, und sein Gesicht erschien wieder so ruhig, als wäre die Anberaumung eines Termins in einer Injurienklage Gegenstand des Gesprächs gewesen. Lukas zuckte geringschätzig die Achseln. »Vor sieben oder acht Jahren mag er sich ungefähr so gestanden haben,« versetzte er darauf, »allein heute ist er, trotz der schweren, durch den Krieg bedingten Verluste, mindestens seine anderthalb Millionen werth. Bedenken Sie, wie das Glück ihn verfolgte: von ungefähr dreihundert Morgen Farmland, die er bald nach seiner Einwanderung käuflich erwarb, trug ihm zehn Jahre später jede einzelne Baustelle weit mehr ein, als er ursprünglich für das ganze Besitzthum zahlte; und dann der darauf folgende Treffer mit den Bleiminen, nicht zu gedenken der Erfolge, welche er in seinem großartigen Exportgeschäft erzielte.« »Sklaven besitzt er nicht?« fragte Alvens, um Zeit zum Ueberlegen zu gewinnen. »Vor dem Kriege besaß er deren mehrere Hundert. Er ist nämlich Eigenthümer einer umfangreichen Plantage im Staate Georgia, die zur Zeit allerdings keinen Ertrag liefert; auch soll er gleich nach Beginn des Krieges allen seinen Farbigen Freibriefe ausgestellt haben, wodurch er natürlich bei seinen besonneneren Nachbarn unmöglich wurde. Ich glaube, er mußte heimlich fliehen, und anstatt einen Theil des Jahres nach alter Gewohnheit im Süden zuzubringen, hat er seitdem fast ununterbrochen in St. Louis gelebt. Er ist ein eingefleischter Unionist, der im Norden ebenso viele Freunde zählt, wie im Süden unversöhnliche Feinde.« »Sklaven sind heut zu Tage eine unsichere Waare.« »Nicht unsicherer, als der Reichthum in seinen Händen!« »In wie fern?« »Weil es keinem Zweifel unterliegt, daß, wenn seine Hinterlassenschaft nicht in den Besitz eines durch das Gesetz bestätigten Erben übergeht, das ganze ungetheilte Vermögen dazu verwendet wird, einige Tausend Farbige, nachdem man sie reich ausstattete, nach Liberia zu senden.« Alvens hatte sich zurückgelehnt und betrachtete liebäugelnd die wohlgepflegten langen Nägel seiner Finger; nicht eine Muskel seines Gesichtes deutete auf den Sturm, der in seinem Innern tobte. »Woher wissen Sie Alles so genau?« fragte er endlich, seine Augen mit dem Ausdruck harmloser Neugierde auf Lukas richtend. »Redsteel ist mit der Ausfertigung seines Testamentes beauftragt, und mußte daher nothgedrungen in sein Vertrauen gezogen werden.« »Kennen Sie das Testament, oder vielmehr den Plan, nach welchem es ausgearbeitet werde soll?« »Nein, Redsteel scheut sich, mir jetzt schon ausführliche Mittheilungen zu machen.« »Sehr vorsichtig von ihm, allein nach meiner Ansicht zwecklos. Doch bitte, wie äußerte Redsteel sich im allgemeinen über die Lage der Dinge?« »Er ging von dem Grundsatze aus, daß es Wahnsinn wäre, das fürstliche Vermögen zum Besten eines Haufens farbiger Bestien zu vergeuden; es müßten daher Mittel gefunden werden, einem solchen Mißgriff vorzubeugen.« Ueber die Mittel selbst hat er sich nicht genauer ausgesprochen?« »Solche mit Ihnen zu berathen, wurde ich abgeschickt, und ich bin bereit, mich meiner Aufträge zu entledigen, sobald ich mich überzeugt halten darf, nicht länger mit Mißtrauen betrachtet zu werden.« Alvens reichte Lukas wiederum die Hand. »Sie werden mir Gerechtigkeit widerfahren lassen; ein Irrthum in der Person hätte von den nachtheiligsten Folgen begleitet sein können,« bemerkte er, sich entschuldigend. Lukas nahm die dargebotene Hand, dieselbe freundschaftlich drückend. »Ich bedarf keiner anderen Beweise Ihres Vertrauens, als Ihr Wort,« entgegnete er, und wie bei einem auf die Oberfläche der Erde verirrten Maulwurf zuckte seine Nase; »es ist dies aber dringend nothwendig, wenn ein Einvernehmen zwischen uns erzielt werden soll. Um die drohende, gewissenlose Verschleuderung von Hunderttausenden zu Gunsten einer Anzahl unzurechnungsfähiger Geschöpfe zu verhindern, steht uns, nach meiner sowohl, als auch nach Redsteels Ansicht, nur der eine Weg offen: einen rechtmäßigen Erben zu entdecken, mit welchem wir uns – erforderlichen Falls sogar unter größeren Opfern – vorher einigen müssen. Obenan steht dabei die Frage: ist es rathsam, den Erben hier, oder drüben in den Vereinigten-Staaten auftreten zu lassen?« »Weshalb nach einem Erben forschen oder gar einen neuen schaffen, wenn bereits ein solcher vorhanden ist?« »Sie meinen den Kärrner?« fragte Lukas, den Rechtsanwalt scharf anschauend. »Den Kärrner,« bekräftigte dieser, »seine Ansprüche dürften wenigstens, obgleich er selbst noch im Dunkeln darüber schwebt und keine Neigung verräth, sich darum zu kümmern, die gerechtfertigsten sein.« »Eine darauf bezügliche Bestimmung befindet sich in Ihren Händen?« Alvens verbarg geschickt seine unangenehme Ueberraschung über die plötzliche Frage. »Etwas Derartiges, ja,« antwortete er dann, »es ist indessen eine wunderliche Bestimmung; durch dieselbe wird es gewissermaßen in meine Willkür gelegt, den Kärrner Braun zum Universalerben zu erheben, oder ihn als solchen, bis auf ein kleines Legat, zu streichen.« »Aehnlich, wie die Anordnungen betreffs der zu befreienden Sklaven,« bemerkte Lukas spöttisch. »Sie übertrifft sie unstreitig an Seltsamkeit,« versetzte Alvens, »denn fällt es dem alten Braun plötzlich einmal ein, aus seinen jetzigen bescheidenen Verhältnissen herauszutreten, wozu ihn, streng genommen, seine Aussichten berechtigen, so ist's mit der Erbschaft nichts; wogegen der Kärrner, der in seiner einfachen Weise fortlebt und fortarbeitet, dereinst zu ungewöhnlichem Reichthum gelangt.« »Und Erben hat dieser nicht?« Jetzt nicht mehr; er besaß einen Sohn, einen ungerathenen Burschen, der gern den großen Herrn spielte, allein der lief glücklicher Weise schon vor acht oder zehn Jahren davon; seitdem hörte man nie wieder von ihm. Wer weiß, wo er sein Ende genommen hat.« Nach diesen gegenseitigen Eröffnungen schwiegen die beiden Männer längere Zeit; es erfüllten sie Gedanken, welche vor dem Andern zu offenbaren Jeder eine unüberwindliche heimliche Scheu empfand. »Jedenfalls entscheide ich mich dafür, das Feld unserer Thätigkeit nach den Vereinigten-Staaten zu verlegen, das heißt, wenn wir uns Ihrer Zustimmung versichert halten dürfen,« nahm Lukas endlich wieder das Wort, »der Krieg kann drüben noch lange dauern, und gerade unter dem Schutze des Kriegszustandes ist es uns erleichtert, wesentliche Vortheile zu erringen. Mich beschäftigt eine dunkle Idee, mit der ich indessen vorläufig noch zurückhalten möchte. Dieselbe ist übrigens nicht neu, sie war schon drüben, bevor ich meine Aufträge in Empfang nahm, vielfach Gegenstand sehr ernster Erörterungen zwischen Redsteel und mir. Aber wie steht es mit dem Kärrner und welche Aussichten hat er auf die Erbschaft?« »Gestern erst war ich in seinem Hause,« antwortete Alvens, dem Lukas, je länger er mit ihm sprach, um so räthselhafter erschien, »doch der nach Amerika bestimmte Bericht ist bereits abgefaßt, und Sie erhalten das genauste Bild, wenn ich Ihnen die betreffenden Stellen vorlese.« Dann erhob er sich, und nach der mit einer schweren Portiere verhangenen und zu seinem Geheimsecretair führenden Thüre hinschreitend, öffnete er dieselbe etwa eine Spanne weit. »Herr Beltram, ist der Bericht in Sachen des Kärrners Braun fertig?« fragte er mit gedämpfter Stimme in das Gemach hinein. »Bis auf Unterschrift!« schallte es eintönig und ausdruckslos zurück. Langsame, sehr vorsichtige Schritte folgten, eine Schieblade wurde aufgezogen und wieder zugeschoben, abermals die langsamen Schritte, und hinter dem Vorhange hervor erschien, gehalten von einer großen knochigen Hand, ein noch nicht gefalteter Brief, welchen Alvens sogleich in Empfang nahm. Nachdem er die Thüre in's Schloß gezogen hatte, suchte er mit den Augen eine Weile in dem in seinen Händen befindlichen Schreiben, worauf er laut zu lesen anhob: »Im Allgemeinen habe ich Beide unverändert gefunden: immer eigensinnig, immer störrisch. Nur tritt bei ihnen jetzt mehr, als sonst, die Neigung zu Tage, sich großbürgerlich einzurichten. Sie sprechen von Bauen und Aufgeben des Geschäftes, sie verrathen sogar große Vorliebe für glänzende Equipagen und kostbare Pferde; ich vermag indessen nicht, genau zu unterscheiden, ob diese Wandlung ihrer Gesinnungen darauf berechnet ist, mich zu täuschen, oder ob sie sich bereits im Besitzes so heiß ersehnten Reichthums wähnen. Letzteres wäre ihnen bei ihren einfachen Lebensanschauungen allerdings zu verzeihen. In meinem nächsten Bericht hoffe ich zuverlässigere Auskunft über Alles ertheilen zu können, denn irre ich nicht, so ist irgend etwas Besonderes und Unvorhergesehenes im Werke. Die Aufnahme, welche ich bei ihnen fand, läßt keinen Zweifel darüber zu, daß ihnen meine Besuche, mehr aber noch der diesen zu Grunde liegende Zweck sehr lästig wird; sie wollen offenbar etwas vor mir verheimlichen; doch ich kann mich täuschen. Ihrer Zustimmung gewiß, werde ich fortfahren, sie nach wie vor gewissenhaft zu beobachten; von den mir zur Verfügung gestellten Geldmitteln habe ich bis jetzt noch keinen Gebrauch gemacht, dagegen erscheint es mir mehr, als wahrscheinlich, daß ich in nächster Zeit, um die Probe zu vervollständigen, eine Summe flüssig machen –« »Dies wäre der officielle Theil des Berichtes,« fuhr Alvens darauf sprechend fort; »Sie werden einräumen, daß er vorsichtig genug abgefaßt st, um nach allen Richtungen hin freie Hand zu behalten.« »Sehr vorsichtig,« bekräftigte Lukas, das Haupt bedächtig wiegend, »Alles steht so, wie nur gewünscht werden kann; ändern wir daher nichts – zum Glück bin ich mit Vollmachten versehen, welche mir gestatten, mich Ihnen gegenüber so bestimmt auszusprechen.« Er wollte noch etwas hinzufügen, als durch den eintretenden Diener der Kärrner Braun angemeldet wurde, welcher den Herrn Rechtsanwalt nothwendig zu sprechen habe. »Er möge so gut sein und einige Minuten warten,« antwortete Alvens, und sobald der Diener sich entfernt hatte, wendete er sich mit allen Zeichen größter Ueberraschung seinem Gaste wieder zu, der nicht weniger befremdet, als er selbst, zu ihm herüberschaute. »Was mag ihn hierher führen?« gab er seinem Erstaunen Ausdruck, »und warum kommt er geraden Wegs zu mir, anstatt sich im Bureau zu melden? Sehr wichtige Gründe müssen ihn veranlassen –« »Gründe, die vielleicht auf unser vorhergegangenes Gespräch Bezug haben,« fiel Lukas ein, seine von den Lidern beschatteten Blicke mißtrauisch in die lauernden Augen des Rechtsanwalts senkend. »Möglich, sehr möglich,« meinte Alvens, und indem er eine selbstbewußtere Haltung annahm, suchte er vergeblich, den unheimlichen Druck abzuschütteln, welchen der anfangs mit so viel Geringschätzung betrachtete unscheinbare Fremde auf ihn ausübte; möchten Sie ihn kennen lernen?« fragte er darauf, wie beiläufig. »Nein, nein, heute nicht,« antwortete Lukas hastig, »wer weiß, ob ich nicht in die Lage gerathe, ihm später gegenübertreten zu müssen, und vielleicht wäre es mir dann unangenehm, von ihm als Bekannter begrüßt zu werden. Kann ich Ihre Wohnung verlassen, ohne ihm zu begegnen?« »Gewiß, ich selbst werde Sie führen; doch wo finde ich Sie, wenn ich mich in Verkehr mit Ihnen zu setzen wünsche?« Lukas sann eine Weile nach; dann zog er eine Karte hervor, auf die er einige Worte schrieb. »Dies ist meine Adresse,« sagte er, Alvens die Karte darreichend, »treffen Sie mich dort nicht, so wird man Ihnen jedenfalls sagen, wo und wann ich zu finden bin.« Die letzten Worte verhallten hinter der nach dem Innern der Wohnung führenden Thüre, und als Alvens einige Minuten später in sein Kabinet zurückkehrte, befand er sich in einer derartigen Aufregung, daß er sich scheute, den Kärrner sogleich vor sich zu lassen. Mit auf dem Rücken in einander gelegten Händen wandelte er langsam auf und ab; die Blicke starr auf den Teppich gerichtet, auf seinem glatten Gesicht ein ganzes Heer von Zweifeln, entwanden sich einzelne Gedanken in flüsterndem Tone seinen sinnlich aufgeworfenen Lippen. »Eine und eine halbe Million,« stöhnte er in sich hinein; »wir wären im günstigsten Falle nur unserer zwei zu dem Schatz gewesen; statt dessen sendet er mir diesen listigen Gesellen auf den Hals, der sich schwerlich für seine geleisteten Dienste mit dem kleinsten Dritttheil begnügt. O, diese Unvorsichtigkeit! Nicht die geheimsten Gedanken scheint er ihm verschwiegen zu haben! Er will das Feld unserer Thätigkeit nach den Vereinigten-Staaten verlegen – o, ich durchschaue ihn – unter dem Schutze des Kriegszustandes hält er Alles für ausführbar; allein noch habe ich Mittel in Händen, noch lebt der Kärrner –« Seine weißen Finger fuhren ordnend über das glänzend schwarze Haar, in seinen Augen leuchtete es hell auf, und die Thüre, durch welche er eben eingetreten war, wieder öffnend, rief er laut hinaus: »Herr Braun!« Sechstes Capitel. Kärrner und Rechtsgelehrter. Als der Kärrner von dem Diener in das Kabinet gewiesen wurde, saß Arvens schon wieder so vertieft in seine Briefschaften, daß er Brauns Eintritt gar nicht hörte, obwohl dessen eisenbeschlagene Schuhe trotz seiner Behutsamkeit wuchtig auf den weichen Teppich fielen. Sogar das Räuspern, durch welches der biedere Kärrner sich anzumelden gedachte, blieb ohne Wirkung, weshalb er zu dem Entschluß gelangte, geduldig zu harren, bis der Herr Rechtsanwalt es für angemessen finden würden, einmal von seinen Schriften aufzuschauen. Mißmuthig schwankte der schwarz lackirte Hut zwischen den Fingern der rechten Faust, während die linke Hand die Zeit der Muße damit ausfüllte, den feuerfarbigen Bürstenkragen gemächlich zu durchpflügen und gelegentlich etwas auszurecken. Sein rechtes Auge schien zu schlafen, um so lebhafter blitzte das linke unter der gelben, buschigen Braue hervor, und hätte der schwerste orientalische Tschibuk in dem einen Mundwinkel gehangen, so wäre dieser dadurch nicht tiefer herabgezogen worden, als es jetzt durch offenbar sehr ernste Betrachtungen bewirkt wurde. – Mehrere Minuten verrannen, als Alvens sich plötzlich entsann, daß er nicht allein sei, und mit freundlich herablassendem Lächeln zu dem Kärrner emporschaute. »Ah, sieh da, mein lieber Braun, Sie sind ja eine höchst unerwartete Erscheinung in meinem Hause,« rief er aus, dem schwerfällig näher Tretenden die Hand reichend, »was führt Sie denn einmal hierher? Ich war gestern in Ihrer Wohnung und bedauerte sehr, Sie nicht daheim zu finden.« »Nun, Herr Rechtsanwalt, Sie werden Ihre Geschäfte auch wohl ohne mich successive geordnet haben,« versetzte der Angeredete höflich, jedoch nicht unterwürfig, »Sie brauchten sich überhaupt nicht so viel Mühe um uns zu geben; meine Frau und ich sind schon zu alt geworden, um sich noch gern, wie Schulkinder, controlliren zu lassen; wir leben, wie wir's gewohnt sind und weil's uns so gefällt, und nicht, um dadurch successive die Anwartschaft auf 'n paar lumpige Tausend Thaler zu gewinnen; ja, Herr Rechtsanwalt, das können Sie sich selbst an den Fingern abzählen.« »Gewiß, lieber Braun, gewiß,« pflichtete Alvens wohlwollend bei, »und sehr lobenswerth ist es von Ihnen, daß Ihre Neigungen mit den Ihnen gestellten Bedingungen übereinstimmen; Sie brauchen allerdings nicht an sich selbst und ihre Zukunft zu denken, allein die Hoffnung, über kurz oder lang –« »Still, Herr Rechtsanwalt,« unterbrach der Kärrner diesen mit lauter, fast drohender Stimme, und aus jedem der beiden grauen Augen schien eine geschwungene Peitsche hervorzuschießen, »was nicht zu ändern ist, ist nicht zu ändern; ob ich noch Hoffnung hege, oder nicht, kümmert weder Sie, noch irgend einen andern Menschen; bringen Sie daher meine Gedanken nicht darauf, ich ertrag's nicht, ich kann's nicht ertragen, und damit fertig.« »Ereifern Sie sich nicht, mein lieber Braun,« erwiderte Alvens begütigend, »und habe ich ein Wort gesprochen, welches Sie schmerzlich berührte, so geschah das nur in der freundschaftlichsten Absicht, lassen wir also den Gegenstand fallen und wenden wir uns andern Dingen zu, zum Beispiel den Ursachen welche Sie hierherführten.« »Hm, ja,« murrte Braun; das eine Auge versank wieder hinter der gelben Braue, der Mundwinkel schob sich niederwärts, und den lackirten Tresorkasten emporhebend, suchte er zwischen dem roth und gelb geblümten Taschentuch, mehreren erledigten Frachtbriefen und einigen zusammengerollten Bindfaden einen augenscheinlich schon alten, jedoch noch unversehrten, dreifach versiegelten Brief hervor. »Ja, die Ursachen, Herr Rechtsanwalt;« wiederholte er darauf, Alvens den Brief darreichend und demnächst wieder Ordnung in dem Hute herstellend; »woher der Brief stammt, wird wohl d'rin steh'n, und ich wollte ihn nur abgeben, um mich andern Leuten gefällig zu zeigen.« Alvens betrachtete den Brief von allen Seiten; Siegel wie Handschrift waren ihm vollkommen fremd. »Offenbar vor langer Zeit geschrieben,« bemerkte er halblaut vor sich hin. »Vor langer Zeit,« pflichtete der Kärrner bei, sein ganzes Fassungsvermögen gleichsam in das eine, den Rechtsanwalt beobachtende Auge legend. Dieser öffnete den Brief, ohne die Siegel zu verletzten, und schlug ihn auseinander. Die sich ihm darbietende Handschrift war ihm ebenfalls fremd. »Geehrtester Herr Alvens,« las er die Anrede, und als ob dadurch seine Spannung noch erhöht worden wäre, suchte er, bevor er fortfuhr, die Unterschrift: »Anna Werth, geborene Rheindorf.« Die Hand mit dem Briefe sank, wie entkräftet, auf den Tisch nieder, und als sei eine beängstigende Vision vor seinen Geist hingetreten, starrte er beinah eine Minute in's Leere. »Anna Werth,« wiederholte er leise, dann kehrte er sich hastig nach Braun um, der ihn so lange erstaunt betrachtet hatte. »Wie kamen Sie zu diesem Briefe?« fragte er, sichtbar bemüht, äußerlich ruhig zu erscheinen. »Ganz successive, Herr Rechtsanwalt,« antwortete der Angeredete mit einem kräftigen Zuge an dem rothen Borstenkragen, »allein ich sollte denken, der Herr Rechtsanwalt könnten das am besten aus dem Schreiben selbst herauslesen.« »Ja ja, lieber Freund,« versetzte Alvens jetzt wieder herablassend, »ich war so überrascht, und zwar mit Recht, denn diejenige, welche dies schrieb, liegt bereits seit Jahren in ihrem Grabe.« »Richtig, Herr Rechtsanwalt, sie ist schon lange todt, und wenn ich nicht irre, ist der Brief wohl so 'ne Art letzter Wunsch, welchen sie dem Herrn Rechtsanwalt zurecommandirte.« Alvens beachtete die Bemerkung des Kärrners nicht mehr; er hatte den Brief seinen Augen genähert und las mit wachsender Spannung dessen Inhalt. Als er geendigt, legte er ihn vor sich nieder, und die Blicke noch immer auf die verblaßten feinen Schriftzüge geheftet, ging er das, war er eben erfahren hatte, noch einmal in Gedanken durch. Ein tiefer Ernst thronte dabei auf seinen Zügen, ein Ernst, aus welchem selbst der Kärrner die hohe Wichtigkeit errieth, welche er den geheimnißvollen Nachrichten beilegte. »In diesem Briefe ist die Rede von einem Kinde, von einem Mädchen,« nahm Alvens das Gespräch endlich wieder auf, jedoch ohne die gesenkten Blicke zu erheben. »Das sollte wohl sein, Herr Rechtsanwalt,« antwortete Braun mit einem sehr bedächtigen Kopfnicken. »Sie haben keine Ahnung, wo sich die arme Waise zur Zeit befindet?« »Sehr, sogar sehr, Herr Rechtsanwalt; die arme Waise, das Kind, ein braves, schön herausgewachsenes Mädchen, befindet sich in meinem Hause.« Alvens drehte sich mit einer Bewegung des höchsten Erstaunens auf seinem Stuhle herum und blickte dem Kärrner in das listig blinzelnde Auge. »In Ihrem Hause?« fragte er, wie seinen Ohren nicht trauend. »Wenn ich's sage, Herr Rechtsanwalt,« lautete die bestimmte Antwort. »Wie kommt sie aber gerade dorthin?« »Nun, so ganz successive in meiner Begleitung; haben uns nämlich auf offener Chaussee zusammengefunden und Freundschaft geschlossen, und das ist die ganze Geschichte.« Alvens warf wieder einen Blick in den Brief; in seinem Kopfe schwirrten Gedanken und Pläne der wunderbarsten Art, doch zögerte er, bevor er sein Gespräch mit dem Kärrner fortsetzte. »Hier steht von einer Ueberbringerin,« bemerkte er nach einer längeren Pause, »nämlich: »Die Ueberbringerin, meine Tochter,« »weshalb ist die junge Person nicht selber gekommen?« »Weil meine Frau und ich ihr davon abriethen,« erwiderte der Kärrner, den lackirten Tresorkasten mit einem Anfluge von Verlegenheit zwischen seinen Riesenfäusten drehend. »Es wäre mir doch lieb, sie persönlich kennen zu lernen.« »Warum? Wenn ich mir gehorsamst die Frage erlauben darf.« Alvens suchte wieder in Brauns Seele zu lesen und entgegnete dann, seine Worte langsam betonend: »Wissen Sie etwa, was in diesem Briefe von mir gefordert wird?« »Kann's leider nicht fest behaupten, Herr Rechtsanwalt, rechne indeß, daß Sie die arme Waise in Ihren Schutz nehmen möchten.« »Ganz recht, und ich bin auch bereit dazu; Sie werden daher begreifen, daß ich zu solchen Zwecken mich nothwendiger Weise mit der jungen Person selber in Verkehr setzten muß.« »Das begreife ich eben nicht; und wenn dergleichen in dem Briefe steht, hätten wir gar nicht nöthig gehabt, ihn abzugeben. Die Wahrheit zu sagen, Herr Rechtsanwalt, die junge Person – wie Sie das Mädchen successive zu nennen belieben, bedarf Ihres Schutzes gar nicht.« »Ist sie etwa in Besitz ausreichender Mittel? Aus dem Briefe scheint dergleichen wenigstens nicht hervorzugehen.« »Mittel besitzt sie gerade nicht, allein meine Frau und ich gedenken, sie vorläufig bei uns zu behalten.« »Das ist sehr ehrenwerth, guter Freund, doch mache ich Sie darauf aufmerksam, daß für ihre Erziehung gesorgt werden muß.« »Ist alles nicht nöthig, Herr Rechtsanwalt.« »Erwägen Sie lieber Freund, sie ist die Tochter eines Musiklehrers, und durch diesen Brief und noch ältere Documente bin ich ermächtigt, ihre Erziehung zu überwachen und mit Rücksicht darauf keine Kosten zu scheuen.« »Ist die Tochter eines Musiklehrers und spielt selbst Pianum,« bekräftigte Braun ruhig, »und eine Erziehung hat sie genossen, die einer Prinzessin successive zur Ehre gereichte. Mit dem weiteren Erziehen ist's also nichts; haben Sie aber Kapitalien für sie zu verwalten, so sagen Sie's gerade heraus, damit wir uns darnach richten.« »In wie fern, mein lieber Freund?« »Sehr einfach, Herr Rechtsanwalt: Hat sie ihr Auskommen, so ist's gut; entgegengesetzten Falls ist sie Willens, sich ihr Brod, oder vielmehr etwas Taschengeld durch Unterrichten zu verdienen.« »Kapitalien besitze ich nicht für sie,« antwortete Alvens ausweichend, »dagegen bin ich angewiesen, sie in keiner Beziehung Mangel leiden zu lassen; wollen Sie also unserem Schützlinge nicht im Wege sein oder gar nachtheilig auf seine Zukunft einwirken, so stellen Sie es mir anheim, weiter für ihn zu sorgen.« »Aber wie, wenn's unserem Schützlinge successive bei mir so gut gefiele, daß er bleiben möchte, wo er ist?« »Das wäre allerdings sehr zu berücksichtigen und würde Ihnen darauf hin vielleicht eine kleine Pension bewilligt werden.« »Pension? Hm, die brauchen wir nicht, so lange wir noch arbeiten können und unsere Freude an dem Kinde haben – sind ja keine Invaliden, ich meine von wegen der Pension – und überarbeiten soll sich das Mädchen auch nicht. Sie wissen ja, Herr Rechtsanwalt, meine Frau und ich sind allein.« »Recht viel ließe sich wohl zu Gunsten Ihres Vorschlages sagen,« bemerkte Alvens sinnend, denn seine Gedanken beschäftigten sich wieder mit anderen, fernab liegenden Dingen, »ob aber die Ausführung desselben viel Segen für die junge Waise im Gefolge haben würde, ist eine andere Frage. Ich würde sie zum Beispiel die Musik fortsetzen lassen.« »Das wollen wir auch, Herr Rechtsanwalt, nämlich meine Frau und ich.« »Ich werde ihr ein Instrument zur Verfügung stellen.« »Sie meinen ein Pianum? Schon für Alles gesorgt, komme eben vom Händler, bei dem ich mich erkundigte, ob es vortheilhafter sei, zu miethen oder zu kaufen. Werden wohl successive an's Miethen herangehen.« Ueber Alvens Gesicht zuckte es, wie ein Blitz des Triumphes, dann sah er nachdenklich auf die Briefschaften nieder. »Also ein Klavier möchten Sie miethen?« fragte er mit versteckter Schadenfreude, »das Kaufen wäre freilich vortheilhafter, als das Miethen, das heißt, wenn man die Mittel dazu hat.« »Auf n 'paar hundert Thaler sollt's mir nicht ankommen,« versetzte der Kärrner, und die eisenbeschlagenen Schuhe weit auseinanderstellend und die Hünenbrust selbstbewußt herausgedrückt, legte er die Fäuste mit dem Tresorkasten auf dem Rücken zusammen. »Ich würde jedenfalls einen Flügel vorziehen,« fuhr Alvens, wie zu sich selbst sprechend fort. »Können wir auch, Herr Rechtsanwalt, und sogar noch mehr, und ist 'n Pianum mit zwei Flügeln besser, so nehmen wir eins mit zwei.« Alvens lächelte spöttisch zu des Kärrners Einfalt und suchte mit vielem Bedacht ihn immer mehr aufzureizen. »Eine Klavierlehrerin muß stets sehr sauber, sogar elegant gekleidet sein,« warf er bedenklich ein, »eleganter, als es sich eigentlich für den Hausstand eines schlichten Bürgers paßt.« »Ob vornehm oder schlicht, Herr Rechtsanwalt, was Sie können, das können wir auch,« rollten mit trotzigem Ausdruck Frau Kathrins entscheidende Worte aus des Kärrners schief gezogenem Mundwinkel, »und wissen Sie nichts Besseres anzuführen, so bleibt das Mädchen bei uns; daß es ihm aber an nichts fehlen soll, dafür heiße ich Christian Braun; und müßte es successive in Seide und Sammet gehen, so soll es mich und meine Holsteiner nicht verdrießen, das Nöthige dazu herbeizuschaffen –« »Aber die Bedingung, guter Freund,« fiel Alvens mit erheuchelter Besorgniß ein, »vergessen Sie nicht die Bedingung, von deren pünktlicher Innehaltung unberechenbar viel für Sie abhängt.« »Bedingung?« fragte der Kärrner, und ein Zug von Geringschätzung schob die gelben Brauen bis beinahe auf die wettergebräunten Wangen, während die beiden Mundwinkel sich zwischen den feuerfarbigen Borsten zu verbergen suchten, »Bedingung?« wiederholte er noch grimmiger, indem die rechte Faust mit der Gewalt eines Schmiedehammers auf seine dröhnende Brust fiel; »ich kümmere mich den Henker weder um Bedingungen, noch um denjenigen, der sich herausnimmt, mir solche successive durch Sie stellen zu lassen! Für einige lumpige Tausend Thaler verkaufe ich meine Freiheit nicht, verbittere ich mir nicht das Leben! Ich handle, wie's mir beliebt, und dem da drüben mögen Sie's Wort für Wort sagen – ja – wenn's noch so wäre wie damals – aber das ist vorbei, vorbei und hinüber.« Die letzten Worte des Kärrners klangen obwohl noch heftig, doch so milde und traurig, als ob er befürchtet hätte, einen am Mutterherzen ruhenden Säugling aus seinem Schlummer zu stören; dann glitt die breite, schwielige Hand flüchtig über das glühende Antlitz hin, und wie von einem wüsten Träume umfangen, drehte er wieder seinen glanzledernen Tresorkasten. »Verzeihen Sie, Herr Rechtsanwalt,« sagte er, sich schwerfällig verbeugend und nicht verstehend die berechnenden Blicke, die unausgesetzt auf ihm ruhten, »ich bin wohl successive 'n Bißchen warm geworden, aber 's ist nicht böse gemeint. Mein Auftrag ist ausgerichtet, der Brief ist in Ihren Händen, meinen, meiner Frau und des Mädchens Willen kennen Sie; den Ihrigen kenne ich so halbwege, und wenn Sie mir weiter nichts zu sagen hätten, dann möchte ich wohl gehen.« »Unter den obwaltenden Umständen hätte ich freilich nichts mehr hinzuzufügen,« entgegnete Alvens, indem er sich erhob und dem Kärrner freundschaftlich die Hand reichte, »sollte mir indessen noch dieses oder jenes einfallen – die Angelegenheit will ja von allen Seiten überlegt und beleuchtet sein – so weiß ich Sie zu finden. Leben Sie daher recht wohl und nehmen Sie die Ueberzeugung mit, daß, wo mein Rath Ihnen irgend von Vortheil sein könnte, ich Ihnen herzlich gern jederzeit zu Diensten stehe.« »Danke, danke schönstens, Herr Rechtsanwalt,« erwiderte Braun, sich langsam der Thür zuschiebend, »sollte es dem Mädchen successive bei uns nicht gefallen, so ist es noch immer früh genug, Sie um Ihren Rath zu bitten.« »Ohne Zweifel, guter Freund,« betheuerte Alvens; unter dem Druck seiner weißen Hand ertönte der Doppelschlag einer silberhellen Glocke, und alsbald erschien der Diener, welcher den Kärrner durch die nächste Thüre bis an die breite Treppe des Vorderhauses führte. Siebentes Capitel. Ein weißer Sclave. So lange die schweren Schritte des Kärrners in dem Kabinet vernehmbar waren, blieb Alvens regungslos auf derselben Stelle stehen; dann aber schob er die Hände unter die Schöße seines Leibrockes, und das Haupt tief geneigt, begann er langsam auf und ab zu wandeln. Gelegentlich hielt er auch ein Weilchen inne, und wie grübelnd über die Hinwegräumung eines sich ihm entgegenstellenden Hindernisses, zog er die Brauen über der gebogenen Nase in eine dicke Falte zusammen, während er mit den Zähnen eifrig bald an der Oberlippe, bald an der Unterlippe nagte. »Es könnte gehen, ja, es könnte gehen,« sprach er leise vor sich hin, »wenn ich nur diesem verkappten Agenten, dem Lukas trauen dürfte. Und das Mädchen, von welchem Niemand eine Ahnung hatte – wunderbares Verhängniß – gerade im Hause des Kärrners zu erscheinen. Wer vermag zu errathen, in welcher Beziehung die Familie des Musiklehrers zu Allen stand?« Hastig trat er an den Schreibtisch, und sich auf den Drehstuhl niedersetzend, nahm er den ihm von Braun eingehändigten Brief, welchen er abermals einer sorgfältigen Prüfung unterwarf. »Wenn ich bei meinen Lebzeiten die mir großmüthig angetragene Hülfe zurückwies,« las er still für sich, nachdem er die Einleitung mit den Augen überflogen hatte, »so wird derjenige, auf dessen Wunsch sie mir angeboten wurde, die Gründe zu würdigen wissen, welche mich zu einem solchen Verhalten bestimmten. Ich konnte, ich durfte nicht anders handeln; ich wäre lieber im Elend umgekommen, bevor ich mich zu diesem Schritte entschlossen hätte. Heute dagegen, an dem Tage, an welchem Ihnen, geehrtester Herr Alvens, dieses Schreiben überreicht wird, ist es anders; mich deckt die Erde, und indem ich aus dem Grabe meinen Nothruf an Sie richte, an Sie, durch den mir einst unbegrenzter Beistand angetragen wurde, und zwar auf Wunsch Jemandes, dessen Namen ich freilich nur ahne, bebt mein erkaltetes Herz nicht mehr, sind alle Rücksichten geschwunden, welche mir bisher den herben Zwang auferlegten. Und dennoch würde ich diesen Weg nicht eingeschlagen haben, wäre es nicht mein Kind, das Kind meines dahingeschiedenen, unvergeßlichen Gatten, für welches ich bitte, und welches ich schutzlos zurücklasse. Wann meine arme, verwaiste Tochter, und ob sie jemals diesen Brief an seine Adresse abgeben wird, ruht verborgen im Schooße der Zukunft. Sie ist nicht unvorbereitet, sich selbst ihren Weg durch's Leben zu bahnen; ihre hervorragenden natürlichen Anlagen sind von ihren Eltern gewissenhaft gepflegt und ausgebildet worden; es ist dies das Einzige, was wir ihr hinterlassen und mitgeben konnten; aber sie ist noch so jung, und weiß ich sie vorläufig auch nothdürftig untergebracht, so kann doch eine Zeit kommen, in welcher ihr kräftigerer Schutz und gediegenerer Rath unerläßlich sind. Ihnen ist nicht fremd, wo allein ich Schutz und Rath für meine verwaiste Tochter erhoffen und erflehen darf, und ich thue es Angesichts eines unvermeidlichen Todes, mit klarem Bewußtsein, nach langen Seelenkämpfen, nach reiflicher Ueberlegung. Der Zeitpunkt der Abgabe dieses Briefes soll von dem Ermessen meiner Tochter, des einzigen mir gebliebenen Kindes, abhängen; sie ist schon jetzt verständig genug, zu begreifen, daß nur die triftigsten Gründe mich dazu bewegen konnten, ihr die Ueberreichung dieses Schreibens als ihre letzte Zuflucht zu bezeichnen. »Indem, geehrter Herr Alvens, Ihre Blicke auf diesen Zeilen ruhen, steht die Ueberbringerin, meine arme Tochter, vor Ihnen. Der Würfel ist gefallen, denn mein Kind, bedroht von der Wucht eines unbarmherzigen Verhängnisses, hat sich zu Ihnen geflüchtet! Haben Sie daher Mitleid; aus meinem Grabe flehe ich um Ihre Verwendung! Derjenige, der einst großmüthig mir seinen Beistand anbot, wird sich nicht kaltherzig abkehren, wenn ich jetzt um seinen Schutz für mein Kind bitte. Zeigen Sie ihm diesen Brief, und in der Erinnerung längst entschwundener Zeiten wird er meinem Andenken eine Thräne des Wohlwollens weihen, von meiner Tochter aber Noth, Elend und die schrecklichste aller einem schutzlosen Mädchen drohenden Gefahren fern halten und ihr ein väterlicher Freund sein. Ich segne –« Weiter las Alvens nicht; die Gefühlsäußerungen, welche den ergreifenden Ausdruck eines geängstigten Mutterherzens enthielten, hatten keinen Werth für ihn. Ihm galten nur Thatsachen, welche auf die eine oder die andere Art benutzt und ausgebeutet werden konnte. Mit überlegender Ruhe und systematischen Bewegungen faltete er den Brief in seine ursprüngliche Form, und dann ein vor ihm liegendes Federmesser nehmend, begann er höchst bedächtig an den Nägeln seiner schönen weißen Hände zu putzen. Die Augen hatte er gesenkt, und wenn er, in tiefes Sinnen versunken, seine Stirne nicht in ernste Falten legte, die blauschwarzen Brauen nicht finster zusammenzog, nicht die Lippen einkniff und verzerrte, so war dies dem eisernen Willen zuzuschreiben: den entstellenden Runzeln keine Gelegenheit zu bieten, sich auf dem glatten Antlitz einzustellen und schließlich haften zu bleiben. Nach mehreren Minuten, und nachdem er einen prüfenden Blick zuerst auf die Außenseite und demnächst auf die Innenseite seiner zierlich ausgestreckten Hände geworfen, nickte er billigend, worauf er den von Beltram copirten Bericht in kleine Schnitzel zerriß und in den Papierkorb warf. Dann drückte er dreimal schnell hinter einander auf die Glocke, sowohl für den Diener, wie für den Secretair ein bestimmtes Signal. In dem Vorzimmer hörte er nämlich geräuschvoll eine Thür öffnen und zuschlagen, ein sicheres Zeichen, daß der wohlgeschulte Diener sich entfernte, während auf der entgegengesetzten Seite der Vorhang von der unhörbar geöffneten Thüre zurückglitt und eben so unhörbar Beltrams knochige und hagere Gestalt hereinschlich. »Anmeldungen zu heute sind nicht mehr eingegangen?« fragte Alvens im Geschäftstone und ohne aufzublicken. »Nein, Herr Rechtsanwalt,« lispelten die wulstigen Lippen des Geheimschreibers bescheiden, während seine Schultern sich vor lauter Ehrerbietung mitten vor der Brust schienen berühren zu wollen, »in Ihrem Auftrage erlaubte ich mir, anzuordnen, alle etwa Vorsprechenden zu morgen Vormittag zwischen zwölf und eins hierher zu bescheiden.« »Es ist gut, lieber Beltram,« versetzte Alvens mit einer Milde, die seltsamer Weise die letzte Spur von Röthe aus dem sommersprossigen Gesicht des Schreibers jagte und seinen leicht entzündeten Augen einen sprechenden Ausdruck innerer Angst verlieh; »wir sind also ungestört,« fuhr er noch sanfter fort, »nehmen Sie daher Platz auf jenem Stuhl und merken Sie recht genau auf Alles, was ich Ihnen sage. Ich gedenke nämlich auf vergangene Zeiten zurückzukommen –« »Herr Rechtsanwalt –« wagte Beltram seinen Brodherrn zitternd zu unterbrechen. »Ich habe gebeten, Platz zu nehmen,« erwiderte Alvens mit eisiger Kälte, worauf er wieder in den sanften, theilnahmvollen Ton verfiel: »ja, von vergangenen Zeiten möchte ich mit Ihnen sprechen, damit einzelne Hauptpunkte unseres langjährigen Verkehrs nicht in Vergessenheit gerathen.« »Ich werde es nie vergessen, Herr Rechtsanwalt,« flehte Beltram wieder mit allen äußeren Zeichen tiefer Zerknirschung, »ich werde es selbst im Tode nicht vergessen, haben Sie daher Barmherzigkeit –« »Setzen Sie sich, mein Freund,« bat Alvens dagegen unerschütterlich milde, und als sein Befehl endlich ausgeführt war, fuhr er fragend fort: »Wie lange sind Sie in meinem Bureau beschäftigt gewesen?« »Im zehnten Jahre,« antwortete Beltram kaum verständlich, und in seiner Angst die knochigen Hände auf seine etwas emporgezogenen Kniee haltend. »Gut, also beinahe zehn Jahre;« bekräftigte Alvens, »Sie kamen zu mir, fast noch ein Knabe, und haben mir seitdem ununterbrochen treu und gewissenhaft gedient; ja, noch mehr, Sie haben mir Mittel in die Hände gegeben, welche es mir ermöglichen, Ihnen mein rückhaltlosestes Vertrauen zu schenken – eine Seltenheit unter den Schreibern – was nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Kommen doch zu häufig Fälle vor, über welche das strengste Geheimniß bewahrt werden muß, und die dennoch ohne Beihülfe mindestens eines Zeugen schwer zu erledigen sind. Habe ich recht?« Beltram verneigte sich zustimmend; zu sprechen vermochte er nicht, die Worte erstarben ihm auf der Zunge. »Oeffnen Sie doch gefälligst einmal das Fach da vor sich,« sprach Alvens darauf weiter, indem er Beltram einen kleinen Schlüssel darreichte. Dieser führte mit zitternder Hand aus, was ihm geheißen war, und obwohl er aus Erfahrung wußte, was nunmehr folgen würde, harrte er doch fast athemlos der weiteren Anordnungen. »In diesem Fache befindet sich ein großer Theil meiner wichtigsten Documente,« nahm Alvens alsbald wieder das Wort, »Documente, in welche ich, außer Ihnen, nicht für Millionen einem Zweiten einen Blick gestatten möchte. Unter Anderem liegt dort ganz unten ein Papier – bitte, ziehen Sie es einmal heraus – dessen Werth nicht hoch genug angeschlagen werden kann. So – so, das ist es, bitte, lieber Beltram, mäßigen Sie Ihre Unruhe – es geschieht Alles mit zu Ihrem eigenen Besten – schlagen Sie das Papier auseinander und lesen Sie die roth angestrichene Stelle recht deutlich vor.« Beltram öffnete den zusammengefalteten Bogen und warf dabei einen ersterbenden Blick auf den Rechtsanwalt. Dieser aber hatte das Federmesser wieder genommen und schabte und putzte höchst andächtig an seinen eleganten Nägeln. »Ich höre,« sagte er ruhig, als Beltram noch immer säumte, seinem Befehle nachzukommen, worauf dieser, als habe er sich in einen vor ihm gähnenden Abgrund gestürzt, mit blinder, an Wuth grenzender Verzweiflung anhob: »bekenne ich Endesunterzeichneter, daß ich, entbehrend jeden Gefühls von Dankbarkeit gegen meinen edlen Wohlthäter, mich durch den Glanz des Geldes und durch meine Sucht, mir ein über meinen Stand bequemes Leben zu bereiten, dazu hinreißen ließ, meinen Brodherrn mehrfach um erhebliche Summen zu bestehlen. Diese That erscheint mir um so ruchloser, weil meine eigene Mutter nicht nur darum wußte, sondern auch durch ihre Ueberredungskünste viel dazu beitrug, daß ich mich zu einem gemeinen Diebe herabwürdigte. Dieses Bekenntniß schreibe ich jetzt offen nieder, ohne von Jemand dazu gezwungen zu sein, es der Willkür meines Brodherrn anheimgebend, mich sofort der betreffenden Gerichtsbarkeit zu überantworten und ebenso die entsprechenden Schritte gegen meine Mutter, meine Mitschuldige, einzuleiten.« »Die Unterschrift?« fragte Alvens, sobald Beltram geendigt, und aufmerksamer betrachtete er den unmäßig langen Nagel an dem kleinen Finger seiner linken Hand. »Leberecht Beltram,« antwortete dieser mit einem tiefen Seufzer. »Datum?« »Bleibt noch auszufüllen,« tönte es leise von den convulsivisch zitternden Lippen, und als wäre das Papier glühend gewesen, begannen die bebenden Hände dasselbe wieder in die gewohnten Falten zusammenzulegen. »Gut, bleibt noch auszufüllen,« wiederholte Alvens, das Federmesser nachlässig hinwerfend und zu seinem Sclaven aufschauend, »schreibe ich das heutige Datum auf die leere Stelle, so sitzen Sie, sammt Ihrer geehrten Frau Mutter morgen im Gefängniß. – Ob der Diebstahl gestern oder vor zwei Jahren begangen wurde, macht keinen Unterschied – schlimm genug, daß er überhaupt begangen wurde – und nur um mich für die Zukunft Ihrer Redlichkeit versichert halten zu dürfen, ließ ich mich dazu bewegen, ein derartiges Uebereinkommen mit Ihnen zu treffen. Die geringste Indiscretion, und Sie wissen, was Ihnen bevorsteht; andererseits dagegen bin ich gern bereit, wenn ich in den nächsten zwei Jahren keine Ursache habe, unzufrieden mit Ihnen zu sein, nicht nur das gefährliche Document in Ihrer Gegenwart zu vernichten, sondern auch Ihren Fehltritt zu vergessen und sogar Ihr Honorar zu erhöhen. Sie sind damit einverstanden?« Beltram verbeugte sich zustimmend; den Blicken seines unumschränkten Gebieters zu begegnen, vermochte er nicht. Schlaff saß er da, eine wahre Jammergestalt, von der man nicht wußte, ob man sie mehr bemitleiden, oder, ihrer thierischen Unterwürfigkeit wegen mehr verachten sollte. Erst als Alvens ihn anwies, das gefürchtete Document fortzulegen, belebten sich seine sommersprossigen Züge wieder, während die gerötheten Augen ihren halb listigen, halb einfältigen Ausdruck zurückgewannen. »Diese Angelegenheit wäre also vorläufig wieder einmal erledigt,« verfiel Alvens in seinen gewöhnlichen Geschäftston, »und mögen wir daher zu anderen Dingen übergehen, wegen deren ich Sie rief. Sie kennen den Kärrner Braun?« »Von Ansehen, Herr Rechtsanwalt.« »Wissen Sie, wo er wohnt?« »Ich werde seine Wohnung unbedingt finden.« »Gut, so begeben Sie sich morgen, nachdem Sie das Bureau geöffnet haben, zu ihm und fragen Sie, – natürlich mit einem freundschaftlichen Gruße von mir – ob ich ihm bei der Vergrößerung seines Hausstandes irgend wie von Nutzen sein könnte. Was ich damit meine, weiß er; verstehen Sie mich aber recht, die Frage selbst ist mehr Nebensache, Ihre Hauptaufgabe bleibt, eine junge Person, welche dort eingezogen ist, zu sehen und mir demnächst eine recht ausführliche Beschreibung von ihr zu geben. Namentlich achten Sie darauf, ob die junge Fremde sich einer guten Sprache bedient, ich meine, ob sie ihre Ausbildung in einer Dorfschule, oder in einer höheren Lehr-Anstalt genossen hat; werden Sie das ungefähr beurtheilen können?« »Annähernd gewiß,« antwortete Beltram, wobei sich der Ausdruck seines Gesichtes nicht um ein Haar veränderte. »Gut; halten Sie es zur Erreichung Ihres Zweckes für rathsam, ein Stündchen bei dem Kärrner zu verweilen, so sind Sie nicht an die Zeit gebunden; wird indessen schwer halten, indem die Frau eine wenig zugängliche Person ist. Treten Sie nur recht bescheiden auf, und gelingt es Ihnen, das Vertrauen der Leute zu gewinnen, so ist das um so vortheilhafter. Sie haben mich verstanden?« »Ganz genau, Herr Rechtsanwalt.« »Dann zu etwas Anderem. Entsinnen Sie sich etwa, wann wir von Amerika die letzten Instructionen betreffs der ausgestorbenen Familie des Musiklehrers erhielten?« »Es wird ungefähr sechs Jahre her sein.« »Wissen Sie, wo der betreffende Brief sich befindet?« »Er liegt unter Verschluß.« »Hier ist der Schlüssel; finden Sie ihn nicht gleich, so hat die Sache keine Eile.« Beltram nahm den Schlüssel und begab sich nach einem Wandschrank, der nach Öffnung der Thüre mehrere Reihen von Fächern zeigte, welche verschiedene Jahreszahlen trugen. Während nun Alvens in einen vor ihm hängenden Handspiegel sah, scheinbar, um sein Bild wohlgefällig zu betrachten, in der That aber, um Beltrams Bewegungen zu überwachen, zog dieser, nach einigen ungeschickten Bewegungen, ein Packet Acten hervor, aus welchem er nach längerem Blättern und Suchen einen in blaues Papier eingeschlagenen Brief herausnahm. »Hier ist das Schreiben,« sagte er, geräuschlos an den Schreibtisch zurückkehrend, und seine Augen blickten trüber und einfältiger, denn je, durch die großen runden Brillengläser. »Ich glaube, die Hauptstellen wurden damals von mir roth angestrichen?« bemerkte Alvens fragend. »Sehr wohl, Herr Rechtsanwalt,« versetzte Beltram demütig. »Ah, dann lesen Sie.« Beltram räusperte sich, hob den Brief dicht vor seine Augen und begann: »Den Tod des braven Werth beklage ich tief; er war ein allgemein geachteter Mann, der sein trauriges Schicksal gewiß nicht verdiente. Daß Frau Werth bei seinen Lebzeiten jede Unterstützung zurückwies, ist mir erklärlich; jetzt aber, da sie allein dasteht und gegen Noth und Mangel kämpft, urtheilt sie vielleicht anders. Versuchen Sie es daher noch einmal; ich sollte denken, wenn Sie recht vorsichtig zu Werke gingen, so daß sie völlig im Dunkeln über den Urheber der Unterstützung bliebe, müßte es gelingen. Mir liegt sehr viel daran, daß jede Noth von der so schwer heimgesuchten Frau abgewendet werde –« »Gut gut,« unterbrach Alvens den Lesenden, »sind nicht noch andere Papiere in dem Umschlage?« »Nur noch das Original des Briefes, in welchem wir den Tod der Frau anzeigten.« »Entsinnen Sie sich der Antwort auf denselben?« »Eine unmittelbare Antwort erfolgte nicht, dagegen ist in einem späteren Geschäftsbriefe das tiefste Bedauern über den Todesfall ausgesprochen.« »Von einem Kinde war nie die Rede?« »Nein, die beiden Leute starben kinderlos, doch äußerte er in dem zuletzt erwähnten Briefe, wie glücklich es ihn machen würde, seiner Theilnahme für die Verstorbenen dadurch Ausdruck zu geben, daß er die Sorge für deren Hinterbliebene übernähme.« »Ja ja, so war's,« versetzte Alvens nachdenklich, und das Federmesser drohte wieder den langen polirten Nägeln, »ich wollte mich nur überzeugen, ob mein Gedächtniß mich nicht täuschte; jedenfalls kann seine warme Theilnahme für die Familie des Musiklehrers nicht abgeleugnet werden, noch weniger, daß er aus vollem Herzen Vaterstelle bei den Kindern vertreten würde, wenn welche vorhanden wären.« Beltram antwortete nicht, sondern blickte gespannt auf den Rechtsanwalt, wie um das Weitere aus den Bewegungen des Federmessers und der Fingernägel herauszulesen. »Und dennoch lebt eine Tochter jener Leute,« warf Alvens plötzlich hin, »die Kunde von dem Tode dreier Kinder, welche ich mir mit Mühe verschaffte, bezog sich offenbar auf ältere Geschwister, die schon gestorben sein mußten, bevor man an den kleinen Nachkömmling dachte. Ich glaube, damals hatte ich noch nicht das Vergnügen, Sie in meinem Bureau zu beschäftigen, – es mögen achtzehn bis zwanzig Jahre seitdem verflossen sein; ich selbst war noch ein junger Dreißiger und eben erst im Begriff, meinen Ruf zu begründen.« »Also eine Tochter,« bemerkte Beltram bescheiden, während seine Augen hinter der Fensterglasbrille zuckten und blinzelten, als hätte Alvens mit jedem Worte, welches er sprach, ein Sandkorn in dieselben gestreut. »Ja, eine Tochter,« wiederholte Letzterer, und behutsam zupfte er an seinen von großen goldenen Knöpfen gehaltenen Manchetten, »ein Mädchen, welches sich zur Zeit, wie Sie vielleicht errathen, im Hause des Kärrners befindet.« Beltram verneigte sich unterwürfig; Alvens aber, zufrieden mit dem einfältigen, bewundernden Ausdruck seines Secretairs, fuhr fort: »Zweifel über die Richtigkeit meiner Vermuthung walten zwar noch, allein ich hoffe, es soll mir binnen kurzer Frist gelingen, dieselben zu beseitigen; jedenfalls ist es nothwendig, schleunigst darüber nach Amerika zu berichten – der bereits angefertigte Bericht ist natürlich überflüssig geworden – setzen Sie daher gleich heute noch einen anderen auf und legen Sie ihn mir morgen vor. Die Form bleibt dieselbe, dagegen ist in den Hauptpunkten eine Abänderung erforderlich. Merken Sie sich Folgendes:« Beltram zog schnell eine kleine, unsaubere Brieftasche hervor, und sobald er bereit war, die einzelnen Bemerkungen auf ein waschbares Pergamenttäfelchen niederzuschreiben, dictirte Alvens: »Brauns Auftreten, namentlich das seiner Frau flößt mir Bedenken ein – sie sind auf dem besten Wege, vornehme Leute zu werden – eine Gesellschafterin ist in's Haus genommen worden – man geht mit der Absicht um, einen kostbaren Flügel zu kaufen – man spricht vom Aufgeben des Geschäftes – kurz, Alles gewinnt den Anschein, als ob man entweder eine gute Erbschaft angetreten habe – oder in nächster Zeit eine solche anzutreten hoffe – über den Verlust des Sohnes hat man sich offenbar getröstet. Doch auch eine erfreuliche Nachricht u. s. w. – Täusche ich mich nicht, so bin ich auf die Spur eines Kindes der Familie Werth gerathen – ein junges Mädchen – spät geboren, von welchem bisher Niemand etwas wußte. Ich werde, den vor Jahren empfangenen Weisungen gemäß, die Spur mit allem Eifer verfolgen und, im Falle des Auffindens, mich der jungen Waise redlich annehmen – und erwarte ich umgehend die entsprechenden Instructionen.« »Dies wären ungefähr die Hauptsachen, mein lieber Beltram,« schloß Alvens, indem er sich erhob, für den Secretair ein Zeichen, daß er entlassen sei, »führen Sie Alles etwas umständlich aus, und sollte mir noch dieses oder jenes einfallen, können wir das morgen hinzufügen.« Beltram empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung, welche sein Brodherr durch leichtes Nicken seines Hauptes lohnte, und in der nächsten Minute befand Alvens sich wieder allein. Nach kurzem Ueberlegen verschloß er die Papiere und Briefschaften, ebenso verfuhr er mit anderen Gegenständen, welche noch auf seinem Schreibtische umherlagen, dann sah er nach der Uhr. Es war bereits spät am Nachmittage; nur noch verstohlen warf die sinkende Sonne einzelne Strahlen zwischen den Dächern der Nachbarhäuser hindurch. Die Zeit, zu welcher das Bureau geschlossen zu werden pflegte, war bereits vorüber. Alvens mochte sich dessen entsinnen, denn kaum eine Viertelstunde verwendete er dazu, die Arbeiten seiner Schreiber flüchtig zu prüfen, an ihn gerichtete Fragen zu beantworten und neue Befehle zu ertheilen. Mit Beltram dagegen sprach er kein Wort; er überzeugte sich nur, daß derselbe den ihm übertragenen Bericht in Angriff genommen hatte, worauf er sich wieder in sein Kabinet und von da nach seiner Wohnung begab. Obwohl die jüngsten Erfahrungen seinen Geist noch immer rege beschäftigten, war er doch munter und guter Dinge. Für ihn begannen ja jetzt erst die Stunden des Lebens und Genießens, wie es einem freien und wohlhabenden Junggesellen gebührte; und er in seiner unabhängigen Stellung brauchte sich um so weniger Zwang aufzuerlegen, als er sein Bureau mit allen in demselben verborgenen Geheimnissen unter der sicheren Obhut eines gewissenhaften Secretairs wußte; verfügte sich dieser aber nach Hause, dann lag Alles wohlgeschützt hinter eisernen Stangen und doppelt verriegelten und verschlossenen Thüren. – Der gewissenhafte Beltram! Nachdem die anderen Schreiber die Treppe des Hinterhauses hinuntergestolpert waren, versicherte er in gewohnter Weise die Außenthür, worauf er in seiner Arbeitsstube die Lampe anzündete und die Fenstervorhänge zuzog. Ein Blick in die an das Kabinet seines Herrn stoßenden Zimmer belehrte ihn, daß er heute keine Störung mehr zu befürchten habe. Ein heller Triumph glitt dabei über sein häßliches Gesicht, drohend ballte er die Fäuste und indem seine tückischen Augen unheimlich glühten, zischte es wie ein entsetzlicher Fluch zwischen den wulstigen Lippen und den aufeinander knirschenden Zähnen hervor. »Du hättest mich zu Deinem Hunde machen können,« stöhnte er wuthbebend in sich hinein, »Du aber hast es vorgezogen, durch die ausgesuchtesten Martern mich in eine Hyäne zu verwandeln; so mögen denn auch die Folgen davon auf Dein eigenes Haupt zurückfallen! Ich war ein Dieb im Kleinen aus Noth, um mein elendes Dasein und das meiner noch elenderen Mutter zu fristen, und Du? Hahaha! Was sind meine Sünden gegen Deine Schurkenstreiche? Und mit meiner Beihülfe hättest Du Alles leicht und glücklich ausgeführt, wärest Du klug genug gewesen, dem Hunde dafür einen Brocken hinzuwerfen. Jetzt aber? Oh, wir wollen sehen!« Die eine Hand fuhr hastig in die Seitentasche, in welcher mehrere Schlüssel klirrten. »Wir wollen sehen,« wiederholte er mit gehässigem, feindseligem Ausdruck, dann lauschte er mit angehaltenem Athem. Lautlose Stille herrschte ringsum. In dem von nur einem Fenster erhellten Kabinet hatte sich bereits Dämmerung eingestellt; vergrößert und durch die unbestimmte Beleuchtung verunstaltet, hoben alle Gegenstände von den dunkel tapezierten Wänden ab. Nur die kostbaren Lithographieen und Kupferstiche in ihren Goldrahmen schimmerten noch weiß, daß die Wände sich ausnahmen, als wären ihnen fürchterlich große Augen, Ohren und Nasen eingefügt gewesen, um Alles zu hören und zu beobachten, was vor Ihnen getrieben und ausgeführt wurde, und es dann zu verrathen. O, diese fürchterlichen Augen! Hätten sie nur ordentlich sehen und der dazu gehörige Mund jedesmal das Geschehene und Vernommene ordentlich mittheilen können! Wie dann wohl die elegante Erscheinung des berühmten Rechtsgelehrten bis in's innerste Mark hinein erschüttert worden wäre, wie seine feinen Hände sich wohl ineinander gerungen und die schwarzen stechenden Augen sich vor Entsetzen verglast hätten! Doch die in dem Halbdunkel drohenden Lithographieen waren stumm, stumm und leblos, wie das Polisanderholz des kostbaren Schreibtisches mit den zahlreichen verborgenen Fächern und Thüren, stumm, wie die weichen Polstermöbel, stumm, wie der wunderlich geformte Drehstuhl mit den drei Löwenfüßen, der geschweiften Lehne und den beiden schön gestickten Sitzkissen. Die Vorzüge und der Glanz der Zimmereinrichtung verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit; der Drehsessel aber verwandelte sich in einen lächerlichen Kobold mit großen Höckern und zwischen den hohen Schultern verschwindendem Kopfe, der vor dem Schreibtische kauerte, wie bewachend alle die Geheimnisse, welche dieser in seinem Innern barg, und bereit, sich hinterlistig auf jeden in seinen Bereich tretenden zu stürzen. Von der Straße her erscholl dumpf das Rasseln der Equipagen, die den Verkehr in hochgestellten und glänzenden Kreisen vermittelten. Im dunkelen Winkel auf vergoldeter Console tickte ausdruckslos eine broncene Stutzuhr; ihr eintöniges Ticken schien zu betheuern, wie gleichgültig es ihr sei, ob der Gebieter oder der Sclave auf ihr einschläferndes Geräusch lausche, ob kleine oder große Frevel in ihrer Nachbarschaft ersonnen und vorbereitet wurden. Sie tickte langsam und regelmäßig, als sei sie die Pulsader des Kabinets gewesen, viel langsamer, als das Blut in Beltrams Adern; denn Beltrams Blut kochte vor Wuth und Feigheit, vor Rachedurst und Sehnsucht, ebenfalls in einer stattlichen Karosse durch die belebten Straßen zu rollen und den Neid der erbärmlichen Fußgänger zu erwecken, von welchen Manche vielleicht dazu verdammt waren, hungrig zu Bett oder vielmehr auf eine moderige Strohschütte zu gehen. Geisterhaft stierten die schwarzen Wände und bleichen Bilder auf Beltram, als dieser mitten in dem Kabinet stand und mißtrauisch in die Ferne lauschte. Alles ringsum erschien ihm unheimlich drohend. Da klirrten die Schlüssel wieder zwischen seinen Fingern, und wie durch den eigenthümlichen Klang neu belebt, richtete er sich empor. Mit sicheren, jedoch unhörbaren Schritten trat er vor den Wandschrank hin, aus welchem er kurz zuvor die Papiere hervorgesucht hatte. Einige Sekunden tastete er auf der Tapete umher, dann schob sich mit leise knirschendem Geräusch ein bereit gehaltener Schlüssel in das Schloß. »Er paßt,« entschlüpfte es gepreßt der eingezwängten, schwer athmenden Brust. »Und er schließt,« folgte es in derselben Weise nach, als der Riegel dem auf ihn ausgeübten Druck nach links und rechts herum willig nachgab. »O, ich wußte, daß meine Augen mich nicht täuschten,« stöhnte er, den Schlüssel wieder herausziehend, worauf er sich nach dem Schreibtisch hinbegab. Auch hier prüfte er zwei Schlösser mit zwei verschiedenen Schlüsseln, welche indessen nicht paßten. »Von diesem muß noch etwas Eisen heruntergefeilt werden,« tröstete er sich leise, »und an diesem scheint die Kreuzkerbe zu eng zu sein. Geduld, Geduld, die Zeit ist nicht mehr fern, in welcher seine Briefschaften mir ebenso zugänglich sind, wie ihm selber! Ha, und alle Tage will ich dann lesen, daß ich ihn bestahl, daß meine elende Mutter eine Diebshehlerin war und die Freiheit von uns Beiden in seinen Händen ruht. Wohl, unendlich wohl soll es mir thun, dies ungestört zu lesen, wenn seine Augen nicht auf mir ruhen, sich nicht weiden an meiner Scham – Scham? Hahaha! die wurde längst durch seine freundliche Fürsorge erstickt, und zu meinem Segen, denn ein armer Abschreiber – ha! wer würde sich wohl gern als Abschreiber durch's Leben schlagen?« Er lauschte wieder; Nichts rührte sich in seiner Umgebung. Von der Straße her dasselbe dumpfe Rasseln, im Winkel dasselbe ausdruckslose Ticken. Die Bilder waren beinahe gänzlich verschwunden; ein schmaler Lichtstreifen fiel hinter dem verschobenen Vorhange hervor in das Cabinet hinein und traf den Drehsessel so wunderbar, daß die beiden vorspringenden polirten Knöpfe der Seitenlehnen den Schein zurückstrahlten und dadurch die Aehnlichkeit mit einem mißgestalteten, feurig glotzenden Gnomen noch erhöhten. »Wie die Arbeit, so der Lohn,« sprach Beltram unheimlich, und kühn warf er sich auf den drohenden Kobold, daß dieser in allen seinen Fugen knackte und knarrte. »Ganz genau solchen Stuhl werde ich mir dereinst anfertigen lassen,« fuhr er in seinem Selbstgespräch fort und behaglich schob er seinen knochigen Oberkörper zwischen den gepolsterten Lehnen und Kissen hin und her, »und eine schmackhaftere Mahlzeit hoffe ich dann auch zu halten.« Ohne sich zu erheben, drehte er den Stuhl so weit herum, daß der Lichtschein aus dem Nebenzimmer gerade auf seinen Schoß fiel. Aus der einen Tasche seines fadenscheinigen Rockes zog er darauf ein Stück grobes Brod, aus der anderen einige in Papier gewickelte Wurstschnitten und Zwiebeln und endlich aus der Westentasche ein Zuschlagemesser hervor. Mit großem Appetit begann er zu speisen; ein auf seine Kniee ausgebreiteter Bogen Papier war sein Tischtuch, hinreichendes Licht spendete ihm die Lampe in dem Nebenzimmer zwischen dem Thürpfosten und dem Vorhang hindurch, und was ihm sonst noch etwa mangelte, das ersetzte ihm reichlich das Bewußtsein, auf dem weich gepolsterten Drehstuhl zu rasten, welcher genau so beschaffen war, wie derjenige, den er einst sein Eigenthum zu nennen hoffte. Hei! Wie bei diesem Gedanken die breiten Kinnladen so eifrig arbeiteten und das harte grobe Brod und die kärglichen Zuthaten zermalmten! Wie die großen, runden Gläser vor den zuckenden und blinzelnden Augen den schwachen Lichtschein so wunderlich zurückspiegelten und die wulstigen Lippen und eingefallenen Backen sich in alle nur denkbaren Formen hineinquälten und zwängten, während die knochigen Finger bedächtig und wenig einladend Messer und Speisen handhabten! Der Drehstuhl hatte bei der unzureichenden Beleuchtung seine Aehnlichkeit mit einem Kobold immer noch nicht ganz verloren, doch was war sein Zerrbild im Vergleich mit der häßlichen, Unheil brütenden Gestalt, welche er trug? Wie die Tarantel aus künstlich hergestelltem Hinterhalte in's Tageslicht hineinspäht, um sich wild auf die arglos in ihren Bereich tretenden Opfer zu stürzen, so stierten grämlich und zugleich listig die gerötheten grauen Augen in den falben Lichtschein, der, wie ein Kometenschweif, seitwärts von dem Vorhange seinen Weg in das finstere Kabinet fand. Achtes Capitel. Der Herr Professor. Wie das Eis der Gletscher vor den Strahlen des wärmenden Tagesgestirns zerrinnt und in seinem Laufe niederwärts keimenden Gräsern und Kräutern frisches Leben zuträgt, so zerschmolz die starre Rinde, die sich im Laufe der Jahre um Frau Kathrins Herz gelegt hatte, vor dem Einfluß, welchen Anna unbewußt und ahnungslos auf alle Diejenigen ausübte, die in näheren Verkehr mit ihr traten. Indem aber die großen, ernsten blauen Augen zuweilen einzelne Funken der in sich aufgesogenen neuen Lebenswärme zurückstrahlten, indem die bleichen Lippen hin und wieder gleichsam unwillkürlich ein Wort innigen Gefühls und freundlicher Theilnahme spendeten, gleichviel, ob in derselben Minute die Brauen sich unzufrieden runzelten, die Lippen, wie bereuend, sich fester auf einander legten, fühlte auch Anna sich milde angeweht und immer mehr in freundlicher Zuneigung zu der hingezogen, die sie anfänglich mit heimlicher Scheu, wenn auch theilnahmvoll betrachtete. Die sich vielfach wiederholende Erklärung: »Nur den Leuten zum Aerger und zum Trotz,« verlor ihre Bitterkeit für sie, wenn sie bemerkte, wie die hageren Hände behutsam glättend über die weichen Pfühle ihres Bettes hinstrichen oder ordnend ihr üppiges, kastanienbraunes Haar so sanft berührten, als habe es aus leicht zerstörbaren Spinngeweben bestanden. Selbst als den Leuten zum Trotz und zum Aerger ihre Garderobe eine gänzliche, kaum im Einklange mit ihrer zeitigen Umgebung stehende Umwandlung erfuhr, als ein volltönendes Klavier in der geräumigen Wohnstube aufgestellt wurde und die Andeutung, man erwarte von ihr, daß sie allmälig zu den Kosten ihres Unterhaltes beitrage, harsch ihre Seele traf, beruhigte sich das angstvoll klopfende Herz wieder, sobald ihre Finger sicher und gewandt dem Instrumente ihre Lieblingsmelodieen entlockten und ihre Blicke dabei schüchtern und verstohlen in dem ihr schräg gegenüberhängenden Spiegel auf Frau Kathrins ernster Gestalt hafteten. – Frau Kathrin aber saß am Fenster auf ihrer alten Stelle; zwischen ihren Händen befand sich ein Strickzeug, jedoch kein Riesenstrumpf von grober blauer Wolle war es, der unter den rastlos kämpfenden Stricknadeln entstand, sondern ein Strumpf von feiner, weißer Baumwolle, der für einen kleinen und sehr schmalen Fuß berechnet war und welchen sie angefangen hatte, »nur der Veränderung wegen«, wie sie spöttisch betheuerte. Und als die ersten Accorde zu ihr herüberdrangen, da blickte sie schärfer auf ihre beweglichen Hände nieder und mit feindseligerem Ausdruck hetzte sie die dünnen Nadeln aufeinander, gerade als ob sie die Musik noch nicht gehört habe, oder dieselbe ihr auch unangenehm gewesen wäre. Anna's ängstlich pochendes Herz zog sich wehevoll zusammen; schüchterner wurden ihre Bewegungen und leiser glitten die zierlichen Finger über die Tasten hin. Sie vergegenwärtigte sich ihre dahingeschiedenen Eltern, die sie schon im zartesten Jugendalter so häufig durch ihr vielversprechendes Spiel entzückte. »O, wie unendlich lange ist das her,« dachte sie schwermüthig. »Lang', lang' ist's her, lang' ist es her,« wiederholten die Saiten, wie zufällig eben so schwermüthig. Die alte, liebe Melodie, wie sie ihr so warm, so befreundet zum Herzen drang. »Lang', lang' ist's her,« ertönte es lieblich gedämpft zwischen weichen Accorden hindurch, »Lang' ist es her,« hallte es wie entschlummernd und halb im Träume nach. Dann aber folgte das ganze Lied, einfach und getragen, ähnlich dem Gesange eines klagenden, in schmerzliche Erinnerungen versenkten Gemüthes. »Lang' ist es her,« schloß die Melodie, umtändelt von lieblichen Variationen, die von Perlen und Thränen, von erquickenden Thautröpfchen und duftendem Blüthenregen zu erzählen schienen. Anna's Blicke schweiften, bevor sie das Lied von Neuem begann, heimlich nach dem Spiegel hinüber, und kräftiger senkten sich ihre Finger auf die Tasten, gleichsam das besingend und schildernd, was sie dort entdeckte. Zwischen den kampfbereiten Nadeln war Friede geschlossen worden; unthätig ruhten die hageren Hände mit dem weißen Strickzeug auf der sauber gefältelten Schürze. Die großen blauen Augen dagegen waren ihr unverwandt zugekehrt, und auf den eingefallenen Wangen schimmerten Thränen, die langsam den traurigen Augen entrollten und die rastende Arbeit benetzten. »'s geschieht nur den Leuten zum Aerger und zum Trotz,« würde Frau Kathrin diesen unbewußten Ausbruch ihrer Gefühle unstreitig entschuldigt haben. Was Anna dagegen bei dieser Entdeckung empfand, was ihr Gemüth so tief bewegte, das verflocht sie absichtslos in die wunderbar ergreifenden, bald schwellenden, bald einschlummernden Variationen, die fort und fort umgaukelten das stets wiederkehrende: »Lang', lang' ist's her,« Sie spielte, wie die steigende Lerche ihr Lied in den sonnigen Aether hinaussingt. Nicht trachtend und haschend nach Formen und Effecten, offenbarte sie das, was ihre Brust bis zum Zerspringen erfüllte. Holdes, kindliches Träumen und unbewußtes, ahnungsvolles Sehnen süßer Jungfräulichkeit; tief empfundene Dankbarkeit und sich schnell erschließende und wachsende Zuneigung, Alles drängte sich in ein einziges Bild zusammen, welchem in Tönen verständlichen Ausdruck zu verleihen, ihr die Natur die hohe Begabung zuerkannt hatte. Anna spielte fort und fort; Frau Kathrins Nadeln ruhten, die umflorten blauen Augen schienen sich noch mehr zu erweitern, als das verleugnete Herz, welches so warm hinter denselben schlug. Wie ein Heer freundlich versöhnender Geister zog es durch das Gemach; sogar der alte Ofen mit seinen schwarzen, geschnörkelten Kacheln, die schweren, eichenen Schränke mit ihren ausgekehlten Aufsätzen und der kurzathmige grüne Wetterprophet auf seinem Leiterchen riefen den Eindruck hervor, als hätten sie, der Wirkung der Töne unterthan, mit Aufmerksamkeit den lieblichen Melodien gelauscht. Wenn aber leblose Gegenstände einen derartigen Eindruck erzeugten, um wie viel mehr mußte da ein Gemüth, wie das des alten Kärrners, durch die unter seinem Dache webende Musik hingerissen werden! Wirkte sie doch so bezaubernd auf ihn ein, daß er sich gar nicht innerhalb seiner eigenen vier Pfähle zu befinden meinte. Denn anstatt einzutreten, war er, vom Hofe kommend, auf der Hausflur stehen geblieben, und den Oberkörper der Thüre zugeneigt, lauschte er so gespannt, als sei von dem Verlust einer einzigen Note das Leben eines seiner Holsteiner abhängig gewesen. Wie gewöhnlich bei ernsten Vorkommnissen hatte er das eine Auge geschlossen und den gegenüberliegenden Mundwinkel tief gesenkt; wie durch den Anblick eines Gorgonenhauptes versteinert, hielt die rechte Faust den rothen Borstenkragen lang ausgereckt, wodurch natürlich das ganze ehrliche Gesicht entsetzlich schief gezogen wurde. Aehnlich einem Felsen ruhte der mächtige Körper auf den eisenbeschlagenen Füßen, die so gespreizt auf dem harten Lehmboden wurzelten, daß der arme Hechsel, unentschieden, welcher der beiden blaugestreiften Magnete die größere Anziehungskraft auf seine gußeiserne Doppelnase ausübe, sich gerade vor ihn hingesetzt hatte und, das dicke Haupt etwas zur Seite geneigt, verwunderungsvoll zu ihm emporschaute und vergeblich seine abhanden gekommenen Ohren zu spitzen suchte. »Lang', lang' ist's her,« tönte es wieder, begleitet von tadellosen Läufern, auf die Flur hinaus. Braun wiegte billigend, wie ein echter Kunstkenner, das Haupt und faßte etwas tiefer in die feuerfarbige Bürste. Hechsel, der bei diesem Anblick seinem schwarzen Auge nicht recht traute, neigte den Kopf auf die andere Seite, wodurch das Glasauge nach oben zu stehen kam, worauf er sehr bedächtig mit beiden Nasenhälften schnupperte. Die Musik hatte indessen kaum von Neuem begonnen, als Hechsel plötzlich seine Rückenhaare sträubte und mißtrauisch um sich spähte. Fast gleichzeitig wurde die Hausthür mit gellendem Klingeln nach innen gedrückt, welches sofort ein ärgerliches Knurren Hechsels hervorrief. Derselbe zeigte sich sogar nicht abgeneigt, den hastig Eintretenden über die Störung zur Rede zu stellen, denn sein Glasauge schielte grimmig nach ihm hin, während er das schwarze tragend auf seinen Herrn richtete, als dieser ihm noch zur rechten Zeit durch die vorgehaltene freie Faust und ein leises: »Successive!« sein weiteres Verhalten vorschrieb. Wenn aber der Kärrner auf diese Weise vermittelnd auftrat, so schien er doch nichts weniger als friedfertige Gefühle gegen Denjenigen zu hegen, der ihn so unberufen in seinem Kunstgenuß unterbrach. Er ließ nämlich die rothe Bürste fahren, und die offene Hand hoch emporhebend, gebot er sowohl mit dieser, als auch mit allen Gesichtsmuskeln so eindringlich Ruhe, daß er nicht mißverstanden werden konnte. Fürchterlich und drohend, wie er sich in solcher Stellung ausnahm, wurde der Fremde dadurch nicht im mindesten eingeschüchtert. Im Gegentheil, derselbe besaß sogar die Kühnheit, auf den Zehenspitzen dicht neben den Kärrner heranzuschleichen, dessen Hand zu ergreifen, freundschaftlich zu drücken und demnächst ebenfalls mit großer Aufmerksamkeit der Musik zu lauschen. Und dabei war er ein Mann, der mit seinem Kopfe dem Kärrner kaum bis an den Ellenbogen reichte, zum Ueberfluß aber auf dem Rücken einen ansehnlichen Höcker trug, welcher vorn auf der Brust, indem die Rippen unverhältnißmäßig weit heraustraten, eine Art Fortsetzung fand. Auch der Hals hatte das entsprechende Maß nicht erhalten, sondern war, von einem sehr wohlgebildeten Haupte gekrönt, zu tief zwischen die Schultern hineingesunken. Die übrigen Glieder dagegen erwiesen sich als vollkommen regelmäßig, standen aber nicht im Einklang mit dem Oberkörper, welcher im Wachsthum hinter den Armen und Beinen weit zurückgeblieben war. Diese äußeren Mängel bereiteten indessen dem seltsamen Fremden augenscheinlich nicht mehr Sorge, als manchem tadellos gewachsenen Menschen die Entdeckung des ersten weißen Haares, und seinen Höcker hatte er volle sechsundfünfzig Jahre mit einer Leichtigkeit getragen, als wäre demselben kein größeres Gewicht, als das einer Fliege beschieden gewesen. Derartige Empfindungen prägten sich also deutlich in seinem zwar alternden, jedoch ungemein einnehmenden Gesicht aus, an welchem man höchstens zu viel Schärfe tadeln konnte, wogegen ein gewisser sarkastischer, fast boshafter Zug um den feingeschnittenen Mund durch ein Paar brauner, sehr kluger, bald menschenfreundlich leuchtender, bald schadenfroh blitzender Augen gemildert wurde. Mit dem Kärrner stand der Fremde, der sich übrigens durch den feinen Stoff und die Sauberkeit seiner Bekleidung, wie durch eine schwere goldene Uhrkette als wohlhabenden Mann verrieth, offenbar auf sehr vertrautem Fuße, auf vertrauterem Fuße, wie es sonst bei so gänzlich verschiedenen Lebensstellungen gewöhnlich. Wenn Braun aber bei dem unerwarteten Auftreten des Besuchs die üblichen Höflichkeitsformen vernachlässigte, so darf dies lediglich auf Rechnung der Musik geschrieben werden, welche auf den Fremden denselben unwiderstehlichen Zauber ausübte, wie auf den alten Kärrner und seinen getreuen Hechsel. Beinahe zehn Minuten waren verstrichen, ohne daß das seltsame Kleeblatt seine Stellung wesentlich verändert hätte, als die Musik plötzlich mit einem schwermüthig verhallenden Accord abschloß. Der Kärrner schaute fragend auf den Fremden, der Fremde betrachtete sinnend die gußeiserne Doppelnase, während Hechsel sein alltägliches Auge nachdenklich auf den Fremden, das schönere, weißgeringelte dagegen auf seinen Herrn gerichtet hielt »'s wird successive wieder losgehen,« bemerkte Braun endlich flüsternd, als hätte er die Worte mit seiner Faust sehr sorgfältig aus dem rothen Borstenkragen hervorgezupft. Der Fremde nickte zustimmend, Hechsel neigte das Haupt auf die andere Seite, und dann lauschten alle Drei wieder ein Weilchen sehr geduldig. Sie lauschten gerade so lange, wie Frau Kathrin Zeit gebrauchte, vor das Klavier neben Anna hinzutreten, mit einer Miene entsetzlicher Theilnahmlosigkeit deren Hand zu ergreifen und über den gekrümmten Zeigefinger derselben den entstehenden Füßling ihres Strickzeugs zu messen. »Noch sechs Touren bis zum Abnehmen,« sprachen die schmalen Lippen leise und sich kaum bewegend; dann begab Frau Kathrin sich ebenso geräuschlos, wie sie gekommen war, an's Fenster zurück, im Vorbeigehen ihre Hand flüchtig und mit sanftem Druck auf das weiche, kastanienbraune Haar legend. »'s ist vorbei,« sprach der Kärrner, sobald er das Rücken des Stuhls hörte, mit welchem Frau Kathrin ihren alten Platz einnahm, dann verbeugte er sich mit einem zutraulichen: »Verzeihen Sie, Herr Professor.« »Verzeihen?« fragte der Professor, indem er seinen Hut leicht mit der Fingerspitze berührte und demnächst dieselben Fingerspitzen sehr herablassend dem Kärrner darreichte, »etwa das meisterhafte Klavierspiel, mein lieber Freund?« Aber ich bin überrascht, höchlichst überrascht; wie kommt diese Musik in Ihr Haus? Ganz ungewöhnlich, in der That sehr außergewöhnlich. Hoffe, die ehrenwerthe Frau Kathrin wohl zu finden?« »Hm 's geht ja noch so successive,« antwortete der Kärrner, die Thür öffnend, »aber belieben der Herr Professor einzutreten und verzeihen Sie meine Unhöflichkeit.« »Hat nichts auf sich, lieber Freund,« versetzte der Professor, worauf er die Schwelle überschritt und sich hastig auf Frau Kathrin zu bewegte, deren Stricknadeln bereits wieder wüthend unter einander kämpften. »Ah, schönen guten Tag, meine liebe Madam Braun!« rief er heiter aus, sich weder um den Kärrner, noch um Hechsel, noch um Anna kümmernd, welche Letztere sich bei seinem Eintritt erhoben hatte, »ich freue mich unendlich, Sie wohl zu sehen, wirklich ganz unendlich, meine liebe Madam Braun, und immer fleißig, wie ich sehe,« und seinen Hut neben Frau Kathrin auf das Fensterbrett stellend, ergriff er deren Hand, die er kräftig schüttelte. Frau Kathrin ließ Alles ruhig geschehen, und obgleich ihr Blick sich nicht um einen Grad erwärmte, verrieth sie doch eine große Freundschaft für den kleinen verwachsenen Professor dadurch, daß sie sich erhob, mit einer steifen Verbeugung für die gütige Nachfrage dankte und ihren Fleiß damit entschuldigte, daß sie nur arbeite, um nicht in tödliche Langeweile zu verfallen. »Wenn ich aber auf Dank für meine Mühe rechnete,« fügte sie schließlich mit eisiger Kälte hinzu, »würde ich natürlich viel besser daran thun, die Hände müßig in den Schoß zu legen und fünf gerade sein zu lassen.« »Richtig, ganz richtig, meine liebe Madam Braun,« versetzte der Professor, die dürre Hand zum zweiten Male ergreifend und mit Nachdruck schüttelnd, »Sie sind eine achtungswerthe Frau und haben Lebensanschauungen, welche manchem berühmten Philosophen zur Ehre gereichen würden. Auf Dank der Leute rechnen? Pah! Auch ich hatte einst solch' wunderliche Ideen, allein sie gingen zu Grabe, sobald ich entdeckte, daß ich trotz meiner gewissenhaften und menschenfreundlichen Bemühungen immer der bucklige Professor war und blieb. O, mein Gott, wie danke ich Dir für meinen Buckel und daß ich nicht auf die erbärmlichen Collegiengelder angewiesen bin! Ich lebe jetzt nur für mich und meine Liebhabereien, und im Grabe will ich noch triumphiren, wenn die Resultate meiner Forschungen in Form eines umfangreichen Manuscriptes mit mir zugleich vermodern, anstatt den Menschen zu dienen und ihnen vielleicht Gelegenheit zu spöttischen Randglossen über den todten buckligen Professor zu geben. Hahaha! Meine achtungswerthe Frau Kathrin, der bucklige Professor weiß ganz genau, was die Dankbarkeit seiner Mitmenschen werth ist! Aber ich erstaune, Sie haben sich ein Instrument angeschafft und obenein eine Klavierspielerin?« »Nur damit die Nachbaren Grund haben, neue Gerüchte über mich in Umlauf zu setzen, Herr Professor,« antwortete Frau Kathrin beißend, »ich bin sonst gewiß keine Freundin von dergleichen Zeitvertreib und es paßt sich solcher wohl auch nicht für meinen Stand – aber gerade weil es sich nicht für meinen Stand paßt –« »Vollkommen gerechtfertigt, meine gute Frau Kathrin,« fiel der Professor lebhaft ein, »bin ganz Ihrer Meinung, würde ich selbst doch, wenn ich Zeit und Mittel besäße, einen Thurm bis in die Wolken hinein bauen, um ihn alsbald wieder einreißen zu lassen, blos um die Leute zu zwingen, von mir zu glauben, ich sei verrückt.« Während dieses Gespräches hatte Anna wie erstarrt dagestanden, eine tiefe Röthe der Beschämung hatte ihr Antlitz überzogen. Wohl fühlte sie noch die Stelle, welche Frau Kathrins Hand liebkosend berührt hatte, wohl suchten das bezeichnend zwinkernde Auge und der gesenkte Mundwinkel des Kärrners sie zu ermuthigen, allein die gelegentlich auf sie gerichteten Blicke des Professors, zusammen mit den herzlosen verletzenden Worten wirkten so niederschmetternd auf sie ein, daß sie, um ihre gänzliche Rathlosigkeit zu verbergen, leise hinausschlich und sich nach dem ihr eingeräumten Giebelzimmer begab. Kaum aber hatte die Thür sich hinter ihr geschlossen, da erkundigte der Professor sich auch schon nach ihr, und mit sichtbarer Theilnahme erfuhr er die näheren Umstände, welchen Anna ihre Anwesenheit im Hause des Kärrners verdankte. »Jedenfalls macht die junge Person einen sehr günstigen Eindruck,« bemerkte er mit einem billigenden Zucken der verwachsenen Schultern, sobald Braun seinen flüchtigen Bericht beendet hatte, »und abgesehen davon, daß gerade hinter den einnehmendsten Gesichtszügen oft die größte Schadenfreude wohnt, kann man ihr doch ein hervorragendes Talent in der Musik nicht absprechen. Was gedenken Sie mit ihr anzufangen? Solch' Mädchen zu erhalten, kostet Geld.« »Sie muß verdienen helfen, sie muß arbeiten,« versetzte Frau Kathrin schnell, »und wenn sie erst eine Schülerin hat, wird sie deren allmälig mehr finden – und übrigens, Herr Professor, wenn Sie's nicht für ungut nehmen wollen, kommt's uns gar nicht darauf an, ob wir zu Zweien oder zu Dreien zu Tische sitzen, und dann – offen gestanden – solch' fremdes Wesen im Hause mag eine große Last sein, allein von Schadenfreude habe ich an dem Kinde bis jetzt noch nichts bemerkt; freilich, ich kümmere mich auch nicht viel um die junge Dame.« »Gerade wenn man nichts bemerkt, meine liebe Frau Kathrin, darf man auf einen Charakter schließen, der seine tadelnswerthen Regungen listig zu verstecken weiß,« erwiderte der Professor boshaft, »und ich müßte mich sehr täuschen, wenn Ihre junge Dame nicht zur Zeit in irgend einem Theile Ihres Hauses verborgen säße und sich weidlich über mich und die sehr achtbare und schweigsame Madam Braun ergötzte.« Frau Kathrin antwortete nicht, sondern blickte nachdenklich auf ihre Nadeln nieder, die mit dem Ausdruck von vergifteten Stiletklingen wüthend aufeinander einfuhren. Der Kärrner dagegen war nicht im Stande, länger an sich zu halten; sein breites Gesicht war braun angelaufen, wie der Kragen einer Tauchente sträubten sich die rothen Borsten um den schief gezogenen Mund, und indem er mit erzwungener Ruhe die Hände auf den Rücken legte, trat er gerade vor den Professor hin. »Herr Professor,« hob er mit eigenthümlich gepreßter Stimme an, und das eine Auge schien rücklings in einen unermeßlichen Abgrund zu stürzen, »Herr Professor, Sie sind successive ein hochgelehrter Mann und ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie sich nicht zu gut halten, gelegentlich bei uns einfachen Bürgersleuten einzukehren, allein wenn Sie dem armen Kinde solch' böse Gedanken zutrauen, dann muß ich mir mit allem Respect successive erlauben, Ihnen das abzustreiten. Die Anna ist ein gutes Kind, die Anna ist ein braves Kind, und wenn Sie das bezweifeln, dann bezweifle ich, daß Sie so viel Menschenkenntniß besitzen, wie mein Hechsel, der dem Kinde vom ersten Augenblick an zugethan gewesen ist, und das ist meine Ansicht von der Sache und mein Name ist Christian Braun!« Aemsiger, hastiger trafen sich die Stricknadeln, so daß es bei der plötzlich eingetretenen Stille vernehmbar knisterte. Das Knistern aber ertönte nicht mehr wie das Zusammenschlagen von spitzen und geschmeidigen Rappierklingen, sondern wie schadenfrohes Lachen. Der Professor richtete seine klugen Augen eine Weile fest auf den zornigen Kärrner und nickte einige Male beipflichtend mit dem Haupte, worauf er die Hände ebenfalls auf dem Rücken, gleich unterhalb des Höckers, in einander legte und mit langen Schritten das Gemach zu durchwandern begann. Plötzlich blieb er vor dem ihn mit Spannung betrachtenden Kärrner stehen, und die nachdenklich gesenkten Augen emporschlagend, fragte er kurz: »Hat das junge Mädchen schon Gelegenheit zum Unterrichten gefunden?« »Bis jetzt noch nicht; wir haben uns aber auch noch nicht darnach umgethan,« antwortet Braun wieder ruhiger. Der Professor beendigte abermals einen kurzen Spaziergang, worauf er vor Frau Kathrin stehen blieb. »Was die Leute wohl sagen würden, wenn ich mir ein Instrument anschaffte und mit einem jungen Mädchen das Uebereinkommen träfe, mir täglich eine Stunde etwas vorzuspielen?« fragte er spöttisch, während er Frau Kathrin's Züge mit einer gewissen Aengstlichkeit bewachte. Diese blickte starr auf die weit sanfter arbeitenden Stricknadeln und erwiderte eintönig: »Es würde wahrscheinlich Veranlassung zu recht viel giftigen Reden geben.« »Sie würden behaupten, der bucklige Professor habe seinen Verstand verloren; sie würden sagen, der bucklige Professor verdiene, in's Tollhaus geschickt zu werden,« eiferte dieser und bei jedem Worte, welches er sprach, zuckte er grimmig mit seinem Höcker, wie um sich an das Vorhandensein desselben zu erinnern, »ja, das würden sie behaupten, und noch viel mehr! Aber um ihnen zu beweisen, daß ich mich den Henker um ihre Reden kümmere, sorge ich schon heute für ein Instrument und morgen kommt Ihr junges Mädchen, ich meine die Anna, um eine Stunde zu spielen, und so alle Tage. Für ihre Mühe bezahle ich sie natürlich, und zwar liberal, damit sie nicht hinterher behauptet, sie habe mir die Hälfte ihrer Zeit geschenkt. Hahaha! Köstlich! Wie die Leute sich wohl über den buckligen Professor die Köpfe zerbrechen werden!« Und im Uebermaß ihres Entzückens lief die kleine spinnenähnliche Gestalt einige Male eilfertig auf und ab. Der Kärrner war unterdessen an das eine leere Fenster getreten und spähte zwischen den Zweigen eines Pomeranzenbäumchens hindurch auf die Straße hinaus. Sein Gesicht war wieder dunkel angelaufen, eine wunderliche Schattirung zu den gelben Augenbrauen und dem feuerfarbigen Staubfeger. Von Zorn dagegen keine Spur, im Gegentheil, es spielte sogar eine unverkennbare Heiterkeit in den dicken Falten um den breiten Mund, indem er sich die größte Mühe gab, sein inniges Wohlbehagen in die Schranken des Anstandes und der Klugheit zu bannen. Der gute alte Kärrner! Er wußte ja so genau, wann es Zeit war, sich den zwischen dem Professor und der Frau Kathrin geführten Gesprächen fern zu halten. Kannte er doch den alten Sonderling von Professor fast eben so gut, wie seine nicht minder wunderliche Ehehälfte, und was die Beiden zusammen erdachten und ausgrübelten, das war ihm schon lange recht. Liefen aber ihre Ansichten auch oft genug schnurstracks in entgegengesetzte Richtungen, so daß ein Bruch des erprobten Freundschaftsbündnisses unvermeidlich erschien, so führte ihre mit vielem Geräusch zur Schau getragene Menschenfeindlichkeit doch schließlich immer wieder eine Einigung herbei, worauf sie dann eng verbunden mit eisernem Willen auf das gemeinschaftliche Ziel lossteuerten. So geschah es auch heute, als der Professor den Entschluß faßte, Anna als Mittel zu benutzen, den Nachbarn Grund zu den tollsten Muthmaßungen und Nachreden zu geben, Frau Kathrin dagegen sich aus denselben Gründen bereit erklärte, ihren Schützling alle Tage auf eine Stunde zu dem Professor zu schicken. Und als dieses Uebereinkommen getroffen war, wie da der Professor die Hände so vergnügt in einander rieb und mit seinen langen Beinen so weit ausschritt, indem er, das Haupt nach vorn geneigt, seinen Höcker etwas in dem Zimmer spazieren trug; und wie Frau Kathrin so ernst und feindselig auf das weiße Strickzeug niederschaute und die klapperdünnen Nadeln so unfehlbar sicher ihren Weg durch die dünnen Maschen fanden! Sogar der Herr Professor, den doch unstreitig ganz andere Geschäfte in das Haus des Kärrners geführt hatten, wurde durch die lustigen Bewegungen der Stricknadeln angezogen, denn er blieb plötzlich mitten in der Stube stehen und lenkte seine Aufmerksamkeit, scheinbar ungetheilt, auf dieselben hin. »Das Geklimpere wird mich freilich stören,« sprach er, wie in Gedanken, vor sich hin, »und obenein für jede Stunde Störung noch Geld hingeben, von dem man nicht einmal weiß, ob es gut angewendet wird –« »Es wird dazu dienen, mich für meine Mühe und die baaren Auslagen zu entschädigen,« warf Frau Kathrin wenig freundlich ein, »denn auch wir sind nur einfache Bürgersleute, die nichts zum Verschwenden haben.« »Ganz gut, meine ehrenwerthe Frau Kathrin, für die Verwendung wäre also gesorgt: ich zahle den üblichen Preis und händige Ihnen das Geld persönlich ein, man kann nämlich nicht wissen, – junge Mädchen sind oft sehr naschhaft und Naschhaftigkeit führt zu Unredlichkeiten – mögen Sie daher nach Gutdünken der jungen Person ein bestimmtes kleines Taschengeld bewilligen, und damit fertig.« Als der Professor das Wort Unredlichkeit aussprach, fuhr die eine Stricknadel mit solcher Wuth auf die weiße Baumwolle ein, daß zwei Maschen auf einmal von dem glatten Stahl herunterglitten. Frau Kathrin aber richtete ihre großen blauen Augen vorwurfsvoll auf die kleine bewegliche Gestalt des Professors. »Der Herr Professor mögen vollkommen Recht haben,« sprach sie fast tonlos, »auch ich traue dem Mädchen Alles zu, allein wenn der Herr Professor mir erlauben, meine Meinung zu sagen – ich bin freilich nur von niederem Stande und kein Gelehrter, – so wäre es doch wohl besser, die Ehrlichkeit des Kindes auf die Probe zu stellen und ihm täglich seinen Verdienst einzuhändigen.« »Ha, und dieser Triumph, wenn wir erleben, daß hinter dem glatten Gesichtchen eine schwarze Seele wohnt!« rief der Professor boshaft aus, und er rieb die Hände wieder heftig in einander, daß sein Höcker wie eine läutende Kirchenglocke wackelte. »Ich werde also der jungen Person jedesmal das Geld einhändigen – wahrhaftig, meine liebe Frau Kathrin, Sie haben einen practischen Blick – oh! Und was werden die Leute im Hause sagen, wenn der bucklige Professor sich plötzlich alle Tage etwas vorspielen läßt! Ach, diese Gesichter, diese Muthmaßungen! Man wird glauben und endlich darauf schwören, daß der alte mißgestaltete Gelehrte verliebt sei und mit Heirathsgedanken umgehe!« Und indem er in ein helles, spöttisches Lachen ausbrach, läutete die Sturmglocke auf seinem Rücken, als wäre im Spirituskeller des benachbarten Kaufmanns Feuer ausgebrochen. Plötzlich wurde er wieder ernst. »Das Geklimpere wird mich sehr stören,« bemerkte er wiederum nachdenklich. »Den Herrn Professor vielleicht noch weniger, als die neugierige Nachbarschaft,« las Frau Kathrin aus den grimmigen Bewegungen ihrer Stricknadeln heraus. »Das wäre allerdings ein Umstand, der einigermaßen für das gebrachte Opfer entschädigte,« versetzte der Professor noch immer überlegend, »ich könnte mich in mein Arbeitszimmer zurückziehen und alle Thüren streng verschlossen halten – ja ja, machen wir's so – Sie sind eine grundgescheidte Frau, meine liebe Madam Braun, und mögen Sie mir schon gleich morgen das Mädchen schicken, das Instrument soll heute noch in meine Wohnung geschafft werden.« Die Stricknadeln knisterten ein kaum vernehmbares: »Wie der Herr Professor befehlen,« worauf der Herr Professor sich gemüthlich auf den lederbezogenen Armstuhl warf und halb befehlend, halb bittend den noch immer scheinbar sehr andächtig auf die Straße hinausschauenden Kärrner zu sich beschied. »Mein lieber Braun,« begann er, sein glattes Kinn wohlgefällig reibend, und aus seinen klugen Augen leuchtete ein verhaltener Enthusiasmus hervor, »die Kiste, welche Sie mir vor drei Wochen mitgebracht haben, ist geöffnet und deren Inhalt in erwünschtem Zustande gefunden worden. Ich komme daher zu Ihnen, um meinen Dank für die auf den Transport verwendete Sorgfalt abzustatten und Sie darauf vorzubereiten, daß in nächster Zeit wieder eine derartige Kiste Ihrer Fürsorge anvertraut werden dürfte.« Braun nahm auf ein einladendes Zeichen des Professors diesem gegenüber Platz, zielte ein Weilchen mit dem einen offenen Auge auf die wunderlich zusammengekrümmte Gestalt, kämmte mit den Fingern seiner gewaltigen Hand einige Male den struppigen, rothen Staubfeger und hob dann etwas verlegen an: »'s ist successive mein größter Ruhm, die mir anvertrauten Frachtgüter stets in gutem Zustande abgeliefert zu haben; möchte indessen doch gern wissen, was in der Kiste Zerbrechliches enthalten gewesen ist.« Der Professor kniff beide Augen zu, wie um eine heimliche Freude zu verbergen, und antwortete dann mit überaus ehrlichem Ausdruck: »Möchten Sie also wissen, lieber Freund? Ha, ja, und warum sollte ich es nicht offen sagen? Feines Porzellan war in der Kiste, feines, kostbares Porzellan; eine große gemalte Vase – ich bin nämlich Freund von derartigen Kunstsachen.« »Wenn der Herr Professor so sagen, muß ich's natürlich glauben,« erwiderte der Kärrner zweifelnd, »habe die Kiste nur etwas zu leicht befunden, und dann klapperte deren Inhalt auch successive, als ob sie mit zerbrochenen nürnberger Spielwaaren angefüllt gewesen wäre.« Der Professor fuhr, wie von einer Tarantel gestochen, empor. »Es klapperte?« rief er entsetzt aus, »Mann, es klapperte? Das hätte ja ein entsetzliches Unglück werden können! Um Gotteswillen, Freund, wenn jemals wieder etwas für mich Bestimmtes schlecht verpackt sein sollte, dann handhaben Sie es so vorsichtig, als hätten Sie es mit Seifenblasen zu thun; kann mir doch jede Reibung unersetzlichen Schaden verursachen. Und vom Gewicht sprechen Sie? Bedenken Sie denn nicht, daß es Porzellanvasen giebt, die trotz ihrer Größe nur nach Lothen wiegen? Ei ei ei, das hätte ein schönes Unglück werden können.« Der Kärrner lächelte ungläubig und blickte überlegend in das Porzellanauge Hechsels, der erwartungsvoll zu seinem Herrn emporschaute. Er schien in Gedanken einen Vergleich zwischen Porzellanaugen und Porzellanvasen anzustellen, als der Professor, offenbar froh, dem Gespräch eine andere Wendung geben zu können, ihn plötzlich fragte: »Sagen Sie mir einmal, lieber Freund, haben Sie noch Verbindungen in Amerika?« Der Kärrner spähte verstohlen zu seiner Frau hinüber und antwortete zögernd: »Eigentlich nicht; aber uneigentlich könnte man es successive so nennen.« »Nun, alter Freund, ich bin auch mit dem uneigentlich zufrieden; bevor ich indessen fortfahre, muß ich Ihnen den Zweck meiner Frage erklären. Wie Sie bereits wissen, schwärme ich für Kunstsachen, welche ich mir aus allen Winkeln der Erde zusammensuche. Zur Erlangung eines solchen Schatzes also, der nur in Amerika aufgetrieben werden konnte, wendete ich mich brieflich an einen Collegen in Philadelphia, der denn auch bereitwilligst auf meinen Vorschlag einging und besagten Schatz für mich anschaffte und verpackte.« »Wieder eine Vase?« fragte der Kärrner, wobei die grauen Augen listig unter den buschigen Brauen hervorblitzten. »Eine Vase vom feinsten chinesischen Porzellan,« bekräftigte der Professor, »ein höchst seltenes und fehlerfreies Exemplar; doch das ist Nebensache. Zuverlässig weiß ich leider nur über dieses Kunstwerk, daß es sich wohlverpackt in Washington, Philadelphia oder Baltimore befindet, und mein gefälliger College entweder gestorben oder durch die jetzigen Kriegswirren, wer weiß, wohin, verschlagen worden ist. Verloren oder gestohlen kann die Kiste nicht sein, indem deren Inhalt nur für den Liebhaber und Kenner von einigem Werthe ist. Einem zuverlässigen Menschen würde es daher leicht gelingen, sie aufzutreiben und hierher zu senden – natürlich gegen Erstattung der dadurch verursachten Kosten. An die Consulate könnte ich mich zwar wenden, allein eine Privatperson, die sich wenig um Kunst und Wissenschaften kümmert, scheint mir sicherer, als ein Mann, von welchem, vermöge seiner Bildung, das Schlimmste zu befürchten steht. Was meinen Sie nun, mein lieber Braun, wenn Sie mir drüben eine Person bezeichneten, an die ich mich sofort brieflich wenden könnte?« Bei dieser Frage sank das eine Auge des Kärrners rückwärts in den Abgrund hinab, während das andere sich forschend auf das weiße Strickzeug heftete. Die Nadeln arbeiteten in ihrer alten Weise ungestüm weiter, wogegen Frau Kathrin ungeduldig die Achseln zuckte, für Braun das Signal, sich dem Professor wieder zuzukehren. »'s hat seine Richtigkeit,« begann er mit offenbarem Widerstreben, »'s besteht zwischen mir und Amerika so 'ne Art von aufgedrungener Beziehung, allein Ihnen eine bestimmte Adresse anzugeben, ist mir successive unmöglich; und wenn ich 's auch könnte, Herr Professor, nehmen Sie's nicht für ungut, so möcht' ich doch nicht gern, weil ich – nun – Familienverhältnisse, und stolz bin ich auch – und dann hat am Ende jeder Mensch 'ne wunde Stelle, an die er selbst am wenigsten rühren mag.« »Ah so, mein alter Freund, ich verstehe,« entgegnete der Professor zwar theilnehmend, jedoch mit dem Ausdruck bitterer Enttäuschung, »alle Achtung vor Ihren Gründen; vielleicht können Sie mir aber trotzdem Jemand aus Ihrer hiesigen Bekanntschaft nachweisen, der im Stande wäre, mich in nähere Verbindung mit Ihrer amerikanischen Bekanntschaft zu bringen.« Der Kärrner sann wieder nach und schielte zu seiner Frau hinüber; diese aber saß da, wie aus Erz gegossen, nur ihre Hände bewegten sich krampfhaft. »Gut, Herr Professor,« entschied Braun endlich im Sinne der scheinbar theilnahmlosen Frau Kathrin, »wenn ich mich versichert halten dürfte, daß Sie meine Person gar nicht erwähnten –« Ihr Name soll nicht über meine Lippen kommen,« fiel der Professor hastig ein. »Sehr schön, fuhr der Kärrner schnell fort, wie um sich baldmöglichst einer unangenehmen Pflicht zu entledigen, »ich glaube Ihnen aufs Wort, und wenn Sie nur die Gefälligkeit haben wollten, sich zu dem Herrn Rechtsanwalt Alvens zu bemühen – möchten Sie von ihm das Nähere leicht erfahren.« »Rechtsanwalt Alvens,« notierte der Professor in seine Brieftasche, »oh, ich kenne ihn dem Namen nach – hat großen Ruf – Rechtsanwalt Alvens – ganz gut.« Dann sah er nach der Uhr. »Vielleicht treffe ich ihn jetzt gerade zu Hause!« rief er aus, indem er emporsprang und nach seinem Hute griff, den er im Eifer ungehörig tief auf seine Ohren zog, »aber ich muß mich beeilen, adieu, Kinder und auf baldiges Wiedersehen!« Die letzten Worte sprach er auf der Hausflur, und zwei Secunden später schoß er bei Frau Kathrin am Fenster vorüber. »Ob er ihm wohl die Adresse verräth?« fragte der Kärrner, sobald sich die erste Ueberraschung über die schleunige Flucht des Professors etwas gelegt hatte. »Laß ihn machen, was er will, uns soll's nichts verschlagen,« antwortete Frau Kathrin, einen Blick des Einverständnisses mit ihrem Gatten austauschend. »Hm, uns soll's nichts verschlagen,« echote Braun trübselig, und dann fügte er munterer hinzu: »Mich soll's wundern, ob er mit dem Pianum Wort hält.« »Er hält Wort,« entschied Frau Kathrin ernst; »um der Nachbarschaft seine gerechte Verachtung zu beweisen, würde er noch ganz andere Dinge thun; der Herr Professor kennt die Welt, es giebt nicht viele solch' einsichtsvolle, respectable Leute.« »Und die Anna ist solch' vorzügliches Kind,« sprach der Kärrner, indem er langsam der Thüre zuschritt, »gleichviel, ob's der Professor den Leuten zum Aerger, oder der Anna zum Gefallen thut, wenn's nur successive dem Mädchen zu Gute kommt.« Er trat hinaus, um sich zu seinen Holsteinern zu begeben. Ein Weilchen noch fochten die Nadeln unter Frau Kathrins feindseligen Blicken wüthend um sich; dann hielten sie plötzlich inne und tiefer neigte sich das hagere Antlitz, während die großen blauen Augen sich allmälig umflorten. Lange saß Frau Kathrin so da, ein Thautropfen sank nach dem andern auf den zierlichen, weißen Strumpf nieder. »Und es soll ihr zu Gute kommen,« flüsterten die bleichen Lippen endlich leise, und langsam, ganz langsam und vorsichtig begannen die Stricknadeln wieder zu arbeiten. Aber es war kein Kämpfen mehr, es glich einem verbindlichen Beugen und Verneigen, mit welchem eine Nadel der andern die Maschen anvertraute, um sie nach einem lustigen Rundgange ebenso höflich wieder von ihr in Empfang zu nehmen. – Der Kärrner war unterdessen durch die Küche auf den Hof hinausgegangen und vor das Fenster des Giebelzimmers hingetreten, in welches Anna sich zurückgezogen hatte. Das Fenster stand offen; Anna saß neben demselben, schwermüthig auf die in ihren Händen befindliche Arbeit niederbückend. Als Brauns Schatten das Fenster verdunkelte, fuhr sie erschreckt empor; kaum aber sah sie in das breite, glühende Gesicht mit dem noch glühenderen Bartkragen, kaum sah sie in die freundlich zusammengekniffenen grauen Augen, da glitt es wie ein Schimmer heiterer Jugendseligkeit über das holde Antlitz. »Guter Vater Braun, wie habe ich mich geängstigt,« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend, indem sie mit kindlicher Zutraulichkeit die ihr dargereichte, schwielige Hand ergriff. »Glaub's wohl, Schätzchen,« tröstete der Kärrner, und aus dem breiten, sonnverbrannten Gesicht leuchtete eine ganze Welt voll Herzensgüte hervor, »ja ja, glaub's sehr gern, ist aber Alles nicht so schlimm gemeint, wie sich's anläßt. Die Menschen haben so manchmal ihre Art, und Dir allein kommt's zu Gute. Darf Dir nur nicht Alles verrathen, damit 's Dich recht überrascht, wenn sie drinnen Dir sagt von Gelegenheit zu gutem Verdienst und vom Spielen beim Professor. Wirst successive dahinter kommen; auch hinter den Professor mit seinen Schrullen. Geh nur wieder hinüber, Schätzchen, und laß Dein Gesicht nicht ausplaudern, wie Dir um's Herz gewesen. Ich glaube, wenn Du Dich so stillschweigend ans Pianum setztest und vielleicht nur so mit einer Hand oder zwei Fingern 'n Bißchen drauf 'rumfuhrwerktest, das würde sie schon packen.« »Ach, Vater Braun, wie besorgt Sie um mich sind,« versetzte Anna mit so wunderbar zärtlich klingender Stimme, daß das alte Kärrnergesicht zuckte und zuckte, als ob auf demselben heller Frühlingssonnenschein mit reich befruchtenden Regenwolken im Kampfe gelegen hätte, »Sie meinen es so gut mit mir, und auch Frau Braun, so daß es mir fast sündlich erscheint, wenn Sie mir mein Benehmen –« »Stille, Schätzchen, ganz still,« entwand es sich heiser und doch unbeschreiblich wohlklingend der breiten Hünenbrust, während der Frühlingssonnenschein den Sieg über die mild drohenden Regenwolken errang, »so'n Bischen Betrug ist manchmal ganz gut, namentlich bei meiner Kathrin. Du hast successive wohl einen ungeheuren Stein bei ihr im Brett, allein dabei will sie doch auf ganz eigene Art genommen werden. Hast freilich schon von Natur die rechte Manier dazu, Schätzchen, aber vergiß nicht, so'n Bischen Schlauheit gehört mit zum Leben, wenn Alles sich glatt und gefällig abwickeln soll.« Dann schloß sich die Riesenfaust noch einmal recht sanft und warm um die schlanke, weiße Hand, und dahin wiegte schwerfällig die wuchtige Gestalt der angelehnten Stallthüre zu, hinter welcher die drei Holsteiner ihn mit leisem, freudigem Wiehern willkommen hießen. Anna blickte dem Davonschreitenden nach, so lange er ihr sichtbar. »So'n Bißchen Schlauheit gehört mit zum Leben,« hatte er gesagt, bevor er sich entfernte. O, Du guter, ehrlicher Braun, mit welcher Leichtigkeit sprachst Du von Betrug und Schlauheit! Wie fürchterlich aber waren die Pläne, die in Deinem Kinderherzen zum Zweck des Hintergehens und Täuschens Deiner eigenen, hoch achtbaren Frau Kathrin entstanden! Böser, böser Braun, schlug Dir das Gewissen denn gar nicht, als Du von Deinen drei biederen Holsteinern mit so viel unverkennbarer Verehrung begrüßt und angewiehert wurdest? Anna blickte noch ein Weilchen auf die geöffnete Stallthüre; dann erhob sie sich. Bald darauf ertönten aus Frau Kathrins Wohnzimmer gedämpfte Accorde, die allmälig in eine heitere Melodie übergingen. Neuntes Capitel. Eine Musikstunde. Die erste Musikstunde war in der Wohnung des Herrn Professors gegeben worden und hatte nicht geringes Erstaunen in der nächsten Nachbarschaft hervorgerufen. Der ersten Stunde war gleich am andern Tage die zweite nachgefolgt, und eine ganze Woche ging dahin, ohne daß Anna, außer einem alten, halbinvaliden Diener, auch nur einen einzigen sterblichen Menschen in des Professors Behausung gesehen oder gehört hätte. Die Scheu, mit welcher sie anfangs die geheimnißvollen Räume betrat und die in denselben herrschende Stille durch ihr Spiel unterbrach, wich indessen bald von ihr, und eine gewisse ängstliche Freude erfüllte sie bei dem Gedanken, nicht nur ungestört ihren eigenen Phantasieen auf dem kostbaren Flügel nachhängen, sondern auch die Musikstücke durchspielen zu können, welche, mit Sachkenntniß und Geschmack geordnet, ein neben dem Instrument stehendes Notengerüst beschwerten. Allerdings befremdete es sie, für eine Mühe, welche ihr selbst zum Genuß gereichte, jedesmal auf dem einen Leuchterständer des Klaviers das ihr zuerkannte Honorar vorzufinden, um so mehr, als sie den Zweck nicht kannte, zu welchem überhaupt die Ausübung ihrer Kunst von ihr gefordert wurde. Doch auch über diese Bedenken gelangte sie leicht hinweg, sobald der Kärrner ihr mit geheimnißvollem Wesen erklärte, daß wahrscheinlich eine kränkliche Person im Nebenzimmer den von ihr vorgetragenen Melodien lausche und vielleicht gar ihre Fortschritte beobachte. Hätte sie hingegen geahnt, daß sie nur den Leuten zum Aerger spielen sollte, würde sie schwerlich den Muth besessen haben, ihr Möglichstes aufzubieten, den vermeintlichen heimlichen Lauscher zu erfreuen und gar, je nachdem sie sich in ihre Lieblingsmelodieen vertiefte, zwei Stunden und noch länger, statt der ausbedungenen einen, vor dem Flügel zu sitzen. Es war am siebenten Tage nach ihrer ersten Bekanntschaft mit dem Professor, und schon vor der bestimmten Zeit hatte Anna sich auf den Weg nach der weit abwärts liegenden Wohnung ihres Gönners begeben. Ihr Herz war so voll, als hätte es zerspringen müssen, und mit ganzer Seele gab sie sich den Betrachtungen über ein freundliches Geschick hin, welches sie in das Haus der guten Kärrnersleute geführt hatte. Aber auch an ihren treuen Jugendgespielen dachte sie, an den armen, traurigen Johannes, und wie er sich freuen würde, daß es ihr so gut gehe. Denn nunmehr erst, nachdem sie ein ihre kühnsten Erwartungen so weit übersteigendes, sorgenfreies Unterkommen gefunden, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß ihr Glück von Bestand sein würde, glaubte sie, an ihn schreiben und ihn beruhigen zu dürfen. »Anna, bist Du's wirklich?« tönte plötzlich zwischen den zahlreichen, ihr begegnenden Fußgängern hindurch eine traute Stimme zu ihr herüber. »Lieber Johannes!« rief sie eben so innig zurück, indem sie dem Jugendgespielen die Hand entgegenreichte und ihre Blicke tief in seine entzückten Augen senkte. Dann schritten sie Hand in Hand weiter, unbekümmert um die Leute, die sich zu beiden Seiten an ihnen vorbeidrängten, sie auch wohl flüchtig betrachteten. »Du lieber, guter Johannes,« eröffnete Anna endlich das Gespräch, nachdem sie eine Weile schweigend neben einander hingegangen waren, und forschend ruhten ihre Augen auf den bleichen Zügen ihres Gefährten, »welch' glücklicher Zufall, daß wir einander trafen; ich gedachte eben Deiner und vergegenwärtigte mir, wie Du die guten Nachrichten von mir begrüßen würdest.« »Kein Zufall, Du liebe Anna,« entgegnete Johannes mit einem glücklichen Lächeln, »nein, kein Zufall, denn ich habe Dich wirklich gesucht – ich befand mich sogar auf dem Wege zu demselben Kärrner, in dessen Gesellschaft Du die weite Reise zu Fuß zurücklegtest und dessen Wohnung ich mit genauer Noth auskundschaftete.« »Wer sagte Dir von dem Kärrner?« »Ich erkundigte mich bei dem Besitzer des Hauderers, und von ihm erfuhr ich, daß Du nicht mit ihm gereist seist, dagegen versicherte er, Dich in Gesellschaft eines Frachtfuhrmanns gesehen zu haben. O, Anna, wie ein Alp hat es seither auf meiner Seele gelastet, wenn ich mir die Gründe zu enträthseln trachtete, welche Dich bestimmten, anstatt im Dorfe anzukehren – denn auch dort forschte ich nach Dir – Deinen Weg weiter zu Fuße fortzusetzen.« »Laß das jetzt ruhen, mein guter Johannes; Du siehst, ich bin vom Glück hoch begünstigt worden und wer weiß, ob ich jemals die braven Leute, bei denen ich wohne, kennen gelernt hätte, wäre ich mit dem Hauderer gefahren.« »Dir geht es ganz gewiß gut?« »Besser, als zu hoffen ich gewagt hätte. Aber Du sollst Dich überzeugen – Du mußt mich besuchen und zwar bald – und Du wirst einräumen, niemals biederere und wohlwollendere Menschen kennen gelernt zu haben, als den Kärrner Braun und seine Frau.« »Bei ihnen also wohnst Du, und nicht in einem vornehmen Hause?« fragte Johannes mit scharf hervorklingender Freude. »Sie sind einfache Bürgersleute und ich fühle mich heimisch bei ihnen; ich möchte den Aufenthalt unter ihrem Dache nicht mit einer Wohnung im glänzendsten Schloß vertauschen.« »So hat der Brief Deiner dahingeschiedenen Mutter die erwarteten Früchte getragen?« »Er hätte sie wohl getragen, ich habe wenigstens alle Ursache, dies vorauszusetzen, denn abgegeben ist er, doch die Leute, bei denen ich mein erstes Unterkommen fand, wollen mich nicht wieder von sich lassen, und ich – wie ich bereits andeutete – hege keine Neigung, mich von ihnen zu trennen. O, mein Gott, ich wäre ja undankbar – und dann, mein lieber Johannes, ich habe bereits Gelegenheit gefunden, täglich etwas durch mein Klavierspiel zu verdienen. Doch das sind wunderbare Verhältnisse, über die wir später mit mehr Ruhe sprechen; ich bin nämlich augenblicklich auf dem Wege zur Arbeit, und wenn es Deine Zeit erlaubt, kannst Du mich bis vor die Thür des Hauses begleiten, in welchem ich erwartet werde. Vor allen Dingen sage mir jetzt, wie Du selbst Dich befindest; es scheint mir fast, als sei Dein treues, gutes Gesicht noch bleicher geworden; und dann Deine arme Mutter, wie geht es ihr, und hat sie Dir nicht einen Gruß an mich aufgetragen?« So lange Anna mit dem warmen, aus der reinsten Freude des Wiedersehens entspringenden Eifer sprach und am liebsten gleich Alles auf einmal gefragt und erklärt hätte, betrachtete Johannes die liebliche Gefährtin mit schwer zu schildernden Gefühlen. Wie Stolz ruhte es auf den ernsten Zügen, während die Todesrosen auf seinen Wangen sich tiefer färbten und aus seinen schwermüthigen Augen zugleich eine bittere Entsagung und ein unendlich banges Sehnen sprachen. »Meine arme, leidende Mutter befindet sich nach alter Weise,« antwortete er traurig, und unwillkürlich drückte er Anna's Hand fester, »sie würde Dir gewiß die innigsten Grüße geschickt haben, hätte sie geahnt, daß ich Dich so bald wiedersehen würde. Ich verschwieg ihr nämlich, daß ich in Unruhe und Besorgniß um Dich schwebte und deshalb etwas früher aufbrach, als ursprünglich meine Absicht gewesen. Wenn Du sie aber gesehen hättest, als ich ihr das Opfer, welches Du ihr und mir so großmüthig brachtest, in seinem ganzen Umfange schilderte, dann würdest Du in ihren heißen Thränen der Rührung wenigstens einen kleinen Lohn für Deine edle Handlung gefunden haben.« Hier sank Johannes' Stimme fast bis zum Flüstertone herab; das Drückende seiner Lage war ihm vielleicht nie so peinigend gewesen, als jetzt, indem er mittelbar einräumte, daß die in edler Selbstverleugnung seiner Mutter zugewendete Hülfe ihm selbst am meisten zu Statten gekommen sei. »Nun, lieber Johannes, Deiner Mutter Freude kann nicht inniger gewesen sein, als die meinige: ihr das gewissenhaft zurückzuerstatten, was sie einst in besseren Zeiten meiner Mutter geliehen hatte. Doch sage, hast Du Deine alte Wohnung wieder bezogen, oder fandest Du sie anderweitig vermiethet?« »Sie war zu meiner Freude leer; meine Adresse ist daher noch immer die alte.« »Oh, dann werde ich Dich in nächster Zeit besuchen, um mich zu überzeugen, wie Du es verstanden hast, Dich mit geringen Mitteln bequem und wohnlich einzurichten. Doch was ist Dir?« fragte Anna plötzlich, indem sie besorgt in das bleiche Antlitz schaute, dessen Farbe wechselte, »Deine Hand zittert –« »Nichts, nichts, mein gutes Kind,« fiel Johannes hastig ein, »mich befallen zuweilen körperliche Schmerzen, die indessen sehr schnell vorübergehen – es ist schon besser – sogar ganz gut jetzt – Du sagtest, Du wolltest mich besuchen, möchtest Du mir aber eine recht große Freude bereiten, so gieb diesen Gedanken auf. Sieh, mein gutes Kind, ich bin so viel älter und erfahrener, als Du, und da muß ich Dir zu bedenken geben, daß es in der Residenz nicht Sitte ist, daß junge Mädchen junge Männer besuchen.« »Was kümmert uns die Sitte der Residenz?« fragte Anna, befremdet Ihres Gefährten Augen suchend, »nein Johannes, Deine Einwendungen überzeugen mich nicht; Du willst mir nur den weiten Weg ersparen.« Johannes seufzte schmerzlich. »Wenn ich Dich aber recht herzlich bitte, dann wirst Du gewiß von Deinem Vorhaben abstehen,« sagte er darauf befangen, »und glaube mir, ich habe die triftigsten Gründe, Dir abzurathen. Vergegenwärtige Dir, wenn Du in das Haus kämest, in welchem außer mir noch sehr viele Menschen wohnen, welche Dich alle neugierig betrachteten; und wenn Du dann, nachdem Du nach vielem Fragen endlich meine Stube gefunden, mich – was sehr wahrscheinlich – nicht zu Hause träfest und unverrichteter Sache heimkehren müßtest. Gieb es daher auf, mein liebes Kind, und wenn Du mich zu sprechen wünschest, schreibe mir eine Zeile, und binnen kürzester Frist bin ich bei Dir.« Anna antwortete nicht gleich; sinnend blickte sie vor sich nieder. Sie waren in eine weniger belebte Straße eingebogen, und noch immer hielten sie die Hände in einander verschlungen. Anna schien die Gründe, welche Johannes angeführt hatte, von allen Seiten zu prüfen und zu beleuchten, ohne sie recht zu begreifen. Endlich richtete sie das Haupt wieder empor, und den Gefährten mit bezaubernder Zutraulichkeit anblickend, sprach sie in zufriedenem Tone: »Ich bin zu sehr gewohnt, Deinen Wünschen und Rathschlägen blindlings Folge zu leisten, als daß ich in diesem Falle denselben zuwider handeln möchte. Du mußt mir aber dafür versprechen, mich recht bald, vielleicht heute noch zu besuchen, denn ich habe Dir ja so viel zu erzählen.« In diesem Augenblick dankte sie höflich einem ihnen Begegnenden, der mit linkischer Zuvorkommenheit grüßte. »Du hast schon Bekanntschaften hier geschlossen?« fragte Johannes, sobald der Grüßende weit genug war, um seine Worte nicht zu verstehen. »Ja, denke Dir nur, dieser Herr stellte sich am zweiten Tage nach meiner Ankunft im Hause meiner Freunde mir vor, um im Auftrage des Rechtsanwaltes, an welchen ich durch meine Mutter empfohlen wurde, sich zu erkundigen, wie ich mit meiner Lage zufrieden sei. Er heißt Beltram, ist sehr freundlich und zuvorkommend, obwohl er, sobald er mit Jemand spricht, stets die Augen verlegen niederschlägt. Ich habe Mitleid mit dem armen Menschen – es scheint ihm nicht gut zu gehen.« »Es war wohl Zufall, daß wir ihm begegneten?« »Nein, kein Zufall; nachdem er in Erfahrung gebracht, daß ich täglich zu einer bestimmten Stunde durch diese Straße gehe, sucht er es möglich zu machen, mich entweder auf dem Hinwege oder auf dem Heimwege auf das Achtungsvollste zu begrüßen. Er erkundigt sich auch wohl nach meinem Befinden und nach dem Befinden der Frau Braun, bei der er sich leider keiner sehr entgegenkommenden Aufnahme erfreut.« »Einfache Leute, denen eine höhere Bildung und eine dieser entsprechende Menschenkenntniß mangelt, haben mitunter ein wunderbar richtiges Gefühl – Instinkt möchte ich es nennen, was sie in ihrem Urtheil leitet,« versetzte Johannes nachdenklich. »Du meinst doch nicht, daß Herr Beltram schlecht sei?« »Das grade nicht, allein in seinem Aeußeren liegt Etwas, das nicht sehr zu seinen Gunsten spricht; mir erscheint es wenigstens so, obwohl ich ihn nur flüchtig sah.« »Er ist nicht schön,« pflichtete Anna überlegend bei, »ihm darf indessen nicht zur Last gelegt werden, daß er von der Natur so sehr vernachlässigt wurde. Schon allein seiner Häßlichkeit wegen bemitleide ich ihn, nicht zu gedenken, daß er, nach seiner Kleidung und seinem ängstlichen Wesen zu schließen, sehr arm sein muß.« »Du hast recht, man soll sich nie durch die äußere Erscheinung eines Menschen zu ungünstigen Vorurtheilen bestimmen lassen. In diesem Falle ist es aber nicht das Aeußere, was mich bewegt, Dir zu rathen, im Verschenken Deines Vertrauens vorsichtig zu sein, sondern der scheue Blick, mit welchem der Herr Beltram, wie Du ihn nennst, ebensowohl mich, als auch Dich betrachtete, und die knechtische Unterwürfigkeit, welche sich unverkennbar in seinen linkischen Bewegungen ausprägte. Ich leugne nicht, auf mich machte er einen beunruhigenden Eindruck, ich gebe indessen zu, daß ich mich täuschen kann; jedenfalls aber mahne ich Dich noch einmal zur Vorsicht.« »Ich werde Deines Rathes stets eingedenk sein,« erwiderte Anna treuherzig, indem sie vor der Thüre eines großen, mehrstöckigen Hauses stehen blieb; »übrigens ist die Beobachtung der nothdürftigsten Formen der Höflichkeit immer noch kein Verschenken des Vertrauens. Nun aber, lieber Johannes, müssen wir uns trennen. In dieses Haus ruft mich meine Pflicht; lebe daher wohl, und wenn Du mich recht glücklich machen willst, dann säume nicht zu lange mit Deinem Besuch; laß uns auch in der Residenz die alten Freunde bleiben, die als Kinder oft ihr Stückchen Brod mit einander theilten – und sollte ich dessen einmal bedürftig sein, lieber, Johannes, dann weisest Du mich nicht zurück, wenn ich dich bitte, wiederum einmal mit mir zu theilen. Augenblicklich leide ich zwar keine Noth, ich halte mich sogar für reich, allein man kann nicht wissen, wie schnell sich das ändert.« »Lebe wohl,« entgegnete Johannes fast tonlos, indem er der Freundin Hand krampfhaft preßte, »lebe wohl und auf baldiges Wiedersehen.« Dann wendete er sich hastig ab, um die Gemüthsbewegung zu verbergen, die, wie er fühlte, sich auf seinem Gesicht verrieth. Anna blickte ihm nach. »Armer Freund,« flüsterten die frischen, rothen Lippen unbewußt, während Thränen in ihre Augen drangen, »vermöchte ich doch nur, Dir jene Heiterkeit zurückzugeben, welche damals unser trockenes Brod so oft würzte. Du armer Johannes, mein ältester, bester, mein treuster Freund!« Sie klingelte; gleich darauf trat sie in das Haus ein. Johannes war bereits um die nächste Straßenecke herumgebogen. Bis dahin hatte er seine aufrechte Haltung bewahrt; dann aber sank, wie vor Erschöpfung, das Haupt auf die Brust, und langsamer wurde sein Schritt. »Sie möchte ihr Brod mit mir theilen und weiß nicht, wie sie's beginnen soll,« sprach er vor sich hin; »habe ich denn noch nicht schwer genug zu tragen? Muß ich auch das noch von ihr hören? Gottes Segen über Dich, Du freundliches Kind; mir dagegen wäre am wohlsten, dürfte ich mich schon jetzt in das vor mir gähnende Grab legen.« Er hörte eine Uhr schlagen. »Es giebt Menschen, die von der Vorsehung eigens dazu auserkoren zu sein scheinen, zu leiden und zu dulden,« seufzte er, und als ob diese Betrachtung ihn ermuthigt und getröstet habe, breitete sich eine sanfte Ruhe über sein erregtes Antlitz aus. – Anna war auf der breiten Treppe nach dem zweiten Stockwerk hinaufgeeilt, wo auf ihr Klingeln sogleich eine Doppelthür geöffnet wurde. – Ein griesgrämiger Diener führte sie in den Bibliotheksaal, in welchem der Professor den Flügel hatte aufstellen lassen. »Wie befindet sich der Herr Professor?« fragte Anna mit einer so bezaubernden Freundlichkeit, daß sogar der alte Murrkopf von Diener nicht umhin konnte, flüchtig zu lächeln. »Der Herr Professor befinden sich ganz nach Wunsch,« antwortete er dann, wie sich nachträglich über das unwillkürliche Lächeln ärgernd, mit verdoppeltem Ernst. »Der Herr Professor sitzen in ihrem Arbeitszimmer im Hinterhause, wo sie durch Ihre Musik nicht gestört werden; Sie mögen daher so laut spielen, wie Sie nur immer Lust haben, er hört's nicht, will's auch nicht hören. Das Geld habe ich dort hingelegt, und wenn Sie weiter nichts wünschen –« »Nein, ich danke Ihnen herzlich,« versetzte Anna schnell, und ihr liebliches Antlitz glühte vor Verwirrung und Scham. Die Thür schloß sich hinter dem verschwindenden Diener und Anna war allein. Langsam, wie schmerzlichem Sinnen hingegeben, legte sie Hut und Tuch ab; gleichsam neuen Muth suchend nach der kränkenden Begegnung des mürrischen Dieners, blickte sie um sich. Nirgend entdeckte sie einen Gegenstand, dessen Anblick tröstlich auf sie eingewirkt hätte. Sie befand sich in einem großen, dreifensterigen Zimmer; schwere, dunkelfarbige Gardinen beschatteten die Fenster; Vorhänge von demselben Stoff verbargen die Thüren. Von den dunkel tapezierten Wänden war nur wenig sichtbar; den größten Theil derselben nahmen bis zur Decke reichende Bücherständer ein, angefüllt mit Werken von allen Größen, von der Pergament-gebundenen Folioausgabe bis zu dem kleinsten Duodezbändchen. Zwischen den Ständern hingen schwarz eingerahmte Kupferstiche und Lithographieen, darstellend verkrüppelte Glieder und Gerippe von Menschen und Thieren. Die übrige alterthümliche, eichengeschnitzte Möbeleinrichtung war offenbar mit großem Aufwande an Geld und Mühe zusammengebracht worden; sie bildete den Hauptschmuck des Zimmers und deutete auf einen etwas wunderlichen Geschmack des Ordners hin. Daß gerade die Bibliothek zum Musikzimmer hergegeben worden war, hing mit dem Umfange der Räumlichkeit zusammen; denn die an den Wänden angebrachten Bilderwerke paßten nicht im Entferntesten zu musikalischen Studien. Einen grelleren Gegensatz zu denselben bildeten aber noch das Gerippe eines riesenhaften Orang-Outangs, welches aufrecht auf einem niedrigen Postamente stand, und eine Reihe grinsender Todtenköpfe, theils von Menschen, theils von Affen, die ein ganzes Brett des größten Bücherständers für sich allein angewiesen erhalten hatten. Ueber alle diese Gegenstände eilten Anna's Blicke mit einer gewissen Scheu fort; sobald dieselben aber endlich auf dem geöffneten Flügel haften blieben, verwandelte sich die Scheu, wie durch Zauber, in eine Art Enthusiasmus, und schnell nach dem runden Drehsessel hinschreitend, nahm sie vor dem Instrument Platz. Prüfend glitten ihre Hände über die Tasten. Ursprünglich hegte sie die Absicht, das vor ihr aufgeschlagen stehende Notenheft zu benutzen, allein bevor sie diesen Entschluß ausführte, gingen die kunstvollen Läufer allmälig in Melodien über, wie sie eben durch diesen oder jenen Ton in ihrer Erinnerung wachgerufen wurden. Je länger sie aber spielte, um so mehr belebte sich ihr holdes Antlitz, um so mehr schien die Gewandtheit ihrer zierlichen Finger zu wachsen, und bald war sie mit ganzer Seele in Phantasieen vertieft, die gewissermaßen als ein Ausfluß ihrer reinen Gemüthsstimmung, als eine Wiedergabe der in endlosen Räumen schweifenden Gedanken betrachtet werden konnten. Sie schienen zu erzählen von der Freude, welche sie über das Wiedersehen ihres getreuen Johannes empfunden hatte, und von ihrer Besorgniß, daß sein Gesicht so bleich und so traurig; was sie zu ihm gesprochen, was er ihr gesagt, was sie gedacht und die Gedanken, welche sie bei ihm voraussetzte, Alles, Alles legte sie in die Musik, welche sie den willig folgenden Tasten entlockte. Und so spielte sie fort und fort; bald klang's einherrauschend, wie endloser Jubel, bald feierlich gedämpft, wie andächtiges Gebet. An die Klänge der Freude schlössen sich sanfte Klagen und Thränen der Wehmuth an, und Alles, was ein jugendliches, noch von keinem verderblichen Hauche berührtes Gemüth nur immer bewegen kann, das durchzog, ähnlich einem Heer freundlicher Geister, das düstere Zimmer und verwandelte es gleichsam in ein duftendes Blumengefilde. Selbst die grinsenden Schädel auf dem Bücherbrett schienen noch regungsloser geworden zu sein und wollüstig den reichen Tönen zu lauschen, nicht zu gedenken der dickleibigen Folianten und Duodezbände, die sich spreizten und spreizten, als hätten sie alle die vielen Noten, welche verschwenderisch in die leere Ewigkeit hinausgestreut wurden, am liebsten in sich hineingepackt, um sie der Nachwelt aufzubewahren. Der fleischlose Orang-Outang aber mit seinem furchtbaren Gebiß stand da, wie ein Kapellmeister: den dicken Schädel und den durchsichtigen Oberkörper dem Klavier zugeneigt, den einen langen Arm mit den entsetzlich langen Fingern hoch erhoben. Es fehlte nur noch, daß er den Stock, auf welchen er sich stützte, geschwungen und klappernd auf seinen eigenen weißen Rippen den Tact geschlagen hätte. Anna spielte weiter und weiter; sie merkte nicht das Enteilen der Zeit, noch achtete sie auf die Bilder des Todes und der Vergänglichkeit, die mit hohlen Augen zu ihr herüberstierten. Sie hatte Alles um sich her vergessen, vergessen, daß vielleicht Jemand im Verborgenen lauschte und mit stillem Entzücken ihr Spiel verfolgte; vergessen, daß mit ihrer Anwesenheit in der Bibliothek noch ein anderer Zweck verbunden sein könne. Und das Zimmer, welches zunächst an die Bibliothek stieß, war in der That nicht vereinsamt, denn die ersten Accorde waren kaum verhallt, da öffnete sich eine mit schweren Schlössern und Riegeln versehene Thür eines Gemachs im Hinterhause, und durch dieselbe schlüpfte auf den Zehen und mit hoch empor gezogenem Höcker und Schultern der Professor. Ein weiter, grauer, rothverbrämter Schlafrock, dessen Aermel er, wie von schwerer Arbeit kommend, bis an die Ellenbogen zurückgestreift hatte, schlotterte lose um den kleinen, mißgestalteten Körper; eine grüne, goldgestickte Sammetmütze thronte schief auf dem edelgeformten Haupte, so daß der lange, goldene Quast derselben in beständigem Kriege mit den Schultern und dem Höcker lebte. Unter der hohen, geistreichen Stirne hervor aber blitzten die klugen Augen mit einem so seltsamen Feuer um sich, daß man beim Hineinschauen in dieselben die übrigen Gebrechen glaubte verschwinden zu sehen und höchstens in Zweifel blieb, ob ein guter Genius oder ein böser Dämon verstohlen aus ihnen hervorluge. Nachdem er die Thür seines geheiligten Arbeitszimmers sorgfältig verschlossen und verriegelt hatte, eilte er nach dem Vorderhause hin, von woher die Musik, durch mehrere dazwischen liegende Räumlichkeiten gedämpft, zu ihm drang. Anfangs waren seine Bewegungen hastig, so daß der schlotternde Schlafrock bei jedem neuen Schritte von dem Höcker herunter zu gleiten drohte; je mehr er sich aber der Bibliothek näherte, um so vorsichtiger schlich er einher, um so behutsamer stellte er die Füße auf die weichen Teppiche, um so höher zuckten die unförmlichen Schultern und um so lebhafter blitzten die braunen Augen nach allen Richtungen. Als er dann endlich das an den Saal stoßende Gemach erreichte, da hätte man ihn – ohne deshalb einen Schluß auf seinen Charakter zu ziehen – mit einer Spinne vergleichen mögen, die sich lauernd und beutegierig dem in ihr Netz verstrickten Opfer näherte. Bis in die Mitte des Gemaches vorschreitend, blieb er plötzlich stehen, und nachdem er einige Sekunden aufmerksam gelauscht, nickte er beifällig. Daß Anna, anstatt sogleich die vor ihr liegenden Musikstücke durchzuspielen sich ihren eigenen Phantasieen hingab, befriedigte ihn, und um sich keine einzige Note derselben entgehen zu lassen, trug er mit großer Mühe einen gepolsterten Lehnstuhl bis in die Nähe der geschlossenen Thüre, auf welchem er sodann Platz nahm. Den Arm auf die Seitenlehne des Stuhles und das Haupt schwer auf die Hand gestützt, saß er da. Anfänglich schienen seine Augen etwas zwischen den gewebten Arabesken des Teppichs zu suchen; bald aber verloren sich die fast ängstlich lebhaften Bewegungen der durch die gesenkten Lider halb verdeckten Pupillen; der Blick wurde, indem er sich auf eine grüne Rosette heftete, stetig, beinahe starr, und nur noch das Arbeiten der ungewöhnlich hohen Brust und die auf dem sinnenden Antlitze sich gelegentlich spiegelnden Gefühle verriethen, daß Leben in der scheinbar hinfälligen Gestalt wohne. Und welches Leben! Wie die alternden Züge sich verjüngten bei den rauschenden Jubelmelodieen, und ein Schimmer von Wehmuth sie schmückte bei dem in sanfte, einschmeichelnde Töne gekleideten Gebet! Bald trüber, bald heller glänzten die gesenkten Augen, je nachdem vor den die Erinnerung weckenden Melodieen das Herz schwoll und die Brust sich erweiterte, oder das Blut matter, melancholischer kreiste. Die klingenden Glöcklein und die in sprudelnder Quelle spielenden Fischlein, sie führten die seit mehr als einem halben Jahrhundert entschwundene erste Jugendzeit vor sein geistiges Auge zurück, als er noch nichts kannte, als des Lebens Freuden und des Lebens Glück; jene Zeit, in welcher er aus jeder Blumenglocke frommes Läuten zu vernehmen meinte, als die Sterne noch gediegenes Gold für ihn waren, die sich im flüssigen, echten Silber der auf abschüssiger Bahn ungestüm niederwärts schäumenden Quelle vergeblich zu spiegeln trachteten. Wie ein Blüthenregen umrieselten ihn die kunstvoll angeschlagenen Töne, wie ein Blüthenregen, reich an Farben, reich an Formen. Dann tropften, wie Perlen, helle, liebliche Noten dazwischen, zugleich heiter und auch doch wieder so melancholisch. Die Perlen aber erinnerten ihn an Thränen, welche der arme Knabe weinte, als er, zum erstenmal zwischen wilde Gespielen tretend, sich seiner körperlichen Gebrechen wegen verhöhnt und verspottet hörte. O, wie bitterlich hatte er damals geweint, als er sich der Mängel in seiner äußeren Erscheinung so recht bewußt wurde, der Mängel, welche er bisher mit demselben Gleichmuthe, gewissermaßen ahnungslos mit sich herumgetragen hatte, wie das weiche, braune Lockenhaar, oder die zarte Gesichtsfarbe und die zierlichen, schön geformten Hände. Auch heute drangen wieder Thränen in seine Augen, Thränen des Mitleides, die dem heranwachsenden Knaben galten, der auf Schritt und Tritt, bei Allem, was er unternahm, beständig an die unverschuldeten Gebrechen erinnert wurde und selbst da, wo zärtliche Liebe ihm aus den Augen theurer Angehörigen entgegenstrahlte, in dem ihm gezollten aufrichtigen Bedauern eine Mahnung an die ihm von der Natur gewordene unverdiente, harte Zurücksetzung erkannte. Bittere Gedanken keimten damals in seiner Seele, bittere Gedanken wiederholten sich heute: Und wenn seine äußere Hülle jeder Anmuth entbehrte, so war ihm dafür ein Geist verliehen, der, nicht durch jugendliche Spiele und romantische Liebeständeleien abgelenkt, sich mit Leichtigkeit weit über alle diejenigen empor zu schwingen vermochte, welche den unbeholfenen Genossen mieden oder ihn gar zum Stichblatt ihrer Neckereien wählten. Ja, er wollte sich über Alle erheben und, um sich abzuhärten gegen ähnliche marternde Eindrücke, mit dem Studium an seinem eigenen, so traurig entstellten, armen Körper beginnen. Mit kalter Aufmerksamkeit wollte er an sich selbst die Ursachen und Wirkungen prüfen, welchen er sein Unglück verdankte; er wollte weiter schreiten auf der Bahn des Wissens und Forschens, und dann erst, nachdem er seinen Ruf begründet, nachdem man sich von seinem hohen wissenschaftlichen Werthe überzeugt, der Welt den Rücken kehren, die für ihn nur bittere, die bittersten Täuschungen in ihrem, manchen Menschen so überreich spendenden Füllhorn hatte. Nebenan ertönte es bald in vollen Accorden, bald in schüchtern an einander gereihten hellen Noten. Es klang wie das Pochen eines von unbestimmtem Sehnen und Hoffen erfüllten Herzens, wie das kühne Hinaufschwingen nach ungeahnten Höhen und das zaghafte Zurückbeben vor dem Schwindel erzeugenden Abhange. Schwerer stützte sich das sinnende Haupt auf die Hand. Auch das Herz, welches in der verkrümmten Brust schlug, hatte einen Liebesfrühling gesehen, aber einen Liebesfrühling, aus welchem ihm nur bittere Qualen erwuchsen. Die aufflammenden, ängstlich geheim gehaltenen Empfindungen hatten sengend und brennend an seinem Innern genagt und nur Asche zurückgelassen, welche den fruchtbarsten Boden, die mächtigste Triebkraft für den keimenden Haß und die üppig emporschießende Saat der Verachtung bot. Choralartig gesellte sich ein Accord zu dem andern, und um dieselben herum, sie gleichsam vereinigend, schlangen sich liebliche, heitere Melodieen. Abermals befeuchteten sich die gesenkten Augen, als hätte das hinter ihnen wohnende Herz Abschied genommen, schmerzlichen Abschied von der Menschheit, um sich fortan nur einzig und allein dem ernsten Studium zuzuwenden, unbekümmert darum, ob ihm daraus innere Ruhe und Zufriedenheit erwachsen würden. Ha, und welche Ueberwindung kostete es ihn oft, der übernommenen Rolle treu zu bleiben; wie schwer wurde es ihm, da kalt zu urtheilen und zu lächeln wo sein Herz vor Mitgefühl blutete! Zu den seltsamsten Mitteln mußte er seine Zuflucht nehmen, er mußte sich martern, sich selbst verhöhnen, um bis an sein Lebensende das getreulich durchzuführen, was durchzuführen er mit so vielem Ernst beschlossen hatte. Die melodiereichen Phantasieen waren beendigt, und indem Anna in dem vor ihr stehenden Notenhefte blätterte, glitt dasselbe auf die Tasten nieder, einen mißtönenden Accord erzeugend. Der Professor fuhr aus der sinnenden Stellung empor; seine Hände ballten sich, aus den dunkeln Augen blitzte es unheimlich, und nur die Besorgniß, seine Anwesenheit zu verrathen, hielt ihn davon ab, aufzuspringen. »Der bucklige Professor,« lispelten die bebenden Lippen; es waren die Worte, welche er aus dem unharmonischen Accord deutlich herausgehört zu haben meinte. »Der bucklige Professor,« wiederholte er; das Haupt sank wieder in die offene Hand, und die eben noch so scharfen, boshaft verzerrten Züge glätteten sich zu einer unbeschreiblich rührenden Milde. »Sag' mir das Wort, das ich einst hab' gehört, Lang', lang' ist's her, lang' ist es her,« tönte es weich und getragen zu ihm herüber. Es war das Lied, welches er bei dem Kärrner von denselben Händen gehört und in Folge dessen angeschafft und auf den Notenhalter gestellt hatte. »Lang' ist es her,« sprachen die vor Wehmuth zitternden Lippen leise, und zwei Thränen rollten auf den grauen Schlafrock nieder. Dann aber lauschte die gekrümmte Gestalt mit einer Spannung und Aufmerksamkeit, als ob sie dadurch, daß sie sich mit ganzer Seele in die liebliche Melodie vertiefte, von ihren Gebrechen hätte geheilt werden können. Das Lied war beendigt und an dieses schlossen sich die reichen Variationen über dasselbe an. Der weite Raum der Bibliothek glich einem Meer der Töne; die einzelnen Töne aber verwandelten sich in ebenso viele freundliche Geister, für welche die Mauern und Thüren kein Hinderniß. Sich wiegend und schwingend drangen sie in das Nebengemach, wo sie die gekrümmte, stille Gestalt liebreich umtändelten und sich warm und zärtlich anschmiegten an die arme, mißgeformte Brust und an das wunderliche Herz, welches ihnen, trotz des ihm gewaltsam aufgedrungenen Menschenhasses, ebenso warm und zärtlich entgegenschlug. – – Die Zeit flog dahin, und über zwei Stunden hatte Anna gespielt, als sie sich entsann, daß es wohl Zeit zur Heimkehr sein dürfte. Der Professor sah überrascht nach der Uhr; er konnte nicht begreifen, so lange auf einer und derselben Stelle gesessen zu haben. Als er das leise Klingen unterschied, mit welchem Anna das Geld an sich nahm, horchte er hoch auf, als sei er unzufrieden mit sich selbst gewesen. »Ich möchte es ihr wohl auf eine andere Art zustellen,« folgten seine Gedanken auf einander, »in einer weniger demüthigenden Weise – allein – warum so viel Rücksichten für mir fernstehende, fremde Personen? Ich möchte wohl – und dennoch –« er schüttelte das Haupt, wie um sich der auf ihn einstürmenden milden Gefühle zu erwehren. Die Flurthür schloß sich hinter dem scheidenden jungen Mädchen. Der Professor erhob sich; schadenfroh rieb er die Hände, sein Antlitz leuchtete vor Entzücken, während sein Höcker ernstlich Sturm läutete. »Oh, wie die Herren Nachbarn sich ärgern mögen, nicht in das geheimnißvolle Treiben des buckligen Professors eindringen zu können!« sprach er schmunzelnd, »und solche Musik in seiner Wohnung! Haha! Wie sie sich wohl die Köpfe zerbrechen!« Schnell trat er in die Bibliothek ein. Einen bedauernden Blick warf er auf das verstummte Instrument und auf den leeren runden Sessel. Dann zählte er die weißen Schädel auf dem Bücherbrett, und nachdem er sich überzeugt, daß ihm keiner entwendet worden war, trat er dicht vor das Orang-Outang-Gerippe hin. – Lange schaute er in die hohlen Augen des grinsenden und zähnefletschenden Hauptes; dann glitten seine Blicke, wie um das scheinbar lauschende Knochengerüst zu beleben, niederwärts, flüchtig zählend die Rippen und prüfend die langen Arme. »Hätte man die Beweise, daß die ersten Menschen bucklig und verkrüppelt gewesen, möchte man noch unbedingter zu der Darwinschen Theorie hinneigen,« sprach er mit einem Anfluge von Spott, und nachdenklicher fuhr er darauf fort: »aber der Geist, der Geist – ich fürchte, dies ist ein Punkt, an welchem manche Schlußfolgerungen, die Früchte eifriger Forschungen und zahlloser Stunden ununterbrochener Arbeit scheitern werden. Der Daumen am Hinterfuß will nicht viel bedeuten, jeder Mensch ist im Stande – wie die australischen Eingeborenen und die kalifornischen Wurzelfresser zur Genüge beweisen – durch Uebung den Zehen eine erhöhte Gewandtheit zu verleihen.« Grübelnd schlug er die Hände unterhalb der Schöße seines Schlafrockes in einander, und sich umwendend schritt er langsam davon. Das Instrument, um welches er in weitem Bogen herumging, war für ihn nur noch ein leerer Holzkasten, die auf dem Notenständer liegenden Musikalien Makulatur. Einige Minuten später klirrten die Schlösser und Riegel der Thüre, welche den Professor in seinem Arbeitszimmer von der ganzen übrigen Welt absonderte. Zehntes Capitel. Vertrauliche Mittheilungen. Der Kärrner Braun hatte sich mit seinem schwer beladenen Frachtwagen und den drei Holsteinern wieder auf die Reise begeben, begleitet von dem getreuen Hechsel, der seinen Posten hinter den blaugestreiften Magneten gewissenhaft verwaltete und pünktlich seine Vorderfüße jedesmal in die Spuren der schweren Schnürstiefel seines Herrn stellte, bevor noch das Wasser in die scharf ausgeprägten Abdrücke der dickköpfigen Nägel gelaufen war. Und Wasser lief sehr schnell in die Abdrücke hinein, indem es vom Himmel regnete, was das Zeug halten wollte, große und kleine Tropfen, Alles durcheinander, und der Wind trieb sie nach allen Richtungen, bald hierhin, bald dorthin, ganz so, wie es an einem rauhen, regnerischen Spätsommertage, oder vielmehr beim Uebergange des Sommers in den Herbst in der Ordnung ist. Doch woher sie auch kommen mochten, den braven Kärrner verdrossen sie nicht mehr, als die Mückenschwärme, die ihn an warmen Abenden umspielten und sich vergeblich bemühten, durch die vom glimmenden, mit gedörrten Kirschblättern untermischten Tabak ausgehenden Wolken hindurch zu seinem roth leuchtenden Antlitz zu gelangen. Um seine Schultern hatte er eine Pferdedecke geworfen, und was sonst noch dem Regen erreichbar: der lackirte Tresorkasten wie die blaugestreiften Gamaschen und die fahlledernen Schnürstiefel, war ja wasserdicht, wasserdicht, wie Hechsels getigertes Fell und der Holsteiner dampfende Haut, wasserdicht, wie das hochgewölbte Wagenverdeck und der gute Muth, der in der breiten Kärrnerbrust wohnte und so verständlich über den rothen Borstenkragen fort in die nasse Welt hinausstrahlte. So zog er dahin mit seinem guten Dreigespann, so war er dahingezogen, während des größten Theils des Tages, immer der triefenden Chaussee nach, die ihn erst spät an das bestimmte Ziel führen sollte. Um Hechsel kümmerte er sich dabei nicht viel, denn Hechsel war ein verständiger alter Bursche; ebenso verursachten die drei Holsteiner ihm nur wenig Sorge, indem dieselben unabänderlich, wie wohlgeölte und wohlgeregelte Maschinen, ihre behaarten, klobigen Hufe auf die feuchte Straße niederschmetterten, ohne dabei Gefahr zu laufen, ihre schönen Schweife zu bespritzen, die, zierlich aufgeschürzt und künstlich in Bündel geschnürt, mit den abwesenden Bremsen ewigen Frieden geschlossen zu haben schienen. Um so mehr dachte der ehrliche Kärrner dafür an Frau Kathrin und an sein Schätzchen, die Anna, welche der liebe Gott ihm eigens in den Weg geführt hatte, um seiner ernsten und wenig zugänglichen Ehehälfte das Herz zu erwärmen und tröstlich auf sie einzuwirken. Denn für Frau Kathrin war die Anna in der That ein rechter Segen; nicht als ob das Pianum dabei die Hauptrolle gespielt hätte, denn das Pianum diente im Grunde doch nur dazu, die Nachbarn zu ärgern und ihren Neid und ihren Zorn anzufachen – aber die Anna hatte eine so liebe, zutrauliche Art, mit ihr zu verkehren, daß sie schlechterdings schon gar nicht anders konnte, sie mußte aus ihrer feindseligen Zurückhaltung heraustreten. – Den Leuten zum Trotz hatte Frau Kathrin sich also an diesem regnerischen, unfreundlichen Abend von Anna deren Lieblingsmelodieen vorspielen lassen; den Leuten zum Hohn sogar sich während der Abendmahlzeit recht angelegentlich mit ihrem Schützling unterhalten und ausgerechnet, was wohl noch an Strümpfen und sonstiger Wäsche dazu gehöre, um so ausgesteuert zu sein, wie es einer voraussichtlich in sehr vornehmen Häusern verkehrenden Klavierlehrerin gebühre. Und dabei strickte sie, sobald der Tisch wieder abgeräumt war, mit einer solchen Wuth an einem neuen, weißen Strumpfe von sehr zierlichen Formen, daß der berühmteste Klaviervirtuose sie um ihre Fingerfertigkeit hätte beneiden mögen. Prasselnd schlug der Regen an die Fensterscheiben und düsterer brannte die kleine Schirmlampe, als Anna endlich auf Frau Kathrins Wunsch ein anderes Lämpchen anzündete und Anstalt traf, sich zurückzuziehen. Ein kaltes: Gute Nacht berührte sie unsanft, indem sie nach einigen freundlichen Worten aus dem Zimmer schritt. Sie hatte aber ihre eigene Stube noch nicht betreten, da stand Frau Kathrin mit der grünen Schirmlampe an ihrer Seite, um ihr zu leuchten und sich zu überzeugen, wie sie behauptete, daß sie keinen Feuerschaden anrichte. Ein dankender Blick aus Anna's Augen bezeugte, daß ihr nicht fremd, was Frau Kathrin so vorsichtig machte, und mit einer Empfindung, als ob ihre eigene längst dahingeschiedene Mutter ihr Haupt segnend berührt habe, duldete sie, daß jene ihr das prachtvolle Haar auflöste und für die Nacht ordnete. Als sie aber erst warm gebettet zwischen den weichen Pfühlen lag, setzte Frau Kathrin sich zu ihr. Längere Zeit starrte sie auf die verdeckte Lampe hin; dann, wie überwältigt von den auf sie einstürmenden Empfindungen, lehnte sie das Haupt schwer auf die sich auf ihre Kniee stützenden Arme. »Wollen Sie nicht ebenfalls schlafen gehen?« bat Anna schüchtern, indem sie liebkosend der alten Frau Hand ergriff. Frau Kathrin richtete sich empor und blickte wehmüthig auf das ihr zugekehrte holde Antlitz nieder. »Ich soll schlafen?« fragte sie eintönig, »o, wenn Du wüßtest, wie viele Stunden ich schlaflos verbringe, während Andere vergessen, was ihre Seele bedrückt und beschwert!« Ein Schauder durchrieselte ihre Gestalt, dann umspannte sie Anna's Hand fester. »Ja, Kind,« fuhr sie leise, fast flüsternd fort, »Du ahnst nicht, was es bedeutet, durch Kummer und Herzeleid des Schlafes beraubt zu werden; möge der liebe Gott Dich bis an Dein Lebensende vor solchen traurigen Erfahrungen behüten; an mir hingegen sollst Du sie kennen lernen, damit Du Dich nicht wunderst, wenn Du siehst, wie der Gram mich verzehrt und andern Menschen unleidlich macht.« »Nein, nein, liebe Frau Braun,« bat Anna inständig, »thun sie es nicht, ich liebe Sie aufrichtig, ohne daß Sie mir sagen, was Sie so tief bekümmert, ich liebe Sie mit dankbarem Herzen, und sollte ich nie ein freundliches Wort von Ihnen hören.« »Ich will es Dir aber anvertrauen, Kind,« versetzte Frau Kathrin entschieden, »ich will es, weil Du das einzige Wesen bist, zu dem ich über Vergangenes sprechen möchte, und dann glaube mir, es wird mir leichter um's Herz, wenn ich einmal etwas von der schwer drückenden Last herunterwälzen kann. Höre mir daher zu und unterbreche mich nicht, und wenn Du dann Mitleid mit einer alten, schwer heimgesuchten Frau empfindest, so verschließe es in Dein Innerstes und laß zu andern Menschen nie eine Silbe darüber verlauten. Sie brauchen nicht zu wissen, daß ich mich am liebsten in's Grab legte – denn das ist nur meine eigene Sache. »Ja, Kind, auch ich war einst jung und heiter, wie Du jetzt, nur daß ich von ganz geringer Herkunft bin und meine Freude nicht so auszudrücken verstand, ich meine, in so wunderbar schöner Musik; aber ein Herz besaß ich dennoch, und ein warmes Herz und einen gesunden Sinn, denn unter Allen, die um mich freiten, wählte ich denjenigen aus, der nicht um meiner paar hundert Thaler, sondern um meiner selbst willen zu mir kam. Schön war er nicht, aber redlich und treu, so redlich, aufrichtig und treu – nun Schätzchen, Du kennst ihn ja, – so wie er jetzt ist, war er immer, und ihm allein verdanke ich die einzigen glücklichen Tag meines Lebens. Wir heiratheten uns, und da wir Beide das Arbeiten gelernt hatten und fleißig und sparsam waren, kamen wir auf unserm Gehöft und mit unserm Geschäft immer etwas weiter vorwärts. Doch was waren die Früchte unseres Fleißes gegen das Kind, welches uns der liebe Gott im ersten Jahre nach unserer Verheirathung schenkte? »Oh, es war ein prächtiger Junge, ein Engel, um welchen uns alle Menschen beneideten, ein Kind, wie schwerlich jemals auf Erden ein zweites gefunden wird. Die schönen, großen, blauen Augen und das dunkelblonde Lockenhaar, o, ich kann sie nie vergessen! Seine Kleidung war freilich nur sehr einfach, denn bis zu seinem zwölften Jahre versah ich selbst fast ganz allein Schneiderdienste bei ihm; deshalb stand er aber nicht minder stolz in seinen geflickten Schuhen, kleidete ihn nicht minder schön das oft recht dürftig ausgebesserte Jäckchen – ja, er sah aus, wie ein Prinz, und war auch stolz, wie ein solcher. »Als unser Eberhard, so hatten wir ihn auf meinen Wunsch getauft, die Schule besuchte, zeigte es sich erst recht, welchen Schatz wir an ihm besaßen, denn er lernte so eifrig und mit einer solchen Leichtigkeit, daß wir uns entschlossen, ihn auf eine höhere Lehranstalt zu thun. Mein Herz hüpfte vor Freude; im Geiste sah ich ihn schon als hohen Staatsbeamten und Gelehrten, welchen Sohn zu nennen uns dereinst zur Ehre gereichen sollte. Mein Mann stimmte freilich mehr dafür, daß er das Gewerbe seines Vaters fortsetzen und dessen Geschäft einst übernehmen sollte. »Wer viel lernt, hat viel zu verantworten,« sagte er oft kopfschüttelnd, wenn wir über seine Zukunft beriethen; und er hatte recht, denn die ehrgeizigen Pläne, welche ich gemeinschaftlich mit dem Knaben entwarf, waren nur dazu geeignet, die Sünde des Hochmuths in uns anzufachen. Freilich, derselbe Hochmuth, welcher meinen Sohn antrieb, sich allmälig von seinen alten Spielgenossen abzusondern, erhöhte nicht minder seinen Fleiß. Wie überall, so wollte er auch in der Schule hervorragen, und seinem Eifer war es zu verdanken, daß er die Reife für die Universität in einem Alter erhielt, in welchem sonst junge Leute noch zwei bis drei Jahre die Schulanstalten zu besuchen pflegen. Ja, er war ein Sohn, auf welchen stolz zu sein wir gerechte Ursache hatten, der aber auch auf sich selbst stolz sein durfte. Leider verwandelte sich sein Stolz in verderblichen Hochmuth, in Folge dessen die früheren Freunde sich alle von uns abwendeten und dadurch das Unglück beschleunigten, welches nur zu bald zu deren namenloser Schadenfreude über uns hereinbrach. »Und dennoch, wäre nicht von Außen her nachtheilig auf mein armes Kind eingewirkt worden, möchte sich Alles noch zum Guten gekehrt haben,« nahm Frau Kathrin nach längerem schmerzlichen Grübeln ihre Erzählung wieder auf. – »Mein Mann hatte einen Bruder, der von seiner frühesten Kindheit an so verschieden von ihm gewesen, wie Brüder nur immer von einander sein können. Weder schlecht noch unredlich, dagegen klüger und gelehrter, als mein guter Christian, wollte er auch immer höher hinaus, als dieser. Für das Gewerbe eines Ackerbauers und Kärrners hielt er sich viel zu gut; all sein Denken und Trachten stand nach Reichthum und vornehmer Gesellschaft, und von ihm hatte mein armes Kind auch wohl seinen hochmüthigen Sinn geerbt, welchen ich Verblendete, anstatt ihn zu unterdrücken, mit heimlicher Freude nach besten Kräften nährte und lobte. »Zu den hochfahrenden Neigungen meines Schwagers gesellte sich, daß er ein auffallend schöner Mann war. Er selbst wußte dies nur zu gut, und nach seinen Aeußerungen zu schließen, baute er fest darauf, durch eine vornehme Heirath sein Glück zu machen. Mein Mann lachte zwar über seine Eitelkeit, allein was vermochte er mit seiner einfachen Erziehung über den hochgebildeten Bruder, der obenein bei jeder Gelegenheit das Erstgeburtsrecht für sich in Anspruch nahm? Erst in der letzten Zeit seines Verweilens hier schien eine Wandlung in ihm vorzugehen; er wurde anspruchsloser in seinem Auftreten und eifriger in seiner Stellung als Buchhalter in einem Banquierhause, welche ihn nicht nur glänzend ernährte, sondern ihm auch die Mittel bot, eine Familie sorgenfrei durchzubringen, wenn er sich überhaupt zum Heirathen hätte entschließen können. »Ich war seit zwei Jahren verheirathet und mein Schwager stand in seinem vierunddreißigsten Jahre, als ein Umstand eintrat, der eigentlich über unser Aller Glück und Zufriedenheit entschied. »Wir, nämlich mein Mann und ich saßen eines Abends behaglich drüben an dem eichenen Tisch, mit unserm Eberhard spielend, der bereits ein volles Jahr alt war, als plötzlich mein Schwager hastig eintrat und uns durch sein verstörtes Aussehen wahrhaft erschreckte. Sein Gesicht war bleich, seine Augen leuchteten unstet, als ob er erkrankt wäre oder ein Verbrechen begangen hätte. »Ich komme, um Abschied von Euch zu nehmen, denn ich muß fort!« sprach er kaum verständlich, »ich gehe fort auf Nimmerwiedersehen. Lebt daher wohl und vergeßt mich; in meinem Vaterlande soll nie wieder Jemand von mir hören!« »Weder mein Mann noch ich wußten im ersten Augenblick vor Schreck und Erstaunen Worte zu finden; doch als er wieder davonstürmen wollte, vertrat ihm mein Mann den Weg. »Bruder!« rief er aus, seine Hand auf dessen Schulter legend und ihm in die verstörten Augen schauend, »Du hast Unglück gehabt, du hast Dich in leichtsinnige Speculationen eingelassen und Deinen Brodherrn benachtheiligt. Sage frei heraus, wie hoch sich die Summe beläuft, und Haus und Hof will ich verkaufen, um Deinen ehrlichen Namen zu retten.« »Du meinst, ich sei einer schmachvollen Handlung fähig gewesen?« fragte mein Schwager zornbebend, »Du, mein leiblicher Bruder? Habe ich das an Dir verdient? So gehe denn hin und erkundige Dich an Ort und Stelle darnach; ich selbst halte es unter meiner Würde, auf Deine versteckten Anklagen zu antworten, Du würdest mir ohnehin nicht glauben. Nur so viel erkläre ich Dir, ich will lieber im entferntesten Winkel der Erde unerkannt und unbetrauert mein Leben beschließen, als auch nur noch eine Stunde länger in einem Lande weilen, in welchem der Werth eines Mannes nur nach seinen technischen Fertigkeiten abgeschätzt wird!« »Was er mit technischen Fertigkeiten meinte, weiß ich nicht; jedenfalls mußte ihm etwas widerfahren sein, was ihn schrecklich aufgebracht hatte, denn nachdem er abermals betheuert, daß er fortan für uns verschollen sein würde, schlug er die Thür schallend hinter sich zu und wir sahen ihn nicht wieder. »Erfüllt von bösen Ahnungen, begab sich mein Mann am andern Tage nach dem Comptoir des Banquiers, um sich von dem Umfange des vermutheten Unheils Kenntniß zu verschaffen. Dort nun theilte man ihm mit, daß die geheimnißvolle und schleunige Entfernung des sonst so gewissenhaften Buchhalters Alle im höchsten Grade überrascht habe und Niemand auch nur annähernd errathe, was seinen abenteuerlichen Entschluß zur Reife gebracht haben könne. Doch was halfen jetzt noch die guten Zeugnisse und lobenden Nachreden? Er war und blieb verschwunden, so daß der entsetzliche Argwohn in uns auftauchte, er habe sich in einem Anfalle von Geistesstörung selbst das Leben genommen. – »Jahre verstrichen, ohne daß in unserem einförmigen Leben eine Aenderung eingetreten wäre oder wir jemals von meinem Schwager gehört hätten,« nahm Frau Kathrin wieder das Wort, nachdem sie eine Weile schwermüthig in die gespannt auf sie gerichteten lieben, theilnehmenden Augen geschaut hatte, »da trat eines Tages – unser Eberhard hatte gerade sein sechszehntes Jahr erreicht – ein fremder Herr bei uns ein, der einen offenen Brief in der Hand trug. Es war derselbe Rechtsanwalt Alvens, an welchen Du, mein armes Kind, von Deiner seligen Mutter gewiesen wurdest. »Nach einigen Fragen, die wohl nur dazu dienen sollten, um ihn zu überzeugen, daß wir die richtigen Leute seien, eröffnete er uns, er sei von meinem Schwager, der sich in Amerika niedergelassen und ein großes Vermögen erworben habe, beauftragt worden, sich mit uns in nähere Verbindung zu setzen. Derselbe war nicht verheirathet und wünschte daher, im Falle seines Todes sein Vermögen rechtmäßigen Erben, nämlich den Kindern seines Bruders, zuzuwenden. An die Ausführung seines letzten Willens knüpfte er indessen eine Bedingung, welche mir damals hart und grausam erschien, die ich heute aber, bei ruhiger Ueberlegung, nicht tadeln kann. »Wie wenig Segen darauf ruht, wenn Leute sich über ihren Stand erheben,« schrieb er, »habe ich leider an mir selbst erfahren; da ich nun meine einzigen Verwandten, meinen Bruder, dessen Frau und Nachkommen vor ähnlichen traurigen Erfahrungen bewahren möchte, so bestimme ich, daß sie nur dann erbberechtigt sein sollen, wenn sie, so lange ich noch unter den Lebenden weile, nie aus ihren Verhältnissen heraustreten, am allerwenigsten aber, in der Voraussicht der ihnen einst zufallenden Mittel, ihren Kindern Grundsätze einprägen, welche sie später, bei etwaigen Vermögensverlusten, untauglich für den Stand machen, für welchen sie ursprünglich geboren wurden. Diese Bedingung soll strenge inne gehalten werden, und Sie, Herr Rechtsanwalt, der Sie sich bereit erklären, mich in Europa zu vertreten, beauftrage ich, vierteljährlich meinen Bruder zu besuchen, sich von seiner Lage zu überzeugen und mir auf Ihren Diensteid jedesmal genauen Bericht zu erstatten. Hielte ich meine Pläne vor meinem Bruder und dessen Angehörigen geheim, würde ich sie so gut wie gar keiner Probe unterwerfen, und meine Unruhe betreffs des schließlichen Schicksals meines Vermögens bliebe immer dieselbe. Setzen Sie daher meinen Bruder von Allem in Kenntniß. Fährt er dann fort, in der alten einfachen Weise, mit Mühe und Fleiß für sich und die Seinigen das tägliche Brod zu erwerben, so weiß ich, daß die Früchte meiner Arbeit, die ich selbst nicht mehr genießen kann, eine gute Verwendung finden und seinen Nachkommen Generationen hindurch zum Segen gereichen, und ihm mag Alles gehören. Entgegengesetzten Falls aber treffe ich solche Vorkehrungen, daß auch nicht ein Pfennig des vielleicht mit Sehnsucht erwarteten Geldes in die Hände eines meiner Verwandten übergeht.« »Das ist ungefähr der Brief,« erzählte Frau Kathrin weiter, welchen Herr Alvens uns damals nicht einmal, sondern viermal vorlas, damit uns die Absichten meines Schwagers recht klar und verständlich werden sollten. Ich selbst befand mich dabei in großer Aufregung, und dieser ist es wohl zuzuschreiben, daß sich der Inhalt jenes Schreibens meinem Gedächtniß unauslöschlich einprägte. »Bevor Alvens sich entfernte, sprach mein Mann, der seine Fassung allmälig zurückgewonnen hatte, seine ungeheuchelte Freude über das Auftauchen seines Bruders unter den Lebenden aus und bemerkte in seiner treuen, einfachen Weise, daß es derartiger Bedingungen gar nicht bedürfe. Alle Schätze der Welt, fügte er hinzu, würden ihn nicht bewegen, eine andere Lebensweise in unserem Hause einzuführen; er sehne sich nicht nach dem Gelde seines Bruders und er würde gemeinschaftlich mit mir unser Kind so erziehen, wie es uns angemessen erscheine. Halte sein Bruder dereinst für gut, unsern Eberhard zu bedenken, so solle es ihm des Knaben wegen willkommen sein, er selbst aber sei gesund und gebrauche nichts. »Anders, als mein Mann, dachte ich, und mit mir stimmte unser Sohn überein, der unglücklicher Weise der ganzen Verhandlung beigewohnt hatte. Mich erfüllte nämlich nur der eine Gedanke an die mir wahnsinnig erscheinenden Bedingungen meines Schwagers und wie dieselben wohl ohne Nachtheil für uns umgangen werden könnten. Ich hielt es für gehässig und ungerecht zugleich, zu verlangen, daß ein junger Mensch, der ein ansehnliches Vermögen zu erwarten habe, nicht auf den Besitz desselben vorbereitet und an eine bessere Gesellschaft gewöhnt werden sollte. Was mir im Kopfe herumging, sprach ich natürlich nicht aus, dagegen fuhr ich fort, meines Lieblings Stolz und Ehrgeiz immer mehr aufzustacheln und ihm fast täglich zu wiederholen, daß er einst ein reicher Mann sein würde, der vor den vornehmsten und angesehensten Bürgern der Stadt nicht zurückzustehen brauche. Und dabei wurde es mir so leicht, zu darben und zu sparen, wenn ich dafür nur den Genuß hatte, ihn wie einen Grafen auftreten zu sehen. »Mein armer Eberhard fühlte sich bei dieser Erziehungsweise natürlich sehr wohl, dagegen quälte ihn unausgesetzt das Bewußtsein, unter einem peinigenden Drucke zu leben und vor seinem braven Vater Manches verheimlichen zu müssen, und ein freundliches Unheil war es nicht, welches er über seinen Onkel fällte, welchen er für den Urheber aller seiner kleinen Leiden hielt und der doch im Grunde sein Wohlthäter werden wollte. Nur meine dringendsten Vorstellungen vermochten ihn zurückzuhalten, an jenen zu schreiben und ihn aufzufordern, sein Geld zu behalten und sich nicht weiter um seiner Eltern Lebensweise zu kümmern. »Mehrere Jahre gingen dahin; directe Nachrichten erhielten wir von meinem Schwager nie, doch stellte Alvens sich regelmäßig ein, um, seinem Auftrage gemäß, sich von unserem Leben und Ergehen zu überzeugen. Wir duldeten schweigend seine unwillkommenen Besuche, welche stets dasselbe Ergebniß lieferten, indem ich, trotz meiner Mißstimmung gegen meinen Schwager, ängstlich auf seine Fürsorge für meinen Sohn rechnete und daher verheimlichte, daß ich, streng genommen, die gestellten Bedingungen, wenn auch vorläufig erst in geringem Umfange, längst gebrochen hatte. Selbst mein Mann ahnte nicht, wie weit die Hoffart mich trieb.« Bei diesen Worten neigte Frau Kathrin wieder das Haupt auf die Brust, wie um Kräfte für das zu sammeln, was noch zu enthüllen blieb. Erst der Druck, mit welchem Anna schmeichelnd ihre Hand umschloß, rief sie aus ihrem Brüten wach, und als sie in die lieben, treuen Augen schaute, in welchen sie nur den einzigen Ausdruck rührender, inniger Theilnahme entdeckte, nahm sie den Faden ihrer Erzählung wieder auf. »Es war ein entsetzlicher Tag,« begann sie eintönig, »ein entsetzlicher Tag, an welchem Alvens wieder einmal eintraf und zufällig meinen Mann, mich und unsern Sohn beisammen fand. »Nach seiner gewöhnlichen Einleitung lobte er, daß unser Haus noch immer seine alte, kleinbürgerliche Einrichtung bewahrt habe, dann aber rieth er uns, zu meinem namenlosen Schrecken, mehr auf unsern Eberhard zu achten. »Mag er lernen, so viel er will,« sprach er tadelnd, »wenn er indessen fortfährt, in auffälligster Weise den großen Herrn zu spielen, so fürchte ich, daß sein Verwandter sich gänzlich von Ihnen und von ihm zurückzieht. Verdenken kann man Ihrem Herrn Bruder nicht,« schloß er, zu meinem Mann gewendet, »wenn er sichere Bürgschaft zu haben wünscht, daß sein sauer erworbenes Vermögen nach seinem Tode nicht leichtsinnig vergeudet werde; und Ihr Herr Sohn scheint es ganz darauf abgesehen zu haben, durch sein Auftreten derartige Befürchtungen zu erwecken.« »Die niederschmetternde Kunde, daß Eberhard auf dem besten Wege sei, ein Verschwender zu werden, traf meinen armen Mann bis in's Herz hinein. Lange dauerte es, bevor er Worte fand, dann aber seine treuen Augen fest auf unsern Sohn richtend, rief er aus: »Eberhard, bis jetzt habe ich immer Deinen Worten unbedingten Glauben geschenkt, sage mir daher auch jetzt aufrichtig: Ist es wahr, was der Herr von Dir behauptet?« »Eberhard sprang empor. »Habe ich jemals Wohlthaten von meinem Herrn Onkel empfangen?« fragte er wild und beleidigt, und seine prächtigen Augen schienen den Rechtsanwalt zermalmen zu wollen, »habe ich jemals auch nur eines Pfennigs Werth von ihm erhalten, daß er sich anmaßen dürfte, meine Eltern und mich und unsere Handlungen durch Sie überwachen zu lassen?« »Er beabsichtigt ihr Bestes,« suchte Alvens ihn zu beruhigen; allein Eberhard hörte nicht auf ihn, noch achtete er auf meine flehenden Blicke oder auf seines Vaters schmerzliches Erstaunen. »Für mein Bestes bin ich selbst verantwortlich, nicht mein Herr Onkel!« rief er zornig aus, und dabei richtete er sich empor, als sei er der Gebieter der ganzen Welt gewesen, »was mein Onkel verstanden hat, das verstehe auch ich, und vielleicht noch mehr. Beweisen will ich ihm, daß ich auf sein Geld nicht warte, beweisen ihm und Allen, die es wissen wollen, daß ich meine Freiheit nicht um alle Schätze der Erde verkaufe! Zu stolz, um zu bestreiten, daß ich bisweilen mit Behagen an den mir einst vielleicht zufallenden Reichthum dachte, bin ich es jetzt müde, meine Neigungen und Liebhabereien, zu deren Ausführung ich die Mittel meinen Eltern verdankte, zu verheimlichen. Meine Antwort aber auf den Vorwurf des Verschwendens? O, meine Eltern sollen nicht unter den Folgen des mir angedichteten Leichtsinnes leiden; ich bin Mannes genug, für mich selbst zu sorgen, und die Zeit wird kommen, in welcher ich mitleidig auf meinen Herrn Onkel sammt seinen Schätzen niederblicke!« »Er stürmte auf die Straße hinaus, und unbekümmert um die verwunderten, spöttischen Blicke einzelner Nachbarn, die seinem schrecklich veränderten Aussehen galten, schritt er davon. »Für dieses Mal habe ich hier weiter nichts zu thun,« sagte Alvens, sobald die Thür sich hinter Eberhard geschlossen hatte; »lassen wir ihn nur gewähren; wenn seine Hitze verraucht ist, wird er allmälig verständiger über Alles nachdenken;« dann empfahl er sich. »Was mein Mann und ich sprachen, sobald wir uns allein sahen, wiederhole ich nicht; nur so viel erwähne ich, daß kein Wort des Vorwurfs über seine Lippen kam. Er begriff, daß allein die zärtlichste Liebe zu unserm Kinde mich verblendet hatte. Unserm Eberhard dagegen erklärte er, als derselbe erst spät Abends heimkehrte, daß eine Aenderung in seiner Lebensweise eintreten müsse. Er bedeutete ihn, daß ihm fortan nicht mehr die Mittel zu seinem vornehmen Auftreten zu Gebote stehen würden, und zwar nicht des Onkels und seiner Bedingungen wegen, sondern um seiner selbst willen und weil er sich gewöhnen müsse, auf seine eigenen Kräfte zu bauen. »Gegen alles Erwarten setzte Eberhard den ernsten Vorstellungen seines Vaters die größte Bereitwilligkeit entgegen, die mich freudig überraschte und mein Herz erleichterte, um so mehr, als ich einen leidenschaftlichen Ausbruch seines gekränkten Stolzes befürchtet hatte. »Du sollst fortan keinen Grund mehr haben, Dich über meinen Leichtsinn zu beklagen,« das waren seine letzten Worte; dann drückte er seinem Vater die Hand, mich küßte er zärtlich, worauf er sich tief bewegt, wie ich deutlich gewahrte, nach seinem Zimmer begab. – »Ach, daß ich ihn doch begleitet hätte und die Nacht hindurch nicht von seiner Seite gewichen wäre, vielleicht wäre es anders gekommen,« seufzte Frau Kathrin, ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend. Anna, durch den Schmerz ihrer mütterlichen Freundin tief erschüttert, blickte besorgt auf die regungslose Gestalt, die weder durch Schluchzen noch durch Seufzen Leben verrieth. Als sie aber leise, jedoch mit unbeschreiblicher Innigkeit deren Namen aussprach, sanken die Hände von dem erschreckend bleichen Antlitz nieder, und wie von einem Träume umfangen, lispelten die schmalen, farblosen Lippen: »Ruhig, getröstet und von der Zukunft das Beste hoffend, schlief ich an jenem Abende ein, während nur wenige Schritte von mir das entsetzliche Unglück über uns hereinbrach. »Erst als Braun und ich uns zum Frühstück niedersetzten, bemerkten wir mit Befremden, daß Eberhard noch nicht aufgestanden sei. Ich begab mich sogleich in sein Zimmer, um ihn zu wecken, fand aber zu meinem namenlosen Schrecken sein Bett unberührt, und auf demselben einen von seiner Hand geschriebenen Brief folgenden Inhaltes: »Theure, heißgeliebte Eltern, ich stehe im Begriff, einen Frevel an Euch zu begehen; doch ich bin und bleibe Euer Sohn und Ihr werdet Eurem armen Kinde verzeihen! Die Abhängigkeit, in welcher ich leben soll, der Schein, als hätte die Hoffnung, meinen Onkel zu beerben, eine Umgestaltung meiner Pläne bewirkt, ist mehr, als ich zu tragen vermag. Euch zu Liebe hätte ich mich zu manchem Opfer verstanden, hätte ich dem Verkehr mit meinen Studiengenossen entsagt, hätte ich mich zurückgezogen von Allem, was mich bisher erfreute und mich zu kühnem Ringen anspornte, hätte ich sogar dem Fürchterlichsten, dem mich treffenden Spotte die Stirne geboten, allein den unverdienten Vorwurf hinterlistiger Erbschleicherei auf mich zu laden, das werdet selbst Ihr nicht von mir verlangen. Ich habe mich daher entschlossen, das Weite zu suchen. Wohin ich mich wende, weiß ich noch nicht, aber getrost und zuversichtlich blicke ich in die Zukunft. Die Schätze des Wissens, welche ich Eurer treuen Fürsorge verdanke, werden mir überall einen Weg bahnen. Solltet Ihr in nächster Zeit keine Nachricht von mir erhalten, so betrübt und beunruhigt Euch deshalb nicht; ich muß mich stählen zu dem Kampfe mit einem wetterwendischen Geschick, und das gelingt mir nur, wenn ich den Verkehr mit der Heimat vorläufig ganz abbreche. Hört Ihr nichts von mir, dann seid Ihr zu den besten Hoffnungen berechtigt. Zurückkehren werde ich nur dann, wenn ich unabhängig und mit Ehren aufzutreten vermag. Noch einmal bitte ich Euch um Verzeihung für den Kummer, welchen ich Euch bereite, aber bleiben kann ich nicht, wenn ich nicht dem Wahnsinn anheimfallen soll –« Hier stockte Frau Kathrin. Der Brief, welchen sie allmälig auswendig gelernt hatte, schien ihre schmerzlichen Erinnerungen doppelt angeregt, ihren Geist förmlich gebrochen zu haben. Die großen blauen Augen aber blieben trocken, nur daß sie, wie der Sehkraft beraubt, ins Leere starrten. »Auch von seiner Dankbarkeit hat das arme Kind noch geschrieben und von seiner zärtlichen Liebe,« fuhr sie endlich wieder fort, als ob sie die Worte einzeln mühsam von der ihr gegenüberliegenden Wand abgelesen hätte; »allein was helfen mir Liebe und Dankbarkeit, wenn mein einziges Kind, mein Sohn todt für mich ist? Ja, todt, denn er war und blieb verschwunden und über sechs Jahre sind verstrichen seit jenem verhängnißvollen Tage, ohne daß ich auch nur eine Silbe von ihm oder über ihn erfuhr. Wir wissen nicht, wohin er sich wendete, nur so viel scheint unzweifelhaft, daß er außer Landes gegangen ist. Ach er ist todt! Ich kann mich dieses traurigen Gedankens nicht erwehren; das Meer hat ihn verschlungen, so daß nicht einmal die Kunde von seinem Ende uns erreichen konnte!« »Aber sein Onkel, Ihr Schwager, liebe Frau Kathrin, auch er galt lange für todt und verschollen,« wendete Anna schüchtern und theilnahmvoll ein. »Du meinst es gut,« antwortete die Kärrnerfrau, und wie unbewußt streichelte sie dann die dunkeln Locken, »ja, du meinst es herzlich gut, Kind, und ich danke Dir dafür, aber neue Hoffnungen in mir zu erwecken, das vermagst selbst Du nicht. Wie indessen die Hoffnung einer Mutter nie ganz abstirbt, ebenso sind die Ahnungen und Befürchtungen einer Mutter immer die schwärzesten. Nichts blieb unversucht, den Aufenthalt meines Sohnes zu entdecken; Alvens und mein Schwager boten ihr Aeußerstes auf und scheuten weder Geld noch Zeit – und dennoch kann ich nicht glauben, daß Gott meinen armen Mann – ich selbst verdiene wohl mein Unglück – so hart strafen würde, ihn, der nur Wohlwollen, Redlichkeit und Treue gegen seine Mitmenschen kennt. Ja, mein liebes Kind, ein schwacher Hoffnungsfunke glimmt noch in meinem Herzen, und dieser und die Achtung vor dem Willen meines Mannes sind es allein, was mich abhält, meinem Schwager zum Trotz, dem Rechtsanwalt endlich einmal mein Haus zu verbieten; und hätte mein Schwager hunderttausend Thaler auf uns zu vererben, was sollte ich damit, ich, die kinderlose Frau? Mag er sein Geld vergraben oder ins Wasser werfen, mich soll's nicht kümmern. Und dieser Alvens, niemals habe ich seinen glatten Worten getraut; seit jenem furchtbaren Tage aber ist er mir verhaßt geworden. Scheint es mir doch, als hohnlache er innerlich, daß zu der Erbschaft dermaleinst kein Anderer da sein wird, als die beiden schwarzen Kreuze, unter welchen mein guter Braun und ich nach einem kummervollen Erdenleben ausruhen. Darum, Schätzchen, ist es mir auch widerwärtig, wenn Alvens und sein schrecklicher Schreiber sich so sehr angelegentlich nach Dir erkundigen und Dir Geldmittel zur Verfügung stellen; gerade, als ob wir nicht im Stande wären, ausreichend für Dich zu sorgen! Und, nicht wahr, Du sehnst Dich nicht nach dem Schutz des Herrn Alvens? Du bist zufrieden mit Deiner jetzigen Lage und gehst nicht wieder von uns – denn verließest Du mich, dann nähmest Du einen reichen Trost mit fort, welchen Du in unser Haus brachtest; ich glaube, mein armer Christian wäre unglücklich, wolltest Du nicht länger bei uns bleiben.« »Ich fühle mich ja so wohl bei Ihnen,« antwortete Anna zutraulich, und die hellen Thränen rannen aus ihren Augen, »so wohl, daß ich es gar nicht beschreiben kann – und dann weiß ich auch nur einen einzigen Menschen, der mich ebenso liebt –« »Richtig, Schätzchen, der arme Johannes,« fiel Frau Kathrin ein, und die hagere Hand ordnete wiederum leicht die unter Anna's Häubchen hervorquellenden Locken, »ja, das ist ein braver Mensch; wenn er Dich nur öfter besuchte; aber ich ahne, er scheut die alte, grämliche Kärrnerfrau.« »Nein, o nein, Frau Kathrin,« warf sich Anna mit Eifer zur Vertheidigerin ihres geliebten Johannes auf, »glauben Sie das nicht, ihn fesseln nur seine Studien, außerdem befindet er sich in der Lage, durch Unterrichten für seinen und seiner Mutter Unterhalt sorgen zu müssen.« »Ich glaube Deinem Wort, Schätzchen, wenn ich aber den Menschen eine gewisse Scheu vor mir zutraue, so irre ich mich in den wenigsten Fällen. O, wie haben sie mich zu allem meinem Herzeleid gequält und gemartert, bis ich mich endlich ganz von ihnen absonderte! Ich verschloß den Kummer in meine Brust, ich mißgönnte ihnen, die mich einst beneideten und jetzt frohlockten, ebenso ängstlich den Anblick meines verhaltenen Schmerzes, wie einer Regung der Freude. Ich wollte für alle ohne Gefühl sein, und ich blieb meinem Vorsatze treu, bis ich endlich zu meiner Genugthuung entdeckte, daß man mir mißtrauisch auswich und sich fürchtet, mich anzureden.« Ein feindseliger Ausdruck begleitete Frau Kathrins letzte Worte, dann versank sie wieder in schmerzliches Brüten. Dumpf heulend fuhr der Wind in den geräumigen Schlot, der in der Küche über dem Feuerherde mündete. Prasselnd schlug der Regen gegen die kleinen in Blei gefaßten Scheiben des Giebelfensters. Eine große Fliege, die vielleicht in Anna's Stube zu überwintern gedachte, summte geräuschvoll um die grüne Schirmlampe. Zur Abwechselung stieß sie sich den Kopf an der Zimmerdecke, wo gerade über der Lampe ein runder, heller Schein sich auszeichnete, welcher von dem dummen Thier ohne Zweifel für das Thor eines ewig sommerlichen Himmels angesehen wurde. Briefsiegel bildeten sich an dem breiten, vernachlässigten Docht; einzelne wiesen auf Anna, andere wieder auf Frau Kathrin, doch Niemand achtete ihrer; die Zeit lag ja so fern, in welcher Frau Kathrin derartige Siegel mit Theilnahme betrachtete und am folgenden Morgen ungeduldig und mit heimlichem Beben den Mann mit dem orangegelben Rockkragen beobachtete, wie derselbe sich im Zickzack, überall ankehrend und vor jeder Thür ein Wörtchen plaudernd, ihrem Gehöft näherte und gleichgültig vorüberschritt. Wo waren die Tage, in welchen sie noch glaubte, auf Nachricht von ihrem Sohne hoffen zu dürfen! Und Anna? Von wem hätte sie Briefe erwarten sollen? Die kleinen Fensterscheiben klirrten wieder geheimnißvoll unter einer Ladung sie mit Heftigkeit treffender Regentropfen. »Der arme Vater Braun, ob er sein Tagesziel wohl schon erreicht hat?« fragte Anna mit freundlich hervorklingender Besorgniß. »Schon vor einer Stunde,« antwortete Frau Kathrin lebhaft, denn sie kannte die Reiserouten ihres Mannes so genau, daß sie zu jeder Tageszeit anzugeben vermochte, wo er sich befand, »er hat längst abgefüttert und liegt auf der Streu zwischen den Holsteinern, oder auch im Wagen selbst.« »Es bleibt doch ein mühevolles Gewerbe, bei Sturm und Unwetter, dazu noch bei einbrechender Nacht auf der Landstraße einherzuziehen,« versetzte Anna bedauernd und zugleich froh, Gelegenheit gefunden zu haben, Frau Kathrins Gedanken weniger schmerzlichen Bildern zuzuwenden. »Nenne mir eine Arbeit, die mühelos wäre; und Wind und Wetter? O, die haben auf die eiserne Natur meines Mannes keinen Einfluß; oft erscheint es mir sogar, als ob er sich behaglich fühle, wenn der Sturm ihm nach Herzenslust um die Schläfen weht. Wie viel trauriger ergeht es dagegen Leuten, deren Körper den sich ihnen bietenden Mühen und Beschwerden nicht gewachsen ist, und die dennoch angestrengt arbeiten müssen. Ich denke dabei an Deinen armen kränklichen Freund; der sieht nicht aus, als ob er sich des Abends nur niederzulegen brauche, um die ersehnte Ruhe zu finden.« »Der arme Johannes,« sprach Anna unbeschreiblich traurig, »wenn andere Menschen längst schlafen, sitzt er noch vor seinen Büchern, um das nachzuholen, was er am Tage durch Unterrichtertheilen versäumte.« »Und vielleicht im ungeheizten Kämmerchen, und, was noch weit schlimmer, ohne seinem schwächlichen Körper die entsprechende Nahrung geboten zu haben,« fügte Frau Kathrin wie im Selbstgespräch hinzu. »Entsetzlich,« flüsterte Anna erschreckt, denn bis jetzt hatte sie noch nie an eine solche Möglichkeit gedacht, »ich weiß, er kämpft oft gegen Mangel, allein vor solchem Elend möge Gott ihn bewahren; er ist ja ein so opferwilliger Sohn, ein so treuer Freund –« »Was frägt das Geschick nach Opferwilligkeit und Treue?« fiel Frau Kathrin bitter ein, sogleich aber den Ton ihrer Stimme mildernd, fuhr sie fort: »Wenn man ihm nur helfen oder ihm Erleichterung verschaffen könnte; doch das hält schwer, wie ich ihn beurtheile. Mit welcher Entschiedenheit verschmähte er, sich an unserem Mahl zu betheiligen; und obwohl er vorgab, bereits gegessen zu haben, machte er nicht den Eindruck eines Menschen, der den Tag über warme Speisen zu sich genommen.« »Wenn man ihm nur helfen könnte,« wiederholte Anna noch leiser, denn das Bild des geliebten, leidenden Freundes war lebhaft vor ihre Seele getreten, »aber ich bezweifle, daß dies auf gewöhnlichem Wege möglich ist; o, wie würde es mich beglücken, von meinem eigenen Verdienst –« »Gebrauchst Du selbst am notwendigsten,« ertönte es kalt von den bleichen Lippen zurück, »und wozu sollten ihm die paar Pfennige helfen? Nein, nein, Kind, das ist nichts, wir müssen etwas Anderes ersinnen; vielleicht daß der Herr Professor – doch es ist schon spät und Du bist müde. Gute Nacht daher, Schätzchen, und wenn Du an das denkst, was ich Dir eben anvertraute, dann vergiß nicht, daß es auf der ganzen Welt keine zweite Seele giebt, der ich einen Blick in mein Herz gestatten möchte. Vielleicht wandelt Dich gelegentlich die Lust an, der armen, alten Kärrnerfrau Das, was sie vor Dir enthüllte, in Deiner wunderbaren Musik wieder zu erzählen. Es klingt so süß und tröstlich, wenn ich mein Leid aus all' den schönen Melodieen und Tönen heraushöre.« Dann neigte sie sich zu Anna nieder, um sie zu küssen. Anna aber schlang ihre Arme um Frau Kathrins Hals, und wohl eine Minute verstrich, bevor diese sich mit gerötheten Augen erhob und, die Lampe nehmend, der Thüre zuschritt. »Gute Nacht, Schätzchen,« tönte es noch einmal gedämpft zurück. »Gute Nacht, liebe, liebe Frau Kathrin,« antwortete Anna, und still und dunkel wurde es in dem Gemach des jungen Mädchens. Frau Kathrin hatte kaum die Schwelle überschritten, da trug das hagere Antlitz wieder den kalten, theilnahmlosen Ausdruck. Im Vorbeigehen warf sie einen streng prüfenden Blick in die Küche; schnurrend zog sie die an messingenen Ketten hängenden Gewichte der in der Wohnstube befindlichen und beinahe abgelaufenen schwarzwälder Uhr empor, dann schlich sie leise in den mit blau gestreiften Gardinen verhangenen Alkoven des Nebenzimmers. Einige Minuten später erlosch die grüne Schirmlampe und geisterhafte Stille herrschte in des Kärrners Behausung. Der Wind hatte sich verstärkt. Tiefer und durchdringender heulte er in den offenen Schlot hinein; prasselnd schlugen die Regentropfen gegen die Fensterscheiben. In Anna's Gemach gesellte sich zu dem Knistern noch das unregelmäßige Ticken, mit welchem eine lose haftende Scheibe bald nach Innen, bald nach Außen gegen das Bleirähmchen schlug. Das eigenthümliche Knistern hatte das treue, liebe Wesen schnell eingeschläfert; mit einem Gebet auf den Lippen war Anna in das Reich der Träume eingetreten. Das Ticken hörte sie indessen noch lange; bald ging es von dem Kärrner aus, der mit einem verschmitzten: »Immer successive!« harmlos mit der Peitsche nach den geduldigen Holsteinern knallte; bald von dem Professor, der zu ihrem Klavierspiel mit einem dem Orang-Outang-Skelett entlehnten Beinknochen den Tact schlug und dabei gutmüthig lächelte, bald wieder von Frau Kathrin, die schwermüthig vor sich niederschaute und vier fürchterlich lange, in einem Riesenstrumpfe steckende Stricknadeln an einander klirrte. Ob Frau Kathrin schlief? Wer konnte es wissen? Wenn es aber dem Geiste vergönnt ist, während der Körper in den Fesseln des Schlummers rastet, frei in unbegrenzter Ferne umherzuschweifen und das Gesehene als Erinnerung an Traumbilder wieder mit ins Leben hineinzunehmen, dann wanderte Frau Kathrins Seele gewiß über den ganzen Erdball, ängstlich suchend und forschend nach einem theuren Verschollenen, um endlich traurig, enttäuscht und ermüdet zurückzukehren und Trost zu suchen bei ihrem biederen, treuen Lebensgefährten, bei der unter ihrem Schutze befindlichen, dankbaren Waise, und endlich bei dem wunderlichen Professor, der in seinen Lebensanschauungen so außerordentlich mit ihr übereinstimmte. Elftes Capitel. Auf dem Holzhofe. Wenn der Wind den Regen prasselnd gegen die Fenster trieb, die nassen Dächer fegte und abwechselnd in Schornsteine und blecherne Wasserröhren, wie auf ebenso vielen riesenhaften Orgelpfeifen und Posaunen blies, so war das nichts im Vergleich mit der Gewalt, mit welcher er einen einsamen Fußgänger traf, als derselbe, aus dem Süd-Thore der Residenz tretend, sich sogleich seitwärts wendete und dicht an der theilweise abgetragenen Stadtmauer hin dem Unwetter entgegenschritt. Er hatte zwar einen Regenrock um sich geschlagen und einen breitrandigen Filzhut tief über die Stirn gezogen, doch was fruchteten diese Vorkehrungen einem Feinde gegenüber, der es so prächtig verstand, nicht nur die Schöße seines leichten, echt amerikanischen Regenmantels weit auseinander zu bauschen, sondern auch die allerverborgensten Winkelchen aufzufinden, Gaslaternen auszulöschen, offene Thüren zuzuschlagen, schlecht befestigte Fensterladen loszureißen, Barbierbecken voller Beulen zu klopfen, Herbergsschilder und Wetterfahnen zu martern, daß sie vor Verzweiflung laut aufkreischten, und wer weiß, was sonst noch für schändlichen Unfug zu treiben. An dem einsamen nächtlichen Wanderer hatte er indessen einen ebenbürtigen Gegner gefunden, denn mit aller Anstrengung erreichte der tückische Wind doch weiter nichts, als daß jener hin und wieder das Wasser von sich abschüttelte, den Regenmantel durch kurzes Umdrehen um sich selbst von neuem ordnete und höchstens einmal den wenig christlichen Wunsch aussprach, daß der Sturm sammt seinem Verbündeten, dem kalten Regen, zur Hölle und zu allen Teufeln fahren möge. Dabei kam er aber verhältnißmäßig schnell von der Stelle, denn noch keine Viertelstunde hatte er sich im Schatten der Mauer einherbewegt, als der in der Ferne auftauchende Schein zweier flackernden Laternen ihm die Lage eines andern Thores verrieth. Etwa hundert Schritte weit verfolgte er noch seine alte Richtung, dann begab er sich nach der anderen Seite hinüber, wo sich eine breite Straße des neu erbauten Stadttheils vor ihm öffnete. Ohne zu zögern, bog er in die spärlich erleuchtete Straße ein, die auf beiden Seiten von neuen, hohen Häusern begrenzt wurde, und nachdem er in derselben fünf Minuten mit ungeschwächter Eile fortgeschritten war, gelangte er bis dahin, wo statt der neuen Häuser, dürftig eingefriedigte Baustellen sich ausdehnten und Holzhöfe und Steinkohlenlager mit einander abwechselten. Ungefähr zweihundert Schritte weit lagen die letzten Häuser hinter ihm, als seine Blicke nicht mehr von der Bretterwand abwichen, welche neben ihm die Straße von den Bauplätzen schied. Er suchte offenbar eine Thoröffnung, welche leicht zu entdecken, die unzureichende Beleuchtung ihn hinderte. Plötzlich blieb er stehen. Zwei Querbalken bezeichneten ihm das geschlossene Thor, und sich an denselben hintastend, gerieth der Griff zu einer Klingel in seine Hand, welchen er sogleich vorsichtig anzog, ein schwaches Läuten auf der andern Seite erzeugend. Die Zeit bis zum Oeffnen einer schmalen Seitenpforte benutzte er dazu, durch eine Spalte in der Bretterwand in den hinter derselben liegenden Hof hineinzuspähen, wo ein matt erhelltes Fenster die Lage eines hüttenartigen Häuschens verrieth. Nur flüchtig bemerkte er den Schimmer, indem das Licht, von welchem derselbe ausging, wahrscheinlich in Folge des Klingelns, ausgelöscht wurde. Bald darauf öffnete sich die Thür des Häuschens, und bei dem durch dieselbe fallenden röthlichen Schein, der von einem stark geheizten eisernen Ofen herrührte, gewahrte er, daß mehrere Gestalten in's Freie hinaus schlichen, ihre Rücken, Einer dem Andern helfend, mit schweren Lasten beluden und dann geräuschlos in den Schatten einer nahen Steinkohlenanhäufung traten. »Ein kleiner Nebenverdienst für den gewissenhaften Wärter,« dachte der geheimnißvolle Wanderer und kehrte sich ab, um das Oeffnen der Pforte abzuwarten. Eine Minute dauerte es noch, bis er das Plätschern vernahm, mit welchem sich Jemand auf dem schlüpfrig gewordenen Pfade näherte; gleich darauf wurden von innen zwei Riegel zurückgeschoben. »Wer ist da?« fragte eine gedämpfte Stimme, und ein in einen Schafpelz gehüllter Mann drängte sich zu ihm heraus. »Der Schreiber des Briefes an den früheren Polizeiagenten,« hieß es kurz und bestimmt zurück, auf welche Antwort der Mann im Schafspelz sogleich den Eingang frei machte und den Fremden aufforderte, einzutreten. »Bemühen Sie sich nach meiner Wohnung, die Thür ist offen,« fügte er leise hinzu, »ich will unterdessen einen Blick auf die Straße werfen und mich überzeugen, daß wir ungestört bleiben.« Der Fremde leistete der Einladung Folge, doch nicht so schnell, daß er nicht, von der Hütte aus zurückschauend, mehrere Schatten bemerkt hätte, welche durch die Pforte auf die Straße hinausschlüpften und lautlos verschwanden. Die Riegel glitten wieder in ihre Haften und gleich darauf trat der Holzwärter zu seinem Gast in das einzige Gemach des Häuschens. »Wollen Sie nicht ein Licht anzünden?« fragte der Fremde, indem er den Regenrock auszog. »Nein, nein,« antwortete der Wärter vorsichtig, »ich brauche nur die Ofenthür zu öffnen, und es ist hell genug für das Geschäft, welches wir mit einander abzuwickeln haben können.« So sprechend schlug er die angelehnte Ofenthür zurück, aus welcher alsbald nicht nur die sengende Gluth eines verschwenderisch genährten Kohlenfeuers, sondern auch ein grelles, rothes Licht hervorströmte. »Wundern Sie sich nicht über mein Verfahren,« fuhr er fort, »ich bin aber darauf angewiesen, meinen ehrlichen Namen fleckenlos zu erhalten, und das vermag ich nur, wenn ich nicht durch nächtlichen, heimlichen Besuch einen Schein von Unredlichkeit auf mich lade. Man weiß oft nicht, von wem man beobachtet wird, und der Verlust dieser Stelle würde mich und die Meinigen in's Elend stürzen.« »Wohl eine einträgliche Stelle,« bemerkte der Fremde spöttisch, indem er seinen triefenden Regenrock an einen Nagel hing und dann, in die rothe Beleuchtung tretend, die eingeknickte, bewegliche Nase und die lauernden Augen des Deutsch-Amerikaners Lukas zeigte. »Sie ernährt mich nothdürftig,« erklärte der Aufseher, zwei Schemel in die Nähe des glühenden Ofens ziehend, worauf er, ohne seinen Pelz abzulegen, auf dem einen Platz nahm und es Lukas überließ, sich des andern zu bedienen. »Nothdürftig, hm,« versetzte dieser wiederum spöttisch, »das Nothdürftigste ist ausreichend, so lange sich Gelegenheit bietet, durch einen kleinen Nebenhandel mit Steinkohlen nachzuhelfen.« Der Aufseher sah unangenehm überrascht empor. Es ruhte eine gefährliche Entschlossenheit auf dem knochigen, von einem theilweise ergrauten, dünnen Vollbarte eingerahmten Gesicht und in den geschlitzten Augen, die eigentlich grün, bei der unbestimmten Beleuchtung dagegen schwarz und stechend erschienen. Er sann ohne Zweifel über eine auf die mittelbare Anklage zu ertheilende Antwort nach; denn erst nach mehreren Sekunden und nachdem er, wie um seinen gedrungenen, kräftigen Körperbau in's rechte Licht zu stellen, den oberen Theil seines zottigen Pelzes zurückgeworfen hatte, erwiderte er, seine Brauen drohend zusammenziehend: »Was Sie von mir wollen, errathe ich nicht; dagegen möge Ihnen zur Nachricht dienen, nicht zu scharf zu sehen und zu hören, wo Ihre Aufmerksamkeit nicht verlangt wird, es sei denn, Sie scheuten sich nicht, fremde Hände in Ihren Haaren zu fühlen.« »Oder fremde Fäuste an meiner Kehle,« spöttelte Lukas. »Die so lange drücken, bis es mehr, als der Hülfe eines Doctors, bedarf, um die zusammengeschrumpfte Windpfeife wieder zu öffnen,« fügte der Wärter noch feindseliger hinzu. »Gut, gut, Sie sind der Mann, den ich suche,« versetzte Lukas ruhig, und die eingeknickte Nase zog sich durch eine eigentümliche Bewegung der Lippen seitwärts, »ich wollte Ihnen nur verständlich machen, daß ich ziemlich vertraut mit Ihrem Charakter sei; vielleicht trägt das dazu bei, eine schnellere Einigung zwischen uns herbeizuführen. Der Aufseher zuckte geringschätzig die Achseln. »Daß ich früher Polizist gewesen bin, kann Ihnen nur der Teufel verrathen haben,« hob er an, doch fiel Lukas ihm schnell in's Wort: »Nicht der Teufel, sondern die alten Polizeiregister, in welchen von einem früheren Sergeanten und sehr brauchbaren Spion, Namens Schweifer, die Rede ist, der wegen Einverständnisses mit Hehlern mit einem Jahr Gefängniß und Entlassung aus dem Dienste belohnt wurde.« »Verdammt, was kümmert mich Ihr Schweifer? Ich heiße Sachse.« »Auch das wußte man in den Bureaus; man gönnt Ihnen indessen Ihre Brodstelle, so lange man keine Veranlassung findet, Ihre Rechtschaffenheit in Zweifel zu ziehen. Doch Sie selbst müssen ja die Polizei am besten kennen.« »Ja, ja, sie drückt zuweilen ein Auge zu,« versetzte der Wärter mürrisch, und eine auf dem Kohlenkasten liegende, halb aufgerauchte Cigarre nehmend, hielt er dieselbe mit dem angebrannten Ende so lange an eine fast weiß glühende Stelle des Ofens, bis sie hell glimmte. Nachdem er sodann einige Züge geraucht hatte, scheinbar ohne die spähenden Blicke seines Gastes zu beachten, fuhr er fort: »hätte nicht geglaubt, daß man mich auf der Liste behalten würde – nun, man wird schwerlich jemals Ursache haben, meine Rechtschaffenheit anzuzweifeln, und das Vergangene? Pah! Doch wie kommen sie zur Polizei und was bewegt Sie dazu, den vergessenen Schweifer so beharrlich aufzusuchen? Geringfügige Umstände können's nicht sein, und dennoch entsinne ich mich nicht, Sie jemals gesehen zu haben.« »Gesehen haben Sie mich freilich ebenso wenig, wie ich Sie,« gab Lukas zu, »und daß Sie derselbe Schweifer sind, der vor sechs Jahren auf die Spur eines flüchtigen jungen Mannes gesetzt wurde und diesen bis nach Bremen verfolgte, ist eben der wunderlichen Laune des Zufalls zu verdanken.« »Ich spürte manchem Flüchtlinge nach und brachte auch manchen in Numero Sicher,« bemerkte der Aufseher zögernd, denn er grübelte darüber nach, auf welche Persönlichkeit die Nachforschungen seines Gastes sich beziehen könnten. »Ich meine den jungen Mann der, ohne eine strafbare Handlung begangen zu haben, seinen Eltern entlief, und für dessen Habhaftwerdung ein gewisser Alvens, ein Rechtsanwalt, sich so überaus lebhaft interessirte.« »O, ich entsinne mich, dieser Alvens hatte sich an die Polizei gewendet, welche sich auf seinen Antrag doppelte Mühe gab, den Flüchtling einzufangen.« »Und sie gehörten zu denjenigen, welche hinter ihm hergeschickt wurden?« »Ich sollte denken, ja; die Geschichte ist mir indessen nicht mehr recht klar – ich sehe überhaupt keinen Grund, Ihre Fragen zu beantworten, ohne dabei zu wissen, um was es sich handelt.« »Nun, es handelt sich für Sie darum, durch wahrheitsgetreue Mittheilungen mindestens doppelt so viel zu verdienen, wie Ihnen die vier oder fünf Säcke Kohlen und gespaltenes Holz einbrachten, die eben erst durch die Pforte auf die Straße hinausgeschmuggelt wurden.« »Ich wiederhole Ihnen noch einmal, kümmern Sie sich nicht um meine Privatangelegenheiten, und was den Verdienst anbetrifft, da zeigen Sie mir zuvor Geld, und Sie sollen sehen, daß ich zu sprechen weiß.« Lukas zog zwei harte Thaler hervor und reichte sie dem Aufseher. »Betrachten Sie dies als Handgeld,« sprach er ernst, und die bewegliche Nase zuckte wieder seitwärts, »mögen Ihre Antworten nun ausfallen, wie sie wollen, von deren Glaubwürdigkeit hängt die Höhe Ihres Gewinnes ab.« »Fragen Sie,« entgegnete der Aufseher, das Geld sorglos in die Westentasche schiebend, »an mir soll's nicht liegen, wenn sie mir beim Abschied nicht dreimal so viel einhändigen.« »Wir wollen sehen. – Als Sie beauftragt wurden, dem jungen Manne nachzuspüren, rüstete man Sie mit einem ausführlichen Steckbriefe aus?« »Ganz recht, derselbe wurde mir aber nach meiner Heimkehr wieder abgefordert.« »Was ich gern glaube; dagegen läßt sich voraussetzen, daß Sie nicht mit dem Signalement in der Hand den Ihnen verdächtig scheinenden Leuten nachliefen, sondern dasselbe auswendig gelernt hatten.« »Ja, ich lernte es auswendig, und zwar so gut, daß ich auf hundert Schritte meinen Mann herausgefunden hätte.« »Haben Sie das Signalement noch im Kopfe? Ich meine, so genau, daß Sie es dictiren können?« Der Aufseher sann eine Weile nach und blickte zweifelnd auf Lukas. »Es möchte wohl gehen,« bemerkte er vorsichtig, »denn meine Reise war von Umständen begleitet, welche dazu dienten, gerade diesen Fall meinem Gedächtniß fester einzuprägen. Warum wenden Sie sich aber nicht an Herrn Alvens, der den jungen Mann persönlich gekannt haben muß, oder lieber gleich an die Eltern?« »Ich könnte es wohl, allein ich will nicht, das muß Ihnen genügen.« »Erlauben Sie mir zuvor noch eine Gegenfrage: Warum kommen Sie gerade zu mir und nicht zu einem der andern Polizisten, die, gleich mir, mit Steckbriefen ausgerüstet wurden?« »Weil diese noch im Dienst stehen und daher –« »Und Sie nicht gern mit der Polizei in Geschäftsverbindung treten,« fiel der Aufseher hämisch lachend ein, »o, das spricht für Sie, und ich bin daher bereit, Ihnen jede gewünschte Auskunft zu ertheilen; also das Signalement.« Dann zögerte er, bis Lukas eine Brieftasche hervorgezogen hatte und sich anschickte, die einzelnen Bemerkungen niederzuschreiben, worauf er wieder anhob: »Eberhard Braun; Höhe: fünf Fuß neun Zoll. Körperbau: sehr kräftig. Haar: dunkelblond. Augen: blau und groß. Nase: gebogen. Lippen: etwas aufgeworfen. Gesichtsfarbe: gesund und sehr klar. Bart: im Entstehen und von röthlicher Farbe. Heute, wenn er noch lebt, wächst ihm jedenfalls ein so starker, rothbrauner Bart um's Kinn, wie nur je einer das Gesicht eines fünfundzwanzigjährigen Burschen schmückte, und fünfundzwanzig Jahre werden ungefähr hinter ihm liegen, indem er damals deren achtzehn zählte. Bekleidet war er –« »Die Kleider von damals dürften wohl kaum noch vorhanden sein,« bemerkte Lukas schreibend und ohne aufzuschauen, »sagen Sie mir lieber, ob er besondere Kennzeichen hatte.« »Besondere Kennzeichen? Hm, daß ich nicht wüßte; höchstens seine Hände, die waren nämlich so weiß und fein, als sei er in einem gräflichen Hause geboren und erzogen worden, und das Merkwürdigste, wenn er sprach, gleichviel ob erregt oder ruhig, dann zog er die Brauen leicht zusammen, und die Worte folgten so ernst und gemessen aufeinander –« Hier stockte der Aufseher erschreckt; zufällig seitwärts blickend hatte er bemerkt, daß Lukas ihn erstaunt betrachtete und plötzlich das Niederschreiben vergessen zu haben schien. Kaum aber schwieg der Aufseher, da richtete Lukas sich empor, und Jenen an der Schulter fassend, rief er aus: »Sie kennen den Eberhard Braun, Sie haben ihn gesehen und gesprochen!« Eine Weile saß der Aufseher verwirrt da; er erörterte in Gedanken die Frage, ob er die Wahrheit eingestehen oder ausweichend antworten sollte, als Lukas eine schnelle Entscheidung herbeiführte. »Haben Sie ihn wirklich gesehen und gesprochen,« beruhigte er mit seltsamer Spannung, »so verdoppelt das natürlich den Werth Ihrer Aussagen, vorausgesetzt, ich darf mich der ungeschminkten Wahrheit derselben versichert halten.« »Verdammt! Da habe ich mich schön festgefahren,« versetzte der Aufseher nach einem mißlungenen Versuche, gleichgültig zu erscheinen; »doch der Schaden ist nun einmal geschehen, und da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als frei von der Leber zu sprechen. Ihnen bringt's vielleicht Vortheil, und mir schadet's nicht, seit ich den Polizeirock nicht mehr trage – nun ja, ich habe den jungen Mann gesehen, und was weiter?« »Weiter nichts; die Hauptsache bleibt das Signalement,« antwortete Lukas nachdenklich, »doch fahren Sie fort, welchen Umständen verdankten Sie die Zusammenkunft?« »Das ist bald erklärt. Ich war also nach Bremen abgeschickt worden, um dort nach dem Verschwundenen zu forschen. In der Ueberzeugung, daß in den Gasthäusern alle Erkundigungen erfolglos sein würden, verschaffte ich mir eine Liste aller Schiffe, die segelfertig im Hafen lagen und in den nächsten Tagen auslaufen sollten. Für einen mit den entsprechenden Papieren versehenen Polizeiagenten ist es nicht schwer, Zutritt zu allen Fahrzeugen zu erhalten, und so machte auch ich die Runde, ohne auf die geringsten Schwierigkeiten zu stoßen. Eins der letzten Schiffe, welches ich noch zu besuchen gedachte, lag bereits im Strome, um mit Eintritt der Ebbe die Anker zu heben. Es war ein amerikanisches Kauffahrteischiff, und mehr um meine Pflicht zu erfüllen, als daß ich wirklich auf Erfolg gerechnet hätte, ließ ich mich hinüberrudern. Da man meine Absicht und meine Stellung als Polizeiagent nicht kannte, gestattete man mir ziemlich bereitwillig an Bord zu kommen, wo es von Seiten der Seeleute an englischen Spottreden auf mich einregnete. Um die Spöttereien kümmerte ich mich nicht; doch als ich mich eben an den Kapitain wenden wollte, der aus der Ferne hochmüthig über mich fortsah, streiften meine Blicke einen beinahe sechs Fuß hohen jungen Matrosen, der sich nachlässig an die Brüstung lehnte und über dieselbe in's Wasser hinabschaute. Sein Haar war dunkelblond, und indem er den Kopf sinnend auf die eine Hand stützte, bemerkte ich, daß die Finger, die sich halb in die Locken vergraben hatten, so weiß, wie die Hand eines verzogenen jungen Mädchens schimmerten und nicht im Entferntesten Aehnlichkeit mit der Faust eines Mannes trugen, der gewohnt ist, theerige Taue und Stricke durch dieselbe gleiten zu lassen. »Schnell entschlossen trat ich zu dem jungen Manne heran, und meinen Hut höflich ziehend, sagte ich auf gut Glück im vertraulichsten Tone: Ihr ergebener Diener, Herr Eberhard Braun. Ich wollte noch einige Worte hinzufügen, als ich bereits den untrüglichen Beweis erhielt, daß ich an die rechte Thüre gekommen sei. Der Angeredete, der mich offenbar für einen Geschäftsmann gehalten und daher kaum beachtet hatte, kehrte sich nämlich schnell nach mir um, und nie in meinem Leben werde ich den Ausdruck des Entsetzens auf seinem Gesicht vergessen, als ich ihm meine Legitimation vorzeigte und ihn ersuchte, mich nach seinem elterlichen Hause zurückzubegleiten. »Sie irren sich,« brachte er endlich mühsam hervor, und bevor ich noch Zeit gewann, mit meinen Erklärungen fortzufahren, wurden wir Beide vor den Kapitain beschieden, welcher die ganze Scene mit versteckter Neugierde beobachtet hatte. Meine Person würdigte der hochmüthige Amerikaner keines Wortes, dagegen sprach er längere Zeit sehr angelegentlich mit dem jungen Manne, wovon ich natürlich nichts verstand. Nachdem Beide mit einander einig geworden waren, rief der Kapitain einen deutsch sprechenden Matrosen, den er beauftragte, mich zu fragen, welches Verbrechen dem Flüchtlinge zur Last gelegt werde, daß man es wage, ihn bis auf einen Boden zu verfolgen, auf welchem allein die Gesetze der Vereinigten Staaten maßgebend seien. »Ich erklärte natürlich, daß der Flüchtling gar kein Verbrechen begangen habe und man ihn nur mit Güte oder Gewalt am Auswandern hindern wolle. »Der Dollmetscher verkündete mir darauf im Namen des Kapitains, daß ich auf dem Schiffe nichts mehr zu suchen habe, als Eberhard Braun plötzlich vermittelnd auftrat und nach einigen englischen Worten an den Kapitain sich mir zuwendete. »Sie sehen, hob er an, ihre Macht erreicht hier ihr Ende, und nichts vermag meine beschlossene Reise zu hintertreiben. Da es indessen in meinem Plane liegt, spurlos zu verschwinden, so frage ich Sie, ob sie geneigt sind und ob es sich mit Ihrem Pflichtgefühl verträgt, zu verschweigen, daß Sie mich überhaupt gesehen haben? »Diese Frage zog ich ernst in Betracht. Ich erwog, ob ich für Nachlässigkeit im Dienst zu Rechenschaft gezogen werden könne, und da er sich keiner strafbaren Handlung schuldig gemacht hatte, die eifrige Verfolgung nur auf Anstiften von Privatpersonen in's Werk gesetzt worden war, er mich aber unter keiner Bedingung zurückbegleitet hätte, so antwortete ich nicht verneinend, aber auch nicht zustimmend. »Wie wäre es, wenn ich sie für Ihre Mühe entschädigte? fragte der junge Mann darauf weiter. Ich spähte um mich; nirgend bemerkte ich Jemand, von dem ich Verrath zu befürchten gehabt hätte, und da ein Polizist im Grunde nur kümmerlich besoldet ist, so – nun – das Ende vom Liede war, daß er wieder mit dem Kapitain sprach – ich glaube, er selbst besaß kein Geld – der mir zwanzig Thaler einhändigte, zugleich aber durch den Dollmetscher ankündigte, daß ich durch die Annahme des Geldes strafbar geworden sei und daher alle Ursache habe, fortan das tiefste Geheimniß über den Hergang der Sache zu bewahren. Der junge Braun ließ mich noch eine Quittung unterschreiben, zu seiner eigenen Sicherstellung, wie er sagte, und einige Minuten später saß ich wieder in dem Boot, wo es mir leicht gelang, den Ruderern vorzuspiegeln, daß mein Besuch an Bord des Amerikaners ebenso nutzlos gewesen sein, wie alle vorhergegangenen. Um den Schein aufrecht zu erhalten, ließ ich mich sogar noch in derselben Stunde nach einem andern Schiff zum Zweck erneuter Nachforschungen hinrudern. Am folgenden Morgen, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß der Amerikaner verschwunden war, mir also keine Gefahr mehr drohte, kehrte ich hierher zurück, wo mein Rapport: keine Spur von dem Entflohenen entdeckt zu haben, den willigsten Glauben fand. »Was später aus dem jungen Menschen geworden ist, weiß ich nicht; ich selbst hatte am wenigsten Grund, mich darnach zu erkundigen. Ihr Besuch scheint indessen anzudeuten, daß er verschollen ist. Mir sollte es leid thun, denn er war ein schöner Jüngling, der das blaue Matrosenhemde und den Oelhut mit einem Anstande trug, als sei er mindestens der Sohn eines Admirals gewesen. Und dabei hatte er doch etwas außerordentlich Wohlwollendes in seinem Wesen, was durch die Besorgniß, die ihn offenbar erfüllte, und wahrscheinlich auch den Schmerz der Trennung von den Seinigen nicht ganz verdrängt werden konnte.« Sie sind ein scharfer Beobachter,« versetzte Lukas, sobald der frühere Polizeiagent schwieg, und wiederum trug er einige Notizen in sein Taschenbuch ein. »Man lernt bei täglicher Uebung,« erwiderte der Aufseher, eine neue, stark nach Kohlblättern duftende Cigarre an dem glühenden Ofen anzündend, »ja ja, das Polizeiwesen ist eigentlich mein Fach, und zu bedauern bleibt's, daß ich davon abging, 's läßt sich aber nicht mehr ändern, man muß eben zusehen, wie man sich durchschlägt. Hätte übrigens nie gedacht, daß mir jenes halbvergessene Ereigniß heute noch, also beinah sieben Jahre später, etwas eintragen würde.« Lukas, den Wink des Aufsehers beachtend, zählte diesem noch zehn Thaler in die Hand. »Ich hoffe, Sie sind damit zufrieden,« sprach er, indem er sich erhob und seinen Regenrock anzog. »Vollkommen zufrieden, vorausgesetzt, mir erwachsen aus unserm Geschäft keine Unbequemlichkeiten,« antwortete der Aufseher, die in seiner Hand befindliche Summe wohlgefällig wiegend. »Woher sollten die Unbequemlichkeiten kommen?« fragte Lukas mit einem Anfluge von Heiterkeit, »außer mir lebt schwerlich noch Jemand, der das geringste Interesse an der alten Geschichte haben könnte – und dennoch – Sie kennen den Rechtsanwalt Alvens?« Der Aufseher blickte Lukas scharf an, als hätte er in seinem Innern lesen mögen; dann antwortete er zögernd: »Ja, den kenne ich, das heißt, ich entsinne mich seiner dunkel; als ich noch in Polizeidiensten stand, richtete ich zuweilen Aufträge für ihn aus.« »Ueber den jungen Braun hat er Sie niemals befragt?« »Niemals, noch weniger habe ich selbst davon angefangen. Ich glaube, er weiß nicht einmal, daß ich mich an der Verfolgung betheiligte.« »Das schließt die Möglichkeit nicht aus, daß er auf den Gedanken geräth, Nachforschungen nach ihm anzustellen. In einem solchen Falle muß ich darauf bauen können, daß Sie jede Mitwissenschaft standhaft ableugnen.« »Bauen Sie unbedingt darauf,« entgegnete der Aufseher, der nach dem Empfange des Geldes höflicher geworden war; »liegt's doch mit in meinem eigenen Vortheil, daß Niemand um die kleinen Verstöße gegen meine Obliegenheiten weiß.« »Aber auch mein Besuch bei Ihnen muß für Jedermann ein Geheimniß bleiben, ebenso gut, wie die kleinen Vortheile, welche der nächtliche Kohlenhandel abwirft – still, still, von meiner Discretion haben Sie nichts zu befürchten, so lange – doch wir verstehen uns. Zu Ihrer ferneren Beruhigung mag dienen, daß der Eberhard Braun wirklich verschollen ist, und nur um dies rechtskräftig zu bestätigen, unterziehe ich mich der namenlosen Mühe, die vorhandenen Spuren unter der Hand noch einmal bis an ihr Ende zu verfolgen. Den Namen jenes amerikanischen Schiffes haben Sie wohl vergessen?« »Ich dachte nicht daran, mich nach demselben zu erkundigen.« »Nun, das ist unwesentlich; jedenfalls werde ich durch die Consulate näheren Aufschluß darüber erlangen, und daher Gott befohlen.« So sprechend trat er auf den Hof hinaus. – Der Aufseher begleitet ihn nach der Pforte, und nachdem er eine Weile gelauscht hatte, schob er vorsichtig die Riegel zurück. Noch immer strömte der Regen vom Himmel nieder; noch immer fegte der Wind die Dächer, klappte er mit invaliden Fensterladen hoch oben vor unbewohnten Speicherräumen, und peinigte er Wetterfahnen, Herbergsschilder und Barbierbecken. Unempfindlich gegen das Wetter eilte Lukas durch die verödeten Straßen. Sein Geist arbeitet ununterbrochen. Pläne der verwegensten und abenteuerlichsten Art wogten in seinem Kopfe; die Mittheilungen des verbrecherischen Aufsehers hatten ihn mächtig aufgeregt; vor seiner Phantasie tauchten goldene Berge auf, nach welchen er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sie in seinen Besitz zu bringen. Der Aufseher berechnete und zählte unterdessen seine Tageseinnahme. Er hatte neue Kohlen in den Ofen geworfen und die Thür desselben geschlossen, sich mit der von dem glühenden Eisen ausströmenden Helligkeit begnügend. Für ihn war das Heulen des Windes und das Plätschern des Regens eine angenehme Musik. Er fühlte sich so unendlich behaglich in der mit Kohlendunst und Tabaksrauch erfüllten, zum Ersticken heißen Atmosphäre, daß er es gar nicht über sich gewinnen konnte, den Schafspelz abzulegen. Er schnürte denselben daher fester um sich zusammen, und mit ganzer Schwere warf er sich oben auf sein Lager in der von einfachen Brettern zusammengeschlagenen Bettstelle. »Solcher Kunden könnten wir mehr gebrauchen,« murmelte er mit einem tiefen Seufzer unbeschreiblicher Zufriedenheit; dann begann er zu schnarchen, als hätte sich eine fleißig arbeitende Sägemaschine in dem Wärterhäuschen befunden. Ja, das war noch ein gesunder Schlaf, ein Schlaf, um welchen ihn mancher Gerechte hätte beneiden mögen! Zwölftes Capitel. Eine weiße Sklavin. Vier Tage waren seit Lukas' Besuch auf dem Holzhofe verstrichen. Das Wetter hatte sich immer noch nicht geändert; es war stürmisch und rauh, wie gewöhnlich beim Herannahen der Tag- und Nachtgleiche, und daher nur wenig einladend zu einer längeren Seereise. Doch wie Lukas sich unempfindlich gegen klimatische Einflüsse auf dem Lande gezeigt hatte, war er auch gleichgültig gegen die Aequinoctialstürme, unter deren Herrschaft sich das Meer, wie ein in Fesseln geschlagener und blutrünstig gepeitschter Sklave windet. Für ihn hatte die Natur Reize und Schrecken verloren; in Verfolgung selbstsüchtiger Zwecke kannte er keine Rücksichten, weder für sich, so weit dieselben von äußeren Umständen abhängig, noch für Andere, und wenn deren irdische Wohlfahrt dadurch zerrüttet und zertrümmert wurde. Er wollte zurückkehren nach seinem Adoptivvaterlande; denn nachdem er die geheime Aufgabe gelöst, welche ihn vor Kurzem erst über den Ocean führte, hielt ihn nichts mehr in Europa, wogegen drüben die dringendsten Geschäfte seiner harrten. Seine Reiseeffecten befanden sich in den Händen eines Gepäckträgers, das Billet zur Fahrt nach einer Hafenstadt war gelöst, und eine Viertelstunde dauerte es noch, bis die ungeduldig zischende Locomotive ihn davonführte. Lukas liebte Pünktlichkeit in allen Dingen, heute war er aber noch besonders früh auf dem Bahnhofe eingetroffen, wo er von Alvens zum Zweck einer letzten Unterredung erwartet wurde. Längere Zeit waren Beide, in ein ernstes Gespräch vertieft, auf- und abgewandelt, als zum ersten Male die Glocke gezogen wurde. »Nur noch eine Viertelstunde,« bemerkte Lukas, indem er nach der Uhr sah; »ich darf also darauf rechnen, daß Sie meinen Freund Redsteel von allen Ereignissen jedesmal genau in Kenntniß setzen?« »Wäre es nicht rathsamer, zwischen uns Beiden noch eine Privatcorrespondenz zu eröffnen?« fragte Alvens, indem er, um den Ausdruck seiner Augen zu verbergen, seine tadellos anschließenden Handschuhe sehr aufmerksam betrachtete und glatt strich. »Ich rathe nicht dazu,« entgegnete Lukas; »wollen Sie indessen meiner freundschaftlich gedenken, so legen Sie in den Brief an Redsteel einige Zeilen für mich ein – er kennt stets meine Adresse – in Geschäftssachen dagegen muß ich Sie nothgedrungen direct an meinen Chef verweisen. Sie wissen, meine Vollmachten erlöschen mit meinem ersten Schritte über die Schwelle seines Bureaus.« »Sie genießen das unbegrenzte Vertrauen Redsteels?« fragte Alvens, noch immer mit seinen Handschuhen beschäftigt. Um Lukas' bärtigen Mund spielte ein eigenthümliches Lächeln. »Im Grunde besteht wohl kaum ein Geheimniß zwischen ihm und mir,« versetzt er gleich darauf, »und wohl weiß er zu würdigen, daß ich ihm mit Herz und Seele treu ergeben bin. Aber auch Sie mögen zuversichtlich auf Redsteels glänzendste Dankbarkeit für jeden ihm geleisteten Dienst rechnen.« Alvens blickte nach der zischenden Locomotive hinüber, als ob er noch etwas Wirksameres kenne, als die angekündigte Dankbarkeit, doch antwortete er, scheinbar tief durchdrungen von seines Begleiters aufrichtigen Gefühlen, mit erheuchelter Wärme: »Unsere Arbeiten, Zwecke und Erfolge gehen Hand in Hand; Einer kann ohne den Andern kaum fertig werden, das beiderseitige Interesse gebietet daher nicht nur gegenseitiges Vertrauen, sondern auch die schärfste Wachsamkeit.« »Des Kärrners sind Sie sicher?« »Vollkommen; mein Bericht, der drüben bereits eingetroffen sein muß, hat den alten Herrn darauf vorbereitet, daß sein wunderlicher Bruder, namentlich dessen noch wunderlichere Frau sich kaum zu Erben eines fürstlichen Vermögens eignen dürften. Uebrigens eine köstliche Idee von den Leuten, sich mit Klavieren und Klavierspielerinnen zu umgeben, wovon sie ebenso viel verstehen, wie ihre Frachtgäule.« »Rathsam bleibt es indessen immer, daß auch Sie auf eine kleine Jahresrente für sie dringen; wir schützen uns dadurch gegen spätere Anfechtungen.« »Ich verstehe, bauen Sie auf mich.« Es läutete zum zweiten Male und die Reisenden begannen, sich den verschiedenen Wagen zuzudrängen. Auch Lukas lenkte auf den Wagen zu, in welchem er einen Sitz für sich belegt hatte. »Von den Mitteln und Wegen, für welche Redsteel sich entscheidet, haben Sie noch keine Ahnung?« fragte Alvens, nur mit Mühe eine äußerlich ruhige Haltung bewahrend. »Nicht die leiseste Ahnung,« lautete die Antwort, »ich kann nur wiederholen, daß Alles von den Nachrichten abhängt, welche ich selbst mitbringe, und daß kein Schritt gethan wird, ohne Sie vorher davon in Kenntniß zu setzten.« Alvens war mit dieser Erklärung offenbar nicht ganz zufrieden; er begriff indessen, daß alle weiteren Forschungen kein besseres Ergebniß liefern würden, und da sie sich allmälig dem bestimmten Wagen näherten, so beschränkte er sich auf einige Bemerkungen betreffs der einer Seereise nicht günstigen Jahreszeit. Bald darauf stieg Lukas ein. Die Glocke ertönte zum dritten Male, die beiden Geschäftsfreunde wechselten einen letzten Händedruck, ein scharfer Pfiff, und dahin brauste die mit einer langen Wagenreihe beschwerte Locomotive. – Die unter dem Vorbau befindlichen Leute hatten sich längst zerstreut, da stand Alvens noch immer auf derselben Stelle, die sinnenden Blicke dahin gerichtet, wo der Wagenzug verschwunden war. »Verteufelt klug,« verlieh er flüsternd seinen geheimsten Gedanken Ausdruck, »verteufelt klug und verschwiegen. Aber wir wollen sehen, was Einer gegen zwei vermag, ob wir auf gesetzlichem Wege nicht noch schlauer sein können. Möchte wissen, was ihn überhaupt hierherführte, denn was er durch mich erfuhr, sind alte Geschichten und wäre ein geringer Lohn für die geopferte Zeit und Mühe. Ja, ja, wir müssen sehr schlau sein – und seine glänzende Dankbarkeit?« Er lachte still vor sich hin; dann rief er einen Miethswagen zu sich heran, und in denselben einsteigend, befahl er dem Kutscher, ihn nach einer der abgelegensten, aber schönsten, neu errichteten Vorstädte zu fahren. – Vor einem fünfstöckigen Hause hielt der Wagen an. Alvens stieg aus, bezahlte den Kutscher, und in den übergebauten Thorweg tretend, zog er an der Klingel. Das Portal öffnete sich geräuschlos und schloß sich ebenso geräuschlos hinter ihm, und ohne den aus seinem Fensterchen spähenden Hausdiener zu beachten, eilte er sogleich die breite Treppe bis zum dritten Stockwerke hinauf, wo zwei Glasthüren die Corridors zweier abgesonderten Wohnungen von der noch höher hinaufführenden Treppe trennten. Vor der größeren Wohnung klingelte er wieder. Ein sauber gekleidetes Dienstmädchen öffnete, und als er auf seine Frage, ob Frau von Birk zu Hause sei, eine bejahende Antwort erhielt, bat er, ihn anzumelden. Das Mädchen verschwand, erschien jedoch nach kurzer Abwesenheit wieder und bat Alvens, die Thür eines zwar nicht auffallend reich, dagegen geschmackvoll eingerichteten Salons öffnend, näher zu treten und einige Minuten auf die gnädige Frau zu warten. Nachdem das Mädchen sich entfernt hatte, warf Alvens sich nachlässig auf einen weich gepolsterten Lehnstuhl. Er fühlte sich offenbar heimisch daselbst, denn unbekümmert um seine Umgebung richtete er die Augen grübelnd auf eine Seitenthüre, durch welche die Besitzerin der Wohnung erscheinen mußte. Wohl zehn Minuten verstrichen, bevor er in dem Nebenzimmer eine leichte Bewegung vernahm und gleich darauf die Thür geöffnet wurde. Alvens erhob sich, und der sich ihm nähernden Dame entgegentretend, küßte er höflich die ihm dargereichte Hand. »Immer schön, immer liebenswürdig,« sprach er halb spöttisch, halb bewundernd, während seine Blicke über die in dunkelblaue Seide gehüllte, hohe Gestalt flogen und demnächst auf einem alternden, jedoch die unverkennbaren Merkmale früherer hoher Schönheit tragenden Antlitz haften blieben; »es scheint fast, als gingen die Jahre spurlos an uns vorüber, meine gnädige Frau,« fügte er hinzu, worauf er diese zu dem Sopha hinführte und durch eine anmuthige Handbewegung zum Sitzen einlud. Bei den Schmeicheleien des Rechtsanwalts lagerte sich ein unendlich trauriger Zug um den kleinen Mund der Dame, während aus den dunkelbraunen Augen ein unverhohlener Vorwurf ihn traf. »Ihre gewohnten Complimente,« erwiderte eine wohlklingende, tiefe Stimme, und zwischen den sich öffnenden Lippen wurden zwei Reihen Zähne sichtbar, die an Weiße und Gleichmäßigkeit mit Perlenschnüren wetteiferten, »immer die alten Floskeln; ich hatte mich bereits der Hoffnung hingegeben, daß meine sechsundvierzig Jahre mich endlich gegen dieselben schützen würden.« »O meine theuerste Frau von Birk,« entgegnete Alvens, seinen Polsterstuhl etwas näher an das Sopha heranrollend, »ich sollte denken, unsere langjährige Bekanntschaft berechtigte mich dazu, Sie noch immer schön und liebenswürdig zu finden; und in der That, meine Gnädigste, mögen Sie selbst auch auf das Dahinschwinden der Zeit hinweisen, für mich schmücken Sie noch immer dieselben Reize, welche ich einst, in den Tagen unserer ersten Bekanntschaft, an Ihnen bewunderte und die mich fast zum Wahnsinn trieben –« »Erinnern Sie mich nicht an jene Tage,« fiel Frau von Birk dem Rechtsanwalt erbleichend in die Rede, »erinnern Sie mich nicht an die Umstände, welche unsere erste Bekanntschaft begleiteten oder vielmehr herbeiführten! Helfen Sie mir vielmehr, wenn nicht der letzte Funke von Mitleid in Ihrer Brust erloschen ist, dieselben in Vergessenheit begraben.« »Nicht doch, meine Liebe,« versetzte Alvens schnell, und aus seiner Stimme klang ebenso wohl ein ernster Wille, wie eine Art freundlicher Ermuthigung hervor; »erinnern Sie sich der Vergangenheit lieber recht lebhaft, es wird ihnen dann leichter, scheinbare Widerwärtigkeiten, welche sich von einem armen Menschenleben leider nicht trennen lassen, zu ertragen.« »Ihre Worte enthalten eine versteckte Drohung,« erwiderte Frau von Birk mit unverkennbarer Besorgniß, »denn ohne bestimmte Absichten rufen Sie mir nicht in's Gedächtniß, daß Sie sich hier in Ihrem Eigenthum befinden.« Alvens begegnete den vorwurfsvollen Blicken mit einem Ausdruck, als ob er sich an dem Gemüthszustande der offenbar sehr unglücklichen Frau geweidet hätte; dann ergriff er deren Hand, und dieselbe zwischen den seinigen haltend, fragte er ernst: »Sie haben meinen Brief erhalten?« »Ich erhielt ihn« hieß es fast tonlos zurück. »Und haben meinen Wünschen Rechnung getragen?« »Zwei Zimmer und ein Kabinet sind zur Aufnahme der geheimnißvollen Person hergerichtet worden.« »Ich danke Ihnen herzlich, meine Theure, übrigens soll die geheimnißvolle Person nicht lange ein Geheimniß für Sie bleiben. Bevor ich mich indessen weiter erkläre, muß ich mir nothgedrungen einige Fragen an Sie erlauben, um – nun, um der jungen Fremden eine recht gute Aufnahme bei Ihnen zu bereiten – ja, ich muß mich einer freundlichen Aufnahme von Ihrer Seite durchaus versichert halten können.« »Also eine junge Fremde, ein Mädchen?« fragte Frau von Birk, und ihr bleiches Gesicht überzog sich mit einer flüchtigen Röthe. »Ein Mädchen, ein schönes, reich begabtes junges Mädchen, mit welchem ich mich zu verheirathen gedenke,« antwortete Alvens langsam und jedes einzelne Wort besonders betonend, während er in den dunklen Augen seiner Gegnerin zu lesen suchte. Kaum aber war die letzte Silbe seinen Lippen entflohen, da richtete Frau von Birk sich mit einer heftigen Bewegung empor, ihr Antlitz erhielt die fahle Farbe des Todes, und indem sie beide Hände betheuernd auf's Herz legte, rief sie schmerzlich aus: »Nun und nimmermehr! Verlangen Sie Alles von mir, nehmen Sie mir Alles, was mich umgiebt, es hat keinen Werth für mich; stoßen Sie mich hinaus, zwingen Sie mich, die Maske, welche ich meinen und seinen Verwandten gegenüber unter den namenlosesten Qualen fast ein Vierteljahrhundert hindurch trug, fallen zu lassen; zwingen Sie mich zu Demüthigungen, die gleichbedeutend mit meinem Tode wären, aber verlangen Sie nicht von mir, in ein derartiges Verhältniß zu Ihrer zukünftigen Gattin zu treten!« »Und dennoch sehe ich keinen andern Ausweg; Sie müssen,« entschied Alvens, »Sie sind es mir schuldig, wenn überhaupt von bestehenden Verbindlichkeiten zwischen Menschen die Rede sein darf.« Frau von Birk blickte starr vor sich nieder; ihre Lippen bewegten sich leise, und kaum verständlich klang es zwischen denselben hervor: »Sie haben recht, ich bin Ihre Sklavin.« »Nein, nein, ein solches Geständniß verlange ich nicht von Ihnen,« versetzte Alvens mißmuthig, »es lag überhaupt nicht in meiner Absicht, das Gespräch auf Verhältnisse überzulenken, welche Ihnen – ich begreife es – peinlich sein müssen. Nur das geringste Entgegenkommen von Ihnen, und alles, was Sie schmerzt und verstimmt, wäre unberührt geblieben.« Hier schwieg er, und längere Zeit beobachtete er die unglückliche Frau, deren Geist und Körper in eine schwere Erstarrung versunken zu sein schienen. »Mathilde, Sie zwingen mich zum Aeußersten,« hob er wieder an, als jene fortgesetzt regungslos verharrte, »Mathilde, wer war es, der vor dreiundzwanzig Jahren einer jungen, schönen Frau behülflich war, die Scheidung von ihrem Manne, einem ebenso schönen jedoch etwas älteren Offizier, der aber als falscher Spieler entlarvt wurde, durchzusetzen?« »Sie waren es,« hauchte es leise über die bebenden Lippen, »und dennoch hätte ich mich nie von ihm getrennt, wäre ich nicht schändlich hintergangen und dadurch namenlos elend gemacht worden – er betrachtete mich als Waare – und – und er verkaufte mich!« »Es ist wahr, meine Theuerste,« versetzte Alvens mit erheucheltem Bedauern, »die Mittel, der ihn verfolgenden Gerichtsbarkeit zu entschlüpfen, und etwa achthundert Thaler Reisegeld waren indessen ein kaum nennenswerther Preis für das, was ich zu gewinnen hoffte.« Frau von Birk zuckte schmerzlich zusammen, warf einen Blick gänzlicher Rathlosigkeit auf den Rechtsanwalt und sank dann wieder in ihr dumpfes Brüten zurück. »Entsinnen Sie sich einer jungen, schönen Frau,« fuhr Alvens nach einer Pause fort, »welche den allerdings nur mittelbaren Käufer – wenn Sie es so nennen wollen – durch giftigen Kohlendunst um seine doppelt theure Waare zu bringen versuchte, einer jungen, schönen Mutter, die selbst durch einen sie zufällig besuchenden Freund vom Rande des Grabes zurückgerissen wurde, während ihr Kind einem unerbittlichen Tode anheimfiel?« »Ich entsinne mich,« hallte es dumpf zurück. »Und die dann aus Dankbarkeit, daß durch die Entfernung der kleinen Leiche der entsetzliche Verdacht des Kindesmordes von ihr genommen wurde –« »Schweigen Sie!« rief Frau von Birk emporspringend aus, und ihre braunen Augen funkelten vor ohnmächtigem Zorn und wilder Verzweiflung, »schweigen Sie, oder erzählen sie die ganze Begebenheit, anstatt nur einzelne, mich zermalmende Punkte hervorzuheben! Was mir damals mißlang, heute kann es glücken – wollte Gott, ich wäre damals nicht gestört worden, und ich hätte Alles überstanden; ich läge neben meinem armen Engel, anstatt daß ich jetzt nicht einmal nach seinem kleinen Grabe zu forschen wage! Glauben Sie etwa, feige Furcht vor dem Tode vermöchte mich an einer Wiederholung eines letzten, entscheidenden Schrittes zu hindern? Oder schmeicheln Sie sich gar, der Furcht vor der Strafe einer frevelhaften That, welche ohnedies mit Schonung und Mitleid beurtheilt werden würde, verdankten Sie, daß ich den gräßlichen Bann immer noch nicht brechen kann? Nein, nein und tausendmal nein! Wie schon so oft, wiederhole ich Ihnen auch jetzt wieder: Ein Stolz, wie Sie ihn nicht fassen, nicht begreifen, leitete mich auf allen meinen Wegen; ihm allein mögen Sie die Vortheile zuschreiben, welche ich Ihnen über mich einräumte. Ich durfte nicht im Elend umkommen, weil ich einen Namen, welchen ich gegen den Wunsch und den Willen meiner Eltern annahm, vor Schmach zu bewahren hatte; ich durfte nicht im Elend untergehen, um nicht nachträglich Denjenigen Recht zu geben, die einst mit aller Macht gegen die von mir beschlossene Verbindung ankämpften. Für mich gab es nur zwei Wege: entweder ein Leben des behaglichen Auskommens – ha! Und dennoch, was hätte ich nach Behaglichkeit gefragt? – oder den Tod. Aber auch Letzteren herbeizuführen, nachdem Sie mich einmal demselben entrissen – gegen meinen Willen entrissen hatten – verbot mir der Stolz, zu welchem ich seinen und meinen Verwandten gegenüber heilig verpflichtet war. Ich wiederhole Ihnen dies Alles, damit Sie keinen Augenblick über die mich in meinen Handlungen lenkenden Beweggründe in Zweifel gerathen mögen. Es ist wahr, ich gab mich einst, thörichter, kurzsichtiger Weise, Hoffnungen hin, welche Sie in mir erweckten, ich klammerte mich an dieselben an und erwartete von ihrer Erfüllung, wie von der gewissenhaften Hingebung der mir auferlegten neuen Pflichten eine theilweise Rückkehr des inneren Friedens. Diese Hoffnungen, sie sind längst gestorben, und daß ich mich täuschte, ist am wenigsten meine Schuld. Zwischen uns aber kann kein Mißverständniß mehr walten, wir kennen unsern gegenseitigen Werth; es fällt daher der Grund für Sie fort, mich durch die Erinnerung an eine entsetzliche Vergangenheit immer wieder aufs neue zu martern; Sie wissen, ich bin Ihre Sclavin, und bis in's Grab hinein wird mein Stolz mich nicht verlassen!« Hier zögerte Frau von Birk eine Weile. Trotz der unerschütterlichen Willenskraft, welche in ihrer Brust wohnte und der allein sie alle Wandlungen ihres Geschickes, zum Guten, wie zum Bösen, verdankte, schienen ihre Kräfte nach der langen Erklärung sie dennoch verlassen zu wollen. Die Farbe kam und wich von ihrem erregten, noch immer schönen Antlitz, und mit der Farbe wechselte jedesmal der Ausdruck der dunklen Augen, bald einen namenlosen Seelenschmerz, bald einen unbeugsamen Stolz verrathend. Sie seufzte tief auf; ihre Hand strich, indem sie wieder Platz nahm, wie marternde Bilder verscheuchend, leicht über ihre Augen und Stirne hin, und dann fuhr sie mit erzwungener Kälte und fester, gedämpfter, tiefer Stimme fort: »Alles dieses vorausgeschickt, erkläre ich, daß ich auch dieses Mal mich unter Ihren Willen beuge; widerstrebt es nicht Ihren Gefühlen, nicht Ihren Begriffen von Ehre, Ihre zukünftige Gattin gerade mir anzuvertrauen, so bin ich bereit, sie bei mir aufzunehmen.« »Sie wollen der jungen Dame, einer elternlosen Waise, eine mütterliche Freundin sein?« fragte Alvens, sich den Anschein gebend, als ob Frau von Birk's Erklärung ihn nur oberflächlich berührt habe. »Ich will es.« »Sie wollen nach besten Kräften dahin wirken, daß sie sich mit dem Gedanken: die Gattin eines älteren Mannes zu werden, allmälig vertraut macht?« »Auch das noch?« fragte Frau von Birk mit ersterbender Stimme, »ich soll da zu vermitteln suchen, wo Sie selbst von vielleicht gerechtfertigten Zweifeln an Ihren Erfolgen erfüllt sind?« Aus den Augen des Rechtsanwalt sprühte ein Blick verletzter Eitelkeit; gleich darauf aber hatte er seine Selbstbeherrschung zurückgewonnen und mit sicherer Stimme sprach er: »Sie sind die einzige, der ich eine solche Aufgabe anvertrauen darf und die mit Treue und Gewissenhaftigkeit über das Gelingen meiner Pläne wacht, um so mehr, da durch eben dies Gelingen mir nicht nur ein glückliches Alter gesichert wird, sondern schließlich auch Sie selbst so frei und unabhängig hingestellt werden sollen, wie nur je in Ihren eigenen Wünschen gelegen haben kann.« »Wie meinen Sie das?« fragte Frau von Birk hastig, wie von einer schwach aufdämmernden Hoffnung beseelt. »Durch eine auskömmliche Leibrente und gänzliches Brechen mit der Vergangenheit.« »Entsetzlich,« flüsterten die bebenden Lippen, »für Geld und immer für Geld; doch sprechen Sie weiter, ich bin in Ihrer Gewalt.« »Die Leibrente soll Ihnen so gesichert werden, daß Sie meinen Namen nicht mehr auszusprechen brauchen ...« »Mit andern Worten, Sie wollen mich unter einigen Opfern von sich abstreifen,« fiel Frau von Birk mit herbem Spott ein. »Nein, nein, mißverstehen sie mich nicht; es hängt nämlich zu viel von meiner Verheirathung ab, als daß ich nicht mit Freuden Alles aufbieten möchte, auch Ihnen einen freundlich lächelnden Lebensabend zu bereiten.« »Mein Lebensabend!« hohnlachte die Unglückliche, und mit einer Ergebung, wie sie nur durch die furchtbarsten Seelenqualen erzeugt werden kann, lehnte sie sich zurück. »Seien Sie verständig, liebe Mathilde,« sprach Alvens mit unerschütterlicher Ruhe, »warum sollte man nicht glücklich werden können, wenn man eine traurige Vergangenheit gleichsam aus dem Leben streicht?« sie urtheilen vorschnell, und ich weiß, bei ruhiger Ueberlegung werden Sie anders denken.« »Und die junge Waise, deren Sie erwähnten, hat sie denn Niemand, der über sie wacht, der sie warnt vor Gefahren, vor übereilten Schritten?« fragte Frau von Birk, wie im Traume, als hätte sie Alvens letzte Worte gar nicht vernommen. »Sie besitzt einen Freund, der sie beschützt und über sie wacht,« erwiderte Alvens entschieden, »einen Freund, der ihr durch eigene Neigung, wie von Rechtswegen zur Seite gestellt wurde – doch schenken Sie mir auf einige Minuten Ihre Aufmerksamkeit, liebe Mathilde, und ich will Ihnen Alles ausführlich erklären: »Eine junge Waise, welche mir durch ihre sterbende Mutter empfohlen wurde, hat, trotz ihrer Jugend, Jahre hindurch in einem Landstädtchen von dem Ertrage ihres meisterhaften Klavierspiels gelebt, bis endlich der Zufall sie vor mehreren Wochen nach der Residenz führte, wo sie bei schlichten Bürgersleuten liebevolle Aufnahme fand. Von der Zeit ihres Eintreffens hier schreibt sich meine Bekanntschaft mit ihr her, doch muß ich einräumen, daß ich sie bis jetzt nur flüchtig und im Vorbeigehen sah. Ich ließ sie beobachten, und da sich ergab, daß sie eine äußerst sorgfältige Erziehung genossen hatte, so beschloß ich, den Brief ihrer Mutter berücksichtigend, in einer ihrer Begabung entsprechenden Weise für sie zu sorgen. Um dies zu ermöglichen, war ich gezwungen, einzelne schwer wiegende Hindernisse zu besiegen, indem die Leute, bei welchen sie wohnt, sich nicht von ihr trennen wollten; Zwang auszuüben aber nicht in meiner Macht lag. Nach manchem Hin- und Herschreiben ist es mir endlich gelungen, die Vormundschaft über die junge Waise an mich zu bringen – keine schwere Aufgabe, indem ihr bisheriger Vormund, ein wenig bemittelter Lehrer, offenbar froh war, einer Verantwortlichkeit überhoben zu sein, welche durch die zwischen ihn und sein Mündel gelegte Entfernung doppelte Schwierigkeiten gehabt hätte. »Die Vormundschaft habe ich also in aller Form des Rechts übernommen, und hiermit die Verpflichtung, nach bestem Vermögen über die Zukunft der jungen Waise zu wachen. Da dieselbe nun in einer Umgebung weilt, in welcher ihr jede Gelegenheit mangelt, sich weiter auszubilden, bin ich nach reiflicher Ueberlegung zu dem Entschluß gelangt, sie bei Ihnen unterzubringen. Sie selbst werden mein Verfahren billigen; denn Anna Werth ist nicht nur ein liebes, treues Kind, sondern auch hochbegabt, und manche genußreiche Stunde wird sie Ihnen durch ihr meisterhaftes Klavierspiel bereiten; haben Sie aber erst meinen holden Schützling kennen gelernt, dann ist es überflüssig, ihn noch weiter Ihrer treuen Fürsorge anzuempfehlen.« »Weiß die sogenannte Anna Werth um Ihre väterlichen Absichten?« fragte Frau von Birk mit eisiger Kälte, sobald Alvens schwieg. »Bis jetzt noch nicht.« »Weiß sie, daß Sie die Vormundschaft übernommen haben?« »Daß ein Wechsel geboten sei, hat sie wohl erfahren, dagegen ist ihr fremd, daß gerade ich es bin, an welchen ihr früherer Vormund seine Rechte und Verpflichtungen abtrat. Ich beabsichtige nicht, sie über diese Verhältnisse zu belehren, bevor sie hier eingezogen ist. Es steht nämlich zu befürchten, daß die Leute, bei welchen sie zur Zeit wohnt, eine unangenehme Scene heraufbeschwören, wenn ihr Pflegling ihnen nicht mit List entzogen wird; das junge Mädchen aber über die gezwungene Trennung zu trösten, soll Ihre Aufgabe sein, eine Aufgabe, welche Ihnen bei Ihrer angeborenen Liebenswürdigkeit durchaus nicht schwer werden kann.« Frau von Birk warf die Lippen mit einem spöttischen Lächeln empor und zuckte geringschätzig die Achseln. Sie war jetzt kalt, kalt wie Eis, und ihr schönes, unheilbare Seelenleiden verrathendes Gesicht veränderte bis zum Schluß des Gespräches kaum noch eine Muskel. »Machen Sie Alles, wie Sie wollen,« sagte sie, nachlässig in einem vor ihr liegenden Buche blätternd; »tritt ein junges, unverdorbenes Wesen in meine Nähe, dann müßte ich meine Natur verleugnen, wollte ich es entgelten lassen, was Andere und vor Allen ich selbst an mir verbrochen. Wie soll ihrem Schützlinge der gezwungene Wechsel erklärt werden?« »Durch Enthüllung der unverfälschten Wahrheit; ich selbst werde als Vormund in schonendster Weise mit ihr darüber sprechen.« »Welche Vortheile knüpfen sich an das Mädchen? Oder möchten Sie mich überreden, daß in Ihrem vorgerückten Alter und bei Ihrer Vergangenheit der erste Anblick genügte, Ihr Herz zu entflammen?« »Sie werden sarkastisch, liebe Mathilde,« versetzte Alvens mit einem bezeichnenden Lächeln. »Heute entflammt sich mein Herz allerdings nicht mehr so schnell, wie vor zwanzig Jahren, als ich meine Seele nur einzig und allein einer schönen, jungen Frau verschrieb, doch leugne ich nicht, daß Anna Werth's ganze Erscheinung einen recht günstigen Eindruck auf mich ausübte. Die Sehnsucht nach einem stillen, häuslichen Glück ist indessen bei mir an Stelle der jugendlichen Ueberspanntheit getreten, und keineswegs blind für den bestehenden Altersunterschied, fiel meine Wahl auf ein sehr junges Mädchen, weil mir dabei an die Hand gegeben ist, es gewissermaßen nach meinem Geschmack zu bilden und zu erziehen.« »Sie hat wohl ein bedeutendes Vermögen zu erwarten?« Alvens antwortete nicht gleich. Frau von Birk wußte so gut, wie er selbst, daß um geringer Vortheile willen er nie dem ihm fast zum Bedürfniß gewordenen Junggesellenleben entsagen würde, und dennoch scheute er sich, die Hoffnungen durchblicken zu lassen, welche sich an den Besitz seines Mündels knüpften. Nicht einig mit sich, wie weit er mit seinen Eröffnungen gehen könne, bemerkte er daher wie im Selbstgespräch: »Anna Werth ist von Hause aus mittellos; durch Musikunterricht gedenkt sie so viel zu erwerben, wie zu ihrem Unterhalt nothwendig.« »O, dann ist sie nicht mittellos,« entgegnete Frau von Birk, das grübelnd gesenkte Haupt Alvens' aufmerksam betrachtend, »hervorragendes musikalisches Talent ist treuer und zuverlässiger, als ein großes Vermögen.« »So folgerte auch ich, meine Theuerste, als ich zum ersten Mal die Möglichkeit meiner Verheirathung in Betracht zog,« pflichtete Alvens hastig bei, »ich liebe überhaupt Musik und verspreche mir einen hohen Genuß von Anna's glücklichen Anlagen.« »Unterrichtet sie noch?« »Wirkliche Unterrichtsstunden fand sie noch nicht, dagegen spielt sie täglich im Hause eines halb verrückten, verwachsenen Professors, der sie für ihre Mühe sehr freigebig honoriert. »Wird sie diese Beschäftigung fortsetzen, nachdem sie meine Hausgenossin geworden?« »Vorläufig wird sie nur mit Ihnen allein verkehren, dabei darf es aber an nichts fehlen, war ihr das Leben angenehm machen könnte; selbst wenn es gilt, eine flüchtige Laune zu befriedigen, sparen Sie weder Zeit, noch Mühe. Sollte indessen die ganze Art ihrer Aufnahme bei Ihnen sie befremden, so mögen sie immerhin auf die Ihnen eigenthümliche zartfühlende Weise durchblicken lassen, daß Alles von ihrem Vormunde herrühre, der dadurch nicht nur seine Vorliebe für sie selbst, sondern auch seine Verehrung und Hochachtung vor ihrer längst in kühler Erde schlummernden Mutter zu bekunden trachte.« »Sehr gut, sehr gut,« versetzte Frau von Birk, und das bittere Lächeln trat wieder auf ihr Antlitz; »Alles soll nach Ihrem Wunsche geschehen – jedenfalls ist Ihr Schützling noch sehr jung und unerfahren, ich meine, weil Sie, um den Weg zu dessen Herz zu finden, die kindliche Anhänglichkeit an die verstorbene Mutter zum Bundesgenossen wählen.« Alvens biß die Lippen zusammen, antwortete aber scheinbar sorglos und heiter: »Anna ist kaum sechszehn Jahre alt.« »Sechszehn und vierundfünfzig machen zusammen gerade siebenzig,« bemerkte Frau von Birk ruhig. »Vierundfünfzig und siebenundvierzig würde noch weit mehr betragen haben,« entgegnete Alvens aufflammend, doch beherrschte er sich sogleich wieder und versöhnlicher fügte er hinzu: »Lassen wir die Vergleiche, bei welchen wir uns nutzlos erhitzen; wir müssen nun einmal gute Freunde bleiben, und seien Sie fest überzeugt, daß unser beiderseitiges Glück und Zufriedenheit Hand in Hand gehen.« Bei dieser rücksichtslosen Hindeutung war Frau von Birk aufgesprungen; ihr Antlitz glühte, ihre Augen schossen Blitze der Entrüstung, ihre Lippen bebten, als hätte sie nach einer ihren Gefühlen entsprechenden Antwort gesucht; dann aber, wie im Bewußtsein ihrer Ohnmacht, sank sie auf ihren Sitz zurück, und ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, schluchzte sie krampfhaft. Alvens betrachtete sie eine Weile sinnend, wie wohl ein Meister die von ihm zusammengefügte und nicht recht nach Wunsch arbeitende Maschine beobachtet. Kein mildes Gefühl bewegte seine Brust beim Anblick des heftig ausbrechenden Schmerzes, der vollkommen widerstandslosen Verzweiflung; er nickte sogar billigend, und dann erst zog er die eine ihrer Hände von dem von heißen Thränen überströmten Gesicht zurück. Wie durch diese Berührung elektrisirt, richtete Frau von Birk sich empor; vor dem heuchlerisch wohlwollenden und doch strengen Blicke des Rechtsanwalts versiegten ihre Thränen; ihre Selbstbeherrschung kehrte zurück, und sogar ein bitteres Lächeln erzwingend, fragte sie mit gepreßter, dumpfer Stimme: »Wie lange soll der unerträgliche Zustand, in welchen Sie mich zu versetzen gedenken, dauern?« »Ihre völlige Unabhängigkeit tritt mit dem Tage in's Leben, an welchem Anna Werth mich zum Traualtar begleitet.« »So sei es denn,« versetzte Frau von Birk, indem sie sich erhob und dadurch Alvens das Zeichen zum Aufbruch gab, »was ich dazu beitragen kann, die mir gestellt Frist abzukürzen, das soll geschehen, und gewänne ich nur eine einzige Minute dadurch, ich wollte sie als eine Gnade des Himmels begrüßen.« Dann wendete sie sich stolz ab, und ohne Alvens eines Blickes zu würdigen, schritt sie an ihm vorbei der nach dem Innern der Wohnung führenden Thüre zu. Im nächsten Augenblick befand Alvens sich an ihrer Seite. »Mathilde, so dürfen wir nicht scheiden,« begann er, und er ergriff der unglücklichen Frau Hand, wodurch diese gezwungen wurde, stehen zu bleiben; »die Stunde, in welcher ich Sie zur Vertrauten eines uns Beiden gleich wichtigen Geheimnisses machte, darf keine schmerzlichen Erinnerungen bei Ihnen zurücklassen. Verspreche ich Ihnen doch mit Freuden, daß nie wieder eine Silbe zwischen uns gewechselt werden soll, welche Ihre Seele schmerzlich treffen könnte. Heute erlaube ich mir noch, sie nach alter, trauter Weise Mathilde zu nennen, dann aber sind Sie für mich nur noch die gnädige Frau.« »Wie rücksichtsvoll,« versetzte Frau von Birk spöttisch, während sich auf ihrem Antlitz eine unbeschreibliche Verachtung ausprägte, doch duldete sie, daß Alvens ihre Hand küßte und sich nach einigen, offenbar nicht mit seiner Stimmung im Einklang stehenden Höflichkeitsformeln verabschiedete. Lange verharrte Frau von Birk regungslos auf derselben Stelle. Erst nachdem unten der Portalflügel hinter Alvens in's Schloß gefallen war, schien die Erstarrung von ihr zu weichen. Sinnend schritt sie nach dem nächsten Lehnstuhl hin, doch zögerte sie, sich niederzusetzen. »Er will also wirklich mit der Vergangenheit brechen,« verriethen die bebenden Lippen die durcheinander wogenden Gedanken, »und dennoch scheut er sich nicht mich zu Dienstleistungen zu zwingen, die so unnatürlich sind, wie sie nur von einem Verräther erdacht werden können. Diejenige, die er als Gattin heimzuführen gedenkt, stellt er neben mich, auf daß ich ihr eine mütterliche Freundin sei. Ein unschuldiges, argloses Wesen, welches vielleicht vertrauensvoll zu mir aufschaut, soll ich in seine Arme führen, und zwar mit dem Bewußtsein, ein hoffnungsreiches Gemüth endlosem Gram zu überantworten! Doch ich bin seine Sklavin, nur ein todtes Werkzeug für ihn!« Als ob ein anderer ihr dies zugerufen hätte, erschütterte bei den letzten, fast bewußtlos gelispelten Worten heftiges Beben ihre Gestalt; ihre Augen schienen sich zu verglasen, die Farbe des Todes breitete sich über ihr Antlitz aus, und mit beiden Händen ihre Schläfen pressend, warf sie sich weinend auf den Sessel. Sie weinte lange und bitterlich, doch das zermalmte Herz wurde durch die Thränen nicht erleichtert. Nach keiner Richtung hin zeigte sich auch nur der leiseste Trostesschimmer. Das Bewußtsein, ihre eigenen Verwandten wie die ihres geschiedenen und verschollenen Gatten, welchen sich zu nähern ein unbezwinglicher Stolz sie hinderte, getäuscht und unter den qualvollsten Opfern einen äußeren Schein von Wohlhabenheit und Unabhängigkeit aufrecht erhalten zu haben, gewährte ihr keine Befriedigung mehr, wie einst, da der ihr innewohnende Stolz durch unglückselige Verhältnisse bis zur Starrheit gesteigert wurde. – Alvens befand sich um diese Zeit schon weit abwärts; er verschmähte es, sich eines Miethswagens zu bedienen. Seine feige Seele jauchzte; was waren die in Fesseln geborenen Sklaven, die sich unter den Peitschenhieben grausamer Aufseher winden, im Vergleich mit den Sklaven, welche er sich durch listige Ausnutzung der ihm bei Prozessen anvertrauten oder künstlich entlockten Geheimnisse zu schaffen wußte, und welchen gegenüber er nur die Stirne zu runzeln brauchte, um sie in die gefügigsten Werkzeuge zu verwandeln? – »Und etwas Betrug und etwas Hinterlist kann gar nicht schaden,« schmunzelte er selbstzufrieden vor sich hin. Es waren beinahe dieselben Worte, welche der Kärrner einst im Uebermaß seines Wohlwollens der holdseligen Anna zuraunte. – Zweiter Band. Dreizehntes Capitel. Auf der Lauer. Ein feuchter, nebeliger Herbstabend senkte sich auf die Hauptstadt, als Herr Alvens noch immer ernst beschäftigt auf dem gepolsterten Drehstuhl vor seinem Schreibtisch saß. Vor ihm lagen mehrere Briefe, welche amerikanische Poststempel trugen, und die er, nachdem er sie aufmerksam durchgelesen und miteinander verglichen hatte, sehr sorgfältig wieder zusammenlegte. Neben den Briefen lagen zwei Documente, auf den Namen Braun lautende Schuldverschreibungen, Hypotheken, die auf dem Gehöft des Kärrners lasteten und die Alvens in seinen Besitz zu bringen gewußt hatte. Es waren vollkommen sichere Papiere, indem sie sich innerhalb des Feuerkassenwerthes des Grundstückes bewegten; Braun hatte dies außerdem hinlänglich dadurch bewiesen, daß er stets sehr pünktlich einige Tage vor dem Verfalltermine die Zinsen bis auf Heller und Pfennig entrichtete. Und dennoch hätte es dem biederen Kärrner Verlegenheit bereitet, wären ihm die Hypotheken plötzlich und unerwartet gekündigt worden. Dergleichen befürchtete er indessen nicht, hatte auch keinen Grund dazu, indem die Documente in den letzten zwanzig Jahren mehrfach ihren Besitzer gewechselt hatten, ohne daß ihm dadurch Unbequemlichkeiten verursacht worden wären. In den meisten Fällen hatte er sich sogar kaum um den Wechsel gekümmert, am wenigsten aber ahnte er, daß er, ohne sein Wissen und Wollen, in das Verhältniß eines Schuldners zu dem Rechtsanwalt Alvens getreten sei. – Seit einer halben Stunde brannte die Lampe in dem wohldurchheizten Cabinet des Herrn Rechtsanwalt, als er endlich Briefe und Documente in ein Packet zusammenlegte und verschloß. Grübelnd wandelte er einige Male auf und ab, worauf er seinen Secretair rief. Als Beltram eintrat, fand er seinen Gebieter auf dem Drehstuhl sitzend und sehr angelegentlich mit der Prüfung einer alten Rechnung beschäftigt. Ein Blick belehrte ihn, daß er heute keine Martern zu erdulden haben werde, was ihn zu dem bescheidenen: »der Herr Rechtsanwalt haben befohlen« veranlaßte. »Nehmen Sie Platz, lieber Beltram,« erwiderte dieser nichts weniger als mißmuthig, indem er seinen Armstuhl so weit herumdrehte, daß er Beltram gerade vor sich sah. »Sie waren bei dem Kärrner?« fragte er, als ob die Sache selbst von nur geringer Wichtigkeit für ihn gewesen wäre. »Ich war dort,« antwortete Beltram, vor lauter Unterwürfigkeit die knochigen Schultern vor der engen Brust beinah zusammenstoßend und die gerötheten Augen durch heftiges Blinzeln fast bis zu Thränen rührend. »Sie fanden Alle im besten Wohlsein?« »Alle, bis auf Herrn Braun, der augenblicklich auf Reisen ist.« »Ich weiß, er wird erst in einigen Tagen heimkehren – und Frau Braun?« »Verdrossen und wenig mittheilsam, wie immer; Fräulein Werth dagegen ertrug die Unfreundlichkeiten ihrer Tyrannin mit musterhafter Geduld und Heiterkeit.« »Sie benachrichtigten die Frau, daß ich ihren Mann betreffs der auf seinem Grundstück haftenden Schulden dringend zu sprechen wünschte?« »Genau, wie der Herr Rechtsanwalt mir befahlen.« »Gelang es Ihnen, sie zum Sprechen zu bringen?« »Zum Sprechen, ja; allein es kostete sehr viel Mühe, etwas Anderes zu erfahren, als daß sie sich um die Hypotheken nicht kümmere und ich ein ander Mal, wenn ihr Mann zu Hause sei, wiederkommen möchte. »Und wenn sie oder der Alvens nicht so lange warten können, so steht es Ihnen frei, ihm entgegen zu gehen,« fügte sie boshaft hinzu, und die Unterredung schien ihr Ende erreicht zu haben, als ich, Ihres Rathes mich entsinnend, noch einmal fragte, wann ihr Mann eintreffe. Anfänglich bezeigte sie keine Lust, mir zu antworten, endlich aber, – ich glaube, die Hypothekenangelegenheit beunruhigte sie – begann sie an den Fingern zu zählen und verschiedene Ortschaften zu nennen, bis sie zu dem Schluß gelangte, daß ihr Mann am vierten Tage, von heute gerechnet, nur noch drei Meilen von hier Nachtquartier nehmen würde.« »Also noch fünf Tage,« bemerkte Alvens nachdenklich, »nun, entgegen zu gehen brauchen wir ihm gerade nicht; denn auf ein paar Tage früher oder später kommt es nicht an – Sie müssen den wunderlichen Leuten gegenüber einen ziemlich schwierigen Stand haben, mein Freund, nehmen sie dafür eine kleine Entschädigung, hier das Theaterbillet, wenn es Ihnen Freude macht – sind die andern Leute schon fort?« »Sie entfernten sich mit Dunkelwerden.« »Gut, so gehen auch Sie und verschaffen sie sich einen angenehmen Abend – wie nannte die Kärrnerfrau den Ort, in welchem ihr ungehobelter Eheherr übernachten würde?« Beltram nannte den Namen eines Dorfes. »Merkwürdige Leute, diese Kärrner,« lachte Alvens sehr leutselig, »kann mir übrigens vorstellen, daß das Leben auf den Landstraßen seine besonderen Reize für sie hat – aber ich halte Sie auf, mein lieber Beltram, wenn Sie vorher noch einmal nach Hause gehen, wird es die höchste Zeit zum Theater sein. Schon Alles verschlossen?« »Die Stange ist noch vorzulegen.« »Besorgen sie das und machen Sie sich auf die Strümpfe,« befahl Alvens mit scherzhafter Strenge, »auch ich werde heute Abend nicht zu Hause sein, und so mögen wir zusammen hinausgehen.« Beltram erhob sich und schlich so demüthig und geräuschlos davon, als ob er nicht schwerer, als ein recht geschmeidiger Schatten, gewesen wäre. Er befand sich indessen kaum außerhalb des Gesichtskreises seines Gebieters, als von dem unterwürfigen Geheimsecretair weiter nichts mehr zu erkennen war, als höchstens die glatt und blank gescheuerten Rockärmel, die Dintenflecken an den ungestalteten Fingern, und endlich die eingeengte Brust, welche von der Natur eigens für den Rand eines Schreibtisches geschaffen und zurecht gebogen zu sein schien. Sogar die Farbe des Hungers, an welcher im allgemeinen schlecht besoldete Schreiber kenntlich, war wie durch Zauberschlag verschwunden, indem ihm das Blut mit solcher Gewalt nach dem Kopfe stieg, als hätte es sich in den gerötheten Augenlidern oder in den weitabstehenden, unförmlichen Ohren einen Ausweg suchen wollen. Die grünlich leuchtenden Augen dagegen stierten über den von seiner Faust ungeschickt gehaltenen, brennenden Wachsstock fort, immer geradeaus, ähnlich wie bei einer hungrigen Hyäne, welche, in der Verfolgung ihrer Beute, diese aus dem Gesicht zu verlieren fürchtet. Vor der letzten Thüre, neben welcher die eiserne Vorlegestange unthätig und träge niederhing, blieb er stehen. Er schien im Kampfe mit einzelnen in ihm aufsteigenden Zweifeln zu liegen; dieselben schwanden indessen, sobald seine Blicke das noch in seiner Hand befindliche Theaterbillet streiften. Ein giftiges Hohnlachen auf den durch die hohe Röthe doppelt häßlichen Zügen, bückte er sich, um die Barre quer vor die Thüre zu schieben. Das lose Ende derselben war mit einer Oeffnung versehen, welche genau auf eine durchbohrte und auf der entsprechenden Stelle in das Holz getriebene Krampe paßte. Durch ein Vorlegeschloß wurde die Stange gegen Herabgleiten geschützt; anstatt aber jenes in vorgeschriebener Weise einzuhängen, legte er es hinter die Stange, worauf er es so weit nach vorn herumschob, daß bei einem oberflächlichen Hinblick der Betrug nicht bemerkt werden konnte. Alles dies war das Werk einer Minute, und länger dauerte es nicht, bis er die Barre mittelst eines starken Bindfadens so an die Krampe befestigt hatte, daß sie, wenn einem Druck der Thüre nachgebend, wohl von der Haft herunterglitt, jedoch, anstatt polternd niederzuschlagen, in halber Höhe von dem Schwellenholz hängen blieb. – »Alles in Ordnung?« fragte Alvens, sobald er das Klirren vernahm, mit welchem Beltram ein Bund Schlüssel neben der Thüre auf einen messingenen Haken hing. »Ihnen zu dienen,« antwortete Beltram so ehrerbietig steif, als hätte er nicht mehr Leben besessen, wie der Drehstuhl, der mit musterhaftem Gehorsam jeder leisen Bewegung des Rechtsanwalts augenblicklich nachgab. »Gut, so wollen wir gehen,« bemerkte Letzterer, indem er sich erhob. Beltram wartete nicht, bis nach dem Diener geklingelt wurde, sondern die Lampe ergreifend, schritt er seinem Herrn voran. Bevor sie das Cabinet verließen, hielt Alvens ihn noch einmal zurück. »Können sie morgen früh, ohne mich zu stören hinein?« fragte er, auf die Thüre zeigend, durch welche man zuerst in ein kleines Vorzimmer, und demnächst durch das Kämmerchen des Dieners auf die wohlversicherte Hausflur gelangte. »Den Schlüssel zum Cabinet habe ich, und draußen öffnet mir der Diener; ich brauche daher die Wohnung des Herrn Rechtsanwalt nicht zu betreten,« antwortete Beltram bescheiden, und auf einen zustimmenden Wink seines Gebieters bewegte er sich langsam weiter. Bald darauf empfahl er sich mit wiederholten Versicherungen seiner Dankbarkeit für die ihm zu Theil gewordene Güte, und auf einem Umwege erreichte er die Hausflur. Die Treppe war hell erleuchtet; Beltram glaubte daher, Ursache zu haben, sein demüthiges, beinahe einfältiges Wesen noch beizubehalten. Indem er aber das Theaterbillet verstohlen betrachtete und zwischen seinen ungelenkigen Fingern drehte und wendete, verzog er seinen Mund zu einem widerwärtigen, geringschätzigen Lächeln. »Ich soll ins Theater gehen,« schienen die aufgeworfenen, vielfach eingesprungenen Lippen zu sprechen, »ich und das Theater, wir passen herrlich für einander – aber die Zeit wird kommen, in welcher ich in meinem eigenen Wagen zum Theater fahre.« Aus der eingeengten Brust erscholl es röchelnd, wie gewaltsam unterdrücktes, feindseliges Lachen. Er trat auf die Straße hinaus, wo er stehen blieb und unentschlossen um sich spähte. Leute kamen, Leute gingen, nirgend entdeckte er Jemand, den er der Beachtung werth gehalten hätte. »Aus dem getretenen Sklaven kann ein Gebieter werden,« reihten sich seine Gedanken an einander, »und was für ein Gebieter! O, wie er für mich arbeitet, wie er mir die Mittel in die Hände spielt, ihn endlich mit Donnerstimme aus seinen Träumen wachzurufen! Ihr aber kann die Wahl nicht schwer werden, zwischen demjenigen, der sie elend machen möchte, und einem Manne, der sie wahnsinnig liebt und nur ihr Glück will; zwischen ihm, der sie zu verderben trachtet, und mir, der ich sie vor Unheil bewahre; zwischen dem schurkischsten aller heimlichen Verbrecher, und –« seine Gedanken stockten; er war in Verlegenheit um eine weitere Eigenschaft für sich selbst. Langsam und gesenkten Hauptes verfolgte er seinen Weg bis zur nächsten Straßenecke; allen ihm Begegnenden wich er höflich aus, und jedes neue Ausweichen benutzte er dazu, einen Blick rückwärts zu senden auf das Haus, welches er eben verlassen hatte. Zwei Laternen beleuchteten dasselbe bis zur zweiten Etage hinauf; er konnte es also genau übersehen. Bis jetzt war noch Niemand eingetreten; Niemand hatte es verlassen. »Er scheint keine Eile zu haben,« brütete Beltram weiter; dann schlich er hinter die ihm gegenüberliegende Straßenecke, wo er, um dieselbe herumlugend, stehen blieb. Ein Lichtschimmer, welcher in Alvens' Wohnung an allen Fenstern vorüberlief, belehrte ihn, daß sein Gebieter noch mit dem Aufbruch säume. Bald darauf entdeckte er den Diener, wie derselbe aus dem Portal trat und nach kurzem Sinnen dem Innern der Stadt zuwanderte. »Ob auch er wohl ein Theaterbillet erhielt?« leuchtete es spöttisch aus den gerötheten Augen, während die Blicke den sich Entfernenden, so lange er ihnen erreichbar, mißtrauisch verfolgten. Ein junger Handwerker trat zufällig neben ihn hin. »Wollen sie ein Theaterbillet haben?« fragte er denselben wenig freundlich. Der Handwerker betrachtete ihn von oben bis unten und zuckte die Achseln. »Sie sehen mir gerade aus, wie Einer, der Theaterbillets zu verschenken hat,« rief er im Davonschreiten. Beltram stöhnte vor Wuth. »Wie würde ich es jetzt bereuen, hätte er es angenommen,« versenkte er sich wieder in seine Betrachtungen; »o, auch die Zeit wird kommen, in welcher ich noch mehr verschenken könnte, wenn ich wollte – aber ich will nicht – nein, wie ich getreten wurde, will ich Andere ebenfalls zurückstoßen. Ha, ich und das Theater! Wir passen prächtig zu einander!« und das Billet zerknitternd und zerreißend, warf er es neben sich in die Straßengosse. Eine Viertelstunde hatte er auf seinem Posten ausgeharrt, als er einen Mann gewahrte, der einige Male vor der Wohnung des Rechtsanwalts auf und ab ging, bevor er sich, Einlaß begehrend, der Hausklingel näherte. Ehe er aber noch klingelte, befand Beltram sich ihm gegenüber auf der anderen Seite der Straße, und er erkannte zu seinem namenlosen Erstaunen einen früheren Polizeidiener, welchen mehrfach in Alvens' Bureau gesehen zu haben, er sich entsann. Er wußte sogar, daß derselbe später wegen grober Dienstvergehen aus seiner Stellung entlassen worden war. Hatte er selbst doch Akten in Händen gehabt, welche sich auf die von Alvens geführte Vertheidigung des Angeklagten bezogen. Wie ein wilder Triumph leuchtete es bei dieser Entdeckung hinter den großen Brillengläsern hervor. »Also deshalb wünschtest Du allein zu bleiben, und deshalb hattest Du solche Eile, mich ins Theater zu schicken?« sprach er in Gedanken und zugleich setzte er sich wieder langsam in Bewegung; plötzlich blieb er, wie vom Blitz getroffen, stehen. »Er war Polizist und ist vertraut mit allen nur denkbaren Ränken,« stöhnte er in sich hinein. Vor seine Phantasie traten Alvens und dessen geheimnißvoller Besuch, wie sie, behutsam um sich spähend, die an einander stoßenden Bureauräume durchwanderten und endlich vor der nur scheinbar verbarrten Thür eintrafen. »Sie können mir nichts beweisen,« suchte er sich zu ermuthigen, »höchstens eine Unachtsamkeit – aber ich muß wissen, wie weit sie gehen, vielleicht daß ich dennoch –« Hastig schritt er über die Straße hinüber, sich entschlossen der Thür des beobachteten Hauses nähernd. Er wurde sogleich eingelassen, anstatt aber sich nach den Bureauräumen hinauf zu begeben, trat er in einen finstern Winkel des Hauses, wo eine Anzahl leerer Kalktonnen ihm ein sicheres Versteck gewährten. In dem Cabinet des Rechtsanwalts brannte Licht; an dem Schein, welcher durch die Vorhänge ins Freie hinausfiel, erkannte er, daß die Lampe ihre gewöhnliche Stelle einnahm. Er fühlte sich beruhigter; hätte man die Absicht gehegt, die Bureauräume zu durchforschen, würde man in dem Cabinet schwerlich viel Zeit verloren haben. So suchte er sich zu ermuthigen, während er die ängstlichen Blicke unausgesetzt auf das erhellte Cabinet gerichtet hielt. – Wie nun Beltram seine Bewegungen in undurchdringliches Geheimniß zu hüllen trachtete, so herrschte hinter den transparent durchschimmernden Vorhängen das nicht minder ängstliche Bestreben, keines der gewechselten Worte über die Grenzen des Cabinets hinausgelangen zu lassen. Alvens saß wieder auf seinem Drehstuhl, den Rücken dem Schreibtisch zugekehrt; sein Gesicht befand sich im Schatten, während die Beleuchtung der Lampe voll die lauernde Physiognomie des vor ihm sitzenden ehemaligen Polizisten und jetzigen Holzaufsehers traf. »Wir kenne uns schon ziemlich lange,« eröffnete Ersterer die Unterhaltung, sobald der Aufseher, seiner Einladung Folge leistend, Platz genommen hatte, »und ich glaube, Sie kennen mich von einer Seite, welche Ihnen einen gewissen Grad von Dankbarkeit gegen mich auferlegt.« »Ich werde nie vergessen, was der Herr Rechtsanwalt für mich gethan haben,« erwiderte der Aufseher mit einer etwas mißlungenen höflichen Verbeugung. »Es liegt nun einmal in der Natur der Sache, daß uns Männern vom Recht ein Fall um so höhere Freude gewährt, je schwieriger er ist, und Ihr Fall war in der That ein recht hindernißreicher; manchem Vertheidiger wäre es nicht geglückt, Ihre – Ihre – wie viel Jahre hatte man doch gleich beantragt?« »Fünf Jahre, Herr Rechtsanwalt,« antwortete der Aufseher zögernd und sich auf seinem Stuhle verlegen hin und her windend. »Richtig, fünf Jahre,« bekräftigte Alvens so kaltblütig, als hätte es sich um den Einkauf eines Dutzend Stahlfedern gehandelt; »mir gelang es, sie bis auf ein Jahr zu reduciren; bei Gott, es war ein kühnes Manöver; brauchte ich doch heute noch in den Acten nur ein wunderbares Versehen nachzuweisen, welches ich mir zu Nutze machte, um Ihnen, – doch lassen wir das, ich freue mich herzlich, daß es mir vergönnt war, in dem interessanten Criminalfall Sieger zu bleiben, schon allein Ihretwegen, da Sie Familienvater sind.« Hier schwieg er eine Weile, und mit äußerster Sorgfalt die langen Nagelspitzen an seinen Fingern polirend, harrte er darauf, daß der Aufseher ihm eine Antwort ertheilen würde. Dieser aber, ein gediegener Schurke, war auf seiner Hut; anstatt durch unvorsichtige Bemerkungen Alvens eine erhöhte Gewalt über sich einzuräumen, gab er sich die erdenklichste Mühe, seinen von Natur listigen und brutalen Gesichtszügen einen Ausdruck besorgnißvoller Spannung zu verleihen. Als der Aufseher fortgesetzt schwieg, nahm Alvens endlich wieder das Wort. »Sie errathen nicht, weßhalb ich Sie zu mir beschied?« fragte er, seine Augen und Lippen verziehend, als hätte die gleichmäßige Zuspitzung des beinahe zolllangen Nagels am kleinen Finger seiner linken Hand außerordentliche Aufmerksamkeit und Genauigkeit erfordert. »Unmöglich kann ich das errathen, Herr Rechtsanwalt,« entschuldigte der Aufseher mit der Zerknirschtheit eines auf einem groben Fehler ertappten Schulknaben; »ich hoffe indessen zum lieben Gott, daß Sie meine Vergangenheit nicht in Anschlag bringen, sondern mir Gelegenheit bieten, meine Dankbarkeit zu beweisen.« »Ei was, Dankbarkeit!« erwiderte Alvens halb ärgerlich, und die Schneide seines Federmessers schabte leise an dem tadellos gezogenen Fingernagel, »ich verlange weder von Ihnen, noch von sonst jemand Dankbarkeit; ich habe sie einfach zu mir beschieden, weil ich, trotz Ihrer Vergangenheit, sie in manchen Dingen für einen zuverlässigen und brauchbaren Menschen halte und sie daher eine nicht ganz kleine Summe Geldes verdienen lassen möchte. Was meinen Sie dazu?« »Ich würde dankbar für jeden Verdienst sein, welchen der Herr Rechtsanwalt mir zuwendeten.« »Gut, sehr gut; es ist indessen keine leichte Aufgabe, welche ich Ihnen zugedacht habe; sie ist sogar bis zu einem gewissen Grade gefährlich und erfordert die größte Vorsicht,« schien Alvens aus den ausgestreckten Fingern seiner linken Hand wohlgefällig herauszulesen. »Der Herr Rechtsanwalt werden nichts Unmögliches von mir verlangen,« entgegnete der Aufseher, mit derselben Aufmerksamkeit in Alvens' Zügen lesend, mit welcher dieser seine Fingernägel zu Rathe zog. »O, mein lieber Schweifer – Sachse wollte ich sagen, – Unmögliches verlange ich von Ihnen nicht,« schmunzelte Alvens, »allein Sie laufen Gefahr, von unberufenen Leuten mißverstanden, angeklagt und vor Gericht gestellt zu werden, was zur Folge hätte, daß man die alten Acten nachschlüge und dabei die vier künstlich beseitigten Jahre strengen Gewahrsams herausfände.« »Liefen sie selbst dabei denn gar keine Gefahr?« wagte der Aufseher besorgnißvoll zu fragen. »Ich und Gefahr laufen?« bequemten sich die zugespitzten Lippen des Rechtsanwaltes, seinem allerunerheblichsten Nebengedanken Ausdruck zu verleihen, »oh, ich sammle nur Stoff für einen sehr verwickelten Prozeß, durch welchen einem biederen alten Manne gegen seine Wünsche emporgeholfen werden soll, während bei Ihnen – doch wissen Sie etwa zufällig, wo Lanken liegt?« »Sehr wohl, Herr Rechtsanwalt, drei Meilen von hier, ein großes Kirchdorf.« »Können Sie in Ihrem jetzigen Dienstverhältniß Urlaub auf zwei oder drei Tage erhalten?« »'s wird schwer angehen, Herr Rechtsanwalt.« »Auch nicht, wenn sich Ihnen die Aussicht eröffnete, dadurch zehn bis zwanzig Thaler zu verdienen?« »Ein hübsches Stück Geld; es muß Ihnen doch recht viel an meiner Dienstleistung liegen,« bemerkte der Aufseher nachdenklich. »Würde ich Sie überhaupt zu mir beschieden haben, wenn mir nicht sehr viel daran läge?« »'s ist freilich wahr, Herr Rechtsanwalt,« versetzte der Aufseher mit seinem ehrlichsten und hingebendsten Grinsen; »Ich bin natürlich nicht gelehrt genug, Ihre Pläne zu beurtheilen, allein Ihnen zu Gefallen und mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der Sache, möchte sich wohl ein Urlaub dadurch erwirken lassen, daß ich mich krank meldete und meine Frau auf einige Tage meine Stelle versähe, meine Frau kennt das Geschäft beinah' ebenso gut, wie ich selber.« »Machen sie, wie Sie wollen, wenn ich nur darauf rechnen kann, daß sie mir von übermorgen früh ab zur Verfügung stehen.« »Verlassen Sie sich auf mich, Herr Rechtsanwalt, und sagen Sie mir, wohin ich mich begeben und was ich thun soll.« »Drei Meilen beträgt die Entfernung,« erklärte Alvens ernst; »Sie brechen daher so früh auf, daß Sie bald nach Sonnenuntergang in Lanken sind. Aber wohlverstanden, es liegt in Ihrem eigenen Interesse, im Dorfe nicht gesehen zu werden.« »Nichts leichter, als das, der Wald stößt auf der Mittagsseite an die Gärten, und wer kümmert sich überhaupt um einen Menschen, der auf der Chaussee seinen Weg verfolgt?« »Das ist Ihre Sache; aber Sie haben mich verstanden. Kennen Sie die Lage des Dorfkrugs?« »So genau, wie die Lage meiner eigenen Wohnung; es wäre nicht das erste Mal, daß ich dort ankehrte.« »Ankehren oder vielmehr einkehren sollen Sie nicht; es fragt sich vorläufig nur, ob Sie mit den zu dem Kruge gehörigen Stallräumen vertraut sind.« »Nur mit dem großen Gebäude, welches zur Aufnahme der Pferde der dort übernachtenden Fuhrleute dient.« »Das wäre hinreichend; doch urtheilen Sie selbst: Am dritten Tage, von heut gerechnet, wird ein Frachtfuhrmann, Namens Braun, spät Abends vor dem Kruge eintreffen, um daselbst zu übernachten. Er ist leicht kenntlich an seiner ungewöhnlich kraftvollen Figur, an einem doppelnasigen, braunen Hunde und an drei schweren Karrengäulen, von welchen der eine schwarz, die beiden anderen braun sind. Ihre Aufgabe soll es nun sein, den Kärrner zu verhindern, am anderen Tage seine Reise fortzusetzen. Wie Sie dies veranstalten, ist wiederum Ihre Sache; glauben Sie wohl, einer solchen Aufgabe gewachsen zu sein?« Der Aufseher antwortete nicht gleich; der Name Braun hatte ihm nicht nur eine vor beinahe sieben Jahren stattgefundene Begebenheit, sondern auch den vor Kurzem erst ihn besuchenden Fremden lebhaft ins Gedächtniß gerufen. »Gewachsen wäre ich der Aufgabe wohl,« erwiderte er endlich mit dem Ausdruck des Zweifels, »allein ich dächte, Sie müßten schon etwas ausführlicher sein, wenn ich darauf eingehen soll.« »Ausführlicher? Ist es nicht klar genug, wenn ich sage, er muß durch seine eigenen Pferde an der Weiterreise gehindert werden?« »Hm, man müßte gerade eines derselben lahm oder krank machen,« bemerkte der Aufseher wie im Selbstgespräch. »Sehr gut, allein ein krankes oder lahmes Pferd wird oft sehr schnell wieder gesund, und die Last, welche drei Pferden nicht schwer wird, ziehen auch zwei.« »Drei Pferden zu 'ner gehörigen Krankheit zu verhelfen, ist allerdings kein größeres Wagestück, als einem,« versetzte der Aufseher lauernd, »es käme dabei vorzugsweise darauf an, wie krank sie werden sollen.« »Weitere Erörterungen über diesen Gegenstand möchte ich vermeiden,« erwiderte Alvens mit gut erheuchelter Ungeduld. »Ob Sie den Kärrner Braun kennen, weiß ich nicht – ist übrigens auch nicht von Belang; genug, dieser Kärrner Braun hat die besten Aussichten, einen reichen Verwandten zu beerben, weigert sich aber standhaft, dessen Bedingung: das Leben eines Frachtfuhrmanns aufzugeben, zu erfüllen. Er will seinem Gewerbe so lange treu bleiben, wie seine drei Gäule aushalten, und da giebt es denn keinen anderen Ausweg, als unsere Zuflucht zur List zu nehmen. Persönlich kann ich in dieser Angelegenheit eine bestimmte Grenze nicht überschreiten, das werden Sie begreifen, ich muß daher zu meinem Beistande einen zuverlässigen Menschen haben. Fürchten Sie indessen, auf zu große Schwierigkeiten zu stoßen, so sprechen Sie frei und offen; Ihren Weg hierher haben sie trotzdem nicht umsonst gemacht.« Bei diesen Worten reichte er dem Aufseher einen Thaler, welchen dieser ruhig hinnahm und in die Tasche schob. »Ich will's wenigstens versuchen,« sprach er dabei nachdenklich, »aber zum Versuchen gehört Geld, und wenn Sie mir eine kleine Summe anvertrauen wollten, über welche ich später Rechnung ablegen würde –« »An den nöthigen Geldmitteln soll es Ihnen nicht fehlen,« fiel ihm Alvens in's Wort, »dagegen verschonen Sie mich mit einer genaueren Schilderung Ihrer Pläne, ich will von denselben gar nichts wissen, nur so viel rathe ich Ihnen, bewegen sie sich stets innerhalb der Schranken des Gesetzes.« »Ich hoffe, mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben,« bemerkte der Aufseher höflich, »und obenein den Dank des alten Kärrners. Lanken ist doch der bezeichnete Ort?« Alvens antwortete zustimmend. »Und von heute gerechnet, am dritten Tage?« »Am Donnerstag Abend.« Alvens erhob sich, welchem Beispiel Sachse sogleich folgte. Bevor sie das Cabinet verließen, wendete Letzterer sich noch einmal mit knechtischer Höflichkeit an den Rechtsanwalt: »Verzeihen Sie, der Name Braun klingt mir so bekannt; steht der Kärrner vielleicht in Beziehung zu dem jungen Menschen, welchen aufzusuchen ich vor einer Reihe von Jahren ausgeschickt wurde?« Alvens erschrak sichtbar, doch schnell sich fassend, antwortete er ausweichend: »Ich weiß es nicht genau, unwahrscheinlich ist es indessen nicht – ja, ja, die guten Leute sind, wenn ich nicht irre, kinderlos, vielleicht war's ihr Sohn, ich werde mich darnach erkundigen; Ihre Jagd war ja wohl erfolglos?« »Zu dienen, Herr Rechtsanwalt.« »Auch die Anderen entdeckten keine Spur von dem Flüchtling?« »So viel mir erinnerlich, nein. Wer weiß, wo der leichtsinnige junge Mann sein Ende genommen hat.« »Er ist verschollen,« entsann sich Alvens plötzlich, noch immer unter den Empfindungen, welche durch die Erwähnung von Brauns Sohn in ihm wachgerufen worden waren; dann aber fügte er in sorgloserem Tone hinzu: »Bevor wir uns trennen, mache ich Ihnen zur Pflicht, jedes einzelne zwischen uns gewechselte Wort als ein unveräußerliches Geheimniß zu betrachten.« »Bauen Sie auf mich und meine Dankbarkeit,« antwortete Sachse gleißnerisch. »Sogar Ihr Besuch bei mir muß Geheimniß bleiben; ich habe die triftigsten Gründe, dies von Ihnen zu fordern.« »Ich begreife Alles und werde Alles aufbieten, um Ihre Zufriedenheit zu erwerben,« betheuerte der Holzaufseher, indem er an den Tisch trat und das für ihn aufgezählte Geld in Empfang nahm. Dann folgte er Alvens durch dessen ganze Wohnung nach, bis dieser ihn auf dem anderen Ende derselben auf die Treppe hinausließ. Niemand begegnete dem sich entfernenden, weder auf der Treppe, noch in der Hauseinfahrt. Sobald aber die schwere Flurthür hinter ihm zuschlug, entstand eine leichte Bewegung zwischen den leeren Kalktonnen, welche in einem von der Rückwand des Nachbarhauses und einem Stallgebäude gebildeten Winkel unordentlich aufgestapelt lagen, und aus dem schwarzen Schatten schlüpfte Beltram hervor. Seine Blicke hafteten noch immer an den auf den Hof öffnenden Fenstern des zweiten Stockwerks; sie waren und blieben dunkel, und dennoch hämmerte ihm das Herz in der Brust, daß er fürchtete, dadurch über den ganzen Hof hin verrathen zu werden. Erst als er die wohlbekannten Schritte seines Gebieters vernahm, der mit hastigen Bewegungen die Treppe hinunter eilte, seufzte er erleichtert auf und näher glitt er der Einfahrt. Alvens hatte sich dem Portierfenster zugeneigt. »Schließen sie nicht zu,« sprach er so laut, daß Beltram ihn deutlich verstand, »ich kehre erst spät zurück, und da ist es mir lieber, wenn ich nicht lange mit den Schlüsseln zu arbeiten brauche.« Der Portier antwortete zustimmend und gleich darauf schritt Alvens auf die Straße hinaus. »Er kehrt spät heim; der Drücker genügt, um in's unverschlossene Haus zu gelangen,« sprach Beltram in seiner heftigen Erregung leise vor sich hin; dann aber, als hätte er eine Unvorsichtigkeit begangen, spähte er ängstlich um sich. Nichts rührte sich auf dem dunkeln Hofe und auf den erleuchteten Fluren und Treppen; doch wohl zehn Minuten verstrichen, bevor er es wagte, sich ebenfalls zu entfernen. Er that es mit einer gewissen Geschäftigkeit, gerade als ob er an diesem Abend noch recht viel zu thun gehabt hätte. Er kannte den alten Portier zu genau und wußte, daß entweder die Klingel zu seinen Häupten gezogen oder Feuerlärm im Hause geschlagen werden mußte, bevor er sich dazu bequemte, von seinem verräucherten und zerlesenen Ritterroman aufzuschauen. – Vierzehntes Capitel. Aus dem Familienleben eines Schreibers. Die Nebel, die während des Tages und gegen Abend in der Luft gehangen hatten, verdichteten sich mit dem Vorschreiten der Nacht, wie um dem geheimnißvoll einherschleichenden Verbrechen die Arbeit zu erleichtern und seine Spuren zu verbergen. Nur in geringem Umkreise durchdrangen die Lichtstrahlen der brennenden Laternen die dunsterfüllte Atmosphäre. Es war eine Nacht, so recht dazu geeignet, in wohldurchheizten Räumen nach vollbrachtem Tagewerk sorglos zu rasten, mit einem Gefühl unendlicher Sicherheit allen Gefahren und Abenteuern wirrer Träume zu begegnen, oder auch zu schwelgen in den duftigen Bildern, welche die mechanisch schaffende und webende Phantasie vor die planlos umherirrenden geistigen Blicke hinzauberte. Es war eine Nacht, doppelt traurig für Diejenigen, welche vergeblich im Schlafe Vergessenheit suchten für ihre oft genug unverschuldete, trostlose Lage. Traurig für Diejenigen, welchen die Mittel fehlten, die dringendsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Zu diesen im ewigen Kampfe um eine elende Existenz lebenden Menschen gehörten Beltram und seine bei ihm wohnende Mutter. Die geringe Besoldung, welche er von Alvens bezog, und die wenigen Groschen, welche die alte Frau bei ihrem Hausirhandel mit Schwefelhölzchen erübrigte, reichten bei weitem nicht aus, sie gegen Noth zu schützen, und manchen Entbehrungen mußten sie sich unterwerfen, um pünktlich am Ersten jeden Monats die fällige Miethe für eine feuchte, stallartige Wohnung im Erdgeschoß eines baufälligen, von zahlreichen armen Familien bewohnten Hauses im Voraus zu entrichten. Vor einem offenen Kamin, welches zugleich die Stelle eines Ofens und eines Kochherdes vertrat, saß Beltram auf einem gebrechlichen Holzstuhle, mittelst spärlich angelegter Späne ein kleines Feuer unterhaltend. Dasselbe diente zur Erhellung des düsteren Raumes, wie Beltram selbst sich an den munter emporflackernden Flammen zu erwärmen suchte. Seine Mutter lag in einer der beiden schmalen Bettstellen, welche, nur mit Strohsäcken und zerlumpten Steppdecken versehen, die Hauptmöbel der elenden Wohnung bildeten. Sie hatte die Decke bis an's Kinn heraufgezogen; man bemerkte daher nicht gleich, daß sie für überflüssig gehalten, sich zu entkleiden. Die zerknitterte Haube, unter welcher ungeordnete, gelbrothe und ergraute Haarsträhnen widerwärtig hervorquollen, deutete nur leicht darauf hin. Ihr breites, knochiges Gesicht hatte sie dem Sohne zugekehrt, seine Bewegungen mit einem eigenthümlichen Gemisch von Mißtrauen und Bosheit verfolgend. Auch ihre Augen waren entzündet und geröthet, ebenso die scharf vorspringende, häßlich geformte Nase, doch schien diese unnatürliche Farbe mehr die Folge eines unmäßigen Lebenswandels, als der Kälte und des ätzenden Rauches zu sein. Ereignete es sich doch mehrfach, daß sie eine breite grüne Flasche unter der Bettdecke hervorzog, dieselbe auf einige Sekunden an die Lippen führte und demnächst schnell wieder verbarg. »Wie viel Uhr ist es?« unterbrach die alte Frau nach einem solchen verstohlenen Angriff auf ihre Flasche plötzlich die in dem feuchten Kellerraum herrschende trostlose Stille. Beltram antwortete nicht. Grübelnd stierte er in die Flammen, die mit ihrer flackernden Beleuchtung seinen riesenhaften Schatten auf der Wand tanzen machten, daß es sich ausnahm, als sei derselbe mittelst eines Strickes an der Decke befestigt und in den letzten Todeszuckungen begriffen gewesen. »Leberecht, ich frage Dich, wie viel Uhr es ist? Kannst Du nicht antworten, Du Unglücksrabe, oder bist Du taub geworden?« fragte die Mutter mit gehobener Stimme. »Wenn Deine Ohren nicht schlechter sind, als die meinigen, mußt Du gehört haben, daß es eben halb zwölf schlug,« antwortete Beltram endlich, ohne seine Haltung zu verändern, »ich wundere mich, daß Du dergleichen fragst; die Zeit, in welcher ich goldene Uhren trage, ist noch nicht gekommen.« »Wird auch nicht kommen, so lange Du Dich nicht über die Stellung eines elenden Actenschmierers zu erheben vermagst,« keifte die Mutter weiter, »und dabei läßt Du mich hungern und frieren und im Elend untergehen, Du ungerathene, treulose Brut, als ob Du das, was Dich zu Deiner Stellung befähigt, nur Dir selbst verdanktest.« Beltram zuckte ungeduldig die Achseln. »Mutter,« begann er nach kurzem Sinnen, »wem ich's verdanke, weiß ich selbst am besten; übrigens ist es unnöthig, nur ein einziges Wort darüber zu verlieren; fährst Du indessen fort, mich in einer solchen Weise zu belästigen, so bin ich gezwungen, mich von Dir zu trennen, und Du magst dann zusehen, wie Du Dich durchschlägst.« Diese Drohung blieb nicht ohne Wirkung auf die boshafte Megäre, denn anstatt über die krasse Lieblosigkeit in erhöhte Wuth zu gerathen, zeigte das häßliche Antlitz plötzlich den Ausdruck großer Besorgniß. »Du wolltest Dich von mir trennen?« fragte sie mit weinerlicher Stimme, während ihre Finger die verborgene Flasche krampfhaft umschlossen, »von mir, Deiner Mutter, dem einzigen lebendigen Wesen, welches noch mit Zärtlichkeit an Dir hängt? Oder bildest Du Dir etwa ein, daß außer mir noch Jemand in der Welt Freundschaft und Theilnahme für Dich, den häßlichen, niedrigen und verachteten Schreiber hege?« »Ob häßlich oder nicht, ob reich oder arm, ob verachtet oder geehrt,« entgegnete Beltram mürrisch, »auch meine Zeit muß kommen, eine Zeit, in welcher mir mehr Liebe und Ehre zu Gebote stehen, als ich gebrauche.« »Ich trau' Dir's schon zu,« fuhr die Mutter eifrig fort, »denn Du bist klug, ausnehmend klug und weißt jede Gelegenheit zu Deinem Vortheil auszunutzen, und wenn Du erst den Anfang gemacht hast, wirst Du nicht auf derselben Stelle stehen bleiben –« »Der Anfang ist längst gemacht,« fiel Beltram unwirsch ein, und indem er das Feuer schürte, beleuchteten die Flammen ein Antlitz, auf welchem die Dämonen rasender Leidenschaften ihr unheimliches Spiel trieben. »Und wenn Du den Anfang gemacht hast,« nahm die Mutter alsbald wieder das Wort, »warum leben wir denn noch immer in Noth und Elend? Aber ich errathe, Du möchtest Alles für Dich behalten, und mich willst Du verstoßen; ich sehe Dich schon, wie Du in einer feinen Karosse bei mir vorüberfährst und dem alten Bettelweibe, welches Du nicht mehr als Deine Mutter anerkennst, ein paar Pfennige zuwirfst.« »Störe mich nicht mit Deinen Klageliedern,« schnitt Beltram die Rede seiner Mutter ab; »daß ich Dich nicht verhungern lasse, versteht sich von selbst; Du sollst sogar Dein gutes und reichliches Brod und eine wohleingerichtete, warme Stube haben, wenn Du meine Anordnungen pünktlich erfüllst.« »Alles, Alles will ich thun für gutes Brod, warmes Obdach und vielleicht noch ein kleines Taschengeld zu Nebenausgaben, wenn die Bedingungen nicht zu schwer sind. Ich weiß, Du verlangst Schweigen; als ob ich einfältig genug wäre, durch Plaudern uns Beide in's Unglück zu stürzen!« »Ich verlange mehr, als Schweigen,« versetzte Beltram hart, »ich verlange, daß Du, nachdem wir uns getrennt haben, niemals die Schwelle meines Hauses überschreitest – wir müssen vollständig geschieden von einander leben, ja, Einer den Andern bei einer zufälligen Begegnung nicht einmal kennen. Dagegen verspreche ich Dir, daß es Dir an nichts fehlen soll; ich werde Dich regelmäßig besuchen, um mich von Deinem Ergehen zu überzeugen; doch vergiß nicht: das geringste Zuwiderhandeln gegen meinen Willen, und im Arbeitshause ist eine Stelle für Dich offen.« – Aus den blöden Augen der alten Frau schoß ein Blitz des giftigsten Hasses auf ihren Sohn; sie beherrschte sich aber, und einen sie vernichtenden Schmerz erheuchelnd, rief sie jammernd aus: »Mein eigen Kind schämt sich seiner Mutter! Doch ich will mich trösten, ich will Alles thun, was Du verlangst, wenn ich dafür nicht mehr mit Schwefelhölzchen durch die Straßen zu schleichen brauche und trotzdem mein gutes Brod und etwas Geld zu Nebenausgaben habe –« Dumpf tönten aus der Ferne die Glockenschläge herüber, welche Mitternacht verkündigten. »Es ist Zeit,« sprach Beltram, bevor seine Mutter die unterbrochenen Klagen wieder aufgenommen hatte, »beeile Dich daher, Du weißt, binnen höchstens drei Stunden muß Alles beendigt sein.« Wie electrisirt sprang die alte Frau aus dem Bett, und in ein Paar vor demselben stehende Schuhe tretend, schüttelte sie ihre zerlumpten, unsaubern Röcke, die sich beim Liegen unter der Decke verschoben hatten. Mit zitternden Händen ergriff sie ein auf dem Fußende ihres Bettes liegendes Umschlagetuch, und ihren Oberkörper fest in dasselbe einhüllend, trat sie hastig neben ihren Sohn hin. »Ich bin bereit,« flüstere sie geheimnißvoll, und ihr scheußlich verzerrtes Gesicht glühte gespenstisch im Schein der rothen Flammen, »ich bin bereit, und Du rührst Dich nicht von der Stelle?« Beltram bohrte seine Blicke gleichsam in die Augen der Mutter; es war, als ob er dadurch einen bannenden Zauber auf sie ausgeübt hätte, denn sie schauderte, ohne die Kraft zu besitzen, den seltsamen Blicken auszuweichen. »Du kennst meine Bedingung,« sprach er hohl und seine Stimme vorsichtig dämpfend, »Du folgst meinem Willen blindlings und greifst mir in keiner Weise vor.« »Nur einen einzigen Thaler erlaube mir,« flehte die Mutter von den Leidenschaften der Habsucht und thierischer Unersättlichkeit bis auf die Grenze des Wahnsinns getrieben. »Nicht einen Silbergroschen,« entschied Beltram, die Richtung seiner Blicke immer noch nicht ändernd. »Wir haben heute noch nichts Warmes genossen, erbarme Dich daher.« »Und mußten wir in dieser Stunde verhungern, würde ich dennoch sagen: Keinen Pfennig! Oder möchtest Du lieber, daß ich meine glänzenden Aussichten mit einem langjährigen Aufenthalt im Gefängniß vertauschte? Was ich will, weiß ich; anderer Leute Geheimnisse können ebenso gut meine Geheimnisse sein – aber Geld? Nein! Vielleicht später; schon einmal habe ich mich auf Deinen Rath in's Unglück gestürzt, und außerdem giebt's da, wohin ich gehe, kein baares Geld.« »Doch, doch, ich weiß es,« lispelte die Mutter, unfähig, ihre Gier zu bezähmen, und schmeichelnd fuhr ihre Hand über das eigentümlich trockne Haar ihres Sohnes, »Du hast's selbst gesagt, die kleine Geschäftskasse ist nie ganz leer; es bedarf nur des Zulangens, und wir können morgen leben, wie die Könige, und merken kann's Niemand, wenn Du dabei recht bescheiden – nein, bescheiden nicht, ich meine, recht vorsichtig zu Werke gehst.« Sie schwieg bebend; die Hand glitt von dem gedörrten Haar, ihre Gestalt schien sich zu verkleinern unter dem starren Blick aus den grünlichen, roth eingerahmten Augen. »Noch ein solches Wort, und Du magst Dich ebenso gut wieder zu Bette legen,« sprach Beltram mit eisiger Kälte, »denn mein Verkehr mit Dir hat sein Ende erreicht. Willst Du also, oder willst Du nicht? Sage es jetzt, denn an Ort und Stelle ist es zu spät zu Erörterungen.« »Ich will, ich will Alles thun, was Du von mir forderst,« erwiderte die Mutter, sich fröstelnd fester in ihr Tuch hüllend, »ich verspreche Dir, geduldig zu sein und zu warten; Du bist ja so klug und mußt Alles so viel besser wissen, als Deine arme, alte Mutter.« »Zünde die Lampe an,« befahl Beltram, der sich nunmehr der sklavischen Unterwürfigkeit seiner Mutter versichert hielt. Die Angeredete ergriff einen flackernden Span und näherte ihn dem schwarzen Dochte einer beinahe trockenen Küchenlampe. Bevor dieselbe aber noch brannte, hatte Beltram das Feuer auseinander gestoßen und aus einem auf dem Herde stehenden Wasserbehälter die glimmenden und zischenden Kohlen getödtet. Lange kämpfte das blaue Flämmchen des verkohlten Dochtes um sein Leben; mit angehaltenem Athem beobachteten Mutter und Sohn das allmälige Wachsen desselben. Beide hatten die Augen gesenkt; indem die bläuliche Beleuchtung aber ihre Physiognomien traf und todtenbleich färbte, glichen sie in ihrer Regungslosigkeit grübelnden Höllengeistern, die heimlich auf die Oberwelt geschlichen, um unter den Sterblichen Gift und Galle auszusäen. Das Flämmchen war zur Flamme geworden, und schweigend und mit ängstlicher Hast folgte die Mutter den Zeichen und stummen Anweisungen ihres Sohnes. Sie leuchtete ihm, als er aus einem Schlüsselvorrath diejenigen auswählte, die er mitzunehmen beabsichtigte, und dann, nachdem sie die Lampe ausgelöscht hatte, schlichen sie auf die kleine Flur und von da über die sechs schlüpfrigen Stufen auf die Straße hinaus. Eine schmale, unsaubere Gasse erstreckte sich zu beiden Seiten von ihnen weit in die Nacht hinaus; verödet und vereinsamt lag sie da. Selbst die Häuser, welche dieselbe bildeten, lauter morsche Baracken, schienen ausgestorben und unbewohnt zu sein, denn nirgend zeigte sich ein Licht, welches die Anwesenheit von Menschen verrathen hätte. In weiten Zwischenräumen rang der Schein vereinzelter, sehr sparsam genährter Gasflammen nach besten Kräften mit dem dichten, übelriechenden Nebel. Die oberen Stockwerke und Dächer fielen mit dem Nebel vollständig zusammen, als ob sie bis in den Himmel hineingereicht, oder der Himmel sich träge auf die schlummernde Stadt gesenkt hätte. – Kurze Zeit blieben Beltram und seine Mutter vor ihrer stillen Wohnung stehen; dann schlugen sie eiligst die Richtung nach einem der reicheren Stadtviertel ein. Arm in Arm, wie ehrsame Bürgersleute, wanderten sie dahin; Niemand sah der bedächtig einherschreitenden und von ihrem Sohne geführten alten Frau an, wo sie wohnte und welches Haus sie verlassen hatte, noch weniger aber vermochte man die Zwecke zu errathen, welche Beide verfolgten. Sie konnten ebenso gut von einem Kranken kommen, an dessen Schmerzenslager Menschenfreundlichkeit sie so lange zurückgehalten hatte, wie von einer Beschäftigung, bei welcher sie durch einige nächtliche Arbeitsstunden ausreichender für ihren kümmerlichen Unterhalt zu sorgen gedachten. Sicher traute ihnen Niemand etwas Schlechtes zu, so ehrbar und achtungswerth bewegten sie sich durch die verödeten Straßen. – – Halb eins hatte es eben geschlagen, als das zu Alvens' Wohnung führende Portal mit so sicherem Griff aufgeschlossen wurde, wie nur Jemand thun kann, der sich auf heimischem Boden befindet und sich seines guten Rechtes bewußt ist. Ebenso hallten die festen Schritte eines einzelnen Mannes durch den geräumigen Flurgang, sich allmälig auf dem Hofe verlierend. Wer im Hause das Geräusch vielleicht hörte, bezweifelte keinen Augenblick, daß ein Bewohner des Hintergebäudes sich etwas verspätet habe. Niemand ahnte, daß es ihrer zwei waren, die in das Haus eindrangen; denn die gekrümmte Gestalt, welche sich beständig an der Seite des hart auftretenden hochgewachsenen Mannes hielt, schlich, trotz ihrer unbeholfenen Bewegungen so leise einher, als wäre sie von den Flügeln einer das Licht scheuenden Fledermaus getragen worden. Vor der Eingangsthür des Hinterhauses angekommen, erstieg Beltram sogleich die nach oben führende Treppe, es seiner Mutter anheimstellend, ihm in einiger Entfernung nachzufolgen. Als diese bei ihm eintraf, hatte er bereits die Bureauthüre aufgeschlossen und so weit nach innen gedrückt, daß die eiserne Sicherheitsstange von der Krampe glitt, jedoch nicht tiefer sank, als die sie tragende Schnur gestattete. Eine Weile lauschten Beide mit angehaltenem Athem; das Knirschen des Schlosses und der Stangen hatte sie erschreckt; Alles um sie her blieb still, für sie das Zeichen, schnell einzutreten und die Thüre hinter sich zu verriegeln. Beltram zündete darauf seine Blendlaterne an, doch bevor die beiden würdigen Verwandten ihren Gang durch die Bureauräume antraten, entledigten sie sich ihrer Schuhe. Ein flüchtiger Blitz aus der Laterne auf die nächste Thüre vergewisserte sie über die einzuschlagende Richtung, und in derselben Weise, wie sie in das zweite Gemach gelangt waren, erreichten sie auch das dritte, in welchem Beltram sich am heimischsten fühlte und ihn nur noch eine Thür von Alvens' Cabinet trennte. Hier nun reichte er seiner Mutter die Laterne, sie zugleich anweisend, wie sie dieselbe, um ihm zu nutzen, zu halten habe. Vorsichtig öffnete er die letzte Thür, worauf er den Vorhang so weit zurückschob, als nothwendig war, den auf geringem Umfang beschränkten Schein der Laterne nach jedem beliebigen Punkte des Cabinets entsenden zu können. Nachdem er das runde Lichtfeld auf eine besondere Thüre des Schreibtischaufsatzes gerichtet und seiner Mutter noch einmal die größte Aufmerksamkeit eingeschärft hatte, trat er in das Cabinet ein. Unhörbar, wie seine Füße den dicken türkischen Teppich berührten, glitt auch der bereit gehaltene Schlüssel in die ihm bestimmte Oeffnung und schlug das Thürchen zurück. Beltram stand seitwärts, so daß er die Beleuchtung nicht störte, – zugleich aber zwischen den vor ihm liegenden Papieren zu suchen und zu wählen vermochte. Ein Theil seines Gesichtes wurde von dem Lichtstrahl getroffen, wodurch dasselbe einen Ausdruck erhielt, daß jeder andere Mensch, als gerade seine im Laster verhärtete Mutter, hätte von Grausen ergriffen werden müssen. Sein Gesicht war todtenbleich; es prägte sich auf demselben Alles aus, was er empfand; der unauslöschliche Haß gegen seinen Brodherrn, wie die krankhafte Sehnsucht nach dem ihm in unbestimmten Formen vorschwebenden unabhängigen Leben und die seine Sinne fast verwirrende Furcht vor Entdeckung. Der Schweiß perlte ihm auf der Stirne; die nicht mehr durch Brillengläser geschützten Augen zeigten, trotz ihrer Unstetigkeit, eine gewisse Starrheit, und fest bissen die Zähne auf die unnatürlich in die Breite gezogenen Lippen. Eine gefährliche Entschlossenheit sprach aus seinen Bewegungen; er rief den Eindruck hervor, als ob er nicht gezögert haben würde, im entscheidenden Augenblick eine Katastrophe herbeizuführen, in welcher er seine Freiheit mit seinem Leben verkaufte. Seine Mutter, auf den Knien liegend und den Lichtstrahl sorgfältig lenkend, achtete nicht auf das Aussehen ihres Sohnes. Den Oberkörper vorn über geneigt, den Mund geöffnet und mit scheinbar aus ihren Höhlen quellenden Augen bewachte sie die Hände, die zwischen den Papieren kramten. Der aus den Luftlöchern der Laterne sich hervorstehlende Schimmer traf ihr Gesicht von unten, demselben, durch die seltsame Vertheilung von Schatten und Licht, den äußeren Character eines entsetzlichen Todtenkopfes verleihend, in welchem nur noch die teuflisch stierenden Augen von der allgemeinen Verwesung verschont geblieben. – Mehrere Minuten suchte Beltram zwischen den Papieren; dann zog er einen zusammengefalteten Bogen hervor, welchen er nach flüchtiger Prüfung in seine Brusttasche schob. Er wollte eben die Thür wieder schließen, als ein schmerzlicher Seufzer sein Ohr traf und ihn veranlaßte sich nach seiner Mutter umzuschauen. Diese nämlich, sobald sie inne wurde, daß ihr Sohn, anstatt nach Geld oder Geldeswerth zu greifen, sich mit einem Blatt Papier begnügte, schien ihre letzte Lebenskraft verloren zu haben. Ein wahrhaft scheußliches Bild darbietend, stützte sie sich mit der linken Hand auf den Fußboden, während sie mit der rechten schwankend und zitternd die Laterne hielt. Beltrams Augen sprühten bei diesem Anblick; seine Zähne knirschten hörbar aufeinander; seine Faust streckte sich aus, wie um die Frau an der Kehle zu ergreifen, dann aber legte er die gespreizten Finger an die Klingelschnur, als hätte er den festen Willen gehabt, das ganze Haus zu alarmiren. Ein noch schmerzlicherer Seufzer, als der erste, entwand sich der Brust seiner Mutter, und sie war wieder seine willenlose Sklavin. Auf seinen Wink ließ sie das Lichtfeld so weit herumgleiten, bis es die Thüre des Wandschrankes traf, und nur noch ein leises Zittern des hellen Kreises auf der dunkeln Tapete verrieth hinfort, daß die wahnsinnige Gier, sich fremdes Gut anzueignen, marternd und quälend in ihr fortlebte. Etwas länger, als er sich am Schreibtisch aufgehalten hatte, dauerte es, bis er die gesuchten Papiere aus dem Wandschrank herausfand. Dann aber begab er sich zu seiner Mutter zurück den Vorhang behutsam niederlassend und ebenso die Thür herandrückend. Wie eine Berauschte leistete die alte Megäre Folge, als Beltram sie anwies, den Rücken dem verhangenen Fenster zugekehrt, vor den Sophatisch zu treten und den begrenzten Schein auf die Stelle fallen zu lassen, auf welcher Papier und Schreibzeug zum sofortigen Gebrauch bereit lagen. Er selbst setzt sich auf das Sopha, und die beiden zuletzt entwendeten Briefe vor sich auseinander breitend, begann er mit großer Schnelligkeit sie zu copiren. Beide Briefe, von derselben Hand geschrieben, waren in sehr bestimmten Ausdrücken abgefaßt. Der erste, von älterem Datum, sprach davon, daß es ein großes Glück sei, wenn noch ein Nachkomme der verstorbenen Frau Werth lebe, und daß weder Mühe noch Geld gespart werden sollten, denselben zu entdecken. In dem anderen Briefe dagegen, der kaum vierzehn Tage alt, war die innigste Freude darüber ausgedrückt, daß es den Bemühungen Alvens' gelungen sei, die einzige überlebende Tochter der Frau Werth aufzufinden. Dann wurde Alvens' Vorschlag: die Vormundschaft über die junge Waise zu übernehmen, gebilligt, woran sich der unverhohlen erklärte Wille schloß, derselben ein Unterkommen zu verschaffen, wie es den Plänen, welche der Verfasser des Briefes mit ihr habe, entspreche, und wo sie Gelegenheit finde, ihre bereits genossene sorgfältige Erziehung in glänzendster Weise zu vervollständigen. »Die Hoffnung, eine Spur von dem armen Eberhard zu entdecken, habe ich leider nach unsäglicher Mühe aufgeben müssen,« hieß es in dem Briefe weiter, »sogar bis nach Australien dehnte ich meine Forschungen aus, allein Alles vergeblich. Ich beklage die armen Eltern und bedaure zugleich, daß sie ihre alte, patriarchalische Lebensweise änderten, anstatt meinen redlichen und wohlgemeinten Wünschen Rechnung zu tragen. Gegen Noth sollen sie stets geschützt sein, allein meine ohnehin schwache Absicht, noch einmal nach Europa zurückzukehren, ist durch ihr räthselhaftes Benehmen vollständig erschüttert worden. Wer weiß, ob ihnen ein Wiedersehen überhaupt angenehm wäre, um so mehr, da sie den Verlust ihres Sohnes mit soviel Störrigkeit wenigstens mittelbar mir zur Last legen. Sprechen Sie mit ihnen nicht mehr über mich, als gerade nothwendig, dagegen fahren Sie fort, nach gewohnter Weise Bericht über sie zu erstatten. »Vereinsamt, wie ich dastehe, und im Besitz eines mehr, als ausreichenden Vermögens, beglückt es mich wahrhaft, in Anna Werth Jemand gefunden zu haben, auf den ich meine zärtlichste Liebe und mit dieser die Früchte meines langjährigen Arbeitens übertragen kann. Meinen Namen nennen sie ihr vorläufig nicht; dagegen mögen sie dieselbe allmälig mit dem Gedanken aussöhnen und vertraut machen, nach Amerika überzusiedeln. Welche Formen Sie wählen, die junge Waise – die nach Ihrer Schilderung sehr schön und liebenswürdig sein muß – für die Reise über den Ocean zu stimmen, stelle ich Ihrem Ermessen anheim; als letzter Ausweg bleibt die offene Erklärung, daß ich nur ihr Glück wolle und sie als ein heiliges Vermächtnis ihrer verstorbenen Mutter betrachte. Sie wird das Verhältniß leicht begreifen, wenn sie erfährt, daß der Ihnen übergebene Brief ihrer Mutter mittelbar an mich gerichtet gewesen. Ich würde Sie bitten, ihre Uebersiedelung umgehend einzuleiten, ich meine, bevor das junge unschuldige Herz Jemand gefunden, der ihre Trennung von der Heimath erschwert; allein der unglückselige Krieg, dieses gegenseitige Hinschlachten der Bürger eines mächtigen Staates, die gänzliche Unsicherheit von Gut und Leben lassen mir den jetzigen Zeitpunkt als ungeeignet erscheinen. Sollte indessen meine junge Adoptivtochter, und addoptiren werde ich sie unstreitig, die geringste Neigung verrathen, sich mir früher zuzugesellen, so sollen ihre Wünsche allein maßgebend sein. Mag kommen, was da wolle, ich hoffe im Stande zu sein, alle Fährlichkeiten von ihr abzuwenden; Sie glauben nicht, welche Macht das Geld in diesem Lande besitzt. In dem eben angedeuteten Falle müßte man aber sehr vorsichtig in der Wahl eines Reisebegleiters sein; auch hierbei kommen die zu verwendenden Mittel nicht in Betracht, wenn ich dafür die Freude genieße, das theuere Kind wohlbehalten bei mir eintreffen zu sehen. Schreiben Sie mir recht bald und ausführlich, wie Sie das Kind untergebracht haben und wie es die ihm erwiesenen Freundlichkeiten aufnimmt. Redsteel, wenn Sie mit ihm betreffs der Geldübermittelung correspondiren, sagen Sie nichts von unserem Schützlinge; ich gedenke, ihn zu seiner Zeit, wenn eine Täuschung nicht mehr möglich, zu überraschen. Eine gewisse Scheu, mit manchen Leuten zusammenzutreffen, in deren Beurtheilung ich mich so sehr irrte, hält mich ab, die heimathliche Erde wieder zu betreten, ich wäre sonst im Stande, trotz meiner nicht ganz festen Gesundheit, meinen Schützling selbst zu holen.« Hier folgten einige Höflichkeitsformeln, welche Beltram mit seiner über das Papier hinfliegenden Feder mehr andeutete, als niederschrieb, worauf er die Copie nach der Vorlage mit dem Namen »Braun« unterzeichnete. Etwa eine halbe Stunde hatte er zu seiner Arbeit gebraucht. Theils vor innerer Aufregung, theils weil die auf die Briefe beschränkte Beleuchtung ihn blendete, hatten seine Augen die Farbe einer heftigen Entzündung angenommen. Die vorspringende Stirne glänzte unter den niederrieselnden Schweißtropfen, und feucht und strähnig drängte sich das ungeordnete Haar unter der alten, großschirmigen Mütze hervor. Die Hand glitt mit unglaublicher Gewandtheit über das Papier, die Feder kritzelte, den entstehenden Zeilen aber folgten die Blicke der alten Megäre mit einem Ausdruck nach, als wäre jeder neue Buchstabe ein Goldstück gewesen, welches ihr Sohn, den sie zugleich haßte und fürchtete, einem ihm in Aussicht stehenden unermeßlichen Schatze beifügte. »Fertig,« flüsterte Beltram, tief aufseufzend, indem er den Punkt hinter das »Braun« setzte. Dann faltete er die Originalbriefe wieder zusammen, worauf er mit den Copien in ähnlicher Weise verfuhr, diese aber zu dem geheimnißvollen Document in die Brusttasche schob. Seine Blicke begegneten denen seiner Mutter, und in deren geisterhaften Geberden eine stumme Bitte um geraubtes Geld lesend, zog er das Document hervor, es halb entfaltet emporhebend. »Ahnst Du, was dies ist?« zwängte es sich giftig zwischen den wulstigen Lippen hervor, »Du kannst es nicht ahnen, denn Deine Gedanken reichen nicht über unser kümmerliches tägliches Brod hinaus! Meine Freiheit ist es, welche ich durch Dich verlor! Dir wäre es vielleicht willkommen, hinter Schloß und Riegel Dein Leben sorgenfrei zu verbringen – aber noch bin ich da, und jetzt erst weiß ich, was die Freiheit bedeutet! Er hat mich lange genug gemartert und bis auf's Blut gequält, aber auch für mich gearbeitet hat er, für mein Glück – sage ich Dir! Und weißt Du, was das heißt?« In seiner wachsenden Wuth und im Eifer, sich der Mutter verständlich zu machen, war er emporgesprungen sein Gesicht dem ihrigen so nahe bringend, daß sogar sie, wie von innerem Grauen befallen, scheu zurückwich. Beltram holte tief Athem und wollte weitersprechen als das dumpfe Geräusch durch das Haus schallte, mit welchem der geöffnete Flügel des Portals in's Schloß geworfen wurde. Er erbleichte und schien sich kaum noch auf seinen schlotternden Knieen aufrecht erhalten zu können. Seine Mutter prallte zurück, als wäre sie einer Ohnmacht nahe gewesen. »Wer kann es sein?« flüsterte Beltram unter der lähmenden Wirkung des Schreckens, »er beabsichtigte spät heimzukehren – er kommt die Treppe herauf – er ist's! Schnell, Mutter, den Lichtschein richte auf den Wandschrank, und nicht gerührt, bis ich zurück bin, noch ist es nicht zu spät!« Bei den letzten Worten hatte er bereits die Thür geöffnet und den Vorhang zur Seite geschlagen; der Lichtkreis tanzte auf dem Wandschrank, und mit einer Gewandtheit und Schnelligkeit, die in seltsamem Widerspruch zu der langen, engbrüstigen Gestalt standen, legte er die beiden Briefe auf dieselbe Stelle, von welcher er sie fortgenommen hatte. Gleich darauf schlich er behutsam an seiner Mutter vorbei; aber noch bewegte sich der Vorhang, noch war die Thür nicht herangedrückt, als die Schritte des heimkehrenden Alvens aus dem an das Cabinet stoßenden Vorzimmer herübertönten. Ein Schlüssel klirrte, mit scharfem Geräusch wich ein Riegel aus seiner Haft, und in der nächsten Minute fiel ein schmaler Lichtstreifen unter dem Vorhange hindurch in Beltrams Arbeitszimmer. Die beiden Eindringlinge befanden sich in einer für sie furchtbaren Lage, denn Alvens brauchte nur den Vorhang zu lüften und die angelehnte Thür etwas weiter zu öffnen, um beim Schein der von ihm getragenen und bereits im Vorzimmer angezündeten Kerze sogleich einen vollen Anblick seines gewissenhaften Geheimsecretairs und seiner Mutter zu erhalten. Beide waren nämlich erst bis an Beltrams Schreibtisch gelangt, als die drohende Gefahr sie hinderte, eine weitere Bewegung zu ihrem Entkommen auszuführen; konnte doch das zufällige Berühren eines der auf dem Fußboden umherliegenden Papierschnitzel, das Streifen eines Thürpfostens oder der Wand mit den Kleidern Alvens veranlassen, sich von der Ursache des Geräusches zu überzeugen, welches dann zum Verräther an ihnen wurde. Mit angehaltenem Athem, den Oberkörper lauschend dem Cabinet zugeneigt, standen sie da. Der Schieber der Blendlaterne war geschlossen, damit aber nicht zufrieden, hatte die Mutter den Zipfel ihres Umschlagetuches noch ganz über dieselbe gedeckt. Beltram stütze sich, wie um seinen schlaffen Körper vor dem Umsinken zu bewahren, mit der rechten Hand auf den Schreibtisch; in derselben befand sich eine große Papierschere, welche er, wenn zur Verzweiflung getrieben, sicher in der verderblichsten Weise als Waffe gebraucht haben würde. So weit sollte es indessen nicht kommen. Ein lustiges Liedchen vor sich hinsummend war Alvens eingetreten, und nachdem er die Thür hinter sich abgeschlossen hatte, begab er sich an seinen Schreibtisch, behutsam über denselben hinleuchtend, ob nicht ein Blättchen Papier oder eine Notiz, welche er den Augen Beltrams zu entziehen wünschte, liegen geblieben sei. Er kam offenbar aus einer heiteren Gesellschaft, denn immer munterer klang die von ihm gesungene Melodie; seine sorglose Fröhlichkeit erreichte zuletzt einen so hohen Grad, daß er halb singend seine Gedanken laut aussprach, sich gleichsam Glück wünschend zu den schlau erdachten Plänen und den schönen Erfolgen, welche jene unausbleiblich krönen mußten. Gewährte es seinem Herzen doch einen hohen Genuß: das, was er am ängstlichsten in seine Brust verschloß, auch einmal laut ausgesprochen zu hören, ohne deshalb Verrath befürchten zu brauchen. Und dabei war es ein so guter Wein, welchen er an diesem Abend getrunken hatte, ein Wein, der die Lebensgeister anregte, die heitere Laune zum Uebersprudeln reizte, ohne den Kopf zu beschweren und zu verdumpfen oder gar die Nachtruhe zu stören. »Höchstens vier Monate oder ein halbes Jährchen und die Sache ist zum Abschluß gelangt,« ertönte es so munter, daß die Bilder an den Wänden und der dreibeinige Lehnstuhl, von der unstäten Beleuchtung getroffen, vor lauter Vergnügen wackelten; »und ist sie erst zum Abschluß gelangt, dann gute Nacht Acten und Prozesse, gute Nacht Clienten und wer weiß, was sonst noch. O, Du schlauer, glücklicher Bruder Alvens! Wer hätte gedacht, daß Du noch einmal in eine so glänzende Lage einrücken würdest! Meine Schulden bezahlt; eine junge, schöne Frau; mit Hunderttausenden speculirt, wie jetzt mit Tausenden; dem Hunde von Beltram mit einigen Thalern und dem Pact den Mund gestopft und zum Teufel gejagt! O Du lieber, Du guter Alvens, was könnte Dein Herz sonst noch wünschen? »Denn, das Gold ist nur Chimäre« sang er lustig, indem er sich nach dem Schlafzimmer begab. »Nur Chimäre ist das Gold.« drang es noch einmal gedämpft durch die geschlossene Thüre bis in Beltrams Arbeitszimmer. Beltram seufzte tief auf; mit leisem Klirren fiel die Schere auf den Tisch und gleichzeitig öffnete seine Mutter den Schieber der Laterne. Beide sahen sich gegenseitig starr in die Augen; zu sprechen vermochten sie nicht, ihnen war, als hätten ihr Pulse stillgestanden. Flüchtigen Fußes begaben sie sich in das letzte Gemach. Dort erst löschten sie die Laterne aus, nachdem sie zuvor ihre Fußbekleidung angezogen und Beltram die Thür aufgeschlossen hatte. Unhörbar schlichen sie hinaus, die Mutter voran, während der Sohn so lange zurückblieb, wie er Zeit gebrauchte, die Thür von Außen zu versichern. Unbemerkt gelangten sie auf den Hof. Es schlug gerade halb drei Uhr. Ueber den Hausflur eilte Beltram wieder mit sicheren und festen Schritten, wie Jemand, der zur frühen Stunden zur Arbeit geht. Ebenso schlug er auch den Thorweg hinter sich zu, nachdem er seine Mutter etwa zwanzig Schritte weit voraus geschickt hatte. Die Atmosphäre, hatte sich noch mehr verdichtet; als undurchdringlicher Schleier ruhte der Nebel auf der stillen Stadt; Kraniche, Enten und Gänse zogen in langen Reihen über dieselbe hin; sie waren frühzeitig aufgebrochen, mit durchdringendem Schrei und heiserem Geschnatter sich gegenseitig zur langen Reise beglückwünschend. Ob eine Stadt, Meer oder Wald unter ihnen lag, kümmerte sie nicht, sie sahen nur den Nebel und freuten sich über die Stille und Sicherheit, welche in demselben wohnte. »Der Hund von einem Schreiber wird zum Teufel gejagt, nachdem man ihm einen Knochen hingeworfen,« wiederholte Beltram zähneknirschend Alvens' letzte Worte und seine Hand suchte mechanisch das gefährliche Document in seiner Brusttasche. Dann lachte er heiser, und seine Schritte verlängernd, gesellte er sich seiner enttäuscht einherkeuchenden Mutter zu. – Am folgenden Morgen, betrat der fleißige Geheimsecretair ungewöhnlich früh die Bureauräume. Alles lag und stand noch so, wie er es am vorhergehenden Tage verlassen hatte; selbst die eiserne Stange war noch nicht angerührt worden, so daß er nur die Schnur zu lösen brauchte, um dem Zimmer seinen gewöhnlichen äußeren Character zu verleihen. Bis zum Eintreffen der anderen Schreiber dauerte es noch ein Weilchen; eine Kehrfrau mußte vorher unter Beltrams Aufsicht die übliche Reinigung vornehmen, und dann erst gewann der gewissenhafte Geheimsecretair Zeit, sich mit allem Eifer den ihm übertragenen Arbeiten hinzugeben. Fünfzehntes Capitel. Neue Stunden. Der Nebel schien gar kein Ende finden zu können. Drei Tage waren verstrichen, und wenn es der Sonne wirklich zuweilen gelang, in der Mittagsstunde einen Blick auf die feuchte Erde zu werfen und zwischen den schweren Dunstwolken hindurch, wie durch eine Brille, die fahlen Wiesen, die frisch aufspringenden Herbstsaaten und die wunderbar grell gefärbten und zerzausten Laubmassen der Waldungen zu betrachten, so wurde ihr dieser Genuß sehr bald wieder verkümmert, indem die trägen Wolken nicht Energie genug besaßen, sich in den oberen Luftschichten zu halten, und immer wieder als Nebelmassen sich der Erde anschmiegten. Zeitweise verdichteten sich diese auch in so hohem Grade, daß ein des Weges wenig Kundiger sich nicht nur in den vor ihm liegenden Entfernungen leicht verrechnete und täuschte, sondern sich obenein verirrte, wenn er nicht eben, wie der alte Braun, der Chaussee nachfolgte, auf welcher ein Abirren beim besten Willen nicht möglich gewesen wäre. Des alten Kärrners wegen hätte indessen die Chaussee, trotz Nacht und Nebel, immerhin ein krummer Waldweg sein können, ohne daß er dadurch in Verlegenheit gerathen wäre, kannte er doch zu genau die Schonungen, an welchen die Straße ihn vorüberführte und die mit ihm zugleich alt geworden, zu genau die Eichen und Buchen, in deren Schatten er so manches liebe Mal einhergezogen, zu genau die Feldmarken, auf welchen er so manches liebe Mal die Saaten hatte keimen, wachsen, reifen und endlich vor der unbarmherzigen Sichel fallen sehen. Die Bäume erschienen ihm zwar unter der Doppelwirkung von Nebel und Mondlicht in veränderter Gestalt, aber auch in dieser veränderten Gestalt hatte er sie schon zu oft beobachtet, um dadurch noch getäuscht zu werden. Und so zog er dahin auf seinem langgestreckten Wege, welchen er schon mehr, denn hundertmal zurückgelegt hatte und der ihm trotzdem nicht langweilig oder widerwärtig wurde. Befand sich aber kein reisender Handwerksbursche in seiner Gesellschaft, der, gleichen Schritt mit den Holsteinern haltend, ein Stündchen mit ihm verplaudert hätte, oder ein hausirender Jude, dessen Packen er großmüthig in der Schwinge unter dem Wagen gerade auf Hechsels Lagerstätte duldete, oder eine heimwärts wandernde junge Milchverkäuferin, welcher er geschickt die ganze Leidensgeschichte ihres Herzens zu entdecken wußte, so beeinträchtigte das in keiner Weise seine Zufriedenheit. Gab es nichts zu plaudern, so gab es doch etwas zu denken, denn auch die einfachsten Kärrner denken, ohne daß sich ihre Gedanken ausschließlich um Frachtbriefe, Collis, Hufbeschlag und sonstige Kärrnerangelegenheiten zu drehen brauchen. So überlegte auch Freund Braun, daß er schon früher einmal ganz in derselben Gegend ganz ähnliches Nebelwetter erlebt habe, und das war sehr schön. Dann erinnerte ihn eine Biegung der Chaussee, daß daselbst vor seinen sichtlichen Augen einmal ein Hirsch geschossen worden sei, was ihn zu mancherlei Betrachtungen über das lustige Jagdleben veranlaßte. Dann kam er an eine Stelle, wo ihn dreimal hintereinander eine Extrapost überholt hatte, deren Postillon ihm, zum Dank für das kunstgerechte Ausweichen, ein munteres Liedchen vorblies, was ihm so schön in die Ohren schallte, daß er glaubte, nie etwas Schöneres gehört zu haben. Bei dem Gedanken an die Hornsignale fiel ihm wieder Anna ein, die vor ungefähr sechs Wochen auf derselben Wegstrecke rüstig neben ihm einherschritt und ihn durch ihr verständiges Wesen in so hohem Grade ergötzte. Ja, die Anna war ein rechter Segen für ihn geworden, noch mehr aber für seine Frau, die in ihrem Verkehr mit dem lieben Kinde gleichsam von Neuem auflebte und zu seiner großen Freude zuweilen sogar recht bitterlich weinte, was doch ein sehr gutes Zeichen war, indem seit einer Reihe von Jahren keine Thräne mehr ihre großen blauen Augen befeuchtet hatte. Bei der Vergegenwärtigung der Thränen seiner Frau warf der alte Kärrner die Tabackswolken in schnellerer Folge über seine Schultern; die linke Faust entfernte mit einigen Strichen die großen Nebeltropfen aus dem feuerfarbigen Borstenkragen, und nachdem er durch einen leichten Doppelknall mit der Peitsche die drei Holsteiner zu vergrößerter Eile gemahnt, mäßigte er ihren Schritt wieder durch ein beruhigendes »Successive!« »Wollen schon heim kommen,« fügte er freundschaftlich hinzu, »nur noch eine Nacht, und Ihr könnt wieder einmal in Eurem altem Stalle nach Herzenslust ausschlafen.« Hechsel war eine Minute an seine Seite getreten, wie um ihn besser zu verstehen; die drei Holsteiner schnaubten behaglich; denn mochten Dunkelheit und Nebel sie hindern, weit um sich zu schauen, der Instinkt belehrte sie, daß sie sich dem Dorfe näherten, in welchem gewöhnlich das Nachtquartier aufgeschlagen wurde, demselben Dorfe, vor dessen geräuschvoll belebtem Kruge die freundliche Anna einst in dem Frachtwagen so sanft und gemächlich geschlafen hatte. Heute war der Krug nicht so belebt, der Lärm hätte sonst bis zu ihnen dringen müssen; trotzdem täuschten sie sich nicht über die Lage der Stallräume, in welchen sie nach des Tages Last und Arbeit die willkommene Ruhe finden sollten. Waren ihre Sinne doch so scharf, daß sie längst einen einsamen Fußgänger entdeckt hatten, der etwa zweihundert Schritte weit vor ihnen hastig seinen Weg verfolgte und den zwischen ihm und dem Fuhrwerk bestehenden Zwischenraum zu vergrößern trachtete. Und dabei war er ihnen entgegengekommen, gerade, als ob er sie sehnsüchtig erwartet hätte, um sie demnächst im Kruge anzumelden und für eine gediegene und freundschaftliche Aufnahme zu sorgen. Es hatte wirklich den Anschein, als sei es ihm mit der Anmeldung Ernst gewesen, denn das Fuhrwerk war noch lange nicht heran, da schlüpfte er schnell seitwärts von der Chaussee in den Stall hinein, dessen Thür er kurz zuvor im Vorbeigehen halb geöffnet hatte. Im Stalle, welchen er nicht besetzt fand, trat er sogleich vor die Krippe hin, und eine Schachtel aus der Tasche ziehend, leerte er deren Inhalt in dieselbe aus, so, daß der ganze Boden mit einer dünnen Lage des weißen Pulvers bedeckt wurde. Dann trat er wieder auf die Chaussee hinaus, wo er den Frachtwagen ganz in der Nähe klappern hörte, und unverzüglich schlug er den Weg nach der Stadt ein. Niemand hatte ihn gesehen oder sein Thun bemerkt; selbst der getreue Hechsel, obgleich er sehr bedenklich im Stalle umherschnupperte, vermochte nicht zu errathen, was der Fremde, der eben erst dort gewesen, eigentlich gewollt haben könne. Noch weniger aber ahnte es der Kärrner. Nachdem er sich bei dem Knecht des Kruges erkundigt, ob keine kranken Pferde in dem Schuppen gestanden hätten, leerte er einen Eimer Wasser in die Krippe aus und dann erst führte er die drei dampfenden Holsteiner vor dieselbe hin. Der gute, alte Braun, er liebte seine Holsteiner zärtlich, und nur um den erhitzten Thieren nicht zu schaden, entzog er ihnen vorläufig den freien Genuß des Wassers, wogegen er ihnen den einen Eimer voll zur Theilung überließ, nachdem er den kleinen Labetrunk zuvor nach guter Fuhrmannssitte vorsichtig mit einer Handvoll geschnittenen Strohfutters und Hafer vermischt hatte. Die drei Holsteiner aber verstanden dergleichen Aufmerksamkeiten sehr wohl zu würdigen, denn das Wasser war sammt Hafer und Strohfutter aus der Krippe verschwunden, noch bevor der gute Braun zum zweiten Male zu seinem Futtersack gegriffen hatte, um nunmehr seinen Lieblingen in Hülle und Fülle aufzutischen. Und als diese dann munter darauf einhieben und den Hafer und die zwischen demselben verstreuten Erbsen und Gerstenkörner krachend zermalmten, da begab Braun sich in das warme Gastzimmer, um sich zu stärken und seine handfesten Speisen durch ein Gläschen oder zwei zu würzen. Hechsel, der unterdessen bei dem Wagen Schildwache saß, wurde ebenfalls nicht vergessen, und das verzogenste Schoßhündchen hätte sich der Speisen nicht zu schämen brauchen, welche der Kärrner ihm herausbrachte, nicht zu gedenken des schönen Knochens, welchen die Frau des Krügers der Mahlzeit beifügte, damit das getreue Thier sich vor dem Schlafengehen noch ein Stündchen angenehm beschäftigen möge. So wurde für Alle gesorgt und Jedem wurde sein Recht, dem Kärrner aber zuletzt, indem es mit zu seinem Recht gehörte, eine Pfeife zu rauchen, bevor er sich unter der Krippe ins Stroh warf, um gleich bei der Hand zu sein, wenn die Zähne nicht mehr mahlten und behagliches Schnauben verkündete, daß die Teller leer seien. Heute erschien es indessen, als ob die Pferde nicht mit ihrem gewöhnlichen Appetit, und wie sie angefangen hatten, ihre Mahlzeit beendeten. Die zweite Krippe voll, trotzdem Braun mehrfach aufgestanden war und höchst einladend mit beiden Händen in dem feuchten Futter gerührt hatte, wollte gar nicht leer werden; dagegen begannen die Thiere ungeduldig mit den schweren Hufen zu stampfen, gerade, als ob sie bei grünem Kleefutter des Guten zu viel gethan hätten, so daß dem Kärrner angst und bange dabei wurde. Als sie aber endlich lange vor der festgesetzten Zeit sich niederlegten, wieder aufsprangen und sich wieder stöhnend hinwarfen, da wußte Braun, daß nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen sei und ihm zum mindesten eine schlaflose Nacht bevorstehe. Es war ihm zwar schon öfter ein Pferd auf der Reise erkrankt; allein alle drei auf einmal? Das war zu viel für seine Begriffe, das konnte unmöglich von selbst gekommen sein, es mußte durchaus, wie er wohl zwanzig Mal betheuerte: »successive seinen Haken haben.« Und seinen Haken hatte es, und einen triftigen, schwerwiegenden Haken obenein, aber um den zu entdecken, da hätte der biedere Kärrner ein anderer Mensch sein müssen. Nicht als ob er nicht scharfsinnig gewesen wäre, nein, keineswegs; aber hätte man ihm den wahren Thatbestand mit allen nur denkbaren Eiden zugeschworen, so würde er ihn dennoch bezweifelt haben, hätte sein ehrliches Herz sich gesträubt, sich mit einem solchen Gedanken vertraut zu machen. Er hatte wohl schon von Mord und Brandlegung gehört, allein ein hinterlistiger Angriff auf harmlose Thiere? Nein, das ging in der That über seine Begriffe. – Aufrecht und steif, wie eine Porzellanfigur, saß Frau Kathrin am Fenster vor ihrem Nähtischchen; ein beinah fertiger, weiß baumwollener Strumpf befand sich zwischen ihren Händen, und wer nur einigermaßen mit ihrem Wesen vertraut war, der erkannte leicht an den Bewegungen der Stricknadeln, daß heimliche Unruhe sie erfüllte. Anna, die bereits am Vormittage bei dem Professor gespielt hatte, saß seitwärts von ihr. Auch sie empfand Besorgniß, doch äußerte sie dieselbe unverhohlen, indem sie von Zeit zu Zeit von ihrem wollenen Riesenstrickzeug aufsah und die Blicke auf die feuchte Straße hinaussandte. »'s kann etwas am Wagen gebrochen sein,« bemerkte Frau Kathrin, und ihre Stimme klang viel weicher, als vor ungefähr sechs Wochen, »eins der Pferde hat vielleicht ein Hufeisen verloren, und Schmiede und Stellmacher sind nicht immer bei der Hand.« »Ihm selbst wird doch nichts zugestoßen sein?« fragte Anna, und ihre klaren blauen Augen richteten sich zutraulich auf das ernste, bleiche Antlitz. Frau Kathrin hob das Strickzeug empor, als sei eine Masche gefallen, welche sie mühsam aufzunehmen trachtete. Sie wollte sich durchaus nicht zu Gefühlsäußerungen hinreißen lassen, allein der zärtliche Ton der süßen Mädchenstimme war zu viel für ihren eisernen Willen. Sie zuckte einige Male mit dem Kopfe, wie zur Probe; plötzlich aber kehrte sie ihr Antlitz der lieblichen Gefährtin voll zu, und auf demselben ruhte ein zwar leichtes, dabei aber doch so herzliches Lächeln, als hätten zu gleicher Zeit Thränen der Freude und des verhaltenen Wehs in ihre Augen dringen wollen. »Du hältst wohl ein großes Stück auf den alten rothbärtigen Kärrner?« fragt sie, ohne die Arbeit ihrer gewandten Finger einzustellen. »Der gute Vater Braun,« antwortete Anna, und in diesen vier Worten äußerte sich ihre ganze Anhänglichkeit für den Abwesenden. »Mit Recht: der gute Braun,« bekräftigte Frau Kathrin, »aber wenn du meinst, daß ihm etwas zugestoßen sein könnte, dann kennst Du den Christian schlecht. Der hat eine Natur, wie unsere drei Holsteiner zusammengenommen; aber sieh einmal an, Schätzchen, wie Du Dich um den Braun sorgst, 's klingt zwar, wie Kindergeplauder, und doch bist Du, wenn ich dich so ansehe, lange kein Kind mehr.« »Ist das Eifersucht?« fragte Anna mit wunderbar lieblich neckischem Ausdruck. »Nein, nein, Schätzchen, liebe Du meinen Mann so viel Du nur willst und kannst,« erklärte Frau Kathrin, als hätte sie Anna's Bemerkung für Ernst genommen; »'s thut seinem alten, treuen Herzen gar zu wohl, wenn er weiß, daß ihm Jemand gut ist, namentlich Jemand, an dem er seine Freude hat. Habe mich schon daran gewöhnt, daß Du ihm über Alles gehst – hast Du lange nichts von Deinem Freunde Johannes gesehen oder gehört?« »Seit er das letzte Mal hier war, nicht,« antwortete Anna schnell, und wie tiefe Wehmuth zog es durch ihre Seele, »es ist bereits acht Tage her. Ich möchte mich persönlich nach ihm erkundigen, allein er hat es mir untersagt. Der arme Johannes, er sah so traurig, so krank aus, – ich bin seinetwegen recht besorgt, wenn ihm nur keine ernste Krankheit droht.« »Eine Krankheit? Nein, das glaube ich weniger, Schätzchen,« bemerkte Frau Kathrin, und sie senkte einen forschenden Blick in Anna's Augen, »freilich, sehr frisch sieht er nicht aus, allein das mag wohl von dem vielen Studiren herkommen. Wäre er nur nicht so eigensinnig, könnte ihm schon geholfen werden, und Eigensinn ist es doch nur, daß er sich nie mit uns zu Tische setzt. Wo drei satt werden, findet auch der Vierte noch zur Genüge; er könnte immerhin dreimal in der Woche bei uns essen –« »Ach nein, Eigensinn ist es nicht, was uns die Möglichkeit abschneidet, ihn zu unterstützen,« fiel Anna traurig ein, »weit eher ein gewisser Stolz, für welchen ich keine rechte Erklärung finde; wird es mir doch nicht peinlich, mich von Ihnen mit Wohlthaten überhäufen zu lassen.« »Kind, wer spricht hier von Wohlthaten?« grollte Frau Kathrin, und heftiger und unbarmherziger arbeiteten die Stricknadeln. »Du erhältst Wohnung und Kost, wofür Du mich redlich bezahlst, und damit fertig; wir sind keine reichen Leute, und Dir etwas zu schenken, liegt weder in meiner, noch in meines Mannes Absicht.« Anna neigte sich tiefer über den Riesenstrumpf, um ihr Erröthen zu verbergen. Ihr war ja nicht fremd, zu wessen Besten regelmäßig das Geld von ihr eingefordert wurde. »Dann hat er auch wohl aus Stolz des Professors Anerbieten, gegen Entschädigung dessen Bibliothek zu ordnen, zurückgewiesen?« fragte Frau Kathrin nach einer Pause. »Ich glaube fast,« versetzte Anna nachdenklich, »mir gestand er, daß der Professor ihm, trotz seiner wunderlichen Laune, ausnehmend gefalle; daß er selbst aber nicht fähig sei, Bücher zu ordnen, die längst geordnet wären, noch weniger, Bezahlung dafür zu nehmen. Ich versuchte, seine Zweifel zu verscheuchen, allein er sah mich so freundlich bittend und zugleich so entschieden an, daß ich fürchtete, ihn zu verletzten; ich schwieg daher lieber.« »Merkwürdig, sehr merkwürdig,« bemerkte Frau Kathrin unzufrieden, »er ist und bleibt indessen jedenfalls der rechtschaffenste junge Mann, welchen ich je gesehen habe und dem ich das Beste wünsche. Nun, der Herr Professor entdeckt vielleicht andere Mittel, denn der Herr Professor ist ein grundgelehrter Mann.« Anna blickte sinnend zum Fenster hinaus; eine Bemerkung über des Kärrners verlängerte Abwesenheit schwebte ihr wieder auf den Lippen, als ein Miethswagen vorfuhr und gleich darauf ein betreßter Diener eintrat, welcher sich nach Fräulein Anna Werth erkundigte. Frau Kathrin musterte den Menschen mit bösen, argwöhnischen Blicken während Anna sich erhob und ihn freundlich fragte, was ihn zu ihr führe. »Ich komme von dem Herrn Professor Mövius,« hob der Diener ehrerbietig an, »wohin ich von meiner Herrschaft geschickt wurde, um mich nach Ihrer Wohnung zu erkundigen. Meine Herrschaft hat sich wegen einer guten Klavierlehrerin an den Herrn Professor gewendet, und da meinten der Herr Professor, es wäre dem Fräulein vielleicht angenehm, gleich zu meiner Herrschaft zu fahren und Rücksprache mit derselben zu nehmen. Der Wagen draußen steht zu des Fräuleins Diensten und wird Sie nach beendigtem Besuch wieder hierher zurückbringen.« Anna erröthete vor Freude über die neue Gelegenheit, ihre Zeit zu verwerthen, und sich halb nach Frau Kathrin umwendend, die für weiter nichts mehr in der Welt, als für ihren Strickstrumpf, Sinn zu haben schien, fragte sie schüchtern, wer die Herrschaften wären. »Der Herr und die Frau Geheimerath Lester,« antwortete der Diener höflich. »Wenn der Herr und die Frau Geheimerath was wünschten, hätten sie sich selbst herbemühen können,« bemerkte Frau Kathrin feindselig, ohne den Diener eines Blickes zu würdigen. »Aber ich thue doch wohl gut, mich ihnen vorzustellen?« fragte Anna leise. »Du mußt's am besten wissen,« ertönte es kalt und gleichgültig von den bleichen Lippen, denn der Diener durfte ja nicht ahnen, daß in der hageren Gestalt mit dem verschlossenen Antlitz ein Herz wohne. »Ist es weit von hier?« wendete Anna sich an diesen, sobald sie aus Frau Kathrins Worten deren Zustimmung glaubte errathen zu haben. »Eine ziemliche Strecke,« hieß es zurück. »Treffe ich die Herrschaft jetzt zu Hause?« »Das Fräulein werden erwartet.« »In höchstens einer Stunde könnte ich also wieder zurück sein,« sagte Anna heiter und aufmunternd zu Frau Kathrin, »und dann habe ich hoffentlich die Freude, unseren Herrn und Gemahl hier zu finden.« »Das Fräulein wird gleich erscheinen!« herrschte Frau Kathrin den Diener so herausfordernd an, daß selbst Anna über den plötzlich veränderten Ausdruck erschrak, der Diener dagegen, kaum fähig, ein höhnisches Grinsen zu unterdrücken, sich schnell aus der Thüre und auf die Straße hinaus begab. »Unverschämter,« grollte Frau Kathrin, »für 'ne Kärrnerfamilie ist's wohl gut genug, wenn ein Lakai sich heimisch bei ihr fühlt; aber für eine Klavierlehrerin?« – – Sie hatte sich erhoben, und da Niemand anwesend war, der sie hätte beobachten können, scheute sie sich nicht, eigenhändig ihrem Schützlinge den Mantel umzuhängen, den Hut etwas nach ihrem eigenen Geschmack zurecht zu zupfen und ihr dabei streng an's Herz zu legen, daß sie durchaus keinen Grund habe, sich von den Leuten geringschätzig behandeln zu lassen, und daß sie augenblicklich umkehren möge, sobald man ihr auch nur mit einer Miene unfreundlich begegne. Mit vor die Thüre hinaus ging Frau Kathrin schon der Nachbaren wegen nicht; aber vom Fenster aus beobachtete sie eifersüchtig, wie Anna mit Hülfe des Dieners einstieg und der Wagen davonrollte. »'s ist nur Miethsfuhrwerk und ein aufgeputzter Lohndiener,« bemerkte sie mit dem geringschätzigsten Emporwerfen ihrer schmalen Lippen, »mag ein schöner Geheimerath sein.« Dann blickte sie ernst auf ihre Arbeit nieder, wie um die verschwiegenen Nadeln zu Mitwissern ihrer verborgensten Gedanken zu machen, und nur gelegentlich spähte sie flüchtig durch's Fenster nach der Richtung hinüber, in welcher der hochgewölbte Frachtwagen mit den drei Holsteinern, der biedere Christian Braun und endlich auch der getreue Hechsel erscheinen mußten. Doch die Zeit verrann und die mit so viel Gewißheit Erwarteten kamen nicht. Eine Stunde, zwei Stunden verstrichen, und Frau Kathrin saß noch immer an ihrem Fenster. Nicht nur die Straße abwärts, sondern auch aufwärts spähte sie, denn Anna blieb ihr ebenfalls schon viel zu lange, und vergeblich suchte sie sich zu erklären, weßhalb sie von den fremden Leuten bis in die Nacht hinein aufgehalten werde. Dunkle Nacht war es freilich noch nicht, aber die Dämmerung stellte sich ein und immer schwieriger wurde es für die großen blauen Augen, in weiterer Entfernung die Gegenstände auf der Straße zu unterscheiden. Wo nur die Anna bleiben mochte? Für den alten Braun war vorläufig noch kein Grund zur Besorgniß vorhanden, denn der wußte sich als erfahrener Kärrner in allen Lagen zu rathen und zu helfen, aber Anna, die noch so unbekannt in der großen, großen Stadt! Wenn man sie, anstatt nach Hause zu fahren, einfach fortgeschickt hatte und sie sich dann verirrte? Und dabei war sie so unerfahren, so schön, so leicht vertrauend, und wenn hundert Engel über sie wachten, so blieb sie doch immer den entsetzlichsten Gefahren preisgegeben! Noch ein Weilchen kämpften die Stricknadeln mit verdoppelter Wuth unter einander, dann wanderten sie, nachbarlich in dem Knäuel steckend und liebreich von dem weißen Strumpf umschlungen, in den geräumigen Arbeitskorb, worauf Frau Kathrin einen altmodischen Hut und einen ebenfalls schon bejahrten Mantel aus dem Schrank nahm und sich reisefertig machte. Alles dieses verrichtete sie, ohne vorher Licht angezündet zu haben. Ihr, die genau wußte, wo jede Stecknadel lag, genügte die durch die Fenster hereinfallende Beleuchtung der Straßenlaterne. Als sie nach einigen Minuten bereit war, blieb sie mitten in der Stube stehen. Der Schein der Laterne fiel gerade auf ihr hageres Antlitz, auf welchem eine tiefe Besorgniß ausgeprägt war. »Wohin zuerst gehen?« fragte sie sich leise, »wo treffe ich sie am schnellsten? Beim Professor,« beantwortete sie mit wachsendem Zorn ihre Frage, »er muß mir sagen können, wo die sauberen Geheimeraths wohnen, denn auf seine Veranlassung –« Sie war auf den Hausflur hinausgetreten, wo sie den Namen der Magd nach der Küche hineinrief. Diese kam eiligst zum Vorschein. »Ich gehe fort,« sagte Frau Kathrin ernst und streng, »achte daher aufs Haus, und wenn mein Mann oder das Fräulein eintreffen, dann sorge recht pünktlich für sie. Kannst ihnen übrigens sagen, ich sei recht verwundert gewesen – recht sehr verwundert; ich hätte nur einige kleine unwesentliche Besorgungen und würde bald zurück sein.« Oh! Wie Frau Kathrin wiederum einmal kaltblütig ihr freventliches Spiel mit der Wahrheit trieb! »Recht verwundert,« wiederholte sie still für sich, als sie auf die Straße hinaustrat und aufwärts und abwärts spähend, weder von dem Kärrner, noch von Anna eine Spur entdeckte. »Recht verwundert,« sprach sie abermals, indem sie die nach der Wohnung des Professors führende Richtung einschlug. Hätte sie gesagt: »schrecklich besorgt,« so würde das weit besser zu dem zwar leisen, jedoch sehr ängstlichen Tone ihrer Stimme gepaßt haben, und zu der Unruhe, welche sich in ihren großen Augen, wie in jedem einzelnen ihrer Züge ausprägte. – Sechszehntes Capitel. Der Wohnungswechsel. Mit geschmackvoller Einfachheit gekleidet saß Frau von Birk in ihrem Empfangszimmer, als ein Wagen vor dem Hause anhielt. »Es ist also geschehen,« seufzte sie, und wie entkräftet sanken die Hände mit der zwischen denselben befindlichen Stickerei in ihren Schooß. Starr blickte sie vor sich nieder. Dir Farbe kam und wich von ihren noch immer anmuthigen Zügen, während ihr Busen sich krampfhaft hob und senkte, verrathend den heftigen Kampf, welcher in ihrem Innern tobte. »Dazu auserkoren, ihm das unschuldige Opfer in die Hände zu liefern,« sprach sie schmerzlich bewegt, »nun, wie Gott will – geht es über meine Kräfte – so will ich selbst das Opfer sein.« Es klingelte. Alsbald erschien die Aufwärterin, Fräulein Anna Werth anmeldend. »Ich bitte näher zu treten,« antwortete Frau von Birk, indem sie sich erhob, und in der nächsten Minute stand Anna vor ihr, das ihr zugekehrte schöne, jedoch tief bekümmerte Antlitz mit erwartungsvoller Theilnahme betrachtend. »Sie waren so gütig, mich hierher zu bescheiden,« begann sie schüchtern, doch bevor sie weiter zu sprechen vermochte, hatte Frau von Birk, förmlich überwältigt durch den Anblick der vertrauensvollen Unschuld, welche ihr so lieblich aus Anna's freundlichen Augen entgegenstrahlte, ihr die Hand gereicht, sie bittend, neben ihr auf dem Sopha Platz zu nehmen. »Sie wünschten, mich wegen Musikunterricht zu sprechen, Frau Geheimeräthin,« wiederholte Anna ihre Anrede, obwohl befremdet über den stummen Empfang, mit ungekünsteltem und daher doppelt bezauberndem Anstande. Frau von Birk wendete sich ab, wie um neue Kräfte zu der ihr aufgezwungenen Aufgabe zu sammeln, doch schnell sich Anna wieder zukehrend, hob sie an: »Bevor ich zu dem eigentlichen Zweck Ihres Hierseins übergehe, liebes Fräulein, erlauben Sie mir, eine kurze Erklärung von Umständen voranzuschicken, welche Sie anderen Falls vielleicht beängstigen möchten.« Hier schöpfte sie tief Athem, wobei sie, vor dem besorgten Ausdruck, mit welchem Anna zu ihr aufsah, die Augen verwirrt niederschlug. »Sie brachten einen Brief Ihrer verstorbenen Mutter an den Rechtsanwalt Alvens?« fragte sie dann mit mühsam errungener Fassung. »Ich übergab ihn nicht persönlich,« antwortete Anna und banges Erstaunen prägte sich in ihrem holden Antlitz aus, »nein, ich übergab ihn nicht selbst, sondern ein braver, rechtschaffener Mann, in dessen Haus und Familie ich liebreiche Aufnahme fand, war so gütig, den Brief an seine Adresse zu befördern.« »Braun, der Kärrner Braun,« versetzte Frau von Birk schnell, »ehrenwerthe Leute, bei welchen Sie vortrefflich aufgehoben sind, obwohl es kaum in den Wünschen Ihrer edlen Mutter gelegen hat, daß Sie gerade dort ein Unterkommen finden möchten.« »Ich sehne mich nicht fort,« entgegnete Anna verwirrt und von bangen Ahnungen beschlichen, »hätte aber meine arme Mutter jene Leute gekannt, würde sie gewiß meinen Entschluß, bei ihnen zu bleiben, gebilligt haben. »Ich wage nicht, Ihre Angabe zu bestreiten, liebes Fräulein,« erwiderte Frau von Birk, und es wurde ihr schwer, es auszusprechen, »doch haben Sie etwa den Brief Ihrer Mutter gelesen?« »Meine Mutter hatte ihre besonderen Gründe, mir den Inhalt zu verschweigen, und nie dachte ich daran, nach demselben zu forschen.« »Sie handelten mit der einer treuen Tochter würdigen Pietät, und dennoch sind gerade in Folge jenes Briefes Umstände und Verhältnisse eingetreten, welch es dem Empfänger zur Pflicht machen, Sie wenigstens theilweise von den letzten Wünschen Ihrer um Sie so namenlos besorgten Mutter zu unterrichten. Sie sollen indessen zu nichts gedrängt werden; ich erlaube mir nur, Sie zu fragen, ob Sie bereit sind, die betreffenden Erklärungen jetzt entgegen zu nehmen?« Anna sann eine Weile nach. Obwohl Frau von Birk in der liebreichsten Weise zu ihr sprach, sehnte sie sich weit fort von ihr. Die ihr gezollte Theilnahme vermochte den unbestimmten Argwohn nicht zu verscheuchen, welcher sich in ihrer Seele zu regen begann; die Zweifel aber, welche sie bestürmten, spiegelten sich deutlich auf ihrem Antlitz, als sie nach geraumer Zeit zögernd antwortete: »Der Brief war an den Herrn Rechtsanwalt Alvens gerichtet –« »Ganz recht,« fiel ihr Frau von Birk in's Wort, »es muß Sie natürlich befremden, daß nicht er, sondern eine Ihnen Fremde diese Angelegenheit zur Sprache bringt. Erkennen Sie indessen darin nur die zartesten Rücksichten des Herrn Alvens, der nach reiflichem Ueberlegen vorzog, Sie durch mich auf die Ihnen bevorstehenden Eröffnungen vorbereiten zu lassen.« »Durch meine Gastfreunde ist mir bereits der Rath des Herrn Alvens übermittelt worden, meinen jetzigen Aufenthaltsort mit einem anderen zu vertauschen,« versetzte Anna schnell, während ihr Herz sich krampfhaft zusammenzog. »Und sie sind nicht darauf eingegangen, ich weiß es,« entgegnete Frau von Birk mit einem matten Lächeln, »doch lassen wir das vorläufig, liebes Kind, und halten sie sich überzeugt, daß keine Bestimmungen über Ihre Zukunft getroffen werden, welche nicht mit Ihrem Willen und Wünschen im Einklang stehen. Kommen wir indessen noch einmal auf den Brief zurück,« fuhr sie erleichterten Herzens fort, als sie zu entdecken glaubte, daß Anna neuen Muth gewann, »und da muß ich Ihnen vor allen Dingen eröffnen, daß in Folge einer letztwilligen Verfügung Ihrer verstorbenen Mutter, die Vormundschaft über Sie auf Herrn Alvens übergegangen ist.« »Er mein Vormund?« rief Anna sichtbar erschreckt aus, während ihre Augen sich umflorten. »Kennen Sie ihn nicht?« fragte Frau von Birk verwirrt. »Gesehen habe ich ihn wohl,« lautete die ängstliche Antwort, »doch geahnt hätte ich nie – auch nicht gewünscht, daß er mir so nahe treten möchte. Es mag tadelnswerth von mir sein, allein ich kann das Vorurtheil nicht besiegen, welches ich dadurch gegen ihn faßte, daß er schon damals zwischen mich und meine Wohlthäter treten wollte.« Ueber Frau von Birks Antlitz flog es wie ein Schimmer heimlichen Triumphes; in der nächsten Sekunde hatte der Ausdruck bitterer Ergebung wieder die Oberhand gewonnen. »Sie beurtheilen ihn zu hart,« sprach sie mit innerem Widerstreben, »wenn Sie ihn erst genauer kennen, werden Sie milder über ihn denken – ich hoffe es – zuversichtlich – denn mit Ihnen meint er es aufrichtig und gut, und dann stehen ihm auch weitreichende Mittel zu Gebote, Ihre Zukunft sicher zu stellen. Ich kenne leider die Verhältnisse nicht genau genug, um Ihnen eine ausführlichere Erklärung zu geben; nur so viel scheint fest zu stehen, daß Ihre verstorbene Mutter manches ihr Gebotene nicht für sich in Anspruch nahm, nur um es Ihnen zuzuwenden. Die Vortheile, deren Sie sich fortan erfreuen werden, sind also gewissermaßen eine Erbschaft Ihrer Mutter, welche anzutreten Sie keinen Augenblick zaudern dürfen. Ihnen Letzteres mitzutheilen, bin ich von Ihrem väterlichen Freunde ausdrücklich beauftragt, damit es Sie nicht befremdet, wenn Ihre Lage sich plötzlich in glänzendster Weise umgestaltet.« So lange Frau von Birk sprach, lauschte Anna mit angehaltenem Athem, als ob sie ihren Sinnen nicht getraut hätte, und immer schärfer trat auf ihren erregten Zügen die Bangigkeit hervor, welche sie beseelte. Dann aber belebte sich ihr Antlitz wieder, in ihren klaren Augen flammte es empor, wie das Erwachen eines in der holden, fast noch kindlichen Gestalt schlummernden festen Willens, und sich Frau von Birk zukehrend, fragte sie mit wunderbar ruhiger Entschiedenheit: »Derjenige, der mich mit Reichthum und Glanz umgeben möchte, dessen Hülfe und Beistand meine Mutter verschmähte und an den ich mich nur im äußersten Nothfall wenden sollte, ist es Herr Alvens selbst?« »Diese Frage zu beantworten, liegt nicht in meiner Macht,« versetzte Frau von Birk überzeugend, »ich kann Ihnen nur das offenbaren, was ich selbst weiß. Im Uebrigen muß ich Sie nothgedrungen an Ihren Herrn Vormund verweisen.« »Ich fühle mich nicht veranlaßt, Herrn Alvens mit Fragen zu belästigen,« erwiderte Anna nicht minder bestimmt, »ich bin mit meinem jetzigen Loose vollkommen zufrieden, und wenn meine Mutter ihre Beweggründe hatte, die ihr vielleicht aufgedrungenen Wohlthaten zurückzuweisen, so sind diese mir unbekannten Beweggründe auch maßgebend für mich. Sie haben wohl die große Güte, Herrn Alvens dies mitzutheilen. Für das Wohlwollen, mit welchem er die Vormundschaft übernommen hat, sage ich ihm meinen aufrichtigen Dank, hege indessen die Hoffnung, daß ihm diese Vormundschaft nicht viel Mühe verursacht. Gehören doch nur wenige Unterrichtsstunden dazu, meine Unabhängigkeit zu sichern, und der Anfang ist ja schon gemacht.« Die letzten Worte begleitete sie mit einem so süßen, gleichsam selbstbewußten Lächeln, daß Frau von Birk sie hätte an ihre Brust ziehen, sie um Verzeihung bitten mögen für die Täuschung, zu welcher sich herzugeben ein finsteres Geschick sie gezwungen hatte. »Ich erwarte Herrn Alvens noch heute,« sagte sie nach kurzem Nachdenken, wie zweifelnd, »er kann in jedem Augenblick eintreffen.« »So bin ich wohl gar nicht des zu ertheilenden Unterrichtes wegen hierher beschieden worden, Frau Geheimeräthin?« fragte Anna besorgt. »Nein, nicht wegen des Unterrichtes,« antwortete Frau von Birk, vor Scham tief erröthend und kaum verständlich, »auch bin ich keine Geheimeräthin,« fügte sie hinzu, die Blicke unwillkürlich vor den unschuldvollen blauen Augen senkend, »ich bin die Wittwe eines früh verstorbenen Officiers – Herr Alvens hat lange geschwankt, bevor er sich zu dem Ihnen gewiß seltsam erscheinenden Schritt entschloß – Sie begreifen, in den verschiedenen Volksschichten weichen die Ansichten sehr von einander ab, und Ihre alten Gastfreunde mögen noch so rechtschaffen und ehrenwerth sein, so dürfen Sie durch dieselben bei wichtigen Beschlüssen doch nicht beeinflußt werden. Aber auch die Gefühle der biederen Leute zu schonen, lag in Herrn Alvens' Absicht, und da er selbst keine Familie besitzt, so habe ich mich auf seine Bitten bereit erklärt, Sie bei mir aufzunehmen.« »So bin ich getäuscht worden,« sprach Anna leise und von unbestimmter Furcht erfüllt. »Ja, Sie sind getäuscht worden,« gab Frau von Birk zu, »aber glauben Sie mir, einen schweren Kampf hat es mich gekostet, bevor ich einwilligte, mich an dieser Täuschung zu betheiligen. Nur das feste Vertrauen, daß für Sie unberechenbare Vortheile auf dem Spiele stehen, hat mich überhaupt dazu bewegen können. Und dann – ja, liebes Fräulein – es ließ sich fast voraussetzen, daß Sie schwerlich hierher gekommen wären, wenn nicht –« »Nein, ich wäre gewiß nicht gekommen,« fiel Anna hastig ein, »oder ich hätte Jemand gebeten, mich zu begleiten; das Vertrauen zu meinem künftigen Vormunde aber kann unmöglich dadurch befestigt werden, daß man mich unter falschen Vorspiegelungen hierherlockte.« Der bittere Vorwurf, der in Anna's Worten lag, und die Blicke beleidigter Unschuld, welche sie, während sie sprach, auf Frau von Birk richtet, erschütterten diese tief. Nur die Ueberzeugung, daß Alvens' Pläne an der instinctartigen Abneigung und dem erwachenden Selbstgefühl des jungen Mädchens scheitern würden, hielt sie ab, einem unwiderstehlichen Drange folgend, mit rückhaltloser Offenheit zu dem arglosen Opfer zu sprechen; aber mit der unbestimmten Absicht, wenigstens für sich selbst Anna's Vertrauen zu gewinnen, ergriff sie nach einigem Zögern deren Hand mit Innigkeit. »Herr Alvens muß bald eintreffen,« begann sie sichtbar verlegen, »Sie dürfen dann einer ausreichenden Erklärung mit Zuversicht entgegensehen. Betrachten Sie sich daher vorläufig nur als meinen Gast, als meinen lieben Gast, von welchem ich wünsche, daß er sich, wenn auch nur auf ganz kurze Zeit, heimisch bei mir fühlen möge.« »Ich versprach, innerhalb einer Stunde zurück zu sein, und diese Stunde ist bereits abgelaufen,« versetzte Anna mit wachsender Unruhe. »Man weiß Sie in guten Händen,« tröstete Frau von Birk, indem sie sich erhob und nach dem mitten in dem Zimmer stehenden Flügel hinschritt. Sie hatte indessen ihre Absicht, das Instrument zu öffnen und durch dessen Klang Anna's Aufmerksamkeit zu fesseln, noch nicht ausgeführt, als es draußen klingelte und gleich darauf Alvens mit unverkennbarer Eile eintrat. »Mein liebes Kind!« rief er in väterlichem Tone aus, nachdem er Frau von Birk flüchtig, jedoch sehr höflich begrüßt hatte, »wie freue ich mich, Sie endlich in einer Umgebung zu sehen, die etwas mehr mit den Ansprüchen im Einklänge steht, welche Sie mit Recht erheben dürfen! Seien Sie mir willkommen, herzlich willkommen in diesem Hause, in der Wohnung meiner treuen, langjährigen Freundin, die auch Ihnen eine treue, eine mütterliche Freundin sein wird!« und scheinbar tief gerührt ergriff er Anna's Hände, dieselben innig drückend und ihr wohlwollend in die erstaunten Augen schauend. »Ja, mein liebes Kind,« fuhr er für einen Vormund fast zu stürmisch fort, und schmeichelnd legte er die eine Hand auf das Haupt des rathlos dastehenden jungen Mädchens, »ich segne das Andenken Ihrer verewigten Mutter, die sich in ihren letzten Lebenstagen ihrer ergebenen Freunde erinnerte und Sie namentlich meinem Schutz anvertraute. Ich sprach nicht früher zu Ihnen darüber, mein liebes Kind, weil ich vorher in Ihrem Interesse Einiges zu regeln wünschte, und das ist mir endlich gelungen – vielleicht wurde Ihnen schon mitgetheilt, daß die Vormundschaft über Sie nunmehr in meinen Händen ruht?« »Die gnädige Frau waren so gütig,« antwortete Anna verwirrt, denn die Zärtlichkeit des ihr fast fremden Mannes, welchen sie von der Familie Braun nicht geliebt wußte, ängstigte sie. »Gut, mein liebes Kind,« versetzte Alvens, das bebende Mädchen zu Frau von Birk hinführend, welche ihn und Anna abwechselnd mit tödlicher Spannung beobachtete, »Sie sind also vorbereitet und werden Vertrauen zu mir fassen, zu mir und zu Ihrer mütterlichen Freundin, welche Ihnen ein ganzes Herz voll Liebe entgegenträgt.« »Ich – ich soll hier bleiben?« fragte Anna entsetzt, und ihre Hand dem Rechtsanwalt entziehend, wich sie scheu einen Schritt zurück, »ich soll hier bleiben, wohin man mich unter falschen Vorspiegelungen lockte? Nein, mag später von denjenigen, die ein Recht dazu haben, über meine Zukunft beschlossen werden, was da wolle, heute bleibe ich nicht, kann ich nicht bleiben! Ich bitte daher, mir zu gestatten, mich sogleich zu entfernen – ich finde den Weg allein und zu Fuß – ich würde überhaupt nie wieder von einem unbekannten Wagen Gebrauch machen.« Während Anna dies mit einem Ausdruck sagte, in welchem heimliche Angst und innere Entrüstung gleichsam im Kampfe mit einander lagen, griff sie nach Hut und Mantel, als Alvens wieder vor sie hintrat und sie mit freundlicher Ruhe bat, auf seine Worte zu achten. »Ihre Anhänglichkeit an die braven Brauns gereicht Ihnen zur größten Ehre,« begann er, »und ich bin gewiß der Letzte, der störend in ein Verhältniß eingreifen möchte, welches die Vorsehung so recht mit vollem Bedacht geschaffen zu haben scheint. Wenn ich aber trotzdem darauf bestehe, als Ihr Vormund darauf bestehe, daß Sie fortan dieses Haus als Ihre Heimath betrachten, so geschieht das nicht etwa in Folge einer flüchtigen Laune, sondern nach langem, reiflichem Erwägen, und nachdem ich die Ueberzeugung gewonnen, das Beste für Sie erwählt zu haben. Ihre auf ungewöhnliche Art in's Werk gesetzte Uebersiedelung dagegen werden Sie vollkommen gerechtfertigt finden, wenn ich Ihnen betheure, daß ich Scenen zu vermeiden wünschte, welche nothwendiger Weise bei allen Betheiligten einen unfreundlichen Eindruck zurückgelassen hätten. Sie selbst müssen einräumen, daß der biederherzige Kärrner und seine etwas excentrische Frau in manchen Dingen sehr schwer zu überzeugen sind, und gerade Sie hätten bei einzelnen Meinungsverschiedenheiten am meisten gelitten. Nun aber ist Alles geordnet, und die Zukunft wird und muß Sie belehren, daß füglich kein anderer Weg eingeschlagen werden konnte, wenn Ihre Gefühle geschont und zugleich Ihre fernere Wohlfahrt nicht vernachlässigt werden sollte. Um Sie indessen gänzlich zu beruhigen, mein liebes Kind, begebe ich mich heute noch zu Ihren Freunden, um sie von Ihrem Wohlergehen in Kenntniß zu setzen, sie zu trösten und sie zu bitten, Ihrem Glücke nicht hindernd entgegenzutreten. Auch Ihre Sachen soll man schicken oder – wenn Sie es wünschen – selbst bringen, und sind Sie nach einigen Tagen geneigt, die guten Leute zu besuchen, so wird Frau von Birk die Güte haben, Sie in einem Wagen zu begleiten.« Hier schwieg Alvens; es wurde eben eine Lampe hereingebracht und auf den Tisch gestellt, bei deren Schein er zu erforschen trachtete, welche Wirkung seine Worte auf Anna ausübten. Diese schien ihren Sinnen noch immer nicht zu trauen, als sie vernahm, daß sie sich als eine Gefangene zu betrachten habe. Wie Rath erflehend blickte sie zu Frau von Birk hinüber, die sich abgewendet hatte, als sei es ihr peinlich gewesen, wie Alvens sein Recht als Vormund geltend machte, für Anna ein Beweis, daß sie sich in der Gewalt Jemandes befand, der, mochte er es nun gut oder böse meinen – weder ihre Neigungen noch Wünsche berücksichtigte. »Ich sollte wirklich nicht mehr zu meinen Freunden heimkehren dürfen?« fragte sie endlich zagend, nicht länger im Stande, ihre Thränen zurückzuhalten. »Es dient zu Ihrem Besten, mein liebes, gutes Kind,« erwiderte Alvens, indem er versuchte, sich wieder Anna's Hand zu bemächtigen, was ihm nicht gelang, da jene, wie von Widerwillen beseelt, scheu zurückwich, »ja, nur zu Ihrem Besten,« wiederholte er, seinen Unmuth dadurch verbergend, daß er mit dem Taschentuch leicht über sein Gesicht hinfuhr, »fügen Sie sich daher in das Unabänderliche und trösten Sie sich mit dem Gedanken, daß meine Handlungsweise später Ihre volle Billigung finden wird.« »Nie wird sie das!« rief Anna aufflammend aus; im nächsten Augenblick aber hatte die Weichheit ihres Gemüthes wieder die Oberhand gewonnen, und ihre Hände faltend, fuhr sie leiser fort: »Ich füge mich heute, weil ich nicht anders kann, weil es dennoch möglich ist, daß die Bestimmungen meiner Mutter –« »Ja, ja, mein liebes Kind,« nahm Alvens schnell die letzte Bemerkung auf, »wenn Sie selbst an die Verklärte erinnern, darf ich wohl andeuten, daß ich nur streng im Sinne der Ihnen zu früh Entrissenen handle und in diesem Bewußtsein weniger schmerzlich den Vorwurf empfinde, welcher mir in Ihren Thränen schwer auf die Seele fällt.« Anna sah vor sich nieder. Was Alvens sprach, klang so aufrichtig, so wohlmeinend, und dennoch vermochte sie nicht, Vertrauen zu ihm zu fassen. Solche Empfindungen äußerten sich auch im Tone ihrer Stimme, als sie, die Augen schwermüthig aufschlagend, derer gedachte, die zur Zeit wohl besorgt nach ihr ausschauten und sich vergeblich ihr Ausbleiben zu erklären suchten. »Würden mir auch morgen Hindernisse in den Weg gelegt werden, wenn ich –?« fragte sie, doch stockte sie, als sie in Alvens' Zügen die gefürchtete Antwort las, und wie Rettung von ihrem nächsten Einwand erhoffend, rief sie mit ergreifender Bangigkeit aus: »Aber meine Musikstunde bei dem Herrn Professor! Es wird mir doch nicht verwehrt sein, meinen eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen?« »Auch daran habe ich gedacht,« erwiderte Alvens beruhigend, »ich nahm Veranlassung, mit dem Professor Ihretwegen Rücksprache zu nehmen, und nach Schilderung Ihrer Lage pflichtete er mir bei, daß Sie füglich hinfort keinen Unterricht mehr ertheilen dürften.« Indem Alvens dies sagte, machte er sich einer groben Unwahrheit schuldig; allein so groß war die Gewalt der Seelenreinheit, welche ihm aus Anna's ängstlich forschenden Augen entgegenstrahlte, daß er deren Blicke nicht ertragen konnte. Wie in Vorahnung eines heftigen Gefühlsausbruches, welchen zu beschwören er Frau von Birk anheim zu geben gedachte, traf er mit seltsamer Hast Anstalt, sich zu entfernen, und da Niemand nach ihm das Wort ergriff, fuhr er, sich zum Aufbruch rüstend, mit seinen Entschuldigungen und Trostesgründen fort: »Gern bliebe ich noch länger,« begann er, und diesmal gelang es ihm wirklich, Anna's Hand zu ergreifen und flüchtig zu drücken, »allein ich fühle mit Ihnen, daß Ihre Freunde über Ihr Ausbleiben beruhigt werden müssen. Mein erster Gang soll daher zu ihnen sein. Ich überlasse Sie unterdessen der Fürsorge meiner hochverehrten Freundin; und Sie, meine gnädige Frau, Ihnen könnte ich nicht warm genug an's Herz legen, sich meines theuern, elternlosen Schützlings mütterlich anzunehmen, hätte ich nicht schon sovielfach Ihren hohen Edelmuth kennen gelernt.« Dann verneigte er sich tief vor Frau von Birk, und nachdem er, wie von seiner väterlichen Hinneigung übermannt, Anna im Vorbeigehen zutraulich auf die Schulter geklopft, trat er auf den Corridor hinaus. Lange stand Anna wie versteinert auf derselben Stelle, die Blicke starr auf die Thür gerichtet, durch welche ihr Vormund verschwunden war. Erst als unten die Hausthür mit dumpfem Schlage zufiel, schien sie wieder zum vollen Bewußtsein ihrer Lage zu erwachen. Mit einer hastigen Bewegung wendete sie sich Frau von Birk zu; Worte des Vorwurfs und Aeußerungen der namenlosesten Seelenangst schwebten ihr auf den Lippen, allein sie wurde entwaffnet und beruhigt durch den Ausdruck der innigsten Theilnahme und des Mitleids, mit welchem Frau von Birk sie betrachtete. »Sagen auch Sie, daß ich hier bleiben muß?« fragte sie kummervoll, »o, ich sehe es, Sie werden mir keinen Zwang auferlegen, Sie werden Mitleid mit mir und den guten Brauns haben –« »Die Macht eines Vormundes reicht zu weit, als daß ich wagen dürfte, störend in seine Anordnungen einzugreifen,« fiel Frau von Birk Anna in's Wort, deren Bitten ihre Seele, wie ebenso viele Geißelhiebe trafen; »das Einzige, was ich Ihnen bieten kann, das soll Ihnen im vollsten Maße werden, nämlich ein Herz voll Liebe, welches Ihnen in allen Verhältnissen und Lagen des Lebens mit unerschütterlicher Treue zur Seite steht.« »Sie sagen das so schwermüthig, Sie betrachten mich so traurig und mitleidig!« rief Anna schmerzerfüllt aus, »harret meiner denn wirklich ein so trübes Loos, daß Ihr Mitleid dadurch wachgerufen wird?« »Meine Schwermuth, mein Mitleid?« fragte Frau von Birk zögernd, denn die Vorstellung, daß Anna in ihrer Seele gelesen haben könne, verwirrte sie, »o, glauben Sie mir,« fuhr sie alsbald ruhiger fort, »meine Erfahrungen sind wohl der Art, daß die Traurigkeit leicht Eingang bei mir findet; Ihnen dagegen lächelt noch des Lebens hoffnungsreichste Zeit – mißtrauen Sie indessen einem wankelmüthigen Glück; lassen Sie sich nicht durch Scheinglanz verblenden, und bei Allem, was Sie je unternehmen oder beschließen, folgen Sie stets allein den Eingebungen Ihres Herzens, denn Ihr Herz – es kann Sie nicht täuschen, kann keinen Mißgriff begehen.« »Wie soll ich meinen Neigungen folgen, wenn ich gefangen gehalten werde?« fragte Anna träumerisch, denn wie Räthsel erschienen ihr die eben vernommenen Worte; »man lockt mich aus mir lieb gewordenen Verhältnissen fort, ohne für nöthig zu halten, nach meinem Willen zu fragen; man gestattete mir nicht einmal, die zum gewöhnlichsten Alltagsleben fast unentbehrlichen Gegenstände mitzunehmen –« »Sie finden hier Alles, was Sie bedürfen,« erwiderte Frau von Birk tröstend, »es soll Ihnen Nichts fehlen. Wo aber Ihr Herr Vormund vielleicht als Mann nicht gleich den rechten Weg zu finden weiß, wo ein weibliches Urtheil und die Erfahrungen einer schwer geprüften Frau von Nutzen sein können, da, liebes Fräulein, werde ich über Sie wachen, werde ich Ihnen treu zur Seite stehen, und sei es auch nur, um mich mit dem Bewußtsein einer letzten gewissenhaften Pflichterfüllung in's Grab zu legen. An Ihnen dagegen ist es, schon allein um Ihrer selbst willen, mir zu vertrauen, und ich trete für Sie ein mit derselben Opferwilligkeit, als ob ich Ihre leibliche Mutter wäre.« So lange Frau von Birk im Auftrage Alvens' handelte, war es ihr nicht gelungen, das erwachende Mißtrauen ihrer Schutzbefohlenen zu verscheuchen. Sobald sie aber ihr eigenes Herz sprechen ließ, mit rückhaltloser Offenheit ihre wahren Gefühle äußerte, schwand der Argwohn aus dem Herzen Anna's. Heiße Thränen entstürzten ihren Augen, und als ob sie weiteren Trost von ihr erwartet hätte, duldete sie, daß jene sie in ihre Arme schloß und sanft neben sich auf das Sopha niederzog. Sie, die bisher die Kraft nicht besessen hatte, sich den Fesseln zu entwinden, welche Alvens mit hinterlistiger Berechnung um sie legte, in diesem Augenblick war sie bereit, den edelsten Regungen, welche in ihrer Brust lebten, mit Hintenansetzung ihres starren Stolzes, ihrer ganzen Scheinexistenz, blindlings freien Spielraum zu gewähren. Zu oft aber schon hatte sie ihre ernstesten Vorsätze vor Alvens Blicken und Worten in Nichts zusammensinken sehen. Alvens selbst befand sich um diese Zeit in der Nachbarschaft von des Kärrners Gehöft. Er näherte sich demselben nur so weit, wie nöthig war, sich von dem Nichteintreffen des Frachtwagens zu überzeugen; dann trat er munter und guter Dinge den Heimweg an. »Alles glückt,« murmelte er zufrieden, »und unter dem trostreichen Zuspruch meiner alten verständigen Freundin wird sich das kleine holde, widerspänstige Wesen zur Zeit wohl schon so weit getröstet haben, daß es weniger zornig des gestrengen Herrn Vormundes gedenkt.« Der gute Alvens, wie glaubte er doch, Alles so schlau ausgedacht und eingeleitet zu haben. Siebzehntes Capitel. Der neue Vormund. Vierundzwanzig Stunden waren seit Anna's Uebersiedlung nach Frau von Birks Wohnung verstrichen, und noch immer schwebte man im Hause des Kärrners in Ungewißheit über das Geschick des allgemeinen Lieblings. Die Besorgniß aber, welche man empfand, wurde dadurch erhöht, daß der Professor Frau Kathrin nicht nur keine Auskunft über Anna's Verbleib ertheilt hatte, sondern sich auch hoch und theuer vermaß, weder Anna selbst, noch einen Geheimerath, noch eine Geheimeräthin oder endlich Alvens gesehen und noch weniger gesprochen zu haben. Er flocht sogar einige bittere Bemerkungen ein, wie unvorsichtig man handle, wildfremde Menschen zu sich in's Haus zu nehmen und auf deren Dankbarkeit zu rechnen. Dann schalt er auf die Brauns und auf sich selber, daß sie sich wieder einmal zu einer grenzenlosen Dummheit hätten verleiten lassen; daß dieses aber auch das letzte Mal gewesen und nichts in der Welt ihn jemals dazu bewegen würde, sich um irgend einen Menschen auf der Erde zu kümmern, und wenn er direct vom Himmel herunterkomme. »Sie wird wohl ihren Vortheil davon gehabt haben, Ihre einfache Häuslichkeit aufzugeben,« schnaubte er Frau Kathrin zu, als diese rathlos vor ihm stand und ihn aufforderte, ihr bei der Wiedererlangung des Mädchens behülflich zusein. Frau Kathrin aber entgegnete ihm mit schneidender Schärfe, daß er von jungen Mädchen weit weniger verstehe, als sie selbst von seinen abscheulichen Todtenköpfen und Gerippen, worauf sie noch boshafter hinzufügte, daß ihr an der Heimkehr ihrer jungen Hausgenossin außerordentlich viel gelegen sei, um den Leuten keine Ursache zu fadem Geschwätz und spöttischen Nachreden zu geben, was sie, trotz ihrer großen Mühe, sie zurückzudrängen, sehr feindselig durch einige verrätherische Thränen bekräftigt. Doch auch dem Professor kündigte sie an, daß man ihn verlachen werde, weil er sich sechs Wochen hindurch habe etwas vorspielen lassen, um es endlich wieder zum allgemeinen Gespött aufzugeben. »Was kümmern mich die Leute und ihr Gespött?« brauste der Professor auf, »ich weiß, was ich in deren Augen bin, und mein schönes Orang-Utang-Skelett wette ich gegen den Brustknochen Ihres abscheulichen Haushahns, daß Ihre Anna sich in diesem Augenblick, wer weiß wo, über Sie sammt Ihren Herrn Gemahl weidlich belustigt, und daß ich selbst nicht minder nur der bucklige Professor für sie bin!« »Wenn Sie das meinen, Herr Professor!« erwiderte Frau Kathrin ebenso heftig und zornbebend, »dann muß ich Ihnen leider erklären, daß Sie es auch für mich sind!« Wüthend sprang der Professor empor. Frau Kathrin aber hatte bereits die Bibliothek verlassen, um schnell heimzukehren, wo während ihrer Abwesenheit Anna vielleicht eingetroffen war. – – Nachdem der Professor einige Male auf- und abgeschritten war, blieb er endlich vor dem Orang-Outang stehen, dem er, wie um sein aufgeregtes Blut dadurch zu beruhigen, lange sehr ernst in die leeren Augenhöhlen schaute. »O, diese Kathrin,« sprach er laut und vernehmlich, als hätte das Skelett die Fähigkeit besessen, seine Worte zu hören und zu verstehen, »zwar etwas excentrisch, dabei aber eine ganz vortreffliche Frau. Und das arme liebe Kind! Hm, hm, wer wird dem alten buckligen Professor hinfort die Grillen aus dem Kopfe spielen und ihn dafür in freundliche Träumereien wiegen? Hm, es muß Alles zu ihrer Rettung aufgeboten werden, denn die Gefahren, welche solch' anmuthigem Kinde in dem Moraste der Residenz drohen, sind zu groß, zu entsetzlich.« – »Ein ganz ausgezeichneter Mann, dieser bucklige Professor,« sprach auch Frau Kathrin in Gedanken, als sie beflügelten Schrittes nach Hause eilte, »zwar etwas wunderlich, allein wenn ein Mensch ein gutes Herz besitzt und uns in unserer Noth beisteht, dann ist er's – wenn nur die Pferde erst zu Hause wären!« Doch die Pferde kamen nicht, und Braun kam nicht, und beinah ein ganzer Tag verstrich, ohne daß es dem Professor gelungen wäre, eine Spur von dem entschwundenen Mädchen zu entdecken; die Hülfe der Polizei aber wollte er nicht in Anspruch nehmen, aus freundlicher Rücksicht für die Entschwundene selbst. – Genau vierundzwanzig Stunden waren dahin gegangen, seitdem der Miethswagen vor des Kärrners Behausung vorfuhr, als der Herr Rechtsanwalt Alvens behaglich in seinem angenehm durchwärmten Cabinet saß und nach Abfertigung seiner Clienten und Schreiber sich wiederum mit der Durchsicht einiger alten amerikanischen Briefe beschäftigte. Er war recht heiter gestimmt, denn man hatte ihm die verbürgte Kunde übermittelt, daß seine Schutzbefohlene sich an ihre Umgebung zu gewöhnen beginne, zugleich aber war ihm gerathen worden, sich noch einige Tage fern zu halten, um den ersten Eindruck, hervorgerufen durch den gezwungenen Wohnungswechsel, mehr verwischen zu lassen. Außerdem hatte er erfahren, daß der Kärrner Braun zwar im Laufe des Tages heimgekehrt sei, auch seinen Wagen und seinen Hechsel mitgebracht habe, ersterer dagegen von drei Pferden gezogen worden sei, die mit den drei Holsteinern gerade so viel Aehnlichkeit hatten, wie der doppelnasige Hechsel mit einem Windspiel, oder der breitschulterige Kärrner selbst mit einem Actenständer. Was aus den Holsteinern geworden, wußte er freilich nicht; dies zu erforschen war es indessen früh genug, wenn er sich zu den Brauns begab, um ihnen anzuzeigen, daß er nunmehr in aller Form des Rechts die Vormundschaft über Anna übernommen habe und es für deren weitere Ausbildung mehr, als wünschenswerth sei, den Verkehr mit ihr auf längere Zeit abzubrechen. »Ha, diese Gesichter, wenn sie erfahren, daß ich schließlich dennoch meinen Willen durchgesetzt,« schmunzelte er vor sich hin, und nachdem er seine weißen Hände ein Weilchen wohlgefällig betrachtet hatte, gelangte er zu dem höchst wichtigen Schluß, daß den langen Nägeln eine kleine Nachhülfe mit dem Rücken des Federmessers durchaus nicht schade. »Ja, diese Gesichter, namentlich das der grimmigen alten Xantippe,« wiederholte er, und zierlich spitzten sich seine Lippen vor lauter Eifer, welchen er seinem geliebten Fingerschmuck zuwendete. Es hatte draußen geklingelt, und gleich darauf wurde der Kärrner Braun angemeldet. »Soll eintreten,« befahl Alvens, indem er das Messer zur Seite legte und aus einem offenen Schubfach die beiden auf den Namen Braun lautenden Schuldverschreibungen hervorzog. Kaum aber hatte der Diener das Cabinet verlassen, da flog eine helle Schadenfreude über sein glattes Gesicht. »Das macht sich ja schneller, als ich dachte,« verlieh er unbewußt seinen Gedanken Ausdruck, »spart mir wirklich den weiten Weg – hat Unglück gehabt mit den Pferden, bedarf mindestens sechshundert Thaler, um neue anzuschaffen, und ich soll helfen: O, o, 's paßt nicht gut zu einander, Klaviere, Klavierlehrerin und Schulden – ei, ei, ei, man wird vornehm – kann unmöglich in Amerika gut geheißen werden.« Es klopfte bescheiden; gleich darauf stand der Kärrner vor ihm, vor heftiger innerer Erregung seinen lackirten Tresorkasten zwischen den klobigen Fäusten drehend und wendend, als hätte er ihn zu einem leichten Postillonshütchen umgestalten wollen. »Ah, mein lieber Braun, was bringen Sie Gutes?« rief Alvens mit freundschaftlicher Herablassung aus, indem er sich mit dem beweglichen Stuhlsitz halb herumschwang, »ich beabsichtigte, Ihnen morgen einen Besuch abzustatten, und freue mich daher doppelt, Sie schon heute hier zu sehen. Hoffentlich ist Alles wohl und munter bei Ihnen? Aber was fehlt Ihnen? Was bedeutet Ihr verändertes Aussehen? Nehmen Sie nur den Stuhl dort und geniren Sie sich nicht.« »Was ich mit Ihnen abzumachen habe, Herr Rechtsanwalt,« entgegnete Braun, sobald ihn jener zu Worten komme ließ, und zugleich riß er in herausfordernder Weise seinen rothen Borstenkragen um mindestens anderthalb Zoll weiter aus dem geblümten Halstuche hervor, »was ich mit Ihnen abzumachen habe, ja, das kann ich successive auch im Stehen besorgen, und bitte ich daher den Herrn Rechtsanwalt, sich lieber meinetwegen nicht zu geniren.« Alvens gedachte der drei Holsteiner und empfand ein heimliches Grausen; denn des Kärrners Stimme klang so merkwürdig drohend, als hätte er ihm eine furchtbare Anklage zuschleudern wollen. Doch gewandt in allen nur denkbaren gerichtlichen Täuschungen, kostete es ihn auch hier nur einige Sekunden, um seine volle Fassung zurückzugewinnen. »Aber mein Gott, was ist Ihnen, alter Freund?« versetzte er mit meisterhaft erheuchelter Besorgniß, »kann ich Ihnen rathen und helfen, so sprechen Sie es unumwunden aus. Sie wissen, schon allein unserer gemeinschaftlichen amerikanischen Beziehungen wegen bin ich bei Ihnen mehr, als bei jedem Andern bereit, meine Zeit zu opfern.« »Und Sie fragen noch, Herr Rechtsanwalt?« erwiderte der Kärrner, und niederwärts flogen die eine Braue und der eine Mundwinkel; »um die amerikanischen Beziehungen scheere ich mich den Teufel; aber die Anna will ich zurück haben, die Anna, die ebenso wenig Lust verspürt, nach Ihrer Pfeife zu tanzen, wie ich mich willig finden lasse, sie successive an Sie abzutreten!« »Mann, wer sagt Ihnen, daß ich Lust habe, ein mir fern stehendes junges Mädchen nach meiner Pfeife tanzen zu machen?« fragte Alvens erleichterten Herzens zurück. »Lauter Advokatenkniffe!« polterte der Kärrner, und sein rothes Gesicht lief kirschbraun an, »gesagt, hat's mir freilich Niemand, aber weil der Herr Rechtsanwalt schon früher einmal davon sprachen, die Sorge für die Anna zu übernehmen, da denke ich –« »Nun ja, mein lieber Freund,« fiel Alvens zustimmend ein, und je hitziger der Kärrner wurde, um so ruhiger kreiste sein eigenes Blut, »ich gebe zu, daß ich weiß, wo Fräulein Werth sich zur Zeit befindet; ich gebe ferner zu, daß sie auf mein Anstiften von Ihnen fortgeholt wurde, und was hätten Sie dagegen einzuwenden?« »Ich?« rief Braun entrüstet aus, und sein Mund beobachtete auf kurze Zeit die ihm von der Natur ursprünglich angewiesene Richtung, während die beiden hellblauen Augen wild funkelten; »was ich einzuwenden hätte? Nun ja, ich habe zuerst einzuwenden, daß Sie das Kind überhaupt fortgeholt haben; ferner, daß die Anna mit List fortgelockt wurde, und drittens, daß Sie überhaupt kein Recht besitzen, sich in meinen Hausstand einzudrängen, und das Geringste, was Sie jetzt thun können, ist, daß Sie noch heute die Anna zurückschicken und das ist meine Meinung, und ich denke, Sie werden mich verstanden haben!« »Sie gebrauchen harte Worte gegen mich, mein lieber Braun,« erwiderte Alvens gelassen, sobald der Kärrner schwieg, »ja, sehr harte Worte; allein es ist Ihnen nicht zu verargen, im Gegentheil, die Besorgniß um das junge Mädchen gereicht Ihrem Herzen zur Ehre. Leider werden Sie sich aber in das Unabänderliche fügen müssen, indem die Vormundschaft ernstlich darauf besteht, daß Fräulein Werth sich in solchen Kreisen bewege, in welchen sie sich auch fortzubilden vermag. Daß Ihre einfache Häuslichkeit zu solchen Zwecken nicht ausreicht, brauche ich wohl kaum zu erwähnen, dagegen werden Sie durch mich aufgefordert, gelegentlich Fräulein Werths Sachen herauszugeben und mir zugleich Ihre Auslagen in Rechnung zu stellen.« Eine Weile schaute der Kärrner sinnend vor sich nieder; er ordnete offenbar in Gedanken das Gehörte, und dann antwortet er zwar fest, jedoch nicht frei von unbestimmten Besorgnissen: »Ich sollte in Rechnung stelle, was wir dem Kinde successive und aus reiner Liebe gegeben haben? Ich sollte mir bezahlen lassen den Segen, welchen die Anna mir und meiner Frau in's Haus brachte? Nein, Herr Rechtsanwalt, da kennen Sie den Braun schlecht. Ich stelle ebenso wenig eine Rechnung aus, wie ich auch nur ein Halstuch von ihr herausgebe, sie möchte denn selbst kommen und mir's abverlangen. »Bedenken Sie wohl, mein lieber Freund,« ermahnte Alvens, »das junge Mädchen kann in Verhältnissen geboren sein, welche ihm nicht gestatten, von irgend Jemand Geschenke anzunehmen; und dann vergessen Sie nicht, Sie haben in jüngster Zeit Ausgaben gemacht, welche sich drüben kaum rechtfertigen lassen – ich beziehe mich beispielsweise auf das Klavier – und auf Ihrem Gehöft ruhen zwei schwere Hypotheken, die Ihnen gekündigt werden können, und Sie wissen: Unglück schläft nicht; ich will nur einmal annehmen, eins Ihrer werthvollen Pferde fiele, wie sollte es dann wohl werden?« »Ob eins oder alle Pferde zum Henker gehen, Herr Rechtsanwalt,« fuhr der Kärrner wieder zornig auf, »Sie sind der Letzte, der Schaden davon hätte, und wenn die Anna bei mir bleiben will, so hat das mit ihren Verhältnissen gar nichts zu schaffen, und wäre sie successive auf einem Throne geboren. Ich will das Mädchen heraus haben, trotz aller Advokatenkniffe, und belästige ich Sie daher um weiter nichts, als um den Namen ihres neuen Vormundes, das Andere wird sich dann schon mit der Zeit finden.« Alvens drehte sich mit einem bedauernden Seufzer sammt seinem Sitz nach dem Schreibtische um, legte sehr bedächtig die beiden Schuldverschreibungen neben einander vor sich hin, und zog noch ein drittes Schreiben aus dem offenen Schubfach, welches er langsam entfaltete und den beiden ersten beifügte. »Um die Sache schnell in's Klare zu bringen,« hob er im Geschäftstone an, »muß ich Sie bitten, mir einige Fragen zu beantworten, wonach ich Ihnen eine kurze und bündige Erklärung ertheilen werde.« Dann las er scheinbar in den Documenten, worauf er kalt und theilnahmlos fragte: »Sie sind mit anderen und schlechteren Pferden heimgekehrt, als diejenigen waren, mit welchen Sie die Reise antraten?« »Das soll wohl sein, Herr Rechtsanwalt.« »Haben Sie Ihre guten Pferde verkauft oder vertauscht?« »Was ich mit meinen Pferden beginne, kümmert weder Sie, noch irgend einen anderen Menschen; ich räume Niemand das Recht ein, sich in meine Familienangelegenheiten zu mischen.« Alvens zuckte ungeduldig die Achseln und fuhr fort: »Ihre Meinung bestreite ich nicht, guter Freund; ich erlaube mir nur, mich in Ihre Familien- und Pferdeangelegenheiten zu mischen, weil Vorkommnisse, wie die angedeuteten, zuweilen dazu dienen, den Credit des gewissenhaftesten Mannes zu erschüttern.« »Meinen Credit?« lachte der Kärrner bitter, und der Borstenkragen erlitt eine Behandlung, als seien alle Widerwärtigkeiten von ihm allein ausgegangen; »ich möchte denjenigen sehen, der es wagte, meinen Credit zu bezweifeln. Ich schulde Niemand einen Pfennig; die Zinsen für die auf meinem Grundstück haftenden Lasten bezahle ich stets drei Tage vor dem Termin; 'n paar hundert Thaler liegen beständig lose im Kasten, und wer trotzdem noch an meinem Credit rütteln möchte, dem will ich zeigen, was der Credit eines ehrlichen Mannes successive bedeutet.« »Und dennoch ist es geschehen, mein lieber Braun; man hat Ihr etwas großartigeres Auftreten böswillig ausgebeutet und mich beauftragt, Ihnen diese beiden Hypotheken zu kündigen.« Der Kärrner fuhr bei dieser Mittheilung erschrocken zurück, und als hätte er das Gehörte für unmöglich gehalten, blickte er starr auf die beiden Documente hin. »Dahinter steckt der verdammteste Schurkenstreich, der jemals erdacht wurde!« rief er endlich empört aus, »oder man hätte sich successive an mich selber gewendet, anstatt einen kostspieligen Advokaten zu Rathe zu ziehen!« »Sie irren sich, guter Freund,« wendete Alvens ruhig ein, »es sollen weder Ihnen, noch sonst Jemand Kosten daraus erwachsen. Die Wahrheit ist, der bisherige Besitzer der Documente befand sich in Verlegenheit, und da ihn von dem ihm so dringend nothwendigen Gelde die Kündigungsfrist trennte, so ließ ich mich herbei, ihm die Summe auszuzahlen. Nach dieser Erklärung wird es Ihnen wohl einleuchten, daß die wirkliche Kündigung nicht umgangen werden kann, und die Documente mit Verlust verkaufen –« »'s ist gut, Herr Rechtsanwalt,« fiel der Kärrner mit erzwungener Ruhe ein, obwohl seine eisenharten Gesichtsmuskeln unter den ihn bestürmenden Empfindungen zu erschlaffen schienen, »Sie haben gekündigt, und ich werde Ihnen bis auf den letzten Pfennig gerecht werden. Wunderbar bleibt's indessen immer, daß gerade Sie, der Sie mir so manches schöne gute Wort gegeben haben, mich successive in Verlegenheit stürzen möchten. Doch gleichviel; Ihr Geld erhalten Sie zur gesetzlichen Stunde, und müßte ich deshalb Haus und Hof verkaufen. Nun haben aber auch Sie die Güte, mir zu erklären, was die Hypotheken mit unserer Anna zu schaffen haben, und dann nennen Sie mir den Namen des Vormundes, der Ihnen wohl successive klar machen wird, was es bedeutet, ein junges Mädchen wider seinen Willen wer weiß wohin zu bringen. »Treten Sie einmal hierher,« versetzte Alvens mit unerschütterlicher Gelassenheit, und zugleich schob er das zuletzt hervorgesuchte Schreiben vor den Kärrner hin, »lesen Sie gefälligst, was hier geschrieben steht.« Braun näherte sich dem Tische, seine Fäuste auf die gekrümmten Kniee stemmend, neigte er sich über denselben hin, und langsam und bedächtig entzifferte er Wort für Wort das vor ihm liegende Schreiben. Er hatte noch nicht die Hälfte der ersten Seite gelesen, als er sich plötzlich mit einer heftigen Bewegung emporrichtete und Alvens ein vor Zorn und Schreck erbleichendes Gesicht zukehrte. »Sie – Sie wären also selber der –?« fragte er verstört. »Der gerichtlich eingesetzte Vormund,« ergänzte Alvens mit versteckter Schadenfreude. »'s ist unglaublich,« brachte der Kärrner mühsam hervor, und mit der rechten, weit geöffneten Hand über sein breites Gesicht hinstreichend, fuhr er mit gedämpfter, heiserer Stimme, wie im Selbstgespräch fort: »freilich, da kann ich wohl nichts gegen Sie ausrichten, aber niederträchtig bleibt's, erstens mit den Hypotheken und dann mit dem Mädchen. Hm, 's ist aber successive noch nicht aller Tage Abend, und die Anna wird selber auch wohl noch ein Wörtchen mitreden dürfen. Wo haben Sie das arme Kind untergebracht?« fragte er darauf mit einem grimmigen Seitenblick auf den Rechtsanwalt. »Da ich als Vormund den Verkehr zwischen Ihnen und dem Mädchen abgebrochen wissen möchte,« antwortete dieser entschieden, »so können Sie wohl kaum erwarten, mit Fräulein Werths Wohnung bekannt gemacht zu werden.« Braun zuckte nun seinerseits geringschätzig die Achseln und ergriff den steifen Lederhut, der so lange auf seinem Stuhl gestanden hatte. »Sie fürchten, ich würde mich da eindrängen, wo Sie ein größeres Recht haben, als ich?« bemerkte er halb traurig, halb trotzig, »o, da kennen Sie den Braun schlecht. Sie haben mich einschüchtern wollen, und das ist Ihnen successive nicht ganz gelungen; so fest aber vermögen Sie das Kind nicht einzuschließen, daß es seinen Weg nicht zu uns zurückfände. Aufgeben thu' ich's wenigstens nicht, und müßte ich mich deshalb an meinen Bruder wenden, der Ihnen gewiß manchen Thaler zu verdienen giebt.« So sprechend kehrte er sich der Thür zu, und ohne ein Wort des Abschieds, das Haupt betrübt gesenkt und über den Verlust seines »Schätzchens« grübelnd, begab er sich auf den Heimweg. – Sobald Alvens sich allein sah, athmete er tief auf, wie Jemand, der sich nach einer schweren Arbeit recht erschöpft fühlt. Dann verwahrte er sehr sorgfältig die drei Documente, die sich in seiner Verhandlung mit dem Kärrner so gut bewährt hatten. »Dieser Starrkopf will sich an seinen Bruder wenden,« sprach er in Gedanken, »an seinen Bruder, mit dem er es längst verdarb; und nimmt die Geldangelegenheit und den Fall seiner Pferde so leicht, als ob er über Hunderttausende zu verfügen hätte! Wird sich indessen wundern.« Er erhob sich und die zu seinem Geheimsecretair führende Thür öffnend, warf er einen Blick in das Zimmer. Beltram saß tief geneigt über seine Arbeit. Das wirre Haar war ihm über die Stirne gesunken und beschattete die blutunterlaufenen Augen, die mit der Regelmäßigkeit einer Maschine der über das Papier eilenden Feder nachfolgten. Nichts deutete darauf hin, daß er das ganze Zwiegespräch zwischen Alvens und dem Kärrner erlauscht hatte; denn die seltsame Röthe der Augen und das leidenschaftliche Zucken der sinnlich aufgeworfenen Lippen konnten ebenso gut von der anhaltenden eifrigen Arbeit herrühren, wie von der gebückten Stellung vor dem Schlüsselloch und den durch das Vernommene wild aufgeregten Leidenschaften. »Beltram!« rief Alvens, nachdem er sich einige Sekunden an dem unermüdlichen Fleiße seines Sklaven geweidet. Beltram sprang erschreckt empor. »Ich bitte um Verzeihung –« stotterte er verwirrt. »Schon gut, schon gut,« fiel Alvens mit billigendem Kopfnicken ein, »sind noch nothwendig zu erledigende Sachen eingelaufen?« »Seit Ihrer letzten Anfrage nicht.« »Um so besser; Sie haben doch nicht mißverstanden, Frau von Birk meinte daß heute und morgen mein Besuch in ihrem Hause nicht unumgänglich nothwendig sei?« »Sie rieth sogar davon ab.« »Sahen Sie das junge Mädchen?« »Fräulein Werth befanden sich wohl und schienen nicht unzufrieden mit ihrer Lage.« »So? Nun morgen in der Frühe, nachdem Sie hier geöffnet haben, begeben Sie sich wieder zu Frau von Birk, um sich in meinem Namen nach dem Befinden der gnädigen Frau und meines Mündels zu erkundigen. Bemerken Sie dabei: die Blumen, welche im Laufe des Tages eintreffen würden, seien diesmal ausschließlich für Letztere bestimmt.« »Sehr wohl, Herr Rechtsanwalt.« »Heute Abend dagegen, die Stunde bleibt Ihnen überlassen, mögen sie den Kärrner besuchen. Derselbe scheint sich über die Trennung von der jungen Dame nicht trösten zu können. Theilen Sie ihm daher mit, Fräulein Werth fühle sich glücklich und zufrieden, doch wohlverstanden: die Wohnung der Frau von Birk bezeichnen Sie ihm nicht, er würde sonst ohne Zweifel die Dame sehr belästigen. Sie brauchen überhaupt nicht zu thun, als hätte ich Sie geschickt. Nebenbei erkundigen Sie sich doch, weshalb Braun mit fremden Pferden heimkehrte; der gute Mann wird hoffentlich keinen Unfall mit seinen eigenen erlitten haben.« »Ich werde Alles pünktlich ausrichten.« »Ich baue fest auf Ihre Zuverlässigkeit; Sie wissen ja, wie sehr ich mich Ihrer opferwilligen Treue versichert halten darf.« Eine sengende Gluth schoß bei dieser Andeutung in das knochige, sommersprossige Gesicht, während ein leises Beben die engbrüstige Gestalt durchlief. Das Entsetzen, welches Beltram früher empfand, wenn Alvens ihn an seine Leibeigenschaft erinnerte, wurde übertroffen durch die Besorgniß: das Fehlen des furchtbaren Schriftstückes durch Zufall vor der Zeit entdeckt zu sehen. Alvens, befriedigt durch die äußeren Beweise der unerschütterlichen Treue seines Geheimsecretairs, empfahl diesem noch einmal, beim Verschließen der Thüren recht vorsichtig zu Werke zu gehen, worauf er sich nach kurzem Aufenthalt in dem Cabinet, nach seiner Wohnung begab. Eine halbe Stunde später verließ er das Haus, um nach seiner alten Gewohnheit erst gegen Morgen wieder heimzukehren. Bald nach seiner Entfernung polterten die Schreiber die Treppe des Hinterhauses hinunter, wogegen Beltram in bescheidenster, fast ängstlicher Haltung die breiten Stufen des Vorderhauses hinabschlich. – Achtzehntes Capitel. Ein unerwarteter Freund. Düster brannte die Lampe auf dem Tische vor dem Kärrner und seiner Frau, als sie mit vor Betrübniß gedämpfter Stimme des Mißgeschickes gedachten, welches sie betroffen hatte. Schwer lag es dem alten Braun auf der Seele, daß er seine auf unbegreifliche Weise plötzlich zugleich erkrankten drei Holsteiner in dem Kruge stehen lassen mußte; schwer lag es ihm auf der Seele, daß er verhindert gewesen, gleich am folgenden Tage die gemietheten Pferde zurückzubringen und sich von dem Ergehen seiner getreuen Holsteiner zu überzeugen. Schwerer, als dieses Alles bedrückte indessen sein Gemüth, daß man Anna, seinen Liebling, von ihm genommen hatte, ohne ihm die Hoffnung auf deren Wiederkehr zu gönnen, gerade als ob er, der einfache Kärrner, und seine Frau unehrlich gewesen wären, weil ihnen die feinen Manieren fehlten und sie weniger gelernt hatten, als andere Leute. Und dabei wußten sie doch, daß sie es so treu mit der jungen Waise meinten, und so gern wären sie bereit gewesen, zu arbeiten, zu schaffen und zu sparen, um, wenn es für nöthig befunden worden wäre, wer weiß was für Lehrer und Lehrerinnen für ihren Liebling anzunehmen. Und wenn man sie noch vorher befragt hätte! Allein auf solch' hinterlistige Weise? Nein, so konnten nur schlechte Menschen und Sünder behandelt werden, und keine rechtschaffene Leute. »Diesen Mann setzt mein Bruder zum Spion über uns ein, und diesem Manne schenkt er sein ganzes Vertrauen,« bemerkte Braun entrüstet, und der Dampf entwirbelte in kurzen Stößen seinen schief gezogenen Lippen und dem geschwärzten Maserkopf, als hätte er ein Heer grimmiger Gedanken aus seinem eigenen Kopfe herausräuchern wollen. »Und dieser Mann ist der Vormund unserer Anna,« ergänzte Frau Kathrin, kaum eine Muskel ihres hageren Antlitzes regend, während die Stricknadeln, wie ebenso viele Dolche arbeiteten, welche sich Alvens' Brust zur Zielscheibe wählten. »Ich werfe ihn successive aus dem Hause, wenn er sich wieder zum Spioniren einstellt,« grollte Braun finster, »und zu den Hypotheken wird sich schon Jemand finden, oder wir müßten nicht als ehrliche Leute bekannt sein.« »Wofür er das arme Kind quält,« warf Frau Kathrin, wie ein doppelschneidiges Messer dazwischen. »Hm, Du könntest vielleicht Recht haben, Kathrin, allein verwinden kann ich's doch nicht gut,« versetzte Braun, halb beipflichtend. »Hab's mir gleich gedacht,« lasen Frau Kathrins Augen aus dem weißbaumwollenen, halbfertigen Strumpfe, »fremde Menschen bringen nur Sorge und Noth in's Haus, und hättest Du die Anna nicht mitgenommen, wäre uns viel Verdruß« – »Kummer« wollte sie nicht gern sagen – »erspart worden, 's ist aber das letzte Mal gewesen, daß ich mich um Jemand kümmerte, der nicht in unser Haus gehört.« Brauns Riesenfaust fuhr kämmend durch den brandrothen, struppigen Bart, sein Mund verzog sich zu einem umgefallenen Paragraphenzeichen, worauf er sehr ernst bemerkte: »Du hast immer Recht, Kathrin, durch die Anna sind wir ganz aus dem Geleise gekommen, und wenn ich wieder einmal gerade solchem Kinde begegnen sollte –« »Das ist etwas Anderes,« entschieden die bleichen Lippen, und die kämpfenden Stricknadeln knisterten hörbar ihren Beifall, »solch' Mädchen kann man natürlich nicht seinem Schicksal überlassen.« Aus Brauns geöffnetem Auge strahlte eine heilige innere Zufriedenheit, während das geschlossene bitterlich zu weinen schien. »Das Pianum müssen wir wohl wieder fortbringen?« fragte er wehmüthig, während seine Finger mechanisch mit dem angebrannten Stückchen Papier spielten, welches er zum Anzünden seiner Pfeife benutzt hatte; »ich meine nur, von wegen der Erinnerung,« fügte er, wie entschuldigend hinzu. »Das Instrument bleibt hier,« sprach Frau Kathrin, ohne die Blicke zu erheben, »gerade zum Andenken bleibt es hier, und sollte ich all' mein Lebtag nicht wieder einen Ton von ihm hören.« »Wie Du meinst, liebe Kathrin,« versetzte Braun, indem er sich erhob und in der Stube auf und ab zu wandeln begann, »Du weißt, ich bin successive mit Allem zufrieden; außerdem kann uns die Anna wohl einmal heimlich besuchen – denn vergessen hat sie uns nicht – und dann werden ihre niedlichen Finger ganz gewiß nach Herzenslust auf den Klappen herumtanzen.« So sprechend öffnete er im Vorbeigehen das Klavier, und als er wieder vorbeikam, tupfte er behutsam mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf eine der Baßtasten. Ein tiefer, melodischer Ton zog durch das Gemach. Der Kärrner erschrak und blickte zu seiner Frau hinüber. Frau Kathrin war ebenfalls erschreckt zusammengefahren. »Nur mit einem Finger rührte ich's an, liebe Kathrin,« erklärte Braun beruhigend, »und mir war's als hätte die Anna aus dem Pianum gesprochen.« »Auch mir war's so,« entgegnete Frau Kathrin, »'s machen die Gedanken.« Braun näherte sich wieder dem Klavier, und durch den ersten Erfolg ermuthigt, vielleicht auch mit der unbestimmten Absicht, tröstend auf seine Frau einzuwirken, berührte er mit zwei Fingern vier neben einander liegende Tasten zugleich, einen mißtönenden Accord erzeugend. Bis in's Mark hinein getroffen von den unmelodischen Tönen, führte der Kärrner die beiden schuldigen Finger zwischen seine Zähne, wie um sie durch einen herzhaften Biß für den begangenen Frevel zu strafen. Dabei schielte das eine Auge gespannt zu Frau Kathrin hinüber, um zu erfahren, welchen Eindruck der Ohren zerreißende Accord auf sie ausgeübt habe. Diese hatte vor Schreck eine Masche fallen lassen und war eifrig bemüht, den Schaden wieder gut zu machen. »Anna verlangt nach uns,« bemerkte sie eintönig, es lag in den Tönen, sie hat um Hülfe gerufen.« »Ja, ja, in dem Pianum ist etwas von ihrem Leben zurückgeblieben,« pflichtete Braun traurig bei, indem er seinen Spaziergang fortsetzte. Mit einer gewissen Scheu streiften dabei seine Blicke im Vorbeigehen die Tasten des Instrumentes. Sie anzurühren wagte er nicht mehr; er fürchtete die klagenden Mißtöne. Längere Zeit verrann in dumpfem Schweigen, als die Stille des Hauses plötzlich durch das gellende Geräusch der Flurklingel unterbrochen wurde und Jemand bescheiden an die Stubenthür klopfte. Auf Brauns Ruf öffnete sich dieselbe, und die Mütze in der Hand und sich mit ängstlicher Höflichkeit verbeugend trat Beltram ein. Obwohl die beiden Kärrnersleute den Secretair des ihnen verhaßten Rechtsanwalts, der trotz seiner Unbeholfenheit stets ein so kriechendes Wesen zur Schau trug, mit unüberwindlichem Argwohn betrachteten, wurde ihm doch heute, namentlich von Seiten Brauns, ein weniger zurückschreckender Empfang zu Theil. Man hegte eben die heimliche Hoffnung, durch ihn etwas Näheres über Anna zu erfahren. Diese Hoffnung sprach sich wenigstens in der Weise aus, in welcher der Kärrner ihn zum Sitzen einlud und nach der Ursache seines späten Besuches fragte. »Ich komme heimlich und ohne Wissen und Willen meines Herrn Prinzipals,« antwortete Beltram, die kaum bemerkbaren Augenbrauen hoch nach der Stirne hinaufziehend und seine Kopfbedeckung verlegen zwischen den langen Fingern drehend, »ich laufe sogar Gefahr, meine Stelle zu verlieren, wenn er eine Ahnung von dem Zweck erhalten sollte, zu welchem ich mich hierher begeben habe.« Frau Kathrin gab durch trockenes Hüsteln ihren Unglauben zu erkennen; doch Beltram, nachdem er einen flehenden Blick durch die Scheiben seiner Brille auf die beiden Ehegatten geworfen und die Hand betheuernd auf das eingeengte Herz gelegt hatte, fuhr fort: »Es ist eigentlich nicht meines Amtes, mich um fremde Familienangelegenheiten zu kümmern, allein in diesem Falle ist mein Thun wohl gerechtfertigt. Es gilt nämlich, Fräulein Werth, für die ich eine ganz besondere Verehrung empfinde, einen großen Dienst zu leisten, und hoffte ich, auf Ihre gütige Beihülfe fest rechnen zu dürfen.« »Einen Dienst?« fragte Frau Kathrin mit schneidender, an Verachtung grenzender Kälte, und um recht gleichgültig zu erscheinen, stellte sie sich, als suche sie eine verloren gegangene Masche. »Und zwar einen großen Dienst, geehrte Frau Braun, wenn man es überhaupt einen Dienst nennen kann, einen Menschen der unerhörten Tyrannei eines Anderen zu entziehen und ihm seine volle Freiheit zurückzuerstatten.« »Wollen Sie etwa andeuten, daß Ihr Herr Alvens es wagt, unsere Anna schlecht zu behandeln?« fragte der Kärrner, indem er, wie um Beltram mit den Blicken zu durchbohren, seine ganze Sehkraft in das eine Auge legte. »Schlecht behandeln gerade nicht,« versetzte Beltram, vor lauter Bescheidenheit seine Brust noch mehr einengend und seine großen Füße weit unter den Stuhl zurückziehend, »allein es ist himmelschreiend, solch unschuldiges Wesen gegen seinen Willen in Haft zu halten, und das nur, weil man sich großen Vortheil davon verspricht.« »Vortheil?« riefen die Kärrnersleute fast gleichzeitig und mit demselben Erstaunen aus. »Vortheil, und zwar einen sehr großen,« bekräftigte Beltram, indem er mehrere zusammengefaltete Papiere aus der Brusttasche zog und vor sich auf den Tisch legte, »doch ich begreife, Sie können mir, einem armen bescheidenen Schreiber, keinen Glauben schenken, wenn ich Ihnen nicht zugleich die Beweismittel liefere. Ich habe an Alles gedacht, wie Sie sehen, hier sind sie. Nur um Eins möchte ich bitten, machen Sie keinen Gebrauch von dem Geheimniß, oder es ist um meine Existenz geschehen.« Braun versprach in seinem und seiner Frau Namen alles Mögliche, und Beltram, mit innerem Frohlocken das Wachsen des Vertrauens der beiden Gatten bemerkend, zog die großen Füße noch tiefer unter seinen Stuhl, worauf er anhob: »Wissen Sie etwa, in welchem Verhältniß Ihr Herr Bruder und Schwager zu Fräulein Werth steht?« »Mein Bruder?« – »Mein Schwager?« hieß es mit dem Ausdruck des Zweifels zurück, während die Blicke starr auf Beltram gerichtet blieben. »Kein Anderer,« erwiderte dieser geheimnißvoll, »denn auf seine Veranlassung allein hat Herr Alvens die Vormundschaft über das Fräulein an sich gerissen, auf seine Veranlassung allein hat er die Aermste aus Ihrem Hause entfernt, und auf seine Veranlassung wird sie fortan von Glanz und Ueberfluß umgeben sein. Sie zweifeln; gestatten Sie mir daher, um Ihnen die Wahrheit meiner Angaben zu beweisen, diese beiden Briefe vorzulesen, welche ich, trotz der Wachsamkeit des Herrn Alvens und trotz der mir im Falle meiner Entdeckung drohenden Gefahr, wörtlich abgeschrieben hab. Nur die innigste Theilnahme an dem Geschick Ihres Schützlings, und der Wunsch, das Fräulein wieder mit Ihnen zu vereinigen, haben mich dazu bewegen können, eine That zu begehen, die meinen Begriffen von Rechtschaffenheit so schnurstracks zuwiderläuft. Es ist Ihnen nicht fremd, daß Ihr Herr Bruder und Schwager mit Herrn Alvens im Briefwechsel steht?« Braun sowohl, wie Frau Kathrin vermochten nur durch bejahende Zeichen zu antworten, in so hohem Grade hatte das Vernommene sie überrascht und ergriffen. »Ich betrachte es als einen glücklichen Umstand, daß Ihnen dies bekannt ist,« fuhr Beltram kühner und zuversichtlicher fort, »'s wird mir dadurch erleichtert, Ihr Vertrauen zu gewinnen und gemeinschaftlich mit Ihnen die ferneren Schritte zu verabreden.« Dann nahm er die Briefe in derselben Folge, in welcher er sie abgeschrieben, und nachdem er die Lampe zu sich herangezogen und die Brille nach der Stirne hinaufgeschoben hatte, las er sie langsam und die hervorragendsten Stellen besonders betonend vor. Nach Beltrams Mittheilungen erhöhte die in dem ersten Briefe ausgesprochene Bestätigung der zwischen dem Bruder des Kärrners und Anna bestehenden Beziehung das Erstaunen der beiden Gatten kaum noch; dagegen prägte sich eine tiefe Bewegung auf ihren Zügen aus, als ihnen jene traurigen Zeiten in's Gedächtniß zurückgerufen wurden in welchen alle Bemühungen, eine Spur von ihrem verlorenen Sohne zu entdecken, scheiterten. Milde berührten sie dann wieder die Klagen über die Vereinsamung desjenigen, dessen sie bisher nie ohne Bitterkeit zu gedenken vermochten und der eine so aufrichtige Theilnahme für Anna an den Tag legte. Bei der Bestimmung, Letztere zu ihrem Wohlthäter nach Amerika zu schicken, blutete ihnen wohl das Herz über die bevorstehende Trennung auf Nimmerwiedersehen; sie begriffen indessen das Verständige einer solchen Anordnung, und noch während des Lesens sprach Frau Kathrin den Wunsch aus, daß Anna bereits dort sein möchte, wo sie den hinterlistigen Nachstellungen des offenbar im höchsten Grade eigennützigen Rechtsanwalt entzogen sei. »Ja, wäre sie erst drüben,« wiederholte Beltram mit einem tiefen Seufzer, sobald er mit den Briefen zu Ende gekommen war, »denn nur bei ihm können wir seine Adoptivtochter als ganz sicher aufgehoben betrachten, und daß er sie adoptirt und zu seiner Universalerbin einsetzt, dürfte wohl kaum noch einem Zweifel unterliegen.« »Und verdient hat's das liebe Kind, daß ihm ein solches Glück zu Theil wird,« bemerkte der Kärrner ohne die geringste Spur von Neid oder Mißvergnügen, daß eine ihm ursprünglich fremde und fern stehende Person in seine allerdings noch zweifelhaften Erbrechte eintreten sollte. Nur aus dem leisen Beben seiner heiseren Stimme tönte die verborgene Wehmuth hervor, welche ihn, bei dem vor seinem Geiste auftauchenden Bilde seines verlorenen Sohnes erfülle. »In welcher Beziehung Dein Bruder wohl zu Anna oder deren verstorbenen Eltern stehen mag?« fragte Frau Kathrin kaum vernehmbar, »persönlich hat er das Kind nicht gekannt, denn Anna zählt erst sechszehn Jahre, während Dein Bruder seit mindestens dreiundzwanzig Jahren drüben angesiedelt ist. Aber wird Alvens auch gewissenhaft nach den ihm ertheilten Anweisungen handeln, oder müssen wir befürchten, daß er mit seiner vormundschaftlichen Vollmacht schändlichen Mißbrauch treibt?« Braun, an welchen die Frage eigentlich gerichtet gewesen, blickte zweifelnd auf Beltram, und dieser, die Bewegung bemerkend, antwortete schnell: »ich gebe zu bedenken, daß ein Mann der mit versteckten Absichten den einen Bruder bei dem anderen in ein falsches Licht stellt, schwerlich ein pflichtgetreuer Vormund sein dürfte.« »Viel Lobeserhebungen über uns mag er successive wohl nicht hinübergeschickt haben,« versetzte der Kärrner bedenklich, und nach längerer Pause durchpflügten zum ersten Male wieder die von schwerer Arbeit steif gewordenen Finger den rothen Bart, »dagegen dürfen wir nicht vergessen, daß wir vielleicht manchmal selbst ungerechtfertigte Veranlassung dazu gaben. Trotzdem ist's klar, daß seine Handlungsweise nicht sehr zu seinen Gunsten spricht, – aber was könnte er wohl anders mit dem Mädchen bezwecken, als es gut zu pflegen und successive meinem Bruder hinüber zu schicken? Freilich 'n gutes Geldgeschäft wird er wohl dabei machen.« Frau Kathrin legte bei dieser Frage die Hände mit dem Strickzeug in den Schooß und richtete ihre großen blauen Augen fragend auf Beltram. Dieser ließ die Brille von der Stirne auf die Nase niedersinken, wie um zu verbergen, daß seine Augen roth unterliefen, und nachdem er einige Male heftig geblinzelt, bemerkte er mit vor leidenschaftlicher Erregung schwer belegter Stimme: »Was er mit Fräulein Werth bezweckt? Mit diesem freundlichen, unschuldigen Engel? Ha! Heirathen will er sie, heirathen, sobald er glaubt, ihr einen darauf hinzielenden Vorschlag mit Aussicht auf Erfolg machen zu dürfen! O, vergebens hat er die junge schöne Waise, wie er sie genannt, nicht von Ihnen fortgenommen, vergebens sie nicht da untergebracht, wo er weiß, daß man ihm in die Hände arbeitet! Ja, ich habe ihn durchschaut, ich hab ihn belauscht, allein das Entsetzlichste mag mir widerfahren, bevor ich ihn mit seinem Raube ungestört davongehen lasse! Er will das Fräulein heirathen, um des vielen, vielen Geldes willen, und Alles, was in seinen Kräften steht, wird er thun, um das junge, arglose Herz zu bethören. O, die Vortheile, welche sich ihm bei seinem schamlosen Beginnen darbieten, sind unberechenbar; zuerst der ihr zur Verfügung gestellte Reichthum, dann die Abgeschiedenheit, in welcher sie keine Gelegenheit findet, mit jüngeren und besseren Männern zu verkehren, um wenigstens einen Vergleich anstellen zu können. Ja, es muß ihm glücken, ihm, den ich verabscheue, hasse und verachte! Aber ich schwöre es und ich weiß meinen Schwur zu halten: Helfen Sie mir nicht, seine schändlichen Pläne zu hintertreiben, so versuche ich es auf eigene Hand und sollte mein Leben der Preis dafür sein!« Die letzten Wort auf dem Gipfel seiner Wuth fast herauskreischend, war Beltram aufgesprungen, und erst nachdem er einige Male auf und abgegangen war, beruhigte er sich wieder so weit, daß er zu überlegen vermochte, ob er sich durch sein ungestümes Wesen einer Unvorsichtigkeit schuldig gemacht habe. Seine Blicke streiften prüfend die beiden Ehegatten, die, als ob die wilde Leidenschaftlichkeit ihres Gastes sie mit Grausen erfüllt hätte, regungslos, wie unter der Wirkung eines furchtbaren Traumes, dasaßen. »Er will sie zu seiner Frau machen!« brachen sich endlich Frau Kathrins Gefühle unaufhaltsam Bahn, und im Tone ihrer Stimme und dem plötzlich seltsam veränderten Wesen äußerte sich ihre tiefe Entrüstung, »und er beginnt damit, daß er giftige Höflichkeiten an sie verschwendet, um ihr Herz irre zu führen und sie demnächst unauflöslich an sich zu ketten! Giebt es denn gar keinen Ausweg aus diesem Elend? Aber ich will selbst hin zu ihr, ich will sie warnen, ich will ihr die Augen öffnen, sie den Krallen ihres Peinigers entreißen, und ich weiß, sie wird auf mich hören! Sagen Sie mir daher, wohin der Elende sie schleppte ...« »Leider ist ihr Aufenthaltsort auch mir noch ein Geheimniß,« wendete Beltram schnell ein, »allein ich bezweifle nicht, daß ich ihn in den nächsten Tagen auskundschafte, und dann soll mein Erstes sein, Ihnen meine Entdeckung zu hinterbringen. Wir müssen aber vereint und schnell handeln und eine Zusammenkunft herbeiführen, bevor Alvens eine solche unmöglich macht; denn er ist auf seiner Hut, und nichts befürchtet er mehr, als gerade Ihren Einfluß auf das arglose Kind.« »Wenn Sie uns in Angst und Schrecken versetzen, so sagen Sie uns doch successive, wie wir die Sache am besten anfangen!« rief der Kärrner jetzt in seiner Rathlosigkeit aus; »seine Vormundschaft können wir freilich nicht rückgängig machen, allein einem Mißbrauch seiner Gewalt wollen wir vorbeugen, und wäre ich gezwungen, mich zu diesem Zweck in sein Bureau zu begeben und ihm alle Glieder einzeln entzwei zu brechen – und fähig bin ich dessen, so wahr ein Gott lebt!« und um seinen Ausspruch zu bekräftigen, legte er seine mächtige Faust so geräuschvoll auf den Tisch, daß Beltram zusammenschrak und kaum weiter zu sprechen wagte. »Mit Gewalt ist nichts auszurichten,« äußerte Letzterer nah kurzem Sinnen wieder sehr bescheiden seine Meinung, »im Gegentheil, es kann Alles dadurch nur verschlimmert werden,« hier nickte Frau Kathrin beipflichtend, während Braun mit dem einen offenen Auge Beltrams Brillenfenster zu zerschmettern drohte, »aber wenn Sie mir vertrauen und vor allen Dingen nicht durch Veröffentlichung meiner geheimen Absichten meine Existenz gefährden, dann möchte wohl zum wenigsten eine persönliche Zusammenkunft zu ermöglichen sein.« »Ja, eine Zusammenkunft, mehr wünsche ich nicht,« versetzte Frau Kathrin mit wunderbarer Weichheit, »gleichviel, ob hier in unserem Hause oder bei ihr, wenn ich sie nur sehe und ihr drei oder vier Worte sagen darf. Und verrathen sollen Sie nicht werden, Her Beltram, aber dankbar wollen wir Ihnen sein unser ganzes Leben lang, wenn Sie uns beistehen, das Unheil von ihr abzuwenden. O, es ist haarsträubend, zu bedenken, daß ein junges Mädchen, ein halbes Kind, den nichtswürdigen Zudringlichkeiten eines solchen Sünders ausgesetzt ist.« »Meine erste Aufgabe wäre natürlich, Fräulein Anna auszukundschaften und demnächst selbst eine kurze Unterredung mit ihr zu suchen,« nahm Beltram darauf wieder das Wort, »das einzige Mißliche ist nur, daß die junge Dame mir, als dem Untergebenen des Herrn Alvens, vielleicht nicht traut.« »Sehr wahrscheinlich,« bemerkte der Kärrner, das Haupt nachdenklich wiegend und bedächtig seinen rothen Borstenkragen durchpflügend, »aber gäbe es nicht ein Mittel, diesem Uebelstande abzuhelfen?« Beltram senkte das sommersprossige Gesicht in die gespreizten großen Hände und schien unter den erwartungsvollen Blicken der beiden Ehegatten tief nachzusinnen. Nach einer längeren Pause richtete er sich mit dem Ausdruck des Triumphes empor, und wieder die demüthigste Miene annehmend, fragte er leise und schüchtern: »Möchten Sie mir wohl eine kleine schriftliche Empfehlung an Fräulein Werth mitgeben, in welcher sie ihr nicht nur die größte Verschwiegenheit und Vorsicht an's Herz legen, sondern ihr auch rathen, mir vertrauensvoll zu folgen?« »Ihnen?« fragte Frau Kathrin zweifelnd; »es würde doch wohl darauf ankommen, wohin sie Ihnen folgen soll?« »Hierher, hierher zu Ihnen,« antwortete Beltram schnell, »und befindet sie sich erst bei Ihnen, könnte man immerhin versuchen, dem hinterlistigen Alvens Trotz zu bieten; die Mitwissenschaft seiner geheimen Anschläge« – hier hob er mit bezeichnender Geberde die Papiere empor – »würde eine vortreffliche Waffe in ihren Händen sein.« »Wohl wäre es schön, sie wieder bei uns zu haben,« bemerkte Frau Kathrin mit einem wehmüthigen Blick auf das geöffnete Klavier; dann sich aber schnell Beltram zuwendend, fragte sie scharf: »Die Empfehlung könnten wir Ihnen freilich geben, allein bevor wir darauf eingehen, müssen wir sicher sein, dadurch nichts zu verderben. Und ferner, wie wollen Sie die Geheimhaltung ermöglichen, wenn Sie in Person vor ihr erscheinen und ihr ein Briefchen von uns einhändigen?« Beltram lächelte selbstbewußt, strich mit der Hand sein großes vorspringendes Kinn und fragte in ruhigem Geschäftstone: »Sie besitzen noch einen Theil der Sachen der jungen Dame?« »Es ist noch Alles in unseren Händen, und wir sind nicht Willens, das Geringste herauszugeben.« »Wenn Sie mir wenigstens einige Stücke davon anvertrauten, mit der ausdrücklichen Weisung, sie Fräulein Werth zuzustellen. Ich erreichte dadurch, daß Alvens mich wahrscheinlich beauftragte, der Sicherheit halber Alles selbst hinzutragen und Fräulein Werth persönlich einzuhändigen. Auf diese Weise erführe ich nicht nur den jetzigen Aufenthaltsort der jungen Dame, sondern ich fände auch Gelegenheit, ihr einen Brief zuzustecken und demnächst die nöthigen Verabredungen zu treffen.« »Wer bürgt dafür, daß Sie überhaupt nicht in Alvens' Auftrage gekommen sind, um uns die Sachen aus den Händen zu spielen?« fragte Frau Kathrin plötzlich mit auffallend veränderter Stimme, während ihre Augen sich argwöhnisch auf das sommersprossige Gesicht hefteten. »Nachdem die Herausgabe der Sachen einmal verweigert wurde,« versetzte Beltram bescheiden, »haben sie keinen Werth mehr für Alvens. Die fehlenden Gegenstände sind unstreitig längst durch bessere ersetzt worden; Ihr Eingehen auf meinen Vorschlag kann daher nur noch als eine Art Höflichkeit gedeutet werden und dient obenein dazu, jeden auf mich oder Sie fallenden Verdacht von vornherein einzuschläfern.« »'s ist wahr, Sie selbst wagen dabei am meisten,« erklärte Frau Kathrin jetzt, »und wenn Sie es nicht aufrichtig meinten, würden Sie schwerlich so offen gewesen sein. Den Brief sollen Sie also haben, mein Mann wird ihn sogleich schreiben; ich selbst packe unterdessen Anna's Reisetasche, und was nicht hineingeht, das kann sie hier persönlich in Empfang nehmen. Sie glauben doch, daß sie hierher kommt?« »Zuversichtlich, Frau Braun.« »Bis zu wann können wir sie erwarten?« Beltram sann eine Weile nach. »Innerhalb dreier Tage spätestens,« antwortete er endlich. Längere Zeit verstrich wieder in lautlosem Schweigen. Die beiden Ehegatten überließen sich den trüben Betrachtungen, welche durch Beltrams Mittheilungen wachgerufen worden waren. Dieser dagegen beobachtete die Kärrnersleute hinter seinen runden Brillengläsern hervor, wie wohl der Vogelsteller die Beute bewacht, welche sich arglos den aufgestellten Leimruthen nähern. Allmälig schien ihm die Stille drückend zu werden, und nachdem er sich einige Male erfolglos geräuspert, fragte er wie beiläufig: »Was ist mit Ihren Pferden vorgefallen? Wenn ich nicht irre, legte mein Herr Prinzipal großes Gewicht darauf, dies zu erfahren.« »So, that er das?« fragte der Kärrner, und der rechte Mundwinkel senkte sich tief auf das Kinn herab; »nun, Ihnen will ich's schon sagen, aber ihm, der mir hinterlistiger Weise die Hypotheken kündigte, nicht. Wozu ihm successive diese Freude bereiten? Und gefreut hätte er sich gewiß – nun ja, meine Pferde sind mir auf der letzten Station alle zugleich erkrankt, gerade, als ob sie vergiftet worden wären ...« Hier fuhr er plötzlich wild empor; indem er das Wort aussprach, schien zum ersten Mal ein seltsamer Verdacht in ihm zu erwachen. »Und wer weiß, was geschehen ist,« setzte er bestürzt hinzu, »um nichts und wieder nichts werden nicht drei kerngesunde Pferde zu gleicher Zeit krank. Im Kruge hat's Keiner gethan, dafür sage ich gut – doch wem könnte überhaupt daran gelegen sein, mich um mein Thiere zu bringen? Nein, nein, solche schlechte Menschen giebt es nicht; es wäre zu schrecklich.« »Erkrankten Ihre Pferde nicht an demselben Tage, an welchem Sie zurück erwartet wurden?« fragte Beltram fast athemlos vor Spannung. »Ganz recht, oder vielmehr in der Nacht vor demselben,« antwortete Braun nicht minder erregt. »Sie waren also verhindert, an dem Abend hier zu sein, an welchem man die junge Dame von hier fortholte,« bemerkte Beltram, wie im Selbstgespräch, denn er entsann sich, daß er eigens abgeschickt worden war, um sich genau nach dem Tag der Heimkehr des Kärrners zu erkundigen, und bald darauf Alvens im geheimen Verkehr mit dem früheren Polizeidiener beobachtet zu haben. »Ich war verhindert,« wiederholte Braun, und seine Blicke begegneten denen Frau Kathrins, die dem Gespräch mit Aufmerksamkeit gefolgt war und ihn durch einen Wink warnte, sich nicht durch Aussprechen eines Verdachtes in Ungelegenheiten zu stürzen. Braun bezwang denn auch seine Erregtheit und fuhr ruhiger fort: »Seltsam bleibt die Geschichte immer, allein das soll mich nicht weiter kümmern. Ich danke meinem Schöpfer, noch so davongekommen zu sein – morgen bringe ich die drei Ackergäule wieder fort, um mir dafür meine Holsteiner heim zu holen – doch 's ist schon spät, Herr Beltram, und da wir miteinander einig sind will ich gleich den Zettel schreiben. Möge nur der liebe Gott seinen Segen dazu geben, daß unsere Mühe dem guten Kinde successive zu Statten kommt.« Dann holte er Papier und Schreibzeug herbei, während Frau Kathrin sich nach Anna's vereinsamtem Zimmer begab, um die Reisetasche zu packen. Etwa eine Viertelstunde verrann. Obwohl der Kärrner, bevor er zu schreiben anfing – eine ihm nicht ganz geläufige Arbeit – mehrere Male auf Beltram sah, so vermied dieser doch vorsichtig, sich an der Abfassung des Briefes zu betheiligen. Er erwog, daß derselbe nur dann die gewünschte Wirkung auf Anna ausüben würde, wenn er der ungeschminkte Ausdruck der in rauhe Formen gekleideten Gefühle ihres alten Freundes sei. Als dieser dann endlich nach vielem Sinnen und Grübeln mit dem Schreiben zu Stande gekommen war, trat auch Frau Kathrin mit der Tasche ein, dieselbe neben Beltram auf die Erde stellend. »Ich denke, sie wird's wohl lesen können,« sagte Braun, indem er das mit zwar etwas unregelmäßiger, jedoch sehr deutlicher Schrift bedeckte Blatt emporhob und einige Male zum Zweck des Trocknens durch die Luft schwenkte. Dann las er vor: »Liebes Schätzchen! der alte Braun und seine Kathrin sind gesund. Auch die Holsteiner werden sich zur Zeit wieder erholt haben, von Hechsel gar nicht zu sprechen. Herr Beltram ist ein kluger Mann, und ich glaube, wir haben ihm Unrecht gethan. Er hat uns versprochen, Dich heimlich zu uns zu bringen, denn Du bist in keinen guten Händen. Folge ihm daher und verrathe ihn nicht, denn Herrn Alvens ist sehr strenge. Wo wir uns treffen, weiß ich noch nicht, aber der Herr Beltram wird's schon einrichten. Meine Frau ist ganz krank nach Dir, und wenn wir nur dürften, kämen wir selbst, um Dich abzuholen. Also mach's mit dem Herrn Beltram, daß er nicht in Ungemach gerathe, und bleibe ich auf baldiges Wiedersehen Dein getreuer alter Braun.« »Wird das genügen? Fragte er darauf, seine Frau und Beltram abwechselnd anschauend. »Ich wüßte nicht, was noch hinzuzufügen wäre,« bemerkte Erstere billigend, »was wir sonst noch auf dem Herzen haben, können wir ihr ja persönlich sagen.« »Vollkommen genügend,« pflichtete Beltram bei, »kein Wort zu wenig, keins zu viel, gerade so, wie ich es mir eigentlich gedacht hatte.« Dann erhob er sich. »Soll ich zusiegeln?« fragte Braun, der sich nunmehr fast wie ein Kind von Beltram leiten ließ. »Ist kaum nöthig,« antwortete dieser, das Blatt entgegennehmend und behutsam faltend, »selbst eine Aufschrift wäre überflüssig – das »Schätzchen« besagt ja Alles,« fügte er mit einem freundlichen Grinsen hinzu. »Ja ja, sie wird schon wissen, wen ich meine,« schmunzelte Braun, der im Geiste bereits mit seinem Lieblinge plauderte. Darauf begleitete er Beltram auf die Straße hinaus, wo er ihm zu seinem Beginnen noch einmal den besten Erfolg wünschte. »Der Erfolg kann nicht fehlen,« entgegnete Beltram scheidend, »nur Vorsicht ist geboten, und werden Sie nicht ungeduldig, wenn Sie in den nächsten drei Tagen nichts von mir hören sollten; die Angelegenheit ruht in den sichersten Händen.« Langsamen Schritts und mit ruhiger Haltung entfernte er sich. Kaum war er indessen so weit gelangt, daß er von dem Hause des Kärrners aus nicht mehr gesehen werden konnte, da beschleunigte er seine Bewegungen in einer Weise, als hätte er befürchtet, eingeholt und zurückgerufen zu werden. Im linken Arm trug er die Tasche, die rechte Hand hatte er auf die Stelle seines fadenscheinigen Rockes gelegt, wo er den Brief des Kärrners fühlte. Die furchtbare leidenschaftliche Aufregung schien ihn ersticken zu wollen. Im Geiste sah er sich bereits vor den Pforten seines irdischen Glückes; ihn schmerzte es nicht mehr, noch kurze Zeit in knechtischer Unterwürfigkeit hinvegetiren zu müssen, kümmerten nicht die feuchten Wände seiner dumpfen Kellerwohnung. Wilde Freude erfüllte ihn sogar bei dem Gedanken, unter der zerlumpten Decke seines ärmlichen Lagers ungestört den Betrachtungen über den Wechsel des Glückes nachzuhängen. – Weniger leichten Herzens begaben sich heute die Kärrnersleute zur Ruhe. Kaum daß sie in ihrer einsilbigen Unterhaltung die Begebenheiten der letzten Tage zu berühren wagten. Nur einmal, als Braun seiner Unterredung mit Beltram gedachte, bemerkte er, wie zu sich selbst sprechend: »Wenn wir nur nicht zu hastig gewesen sind. Seit er fort ist, quält mich eine Unruhe, deren ich mich gar nicht zu erwehren vermag. So lange er hier war, merkte ich's nicht; aber jetzt, wenn ich so successive überlege, will mir sein Gesicht, wie sein ganzes Verfahren durchaus nicht gefallen. Wenn wir nur nicht zu hastig gewesen sind.« »Meint er's ehrlich, kann er uns von großem Vortheil sein,« versetzte Frau Kathrin, die ihre Besorgnisse besser zu verbergen verstand, »ist er dagegen falsch und hinterlistig, kann sein Verrath nur gegen den Rechtsanwalt gerichtet sein. Was sollten wir und Anna, die wir ihm nie ein Leid zufügten, von ihm befürchten?« Dies waren die letzten Worte, welche an jenem Abend zwischen dem Kärrner und seiner Frau gewechselt wurden. Im Geiste beschäftigten sie sich aber noch lange mit den Briefen, welche Beltram vorgelesen hatte, und mit den geheimnißvollen Beziehungen, die zwischen ihrem amerikanischen, reich begüterten Verwandten und der lieblichen Anna bestanden. – Neunzehntes Capitel. Das Entkommen. In trüber Einförmigkeit war der Tag entwichen. Frau von Birk hatte sich beständig in Anna's Gesellschaft befunden, sie zu zerstreuen, zu trösten und aufzuheitern gesucht, was ihr indessen nur in geringem Maaße gelang. Oft schien es wohl, als ob das liebevolle Entgegenkommen die Schranke durchbrechen wolle, durch welche Anna sich von jener getrennt fühlte, und es zog sie hin zu ihr, von der allein sie Trost in ihrer gezwungenen Abgeschiedenheit erwarten konnte; in der nächsten Minute aber quälte sie wieder der Gedanke: daß Frau von Birk sich mit vollem Bewußtsein an der gegen sie verübten Täuschung betheiligt habe und daher die Beweise ihrer wohlwollenden Gesinnungen unmöglich als der wahre Ausdruck ihrer Gefühle betrachtet werden dürften. Zu ihrer Beruhigung gereichte, daß Alvens, seitdem er sie zum ersten Male als Vormund begrüßte, nicht mehr bei ihr erschienen war, wenn auch durch Uebersendung einer reichen Auswahl von Blumen seine Person in ihrer Erinnerung frisch zu erhalten suchte. Sie nahm die Blumen hin, ohne sich an denselben zu erfreuen, als seien sie gar nicht für sie bestimmt gewesen. Kamen sie doch von dem Manne, der sie mit grausamer Härte ihrer Freiheit beraubte, sie von den einzigen Menschen getrennt hielt, welche sie zärtlich liebte und von denen sie sich ebenso zärtlich geliebt wußte. – Unter dem schwer verhangenen Himmel begann die herbstliche Atmosphäre sich langsam zu verdunkeln, noch bevor die versteckte Sonne unter die Linie des Horizontes hinabgesunken war. Frau von Birk und Anna befanden sich in dem Zimmer, in welchem der Flügel stand, der seit Anna's Eintreffen noch nicht geöffnet worden war. Sie, die so vielfach, wenn leichte Wolken ihren natürlichen jugendlichen Frohsinn verschleierten, in der Musik Aufheiterung gesucht hatte, betrachtete das kostbare Instrument mit Gleichgültigkeit, sogar mit einer Art Scheu, ähnlich einer melodiereichen Nachtigall, die hinter den eisernen Stäben ihres Käfigs verstummte. Eine geheime Stimme schien sie über den Zweck zu belehren, zu welchem man sie mit allen nur erdenklichen Annehmlichkeiten umgab. Es erging dem Instrument, wie den Blumen: Beides kam von Alvens, und wie von einem dumpfen Instinct geleitet, fürchtete sie, die Aufmerksamkeiten, welche sie jenen erwies, mittelbar auf diesen zu übertragen, auf ihn, dessen sie nicht anders, als mit Angst und Mißtrauen zu gedenken vermochte. Selbst das Bewußtsein, durch ihre sterbende Mutter an den neuen Vormund gewiesen worden zu sein, befreite sie nicht von dem unheimlichen Druck, welcher auf ihrem Gemüth lastete. Sinnend sah sie zum Fenster hinaus und gleichgültig beobachtete sie die Leute, welche die Straßen unabänderlich belebten. Frau von Birk hatte schon zweimal gefragt, ob Licht gebracht werden solle, ohne eine andere Antwort zu erlangen, als daß sie mit Allem zufrieden sei und nicht wünsche, ihretwegen die gewöhnliche Hausordnung gestört zu sehen. Sie gedachte dabei der trauten Dämmerungsstunden im Hause des Kärrners, welche sie mit Musik zu verbringen pflegte, eine Beschäftigung, bei der ihr die Dunkelheit nie fühlbar wurde. Frau von Birk, schmerzlich berührt durch den sichtbaren Mangel an jeder Spur von Vertrauen und den Grund dafür mit blutendem Herzen in der eigenen Vergangenheit suchend, hatte sich ebenfalls schwermüthigen Grübeleien hingegeben, als Beltram angemeldet wurde. Schnell begab sie sich hinaus, und erst nachdem sie vernommen hatte, daß Alvens einen genaueren Bericht über Anna's Befinden und Gemüthszustand wünsche, ließ sie Beltram eintreten, während sie selbst sich in das Nebenzimmer zurückzog, um das Verlangte sogleich niederzuschreiben. Von Anna's Unterhaltung mit Beltram fürchtete sie nichts; sie kannte die Abneigung der Ersteren gegen diesen, und gern gönnte sie Alvens die Beschämung, durch seinen Secretair das bestätigt zu hören, was sie selbst ihm brieflich mitzutheilen beabsichtigte. »Nehmen Sie Platz,« wendete sie sich, bevor sie hinaustrat, noch einmal an Beltram, »und Sie, liebe Anna, wenn Sie vielleicht dieses oder jenes Ihrem Herrn Vormunde mitzutheilen wünschen – Herr Beltram wird gewiß so gütig sein, Ihre Aufträge zu übernehmen.« »Unbedingt, geehrtes Fräulein,« bekräftigte Beltram schnell, indem er, anstatt sich niederzusetzen, mit zwei unbeholfenen, jedoch geräuschlosen Schritten nach dem Fenster zu Anna hinschlich, »ich werde mir jeden kleinen Beweis Ihres Vertrauens zur höchsten Ehre anrechnen ...« Hier schwieg er plötzlich; er unterschied, daß in dem Nebenzimmer eine Thür geöffnet wurde; sobald dieselbe aber gleich darauf hinter Frau von Birk zugefallen war, fuhr er mit geheimnißvollem Wesen und leidenschaftlich erregter Stimme fort: »Ich komme von Ihren Freunden – ich bin ebenfalls Ihr Freund, wenn ich mich auch scheue dieses offen zu bekennen. Verzeihen Sie mein zudringliches Wesen, allein die Zeit drängt und meine ganze Existenz ist gefährdet. Die Brauns grüßen und ich soll Ihnen sagen, daß Sie sich in schlechten Händen befinden. Sie müssen gerettet werden – dieser Brief besagt Alles – ich selbst, als die am wenigsten verdächtige Persönlichkeit, bin auserkoren worden, Ihre Rettung zu bewirken, das heißt, Sie mit Ihren Freunden zu vereinigen. Sie werden erwartet – eine große Gefahr droht Ihnen hier; entschließen Sie sich also, dort drüben an der Ecke der Nebenstraße werde ich nach Ablauf einer Stunde Ihrer harren. Ich werde harren, bis tief in die Nacht hinein; entweder heute oder nie – man kommt, ermannen Sie sich und handeln Sie schnell, wenn Sie nicht die Gemahlin Ihres Herrn Vormundes werden wollen.« Als Beltram sich Anna näherte, war diese im Begriff, von Widerwillen und unbestimmten Besorgnissen erfüllt, sich ebenfalls zu entfernen, doch bannten seine Worte sie sogleich wieder. Die Erwähnung des alten Braun und Frau Kathrins waren der Zauber, welcher diese schnelle Wandlung herbeiführte; und dennoch würde sie kaum das Ende der ihr unglaublich erscheinenden Anschuldigungen abgewartet haben, hätte Beltram nicht, während er ihr seine Bereitwilligkeit, sie zu befreien, flüsternd betheuerte, den offenen Brief des Kärrners so vor sie hingelegt, daß sie ihre Blicke nur auf denselben hinzulenken brauchte, um das in den großen deutlichen Schriftzügen Ausgedrückte, trotz der herrschenden Dämmerung, mit Leichtigkeit zu entziffern. Erfüllten aber seine Worte sie schon mit Entsetzen, so legte es sich wie tödtliche Kälte um ihr Herz, sobald sie Beltrams Aussagen durch Brauns briefliche Mittheilungen bestätigt sah. Wie der sich ihr mit der Geschmeidigkeit einer Schlange nähernde Schreiber ihr zuerst geheime Furcht einflößte, so erblickte sie jetzt plötzlich in ihm ihren Retter, der sie dahin zu führen versprach, wo sie sich gesichert gegen alle ferneren heimtückischen Anschläge wähnte. Hätte sie aber noch geschwankt, wäre sie noch von Zweifeln befangen gewesen, ob sie dem ihr von Braun empfohlenen Freunde trauen dürfe, so würden die letzten von diesem mit schlauer Berechnung gewählten Worte eine seinen geheimen Plänen entsprechende Entscheidung bewirkt haben. Der Gedanke, daß Alvens, der eine fast unumschränkte Gewalt über sie besaß, der sie mit einem ihr unerklärlichen Luxus umgab, der sie mit Blumen beschenkte und von ihrer glücklichen Zukunft sprach, der sich sogar nicht gescheut hatte, sie ihren Freunden heimlich zu entführen, daß dieser Alvens also wirklich die von Beltram angedeutete Absicht hegen könne, war ihr so neu, so unverständlich und dabei so grausig, daß sie, um schon allein diesen Befürchtungen zu entrinnen, sich blindlings in die Arme des Todes geflüchtet hätte. Wie die Hand des Ertrinkenden jeden in ihren Bereich treibenden Gegenstand krampfhaft umklammert, ahnungslos, unbekümmert, ob es ein ihr zugeworfenes Seil, oder eine morsche, sie noch tiefer hinabziehende Wurzel ist, so klammerte Anna sich an die erste ihr vorgespiegelte Gelegenheit zur Rettung an. Das Wie und Wohin waren ihr gleichgültig, wenn sie nur einer Gefahr entrann, welche in ihrer Ungeheuerlichkeit Alles, was sie zu denken und zu begreifen vermochte, in so hohem Grade übertraf. Wie ihr Geist sich aber sträubte, das Vernommene zu enträthseln, so fehlte ihr die Sprache, weitere Fragen an Beltram zu richten, und als sie endlich ihre Fassung einigermaßen zurückgewonnen hatte, da schritt dieser, ihr gleichsam Vorsicht anempfehlend, nach dem anderen Ende des Zimmers hinüber, um die Aufträge der mit den an Alvens gerichteten wenigen Zeilen und einer brennenden Lampe eintretenden Frau von Birk in Empfang zu nehmen. »Geben Sie dies dem Herrn Rechtsanwalt,« sagte sie eintönig, ihm das Billet einhändigend. »Haben Sie vielleicht noch etwas hinzuzufügen?« wendete sie sich darauf freundlich an das junge Mädchen. »Nichts,« antwortete Anna leise, die Hand verstohlen auf die Stelle legend, auf welcher sie Brauns Schreiben verborgen hatte. »Darf ich vielleicht melden, die Blumen seien unbeschädigt eingetroffen?« fragte Beltram bescheiden, jedoch listig die Wirkung seiner Worte berechnend. »Nein, nein, ich bitte Sie dringend, meiner gar nicht zu erwähnen,« erwiderte Anna schnell, »die Blumen habe ich überhaupt nicht als die meinigen angesehen, ich kümmere mich nicht um sie – ich bin keine Freundin von Blumen, in meiner Pflege würden sie nur verdorren.« Dann sah sie, wie um ihre wiederum aufsteigende Entrüstung zu verbergen, zum Fenster hinaus, und Beltram glaubte zu bemerken, daß sie, die brennende Stirne an eine kalte Scheibe lehnend, mit den Blicken die Straßenecke zu erreichen suchte, welche er ihr kurz vorher bezeichnet hatte. Er betrachtete dies als Beweis ihrer Einwilligung zur Flucht, und auf ihre mit Bitterkeit ertheilte Erklärung durch eine linkische Bewegung antwortend, empfahl er sich. – Auf Frau von Birk, die an dem Tische vor der Lampe Platz genommen hatte, achtete Anna nicht. Je länger sie aber auf die verdunkelte Straße hinausschaute und über die ihr jüngst gewordenen Enthüllungen nachsann, um so tiefer wurzelte in ihr der Abscheu, welcher dem ersten Entsetzten gefolgt war, um so mehr fühlte sie ihren Muth und ihre Entschlossenheit wachsen, sich einer Tyrannei zu entziehen, welche über sie auszuüben nach ihrer Ueberzeugung kein Mensch der Welt ein Recht besaß. Es schien; als ob Alles, was so lange kindlich an ihr gewesen, ihr Sinnen und Trachten, ihre ganze Anschauungsweise, plötzlich um viele Jahre gealtert wäre, als hätte sie in dem kurzen, nur nach Minuten zu berechnenden Zeitraume die scharf abhebende Grenze überschritten, welche die glückliche, sorglos in die Zukunft blickende Kindheit von dem ruhigen, überlegenden und an Erfahrungen reicheren Alter trennt. Sie dachte an ihren Jugendfreund, an den Gespielen ihrer Kindheit, an ihren getreuen Johannes, und wie von einer rettenden Hand berührt, wendete sie sich kurz nach Frau von Birk um. »Kann ich Papier und Feder erhalten?« fragte sie mit fester Stimme, »ich möchte heute Abend noch an Jemand schreiben.« Frau von Birk erschrak; sie war um eine Antwort verlegen. Die Frage sowohl, als auch das wunderbar veränderte Wesen Anna's überraschten sie unangenehm, und sich Alvens' strenger Anordnungen entsinnend, erwiderte sie mit mütterlicher Freundlichkeit, welche indessen durch die hervorklingende innere Verwirrung etwas Erzwungenes erhielt: »Warum heute noch schreiben, und zwar in einer – wenn ich nicht irre – gedrückten Stimmung? Warten Sie lieber bis morgen, oder noch länger – bis Sie Ihren jugendlichen Frohsinn zurückgewonnen haben, der in so hohem Grade gestört zu sein scheint. Ich hoffe, Herr Beltram hat Ihnen gegenüber seine Befugnisse nicht überschritten – es mangeln ihm so gänzlich alle Formen –« »Er nicht,« fiel Anna schnell und bitter ein, »nein, Herr Beltram nicht,« wiederholte sie entschiedener; »er, der nur die Befehle seines Herrn ausführt, wie sollte er mich verletzten können? Freilich, mittelbar trug er dazu bei, mich zu beleidigen, indem Herr Alvens ihn dazu mißbrauchte, mir in's Gedächtniß zurückzurufen, daß ich seine Gefangene sei.« »Seine Gefangene?« rief Frau von Birk vorwurfsvoll aus, und sie näherte sich Anna, wie um sie an sich zu ziehen, sie zu trösten und über die irrthümliche Auffassung ihrer Lage aufzuklären. »Anders kann ich es nicht nennen, gnädige Frau,« bekräftigte Anna, sich erhebend und ihre leicht emporgekräuselten Lippen zeugten von ihrer Entschlossenheit, »oder wie soll ich es bezeichnen, wenn man der Freiheit seines Willens beraubt ist, wenn man keinen Schritt thun darf, ohne beaufsichtigt zu werden? Sogar bis in mein Schlafgemach begleiten Sie mich hinein – natürlich nur auf Veranlassung des Herrn Alvens – um sich zu überzeugen, daß ich mich wirklich zur Ruhe begebe; oder möchten sie es etwa anders auslegen, daß mir sogar der Briefwechsel mit meinen Freunden und Bekannten verboten ist?« »Sie thun mir Unrecht,« bat Frau von Birk, die der empörten Unschuld gegenüber ihre Fassung verlor, »die Besorgnisse, welche man um Sie hegt, deuten Sie falsch, Sie sind aufgeregt, die Erscheinung des häßlichen Schreibers und seine Unbeholfenheit haben nachtheilig auf Sie eingewirkt. Doch kommen Sie, liebes Kind, kommen Sie, mein Schreibtisch steht zu Ihrer Verfügung – ich verspreche Ihnen, Sie sollen nicht gestört werden.« Anna antwortete nicht gleich; sie schwankte, von dem Anerbieten Gebrauch zu machen. Bei ihrem wachsenden Mißtrauen lag der Gedanke nahe, daß es unsicher sei, ob ein von ihr geschriebener Brief auch an seine Adresse gelange; sie lehnte daher Frau von Birks Gefälligkeit mit höflichem Ernste ab, woran sie die Erklärung schloß, sich zur Ruhe begeben zu wollen. Alle freundlichen Vorstellungen der Frau von Birk, alle Bitten, alle Rathschläge, ihren Körper mehr zu pflegen und zu erfrischen, blieben erfolglos. Anna beharrte auf ihren Entschluß und nachdem sie sich kurz verabschiedet, begab sie sich in ihr Zimmer, die Thür hinter sich abschließend. Aehnlich einem der Freiheit beraubten Vöglein, welches, unbekümmert um die sich ihm entgegenstellenden Drahtstäbe, nach allen Richtungen hin dem es umschließenden Käfige flatternd zu entrinnen sucht, kannte auch Anna, sobald Beltram von ihr gegangen war, nur noch das einzige Sehnen, den einzigen Gedanken: aus einem Hause zu entkommen, in welchem sie sich von den furchtbarsten Gefahren umringt meinte. Einen Plan zur Flucht zu entwerfen, reichte ihre geistige Ruhe nicht aus; ein unbewachter Augenblick genügte ihr, zu entschlüpfen. Hatte sie aber erst das Haus hinter sich, dann lag ja der Weg zu ihren Freunden vor ihr, und ob nun der unheimliche Beltram oder ein Anderer sie auf der verabredeten Stelle erwartete, wenn sie nur dahin geführt wurde, wo sie sich nicht mehr ängstigte, wo der alte riesenhafte Kärrner mit seinem treuen, kindlichen Herzen bereit war, sie gegen die ganze Welt zu vertheidigen. – – Anna hatte sich kaum entfernt, da sank Frau von Birk auf einen Stuhl und traurig blickte sie vor sich nieder. »So gern hätte ich mir ihr Vertrauen erworben,« sprach sie in Gedanken, »so gern sie gewarnt vor den Klippen, welche sich, Verderben drohend, auf ihrer Lebensbahn unsichtbar aufthürmen. Doch sie stößt mich zurück, sie wendet sich von mir, wie von einer Gebrandmarkten – und dennoch, – habe ich ein Recht mich zu beklagen?« Sie schauderte; wie um sich der sie marternden Empfindungen zu erwehren, erhob sie sich. Langsam schritt sie der Thüre zu. Vor derselben blieb sie stehen, zweifelnd, ob sie Anna noch einmal aufsuchen, oder sie ungestört ihren eigenen Betrachtungen überlassen sollte. »Sie würde meinem Eindringen unedle Beweggründe zuschreiben,« sprach sie mit herber Selbstverspottung, »sie würde glauben, ich käme nur, um sie zu bewachen. Nein, ihr Kerkermeister will ich nicht sein; mag sie ungestört bleiben und möge ein kräftigender Schlummer ihr diejenige Beruhigung bringen, welche ihr zu verschaffen ich mich vergeblich sehne und bestrebe.« Sinnend wendete sie sich einer andern Thüre zu. Zwei Stunden waren seit Beltrams Besuch verstrichen. Die Straßen zeigten sich noch reich belebt; auch in den Wohnungen herrschte noch jene behagliche Regsamkeit, welche die sich verlängernden Herbstabende gleichsam charakterisirt. Nur einmal hatte die Aufwärterin Anna gefragt, ob sie zur Nacht zu speisen wünsche, worauf diese verneinend antwortete und die Bitte hinzufügte, sie ungestört zu lassen. Ihre Wünsche wurden freundlich berücksichtigt, und leicht erkannte sie, daß die Aufwärterin, so oft ihr Weg an ihrer Thür vorüberführte, auf den Zehen einherschlich, als ob sie befürchtet hätte, sie im Schlafe zu stören. Anna, die klopfenden Herzens und mit einer sie fast vernichtenden Seelenangst auf jedes Geräusch lauschte, faßte bei dieser Entdeckung neuen Muth. Sie begriff, daß wenn sie glücklich entkam, vor Tagesanbruch ihre Flucht nicht bemerkt werden würde, also zu einer Zeit, zu welcher sie sich längst bei ihren Freunden befand. Ihr Entschluß, sich dem ihr auferlegten Zwange durch die Flucht zu entziehen, war noch keinen Augenblick schwankend geworden; aber erst das bedachtsame Einherschleichen der Aufwärterin, brachte eine Art von Plan in ihr zur Reife. Nachdem sie sich mit Mantel und Hut bekleidet hatte, löschte sie das Licht aus, und dicht neben die Thüre hintretend, harrte sie geduldig auf die nächste sich ihr bietende Gelegenheit. Als sie nach Verlauf einiger Zeit vernahm, daß die Aufwärterin sich wieder nach dem Innern der Wohnung begab, um voraussichtlich nicht umgehend nach der Küche zurückzukehren, schlüpfte sie leise in diese hinaus, die Thüre ihres Zimmers behutsam hinter sich abschließend. Ebenso vorsichtig öffnete und schloß sie die zur Treppe des Hinterhauses führende Thüre, und ohne sich zu überzeugen, ob das schallende Einspringen des Schloßriegels von Jemand vernommen worden sei, eilte sie auf den Hof hinab. Eine Minute später trat sie athemlos auf die Straße hinaus, wo sie sich ohne Säumen der Straßenecke zuwendete, an welcher sie zu erwarten Beltram versprochen hatte. Erst als sie sich weit genug glaubte, um von Frau von Birks Wohnung aus nicht mehr zwischen den ab- und zugehenden Fußgängern erkannt zu werden, mäßigte sie ihre Eile. Ungefähr hundert Schritte trennten sie noch von der verabredeten Ecke, und jetzt erst drängten sich ihr Zweifel auf, wohin sie sich zu wenden haben würde, im Falle Beltram seinem Versprechen untreu geworden oder durch Alvens an der Erfüllung desselben gehindert sein sollte. Aengstlich beobachtete sie die ihr begegnenden Leute; von jedem Einzelnen glaubte sie, daß er sie erkenne, ihr Vorhaben errathe und sie demnächst an den Ort ihrer Gefangenschaft, der ihr als das Furchtbarste der Erde erschien, zurückführen würde. In demselben Grade aber, in welchem ihre Angst sich steigerte, wuchs auch ihr Sehnen nach Beltrams erstem Anblick, und ihr Vertrauen auf seine uneigennützige Opferwilligkeit. Als sie ihn dann endlich entdeckte, wie er mit gekrümmtem Rücken und eingeengter Brust, die großen Hände fröstelnd in die Taschen seiner Beinkleider gezwängt, um die bezeichnete Hausecke herumschlich, da hätte sie aufjauchzen mögen vor Entzücken, und ihm mit beschleunigten Schritten entgegeneilend, rief sie ihm aus ihrem von Dankbarkeit überfließenden Herzen zu: »Gott sei Dank, Herr Beltram, daß Sie da sind!« »Still, liebes Fräulein, ganz still,« schnitt Beltram ängstlich flüsternd das ab, was sie weiter sagen wollte, »man beobachtet uns vielleicht; legen Sie Ihren Arm in den meinigen, damit man glaubt, wir gehörten zu einander – so – so, theuerstes Fräulein, nun kommen Sie – nicht zu schnell, es möchte Aufsehen erregen, und dann ermüdet Sie auch die hastige Bewegung. Wir haben einen langen Weg vor uns und Sie sind bereits außer Athem, lehnen Sie sich daher auf meinen Arm, ich bin ja Ihr eigentlicher Retter und treuester Freund – und Sie sind so warm, und ich so namenlos glücklich, daß Sie meinen Wink verstanden haben und solch festes Vertrauen in mich setzten.« Was Beltram zu ihr sprach, überhörte Anna; ebenso beachtete sie nicht, daß plötzlich das Kriechende aus seinem Wesen verschwunden war und er sich einer Vertraulichkeit schuldig machte, welche ihr in jeder anderen Seelenstimmung widerwärtig und beängstigend gewesen wäre. Daß aber seine Stimme unnatürlich heiter klang und leidenschaftlich zitterte, während er ihren Arm fester an sich drückte, das konnte sie in ihrer kindlichen Unschuld und Einfalt nur der Besorgniß zuschreiben, welche er für sich selbst so wohl, als auch für sie empfand. Ihre eigene Stimme entbehrte daher auch nichts von der ihr eigentümlichen, gewinnenden Freundlichkeit, als sie, anstatt auf Beltrams Anrede zu antworten, nach den Brauns fragte und wo sie mit ihnen zusammentreffen würde. »Sie könnten in diesem Augenblick zwischen Beiden gehen,« erwiderte Beltram entschuldigend, und seine unheimlich glühenden Augen schielten seitwärts auf das von einer nahen Straßenlaterne spärlich beleuchtete Profil seiner Begleiterin, »ja, zwischen Beiden, liebes Fräulein, rechts von Ihnen Herr Braun, der so unendlich viel von Ihnen hält, und links seine Frau –« »Aber warum nicht, warum sind sie nicht hier?« fiel Anna ihm mit plötzlich aufsteigender Besorgniß in's Wort. »Weil man um Ihre beabsichtigte Flucht weiß und nicht nur Ihre Freunde in deren Wohnung bewacht, sondern diesen auch nachfolgen würde, wollten sie sich Ihnen zugesellen.« »Wenn man um meine Flucht wußte, warum traf man nicht Vorkehrungen, derselben vorzubeugen?« fragte Anna noch besorgnißvoller, indem sie die auf Beltrams Arm ruhende Hand lockerte. Beltram räusperte sich und neigte seinen breiten Mund näher an ihr Ohr. »Man hatte wohl Zeit, Jemand zur Bewachung der Kärrnersleute abzuschicken,« hob er flüsternd an, »bei der Frau von Birk dagegen kann der Bote um diese Zeit noch nicht eingetroffen sein. O, Sie glauben nicht, mein geliebtes Fräulein, zu welchen Mitteln Ihr Vormund greift, um seine Ränke durchzuführen. Ich ahnte Alles und entfernte mich rechtzeitig – den Brief des Herrn Braun hatte ich mir, der Sicherheit halber, schon gestern geben lassen – und seit zwei Stunden harrte ich auf meinem Posten auf Sie. O, wie habe ich gezittert! In jedem Augenblick glaubte ich, daß Verrath Ihnen die Flucht abschneiden würde, bis endlich Ihre Gestalt in geringer Entfernung vor mir auftauchte.« Anna hatte ihre Hand ganz von Beltrams Arm zurückgezogen; dieser versuchte zwar, sich derselben wieder zu bemächtigen, doch gab er seine Absicht auf, sobald jene einen Schritt seitwärts von ihm forttrat und ihm dadurch ihren Willen verständlich machte. Diese Bewegung hatte zur Folge, daß er zurückhaltender wurde und weniger verschwenderisch mit den Betheuerungen seiner Hingebung verfuhr. »Wohin wollen Sie mich bringen?« fragte Anna nach einer längeren Pause, sich Beltram wieder nähernd. »Vorläufig an einen sicheren Ort,«, entgegnete dieser, der nach dem ihn berauschenden Triumph über das Gelingen des ersten Theils seines Unternehmens wieder überlegender und vorsichtiger geworden war. »Ja, an einen ganz sicheren Ort, welchen ich für unvorhergesehene Fälle mit Herrn Braun verabredete. Er schrieb ja an Sie, daß Sie sich vertrauensvoll meiner Leitung überlassen möchten. Oh, Herr Braun kennt mich schon lange und weiß, was er von mir zu halten hat; er weiß aber auch, wie weit die Gewalt eines Vormundes reicht, und Herr Alvens ist so listig, und nun gar nicht zu denken, daß er auf nichts Geringeres ausgeht, als Sie –« »Sprechen Sie nicht davon, Herr Beltram,« bedeutete ihn Anna mit einem Ernste, welcher das, was er weiter anführen wollte, jäh zurücktrieb, und zugleich beschleunigte sie ihre Schritte, als sei Alvens plötzlich als ein sie verfolgendes Gespenst hinter sie getreten, »sagen Sie mir lieber, wo und wann ich mit meinen Freunden zusammentreffe, und wo und wie ich die Zeit bis dahin verbringen soll.« »Eine ganz bestimmte Antwort kann ich Ihnen darauf nicht ertheilen,« versetzte Beltram bedauernd, »indem Alles mehr oder minder von den obwaltenden Verhältnissen abhängt, die sich weder von mir, noch von den guten Brauns lenken lassen. Unser Uebereinkommen ist, Sie gut und sicher da zu verbergen, wo wir uns überzeugt halten dürfen, daß Sie nicht aufgesucht werden. Leider ist der verabredete Ort etwas unbequem und vielleicht Ihrer Lebensstellung nicht entsprechend –« »Meine Lebensstellung, Herr Beltram?« fiel Anna traurig ein, »den allerunbequemsten Aufenthaltsort ziehe ich jenem Hause vor, in welchem mich Lug und Trug umgaben und in welches ich nur mittelst Lug und Trug gebracht werden konnte.« »Das trifft sich glücklich,« fuhr Beltram alsbald wieder fort, »ich meine, daß Sie einzelne kleine Unannehmlichkeiten nicht scheuen, welche indessen voraussichtlich sehr bald ihr Ende erreichen. Doch Sie wünschten mehr über Ihre Privatverhältnisse zu erfahren, theuerstes Fräulein, und da kann ich, mit Rücksicht auf die von Ihnen angezweifelte Lebensstellung, Ihnen nur anvertrauen, daß Alvens wohl wußte, weßhalb er die Vormundschaft über Sie an sich riß und seine Hoffnungen noch höher steigerte. Ja, theuerstes Fräulein, Sie sind reich, sehr reich, und die Beweise dafür will ich Ihnen vorlegen, sobald wir in Ihrem Versteck eingetroffen sind. Sie mögen dann selbst entscheiden und sich nach Willkür in die Obhut von Leuten begeben, welche die größte Berechtigung haben, Sie zu beschützen. Ich könnte ausführlicher in meinen Enthüllungen sein, allein die Kürze der Zeit erlaubt es jetzt nicht. Ist die Nacht erst weiter vorgeschritten, dann eile ich heimlich zu den Brauns, um deren Gutachten einzuholen, und geht Alles nach Wunsch, so befinden Sie sich in den ersten Morgenstunden schon so weit von hier, daß Herr Alvens, und nähme er die Hülfe der vereinigten Polizei der ganzen Stadt für sich in Anspruch, Sie nicht mehr einzuholen vermöchte.« »Ich soll fort?« fragte Anna zögernd, und sie machte Miene stehen zu bleiben, »Herr Beltram, Sie erschrecken mich, Ihre Worte lauten so geheimnißvoll, Sie sprechen sogar von der Polizei, ist es denn ein strafbarer Weg, welchen ich eingeschlagen habe?« Beltram lachte heiser; das Lachen sollte sorglos und ermuthigend klingen, allein es übte gerade die entgegengesetzte Wirkung von der beabsichtigten aus. Denn Anna bebte bis in's Herz hinein, während Beltram selbst die Polizei bereits auf seinen Spuren zu sehen meinte. »O, mein geehrtes Fräulein,« hob er darauf mit erzwungener Heiterkeit an, »verzeihen Sie mein achtungswidriges Lachen, allein das Wort strafbar mit Ihrem Namen zusammen auszusprechen, erscheint mir so unnatürlich, daß ich nicht umhin konnte – aber ich wiederhole, Ihre Freunde sind mit mir einverstanden – fort müssen Sie, oder halten Sie etwa für glaublich, daß Alvens eine verlockende Beute nach dem ersten mißglückten Versuche gutwillig aufgeben würde? Nein, nein, täuschen Sie sich darüber nicht, er wird Sie verfolgen, Ihnen Schlingen stellen, so lange Sie sich im Bereiche seiner Macht befinden, und zu solchen Zwecken steht einem gewissenlosen Vormunde wirklich die Hülfe der Gerichtsbarkeit zur Seite.« Anna schwieg. Durch die jüngsten Erlebnisse, durch das, was sie von Beltram erfuhr, war ihr Kopf so eingenommen, daß sie die unter einander wogenden Gedanken nicht mehr so schnell zu entwirren vermochte, wie jener immer neue anregte. Sie trachtete daher, nur den einzigen festzuhalten: daß sie frei sei und vor keinen Opfern zurückschrecken dürfe, sich diese Freiheit zu bewahren. Dabei suchte sie sich das Bild des getreuen Braun zu vergegenwärtigen, wie er tief über's Papier geneigt dasaß, mit dem linken Mundwinkel gewissenhaft den Bewegungen der Feder nachfolgend, mit welcher er das niederzeichnete und malte, was er seinem geliebten Schätzchen mitzutheilen wünschte. O, dieser Brief! Auf dem ganzen Wege hielt sie die Hand auf denselben gepreßt, als hätte sie durch ihn den Muth gewonnen, auf der einmal eingeschlagenen Bahn auszuharren. Wenn aber ihr alter Freund eine derartige Warnung an sie schrieb, dann durfte sie darauf rechnen, daß sie begründet sei, der ihr empfohlene Führer aber ihr Vertrauen verdiene. Deshalb folgte sie Letzterem auch so willig überall hin, gleichviel, ob durch breite, hell erleuchtete Straßen oder durch enge, finstere Gassen. Ihn selbst beachtete sie dabei kaum; sie sah daher nicht, wie er unter jeder Laterne sein sommersprossiges Gesicht ihr heimlich zukehrte und einen verlangenden Blick auf ihr liebliches, sinnend gesenktes Antlitz zu werfen suchte; sie sah nicht, wie seine Augen, wenn ihm dies glückte, scheinbar hervorquollen und die wulstigen Lippen auf den breiten Zahnreihen convulsivisch zitterten. Mehrfach redete Beltram sie an, allein sie antwortete nicht; wie von einem wüsten, sie beängstigenden Träume umfangen, bewegte sie sich an seiner Seite dahin. Erst als sie wohl eine halbe Stunde durch das Straßengewirre dahingewandert waren, schien sie zum Bewußtsein ihrer Lage zu erwachen. Sie sah empor. Zu beiden Seiten von ihr drängten sich die Häuserreihen zu einer schmalen Gasse zusammen. Leuten begegneten sie selten, und diese wieder riefen den Eindruck hervor, als ob sie es sehr eilig hätten oder unbemerkt zu bleiben wünschten. Nur in größeren Zwischenräumen spendete hin und wieder eine Gaslaterne der Umgebung einiges Licht; es wurden dann die mit kleinen, zum Theil schadhaften Läden geschlossenen Fenster der untersten baufälligen Stockwerke deutlicher sichtbar, auf welchen die ebenso baufälligen oberen Stockwerke, bald alterthümlich vorgebaut, bald verschoben und überhängend, sich hoch aufthürmten. Obgleich für eine Residenz noch verhältnißmäßig früh am Abend, zeigten die Häuser dieser Gasse, so weit man von Außen zu beobachten vermochte, nur wenig Leben. Licht fiel zwar durch die Ritzen der Fensterladen in's Freie hinaus, auch vernahm man hin und wieder das durch die Entfernung und dazwischen liegendes Mauerwerk gedämpfte Geräusch laut sprechender zuweilen sogar singender Menschen, als ob in den unsauberen Revieren, ganz im Verborgenen, des Elends höllische Orgien gefeiert würden. Für Anna gingen derartige Eindrücke glücklicher Weise verloren, nur die Vereinsamung der Gasse selbst fiel ihr auf, und dieselbe der späten Abendstunde zuschreibend, bemerkte sie ängstlich flüsternd: »Wir müssen schon sehr lange unterwegs sein, Herr Beltram; sind wir nicht bald zur Stelle? Ich fange an, mich zu fürchten – es erscheint mir Alles so seltsam, so drohend.« »Möchten Sie lieber zu Frau von Birk in die Gewalt Ihres zärtlichen Herrn Vormunds zurückkehren?« fragte Beltram, ergrimmt darüber, daß sie ihn auf dem ganzen Wege kaum beachtet hatte, zugleich aber auch, um sie aufs Neue einzuschüchtern und fügsamer zu machen. »Nein, nein, lieber in den Tod,« antwortete Anna leise, »ich fragte auch nur, weil die Nacht so weit vorgeschritten ist.« »Es hat eben zehn Uhr geschlagen,« versetzte Beltram freundlicher, und vorsichtig den zwischen ihm und seiner Begleiterin bestehenden Zwischenraum beobachtend. »Wir sind übrigens bald am Ziele – nur noch wenige Minuten Geduld und vor allen Dingen kein Aufsehen erregt, denn die gefährlichste Strecke liegt noch vor uns.« Anna neigte das Haupt wieder; sie fühlte sich namenlos unglücklich und verlassen. Nur die feste Hoffnung, schließlich dennoch mit ihren Freunden zusammenzutreffen, verlieh ihr die Kraft, ohne Klagen und Vorwürfe gleichen Schritt mit ihrem allmälig seine Eile beschleunigenden Führer zu halten. – Zwanzigstes Capitel. In der Kellerwohnung. »Da hinein soll ich?« fragte Anna entsetzt, als sie endlich, aus der langen Gasse in eine breitere und weniger unansehnliche eintretend, vor einem großen düsteren Gebäude stehen blieben und Beltram Anstalt traf, anstatt die drei Stufen zur Hausthür hinaufzugehen, sechs Stufen zu einer im Schatten des Gemäuers liegenden Kellerthüre hinabzusteigen. »Es giebt keinen anderen Ausweg,« tröstete Beltram mit geheimnißvollem Wesen, »dort unten leben ebenfalls rechtliche Menschen, welchen das Geschick bis jetzt nur größere Reichthümer versagte. Ein paar Stunden werden Sie wohl bei denselben aushalten – und so lange dauert es wohl, bis ich die Brauns von Ihrem glücklichen Entkommen in Kenntniß gesetzt und weiteren Rath eingeholt habe. Ich muß nämlich sehr, sehr vorsichtig zu Werke gehen, um Ihnen die Schmach zu ersparen, von Seiten der Polizei ausgekundschaftet und zu Ihrem zärtlichen Herrn Vormunde zurückgeführt zu werden.« Anna schauderte, folgte indessen schwankend nach, als Beltram schurrend und tastend die sechs Stufen abwärts überwand und demnächst den einen Flügel der ihre Fugen nicht ganz ausfüllenden Thüre mittelst eines kleinen Drückers aufschloß. Fast einer Ohnmacht nahe ergriff sie seine Hand, worauf er sie in die enge, finstere Vorflur hineinzog; sobald sie aber den Thürflügel hinter sich in's Schloß fallen hörte, riß sie sich wieder los, und einen Schritt zurückweichend, rief sie mit ersterbender Stimme: »Ich will hinaus! Ich ersticke! Was soll ich in diesem Keller! Lassen Sie mich gehen, denn hier kann ich nicht weilen!« Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da erhellten sich seitwärts von ihr die Ritzen einer anderen, durch die Feuchtigkeit aus ihrer ursprünglichen Form getriebenen Thüre. Gleich darauf wurde eine lose haftende Klinke empor gehoben, die Thür wich nach innen, und wiederum prallte Anna so weit zurück, wie der enge Raum es ihr gestattete. Sie war geblendet durch den Schein einer ihr dicht vor die Augen gehaltenen Küchenlampe, mehr aber noch entsetzt über den Anblick eines alten zerlumpten Weibes, auf dessen gerunzelten und durch trübe Augen häßlich belebten Zügen eine wahrhaft teuflische Schadenfreude spielte. Beltram gewahrte den Eindruck, welchen die plötzliche Erscheinung seiner Mutter auf Anna ausübte. Mit einer heftigen Bewegung entriß er der häßlichen Megäre die Lampe, und sie in den hinter ihr liegenden dunkeln Raum zurückdrängend, näherte er seinen Mund ihrem Ohr. »Unsinnige,« flüsterte er, bebend vor thierischer Wuth, »es ist Dein und mein Tod, wenn Du gegen meine Anordnungen verstößt!« Dann fügte er lauter hinzu: »Gehe nur hinein, liebe Mutter, und zünde auf dem Herde ein Feuer an, damit die junge Dame sich erwärme. Sie wird sich einige Stunden hier aufhalten, Du brauchst nicht zu fürchten, daß ihr edles Herz vor dem Anblick tiefster Armuth zurückschreckt.« Die Mutter schlurfte auf ihren niedergetretenen Schuhen dem Feuerherd zu, auf welchem noch einige Kohlen glimmten. »Ich habe Euch erwartet und wollte Euch würdig empfangen,« murmelte das elende Weib, ihrem Sohne einen scheuen Blick zusendend. Was sie weiter sprach, wurde übertönt durch das Knacken und Splittern, mit welchem die dürren, braun geräucherten Hände einige alte Tonnenreifen zerbrachen und die Stücke behutsam über die Kohlen aufschichteten. Beltram hatte sich unterdessen wieder Anna zugewendet, die, sich an die Wand stützend, wie geistesabwesend in den nunmehr offen vor ihr daliegenden Kellerraum hineinstarrte. Die zügellose Leidenschaftlichkeit, welche vollständig Besitz von ihm ergriff, sobald er das junge Mädchen in seiner Gewalt wußte, war durch das erste Auftreten seiner Mutter in einen heftigen Zorn verwandelt worden; dieser aber ging schnell in sein gewöhnliches vorsichtiges Wesen über, als er inne wurde, daß Anna sich in einer Gemüthsstimmung befand, welche seine tollkühnen und barocken Pläne ernstlich gefährdete. Er betrachtete es daher als seine nächste Aufgabe, sie zu beruhigen und das wankend gewordene Vertrauen in seine Aufrichtigkeit wieder zu befestigen. »Fürchten Sie nichts,« bat er unterwürfig, die Lampe so haltend, daß sein krampfhaft zuckendes Gesicht beständig im Schatten blieb, »meine Mutter ist eine seltsame alte Frau; durch Unglück und Noth mürbe geworden, ist eine gewisse Menschenfeindlichkeit in ihrem Wesen zum Durchbruch gekommen; sie meint es deshalb aber nicht minder gut mit denjenigen, welche ich ihrem Schutze anempfehle. Sie sehen, wir wohnen sehr eingeschränkt und ärmlich, allein die wenigen Stunden werden Sie Ihre Abneigung gegen den Anblick unverschuldeter Armuth wohl überwinden – doch das Feuer brennt, kommen Sie und setzten Sie sich, damit Sie Ihre armen erkälteten Glieder erwärmen. Ich werde Ihnen unterdessen mancherlei mittheilen, was dazu beiträgt, Sie zu ermuthigen und auf das vorzubereiten, was man Ihnen noch vor Anbruch des Tages dringend anrathen wird. Mutter, begieb Dich zur Ruhe,« wendete er sich darauf an die noch immer mit dem Feuer beschäftigte alte Frau, als Anna ihm willenlos in das Gemach hinein nachfolgte und erschöpft auf einen neben den Feuerherd geschobenen Schemel sank, »lege Dich zu Bett und kümmere Dich nicht um uns; ich habe mit der jungen Dame Wichtiges zu besprechen.« Die Mutter, von einer unbezähmbaren Neugierde gefoltert, zögerte, seinen Befehlen Folge zu leisten. Da kehrte er sich ihr ganz zu, und die Lampe hoch genug emporhebend, um sein Gesicht voll zu beleuchten, sah er ihr mit einem solchen Ausdruck von Wuth und verhaltener Grausamkeit in die Augen, daß sie, wie vor dem Blick eines giftigen Reptils zusammenschauerte und, ähnlich einer in ihrem Käfig mißhandelten Hyäne, murrend auf ihr Lager kroch. Das häßlich verzerrte Gesicht dem Feuerherd zugewendet, zog sie die zerlumpte Decke über ihren Kopf, aber listig ordnete sie die zerfetzten Zeugstreifen in Muschelform um das von der einen Hand nach vorn gepreßte Ohr, um wenigstens Etwas von dem zwischen ihrem Sohne und Anna geführten Gespräch zu erlauschen. Beltram legte noch einige Späne auf das Feuer, und als diese aufflackerten, löschte er die Lampe aus. Zugleich flogen die Blicke aus seinen gerötheten Augen prüfend über die beiden kleinen, nach der Straße hinausliegenden, dicht verhangenen Fenster. »Das Feuer verbreitet hinreichend Helle,« sprach er leise und, wie er meinte, ermuthigend, »die Lampe macht es zu hell, die Vorübergehenden könnten Verdacht schöpfen, und ich bezweifle nicht, daß man uns zur Zeit schon verfolgt und das Haus des Herrn Braun umstellt hat. Seien Sie indessen unbesorgt, ich bin bei Ihnen und hafte mit meinem Leben für Ihre Freiheit.« Dann zog er einen zweiten Bretschemel so dicht neben den Anna's hin, daß er, indem er sich niedersetzte, diese scharf streifte. Anna sprang empor. »Lassen Sie mich hinaus!« rief sie, von Angst und Widerwillen erfüllt aus, »lassen Sie mich hinaus, denn lieber will ich zu Frau von Birk zurückkehren, als hier vor Todesangst sterben!« Beltram erbleichte vor Wuth, und als hätte er das, was er antworten wollte, vorher noch einmal in Gedanken wiederholt, bebten und zitterten seine aufgeworfenen Lippen. »Gewiß würde sich Niemand mehr darüber freuen, als Ihr zärtlicher Vormund,« antwortete er hämisch, doch wie von dem Anblick des in seiner Verzweiflung die Hände ringenden Mädchens bezaubert, verfiel er sogleich wieder in sein knechtisch kriechendes Wesen. »O, mein theures Fräulein!« sprach er klagend, indem er seinen Schemel etwas zurückschob, »machen Sie mich doch nicht noch unglücklicher und elender, als ich bereits bin! Ich würde Sie ja gern selbst zurückführen, allein bedenken Sie, Alles ist eingeleitet zu Ihrer Flucht, und wird das Unternehmen entdeckt, oder auch nur der Versuch desselben, so bin ich der Einzige, der dafür leidet, ich und meine arme, nicht mehr ganz zurechnungsfähige Mutter dort, während unser gemeinsamer Feind über uns Alle triumphirt. Ermannen Sie sich daher, liebes Fräulein; Sie könnten im Hause des Kärrners nicht sicherer aufgehoben sein, als hier – er selbst wird hoffentlich binnen kurzer Frist meinen Ausspruch bestätigen – wenigstens auf so lange beruhigen Sie sich, bis ich Ihnen das mitgetheilt habe, was vor Ihnen zu enthüllen ich von Ihrem Freunde Braun beauftragt worden bin. Sie trauen mir nicht,« fuhr er ungeduldig fort, und er eilte nach seinem Bett hin, unter welchem er eine verschlossene Reisetasche hervorzog; »aber ich besitze Mittel, Ihre Bedenken und Besorgnisse zu verscheuchen. Sehen Sie her, liebes Fräulein, und sagen Sie, ob Sie dies kennen.« »Meine Reisetasche,« versetzte Anna freudig überrascht, »sie kann Ihnen nur von den Brauns eingehändigt worden sein.« »Von Herrn Braun eingehändigt, und von Frau Braun selbst gepackt mit allen Gegenständen, welche Ihnen auf einer Reise von Vortheil sein können. Sie ersehen daraus, wie vorsichtig die guten Leute zu Werke gingen; sie hielten für möglich, daß Sie abreisen müßten, ohne ihnen Lebewohl zu sagen, und gaben mir für alle Fälle die Tasche mit – hier ist der Schlüssel – und fehlt Ihnen also nur noch Reisegeld. Aber auch das werde ich, wenn Herr Braun nicht vorziehen sollte, es Ihnen selbst zu übergeben, noch in dieser Nacht von ihm in Empfang nehmen, so daß Ihrem schleunigen Aufbruche nichts mehr im Wege steht. Auch für einen Reisebegleiter ist schon gesorgt worden – ich darf es jetzt wohl verrathen – für einen zuverlässigen Menschen, der mit treuer Sorgfalt Tag und Nacht über Sie wachen wird.« Als Anna ihre Reisetasche erkannte, fühlte sie ihre Besorgnisse theilweise schwinden, so daß sie wieder Platz nahm und Beltram gestattete, sich ihr halb gegenüber niederzusetzen. Dagegen riefen seine weiteren Mittheilungen ein so maßloses Erstaunen in ihr hervor, daß sie kaum ihren Gedanken Worte zu verleihen vermochte. »Sie sprechen von einer Reise,« fragte sie zagend, »von einer großen Reise, aber mein Gott, wohin soll ich gehen, da ich außer meinen hiesigen Freunden weder Freunde noch Bekannte in der Welt habe?« »Bekannte gerade nicht, aber Ihnen sehr nahe stehende Freunde, von welchen der alte gute Braun bisher nichts wußte, und die schmerzlich und sehnsuchtsvoll darauf harren, Sie, die Tochter des verstorbenen Musiklehrers Werth in ihre Arme zu schließen. Doch Sie mögen selbst entscheiden,« fuhr er fort, indem er zwei beschriebene Papiere aus seiner Brusttasche zog und entfaltete. Bevor er dieselben aber Anna reichte, näherte er noch einmal sein Haupt ihrem Antlitz bis auf wenige Zoll. »Verzeihen Sie,« hob er flüsternd an, »meine Mutter ist eine gute Frau, allein Geheimnisse zu bewahren, ist nicht ihre Sache – daher meine scheinbare Zudringlichkeit. Wissen Sie schon, daß der Kärrner Braun noch einen Bruder hat?« Anna, fast betäubt durch die Wirkung von Beltrams Worten, horchte hoch auf. »Ich weiß es; derselbe befindet sich in Amerika,« versetzte sie sodann, ihre Stimme unwillkürlich ebenfalls dämpfend. »Wohlan denn, geehrtes Fräulein, dieser ist der Freund, auf welchen ich hingewiesen habe; gestern erst bot sich mir die Gelegenheit, dem Kärrner Braun meine Entdeckung mitzutheilen, die ihn nicht minder, als Sie in Erstaunen setzte. Alvens wußte es freilich schon lange, wie diese Briefe darthun, er hatte indessen seine Gründe, es zu verheimlichen. Er wußte, daß sich Ihnen die Aussicht eröffnet, in eine reiche Erbschaft einzutreten; sind ihm doch schon im Voraus die Mittel zur Verfügung gestellt worden, in glänzendster Weise für Sie zu sorgen. Anstatt nun mit dem leiblichen Bruder Ihres amerikanischen Freundes in Einvernehmen über die einzuschlagenden Wege zu treten, giebt er sich den Anschein, als sei er Ihr Wohlthäter. Er hofft, sich dadurch um so leichter seiner Beute bemächtigen zu können, darauf fußend, daß Sie als seine Frau ebenso gut die Erbin des Amerikaners sind, als wenn Sie jetzt gleich Ihrem väterlichen Beschützer als elternlose Waise zugeführt würden. Doch seine Anschläge sollen scheitern; bevor er zur Besinnung kommt, sind Sie weit fort von hier, und erst unter dem Dache Ihres Adoptivvaters, vermag seine Hand Sie nicht mehr zu erreichen. Darauf bezogen sich also meine Andeutungen einer Reise, welcher Sie sich unterziehen müssen, wenn Sie aus der entsetzlichen Lage gerettet werden wollen; ich aber rechne es mir zur höchsten Ehre an, am meisten zu Ihrer Rettung beigetragen zu haben.« Während Beltram in solcher Weise sprach, erwachte plötzlich in Anna's Seele die gräßliche Befürchtung, in die Gewalt eines Wahnsinnigen gerathen zu sein. Ihre Brust schnürte sich bei diesem Gedanken krampfhaft zusammen, und nur ihre Reisetasche und die in Beltrams Händen befindlichen Briefe zeugten dafür, daß die seltsamen, unglaublich klingenden Enthüllungen vielleicht nicht ganz aus der Luft gegriffen seien. »Wer schrieb die Briefe?« fragte sie fast tonlos, als die Erstarrung, welche sich um ihre Brust gelegt hatte, allmälig wieder wich. »Der Amerikaner Braun an Herrn Alvens; es sind treue Abschriften; der Originale mich zu bemächtigen durfte ich nicht wagen.« Anna sah argwöhnisch in die gerötheten Augen, die hinter der großen Fensterglasbrille zuckten und blinzelten, als hätten die ängstlichen Blicke des jungen Mädchens eine ätzende Eigenschaft besessen. »Herr Braun hat diese Briefe gelesen?« fragte sie endlich. »Gestern Abend, wie ich schon so frei war, zu bemerken.« »Was war seine Ansicht, was die Ansicht seiner Frau?« »Sie hegten die Ansichten, aus welchen mein ganzes Verfahren hervorgegangen ist. Sie bestanden darauf, daß Ihre Flucht aus der Gefahr drohenden Nähe Alvens' bewirkt werden müsse, bevor es zu spät sei.« »Ihrem Urtheil werde ich das meinige natürlich unterordnen, dagegen bin ich fest entschlossen, nicht eher von dannen zu gehen, als bis ich sie Beide gesehen und gesprochen habe – und dann – was soll ich von Ihren Enthüllungen denken? Mir ist – Alles dunkel und unverständlich –« »Lesen Sie, theuerstes Fräulein,« fiel Beltram mit halberstickter Stimme ein, denn der Anblick des in seiner Bedrängniß mit so viel Entschiedenheit auftretenden lieblichen Mädchens wirkte wieder so gewaltig auf ihn ein, daß das wild aufgeregte Blut die sommersprossige Haut seines knochigen Antlitzes zu zerreißen drohte und der Athem sich röchelnd und glühend heiß seinen Lungen entwand, »lesen Sie,« wiederholte er stotternd, und er reichte Anna die beiden Briefe, »Sie haben jetzt die beste Zeit dazu, während ich hingehe und eine Zusammenkunft mit den Brauns herbeizuführen suche. Den Zusammenhang werden Sie leicht aus diesen Abschriften errathen, Sie werden begreifen, daß Ihres Bleibens hier nicht mehr ist. Innerhalb zweier Stunden hoffe ich mit guten Nachrichten zurück zu sein, bis dahin aber fassen Sie Muth für das, was zu unternehmen Sie vielleicht gezwungen sind.« So schließend hielt er ihr die Hand hin, in welche Anna, kaum wissend was sie that, ihre zarten Fingerspitzen legte, worauf sie sich mit dem einen auseinander geschlagenen Briefe dem unzureichenden Lichte des flackernden Feuers zuneigte. Beltram schritt unterdessen noch einmal zu seiner Mutter hinüber, und seine Hand mit festem Druck auf deren Schulter legend, heftete er die Blicke starr und durchdringend auf ihre trüben Augen. Das elende Weib zitterte unter der unsanften Berührung und schaute mit banger Erwartung empor. »Ich werde sehr bald zurück sein,« folgten Beltrams Worte langsam und mit drohendem Ausdruck zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch aufeinander, »während meiner Abwesenheit bewachst Du das Mädchen, als ob es meine eigene Seele wäre. Quäle es nicht durch Deine Zudringlichkeit, oder besser noch, stelle Dich schlafend. Bedenke, unser Beider Glück liegt in der Hand des schönen Wesens dort, und daher bürgst Du mir auch mit Deinem Leben für seine Sicherheit. Wahrscheinlich bringe ich Geld mit, und Ein Lohn soll nicht ausbleiben, wenn ich keinen Grund finde, ein furchtbares Gericht über Dich zu verhängen.« »Wo willst Du das Geld hernehmen?« fragte die Mutter, auf welche der Klang dieses Wortes einen merkwürdigen Zauber ausübte. Beltrams Faust krallte sich fester in die Schulter des elenden Geschöpfes. »Was kümmert's Dich, woher ich's nehme?« zischte er wieder leise, und lauter fügte er hinzu: »sorge auch, Mutter, daß das Fräulein nicht gestört werde.« Dann begab er sich nach einem anderen Winkel des dumpfigen Gemaches hinüber, wo er aus einem zerbrechlichen Schranke mehrere Gegenstände nahm, die er vorsichtig auf seinem Körper verbarg, worauf er seinen Rock bis unter's Kinn zuknöpfte. Womit er sich zu einer nächtlichen Wanderung ausrüstete, ließ sich nicht genau unterscheiden, zu geschickt handhabte er die einzelnen Theile. Nur einmal klirrte es leise, als ob er zwei Schlüssel zugleich in die Tasche geschoben hätte; sein häßliches Gesicht wurde dabei leichenfahl, und geisterhaft spähten die nunmehr der Brille entkleideten Augen um sich. Anna hatte nicht auf das Geräusch geachtet; sie war zu sehr vertieft in das Lesen der Briefe, deren Inhalt in nie geahnter, räthselhafter Weise ihre eigene Person betraf. Kaum daß sie, wie im Traum, flüchtig aufsah, als das Einspringen des Drückers der Außenthüre verkündigte, daß Beltram auf die Straße hinausgetreten sei. – »Es muß etwas Wahres zu Grunde liegen,« sprach Anna in Gedanken, sobald sie die beiden Briefe gelesen hatte. Dann stützte sie das Haupt auf ihre Hände, die Augen mit denselben bedeckend, wie um in dem Gewirre der auf sie einstürmenden Empfindungen, die unheimliche Umgebung von ihrem Geiste auszuschließen. Lange saß sie regungslos da; die Furcht, welche sie kurz vorher noch gehegt hatte, war unterdrückt worden durch das gleichsam krankhafte Trachten, die Schleier zu lüften, welche sich dichter um ihre heftig arbeitende Phantasie zusammenzogen. Da fiel ein heller Schein zwischen ihren Fingern hindurch auf die geschlossenen Augenlider. Erschreckt sah sie empor; sie mußte sich förmlich besinnen, wo sie war, denn vor ihr stand das grausige alte Weib, mit den geierartigen Krallen neue Späne auf das vernachlässigte und niedergebrannte Feuer häufend und sie mit ihren blöden Augen neugierig betrachtend. Der Ausdruck des Schreckens auf Anna's Zügen entging der lauernden Megäre nicht, und wie um jene am Aufstehen zu hindern, legte sie die eine Hand auf deren Schulter. »Du darfst Deine schönen Augen nicht verderben,« murmelte sie mit schwerer Zunge, »denn was würde er dazu sagen, wenn Du blind würdest? Das Feuer soll daher lustig brennen, damit wir keine Lampe anzuzünden brauchen; die Lampe wirft einen zu hellen Schein auf die Fenstervorhänge. Auf etwas Holz mehr oder weniger kommt es nicht mehr an, seit Du Deinen Einzug hier gehalten hast; denn Du bist ein Glückskind, und wir werden fortan friedlich bei einander wohnen.« Bei dieser von einem schadenfrohen Grinsen begleiteten Anrede fühlte Anna das Blut in ihren Adern stocken. Der Widerwille, welchen sie bei der Berührung der häßlichen Alten empfand, war so groß, wirkte so lähmend auf sie ein, daß ihr die Kraft mangelte, demselben Ausdruck zu geben. Eine Weile starrte sie sprachlos und am ganzen Körper zitternd in das grinsende Gesicht, dann versetzte sie mit ersterbender Stimme: »Herr Beltram wird zurückkehren und Ihr Verfahren gewiß nicht billigen.« Wie von einem electrischen Schlage getroffen, zuckte das Weib bei dieser Bemerkung zusammen, und ähnlich einem Hunde, der von einer falschen Fährte zurückgescheucht wurde, schlich sie nach ihrem Lager hin. Anna, mit Aufbietung aller geistigen Kräfte eine äußere Ruhe erzwingend, hob wieder den einen Brief empor, allein sie vermochte nicht zu lesen, die Buchstaben flossen vor ihren Augen ineinander. Von Todesangst erfüllt, kannte sie nur den einzigen Gedanken, Beltram's Mutter, in der sie eine erbitterte Feindin zu errathen meinte, durch ihre Fassung zu entwaffnen. Wiederum verrannen einige Minuten, die Anna wie eine Ewigkeit erschienen, als plötzlich die alte Megäre wieder vor ihr stand. Mit der unbestimmten Absicht, sich deren Anblick zu entziehen, brachte sie den Brief dichter vor ihre Augen; doch nur kurze Zeit wirkte ihr Verfahren; denn eine gebräunte Hand mit krallenartigen Fingern bog den Brief von ihrem Antlitz zurück, während die andere Hand schmeichelnd über ihren mit seidenen Schleifen geschmückten Hut hintastete. »Um Gotteswillen, ich bitte Sie, lassen Sie mich die Briefe zu Ende lesen,« flehte Anna in ihrer Todesangst, und aus Besorgniß, die boshafte Alte zu erzürnen, wagte sie nicht, deren Beginnen ernstlichen Widerstand entgegenzustellen. »Kind, warum willst Du die Briefe zweimal lesen?« fragte das Weib höhnisch, »warte damit, bis wir in eine glänzende Wohnung eingezogen sind, dann kannst Du sie meinetwegen auswendig lernen.« »Sie ist wahnsinnig!« rief Anna entsetzt aus, und weit lehnt sie den Oberkörper zurück, um der widerwärtigen Berührung auszuweichen. »Wahnsinnig, meinst Du?« fragte das Weib zutraulich nickend, »ich bin so wenig wahnsinnig, wie mein schöner, kluger Sohn oder Du selber; bin ich aber nicht so kummervoll, wie gewöhnlich, so rührt das daher, weil ich Dich hier sehe; denn unsere Noth hat jetzt ihr Ende erreicht, und solchen Hut, wie Du besitzest, werde auch ich nächstens tragen. Laß mich sehen, wie er mir steht – her damit!« rief sie zornig aus, indem sie die Bänder löste und Anna den Hut wirklich entriß, »oder ekelt Dir vor mir, weil ich arm bin und Du bisher in Reichthum schwelgtest?« So sprechend drückte sie den Hut gewaltsam auf ihren eigenen zottigen Kopf, wobei es ihr offenbar einen teuflischen Genuß gewährte, Jugend und Schönheit sich verzweiflungsvoll vor ihr winden zu sehen. Indem aber Anna's Todesangst sich steigerte, steigerte sich der grausigen Megäre Entzücken, und entfesselt, wie sie einmal war, suchte sie sich dadurch gleichsam zu berauschen, daß sie nach besten Kräften ihres zitternden Opfers Verzweiflung auf den höchsten Gipfel trieb. – Anna, einer Ohnmacht nahe, leistet keinen Widerstand. Fort und fort wiederholend, daß sie ebenso gut die Rolle einer vornehmen Dame durchzuführen verstehe, zog die Elende ihr nunmehr auch noch den Mantel von den Schultern, welchen sie sofort selbst anlegte; als sie aber hohnlachend betheuerte, daß die Leute sie beneiden würden, wenn sie, an dem einen Arme ihren schönen, klugen Sohn, an dem anderen eine nicht minder schöne und kluge Schwiegertochter, durch die Straßen wandere, sprang Anna empor. »Lassen Sie ab!« flehte sie, ihre Hände faltend, »tödten Sie mich nicht durch die furchtbare Angst, welche Sie mir einflößen!« »Ich flöße Dir Angst ein?« kreischte das Weib, »ei, da seh' einer die junge, hochnäsige Person! Wir sind ihr nicht gut genug, weil sie sich einbildet, so viel jünger und schöner zu sein, als wir? Aber warte, auch Dir kann die Schönheit geraubt werden! Was thust Du überhaupt mit dem langen Haar auf Deinem Kopfe? Herunter mit der Frisur, damit Du aussiehst, wie andere Menschen, zumal jeder Perrückenmacher mindestens sechs Thaler dafür zahlt; der Beltram kann mit Dir auch ohne die langen Zöpfe zufrieden sein, die bald genug wieder heranwachsen werden!« Um Anna's Brust legte es sich wie Eis; was die alte Verbrecherin in ihrem wahnsinnigen Haß gegen alles Gute und Schöne sprach, bildete eine gräßliche Erklärung zu dem Benehmen Beltrams, der ihr, seit er sie aus Frau von Birks Wohnung fortgelockt hatte, schon mehrfach in dem unheimlichsten Lichte erschienen war. Ihr schwindelte, die Füße drohten ihren Dienst zu versagen, und mit stockenden Pulsen blickte sie auf das entartete Weib, welches mit wüthender Hast in dem feuchten Kellerraum umherstöberte und vergeblich nach einer Scheere suchte. »Die Scheere, die Scheere!« schrie die häßliche Megäre, gleichgültig dagegen, daß das zierliche Hütchen halb von ihrem zottigen Kopfe heruntergeglitten war und der saubere Mantel nur noch auf ihrer einen Schulter hing, »wo ist die Scheere? Schnell, schnell! Bevor er zurückkehrt, muß es geschehen sein, oder er giebt den süßen Bitten seines verführerischen Engels nach!« »Lassen Sie mich hinaus!« rief Anna von Grausen überwältigt, indem sie der Thüre zuschwankte. »Hinaus?« keifte die tolle Hexe giftig. »Du bleibst, wenn Du nicht willst, daß ich Dein glattes Frätzchen mit diesem Feuerbrand versenge und verderbe!« Indem sie aber das brennende Stück Holz aus der Gluth riß, fielen ihre Blicke auf ein abgenutztes Küchenmesser, welches, halb mit Asche bedeckt, auf dem Feuerherd lag. »Ha, 's geht auch mit einem Messer!« rief sie triumphirend aus, und wild schwang sie die Waffe, »und still halten sollst Du, oder ich zeichne Dein glattes Gesicht mit lauter Kreuzschnitten! 's thut Dir keinen großen Schaden, denn der Junge heiratet Dich doch –« Sie war nur noch einen Schritt von Anna entfernt, deren selbst in ihrer Todesangst unbeschreiblich liebliches Antlitz eine Wirkung auf sie ausübte, wie etwa die blendend rothe Farbe auf einen wüthenden Stier, und schon streckte sie die Hand nach der Halbohnmächtigen aus, als diese, einem dumpfen Gefühl der Selbsterhaltung folgend, plötzlich hoch aufhorchte und diese Bewegung mit den ängstlich geflüsterten Worten: »man klopft,« begleitete. Die Alte fuhr zurück; das Messer warf sie auf den Feuerherd, Anna's Hut und Mantel in den nächsten Winkel, und ebenfalls eine lauschende Stellung annehmend, murmelte sie mit vor Angst klappernden Zähnen: »Es ist nicht wahr, ich habe nichts gehört; Du lügst, Mädchen, Du lügst, um mich zu erschrecken, der Junge kann noch nicht zurück sein!« Anna, von neuer Hoffnung beseelt, wiederholte dringend, daß sie nicht nur das Klopfen deutlich vernommen habe, sondern auch das Geräusch, mit welchem Jemand die sechs Stufen hinuntergestiegen sei. »Ich bin überzeugt, es war Herr Beltram,« fügte sie hastig hinzu, »wenn Sie mir nicht glauben, so will ich ihn rufen, ihn laut fragen.« »Still, still, Du wilde Hexe, oder möchtest Du mich in's Unglück stürzen?« versetzte das Weib leise, indem es an den Feuerherd schlurfte, wo es schnell die Lampe anzündete. »Wer weiß, wer da geklopft hat; der Junge war's nicht, oder er hätte sein Klopfen erneuert.« »Er hat es erneuert, jetzt eben,« bekräftigte Anna mit von der Verzweiflung eingegebener Entschiedenheit, »fragen Sie aber nicht, wer Einlaß begehrt, so sehe ich mich gezwungen, laut zu rufen, daß ich hier sei, denn ich ahne, man sucht mich!« »'s ist ja schon gut, Mädchen,« beruhigte die Alte jetzt, indem sie sich in größter Verlegenheit der Thüre näherte, »sprich kein Wort zu ihm davon, ich habe nur Scherz mit Dir gerieben, da halte die Lampe, während ich an die Hausthür schleiche und horche. Nimm Dich in acht, damit Niemand Dich sieht – so – so, da hinten bleibe stehen.« So sprechend trat sie an die Hausthüre, und ihr Ohr dem Drückerschloß nähernd, lauschte sie längere Zeit auf die Straße hinaus. »'s ist nichts,« sagte sie endlich, sich aufrichtend und ihr zottiges Haupt halb nach ihrer Gefangenen umwendend. »Da, – da klopft es wieder an das eine Fenster,« flüsterte Anna, der vor heftiger Erregung die Sprache fast versagte. Zugleich aber prüfte sie auch mit scharfen Blicken das Schloß, ob es ihr wohl gelingen würde, dasselbe zu öffnen. In demselben Augenblick legt die alte Hehlerin die Hand an den Drücker, denselben leise zurückschiebend. »Nun, wir sind ja ehrliche Leute,« sprach sie laut genug, um draußen verstanden zu werden, »und da brauchen wir wahrhaftig keinen nächtlichen Besuch zu scheuen. Wollen doch einmal sehen, wer noch so spät ehrliche Leute in ihrer Ruhe stört.« Dann zog sie den einen Thürflügel etwa eine Handbreit nach innen, eine für ihre eigenen Zwecke große Unvorsichtigkeit, deren sie sich schwerlich schuldig gemacht hätte, wäre sie nicht sowohl für sich selbst, als auch für ihren abwesenden Sohn, dessen nächtliches Gewerbe sie nur zu genau kannte, von Besorgniß erfüllt gewesen. »'s ist Niemand zu sehen,« bemerkte sie, die Thüre noch etwas weiter aufziehend, um einen Blick seitwärts auf die Fenster zu gewinnen. »Doch, doch,« flüsterte Anna plötzlich neben ihr, und als sie sich erschreckt nach ihr umkehrte, da ließ diese die Lampe fallen, und die augenblickliche Verwirrung des überraschten Weibes benutzend, drängte sie sich schnell an demselben vorbei, und in der nächsten Sekunde huschte sie leicht und gewandt die sechs Stufen hinauf. Oben angekommen wagte sie nicht, noch einmal zurückzuschauen, wo ihre Peinigerin vor Entsetzen sprachlos in der Thüre stehen geblieben war. Dieselbe wußte nicht, ob sie sich in ihre Höhle zurückziehen, ebenfalls fliehen oder dem bereits in der Dunkelheit entschwundenen Flüchtling nachstürzen sollte. Als sie aber endlich ihre Fassung zurückerlangte, da begriff sie, daß Anna sich längst außerhalb des Bereiches jeder Verfolgung befand und ihr weiter nichts übrig bleibe, als dem an Raserei grenzenden Zorne ihres Sohnes zu begegnen. »Nun, morden kann er mich nicht,« murmelte sie verdrossen, indem sie die Thür geräuschvoll zuwarf und sich in den feuchtkalten Wohnungsraum zurückbegab, »und er ist so klug, er wird sie schon auffinden, und dann wollen wir die Sache gescheidter anfangen,« tröstete sie sich weiter, »auf alle Fälle habe ich einen warmen Mantel profitirt.« Dann versteckte Sie Anna's Hut hinter ihr Bett, den Mantel breitete sie unterhalb der zerlumpten Decke über ihr Lager aus, und nachdem sie aus der in ihrem Bettstroh verborgenen Flasche einen tiefen Zug gethan, legte sie sich zum Schlafe nieder. Längere Zeit blieb sie indessen noch munter; für sie gab es nur noch ein einziges Mittel, sich dem Bewußtsein ihres Elends, ihres verbrecherischen Daseins und allen damit verbundenen Drangsalen und Entbehrungen zu entziehen und den Mißhandlungen eines unnatürlichen, entmenschten Sohnes gefühllos zu begegnen, und diese Mittel zog sie zu ihrem Beistande heran, so lang und so nachdrücklich, bis von dem Menschen an ihr weiter nichts mehr vorhanden war, als ein in dumpfe Betäubung versenktes, gräßlich verkörpertes Laster. – Einundzwanzigstes Capitel. In der Dachwohnung. Sobald Anna die frische Nachtluft um ihre heißen, fieberhaft hämmernden Schläfen wehen fühlte, überkam sie das stählende Bewußtsein, einer furchtbaren Gefahr entronnen zu sein, und mit diesem der gleichsam krampfhafte Wille, sich von derselben nicht wieder einholen zu lassen. In ihrer Hast, einen möglichst großen Zwischenraum zwischen sich und die entsetzliche Kellerwohnung zu legen, gelangte sie bald in breitere und saubrere Straßen, die noch theilweise von brennenden Gaslaternen erhellt waren. Mitternacht war vorüber; selten begegnete sie vereinzelten Fußgängern und kleinen Gesellschaften, und diese befanden sich nicht in der Stimmung, sich um eine einsame Wandrerin zu kümmern, die, ihr Halstüchelchen über den Kopf geknüpft, durch ihre Eile so große Besorgniß, vielleicht um einen Kranken verrieth. Selbst daß sie zuweilen argwöhnisch rückwärts spähte, als hätte sie befürchtet, verfolgt zu werden, bemerkte Niemand, indem sie bei Allen zu flüchtig vorüberschritt. Zehn Minuten hatte sie mit unverminderter Schnelligkeit ihre Flucht fortgesetzt, und ohne eine bestimmte Richtung inne zu halten, war sie von der einen Straße immer in die nächste andere eingebogen, als sie, um Athem zu schöpfen, gezwungen war, ihre Eile zu mäßigen und endlich ganz stehen zu bleiben. So weit ihre Blicke reichten, entdeckte sie kein Leben. Oede und vereinsamt dehnte sich die Straße nach beiden Richtungen hin aus; die Laternen brannten trübe und melancholisch, als wären auch sie am liebsten gleich eingeschlummert. Nur hin und wieder in dem einen oder dem anderen Stockwerk schimmerte gedämpftes Licht durch luftige Gardinen oder schwere Vorhänge hindurch, wie von gleichmäßig brennenden Nachtlampen ausgehend, welche Scenen der Ruhe und des Friedens glücklich und zufrieden rastender Häuslichkeit und schlummernder Familien beleuchteten. Rathlos spähte Anna um sich; ihre Blicke streiften die matt erhellten Fenster, und Thränen drangen ihr in die Augen. »Alle haben eine Heimath, ein Obdach,« seufzte sie schmerzlich, »nur ich bin hinausgestoßen, weiß nicht, wohin ich mein Haupt legen soll.« Dem ersten ermuthigenden Gefühl, ihre Freiheit zurückerlangt zu haben, folgte die schreckliche Frage, wohin sie sich in ihrer Angst und Noth wenden könne. Den Mangel des Hutes und des Mantels hatte sie bisher kaum bemerkt; die schnelle Bewegung und die heftige Aufregung hatten sie sogar erhitzt; um so empfindlicher fiel ihr dafür jetzt die rauhe Luft der kalten Herbstnacht auf die fröstelnden Glieder. Sie schauerte in sich zusammen; um sich zu erwärmen, wollte sie ihre Wanderung fortsetzen. Doch »wohin?« fragte sie sich gleich darauf, und ihr Muth brach unter der Wucht des Bewußtseins gänzlicher Verlassenheit. – »O, wenn der gute Braun und Frau Kathrin es wüßten,« sprach es in ihrem Herzen, während die trauten Gestalten der biederen Menschen vor ihrer Phantasie auftauchten. Sie dachte daran, sich aus dem ihr unbekannten Stadttheile herauszusuchen und bei ihnen um Aufnahme zu bitten, die ihr ja nicht versagt werden würde, allein zu den Gestalten ihrer Freunde gesellte sich dann schnell das Schreckbild ihres Vormundes, der, wie Beltram versichert hatte und wie sie leicht errieth, sie unbedingt nach Tagesanbruch daselbst aufsuchen und wieder mit sich fortnehmen würde. Sie wollte sich überreden, daß Beltram sie getäuscht habe, allein vergeblich; die Briefe, welche er ihr zeigte, und das Schreiben Brauns konnten nicht gefälscht sein, wenn sie dem hinterlistigen Secretair auch das Schlimmste zutraute. Wie ihr in der Erinnerung das breite, sommersprossige Gesicht Beltrams häßlich erschien und wie seine Zudringlichkeit, seine zitternde heisere Stimme sie noch nachträglich mit Abscheu erfüllten! Wie ganz anders hatte sich Johannes dagegen in seinem Verkehr mit ihr gezeigt! Indem sie aber ihres treuen Jugendgenossen gedacht, leuchtete es in ihrem Geiste auf, daß er der Einzige sei, bei dem sie in ihrer bedrängten Lage nicht nur Rath, sondern auch eine Zufluchtsstätte finde, wenigstens auf so lange, bis sie sich wieder mit den Kärrnersleuten in Verbindung gesetzt haben würde. Sie entsann sich zwar, daß Johannes ihr streng untersagt hatte, ihn zu besuchen, hinweisend auf die Unannehmlichkeiten, welche sie beim Eintritt in das von zahlreichen Familien bewohnte Haus bedrohten, allein heute billigte er gewiß ihren Entschluß, denn sie war ja in Noth, hülfsbedürftig und in einer Lage, in welcher sie sich, außer an ihn, an Niemand wenden konnte. Die Straße und Nummer seiner Wohnung kannte sie, sie wußte sogar, daß er bei dem Portier wohnte, an welchen sie ihre gelegentlichen Briefe adressirt hatte; es hielt sie also nichts ab, zu ihm zu gehen, von dem sie zunächst Schutz und Hülfe erwartete. Mit der stillen Hoffnung, bald in bekanntere Stadttheile zu gelangen, wo es ihr erleichtert war, das bezeichnete Haus aufzufinden, verfolgte sie die eingeschlagene Richtung. Doch sie hatte sich getäuscht; durch mehrere Straßen wanderte sie und an jeder Ecke blieb sie stehen, um die Namen zu lesen; alle klangen ihr fremd, so daß sie endlich die Unmöglichkeit einsah, ohne fremden Rath ihr Ziel zu erreichen. Mißtrauisch und klopfenden Herzens betrachtete sie jeden Einzelnen der ihr selten Begegnenden, und immer fehlte ihr der Muth, zu fragen, bis sie endlich auf einen in seinem Schafspelz fast verschwindenden und an dem Klirren eines Schlüsselbundes kenntlichen Nachtwächter stieß, der ihr auf ihre schüchterne Frage nicht nur den erwünschten Aufschluß ertheilte, sondern sie auch so weit begleitete, bis das gesuchte Haus in der Ferne vor ihr lag. Einige Minuten später stieg sie die steinernen Stufen hinauf, welche zur Thüre eines großen, vierstöckigen, kasernenartigen Gebäudes führten. Begünstigt durch eine nahe Laterne las sie an dem Mauerpfeiler des Mannes Namen, welchen sie schon vielfach auf ihren Briefen niedergeschrieben hatte und dessen Träger mit der Eigenschaft eines Portiers auch die oft wenig angenehme Stellung eines Vicewirthes verband. Lange und gleichsam ihre ganze Seelenstimmung in das Klingeln legend, zog sie an dem von einer kleinen eisernen Faust gehaltenen Porzellangriff; dann lauschte sie beklommenen Herzens. Nach Verlauf von höchstens einer Minute öffnete sich in dem der Hausthür zunächst liegenden Fenster eine bewegliche Scheibe, ein mit weißer Nachtmütze bedecktes männliches Haupt wurde in der Oeffnung sichtbar, und zugleich fragte eine verdrießliche Baßstimme, wer noch so spät Einlaß begehre. »Wohnt Herr Johannes Streber hier?« fragte Anna zagend, denn sie glaubte aus dem Tone der Stimme auf eine ihrem Anliegen ungünstige Antwort schließen zu müssen. »Der Herr Johannes?« fragte die Baßstimme um vieles milder zurück, »ja, der wohnt in diesem Hause, und wach wird der arme Herr auch wohl noch sein; soll ich vielleicht etwas an ihn bestellen?« »Nein, das nicht,« versetzte Anna schnell, »aber wenn Sie mir die Gelegenheit verschaffen wollten, ihn auf einige Minuten zu sprechen, würde ich Ihnen unendlich dankbar sein.« »Sie sind wohl eine Verwandte von ihm?« forschte der Portier mit gutmüthiger Neugierde weiter. »Eine Verwandte gerade nicht,« erwiderte Anna ermuthigt, »allein es ist fast ebenso gut, als ob ich seine leibliche Schwester wäre. Wir sind zusammen aufgewachsen.« »So, so,« brummte die Baßstimme, »'s ist zwar sonst nicht mein Art, jedem weiblichen Wesen bei nachtschlafender Zeit Thür und Thor zu öffnen, allein wer zu Herrn Johannes will, dem kann man schon ein Uebriges zu Gefallen thun. Warten Sie eine Minute, will mir nur 'ne Kleinigkeit gegen Zugluft umhängen –« Die Fensterscheibe schloß sich, doch unterschied Anna, daß der Portier seine angefangene Rede in der Stube fortsetzte, bis sie endlich eine Thür gehen hörte und gleich darauf ein Schlüssel im Schloß der Hausthüre klirrte. »Bitte treten Sie näher,« knurrte die Baßstimme zwischen einer weißen Nachtmütze und einem abgetragenen Reisepelz hervor, während ein Laternchen, wie um sie in allen ihren Theilen genau zu beleuchten, sich langsam vor ihr auf und nieder bewegte. »Also zu dem Herrn Johannes Streber wollen Sie?« fuhr der Baß fort, sobald die Hausthür wieder gehörig versichert war, »wissen Sie aber auch ganz genau, wo er wohnt, damit Sie nicht in die falsche Thüre fallen?« »Nein, ich bin noch nie bei ihm gewesen,« versetzte Anna mit neu erwachender Besorgniß. »So so, dann werden Sie Mühe haben, ihn zu finden.« »Ich glaubte, er wohne bei Ihnen, weil ich meine Briefe stets an Sie adressiren mußte – aber ich denke, wenn Sie mir seine Wohnung genau beschreiben – ich sehe, es brennt auf den Treppen und Gänge noch Licht –« »So! so! 'ne Wohnung meinen Sie?« murrte der Baß bedauernd, und zwischen Schlafmütze und Reisepelz drängte sich ein rundes, roth angelaufenes Gesicht hervor, dessen kleine blinzelnde Augen mit sichtbarer Theilnahme auf dem erwartungsvoll zu ihm aufschauenden lieben Antlitz ruhten; »so so, hm, 's ist wirklich seine Wohnung, denn er lebt da drinnen, aber kommen Sie, ich will Ihnen seine Wohnung zeigen, denn Sie möchten sie sonst, trotz allen Zurechtweisens verfehlen,« und Anna voranschreitend, begann der gefällige Vicewirth eine schmale Treppe zu ersteigen, welche in kurzen und regelmäßigen Windungen bis unter das Dach hinaufführte. Dann nahm er seine unterbrochene Rede wieder auf, sich in dieselbe so sehr vertiefend, daß er die Antworten und Erklärungen seiner jugendlichen Begleiterin gar nicht abwartete. »Ja, ja, das kann ich Ihnen sagen,« und die weiße Troddel auf seiner Zipfelmütze bekräftigte durch einige heftige Schwingungen seinen Ausspruch, »der Herr Johannes ist ein sehr feiner Herr; dabei sehr gelehrt, was man sonst bei feinen Leuten im Allgemeinen nicht findet, und dabei zuvorkommend und höflich gegen Jedermann, gleichviel, ob hoch oder niedrig, ob reich oder arm, ob Mann oder Weib oder Kind. Also zusammen aufgewachsen sind Sie mit ihm? So, so, er wird gewiß sehr überrascht sein, Sie zu sehen. Sie bringen ihm doch keine traurigen Nachrichten? Es sollte mir das sehr leid um ihn thun, denn er war heute Abend noch so heiter – das heißt, auf seine Art – als er mir mit meinen Rechnungen zu Stande half und nichts dafür nehmen wollte; kaum daß er ein Täßchen Thee mit uns trank. Ja, der liebe, freundliche Herr Johannes, wenn's in meiner Macht läge, sollte er ein besseres Leben führen – aber 's ist nun einmal so in der Welt! Manche Menschen scheinen nur geboren zu werden, um des Lebens Leiden und Trübsal kennen zu lernen – der arme, gute Herr Johannes!« Sie waren oben auf der vierten Treppe, also auf dem Boden des Hauses angekommen, auf welchem sich zu beiden Seiten rohe Bretterverschläge hinzogen, die theils zum Aufbewahren der nicht im täglichen Gebrauch befindlichen Gegenstände, theils als Schlafstellen einzelner Personen dienten. Licht brannte dort nicht; dagegen bemerkte Anna, sobald sie die letzte Stufe der Treppe betrat, ganz auf dem Ende des dunklen Ganges, mithin gerade vor dem Giebel des Daches einen matten Lichtschein, welcher durch die Ritzen zwischen den wenig sorgfältig zusammengefügten Brettern einer Thüre und des Verschlages selbst in's Freie drang. Sie errieth, daß dort ihr Ziel liege. War aber ihr Herz schon durch die flüchtigen Mittheilungen des menschenfreundlichen Portiers aufs Schmerzlichste bewegt worden, so durchzuckte ein bitteres Weh ihre Brust, als er auf den Giebelverschlag hinwies und denselben mit unverkennbarem Bedauern als die Wohnung des Herrn Johannes bezeichnete. »Ich werde hier warten, bis Sie die Thür erreicht haben,« fügte er freundlich hinzu, als Anna sich mit einigen geflüsterten Worten des Dankes von ihm entfernte; »grüßen Sie nur den lieben Herrn von mir und bestellen Sie, daß, wenn ich ihm einen Dienst leisten kann, er jederzeit, gleichviel ob Tag oder Nacht, auf mich zählen möge.« Gleich darauf stand Anna vor der dünnen, weitgefugten Thüre; ein Blick rückwärts überzeugte sie, daß der Portier sich entfernt hatte, denn der Gang lag dunkel und vereinsamt da; allein wie von einer unsichtbaren Macht gehalten, zögerte sie anzuklopfen. Eine breitere Spalte befand sich in gleicher Linie mit ihren Augen, sie brauchte daher nur ihr Haupt den Brettern zu nähern, um das Innere der sogenannten Wohnung ihres Jugendgespielen zum größten Theil zu übersehen. Klopfenden Herzens gab sie dem unbestimmten Drange nach, und alsbald erblickte sie ihren geliebten Johannes, den treuen Genossen und Beschützer ihrer Kindheit, ihren späteren Lehrer und Rathgeber. Die Turmuhren nah und fern verkündeten das Ende der Mitternachtsstunde. Anna vernahm es nicht. Ihr Auge ruhte dicht vor der Spalte, und in lautes Weinen hätte sie ausbrechen mögen, indem sie mit angehaltenem Athem und stockenden Pulsen den geliebten Freund beobachtete. Da saß er auf einem Brettstuhl, den Oberkörper matt zurückgelehnt und das Haupt grübelnd auf die Brust geneigt, so daß er ihr sein schön geschnittenes Profil zukehrte. Die Arme hatte er über der Brust verschränkt, die großen, schwermüthigen Augen auf ein beschriebenes Heft gerichtet, welches vor ihm auf einem gebrechlichen Tische lag und in welchem er eben gearbeitet zu haben schien. Große und kleine Bücher, theils aufgeschlagen, theils unregelmäßig über einander geschichtet, nahmen den übrigen Raum des Tisches ein; das Ganze aber beleuchtete eine kleine Studirlampe mit grünem Blechschirm, die mit ihrem ruhigen, gleichsam feierlichen Lichte den Ausdruck einer schwärmerischen Ergebung auf dem stillen, sinnenden Antlitz noch erhöhte. Bleich war die hohe, denkende Stirne, bleich, todtenbleich das übrige Antlitz, so weit es nicht von dem blonden Barte beschattet wurde. Nur auf den leicht eingesunkenen Wangen lag eine seltsame Röthe, durch die in dem luftigen Raume herrschende Kälte, wie auf künstlichem Wege gefärbt und abgegrenzt. Einen seltsamen, einen unheimlichen Contrast bildete diese Röthe zu dem scharf hervortretenden Zug der Erschöpfung, welcher sich unterhalb der gesenkten Augen und um die Lippen gelagert hatte. Auch in seiner Haltung äußerte sich eine unverkennbare Uebermüdung, denn gebeugt war sein Rücken, trotzdem die Lehne des Stuhls ihm als Stütze diente, und nach vorn neigten sich seine Schultern, während eine wollene Decke den übrigen Körper, um ihn gegen die Kälte zu schützen, verbarg. Sein Haupt dagegen war unbedeckt, und obwohl nicht mit ängstlicher Sorgfalt geordnet, fiel sein Haar in schönen, blonden Locken über die weißen Schläfen und auf seinen Hals nieder. Außer dem Tisch und dem Stuhl befanden sich nur noch ein dürftiges Bett, dessen Hauptbestandtheile Stroh und Seegras, ferner ein zweiter Stuhl und ein aus rohen Brettern zusammengefügtes, mit alten, viel gebrauchten Werken schwer belastetes Büchergestell in dem engen Raume. Derselbe erhielt am Tage sein spärliches Licht durch ein kleines Dachfenster, dessen meiste Scheiben gesprungen, einige sogar durch in die Rahmen eingeklebtes Papier nothdürftig ersetzt worden waren. Doch Anna hatte nur Blicke für ihren geliebten Freund, nur Sinne für die tiefe Armuth, in welcher er lebte, für die unsäglichen Entbehrungen, welche er sich auferlegte, um seine Studien gewissenhaft zu beendigen und zugleich die Pflichten treuer Kindesliebe zu erfüllen. »Das also ist die Wohnung, von welcher er meinte, daß es ihn beglücken würde, sie nach den Ferien wieder zu beziehen,« seufzte Anna leise, und ihr Herz hätte brechen mögen vor tief empfundenem Weh. »Mir aber untersagte er, ihn zu besuchen, damit ich nicht Zeuge seiner traurigen Lage würde.« Ihre Augen füllten sich mit Thränen; vergessen war ihre eigene Lage, vergessen das Mißgeschick, welches sie seit einigen Tagen so hartnäckig verfolgte, vergessen die Erschöpfung, welche die ununterbrochene Aufregung der letzten Stunden und der Mangel an Nahrung herbeigeführt hatten. Sie sah nur noch den armen, leidenden Freund, und wie um zu ihm zu eilen, ihn aufzurichten und zu trösten, hob sie die Hand empor, sich durch leises Klopfen anzumelden. Da bewegten sich seine blassen Lippen, als hätten sie das noch einmal wiederholen wollen, was den Geist beim Blättern in den alten Büchern eben noch beschäftigte, und was die zarte, fast durchsichtige Hand niedergeschrieben hatte. Anna zögerte; gewohnt, zu Johannes, wie zu einem ihr weit Ueberlegenen emporzuschauen, erschien es ihr als eine Entweihung, ihn in seinen ernsten Betrachtungen und Gedanken zu stören. Die Thür mit den klaffenden Rissen und Spalten war so dünn, daß sie glaubte, seine Athemzüge unterscheiden zu könne, während er, dessen Geist weit über die Grenzen seines Verschlages hinausschweifte, weder das Geräusch auf der Treppe, noch der leicht einher schwebenden Jugendfreundin Schritte vernommen hatte. »Wer ist es, der, starr haftend am kalten Buchstaben der Schrift, wagen möchte, an den heiligen Gesetzen der Natur zu rütteln?« drang es vernehmlich auf den Gang hinaus; »wer vermöchte der Erde Stillstand zu gebieten und die Sonne in Bewegung zu setzen, um ein sagenhaftes Wort zu erfüllen? Demjenigen, der mit empfänglichem Herzen das unverfälschte Wort Gottes zu vernehmen trachtet, dem offenbart es sich verständlich und eindringlich in der Natur. Oder sollte der ewige Kreislauf der Gestirne, die unermüdlich umkreisende Lebenskraft, die sich in der hundertjährigen Eiche wie in dem nur wenige Wochen grünenden Halme kund giebt, nicht wahrer und begreiflicher zu den Sterblichen sprechen, als die nach menschlicher Bequemlichkeit und mit versteckten finsteren Absichten verschiedenartig gemodelten und ausgelegten Lehren? O, ich fürchte, ich werde meinen Beruf nicht so ausfüllen, wie es im Allgemeinen gewünscht und verlangt werden mag! Auf welche andere Lehre, als auf die Gesetze der Natur, könnte man es zurückführen, daß das Kind, indem der Keim zu seinem Leben gelegt wurde, auch den Keim eines unabweislichen, langsamen, qualvollen Todes als Mitgabe erhielt? Hat es etwa, bevor es zu denken vermag, bereits eine solche Strafe verdient, oder sind es die unergründlichen Gesetze der Natur, welche einfach ihr Recht fordern und den kleinsten Fehler in der Organisation zu einem unheilbaren Uebel anwachsen lassen? Und muß denn durchaus ein solch unerbittlichem Tode verfallenes Leben erst zum Bewußtsein seines Elends gelangen? Kann es nicht schmerzlos hinüberschlummern in den Schooß des allliebenden Vaters, bevor es die ihm zuerkannte Strafe für nie begangene Vergehen und Fehler in ihrem ganzen, entsetzlichen Umfange erduldete? Wo bliebe die Gerechtigkeit der Vorsehung, wäre man nicht im Stande, den Grund für das Unvermeidliche in den vielleicht durch Zufall herbeigeführten Störungen der Thätigkeit der noch in der Ausbildung begriffenen zarten Organe zu suchen? Und dann das Herz! Was sind die Qualen eines langsam dahinsiechenden Körpers gegen die streng gebotene Entsagung desjenigen, der wohl ein getreues Bild irdischer Glückseligkeit erhält, sogar einen klaren Blick in seinen geträumten Himmel werfen darf, dem aber das eigene Gewissen vor den Pforten desselben ein gebieterisches Halt zudonnert? Wo steht die Rechtfertigung dafür, daß ein armer Sterblicher alle Grade einer unverdienten, schweren Züchtigung abzubüßen gezwungen ist, bevor sein zuckendes zertretenes Herz endlich zur lange und heißersehnten Ruhe gelangt? Wer will es rechtfertigen, als ein göttlich weises Straferkenntniß? Wer kann es anders entschuldigen, als daß er ein nicht ganz genaues Ineinandergreifen der nach bestimmten Gesetzen geordneten, jedoch mit einem gewissen Grade von Freiheit und Selbstständigkeit ausgerüsteten Räderchen in der gewaltigen Maschine bedauert? Nicht die Ungerechtigkeit kommt von oben, sondern der Trost für unverschuldetes Elend, ein treuer, ein nie versagender Trost, wenn es auch wohl Wege gäbe –« Allmälig lauter und überzeugender seinen Gedanken Worte verleihend, hatte er das Haupt erhoben; wie vor einer andächtig lauschenden Versammlung, in deren gespannter Aufmerksamkeit der Redner einen großen Theil der Begeisterung findet, welche es ihm erleichtert, sich in gewählten Formen und Bildern verständlich auszudrücken, so leuchteten auch seine Augen enthusiastisch im scharfen Gegensatz zu dem leidenden, ergebungsvollen Zug auf seinem gleichsam verklärten Antlitz. Anna wagte kaum zu athmen. Seit sie ihren geliebten Johannes vor sich sah, war ein Gefühl unendlicher Sicherheit in ihre Brust eingezogen, und lange noch hätte sie den Worten lauschen mögen, die ihr so geheimnißvoll und dennoch so aufrichtig und wahr klangen, als wären sie eine liebliche, zum Herzen dringende Melodie gewesen, welche ganz zu deuten ihre Erfahrungen nicht ausreichten. Johannes hatte sich aufgerichtet und eine Feder ergriffen, wie um der vor ihm liegenden Arbeit noch einige Zeilen hinzuzufügen. Plötzlich aber schien er seine Absicht zu ändern, denn die Feder niederlegend, nahm er seine alte grübelnde Stellung wieder ein. »Gottes Segen über Dich, Du Geliebte,« sprach er nach kurzem Sinnen leiser und innig, als hätte die holde Freundin vor ihm auf den Knieen gelegen, seine Hand auf dem theueren Haupte geruht; »Gottes Segen über Dich, Du liebes, treues Kind; wohin und in welche Kreise Du auch immer verschlagen wirst, mögest Du mir Deine schwesterliche Liebe bewahren, meiner stets ...« er stockte; ein mildes Lächeln schwebte auf den edlen Zügen, und dann fügte er, die Hände faltend, mit wunderbarem Ausdruck hinzu: »Mögest Du meiner als eines treuen, opferwilligen Bruders gedenken.« Es klopfte leise an die Thüre; Johannes horchte hoch auf. Fast gleichzeitig mit dem Klopfen war aber auch die Thür geöffnet worden, und seinen erstaunten Blicken zeigte sich die Jugendgespielin, mit der er sich eben noch im Geiste so angelegentlich beschäftigte, und die jetzt mit ausgebreiteten Armen auf ihn zueilte. Johannes! Lieber, lieber Johannes, da bin ich ja, ich, Deine treue Schwester!« rief sie aus, indem sie den Hals des Freundes umschlang, bevor derselbe sich zu erheben vermochte. Dann ihr Antlitz auf seiner Schulter verbergend, weinte sie so bitterlich, als ob ihr Herz nun wirklich gebrochen wäre. Bis jetzt hatte Johannes seinem Erstaunen keinen Ausdruck zu geben vermocht. Zu tief erschütterte ihn Anna's Anblick, deren ganzes Auftreten so beängstigend von ihrem gewöhnlichen Wesen abwich. Und dann die späte Nachtstunde und der Mangel einer wärmenden Umhüllung, o, wie ihn dies Alles mit Besorgniß erfüllte und wie er wünschte, daß sich das Geheimniß, welches sie umgab und sie zu ihm getrieben hatte, in einer weniger bedrohlichen Weise aufklären möchte, als der zuerst empfangene Eindruck befürchten ließ! Sobald aber Anna's krampfhaftes Schluchzen in stilles Weinen übergegangen war und er hoffen durfte, sie seinen Ermuthigungen zugänglicher zu finden, erhob er sich, und mit der rechten Hand das noch immer auf seiner Schulter ruhende theuere Haupt sanft emporrichtend, fragte er zugleich theilnehmend und tröstend: »So hast Du mich dennoch aufgesucht, Du armes Kind? Ich wage kaum zu fragen, was Dich hierher geführt.« »Doch, doch, Johannes, frage mich,« versetzte Anna schnell, indem sie nach Fassung rang, »ich komme zu Dir, weil ich Deines Schutzes bedarf, weil die Menschen mich verfolgen, mich aus meinem stillen Asyl vertrieben haben – aber Johannes, ich bin bis auf den Tod erschöpft und ermüdet, mir ist, als wollten meine letzten Kräfte mich verlassen!« »Komm, armes Kind,« entgegnete Johannes liebreich, indem er Anna zu seiner Lagerstätte hinführte, »komm, setze Dich nieder, so – und nun sage mir, ob ich das Geringste zu Deiner Erquickung und zu Deinem Troste thun kann – hier aber sieht es freilich nicht aus, als ob ich viel bieten könnte,« fügte er entschuldigend hinzu, sobald er gewahrte, daß daß Anna's Blicke traurig durch den Verschlag wanderten, »allein für meine geringen Bedürfnisse ist Alles mehr, als ausreichend; für unvorhergesehene Fälle dagegen besitze ich in der Familie des Hauswarts sehr gefällige und treue Freunde.« »Er selbst führte mich hierher,« versetzte Anna, unter dem Eindruck des abermaligen Wechsels ihrer Lage wie im Traume, »er war freundlich genug, mich herauf zu begleiten.« »Es sind gute, gefällige Leute,« bekräftigte Johannes, sichtbar bemüht, durch Hinlenken des Gesprächs auf andere Gegenstände, Anna's Gemüth zu beruhigen, »wenn ich daher wüßte, womit ich Dir dienen könnte – Du bist erhitzt und so heftig erregt – erlaube mir, daß ich diese Decke um Dich schlage – dann will ich den Leuten unten –« »Nein, störe sie nicht,« fiel Anna ihm bittend in's Wort, »was ich am meisten bedarf, kann ich nicht haben – ich meine einige Stunden Ruhe – bevor ich Dir nicht Alles mittheilte, was mir die Sinne zu verwirren droht. Aber wie wohnst Du traurig und elend, und Deine Augen sind angegriffen und entzündet von der nächtlichen Arbeit! O, Johannes, das darf nicht so fortgehen, es muß anders werden, oder Du gehst zu Grunde und Deine Mutter verliert ihren Ernährer und ich meinen treusten Freund, zu dem ich mit dem hingebensten Vertrauen emporschaue.« »Wir Männer sind zähe Naturen, wir gehen nicht so leicht unter,« bemerkte Johannes mit einem Lächeln, in welchem nur ein scharfer Beobachter Selbstverspottung entdeckt hätte; »ich wohne hier so recht ruhig und ungestört; doch weßhalb von mir sprechen, dessen tägliche Ordnung keine Unterbrechung erlitten hat? Erzähle mir lieber von Dir selbst, meine arme geängstigte Taube. Gewiß ist Dir in Deiner leicht erregbaren Phantasie Manches drohender erschienen, als es in der That war.« Anna sah befremdet auf ihren Gefährten, der gerade dadurch, daß er in heiterem Tone zu sprechen suchte, einen höheren Grad von Besorgniß verrieth. »Ja, von mir muß ich Dir erzählen,« erwiderte sie, und sie schauderte bei der Erinnerung an ihre jüngsten Erlebnisse, »aber ich werde verfolgt, lieber Johannes, man spürt mir nach, kann ich mich kurze Zeit hier verbergen?« Bei diesen mit unverkennbarer Angst ausgesprochenen Worten erschrak Johannes heftig. Tiefer und länger senkte er die Blicke in die schönen, vertrauensvollen Augen, als hätte er das Vernommene nicht zu glauben gewagt. »Du wirst verfolgt, Du willst Dich verbergen?« gab er endlich seinem namenlosen Erstaunen Ausdruck. »Nur auf kurze Zeit gewähre mir eine sichere Zuflucht,« bat Anna dringender, »denn Du ahnst das Entsetzliche nicht, dem ich entronnen bin; zu Dir aber bin ich Hülfe flehend gekommen, weil Du meinem Herzen am nächsten stehst. Weise mich daher nicht zurück, sage mir, daß mein Versteck nicht verrathen wird; sage mir, daß Du mich der Gewalt meiner Verfolger entziehst, oder Unruhe und Angst machen mich unfähig, Dir das anzuvertrauen, was mich noch immer in Verzweiflung zu stürzen droht!« »Ich Dir meinen Schutz versagen? Ich Dich von mir weisen?« fragte Johannes, tief aufseufzend, und ein herber Schmerz schien seine Brust zu zerreißen; dann setzte er sich neben Anna, die noch immer vor Kälte und Furcht bebte, und deren Hand mit seinen beiden Händen fest umschließend, sprach er in ernstem überzeugendem Tone: »Welche Gefahren es auch sein mögen, auf die sich Deine Andeutungen beziehen, mich treffen sie an Deiner Seite. Beruhige daher vor allen Dingen Dein Gemüth; gieb Dich nicht widerstandslos Deinen Befürchtungen hin und laß uns, wie wir schon so vielfach seit unserer frühesten Kindheit gethan haben, mit treuer Hingebung erwägen und berathen. Bei den treuherzigen Kärrnersleuten wohnst Du also nicht mehr?« »Seit mehreren Tagen nicht mehr; ich wurde mit List von ihnen fortgelockt,« antwortete Anna, nicht bemerkend, daß bei dieser Mittheilung ihres Freundes Wangen plötzlich erbleichten, um gleich darauf ebenso schnell ihre unheimliche Röthe zurückzugewinnen. Dann aber fuhr sie fort, ausführlich zu erzählen und zu schildern, was ihr seit jenem Abend begegnet war, bis sie endlich da abschloß, wo sie vor seiner Thüre stand und ihn heimlich belauschte, ihm, zum Beweise der Wahrheit ihrer Enthüllungen, die beiden Briefe einhändigend. Johannes las die Briefe nicht gleich; sie konnten ja nur bestätigen, was Anna ihm bereits anvertraut hatte; aber indem er ernst vor sich niederschaute, kostete es ihn Mühe, das in seinem Geiste zu ordnen, was förmlich überwältigend auf ihn einstürmte. »Wunderbare Fügung des Geschickes,« hob er endlich leise an, »daß Du arme, heimathlose Waise gerade in das Haus desjenigen einziehen mußtest, dessen Bruder durch eine geheimnißvolle Verkettung von Umständen in so naher Beziehung zu Deinen verstorbenen Eltern stand. Und wiederum, welch' wunderbare Fügung, daß diejenigen, welche Dich zu umgarnen gedachten, sich gegenseitig verriethen und unschädlich zu machen suchten. Denn er, der Dich offen vor den Dir gelegten Fallstricken warnte – ich meine Beltram, – kann es kaum besser mit Dir im Sinne gehabt haben, als Jener, der wider Dein Wissen und Wünschen die Vormundschaft über Dich an sich riß.« »O, es war eine entsetzliche Höhle, in welche er mich schleppte; ich hätte es nie über mich gewonnen, sie zu betreten, wäre ich nicht von der Hoffnung beseelt gewesen, dadurch eine Zusammenkunft mit den Brauns zu erleichtern.« »Du glaubst, daß er sich wirklich zu Deinen Freunden begeben hat?« »Sein Eingreifen in Alvens' hinterlistige Pläne, wodurch er doch seine ganze Existenz gefährdete, spricht wenigstens dafür.« »Magst Du Dich nicht täuschen, meine gute Anna, ich dagegen bezweifle, daß seinen Angaben zu trauen ist; ich glaube, er spielte ein gewagtes Spiel.« »Bin ich denn gezwungen, mich in die Vormundschaft Alvens' zu fügen?« fragte Anna mit ängstlicher Spannung. »Welche rechtliche Befugniß er fernerhin haben wird, sich an den Beschlüssen über Deine Zukunft zu betheiligen, ist eine Frage, die in der nächsten Zeit zur Entscheidung gebracht werden soll und muß,« entgegnete Johannes traurig; »jedenfalls wärest Du am sichersten auf der anderen Seite des Oceans im Hause Deines Beschützers, des treuen Freundes Deiner verstorbenen Eltern, aufgehoben, bis wohin die Nachstellungen selbstsüchtiger und gewissenloser Menschen Dir nicht folgen.« »Ich sollte nach Amerika auswandern?« fragte Anna erschreckt. »Auswandern oder vielmehr übersiedeln,« versetzte Johannes mit einem schwermüthigen Lächeln. »Beltram deutete bereits dergleichen an, allein ich legte seinen Worten keinen Werth bei. Nun aber meinst auch Du ernstlich, daß ich mich von den Brauns und von Dir trennen soll, ohne die Bürgschaft zu haben, Euch in meinem Leben wiederzusehen?« Die Todesrosen auf des jungen Mannes Wangen blühten vorübergehend üppiger und voller, während sein Athem sich verkürzte, als hätte sein treues, warmes Herz die Kraft nicht besessen, sich vor den dasselbe bewegenden Empfindungen auszudehnen und sie zu beherbergen. »Was bedeutet die Hoffnung auf irdisches Wiedersehen, und worauf begründet sie sich?« sprach er leise, und seine Hände zitterten, indem sie sich inniger um Anna's sammetweiche Hand schlossen, »wir stehen Alle in Gottes Schutz, und es brauchen nicht immer Hunderte von Meilen zu sein, welche sich zwischen uns drängen, um den vorausgegangenen Abschied zu einem Abschied auf ewig zu machen. Gewöhne Dich daher immerhin an den Gedanken Deiner Uebersiedelung, die mir, alle Umstände, Deine ganze Lage berücksichtigend, fast dringend geboten scheint. Wird Dir aber die Trennung von Deinen Freunden schwer, dann tröste Dich mit dem Bewußtsein, daß deren treue Liebe Dir auch in Deine ferne neue Heimath nachfolgt, und daß Du auch drüben Freunde und Liebe in Fülle findest, welche Dich reich für das entschädigen, was Du hier zurückgelassen hast.« »Ich kann den Gedanken nicht fassen, von Dir zu scheiden! Nein, ich kann es nicht, Johannes – und mit welcher Kälte, mit welcher geschäftsmäßigen Ruhe sprichst Du davon, gerade, als ob ich auf einige Stunden hierhin und dorthin gehen, und wieder heimkehren sollte. Ja, wenn Du mich begleitetest, würde ich mich nicht fürchten, in die große, fremde Welt einzutreten, und weniger schmerzlich wäre es mir, an die ferne Heimath zu denken, an die guten, alten Brauns und an die – an die Gräber meiner theueren Angehörigen.« Johannes war aufgesprungen; sein Antlitz glühte, während aus seinen sonst so milden Augen eine stürmische Begeisterung hervorleuchtete. Er wollte sprechen, indem er aber die Lippen öffnete, erstickte ein leichter Hustenanfall vorübergehend seine Stimme. Die Gluth auf seinem Antlitz erlosch, das Feuer seiner Augen erstarb, dunkelroth erglühten dagegen seine Wangen, unheimlich contrastirend zu der übrigen bleichen Hautfarbe. Anna erschrak. »Lieber Johannes!« rief sie besorgt aus, und mit gewohnter Herzlichkeit zog sie den schlaff niederhängenden Arm des vor ihr Stehenden um ihre Schultern, »auch Du vermagst den Gedanken an eine uns möglicher Weise bevorstehende Trennung nicht zu ertragen; aber beruhige Dich, noch bin ich ja bei Dir, und sollte ich wirklich gezwungen sein, mich meinem unbekannten reichen Wohlthäter zuzugesellen, so kann er es nur willkommen heißen, wenn Du mich begleitest.« »Meine Gedanken wanderten abwärts,« sprach Johannes mit einem bitteren Lächeln, »dann erschrak ich wieder über mich selbst, und daher mein vielleicht auffälliges Wesen. Doch es ist Alles vorüber jetzt, die Heiterkeit meiner Seele ist zurückgekehrt und mit dieser die ruhige Ueberlegung. Du äußertest den Wunsch, ich möchte Dich begleiten, wenn die Reise zu Deinem Adoptivvater nothwendig werden sollte; ich weiß, liebe Anna, dieser Wunsch ist ernstlich gemeint; Du möchtest beim Eintritt in die Welt Deinen Bruder um Dich haben, von welchem Du überzeugt bist, daß er Dich zärtlich liebt. Ja, meine theuere Schwester, ich hänge mit unergründlicher Liebe an Dir, allein Dich begleiten, und sogar noch auf Kosten fremder, mir fern stehender Leute begleiten? Nein, Kind, das kannst Du, das wirst Du nicht von mir erwarten – vergieb mir meine Offenheit – das wäre mehr, als zu leisten ich die Kraft besitze – es ist unmöglich, ich kann es nicht.« Die letzten Worte hatte er leiser und leiser gesprochen, bis sie endlich in einem kaum verständlichen Flüstern erstarben. Dann neigte er das Haupt auf die Brust, und sich abwendend, um die in seine Augen dringenden Thränen zu verbergen, begann er langsam und mit unsicheren Bewegungen in dem engen Verschlage auf- und abzuwandeln. Plötzlich blieb er wieder vor Anna stehen, die befremdet, jedoch mit herzlichster Theilnahme zu ihm emporschaute. »Der Morgen rückt näher und Du bedarfst der Ruhe,« hob er an, und aus seinen schönen Augen strahlte die tiefe Innigkeit seines Gemüthes, »gehen wir daher, um Dir eine angemessene Lagerstätte zu suchen.« »Nein, nein,« bat Anna mit ängstlicher Hast, »laß mich nicht von Dir; lege Du Dich ruhig hierher, mir genügt ein Stuhl; ich stütze meinen Kopf auf den Tisch, wie ich so vielfach daheim in unserem Städtchen gethan, wenn ich gezwungen war, die Nächte hindurch zu wachen.« »Es geht nicht, Du darfst nicht, wenn ich auch nicht bezweifle, daß Dein jugendlich kräftiger Körper dem Einfluß der Zugluft und der Kälte widersteht,« entschied Johannes freundlich, »Du mußt durchaus bequem gebettet sein, und dann, mein gutes Kind, wie sollte es mir wohl gelingen, Deine Anwesenheit in diesem Hause zu verheimlichen? Komm daher, ich begleite Dich hinunter zu meinen Freunden, wo Deiner die freundlichste Aufnahme wartet. Ferner, meine gute Anna,« fuhr er eindringlicher fort, als diese noch immer zögerte, auf seinen Vorschlage einzugehen, »muß ich auch selbst etwas ruhen und ungestört überlegen, an wen wir uns zunächst wenden – mir ist der Professor eingefallen; wunderlich, wie er zuweilen erscheint, würde er uns gewiß herzlich gern mit seinem Rathe unterstützen.« »Ja, der Professor,« wiederholte Anna mit einem Ausdruck der Erschöpfung, und schwankend, als hätte sie sich nur ungern von ihrem Freunde getrennt, erhob sie sich. »Sprechen wir indessen jetzt nicht weiter darüber,« versetzte Johannes, die Lampe ergreifend und Anna aus dem Verschlage hinaus voranleuchtend, »es sind für uns Beide heute der Aufregungen genug gewesen, und lange dauert es ja nicht mehr, bis der neue Tag uns wieder zu unserer Pflicht ruft.« Sie waren bei der Treppe angekommen; Johannes hatte seiner Begleiterin den Arm geboten und schweigend stiegen sie niederwärts. An manchen Wohnungen von Leuten geringeren Standes kamen sie vorbei, doch nirgend zeigte sich erwachendes Leben. Alles schlief noch fest. Niemand ahnte, daß so viel bitteres Herzeleid, so viel bange Besorgniß, so viel treue Anhänglichkeit und Opferwilligkeit dicht vor seiner Thüre vorüberschlich. – Der gutmüthige Vicewirth, wie Johannes vorher gesagt hatte, schätzte sich glücklich, seinem stillen fleißigen Miether einen Gefallen erweisen zu können, um so mehr, als seine bessere Hälfte, eine corpulente Dame von etwas herrschsüchtigem, dabei aber menschenfreundlichem Charakter, sich mit Anna's Gesichtsausdruck zufrieden erklärte. Als Johannes nach kurzem Aufenthalt wieder nach seiner zugigen Bodenkammer hinaufstieg, nahm er die Ueberzeugung mit, daß auf dem in der Eile in ein Bett umgewandelten Sopha seine geliebte Anna wenigstens ein paar Stunden kräftigenden Schlummers finden würde. – »Drei Uhr!« summte und brummte es von allen Thürmen nah und fern. »Drei Uhr!« verkündeten die mit Schlagwerken versehenen schwarzwälder Uhren ebenso bestimmt und selbstbewußt, wie die kostbaren broncenen und vergoldeten Zeitmesser. Anna war gleich in tiefen Schlummer gesunken; ihr Freund Johannes wand sich noch lange schlaflos auf seinem harten Lager; das ganze Haus mit den vielen Familien umschwebte nächtliche Ruhe. Bei dem alten Vicewirth und den unter seinem Scepter vereinigten, zahlreiche Gewerke vertretenden schwieligen Arbeitshänden schien der Friede seine dauernde Wohnung aufgeschlagen zu haben. Frau von Birk, nicht ahnend die erschreckende Ueberraschung, welche ihrer am Morgen harrte, hatte in einem unruhigen Schlafe Vergessenheit für ihre eigene traurige Lage gefunden. Alvens, eben erst heimgekehrt, träumte von ihm zufallenden Millionen, mit welchen eine Zierde seines Hauses, eine liebliche, allgemeinen Neid erweckende Gemahlin verbunden war. In der dumpfigen Kellerwohnung seines Geheimsecretairs dagegen feierten die grimmigsten und menschenfeindlichsten Geister der Hölle ihre Triumphe. Unter der zerlumpten Decke ächzte, halberwürgt, aber noch immer unter dem Einfluß unmäßig genossener, berauschender Getränke, schmerzlich und grausig die alte Megäre. Beltram saß neben dem Feuerherd, auf welchem er nach und nach seinen ganzen Holzvorrath verbrannte. Wirr hing das strähnige Haar um das häßliche Haupt; seine wulstigen Lippen zitterten und bebten; das breite Gesicht glühte, dafür schien der geistige Funke in seinen gerötheten Augen erloschen zu sein, denn stier blickten sie auf die knochigen Hände nieder, die im Gelde wühlten. Er zählte immer und immer wieder seine Reichthümer, welche sich auf mindestens vierhundert Thaler beliefen. »Zehn Thaler – zwanzig dreißig – wo nur meine Anna bleiben mag, – vierzig, fünfzig, sechszig – wie schön das klingt; aber auch Papiergeld ist gut – was die Amerikaner wohl sagen werden, wenn ich plötzlich als Millionär, mit der schönsten Frau der Erde an meiner Seite, unter ihnen auftrete. Wo nur die Anna bleiben mag – und wo war ich stehen geblieben?« und von neuem begann er zu zählen und die abgezählten Häufchen auf dem Feuerherd zu ordnen: »Zehn, zwanzig, dreißig? Still, Mutter, ich verzähle mich sonst, und morgen kannst Du Dir einen Braten anrichten – vierzig, fünfzig, sechszig – ich tausche nicht mehr mit Alvens.« Beim Aussprechen dieses Namens erschrak er, und ausdruckslos spähte er um sich. »Pah! Was kümmert mich Alvens?« flüsterte er geheimnißvoll, den langen Zeigefinger, wie tief nachdenkend, an seine Nase legend; »er kann mir nichts, gar nichts. Wenn er statt des Geldes meinen Brief in der Kasse findet, wird er sich glücklich schätzen, so leichten Kaufs davon gekommen zu sein, und meine Freundschaft, die Freundschaft eines Millionärs suchen. Wie schrieb ich doch? Halt! Geehrter Herr Alvens, wenn Sie sich nicht in's Unglück stürzen wollen, dann forschen Sie nicht nach mir, der ich zur Zeit schon unerreichbar für Sie bin. Abschriften und Originale Ihrer amerikanischen Correspondenz führe ich bei mir, ebenso bestimmte Andeutungen über eine gewisse Pferdevergiftung. Mit Ihrem Schweigen erkaufen Sie meine Nachsicht. »Gut, sehr gut,« fügte er hohnlachend hinzu, »er selbst hätte es nicht besser machen können. Und nun die Sklavenketten! Fort mit Ihnen!« so sprechend zog er das Document hervor, mittelst dessen Alvens ihn so vielfach gemartert hatte, und es sorgsam auseinanderfaltend, legte er es oben auf die Gluth. »Ha, wie's brennt!« begrüßte er die emporlodernden Flammen, »wenn nur meine Anna erst hier wäre! Mutter, sie sagte ja wohl, sie wollte bald zurück sein?« und ohne auf das Stöhnen und Aechzen des elenden Weibes zu achten, begann er wieder zu zählen. »Das sind zehn Thaler,« rechnete er, einen Geldschein zu dem verkohlten Document auf die Gluth legend; »und noch zehn, betragen zwanzig,« und der zweite Schein wanderte in die Flammen, »und hier fünfundzwanzig und noch fünf, machen im Ganzen fünfzig,« und fast ebenso schnell, wie er zählte, waren die fünfzig Thaler auch verbrannt. Dann fuhr er fort, zu zählen und zu verbrennen, bis der Papiervorrath erschöpft war und ihm nur noch achtzig bis hundert Thaler in Gold und Silber blieben. Jetzt aber schien er zu dem Bewußtsein dessen zu gelangen, was er ausgeführt hatte. Immer und immer wieder zählte er die klingenden Münzen, und wilder und entsetzter stierte er um sich, als die vierhundert Thaler nicht mehr voll werden wollten. Einen blöden, mißtrauischen Blick sandte er zu seiner Mutter hinüber. Da entdeckte er plötzlich den Rest eines Geldscheins, der von den Flammen verschont geblieben war. »Mein Geld, mein Reisegeld!« stöhnte er, die stieren Blicke eine Weile regungslos auf den Gluthhaufen gerichtet, »und wir müssen fort sein, bevor der Tag graut – ihre Sachen sind gepackt – wenn nur der Courierzug warten wollte! Aber er thut's nicht – und die Anna – ich werde sie bei Zeiten lehren, pünktlich zu sein – mein Geld, mein schönes Geld!« rief er gellend aus und, wie um es zu retten, fuhr er mit beiden Händen in die glühende Asche. Wuthbrüllend zog er sie wieder zurück; dann ergriff er den Schemel, auf welchem er so lange gesessen hatte, und indem er die Gluth auseinanderschürte, flogen die glimmenden und zum Theil noch flammenden Kohlen in dem Ganzen Raume umher. – Eine halbe Stunde später wurde das Stadtviertel, in welchem Beltrams Wohnung lag, durch Feuerlärm aus dem Schlafe gestört. Die Löschmannschaften waren schnell zur Hand und es gelang ihnen mit vieler Mühe, den Brand zu bewältigen, bevor er größeren Umfang gewonnen hatte. Mit genauer Noth wurden dabei ein tobsüchtiger junger Mann und eine alte Bettlerin gerettet, die Beide, bereits halb erstickt und mit Brandwunden bedeckt, den Ausgang nicht mehr zu erreichen vermocht hatten. Sie mußten mittelst Tragkörben nach dem Armenhause befördert werden, wo man aus einzelnen, bei dem jungen Manne vorgefundenen Briefschaften entnahm, daß der Rechtsanwalt Alvens wohl im Stande sein dürfte, nähere Auskunft über die Verunglückten zu ertheilen. – Zweiundzwanzigstes Capitel. In der Bibliothek. In der Bibliothek des Herrn Professors stand noch Alles auf seiner gewohnten Stelle. Die Bücher spreizten sich gravitätisch auf ihren dienstpflichtigen Brettern; die mit mancherlei Nummern und lateinischen Namen beschriebenen Schädel schauten mit der tadellosen Standhaftigkeit eines wohlgedrillten Grenadiers geradeaus in die emporsteigende Morgensonne hinein, und endlich bot auch das zähnefletschende Orang-Utang-Gerippe ein so getreues Portrait von Geduld und Beharrlichkeit, wie nur je eins sein Entstehen dem übervollen Kopfe eines überspannten, nach Effecten haschenden Künstlers verdankte. Von Tischen, Fensterbrettern, Stühlen und gebleichten Knochen war bereits in gewohnter Weise sehr sorgfältig der Staub abgewedelt worden; nur das Klavier bedeckte noch eine graue Lage, gerade, als ob der Staub des ganzen Hauses eine besondere Vorliebe für die blank polirte Platte gehegt hätte, auf welcher er nicht Gefahr lief, an jedem neuen Morgen mittelst Flederwisch und Handfeger unbarmherzig aufgestört und vertrieben zu werden. Thatsache ist, daß dem alten griesgrämigen Aufwärter des Herrn Professors nicht ausdrücklich anbefohlen worden war, auch das Instrument in seinen gnädigen Schutz zu nehmen. Da aber außer ihm selber kein dienstbarer Geist das geheiligte Tusculum betreten durfte, so konnte es kaum überraschen, daß der kostbare Flügel sich in einer Verfassung befand, über welche eine ordnungsliebende Frau unstreitig von Krämpfen befallen worden wäre. Bei dem gefühllosen Aufwärter dagegen, welcher durch sein ganzes Aeußere und Wesen nicht wenig an den wurmstichigen Pergamentdeckel eines altehrwürdigen Folianten oder vielmehr an ein bewegliches, von einem Jahrhundert zernagtes Lesepult erinnerte, stand eine derartige sittliche Entrüstung natürlich nicht zu befürchten. Im Gegentheil, es lag sogar eine gewisse Schadenfreude in seinen boshaft schielenden Blicken, wenn er beobachtete, wie die Staubschicht auf dem Instrument von Tag zu Tag anwuchs, so daß man zuletzt ganz bequem und leserlich mit dem Finger in dieselbe hineinschreiben konnte. Er verachtete nämlich das arme Instrument aus vollster Seele, jedoch nicht etwa, weil so viel schöne Musik in demselben verborgen war, die ihn schon manches liebe Mal in seinem nicht weit abwärts gelegenen Stübchen recht behaglich in den sanftesten Schlummer gelullt hatte, sondern er verachtete es, weil der Professor täglich betheuerte, daß ihm das Ding sehr im Wege sei und er es, wenn er nicht das Gerede der Leute fürchtete, sammt der lärmenden Klavierlehrerin über alle Berge schicken würde. Was aber dem Herrn Professor recht war, das war seinem getreuen Famulus billig, und was der Herr Professor nicht liebte, das haßte sein Famulus gründlich. Der sicherste Beweis hierfür war, daß Letzterer einen alten, abgelegten Schädel, welchem die Gaumenknochen fehlten, zu seinem Tabakskasten degradirt, ferner, zum Zeichen seiner Menschenfeindlichkeit und daß er für Niemand, außer für die Besucher seines Herrn zu sprechen sei, statt seines Namens, mit Kreide drei Kreuze auf seine Stubenthür geschrieben hatte. Ob der Staub auf dem Flügel dem Herrn Professor unangenehm war oder ihn erfreute, ließ sich nicht genau feststellen. Gewiß ist nur, daß er ihn bemerkte und sich veranlaßt fühlte, ganz gegen seine Gewohnheit, im Vorbeigehen öfter mit der Fingerspitze einige Worte in denselben hineinzuschreiben. »Anna Werth ist heute nicht gekommen,« las man zum Beispiel gleich vorne auf dem Verschlußbrett. Er hatte es am ersten Tage geschrieben, an welchem Anna ihre Stunde versäumte, denn die Striche waren schon wieder mit einer leichten Staubschicht bedeckt. »Wo sie wohl bleiben mag?« waren die nächstältesten Worte; sie reichten fast über den ganzen Flügel fort. »Ihretwegen von der Kathrin ausgeschmält zu werden,« stand gleich unter dieser Riesenzeile, und »wir müssen Alles aufbieten, sie ausfindig zu machen,« schlossen die dem leicht zerstörbaren Material aufgetragenen Bemerkungen, die jedenfalls beim Anblick des verwaisten Instrumentes im Kopfe des Professors entstanden und, vielleicht mechanisch, sofort registrirt worden waren. – Es mochte um die zehnte Stunde sein. Die zwischen zerfetzten Nebelwolken hindurchschielende Sonne war bereits so hoch emporgestiegen, daß sie die leeren Augenhöhlen der numerirten Schädel nicht mehr belästigte: dagegen suchte sie mitleidig die dürren Schienbeine und langen Fußfinger des an ein heißes Klima gewöhnten Orang-Utangs zu erwärmen, als zuerst die Corridorthür und dann die Thür der Bibliothek geöffnet wurden und gleich darauf der griesgrämige Famulus den ihm bekannten Johannes und die ihm noch bekanntere junge Klavierspielerin sehr zuvorkommend hineinwies. »Der Herr Professor werden sogleich erscheinen,« sagte er beim Hinausgehen mit einer Höflichkeit, deren eine besternte Excellenz sich schwerlich zu erfreuen gehabt hätte und die drauf zurückzuführen war, daß sein Herr einst zu ihm von dem bleichen Studenten im fadenscheinigen Röckchen, als von einem grundgescheiten und gelehrten jungen Manne gesprochen hatte. Anna's Blicke waren über das Instrument hingestreift, an welchem sie, ihren lieblichen Phantasien hingegeben, so viele genußreiche Stunden zugebracht hatte. Wie einen lange, schmerzlich vermißten Freund begrüßte sie es in Gedanken und unwillkürlich hob sie die Hand mit dem Taschentuch empor, um den Staub von demselben zu entfernen, als ihre Augen auf die wunderlichen Schriftzüge trafen. Ihren Namen las sie zuerst; mit einem Gefühl der Dankbarkeit zeigte sie denselben ihrem Freunde. »Er hat mich nicht vergessen, der gute Herr,« sprach sie dabei erröthend. »Aber vermißt hat er Dich,« bestätigte Johannes »er hat Dich sogar sehr vermißt, Dich und Dein Spiel; hier steht es klar und deutlich; er kann es daher nur gut mit Dir meinen.« »Soll ich von meiner möglichen Uebersiedelung nach Amerika zu ihm sprechen?« »Nichts dürfen wir ihm verschweigen; er ist der Einzige, der gegen Alvens auftreten kann und keine Rücksichten zu nehmen braucht.« Der Schall von schnellen und festen Schritten im Nebenzimmer verhinderte Johannes, weiter zu sprechen, dagegen beobachtete er mit zärtlicher Theilnahme seine jugendliche Freundin, wie dieselbe ängstlich und verlegen dahin blickte, wo der Professor erscheinen mußte. Geräuschvoll wurde die Thür geöffnet, und das Sammetkäppchen etwas schief geschoben, statt des Schlafrockes, mit einem schwarzen Rock bekleidet und ein boshaft sarkastisches Lächeln auf seinem klugen, wohlgebildeten Antlitz, drängte der Professor sich seitwärts in die Bibliothek hinein. Es war nämlich seine Gewohnheit, sich den ihn Besuchenden zuerst im Profil zu zeigen, um durch den mit einem gewissen Trotz vorgeschobenen Höcker den nach seiner Ueberzeugung ungünstigsten Eindruck auf sie auszuüben. »Eigentlich ist es noch etwas früh am Tage, mein lieber, junger Mann,« wendete er sich nach seinem Eintritt an Johannes, indem er Anna, ohne Ueberraschung über ihre Anwesenheit zu verrathen, wie einem Kinde, großmüthig zwei Finger zum Gruß darreichte, »und namentlich Sie, als ein vir doctus , sollten wissen daß die Vormittagsstunden sich am besten zum Studium eignen; da Sie aber einmal hier sind und ich mich Ihretwegen von einer unendlich wichtigen Frage losgerissen habe, so wollen wir nicht weiter darüber rechten. Nehmen Sie Platz, meine Herrschaften, und theilen Sie mir ohne Säumen Ihr Anliegen mit.« Kaum aber hatte er ausgesprochen, als er, Anna mit verstecktem Wohlgefallen beobachtend und ihren verlegenen Blicken mit den Augen folgend, die Schrift auf dem Flügel entdeckte und sogleich auf dieselbe losstürzte und sie mit dem Aermel seines Rockes schonungslos zu vernichten begann. »Da haben Sie die Folgen, wenn man gezwungen wird, mit der Außenwelt in Verkehr zu treten!« rief er ärgerlich aus, bevor Johannes auf seine Anrede zu antworten vermochte, »zuerst ein Klavier, dann folgt der Staub und dann macht sich irgend ein Tagedieb das Vergnügen, Dummheiten in den Staub zu schreiben – aber ich bat schon einmal, Platz zu nehmen – wie ich sehe, ist unser Flüchtling zurückgekehrt? Frau Kathrin war recht besorgt um Sie,« wendete er sich darauf an das junge Mädchen, »und große Mühe hat es mich gekostet, sie einigermaßen zu beruhigen – übrigens eine vortreffliche, höchst ehrenwerthe Person – wird sich recht freuen, Sie wiederzusehen, oder kommen Sie schon von ihr?« Anna verneinte die Frage und begann alsbald zu erzählen, auf welche Weise sie aus Frau von Birks Wohnung entkommen sei. – Als sie indessen zu ihren Beziehungen zu dem Bruder des Kärrners überging, fiel ihr der Professor in die Rede, sie bedeutend, daß Braun und dessen Gattin bei ihm gewesen wären und ihn von der ganzen Sachlage unterrichtet hätten. »Wenn man nur die beiden Briefe, welche der Schreiber den guten Leuten vorzeigte, erlangen könnte,« schloß er seine Erklärungen, »dieselben würden einestheils mehr Licht in die verwickelte Geschichte bringen, und dann hätte ich ein Mittel in Händen, dem Herrn Rechtsanwalt Alvens, diesem sauberen Vormunde, etwas schärfer zu Leibe zu gehen!« Und in seinem Eifer nach dem anderen Ende des Zimmers hinüberschreitend, rieb er mit seinem Taschentuch den Staub von dem gebleichten Schädel des Orang-Utangs, daß es den Anschein gewann, als hätte er ihm den Schweiß von der Stirne trocknen wollen. »Ja, ein sauberer Vormund,« wiederholte er, dem hohläugigen Schädel, wie einem mit Begriffsvermögen ausgerüsteten Wesen, vertraulich zunickend, dann trat er, seinen Höcker bei jedem Schritt sehr bedächtig wiegend, wieder vor die beiden jungen Leute hin. »Hier sind die Briefe,« bemerkte Johannes, auf die in Anna's Hand befindlichen Papiere weisend. »Die an Herrn Alvens gerichteten und derjenige, in welchem Herr Braun mir rieth, mich der Führung Beltrams anzuvertrauen,« ergänzte Anna, die Papiere dem Professor einhändigend. »Ah, der Brief des Kärrners war eine große Unvorsichtigkeit,« entgegnete dieser, indem er den zuletzt erwähnten zurückgab, die anderen beiden dagegen behielt, »ich sagte gleich, eine solche Empfehlung sei in den Händen eines unredlichen Menschen eine gefährliche Waffe. Ich bin überzeugt, mein liebes Kind, ohne diesen Brief würden Sie dem Beltram nicht gefolgt sein?« »Ich weiß es nicht,« antwortete Anna, und ein Schauder durchrieselte sie bei der Erinnerung an ihre jüngsten Erlebnisse, »ich befand mich in einer so trostlosen Lage, daß ich jedes Mittel willkommen hieß, durch welches ich hoffen durfte, zu meinen Freunden zu gelangen.« »Es entspricht zwar nicht meinen Gewohnheiten, mich mit anderer Leute Privatangelegenheiten zu befassen,« versetzte der Professor, indem er einen Stuhl heranzog und den jungen Leuten gegenüber Platz nahm, »allein Frau Kathrin ist eine ganz vortreffliche Seele mit Weltanschauungen, welche weit über ihren Stand hinausgehen, und schon allein um ihr zu beweisen, daß ihre höchst unzarten Anspielungen und Schmähungen mir gleichgültiger – ha! weit gleichgültiger sind, als wenn das Skelett da drüben zu mir gesprochen hätte, will ich diesmal eine Ausnahme machen. Sie, der Sie die Stelle eines Bruder bei diesem Mädchen vertreten – wozu ich Ihnen Beiden übrigens gratulire – billigen doch mein Verfahren?« Die Wangen des jungen Mannes glühten tiefer, und ein flüchtiges Feuer leuchtete aus seinen schwermüthigen Augen, als er sich zustimmend verneigte. »Kann ich gezwungen werden, zu Herrn Alvens, meinem Vormunde, zurückzukehren?« fragte Anna, ihren ganzen Muth zusammenraffend, und wie sie, richtete auch Johannes seine Blicke erwartungsvoll auf ihren gemeinschaftlichen Freund. »Eigentlich ja,« erwiderte dieser nachdenklich, »doch will ich es nicht fest behaupten, zu wenig vertraut bin ich mit Rechtsangelegenheiten. Möglich ist dagegen, daß ich in diesen Briefen –« hier schlug er mit der Rückseite der rechten Hand auf die mit der linken hochgehaltenen Papiere – »Mittel entdecke, den Herrn Alvens zu zwingen, seine Gerechtsame gutwillig aufzugeben. Aber entschuldigen Sie einige Minuten, ich will nur einen Blick hier hineinwerfen. Plaudern Sie unterdessen, spielen Sie Klavier, beschäftigen Sie sich mit den Schädeln – lauter ausgezeichnete Exemplare – machen Sie, was Sie wollen, ich höre nichts, mich stören Sie in keiner Weise.« Dann seine Augen auf das erste entfaltete Schreiben senkend, vertiefte er sich in den Inhalt desselben. Anna und Johannes, anstatt den ihnen ertheilten Rath zu befolgen, beobachteten aufmerksam den gekrümmten alten Herrn, wie um aus seinem Mienenspiel seine Empfindungen und Ansichten zu errathen. Beide wagten vor ängstlicher Spannung kaum zu athmen, und wenn der Professor mit seiner weißen feinen Hand zweifelnd sein glattes Kinn liebkoste, oder das Papier zwischen seinen Fingern knitterte, dann bebte Anna bis in's Herz hinein, als ob ein Urtheil über Leben und Tod aus seinem Mund zu erwarten gewesen wäre. Beinah zehn Minuten verstrichen in tiefer Stille; man hätte fast den Pulsschlag jedes Einzelnen zählen können. Wie aber die drei lebenswarmen Physiognomien gleich hohe Spannung ausdrückten, so schienen auch die dickleibigen Folianten plötzlich Augen erhalten zu haben und mit den ihrem Lederrücken aufgepreßten goldenen Buchstaben sehr bedenklich auf die fast regungslosen Menschenbilder herabzusehen. Sogar der entfleischte Orang-Utang rief in seiner geneigten Stellung den Eindruck hervor, als hätte er sich für sein Leben gern an der zu erwartenden wichtigen Berathung betheiligt, wogegen die numerirten Schädel höchst unempfindlich geradeaus stierten und dabei feindselig ihre langen Zahnreihen wiesen. Eine große stahlblaue Fliege schwebte durch das Zimmer. Durch lautes, sorgloses Summen verrieth sie die unverkennbare ernste Absicht, in der warmen Bibliothek zu überwintern; sie fühlte sich auch schon vollständig heimisch daselbst, denn bald fliegend, bald lustwandelnd gelangte sie endlich zu einem sehr schönen Schädel, wo sie übermüthiger Weise durch die eine Ohrhöhle bis in den leeren Gehirnraum hineinkroch. Dort nun mußte sie den richtigen Weg verfehlt haben, denn sie begann alsbald fliegend und summend eine Oeffnung zu suchen, stieß sich indessen überall den Kopf und die zarten Gaceflügel. Indem sie aber in ihrer Angst den Lärm verdoppelte, klang es aus dem knöchernen Resonanzgehäuse, als hätte der alte Schädel plötzlich Leben erhalten und mit gedämpfter Stimme seine Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles Irdischen in die Welt hineingemurmelt. Wiederum knitterte das Papier in des Professors Händen. Ein Schlag mit der Rückseite der beiden oberen Fingergelenke traf es; es klang wie ein: Punktum nach einer langen Periode, oder vielmehr wie ein kurzes, bündiges »fertig!« »Neues habe ich nicht gefunden,« eröffnete der alte Herr sogleich das Gespräch wieder, »meine energische Freundin hat mir bereits Alles ziemlich genau mitgetheilt, nur daß es hier etwas geordneter steht. Die Sache an sich unterliegt keinem Zweifel: Sie, mein theures Kind, besitzen in dem Bruder des Kärrners – und Fälschungen scheinen bei der Abschrift nicht vorgenommen zu sein – nicht nur einen wohlwollenden, sondern auch einen so mächtigen Beschützer, wie ein Mann nur immer durch Glücksgüter mächtig werden kann. Es wäre daher am gerathensten für Sie, sich bald möglichst unter den Schutz Ihres fernen, Ihnen vorläufig allerdings noch unbekannten Freundes zu begeben.« »Dasselbe ist mir von anderer Seite so dringend gerathen worden,« bemerkte Anna mit einem traurigen Seitenblick auf Johannes, »daß ich kaum noch Einwendungen zu erheben wage; allein so bald oder gar gleich? O, Herr Professor, ich würde mich sehr schwer von hier trennen; und die weite Reise und das Eintreten in mir ganz fremde Verhältnisse – eine unnennbare Angst erfüllt mich.« »Sie würden nicht allein gehen, liebes Kind« versetzte der Professor ungeduldig, »Ihr Adoptivvater – und anders kann ich ihn nicht nennen – spricht von einem zuverlässigen Begleiter, und es versteht sich von selbst, daß bei der Wahl eines solchen Ihre eigenen Wünsche maßgebend sind. Fragen Sie nur die Brauns, die werden meine Ansichten vollkommen billigen, um so mehr, da Sie eigentlich in der Familie bleiben und jedenfalls dazu beitragen, das Verhältniß zwischen den beiden Brüdern freundlicher zu gestalten.« Anna blickte bei dieser Eröffnung lange und tief in die Augen ihres geliebten Johannes, so lange, bis ihre lieben frommen Augen in Thränen schwammen. »Möchtest Du mich wohl begleiten, Johannes?« fragte sie endlich mit rührender Innigkeit. Der Angeredte erbleichte, ein heftiges Zittern durchlief seine schlanke Gestalt, während die treuen Augen, Anna's Blicken ausweichend, sich scheu abwendeten und dann senkten. »Verlange das nicht von mir, Anna,« sprach er leise, wie im Traume, »ich darf Dich nicht begleiten, ich bin der Letzte, der geeignet wäre, auf einer so großen Reise Dich zu beschützen – ich kann mich nicht von hier trennen,« schloß er mit einem tiefen Seufzer, und indem er nunmehr gefaßt aufsah, begannen auch die Rosen auf seinen Wangen sich wieder üppiger zu entfalten, dem leidenden Antlitz einen gleichsam überirdischen Reiz verleihend. »Warum nicht trennen von hier, wenn es gilt, der Schwester einen Liebesdienst zu erweisen?« fragte der Professor, welchen die in Anna's Zügen ausgeprägte bittere Enttäuschung tief rührte. »Meine Studien sind noch nicht beendigt, und meine kränkliche Mutter ist auf meine Unterstützung angewiesen,« antwortete Johannes in seiner inneren Angst. »Auf Ihre Unterstützung?« fuhr der Professor erstaunt empor, und in den Blicken, mit welchen er den jungen Mann maß, äußerten sich zugleich ernste Hochachtung und inniges Bedauern; denn bis jetzt hatte er Johannes' Lebensgeschichte nur theilweise kennen gelernt. »Leider fast allein auf meine Unterstützung,« bekräftigte dieser mit beinahe stolzem Lächeln, »und es wird mir durchaus nicht schwer, neben den Pflichten gegen meine arme Mutter, auch die gegen mich selbst zu erfüllen.« »Und das sagt er so ruhig, als ob sich das von selbst verstände,« murmelte der Professor, worauf er hastig auf und ab zu schreiten begann, mit dem Daumen der auf seinen Rücken gelegten Hand eifrig auf der Basis seines Höckers trommelnd. Plötzlich kehrte er wieder zu den beiden jungen Leuten zurück. »Was wir hier besprechen, sind freilich erst Ideen,« hob er an, »denn um zu einem bestimmten Zweck zu gelangen, müssen wir uns vorher mit Alvens verständigen, das hindert uns indessen nicht, schon jetzt die einzuschlagenden Wege anzubahnen und vorzubereiten. Aus den Briefen unseres Amerikaners geht hervor, daß Sie, mein liebes Kind, ihm, je eher, um so willkommener sind. Ihn vorher noch einmal zu befragen, würde zu zeitraubend und daher überflüssig sein; außerdem führen Schreibereien leicht zu Mißverständnissen, die wir vermeiden wollen. Sie werden also reisen, auf Kosten Ihres Adoptivvaters reisen, mithin auf seine Kosten auch einen Begleiter mitnehmen – so deute ich wenigstens seinen Willen. Da Sie nun, mein junger Freund, die einzige Persönlichkeit sind, der wir dieses Kind ohne Besorgniß anvertrauen dürfen, so ist es selbstverständlich, daß für die Zeit Ihrer Abwesenheit ausreichend für Ihre gute Mutter gesorgt wird, und Ihre Studien? Was bedeuten bei einem jungen Manne von Ihren Fähigkeiten einige Monate –« »Nein, nein, Herr Professor!« fiel Johannes wie beschwörend ein, »ich kann auf das Anerbieten nicht eingehen, ich darf selbst für meine Mutter keine almosenartige Unterstützungen annehmen, so lange ich die Kraft in mir fühle, für uns Beide zu sorgen.« Der Professor sah forschend in das Antlitz des sichtbar tief erregten jungen Mannes, und dann wieder auf Anna, in deren lieblich gerötheten Zügen sich bange Erwartung spiegelte. »Was studiren Sie, mein lieber Freund?« fragte er theilnehmend. »Theologie.« »Ja, ja, ich entsinne mich; ich glaubte, Sie hätten sich der Medicin geweiht, namentlich der Anatomie so wie ich, der ich thöricht genug war, gerade dies Studium zu wählen, weil ich in meiner Verblendung hoffte, ein Mittel zu entdecken, die unschöne Beigabe« – hier wies er mit dem Daumen der rechten Hand rückwärts auf seinen Höcker – »wenigstens um ein paar Grade zu verkleinern; mit einem Wort: ich wollte meinen eigenen Körper studiren.« »Herr Professor, als Mediciner würde ich meinen Körper nicht genauer kennen gelernt haben, als es bei meinem Studium der Theologie geschehen ist,« versetzte Johannes, und ein mildes, ergebungsvolles Lächeln verrieth dem enthusiastischen Anatomen, daß er nicht den leisesten Zweifel über seinen Gesundheitszustand hegte. »Sollten Sie wohl?« fragte der Professor mit erzwungener Sorglosigkeit, um Anna nicht mit dem wahren Charakter des zwischen ihm und Johannes in unbestimmten Andeutungen gepflogenen Gesprächs vertraut zu machen. »Ich bin vollständig im Klaren, Herr Professor.« »Wohlan denn, mein junger Freund, wenn mir nun zum Beispiel Jemand die Aussicht eröffnete, durch eine große Seereise, durch das beständige Einathmen der salzgeschwängerten Luft, meinen Buckel vertreiben zu können, so daß ich halb Apoll, halb Hercules heimkehrte, glauben Sie dann wohl, daß ich auch nur eine Sekunde zögerte, eine Fahrt, meinetwegen um die ganze Erde herum anzutreten? Freilich, Sie sind tadellos gewachsen, allein angestrengtes Studium und nächtliche Arbeit haben Ihre Gesundheit erschüttert, wenn auch glücklicher Weise noch nicht in so hohem Grade, daß Sie nicht wieder zu Kräften kommen könnten; Sie haben eben das Stadium erreicht, in welchem eine Seereise Wunder an Ihnen bewirken dürfte. Was meinen Sie nun, wenn ich als Arzt zu Ihnen sagte: Herr, Sie müssen auf das Meer hinaus, oder ich stehe nicht für die Folgen; Sie müssen eine Seereise unternehmen, wenn Sie überhaupt jemals von der Kanzel herab Ihren Zuhörern die durch Ihren scharfen Verstand geläuterten christlichen Lehren an's Herz legen wollen?« Wie das Morgenroth eines Glück verheißenden Tages erweiterte sich die Gluth auf den Wangen des jungen Mannes, bis sie endlich die von den weichen Locken umwallten Schläfen erreichte, während ein schwärmerisches Feuer aus seinen Augen hervorleuchtete. Er wollte sprechen, er öffnete schon die Lippen, als plötzlich, offenbar in Folge der heftigen Erregung, ein leiser, trockener Husten ihn hinderte. Von jähem Schrecken befallen, griff er nach seiner Brust; die eben noch sein Antlitz belebende Farbe wich in die Wangen zurück; um aber den Eindruck, welchen dieser ihm bewußte auffallende Wechsel auf Anna ausüben konnte, abzuschwächen, zwang er sich wieder zu einem heitern Lächeln. »Fragen Sie mich jetzt vielleicht noch einmal?« entgegnete er dem Professor, sobald der Husten es ihm gestattete. »Ja, ich frage Sie nicht nur einmal, sondern hundertmal: Wollen Sie dem Kinde hier, Ihrer Mutter und endlich auch sich selbst diese Wohlthat erweisen, oder beharren Sie eigensinnig auf Ihrem Willen?« »Ich beharre darauf. Ich muß darauf beharren; verzeihen Sie mir, Herr Professor, und auch Du, Anna, allein – Unterstützungen –« »Aber es ist ja keine Unterstützung!« fiel der Professor mit wachsender Ungeduld, fast zornig ein, »Sie sollen ja keine Almosen empfangen, sondern für Ihr Geld arbeiten!« »Möchtest Du, daß Deine arme Anna allein zöge?« fragte diese jetzt leise, indem sie des Freundes Hand zärtlich drückte, »Johannes, es gab eine Zeit, in welcher Du mich, Deine kleine Nachbarin, nicht allein zur Schule hättest gehen lassen.« Und sie bat so flehentlich, und sie bat so innig, die arme verwaiste Anna, daß jedes einzelne Wort wie ein zweischneidiges Messer in der wunden Brust ihres getreuen Johannes wühlte. Er schwankte zwischen der Stimme seines Herzens und dem Mahnruf einer kalten, berechnenden Gewissenhaftigkeit, welchem von beiden Folge zu geben sei, als der Professor plötzlich emporsprang, die Hand auf seine Stirne preßte und nach kurzem Sinnen wieder auf seinen Stuhl zurücksank. »Ich hab's!« rief er triumphirend aus, zuerst Johannes und dann Anna die Hände herzlich drückend, »Ich hab's! Wo befanden sich meine Gedanken? Unbegreiflich! Und dennoch liegt es so nahe! Sie, mein gutes Kind, reisen geradenwegs zu Ihrem zukünftigen Adoptivvater, und Sie mein theuerer Freund, erhalten von mir wichtige Aufträge, welche ich nur einem ganz sicheren und zuverlässigen Menschen anvertrauen darf, und für deren pünktliche Ausführung ich mit Freuden das doppelte, ja, das dreifache Reisegeld hingebe, geschweige denn die Sorge für Ihre arme Frau Mutter übernehme. Wiegen Sie nicht bedenklich das Haupt, mein junger Freund,« fuhr er dringender fort, als er den Ausdruck kämpfender Zweifel auf Johannes' Zügen gewahrte, »und glauben Sie nicht, daß ich einen Auftrag aus der Luft greife, nur um Sie zu bestimmen. Im Gegentheil, Sie verpflichten mich durch Ihre Bereitwilligkeit, auf meinen Vorschlag einzugehen, zu ewigem Danke. Doch hören Sie, bevor Sie endgültig entscheiden: Wie in allen Erdtheilen, so knüpfe ich auch in Amerika Verbindungen an, welche leider durch den Bürgerkrieg eine traurige Unterbrechung erlitten, andererseits aber wieder zu einem schönen Resultat geführt wurden.« Hier schloß der Professor ein Weilchen die Augen, wie um sich im Geiste das schöne Resultat zu vergegenwärtigen, worauf er mit dem Enthusiasmus eines glücklich Liebenden fortfuhr: »Ja, ein sehr schönes Resultat! Ich bin nämlich durch die Verwendung eines ausgezeichneten Gelehrten in den Besitz eines unschätzbaren Kunstwerkes gelangt, von welchem mich nun schon seit zwei Jahren der Ocean trennt, ohne daß ich im Stande wäre, die entsprechenden Schritte zu seiner Versendung zu thun. Das Unglück wollte nämlich, daß gerade um die Zeit, zu welcher das bezeichnete Kleinod nach Europa abgeschickt werden sollte, die betheiligten Personen wahrscheinlich von der vernichtenden Woge des Bürgerkrieges mit fortgerissen wurden. Ich erfuhr, daß mein unersetzliches Eigenthum in eine Kiste gepackt und nach Washington adressirt worden sei, und dann schwiegen alle weitere Nachrichten. Dort drüben hat Niemand ein Interesse, sich um die Kiste zu kümmern; es läßt sich daher erwarten, daß sie noch heute unbeachtet da, wo sie zur Beförderung aufgegeben werden sollte, oder in Washington oder endlich auf einer der zwischen diesen beiden Endpunkten befindlichen Stationen liegt, und es daher nur der Mühewaltung eines umsichtigen Mannes bedarf, mir zu meinem lange und heißersehnten Kleinod zu verhelfen. »Sie nun, mein theuerer Freund, wären gerade die geeignete Persönlichkeit, mir den unbezahlbaren Dienst zu leisten, das heißt, nicht allein die Kiste aufzutreiben, sondern sie auch nicht eher aus den Augen zu lassen, als bis Sie mit derselben hier bei mir eingetroffen sind. Gehen Sie also auf meinen Vorschlag ein, so wirken Sie dadurch segensreich nach drei Richtungen; Erstens leisten Sie mir einen Dienst, welcher Ihnen nach Gebühr zu vergelten, meine ganze Habe nicht ausreicht; zweitens dürfen Sie sich den kühnsten Hoffnungen betreffs der Einwirkung der Seeluft auf Ihre – nun, sagen wir, auf Ihre Gemüthsstimmung hingeben, und endlich können Sie stolz darauf sein, Ihre brave und ehrenwerthe Schwester allen ferneren Nachstellungen entzogen und sie der treuen Fürsorge ihres Beschützers übergeben zu haben.« Nach dieser langen, mit vielem Eifer vorgetragenen Rede heftete der Professor seine Blicke erwartungsvoll auf Johannes, der stumm und von schweren Zweifeln befangen vor sich niederschaute. Da legte sich sanft eine kleine, warme Hand auf des jungen Mannes Arm, und als er aufsah, blickte er in zwei Augen, die so bittend und innig auf die seinigen gerichtet waren, daß ihm das Blut in den Adern wallte, als sei er plötzlich von neuem Leben durchströmt, seine wunde Brust, wie durch Zauber, geheilt worden. »So will ich Dich denn begleiten, wenn Du doch so ernstlich darauf dringst,« sprach er tief bewegt, indem er, wie er so oft gethan, die braunen Locken von Anna's weißer Stirne zurückstrich, »ich begleite Dich, ich gehe auf die Bedingungen des Herrn Professors ein – um Deinetwillen –« er hustete wieder leise, und dann fügte er kaum vernehmbar, halb zu dem Professor gewendet, hinzu, »und was meine Gemüthsstimmung betrifft, da wage ich nicht, viel von der Seeluft zu hoffen – denn ich fürchte – es ist zu spät.« Der Professor nickte leicht, wie zum Zeichen, daß er die Andeutung verstanden habe; dann erhob er sich schnell, um vor das Orang-Utang-Skelett hinzutreten und auf diese Weise den beiden jungen Leuten den Rücken zuzukehren. Er mußte seine besonderen triftigen Gründe zu diesem Verfahren haben, denn er starrte dem zähnefletschenden Schädel so lange in die leeren Augenhöhlen, bis ihm endlich selbst die Augen übergingen und er gezwungen war, mit dem Taschentuch zuerst einige Staubatome von dem Schlüsselbein des Orang-Utangs zu entfernen und bei dieser Gelegenheit ganz heimlich und verstohlen über sein eigenes Gesicht hinzufahren. Die auf dem Rücken liegende Hand trommelte mit allen fünf Fingern grimmig auf der Basis seines Höckers. Er wollte sich gewaltsam an sein eigenes Gebrechen erinnern, welches ihm schon so vielfach den Spott seiner mitleidlosen Menschen zugezogen hatte. Er trommelte stärker und grimmiger, und so grimmig starrte er dabei in die hohlen Augen, als sei der gebleichte Schädel ein Notenheft gewesen, nach welchem er seine geräuschlose Musik regelte, der ganze Orang-Utang dagegen ein dämonischer Kapellmeister, der ihn mit aller Gewalt aus dem Text zu bringen suchte. Er trommelte stärker, allein was er bezweckte und was ihm so häufig gelang, seinen Zorn und seinen Haß gegen die Menschheit wach zu trommeln, von welcher er seines unverschuldeten Gebrechens halber die verletzendsten Spottnamen hatte hinnehmen müssen, heute erwies sich sein Kunstgriff als unzureichend. Sein Höcker war plötzlich gefühllos geworden; den Spottnamen hatte er vergessen, selbst seinen Liebling, den lauschenden Orang-Utang sah er nicht, zu ergreifend waren die Bilder, welche seinem geistigen Auge vorschwebten. Obwohl er Johannes den Rücken zukehrte, wollte das bleiche Antlitz, mit dem milden, gütigen Ausdruck und der unheimlichen Röthe auf den Wangen nicht aus seiner Seele weichen. Sein Herz blutete, und was er dachte, das schien ihm ein unerbittliches Geschick mit Donnerstimme in die Ohren zu rufen: »Die Meerluft kann Wunder bewirken! Und ist es zu spät, um zu retten, so ist es nicht zu spät, um zu mildern, Deine letzten Tage zu verlängern und zu versüßen, Du armes, gebrochenes Gemüth! Vor Elend und Mangel sollst Du nicht in's Grab sinken, dafür sorge ich, ich ganz allein, ich, der mißgestaltete Kobold, der aber in seinem Schädel mehr gesunden Verstand besitzt, als ein ganzes Heer hoch erleuchteter und wohlgebildeter Narren zusammen genommen. Ha! Nicht für eine Welt gebe ich mein Gebrechen hin – aber tauschen, ja, vertauschen möchte ich wohl – etwa meine gesunden Lungen gegen seine – o, es ist jammervoll, so jung, so reich begabt, und ein Opfer dieser finstern Krankheit zu werden.« Das Taschentuch säuberte den weißen Affenschädel und glitt wieder über die getrübten Augen des Professors. So sehr der alte Herr sich bemühte, durch energische und herausfordernde Bewegungen dem verachteten Höcker die hervorragendste Stelle in seiner äußeren Erscheinung einzuräumen, es wollte nicht glücken. Es war, als ob sein menschenfreundliches Herz die armselige Hülle mit Macht durchbrochen habe, dieselbe mit einem wunderbaren, gleichsam rührenden Schimmer schmückend. Wohl fünf Minuten verstrichen, ohne daß ein Wort in der Bibliothek laut geworden wäre. Johannes hielt noch immer die Hand seiner jungen Freundin; Beide aber spähten mit banger Erwartung zu dem kleinen Professor hinüber, als ob er der Richter über ihre ganze Zukunft gewesen wäre. Da trat dieser endlich vor sie hin, ihnen Beiden zugleich die Hände reichend. Ein tiefer Ernst thronte auf seinem Antlitz, ruhige Ueberlegung und fester Wille sprachen aus seinen klaren Augen. »Ich habe noch einmal Alles erwogen,« hob er an, »und gelangte zu dem Schluß, daß wir wohl den richtigen Ausweg gefunden haben dürften. Gehen Sie jetzt zu Ihren Freunden; auch ich werde heute noch dort hinkommen und gemeinschaftlich wollen wir dann berathen und entscheiden. Von dem Augenblick der Entscheidung an betrachte ich Sie, mein junger Freund, als in meinen Diensten stehend. Sie werden daher, bevor Sie nach Amerika aufbrechen, noch einmal zu Ihrer Mutter reisen, um es mir zu erleichtern, Sie zu vertreten. Ihre Bücher und sonstige Habseligkeiten finden für die Dauer Ihrer Abwesenheit, höchstens vier bis sechs Monate – ein sicheres Unterkommen in meiner Wohnung, und kehren Sie zurück, gestärkt und erfrischt, mögen Sie mit erneuter Lust Ihre Studien wieder aufnehmen.« »Wenn es mir, bei der großen Unsicherheit des ganzen Unternehmens, nicht gelänge, die Kiste aufzufinden,« fragte Johannes, der sich ebenfalls erhoben hatte. »So haben wir Zeit und Geld einem guten Zwecke geopfert,« antwortete der Professor, die Hände erschreckt faltend, »doch nein, eine solche himmelschreiende Ungerechtigkeit ist nicht denkbar – o, Sie ahnen nicht, wie Großes sich an das glückliche Eintreffen des unbeschädigten Inhaltes der Kiste knüpft – also auf Wiedersehen, meine Herrschaften.« »Steht nicht zu befürchten, daß ich auf meiner alten Zufluchtsstätte mit Herrn Alvens zusammentreffe?« fragte Anna besorgt, bevor sie sich empfahl, »Herr Beltram meinte, daß er gerade dort zuerst nachforschen würde.« »Der Herr Beltram ist ein nichtswürdiger und obendrein wenig scharfsinniger Betrüger,« versetzte der Professor, »sollten Sie Alvens wirklich treffen, so theilen Sie ihm gütigst mit, daß ich mich in dringenden Geschäften nach seiner Wohnung begeben hätte, um ihn daselbst zu erwarten. Und nun Gott befohlen, die Zeit eilt.« Johannes und Anna waren auf den Corridor hinausgetreten, wo des Professors alter Leibdiener ihnen höflich die Treppenthür öffnete und ihnen, als sie hinabstiegen, noch ein Weilchen kopfschüttelnd nachsah. Keiner von ihnen sprach ein Wort; in Anna's Geist schwirrten die Erlebnisse der letzten vierundzwanzig Stunden durcheinander, während sie sich vergeblich bestrebte, die zwischen ihrem zukünftigen Adoptivvater und ihren verstorbenen Eltern bestehenden Beziehungen zu errathen. Johannes schritt mit schwer belastetem Gemüthe an ihrer Seite einher. Der Gedanke an die letzte entscheidende Wendung der in seiner Brust verborgenen Krankheit hatte oft seine Seele tief gebeugt; tiefer aber noch beugte es ihn, fortan in täglichem Verkehr mit seiner lieblichen, ihm in treuer Anhänglichkeit ergebenen Jugendgespielin leben zu müssen. Sie schritten dahin Hand in Hand, wie sie so oft in ihrem Leben gethan, aber ihre Augen waren gesenkt, stumm ihre Lippen. – – Der Professor sah sich nicht sobald allein, als er sich plötzlich wieder seines Höckers erinnerte und mit großer Virtuosität auf der Basis desselben zu trommeln begann. Was ihm kurz vorher nicht gelang, glückte ihm jetzt ausnehmend gut, nämlich sich in eine gewisse kriegerische Stimmung hineinzutrommeln; denn höchstens dreimal war er in der Bibliothek auf- und abgewandelt, als sein Unmuth sich in halblaut gesprochenen Worten Bahn brach. »Das sind die Folgen, wenn man seinen Grundsätzen nicht treu bleibt,« grollte er, »der bucklige Professor bequemt sich dazu, der Sklave wildfremder Menschen zu werden und ihretwegen seine Studien zu vernachlässigen! Und dergleichen muß mir widerfahren! Hm, Hm, geschähe es nicht, um der unverschämten Kärrnerfrau zu beweisen, daß sie die Letzte ist, über die ich mich ärgern möchte, wollte ich kurzen Prozeß machen. Und dann die Kiste! Ei, ei, um ein solches Kleinod zu erlangen, darf man schon einmal etwas aus dem gewohnten Geleise weichen. Ha, und dieser Alvens! Wie will ich ihn unbarmherzig auf die Folter spannen, wie will ich triumphiren, wenn er vor mit zittert!« Die klugen Augen funkelten kriegerischer und entschlossen schmiegten sich die glatt rasirten Lippen an die schönen weißen Zähne an, indem er sich rüstete, dem Rechtsanwalt einen Besuch abzustatten. Eine wahrhaft menschenfeindliche Stimmung hatte sich des guten Professors bemächtigt. Leider wollte sein eigensinniges Herz nicht gleichen Schritt mit den erregten Leidenschaften halten. Es klopfte so ruhig, so sanft und versöhnlich, als ob es die Herberge der ewigen Eintracht gewesen wäre. Dreiundzwanzigsten Capitel. Die Entscheidung. Herr Rechtsanwalt Alvens befand sich in einer schrecklichen Gemüthsverfassung. Durch die unerhörte Saumseligkeit seines Geheimsecretairs war er veranlaßt worden, sich zur ungewöhnlich frühen Stunde in sein Arbeitscabinet zu verfügen, wo er nach einigem oberflächlichen Umherforschen nicht nur das Fehlen des Geldes in seiner Kasse entdeckte, sondern auch den Brief, in welchem Beltram, sein willenloser Sklave, ihm sogar zu drohen wagte. Sein erster Gedanke war die Polizei; er besann sich indessen schnell eines Anderen und entschloß sich, bevor er weitere Schritte einleitete, genau auszukundschaften, wie weit das von Beltram angestiftete Unheil reiche. Er überzeugte sich sehr bald, daß ihm die wichtigsten, auf seine amerikanischen Verbindung bezüglichen und ihn schwer compromittirenden Briefschaften fehlten und es daher wohl am gerathensten sein dürfte, den hinterlistigen Dieb mit seinem Raube ungehindert davongehen zu lassen. Er grübelte noch darüber nach, auf welche Weise er vor Beltrams Collegen dessen plötzliches Verschwinden am glaubwürdigsten erkläre, als ihn, wie ein Donnerschlag, die ihm von Frau von Birk brieflich übermittelte Nachricht traf, daß auch deren Pflegebefohlene es möglich zu machen gewußt habe, sich heimlich ihrer Obhut zu entziehen. Er, der sonst gewohnt war, mit scharfem Verstande schnell die Mittel zu entdecken, einem drohenden Unheil mit Nachdruck zu begegnen; der so schlau die gegen ihn selbst, wie gegen seine Clienten gekehrten Waffen zu seinen eignen zu machen wußte, starrte jetzt rathlos auf den Brief nieder, der ihm die erschütternde Kunde von Anna's Flucht brachte. An Beltram dachte er nicht mehr; dagegen erschien es ihm unzweifelhaft, daß Anna durch den Kärrner beeinflußt gewesen sei, er sie dort also auch zunächst zu suchen haben würde. Bevor er indessen seinen Entschluß gefaßt hatte, trat ein Gerichtsbote bei ihm ein, der seine Gegenwart bei einem tobsüchtigen und beim Brande eines Hauses verunglückten jungen Manne wünschte. Von schwarzen Ahnungen bedrückt trat er den Weg nach dem Armenhause an. Obwohl er es als eine Gnade des Himmels pries, Beltram in einem Gemüthszustande zu finden, welcher seinen Worten und Aussagen jeglichen Werth raubte, stockte ihm doch das Blut in den Adern, als er sich plötzlich in der Lage sah, mit äußerlich ruhiger Haltung und scheinbarem Bedauern das hinnehmen und anhören zu müssen, was aus dem Munde eines seiner Vernunft nicht beraubten Menschen zur furchtbarsten Anklage gegen ihn geworden wäre. »Mein armer Beltram,« redete er diesen an, der sich in der Zwangsjacke unter den schrecklichsten Qualen wand, »Sie haben nach mir verlangt; womit kann ich Ihnen helfen? Sagen Sie mir es vertrauensvoll, mir, Ihrem nächsten und besten Freunde.« Beltram betrachtete seinen Peiniger mit einem Ausdruck, so vernünftig und überlegend, daß es Alvens eiskalt überlief. »Bringen Sie mir das Mädchen?« fragte er endlich geheimnißvoll flüsternd, »oder wollen Sie Alles für sich selbst behalten, das Mädchen und die Millionen?« »Bedauernswerther Mensch,« sprach Alvens wie in Gedanken, und sich den ihn begleitenden Beamten zuwendend, fragte er mitleidig: »Hat man denn gar keine Ahnung, was ihn in diese entsetzliche Lage gebracht hat?« »Wir hofften, von Ihnen Aufschluß zu erhalten, indem er fort und fort nach Ihnen rief und schrie,« hieß es zurück. »Fand man Briefschaften bei ihm?« »Nichts, als eine Summe von ungefähr achtzig Thalern in klingender Münze, die auf der Unglücksstätte ringsum verstreut waren. Besaß er außerdem Briefschaften, so hat er sie verbrannt, denn auf dem Feuerherd zwischen einzelnen Geldstücken entdeckte man Flocken verkohlten Papiers und einzelne verschont gebliebene Schnitzel, von welchen zwei Ihren Namen trugen. Alvens seufzte und blickte nachdenklich vor sich nieder. »Ich glaube das Unglück erklären zu können, doch möchte ich nicht zum Ankläger werden,« bemerkte er nach einer Weile mit gedämpfter Stimme, »ich bitte daher, meine Aussagen lediglich als vertraute Mittheilungen hinzunehmen. Der bedauernswerthe junge Mann, der, wie Sie sehen, mich unausgesetzt mit sichtbarer Angst betrachtet, hat sich im Laufe der verflossenen Nacht einer erheblichen Veruntreuung an meiner Kasse schuldig gemacht. Die näheren Umstände verschweige ich absichtlich. Zu seiner Ehre muß ich einräumen, daß Unredlichkeit eigentlich nicht in seinem Charakter lag, um so räthselhafter erscheint mir dafür seine ganze Handlungsweise. Doch die That ist nun einmal geschehen, wie das bei ihm gefundene Geld zur Genüge beweist, und ich möchte fast behaupten, daß er unter dem Eindruck des Entsetzens leidet, welches nach Ausübung der schmachvollen That seinen Geist umnachtete. Beobachten Sie nur seine angstvollen Blicke, es ist unverkennbar, er meint in mir seinen Verfolger und Ankläger zu sehen.« »Man fand in seiner Behausung eine Reisetasche, mit mehreren zu einer Frauengarderobe gehörenden Bekleidungsgegenständen; außerdem einen Damenmantel nebst Hut. Leider haben die Sachen durch das Feuer sehr gelitten, daher erwecken die vorhandenen schwachen Spuren, zusammen mit den wirren Aeußerungen des Kranken die Vermuthung, daß Alles von einem Mädchen, Namens Anna, herrührt.« Alvens bedeckte seine Augen mit der Hand. »Also auch darin bin ich von ihm hintergangen worden,« sprach er nach kurzem Sinnen. »Meine Herren,« hob er darauf mit ruhiger Entschiedenheit an, »ich bezweifle kaum noch, daß ich die erwähnten Gegenstände als das Eigenthum eines jungen Mädchens recognosciren werden, zu welchem ich in dem Verhältniß eines Vormundes stehe. Diese Anna ist nämlich eine sehr schöne Erscheinung, und da ich den unglücklichen Menschen mehrfach mit Dienstleistungen für dieselbe beauftragte, so ist nicht undenkbar, daß deren Anblick verwirrend auf sein krankhaftes Gemüth einwirkte und ihn zu Handlungen verleitete, für welche er unter den obwaltenden Umständen kaum verantwortlich gemacht werden dürfte.« So weit war Alvens mit seinen Erläuterungen gekommen, die bei allen Anwesenden den unbedingtesten Glauben fanden, als Beltram, der die mit halblauter Stimme berathenden Männer so lange stier beobachtet hatte, plötzlich geheimnißvoll ausrief: »Herr Rechtsanwalt, warum haben Sie die Pferde vergiftet?« Der Angeredete bebte. »Es steht wieder ein heftiger Ausbruch bevor,« bemerkte der Arzt, »die jetzt noch mit scheinbarer Ruhe hervorgebrachten, sinnlosen Aeußerungen deuten unfehlbar darauf hin.« Alvens überlegte eine Weile, und mit der unbestimmten Absicht, den angekündigten Ausbruch zu beschleunigen, trat er dicht neben den Unglücklichen hin. »Mein lieber Beltram,« fragte er mitleidig, »wenn Sie in Noth waren, warum wendeten Sie sich nicht vertrauensvoll an mich? Sie mußten doch wissen, daß ich Ihnen mit Freuden etwas Geld –« »Geld!« rief Beltram schrill aus, so bald er das verhängnißvolle Wort vernahm, »ich habe es nicht, es ist verbrannt! Aber ich werde es Ihnen ersetzen, denn Millionen fallen mir zu, und mit Gold will ich Sie überschütten, damit Sie nicht ganz leer ausgehen! Ja, meine Sklavenkette ist gebrochen – ich schreibe nicht mehr – die Federn sind glühend und haben meine Finger versengt!« Er lachte gellend. Alvens versuchte zwar, durch die Blicke, mit welchen er ihn so oft eingeschüchtert hatte, seine Wuth in bestimmte Grenzen zu bannen, allein vergeblich. Toller und wilder lachte der Elende, die Ausbrüche seiner wahnsinnigen Heiterkeit über den Besitz unermeßlicher Reichthümer mit den furchtbarsten Schmähungen und Anklagen begleitend. »Er scheint sich außer dem Bereiche menschlicher Hülfe zu befinden?« fragte Alvens den Arzt leise. Dieser zuckte die Achseln. »Ich fürchte es, denn er leidet am Größenwahnsinn,« antwortete er darauf im Geschäftston, und zwei Wärter bei dem Tobenden zurücklassend, entfernte er sich mit den Uebrigen schweigend. – Alvens traf eine halbe Stunde später in seiner Wohnung ein. Trotzdem der Arzt meinte, daß Beltram schwerlich jemals wieder in den Besitz seiner Vernunft gelangen würde, fühlte er sich doch nur wenig beruhigt. Die unvermuthete Frage nach der Vergiftung der Pferde hatte ihn mit wahrer Todesangst erfüllt; sie erschien ihm als eine furchtbare Mahnung, daß außer Beltram auch noch Andere, und vielleicht gar der Kärrner selbst, in sein Geheimniß eingedrungen seien. An diejenige, die im vollsten Sinne des Wortes die Stufe bilden sollte, auf welcher zu fürstlichem Reichthum zu gelangen, er in jüngster Zeit kaum noch bezweifelt hatte, dachte er in dieser verhängsnißvollen Stunde nur beiläufig. Er begriff, daß mit seiner vormundschaftlichen Gewalt nichts mehr auszurichten sei, und er sogar vor einer Vereinigung der einander entfremdeten Brüder nicht zurückschrecken dürfe, wenn es dazu diente, das auf allen Seiten wankend gewordene Vertrauen wieder zu befestigen. Aber auch diese letzten Pläne und Hoffnungen erhielten einen erschütternden Stoß, als der Professor angemeldet wurde. »Auch der,« murmelte er zähneknirschend, sobald der Diener sich entfernt hatte, um den Professor in's Empfangszimmer zu führen. »Auch der noch,« wiederholte er nachdenklich, denn eine innere Stimme sagte ihm, daß nur Anna, deren Spiel der alte Herr so sehr vermißt hatte, Veranlassung zu dem unerwarteten Besuche gegeben haben könne. Als er indessen einige Minuten später bei dem Professor eintrat, zeigte er in Haltung und Miene das verbindliche Wesen eines Mannes, der es an Reinheit des Gewissens, mindestens mit einem Kirchenheiligen aufgenommen hätte. »Diese außerordentliche Ehre!« rief er freudestrahlend aus, indem er dem Professor beide Hände entgegenreichte, »ich bin außerordentlich überrascht – aber bitte, mein bester Herr Professor, nehmen Sie Platz und betrachten Sie mein Haus als das Ihrige.« Der Professor, ein sarkastisches Lächeln auf den geistreichen Zügen, leistete der Aufforderung mit einem gewisse Behagen Folge, und nachdem er flüchtig einen forschenden Blick auf das freundlich erregte Gesicht des Rechtsanwalts geworfen, antwortete er ebenso verbindlich: »Es ist eine etwas ungewöhnliche Stunde, in welcher ich mir die Ehre gegeben habe, doch Ihre Nachsicht läßt mich hoffen, daß bei meinem Abschiede von hier mich ebenso wohlwollende Gefühle begleiten, wie mir solche beim Empfange so offenkundig entgegen getragen werden.« Alvens entfärbte sich leicht; er kämpfte indessen seine Verwirrung gewandt nieder und fragte mit trefflich erheuchelter Ungezwungenheit, womit er dem Herrn Professor dienen könne. Dieser hatte sich auf seinem Stuhle so herumgedreht, daß Alvens eine volle Ansicht des Höckers gewann, der bei jeder Bewegung seines Eigenthümers, wie ein antiker Mauerbrecher, hin und her schwankte und nicht übel Lust zu haben schien, dem nur ganz beiläufig mit seinen langen Nägeln liebäugelnden Rechtsanwalt den Kopf einzurennen. »Nun, mein bester Herr Alvens,« und der schadenfrohe Blick seiner klugen Augen verwandelte sich in ein boshaftes Leuchten, »ich komme wegen einer gewissen Anna Werth, über deren Zukunft einzelne Bestimmungen getroffen werden sollen, und zu welchen ich Sie, als den Vormund der jungen Waise, um Ihre gütige Genehmigung ersuchen möchte.« »Ah, die kleine Anna Werth meinen Sie,« versetzte Alvens ausweichend, um Zeit zu gewinnen, »ja, ja, sie ist ein durchaus liebenswürdiges Geschöpf, und dabei so wohlerzogen, so schön ausgebildet – ah, Sie kennen sie ja persönlich – und vermissen sie vielleicht gar? Ich bedauere, daß ich, die fernere Ausbildung des Kindes berücksichtigend, gezwungen war, es von dem Kärrner Braun fortzunehmen und dafür der Obhut einer sehr achtbaren, hochgebildeten Dame anzuvertrauen.« »Der Verlust der Musik in meiner Wohnung schmerzt mich allerdings,« erwiderte der Professor, und wie ein leichter Spott trat es auf seine Lippen, während beim Rückwärtsbiegen des Oberkörpers der Höcker zu einem gewaltigen Stoße ausholte, »wenn es indessen der Wohlfahrt Ihrer schönen und verständigen Schutzbefohlenen gilt, schweigen alle anderen Rücksichten. Daß Sie dieselbe von den Brauns fortnahmen, erlaube ich mir nicht, einer besonderen Kritik zu unterziehen, dagegen kann ich nicht umhin, meine Zweifel darüber auszusprechen, daß Sie genau im Sinne des in Amerika lebenden Bruders des Kärrners handelten, der doch das nächste und erste Recht besitzt, über die Zukunft der jungen Dame zu entscheiden.« Alvens entfärbte sich wieder. Zu verdächtig erschien ihm, daß der Professor um die zwischen Anna und dem Bruder des Kärrners bestehenden Beziehungen wußte. Er dachte an die entwendeten Briefschaften, von welchen man vermuthete, daß sie verbrannt seien; um sich daher nicht in Widersprüche zu verwickeln, antwortete er vorsichtig! »Wenn Ihnen sehr daran gelegen wäre, könnte man vielleicht solche Einrichtungen treffen, daß mein junger Schützling wieder bei Ihnen spielte – etwa einen Tag um den andern – natürlich ohne Honorar – denn es gereicht mir zur besonderen Befriedigung, bis in's Kleinste hinein für alle Bedürfnisse des lieben Kindes Sorge tragen zu dürfen.« »Herrn Braun in Amerika gewiß nicht minder und wahrscheinlich mit größerem Recht,« bemerkte der Professor zu Alvens Verdruß mit einer Anwandlung von Ungeduld, »doch übergehen wir meine Person und meine Wünsche gänzlich und kommen wir zu einem Beschluß über Fräulein Werth's Zukunft, die mich, ich räume es offen ein, ganz außerordentlich interessirt. Was meinen Sie zum Beispiel, wenn wir das junge Mädchen ohne Zeitverlust dahin schickten, wo wir es am sichersten aufgehoben wüßten, ich meine nach Amerika zu dem Bruder unseres gemeinschaftlichen Freundes Braun?« Bei dieser Frage fuhr Alvens erschrocken zurück; es unterlag kaum noch einem Zweifel, daß seine heiligsten Geheimnisse eine weitere Verbreitung gefunden hatten. Doch dem Ausdruck seiner unangenehmen Ueberraschung gewandt einen anderen Grund unterschiebend, antwortete er vorwurfsvoll: »Ein so junges, unerfahrenes Mädchen allein eine Weltreise antreten lassen? Nein, nimmermehr! Es kann Ihr Ernst nicht sein, Herr Professor!« »Mein voller Ernst; wir brauchen ihr ja nur wie Herr Braun selbst schrieb – einen zuverlässigen Begleiter beizugeben, und wir erreichen den doppelten Zweck, erstens, die junge Dame möglichst bald unter den Schutz ihres natürlichen Freundes zu stellen, dann aber beugen wir der Möglichkeit vor, daß die mit den Ränken der Welt völlig unbekannte junge Waise ihr Herz an irgend einen galanten alten Junggesellen hängt, der durch eine Heirath mit ihr in den Besitz eines recht ansehnlichen Vermögens eintreten möchte.« Alvens machte eine Bewegung als habe er des Professors Worte nicht recht begriffen; allein trotz seiner Geistesgegenwart gelang es ihm nicht, den unerbittlichen Gegner über sein heimliches Entsetzen zu täuschen. »Ich verstehe Sie nicht,« brachte er endlich mit mühsam erheuchelter Fassung hervor, es klingt Alles so seltsam und – verzeihen Sie mir – so verworren – Sie können unmöglich mit dem Herrn Braun correspondirt haben – erfuhr ich selbst doch erst vor Kurzem, daß Anna Werths Eltern in Beziehungen zu dem Bruder des Kärrners gestanden, welche diesen dazu bestimmten, sich des einzigen überlebenden Kindes väterlich anzunehmen. Selbstverständlich erachtete ich es gleich nach dieser Entdeckung als meine heiligste Pflicht, ihm die edle Aufgabe zu erleichtern.« Jedenfalls sehr großmüthig von Ihnen,« entgegnete der Professor, und ein Lächeln der bittersten Verachtung trat auf das geistreiche Antlitz, »Ihr eigenes Vorhaben aber wurde dadurch wieder gefördert, daß Herr Braun Ihnen die weitreichendsten Mittel zur Verfügung stellte. Ungroßmüthig finde ich es dagegen, daß Sie die zwischen beiden Brüdern bestehende Kluft, anstatt sie auszufüllen, erweiterten und –« »Kennen Sie den Wortlaut der bei mir hinterlegten, ausdrücklichen Bestimmungen und Bedingungen des Herrn Braun?« fragte Alvens plötzlich scharf dazwischen. »Von derartigen Dingen weiß ich nichts,« versetzte der Professor gleichmüthig, »ich kümmere mich auch nicht im Entferntesten um anderer Leute Verfügungen, so lange sie mich in meiner Abgeschiedenheit nicht stören. Doch wir schweifen zu weit von dem eigentlichen Zwecke meines Besuches ab; Ihre Zeit ist kostbar, und die meinige nicht minder; ich erlaube mir daher, bei unseren weiteren Verhandlungen ein verkürztes Verfahren anzurathen.« Alvens erklärte sich durch eine steife Verbeugung damit einverstanden, und der Professor fuhr fort: »Ich bitte Sie also, mir gütigst zu gestatten, mein Anliegen, betreffs der heute auf ihrer Flucht aus dem Hause der Frau von Birk bei mir eingekehrten Anna Werth in einen einzigen Vorschlag zusammen zu fassen. Sie werden um so leichter auf denselben eingehen, weil er im vollkommensten Einklange mit den Wünschen des amerikanischen Herrn Braun steht, wie solche in diesen, von Ihrem Schreiber Beltram sorgfältig copirten Briefen ausgesprochen sind.« Bei diesen Worten zog er mehrere zusammengefaltete Papiere aus der Tasche, dieselben nachlässig vor sich auf den Tisch legend. Einen flüchtigen Blick bohrte er gleichsam in die vor Schreck und Erstaunen fast starren Augen des Rechtsanwalts, dann nahm er seine Rede wieder auf: »Diese Copien wurden Anna Werth von Ihrem vortrefflichen Secretair eingehändigt, nachdem er sie auf die hinterlistigste Weise aus dem Hause der Frau von Birk zu entführen und in seine dumpfige Kellerwohnung zu locken verstanden hatte.« »Der Schurke!« rief Alvens emporspringend aus, gleich darauf sank er, scheinbar gelassen auf seinen Sitz zurück. Es war ersichtlich, er gab sein Spiel verloren und hoffte nur noch seinen Ruf und seine Stellung zu retten. Selbst die Rachegedanken, welche ihn bei der Erwähnung Beltrams bestürmten, wichen, als vor seine Seele eine elende, von den furchtbarsten Dämonen des Wahnsinns heimgesuchte Gestalt auftauchte und ihm, mit einem Fluche auf den Lippen, drohend die Faust entgegenstreckte. Was in Alven's Seele vorging, mochte der Professor ahnen, denn das boshafte Lächeln, welches so lange auf seinem Gesicht geruht hatte, trat hinter dem Ausdruck eines tiefen Ernstes zurück. Statt der Menschenfeindlichkeit aber, deren der gute, alte Herr sich so gern bei allen Gelegenheiten rühmte, schlich sich Mitleid in sein Herz ein, wodurch es ihm unmöglich wurde, so aufzutreten, wie er in seiner ersten Entrüstung beschlossen hatte. »Diese Briefe stehen zu Ihrer Verfügung,« begann er nach einigen vergeblichen Versuchen, eine kriegerische Miene zu erheucheln, in versöhnlichem Tone, und er vermied, den Blicken zu begegnen, aus welchen die Bangigkeit und Verzweiflung eines überführten Sünders sprachen, »dagegen bitte ich Sie dringend, den elenden Betrüger, der Sie sowohl, wie das junge Mädchen so schmachvoll hinterging, die Strafe für seine verbrecherischen Handlungen einzig und allein in seinem eigenen Gewissen finden zu lassen.« »Er ist gerichtet,« antwortete Alvens fast tonlos, als habe er unbewußt gesprochen. »Gerichtet,« fuhr der Professor erschreckt empor. »Er ist dem Wahnsinn verfallen,« erklärte Alvens noch leiser, denn der versöhnliche Ton des weichherzigen Professors hatte ihn tiefer erschüttert, als wenn derselbe ihm zugleich als Ankläger und verurtheilender Richter gegenüber getreten wäre. »Dem Wahnsinn verfallen,« wiederholte der Professor feierlich; dann nahm er sein Gespräch mit Alvens wieder auf: »Es ist eine harte Strafe, welche ihm von einem rächenden Geschick zuerkannt wurde; wenden wir uns daher weniger schrecklichen Verhältnissen zu, welche zu lenken und zum Guten zu führen glücklicher Weise noch in unserer Macht liegt. Nehmen Sie zuerst diese Briefe an sich; nachdem ich deren Inhalt kennen lernte, hat das Papier selbst seine Wichtigkeit für mich, wie für alle Betheiligten verloren. Nur in meiner Unterhaltung mit Ihnen kommt die Kenntniß der betreffenden Angelegenheiten noch in Betracht. Vielleicht haben Sie die Güte, mir noch über einzelne, mir zweifelhafte Punkte genauere Auskunft zu ertheilen. Zuerst erlaube ich mir die Frage: Sind Sie im Besitz von ausreichenden Mitteln, unsere junge Schutzbefohlene mit allen Bequemlichkeiten zu einer größeren Reise auszurüsten?« Alvens zögerte; er schwankte, dem Professor mit demselben rückhaltlosen Vertrauen zu antworten, mit welchem jener ihn gefragt hatte. Trotz seiner inneren Zerknirschtheit bedurfte es der Erinnerung an die jüngsten Ereignisse, ihn in besserem Sinne zu bestimmen. »Es stehen mir allerdings Mittel zu Gebote, welche zu dem gedachten Zwecke zu verwenden ich bevollmächtigt bin,« erwiderte er endlich, »ob indessen eine Verwendung in der von Ihnen angedeuteten Weise –« »Ich errathe Ihre Zweifel,« unterbrach ihn der Professor mit der wohlwollenden Absicht, jeder ferneren peinlichen Erörterung vorzubeugen, »und freue mich, Ihnen mittheilen zu können, daß alle Parteien einig sind und durch mich die Bitte an Sie richten, unserem Verfahren nicht hindernd entgegen zu treten. Wie unser gemeinschaftlicher, amerikanischer Freund darüber denkt, wissen Sie selbst am besten. Es bliebe daher nur noch zu verabreden, eine wie hohe Summe wir der jungen Dame zur Verfügung stellen.« »Ihr Vorschlag kommt mir so plötzlich, so unerwartet,« entgegnete Alvens, der wieder Zeit zu gewinnen suchte, »daß ich die Verantwortlichkeit nicht übernehmen kann.« »Erwägen Sie, wir setzen das junge Mädchen allen Fährnissen eines blutigen Bürgerkrieges aus, und dann der Begleiter – wo wollen Sie einen Mann finden, welcher einer so schwierigen und zugleich so zarten Aufgabe gewachsen wäre?« »Der Begleiter ist gefunden,« antwortete der Professor heiter, »und zwar ein so treuer und gewissenhafter junger Mann, wie schwerlich ein zweiter aufgetrieben werden möchte. Hierzu aber gesellt sich, daß für diesen ihre Beihülfe nicht in Anspruch genommen wird. Derselbe reist nämlich auf die Kosten eines Mannes – warum sollte ich es verheimlichen? Er reist auf meine Kosten, um drüben eine höchst wichtige Angelegenheit für mich zu ordnen. Die Aufträge, welche ich ihm ertheile, hindern ihn indessen nicht, über unsere Schutzbefohlene bis unter das Dach ihres Adoptivvaters zu wachen und für sie zu sorgen. Ferner erwähnen Sie des Bürgerkrieges und der aus diesem hervorgehenden Gefahren,« fuhr der Professor eindringlicher fort, als er noch immer Zweifel auf Alvens Zügen gewahrte, »halten Sie etwa die Gefahren, welchen ein junges Mädchen unter dem Schutze eines rechtschaffenen Mannes drüben ausgesetzt ist, für größer, als diejenigen, welche Fräulein Anna Werth hier bedrohten und auch fernerhin bedrohen würden? Erwägen Sie dies, Herr Alvens, und vergessen Sie nicht, in welche sehr unangenehme Lage ich geriethe, wäre ich gezwungen, mich mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln, Ihren unglücklichen Secretair nicht ausgenommen, zu des Mädchens Vertreter aufzuwerfen.« Wenn Alvens überhaupt noch in seinem Entschlusse geschwankt hatte, so führte die in den letzten Worten des Professors versteckte Drohung schnell eine endgültige Entscheidung herbei; denn der Professor hatte kaum ausgesprochen, da erhob jener sich von seinem Sitz, dadurch gewissermaßen den Wunsch ausdrückend, die Zusammenkunft aufzuheben. »Die Angelegenheiten der jungen Waise befinden sich bei Ihnen in so guten Händen,« bemerkte er höflich, jedoch ohne den Professor anzublicken, »daß ich Sie bitte, denselben auch fernerhin Ihre gütige Aufmerksamkeit und Theilnahme nicht zu versagen. Weiterer persönlicher Verhandlungen bedarf es zwischen uns Beiden nicht mehr; ordnen Sie Alles nach Ihrem besten Ermessen; die erforderlichen Mittel stehen zu Ihrer Verfügung und werden auf Ihre Anweisung dem betreffenden Boten eingehändigt werden. Ich bitte nur noch, mich von dem Termin der Abreise in Kenntniß zu setzen, damit ich Ihnen bis dahin die durch Anna Werth oder deren Begleiter an Braun zu übermittelnden Rechnungen und Abschlüsse zustelle. Schließlich, Herr Professor, spreche ich noch meinen Dank aus, daß Sie mich einer so großen Arbeit und Sorge überhoben; ich bin Ihnen in um so höherem Grade verpflichtet, als ich durch meinen unglücklichen Secretair in ein solches Chaos von Verdrießlichkeiten und Mühewaltungen gestürzt worden bin, daß ich in nächster Zeit selbst für freundschaftliche Besuche nicht viel Muße übrig haben dürfte.« Der Professor wollte sich empfehlen, als Alvens ihn noch einmal zurückhielt. »Sie werden vielleicht bald den Kärrner sehen?« fragte er nachdenklich. »Wahrscheinlich heute noch.« »Darf ich Sie um eine kurze Bestellung an ihn ersuchen?« »Ich stehe zu Ihren Diensten.« »Dann haben Sie die Güte, ihm zu sagen, daß die Kündigung der auf seinem Grundstücke lastenden Hypotheken zurückgenommen sei und er den schriftlichen Ausfertigungen darüber in den nächsten Tagen entgegen sehen könne.« Hier trennten sich die beiden Herren von einander. »Ich hätte kaum geglaubt, daß Alles so glatt ablaufen würde,« sprach der Professor in Gedanken, als er auf die Straße hinaustrat. »Er steht entweder im Begriff, ein Frommer zu werden, oder er ist ein niederträchtiger Schurke, der mich zu täuschen sucht. Ei! ei! ei! Ich soll frei verfügen über die ihm zur Disposition gestellten Gelder; zieht seine Kündigung zurück – 's ist fast zu viel auf einmal, daher fort mit dem Mädchen, je schneller, um so besser.« Er unterbrach seinen Ideengang dadurch, daß er flüchtig nach der Uhr sah. Mittag war vorüber; wie im Fluge war ihm die Zeit bei dem Rechtsanwalt verstrichen. Er erschrak bei dieser Entdeckung. »Das wird einen harten Kampf setzen mit meinem alten Haustyrannen,« murmelte er ängstlich vor sich hin; »Mittagbrod kalt geworden; eine Stunde über die Zeit ausgeblieben, und sonst immer pünktlich! O mein Gott! Der alte unbarmherzige Bursche wird furchtbare Gesichter schneiden – aber das sind die Folgen, wenn man sich mit anderer Leute Angelegenheiten befaßt, um die man sich von Rechts wegen gar nicht kümmern sollte.« »Da geht der bucklige Professor,« sprach dicht neben ihm ein mit dem Schurzfell bekleideter, hemdärmeliger Böttcherlehrling zu einem mit blauer Leinwandschürze geschmückten Schuhmachercollegen. Der Professor vernahm die Worte und trug seinen Höcker so stolz, als sei er das Schweifrad eines Pfau gewesen. »Hol' Euch der Teufel, Ihr Hallunken!« sprach er laut genug, um von den Lehrburschen verstanden zu werden, und dann fügte er in Gedanken hinzu: »Das Instrument werfe ich hinaus, sobald das Kind in Sicherheit ist, und dann mag's kommen, wie's will, in unseren Studien lassen wir uns nicht wieder stören.« Weiter schritten seine Füße aus, heftiger wiegte sich der Höcker, und nur die Erinnerung an seine Kiste hinderte ihn, in Schmähreden über alle Menschen, Frau Kathrin an der Spitze, auszubrechen, durch welche Letztere er mit Gewalt aus seinem gewohnten Geleise getrieben worden war. Alvens befand sich um diese Zeit wieder in seinem Arbeitscabinet. Er saß auf seinem Drehstuhl, die Augen starr auf die Blumen seines Teppichs gerichtet. Seine Lippen bewegten sich leise; allmälig begannen seine Gedanken sich als Worte denselben zu entwinden: »Wer hätte das gedacht? Nur dem Beltram habe ich Alles zu verdanken, dem elenden Sklaven, den ich so fest in meinen Händen zu halten glaubte. Und dann die Pferde – es bleibt mir kaum ein anderes Mittel, als mich auf die entgegengesetzte Seite zu schlagen.« In sich gekehrt begab er sich zum Mittagsessen. Wohl zehn Minuten hatte er bis dahin zu gehen, wo er zu speisen und die ersten Nachmittagsstunden zu verbringen pflegte. Im Kreise von Freunden und Bekannten thaute er indessen bald wieder auf, so daß selbst der schärfste Beobachter aus seinem heiteren Wesen keine Schlüsse auf seine letzten Erlebnisse und die ihm widerfahrenen Täuschungen zu ziehen vermocht hätte. Vierundzwanzigstes Capitel. Der letzte Abend. Noch einmal waren Alle im Hause des biederen Kärrners vereinigt, um den letzten Abend im traulichen Beieinandersein zu feiern. Sogar der Professor war auf ein Stündchen herbeigeeilt, den Scheidenden Lebewohl zu sagen und nach besten Kräften die trauernden Gemüther aufzurichten und auf die Zukunft zu vertrösten. – Alvens hatte pünktlich Wort gehalten; in Johannes' Händen befand sich eine ausreichende Geldsumme, Anna's und seine eigenen Reisekosten zu bestreiten; ebenso war er mit den nöthigen Briefschaften und Empfehlungen versehen worden. Die Koffer waren gepackt; trotz der Kürze der Zeit, welche zu den Vorbereitungen blieb, hatte Frau Kathrin es doch verstanden, die ganze Reiseausrüstung höchst gediegen zusammenzustellen und zu ergänzen. Nichts war vergessen worden, sogar Johannes durfte kein einziges Stück seiner Ausstattung verpacken, welches nicht vorher durch ihre Hände gegangen und mit Kennerblick geprüft worden wäre. Wohl erhob Johannes Einwendungen, wenn Frau Kathrin aus eigener Machtvollkommenheit noch dieses oder jenes, was ihm bei seinen bescheidenen Ansprüchen als überflüssig erschien, anschaffte und ihm gleichsam aufdrängte; allein was konnte er ausrichten gegen die mit erschreckender Energie aufgestellte Behauptung, daß dieses nur sie und den Herr Professor anginge und er weiter nichts nöthig habe, als seinen Körper zur Reise zu pflegen und zu stärken. »Denn Sie sehen nicht aus, wie Jemand, der dazu berufen ist, ein zartes, liebes Kind seinem Glücke entgegen zu führen,« fügte sie mit wohlwollendem Ernste hinzu, »sondern wie ein armer Sünder, der sich auf seinem letzten Gange befindet. Und gerade Sie hätten doch wohl am meisten Ursache, fröhlich und guter Dinge zu sein. Erstens nehmen Sie die Ueberzeugung mit, daß für Ihre Mutter aufs Beste gesorgt ist, und dann können Sie auch zuversichtlich hoffen, als ein ganz anderer Mensch heimzukehren – wie mir der Herr Professor selbst sagte, und was der sagt, das ist so wahr, als ob er es aus dem Katechismus abgelesen hätte.« Auf solchen herzlich gemeinten Trost antwortete Johannes mit einem wehmüthigen Lächeln; nur der Vergleich seiner Person mit einem schuldlos Verurtheilten, welcher sich auf seinem letzten Gange befindet, erschien ihm zutreffend. Selbst die aufmunternden, zutraulichen Worte Anna's, diese Worte treuer Zuneigung und Zärtlichkeit, diese Versicherungen, daß sie sich in seiner Begleitung vollkommen sicher fühle, erweckten nur vorübergehend ein stürmisches Entzücken in seiner Brust. Er litt unendlich unter den Beweisen der ihm entgegen getragenen Liebe, die er nur als Bruder hinnehmen und erwiedern durfte. Er litt schwerer, als in den Zeiten, da er hungernd und frierend in seinem luftigen Verschlage zur nächtlichen Stunde das einzuholen suchte, was er durch seine Arbeit um den kärglichen Unterhalt am Tage versäumte. Und dennoch hätte er jetzt, nachdem der Entschluß einmal gefaßt war, um keinen Preis von der übernommenen Aufgabe zurücktreten mögen. Wer anders wäre wohl im Stande gewesen, diese Aufgabe so treu, so gewissenhaft zu erfüllen, wie er, der die Neigungen seiner geliebten Anna so genau kannte, der aus ihren freundlichen Augen ihre Gedanken gleichsam herauszulesen vermochte, wenn sie so innig, so vertrauensvoll zu ihm aufschaute und nicht die leiseste Regung ihres Gemüths vor ihm verborgen hielt. Und siechte er auch unter den beständigen Seelenkämpfen in seinem täglichen Verkehr mit ihr schneller dahin, was fragte er darnach, wenn es ihm gelang, ihr den letzten, im Bereiche seiner Macht liegenden Liebesdienst zu leisten und dann heimzukehren, um endlich da in die kühle Erde gebettet zu werden, wo er seine Kindheit, die einzige glückliche Zeit seines Lebens, wie einen süßen Traum verbracht hatte. »Es ist Aufregung und der bevorstehende Abschied,« entschuldigte er sich oft, wenn Anna oder der Kärrner ihn nach der Ursache seines bleichen Aussehens fragten oder in seinen schwermüthigen Betrachtungen überraschten. Und wenn er dies sagte, dann glühten seine Wangen plötzlich, daß es Anna förmlich entzückte und selbst der biedere Kärrner, das linke Auge grimmig schließend, den rechten Mundwinkel tief gesenkt, mit den Blicken eines Sachverständigen das aufflammende Roth als ein gutes Zeichen begrüßte und ihm wünschte, daß er noch siebenzig Jahre lang successive solch' gesunde Farbe behalten möge. – – »In Bremen werdet Ihr Euch also auf dem amerikanischen Schnellsegler, dem Wassernix, einschiffen,« erklärte der Professor an jenem letzten Abend mindestens zum vierten Male; »ich hätte Euch wohl zu einem Dampfschiff gerathen, allein einestheils kann auf einem solchen leicht Feuer ausbrechen, der Kessel platzen, die Maschine brechen und wer weiß, was sonst noch geschehen, was auf einem Segelschiffe nicht zu befürchten steht, und dann wieder hat es auch sein Gutes, wenn ich Euch vorher brieflich anmelde und man die entsprechenden Vorbereitungen zu Eurem Empfange trifft. Uebrigens bleibt es bei unserer Verabredung,« schaltete er, zu Johannes gewendet, ernst ein, »auch auf der Heimreise bedienen Sie sich eines Segelschiffes, damit meine Kiste nicht allen gräßlichen Gefahren eines Dampfers ausgesetzt wird. Der Wassernix, wie ich durch den Agenten erfuhr, ist ein Emigrantenschiff; ich habe mich nach Allem genau erkundigt. In Bremen nimmt es, außer einigen tausend Paar Schuhen, nur Euch als Kajütenpassagiere an Bord; dann geht es nach Southampton, um seine Ladung an Zwischendeckpassagieren zu vervollständigen. Gleich nach Ihrer Ankunft in New-York schreiben Sie mir selbstverständlich, – und dann immer regelmäßig von acht zu acht Tagen. Dies wäre ungefähr Alles, was ich Ihnen anzuempfehlen hätte,« fuhr der Professor fort, indem er sich zum Aufbruch anschickte, »morgen um diese Zeit sind Sie bereits weit fort von hier, und ich will Euch daher, meine lieben Kinder, eine recht glückliche Reise wünschen. Daß wir uns noch einmal wohlbehalten wiedersehen, bezweifle ich nicht; denn sind Sie erst drüben, liebe Anna, wird es Ihnen hoffentlich bald gelingen, Ihren Adoptivvater dazu zu bewegen, seinen Bruder in Europa zu besuchen. »Und so lebt denn wohl,« schloß der alte Herr, und trotz aller Mühe, die er sich gab, recht gleichgültig zu erscheinen, hatte seine Stimme einen unbeschreiblich weichen Klang erhalten, »lebt recht wohl, recht wohl!« wiederholte er, den beiden jungen Leuten die Hände darreichend, »ich verlasse mich darauf, daß Ihr meiner gelegentlich und in Freundschaft gedenkt.« Anna sprach nicht; tief ergriffen führte sie, bevor der Professor ihre Absicht errieth, dessen Hand an ihre Lippen. Wie von einem jähen Schrecken befallen, fuhr dieser zurück. »Mir, mir dem alten buckligen Professor küssen Sie die Hand?« rief er aus, und indem er mit den Schultern krampfhaft zuckte, schien sein Höcker den straffen Rock durchbohren zu wollen. Mehr zu sprechen vermochte er nicht; denn wie von unwiderstehlicher Zaubergewalt getrieben und gedrängt, zog es ihn zu dem lieblichen Mädchen hin, und wiederum bevor er wußte, wie ihm geschah, hatte Anna, bis in ihr treues Herz hinein durch den innigen, väterlichen Ton seiner Stimme gerührt, ihre Arme um seinen Hals geschlungen, und wie von Mutterarmen gehalten, schluchzte sie laut an seiner Brust. Was an dem Professor häßlich, was an der jungen Waise anmuthig und blendend, wo blieb es in diesem Augenblick? Kindliche Liebe, unbewußt entkeimt dem ihr in den seltsamsten, oft beinah abstoßenden Formen entgegengetragenen Wohlwollen, und väterliche Zärtlichkeit, zur Blüthe gelangt in dem Bewußtsein, aufrichtig geliebt zu werden, hatten die beiden Herzen zusammengeführt, daß sie zugleich befriedigt und schmerzlich an einander schlugen. Wäre des Professors Höcker aber in diesem Augenblick so groß gewesen, wie des betrübt dareinschauenden Kärrners schwarzer Lackhut, so würde ihm das nicht mehr Kummer verursacht haben, als sei eine Fliege über seinen gekrümmten Rücken hingewandelt. Der gute, freundliche Professor, der sich so unendlich viel Mühe gab, die ganze Welt zu hassen, wie zerfloß sein Herz vor Wehmuth, als die heiligen Thränen der Unschuld aus den schönen dunkelblauen Augen seine Hand benetzten! Seitdem seine längst in Staub zerfallene Mutter Thränen des Kummers und der zärtlichen Liebe über ihn weinte, hatte sich Niemand mehr dem sich abschließenden, scheuen Krüppel in solcher Weise genähert. Und heute? »Segne Dich Gott, meine Tochter, Du treues, redliches Herz,« sprach er mit zitternder Stimme, indem er die Hand auf das theure Haupt legte, »segne er Dich tausendfach dafür, daß Du mir alten vereinsamten Manne das Herz erwärmtest.« Dann reichte er Johannes die Hand; er war zu tief ergriffen, um seinen Gefühlen Worte zu verleihen. Aber in die Augen schaute er ihm, und was die beiden Männer empfanden, ihre Vergangenheit mit allen den bitteren Täuschungen, die Gegenwart mit ihrem süßen Hauch, die Zukunft mit ihrem für sie Beide nur zu durchsichtigen Schleier, Alles floß in einen einzigen, bis in die innerste Seele hineinreichenden Blick zusammen. Schnellen Schrittes und seinen Höcker so stolz tragend, als sei er ein Anerkennungszeichen für die wichtigsten, der Menschheit geleisteten Dienste gewesen, begab der Professor sich hinaus. Anna ergriff die Lampe, um ihm zu leuchten, als er noch einmal den Kopf zur Thür hereinsteckte. »Adieu, lieber Braun! Adieu, adieu, Frau Kathrin!« rief er mit wunderbar veränderter Stimme aus, und bevor Anna die hinter ihm zufallende Thüre erreichte, war er auf die Straße hinausgeschlüpft. Der gute Professor! »Wer hätte das für möglich gehalten!« seufzte er erleichtert auf, als er sich draußen von der kühlen Nachtluft umweht fühlte, und ganz ungezwungen fuhr er mit dem Taschentuch über seine eigenwilligen Augen hin; »vielleicht hat's noch Keiner bemerkt,« fügte er zweifelnd hinzu, und seine Eile mäßigend wanderte er mit auf dem Rücken zusammengelegten Händen und das Haupt sinnend geneigt dem heimathlichen Obdach zu. »Vielleicht hat's noch Keiner bemerkt,« sprach der Professor. Wenn er nur einen Blick in das Zimmer hätte werfen können, nachdem er dasselbe verlassen und Anna die Lampe wieder auf den Tisch gestellt hatte. Gehört hätte er freilich nicht viel, aber gesehen dafür um so mehr, und gelesen hätte er in den wehmüthig erregten Physiognomien, daß man nicht wie ein Apoll gewachsen zu sein braucht, um recht viele und recht innige Liebe unter den Menschen zu finden. Selbst Frau Kathrin, die sich sonst so sehr zu beherrschen wußte und auf deren Urtheil er große Stücke hielt, handhabte ihre unermüdlichen Stricknadeln in einer Weise, als wäre jede einzelne Masche eine besondere Versicherung ihrer Freundschaft und Hochachtung gewesen, welche sie sorgfältig in Unterjackenform aufstapelte, damit sie nicht nutzlos verschleudert würden, sondern sich in kalten Tagen warm an ihres guten Christians Hünenbrust anschmiegten und jeden Schlag seines treuen Herzens so recht aus nächster Nähe hörten. Der alte Christian hingegen zündete seine Stalllaterne an, um den Holsteinern den letzten Abendbesuch abzustatten und ihnen vielleicht auch dieses oder jenes anzuvertrauen, was im Zimmer auszusprechen ihm nicht recht gelingen wollte, und was, wenn er sich wirklich ein Herz faßte, das Gefühl in ihm erzeugte, als habe er Frau Kathrins Wollknäuel verschluckt, und dieses sei ihm in der Kehle stecken geblieben, wo es nicht vor- oder rückwärts konnte. Anna bemerkte nicht sobald, daß der Kärrner die Laterne anzündete, als sie ein warmes Tuch um ihre Schultern schlang und sich bereit erklärte, ihn zu begleiten »der Feuersgefahr wegen,« wie sie meinte, im Grunde aber, um Abschied zu nehmen von allem, was sie im Laufe der Zeit auf dem kleinen Gehöft des Kärrners lieb gewonnen hatte. Der Kärrner lachte zu ihrem Beginnen in sich hinein, während er das linke Auge mit einer Gewalt zukniff, daß ihm in beiden Augen das helle Wasser zusammenlief. Frau Kathrin lächelte ebenfalls ihren großen wollenen Maschen zu, indem sie einen Gedanken über den Schmerz des Scheidens mitten zwischen die Freundschaftsversicherungen hineinstrickte; und Johannes lächelte, aber es war ein verklärtes Lächeln, als ob es aus einer anderen Welt herübergekommen wäre. Sogar der treue Hechsel, der auf das Geräusch des Zuklappens des Laternenthürchens hinter dem Ofen hervorkroch und seine gedrungenen Glieder behaglich ausreckte, schien zu lächeln und mit seinem abhanden gekommenen Schweif zu wedeln und seine abhanden gekommenen Ohren schmeichelnd an das breite Haupt zu legen, während er die braunen Hängelippen freundlich grinsend von dem furchtbaren Gebiß zurückzog, die eisenfarbige Doppelnase, wie die Magnete witternd, schnuppernd emporhob und dabei mit dem weißen Auge sowohl, als auch mit dem schwarzen alle in dem Zimmer Anwesenden zugleich seines hohen Wohlwollens zu versichern suchte. Frau Kathrin nöthigte durch einen Wink Johannes dicht neben sich hin, um ihm während Anna's Abwesenheit noch mancherlei Rathschläge zu ertheilen, welche sie für unerläßlich hielt, damit das Kind während der Reise nicht zu sehr leide und immer seinen frohen, frischen Muth behalte. Anna aber war um diese Zeit wirklich wieder ein Kind geworden, welches seinen höchsten Genuß darin findet, sich seinen Wohlthätern durch alle nur erdenklichen Aufmerksamkeiten dankbar zu beweisen. Denn wie ein Kind leuchtete sie dem alten Braun vorauf, dem alten Braun, der sich vor Wonne und Schmerz kaum zu lassen wußte und seinen feuerfarbigen Borstenkragen in einer Weise mißhandelte, welche für das Fortbestehen des schönen Schmuckes wirklich die ernstesten Befürchtungen erweckte. Wie ein Kind trippelte sie voraus, anmuthig und gewandt die Regenpfützen überschreitend und umgehend, in der rechten Hand die seitwärts gehaltene Laterne, mit der linken die Kleider sorgsam wahrend vor einer Berührung mit dem schlüpfrigen Erdboden. Als sie aber erst in den warmen Pferdestall eingetreten waren, wo ihnen die drei Holsteiner grüßend entgegenwieherten und Hechsel sich höchst unceremoniell auf seine Streu begab, da wendete Anna sich nach ihrem Begleiter um, und seine schwielige Hand zutraulich ergreifend, hob sie an: »Lieber, guter Vater Braun, ich sagte wohl von Feuersgefahr, allein so böse war es nicht gemeint; ich wünschte nur, von den Pferden Abschied zu nehmen und ihnen zum letzten Male das Heu zu reichen. Nachher muß ich auch den Wagen noch einmal sehen, in welchem ich die erste Nacht unter Deinem Schutz so sanft schlief; Du weißt ja wohl noch, lieber, guter, Vater Braun?« »Weiß Alles successive, Schätzchen,« knurrte der Kärrner, und dann brach er in einen so heftigen Husten aus, daß die drei Holsteiner schier darüber erschraken, und die Sperlinge, die sich oben in das Deckstroh des Stalles verkrochen hatten, leise zu zirpen begannen, als wären sie durch das erschütternde Geräusch in ihren schönsten Träumen gestört worden. Anna hing alsbald die Laterne an einen Pflock, worauf Braun das Strohseil eines Bundes Heu löste und seinem Lieblinge beide ausgebreiteten Arme sorgfältig mit dem duftenden Futter vollpackte. »Dem da rechts zuerst, Schätzchen,« ordnete er an, und dann folgte er der Voraufschreitenden nach, damit die ungeduldigen Thiere die zarte Gestalt nicht drängten oder gar unwissentlich auf die lieben, kleinen Füße traten. Und zweimal begaben sie sich zurück, und zweimal noch trug Anna das Heu nach den Raufen, und jedesmal zog sie mittelst der Halfterketten einen Pferdekopf an ihr holdes Gesichtchen, so daß die sammetweichen Nüstern ein Weilchen so recht warm an ihrer Wange ruhten, bis sie endlich mit einem herzlichen Lebewohl die Kette wieder fahren ließ. So zärtlich verfuhr Anna mit den Pferden; die Pferde dagegen, obwohl ihnen die liebliche Gestalt nicht fremd war, duldeten nur mit einem gewissen Widerstreben ihre Liebkosungen und waren froh, sich wieder dem Heu zuwenden zu dürfen, so daß der Kärrner kaum seinen Aerger zu bändigen vermochte und murmelnd auf die unvernünftigen Bestien schalt, weil sie nicht begriffen, daß Anna gekommen sei, um Abschied von ihnen zu nehmen, und morgen, bei Tagesanbruch, die Herrlichkeit mit dem Schätzchen sein Ende erreicht habe. Da war der Hechsel ein ganz anderer Kerl; der kam, kurz bevor sie den Stall verließen, auf den Ruf des Kärrners willig herbei und leckte Anna's zarte Hände, und reichte ihr die Pfote und bellte dreimal laut auf, als sein Herr ihn fragte, wie ein Hund spreche. Und dann, nach Ableistung der beiden einzigen Kunststücke, welche er, außer einer unerschütterlichen Treue kannte, kroch er wieder auf seine Streu, wo er sich in einen Klumpen zusammenrollte, ähnlich einem trauernden Römer, der, die übrige Welt gleichsam von sich ausschließend, die Toga über sein Haupt zieht. »Lebe wohl, Hechsel, Du gutes Thier!« rief Anna ihm scheidend zu, daß der mangelnde Schweif und die mangelnden Ohren vor Vergnügen zuckten, und dann schloß sich die Thür hinter dem Kärrner und seinem Schätzchen. »Nun zu meiner alten Lagerstätte,« bat Anna, vom Stalle aus nach einer offenen Tenne abbiegend, wo der schwere Wagen mit seinem weißen Elephantenrücken stand. »Immer successive, Schätzchen, damit Du mir nicht stolperst,« ermahnte der Kärrner, und nach einigen Schritten befanden sie sich an Ort und Stelle. Langsam und immer bedächtig leuchtend bewegte Anna sich um den Wagen herum. Wie einst auf der Chaussee, so entging auch hier nichts ihrer Aufmerksamkeit, und Alles betrachtete sie mit reger Theilnahme, wie sich heimlich fragend, ob sie es wohl noch einmal wiedersehen würde: die schwer beschlagenen Räder und die breitsprossigen Leitern, Hechsels schwebendes Nachtquartier und das schwarze Theertönnchen, welches jetzt schrecklich starr und ausdruckslos von seinem Tragehaken niederhing, dann wieder den klobigen Hemmschuh und die hinten angebrachte Winde. Die Ketten hatten Ruhe; regungslos hingen sie an den Leiterbäumen. Anna berührte sie im Vorbeigehen und machte sie schwingen und klirren, eine nach der andern, und als sie bei der letzten angekommen war, da schlossen sich ihre zarten Finger fester um das kalte Eisen, und sie schüttelte, daß es sich anhörte, als sei der Wagen auf ebener Bahn einher gerollt und habe seine Bewegungen mit dem munteren Klirren begleitet. »Erräthst Du wohl, weßhalb ich das thue?« fragte sie ihren alten Freund. »Hm,« brummte der Kärrner in seinen Borstenkragen hinein, »ich denke, Du willst den Wagen zum Sprechen bringen.« »Ganz richtig, Vater Braun,« erwiderte Anna träumerisch, »wie Du meine Gedanken zu errathen verstehst! Ja, ich will ihn sprechen machen, und er spricht auch, denn indem die Ketten klirren, taucht so manches schöne Bild der Vergangenheit vor meiner Seele auf, und Bild reiht sich an Bild, von dem Zeitpunkte an, da Du mich zum ersten Mal erschrecktest, als ich auf der Rasenbank eingeschlafen war, bis zum jetzigen Augenblick, da ich das Klirren mit meinen eigenen Händen erzeuge. O, wie oft werde ich in Zukunft beim Rasseln eines Wagens und beim Klirren von Ketten dieselben Bilder vor meinen Geist hinzaubern! Und glaube mir nur, ich werde Dich dann in Gedanken so deutlich vor mir sehen, wie jetzt, da ich mit Dir spreche, und daß ich meine, Dein väterliches: »Schätzchen« zu vernehmen und Deine liebe, große Riesenhand auf meinem Kopfe zu fühlen.« Mechanisch legte der Kärrner seine Hand auf das theure Haupt. Er wollte etwas sagen, allein als er die Lippen öffnete, steckte Frau Kathrins Wollknäuel abermals in seinem Halse und wollte nicht vor- oder rückwärts, so daß er schweigen mußte. Anna dagegen nahm wieder das Wort und plauderte in ihrer natürlichen, sinnigen Weise weiter: »Denn sieh nur, lieber Vater Braun, mit dem Klirren der Ketten wird es bei mir ähnlich sein, wie bei Dir mit dem Klavierspiel. Hast Du mir doch oft genug gesagt, daß Du, während ich spielte, mit offenen Augen träumtest. Wenn Du nun in Zukunft die Töne eines Klaviers hörst, wirst Du so lebhaft von mir träumen, daß Du meinst, mir in Deiner lieben treuen Weise zunicken zu können, wie Du wohl hundertmal gethan hast, nicht wahr, Vater Braun?« Das Wollknäuel wich aus der Luftröhre des Kärrners, jedoch nur gerade weit genug, daß er mit genauer Noth hervorzubringen vermochte: »Ich werde successive kein Pianum mehr sehen, geschweige denn hören können.« »Doch, doch, Vater Braun, Du wirst es sogar sehr gern hören, um Dir dabei Dein Schätzchen zu vergegenwärtigen, wie es bei Deinem Bruder sitzt und ihm erzählt von Dir und der lieben, lieben Frau Kathrin. Ich werde ihm so lange erzählen, bis er meint, vor Sehnsucht sterben zu müssen und eines Tages auf den Gedanken kommt, mich zur Reise nach Europa aufzufordern.« »Das fehlt mir zu meinem Frieden« – das Wollknäuel war wieder da und Anna mußte mit dieser kurzen Bemerkung zufrieden sein. Schweigend schritten sie über den Hof. Vor der Hausthür redete Anna den Kärrner noch einmal an. »Soll ich Dir heute Abend noch etwas vorspielen?« fragte sie mit unbeschreiblich kindlicher Zärtlichkeit. »Ich wollte gerade nicht d'rum bitten, Kind, aber wenn Du nicht zu müde wirst – ich meine von wegen der Erinnerung – so successive« – und wiederum schnitt das böswillige Knäuel ab, was sich an ihm vorbei aus dem biederen Herzen über die Lippen drängen wollte. »Gern, wie gern thue ich das,« versetzte Anna, »und um so lieber, wenn Du mir irgend eine Melodie bezeichnest, welche Dir vorzugsweise gefallen hat; Du kennst sie ja alle schon ziemlich bei Namen.« »Nun, Schätzchen,« gestattete das zurückweichende Wollknäuel dem Kärrner auszusprechen, »vielleicht besinnst Du Dich auf das Lied, welches Du an dem Tage spieltest, als das Pianum eben aufgestellt worden war.« »Lang' ist's her?« »Richtig, Schätzchen, lang' ist's her; aber ich meine nicht blos das Lied, sondern Alles, was so drum und dran hängt.« »Alles, Alles, Vater Braun, nicht eine Note soll von den Variationen vergessen werden.« Sie traten in die Stube ein und fanden Frau Kathrin und Johannes noch immer in ernstes Gespräch vertieft. Anna suchte Frau Kathrins Blicke und wies fragend auf das Klavier. Diese nickte zustimmend, während aus ihren Augen eine tiefe Rührung hervorleuchtete, worauf Anna sogleich das Instrument öffnete und vor demselben Platz nahm. Doch nicht eher schlug sie die erste Note an, als bis der Kärrner sich seine Pfeife angezündet und auf dem großen, lederbezogenen Lehnstuhl Platz genommen hatte. »Sing mir noch einmal den holden Gesang, Lang' ist es her, lang' ist es her,« strömte es einfach und lieblich durch das Zimmer. Johannes Blicke waren denen Anna's begegnet; sie lächelte ihm vertraulich zu. Er aber schloß die Augen, wie um sich ungestört dem Genusse der ergreifenden Musik hinzugeben; ein tiefes Weh durchzuckte die arme blutende Brust. »Der einst so lieblich zum Herzen mir drang, Lang', ach gar lang' ist es her,« reihten die vollen Töne sich schwermüthig an einander. Außer der Musik herrschte tiefe Stille in dem Zimmer; es schien fast, als hätten die drei Zuhörer nicht zu athmen gewagt. Brauns Pfeife erlosch bald, selbst Frau Kathrins Stricknadeln arbeiteten langsamer, bis sie endlich ganz stille standen und die hageren Hände unthätig in den Schoß sanken. Frau Kathrin hatte sich zurückgelehnt; ihre Augen ruhten starr auf den rastenden Stricknadeln. O, wenn sie dieselben nur gerührt hätte, dann würde sie, statt der Betheuerungen ihrer Hochachtung, immer ein und dieselben Worte in die wollene Jacke hineingestrickt haben, Worte, die ihrem Herzen am nächsten lagen und ihr die hellen Thränen in die großen blauen Augen trieben, Worte die ihr von der bald rauschenden, bald einschlummernden Musik fort und fort zugetragen wurden. »Lang' ist es her, lang' ist es her.« Die Mitternachtstunde war nicht mehr fern, als Frau Kathrin endlich auf die vorgerückte Zeit aufmerksam machte, und Anna ihre Musik mit einem sanften Accord abschloß. In ernster Stimmung trennte man sich von einander. Johannes ging, um am folgenden Morgen in aller Frühe seine Stellung als Anna's Reisebegleiter anzutreten. Der Kärrner suchte traurig sein Lager; Frau Kathrin dagegen konnte nicht umhin, Anna wieder in ihr Schlafzimmer zu führen, ihr beim Entkleiden behülflich zu sein und sich dann noch auf ein Weilchen zu ihr zu setzen. »Lange will ich Dich nicht stören,« sprach sie dabei mit tiefer, gedämpfter Stimme, »allein ich kann mich von Dir nicht trennen, ohne noch eine letzte Bitte an Dich gerichtet zu haben. Doch zuerst, mein liebes Kind, danke ich Dir so recht aus Herzensgrunde –« »Aber liebe Frau Kathrin,« fiel Anna der schmerzlich bewegten Frau flehend in die Rede, »Sie danken mir, die ich von Ihnen mit Wohlthaten überhäuft –« »Still, Kind, ganz still,« nahm Frau Kathrin schnell wieder das Wort, und auf ihrem geneigten Antlitz ruhte eine ganze Welt voll erduldeter Leiden und inniger Zärtlichkeit, »ich habe Dir zu danken, und dabei bleibt's; und wie Du meinen guten, lieben Mann mit Du anredest, so magst Du auch zu mir sprechen, als ob ich Deine leibliche Mutter wäre, denn eine leibliche Mutter könnt Dich nicht aufrichtiger lieben, als ich Dich in mein Herz geschlossen habe. Ja, Kind, und so danke ich Dir nochmals für jedes Wort der Liebe, welches Du an meinen guten, alten Christian gerichtet hast, und für jede frohe, zufriedene Stunde, welche Du ihm bereitetest –« »Ach, ich habe aber doch gar nichts gethan!« unterbrach Anna die Kärrnerfrau wieder ängstlich. »Gerade, weil Du meinst, nichts gethan zu haben, Kind,« entgegnete Frau Kathrin mit einer Anwandlung ihrer früheren Energie, »gerade, weil Du Dich so gezeigt hast, wie der liebe Gott Dich erschuf, weil an Dir Alles die reine, lautere Liebe ist, ohne jegliche Verstellung und Kunst, gerade deshalb hast Du meinem guten Alten so manche frohe Stunde geschaffen, und glaube mir, Schätzchen, ihm, der sich zerreißen möchte, um mir alten mürrischen Frau jeden Kummer, jede Verdrießlichkeit aus dem Wege zu räumen, ist es wohl zu gönnen, daß er zuweilen den giftigen Wurm vergißt, der an seinem Herzen nagt; und das hast Du bewirkt, und dafür danke ich Dir und segne ich Dich.« Anna hatte Frau Kathrins Hände ergriffen und preßte sie an ihre Brust. Zu unterbrechen wagte sie dieselbe nicht, weil sie aus Erfahrung wußte, daß sie sich nach solchen Herzensergüssen beruhigter fühlte. Diese zögerte daher auch nur wenige Sekunden und fuhr mit unveränderter Innigkeit fort: »Aber auch für mich muß ich Dir danken, Du gutes, treues Kind, denn – und wenn Du zehnmal meinst, nichts gethan zu haben – so weiß ich doch, daß Du mir das alte, durch Gram verknöcherte und erstarrte Herz wieder erwärmtest, daß ich meinen Kummer und mein bitteres Seelenleid wieder ausweinen kann, wie in der ersten Zeit, als ich noch immer die heimliche Hoffnung hegte, ihn noch einmal wiederzusehen. Ja, Du bist ein wunderbar Wesen; Schätzchen, und jetzt, da Du von Deiner alten Kathrin gehst, kann ich Dir's wohl sagen, ohne Nachtheil für Dein Gemüth: Wo Du hinkommst, da stiftest Du Freude, Versöhnung und Frieden; ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich habe schon oft gedacht, ob Du nicht ein Engel wärest, und dann habe ich wieder gedacht, Du bedürftest selber so unendlich viel Liebe, daß sie deshalb auch von Dir ausströmte und die Menschen gefangen nähme. Und in Gedanken habe ich Dich mit meinem Rosenstöckchen verglichen, wenn's blüht und alle Menschen erfreut und dabei doch sterben und verdorren müßte, wenn nicht eine treue Hand für dasselbe sorgte und seinen Wurzeln und seinem kleinen Herzen immer neue Nahrung und Erquickung böte. Ja, Kind, Du mein liebes Schätzchen, so denke ich über Dich, und Du mußt Geduld haben mit einer alten Frau, die eben nicht anders sprechen kann, als ihr gerade um's Herz ist, und wenn ich sagte, daß die Hoffnung in meiner Brust allmälig schlafen gegangen sei, so hast Du sie wieder wach gerufen, daß ich glaube, mein eigenes leibliches Kind noch einmal wiederzusehen, bevor sich meine Augen auf ewig schließen. Ja, Schätzchen, das wäre das größte Glück für mich, und diese Hoffnung soll mich nicht mehr verlassen bis zum letzten Athemzuge, – sie ist zu schön – obgleich mein armes Kind vielleicht schon in Staub zerfallen ist.« Frau Kathrin bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, und von ihren Empfindungen überwältigt, weinte sie bitterlich, so bitterlich, wie nur eine Mutter um ihr verlorenes Kind weinen kann. Erst als Anna sich aufrichtete, ihr die eingefallenen Wangen sanft liebkoste und die Hände von den überströmenden Augen zog, faßte sie sich wieder. »Es ist ganz gewiß ein thörichter Gedanke von mir,« hob sie an, »allein ich kann Dich nicht von mir scheiden sehen, ohne noch eine Bitte an Dich gerichtet zu haben. Ich weiß, es ist wohl vergebliche Mühe, allein es gereicht mir doch zur Beruhigung, es gethan zu haben, und der liebe Gott wird Dir's reich vergelten, wenn Du einer alten trauernden Mutter durch Dein Versprechen so schönen Trost gewährst. Du stehst im Begriff, in die Welt hinauszureisen; Du wirst weit, weit umherkommen und gewiß viele, viele Menschen sehen. Da wäre es doch möglich, daß Du meinem armen Sohne begegnetest – der Zufall waltet ja so wunderbar – und bitte ich Dich daher herzinniglich, daß Du ihm von seinen Eltern erzählst und von dem endlosen Gram, in welchem wir beständig leben und der uns vor der Zeit zur Grube führt. Sage ihm, daß wir nicht laut klagen oder ihm gar zürnten, aber daß wir heimlich und still trauerten um ihn und ihm allen unseren Kummer und all unser Herzeleid verziehen hätten. Sage ihm, er möge zu seinen armen Eltern zurückkehren, gleichviel, ob reich oder arm; er möge seinen Stolz vergessen und sich nicht vor dem ersten Wiedersehen scheuen, denn auch wir wären ja nur einfache Leute – und wenn er zu uns zurückkehrte, arm und elend und mit nicht mehr Glücksgütern, als einst, da er mir zum erstenmal auf meinen Armen entgegenlächelte, so wollte ich doch die Stunde tausendfach segnen, in welcher ich ihn wieder an meine Brust drückte. Ja, Schätzchen, das sage ihm, wenn Du ihn siehst, vielleicht gelingt es Dir, seinen Hochmuth ebenso zu mildern, wie Du meine sündliche Hoffart gebrochen und in mildere Gefühle verwandelt hast. »Und nun schlafe recht, recht wohl, Du liebes, gutes Kind,« schloß Frau Kathrin mit bebender Stimme, als Anna, von Rührung hingerissen, ihre Hände an die Lippen zu führen trachtete, und zugleich beugte sie sich über sie hin, daß ihre Thränen auf die jugendfrischen, sammetweichen Wangen fielen, »es ist gewiß das letzte Mal, daß Du hier schläfst – und dennoch, man kann es nicht vorher wissen. Wenn Du wieder erwachst, wird wohl nicht viel Zeit mehr zum Sprechen sein – wollen uns dann Beide recht zusammennehmen und uns die Herzen nicht noch schwerer machen – schon allein meines guten, alten Christians wegen.« Innig küßte Frau Kathrin ihren Liebling, dann erhob sie sich und mit aufrechter, sicherer Haltung schritt sie hinaus. – – – Viel geschlafen hatten Beide am folgenden Morgen nicht; denn als Frau Kathrin die Kopfkissen aufschüttelte, fand sie ihr eigenes sowohl, als auch das ihres Schützlings von Thränen reich benetzt. – – Am Nachmittage desselben Tages saß Frau Kathrin wieder auf ihrer gewohnten Stelle am Fenster. In gewohnter Weise kämpften auch wieder die langen Stricknadeln unter einander, bei jedem Hieb, bei jedem Stich eine neue Masche der wollenen Unterjacke einverleibend. An die Betheuerungen ihrer Hochachtung und Freundschaft hatte sie Betrachtungen über den Schmerz der Trennung strickend angereiht; an diese Betrachtungen wieder die Schlußworte des schönen Liedes, und was jetzt folgte, das waren nur trübe Gedanken des Alleinseins, daß das Häuschen, in welchem sie nun schon über ein Vierteljahrhundert gewirthschaftet, ihr plötzlich so unendlich groß erscheine, und die Zeit ihr langsamer denn je dahinschleiche. Dann blickte sie auch auf die Straße hinaus, jedoch nicht mehr kalt und feindselig, sondern milde und traurig, so daß die zufällig vorübergehenden Nachbarn, wenn sie in die großen schwermüthigen Augen schauten, sich veranlaßt fühlten, recht freundlich zu grüßen, worauf sie von Frau Kathrin recht freundlich wieder gegrüßt wurden und in Folge dessen nicht übel Lust empfanden, hineinzugehen und sie über die Abreise des jungen Mädchens zu trösten, an welchem die ganze Nachbarschaft ein so großes Wohlgefallen gefunden hatte. Der gute alte Kärrner war dagegen viel besser daran: Der ging seinen Geschäften nach, suchte Frachten, und traf seine Vorbereitungen zu einer neuen Reise. Dabei schien es aber doch, als ginge ihm die Arbeit nicht so leicht von Händen, wie gewöhnlich; namentlich hielt er sich bei den Ketten seines Wagens länger auf, als es eigentlich unumgänglich nothwendig war, gerade als ob das Klirren derselben ihm ganz neu gewesen wäre und noch eine besondere Bedeutung für ihn gehabt hätte. –