Heinrich Seidel Der Zwergenwald und andere Märchen Der Zwergenwald Am Rande eines breiten Wiesentales, das in vielen Windungen von einem klaren Bach durchströmt wurde, lag ein ausgedehnter Wald, wo dieser Bach seinen Ursprung nahm, indem er dort aus vielen rieselnden Quellen zusammenströmte. Dort war es lustig und grün, die Vögel wohnten da gern und sangen gar eifrig den Frühling und Sommer hindurch, und wenn man dort wanderte, so freute man sich der vielen plätschernden Wässerchen, die allerorten wie spielend einherliefen und freundlich aus Farnkraut und üppigen Pflanzen hervorblitzten. So herrschte denn im Sommer eine rechte grüne Kühlung in diesem Walde, und das mochte wohl den Zwergen besonders gut gefallen, von denen hier ein kleines Völkchen seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte. Sie hausten in den höher gelegenen Teilen des Forstes, wo man hinter bemoosten Granitblöcken oder zwischen den knorrigen Wurzeln mächtiger Eichbäume die Eingänge zu ihren Höhlen bemerken konnte. Ein Holzhauer hatte einmal erzählt, er sei spät in der Nacht durch den Wald gekommen und habe aus einem Spalt in einer uralten Eiche Licht schimmern sehen. Neugierig sei er hinzugetreten und habe hineingeblickt. Da sei die ganze Eiche inwendig hohl gewesen, und darin um einen runden Tisch hätten eine Menge Zwerge mit spitzen grünen Hüten und grauen Röcklein gesessen. Sie hätten aus kleinen Kalkpfeifen geraucht und aus zinnernen Deckelkrügen Braunbier dazu getrunken. Eben hätte er sagen wollen, sie sollten ihm auch einen Trunk lassen, da hätte eine Stimme gerufen: »Er guckt!«, und auf einen Schlag sei alles finster gewesen. Nachher sei es aber gar nicht richtig im Wald gewesen, und immer sei ihm etwas zwischen die Füße gelaufen wie Katzen und junge Hunde und habe gewinselt, wie kleine Kinder weinen, und er habe große Not gehabt, nach Hause zu kommen. Die kleinen Zwerge waren den Menschen sonst günstig gesinnt, und wenn man sie in Frieden ließ, taten sie niemand etwas zuleide. Ja, man erzählte sich mancherlei Geschichten von Wohltaten und Gefälligkeiten, die sie den Menschen erzeigt hatten. Auch beruhte nicht auf Wahrheit, was böswillige Menschen über sie ausgebreitet hatten, nämlich daß sie Gänsefüße hätten und ängstlich bestrebt wären, dies zu verbergen. Im Winter nämlich, wenn ein leichter Schnee gefallen war, konnte man ihre Spuren finden, die denen von ganz kleinen, feinen Kinderfüßen glichen, so daß es offenbar war, nur schnöde Verleumdung hatte solche Gerüchte ausbringen können. Wenn der Schnee jedoch höher lag, kamen sie nicht hervor, sondern saßen in der Tiefe ihrer warmen Höhlen, zehrten von ihren gesammelten Vorräten und arbeiteten fleißig allerlei künstliche Dinge von Gold und Silber und köstlichen Steinen. Außerhalb des Waldes wurden sie niemals in ihrer natürlichen Gestalt gesehen, aber man erzählte sich, sie vermöchten allerlei Zauber und verstünden die Kunst, sich in verschiedene Tiere zu verwandeln, auch wollten manche sie in solcher Verkleidung auf der Wiese, den Feldern und in den Gärten gesehen haben. Sie sollten sich als Hamster den geringen Kornvorrat einheimsen, den sie brauchten, und als Eichhörnchen in die Nußbäume kommen. Man gönnte ihnen dies gern, denn in den Feldern und Gärten, von denen die Sage ging, daß die Zwerge ihren Anteil davon nähmen, pflegte es also zu gedeihen, daß sie immer noch mehr Frucht brachten als andere. Im Laufe der Zeit trat aber mit diesem lustigen, grünen, quelldurchrieselten Walde eine große Veränderung ein, denn er verwandelte sich in seinen tiefgelegenen Teilen allmählich in einen Sumpf. Dies ging von einem Moorbruch aus, der in der Nähe gelegen und ringsum wegen seiner Gefährlichkeit übel berüchtigt war, und zog sich allmählich immer weiter. Auf unerklärliche Art veränderte und hob sich der Boden, so daß die Quellen, in ihrem Laufe abgedämmt, sich zu trägen, breiten Morastflächen ausdehnten. Giftgrünes Kraut schoß an den Rändern üppig empor, und ein trügerischer Pflanzenwuchs bedeckte die schlammigen Flächen, so daß schon mancher, der, durch den Anschein getäuscht, solche Orte zu betreten wagte, nur mit Mühe dem Tode durch Versinken im Morast entgangen war. Viele Bäume erkrankten, starben ab und wurden vom nächsten Sturme in den Moder geschleudert, wo sie ihre nackten, weißgebleichten Äste emporragen ließen. An den trockneren Stellen vermehrten sich die giftigen Kreuzottern, und eine Unzahl von Stechmücken ward durch die Sonne in den stehenden Sümpfen ausgebrütet, so daß man zu gewissen Zeiten vor ihrer schwärmenden Menge kaum zu atmen vermochte. Der Wald kam zuletzt so in Verruf, daß sich selbst die Kundigsten nicht mehr hineinwagen mochten, denn schon mancher war dort ohne jegliche Spur verschwunden, und man wollte dort in den Sümpfen schauerliche Geschöpfe gesehen haben, menschenähnlich gestaltet, aber mit einer Haut, schwarz und glänzend wie die der Schnecken, mit kleinen tückischen, roten Augen und mit Armen, die sie blutegelartig verlängern oder an sich ziehen konnten. Sie sollten Saugewarzen an den Fingern haben wie ein Polyp und sich entweder mit widerlichem Quäken im weichen Schlamm wälzen oder unter dem Kraut verborgen, daß nur die stielartig verlängerten Augen hervorschimmerten, auf Menschen und Tiere lauern, um sie zu sich auf den Grund zu ziehen. Wie sich die kleinen Zwerge zu dieser unliebsamen Veränderung ihres lustigen Wohnortes verhielten, das hatte man nicht erfahren. Sie mochten wohl kaum damit zufrieden sein, denn außer dem kleinen Teil des Waldes, der höher gelegen war und ihre Höhlen und Wohnungen enthielt, war nichts von dem Schicksale der Versumpfung verschont geblieben. Dies war auch der einzige Ort, den man noch mit Sicherheit betreten konnte, und hier sah auch ein Besenbinder eines Tages eines der kleinen Männchen auf einem Steine sitzen. Sein Hütlein, das nicht grün wie gewöhnlich, sondern purpurrot und mit einer feinen Goldkrone geziert war, lag neben ihm, und der Kleine hatte seinen Kopf in beide Hände begraben, als ob er schwer nachdenke. Als der Besenbinder ein Geräusch machte, blickte er auf, und während sonst die Zwerge feine rosige Gesichter zu haben pflegten, sah dieser jetzt erdgrau und traurig aus, und als der Besenbinder fragte, was ihm fehle, da seufzte er und schüttelte mit dem Kopfe, als wollte er sagen: »Du kannst mir doch nicht helfen!« Dann griff er nach seinem Hütlein, glitt an dem Steine herab und verschwand im Gebüsch. Ein anderer hatte einmal unter den Wurzeln einer uralten Eiche, wo sich der Eingang zu einer Zwergenhöhle befand, einen traurigen Gesang und viele klagende Stimmen gehört, und ein Bauer, der sich bei einem anhaltenden Platzregen unter denselben Baum geflüchtet hatte, wollte gesehen haben, wie sie in blanken Eimerchen eilfertig Wasser aus der Höhle getragen und dieses mit betrübten und sorgenvollen Gesichtern draußen ausgeschüttet hätten. In einem Dorfe, dessen Felder an diesen Wald angrenzten, lebte ein armer Musikant, der einen einzigen Sohn namens Johannes hatte. Dieser war ein Sonntagskind und zwar eins von ganz besonderer Art, denn er war an einem neunundzwanzigsten Februar, der auf einen Sonntag fiel, des Mittags zwölf Uhr bei dem Läuten der Kirchenglocken geboren worden. Man sagt, daß dergleichen Sonntagskinder zu besonderen Dingen bestimmt sind und seltene Gaben besitzen. Dies verriet sich bei Johannes nicht gerade in besonderer Art. Allerdings hatte er ein hübsches Aussehen und schönes, goldgelbes Haar, allein sonst zeigte er keine auffallende Begabung und ward von den anderen Knaben im Dorfe oftmals wegen seines träumerischen Wesens verspottet. Sein Vater war oft viele Tage lang vom Hause entfernt, da er in anderen Dörfern zum Tanz aufspielte, und dann trieb sich Johannes einsam in der Umgegend umher und hing seinen Gedanken nach. Er konnte stundenlang am Bache liegen und dem unablässigen Glitzerspiel der Wellen zuschauen oder in die Wolken blicken und die wechselnden Gestalten verfolgen, zu denen sie sich auf dem blauen Grunde des Himmels ruhelos bildeten. Sein Lieblingsplatz war eine alte Kopfweide, die am Anfang des großen Wiesentales hart am Ufer des Baches stand. Im Laufe der Jahre hatte das unablässig fließende Wasser ihr Wurzelgeflecht freigespült, und sie war schräg über den Bach hingesunken, so daß ihr dicker, spärlich mit Zweigen bewachsener Kopf mitten über dem Wasser schwebte. Was ihr jedoch an eigenem Grün abging, das ward durch fremdes Wachstum reichlich ersetzt, denn aus dem hohlen Stamm hing mannigfaches Rankenwerk hernieder, und auf ihrem geräumigen Haupte war eine ganze Kolonie fremder Pflanzen aufgeschossen. Diese Weide war gleichsam ein Obstgarten für Johannes, denn von diesem wunderbaren Baum hatte er schon Himbeeren, Johannisbeeren und Brombeeren gegessen, und manche freundliche Blume zierte im Sommer den alten grauen, vermorschten Stamm. Hier saß er eines Morgens zwischen den Zweigen und spähte nach dem nahen Walde hinüber, der schon immer ein Gegenstand unheimlicher Anziehung für ihn gewesen war. Heute bemerkte er dort ein merkwürdiges Treiben, das er sich nicht zu erklären vermochte. Unter den Büschen am Waldrand huschte und bewegte sich etwas, von dem er nicht ganz genau zu erkennen vermochte, ob es Zwerge oder Tiere waren. Als er so spähte und seine Augen umherschweifen ließ, bemerkte er, daß es auch auf der Wiese nicht richtig war, denn zwischen dem hohen blumendurchwirkten Grase sah er hie und da etwas hervorschauen und schnell wieder verschwinden, und an der Bewegung der Halme merkte er, daß sich ihm verschiedene lebende Geschöpfe nähern mußten. Zudem ging ein seltsames Schüttern und Beben durch die alte Weide, und an ihren Wurzeln knirschte es, als ob jemand daran eifrig nage. Auf einmal senkte sich der Baum sanft auf den Wasserspiegel nieder, und einige Hamster wurden sichtbar, die eifrig die letzten Wurzelfasern zerbissen und sich dann an die Stümpfe anklammerten. Zugleich ward die alte Weide mit dem Kopfe gegen den Strom gedreht und schwamm langsam bachaufwärts. Johannes sah nun, daß eine Anzahl Fischottern die Zweige mit den Zähnen erfaßt hatten und den Baum schwimmend hinter sich her zogen. Der Bach war nicht breit, und das Ufer war mit einem tüchtigen Sprunge zu erreichen, allein als sich der Knabe, dem das Ding unheimlich wurde, erheben wollte, um die Flucht zu ergreifen, fühlte er sich festgehalten. Eine Menge von Wieseln, die sich in den Höhlungen verborgen hatten, waren hervorgekommen, hatten sich in seine Kleidung verbissen und hielten ihn. Jetzt sprangen von der Wiese aus nacheinander eine Reihe von Eichhörnchen mit mächtigen Sätzen auf den Baum, darunter war ein schönes schneeweißes, das setzte sich vor Johannes auf die Hinterbeine, hielt wie flehend seine Pfötchen zu ihm empor und sah ihn so ausdrucksvoll an, daß der Knabe wohl verstand, es bitte ihn, zu bleiben, wo er sei. Seine Furcht minderte sich bei dem Anblick dieses schönen Tieres, das so sanft und freundlich aussah, und er wartete nun mit Verwunderung, wie die Dinge ablaufen würden. Kaum war dies seltsame Fahrzeug in dem verrufenen Walde angelangt, als es die Fischottern an das Land führten und sich sämtliche Tiere eilfertig an das Ufer begaben, wo sie sich in demselben Augenblick in Zwerge verwandelten. Sie trugen graue Röcklein und spitze grüne Hüte, nur der, der als weißes Eichhörnchen erschienen war, hatte ein purpurrotes Hütchen, das mit einer feinen Goldkrone geziert war. Dieser sprach zu Johannes: »Wir haben auf diese Weise versucht, dich in den Wald zu bringen, weil wir außerhalb dessen nur als Tiere erscheinen dürfen und dann der Sprache nicht mächtig sind. Wir müssen dich aber um einen Dienst ersuchen, den nur ein Sonntagskind deiner Art vollbringen kann, denn du vermagst uns aus großer Not zu befreien. Allein es muß freiwillig und ohne Hoffnung auf Lohn geschehen. Bist du deshalb gesonnen, uns zu helfen, so folge uns, wir flehen dich darum an.« Alle die kleinen Zwerge machten so rührende Gesichter und hoben die Hände bittend empor, daß Johannes nicht widerstehen konnte und ans Land stieg. Seine kleinen Führer trippelten und liefen vor ihm her, und so gingen sie auf einem schmalen und niedrigen Erdrücken entlang, der von der Versumpfung verschont geblieben war, zu dem höher gelegenen Orte, auf dem wie auf einer Insel die Wohnungen der Zwerge gelegen waren. Ängstlich schaute der Knabe unterwegs seitwärts auf die trügerisch begrünten Schlammflächen, zwischen denen an einzelnen Stellen schwarzes Wasser hervorblinkte, denn ein seltsam unheimliches Gären und Rühren war darin bemerkbar, und widerliches Gurgeln und Schmatzen tönte daraus hervor. Einmal, als einer der kleinen Zwerge stolperte, ein wenig den Abhang hinabtaumelte und dabei dem Morast zu nahe kam, fuhr blitzschnell ein langer, glänzend schwarzer Arm daraus hervor, ergriff das Männchen am Fuß und wollte es mit sich ziehen, allein dieses hatte zu seinem guten Glück einen Strauch erfaßt, langte mit der anderen Hand in ein Täschchen an seinem Gürtel und streute ein rotes Salz auf den Arm, worauf dieser eiligst losließ und wieder untertauchte, während an demselben Ort ein Prusten und Schnauben und Gewinsel ertönte und Wasser und Morast hoch aufspritzten. Zugleich rührte und regte es sich nah und fern in der schlammigen Fläche; widerliche, flache Köpfe wie von ungeheuren Fröschen tauchten hie und da auf und stierten mit gierigen roten Augen auf die Zwerge hin, während sie ein häßliches, bellendes Gequäk anstimmten und sich zuweilen schwarze, triefende Fäuste drohend aus dem Schlamme reckten. Unterdes hatte sich der Weg bereits verbreitert, und bald langte der kleine Zug auf dem ausgedehnten, flachen Hügel an, wo sich die Wohnsitze der Zwerge befanden. Hier lagen zwischen uralten Eichen mächtige, bemooste Steinblöcke neben- und übereinander, und als der kleine Rothut an einen mit seinem Stäbchen klopfte, drehte sich dieser wie eine Tür zur Seite und legte den dunklen Eingang in eine unterirdische Höhle frei. Als Johannes eine Reihe von Stufen hinabgestiegen war, gelangte er mit dem Zwerge in eine niedrige Säulenhalle, deren Wände und Decke im Lichte der brennenden Lampen gar wunderbar schimmerten und blitzten, denn sie waren mit natürlichen Kristallbildungen in allen Farben und bunten, geschliffenen Steinen sehr zierlich und künstlich ausgelegt. An der Wand, die der Tür gegenüberlag, stand ein kleiner Thronsessel, mit Purpursammet und Goldbrokat überzogen, und davor im Halbkreis eine Reihe von geringeren Lehnstühlen. Johannes mußte sich in der Mitte dieser Reihe auf eine Anzahl von Polstern setzen, dem Rothut, der den Thron bestieg und offenbar der König der Zwerge war, gerade gegenüber. Als nun alle saßen und eine Zeitlang feierliche Stille geherrscht hatte, begann der König wie folgt: »Du hast soeben selbst gesehen, lieber Johannes, welchen Gefahren wir ausgesetzt sind und welche widerliche und häßliche Gesellschaft sich in unserem Walde angesiedelt hat. Statt des rieselnden Geplauders fröhlicher Quellen findet man jetzt nur das brodelnde Gären des Ungeziefer brütenden Schlammes, statt des lustigen Gesanges lieblicher Vögel das häßliche Quäken und Gurgeln greulicher Unholde, statt der frischen, von Blumen und Kräutern würzig duftenden Luft dumpfen Modergeruch und schädliche Fieberdünste. Ich will dir erzählen, wie dies gekommen ist. In jenem seit alter Zeit verrufenen und gemiedenen Moorsumpf, den ihr das Teufelsmoor nennt, lebt schon lange ein Volk von Sumpfgnomen unter der Herrschaft ihres Königs Egelborst. Schon lange hatte dieser seine Begierde zur Ausdehnung seines widerlichen Reiches auf unseren grünen Quellwald gerichtet, allein solange wir uns im Besitze des goldenen Handringes befanden, vermochte er keine Macht über diese Gegend zu gewinnen, da ihr Besitz an dieses Kleinod gebunden ist. Wir wußten, daß er bestrebt war, diesen Ring in seine Macht zu bringen, und waren auf unserer Hut. Wir hatten ihn in unserer Schatzkammer hinter sieben eisernen Türen, wie wir meinten, sicher genug, verborgen. Jedoch eines Tages fand sich ein fremder Stammesgenosse bei uns ein, der vorgab, von seinem Volke ausgeschickt zu sein, um Edelsteine einzutauschen, da es dort an solchen mangele. Er führte einen Sack voll kostbarer Perlen mit sich, dergleichen wir damals wenig in unserem Besitze hatten, während unser Schatz an Edelsteinen sehr reich war. Zwar hatte dieser Fremde ein finsteres und tückisches Aussehen und eine seltsam schwärzliche Gesichtsfarbe, auch auffallend glatte und schlangenhafte Bewegungen, allein wir schrieben dies auf seines fremden Stammes Art und schenkten ihm dennoch Vertrauen, zumal da seine Perlen ohne Tadel waren und er seine Worte gar gut und zierlich zu setzen verstand. Nachdem wir ihn also nach Gebühr bewirtet hatten, nahmen wir ihn mit in unsere Schatzkammer, wo er große Verwunderung über unsere Reichtümer bezeigte und nicht genug des Lobes finden konnte über die Zierlichkeit der goldenen und silbernen Geräte und die ausgesuchte Herrlichkeit der edlen Gesteine. Da wir keinen Argwohn hegten, so zeigten wir ihm alles, auch den kostbaren Handring, ohne ihm allerdings dessen Bedeutung mitzuteilen. Er schien ihm auch wenig Beachtung zu schenken, und dann begann der Handel, wodurch wir uns in den Besitz seiner Perlen setzten, während er eine Anzahl auserlesener Edelsteine dafür in Empfang nahm. Wir glaubten einen guten Kauf gemacht zu haben und begaben uns darauf aus der Schatzkammer in unseren festlichen Speisesaal, um den Handel nach alter Sitte mit einem Trunk von unserem hundertjährigen Kometenwein zu beschließen. Doch als wir dort anlangten, vermißten wir plötzlich den Fremden. Niemand hatte gesehen, wo er hingekommen war, und alles Suchen und Rufen war vergebens. Eine düstere Ahnung bemächtigte sich meiner, ich kehrte mit den Meinen in die Schatzkammer zurück und fand meine Befürchtung nur zu sehr begründet, denn der goldene Handring, unser bestes Besitztum, war fort. Es war offenbar, daß der Fremde ein Abgesandter des Königs der Sumpfgnomen, wenn nicht dieser selbst gewesen war, der sich auf diese Art unter der Maske eines Zwerges unseres Schatzes bemächtigt hatte. Wir wußten ja, daß er im Besitze des Steines Mutabilis war, der ihn befähigte, jegliche beliebige Gestalt anzunehmen, wenn auch nicht in dem Maße, daß alles Gnomenhafte aus seinem Wesen verwischt wurde. So erklärte sich uns auch sein tückisches, schwärzliches Aussehen, die schlangenhafte Beweglichkeit und die kalte Feuchte seiner Glieder, die mich, als ich ihm die Hand reichte, bis ins Innerste durchschauert hatte. Die schnellfüßigsten unserer Genossen waren ihm sofort in der Richtung des Moorsumpfes nachgesetzt, allein vergeblich, denn es gelang ihnen nur, seiner ansichtig zu werden, als er bereits dort angelangt war und jauchzend, den blitzenden Ring über dem Haupte schwingend, in das schwarze Schlammwasser sprang, während seine scheußlichen Untertanen überall die platten Köpfe hervorgestreckt hatten und ein höhnisches Gezeter und quäkendes Triumphgeheul anstimmten.« Als der König der Zwerge seine Geschichte so weit erzählt hatte, schwieg er eine Weile, und es entstand eine Stille, während derer die anderen Zwerge mit bedrückten Mienen vor sich hin sahen. Dann fuhr der König in seiner Erzählung fort: »Von dieser Zeit an begann das Unheil in unserem Walde. Die Sumpfgnomen, durch kein Machtgebot mehr behindert, dämmten allmählich die Quellen ab und verstopften die Abflüsse, so daß sich die frischen, duftenden Gründe in gärende Moräste verwandelten, die jetzt dem widerlichen Volke erwünschte Wohnsitze darbieten. Und immer weiter dehnen sie ihr Reich aus. Einige unserer tiefer gelegenen Wohnungen stehen bereits unter Wasser, so daß wir genötigt waren, sie zu verlassen, und nicht lange mehr wird es dauern, so wird auch der schmale Erdrücken, der uns noch mit der Außenwelt verbindet, überschwemmt, und wir werden veranlaßt sein, noch vorher unsere geliebten Wohnsitze zu räumen und auszuwandern in eine andere Gegend. Wir sind machtlos gegen unsere Gegner, wir haben nur das aus geheimen Kräutern bereitete rote Salz, das uns als Waffe gegen einen Angriff dient, denn es brennt und frißt wie Feuer auf ihren schleimigen Gliedern und tötet sie, allein trotzdem haben sie schon manchen unserer Genossen, der die Vorsicht nicht bewahrte und dies Mittel nicht mehr anzuwenden vermochte, hinabgezogen und umgebracht. Dies ist die große Not, in der wir uns befinden, und dies ist der Grund, weshalb wir dich auf so besondere Weise veranlaßt haben, unsere Klagen anzuhören, denn dir ist es gegeben, uns zu retten; du vermagst es, uns den kostbaren Ring wiederzuschaffen, weil du ein Sonntagskind von ganz besonderer Art bist und Dämonenzauber über dich keine Macht hat. Wenn du den Mut hast, unsere Gegner in ihrem eigenen Reiche aufzusuchen, so wollen wir dir Mittel und Wege angeben, wie du es anfangen kannst, ihnen den Handring zu entreißen, der uns Frieden und Glück zurückbringt.« Johannes dachte an die Erlebnisse auf dem Wege ins Zwergenreich und schauderte zusammen. Er hegte ein tiefes Grauen vor den entsetzlichen Geschöpfen, die er dort im Schlamm gesehen hatte. Als der Zwergenkönig dies bemerkte, lief er von seinem Throne zu Johannes hin, und indem er niederkniete, hob er flehend die Hände zu ihm empor, während alle anderen Zwerge eilig dasselbe taten. Zugleich bat der König so beweglich und schilderte das Unglück seines Volkes in so ergreifender Weise, daß Johannes nicht widerstehen konnte und endlich beschloß, die Tat zu wagen. Als die Zwerge dies vernahmen, leuchteten ihre Gesichter vor Freuden, und nun gingen sie mit ihm in ihren Festsaal, wo ein prächtiges Mahl angerichtet war. Die köstlichsten Gerichte, die Johannes nicht einmal dem Namen nach kannte, wurden aufgetragen, und der Wein, der dazu in Goldpokalen gereicht wurde, schien aus eitel Duft und Glut zu bestehen. Zugleich sah man aus diesem Saal durch eine Wand von Kristallglas in die Küche hinein, wo geschwinde kleine Köche in weißen Mützen und Jacken eifrig mit blinkendem Küchengeschirr hantierten und noch immer neue, schöne Dinge zubereiteten, was alles dem Johannes gar wohl gefiel. Er blieb die Nacht bei den Zwergen und schlief gar herrlich auf seidenen Kissen. Am anderen Morgen teilte ihm der König den wohlausgedachten Plan mit, den Ring von dem Gegner zu erlangen, und fuhr dann fort: »Eine Gefahr ist für dich nur vorhanden, lieber Johannes, wenn du dich durch teuflische Künste verblenden läßt. Der schlaue Gnomenkönig wird sofort ahnen, was deine Absicht ist, und alles aufbieten, diese zu verhindern. Damit du aber zu erkennen vermagst, was Wahrheit und was Gaukelspiel ist, so nimm dieses Augenglas und bewahre es wohl, denn wenn du hindurchblickst, so wirst du sogleich das Echte vom Falschen zu unterscheiden wissen.« Damit hängte er ihm ein rundes, in Gold gefaßtes Glas um den Hals und sprach weiter: »Ich werde dir jetzt eine Probe geben von der Macht dieses Zauberglases. Betrachte dadurch das Tier, das dir gleich vor Augen treten wird!« Damit schrumpfte die Gestalt des Zwerges zusammen, und er verwandelte sich in ein weißes Eichhörnchen. Als aber Johannes dieses durch sein Glas betrachtete, sah er deutlich den Zwergenkönig mit dem roten Hütchen vor sich; jedoch wenn er es fortnahm, war wieder das weiße Eichhörnchen da. Nachdem der König sich in seine eigentliche Gestalt zurückverwandelt hatte, sagte er: »Du hast den Plan, den ich dir vorhin mitteilte, wohl gemerkt und behalten; wenn du mutvoll und unbeirrt meinen Anweisungen Folge leistest, so kann er nicht mißlingen. Das Glück eines harmlosen und friedlichen Volkes liegt in deiner Hand. Nun handle klug und furchtlos, wie du versprochen hast!« Am anderen Morgen machte sich Johannes in Begleitung eines Zwerges, der ihm als Führer dienen sollte, auf, um sein Abenteuer zu bestehen. Außerhalb des Waldes verwandelte sich sein Begleiter in ein Wiesel und schlüpfte vor ihm her, indem er ihm so den nächsten Weg zum Teufelsmoor anzeigte. Dies war ein unergründlicher Morast, in dem blankes, unheimlich schwarzes Wasser mit weichen Schlammflächen und einzelnen, kleinen Erhöhungen, auf denen Weidengestrüpp und etliche knorrig verkrüppelte Föhren wuchsen, abwechselte. Einzelne Flächen waren mit einer verfilzten, schwimmenden Decke von Graswuchs bedeckt, die wohl imstande war, eine leichte Person zu tragen, jedoch weithin zitterte und Wellen schlug, wenn man sie betrat. Wer jedoch diese trügerische Decke durchbrach und in den weichen, unergründlichen Schlamm geriet, war unrettbar verloren. Die ganze Gegend war einsam und gemieden, und niemand wagte sich gerne an dies verrufene Moor heran. An seinem Rande stand eine ungeheure, hohle, von Alter und Blitzschlag halb zerstörte Weide, die zwischen abgestorbenen, weißgebleichten und zackigen Ästen nur noch ein spärliches Grün zeigte. Durch die Höhlung dieses Baumes ging der Weg in das unterirdische Reich des Königs der Sumpfgnomen. Das Wiesel lief jetzt an Johannes in die Höhe und schwand zu einer Spitzmaus zusammen, als die es sich unter der Weste des Knaben verbarg. Johannes unterdrückte das Grauen, das ihn befiel, als ihm die feuchte, dumpfe Luft aus der schwarzen Höhlung entgegenhauchte, er befahl seine Seele Gott und stieg mutvoll die Stufen hinab. Bald gelangte er in einen finsteren, modrigen Gang, der nur durch das phosphorische Leuchten verfaulten Holzes ein mattes Licht erhielt. Endlich kam er an ein Tor, vor dem zwei riesige Kröten wie Hunde an Ketten lagen und sich allsofort aufbliesen und ein bellendes Quaken von sich gaben. Daraufhin öffnete sich das Tor, und einer der abscheulichen, schwarzen Gnomen stierte hervor, wurde aber im Gesicht ganz grün vor Schreck, als er Johannes erblickte. Das Tor ward schnell zugeschlagen, und bald hörte er ein Summen und Gemurmel und seltsames Quäken dahinter, das aber allmählich verstummte. Dann wurden plötzlich beide Torflügel aufgetan, und ein heller Schimmer leuchtete daraus hervor, während statt des schwarzen Scheusals ein herrlich gekleideter Diener dastand, der mit einer abgrundtiefen Verbeugung Johannes aufforderte, einzutreten. Zugleich bemerkte dieser mit Verwunderung, daß es gar keine Kröten waren, die an den Ketten lagen, sondern kurzbeinige Hunde, die, obgleich ihre Augen ziemlich tückisch blickten, gar freundlich mit den Stummelschwänzen wedelten. Johannes gelangte durch einen flimmernden und blitzenden Vorraum in einen runden Kuppelsaal, über dessen seltsame Pracht er ganz erstaunt war. Die Wände waren gebildet aus unzähligen Seerosenstengeln, die sich nach oben zusammenwölbten und dort mit ihren Blättern die Decke bildeten. Aber alles dies schimmerte und glänzte wie grünes Gold, und dahinter flimmerte es von buntem Blattwerk und glitzernden Fischen, die in allen Farben köstlicher Edelsteine leuchteten. Diese Wände waren anzuschauen, als blicke man in ein von der Sonne durchschienenes klares Wasser, das mit dem schönsten und seltensten Getier erfüllt war. Kaum hatte Johannes dies mit Verwunderung beobachtet, als der König der Sumpfgnomen, gar herrlich gekleidet und schön gestaltet, mit einem holdseligen Lächeln, das ihm jedoch gar übel zu seinem tückischen Blick stand, begleitet von einem glänzenden und schimmernden Gefolge, eintrat und alle auf den bereitstehenden Stühlen und Thronsesseln Platz nahmen. Mit besonderer Sorgfalt trugen zwei Diener auf einer prachtvollen Tragbahre den kleinen Sohn des Königs, der kostbar in Purpur und Gold gekleidet war. Dieser Kleine zeigte ein ganz hübsches Gesicht, nur trug er einen bösen, schwarzen Schatten um seine Augen. Nachdem der Kronprinz des Gnomenreiches neben seinem Vater auf einem kleinen Sesselchen Platz genommen hatte, erschallte ein Trompetenstoß, und der König sprach: »Ich weiß sehr wohl, daß du ein Abgesandter aus dem Zwergenwalde bist; sprich, was ist dein Begehr?« »Ich komme«, sagte Johannes, »um den goldenen Handring zu holen, den du durch List in deinen Besitz gebracht hast.« Der König Egelborst lächelte sehr freundlich und sprach: »Du hast dich betören lassen, Knabe, durch das Geschwätz der listigen Zwerge. Was weiß ich von dem Ringe, und wozu könnte er mir nützen, der ich kostbare Perlen und Edelsteine genug besitze. Du bist jung und unerfahren und läßt dich gebrauchen zu Dingen, wozu die geizigen Zwerge selbst zu feige sind. Haben sie dir wohl das geringste zum Lohne geboten? Sie sitzen auf ihren Schätzen und trachten gierig, sie zu vermehren, das ist alles. Ich will dir beweisen, daß König Egelborst minder niedrig denkt!« Dann winkte er, und es traten zwei Pagen herein, die goldene Schüsseln trugen, auf denen die herrlichsten Perlen und Edelgesteine gehäuft lagen. »Diese kostbaren Schätze will ich dir schenken«, sagte Egelborst. »Da du den Wert dieser Dinge vielleicht nicht kennst, so sage ich dir, daß du dadurch reicher wirst als irgendeiner im Lande und dir ein Herzogtum dafür kaufen kannst. Nimm diese Kleinigkeit und ziehe in Frieden!« Unterdes war aber die Spitzmaus unter der Weste emporgekrochen und zupfte heftig an dem Augenglase, das Johannes auf seiner Brust trug. Dieser, der ganz verwirrt war von dieser unerwarteten Wendung der Dinge, merkte es endlich, zog es hervor und hielt es an seine Augen. Welche entsetzliche Veränderung ging nun mit dem vor, das ihm noch eben schön, kostbar und reizend erschienen war. Statt der glänzenden schimmernden Gesellschaft sah er eine abscheuliche Versammlung von ekelhaften, schwarzglänzenden Ungetümen vor sich, die ihn mit roten tückischen Augen und wutverzerrten Gesichtern anstierten, statt goldener Halsbänder züngelnde Kreuzottern trugen und statt auf kostbaren Stühlen auf modrigen, von schwarzen Schnecken bekrochenen Baumstümpfen saßen. Die Edelsteine und Perlen hatten sich in schmutzige Kiesel und leere Schneckenhäuser verwandelt und des Königs Söhnlein in ein kleines, widriges, warzenbedecktes Scheusal. Die flimmernde Pracht der Wände dieses Kuppelsaales war dahin, und statt dessen glaubte er in einen ekelhaften, von Blutegeln, Kröten, Molchen und anderen scheußlichen Tieren wimmelnden Sumpf zu schauen. Zugleich erhob sich ein Heulen, Quäken und Schreien, und mit wutverzerrten Gesichtern schossen die Gnomen auf ihn zu. Schwarze Arme streckten sich lang nach ihm aus, Schlangen zischten ihm wütend entgegen, allein als wenn ein Zauber sie bände, zuckten sie immer wieder zurück und wagten nicht zuzugreifen. Jetzt war der Augenblick zum Handeln gekommen; Johannes ersah die Gelegenheit, stürzte sich auf den kleinen Sohn des Königs, und indem er ihn am Halse ergriff, langte er gleichzeitig mit der anderen Hand in eine Tasche, die die Zwerge mit dem roten Salz gefüllt hatten, und rief: »Gibst du den Handring nicht heraus, König Egelborst, so ist dein Sohn, so sind alle, die ich erreichen kann, im Augenblick des Todes!« Der König und die anderen Gnomen wurden grün vor Schreck, und alle wichen vor dem Anblick des gefürchteten Salzes winselnd zurück. Der König rief: »Halt ein, du sollst haben, was du begehrst!« Dann winkte er seinem Schatzmeister und flüsterte ihm etwas zu. Dieser ging und kam nach einer Weile mit einem großen, herrlich verzierten, goldenen Ringe zurück, den er Johannes überreichen wollte. Allein in diesem Augenblick biß die Spitzmaus ihn empfindlich in die Brust, welches Zeichen er wohl verstand. »Es ist der rechte nicht!« rief Johannes und machte eine Bewegung, als wollte er den strampelnden und winselnden kleinen Wüterich, den er am Halse hielt, mit dem Salze bestreuen. »Halt ein!« schrie Egelborst, gelbgrau von Angst und Wut, denn er liebte dies kleine Scheusal über alles. Dann eilte er selbst fort und kam nach einer Weile zurück mit einem glatten, ovalen Ringe von massivem Golde, der gerade so groß war, daß man die Hand ohne den Daumen hindurchstecken konnte. Bei dem Anblick dieses Ringes stieß die Spitzmaus ein jauchzendes Quietschen aus, und nun wußte Johannes, daß es der rechte war. So gelangte er glücklich in den Besitz dieses Kleinods und erreichte mit ihm ohne weitere Gefahr die Oberfläche der Erde. In den Wohnungen der Zwerge herrschte eitel Jubel und Wonne, als Johannes mit dem erworbenen Ring glücklich zurückkehrte. Sie tanzten umher, schossen Kobold im grünen Grase und wußten sich vor Vergnügen gar nicht zu lassen. Zugleich ward in dem versumpften Walde ein Heulen und Gewinsel und klagendes Gequäk; überall rührte es sich und wälzte es sich davon und wühlte durch den Schlamm und verlor sich allmählich in der Ferne. »Ohne Aussicht auf Lohn hast du uns geholfen«, sagte der Rothut zu Johannes, »wie es geschehen mußte; nun dürfen wir uns dankbar zeigen.« Er belud ihn mit den köstlichsten Schätzen an Perlen und Edelgestein, und so kehrte Johannes zu seinem Dorfe und seinem Vater zurück. Dieser, der ihn schon verloren geglaubt hatte, staunte nicht wenig, als er durch den glücklich Zurückgekehrten plötzlich zu einem reichen Mann gemacht wurde. Er kaufte sich in der Folge ein herrliches Gut, das an den Zwergenwald angrenzte, und als er gestorben war, brachte Johannes, der unterdes erwachsen war, auch diesen Wald, der nun wieder grün und frisch von kristallklaren Quellen durchrieselt war, in seinen Besitz. Das Teufelsmoor aber ließ er durch Anlage eines mächtigen Grabens trockenlegen, so daß die Wohnstätte der Gnomen vernichtet ward und fröhlicher Wald dort ebenfalls aufschoß. Von den Gnomen hat man später nie etwas gehört; sie mögen wohl verdorben und gestorben sein. Das Hünengrab Draußen auf dem Felde zwischen dem Korn lag ein Hünengrab. Eine gewaltige Eiche stand darauf und ringsumher Weißdorn, wilde Rosen und anderes Gesträuch. Eines Tages, da ich noch ein kleiner Knabe war und mir das Korn weit über mein Haupt reichte, ging ich an einem Sonnabendnachmittag hinaus, denn ich wollte mir Spielbaumholz schneiden zu Bolzen für meine Armbrust. Ich saß eine Weile auf den knorrigen Baumwurzeln der alten Eiche und schaute über das Feld hinaus. Es war ein recht sonnenglühender Nachmittag, und nur zuweilen hauchte ein warmer Luftzug über die Felder, daß sich die Halme flüsternd neigten. Am Horizont standen weiße, träumende Wolken, und ringsumher war das schwirrende Getön der sommerlichen Insekten. Aus dem gelben Kornmeer taumelten zuweilen die spielenden Schmetterlinge hervor und verschwanden dann wieder zwischen den Halmen. Als ich einige Zeit so gesessen hatte, hörte ich neben mir im Buschwerk ein Geräusch, ein Knistern im Gras und ein Rascheln in den kleinen Zweigen. Anfangs achtete ich nicht darauf, denn es gab dort viele Mäuse, die im Hügel ihre Nester hatten. Da hörte ich plötzlich eine feine Stimme sagen: »Hackebock, bring auch die große Krone heraus!« Ich erschrak, denn ich sah dort niemand, nur zwischen den Büschen, wo ein kleiner, freier Platz war, bemerkte ich etwas Blitzendes. Ich beugte mich vor und spähte vorsichtig durch das Buschwerk. Da sah ich zwei ganz kleine Männlein mit langen, grauen Bärten und grauen Gewändern, die viel blitzendes Goldgeschirr und funkelndes Edelgestein in der Sonne ausbreiteten. Ein dritter, dessen weißer Bart bis auf die Erde niederging, hatte einen feinen Goldreif um die Stirn und stand daneben und sah zu. Dann kamen aus einer kleinen Höhle, die unter dem Buschwerk verborgen war, noch mehr dergleichen kleine Zwerge hervor, die in ihren Armen goldene Becher, Gefäße und Edelsteine getragen brachten und sie zu den übrigen legten. Endlich schleppte der letzte eine mit vielen funkelnden Steinen besetzte Krone herbei, die er mit beiden Armen umspannt hielt, und dann machten sie sich alle daran, diese Dinge recht schön auf dem Platze zu ordnen, daß sie in der Sonne wie Feuer blitzten und funkelten. Ich mochte, als ich mich vorbog, um besser sehen zu können, wohl ein Geräusch gemacht haben, denn auf einmal sahen sie alle von ihrer Arbeit mit zornigen Gesichtern zu mir auf, und einer rief: »Er sieht uns, er ist ein Sonntagskind!« »Er muß sterben!« rief ein anderer. Auf einmal, ehe ich mich recht besinnen konnte, waren die kleinen Männer um mich herum, und im Nu waren meine Füße mit feinen goldenen Ketten so fest an die Baumwurzeln geschnürt, daß ich sie nicht im geringsten bewegen konnte. »Was wollt ihr von mir?« rief ich. »Ich habe euch nichts getan!« »Du wirst uns verraten!« sagte der mit dem goldenen Reif um die Stirn, der ihr König war. »Du wirst es den großen, plumpen Menschen im Dorf erzählen, und sie werden kommen und mit ihren Schaufeln unseren Berg umwühlen, in dem wir Jahrtausende gewohnt haben!« »Wir wollen ihn totstechen!« rief einer. »Er soll den Giftpilz schlucken!« schrie ein anderer. Ich begann mich sehr zu fürchten, denn die kleinen Männer machten grimmige Gesichter, und einzelne drohten mir mit spitzen Schwertern, die sie schnell aus der Höhle geholt hatten. »Ich werde euch ganz gewiß nicht verraten, ihr kleinen Zwerge!« rief ich. »Gebt mich frei, ihr sollt es niemals bereuen!« Der Zwergenkönig strich sich nachdenklich seinen weißen Bart, dann winkte er den anderen, und nun standen sie alle, steckten die Köpfe zusammen und wisperten untereinander. Zuweilen sahen sie nach mir hin, und endlich hob der König drei Finger auf und sprach etwas, wozu sie alle mit den Köpfen nickten. Dann gingen sie wieder auseinander. Der König trat vor mich hin und sprach: »Du hast uns nicht absichtlich belauscht, und wenn du von unseren Heimlichkeiten gesehen hast, so ist es unsere Schuld, da wir uns hätten zuvor überzeugen sollen, ob du nicht ein Sonntagskind seiest. Auch sagte Knisterknick mir, daß er dich schon oft heimlich beobachtet habe, und er glaubt, daß man dir vertrauen könne. Aber du mußt einen feierlichen Schwur tun, daß du niemals von dem sprechen wirst, was du bei uns gesehen hast oder sehen wirst.« Ich versprach es, und nachdem ich den Schwur geleistet hatte, banden mich die Zwerge los, und nun durfte ich noch dort bleiben und ihnen zusehen. Der König setzte sich neben mich auf eine hervorragende Baumwurzel und sprach: Jedesmal im Sommer, wenn das Getreide reif wird und es hier recht einsam ist, da bringen wir unsere Kostbarkeiten und Juwelen hinaus, um sie zu putzen und zu sonnen.« Unterdessen waren die anderen Zwerge eifrig beschäftigt, mit feinen Läppchen die Becher, Gefäße und Edelsteine zu reiben, daß sie noch viel feuriger blitzten als zuvor. Ich fragte: »Wohnt ihr schon lange in diesem Hügel?« »Ihr Menschen, die ihr alle fünfzig Jahre neu seid, mögt es wohl lange nennen«, sagte er. Ich erzählte ihm, daß die Leute diesen Hügel für ein Hünengrab hielten. »Die Leute sind dumm«, sagte er; »als wir von Asien kamen und in diesen Hügel einzogen, da hatte sich das große Wasser hier eben verlaufen, und es gab noch gar keine Menschen in der Welt.« Unterdes waren die Zwerge fertig geworden und fingen an, alles wieder in den Hügel zu tragen. Der König stand auf, hob die Hand auf und sprach: »Denk an den Schwur!« Ehe er hineinging, drehte er sich noch einmal um und sagte: »Wenn du willst, kannst du uns des Sonnabends um diese Zeit manchmal besuchen. Hast du einmal ein dringendes Anliegen an uns, so poche dreimal an diesen Stein, der gewöhnlich vor unserer Tür liegt, und es wird jemand kommen, der nach deinem Begehr fragt. Aber hüte dich, daß es nichts Törichtes ist, was du verlangst.« Ich sah die kleinen Zwerge noch oft wieder, denn ich konnte kaum den Sonnabendnachmittag erwarten, um sie aufzusuchen. Ich sah dann ihren Spielen zu oder ließ mir Geschichten von ihnen erzählen. Bald kannte ich sie alle bei Namen. Da war Hackebock der Starke, der konnte mit einer Hand den Stein von der Zwergenhöhle wälzen. Knisterknick war der pfiffigste von ihnen und konnte so schnell und behend in den Büschen klettern wie ein Eichhörnchen. Wurzelbold war der kleinste und unbeholfenste, aber er konnte sehr drollig Kobold schießen, und Trippelfix tanzte den Zwergentanz so schön wie kein anderer. Alle konnten aber wunderherrliche, zierliche Arbeiten aus Gold, Elfenbein und Edelsteinen verfertigen und aus Holz künstliche und seltsame Dinge schnitzen. Spinnefein vermochte die feinsten, goldenen Fäden zu spinnen, und Schiffchentritt webte aus Gold und Seide die herrlichsten Gewänder. Am liebsten waren mir aber Murmelmund und Simmserich. Murmelmund wußte viele tausend Geschichten zu erzählen. Er saß oft stundenlang auf meinem Knie, strich sich den langen Bart und erzählte von Elfen, Riesen, Drachen und Kobolden. Simmserich hatte eine Harfe, sehr fein aus Gold und Elfenbein gearbeitet, darauf waren als Saiten Sirenenhaare gespannt. Wenn er darauf spielte, so erklang es gar fein und lieblich, und er sang viele, alte Zwergenlieder; die waren nun zwar in der Zwergensprache, und ich verstand sie gar nicht, allein sie gefielen mir doch sehr. Der König Raschelbart war aber niemals dabei; der saß immer in seiner Höhle, denn er konnte die Außenluft nicht recht vertragen. So kam der Herbst heran. Eines Abends saß ich zu Hause hinter dem Ofen und dachte an die Geschichten, die mir Murmelmund erzählt hatte. Der Vater unterhielt sich mit einem fremden Manne, der zu Besuch bei uns war. Der war ein Altertumsforscher und suchte alte Knochen, alte Töpfe und alte Geräte von alten Völkerschaften, die längst tot waren. Ich achtete anfangs nicht darauf, aber bald wurde ich aufmerksam, denn sie sprachen von dem Hünengrab. »Sie geben mir also die Erlaubnis, den alten Hügel aufgraben zu lassen und nach allen Richtungen hin zu untersuchen?« sprach der fremde Mann. Mein Vater antwortete: »Es wäre mir lieb, wenn Sie die alte Eiche schonten, die darauf steht; wenn es jedoch Ihre Forschungen erfordern, so mag auch sie fallen.« Ich bekam einen heftigen Schreck, und ohne mich zu besinnen, was ich tat, fuhr ich hinter dem Ofen hervor und rief: »Es ist ja gar kein Hünengrab, Vater; der Hügel war ja schon da, als es noch gar keine Menschen gab!« Junge, was verstehst du davon«, sagte mein Vater, und der Altertumsforscher sah mich durch seine großen Brillengläser an und lachte. Ich bat meinen Vater nun, er solle doch den Hügel stehenlassen, ich konnte ihm aber nicht sagen, warum, und endlich ward er böse und schickte mich hinaus. Ich lief sofort durch den Garten auf das Feld. Es war eine klare Herbstnacht, und der Mond schien hell auf meinen Weg. Als ich auf dem Hügel angelangt war, klopfte ich dreimal an den Stein. Nach einiger Zeit kam Hackebock mit einer kleinen Laterne in der Hand heraus und fragte, was ich wolle. Ich erzählte ihm alles, was ich gehört hatte, und er erschrak so, daß ihm die Laterne aus der Hand fiel und ausging. Dann lief er schnell zurück, und alsbald entstand ein Lamentieren und Wehklagen im Innern des Hügels, und dann kam König Raschelbart selbst und hinter ihm die übrigen Zwerge. Ich mußte nun alles noch einmal erzählen, und sie standen alle um mich herum und machten traurige Gesichter. »Ich dachte mir, daß es einmal so kommen würde«, sagte König Raschelbart, »lasset uns gleich in dieser Nacht fortziehen zu König Bodeneck im Harz, der wird uns freundlich aufnehmen.« Die Zwerge gingen alle betrübt in den Berg zurück und kamen nach einer Weile mit vielen Säcken, die ihre Kostbarkeiten enthielten, zurück. Sie reichten mir alle ihre kleinen Hände und nahmen Abschied von mir. Einige schluchzten laut und riefen: »O unser lieber Hügel, wo wir so viele tausend Jahre gewohnt haben!« Dann zündeten sie Fackeln an und zogen den Berg hinab. Voran ging Raschelbart mit seinem weißen Elfenbeinstab in der Hand, dann kamen, schwer beladen mit ihren Säcken, Hackebock, Murmelmund, Simmserich, Knisterknick und alle die anderen, zuletzt keuchte Wurzelbold hintennach, und dann zogen sie hinaus in die Nacht. Eine Zeitlang hörte ich noch ihr Klagen und Lamentieren und sah den kleinen Zug von Zeit zu Zeit hinter Büschen verschwinden und dann wieder auftauchen, dann hörte ich nichts mehr und sah nur die Fackeln zuweilen aufleuchten. Zuletzt sah ich den Zug fern wie eine leuchtende Raupe über den Berg kriechen – und dann nichts mehr. Am anderen Tage kam der Altertumsforscher mit vielen Arbeitern und ließ den ganzen Hügel umgraben. Er fand aber nichts als eine alte Bierflasche, die die Feldarbeiter dort einmal vergessen hatten. Die kleinen Zwerge aber waren fort und kamen niemals wieder. Erika Draußen auf der braunen Heide lag ein einsames Haus zwischen einigen jungen Tannen, die bis an das niedere Dach reichten. Von ferne hätte man es mit seinem von Moos und Hauslauch bedeckten Strohdach für einen einsamen Hügel in der weiten Ebene halten können, wenn nicht zuweilen blauer Rauch aus seinem Schornstein aufgestiegen wäre. Dort wohnte ein alter Mann mit seiner Tochter Erika und seinen Bienen ganz allein; meilenweit im Umkreise war kein anderes Haus anzutreffen. Selten kam ein Wanderer in die Nähe; dort war nur Himmel, Luft und die weite, flache Heide, ab und zu Tannen oder Birken, einzeln oder in kleine Häufchen zusammengedrängt, im Sommer das rotblühende Heidekraut mit summenden Bienen und schwirrendem Sommergetier, und im Winter die weite, weiße Schneefläche, darin die dunklen Tannen standen mit beschneiten Ästen. Die kleine Erika war immer allein. Die Mutter war schon lange tot, und bei der hohen, einsamen Tanne lag sie begraben neben dem großen Steine. Dort befand sich auch ein wilder Rosenstrauch von außerordentlicher Schönheit, der einzige in weitem Umkreis. Wenn der im Frühling in Blüten stand, war es schön zu sehen, wie er sich hinbreitete und seine langen, blühenden Zweige über den grauen Stein und das einsame Grab ranken ließ. Das war Erikas Lieblingsplätzchen. Dort saß sie oft und schaute über die Heide hinaus, die im Sonnendufte dalag, durch die zitternde Luft zu den zarten, blauen Höhenzügen, zwischen denen fern der Fluß einherzog, wo sich die Heide in grüne Wiesen und wogende Felder verlor. Oft auch horchte sie dem Vater, wenn er bei den Bienen saß und ihr erzählte von den Ländern, die er in seiner Jugend gesehen hatte, von den mächtigen Bergen, Wäldern und schäumenden Gebirgswassern, von breiten, gewaltigen Strömen und prächtigen Gärten mit wunderbaren Blumen, von großen Städten und dem Drängen und Treiben der Menschen. »Ach, ist das schön!« sprach sie. »Werde ich das alles auch einmal sehen?« »Vielleicht, wenn du groß bist«, antwortete der Vater. Dann ging sie wieder zu dem grauen Stein, schaute hinüber zu den blauen Bergen und sehnte sich nach den Herrlichkeiten, von denen sie soeben gehört hatte. Einst an einem schönen Frühlingsmorgen, als die Rosen in Blüte standen und die Luft voll singender Heidelerchen hing, saß sie wieder dort. Die Sonne glänzte in ihren braunen, lockigen Haaren, und der leichte Wind, der über die Heide ging, spielte mit ihnen. Einige frühe Schmetterlinge waren auch schon dort und flatterten über den jungen Rosen. Da kam es mit leichtem Flügelschlage angerauscht, und ein großer bunter Vogel setzte sich über ihr in die Tanne. Solchen wunderbaren Vogel hatte Erika noch nie gesehen. Sein Gefieder schimmerte in allen schönen Farben, und als er sich von der Tanne herniederschwang und sich nahe vor ihr auf ein Bäumchen setzte, schwebte sein langer Schwanz wie ein blitzender Feuerstreif hinter ihm her. Dort saß er nun und schaute Erika mit seinen klugen Augen zutraulich an. Sie stand auf, um ihn in der Nähe zu sehen, aber der Vogel flog wieder auf, schwebte glänzend vor ihr her auf einen kleinen Erdhaufen und schaute sich wieder um.– Wie war der Vogel schön! Vielleicht kam er nie wieder; den mußte Erika doch in der Nähe sehen, und sie folgte ihm weiter und weiter wie verzaubert. Einmal sah sie sich um. Das Haus lag schon ziemlich weit hinter ihr, der helle Rauch stieg daraus auf gerade in die Luft. Es war ihr, als müsse sie umkehren, und die Heidelerchen in der blauen Luft sangen alle: »Kehr um, kehr um, noch ist es Zeit! Die Welt ist groß, die Welt ist weit! Kehr um, kehr um, noch ist es Zeit!« Es war ihr, als hörte sie ihren Vater rufen: »Erika! Erika!«, und eine Biene summte um ihre Ohren: »Summ, summ, kehr um! Summ, summ, kehr um!« Dann sah sie aber wieder nach dem Vogel, der dicht vor ihr in einer niedrigen Birke saß und seine Flügel in der Sonne wiegte, daß sie glänzten wie eitel Gold und Edelgestein, und sie folgte ihm wieder. Bald dachte sie gar nicht mehr daran, umzukehren, sondern sie sah nur den schönen Vogel wie einen Goldstreif vor sich herziehen und ging immerfort hinter ihm her. Die Sonne glühte auf ihren Wangen – sie merkte es nicht. Es ward Mittag, und dann rollte die Sonne langsam zum Horizont hernieder; Erika aber sah nur den bunten Vogel und folgte ihm. Allmählich ward es grüner und grüner, die Heide verlor sich, blühende Gründe lagen dort, und sanfte bewaldete Hügel zogen sich weit hin, und endlich spät am Nachmittage, als die Sonne, wie eine glänzende, strahlenlose Scheibe anzusehen, tief am hellgrauen Himmel stand, kam sie an einen breiten Fluß, der ruhig sein Wasser zwischen sanften, grünen Hügeln fortziehen ließ. Dort lag am Ufer ein Kahn; der Vogel flog auf seine Spitze und schaute sich flügelwiegend um. Erika stieg hinein, und langsam löste sich der Kahn vom Ufer und glitt sanft den Strom mit ihnen hinab. Jetzt flog der Vogel zutraulich an sie heran und schmiegte sich gegen ihre Hand, als sie ihn sanft streichelte. Er war so glänzend, daß sie dachte, die Funken müßten unter ihren Fingern davonfliegen. Die Sonne lag nun groß und rund zwischen zwei Hügeln, wie eine gewaltige Goldfrucht in einer dunklen Schale, und versank langsam dazwischen. Das Abendrot glühte hinter ihr auf, leichte Nebel wallten über den Strom hin, und aus dem blaugrauen Himmel blinkten schon einzelne Sterne hervor. Erika hatte gar nicht darauf geachtet, denn sie hatte nur den wunderschönen Vogel betrachtet; aber nun schaute sie ängstlich auf, da sie so allein auf dem dunkeln Wasser schwamm. Sie dachte auf einmal an ihren Vater, den sie verlassen, und an den weiten Weg, den sie zurückgelegt hatte, und wußte sich keinen Rat vor Betrübnis. Sie sah voll Angst hinaus über das Wasser zu den Ufern, die sie in der Dunkelheit und im schwimmenden Nebel kaum unterscheiden konnte. Unterdessen war auch der Mond zwischen den Bäumen groß und rot hervorgekommen und ins Blau emporgestiegen; er glitt über den Hügeln immer neben ihr her und sah ernsthaft auf sie hernieder. So schauerlich einsam und still war es auf dem Flusse; nur die kleinen Wellen plätscherten gegen den Kahn an, und manchmal rauschte und gurgelte es aus dem Wasser geheimnisvoll empor, als wenn jemand aus der Tiefe heraufstiege. Dann erhob sich der Nebel stärker und ballte sich über den Strom hin zu allerlei schreckhaften, weißen Gestalten, die ineinander- und auseinanderflossen und die Arme nach der kleinen Erika ausstreckten, so daß diese zusammenschauerte, das Gesicht verhüllte und vor Schreck und Angst in Weinen ausbrach. Als sie es wagte, wieder aufzuschauen, sah sie gerade auf den Vogel, der auf der Spitze des Kahnes saß und einen hellen, milden Schein um sich hatte. Sie bemerkte keine weißen Nebelgestalten mehr, sondern ringsum war alles dunkel, nur der Kahn schwamm in einem sanften Lichtschein dahin. Da ward ihr ganz tröstlich zumute; sie sah auf den Vogel, der ganz ruhig dasaß; dann wiegte sie allmählich das sanfte Schaukeln des Kahnes und das leise Plätschern der Wellen in Schlaf. Am anderen Morgen, als sie erwachte, fuhren sie ganz dicht am Ufer des Stromes einher. Die mächtigen Bäume neigten sich weithin über das Wasser, und die Flut beplätscherte ihre knorrigen Wurzeln. Der Morgensonnenschein aber tanzte durch die Zweige auf dem Gewässer, und in den Wipfeln schmetterten unermüdlich die Finken. Da sah Erika schlanke Rehe und gewaltige Hirsche wandeln zwischen den Stämmen, Eichhörnchen kletterten in den Zweigen und schauten auf sie herab. Der Fluß ward breiter und breiter, die Ufer wichen immer weiter zurück, und der Kahn fuhr in einen gewaltigen See hinaus, der glatt in der glänzenden Sonne dalag. Bald verschwanden die Ufer an den Seiten ganz, aber am Horizont tauchte ein blauer Streif auf, wie eine ferne Insel. Der Kahn fuhr schneller und schneller, und der Vogel, der bis dahin ganz still dagesessen hatte, ward unruhig und schwang sich zuweilen in die Luft empor, als wollte er sich umschauen, so daß Erika immer fürchtete, er würde wegfliegen; aber er kam immer wieder und ließ sich von ihr streicheln. Das gegenüberliegende Ufer ward grüner und deutlicher; Erika unterschied bewaldete Hügel und Baumgruppen. Dann leuchtete es blau und rot, gelb und weiß darin auf von mächtigen Blumen, die alle Zweige bedeckten. Rings um das Ufer im Wasser standen dicht gedrängt riesenhohe, schilfartige Gewächse mit breiten, schwertförmigen Blättern; daraus waren gewaltige Blumen aufgeschossen an langen, schwankenden Stengeln, die leuchteten wie weiße Sonnen. Erika begriff nicht, wie sie durch diese grüne Mauer kommen würde, aber der Kahn fuhr gerade darauf zu; da rauschte die Schilfwand auseinander, und wie durch ein grünes Tor schoß er hinein und glitt sanft ans Ufer. Erika stieg aus auf eine wunderschöne, sanft ansteigende Wiese, die rings von gewaltigen Bäumen eingeschlossen war; von der Höhe floß ein leiser Bach durch sie hin. Der Vogel flog vor Erika her einen schmalen Weg entlang, der sich zwischen schwankenden Blumen hinzog. Zuweilen waren zwischen den niederen Gewächsen gewaltige Pflanzen aufgeschossen, breitblätterig und fabelhaft, die sonnengleiche, strahlende Blumen trugen, und überall schwankten riesengroße Schmetterlinge taumelnd umher. Endlich trat sie aus dem Walde hinaus auf einen weiten, freien Platz, der mit sanftem Rasen bedeckt war. In seiner Mitte erhob sich ein gewaltiger, von Schmetterlingen umflatterter Baum, dessen Zweige bis auf die Erde niederhingen, als würden sie von der Last der buntfarbigen Glockenblumen niedergezogen, die sie über und über bedeckten. Nun erhob sich der Vogel in die Luft, flog auf den Baum zu und verlor sich in dessen Zweigen. Erika stand allein auf der grünen Wiese vor dem Baume und fürchtete sich fast, denn es gingen da ernsthafte, große Vögel einher mit langen, roten Beinen und einem gravitätischen Schnabel, die aussahen, als hätten sie dort sehr viel zu sagen; aber sie taten ihr nichts, sondern sahen sie ganz gutmütig an. Auf einmal rauschten die Zweige des Baumes auseinander, und hervor trat eine wunderschöne Frau in langem, weißen Gewande, die nahm Erika bei der Hand und sprach: »Liebe Erika, willst du bei mir bleiben auf meiner schönen Insel?« Da fiel Erika auf einmal ihr alter Vater ein und das kleine Haus auf der Heide und der Rosenstrauch auf dem Grabe ihrer Mutter, und sie rief: »Nein, nein, ich muß fort! Mein Vater grämt sich um mich! – Ach, ich bin sehr schlecht gewesen, daß ich fortgelaufen bin!«, und dann weinte sie. »Sei still, Erika«, sagte die schöne Frau und streichelte ihr das braune Haar, »du sollst ihn bald wiedersehen; aber es ist weit von hier, und du mußt dich ausruhen.« Dann ging sie mit Erika unter den blühenden Baum zurück, der seine mächtigen, weitragenden Äste zu einer wunderbaren Grotte wölbte. Der leichte Wind säuselte in seinen Zweigen, und es war ein leises Wispern und Klingen unter seiner Halle, wie sanfte Musik. Hier setzten sie sich auf prächtige Decken, die dort ausgebreitet waren, und ein Mahl stand bereit in zierlichen, silbernen und goldenen Gefäßen, rotfunkelnder Wein in Kristallflaschen und goldglänzende Früchte in Schalen von Edelstein. Die Fee nahm einen Becher roten Weines und bot Erika zu trinken an. Da war es ihr wieder, als höre sie die Heidelerche singen: »Kehr um, kehr um, noch ist es Zeit! Kehr um, kehr um, noch ist es Zeit!«, und ganz aus der Ferne tönte es wie der Ruf ihres Vaters: »Erika! Erika!« Doch die Fee lächelte holdselig und sprach: »So trink doch, Erika!« Und der Wein duftete so betäubend, daß sie unwillkürlich den Becher ansetzte und einen tiefen Zug tat. Da ward es ihr rosenrot vor den Augen, und es ging ein Sausen durch ihren Kopf, als wenn alles fortzöge, was bis jetzt darin gewohnt hatte, dann hörte sie ein liebliches Klingen und Läuten, und als sie wieder zu sich kam, hatte sie von dem Zaubertranke alles vergessen, den Vater, das einsame Haus auf der Heide und alles. Wenn sie zurückdenken wollte in die Vergangenheit, war alles dunkel, und nur die Gegenwart war schön, rosig und lustig. Die Fee zog sie an sich und küßte sie, denn nun gehörte sie ihr ganz, und dann aßen sie zusammen von den Früchten, bis die ernsthaften Vögel kamen und die Gefäße mit ihren Schnäbeln forttrugen, welches alles sie sehr pünktlich und schweigsam verrichteten. Dann kam ein mit weißen Pfauen bespannter Wagen herangeflogen, und die Fee sprach: »Liebe Erika, ich fahre jetzt fort und komme erst am Abend wieder; unterdessen magst du dir die Insel besehen. Einer von den Vögeln wird dich umherführen, und wenn du willst, magst du auch auf ihm reiten; fürchte dich nur nicht.« Dann traten sie aus der Baumhalle hinaus, und die Fee flog mit ihrem Wagen davon, hoch hinein in die blaue Luft, bis sie zuletzt, in ihrem weißen, glänzenden Gewände wie ein schimmernder Stern anzusehen, am blauen Himmel verschwand. Erika ging dann umher und betrachtete den Baum, der mit seinen Glocken wie ein gewaltiger, farbig blühender Berg vor ihr stand. Da sah sie, wie fortwährend neue Blumen hervorwuchsen und verblühte niedersanken; aber sie kamen nicht zur Erde, denn im Fallen verwandelten sie sich in Schmetterlinge und flatterten fort in den Wald. Auch Früchte saßen daran wie glänzende Kugeln; von Zeit zu Zeit sprang eine davon auf, und ein schimmernder Vogel flog daraus hervor und setzte sich in die Zweige oder zog nach dem Walde hinüber. Als sie noch so stand und schaute, kam einer der großen Vögel herbei, verneigte sich gravitätisch vor ihr, ging dann vor ihr her und führte sie überall umher. Als Erika sah, wie sanft und zutraulich er war, bekam sie Lust, auf seinen Rücken zu steigen, was ihr von einem Baumaste aus auch ganz gut gelang; aber wie erschrak sie, als er plötzlich einen Anlauf nahm, die mächtigen Flügel regte und mit ihr in die Luft hinaufstieg. Sie klammerte sich angstvoll an seine Federn; aber bald fürchtete sie sich nicht mehr, denn es saß sich auf seinem Rücken so sanft und sicher wie in einer Wiege, und es war herrlich, so von oben auf Land und Wasser niederzuschauen. Zuerst stieg der Vogel hoch hinauf, daß die Insel im See erschien wie ein farbiger Teppich auf blauem Grunde. Dann aber schwamm er in langsamen Kreisen in der Luft umher und senkte sich sanft zur Insel nieder. Unterdessen war es Abend geworden, und die Sonne tauchte rotglühend von dem wolkenlosen Himmel in den See; da sank der Vogel schnell mit Erika zur Erde nieder und setzte sie bei dem blühenden Baume ins Gras. Jetzt flogen in der Dämmerung Leuchtkäfer wie kleine Laternen umher, und in jeder Blume saß einer und illuminierte, daß sie alle ein sanftes, weißes oder farbiges Licht ausstrahlten. Vor Erika her aber flogen immer zwei gewaltige Laternenschmetterlinge und leuchteten ihr. Als sie nun den glänzenden Käfern nachsah, die sich in der Luft kreuzend umhertummelten wie fliegende Sterne, bemerkte sie plötzlich gegen den dunklen Himmel ein strahlendes Licht in der Höhe, das größer und größer erschien, als es sich näherte. Bald erkannte sie die Fee auf ihrem schimmernden Wagen, gezogen von den weißen Pfauen, die jetzt auf den Köpfen einen strahlenden Stern trugen. Sie begrüßte Erika und brachte sie dann unter den Baum, wo die Vögel bereits eine weiche, schaukelnde Hängematte unter den Ästen ausgespannt hatten. Da legte sich Erika zum Schlafen hinein. Durch die Zweige leuchteten sanft die Blumenglocken auf sie hernieder; zuweilen irrte summend ein Käfer wie ein Feuerfunke durch den Baum, die beiden Laternenschmetterlinge aber hatten ihr Lichtlein ausgemacht, saßen ihr zu Häupten und fächelten mit den Flügeln, und unter dem Summen der Käfer und dem leisen Wiegengesang des Baumes entschlief sie süß und sanft. Erika lebte nun viele Tage bei der Fee auf der schönen Insel. Des Morgens, wenn der Rand der Sonne eben aus dem See hervorschaute und seine Strahlen in die Wipfel der Bäume warf, sprang sie aus ihrem schwebenden Bettlein und stieg auf einem der niederhängenden Äste wie auf einer natürlichen Treppe in den Baum hinauf. Dort schlief die Fee in einer dichten Grotte von Blättern und Zweigen. Dann stiegen sie zusammen auf den Wipfel des Baumes, wo man die Insel übersehen konnte, setzten sich dort auf die dichten Zweige, und Erika kämmte mit einem goldenen Kamme die langen, goldfarbenen Haare der Fee; die Schmetterlinge umtanzten sie, und die Vögel flogen über sie hinweg. Ringsherum lag der blühende Wald und ferner weit hinaus der blaue See, bis er sich in einer feinen Linie mit dem dämmernden Horizont begrenzte. Bald nachher flog die Fee fort auf ihrem Pfauenwagen, und Erika war allein den ganzen Tag. Sie spielte dann mit den Blumen, Schmetterlingen und Vögeln und war lange Zeit fröhlich und glücklich. Doch dann erschien es ihr gar nicht mehr so schön auf der Insel. Alles blieb sich gleich, es war immer dasselbe. Der große Baum blühte und blühte, die Blüten fielen ab und wurden Schmetterlinge, und aus den Früchten kamen immer wieder die glänzenden Vögel hervor. Immer war der Himmel heiter, klar und blau, und die Fee flog stets am Morgen weg und kam am Abend wieder; so ging es einen Tag und alle Tage. Eines Morgens nun, als Erika aufrecht in ihrem Bette saß und recht verdrießlich aussah, denn sie dachte an den langen Tag, der vor ihr lag, und an die ewigen bunten, schweigsamen Vögel und Schmetterlinge und an alle die Pracht, die sie so genau kannte, da war ihr auf einmal, als höre sie aus weiter Ferne ganz leise den Gesang eines Vogels. Das klang so wehmütig und sehnsüchtig, daß ihr ganz wunderbar ums Herz ward; sie horchte danach, und es war ihr immer, als müsse sie sich an etwas erinnern, was früher gewesen war, aber es wollte ihr nicht einfallen. Sie stand auf und ging dem Klange nach, aber da ertönte es ferner und ferner und verstummte endlich ganz. Da fiel ihr plötzlich ein, daß sie auf der Insel nie den Gesang eines Vogels gehört hatte, denn die bunten Vögel waren stumm, und auf der ganzen Insel hörte man nie einen Ton. Da lief sie schnell zu der Fee und rief: »Du, warum singen die Vögel hier nicht?« Die Fee lächelte und sprach: »Sie werden schon singen, wenn du sie mit diesem Stäbchen anrührst.« Dabei reichte sie ihr ein goldenes Stäbchen. Nun lief Erika fröhlich fort in den Wald, lockte die Vögel herbei und berührte sie mit dem Stäbchen, und sofort erhoben sie eine liebliche, flötende Stimme und sangen, daß es durch den Wald schallte. Erika jubelte und rührte sogar die großen Vögel auf dem Rasenplatze damit an; aber diese verneigten sich tief vor ihr und gaben ein so rauhes, heiseres Gebrüll von sich, daß Erika erschrak und in den Wald lief, um es nicht zu hören. Nun war es auf der Insel wie verwandelt. Wo sich früher kein Ton hören ließ, war nun ein Schmettern, Jubilieren und Flöten, daß es die Ohren betäubte, und Erika lief umher und ward gar nicht müde, die Vögel anzurühren, sie sollten alle singen, alle, die da waren. Gegen Abend aber verstummte einer nach dem anderen, und bald war es auf der Insel still wie zuvor. Am anderen Morgen, als die Sonne aufging, war Erika schon wach, allein alles war stumm und still; die Vögel flogen glänzend umher im Sonnenlichte, aber keiner gab einen Ton von sich. Die Fee erklärte es ihr: »Die Berührung wirkt nur auf einen Tag, am Abend verstummen die Vögel und erhalten die Stimmen nur durch eine neue Berührung wieder.« An diesem Tage berührte Erika nur einige Vögel mit ihrem Stäbchen und hörte dem lieblichen Gesänge zu; aber es dauerte nicht lange, da erschien ihr dieser nicht mehr so schön wie vorhin. Die Vögel saßen dort im Sonnenschein, ließen ihr prunkendes Gefieder glänzen und sangen ihr Lied immer wieder von vorn, immer gleich schön, immer dasselbe, als hätten sie ein Uhrwerk im Innern. Es war Erika immer, als fehle die Hauptsache an diesem Gesange, sie konnte nur nicht sagen, was. Zuletzt wußte sie es auswendig: »Tireli, tirela, gluck ... gluck ... gluck, zizizizi!« ... Dann lief sie fort, um es nicht mehr zu hören, und am Abend war sie froh, als die Vögel endlich schwiegen. An diesem Abend konnte sie nicht einschlafen. Sie war traurig und wußte nicht, warum, und starrte in das dunkle Gezweige des Baumes, durch das sanft die Blumen hereinleuchteten. Da hörte sie wieder den sanften Gesang jenes Vogels, und es schien ihr in größerer Nähe zu sein, als schwebe er in der Luft über dem Baume. Nun grübelte sie wieder und sann und sann, und es wollte ihr doch nicht einfallen. Eine tiefe Sehnsucht kam über sie, es war, als zöge sie der Vogel mit seinem wehmütigen Gesange fort, als müßte sie gleich auffliegen und ihm nachfolgen. Endlich ward der Gesang leiser und leiser, und dann schlief sie darüber ein. Nun hatte Erika gar keine Lust mehr, die anderen Vögel singen zu hören; sie ging trübselig umher, und nichts machte ihr Vergnügen. Alle Abende sang der Vogel; es schien ihr, als säße er jetzt oben in dem großen Baum, und fast die ganzen Nächte konnte sie nicht schlafen vor Sehnsucht und Unruhe, und sie wußte doch nicht, wonach. Eines Morgens sprach die Fee zu ihr: »Du bist nicht mehr so fröhlich als sonst, liebe Erika, du sehnst dich gewiß nach Gesellschaft. Nimm nur dein goldenes Stäbchen und rühre die Blumen damit an; dann werden liebliche Kinder daraus, und du kannst mit ihnen spielen.« Da jubelte Erika, lief in den Wald hinaus und berührte eine weiße Blume damit, die sie vor allen liebte. Sogleich tauchte aus dem Blumenkelche eine lichtes Kinderantlitz hervor mit hellen, weichen Locken, die weißen Blumenblätter flossen zu einem Kleide hernieder, und da stand ein liebliches Mädchen und lächelte sie an. Sie küßten sich gleich, und dann rührte Erika noch mehr Blumen an. Die roten wurden zu schwarzlockigen Kindern mit leuchtenden schwarzen Augen, die blauen wurden blond und die gelben braun von Haar. Das war nun ein herrliches Leben den ganzen Tag. In dem großen Baume, auf dessen breiten, mit weichem Moos bewachsenen Ästen sie einherlaufen konnten wie auf Fußsteigen und auf dessen dicht belaubten Zweigen sie saßen wie auf weichen Kissen, tummelten sie sich umher und spielten »Verstecken«, »Besuch« und »Wie gefällt dir dein Nachbar«, und dann tanzten sie alle auf dem Rasen bis zum Abend. Als die Sonne versinken wollte, verloren sich die Kinder eins nach dem anderen in den Wald; nur das erste war noch da, das aus der weißen Blume. Erika wollte es festhalten, denn es sollte bei ihr in der Hängematte schlafen, weil sie es so liebhatte, aber es entwand sich ihr und verschwand im Dämmern des Waldes. Erika war aber doch ganz vergnügt, denn sie dachte: Morgen werden sie wiederkommen, und dann spielen wir noch schöner als heute. Mit dem Gedanken schlief sie ein. Es ließ sich aber am anderen Morgen kein Kind sehen, soviel auch Erika suchte und im Walde nach ihnen rief. Es blieb ihr nichts weiter übrig, als neue Blumen zu verwandeln. Nun war sie aber gar nicht mehr so vergnügt wie am vorigen Tage, denn sie mußte immer denken, wo die anderen wohl geblieben wären. Heute ritten sie alle auf den großen Vögeln in die Luft hinein, und Erika vergaß fast ihren Kummer, als sie sich mit der ganzen bunten Schar in der Luft herumtummelte und die Vögel prächtige Schwenkungen machten, übereinander hinwegflogen und dann in großen Kreisen langsam wieder zu der Erde niederschwebten. Dann spielten sie am Bach, wo er sanft dahinfloß, machten sich Kähne aus großen Blättern, spannten Libellen davor und fuhren darin spazieren bis an den See hinaus. Dort saßen sie im Rohr und bliesen auf kleinen Pfeiflein, die sie sich schnitten, und spielten mit den Fischen, die zutraulich ihre Köpfe aus dem Wasser steckten. Gegen Abend aber tanzten sie wieder auf dem grünen Platze am Baum. Als die Sonne untergehen wollte, fingen die Kinder wieder an in den Wald zu laufen, und ehe es sich Erika versah, war nur noch eines dort, das eben mit ihr gespielt hatte. Da umschlang Erika das Kind und rief: »Du sollst nicht fortlaufen, du sollst mir sagen, wo ihr bleibt, ich will es wissen.« Das Kind aber wand sich in ihren Armen und strebte fort. Als es sich eben mit Mühe von Erika losgemacht hatte, verschwand der letzte Schimmer der Sonne am Horizont; das Kind schrumpfte zusammen, und eine verwelkte weiße Blüte lag zu Erikas Füßen. Sie weinte laut auf, kniete nieder und küßte die Blume und berührte sie mit dem Stäbchen, aber sie blieb tot und welk. Als sie dann traurig in ihrem schwankenden Bettlein lag und weinte, da hörte sie wieder den leisen, feinen Gesang, und er kam näher und näher; endlich hörte sie ihn oben im Baume und nun näher und näher, als käme der Vogel die Zweige herniedergehüpft. Dann hörte sie ein leichtes Flattern, und nun sah sie ganz deutlich in dem hellen Scheine, den die Blumen ausstrahlten, ein kleines graues Vögelchen auf einem Zweige dicht über sich sitzen. Das sang und sang so schön, daß Erika die Tränen in die Augen kamen. »Singe nicht so laut, kleines Vögelchen, die Fee möchte dich hören«, sagte Erika. Nun verstand sie alles, was der Vogel sang. »Sie hört mich nicht, sie hört mich nicht. Nur du allein hörst mich; für dich singe ich. Weißt du wohl noch, Erika? Kennst du das kleine graue Haus auf der Heide, wo die summenden Bienenstöcke stehen? Hast du wohl einmal an den alten Mann gedacht, deinen Vater, der dich so liebhat und der nun ganz allein ist, ganz allein? Erinnerst du dich des Rosenstrauches auf dem Grabe deiner Mutter unter der hohen, einsamen Tanne? Erika! Erika!« Und wie aus einem Nebel tauchten Erika die Erinnerungen auf. Sie sah alles, was der Vogel sang, und es überkam sie eine gewaltige Sehnsucht. »Ich muß fort, ich muß fort, ich muß nach Hause!« sprach sie. Aber das Vöglein sang weiter: »Wie schön ist die Heide, wie schön, wenn die Heidelerchen darüber stehen wie klingende Sterne. Oder wenn sie rot hinausblüht ins Weite bis an das blaue Himmelsrund, und die Bienen summen im duftigen Kraut, und die Sonne hoch im Blau wandelt und herniederglüht, daß die Luft zittert über dem blühenden Meere, und die blauen Schmetterlinge darüber hinflattern. Wie schön ist die Heide, wie schön!« Unter dem Gesänge war der Vogel fortgeflattert, ferner und ferner tönte der Gesang, und wie hoch aus der Luft vernahm Erika noch einmal: »Wie schön ist die Heide, wie schön!« Dann war alles still. Erika saß aufgerichtet in ihrem Bette. »Ich muß fort, ich muß fort, ich muß nach Hause!« sagte sie. Aber wie sollten sie wegkommen? Ringsum floß das Wasser, und die Fee ließ sie gewiß nicht fort; sie fürchtete sich, sie zu bitten, und fort mußte sie, sonst starb sie vor Sehnsucht. Dann dachte sie wieder an den Vater und an seinen Kummer, daß sie ihn verlassen hatte, und weinte sich endlich in Schlaf. Am anderen Morgen lief sie am Wasser entlang auf der ganzen Insel umher und suchte eine Öffnung in der undurchdringlichen, hohen Schilfwand. Aber rings standen dicht gedrängt die scharfen, schwertförmigen Blätter wie eine Mauer und schnitten ihr die Hände blutig, wenn sie hindurchwollte. Endlich fiel ihr der Bach ein; sie eilte hin und jubelte auf, als sie sah, daß er durch eine Öffnung in der Schilfwand in den See floß. Nun setzte sie sich nieder und machte sich einen Kahn aus einem großen, zähen Blatte, und neben ihr auf einem Zweige saß das graue Vöglein und sang zur Arbeit. Sie hastete sich sehr, denn sie mußte fort, ehe die Fee zurückkam. Die Sonne senkte sich zum Horizont, als sie fertig war. Da brach sie einen Zweig ab zum Rudern, setzte sich getrost in den leichten Kahn und stieß vom Lande ab; das Vöglein flog ihr auf die Schulter. Zuerst fuhr sie zwischen den Schilfwänden hin, denn weit hinaus stand das Rohr in den See. Als sie eben um eine Biegung ins Freie hinausfahren wollte, standen da zwei große Vögel im Wasser wie Wächter an beiden Seiten. Die sperrten ihre gewaltigen Schnäbel auf, klappten grimmig damit und hackten nach Erika. »Das Stäbchen, das Stäbchen!« sang ihr das Vöglein ins Ohr. Als sie die Vögel damit berührte, verbeugten sie sich ganz ehrerbietig, daß die langen Schnäbel ins Wasser tauchten, und ließen sie vorüberfahren. Sie ruderte nun in den See hinaus, der still und glatt in der Abendsonne dalag, und weiter und weiter blieb die Insel hinter ihr zurück. Die Sonne versank in schweres Gewölk, das lang hingestreckt am Horizonte lag, und das Abendrot warf einen roten Schein über den See hinaus. Dann erblaßte der Schein, und dunkel ward die Flut, und dunkel ward es ringsum, nur die wimmelnden Sterne glänzten am Himmel, und ihre flimmernden Spiegelbilder ruhten tief im Grunde des Wassers. Bald aber kam der Mond aus den Wolken hervorgegangen und machte eine glänzende Straße über den See hinaus, und Erika fuhr immer darin weiter und ruderte, daß ihr die Hände blutig wurden. »Halt aus, halt aus!« sang das Vöglein. Als die Fee nach Hause kam und Erika auf der ganzen Insel nicht fand, stieg sie auf einem Vogel in die Luft empor und erblickte Erika, wie sie im Mondschein weit auf dem See fuhr. Sie hatte aber außer der Insel keine Macht, sie zurückzuholen. Da sie aber sehr zornig war, erregte sie einen gewaltigen Sturm auf dem See, daß Erika ertrinken sollte. Die Wolken zogen vor den Mond, daß es ganz dunkel ward, und der Wind machte sich auf und heulte über den See hin, daß die Wellen sich emporbäumten und wie dunkle Ungetüme mit weißen Kämmen einherzogen und Erika zu verschlingen drohten. Die saß in ihrem kleinen Schifflein und zitterte und blickte angstvoll in die Nacht hinaus. Aber das Vöglein sang ihr ins Ohr: »Halt aus, halt aus!« Da faßte sie wieder Mut und schöpfte mit ihren kleinen Händen hastig das Wasser aus, das in das Schiff eindrang; aber der Sturm ward mächtiger, und die Wogen warfen das Schifflein umher wie einen Spielball; dann kam eine gewaltige Welle angezogen und schlug über sie hinaus, und ihr vergingen die Sinne. Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf einem grünen Rasen am Ufer des Sees, der sich noch in leichten Wellen regte; die Sonne schien schon durch das Gezweige und glänzte über dem Wasser. Da war nun ein großer, wilder Wald, viele Meilen weit; aber sie ging den ganzen Tag; das Vöglein flog vor ihr her und zeigte ihr den Weg. Wenn sie müde war, sang das Vöglein, und die Sehnsucht trieb sie fort über die Berge und durch Täler. Die Dornen rissen sie blutig, und die spitzen Steine zerschnitten ihr die Füße; aber sie achtete nicht Schmerz und Hunger; nur im Vorübergehen streifte sie Beeren von den Büschen und aß sie. Des Nachts, wenn sie im Moose lag und schlafen wollte, brüllten die wilden Tiere ringsumher, und gewaltige Eulen mit glühenden Augen flogen geräuschlos über sie hin und riefen schauerlich: »Schuhu! Schuhu!« Aber das Vöglein sang ihr ins Ohr, und sie hörte nicht danach. Sie war schon viele Tage gegangen, da ward eines Morgens der Wald lichter und lichter, bald standen nur noch einzelne Tannen dort zerstreut, und dann trat sie hinaus auf die Heide, die sich weit, einsam und flach dahinzog. Erika jubelte auf, warf sich auf den Boden und küßte die Erde. Noch war aber der Weg weit, die Sonne brannte glühend vom Himmel, und weit und breit war kein Quell, daß Erika fast verschmachtet wäre. Aber das Vöglein flog vor ihr her und sang, da fühlte sie den brennenden Durst nicht mehr. Endlich am Nachmittage sah sie einen blauen Rauch am Horizonte in die klare Luft aufsteigen, und hastiger wurden ihre Schritte. Dann tauchte auch das graue Haus hervor zwischen den jungen Tannen – fern lag es wie ein kleiner Hügel in bläulichem Duft –, und am Abend, als die Sonne hinter ihr untergehen wollte, war sie dort, atemlos vor Hast, und rief schon von ferne: »Vater, Vater!« Der stand bei seinen Bienenstöcken und drehte sich hastig um, da flog sie an seine Brust und schluchzte und weinte vor Freude. Das graue Vöglein aber schwang sich jubelnd in die Luft empor zu den Heidelerchen, die dort oben den stillen, glänzenden Abend besangen, und die Sonne versank wie eine mächtige, rotgoldene Scheibe am Horizont. Still und groß stand das Abendrot am Himmel, und der Vater drückte seine Erika ans Herz, streichelte ihr die braunen Locken und küßte sie auf den Mund, und es war alles wieder gut. Der Schlangenkönig Es waren einmal drei kleine Mädchen, die hüteten an einem Teiche die Gänse. Dieser grenzte an den Wald, und sonst war ringsherum grünes Wiesenland, in dem einige mächtige alte Eichen verteilt standen und um die heiße Mittagszeit kühlen Schatten spendeten. Zwei von diesen Mädchen waren Bauerntöchter und hüteten die eigenen Gänse ihrer Väter; sie trugen gute Kleider und weiße Schürzen, Zwickelstrümpfe und schöne feste Lederschuhe und hatten gestickte Käppchen auf dem Kopfe; das dritte dagegen war das Kind einer armen Tagelöhnerswitwe und mußte den ganzen Sommer barfuß laufen. Sein Röcklein war wohl sauber, allein von dürftigem Stoff und vielfach geflickt, darüber trug es eine schlechte Schürze von grauer Leinwand und um den Kopf ein blaues, verwaschenes Tüchlein. Obgleich es nun ein stilles, bescheidenes und hübsches Kind war, ward es doch von den beiden anderen gar häßlich behandelt, denn diese dünkten sich in ihrer besseren Kleidung und als die Töchter von reichen Bauern viel vornehmer als das Bettelkind, wie sie es nannten, und waren nur freundlich gegen die kleine Gänsehirtin, wenn sie ihre Hilfe brauchten. Denn diese war sehr geschickt und anstellig in allen Dingen; die Gänse des Teichbauers, die sie hütete, gediehen am besten von allen im Dorfe, und zu jeder Handarbeit hatte sie flinke und kluge Finger, so daß es unter den übrigen Dorfkindern hieß: »Die Gänsegrete kann alles!« Dabei war sie so guten und hilfreichen Sinnes, daß, wenn sie auch eben noch über die Unfreundlichkeit und Härte der anderen einsam hinter dem Weidenbusch bittere Tränen vergossen hatte, sie doch sofort bereit war, der einen das verwirrte Strickzeug in Gang zu bringen oder der anderen die Haare zu flechten oder sonst Dienste zu leisten, wofür ihr kein Dank wurde. Und ob die anderen sie verspotteten und auf mancherlei Art quälten und schlecht behandelten, so ließ sie doch nicht nach, sich ihnen gefällig zu erweisen, und war schon zufrieden, wenn sie nur in ihrer Nähe geduldet wurde und sich hilfreich erzeigen konnte. Einmal zur heißen Mittagszeit lagen die beiden Bauerntöchter im Schatten einer Eiche und schliefen, während Grete auf die Gänse achten mußte. Sie hatte sich mit ihrem Strickstrumpf an den Waldrand gesetzt, wo das Ufer steiler anstieg und trocken und sandig war. Es wuchs dort spärliches Gras und Heidekraut und wilder Thymian, der in runden, kissenartigen Flächen zusammenstand und süßen Duft verbreitete. Indes nun alles ringsum still war, als ob es schliefe, und kaum etwas vernehmlich als ein schläfriges Summen der nie rastenden Bienen, da hörte Grete plötzlich ein leises, schlängelndes Rascheln, das durch das spärliche Gras näher kam. Sie heftete die Augen aufmerksam in jener Richtung auf den Boden, und auf einmal funkelte und blitzte es aus dem Grase hervor wie heller Feuerschein. Dieser Glanz kam aber von einer kleinen goldenen Krone, die auf dem Kopfe einer weißen Schlange saß. Das Tier richtete sich ein wenig auf und schaute mit den listigen Äuglein nach allen Seiten um sich, ohne Grete zu bemerken. Dann glitt es hinter einen Busch Thymian, und als es an der anderen Seite wieder zum Vorschein kam, war das Krönlein verschwunden. Die Schlange aber lief zum Teich hinab, in dessen Gewässer sie behaglich umherschwamm, bis Grete sie aus den Augen verlor. Grete hätte nun wohl gern nachgesehen, was aus dem goldenen Krönlein geworden sei, allein sie wagte es nicht, weil sie die Furcht, die Schlange möchte zurückkommen, davon abhielt. Nach einer Weile stieg diese auch wieder ans Land und begab sich wieder hinter den blühenden Thymian. Als sie an der anderen Seite zum Vorschein kam, hatte sie die Krone wieder auf dem Kopfe und glitt eilfertig durch das raschelnde Gras dem Walde zu. Grete erzählte hernach den beiden anderen Mädchen dieses Ereignis; da sagte das eine: »Das war der Schlangenkönig. Wenn er sich baden will, da legt er vorher seine Krone ab. Das hat meine Großmutter mir erzählt. Wenn man den Ort weiß, wo er zu baden pflegt, so muß man dort ein weißes Tuch oder eine Schürze ausbreiten, denn das hat er gern und legt seine Krone darauf. Dann muß man schnell mit ihr davonlaufen, bis man über ein fließendes Wasser kommt. Da hinüber kann er nicht folgen. Denn wenn er merkt, daß seine Krone fort ist, da pfeift er und ruft alle die anderen Schlangen in der Gegend zusammen, damit sie den Kronendieb verfolgen. Das ist schon manchem schlecht bekommen, der sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte.« Am anderen Morgen in der Frühe wuschen die Mädchen ihre Schürzen im Teich und trockneten sie in der Sonne, denn sie hatten beschlossen, zu versuchen, ob sie nicht die Krone des Schlangenkönigs zu erlangen vermöchten. Um die Mittagszeit breiteten die beiden Bauerntöchter ihre schneeweißen Schürzen neben dem blühenden Thymian aus, doch als Grete ihre grobe, graue danebenlegen wollte, da litten sie es nicht und verhöhnten sie und spotteten ihrer und fragten, ob sie denn wirklich glaube, daß der Schlangenkönig seine Krone auf den häßlichen, grauen Lappen legen werde. Grete ging still weinend beiseite und mußte ihre Schürze ganz am Ende des Raines ausbreiten, wo wohl wenig auf einen Erfolg zu hoffen war. Dann verbargen sich alle hinter den Büschen und warteten. Es dauerte eine Weile, da raschelte es wieder in dem dünnen Grase und kam allmählich näher. Da nun der Schlangenkönig die weißen Schürzen bemerkte, glitt er herzu, hob seinen Kopf ein wenig und betrachtete sich, indes das gespaltene Zünglein schnell aus und ein ging, die, die ihm zunächst lag. Sie schien ihm nicht zu gefallen, denn er glitt über eine Ecke des weißen Zeuges hinweg zur nächsten hin und betrachtete sie ebenfalls prüfend. Diese schien ihm mehr zuzusagen, denn er begab sich hinauf, ringelte sich zusammen und lag eine Weile ganz still im Sonnenscheine da. Dann hob er plötzlich Kopf und Hals hoch empor, denn eines der Mädchen hatte zufällig ein Geräusch gemacht, und blickte nach allen Seiten umher. Dabei fiel ihm die dritte Schürze in die Augen, und unverweilt schlängelte er sich durch das Gras dorthin. Obwohl diese nun die grobe graue der armen Grete war, so schien er doch ein großes Wohlbehagen daran zu finden, denn er wälzte und schlängelte sich wie in hohem Vergnügen darauf umher, und plötzlich hatte er seine Krone abgestreift und lief dem Teiche zu, wo er im Wasser verschwand. Darauf sprang Grete freudig und schnell herzu, schlug die Schürze über dem blitzenden Krönlein zusammen und rief, indem sie davonlief: »Kommt schnell, ehe es zu spät ist!« Nun eilten auch die anderen verdrießlich hinter den Büschen hervor, nahmen ihre Schürzen und folgten ihr. Jedoch der Schlangenkönig kam wie ein Pfeil aus dem Wasser hervorgeschossen und begann so hell und durchdringend zu pfeifen, daß es durch den ganzen Wald schallte. Indes nun die Mädchen rannten und das kleine Quellwasser zu gewinnen suchten, das sein spärliches Geriesel in den Teich ergoß, raschelte und zischte es gar grausig von allen Seiten durch das Gras und Kraut von Hunderten von Schlangen, die auf den Ruf ihres Königs eiligst herzukamen. Jedoch gelang es den Mädchen noch rechtzeitig, über das fließende Wasser zu springen, also daß sie sich der Rache des beraubten Schlangenkönigs glücklich entzogen. Als nun die anderen Mädchen den erworbenen Schatz betrachteten und gewahr wurden, wie überaus zierlich und fein dieses Krönlein gearbeitet war und wie es in seiner Mitte einen funkelnden, blauen Stein von ganz seltsamem Glanze trug, da ward ihre Mißgunst und ihr Neid noch größer denn zuvor, und sie hätten der glücklichen Grete das köstliche Besitztum gern abgeschwatzt. Doch so gut und fügsam auch diese sonst war, so blieb sie diesmal doch fest und hielt allen Drohungen, Bitten und Schmeicheleien stand. Ja, als ihr die eine ihr güldenes Sonntagskettlein mit dem Korallenherzen und die andere ihren Ring mit dem hellblauen Stein dafür versprach, schüttelte sie nur mit dem Kopfe und hielt die Hand fest auf der Tasche, in der sie den Schatz barg. Sie lagen ihr in den Ohren, bis die Zeit kam, die Gänse nach Hause zu treiben, allein sie erreichten nichts und mußten ohne das Krönlein abziehen. Die arme Witwe war hocherfreut, als ihr Grete zeigte, was sie mitgebracht hatte. »Das ist ein herrlicher Schatz«, sagte sie, »nun hat alle unsere Not ein Ende.« Nachdem sie wohl eine Stunde lang das zierliche Ding besehen und hin und her gedreht und im Lichte der Lampe hatten funkeln lassen, ward es sorglich eingewickelt und in die Truhe geschlossen. Danach gingen Mutter und Tochter zu Bette. In der Nacht erwachten beide von einem leisen, pfeifenden Getön und waren verwundert, die Kammer von einer milden Helligkeit erfüllt zu finden, obgleich der Mond gar nicht am Himmel stand. Dieser Schein aber kam von dem Schlangenkönig her, der auf dem Fußboden lag und leuchtete, als sei er aus lauter Mondschein geformt. Er sprach, indem er sein Haupt erhob, mit feiner, silberner Stimme: »Gebt mir mein Krönlein zurück, ich will es euch kostbar lohnen! Es wird eine sonderliche Blume in eurem Garten wachsen, dergleichen ihr noch nie gesehen habt. Wenn ihr dort nachgrabet, so werdet ihr einen großen Schatz finden. Nicht eher begehr ich das Krönlein zurück, als bis sich dieses als Wahrheit erwiesen hat. Versäumt ihr aber dann, meinen Wunsch zu erfüllen, so wird euch großes Unglück treffen!« Nachdem der Schlangenkönig diese Worte gesagt hatte, glitt er hinter den Ofen und verschwand. Grete und ihre Mutter konnten vor Aufregung und Erwartung die ganze Nacht nicht mehr schlafen. Kaum graute der Morgen, da waren sie schon in dem taufeuchten Garten und suchten nach der verheißenen Blume. Ob sie aber gleich jeden Winkel durchstöberten, so vermochten sie doch nichts Auffallendes zu finden und wollten schon verzagen, als sich plötzlich, kaum daß die Sonne ihren ersten Funkenblitz über den Horizont geworfen hatte, ein seltsam melodisches Klingen in der Luft erhob und ein gewürziger Duft den ganzen Garten erfüllte. Zugleich tat sich unter dem großen Apfelbaum das Erdreich ein wenig auf, und ein leuchtendgrüner Keim schoß hervor, der alsbald seine Blätter entrollte und aus deren Mitte einen Blütenstengel mit drei goldenen Knospen emportrieb. Das Klingen in der Luft schwoll an, und der Duft verstärkte sich, als sich diese Knospen voneinandertaten und drei Blumen entfalteten, die genau dem Krönlein des Schlangenkönigs glichen und gleich diesem in der Mitte wie blaue Sterne leuchteten. Aber kaum hatten sich diese zu höchster Pracht aufgetan, als sie auch schon die Köpfe hängenließen, so daß bald nur noch der verwelkte Pflanzenstengel dastand. An dieser Stelle grub nun die Frau und stieß bald auf einen großen Topf, der mit goldenen Münzen und kostbaren Edelgesteinen bis zum Rande angefüllt war, so daß sie auf einmal viele Reichtümer besaß. Noch am selbigen Tage brachte Grete dem Schlangenkönig seine Krone zurück. Ihre Mutter, die den reichen Fund niemand mitteilte, verkaufte bald darauf ihr kleines Anwesen an einen benachbarten Bauern, der zur Abrundung seines Gutes schon lange danach getrachtet hatte, und zog mit Grete in eine entfernte Stadt, wo sie in einem schönen Gartenhäuschen in behaglicher Wohlhabenheit wohnte und ihre Tochter in allen guten Dingen unterrichten ließ, so daß aus der kleinen Gänsehirtin ein kluges und schönes Mädchen ward, das später ein vornehmer junger Mann zu seiner Gattin erwählte. So ward sie die Stammutter eines blühenden und wohlhabenden Geschlechts, dessen Nachkommen noch heute bestehen und in ihrem Wappen eine silberne, gekrönte Schlange und zwei goldene Gänse führen. Die drei Schwestern Es war einmal ein Mann, der hatte drei Töchter. Die älteste hieß Armide und besaß ein stolzes, hochfahrendes Wesen. Ihr Haar war schwarz mit bläulichem Glanze wie ein Rabenflügel und ihre Haut weiß und glatt wie Elfenbein. Wenn sie schön und stattlich gekleidet durch die Straßen ging, da sahen die Leute ihr nach und nannten sie die schwarze Prinzessin. – Sylphide, die zweite, war braun von Haar und schaute mit lachenden Augen in die Welt wie ein junger Frühlingsmorgen. Sie tanzte mehr als sie ging, daß Zöpfe und Bänder an ihr flogen. – Die dritte, Elfriede, hatte ein stilles, bescheidenes Wesen und ward wenig bemerkt, wenn die anderen zugegen waren. Zwar war ihr Haar von seltener Farbe und leuchtete wie gesponnenes Gold, wenn die Sonne darauf schien; allein die zarte Haut ihres Antlitzes war wie ein Vogelei von Sommersprossen punktiert, und da sie stets einfach gekleidet, still und sinnig einherging, so kam es, daß sie von ihren glänzenderen Schwestern ganz verdunkelt ward und sich niemand viel um sie kümmerte. Indes jene ihrem Putze und ihren Vergnügungen nachgingen, besorgte sie das Hauswesen und war wie ein guter Geist in Küche und Kammer still und geräuschlos tätig. Nun geschah es, daß der Vater in eine so schwere Krankheit verfiel, daß die geschicktesten Ärzte ihm nicht zu helfen vermochten, ob sie ihm gleich die künstlichste und teuerste Medizin verschrieben. Wenn sie auch noch so oft die Elfenbeinknöpfe ihrer Stöcke an die Nase drückten und die Stirn in Falten zogen, so brachten sie doch nicht heraus, wie ihm zu helfen sei. Der Mann siechte dahin und ward immer schwächer, und wenn nicht bald Hilfe kam, mußte er sterben. In einem benachbarten Walde nun trat in finsterer Bergschlucht ein Brunnen zutage, in dem ein Wassermann seinen Wohnsitz hatte. Es ging die Sage, daß Wasser aus diesem Felsenquell, an seinem Ursprung geschöpft, die Macht habe, auch die schlimmste Krankheit zu heilen. Daran erinnerte man sich in der höchsten Not, und die älteste Tochter machte sich auf, um davon zu holen. Sie nahm den schönen, silbernen Krug mit goldenen Zieraten, der ein altes Familienerbstück war, und schritt dem Walde zu. Sie war gar herrlich angetan mit Seide und Goldbrokat und köstlichem Geschmeide, also daß ein Rauschen der Gewänder und ein klingendes Klirren der metallenen Zierate von ihr ausging und die Vögel des Waldes verwundert von den Zweigen auf sie herabschauten. So gelangte sie in die finstere Felsschlucht zu dem Born des Wassermannes und trug ihm in stolzen Worten ihre Bitte vor. Dieser blickte sie aus kleinen, grünen Äuglein gar seltsam an und sprach: »Das Wasser will ich dir geben, aber du mußt meine Frau werden. Im Felsen ist eine Höhle, dort sollst du auf weichem Moose ruhen, und ich will dich getreulich hüten und hegen.« Fast erstarrt blickte Armide den Wassermann an, denn sie erachtete ein solches Begehren für eine große Frechheit. Allerdings, schön war er nicht, das mußte man sagen. Aus seinem breiten Munde schauten grüne, spitze Zähne hervor, und das verfilzte, blaugrüne Haar hing ihm wie Schilfblätter um das bronzefarbene Antlitz. Zudem war er am ganzen Leibe mit dichtem Pelz, wie ein Fischotter, bewachsen und trug zwischen seinen krallenbewehrten Fingern häßliche Schwimmhäute, so daß seine Hände großen Froschfüßen vergleichbar waren. Und weiter schweiften Armides Blicke über die Wände der finsteren Felsenschlucht, an denen das Wasser tropfte und feuchtgrüne Algen in langen Fäden und Streifen herabhingen. – Sie dachte nicht an den kranken Vater, der auf seinem Schmerzenslager dahinsiechte, sondern nur, daß sie wohnen sollte in diesem düsteren, feuchten Grunde, an der Seite eines Scheusals, fern von dem Sonnenschein und Glanz der Welt und den bewundernden Blicken der Menschen. »Niemals!« sagte sie, indem sie den Wassermann stolz und feindlich anblickte. »Ich dachte es mir wohl!« sagte dieser, indem er also grinste, daß sein Mund von einem Ohr zum anderen reichte und alle seine grünen, spitzen Zähne sichtbar wurden. »Aber«, fuhr er fort, »es schickt sich nicht, daß eine so stolze Dame zu Fuß geht, ich will dir ein Rößlein leihen, das dich nach Hause trägt.« Damit langte er auf den Grund seines Borns, holte einen glatten schwarzen Kiesel hervor und warf ihn in die Luft. Bevor dieser aber den Boden berührte, stand ein blankes schwarzes Rößlein da, das gar fromm und sittsam tat und mit den Vorderhufen zierlich den Boden scharrte. Armide leuchteten die Augen, denn Reiten war ihre größte Lust. Sie sah den Wassermann fast freundlich an und schenkte ihm ein gnädiges Lächeln, da er gleich einem höflichen Kavalier herzutrat und ihr in den Sattel half. Das schwarze Pferd trabte auch anfangs ganz sittsam mit ihr durch die Felsschlucht davon, bis auf einmal ein furchtbares Händeklatschen erscholl und die Stimme des Wassermannes gellend rief, daß es die Gründe rings widerhallten: »Hei, ho! Hetzjagd! Hei, ho!« Da schien ein Teufel in das Pferd zu fahren. Zuvörderst stand es eine Weile auf den Hinterfüßen, und dann nahm es den Kopf zwischen die Beine und jagte davon, daß der Reiterin Hören und Sehen verging. »Hei, ho!« durch den Wald, durch Dickicht und wüstes Gestrüpp, so daß Seide und Goldbrokat und köstliches Geschmeide in Fetzen an den Dornen hingen und die Zweige dem Mädchen ins Gesicht klatschten und es blutig kratzten. Dann über ein sandiges Distelfeld, wo der Staub aufflog und wie ein langer Streifen hinterherzog, dann vom Uferabhang hinab in den Strom, daß das Wasser über den Köpfen zusammenschlug, und dann über Wiesen und Moorsumpf, bis endlich dieses satanische Roß mit plötzlichem Ruck vor dem Hause ihres Vaters auf den Vorderbeinen stand, seine Reiterin in den Sand warf und in demselben Augenblick spurlos verschwunden war. Der kleine Sohn des Nachbars fand kurz darauf an derselben Stelle einen glatten, schwarzen Kiesel. Als er ihn zum Brunnen trug, um den Staub abzuwaschen, glitt er ihm aus der Hand und konnte trotz alles Suchens nicht wiedergefunden werden. Am folgenden Tage ging Sylphide, die zweite Tochter, hinaus, um bei dem Wassermann ihr Heil zu versuchen. Sie trug ein Kleid von Silberzindel, das mit tausend glänzenden Flittern und bunten, fliegenden Bändern verziert war, und nahm als Gefäß einen venezianischen Glaskrug, der sehr zierlich und kostbar war. So tänzelte sie dahin auf dem Wege, und ihre bebänderten Zöpfe schlugen im Rücken den Takt dazu. Als sie bei dem Brunnen des Wassermannes angelangt war, machte sie ihm behende einen Knicks und trug ihm ihr Anliegen vor. Da sie nun dieselbe Antwort erhielt wie ihre Schwester, so kam ihr ein solches Ansinnen so belachenswürdig vor, daß sie nicht vermochte, den geziemenden Ernst zu bewahren. Auch sie gedachte nicht ihres Vaters, der sich, hinsterbend auf dem Schmerzenslager, nach dem erlösenden Genesungstrunk sehnte, sondern lachte dem Wassermann gerade ins Gesicht. Dann faßte sie zierlich ihr Kleid mit den Fingerspitzen und drehte sich dreimal gar anmutig vor ihm herum, daß die Röckchen flogen, und sprach: »Das möchtest du wohl, du alter Mummelbär. Daraus wird nichts. Das möchte lustig aussehen, wenn ich mit einem solchen Patschefuß zu Tanze ginge!« Der Wassermann grinste wieder, daß sich sein Mund von einem Ohr zum anderen zog, und sagte: »Ich dacht es wohl! Aber ich sehe, du liebst es zu tanzen. Ich will dir einen Tänzer mitgeben, den besten in der Welt, es ist der Wirbelwind selbst!« »Ich mag nicht, ich will nicht!« rief Sylphide, allein schon hatte der Wassermann in die Luft geblasen und diesen Hauch mit den Fingern gewirbelt und gedreht, und plötzlich fühlte sich Sylphide von einem unsichtbaren Wesen ergriffen und umschlungen. Dann pfiff der Wassermann auf den Fingern, daß es durch die Lüfte gellte, und sprengte Wasser aus seinem Born empor: »Hei, ho! Tanz, mein Püppchen! Hei, ho!« rief er, und nun packte es Sylphiden fester und wirbelte mit ihr davon, daß Staub und trockene Blätter im Kreise flogen und die Wipfel brausten, wenn sie vorüberkamen. Hei, das war ein Tanzen durch Wald und Feld, über die Heide und den aufbrausenden Strom! Und mit dieser Wirbelsäule zogen Donner und Blitz und strömender Regen bis vor das Haus des Vaters, wo Sylphide atemlos und durchnäßt mit zerfetzten Kleidern liegenblieb und genug vom Tanzen hatte. Am nächsten Tage um die Mittagszeit ging Elfriede als die letzte hinaus, um ihr Glück zu versuchen. Sie hatte ein reinliches weißes Kleid angetan und trug sorglich in den Händen ein braun glasiertes Töpfchen, dergleichen man in Bunzlau am besten bereitet. Es war aber eine heiße Mittagsglut, und alle Vögel schwiegen, und alle Blätter schliefen im Walde. Selbst das Bächlein, das aus der Felsenschlucht hervorlief und zwischen den Steinen im Grunde einherging, murmelte so schläfrig wie einer, der im Traume redet. Sie trat aus der Schwüle des Waldes in die feuchte Kühle der Schlucht ein und schritt über den bemoosten Boden dahin. In der Höhe reichten uralte, düstere Tannen einander ihre Zweige, so daß nur zuweilen ein Stücklein des blauen Himmels hindurchschien. Indes nun die Felsen zu beiden Seiten immer mächtiger anstiegen, gelangte sie an das Ende der Schlucht, an den Brunnen des Wassermannes. Dieser glich einer Steinschale, über deren Rand sich das klare Wasser ebenmäßig in ein zweites, flacheres Becken ergoß, das seinen Überfluß an ein schmales Rinnsal zwischen den am Boden zerstreuten Steinblöcken abgab. Sie hörte nichts als das murmelnde Rauschen der Quelle und das klingende Tropfen und Rieseln des Wassers an den feucht bemoosten Felswänden. Plötzlich schrak sie zusammen, denn sie sah, daß eine menschenähnliche, zottige Gestalt hinter der Schale des Bornes an der Wand lag. Es war der Wassermann, der ruhig schlief und einen seiner Froschfüße über den Rand in das Wasser hängenließ. Ein Schauder lief durch ihre Glieder, als sie dies häßliche Ungetüm so nahe vor sich sah. Dann stand sie eine Weile und wartete, daß er aufwachen möchte. Da sich dieses aber nicht ereignen wollte, nahm sie ein Steinchen und warf es in den Brunnen. Wie erschrak sie aber, als er plötzlich emporfuhr und sie mit den gelbgrünen Äuglein anstierte. »Schon wieder eine!« sagte er. »Was willst du von mir?« Elfriede trug schüchtern ihre Bitte vor und erhielt dieselbe Antwort wie ihre Schwestern. Nun ergriff sie wohl ein neuer Schauder, allein sie dachte an den bleichen, sterbenden Vater und seine Todesnot und sprach: »Ich will gern dein Weib werden, wenn du meinen Vater gesund machst.« Der Wassermann lachte still über das ganze Gesicht, und es war zum Verwundern, wie freundlich seine häßlichen Züge leuchten konnten. »Ich dacht es wohl!« sagte er. Dann langte er auf den Grund seines Bornes und holte ein smaragdenes Gefäß hervor, das mit dem Wasser des Lebens gefüllt war, und reichte es dem Mädchen hin. Als es nun mit vielem Danke gehen wollte, sagte er: »Wart ein Weilchen!«, tauchte die Hand in den Born und besprengte ihr Haar und ihre Kleider, und siehe da, alle diese Tropfen wurden zu schimmernden Perlen und funkelnden Diamanten, also daß Elfriede in dem glänzenden Schmucke einer Königstochter dastand. Dann fuhr er ihr sanft mit der Hand über das Gesicht und sprach: »Schau in den Born!« In diesem klaren Spiegel sah nun das Mädchen zu seiner freudigen Verwunderung, daß sein Antlitz von den häßlichen Sommersprossen befreit und rein und glänzend war wie geläutertes Silber. Sodann nahm der Wassermann drei Kiesel hervor, legte sie auf den Boden, sprengte Wasser darüber hin und murmelte einige seltsame Worte, worauf sich diese Steine in zwei milchweiße Pferdchen verwandelten, die vor einen glänzenden Wagen aus Perlmutter und Elfenbein gespannt waren. Nachdem sich Elfriede hineingesetzt hatte, trabten die Tierchen fromm und sänftiglich mit ihr davon, während der Wassermann anmutig auf einer goldenen Harfe spielte und so schön sang, daß es schier zum Verwundern war, wie so herrliche Töne in einem so häßlichen Leibe wohnen mochten. Armide und Sylphide lagen schon eine Weile im Fenster, denn in ihrem schadenfrohen Gemüt dachten sie sich daran zu erfreuen, wie nun auch die jüngste Schwester unverrichteter Sache und sehr geschädigt zurückkehren würde. Doch wie erstaunten sie, als plötzlich ein glänzendes Wunder um die Ecke bog, das in der Sonne silbern funkelte und blitzte. Mitten daraus hervor leuchtete es wie ein grüner Stern; das war das smaragdene Gefäß mit dem Wasser des Lebens, das Elfriede in ihren Händen trug. Als nun dies seltsame Gefährt vor der Haustüre hielt und das Mädchen sittsam aus dem Wagen stieg, waren Pferdchen und Gefährt plötzlich verschwunden, und nur noch drei glänzende Kiesel lagen im Sande. Elfriede ging nun mit dem schönen Kruge in das Krankenzimmer des Vaters, wo sich, da sie eintrat, alsbald ein Duft wie von Frühlingsblumen und edlem Wein verbreitete. Der Kranke hob sich vom Lager empor, und über seine Wangen zog eine frische Röte, als ein Morgenschimmer der Genesung. Er griff mit beiden Händen nach dem smaragdenen Gefäß und trank in langen Zügen Gesundheit und Kraft und neues Leben, und alsobald wich die Krankheit von ihm. Da nun die beiden älteren Schwestern solches sahen und ihnen das herrliche Geschmeide, das Elfriede trug, in die Augen stach und sie wohl bemerkten, daß sie nun so viel schöner war und anzuschauen wie eine Prinzessin, da erfüllte Neid und Mißgunst ihre Herzen, und sie spotteten ihrer und höhnten sie, daß sie nun des Wassermannes Weib werden müsse, und nannten sie Frau Froschkönigin. Elfriede aber ertrug alles mit stillem Gemüt und wehrte ihnen nicht. In der folgenden Nacht aber, als schon der Morgen graute und Elfriede in ihrem Kämmerlein auf dem Lager ruhte und vor mancherlei Gedanken des Schlafes entbehrte, da hörte sie plötzlich, wie es draußen an die Haustür pochte, und eine Stimme rief: »Du schönes Mädchen, komm hervor! Dein Bräutigam steht vor dem Tor!« Elfriede aber grauete sich sehr und stellte sich, als hörte sie es nicht. Dann vernahm sie aber, wie sich die Haustür öffnete, und unten vom Flur herauf schallte es: »Du schönes Mädchen, komm heraus! Dein Bräutigam ist schon im Haus!« Sie aber rührte sich noch immer nicht. Da hörte sie, wie es schweren Trittes die Treppe heraufpatschte, und alsbald pochte es an ihre Kammertür und rief: »Du schönes Mädchen, komm herfür! Dein Bräutigam steht vor der Tür!« Da stand sie auf und öffnete. Draußen war der Wassermann in seiner ganzen Häßlichkeit. »Ich mahne dich an dein Versprechen«, sagte er, »und bin gekommen, dich mitzunehmen.« »Ich bin bereit«, sagte das Mädchen, obgleich sein Herz vor Schauder bebte. Da lächelte der Wassermann, so freundlich er vermochte, und sprach: »Wasche mich zuvor!« »Wie du befiehlst, Herr«, sagte Elfriede, holte Wasser herbei und begann ihn zu waschen. – Aber seltsam – wo sie ihn berührte, fiel das Otternfell wie Zunder von ihm ab, und bald stand er vor ihr als ein über die Maßen schöner Jüngling, gar herrlich in meergrüne Seide gekleidet und von so anmutigem Wesen, daß alsbald ihr Herz in Liebe gegen ihn entbrannte. Er führte sie die Treppe hinab vor die Haustür. Dort hielt eine goldglänzende Kutsche, mit silberweißen Pferden bespannt. Diener in wasserblauen Livreen rissen den Schlag auf, und fort fuhren sie in sausendem Trab. Die finstere Felsschlucht hatte sich in einen herrlichen Garten verwandelt mit rauschenden Quellen und springenden Brunnen, und in seiner Mitte erhob sich ein Schloß, so kostbar und schön, daß es wohl kaum seinesgleichen geben mochte. Dort lebten sie einträchtiglich viele Jahre, bekamen schöne Kinder, und es war dort eitel Freude und Wohlgefallen. Armide und Sylphide aber nahmen sich dies so zu Herzen, daß sie vor lauter Neid und Mißgunst die Gelbsucht bekamen und ihre Schönheit dahinging. Sie sind dann im Laufe der Zeit zwei recht häßliche alte Tanten geworden. Der Zwerg und die Gerstenähre Gekürzte Fassung Ein wohlhabender Bauer stand in seiner Scheune und schaute behaglich den mächtigen Segen an, den ihm ein günstiger Sommer gebracht hatte. Bis an den Giebel hinan waren alle Fächer gefüllt mit goldenen Garben, und das nicht allein – auf dem Felde standen noch einige stattliche Schober, die keine Unterkunft mehr hatten finden können; so reich war die Ernte gewesen. Dabei war das Stroh so lang und die Ähren so voll wie lange nicht, ja, der Hafer hatte sogar das dritte Korn, während sonst an den einzelnen Stielchen seiner Ähre nur zwei wie kleine Kanarienvögel sitzen und das dritte dazwischen gemeiniglich verkümmert. Als er nun so stand und an das Dreschen im Winter dachte und an die Wagen, mit feisten Kornsäcken beladen, die er in die Stadt und an den Müller liefern würde, und im Geiste schon die vielen blanken Taler in seinem Kasten klingen hörte, da raschelte es ganz leise in einem Haufen Stroh, der auf der Tenne lag. Der Bauer glaubte, es sei eine Maus, und packte seinen Stock schon fester, um ihr den Garaus zu machen, allein er verwunderte sich fast, da statt eines solchen Tierchens ein Etwas, so leuchtendrot wie Klatschmohn, aus dem Stroh hervorkam. Nun arbeitete es sich ganz zum Vorschein und stand da, nicht größer als eine Maus, die auf zwei Beinen geht. Es war ein Zwerg in grauer Kleidung mit einem roten Käppchen auf dem Haupte. Dieses lüftete der kleine Wicht gar höflich und sprach mit einem winzigen Stimmlein: »Herr Bauer, ich habe ein großes Anliegen an Euch.« »Nun, was willst du denn, kleiner Mann?« fragte dieser. Das Zwerglein sprach: »Reichtum und Fülle ist bei Euch eingekehrt. Wolltet Ihr nun die große Güte haben, mir alltäglich um diese Zeit von Eurem Überfluß eine Gerstenähre zu schenken, so soll dies nicht zu Eurem Schaden sein.« Der Bauer, der wohl wußte, daß man gut daran tut, sich das kleine Volk freundlich zu erhalten, sprach: »Gewiß, das soll geschehen, kommt nur alle Zeit um die Mittagsstunde, so soll Euch werden, was Ihr begehrt.« Damit ging er an das Fach, zog eine schöne Gerstenähre hervor und reichte sie dem Männlein hin. Dieses wendete sich aber mit trübseliger Gebärde gegen das Häuflein Stroh, aus dem es hervorgekommen war, und sprach: »Ihr habt diesen großen Berg vor unsere Höhle getürmt. So er dort liegenbleibt, vermag ich nicht mit Eurer freundlichen Gabe unsere Wohnung zu gewinnen.« »Nun, wenn's weiter nichts ist!« sagte der Bauer und schob mit dem Fuße das Stroh beiseite. Es zeigte sich nun an der Wand eine Öffnung wie ein großes Mauseloch. Das Wichtlein lüftete wieder sein Mützchen und sprach in wohlgesetzten Worten seinen Dank aus. Sodann wuchtete es unter großem Schnaufen die Gerstenähre auf seine Schulter und schleppte seine Last unter ziemlichem Gestöhne von dannen. Den sperrigen Halm in das Loch hineinzubringen ward ihm auch nicht leicht, man sah an dem Zappeln der Ähre, wie das Männlein inwendig zerrte, und wohl eine halbe Minute dauerte es, bis der letzte Zipfel in der Öffnung verschwunden war. Der Bauer ging von nun an alle Mittage in die Scheune und gab dem Männlein seine Gerstenähre, und von dieser Zeit ab gedieh sein Vieh auf eine wunderbare Art, obwohl es weniger Pflege und Futter verlangte als sonst. Es war eine Lust, diese runden, glänzenden Schweine zu betrachten, die so fett waren, daß sie kaum aus den Augen sehen konnten, und sich nur mit Mühe an ihren Futtertrog schleppten. So blanke Kühe wie auf diesem Hofe fanden sich bald weit und breit nicht. Sie gaben ohne Ende fette, sahnige Milch aus ihren strotzenden Eutern, und um die Butter, die die Bäuerin in die Stadt schickte, rissen sich die Leute, denn sie war frisch wie Morgentau und süß wie Nußkern. Obwohl die Pferde des Bauern alltäglich nur einige Hände voll Hafer und ein wenig Heu verzehrten, waren sie doch glänzend und schön, und, fromm und feurig zugleich, beschafften sie vor dem Pfluge oder dem Wagen doppelt soviel als früher. Auch mit den Hühnern war es ein seltsames Ding. Sie legten und legten fast das ganze Jahr hindurch, jegliches alltäglich ein großes, rundes Staatsei, zuweilen gar mit zwei Dottern, und niemals geschah es, wenn eine Glucke gesetzt wurde, daß sich auch nur eines von den untergelegten Eiern faul erwies oder daß später von den Küchlein der Habicht oder der Weih eines erwischte. Dies alles gefiel dem Bauern und der Bäuerin gar wohl, und da sie recht gut wußten, wem sie diesen Segen zu verdanken hatten, so priesen sie das kleine Männlein alle Tage, und niemals ward die herkömmliche Gabe versäumt. Eines Tages im Winter aber, als es bei hellem Sonnenschein so recht Stein und Bein fror und die Eiszapfen wie gläserne Keulen von den Dächern hingen, saß der Bauer recht behaglich in seinem Sorgenstuhl am warmen Ofen und wartete auf sein Mittagsessen. Es gab sein Lieblingsgericht, Schweinsrippenbraten, mit Pflaumen und Äpfeln gefüllt, und süße Düfte dieses köstlichen Gerichtes wehten jedesmal, wenn die Tür geöffnet wurde, verheißungsvoll aus der Küche hervor. Da er nun in der Erwartung des Guten so behaglich in der Wärme saß, empfand er eine Abneigung, hinauszugehen in den eisigen Wintertag und die kalte Scheune, nur um der einen kleinen Gerstenähre willen. Er rief deshalb seinen Knecht und sagte ihm, was er tun solle. Dieser, ein vorwitziger Gesell, hatte schon lange Begehren getragen, das sonderbare Männlein, darüber man im Dorfe die wunderlichsten Dinge erzählte, zu sehen, und ging eilfertig in die Scheune, wo er das Wichtlein schon wartend antraf. Als er ihm den Halm nun darreichte, konnte er sich nicht enthalten, das kleine Geschöpf wie zufällig ein wenig mit den spitzen Grannen der Ähre ins Gesicht zu kitzeln, also daß es sehr prustete und wunderliche Gesichter zog. Darüber wollte sich der Knecht vor Lachen innerlich ausschütten. Als er nun aber sah, wie der kleine Mann mit schwerem Gestöhn den Halm auf die Schulter wuchtete und unter Schnaufen davonschleppte, da erschien ihm solches dermaßen lächerlich, daß er sich nicht enthalten konnte zu rufen: »Nun, sieh einer das Krabauterding, wie es sich hat, als wenn der Halm ein Bindebaum wäre!« Sodann schlug er mit den Händen mehrfach auf die Knie seiner Lederhosen und lachte unbändig. Zwischendurch aber rief er, wie die Zimmerleute tun, wenn sie schwere Balken bewegen: »Holz, komm! Holz, komm!« und höhnte das Männlein auf alle Weise. Dieses aber ward im Gesichte so blutrot wie seine Mütze und warf zornig funkelnde Blicke um sich. Es schleppte, so rasch es vermochte, den Halm in das Loch hinein, und an dem hastigen Hinundherfliegen des vorstehenden Endes konnte man wohl bemerken, mit welcher Wut es inwendig zog und zerrte, bis der letzte Zipfel verschwunden war. Am anderen Tage, als der Bauer selbst kam, um dem Wichtlein die Gerstenähre zu geben, wartete er vergebens, es erschien niemand. Er rief es mit schmeichlerischen Worten und gab ihm die schönsten Namen, allein alles war umsonst. Auch am folgenden Tage kam es nicht, und sooft auch der Bauer um die Mittagszeit noch sein Heil versuchte, das Männchen war und blieb verschwunden. Wie oft hat es der Bauer noch bereut, daß er damals nicht selbst gegangen ist und seinem Knechte vertraut hat, denn von nun ab ging alles quer. Das Vieh stand an den Raufen und fraß und fraß Berge von Futter in sich hinein, und wenn alles verschlungen war, sah es sich mit glühenden, hungrigen Augen nach mehr um. Dabei ward es jedoch immer rauher und magerer, die Kühe gaben wenig dünne und blaue Milch, und den Pferden standen die Hüftknochen also vor, daß der Knecht seinen Hut dort hätte anhängen können, wenn er gewollt hätte. Die Schweine wurden hochbeinig und dünn, und wenn sie einmal aus dem Stall gelassen wurden, da rannten sie wie die Windhunde auf dem Hofe umher, was für ein Schwein eine ganz törichte Kunstfertigkeit ist. Und mit den Hühnern war's auch vorbei. Sie kriegten den Pips und legten Windeier, und wenn sie mal ein ordentliches zugange brachten, so fraßen sie es auf. Als der Bauer nun sah, wie alles hinter sich ging, verlor er ganz die Lust an seinem Anwesen, und als er ein gutes Angebot erhielt, verkaufte er es. Prinzessin Zitrinchen Es war einmal eine Prinzessin, die hieß Zitrinchen, das war die niedlichste Prinzessin auf der Welt. Als sie geboren wurde, war sie nicht größer als ein kleiner Finger, und obgleich sie sich alle Mühe gab zu wachsen, da war sie doch in ihrem achtzehnten Jahre nur so groß, daß sie, wenn sie die Arme ausstreckte, gerade auf den Tisch reichen konnte. »Nun bin ich groß«, meinte Zitrinchen, »wenn ich nur nicht so klein wäre.« – Um diese Zeit sagte eines Tages die Königin zu ihrem Manne, dem König: »Nun wäre es wohl soweit.« »Hm!« sagte der König. »Ich glaube, es nimmt sie nur keiner, das Format ist zu geringfügig.« »Man muß es versuchen«, antwortete die Königin. »Gut«, sagte der König, »versuchen kann man es.« Er ließ in die allgemeine Heiratszeitung für Prinzen setzen: »Es ist eine Prinzessin zu haben. Sie bekommt ein Herzogtum mit und ein schönes altes Schloß mit Hühnerhof und Springbrunnen. Ordentliche Prinzen können sich melden da und da.« Da es nun in der Welt stets eine Menge unverheirateter Prinzen gibt, die nichts zu regieren haben und ein Herzogtum sehr wohl gebrauchen können, so kamen nacheinander eine ganze Menge in das Königreich geritten, um sich die Prinzessin anzusehen. Beinahe alle Tage kam einer und an manchen Tagen sogar zwei; wenn aber der König nach ihren Zeugnissen fragte und sie hatten keine, oder es stand darin »ungenügend« oder gar »schlecht«, mußten sie gleich wieder umkehren und durften sich gar nicht sehen lassen. Als die kleine Prinzessin zuerst davon hörte, daß sie heiraten sollte, da klatschte sie in die Händchen und rief: »Ach, wie nett, nun werde ich einen Mann bekommen, wenn es nur ein recht hübscher ist. Einen Schnurrbart muß er haben und goldene Sporen.« Aber Zitrinchen sollte sich wundern! Da kam zuerst Prinz Wasserstiefel ins Land. Er kam geritten auf einem Pferde, wenn das auftrat, da zitterten alle Fensterscheiben in der ganzen Straße, und sein gewaltiger Schnurrbart fegte zu beiden Seiten die Häuser. »Das ist einer!« sagten die Leute und liefen an die Fenster, als er vorbeiritt, und alle Kinder sperrten den Mund auf, denn so etwas hatten sie noch nicht gesehen. Prinz Wasserstiefel aber, der gern Spaß machte, beugte sich im Reiten nieder und griff mit der einen Hand einen Knaben und mit der anderen ein Mädchen und steckte jedes oben in einen von seinen gewaltigen Stiefeln, daß nur Kopf und Arme hervorsahen, und dann zog er ein fürchterliches Messer hervor und rief: »Ihr seid schön fett, euch will ich zum Frühstück essen.« Die Kinder aber zappelten mit den Armen aus den Stiefeln hervor und schrien ganz jämmerlich, denn sie dachten, es wäre Ernst, und alle Kinder auf der Straße fingen an zu schreien, und aus allen Fenstern sahen die Mütter mit halbem Leibe hervor und riefen Hilfe, es war ein erbärmlicher Spektakel. »Piepdinger«, sagte Prinz Wasserstiefel, »können keinen Spaß vertragen!«, und dann setzte er die Kinder ganz sanft nieder auf die Straße und lachte, daß die Schornsteine von den Dächern fielen. Als er dann die Schloßtreppe hinaufstieg, ging's bum, bum, so daß die Königin fragte, warum denn schon wieder Holz abgeladen würde, und als er durch die große Flügeltür in den Thronsaal trat, mußte er sich bücken und seinen Schnurrbart zusammennehmen, denn mit dem war er sehr eigen. »Guten Tag«, sagte er. »Ich habe gehört, es soll hier eine Prinzessin zu haben sein; kann man sie wohl zu sehen bekommen?« »Du lieber Himmel«, sagte Prinzessin Zitrinchen, als sie den mächtigen Freiersmann erblickte. »Was piept da?« fragte Prinz Wasserstiefel. »Ist da was?« »Es ist die Prinzessin«, sagte der König; »sie bekommt ein Herzogtum mit und ein schönes altes Schloß mit Hühnerhof und Springbrunnen.« »Wo?« fragte der Prinz. »Wo ist sie? Ich denke, man darf sie sich ansehen?« Endlich entdeckte er Prinzessin Zitrinchen, die auf ihrem kleinen Thronsessel saß und sich mit ihrem Elfenbeinfächer heftig fächerte, denn die Sache gefiel ihr nicht. »Das da?« sagte Prinz Wasserstiefel, und er fing an so unbändig zu lachen, daß sich alle Hofdamen die Ohren zuhielten und allen Kammerherren die Knie zitterten. »Da will ich nur lieber gleich wieder nach Hause reiten«, sagte er, »von der Prinzessin kann ich keinen Gebrauch machen, sie ist mir zu unbeträchtlich, ich könnte sie unterwegs verlieren!« Und dann trappte er wieder aus dem Saal hinaus und die Treppe hinab, und von Zeit zu Zeit hörte man sein furchtbares Lachen wie den fernen Donner eines abziehenden Gewitters. Am Abende saß er aber im Gasthofe zum goldenen Elefanten und trank Bier aus Fässern, denen er den Boden einschlug, und erzählte allen, die es hören wollten, so etwas sei ihm im ganzen Leben noch nicht vorgekommen. »Das war nun der erste«, sagte Prinzessin Zitrinchen; »es ist am Ende ganz gut, daß er mich nicht genommen hat, ich glaube, es wäre mir auch nicht bekommen!« Der nächste Prinz, der vorgelassen wurde, war Prinz Silberstiefel. Der war schwermütig und trug Locken und bekam manchmal das Versemachen. Er ritt auf einem weißen Maultier und hatte eine Laute an silbernem Bande umgehängt. Am meisten liebte er Mondschein und Eisbaisers. Als er Zitrinchen gesehen hatte, sagte er, sie sei zierlich wie eine Gazelle des Morgenlandes und er wolle am anderen Tage wiederkommen. Er kam aber nicht wieder, sondern saß im Gasthof zum weißen Lamm die ganze Nacht und schrieb auf rosa Papier ein langes Entsagungsgedicht und schickte es am anderen Morgen mit dem königlichen Postboten. »Es reimt sich ordentlich«, sagte Zitrinchen, »aber haben will er mich auch nicht. Einen Schnurrbart hatte er nicht und auch keine goldenen Sporen, aber wunderschöne blonde Locken.« Und nach und nach kamen immer mehr Prinzen ins Land, blonde, braune und schwarze, dumme und kluge, kurz, Prinzen von allen Arten, aber Prinzessin Zitrinchen bekam keinen von allen. Der letzte war Prinz Knickstiefel. Der hatte einen Rock an, der schon dreimal gewendet war, und kam zu Fuß, denn: »Ein Pferd ist ein unvernünftiges Tier«, sagte er, »und kennt nichts als Fressen und Saufen, und überdies ist zu Fuße gehen viel gesünder.« Vor der Stadt stäubte er seine Stiefel ab und band sich einen reinen Hemdkragen um und ging dann in den Gasthof zum billigen Mann, wo er in einem Dachstübchen vier Treppen hoch Quartier bestellte. »Hier hat man eine schöne Aussicht«, meinte er, »und was Treppensteigen kräftigt, das glaubt man gar nicht.« »Guten Tag«, sagte er, als er in den Saal trat, »es soll hier ein Herzogtum zu haben sein.« »Es ist eine Prinzessin zu haben!« sagte der König. »Sie bekommt ein Herzogtum mit und ein schönes, altes Schloß mit Hühnerhof und Springbrunnen.« »Schön«, meinte der Prinz, »wie ist es denn mit dem Herzogtum, hat es eine gute Lage?« »Es liegt an der Sonnenseite«, sagte der König, »und das Schloß ist erst im vorigen Jahre neu tapeziert.« »Und neue Gardinen«, sagte die Königin. »Sehr schön«, erwiderte Prinz Knickstiefel, »sind auch kalekutische Hühner da?« »In dem Hühnerhof«, sprach die Königin, »sind sowohl kalekutische Hühner als Brahmaputra, und der Springbrunnen ist der schönste im ganzen Lande.« »Lassen wir den Springbrunnen«, sagte Prinz Knickstiefel, »ich lege kein Gewicht darauf. Was die Prinzessin betrifft, so bitte ich um ihre Hand.« »Aber Ihr habt sie ja noch gar nicht gesehen«, sagte der König, und Prinzessin Zitrinchen ward ganz rot und fächerte sich, daß es nur so rauschte. »Die wird nicht viel essen«, dachte Prinz Knickstiefel, als er die Prinzessin bemerkte. Dann beugte er vorsichtig, ohne den Erdboden zu berühren, ein Knie und sprach: »Schönste Prinzessin, ich liebe Euch!« Zitrinchen hätte gar zu gern einen Prinzen geheiratet, aber diesen wollte sie doch auch nicht. »Ich danke Euch, Herr Knickstiefel«, sagte sie, »aber Ihr könnt wieder nach Hause gehen. Es tut mir sehr leid, daß Ihr die weite Reise gemacht habt.« Als er fort war, sagte der König: »Ich habe es ja gleich gesagt, es nützt nichts«, und dann ließ er in die Zeitung setzen, es wäre nun gut und die Sache hätte ein Ende. Prinzessin Zitrinchen ward aber sehr traurig und saß in ihrem Zimmerlein und weinte, und kein Mensch tröstete sie, denn die Eltern wurmte es, daß sie eine Tochter hatten, die niemand haben wollte. »Einen Prinzen muß ich haben, und wenn ich ihn mir aus der Erde graben soll«, sagte Zitrinchen, und eines Morgens in der Frühe, als die Eltern noch schliefen, sattelte sie selbst ihr Pferdchen Schlenkerbein und rief ihr Hündchen Trippeltripp, kletterte mit Schemel und Stuhl auf das königliche Bett ihrer Eltern, küßte sie leise unter vielen Tränen zum Abschied und ritt fort in die weite Welt hinaus. Wie ist es ihr denn da ergangen? Wenn man viele, viele Meilen in der Welt immer geradeaus reitet, dann kommt man an das Meer, und wenn man über das Meer ist und immer weiter reitet, dann gelangt man an ein großes, viele Meilen langes Gebirge. Und wenn man links um das Gebirge herumgeritten ist, so ist da eine fürchterliche Wüste, wo kein Baum und kein Strauch und kein Wasser ist, nur Sand und Luft, so weit man sehen kann. Und am Ende der Wüste liegt eine hohe Mauer, die ist ganz steil und glatt, und dahinter liegt das Märchenland. In dem Märchenlande ist es wunderherrlich, und jeder findet dort, was er sich am meisten gewünscht hat. Dort lebt Prinzessin Zitrinchen mit dem niedlichsten Prinzen von der Welt in Herrlichkeit und Freuden, und wer's nicht glaubt, mag sie selbst besuchen. Aber das ist nicht so leicht. Denn wenn man auch in dem Meere nicht ertrunken oder in dem Gebirge nicht von den wilden Tieren gefressen oder in der Wüste nicht verhungert oder verdurstet ist, so ist noch immer die furchtbare Mauer da. Und gelingt es auch, die Mauer zu ersteigen, so streicht dicht über sie hin der schneidend scharfe Wind der Wirklichkeit, der einem gleich den Kopf abreißt, sowie man ins Märchenland schauen will. In der Mauer aber ist nur ein einziger Eingang, verborgen und unsichtbar unter Geklüft und Geröll, und er ist sehr schwer zu finden. Dolpatsch Es war einmal ein Fischer, der hatte drei Söhne. Der erste konnte so gut rudern wie keiner im Dorf und war ein Meister im Aufstellen der Netze. Der zweite verstand sich auf das Angeln und das Pfeifen; er konnte so schön pfeifen, daß die Fische aus reinem Vergnügen an seine Angel bissen. Der dritte konnte gar nichts; aber er war sehr stark und sagte allen Menschen die Wahrheit. Da nun die Leute niemals gern hören, wenn jemand zu ihnen sagt: »Du hast eine rote Nase« oder »Du bist ein Klatschmaul« oder »Du hast das Pulver nicht erfunden«, so mochten sie ihn nicht leiden, und weil er immer so geradezu war, nannten sie ihn Dolpatsch. Eines Tages half Dolpatsch dem Vater und den Brüdern fischen. Er hatte sich sehr in acht genommen, das Netz beim Auslegen nicht zu zerreißen, denn es kam ihm so fein wie Tüll vor in seinen Fingern. Doch es glückte ihm, und sie brachten das Netz endlich ans Land. Nun sollte es aus dem Wasser gezogen werden. »Ich werde behutsam sein«, sagte Dolpatsch und zog nach seiner Meinung ganz sanft; allein es war schon gerade zuviel, und die Brüder, die am anderen Ende zogen, wurden durch den heftigen Ruck ins Wasser gerissen, daß sie das Netz fahrenließen und alle Fische davonschwammen. Der Vater schalt, und Dolpatsch sagte: »Ja, lieber Vater, es geht nicht, ich bin nicht zart genug für dies Geschäft.« Es war aber etwas Schweres im Netze hängengeblieben, und der eine der Brüder brachte es mühsam herbeigeschleppt. Es war ein gewaltiges Schwert, ganz blank und ohne Rost, obgleich es im Wasser gelegen hatte. Als Dolpatsch es erblickte, funkelten seine Augen, er nahm es dem Bruder aus der Hand und schwang es durch die Luft, daß es in der Sonne wie ein Blitzstrahl aufflammte. »Hurra!« rief Dolpatsch, »nun habe ich ein Schwert, nun ziehe ich hinaus in die Welt und erobere mir ein Königreich.« »Dummer Junge«, sagte der Alte, »als wenn die Königreiche so auf der Straße umherlägen.« Aber fort wollte Dolpatsch nun einmal. Am anderen Morgen schnürte er sein Bündel, gürtete sich sein Schwert um, nahm Abschied von seinen Eltern und Geschwistern und zog fort in die Welt. Da sah er recht, wie groß sie war. Er zog bergauf, bergab, und immer, wenn er auf einem neuen Hügel angelangt war, lag es wieder weit und unermeßlich vor ihm. Am Wege saßen die Finken in den Bäumen und sangen: »Hurra! es geht in die weite, weite Welt!« Dann flog eine Goldammer vor ihm her von Baum zu Baum und zwirnte ihren einförmigen Gesang: »Wenn du zwei Flügel hättst, könntst du mitfliegn!« Die Raben aber, grob wie sie sind, saßen oben in den knorrigen Ästen und riefen dumpf: »Dolpatsch! Dolpatsch!« Der aber lachte nur über sie und ließ sie sitzen. Eines Tages, da er schon durch viele Länder gereist war, kam er in einen großen, wilden Wald. Wenn's doch ein Abenteuer gäbe, dachte Dolpatsch, es wird schon langweilig. Ich möchte, es käme ein Drache oder ein paar Löwen oder sonst ein Ungeheuer, das man umbringen kann. Aber er wanderte den ganzen Tag, und nichts ließ sich sehen, nicht einmal ein Bär oder ein wildes Schwein. Gegen Abend, als es schon ganz dunkel war, sah er zwischen den Felsen einen Feuerschein. Er ging darauf zu und gelangte an eine Höhle, in der ein großes Feuer brannte. Um das Feuer saßen vier Räuber, und auf dem Boden lag ein alter Mann, der an Händen und Füßen gebunden war. »Es ist gut, daß wir den Alten nun endlich einmal haben«, sagte der eine Räuber; »morgen muß er mit und uns auf seiner Felsenburg seine Schätze zeigen, und wenn er nicht will, so machen wir ein Feuer und braten ihn ein bißchen, da wird er schon willig werden!« Die anderen Räuber lachten, allein Dolpatsch fuhr auf einmal dazwischen und rief: »Gleich gebt ihr den Alten frei, oder ich mache euch alle nieder!« Die Räuber sprangen auf und griffen nach ihren Schwertern, allein Dolpatsch fuhr unter sie wie ein Blitz, und in einem Augenblick waren sie alle vier erschlagen. »Nun komm, Alterchen«, sagte er und schnitt mit seinem Schwert die Bande durch, »die vier Hampelmänner tun dir nichts mehr.« Der Alte dankte ihm und lud ihn ein, mit auf seine Burg zu kommen. Sie fanden in der Höhle eine Laterne; der Alte ging leuchtend voraus und Dolpatsch hinterher. Es ging einen steilen Pfad hinauf, und endlich kamen sie an eine Felswand, die in der Dunkelheit schwarz emporragte. Der Alte nahm seinen Stock und schlug dreimal gegen den Stein. Da ging ein leises Donnern durch den Berg, und eine Öffnung tat sich auf, aus der ein matter Lichtschein hervorkam. Sie gingen hinein, und der Berg schloß sich wieder mit demselben Donner. In dem langen Gange, den sie nun durchschritten, brannte kein Licht, und doch war es hell, denn von den Wänden strömte ein sanfter Schein aus. Dann gelangten sie in einen mächtigen runden Kuppelsaal, unter dessen Decke eine leuchtende Kugel hing. Sonst befand sich weiter nichts darin als ein Baum mit runder Krone, der genau in der Mitte unter der leuchtenden Kugel stand und von einem goldenen, zierlich geschnörkelten Geländer umgeben war. Als die Schritte der Ankommenden auf dem polierten Marmorfußboden des Saales vernehmlich wurden, ging ein Regen und Bewegen durch die Krone des Baumes, und nacheinander taten die Hunderte von apfelgroßen Knospen, die ihn bedeckten, ihre Blätter voneinander, und aus jeder schaute ein kleiner Menschenkopf hervor, der auf den geöffneten Kelchblättern wie auf einer Halskrause aufsaß. Da waren Neger-, Chinesen- und Indianerköpfe, kurz, von allen Sorten Menschen, die es auf der Erde gibt, und alle schauten sie verwundert auf Dolpatsch; alle die Hunderte von kleinen Gesichtern waren auf ihn gerichtet. Dann steckten sie die Köpfe untereinander zusammen und wisperten und kicherten; doch plötzlich sahen sie alle Dolpatsch wieder an, und durch den ganzen Baum ging im Chor ein feines, höhnisches Gelächter. Auf dieses Geräusch hin ward es oben an der Decke hinter einem die ganze Wand umlaufenden goldenen Gitter lebendig; grüne, blaue und rote, höchst seltsame Vögel schauten daraus hervor, und als sie Dolpatsch zu sehen bekamen, schlugen sie mit den Flügeln und kreischten und riefen mit feinen und groben Stimmen: »Dolpatsch! Dolpatsch!«, so daß es einen erbärmlichen Spektakel gab. Der Alte aber warf plötzlich sein ärmliches Gewand ab und stand nun da in einem weißen Seidentalar, mit goldenen Sternen übersät, darüber sein silberner Bart mächtig herabwallte. Er streckte seinen Stab aus, an dessen Spitze ein leuchtender Stein flammende Funken warf, und plötzlich ward alles still. Die Vögel zogen sich in ihre Käfige zurück, und die Blattkelche taten sich einer nach dem anderen zu, bis der Baum wieder grün und schweigsam dastand. Danach führte der Alte den Dolpatsch durch eine der vielen Türen des Saales in ein kleines Gemach, in dem ein mächtiges Himmelbett und ein mit Wein und Speisen besetzter Tisch stand. Hier ließ er ihn allein, und nachdem sich Dolpatsch an den köstlichen Speisen gesättigt und dem edlen Weine tüchtig zugesprochen hatte, legte er sich in das Himmelbett, dessen weiche Kissen wie Wellen über ihm zusammenschlugen, und versank in einen tiefen Schlaf. Als er am späten Morgen erwachte, schien durch die Vorhänge seines Himmelbettes die Sonne und durchleuchtete die seltsamen Bilder und Figuren, die darin eingewebt waren. Dolpatsch streckte und dehnte sich behaglich, denn so gut war es ihm noch nie ergangen. Auf das Geräusch, das er dabei machte, regte sich etwas oben auf der Krone des Himmelbettes, und ein großer blauer Papagei kam emsig mit Schnabel und Füßen an der Gardine herabgeklettert, setzte sich auf das Fußende des Bettes, verneigte sich dreimal gravitätisch und sagte: »Wünsche untertänigst einen guten Morgen. Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß sich mein Herr und Meister, der große Magier Furibundus, in ihrem astronomischen Kabinett befinden und bereit sind, den Herrn Dolpatsch zu empfangen.« Dies alles aber schnarrte er so seltsam hervor, als habe er ein Uhrwerk im Leibe. Dolpatsch sprang aus dem Bette und fand auf dem Stuhle nicht mehr seine alten Kleider, sondern köstliche prinzliche Gewänder, und als er diese angezogen und die blaue, silbergestickte Kappe mit der weißen Reiherfeder auf das wallende Goldhaar gedrückt hatte, da kannte er sich selbst nicht mehr, als er sich im Spiegel sah. Danach gürtete er sein Schwert um, das in einer neuen, goldenen Scheide steckte, und folgte dem Papagei, der vor ihm herflog, sich aber alle Augenblicke wendete und vor lauter Devotion in der Luft einen Purzelbaum machte. Als er in den großen Kuppelsaal kam, waren alle die kleinen Köpfe auf dem Baum schon wach, und wie auf Kommando wendeten sich ihm alle Augen entgegen. Aber als sie die mächtige Gestalt mit der breiten Brust und dem wallenden Goldhaar so herrlich gekleidet sahen, da lachten sie nicht wieder, sondern durch den ganzen Baum ging es einstimmig wie ein Murmeln der Bewunderung, und die kleinen Gesichtchen wendeten sich ihm nach, so lange sie ihn sehen konnten. Der alte Magier saß in seinem astronomischen Zimmer zwischen seltsamen, glänzenden Instrumenten, und vor ihm auf einem Tisch von blankpoliertem schwarzem Stein lag eine goldene Tafel, die mit farbig leuchtenden Linien in sonderlich verwirrter Weise bedeckt war. Als Dolpatsch eintrat, nickte er ihm zu, bat ihn, sich ebenfalls an den Tisch zu setzen, und sagte: »Ich sah es gestern abend gleich, daß du im Besitze des Schwertes Verindur bist, und da dies Schwert nur Menschen zuerteilt wird, die zu großen Dingen bestimmt sind, so habe ich in der Nacht die Sterne befragt über deine ferneren Schicksale. Auf dieser goldenen Tafel siehst du verzeichnet, was ich erforschte. Aber dunkel und verworren blieb mir noch manches. Ich konnte wohl entziffern, daß es ein Erlösungswerk sei, zu dem du bestimmt bist, allein eine große Gefahr ist damit verknüpft, deren Natur zu erkennen über meine Kräfte geht. Die Königstochter, die dein zur Befreiung von bösem Zauber wartet, heißt Morgane, doch Land und Ort konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Was mir noch übrigbleibt, zu dieser Erkenntnis zu gelangen, das will ich tun. Zuerst will ich den Sonnenschein befragen, die Zeit ist günstig.« Der Magier setzte einen goldenen, glänzenden Stuhl auf den Tisch und zog den Fenstervorhang zurück, so daß ein breiter Strom von Sonnenlicht eindrang und der Stuhl ganz in funkelndem Feuer stand. Sodann griff er mit den Händen in den flimmernden Schein und formte und bildete darin, sonderbare Worte dazu murmelnd, und dabei näherte er sich immer mehr dem Stuhle, dessen funkelnder Glanz stärker wurde und sich verdichtete, bis er allmählich Form und Gestalt annahm, und endlich saß dort ein feuerglänzendes, bewegliches Persönchen mit lachenden Augen und lodernden Haaren, das war der Sonnenschein in eigener Person. Der Magier schwang seinen Stab um ihn, so daß der flammende Edelstein einen feurigen Kreis beschrieb, und rief: »Gib Antwort mir, wo weilt Morgane, die Königstochter?« Der Sonnenschein flammte ein wenig stärker auf und sprach mit klingender Stimme: »Ich kenne alle Königstöchter, die mein Strahl bescheint, so weit die Länder der Erde reichen. Ich sah sie am Springquell wandeln, wo die Nachtigallen schlagen; ich sah sie auf weißem Zelter mit dem Falken auf der Hand ausreiten zur Reiherbeize; ich kenne auch die Tochter des Kaisers von China mit den geschlitzten Augen und den verstümmelten Füßen, und die Töchter der Negerkönige in Afrika brennt mein Strahl noch schwärzer, als sie schon sind; die Prinzessin Morgane aber kenne ich nicht.« »Ich danke dir«, sagte der Magier, »es ist genug.« Da ging ein Flimmern und Zittern durch den glänzenden Feuerkörper, er verblaßte und verschwamm, und dann war nur noch der funkelnde Widerschein des Sonnenlichtes auf dem Stuhle zu sehen. »Heut abend müssen wir den Mondschein befragen«, sagte nun der Magier; »wenn der nichts weiß, steh ich am Ende meiner Kunst.« Als der Abend gekommen war, setzte der Magier einen silbernen Stuhl auf den Tisch und ließ den Mondschein ein. Er streichelte und formte ihn und bildete ein silbernes Nebelmännchen aus ihm, das mit seinem runden, schimmernden Gesichtchen ruhig dasaß. Dann schlug er wieder seinen Zauberkreis und sprach: »Gib mir Antwort, wo weilt Morgane, die Königstochter?« Der Mondschein sprach mit sanfter Stimme: »Manche Königstochter habe ich gesehen auf meiner nächtlichen Fahrt um die Welt, und manche hat mein Strahl geküßt, wenn sie zur Nacht schlummernd in seidenen Kissen lag, die Prinzessin Morgane aber sah ich nicht!« »Ich danke dir«, sprach der Magier, »es ist genug.« Da verblaßte und verschwamm die helle Gestalt, und es war nur noch der Widerschein des Mondes, der auf dem silbernen Stuhle lag. Der Magier entzündete nun die große, kupferne Lampe, die über dem Tische hing, und sprach: »Nun weiß ich keinen Ausweg mehr, den Ort zu erfahren, wo sich die Königstochter Morgane befindet.« Dann legte er sich zurück in seinen Stuhl und starrte nachdenklich in die Flamme der Lampe. Doch diese, als der Name Morgane ausgesprochen wurde, hüpfte auf und knisterte deutlich. Dann verdichtete sie sich, nahm Form und Gestalt an und saß wie ein kleines glänzendes Männlein auf ihrem Docht wie auf einem Stühlchen da. »Warum willst du nicht das Lampenlicht befragen?« sprach es mit feinem Stimmchen. »Nun, was weißt du zu sagen?« fragte der Magier. Das Lampenlicht schimmerte hell auf und sprach: »Ich habe sie gesehen. – Du weißt, wir Flammen sterben nicht, und so irgendwo eine erlischt, glimmt sie gleich anderswo wieder auf. Ich saß mit einem Kreise von Genossen in einer großen Lampe, die leuchtete wie die Sonne, und da habe ich die Prinzessin gesehen. Sie wandelte in einem Garten, der herrlicher ist als irgendeiner, den Sonne und Mond je beschienen haben. Sie können ihn auch nicht bescheinen, denn der Garten liegt in. einer mächtigen Halle ohne Fenster, und seine Blumen sind aus Gold und Silber und Edelgestein.« »Wo liegt diese Halle?« fragte der Magier. Das Lampenlicht sprach: »Morgane ist die Tochter des Königs von Barokko, und die Halle liegt im königlichen Schloß der Hauptstadt des Landes.« »Ich danke dir«, sagte der Magier, »es ist genug.« Da dehnte und reckte sich das kleine Männchen und floß zu einer milden Flamme wieder auseinander. Jetzt wissen wir genug«, sagte der Magier; »nun brauche ich nur mein Buch nachzuschlagen.« Er nahm einen riesigen Folianten von der Wand, blätterte darin und las dann: »Barokko, Königreich, am Ende der Welt, links um die Ecke. Zwanzig Millionen Einwohner. Hauptstadt: Zopfheim, dreihunderttausend Einwohner, am Schnörkelfluß gelegen. Regierender König: Bombastus XVI. – So, nun können wir ruhig zu Bette gehen«, sagte er dann, und so geschah es. Am anderen Morgen verabschiedete sich der Magier von Dolpatsch, und als sie bei dem Baume vorbeikamen, nickten alle die kleinen Köpfchen und wünschten glückliche Reise. Als sie vor das Felsentor traten, stand dort ein milchweißer Schimmel, schön gesattelt und gezäumt, und stampfte mit den Hufen; den schenkte ihm der Magier zum Abschied. Dolpatsch sprang in den Sattel, schwang zum Gruß sein Schwert um das Haupt, daß es einen Flammenschein um sich warf, und sprengte davon in die weite Welt. Er ritt durch viele Länder und Königreiche, verrichtete mit seinem Schwert Verindur wunderbare Taten und tötete die Drachen und Einhörner, wohin er kam, so daß sein Ruhm groß ward. Zuletzt kam er in das Königreich Barokko und ritt geradeswegs auf die Hauptstadt zu. Mit der Verzauberung der Prinzessin Morgane aber war es also zugegangen. In dem Lande Barokko lebte eine mächtige, aber böse Fee, die, da sie die einzige im Lande aus dem alten Geschlecht der Feen war, großen Stolz und Hochmut besaß. Deshalb war sie in mächtigen Zorn geraten, als sie zur Taufe der kleinen Prinzessin keine Einladung erhalten hatte, und am Nachmittage erschien sie plötzlich an der Wiege und verkündete, der Prinzessin würde großes Leid widerfahren, sobald sie ein Strahl der Sonne oder des Mondes vor Vollendung des sechzehnten Jahres treffen sollte. Sie würde davon in Siechtum verfallen und elend sterben. Darob gerieten der König und die Königin in große Angst, und sie ließen die kleine Morgane also ängstlich behüten, daß sie ihr sechzehntes Jahr glücklich erreichte, ohne auch nur einmal den Strahlen dieser beiden Himmelslichter ausgesetzt gewesen zu sein. Aber die Fee mußte auch wohl in dieser Zeit den Sinn der Prinzessin verwirrt haben, denn es stellte sich heraus, daß diese einen Haß und Abscheu gegen die wirkliche Welt in sich aufgenommen hatte und nicht zu bewegen war, von der jetzt erlangten Freiheit Gebrauch zu machen. Die Eltern schickten eine Gesandtschaft mit köstlichen Geschenken an die Fee und ließen sie um Rat und Hilfe bitten; allein die Gesandten kamen mit den Geschenken und dem Bescheide zurück, das Mittel, die Prinzessin zu erlösen, sei das einfachste der Welt; allein der junge Ritter, der sie befreien wolle, müsse es selbst finden, sonst sei es ohne Wirkung. Die Prinzessin war bei alledem guten Mutes. In der riesengroßen Haupthalle des Schlosses waren alle Fenster vermauert worden, und Morgane, der die Eltern alles zu Willen taten, hatte dort einen prächtigen Garten anlegen lassen, der aber ganz und gar künstlich war. Die gelben Blumen waren aus Gold, die weißen aus Silber, Fischschuppen oder Perlmutter, die roten aus Rubinblättchen und die blauen aus Saphir. Die grünen Blätter waren aus kostbarem Leder oder steifem Seidenstoff gepreßt und die Stämme der Bäume vergoldet oder schön lackiert. Es waren künstliche Felsen dort und gläserne Bächlein mit goldenen Brückchen darüber und kleine Tempelchen mit Glöckchen daran und Einsiedeleien mit künstlichen Eremiten, und in den Zweigen sangen farbige, blitzende Vögel, die waren auch künstlich und hatten ein Uhrwerk im Leibe. An den Wänden der Halle rankten nachgemachte Weinstöcke hoch empor, an denen mächtige blaue und grüne Trauben hingen, und pflückte man eine Beere ab, so war es ein kleines Glasfläschchen, gefüllt mit köstlichem Syrakuser. Ja, alles war dort so sauber, appetitlich, lackiert und ausdividiert. Alle Steige waren mit Goldsand bestreut, und fortwährend liefen zehn königliche Abstäuber mit Pfauenfederbüschen umher und hielten die Reinlichkeit aufrecht. Für die Blumen waren wieder zehn andere angestellt, die den Titel Düftler führten und deren Obliegenheit es war, jede Blume mit ihrem zugehörigen Duft zu versehen. Sie standen unter dem königlichen Oberhofdüftler und rochen auf hundert Schritte nach Rosen, Veilchen und Narzissen. Allmählich kam es wie eine Krankheit über den ganzen Hof, und der Abscheu vor allem Natürlichen ward immer größer, so daß es Hofdamen und Hofherren gab, die von dem Geruch einer wirklichen Rose in Ohnmacht fielen. Sie ahmten alles nach, was sie von Morgane sahen, und bald sah es wunderlich genug an dem Hofe des Königs Bombastus aus. Die Männer schnitten sich ihre natürlichen Haare ab und setzten sich riesige Perücken auf, und die Damen türmten einen gepuderten Lockenbau wie einen Bienenkorb groß auf ihr Haupt. Dazu trugen sie Reifröcke, daß sie aussahen wie Glocken mit zwei Klöppeln, und gingen auf Hackenschuhen wie auf Stelzen einher. So wandelten sie in dem Garten der Prinzessin Morgane beim Scheine einer künstlichen Sonne, die unter der Decke hing und von einem eigenen Hofastronomen dirigiert wurde, und rochen an den nachgemachten Blumen und lauschten auf die künstlichen Vögel und saßen in den bimmelnden Tempelchen und tranken Schokolade mit Eierschnee. Als das Gerücht von der Verzauberung der Prinzessin Morgane in die Welt drang, fanden sich allmählich viele Prinzen und irrende Ritter ein, die die Erlösung der Prinzessin zu bewirken trachteten, denn der König hatte dem, der dies vermöchte, die Hand seiner Tochter und sein halbes Königreich versprochen. Sie alle wurden aber, sobald sie nach Zopfheim kamen, von der Luft des Hofes angesteckt, schnitten sich die Haare ab, setzten ellenlange Perücken auf und machten der Prinzessin Komplimente, so zierlich und künstlich, daß man sie gleich hätte unter Glas setzen mögen. Aber kaum hatten sie drei von diesen ausspintisierten, fein geschnitzten Redensarten fertig, so fühlten sie eine Steifigkeit in ihren Kinnladen und eine Erstarrung in ihren Gliedern, und plötzlich saßen sie da als lebensgroße Porzellanpagoden, und nur mit dem Kopfe konnten sie noch erklecklich wackeln. In der großen Hauptallee des künstlichen Gartens waren zu beiden Seiten zwei lange Reihen solcher verzauberten Prinzen und Ritter aufgestellt, und jedesmal, wenn Morgane dort entlangging, stieß sie mit ihrem Fächer die Köpfe an, so daß sie alle hinter ihr herwackelten: »Ja, ja, ja, ja!« Als Dolpatsch durch die Straßen der Stadt Zopfheim ritt, da rannten die Leute an die Fenster oder blieben auf der Straße stehen und sperrten vor Verwunderung Mund und Augen auf, denn solchen Helden hatten sie noch nicht gesehen. Er aber ritt geradeswegs in das königliche Schloß und begehrte den König zu sprechen. Als er diesem sein Anliegen vorgetragen hatte, führte ihn ein Diener in ein prächtiges Zimmer, und kaum war er dort, so traten unter vielen Bücklingen zwei geschniegelte Männlein ein, die ihm ihre Dienste anboten. Der eine war der Oberhoffriseur und der andere der Oberhofgarderobier. Als aber Dolpatsch merkte, was sie wollten, daß der eine ihm sein mächtiges Goldhaar abschneiden und ihm eine Puderperücke aufsetzen wollte und der andere ihm einen Galafrack, Kniehosen, Seidenstrümpfe und Schnallenschuhe nebst einem niedlichen Galanteriedegen anziehen wollte, da rief er mit so fürchterlicher Stimme: »Hinaus!«, daß die beiden vor Schreck anfangs ganz starr waren, dann in ihrer Angst gar nicht schnell genug aus der Tür kommen konnten und schließlich übereinander hinweg die Treppe hinabpurzelten. Nach einer Weile erschien zitternd und blaß der Oberhofmeister mit zwanzig Kammerdienern und forderte Dolpatsch auf, zur Prinzessin zu kommen. Zugleich fragte er mit bebender Stimme, ob der Herr Ritter nicht die große Güte haben wolle, wenigstens die Sporen abzulegen, die Prinzessin sei so nervös, und man könne nicht wissen ... »Muß ihr abgewöhnt werden!« sagte Dolpatsch. »Vorwärts!« Der Oberhofmeister ging, einen großen, goldenen Stab in der Hand, mit schlotternden Knien voran, und die zwanzig zitternden Kammerdiener folgten. Als sie über den Hof kamen, hörte Dolpatsch ein erbärmliches Geheul, er trat hinzu und sah einen Mann, der gefesselt auf dem Gesicht lag und von den Henkersknechten die Bastonade erhielt, was eine sehr unangenehme Art von Prügeln mit einem Bambus auf die bloßen Fußsohlen ist. Dolpatsch sprach: »Haltet ein: warum schlagt ihr den Mann?« »Er ist einer der Düftler im Garten der Prinzessin«, sagte der Oberhofmeister – »er hat ein schweres dienstliches Vergehen begangen und heute morgen Pfefferminzduft in die Rosen gegossen, wodurch sich die Erste Hofdame der Prinzessin eine Verrenkung der Riechnerven zugezogen hat.« »Bindet ihn los!« sagte Dolpatsch und ging kopfschüttelnd weiter. Bald kamen sie in die geschlossene Vorhalle des Gartens, die großen Flügeltüren wurden von den zwanzig Kammerdienern aufgerissen, der Oberhofmeister trat vor und rief: »Herr Ritter Dolpatsch von Verindur!«, denn das einfache, bürgerliche Dolpatsch brachte er so allein nicht über die Zunge. In großem Halbkreis saß der Hof versammelt, in der Mitte die Prinzessin, dahinter auf erhöhten Sitzen die königlichen Eltern, und ringsum blitzte und flammte der künstliche Garten in seiner ganzen Pracht. Als Dolpatsch in die Tür trat, ging ein Fächern und Rauschen der Entrüstung durch den ganzen Kreis der Hofdamen, und wie aus einem Munde flüsterten sie: »Entsetzlich, er trägt seine eigenen Haare.« Dolpatsch aber schritt unbekümmert sporenklirrend durch den Garten vor, verbeugte sich vor der Prinzessin und setzte sich ohne weiteres auf einen Stuhl, der für ihn bereitstand. Da er aber den ganzen Morgen durch die Wälder geritten war, so brachte er einen frischen Waldgeruch mit, der von ihm ausging und die erbleichende Hofgesellschaft veranlaßte, die Riechfläschchen an die Nasen zu führen. – Die Prinzessin bewahrte mit Mühe ihre Würde dieser ihr entsetzlichen Erscheinung gegenüber und schickte sich an, die drei Fragen zu tun, die ihr bei allen vorhergehenden Rittern gute Dienste geleistet hatten. »Wo liegt der schönste Garten der Welt?« fragte sie. Darauf hatten nun die anderen etwa so geantwortet: »Wir befinden uns in demselben, verehrungswürdigste Prinzessin. Wenn es Eurem Knecht gestattet ist, allerdevotest seine untertänigste Meinung auszusprechen, so erachtet er diesen Garten sozusagen für ein Juwel, desgleichen in keinem Lande der Welt, selbst in dem Wunderlande India nicht, gefunden werden dürfte.« Dolpatsch aber sah verächtlich in die Runde und sprach: »Komm hinaus mit mir in den Wald, Prinzessin, wo die mächtigen Bäume gen Himmel ragen und sich die Rehe friedlich unter ihren Zweigen äsen, wo die Waldbäche rauschend von den Bergen gesprungen kommen und auf den stillen Wiesen die wilden Blumen blühen. Dort ist der schönste Garten der Welt. Diesen hier vermag ich nur für Leder und buntes Glas zu erachten.« Die Prinzessin erbleichte, die Hofdamen sagten: »Fi donc!«, und die Kavaliere murmelten verächtlich zwischen den Zähnen: »Plebejer!«, aber nicht zu laut, denn sie hatten einen heillosen Respekt vor Dolpatsch. Draußen aber rollte es mit dumpfen Donner, als ob ein Gewitter aufzöge. Die Prinzessin tat die zweite Frage: »Wo leuchtet die herrlichste Sonne?« Die anderen Ritter hatten dann mit verzückten Augen zu der künstlichen Sonne aufgesehen und hatten ihren milden Schein gepriesen und behauptet, sie finde ihresgleichen nicht. Dolpatsch aber sprach: »Es gibt nur eine Sonne. In dem Dinge dort vermag ich nur eine große Tranfunzel zu erkennen!« Die Prinzessin wurde blaß wie der Tod; dreizehn Hofdamen und fünf Kavaliere fielen in Ohnmacht, während einige sofort an ihren Degen griffen und ihn ein wenig in der Scheide lüfteten – sie steckten ihn aber sehr schnell wieder ein. Draußen rollte ein gewaltiger Donner über die Halle hin, daß sie in ihren Grundfesten bebte. Als sich die ganze Gesellschaft einigermaßen wieder erholt hatte, tat die Prinzessin die dritte Frage. Sie erhob sich und trat einen Schritt vor: »Wer ist die schönste Prinzessin der Welt?« Ringsum ward es totenstill, und der Hofstaat hielt den Atem an selbst die glänzenden Vögel sangen nicht mehr, denn sie waren alle abgelaufen. Dolpatsch antwortete: »Ich kam wohl weit durch die Welt, allein ich habe nicht alle Prinzessinnen gesehen und kann es nicht entscheiden. Was dich betrifft, so siehst du aus wie eine Vogelscheuche!« Hier fiel der ganze Hofstaat mit einem Ruck in Ohnmacht, und die Prinzessin sank entsetzt in ihren Stuhl zurück. Dolpatsch aber fuhr ruhig fort: »Du hast fremde tote Haare auf dem Kopf in Gestalt eines Bienenkorbes, und diese Haare sind grau wie die eines alten Weibes. Dein Gesicht ist angemalt und mit schwarzen Pflästerchen beklebt. Dein Leib ist eingeschnürt gleich dem einer Wespe; einen unförmlichen Hühnerkorb hast du unterwärts hängen, und deine Füße sind gekrümmt und unförmlich; du bist die häßlichste Prinzessin, die ich je gesehen habe.« Auf einmal geschah ein furchtbarer Donnerschlag, daß die Grundfesten der Erde bebten und die Wände der Halle zusammenstürzten – das Dach aber ward durch eine gewaltige Windsbraut eilig davongetragen. Zugleich aber kam ein mächtiger Platzregen hernieder, der den ganzen künstlichen Garten hinwegwusch und fortspülte. Allmählich ward der Regen milder, und die Sonne malte einen schönen Regenbogen an den Himmel. Über den Boden des künstlichen Gartens aber lief ein grünlicher Schimmer, der sich mehr und mehr verstärkte, dazwischen leuchtete es blau, golden und rosig. Gras und Blumen sproßten empor, und in den Gründen schimmerte es blau von Veilchen. Quellen begannen zu rauschen, und blühende Büsche neigten sich über sie hin, in denen die Nachtigallen schmetternd jauchzten. Dann vertropfte langsam der Regen, und im Nu hatte die strahlende Sonne alles getrocknet. Wo war aber die Prinzessin und der ganze Hofstaat geblieben? Ja, die waren gründlich abgewaschen worden. Sie hatten keine Hühnerkörbe und keine Bienenkörbe mehr, und die schöne Bemalung war auch dahin. Die Hofdamen trugen weiche, schmiegsame Gewänder, und die Haare, golden, rötlich und braun, wallten frei und schön herab. Die Herrlichste aber war Morgane, und man sah nun erst, daß sie die allerschönste Prinzessin der Welt war. Das merkte auch Dolpatsch; er schloß sie in seine Arme und gab ihr einen Kuß und verlobte sich mit ihr auf der Stelle. In diesem Augenblicke kam eine Schar wohlgekleideter Ritter und Prinzen herbei, eben die, die in Pagoden verwandelt gewesen waren. Sie kamen gerade zum Gratulieren recht. Hätte einer von ihnen gewußt, daß die Prinzessin nur erlöst werden konnte, wenn ihr jemand dreimal hintereinander die Wahrheit sagte, da hätte er selbst die Braut heimgeführt. Nun, wie es weiter ward, das wißt ihr schon. Es gab eine prächtige Hochzeit, und als der alte König starb, da wurde Dolpatsch sein Nachfolger. Da sein Vater schon gestorben war, so ließ er seine Brüder zu sich kommen und schenkte jedem ein Landgut, so daß sie nur noch zu ihrem Vergnügen Lachse und Forellen und andere vornehme Fische zu fangen brauchten. Er bekam mit seiner Frau Morgane viele Kinder; die Söhne waren so stark wie ihr Vater und die Töchter so holdselig wie ihre Mutter, und weit und breit verkündete man den Ruhm des mächtigen Königs Dolpatsch des Ersten. Die Drei Knaben Draußen, am Ende der Welt, wo sie mit Brettern zugenagelt ist, lag eine große, schöne Wiese. Drei Knaben, die nicht weit davon wohnten, waren mit Armbrüsten hinausgegangen, um dort zu spielen. »Kinder«, hatte die Mutter gesagt, »steigt mir nicht auf den Bretterzaun, ihr möchtet sonst hinunterfallen!« Und es ist kein Spaß, so in das ewige Nichts hinauszupurzeln, wo man viele Millionen Meilen fallen kann, ohne auch nur einem einzigen Stern zu begegnen. Das wollten sie denn auch nicht, aber durch die Astlöcher, meinten sie, dürften sie sehen, denn das sei nicht gefährlich. Es muß doch Etwas dort sein, dachten sie, und schauten jeder durch ein Loch hinaus ins Nichts, denn hinter dem Geländer war gleich das Nichts; wenn sie den Finger durchsteckten, konnten sie es anfühlen; aber sie fühlten nichts. Der Jüngste hatte es bald satt. »Das ist langweilig«, sagte er, und ging fort. Die anderen beiden blieben aber noch dort; sie wollten durchaus etwas sehen und starrten so lange hinaus, bis ihnen das Wasser in die Augen kam. Dann sahen sie auch etwas, aber es war nur Einbildung. »Wie schön«, sagte der eine, »welch schöne, grüne Wiese!« »Wieso?« sagte der andere. »Ein Berg ist es, und es stehen lauter Nußbäume darauf.« »Du hast wohl keine Augen! Es ist ja nur Gras da, und große Blumen, und Knaben spielen dort und schießen mit Armbrüsten!« »Was Armbrüste!? Leitern haben sie und steigen damit in die Bäume und pflücken Walnüsse und Haselnüsse, und jede dritte knacken sie auf und essen sie – ach, dort ist es schön; so prachtvolle Nüsse sah ich noch nie!« »Nüsse, sagst du? Wachsen die im Grase und sehen rot aus? Nein, Erdbeeren sind es, und die Knaben sitzen dort und essen sie! Ach, das ist herrlich, könnte ich doch auch dort sein! So große Erdbeeren sah ich noch nie!« »Das ist alles nicht wahr, du lügst!« »Du lügst, dummer Junge!« »Dummer Junge, sagst du? Ich werde dir eine Ohrfeige geben, wenn du es noch einmal sagst!« »Nur zu, ich bin nicht bange vor dir, dummer Junge!« Und dann fielen sie übereinander her und rauften sich und wälzten sich auf der Erde. Bald lag der eine oben, bald der andere; es war eine richtige Prügelei, und zwar um etwas, das gar nicht da war. – Unterdessen war der dritte Knabe zurückgegangen auf die wirkliche Wiese. Dort schien die Sonne so schön, und die Vögel sangen; es war eine wahre Lust. In einem Baume saß ein Eichhörnchen und putzte sich. Er spannte seine Armbrust und legte an, um es zu schießen. »Schieß nicht«, sagte das Eichhörnchen, »dann bringe ich dir Nüsse aus meiner Vorratskammer.« »Das ist mir lieb«, sagte der Knabe, »die esse ich sehr gern.« Und nun lief es den Baum auf und nieder und brachte prächtige große Nüsse, wie sie dort in den Wäldern wachsen. Als sich der Knabe bückte, um einen Stein zu suchen zum Aufklopfen, sah er dort prachtvolle rote Erdbeeren stehen, so groß wie Hühnereier. Das gefiel ihm, und nun saß er im Grase, klopfte auf einem Baumknorren die Nüsse auf und aß Erdbeeren dazu. Als er satt war, hörte er das Geschrei der sich prügelnden Brüder und lief hinzu, um Frieden zu stiften. »Nun, was habt ihr denn!« rief er. »Laßt euch doch einmal los!« »Und es war doch eine Wiese!« schrie der eine. »Und es war doch ein Berg!« brüllte der andere. Und dann erzählten sie ihm, was sie gesehen zu haben glaubten. Da lachte er und erzählte, was er erlebt hatte. »Wo sind die Erdbeeren?« riefen beide. »Ich habe sie aufgegessen!« »Wo ist das Eichhörnchen?!« »Eben ist es fortgelaufen!« »Oh!« sagten beide und machten dumme Gesichter. Die Wetterhexe In dem freundlichen Dorfe Huldingsheim lagen zwei Bauernhöfe, deren Felder und Wiesen aneinandergrenzten. Die beiden jungen Bauern hatten ihr Erbteil, das ihnen von ihren Vätern in gutem Zustande überliefert worden war, fast zu gleicher Zeit angetreten, doch nun, da erst sieben Jahre verflossen waren, machte sich bereits ein sehr großer Unterschied zwischen den beiden Besitztümern bemerklich. Kam man auf den Hof des einen, der Valentin hieß, so ward man erfreut durch einen Glanz von Reinlichkeit, Ordnung und Wohlstand, der auf allen Dingen lag; alles stand an seinem Ort und war sauber abgegrenzt und richtig. Die Gebäude waren reinlich gestrichen, die Türen hübsch gemalt, und an den Strohdächern war kein Fehler zu sehen. Auf dem Teich schwammen die stattlichsten Enten, und im Hofe wanderten Hühner umher, bei denen es schwer zu unterscheiden war, ob sie auf ihren mächtigen Hahn oder dieser auf seine Hühner hätte stolzer sein dürfen. Trat man in die große Vordiele des Hauses, an der zu beiden Seiten die Viehställe gelegen sind, so war es wieder eine Lust, die wohlgepflegten Kühe und Pferde zu betrachten, die so blank waren, daß man sich fast darin spiegeln konnte. Aber noch blanker war das Kupfer- und Zinngeschirr, das neben dem Herde am Ende der Diele aufgestellt war nebst hübsch bemalten Tellern und glasierten Töpfen und dergleichen reinlichem Küchengerät. An dem Herde aber wirtschaftete eine saubere Hausfrau, und es war lustig zu sehen, wie flink ihr alles von der Hand ging, und lustig zu hören, wie fröhlich sie dabei sang. Über dem Herde aber im Rauchfange hingen in stattlichen Reihen Würste, Speckseiten und Schinken und boten einen tröstlichen und erfreulichen Anblick dar. Das Wohnzimmer, die Putzstube und die Vorratskammer zu betrachten war nun erst recht ein Vergnügen. Die Fußböden waren blank gescheuert und mit weißem Sand bestreut, die alte Kuckucksuhr tickte behaglich, und der Sonnenschein kam durch die blanken Fensterscheiben und malte die Schatten von Geranium und Goldlack auf den Fußboden, blinkte freundlich in den grünglasierten Kacheln des alten Ofens und setzte die Schnörkel und das Schnitzwerk des riesigen braunen Erbschrankes, der den großen Leinenschatz des Hauses enthielt, ins rechte Licht. Und in der Vorratskammer, welch behaglicher Duft nach Backobst und gedörrten Äpfeln, und welche Schätze von seidenweichem Flachs und selbstgesponnenem Garn – wahrlich, da konnte mancher Hausfrau das Herz groß werden. Ging man sodann mit dem jungen Bauern durch die Hintertür und den mit gesunden, wohlgepflegten Obstbäumen besetzten Grasgarten auf den Acker, da merkte man bald, daß es in Feld und Wiese ebenso aussah wie in Haus und Hof und daß Fleiß, Ordnung und Reinlichkeit die guten Geister dieses Hauses waren. Der andere junge Bauer, der Balthasar hieß, war recht das Gegenspiel von Valentin. Schon als Knabe hatte er am liebsten den Vögeln die Nester ausgenommen, den Katzen Schweinsblasen mit Erbsen an die Schwänze gebunden, fremde Hunde mit Steinen geworfen und die eigenen auf arme Bettler gehetzt. An der Arbeit hatte er nie Gefallen gefunden und hatte gemeint, ihm, als dem einzigen Sohne eines wohlhabenden Bauern, müsse es von selbst kommen. Später heiratete er ein hübsches Mädchen, das er auf dem Tanzboden kennengelernt hatte und dessen lustiges Wesen ihm gefiel. Das war eine Frau, die recht für ihn paßte, denn arbeiten mochte sie ebensowenig wie er, Kuchenbacken und Kaffeekochen ausgenommen. Da nun schlechte Herrschaften stets schlechte Dienstboten haben, die das Beispiel, das ihnen gegeben wird, getreulich nachahmen, so konnte es nicht verwundern, daß Haus und Feld allmählich in Verfall gerieten und daß sich auf dem Dünger, der über den ganzen Hof unordentlich zerstreut lag, die Hühner ihres erbärmlichen Hahnes und dieser sich seiner kläglichen Hühner schämte. Die Kühe und Pferde sahen mager und rauh aus, als seien sie mit Moos statt mit Haaren bewachsen, und an Stelle fröhlichen Gesanges hörte man Keifen und Schelten und widerwärtiges Fluchen durch das Haus schallen. Aber trotzdem er an dem Verfall seines Anwesens selbst die Schuld trug, so wurde Balthasars Herz doch von Neid und Mißgunst erfüllt, wenn er die herrlichen Felder des Nachbars neben seinen kümmerlichen, verwahrlosten Äckern liegen sah, wenn er auf seine Wiese blickte, die höckerig war von bewachsenen Maulwurfshaufen, die er nicht rechtzeitig geebnet hatte, und dann auf die des Nachbars, wo grün und dicht, einer Sammetdecke vergleichbar, das süßeste Futter wuchs. Es fraß an seinem Herzen wie gieriges Ungeziefer, wenn er im Wirtshaus saß und Valentins Lob verkünden hörte, während man auf ihn spöttische Seitenblicke warf; er faßte einen tiefen Groll und Haß gegen jenen, dem nach seiner Ansicht ein blindes Glück alles in Hülle und Fülle in den Schoß warf, während er selbst von unverdientem Mißgeschick verfolgt wurde. Denn also verblendet war sein Sinn, daß er die wahren Ursachen des Rückganges seiner Angelegenheiten nicht mehr erkennen wollte. Eines Tages hatte er sich in hämischer Weise gegen Valentin darüber ausgesprochen, und als dieser ihm einfach erwiderte, der Nachbar könne dasselbe Glück haben, wenn er mehr Fleiß und Mühe auf die Bestellung seines Hauswesens und seiner Äcker verwenden wolle, denn der Boden sei derselbe wie bei ihm, und da Wetter und Wind auch dieselben wären, so müsse es wohl an anderen Dingen liegen, – da hatte er seinen Ärger verbissen und sich still beiseite gedrückt; aber von dieser Zeit an sann er Tag und Nacht, wie er es anstellen möchte, dem Nachbar einmal einen rechten Schaden anzutun. Nun kam einmal wieder nach einem strengen Winter ein schönes Frühjahr heran. Da der Herbst auch gut gewesen war und der harte Winter den Saaten nichts geschadet hatte, so bewirkte das köstliche Frühlingswetter, daß alle Feldgewächse überaus herrlich gediehen. Und da auch Balthasar diesmal seinen Acker ein wenig besser bestellt hatte, so sah es auch bei ihm günstiger aus als seit langen Jahren. Deshalb wurmte es ihn um so mehr, als trotzdem seine Felder gegen die Valentins nur armselig zu nennen waren. Jedoch in der Hoffnung auf eine bessere Ernte lebte er noch viel lustiger denn zuvor und ließ im Wirtshaus noch mehr als gewöhnlich draufgehen, während seine Frau mehr Kuchen buk als je. Eines Abends spät kam er von dem Wirtshause eines benachbarten Dorfes nach Hause auf einem Wege, der durch seine Felder führte; da sah er plötzlich im Mondlicht eine seltsame Erscheinung. Eine schöne weiße Frau mit Haaren von der goldenen Farbe des gereiften Weizens zog schwebenden Fußes über seinen Roggen dahin, und um sie her liefen viele Kinderchen, angetan mit langen weißen Hemdchen, und ein feines Lachen und liebliches Geschwätz ging von der ganzen Schar aus. Wäre sein Sinn nun nicht ganz verblendet und vom Trinken benebelt gewesen, so hätte er wohl bemerkt, daß es die Roggenmuhme mit den Kornkindern war, die die Felder beschützen und deren Erscheinen Segen und Überfluß bedeutet; allein er vermochte das nicht zu erkennen, sondern rief: »Was macht ihr Gesindel da in meinem Roggen?!« Da die Roggenmuhme gar nicht antwortete, sondern ihm nur das schöne, mondbeschienene Antlitz zuwendete und ihn mit großen Augen ansah, so geriet er in mächtigen Zorn, raffte einen Stein auf und wollte damit werfen. Aber in dem Augenblick, da er den Arm erhob, streckte die Roggenmuhme die schimmernd weiße Hand nach ihm aus, und nun stand er plötzlich gebannt da, den Stein in der erhobenen Faust, und vermochte sich nicht zu rühren, bis die schöne Erscheinung mit allen Kindern in dem nebligen Dämmer des Grundes verschwunden war. Dann ließ er den Stein hinter sich fallen und ging fluchend nach Hause. Anders war es Valentin an demselben Abend mit der Roggenmuhme ergangen. Er hatte sich noch bis in die Dunkelheit hinein an dem entferntesten Ende seines Feldes zu tun gemacht, und als er nun im Mondschein in der schweigenden Stille des Frühlingsabends langsam durch die Felder nach Hause wanderte und recht in seinem Herzen vergnügt war über den reichen Segen, der sich überall ausbreitete, da sah er ebenfalls die Roggenmuhme mit ihrer leichtfüßigen Kinderschar schimmernd über sein Weizenfeld dahinziehen. Er blieb ehrerbietig stehen, um sie vorüberzulassen, und da bemerkte er, daß eines der Kinder mühsam hinterherlief und alle Augenblicke stolperte, weil ihm sein Hemdchen zu lang war und es immer mit den Füßen darauf trat. »Komm her, Humpelchen!« rief Valentin. »Ich will dir dein Hemdchen aufbinden!« Das Kind kam erfreut angelaufen, er nahm ein Endchen Bindfaden aus der Tasche und schürzte das Hemdchen behutsam auf. Da dies geschehen war, lief das Kind fröhlich seinen Gespielen wieder nach und rief: »Ich danke dir, du guter Mann nun hab ich einen Namen!«, und die anderen Kinder riefen mit ihren feinen Stimmen durcheinander: »Humpelchen! Humpelchen! Da kommt das kleine Humpelchen!« Die Roggenmuhme aber wendete sich und nickte ihm freundlich zu. Dann zogen sie weiter über den nahen Hügel und verschwanden eins nach dem anderen dahinter. Als die Roggenmuhme im Begriff war, von der Höhe hinabzuschreiten, wendete sie sich noch einmal und nickte ihm wiederum freundlich zu. Dann schwand sie hinweg, und nur der Mond schien noch auf die Stelle, wo sie gestanden hatte. Valentin aber ging in seinem Herzen stillvergnügt nach Hause. Als Balthasar am anderen Morgen sein Erlebnis erzählte, da schüttelten die Leute mit den Köpfen und sagten, er habe töricht gehandelt, die Roggenmuhme zu erzürnen, denn seine Felder würden es nun wohl entgelten müssen, und wenn bei ihm in diesem Jahre die Mäuse und der Reißwurm ihre Arbeit täten und der Weizen den Rost und der Roggen taube Ähren und Mutterkorn bekämen, da solle er sich nur bei der Roggenmuhme bedanken. Ein alter Schäfer riet ihm aber, er solle heute abend wieder aufs Feld gehen und der Roggenmuhme einen ganz schwarzen Hahn bringen, der keine noch so kleine andersfarbige Feder an sich habe, das würde sie wieder aussöhnen. Balthasar, der sehr in Angst geraten war, verschaffte sich einen solchen Hahn – es traf sich zufällig, daß der alte Schäfer einen gerade passenden teuer zu verkaufen hatte – und ging mit dem Tiere nach eingetretener Dunkelheit hinaus, um die Roggenmuhme zu erwarten. Aber er wartete vergebens; niemand ließ sich sehen. Er war schon eine lange Weile auf dem Feldrain, der seine von Valentins Äckern trennte, immer in den Mondschein hinausspähend, auf und nieder gegangen und wollte schon die Geduld verlieren, als er plötzlich in der Ferne eine dunkle Gestalt bemerkte, die sich von Zeit zu Zeit niederbückte und sich ihm allmählich näherte. Er schritt zu auf die Gestalt, die sich gar nicht um ihn zu kümmern schien, und als er näher kam, bemerkte er zu seinem Unbehagen, daß es die Moorfrau war, die ganz einsam in einem nahe gelegenen Torfmoore wohnte und im Dorf für eine Hexe gehalten wurde. Sie suchte an diesem Feldrain kräftige Kräuter, auf denen der Mondscheintau lag. »Ei, schönen guten Abend, Balthasar«, sagte die Moorfrau, – »Ihr geht wohl ein wenig im Mondschein spazieren und seht Euch Euer Feldchen an. Ein schönes Frühjahr, und es steht nicht schlecht bei Euch; aber der Valentin versteht's doch noch besser – ist ein Pfiffikus!« Und dann kicherte sie, daß ihr der Kopf wackelte. Der Bauer hatte ein Grauen vor der alten Hexe und wollte sich abwenden und nach Hause gehen, allein diese hatte mit ihren scharfen Augen den schwarzen Hahn bemerkt und hielt Balthasar am Rockschoß fest. »Ei, was habt Ihr da für ein schönes Hähnchen«, sagte sie und streckte gierig ihre dünnen Spinnenfinger aus und befühlte und betastete das Tier; – »ganz schwarz und ohne Fehler, das wäre so ein Hähnchen, wie es sich die alte Moorfrau schon lange gewünscht hat, – ei, du gutes Tierchen – tuck, tuck, tuck! mein Kikelchen, mein Kakelchen!« Balthasar sagte kurzweg, das ginge sie gar nichts an, und wollte sich entfernen; allein die Alte ließ nicht nach mit dem Drängen und Schmeicheln, bis sie in Erfahrung gebracht hatte, in welcher Absicht sich Balthasar mit dem Hahne dort eingefunden hatte. »Was kann das weiße Milchgesicht Euch helfen!« sagte sie. »Gebt mir das Hähnchen, ich bin nun einmal vernarrt in das hübsche Tier.« Dann trat sie ganz nahe zu ihm heran und flüsterte, indem sie mit dem Daumen auf Valentins Felder deutete: »Nicht wahr, wenn wir dem mal so ein kleines Schabernäckchen spielen könnten – es wäre nicht so unrecht!« Balthasar, bei seiner schwachen Seite gefaßt, ward neugierig und fragte hastig: »Wie meint Ihr das, Alte?« »Wenn er auch mal fühlen müßte, wie es tut, wenn Mühe und Arbeit vergebens gewesen ist und man seine Knochen umsonst gerührt hat. So ein Duckmäuser, dem hängt das Glück an, und ein so frischer, flotter Kerl wie Ihr, der kommt zu nichts – ist das nicht ungerecht? Wenn Ihr mir das Hähnchen gebt, da wollen wir mal sehen, was sich tun läßt. Ich habe hier so ein Schächtelchen, es war eigentlich für einen anderen bestimmt; allein Euch hab ich immer gern gehabt, und wenn Ihr mir das Hähnchen gebt – das Kikelchen, das liebe Kakelchen! – da sollt Ihr's haben.« Damit hatte sie zuunterst aus ihrem Kräuterkorb eine runde Schachtel herausgewühlt und hielt sie Balthasar hin. »Nun, was soll ich denn damit?« fragte dieser unwirsch. Die Alte wendete sich gegen Valentins Feld, und während sie die Handbewegung des Säens machte, rief sie bei den Scheinwürfen, die sie ausführte, mit singender Stimme: »Raden! – Trespen! – Klatschmohn! – Disteln! – Winden!« – Dann klopfte sie auf die Schachtel und wollte sich vor Lachen ausschütten. »Horcht mal«, rief sie dann, »wie sie brummen!« Sie hielt Balthasar die Schachtel ans Ohr, und dieser vernahm ein Krabbeln und dumpfes Summen, als seien Käfer und Hummeln darin eingesperrt. »Ich verstehe Euer dummes Zeug nicht!« sagte Balthasar. Die Alte drängte sich dicht an ihn, und indem sie die Schachtel mit ihren dürren Fingern umklammerte, sprach sie flüsternd: »Wenn Ihr morgen um die Mittagszeit, da die Sonne am höchsten steht, hinausgeht auf Valentins Feld und diese Schachtel aufmacht, da werdet Ihr's schon merken. Es sind kleine hübsche Säemännerchen drin, die werden säen, säen, säen. Da werden dem Valentin seine Felder später hübsch werden – so bunt! – so bunt!« Darauf kicherte sie eine Weile in sich hinein, klopfte dann auf die Schachtel und rief: »Nicht wahr, ihr versteht's!«, und aus der Schachtel tönte es als Antwort wie ein feines, höhnisches Gelächter. Trotz seines Grauens griff Balthasar gierig zu und sprach: »Gebt her – den Hahn sollt Ihr haben!« Kaum hatte er dies ausgesprochen, da hatte die Hexe das Tier schon im Arm und streichelte es zärtlich. Dann huckte sie ihren Korb auf und humpelte eilig davon. Kaum hatte der Dämmer der Nacht sie aufgenommen, so hörte Balthasar an der Stelle, wo sie verschwunden war, den Schrei einer Eule: »Kuwit! Kuwit!«, dann ferner in der Richtung auf das Torfmoor zu und immer ferner, bis er endlich nichts mehr vernahm. Am anderen Tage kurz vor Mittag nahm Balthasar die geheimnisvolle Schachtel und ging hinaus auf das Feld. Es war ein schwüler, heißer Tag, ohne jeden Windhauch; am Horizont waren Wolken aufgetürmt, und es hatte den Anschein, als würde dort hinten in aller Stille ein heimliches Unheil zusammengebraut. Als er auf der Höhe seines Feldes angelangt war, schaute er sich um und horchte. Es war niemand weit und breit zu sehen; aber die hellhörige Luft trug allerlei Töne zu ihm her, das Rollen eines fernen Wagens, das Rasseln der Mittagsklapper aus einem Bauernhofe des Dorfes und aus dem Moorgrund den einsamen Schrei eines Sumpfvogels und zuweilen ein seltsames Lachen; er wußte nicht, war es vom Wiedehopf oder war es etwas anderes. Ihm war beklommen zumute; allein er faßte sich ein Herz, stieg in einen trockenen Graben hinab, der weit in Valentins Feld hineinführte, und schritt vorwärts. In der Mitte des Ackers lag ein kleiner Teich, der durch diesen Graben bei Hochwasser seinen Abfluß fand; hier stieg er an der Uferwand hinauf und schaute wieder über das Feld hinweg. Es war alles still und einsam wie zuvor. Er empfand ein Grauen, die Schachtel zu öffnen, stellte sie vor sich hin auf den Uferrand, legte sein Ohr daran und vernahm ein brummendes, erwartungsvolles Rumoren darin. Endlich faßte er Mut, löste vorsichtig den Deckel, nahm ihn schnell ab und sprang mit einem angstvollen Satz zurück. Allein einstweilen kam gar nichts aus der Schachtel hervor. Vorsichtig schlich er wieder näher, und als er hineinblicken konnte, bemerkte er nur ein schwärzliches Gekribbel und Gewimmel, untermischt mit einigen bunten, leuchtenden Flecken. Endlich arbeitete sich etwas aus der Masse hervor, setzte sich auf den Rand der Schachtel und fing an zu wachsen, bis es etwa die Größe eines Maulwurfs erreicht hatte. Es war ein kleines schwärzliches Kerlchen mit Fledermausflügeln und einem Kopf wie ein Mohnkopf, auf dem es einen breiten, feuerroten Hut trug. Es dehnte und reckte seine Flügel, tastete nach einem Säckchen, das es nach Art der Säemänner um den Leib trug, stieß einen kleinen hellen Schrei aus, schwang sich in die Luft, und indem es kreisend über die Felder dahinschwankte, fing es an emsig zu säen und verlor sich allmählich in der Ferne. Unterdes war schon ein zweiter dieser grauslichen kleinen Gesellen hervorgekommen, der einen Distelkopf mit rotem Busch zwischen den Schultern trug, und folgte seinem Genossen, und so kamen immer mehr und mehr mit Mützen wie Kornblumen, Raden und Winden gestaltet hervor und gingen an ihre Arbeit. Endlich war die Schachtel leer. Balthasar legte einen Stein hinein und warf sie mitten in den Teich, wo sie versank. Dann kehrte er, das Herz voll Schadenfreude und böser Hoffnungen, in sein Haus zurück, und hinter ihm her schallte wieder das seltsame Lachen aus dem fernen Moorgrund. Der Abend kam; der Mond ging auf und stieg langsam ins Blau empor. Um Mitternacht, als er schon hoch stand, kam ein heller Schimmer, von dem ein liebliches, geschwätziges Tönen ausging, über die Felder gezogen, und als es näher kam, da sah man, daß es die Roggenmuhme mit ihren Kleinen war. Als sie an Valentins Acker kam, stutzte sie plötzlich, beugte sich zu dem Saatfeld hinab und musterte mit ihren klaren Augen den Boden. »Hier sind böse Dinge geschehen«, sagte sie dann; »hurtig, Kinder, hier gibt es Arbeit.« Kaum hatte sie das gesagt, so verteilten sich die Kleinen eilfertig über das ganze Land und rutschten auf den Knien so flink dahin, daß es lustig zu sehen war, und dabei pickten sie mit ihren feinen Fingerchen wie Vögel die Unkrautsamen auf und sammelten sie in ihren Schoß und arbeiteten so fleißig und sicher, daß in kurzer Zeit die ganzen Felder abgesucht waren und wohl kaum ein Körnchen liegenblieb. Den größten Schoß voll aber hatte Humpelchen gesammelt. »Ich weiß wohl, von wem diese Bosheit herrührt«, sagte die Roggenmuhme; »sie falle auf sein Haupt zurück!« Damit trat sie mit ihren Kleinen auf Balthasars Feld über, und hier wurde der angesammelte Vorrat sorgfältig wieder ausgesät. Vergeblich wartete Balthasar auf den Erfolg seiner Freveltat, vergeblich spähte er im Laufe des Frühlings nach üppig aufschießendem Unkraut auf dem Felde seines Nachbars. Nur zu bald wurde er mit Entsetzen gewahr, was auf seinen eigenen Äckern vorging. Es gewann dort den Anschein, als sei es auf den Bau von Unkraut besonders abgesehen, und als es gegen die Zeit der Roggenernte kam, da bot Balthasars Feld einen für das Auge eines Landmannes wahrhaft entsetzlichen Anblick dar. Es leuchtete und schimmerte in allen Farben; hier war ein Stück Feld von blühendem Klatschmohn wie mit Blut angestrichen, dort lag ein Acker mit ragenden Distelstangen besät, dazwischen einige kümmerliche Gerstenhalme kaum bemerklich waren, der Hafer war vor Trespen gar nicht zu finden, auf der Kuhweide wuchs nichts als Stiefmütterchen, die einen mit hunderttausend kleinen Gesichtern anblickten, die Wiese war voller Schachtelhalm, und in den Klee hatte die Kleeseide gelbe Flächen, wie ein Bettlaken groß, gesponnen. Weit und breit aus der Umgegend kamen an Sonntagen die Leute herbei, um sich dies Wunder anzusehen, und eines Tages sogar ein Maler aus der Stadt, der es abmalte und es für über alle Maßen herrlich erklärte. Auf Valentins Feldern war aber nicht mehr blühendes Unkraut zu sehen, als zur Verzierung eines Kornfeldes nötig ist. Balthasar hatte einen entsetzlichen Zorn auf die alte Hexe gefaßt und sich vorgenommen, sie halbtot zu prügeln, wenn er ihr einmal begegnen würde; denn er hielt die Bosheit dieses Weibes für den Grund seines Unglücks. Als er ihr daher kurz vor der Roggenernte auf einem Feldwege begegnete, sprang er sofort auf sie los, würgte sie an der Gurgel und wollte dann eben mit seinem Stock ausholen, als die Alte so erbärmlich anfing zu winseln und ihre Unschuld zu beteuern, daß er abließ und sie anhörte. Sie könne nichts dafür, sagte sie; eine fremde, stärkere Macht, wahrscheinlich die Roggenmuhme, habe ihre Kunst zuschanden gemacht und das Unheil auf Balthasars Feld gewendet. Sie wolle alles tun, was er wolle, um ihn zufriedenzustellen. Noch sei es nicht zu spät, noch könne ein Hagelschlag Valentins reichen Segen vernichten. Balthasar solle morgen mittag zu ihr ins Moor kommen, da wolle sie ein Wetterchen zusammenbrauen, daß kein Halm auf dem Felde des Nachbars stehenbliebe; dem seinen aber solle nichts geschehen. Dieser verlockenden Aussicht vermochte Balthasar nicht zu widerstehen; er ließ die Alte los und sagte sein Kommen zu. Die Mittagssonne brannte heiß hernieder, als Balthasar am anderen Tage das Torfmoor erreichte; aber der Himmel war klar und blank und kein einziges Wölkchen zu sehen. Schauernd setzte er seinen Fuß auf den verrufenen und gemiedenen Boden. Es war ein ausgebautes Moor, überall durchschnitten von tiefen Löchern und Gruben, zwischen denen nur schmale Torfrücken stehengeblieben und teilweise nachgestürzt waren. In den Gruben war weicher Moorschlamm, oder es blinkte das schwarzbraune Grundwasser daraus hervor. Hier hatten die Sumpfvögel ihr Reich; Bekassinen flogen meckernd auf, als er stolpernd durch Gestrüpp und Heidekraut seinen Weg suchte, und mit klagendem Ruf flog der Kiebitz um sein Haupt. In der Ferne, wo die Hütte der Moorfrau lag, stieg ein hellblauer Rauch auf. Nach der Mitte zu wurde das Weidengestrüpp dichter und der Weg schwieriger zu erkennen. Zuweilen stand er entsetzt still, wenn sich plötzlich vor seinen Füßen ein im Busch verborgenes Moorloch öffnete und die Torfbrocken, die sein Tritt gelöst hatte, in das blinkende schwarze Wasser fielen. Endlich gelangte er schweißtriefend auf einen flachen Sandhügel, der wie eine Insel im Moore lag und mit krüppelhaften Kiefern und einzelnen Birken besetzt war. Hier lag die Hütte der Moorfrau, aus Torf erbaut und mit einem ganz von Hauslauch überwucherten, morschen Strohdach überdeckt. Die Alte selbst saß vor ihrer Tür und schürte ein schwelendes Torffeuer. Neben ihr auf einem alten Polsterschemel lag eine große Kreuzotter und sonnte sich. Als Balthasar näher kam, krähte der schwarze Hahn auf dem Dach der Hütte, und die Kreuzotter richtete den Kopf auf und zischte. »Ruhig, Kinderchen«, sagte die Alte, »der tut euch nichts!« Dann reichte sie dem Ankömmling eine große Flasche mit Branntwein hin und sagte: »Da, trinkt mal zur Stärkung.« Hierauf nahm sie selbst die Flasche, tat einen großen Schluck, schüttelte sich und sprach schnalzend: »Das tut wohl!« Sodann holte sie eine Pfanne und eine große, seltsam bemalte Holzbüchse aus der Hütte, und indem sie beides in den Händen hielt, kicherte sie und schüttelte sich und sagte dann: »Nun wollen wir mal ein Wetterchen machen, ein Hagelwetterchen, daß die Vögel in der Luft totgeschlagen werden.« Dann setzte sie die Pfanne auf das Feuer und sammelte aus der Holzbüchse allerlei seltsame, getrocknete Kräuter und anderes wunderliches Zeug in ihre Hand und tat alles auf einmal in das heiße Gerät. Es prasselte auf und blitzte und funkelte; kleine blaue Flämmchen flackerten umher, und plötzlich entwickelte sich ein dichter, schwarzer Rauch, der in einer dünnen, feinen Säule schnurgerade emporstieg. Die Hexe warf immer mehr von dem Kraut in die Pfanne und murmelte unverständliche Sprüche dazu; dann erhob sie die Hände, daß die weiten Ärmel von den dürren gelben Armen zurückfielen, und beschrieb Kreise in der Luft; dann fächerte sie mit einem Rabenflügel die Flamme und war in graulicher Art beweglich und geschäftig. Zuletzt rief sie kreischend: »Drauf und dran, nirgends an, über Moor und Wiesen hin zu dem Feld des Valentin!« Aus der Luft tönte ein dumpfes Brausen als Antwort. Entsetzt blickte Balthasar empor und sah, daß sich hoch oben der dünne Rauchfaden zu einer breiten, dunklen Wolke ausgebreitet hatte, aus der grauliche Gesichter hervorzulugen schienen. Jetzt waren die Kräuter verbrannt; die Rauchsäule löste sich von der Pfanne ab und wurde sogleich von der Wolke aufgesogen. »Nun ist es Zeit«, rief die Alte; »nun laufe, wenn du noch etwas sehen willst! Du bist mitten durchs Moor zu mir hergestolpert, ich will dir einen guten Fußsteig zeigen, der dich sicher hinausführt!« Sie brachte ihn auf den Weg, und Balthasar rannte wie gehetzt davon. Die Alte lachte gellend hinter ihm her und kehrte zu ihrer Hütte zurück. »Jetzt will ich mich durch ein Schlücklein stärken auf die Arbeit«, sagte sie schmunzelnd. Balthasar rannte keuchend dahin. Über sich hörte er ein Klirren und Rasseln, als wenn geharnischte Männer einherzögen; allein die Wolke ging schneller als er und kam ihm voraus. Als er auf seinem Felde anlangte, sah er voll Entsetzen, daß sie gerade darüber stand; die Luft über Valentins Acker war frei und leer. Ein Wunder zeigte sich seinen Blicken. Rings hoch in der Luft über der Grenze des Nachbarfeldes schwebten weiße, engelschöne Gestalten mit silberglänzenden Schilden und hielten die Flur umfriedet. Drohend ihnen gegenüber am Rande der Wolke lauerten grauschwarze, finstere Gesellen, feurige Speere in den Händen und Stahlhelme mit Spitzen auf dem Haupte. Sie schleuderten ihre Speere, die blitzend mit krachendem Donner durch die Luft fuhren, auf die weißen Gestalten, allein diese hielten ruhig lächelnd ihre Schilde vor, an denen die Waffen mit weiß aufleuchtendem Glanz zerschellten. Immer wilder und aufgeregter tobte es in der Wolke, die dunklen Gestalten wogten auf und nieder, und plötzlich stürmten sie zum letzten Angriff vor. Sie zogen den Kopf zwischen die Schultern und brausten, die Spitze des Stahlhelms voran, in mörderischer Wut gegen die weißen Gestalten. Aber kaum hatte einer in mächtigem Anprall den Silberschild nur berührt, so taumelte er wie vom Blitz getroffen zurück, überkugelte sich in der Luft und sank nieder. Im Sinken aber verschwammen die Formen des Leibes und lösten sich auf, und in entsetzlichen Hagel verwandelt, prasselte er auf Balthasars Acker nieder. So unter Geheul des Windes und unendlichem Rasseln des Hagels ging der Kampf zu Ende, die weißen Gestalten verschwammen und verschwebten, und die Sonne schien wieder rein und klar vom wolkenlosen Himmel. Sie leuchtete mit gleichem Glänze auf Balthasars zerschmettertes Feld wie auf Valentins prangende Fluren, in denen kein Hälmchen geknickt war. Balthasar war rasend vor getäuschter Erwartung und vor Zorn auf die Hexe. Alles war vernichtet – er war ein ruinierter Mann. Wie wahnsinnig rannte er auf seinem zollhoch mit Hagel bedeckten Felde umher. Kein Halm war verschont geblieben. Auf der Höhe eines Hügels blieb er stehen und drohte mit geballter Faust unter fürchterlichen Flüchen nach dem Moorgrund hinüber. Plötzlich schien ihm ein Gedanke zu kommen; ein teuflisches Grinsen ging über sein Gesicht; er schüttelte noch einmal die Faust und rannte dann eilig auf das Moor zu. Als er bei dem Kieferndickicht des kleinen Sandhügels angelangt war, hielt er an in seinem Lauf und schlich langsam und vorsichtig an die Torfhütte heran. Es war ganz still dort, der schwarze Hahn saß auf dem Dache, hatte den Kopf unter die Flügel gesteckt und schlief. Leise und vorsichtig wie ein spürendes Raubtier näherte er sich der Tür. Er fand sie geöffnet und sprang schnell näher, als fürchte er noch immer, seine Beute könne ihm entgehen. Mit vorgestrecktem Hals und gekrümmten Fingern stand er nun da und spähte in das Innere. Dort lag die Alte rücklings auf ihrem Strohsacklager und schlief, die geleerte Flasche neben sich. Sie hatte offenbar des Guten zuviel getan. »Desto besser!« sagte Balthasar, zog die Tür an und verschloß sie von außen. Dann warf er schnell Reisig auf das noch glimmende Feuer und fachte es zu neuer Glut, und dann schleppte er in wilder Hast die aufgestapelten Sammelholzvorräte der Hexe herbei und schichtete sie rings um das Haus auf. Der Hahn war unterdessen erwacht und schlug mit den Flügeln und krähte; allein die Hexe schlief fest. Balthasar hatte seine Arbeit beendet; nun riß er die flackernden Brände aus dem Feuer und warf sie ringsum in das von der Sonne ausgedörrte Kiefernholz, das alsbald in lichter Flamme aufloderte. Diese leckte an der Wand in die Höhe und entzündete bald hier, bald dort den ausgetrockneten Torf und loderte höher empor und setzte das Strohdach in Brand, so daß die ganze Hütte in Flammen stand. Der Hahn wollte hinabfliegen, aber er versengte sich die Flügel und fiel ins Feuer. Jetzt erwachte die Hexe; Balthasar hörte sie kreischen und wie sie heulend an der verschlossenen Tür rüttelte. Dann stürzte sie ans Fenster und schlug die kleinen, blinden Scheiben ein, aber Rauch und Flammen drangen ihr entgegen, und in demselben Augenblick schoß das brennende Strohdach herab und hüllte alles in einen lohenden Flammenmantel. Noch ein kurzes, halbersticktes Kreischen, und dann war es still. Aber aus dem zusammenstürzenden Gebäude schoß eine riesige Flamme empor, und auf ihrer Spitze schwebte eine mächtige Eule, der Rauch und Feuer nichts anhatten. Sie flog mit gellendem Schrei dreimal um die Brandstelle und schoß dann auf Balthasar nieder und hackte nach seinen Augen. Dieser schlug nach ihr, allein er vermochte sie nicht zu treffen und sich ihrer nicht zu erwehren. »Kuwit! Kuwit!« schrie das Tier, und unermüdlich stieß es auf ihn nieder. Schon blutete sein Gesicht aus mehreren Wunden – ein Entsetzen befiel ihn, und er versuchte zu entfliehen. Wie ein gehetztes Wild rannte er in das Moor hinein, stolperte und fiel und raffte sich wieder auf, aber der wütende Vogel ließ nicht ab von ihm. Zuletzt verschwand der Gehetzte zwischen den Weidenbüschen des Moors, das Geschrei der Eule klang ferner und verstummte endlich ganz. Ein Weiden schneidender Korbmacher fand nach einigen Tagen Balthasars Leichnam in einem der tiefsten Moorlöcher. An der Stelle, wo die Hütte der Wetterhexe gestanden hat, ist es nicht geheuer. Man will dort auf der Brandstelle zuweilen eine schwarze, zusammengekauerte Gestalt gesehen haben, die von Zeit zu Zeit einen klagenden Schrei ausstößt wie eine Eule: »Kuwit! Kuwit!« Der Venediger In einem der größten Wälder des Harzes wohnte ein Kohlenbrenner mit seiner Frau und seinem Sohne Peter ganz einsam und allein. Nur Jäger oder Holzhauer kamen zuweilen in diese Gegend oder von Zeit zu Zeit der Fuhrmann, der die fertigen Kohlen auflud und in die Stadt brachte, sonst hörte man oft wochenlang weiter nichts als das Sausen des Windes in den Wipfeln, das Pochen der Spechte oder den einsamen Schrei eines Raubvogels. Die große Landstraße führte fern vorüber, und das Rollen der Räder war längst verhallt, ehe es in diese Einsamkeit drang, ja, selbst das Läuten der Glocken aus dem nächsten Dorfe erstarb in den Baumwipfeln, bevor es diesen Ort erreichte. Deshalb war die Kohlenbrennerfamilie nicht wenig erstaunt, als eines Tages eine vornehme Stadtkutsche aus dem Walde hervorkam und bei ihrem Häuschen vorfuhr. Aus dem Wagen stieg ein zierlich gebautes Männlein, das sehr fein, aber ganz schwarz gekleidet war. Es trug Schuhe mit silbernen Schnallen, Kniestrümpfe, seidene Höschen und eine Schoßweste von demselben Stoff, dazu einen feinen schwarzen Tuchrock und ein dreieckiges Hütlein. Seine Perücke war mit runden glänzenden Seitenlöckchen versehen, und im Nacken hing ein wohlgedrehter Zopf mit einer schwarzen Schleife. Das Männchen bewegte sich mit zierlichen Schritten zu dem Köhler hin, der verwundert in seiner Haustür stand, und sprach, zwar in richtigem Deutsch, aber mit einer seltsam fremdartigen Aussprache: »Ich bin der Doktor Bimboni aus Venedig. Ich wünsche mich in diesem Gebirge eine Zeitlang aufzuhalten, um allerlei heilsame Kräuter zu sammeln, dergleichen hier köstlich gedeihen und anderswo nicht zu finden sind. Wolltet Ihr mir in Eurem Hause ein Obdach gewähren, so will ich Euch gut dafür belohnen.« Dazu klimperte er gar anmutig in seiner Tasche mit Goldstücken. Nun aber bekam des Kohlenbrenners Frau, die hinter ihrem Manne in der Haustür stand, einen Schreck, indem sie bedachte, daß sie für einen so vornehmen Herrn das Essen schaffen sollte, denn das konnte sie sich wohl denken, daß er mit Pellkartoffeln und Hering und Erbsen mit Speck nicht zufrieden sein würde. Sie stieß deshalb ihren Mann an und flüsterte ihm dieses zu. Der Fremde aber hörte wohl, was sie sagte, und sprach, indem er auf die Kisten und Koffer deutete, die seiner Kutsche aufgeschnallt waren: »Deshalb beunruhigt Euch nicht, gute Frau; ich führe alles Notwendige bei mir und bitte nur um Obdach.« Nun hatten die Köhlersleute in ihrem Häuschen eine große Giebelkammer auf dem Boden, die leerstand, und als der Fremde einen Golddukaten hervorzog zum Handgeld und versprach, jede Woche ebensoviel zu zahlen, da erschien es ihnen töricht, einen so guten Verdienst von sich zu weisen, zumal da der ausländische Doktor, obwohl er aus seinem gelben Gesichtlein mit ziemlich stechenden, schwarzen Augen blickte, doch ein gar feines und vornehmes Wesen zur Schau trug. So wurden denn die mannigfaltigen Sachen des Fremden hinaufgeschafft in die Giebelkammer, wo er sich mit großer Geschicklichkeit und Geschwindigkeit häuslich einrichtete, indem Peter ihm dabei behilflich sein mußte. Es zeigte sich, daß er auch auf ein Nachtlager Bedacht genommen hatte und feine, seidene Steppdecken nebst weichen Kissen bei sich führte; auch mochte der kleine Doktor wohl ein rechtes Leckermaul sein, denn in einem schweren, mit Eisen beschlagenen Koffer befand sich eine Kücheneinrichtung nebst reichhaltiger Speisekammer, aus der im Laufe der Zeit gar seltsame und köstliche Gerichte hervorkamen, dergleichen in dem einsamen Köhlerhause nicht einmal dem Namen nach bekannt waren. Da gab es Büchsen mit kleinen, gebratenen Vögeln, die in Butter eingemacht waren; in anderen wieder befanden sich leckere Fischchen, in goldgelbes Öl eingelegt, oder sie waren in Tönnchen mit Gewürz und Essig aufbewahrt. Kistchen mit Feigen und Datteln und köstlichen Traubenrosinen und eine Anzahl von Dosen, die süßes Eingemachtes enthielten, rötlich schimmernde Würste, glänzende Schinken und dergleichen mehr kam aus diesem Koffer hervor. Auch war darin ein Flaschenfutter angebracht, das eine Anzahl behäbiger Flaschen mit schwerem südlichen Weine enthielt, der sich wie Öl ins Glas hing und von dem Doktor mit großem Behagen aus kleinen Spitzgläsern geschlürft wurde. Auch zeigte sich der Fremde in der Kochkunst nicht unerfahren, denn er bereitete sehr zierlich alle seine Gerichte selbst auf einer künstlichen Spiritusmaschine und verstand sich besonders auf die Herstellung eines köstlichen Eierkuchens, der das ganze Haus mit Begehrlichkeit weckendem Dufte erfüllte. Zu diesem verbrauchte er aber so eine Menge von Eiern und so unbillig viel süße Sahne, daß die Köhlersfrau nur mit Seufzen und Kopf schütteln solcher Verschwendung zuzuschauen vermochte. Wenn sich der fremde Doktor nun auch mit so vieler Hingabe der Pflege seines zierlichen Körpers widmete, so vergaß er darum doch nicht des Zweckes, der ihn in diese Waldwildnis geführt hatte. Er besaß eine genaue Karte der Umgegend, auf der einige Stellen mit seltsamen und unverständlichen Zeichen von bunter Farbe angemerkt waren. Es waren dies verschiedene steinige Bergschluchten oder solche Orte, wo die reißenden Gebirgsbäche viele Kiesel und Geröll aufgeschichtet hatten. Dort kümmerte er sich aber viel weniger um Pflanzen und Kräuter als um die verschiedenen Steine und Felsarten, die er sehr aufmerksam betrachtete, von denen er auch wohl mit einem Hämmerchen, das er bei sich führte, Stücke abschlug. Aus dem Geschiebe und Geröll der Bäche sammelte er vielerlei Kiesel und unscheinbares Gestein und fand von dem oft an einem Tage so viel, daß Peter, der ihn stets begleitete und alles in einer großen Ledertasche fortschleppen mußte, oft seine saure Arbeit davon hatte. An solchen Tagen war der Doktor aber besonders heiter und aufgeräumt und tänzelte mehr als gewöhnlich, wenn es nach Hause ging, und tirelierte und sang mit einer feinen Falsettstimme allerlei lustige italienische Liedlein. Dann pflegte er Peter mit einem blanken Groschen und einigen Feigen oder Datteln zu beschenken und buk sich einen jener köstlichen Eierkuchen, wozu er etliche von den leckeren Vöglein verzehrte und von seinem schweren, süßen Weine ein Spitzgläschen mehr als gewöhnlich trank. Der Kohlenbrenner und seine Frau aber, als sie sahen, wieviel in ihren Augen nutzloses Gestein und Geröll der fremde Doktor zusammenschleppte, schüttelten die Köpfe und hielten ihn für ein wenig übergeschnappt, ließen ihn aber ruhig gewähren, da seine goldenen Dukaten einen gar lieblichen Klang hatten. Nachdem er bereits eine große Kiste voll solcher Steine gesammelt hatte, rückte der Johannistag heran. Nun saß der Doktor immer einsam in seiner Giebelstube, maß und zirkelte auf seiner Karte herum und las und studierte viel in alten, schweinsledernen Folianten, die mit seltsam krausen Schriftzügen und bunten, abenteuerlichen Figuren erfüllt waren. Dann verschwand er eines Morgens ganz früh und kam am Abend sehr ermüdet und niedergeschlagen zurück. So geschah es mehrere Tage, ohne daß jemand ahnte, was er trieb, einmal aber stellte er sich zu Mittag schon wieder ein, und man konnte ihn schon von ferne singen und quinkelieren hören. Das Hütchen saß ihm ganz schief, die Äuglein funkelten ihm, und das spitze Näschen glänzte so lustig, daß man denken mochte, er hätte des Guten zuviel getan. Diese fröhliche Stimmung verließ ihn nun nicht mehr, bis der Johannistag herbeikam. Am Morgen dieses Tages hieß er Peter wieder die Ledertasche umhängen und rüstete sich selbst mit einer gleichen aus. Dann wanderten sie fort ins Gebirge. Diesmal schlug aber der Doktor eine andere Richtung als gewöhnlich ein. Sie durchschritten einen düsteren Tannenwald und dann eine mit Steinen und Geröll bedeckte Halde. Die Felsblöcke wurden immer größer, und es wuchsen dichtes Moos, Heidelbeersträucher und junge Bäumchen darauf. Zuweilen waren zwischen dem Getrümmer mächtige Tannen aufgeschossen, an deren Zweigen graues Bartmoos lang herabhing. Durch diese Wildnis plätscherte, von Farnkraut und üppigem Blätterwerk umsäumt, ein kleiner Bach dahin. Sie folgten diesem aufwärts bis an ein waldiges schmales Tal, woraus er hervorlief. Die Berge stiegen zu beiden Seiten an, also daß die Bäume, die darauf wuchsen, immer einer über den anderen hinwegschauten und ungezählte Wipfel hintereinander emporstanden. Nachdem sie unter düsteren Tannen zur Seite des rieselnden Bächleins eine ganze Weile in der Rinne dieses Tales aufwärtsgestiegen waren, lichtete es sich, und sie gelangten an eine Bergwiese, die, von mächtigen Edeltannen umringt, grün und sonnig dalag. Der Doktor zog seine große, goldene Uhr hervor und sah nach der Stunde. »Nahezu Mittag«, murmelte er, »die Zeit ist da.« Sein Gesicht war sehr ernsthaft und bleicher als gewöhnlich. Er wies Peter einen Platz hinter einem Felsblock an und sagte: »Hier bleib und rühre dich nicht vom Fleck, bis ich zurückkomme. Es handelt sich um große Dinge.« Damit ließ er seine Tasche bei Peter zurück, bog um den Felsblock und ging fort. Peter saß eine Weile und horchte. Die Schritte des Doktors waren bald verhallt, und dann vernahm der Knabe nichts weiter als das Rieseln der Wässerchen, die aus der Wiese hervorliefen, das leise Wispern der Gräser und das Singen der Tannenwipfel in der Höhe. Da er nun so saß und wartete, überfiel ihn die Neugier, zu erfahren, wohin der Fremde wohl gegangen sei. Ob er wohl auf der Wiese war? Was er dort wohl suchte? Er stand leise auf und kletterte ein wenig an dem Felsblock empor, bis er hinüberschauen konnte. Zuerst sah er nichts als die grüne, sonnige Fläche, daraus mannigfache Blumen hervorleuchteten und zuweilen ein Wasserfaden aufblitzte. Doch siehe, da kam der Doktor hinter den Bäumen hervor und stelzte wie ein Storch in dem hohen Grase herum, zuweilen einen possierlichen Satz machend, wenn er an eine feuchte Stelle gelangte. Fortwährend aber schaute er gespannt und forschend um sich, als ob er etwas suche. Mittlerweile erhob sich ein wenig Wind; ein geheimnisvolles Rauschen ging durch die Wipfel der Bäume, und die Gräser und Blumen winkten und wiegten sich und flüsterten. Zugleich strahlte in der Mitte der Wiese etwas auf wie ein blauer Stern. Der Doktor eilte schnell darauf zu, beugte sich darüber, und als er sich aufrichtete, war der blaue Schein verschwunden. Nun kam er eilig zurück. Seine Augen leuchteten, und sein gelbes Gesicht glänzte triumphierend. Er nahm seine Tasche auf und rief: »Jetzt fort! Der große Wurf ist gelungen! Das Ziel meines Strebens ist erreicht!« Und so schnell sprang er von Stufe zu Stufe, von Felsblock zu Felsblock talabwärts, daß Peter kaum zu folgen vermochte. Als sie wieder auf der mit Steinblöcken bedeckten Halde angelangt waren, wandte sich der Fremde seitwärts, wo ein mächtiger, zerklüfteter Felsen emporragte, der Klingenstein genannt. Über diesen gingen mancherlei Sagen in der Umgegend, und es hieß, es sollten gewaltige Schätze in ihm verborgen sein. An seinem Fuße wuchs ein starker und dichter Haselstrauch empor. Der Doktor schritt auf diesen zu, nahm aus seiner Brusttasche etwas hervor, das Peter wie eine blaue, leuchtende Blume erschien, und berührte damit die Äste des Busches. Diese taten sich geräuschlos auseinander und legten den Eingang einer schmalen Höhle frei, die in das Innere des Felsens führte. Dann ergriff der Doktor Peters Hand und zog ihn hinter sich her in die Öffnung hinein. Nachdem sie eine Weile abwärts geschritten waren, erweiterte sich der Raum, der Doktor machte Licht und zündete eine Laterne an, die er bei sich trug. In dieser Höhle fand sich nichts als eine Menge von flimmerndem Sand, der den Fußboden dicht bedeckte. Der Doktor füllte seine Ledertasche emsig damit an und hieß Peter das gleiche tun. Als nichts mehr hineinging und Peter sie umhängen wollte, fand er sie so schwer, daß er sie kaum heben konnte. Er mußte sie um die Hälfte erleichtern und ebenso auch der Doktor einen Teil des gesammelten Sandes zurücklassen. Dann verließen sie die Höhle; der Haselstrauch tat sich wieder zusammen, und sie brachten ihren Fund nach Hause. Im Laufe der nächsten Zeit machten sie diesen Weg täglich, so oft sie konnten, bis eine große Kiste mit diesem Sande gefüllt war. Der Fremde stand schmunzelnd und händereibend davor und sagte vergnügt: »Nun ist es genug!« – Dann packte er seine Habseligkeiten zusammen, ließ einen starken Wagen aus der Stadt kommen, und nachdem seine Kisten mit Sand und Steinen mit großer Mühe aufgeladen waren, nahm er Abschied. Er drückte dem Kohlenbrenner zehn Dukaten in die Hand und sagte: »Kauft Euch dafür noch eine Kuh, wie Ihr es wünscht.« Dann kicherte er fast höhnisch und fügte hinzu: »Ihr seid sonderbare Leute hier – ihr tretet den Reichtum mit Füßen und darbt dabei. Der Stein, den ihr nach der Kuh werft, um sie aus dem Hafer zu jagen, ist oft mehr wert als die Kuh selbst. Das sagt euch der Doktor Bimboni aus Venedig. Wenn ihr klug seid, so nutzet es!« Damit stieg er auf seinen Wagen und fuhr davon. Es mußte doch wohl mit den Steinen und dem Sande, den der Doktor so eifrig gesammelt hatte, seine eigene Bewandtnis haben, das schien klar. Als sich bei dem Aufräumen der Giebelstube von diesem noch ein kleines, zufällig verschüttetes Häufchen fand, wickelte der Kohlenbrenner dies sorgfältig in Papier, und als er dann die nächste Stadt besuchte, um Einkäufe zu machen, zeigte er diesen Sand einem Goldschmied. Der verwunderte sich sehr und erklärte ihn für reinen Goldstaub. Er wog ihn ab und gab dem Köhler fünf Dukaten dafür. Als dieser wieder nach Hause kam, war sein erstes, daß er mit Peter hinging und sich den Haselstrauch am Klingenstein zeigen ließ. Sie beschauten sich ihn von allen Seiten und legten seine Äste auseinander, allein dahinter war nichts als der feste, glatte Fels und keine Spur eines Einganges zu bemerken. Sie stiegen empor zu der Waldwiese und durchsuchten sie nach allen Seiten. Sie fanden auch eine unbekannte, blaue Blume, allein als sie mit ihr den Haselstrauch berührten, wich dieser nicht von der Stelle und schüttelte nur ein wenig wie verdrießlich mit seinen Zweigen, während es aus fernen Waldesgründen herüberschallte wie ein lustiges Gelächter. Fast zehn Jahre waren nach dieser Zeit ins Land gegangen. Das Gold des Doktors aus Venedig hatte den Köhlersleuten zu einem kleinen Vermögen verholfen, das sie in kluger Sparsamkeit vermehrt hatten, so daß der Vater bald die Arbeit des Kohlenbrennens im einsamen Walde aufgeben und sich im benachbarten Dorfe ein kleines Gütchen erwerben konnte, das ihn und seine Familie gut ernährte und alljährlich noch einen kleinen Sparpfennig abwarf. Peter war nun erwachsen und in die Jahre gekommen, da man sich unter den Töchtern des Landes nach einer Lebensgefährtin umzusehen pflegt. Zu seinem Unglück aber hatte es sich ereignet, daß seine Wahl auf das hübscheste Mädchen im Dorfe gefallen war, die Tochter des reichen Bauern Kilian, von dem man behauptete, daß er sein Geld mit Scheffeln messen könne. Da nun das Mädchen, die schöne Annemarie, ebenfalls keinen lieber hatte als den hübschen, schlanken Peter, so wäre eigentlich alles in Ordnung und kein Grund gewesen, diese Sache als ein Unglück zu bezeichnen, wenn sich nicht der Vater in seinem Geldstolz in den Kopf gesetzt hätte, seine Tochter nur einem Freier von gleichem Reichtum zu geben. Als es Peter eines Tages wagte, um die Hand der schönen Annemarie anzuhalten, wurde der Bauer anfangs dunkelrot vor Zorn, und beinahe hätte er den armen Peter zur Tür hinausgeworfen. Allein schließlich erschien ihm diese Angelegenheit mehr komisch als ernsthaft, er grinste pfiffig über sein ganzes breites Gesicht und sagte: »Gut, Ihr sollt die Annemarie haben. Aber ich stelle eine Bedingung. Heute über vierzehn Tage haben wir den ersten Juli. Könnt Ihr mir an diesem Tage zehntausend Taler, die Euch gehören, in guten, vollwichtigen Kremnitzer Dukaten auf den Tisch legen, so wird sie Eure Frau. Könnt Ihr das nicht, so laßt Euch nicht wieder hier sehen, wenn Euch Eure Knochen lieb sind. Gleich und gleich gehört zueinander, Reichtum zu Reichtum und Bettelvolk zu Bettelvolk.« Dann lachte er, daß ihm die Backen zitterten und der dicke Bauch wackelte, und ließ den unglücklichen Freier stehen. Dies war nun weiter nichts als eine besonders höhnische Weise der Ablehnung, denn wie sollte Peter, der kaum den hundertsten Teil dieser Summe sein eigen nannte, in so kurzer Zeit ein für ihn ungeheures Vermögen herbeischaffen. Ganz tiefsinnig und traurig lief er im Gebirge umher und wußte sich keinen Rat. Am dritten Tage, nachdem ihm der Bauer diesen niederdrückenden Bescheid gegeben hatte, verstieg er sich, mit seinen trübseligen Gedanken beschäftigt, so tief in die Berge, daß er zuletzt nicht mehr wußte, wo er sich befand. Als er nun so aufs Geratewohl weiterirrte, ward ihm die Gegend wieder bekannt, und plötzlich trat er auf die Waldlichtung hinaus, wo sein Geburtshaus lag. Da es schon spät war und es gefährlich erschien, bei Nachtzeit den langen Weg durch die Felsenberge zurückzulegen, so beschloß er, die Köhlersleute, die jetzt in diesem Hause wohnten, um ein Nachtlager anzusprechen. Dies ward ihm auch freundlich gewährt und ihm in der Giebelstube, in der vormals der Doktor aus Venedig gewohnt hatte, ein Lager bereitet. Als er nach dem Abendessen mit den Köhlersleuten am Herdfeuer saß, während die Frau spann und der Mann Holzlöffel schnitzte, kam das Gespräch auf die Venediger; der Köhler wußte allerlei zu erzählen von solchen Leuten, die sich auch in anderen Teilen des Harzes gezeigt und überall kostbare Steine und große Goldschätze gesucht und gefunden hätten. In seinem Geburtsdorfe habe ein Schmied gelebt, Konrad Steiniger, der sei auf seiner Wanderschaft weit in der Welt herumgekommen, auch nach Venedig. Als er da nun auf dem Markusplatz alle die Paläste angestaunt hätte, sei ein kostbar gekleideter Herr auf ihn zugekommen, habe ihm auf die Schulter geklopft und gefragt, ob er ihn nicht mehr kenne? Und da sei es der Venediger gewesen, der sich einmal vor Jahren längere Zeit im Dorfe aufgehalten und allerlei Gestein gesucht habe. Der habe ihn mit in seine Wohnung genommen, in einen herrlichen Palast, wo alles von Sammet und Seide und Gold und Silber gestrahlt habe, und ihn mit den kostbarsten Speisen und Getränken bewirtet. Zum Abschied habe er ihm fünf Dukaten geschenkt und gesagt: »Aller Reichtum, den du hier siehst, stammt aus euren Bergen, werdet klüger, und ihr könnt es ebenso haben.« »Der Venediger«, sagte der Köhler nun, »der hier bei euch gelebt hat, der hat die blaue Blume gesucht und gefunden, wie aus allem hervorgeht, was du von ihm erzählt hast. Diese soll nur alle zehn Jahre in der Mittagsstunde des Johannistages aufblühen, und wer sie besitzt, dem schließen sich verborgene Schätze auf.« Nachdem sie noch mancherlei über solche Dinge geredet hatten, stieg Peter hinauf und suchte sein Lager auf. In der Nacht hatte er dreimal hintereinander einen sonderbaren Traum. Er sah die Giebelstube, in der er schlief, deutlich vor sich, allein in einem seltsamen, bläulichen Schein. Als er dem Ursprünge dieses Lichtes nachspürte, sah er den Doktor aus Venedig in einer finsteren Ecke stehen – in der Hand trug er eine blau leuchtende Blume. Dann schritt das Traumbild langsam mit feierlichen, unhörbaren Schritten auf Peter zu, indem es ihn mit den schwarzen Augen unverwandt anblickte und sich, mit dem Zeigefinger auf die Blume deutend, allmählich in Nebel auflöste und verschwand. Nur ein seltsames, blaues Leuchten blieb noch eine Weile an jener Stelle, bis auch dies verglomm. Die Erinnerung an diese Traumerscheinung wollte am anderen Morgen nicht von ihm weichen. Mit deutlicher Klarheit sah er sie noch immer vor seinen Augen stehen, und zugleich kam ihm das, was er in seiner Kindheit mit dem fremden Doktor erlebt hatte, immer wieder in den Sinn. Ja, wenn er den Eingang in die Höhle des Klingensteins finden konnte, dann war ihm geholfen. Doch ohne die geheimnisvolle Blume tat sich diese nicht auf. Was hatte dieser merkwürdige Traum zu bedeuten? Er fing an zu rechnen und fand, daß gerade zehn Jahre verflossen waren, seit der Venediger die blaue Blume gesucht und gefunden hatte. Sie mußte am nächsten Johannistage wieder blühen. Wie ein Blitz schoß ihm dieses durch den Sinn. Er mußte sie finden und den Schatz heben; dann war ihm geholfen und die schöne Annemarie sein. Er verabschiedete sich von seinen freundlichen Wirtsleuten und eilte nach Hause. Dort bereitete er alles vor und erwartete dann in fieberhafter Ungeduld den Johannistag. Als dieser herangekommen war, machte er sich früh am Morgen auf, um zur rechten Zeit auf der kleinen Bergwiese einzutreffen. Allein allerlei Unfälle hielten ihn auf. In der Nacht war ein starker Regen gefallen und hatte einen sonst zahmen Gebirgsbach so angeschwellt, daß Peter einen Umweg machen mußte, um ihn zu überschreiten. Dabei verirrte er sich und fand erst nach langem Suchen den richtigen Weg wieder. Eine tödliche Angst befiel ihn, er möchte die rechte Zeit verfehlen, denn mit dem Glockenschlage eins verschwand die blaue Blume wieder. So stürmte er denn schweißtriefend und atemlos die schmale Talrinne empor, weil der Stand der Sonne ihm anzeigte, daß die Mittagsstunde bereits vorüber sei. Mit einem hastigen Blick überflog er die Wiese, als er hinter den Felsblöcken am Eingang hervortrat. Zuerst schwamm ihm wegen seines aufgeregten Blutes und seines eiligen Laufes alles vor den Augen, allein mitten aus dem grünen Flimmern leuchtete ihm ein blauer Schein entgegen. Er stürzte darauf hin, und in dem Moment, da sich ein wehklagend schneidender Laut in der Luft erhob, der den Beginn des Verwelkens verkündete, hielt er, im letzten Augenblicke noch, die blaue Blume in seiner Hand. Die überstandene Anstrengung, vereint mit dem überwältigenden Glück des Erfolges, ließen ihn eine Weile ohnmächtig zu Boden sinken. Als er wieder zu sich kam, stieg er eilend hinab zum Klingenstein. Dieser tat sich gehorsam auf, und nun füllte der glückliche Peter in seine Ledertasche so viel von dem köstlichen Sande, als er nur fortbringen konnte. Er wollte sich nun eilends entfernen, da sprach eine wehmütig klagende Stimme aus dem Hintergrunde der Höhle: »Vergiß das Beste nicht!« Darüber entsetzte er sich sehr, es wandelte ihn ein Grauen an, er lief fort, so rasch er konnte, und kaum war er im Freien, als sich mit gewaltigem Donner der Fels hinter ihm schloß. Nun erst ward er gewahr, daß er die Blume drinnen hatte liegenlassen, wodurch jede Rückkehr zu diesem Schatze abgeschnitten war. Jedoch in dem Bewußtsein, für Lebenszeit genug zu haben, machte er sich nicht viel daraus und kehrte fröhlich nach Hause zurück. Er sah sich nun in den Stand gesetzt, noch vor der gesetzten Zeit die Bedingung des geldstolzen Bauern zu erfüllen, und heiratete bald die schöne Annemarie, mit der er glücklich und zufrieden ein hohes Alter erreichte, bis beide kurz hintereinander eines schmerzlosen Todes starben. Auf ihrem gemeinschaftlichen Grabe wächst eine Linde, und als ich dort eines Abends sinnend saß, kam ein kleiner Vogel und setzte sich in ihre Zweige – von dem weiß ich die ganze Geschichte. Der Regulator Es war einmal eine alte Uhr, die war es müde, ewig ticktack zu machen. Sie war schon so kümmerlich, daß sie nur noch ganz heiser und undeutlich schlagen konnte, etwa so, wie ein alter Mann spricht, der keine Zähne mehr hat, und dabei rumpelte und schnurrte es so ungemein in ihrem Innern, daß man wohl merken konnte, wie sauer ihr das Ding wurde. Mir steckt was in den Rädern, sagte sie zu sich, es wird wohl auf Rheumatismus herauskommen. Von Tag zu Tag ward sie müder und müder; zuletzt konnte sie nicht mehr mit. »Die Zeit ist schneller als ich«, sagte sie, »was nützt es; daß ich ihr nachlaufe«, und damit stand sie still. Sie ward zum Uhrendoktor geschickt. Dieser tappte mit spitzigen Gerätschaften in ihr herum und schaute mit großen Augengläsern in ihre innersten Eingeweide, schüttelte den Kopf und sagte dann zum Vater des kleinen Heini, dem die Uhr gehörte: »Da hilft nichts mehr, es ist Altersschwäche. Ich könnte wohl machen, daß sie noch eine Weile geht, allein es kann doch nie was Rechtes werden. Am besten ist, Sie kaufen sich eine neue.« Dies geschah auch, und es kam eine sehr nobel und poliert aussehende Uhr ins Haus, die sich mit einem ausländischen Namen Regulator nannte und das Gefühl erweckte, als müßte sie unbedingt mit Herr angeredet werden. Sie sah beinahe so ernsthaft und würdevoll aus wie ein Geheimer Kanzleiregistrator, hatte einen pünktlichen Gang und eine so laute Stimme, daß man im ganzen Hause wissen konnte, wieviel es geschlagen hatte. Außerdem besaß sie eine so große Kraft in ihrem Innern, daß sie nur alle vierzehn Tage einmal aufgezogen zu werden brauchte, während die andere es niemals hatte vertragen können, wenn dies auch nur einen Tag versäumt wurde. Die alte Uhr war aber eine sehr hübsche alte Uhr, und deshalb sagte die Mutter des kleinen Heini: »Nun, wenn sie auch alt und wackelig ist und nicht mehr geht, so putzt sie doch noch immer«, und somit behielt sie ihren Platz auf dem Silberschrank, wo sie immer gestanden hatte. Der Vater aber sagte: »Sie ist nun pensioniert und hat sich in den Ruhestand zurückgezogen, den sie ehrlich verdient hat. Sie war zugegen, als mein Vater geboren und als mein Großvater begraben ward, und hat mir die Stunde bezeichnet, in der ich mit deiner Mutter zum Traualtar ging. Sie gehört zur Familie.« Als der kleine Heini dies gehört hatte und der Vater fortgegangen war, stand er eine Weile ganz nachdenklich vor der alten Uhr und betrachtete sie. Es war ihm noch nie vorher so aufgefallen, wie merkwürdig hübsch sie war. Der Oberteil, in dem sich die eigentliche Uhr befand, war von schwarzem Ebenholz und stand auf vier Säulen von durchscheinendem Alabaster, die wiederum auf einem schwarzen, mit blanken Messingornamenten verzierten Unterbau ruhten. Ganz obenauf saß ein vergoldeter Adler und zu beiden Seiten des Uhrgehäuses zwei ebenfalls golden schimmernde weibliche Gestalten, die auf trompetenartig gestalteten Flöten bliesen. Zwischen den Säulen war eine kleine Halle mit Wänden von Spiegelglas, und darin stand eine glänzende weibliche Figur, mit Helm und Panzer angetan, ausgerüstet mit einer brennenden Fackel, Schild und Speer. Sie stellte die römische Göttin Minerva vor. Der Perpendikel war wie ein Gesicht gestaltet, mit einem flammenden Strahlenkranze ringsumher, und bedeutete wohl gar die Sonne selbst. Je mehr Heini die alte Uhr betrachtete, desto mehr tat es ihm leid, daß sie so stumm und still war, und es kam ihm vor, als sei sie gestorben. Als er noch so stand und sie betrachtete, hörte er auf einmal, wie der Regulator, der an der Wand gegenüber hing, sagte: »Tick, tack, schnick, schnack, zick, zack, knick, knack!«, und dann schnurrte und klirrte es in ihm, es war gerade so, als ob er lache; es klang wirklich ganz boshaft. Und dann – war es nur die Erschütterung durch einen vorüberfahrenden Wagen oder hatte es eine andere Ursache – kam aus der alten Uhr ein wehmütiges, zitterndes Klingen, das dem kleinen Heini sehr beweglich und rührend vorkam. Seitdem hatte er eine Liebe für die alte Uhr gefaßt und stand gern davor, um sie zu betrachten und allerlei Träumereien auszuspinnen, jedoch ein so sonderbares Benehmen des Regulators an der gegenüberliegenden Wand beobachtete er fürs erste nicht wieder. Eines Tages aber bekamen die Eltern des kleinen Heini auf einige Zeit Besuch von Verwandten, und da die Wohnung nicht sehr groß war, so mußte er in der Stube, wo die Uhr stand, auf dem Sofa schlafen. Als er sich niedergelegt hatte, blieb er noch eine Weile wach, denn das laute Ticktack des Regulators war ihm ungewohnt und ließ ihn nicht schlafen. Während er so lag und auf den harten, gleichmäßig wiederkehrenden Pendelschlag horchte, da merkte er, wie sich dieser allmählich auf eine sonderbare Art verwandelte, und plötzlich hörte er wieder, wie er sagte: »Tick, tack, schnick, schnack, zick, zack, knick, knack!« Es schien, als ob dies dem Regulator große Befriedigung verursache, denn es lachte wieder ganz deutlich in ihm. Durch die alte Uhr aber ging wie damals ein leiser, wehmütiger Klageton. Als der kleine Heini nun auf den Pendelschlag lauschte und wartete, ob diese merkwürdige Erscheinung nicht wiederkehren wollte, überkam ihn die Müdigkeit, und er schlief ein. Er erwachte wieder, weil der Regulator laut und dröhnend zwölf schlug, und ward alsbald von mächtiger Verwunderung ergriffen, denn das ganze Zimmer war von einem leuchtendhellen Schein erfüllt. Sollte das der Mond sein, der ein so starkes Licht verbreitete? Aber noch ehe er sich von der Ursache dieser Erscheinung unterrichtet hatte, ward seine Verwunderung noch vergrößert, denn er hörte plötzlich die alte Uhr in dem bekannten, heiseren Tone ebenfalls zwölf schlagen. Eben wollte er sich aufsetzen und sich nach ihr umsehen, als er eine seltsam goldglänzende Erscheinung vor seinem Bette bemerkte. Es war die Minerva von der alten Uhr, aber in der Größe eines erwachsenen Menschen. In der einen Hand trug sie den Speer, mit dem anderen Arme hielt sie den Schild und die Fackel. Sie verbeugte sich vor ihm und sprach: »Die alte Uhr läßt dich um eine Unterredung bitten.« Der kleine Heini wollte schnell in seine Kleider fahren, allein mit Erstaunen bemerkte er, daß er seinen blausammetenen Sonntagsanzug bereits anhatte. Er stieg schnell aus dem Bett und sah nun, daß mit dem Zimmer eine merkwürdige Veränderung vorgegangen war. Es war anzusehen wie eine riesengroße, weite Halle, und an deren Ende stand die alte Uhr, aber ebenfalls mächtig gewachsen. Sie war anzusehen wie ein kleiner Palast, und das Licht, das Heini vorhin bemerkt hatte, ging von dem schwingenden Perpendikel aus, der wie die Sonne leuchtete und von den Spiegelwänden ringsum mächtig zurückgestrahlt ward. Die goldglänzende Minerva ging panzerklirrend vor Heini her, und als sie näher kamen, bliesen die weiblichen Gestalten zu beiden Seiten des Uhrgehäuses mächtig in ihre Trompeten, und der Adler oben darauf schlug mit den Flügeln und drehte sich dreimal um sich selbst. Zu dem Unterbau führte eine Treppe hinauf, die Heini bis jetzt noch niemals bemerkt hatte. Sie schritten die Stufen empor und befanden sich nun in der offenen Halle mit den Spiegelwänden, wo zu ihren Häupten der Perpendikel strahlend hin und her schwankte. Auf einen Wink der Minerva tat sich jetzt der hintere Spiegel wie eine Flügeltür voneinander, und wo sonst weiter gar nichts als die Hinterwand gewesen war, bemerkte man nun eine Halle, in der ein ganz alter Mann mit eisgrauem Bart, den Kopf auf die Hand gestützt, traurig an einem Tische saß. Heini trat hinein, und dann schlossen sich die Türen wieder. Der alte Mann hob müde sein Haupt empor, sah mit fast erloschenen Augen auf den Knaben hin und sprach mit schwacher Stimme: »Es freut mich, daß du kommst, ach, könntest du mir doch eine Erleichterung meiner Leiden bringen.« Der kleine Heini wußte gar nicht, was er sagen sollte; er sah den Mann mit großen Augen verwundert an. Dieser aber fuhr fort: »Ich bin der Uhrenmann – die Uhr und ich, wir sind eins und dasselbe. Wir haben unsere Pflicht getan lange Jahre hindurch bei deinen Urgroßeltern, deinen Großeltern und zuletzt bei deinem Vater und deiner Mutter. Alle glücklichen und alle traurigen Stunden haben wir ihnen angezeigt, und nimmer sind wir ermüdet, solange uns nur ein wenig Kraft innewohnte. Jedoch auch Stahl und Metall sind vergänglich und fallen der alles vernichtenden Zeit zum Opfer. Unsere Glieder sind alt und zitterig geworden und unsere Stimme heiser und schwach. Was du dort siehst« – und er zeigte über sich, wo sich die alten, verrosteten Räder mühsam drehten – »was du dort siehst, ist nur das Scheinleben einer kurzen Geisterstunde. Dein Vater hat es gut gemeint und uns in den Ruhestand versetzt, allein er hat uns anderen Qualen hingegeben, die Tag für Tag wiederkehren. Er hat uns den neumodischen, polierten Nachfolger gegenübergehängt, der uns im Bewußtsein seiner brutalen Kraft täglich mit höhnischer Rede verspottet. Horch, schon beginnt er seinen schändlichen Gesang. Ach, das frißt ins Mark!« Heini hörte, wie der Regulator draußen wieder begann: »Tick, tack, schnick, schnack, zick, zack, knick, knack!« Ein wehmütiger Seufzer durchwehte die Halle, und der Alte fuhr fort: »Du verstehst nicht, was es heißt, ich will es dir erklären: Tick-tack-Machen, das ist die Hauptsache, alles übrige ist Schnickschnack und keinen Pfennig wert. Zick-zack geht's in der Welt, was oben war, kommt unten zu stehen, knick-knack, und mit dem alten Gerümpel ist es vorbei. Das ließe sich noch ertragen, wenn es sich nicht täglich wiederholte, und wenn dies gemeine, höhnische Lachen, das hinterher folgt, nicht so tief ins Herz schnitte. Wir sind altes Gerümpel, das ist wahr, und wollen gern dahin, wohin wir gehören, in die Rumpelkammer, wo wir unter unseresgleichen sind und nicht ferner dem Spotte eines brutalen Emporkömmlings ausgesetzt, – und das ist der Dienst, den ich von dir verlange, – suche deinen Vater zu bewegen, daß wir in die Rumpelkammer kommen. Dort werden wir erst wahre Ruhe und Frieden finden.« Der Alte schwieg ermattet und atmete schwer. Dann kam ein seltsames Leuchten in seine trüben Augen, er richtete sich ein wenig empor und fuhr fort: »Noch ein Mittel gibt es, allein ich habe wenig Hoffnung auf Erfüllung dieses höchsten Wunsches. Wenn dein Vater uns ein Werk machen lassen wollte, ein Werk, stärker noch wie das jenes polierten Elenden – ach, meine alten Glieder zittern vor Wonne bei diesem Gedanken. Aber das darf ich ja niemals zu hoffen wagen!« Ermattet ließ der Alte den Kopf auf den Tisch sinken und schluchzte leise; dann schien er einzuschlafen. Zugleich ward es allmählich wieder dunkel in der Halle, das Geräusch des Uhrwerkes ward leiser und leiser, zuletzt durchschwebte nur noch ein sanfter Klageton die Luft, und dann war es ganz finster und still. Der kleine Heini wachte am anderen Morgen zur gewohnten Zeit auf seinem Schlafsofa auf, richtete sich empor und schaute sich verwundert um, denn die wunderbaren Ereignisse der Nacht kamen ihm sofort wieder ins Gedächtnis. Allein in dem ganzen Zimmer war nichts Außergewöhnliches zu bemerken. Er kleidete sich schnell an, lief zu seinem Vater, erzählte ihm alles und flehte ihn an, der alten Uhr ein neues, schönes Werk machen zu lassen. Der Vater sah ihn ganz verwundert an, dann lachte er und sagte: »Junge, Junge, wie kommst du dazu, so verwirrtes Zeug zu träumen? Du hast mir gewiß wieder zuviel in den Märchenbüchern gelesen!« Der kleine Heini behauptete aber steif und fest, es sei kein Traum gewesen, er habe alles ganz deutlich erlebt und gesehen, und erneuerte seine Bitte. Da ward der Vater ganz ärgerlich und sagte endlich: »Ich will von dieser Sache gar nichts mehr hören! Überdies ist das alte, wackelige, rumpelige Ding gar kein neues Werk mehr wert. Da ich aber sehe, daß du allerlei phantastische Allotria betreibst, so will ich dir drei hübsche Rechenaufgaben stellen, damit du auf andere Gedanken kommst.« Somit mußte Heini, obgleich Ferien waren, den ganzen Tag mit Rechnen zubringen, da die Aufgaben so knifflich und schwer waren, daß er am Abend erst damit fertig wurde. Am anderen Tage aber mußte er von vorne damit anfangen, denn alle drei Lösungen waren falsch, und da wünschte er, niemals etwas von seinem nächtlichen Abenteuer mitgeteilt zu haben. Der zweite Wunsch des Uhrenmannes ging aber ohne Heinis Zutun in Erfüllung, denn als die vornehme Tante, die zum Besuch gekommen war, am anderen Tage die Uhr sah, sagte sie zu Heinis Mutter: »Aber Natalie, ich begreife nicht, wie du dies alte Monstrum auf deinem Silberschranke dulden kannst. Das Ding ist ja gänzlich aus der Mode und gehört in die Rumpelkammer! Ei, was habt ihr dort aber für einen prächtigen Regulator!« Als sie dies sagte, konnte man deutlich hören, daß ein wohlgefälliges Schnurren aus dem Innern des also Gelobten kam und daß sein Pendelschlag noch einmal so eingebildet und hochnäsig klang als sonst. Heinis Mutter aber glaubte der Tante aufs Wort, was sie sagte, weil sie so vornehm war und aus der Residenz kam, wo sie nur mit ganz echten Geheimrätinnen umging, und es also wissen mußte. So kam die Uhr denn noch am selben Tage in die Rumpelkammer, und an ihrer Stelle ward eine junge Dame aufgestellt, die die Tugend oder die Weisheit oder die Wissenschaft oder sonst irgend etwas Moralisches vorstellen sollte und durch und durch aus lauter Gips war. Niemand bekümmerte sich fernerhin um die alte Uhr als Heini, der sie, selbst als er schon ein Primaner war und längst Heinrich genannt wurde, zuweilen in ihrer Verbannung unter dem alten Gerümpel aufsuchte, den Staub von ihr abwedelte und sie eine Weile betrachtete. Er hatte sich schon früher vorgenommen, sie einmal wieder zu Ehren zu bringen, und als er ein wohlbestallter Doktor war und sich eine Frau nahm, bat er sich die alte Uhr von seinen Eltern aus, ließ ihr ein neues, überaus vortreffliches Uhrwerk einsetzen und gab ihr den Ehrenplatz in seinem besten Zimmer. Dort ist sie noch heut und diesen Tag zu sehen. Es ist auch jetzt schon wieder ein kleiner Heini da, der sie ebenso verehrt wie einstmals sein Vater. Der Regulator ist unterdes alt und klapperig geworden und hat seinen Platz einem jüngeren einräumen müssen. Er hängt jetzt in der Küche neben der Abwaschbank und geht falsch, daß es zum Erbarmen ist. Tick, tack, schnick, schnack, zick, zack, knick, knack! Die drei Brüder In einem Dorfe wohnte eine Witwe mit drei Söhnen. Sie besaß ein Häuschen, ein kleines Ackerfeld und ein Stücklein Wiese, allein der Ertrag aus diesem Gute war so gering, daß er kaum genügte, sie und ihre drei Söhne zu ernähren. In guten Jahren ging es noch an, allein als einmal Dürre und Mißwachs im Lande herrschten, da ward Schmalhans Küchenmeister, und die arme Witwe wußte nicht, wie sie durchkommen sollte, denn das Häuflein Kartoffeln und der wenige Mehlbrei, den sie auf den Tisch bringen konnte, genügten kaum, den notdürftigen Hunger zu stillen. Dies war besonders Kilian, dem ältesten der Söhne, sehr wehmütig, denn er aß gerne etwas Gutes, und zwar recht viel davon, wenn es sein konnte. Wenn Teller und Schüssel so recht blank abgeputzt waren, ging er trübselig vor die Haustür, setzte sich auf die Bank und träumte von Speckklößen und Eierkuchen und von Schweineknöchlein mit Sauerkraut. Früher da hatte es an den Sonntagen zu einem Schöpplein Weines gereicht, aber nun gab es auch nicht einen Tropfen mehr. Dies griff Fabian, dem zweiten der Brüder, sehr ans Herz, denn es erschien ihm nichts anmutiger, als ein Glas Wein im Kreise guter Gesellen zu trinken. Jetzt aber blieb seine Zunge dürr, sosehr sie auch nach einem guten Trunke lechzte, und am Sonntagabend strich er schmachtenden Gemütes um die Schenke herum und schaute sehnsüchtig durch das Fenster hinein, allwo die reichen Bauern mit roten, glänzenden Gesichtern saßen und ein Schöpplein über das andere leerten. Am besten ertrug Florian, der jüngste, dies ärmliche Schicksal, denn er war zufriedenen Gemütes, heiter und von freundlichen Sitten. Die schmale Kost gedieh ihm also, daß er mit roten Wangen und klaren Augen einherging. Er hatte eine liebliche Stimme, und es gefiel ihm zu den Zeiten, da er von der Arbeit frei war, in den Wald zu gehen und mit den Singvögeln um die Wette zu singen, daß es gar anmutig von den grünen Wipfeln widerhallte. Die Not aber ward immer größer, und eines Tages, da die Mutter ihre Vorräte nachgezählt und gefunden hatte, daß nur noch für wenige Wochen zu leben da war, überwältigte sie das Bewußtsein ihrer traurigen Lage also, daß sie in bittere Tränen ausbrach. Den drei Söhnen ging das sehr zu Herzen, und Kilian, der älteste, stand auf und sprach: »Backt mir einen Stollen, Frau Mutter, auf daß ich eine gute Reisezehrung habe, so will ich hinausziehen in die Welt und mein Glück probieren. Ihr habt dann einen Esser weniger, und ich will sehen, ob ich nicht unsere Not zu lindern vermag!« Es war noch ein Restchen Butter, einige Eier und ein wenig Honig vorhanden, die Mutter tat einen tiefen Griff in den fast geleerten Mehlkasten und buk einen köstlichen Stollen, der das ganze Haus lieblich durchduftete. Diesen steckte Kilian schmunzelnd in seinen Quersack, umarmte seine Mutter und seine Brüder und zog wohlgemut in die Welt hinaus. Noch nicht weit war er gewandert, als sich der Hunger gewaltig regte und der liebliche Duft, der aus dem Quersack aufstieg, ihm keine Ruhe mehr ließ. Er lagerte sich unter einem Baume an der Landstraße, und da er lange nichts so Gutes mehr gegessen hatte, so geschah es, daß nach einer Weile der ganze große Stollen bis auf das letzte Krümlein verzehrt war. So schön satt wie seit langer Zeit nicht legte sich Kilian ins Gras und schlief ein wenig. Als er wieder aufwachte, war es bereits Nachmittag. In der Ferne hinter sich sah er noch den Kirchturm seines Dorfes mit blankem Knopf aus dem Grün der Obstbäume hervorblitzen, und vor ihm lag die fremde, unbekannte Welt. Nun wäre er gern wieder umgekehrt, allein dazu schämte er sich doch zu sehr. Er stand seufzend auf, nahm den Weg zwischen die Beine und marschierte vorwärts. Gegen Abend gelangte er an eine weite, flache Heide, wo unzählige Lerchen im letzten Sonnenschimmer ihre Lieder sangen. In der Ferne hob es sich aus dem glühenden Abendrot dunkel hervor wie mächtige Baumwipfel und die ragenden Türme eines Schlosses. Er marschierte gerade darauf los, bis es ganz finster ward; dann legte er sich in das Heidekraut und schlief ein. Am anderen Morgen sah er, daß wirklich am Ende der Heide zwischen Bäumen ein Schloß gelegen war; die Morgensonne blitzte in den Fenstern, und aus dem Schornstein ging kerzengerade in die klare Morgenluft ein schmaler Rauchfaden empor. Dies war ihm ein tröstlicher und verheißungsvoller Anblick, denn wo es Rauch gab, da ward auch gekocht, und ihm dünkte schon, ein tüchtiges Frühstück sei gerade das, was er brauchen könne. Allein bis zum Mittag mußte er noch durch Sonnenbrand und heißen Sand einherstapfen, bis er dorthin gelangte, und da kann man sich denken, welchen Hunger der brave Kilian bekam. In der Nähe des Schlosses ging die unfruchtbare Heide allmählich in einen herrlichen Garten über, mit rieselnden Quellen und schattigen Bäumen, und so köstliche Blumen, wie dort blühten, hatte Kilian noch nirgendwo gesehen. Aber mehr als dieses gefiel ihm, daß überall auf den Rasenplätzen die prächtigsten Obstbäume verstreut standen, gebeugt von der Last ihrer verlockenden Früchte. Die Aprikosen waren gerade reif und hingen wie goldene Trauben an den Zweigen; die allerreifsten waren bereits abgefallen und lagen also verlockend im weichen Grase, daß sich Kilian nicht enthalten konnte, im Vorübergehen einige aufzuraffen und zu verzehren. Zu dem Haupteingang des Schlosses führte eine mächtige Freitreppe aus Marmor; allein dort wagte er nicht emporzusteigen, sondern er wandte sich zur Rechten und fand eine zweite Tür. Dort trat er ein und geriet in einen Gang, an dem die Küche gelegen war. Oh, welche herrlichen Gerüche drangen dort hervor. Da loderten mächtige Feuer, an denen sich zartes Geflügel an Spießen drehte; dort in dem bläulichen Dunste, der den hohen Raum erfüllte, hantierten Köche und Köchinnen in schneeweißen Gewändern, und unter ihren Händen gingen die herrlichsten Kunstwerke der Kochkunst hervor. Fürwahr, dies dünkte ihm ein Paradies zu sein. Plötzlich trat ein reichgekleideter Diener aus der Küche hervor, sorgfältig eine dampfende Suppenschüssel vor sich her tragend. Diesem zu folgen, trieb es Kilian mit magnetischer Gewalt, und indem er ihm nachging, gelangte er in einen überaus prächtigen Saal, wo sich ein gedeckter Tisch befand, auf dem die kostbarsten Geräte von Gold und Silber zu sehen waren. An diesem Tische saß ein Mädchen, schön wie die Sonne, so daß Kilian vor Verwunderung fast erstarrte. Jedoch die Jungfrau forderte ihn mit lieblichen Worten auf, sich zu ihr an den Tisch zu setzen und an der Mahlzeit teilzunehmen. Dies ließ sich der hungrige Kilian nicht zweimal sagen, und da nun ein köstliches Gericht dem anderen folgte, so vergaß er bald alle Scheu und fing an ganz mörderisch einzuhauen und recht nach Herzenslust zu schlecken und zu schlampampen. Nachdem er sich nun so rund gegessen hatte wie eine Trommel und fast mit Seufzen gewahr ward, daß er nichts mehr vermochte, da lehnte er sich behaglich in den Stuhl zurück, faltete die Hände über den Magen und fühlte sich so recht innerlich glücklich und zufrieden. Die schöne Prinzessin aber, die ihm gegenübersaß, fragte ihn, indem sie holdselig dazu lächelte: »Nun saget mir, mein werter Gast, was Euch bei mir in Schloß und Garten von allem, was Ihr sahet, am besten gefallen hat?« Diese Frage dünkte den guten Kilian gar leicht zu beantworten, und er hatte nicht nötig, sich lange zu besinnen. Alsobald antwortete er: »Von allem Köstlichen und Wunderbaren, das ich hier in Schloß und Garten angetroffen habe, holdseligste Jungfrau, scheint mir des höchsten Preises wert die vortreffliche Küche, aus der so unvergleichliche Meisterwerke hervorgegangen sind.« Die schöne Prinzessin ward dunkelrot vor Zorn und rief: »Ei, du Tölpel, du Fresser, weißt du nichts Besseres zu sagen? Marsch fort mit dir ins Hundeloch!« Damit klatschte sie in die Hände; zwei handfeste Bediente sprangen vor, ergriffen den erschrockenen Kilian und brachten ihn in ein gewölbtes und vergittertes Zimmer mit eisernen Türen. Eine Schütte Stroh diente ihm zum Nachtlager, und Wasser und Brot war seine Nahrung. Das Allerschlimmste aber bestand darin, daß eine sicher mit Eisenstangen verwahrte Öffnung von diesem Raum in die Küche führte, also daß ihm der liebliche Duft und der Anblick der köstlichen Speisen vergönnt war, während er mit Ingrimm in seine trockenen Brotrinden hineinbiß. Da nun der älteste Bruder nicht zurückkehrte und sich die Not immer vermehrte, sprach eines Tages Fabian: »Gebt mir das Krüglein Weines mit, Frau Mutter, das Ihr noch einsam im Keller heget, so will ich mich auf die Wanderschaft begeben und sehen, daß ich finde, womit unsere Not zu lindern sei.« Solches geschah, und alsbald an einem schönen Herbstmorgen wanderte er fort in die Welt hinaus. Er gelangte an denselbigen Baum, wo sein Bruder Rast gemacht hatte, und da ihm an diesem Morgen eine ganz ungewöhnlich durstige Luft zu wehen schien, so lagerte er sich dort, um ein wenig seinem Kruge zuzusprechen. Der Wein ging ihm aber also lieblich ein, daß er nach einer kurzen Weile einen leeren Krug und einen vollen Kopf hatte. Nachdem er sein Räuschlein ausgeschlafen, wanderte er desselben Weges weiter, wie sein Bruder, und gelangte in gleicher Weise am anderen Mittag in den schönen Garten und zu dem prächtigen Schlosse. Auch er wagte es nicht, die breite Marmortreppe emporzusteigen, sondern wandte sich zur Linken und geriet an eine Tür, wo gerade von einem Wagen mächtige Weinfässer abgeladen wurden, denn hier war der Eingang zum Keller. Er blickte mit Wohlgefallen in den mächtigen Raum hinein auf die stattlichen Reihen der gefüllten Fässer und sog behaglich den Weindunst ein, der dort hervorstieg. Ihn dünkte dies ein gar lieblicher Ort zu sein und der Kellermeister, der dort mit wichtiger Miene Wein abzog, wohl zu beneiden. Plötzlich kam ein Diener die Stufen herauf. Er trug in jeder Hand einen geschliffenen Kristallkrug, davon der eine mit rotem, der andere mit goldenem Weine gefüllt war, und schritt damit den Gang hinab. Diesem Diener folgte Fabian ohne weiteres und gelangte in denselben Saal, wo sein Bruder gewesen war. Das schöne Mädchen forderte ihn auf, mit ihr zu speisen, und er ließ sich dies nicht zweimal sagen. Jedoch vor allem sprach er mit Behagen dem köstlichen Weine zu, und ehe er noch entschieden hatte, welcher herrlicher sei, der eine, der golden wie edler Topas in seinem Glase schimmerte und so wunderbar duftete, oder der andere, der funkelte gleich dem Rubin und so sänftlich und milde über seine Zunge floß, hatte er beide Kristallkrüge geleert und sich ein ziemliches Räuschlein erworben. Dieweil er sich nun mit schon etwas schwimmenden Augen nach mehr umsah, fragte ihn die Prinzessin, indem sie holdselig dazu lächelte: »Nun saget mir, mein werter Gast, was Euch bei mir in Schloß und Garten von allem, so Ihr sähet, am besten gefallen hat?« Diese Frage erschien dem angeheiterten Fabian gar leicht zu beantworten, und mit etwas schwerer Zunge stammelte er: »Der We... Weinkeller, teuerste Prinzessin, natürlich der Weinkeller!« Die Schöne ward aber sehr zornig und sprach: »Ei, du Tölpel, du Saufaus, weißt du nichts Besseres zu sagen? Marsch fort mit dir ins Hundeloch!« Die Diener sprangen zu, und der bestürzte Fabian ward nun bei Wasser und Brot in ein festes Kämmerlein neben dem Keller gesperrt, wo er durch ein Gitterfenster den verlockenden Anblick von vielen hundert mit dem edelsten Weine gefüllten Fässern genoß, indes er trübselig seinen Durst mit schnödem Wasser löschte. Nach einer Weile, da die beiden älteren Brüder nicht zurückkehrten, beschloß Florian, ebenfalls sein Glück zu probieren: »Gebt mir Euren Segen, Frau Mutter«, sprach er, »ich will fortziehen und meine Brüder aufsuchen und sehen, ob mir das Schicksal günstig ist.« Die Mutter wollte ihn nicht fortlassen, weil schon der Winter begann und die Tage rauh wurden, allein er ließ sich nicht länger halten und machte sich auf die Wanderschaft. Da er desselbigen Weges zog wie seine Brüder, gelangte er am Mittag des nächsten Tages ebenfalls zu dem bekannten Schlosse. Er stieg geradeswegs die Marmortreppe empor, durchschritt einen einsamen Vorsaal und gelangte in das Zimmer, wo die schöne Prinzessin an dem gedeckten Tische aß. Aber von all der Pracht und Herrlichkeit ringsum sah er nichts weiter, denn fast geblendet ward sein Auge von der Schönheit dieses Mädchens. Wie sie dasaß in einem Kleide von himmelblauem Sammet, über das das lange Goldhaar wie Sonnenstrahlen hinabfloß, und wie ihn aus dem sanften Antlitz von der Farbe einer aufblühenden Rose zwei dunkelblaue Augen holdselig anblickten, das schien ihm das Herrlichste zu sein, das diese Welt hervorzubringen vermöge. Die liebliche Schönheit einer Blume und der strahlende Glanz der Sonne fanden sich in diesem schönen Geschöpfe vereinigt. Mit Zittern fast setzte er sich an den Tisch, und so befangen war sein Gemüt, daß er vergaß, von den köstlichen Speisen zu genießen und dem edlen Weine zuzusprechen. Wenn das schöne Mädchen ihn aufforderte: »Nun, so esset doch, so trinket doch, es ist Euch wohl gegönnt«, so nahm er wohl in eiligem Gehorsam ein Häppchen oder ein Schlückchen, allein bald vergaß er wieder alles, und es dünkte ihn fast unwürdig, in Gegenwart eines solchen engelschönen Wesens an so geringe Sachen wie Essen und Trinken auch nur zu denken. Als nun die Mahlzeit beendigt war, stand die Jungfrau auf und fragte, indem sie holdselig dazu lächelte: »Nun saget mir, mein werter Gast, was Euch bei mir in Schloß und Garten von allem, so Ihr sähet, am besten gefallen hat?« Florian ward dunkelrot und neigte ein wenig sein Haupt. Sodann aber ermannte er sich und sprach: »Wollt es nicht übel vermerken, schönste Prinzessin, wenn ich meines Herzens Meinung freimütig bekenne. Wohl ist dieser Garten von großer Schönheit und dieses Schlosses Pracht und Reichtum von seltener Art, allein was bedeutet dies alles gegen den Glanz Eurer Schönheit, der alles überstrahlt, so daß ich nichts anderes außer Euch zu beachten vermag!« Da erglühte das Antlitz der Jungfrau in sanftem Schimmer, und ein Lächeln gleich mildem Sonnenschein ging von ihr aus, als sie sprach: »O du freundlicher Geselle, wie lieblich weißt du deine Worte zu setzen. Solchen Mund muß man küssen, der so goldene Worte spricht.« Damit schritt sie auf ihn zu, umfing ihn sänftlich mit den Armen und küßte ihn auf den Mund. Sie gewannen sich nun gleich so lieb, daß sie gar nicht mehr voneinander lassen konnten, und schon nach drei Tagen ward die Hochzeit mit großem Gepränge gefeiert. Die alte Mutter war auch dabei und die beiden älteren Brüder, die auf Florians Bitten aus ihren trübseligen Gefängnissen befreit waren. Diesen beiden erging es besser, als sie wohl verdient hatten, denn der eine ward zum Küchen-, der andere zum Kellermeister ernannt. Dies gefiel ihnen gar wohl, und es dauerte nicht lange, da hatte sich Kilian ein Wänstlein angemästet, daß er so rund war wie eine Kugel, während Fabian seine ernsthaften Studien über die Vorzüge der verschiedenen Jahrgänge durch ein Antlitz bezeugte, so rot wie die aufgehende Sonne an einem Nebeltag. Florian aber und seine schöne Gattin lebten herrlich und in Freuden bis an ihr seliges Ende. Das Zauberklavier Ganz hinten in der Welt, wo die Geographie zu Ende ist und die Weltgeschichte aufhört, lag ein sehr angenehmes Königreich. Die Untertanen waren recht artige und regierliche Leute, so daß der König morgens immer eine Stunde länger schlafen konnte als seine Nachbarkönige. Ja, zuweilen kam es vor, daß er des Vormittags, von zehn bis zwölf, wo er gewöhnlich zu regieren pflegte, mit Krone, Zepter und Reichsapfel in seinem Regiersaal saß und gar nichts zu regieren da war. In seinem Königreich waren die meisten Leute Gelehrte und Büchermenschen. Dies kam daher, weil es so hübsch abgelegen war und der große Spektakel, den die übrigen Menschen in der Welt machten, dort fast gar nicht vernommen ward. Es gab jedoch noch einige andere Leute in dem Königreich. Erstens waren da die Frauen, Kinder und sonstigen Angehörigen der Büchermenschen und zweitens Leute, die nichts Besonderes an sich hatten, wie man sie in allen Königreichen findet. Diese langweilten sich sehr oft, denn die Büchermenschen hatten niemals Zeit, sich mit ihnen zu unterhalten. Da begab es sich, daß aus einem sehr entfernten Königreich ein Mann einzog, der ein Klavier mitbrachte. Er verstand nun zwar nicht besonders, darauf zu spielen, allein er vermochte ihm doch einige Melodien abzukneifen, die in dem Königreich sehr beliebt waren. Dies ward bald bekannt, und in drei Tagen wußte man allgemein, daß der fremde Mann, der so weit hergekommen sei, einen Zwitscherkasten im Hause habe, auf dem er mit den Fingern Musik mache. Nun dauerte es nicht lange, da hatte jeder im Königreich, die Büchermenschen natürlich ausgenommen, die sich niemals um dergleichen bekümmerten, abends vor dem Fenster des fremden Mannes gestanden und hatte diese Zaubertöne selber gehört. Die Folge davon war, daß eine allgemeine Sehnsucht im ganzen Lande entstand, auch solche Musikkiste zu besitzen, und sich ein allgemeines Kribbeln in den Fingern regte. Nachdem man erfahren hatte, wo diese Instrumente zu haben seien, ward gleich eine ganze Schiffsladung voll bestellt, und man übte sich einstweilen auf Fensterbrettern und Kommoden, um sich wenigstens vorläufig das Kribbeln in den Fingern ein wenig zu vertreten. Die Klaviere kamen an und wurden bei vielen Leuten aufgestellt. Diese begannen nun darauf zu spielen, allein sie bemerkten, daß diese Instrumente auf eine besondere Weise bearbeitet sein wollten, um solche Töne herzugeben, wie man sie von ihnen erwartete. Der fremde Mann wurde um Rat gefragt, und er sagte, er kenne bei sich zu Lande einen sehr berühmten Klavierschläger, der besitze die Kunst, auch anderen Leuten diese Fertigkeit beizubringen. Den müßten sie sich verschreiben. Dieses taten sie auch, und der Mann kam und begann seine Arbeit. Sie verwunderten sich baß, als sie den zuerst spielen hörten. Der schlug das Klavicymbalum vorwärts und rückwärts und mit verbundenen Augen und zappelte dabei so mit den Händen, daß einem Hören und Sehen verging. Er bekam gleich so viel Unterricht zu geben, daß er es nicht allein bewältigen konnte und sich noch drei handfeste Gehilfen verschreiben, mußte. So geschah es, daß in diesem Königreiche das Klavierspiel in Mode kam. Anfangs machte es noch nicht so viel aus, daß in vielen Häusern gar kein Klavier und in anderen nur eine derartige Fingertretmaschine vorhanden war, aber dies blieb nicht so. Da die Leute sahen, wie lieblich darauf zu spielen sei, so griff es immer weiter um sich, und die Alten sagten: »Wenn wir es auch nicht mehr lernen können, so sollen es doch unsere Kinder lernen.« Und kaum hatten nun diese Würmer laufen gelernt, so wurden sie auf den Musikstuhl geschraubt und mußten Tonleitern spielen. Denn der große Klavierschläger hatte gesagt, dies seien die einzigen Leitern, die in den Musikhimmel führten. Dies ging so fort, bis es zu einem Grade gelangte, wo es staatsgefährlich wurde. Es wurden allmählich immer mehr dergleichen Leiselautfingerklopfkasten, wie sie in der Landessprache genannt wurden, im Lande aufgestellt, und es ereignete sich, daß zur Zeit der Höhe der Epidemie in einem einzigen Hause sieben Stück vorhanden waren. Wenn diese nun alle gleichzeitig in verschiedener Weise in Tätigkeit gesetzt wurden, so konnte man schon genug davon bekommen. Es war nun den ganzen Tag über in dem Königreiche ein immerwährendes Geklimper, dem man nur entrinnen konnte, wenn man in die tiefste Einsamkeit flüchtete. Es kamen betrübende Folgen zum Vorschein. Eines Tages versammelten sich sämtliche Lerchen, Nachtigallen und andere Singvögel, die in dem Reiche wohnhaft waren, in einem großen Walde und zogen gemeinschaftlich fort, denn die Konkurrenz war ihnen zu groß geworden. Es kamen so viele Klagen an den König, daß er das ganze Vergnügen an seinem Geschäft verlor. Wenn er früher oft von zehn bis zwölf nichts zu regieren hatte, so mußte er jetzt schon um neun Uhr in seinen Regiersaal gehen und hatte so lange zu tun, alle Beschwerden der durch das Klavierspiel geplagten Untertanen anzuhören, daß er nicht selten seine Mittagssuppe kalt werden lassen mußte. Da endlich kam eine Deputation der bedeutendsten Männer des Königreiches und stellte ihm das Elend des Landes in der beweglichsten Weise vor: »Majestät«, sagte der erste, »es schreit gen Himmel, und es muß ein Ende gemacht werden. Zu meinem Turm dringt es herauf, verworren wie eine Milchstraße von Tönen, und wirrt meine Gedanken durcheinander. Ich habe seit sechs Monaten keinen neuen Stern entdecken können, und wenn der, dessen Bahn ich neulich berechnet habe, wirklich so läuft, so würde er in acht Tagen das ganze Weltsystem in Grund und Boden bohren! Haben Sie Erbarmen!« »Majestät«, sagte der zweite, »seit dreißig Jahren suche ich den Stein der Weisen. Vor einem halben Jahre war ich ihm auf die Spur gekommen; und ich hätte ihn gefunden, da kam diese satanische Trommelmusik, und der Nebelschleier, der sich schon vor dem großen Geheimnis gelüftet hatte, schloß sich wieder zusammen, und der leitende Faden glitt mir aus den Händen und zerriß. Das Geheimnis ist mir auf ewig verloren. O ich armer, geschlagener Mann!« Der dritte war eben von seinen schweinsledernen Büchern aufgestanden und hatte noch die Augen voll Bücherstaub und die Ohren voll Klaviermusik; er war ganz schwindlig, daß er nicht in seinem Studierzimmer war, und konnte nichts weiter als seufzen. »Oh«, sagte er nur, aber es lag ein großer Jammer darin. Der vierte sah sehr niedergeschlagen aus: »O Majestät«, sprach er, »ich bin ein ruinierter Mann. Sämtliche Käsekrämer und Lichtzieher im ganzen Königreich haben mir ihre Kundschaft aufgesagt, weil ihre Kunden das Einwickelpapier, für das ich sonst die Erzählungen und Gedichte geschrieben habe, nicht mehr lesen wollen. Sie sagen, es sei zu langweilig und dumm. Aber wer kann bei dieser Musikplage etwas Vernünftiges schreiben? Wenn es nicht aufhört, muß ich verhungern.« Jetzt kam der fünfte daher, der sah ganz perplex aus und stierte gedankenlos vor sich hin. Zuweilen summte er in den Bart: »Didudel, dididel, didudel, dididel.« Als er gar nichts weiter sagte, fragte der König endlich: »Sprecht, was habt Ihr mir vorzutragen?« Der Angeredete lächelte blödsinnig und stierte den funkelnden Edelstein an, den der König auf seinem Zepter als Knopf trug: »Didudel, dididel, didudel, dididel!« sagte er. »Ach Majestät«, sagte nun einer von den anderen gewöhnlichen Leuten, »seht, dies ist der größte Denker im ganzen Königreich. Früher konnte er in einem Tage mehr denken, als man in zehn Jahren begreifen kann, aber nun haben sie in seinem Hause sieben solche Leiselauten aufgestellt, auf denen fortwährend Etüden gespielt werden. Und es gibt welche, die des Nachts nicht schlafen können und so lange das Winselbrett bearbeiten, bis die anderen am Morgen wieder anfangen. Da haben sie ihm denn seine ganze Denkkraft aus dem Kopfe herausgetrommelt, daß er nichts weiter denken kann als: Didudel, dididel, didudel, dididel. Dies aber ist himmelschreiend!« »Ha!« sagte der König und stand auf, denn er war sehr zornig. Die Denker waren nämlich der größte Stolz des Landes, weil sie in keinem anderen Weltteil zu solcher Vollkommenheit gediehen, und man konnte es dem König nicht übelnehmen, wenn er über die Beschädigung seiner besten Landesprodukte ergrimmte. »Ha!« sagte der König, »ist es so weit gekommen? Das soll anders werden! Bei meinem Bart, ich will ein furchtbares Exempel statuieren!« Am folgenden Tage zog der Landesausrufer mit einem Trommler und einem Trompeter durch das ganze Königreich und verkündete, daß jegliches Klavierspiel bei Todesstrafe verboten sei. Die feinhörigsten Polizeisoldaten im Lande wurden mit Hörrohren ausgerüstet und mußten Tag und Nacht im Lande umherhorchen, ob auch nicht gegen das Gesetz gesündigt wurde. Aber dazu waren die Untertanen viel zu wohl erzogen. Die Betroffenen seufzten zwar ein wenig, doch dann sagten sie: »Es muß sein!« und suchten ihre Klaviere so gut als möglich anderweit zu verwenden. Die einen nahmen das ganze musikalische Eingeweide heraus, legten Betten hinein und schliefen darin. Ein anderer fütterte es mit Blech aus und hielt Fische in dem Kasten. Viele Hausfrauen legten die Wäsche hinein, andere kochten Kaffee damit. Einer, der in der Stadt wohnte und doch das Bedürfnis eines Gartens hatte, füllte das Innere mit Erde und zog Blumenkohl und Schoten darin. Und so war das Klavierspiel in kurzer Zeit aus dem Lande vertilgt. Die guten Folgen zeigten sich sehr bald. Die Lerchen und Nachtigallen wanderten allmählich wieder ein, die Astronomen entdeckten fünf neue Planeten und einen Kometen, und alle die anderen Gelehrten kamen wieder in ihr altes Geleise. Selbst dem schwer geschädigten Denker überwuchs allmählich der Fußsteig, den das »Didudel, dididel« in sein Gehirn getreten hatte, mit Gras, und er dachte fast ebenso gut wie zuvor. Der König aber saß manchen Tag morgens von zehn bis zwölf schmunzelnd in seinem Regiersaal, rauchte seine lange Pfeife und spielte mit seinem Zepter, bis die Zeit um war, denn die Regierungsgeschäfte waren wieder, wie er es gern hatte, sie waren gar nicht vorhanden. Um die Zeit, da das Verbot gegen das Klavierspiel erlassen wurde, war dem König eine wunderschöne kleine Tochter geboren worden. Als diese zwei Monate alt und nach dem Urteil aller Leute bereits so verständig war wie gewöhnliche kleine Kinder von zwei Jahren, da bemerkte die Königin oft, daß das kleine Kind mit den Fingerlein auf dem seidenen Wiegenkissen allerlei Bewegungen machte, die gerade so aussahen wie die Fingerübungen eines Klavierspielenden. Sie geriet darüber in großen Schrecken und sagte es dem König, der sofort den Befehl an seine Hofleute ausgehen ließ, daß niemand jemals zu der Prinzessin von einem Klavier reden dürfe. Dies wurde auch genau und gewissenhaft befolgt, und die Prinzessin wuchs auf in Holdseligkeit und Schönheit, ohne daß jemals die geringste Kunde von einem solchen Musikinstrument zu ihr drang. Eines Tages, da sie achtzehn Jahre alt war, ließ sie sich ihr weißes Einhorn satteln und begab sich, wie sie es gern tat, in den großen Wald. Sie ritt in den Wald hinein und geriet bald auf einen Weg, den sie sonst noch nie bemerkt hatte. Es war ganz still und einsam ringsumher, nur über die Wipfel der Bäume hin ging ein leises Klingen wie ferne Musik, bald anschwellend, bald ersterbend schwebte es dahin. Der Wald war ganz dicht und verworren, und seltsame Schlingpflanzen waren an den Bäumen hinaufgeklettert und hingen mit leuchtenden Blüten hernieder. Zuweilen flogen prächtig glänzende Vögel über den Weg oder saßen auf den Ranken der Schlingpflanzen, wendeten den Kopf und sahen sie mit klugen Augen an. Die Musik tönte immer schwellender und voller und schien die Wipfel der Bäume leise zu bewegen, wie sie durch diese dahinströmte. Dann mündete der Weg auf einen freien Platz, der, eingeschlossen von hohen Bäumen, wie ein grüner Saal dalag und ganz erfüllt war von den herrlichen Klängen. Die Prinzessin ritt über die Grasfläche dahin, denn gegenüber am Rande des Waldes sah sie ein kleines Häuschen liegen, aus dem die Musik wie ein Strom hervorbrach. Das Häuschen war ganz mit rotblühenden Schlingpflanzen bewachsen, nur die Tür und die Fenster, die geöffnet waren, schauten dunkel hervor. Die Prinzessin ließ ihr weißes Einhorn vor der Tür stehen und trat hinein. Sie kam in ein kleines Zimmer, in dem nichts weiter stand als ein Klavier, und davor saß eine schöne Frau und spielte so wunderherrlich, daß der kleinen Prinzessin gleich die Tränen in die Augen kamen. Sie setzte sich ganz stille auf einen Stuhl und hörte zu. Und als die Akkorde immer schwellender klangen und vorüberrollten und die Melodie mit leiser Sehnsucht dahinging, da wuchsen und dehnten sich die Wände des kleinen Zimmers, es stieg auf wie ein Tempel, von schlanken Palmensäulen getragen, mit Nebelwänden wallend in bläulichem Duft, und zwischen den Kronen der Palmen schwebten in rosigem Gewölk schimmernde Engel in weißen Gewändern. Mit einem Male war wieder das kleine einfache Zimmer da. Die Fee, denn eine solche war es doch gewiß, hatte aufgehört zu spielen und sah sich freundlich nach der Prinzessin um: »Es ist gut, daß du da bist, Prinzessin«, sagte sie, »ich habe schon lange auf dich gewartet.« »Was ist das, was du tust«, sagte die Prinzessin, »o lehre mich das auch, es ist so herrlich.« »Ich bin Frau Musica«, sagte sie, »und will dich alles lehren, was ich vermag. Denn in deines Vaters Lande hat man wegen des Üblen das Üblere getan und meine Kunst ganz verbannt und ausgerottet; du aber bist ausersehen, das Rechte wiederherzustellen. Ich gebe dir zwei Zauberbücher, die enthalten alles. Das erste mußt du ganz durchspielen, es ist minder schön, aber ohne das kannst du das zweite nicht verstehen. In dem zweiten steht nur ein Stück, es ist aber das Herrlichste, das je auf Erden gewesen ist. Ich brauche die Bücher nicht mehr, denn ich kann sie auswendig. Dann nimm diese Walnuß und bewahre sie wohl, sie enthält das Notwendige.« Damit fing die Frau wieder an zu spielen, und nun klang es so leise und süß wie ein Wiegenlied. Die Prinzessin machte die Augen zu und schlief ein. Als sie wieder erwachte, saß sie in ihrem niedlichen Zimmerchen auf dem Sofa, und vor ihr auf dem Tische lagen die beiden Bücher und die Walnuß. Sie holte sich sofort den Nußknacker und knackte sie auf. »Kling«, sagte es, als die Nuß aufging, es klang wie das Schwirren einer Saite. Ein ganz wunderniedliches kleines Klavier war darin. Die Prinzessin setzte es auf den Tisch und dachte, das könne ihr auch nicht viel nützen, denn mit dem kleinen Finger konnte sie alle Tasten auf einmal bedecken. Aber mit einem Male fing es so an zu wachsen, daß sie es gar nicht schnell genug auf die Erde setzen konnte, sonst wäre es ihr vom Tische heruntergewachsen. Als es ausgewachsen hatte, war es ein ganz natürliches, lebensgroßes Klavier. Die Prinzessin schlug gleich das erste Buch auf und fing an zu spielen. Zu derselben Zeit ging der König gerade über den Gang, denn er wollte auf dem Boden nachsehen, was seine Tauben machten. Mit einem Male hörte er die Töne des Klaviers erklingen. »Was«, sagte er, »in meinem eigenen Hause? – Es ist unerhört.« Dann horchte er und sagte: »Es ist im Zimmer meiner Tochter; dies muß untersucht werden.« »Prinzessin«, sagte er, als er hineintrat, »um des Himmels willen, was machst du da?« »Ich spiele Klavier, Papa«, sagte die Prinzessin, »es ist das Schönste, was es gibt.« »O Gott«, sagte der König und sank auf einen Stuhl. Ihm wurde ganz schwindlig, denn er wußte, die Prinzessin hatte ihren eigenen Willen. Dann erzählte er der Prinzessin alles. »Ja, lieber Papa«, sagte diese, »Klavierspielen muß ich nun einmal, warum gibst du solche Gesetze, und wenn du sie gibst, kannst du sie auch wieder aufheben.« »Ich kann mich doch nicht vor allen meinen Untertanen und vor der ganzen Umgegend blamieren!« sagte der König. »Sie haben mich sowieso schon oft genug ausgelacht!« Aber es half nichts, die kleine Prinzessin mußte ihren Willen haben. Der König verfiel endlich auf einen Ausweg. Das Klavier wurde auf einen Wagen gesetzt und alles so eingerichtet, daß es ganz harmlos und unverdächtig aussah. Nun fuhr die Prinzessin alle Tage in den Wald mit ihren weißen Einhörnern, die ohne Kutscher auf den Ruf gehorchten. Wenn sie dann recht in der Einsamkeit angelangt war, schlug sie das Lederwerk zurück, das das Klavier einhüllte, und fing an zu spielen. Rings um den ganzen Wald aber waren große Tafeln errichtet, auf denen zu lesen stand, daß es jedermann aufs strengste verboten sei, diesen Wald zu betreten. Es war sehr wunderbar, wenn die weißen Einhörner so verständig in den weichen Sandwegen den Wagen einherzogen und die Prinzessin dazu eifrig Klavier spielte, daß es durch den Wald schallte. Eines Tages kam sie mit dem ersten Buch zu Ende. Am folgenden Morgen zog sie ihr neues Kleid an, das sie zum letzten Weihnachten bekommen hatte, setzte ihre kleine Sonntagskrone mit den Diamanten auf und fuhr mit dem zweiten Buch in den Wald. Auf dem schönsten freien Platze, der im Walde zu finden war, ließ sie die Einhörner halten. Sie schlug das Buch auf und fing an zu spielen. Wie klang das herrlich durch den Wald, es stieg von dem Klavier auf wie ein Springbrunnen von Wohllaut und breitete sich aus ringsum. Bei den ersten Tönen standen alle Blätter im Walde still und lauschten, und alle Blumen, die in der Knospe waren, fingen an zu blühen. Dann schwoll es immer schöner an, und die Schmetterlinge hörten auf zu flattern und die Käfer auf zu kriechen. Aber als die Prinzessin weiterspielte, verstummten alle Vögel, kamen leise geflogen, setzten sich auf die Bäume, die um den freien Platz standen, und hörten zu. Dann hörten die Rehe und Hirsche auf zu äsen und die Hasen auf, Purzelbäume zu machen, und kamen herbeigelaufen und horchten. Immer herrlicher und voller erklang es, die Töne brausten durch die Wipfel und schwammen hinaus ins freie Land, und wer es hörte, der ließ alles stehen und liegen und folgte ihnen nach. Sie drangen hinauf zu den Türmen der Astronomen und schwebten in die dumpfigen Studierzimmer der anderen. Die Astronomen hörten auf zu rechnen, wenn auch eben gerade das Fazit kommen wollte, die anderen legten die Feder oder das Buch fort und gingen sofort dem holden Klange nach. Selbst der große Denker hörte mitten im Satze auf zu denken und wanderte, wie er ging und stand, dem Walde zu. Der König war gerade dabei, sich zu rasieren, er stand in seinem Brokatschlafrock mit seiner Hauskrone auf dem Kopfe vor dem Spiegel und hatte gerade die eine Hälfte seines Bartes abgeschabt, als mit einem Male das herrliche Klingen durch das offene Fenster hereingeschwebt kam. Er legte sofort das Messer aus der Hand, wischte sich den Seifenschaum aus dem Gesicht, ergriff sein Spazierzepter und wanderte dem Walde zu. Unterwegs stieß er auf große Scharen seiner Untertanen, die alle den gleichen Weg zogen. Sie sprachen nicht miteinander, sondern zeigten nur zuweilen vor sich auf den Wald, woher die herrlichen Klänge kamen, und schritten wacker fürbaß. Unterdessen saß die Prinzessin an ihrem Klavier und spielte und wußte selber kaum, wie ihr geschah. Unter ihren Händen quoll es hervor in immer neuen Strömen von Wohllaut, und es war ihr, als würde sie emporgetragen und schwebe in einem goldenen Schimmer weit über der Welt und ihrer Niedrigkeit. Als nun das Stück zu Ende war, da stand das ganze Königreich versammelt um sie herum, und alle hatten Tränen in den Augen. Der alte König aber trat hervor, umarmte seine Tochter und sagte gar nichts, denn er war sehr gerührt. Dann spannten die Leute die weißen Einhörner aus und sich selber an den Wagen und brachten die Prinzessin im Triumph in die Stadt. Am anderen Tage aber setzte der König sich an seinen Schreibtisch und verfaßte ein weises Gesetz, in dem das Klavierspiel wieder gestattet, durch viele verständige Paragraphen aber so eingeschränkt wurde, daß es nimmermehr so entsetzliche Wirkungen wieder hervorbringen konnte, als von ihm schon dagewesen waren. Und somit ist die Geschichte vom Zauberklavier zu Ende. Worterklärungen Allotria Unfug, Narretei Baiser eigentlich (französisch) Kuß; hier: ein süßes Gebäck aus geschlagenem Eiweiß Brahmaputra hier: eine asiatische Hühnerrasse Bunzlau heute Boleslawiec in Polen Deputation Abordnung; Ausschuß devot unterwürfig; ergeben Devotion Unterwürfigkeit Dukaten alte Goldmünze von unterschiedlichem Wert Eremit Einsiedler Etüde musikalisches Übungsstück ein Exempel statuieren ein warnendes Beispiel schaffen Falsett hohe Stimmlage; Fistelstimme Fazit Ergebnis, Summe Fi donc! (französisch) Pfui! Foliant alter Ausdruck für ein großes Buch Galafrack Festgewand, Hofkleidung Galanteriedegen Degen, der vor allem zur Zierde getragen wurde gravitätisch in steifer, würdevoller Art illuminieren festlich erleuchten; auch: bunt ausmalen Johannistag der 24. Juni Kanzlei altes Wort für Büro, Schreibstube einer Behörde Klavicymbalum auch Klavizimbel; vom 16. bis zum 18. Jahrhundert verbreitete Klavierart, in der Kurzform Cembalo genannt Kremnitzer Dukaten früher in Kremnica in der Slowakei geprägte Goldmünzen Livree uniformähnliche Bedientenkleidung Meile ein altes Längenmaß, etwa 1600m römische Göttin Minerva nach der Sage Beschützerin des Handwerks, auch dargestellt als Göttin der Weisheit und Künste Monstrum Ungeheuer Mutabilis abgeleitet von (lateinisch) mutare -- verändern, verwandeln; etwa: (Stein) Veränderlich Mutterkorn auch Hungerkorn; Pilzkrankheit, die vor allem den Roggen befällt und die Ausbildung des Getreidekornes verhindert Pagode ursprünglich Figur eines sitzendes Gottes in indischen und ostasiatischen Tempeln perplex verblüfft; bestürzt Pips eine ansteckende Krankheit des Geflügels, auch Geflügeldiphtherie genannt Plebejer hier abwertend gebraucht für Menschen aus dem Volk Primaner Schüler der Prima, der letzten Klasse vor dem Abitur im Gymnasium, der höheren Schule in der bürgerlichen Gesellschaft quinkelieren trillern, zwitschern; auf künstliche Art singen; vor sich hin singen Reichsapfel Herrschaftszeichen der deutschen Könige und römischen Kaiser im Mittelalter Reiherbeize die Jagd mit abgerichtetem Reiher Residenz Hauptstadt, Sitz der Regierung Rubin ein roter Edelstein Saphir ein blauer Edelstein Sirenen in der griechischen Sage Fabelwesen, die durch ihren Gesang die Seeleute ins Verderben lockten Syrakuser Wein aus Syrakus in Sizilien Taler alte deutsche Silbermünze Trespen eine Grassorte, ein lästiges Unkraut Zelter im Mittelalter wegen seiner ruhigen Gangart Reitpferd für Damen und Geistliche Zepter Herrscherstab, der Macht und Würde repräsentiert Zindel ein taftähnliches Seidengewebe, das im Mittelalter häufig verwendet wurde Zunder leicht brennbares Material, hergestellt aus dem Echten Zunderschwamm, der vorwiegend auf Buchen- und Eichenstämmen wächst; das Wort wird auch im übertragenen Sinne gebraucht