André Theuriet Gérards Heirat Erstes Kapitel. Welch beruhigenden Klang haben nicht die Glocken, die noch in manchen Landstädtchen den Abend einläuten! Die vertrauten Töne beschließen das Tagewerk so friedlich und schläfern die Kinder in ihren Korbbettchen besser ein als ein Schlummerlied. Es liegt etwas Inniges, Tröstliches in diesen vollen, tiefen und friedlichen Klängen... Die Glocken von Juvigny haben diese Klänge auch; sie ertönen jeden Abend, im Winter um acht, im Sommer um neun Uhr, von dem stattlichen Turm, der einzigen Zierde, die Ludwig XIV., dieser große Zerstörer der lothringischen Festungen, der Mauerkrone der alten Stadt gelassen hat. An einem schönen Julisonntag des Jahres 1868, in dem Augenblick, mit welchem unsere Geschichte beginnt, verhallten die letzten Töne der Abendglocke über den Rebgeländen der Hügel, an denen sich die im Grünen versteckten Häuser Juvignys bis zu dem Flusse Ornain hinabziehen wie eine Herde zerstreut weidender Schafe, die zur Tränke eilen. In einem der Gärten, die hinter den Wohnhäusern der oberen Stadt liegen, lehnte ein junger Mann an der Mauer einer Terrasse und betrachtete sinnend die Abhänge der Schlucht von Polval, die, zwischen zwei Weinbergen eingezwängt, sich schon in der Dämmerung verlor. Die ersten Sterne blinzelten mit ihren Diamantaugen hinter dem Saum der Wälder hervor, die den Horizont begrenzen, und aus der Ferne ließ sich das Rollen der Lastwagen auf der steinigen Landstraße vernehmen, das sich immer weiter entfernte. Während der Stille, die auf den letzten Ton des Abendgeläutes gefolgt war, trug plötzlich der Westwind stoßweise die fröhlichen Weisen einer Tanzmusik aus einer benachbarten Gartenwirtschaft herüber, unter deren Bäumen ein Ball abgehalten wurde. Der junge Mann erhob das Haupt und atmete tief auf, als ob er die im Wind zerstreuten, melodischen Töne ganz in sich aufnehmen wollte. »Herr Gérard,« rief plötzlich hinter ihm die näselnde Stimme der alten Magd des Hauses, »Herr von Seigneulles ist schon schlafen gegangen; Baptist und ich möchten auch ins Bett, gedenken Sie denn noch nicht hereinzukommen?« »Gleich, Marie!« Nachdem die Magd die Gartenthüre, die in die Weinberge führte, sorgfältig abgeschlossen hatte, kam sie wieder zu ihrem jungen Herrn zurück. »Gute Nacht,« sagte sie, »aber vergessen Sie nicht, wenn Sie hinauf gehen, die Flurthür gut zu verriegeln. Sie wissen, daß Ihr Vater nicht gerne bei offenen Thüren schläft.« »Ja, ja!« antwortete er ungeduldig, »Gute Nacht!« Gérard von Seigneulles war ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren, etwas zart, aber hübsch gewachsen. Seine matte Hautfarbe und seine tiefblauen Augen wurden durch das schwarze Haar und den glänzenden Bart gehoben. Der Ausdruck seines Gesichtes war beweglich und doch fest und zeigte eine gewisse verschleierte, durch große Schüchternheit unterdrückte Leidenschaftlichkeit. Diese Gegensätze gaben seinem ganzen Wesen etwas Zurückhaltendes, das man leicht für Hochmut halten konnte. Sein Vater, Ritter des Ludwigsordens, war Gardeoffizier unter der Restauration gewesen, er hatte sich erst spät verheiratet und seine Gattin nach Verlauf einiger Jahre verloren. Gérard war das einzige Kind des Herrn von Seigneulles, der ihn streng nach der alten Sitte erzogen hatte. Der »Chevalier«, wie man ihn in Juvigny nannte, ein leidenschaftlicher und halsstarriger Legitimist, hatte zwar einen wenig entwickelten Verstand, aber das Herz am rechten Fleck, und war von einer sprichwörtlich gewordenen Ehrenhaftigkeit. Er war der Ansicht, daß die Söhne bis zu ihrer Volljährigkeit, die bei ihm, nach dem alten Recht, erst mit fünfundzwanzig Jahren eintrat, den Eltern blindlings zu gehorchen hätten. Mit zwölf Jahren war Gérard in die Jesuitenschule nach Metz gebracht worden. Er dachte noch zitternd an die Angst zurück, die ihn stets erfaßt hatte, wenn er in den Ferien mit schlechten Zeugnissen nach Hause gekommen war. Gar oft war er fünf- oder sechsmal um die obere Stadt gelaufen, ehe er es gewagt hatte, die Klingel am väterlichen Hause zu ziehen und den lärmenden Zornesausbrüchen des Herrn von Seigneulles standzuhalten. Sobald er das Baccalaureat erlangt hatte, war er zum Studium der Rechte nach Nancy gegangen; allein auch hier hielt ihn der gestrenge Chevalier fest im Zaum. Er hatte seinen Sohn bei einer frömmelnden, ständig ans Zimmer gefesselten alten Verwandten in Kost und Wohnung gegeben. Um in sein Zimmer zu gelangen, mußte Gérard durch das dieser ehrbaren Witwe gehen, was ihn nötigte, stets früh nach Hause zu kommen, und jeden nächtlichen Ausgang unmöglich machte. Man wird begreiflich finden, daß der junge Mann unter diesen Umständen seine Studien nicht sehr in die Länge zog. Nachdem er Schlag auf Schlag seine vier Prüfungen bestanden, hatte er kürzlich doktoriert und war nun seit kaum vierzehn Tagen nach Juvigny zurückgekehrt. Trotz dieser klösterlichen Erziehung war Gérard durch und durch weltlich gesinnt und trug sehr schwer an seiner Tugend. Man kann seine Neigungen so wenig ändern als sein Temperament, und der junge Seigneulles fühlte sich von den Freuden dieser Welt stark angezogen. Er war heißblütig und neugierig und hatte sich vorgenommen, die Vergnügungen, die man ihm so lange vorenthalten, in vollen Zügen zu genießen, sobald sie ihm zugänglich werden würden. Unglücklicherweise mußte er vom ersten Tag seiner Rückkehr an seine Erwartungen niedriger spannen, denn obwohl Juvigny der Sitz einer kleinen Präfektur war, bot es doch keinen Ueberfluß an Zerstreuungen, und auch das Leben, das man bei Herrn von Seigneulles führte, hatte nichts Verlockendes für einen Jüngling, der seine dreiundzwanzig Jahre so gerne genossen hätte. Der Chevalier sah niemanden bei sich, als den Geistlichen seiner Pfarre und zwei oder drei biedere Edelleute aus dem Orte. Wohl gewährte er seinem Sohne nun ein wenig mehr Freiheit, allein er gab ihm nicht die Mittel, dieselbe zu benutzen; dazu kam auch noch der Umstand, daß sich Gérard in der Gesellschaft der jungen Leute von Juvigny, mit denen er weder Sprache noch Sitten gemein hatte, fremd und linkisch fühlte. Und doch wollte er so gerne leben. Ungeduldige Erwartungen machten sich geltend und schwellten sein Herz. Feurig, den Kopf voller Wünsche und den Körper voll Kraft, sagte er sich, daß jede Stunde dieses trübseligen Daseins seiner Jugend gestohlen werde, und während er sich in seiner Einsamkeit herumtrieb wie ein Eichhörnchen in seinem Käfig, gähnte er vor Langeweile und Mattigkeit. Erst gestern hatte ihn noch Regina Lecomte, eine junge Arbeiterin, die von Marie im Taglohn beschäftigt wurde, in dieser Stimmung überrascht, als er in dem väterlichen Garten spazieren ging, die Arme reckte und streckte und sich fast die Kinnbacken ausrenkte. Das lebhafte und gefallsüchtige Mädchen hatte ihn verstohlen beobachtet, während sie Wäsche von der Wiese aufnahm. »Herr Gérard,« sagte sie plötzlich zu ihm, »Sie sehen aus, als ob Sie sich rechtschaffen langweilten!« »Es ist wahr,« antwortete er errötend, »die Tage werden mir recht lange.« »Weil Sie sie nicht durch Vergnügen auszufüllen verstehen. Warum kommen Sie denn Sonntags nie zum ›Weidenball‹?« »Zum Ball,« flüsterte Gérard, der fürchtete, sein Vater könne ihn hören. »Ja, wie alle die jungen Herren. Man könnte glauben, Sie verschmähten die Bälle von uns Arbeiterinnen aus Stolz.« »Da würde man mir unrecht thun,« entgegnete er, »wenn ich nicht hingehe, so kommt dies nur daher, daß ich niemanden dort kenne.« »Bah, es wird Ihnen nicht an Tänzerinnen fehlen; wenn Sie morgen kommen, so verspreche ich Ihnen einen Kontertanz.« Während sie so plauderte, nahm die kleine Regina ihre Wäsche auf, und die Mittagssonne beleuchtete die lachenden Augen, das Stumpfnäschen und die blitzenden Zähne. Sie entfernte sich, den jungen Mann auf eine Weise anlächelnd, die ihn nachdenklich machte. Seit dem frühen Morgen hatte er sich hin und her überlegt, wie er sich fortstehlen und an dem Ball teilnehmen könnte, und hatte sorgfältig die Lockungen der verbotenen Frucht und den drohenden, väterlichen Grimm gegeneinander abgewogen. Ein an den freien Genuß seiner Jugend gewöhnter Pariser hätte über diese Aufregung wegen eines Arbeiterinnenballes gelächelt, aber für Gérard, der wie ein Mädchen erzogen worden war und nur selten ein Vergnügen gekostet hatte, besaß dieser Ball den ganzen geheimnisvollen Zauber einer zum erstenmal begangenen Sünde. Die Gartenwirtschaft war für ihn ein verschlossenes Paradies voll lockender, unbekannter Genüsse. Die plötzlich lauter ertönende Tanzmusik besiegte seine letzten Bedenken. Es war keine Möglichkeit, durch die Thüre, zu der Marie den Schlüssel mit sich genommen hatte, hinauszukommen, und so kletterte Gérard auf die Mauer, sprang leicht auf die weiche Erde des Weinberges hinab, glitt behutsam durch die Reben und schritt eine Viertelstunde später unter den Bäumen des Spazierweges dahin. Die lange Platanenallee, die einen Arm des Ornain begrenzt, war in tiefen Schatten gehüllt. Ganz im Hintergrund, am Eingang zum Tanzplatz schimmerten bunte Glaslampen wie Glühwürmchen durch das Laub. Als die Musik verstummte, vernahm man das silberhelle Plätschern des Wassers zwischen den Baumwurzeln. Gérard fühlte, als er atemlos und glühend an dem rohen Holzsteg ankam, der in die Gartenwirtschaft führte, all seine Kühnheit schwinden. Er wußte nicht, wie er sich in diese Gesellschaft, deren Sitten ihm unbekannt waren, einführen sollte, und begann unentschlossen am Ufer des Flusses hin und her zu irren. Das Orchester spielte einen Walzer. Zwischen den Weißdornhecken hindurch konnte man die Gewinde aus bunten Glaslampen unterscheiden, und sehen, wie sich die Paare langsam in dem lichthellen Kreise drehten. Lautes Gelächter vermischte sich mit den schmeichelnden Klängen der Flöten und den grelleren Tönen der Geigen; von den nahen Blumenbeeten stieg der Duft von Reseda und Clematis empor und machte Gérard vollends ganz trunken. Er eilte über die Brücke, bezahlte mit niedergeschlagenen Augen dem Portier, der in seinem tannenen Häuschen hockte, das Eintrittsgeld und glitt, wie ein verschämter Armer, im dichtesten Schatten der Bäume entlang bis hinter die Reihen der sonntäglich geputzten Mütter und der neugierigen Bürgersfrauen, aus denen die Zuschauer dieses Balls unter freiem Himmel bestanden. Kaum hatte er sich ein wenig von seiner Verwirrung erholt, als er unter den Tänzerinnen das unregelmäßige aber hübsche Gesichtchen der kleinen Regina entdeckte. Die Nähterin sah ganz gesetzt aus in ihrem bedruckten Mousselinkleidchen und dem winzigen Hütchen mit roten Bändern, die im Winde flatterten. Sie tanzte mit einem großen, kräftigen Burschen mit starkem blondem Bart und offenem, schalkhaftem Gesicht, der ausgezeichnet walzte und der Löwe des Balles zu sein schien. Er trug einen breitränderigen, weichen Filzhut und eine weite, schwarze Sammetjuppe, über deren Umschläge die Enden eines hochroten Halstuches herabfielen; ein Beinkleid von weißem Tuch, an den Außenseiten mit schwarzen Streifen verziert, vervollständigte diesen nachlässigen und doch gesuchten Anzug, der von den regelrechten Ueberröcken und steifen, hohen Hüten der anderen jungen Leute scharf abstach. Die Gewandtheit, das Feuer und die Sicherheit des Herrn in der schwarzen Sammetjuppe schienen die Bewunderung der Zuschauer zu erregen. »Sehen Sie,« sagte eine der Klatschbasen, »die kleine Regina hat gerne hübsche Tänzer; sie geht Herrn Laheyrard nicht von der Seite!« »Sie rächt sich am Bruder für die Possen, die ihr die Schwester spielt,« sagte ein häßliches Mädchen, das sitzen geblieben war. »Fräulein Laheyrard hat Regina ihren Liebhaber weggeschnappt.« »Was! der kleine Finoël sollte sich's in den Kopf gesetzt haben, die Pariserin zu heiraten?« »Er ist immer hinter ihr her, sie zieht ihn überall nach wie ihren Schatten!« Der Walzer war zu Ende und Gérard suchte mit laut pochendem Herzen die kleine Regina auf. Da er gesehen hatte, daß die meisten jungen Leute zum Tanzen Handschuhe anzogen, so durchstöberte er seine Taschen, fand aber nur ein Paar schwarze Handschuhe darin. Man gab nicht viel auf Eleganz bei Herrn von Seigneulles und schwarz war dort eine sehr beliebte Farbe. Während Gérard die Trauerfarbe noch kläglich betrachtete und sich überlegte, ob es nicht ratsamer sei, mit bloßen Händen zu tanzen, wurde das Zeichen zum Kontertanz gegeben und plötzlich stand er vor Regina Lecomte. »Ah, das ist schön,« rief die Nähterin lustig, »daß Sie Wort halten; geben Sie mir Ihren Arm!« Gérard zog schleunigst den trübseligen, schwarzen Handschuh an, und Regina, die an seinem Arm hing, führte ihn siegbewußt an den bestbeleuchteten Stellen des Tanzplatzes vorbei. Sie zeigte den Zuschauern nicht ungern, daß sie einen hübschen Jungen, der obendrein auch noch der Erbe einer der besten Familien Juvignys war, zum Tänzer hatte. Der junge Mann bemerkte, daß alle Augen auf ihn gerichtet waren und verlor seine Fassung vollends ganz. Einige Tänzer, die ihn kannten und nicht leiden mochten, sahen ihn verächtlich an oder kicherten verstohlen, Gérard fühlte sich unbehaglich und begann schon, seinen leichtsinnigen Streich zu bereuen, als die Musik das Vorspiel begann. In demselben Augenblick trat der lustige Bursche in der Sammetjuppe auf die kleine Regina zu und rief halb spöttisch, halb anspruchsvoll: »Wie, Königin meines Herzens, Sie haben Ihr Wort gebrochen und verschwenden Ihre Gunst an einen Fremden!« »Ja,« entgegnete sie geziert, »Herr von Seigneulles ist zum erstenmal hier, und man muß die Anfänger ermutigen.« »Ich weiß, daß Sie mit Vorliebe erziehen,« erwiderte der junge Mann mit lautem Lachen, nahm seinen Filzhut ab und sagte zu Gérard, der sich errötend auf die Lippen biß: »Ich gratuliere Ihnen, mein Herr.« »Schweigen Sie, Ungezogener!« rief Regina wütend; dann wandte sie sich zu ihrem Tänzer und erkundigte sich, ob er schon ein Gegenüber habe. Auf die verneinende Antwort, rief sie den Herrn mit blondem Bart zurück, »Gehen Sie, Taugenichts,« sagte sie, »fordern Sie eine der Damen auf und seien Sie unser Gegenüber!« »Zu Ihren Diensten, Gebieterin!« Er verbeugte sich scherzhaft, drehte sich rund um und kam bald mit einer Tänzerin zurück. Der Kontertanz begann. Gérard wußte nicht, was er zu Regina sagen sollte, da ihm die Sprache, die man mit dieser Art Mädchen reden muß, vollständig fremd war. Die Unterhaltung stockte und der Sohn des Herrn von Seigneulles fand es nicht halb so schön auf dem Balle, als er es sich geträumt hatte. Er zitterte bei dem Gedanken, er könne beim Tanzen eine Ungeschicklichkeit begehen; zum Glück für ihn wurde der Tanz so nachlässig ausgeführt, daß selbst ein Kind sich hätte wohl dabei fühlen müssen; nach jeder Tour umfaßten die Herren ihre Tänzerinnen und drehten sich mit ihnen im Kreise herum. Der » Cavalier seul « war die einzige Schwierigkeit, die sich Gérard bot; er glaubte zu fühlen, daß sich alle Blicke auf ihn richteten, und bewegte sich schüchtern, mit niedergeschlagenen Augen, vorwärts und wußte durchaus nicht, was er mit seinen Armen anfangen sollte. Wie wenig er seiner Aufgabe gewachsen war, wurde Gérard erst ganz klar, als er sein Gegenüber im Sammetrock an der Arbeit sah. Der junge Mann begann mit ein paar tollen Luftsprüngen, zu welchen er die Arme über dem Kopf zusammenschlug, so daß sie sich wie die Fühlhörner eines riesigen Insektes ausnahmen; plötzlich hielt er inne, bewegte sich langsam und ernsthaft vor Gérard hin und her, schleuderte statt eines Grußes seinen Filzhut hinter sich, warf den beiden Tänzerinnen Kußhändchen zu, reichte ihnen die Hand und beschloß das Ganze durch eine zügellose Ronde. Gérard war ganz verblüfft. »Wer ist denn dieser junge Herr?« fragte er Regina. »Das ist ja Ihr Nachbar, der Sohn des Schulrats. Ah, haha, ich wette, daß Sie seine Schwester, die schöne Helene Laheyrard, besser kennen!« »Nein, ich komme von Nancy und kenne hier niemanden mehr.« »So werden Sie sie bald kennen lernen,« fuhr die kleine Regina mit boshafter Absichtlichkeit fort, »sie macht wenigstens genug von sich reden. Ach, du lieber Gott! wenn unsereins sich auch nur halb so viel erlauben wollte als diese Pariserin, da gäbe es nicht Steine genug, um uns zu steinigen.« »Wirklich! ist sie denn hübsch?« »Das ist Geschmacksache,« antwortete Regina verächtlich; »gewisse Leute sind ganz vernarrt in sie, weil sie große Augen hat, die sie weit aufreißt, als ob sie die ganze Welt damit verschlingen wollte, und lange, lockige Haare, die sie über den Rücken herunterhängen läßt. Ich, für meine Person würde nicht den Kopf drehen, um sie anzusehen, aber die Männer sind ja so dumm.« Der Schlußgalopp brach die Unterhaltung kurz ab; Gérard, der wieder etwas Sicherheit gewonnen hatte, faßte seine Tänzerin fest um die Taille und stürmte, wie die anderen, wild mit ihr dahin. Diese Art zu tanzen gefiel ihm außerordentlich. Ganz stolz, daß er seine Sache so gut gemacht hatte, wollte er eben aufs neue beginnen, als ihn ein Ausruf, der von der Bank her kam, auf die er Regina geführt hatte, veranlaßte, sich umzudrehen. Eine Nachbarin zeigte der Nähterin eben die fünf Finger von Gérards Handschuh, die sich auf dem weißen Kleiderleibchen schwarz abgedrückt hatten. »O, Herr von Seigneulles,« rief das wütende Mädchen, »Sie sind mir ein netter Tänzer! Sehen Sie, wie Sie mein Kleid zugerichtet haben!« Der arme Bursche war ganz reumütig und bestürzt und wünschte sich hundert Klafter unter die Erde. Es bildete sich ein Kreis um sie und an boshaften Lachern war kein Mangel. Gérard errötete, murmelte Entschuldigungen und verwickelte sich in seinen Sätzen. »Meiner Treu,« sagte hinter ihm die spöttische Stimme eines dicken Ladendieners, »wenn Herr von Seigneulles seinem Sohn erlaubte, auf den Ball zu gehen, so hätte er ihm wohl auch ein Paar gelber Handschuhe bezahlen können!« »Bah,« fuhr ein anderer fort, »die Adligen in der oberen Stadt sind alle gleich: sie trauern um ihre leeren Kleiderschränke und um ihre Hoffnungen.« Gérard war nicht geduldig; er drehte sich nach dem Spötter um, faßte ihn am Rockkragen, schüttelte ihn heftig und rief: »Mein Herr, ich glaube, Sie erlauben sich, mich zu beleidigen!« In einem Augenblick sah er sich von einem Trupp junger Ladendiener umringt, die ihm gerne übel mitgespielt hätten. »Hinaus mit ihm! werft ihn hinaus!« schrieen sie, »glauben denn diese Krautjunker, sie könnten hier auf unserem Ball die Herren spielen? ...« »Nur gemach, meine Herren!« ertönte eine schallende Stimme, »übt man so die Gastfreundschaft bei Ihnen?« Mit zwei Stößen seiner kräftigen Schultern hatte sich Herr Laheyrard Bahn gebrochen und pflanzte sich kampfbereit neben Gérard auf. Die Fäuste trotzig in die Seite gestemmt, den Hut in den Nacken zurückgeschoben, betrachtete der junge Mann mit schalkhafter Miene die Gegner des Herrn von Seigneulles. »Das ist wahrhaftig Geschrei genug um ein verdorbenes Kleid!« fuhr er fort. »Herr von Seigneulles wird sich ein Vergnügen daraus machen, Fräulein Regina ein neues zu verehren, das sind seine Sachen. Ist das aber für euch ein Grund, euch zu gebärden wie Dorfköter, die bellen, wenn ein Fremder durch den Flecken geht? Ihr kommt mir sehr wunderlich vor, und ich sage euch nur so viel: der erste, der einen Schritt auf meinen jungen Freund zu macht, wird in erster Linie mit meinen beiden Fäusten Bekanntschaft machen. Dies dem Liebhaber zur Notiz.« Die Angreifer blickten sich an und berechneten innerlich die Kraft der Arme des jungen Laheyrard und zerstreuten sich brummend bei den ersten Takten der Musik, die zu einem neuen Tanze lud. Gérard bedankte sich herzlich bei seinem Verteidiger, der ihn achselzuckend in einen einsamen Baumgang führte. »Sie sind wohl zum erstenmal auf dem ›Weidenball‹?« fragte er und fuhr, nachdem er eine bejahende Antwort erhalten hatte, fort: »Ja, ja, man sieht es wohl! Sie lassen sich noch zu leicht außer Fassung bringen; doch das gibt sich, sobald Sie erst ein wenig mehr Uebung haben.« Gérard erwiderte, daß ihm dieser Skandal die Lust zu öffentlichen Bällen für lange verdorben habe, und wollte sich von seinem neuen Freund verabschieden. »Einen Augenblick!« rief dieser, »ich verlasse Sie nicht. Der Weg ist dunkel und einsam; vielleicht könnten diese Dummköpfe da dies benutzen, um sich an Ihnen zu rächen.« Sie gingen miteinander hinaus; als sie einige Schritte unter den Platanen gemacht hatten, sagte Gérard: »Wenn ich mich nicht täusche, sind wir Nachbarn. Ich heiße Gérard von Seigneulles und glaube, die Ehre zu haben, mit dem jungen Herrn Laheyrard zu sprechen.« »Ja,« antwortete sein Gefährte und strich sich wohlgefällig durch den Bart, »Marius Laheyrard, Student der Pariser Fakultät und Redakteur des ›Nordlichts‹, der Zeitschrift der neuen Schule ... Sie konnten oft genug Gedichte von mir darin lesen.« »Um Vergebung,« antwortete Gérard höflich, »ich muß leider gestehen, daß ich diese Zeitschrift nicht kenne, ich werde sie mir aber zu verschaffen wissen ...« »Ich zeichne ›Mario‹,« fuhr Laheyrard fort, »aus Rücksicht für den Alten ...« »Für welchen Alten?« fragte Gérard, der ihn nicht verstand. »Für den alten Laheyrard ... meinen Vater,« setzte der Dichter nachlässig hinzu. »Er verabscheut alle Verse und wollte mich vom Schreiben abhalten, unter dem Vorwand, meine anakreontischen Lieder beeinträchtigen seine akademische Würde; aber ich habe ihm den Mund gestopft.« »Oh!« murmelte der junge Seigneulles ganz verdutzt von der Rücksichtslosigkeit, mit welcher der Dichter die väterliche Autorität behandelte. Dann wollte er sich liebenswürdig zeigen und fügte hinzu: »Ich selbst liebe die Dichtung sehr; ich bewundere besonders Lamartine.« »Lamartine! Diese ausgestopfte, alte Nachtigall!« rief Marius unehrerbietig. »Aber,« warf Gérard ein, »Jocelyn ist doch immerhin ...« »Jocelyn, der alte Kram!« unterbrach ihn Laheyrard unbarmherzig und begann seinem Gefährten mit viel Feuer eine ganze poetische Theorie zu entwickeln, nach welcher die kunstvolle Verbindung seltsam klingender, farbenreicher Worte an Stelle der Empfindung und des Gedankens treten sollte. »Sehen Sie,« rief er mit stolzer Miene. »Wir, die wir Worte schmieden wie das harte Erz, wir brauchen die Begeisterung nicht mehr, die in einer Nacht die Gedichte wachsen läßt wie den Löwenzahn auf den Wiesen, wir brauchen Lampenlicht, unerhörte Anstrengung und unvergleichliche Seelenkämpfe.« Gérard machte große Augen. Um seine Vorschriften durch Beispiele anschaulicher zu machen, begann Marius in den nächtlichen Straßen Sonette herzusagen, in denen nur von fahlen Jahrhunderten, von dunklen Schrecknissen und von milden Sehnsuchtsschmerzen die Rede war; die untergehende Sonne wurde mit einem mit Wein beschmierten Trunkenbold, und die Sterne mit Goldfischen, die in einer himmelblauen Glaskugel schwimmen, verglichen ... Nachdem er eine gute Viertelstunde lang deklamiert hatte, blieb der Dichter stehen, um seine Pfeife zu stopfen und anzuzünden. Beim Flackern des Streichholzes betrachtete Gérard das lustige, pausbäckige Vollmondsgesicht Marius', seine breiten Schultern, seine stämmige Gestalt, und er wunderte sich, daß dieser Rabelaissche. Kopf, der ihn an Bruder Jean, den Begleiter Gargantuas erinnerte, solch düstere, totentanzartige Gedichte hatte hervorbringen können. »Ich bin so trocken wie die Wüste Sahara,« rief Laheyrard und schnalzte mit der Zunge, »es ist ein Jammer, daß schon alle Wirtshäuser geschlossen sind ...« Damit wechselte er den Gegenstand des Gespräches, kehrte wieder zur Wirklichkeit zurück und rühmte die guten Eigenschaften des Märzenbieres, ging von der Aesthetik zur Gastronomie über und begann in epischem Stil die üppigen Mahlzeiten zu verherrlichen, die man in Juvigny zu sich nehme. Marius' Wesen zeigte eine solche Mischung von sonderbarer Geziertheit und Kinderei, von gutmütigem Frohsinn und gekünstelter Überspanntheit, daß Gérard sich fragte, ob er es mit einem Narren oder mit einem Spaßvogel zu thun habe. Wahrend ihres Geplauders waren sie in der Straße angelangt, in der sie beide wohnten. Marius zog einen riesigen Hausschlüssel aus der Tasche. »Das ist das zierliche Schlüsselchen, das mir die väterliche Burg erschließt, aber ich will Sie zuerst bis an Ihre Thüre begleiten.« O, das ist nicht nötig! ich – ich habe nämlich keinen Hausschlüssel,« stotterte Gérard verlegen, »und ich möchte meinen Vater nicht gern aufwecken.« Er erzählte nun, wie er über die Gartenmauer gesprungen war. Marius schüttelte sich vor Lachen. »Ach, ach,« sagte er und hielt sich die Seiten, »die schwarzen Handschuhe, Ihr verschämtes Tanzen und die Umstände, die Sie mit der kleinen Regina machten, das erklärt sich nun alles ... Sie sind ein guter junger Mann, und ich hoffe, daß wir uns wiedersehen werden. Erklimmen Sie Ihre Mauer wieder, mein Freund und schlafen Sie wohl!« Er trat pfeifend in das Haus. Gérard bog um die Ecke der Straße, stieg durch die Weinberge hinauf und begann die Terrasse zu erklettern. Dank den alten bemoosten Spalieren, die eine natürliche Leiter bildeten, langte er gesund und wohlbehalten oben auf der Mauer an; er saß noch rittlings auf derselben, als ihm eine spöttische Stimme »Bravo!« zurief, und als er den Kopf erhob, entdeckte er den Dichter, der rauchend auf einem Baume im Nachbarsgarten saß. Das Schlimmste war überstanden. Vorsichtig trat Gérard in die Hausflur und schlich auf den Fußspitzen die Treppe hinauf. Schon hatte er das Stockwerk erreicht, in dem seines Vaters Zimmer lag, schon glaubte er sich in Sicherheit, als er sich unglücklicherweise in der Dunkelheit an einem Möbel stieß. In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre des Zimmers und Herr von Seigneulles erschien, in ein Flanellgewand gehüllt, eine Kerze in der Hand, auf der Schwelle. »Donnerwetter! Bursche!« rief er, »hältst du mein Haus für ein Wirtshaus? Ich dulde nicht, daß meine Thüren länger als bis zehn Uhr offen bleiben. Du solltest das wissen ...« Und als Gérard sich zu rechtfertigen suchte, fügte er strenge hinzu: »Genug, mach', daß du zu Bette kommst, du kannst morgen deine Entschuldigungen vorbringen.« Zweites Kapitel Am anderen Morgen – es war ein Rasiertag – saß der Herr von Seigneulles in einem mit Leder bezogenen Lehnsessel mitten in seiner Küche zwischen seiner Dienerin Marie und seinem Barbier Magdelinat. Marie hatte ein helles Holzfeuer angezündet, um das zum Seifenschaum bestimmte Wasser etwas zu erwärmen, und die Flamme warf ihren lichten Schein auf die Beschläge des Bratspießes, auf die blanken Reihen der Pfannen und Kupferkessel und auf die mit Porzellan beladene Anrichte. Ein Sonnenstrahl drang durch die Gardinen aus rotem Kattun und umwob die weißen Haare des Herrn von Seigneulles und das verwitterte bartlose Gesicht Magdelinats, der das Rasiermesser über den schwarzen Lederriemen zog, mit einem rosigen Schimmer. Der Barbier war ein schmeichlerischer, kriechender Schönredner und nebenbei tückisch wie eine Wespe und furchtsam wie ein Hase. Er kannte zuerst die kleinsten Skandalgeschichten, die sich in Juvigny ereigneten, und verstand es, dieselben mit boshaften Glossen zu würzen und ihnen, je nach dem Gaumen seiner Kunden, einen mehr oder weniger gepfefferten Geschmack zu geben. Herr von Seigneulles war der einzige, der die Geschichten des Barbiers schlecht aufnahm, und Magdelinat grollte ihm deshalb im geheimen. Er hatte schon beim Aufstehen das Abenteuer vom »Weidenball« erfahren und hätte es für sein Leben gern dem Chevalier aufgetischt, um dessen hochmütiges, absprechendes Wesen etwas zu dämpfen. Er konnte kaum den Mund halten, fürchtete aber andererseits die stürmischen Zornesausbrüche des Herrn von Seigneulles; während er sein Rasiermesser abzog, sann er hin und her, um einen sinnreichen Ausweg zu finden, der ihm ermöglicht hätte, seine Lust zu büßen, ohne Gefahr zu laufen, sich mit seinem Kunden zu entzweien. An jenem Tag schien der alte Gardeoffizier sich weniger als je auf eine Unterhaltung mit dem Perückenmacher einlassen zu wollen. Er war schon sehr übellaunig aufgewacht; sein mageres Gesicht war streng, die grauen Augen starrten fest vor sich hin, die Brauen waren finster zusammengezogen und die Adlernase schien noch spitziger als sonst zu sein. Er that den Mund nicht auf und blieb selbst für die Schmeicheleien seiner beiden Lieblingskatzen unempfindlich, die sich vergeblich an seinen langen Beinen rieben und ein leises, kurzes Miauen dabei hören ließen. »Wo ist mein Sohn?« fragte er plötzlich. Marie antwortete, daß Herr Gérard, der schon in aller Frühe in den Wald gegangen sei, gesagt habe, er wisse nicht, ob er bis Mittag zurück sei, und man solle mit dem Essen nicht auf ihn warten. Herr von Seigneulles brummte unzufrieden vor sich hin. »Herr Gérard,« sagte freundlich der Barbier, »ist ein hübscher junger Mann und verspricht ein höchst angenehmer Tänzer zu werden.« »Woher wissen denn Sie das?« sagte Herr von Seigneulles trocken. »O, ich weiß es nur vom Hörensagen!« »Was soll das heißen mit Ihrem Hörensagen? ... Mein Sohn hat noch nie einen Fuß in einen Ballsaal gesetzt, und ich glaube nicht, daß er auf dem Marktplatz Luftsprünge macht.« Magdelinat hustete zurückhaltend, während er seinen Seifenschaum in dem Barbierbecken schlug. »Kennen der Herr Baron vielleicht den jungen Laheyrard?« »Diesen Tölpel, der das Horn bläst und mich im Schlafen stört? ... Gott sei Dank, nein! und ich habe auch nicht die geringste Lust, ihn kennen zu lernen.« »Herr Laheyrard ist auch ein hübscher Tänzer, und dazu noch ein lustiger Bursche, der vor nichts zurückschreckt.« Herr von Seigneulles machte eine ungeduldige Bewegung, und Magdelinat beeilte sich, ihm mit seinem Pinsel über Kinn und Wangen zu fahren; aber als das Gesicht des Chevaliers mit einer dicken Lage Schaum beschmiert und er so außer stand gesetzt war, zu sprechen, in jenem kritischen Augenblick, in dem der Kunde dem Barbier vollständig preisgegeben ist, fing der hinterlistige Magdelinat wieder an: »In der ganzen Stadt spricht man von nichts als von dem Handel, den der junge Laheyrard gestern auf dem ›Weidenball‹ hatte. Stellen Sie sich vor, gnädiger Herr, daß er gestern abend fünf oder sechs bösartigen Tölpeln standhielt, die einem jungen Mann, der mit den dortigen Gebräuchen noch unbekannt und zum erstenmal auf dem Ball war, Angelegenheiten machen wollten! Ist es zu glauben? Mit einem reizenden Jungen Streit zu suchen, nur weil er von Adel ist und sein Vater Karl X. betrauert! ...« Er wurde von dem Chevalier, der seinen Arm so fest hielt, wie ein Schraubstock, heftig unterbrochen. »Seinen Namen!« schrie Herr von Seigneulles durch den wogenden Schaum. »Es war Gérard, nicht wahr? Zum Kuckuck! Verschonen Sie mich mit Ihrer Geheimniskrämerei und reden Sie offen heraus!« »Au! au! Lassen Sie mich los!« stöhnte der erschrockene Barbier, »ich war nicht dort ... Man hat allerdings unbestimmt auch von Herrn Gérard gesprochen, aber ich bestätige nichts ... Halten Sie sich ruhig, Herr von Seigneulles, Sie könnten sich sonst an meinem Rasiermesser verletzen ...« »Erzählen Sie mir alles!« entgegnete der Chevalier mit finsterer Miene. Der boshafte Friseur ließ sich nicht lange bitten. Ohne auf die Grimassen Mariens zu achten, die ihm hinter dem Lehnsessel drohend die Faust zeigte, spann er seine Erzählung bis zu Ende weiter und verweilte insbesondere bei dem von Gérard getanzten Kontertanz, bei seiner Bewunderung für die kleine Regina und dem Auftritt mit den schwarzen Handschuhen, und schloß mit dem siegreichen Dazwischentreten von Marius Laheyrard. Herr von Seigneulles hörte ihm zu, ohne sich zu rühren; die Muskeln seines Gesichts waren schlaff, seine Stirne düster geworden, und die Augen glänzten nur noch trübe. Er schien so verdrießlich zu sein, daß Magdelinat fürchtete, er sei doch zu weit gegangen und die Sache dadurch zu verbessern suchte, daß er hinzufügte, alles in allem sei Regina ein ganz hübsches Mädchen, und mancher möchte an Gérards Stelle sein. »Genug!« zürnte der finstere Chevalier, »glauben Sie denn, mein Sohn sei fähig, sich an diese Arbeiterin zu hängen?« »Ha, wenn das auch wäre,« erwiderte der Barbier lachend, »solange ein junger Mann mit heiler Haut nach Hause kommt, braucht man sich um das übrige nicht zu kümmern.« »Aber er kann das junge Mädchen ins Gerede bringen!« rief Herr von Seigneulles entrüstet. »Bah! Regina ist schlau genug! Im übrigen sind das ihre Sachen und kann für Herrn Gérard doch nicht in Betracht kommen.« »Herr ... Magdelinat,« sagte der Chevalier so verächtlich, als er konnte, »diese Moral mag bei euch Krämern in der unteren Stadt gelten; aber hier, bei mir, herrscht der Grundsatz, daß man für den Schaden aufkommt, den man stiftet. Die Seigneulles haben stets tadellos gelebt, und mein Sohn wird auf dieses junge Mädchen Rücksicht nehmen. Ich will nicht, daß er auf einen anstößigen Vergleich oder noch Schlimmeres eingeht. – Marie,« fügte er hinzu, während er sich stolz, erhob und sein Kinn abtrocknete, »Marie, sage Baptist, er solle Bruno satteln!« Herr von Seigneulles ging hinaus, ohne Magdelinat, der, von Mariens Vorwürfen überhäuft, seine sieben Sachen zusammenpackte, auch nur noch eines Blickes zu würdigen. Als Bruno gesattelt war, kam der Chevalier in seinem langen braunen Ueberrock, den breitränderigen Hut auf dem Kopf, in den Hof hinab, bestieg sein altes Pferd und trat seinen täglichen Spazierritt an. Jeden Morgen machte er, nachdem er seinen Anzug vollendet und die Siebenuhrmesse gehört hatte, einen zweistündigen Ritt in die Umgegend. Aufrecht im Sattel sitzend, verlor er nicht einen Zoll breit von seiner stattlichen Größe und ritt so im Schritt durch die Straßen Juvignys. So oft er an einem der gipsenen Muttergottesbilder vorbeikam, welche die Häuser der Weingartner zieren und die am Marienfest mit einer blauen Traube geschmückt werden, versäumte er es nie, Bruno anzuhalten und fromm das Haupt zu entblößen. Er mußte in sehr ernste Gedanken versunken sein, denn an diesem Tag bemerkte er weder die rebumwachsenen Häuser, noch die Madonnenbilder. Er hatte das Haupt gesenkt und grübelte bekümmert über Magdelinats Klatscherei nach. »Also ist Gérard der Ansteckung doch nicht entgangen,« dachte er. »Ich habe ihn vergeblich überwachen und fromm erziehen lassen und ihm den Anblick einer leichtfertigen, gottlosen Welt vorenthalten – es hat nichts genutzt! ... Elendes Jahrhundert!« fuhr er fort und versetzte Bruno, der sich die Zerstreuung seines Herrn zu nutze gemacht und begonnen hatte, die jungen Triebe einer Hecke abzugrasen, einen Hieb mit der Reitgerte, »Zeitalter ohne Grundsätze und ohne Ehrfurcht, deine Verderbnis teilt sich selbst den nach den heiligsten Grundsätzen gebildeten Seelen mit! Sich auf einem solchen Balle bloßzustellen! Hat Gérard denn gar kein Schamgefühl? ... Es ist schrecklich, Söhne zu haben! Sobald sie ihre zwanzig Jahre fühlen, gleichen sie jenen Weinen, die zur Zeit der Traubenblüte in Gärung treten und die Flaschen zersprengen, wenn man nicht aufpaßt ... Zum Kuckuck, sind denn die Herzen der jungen Männer stets dieselben?« Mein Gott, ja, alle sind gleich! Und wenn Herr von Seigneulles, der einen von Lindenbäumen begrenzten Rain entlang ritt, nur umgeschaut hätte, so würde er gesehen haben, daß in der Schöpfung selbst das geringste Tierchen den zwanzigjährigen Jünglingen glich, und denselben Versuchungen zur Beute fiel; die ganze Natur trug das Zeichen dieser Erbsünde. Unter dem honigreichen Laubmerk der Lindenbäume verfolgten sich prächtige, perlmutterglänzende Schmetterlinge, zu zwei und zwei; grüne Libellen schaukelten sich paarweise auf den Stengeln der Weiden, und jenseits der Hecke küßten die Schnitter die Schnitterinnen ohne jede Scheu im hellen Sonnenschein. Ich weiß nicht, ob der Chevalier diese Dinge sah, und ob sie Eindruck auf ihn machten, aber er gab Bruno einen kräftigen Peitschenhieb in die Weichen. Das Tier setzte sich in Trab und hielt erst auf den Brachen von Saronnières wieder an, um auszuschnaufen. Die Sonne stand schon hoch und goß ihr goldenes Licht über eine abwechslungsreiche ländliche Landschaft. Ueber den schattigen Gründen der Schlucht von Saronnières wogte noch ein leichter Nebel, doch gegenüber, auf den Hochebenen und Abdachungen, war alles voll fröhlichen, blendenden Lichtes, Zwischen zwei Baumgruppen sah man wie durch einen leichten Dunstschleier die Häuser Juvignys, die sich staffelförmig den Hügel hinaufzogen und deren rote Dächer einen kräftigen Gegensatz bildeten zu dem dunklen Grün der Gärten; die Fensterscheiben blitzten herüber, und über dem entweichenden Rauch hoben sich die Spitzen des Glocken- und des Sankt Stephanturmes hell von dem reinen Blau des Himmels ab. Jenseits der Stadt Weinberge und wieder Weinberge – eine weite Fernsicht auf grünende, wellenförmige Hügel, bis zu den großen Wäldern der Argonnen, die sich in weiter Ferne bläulich hinzogen und die äußerste Grenze des Horizontes bildeten. Und durch den lichten Sonnenschein und die durchsichtige Luft klangen die klaren, vollen Töne der Glocken von Juvigny herüber. Der Chevalier ließ Bruno ausruhen und genoß mit Wonne diese Harmonie der Außenwelt. Diese Gegend war seine Heimat; von Kindheit auf hatte er ihre kräftige Luft geatmet, und er bewunderte sie mit patriotischem Stolz. Die Aussicht auf die in Duft gehüllten Wälder und die Weinberge voll zirpender Heuschrecken, der Anblick der alten Häuser der oberen Stadt und das Geläute der nämlichen Glocken, die schon zu seiner Taufe erklangen, erinnerten ihn ohne Zweifel an die Zeit, in der auch er noch jung gewesen, in der auch er ein weiches, der Versuchung zugängliches Herz besessen hatte. Er fühlte sich besänftigt und wie von einem inneren Taubad erfrischt. Einen Augenblick wurde der strenge Edelmann weich und kehrte zu menschlicheren Gefühlen zurück. »Vorwärts!« seufzte er und gab Bruno die Sporen, »ich werde den Jungen verheiraten müssen ... es ist höchste Zeit!« Gérard verheiraten! Dies war der Gegenstand seines Nachdenkens während des Mittagmahles. Der junge Mann hatte sich aus Angst vor dem väterlichen Zorn wohl gehütet, zurückzukommen. Herr von Seigneulles beschleunigte seine Mahlzeit und ging dann zu einer ihm befreundeten Witwe, Frau von Travanette, in die untere Stadt hinab. Das Haus der Witwe ist in der Gegend berühmt wegen seiner hübschen, mit einem Geländer aus Schmiedeisen versehenen Freitreppe und seiner aus dem sechzehnten Jahrhundert stammenden Vorderseite mit den kunstvollen steinernen Schnauzen an den Dachrinnen. Dieses Haus war damals der einzige Vereinigungspunkt der wenigen Ueberbleibsel des alten am Ort ansässigen Adels. Jeden Tag von ein bis vier Uhr spielten die Freunde der Witwe abwechslungsweise Tricktrack mit ihr. Als Herr von Seigneulles in das altmodische, mit Eichen getäfelte und mit einer flandrischen Baumtapete bekleidete Empfangszimmer trat, sah er den Abbé Volland schon neben der guten Dame sitzen. In dem bläulichen Zwielicht, das durch die halbgeschlossenen Fensterläden entstand, inmitten dieses großen, mit verblichenen Möbeln und trübgewordenen Vergoldungen ausgestatteten Gemaches bildeten diese beiden Personen ein liebenswürdiges, anziehendes Familienbild. Frau von Travanette saß, in bräunliche Seide gekleidet, trotz ihrer siebzig Jahre, aufrecht in ihrem Lehnsessel; sie zeigte unter ihren falschen, schwarzen Haaren ein vertrocknetes, galliges Gesicht und strickte emsig an einem großen wollenen Strumpf. Auf die Arme seines Lehnstuhles gestützt, blinzelte der Abbé Volland, Pastor von Sankt Stephan, leicht mit den Augen, während er den vertraulichen Mitteilungen der alten Dame lauschte. Der Abbé war ein kleiner, dicker Mann mit kurzen, fleischigen Händen und sorgfältig gepflegtem Aeußeren. Er war nahe an den Sechzigen. Sein Mund, mit dicken, roten, in der Mitte gespaltenen Lippen sah aus wie eine Doppelkirsche; wenn er lachte, sah man unter diesen feinschmeckerischen Lippen zwei Reihen kleiner, weißer, äußerst regelmäßiger Zähne. Dieser rosige Mund, die dicke, aufgestülpte Nase, das kluge Auge und das dichte, graue und lockige Haar sagten deutlich, daß der Geistliche ein reizender, fröhlicher Tischgenosse mit geschmeidigem Wesen und scharfem Geist sein müsse. Bei dem Eintritt des Herrn von Seigneulles erhob sich der Abbé mit jenem den geistlichen Herren eigenen Gruß, der einer Verbeugung gleicht. Man sprach erst von gleichgültigen Dingen, dann fragte Frau von Travanette, nachdem Gérards Name ausgesprochen worden war: »Wie geht es ihm? Ist es wahr, daß Sie ihn zum Beamten bestimmt haben?« »Nein,« sagte der Chevalier, »solange die gegenwärtige Regierung besteht, wird Gérard nie einen Eid leisten, den er nicht würde halten können. Ich halte meinen Sohn bereit für den Tag, an dem unser rechtmäßiger König wiederkehrt, und dieser Tag wird nicht mehr allzuferne sein ...« »Amen!« seufzte Frau von Travanette, »Gott erhöre Sie; aber ich fürchte, daß ich diesen Tag nicht mehr erleben werde ... Die verbannten Könige sind stets im Unrecht; es geht ihnen mit ihren Unterthanen wie alten Freunden, die einen seit Jahren unterbrochenen Briefwechsel wieder aufnehmen wollen; wenn es darauf ankommt, zur Feder zu greifen, merkt man, daß man auch nicht mehr einen Gedanken gemein hat, und man weiß sich nichts mehr zu sagen ...« Der Abbé, der sich vor der Politik scheute, nahm eine zerstreute Miene an und begann, unsichtbare Stäubchen von dem Aermel seiner Soutane zu entfernen. »Was wollen Sie aber einstweilen mit Gérard anfangen?« sagte Frau von Travanette. »Ich will ihn verheiraten!« »So schnell! ...« »Es ist höchste Zeit,« erwiderte der Chevalier. – Er erzählte hierauf die Geschichte vom »Weidenball«, und der Abbé lächelte dazu wie einer, der längst auf dem Laufenden ist. Als Herr von Seigneulles den Namen Marius Laheyrard aussprach, faltete Frau von Travanette die Hände und rief: »Ach! diese Laheyrards! Was ist dies für eine Familie! Ich glaube, es hat nie eine ungeordnetere Haushaltung gegeben; niemals nimmt man in diesem Hause eine Nähnadel in die Hand. Ich sage nichts vom Vater, das ist ein armer Mann; aber die Mutter, welche Närrin ... Keine Magd kann's bei ihr aushalten. Man kann es wirklich kaum glauben, daß sie taktlos genug war, ihrem Mann in dieser Stadt, in der sie eine so stürmische Jugend verlebt hat, eine Anstellung zu verschaffen. Jedermann weiß, daß es keinen Aufschub litt, als sie Herrn Laheyrard heiratete ... Sie hat mir einen Besuch gemacht, den ich nicht erwidert habe, und ich hoffe, daß sie sich damit zufrieden gibt.« »Ihre älteste Tochter ist recht talentvoll,« warf der Abbé ein. »Das arme Kind! Sie dauert mich, sie ist so schlecht erzogen! Ist es wahr, Abbé, daß sie mit einem unbedeutenden Beamten von der Präfektur allein spazieren geht und daß sie Nuditäten zeichnet?« Wieder entfernte der Abbé unsichtbare Stäubchen. »Ich versichere Sie, gnädige Frau, daß man mehr sagt, als wahr ist.« »O, Sie verteidigen sie natürlich, Abbé Volland; Sie haben eine Schwäche für die räudigen Schafe.« »Aber, gnädige Frau,« entgegnete der Abbé sanft, »ist denn dies nicht die wahre christliche Liebe? Uebrigens ist Frau Laheyrard eine entfernte Verwandte von mir; Helene ist mein Patchen und singt mit viel Feuer und Eifer zur Orgel.« »Immerhin,« fuhr Frau von Travanette hartnäckig fort, »wird sie von niemand empfangen!« »Verzeihen Sie, Frau Grandfief, so streng sie ist, hat kein Bedenken, Fräulein Laheyrard bei sich zu sehen ...« »Die ihrer Tochter Georgine Zeichenstunden gibt! Ah! Frau Grandfief ist eine schlaue Dame!« »Sprechen Sie nicht,« fiel Herr von Seigneulles ein, »von der Frau des ehemaligen Hüttenbesitzers von Salvanches? Hat sie denn eine Tochter?« »Ja,« entgegnete Frau von Travanette, »und da Sie eine Frau für Gérard suchen, so haben Sie hier schon, was Sie brauchen.« Der Chevalier spitzte die Ohren, Frau von Travanette, die eine Leidenschaft fürs Heiratstiften hatte, begann sofort Georgine Grandfief außerordentlich zu loben: achtzehn Jahre, hübsch, ausgezeichnet erzogen, zweimalhunderttausend Franken Mitgift, – kurzum, eine ausgezeichnete Partie. Herr von Seigneulles hätte eine weniger bürgerliche Familie vorgezogen; aber die alte Dame wies ihm nach, daß in Juvigny die adligen Mädchen sehr arm und sehr ältlich seien; sie schloß mit dem Anerbieten, selbst die Vermittlung zu übernehmen. Der Chevalier blieb nachdenklich. Ehe er einen weiteren Schritt that, hätte er gerne Mutter und Tochter gesehen, um selbst urteilen zu können ... »Hören Sie,« sagte plötzlich der Abbé, und erhob sich, um fortzugehen, »was ich Ihnen vorschlagen will, ist vielleicht nicht ganz passend für einen Geistlichen, aber ich denke, der Himmel wird es mir um des guten Zweckes willen vergeben, Frau Grandfief und ihre Tochter werden morgen den Nachmittag im Pfarrhaus zubringen, um mit den jungen Mädchen von der Rosenkranz-Schwesterschaft die Blumen für das Marienfest zu machen. Besuchen Sie mich gegen vier Uhr und bringen Sie Gérard mit, dann werden Sie die Damen treffen, und der junge Mann kann uns sagen, ob sie ihm gefallen.« Herr von Seigneulles willigte ein, der Abbé empfahl sich, und die Tricktrackpartie begann. Des Abends, beim Nachtessen empfing der Chevalier seinen Sohn in guter Laune und erwähnte die Ereignisse des gestrigen Tages mit keiner Silbe. Ehe er zu Bett ging, sagte er zu Gérard: »Morgen wirst du dich nicht entfernen. Wir werden den Abbé Volland miteinander besuchen ... Und,« fügte er hinzu, »außerdem wirst du mir den Gefallen erweisen, dir graue Handschuhe zu kaufen, die schwarzen habe ich satt!« Dies war die einzige Anspielung, die er sich in Bezug auf den »Weidenball« erlaubte. Drittes Kapitel Der Garten, der zu der Wohnung des Abbé Volland gehörte, war der sonderbarste Pfarrgarten, den man sich denken kann. Er war an Stelle der früheren Stadtgräben terrassenförmig angelegt und bot, vom Abbé, der nichts vom Gartenbau verstand, sehr vernachlässigt, dem Auge ein wunderbares Bild der verschiedensten Kulturen. In diesem Durcheinander wuchs der Salat brüderlich neben den Centifolien, Lilien wechselten mit Stachelbeeren ab und langstielige Engelwurz, buschiger Fenchel, kugelförmig verschnittener Buchs vermischten ihren würzigen Duft mit dem Wohlgeruch der Waldrebe. Eine Allee von hundertjährigen Buchen zog sich die untere Terrasse entlang und bildete in der Mitte ein Rundell, das mit einem steinernen Tisch und Gartensesseln ausgestattet war. Hier waren die jungen Mädchen versammelt, die unter Anleitung der Vorsteherin der Kongregation und eines jungen, kleinen, sehr beweglichen Vikars mit gelocktem Haar Papierblumen anfertigten. Als Herr von Seigneulles und Gérard in die Hausflur traten, vernahmen sie weibliche Stimmen, die wie das Gesumme eines Bienenstockes aus der Buchenallee herausdrangen. Die Dienerin führte sie in ein Zimmer, in dem sie den Abbé im Gespräch mit Frau Grandfief fanden. Neben einem Ehrfurcht gebietenden, abgemessenen Benehmen, war dieser großen, mageren, grobknochigen Dame eine herrische, ausdrucksvolle Art zu sprechen eigen. Ihre eckige, von dünnen, braunen Haaren eingefaßte Stirne, ihre außerordentlich lange Nase, ihr rechtwinkeliges Gesicht, das in einem derben Kinn endigte, erinnerte unbestimmt an die dem Geschlecht der Pferde eigene Grundform. Der Abbé stellte seine Besucher vor und Herr von Seigneulles begann eine förmliche Unterhaltung mit ihr, die sich um gemeinschaftliche Beziehungen drehte. Dieses Gespräch unterhielt Gérard nur wenig, und er unterdrückte gerade ein Gähnen, als der Geistliche den Vorschlag machte, in den Garten hinunterzugehen. Der junge Mann ließ sich dies nicht zweimal sagen, sondern verließ, sobald sie im Freien waren, den Abbé und seine Gäste und ging auf den Buchengang zu, von dem fröhlichen Gesumme angezogen, das dorther drang. Als er dort angelangt war, blieb er einen Augenblick an dem Eingang dieses schattigen, grünen Baumganges stehen, von wo aus er wie im Hintergrund eines Panoramas die Mädchen in ihren hellen Gewändern, von denen die Soutane des Vikars sich dunkel abhob, betrachtete. Inmitten dieser Gruppe stand ein junges Mädchen von sehr weißer Gesichtsfarbe, dessen starke blonde Haare frei über die Schultern herabflossen; sie hielt einen Teller voll roter Johannisbeeren in der Hand, von denen sie mit der Zierlichkeit eines naschhaften Vogels schnabulierte. »Sie essen wohl gerne Johannisbeeren, Fräulein Laheyrard?« fragte in demselben Augenblick der Vikar mit stark lothringischer Betonung. »Ja, besonders pflücke ich sie gerne! Und Sie, Herr Vikar?« »Ich auch, aber ich mag nicht nur die, die ich selbst pflücke,« entgegnete er mit begehrlicher Miene. »Wollen Sie von den meinen?« Der Vikar nickte bejahend, und im Handumdrehen hatte die reizende Schelmin, ohne sich um die entrüsteten Gesichter ihrer Nachbarinnen zu kümmern, eine große, sehr appetitlich aussehende Johannistraube mit den Fingerspitzen erfaßt und bewegte sie nun vor dem Munde des Vikars hin und her. Der Aermste war glühend rot geworden. Er betrachtete verblüfft die verlockende Frucht, die sich in der kleinen Hand leicht bewegte, und bemerkte gleichzeitig einen weißen Arm, den der sehr weite Aermel unbedeckt ließ. Er stotterte einige unzusammenhängende Worte, wandte sich um und zog sich wohlweislich an das entgegengesetzte Ende des Buchenganges zurück, von wo der Geistliche, Herr von Seigneulles und Frau Grandfief diese Scene mitangesehen hatten. – »Welch unpassendes Benehmen!« flüsterte die letztere dem Abbé ins Ohr, der etwas den Mund verzog. Unterdessen hielt das junge Mädchen die Traube immer noch zwischen den Fingerspitzen. »Jetzt werde ich sie wohl selbst essen müssen,« sagte sie mit silberhellem Lachen und beerte sie zierlich mit dem Munde ab, Gérard hatte sich genähert, sie bemerkte ihn, machte eine überraschte Bewegung und ihre hellbraunen Augen begegneten den erstaunten Blicken des jungen Mannes. »Georgine,« sagte Frau Grandfief strenge zu einem der arbeitenden jungen Mädchen, »setze deinen Hut auf, es ist Zeit, uns zurückzuziehen!« Ein zweites junges Mädchen, mit dunklem Haar und pfirsichfarbenen Wangen, einem Kirschenmund, sittsam niedergeschlagenen großen Augen und vollen Formen, trat aus der Gruppe, die Fräulein Laheyrard entsetzt betrachtete, hervor und näherte sich Frau Grandfief. »Dies ist meine Tochter, Herr von Seigneulles,« sagte die Dame, während Fräulein Georgine eine feierliche Verbeugung machte. »Sie ist reizend,« flüsterte der höfliche Chevalier. Abbé Volland hatte versucht, sein salbungsvolles Gesicht in ärgerliche Falten zu legen und hatte die blonde Schelmin beiseite genommen. »Helene,« sagte er, »ich bitte dich, künftig meinem Vikar mit mehr Achtung zu begegnen. »Aber Herr Pfarrer,« erwiderte das junge Mädchen in etwas boshaftem Ton, »ich achte ihn nicht nur sehr, ich bewundere ihn sogar. Wenn Sie gesehen hätten, wie er mit dem Gesicht eines verscheuchten Schafes der Versuchung widerstanden hat ... Er hat mich unwillkürlich an den heiligen Antonius im Puppentheater erinnert!« »Abscheuliches Mädchen,« brummte der Geistliche kopfschüttelnd. Als Herr von Seigneulles und Gérard aus dem Pfarrhaus traten, fragte der erstere: »Wie findest du dieses junge Mädchen?« »Ganz bezaubernd,« antwortete der junge Mann noch ganz nachdenklich, »welch schöne, klangvolle Stimme und welch prächtiges blondes Haar!« »Blondes Haar?« wiederholte der Vater und blieb stehen, »bin ich denn blind? Ich hielt sie unbedingt für braun.« »Blond, Vater, mit langen, seidenen Locken, die über die Schultern fallen.« Herr von Seigneulles runzelte die Stirne. »Zum Kuckuck, so bleib doch bei der Sache! Wer spricht denn von jenem kecken Geschöpf mit der Löwenmähne? Es handelt sich um Fräulein Grandfief.« »Ach so,« sagte Gérard, »ich habe sie kaum gesehen.« »So! wenn du wieder einmal die Ehre haben solltest, mit ihr zusammen zu sein, so habe die Güte, sie dir anzusehen. Ich habe sie gesehen, und es würde mir nicht mißfallen, wenn sie meine Schwiegertochter würde.« Unterdessen hatte auch das junge Mädchen, das Herr von Seigneulles »ein keckes Geschöpf« genannt hatte, das Pfarrhaus verlassen und hatte, langsam gehend, die Straße erreicht, in der Herr von Seigneulles und ihre Eltern wohnten. »Wie zimperlich thun doch diese Kleinstädterinnen,« dachte sie, »und welcher Einfall von Papa, nach diesem Juvigny zu ziehen!« Doch trotz ihres Aergers seufzte sie, als sie sich der traurigen Ursachen erinnerte, die ihre Familie in die Provinz zurückgeführt hatten. Ihr Vater, ehemaliger Professor der Naturwissenschaften an der Ludwigsakademie, hatte aus der Not eine Tugend gemacht, als er Paris verließ, wo ihm das Leben mit vier Kindern und einem geringen Gehalt zu drückend wurde. »Und zu denken, daß man in Juvigny verschimmele, vielleicht sogar eine häßliche, alte Jungfer mit einem Ledergesicht wie die Vorsteherin der Schwesterschaft, werden würde! ... O nein, niemals! ...« In diesem Augenblick wandte sich Gérard, der hinter seinem Vater ging, um, erkannte Fräulein Laheyrard und grüßte sie, ehe er ins Haus trat. Das junge Mädchen brach ihre traurigen Betrachtungen rasch ab und sagte zu sich selbst: »Da! unser Nachbar sieht recht gut aus ... Er ist ein hübscher Junge und macht keinen so anmaßenden Eindruck wie die jungen Leute aus der Stadt. Er hat sich sicher über mein Benehmen im Pfarrhause entsetzt,« Sie fing an laut zu lachen, als sie an das bestürzte Gesicht des Vikars dachte. Kindergeschrei empfing sie, als sie in den Hof des alten, von dem Schulrat bewohnten Hauses trat. »Nun, Toni, brennt's denn?« fragte sie ein neunjähriges Mädchen mit zerzaustem Haare, das ihr in einem zu kurzen Kleidchen, das die mageren Beine und die schwärzlichen Kniee sehen ließ, entgegengelaufen kam. »Helene,« rief das Kind, »der Benjamin hat seine Hose zerrissen, und Mama sagt, du sollest sie sogleich flicken!« »Angenehme Arbeit!« murmelte Helene, »konnte dies nicht auch jemand anderes thun?« »Mama sagt, du habest den schwarzen Faden mitgenommen.« »Das ist wahr,« sagte das junge Mädchen und stöberte in ihrer Tasche herum, aus der sie lachend ein Buch, einen Schlüssel, grüne Pflaumen und schließlich ein kleines Strohtäschchen, das Nadel und Faden enthielt, hervorbrachte. Toni faßte sie am Rock und zog sie in ein großes, aufs einfachste ausgestattetes Gemach, das zugleich als Wohn- und Speisezimmer diente. Benjamin, ein sorgloser Junge von elf Jahren, hockte auf dem Rand des Speiseschrankes und wartete pfeifend, bis ihm jemand sein einziges Paar Beinkleider flicken werde, Helene steckte den Fingerhut an und erbarmte sich der Hose, in der ein riesiger Riß gähnte, und stopfte denselben; unterdessen mißbrauchte Toni die hilflose Lage des unglücklichen Benjamins und kniff ihn mit gellendem Gelächter in die nackten Beine. »Bravo!« rief Marius, dessen spöttisches, an eine große Dahlie erinnerndes Gesicht, in der Thüre erschien, »welch rührendes Familienbild! die Jungfrau mit den Hosen, wundervolles Thema für einen Dichter aus der Schule des gesunden Menschenverstandes! ... Aber ißt man denn in diesem Hause gar nicht mehr? Es ist sechs Uhr!« »Werde doch nicht ungeduldig!« sagte Frau Laheyrard,, die sich auf der Schwelle der Küchenthüre zeigte, »man wird gleich decken.« Helene nahm Teller aus dem Speiseschrank und verteilte sie auf dem nur mit einfachem Wachstuch bedeckten Tisch. Währenddem hatte Benjamin, der wieder in den Besitz seines unentbehrlichsten Kleidungsstückes gelangt war, seinen Vater geholt. Bald war die ganze Familie in dem Speisezimmer vereinigt. Das Essen verriet die Abwesenheit einer Köchin, sogar die Art und Weise, in der es angerichtet war, ließ die Eile merken, mit der diese Mahlzeit ohne Geschmack und ohne Kunst bereitet worden war. »Ich bin ganz erschöpft,« stöhnte Frau Laheyrard und legte ihre fleischigen Ellbogen auf den Tisch. Sie war nahe an den Fünfzigen, aber sie hatte eine gewisse Jugendschöne besessen und davon waren ihr noch schönes blondes Haar, lebhafte Augen und prächtige Schultern geblieben. Sie war unaufhörlich beschäftigt und rührig; aber ihre geräuschvolle Thätigkeit trug nichts zum Wohlbehagen des Hauses bei. Sie verlor ihre Zeit durch Verhandlungen mit den Lieferanten, durch Zank mit ihren Dienstboten und mit Klagen über die hohen Preise der Lebensmittel und die geringen Hilfsquellen der kleinen Stadt. Diesen Abend waren ihre Klagen während der Mahlzeit noch wortreicher und noch bitterer als gewöhnlich; sie hatte ihr Mädchen weggejagt, und das Essen hatte darunter gelitten. »Abscheuliches Nest!« rief sie und schleuderte ihrem Gatten, der friedlich seinen Nachtisch aß, wütende Blicke zu; »man hat uns sehr schlecht behandelt, als man uns in dieses Dorf schickte!« »Aber, liebe Freundin,« antwortete Herr Laheyrard und warf die langen grauen Haare zurück, die ihm in den Nacken Herabsielen, »hilf deinem Gedächtnis ein wenig nach! Du selbst hast bei dem Ministerium um Juvigny gebeten.« Der Schulrat sprach langsam. Schon an seiner abgemessenen, nachdrücklichen Art zu reden, erriet man den alten Professor, der lange auf dem Katheder gethront hatte. Dieses gehaltene Sprechen schon konnte Frau Laheyrard im höchsten Grade aufbringen. »Jawohl, ich bin daran schuld! Du läßt mich's ja nicht vergessen! Ich habe mich getäuscht und büße nun dafür! Die Gegend ist nicht mehr zu erkennen; die Stadt ist trübselig, von den Einwohnern gar nicht zu reden, eingebildete Menschen ohne Lebensart. Wir haben mehr als vierzig Besuche gemacht, und man hat uns kaum zehn davon erwidert. Es ist auch dein Fehler ... Laheyrard.« »Mein Fehler!« sagte der alte Professor leise, »kann ich die Leute zwingen; zu mir zu kommen?« »Du hast es nicht verstanden, in Juvigny die richtige Stellung einzunehmen. Man gibt überall Diners; hast du auch nur einen einzigen Schritt gethan, damit deine Frau und Tochter eingeladen würden?« »Ich habe den Grundsatz, mich niemand aufzudrängen,« antwortete der brave Mann; »das erfordert die Würde.« »Das ist nur Egoismus! Sage doch lieber, daß du es vorziehst, dich mit deinen Büchern einzuschließen!« Herr Laheyrard erhob den Kopf und richtete seine müden, klugen Augen einen Augenblick fest auf seine Frau. »Melanie,« sagte er sanft, »du gehst zu weit. Wenn man uns in Juvigny vernachlässigt, so müßtest du dich erinnern, daß es vielleicht mehr dein als mein Fehler ist.« Frau Laheyrard biß sich auf die Lippen. Diese leise Anspielung auf ihre Jugend wirkte wie eine kalte Douche auf ihre nervöse Aufregung. Marius stopfte seine Pfeife und schickte sich mit ungeduldiger Miene an, den Abend auswärts zu beschließen. Der Schulrat flüchtete, um sich neuen Klagen zu entziehen, in den Garten. Helene deckte eilig den Tisch ab und suchte dann ihren Vater im Obstgarten auf. Viertes Kapitel. Von der ganzen Familie verstand und liebte nur Helene ihren Vater. Sie sah ihn von den närrischen Ansprüchen Frau Laheyrards gequält, von Marius lächerlich gemacht; sie sah, wie ihm die jüngeren Kinder, denen man weder Gehorsam noch Achtung vor ihm eingeflößt hatte, kaum gehorchten. Trotzdem fühlte sie, daß er den übrigen Familienangehörigen an Herz wie an Geist weit überlegen war, und bemühte sich, ihn all dieses kleinliche, häusliche Elend durch ihre Zärtlichkeit vergessen zu machen. Sie interessierte sich für seine Arbeiten; er dagegen ermunterte sie in ihren Malstudien. Wenn er seiner Bücher müde war, erheiterte sie ihn durch ihre neckischen Einfälle. Für Herrn Laheyrard war inmitten seiner vielen Verwaltungsgeschäfte die Heiterkeit Helenens das, was der Gesang eines Rotkehlchens an einem trüben Wintermorgen ist. Diesen Abend wandelten sie lange Arm in Arm in den grasbewachsenen Wegen des Gartens auf und ab; dann küßte der alte Professor seine Tochter auf die Stirne und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, während Helene die Kinder suchte, um sie ins Bett zu schaffen. Als sie, müde von dem Gezanke der Kinder, wieder herunterkam, war die rastlose Frau Laheyrard in die Stadt gegangen, um Besorgungen zu machen. Helene zog sich in ein großes, an den Garten stoßendes Gemach zurück, das sie sich zum Atelier eingerichtet hatte. Rings an den Wänden waren Studien aufgehängt, in einer Ecke stand neben dem mit Noten bedeckten Klavier eine Staffelei; auf einem Seitentischchen prangte in einem Steinguttopf ein großer Feldblumenstrauß. Der erste Blick des jungen Mädchens siel auf den Abdruck der fünf kleinen Finger Tonis auf der Leinwand, auf der eine Landschaft eben erst entworfen worden war. Helene stampfte zornig mit dem Fuß. »Elende Wirtschaft!« rief sie und setzte sich dann in sehr schlechter Stimmung auf die steinernen Stufen, die in den Garten führten. Die Ellbogen auf die Kniee gestützt, die Hände in den Haaren vergraben, ließ sie ihre trüben Blicke über die von dem letzten Tagesschimmer rosig angehauchte Schlucht von Polval schweifen. Juvigny drückte sie nieder. In Paris geboren, Pariserin bis zur Spitze ihrer rosigen Finger, konnte sie sich an diese scheinheilige Ruhe, an diese engen Gesichtskreise, an die kleinlichen Interessen des Landstädtchens nicht gewöhnen. Das Leben in der Provinz kam ihr vor wie ein zu langer Besuch bei langweiligen Menschen in einem dumpfig und schimmelig riechenden Haus. Von weitem, aus der Vorstadt herüber drang der näselnde Ton einer Drehorgel, auf der eine Melodie gespielt wurde, die sie sich erinnerte, voriges Jahr in einem der Boulevardtheater gehört zu haben. Alle Eindrücke ihres Pariser Lebens stürmten der Reihe nach auf sie ein. Sie erinnerte sich ihrer Altane im vierten Stock eines Hauses in der Assasstraße, des Luxemburggartens, des Ballspieles und der Spieler in den weiß und roten Jacken, der Orangenbäume, die in Kübeln auf der Terrasse aufgestellt waren, auf der die Bürger und Studenten des Stadtviertels zur Zeit der Dämmerung so lustig spazieren gingen. In Gedanken stieg sie wieder die Stufen des Museums hinan, sah wieder die Ecke, in der sie sich mit ihrer Staffelei und ihrem Stück Wachsleinwand eingerichtet hatte, um Rosa Bonheurs Bild »Das Pflügen in Nevers« zu kopieren. Sie hatte Heimweh nach all diesen Dingen; sie hätte zwei Jahre ihres Lebens darum gegeben, wenn sie wieder den Ruf der Aufseher: »Es wird geschlossen!« unter den großen Kastanienbäumen hätte hören können! Von einem Gefühl des Aergers und der Empörung ergriffen, reckte sie die Arme aus und rief zornig: »Ach! ich langweile mich schrecklich!« »Wenn ich Ihnen wenigstens behilflich sein könnte, sich zu zerstreuen,« sagte hinter ihr eine scharfe, sehr klangvolle Stimme. Sie drehte müde den Kopf und sagte: »Ach, Sie sind's, Herr Finoël! Guten Abend!« »Ich hatte dienstlich bei Herrn Laheyrard zu thun; er sagte mir, Sie seien in Ihrem Atelier und ich habe mir die Freiheit genommen, einzutreten ... Störe ich vielleicht?« »Gewiß nicht; ich bin nur ein wenig abgespannt, das ist alles ... Sie sind mir sehr willkommen!« In dem dämmerigen Halbdunkel konnte man die kleine Gestalt und das blasse, von langen Haaren umrahmte Antlitz des Besuchers nur noch undeutlich erkennen. Seine großen, rötlichgelben Augen, seine mageren Wangen und schmalen Lippen hatten jenen leidenden und doch geistvollen Ausdruck, der das Anzeichen einer rhachitischen Körperbildung ist. In der That litt Frank Finoël auch an einer Verkrümmung des Rückgrates, und dieser Mißbildung gerade verdankte er zum Teil seinen nahen Verkehr mit der Familie Laheyrard. In seiner Stellung als zweiter Kanzleivorsteher auf der Präfektur war er zu dem Schulrat in dienstliche Beziehung gekommen, und da er verbindlich, ein angenehmer Gesellschafter und guter Musiker war, hatte Frau Laheyrard, die von der Gesellschaft in Juvigny wenig verwöhnt wurde und ihn für ungefährlich hielt, diesen abgezehrten, kränklichen Besucher sehr entgegenkommend aufgenommen. »Wie geht es Ihnen heute?« fragte Helene und reichte ihm ihre Hand, die er mit seinen langen, mageren Fingern lebhaft drückte. In dem Tone und der Bewegung des jungen Mädchens lag etwas Freundschaftliches und Weiches. Ihre Herzensgüte trieb sie dazu, gegen dieses kränkliche, mißgestaltete Wesen liebevoll zu sein. Diese teilnehmende Vertraulichkeit überraschte viele, und wer das junge Mädchen nicht kannte, konnte dieses Mitleid leicht für ein wärmeres Gefühl halten. Nach dem plötzlichen Aufleuchten der Augen Frank Finoëls hätte man glauben können, auch er irre sich und tausche sich selbst über die Natur der Freundschaftsbezeigungen des Fräulein Laheyrard. »Es geht mir immer gut, sobald ich hier bin,« sagte er mit zärtlicher Stimme, »schon die Berührung Ihrer Hände macht mich gesund.« Sie lachte, zündete die Lichter am Klavier an und sagte: »Wollen Sie, daß ich vollständig liebenswürdig bin, so erlauben Sie, daß ich mich wieder auf die Staffel setze; die Abendkühle wird meine Nerven beruhigen.« Auf eine Bewegung des jungen Mannes hin nahm sie ohne Umstände wieder die Stellung ein, in der er sie gefunden hatte, das Haupt in die Hände gestützt, den Blick in die Ferne gerichtet, Frank Finoël saß auf dem Klavierstuhl und verschlang sie mit den Blicken, während sie sich schweigend in ihre Träumereien verlor. »Sie entsetzen sich hoffentlich nicht allzusehr über meinen Mangel an Höflichkeit?« begann sie wieder. »Ich gereichte nämlich heute im Pfarrhaus schon einmal zum Aergernis und möchte nun diesen Abend nicht noch einmal Anstoß erregen. Dabei fällt mir ein, ich habe heute beim Abbé einen unserer jungen Nachbarn getroffen, einen Herrn von Seigneulles; kennen Sie ihn?« »Sehr wenig, aber genug, um ihn nicht leiden zu können.« »Warum? Er hat ein ausdrucksvolles Gesicht, einen stolzen Blick, einen schwarzen Bart und errötet dabei wie ein Schulmädchen, Schüchternheit kleidet dunkle Männer so gut wie der Blütenschmuck einen großen Baum.« »Gérard von Seigneulles,« fuhr Finoël verächtlich fort, »ist einer jener hübschen Burschen, die schon in Glacéhandschuhen auf die Welt kommen ... Eitel, von beschränktem Verstand, glänzende, unnütze Zierpflanzen ...« Helene unterbrach ihn. »Ich liebe die Blumen, die zu nichts nutzen,« rief sie in entschiedenem Ton, »ich liebe alles, was farbenreich und glänzend ist!« Der Abend war warm und Schmetterlinge, die vom Garten hereingekommen waren, flatterten um die Kerzen. »Diese auch!« entgegnete der kleine Bucklige spöttisch und deutete auf die Insekten, die sich an der Flamme verbrannten. »Sie sind heute abend sententiös, Herr Finoël!« Helene erhob sich, ging an ihm vorbei und setzte sich ans Klavier. »Singen Sie mir etwas, das wird unsere trüben Gedanken zerstreuen.« Sie schlug einige Accorde an und wies mit dem Finger auf eine Partitur des »Don Juan«, die bei der Serenade aufgeschlagen war, Frank gehorchte und begann zu singen. Er hatte eine wunderbar reine und klangvolle Stimme; die Töne quollen von seinen Lippen und erregten den Eindruck einer Musik, die zu erhaben war, um irdisch sein zu können. Während Helene ihn begleitete, unterlag sie dem Zauber dieser eigenartigen, ergreifenden Stimme. Als die Arie zu Ende war, wandte sie sich um und begegnete dem tiefen, mit verwirrender Beharrlichkeit auf ihr haftenden Blick des Buckligen. »Was Sie für schöne Haare haben,« sagte er leise. »Finden Sie?« sagte sie und fuhr unbefangen mit der Hand durch die Locken, »Bah! was nutzt mir das? Ich werde sie doch eines schönen Tages in ein häßliches Haarnetz packen und in einer trübseligen Erziehungsanstalt Lehrerin werden müssen!« »Welcher Scherz!« sagte Finoël achselzuckend. »Ich scherze nicht; wir sind arm, ich bin ein Mädchen ohne Mitgift und muß mein Brot verdienen, Erzieherin oder Unterlehrerin, das ist mein Los; das ist übrigens noch besser, als in diesem Nest sitzen bleiben!« »Sie gehören nicht zu denen, die sitzen bleiben!« entgegnete er warm; »haben Sie denn keinen Ehrgeiz? Haben Sie denn, so schön und so reich begabt, nie von einer Häuslichkeit, von Kindern, von einem Gatten geträumt, der glücklich wäre, Sie zur Königin dieser kleinen Stadt, die Sie zu sehr verachten, machen zu dürfen?« Sie schüttelte das Haupt. »Hausfrau in der Provinz, nein, mein Rücken ist nicht breit genug ...« Kaum war ihr dies letzte Wort entschlüpft, als sie an dem bitteren Ausdruck, den Finoëls Gesicht plötzlich annahm, bemerkte, daß sie eine Dummheit gemacht habe. Im Nu wurden ihre braunen Augen feucht. Aergerlich über ihre Unbedachtsamkeit, durch die sie den jungen Mann verletzt hatte, reichte sie ihm rasch die Hand. – »Ich wollte sagen,« setzte sie verlegen hinzu, »ich habe einen zu schlechten Charakter, um eine gute Hausfrau zu werden.« Eine leichte Röte überflog die Wangen des Buckligen. »Ich habe Sie verstanden,« sagte er traurig; er hielt Helenens Hand mit der seinen leidenschaftlich fest. »Sie halten mich für Ihren Freund, nicht wahr?« rief er aus, »dann versprechen Sie mir aber auch, keinen entscheidenden Entschluß zu fassen, ohne vorher mit mir gesprochen zu haben ... Schwören Sie es mir!« Sie sah ihn erstaunt an. – »Ich verspreche es Ihnen,« sagte sie etwas erschrocken, »sind Sie nun zufrieden?« »Danke,« flüsterte er und gab ihre Hand frei. Mittlerweile war Frau Laheyrard von ihrem Gange in die Stadt zurückgekommen und trat in das Atelier. Es schlug Zehn Uhr. Finoël verabschiedete sich von den Damen und ging nach Hause. Er wohnte in einem ziemlich ärmlich aussehenden Hause auf halber Höhe des Hügels, einige Schritte vom alten Gymnasium entfernt. Ein Weber hatte die Kellerräume und das Erdgeschoß inne; die Zimmer im ersten Stock wurden möbliert an kleine Beamte und Arbeiterinnen vermietet. Frank trat in sein mit Scharteken angefülltes Zimmer und begab sich, da er noch keine Lust zum Schlafen hatte, an das auf die Gärten und das kleine Wäldchen des Gymnasiums gehende Fenster. Frank war ein natürliches Kind; seine Mutter, Taglöhnerin und Wäscherin von Beruf, war vor kaum sechs Jahren gestorben. Er war als Freischüler in demselben Gymnasium, dessen Bäume sein Fenster beschatteten, erzogen worden, er hatte fleißig gelernt und durch seine Willensstärke war es ihm gelungen, sich aus der armseligen Umgebung, in der er seine Kindheit verlebt hatte, aufzuschwingen. Stufe um Stufe war er bis zur halben Höhe der gesellschaftlichen Rangordnung Juvignys emporgestiegen. Er war mit fünfundzwanzig Jahren zweiter Kanzleivorstand und bei dem Obersekretär der Präfektur wohl gelitten; das war zwar ein Erfolg, aber nur ein sehr kleiner in den Augen eines so ehrgeizigen und zähen Burschen wie Frank. Der Sohn der Wäscherin träumte davon, in den höheren Kreisen mit den reichen Fabrikanten und hohen Beamten Juvignys auf gleichem Fuße zu verkehren. Seine musikalische Begabung hatte ihm schon in einigen Familien Zutritt verschafft, allein andere Häuser, und zwar die besten, blieben ihm beharrlich verschlossen. Durch die Ankunft der Familie Laheyrard war sein Ehrgeiz mächtig angespornt worden. Geblendet von Helenens Schönheit, berauscht von ihrer anmutigen Vertraulichkeit und ihrem herzlichen Wesen, ging er seither wie im Traum umher und dachte an nichts mehr, als wie er Fräulein Laheyrards Gatte werden könne. »Warum nicht?« sagte er an diesem Abend zu sich selbst, während er dem Ticktack der in der Vorstadt zerstreuten Webstühle lauschte. »Helene ist arm und wird nicht so leicht Gelegenheit finden, zu heiraten; ich bin an Geist und Willenskraft den anderen jungen Leuten hier überlegen. Mit einer Frau wie sie fühle ich die Kraft in mir, ganz Juvigny auf den Kopf zu stellen und über all diese Menschen wegzusteigen, um mein Ziel zu erreichen. Ich könnte mich zum Gemeinderat ernennen lassen, den Bürgermeister, der eine Null ist, verdrängen und, wer weiß? in dieser Zeit des allgemeinen Stimmrechts es am Ende noch bis zum Abgeordneten bringen ...« Das leise Tropfen frischbegossener Blumen und das Glucksen einer Wasserflasche auf dem Gesimse des benachbarten Fensters rief ihn in die Wirklichkeit zurück und veranlaßte ihn, sich rasch zurückzuziehen. Im selben Augenblick fing die Stimme eines jungen Mädchens an zu trillern, ein Kopf beugte sich vor und beim Scheine des aufgehenden Mondes zeigte sich das schlaue Gesicht der kleinen Regina zwischen zwei Balsaminentöpfen, »Sind Sie heimgekommen, Frank?« fragte die Nähterin. Regina Lecomte war die Nichte des Webers im Erdgeschoß; sie hatte schon als ganz kleines Kind mit Finoël gespielt und die beiden hatten sich lange Zeit geduzt. Auch sie hegte seit drei oder vier Jahren einen Traum: sie wollte eine Dame werden und einen Hut tragen. Um dies zu erreichen, genügte es, Frank zu heiraten, und die ehrgeizige Arbeiterin fragte auch ihrerseits: »Warum denn nicht?« Als der junge Mann sich ruhig verhielt, wiederholte sie ihre Frage. »Ja,« erwiderte Frank, der sich über die Störung ärgerte, trocken, »ich bin eben heimgekommen und gehe jetzt zu Bett.« »Sie sind sehr stolz geworden, seit Sie die schönen Damen in der oberen Stadt so oft besuchen! Diese Pariserinnen werden Ihnen den Kopf verdrehen, mein armer Frank.« »Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Damen in Ruhe lassen wollten,« sagte Finoël übellaunig; »gute Nacht!« »Nur Geduld,« brummte Regina, die das letzte Wort haben wollte. »Wer auf die Weide geht, kommt geschoren zurück, und du wirst ganz kahl geschoren werden, mein schönes, blökendes Lamm.« Finoël warf heftig das Fenster zu und ging wütend zu Bette. Fünftes Kapitel. Von seiner ersten Begegnung mit Frau Grandfief befriedigt, hatte sich Herr von Seigneulles entschlossen, die wichtige Angelegenheit, die Heirat Gérards, rasch zum Abschluß zu bringen. Auf seine Bitte hatten der Abbé Volland und Frau von Travanette bei Grandfiefs auf den Busch geklopft, und da ihr Vorgehen günstig aufgenommen worden war, hatte Herr von Seigneulles seinen Notar beauftragt, den geschäftlichen Teil der Sache ins reine zu bringen. Als kluger Mann war er der Ansicht, man müsse Geldverhältnisse und Liebesangelegenheiten getrennt behandeln. Als das beiderseitige Beibringen genau festgestellt war, setzte sich Herr von Seigneulles mit Herrn und Frau Grandfief selbst in Verbindung, und man kam überein, daß Gérard sich nun regelrecht um das junge Mädchen bewerben dürfe. Der alte Edelmann wünschte, daß sein Sohn ihr als liebenswürdiger Mann annehmbar scheine und nicht als Gatte aufgezwungen werde. Die Heirat sollte erst vollzogen werden, wenn die beiden jungen Leute unter sich einig geworden wären, und Frau Grandfief ging auf diese Bedingung ein, obgleich sie ihr lächerlich romantisch vorkam, weil sie des Gehorsams ihrer Tochter und der unwiderstehlichen Anziehungskraft von Georginens Schönheit sicher war. Gérard verbrachte nun in der Woche zwei Nachmittage in Salvanches, in dem Hause der Grandfiefs, das am äußersten Ende des Spazierganges »unter den Weiden« inmitten eines großen Parkes lag, den der Ornain mit seinen rauschenden, fischreichen Fluten bespülte. Der junge Mann begab sich, bald von seinem Vater begleitet, bald vom Abbé oder Frau von Travanette beschützt, dorthin. Diese feierlichen Zusammenkünfte verliefen immer sehr trübselig. Georgine befolgte gewissenhaft die Vorschriften ihrer Mama und saß steif und hochnäsig, mit sittsam niedergeschlagenen Augen auf ihrem Stuhl und beteiligte sich nur mit weiser Zurückhaltung an dem Gespräch. Wenn Gérard sie anredete, schlug sie langsam die von langen Wimpern eingefaßten Lider auf und sah zuerst Frau Grandfief an, als ob sie die Antwort in den Augen ihrer Mutter lesen müsse. Wenn sie sich zu sprechen entschloß, klang es gerade, als ob sie etwas auswendig Gelerntes hersage. Sie war hübsch, und obgleich ihre großen schwarzen Äugen mehr Feuer als Tiefe hatten, so verliehen ihr doch das Stumpfnäschen, die frischen Wangen und der kleine Mund einen gewissen anmutigen Reiz; sie hatte aber einen beschränkten und wenig entwickelten Verstand, und ihr oberflächliches Geschwätz über Putz und anderen Kram war nicht geeignet, Gérard anzufeuern. Der junge Mann war eine jener zurückhaltenden Naturen, die sich nur da voll erschließen, wo ihnen Anregung und Teilnahme entgegengebracht wird. Er blieb auch schweigsam und kühl, und ließ den Abbé oder Frau von Travanette die Kosten der Unterhaltung allein bestreiten. Diese regelmäßigen Besuche in Salvanches waren ein schwerer Frondienst für ihn; er kam stets schläfrig, müde und traurig zurück. An einem Augustabend ging er nach einem solchen Aufenthalt bei den Grandfiefs ganz mißgestimmt nach Hause. Er hatte den Weg durch die Weinberge eingeschlagen und stieg eben den Fußpfad zwischen seines Vaters und des Nachbarn Besitzung hinan, als ihn fröhliches Geschrei und Gelächter veranlaßte, sich umzusehen. Er bemerkte zwei Kinder, die eine Leiter fortzogen und bei seiner Annäherung hinter dem dichten Gebüsch der Terrasse verschwanden. »Toni! Benjamin! wollt ihr wohl die Leiter wieder bringen?« rief eine silberhelle Stimme, die aus der Luft zu kommen schien. – Triumphierendes Gelächter war die einzige Antwort auf diesen Ruf. »Abscheuliche Schlingel!« fuhr die geheimnisvolle Stimme fort. In dem Obstgarten des Nachbarhauses bewegten sich plötzlich die Blätter eines kräftigen Baumes und Gérard entdeckte Fräulein Helene Laheyrard, die zwischen zwei Hauptästen desselben saß und in der einen Hand ein großes Stück Brot, hielt, während sie mit der anderen Reineclauden pflückte. Sie sah reizend aus mit dem bloßen Kopf, den frei herabfließenden Haaren, den großen, glänzenden Augen und dem leichten, rosigen Schimmer, der auf den belebten Zügen lag. Die im Laubwerk zerstreuten Sonnenstrahlen huschten ihr flüchtig über Hals und Antlitz; ein leichter Wind, der den Saum ihres Kleides bewegte, ließ zwei winzige Stiefelchen und manchmal sogar die feinen Knöchel sehen. Als sie Gérard bemerkte, faßte Helene mit einer anmutigen, mädchenhaften und doch koketten Bewegung die weiten Falten ihres Leinwandkleides über ihrem Fuß zusammen; dann begegneten ihre Augen denen Gérards, und sie konnte das Lachen nicht mehr unterdrücken. »Erlauben Sie, daß ich Ihnen eine Leiter hole, Fräulein,« sagte Gérard, sie begrüßend. »Machen Sie sich keine Mühe, Herr von Seigneulles,« antwortete sie, »die Kinder werden von selbst wiederkommen, sobald sie merken, daß ihr Schabernack keinen Eindruck auf, mich macht.« Gérard fand sie wunderbar schön in dieser Umrahmung von grünen Blättern. Die erste Wirkung dieser glänzenden Offenbarung der weiblichen Schönheit bestand darin, daß sie seine Zurückhaltung und Schüchternheit aus dem Felde schlug. »Erlauben Sie wenigstens, daß ich Ihnen Gesellschaft, leiste, bis Toni die Leiter wiederbringt.« Er fürchtete, sein Gesuch könne schlecht aufgenommen werden, aber Helene schien es ganz natürlich zu finden. »Gerne,« sagte sie. »Da wir übrigens Nachbarn sind, möchte ich mich in ein besseres Licht bei Ihnen setzen. Es ist nun schon das zweite Mal, daß ich Anstoß bei Ihnen errege, und doch wäre es mit der Johannisbeertraube schon mehr als genug gewesen.« Der junge Mann wollte widersprechen. »Sehen Sie,« unterbrach sie ihn ungezwungen, »Sie müssen mich nicht nach meinen Unbesonnenheiten beurteilen, und wenn mein Bruder Marius hier wäre, so würde er Ihnen sagen, daß ich ein ganz verständiges junges Mädchen bin, wenn auch ein wenig geschuckt .« Bei diesem letzten Worte machte Gérard große Augen. »Ich wollte sagen ein bißchen närrisch,« erklärte sie lachend. »Ach! ich bin eben leider keine so wohlerzogene, kluge junge Dame wie Georgine Grandfief! ... Sie kennen sie, glaube ich? ... Wenn ihre Mutter sie, so wie Sie mich, auf einem Pflaumenbaum überraschte, welche Predigt würde das geben! Ich höre sie schon sagen: ›Pfui doch, Fräulein!‹« Sie rollte ihre Augen, kniff die Lippen zusammen und ahmte den gezierten Ton der Dame so komisch nach, daß Gérard in ein lautes Gelächter ausbrach. »Sie haben ein hübsches Nachahmungstalent,« sagte er. »Ich habe eine ganze Menge solch hübscher Talente, wegen deren ich für ein sehr schlecht erzogenes Mädchen gelte ... Manchmal versuche ich meine mutwilligen Einfälle in einen Käfig zu stecken, aber ich vergesse meistens die Thüre zu schließen und sofort fliegen die nichtsnutzigen Vögel wieder aus. Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten taugt bei mir die erste Regung nie etwas, dagegen kann ich Sie versichern, daß die zweite immer sehr gut ist.« »Davon bin ich überzeugt,« sagte Gérard entzückt. – Auf den Gartenzaun gelehnt, betrachtete er Helene mit wahrer Begeisterung. Die eine Hand des jungen Mädchens bewegte sich zwischen den Blättern hin und her, wo sie nach Reineclauden suchte, zwischen deren rosiger, schon geplatzter Haut das saftige, goldene Fleisch durchschimmerte. Sie verzehrte dieselben mit köstlichem Behagen und fuhr, wie eine Katze, ab und zu mit der Zungenspitze über die feuchten Lippen, oder biß ohne Umstände in ihre Brotkruste. Ihre kleinen Zähnchen blitzten in der Sonne, die ab und zu auch die frischen Umrisse des weißen Armes beleuchtete. Der geblendete Gérard fühlte sich wie verwandelt und entdeckte Empfindungen in sich, die er nie geahnt hatte. Diese plötzlichen Gemütsbewegungen stiegen ihm zu Kopf wie neuer Wein, und er war versucht, dem jungen Mädchen zuzurufen: »Es ist um mich geschehen! Du bist anbetungswürdig schön! ...« Seine Augen wenigstens sagten es ihr, während sich die Lippen bewegten ohne zu sprechen; sie fanden oder wagten nichts zu sagen; endlich öffneten sie sich. »Ja,« wiederholte er, »ich glaube, daß Sie ebenso gut als schön sind, gut, wie alles, was frisch und frei ist, gut und schön wie die Sonne und die Blumen!« »Nur keine Komplimente,« entgegnete sie in entschiedenem Ton, »außerdem hinkt Ihr Vergleich! Die Sonne ist durchaus nicht immer gut; heute abend zum Beispiel verbrennt sie mir Arme und Schultern so, daß ich sie auf dem nächsten Ball bei Frau Grandfief kaum werde zeigen können ... Sie wissen doch, daß in Salvanches getanzt werden soll? ... Sie tanzen gerne, glaube ich?« setzte sie hinzu und warf ihm einen schelmischen Blick zu. Bei dieser Anspielung auf den »Weidenball« wurde Gérard rot und stammelte einige unverständliche Worte. »Ich,« fuhr Helene fort, »würde fünf Meilen zu Fuß und im Regen zurücklegen, um eine Quadrille zu tanzen. Es ist mir auch nichts schrecklicher, als sitzen zu bleiben; ich habe mir Mühe gegeben, mich heute abend von meiner wenigst unvorteilhaften Seite zu zeigen, damit Sie sich Dienstag nicht schämen, mit mir zu tanzen.« Sie wurde durch eine hellklingende Stimme unterbrochen, die rief: »Werde nicht ungeduldig, Helene, ich bringe die Leiter, um dich aus der Gefangenschaft zu befreien!« Marius Laheyrard kam hinter einem Haselnußstrauch hervor und zog die von den Kindern entführte Leiter herbei; in demselben Augenblick bemerkte er Gérard. »Beim Zeus!« rief er, »das ist mein Tänzer mit den schwarzen Handschuhen! Du kennst also Herrn von Seigneulles, Duckmäuserin?« Gérard erklärte ihm die Zufälligkeit dieser Begegnung, während Helene die obersten Sprossen der Leiter betrat. Sie raffte ihre Kleider zusammen, sprang auf den Rasen und hing sich an den Arm ihres Bruders. Der junge Seigneulles wollte sich von ihr verabschieden, doch Marius hielt ihn am Arm zurück. »Nein,« rief er gebieterisch, »Sie haben unser Gebiet betreten, und wir halten Sie fest ... Es gibt heute einen anständigen Braten und Sie müssen mit uns essen!« Gérard wollte ablehnen, aber Helene wandte sich zu ihm und wiederholte die Einladung in heiterem Tone, und er ließ sich mit in die Wohnung des Schulrats führen, wo ihn Marius seiner Mutter vorstellte. Frau Laheyrard schien sehr stolz auf den neuen Freund ihres Sohnes zu sein, und der ehemalige Professor empfing ihn zwar ernst, aber so wohlwollend, daß er sich gleich ganz behaglich fühlte. Das Essen konnte sich diesmal sehen lassen; die Kinder waren artig, das Tischtuch weiß und der Braten vorzüglich. Marius, durch die gute Mahlzeit und die Anwesenheit eines Fremden aufgeheitert, begann seine überspanntesten Theorien zu entwickeln Helene lachte hellauf; der stille Herr Laheyrard begnügte sich damit, von Zeit zu Zeit, wenn die Übertreibungen des jungen Dichters alles Maß überschritten, achselzuckend zu sagen: »Marius, mein Sohn, du setzest mich Unannehmlichkeiten aus,« was dann unfehlbar einen noch furchtbareren Ausbruch von Umsturzideen hervorrief, um den Alten zu foppen. In dieser fröhlichen Umgebung, das blendende Lächeln und den geistvollen Blick Helenens vor Augen, taute auch Gérard langsam auf. Er kam sich vor wie ein Theeblatt, das ganz zusammengeschrumpft in die Theekanne geworfen wird und sich dann unter dem Einfluß des warmen Wassers erholt, entfaltet und seinen Wohlgeruch ausströmt. Als der Kaffee herumgereicht wurde, war er schon ein anderer Mensch. Er war gesprächig und mitteilsam geworden. Er erzählte von seiner einsamen Kindheit in dem alten Hause, von seiner im Jesuitenkloster in Metz verlebten Jugend, von seinen juristischen Studien, die er unter der Obhut der uralten Witwe in Nancy gemacht hatte ... Helene fing an zu lachen. »Aber Sie haben ja einen ganz barbarischen Vater! Wie sehr muß ich ihm neulich im Pfarrhaus mißfallen haben! ... Ach! da ist unser Papa, unser lieber einziger Papa, doch ganz anders, der wäre nicht so hart!« rief sie und streichelte Herrn Laheyrard. »Ja,« brummte der alte Professor, »mich führt man an der Nase herum.« »Und zwar so arg,« fuhr das schelmische Mädchen fort und nahm die Nase ihres Vaters zwischen ihre schlanken Finger, »so arg, daß die Nase ganz lang geworden ist; aber man hat den Vater sehr lieb!« setzte sie hinzu und drückte ihre seidenweiche Wange an den langen Bart des Professors. Eine plötzliche Anwandlung von Zärtlichkeit überkam sie; Vater und Tochter umarmten sich innig, während Gérard ergriffen die schöne Gruppe bewunderte, welche der Greis in grauem Haar mit seinem Kinde in goldenen Locken bildete. Helene hatte, auf den Zehen stehend, ihren Arm fest um des Vaters Nacken geschlungen und schien ihn nicht mehr freigeben zu wollen. Nachdem Herr Laheyrard sich endlich losgemacht hatte, zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück. Frau Laheyrard brachte die Kinder zu Bette und Marius rauchte im Garten; Helene und Gérard blieben allein unter einem großen Maulbeerbaum, der sie mit seinen purpurnen Beeren überstreute. Die Dämmerung war hereingebrochen, die Grillen zirpten, die Nachtfalter summten über dem blühenden Phloxe. Helene näherte sich einem Fliederstrauch, und es gelang ihr, einen der um die Blüten herumflatternden Schmetterlinge in der Hand zu fangen. Sie kam zu Gérard zurück, öffnete die Finger halb, um ihm das Insekt zu zeigen, das heftig mit seinen rot und grauen Flügeln schlug. »Ist er nicht eigentümlich,« fragte sie, »mit seinem spitzen Kopf und den großen Augen, die wie schwarze Diamanten glänzen?« Gérard hatte, um den Schmetterling besser sehen zu können, Helenens Hand erfaßt und hielt sie fast in gleicher Linie mit seinen Lippen fest, Fräulein Laheyrard fühlte den Atem des jungen Mannes an ihren Fingern. »Welch hübsche Farbe haben seine Flügel,« flüsterte er. »Ich möchte ein Kleid in dieser rosaroten Farbe!« rief Helene, »ich habe Lust, ihn unter einem Glas gefangen zu halten, daß ich ihn morgen malen kann!« »Nein,« sagte Gérard, »seien Sie großmütig ... Er hat so lange eingekerkert gelebt in seiner trübseligen Puppe!« »Wie Sie,« sagte sie unbesonnen. »Ja, wie ich,« entgegnete er lustig. »Diese Nacht ist vielleicht sein einziges Fest, rauben Sie es ihm nicht!« »Wohlgesprochen,« sagte Helene, »fliege weiter Landstreicher, in die Freiheit und genieße sie fröhlich.« Sie öffnete die Hand und der Nachtschmetterling entfloh surrend. Gérard blieb sinnend. Vielleicht dachte er daran, daß hier der Vergleich zwischen ihm und dem Schmetterling schon zu Ende sei; während dieser freien Fluges zu dem vom Nachttau befeuchteten Phloxe zurückkehrte, blieb sein Herz als Geisel zwischen den kleinen Händen Helenens zurück. Als er in seines Vaters Haus zurückkehrte, schien es ihm, als habe sich mit seinem ganzen Wesen eine Umwälzung vollzogen; in ihm graute eine halbe Dämmerung, ähnlich jener matten Helle, die sich über den Wäldern verbreitet, ehe der Mond aufgeht. Sechstes Kapitel. Seit jenem Abend kam Gérard öfter zu Marius. Vermittelst einer scharfsinnigen Abfindung mit seinem Gewissen betrachtete er diese seinem Vater verheimlichten Besuche als eine Entschädigung für die Langeweile, die er in Salvanches ausstehen mußte. Er betrachtete sich nicht als mit Georginen verlobt; er ging zu Grandfiefs, um Herrn von Seigneulles nicht ungehorsam zu sein, allein wenn er dieser lästigen Pflicht nachgekommen war, hielt er sich durch einen Ausflug zu Laheyrards schadlos, wo er mit jenem Entgegenkommen empfangen wurde, das den Parisern eigen ist, die an rasch angeknüpfte Bekanntschaften gewöhnt sind. Frau Laheyrard machte ihm Vorwürfe, daß er nicht öfter komme, und Helene behandelte ihn wie einen Freund. Sie fühlte sich zu diesem schüchternen und doch schwärmerischen, trotz seiner Zurückhaltung manchmal gesprächigen jungen Mann wunderbar hingezogen; er war sehr unterrichtet und doch kindlich, und die Erziehung, die er in der Provinz erhalten hatte, verlieh ihm die Frische und Anmut einer Waldblume. Nach und nach wurde sie vertrauter mit ihm, zeigte ihm ihre Zeichnungen, musizierte mit ihm und erzählte ihm von Paris, das er noch nie gesehen hatte. Helenens geistvolle, abwechslungsreiche, mit der in den Ateliers gelernten Kunstsprache durchwirkte Unterhaltung eröffnete Gérard bisher ungekannte, reizvolle Gesichtspunkte. Er kam sich erzdumm vor neben ihr und doch war er nirgends gesprächiger und fühlte sich nirgends behaglicher als bei ihr. Das junge Mädchen flößte ihm eine Sicherheit und ein Selbstvertrauen ein, dessen er sich nie für fähig gehalten hätte. Es war zwischen ihnen auch nie ein Wort von Liebe gefallen, ja selbst keine Spur jener leichten Galanterie, die sich jetzt fast in jedem geselligen Gespräch fühlbar macht, war vorhanden; nur traten manchmal beunruhigende Pausen in der Unterhaltung ein, nur wurde die Berührung zweier Hände, die dasselbe Notenblatt umwenden wollten, unmerklich verlängert, beim Abschied wurde eine Blume gepflückt und überreicht – es war nichts und doch war es köstlich! Das beste der Liebe liegt in jenen stummen Anfängen, und Gérard genoß mit Wonne dieses Andante der Liebessymphonie. Einige Abende später hatte Gérard eben Helene verlassen, als Frank Finoël in das Atelier trat. Das junge Mädchen saß am Klavier und wiederholte gedankenvoll eine der Lieblingsmelodien Gérards. Man hätte glauben können, daß etwas in der Atmosphäre die kürzliche Anwesenheit des jungen Mannes verraten habe, denn Frank lenkte die Unterhaltung sofort auf Herrn von Seigneulles. »Er ist eben fortgegangen,« sagte Helene. »So,« entgegnete Finoël, »Sie sehen ihn also jetzt?« Dann fuhr er mit boshafter Absichtlichkeit fort: »Man spricht in der Stadt viel von seiner bevorstehenden Vermählung mit Georgine Grandfief.« Helene erbleichte. Diese unerwartete Nachricht verursachte ihr eine peinliche Empfindung. Sie hatte sich gut sagen, sie habe kein Recht auf Gérards Herz, sie empfand doch einen bitteren Schmerz, und wußte Finoël wenig Dank für diese unangenehme Mitteilung. »So!« sagte sie mit scheinbarer Ruhe, »das wundert mich nicht; Herr von Seigneulles hat das Alter zum Heiraten, und Georgine ist eine gute Partie. Ueber den Grandfiefs fällt mir ein – wissen Sie, daß sie einen Ball geben?« »Wann?« fragte Finoël ängstlich. »Nächsten Dienstag ... Die Einladungen sind ausgegeben; Papa hat die unsere gestern erhalten, und Sie werden die Ihre ohne Zweifel zu Hause vorfinden.« Frank fühlte sich sichtlich beunruhigt. Es war stets sein heißer Wunsch gewesen, zu Frau Grandfief eingeladen zu werden, denn bei ihr versammelte sich die auserlesenste Gesellschaft Juvigyns. Von ihr empfangen zu werden, bedeutete für den jungen Mann die Einlaßkarte zu der guten Gesellschaft. Seine Aufregung trat so offen zu Tage, daß Helene ihn beruhigen wollte. »Ich sprach mit Georginen von Ihnen,« sagte sie, »es soll auch musiziert werden, und Sie sind ein viel zu bedeutender Musiker, als daß man Sie hätte vergessen können.« Trotzdem war Frank nur halb beruhigt. Er konnte nicht mehr stillehalten, kürzte seinen Besuch ab und rannte nach Hause. Zitternd steckte er den Schlüssel ins Loch und zündete eine Kerze an. Sobald das flackernde Licht einigermaßen die Dunkelheit erhellte, warf der Bucklige einen raschen Blick über den ganzen Raum. Nirgends sah er die so heiß ersehnte Einladung, und sein Herz zog sich zusammen. Er begann seine Nachforschungen von neuem und untersuchte ein Möbel ums andere. Nichts! Dann sprang er wütend die Treppe hinunter, um die Frau des Webers zu fragen, und traf mit Regina Lecomte zusammen, die ihm ein zusammengefaltetes Papier hinreichte. Er riß es ihr aus den Händen, – aber ach! es war nur die Zeitung aus der Kreishauptstadt, die noch unberührt in dem gräulichen Kreuzband steckte! »Sind Sie sicher, daß nicht eine Einladung für mich zum Ball in Salvanches gekommen ist?« »Meine Tante hat nichts in Empfang genommen,« entgegnete Regina, während ein schadenfrohes Leuchten durch ihre grauen Augen zuckte. Frank erblaßte bis zu den Lippen. »Das muß ein Versehen sein,« flüsterte er mit erstickter Stimme. »Nein, es ist kein Versehen,« sagte die Nähterin kurz und bündig; sie war über das Mißgeschick ihres alten Kameraden durchaus nicht unglücklich. »Was wissen denn Sie?« grollte er und warf ihr einen stechenden, giftigen Blick zu. »Ich weiß es,« wiederholte Regina unbarmherzig, »weil ich gerade in Salvanches war, als Fräulein Georgine ihrer Mutter vorschlug, Sie einzuladen, worauf Frau Grandfief trocken antwortete: ›Nein, nein, ich gebe nicht gerne gemischte Gesellschaften ...‹ Ist Ihnen dies deutlich genug?« Der kleine Bucklige verstummte. Dumpfer Zorn erfüllte sein Herz, Thränen der Wut und der Demütigung quollen aus seinen geröteten Augen. Regina bemerkte dies; sie bereute ohne Zweifel, ihm den Schlag so schonungslos versetzt zu haben, denn sie begann in liebevollem Ton: »Ich habe Ihnen wehe gethan, armer Frank; aber es ärgert mich, wenn so gescheite Leute wie Sie sich in dieser Weise lächerlich machen, und ich kann das nicht mit ansehen, ohne Sie zu warnen!« Finoël schwieg noch immer. Die Nähterin legte freundschaftlich ihre Hand auf seinen Arm. »Sehen Sie,« fuhr sie fort, »diese reichen Leute zeigen uns wohl manchmal ein freundlich Gesicht, aber sie verachten uns doch und glauben, sie seien aus einem anderen Teig gebacken. Ich weiß es gut, ich arbeite ja im Taglohn bei ihnen und habe feine Ohren. Halten Sie sich zu Ihresgleichen, Frank, die haben Sie wenigstens um Ihrer selbst willen lieb. Was ist denn dieser Ball so Großes? Wenn Sie neugierig sind und wissen wollen, was dort geschieht, so werde ich's Ihnen erzählen; ich bin bestellt worden, um den Damen beim Ablegen zu helfen; ich kann Ihnen nachher von jeder sagen, was sie angehabt hat, und Sie sollen auch den Namen eines jeden erfahren, der mit Fräulein Laheyrard getanzt hat.« Jedes Wort, das Regina sprach, drang wie ein Pfeil in Finoëls Herz; bei dem letzten Satz aber zuckte er zusammen vor Schmerz; er stieß die Hand der Nähterin heftig zurück und rief: »Sie quälen mich, ich bin krank und will allein sein.« Regina ging achselzuckend hinaus und warf die Thüre heftig ins Schloß. Frank setzte sich ans Fenster. Die Nacht war prächtig; der tiefklare Himmel wimmelte von Sternen; alle Augenblicke durchschnitten Sternschnuppen den Himmelsraum und glitten leise hinter die Bäume des Gartens des Gymnasiums. Man hätte glauben können, es werde im Himmel ein großes Fest, ein geheimnisvoller Sternenball gefeiert. Finoës tiefverletztes Herz schwoll von Haß und Neid. Er hätte wünschen mögen, daß diese tausende und aber tausende von funkelnden Gestirnen plötzlich als Feuerregen auf diese Stadt herabfielen, in der man ihn wie einen Paria behandelte ... Wie verschieden doch die Eindrücke sein können! Der Bucklige betrachtete grollend die glitzernden Sterne, und die fallenden Meteore riefen in seinem Geist nur das Bild eines unheilvollen Zusammensturzes hervor. – Zweihundert Schritte weiter oben aber blickte Gérard von Seigneulles aus seinem kleinen Zimmer traumverloren zu dem sternenbesäten Himmel empor und hing seinen Gedanken nach. Die Klänge von Helenens Klavier drangen aus der Ferne zu ihm; er erinnerte sich jeder Bewegung, des unbedeutendsten Wortes, welches das junge Mädchen gesprochen hatte, und während sein trunkener Blick der lichtvollen Flucht der Sternschnuppen folgte, verglich er diese in seiner Schwärmerei mit strahlenden Lilien, die wie ein Liebesregen auf das Haus der Geliebten herabsanken. Siebentes Kapitel. Die Ankündigung des Festes bei der Familie Grandfief hatte ganz Juvigny in Bewegung gesetzt; während acht Tagen wurde in der oberen und in der unteren Stadt von nichts anderem gesprochen. In Salvanches waren, wie man sagte, die Räume im ersten Stockwerke, die seit Jahren bei festlichen Gelegenheiten nicht mehr benutzt worden waren, ganz neu hergerichtet worden; man hatte von weit her Blumen kommen lassen, und der Ball sollte mit einem in Paris bestellten Abendessen beschlossen werden. Die Schneiderinnen blieben bis Mitternacht auf, um Kleiderleibchen auszuschneiden, Tüll zu kräuseln und Besätze zu sticken. Auch die Wagenvermieter rieben sich vergnügt die Hände; denn Salvanches war eine halbe Stunde von der Stadt entfernt und ihre Wagen waren alle, vom einfachen Gesellschaftswagen mit Radachse bis zur verstaubten, in hohen alten Federn hängenden, mit einem zweistockigen Tritt geschmückten Halbchaise im voraus bestellt. Endlich war der große Tag gekommen. Von acht Uhr an stand die Familie Grandfief unter den Waffen und erwartete ihre Gäste auf der Schwelle des Empfangszimmers, denn in Juvigny geht man früh zum Balle, da die Damen in Pünktlichkeit wetteifern, um die besten Plätze zu bekommen. Herr Grandfief, ein schüchterner, friedlicher Mann, vertrieb sich, in die weiße Halsbinde eingezwängt und von seinen Lackstiefeln gedrückt, die Zeit des Wartens damit, daß er, auf den Fußspitzen gehend, die Lampen ein wenig herunterschraubte und die Kerzen in den Leuchtereinsätzen befestigte. Sein Sohn Anatolius, ein zwölfjähriger Gymnasiast, war stolz auf seinen neuen Anzug und machte unermüdlich immer neue Anstrengungen, seine Hände in strohgelbe Handschuhe hineinzuzwängen, während Georgine vor einem Spiegel stand und sich im Fächerspiele übte. Aufrecht und majestätisch, wie eine Königin, schritt in hellrotem Sammetgewand, das ihre knochigen Schultern bescheiden enthüllte, Frau Grandfief einher; sie warf bald einen letzten Blick in das Empfangszimmer, in den Billardsaal, in dem getanzt werden sollte, bald in die Garderobe, in der Regina mit Hilfe einer Kammerjungfer die Nummern und Stecknadelkissen zurecht legte. Zwischen diesem Hin- und Hergehen richtete sie an Mann und Kinder feierliche Ermahnungen. »Georgine,« sagte sie zu ihrer Tochter, »Du wirst nicht mehr als einmal mit demselben Herrn tanzen.« »Nein, Mama ... Und mit Herrn von Seigneulles?« »Nur zweimal ... In den Zwischenpausen soll ein wenig musiziert werden, du wirst den Gesang auf dem Klavier begleiten.« »Ich glaube, ich höre einen Wagen,« rief der Gymnasiast, der in der Galerie auf der Lauer lag. In der That ließ sich auf dem Sande des mit venetianischen Lampen erhellten Gartens das Rollen von Rädern hören. Die ganze Familie versammelte sich wieder auf der Schwelle des Empfangszimmers und nahm eine der Gelegenheit entsprechende Haltung an. Bald hörte man Damenkleider auf der Treppe rauschen. »Es sind die Basen Provenchères!« flüsterte Anatolius, der einen verstohlenen Blick in die Garderobe geworfen hatte. Die Grandfiefs nahmen sofort statt ihrer feierlichen Stellungen eine verächtlich gleichgültige Miene an. »Puh!« zürnte Herr Grandfief, »die kämen am liebsten schon ehe ein Licht angezündet ist.« »Georgine,« sagte Frau Grandfief, »bringe du sie selbst irgendwo unter, damit sie nicht gleich die besten Plätze in Beschlag nehmen.« Die Damen Provenchères waren arme Verwandte, die man aus Pflichtgefühl einlud und rücksichtslos behandelte. Da kamen alle drei in einer Reihe herein mit dem geschraubten Wesen, das Leuten eigen ist, die nicht viel in Gesellschaft kommen. Die Töchter, schon sehr gereifte junge Mädchen, trugen zu enge Kleider, kleine Schuhe, deren schadhaft gewordenes Oberleder sie selbst mit neuem Atlas überzogen hatten, und weiße Handschuhe, deren zahlreiche Schrammen für die emsige Thätigkeit des Radiergummis zeugten. Die Mutter hatte eine Art Ueberwurf aus kastanienbrauner Levantine an und eine mit künstlichen Trauben geschmückte Haube auf dem Kopf. »Wie schön es hier ist, Cousine,« sagte sie mit einem neidvollen Blick auf die kerzenschimmernden Kronleuchter, »und überall Blumen! ... Allein im Treppenhause müßt ihr für über hundert Franken haben ...« Nun langten die Gäste einer um den anderen an. Feierliche Stadträte, ihre mageren Gattinnen am Arm, die in ihren Moirékleidern erstarrt zu sein schienen; reiche Fabrikanten mit heiterem Antlitz und lärmendem Wesen; junge Mädchen in Wolken von weißem Tüll; dann die jungen Leute: angehende Advokaten, Professoren, sorgfältig rasierte, frisch behandschuhte Supernumerare, und die Söhne einiger Spinnerei- und Hüttenbesitzer aus der Nachbarschaft, die an ihrer eleganteren Kleidung und ihrer größeren Sicherheit, die ihnen ihre Stellung als reiche, in der Gegend einflußreiche Leute verlieh, zu erkennen waren. Gérard von Seigneulles war einer der letzten Ankömmlinge; er war allein, da der Baron den Grundsatz hatte, nie später als neun Uhr zu Bett zu gehen. Er warf einen raschen Blick auf die Reihe der Tänzerinnen; Helene befand sich nicht unter ihnen, und unwillkürlich zeigte Gérards Gesicht seine Enttäuschung. Das Orchester gab das Zeichen zu einem Kontertanz und der junge Mann forderte, nach dem ausdrücklichen Befehl seines Vaters, Georgine dazu auf. Sie hatte dies übrigens auch erwartet und ihm diesen Tanz aufgehoben; wenn sie aber gehofft hatte, die Musik und die Belebung des Balles würden ihren Tänzer aus seiner gewöhnlichen Zurückhaltung heraustreiben, so hatte sie sich getäuscht. In den Pausen zwischen den verschiedenen Touren des Tanzes schleppte sich die Unterhaltung so träge wie möglich hin. Gérards Blicke wandten sich keinen Augenblick von der Thüre ab, und die Lippen öffnete er nur, um unbedeutende, einsilbige Antworten zu geben, Fräulein Georgine kehrte sehr enttäuscht auf ihren Platz zurück. Die Menge begann wieder in den Billardsaal zurückzuströmen. Die ersten Präsentierbretter mit Punsch hatten die Herzen gelöst und das Eis gebrochen. Die Männer bewegten sich heiter zwischen den Sesseln der Damen, die, sich zierend, den Duft ihrer Blumensträuße einatmeten. Die jungen Mädchen hatten unter sich Gruppen gebildet und flüsterten hinter ihren Fächern. Die Tänzer gingen von einer Gruppe zur anderen, murmelten eine Aufforderung zum Tanz und gingen dann an die Thürpfosten zurück, wo sie sich die getroffenen Verabredungen aufschrieben. Das fröhliche Summen lustiger Stimmen, vermischt mit dem Rauschen der Stoffe, erfüllte den Raum. Der Gymnasiast Anatolius Grandfief saß auf einer gepolsterten Bank und dachte bei sich, daß ein Ball, im Vergleich zum Soldatenspielen, doch eigentlich ein sehr untergeordnetes Vergnügen sei; um sich zu zerstreuen, steckte er sich die Finger in die Ohren, die er auf diese Art abwechslungsweise auf- und zumachte, so daß er den eigentümlichen Gegensatz, der entstand, wenn all dieses Geräusch, durch eine künstliche Stille unterbrochen, plötzlich wieder in undeutlichen Tönen, ähnlich dem Rauschen des Meeres, zum Ausbruch kam, recht gründlich genoß. Plötzlich folgte dem Gesumme der Unterhaltung eine wirkliche Stille und alle Augen richteten sich auf die Thüre des Empfangszimmers, in der soeben Frau Laheyrard, von Marius und Helene begleitet, erschienen war. Der Schulrat hatte Marius beauftragt, seine Stelle zu vertreten. Frau Laheyrard, in einem sehr tief ausgeschnittenen rosa Kleid, stützte sich stolz auf den Arm ihres Sohnes und bahnte sich einen Weg zur Frau des Hauses. Der Dichter war herrlich; sein üppiger blonder Bart ruhte auf einer weißen Halsbinde mit breiten, flatternden Enden, und er hatte bei dieser Gelegenheit eine himmelblaue Atlasweste eingeweiht, die gerechtes Aufsehen erregen mußte. Er wollte, wie er sagte, nicht für einen Notar gehalten werden, und diese blaue Weste war dazu bestimmt, die durchaus spießbürgerliche Einförmigkeit des Frackes und der schwarzen Beinkleider zu beleben. Helenens Anzug dagegen rief bei den Männern ein Murmeln der Bewunderung und bei den Frauen eifersüchtiges Stirnrunzeln hervor. Ein langes Gewand von weißer Gaze hob das Ebenmaß des Wuchses prächtig hervor; auf diesem duftigen, seidigen Gewebe schlang sich ein biegsamer Brombeerzweig mit Blüten und Früchten, von der Schulter ausgehend, schräg über die Brust bis auf den Rock, dessen Falten leicht mit ihm aufgenommen waren. Auf der Schulter, am Ausgangspunkt dieses Gewindes, entfaltete ein Schmetterling seine himmelblauen Flügel. Ein ähnlicher Zweig, wie der am Kleide, hielt die prächtigen blonden Locken, die halb herabfielen, nachlässig zusammen. Des Eindrucks sicher, den diese einfache und doch ausgesucht feine Toilette machen mußte, blickten die braunen Augen ohne falsche Bescheidenheit und doch auch ohne gemachte Sicherheit nach rechts und nach links, und mit einer Ungezwungenheit und einer eleganten Schmiegsamkeit, welche die Eifersucht der Umgebung aufs Aeußerste steigerte, setzte sich das anmutige Mädchen neben seine Mutter. Im Handumdrehen und wie auf stillschweigende Übereinkunft machte sich eine Rückzugsbewegung in den benachbarten Gruppen bemerklich, so daß die neuen Ankömmlinge allein saßen. Die Mutter des Gymnasiasten Anatolius, die mit der Schulbehörde auf gutem Fuß bleiben und die Frau des Schulrates schonen wollte, bemerkte diese Umtriebe rasch und flüsterte Georginen etwas ins Ohr, worauf diese sich zu Helenen setzte. »Meine Mutter möchte gerne,« sagte Georgine, »daß ein wenig Musik gemacht würde ... Haben Sie eines der alten Lieder mitgebracht, die Sie so schön singen?« »Ich kann sie auswendig,« antwortete Helene, »und stehe ganz zu Ihrer Verfügung.« Sie ging durch das Zimmer, setzte sich ans Klavier und zog mit ungeduldigen und raschen, aber anmutigen Bewegungen die Handschuhe ab; dann begann sie bei tiefster Stille zu ihrer eigenen Begleitung nach der Melodie eines alten Tanzes das Minnelied zu singen: Im Walde tief versteckt Der Taube Sang dich neckt, Wo alles grünt und blüht, Hörst du, mein Lieb, ihr Lied? Im Waldgrund tönt ihr Sang, Als wie der tiefe Klang, Wenn Liebeslenz erwacht Nach langer Winternacht. Jetzt schwebt er hoch oben, Jetzt senkt er sich nieder, Nun hebt er sich wieder – So schweben die Lieder, Ein lieblicher Traum des Waldes dahin. Zärtliches Sehnen, Verschleiert in Tönen, Bezaubert den Sinn! Hörst du sie schlagen, Die Herzen, die zagen, In fühlender Brust Laß von der Liebe Still heimlichem Triebe Uns flüstern im Grünen, in kosender Lust. Jetzt ist die Stunde der Liebe gekommen, Beim Sange der Turteltauben, der frommen, Komm und verträume am liebenden Herz Sorgen des Lebens und bitteren Schmerz Lieblicher blühet im Mai keine Rose, Als wie die Liebe, die heimliche, lose! Helenens Stimme war so innig und hinreißend und hatte so weiche und doch durchdringende Töne, daß trotz der Voreingenommenheit der Gesellschaft gegen sie ein Beifallssturm losbrach, als sie zu Ende war. Nur allein die Base Provenchères flüsterte ihrer ältesten Tochter ins Ohr: »Sie mögen in die Hände klatschen, so stark sie wollen, ich finde doch diese Lieder, in denen nur von Liebe die Rede ist, höchst unschicklich für ein junges Mädchen.« Gérard war herbeigeeilt, um Helene zu begrüßen. Sie reichte ihm freudestrahlend die Hand. – »Wie finden Sie meinen Anzug?« sagte sie und drehte sich lustig um, damit er sie besser bewundern konnte. »Gefalle ich Ihnen?« »Sie sind wunderschön,« antwortete Gérard entzückt, »diese Brombeerenranke scheint eben im Walde gepflückt worden zu sein ... Sie verleiht Ihnen einen ganz unbeschreiblichen frischen Reiz, und neben Ihnen sehen die anderen Tänzerinnen aus wie Treibhauspflanzen.« »Reden Sie aufrichtig?« »Oh, vom Grund meiner Seele!« Diese aufrichtige Bewunderung spiegelte sich in den Blicken des jungen Mannes so deutlich wider, daß Helene kaum an ihr zweifeln konnte. Sie war entzückt davon, um so mehr, als Gérard, ehe er sie verließ, sie noch zur ersten Mazurka aufforderte. »Sie kennen also Herrn von Seigneulles?« fragte Georgine, die herbeigekommen war.« »Gewiß, wir sind Nachbarn, und Herr Gérard ist ein Freund meines Bruders.« »Wirklich!« sagte Fräulein Georgine, »davon hat er mir nichts gesagt ... Nun, meine Liebe,« fuhr sie fort und zog Helene beiseite, »ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen.« »Ein Geheimnis?« »Ja, und dafür sollen Sie mir einen Gefallen thun!. Es ist nämlich die Rede davon, mich mit Herrn von Seigneulles zu verheiraten. Wissen Sie?« Helene machte eine Kopfbewegung und blieb stumm. Ihre ganze Freude war plötzlich dahin und eiskalt legte es sich ihr aufs Herz. Und doch waren ihr diese Heiratsgerüchte nicht neu; allein, ohne sich zu fragen, warum, hatte sie bisher geglaubt, sie seien aus der Luft gegriffen. Die Worte Georginens enthüllten ihr nun die nackte Wirklichkeit. »Man will uns also verheiraten,« fuhr diese fort, »meine Mutter meint, es sei alles in Ordnung, weil sie mit dem Baron einig ist, aber ich bin nicht ihrer Ansicht; ich finde, daß mein Zukünftiger recht kalt ist und möchte wissen, was er im Grunde seines Herzens denkt ... Denn,« sagte Georgine, sich in die Brust werfend, »ich bin nicht in Verlegenheit, wo ich meine Person lassen soll, und es ist schon der Mühe wert, mich um meiner selbst willen zu lieben!« Helene war sehr blaß geworden und biß verlegen in ihren Fächer; aber Georgine war so mit sich selbst beschäftigt, daß sie es nicht beachtete, sondern fortfuhr: »Sie werden gewiß mit ihm tanzen, versuchen Sie doch, die Unterhaltung auf mich zu lenken und horchen Sie Herrn Gérard ein wenig aus. Sie allein können mir diesen Dienst erweisen, in erster Linie, weil Sie Geist haben und zu reden wagen, und in zweiter, weil mich meine Freundinnen beneiden und mir ganz gerne meinen Bewerber wegschnappen würden, während Sie ...« »Natürlich, ich zähle gar nicht mit!« sagte Helene und suchte ihre Verwirrung hinter einem Lächeln zu verbergen. »Das will ich nicht sagen, aber Sie denken nicht daran, sich hier zu verheiraten, und dies ist die Hauptsache ... Nun, meine Liebe, thun Sie dies für mich, und wenn Sie bei dieser Unterhaltung Gelegenheit finden, mein Lob mit einfließen zu lassen, so thun Sie sich keinen Zwang an.« Das Orchester begann wieder zu spielen und die beiden Mädchen trennten sich. Achtes Kapitel. Es wurde eine Mazurka gespielt, das war der Gérard versprochene Tanz, und Helene sah den jungen Mann nicht ohne eine gewisse Angst auf sich zukommen. Ihr Herz klopfte bei dem Gedanken, den Auftrag, den ihr Georgine gegeben hatte, auszuführen, und doch trieb sie eine geheime Neugierde dazu, eine Erklärung zu veranlassen. Sie nahm Gérards Arm und dann begannen sie langsam und schweigend zu tanzen. Von Zeit zu Zeit mischten Flöten und Hörner ihre Seufzer mit den fröhlicheren Klängen der Saiteninstrumente, die Paare drehten sich bald gleitend, bald hüpfend, die Tänzer aufrecht mit zurückgeworfenem Haupt, die Tänzerinnen, biegsamer und geschmeidiger, neigten die Stirne leicht nach der Schulter des Tänzers, als ob die Musik sie ermüdet hätte. Die Seidenstoffe knisterten, die matten und rosigen Schultern nahmen in dem warmen Lampenlicht die Farbentöne schöner, sammetweicher Früchte an; die welken und zerdrückten Blumen in den Haaren und den Sträußen der Damen erfüllten die Luft mit berauschenden Wohlgerüchen. Die Paare kamen durch das Billardzimmer und die Galerie einzeln in das Empfangszimmer zurück. So gelangten Helene und Gérard an das äußerste Ende des Billardsaales, und hier blieb Fräulein Laheyrard plötzlich stehen. Sie konnte ihre gewöhnliche Sicherheit nicht wiedergewinnen, sie war bleich und bewegte ihren Fächer hastig hin und her. »Sind Sie müde?« fragte Gérard. »Nein, ich fühle mich nur ein wenig beengt ... Wir wollen eine Minute ausruhen.« In diesem Augenblick schwebte Georgine an Marius' Arm an ihnen vorüber; sie winkte Helenen, als sie vorbeitanzte, rasch mit dem Auge. »Fräulein Grandfief sieht aus, als ob sie recht vergnügt wäre,« begann Helene mit unsicherer Stimme, »sie ist heute abend sehr hübsch.« Gérard schwieg. – »Finden Sie es nicht auch?« fuhr sie nach einem Augenblick beharrlich fort. »Sie ist sehr frisch,« sagte er gleichgültig. »Frisch!« ... das ist ein dürftiges Kompliment, das Sie ihr da machen ... Sie hat hübsche Augen, schöne Haare ...« »Nicht so schön wie Sie!« entgegnete er und warf einen zärtlichen Blick auf die goldenen Locken, die auf den weißen Hals seiner Tänzerin herabfielen. »Und dann,« fuhr Helene fort, »ist sie sehr zurückhaltend, was mir ein großes Verdienst zu sein scheint; sie ist häuslich, hat viel Sinn für Ordnung und eine Menge anderer schätzenswerter Eigenschaften.« »Sie hat hauptsächlich eine, die Sie vergessen,« sagte der junge Mann ungeduldig. »Welche?« »Sie besitzt eine sehr warme Freundin!« Einen Augenblick sahen sie sich tief in die Augen. Helene konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, wurde aber schnell wieder ernst und fuhr fort: »Ich finde Sie sehr strenge ... Ich weiß sehr wohl, daß es unpassend ist, jemanden zu sehr zu rühmen, der uns nahe steht, aber es scheint mir doch, daß Sie, obgleich Georgine Ihre Braut ist, die Bescheidenheit darin etwas zu weit treiben.« Gérards Antlitz färbte sich purpurrot. »Meine Braut!« flüsterte er, »und Sie konnten das glauben!« »Jedermann sagt es, und Ihr Vater macht kein Geheimnis daraus.« »Fräulein Grandfief mag eine Braut nach meines Vaters Herzen sein,« rief Gérard lebhaft, »allein sie wird nie die meine sein.« Er senkte die Augen, atmete tief auf und setzte mit bebender Stimme hinzu: »Die Braut meines Herzens, die, die ich liebe, sind Sie!« Selbst erschrocken über seine Kühnheit, faßte er Helenens Hand, wie um den unterbrochenen Tanz fortzusetzen. Das junge Mädchen war blaß wie eine Lilie, aber ihre leuchtenden Augen verrieten die Wonne, die ihr Herz erfüllte. »Helene!« fuhr der junge Mann fort, von diesem Blick und der Musik berauscht, »Helene ...« »Genug, genug,« flüsterte sie mit gebieterischer und doch zärtlicher Stimme. Dabei drückte sie seine Hand heftig ... Die ganze Welt verschwand vor den Augen des beglückten Gérard; er erhob die kleine Hand, die in der seinen zuckte und wollte sie an seine Lippen führen. Der Saal war leer, niemand konnte sie sehen ... Wenigstens glaubte er dies; aber die der Garderobe gegenüberliegende Thüre des Billardsaales öffnete sich von Zeit zu Zeit, und das verschmitzte Gesicht der kleinen Regina, welche durch diesen langen Aufenthalt hier neugierig gemacht worden war, sah verstohlen herein, um die jungen Leute zu beobachten. Die Schneiderin hatte jene leidenschaftliche Gebärde Gérards im Fluge erblickt. »Ich bitte Sie,« stotterte Helene, die selbst ihre Kaltblütigkeit zu verlieren begann. Sie machte einige Mazurkaschritte und zog ihren Tänzer fort. »Wir wollen die paar letzten Takte noch benutzen, denn wir werden heute abend nicht mehr miteinander tanzen.« »Ich werde überhaupt mit niemand mehr tanzen,« antwortete Gérard, als die letzten Klänge der Mazurka verrauscht waren. Er entfernte sich wie unsinnig. Helene war unbeweglich, in Gedanken versunken, in der Mitte des Saales stehen geblieben, als sie plötzlich am Arm die Berührung eines Fächers fühlte. »Nun,« flüsterte Georgine hinter ihr, »haben Sie mit ihm von mir gesprochen?« Helene schrak zusammen und begnügte sich durch eine bejahende Kopfbewegung zu antworten. »Sie haben mich hoffentlich recht gelobt,« fuhr Fräulein Grandfief fort. »Gewiß ... Ja.« »Was hat er darauf geantwortet?« Ueberlegung war noch nie eine der hervorragendsten Eigenschaften Helenens gewesen, und Georgine quälte sie mit ihren Fragen in einem jener Augenblicke, in denen der Geist in anderen Regionen weilt, und die Lippen Worte aussprechen, von welchen der Redende selbst kaum etwas weiß. Noch halb in Träumerei verloren, murmelte sie unüberlegt: »Er sagte nur, ich sei eine sehr warme Freundin.« An dem verblüfften Gesicht des Fräulein Grandfief merkte sie, daß sie eine Dummheit gesagt hatte, und wollte dies schnell wieder gut machen. Allein sie konnte ihre verlegene Erklärung hervorstottern wie sie wollte, der Schlag hatte getroffen. »Ah,« rief Georgine wütend, »sehr gut! ... wie er will! ... Es ist einerlei,« dabei entfernte sie sich schon, »es ist einfach abgeschmackt!« Doch die Stunden enteilten. Der junge Gymnasiast Anatol war der Hitze und dem Punsch erlegen und auf einer gepolsterten Bank im Billardsaal sanft entschlummert. Auf den belebten Tanz folgte das geräuschvolle Nachtessen. Zwischen das Klingen der Gläser und das Geklapper des Silbers hinein knallten die Champagnerpfropfen. Rings um den langen Tisch im Speisesaal erklang das silberne Lachen der jungen Damen; ins Ohr geflüsterte Scherzworte, fröhliche Zurufe kreisten um den Tisch mit dem funkelnden, perlenden Wein. Von Zeit zu Zeit fuhren die lustigen Einfälle des jungen Laheyrard wie Raketen in das Gesumme der allgemeinen Unterhaltung. Marius hatte sich ohne weiteres neben Georgine gesetzt und sprach ihr hinterlistig zu, ihre Lippen in den Champagnerschaum zu tauchen. Sie schien Geschmack an der Sache zu finden und sich über die Gleichgültigkeit Gérards zu trösten. Als die Geigen das Zeichen zum Kotillon gaben, nahm sie den dargebotenen Arm des Dichters und tanzte, ohne sich um die weisen Ermahnungen der Mutter zu kümmern, aufs neue mit ihrem fröhlichen Tischnachbar. Die Menge hatte sich vermindert, die Gruppen lichteten sich langsam, draußen fuhren die Wagen vor. Auch der von Frau Laheyrard war gekommen und sie winkte ihrer Tochter und Marius. In demselben Augenblick sprang Gérard vor und führte Helene am Arm in die Garderobe. Dort legte er ihr selbst das warme Tuch um die Schultern, das sie gegen die Morgenkühle schützen sollte und geleitete die Damen bis an den Wagen. »Auf baldiges Wiedersehen!« rief ihm Helene zu, als sie leicht zu ihrer Mutter in den Wagen hüpfte. Marius warf den Schlag zu und rief dem Kutscher mit einer majestätischen Gebärde zu: »Vorwärts! ich komme zu Fuß mit meinem Freund Gérard; Baden will ich mein Herz im frischen Taue des Morgens, Wie man in Chambertin taucht öfters ein süßes Biskuit.« Es war vier Uhr. Schon verkündigte ein Purpurstreifen im Osten über den Weinbergen das Nahen des Tages, schon ließen die Lerchen ihr Lied ertönen, Marius, dessen Kopf vom Champagner warm geworden war, summte eine Walzermelodie, während er seinen Ueberrock anzog, »Brrr ...« sagte der junge Laheyrard, »es ist ein bißchen frisch! Dies kleine Fest war wirklich reizend; Fräulein Georgine ist ein liebenswürdiges Mädchen, und der Champagner ihres Vaters ist ganz trinkbar.« Er konnte nicht aufhören von der Schönheit Fräulein Grandfiefs zu reden. Dieser biedere Dichter, der in seinen Liedern stets nur Göttinnen mit marmorweißen Gliedern und Frauen mit wilden Augen besang, schien in der Wirklichkeit für die Vorzüge einer frischen Gesichtsfarbe und eines Stumpfnäschens sehr empfänglich zu sein. »Schön wie ein Rubens!« rief er, als er die rundlichen Schultern und die rosigen Wangen Fräulein Georginens rühmte, »ach mein Freund, obwohl das harte Metall meines Herzens schon von allen Säuren des Lebens angegriffen ist, so fühle ich doch seit heute abend, daß es unter den Pfeilen des Eros noch erbeben kann ... Ich bin verliebt.« »Sie auch!« rief Gérard unüberlegt. »Ja ich; ... aber still! ich werde sie nicht nennen. Sie sollen aber wissen, daß sie schön ist wie die drei Charitinnen, und daß sie das Geständnis meiner Liebe empfangen hat.« »Was! jetzt schon!« »Ja ... Sie wissen doch, daß ich stets irgend eines meiner eigenartigen Sonette bei mir führe?« »Und da haben Sie ihr eines vorgelesen?« fragte Gérard verblüfft. »Mehr als das! Ich habe es zwischen ihre niedlichen Finger gesteckt, und, auf Ehre! sie schob es gewandt in ihren Handschuh und schlug die scheuen Taubenaugen nieder.« Gérard konnte sich des Lachens nicht erwehren, als er sich diese unbekannte Tänzerin vorstellte, wie sie diese jedenfalls sonderbare Dichtung entzifferte. Auch der Dichter brach in ein schallendes Gelächter aus und das Echo warf noch lange die lärmende Fröhlichkeit der beiden Freunde zurück. Die Lerchen stiegen jubelnd zu dem perlfarbenen Himmel empor und in den Weinbergen begannen die Drosseln zu schlagen. »Welch schönes Wetter!« rief Gérard aus, »wie ist der Himmel so hell und klar und wie erfüllt der Gesang der Vögel das Herz mit Fröhlichkeit!« Er summte das Lieb Helenens vor sich hin. »Im Waldgrund tönt ihr Sang Als wie der tiefe Klang Wenn Liebeslenz erwacht Nach langer Winternacht.« »Ach mein Freund,« sagte er und drückte Marius' Hand, der sich über diese mitteilsame Begeisterung des sonst so zurückhaltenden Jünglings nicht genug wundern konnte, »mein Freund, wie schön ist doch das Leben, und wie glücklich bin ich heute morgen!« »So ist's recht! so sehe ich Sie gerne! Evoe! es lebe die Jugend!« rief Marius und schleuderte seinen Hut in die Luft und fing ihn im Fluge wieder auf, »ist es denkbar, daß es Kahlköpfe, rheumatische Spießbürger gibt, die sich zu dieser Stunde im Bette dehnen und den Morgentau schmähen! Dumme, alte Leute!« Er hatte Gérard unter den Arm gefaßt und so schlugen sie zusammen, voll Kraft und Jugendfrische, leichten Schrittes den Weg nach der oberen Stadt ein, sangen während des Gehens Bruchstücke alter Romanzen und deklamierten Lieder. Am Fuß der Terrassen von Polval angelangt, zog Gérard einen Hausschlüssel aus der Tasche; doch Marius hielt ihn mit einer stolzen Bewegung zurück, »Pfui, mein Lieber,« sagte er, »sollen mir nun so prosaisch durch die Thüre gehen? Erinnerst du dich nicht mehr des ›Meidenballes‹, Romeo, und deiner eichhornartigen Behendigkeit? Wir wollen die Terrasse hinaufklettern.« »Gerne!« sagte Gérard. – Er hätte in diesem Augenblick auch den Himmel erklommen, um einen Strahl der Sterne herunterzuholen. Sie kletterten wie toll die Spaliere hinan, die unter ihren Füßen krachten. Als sie die Brustwehr erreicht hatten, begrüßte sie die aufgehende Sonne mit ihrem rosigen Licht. »Und jetzt, mein Sohn,« rief Marius, »jetzt wollen wir uns küssen!« »Wir wollen uns küssen,« wiederholte Gérard und drückte den Bruder Helenens an sein Herz. Hoch auf der Mauer gaben sie sich vor den Augen der frühzeitig arbeitenden Weingärtner, die sie verwundert anstarrten, einen brüderlichen Kuß; dann kletterten beide über den in der Mitte befindlichen Zaun und verschwanden gleichzeitig hinter den Hecken ihrer Gärten. Neuntes Kapitel Wie eine intensive Kälte entsteht, wenn stark erhitzter Aether sich plötzlich verflüchtigt, so folgt auf die Aufwallungen unseres Gemütes als Gegenwirkung die ruhige und kühle Ueberlegung. Dieses Gesetz beherrscht die moralische wie die physische Welt. Auch Gérard von Seigneulles sollte diese Erfahrung an sich machen, als er am Morgen nach dem Balle in Salvanches in seinem Zimmer voll strahlenden Sonnenscheines aus einem unruhigen Schlummer erwachte. Die Erregung vom gestrigen Abend verflüchtigte sich wie leichter Dunst, und machte die kalte Vernunft frei. Er liebte Helene und hatte es ihr gesagt; allein er war gleichzeitig in den Augen seines Vaters und der Familie Grandfief der Verlobte Georginens. Es wäre nicht ehrenhaft gewesen, diese doppelte Rolle weiter zu spielen. Seine Ehre und seine Liebe forderten gleich gebieterisch eine möglichst baldige Klärung dieser Verhältnisse: andererseits aber dachte er nicht ohne Schrecken an die Wege, die er einschlagen mußte, um aus seiner zweideutigen Stellung herauszukommen, und an den Zornausbruch, mit dem Herr von Seigneulles eine solche Entwickelung aufnehmen würde. Indessen, es mußte etwas geschehen. Gerard sehnte sich nach Helenen, aber er wollte nicht wieder vor sie treten, ehe er mit den Grandfiefs ganz abgebrochen hatte. Er beschloß gleich am nächsten Tage nach Salvanches zu gehen und es nicht zu verlassen, ohne klar und deutlich auf jeden Anspruch auf Georginens Hand verzichtet zu haben. Er wollte sich bis dahin nichts merken lassen, um die Sache nicht noch verwickelter zu machen und den väterlichen Zorn nicht heraufzubeschwören, ehe alle Schiffe hinter ihm verbrannt wären. Auf dem Wege nach Salvanches wollte es ihn, trotz seines äußerst gemessenen Schrittes, bedünken, als ob die Bäume zu beiden Seiten des Weges mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit aufeinander folgten. Im voraus malte er sich die kommenden Ereignisse aus; er erfand sich die Fragen und Antworten und hörte schon die feierlichen und sententiösen Reden Frau Granfiefs und sah vorher, daß er alles in allem eine sehr klägliche Rolle spielen würde. Nachdem er am Thore die Glocke gezogen hatte – jeder Ton ging ihm durchs Herz – fragte er zögernd, ob die Damen ihn empfangen könnten. »Ja, die Damen arbeiten im kleinen Wohnzimmer.« Und damit eilte ihm die Kammerjungfer leichten Schrittes in die Hausflur voraus. Hier überlief es ihn noch einmal eiskalt; aber er beschwor das Bild seiner blonden Helene herauf und fand dann schnell seinen Mut wieder, so daß er mit dem festen Vorsatze eintrat, die Sache zu einem guten Ende zu führen. Frau Grandfief zählte stehend einen Stoß Wäsche. Am Fenster saß Georgine vor einer jener hübschen Garnwinden, die man auf Chardins Bildern sieht, und war damit beschäftigt, Garnsträhne auf einen Knäuel zu wickeln. Frau Grandfief mochte es gerne, wenn ihre Tochter bei der Beschäftigung mit diesen unbedeutenden Einzelheiten des häuslichen Lebens überrascht wurde, das ließ sie gesetzt und häuslich erscheinen. Nach einem Austausch alltäglicher Redensarten trug Frau Grandfief ihren Stoß Wäsche fort, und die jungen Leute blieben allein. Auch die Mutter fand, daß Gérard sich doch ein wenig allzu zurückhaltend benehme; und da sie glaubte, er fühle sich durch ihre Anwesenheit eingeschüchtert, beschloß sie, ihn zum erstenmal mit ihrer Tochter allein zu lassen; natürlich blieb sie als vorsichtige Mutter in Hörweite hinter der Thüre des Nebenzimmers. Gérard hatte sich in einen Lehnsessel gesetzt und besann sich, wie er seine Rede beginnen sollte; Fräulein Georgine fuhr fort, ihr Garn zu wickeln, während die Bignonien, die ihre Zweige durch das offene Fenster bis in das Zimmer streckten, ihr schwarzes, glattgescheiteltes Haar leise berührten. Bisweilen vernahm man das Rauschen des Ornain, der hier mit der reißenden Schnelligkeit eines Gebirgsbaches fließt. Das junge Mädchen brach das Schweigen zuerst und bat um Entschuldigung, daß sie in ihrer Beschäftigung fortfahre; als Gérard seine Verwunderung ausdrückte, sie so bald nach einem Balle so fleißig zu sehen, sagte sie: »Was wollen Sie? jeder füllt seine Zeit aus, so gut wie er kann, und ich habe nicht die geistigen Hilfsquellen Fräulein Laheyrards.« Gérards Benehmen auf dem Ball hatte ihre Eigenliebe tief verletzt, und sie zeigte dies durch ihren herausfordernden Ton. Der junge Mann beeilte sich, den Vorteil, den sie ihm gab, zu benutzen, um zur Sache zu kommen. »Ich glaube nicht,« sagte er, »daß Fräulein Laheyrard viel müßig geht, sie beschäftigt sich fleißig.« »Mit ihren Kleidern, ja ... und die sind wichtig, das ist wahr ... Wie fanden Sie ihren Anzug am Dienstag?« »Einfach und geschmackvoll.« »Einfach, das mag sein; das armselige Gazekleidchen hat sie gewiß nicht viel gekostet; was aber den Geschmack anbelangt, so sind die Meinungen darüber sehr geteilt.« »Dies ist die meine,« antwortete Gérard trocken. »So!« sagte Georgine ärgerlich; dann fuhr sie immer aufgeregter fort: »Da Sie zu ihren Freunden gehören, so raten Sie ihr doch, sich keine Schmetterlinge mehr auf die Schulter zu setzen.« »Ich werde mich wohl hüten, Fräulein Laheyrard braucht in Beziehung auf Geschmack von niemand einen Rat; dafür ist sie viel zu sehr Pariserin.« »Und viel zu kokett, um auf etwas zu verzichten, was alle Blicke auf sie zieht.« Der Kampf war eröffnet. Bittere Worte flogen wie Pfeile hinüber und herüber. Unter den Mispelbäumen des Gartens erhob auch der Fluß seine Stimme immer lauter, als ob er mit den Streitenden Schritt halten wollte. »Sie ist hübsch genug,« entgegnete Gérard, »um auf das Kokettieren verzichten zu können.« »Mit welchem Feuer Sie sie verteidigen!« rief boshaft Fräulein Grandfief, welcher die Eifersucht zum erstenmal in ihrem Leben Geist verlieh. »Sie sind ein sehr warmer Freund!« »Das ist mehr, als Fräulein Laheyrard von mancher ihrer Freundinnen behaupten könnte.« »Der Vorwurf trifft mich nicht ... Fräulein Laheyrard ist nicht meine Freundin. Gott sei Dank! ich weiß meine Freundschaft besser anzubringen!« »Jeder verfügt über sein Herz so, wie er kann,« erwiderte Gérard, der nun auch böse wurde, »ich liebe sie und werde nicht dulden, daß man sie in meiner Gegenwart angreift ...« Dies war der Tropfen Bitterkeit, der das Gefäß vollends zum Ueberlaufen brachte. Fräulein Georgine erhob sich mit funkelnden Augen und schrie: »Mir das zu sagen! mir! Das ist denn doch zu stark!« – Als die Worte ihr vor Wut versagten, griff sie zum letzten Hilfsmittel der Frauen, wenn sie in die Enge getrieben werden, und fing an in Thränen zu zerfließen. Frau Grandfief, welche die ganze Zeit hinter der Thüre auf der Lauer gelegen hatte, erschien rasch auf der Schwelle des Wohnzimmers und rief: »Herr von Seigneulles, Ihr Benehmen ist unwürdig ... Ich bereue es bitter, Ihnen mein Haus geöffnet zu haben ...« »Gnädige Frau,« sagte Gérard, während er seinen Hut nahm und sich verbeugte, »ich werde Ihnen künftig diese Reue zu ersparen wissen.« Er ging. Von diesem Kampfe noch ganz erhitzt, atmete er nicht ohne ein gewisses Vergnügen die linde Luft draußen und schlug raschen Schrittes den Weg nach der oberen Stadt ein. Während Gérard seinen Staatsstreich in Salvanches ausführte, hatte Frank Finoël, der es auf seiner Kanzlei nicht mehr aushalten konnte, beschlossen, im Hause Laheyrard einen Besuch abzustatten. Er hatte von dem Balle in Salvanches bis jetzt erst ganz unbestimmte Nachrichten, da Regina seit der Festlichkeit nicht zu ihrer Tante zurückgekommen war; man hatte sie in Salvanches zurückbehalten, um alles in Ordnung bringen zu helfen, und sie hatte auch dort übernachtet. Wahrend der kleine Bucklige in die obere Stadt hinaufging, schien er große Pläne in seinem Kopf zu wälzen; sein ausdrucksvolles Gesicht war noch bleicher als gewöhnlich und sein eiliger Gang verriet eine fieberhafte Angst. Ehe er die Schwelle des Hauses überschritt, blieb er auf den Treppenstufen stehen, um sich die Schweißtropfen abzuwischen, die auf seiner Stirne perlten. Im Garten, wo die ganze Familie unter dem Maulbeerbaum versammelt war, erwartete ihn ein Anblick, der ganz dazu gemacht war, seine aufgeregten Nerven zu beruhigen. Auf einem Kohlenbecken dampfte ein Kessel aus rotem Kupfer voll kochenden Zuckersafts; goldfarbene Mirabellen waren in Körben aufgetürmt und Frau Laheyrard entsteinte dieselben vorsichtig und legte dann eine um die andere in große Steingutschüsseln, von denen der appetitliche Geruch reifer, gequetschter Früchte ausströmte. Zur Rechten und Linken überwachten Benjamin und Toni, mit gefräßigen, mit Eingemachtem beschmierten Gesichtern und lautem Gelächter, die Vorbereitungen. Helene, mit einer weißen Latzschürze geschmückt, mit bis zum Ellbogen aufgestülpten Aermeln, stand vor dem Kessel und rührte mit einem langen Spatel den Inhalt desselben um: von Zeit zu Zeit ließ sie die perlenden Tropfen des Saftes in der Sonne glänzen. Sobald sie Finoël bemerkte, rief sie ihm entgegen: »Kommen Sie! Sie müssen dem großen Werk des Einmachens beiwohnen; man soll noch einmal sagen, ich sei keine Frau fürs Haus! Sahen Sie je eine geschäftigere Hausfrau als mich?« Sie war sehr munter; die Hitze des Kohlenbeckens hatte Stirne und Wangen mit einem rosigen Hauch übergossen, ihre Augen lachten und alle ihre Züge bekundeten eine tiefe innere Freude. Frank warf einen unzufriedenen Blick auf Frau Laheyrard und die Kinder; er hatte darauf gerechnet, Helene in dem Atelier zu finden, und seine Enttäuschung verriet sich nun in einer verdoppelten, nervösen Unruhe. Er ging vor dem Kohlenbecken auf und ab, ohne auf die lustigen Zurufe der Kinder zu antworten und betrachtete, mit einem bitteren Zug um die Lippen, die eigenartigen Umrisse seines kleinen Schattens auf dem Sande des Gartenweges. »Haben Sie sich auf dem Balle gut unterhalten?« sagte er endlich zu Helene. »Ausgezeichnet!« antwortete das junge Mädchen und warf einen ganzen Napf voll Früchte in den kochenden Zucker, in dem sie mit ihrem langen Spatel herumrührte. Der süße, lockende Duft der Mirabellen, den die Kinder in vollen Zügen einatmeten, erfüllte die Luft. »Wie gut das riecht!« rief Helene, »man könnte die Luft statt Eingemachtem aufs Brot streichen, so sehr ist sie mit Wohlgeruch erfüllt ... Doch, sagen Sie, ich habe mich neulich bei Frau Grandfief vergeblich nach Ihnen umgesehen ... Warum sind Sie nicht gekommen?« »Es war mir nicht möglich,« erwiderte Finoël errötend. Er hätte sich nicht gescheut, Helenen allein die Wahrheit zu gestehen, aber vor Frau Laheyrard und den Kindern würde seine Eigenliebe bei einem so demütigenden Geständnis zu sehr gelitten haben. Er schlug die Augen nieder und setzte verlegen seinen Spaziergang fort. Seine doppelsinnige Antwort täuschte das junge Mädchen nicht; sie betrachtete ihn von der Seite, bemerkte sein Erröten und erriet die Ursache seiner Abwesenheit. Sobald das Eingemachte genug gekocht hatte, setzte sie den Kessel auf die Stufen der Freitreppe und winkte Finoël mit dem Finger: »Kommen Sie ins Atelier, ich muß Ihnen neue Noten zeigen!« Sobald sie allein waren, sah sie den jungen Mann forschend an und sagte: »Sie haben mir etwas zu sagen?« »Ja,« flüsterte er. Er ging zwei oder dreimal auf und ab, dann begann er wieder: »Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an ein Gespräch erinnern, das wir vor etwa vierzehn Tagen hier gehabt haben ... Sie sprachen davon, Juvigny zu verlassen, um Erzieherin zu werden und haben mir versprochen, nichts zu beschließen, ohne mit mir darüber zu beraten ... Sind Sie noch immer entschlossen, abzureisen?« »Ich weiß es nicht,« entgegnete sie nun ihrerseits errötend, »ich muß gestehen, daß ich kaum mehr daran gedacht habe. Haben Sie zufällig von einer vorteilhaften Stelle gehört?« »Nein, aber seit vierzehn Tagen habe ich selbst einen großen Entschluß gefaßt; meine Stellung ist gesichert, mein Gehalt wird erhöht, und ich denke daran, mich zu verheiraten.« – Er stockte einen Augenblick unter Helenens erstaunten Blicken. – »Das überrascht Sie,« fuhr er fort, »und Sie haben recht, von geringer Herkunft und mißgestaltet wie ich bin, kann mein Gedanke wohl sonderbar erscheinen! Die jungen Mädchen in Juvigny, die einen Mann nur nach der Außenseite beurteilen, würden jedem ins Gesicht lachen, der ihnen einen solchen Vorschlag machen würde. Aber unter ihnen will ich auch meine Frau nicht suchen. Die Frau, die ich mir träume, müßte einen weniger oberflächlichen Sinn haben; ihr kluger Blick müßte durch meine ungefällige Rinde dringen, um jene Eigenschaften in mir zu entdecken, die dem wirklich starken Manne eigen sind. Ich bin ehrgeizig, ich habe Geist genug, nach einer hohen Stellung zu streben, und ich besitze auch die nötige Willenskraft, um dies zu erreichen. Das ist die Bürgschaft für das Glück, das ich meiner zukünftigen Frau zu bieten vermag. Je länger er sprach, desto größer wurden Helenens verwunderte Augen. Sie lehnte am Klavier und glaubte den verschleierten Sinn von Finoëls Worten zu erraten, und sie fürchtete sich, ihn merken zu lassen, daß sie ihn erraten hatte. In ihrem erstaunten Blick lag ebensoviel unruhige Besorgnis als sanftes Mitleid. Finoël ging mit niedergeschlagenen Augen auf und ab und fuhr fort: »Diese einsichtsvolle Frau mit dem weichen Herzen und dem starken mutigen Geist – sie lebt! Ein glücklicher Zufall hat mich in ihre Nähe geführt und ihr eröffne ich jetzt mein Herz ...« Er blieb Helenen gegenüber stehen und blickte sie fest an. »Würden Sie sich meiner als Ihres Gatten schämen, Fräulein Helene?« Diesmal hatte er nur zu deutlich gesprochen, und sie mußte antworten. »Ich!« rief sie voll Schrecken. »Sollte ich mich getäuscht haben?« fuhr er mit einem Anklang von Bitterkeit fort; »haben Sie mich nicht trotz meiner geringen Herkunft herzlich aufgenommen? Haben Sie mir nicht Ihre Gedanken und Ihre Sorgen anvertraut wie einem Freunde?« »Ja, als dem Gefährten mancher langweiligen und einsamen Stunde!« »Nicht wie dem, der Ihr Begleiter für Ihr ganzes Leben werden könnte?« »Für mein ganzes Leben?« rief Helene. »Nein, daran habe ich nie gedacht!« Er biß sich in die Lippen. »Aber,« begann er wieder mit einer gewissen Schärfe, »haben Sie sich auch nie überlegt, daß wenigstens meine Gedanken sich so weit versteigen könnten? Wenn Sie so freundlich mit mir sprachen, wenn wir zusammen sangen, wenn Sie mir die Hand drückten, haben Sie nie daran gedacht, daß dieser vertrauliche Verkehr Hoffnungen in mir erwecken könne, ja mir sogar gewisse Rechte geben?« »Rechte?« sagte sie lebhaft. »Sie haben sich seltsam geirrt, mein Herr, ich liebe Sie nicht!« Stumm blieb er ihr gegenüber stehen und blickte sie groß und vorwurfsvoll an. Sie fürchtete, zu hart gewesen zu sein und fuhr in ruhigerem Tone fort: »Wenn meine Unbedachtsamkeit und mein vertrauliches Benehmen Sie veranlaßt haben, das für Liebe zu halten, was nur freundliche Kameradschaft war, so bedaure ich dies von ganzem Herzen und bitte Sie, mir zu verzeihen.« Ihr Herz war in der That voll Mitgefühl und Thränen glänzten in ihren Augen. Allein Frank Finoël war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, seine Eigenliebe war zu tief verwundet, als daß er den aufrichtigen Ton des jungen Mädchens hätte verstehen können. – »Ich habe mich nicht so sehr getäuscht, wie Sie sagen,« rief er mit erhobener Stimme, »sondern es hat sich in den letzten vierzehn Tagen etwas ereignet, was Ihr Herz verwandelt und Ihren Gedanken eine andere Richtung gegeben hat. Ich brauche nicht weit zu suchen, um dieses Geheimnis zu entdecken.« »Sie werden beleidigend,« sagte sie ärgerlich über die Beharrlichkeit Finoëls, »ich verstehe Sie nicht und will nichts weiter hören!« Sie wandte sich nach der Thüre, allein der kleine Bucklige hatte sich vor sie gestellt und versperrte ihr den Weg. »Sie werden mich trotzdem zu Ende hören,« entgegnete er heftig und schleuderte zornige Blicke auf sie. »Ich bin nicht so leicht anzuführen und habe wohl erraten, daß Ihnen der Name ›von Seigneulles‹ besser gefällt als ›Finoël‹; allein, wenn ich mich getäuscht habe, so mögen Sie Ihrerseits zusehen, daß Sie sich nicht gewaltig verrechnen. Der schöne Gérard wird Sie ins Gerede bringen, das ist alles, was diese Art Menschen zu thun versteht!« »Sie werden unverschämt!« rief Helene. Heftiger Zorn erfüllte sie; ihre Lippen erblaßten, ihre Augen blitzten voll Entrüstung. Sie griff nach dem Hut, den Finoël auf einen Tisch gelegt hatte, warf ihm denselben in die Hände und öffnete, wahrend der kleine Bucklige vor ihren verächtlichen Blicken zurückwich, weit die in die Flur führende Thüre und sagte mit bebender Stimme: »Leben Sie wohl,« und als der verblüffte Finoël unbeweglich blieb, wiederholte sie heftig auf den Boden stampfend: »Gehen Sie! Gehen Sie!« Er stürzte wütend aus dem Hause und stieß auch noch auf seinen Nebenbuhler, der gerade über die Straße kam; seine Verzweiflung wurde dadurch vollends auf die Spitze getrieben. Finoël warf ihm einen giftigen Seitenblick zu, der bei Gérard ein ähnliches Unbehagen erregte, wie man es dem magnetischen kalten Blick der Klapperschlange zuschreibt. Es begann zu regnen; der Bucklige nahm den Hut ab und fühlte mit Wollust die kühlenden Tropfen auf seiner brennenden Stirne. Er trat in sein armseliges Junggesellenzimmer, stützte die Arme auf den Tisch und nun konnte er endlich dem Ausbruch seines Hasses und seiner Wut vollen Lauf lassen. Seine kränklichen Züge verzerrten sich, und die zuckenden Finger wühlten krampfhaft in den schwarzen Haaren. So war während dieser unseligen Woche seine Eigenliebe zweimal tödlich verletzt worden: durch die Weigerung Frau Grandfiefs, ihn nach Salvanches einzuladen und durch Helenens Geringschätzung. Zwei herbe Schläge hatten ihn wiederum die Stufen hinabgestürzt, die sein ehrgeiziger Wille so mühsam erklommen hatte. Nun konnte er wieder von vorne anfangen; er fühlte sich von einer fieberhaften Entmutigung befallen. In ihm tobte ein Sturm von Groll und Aerger, und wie ein Echo seiner Verzweiflung strömte draußen der Regen auf die Bäume herab und schluchzte in den überströmenden Dachrinnen. Mitten durch seine wirren, bitteren Gedanken erhob sich vor ihm, wie die Erscheinung eines verlorenen Paradieses, das verführerische blonde Bild Helenens und neben ihr das siegesfrohe Antlitz Gérards von Seigneulles. Seine Wut verdoppelte sich. »O! ich werde mich noch rächen! ich werde mich rächen!« schrie er und schlug mit der Faust auf den Tisch. Ein leichtes Geräusch veranlaßte ihn, sich umzudrehen; er sah Regina Lecomte hinter sich stehen. Die Nähterin kam von Salvanches zurück und das unbezwingliche Verlangen, alles zu erzählen, was sie wußte, hatte sie veranlaßt, bei Finoël einzutreten. Als sie seinen Ausruf hörte und seine verstörten Züge sah, glaubte sie, er habe die Einzelheiten der Ereignisse auf dem Balle schon erfahren und nahm eine teilnehmende Miene an. »Nun,« sagte sie »mein armer Frank, habe ich nicht recht gehabt, als ich sagte, Sie sollten dieser Pariserin nicht trauen? Sie wissen doch, was auf dem Ball geschehen ist?« »Was? was ist geschehen?« schrie Finoël und blickte sie zornig an. »Wirklich? Sie wissen noch gar nichts! ... Die ganze Stadt spricht ja davon ... Fräulein Laheyrard und Herr von Seigneulles haben sich den ganzen Abend nicht voneinander getrennt, und ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie sich zärtlich die Hand drückten.« Sie schilderte nun die Begebenheit im Billardzimmer mit den nötigen Uebertreibungen. »Jedermann hat es bemerkt wie ich,« fügte sie hinzu, »und ich bin sicher, daß die Heirat Fräulein Grandfiefs zu Wasser geworden ist ... Man hat sich über Sie lustig gemacht, Frank, und Sie haben ganz einfach als Deckmantel gedient, um das Spiel dieser beiden Liebenden zu verbergen.« Finoël biß sich in die Lippen. Seine fahlen Augen schleuderten Blitze. »Aber nur Geduld,« fuhr die kleine Regina fort, »Vater Seigneulles läßt nicht mit sich spaßen und wird einen schönen Spektakel machen, wenn er die Neuigkeit erfährt, und die Pariserin hat ihr Ziel noch lange nicht erreicht.« »Glauben Sie, daß er seinen Sohn verhindern wird, sie zu heiraten?« »Ich bin dessen gewiß, und wenn Sie meinem Rat folgen wollten ... Sehen Sie, Frank, ich bin gutmütig, ich trage Ihnen Ihre Unfreundlichkeiten nicht nach: schließen wir Frieden!« Sie streckte ihre Hand aus und ergriff, halb gegen seinen Willen, die langen, mageren Finger Finoëls, der sie mit ängstlich fragendem Blick betrachtete. »Lassen Sie uns wieder Freunde sein,« sagte die Nähterin, ihm die Hand drückend, »und ich werde Ihnen helfen, sich zu rächen!« Zehntes Kapitel. Als Gérard nach Hause kam, erfuhr er von Marien, daß der Chevalier sich soeben nach Groß-Allard begeben habe. Herr von Seigneulles besaß, zwei Meilen von Juvigny entfernt, inmitten der Wälder des großen Jura, eine schöne Meierei, für die er Sorge trug und die er liebte wie seinen Augapfel. Er hielt sich oft ganze Wochen dort auf und wohnte in einem kaum eingerichteten, ärmlichen Zimmer, aß mit den Taglöhnern und verschmähte es nicht, selbst den Pflug zu lenken oder den Dreschflegel zu schwingen. Diesmal war er hingegangen, um das Dreschen seines Getreides zu beaufsichtigen und wollte acht Tage dort bleiben. Als Gérard diese Nachricht erhielt, fühlte er eine wesentliche Erleichterung. Der Bruch mit der Familie Grandfief hatte seinen Mut erschöpft, und er war glücklich über den Aufschub von einer Woche, dessen er sich erfreuen durfte, ehe er dem Anprall des väterlichen Zornes standhalten mußte. Sobald er gespeist hatte, begab er sich zu Helenen, die er allein im Atelier fand. Sie drückte, noch ergriffen von dem Besuch Frank Finoëls, schweigend Gérards Hand. »Ich bin sofort nach Salvanches gegangen,« begann er, »und habe dort gesprochen, wie ich mußte. Jetzt ist die Sachlage ganz klar, und ich setze keinen Fuß mehr in dies Haus. Mein Herz ist frei, Helene, und gehört ganz Ihnen.« Sie legte einen Finger auf ihre Lippen. »Bst!« machte sie lächelnd, »und was haben Sie Ihrem Vater gesagt?« »Noch nichts,« sagte er ein wenig verlegen, er ist heute abend nach Groß-Allard gegangen; sobald er aber zurück ist, soll er alles erfahren.« Einen Augenblick schwiegen beide, und eine leichte Wolke glitt über die Stirne des jungen Mädchens. »Es scheint mir,« begann sie wieder, »als hätten Sie mit dem Ende angefangen; Sie hätten zuerst mit Herrn von Seigneulles sprechen müssen.« »Machen Sie mir keine Vorwürfe,« bat er so flehend, daß sie entwaffnet war. »Der in Salvanches verlebte Nachmittag hat meine Nerven in einen ganz kläglichen Zustand versetzt ... Spielen Sie mir ein wenig Mozart, um sie zu beruhigen!« Sie setzte sich ans Klavier und begann eine Sonate zu spielen. Gérard hatte sich neben sie gesetzt und genoß in vollen Zügen das Glück, sie beim Scheine der im Abendwind flackernden Kerzen betrachten zu können. Er verfolgte die Wellenlinien der blonden Locken, die auf das Kleid aus ungebleichter Leinwand herabfielen, die Bewegungen der langen braunen Wimpern, die sich hoben und senkten, das durchgeistigte Profil und das Hin- und Hergleiten der weißen Hände auf den Tasten. Der Regen rauschte auf die Bäume im Garten hernieder und begleitete in tiefen, besänftigenden Tönen die helleren Klänge des Klaviers. Nur die Ecke, in der sie saßen, war erleuchtet; der übrige Teil des Ateliers war in geheimnisvolle Dämmerung gehüllt, die ihr vertrauliches, inniges Alleinsein noch anziehender machte. So verbrachten sie zwei schöne Stunden, fast ohne miteinander zu sprechen. Sie lauschten dem Gesange, den die junge Liebe in ihren Herzen anstimmte, und dieser magische innere Gesang vermischte sich so schön mit der süßen Musik Mozarts, daß er genügte, sie zu beschäftigen. Diese Liebe, die sich ihm so wunderbar erschlossen hatte, gewährte Gérard ein immer neues Entzücken. Er hatte so lange der Zärtlichkeit entbehren müssen und war so lange von unbestimmtem Sehnen und Verlangen erfüllt gewesen! Jetzt hatte sich die Leidenschaft seiner ganz bemächtigt und hielt Körper und Geist, Kopf und Herz ganz in ihrer Gewalt. Er befand sich in stürmischer Gärung und glich dem neuen Most in der Bütte, der mehr Schaum als Gehalt, mehr Trieb als Stärke hat. Er liebte Helene mit dem ganzen Feuer seiner dreiundzwanzig Jahre und bewunderte alles an ihr: die eigenwillig herabwallenden Goldhaare und den schalkhaften, schwärmerischen Geist, die gewinnende Anmut ihres Wesens und die zarten Wellenlinien ihres Halses, das Lächeln der leichtgeschürzten Lippen, den tiefen Zauber ihrer braunen Augen und die Güte ihres Herzens. Helene fühlte sich ihrerseits zu ihm hingezogen durch jenen geheimnisvollen Einfluß, der zwei entgegengesetzte Elemente zu einander zieht. Der jungen Pariserin, die in dieser skeptischen, eleganten und oberflächlichen Umgebung aufgewachsen war, gefiel Gérard gerade durch die Eigenschaften, die im Gegensatz zu der Pariser Civilisation stehen; durch seinen festen Glauben, durch sein kindliches Erstaunen und durch jene frische Begeisterung, die dem Geist jenen Reiz verleiht, den der zarte Duft den Früchten gibt, die er umhüllt. Durch eine angeborene Anmut, die er vielleicht dem geheimnisvollen Einfluß des Blutes und der Abstammung verdankte, hatte sich der junge Mann in der spießbürgerlichen Gesellschaft des kleinen Städtchens die ganze Feinheit des Edelmannes, das ganze Zartgefühl eines hochgebildeten Geistes bewahrt. So kam es, daß Helene, sobald sie ihn gesprochen hatte, ihn zu lieben begann, so wie sie lieben konnte, mit der Lebhaftigkeit eines dem ersten Eindruck folgenden Naturells, mit dem Mut eines reinen, glühenden Herzens. Acht Tage lang genossen sie ein ungetrübtes Glück. Die übrige Welt hatten sie vergessen und schwebten hoch über ihr. Von Liebesglück erfüllt, begingen sie große Unvorsichtigkeiten, die an und für sich ganz unschuldig waren, die aber die Gesellschaft einer kleinen Stadt nicht verzeiht. Sie gingen in Begleitung der beiden Kinder durch die Weinberge hinaus in die Brachen und durchstreiften diese, um ein landschaftliches Motiv zu suchen. Wenn sie dann eine nach Wunsch gelegene Landschaft gefunden hatten, öffnete Helene ihre Farbenschachtel, richtete ihre Leinwand her und begann zu malen, während Gérard ihr vorlas. Frau Laheyrard, die ihre Tochter im Geist schon mit Herrn von Seigneulles verheiratet sah, legte diesen abenteuerlichen Streifzügen kein Hindernis in den Weg. Sie hatte Helene nie ängstlich bewacht, und die Aussicht auf eine vornehme Heirat schmeichelte ihrer Eitelkeit zu sehr, als daß sie daran gedacht hätte, die Rolle eines Mentors zu spielen. Sie nährte die ehrgeizigsten Hoffnungen und baute auf Grund dieser künftigen Verbindung die schönsten Luftschlösser. Sie war nahe daran, das bißchen Verstand, das sie überhaupt besaß, vollends ganz zu verlieren, und scheute sich durchaus nicht, bei ihren Lieferanten und Nachbarinnen mit gewohnter Zungenfertigkeit sehr deutliche Anspielungen zu machen auf die nicht allzu ferne Zeit, in der Helene sich ›Frau von Seigneulles‹ nennen würde. Die Unvorsichtigkeit der jungen Leute und die Ungeschicklichkeiten Frau Laheyrards wurden mit jener dem Menschengeschlecht überhaupt, und ganz besonders dem in kleinen Städten lebenden Teil desselben, eigenen liebenswürdigen Milde ausgelegt und ausgeschmückt. Schon nach wenigen Tagen gab es kein Haus mehr, in dem man nicht über die Liebschaft Gérards und Helenens gezischelt hätte. Die Neuigkeit machte die Runde in Juvigny, sie schlängelte sich den Hügel hinan, verbreitete sich in den stillen Straßen der oberen Stadt und stieg dann durch die Gärten wieder hinab an das Ufer des Ornain, wo sie sich in den Back- und Waschhäusern wieder verlor. Nur die Beteiligten ahnten nichts von den Gerüchten, welche die Stadt in Aufregung versetzten. Verliebte leben in einer anderen Welt; von ihrer Leidenschaft geht ein leuchtendes Fluidum aus, das sie verrät, aber auch absondert, so daß sie jenem in den Gießbächen der Pyrenäen lebenden Vogel Seelerchen oder Wasseramseln. gleichen, der von Gischt umgeben dahin schwimmt und in den Fluten der Sturzbäche sich so abgeschlossen bewegt, wie der Taucher in seiner Glocke. Helene und Gérard erwachten erst aus ihrer Verzückung, als die Rückkehr des Herrn von Seigneulles angekündigt wurde. »Mein Vater kommt morgen vormittag zurück,« sagte Gérard eines Abends, »und ich werde sofort mit ihm reden.« »Ich werde beständig an Sie denken, während Sie ins Verhör genommen werden,« antwortete Helene; – sie versuchte zu lächeln, aber sie zitterte innerlich bei dem Gedanken, daß ihr Schicksal ganz in der Hand des fürchterlichen Chevaliers liege. »Sie besuchen uns dann abends und erzählen mir alles!« In der That ließ Herr von Seigneulles am anderen Morgen, nach einem einfachen Frühstück in Groß-Allard, Bruno satteln und ritt fröhlich durch die Wälder des Jura nach Hause. Der Chevalier war sehr zufrieden; seine ganze Ernte war in die Scheunen gebracht und gedroschen, sein Grummet stand dicht und die Trauben fingen an sich zu färben und versprachen eine gute Lese. Während er an den Laufgräben entlang ritt, sagte er sich, daß die Liebe zwischen Gérard und Fräulein Grandfief ebensoweit gediehen sein werde, wie seine Weinberge und nahm sich vor, die Hochzeit noch vor Allerheiligen zu feiern. Sobald er Bruno dem Baptist anvertraut hatte, trat er in die Küche, wo ihm Marie zwei Briefe übergab, die der Postbote den Tag vorher gebracht hatte. Der erste war eine sehr lakonische Epistel von Frau Grandfief. Georginens Mutter teilte dem Chevalier trocken mit, daß sie ihm sein Wort zurückgebe und auf eine Verbindung verzichte, für die ihre Tochter und Gérard gleich wenig Neigung hätten. Der zweite Brief war von unbekannter Hand und trug keine Unterschrift; er lautete folgendermaßen: »Wohlmeinende Freunde halten es für ihre Pflicht, Herrn von Seigneulles von den häufigen Besuchen seines Sohnes bei Fräulein Laheyrard, die dadurch bloßgestellt wird, in Kenntnis zu setzen. Man weiß, daß die jungen Edelleute heutzutage mit Vorliebe mit jungen Mädchen ohne Vermögen ihr Spiel treiben ... aber das sind Prinzenspiele, die nur denen gefallen, die sie machen. Wenn Herr von Seigneulles nicht ganz verblendet ist, wird er einem Umgang, über den die ganze Stadt empört ist und der eine traurige Meinung von den Sitten der in Frömmigkeit erzogenen Jugend erweckt, ein Ziel setzen.« Der alte Gardeoffizier stieß einen Fluch aus, der die Fensterscheiben der Küche erzittern machte. »Wo ist mein Sohn?« schrie er. Gérard war nach dem Frühstück verschwunden und Marie hatte geglaubt, er sei dem gnädigen Herrn entgegengegangen ... Ohne weiter auf die wortreichen Erklärungen der alten Dienerin zu achten, rannte der Chevalier, wie er war, in die Wohnung des Abbé Volland. Er fand den Geistlichen unter seinen Buchen, wo er feierlich auf und ab ging und in seinem Brevier las. »Wissen Sie, was geschehen ist?« begann er, dem Abbé in den Weg tretend. Dieser betrachtete über seine Brille weg die funkelnden Augen, die vor Zorn ganz spitz gewordene Adlernase, und den in Unordnung geratenen Anzug des Chevaliers, und fragte: »Ist in Groß-Allard Feuer ausgebrochen?« »Zum Kuckuck! Als ob davon die Rede wäre ... Aus Gérards Heirat wird nichts!« Der Geistliche wischte seine Brillengläser mit ganz besonderer Sorgfalt aus. »Das ist noch nicht alles!« fuhr der vor Wut kochende Chevalier fort; »mein Herr Sohn hat sich von den Laheyrards, die ihn angelockt haben, bethören lassen, ist dummerweise in die Tochter, die eine leichtfertige Person ist, vernarrt ...« Der Abbé schnellte unbemerkbare Stäubchen auf seinem Aermel mit dem Zeigefinger fort. »Ja,« sagte er seufzend, »ich habe auch schon Wind von dieser ärgerlichen Sache bekommen und beabsichtige, ernstlich mit Frau Laheyrard zu reden; aber man muß behutsam und mit Umsicht handeln, damit jedes Aufsehen vermieden wird.« »Zum Henker mit der Umsicht!« grollte Herr von Seigneulles, »soll man noch Umstände machen, wenn es sich darum handelt, zwei Abenteurerinnen, die Verwirrung in den Familien stiften, zur Rede zu stellen? ... Wohin soll das noch führen? ... Ach, warum leben wir nicht mehr in der guten alten Zeit, in der man mit einem geheimen Verhaftsbefehl ungehorsame Söhne in einen Turm und leichtfertige Mädchen in ein Kloster stecken konnte! ... Aber ich werde mich und die Meinigen zu verteidigen wissen, und ich werde stehenden Fußes hingehen und diesen Plaudertaschen den Kopf waschen ...« »Himmlische Güte!« rief der Abbé, »erregen Sie doch kein Aufsehen, lieber Freund! ... Helene ist mein Patchen; lassen Sie mich die Sache zu Ende und das junge Mädchen zur Pflicht zurückführen ... Ich verspreche Ihnen, die Damen noch heute aufzusuchen, sobald ich mit meinem Brevier zu Ende bin.« Herr von Seigneulles senkte den Kopf. Es war ihm im Grunde genommen nicht unangenehm, daß der Geistliche diesen Schritt auf sich nahm. »Mir auch recht,« sagte er, »Sie werden ohne Zorn sprechen und das wird wohl mehr nützen. Sagen Sie diesen ... Personen deutlich, daß ich ihnen verbiete, Gérard zu empfangen, und daß sie, wenn mein Sohn doch kommen sollte, ihm die Thüre vor der Nase zuschlagen möchten ... Uebrigens will ich den Burschen selbst vornehmen und werde ihm den Mund zu stopfen wissen!« Elftes Kapitel. Herr von Seigneulles verließ den Abbé ungestüm und ging nach Hause. Dort angekommen, zog er sich in sein Zimmer zurück; weniger um seinen Zorn verrauschen zu lassen, als um über die dem Schuldigen zugedachte Strafpredigt nachzudenken, trat er ans Fenster und sah hinaus. Das Fenster ging auf die Gärten, und Herr von Seigneulles bemerkte im Nachbargarten in dem Buchengang ein junges Mädchen in der vollen Blüte seiner achtzehnjährigen Schönheit. An den blonden frei herabfallenden Locken erkannte er Fräulein Laheyrard. »Dies ist also das gefährliche Geschöpf, das Gérard berückt hat,« dachte er. Helene ging in dem mit Buchs eingefaßten Wege auf und ab, bald neigte sie das Haupt, um den Duft einer Rose einzuatmen, bald bückte sie sich, um Reseda zu pflücken. Trotz seines Zornes unterlag der alte Herr dem Zauber dieser Anmut und Schönheit. Er verfolgte mit dem Blick die geschmeidigen Bewegungen des jungen Mädchens; er sah, wie sie sich umdrehte und Herrn Laheyrard entgegenlief, der, in ein Buch vertieft, den Weg herunterkam. Mit einer schelmischen Bewegung hatte sie sich des Buches bemächtigt, das die Aufmerksamkeit des alten Gelehrten fesselte, und es in ihrer Tasche verschwinden lassen. Dann gab sie ihrem Vater, die Hände auf seine Schultern gestützt, einen tüchtigen Kuß auf jede Wange, hing sich an seinen Arm und ging fröhlich an seiner Seite; bald zeigte sie ihm Blumen, die er bewundern mußte, bald zauberte sie durch ihr lebhaftes Geplauder ein friedliches Lächeln auf das ernste Gesicht des Greises. Vater und Tochter schienen sich leidenschaftlich zu lieben; schon an der Art, wie sie sich führten, konnte man eine innige, zärtliche Zuneigung herausfühlen. Diese Liebkosungen, diese schöne Vertraulichkeit entlockten Herrn von Seigneulles einen Seufzer. Er war in dieser Beziehung gar nicht verwöhnt, da er von jeher mehr Furcht als Liebe eingeflößt hatte. Er konnte nicht umhin, den Vater um die Zärtlichkeit zu beneiden, mit der ihn seine Tochter überhäufte. Ach, wenn er eine liebevolle, zärtliche Schwiegertochter nach seiner Wahl gehabt hatte, wie hätte auch er sie verwöhnen und verhätscheln wollen. Der Anblick dieser kindlichen Anhänglichkeit schlug längst verklungene Saiten in seinem Herzen an; aber der Chevalier wollte sich nicht erweichen lassen, deshalb schloß er rasch das Fenster In demselben Augenblick trat Gérard ein wenig blaß, aber in guter Haltung, ein. »So, da kommt endlich mein Herr Sohn!« rief Herr von Seigneulles, dessen Zorn wieder aufs neue entbrannte. »Ich habe ja schöne Sachen gehört! ... Habe die Güte, mir dein Benehmen gegen Frau Grandfief und diesen unpassenden Bruch, den ich durchaus nicht erwartet habe, zu erklären.« »Ich beabsichtigte, dich selbst davon zu benachrichtigen und bedaure, daß man mir zuvorgekommen ist,« sagte Gérard und senkte die Augen unter dem zornig erregten Blicke seines Vaters. »Ich habe meine Besuche in Salvanches eingestellt, weil ich Fräulein Grandfief nicht liebe.« »So! ... Und weil dein Herz anderweitig vergeben ist, nicht wahr? Ich weiß im voraus alle die Dummheiten, die du jetzt vorbringen willst; aber warum bist du mit dieser Grille im Kopf zuerst heuchlerisch nach Salvanches gegangen, auf die Gefahr hin, mich bei einer achtbaren Familie eine lächerliche Rolle spielen zu lassen?« »Um Vergebung, Vater, als ich dir zu Frau Grandfief folgte, war mein Herz noch frei; ich habe geglaubt, ehrlich zu handeln, als ich mich dort lossagte, sobald ich eine andere liebte.« »Ja, eine Intrigantin, der du wie ein Gimpel auf den Leim gegangen bist! ... Was gedenkst du nun zu thun?« »Fräulein Laheyrard zu heiraten, sobald ich deine Einwilligung erlangt haben werde.« »Weiter nichts! ... Und wenn ich sie verweigere?« »So werde ich warten.« »Du wirst warten ... was?« schrie Herr von Seigneulles wütend, »wohl bis du fünfundzwanzig Jahre alt bist und die gesetzliche Aufforderung an mich ergehen lassen kannst? ... Aber träume ich denn? Es gibt also keine Religion, keine Familie, keine Ehrfurcht mehr? ... Dies mir zu bieten! Hast du den Kopf verloren, oder hat dich die republikanische Sittenverderbnis so sehr vergiftet, daß sie dir die Achtung vor dir selbst und vor anderen ganz geraubt hat?« Gérard wagte zum erstenmal seinem Vater voll ins Gesicht zu blicken und sagte mit fester Stimme: »Ich sagte, ich würde warten, Vater, weil ich weiß, daß du gerecht bist ... Wenn du meine Geduld und meine ehrerbietige Beharrlichkeit siehst, wirst du auch erkennen, daß es sich um eine ernste Neigung handelt, und wirst nicht zwei Herzen unglücklich machen wollen, die nichts so sehr wünschen, als dich lieben zu dürfen ...« »Romanhafte Redensarten, alles das! Nein, du wirst meine Geduld nicht auf die Probe stellen und mich nicht bewegen, meine Einwilligung zu einer so thörichten Heirat zu geben. Wenn dir meine Art und Weise nicht gefällt, so wirst du mein Haus sofort verlassen; ich werde dir dein Pflichtteil ausbezahlen, und du kannst ferne von mir leben wie der verlorene Sohn ...« Mitten in seiner feierlichen Rede brach der Chevalier ab. Das Naturell des Grundbesitzers und die Klugheit des Lothringers gewannen wieder die Oberhand. Er fürchtete, beim Worte genommen zu werden und die Demütigung zu haben, seinem Sohn Rechnung ablegen zu müssen. »Sapperment!« rief er, »wenn du diesen äußersten Schritt thätest, würdest du meinen feierlichen Fluch mit dir nehmen!« Gérard war sehr blaß geworden und preßte die Lippen zusammen. »Ich gebe dir einen Monat Zeit zur Ueberlegung,« beeilte sich der Chevalier hinzuzufügen, »da ich aber den Skandal nicht liebe, wirst du deine Betrachtungen wo anders als in Juvigny anstellen. Er öffnete heftig das Fenster und rief hinaus: »Baptist, spanne Bruno an den kleinen Wagen!« Dann wandte er sich wieder zu seinem Sohn: »Baptist wird dich sofort nach Groß-Allard fahren. Du wirst mir das Vergnügen machen, einige Wochen dort zuzubringen; das wird dir die Gedanken ein wenig auffrischen!« Schon bei dem Gedanken, abreisen zu müssen, ohne Helene, die ihn erwartete, gesehen zu haben, fühlte Gérard eine heftige Neigung zur Empörung; seine Augen funkelten von Thränen und entrüsteten Blitzen, aber er hatte nicht umsonst sechs Jahre bei den Jesuiten in Metz verlebt. Er hatte dort eine mit geheimen Vorbehalten und stillschweigenden Uebereinkünften getränkte Luft eingeatmet und sich unwillkürlich eine Fügsamkeit angeeignet, an der das Herz weniger Anteil hatte, als der Körper. »Gut,« sagte er sich verbeugend, »ich werde gehorchen.« »Geh und triff deine Vorbereitungen,« antwortete der unbeugsame Chevalier, »du wirst in einer halben Stunde abreisen!« Wirklich zog auch eine halbe Stunde später der von dem schweigsamen Baptist kräftig angetriebene Bruno den Wagen im Trab auf dem Wege nach Groß-Allard fort; aber als sie mitten im Walde waren, griff Gérard plötzlich in die Zügel, hielt den Wagen an, sprang heraus und sagte zu dem Diener: »Du fährst nach der Meierei weiter! ich habe in Juvigny zu thun und gehe zurück!« »Herr Gérard,« rief der erschrockene Baptist, »das kann nicht geschehen! ... Sie werden daran schuld sein, wenn der Herr Baron mich fortjagt.« »Mein Vater wird nichts davon erfahren, und ich verspreche dir, vor Mitternacht in der Meierei zu sein ... Geh!« rief der junge Mann gebieterisch. Darauf drehte er sich auf dem Absatz um und vertiefte sich in den Wald, wahrend der väterliche Wagen traurig in der Richtung nach Groß-Allard weiterfuhr. Er verlangte danach, Helene zu sehen, um ihr so gut wie möglich die Ereignisse des Tages mitzuteilen und sie zu versichern, daß nichts imstande sein werde, sein Herz umzustimmen. Er irrte im Dickicht umher, bis der Abend einbrach; als die Dämmerung die Weinberge Juvignys in Dunkel gehüllt hatte, ging er in der Richtung nach Polval hinunter und gelangte durch die Weinberge zu Laheyrards. Ein Licht glänzte durch die Fensterscheiben im Erdgeschoß und flößte ihm wieder Mut ein; dann schlüpfte er verstohlen hinter die Hecke. Im Atelier, in der Nähe der Lampe, deren schlichter Lichtschirm ihre geröteten Augen und ihr trauriges Antlitz beschattete, saß Helene, die Hände in den Haaren, die Ellbogen auf den Tisch gestützt. Sie war nicht allein; Frau Laheyrard ging im Zimmer auf und ab; ihre lebhaften Bewegungen und der gereizte Ton ihrer Worte deuteten an, daß ihre Nerven durch irgend eine unangenehme Begebenheit sehr erregt worden waren. »Kann man so etwas begreifen?« zürnte sie. »Und mir dies durch den Abbé Volland sagen zu lassen! Als ob ich meine Tochter nicht zu hüten wüßte! Ach, diese dummen Menschen und dieses niederträchtige Nest!« Mittlerweile erschien Gérard in der Umrahmung der offen gebliebenen Gartenthüre. Helene erstickte einen Schrei der Ueberraschung, während sich die Entrüstung Frau Lahenrards verdoppelte. Mit erkünstelter Würde trat sie auf den jungen Mann zu, der verlegen seine Entschuldigungen stammelte, und sagte: »Herr von Seigneulles, wenn Sie mich künftig besuchen wollen, so werden Sie die Güte haben, wie alle anderen Leute auch durch die Hausthüre zu kommen; es wird aber am besten sein, Sie machen mir das Vergnügen, überhaupt nicht mehr zu kommen. Ich verlange wirklich nicht danach, von Ihrem Vater noch einmal die Beschuldigung zu hören, daß ich Sie in mein Haus gelockt hatte ... Ich freue mich übrigens, Ihnen bei dieser Gelegenheit sagen zu können, daß man in Ihrer Familie denn doch ein bißchen zu eingebildet ist. Woher hat denn Ihr Herr Vater erfahren, daß ich mich Ihrer bemächtigen wolle? Mag er seinen Sohn bewachen, ich werde meine Tochter zu behüten missen. Ich verbiete Helenen, Sie künftig zu empfangen.« Nachdem er vergeblich versucht hatte, diesen Redestrom zu unterbrechen, öffnete er schon den Mund, um zu antworten; da blickte ihn Helene so bittend und zärtlich an und winkte ihm, er solle sich entfernen. Gérard antwortete auf diesen Befehl mit einem leidenschaftlichen Blick und das war alles. Er verbeugte sich schweigend und stieg die Stufen der Freitreppe hinab, mährend Frau Laheyrard die Glasthüre geräuschvoll hinter ihm schloß. Zwölftes Kapitel. Betäubt wie ein Mann, der eben einen heftigen Schlag auf den Schädel erhalten hat, verfolgte Gérard den Hauptweg des Gartens. Er war noch nicht fähig, seine Gedanken zu sammeln, und hatte nur die dumpfe Empfindung eines großen Unglücks. An der Weinbergthüre angekommen, sog er noch einmal den Duft der Reseden und Rosen ein, die auf den Blumenbeeten des geliebten Mädchens blühten, dann stieg er langsam durch die Rebgelände hinab und erklomm den gegenüberliegenden Abhang. Als er den Gipfel des Hügels erreicht hatte, lehnte er sich an einen mit Moos überzogenen Steinhaufen und blickte düster hinab auf die alten Häuser der oberen Stadt. Dort in der Ferne schimmerte das Licht aus Helenens Atelier wie ein trauriger Abschiedsblick herüber. Gérards Kehle schnürte sich zusammen, seine Augen wurden feucht und ein Schluchzen kam über seine Lippen. Dies war sein erster großer Schmerz. Im Vergleich zu diesem unvorhergesehenen Unglück erschienen ihm die Kümmernisse seiner Schuljahre, die Sorgen seiner einsamen Jugend wie kleine Nadelstiche. Es schlug zehn Uhr. Er erinnerte sich des Versprechens, das er Baptist gegeben hatte, und eilte in den Wald hinein. Die Nacht gibt den Wäldern ein eigenartigeres, vertrauteres Gepräge. Bei Tage von Sonnenschein durchwoben, von dem Gesang der Vögel oder dem Klang menschlicher Stimmen fröhlich belebt, scheinen sie die Lebenskraft anderer in sich aufzunehmen; sich selbst überlassen, leben sie ihr eigenes Leben in der Nacht. In ihrem Schatten werden tausend im vollen Tageslicht unvernehmbare Töne wieder bemerklich; man unterscheidet das Zittern des stets bewegten Espenlaubes, das Knistern der Farnkräuter, die sich wieder aufrichten, den matten Ton einer ins Moos herabfallenden Eichel oder das leise Gurgeln einer winzigen Quelle, die Tropfen um Tropfen durch die Baumwurzeln sickert. All dieses Flüstern und Rauschen vereinigt sich zu ernstem, harmonischem Zusammenklang. So erwachten auch inmitten der düsteren, kummervollen Stimmung, die Gérards Herz erfüllte, tausend kleine Eindrücke aufs neue, die bisher in der fröhlichen Aufregung der letzten Woche unbeachtet geblieben waren, und vereinigten so zu sagen ihre schwachen Stimmen. Er erinnerte sich plötzlich der geringsten Aeußerung Helenens, ihrer unbedeutendsten Bewegungen, des raschesten Wechsels in ihrem geistvollen, beweglichen Antlitz. Das Rauschen des Windes in den Fichten erinnerte ihn an die Tanzmusik in Salvanches ... Er sah Helene wieder vor sich, wie sie sich langsam mit lachendem Munde in ihrem langen, schleppenden Gewand unter dem strahlenden Kronleuchter drehte, wie sie sich ans Klavier setzte und mit ihrer klaren, klangvollen Stimme das Taubenlied sang: Im Waldgrund tief versteckt Der Taube Sang dich neckt, Wo alles grünt und blüht, Hörst du, mein Lieb, ihr Lied? Ach! Nicht die zärtliche Stimme der Holztaube erklang diese Nacht in den Schluchten des Waldes! Nur der unheimliche Klageton der Nachteule erhob sich von Zeit zu Zeit wie der verzweifelte Hilferuf eines verirrten Kindes. Dieser weittönende Jammerschrei klang von Baum zu Baum, bis er sich in weiter Ferne im Gehölz verlor; jedesmal, wenn er durch den Hochwald drang, verstummten die kleinen Grillen, die in dem hohen Grase zirpten, plötzlich, und Gérard bildete sich ein, die Stimmen seines eigenen, entschwundenen Glückes zu vernehmen, das ihm von ferne zurief: »Ich kehre niemals wieder, niemals wieder!« Er beschleunigte seine Schritte; die Dunkelheit im Walde drückte auf ihn. Endlich lichteten sich die Bäume, auf das Gehölz folgten Stoppelfelder; Dächer zeichneten sich undeutlich am Horizonte ab und lautes Hundegebell rief das Echo des Waldes wach. »Sind Sie's, Herr Gérard?« sagte plötzlich eine besorgte Stimme. Er fuhr zusammen und erkannte den schweigsamen Baptist, der sich als Schildwache vor dem Stalle der Meierei aufgepflanzt hatte. »Hoffentlich hat Sie wenigstens der Herr Baron nicht gesehen?« fuhr er fort, »er wird mich schön heruntermachen, schon vor drei Stunden hätte ich auf dem Wege sein sollen ... Gute Nacht!« Gérard gelangte im Finstern tappend auf sein Zimmer und schlief erst bei Tagesgrauen ein. Er erwachte gegen zehn Uhr, ohne zu wissen, wo er war, mit dem dumpfen Gefühl einer Last, die ihm das Herz bedrückte. Er rieb sich die Augen, erkannte die Meierei und verstand auch wieder die Angst, die ihm die Brust zusammenschnürte ... Die Stunden dieses ersten Tages in der Verbannung schlichen bleischwer dahin. Gegen Abend konnte er es nicht mehr aushalten und lief zwei Meilen weit durch den Wald, um die Kirchturmspitze von Sankt Stephan zu betrachten, dann kam er abgehetzt zurück und legte sich ohne Abendessen zu Bett. Am anderen Morgen wurde dies Verfahren wiederholt. In aller Frühe schnallte er seine Gamaschen um und erreichte auf allerlei Kreuz- und Querwegen eine rebenbewachsene Hochebene, die den Gärten der oberen Stadt gegenüberlag. Dort kletterte er auf einen wilden Birnbaum und begann, mit einem Opernglas bewaffnet, von der Höhe dieses Observatoriums herab die Gegend gründlich zu erforschen. Jenseits des Rebenhügels bezeichnete ein dunkler Streifen die Schlucht von Polval, dann hob sich das Terrain wieder bis zu den Abhängen, an denen sich die Terrassen der Gärten staffelförmig aufbauten. Man sah die von Bäumen umgebenen alten Häuser der Straße, in der auch seines Vaters Haus lag, mit den Rebenspalieren, den von Clematis umrankten Lauben, den grauen, von mittelalterlichen Fenstern durchbrochenen Fassaden. Man konnte die Farben der Dahliengebüsche und die Bewegungen der Gardinen hinter den offenen Fenstern unterscheiden. Gérard hatte die Wohnung des Schulrates schnell herausgefunden und seine Augen wandten sich nicht mehr von ihr ab. Es war zwölf Uhr; die Glocke von Sankt Stephan läutete langsam das Angelus; dann rief die große Glocke die Fabrikarbeiter zum Mittagessen. Plötzlich zeigte sich auf der Freitreppe neben dem Maulbeerbaum eine weiße Gestalt. Das Herz des jungen Mannes schlug heftig, das Glas zitterte in seiner Hand. Bald erschienen die Kinder, zum Schluß auch Marius Laheyrard; die weiße Gestalt stieg langsam die Stufen hinab, die anderen folgten ihr nach, und alle verschwanden hinter den Obstbäumen. Gérards Gesicht verdüsterte sich; aber er hatte noch nicht Zeit gehabt, sein Glas abzuwischen, als auch schon die vier Gestalten an der in die Weinberge führenden Thüre wieder erschienen. Es war Helene; er sah ihren Strohhut mit den kirschroten Bändern ganz deutlich, ebenso die Farbenschachtel und den Feldstuhl, die Marius trug und die Schmetterlingsnetze, welche die Kinder schwangen. Ohne Zweifel wollte sie nach der Natur malen. Die ganze Gesellschaft schlug den Fußweg durch die Weinberge ein und verschwand aufs neue in der Schlucht von Polval. Gérard war auf seinem Baume geblieben. Er wartete; er hatte ein Vorgefühl, daß noch nicht alles zu Ende sei. Nach einer Viertelstunde tauchten über den Reben auf der Hochebene zuerst die Schmetterlingsnetze, dann Marius' großer Filzhut und schließlich auch das helle Kleid aus ungebleichter Leinwand wieder auf. Sie gingen schräg durch die Weinberge, um den Wald in der Richtung nach einer sehr malerischen Schlucht, »Höllengrund« genannt, zu erreichen, Gérard erinnerte sich, daß Helene öfters den Wunsch geäußert hatte, Studien nach einer alten, ehrwürdigen Buche zu malen, welche die Schlucht beschattet und deren mächtige Wurzeln von einer Quelle bespült werden. Sein Wunsch, das junge Mädchen wiederzusehen, war viel zu lebhaft, als daß er sich dieses günstige Zusammentreffen nicht hätte zu nutze machen sollen. Er glitt von seinem Baume herab und schlug langsam, mit der Vorsicht eines Mohikaners, der durch den Urwald schleicht, den Weg nach der Schlucht ein. Er hatte sich nicht getäuscht. Fräulein Laheyrard verfolgte den von Laubwerk überwölbten schmalen Pfad, der steil in die Waldschlucht hinabführt. Als sie an der Quelle angekommen waren, legte Marius die Farbenschachtel und den Feldstuhl unter die Buche, wischte sich die Stirne ab und sagte: »Auf Wiedersehen! unterhaltet euch gut; ich will noch bis Savonnières weiter gehen, um ungestört über ein Sonett nachzudenken, das ich zu Ehren der unvergleichlichen Schönheit, die mein Herz verwundet hat, machen will ... Denn,« setzte er hinzu, als er ein Lächeln um Helenens Lippen spielen sah, »auch ich bin sterblich verliebt, auch ich flehe zu den Gestirnen, daß sie die Härte eines grausamen Vaters erweichen und den Tag heraufleuchten lassen, an dem sich unsere Geschicke auf immer vereinen ...« Er entfernte sich und deklamierte noch im Gehen die Strophen Theophiles von Viand: »Golden wird der Tag mir sein, Wo ich wandle, Sonnenschein, Und die Götter werden laben Sinn und Herz mit edlen Gaben, Günstig dem Geschicke mein Spenden liebevoll und leise Mir Ambrosias Himmelsspeise ...« Die Kinder jagten, dem Laufe des Baches folgend, den Admiralen und Veilchenfaltern nach, die unter dem Geäste der Buchen dahinflatterten. Nachdem sie ihre Hände in die Quelle getaucht und den Hut abgenommen hatte, setzte sich Helene vor ihre Leinwand und rüstete ihre Palette. Lange saß sie in Gedanken versunken; die großen Augen blickten unbeweglich vor sich, ohne etwas zu sehen. Und doch war die Landschaft so schön beleuchtet, wie es ein Maler sich nur wünschen konnte. Tief und breit dehnte sich die Waldschlucht zur Rechten und Linken aus; hier waren in harmonischer Mischung alle Farbentöne des Blattwerkes, vom metallischen Grün der Eichen bis zum blassen Grün der Weiden vertreten. Die großen Bäume des Waldsaumes hoben sich von dem klaren, mit leichten Wölkchen besäten Himmel ab; sie schienen sich von dem Gehölz losgelöst zu haben, und die Umrisse ihrer Gipfel sahen aus wie die Haken einer riesigen grünen Krone. Die eine Seite der trichterförmigen Schlucht war ganz in bläuliche Schatten gehüllt; nur ein Sonnenstrahl drang wie silberner Dunst herab und schien durch das Laub der Buche in tausend leuchtenden Tropfen über dem dunkeln Spiegel der Quelle zu zerstäuben. Die andere Seite der Schlucht war ganz von der Sonne überflutet; durch das Laub der jungen Weiden sah man in vollem Licht die Biegung einer Straße, ein Stückchen Wiese und eine Reihe Zitterpappeln. In der tiefen Stille dieser Einsamkeit vernahm man keinen Ton außer dem leisen Murmeln der Quelle und den sich mehr und mehr entfernenden Stimmen der Kinder. Helene blieb mit dem Pinsel in der Hand, zerstreut sitzen, und ihr Antlitz, so geistvoll und fröhlich, wenn es sich belebte, trug in diesem Augenblick den Ausdruck einer düsteren Trauer. Während sie sich bemühte, Gérards Bild, das sie so beharrlich verfolgte, zu verscheuchen, dachte sie doch immer nur an ihn. Seitdem Gérard, den sie liebte, so schroff verabschiedet worden war, hatte sie sich selbst mehr als einen strengen Verweis erteilt. Hundertmal hatte sie sich geschworen, diese tollen vierzehn Tage zu vergessen und wieder vernünftig zu werden. Sie hatte sich gut wiederholen, daß Gérard zu jung und sein Vater viel zu stolz sei, als daß ihr Verhältnis zu einander je mehr als eine vorübergehende Liebelei werden könne, – das Bild ihres Nachbarn verließ sie nicht; im Gegenteil drängte es sich ihr alle Tage gebieterischer auf. In jener Ballnacht hatte Helene ihr Herz verschenkt, und sie fühlte, daß es ihr zu schwer würde, es wieder zurückzunehmen... Sie stieß einen leisen, halb unterdrückten Seufzer aus und schüttelte die langen blonden Locken; ihre trüben Augen glänzten plötzlich auf, wie das Wasser der Quelle neben ihr, und eine Thräne rollte über ihre Wange herab. Mit einer ungeduldigen Bewegung wischte sie sie ab, ergriff dann die Palette und machte sich entschlossen an die Arbeit. Schon hatte sie auf der Leinwand die verschiedenen Töne des Laubes in ihrem harmonischen Zusammenwirken angedeutet, als ein Rascheln in den Zweigen sie veranlaßte, sich umzusehen. Sie stieß einen Schrei aus und erblaßte; Gérard stand vor ihr. »Sind Sie mir böse, daß ich Sie überrascht habe?« flüsterte er. Sie schüttelte den Kopf und ein Lächeln spielte um ihren Mund und erhellte die feuchten Augen. Der junge Mann trat einige Schritte naher und ließ sich zu ihren Füßen nieder. »Schelten Sie mich nicht,« bat er mit der Miene eines ertappten Schuljungen. »Nein, ich schelte Sie nicht,« antwortete sie lächelnd; »wozu sollte ich es leugnen? Ich dachte an Sie.« »Ist es wirklich wahr?« »Ich war so traurig darüber, daß ich Sie neulich ohne ein Wort der Entschuldigung und des Trostes fortgehen ließ! ... Sie müssen meiner Mutter nicht darum zürnen; die Strafpredigt des Abbé Volland hatte sie sehr aufgeregt, aber im Grunde ist sie doch sehr gut, wenn auch die Zunge manchmal mit ihr durchgeht.« »O,« sagte er entzückt, »ich bin ihr gar nicht böse ... Es schmerzte mich nur, daß ich dazu verdammt wurde, Sie nicht mehr zu sehen.« »Da Sie mich jetzt gesehen haben, müssen Sie sich wieder aus dem Staube machen ... Was würde man sagen, wenn man Sie hier überraschte! Ich glaube, der Kirchturm würde vor Entsetzen umfallen und Herr von Seigneulles toll werden.« »Wissen Sie, daß er mich auf die Meierei verbannt hat?« seufzte Gérard. Helene mußte lachen ... »Auf trockenes Brot gesetzt! Welch ein Mann Ihr Vater ist! Ich fürchte mich vor ihm!« Gérard schwieg und rührte sich nicht. Das junge Mädchen wandte den Kopf halb nach dem Platz, auf dem er kniete. »Gehen Sie,« sagte sie, ihm die Hand bietend, »leben Sie wohl!« Er drückte Helenens Hand und hielt sie in der seinen fest. Sie blickten sich einen Augenblick an, dann zog sie rasch ihre Hand zurück. »Gehen Sie!« wiederholte sie mit einer weniger sicheren Stimme. »Noch nicht,« bat er, »lassen Sie mich erst noch sagen, wie sehr ich Sie liebe!« Helenens Augen blickten ernst und senkten sich tief in die blauen Augen Gérards. »Nun ist es an mir, Sie zu fragen: Ist es wirklich wahr?« flüsterte sie. Als Gérard Einsprache thun wollte, legte sie sanft die Hand auf seinen Arm und fuhr fort: »Hören Sie mich an; ich bin nicht wie die jungen Mädchen von Juvigny; ich habe nicht von Jugend auf gelernt, meine Worte auf die Goldwage zu legen und zu prüfen, ob sie auch allen Regeln des Anstandes entsprechen. Ich spreche, wie ich denke, und handle, wie ich spreche: aufrichtig und wie mein eigenes Gefühl es mir eingibt. Sind Sie von Grund Ihres Herzens überzeugt, daß Sie mich wahr und aufrichtig lieben? Ich werde es glauben, wenn Sie es wiederholen, aber sagen Sie es nicht leichthin noch einmal. Wenn Sie sich getäuscht hätten, würde ich später zu sehr darunter leiden.« »Ich liebe Sie,« rief er leidenschaftlich, »ich liebe Sie und mein Leben gehört Ihnen.« Sie senkte das Haupt. – »Teilen Sie mir mit, was Sie seit unserem letzten Abend erlebt haben...« Gérard erzählte ihr alle seine Leiden, während sie aufgeregt kurze Pinselstriche auf die Leinwand warf; er erzählte langsam; es war so gut sein in dieser schattigen Einsamkeit. Braune und blaue Libellen schwebten über den Wasserpflanzen, der Geißbart erfüllte die Luft mit seinem Duft, und die Minuten, süßer als dieser Duft, entflohen noch schneller als die Libellen. Während er plauderte, pflückte Gérard am Rande des Wassers Minzen, Weiderich und Enzian und streute die Blümchen alle vor Helenen aus. »Laßt euch nicht stören, junges Volk!« rief plötzlich eine Stentorstimme, die sie erzittern machte. Es war Marius, der soeben in dem Weidengebüsch erschien und wie ein Faun in seinen langen blonden Bart hineinlachte. Helene verzog schmollend den Mund, und Gérard erhob sich, rot wie eine Klatschrose. »Warum erröten Sie, junger Daphnis?« fuhr der Dichter fort, »halten Sie mich für einen eifersüchtigen Cyklopen oder für einen unmenschlichen Bruder? ... Auch ich kenne die Leiden der Liebe und vermag sie nachzufühlen ... Ich stehe immer zu den von Vormündern und Vätern verfolgten Liebenden.« »Marius, keinen Unsinn!« rief Helene ungeduldig. »Bei Phöbus Apoll!« fuhr er fort, »ich spreche im Ernst... Gérard liebt dich, sein Vater tyrannisiert ihn, Mutter Laheyrard verbietet dir, ihn zu sehen. Ich bin auf der Seite der Jungen gegen die Alten und ihr könnt auf mich zählen ... Freund Gérard, Sie sind ein Ehrenmann und wollen meine Schwester heiraten?« »Das ist mein heißester Wunsch und mein einziges Dichten und Trachten,« antwortete Gérard ernst. »Gut, so schlagen Sie ein!« rief Marius und reichte ihm seine breite Hand, »wir werden diese Alten schon zur Vernunft bringen und in Bälde werden wir singen: Hymen, Hymenäos! ...« Helene war purpurrot geworden. »Es ist spät geworden,« sagte sie, »wir müssen gehen!« »Erlauben Sie mir, Sie hier wieder zu treffen?« wagte Gérard schüchtern zu fragen. »Ich weiß nicht,« sagte sie zögernd und sah bald Gérard, bald ihren Bruder an. »Und warum denn nicht?« rief Marius ungeduldig; »werde ich nicht auch dabei sein und wird dies nicht genügen? ... Ich möchte niemand raten, etwas Unrechtes darin zu sehen! ...« Sie schüttelten sich alle drei die Hände und Gérard kehrte fröhlichen Herzens auf den Meierhof zurück. Dreizehntes Kapitel. Seit dieser Begegnung hatten sich Gérard und Helene mehr als einmal im Höllengrund getroffen. Marius begleitete seine Schwester stets; aber als wenig störender Beschützer ließ er die Liebenden allein, sobald sie an der Quelle angekommen waren, und wanderte im Walde umher oder nahm im Wirtshause von Savonnières einen Imbiß ein. Als der erste September kam, verzichtete Marius ganz auf seine Mentorrolle, um mit den Jägern von Juvigny die Ebene zu durchstreifen. Helene und Gérard waren ganz sich selbst überlassen, aber die Gewohnheit war einmal angenommen und war zu süß, als daß man den Mut gehabt hätte, sie wieder aufzugeben. Ihre Zusammenkünfte waren das einzige in ihrem täglichen Leben, was Wert für sie hatte. Helene gewann gerade durch die Offenheit ihrer Liebe und die Aufrichtigkeit ihres Herzens eine mutige Heiterkeit, die ihr über die Angst vor dem Gerede der Leute, aus der die landläufige Moral zur Hälfte besteht, hinweghalf. Sie verstand nichts von jenen klugen Zugeständnissen, jener heimlichen Gewandtheit, durch welche sich die Bewohner kleiner Städte, die immer voreinander auf der Hut sind, auszeichnen. In Liebesangelegenheiten zeigt sich die Pariserin, trotz des Skeptizismus, von dem sie angekränkelt ist, und trotz ihrer anscheinenden Leichtfertigkeit, weit natürlicher und unbefangener als die Kleinstädterin. Helene glaubte an Gérards Liebe; sie wußte, als sie in den Höllengrund ging, um ihn zu treffen, daß sie sich in den Augen der Welt eine Unvorsichtigkeit zu schulden kommen lasse, aber in ihrem Gewissen fühlte sie sich nicht schuldig. Wenn man die Herzen der beiden jungen Leute erforscht hätte, würde man gewiß in Gérards schüchternem Geist mehr Bedenken und Vorurteile entdeckt haben als in Helenens starker, von reiner Leidenschaft erfüllter Seele. Unterdessen war der Herbst gekommen. Mit dem September und den Ferien kehrte auch ein Vergnügen wieder, für das die Bewohner Juvignys ganz besonders viel Sinn haben: die Vogelstellerei. In jener waldreichen Gegend gibt es nicht einen Waldbesitzer, der nicht aus feinen, biegsamen Haselstauden zwei- bis dreihundert Sprenkel angefertigt und diese an den Fußwegen seines Gehölzes gestellt hätte. In diesen Fallen fangen sich eine Menge Rotkehlchen, Grasmücken, Finken und Ammern, und die Landeskinder finden eine grausame Freude daran, jeden Morgen die Runde zu machen und die Opfer zu sammeln. Sogar Damen beteiligen sich dabei. Für sie ist dieser Vogelfang ein Vorwand zu Picknicks und Tänzereien im Freien. So begab es sich denn auch, daß gegen Ende September ein Holzhändler, mit dessen Söhnen Marius bekannt war, die Ferien benutzte, um eine Jagd zu veranstalten, die mit einem guten Frühstück im Walde endigen sollte. Um das Fest zu verschönern, sollten einige Damen ihre Männer begleiten, darunter auch Frau Grandfief, deren sanfter Gatte ein gewaltiger Nimrod war. Natürlich befand sich auch Marius unter den Eingeladenen; man hatte ihn um seiner Lebhaftigkeit und seiner übersprudelnden Fröhlichkeit willen gerne. Er galt trotz seines überspannten Wesens und seines Hanges, beim Nachtisch seine Sonette vorzutragen, für einen angenehmen Gesellschafter und wurde zu allen Lustbarkeiten geladen. An jenem Tage war man schon in der Morgendämmerung aufgebrochen; vier Stunden lang hatte man die Brachen abgetrieben und der Dichter erfreute sich eines beträchtlichen Appetits, als die Gesellschaft gegen zehn Uhr unter den Bäumen anlangte, in deren Schatten die lange Tafel gedeckt worden war. Marius saß Frau Grandfief gegenüber, Georginens Mutter war allein gekommen, da sie die keuschen Ohren ihrer Tochter den etwas derben Scherzen eines Jagdfrühstückes nicht aussetzen wollte. Sie dankte mit einer kalten Kopfbewegung für Marius' Gruß und nahm eine so majestätische Miene an, daß sich der junge Laheyrard beeilte, diesem hochmütigen Blick, der ihm den Appetit verdarb, auszuweichen. Seine Augen hielten sich schadlos an dem erfreulichen Anblick, den die Tafel gewährte, auf der sich eine appetitliche Sammlung von kleinen Schinken, Pasteten und Krebsen zwischen zwei Reihen von Gläsern und Flaschen ausbreitete. Als man die am Spieß gebratene Hammelkeule herumbot, erschloß sich das Herz des Dichters. Er hatte als Nachbarn zwei auf dem Lande wohnende Jäger von ziemlich einfältigem Aussehen und offenem Wesen. Die anscheinende Harmlosigkeit dieser friedlichen Bürger verlockte Marius und er beschloß, sich das Frühstück dadurch zu erheitern, daß er die biederen Philister zum besten habe. Sobald er ein schönes, saftiges Stück auf seinem Teller hatte, entkorkte er eine vor ihm stehende Flasche und füllte die Gläser seiner Nachbarn nebst dem seinen. »Wir wollen diesen blaßroten Wein einmal versuchen,« rief er, »ich habe, wie Sankt Amandus sagt, einen so brennenden Durst, daß nichts ihn zu löschen vermag, Salz hat's geregnet zur Stund', als das Licht der Welt ich erblickte!« »Trauen Sie unserem gewöhnlichen Landwein nicht,« sagte sein Nachbar zur Rechten, »er sieht harmlos aus, ist aber gefährlich und steigt leicht zu Kopfe.« »Gefährlich? Diese unschuldige Milch! Mag sein – für andere!« entgegnete Marius, sein Glas leerend; »Sie müssen wissen, lieber Herr, daß das Blut der Rebe überhaupt die Klarheit meines Kopfes nicht zu stören vermag. Um mich trunken zu machen, braucht man das Opium der Chinesen, das Haschisch der Inder und das Raki der Polynesier.« »Das ist etwas anders!« sagte sein Nachbar mit jenem albernen Lachen, hinter dem der Landmann aus der Meuse seine Kniffe und Tücken versteckt. Zugleich winkte er hinter Marius' Rücken dessen Nachbarn zur Linken bedeutungsvoll mit dem Auge. Der Dichter scherzte weiter, während er den Hammelbraten verschlang und reichlich dazu trank. »Sehen Sie,« fuhr er fort, »zwei oder drei Gläser Wein können gesetzte Leute, die an langweilige Geschäfte gewöhnt sind, aus dem Gleichgewicht bringen, aber wir Künstler, die wir an Gedankenstürme gewöhnt sind, können mehr vertragen. Wir segeln wie der Albatros durch den Sturm!« »Das heißt,« spottete sein Nachbar, »ihr lebt im Wein wie der Fisch im Wasser!« »Gut gesprochen, biederer Tischgenosse!« rief Marius, »zur Strafe schenken Sie mir ein ... Kecklich bis zum Rand. Und nun auf Ihr Wohl!« Das laute Gelächter der Gäste, das Klappern der Gabeln und Teller und die wunderbaren Erzählungen der Jäger übertönten diese Unterhaltung. Der Dichter, von seinen eigenen Reden trunken und von seinen Nachbarn, die sein Glas keinen Augenblick leer ließen, angefeuert, wurde immer beredter, je größer der Lärm an der Tafel wurde. Ueberspannte Vergleiche, sonderbare Bilder, lyrische Ergüsse strömten, vermischt mit cynischen Erinnerungen, von seinem Munde. »Beim Zeus,« sagte er plötzlich, »ich glaube, Sie geben mir die Wasserflasche! Pfui über diesen Gänsewein! Halten Sie mich für einen Wassertrinker, wie meinen edlen Freund Gérard von Seigneulles?« »Ich glaubte Herrn Gérard zu treffen,« sagte der Nachbar rechts, »man sieht ihn neuerdings nirgends mehr.« »Sein Vater hält ihn in Groß-Allard eine Weile in Haft,« antwortete der Nachbar zur Linken, der Notar in einem nahe bei dem Meierhof gelegenen Dorfe war; »ich habe sagen hören, der junge Mann habe ein zu leicht entzündbares Herz, und Herr von Seigneulles habe ihn aufs Land geschickt, damit er sich etwas beruhige, wie man den Wein in den Keller legt, um ihn aufzufrischen.« »Haha!« lachte Marius, »ein schönes Versprechen, das man nicht hält!« »Was wollen Sie damit sagen, junger Mann?« »Ich sage,« entgegnete der Dichter, »daß die Liebe der Drohungen der Väter und der Kerkerpforten spottet. Man kann nicht immer an alles denken ...« Der Notar blinzelte seinen Nebensitzern zu, wie um ihnen anzudeuten, daß er den Dichter geschickt ausholen wolle. »Wie?« erwiderte er, »behaupten Sie, der junge Seigneulles sei nicht in Groß-Allard?« »Er ist dort und ist nicht dort,« antwortete Marius mit drollig geheimnisvollem Wesen. – Plötzlich bemerkte er, daß der kalte Blick Frau Grandfiefs fest auf ihm ruhte und kam wieder ein bißchen zu Vernunft. »Pst! Sie wollen mich zum Plaudern bringen, Gevatter; aber ich bin verschwiegen wie das Grab ... Ich werde Ihnen nicht erzählen, in welchem grünen Waldwinkel dieser junge Endymion die Diana seiner Träume finden wird ... Trinken wir eins!« Der Champagner war entkorkt worden, und der schäumende Wein perlte lustig rings um den Tisch. »Ihr Wohlsein, junger Mann,« sagte der Notar und stieß mit Marius an, »machen Sie uns aber keine solche Flausen mehr vor. Es ist weit von der Meierei bis Juvigny und, mag er so verliebt sein, wie er will, so wird es doch niemand einfallen, drei Meilen hin und drei Meilen zurück zu laufen, nur um unter dem Fenster seiner Dulcinea zu girren.« »Was wissen denn Sie davon?« entgegnete Marius, durch den Widerspruch gereizt. »Sie sprechen wohl wie der Blinde von der Farbe! Für Liebende ist nichts unmöglich. Der Wald bietet ihnen seine belaubte Einsamkeit, und die Buchen im Höllengrund sind dicht genug, um das Flüstern der Liebe nicht bis zu den Ohren der Schwätzer dringen zu lassen ...« Er glaubte nur halblaut zu reden, sprach aber, wie alle, denen der Wein die Zunge löst, sehr laut, und seine Worte übertönten das Geräusch der einzelnen Gespräche. Frau Grandfief, aufrecht auf ihrem Stuhle sitzend, hielt ihre Achataugen fest auf Marius Laheyrard gerichtet und verlor kein Wort von dieser Unterhaltung. »Sie glauben also, daß sie sich im Höllengrund treffen?« wiederholte der Notar hinterlistig. »Wer hat vom Höllengrund gesprochen?« stotterte Marius; »ah, du Notar, du, du bist eigensinniger als ein Maulesel; du versteckst deine Gedanken, um die meinen zu erfahren! Aber ich habe nichts gesagt und werde nichts sagen ... Reinen Mund gehalten! die Freundschaft ist mir heilig ... Ich bringe mein Glas der Göttin der Verschwiegenheit, der Stille der Wälder und der leidenschaftslosen, olympischen Poesie!« Von diesem Augenblick an hatte Marius nur noch ein undeutliches Bewußtsein von dem, was um ihn herum vorging. Durch die Nebel der Trunkenheit schienen Frau Grandfiefs Augen auf seine Vernunft zu wirken, wie der starre Blick einer Schlange, die einen Vogel bannen will. Beim Nachtisch erhob sich jemand, um zu singen und erregte furchtbares Gelächter; dieser selbe Jemand stürzte, als er seinen Platz verlassen wollte, schwer auf den Rasen nieder, und Marius hatte ein unbestimmtes Gefühl, als ob er derjenige sei, der sich so unschicklich benahm. Er wiederholte beständig: »Die Beine zittern, aber der Kopf ist fest!« Trotz seines Widerstandes fühlte er sich von zwei mitleidigen Armen aufgehoben und in einen leichten, zweiräderigen Wagen getragen, der nach Juvigny zu fuhr. Während der Fahrt glaubte er zu bemerken, daß ein starker Wind wehe und die Bäume ihn im Vorüberfahren grüßten. Der Wagen hielt vor dem Hause des Schulrates und der Dichter wurde, von denselben menschenfreundlichen Armen unterstützt, in sein Zimmer hinausgeschafft und angekleidet auf sein Bett gelegt. Alle Möbel drehten sich mit schwindelerregender Schnelle um ihn herum. Er schloß die Augen und verlor das Bewußtsein. Vierzehntes Kapitel. Alle Gäste waren so munter, daß Marius' Mißgeschick fast unbemerkt blieb. Man hatte den Kaffee herumgereicht, und die Köpfe begannen sich zu erhitzen. Die Damen erhoben sich und zerstreuten sich auf der Wiese; bald saßen nur noch hartgesottene Jäger um die Tafel, die ihre Pfeifen rauchten und sich ihre Erlebnisse mit jener lauten Mitteilsamkeit, welche die Folge eines guten Frühstückes zu sein pflegt, in die Ohren schrieen. Ein jeder fühlte den Einfluß der guten Bewirtung. Junge Leute hatten einen Tanz auf der Wiese veranstaltet; sogar Frau Grandfief, die zuerst nachdenklich geblieben war, schien plötzlich aufzutauen. Ihre Strenge verlor sich allmählich, ihre schmalen Lippen lächelten und in ihren Augen glänzte eine milde Heiterkeit. Sie war es auch, die die einzige Belustigung vorschlug, welche all diesen heißen Köpfen, all diesen ungeduldigen Füßen zusagen konnte. »Wir wollen ›das Thor des heiligen Nikolaus‹ spielen und auf diese Weise irgendwohin spazieren gehen; wir wollen ein Ziel wählen.« Das »Thor des heiligen Nikolaus« ist ein in Lothringen allgemein bekanntes Spiel. Die Spieler reichen sich die Hände und bilden eine Kette, an der ein jeder Ring von einem Herrn und einer Dame gebildet wird; die beiden Anführer, die an der Spitze stehen, reichen sich die Hände und halten dieselben so über den Kopf, daß sie eine Art kleinen Bogen bilden. – »Ist das Thor des heiligen Nikolaus offen?« ruft die übrige Gesellschaft im Chor, und auf die bejahende Antwort schlüpft die ganze Reihe rasch hintereinander, Rundgesänge singend, durch diesen schnell hergestellten Bogen. Die jungen Leute am äußersten Ende kommen so an die Spitze und bilden nun ihrerseits einen Bogen, und so schlängelt sich der lange Zug weiter, solange er Raum vor sich hat. Der Vorschlag der Frau Hüttenbesitzerin wurde mit Begeisterung angenommen; man begann zu beraten, wohin man gehen wolle. Die einen nannten die »Buche der Jungfrau«, die anderen die »Klause des heiligen Rochus«. »Nein,« sagte Frau Grandfief in befehlendem Ton, »wir gehen zum Höllengrund, der Weg ist viel hübscher.« Man reichte sich die Hände, die Rundgesänge wurden angestimmt, und die lange Reihe setzte sich in Bewegung. Es war ein reizender Anblick, wie diese behende, geschmeidige Kette sich entrollte und den Windungen des Weges folgte. Die Arme bewegten, die Füße tummelten sich, die fliegenden Gewänder streiften leicht die Farnkräuter am Wege, fröhliches Lachen erklang ... Bald war der ganze Zug im Gebüsch verschwunden. Die Mittagsstunden entflohen ... Unter den Buchen im Höllengrund, neben der murmelnden Quelle hatten sich Gérard und Helene wie gewöhnlich getroffen. Das junge Mädchen hatte wohl Leinwand und Pinsel mitgebracht, berührte sie aber kaum; sie folgte mit trübem Blick den ersten fallenden Blättern, die in leichtem Wirbel in den Bach hinabglitten. »Sie sind bekümmert,« sagte Gérard zu ihr, »woran denken Sie?« »An uns,« antwortete sie ernst. »Und das macht Sie traurig! Sind wir denn nicht glücklich?« »Werden mir es noch lange sein? Ich habe ein Vorgefühl, daß man uns verdächtigt und ausspioniert. Als mir uns das letzte Mal getrennt hatten, begegnete ich dieser Nähterin, der kleinen Regina, und an der Art, wie sie mir ins Gesicht starrte, merkte ich, daß sie etwas ahnt.« »Bedauern Sie, gekommen zu sein? ...« »Nein,« antwortete sie lebhaft; »wenn ich Angst habe, so habe ich sie nicht für mich ... Ich denke an meinen guten Vater, dessen Stellung erschüttert wäre, wenn unsere Zusammenkünfte entdeckt würden und ein Skandal daraus entstände. »Sie haben recht,« seufzte Gérard, »und ich bin ein Egoist.« – Auch er war nachdenklich geworden, »Die Sache kann so nicht weiter gehen,« sagte er auf einmal leidenschaftlich; »ich liebe Sie, ich bin Herr meiner selbst, und ich werde meinen Vater zur Vernunft bringen ...« Helene machte große Augen; ihr halb ungläubiger, halb verwunderter Blick schien zu fragen, wie er dies denn anfangen wolle. »Ich werde ihn noch einmal bestürmen,« fuhr Gérard fort, »und wenn er unbeugsam bleibt, werde ich ihm drohen, das Haus zu verlassen.« Das junge Mädchen schüttelte den Kopf, ein Lächeln spielte um ihre Lippen. »So wie Sie mir ihn geschildert haben, wird er Sie ruhig gehen lassen, – und dann?« »Dann werde ich warten, bis ich fünfundzwanzig Jahre alt bin und ihm dann die gerichtliche Anfrage zukommen lassen.« Helenens Brauen zogen sich zusammen. »In diesem Fall werde ich zurücktreten,« antwortete sie stolz, »ich werde mich nie in eine Familie eindrängen, deren Haupt mich abgewiesen hat.« Gérard war entmutigt; er vermochte kaum zu sprechen, so schnürte ihm der Kummer die Kehle zusammen. Helene bemerkte es und ward gerührt; sie bemühte sich, heiter zu scheinen, reichte ihm die Hand und sagte: »Bah! wir wollen an nichts Trauriges mehr denken ... Warum sollen wir unseren Nachmittag damit verlieren, daß wir uns quälen? Sehen Sie, wie die Schlucht immer schöner wird, je mehr sich die Sonne neigt ... Es ist so gut hier; ich möchte diese Landschaft ganz in mich aufnehmen, um sie niemals wieder zu vergessen!« Ihre Augen schweiften langsam über die bewaldeten Abhänge, auf die der Schatten immer dichter herabsank, über die Brombeersträucher voll Früchten und über die Wiesen, auf denen schon die Herbstzeitlose blühte. Während all dieser Zeit war ihre Hand in der Gérards geblieben; sie saßen schweigend nebeneinander, und über der ganzen Gegend ringsum lag die sanfte Ruhe der letzten schönen Tage, Helene und Gérard fühlten sich von jener unbestimmten Sehnsucht ergriffen, die der Herbst so leicht auch in gestählteren Herzen erregt. Sie hielten sich fest bei den Händen und tauschten lange, zärtliche Blicke aus. Nur abgerissener, undeutlicher Gesang und lautes Lachen, das weit aus der Ferne herübertönte, störte den Frieden ihrer Einsamkeit; aber in dieser Jahreszeit, während der Ferien, waren diese fröhlichen Klänge in den Wäldern etwas so Natürliches, daß die beiden Liebenden ihrer nicht achteten. Der Wald ringsumher lag schweigend und in dieser Stille ließ ein Rotkehlchen sein zärtliches Liedchen gedämpft erklingen. Gérard fühlte sich von den braunen Augen Helenens wie von einem Magnet angezogen; schon neigte sich sein Haupt zu dem des Mädchens hin, schon war er im Begriff, den ersten Kuß auf die klaren, unwiderstehlich anziehenden Sterne zu drücken, als laute Stimmen ertönten, die diesen Kuß auf den überraschten Lippen zurückhielten ..., und sich plötzlich die lange Kette des »Sankt Nikolaus-Thores«, Frau Grandfief an der Spitze, stürmisch von einem Abhang in die Schlucht herabwälzte. Das wirkte wie ein Blitzstrahl. Die überraschten jungen Leute waren sich noch gar nicht klar darüber, was geschah, als sich schon die ganze fröhliche Gesellschaft am Bach zerstreute. Auf Gesang und Gelächter folgte plötzlich eine feierliche Stille; man hatte die beiden Liebenden erkannt. Helene hatte sich, rot vor Verlegenheit, über ihre Skizze gebeugt; Gérard hatte sich erhoben und stand bleich, mit zusammengepreßten Lippen, neben ihr. Die Ankommenden, die in der Mehrzahl auf eine solche Begegnung nicht gefaßt waren, schienen ebenso verlegen zu sein wie die Ueberraschten; Frau Grandfief allein verlor ihre Kaltblütigkeit nicht. Sie ging an dem unglücklichen Gérard vorbei, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen; dann wandte sich die unbarmherzige Dame mit spöttisch höflicher Miene an Helene und sagte: »Wir stören Sie, Fräulein,« Sie warf einen Blick auf die kaum bemalte Leinwand und fuhr fort: »Es ist sehr hübsch, was Sie hier machen ...« Ohne sich weiter um Helenens Lage zu kümmern, sagte sie zu ihren Begleitern: »Wir wollen unseren Spaziergang fortsetzen und Fräulein Laheyrard ihren Beschäftigungen überlassen!« Sie schlug einen Fußpfad ein, der in den Wald hineinführte, und die ganze Reihe von Damen und jungen Herren folgte ihr, jedoch nicht ohne den beiden Schuldigen boshafte Blicke zugeworfen und sich gegenseitig durch Zeichen auf ihr verstörtes Aussehen aufmerksam gemacht zu haben. Kaum war der Schwarm vom Gehölz verdeckt, so brach das Hohngelächter los und die Unterhaltung kam wieder in Fluß; der Wind trug die grausame Entgegnung Frau Grandfiefs: »Bah, es ist ein Glück für sie; jetzt ist sie kompromittiert und hat einen Grund, ihn zum Heiraten zu zwingen,« bis zu Helenens Ohren. Nach und nach hörte das Gesträuch auf zu knistern und der Lärm verminderte sich; die Stimmen wurden schwächer und von neuem herrschte tiefe Stille in der Schlucht; man vernahm wieder das helle Rauschen des Baches und das Zwitschern des Rotkehlchens, das, einen Augenblick verscheucht, wieder mutig seinen Gesang aufnahm. Jetzt erst wagte Gérard Helenen anzublicken, welche, die Stirne in die Hände gepreßt, unbeweglich dasaß. Er erschrak über den tragischen Ausdruck ihres blassen Gesichts und seufzte schmerzlich auf. »Ach,« flüsterte das junge Mädchen, »ich glaube, ich bin verloren!« Der junge Mann betrachtete sie mit verstörter Miene und rang die Hände. »Und ich habe Sie zu Grunde gerichtet!« rief er, »diese erbärmliche Frau rächt sich an Ihnen dafür, daß ich ihre Tochter ausgeschlagen habe.« Er ging am Bache auf und ab, verwünschte Frau Grandfief und stieß unzusammenhangende, wirre Worte aus. »Was soll aus uns werden?« sagte er endlich, »was sollen wir thun? Morgen wird die ganze Stadt alles wissen, und mein Vater wird es mir nie verzeihen.« Aus all dieser Verwirrung entnahm Helene nur so viel, daß Gérard eine schreckliche Angst vor dem Chevalier hatte, und daß diese Furcht ihm die Fähigkeit zu denken raubte. Sie fühlte, sie müsse Mut haben für zwei, erhob sich und raffte ihr Malgeräte zusammen. »Scheiden wir,« sagte sie traurig, »gehen Sie auf den Meierhof zurück und halten Sie sich einige Tage ganz ruhig.« »Mich dort einschließen ohne Nachricht von Ihnen, niemals!« rief Gérard. »Ich würde mich langsam verzehren ... Ich gehe nach Juvigny zurück, um dem Sturme Trotz zu bieten.« »Ich verbiete es Ihnen!« antwortete Helene in entschiedenem Ton. »Ihre Heftigkeit würde vollends alles verderben. Gehorchen Sie mir, wenn Sie mich lieben. Lassen Sie den Leuten fünf oder sechs Tage Zeit, Sie zu vergessen, bis Marius Ihnen schreibt ... Leben Sie wohl, denken Sie mein.« Sie drückte Gérard rasch die Hand und entfernte sich in der Richtung nach Juvigny. »Helene,« rief er trostlos, aber sie hörte ihn nicht mehr, und bald verschwand ihr helles Kleid, das noch für Augenblicke durchs Gebüsch schimmerte, bei einer Biegung des Fußpfades. Sie kehrte auf dem kürzesten Wege nach Hause zurück, wo sie noch alles in Aufregung über das Mißgeschick von Marius fand. Toni und Benjamin erzählten, wie der Bruder von seinem Frühstück zurückgekommen sei und wie man ihn habe in sein Zimmer tragen müssen; aber Helene war zu unruhig, um dem Geschwätz der Kinder ein aufmerksames Ohr zu leihen. Während des Essens blieb sie schweigsam und wagte kaum Herrn Laheyrard anzublicken, dem man den neuesten Streich seines ältesten Sohnes verheimlicht hatte. Als man vom Tische aufstand, schützte sie Kopfschmerzen vor und flüchtete sich in ihr Zimmer. hier konnte sie ihrem Kummer den Lauf lassen und sich ausweinen. Was sollte sie jetzt thun? Morgen, vielleicht noch heute abend würde sich die Geschichte vom Höllengrund wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreiten, und natürlich würden auch einige mitleidige Seelen nicht verfehlen, Herrn von Seigneulles, vielleicht sogar Herrn Laheyrard davon in Kenntnis zu setzen. Die ohnehin schon schwierige Stellung des Schulrates in Juvigny, würde dann durch diesen Skandal noch mehr erschüttert, vielleicht unhaltbar werden. Ihre Thränen verdoppelten sich bei diesem Gedanken und auch die bösen Worte von Georginens Mutter klangen ihr aufs neue in den Ohren. »Jetzt ist sie kompromittiert und hat einen Grund, ihn zum Heiraten zu zwingen,« hatte Frau Grandfief gesagt. – Die Entrüstung, die sie über diese beleidigende Voraussetzung empfand, belebte ihren gesunkenen Mut wieder aufs neue. »Nein,« flüsterte ihr empörter Stolz, »ich werde ihnen zeigen, daß ich trotz meiner Unbesonnenheit besser bin, als sie alle ...« Nach und nach machte sich der Gedanke, in Paris eine Stelle als Lehrerin zu suchen, in ihrem Geist aufs neue geltend. Der beständige Glückstaumel, der sich ihrer in den letzten vier Wochen bemächtigt, hatte alle Gedanken an die Abreise verdrängt; der Skandal im Höllengrund hatte nun aber jede Hoffnung auf Glück für immer zerstört. Sie gab sich keinen Täuschungen mehr hin und fühlte klar, daß ihre Liebe hoffnungslos war. Gérard würde nie wagen, den Kampf mit seinem Vater aufzunehmen, und wenn er es thäte, würde doch seine Thatkraft an der Halsstarrigkeit des alten Edelmannes erlahmen. Und wer konnte wissen, ob er nicht vielleicht einstens mit einem von den nutzlosen häuslichen Kämpfen ermatteten und verbitterten Herzen dahin gelangte, zu beklagen, daß er Helenen begegnet war und sie geliebt hatte. Nein, tausendmal nein, er sollte nicht dahin kommen, sie zu verwünschen, und die Rolle einer Friedensstörerin widerte sie an. Es war besser, wenn sie verschwand. War sie ferne von Juvigny, so würde sie vergessen und auch bald über den Auftritt im Höllengrund nicht mehr gesprochen werden, und Herr Laheyrard wäre nicht mehr in der Gefahr, seine Stelle zu verlieren. – All diese Gründe wiederholte sie sich, während die sinkende Sonne ihre letzten Strahlen schräg in das Zimmer warf und das Schnarchen des unfreiwilligen Anstifters dieses traurigen Ereignisses durch die Zwischenwand drang. Ihre alte Pensionsvorsteherin in der Rue de Vaugirard, hatte ihr öfters vorgeschlagen, als Zeichenlehrerin bei ihr einzutreten. Helene schrieb ihr in der Eile einige Worte, um ihre Ankunft anzukündigen und sie um Gastfreundschaft zu bitten; dann brachte sie den Brief selbst zur Post. Als sie zurückkam, war sie ruhiger und weniger unzufrieden mit sich selbst. Mit achtzehn Jahren hat man eine Leidenschaft für Hingebung und Aufopferung. Helene begann auf der Stelle, die Vorbereitungen zu ihrer Abreise zu treffen. Sie leerte alle Laden aus und packte alle die kleinen, ihr liebgewordenen Gegenstände ein: die blühende Brombeerranke, die sie auf dem Balle in Salvanches getragen, die Lieblingsbücher, die sie mit Gérard gelesen, zwei oder drei getrocknete Blumen, die er für sie gepflückt hatte, dann ihre bescheidenen Kleidchen, die so billig und doch stets so geschmackvoll waren. »Ja,« dachte sie, wahrend sie all diese Gegenstände in den verschiedenen Abteilungen des Koffers unterbrachte, »so wird ihm wenigstens, wenn er meiner gedenkt, keine Bitterkeit die sanfte Erinnerung trüben, er wird mich immer wieder sehen, wie ich auf dem Ball von Salvanches war, er wird es nicht bedauern, mich gekannt zu haben und mir in einem Winkel seines Herzens ein freundliches, ungetrübtes Andenken bewahren ... Diese Gewißheit wird mich in der Ferne trösten, wenn ich von meinem Vater und ihm getrennt, unter Fremden leben werde.« – Das Haus lag in tiefer Ruhe; nur von draußen drang noch fernes Wagenrollen und das tiefe Ticktack eines Webestuhles herein. Der Koffer war voll; Helene wischte eine Thräne ab, schloß den Deckel und entkleidete sich mit dem Gedanken, daß dies die letzte Nacht sei, die sie unter dem Dache ihres Vaters zubringe. Fünfzehntes Kapitel Am anderen Morgen bei Tagesanbruch begann der bleischwere Schlaf, der Marius achtzehn Stunden lang an sein Bett gefesselt hatte, langsam zu weichen. Der Dichter erwachte mit trockenem Mund und schwerem Kopf und bemerkte, daß sein Bett nicht aufgedeckt und er in den Kleidern eingeschlafen war. Er rieb sich die Augen, öffnete das Fenster und tauchte sein Haupt in kaltes Wasser, und als ob dies eine plötzliche Verflüchtigung der Weindünste, die seinen Verstand umnebelt, bewirkt hätte, kehrte ihm die Erinnerung wieder zurück. Er sah plötzlich seine beiden Tischnachbarn mit dem schlauen Lachen, die bis zum Rand mit diesem heimtückischen, zwiebelfarbenen Wein gefüllten Gläser, die seltsamen Blicke Frau Grandfiefs wieder vor sich und erinnerte sich auch der eigentümlichen Art, in der die Unterhaltung auf Gérards Liebesangelegenheit gelenkt worden war. Es überlief ihn eiskalt. – »Dummes Vieh, das ich bin,« rief er und versetzte sich einen furchtbaren Schlag mit der Faust, »gewiß habe ich Unsinn geschwatzt!« Er suchte sofort seine Schwester im Atelier auf, wo sie damit beschäftigt war, ihre Pinsel und Farbenschachteln einzupacken. Er trat niedergeschlagen und ganz fassungslos ein, »Meine arme Helene,« begann er kleinlaut, »ich habe mich gestern betrunken wie ein Student und fürchte sehr, mehr geschwatzt zu haben als gut ist.« – Darauf berichtete er ihr von dem Frühstück. Je mehr er sprach, desto lebendiger wurden seine Erinnerungen und desto deutlicher wurde ihm sein unverzeihlicher Vorwitz. Helene reichte ihm die Hand. »Ja, Marius,« antwortete sie sanft, »du hast zu viel gesprochen und wir müssen alle darunter leiden.« Darauf berichtete sie ihm von dem Auftritt im Höllengrund und dem Benehmen der Frau Grandfief. Marius mußte sich setzen, die Kniee wankten ihm. »Esel! Schafskopf, der ich bin!« rief er und nahm sich selbst bei den Haaren, »warum habe ich mir nicht lieber die Zunge ausgerissen? ... Jetzt begreife ich, warum diese sittsame Dame ihre Blicke so beständig auf mich gerichtet hielt! Sie hat meine dummen Reden aufgeschnappt und sich zu nutze gemacht ... Ach, meine arme, liebe Schwester, was soll nun aus dir werden, ach, ich erbärmlicher Mensch!« – Und der Riese Marius begann zu weinen wie ein Kind. »Sei nicht betrübt,« sagte Helene, von seiner Verzweiflung gerührt, »wir sind alle schuld daran, und ich am meisten ... Ich bin dir nicht böse darum, alter Leichtsinn!« Sie klopfte ihm sanft auf die Schultern und versuchte seine Hände zu ergreifen. »Zum Kuckuck!« zürnte Marius plötzlich, »diese Sache darf nicht auf sich beruhen bleiben ... Ich laufe nach Groß-Allard, Gérard ist ein Ehrenmann; wir suchen zusammen seinen Vater auf, und dieser ehrwürdige Perückenstock wird gern oder ungern seine Einwilligung geben müssen.« »Du wirst dies alles nicht thun, Marius!« unterbrach ihn Helene mit Entschiedenheit. »Wie?« rief der Dichter aufspringend, »du willst dich bloßstellen lassen, ohne die Genugthuung zu verlangen, die dir zukommt?« »Ich will bleiben, was ich bin: ein anständiges Mädchen, und wünsche nicht, daß man mich mit Recht beschuldige, mir einen Skandal zu nutze zu machen, um mich zu verheiraten. Es ist unnötig, weiter darauf zu dringen,« fuhr sie fort und legte Marius, der Einwendungen erheben wollte, die Hand auf den Mund, »mein Entschluß ist gefaßt, ich habe an Frau Le Mancel geschrieben und reise heute abend nach Paris.« Der verblüffte Dichter zuckte die Achseln. »Mein lieber Marius,« fuhr Helene fort, »du sollst mich hören und mir, zu deiner Strafe; gehorchen ... Wenn ich einmal abgereist bin, wird man mich vergessen, und um jeden Preis muß ein Skandal vermieden werden, der auf unseren Vater zurückfallen könnte. Denke daran, was aus unserer Familie werden würde, wenn er seinen Platz verlöre? ... Ich reise heute abend ab, wenn es Nacht ist; du wirst einen Wagen mieten und mich bis Blesmes begleiten, von wo ich mit der Eisenbahn weiterfahre ... Das ist noch nicht alles, du mußt mir schwören, Gérard nichts zu sagen, ehe ich es dir erlaube ... Ich will nicht, daß er irgend einen tollen Streich macht.« – Sie hielt einen Augenblick inne, nahm eine Feldblumenstudie von der Wand und fuhr dann fort: »Später, wenn sich alles beruhigt hat, gib ihm dieses kleine Bild zum Andenken an mich ... Es wird ihn an unsere schönen Spaziergänge mahnen ...« Thränen erstickten ihre Stimme und ließen sie nicht weitersprechen, aber sie wollte tapfer bleiben bis zum Schluß und verschluckte sie energisch. Marius schloß sie voll Bewunderung in seine Arme, – »Ich bin nicht wert, den Saum deines Kleides zu küssen,« rief er, »aber es ist einerlei, wenn du nur wolltest ...« Mit entschlossenem Blick unterbrach sie ihn: »Thu, was ich dir sage, laß mich allein und sprich hier von nichts vor dem Frühstück!« Marius ging; Helene setzte ihren Hut auf und schlich sich durch eine abgelegene Straße in die Sankt Stephanskirche. Sie gehörte nicht zu den Frommen, aber sie hatte ihre eigene Religion voll kindlichen Aberglaubens und jäher Inbrunst. Sie ließ eine Kerze anzünden, die der Kirchendiener auf einen dreizackigen Kerzenstander steckte, auf dem zwei qualmende Lichterstümpfe im Verglimmen waren; dann kniete sie im Schatten nieder und verrichtete ein inniges Gebet. »Mein Gott, laß mein Gehen eine genügende Sühne sein; gib, daß ich allein für meine Fehler leide!« Sie wagte nicht, hinzuzusetzen: »Mache, daß Gérard mich nicht vergißt!« – aber dieser Wunsch erhob sich, unter den Schwingen ihres Gebetes, vom tiefsten Grund ihrer Seele. Als sie ihr Haupt wieder aufrichtete, schien ihr die alte Kirche noch kälter und düsterer als gewöhnlich zu sein. Der Christus, der zwischen den beiden Schachern am Kreuz hing, hatte einen so herzzerreißenden leidenden Ausdruck und der schwarze marmorne Tod, das Werk eines alten lothringischen Künstlers, streckte seine Sanduhr drohend nach ihr aus. Es lief ihr kalt über den Rücken und sie verließ die Kirche ganz erstarrt. In dem Augenblick, in dem sie um die Ecke des Gefängnisses bog, fand sie sich plötzlich Frank Finoël gegenüber. Der Bucklige hatte sie in die Kirche treten sehen und ihr Herauskommen abgepaßt. »Ich möchte nur zwei Worte mit Ihnen sprechen,« sagte er, noch ehe sie ihm hatte ausweichen können; »obgleich Sie mir die Thüre gewiesen haben, trage ich Ihnen nichts nach, und Sie haben keinen zuverlässigeren Freund als mich ...« Helene beschleunigte ihre Schritte ohne zu antworten, aber er war entschlossen, ihr zu folgen. »Nun,« fuhr er fort, »was ich vorhergesagt habe, hat nicht lange auf sich warten lassen ... Sie sind nun kompromittiert, man spricht in der ganzen Stadt von nichts als von Ihnen; ich für meinen Teil glaube nichts von allem, was man sagt, und der Beweis ist, daß ich jetzt meine Anfrage bei Ihnen erneuere ... Wollen Sie mir Ihre Hand für meinen Namen geben?« Zornesröte bedeckte Helenens Stirne. Der Skandal mußte sehr groß sein, da Finoël sich zu dieser beleidigenden Bewerbung ermutigt fühlte ... »Sie haben eine niedrigere Gesinnung, als ich Ihnen zugetraut hätte,« antwortete sie entrüstet. »Und Sie eine sehr zähe Hoffnung!« entgegnete er. »Rechnen Sie denn auch nach dem, was gestern geschehen ist, noch darauf, Herrn von Seigneulles zu heiraten?« »Ich rechne darauf, heute abend die Stadt zu verlassen, mein Herr, und der letzte Aerger, den ich beim Scheiden empfinde, ist der, Sie noch gesehen und gesprochen zu haben!« Sie erhob das Haupt, warf dem kleinen Buckligen einen verächtlichen, niederschmetternden Blick zu und trat in ihr Haus. Beim Frühstück flüsterte ihr Marius ins Ohr: »Der Wagen ist auf heute abend um acht Uhr bestellt.« Nun war der Augenblick gekommen, das Schweigen zu brechen, und Helenens Herz klopfte laut; sie konnte sich nicht entschließen, Herrn Laheyrard, der sie mit Unruhe und Sorge ansah, ihren Entschluß mitzuteilen. »Ich werde es gleich sagen,« sagte sie zu sich selbst und schob den gefürchteten Augenblick immer weiter hinaus. Endlich, als man eben vom Tische aufstehen wollte, sagte sie mit leiser, unsicherer Stimme: »Lieber Vater, du weißt, daß Frau Le Mancel darauf besteht, daß ich zu ihr zurückkomme, ich habe mir ihren Vorschlag reiflich überlegt und bin entschlossen, ihn anzunehmen.« Herr Laheyrard erbleichte und seine Frau blieb mit offenem Munde stehen. »Ich werde sobald wie möglich abreisen,« fuhr Helene eilig fort, »ich habe meinem Bruder meine Gründe angegeben und er hat sie gebilligt; nicht wahr, Marius?« Der Dichter ließ einige unverständliche Worte als Zeichen des Einverständnisses hören und begann, da er nicht wußte, wie er seine Fassung bewahren sollte, seine Pfeife zu stopfen. »Wie, wie!« stammelte der alte Lehrer, »wir wollen sehen, ... es eilt ja nicht.« »Man muß die gute Stimmung Frau Le Mancels benutzen und ich denke, ich werde heute abend abreisen.« Bei dem Wort »abreisen« brachen Toni und Benjamin, die Helene leidenschaftlich liebten, in Thränen aus und klammerten sich an sie an. »Das ist ja rein verrückt,« rief Frau Laheyrard ganz verblüfft; »heute abend! was denkst du denn? Deine Wäsche ist noch nicht in Ordnung, dein Koffer nicht gepackt!« »Verzeih! ich habe das Nötige schon eingepackt; das übrige kannst du mir ja später schicken.« »So etwas ist noch nie dagewesen,« fuhr die Schulrätin fort, »nur du kannst solche Launen haben ... Was werden denn die Leute sagen, wenn du plötzlich abreisest, als hättest du ein Verbrechen begangen?« »Die Leute werden sagen, was sie wollen,« entgegnete Helene kurz, »ich bin nicht gewöhnt, mich um ihre Meinung zu kümmern.« Herr Laheyrard schwieg; er nahm seine Tochter an der Hand und zog sie in den Garten. »Mein Kind,« seufzte der arme Mann, »diese plötzliche Abreise muß einen Grund haben, den du mir verheimlichst ... Hat dir hier jemand Ungelegenheiten gemacht?« »Nein, Väterchen, ich bin so glücklich wie möglich, nur, weißt du, muß man auch an die Zukunft denken ... Die Kinder werden größer und deine Einkünfte vermehren sich nicht in dem Maße, in dem der Hunger der beiden Kleinen wächst.« »Ich verstehe, ich verstehe, du bist eine gute Tochter ... aber ich ... was soll aus mir werden ohne dich? Du warst meine Gefährtin, meine einzige Freude ... Aber Väter dürfen nicht zu egoistisch sein... Gib mir einen Kuß!« Sie warf sich an seine Brust und bemühte sich, ihre Thränen zu verbergen. Der Nachmittag schlich traurig vorüber. Als die Nacht einbrach, hielt der von Marius gelenkte Einspänner vor der Thüre. Frau Laheyrard hielt den Augenblick für gekommen, um ihren Schmerz zu zeigen, und zerfloß in Thränen. Die Kinder machten ihr dies nach. Helene umarmte sie alle, aber ihre letzten Küsse sparte sie für ihren Vater auf. »Schreibe mir recht lange Briefe!« sagte der gute Mann mit thränenerstickter Stimme. »Vorwärts!« rief Marius, der sich die größte Gewalt anthat, um nicht zu weinen; »es wird spät, und wir dürfen den Zug nicht verfehlen.« Helene kletterte unter das Verdeck des Wagens, der in leichtem Trab davonfuhr. Um nicht durch die Stadt fahren zu müssen, machte Marius einen Umweg über die Landstraße nach Combles. Sie erreichten die Wälder gerade als die Abendglocke neun Uhr läutete. Beide schwiegen: man vernahm nichts als den Hufschlag des Pferdes auf der Landstraße und das Knallen der Peitsche, die Marius ziemlich aufgeregt handhabte. Plötzlich sagte er zu seiner Schwester: »Also du willst nicht, daß ich Gérard benachrichtige?« »Nein, ich bitte dich!« antwortete Helene entschlossen. Marius, der sich über die Standhaftigkeit seiner Schwester zu ärgern schien, begnügte sich, ein dumpfes Brummen hören zu lassen, und damit schlief die Unterhaltung wieder ein. Als sie auf dem höchsten Punkte der Hochebene angelangt waren, warf der Mond, der plötzlich am Horizont aufging, einen langen Lichtstreifen über die Wipfel des Waldes und beleuchtete die Dächer eines Meierhofes. Marius stand von seinem Sitze auf und deutete mit der Peitsche auf die Giebel, die sich am Himmel abzeichneten, und brummte in seinen Bart: »Da sieht man schon die Dächer von Groß-Allard ... Und zu denken, daß der arme Gérard sich dort zu Tode langweilt, ohne zu ahnen, daß wir auf Büchsenschußweite an seiner Stätte vorbeifahren!« Helenens Herz pochte heftig; sie konnte es nicht lassen, sie mußte sich auf ihrem Sitz aufrichten und nach der bezeichneten Richtung blicken. Dank dem hellen Mondenschein konnte man deutlich die Meierei mit ihren vom Gehölz umschlossenen Feldern, ihren niedrig gebauten Scheunen und das Türmchen des Taubenschlages unterscheiden. Der sehnsüchtige Blick des jungen Mädchens umfaßte all diese Einzelheiten. Sie hätte nur ein Wort zu sagen gebraucht und Marius hätte sich nicht lange bitten lassen, sein Pferd nach dem Hofe zu lenken, Sie würde Gérard überrascht haben, wie er nachdenklich in der Herdecke in der Küche saß; sie hätten sich einmal noch die Hand gedrückt ... Die Versuchung war groß und einen Monat früher wäre sie ihr sicherlich erlegen; aber der Kummer der letzten Tage hatte ihren Verstand gereift und die übermütige Ader, die sonst in ihrem Köpfchen schlug, schien erstorben zu sein. Sie preßte die Lippen zusammen, schloß die Augen, lehnte sich in ihre Ecke zurück und begnügte sich damit, zu ihrem Bruder zu sagen: »Treibe das Pferd an; wir kommen sonst zu spät auf den Zug!« Marius ließ ein langgezogenes Pfeifen ertönen und das Pferd fiel in Trab. »Es ist doch etwas Erstaunliches um die Frauen,« rief Marius aus und betrachtete seine Schwester von der Seite ... »in ihnen liegen so viele geheimnisvolle Züge verborgen, daß ich sie nicht zu enträtseln vermag.« »Auf wen beziehst du diese Bemerkung?« fragte Helene leise. »Auf dich, zum Kuckuck! ... Du verläßt Juvigny ohne Sang und Klang, um Kinder zu lehren, wie man Augen und Ohren zeichnet; ich gebe zu, daß dies von Mut zeugt, aber schließlich denkst du gar nicht daran, was Freund Gérard leiden wird ... Immerhin liebt er dich, wenn er auch ein bißchen ein Hasenfuß ist, du scheinst dies aber gar nicht zu berücksichtigen.« Alle diese Betrachtungen drangen wie Pfeile in Helenens Herz, Sie hatte nicht den Mut zu antworten und beschränkte sich darauf, den Kopf abzuwenden, damit der Mondschein nicht die Thränen verrate, die ihre Augen füllten. »Ja,« fuhr der Dichter unbarmherzig fort, während er seinen Rosinante antrieb, »ihr Frauen seid anders geartet als wir, ihr seid hart, ihr seid grausam, ihr versteht nicht zu lieben!« »Genug, Marius,« stammelte sie mit flehender Stimme, »du thust mir weh!« Sie verbarg ihr Gesicht im Hintergrund des Wagens und that, als ob sie schliefe. Infolge der schaukelnden Bewegung des Wagens und der letzten schlaflosen Nacht wurden ihre Lider nach und nach schwerer, ein Halbschlummer schloß die noch feuchten Augen. Es war mehr Betäubung als wirkliche Ruhe; beim geringsten Stoß öffneten sich ihre Augen wieder. Wie in einem Traume sah sie die Wälder, die sich am Rand der kahlen Felder erhoben, die Weinberge mit den leichtbewegten Reben, die Almen am Wege, deren Umrisse drohende Gestalten anzunehmen schienen, an sich vorüberziehen; dann kamen sie durch Dörfer mit verschlossenen Häusern und dunklen Fenstern, wo in Scheunen eingesperrte Hunde den vorüberfahrenden Wagen mit lautem Bellen begrüßten. Von neuem senkten sich die Lider; als sie sich wieder hoben, fuhr man über die wellenförmigen Ebenen der Champagne, wo Schafherden neben dem zweiräderigen Karren des Schäfers lagerten; in der Ferne ertönte das Pfeifen einer Lokomotive, Lichter blinkten herüber. Es war der Bahnhof von Blesmes. Nun erwachte Helene vollends ganz, die Thränen auf den Wangen hatten noch nicht trocknen können und schon waren sie am Ziel. Marius lud flink den Koffer ab und gab das Gepäck auf. Bald waren sie miteinander allein in dem von einer qualmenden Lampe schlecht erhellten Wartesaal. Jetzt erst sah der arme Bursche das verstörte Antlitz seiner Schwester und sein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Helene betrachtete, die Stirne an die Fensterscheibe gepreßt, die schnaubende Lokomotive, die sie fortführen sollte von allem, was sie liebte. »Lebe wohl, lieber Marius,« sagte sie, »sei gut gegen den Vater! ...« »Tausend-Element!« schrie der Dichter, »du weinst, Helene, und ohne meinen Leichtsinn wäre dies alles nicht geschehen! ... Wenn ich diese verwünschte Frau Grandfief einmal in meiner Gewalt hätte, sie sollte mir ihre Ränke teuer bezahlen!« »Friede, Marius, sei vernünftig!« sagte Helene und drohte ihm mit dem Finger. »Vernünftig sein, das ist gerade weniger mein Fall; aber bei den Erynnien, ich schwöre dir, dich zu rächen!« »Einsteigen! Nach Paris einsteigen!« rief der Schaffner und öffnete die Thüre. Bruder und Schwester umarmten sich noch ein letztes Mal, dann wurden die Thüren geschlossen; Helene warf durch das offene Fenster Marius noch einen Kuß zu, und der Zug fuhr hinaus. Sechzehntes Kapitel. »Wenn ich erst fort bin, wird alles vergessen werden,« hatte Helene oft zu sich selbst gesagt, um sich zur Abreise Mut zu machen; aber sie kannte die Provinz schlecht, oder war vielmehr zu sehr Pariserin, um sie verstehen zu können. In Paris wird ein Ereignis, wenn es auch noch so viel Aufsehen erregt und noch so viel Staub in der Gesellschaft aufwirbelt, schnell erstickt durch das Gewoge der stets wechselnden Menge und durch die Entrüstung über noch größere neue Skandalgeschichten. Anders ist es in der Provinz, in der das Leben einem ruhigen, stillen See gleicht; der kleinste Kieselstein, der in diese schlummernden Wasser geworfen wird, erweckt ein tiefes, lang anhaltendes Echo und zieht leise Kreise an der Oberfläche, die sich mehr und mehr vergrößern. Der Bewohner einer kleinen Stadt, dessen einzige Zerstreuung darin besteht, daß er hinter bescheidentlich zugezogenen Gardinen das Thun und Lassen seiner Nachbarn belauscht, bewillkommnen einen Skandal wie ein seltenes Wildbret, wie ein Gericht mit Hautgout, das man mit Verstand genießen muß. Er würzt es mit den wunderbarsten Zuthaten, bereitet es bei gelindem Feuer mit seltener Kunst und zehrt dann monatelang davon. Die rasche Abreise Helenens, weit entfernt, das Abenteuer im Höllengrund vergessen zu machen, hob dies nur um so mehr hervor und bot Veranlassung, es mit ebenso wohlwollenden als scharfsinnigen Ausschmückungen zu versehen. Die wahren Beweggründe zu dieser Flucht waren zu einfach und zu edel, als daß jemand hatte auf den Einfall kommen können, sie für wahrscheinlich zu halten; man suchte andere, und die Bewohner Juvignys ließen ihrer Einbildungskraft die Zügel schießen. Die kleine Regina war eine der ersten, die den Kopf schüttelte und andeutete, daß die Ursache dieser überstürzten Abreise wahrscheinlich ernster sei, als man glaube. »Wenn man sich nichts vorzuwerfen hat,« sagte dieses gewissenhafte Wesen, »so flieht man nicht wie eine Verbrecherin, und wenn Fräulein Laheyrard die Stadt heimlich verlassen hat, so wird sie dies wohl gethan haben, um die sichtbaren Folgen ihrer Waldspaziergänge zu verbergen.« Dabei zwinkerte die Nähterin mit den Augen und summte wie als Schlußfolgerung einen bekannten zweideutigen Vers vor sich hin. In Bälde flüsterte man sich zu, daß Gérard von Seigneulles Helene ernstlich kompromittiert habe. Diese Verleumdung, die zuerst mit geheucheltem Unglauben aufgenommen wurde, verbreitete sich durch die ganze Stadt, und da das junge Mädchen durch ihr unabhängiges Wesen, ihre geistvollen Schelmenstreiche und ihre auffallende Schönheit mehr wie einmal Eifersucht und Mißgunst erregt hatte, so fand diese boshafte Voraussetzung fast überall Glauben. Unter Helenens Anklägerinnen war Frau Grandfief die erbittertste und gefährlichste. Sie griff sie nicht offen an, aber sie hatte eine furchtbare Art, sie zu entschuldigen. »Ich für meine Person,« sagte sie, »habe nie an das Böse glauben können, und die christliche Liebe verbietet uns ein voreiliges Urteil; allein wenn ich an die trostlose Erziehung dieses unglücklichen Kindes denke, dann sehe ich mich genötigt, zuzugeben, daß alles möglich ist. Keine Grundsätze, kein Anstand und eine Mutter, die sie nie beaufsichtigt hat... Wie ist es anders möglich, als daß es mit einem so vernachlässigten Wesen ein schlechtes Ende nimmt? Darum werde ich nie müde, den Müttern, die Töchter haben, zu wiederholen: ›Meine Damen, wir müssen Grundsätze haben; ohne diese sind auch die besten Eigenschaften wertlos.‹ – Gott sei dank, Georgine ist anders erzogen worden. Ich habe sie nicht einmal dem Kloster anvertrauen mögen, meine Augen haben stets über ihr gewacht; sie hat kein Geheimnis vor ihrer Mutter, und ich lese in ihrem Herzen wie in einem Buch. Aber ich kann auch für sie einstehen wie für mich selbst.« Was Fräulein Georgine anbelangt, so stimmten sie all diese Gerüchte, die über Helenen im Gange waren, tief nachdenklich. Obgleich sie in gewissen Dingen sehr unwissend war und auch keinen durchdringenden Verstand besaß, so erregten doch die versteckten Bemerkungen über die Abreise Fräulein Laheyrards und die im Flug aufgefaßten Anspielungen auf die Art und Weise, in der sie bloßgestellt worden war, die Einbildungskraft des unschuldigen, aber neugierigen Mädchens aufs äußerste. Sie fragte sich, nicht ohne eine gewisse Unruhe, wie es denn möglich sei, daß diese geheimnisvollen Spaziergänge im Höllengrund so schnell so mißliche Folgen nach sich ziehen konnten. – Dieses Muster eines nach Grundsätzen erzogenen Mädchens fühlte sich um so mehr beunruhigt, als ihr Gewissen sich in Beziehung auf Marius Laheyrard einige kleine Sünden vorzuwerfen hatte: ein unklugerweise auf dem Balle angenommenes Sonett, ein inniger Händedruck nach einem Tanz, ja sogar zwei oder drei sehr zärtliche, auf der Straße gewechselte Liebesblicke. In ihrer treuherzigen Unwissenheit fragte sich Georgine bedenklich, ob sie nicht selbst den gefährlichen Weg betreten habe, auf dem Helene einen so schrecklichen Fall gethan hatte, und doch konnte sie durch einen eigentümlichen Widerspruch es nicht unterlassen, zwischen ihre Gewissensbisse hinein mit Wohlgefallen an diesen großen, schönen Dichter zu denken, der so kühn, so lebhaft und so verführerisch war ... Die Klatschereien waren im Gange und verbreiteten sich von Haus zu Haus. Nur an der Schwelle der Familie Laheyrard und an der Thüre des Herrn von Seigneulles gingen sie vorüber. Sogar in das Haus des letzteren kamen sie mit Marie, die sie von ihren Einkäufen mit nach Hause brachte; die alte Dienerin kannte aber ihren Herrn viel zu gut, als daß sie nicht reinen Mund gehalten hätte; der schweigsame Baptist sagte wie gewöhnlich kein Wort. Trotz dieser Zurückhaltung war Herr von Seigneulles unruhig; man hätte glauben können, er wittere, wie ein alter wachsames, sein Lager umkreisender Eber, etwas in der Luft. Als er den Tag vorher bei Frau von Travanette in das Zimmer getreten, war die begonnene Unterhaltung plötzlich verstummt; die täglichen Gäste hatten zurückhaltende und verlegene Gesichter gemacht; sogar die alte Dame selbst schien etwas befangen zu sein und hatte sich nicht nach Gérards Befinden erkundigt. Ein neu hinzugekommener Besucher begann plötzlich von der Flucht Fräulein Laheyrards zu sprechen; allgemeines Schweigen folgte auf diese unzeitgemäße Bemerkung, wahrend es schien, als ob gewisse schiefe, dem Sprechenden zugeworfene Blicke denselben auf die Anwesenheit des Chevaliers aufmerksam machen sollten. Herr von Seigneulles war sehr nachdenklich nach Hause zurückgekehrt und hatte die Lippen nur zum Essen und Trinken geöffnet; dann hatte er sich in sein Zimmer zurückgezogen und eine gewisse Melodie gepfiffen, die, nach Mariens Erfahrung, immer »Sturm« bedeutete. Der nächste Tag war wieder Rasiertag; Herr von Seigneulles befand sich schon in seiner Küche, als Magdelinat mit noch unterwürfigerem Wesen und noch geschmeidigerem Rückgrat als gewöhnlich erschien. Dem Barbier waren natürlich alle diese Gerüchte bekannt, durch welche die Stadt in Aufregung versetzt worden war; allein er war durch Schaden klug und vorsichtig geworden und trotz seiner Schwatzhaftigkeit schwieg er während der ganzen Operation. Herr von Seigneulles brach zuerst das Schweigen und sagte: »Nun, Magdelinat, was gibt's Neues?« »Nichts, Herr Baron, absolut nichts.« »Hm!... Für einen Mann Ihres Zeichens sind Sie nicht sehr auf dem Laufenden... Wissen Sie denn nicht, daß unsere Nachbarin, Fräulein Laheyrard, die Stadt verlassen hat?« »Verzeihung,« antwortete der Barbier, »ich wußte es wohl, allein ich fürchtete, Sie mit solchen Klatschereien zu langweilen.« »Das ist keine Klatscherei, es ist eine Thatsache,« fuhr Herr von Seigneulles unschuldig fort. Magdelinat betrachtete ihn verblüfft. Durch die gleichgültige Miene seines Kunden getäuscht, glaubte er, der Chevalier wisse von dem Abenteuer seines Sohnes und kümmere sich weiter nichts darum. Deshalb fuhr er mit seiner süßlichsten Miene fort: »Ja, die Thatsache unterliegt keinem Zweifel ... unglücklicherweise; aber Sie wissen es ja, es wird immer alles übertrieben und man muß nie mehr als den achten Teil von dem glauben, was erzählt wird.« Herr von Seigneulles sprang auf: »Und was, zum Henker, erzählt man denn?« schrie er und durchbohrte den zurückfahrenden Barbier mit seinen grauen Augen. – Dieser Unglückliche begriff, daß er eine Dummheit gemacht hatte, und versuchte, wieder einzulenken. – »Dummheiten,« sagte er und nahm eine zwanglose Miene an, »die Welt ist so schlecht! Ich meinesteils möchte wetten, daß nichts an der Sache ist als ein bißchen Leichtsinn, und daß Herr Gérard nicht schuld ist...« »Gérard!... Alle Wetter, was soll denn mein Sohn nun wieder mit dieser lächerlichen Geschichte zu thun haben?« Der Chevalier hatte sich wütend erhoben und mit einer zornigen Bewegung Magdelinat in eine Ecke der Küche gedrängt. Der Friseur war weißer als sein Handtuch und versuchte sich zu befreien, wobei er der Thüre verzweifelte Blicke zuwarf. »Habe ich Herrn Gérard genannt?« stöhnte er, »ich werde mich versprochen haben. Weiß man denn je in solchen Fällen, wer der Vater ist?« »Der Vater?« Herr von Seigneulles faßte den unglücklichen Magdelinat an der Halsbinde, drückte ihn gegen die Wand und schrie mit vor Aufregung erstickter Stimme: »So, du verdammte Bestie, du weißt mehr als du sagen willst! Sofort sprich deutlich und klar, sonst reiße ich dir deine niederträchtige Zunge aus und nagle sie zwischen zwei Eulen an die Thüre meiner Kelter!...« »Was soll ich denn sagen?« stotterte Magdelinat halb erwürgt, »ich weiß nur das, was man in der ganzen Stadt erzählt: es wird behauptet, die Tochter des Schulrates habe nur allzu gut gewußt, warum sie habe verschwinden müssen, und es gibt Menschen, die schlecht genug sind, vorauszusehen ...« »Daß mein Sohn sie ins Unglück gestürzt hat?« »Es scheint, daß man dies sagt; aber ich glaube es nicht.« »Glauben Sie's oder glauben Sie's nicht!« schrie der Chevalier und zwirbelte Magdelinat im Kreise herum, »bilden Sie sich denn ein, ich kümmere mich um Ihre Meinung?... Packen Sie sich, Herr... Magdelinat, und setzen Sie nie mehr einen Fuß in mein Haus.« Der Friseur machte sich schleunigst aus dem Staube; der Chevalier blieb starr wie eine Bildsäule auf der Schwelle stehen. Er war ganz niedergeschmettert. Marie sah ihn an allen Gliedern zitternd an; man hätte eine Stecknadel in der Küche fallen hören. Plötzlich riß sich Herr von Seigneulles den Schlafrock vom Leibe, warf ihn Marien ins Gesicht und sagte mit dumpfer Stimme: »Meinen Rock!« Sobald er angezogen war, eilte er zu Abbé Volland, den er einem regelrechten Verhör unterwarf. Der Geistliche wußte, daß Helene in Paris, in einer Pension in der Rue de Vaugirard, Zuflucht gesucht habe; er kannte alle die Verleumdungen, die über das junge Mädchen in Umlauf gebracht worden waren und mußte, obgleich er sie nicht für schuldig hielt, seufzend zugeben, daß das arme Kind den Schein gegen sich habe. Dies war weit davon entfernt, den Chevalier zu beruhigen; er blieb eine Stunde mit dem Abbé eingeschlossen und kaum hatte er das Pfarrhaus verlassen, als an einer Biegung der Straße auch Gérard staubbedeckt erschien. Der junge Mann sah hohläugig und abgespannt aus und schien sehr beunruhigt zu sein. Vier tödlich lange Tage hatte er in Groß-Allard auf den versprochenen Brief Helenens gewartet. Er schlief nicht mehr, fand nirgends Ruhe und lief jeden Tag verzweifelt bis an die Grenze der Wälder. Jeden Augenblick war er auf dem Sprung, Helenens Verbot zu übertreten und nach Juvigny zu eilen. Nur die Furcht, das schon verursachte Unheil durch seine Anwesenheit noch zu vergrößern, hielt ihn am Waldsaum fest oder trieb ihn wieder entmutigt nach Groß-Allard zurück. Endlich, am Morgen des fünften Tages, konnte er es nicht mehr aushalten; er hatte die Meierei verlassen und kam nun fieberhaft erregt und atemlos in Juvigny an und stand in demselben Augenblick vor der Hausthüre, als auch Herr von Seigneulles vom Pfarrhaus zurückkam. Beim Anblick des Schuldigen schleuderten die Augen des Chevaliers wütende Blitze, und er war im Begriff, seinem Zorn auf offener Straße Luft zu machen; trotzdem hatte der hitzige Edelmann noch die Kraft, an sich zu halten; er zeigte Gérard, der mit entblößtem Haupte vor ihm stand, mit einer Handbewegung die Thüre und sagte: »Geh auf mein Zimmer, ich habe mit dir zu reden!« Der Ton, in dem dieser Befehl erteilt wurde, ließ Gérard nicht im Zweifel über die Stimmung seines Vaters. Gérard erkannte in dem unruhigen Leuchten der grauen Augen und den harten Linien um die blassen Lippen die Vorboten eines großen Sturmes. Als er die Stufen hinaufstieg, dachte er bei sich: »Kein Zweifel, er weiß schon um das Abenteuer im Höllengrund; um so besser, so bin ich der Verlegenheit enthoben, es ihm selbst zu erzählen, und er ist schon vorbereitet.« Als sie im ersten Stock auf der Flur angelangt waren, dessen Fenster nach dem Hof und den Gärten ging, warf Gérard einen flüchtigen Blick hinaus, um vielleicht Helenens Antlitz zwischen den Bäumen zu entdecken, was ihm wieder ein wenig Mut eingeflößt hatte; Herr von Seigneulles ließ ihm aber keine Zeit. Mit einer gebieterischen Bewegung wies er seinen Sohn in sein Zimmer. Nachdem der alte Edelmann heftig die Thüre zugeworfen hatte, sagte er: »Sieh mir in die Augen und antworte mir einmal in deinem Leben ehrlich... Kennst du die Geschichte, die in der Stadt in Umlauf ist?« »Ja, Vater,« entgegnete Gérard, überzeugt, daß sein Vater auf die entdeckte Zusammenkunft im Höllengrund anspiele. »Also ist es wahr... und du gestehst es selbst!« rief Herr von Seigneulles schmerzlich bewegt. »Ich gestehe es.« Der Chevalier schwieg einen Augenblick; die Sicherheit seines Sohnes verwirrte ihn. »Welche Schande,« dachte er, »und er wagt, es zu bekennen; gerechter Himmel, in was für einer Zeit leben wir? – Du solltest dich hundert Klafter tief unter die Erde verkriechen,« begann er wieder, »nachdem du eine solche Ruchlosigkeit begangen hast.« »Das Wort ist ein bißchen stark,« sagte Gérard, dem die väterliche Übertreibung ein Lächeln entlockte. »Donnerwetter!« zürnte Herr von Seigneulles entrüstet, »du hast noch die Stirne zu lachen? Ich habe Ruchlosigkeit gesagt, und ich bleibe bei dem Wort; es ist nicht zu stark, um diese Sache zu bezeichnen.« »Diese Sache ist doch nur natürlich. Du bist auch einmal jung gewesen Vater, und hättest gerade so gehandelt wie ich.« »Niemals!« entgegnete der finstere Chevalier verdutzt; »Bist du ein Ehrenmann, Bursche?« »Ich glaube.« »Ich, für meine Person, fange an, daran zu zweifeln. Nun, was gedenkst du denn bei dieser Lage der Dinge zu thun?« »Das wollte ich dich eben fragen,« antwortete Gérard mit unterwürfiger Miene. »Mich fragen!« schrie Herr von Seigneulles ganz außer sich. »Fließt denn kein Blut in deinen Adern? Ehe du den Fehler begangen hast, hättest du meine Meinung hören sollen. Du sagst, ich sei jung gewesen wie du... Meinst du, wenn mir ein ähnliches Unglück zugestoßen wäre, hätte ich um Rat gefragt, wie ich mich benehmen sollte? Wir Alten hatten eine andere Art, unsere Pflichten aufzufassen! Was ich gethan hätte? Ich hätte ein Pferd gesattelt und hätte das junge Mädchen aufgesucht, das du hast abreisen lassen, nachdem du sie in unwürdiger Weise bloßgestellt hattest.« »Helene ist abgereist!« stammelte Gérard. »Spiele doch nicht den Unwissenden!« fuhr der Chevalier fort, während er im Zimmer hin und her rannte; »konnte sie hier bleiben, in der Lage, in die du sie versetzt hast? Nun! wo soll es hingehen?« fügte er hinzu, als Gérard nach der Thüre stürzte. »Ich will thun, was du mir vorwirfst, nicht eher gethan zu haben,« antwortete der junge Mann, der sehr bleich geworden war; »ich will sie aufsuchen.« »Bleib!« sagte Herr von Seigneulles herrisch und hielt seinen Arm fest. »Vater, laß mich fort!« »Ich verbiete es dir! Du hast genug Dummheiten begangen; jetzt ist es an mir zu handeln, wie ich es für richtig halte.« Gérard, durch den Widerstand gereizt, machte verzweifelte Anstrengungen, die Thüre zu gewinnen. Der Chevalier war wütend geworden; der junge Mann bäumte sich wie ein wildes Pferd unter dem Sporn, und nun entspann sich zwischen ihnen ein stummer Kampf, der tragisch zu enden drohte. Vater und Sohn kannten sich selbst nicht mehr, sie waren vom Zorn vollständig überwältigt. Glücklicherweise besaß der alte Gardeoffizier noch eine kräftige Faust; er fand etwas von seiner früheren Stärke wieder, und so gelang es ihm schließlich, Gérard, der nach und nach ermattete, in einen Lehnsessel zu drücken. Dann riß sich der Chevalier mit einer für sein Alter erstaunlichen Behendigkeit los, war in einem Satz an der Thüre, schloß seinen Sohn ein und ging fort. Siebzehntes Kapitel. Der erschöpfte Jüngling blieb einige Zeit verblüfft und wie gebrochen in seinem Lehnstuhl sitzen. Die Vorwürfe und Verwünschungen seines Vaters klangen ihm noch in den Ohren. Alles, was sich in der letzten Viertelstunde begeben hatte, kam ihm vor wie ein qualvoller Traum. Nur verworren hörte er vom Hofe herauf das Stampfen Brunos, den Baptist am Zügel hielt, die laute Stimme seines Vaters und die Antworten der erstaunten Marie. »Bringt meinen großen Mantelsack!« schrie der Chevalier. »Den Mantelsack?« wiederholte die Dienerin, »Heilige Jungfrau! Seit zehn Jahren hat man den nicht mehr gebraucht! Sind Sie denn ganz von Sinnen, Herr von Seigneulles?« Darauf antwortete der wütende Chevalier mit Stampfen und Fluchen. Endlich nach vielem Hin- und Herlaufen und lautem Rufen, wurde der Mantelsack dem Pferde hinten aufgeschnallt und Gérard, der sich dem Fenster genähert hatte, sah, wie sein Vater in den Sattel sprang und dem Pferde einen heftigen Peitschenhieb versetzte. Bald erklangen die Hufschläge Brunos auf dem Straßenpflaster; der Chevalier war abgereist. Als Gérard den Kopf wieder erhob, bemerkte er Marius Laheyrard, der unter den Buchen auf der Terrasse rauchend auf und ab ging. »Ach,« dachte er, »so werde ich doch endlich Aufklärung erhalten!« Ohne die von seinem Vater abgeschlossene Thüre weiter zu beachten, stieg er aus dem Fenster und ließ sich, zwei Schritte von dem verblüfften Baptist, in den ungepflasterten Hof hinabgleiten. In zwei Minuten war er bei Marius unter den Bäumen im Obstgarten. »Das ist schön!« rief dieser und streckte ihm die Hand entgegen. »Sie haben sich nicht wie ein Schuljunge einsperren lassen... Ich mußte gewiß, daß Sie uns zu Hilfe eilen würden.« »Helene?...« fragte Gérard. »Abgereist,« antwortete Marius seufzend; »nach dem Angriff im Höllengrund war der Platz nicht mehr zu halten... Ach, mein armer Freund, ich habe ein schweres Unrecht gegen Sie begangen!« Und der Dichter begann, alle falsche Scham beiseite setzend, ihm ehrlich sein tolles Benehmen bei dem Jagdfrühstück und dessen unheilvolle Folgen zu berichten. »Helene ist vor dem Grolle Frau Grandfiefs geflohen: aber ich bin hier geblieben und in die Bresche getreten und werde dieser abscheulichen Scheinheiligen ein Gericht aus meiner Küche zu kosten geben.« Gérard bestand darauf, den Aufenthaltsort Helenens zu erfahren, und Marius nannte ihm schließlich die Straße und das Haus, in dem seine Schwester Zuflucht gesucht hatte. »Danke!« rief Gérard aus, »ich werde sofort nach Paris reisen; wollen Sie mich begleiten?« »Nein, jetzt nicht... ich brüte meine Rache aus und weiche nicht vom Platz; aber, lieber Freund, was wollen Sie denn dort thun?« »Ich will,« sagte Gérard mit entschlossenem Ton, »Helenen sehen, ihr zeigen, daß mein Herz sich nicht geändert hat und erst hierher zurückkehren, wenn ich sie als meine Gattin heimführen kann.« Seine Augen blitzten und sein Gesicht hatte einen so ungewohnten, energischen Ausdruck angenommen, daß Marius ihn einen Augenblick verwundert betrachtete, ihm dann aber kräftig auf die Schulter klopfte und sagte: »Sie gefallen mir, Sie sind ein Mann!... Reisen Sie also und gut Glück! Steigen Sie im Hotel Parnaß ab; der Wirt ist ein gescheiter Kerl; aber berufen Sie sich nicht auf mich, sonst setzt er Sie schmählich vor die Thüre!« Unterdessen trabte Herr von Seigneulles auf der Landstraße dahin zur Station. Dem ungeduldigen Chevalier schienen die Kilometersteine gar kein Ende nehmen zu wollen, und er spornte daher den friedlichen Bruno, der aus diesem Benehmen gar nicht klug werden konnte, bis aufs Blut. Trotz seines Widerwillens gegen die Eisenbahn und alle modernen Erfindungen wäre der alte Edelmann gerne schon in seinem Zuge und auf dem Wege nach Paris gewesen. »In diesem Augenblick gibt es Leute auf der Welt,« dachte er bei sich, »welche das Recht haben, die Seigneulles einer unehrenhaften Handlung zu beschuldigen. Ihr bis dahin reines, azurfarbenes Wappenschild zeigt nun einen schmachvollen schwarzen Flecken.« Dieser Gedanke genügte, ihm die Schamröte auf die Stirne zu treiben. Er fühlte, daß er nicht eher Ruhe finden würde, als bis dieser Flecken ausgelöscht wäre. Wie er dies anfangen wollte, wußte er noch nicht, und er wagte es kaum, diesen wunden Punkt näher ins Auge zu fassen. Während er den Zwang verwünschte, den ihm die Thorheit seines Sohnes aufgedrungen hatte, sagte er sich: »Vor allem muß ich dieses unselige Geschöpf einmal sehen. Was für eine Art Mädchen mag sie sein? Gott allein weiß es! Irgend eine Abenteurerin mit verführerischen Augen und herausforderndem, bezauberndem Wesen. Wenn Gérard wenigstens irgend ein armes, schüchternes und zurückhaltendes Mädchen bloßgestellt hätte, aber nun muß ich mit so einer Pariser Sirene ohne Grundsätze und ohne Erziehung zusammentreffen ... Zum Henker auch!« Er verachtete Helene von ganzem Herzen, er grollte ihr, daß sie nach Juvigny, gekommen war, um seine Pläne zu vereiteln und die Zukunft seines Sohnes zu verderben. Und doch konnte er durch einen seltsamen Widerspruch nicht ohne Entrüstung daran denken, daß dieses achtzehnjährige Mädchen durch Gérards Schuld zu Grunde gerichtet worden war. Adelsstolz, Ehrgefühl und väterlicher Egoismus kämpften heftig in dieser zwar beschränkten, aber ehrenhaften Seele. – »Ich werde keine Ruhe haben, ehe ich sie gesehen habe!« rief er querfeldein; »verfluchter Weg! will er denn gar kein Ende nehmen!« Nichtsdestoweniger verminderte sich die Entfernung nach und nach; von der Höhe eines Abhanges herab sah Herr von Seigneulles das Bahnhofsgebäude und vernahm den Pfiff einer Lokomotive. Er fürchtete, der Zug fahre ohne ihn ab, gab dem Pferd beide Sporen und ritt in toller Eile bergab. Unglücklicherweise entsprachen Brunos Kräfte nicht der Ungeduld seines Herrn; an einer Biegung stolperte das Pferd und stürzte, und der hitzige Edelmann wurde gegen einen Steinhaufen geschleudert. Bauern, die ein benachbartes Feld bestellten, kamen herbeigelaufen. Herr von Seigneulles, der sich nicht auf den Füßen halten konnte, wurde mit zerschundenem Gesicht aufgehoben und in die einzige Herberge des nahen Dorfes gebracht, wohin ihm auch sein an den Knieen verletztes, lahmendes Pferd folgte. Dann wurde der Bahnarzt gerufen. Herr von Seigneulles hatte heftige Schmerzen am Bein und biß sich auf die Lippen, um nicht zu schreien, während man ihn entkleidete, aber der physische Schmerz war nichts im Vergleich zu der psychischen Gereiztheit, die er empfand, wenn er an die durch den unglücklichen Fall verursachte Verzögerung dachte. Nachdem er den Kranken gründlich untersucht hatte, erklärte der Arzt, daß er nichts gebrochen habe. Nur das Bein war stark gequetscht und schwoll zusehends an. »Es hat nichts auf sich,« sagte er, »trinken Sie Arnika und setzen Sie sich zehn Blutegel oberhalb des Kniees und alles geht gut.« »Und ich werde morgen weiterreisen können?« rief Herr von Seigneulles. »Das nicht, aber in vier Tagen, wenn Sie folgsam sind... Zehn Blutegel, haben Sie gehört?« »Vier Tage,« zürnte der Chevalier, sobald der Arzt gegangen war, »das ist unmöglich; dieser Tölpel will meinen Tod.« Dann setzte er sich auf und befahl, man solle ihm auf der Stelle vierzig Blutegel holen. »Ich bitte um Vergebung,« wendete die Wirtin ein, »der Arzt hat gesagt zehn ...« »Der Arzt ist ein Esel,« erwiderte herrisch Herr von Seigneulles, »gehorchen Sie!« Als die Blutegel gebracht morden waren, schickte er alles hinaus und begann, sich nacheinander die vierzig Blutegel über dem Knie zu setzen. In seiner Eigenschaft als Soldat glaubte Herr von Seigneulles nur an Pferdekuren, und er war in aller Stille zu der wunderbaren Schlußfolgerung gelangt: ›Wenn ich mit zehn Blutegeln in vier Tagen gesund werde, so kann ich morgen wieder auf den Beinen sein, wenn ich die Dosis vervierfache.‹ Das nannte er eine energische Behandlung der Sache; sehr energisch in der That, denn nach drei Stunden, nachdem er fast all sein Blut verloren hatte und weißer aussah als sein Betttuch, wurde der Chevalier ohnmächtig und hatte nur eben noch Zeit, um Hilfe zu rufen. Der in der Eile herbeigerufene und von der Heldenthat seines Patienten unterrichtete Arzt erhob ein Zetergeschrei: »Nun sind Sie in einem schönen Zustand!« zürnte er, »nun haben Sie genug für vierzehn Tage ... Man ist nicht ungestraft so furchtbar dumm!« Zu anderer Zeit hätte Herr von Seigneulles die Unverschämtheit dieses ländlichen Aeskulap derb gerügt, aber jetzt war er nicht einmal kräftig genug, um böse zu werden. Er begnügte sich damit, traurig aufzuseufzen, und vergrub sich verzweifelnd in seine Decken. Achtzehntes Kapitel. Während Gérards Vater sich in dem Wirtshause in Blesmes in Ungeduld verzehrte, dachte Marius Laheyrard in Juvigny immer eifriger darüber nach, wie er sich an Frau Grandfief rächen konnte. Der unduldsame Dünkel dieser widerwärtigen Person, die sich zum obersten Sittenrichter in der Stadt auswarf, hatte Marius stets geärgert; er konnte ihr aber hauptsächlich den Ueberfall im Höllengrund und Helenens Abreise nicht verzeihen. Jeden Morgen, beim Erwachen, schwur er, die Stadt nicht zu verlassen, ohne den Hochmut dieser Dame gedemütigt zu haben. Um ihr unangenehm zu werden, begann er unterdessen, ihrer Tochter Georgine den Hof zu machen. Seit dem Ball in Salvanches, wo Fräulein Grandfief eines seiner eigenartigen Sonette angenommen hatte, war es von Marius nicht unbemerkt geblieben, daß ihn die duckmäuserische kleine Person mit sehr günstigen Augen betrachtete. Ich weiß nicht, ob sie die feurigen vierzeiligen und die sonderbaren dreizeiligen Strophen des Dichters hinreichend zu schätzen wußte, aber ein junges Mädchen empfängt Gedichte, zu denen sie begeistert zu haben glaubt, stets mit großer Freude. Georgine hatte die Reime des jungen Laheyrard aufs sorgfältigste verschlossen und las sie im geheimen immer wieder, ohne gerade viel davon zu verstehen. Der fröhliche Marius war aber auch gerade ein Liebhaber, wie er dieser Unschuld gefallen mußte. Ein unermüdlicher Tänzer und Lebemann, mit blühendem Antlitz und dichtem, starkem Bart, mit kühnem Auge und gewandter Zunge, schien er Georginen ein eigentümlich verführerisches, unwiderstehliches Wesen zu sein. Von jeher haben wohlerzogene Mädchen einen besonderen Geschmack für Taugenichtse gehabt, und Fräulein Grandfief fand die Liebe des Dichters so schmackhaft wie eine verbotene Frucht. Sie begegnete Marius bei jedem Ausgang, und seit einiger Zeit fehlte er auch nie beim Hochamt in Sankt Stephan, wo er, in der Nähe ihres Platzes stehend, ihr feurige Liebesblicke zuwarf und sie dadurch in zwar strafbare, aber köstliche Zerstreuung stürzte. Sie empfand bei den kühnen Angriffen des jungen Mannes einen leichten Schauder, der aber den Reiz dieser heimlichen Huldigungen nur noch vermehrte. Seit jenem berühmten Frühstück hatte Marius keinen Fuß mehr in das Grandfiefsche Haus gesetzt; wenn aber Georgine an Mondscheinabenden in ihrem Fenster lag, sah sie ihn um die Einfriedigung von Salvanches herumschleichen, und sie sah ihn schon im Geist die Mauern erklettern und eine Strickleiter an ihrem Altane befestigen. Dann legte sie sich in kindischen Aengsten zu Bett, träumte von ihrem Verehrer und erhob sich ab und zu wieder, um mit bloßen Füßen zum Fenster zu laufen und zu sehen, ob er noch da sei und vielleicht unter einer der Platanen des nächtlich einsamen Spazierweges stehe ... Nach und nach fand Marius selbst Geschmack an dieser Liebelei, die er aus Prahlerei begonnen und in der Hoffnung, Frau Grandfief dadurch zu ärgern, fortgesetzt hatte. Die appetitliche Schönheit der niedlichen Kleinstädterin mit den blühenden, pfirsichfarbenen Wangen, den heuchlerisch gesenkten schwarzen Augen, den vollen, roten Lippen hatte manches, was diesen kräftigen jungen Mann, dessen Lebenslust erstaunlich von seinen düsteren, sehnsuchtsvollen Dichtungen abstach, anziehen konnte. Fast unmerklich erwärmte sich seine Einbildungskraft und sein erst so ruhiges Herz fühlte sich auch ergriffen; kurz, was zu Anfang ein Spiel gewesen war, wurde zum Schluß zwar keine große Leidenschaft – Marius war einer solchen nicht fähig –, aber eine sehr lebhafte und hinreichend ernste Neigung. Die Zeit der Weinlese war gekommen. Das ist der Zeitpunkt, wo die Umgegend von Juvigny, die für gewöhnlich zu grau oder zu grün ist, plötzlich Farbentöne von einer wahrhaft südlichen Kraft und Ueppigkeit annimmt. In den Wäldern röten sich die Elsbeerbäume, die Buchen werden rotbraun und die Eichen lohfarben. Von weitem gleicht der Wald einem wogenden Meere mit dunklen, rötlichvioletten Wellen; aber besonders auf der Seite der Weinberge entfaltet sich vor den trunkenen Blicken eine glänzende, kunstvoll ineinander verschmolzene Farbenpracht. Ueber die weichen Wellenlinien der Hügel von Barrais breitet der Herbst seinen Mantel, der an die wunderbare Schöne der reichsten Gewebe des Orientes erinnert. Hier prangen die Reben in der ganzen Farbenskala von rot und gelb: leuchtendes Purpurrot, blasses Grün, rötlich schimmerndes Gold, die frische, rosige Farbe der Morgenröte fließen harmonisch und melodisch ineinander und machen den Eindruck einer magischen Symphonie. In der Tiefe vermittelt das silberne Laub der Weiden, in der Höhe der weißliche Duft des Horizontes sanft den Uebergang der lebhaften, warmen Farbentöne der Wälder und Weinberge zu dem satten Grün der Wiesen und dem tiefen Blau des Himmels. Der fast immer schöne Spätherbst erhöht den heiteren Charakter der Landschaft noch mehr; ganz Juvigny lebt herrlich und in Freuden. Der Weinstock ist der Hauptreichtum des Landes, und wenn der Herbst ein guter ist, so leert jeder Weinbergbesitzer einige alte, in der Tiefe des Kellers verborgene Flaschen zu Ehren der neuen Lese. Sobald der Morgen graut, ziehen Winzer und Winzerinnen truppweise singend durch die Straßen; den ganzen Tag sind die Wege von den mit Trauben beladenen Karren belebt, die Keltern öffnen ihre großen Thorwege und lassen trotz der in ihnen herrschenden Dunkelheit die riesigen, weitbauchigen Bütten und die rundlichen Wölbungen der an den Wänden aufgestapelten Fässer erkennen. Gegen Mittag machen sich auch die Frauen und jungen Mädchen nach den Weinbergen auf und mischen sich unter die Arbeiter; man bringt das Vesperbrot mit und verzehrt es, behaglich am Rand einer Wiese gelagert, im Freien; nachher geht man, wie die guten Unterthanen Grandgousiers, Vater Gargantuas (Rabelais). unter das Weidengebüsch und tanzt dort auf dem dichten Gras, »so fröhlich, daß es ein himmlischer Zeitvertreib war, zu sehen, wie sie sich ergötzten ...« Von allen Seiten riefen Gesang und Gelächter das Echo wach. Erst in der Dämmerung kehrte man mit dem letzten traubenbeladenen Karren in die Stadt zurück, wo das Tagewerk mit einem ebenso fröhlichen, wie reichlichen Mahl, bei dem auch der zwiebelfarbige Landwein nicht gespart wird und lautes Lachen ertönt, beschlossen wird. Es ist eine Zeit der Freiheit und lärmenden Fröhlichkeit, in der sich alle Rangesunterschiede verwischen und alle Zimperlichkeit beiseite geschoben wird. Der süße Weinduft, der den Keltern entströmt und die ganze Luft mit seinem Aroma erfüllt, regt noch mehr zu diesem Sichgehenlassen an. Marius Laheyrard hütete sich wohl, bei diesen ländlichen Freudenfesten zu fehlen, um so mehr, als er hoffte, Fräulein Grandfief bei dieser Gelegenheit zu begegnen. Der Liebesgott schien ihm hold zu sein und eines schönen Nachmittags traf er in dem Weinberg eines seiner Freunde Georginen mit den Schwestern desselben, die den Taglöhnerinnen beim Traubenlesen halfen. Um das Glück voll zu machen, war sie auch noch allein gekommen; Frau Grandfief, durch Kopfschmerzen ans Haus gefesselt, hatte sich dazu verstanden, ihre Tochter einer Freundin anzuvertrauen. Das war für den Dichter ein unverhofft glückliches Ereignis, und es läßt sich denken, daß er es sich zu nutze machte. Man las Seite an Seite, man naschte von derselben Traube, man vesperte von dem gleichen Teller und benutzte bei den Rundtanzen die Gelegenheit, sich die Hand zu drücken. Als man des Abends in die Stadt zurückging, hielt der Besitzer des Weinberges Marius zum Abendessen zurück und ließ zu Ehren der Damen beim Nachtisch einige Flaschen Champagner bringen. Georgine, die den schäumenden Wein durchaus nicht verachtete, ließ sich überreden und trank ein ganzes Kelchglas auf einmal aus. Der Dichter machte auch keine Umstände, und als man vom Tisch aufstand, waren die Köpfe warm, die Zungen gelöst, und die Augen glänzten. Georgine wurde von ihrer Kammerjungfer abgeholt und mußte gehen. Sie ging in ein anderes Zimmer, um ihren Mantel zu holen und sich fertig zumachen; in dem allgemeinen Durcheinander schlich der ausgelassene Marius, ohne viel zu überlegen, was er that, aus dem Eßzimmer und begann das junge Mädchen zu suchen. Er schlenderte ohne Ziel durch die nur halberleuchtete Flur, als er an der Treppe Fräulein Grandfief auf sich zukommen sah. Sie stieg fröhlich, ihren Strohhut in der Hand, die Treppe herauf und summte die Melodie eines Walzers vor sich hin. Noch nie war sie Marius so hübsch erschienen als jetzt, wie sie ohne Hut mit rosigen Wangen und lächelndem Mund, etwas hochgetragenem Näschen und blitzenden Augen auf ihn zukam. Wie gesagt, Marius hatte einen Spitz und auch Georgine selbst war etwas angeheitert; der Spaziergang, die leichte Erregung durch den in den Trauben genossenen Wein, das fröhliche Abendessen, all dies war ihr ein wenig zu Kopfe gestiegen. Sie sah so frisch und einnehmend aus, das Treppenhaus war so leer, daß es Marius war, als ob ihn ein unsichtbarer Kobold vorwärts treibe; ohne zu sprechen, faßte er beide Hände Georginens, die ihn anlächelte, und drückte einen Kuß auf die blühenden Lippen. Zuerst war sie ganz bestürzt; sei es nun aus Verwirrung, sei es Schrecken oder vielleicht auch, daß sie in diesem mutwilligen Kuß eine noch nie gekostete Süßigkeit fand, genug sie machte auch nicht die leiseste Bewegung, und Marius glaubte zu fühlen – die Dichter pflegen stets eitel zu sein –, daß Georginens Lippen vor den seinen nicht gerade flohen. Plötzlich stieß sie einen leichten Schrei aus, eine Thüre hatte sich geöffnet und Regina Lecomte, die zu den Winzerinnen gehörte, war auf der Schwelle erschienen. Fräulein Grandfief machte sich mit entrüsteter Miene frei und entfloh mit einem dunkelroten Gesicht, während Marius, von seinem Abenteuer entzückt und in der Erinnerung an den Kuß schwelgend, mit dem köstlichen Selbstgefühl, das ein leichter Rausch verleiht, die Treppe hinunterging und zu sich selbst sagte: »Angeführt, Frau Grandfief!« Georgine kehrte verwirrt und nachdenklich nach Salvanches zurück. Sie hatte eine sonderbare, beunruhigende Empfindung, in die sich sowohl Schrecken und Angst, als auch Vergnügen und Sehnsucht mischten. Als Marius' Lippen die ihren berührt, hatte es sie bald glühend heiß, bald eiskalt überlaufen und es war ihr so beklommen und so voll ums Herz gewesen, und – sie mußte es sich gestehen, obgleich sie darüber errötete – sie hätte gewünscht, daß dieser Kuß kein Ende nehme. Noch fühlte sie den Druck dieser kecken Lippen auf ihrem Munde. Doch bald wurde ihre unschuldige, fromme Seele von einer furchtbaren Angst erfaßt; es war eine Sünde, die sie soeben begangen hatte, und zwar mußte es eine schreckliche Sünde sein, da sie ein so aufregendes und doch so süßes Fieber zurückgelassen hatte! Helene Laheyrard, die so grausam bestraft und verurteilt worden war, hatte wahrscheinlich nichts Schlimmeres gethan! ... Und wenn diese abscheuliche Sünde als Strafe des Himmels für sie nun dieselben unheilvollen Folgen hätte wie für die Tochter des Schulrates! ... Diese wunderliche Angst durchschauerte sie von Kopf zu Fuß; sie konnte an nichts anderes mehr denken. Als sie in ihrem kleinen Zimmer allein war, verdoppelte sich ihre Furcht. Sie blickte einen Augenblick in den Spiegel, wandte aber rasch den Kopf ab, denn der Glanz ihrer Augen flößte ihr Schrecken ein. Soviel war sicher, es war etwas Neues und Schreckliches in ihr vorgegangen, sie hatte Fieber, sie fühlte ein unerklärliches Zittern. – »Ach mein Gott, mein Gott, was soll aus mir werden!« dachte sie, als sie ihr dunkles Köpfchen in die Kissen drückte, »und diese Regina mit ihrer bösen Zunge, die alles gesehen hat und alles erzählen wird! ... Morgen bin ich das Stadtgespräch.« – Sie schluchzte und jammerte ganz leise; sie schlief erst sehr spät ein und träumte die ganze Nacht von Helene Laheyrard. Sobald sie erwacht war, eilte sie zu ihrem Spiegel. Als sie ihre umränderten Augen, ihre abgespannten Züge und ihre blassen Lippen sah, war sie nicht mehr im Zweifel. Es war gewiß, auch sie war verloren! Wie konnte sie es wagen, sich den strengen, forschenden Blicken ihrer Mutter zu zeigen? Und doch mußte sie sich zeigen, und zur Frühstückszeit ging sie zitternd hinab. Glücklicherweise war Frau Grandfief von den Vorbereitungen zu einer Wäsche sehr in Anspruch genommen und bemerkte die Veränderung in dem Aussehen ihrer Tochter nicht. Den ganzen Vormittag war Georgine schweigsam und ängstlich. So oft sie an einem Spiegel vorüberging, sah sie mit Schrecken ihr blasses Gesicht und ihre Furcht verdoppelte sich. Ihre Aufregung und ihre Traurigkeit entgingen dem Abbé Volland nicht, der nachmittags nach Salvanches kam. Der Geistliche hatte Georgine von ihrer Kindheit an gekannt und behandelte sie noch wie ein kleines Mädchen. Er war ein guter Beobachter und wunderte sich über die Veränderung, die mit diesem für gewöhnlich so blühenden und harmlosen Gesicht vorgegangen war. Er glaubte, Georgine gräme sich über die nicht zustande gekommene Heirat mit Gérard und vermutete, daß diese Enttäuschung sie mehr betrübe, als sie sagen wolle, und er beschloß deshalb, sich mit dem jungen Mädchen darüber auszusprechen. Als er sich von Frau Grandfief verabschiedete, sagte er zu Georginen: »Höre, ich habe mit dir über die Altardecke zu reden, welche die jungen Mädchen von der Rosenkranzkongregation für die Kapelle der heiligen Jungfrau sticken. Besuche mich morgen nach der Neunuhrmesse im Pfarrhaus.« Fräulein Grandfiefs Angst wurde durch diese Einladung noch mehr gesteigert. Ohne Zweifel wußte der Geistliche schon von dem Ereignis, und sie bebte bei dem Gedanken an ein Verhör, dem er sie unterziehen könnte. Am anderen Morgen, nach einer schlechten Nacht, ergriff sie zitternd den schweren Thürklopfer am Pfarrhaus. Der Geistliche war eben nach Hause gekommen und ging in Erwartung des jungen Mädchens in seinem Studierzimmer auf und ab. Sobald er sie erblickte, schickte er seine alte Haushälterin hinaus, rückte mit der Gewandtheit eines Untersuchungsrichters seinen Lehnsessel gegen das Fenster, damit das volle Licht auf seine Besucherin falle, dann faßte er Georginen bei der Hand, ließ sie sich ihm gegenüber setzen und begann: »Nun, mein liebes Kind, was gibt es Neues in Salvanches?« »Nichts, Herr Pfarrer, Mama ist mit der Wäsche beschäftigt und Papa ist auf der Jagd.« »Und du, was treibst du? Man sollte meinen, du langweilest dich, dein Gesicht wird schmal.« Georgine zitterte und wurde noch blässer. »Ich?« antwortete sie und schlug die Augen unter den Blicken des Geistlichen nieder; »aber ich habe gar nichts, ich versichere Sie.« »Warum hast du denn ein so verstörtes Gesicht?...« Der Abbé Volland betrachtete sie aufs neue über seine Brille hinweg und bemerkte, daß sie die Fassung verlor. »Ich sage dir,« fuhr er fort, »du hast dich sehr verändert und man macht nicht ohne Grund ein solches Gesicht. Komm, Kind, mache keine Winkelzüge, sondern erzähle mir deine kleinen Sorgen; du weißt ja, daß ich nicht streng bin wie deine Mutter, und daß du Vertrauen zu mir haben kannst.« »Ach Herr Pfarrer,« rief Georgine, krampfhaft die Hände ringend, mit noch immer niedergeschlagenen Augen, »ich kann es nie wagen!« »Ist es denn so was Bedeutendes?« fragte der Abbé mit ermutigendem Lächeln. »Es ist mir nicht möglich, es zu sagen,« flüsterte Georgine; dann stotterte sie zitternd, von den Schrecken und Gewissensbissen, die sie fast erstickten, getrieben: »Herr Pfarrer, ich habe einen Fehltritt begangen!« »Einen Fehltritt?« wiederholte der etwas verwirrte Abbé. Er betrachtete das fassungslose Gesicht Georginens und fuhr ernster fort: »Willst du, daß ich deine Beichte höre?« »Ach,« erwiderte sie mit tragischem Ausdruck, »das ist unnötig... denn ich muß meiner Mutter doch gestehen, in welcher Lage ich bin.« Der Geistliche fuhr auf und stieß seinen Lehnsessel zurück. »Um was handelt es sich denn, und was hast du gethan?« »Ich glaube,« stöhnte das arme Kind, »ich fürchte, ich... daß ich bin... wie Helene Laheyrard.« Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Der Abbé Volland sprang verblüfft auf. »Na,« brummte er, »was faselst du da? Hast du denn den Verstand verloren?... Komm, mein Kind, erkläre dich deutlicher und mit voller Offenheit... Was ist geschehen?... Fehler von der Art, wie der, auf den du anspielst, begeht man nicht durch den Gedanken... Man sündigt auf diese Weise nicht... nicht ganz allein.« Der Geistliche wischte sich die Stirne ab, denn dieses kitzliche Verhör preßte ihm dicke Schweißtropfen aus. »Ich war auch nicht allein,« antwortete Georgine; dann zerfloß sie in Thronen und wurde plötzlich mitteilsamer: »Ach, Herr Pfarrer, ich bin verloren!« »Heilige Jungfrau!« rief der Pfarrer aus und schlug die Hände zusammen, »wer ist der Taugenichts, der verbrecherisch genug ist?...« »Herr Marius Laheyrard.« »Marius!... Auch das noch!... Es muß ein besonderes Verhängnis über dieser Familie walten!... Komm, unglückliches Kind, sage mir alles; hier ist jetzt nichts mehr zu verbergen. Wo ist es denn geschehen?« »Auf der Treppe, bei Herrn Carrard,« schluchzte Georgine. »Auf einer Treppe?... Schamlose Frechheit!« rief der Abbé verwirrt! »nun, was denn? Sprich!« Und Stück für Stück entlockte er Fräulein Grandfief ihr harmloses Geständnis; wie ein Espenlaub zitternd, berichtete sie alles; wie ihr Marius, von ihr ermutigt, so angelegentlich den Hof gemacht, wie sie ihn in dem Weinberg getroffen und sich bei dem Nachtessen ein wenig berauscht habe, und endlich kam sie auch an den fürchterlichen Kuß auf den Mund, und das Vergnügen, das ihr derselbe bereitet hatte. »Und dann?« grollte der entrüstete Abbé. »Das ist alles,« flüsterte Georgine, die in Thränen und Scham fast verging. Der Geistliche atmete tief erleichtert auf. »Du sagst mir doch die ganze Wahrheit?« »Ach ja, Herr Pfarrer.« Trotz des Schreckens, den er soeben gehabt hatte, konnte der Abbé nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken. Diese Unschuld überraschte ihn. Er schwieg und betrachtete den Aermel seiner Soutane. Endlich wandte er sich zu Georginen, die beschämt und weinend wartete, und sagte ernst: »Trockne deine Thränen und beruhige dich! Die Vorsehung ist barmherzig. Das, was du fürchtest, tritt nie beim erstenmal ein. Nur hüte dich, denn im Wiederholungsfalle kann ich dir für nichts stehen.« Er erhob sich und begann auf und ab zu gehen, um einen Lachreiz zu unterdrücken, während Georgine ihre Wangen abtrocknete und etwas ruhiger wurde. »Diese Angelegenheit,« fuhr er fort, nachdem er dem jungen Mädchen eine kräftige Strafpredigt gehalten hatte, »ist darum nicht weniger beklagenswert, ich hoffe, daß dieser Thunichtgut Marius wenigstens über seine Streiche reinen Mund gehalten hat; ich werde ihm sofort den Kopf waschen, dann verhüten wir wenigstens dieses neue Aergernis.« »Ja, aber es war jemand da, der uns gesehen hat,« lispelte Georgine demütig. Und dann erzählte sie von dem plötzlichen Erscheinen Reginas. »Potztausend,« rief der Abbé, »das verdirbt alles!... Diese Nähterin ist eine Lästerzunge und hat ohne Zweifel schon geschwatzt... Jetzt bin ich gezwungen, mit deiner Mutter zu reden.« Nun begann Georgine aufs neue so zu weinen, daß es das Herz des Abbés rührte, »Sei getrost,« sagte er, als er sie schon halb beruhigt entließ, »betrübe dich nicht, ich nehme alles auf mich und werde sorgen, daß du nicht gescholten wirst,« Noch an demselben Tage begab er sich nach Salvanches, nahm Frau Grandfief beiseite und erzählte ihr die ganze Sache. Schon bei den ersten Worten geriet die tugendsame Dame in wütenden Zorn gegen Marius und schwur, sie werde selbst seine Unverschämtheit bei Gericht anzeigen. »Nur ruhig!« sagte der Abbé sanft, »in Georginens Interesse müssen wir im Gegenteil verhindern, daß diese unglückliche Geschichte unter die Leute kommt; leider wird es kaum mehr möglich sein, ganz darüber zu schweigen, denn der Auftritt hat einen Zeugen gehabt; Regina Lecomte, die Nähterin, hat alles gesehen.« Diese Mitteilung fachte die Wut Frau Grandfiefs nur noch mehr an, »Nun,« rief sie, »das ist ein Grund weiter, die beleidigende Gewaltthat dieses Menschen der öffentlichen Beurteilung anheim zu geben, und Georginens Unschuld ins rechte Licht zu stellen.« »Erlauben Sie,« sagte der Abbé, »man muß die Sachen nehmen, wie sie sind! Herr Laheyrard ist gewiß sehr schuldig, allein Georgine hat sich auch einige kleine Sünden vorzuwerfen; sie hat mir gestanden, daß sie nichts gethan habe, um diesen unbesonnenen jungen Menschen zu entmutigen, im Gegenteil...« »Das ist nicht möglich,« versicherte Frau Grandfief, »meine Tochter ist zu gut erzogen worden...« Der Abbé schüttelte den Kopf und berichtete alles, was ihm Georgine gebeichtet hatte. Frau Grandfief war fassungslos. »Wie unglücklich bin ich,« begann sie nach langem Schweigen, »Eine Tochter, der ich nur gute Grundsätze eingeflößt habe. Ich werde zum Gelächter der ganzen Stadt... Was ist zu thun, Herr Pfarrer?« »Es würde ein Mittel geben, alles wieder gut zu machen,« wagte der Abbé zu sagen, »Georgine liebt Herrn Laheyrard... verheiraten Sie sie miteinander!« Frau Grandfief fuhr auf; all ihr Stolz empörte sich in ihr, und sie erhob ein Zetergeschrei. »Niemals, niemals,« rief sie, »meine Tochter in eine solche Familie heiraten lassen, nach der skandalösen Geschichte mit Fräulein Laheyrard, ich würde mich zu Tode schämen.« »Nun, Frau Grandfief,« entgegnete der Abbé, »wer sagt Ihnen denn, daß Helene schuldig ist? Was Sie soeben erfahren haben, müßte Sie doch ein wenig vorsichtiger stimmen. Georgine ist unschuldig und doch können morgen dieselben abgeschmackten Verleumdungen über sie verbreitet sein... Folgen Sie mir, lassen Sie brennen, was nicht zu retten ist, und schlagen Sie alles durch eine Heirat nieder.« »Eher sperre ich meine Tochter in ein Kloster,« antwortete die unbeugsame Dame, deren ganzer Zorn sich nun gegen Georgine richtete, »sie ist ein entartetes Kind, und ich will sie strafen.« »Sie ist durch die ausgestandene Angst genug bestraft,« warf der Abbé ein, »das beste wäre, einen Skandal zu vermeiden und als kluge Mutter zu handeln...« »Eine solche Heirat eingehen, wahrend meine Tochter schon glänzende Anträge abgelehnt hat!... Nein es ist unmöglich!« »Nun,« sagte der Abbé, während er seinen Hut nahm und sich zum Abschied verbeugte, »überlegen Sie noch einmal, erwägen Sie das Für und Gegen reiflich... Ich werde morgen wiederkommen und nach Ihnen sehen.« Neunzehntes Kapitel. Während sich dies in Salvanches ereignete, hatte sich Herr von Seigneulles nach und nach von den Folgen der so unüberlegt angesetzten vierzig Blutegel erholt. Sobald er wieder hergestellt war, fuhr er mit dem nächsten Zuge nach Paris wo er ohne weiteren Unfall bei sinkender Nacht ankam. Er stieg in einem altmodischen, stillen Hotel ab, in dem er schon unter der Restauration eingekehrt war. Am anderen Morgen machte er sich, in seinen langen Ueberzieher gehüllt, in weißer Halsbinde, seinen breitrandigen Hut auf dem Kopf, in feierlichem Schritte auf den Weg nach der Erziehungsanstalt, in die sich Helene Laheyrard geflüchtet hatte. Die Pension der Frau Le Mancel lag in jenem einsamen Teil der Rue de Vaugirard, die an den Boulevard Montparnasse grenzt. Der Chevalier war noch keine dreißig Schritte an den langen Gartenmauern dieses unbelebten Stadtteiles entlang gegangen, als er plötzlich mit den Zeichen einer großen Ueberraschung stehen blieb. Er hielt sich schützend die Hand vor die Augen, stieß einen kräftigen Fluch aus, und beobachtete einen früh aufgestandenen Spaziergänger, dessen Gesicht von dem aufgeschlagenen Rockkragen halb versteckt wurde, und der kein anderer war als Gérard. Der junge Mann betrachtete, an eine Mauer gelehnt, trübselig einen großen grün angestrichenen Thorweg, über dem zu lesen war: »Erziehungsanstalt von Frau Le Mancel. Gegründet 1838.« Hinter dem Thore in dem Hofe, der vor dem Hause lag, schüttelten zwei große Platanen ihre halbentlaubten Aeste, zwischen denen hindurch man ein großes Gebäude bemerkte, dessen Fenster geschlossen waren. »Zum Kuckuck! Junge,« rief der Chevalier und schüttelte den in seine Betrachtungen versunkenen Träumer kräftig bei der Schulter, »ich muß dich also immer da antreffen, wo du nicht sein solltest!« Gérard fuhr zusammen, als el Herrn von Seigneulles erkannte, gewann aber schnell seine Fassung wieder: »Vater...« begann er. »Was, zum Kuckuck, hast du hier zu thun?« fragte der Chevalier gebieterisch. »Mein Unrecht gut zu machen!« »Hast du dieses Fräulein wiedergesehen?« »Nein,« entgegnete Gérard kläglich, »während der ersten acht Tage meines Aufenthaltes hier war sie krank und ich konnte sie deshalb nicht sehen; jetzt, wo sie wieder hergestellt ist, verwehrt man mir den Zutritt!« »Und hat sehr recht damit; deine Beharrlichkeit ist hier nicht am Platz... Es ist an mir, Fräulein Laheyrard zu besuchen,« antwortete Herr von Seigneulles und ergriff den Klopfer an dem grünen Thore. »Erlaube mir, mit dir hineinzugehen,« flüsterte Gérard mit flehender Stimme. »Ganz gewiß nicht!« Die Thüre war schon halb geöffnet, da ergriff Gérard seinen Vater am Arm und bat: »Du wirst Helene sehen, Vater, sei gut gegen sie, stürze mich nicht in Verzweiflung!« »Alle Wetter! Willst du mir Anstandslehren geben?... Kümmere dich um deine Sachen und geh nach Hause!« Der Chevalier sprach genau so, als ob sie nicht sechzig Meilen von Juvigny entfernt gewesen wären. Nachdem er einen Augenblick gezögert hatte, fügte er hinzu: »Oder warte lieber hier auf mich!« Herr von Seigneulles trat in den Hof und die schwere Thüre siel wieder ins Schloß. Er hatte eine Karte bei sich, auf die er in seiner derben Handschrift die Worte geschrieben hatte: »Der Baron von Seigneulles wünscht eine Unterredung mit Fräulein Laheyrard.« Er schickte diese Botschaft dem jungen Mädchen durch den Portier und wurde eine Viertelstunde später in ein kleines Zimmer geführt, in dem Helene arbeitete. Ein volles Bücherbrett, einige Strohstühle, ein Tisch, auf dem in einem Wasserglase eine späte Rose blühte, das war die ganze Einrichtung des Gemaches, das der Chevalier nun feierlich mit erhobenem Haupte, weißer Halsbinde, finsteren Brauen und geziert zusammengezogenem Munde betrat. Helene, noch ganz verwirrt von der Ankündigung dieses unerwarteten Besuches, stand neben dem Tische. Ihr schönes lockiges Haar, dessen ungebundenes Herabwallen Herrn von Seigneulles so unangenehm berührt hatte, war mit einem blauen Bande aufgebunden und umrahmte bescheiden das blasse Gesichtchen. »Fräulein,« begann der Chevalier rasch, »ich bin der Herr von Seigneulles.« – Helene verbeugte sich. – »Ich bin noch nie der Erfüllung einer Pflicht aus dem Wege gegangen,« fuhr er fort, »und obwohl das erste Unrecht in dieser unglücklichen Angelegenheit auf Ihrer Seite liegt...« »Herr Baron,« unterbrach sie ihn lebhaft, »Sie sind grausam!... Ich habe mich selbst genug bestraft, als ich alle, die ich liebe, verließ, und Sie sollten mir Vorwürfe, selbst wenn ich sie verdient hätte, ersparen.« Der Chevalier machte eine Bewegung der Ueberraschung. Wider Willen fühlte er sich von Helenens lieblicher Stimme ergriffen, und der harte Sinn dieses unbeugsamen Herzens wurde auf eine ihm selbst unbegreifliche Weise erweicht. Er erhob den Blick und konnte nicht umhin, die würdige, einfache Haltung des jungen Mädchens zu bewundern. Er hatte sich auf ein leichtsinniges Geschöpf, auf Beschuldigungen und Thränenströme gefaßt gemacht und nun versetzte ihn das stolze und doch ergebene Wesen Helenens in Erstaunen. »Hören Sie mich zu Ende,« begann er wieder, »Sie haben mich mißverstanden. Ihr persönliches Betragen geht mich nichts an, aber ich habe die Verpflichtung, mich um das meines Sohnes zu kümmern und seine Dummheiten gut zu machen. Ich bin Edelmann und halte auf die Ehre meines Hauses.« »Ich bitte um Verzeihung,« sagte Helene, »ich verstehe Sie immer noch nicht.« »So will ich mich deutlicher erklären,« entgegnete der Chevalier, ungeduldig über den Mangel an Scharfsinn, den Fräulein Laheyrard an den Tag legte, und da er in zarten Uebergängen kein Meister war, fügte er brummig hinzu: »Mein Sohn hat Ihnen Schaden zugefügt, und wir schulden Ihnen einen Ersatz dafür.« »Einen Ersatz!« wiederholte Helene und sah ihn verwundert an. »Ja,« fuhr er fort, »so schwer auch das Opfer sein mag, wir haben die Gewohnheit, unsere Schulden zu bezahlen ohne zu markten.« Diesmal fürchtete das junge Mädchen, verstanden zu haben, sie glaubte, Herr von Seigneulles habe es sich in den Kopf gesetzt, ihr eine Geldentschädigung für ihre Abreise von Juvigny anzubieten. Ihre Wangen röteten sich und mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit sagte sie entrüstet: »Habe ich recht gehört? Was wollen Sie mit den Worten ›Schulden‹ und ›Bezahlen‹ sagen? Sind Sie vielleicht gekommen, um mir einen Handel vorzuschlagen?...« »Wie, wie?« brummte Herr von Seigneulles vor sich hin. Diese letzten Worte hatten sein ganzes Mißtrauen wieder wachgerufen. Er bewahrte den Parisern gegenüber stets das Mißtrauen des Kleinstädters, der immer fürchtet, angeführt zu werden. Die argwöhnische und kleinliche Natur des Lothringers gewann wieder die Oberhand in ihm. Er glaubte, er habe es mit einer jener schlauen Personen zu thun, die nur Lärm schlagen, um sich ihren Widerstand teurer abkaufen zu lassen, und beschloß, Helene auf die Probe zu stellen. Er suchte mit seinen kleinen grauen Augen in Helenens offenem Antlitz zu lesen. »Und wenn dies der Fall wäre?« fragte er zuversichtlich. »Das wäre für mich die schrecklichste Strafe.« »So lehnen Sie meine Anerbietungen ab, welche es auch sein mögen?« »Ja, gewiß!« rief Helene leidenschaftlich. »Es scheint, daß Sie mich sehr falsch beurteilen! Ich bin zwar nicht von Adel, aber mein Herz schlägt deshalb nicht weniger hoch als das Ihre ... Kein Wort mehr, Herr von Seigneulles, haben Sie die Güte, sich zu entfernen.« Sie machte einige Schritte auf die Thüre zu. Der Chevalier, zwar sehr verlegen, aber innerlich entzückt, betrachtete sie mit steigendem Wohlwollen. »Aber, zum Kuckuck!« sagte er, »Sie können mich doch nicht verhindern, die Kränkungen, die mein Sohn Ihnen zugefügt hat, wieder gut zu machen?« »Man kränkt die Menschen nicht dadurch, daß man sie liebt,« antwortete sie mit trübem Lächeln, »und das Unrecht, von dem Sie reden, ist nur ein eingebildetes.« »Eingebildet? Doch wohl nicht ganz, da es Sie gezwungen hat, Juvigny zu verlassen.« »Meine Abreise war längst geplant, ich habe sie nur um einige Wochen beschleunigt.« »Aber, als Sie abreisten, waren Sie ... kompromittiert.« »In den Augen einiger Leute, die mich hassen, mag das sein; aber in meinen eigenen und den Augen meiner Freunde keineswegs ... Und warum auch? Weil ich jemanden ehrlich geliebt, mich entfernt habe, um nicht die Veranlassung zu Uneinigkeiten in der Familie dessen zu sein, den ich liebte, darum sollte ich kompromittiert sein? Nein, Herr Baron, mein Gewissen ist ruhig und meine Ehre ist unversehrt!« »Ich bitte um Vergebung, Ihre Freunde in Juvigny denken aber anders.« »Und was kann man denn anderes denken?« rief Helene erstaunt aus. »Man behauptet,« begann er ... aber die Sache war nicht so leicht zu erklären; er hielt inne und betrachtete sich einen Augenblick das reizende Antlitz des jungen Mädchens, die kluge Stirne, die klaren, ehrlichen Augen, den geistvollen Mund, der aussah, als ob nie eine Lüge über seine reinen und entschlossenen Lippen gekommen sei. Der arme Chevalier wurde immer verlegener. »Verzeihen Sie,« fuhr er mit möglichst sanfter Stimme fort, »wenn ich diesen zarten Gegenstand berühre, aber ich bin hieher gekommen, um offen zu reden. Man ist in Juvigny überzeugt – ich erröte es auszusprechen –, daß Gérard sich nicht gescheut habe, Sie ernstlich zu kompromittieren, und daß Sie nur die Stadt verlassen haben, um einen Fehltritt zu verbergen ...« Während er sprach, schienen sich Helenens Augen übermäßig zu vergrößern; erst errötete sie, dann wurde sie plötzlich sehr bleich, ihre Kehle schnürte sich zusammen, und ihre blassen Lippen zitterten. Da sie kein Wort hervorbringen konnte, bat sie den Chevalier durch eine Bewegung innezuhalten: dann setzte sie sich mit verstörtem Gesicht und starren Blicken an den Tisch. – »Ich? ... Ich?« flüsterte sie. Herr von Seigneulles betrachtete sie unruhig und fing an zu bereuen, daß er so hart zu ihr gesprochen hatte. Angesichts der Barrikaden anno 1830 hatte sich der alte Gardeoffizier entschieden wohler gefühlt, als jetzt allein mit diesem gebrochenen jungen Mädchen und ihrem stummen Jammer. In dem Ausruf Helenens hatte eine solche Aufrichtigkeit gelegen, aus all ihren Zügen sprach eine solche Rechtschaffenheit, daß der Chevalier sich schämte, den Klatschereien Juvignys so leicht geglaubt zu haben. »Fräulein,« wagte er schüchtern zu sagen. Helene schreckte zusammen. – »Ach Vater, armer Vater!« rief sie aus. – Bei dem Gedanken an die Verzweiflung Herrn Laheyrards, wenn er diese Verleumdung erfuhr, brach sich der Schmerz, den sie hatte unterdrücken wollen, mächtig Bahn. Ihre Brust hob sich, ihre Augen wurden feucht, und sie brach in Schluchzen aus. Es war wie ein ungezügelter Kinderschmerz, eine Thränenflut, die nicht enden zu wollen schien. Herr von Seigneulles war von dem Anblick ihrer Verzweiflung aufs tiefste erschüttert. Er erinnerte sich des Nachmittags, wo er Zeuge der Zärtlichkeit zwischen Vater und Tochter gewesen, und dachte daran, wie rührend ihm diese Liebe erschienen war, und er verstand, welche schmerzliche Angst sich in dem Schrei Helenens Luft gemacht hatte. »Ihr erster Gedanke galt ihrem Vater,« sagte der Chevalier zu sich selbst, »ich habe sie entschieden falsch beurteilt.« Er näherte sich ihr mit reuevoller Miene. In demselben Augenblick fiel das hübsche, blonde Haupt Helenens von dem übergroßen Kummer gebeugt nach hinten, und Herr von Seigneulles fürchtete eine Ohnmacht. Ganz fassungs- und ratlos kniete der unbeugsame Chevalier vor dem jungen Mädchen nieder, und plötzlich neigte er sein graues Haupt und drückte mit der zärtlichsten Sorge, die nur ein Vater für sein krankes Kind haben kann, einen Kuß auf die Hand von Fräulein Laheyrard. »Verzeihung!« sagte sie unter Thränen, »es hat mich übermannt ... Der Schlag war so heftig und so unerwartet! Ich dachte gleich daran, wie weh diese Bosheit meinem Vater thun würde ... Ich bin wohl sehr leichtsinnig gewesen, daß man so etwas hat denken können? Ich bitte Sie, glauben Sie nicht, daß ich mich hätte so vergessen können. Die Liebe Ihres Sohnes für mich war immer ebenso zärtlich wie achtungsvoll, ich schwöre es Ihnen, und er selbst wird es bestätigen ... Warum hat er es Ihnen denn nicht schon gesagt?« »Warum?« murmelte der Chevalier verlegen, »Nun ja doch, weil ich ihn nicht habe sprechen lassen, sondern gleich in Harnisch geraten und abgereist bin!... Aber,« fuhr er feierlich fort, »seine Versicherung ist unnötig, ich glaube Ihnen, Fräulein, und lege Ihnen meine demütigsten Entschuldigungen zu Füßen.« Helene trocknete ihre feuchten Augen und bemerkte nun plötzlich, daß der Chevalier, ein Knie auf der Erde, vor ihr lag, sie streckte ihm die Hand hin, um ihn zum Aufstehen zu nötigen. »Sie haben nicht nötig, sich zu entschuldigen, Herr von Seigneulles, ich muß Sie um Vergebung bitten, daß ich so unbedacht Ihre Ruhe gestört und die Erfüllung Ihrer Wünsche verhindert habe.« Der Chevalier machte eine großartige abwehrende Gebärde. »Man muß nachsichtig gegen mich sein,« fuhr sie fort und richtete ihre großen Augen auf ihn, »ich bin so schlecht erzogen worden! Als ich nach Juvigny kam, bildete ich mir ein, es sei mir alles erlaubt – meine Mutter beschäftigte sich so wenig mit mir –, und mein Vater,« setzte sie mit mattem Lächeln hinzu, »war nicht streng wie viele andere ... Er hat mich furchtbar verwöhnt!« »Und Sie liebten ihn auch dafür!« seufzte Herr von Seigneulles. »O ja, und es ist mein täglicher Kummer, daß ich ihn nicht mehr wie sonst umarmen kann.« »Geduld! Nach Ihrer Rückkehr werden Sie sich für die Entbehrung schadlos halten.« Helene schüttelte traurig den Kopf. »Ich werde nie mehr nach Juvigny zurückgehen,« sagte sie mit fester Stimme. »Das wollen mir sehen!« rief der Chevalier. »Ich werde Sie schon dazu zwingen.« »Sie, Herr von Seigneulles?« – Sie sah ihn höchlich verwundert an. »Ich, gewiß ... Bilden Sie sich denn ein, ich habe mich acht Stunden lang auf dieser niederträchtigen Eisenbahn herumschütteln lassen, bloß um Sie zum Weinen zu bringen? Begreifen Sie denn nicht, warum ich hier bin?« Helenens Gesicht begann sich aufzuhellen, und die Verwunderung wich einer Empfindung, die nichts Schmerzliches mehr an sich hatte. »Aber, ich glaube ...« stotterte sie, »ich weiß nicht ...« »Lieben Sie meinen Sohn nicht mehr?« Sie errötete und ihre Lippen bewegten sich, ohne ein Wort hervorzubringen. – »Antworten Sie mir nicht!« rief der ungestüme Chevalier, »warten Sie, bis ich wiederkomme!« Er stürzte aus dem Zimmer, sprang vier Stufen auf einmal die Treppe hinab und suchte Gérard auf, der allen Qualen der Erwartung zur Beute, auf der Straße fast verzweifelte, »Folge mir!« befahl Herr von Seigneulles. Der junge Mann und sein Vater stiegen langsam die Treppe hinauf, zur großen Verwunderung der Schülerinnen von Frau Le Mancel. Als sie in dem kleinen Zimmer angelangt waren, wo Helene sich zitternd fragte, ob sie nicht geträumt habe, verbeugte sich der Chevalier ehrfurchtsvoll vor ihr und sagte: »Fräulein Laheyrard, ich habe die Ehre, Sie für meinen Sohn, Gérard von Seigneulles, um Ihre Hand zu bitten,« Dann wandte er sich an Gérard und sagte: »Vorwärts, mein Sohn, küsse deiner Braut die Hand!« Ein doppelter Freudenschrei ertönte in dem kleinen Zimmerchen. Gérard hatte sich auf Helenens Hand gestürzt und bedeckte sie mit Küssen. Die Sonne sogar freute sich mit ihnen; sie hatte die Oktobernebel zerteilt und sandte einen ihrer lichtesten Strahlen durch die Gardine und ließ ihn um die blonden Locken des jungen Mädchens, über den voll entfalteten Kelch der Rose und über Gérards, vor der Geliebten gebeugtes Haupt spielen. In einer Ecke stand der strenge Chevalier und betrachtete diese Liebesscene und lauschte dem zärtlichen Geflüster, bis er plötzlich eine ganz eigentümliche Heiserkeit fühlte ... Er sah den Augenblick kommen, wo ihm die Thränen in die Augen treten würden, und schämte sich dieser übermächtigen Bewegung und versuchte dieselbe mit einem Fluch zu unterdrücken. »Donnerwetter!« brummte er. Bei diesem Ausruf erhob Helene den Kopf, entzog ihre Hände den Liebkosungen Gérards und wies mit einem raschen Blick auf seinen Vater. Der junge Mann verstand sie, stürzte auf den alten Edelmann zu und umschlang ihn mit seinen Armen. Zum erstenmal vereinte eine wirklich warme und zärtliche Umarmung Herrn von Seigneulles und seinen Sohn... In Juvigny war die Aufregung groß, als die Neugierigen, die vor dem Gasthaus zur Rose auf und ab schlenderten, um den von der Bahn kommenden Omnibus zu erwarten, eines Morgens Gérard in Begleitung seines Vaters und Helenens aussteigen sahen. Herr von Seigneulles schien zehn Jahre jünger geworden zu sein und richtete sich in seiner ganzen Größe auf, als er Helenen galant den Arm bot: Gérard, dessen strahlendes Gesicht sein Glück verkündete, hielt sich an der anderen Seite des jungen Mädchens. Während sie alle drei langsam in die obere Stadt hinaufstiegen, traten alle Krämer unter die Ladenthüren, um sie vorbeigehen zu sehen. Die achtungsvolle Haltung des Chevaliers und das frohe Antlitz Gérards ließen keinen Zweifel zu über die Art des Abschlusses, den dieses Abenteuer gefunden hatte. Aber wenn auch noch irgend jemand Zweifel gehegt hätte, so würden dieselben von den siegbewußten Mienen, die Frau Laheyrard den Tag nach der Rückkehr ihrer Tochter zur Schau trug, gewiß beseitigt morden sein. Die Frau Schulrätin wurde fast toll vor Eitelkeit; ihre Gesprächigkeit ließ sich nicht mehr eindämmen, sondern erging sich in lärmenden, banalen Mitteilungen. Durch eine in der Gesellschaft kleiner Städte, wo man gerne dem Erfolg huldigt, ziemlich häufige Umstimmung verwandelten sich die gegen Helene angehäuften Beschuldigungen in lauter Lobeserhebungen. Man bewies um die Wette die Unhaltbarkeit der über sie verbreiteten Verleumdungen, und jeder hatte vom ersten Tage an das glückliche Ende von Gérards Liebe vorhergesagt; sogar Magdelinat schmeichelte sich, dazu geholfen zu haben. Da ein Glück nie allein kommt, so besiegte die Nachricht von Helenens Verlobung auch vollends die Bedenken Frau Grandfiefs; sie machte gute Miene zum bösen Spiel und gewahrte Marius die Hand ihrer Tochter, so daß der gute Abbé Volland die Freude hatte, die beiden Paare nacheinander einzusegnen. Nach dieser Feierlichkeit begann bei Marius der poetische Firnis, der nur an der Oberfläche gesessen hatte, rasch abzuspringen; der spießbürgerliche Untergrund kam wieder zum Vorschein und der Dichter wurde ein biederer Philister, der viermal des Tages speiste, früh zu Bette ging und »sehr gut schlief auch ohne Ruhm«. Unter den warmen Strahlen, die von Helenens und Gérards Liebe ausgingen, hat sich auch das Haus des Herrn von Seigneulles verändert; alte Häuser, in denen liebende Menschen weilen, verjüngen sich, und Herr von Seigneulles selbst lebte wieder auf. Aber die überraschendste Folge dieser beiden fröhlichen Verbindungen war eine dritte Heirat, die niemand vorausgesehen hatte, die Finoëls. Aus Aerger entschloß sich der Bucklige, die gewandte, kokette Regina Lecomte zur Frau zu nehmen. Seither glückt ihm alles, er ist sehr vergnügt und hat viele Kinder.   (Ende.)