Willi Seidel Der Sang der Sakije Roman Geschrieben 1913 Kairo und München Seiner Mutter von Herzen zugeeignet Inhalt Erster Teil     Vorwort     Daûd-ibn-Zabal Zweiter Teil     Der Brunnen des unlauteren Ehrgeizes     Der Mann mit den Tieren     Intermezzo Dritter Teil     Der Diener der ganz Verworfenen     Hassan-Muharram     Die Mutter     Das Dekret     Haschisch     Der Vater des Irrwegs     Der Sang der Sakije Vorwort Die tiefe Sehnsucht nach der Fremde, nach fernen Ländern steckt dem Deutschen im Blut. Sie ist oft auch Antrieb kolonisatorischer und wissenschaftlicher Arbeit in Afrika und Asien geworden, sie findet aber schon in frühen geschichtlichen Zeiten, im kleinsten sozialen Kreis Ausdruck. Sie verlockte Dichter und Schriftsteller in die Ferne und findet ihren Niederschlag in einer Fülle von Werken, die eben aus diesem Sehnen heraus von vielen gelesen werden. Dies trifft besonders für die Gegenwart zu, denn ein Volk, das jahrelang wie durch Mauern von der übrigen Welt abgeschlossen lebte, ist dementsprechend aufnahmefähig für das veränderte Weltbild. Viele haben dies Bild darzustellen versucht, die der uralte Gegensatz Orient – Okzident reizte. Allein, viele sind berufen, wenige auserwählt. Einer der wenigen, die die Gabe inneren Schauens besitzen und sie verbinden mit einer vollendeten Form, die Vision zu gestalten, ist Willy Seidel. Die Sehnsucht nach der großen weiten Welt im allgemeinen wie insbesondere die Liebe zum Orient, dem Schauplatz des »Sang der Sakije«, wurde schon vom Vater her in ihm erweckt, der, von Haus aus Chirurg, viel mit Forschungsreisenden, wie beispielsweise Wißmann und Hans Meyer, verkehrte und der selbst in Ägypten ein halbes Jahr lang Ausgrabungen leitete. Auch von der Seite seines Stiefgroßvaters Georg Ebers, der in seinen Romanen das Bild des alten Orients zeichnete, wurde das Interesse Seidels auf Ägypten gelenkt. Noch während er Naturwissenschaften studierte, kam sein erstes Werk, ein biblisch-orientalisches Epos »Absalom«, aus dieser Sphäre. Hier zum erstenmal glüht die heiße Luft des Orients, blühen die Farben auf, singt die blumenreiche Sprache des Morgenlands, die später in vollendeterer Form zum Ausdruck kommen. Zunächst im »Garten des Schuchan«, einem Bande exotischer Novellen, die der Fünfundzwanzigjährige 1912 veröffentlichte, ohne vorher je an den Stätten seiner Träume gewesen zu sein. In der Titelnovelle ist wenig Handlung; trotzdem wird eine Spannung erzeugt, die sich allein durch das parallele Geschehen in der Natur erklärt: aus der Oase, aus der eine Beduinenhorde einen blühenden Garten schafft, der besteht, solange Schuchan lebt, wird wieder windverwehte Wüste, als Sadaui, der Führer der Karawane, in blindem Haß den Bruder Schuchan ermordet hat. Das schildert Seidel in einer glockenreinen, edlen Sprache, er lebt sich ein in die primitive Natur dieser Menschen und ihrer Umgebung, so daß er ihre feinsten seelischen Schwingungen erspürt, und dies ist das Moment, das ihn von vielen modernen Schriftstellern der Erotik unterscheidet. Seidel ist kein Romancier der Mode, er ist nicht der brutale Abenteurer wie Ossendowsky, nicht der Globetrotter der Zeitung, er gibt nicht nur Tatsachen – obwohl er, in späteren Werken, als Musterbeispiel für die vielgerühmte neue Sachlichkeit genannt werden könnte –, er erfaßt auch seelische Inhalte. Dabei verkennt er nie die unüberbrückbare Kluft zwischen brauner und weißer Rasse, aber ihr Gegensatz ist nie Tendenz bei ihm, er behandelt ihn ganz frei, von der Warte einer feinen Ironie eines Thomas Mann etwa, mit dessen Stil ihn nicht nur diese Ähnlichkeit verknüpft. Aber trotz dieser Kluft weiß Seidel sich auf eine erstaunliche Art in die fremde Volksseele einzufühlen. Das gilt nicht nur für den von ihm so tief erlebten Orient und für die Südsee, sondern erweist sich auch in der Novelle »Utku«, die in ganz anderem Kulturkreis, im Norden Kamtschatkas spielt, und dies spricht für seine Poetengabe, denn seine Phantasie bedarf für ihre Schöpfungen durchaus nicht nur der Sonne Afrikas. Man möchte sagen: er läßt sich in die Seele des Korjäken ebenso hinab wie in die des Beduinen Sadaui; wir zittern mit ihm in der Eiseskälte des nordischen Winters, wie wir das Tötende der Wüstensonne empfinden; wir verstehen die rührende, plumpe Sorgfalt Utkus um sein Enkelkind und seinen schweren Wintertraum in der einsamen nordischen Jurte ebenso wie den primitiven Haß Sadauis gegen seinen jungen Bruder Schuchan in der Wüste. Die Traumgesichte des Poeten spiegeln sich in seinem Werk, oft gleitet Wirklichkeit ins Reich des Traumes über, und die Grenzen verschwinden. So geht es Seidel im »Utku«, im »Sang der Sakije« und in der Novelle »Jali und sein weißes Weib«. Hier, in dieser Schöpfungsvision, wird ein kleines blondes Mädchen bei einem Sturm an der Feuerlandküste zu den Wilden verschlagen. Bei einem von ihnen, Jali, wächst sie auf, bis sie eines Tages vor dem »Manne« flieht. Und nun singt Seidel das Lied des Blutes, des urmächtigen Instinkts, der, halb verschüttet, halb traumhaft ein lichtes weißes Wesen gleich ihr zu schauen vermeint. Von dem Kannibalen läuft sie durch den Urwald diesem Oro genannten Traumbild bis ans Meer nach, und dieser Lauf ist begleitet von einem Hohenlied auf die Vielfältigkeit der Urwaldnatur, auf brausende Geräusche, schattige Höhlen, zauberhafte Pflanzen, Sonne, Tiere, Leben. Am Meer scheint ein Schiff mit Oro zu nahen, es entschwindet, und damit reißt in Weißvogel – so nennt man sie – alles, was sie mit ihrer europäischen Vergangenheit verknüpfte. Ihre Seele ist tot, sie wird nun vollends eine Wilde. In dieser Arbeit rührt Seidel bereits an ein Problem, das ihn später, als ihn ein Verlag wirklich in den Orient sandte, noch in ganz anderer Form beschäftigte, das Problem der Beziehungen zweier grundverschiedener Rassen. Die Frucht dieser Reise war der »Sang der Sakije«, auf Grund dessen der Autor nunmehr mit Förderung des Auswärtigen Amtes eine weitere Reise, diesmal nach der deutschen Kolonie Samoa antrat. Dort spielt sein Roman »Der Buschhahn« (1921), den er in Amerika vollendete, wohin er bei Kriegsausbruch der englischen Besatzung auf Samoa entschlüpfte. Auch hier und in seinem nächsten Werk »Der neue Daniel« (1922), das seinen eigenen erzwungenen Aufenthalt in Nordamerika während des Krieges schildert, rührt er an das Rassenproblem, hier schon mehr in der Richtung, wie es etwa Heinrich Mann in »Zwischen den Rassen« und Hermann Bang in »Die Vaterlandslosen« taten. Dann folgten 1922 »Das älteste Ding der Welt«, ein phantastisch-symbolische Erzählung, und 1924 »Der Gott im Treibhaus«, ein Zukunftsmärchen. Im »Neuen Daniel« stellt Seidel einen Deutschen, einen feinen jungen Gelehrten und seine englische Gefährtin gegen die brutale Welt amerikanischer Seelenarmut. Er zeigt die Qualen dieses völlig Isolierten, dieses neuen Daniels in der Löwengrube in einem kleinen Kurort, wohin ihn der Zufall und die Überredungskraft eines wo fremde Volksseele hat dieser Roman allgemeingültigere Bedeutung als schlechthin eine erotische Erzählung, ein origineller Bericht oder eine Studie. Denn hier ist das Leben, das glühende, rasende Leben in einem Ausschnitt des Ägypten von heute eingefangen, mit den Augen eines Poeten gesehen und sprachlich meisterhaft gestaltet, und hier ist mit visionärer Sicherheit die feine Grenzlinie gezogen, bis zu der die Beziehung der braunen zur weißen Rasse geht und gehen wird. Kurt Merlaender . Zur neuen Ausgabe Port Said, im September 1925 Welche Wiedersehns-Beklemmung erfaßt mich hier, an der Tür des ägyptischen Orients! Denn genau so nahte er damals heran! – Viereckige Segel hingesprenkelter Fischerboote, schaukelnd in friedlicher Pärchen-Eintracht; – herübergeirrte Hornisse, zitronengelb schnurrend hinter runder Scheibe des »Stierauges«; zarte Silberstiftstriche dreier Schornsteine, auf weißem Faden aufgereiht! – So meldet sich der Koloß Afrika. Dann kommt dies unendlich klarfarbige und plastische Gewimmel, der äußerste Zipfel des Deltas: Port Said... Du hast kaum Anker geworfen, so stürmt dir diese Stadt schon entgegen. Vorläufig sind es Horden von Geldwechslern, Teppichhändlern und solchen, die den Verschleiß von Straußfederfächern zum Daseinszweck erkoren haben. Du kämpfst dich durch und kommst an Land. Hier wird das Straßenhändlertum, werden die aufdringlichen braunen Hände, die dir phantastisch unnützen europäischen Exportschund unter die Nase stoßen und an deinen Kleidern zupfen, zu einer wahren Pest. Dein Gesicht läuft krebsrot an; kaum kannst du Luft bekommen. Zuviel sind der Verlockungen, der Suggestionen. Schließlich brüllst auch du; und was brüllst du? »Emsch j'allah!« Bis die nächste frische Horde um die Ecke streicht, hast du für fünf Minuten Ruhe. Sie weichen zurück; sie grinsen breit. Du hast gerufen: »Geht mit Gott«; aber du hast es zornig gerufen. Darin liegt Komik, und die arabischen Leichtathleten und Kurzstrecken-Champions empfinden das. Es ist erheiternd, wenn man Segenswünsche im Tonfall der Verfluchung äußert. Manche schlagen sich auf die Schenkel, so daß der ganze Kramladen an ihrer Brust ins Klirren kommt, und kopieren dich bellend, grölend, atemlos vor Lachen: »Emsch j'allah!« Nun aber geschieht mir etwas hier, und das muß ich registrieren. Mein Ägypten von 1913 erkennt mich wieder. Es schickt mir einen Schirmherrn, einen »Abu Nabbût«, einen »Vater des Knüppels« – irgendwoher taucht er auf, magnetisch angezogen von meiner Not. Er ist gar nicht repräsentativ. Ein magerer, gebeugter Fünfziger, blatternarbig, dunkel brennenden Auges, in einer dunkelblauen Kelabije aus ehemals besserem Stoff – so kriecht er wie eine Spannerraupe in der Luftlinie heran. Man wende nicht ein, dieser Vergleich hinke! Er schwingt sich, dieser Bresthafte aus der Hefe, an zwei Krückstöcken herzu, fast zwei Meter deckend bei jedem Anhub; zähneknirschend, hohläugig, mit aller Energie wütendster Servilität... Und bei der Gruppe meiner Peiniger angelangt, schreit er wie eine Posaune ein unvergeßliches Wort. Er schreit nicht, auch ihm gebühre ein Plätzchen an der Sonne, am »Herrn Baron«, oder »Kapitän«; er nennt sie nicht auf saftiges Vulgär-Arabisch »vor Allah verworfene Abfallprodukte«, »Rinnsteinerzeugnisse«, oder, näherliegend, etwa: »Söhne von sechzig Hunden« – nein, während sein Arm mit erhobener Krücke wie ein Fledermausflügel flattert, schreit er mit aufräumender Stimme: »Gehn Se weck!! Ach!! Gehn Se weck !!« Was? Wie ist das? Höre ich recht? Ägypten selbst, das mir zu Hilfe eilt und sich der Potsdamer Zunge bedient?! Deutsch lispelnd, nimmt mich das Tausendjährige ans Herz? – Und siehe da, es erweist sich: der Alte an den zwei Krücken ist eine Straßenmacht! – Die Kerle grinsen und weichen, die Horde läßt ab, der ganze Kitsch verflüchtigt sich, Augen rollen von mir zu ihm; und noch immer vor mich hingepflanzt, beide Krücken abwechselnd schwingend, gewaltige dunkelblaue Schutz-Fledermaus, bellt er ihnen nach: »Gehn Se weck! – Ach!! Gehn Se weck!« Nachdem er solchergestalt Beweise seiner Macht gegeben, entblättert er ein unsagbar dreckiges, aber noch lesbares Stück Papier, auf dem vermerkt steht: » Take this man. He cheats you less than the others. « Mit dem Stempel eines – offenbar nicht unsachlichen und unwitzigen – englischen Bureaubeamten. Er sieht mich voll fanatischen Selbstvertrauens an. Er weiß: »Dies Papier ist gut. Superlative stehen nicht drin, Allah weiß es. Aber auf die Ingliz wirkt es wie Zauber.« – Mit einem Schlag wird mir klar, woher die Straßenmacht kommt. Offiziell beglaubigte Tugend ist's, die diesem Einäugigen unter Blinden die Segel bläht. In dieses Stück Papier ist das Schicksal seines früheren und zukünftigen Lebens verwoben; sein Amulett ist's, seine magere, doch stetig anzapfbare Stallziege, sein moralischer »mascot« und Neutralitätswimpel; und in diesen von Fliegendreck, Kaftanschweiß und fettigen Medikamenten besudelten Fetzen Kanzleipapier ist er hineinverbissen wie eine Dogge. Ich kann mir die von Diebesangst schwangeren Nächte denken, wenn er ihn in den Turban hineinpraktiziert, unter die gestickte Kappe vielleicht, eng an seinen armen, trüben Fellachenschädel. Er kann, wie sich herausstellt, leidlich gut Englisch; doch den finsteren Humor des Schriebs, das »Vonhintenherum« der Lobeserhebung – das schiebt er aus seinem Verständnis fort. Es gibt andere beglaubigte Fremdenführer, gewiß, die haben schöne lange Zeugnisse, die von Ausdrücken wie: »excellent« und »reliable« nur so strotzen. Er sticht sie aus. Er weiß den Grund nicht; die Tatsache genügt ihm für seine armen alten Tage. Ich lache also und nicke. Der Imperator der Gasse hierauf schreit hohlen Tons und voll; der Laut zerspaltet sich an vier Ecken, und schon ist eine Gummidroschke zur Stelle. Der Berberiner Kutscher zieht das Maul schief, als er das wandelnde Gewissen seiner Kaste sieht, und der »Vater der Ehrlichkeit« klettert an seinen Krücken zu ihm auf den Bock hinauf, ohne daß jener sich zur Hilfeleistung rührt. Eine strenge Taxameteruhr des lieben Gottes bist du, empfinde ich gerührt; und dann bin ich wieder unterwegs auf der alten, rauschartig gleitenden, traumähnlichen Zweistundenfahrt in langsamem Trab, gewiegt von Brisen und Gerüchen, vorbei an endlosen, schwarz starrenden Augenpaaren und den Flüsterwellen halbheller Basare. Mit allen Fibern sauge ich in dieser modernen, unechten Hafenstadt, in der sich doch das uralte Treiben niederließ wie ehedem und immerdar, diesen Orient wieder in mich ein. Geblähte Gesichtsschleier, Eseltrappeln, weiß gekalkte Moschee im intensivsten Kristallblau ... Daûd am Schöpfrad, den ich hier erlebt, Hassan-Bey-Muharram, der Diener der Verworfenen, sie werden wieder in mir lebendig und lächeln über zwölf Jahre hinweg ihr altes, etwas eitles, gleichbleibendes östliches Lächeln – über zwölf von ödem Gepolter, blechernen Schlagwörtern und trüber Zersetzung erfüllte Jahre! ... Sie gehen, kleiner Schuhputzer und Straßen-Taschenspieler, kindlich die Hemden gerafft, oder als feiste, guttural schwatzende Herren im Tarbusch, plastisch und doch schemenhaft an mir vorbei. Oh, über die weisen Opportunisten und sonnigen Tagediebe! – Und mitten unter ihnen, die Faust im Starrkrampf schier vor nervösem Behauptungsdrang und kahlem Machtwillen, die Sperbernase witternd im Schatten des Tropenhelms: England ... Mit Konzessionen pflastert es seinen Weg, Zugeständnis über Zugeständnis macht es an die »sonnigen Opportunisten«, an die ägyptischen Parlamentarier, an diese empfindlichen, umhergescheuchten, immer hoffnungsfrohen, immer enttäuschten Herren: doch sie drehn ihm lächelnd und schmeichelnd jetzt manches aus der Hand, denn nie war eine Überzeugung reifer und brünstiger als die des Zaglul! Und wir, die Parias unter den Weißen? Die diskreditierten Halbbrüder, gegen die man Farbige hetzte? ... »Gehn Se weck! – Ach!! Gehn Se weck!« – schreit Mohammed-abul-Sikr und wedelt mit beiden Krücken ... Dieser Pascha der Gasse nimmt uns in Schutz, umzirkelt uns, krückenschwenkend: »hands off!« – Wen ich heranlasse, den läßt auch er heran. Stelle ich mich taub (er belauert meine Miene), so stempelt er das feilschende Geschöpf zum Auswurf. Polizisten grinsen. Er hat mich gepachtet. Er setzt sich, pompös auf seine Krücken gestützt, an den Nebentisch. Er verwaltet meine Einkäufe; läßt es sich nicht nehmen, unter blumigster Inanspruchnahme des höchsten Wesens und Hineinbeziehung seiner Mutter, meine Pakete selbst zu schleppen und zu bewachen. Er drückt die Preise erbarmungslos, fanatisch glühenden Blickes. Ummurrt vom Pöbel, dem er das Geschäft verdirbt, thront er bei gespendeten Zigaretten und Kaffee, als habe ich ihm einen lebenslangen Vertrauensposten samt Altersversorgung geschenkt. Bei Engländern, das weiß er, kriegt er Fußtritte und herbes Nasenpusten als Entgelt. – Bei Deutschen nicht. Die lassen ihn leben und mitverdienen; sein Gebresten ist ihnen nicht gleichgültig. In seinen tiefliegenden Augen liegt eine schattenhafte Erkenntnis dessen, was uns von jenen trennt ... Nun aber röchelt die Schiffssirene; man muß an Aufbruch denken. Diesmal geht es zu Fuß zur Pier zurück, und der »Vater des Knüppels«, mit großen, schwingenden Hopsern, bahnt mir eine Bresche. Ich habe mir, trotz seines finster-ergebenen Protestes, selbst einen Teil der Pakete aufgeladen; er läßt es nur geschehen, weil es im Hinblick auf seine Bresthaftigkeit geschieht. »Tok-tok«, sagte seine gehöhlte Zungenspitze, mit Schnalzlauten am Gaumen – »ein edles Herz hat dieser Effendi ...« Schier bedauernd blickt er mich an, doch es gibt eine Brücke, die sich von krankem Alter schlagen läßt hinüber zu beschwingten Jahren, und die hat nichts mit Hautfarbe oder Kaste zu tun ... So akzeptiert er's; seine Ärmel flattern; seine Krücken krachen rhythmisch aufs Pflaster ... Am Motorboot bekommt er die ausgemachten zwei Schilling. Nun, ein letztes Erstaunliches: gibt man einem Araber hier einen unter Beteuerungen und Unterbietungen der anderen vorher vereinbarten Tip, so meint er selbst, und der Effendi meint im Grunde auch – das Doppelte. Sonst wird das Geld zu heiß in der braunen Hand; sie schlenkert es zurück, und es kühlt nur ab, wenn es mehr wird. Dieser jedoch nimmt die zwei Schillinge ohne Gezeter, ohne Schreckschüsse; nimmt sie still und selbstverständlich. Er bekommt einen draufgelegt; ei, da freut er sich. Ich seh' ihn am Quai stehen, den alten, rissigen Mund wie flötend gespitzt, hingesunken auf die Stütze beider Krücken, denn die andere Hand vollführt das Salaam. Ich höre noch die dringliche Frage in schlechtem Englisch, wann ich wiederkomme; dann sei er wiederum mein Mann. Fern, als Silhouette gegen das staubige Abendrot, voll grotesker Krümmungen und Streckungen, entschwindet er. Und nun wollen wir dem Hinkefuß noch einmal folgen –in seine eigenste Welt, die vor zwölf Jahren das gleiche Antlitz trug. Willy Seidel. Erster Teil Daûd-ibn-Zabal Gott danken wir, Daß wie leben dürfen, Ob wir Honig Oder Zwiebeln essen, Ob wir auf Steinen Oder auf Seide schlafen! Ein Gesang vibrierte durch die Glutstille des Frühlingsmittags. Das Weizenfeld stand schimmernd grün, starr, saftvoll und prangend; und darüberhin wehten die Rufe des Wiedehopfs, des helmgekrönten Vogels, der mit eitlem Zickzacktrippeln über die Wege rennt. Der Vogel stieß seinen kurzen, leidvollen Schrei aus: »Zeep, zeep«, rief er schrill; dann spreizte er das scheckige Gefieder und stürzte davon, knapp über die Halme: denn der Büffel war am Werk, und der Büffel brauchte ihn. Ein Lied, so alt wie die Kindheit der Menschen, sang die Sakije, das Räderschöpfwerk aus rotem Akazienholz. Es drehte sich träge, es knarzte und weinte. Was ist die Trauer der Sakije? Sie trauert darüber, daß die Zeit sich nie erfüllen wird, da sie feiern kann; sie singt hoch und summend das Klagelied, das seinen Kehrreim an den Ufern des Stromes unendlich oft wiederholt; und sie seufzt, tief und voll, wie die Schwinge der schwarzen Hummel, oder die des Pillendrehers, der durch den abendlichen Staub der Straßen schwirrt. Und was sie singt, ist die Zeit – die unersättliche Zeit, die uns alle frißt: Gott ist groß! Gott ist sehr groß! Nichts Neues entsteht; und was man erntet, vergeht; Weizen wird Brot und Kleie, und Ful wird gemahlen ober wandert in den Schmortiegel, alles nach Gottes Willen! Und dieselbe Melodie mit demselben leiernden Auf- und Abschwellen, derselben fremden Rhythmik singt der alte berberiner Bettler, der arm ist wie eine schmutzige Ratte und seine gleichwohl mit Silberringen geschmückte Hand aus dem Schatten einer Mauer streckt; dieselbe Melodie der Junge, der seinen trägen weißen Esel mit einem spitzen Zweig am Bauche stachelt, so daß er von Zeit zu Zeit gewaltig ausholt, er, der von fetten Fremden müdgerittene kleine Esel; dieselbe Melodie klingt nilaufwärts und -abwärts, über Wadi-Halfa bis dorthin, wo der Strom sich trennt; in der glänzenden Stadt Kairo, der Wohlverwahrten, und auf allen Mais- und Baumwollfeldern im Delta ... Sie ist immer dieselbe, und die Zungen haben sie von der Sakije gelernt. Der Sinn des Liedchens, was ist er? Gott tut, was Er will ... und was mich betrifft, so will ich, mit Seiner Erlaubnis, jetzt Saubohnen essen, Busa trinken, einen herrlichen Betrug bewerkstelligen oder schlafen; kurze Sätzchen sind es, kleine Pläne, die das stumpfe Gehirn in Unzahl hervorschwärmen läßt und die einander ähnlich sind wie die Sandfliegen seit Adams Zeit. Mit einemmal barst die Melodie mitten durch; und für das Ohr ward eine weitere Geräuschwelt aufgetan: die entfernterer Sakijen, die wie Kinderstimmen wimmerten und kaum sichtbar waren: ein melodisch klagendes Durcheinander feiner und tiefer Stimmen hinter einem breiten Schleier von Hitze. Nun regte sich ein staubiges Etwas, das auf dem schmalen Treibbalken geschlummert hatte. Es entwickelte sich aus seiner knäuelartigen Stellung heraus zu einer Art Mensch, wenn man ein hellbraunes Ferkel ohne einen Fetzen Lendentuch, mit schlammstarrenden Sohlen und verhornten Knien als Mensch bezeichnen will; dann endlich saß es rittlings auf dem Balken und beschäftigte sich damit, ganz wach zu werden. Der animalische Schlummer des Geschöpfes, das ganz ein Bestandteil der unentwegt kreisenden Sakije gewesen war, hatte Störung erlitten; die pflanzenhaft atmende Seele war grob herausgerissen worden vor die Forderungen des grellen Mittags und der Wirklichkeit ... Der weibliche Büffel hatte die Tradition, im Kreise zu schreiten, durchbrochen und vorübergehend eine Pause gemacht, um mit klatschendem Geräusch seinen grünen Mist abzulagern. Nachdem er dies getan, vergaß er sich noch eine Weile und genoß diese regelwidrige Unterbrechung mit glasigen Augen und sacht wedelndem Schweif. Er war häßlich wie die Nacht, frisch aus den bildenden Händen des Teufels hervorgegangen, der vor Allah geschworen hatte, mit geschlossenen Augen etwas Schöneres als die Kuh zu erschaffen –: etwas Schöneres als die braune Kuh, das heitere und kluge Tier! Aber die Gamusah blieb ein Zerrbild, ein Kinderschreck aus Grauwackenstein; und diese hier war lange im Dienst. Ihr Bauch war prall und hart; das vom Prügeln enthaarte Leder glänzte speckig; träge Zecken saßen brütend in den breiten Rillen der Rippen; und von dem ganzen erbärmlichen, stumpfen Geschöpf strahlte ein Dunst von Jauche und eine hohe Tonwelle von tausend Fliegen aus. Ja, die Fliegen tummelten sich und hatten ihre Lust; sie überwirbelten sich in der Luft, liefen windschnell in alle Winkel und nippten dankbar und emsig mit ihren gierigen Rüsseln von jeder krätzigen Stelle; sie lagerten ihre Eier in dem Buschwald der plump fächelnden Ohren ab; sie saßen dick und glänzend an den Rändern der hellgrauen porösen Nüstern und bekränzten die dumm vorquellenden Augäpfel, kaum verscheuchbar durch die weichen Wimpern ... Erst jetzt, nachdem eine Kraft aus unbekannter Richtung her eine Gerte herunterschickte, erhoben sie sich wie eine Wolke; und auch der Wiedehopf strich zwischen den Beinen des Büffels davon. Das, was jetzt auf dem Treibbalken aufrecht stand und die Gerte geschwungen hatte, stellte einen staubigen Jungen vor, einen Fellachenjungen von beiläufig neun Sommern. Er war nicht mager und nicht fett; er war hellbraun wie Nilschlamm und ein Kind des Ackers. Seine gespreizten Zehen krümmten sich um die Balkenkante, und mit dem einen Arm holte er mächtig aus, so mächtig, daß es schien, als müsse die Wucht des Schlages ihn selbst davonraffen, mitten in das fette Grün hinein. Doch blieb er stehen; und nach jedem Schlag, der auf den faulen Büffel prasselte, tat er einen kleinen elastischen Satz und zappelte mit den Schenkeln. Er tat es nicht schweigend, sondern kreischte dabei mit sehr heller Stimme eine langgedehnte Arie, in deren Verlauf der Büffel zum Schwein degradiert und der ehrliche Name seiner sämtlichen Vorfahren getilgt wurde. Während der Büffel sich wiederum in Bewegung setzte, flaute die Ansprache etwas ab und wurde zu einem schleppenden Gesang, zu einem Selbstgespräch, das der Knabe mit seinem zufriedenen, wunschlosen Herzen hielt. Er blickte auch nicht mehr das graue Laster an, das seinen Sklavengang weiterschritt, sondern begleitete mit endlos wiederholten Worten das wiedererwachte Lied der Sakije, tat es ihr gleich und übertrumpfte sie ... So hockte er in all dem Gequietsch und Gesumm auf seinem Hochsitz: das war seine Welt. Wiewohl rechtschaffen braun, hatte er doch eine hellere Haut als seine Altersgenossen in den umliegenden Dörfern und in Luksor drüben auf der anderen Seite des Stromes. Er war haarlos und blank; geschmeidig wie eine Katze und so schuldlos, daß er dem hellen Tag und seinen vielen Augen ohne Skrupel seine Nacktheit zeigte; er turnte auf dem schmalen Balken, der kaum Platz für sein Rückgrat bot, elastisch umher, als sei er ein breites Pfühl. Mitunter lag er auf dem Bauch und sandte den Blick in die Tiefe des Brunnens hinab, wo die Toneimer mit glucksendem Geplätscher das brackige Wasser erfaßten, um damit an dem zerfaserten Bastseil emporzuklettern. Drunten war es kühl und schwarz. Zuweilen war er selbst herabgerutscht und hatte mit den Beinen in der Nässe gewühlt ... dann aber, von einem Schauder ergriffen, hatte er sich eilends wieder heraufgewunden, als habe der Afrîd ihn mit seinem lichtfeindlichen Blick gestreift, der erdfarbene Afrîd, der in jedem Brunnen seine Zuflucht sucht und zur Nachtzeit bei Sternenglanz wie ein unförmiger Klumpen auf der Achse des Rades hockt. Und dein Gesicht, Daûd-ibn-Zabal, du kleiner harmloser Teufel? Es war rund; die Nase war sanft gebogen und der Mund, mit breiten, gummiartigen Lippen, stets ein wenig offen ... Die becherähnliche Unterlippe trat schlaff hervor, da die obere Lippe dadurch, daß er die Nüstern krauste, in die Höhe ging und schlohweiße Schneidezähne, wie ein kleines Blinklicht unverwüstlichen Appetits, entblößte. Eine senkrechte Falte teilte die wie poliert glänzende Kinderstirn, und ein sachter Faltenkranz stellte sich um die Augen, die hinter gebogenen Wimpern schwarz blitzten wie versteckte Schätze. Viele Fliegen von der kleinsten Art rannten in den Augengruben umher; und nur ab und zu wischte der schmale Handrücken sie gleichmütig fort. Diese verdrießliche Mimik zeigte Daûd, wenn sein Kopf in der Sonne lag ... Es ist dies die Maske aller Leute, die viel im Freien sind, und deren Gesichtsfeld eitel flammende Sonne ist. Mit frühen Jahren wird ein solches Gesicht alt, und die Falten ätzen sich ein, auch in schattiger Muße; es ist ein böses Ding um diese Falten; sie machen eine arbeitsmüde Fratze aus einem sorglosen Mund, einer ehemals glatten Stirn; sie kriechen auch unter das Kinn und zerreißen die Halshaut älterer Leute in rauhe Wampen wie die der Stiere: sie machen mißtrauische Mienen und verkehren offene Blicke in Ritzen, aus denen Hinterlist blitzt. Aber Daûd war noch sehr jung; und wenn er das Antlitz in den Schatten tat und schlummerte, so entspannten sich seine Züge und wurden weich und kindlich. Er schnob dabei in die eine Achselhöhle hinein, über der sein träger Kopf ruhte, und die Fransen seiner Wimpern bebten tiefschwarz auf dem Elfenbein seiner Wange. Das Amulett, das an der abgezirkelten Haarhecke über seiner Stirne hing, rührte sich leicht im Sommerwind. Er lag jetzt wieder so zusammengekrümmt, daß seine eine Fußsohle in der Handfläche des freien Armes ruhte. – – Die Sonne glitt langsam ihren absteigenden Pfad. Grillendurchschrillte Stunden, hitzeschwanger, wandelten vorüber wie Frauen, die lechzende Tonkrüge auf starren Häuptern zu dem Brunnen tragen, aus dem sie eitel Stille schöpfen. Der Weizen wurde an den Spitzen der noch ungespaltenen Fruchtwiegen traumhaft zart bewegt ... Ein wabernder Schleier wie aus feinstem Wasserdunst lag auf den tiefgrünen Strecken; und die Memnonskolosse, umzittert von Hitze, flimmerten in ihren ragenden Konturen am Rand des Gesichtsfelds, kaum erkennbar auf dem ockergelben Hintergrund der ruhig hingelagerten Hügel. Das ganze Tal dampfte von trockener Hitze und verstohlener Fruchtbarkeit, die ihr unerschöpfliches Leben aus den Tiefen des hartgesprungenen Schlammes saugte. Unter regungslosen Palmbeständen, grau und geduckt, wie Zufluchten lichtscheuer Tiere, lagen die Dörfer Naga-el-Kôm und el-Bairat, und westlich, wie Abfälle der Hügel, die zerfallenen Quadermassen der Tempel von Kurna und Medînet-Habu. Der Nil, der wie eine schweratmende riesige Schlange satt in der Sonne lag, schleppte seine graugrüne Wassermenge unmerkbar dahin, überblinkt von der hellen Strandhäuserreihe Luksors. Die Stille war zeitlos; die Luft gleichsam gebändigt von der unverrückbaren Zeit, die wie mit Steinquadern auf ihr lastete; und der Himmel schwelte in weißlicher Farbe gleich flüssig siedendem Metall. Und an den schlummernden Daûd traten allerlei Traumgeister heran, die von allen Seiten aus dem Weizenfeld auftauchten und es mit ruckweisem Schritt durchmaßen, bis sie mit erstarrtem Lächeln vor ihm standen und ihre verzückten Blicke über ihn spielen ließen, traumekstatisch heiter, Gebilde seines knabenhaften Geistes. Denn in dem schmalen, birnenförmigen Schädel Daûds hausten, ihm selbst unbewußt, Schemen, die zur passenden Stunde ein buntes Leben außerhalb der Wirklichkeit führten, Gestalt annahmen, Kleider trugen, Hände und Knie rührten und unendliche, murmelnde Reden führten, ohne Anfang und Ende, Grillensangreden, die nur Sinn hatten, wenn man ihnen nicht lauschte, sondern ihrem sanften bedeutungslosen Tonfall eigene Gedanken unterschob. Die Schemen kamen zutraulich und schmiegsam heran; sie setzten sich in dem gestampften Umkreis der Sakije nieder und trieben Mittagsphilosophie ... Manchmal war es ein Alter, manchmal waren es schmale Knaben, die mit hochgezogenen Brauen kreischenden Lärm um ein Nichts vollführten, manchmal Weiber, die aus schwarzer Abaja heraus mit schweren Silberspangen geschmückte Arme streckten und sich in die Haare gerieten, wobei ihre blautätowierten Kinne bebten wie die von Kindern, die an Fieber leiden. Daûd hatte die Empfindung, daß heute ein besonderes Ding seinen Umgang halte, irgendeine Festesfreude, eine Trunkenheit, und daß man es ganz besonders gut mit ihm meine. Der das alles mit süßem Erschrecken empfand, war der träumende Daûd, das Seelchen in der irdischen Kapsel. Der Körper spürte nichts, er war nur da wie eine Weizengrane und hatte nichts mit dem allen zu tun, was die Seele sah ... Er besorgte nur seine behagliche Porenarbeit, sein brünstiges Aufschlucken aller Wärme; er streckte sich nur in unbewußter Sehnsucht und war ein Sinnbild wunschlosen Lebens. Doch was sah der innere Daûd? Das erste war, daß er seinen Vater erblickte, den alten Fellachen Zabal-abu-Dabbûs, und der Vater machte Feiertag, freute sich und johlte; und hinter ihm, wie eine Rotte toller Hunde, stürmten seine Freunde heran, Abu-Afra und Abu-Damûm, jeder ein frischblutendes Vierteil von einem jährigen Zicklein unter dem Arm. Sie sprangen zu dritt in Hechtsprüngen geradeswegs auf Daûd zu; sie sprangen über den Weizen, daß es eine Art hatte, und waren um zwanzig Jahre verjüngt, was den Knaben nur flüchtig erstaunte. Und als sie vor Daûd standen, sagte Zabal: »Friede über dir, mein Sohn, verlaß die Sakije und komm mit; wir gehen zu Umm-Dabbûs, deiner Mutter, und machen miteinander eine große Schmauserei!« – Daûd war einverstanden, denn es war ja sein jugendlicher Vater, der das sprach; doch zuerst wollte er mancherlei wissen. Er sagte: »Gott sei mit dir, mein Vater! Wo hast du das Zicklein ergattert?« Sprach Zabal: »Wir trafen einen Bauern auf dem Weg zu dem Dorfe Naga-el-Bairat, und da sprach ich zu ihm: ›,Beim Leben der Umm-Dabbûs, du Kuppler, wenn du heute mir, dem Schêsch des Dorfes, nicht Ehrerbietung erweisest, so sollst du in deinem Dasein nicht einmal mehr einen Hund in deiner Hütte schlachten!‹, Da schrie und heulte er, wir aber nahmen ihm das Zicklein, Gott ist groß! Wir sind ganz blutbespritzt, sieh uns an! Und wir werden eine Mahlzeit halten, eine herrliche Schmauserei, und was dich anlangt, so komm ohne Verzug, denn mich dauert es, daß du da sitzest und Fliegen fängst, anstatt mit deinem Vater und seinen Genossen vergnügt zu sein!« – Wahrhaftig, Daûds Vater hatte Ziegenblutspritzer auf den schlotternden Ärmeln seines halbseidenen, offenbar neuen Hemdes; doch achtete er dessen nicht, sondern tat sich mächtig hervor im Reden und Pläneschmieden – – oh, wie tüchtig und jung war er geworden! Die Falten seines sonst verdrossenen Antlitzes waren wie durch Zauberhauch getilgt; seine Gestalt war gestreckt wie die eines Fuchses, der in den Wind schnuppert, beutegierig und nach Erwerb guten Fraßes lüstern. Und nun kam er mit seinen Freunden, um seinen Sohn mit freundlichem Wort von der Fronarbeit zu befreien, wie trunken taumelte er heran, Honig auf der Zunge und Gesang im Herzen ... »Wen aber«, fragte Daûd, »lassen wir bei der Sakije zurück, Vater? Der Büffel feiert, wenn ich ihn nicht prügele!« »Allah!« schrie Zabal, »du hast einen Bruder! Ein kleines Trogschwein, gerade reif für den Acker!« Und siehe, nun tauchte Daûds älterer Bruder widerwillig aus dem Grün hervor. Seine Mutter hatte sich in der Schwangerschaft an einem Affen versehen; vermutlich war es der Pavian von Port Sudân gewesen, mit dem ziegelroten Gesäß und dem erbsfarbenen Haarmantel, den der alte Nubier Einêgil auf der Landstraße vor den Fremden tanzen ließ. Dieser Bruder Daûds hieß Dabbûs, »Stecknadel«, weil er so klein und erbärmlich war, daß ein rechter Mann ihn mit Fug übersah. Er hatte ungelenke, magere Gliedmaßen; seine Knie glichen dicken Knoten; sein Rückgrat war wie ein Fragezeichen gekrümmt, und sein Kopf gemahnte an den eines Greises oder kaum geborenen Kindes, mit überladendem Hinterkopf und flacher Stirn, breiten, nacktstehenden, zugespitzten Ohrmuscheln (an denen er, als Erstgeborener, einen kleinen silbernen Halbmond trug) und beweglichem Mund, der an eine Schnauze gemahnte und stets in Bewegung war. Sein eines Auge war erloschen; es rollte aber um die Wette mit dem ihm nahe benachbarten zweiten, das schlau und scharf war, schier stechend, und nichts Eßbares außer acht ließ. Das war Dabbûs. Er war zehn Jahre alt und der erklärte Sklave aller Welt. Dabbûs kletterte jetzt wie eine Spinne auf den Balken, und Daûd sprang herab mit einem seligen Schrei. Er schwebte wie eine Taubendaune in der Luft und im Blau ... Und unter sich, tief und doch deutlich, sah er seinen Vater mit den Genossen weiterrennen. Zabal trug einen Tarbusch, den er mit einem seidenen Tuch umwickelt hatte, und die Fransen dieses Tuches umspielten seinen Nacken wie eine flatternde Fahne. Ja, wenn nicht alles täuschte, so ward Zabal mit jedem Sprung, den er tat, jünger und reicher; er schwang einen dicken Stock, und das Zickleinviertel unter seinem Arm leuchtete rosig herauf. Auf einmal war Daûd ihm dicht auf den Fersen und lief auf plattem Boden, so daß von seinen klatschenden Sohlen der Staub in die Höhe fuhr. Hinter ihnen, durch den Fleischgeruch gelockt, sprangen jappende Hunde, kurzbeinige gelbe Hunde, die knurrten und vor Eifersucht aufeinander winselten ... Da hieß es rennen, und das war kein Kunststück, denn im Traum hat man mehr Sprungfedern in den Gelenken als in der schleichenden Wirklichkeit. Daûd folgte also fröhlich den sechs roten, gelbbesohlten Schuhen, die vor ihm dahinwirbelten, bis er auf einmal Schatten um sich spürte, aus dem der warme Geruch seines heimatlichen Dorfes wehte. Alles um ihn herum schien sich verändert zu haben, in einem fremden, verschönernden Licht zu ruhn; die Gassen lagen feiertäglich still; Sonnenlicht schwamm funkelnd über dem aufgestapelten Durrahstroh der Dächer, auf denen farbige Hähne stolzierten und emsig krähten, so daß die Luft sich von ihrem Getöse erfüllte ... Die Dorfbewohner hockten, Wasserpfeifen mit Kokusbehältern schmauchend, zufrieden schwatzend unter dem großen Fikusbaum, unter dem blassen Schatten der gelbbraunen Luftwurzeln; von den Kronen der Palmen, die steil und träumend in den Höfen standen, hingen die Datteln klumpenweise, und kleine braune Tauben gurrten und zankten sich in weichen Lauten, auf und nieder trippelnd, auf den Nilschlammfirsten. Die Männer hatten jetzt das Laufen aufgegeben und schritten ohne ein Zeichen der Ermüdung würdig dahin wie drei Schêschs, die sich getroffen haben und selbander zu Markte gehen. Ihre baumwollenen Mäntel blähten sich; sie setzten ihre Stöcke stramm und selbstbewußt auf den Boden –: heut war ein großer Festtag! Daûd hatte seinen Vater noch nie in so fürstlicher Verfassung gesehen. Bisweilen wandte sich der Vater um und sah ihn zwinkernd an: »Hehe, was, Daûd, das ist nicht ein Tag wie die vielen anderen!« Dann langten sie bei der Hütte an und traten jauchzend ein. Zabal warf seinen Stock in die Ecke und klatschte in die Hände, deren Teller ganz rot von Henna waren. Und siehe: nun steckte Umm-Dabbûs ihren Kopf durch das Mauerloch herein. Auch sie schien jünger zu sein als sonst ... Sie hatte neben der Eselskrippe gesessen und Dungkuchen gemacht; nun war sie müßig und auf das Wohl der Männer bedacht. Zabal also hob seinen Wollrock und seine halbseidene Kelabije bis zu den Knien und stieg behende durch das Loch im Lehm zu ihr herein; und seine Freunde stießen sich abwechselnd an der Luke und lachten spitzbübisch und lärmend. Dort drinnen sang Zabal ganz hoch und leise; plötzlich brach er ab und kam zurück, mit zerzaustem Backenbart und ausgelassen wie ein junges Kalb. Auch Umm-Dabbûs verbarg ihre Heiterkeit nicht; ihr gestreiftes Leinenhemd hing halbgeöffnet herab; ihre schieferfarbenen Brüste drängten sich kameradschaftlich, mit blauen Ornamenten geziert, aus dem Saum hervor, und ihr Mund war weit gespalten von festlicher Zufriedenheit. Nachdem sie ihre Hände vom Kamelmist gereinigt, fuhr sie schmeichelnd über die Gesichter, und dabei auch über das Daûds; und während sie hin und her ging, klirrte der verzinnte Kupferschmuck an ihren Hand- und Fußgelenken; leise und verführerisch klirrte er, mit zartem Metallton ... Und als sie sich über das mitgebrachte Fleisch und die Eingeweide beugte, um sie zu kochen, traf ein Sonnenblitz durch das Dach ihren kreisförmigen Ohrzierat und entlockte ihm eine gelbe Flamme, die klein und gleißend aufzüngelte, sooft sie den Nacken drehte. Da schrie Zabal in die lärmende Lustigkeit der Männer hinein: »Bei Gott, Umm-Dabbûs, ich will eine Kasîde singen, einen großen Gesang; deine Ohrringe fordern dazu heraus, denn sie beschimpfen die Leute!« Umm-Dabbûs warf ihm ihren bersimgefärbten Pantoffel an den Kopf und sprach: »Eine Kasîde? O Zabal, sie wird dem Kleiewasser ähneln; denn deine Verse sollten mit Eselsurin an die Kirchenmauern geschrieben werden.« »O du Hündin,« erwiderte der Vater, »horche zu! Der Flötenspieler verbirgt seinen Kinnbart nicht, weshalb soll ich meine Kunst nicht leuchten lassen? Ein beredter Mann baut sein Gedicht aus Perlen; und ich bin wahrlich darin erfahren.« Da lachte sie mit ihrer Kehlstimme recht herzhaft auf und sprach: »O Zabal, heute spreizest du dich wie ein Gemeindewidder; von wannen sollte dir solches Wissen kommen? Sonst denkst du an nichts als an Knüppel und Prügel, an Kleinvieh und Schöpfwerk, an Schlamm und Mistschlepperei, du trägst das Pflugholz hinter dem Nacken, wenn du dich auch als Schêsch gebärdest ... Ihr seid hohle Köpfe und geile Wänste, du samt deinen Genossen. Morgen schüttelst du wieder die Läuse aus deinem Hemd und deinem alten Fasergürtel und rennst mit wirrer Tarbuschtroddel barfuß durch Hitze und Dornen – – – Und du willst eine Kasîde dichten?« Da warf sich Zabal in die Brust und sprach: »Beim Leben meines Bartes, das will ich. Horche zu, du, deren Liebesgetändel im Ofenqualm den Sprüngen der Affen ähnelt!« Die Freunde fielen fast auf den Rücken, so lachten sie über das Zwiegespräch. Und Zabal begann seinen Gesang. Es wurde ganz still in der Hütte. Umm-Dabbûs ließ das Fleisch weiterbrodeln und setzte sich mit gekreuzten Beinen lautlos hin, ganz verblüfft und entzückt. Denn nachdem Zabal mit der Zunge tremoliert hatte, als ziehe er zuvörderst mit bebender Hand den Bogen über das Seitenpaar einer Hochzeitsvioline, sang er mit volltönender Stimme wie ein bezahlter Vortragsmeister eine Kasîde, so traumschön, so reich an Bildern und galanten Wendungen, daß Daûd den Mund noch weiter öffnete und ganz schwachatmendes Gehör wurde, und daß die älteren Männer vor Vergnügen mit den Stöcken auf den Boden schlugen, sobald der Refrain wiederkehrte, den Zabal in zitternder Höhenlage und mit geschlossenen Augen zum Dach emporschickte. »He, du mit dem Schmuck in den Ohren, Du handelst mit Rosen nach Pfunden! Wie herrlich hockst du im Mist! Ich bin Zabal-ibn-Dakka, Ein Dichter bin ich und Dorf-Schêsch. He, du mit dem Schmuck in den Ohren, Du handelst mit Rosen nach Pfunden! Zichorie wollen wir schmausen; In Leinöl gebratene Eier; Ich gebe dir Bündel von Lattich; Und Buttermilch, lecker in Näpfen. He, du mit dem Schmuck in den Ohren, Du handelst mit Rosen nach Pfunden! Ich bringe dir Ful, frisch gebrochen, Und Suppe und Bohnen mit Bîsâr; Wir setzen uns neben die Krippe, Du drehst dich und tanzest im Staube. Und nun als Siegel der Rede: – He, du mit dem Schmuck in den Ohren! Schick ein Gebet zum Propheten, Dem Mittler unsrer und aller! Du handelst mit Rosen nach Pfunden: Ich flöte zum Dank meine Verse!« Als Zabal abbrach, war es noch eine Weile still; dann wiegten alle Zuhörer die Köpfe und sprachen inbrünstig: »Allah! Allah!« – – – Umm-Dabbûs vollends war so befriedigt, daß ihr die Handmühle, die sie auf dem Kopfe trug, herunterfiel; dann sprach sie: »Ich tat dir unrecht, Zabal, damit, daß ich dich einen Stümper nannte.« »Sing sie noch einmal, die Kasîde, o Zabal!« meinten die beiden Freunde und strählten mit den Fingern ihre schwarzen Bärte. »Sie ist herrlich, deine Kasîde!« »Was hat Gott nicht gegeben!« erwiderte Zabal recht geschmeichelt. »Wohlan denn!« und er sang sein Lied noch einmal, und diesmal mit obszönen Floskeln, die so drastisch waren, daß alle vor Vergnügen schrien. Mit der Zeit hatte sich der Hütteneingang verdunkelt. Die Leute aus dem Dorfe waren erschienen, eben die Gesellschaft unter dem Fikusbaum; die Kasîde war gedämpft zu ihnen herübergeklungen und hatte ihre Neugierde erregt. Nun kamen sie mit ihren Pfeifen, mit Sack und Pack, mit ihren zerlumpten Kindern und breithüftigen Weibern heran und warfen entzückte Blicke durch die Tür. »Friede über euch!« schrie, sehr aufgeräumt, Zabal. »Kommt herein, wir haben eine große Schmauserei!« »Hast du Geld, Zabal?« flüsterte Umm-Dabbûs. »Das Gewürz ist deine Sache.« »Beim Leben deiner Gestalt! Ich bin mittellos.« »Ich will dir helfen,« sprach Umm-Dabbûs, »weil du die Kasîde sangst. Im Hühnerstall findest du Geld. Nimm einige Doppelpiaster und hole Myrte, Kirschsteine und Minze. Und, um ein übriges zu tun, hole auch Safran, damit du die Kleider deiner Kinder färben kannst; dann sind sie wie Prinzen unter den Kindern des Dorfes. Und wenn du Dabbûs bei der Sakije triffst, so hole auch ihn, damit er seinen Anteil habe!« – – – Daûds, des Knaben, Augen brannten in ihren Höhlen: Geld! Er sah die Silberlinge durch die Wände leuchten; er sah ihren milden Glanz im Hühnerkot, einen stummen Segen, einen versteckten Wert: einen Reichtum !! Er holte sein schmutziges Hemd aus der Ecke und stellte sich vor, wie es ihm stehen würde, wenn man es mit Safran färbe ... Herrlich würde es ihm stehen, er würde nie mehr auf der Sakije reiten, sondern damit umherstolzieren, mitten in der Sonne! Und er würde Neid erregen! Die süße Erwartung rann ihm durch die Glieder; doch dann dachte er, daß Dabbûs, der kleine Affe, ähnlich gelb herumlaufen würde, ähnlich geschmückt; und eine böse Brauenfalte verfinsterte seinen Blick. Zabal war verschwunden. Und es war inzwischen keineswegs Abend geworden, sondern es blieb hell wie immer: ein ewiger Traumtag funkelte draußen. Und nun erhob sich ein wüstes Geplärr: viele Hände fuhren gierig in die Fleischbrühe, in die Eingeweide, die dampfenden Saubohnen und den Haferzuber hinein; und Umm-Dabbûs saß mitten darunter, schmatzend und feist, mit glatter Haut und drallen Knien, und hieb die allzu unverschämten Schmauser mit einem handfesten Knüppel über den Kopf. Und Daûd selbst schmauste und balgte sich um das Beste. Er war selig, selig und ganz ohne Wunsch – – – Als Daûd erwachte, war eine unstillbare Sehnsucht nach den Doppelpiastern und nach dem gelben Hemd in ihm zurückgeblieben. Wohl möglich, daß diese Dinge schon lange verstohlen in seiner Brust ihr Wesen getrieben hatten; jetzt standen sie als lockendes, unerreichbares Ziel vor ihm; und während er die Augen auftat, seufzte er schwach auf und wälzte sich von dem Balken herab. Eine Weile noch stand er verkniffenen Blickes da, um sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden, und dann prügelte er den Büffel, der wiederkäuend vor ihm lag. Der Büffel hob sich ruckweise und mühsam in die Höhe und begann unter hilflosem Grunzen seinen Frongang wieder abzuschreiten. Die Sakije nahm einen Anlauf; dann fand sie ihre Melodie und sang ihr fatalistisch leierndes Lied, gleichmütig, so, als ob sie nie geschwiegen habe. Der Abend war da. Die Farbe der Hügel spielte in ein dämmerndes Rostbraun herüber. Der Himmel dunkelte in finsteren Veilchentönen; hellgelbe Flammen loderten noch an den Rändern der Welt; dann wuchs mit ungeheurem Leuchten ein tieforangefarbener Rauch im Westen heran und schluckte, von innen heraus rot erglühend, den violetten Schimmer. Tiefes Urblau machte sich breit, Sterne drangen heran, zu Dutzenden zunächst, dann heerweise, bis die ganze kristallne Glocke mild erschimmerte. Dies alles dauerte kaum die Zeit, da man eine mittlere Sure spricht; dann wurde das Niltal schwarz: und Daûd, der, die Hände unter dem Kopf verschränkt, betrachtend dagelegen war, sah die Silhouetten seiner Eltern näher kommen. Sie hatten die Feldarbeit beendet und stießen mit der Hacke ein jammerndes Tier vor sich her, ein Geschöpf, das, sobald es sich befreit aufreckte, menschliche Maße zeigte; Dabbûs, die »Stecknadel«, den Sklaven aller Welt. Drüben auf der anderen Seite des Stromes, zeigte sich jetzt die blendende Laternenreihe der Strandpromenade und der hufeisenförmige Lichterkranz der großen Hotelterrasse. An das Drüben dachte Daûd für gewöhnlich nicht viel; heute jedoch, da sein träumender Kopf voller Piaster und prunkhafter Kleider war, stellte er sich die weißen Fremden vor, die verachtungswürdigen, ruhmredigen Fremden, die, wie man ihm berichtet hatte, im Golde wühlen und sich von allen Seiten herrlich beleuchten lassen, wenn sie essen und trinken. Oder die sich mit ihren Frauen (was vollends albern war) herumdrehten, bis sie schwitzten, und dann mit roten Gesichtern pfefferhaltiges Wasser tranken, um stark zu werden – – – das hatte man ihm erzählt! Das wußten die Bootsleute ganz genau, und sie belegten es mit den lärmendsten Eidschwüren! Daûd kicherte in sich hinein. Dann schloß er sich den Eltern an, vermied es, in ihre griesgrämigen Züge zu blicken und vergaß wieder alles über seinem herrlichen Traum, der ihn wie ein paradiesisches Geheimnis beschäftigte. Er fand ein halb zerkautes Zuckerrohr und saugte, während er heimwärts trabte, die letzte Süßigkeit heraus. In der Mitte der Nacht wachte er plötzlich auf. Eine unbestimmte Beklemmung hatte ihn geweckt. Und plötzlich war die Erinnerung an seinen Nachmittagstraum wieder da. So, als sei er irgendwo zu Besuch gewesen, doch als habe er gänzlich vergessen, wo. Es war ganz still; draußen ging ein Flüstern um. Seine Eltern lagen wie ein schwarzer Klumpen auf einer Ziegenhaardecke. Neben ihnen, im schwachen Sternlicht, lag Dabbûs, die Nase zwischen den hochgezogenen Knien. Und der junge Daûd hielt eine blinzelnde Augenzwiesprache mit seiner Umgebung, vielleicht durch die Dauer einer halben Stunde; er horchte auf das Pfeifen der Fledermäuse, sah, wie durch die Luke, die die gespaltenen Palmstämme im Dache freiließen, ein Ziegenmelker hin und her strich, und vernahm das sachte Trappeln eines Fuchses, der draußen einsam durch die Gassen trabte. Und nun beschloß er etwas. Dieser rare Vorgang entwickelte sich in seinem Hirn, ohne daß er mit jemand gesprochen hätte. Das persönliche Ich riß sozusagen seine letzten Keimhüllen durch: ein höchst belangloses, embryonales Ich noch, aber trotzdem eines, das selbständig wurde, sich herausschälte, Eigennutz zeigte, verschmitzte Gedankenfolgen produzierte; kurz, es war die erste Kopftat des kleinen Daûd, und sie beschäftigte ihn seltsam gründlich. Und am Schluß stand das Resultat vor ihm, die formgewordene Idee. Und diese Idee hatte ein gelbes Hemd an, war in Begleitung eines weißen Esels und klimperte mit vielem Silbergeld; und im Hintergrund, schattenhaft, drängten sich viele Inglîz, weiße Gestalten, die alle von dem Wunsch beseelt waren, auf diesem Esel zu reiten, und jede Summe dafür boten. Er stand leise auf, warf sein schmutziges Hemd um, widerstand der Versuchung, Dabbûs zum Abschied einen Fußtritt zu geben, und ging hinaus. Noch flimmerten die Sterne groß in der schwarzen Bläue. Ein verfrühter Hahn krähte mit unsicherer Stimme. Daûd ging über die Felder, unfern seiner Sakije vorbei, mit deren Bestallung er in Gedanken endgültig seinen Bruder bedachte, und lenkte seinen Schritt dem Nilufer zu, schlafende Wachtelvölker aufstörend. Er schritt auf den Resten der alten Seeumwallung von Birket-Hadu herüber, an der pompös entbreiteten Lebbachakazie vorbei, streifte mit einem milden Blick die schwach beglänzte Landschaft und ging einsam und glücklich über den zersprungenen Nilschlamm durch die kalte Nacht ohne Tau einer freudevollen Zukunft entgegen. Am Nil angelangt, entledigte er sich, wiewohl er herzhaft fror, seines Hemdes und tänzelte, mit erleichtertem Gewicht, auf den Zehen etwa bis zu einem Viertel der Strombreite. Dann hielt er das Hemd als Bündel mit der Hand über den Kopf und schwamm wie ein Otter auf die andere Seite hinüber. Er erreichte die Lehmböschung, wo die Segelknechte und Steuerer der Dahabijen und Giasen schliefen; und dann trocknete er sich schaudernd ab. Die Strandstraße lag noch totenstill; zuweilen zog brummend ein großer Mistkäfer seines Weges. Daûd, den die Kälte seines Körpers am Schlafen hinderte, hockte sich an eine Mauer, das Gesicht mit offenen Augen auf die Arme gelegt. Ein nubischer Polizist ging, leise vor sich hinsingend, dicht an ihm vorbei. In der Nacht schläft halb Luksor im Freien; in jedem Winkel atmet ein Schläfer. Das große Hotel lag weißleuchtend da und öffnete seinen Treppenaufgang wie eine riesige Schere. Die ausgehängten Teppiche vor den Krämerbuden regten sich leise im Nachtwind, und der Große Tempel lag dräuend und schwarz. Das Minarett der Moschee Abu'l-Haggâg stieg schlank und zierlich aus seiner plumpen Masse hervor wie der Schaft einer Zierpflanze. Daûd sah den Morgen erwachen; köstlich war er wie jeder im frühen Jahr. Ein leichter Wind fuhr als Vorläufer der Helle mit einem stetigen, kaum veränderlichen Sausen über die Promenade. Der Himmel ward stumpfer, da die Sterne ins Nichts zurücktraten ... Nur über der einzelnen Palme, die rechts von Daûd aus dem Garten ragte, hing als funkelnde Träne noch der Stern, der am spätesten scheidet. Dann ging über den Himmel ein sachtes Erbleichen, ein süßes Entfärben; die Tinten der Nacht klärten sich zu einem blassen Blau, das königlich an Reich gewann; aus noch unsichtbarer Quelle sog es trunken sein stilles Licht, und der Hügelkranz des Horizontes errötete sacht, bis er zuletzt in einem grellen Gelbrot plastisch erglühte. Ein Leuchten begann allerorten; reinste Farben tauchten auf, wie durch Zauberhauch geweckt. Und als die stille Seligkeit des sich gebärenden Tages ein Ende hatte, als die Sonne, noch durch schwache Flußnebel ihrer Wirkung beraubt, über dem Kamm der Wüste loderte, regte sich das Leben langsam und mit Muße. Es tat das Dunkel aus den schlafblinden Augen ... Und dann, plötzlich, war es da, hungrig und bebend wie ein aufgescheuchtes Tier. Diese Unruhe der Frühe ergriff auch Daûd. Eine nicht abzuschüttelnde, wachsende Befangenheit nahm jetzt von ihm Besitz, als er mit noch nachttrunkenem Kopf das Leben auf der Strandstraße erwachen sah. Es war nicht häufig, daß er sich freiwillig und ohne bestimmten Zweck nach Luksor begab ... Er hatte immer Genossen gefunden, mit denen er sich gebalgt, und immer einen kleinen Spektakel zum Gaffen ergattert; in den Magazinen kannte er die Angestellten, und an den Eingängen der Hotels saßen seine Freunde, die Bauwabs; er kannte sie gut; sie waren voll höheren Wissens, trugen Prachtgewänder und hatten ihren vertrackten Spaß an ihm. Heute jedoch, da sein Herz ihn fragte: Warum bist du gekommen, Daûd? Willst du stehlen? Hast du ein Schlachtkalb zum Fleischer zu treiben? Wo ist die Ziege mit verknüpften Vorderfüßen, die dir dein Vater zum Verkauf anvertraute? Hast du es auf die dicke Frau abgesehen, die den kurzen gelben Rock und den Hutschleier trägt – eben die, die neulich so beschwerlich auf das Kamel und so plötzlich wieder heruntergelangte? Und willst du sie wieder verspotten und so heftiges Entzücken bezeigen, daß du dich auf dem Boden wälzest und sogar die Treiber zu unbotmäßigem Grinsen reizest, während sie ihr wieder auf die Füße helfen? Heute, da sein Herz ihn dies alles fragte, mußte Daûd erwidern: Nein, nicht dieser Dinge halber bin ich heute da. Weshalb aber bin ich da? – Ich will Geld verdienen und ein gelbes Hemd erwerben. Auch will ich mir Zuckerwerk kaufen und eitel Halbabrot essen, um stark zu werden. Ich will nicht mehr auf der Sakije sitzen. Es ist hübscher hier. Ich will viel herumhorchen, einen Esel mieten, die Sprache der Inglîz sprechen und ihnen viele Piaster aus der Tasche fischen. Denn wenn ich auch noch dumm und klein bin, so weiß ich doch, daß diese Teufel nichts anderes verdienen, als derb geprellt zu werden. Aber auf welche Weise sollte er nun seinen Vorsatz ins Werk setzen? Ja, wie, um alles in der Welt, sollte er das machen? – Er überlegte mit gekrauster Stirn, und auf einmal überkam ihn eine rechte Ratlosigkeit, so daß er sich in den Staub warf, zu schreien anhub und mit den Beinen um sich schlug. Da ertönte hart an seinem Ohr eine blecherne, knarrende Stimme: »O du Sohn von sechzig Hunden; entfleuche flugs; was soll dein Geschrei? – Siehe, du hast mein Gebet mit deinem Atem zerschrien und ungültig gemacht; und nun muß ich von vorn beginnen; Schande über dich und dein Geschlecht!« – Daûd blickte verblüfft auf, da sah er den Kaufmann, dem der nächste Laden gehörte, einen Juwelier und Altertumshausierer, mit zornwetternder Miene vor sich stehen. Sein olivfarbenes, ledernes Gesicht zeigte tiefe Falten der Kränkung; sein schwarzer Schnurrbart zuckte. Daûd erhielt noch einen derben Tritt von einem Saffianpantoffel an die Schulter; dann stand er eilends auf und schlich davon. Er sah noch, wie der Kaufmann in den Laden zurückkehrte, sich auf die Knie niederließ und, leise mit den Lippen bebend, die Hände gespreizt an die Schläfen hob. Daûd bog hinter den Großen Tempel ein und gelangte auf einen kleineren, freien Platz, auf den die Straße El-Mahatta mündet. So vielfach das Leben sich auch schon rührte, er empfand doch, daß in dem Hin und Wider des entfesselten Verkehrs plötzlich eine leise Dämpfung entstand. Jetzt ward es ihm bewußt: eine Stimme, die, an keinen Ort gebunden, scheinbar ursprungslos über ihn dahinwanderte... Eine Stimme, dem hellen Blau entquellend, entrückt und doch körperlich spürbar. Und diese Stimme traf ihn wie eine Lähmung, wiewohl er wußte, was sie rief. Sie kam von dem frisch gekalkten Minarett der Moschee El-Alabi; und das Minarett leuchtete mit seiner Tropfsteinplastik unter dem Rundgesims weiß im Morgenblau. Über das niedrige Geländer beugte sich ein Kopf, hoben sich schwarze Ärmel, aus denen gespreizte Finger stiegen. So klein, so zierlich sah das aus wie ein Spielzeug, und doch war die Stimme groß und deutlich und flog wie ein feierlicher Vogel über den Platz. Sie kam herunter mit einem schrillen Unterton und zog wie eine Welle in die Runde... Zuweilen überbot sie sich selbst, ekstatisch überspannt, und starb in einem heiser verzückten Laut dahin, um plötzlich wieder aus dem Dunkel tiefen Klanges und gereinigt zu erwachen, eine ansteigende Beteuerung ruckweise herausschleudernd, bis sie sich wieder tremolierend in atemloser Höhe wiegte. Das ist der Gesang des Muezzin; keiner gleicht ihm. Er singt: »Gott ist sehr groß! Ich bekenne, daß Gott Der Gott ist! Ich bekenne, daß Mohammed der Prophet Gottes ist! Kommt zum Gebet! Kommt zum Heil! Gott ist sehr groß!« Er singt manche der Sätze dreimal mit aller Inbrunst einer fanatischen Erkenntnis. Er ist das Instrument, dessen der Höchste sich gleich einer Posaune bedient. Der Höchste schuf diese Stimme, diesen melodischen Aufschrei zu sich selbst und tat ihn in ein unvollkommenes Gefäß; bewahrt ihn darin; und so ist denn die Stimme die ganze Seele des Muezzins, denn er denkt nicht dabei. Es singt aus ihm. Sein Leben ist ein tierisches; es gehört der Nacht an. Er ist blind. Die verschrumpften Augenlider sind tief zurückgesunken. Leere Höhlen gähnen in das wundervolle Blau. Er bläht den Hals und wirft den Hinterkopf erhaben und eitel zurück; sein scharfes Profil steigt auf und nieder; sein Gesicht wiegt sich leise zum Beben der offenen Hände. Die Arme, im Ellbogen senkrecht abgeknickt, schweben breit im Licht, im Glanz, als wollten sie ihn einraffen wie die Arme der großen Menschenfischer, die je in diesen Bereichen hausten. Unter ihm sind offene Höfe: die Harems kehren ihr Innerstes zum Licht. Braune Frauen schwatzen halbnackt miteinander, wiegen unmündige Kinder oder liegen noch wie schwarze Bündel in nächtlicher Erschlaffung da. Ein leises, silbernes Gemurmel strömt aus dieser Welt, die von der äußeren streng geschieden ist. Könnte er sehen, der Muezzin, so sähe er viel, so würde eine Flamme von sinnlichen Begierden ihn von unten her umzüngeln, ihn stammeln machen und ihm die Andacht zu Gott aus dem Kopfe treiben. Er würde in manchen eifersüchtig behüteten Schrein seinen gierigen Bettlerblick schlüpfen lassen. Er würde in Gedanken die drei Gebetszeiten des Tages besudeln und verstohlene Völlerei treiben; und aus seinem leeren Inneren würde der Anruf nicht mehr kristallen rein emporfahren, sondern würdelos und schluchzend wie Eselsgeschrei. Solange der Mensch dort oben sang, hörte Daûd ihm zu. Er hatte sich mitten auf den Platz gesetzt, in fromm meditierender Stellung. Er verstand den Sinn des Gesanges nicht; es war mehr der Klang, der ihn reizte, und der ihm vertraut war wie der Sang der Sakije. Und Daûd erinnerte sich, daß seine Altersgenossen, sogar die dümmsten unter ihnen, schon rechte Moslems waren und bereits etliche Suren beherrschten, wenn sie auch keine Riten kannten und nichts weniger als beteten. In einer dunklen Anwandlung von Schicklichkeitsgefühl zog er das Hemd, das er bis jetzt als formlosen Ballast mit sich geschleppt, manierlich über den Kopf, und dann beschäftigte er sich wieder mit seinem noch recht gestaltlosen Vorsatz ... Seine Genossen waren schon in ihrem sechsten Jahre in die Schule getrieben worden; sie waren ihm füglich überlegen, und hier stand er, war nichts, konnte nichts und fühlte einen Geschmack wie von Galle am Gaumen. Doch lange war es ihm nicht vergönnt, also bittere Überlegung zu halten, denn der Platz begann sich zu beleben. Die eisernen Scharniere der sich öffnenden Ladentüren knirschten die ganze Straße El-Mahatta herab, so daß ein fröhliches Getöse entstand. Aus den kleinen Schankstuben kamen braune Burschen in gestreiften Hemden heraus und stürzten die Unrateimer über die Straße; die Sonne bebrütete das stinkende Rinnsal und schluckte es nach wenigen Minuten auf. Ein koptischer Priester ging über die Straße, eine große, hagere Gestalt, umwallt von teurer schwarzer Wolle, mit violettem Gürtel und konisch geformter Hauptbedeckung. Er war hell im Gesicht und trug einen schwarzen, runden Bart. Seine Hände, mit kräftigem Adernetz, rafften den Mantel von den gelben Stiefeln zurück, die er mit fast weibischer Vorsicht über jede Pfütze setzte. Ein Fleischer zerrte von einem Karren einen toten Hammel herab; vor seiner Auslage schaukelten an eisernen Haken blutige Vierteile mit weißleuchtendem Fett. Von jener Gegend kam ein erstes, rastloses Fliegensummen: der Mensch war nicht müßig, und das Ungeziefer tat es ihm gleich. Während Daûd sich entschloß, einen einsameren Ort, womöglich an der Mauer, einzunehmen, ward er eines Esels gewahr, der ihn erstarren machte, denn diesen Esel kannte er bereits aus seinen Träumen. Der Esel trappelte mit einem Geräusch, als ob kleine Stahlhämmer auf den noch nachtkühlen Asphalt fielen, quer über den Platz; er war schneeweiß, etwas größer als die anderen, die Daûd bis jetzt gesehen und in jeder Beziehung ein gehätscheltes Prachtstück. Er stammte offenbar aus Nubien, aus der Gegend von Halfa, denn dort ist die Urwiege aller Rasseesel. Er trabte so stramm dahin, daß es eine Freude war; er bockte leicht mit den Hinterbeinen, und der kalte, graue Fremde, der auf ihm saß (– mit dem schwarzen Augenschutz, der ihm das Ansehen einer Eule gab –), dieser klammerte sich an ihn, wie sich ein böser Geist um eine reine Seele klammert, die entfliehen will. Von dem bunten Samtsattel, nach dem Daûd in aller Eile spähte, sah er nichts als einen lockenden Schimmer, da der Fremde so eifrig auf und nieder flog, daß er in jeder Sekunde einen anderen Teil des Sitzes den Blicken entzog. Dagegen hatte Daûd ein Zaumzeug wahrgenommen, das ihn märchenhaft kostbar dünkte. Hinter dem Esel, mit einem Treiberschrei, der mehr einem Jauchzen glich, kam ein gutgenährter, humoristischer Knabe geflogen, älter als Daûd, mit einem gestickten Baumwollkäppchen und flatterndem, funkelnd blauem Hemd; offenbar einer, der bereits in Piastern wühlen durfte. Der Junge tanzte mit einer Gerte hinterdrein – – – ach, das Leben ist eine Lust! Dann war auf einmal das Zauberbild verschwunden, und Daûd, die Augen aufgerissen, fand sich schwer in diese Welt zurück. Doch war dies der letzte Anstoß für ihn gewesen, etwas für sich zu unternehmen, und er stand auf und ging die Mauer entlang. Nach einer Weile fand er eine Tür. Er trat in einen gestampften Hof und hörte ein eintöniges Gemurmel. Er befand sich vor einem rechteckigen, niederen Gebäude aus Nilerde, das von gespaltenen Palmstämmen und darübergelegten Palmblattmatten bedeckt war. Unter den Zipfeln der Matten, die zerfasert auf den Seiten herunterhingen, waren zwei löcherartige Fenster: aus diesen Öffnungen drang das lockende Gemurmel. Und instinktiv erfaßte der zögernde Daûd, daß für ihn zunächst dies der Ort sei, wo er aus der Quelle des Wissens schöpfen werde. Der Eingang zu dem Gebäude war auf der anderen Seite; so ging denn Daûd mit einem Gemisch von Ehrfurcht und Entschlossenheit um die Ecke und stand plötzlich vor einem dämmrigen Raum, in den zwei blendende Lichtbüschel fielen. Gleich darauf unterschied er einen älteren Mann mit einem kurzen Vollbart, der sich über ein Buch neigte. Er überragte einen Kranz von Knaben, die auf kleinen Palmstengelpulten oder in den Händen verzinkte Platten von Eisenblech hielten, auf denen viel Tinte glänzte. Diese Knaben nun beugten sich rhtythmisch in den Hüften und rezitierten mit krausen Stirnen in melodischer Wortfolge eine Lobpreisung Allahs. Nach jedem Satz fuhr die Stimme des Lehrers dunkel hinterdrein. Das Geleier ertönte noch etwa eine Minute, auf und ab schwellend, müde wie der Grillengesang in Daûds Feldträumereien. Dann wurde der Eindringling bemerkt, oder es wurde vielmehr bemerkt, daß er sich noch nicht empfahl, sondern sich mit neckischer Bescheidenheit als Mitglied der Schule zu fühlen schien. Er war in den Schatten geglitten und traf alle Anstalten zu bleiben, von dem einzigen Wunsch beseelt, um jeden Preis aus seinem Aufenthalt Gewinn zu ziehen. – – Seit man seiner gewahr geworden, hatten die Knaben etwas schleppender rezitiert und waren in gedankenloses Näseln verfallen, denn sie machten sich auf eine spaßhafte Unterbrechung gefaßt. Und richtig: jetzt klappte der Schulmeister ab und erhob sich. Seine arabischen Hosen verschwanden unter dem Kaftan; er warf mit der einen Hand das halbgelöste weiße Wolltuch, das um seinen Tarbusch gewickelt war, heftig über die Schulter. Die Knaben drehten sich so eilig herum, daß die Kuhhorntintenfäster, die sie auf den Bäuchen trugen, kleine Spritzer von sich gaben. »Friede mit dir!« sagte nach einer kurzen Stille der Schulmeister mit recht ärgerlicher Stimme. »Wer bist du, und weshalb sitzest du hier und störst den erhabenen Unterricht?« Er fischte eine Hornbrille aus dem Ärmel und wand ihre Haken heftig um die Ohren herum. Daûd war bestürzt. Aber die Gewißheit, daß er in der rechten Schmiede war, gab ihm Kraft. Er begriff nicht, wessen man ihn bezichtigte, aber um jedenfalls sicherzugehen, tat er, was sein kleines Herz ihn hieß: er legte, wie er es bei dem blinden Muezzin bemerkt, die Daumen an die Schläfen und sang, wobei seine Stimme glasschrill aus der ängstlichen Brust herausstieg, das Subh, das Morgengebet, mit den richtigen Worten und Wiederholungen, deren er sich noch vom Morgen her gut bewußt war. Man ließ ihn gewähren. Der Schulmeister zeigte ein flüchtiges Lächeln, das er gleichwohl, wie seine Stellung es heischte, mit Würde tilgte. »Du sangst ohne Falsch«, sprach er. »Dies ist das rechtschaffene Frühgebet, wenn der gelbe Schimmer erscheint. – – Wo kommst du her?« Daûd deutete mit dem Daumen in die Richtung. Dabei sagte er: »Naga-el-Kôm.« »Und dein Name?« »Daûd-ibn-Zabal.« Die kleine Gesellschaft brach in ein Gelächter aus. »Man lacht,« fuhr der Fiki fort, nachdem er die Lustigkeit mit einem erbosten Husten gedämpft – –, »weil du ein Dorfkind und ein Tölpel bist. Denn hier gibt es nur Söhne von Kaufleuten, die mich bezahlen. Hast du Geld?« Daûd demonstrierte mit einer einleuchtenden Gebärde, wie es in dieser Hinsicht stand. Der Schulmeister blieb finster stehen und nagte an seiner Lippe. Dies Schweigen war schrecklich. Daûd neigte den Kopf und drehte nur seine bläulichen, schönschimmernden Augen empor, so daß er keine Regung des fürchterlichen Gewalthabers außer acht ließ. Irgend etwas schwante ihm, ein donnernder Schlag, der ihn zermalmen würde wie eine Fliege, oder eine große Gelächterschmach aus diesen fünfzehn Kehlen. Zum mindesten befand er sich schon halb auf der Flucht. Nun aber sprach der Schulmeister, und seine Stimme war mild: »Für heute magst du bleiben; ich will sehen, ob dein Kopf die Einsicht hat und dein Gemüt guten Willens ist. Ich will dich die Fatha lehren, den erhabenen Eingang alles Wissens, der mit Perlen geziert ist. Und wenn sich dein Kopf gelehrig erweist, so geh zu deinem Vater und sprich zu ihm: ,So und so, und ich will zu dem Schêsch Ali-ibn-Mûsa gehen, auf daß er mich den heiligen Koran lehre'; und bring mir von ihm im Anfang jeden Monats einen Doppelpiaster, ein junges Huhn und eine Wassermelone, wenn sie reifen. Und wenn er eine Abgabe in diesem Sinne leistet, so wird Gott ihm und dir gnädig sein.« Dies sprach der Schulmeister, und somit war Daûd bestätigt. Die Knaben, nach einer letzten, erheitert abschätzenden Kritik, hatten ihren Lärm eingestellt. Sie wandten sich wieder ihren Blechtafeln zu, und ehe sie weiterlernten, strichen sie ihre buntgestreiften Hemden über den Knien glatt und saßen manierlich wie ein Häuflein Turteltauben, das im Schatten Mittagsruhe hält. Daûd hatte sich in ihren Kreis einreihen lassen und hielt nun ebenfalls eine Blechtafel in der Hand, ohne zunächst auch nur im entferntesten zu ahnen, was er mit dem Ding machen solle. »Zunächst gewöhne dich an das Schreibzeug, o Daûd-ibn-Zabal«, sprach der Fiki. »Stelle es mit der Linken hart aufs Knie und laß die Rechte locker; das ist die Stellung für die, die Wissen erwerben wollen. Und nun laßt uns noch dreimal die Fatha wiederholen! Und wenn du sie wohl vernommen hast, o Daûd, und das erhabene Wort in deinem Ohr nicht schlummert, so wiederhole sie uns, gleichwie du uns bei deiner Herkunft – (die gesegnet sei) – das Subh gesprochen hast.« Er gab ein Zeichen, und die Knaben, nach vorn und rückwärts sinkend, brachen mit hellen Stimmen und halbgeschlossenen Augen los: »Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen! Lob sei Allah, dem Weltenherrn, Dem Erbarmer, dem Barmherzigen, Dem König am Tage des Gerichts! Dir dienen wir, und zu dir rufen um Hilfe wir; Leite uns den rechten Pfad, Den Pfad derer, denen du gnädig bist. Nicht derer, denen du zürnst, und nicht der Irrenden. Amîn!« Es war dem kleinen Volk sehr geläufig, sie hatten ihre Lust daran, sich zu überschreien. Es klang wie ein kleiner Parademarsch; mit exakten Einsätzen und gemeinsamem In-die-Höhe-Gehen; dabei wackelten sie, die Hände in den Hüften gestemmt, wie eine Reihe Nippesfiguren, die durch eine Schnur gleichzeitig in Bewegung gesetzt werden. Daûd lauschte, wie ein Ertrinkender nach Luft ringt, und so fiel denn das edle Arabisch gleich Saatkörnern auf seine frisch mit Glauben gedüngte Seele. Als die Fatha dreimal verklungen war, winkte ihm der Fiki, und Daûd begann. Wenn man ihn ansah und schon dem ersten Einsatz horchte, mußte man erstaunt sein. Denn er leierte seine Sure nicht, er sang sie. Er stemmte die schlanken Hände, gleich den anderen, in die Hüften, verfiel aber nicht in das mechanische Wiegen, in den stumpfen Takt, sondern im Gegenteil: er ließ sich von den Worten durchschüttern und hin und her bewegen, von ihrem Sinn zügeln und berauschen: das war etwas Neues, das war eine persönliche Note, die dem braven Fiki nicht entging. Daûds Stimme war klar; es war eine rare, biegsame Stimme. Er begann mit hoher Fistel: das erste Wort »Lob« das er lange dehnte, war kein gleichgültiger Tribut, den er Allah zollte, es war eine Welt für sich; die Ekstase einer ganzen Gemeinde. So spendete er Lob; und die vier folgenden Attribute glänzten auf wie vier goldene Nägel, mit denen er sein Lob an das Tor der »Eröffnung« schmiedete. Den »Tag des Gerichts« ließ er wie eine Posaune mit kleiner Nasalfärbung eine Sekunde lang noch als drohendes Symbol in der Luft hängen; dann begann er, so tief er konnte, den bezeugenden zweiten Teil, sprach ihn als einen einzigen Satz aus dem Staub der sich niederwerfenden Demut heraus, in einem gläubigen Versteckspiel vor der gepriesenen Macht; und am Schluß zischte wie ein Pfeil, den der gepanzerte Moslem entsendet, der abwehrende Haß, der Stolz hervor: »und nicht der Irrenden!« – – – – Nun erst irrten jene wirklich, da Daûd sie irren hieß; nun erst waren sie in Wahrheit die Verdammten! Der Fiki war ein schlichter Mann. Seine Bildung ging nicht über das Mittelmaß hinaus. Er konnte rechnen, schreiben, und von den Suren waren ihm, wenn es hoch kam, zehn geläufig. Von dem Leiter einer Moschee hatte er einige dürftige Kommentare erhorcht und nicht ohne Mühe behalten; und was ihm entwischte, ließ er ziehen. Er huldigte im allgemeinen dem altägyptischen Prinzip: Der Knabe hat seine Ohren auf dem Rücken! – – Zudem war er, wie es die Talmudisten sind, überzeugt, daß ewiges Herleiern die beste Methode sei, und tat es darin, ohne es zu wissen, dem berühmten Rabbiner gleich, der da schrieb: »Wenn ein Knabe nach vierhundert Erklärungen eine Sache noch nicht versteht, so liegt die Schuld am Lehrer...« – – wobei, wie erhellt, Lehrer wie Schüler recht tief bewertet werden. Der Fiki spürte jedoch das Selbstherabsetzende solcher Anschauung nicht, sondern arbeitete brav; unermüdlich raunzte er seine erläuternden Glossen, an denen er nie ein Wort veränderte, und peitschte die Fußsohlen der Knaben mit einem entfiederten Palmzweig, wodurch der Unterricht oft genug einen dramatischen Verlauf nahm. Er ersetzte die niederdrückende Bescheidenheit seines Wissens durch eine vorbildliche Strenge im Befolgen der Vorschrift; er betete, was ihm Respekt eintrug, fünfmal zu den vorbedingten Zeiten und war, was die Technik aller Verbindlichkeiten mit dem Himmel anlangte, eine Art Autorität, weshalb ihm alle reicheren Krämer vertrauensvoll ihre Sprößlinge zur Aufzucht überließen und nicht ermangelten, ihn entsprechend mit Backschisch zu verwöhnen. Abgesehen von der Eitelkeit, die sich in gewaltiger Würde äußerte, war er voll Unschuld, und sein gutmütiges Herz ließ sich leicht erschüttern, wo es einem fremdartigen Eindruck unterlag. Ein solcher hatte ihn jetzt ohne Zweifel getroffen, denn er schwieg eine Weile, nachdem Daûd geendet; dann sagte er tief aus seinem Bart heraus: »O Daûd-ibn-Zabal, ich bin sehr verwundert und heiße dich willkommen. Du hast uns eine neue Art wissen lassen, die Fatha zu singen... Es ist nicht lange her, da war ich in Kairo, um eine Geschäft abzuschließen (und das Geschäft gelang, gelobt sei Gott!). Ich kam aber gerade zu dem Feste Chamm-en-Nessim und hörte Sänger vor den Leuten singen. Und siehe, deine Art, diese Sure zu singen, gleicht ihrer Art in betreff ihrer Vollkommenheit und des Hebens und Senkens der Stimme, wie es der erhabene Sinn heischt: Wo hast du das gelernt?« Daûd saß, mit seinem Heiligenschein geschmückt, nicht ohne Herzklopfen da und sah keck umher, denn er merkte, daß er festen Fuß faßte. Dann sprach er: »O Schulmeister, ich habe das von der Sakije gelernt beim Naga-el-Kôm, wo meine Heimat ist.« Die Knaben ließen die Unterlippen hängen, so verblüfft waren sie über den neuen Ausspruch, und dann kreischten sie ihren Hohn über den kleinen Bauern jäh heraus, während sie sich untereinander an den Kelabijen rissen. Selbst der Schulmeister geriet ein wenig aus der Fassung. Dann sprach er: »Nun, ich sehe, daß du noch ein Tölpel bist und des Schliffs ermangelst, weil du das heilige Wort mit deinem Dorfmist vermengst. Du verdientest wahrlich, wenn du nicht das erstemal (gesegnet sei dein Kommen) hier erschienen wärst, die Gerte auf deinen Sohlen zu spüren, bis sie platzen und Blut lassen... Doch es mag geschehen, daß Gott ein Wunder an dir tut und, nachdem er eine Stimme in dich gelegt, die ihn würdig pries, auch mit der Zeit dein dumpfes Hirn erleuchtet und ähnliche Antworten von dieser ungezogenen Art in deiner Kehle erstickt.« Daûd knickte zusammen; er verstand die Zurechtweisung nicht, und sein eigenes Gesicht, das ihm das blanke Stück Blech, zu dem er es neigte, verzerrt widerspiegelte, flößte ihm Mitleid ein. – Heute ging es noch glimpflich; aber an späteren Tagen trugen ihm so tief empfundene Antworten öfters ein handfestes Echo ein, so daß er trotzig und heulend aus der Schule stürmte und das Tintenblech, auf dem der Irrtum stand, an seinem staubigen Bauche abrieb – denn schon an diesem Tage lernte er schreiben, den Anfang des Alphabets, und seinen geschickten Fingern machte es keine Mühe. Der Schulmeister war unberechenbar. Er spendete in verschnörkelten Worten reichstes Lob, doch sobald man es beglückt einsog und eine kleine Eitelkeit erwachte, riß er sie grob an ihren zarten Wurzeln wieder aus, damit die eigene, kräftige, allein und ohne Nebenbuhler im Umkreis gedeihe. Das war sein Prinzip. – – – Inzwischen war die Zeit vergangen. Die Knaben waren hungrig geworden; so wurde denn das Dhur, das Gebet, wenn die Sonne sich zum Zenit begibt, vom Schulmeister geleistet. Die Knaben, blutjung wie sie waren, hatten noch nicht die Verpflichtung, ebenfalls die Kniefälle und die mit Sand fingierte Waschung vorzunehmen; deshalb saßen sie noch wie ungeduldige Affen herum, während der Fiki auf der Bastmatte seine Kniefälle tat. Dann stürmten sie heraus, und Daûd war nicht der letzte. – – – Er hatte jetzt einen Besitz. Er besaß die Sure und hatte Lob geerntet. Freilich wie es mit den Geschenken an den Schulmeister werden würde, war ihm noch nicht klar. Denn Zabal würde sich wohl schwer bestimmen lassen, auch nur einen kleinen Piaster für einen idealen Zweck zu opfern. Daûd erinnerte sich eines Vorkommnisses vor längerer Zeit. Der Hahn hatte sich eingeklemmt und war verhungert. Da war Daûd zu Zabal gegangen und hatte gesagt: »Vater, der Bespringer der Hühner ist gestorben!« Da hatte Zabal von Herzen aufgeächzt und gesprochen: »Es gibt keine Gewalt und Macht außer bei Gott! Wir sind schwer vom Unglück verfolgt, mein Sohn. Möge Allah uns entschädigen!« Einige der Freunde Zabals hörten das und bezeugten ihm ihr Mitgefühl genau so, als ob ihm ein lieber Verwandter gestorben wäre. Die Trauer hatte drei Tage gewährt. Daûd konnte auch jetzt noch nicht vergessen, welche Hitze jene Katastrophe in den Köpfen erzeugte und wie groß der Unmut war, der damals hoffnungslos aus rotgeränderten Augen starrte. O Fiki, wußtest du, was du verlangst! Du sagtest so beiläufig: Ein junges Huhn! Wie? Du gingst verschwenderisch mit Wassermelonen und Doppelpiastern um und brachtest Daûds tiefgebeugte Familie an einen Bettelstab, dessen sie gänzlich unvermutend gewesen... Du spieltest mit ihrem Reichtum und bliesest ihn in die Luft; du schmausest schon in Gedanken die Melone und das junge Huhn, und schmatzest, daß dir der Saft der Speisen zu beiden Seiten in den Bart rann – – O Fiki, das war wahrlich nicht gut erwogen! Daûd bekam ketzerische Gedanken. Dafür, daß ich mir eine Stunde oder zwei die Brust zersprenge, mir die Finger ermüde und die anderen Bambusen und Kinder von Halsabschneidern auf und ab wackeln sehe wie die Tollen, daß ich mir große Zurechtweisungen hole auf Grund von Dingen, die belanglos sind wie Staub und Hühnerfedern – dafür nun heischt dieser Klotz von einem aufgeblasenen Schulmeister mit lächelnd geübter Erpressung eitel Wohlleben und fetten Reichtum. Immerhin aber befand es Daûd schließlich als durchaus notwendig, schreiben und rechnen zu lernen und des Korans innezuwerden; ja, er hatte einen ehrfürchtigen Respekt, eine geheime Liebe zum Koran, und seine Phantasie war erstaunlich regsam, seit die ersten Bilder und Wendungen aus dem Gehörten hervorblühten und seinen Blick bannten wie der Inhalt einer zögernd sich öffnenden Schatzkassette. – – Zuvörderst nun mußte, um den Vater zur Abgabe zu bestimmen, Politik betrieben werden. Den Gang zu erschweren kam noch die Erwägung, daß er ein straffälliger Ausreißer war, der die Sakije und seine Feldarbeit gewissenlos im Stich gelassen. Es war Abend, bis er sich entschloß. Sein Hunger war beißend. Er ließ sich als blinder Passagier auf einem Getreidekahn befördern, der leer zurück laviert wurde, um von den Königsgräben kehrende Touristen abzuholen. Er wurde zwar entdeckt und lief Gefahr, wie eine räudige Katze ins Wasser geworfen zu werden. Da er aber eine schlagfertige Suada bewies, mit Flüchen gespickt, die die harmlosen Männer baß erfreuten, ließ man ihn durchschlüpfen, auch ohne die Abgabe der für die Eingeborenen ortsüblichen zwei Millièmes. Und so stand er bald trocken auf dem anderen Ufer und begab sich auf den Heimweg. Zabal seinerseits, in blaugefärbte Baumwolle gewandet, befand sich noch mitten im Feld und schleppte Mist. Das gleiche tat Umm-Dabbûs. Sie arbeiteten so emsig, daß sie das Kommen Daûds gar nicht bemerkten. Trotzdem machte er einen weislichen Umweg um sie herum... Die Sakije, als er an ihr vorüberschritt, bewegte sich träge und knarzte um einen Ton phlegmatischer als sonst. Über ihr sah Daûd eine kleine groteske Silhouette: seinen Bruder. Daûd kam ins Dorf und schlüpfte in den Stall der eigenen Behausung. Die Hühner fuhren kreischend auseinander, als er hereinkam; auf der anderen Seite ging ein Zicklein heraus mit einem wehen, einsamen Blöken. Daûd vergegenwärtigte sich noch einmal mit zusammengekniffenen Lippen seinen gestrigen Nachmittagstraum, dann tappte er mit der Hand in eine bestimmte Richtung geradeswegs in den Hühnerkot hinein und erfaßte eine in die Erde gelagerte Tonscherbe. Er hob sie auf; da fand er einen Ledersack; er rührte an den Ledersack: das war... Geld! Viel Geld! Seine kleine Hand kroch hinein und wägte einen Teil auf ihrer Fläche; siehe da, wie gewichtig spreizten sich Zehn- und Zwanzig-Piasterstücke! Wie lieblich und bescheiden blinkte der halbe Frank! Und nun gar, während er die Münzen gleiten ließ, blendete ihn das gelbe Auge eines englischen Pfunds, des dicken, kleinen, gekerbten Rädchens in der Verwaltungsmaschine, das sich nach Millionen dreht, und das, wenn es sein muß, so unhörbar arbeiten kann, daß man sein Dasein kaum spürt; aber es ist da, und seine Treibriemchen sind gar fein gesponnen und reichen weit! Daûd fühlte förmlich, welch ein Fluidum von unendlicher Angst und von herzklopfendem Argwohn unsichtbar über der Stelle schwebte, wo er das Geld gefunden. Das war seit Jahren hinterzogener Zins, gehäuft auf das Erbteil des Vaters und Großvaters; von letzterem stammte offenbar eine befremdliche türkische Münze, die ihm jetzt zu Gesicht kam. Sicherlich waren die Gedanken beider Eltern mit diesem Schatz verwoben und verquickt; so völlig zwar, daß das Gedankenbildchen mit dem Hühnerstall auf einmal, bei Traumempfänglichkeit, in des Sohnes Hirn zum Vorschein gekommen war. So war das Idyll unter der Tonscherbe doch im letzten Grunde nicht behütet; denn zäher Geiz bei beschranktem Kopf denkt nichts als: mein Geld! Heissa, mein wohlverwahrtes Geld! – – Und so ein Hirnchen, das in diesen Gedankenkreis gerät, lauscht auf wie ein Raubwild, das Witterung erhalten hat, und weiß zunächst nicht woher; dann aber lenkt es der Instinkt unfehlbar an die Quelle. Während Daûd sich nun Aug' in Auge mit dem Gelde sah, kam ihm wohl der Gedanke, sich ein einziges, ja, bloß ein einziges der größeren Stücke anzueignen, und er schüttete bis auf ein Vierschillingstück die Beute in den Sack zurück. Die Münze mit den Fingern umklammernd, wollte er zurückweichen; da aber überkam ihn ein plötzlicher eiskalter Schreck: ihm war, als wandere sie, als strebe sie selbständig aus seiner Hand zurück wieder unter die Scherbe zu den anderen; und seine abergläubischen Augen glaubten in der Ecke ein Wesen zu erkennen, einen erdfarbenen Afrid von der Gestalt des Dabbûs, der hoch und fein wie eine junge Katze schrie, nicht laut, nur so, als ob dem Lauschenden das Trommelfell erklinge. Daûd verscharrte eiligst seine Beute; dann floh er aus dem Stall, am ganzen Leibe zitternd. Er dämpfte seine Angst dadurch, daß er in dem Wohn- und Schlafraum bei der Feuerstelle nach Essen suchte und von enthülstem Ful und Fleischstückchen, die er hinter der Handgetreidemühle entdeckte, eine Mahlzeit hielt. Sein Appetit war so mächtig, daß ihn seine Befriedigung der Zukunft gegenüber völlig gelassen machte. Denn nun (er hörte sie schon von weitem schnaufen) kamen die Eltern zurück. Sie atmeten hörbar durch die Nasen und waren ermüdet. Zunächst rührte Daûd sich in der Ecke nicht und verhielt sich mäuschenstill, da er sein böses Gewissen spürte, als er die Eltern sah. Es war halbfinster geworden; durch die Tür sah man noch einen schwefelgelben Streifen am Himmel. Doch war es noch hell genug, daß Daûd die Züge seiner Ernährer betrachten konnte. Sie waren tief durchfurcht und mürrisch. Dabbûs kam herein und verschwand wie ein Gespenst in einem Winkel. Umm-Dabbûs hantierte mit allerlei und sprach mit sich selbst. »Nun sucht sie den Ful«, dachte Daûd. Wahrhaftig, das tat sie; und als sie ihn nicht fand, ward sie recht ungehalten. Sie beschuldigte zunächst Dabbûs, und dann den Vater, der die Zumutung in bilderreichen Wendungen von sich wies. Immerhin schoß damit der Unmut ins Kraut, und die zermürbten Leute schrien sich mit schallenden Stimmen und leidenden Gesichtern an. Endlich beruhigte sich die Frau und zündete eine Funzel an, um noch ein letztes Mal zu suchen, und bei dieser Gelegenheit beleuchtete sie Daûd. »Schande über dich, du Unband«, schrie sie, zunächst nur aus ihrer Stimmung heraus; hierauf fuhr sie ihm mit sehr schnellen Fingern an den Mund und roch an ihrer Hand. »Oh, Unheil über dich Auswurf – du hast den Ful gegessen!!« Sie schwenkte ihre Hand zur Bestätigung gegen den Vater, der wie ein Gewitter näher kam. Er rüstete sich, Daûd zu prügeln, und dabei kamen ihm auch dessen andere Sünden zum Bewußtsein, was seinen Eifer förderte. Daûd wand sich ihm jedoch wie eine Schlange unter den Händen weg, so daß der alte Fellache im entscheidenden Augenblick mit seinem Grimm allein war. Seine müde, eckige Gestalt drehte sich ratlos, da er nicht wußte, wohin Daûd entschlüpft war. Da die Funzel im Gemenge verlöscht war, sprach er in das Dunkel hinein: »Wo bist du, und warum tust du uns dies an?« »Hier bin ich, Vater«, erwiderte die Stimme aus undeutlicher Richtung. »Ich habe den Ful gegessen, denn einer, der das erhabene Wort kennt, muß seinen Magen stärken.« »Was faselst du da vom erhabenen Wort? – Seit wann sprichst du diese Sprache?« »Seit heute bin ich bei einem Fiki in der Schule, der mich lehrt.« »Ah, darum hast du die Sakije schmählich verlassen; wie ein Trotzkopf hast du gehandelt. Das kleine Ferkel Dabbûs kann die Büffelkuh nicht treiben; wir haben ihn erprobt. Oh, über dich erbärmlichen Schmutzfink! Und du glaubst, Allah hat dir eine andere Laufbahn gewiesen als das ehrenwerte Gewerbe all derer, die vor dir waren? Du bist noch ein Eidotter, und willst ein Fiki werden? Was lehrte er dich?« Da sang Daûd seine Sure. Sie klang seltsam eindringlich aus dem Dunkel heraus und rief Demut hervor. Eine Pause entstand; und von jetzt an ward Zabals Tonfall milder. »Es ist eine gute Sache, das richtige Wort zu beten, wie es geschrieben steht. Wir beten, wie wir es überkommen haben; doch wer spricht uns den heiligen Korân?« »Dies ist die \>Eröffnende\<«, dozierte Daûd. »Hierauf, mein Vater, folgt \>Die Kuh\<. Diese ist zu Medina geoffenbart ...«, fügte er etwas selbstgefällig bei. »Wunder über Wunder«, rief Zabal aus, während Umm-Dabbûs schwieg und ihre weichgeschlitzten Augen aufriß, wodurch ihre Züge die Schlaffheit religiöser Hingabe annahmen. Daûd benutzte diesen günstigen Augenblick, um zu der praktischen Seite zu kommen. »Ich werde viel Geld verdienen und werde den ganzen Korân lernen und lesen und schreiben. Bald werde ich auf den Hochzeiten und Beschneidungen als Sänger bezahlt, denn der Fiki lobte meine Stimme; sie sei eitel Schmelz und Wohlklang, sagte er, und er habe ähnliche Stimmen nur in Kairo gehört. Kein Unglück darüber!« fügte er erschrocken bei, als er sich auf diesem riesigen Eigenlob ertappte. Nachdem er ein Weilchen still gewesen, um die Verhütungsformel in ihrer Wirkung nicht zu schwächen, fuhr er fort: »Ich werde auch bei Beschwörungen zugegen sein, und die Afrîds unter dem Dschinn werden wie Spatzen vor dem Adler flüchten. Denn das heilige Wort, welches ich erlernen werde, ist mächtig ganz und gar. Ich werde als Schreiber bezahlt werden und eure Beschwerden an den Mudîr zu Papier bringen; ich werde euch Amulette gegen den bösen Blick verfertigen, euch und allen, die mich darum bitten; ich werde kein Geld dafür nehmen, und Allah wird mich lohnen.« Die Eltern hatten diese Rede staunend mit angehört. War die schwarze Gestalt dort im nachtdunklen Rahmen der Tür, die so tönend sprach, der schmutzige kleine Büffelwart? Ja, wahrhaftig, da mußte ein Wunder geschehen sein. Und ihre Herzen schwollen ihm entgegen. »Segen über dir! Ja, wir werden von dir einen großen Nutzen haben unser Leben lang!« »Das weiß Gott«, meinte Daûd voll Überzeugung. »Aber jener Schêsch verschenkt sein Wissen nicht.« Zabal wurde unruhig, und auch Umm-Dabbûs nestelte an ihrem schwarzen Kopftuch. »Was heischt der würdige Mann?« fragte Zabal. »Er läßt dir sagen und spricht: \>Wenn du mir im Anfang jeden Monats einen Doppelpiaster übersendest ... und ein junges Huhn ... und eine Wassermelone, wenn sie reifen, so wird Gott mir und dir gnädig sein.\<« Die Wirkung dieser Eröffnung war die, als hätte ein Blitz in der Hütte eingeschlagen. Endlich stöhnte Zabal und sprach: »Allah! Du weißt nicht, was du sprichst, Gott ist groß! Ein junges Huhn! Einen Doppelpiaster jeden Monat! Bin ich ein Effendi? Jeder Tag frißt den anderen auf! Wir sind arm wie Ratten! Woher sollen wir das nehmen?« »Hast du kein Geld?« »Bei meinem Bart, keine zehn Millièmes.« »Du sprachst freventlich: \>Bei meinem Bart\<; geh in den Hühnerstall und hebe die Topfscherbe auf unter dem Kot, in der Ecke; da ist Geld genug, um zehn Schulmeister für mich fett zu machen!!« Daûd wich ein wenig zurück. Er warf seine Entdeckung mit schallender Stimme in die Hütte; und dann machte er sich klein. Draußen hockte er sich nieder und lauschte. Zuerst hörte er, an die Mauer gedrückt, nichts als jenes feine, fast unhörbare Katzenmauzen, das die Erscheinung bei dem Gelde ausgestoßen, ehe die Eltern kamen. Dann stieg ein heulender Ton zur Decke, von dem Gekreisch der Umm-Dabbûs begleitet; und Zabal stürmte in den Hintergrund. Man hörte ihn, hastig atmend, wühlen und mit dem Gelde klimpern. Er zählte mit dem Gefühl der Fingerkuppen. Er saß fassungslos mitten im Mist, und der Dämon des Argwohns und des Geizes wuchs ihm riesengroß über die Schulter und zählte mit. Ja, es war ein kleiner Lärm, als ob vier Hände statt zweier am Werke seien ... Endlich hörte das Klimpern auf; Zabal hatte nichts vermißt und kam von Erregung erschöpft zurück. Mit heiserer Stimme rief er Daûd herein. »Wer hat dir kundgetan, daß ich mein karges Vermögen dort verwahre?« »Gott selbst«, sprach Daûd bescheiden. »Preis Ihm jetzt und immerdar!« erwiderte Zabal mit unsicherer Betonung. »Doch wie geschah das?« »Gestern nachmittag, um die Zeit des Asr, da ich auf der Sakije schlief, da schickte mir Gott einen Traum. Du und Umm-Dabbûs, ihr wäret jung und vergnügt, und mir schien, als hätten wir eine große Schmauserei.« »Wenn dem doch so gewesen wäre!« seufzte Zabal halb sehnsüchtig, halb erleichtert auf. »Doch die Zeit ist vergangen und dahin und kehrt nie wieder! Denn jetzt bewuchern uns die Besitzer, und die Barmherzigkeit kommt aus ihrem Herzen heraus wie die Ameisen, wenn man sie auf der Jagd beschwört: \>O Ameisen, kommt heraus!\< – Sie lassen uns nichts als das Hemd auf dem Leibe. – Doch wie war der weitere Verlauf deines gesegneten Traumes?« »Wir hatten Zickleinviertel und bereiteten ein Mahl. Wir hatten es wie die Emire, die jeden Tag Kunafa essen. Und du hattest dein Ergötzen mit Umm-Dabbûs ...« Hier stießen sich die ältlichen Leute in die Seiten; Umm-Dabbûs kreischte wie gekitzelt auf, und auch Zabal gab ein kleines Meckern zum besten. Sie waren wie Kinder, die man mit Fabeln erfreut. »Und dann sangst du eine Kaside auf die Ohrringe der Umm-Dabbûs – sie waren sehr schön und gelb, fein durchbrochen und klimperten hochzeitlich. Wenn ich Geld verdiene, werde ich ihr solche schenken, wie ich sie im Traume sah, genau dieselben; sie waren unbeschreiblich hübsch.« »Tu das, und Gott wird dich segnen«, gurrte Umm-Dabbûs. »Und zum Dank dafür, daß du sangst, sprach Umm-Dabbûs zu dir: ›,Geh in den Hühnerstall und nimm Geld für Gewürz und färbe das Hemd Daûds mit Safran, dann ist er erlesen, und die Leute blicken ihm nach!‹, – Auf diese Weise nun erfuhr ich den Ort des Geldes.« Die beiden Eltern bedachten eine Weile den Fall, und dann sprachen sie gemeinsam: »Dies ist wahrlich wunderbar! Es ist dir geoffenbart, und du bist bevorzugt. So werden wir dir von dem Geld geben, was der Fiki verlangt, und du bringe es ihm, denn wir sehen, daß du einem höheren Gewerbe vorbehalten bist.« Sie entzündeten die Ölfunzel wieder und stellten das Lichtchen in das Mauerloch. Daûd ließ sich von allen Seiten betrachten, dann sank er nieder, krümmte sich zusammen und schlief den Schlaf des besten Gewissens, wahrend Zabal sich noch einmal des Ledersacks versicherte, unbeholfen und gründlich zählte und ein anderes Versteck für das Geld ergrübelte, ohne Zweifel an der Offenbarung zwar, aber um den kleinen Löwen, der Blut geleckt, nicht in erneute Versuchung zu stürzen. Dabbûs inzwischen, mit ganz schwach glimmenden Augen, sah unbeweglich aus dem Dunkel zu ihm herüber. – – – Am nächsten Morgen ging Daûd zum Fiki und brachte ihm den ersten Tribut. Das junge Huhn hielt er lebend an den zusammengekoppelten Füßen. Es piepste und hing ganz reglos in seiner unbarmherzigen Hand; nur die Augen waren blank und dumm vor Angst. Als der Fiki das Huhn sah und das Geldstück dazu, ermunterte er sich merklich. Daûd kam in einer Haltung herein, als habe ihn nur eine gelegentliche liebenswürdige Laune angewandelt, dem Schulmeister ein Geschenk zu machen; und so, als zähle er schon jahrelang zum Kreis seiner hoffnungsvollsten Hörer. Er nahm nun gründlich und gewissenhaft am Unterricht teil und setzte durch seine bescheidenen, aber verschnörkelt und blumenhaft vorgebrachten Fragen den Würdigen mehr als einmal in geheime Befangenheit. Doch da der Fiki über eine gewisse Beredsamkeit verfügte und die Gabe besaß, in Eile Zitate zu erfinden, ob sie nun passen mochten oder nicht, so ward des Knaben helläugige Einfalt stets geblendet und von dem ungeheuren Wortschwall zu Boden gedrückt. Nichtsdestoweniger erlauschte Daûd manche Wendung und manches Gleichnis. Er sah, wenn der Fiki redete, in der Dürre eines Kommentars plötzlich eine bunte Stelle, die ihn fesselte, wie ein wohlgebautes Moscheelein etwa oder eine einsame Palme oder ein blühender Kaktusstock. Meistens zwar wuchsen diese Dinge nicht auf des Bakelschwingers eigenem Acker, sondern es waren wahllos aus dem Korân gezerrte Reminiszenzen oder Aussprüche obskurer Dichter, die er irgendwo erhascht und so pompös von sich tat, daß man es für eigene Eingebung halten mußte und für den gelegentlichen Einfall eines glänzenden Geistes. Es dauerte nicht lange, da kannte Daûd diese Wendungen auswendig und zählte deren acht oder zehn; mehr wurden es nicht, trotzdem er sehr acht gab, und so begnügte er sich und freute sich jedesmal, wenn er mit ihnen Wiedersehen feierte. Dabei spürte er zum erstenmal ein dunkles Bedürfnis, selbst so hübsche Bilderchen zu prägen, eigene, keine gestohlenen Perlen im geheimen aufzureihen – ja, sogar Predigten zu erdichten, die er, in Ermangelung verständnisvolleren Publikums, an Mauern, Ziegen, Katzen oder Kälber hielt. War die Schule aus, so bekam er zumeist von den Vätern seiner Freunde einen Imbiß. Diese Väter hielten vor ihren offenen Basaren Mittagsmahlzeit; sie aßen Zwiebeln, Gurken oder geschmorte Saubohnen, die sie mit Brotstücken aus der Brühe fischten. Zuerst hatte Daûd, wenn er Hunger spürte, das übliche Liedlein der Bettler gesungen, als der rechte Gassenjunge, der er war; er hatte die Straße hinuntergeflötet: »Meine Mittagsmahlzeit muß deine Gabe sein!« oder »O Mitleiderwecker; o Herr!« Und da er das sehr melodisch sang, lauschten die Tafelnden auf, lachten und winkten ihn heran. – Am meisten fiel für ihn an den Abenden ab, wo er singen konnte: »O Nacht des herrlichen Freitag!« Denn dann war das Volk gütig und vergnügungssüchtig, füllte die Brasserien und die Cafés oder ging Zigaretten rauchend in ein Tingeltangel, ein hellblau gestrichenes Lehmhaus mit einem schreienden, etwas mitgenommenen Plakat, das Daûd schon oft mit Herzklopfen betrachtet. Bekam Daûd nichts, so begnügte er sich mit einem Zuckerrohr, das er irgendwo stahl, und zerschliß es geräuschvoll saugend mit seinen kräftigen Zähnen. Er lehnte sich dann an die zementierte Nilbrüstung und sah die Fellucken landen und abfahren, unter dem unendlichen Gezänk der Bootsleute, oder er blickte den Wasserträgern zu, die, im Seichten hockend, das schmutzige Naß mit den hohlen Händen blitzschnell in die Ziegenschläuche füllten. Seit Daûd jedoch in der Schule zu einem Musterschüler und Vorsprecher aufrückte, ward sein Ruhm von seinen Freunden nicht verschwiegen, und so hatte er es nicht mehr nötig, sich lüstern an die Kaufleute heranzuschleichen und auf dem Magen Kreise zu beschreiben; sondern sobald die Männer ihn in Begleitung ihrer Halbwüchslinge kommen sahen, machten sie eine kleine einladende Gebärde mit der Hand, nebenhin und fast höflich. Manche unterbrachen ihr Gespräch sogar mit einem kurzen: »Sei Allahs und des Propheten Gast und meiner dazu.« Darauf erlaubten sie seinen zuvor gewaschenen Händen zugleich mit den ihren in den Kübel zu fahren. Daûd bekam in den Läden vielerlei zu sehen, und seine Augen war nie müßig. Der bescheidene Luxus der Auslagen beschäftigte seine Phantasie wie ein üppiger, leider immer viel zu flüchtiger Traum. Trotz alledem fühlte Daûd sich behaglich und neidlos nach der Vorschrift jenes uralten Liedchens, das überall gelegentlich aufklingt, des stoischen Tagediebliedchens: »Gott danken wir, Daß wir leben dürfen, Ob wir Honig Oder Zwiebeln essen, Ob wir auf Steinen Oder auf Seide schlafen!« Daûds Genossen waren brauner als er; ja, einer, dessen Vater ein Silberschmied aus Omdurman war, völlig schwarz mit straff gespannter Haut auf dem schnauzenähnlichen Kinn ... Die Haut war zu karg bemessen und zog den Mund auseinander, wodurch das Gebiß glanzvoll schier bis zu den Backenzähnen herausbläkte. Dieser Sawân (so hieß er) war ein großer Springer vor dem Herrn; er hatte als ein rechter Sudanese keine Waden, sondern steinhartes, gleichmäßig um das Schienbein gruppiertes Fleisch und ebenso hornige Schenkel, weshalb es ihm im Laufen keiner gleichtat. Ein anderer, Afr, eines Bäckermeisters Sohn, verkaufte das ringförmige Weizenbrot, das er an Stäben aufgestapelt in einem Korb vor dem Bauche trug. Dieser war es besonders, der Daûd nie hungern ließ, ja sogar Zwiebeln und Gewürz stahl, womit man eine fürstliche, eifersüchtig geheimgehaltene Mahlzeit hinter dem Tor einer Hoteleinfahrt oder in einem trockenen Bewässerungsgraben hielt. Dadurch nun, daß Afr beim Brotschleppen das Kreuz täglich stundenlang höhlte, bekam sein Gang auch in der Muße etwas Drolliges und unnatürlich Gestrecktes, wie der einer schwangeren Frau; und sein Hinterteil trat so steil heraus, daß er zuweilen unter Prügeln zu leiden hatte, deren Motive ihm dunkel blieben. – Dies nun war das Verhängnis Afrs, des Brotverkäufers. Eines Dritten noch Erwähnung zu tun, so war dies Saffâr, der Sohn eines Schneiders, ein kleiner Berberiner und stämmiger Krauskopf, der Unschönste zwar, aber am farbigsten Gekleidete von Daûds Freunden. Er besaß eine für sein Alter gewaltig gellende Stimme, die er in Anpreisung seiner Ambrakerzchen zur Geltung brachte. Dafür, daß er mit diesem süßlichen und beliebten Weihrauch hausierte, bezog er einen Piaster für den Tag und war somit der reichste unter den Knaben. Wiewohl er sehr tierhaft und wenig umgänglich war, zog man ihn zu allen Unternehmungen hinzu ... Die vier Jungen lauerten, wenn sie ihrer Geschäfte ledig waren, an den Hotels, um Esel herbeizurufen, sobald die Fremden herauskamen, mit kleinen, frisch erhandelten Peitschchen tändelten und sich nach einer Reitgelegenheit umtaten. Dann fuhren die Knaben frisch von ihrem Scherbenspiel aus dem Staube in die Höhe und unternahmen einen wilden Wettlauf nach dem nächsten Eselstand. Je eher man, wenn auch ungebeten, das Tier herbeischaffte, um so mehr Aussicht hatte man auf einen zuweilen herrlichen Entgelt. Sawân pflegte dabei, wie erklärlich, den Löwenanteil einzuheimsen. Den weißen Esel, den Daûd damals wahrgenommen, bevor er zum erstenmal die Schule betrat, sah er jetzt häufig, fast täglich, und er trieb einen kleinen Kultus mit ihm in seinem Herzen. Denn er bemerkte jetzt auch, daß der Esel am Hals entzückende geschorene Muster trug, pikant ins Fell gezauberte Arabesken, desgleichen am Bauch, an den Hinterbacken und an der Wurzel des Schwanzes, um die der Künstler einen vielzackigen Stern gebildet. Es war nicht so sehr der propre Esel, der ihn beschäftigte, sondern vielmehr das auf ihn gegründete, neiderregende Dasein des Treibers, jenes älteren humoristischen Knaben mit der blauen Kelabije, der Geld machte, und dessen Gerte wie eine Wünschelrute auf die Taschen der Fremden wirkte ... Eines Abends war Daûd im Besitz eines großen Piasters und trollte durch die Gassen. Nachdem er sich hinlänglich an einer alten chinesischen Wahrsagerin sattgegafft hatte, die blaue Hosen trug und auf offener Straße unter großem Andrang die Augen eines Steinarbeiters kurierte, kam er an dem Tingeltangel mit dem schreienden Plakat vorüber. Das rhythmisch klirrende Gedröhn der Tamburine lockte ihn an; es drang aus einem mit Hanfgeruch durchsetzten Tabaknebel; und durch die zeitweise zurückwallende, geflickte Samtportiere sah er entzückt sich wiegende Köpfe schimmern. Grob hinausgeworfen, als er sich hineinstahl, legte er seinen Piaster hin und erntete ein erstauntes Grinsen des würdig an der Kasse hockenden Besitzers. Denn wo gibt es einen Gassenjungen, der einen Piaster auf dem Altar einer Illusion opfert! Dann war er drinnen. Vor sich sah er zunächst eine Menge verschiedenfarbiger, leerer Pantoffeln, dann eine lange Reihe hochgezogener Füße, deren Zehen sich regten, als versuchten sie es beifallspendenden Händen gleichzutun. Auf einer langen Bank, die Knie im Sitzen gespreizt, die Köpfe von seidendurchschossenen, gefransten Baumwolltüchern oder turbanumsponnenen, blaubetroddelten Tarbuschen bedeckt, saß die Auslese der Honoratioren von Luksor. Sie blähten sich in olivgrünen oder braunen Mänteln, und aus den Ärmelstücken der seidenen gestreiften Hemden fuhren, da sie lebhaft sprachen, gestikulierende Finger hervor. Sie hatten Ringe, diese Finger, mit billigen, bunten Halbedelsteinen oder nachgemachten Skarabäen besetzte Ringe; und Daûd, der sich, ganz klein und unsichtbar, auf dem Boden halb unter eine Bank geflüchtet, ward überrieselt von dem Anblick und von dem Gedanken, welch himmlisches Wohlleben doch auf Erden möglich sei. Er verhielt sich ganz still und genoß. Am Ende des Saales befand sich eine mit Kalkfarben bemalte Wand, die, wenngleich sie bloße Staffage war, Daûd im Augenblicke mehr fesselte als das, was sich vor ihr abspielte. Das Gemälde stellte eine Landschaft oder einen Garten vor. Zwei gelbe Straßen, von schnurgeraden Bächen begleitet, durchfurchten ihn in mißhandelter Perspektive. Eine Allee von runden, grünen Bäumen jagte hinter der einen Straße her und stoppte plötzlich, als habe sie erschrocken ihre mangelnde Berechtigung erkannt. Im Vordergrunde lagen violette Beete, Liwanpolstern ähnlich, die man in der Sonne trocknet. Auf den gelben Straßen ergingen sich schwarze Damen und buntgekleidete Leute mit Krummsäbeln, die Kawassen glichen, offenbar aber Prinzen waren. An ihren weißen Turbanen staken Agraffen mit riesigen Reiherbüschen. Sie gingen nicht mit den Damen, kümmerten sich auch augenscheinlich gar nicht um sie; sie waren sich alle ähnlich wie Eier untereinander, und ihre mandelförmigen, schwarzen Augen blickten heiter und nichtssagend unter dick aufgetragenen Brauen hervor, so daß es schien, als verhielten sie sich nur aus Dummheit so diskret. Der junge Daûd versenkte sich, in das Gemälde; es erschien ihm so köstlich, daß er ganz vergaß, daß es ein Gemälde war. Es war eine Welt des Glücks, und Günstlinge des Reichtums ergingen sich darin, anmutig von Begierden belebt, die sie sich gestatten durften. Ihre zufriedenen Blicke kannten nur die Allee, die violetten Beete, die reizend abgezirkelten Straßen; weiter wußten sie nichts, denn die Weiber waren für sie nicht da. Die gingen im Gänsemarsch auf der anderen Seite. – Beide Teile, Kawassen und Damen, genossen den Augenblick, genossen ihn schon, seit sie auf die Wand gezaubert waren, und würden gleich heiter bleiben, bis der Kalk herunterfiel. Mittlerweile führten sie eine Art entrückten Daseins, und Daûd, der sich mit ihnen in dem Garten befand, spürte es mit Liebe. Es dauerte eine Weile, bis er sich zurechtfand. Denn nun wurden die Sinne auf das gelenkt, was vor dem Bilde war. Auf einer halbkreisförmigen, mit bunten Kissen belegten Bank saßen die Musikanten, die Fesse trugen, und in ihrer Mitte hockte eine in schwarzen schmutzigen Kreppstoff gehüllte Frau mit einem rollenförmigen Messingschleierhalter über der Nase. Sie alle vollführten mit Pauken, Zimbeln, Lauten und Tamburinen einen großen Lärm und schrien dazu, in aufstachelnder Einförmigkeit, einen Gesang voll unendlicher Wiederholungen. Nach kurzer Zeit betrat ein junges Weib die Bühne. Zunächst hob sie die Arme gekreuzt vor die Brust in Schulterhöhe. Es schien, als ob sie noch stillstehe und nach dem Einsatz suche, um sich in den Rhythmus einzufügen, jedoch in Wirklichkeit war sie schon längst auf ihre Art in Bewegung. Ein leichtes wellenartiges Zittern durchlief ihre Hüftengegend ... und auf einmal, während sie näselnd zu singen begann, rollte das Becken hin und her, zeigte ein plötzlich entfesseltes, selbständiges Leben, während der Oberkörper noch in völliger Ruhe blieb. Um die schwarzen Haare trug sie ein blaues, goldgesticktes Tuch, unter dem große dünne Goldringe hervorpendelten. Ihr sehr knappes, goldbordiertes, karminrotes Jäckchen, an den Brüsten kreisförmig ausgeschnitten, bedeckte die Schultern zur Hälfte, wand sich durch die Busenrinne und umschloß den unteren Brustkorb wie ein Panzer. Unter ihm, bald in sanfter Höhlung zurücktretend, bald plastisch vorgeworfen, rührte sich mit vielfachem Muskelspiel der nackte Bauch. Prall um den Ansatz der Schenkel gefügt, hing ein bauschiges rotgoldenes Kleid bis zu den Füßen, die in blauen, bestickten Samtpantoffeln steckten. Das Kleid war in seiner ganzen Länge von goldbordierten Bändern umgeben, die, mit Lametta durchzogen, bei der Kreisbewegung des Bauches abwechselnd glitzerten. Breite Messingmünzen klirrten über der Brust, über dem Schoß und über den Hüften ... Alles an ihr zeigte eine zuckende, ruckweise Belebung, so, als erwachten die Funktionen eines wildgesteigerten Daseinsgefühls auf einem vorher ruhenden Körper. Die Brüste bebten, sie schienen hervordringend an Rundung zu gewinnen, als sitze in jeder von ihnen eine Vogelseele, die aus dem seidenen Verlies zu entfleuchen dränge. Durch den dünnen Gazestoff, der sie umspannte, schimmerten große dunkle Warzenhöfe. Die Haut zeigte einen schwachen, hellbraunen Ton, der dem tierhaften Spiel der nackten Teile gleichsam eine edle Befugnis verlieh ... Bisweilen wechselte die Tänzerin die Haltung der Arme, preßte sie gegen die Brust und knickte sie seitlich im Ellbogen ab, mit den Händen fächelnd. Sie war ganz von billigem Schmuck bedeckt. Das allmächtige Bedürfnis, sich dem Manne hinzugeben und dies Verlangen bis an die Grenzen der Möglichkeit zu betonen, hatte aus ihr einen Gegenstand des einfachsten Kultes gemacht, das inkarnierte Idol all der dumpfen und entzückten Hirne, die sie begrüßten. Die Musik wurde schneller, die Sänger jauchzten heiserer. Der Körper folgte ihnen unter heftigem Aufklappen der Fersen auf den Bretterboden. Die Tänzerin hob die Arme wie zu einer unersättlichen Umschlingung all derer, die vor ihr saßen ... dann streckte sie sie ganz steif über dem Scheitel: die Fingerspitzen der rechtwinklig abgebogenen Hände berührten sich: und so bot sich der schlangenhaft bewegliche Körper freier und wilder den Blicken dar. Mit der Zeit ward ihr rundes, grobes Gesicht mit den blau unterstrichenen Augen und den leuchtenden Tätowierungen von Schweiß ganz blank; heftig überreizte Nerven zappelten in den von brünstiger Erschöpfung zerknitterten Lidern, um die Nüstern, um den zum klaffenden Halbkreis verzerrten Mund mit den schmalen, enggruppierten, rotgefärbten Zähnen; und um den Wirbel ihrer Bewegungen schwelte die Flamme einer in sich selbst verbrennenden Gier. Plötzlich, nach einem letzten, heiseren Aufschrei sämtlicher Begleiter und einem hohen, wimmernd röchelnden Lustschrei des Weibes brach die Musik ab, und die plötzliche Stille hackte gleichsam wie ein brutaler Beilschlag die bebenden Fäden all der Blicke ab, die aufs höchste erregt aus dem Dunkeln starrten. Eine Kluft zwischen 79 den Bankreihen und der Bühne sprang gähnend auf, die fatale Entfernung eroberte ihr Recht, und die lampenhelle Wirklichkeit fuhr ernüchternd in die Köpfe. Ein heftig atmendes, gewöhnlich aussehendes Weib verweilte da oben noch einen Augenblick, mit hündisch nach Luft gierenden Flanken; dann ging sie wankend mit einem erstarrten Lächeln nach rechts hinaus. Die Honoratioren waren die ersten, die, mit beifällig wiegenden Köpfen, wieder zu schwatzen begannen. Einer von ihnen, ein behäbiger Krämer, führte das kugelförmige Bernsteinmundstück seiner Wasserpfeife, deren gewichtiger Apparat von Glas und Messing sich unterhalb seiner Füße breitmachte, ohne viel Andacht wieder an seine breiten Lippen und sog beharrlich schmatzend daran, denn das Kohlestückchen unten auf dem Tabaknapf war halb erloschen. Daûd starrte den Schlauch an, der sich hübsch gemustert wie eine Schlange in die Höhe ringelte... doch er wußte nicht, was er sah, wußte überhaupt vorerst gar nichts mehr von seiner Umgebung, und sein Kopf war tief benommen. Der Gesang begann von neuem mit gleichmütigem Geplärr, intoniert von dem alten Weib mit dem Kinnschleier. Daûd verweilte noch wie in halbem Schlummer; ehe jedoch eine zweite Tänzerin erschien, stahl er sich hinaus, denn ein unerträglicher Druck, der scheinbar im Magen saß und sein kleines Herz angstvoll und allzu emsig schlagen ließ, bedrängte ihn. Es mochte wohl die dicke Luft sein, die ihm Übelkeit verursachte, ihm, dem der reine Atem der Felder Bedürfnis war. Hinter einer Torfahrt auf einer Pferdedecke schlief er ein. Es mochte Mitternacht sein, vom schwarzen Himmel taute Sternenfrieden: da sah er vor sich eine schimmernde Wirrnis. Aus einem Hintergrund von Rot und Gold wuchs ein nacktes Weib hervor. Sie ließ verzückte Blicke über ihn spielen wie ehemals seine Traumgeister bei der Sakije im Weizenfeld; doch waren diese Blicke seltsam entlegen und rückten weit hinweg, wenn Daûd ihnen begegnen wollte. Das Weib wand sich einsam; ihr Leib spielte, schmiegsam verrenkt, bald gewölbt, bald hohl vertieft, ein unerklärliches Spiel vor einer schwer erglühenden Ferne. Sie spielte mit einem Gedanken, der noch in Keimhüllen steckte, einem unreifen, brennenden Gedanken, und fachte unersättlich und unablässig erste zögernde Pulse an... Die Dämmerung ist flüchtig. Sie ist ein heißer, qualvoll mit bitterster Kraft geführter Zwiekampf zwischen letztem Sonnenprunk und der tückischen Hydra der Lichtlosigkeit, die schaurig schnell siegt. Die Welt ist noch hell, in ihren Abgrenzungen scharf erkennbar; aber Licht und Schatten sind seltsam tot verquickt. In dieser kurzen Zeitspanne tauchte eines Abends ein Weli auf. Es hieß, er sei die Straße El-Mahatta heraufgekommen und habe sich südlich des Städtchens in einen trockenen Graben gesetzt. Das Gerücht ging schnell genug von Mund zu Mund, und als man den Weli fand, war es Nacht. Die Gestirne schienen hell genug, um eine Betrachtung zu ermöglichen, die der Neugier Genüge tat. Er trug einen riesenhaften Turban von der Größe eines Rabennestes; darunter tat sich ein verschlossenes, scharfkantiges Gesicht hervor, mit einer vorspringenden Hakennase und zurückgesunkenen, in rätselhafter Trübsal starrenden Augen. Ja, das war offenbar, der Weli saß in dem Sumpf und in den Schlacken eines Leides, einer Bekümmernis, die hehren Ursprungs war – und aus ihr hob sich sein Märtyrerantlitz wie nach Licht dürstend. Seine Hände hingen, über die spitzen Knie gelegt, mit den Tellern nach unten, und die erschlafften langen Finger waren der Erde zugewandt, der Urmutter und zugleich dem Grab alles Vergänglichen. Bisweilen hustete er kurz und bedeutungsvoll; und so oft der Husten seinen Hals erschütterte, schwankte das Rabennest, und er sank gleichsam um einen Leidensgrad tiefer unter seiner wollenen Last. Er war unleugbar erhaben und bemerkenswürdig. Die Leute drängten sich herzu. Man sah strenge Männer, fassungslose Weiber, Arbeiter, Laufjungen und Eseltreiber; kurz, es war eine breite Volksangelegenheit und Aufhebens wert. Der Weli trug einen schmutzigen, recht geräumigen Kaftan, den er hübsch um sich zu drapieren verstand. Er kümmerte sich keineswegs um die Sensation, die er verursachte. Ein Brennpunkt des Interesses, gebärdete er sich höfisch und voll abwehrender Mimik; er heimste mit keinem Seitenblick die Andacht der Mienen ein und lieh dem Geflüster um sich nicht das geringste Ohr. Es schien ihm sogar lästig zu sein, daß die Fama seiner Heiligkeit so schnell auf die Spur gekommen war. Jedenfalls stellte er die freudige Frömmigkeit auf eine rechte Geduldsprobe. Man harrte aus. In Khakiuniform, mit engen Hosen, einen martialisch großen Fes auf dem Wollhaar, erschien ein Polizist. Er schwang eine Peitsche aus Nilpferdhaut, die ihrer ganzen Länge nach um den Stiel zurückgewickelt war und so ein gewichtiges Zuchtmittel darstellte. Er schwang sie, daß die Luft zischte, und freute sich darauf, den Auflauf auseinanderzujagen. Er formte schon im Geiste bewährte Schimpfworte, die er zu handhaben verstand, so daß dort, wo er sie hinhauchte, kein Gras mehr wuchs. Doch, o Wunder! Er kam näher –: seine Augen wurden sanft. Der Wolf ward zum wedelnden Hunde; er ließ die Peitsche verschwinden und stellte sich gleich den anderen stumm in den Hintergrund. Er hatte erfahren, daß der heilige Mann Ruhe wünsche. In Wahrheit hatte der Weli überhaupt keinen Wunsch geäußert, sondern lediglich mit Ausdauer geschwiegen. Jetzt endlich rührte er das Haupt wieder; der Turban sank langsam in den Nacken. Er sah sich um. Seine betrübten Augen schienen niemand zu bemerken ... dann tat er einen gemächlichen Kniefall, ohne sich zu übereilen, und legte die Hände an die Ohren, als ob er auf irgendeine geflüsterte Eingebung lausche. In diesem Augenblick kam Daûd mit seinen Freunden und wand sich, reich mit Fußtritten bedacht, in die Nähe des Grabens, so daß er ein guter Ohrenzeuge des Vorgangs war. Und der einsame Weli warb zur Quelle tiefer Erbauung. Ein Gesang drang unter dem großen Turban hervor: unablässig strömende Sätze, die am Schlusse langgezogen dahinhallten, wie als verquickten sie sich mit dem Ansatz eines Echos in unsichtbarem Gewölbe... und schier noch unter dem Fittich des einen Satzes rührte sich der zweite, so tief und voll tönte der Ausklang in den Ohren. Daûd hörte einen ganz alten Mann neben sich sprechen: »Es ist die Sure der ›,sich Reihenden‹,.« Daûd war hingerissen. Er fühlte sich von den Bildern, die sich aus dem Gesang formten, überschwenglich erschüttert. Er vernahm von der großen Scheidung am »Tag des Gedränges« und von der kreischenden Angst der Verworfenen auf der messerscharfen Brücke... Und dann umwehte ihn das Idyll der Seligen wie Ambraduft: »Aber die Diener Allahs Sorgenfrei werden sie leben, Früchte werden sie speisen In den Gärten der Wonne, Auf Polstern einander gegenüber. Kreisen soll unter ihnen ein Becher aus einem Born, Weiß, süß den Trinkenden, Kein Taumel soll in ihm sein, Und nicht sollen sie sich berauschen, Und bei ihnen sollen sein züchtig blickende Großäugige, gleich dem versteckten Ei...« Als der Weli diese Verse sang, geschah ein Wunder. Ein Licht erglühte unter seinem Kaftan und erhellte die Herzgegend. Es war ein ruhig brennendes Licht, es schwebte wie ein Stern in den Kleidfalten. Es flackerte nicht und verlosch nicht. Der Weli schien es kaum zu bemerken; es schien, als habe es sich von selbst an seiner Inbrunst entzündet. Die Menge starrte entgeistert, ganz Auge, ganz Ohr: nur ein seufzendes, atemloses Geflüster ging um. Dort unten saß der Heilige wie ein Glühwurm in seinem unirdischen Schimmer und sang immer lauter das Ende der Sure... Zum Schluß, als sie in ein Lob Allahs endete, erlosch das Licht, und die Dunkelheit sank herein. Da stiegen die Leute herab, langsam und ehrfürchtig, und legten kleine Gaben vor dem verstummten Weli nieder. Die Frauen küßten, einen Spruch murmelnd, sein Gewand. – – Als sich die Menge langsam zerstreut hatte, nahm der Heilige das Lämpchen heraus. Es war schwarz und flach, und wenn man es oben drückte, so glühte es. Es war ihm selbst nicht recht begreiflich, das Teufelslämpchen; es war ihm schauerlich und befremdlich; aber er sagte sich, daß es rundum geschlossen sei und somit das Höllenlicht keinen Ausweg habe. Er machte für sich noch eine kleine Privatillumination, um den Ertrag, der in Zigaretten, Weizenbroten, Obst und einer Schüssel voll Bohnen und Hammelspeck bestand, zu sichten und zur Hälfte aufzuzehren. Dann löschte er sein Licht und fiel satt und zufrieden auf der Stelle in einen sorglosen Schlaf. Anderen Tages war es das erste für Daûd, daß er den Schulmeister nach dem Weli fragte. »Ich bin sehr betrübt,« sagte Ali-ibn-Mûsa, »daß ich es versäumte, den heiligen Mann zu hören. Allah strafe mich! Ich saß und rauchte, und mein Magen war gefüllt. Da liefen die Leute vorbei und schrien: ›,Ein Weli, ein Weli! Draußen im Feld!‹, – Und ich Unwürdiger sprach zu mir selbst: ›,Das Feld ist weit entfernt, und bald wird Abu-Gagâz, mein Vetter, kommen, und wir werden miteinander das Brettspiel ziehen – ‹,, also blieb ich in Lässigkeit; doch als ich hörte, der Weli habe ein Wunder getan und einen Schimmer gezeigt, da verfluchte ich mich und sprach das Bußgebet. Heute nun will ich den heiligen Mann gewißlich besuchen.« »Er sang sehr schön, Schulmeister!« unterbrach ihn Daûd geschäftig. »Er sang die Sure der ›,sich Reihenden‹,!« »Allah! – Du weißt das! Du bist mir wohlgefällig, Sohn des Zabal! Ich muß dich durchaus loben! Dein Fleiß und deine Beharrlichkeit sind erstaunlich! Was nun den Weli anlangt, so gilt für ihn jenes Wort, das gesprochen ward: ›,Wahrlich, über die Begünstigten Gottes wird keine Furcht kommen, und sie werden keinen Kummer haben.‹, – Welcher Art nun sind diese Personen? fragt ihr mich. Darauf sage ich dir, Daûd, und euch anderen Knaben (o Saffâr, lasse jene Maus frei und zerre sie nicht am Schwanz; denn der erhabene Gott hat ihn ihr gegeben!) – darauf sage ich euch: die Aulija sind solche, die Gott ganz ergeben sind und einen außerordentlichen Glauben besitzen, so daß sie die Macht haben, Wunder zu verrichten. Das Haupt der heiligen Männer ist der Kutb, den Gott segne. Er geht unsichtbar umher und tut Gutes; ja, er ist hier und dort zugleich. Ein Bruder meines Vaters, der die Pilgerfahrt machte, sah ihn auf dem Dach der Kaaba sitzen und vernahm ihn, wie er zur Mitternacht dreimal schrie: ›,O Barmherzigster der Barmherzigen!‹, – – – Dies beschwor mein Vaterbruder, und es wäre Sünde, daran zu zweifeln. Ein anderer Ort, den der Kutb sich wählt, ist die Nische des Bab-es-Suweîli in der Stadt Kairo. Jedes zweite Jahrhundert ruft der Prophet – den Gott segne – den bisherigen Kutb ab und erwählt einen neuen zu seinem Dienst ... Unter dem Schutze nun dieses einzigartig Begünstigten steht auch jener Mann, den ihr gestern saht; und mich dünkt, er ist von höherem Grad, da er von innen heraus zu leuchten anhebt, wenn er die Worte vom ›,Garten‹, spricht. Dies ist alles, was ich euch über die Aulija berichten kann ... und nun weiter, im ›,Haus Imrân‹,!« Das war auf der Straße nach Karnak, um die Mittagszeit. Es war ein Tag wie viele andere, und Daûd ging heraus. Er ging allein mit noch nüchternem Magen und machte sich im Gehen viele Gedanken. Sein Inneres war durch manches Neue in Verwirrung gesetzt; dann und wann wachte eine unbestimmte Sehnsucht auf ... Wonach? Ja, wonach? Die Straße vor ihm zog sich, zu grellgelbem Staub getrocknet, unabsehbar dahin. Unter jedem Lebbachbaum ruhte, gleichmäßig um den Stamm verteilt, ein runder, abgezirkelter Schatten: die Sonne stand im Zenit. Das Leben ringsum schwieg; glutheißer Atem des Südwindes rührte sich. Auf einmal wußte Daûd, wie er so im Staub dahintrottete und Mistkäfer mit der harten Sohle zerknirschte, wonach seine Sehnsucht sich rühre! Geselligkeit war es, wonach ihn verlangte, aber nicht mit Sawân, Afr oder Saffâr, sondern mit einem, der ihm selber ähnlich sei. Denn wenn er auch mit den ungebärdigen Knaben den halben Tag hinter Kälbern und Rindern herrannte, die Bauwabs und die Fremden ärgerte, die Auslagen bestahl und andere noch entzückendere und phantasievollere Scherze trieb, so befielen ihn doch plötzliche Augenblicke einer fremdartigen Ernüchterung. Ihm war, als ob aus einem Versteck heraus eine Stimme spreche: »Warte, o Daûd, warte noch eine Weile, denn bald komme ich !« Wer war das, der fortwährend ein Ich sprach, das seinem eigenen tief verwandt, ja fast überlegen schien? – Es war ein stolz hervorgestoßenes, trotzig befehlshaberisches und doch freundschaftliches Ich, das sich anzeigte ... Dabei, wenn er überlegte, wie der beschaffen sein müsse, der es gesprochen habe, konnte ihm sein Hirn keinen weiteren Fingerzeig geben, und seine Träume gingen fruchtlos ihren bunten Pfad ... Er warf sich auf der Seite der Straße unter einen Stamm. Und er sah aus dem Schatten der Akazie heraus über den kahlen Graben und die grünen Felder. Sein Blick verweilte bei fernen Palmengruppen und blassen Hügeln. Eine Frau ging vorbei, schwarz und winzig bewegte sie sich wie eine Ameise in einem ungeheuren flachen Teller; die Kanäle blitzten fadendünn wie in Zinn graviert; und links lag der Karnak-Komplex in wuchtiger Ruhe. Ein Kamel wandelte steif auf ihn zu, und ein kleines Mädchen in mohnblumenrotem Kattunhemd führte es hüpfend am Halfter... Ein Dunst von ewiger Mühsal lag auf dem hitzegeschwängerten Bereich, ein heller Sonnenbrodem, in dem alle Gegenstände zitternd versanken. Und wabernd, flimmernd zerrann das Gesichtsfeld; die Konturen wurden wesenlos und die fernen Schreie einzelner Menschen und Tiere zu stillen Zirptönen ... Das leichte Trappeln eines Esels auf der Straße, hinter dem ein stoßweises Treiberkeuchen flog, sickerte in die Brutstille des Nichts hinein, wie das Ticken einer Uhr, das mit letztem Schwingen der entspannten Feder allmählich endet... Nichts gleicht dem Blau des Himmels über dem Niltal! Ist es von Hitze erfüllt, so erbleicht es zu einem fiedenden Weiß, in dem, gleich schwarzen Punkten, die Raubvögel reglos schweben oder, wenn sie mit den Schwingen rudern, in langem Strich nach anderen, gleich hoffnungslos durchgluteten Bereichen ziehen. Rücken die Stunden vor, dann vertieft sich das Blau, zeigt sattere Töne und umgreift immer voller und mächtiger alle Welt im Rund; schwelgerisch durchtränkt es die Dinge und überleuchtet Wüste und Stromland mit gleicher Zärtlichkeit ... Die Augen Daûds schlossen sich. Vor seinen Lidern war flammendes Mittagsweiß. Er schlief ein, und nach mehreren Stunden glaubte er zu erwachen: da sah er geradeswegs in ein strotzendes Blau, in dem der Blick untertauchte; in ein warmes Nichts, worin die eine Farbe allmächtig triumphierte. Vom Blau glitt sein Blick einen Zoll tiefer, in das Grün des Ackers, und dann wieder hinauf ... da war ihm, als sähe er etwas Seltsames sich vollziehen: eine Umwandlung des Nichts in ein Etwas, das langsam Gestalt gewann und sich schwer und lichtschwankend aus dem Blau gebar. Siehe da, ein Menschengewimmel, ein lautloser Prunk unendlich vieler, wallender Gewänder! Und hinter dieser Menge tauchte ein quadratisches Gebäude auf, durchsichtig zunächst, dann gut erkennbar, aus tieferer Bläue geformt. Und mit einem Male wußte er's: das war die Kaaba, und diese Vorstellung war mit einer flüchtigen Erinnerung an den Fiki verknüpft. Doch löste sich jetzt alles Gefühl für die Wirklichkeit auf ... Ein unbeschreiblich milder, gleichmäßiger Sonnenglanz umfunkelte jene Stätte. Auf einmal schien sich die Menge zu teilen, ja, auf und nieder rinnend, sich zu verflüchtigen, so daß der Platz mit der Kaaba, umkränzt von einer zierlichen Arkadenflucht, frei und einsam lag. Und siehe: unter den schlanken Säulen des Hintergrundes hervor, langsamen Schrittes über das farbenblühende Mosaik des Pflasters, kam ein Zug von Leuten, an deren Spitze einer schritt, dessen Anblick Daûds Herz fast zum Stocken brachte. Er war bärtig, sein Gesicht war scharf und schön, mit adlerförmiger Nase und scharfem Mund; der Kiefer, dessen Gelenk scharf vom Ansatz des Halses trat, drückte einen unerhörten Willen aus. Das, was alles vor ihm niederzuwerfen schien, waren seine Augen. Schwarz und rund glühten sie aus ihren Höhlen, sie funkelten reglos ekstatisch in die Weite, durchdrangen alles, waren untrügliche Spiegel des Fernen und Nahen, ganz erfüllt und durchpulst von einer reichen, sprungbereiten Seele und weitausgreifender Macht, königlicher Duldsamkeit und barbarischer Kraft. Der Mann überquerte den Platz, und unter seinem grünen, seidenen Mantel, der ihn mit verschwenderischem Bausch umwallte, leuchteten seine Schuhe feuerrot hervor. An seiner Seite, rechts und links, schritten zwei Jünglinge, ebenfalls grün gekleidet, mit runden, trauervollen Gesichtern. Sie alle trugen grüne Turbane, und die der vorderen drei Männer waren mit Perlen durchwunden. Eine Gruppe von weißbärtigen Schêschs, die bunte Rosenkränze in den Fingern drehten, beschloß den Zug. Nun stellte sich der fürstliche Mann vor die Kaaba und rief: »Komm herab, o Kutb! Deine Zeit ist erfüllt!« Und eine Stimme vom Dach erwiderte: »Es ist kein Gott außer Ihm! Und kein Prophet außer Dir!« Und siehe, vom Dach herab schwang sich ein grüner Vogel und ließ sich auf der Schulter des Propheten nieder. Auf einmal flogen wie eine Wolke andere Vögel heran, und in ihrem grünen Geflatter verschwand der Hof mit den Arkaden, der Kaaba und den Schêschs; nur Mohammed allein blieb zurück, und zu seinen beiden Seiten die Frühgemordeten, Hassan und Husên. Eine Glorie wuchs hinter ihnen heran: von Moschusduft getränkter Zephir. Und der Prophet zeigte in verschiedene Richtungen, und überall erglänzten Minarette, Kuppeln, glanzvolle Städte. Und Daûd vermeinte den ganzen Nil zu sehen, auf unendliche Meilen hin gesäumt von morgenstillen Palmen ... reiche Dörfer, von Mensch und Vieh überfüllt, sprenkelten die Ufer ... Bis nach Omdurman glaubte er zu sehen, tief in das heiße, üppige, verräterische Herz des Kontinents ... Nun sanken die Jünglinge nieder, und der Prophet legte ihnen die Hände auf die Häupter. Dann standen sie auf, und der Prophet wandte sich um und schwebte mit ihnen in eine schimmernde Gartenwelt zurück, die ganz hoch oben im Blau entstand. Die grünen Kleider leuchteten noch lange, ehe sie mit dem Garten und der Bläue zu leichtem Duft verschmolzen; und hinter ihnen verschwamm, sonor und schwellend, in erhöhter Farbe ein zweites Mal der Schrei: »Es ist kein Gott außer Ihm! – Und kein Prophet außer Dir!« – – – – Als Daûd erwachte, kam der Mond über die Wüste herauf, gewaltig groß, und stieg quittengelb in das dunkle Violett des Abends. Der Brunnen des unlauteren Ehrgeizes Was wißt ihr, Ob ich besser bin Und ob ich bete; Ich verkaufe jetzt Kohl Und Zwiebeln ... Seit ihr sagtet, ich gehe Den richtigen Pfad, Weiß ich nicht, Ob ich den guten Ober bösen gehen soll! »Mir will scheinen, lieber Bruder, dieser kleine Fellache ist nicht übel beanlagt«, meinte der Frater Onésime, ein behäbiger Fünfziger. »Er hat ein erstaunliches Detailgedächtnis und spricht Französisch und Englisch wie ein Weinreisender.« Frater Eustache zupfte seinen Geißelstrick zurecht und meinte: »Strohfeuer. Intelligenz, mein Lieber, bei diesen Leuten! Eine Zeitlang geht es ja noch so ... der Bengel hat eine große Fassungsgabe, das stimmt. Aber die Seele ist voll Unrat, lehren Sie mich das Volk kennen! Es kommt ein Zeitpunkt – und bei unserem Knaben ist er leider nicht fern –, da stockt das Wässerlein, und es wird mit dem billig gewonnenen Gut im trüben weitergefischt – na, lassen wir ihn laufen! Was nützt da weitere Vorsorge ... diese Seelen sind doch dem Besseren unzugänglich. Mission, du lieber Gott! Jeder Dorfschulmeister kann's in seiner Art besser als wir ... man küßt uns die Hand und rennt davon ... und wie wird das Wissen ausgenützt? Schönste Grundlage für zehn Jahre Faulenzertum! Immerhin war dieser Knabe ganz amüsant; und vielleicht ist dies oder jenes Saatkorn doch nicht ganz auf steinigen Acker gefallen!« xxx Die Brüder vom Orden des heiligen Franziskus saßen bei billigem Bordeaux, der nach der Etikette erstaunlicherweise aus Siût stammte, an einem grob gezimmerten Tisch ihres Gartenhauses, strichen sich die Bärte und machten sich Gedanken. Denn Daûd, der nunmehr Vierzehnjährige, das Phänomen an Fassungsgabe, hatte heute seine kleinen geschwätzigen Examina abgelegt und sich mit dankbarem Augenaufschlag entfernt. Er war mit den Kuttenmännern zwei Jahre hindurch in reger Beziehung gestanden, und sie hatten sich an ihn gewissermaßen gewöhnt. Die Brüder hatten noch einen kleinen Diskurs, an dem sich auch der Prior, der gerade von der Schakaljagd zurückkam, beteiligte. Man stellte fest, daß Daûd ein seltsam reiner Typus sei. »Ein zierlicher kleiner Altägypter,« meinte der Prior mit einem sinnenden Blick durch die scharfe Brille, »ein Profil ... im Grab Sethos des Ersten sehen Sie Ahnliches. Er ist weder stumpfsinnig noch ausschließlich backschichlüstern wie die anderen, sondern hat so eine – gewisse Anmut, trotzdem er, was ich gern zugebe, ein rechter Schmutzfink mit viel primitiven Instinkten ist und voll Aberglaubens steckt. Neulich brachte er seinen älteren Bruder und fabelte dabei von einem Schêsch Maghrabi – einem ›,westlichen alten Mann‹, – oder irgendeinem Pavian, von dem seine Mutter besessen sei, worauf denn dieser Bruder das Licht der Welt erblickt habe ... Der Unterschied frappierte mich: der Bruder ist ein Krüppel, ein dunkelbrauner Idiot, und Daûd – Sie erinnern sich gut! – ganz hell, von fast türkischem Teint. Mit jenem Dabbûs habe ich mich nicht lange abgeben können, denn er wäre mir fast ins Gesicht gesprungen. Aber Daûd: à la bonheur! – zuletzt kam er noch zu mir und bedankte sich in tadellosestem Französisch. Wenn er jetzt auch verdienen würde, sagte er, so bliebe sein Herz doch zur Hälfte hier; und dann machte er mir noch das Kompliment, ich sei ihm fast so lieb wie sein Fiki Ali-ibn-Mûsa – Sie kennen den alten Gauner! – Und er würde mich oft besuchen und mich umsonst auf seinem Esel reiten lassen. Ich soll keine Angst haben; er könne das schon so einrichten, ohne daß der Eselvermieter Wind bekomme!« Dies letzte sprach der Prior mit einer amüsiert anheimstellenden Miene. Ja, Daûd hatte jetzt alles, was sein Herz früher dumpf begehrt: er war am Ziel seiner Wünsche. Ein hellgelbes Hemd: wohlgemerkt, mit Safran gefärbt! – schlotterte um seinen Leib. Unter dem Hals war ein schmaler, blaugesäumter Ausschnitt, aus dem seine schlanke Brust, stets staubbedeckt, lugte: und der untere, gleichfalls gelbe Saum wurde von seinen hornigen Fersen in den Staub getreten und büßte bald genug seine Farbe ein. Ganz feine ockerfarbene Streifen hatte das Hemd; es war ein sinnfälliges Paradestück, und Daûd, der sich nicht schlecht darauf zugute tat, bildete nunmehr einen charakteristischen Farbfleck unter den Eseljungen, die sich nach dem Lunch um den besten Standplatz am Treppenaufgang des Winter-Palace-Hotels balgten. Es kam unserem Daûd außerordentlich zustatten, daß er jetzt der Treiber des ersehnten weißen Esels war – jenes trotz seinem Alter noch stämmigen und leistungsfähigen Tieres, das Jahre hindurch mit glockenreinem Gebrüll und geschmückt mit unvergeßlichen Zierarabesken durch seine Träume getrabt war. Wenn Daûd, an diese lebende, unwiderstehliche Folie gelehnt, wie ein Genrebild vor der Terrasse weilte, so gab es unter den flanierenden Fremden kurzes Bedenken, wer unter der schreienden, aufdringlichen Knabenhorde vorzuziehen sei. Dazu trug Daûd noch bei, verstärkte den Eindruck des Idylls, indem er einen unbeschreiblichen Gutturalschmelz in die Frage legte, die leise, lockende und verheißungsvolle Frage: »Donkey, Sir? Beautiful donkey?« – mit einem harmonisch gedehnten Fragezeichen am Schluß, das an Reiz die lauten Anpreisungen seiner Konkurrenten weit übertraf. Es hatte Kampf gekostet, daß ihm der Eselvermieter, ein rauher Berberiner mit einfachem Geschäftsgeist, gerade diesen Esel überließ. Aber Daûd trieb den humoristischen, fetten Knaben in der blauen Kelabije, den er früher so beneidet, durch festliche Proben von Sprachkenntnis, trotz dessen fassungslosem Widerstand, erfolgreich in die Flucht. Jener mußte sich von nun an mit einem kleinen schwarzen Durchschnittsstößer begnügen, was ihn mit großer Wut auf Daûd erfüllte. Ja, einmal hatte Daûd aus dem Hinterhalt heraus einen handfesten Stein an den Nacken bekommen. Doch die Zeit, die alles regelt, glättete auch diesen Zwist, ja, tönte ihn zu kühler Freundschaft ab. Daûd verdiente seine blanken zehn bis fünfzehn Schilling am Tag, denn er erfreute sich unter den ständigen Gästen des Hotels großer Bevorzugung, da er sie fließend zu unterhalten wußte und sein reger Geist drollige Bemerkungen zeugte, deren ein anderer der braven jungen Schreier nie fähig gewesen wäre. Was die antiken Bauten betraf, so hatte er sich längst eine geläufige Dragoman-Suada zu eigen gemacht; und wo er auf ein Gebiet geriet, auf dem er nicht sicher war, so hatte er eine bedeutungsvolle und interessierende Art, mit finsterer Braue zu lügen. Bisweilen mengte er auch, mit trockenster Sachlichkeit und in unwiderlegbarem Tonfall, Bruchstücke krassesten Aberglaubens in die atemlose Diktion ... er war eine Rarität von einem Cicerone, und es machte ihm spitzbübischen Spaß, seinen Kunden, insonderheit flachbrüstigen englischen Damen und deren zappeligem und oft leicht erschrockenem Nachwuchs gewagte Dinge aufzuhalsen. Derlei Reiterinnen kamen dann, von stetigem, wenn auch durch Skepsis gemildertem Gruseln angenehm geplagt, echauffiert zum Dinner und machten viel Aufhebens von dem originellen Knaben, der ihnen den Nachmittag so scharmant verkürzt ... Erhielt Daûd den vereinbarten Preis, so verstand er, während er die langen gebogenen Wimpern resigniert senkte, so sprechend zu lächeln, daß jene Damen, in dumpfem Bedürfnis, ihm sein belastetes Dasein zu erleichtern und voll großzügiger Unkenntnis des Münzwertes ihm noch die Hälfte des bereits Geleisteten zugestanden – wofür er sie dann mit einem niedlichen und zugleich frechen »Katachera« belohnte. Durchreisende Fremde, denen er in die Augen stach, kamen gar nicht an ihn heran, da er fast den ganzen Tag über gemietet war. Drei Viertel des Geldes mußte er, da er das fünfzehnte Jahr noch nicht überschritten, dem Vermieter und Besitzer abliefern; doch war dieser Abzug nicht allzu schmerzlich, da ihm die Trinkgelder verblieben. Zwischendurch, wenn er eine kleine Schlemmerei beabsichtigte, unterschlug er auch nicht ohne Geschick. Er gab wenig aus und häufte seinen Gewinst – der, schlecht gerechnet, sich in dieser Saison bereits auf etwa vier Pfund belief – unter einem Stein in unbelebter Gegend an. Das Bewußtsein dieser Wohlhabenheit machte sein Benehmen aus Selbstsicherheit zurückhaltend und aus Eitelkeit bescheiden – Eigenschaften, die ihm nützten, wenn er seinem Berufe folgte, in dem er mit knabenhaftem Vergnügen aufging. – – – – – – Eines Tages, als Daûd wie gewöhnlich an der Terrasse stand und einen noch imaginären Betrug auf seine praktischen Folgen hin berechnete, kam ein junger Engländer die Stufen herabgetänzelt, ein recht junger noch, denn er war höchstens so alt wie Daûd. Als die Drehtür dort oben sich wie gewöhnlich träg erblitzend öffnete, hatte Daûd mechanisch aufgeblickt. Dann, als er des Kömmlings gewahr ward, brachte er, mit eingeübter Bewegung, jene Positur hervor, die ihm erfahrungsgemäß Erfolg versprach. Er lehnte sich müßig an die Samtschabracke, den Kopf schläfrig geneigt, die Beine gekreuzt: kurz, er stellte das Bild. Es verfehlte auch in diesem Moment seine Wirkung nicht, denn der junge Engländer, der nur zu promenieren gedachte, ward von dem schönen Esel flugs gefesselt: ja, der Esel tat es ihm an. Er trat heran und streichelte die seidenweiche Schnauze; dann, in einem Atemzuge, saß er auf und schrie: »Go on!« Es war hübsch und sehenswert, wie er aufsaß. Er verschmähte die Steigbügel; ein einziger Druck der weißen Knie, und schon flog er elastisch hinüber, um sich mit einem herrischen Ruck auf dem Esel zu etablieren. Daûd erkannte das an und lächelte über seine ganze Person. Er keuchte anfeuernd und schrie: »He, he!« Der Esel bockte ein wenig, doch nach den ersten Ermunterungen ging sein bewährter Trab wie von der Spule gewickelt. Auch Daûd geriet in Trab und schlug weit ausholend und sachgemäß dem Tier zwischen die Hinterbeine, so daß der Staub in kleinen Explosionen in die Höhe ging. Den kargen Äußerungen des Reiters folgend, wurde die Straße nach Karnak gewählt, und der laufende Daûd machte sich über diesen neuen Kunden allerlei Gedanken, die von denen abwichen, die ihn sonst bei ähnlicher Gelegenheit zu beschäftigen pflegten. Denn er sah hier zum erstenmal einen Fremden seines Alters; und dies forderte ungestüm zum Vergleich heraus. Zunächst lief er im Staub hinterdrein, später aber, um den Reiter besser betrachten zu können, neben ihm her, wiewohl der Engländer durch Fersendruck und unablässiges Zungenschnalzen das Tier zum Galoppieren brachte. Aber Daûd, als guter Läufer, spürte gar nicht, wie seine Beine unter ihm arbeiteten, so sehr war sein Blick beschäftigt. Der Fremde trug einen Leinenanzug, schwarze Halbstrümpfe nicht ganz bis zur Mitte der leicht gebräunten Wade, und weiße Segeltuchschuhe. Auf dem Kopfe hatte er eine breitkarierte graue Mütze. Sein Gesicht war herb: über dem herzförmigen Mund mit der gehobenen Oberlippe thronte eine markante Nase; blasse Sommersprossen bedeckten die fein beflaumten Wangen, und unter den eng gekniffenen aschblonden Wimpern blitzten saphirblaue Augen. Die Brauen waren so hell, daß man sie kaum sah, und unter der Mütze, halb in die schmale weiße Stirn, quoll ein üppiger Busch aschblonden Haares, das sich im Wind wie seidener Distelflaum rührte. Der Kopf saß auf einem schmalen zurückgeworfenen Nacken, der Rücken gab wie eine feine ausgeprobte Feder jedem Stoße nach, und die schlanken Beine streckten und bogen sich, die Balance wahrend, mit gutgeschulter Geschicklichkeit. Es gab nichts an diesem lichten Fremden, das Daûd entging, und wenn er jetzt auch allmählich außer Atem kam, lief er opfermütig weiter und achtete dessen nicht. Nun hatte der andere ein Einsehen und schrie, indem er am Zügel riß: »Stop!« Daûd schrie wild: »Hush!!« worauf der Esel hielt. Der englische Junge saß ab; sie befanden sich vor der nordwestlichen Sphinx-Allee. Am Eingang des ersten Pylons langweilte sich der nubische Tempelhüter, ein knochiger, großer Gauner, der die von der Regierung ausgegebene Eintrittskarte zu sehen begehrte. Der kleine Fremde besaß eine solche nicht und war ein wenig ratlos gegenüber den ungeschlachten Gebärden des Nubiers. Ja, er wollte schon mit wegwerfender Schulterbewegung vom Eintritt abstehen ... da aber rettete Daûd die Situation, indem er dem Nubier im bilderreichsten Vulgärarabisch zu verstehen gab, daß der Vater dieses Gentleman ein großer Pascha sei, den eine Behelligung seines Sohnes zu verheerenden Wutausbrüchen reizen werde; ein Pascha, der die Regierung in der Tasche habe, ja, die Regierung selber sei, und demgemäß einen schweren Tabak rauche. Der kleine Engländer hörte diese Verhandlung, von der er kein Wort verstand, lächelnd mit an; und mochte es nun Daûds Zungenfertigkeit oder dies Lächeln sein: der Nubier räumte wie eine besänftigte Bulldogge den Platz. Er blickte den beiden nach, wie sie frisch in den Großen Hof hineinschritten, und in der Bewegung, mit der er seine schwarzen Kinnstoppeln strich, war jene plumpe, täppische Güte, die jeder Orientale Kindern gegenüber zeigt, weil er zeitlebens selbst ein Kind bleibt. »Ich danke dir, du bist ganz nett«, sagte der Fremde plötzlich und gab Daûd einen kleinen Schlag auf die Schulter. »Hat nichts auf sich!« erwiderte Daûd gewandt und senkte glücklich den Kopf. Dann belebte er sich und rannte voraus. Im großen Säulensaal hielten sie inne und ließen sich zwischen zwei Fundamenten nieder. Der mächtige zylindrische Sandstein türmte sich zu erhabener Höhe. Die hundertvierunddreißig Säulen, vom Frieden einer kolossalen Symmetrie durchsonnt, standen starr um sie her, und der kleine Blick kletterte zag an ihnen empor bis dort hinauf, wo sich die Wucht in der edlen Lotosform der Kapitäle löste und das Blau, abgeblendet durch lastenden, von der Minierarbeit der Jahrtausende brutal zersprengten Quadern, reich wie ein Baldachin schimmerte. Der kleine Fremde ließ seinen Blick behaglich an den buntgerippten Symbolen hinaufwandern, von denen die Säulen bedeckt waren, und dann, sich trotz seinem weißen Anzug behaglich dehnend, meinte er: »Hier ist es hübsch! Bist du oft hier?« »Nein«, sagte Daûd abwehrend. »Hier gibt es Geister.« Der andere schlug eine kleine Lache auf und zerquetschte eine Mücke auf seiner Wade. »Unsinn«, sagte er. »Es gibt keine Geister.« Daûd, gekränkt, erwiderte nichts. Nach einer Weile fuhr jener fort: »Wie heißt du?« »Daûd-ibn-Zabal. – Und wie heißen Sie?« Das »Sie« deutete er durch eine vorsichtige Betonung des »you« an. »Percy Aldridge.« »Aldridge«, wiederholte Daûd sinnend. Der weiche Klang des Namens machte ihm Wohlbehagen. Er wiederholte den Namen noch zweimal für sich, um ihn genau zu merken, und Percy blinzelte ihn von der Seite an. »Deine Betonung ist leidlich«, meinte er. »Wie alt bist du?« Daûd besann sich krampfhaft, darüber hatte er noch kein Buch geführt. Auf gut Glück riet er das Richtige. »Just so alt wie ich. – Lebt dein Vater hier und verdienst du viel?« Daûd ward unbefangen diesem energischen Examen gerecht. »Mein Vater arbeitet auf dem Feld. – Und was«, fügte er ehrfürchtig und neugierig bei, »ist das ehrenwerte Gewerbe des deinen?« Percy dachte ein wenig nach, wie er den Begriff mundgerecht machen sollte, denn die offizielle Bezeichnung würde dieser kleine Fellache wohl kaum verstehen. Was weiß der Esel vom Ingwer und der Bauer vom Apfelessen? – Schließlich formulierte er es so: »Er hat früher eure Kanäle gemacht, nun ist er zum Vergnügen hier.« »So ist es,« sagte Daûd, »also früherer Beamter im Irrigation-Department und jetzt Tourist.« Percy setzte sich auf, mit offenem Mund und sah ihn verblüfft an. »Du bist ja verteufelt schlau!« sagte er endlich und ließ eine gesteigerte Achtung erkennen. »Wer hat dir das verraten?« »Ich kenne doch eure Titel,« sagte Daûd geschmeichelt, »ich war vier Jahre bei den Patern.« »Dann weißt du mehr als die anderen Schwarzen!« – – – Eine Pause entstand. Percy kaute an einem Halm und dachte an nichts. Als er Daûd ansah, bemerkte er, daß dessen Gesicht verändert war, ja das kleine hellbraune Gesicht litt. Die schwarzen Wimpern hatten sich gehoben und ließen einen glühenden Blick durch; die Mundwinkel bebten schlaff, und die kindliche glatte Stirn war in Falten zerlegt: ja, so war es, und Percy verwunderte sich. Mit der Zeit milderte sich der Trotz der dunklen Augen, wiewohl noch ein zorniges Gewitter auf dem Gesichte stand. In Percys kühlem Antlitz regte sich kein Zug; er beobachtete jetzt ohne weitere Verwunderung die fremdartige Mimik und spuckte endlich den Halm gleichmütig auf die Seite. Die Knaben saßen sich gegenüber wie reglose Puppen: Nein, nicht zwei Knaben waren das: zwei Rassen kreuzten die Blicke, diese in unantastbar ruhigem Stolz, mit eisiger Selbstliebe, jene weich und leidenschaftlich jäh, mit schwer verletzter kindlicher Eitelkeit, doch schwach und nur eines Hasses fähig, der aus den Augen spricht. Daûd hielt nicht stand und schluckte die Beleidigung wortlos hinunter. So kam es nicht einmal zur Sprache, was ihn so verletzte, nämlich von einem, dem er sich gleichzustellen trachtete, und dessen Anblick ihm berückende Rätsel aufgab, mit der Bezeichnnug »Schwarzer« plötzlich wie mit einem Fußtritt degradiert zu werden. – Percy inzwischen ging unbefangen weiter, durch den Mittelhof in den Tempel des Mittleren Reiches. Er stellte sich auf die Brust einer geborstenen Statue, stemmte die Hände in die Hüften und sah sich um. Ein Kolkrabe schwang sich über das sonnenübergossene Trümmerfeld, und die Schwalben schossen um die Gesichter der Könige, die mit ihren Porphyraugen, die Hände klotzig auf die Knie gebettet, durch die Jahrtausende starrten. Percy stand wie ein kleiner leuchtender Fleck in dem gigantischen Zerfall. Dann sprang er auf den Weg herab und ließ sich von Daûd bis ans Ende begleiten, bis dorthin, wo alles sich in Schutt verlor und einsame Eidechsen zwischen den dürren Grasbüscheln raschelten. Sie setzten sich nun wieder und blickten selbander in die leere Mulde des Heiligen Sees herab. Und jetzt, während er in die sonnenflimmernde Weite starrte, erinnerte sich Daûd plötzlich, oder es ward ihm dunkel so, als habe vor Jahren, an ähnlicher Stelle, eine Stimme zu ihm gesprochen: »Warte nur eine Weile, Daûd, dann komme ich !« – Und weiter ward ihm zumute, als lebe diese Stimme jetzt wieder auf, als habe der, dem sie gehöre, Fleisch und Bein gewonnen und trete in einer Gestalt vor ihn hin, der er sich nach hilflosem Widerstreben und dann bereitwillig unterwerfen werde und müsse. Percy saß reglos voll hübscher Besinnlichkeit, die Arme um die Knie geschlungen, neben ihm, offenbar hatte er den Eseljungen für eine Weile ganz vergessen; und Daûd, darob beschämt und mißmutig, bemühte sich, in sein schmutziges Hemd gewickelt, die Gedanken zu erraten, die fremden Ideengänge, die Inglîzpläne, die hinter der weißen Stirn ihr Wesen treiben mochten, und die von den seinen so staunenswert abwichen. Daûds Gesicht ward in der Hitze der verstohlenen Beobachtung, in der er, wenn auch hoffnungslos, ein dumpfes Glück fand, schier dumm ... Auf einmal fuhr Percy so schnell herum, daß Daûd fast erschrak, und fragte ihn scharf musternd: »Was hast du da eigentlich für einen scheußlichen Klumpen im Haar?« »Das ist ein Amulett«, erklärte Daûd artig und schnell. »Es ist eine Pasta gegen den Bösen Blick. Ich trage es seit meiner Geburt.« Und er zerrte unter seinem Hemd noch anderes hervor: eine lederne Kapsel mit Erde vom Brunnen »Semsem«, ein Herzamulett aus Agath an einer Kette und einen blau glasierten Fayencegegenstand, der fünf Löcher hatte. »Das sind fünf verhütende Finger!« dozierte er und streckte die gespreizte Hand vor. »Das ist alles gut; besonders an diesem Ort –« Und er sah sich scheu um. »Und das «, schrie Percy und sprang auf, »schleppst du schon seit deiner Geburt mit dir herum?! – Nein, was seid ihr für Schweine!« Durch Daûds Körper ging der Jähzorn wie ein heißer Stich. Percy merkte jedoch ebensowenig wie vorhin, welche Gefühle er auslöste, sondern fuhr ehrlich entrüstet fort: »Gegen den Bösen Blick! Als ob es so was gäbe! Schneid' dir das ab, oder ich bin das letztemal mit dir geritten.« Hierauf setzte er sich wieder, aber diesmal mit dem Rücken gegen Daûd. Nach einer Weile hörte er einen seltsamen Ton und drehte sich um. Daûd saß in einem Winkel wie ein Tier, den schwarzen, staubigen Kopf zwischen den schlotternden Ärmeln vergraben, und schluchzte mit den leidvollsten Nasaltönen, die ein tiefer Schmerz zu erzeugen vermag. Indigniert stand Percy auf und ging, die Hände in den Taschen, an ihm vorbei, worauf er zwischen den Säulenresten verschwand. Daûd schluchzte noch eine Weile für sich. Da aber geschah etwas, was ihn in dem Genusse seines Schmerzes störte, denn er hörte, wie aus weiter Entfernung, einen lauten Schrei. Aufgepeitscht sprang er auf und rannte nach der Richtung des Schreies. Er sah sich ratlos um und merkte, daß die Stimme aus der Tiefe kam, aus einem Schacht, den die Ausgrabungskommission in der Kapelle der Sechmet, der katzenköpfigen Göttin, gewühlt. Dies Ungeheuer aus Rosengranit saß zähnefletschend in einem finsteren Tabernakel und fraß Kinder. Neulich erst hatte es zwei kleine Jungen gefressen, Steinarbeitersöhne, samt ihren Bastkörben, in denen sie Sand heraufzutragen hatten. Es kostete den zitternden Daûd eine gewaltige Überwindung, sich in die Nähe des dunklen Loches zu wagen. Da aber der entsetzte Schrei Percys unablässig aus der Unterwelt stieg, schlich er zögernd heran. Doch er tat es erst, als er sich vergewissert hatte, daß sein Arsenal an Schutzmitteln vollzählig vorhanden sei. Percy steckte dort unten, halb verschüttet durch eiligen, tückischen Sand. Über ihm saß die unbarmherzige Mörderin. Ihr Raubtierkopf wuchs, die Ausdünstung des neuen Opfers in ehern-bestialischer Lüsternheit emporsaugend, aus der Finsternis, und der Blick aus ihren pupillenlosen Steinaugen war starr auf Daûd gerichtet. Daûd schloß die Augen und legte sich im Gefühl seiner Immunität mit schüchterner Keckheit auf den Bauch, während er mit der Hand umherirrte, die Percy endlich erfassen konnte. Kaum hatte Percy sich emporgewunden, als ein leises Knirschen dadrinnen entstand, als ob schwere Zähne sich unmutig aneinander wetzten: ein Quader, der Sandstütze beraubt, kam ins Gleiten und stürzte mit einem schauerlichleisen, schurrenden Geräusch ab. Er stürzte auf eben die Stelle, die Percy kaum verlassen hatte. Nun stand er blaß, aber gefaßt, vor seinem Retter. Endlich sagte er: »Danke.« »Allah kerîm!« erwiderte Daûd, »du bist gerettet.« Er rührte fromm an Stirn, Herz und Augen. Percy reinigte sich, blickte sich um und sagte: »Es war nicht angenehm. Ich werde meinem Vater erzählen, daß du dich gut benommen hast. Jetzt wollen wir weg.« – – Der Esel stand vor dem Pylon und rupfte Gras. Percy schwang sich hinauf, und Daûd, in schärfstem Trab, rannte wiederum hinter ihm drein. Und während er rannte, wand sich, ihm selbst befremdlich, eine tückische Frage an ihn heran: eine Frage, die sich insgeheim an ihn hängte wie eine Sandviper an den Hals eines Hasen: »Warum habe ich – warum habe ich nicht ...« Das Ende dieser Frage, das peinigende Ende, trat ihm nicht ins Bewußtsein, und die Viper, ohne ihr tödliches Gift in der kaum vernarbten Wunde zu hinterlassen, fiel machtlos von ihm ab wie ein allzu matt geschleuderter Pfeil am Ende seiner Flugbahn. In der Folgezeit ergab es sich, daß Daûd den Vater seines neuen Freundes kennenlernte. Der Honorable J. W. Aldridge tauchte eines Tages in der Glasdrehtür des Hotels auf, kam elastisch herab und honorierte den Liebesdienst an seinem Sohn durch eine gewichtige Dosis Masperozigaretten in einer handlichen Blechbüchse zu hundert Stück, somit durch eine Welt von unbezahlbarem Genuß. Denn solche Zigaretten wurden, wie Daûd von seinen neidischen Genossen erfuhr, in Kairo das Stück zu zwei Millièmes bezahlt. Die Gabe war demnach fürstlich und der Gelegenheit durchaus entsprechend. Daûd vertilgte das preiswerte Geschenk mit Muße und unter schönen, beziehungsvollen Träumereien – hervorzuheben ist, daß er bei dieser Beschäftigung nicht allein blieb, sondern seinem Vater kindlich generös einen Pflichtteil überließ. »Es sind Zigaretten, die der Khedive raucht«, erklärte er dem alternden Fellachen voll Emphase. »Du mußt es durch die Brust trinken, mein Vater; dann wirst du stark, und Umm-Dabbûs wird sich deiner erfreuen.« Zabal grinste und genoß. Der Rauch, blau und lieblich, beschwichtigte sein selten zufriedenes Herz und tauchte sein Wesen in eitel Toleranz. Umm-Dabbûs stahl sich ihr Quantum und tat es ihm gleich. – Beide sangen Segenswünsche auf den erstaunlichen Sohn. Der Vater Percys war ein rotgesichtiger, gedämpft cholerischer, gottlob aber leicht zu erheiternder Herr, der seine von einer anständigen Pension und einigem Vermögen durchwürzten Mußetage in reservierter Betrachtung der faulen Weltlage dahinbrachte. Daûd empfand einen maßlosen Respekt vor seiner Gestalt und gleichzeitig eine glänzende Sympathie, eben weil er Percys Vater war. Die übrigen Familienmitglieder Percys bestanden aus einem niedlichen Schwesterchen und einer säuerlichen Mutter – für Daûd die Quintessenz aller Reizlosigkeit, für Percy (zu des kleinen Arabers Verwunderung) das strikteste Gegenteil. Daûd empfand es als seltsam und schier unbegreiflich, daß der Vater, der rotgesichtige und lustige Herr, stets ein solches Weib um sich vertrug, ja, sie zu verhätscheln schien, wiewohl sie eine scharfe Art an sich hatte. Daûds stumme Fragen waren folgende: »Warum steckt er sie in so schöne Kleider? Sie kann weder tanzen noch Ful richtig zubereiten; ja, sie weiß vielleicht nicht einmal, daß es vier Methoden gibt, diese Speise schmackhaft zu machen.« »Warum nimmt er sie beim Gehen unter den Arm? Dadurch wird sie nicht fetter.« »Warum sagt er nicht dreimal: Du bist geschieden, und nimmt sich eine andere, die fett und vergnügt ist?« Ihm insgeheim die Scheidung vorzuschlagen, fühlte sich Daûd ermächtigt, weil er zufällig wußte, daß die Inglîz nur ein Weib bei sich haben, wiewohl das bei ihrem Reichtum herzhaft töricht war. Ja, Daûd hätte dem zigarettenspendenden Mr. John einen wohlassortierten Harem gegönnt, wäre ihm sogar bei der Auswahl herzlich gern behilflich gewesen. Denn nunmehr war er häufiger in dem bewußten Tingeltangel, pflegte sein Vergnügungsbedürfnis und leistete sich zuweilen sogar einen schlammigen Kaffee in einem gestielten Messingkännchen. »Warum tragen diese Fremden gepanzerte Hemden, die in die Haut schneiden, und weiße Röhren um den Hals, wenn sie vor dem Abendessen noch kurze Zeit barhaupt am Nil spazierengehen?« »Warum machen sie so ein großes Wesen davon, wenn die Sonne untergeht?« »Warum ist das nicht so, wie es natürlich wäre?« Percys Schwesterchen, Jane, war ein siebenjähriges blondes Mädchen, sehr quick und doch sanft, mit hoher, befehlender Stimme und beweglich wie ein Küken, wenn es, mit atavistischem Heißhunger begabt, soeben seine Eierschale zertrümmert hat und nun wild konsumierend einherrennt. In der Tat: sie aß beständig, wo sie ging und stand. Sie hatte immer einen kleinen Piaster in der Grübchenfaust und trug weiße Halbstrümpfe und ein gestärktes, mit Spitzen garniertes Kleidchen, dazu eine rotgrüne Schärpe, die auf dem Kreuz wie ein riesiger Schmetterling mit den Flügeln schlug, wenn sie lief, und sie lief viel. Sie stellte sich vor Abu-Zuggâbas, des Zuckermannes, Auslage hin, zückte ihren kleinen Piaster und bekam dafür, zärtlich in zwei hohlen, braunen Händen gesammelt, eine unerhört große Menge Süßigkeiten ausgefolgt. Daûd machte sich bei ihr beliebt, indem er ihr rosa Stangen zum Lutschen verschaffte, auch Nougat und Vanillemandeln, die sie leidenschaftlich gern aß. Außerdem ließ er sie rittlings reiten, wiewohl die säuerliche Frau dies aus dunklen Gründen zu hindern trachtete. »Alle Weiber reiten rittlings«, dachte Daûd. »Die Weiber der Inglîz tragen lächerlich enge Röcke, darum können sie die Beine nicht auseinander bekommen.« Jane konnte das noch unbeschadet ihres Kleidchens. (Manchmal machte sich Daûd noch ganz andere Gedanken über die Nachteile der engen Röcke bei den Weibern der Inglîz.) So war seine Anschauung ein wunderliches Gemisch von Moquerie und Bewunderung. Alles in allem konnte er nicht verhindern, daß all seine Gefühle unter dem geheimen Diktat eines dumpfen Neides standen. Zuweilen, wenn er draußen wartete und die Leute noch beim Tee waren, gelang es ihm, einen flüchtigen Blick in das Vestibül zu tun und eine Impression zu erhaschen, die ihn tief bewegte. Dort drinnen gingen weiß gekleidete Sudanesen mit Fessen und roten Schärpen lautlos zwischen den Rohrtischen hin und her, an denen ein elegantes Publikum sich unterhielt. Die Sudanesen gingen gern da drinnen umher; sie waren in ihrem Element, die vertrackten Kerle. Sie balancierten silberne Tablette auf den Fingern und hatten ein verständnisinnig verschmitztes Grinsen um den Mund, denn sie staken samt und sonders (das war klar) mit jenen genußsüchtigen Fremden unter einer Decke. Sie fühlten sich wohl in dieser Umgebung und in der unmittelbaren Nähe der Quelle, aus der die Pfundstücke leise klirrend fielen. Dazu vernahm Daûd eine ihm unverständliche, aber einschmeichelnde Musik, die daran krankte, daß sie keine Achteltöne kannte wie die hierzulande, es aber durch ausgesprochene Taktsicherheit ersetzte. Diese Musik hatte durchaus nichts Fatalistisches, sondern sie verrann wie ein melodisches Bächlein in das Abendblau. Dabei wiederholte sie im epikuräischen Rhythmus immer wieder dasselbe: »Mach schnell, sieh dich nicht um, pack an, lebe gut, lebe friedlich, freue dich an Weibern und Spirituosen, wirf Geld auf dies lächerliche Land, und bilde dir dabei herzhaft ein, daß du im Paradiese bist!« – Eine zirpende Lautwelle von Wohlklang, ein silbernes Gelächter junger Kehlen, ein Schimmer weißer Kleider, phantastischer Hüte, blitzender Geschmeide ... das kam aus der grausamen Drehtür heraus, die sich so langsam drehte, daß sie alles, was von innen kam, in wesenlose Bruchstücke zerhackte; diese Bruchstücke aber, zum ganzen Eindruck verschmolzen, erschütterten tief. In diesem Bad von Wohlklang und Wohlleben dehnten sich jene weißen Familien; und was den Eseljungen, der dunkel hineinstarrte, wie ein schmerzlicher Heißhunger ergriff, das war das aussichtsreich Ungewisse, das direktionslos Süße, was dem Leben dieser Leute anhaftete. Auch Percy saß an diesen Rohrtischen und schlürfte seinen Tee. Desgleichen saß seine unerquickliche Mutter dort, die er liebte; sein Schwesterchen, das hoch mit Gaumentönen sprach und soviel Süßigkeiten vertilgte, und zum Schluß auch der Vater, der die »Daily Mail«, ein ofenschirmähnliches Blatt, auf den Knien entblätterte und mit gerunzelter Stirn und stierer Ausdauer las. Sie alle saßen in jenem goldenen Paradies und rieben sich aneinander ...! – – – – – – – – Eines Morgens kam Percy in großen Sprüngen die Treppe herab und sagte: »Morgen gehen wir auf zwei Wochen nach Assuan. He, was sagst du dazu?« Sie fuhren auf der »Tewfik«, einem flachgebauten, weiß gestrichenen Raddampfer, nilaufwärts. Die Sonne blitzte hold auf den Messingverschlägen. Die weiten, leichtgekräuselten Wasser atmeten Frieden, die Ufer wandelten graugelb, in lieblicher Einförmigkeit vorbei, und zuweilen – ein kleines Geheck von Fruchtbarkeit – entstand eine Palmengruppe, schlank, reich gewedelt und elastisch, vom nimmermüden Nordwind geschüttelt an der Linie des kargen und doch so vielfältigen Horizontes. Percy lehnte am Geländer des Oberdecks, weiß und schlank, und schob sein helles Knie durch die Messingstäbe. Seine blonder Kopf stand leicht und frei in der zärtlichen Brise; sein Mund, mit der kurzen Oberlippe, öffnete sich halb der reinen Luft entgegen, und der Sinn eines Gesanges, dem er lauschte, entging ihm nicht, wiewohl er die Worte nicht verstand. Drunten, aus dem mitgeschleppten Bretterkahn der dritten Klasse, in dem buntgewürfeltes arabisches Volk in tabakgewürztem Genuß des Augenblicks der Ruhe pflog, sang Daûd, leiernd sang er, doch der Fittich einer Inbrunst, wie sie ein ewig morgenjunges Volk in kindlichen Regungen bewegt, flatterte wie der einer braunen kleinen pfeilgeschwinden Wildtaube durch seine Verse. Percy konnte Daûd kaum wahrnehmen, weil er schief von oben durch die Fensterluke des Bretterkahns spähen mußte. So sah er nur ab und zu den schwarzen Kopf und ein schnell emporgeworfenes Auge: sonst waren es vornehmlich die geschäftigen Hände, die er erspähte, Hände, die alles in der Luft modellierten, was gesungen ward. »Habt ihr mein Liebchen nicht geseh'n, o Treiber der Kamele? In der Wüste verlassen, muß sie verdursten; nehmt meine Augen und rettet sie mir!« Oder Daûd erinnerte sich traumhaft einer Kasîde, die er irgendwo einmal vernommen, die aus dem Schoß der Vergangenheit laut ward als ein Angebinde der Kindheit: sie handelte von Ohrringen, das wußte er; hei, ja, von den Ohrringen der Umm-Dabbûs! Doch was tat Umm-Dabbûs jetzund mit Ohrringen? – – Sie saß, runzlig und braun wohl, irgendwo auf den vorderen Ballen der Sohlen und las Linsen aus der Mulde ihres schmierigen schwarzen Baumwollschoßes. Zwischendurch blickte sie finster und verkniffen auf und schrie heiser knurrende Anweisungen zu Zabal herüber, der sich mit ungeschickten Fingern an der Handgetreidemühle zu schaffen machte. Wie schmutzig war sie doch, dachte Daûd mit einem flüchtigen, früher nie gekannten Ekel, wenn sie sich niederhockte und Linsenlese hielt! Bei Gott, sie war nur ein schwarzes Häuflein, und die Hände, an den Gelenken blautätowiert, fuhren spinnenfingrig und von nie getilgtem Schweiß sattbraun erglänzend, aus den Falten, die das Häuflein um sich hatte, aus dem Wollbausch, der es tief verdunkelte und in ein nächtliches Dasein setzte: niemandem zur Beachtung und kaum einem eine Stockung des Schritts! Der Umm-Dabbûs gedachte Daûd ... O meine Mutter, denke meiner nicht mehr! Ich fahre hier im funkelnden Nilgewässer, unleidlichem, doch fremdartig lichtem Gefährten zugesellt in ein Reich, darinnen es keine Ackermühsal gibt. Die Inglîz gehen auf dem blitzenden Verdeck als die Herren umher ... Auch hier gibt es Nubier, deren Gesichter durch das ewige Kriecherlächeln tückisch geworden sind wie die von Katern, deren Blut man durch Wohlleben überhitzt. Sie planen Übles, die Nubier, wenngleich sie die Krallen nicht zu gebrauchen verstehen. Die Inglîz plaudern miteinander; sie recken ihre flanellbekleideten Körper in Korbstühlen. Sie betten die Beine in eitel Trägheit und in herausforderndem Gleichmut einander auf die Knie; sie grinsen sich an, Stummelpfeifen in den eckig ausgebauchten Mundwinkeln ... Ja, dies Land ist überblickbar, dieser schmale Fruchtfaden, der Ägypten heißt, allzu leicht beherrschbar; – und sie haben ihn in der Tasche, diesen schmalen Fruchtfaden! Sie stemmen ihre Fäuste in die Hosen und zwinkern behäbig: Besitzerzwinkern! – Und doch – wenn du mich auch verfluchst, Umm-Dabbûs, und du, Zabal, desgleichen: ich kann sie nicht hassen! Noch kann ich es nicht! Sie reizen mich, sie bewegen mir das Blut und rufen Hitze und Widerstand in mir hervor; ja, ihre Hautfarbe schon ist mir scharfes Gewürz! Und doch muß ich ihnen dienen und für mich bleiben. Und dienen muß ich vor allen jenem, der dort sein weißes Knie durch die Messingstäbe schiebt! Ja, o Mutter des Dabbûs, nun sitzest du verächtlich wie ein schwarzer Klumpen mitten im Getreide und verschwindest namenlos unter dem gewaltigen Strom der alles verschlingenden Sonne! – Daûd schnaubte die Nase in den emporgezogenen Zipfel des Hemdes. Nun wiegte Percy dort oben leise den Kopf und summte. Dann rief er: »Sing' weiter, Daûd!« und klatschte in die Hände. Drunten blieb es noch eine Weile still, so, als ob sich jemand angestrengt besänne. So war es auch, denn Daûds Kopf arbeitete und formte ... Endlich klang es bedeutungsvoll aus der Tiefe herauf: »Was wißt ihr, ob ich besser bin und ob ich bete; ich verkaufe jetzt Kohl und Zwiebeln ... Seit ihr sagtet, ich gehe den richtigen Pfad, weiß ich nicht, ob ich den guten oder bösen gehen soll!« Percy verstand nichts von dieser mit Tiefsinn gesättigten Philosophie; Daûd jedoch durchlebte sie und wiederholte sie vielmals, immer trotziger, immer lauter; und schließlich schleuderte er sein: »Was wißt ihr ...« wie einen hellen Prometheusschrei heraus. Der Zweifel, den der Schluß des Liedchens enthält, spiegelte sich in seinem Gesicht und ließ es flüchtig älter werden, während er aufstand und den Kopf ganz herausstreckte ... Hinter ihm, in der dämmrigen Tiefe des Bootes, grunzte man Beifall. Die Palmen drängten sich jetzt dichter auf beiden Ufern. In Edfu war es dunkel, und der Dampfer stoppte. Beim roten Frühlicht löste man die Haltetaue und erreichte nach dreizehn sonnigen Stunden den Anlegeplatz von Assuan. Während dieser dreizehn Stunden kaute Daûd an dem ihm herübergereichten, für seine Begriffe etwas fremdartigen Mahl. Dann vertrieb er sich, Zigaretten rauchend und grübelnd, die Zeit, während er durch das Fensterloch an die weißlackierte Decke des Mitteldecks starrte. Dort trieben die Sonnenkringel, vom Wasser reflektiert, ihr sinnlos holdes Spiel. Zwischendurch schlief Daûd auch eine Weile ... Jedesmal, wenn er den leichten Schritt Percys hörte, spitzte er die Ohren, und ein beschaulicher kleiner Schreck durchzuckte ihn wie einen Hund, der auch noch im Schlaf eines Befehls gewärtig ist. Auf Segelbooten, die stromaufwärts keinen Gegenwind hatten, setzte man nun samt dem Gepäck zur Insel Elephantine über. Daûd fungierte als einer der bevorzugten Gepäckträger. Sehr viel Genugtuung bereitete es ihm, daß er in dieser (immerhin intimeren) Eigenschaft vor eilfertig hinzustürzenden Boys, ja sogar vor einem Kawassen in rohseidenen Pluderhosen den Vorrang behielt. Die Familie verschwand, und Daûd durfte in der Küche von den Lunchresten schmausen. Sein gelbes Hemd war verfärbt und schmutzig; und dieser Umstand bewog das sonst mitteilsamere Personal, auf seine Bekanntschaft kein Gewicht zu legen. Es wurde ihm gestattet, sich einstweilen im Garten zu ergehen. Daûd trollte über den Krokettplatz und setzte sich dann in einen kleinen Hain von Bananenstauden. Die breiten, vom Wind zerschlissenen Blätter breiteten ihre kräftig gerippten Schirme über ihm aus. Schwarze blanke Hummeln fuhren mit großem Getöse der Schwingen darunter hin. Kleine bissige Ameisen höhlten sich ein Loch und schleppten, sich mit zitternden Fühlern verständigend, Körnchen nach Körnchen heraus; ihre Hinterleiber waren putzig, voll graziler Wichtigtuerei, in die Höhe gestreckt, und ihre emsigen Beinchen wirbelten ohne Pause. Winzige Bussolen waren sie, kleine Zentren intensivsten Lebens. Daûd bohrte mit seinen roten Fingernägeln in das Loch und zog sie schnell zurück. Nach einer flüchtigen Konfusion ging die Arbeit in gleichem Takt weiter, diese unbeachtete, ermüdend gleichgültige Arbeit. Und doch, siehe da, das Herz der Welt war darin ... Es war das Paradies auf Erden, und er liebkoste den schwarzbraunen Humus und füllte die rotgefärbten Handteller wollüstig mit ihm. So lag er eine Stunde lang; über sich hochdurchsonntes Grün, um sich die vielfältige Sicht gelbabzweigender Wege. Es blitzte bunt von Blütenfarben. Von der kleinen Orangerie, die gleichzeitig Blüten und Früchte trug (hellgelbe, schwammähnliche Kugeln von schwachem Geschmack), kam ein schweres Aroma, eine sinnbenebelnde sattsüße Duftwelle, und unfern regte sich, durchtränkt von Himmelsbläue, das zartgefiederte Laub eines Pfefferbaums im leisen Wind. Zwei weißgekleidete kleine Mädchen schossen durch den Gesichtskreis; und ein alter Graubart in seidenem Anzug schlich sich ruhevoll einer Bank entgegen. Nun kam Mr. John vorüber und entdeckte Daûd. »Dein Esel ist bereits mit der Bahn angelangt«, bemerkte er. Daûd erinnerte sich, daß sein Esel in den Viehwagen verfrachtet worden war. Wie war sein Esel stolz und heikel! Er fuhr mit dem weißgestrichenen Bahnzug, genau wie das wohlsituierte Volk, und die Railway-State-Company (unter der sich Daûd stets etwas wie ein fremdartiges Ungeheuer vorgestellt), beförderte ihn achtungsvoll wie jeden anderen zahlungsfähigen Passagier. Mr. John fuhr fort: »Und du siehst noch immer wie ein Schwein aus. Da wir dich mitgenommen, mußt du dich schon verschönern lassen. Also begib dich zum Hairdresser, und begib dich flugs ...« und trotz heftigen Protestes ward die Haarhecke, die sich verfilzt und schmutzstarrend über Daûds Stirn erhob, samt dem Nabelschnur-Amulett zu einem Raub der Schere ... Der Hairdresser war ein Meister in seinem Fach. Er wohnte außerhalb der Aufgangstreppe in einem von Bougainvilla umsponnenen Häuschen, und die rotvioletten Ranken nickten vor dem Fenster, durch das der seltene Kunde zu entfliehen strebte. Der Hairdresser war mit Recht pikiert über den Auftrag, einen schmutzigen Eseljungen zu behandeln, und er erledigte die Sache sehr schnell. Mit der Zeit (das verzweifelte Gesicht Daûds im Spiegel vor Augen) empfand er ein schattenhaftes Wohlwollen, und mit einem gewissen Humor übergoß er den empörten Knaben zum Schluß mit einem wahren Sturzbad von Bayrum. Daûd schoß hinaus, noch triefend, und duftete wie ein Parfümladen. Der Hairdresser räumte jede Spur der Operation mit Sorgfalt hinweg, ja, er trieb sogar eine gründliche Desinfektion, denn Daûd gewährte wie alle seines Zeichens gewissen lebhaften Tierchen an seinem Leibe nachsichtige Unterkunft ... Daß er sich mit so großer Unbefangenheit kratzte, auch an Stellen, wo die Konvention Einspruch erhebt, hatte ihm Percy schon vorher einmal sehr deutlich untersagt. In der Folgezeit verschwanden nun die Ursachen jener Unschicklichkeit, denn es ward Daûd anbefohlen, sich gründlich zu behandeln; und hernach fuhr Percy mit ihm nach Assuan hinüber und erstand ihm eine Tracht, eine richtige Uniform, schier üppig und gleichzeitig gesittet kokett. Es waren zwei grüne arabische Hosen, etwas oberhalb der Knie durch Ziehschnüre verschließbar, und darüber ein braungestreifter, halbseidener Rock mit bestickten Säumen. Dieser Rock hing nicht, in läppischer Formlosigkeit, bis zu den Fußknöcheln, sondern war knapp und kurz, so daß Daûds behende Beine freien Spielraum hatten. In der Hüfte ward der Rock durch eine braune Leinwandschärpe gehalten. Auf den Kopf stülpte man ihm einen dünn mit Kork gefütterten Tarbusch mit einer Quaste aus zarter Seide. – So ausstaffiert, war Daûd hotelmöglich und zum mindesten auf die gleiche Stufe mit den anderen Domestiken gerückt. Er erkannte sich selbst kaum wieder. Er trat an den schmalen Spiegel, der neben dem Speisenaufzug in die Wand eingelassen war. Und aus dem Spiegel sah ihn nunmehr ein prinzlicher Knabe an, die Idee seiner selbst, die Idee von früher, die nun überreich in Erfüllung ging. Die kräftige Farbe seiner neuen Tracht stand ihm gut zu seiner blaßbraunen Haut, zu seinem von flinken Gedanken durchwitterten, ovalen Gesicht und zu der zierlichen Schwermut seiner Wimpern. Auf seinen Wangen zeigte sich ein leichtes Rot, das sich seltsam anmutig ausnahm, wie die nachgedunkelte Fruchthaut einer überreifen Marille ... Was weiß einer von den wilden Tauben am Nil! Man schießt sie mit Schrot, und sie fallen wie Blei von den Fikusbäumen ... Sie beben und bluten noch; ihre Augen bleiben bis zum Tode blank: kurze Zeit noch, bis ihre Schwingen und das warmweiche Muskelspiel an Brustbein und Keulen steif und hölzern werden. Dann sinkt ein violettes Häutchen über den heiteren, schwarzen Blick, der Kopf pendelt, und der rote Schnabel öffnet sich halb ... Oh, das zarte Leben ist bald geraubt: Aber was weiß einer davon, wie leicht sie fliegen, wie schlank und behend sie die Luft durchpfeilen, welch ein leises, stolzes Flügelknattern sie dahinschnellt, wie ausdauernd, wie zierlich sie waren und welch ein Rhythmus das wundervoll gebaute Tierchen beseelte! Und wer kennt die Störche, die Störche über dem Nil! Als die Knaben sie sahen, zogen sie in ovaler Ordnung, wie eine flüchtige Verfinsterung des droben lohenden Lichtes, in riesiger Höhe langsam dahin. Das Geschwader (es waren an dreihundert Vögel) bettete sich auf die Luft, mit entbreiteten Schwingen. Sie flogen nicht – sie trieben dahin. Kein Flügelschlag war wahrnehmbar. Ein stummes Gesetz kettete die Tiere aneinander, ein stummer Rhythmus der Konzentration. Der große Haufe zog wimmelnd, doch als Ganzes betrachtet, wie eine leichte, zartgetriebene Daune durch das Blau. Sie waren eine einzige Macht. Ihre Losung hieß: Norden, und diese Richtung behielten sie in gerader Linie bei, unter sich den schlängelnden, metallisch blitzenden Nil, der ihre Sehnsucht als ewiger gewaltiger Wegweiser förderte... Morgen waren sie in Rosette oder Alexandrien – übermorgen schon schwebten sie, die flachen Schwingen gleich Schirmen entbreitet, über dem Mittelländischen Meer und sahen die großen Ostasiendampfer wie weiße Milben durch das schwarze Blau der Wasserwüste kriechen. Das waren die Störche: O Gedanke, den ihr, o Schottlandstörche, verkörpert! Ihr habt etwas Weltumspannendes, etwas Länderverkittendes, etwas Brausend-Allgemeines, ja Internationales: ihr erhebt euch in der Kalahari, am Tschadsee, am Tafelberg, in fetter Wiesenpfründe des Kaps und überschwebt diesen riesigen Kontinent, diesen Klotz von Quadratmeilen, dies Ungeheuer, das Breitengrade frißt und gemästet ist von Sand, Steppen, strotzendem Tropentum und reich begnadeten Süßwassern – nur um eurer Sehnsucht willen, im Norden, ja im Norden Frösche zu fangen und auf dem Dach gleichgültiger Dorfkirchen eure verlassenen Nester des verflossenen Sommers zu bestellen!! In der Nähe des Stausees lagen die beiden, am Herzen jener klassischen Monotonie von Wasser und Granit nahe dem Weltwunder der halbvollendeten Barrage. Sie lagen unter einem Bestand von Rizinusstauden, durch deren rote, regelmäßig gekerbte Stämmchen der halbertränkte Tempel von Philae schimmerte, vergraben im Schatten der achtfach zugespitzten handgroßer Blätter, unter denen sich bläuliche Stachelkapseln rührten. Percy hatte sich schlank auf den zersprungenen harten Schlamm gebettet und träumte vor sich hin. Daûd, an seiner Seite, wälzte sich auf die Brust und starrte dumpf in den Riß, der gerade vor seinen Augen war. Tief in den Spalten, auf dem Grund, in der Nähe des pulsenden Zentrums, rann das Wasser des Stromes, ewig sich erneuernd, wie hirnbefruchtendes Blut, das tief zurückkriecht und seine Wirkungen versteckt. Und auf der von empfänglichen Sinnen zitternden, dürstenden Oberfläche lastet die Sonne und blendet weiß, grell und trocken – – ohne Verständnis wie die Seele der Inglîz, die Gott verdammen möge! Oder sie ließen sich nach der Westseite übersetzen und drangen in die Wüste vor. Aber der feine Quarzsand sog die Hufe der tapferen Tiere an sich; denn im Sande haust ein Afrîd, dem es Letzung ist, Mensch und Tier zu verschlingen und sie als Skelette bei einem gelegentlichen Chamßin wieder auszuspeien. Derselbe Afrîd (wie Daûd wußte) wickelte sich zuweilen ganz in Sand ein, turmhoch wuchs er auf und kam durch die Palmen einher, gluthauchend und vernichtungslüstern ... Unter seinem wirbelnden Schritt barsten die Hütten auseinander, feste Nilschlammauern wurden zu Trümmern, und auch die Menschen mähte er ohne Erbarmen nieder... »Ja, das sind Windhosen, das gibt es«, meinte Percy. »Aber was deinen Afrîd betrifft ...« – »Windhosen!?« dachte der kleine Geisterseher und war längere Zeit um seine Fassung gebracht. Dem Simeonskloster fehlte das Dach ... Es war verfemt. Es stand grau und pittoresk in der einsamen Wüstenmulde, sonnendurchloht in allen, auch den verschwiegensten Bezirken; es atmete Vergangenheit aus; grellstes Licht brütete auf seinen edelsten Verstecken; in seinen Höfen lag Schutt, und aus seinen Fenstern glotzte der blinde Verfall, mit dem glanzlosen Blick eines stargetrübten Auges. Percy ritt hinein. Er rief; es hallte zag. Der Schrei zerscholl an der Würde des trockenen Todes, der hier hauste. Der blonde Knabe unternahm eine gründliche Durchsicht, dann kam er enttäuscht zu Daûd zurück, der mißmutig im Schatten seines Esels hockte. »Du unternimmst Kühnes, Aldridge«, sagte er mürrisch. »Du bist voller Neugier – Allah wird dich strafen.« Percy zuckte die Achseln, sah ihn ein wenig höhnisch an und befahl den Aufbruch ... Es ging weiter; die Eselchen mühten sich tapfer über die Hänge, bis der erste freie Blick möglich war. Der Sand, mit zarten Windrillen, die seidig glänzten, eroberte allmächtig den Gesichtskreis. Stoßweise Brisen brachten Quarzkörnchen mit sich, die schmerzhaft auf den Gesichtern prickelten. Unabsehbare Dünen, einander in wechselnden Kurven überschneidend, füllten wimmelnd den Horizont unter einem steilen, hitzig leeren Himmel, und die absolute Ruhe zog beide in ihren unentrinnbaren Bann. Es gab dort eine Stelle, wo sie ein Stückchen Nil, der hier ein größeres Knie macht, und den Stausee von fern erblicken konnten, der wie Bronze schimmerte. Tief violett zog sich dort eine wirre Kette kahler Granitkuppen nach Osten, dunkel verstreut in dem helleren Gelb der Dünen und des nubischen Sandsteins. Durch ihre violette Farbe schienen jene niedrigen Dünen und flachen Hügel in eine imaginäre Ferne gerückt und ihre Größe schwer bestimmbar: so als blauten riesige Gebirge ganz fern am Horizont, in deren Täler es sich gleichwohl von irgendeiner hohen Warte aus wie durch ein Wunder spähen lasse. Dieser zauberhafte Augentrug blieb, wenn man ihm nachgab, beständig. Als sie aber näher ritten, rückte ihnen alles entgegen und schrumpfte zusammen. Als sie die Granitbrüche erreichten, ward es dunkel, und die Wölfe, die kleinen Wölfe, trabten von Shellal bis zur Barrage mit. Man hörte und sah sie nicht; nur die Esel, die sich auf den engen Hohlwegen nicht drehen konnten, zitterten unaufhörlich. Erst als man ins Freie hinausgelangte, weinten jene Wölfe und blieben zurück. Daûd hatte Percy aufgeklärt, warum die Esel zitterten; hatte ihn bilderreich aufgeklärt und dabei die Genugtuung gehabt, daß Percy ein wenig irre Augen bekam und sich die ganze Zeit dicht neben ihn hielt, die Hand um den Arm des Dieners gepreßt: Hei, er wußte ja nicht, daß Daûd insgeheim der Feigere war und sich seinerseits hinter dem weißen Gebieter versteckte. Erst als sie an die Schleusen kamen, wichen sie voneinander, und Daûd kostete die rosige Beschämung, die auf Percys Gesicht eingenistet lag, wie eine kleine Rache aus, die er für die »Windhose« hatte nehmen dürfen ... In einem von fünf Berberinern bemannten, rotweiß gestrichenen Boot ließen sie sich die Schleusen hinabrudern. Die Esel hatten sie bei der kleinen Holzstation gelassen, und nun hockten sie mitten unter den lärmenden Kerlen, mit denen Daûd sich trefflich unterhielt, wobei er sich wiederum auf der Höhe fühlte, denn Percy verstand naturgemäß nichts von all den herrlich obszönen Scherzen, die man wechselte, während das Wasser in der Schleuse fiel. Als die Bootsleute sich nun ins Ruder legten, atmete Percy auf, denn nun ward mehr gesungen als gesprochen. Man grölte zum Takt der grobgezimmerten Ruder, die in geteerten Strickringen knirschten, und der Gesang der arbeitenden Männer, an dem Percy sich zunächst unsicher, dann aber mit kräftig gellender Stimme beteiligte, hallte bis zu beiden Ufern herüber: Heli – heli-sà Ja Mahamad, Ja habibi, worauf der Steuermann mit tieferer Tonfärbung den Refrain bellte: Ja Husên!! Eines Morgens, als Daûd wie gewöhnlich unten auf der Treppe auf Percy wartete, kam jener langsamer herab als sonst, als ob er mit irgendeiner Überlegung beschäftigt sei, und stellte sich müßig vor Daûd auf. »Wir werden heute nicht reiten,« sagte er, »wir werden überhaupt nicht mehr reiten, denn Daddy will nach Kairo zurück. Die Koffer sind schon gepackt. Wir müssen Abschied nehmen. Man zahlt dir und deinem Esel die Fracht nach Luksor zurück.« Er brachte dies alles geläufig hervor. Er war sich durchaus schon im reinen über alles, irgendwelches Zartgefühl machte ihm kein Kopfzerbrechen, und er nahm die Hände dabei nicht einmal aus den Taschen heraus. Während er die Wirkung seiner Mitteilung gelassen abwartete, sah er sich, einen Kaugummi zwischen den Zähnen, noch einmal gelassen im Garten um. Doch die Wirkung war elementarer, als er sie sich vorgestellt. Daûd trat heran, exaltiert, mit aufgerissenen Augen, deren schwarze Pupillen funkelnd in bläulichem Tränenwasser schwammen, und mit allen Anzeichen einer rasenden Wut. Doch diese Erschütterung zerbrach nach drei Schritten seinen sensiblen Körper: er sank auf den Boden und blieb, an Percys Beine geschmiegt, wortlos sitzen. Er wurde zusehends kleiner und kleiner, wie ein in heißem Schmerze schmelzendes Häuflein Elend. Sein Hirn erfaßte in diesem Augenblick nur das eine, ungerecht, blind und dumpf, und doch war es für ihn der Kern der Sache: »Nun schüttelt er mich ab – – pah, was liegt ihm daran, und ich habe ihm doch gut gedient! Nun erhalte ich den Fußtritt ...« Ah, welch ein ohnmächtig brennender Haß, welch ein fressendes Gift war in seiner Seele! Blitzschnell ward ihm klar: »Dieser ist ein Hund; warum habe ich ihn damals im Hause des Teufels nicht im Sande stecken lassen! Warum!!« Ja, jetzt war die Viper ein erstes Mal lebendig, fauchend lebendig! Personal, das im Garten Korbstühle gruppierte, schlug Gelächter auf. Hotelgäste aller Art, die vorüber kamen, amüsierten sich. Das kleine Bild, das die Knaben unfreiwillig stellten, hatte jedoch keine lange Dauer, denn Percy zerstörte es, indem er zur Treppe ging. Er war peinlich berührt, zugleich aber auch ergriffen von der wilden Anhänglichkeit, die sich ihm hier ein erstes Mal so schrankenlos offenbarte. Er ging zu seinem Vater und besprach die Sache mit ihm. Mr. John öffnete die Jalousie und sah Daûd drunten liegen mitten in der Sonne, zusammengekrümmt wie ein Tierchen; die Hände hatte er im Nacken verschlungen und die Stirn im Sand vergraben. Zuweilen schlug er mit den Füßen aus. Nach längerer Zeit kam Percy herunter und teilte Daûd mit, daß man beschlossen habe, ihn mitzunehmen. Als Daûd begriffen hatte, was die Zukunft ihm bescheren werde, spreizte er die Finger, wiegte den Kopf vor übergroßer Freude langsam hin und her und sprach dann so recht aus der Tiefe seiner vom Schluchzen noch nervös zitternden Brust hervor: »Mâschallâ!« – mit schwerster Betonung auf der ersten Silbe ... mit einer Betonung, als entsteige ein Orgelton ganz unvermutet einem zarten Instrument, das bisher nur kindlich helle Töne kannte: sonor, schweren Klangs und wuchtig. Als er solchermaßen sein Entzücken bezeigt hatte und nun sah, daß Percys herzförmiger Mund sich zu einem gönnerhaften kleinen Lächeln verzog, legte er die hellbraune Hand mit einer gewissen rührenden Unbeholfenheit an dessen Wange. Von dort ab ließ er sie auf die Schulter gleiten, während in seinem Blick die Verwunderung noch lange lebendig blieb. Am folgenden Tag langte Daûd in Luksor an und ging durch die Felder seinem Dorfe zu. Der schmale Pfad vor ihm zog sich braun dahin durch das inzwischen dunkler gewordene Grün. Die Memnons-Kolosse, umzittert von Hitze wie ehedem und immerdar, hielten Wache in ihrer wuchtigen Ruhe. Unendlicher Grillensang umschrillte den wandernden Daûd. Einmal, nachdem er die alte Seeumwallung von Birket-Habu überschritten, blieb er stehen und legte die Hand schützend über die Augen: Da lag das Dorf Naga-el-Kôm, und vor ihm, auf dem flachen Ackerland, bewegte sich ein blaues Fleckchen einem schwarzen entgegen: das konnten nur seine Eltern sein. Und jetzt hörte er, fern und doch deutlich, ein verworren singendes Geräusch, das sich von allen unterschied, einsam und eigenartig: süß vertraut, den Sang der Sakije, seiner Sakije. Eine Weile hielt er an ... Er sah an sich herab, fand sich prinzlich und ging, während die Eitelkeit beim Schreiten seine Hüften leicht hervorwölbte, sinnend durch das Feld. Pfadlos ging er und trat die Halme mit der nackten Sohle in den Grund. Klein und bunt kam er einher wie ein Träumchen. Und Zabal witterte ihn im Getreide und tat einen kräftigen, lang hinhallenden Fluch, ohne ihn zu erkennen. »Wer ist der«, vernahm Daûd, der ihn noch nicht mit den Ohren verstehen konnte, im Herzen – »wer ist der Kuppler dort, der Getreidezerstampfer, dies Hurenkind von drüben, das armen Mannes Saat zertrampelt? Oh, möchte er doch... oh, wäre er doch... Gott soll ihn strafen; ich werde ihn mit Steinen vertreiben, den Abkömmling von sechzig Hunden, den seine Mutter in der Eselskrippe warf...« Dies war der Sinn des langen Satzes, den die ferne Stimme als Begrüßung schrie. Daûd jedoch ging unbeirrt auf ihn zu; da erkannte ihn Zabal. Und da Daûd den Alten in letzter Zeit sehr verwöhnt hatte (mehr mit Naturalien zwar, als mit barem Geld, denn seit seiner letzten Entdeckung hatte er ein Haar darin gefunden, zu dem toten Kapital beizusteuern), so war die Begrüßung von einer gewissen Herzlichkeit getragen. Die Mutter kam etwas gebückt heran, streckte ihre runzligen Finger aus dem Wollbausch und prüfte zungenschnalzend Daûds neues Gewand. »Nunmehr, meine Eltern, folgt mir zum Dorf und zu unserer Behausung«, sprach Daûd. »Denn ich habe euch ein erstaunliches Ding zu berichten; mein Herz will ich öffnen und heraustun, was darinnen ist; und wenn ihr es wahrgenommen und ganz und gar verstanden habt, werdet ihr sein wie die Träumenden.« »Allah!« sprachen die Leutchen gemeinsam. »Wir folgen dir. – Was gibt es nicht, das noch wird, und wie ist die Welt voll von Neuem allerorten!« – Zabal warf seine Hacke hin, und Umm-Dabbûs deckte die Handmühle mit einem Sacktuchfetzen zu. – Da zögerte der Ton der Sakije und hörte plötzlich auf; die »Stecknadel« war herabgeklettert und schloß sich den Eltern an, die dem Knaben voll schwerer Neugier folgten. – In der Hütte angelangt, erzeugte Daûd eine gewisse Weihe, indem er seine Familie in einem Halbkreis um sich gruppierte und Zigaretten unter sie verteilte. Umm-Dabbûs gurrte vor Vergnügen, und der Rauch quoll schnell genug in bläulichen Wolken aus ihrer Kopftuchfalte hervor. Aus dieser Falte ragte der Arm mit der Hand, die das aromatische Röllchen hielt, wagerecht auf das Knie gebettet, wie ein einsamer Wegzeiger zum Glück. So saßen sie selbviert eine Weile schmatzend und stumm auf untergeschlagenen Beinen. Endlich sagte Daûd: » Salam alekum ! Heil sei über euch!« »Und über dir sei der Friede und Allahs Barmherzigkeit und sein Segen!« »Wie geht es euch?« » El-hamdu-lillâh ! – Wie soll es uns gehen! Es geht uns wie immer! – – – Doch was«, platzte nun Zabal heraus (und seine Neugier warf den Gang der Begrüßungsformeln über den Haufen), »ist der werte Zweck deines Kommens, das gesegnet sei?« – Er hatte sich, seit Daûd in Bildung, Ansehen und Weitläufigkeit so hoch über ihn hinausgewachsen war, dem Knaben gegenüber einen respektvolleren Ton zu eigen gemacht. Daûd tat einen Seufzer und sprach: »Ihr wißt, meine Eltern, daß ich seit längerer Zeit bei diesen Inglîz diente, und ich fuhr nicht schlecht damit, Gott sei gepriesen. Nun ist es beschlossene Sache, daß sie mich mieten und nach Kairo mit sich nehmen, um jenen jüngeren Ungläubigen, den Sohn des rotgesichtigen Mannes, unsere erhabene Sprache zu lehren. Dies euch mitzuteilen, ist der Zweck meines Kommens.« Er schloß die Augen halb und fuhr geläufig, als habe er es wie eine Sure gelernt, fort: »Und da ich nun von euch scheide und ganz weggehe, und ihr mich (wenn anders Gott nicht ein Entgegengesetztes plant) eine lange Zeit nicht mehr sehen werdet, so sage ich euch jetzt ein letztes Mal: ›,Mein Vater und meine Mutter!‹, – Und ihr sprecht ein letztes Mal zu mir: ›,Sohn! Sohn!‹, – Und meine Seele ist von dem Wunsche geplagt...« Daûd sprach immer geläufiger – »euch in Worten auszusprechen, daß ich euch danke für Nahrung, Abwendung des Bösen Blicks, Ratschlag und Dach, darunter ich schlief. Seid alsdann im Schutze Gottes und denkt bisweilen meiner! Und vergesset nicht, um die Wende jedes Monats ein Scherflein für mich niederzulegen am Grab unseres Schêschs, der das Dorf behütet, und dem Gott gnädig sei!« Diese Rede war so mundgerecht als möglich gesetzt, und an ihrem Inhalt blieb dem Pärchen kein Zweifel. Zabal hatte einige mürrische Zwischenrufe getan, und als er begriffen hatte, daß es Daûds feste Absicht sei, zu scheiden, ward er zunächst rechtschaffen wütend. Er kaute die Spitzen seines struppigen Schnurrbarts, und sein Gesicht verzerrte sich zu einer übelwollenden Grimasse. Seine Stimmung färbte sich auf Umm-Dabbûs ab, die so heftig an ihrer Zigarette sog, daß das Feuer an dem Papier herunterrann und einen Nebel erzeugte, der für Sekunden eine hellblaue Scheidewand zwischen den Alten und dem Knaben errichtete. Daûd starrte in die hellblaue Scheidewand, nahm dann eine straffere Positur ein und blickte zur Decke empor. Als sein Blick zurückkehrte, war der Rauch verflogen; und Daûd erschrak aufs tiefste, plötzlich von einem seltsamen Gedanken getroffen. War dies vor langer Zeit vielleicht glatte, nun aber von Schlägen und Feldstrapazen zermürbte, kümmerliche und sklavische Weib überhaupt seine Mutter? War dieser knochige, ungeschlachte, kindliche Tolpatsch, dieser dumpfe Bauer, der den Wortlaut keines Gesetzes kannte, und den er damals, als er sein Geld entdeckt sah, in einfältigem, niedrigem Geiz hatte aufheulen hören, sein leiblicher Vater? Kurz, waren diese tierhaft stierenden, schmutzig schwarzbraunen Gesichter, die sich erbost vorbeugten, überhaupt die seiner Eltern? Und jenes Gewürm dort in der Ecke, jener boshafte Halbaffe, jener Krüppel mit dem Geist einer tollen Katze – war das sein leiblicher Bruder? In diesem Augenblick seltsamen Hellsehens betrachtete sich Daûd mit einem ruhig abschätzenden Blick ohne jede Eitelkeit. Er sah das gefällige Ebenmaß der eigenen hellfarbenen Glieder, die verwöhnte glatte Haut an Beinen und Armen, die nach Verzärtelung verlangte; sah seinen bescheidenen Kleiderprunk, fühlte den Tarbusch auf dem Haupt und gedachte der seidenen Troddel, die an ihm baumelte... und dann ließ er den Blick noch einmal prüfend zu seiner Familie herüberschweifen. In diesem Blick dämmerte eine unsagbare Geringschätzung auf: dieselbe, die ihn schon flüchtig angewandelt, als er mit der »Tewfik« fuhr und der Umm-Dabbûs gedenken mußte... Zabal spürte das nicht, sondern ergriff das Wort und schnaufte dabei wie die Gamusah, wenn man sie über ihre Kräfte stachelte: »Daß du mit jenen Ungläubigen nach Kairo gehen willst, mißfällt uns sehr. Wenn du dich störrisch zeigen willst, hindern wir dich nicht, denn das Sprichwort sagt: Das sind keine rechten Väter, die von ihren Kindern nicht bisweilen am Barte gerissen werden. Aber dein Verdienst fällt fort und das Labsal, das du uns zuwendetest, die Schmausereien, die wir dir verdankten, das kleine Glück unserer Tage, die karge Ersparnis, gesichert vom fressenden Zins: das ist alles weg und dahin, wenn du davongehst, und wir werden Trübsal blasen, und die Mägen werden uns bellen. Haben wir es nicht allerwege gut mit dir gemeint? Haben wir nicht deine Ausbildung in schwersten Sorgen bezahlt und entgolten, und was du jetzt bist und kannst, ist das nicht unser erstaunliches Verdienst? Daher ist es recht und billig, daß du bei uns bleibst und weiterhin beisteuerst zu dem, was unser kümmerliches Behagen ist. Was ist fortan unser Stolz? Gingen wir nicht unter die Leute und sprachen: ›,Hei, unser Sohn!‹, – ? Und was werden wir jetzt sagen: ›,Unser Sohn ist auf und davon, und wir haben keinen Nutzen mehr von ihm. Er kennt uns nicht mehr und dient denen, die das Land fressen möchten und täglich von unserem Gute fetter werden.‹, Allah verfluche sie! – Und sie haben keinen Glauben .« Wiewohl es mit Zabals eigener Religion ein wenig dunkel aussah, fehlte es doch dieser letzten Tirade nicht an einer gewissen Kraft, und er versprach sich von ihr die meiste Wirkung. Insgeheim befand er sich in aufrichtiger Angst, die ergiebige Behaglichkeitsquelle einzubüßen. Leider jedoch zerschlug sich die beabsichtigte Wirkung an Daûds immer noch grübelnder Stirn. Er öffnete die schwarzen Augen mächtig weit. Und dann sprach er mit einer eintönigen Stimme, die gar nicht in den theaterhaften Tonfall der Verhandlung passen mochte: »O Zabal, höre, was ich sage. Allah hat uns verschiedene Farbe und Gestalt gegeben. Und mir ist, als habe er unsere Berufe abgewogen und zu sich gesprochen: ›,Wem von diesen beiden, die ich wahllos erschuf, gleich allen anderen, gebe ich Mist zu schleppen? Wem gebe ich die Bestallung des Schöpfbrunnens?‹, ›,Und wem‹, (erprobte er bei sich in seiner Art) ›,gebe ich Verdienst und Erfolg und Ärmel, mit denen er schlenkern kann?‹, Und er sah unser beider Hautfarbe an und sagte: ›,Dieser ist weiß wie ein Türke und gerade gewachsen; auch ist er emsig auf das Gute bedacht und klettert auf den Sprossen des Glaubens und der Erkenntnisse, bis er dort steht, wo er mir wohlgefällig ist. Ich lasse ein buntes Gewand auf ihn fallen; ich bekleide seine Füße mit Saffianschuhen ...‹, (Daûd schenkte seinen schmutzigen Zehen einen verheißungsvollen Blick) ›,Schuhen mit aufgebogenen Schnäbeln; ich hänge ihm eine Gebetskette um den Hals; ich färbe seine Brauen mit Holzkohle und seine Handteller mit Henna.‹, – Dann dachte Allah weiter (und Daûds Miene wurde äußerst streng): ›,Der andere dort ist schwarz und dumm; auch ist er müßig im Glauben und kennt die Gebetszeiten nicht; er hinterzieht den Zins; er schmäht wild, ohne daß ihm das Eigene angetastet wird; und was er hat, das hat er ohne Verdienst.‹,« Zabal knurrte bereits bedrohlich. Doch Daûd, immer noch mit erweiterten Augen und entrücktem Blick, fuhr fort, seine Bilder zu formen, während er zur Bekräftigung mit der Hand fest auf den Schenkel patschte: »Ha, und wenn du mich auch auferzogen hast, Zabal, was frage ich; habe ich dir im Grunde zu Dank zu rechnen? Den Ful, den euer Neid zwischen meinen Zähnen vergiftet hat, Medammis, das quillt und nicht gar wird? Dreck auf der Haut, Stunden des Unmuts, Jähzorn im Herzen? Wiedehopfs Geschäft, der die Gamusah laust? Trunkenen-Führers Geschäft, der dich, wenn du dich an Raki versündigt, über den Nil zurückbringt und deine Felluckafracht bezahlt, du Hauptbauer, du Ursprung und Ausgang aller, die im Miste paddeln? Was ich bin, verdanke ich nächst Allahs Güte mir selbst, darum, daß ich die Belehrung des Fikis und seine guten Worte in meinen Ohren nicht schlafen ließ und darauf bedacht war, Kenntnis zu erlangen und den nordischen Teufeln die Piaster aus den Taschen zu angeln. Und nun frage ich euch, dich, Zabal, und dich, o Umm-Dabbûs, ich frage euch und verfluche euch sattsam im erhabensten Namen, wenn ihr mir Falsches berichtet: Bin ich euer Sohn?? « Alle Glieder der Familie knurrten jetzt wild. Sie wichen in kriechenden Sprüngen zurück und glupten gleich Wölfen aus der Ecke. Darauf entließ Umm-Dabbûs einen spitzen Laut, Dabbûs selbst wiegte seinen bresthaften Körper hin und her und stieß einen tierischen, unmelodischen Singsang von sich, und Zabal, wie besessen auf allen vieren hockend, kollerte wie ein gereizter Truthahn. Mit der Zeit schwiegen diese Laute, nur schwerer Atem, aus drei Kehlen entsendet, füllte die Hütte mit rachsüchtigem Rhythmus. Endlich schwieg auch dieses Geräusch, und eine hilflose Stille blieb zurück. Und diese Stille beichtete: » Du bist es nicht !« – – Und nach einer weiteren Pause, in Worten wiederholt, vernahm Daûd dieselbe stockend heisere Beichte, deren Ton noch von der Angst vor dem angedrohten Fluche zitterte und gleichsam um Vergebung bettelte ... Daûd war befriedigt. Er sah nicht ohne Behagen diese plötzliche Distanz; mit Genugtuung die reinliche Scheidung zwischen sich und diesem Feldvolk. Er spürte sich erlesen und hinweggerückt, so zwar, daß es ihm frei stand, müßig mit denen zu unterhandeln, die am Fuße der Leiter saßen. Und er fragte also: »Wer bin ich also?« Er hatte dreimal umsonst gefragt, dann kam Zabal wieder näher, immer noch von abergläubischer Angst geschüttelt, und bat ihn: »Nimm den Fluch zurück!« Daûd erwiderte: »Ich habe noch nicht geflucht, o Zabal.« »So nimm die Androhung des Fluchs zurück!« Daûd sprach die letzten Satzteile der Fatha, und damit war der Bann getilgt. »Hei!« sprach Zabal, nunmehr völlig beruhigt, fast vergnügt. »Was gibst du mir, wenn ich dir die Wahrheit sage?« Daûd zog einen seidenen Geldbeutel hervor und entnahm dem Messingrachen fünf Schillinge, die er mit generöser Gebärde dem Mann übergab. Zabal biß in die Münzen, ließ sie auf dem Rande der steinernen Mahlpfanne tanzen und steckte sie dann mit schlecht verhehlter Freude in eine Falte seiner schmutzigen Kelabije. Dann bequemte er sich dazu, Aufklärungen zu geben. Daûd war kein Findling. Ein gut gekleideter, fetter Effendi von der einheimischen Regierung hatte ihn (wenn man Zabals mit großem Gestenspiel begleiteter Beichte glauben durfte) eines schönen Tages vor fünfzehn Jahren in das Dorf gebracht. Zufällig sei er der Umm-Dabbûs ansichtig geworden, die den Kretin Dabbûs an ihrer damals noch strotzenden Brust stillte, und habe ihr das helle, anscheinend erst ganz kürzlich geborene Wesen in den Schoß gelegt – geworfen, kann man sagen, ohne fehlzugehen. Es habe erbärmlich geschrien, doch der fette Effendi habe sich die Ohren zugehalten und gesprochen: »Geh mit Gott! – du verdienst nichts Besseres! – Man hätte dich ersäufen sollen wie eine Katze! O über die, die dich zur Unzeit gebar!« Daraufhin habe der fette Effendi der schimpfenden Umm-Dabbûs einen Zwanzigpfundschein zugeworfen und sei unter großen Beteuerungen der eigenen Unbescholtenheit und unter mehrmaliger Anrufung des höchsten Namens auf dem Esel wieder hinweggeritten. – »Die Banknote ist nun verzehrt, sie ist auf und davon gegangen, sie ist wie Butter in der Sonne geschmolzen. Aiowa! Wir haben viel Freude daran gehabt. Ach, ich hätte damals wohl auch gern eine Kasîde auf die Ohrringe meines Weibes gesungen, an deren Brüsten du gesogen hast! Doch wo ist deine Dankbarkeit? Du weißt mehr als wir, das ist klar. Aber was sitzest du deshalb hier und fluchst? Der du die wirksamen Verwünschungen kennst: was sprichst du wider die, die dich groß zogen wie einen Getreidehalm? Die Frucht, die er trägt, wird ihren Gaumen nicht letzen, und wenn wir jetzt einen Ertrag heischen und uns dessen, der uns belastete durch vierzehn Jahre hindurch, erfreuen wollen, so spricht er: ›,Speit es aus eurem Mund und achtet auf euren Blick!‹, So ist es, und wir sind mit Recht bekümmert und voll von Zorn!« Zabal erfand noch einige Wendungen; unter anderem nannte er Daûd einen » Vater des Irrwegs « und einen » Brunnen des unlauteren Ehrgeizes «; sein klangvollstes Wort hieß: » Diener der ganz Verworfenen und Sklave der Erzfeinde .« Daûd ließ sich das gefallen. Zabals Eröffnung hatte ihn in tiefste Meditation versetzt, und so nahm er kaum Notiz von den Titeln, die man ihm an den Kopf warf. Alles, was in seinem Blute dunkel geschrien, aller Hang zum Wohlleben, all sein kleines Gedächtniswerk, sein elegantes Beherrschen anderer unaussprechlicher Idiome, sein scheuer und so verletzlicher Geselligkeitstrieb, sein schwermütig sinnlicher Hang zum europäischen Gehaben – – ja, das alles und vieles mehr hatte nun seine leuchtende Rechtfertigung. Er dachte derer, die auf dem blitzenden Verdeck als die Herren umherwandelten und sich die weißbeschuhten Füße einander auf die Knie betteten ... Er dachte seiner hellen Haut und dachte nicht ohne Eitelkeit an die temperamentvolle Leichtigkeit, mit der er sich mit dem gleichaltrigen Inglizi verständigt ... Weg mit allen Sorgen: er war Jungägypter der besten Rasse; der Ursprung des Blutes, das ihn bestimmte, lag herrlich klar vor ihm! – Er war irgendwo im Schoße des stets erträumten, aber noch nie genossenen Luxus auf die Welt gekommen, auf eine Welt voller Bijouterien, leicht schreitender Füße, in der parfümgeschwängerten Ecke vielleicht eines fürstlichen Harems, beim diskreten Schein kunstvoll durchbrochener Meschrebijen, zwischen seidenen Diwankissen – – und durch ein tückisches, ungerechtes Geschick, in Gestalt jenes fetten Effendis (jenes offenbar hohen Beamten), war er als Opfer einer Intrige in diesem Mist gelandet und darin aufgewachsen: ahnungslos, beklagenswert und besserem Lose vorbehalten! Mit einem Viertelpfund hatte er sich jetzt von diesem Leben endgültig losgekauft. Er stand auf, ohne ein Wort zu sprechen, und drehte sich langsam im Kreis herum. Er nahm alle Gegenstände der Hütte noch einmal in sein Hirn auf; er hörte einen heiseren Hahnenschrei, und sein Herz bebte. Die Sonne lag wie immer funkelnd auf dem Durrahstroh der Dächer; die Palmen standen still im grellen Tag; aus den benachbarten Hütten drangen – grob, ungeschlacht und scherzhaft herausgebrüllt – die Stimmen der Leute. Dort und ringsum behagte sich dies arme, bedürfnislose Volk an seinen tierischen Späßen; Daûd sah im Geist zum erstenmal durch all die Lehmwände tief hinein in die ungeschlachten Seelen – – das war die Welt, das war seine Welt! Ein Hund heulte auf. Unter kreischendem Gackern flogen Hennen über die Gassen. In der Höhe knirrten die Rufe der weißen Geier, die von Der-el-Bari herüberflogen und zu dritt und viert aaslüstern über dem Dorfe kreisten. Daûd ging langsam zur Türöffnung und sah die Gasse hinunter. Schmutzige, dickbäuchige Kinder vergnügten sich dort am Scherbenspiel; der First des schlechtgekalkten Schêschgrabes stand wie entrückt in der lodernden Bläue. Es war so still, so bienensang-, so grillenschreistumm, hitziger Dunst bedrängte die Felder, und üppigstrotzend zog sich ein Kranz von grünem Grund um den Sehbereich. Hoch und fern sang die selig zwitschernde Haubenlerche und wob ihr einsames, duldsames Lied in die weiße Sonnenstille des Tages. Und dieser Tag glich jedem beliebigen der früheren Tage, die ihm, in unabsehbarer Kette, gleich hitzig und gleich feierlich vorangegangen! Mit plötzlichem Entschluß rührte Daûd an Stirn, Brust und Augen und schritt hinweg. Eine zögernde, bekümmert gemurmelte Frage verklang hinter ihm; doch er wandte den Kopf nicht zurück. Überall, wo er Leute sah, grüßte er mit großer Gebärde, und sie blickten ihm verwundert nach. Als er an der Sakije vorüberkam, tat sie einen kleinen Laut, ein Knirschen in einer fragenden Klangkurve, und blieb dann wieder stehen. Der Büffel hatte sich gerührt und mit dem Nacken gezuckt ... und so entstieg dem Holzwerk jener verlorene Laut, der einzige, der Daûd nachklang, so als wäre bei seinem Weggehen etwas geborsten, als hätte etwas aufgehört, für immer, ganz und gar, und käme nie wieder. Ein Wiedehopf strich quer vor ihm über den Weg ... Zweiter Teil Der Mann mit den Tieren Daûd saß auf dem geschorenen Rasen im Volkspark zu Gezirê, und vor ihm saß das höhere Wesen und schwieg. Er war damit beschäftigt, Klarheit über das zu gewinnen, was er selbst, und Klarheit darüber, wo er war. Mittlerweile saß er mit Jane, von dem lärmenden Kairo abgeschieden, in einem grünen, vielfältigen Asyl. Schüler der El-Ahzar-Moschee in grauen oder olivfarbenen Baumwollmänteln wandelten diskutierend vorüber. Gruppen von fetten Levantinerkindern lärmten. Ein Sonnenbruder mit einem schäbigen Tarbusch reparierte seinen Stiefel. Eine Klasse von französischen Knaben haschte und balgte sich unter Aufsicht zweier rotbärtiger Jesuiten, die schwarz im Schatten eines Feigenbaumes hockten und leise, vielleicht nicht ganz gottgefällige Gespräche führten. Der Garten war wie ein Teppich. Die Farben überboten einander. Durch das gleichgültig graue Nadellaub der Kasuarinen und Tamarisken blutete das satte Karmin der Hibiskuskelche; im gelben Blütenflimmern der Nilakazien schimmerte das Lila der Bauhinien; Fächer-, Flaschen- und Kokospalmen schufen einen zarten Zusammenklang mit ihren lichtgrünen und dunklen, edelgefiederten Wedeln, deren Rhythmus an sonndurchfunkelte Wasserkünste gemahnte. Sykomoren und Fikusformen schlossen sich zu breiten Hintergründen; und süßer Duft von Jakaranda und Limonenblüte füllte den ganzen Garten. Jener große, hellbraune Falter mit schwarzweiß gescheckten Flügelspitzen, der zuweilen durch eine staubige Großstadtgasse wie ein kleines tropisches Wunder schaukelt, saß hier und da an den sprudelnden Löchern der Spritzschläuche, die sich wie riesige Schlangen durch das Gras ringelten. Plötzlich brach das höhere Wesen mit seinem leisen Singsang ab und sah seinen Beschützer herausfordernd mit den hellgrauen strengen Augen an. Offenbar wünschte es nach Hause gebracht zu werden. Hinter der Hibiskushecke, die den Garten umschloß, war ein unablässiges Geräusch gewesen, das nur gebrochen und leise in den Pflanzenfrieden gedrungen war. Als Daûd nun Hand in Hand mit Jane aus dem Tor trat, überkam ihn wieder wie bei seiner Ankunft in dieser Stadt ein kleiner Schauer, der mit unbestimmt süßen und lähmenden Erwartungen gefüllt war. Es war die Stunde, wo ganz Kairo auf dem Weg nach Gizê unterwegs ist. Die Kolonnen der Droschken waren einander dicht auf den Fersen, um an einem bestimmten Punkt weiter draußen umzukehren und durch das orangefarbene Abendrot auf demselben Wege zurückzufahren. Ein Gefährt schluckte den Staub des anderen; in jedem saß eine Familie aus dem Kaufmannsstand, griechischer; italienischer oder französischer Herkunft, und schöpfte Luft. Die Hitze flaute ab ... nun regten sich diese Damen in ihren Häusern, wo sie bis zu dieser Stunde wie schönschillernde Schnecken vegetiert hatten. Sie preßten die fetten Körper in Korsette und enge seidene Röcke. Sie bekleideten die Köpfe mit Straußfederhüten von allen Farben, und über den rundlichen Handgelenken, die beim Spiel mit den schwarzseidenen Fächern sichtbar wurden, klirrten Ketten und Bracelets. Die Handgelenke trugen einen kleinen Einschnitt am Ansatz, eine kleine, rührende Falte im prallen Speck, wie bei jungen Wiegenkindern ... Die Gesichter dieser echauffierten Jüdinnen blühten rosig in Schminke. Eine anämische Müdigkeit zog einen kleinen Halbkreis herausgepreßter, schlaffer Fleischpolster um das auf steilem Busen ruhende Kinn, und die schwerbewimperten, zuweilen sehr schönen Augen waren stets auf lebhafter Wanderschaft. Alle südlichen Sprachen schwirrten in raschen Bruchstücken auf. Eine Kaskade von silbernen und gutturalen Schwatztönen sprang aus den Wagen, in denen die Frauen mit ihren jungen, gleich blutlosen und sinnlichen Kindern saßen, Knie an Knie: kleine Kolonien eingezirkelt-animalischer Menschheit, die einen Dunst von Parfüm und zusammengeschachertem Reichtum von sich strahlten ... Die Väter kauten an ihren schwarzen Schnurrbärten; sie lagen breit in den Wagen, die prallen Bäuche von leuchtendem Flanell umspannt, weiße Schuhe an den Füßen und Schulter an Schulter mit den Weibern; und zuweilen warfen sie den gegenübersitzenden Kindern Bemerkungen in heiserem Tonfall zu, auf ihre Art witzig, und stießen Zigarettenrauch aus den markant geblähten Nasen. So folgte sich Gefährt auf Gefährt, in einer Atmosphäre von Staub und flüchtigen Wohlgerüchen. Jetzt kam eine Equipage; ein Kawasse saß neben dem Kutscher, dessen enthaltsame blaue Livree mit der des Kawassen einen seltsamen Zwiekampf von mondäner Knappheit und ausschweifender Farbenfreudigkeit ausfocht ... und in dem Fond lagen einheimische Hofbeamte mit hellbraunen Gesichtern. Auf ihren schauspielerisch zerschnittenen Zügen ruhte der fahle Wachsglanz üppig geübter Laster. Sie schwatzten miteinander, sie spreizten beringte Finger; sie trugen weitgeschnittene Kleider aus englischem Stoff und stemmten die Füße in grellfarbenen Strümpfen wagrecht an den Rücksitz ... Zuweilen schlugen sie einander auf die Schenkel und wieherten, daß die Tarbuschquasten von einer Seite auf die andere flogen. Nun folgte ein Dogcart – selbst gelenkt von einer verblühten Miß mit überhitztem Gesicht unter dem knappen weißen Hut, die ihren sehnigen Körper in Waschleinwand wie einen Bogen spannte. In ihren harten Knochenfingern hielt sie Zügel und Peitsche wie eine Beute, und ihre blassen Augen berechneten jede Distanz. Hinter ihr auf dem Rückplatz hockte ein indischer Groom im Khakianzug mit hellblauem Turban. Das Dogcart ward überholt von Automobilen aller Marken, die mit aufheulenden Sirenen, mit Fanfarengeschmetter oder schauerlich röchelnden Hupen eine Gasse in das Gewimmel sprengten. In ihrem Brodem trappelten von der Mouski oder vom Straßenhandel zurückreitende Bauern, ganz hinten auf dem Kreuz ihrer strapazierten Esel hockend. Das wüste Gebrüll eines vorwärts lavierenden Wagenvermieters brach sich Bahn. Er führte auf einem einrädrigen schmutzigen Karren einen Klumpen aneinandergedrängter Weiber mit sich, die mit ihren Zehen spielten oder Zuckerrohr zerzupften ... Dann kam wieder eine Folge von Mietskutschen, unter dem eintönigen Uah-Ruf der Berberiner auf den Böcken, unter denen Bündel von grünem Pferdefutter hervorlugten. Zwischendurch schob sich wieder ein eleganteres Privatgefährt irgendeines Beamten aus dem englischen oder ägyptischen Dienst. Zuweilen flitzte auch ein Gig oder ein Tilbury mit Strohsitzen vorbei, besetzt mit Damen der Gesandtschaften und ihren weichherzigen praktischen Kindern und gelenkt von entschlossen dreinsehenden, gebräunten Herren, die zum Sporting Club fuhren, um am Abend bei Golf oder Tennis von der Kopfbürde ihres oft heiklen Amtes aufzuatmen. Dort, wo Daûd und Jane jetzt standen, hielten mehrere Gefährte vor dem flachen Gebäude des Skating-Rinks, wo am Abend als grotesker Effekt auf einer Filmtafel, die zwischen zwei Palmen in der blauen Luft hing, sich zauberhaft flimmernde Geschehnisse oder Inglîzschicksale unverständlichen Charakters abwickelten, wo in einem höllischen Lichtkegel, dessen Ursprung niemand erfuhr, Mord und Totschlag lautlos entstanden und verblaßten ... Jedem, der schwerere, weichere Luft gewöhnt ist, atmet dieser ganze Tumult von Verkehr auf der schwer federnden Eisenkonstruktion der wuchtigen Brücke wie ein Stück unwirklichen Lebens entgegen. Und doch bebt und dröhnt dieser Komplex von Beton- und Stahlvernietungen, auf ovalen Steinfundamenten ruhend, um die das zag strömende Wasser des Stromes quillt – und doch fliegt der Staub greifbar und stechend in die Augen, wird das Ohr gepeinigt, die Schulter erschüttert von den Stößen in der rücksichtslosen, sorglos kreischenden Menge, die zu Fuß geht. Aber dieses Theater von Luxus und malerischer Bettelhaftigkeit, dieser Mischmasch von Rassen, diese erdrückende Zurschaustellung flacher Begierden und zurückhaltender Selbstzucht, dies unerhörte Nebeneinander von Orient und Okzident hat etwas Entrücktes ... und alles, was sich in dem leuchtenden Staub abspielt, unter einem nackten, grellgelben Himmel, gemahnt an einen Traum, in dessen Wirbel alles Gefühl für das Echte zur Farce wird. Ja, jedes aufrechte Atemholen wird zu einem leichten Ringen nach Luft, etwa wie in der sacht von Sinnlichkeit durchsetzten Stunde eines lähmenden Fiebers, das an die Grenzen jenes Unvermögens führt, wo Hirn und Sinne sich gegeneinander auflehnen und befehden. Daûd stand stumm am Platz, und zum zweiten Male seit seiner Ankunft hier ward sein kleiner Kopf hilflos, und seine Gedanken wurden erdrückt angesichts dieser tausend wechselnden Erscheinungen, die sich jagten. Hauptsächlich war es die eigene Rasse, die er wahrnahm, die ein so erhöhtes, prunkvolles Leben zu führen schien ... ein Stolz überkam ihn auf all die fetten Krämer, Gelehrten und Beamten, die von seiner Farbe waren, und ein bohrender Ehrgeiz, auch dereinst so gemächlich und gespreizt im Fond einer Kalesche sitzen zu dürfen. Er hatte eine begeisterte Zustimmung auch für die siegesfreudige Zudringlichkeit der niederen Kasten, zu denen ihn etwas wie ein wohlwollendes Zusammengehörigkeitsgefühl hinzog; und er nannte diese Zudringlichkeit insgeheim Selbstherrlichkeit. Ach, er kannte das gut: das war der Wunsch, aus dem Mist, darin man wider Willen gelandet war, wie ein Phönix sich erheben zu wollen! Und wie ein Phönix, der einen emsigen Schnabel hatte, einen kräftig einheimsenden Schnabel, hart zu hacken bereit, wenn eine weiße Hand sich etwas von seinem Raubfutter aneignen wollte, sich bereichern wollte mit der unerträglich kühlen Geste der Inglîz, deren Hände nie zappelten und sich nie im Gebete falteten! – – Hier unterbrach Jane seine Gedankengänge, indem sie ihn energisch zum Weitergehen ermahnte. Er nahm sie an der Hand, und mit verschleiertem Blick in die Kaleschen spähend, schob er sich traumbefangen durch das Gewühl. Haremsdamen beugten sich unter dem halbgeschlossenen Lederdach ihrer plumpen Familienkutschen vor, weiße Seidenschleier um Mund und Kinn; und ihre mandelförmigen Augen entsandten Blitze zärtlich-eifriger Neugier zu Jane herüber, die unentwegt weiterging. Ihre hellgrauen geraden Augen, deren strenger Ausdruck durch die Aussicht auf das nahende Abendessen leicht gemildert war, blickten weder nach rechts noch nach links, und so war es im Grunde sie, die die Führung übernahm. Daûd ging nun, versonnen und etwas albern lächelnd, in ihrem Kielwasser und gab acht, daß man ihrem flinken Schritt Platz machte. So segelte sie wie eine kleine Fregatte aus Battist und Spitzen voll Energie durch den ausgelassenen Menschenstrom und setzte die kleinen Füße mit den festen Waden wie ein Maschinchen auf. Als sie an der Kaserne vorüberkamen, drang unendliches Dudelsackleiern aus den Fenstern, in denen müßige Gordon-Highlanders lehnten: Stummelpfeifen im Mund, zwischen Blumentöpfen und ausgehängten Uniformstücken. Von den Fußballplätzen wehte Staub über die Straße und verlor sich in dem dunkelolivfarbenen Laub der über die Abgrenzungsmauern lugenden Fikuskronen. Das Haus, in dem Aldridges sich einquartiert, lag in der Scharia-Maghrabi. Zweistöckig und mit einer behaglichen Loggia versehen, trat es in das staubige Grün des lang vernachlässigten Gartens zurück, zur Hälfte verdeckt durch einen Gummibaum von seltener Größe. Vor der Front lag ein Bassin, in dessen vertrocknetem Rund um den Sockel der feiernden Fontäne herum verirrtes Leitungswasser einen spärlichen Schlammkranz erzeugte, der ein Asyl für einige große Frösche war. Diese Frösche hatten schauerliche Kraft in ihrer Stimme. Im Zwielicht begannen sie ihr klebriges Schnarchen, so heftig und unermüdlich, daß es weit über die Straße scholl. Um die stammlosen Palmenarten, deren Wedel dicht auf der Erde saßen, und um die Feigenbäume und Zierkakteen schwelte tagsüber gleißender Sonnenglast, und all das Pflanzenwesen war vom Straßenstaub vieler Monate bepudert. Es war ein Garten der Verlassenheit, er hatte etwas Mumienhaftes und stand gleichsam mit blinden Blättern im Tag ... Durch das Haus jedoch wehte die Kühle frischer Wäsche und anheimelnd einfacher Eleganz. Während Jane verschwand, ließ sich Daûd wie gewöhnlich in eine Unterhaltung mit dem Personal ein: einer irischen Köchin, deren unschönes Gesicht dem Klima eine scharlachrote Farbe verdankte, der Zofe, einem hübschen, blassen Ding, das mit Eingeborenen nur aus der Entfernung verhandelte, dem sanften, dummen Dongolaner, der aufzuräumen hatte, und schließlich dem uralten, weißbärtigen Bauwab, der, wenngleich er stets in einem Dämmerzustand lebte, seinen Pflichten noch wie ein gespensterhaftes Uhrwerk nachkam. Er paßte gut in den Garten, dieser Bauwab. Er hatte sein Häuschen und seine Bank beim Eingangstor, und sein halberloschener Blick hellte sich in keiner Gemütsbewegung mehr auf, ebensowenig, wenn er irgendeinen Besuch passieren ließ. Zuweilen betrank er sich an schlechtem Whisky, doch nur an Tagen, wo man dieser Verfehlung nicht auf die Spur kommen konnte. Dann geschah es auch, daß er mit hohler Stimme zu singen anhob, es den Fröschen gleichtat und sie an Ausdauer schier überbot ... Jetzt kam Mr. John mit seinem Sohn von einem Gang nach der Zitadelle zurück. Sie waren erhitzt und hungrig, und in der Küche begann man mit Geschirr zu klappern. Daûd machte sich proper, putzte sich und goß sich Wasser über den Kopf. Er hatte ein Kammerchen neben der Badestube inne: das war eine Bevorzugung, die er zu schätzen wußte, denn dem Neger gönnte man nur eine Matratze unter der Treppe. – – – Ein leiser Gongschlag dröhnte durch das Haus, der sich zu einer ausgelassen schotternden Tonorgie steigerte. Daûd stand am Geländer, oberhalb des offenen Flurs, und verkündete: »Dinner is on the table!« – Er berauschte sich an dem Lärm, bis der Honorable Aldridge etwas Gereiztes hinaufrief. Dann ließ er die Tonwellen abflauen und hielt das Kupferbecken noch eine Weile lauschend ans Ohr. Jetzt tröpfelte die Familie aus den Zimmern hervor: der Vater im Smoking, die Mutter im leichten Hauskleid von Crêpe de Chine, der Sohn und die Tochter frisch gewaschen und gekämmt: alle bereit, mit den netten kleinen Zeremonien soignierter Abendländer ihren gesunden Appetit zufriedenzustellen. Daûd schleppte die Gänge in das Dining-room. Das, was die Leute aßen, gefiel ihm nicht. Aber doch servierte er gern und klinkte die Tür jedesmal mit einer leisen Erwartung auf, denn dann sah ihm Percys Gesicht, oval und herb, vom Oberlicht einer grün verhangenen Glühbirne bestrahlt, tolerant liebenswürdig entgegen: – ein Ausdruck, der leider zweifellos mehr dem Eßeifer als der natürlichen Sympathie zu Daûd zuzuschreiben war. Und Daûd servierte – er tat es mit Geschick. Man war zufrieden ... er ging, schwere Schüsseln auf fünf gespreizten Fingern balancierend, wie er es bei den Sudanesen in Luksor gesehen, mit derselben gewinnsüchtig-rücksichtsvollen Geschicklichkeit umher ... geflüsterte Wünsche nahm er mit der gleichen leisen Andacht entgegen – verruchtes Sakrileg wäre es gewesen, hätte er einmal herausgekichert oder lärmend geäußert, daß ihm wohl zumute, daß er der Situation gewachsen sei. Er zauberte Weinflaschen hervor, er ließ Gänge, die gut gemundet, in zweiter Auflage gleichsam aus dem Nichts entstehen. Zwischendurch, wenn es weniger zu tun gab, stand er maßvoll und gespannt auf dem Teppich und versenkte seinen Blick tief und etwas melancholisch in Percys gleichgültig-reines Profil – bis ihn ein neuer Auftrag aufscheuchte oder der so gründlich Betrachtete ihn durch ein belangloses Scherzwort wieder zu emsiger Hantierung bewog. Zuweilen; vor der Tür, mit geleerten Tellern beladen, verzog er sein Gesicht zu einer ermüdeten Grimasse, zu einem Anflug von gelangweiltem Trotz, der seine Pupillen vergrößerte und seine ausdruckslose Unterlippe noch tiefer als gewöhnlich herabzog. Es gab etwas, was ihn selbst von Percys Antlitz abzulenken und zu beschäftigen vermochte: die Juwelen der Mrs. Aldridge. Außer dem schmalen Perlenkollier, das sie stets bei repräsentativen Gelegenheiten (mithin auch beim Abendessen) anlegte, trug sie sehr viel kostbare Ringe, die ins Auge stachen, und deren Glanz und Leuchtkraft alle Steine und Skarabäen, selbst solche, wie sie Daûd in dem Tingeltangel seiner Heimat gesehen, in unwürdigen Schatten setzte. Es konnte geschehen, daß er sich völlig vergaß und mitten beim Servieren geblendet verweilte, um die Perlen an dem rosigen Nacken der Frau auf sich wirken zu lassen. Wenn sie dann den Kopf wandte und er ihre spitze Nase und ihren kalten, pikierten Blick in Tausch nahm, ermunterte er sich mit schwachem Schreck und servierte wie im Traume weiter, während sein kleiner Kopf sich intensiv mit Spekulationen erfüllte. Wenn die Familie nach dem Dinner noch auf Klubstühlen im Nebenzimmer kalte Getränke zu sich nahm, ward ihm ab und zu anbefohlen, zu singen. Dann stand er im Rechteck der Tür, in seinem malerischen dünnen Hemdchen, und sang in eine gelbschimmernde, von schwarz lackiertem Holz und Bilderrahmen durchblitzte Dämmerung hinein ... Man verbiß sich ein Lächeln, wenn er nach Art der Volkssänger, die er gesehen, unter leichten Hüftdrehungen einen Rohrstock über die Schultern hob und ihn, horizontal zwischen spitzen Fingern haltend, über den Kopf hob und vor sich herstieß, oder wenn er, in höchstem Falsett einen weichen Refrain trillernd, zur Bestärkung des Inhalts die hohlen Hände in den Nacken preßte und mit den Ellbogen bebte. Da Daûd sich auch im übrigen recht brauchbar erwies, so ward ihm anbefohlen, den jungen Percy einige landläufige Redensarten zu lehren; doch war dieser Unterricht wenig regelmäßig, was an der Unlust des Schülers lag. So hatte Daûd Muße, sich mit allerhand Erwartungen herumzuschlagen. Er saß, wenn die Zeit kam, in Hockstellung, im Hausflur, und über seinen auf den Knien verschlungen Armen lebten ausschließlich die kohlschwarzen Augen, wanderten unablässig und etwas scheu durch das Gitter des Treppengeländers, bis ein schlanker Schatten das Licht des Zwischenfensters verdunkelte und leichte Füße in gelben Halbschuhen elastisch die Stufen herabtänzelten. Die junge Gestalt in Weiß und Blau sprang fast geräuschlos herab in einem leisen, durch die Kokosläufer gedämpften Rhythmus, und als sie drunten war, machte sie einen hellen Alarm und scheuchte alles auf, was ihr faul und besinnlich im Wege lag. Dann strich Daûd seine Kelabije glatt und ging in das Räumchen neben dem Badezimmer voran, wo sie das Prusten, Kreischen und Plätschern Janes hören konnten, die um diese Zeit gewöhnlich von den Händen der Zofe kalte Wasserstürze empfing. Die beiden Knaben setzten sich auf zwei Holzstühle, Daûd mit hochgezogenen Knien, Percy im Reitsitz und mit der Lehne unter dem Kinn. Zuweilen, was dem jungen Herrn wenig genehm war, mußte er nach dem Diktat des unerschöpflichen Borns, der sich vor ihm entfesselte, seine eckigen Buchstaben in ein blaues Heft schreiben, freilich in haarsträubender Orthographie, aber das tat vorderhand dem Zweck der Stunde noch keinen Abbruch. Hei, das war eine Stunde! Die Stunde von Daûds Überlegenheit! Hier fielen die unleidlichen Schranken, hier redete Kopf zu Kopf, ein blonder, nüchterner und ein schwarzer, flink kombinierender. Hier arbeiteten die Finger, hier rollte das weiche Zungen-R des östlichen Gaumens; hier blitzten weiße Zähne in verstohlen-verschmitztem Lächeln, wenn dies oder jenes Wort der Lippe des Inglizi allzu große Mühe schaffte. »Ich will ein Schêsch bei der Kanalgesellschaft werden!« – »Pack dich, dein Vater war ein Kuppler!« – »Die Jaffa-Melonen sind besser als die vom Markt in Tantah!« – »Ich kaufe keine Zeitung!« – »Geh mit deinen Postkarten und bleib im Schutzes Gottes!« – »Ich wünsche einen Esel!« – »Erst rechts, dann links, dann geradeaus!« – »Weiß Gott, dieser Kaffee ist schlecht zubereitet!« – »Kein Vogel fliegt höher, als er nicht wieder herunterfällt!« – –Das waren einige Proben, und Percy, als mit einem guten Gedächtnis bewaffnet, erlernte sie ohne Mühe. In der Folge freilich kam es dahin, daß er bei einem Eselsritt einen ihm nie gereichten Kaffee bemäkelte oder, wenn man ihm Melonen anbot, den Vater des biederen Ausschreiers einen Kuppler nannte und ihm anbefahl, erst rechts, dann links und schließlich geradeaus zu gehen, was der Mann für einen prächtigen Auftrag hielt und sich unter Segenswünschen empfahl ... Davon abgesehen, sammelte sich Percy mit der Zeit immerhin einen kleinen Sprachschatz an, den er zuweilen, vor entzücktem Publikum, auf der Straße zum besten gab. Daûd seinerseits war von dem Erfolg begeistert. Was ihn jedesmal wie ein reiches Geschenk anmutete und ihn mit warmem Strom durchrieselte, war die offizielle Gegenwart dessen, den er um seiner Unnahbarkeit willen verehrte, dem zu gefallen ihn Gewinn dünkte und dem nachzuahmen ihm als die heikelste, aber anregendste Pflicht seiner werdenden Gesittung galt. Und doch: was war es weiter als der alte Zwiespalt, als die alte Wonne? Steckten nicht auch viele Beschämungen darin, durch Gesten, Blicke, Aufträge, die im Grunde nichts anderes waren als müßig ermunternde Fußtritte?! So war dies alles ein in sich selbst zurücklaufender Kreis von kindlicher Sehnsucht, geizig geheim gehüteter Genugtuung und öfter als nötig einer erbärmlichen Enttäuschung, die an dem moralischen Rückgrat der dienenden Persönlichkeit rüttelte, dies Rückgrat aber nur dazu vermochte, sich um einen Grad hitziger zu steifen und sich aufzurecken, bis neue Nackenschläge den geschmeidigen Trotz wieder beugten! Denn wahres Sklaventum ist zäh; es opponiert drohend und leidet eben gerade zu dem Zweck, weil es ein bestimmtes Ausmaß an Leid nicht entbehren kann. Wird ihm Demütigung erspart, läßt man es gedeihen, dann verkennt es seine Grenzen, dann wird die beharrlich lauernde, kleine Bestie befreit, die in der Brust jedes Orientalen sitzt! – – Jedesmal, wenn Daûd zufällig nicht beansprucht wurde und bei dem greisen Bauwab am Gartentor verweilte, kam der Mann mit dem Affen und der Ziege vorbei. Es war dies ein heiterer Tagedieb, ein Kind des Pöbels, mit schiefstehenden Augen und abgründiger Unverschämtheit. Er trug ein verschossenes, von Flecken besätes Leinenhemd, das nachschleppte, und auf dem kleinen Schädel ein gestricktes, stirnförmig gemustertes Baumwollkäppchen. Seine nackten Ohren standen breit von dem knochigen, kahlen Gesicht ab, dessen Haut auf den Wangen je drei lanzettförmige Narben zeigte. So wallte er vorbei, mit vorgeneigter Brust, ein Tamburin unter dem Arm, und schleifte seine beiden Tiere an Lederriemen hinter sich her. Der Affe war ein Hundskopfaffe mit blaugrauem Haarkleid und rosenblütfarbenem Hintern, und die Ziege, zu deren Seite er hüpfte, war ein ramsnasiger Ausbund von einer dressierten Ziege. Mit dieser Gesellschaft nun zog jener Mann, Sadik mit Namen, vor die Brasserien und an die Umzäunungen der Cafés und ließ die Ziege auf einem Holzpflock mit erweitertem Plattförmlein Platz nehmen. Dort oben hatte sie die Aufgabe, sich um sich selbst zu drehen, und der Affe hüpfte dazu rhythmisch zu dem hohlen Gekrächz Sadiks, der auf dem Boden hockte, sein Tamburin schlug und mit zugekniffenen Augen werbende Schmeichelworte auf die Tiere häufte. Sodann ließ Sadik den Affen noch auf der Ziege reiten – – oh, das machte Effekt. Meistens ward er mitsamt seinen Tieren wieder hinausgeworfen, aber es glückte ihm immerhin, ein paar halbe Piaster einzunehmen ... Daß nun Sadik auf Daûd wie ein Magnet wirkte, daran waren nicht die Tiere schuld, sondern etwas weit anderes: eine Beschlagenheit in Dingen, die Daûds Phantasie erhitzten. Befragt, wohin er seinen Verdienst trage, brachte der Dompteur mit heiserer, von Gier entstellter Stimme die Rede auf einen Stadtteil, den er die Wasa nannte, eine Bezeichnung, die ortsüblich schien, denn auch der greise Bauwab ermunterte sich, als er den Namen hörte, und malte mit der welken Hand unzweideutige Umrisse in die Luft. Dabei erhellten etwelche Erinnerungen seine erloschene Miene wie Sonnenblitze, die in eine Kloake fallen ... Durfte man beiden glauben, so war jedes erdenkbare Vergnügen, jeder Trunk und Taumel dort für kleinste Münze kauflich; es war herrlich dort, man hatte es gut! Da der Mann mit den Tieren nicht abließ, daran zu erinnern und seine Lockungen jedesmal durch neue Berichte anfeuernd verstärkte, so wirbelte dem jungen Daûd der Kopf, und ein brennendes Verlangen ergriff ihn, dem Manne bei der nächsten Gelegenheit in das Paradies zu folgen. Sadik war entzückte Bereitwilligkeit. Die Gelegenheit ergab sich am nächsten Freitag. Daûd erhielt seinen Ausgang ohne viel Schwierigkeiten, übernahm jedoch die Verpflichtung, am nächsten Tage um neun Uhr wiederum zur Stelle zu sein. So stand er am Gartentor, ein Goldstück von seinem ersparten Gelde mit der Hand umklammernd, und bebte vor Erwartung. Die nächste Zukunft lag vor ihm, unter dem Dunkel der nahen Nacht versteckt, wie eine von weichen heimlichen Farben glühende Zauberhöhle, in die er zum erstenmal seinen noch knabenhaft scheuen, aber kecken Fuß setzen werde. Mit Sadik, der endlich kam, verabredete er ein Zusammentreffen an der Ecke des Ezbekijegartens, sobald der Dompteur seine Tiere um Mitternacht in die Scheune zu Boulak zurückgebracht habe. Dann machte sich Daûd allein auf den Weg. Das Goldstück, das sich in seiner zusammengekrampften Hand erhitzt hatte, ließ er endlich in die Taschenfalte seiner bunten Schärpe gleiten. Er bummelte längs dem Gartenzaun der englischen Kirche die Scharia-Boulak herab. Das erstemal, daß er freiherrlich in dem Menschengetümmel unterging, versetzte seinen Sinn in einen angenehmen Taumel ... das war die erschlaffend süße Wirkung des dunkeln, mit tiefen girrenden Lauten lockenden Abenteuers, das wie ein schillerndes Fabeltier, wie ein phosphoreszierender Krake seine Fangarme in jede Gasse streckte, um das lusthungrige Volk an sein betäubend duftendes Herz zu ziehen, an ein Zentrum von Brunst und Weihrauch. Zu beiden Seiten der Straße waren die Vergnügungslokale geöffnet. Rotierende Transparentreklamen erblitzten im schwarzen Himmel. Der Scheinwerfer von Orosdi-Bak aus der Mouski ließ seinen Lichtkegel über die flachen Dächer huschen. Die Trambahnwagen, überfüllt von aufatmenden, lebhaft schreienden Menschen, fuhren mit endlosem Geklingel dicht hintereinander her. In den offenen, zu kleinen Empfangssalons drapierten Tabakläden saßen, beide Hände auf das dünne Stöckchen gestützt, feiernde Kaufleute vom jenseitigen Viertel und machten ein Schwätzchen mit den Inhabern, die, mit auffallenden Krawatten geschmückt, in den Eingängen lehnten. Von Hitze erschlaffte Hochstaplergesichter strafften sich; zigarettenschmauchend beugten sich verdächtige Profile witternd auf die Straße hinaus. Ein Grüpplein einheimischer Weiber wallte hell auflachend in dem scharfen Licht. Auf den Eingangstreppen der Cinema-Theater hockten die Zeitungsjungen und balgten sich um die besten Stufen: dort in der Höhe, aus blutigen Zauberlöchern quellend, summten die Filmrollen mit einem fernen Propellergedröhn. Kalkweißes Licht stach aus den Auslagen; an jeder Ecke sprangen riesige Plakate ins Auge. Dann und wann fand der blinzelnde Blick eine Linderung an der einsamen Silhouette einer zwischen Miets-* Palästen aufragenden Palme, eines Gärtleins ober einer durchbrochenen Meschrebije, die steil im blauen, wesenlosen, vom Staub getrübten Atherlicht hing. In dem grünen Zaungeheck vor St. James rieselte das sachte Plaudern des europäischen Publikums und blitzten die weißen Leinwandjacken der diskret servierenden Kellner. Vor dem Hintergrund, aus dem Motive neuester Operetten drangen, drängten käufliche Damen ihre bunten Hüte zusammen und entwarfen mit leisen oder grellen Stimmen neue Raubzüge. Der Besitzer stand derweil vor dem Eingang und gönnte sich eine kühlere Abendbrise ... Daûd ging vorüber und sah ihn mit einem salbungsvoll kritischen Blick an. Er hatte das Gefühl, daß die speckigen Augen noch sekundenlang leicht verblüfft an seiner Rückseite hingen ... Nachdem Daûd die Straße überquert, in der als einzig dominierendes Geräusch die hohle oder helle Tonwelle der Bourseschreier wütete, ging er keckblickend weiter und bog in die Glastür der Sphinx-Bar ein. Er war recht groß für seine fünfzehn Jahre. Und doch kostete es ihn Mühe, die Wimpern nicht in einer leichten Verlegenheit zu senken, als er in das überfüllte Lokal trat und ohne weiteres die seidene Kelabije hob, um seinen Knien auf dem hohen Barstuhl Platz zu machen. Der Tarbusch saß ihm etwas schief im Nacken. Sein rundes, helles Gesicht sah vorsichtig umher. Dieser Knabe, der spätabendlich in die Sphinx-Bar einbrach und Getränke forderte, fand eine liebevolle Beachtung von seiten feister Effendis und griechischer Ladenjünglinge, die einen Moment ihre Unterhaltung unterbrachen und ihm nachblickten. Selbst die Scotchmen in ihren bunten Röckchen und Damen jeden Alters von eindeutigem Beruf wandten die Köpfe, um das junge Wundertier, das sich mit seinem Pfund Sterling wie ein lebfrischer Spekulant gebärdete, näher ins Auge zu fassen. Der weltmännische Barkeeper (etwas befangen zunächst, als Daûd mit seiner sonoren Stimme einen Brandy-Soda verlangte) verabreichte ihm das Gewünschte alsbald recht bereitwillig und murmelte eine liebenswürdig erheiterte Redensart, deren geheimerer Sinn dem Knaben naturgemäß entging. Er stemmte seine rotbeschuhten Füße an den Bartisch, noch benommen zwar, aber nach den ersten Schlucken schon sehr viel freier. Hei, heute hatte er Ausgang, und später traf er Sadik! Und er mußte vor sich hinlächeln, bis dieses Lächeln auf seinem Antlitz stehenblieb ... Als er seinen jungen Ehrgeiz öffentlich zur Genüge erprobt hatte, ließ er wechseln und füllte seine Schärpentasche mit klingendem Silber an. Zwischen Tischen, deren Inhaber ihm launige Bemerkungen zuwarfen, verließ er das Lokal voll elastischer Entschlüsse. Sadik war auf dem verabredeten Platz zur Stelle. »Ha,« schrie er, »was, das wird eine Nacht!« Daûd hatte ganz große Augen bekommen. Nach dem Durchschreiten langer, spärlich erleuchteter Kolonnaden, in denen Spielergruppen saßen, stiegen sie irgendwo eine Treppe hinan und tauchten in einem Labyrinth von engen Gassen unter. Diese Gassen, durch Laternengaslicht, ausgehängte Talglampen und elektrische Kronleuchter von den Wirtschaften her taghell erleuchtet, lagen pittoresk, von feinem Staub geschwängert, gesäumt von langen Zeilen von Bänken und Tischen unter dem Dach der schwarzen Nacht. Sadik ging, sein Stöcklein fürstlich handhabend und mit den Ärmeln schlenkernd, als prompter Kenner voran. Und jetzt, während sie um verschiedene Ecken bogen, erkannte Daûd das ersehnte Wunder; es lag und dehnte sich dort, lachte hoch und leicht, schob die funkelnd geschmückte Hand gespreizt aus dem Dunkel. Da versank und verklang etwas in ihm unauffindbar für immerdar, und das Blut, den schwachen Willen mit willkommenem Reiz daniederbeugend, triumphierte allmächtig. Diese Nacht trennte ihn von dem, der er noch gestern war; zog um ihn einen Bannkreis, in dessen Mittelpunkt ein Weib saß. Diese Nacht errichtete eine Scheidewand, hinter der seine schwärmende, besinnliche Jugend zugrunde ging; sie wies einem keimenden, harten Intellekt die Richtung zu dem Sumpf der Instinkte, auf deren durchfaultem Grund er vielseitig wie ein schleichendes Pflänzlein gedeihen sollte – – – eben als Intellekt einer Rasse, die sich knechten läßt, weil sie ihrem geheimen Hang zum Handlangertum (und sei es auch mit Zähneknirschen und pompöser Ableugnung!) wider Willen den Tribut zollen und unterliegen muß. – – – Man gehe und suche den Daûd, der noch vor kurzem im Gezirê-Garten saß und mit einem höheren Wesen, das kalte, graue Augen hatte, unterwürfig verhandelte! Was hier stand und sich fassungslos umsah, mit Blick und Ohr neue, einstürmende Reize trinkend, in tiefsten Fibern aufgerührt: dies halbgeschlossenen Auges lächelnde Menschlein, das die Heimat seiner Sinne entdeckte, war nicht der alte Daûd mehr, war einer aus der grölenden oder zielbewußt schweigsamen Hefe, einer der niederen, vom Tagelohn Lebenden oder von fetter Pfründe zehrenden Vergnügungssüchtigen, die, zerlumpt oder reich, heitere Bettler oder wählerische Kaufherren, durch diesen schimmernden Pfuhl wateten! Ein Plappern und Plärren aller östlichen Sprachen rann an den Wänden entlang. Zuhälter aus allen Ecken der Levante, aus Zypern, Malta, Syrien gingen, sich in fleckigen Gewändern blähend, die Bambusstöcke pompös aufstoßend, kritisch umher, beflüsterten Kuppeleien oder nickten zischend in die Richtung der Weiber, denen sie ihre praktischen Dienste leisteten. Eingeborene Führer, gefälschte Atteste schwingend, wanden sich mit schleimigen Stimmen an befangene Fremde heran. Sbirren, Matrosen aller Nationen, Vertreter des Balkans in phantastischen Trachten, Kawassen, die sich einen Ausgang machten, indische Seide- und Bijouterie-Händler, Beduinen mit breiten, blauen Wolltroddeln an den niedrigen Tarbuschen, französisch miteinander schäkernde Türken besserer Klasse, ja, selbst Menschenauswurf ferner Ostasienhäfen vermischten, verquirlten sich mit dem Gesindel aus hiesigen Vierteln, und die ganze Menge drängte sich, in den kurzgeknickten Gassen leicht überblickbar, wie in einem bunten verruchten Traum durcheinander, der von den entlegensten Möglichkeiten funkelte. Und Daûd staunte und zögerte. Wäre nicht Sadik, der Kenntnisreiche, vor ihm hergewandelt, so hätte er sich voll begeisterter Bereitwilligkeit einfach niedergesetzt, mitten zwischen die herausgestellten Stühle der einheimischen Dirnen, die, gutturalen Schmelz auf der Zunge, sich seiner versichern wollten. Denn sie sahen wohl, daß dieser Halbwüchsige ihre Sprache rede, und versprachen sich eine erheiternde Unterhaltung von dem kaum erblühten Leib, der sich ihnen in so adretter Verfassung zur Verfügung stellen wollte. Und vor Daûds Blick verschwammen die vielen ihm zugewendeten Gesichter zu einem einzigen: zu dem eines ihm von diesem Augenblick an einzig zusagenden Idols: dem eines breithüftigen Weibes. Es hockte, die fetten Schenkel in stumpfer Sinnlichkeit gespreizt, auf einem Stuhl, die dick mit Kohle nachgefärbten Wimpern halb geöffnet, und die schiefstehenden, großen Augen von glanzloser, in mattem Emaille schwimmender Schwärze. Auf der gelben Haut der Backen flammte grelle Schminke. Und dies Weib, das sich aus allen zusammensetzte, die er sah, trug ein nachschleppendes, tapetenähnlich gemustertes Kleid und war von goldenen Schaumünzen überdeckt, die bei den trägen Bewegungen blechern erklirrten. An ihren prallen Armen schimmerten obszöne Tätowierungen, und ihre gelbrot gefärbten Fingernägel spielten hinter dem lackschwarzen, hart an den kleinen Kopf gekämmten Haar im Nacken, während sie den Bauch brutal in die Gasse vorwölbte, dem Schwarm der schwatzenden, kindlichen Männer zu, die prüfend und abschätzend an ihr vorüberwandelten. Oh, das war die große Babylon, die der kleine Daûd sah, und während er sie erkannte, verfiel er ihr mit Haut und Haar. Sie gab ihm Erfüllung und tat es spielerisch; und doch vermochte sie ihn dazu, von jetzt an in ihrer Sphäre zu kreisen, sein Leben lang sich in eben dem Kreis zu drehen, den keiner derer, die Tarbusch tragen, wenn sie auch um ihrer Habgier willen fremden Göttern dienen, ungestraft überschreiten kann! Die Dirnen saßen zusammengedrängt wie Tauben, die schimmernd ihre Brüste blähen. Sie saßen im Freien; sie hatten es sich vor den Freudenhäusern, die hier Wand an Wand lehnen, auf Strohstühlen bequem gemacht. Sie saßen rittlings und entblößten weiße und violette Strümpfe bis zum Knie. Ab und zu wedelten sie abwehrend mit ausgeschnittenen, hochgestöckelten Schuhen, die samtene Pompons trugen. Sie taten das, wenn ein Kunde ihrem Geschmack nicht entsprach. Von den Balkons über ihnen, aus rotflammenden Zimmern, aus muffigen, schlecht gelüfteten Korridoren heraus schwang eine kreischende Lautwelle: schachernder Stimmenwirrwarr, von Zoten durchsetzt. Zuweilen dröhnte eine zerschellende Flasche dazwischen ... Sadik blieb jedoch nicht stehen, wiewohl Daûd das gewünscht hätte. Bald befanden sich die beiden in einer schmalen Seitengasse, die hügelig verlief. Auf einmal hörte Daûd ein leichtes, um alle Ecken rinnendes Kreischen, und sämtliche Weiber waren wie mit einer Zauberrute in ihre offenen Behälter zurückgescheucht: der Nachtwächter, in brauner Uniform, und mit einem braunen Filztarbusch ohne Quaste, war, seinen Nabbût unter der Achsel, auf der abendlichen Runde. Nur ein Häuflein feile Knaben, die bleifarbenen, gemalten Gesichter halb unter den Fransen ihrer seidenen Schals versteckt, blieben auf ihrer Bank an der blaugestrichenen Mauer einer Kuttab sitzen, üppig gekleidet, mit Ketten behangen, und sogen apathisch ihren Zigarettenrauch durch die Lungen ... Stechende Parfüms von sich strahlend, saßen sie gleichwohl einsam wie Ratten in ihrem Unrat, und grübelten teilnahmlos in das grelle Licht. In ihrer Mitte thronte, sie an Prunk noch überbietend, ihr Besitzer und Meister: ein riesiger Abessinier in einer Weiber-Abaja. Seine braunen Arme waren bis zum Ellbogen mit dicken Goldklunkern behängt, und an seinen Fingern, die träg auf den Knien ruhten, glitzerten ellipsenförmige Ringe mit Solitären von märchenhaftem Wert ... Sadik nun trat in eine halbgeschlossene Schenke ein. Am Eingang saßen Weiber, die sich neugierig vorbeugten und denen Sadik im Vorbeigehen familiäre Nasenstüber versetzte. Ein Kreischen der Belustigung erhob sich, als man Daûds ansichtig wurde. Ein Geruch von schlechtem Schmorfett schlug aus der Tür hinter der primitiven Bar hervor, auf deren Aufsätzen grün und rötlich blinkende Flaschen mit finsteren Etiketten prangten. Ein schiefblickender, angeheiterter Kellner mit schmutzig-zitronengelbem Gesicht wies den Gästen ein Marmortischchen an. Sadik ließ sich von Daûd einiges Geld überweisen, worauf er lärmend bestellte. Der zitronengelbe Gauner klatschte in die Hände und brüllte die Bestellung wie einen guten Witz in die Zimmerschlucht hinein, aus der der ranzige Fettgeruch drang. Zwei schmierige Wasserpfeifen mit erhabenen Goldlackierungen auf den Glasbehältern wurden gebracht, und Sadik führte, sich auf seinem Stuhl breitmachend, den Bernsteinknopf an den Mund. Er ermunterte Daûd, ein Gleiches zu tun, und Daûd sog aus Leibeskräften. Aus dem kleinen Tabakberg auf dem Napfe schoß, wie aus einem winzigen Vulkan, ein steiles, graues Wölkchen hervor. Daûd sog, mit einem Male hatte er einen Geschmack auf der Zunge, der ihn dunkel an flüchtige Sensationen seiner Kindheit erinnerte. Eine verschwommene Reminiszenz tauchte auf: an eine offene Tür in Luksor, aus der derselbe Geruch gedrungen war, den er jetzt atmete: der sengrigsüße Geruch des Hanfs . Er sog zum erstenmal den schiefergrauen Qualm des Pflanzengiftes in sich ein ... und da war ihm, nach vielleicht zwanzig Zügen, als trete alles, was er sah, in ein unkörperliches Stadium über. Auch der scheppernde Klang eines mit Blechkapseln, in denen Schrotkörner rollten, behangenen Tamburins ward wesenloser, und sein Rhythmus löste sich in das Tempo des Ganzen auf, in ein traumhaftes Farbentempo, wo alle Gesten ruckweise und mechanisch verblichen, wo alles vertieft zu glühen anhob, gleichsam in fortschreitender Verbuhlung blau und schemenhaft zerrann, und Konturen zeigte, die dem Irdischen entwuchsen ... Lange Leiterstaffeln brauchte nun der Gedanke, um zu den Ohren eines der hinwegrückenden Menschen zu gelangen. Sadiks verkniffenes schmutzig-braunes Gesicht blieb ihm nahe: er schnalzte mit der Zunge, das hörte man. Er sog selbst, daß ihm der Qualm aus dem Gesicht entfuhr wie aus Mund und Nüsternlöchern einer zynisch-albernen Maske. Er blähte den Hals; er schrie lustige Bemerkungen; doch was er schrie, ging dem halbbetäubten Knaben nicht ein. Da es scherzhaft schien, lächelte er mit ... Ein unerhörtes Wohlbefinden nahm von ihm Besitz. Er sah, daß Sadik eine schnelle, kurze Aussprache mit dem Zitronengelben hatte, worauf dieser einen besorgten Blick auf Daûds Nargileh und dann nach der Gasse warf, um mit einer gleichgültigen Handbewegnng irgendwelche Bedenken zu zerstreuen, die Sadik geäußert haben mochte. Die Wände waren ganz mit billigen Öldrucken gepflastert. Sie zeigten Bombenattentate auf abendländische, buntuniformierte Souveräne; die Ermordung König Humberts schien recht beliebt und herrschte vor. Da gab es Schlachtenbilder, Dammeinweihungen, Empfänge bei Ibrahim Pascha und Abbas Hilmi, dicht untermischt von beliebten Athleten im Trikot oder Varietésternen. Ach, wie war das bunt, tausendfältig und schön! Eine ganze Welt sprang dem staunenden Träumer in die Augen; ein buntes, reiches Bilderbuch! Die Welt Ägyptens, doch überall besät von den Spuren der allmächtigen Inglîz, von denen auch diese Bilder sicherlich stammten! Und während Daûd noch starrte und gerade die Schlacht von Omdurman genoß, wo mehrere Derwische von einer Handgranate zerpulvert wurden, ward das Tamburingeklirr lauter und dringender. Eines der Weiber hinten am Eingange hatte sich entschlossen, zu tanzen, und vor ihr her schritt ein blinder Alter mit einem grün gesprenkelten, braunen Fetzen um den Tarbusch und sang, während seine Finger hart und hölzern auf das Ziegenfell rasselten. Sie kam dicht hinter ihm drein. Sie duldete keinen Vergleich mit jenem Weib in Luksor, das Daûd damals vor der Gartenwand aus weiter Entfernung und nur ganz verstohlen, wie auf den Fußtapfen eines Verbrechens hatte genießen dürfen. Der Alte grunzte und gab dazu mit der hohlsten Faßstimme der Welt eine endlose Paraphase von sich, des Inhalts: »Wir haben das Leben, hei, das Leben!« So sang dies zermürbte Skelett und bleckte zerfressene Zahnstümpfe zur Decke empor. »Oh, ihr Herren, ihr sitzet und dreht die Daumen übereinander, ihr sprecht: ›,He, was will uns dieser!‹, Und doch, ihr Herren, lasset mich springen und das Glück loben: Ich habe ein Täubchen hier mit runden Hüften, das kann viel und noch mehr, als ihr glaubt; o Täubchen du, o Bint-Unzul, du Tochter des Konsuls; dein Schweiß, wenn du dich wie eine Spindel drehst, ist Geruch von Minze und Gewürz für die Männer!« So sang der ekle Alte und warf die holzigen Beine wie Stelzen auseinander, während der Taumel der immer schneller und immer heiserer wiederholten Worte seinen bresthaften Körper hin und her schüttelte. Sie stand, arabisches Vollblut, auf den Zehenspitzen, mitten im Raum, zwei Schritte von Daûd. Ein herber Dunst ging von ihr aus. Sie war weder geschminkt noch gepudert; blank war sie und braun, uralten Stammbaums; ihr Gesicht, von seidenem, nachtschwarzem Kraushaar überwuchert, mit flacher Stirn und schiefen, weichgeschlitzten Augen, glich, ins Profil gedreht, dem der Königinnen des Mittleren Reichs, deren Umrisse bei Ausübung verschollener Kulte in Sandstein erhaben weiteratmen. Zwischen ihren sehr hohen, nachgefärbten Brauen saß ein blauer Kreisfleck. Sie stemmte, die Arme mit rechtwinklig abgebogenen Händen steif zu Boden streckend, ihren von harten Muskeln gebändigten, schier gewichtslosen Körper in den Qualm der Schenke empor ... Oh, sie war so vielfach, so erzen, so tierisch, daß sie einen großen, machtlosen Seufzer um sich her aufschwellen und verröcheln ließ. Ihre blaßbraunen Brüste bebten, mit blauen Schlangenlinien bedeckt, über der Korsage. Sie trug ein blaues, goldgesticktes Samtkleid. Sie konnte mehr als das Weib von Luksor. Daûd sah sie zunächst ganz verschwommen, wie den Umriß einer Pappfigur hinter dem Musselintuch eines Schattentheaters, wie es deren unsern gab. Ihr Atem bedeutete: Ich bin Vollendung, Form, ächzend ertragenes, zeitloses Symbol; ich bin höchst persönlich und einzig ich selbst; was habt ihr mir an? Wie ein edles Pferd jede Muskel seines Leibes rühren kann, um die Fliegen zu verscheuchen, so lief über ihr durchsichtig pralles Trikot, über den schmalen, vorgeworfenen Bauch ein rieselndes Zucken, in so blitzschnellen Abstufungen bis zu den Knien übergreifend, daß die Augen, die auf ihr hingen, völlig zu zwinkern vergaßen. Daûd starrte sie an und vergaß die Welt, bis die einförmige Musik ihr Ende, bis jener bresthafte Alte einen Teller hervorzog und das Gesicht der Tänzerin, das braune, herben Duft ausatmende Gesicht sich werbend dem seinen näherte und er von breitem, sinnlich hingezogenem Lächeln entblößte schlohweiße Zähne sah, zwischen denen die Zungenspitze verschmitzt zum Vorschein kam ... Nun näherte sich ihm der Leib in Verührungsweite, und die durch das Haschisch aufgestachelten Sinne des Knaben fanden raschen Kontakt mit den ihren. Sein Geld war mittlerweile vollzählig zu Sadik hinübergewandert. Dieser steckte eine Kleinigkeit in die sich herüberschlängelnden Finger der Tänzerin. Sie war nicht zufrieden; er blieb jedoch störrisch, und sie schalt gellend auf ihn los. An Sadiks Gemütsruhe prallten jedoch die herbsten Vergleiche spurlos ab; er hatte seinen Profit gemacht, und das übrige beschied er in Allahs Hut. Dann ging er hinweg. Die Tänzerin ergriff jetzt Daûds Hand und führte ihn der Tür entgegen, nach dem Innenhofe des Gebäudes zu. Herzliches, dröhnendes Gelächter klang hinter ihnen her. Der Araber versteht nicht zu lächeln, sondern wenn er eine auch noch so bescheidene Komik empfindet, bricht das Lachen wie das Gebell eines großen Hundes aus seinem Hals. Der Witz beschäftigt ihn, er ist das willenloseste Opfer seiner augenblicklichen Vorstellung. Er hat auch nicht die geringste Oberhand über das Köstliche, was er soeben sah oder hörte, sondern sinkt, wenn er es ausgekostet, gänzlich ausgeleert auf seinen Stuhl zurück, während die wirbelnden Finger noch Minuten hindurch mechanisch ihr Entzücken bezeigen ... In einem kahlen, getünchten Zimmer, auf einer Matratze ohne Decke, mit einem stinkenden Dochtlicht vor dem Spiegel und beim Klang fern näselnder Instrumente, deren ausschweifende, endlose Tonwelle wie wilder Pulsschlag im Ohr lebte, hielt Daûd ein erstes Mal Hochzeit mit seiner Rasse. – – – – – Erste flache Sonne fiel blendend scharf in die Gassen, während der westliche Teil des Himmels noch im stumpfen Blaugrün jüngster Frühe lag. Es war totenstill; die Stadt dehnte sich noch ausgestorben mit blassen Schatten im erwachenden Tag; Schläfer aller Art, Karrenkutscher, Lastträger, Diener lagen in den erdenkbarsten Stellungen unter den Mauern oder auf den Treppen der Hauseingänge. Schmutzmilane trillerten und pfiffen in geringer Höhe; verspätete Fledermäuse irrten im Zickzack dem Ezbekijegarten zu, und allerorten krähten die Hähne. – – Der greise Bauwab hatte, schlaftrunken aufgrunzend, dem heimkehrenden Daûd geöffnet. Nun stand das neugezimmerte Männlein in dem noch morgenstillen Haus. Gedämpftes Frühlicht fiel durch die gelbseidenen Stores der Treppenfenster; der Neger lag noch mit klaffendem Munde auf seiner Matratze. Daûd ging unhörbar umher, ohne zunächst zu wissen, was er mit sich anzufangen habe. Vor die offene Tür von Percys Schlafzimmer, der drinnen unter einem großen Mückennetz seinen kräftigen Schlummer abhielt, hockte er sich hin und suchte in seiner Schärpentasche: suchte und fand ein gähnendes Nichts. Auf einmal überkam ihn die Müdigkeit; er sank zur Seite und schlief auf der Stelle ein. Dieser Schlaf war bleiern und traumlos. Als er emporschreckte mit leicht zitternden Händen, spürte er die Nachwirkung eines energischen Fußtritts zwischen den Schultern, denn Percy, der ins Badezimmer ging, hatte ihn solcher Art aus dem Wege geräumt. Daûd runzelte sehr finster die Brauen. Dann ging er unter die Treppe, in die Nähe des Niggers, zog seinen kleinen Teppich aus dem Versteck und verrichtete stumm seine Morgenandacht. Er tat dies etwa seit einem Jahr, sehr verstohlen, seit er mit den Inglîz zusammenlebte, da er Fragen scheute. Er tat es weniger aus Glaubensdrang (war auch in seinem Alter noch nicht dazu verpflichtet), sondern nur sozusagen prophylaktisch. Es schien ihm besonders nötig, die mechanischen Hüftbewegungen im Kniesitz zu erledigen, das war, besonders hier in der Stadt, ein Gegengift gegen die tausend unbewußten Verstöße gegen das Gesetz, die er sich gleich den andern skrupellos leistete ... Heute aber, er wußte nicht warum, war er schier noch gründlicher bei der Sache als sonst. Ihm war, als müsse er sich sicherstellen, eine Handlung begehen, die ihn von dem, was ihn hier in diesem Hause umgab, abschied, und während er lautlos in seinem Kopf die Satzreihen vorüberziehen ließ und dann niedersank, die Stirn auf den Teppich gebeugt, geschah etwas Unausdenkbares, Überrumpelndes. Denn eine Stimme, ganz nahe von oben, schrie mitten in seine verlorene Meditation hinein, schrill und höhnisch: »Ay, little chap! Dein Kopf wird auch nicht besser davon, wenn du auf und nieder wackelst! Wo hast du dich denn die ganze Nacht herumgetrieben, du kleines Schwein?!« Der das schrie, war Percy, war heiterste Ignoranz. Er kam soeben von der Dusche und war voll morgendlicher Frische und Tatenlust? Er lehnte, noch kaum bekleidet, dicht über Daûd am Geländer und klatschte mit dem feuchten Handtuch über des Beters gebeugten Nacken. Daûd fuhr zusammen und warf den Kopf empor. Wer war das dort oben an der Treppe?? Wer unterfing sich hier, ein Gebet grob zu mißachten, niederzuschreien, zu schänden?? Ha, ja, er kannte ihn, er kannte ihn! Das war der, dem er nachgekrochen war, dem er geschmeichelt, um dessen Freundschaft er geworben, und der ihm dafür Fußtritte versetzte, wie gerade jetzt vor einer halben Stunde. In diesem Augenblick, da Daûds Augen vor Zorn kreisrund aus bebenden Fibern eines verzerrten Gesichts starrten, war ihm dieser andere, der dort oben tanzte, Spottlieder sang und sein Gebet zerschrie, fremd, grundfremd und nichts als hassenswert. Blitzschnell gingen ihm alle Demütigungen durch den Kopf, die er früher erlitten, das Wort »Schwarzer«, mit dem er bespien worden war, der Raub der Amulette und tausenderlei andere Sünden dieses weißen Teufels, dieses fremden, albernen Dreikäsehochs, der sich wunder etwas dünkte und doch nur aus Aufgeblasenheit und urteilsschwacher Dummheit bestand!! Aber jetzt, jetzt, seit der letzten Nacht, war die Welt für Daûd verwandelt; jetzt war die Scheidewand da, jetzt war das kindliche Anschmiegungsbedürfnis, jenes leidende Glück, aus seinem Blut gefahren, als ob ein Gewitter es gereinigt habe! Mit einem einzigen Sprung setzte er über das Geländer, und viel zu sehr außer sich, um eine Beschimpfung zu schreien, griff er hastig atmend mit einem Gesicht, das vor Wut litt, nach Percys Kehle. Dieser nun, viel zu verblüfft, um sich zu wehren, sah ihn noch belustigt an, bis er die Nägel Daûds spürte, die breite Schrammen in seine Haut rissen. Nun erst kam ihm zum Bewußtsein, daß man ihn tätlich überfiel, und er begann exakt und ärgerlich kleine Boxerhiebe auszuteilen. Da Daûd dadurch nicht vertrieben ward, sondern sich immer erboster an ihn hing und ihn weiterwürgte, verlor Percy das Gleichgewicht, und beide rollten ineinander verkrampft vier, fünf Stufen, bis ans Ende der Treppe, hinunter. Daûd biß, schlug und kratzte, wohin es traf; er hieb nach den blassen Augen, die er so plötzlich mit aller Inbrunst haßte, er hieb nach dem blonden Schopf, nach dem herzförmigen, spöttischen Mund; kurz nach allem, was ihn so maßlos fremd dünkte, und Percy, überwältigt und blutend, begann zu schreien. Oh, wie klang das neu und musikalisch! Da fühlte sich Daûd plötzlich von einer sehr starken Hand in die Höhe gehoben und hinweggewirbelt. Mister John in blaugestreiftem Pyjama, die kurze Pfeife im Mund, stand auf dem Schauplatz und sprach mit knarrender Stimme: »Was, Teufel, soll dies hier eigentlich bedeuten?« Daûd verweilte sich noch unbeweglich, bös blickend und schweigsam in einiger Entfernung. Das allmächtige Wesen ergriff den schluchzenden Percy und entfernte ihn in das Zimmer hinein. Nach dem Frühstück kam Percy heraus und bat Daûd um Entschuldigung, daß er ihn in Ausübung einer religiösen Handlung, als in einer ihm unbekannten Zeremonie, zu Unrecht unterbrochen habe. »Das sage ich,« fügte er zischend bei, »weil Daddy es befiehlt, aber das nächste Mal wirst du verprügelt, hat er gesagt. Das ist kein richtiges Match, wenn man kratzt und beißt. Dreckfink!« – Man hörte, wie sehr ihn diese Schlußbemerkung erleichterte. Daûd hatte nur als Erwiderung ein kleines, spöttisches Lächeln. »Ich bin kein meskiner Fellache«, sagte er endlich stolz und leise; »ich bin der Sohn eines Effendis.« »Eines Effendis? – Und hast kaum die Dorfläuse aus deinem Hemd geschüttelt? Du der Sohn eines Effendis, und bist hinter Eseln hergelaufen?!« Daûd gab keine Antwort. Zabals Eröffnung saß leuchtend um sein Herz. Er sah den Sohn seines Dienstherrn noch eine Weile grübelnd an; dann schnob er unter kurzem Achselzucken und mit einem leichten Schnalzlaut der Zunge durch die Nase (er hatte das Verkäufern abgelernt) und wandte sich ab. – – – Während er in der Folge mechanisch seine Pflicht tat, sah er Percy nicht mehr an, und dieser verschmerzte es ohne Mühe; ja, es war ihm gewissermaßen behaglicher, den saugend-unterwürfigen Blick wie etwa bei den Mahlzeiten missen zu dürfen. Dahingegen unterwarf Daûd jetzt die kleine Jane und ihre Mutter seiner stummen Kritik und zog für sich Vergleiche mit dem Resultat, daß er die Kleine körperlich schätzen lernte, die säuerliche Mutter dagegen aber noch entschiedener als vorher ablehnte. (Die blasse Zofe, die mit Eingeborenen nur aus der Entfernung sprach, erwiderte sein Wohlwollen nicht.) Dabei drängten sich ihm Vorstellungen auf, Gedankenverknüpfungen sinnlicher Art, zu drollig und grotesk, um eine Erwähnung zu vertragen. Er hing ihnen am Tag nicht nach, wohl aber kurz vor dem Schlafe, der von jetzt an zuweilen seltsam unstet wurde und von Träumen durchsetzt, die ihn fruchtlos reizten. Fern, kaum faßbar, doch mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks, ging ein schemenhafter Mann durch seine Träume, und hinter ihm in Abständen, die ein schnellerer Herzschlag zu füllen sich mühte, folgten die Schatten eines Affen und – einer riesigen Ziege, die näselnd mit zauberischer Zudringlichkeit meckerte, leiser und leiser, bis auch sie im Schlaf verblaßte und verging. Ende Juli kam ein Chamssin. Sonnenuntergänge, schon kurz vorher, waren schwefelgelb und grau gewesen, und die Nachtkühle blieb aus. Der Chamssin wehte drei Tage lang. Zuweilen saß die Sonne in einer schwelenden Asche und trat zurück; stechendes Halblicht strahlte dumpf vom Asphalt, von den Steinfundamenten der Häuser; unfaßbar feiner Staub legte sich tückisch als farbloses Pulver auf alle Welt, und aller Lärm schien erdrosselt, als laste eine schwüle Faust auf dem Puls der Straßen. Zu dieser Zeit geschahen drei Morde. Zwei von ihnen ereigneten sich im Eingeborenenviertel und kamen auf Rechnung der Blutrache, dem dritten fiel ein Europäer in der Nähe von Meadi zum Opfer. Melonen-, Kürbis-, Nuß- und Brotverkäufer brüllten schwächer. Die Zeitungsjungen verloren ihren springlebendigen Enthusiasmus für etliche Zeit, und die Losverkäufer hockten stumpf in Schattenwinkeln, und statt ihre Lose den Passanten dringlich vor die Nase zu stoßen, fertigten sie sich Fächer davon, womit sie kraftlos wedelten. Vor den Cafés sah man schweißblanke Gesichter und apathisches Gebärdenspiel. Die Kanalarbeiter in der Scharia Maghrabi lagen vor der langgestreckten hölzernen Plakatwand auf zerknitterten Zeitungsblättern und schliefen, hohen, schnellen Atems, überwimmelt von Fliegen, schweißgetränkten Staub auf den tierischen Gesichtern. Eis in Sackleinwand schmolz im geschlossenen Behälter schon nach Verlauf von drei Stunden. Das Himmelsunwesen loderte und brütete weiter, immer neue schwere Atemzüge tat der Sudân und schickte Schwaden gepreßter Stickluft über das Niltal herauf ... In dieser atembeklemmenben Periode geschah es, daß Daûd wie üblich das Diner servierte. Man nahm es schweigsam ein. Eine eisgekühlte Bowle stand auf dem Tisch. Die Gesichter unter der gedämpften, grün verhangenen Lampe glitzerten von Schweiß. Das des Mr. John war lachsrot, die der Kinder blaß, so daß die Lippen in den Gesichtern dunkler als sonst erschienen. Die Dame des Hauses hatte ihre Nase leicht unter Puder gesetzt. Alle atmeten hörbar. Als abgeräumt war und man zur Bowle schritt, sagte der Herr des Hauses, zu Daûd gewandt: »Morgen fahren wir nach London zurück. Du wirst mitgenommen.« Und mit einem flüchtigen, liebenswürdigen Zusammenziehen der Augenwinkel fügte er bei: »Das ist dir gar nicht so unangenehm, wie?« Daûd warf zwei Teller auf den Teppich, was man einer freudigen Überraschung zuschrieb. »Es versteht sich,« unterhielt sich Mr. John noch mit seinem Hintergrund (während er die Bowle in Gläser ausschenkte), »daß du mit Percy Frieden hältst und in jedem Stück parierst. Bis jetzt hast du dich leidlich gehalten ... nun geh und pack deinen Kram zusammen. Um sieben Uhr brechen wir auf.« Er sagte noch dies und das. Kurzes und Praktisches, in seiner bequemen, silbenarmen Sprache, während Daûd sich, ein » kata-ckera « stöhnend, schier lautlos aus dem Zimmer empfahl. Er ging in den Garten. Und als er an das Gitter trat, schritt der Mann mit den Tieren vorbei. Er ging auf der anderen Seite der Straße. Er sang ganz hoch und leise vor sich hin. Sein Gewand wallte, sein Kopf war vorgestreckt. Noch als er längst um die Ecke gebogen war und der erhobene Stummelschwanz der Ziege, die hinter ihm trabte, nickend verschwand, hörte man seine Stimme leise singen ... Über Kairo, unter dem Staubschleier, lag ein leuchtender Dunst, in dem es brodelte. Die einfallende Nacht brachte einen unfaßbar flüchtigen Windhauch, der geisterhaft und nur für Sekunden kühlte. Dort hinten links, durch drei Straßenzeilen von Daûd getrennt, lag die Wasa in einem Klangdunst näselnder Pfeifen, durchpulst vom leisen Schüttertakt vieler Tamburine und blinddurchtappt von bunter Gier. Wie eine Schlucht lag sie versteckt, doch unentrinnbar – Daûd sah sich schlau um, dann ging er ins Haus zurück und stieg langsam die Treppe hinauf. Er sah im ersten Stockwerk die gepackten Koffer übereinandergestapelt liegen; dazwischen erblickte er ein halboffenes Handtäschchen aus Glasperlenmosaik: das gehörte Mrs. Aldridge. Er sah alles zunächst gedankenlos an; dann stieg er noch höher und trat auf die Dachterrasse. An die kurzen Säulchen des Steingeländers gelehnt, ließ er den Blick umherziehen. Im Westen hinter den Gizê-Pyramiden war letztes Blutlicht. Brünstiges Gelb, flach gedehnt, zog sich in schwüler Ruhe von Roda bis zur Boulak-Brücke herüber ... Der untere Teil erschien von unzähligen schwarzen Palmwedelchen wie zernagt. Der Strom zeigte an zwei Stellen faulig schillernd seine unvergeßliche Tönung. Über dem gelben Quadrat der Barracks schlang wie stets ein großer Schwarm von Raubvögeln seine trägen Flugkurven durcheinander. Der Blick Daûds zog weiter: über die eingebetteten schwarzgrünen Baumgruppen der Gartencity und glitt nach Osten, wo die schwarzen Nadeln der Zitadellenmoschee in das fahle Licht stachen, wo die übereinandergetürmten, wuchtigen Mauerkränze tiefbraun dunkelten und die kahle Scheide des Mokattam den Himmel zerschnitt, in dem die ersten blassen Sterne zuckend mit der scheidenden Glut der anderen Seite rangen. Und dann, wahrend es tiefer und tiefer blaute und ein ungeheures Schwarz molkig herandrang, blickte er tiefer in die Runde, und am Schluß verlor sich sein Blick in einem wimmelnden Lichtermeer, während alle Konturen zerflossen. In der Nacht, als das ganze Haus in tiefstem Schlafe lag, erhob sich Daûd in seinem Kämmerlein. Was er an Habseligkeiten besaß, wickelte er in seinen kleinen Gebetsteppich ein. Wie ein Geist ging er in das erste Stockwerk hinauf. Seine kleinen diebischen Hände betasteten den Kofferberg. Siehe, die Handtasche lag noch unverschlossen an ihrer Stelle. Mit unendlicher Vorsicht rieb er ein Streichholz an und raubte sie aus. Mit Sachkenntnis stellte er fest, daß der wertvollste Inhalt eines ledernen Etuis aus einer Zehnpfundnote bestand; er entnahm sie dem Etui und steckte dieses in die Tasche zurück, die er zuschnappen ließ. Er rechnete damit, daß man sie wohl erst später, am nächsten Morgen, endgültig untersuchen werde. So würde die Entdeckung vielleicht erst auf dem Schiffe erfolgen ... Maalesh ! – Und wenn auch früher! Hei, diese Inglîz werden sich ärgern! Sie können den Verlust verschmerzen, sie sitzen ohnedies in ihrem Fett! Zehn Pfund! Das wog jenes Gold, das ihm Sadik dazumal vor einem Monat in jener herrlichen Nacht aus der Tasche gezogen, reichlich auf! Sein Erspartes hinzugerechnet, besaß Daüd nunmehr etwa neunzehn Pfund und zwölf Schilling! Der kleine Kopf kalkulierte in der Dunkelheit: ungeahnte Verwendungs- und Etablierungsmöglichkeiten schossen ihm durch den Sinn. Ein Ichneumon raschelte auf den Schränken; Daüd fuhr zusammen. Es blieb totenstill. Im Garten, schwer und klebrig, röchelten die Frösche. Daüd stahl sich lautlos in das Parterre hinab. Der Ichneumon spielte zutraulich hinter ihm drein. Man hörte, daß er Kapriolen machte, daß seine Mäusejagd ihn befriedigte, daß ihn das Dasein freute. Er tappelte mit ganz leisen Pfoten und bäumte sich an den Geländerstäben auf. Durch eine offene Tür drang fahler Schimmer. Das war Percys Schlafgemach: es war gegen den Gartenbalkon zu offen. Daüd glitt kriechend an dem weißen Bett vorbei, dessen Netz wie ein weißer Würfel geisterhaft durch das Dunkel schimmerte. Dahinter, auf schweißfeuchtem Linnen, lag der junge »Erzfeind«, wie zum Sprung gekrümmt, und atmete schwer. Als Daüd auf dem Balkon stand, spie er kurz und zischend in das Zimmer zurück. Dann kletterte er wie eine Katze herab, und drunten band er seine Kelabije bis zu den Hüften auf und turnte über den Zaun. Ein Schauisch, der unfern stand, bemerkte ihn nicht... Und so verschluckte ihn die Stadt, die große Stadt. Intermezzo Bint-Unzul, mein Täubchen, entlasse mich jetzt, denn siehe, ich glaube, die Luft ist rein!« »Wie Gott will! So geh denn! Du bist schöner als ein Weidenzweig! Und wenn dich nach mir verlangt, so komm wieder!« – – – – – Im Herzen der Hamsaui, tief inmitten des Eingeborenen-Krämerviertels, saß Daûd. Die Seitengasse war überdeckt, sie glich einer bunten Stube. Gedämpftes Licht durchdrang sie. Anheimelnde Düfte: ätzender Mist- und Harndunst von Eseln, beschwichtigt von heimischen Wohlgerüchen aller Art, füllte die Luft... Eine murmelnde Stille herrschte in dieser abgelegenen, schier klösterlich diskreten Gasse, die narkotisch duftete. Denn kürzlich hatte Abu-Sisi, den Parfümeriehändler, das Mißgeschick getroffen, daß sein altersmorscher Ladentisch zusammenbrach und viele Fläschlein ihre Stöpsel verloren, ausrannen, ungeheure Duftverschwendung in die Gasse strahlten, so daß all die schläfrigen Krämer sich an die Nasen faßten und Gottes Segen auf Abu-Sisi herniederwünschten; denn das Unwesen tat einen guten Geruch, und auch Daûd spürte die benebelnde Entladung mit trägem Entzücken. Er saß wie ein Buddha-Bildchen hinter einem Berg von Mograbiner Schuhen. Seine Haltung hatte etwas Statuenhaftes und doch Leichtes. Er saß vollkommen bildhaft da, er sah weder rechts noch links und schwieg, während er teure Zigaretten rauchte und sie von Zeit zu Zeit mit exakten Bewegungen der ärmelverhüllten Arme von den weichen braunen Lippen löste. Er war schön, ja, das war er, etwa wie weiland Kamar-al-Zaman, bei dessen Anblick (wie überliefert wird) selbst Pilger seufzten. Seine Kelabije war aus schwerer Seide, gelb mit braunen Längsstreifen; auf dem Kopf trug er ein weißes Käppchen, und sein hellbraunes rundes Gesicht sah starr geradeaus ... Einsam saß er, still und gefaßt hinter den Schuhen, die er verkaufen sollte; und wenn ein Kunde kam, lächelte er mit hingehaltenem Lächeln und machte gewandte Konversation. Zuweilen drängten sich die Kunden dicht vor dem Basar. Die roten Schuhe hatten gelbe Sohlen mit aufgebogenen Schnäbeln – wahre Kunstwerke waren sie an Gesittung und Eleganz. Abu-Katkûs hatte sie verfertigt – oh, er besaß großes Geschick darin. Er schickte sie in den Sudan, und auf dem Markt zu Omdurman gingen sie reißend ab. Es waren Schuhe für Schêschs, es ging sich gut darin, sie stellten etwas vor, wenn man die Beine überschlug. Sie waren heitere und stolze Abrundungen einer gewichtigen Persönlichkeit. Diese Schuhe formten, zu Tausenden von Paaren verkauft, überall in den Deltastädten ihre majestätische Sohle im Staube ab – und Abu-Katkûs machte ein gutes Geschäft. Er war reich; er lobte Gott und sich selbst; mittlerweile saß er in irgendeinem Café und zog das Brettspiel mit viel Geräusch oder betrank sich, bis die Selbstgefälligkeit ihn zu allerlei schweißtreibenden und primitiven Späßen trieb ... Wenn er ein wenig Zeit hatte nachzudenken, so spürte Daûd in den ersten Tagen noch eine geheime Angst, es könnte eines Tages einer der weiß bekleideten Schauîschs auf ihn zutreten und ihn wegen des Diebstahls verhaften. Eine Woche lang hatte er sich bei jenem Weib in der Wasa versteckt gehalten, und da er reichlich Geld ausgab, hatte man dort ein Interesse daran gehabt, Sand in das Auge des Gesetzes zu streuen. Nun waren seit der Abreise der Inglîz zwei Wochen verstrichen; und wenn gepirscht worden war, so hatte man jedenfalls keinen Fiebereifer dabei entwickelt, und Daûd fühlte sich immer sicherer davor, aufs Karakol geschleppt zu werden. Hier fühlte er sich wohl; und Abu-Katkûs vertraute ihm. Es war herrlich hier wie in einem Zauberkasten, und man konnte den ganzen Tag über träumen. An den Freitagen besuchte Daûd das Hammam, das vom Hof aus mit Mull in einem großen Backsteinkamin geheizt wurde. Er steuerte stolz auf dem schmierigen Boden um das Bassin herum, an dessen Rändern der Pöbel sich für einen großen Piaster striegeln ließ, und warf sich entkleidet in der Dampfstube auf die Kissen, zwischen Effendis und Kaufleute, hinter deren kupferblanken oder bernsteingelben Körpermassen er schier verschwand. Man schwatzte leise, transpirierte und genoß. Kleine Kaffeeschalen standen in Hauptesnähe, man rauchte Gosa und Tschibuk, man las Zeitungen: kurz, man nahm den ganzen Apparat der Muße in diese von Schweiß und Dampf geschwängerte Marmorstube mit. Die schwerbewimperten und gutgenährten Herren faßten zu Daûd eine erhebliche Sympathie. Das war einerseits seinen äußerlichen Reizen zuzuschreiben, und dann noch dem folgenden Umstand: er bat sich die ›,Bourse Egyptienne‹, aus, und während er sein hellblaues Badetuch mit unbewußter Koketterie um sich drapierte, entfachte er eine Zigarette und las mit einem ungeheuren Ernst, der sein Gesicht ganz in Falten zerschnitt, die Börsenberichte durch. Fiel es schon auf, daß er eine perfekte Kennerschaft der französischen Sprache verriet (bei seinem Alter eine bemerkenswerte Tatsache), so nahm die überraschte Verwunderung kein Ende, als er seine Nachbarn in politische Finanzgespräche verwickelte und Fragen stellte, die von hellem Kopf und verschmitzt-rechnerischem Vermögen Zeugnis gaben. Denn mit Abu-Katkûs hatte er so manches Mal bereits einen kleinen Schwatz über derlei Themen gepflogen; von diesem stammten auch die Fachbezeichnungen, mit denen er wenig mundfaul umsprang. Abu-Katkûs hatte durchaus mit dem religiösen Prinzip gebrochen, daß man als rechter Moslem keine Zinsen nehmen dürfe: im Gegenteil, er spekulierte sogar, nicht im großen, aber so hier und da, und leuchtete, wenn er etwas angetrunken war, gern mit der kleinen Ölfunzel einer Enthüllung in das finstere Geschäftchen hinein. Diese Erklärungen machte sich Daûd entzückt zu eigen. Jede von den kleinen Usancen war für ihn bereits Erfahrung, und in der Badestube wußte er sie mit einer Miene zu verwerten, die vermuten ließ, daß er über noch viel mehr orientiert sei. Dadurch enthusiasmierte er die fetten Schnarcher, und sie prophezeiten ihm, daß er dereinst berufen sei, ein großer »Agent d'Affaires« zu werden, was in bester Übersetzung »staatlich geduldeter Gauner« heißt. Doch war all das bei Daûd vorerst noch spielerische Theorie – – – Viele andere Eindrücke rein sinnlicher Art drückten sie auf die Seite, bis der Tag kam, wo er mit Erstaunen bemerken sollte, wozu solch ein Talent gut und nützlich sei. Mittlerweile lebte er sich ganz in sein beschauliches Dasein ein. Noch nie hatte Abu-Katkûs soviel Schuhe abgesetzt wie in diesen Zeitläuften. Frauen aus allen Schichten kamen und verlangten kleine Saffianpantöffelchen für die ungewaschenen Kinder, die sie auf den Schultern trugen. Zuweilen entstiegen auch Damen in der Nebengasse, wo sie halten ließen, ihren Kutschen und trippelten herbei, während gepreßter Atem ihre Schleier blähte und ihre Stimmen melodisch und unablässig gurrten. Dabei verschlangen ihre schwarzen Augen den Verkäufer... Sie handelten nur, um den Kauf hinzuziehen, und Daûd war die Kulanz in Person. Einmal ward er französisch angelispelt und bemerkte eine tiefverhüllte Zirkassierin, die, scheinbar behindert durch allzu enge Schuhe, langsam an der Auslage vorüberschritt... und als sie vorbei war, überprüfte Daûd das Gehörte, und siehe: es steckte eine verhüllte Einladung darin. Er leistete ihr zur Nachtzeit Folge und geriet in ein prächtiges Haus, durch eine Hintertür: und nach lautlosem Durchschreiten eines langen Ganges und dreier duftender Gemächer vollzog sich die Begegnung im schwärzesten Dunkel ohne einen Funken Licht... Diese Zirkassierin stimmte ihn etwas wählerischer; jedenfalls überwand er von nun ab die Neigung zu dem Weib in der Wasa. Er hatte eine äußerst blumenreiche Art, seine Ware anzupreisen. So drang sein Ruf umher, und selbst Europäer gingen spaßeshalber vorüber und ließen sich (unbeschadet ihrer kritischen Hintergedanken) zauberhaft schnell in das aus elegantem Französisch oder schlagkräftigem Englisch gewobene Netz wickeln, das der junge Mensch mit leise werbendem Tone spann, ohne dabei seine meditierende Haltung zu verändern. Gab der Ladeninhaber ihn für ein paar Stunden frei, dann machte er einen Spaziergang. Und überall sah er Neues und doch: wie unendlich Anheimelndes! Seine Seele glänzte dabei auf; er war zufrieden... Eine kleine Strecke weit begleitete er einen Leichenzug und schloß sich den Sängern von der Schule an, die monoton grölten. Er folgerte nach dem Wert der rot-* gemusterten Decke auf dem Sarg, ob es ein reicher oder armer Mann sei, den man zu den Gräbern vor den Toren trug. Grell jammernde Weiber folgten einem Frauensarg, der einen schmuckbeladenen Hals am vorderen Ende trug, und an der Spitze dieses Zuges wandelten, sich an den Händen fassend, blinde Ulama. Hatte Daûd sich an diesem Schauspiel satt gegafft, das er fast täglich genießen durfte, so trieb er sich weiter durch die Hamsaui, verzehrte in einer Frühstücksstube eine Portion Saubohnen mit Zwiebeln, gezuckerte Gurken oder die Hälfte einer blutroten Wassermelone, oder er setzte sich an die Wand einer Zauje, zwischen feiernde Tagelöhner, oder zu Gassenjungen, an deren Spielen er sich noch beteiligte (mehr mit dem Gestus einer Liebhaberei zwar als aus wirklichem Bedürfnis). Darauf ging er nach einem mit jauchzender Lungenkraft durchgeführten Streit, dessen Verlauf jene zeternden Ferkel siegreich zur Demut zwang, wenngleich sie ihm noch erbost nachgeiferten, zu den Gewürzhändlern und naschte bei ihnen, eine Eigenmächtigkeit, die sie grinsend gestatteten. Was gab es auch an nie geschauten Pikanterien! Fahrende Garküchen hatten ihren Reiz schon für ihn eingebüßt ... An den Quellen, die er aufsuchte, gab es Muskatnuß, Anis, Papageienfutter, Hirse, schwarzen Mohn, rote Pfefferschoten, von der Staude gepflückt, und schwarze, wie sie auf Bäumen wuchsen; selbst große Schwefelstangen gab es und grünes Henna ... Von dem letzteren erstand er sich ein Häuflein. Nach Hause gelangt, feuchtete er es an und füllte die Hände damit, die ihm Abu-Katkûs zusammenband, während er schlief. Und am nächsten Morgen leuchteten seine Handteller, herrlich rot geätzt... Er sah den halbnackten, mit gelben Hüftfetzen bekleideten Kerlen zu, die mit Eisenstangen in Steinbehältern Drogen zerpulverten: Gummi und Seifenwurzeln aus dem Sudan, von denen die Frauen aßen, um fettleibig zu werden (man schätzte die Fettleibigkeit, wie Daûd an seinen älteren Freunden wahrnahm, ungemein). Oder er ging in die Zuckerije, in das Reich der Manufakturhändler. Hier war in jedem Laden ein unablässiges, leises Händerühren. Weber saßen an ihren Bandwebstühlen und zauberten rote Zierleisten in die mit Indigoschwarz gefärbten Baumwollgewänder, wie sie die Fellachen und Beduinen tragen. Unablässig auf und ab spulend, drehten sich die räderförmigen Strähngewinde aus leichtem Bambus... Bügler, in Schneiderstuben, sprühten Wasser aus dem Mund auf die Mäntel und führten das Bügeleisen mit dem Fuß über die Gewänder... Sie glichen Affen; all ihre Gliedmaßen waren in Bewegung... Aus einem flachen Gebäude, an dem Daûd zuweilen vorüberkam, drang ein rasselndes Ticken, für das er keine Erklärung fand, bis er sich eines Tages verschämt hineinstahl. Was er sah, begriff er zunächst nicht recht. Auf vielen parallelen Tischen standen Maschinchen, von kleinen Pleuelstangen in Bewegung gesetzt; sie arbeiteten, hasteten, tickten, als ob in jeder ein kleiner, fleißiger Dämon sitze, der zugleich ein Sinnbild für dies ganze regsame Viertel sei. Als nun Daûd die Augen zufällig in ein Nebenräumchen wandte, war er für eine Minute fassungslos und verblüfft ... Denn da drinnen, mit demselben Schritt, wie sie um die Sakije kreiste, ging eine dumpfe Gamusah ihren Frongang; sie war die Kraftquelle, sie erhielt das Leben dieser ganzen vielfältigen Zwirnerei. Daûd trat heran und streichelte sie. Sie grunzte leise, als ob sie einen Gruß aus der Heimat spüre ... Und auf dem Hof, zwischen aufgestapelten Baumwollballen phlegmatisch gelagert, sah er zu, wie man einem Esel ein kunstvolles Sattelmuster auf den Leib schor, und er dachte des eigenen, dessen jetziges Schicksal ihm dunkel war, nicht ohne eine gewisse träumerische Wehmut ... Was war dies auch zuweilen für ein seltsames Gemisch von traumhafter Vergangenheit und der Empfindung fiebernder Gegenwart! In dem Viertel Darb-el-Achma, beizenden Ledergestank in der Nase, durchirrte er enge Gassen unter Zeltdecken von flammender Buntheit, die mit aufgenähten Koransprüchen und geknickten Sternornamenten bedeckt waren ... Zwischen Pantherfellen und ausgehängtem Zaumzeug hockten die Schuster und wachsten ihre Ziehschnüre ein, die sie mit den großen Zehen spannten. Ab und zu glitzerte ein Laden voller Lametta vor ihm auf, gefüllt mit rosa Zuckerpuppen, und rotbärtige Aleppiner hockten darin und spannten Tarbusche auf verstellbare Messingkübel. Die Fülle des Geschauten, das ihn neu und gleichwohl so heimatlich umgab, ermüdete Daûd. Er lehnte sich an den Alabasterbau eines Brunnens, unfern einer Medresse unter das ziselierte Gitterwerk eines Fensters und starrte die Straße hinab ... Wie in der Wasa wachte ein Gefühl in ihm auf, eine schrankenlose Hingabe der Seele an all dies phantastische Leben, das, noch unangetastet von der dahinrollenden Zeit, gleich dem dort draußen an den Ufern des Stromes seit vielen Jahrhunderten bestand und bestehen wird – unter dem Pulsschlag einer unfaßbar endlosen Gegenwart. Daûd war sich der eigensten Empfindung nicht bewußt, die ihn zur Andacht trieb; er fühlte nur das Unzerstörbare all der gleichmütigen Gesichter in allen Schattierungen von Braun und der uralten Handgriffe, die ihren flinken Lärm machten; das Unzerstörbare dieses ganzen lächelnden Volkes, das nie anders als von heute auf morgen denkt. Er fühlte das unvollkommen, aber deutlich genug, um sich ganz in üppigem Gleichmut zu ihnen zu gesellen und alle Sorge gleich ihnen von sich abzutun, wie man ein Ungeziefer mit den Fingern vom Ärmel schnippt. Eines Tages prallte er während einer ziellosen Wanderung zurück und staunte: er stand vor dem Bab-Zuweili, vor jener Torschlucht in der Stadtmauer: hier hauste der Kutb!! Die schwarzen Torflügel trugen an Nägeln, mit denen sie dichtbespickt waren, unzählige Fetzen, die sich wimpelnd in leichtem Winde rührten. Frauen traten heran, hoben ihre schmutzigen Kinder empor und ließen deren Stirnen und Lider an die eisernen Zapfen rühren ... Daûd sah scheu hinüber; etwas wie religiöse Inbrunst lähmte seinen Schritt. Und mitten in dem kreischenden, unablässigen Verkehr, der ihn wild umdrängte, gedachte er Ali-ibn-Mûsas, seines alten Lehrers, und der blaue Traum unter der Akazie, den er vor Jahren geträumt, durchleuchtete ihn und schüttelte ihn wie plötzliche Wollust. Erst nach langer Weile kehrte er, ganz in tiefes Sinnen verloren, um und ließ sich von der Welle des Verkehrs zurücktragen, gleichgültig wohin ... Vor ihm wuchs der Wunderbau der Muaijad-Moschee empor und streckte seine beiden schlanken Minarette wie atmende Pflanzenschäfte in das Blau. Mit Zinnen von dreilappiger Lilienform wie ein Schrein geschmückt, beherrschte dieser Tempel einen Teil der Straße und zerdrückte mit seinen wuchtigen Maßen das wimmelnde Leben dort unten, das von seiner erhabenen Sicht aus einer Unratrinne glich. Daûd ging auf die alte Fassade zu und staunte empor. Abwechselnd weiße und schwarze Steinschichten türmten sich zu prunkvoller Höhe: wie süß das Blau durch die Zinnen dort oben quoll und jede Lücke leuchtend füllte! Von oben taute Stalaktitenschmuck aus der sphärisch vertieften Bekrönung auf das Tor herab. Und dies Tor, von arabischem Rankenwerk umblüht, öffnete seine bronzenen Torflügel, die gebuckelten Schmuck von märchenhaftem Formenreichtum trugen, dem Kömmling wie zur Begrüßung. Ein halbblinder Hüter kam hervor; Daûd legte seine Schuhe ab und ging barfuß auf den kühlen Fliesen ins Sanktuarium. Er trat auf einen der Seitenliwane und blickte die Säulenreihen herab. Der Garten schob auf dem Grund des alten Sachn-el-Gama seine sonnigen Baumgruppen bis zu den Arkaden heran. Hier in der feierlichen Stille, in die der Straßenlärm ganz fern, kaum lauter als Mückengesumm, hereindrang, leistete Daûd sein Abendgebet, während die Schatten erwachten und das Blau in der Rosette ihm gegenüber tiefer wurde. Dann schlief er ein. Als er erwachte, flimmerten rote Ampeln über ein Meer gebeugter Rücken hin; und von der Kanzel her, die er nicht sehen konnte, drang eine langgezogene, vibrierende Stimme, bebte durch den kahlen Raum und füllte ihn an, feierlich und fanatisch. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Eines Tages saß er schläfrig hinter seinen Schuhen. Die verflossene Nacht hatte er ein zweites Mal bei der Zirkassierin zugebracht, ohne doch mehr von ihr zu sehen zu bekommen als früher. Ihrer großen Hitze war es zuzuschreiben, daß er leichte Schatten unter den Augen trug, die ihm gut standen. Er grübelte soeben über die Lage jenes Hauses nach, die ihm immer noch unklar war (man hatte ihn jedesmal in einer geschlossenen Droschke hin- und zurückbefördert), und war gerade drauf und dran, etwas einzunicken, als ein Mensch auf ihn zukam, dessen Anblick ihn sofort munter machte. Denn der Mensch kam so unaufhaltsam auf den Laden zu, daß es sich ohne Zweifel um einen eiligen Kauf handeln mußte. Daûd taxierte ihn blitzschnell ein: ein Bei! schoß es ihm durch den Kopf. Ein großes Tier! Eine einheimische Größe! Er meint es nicht gut mit seinen Nächsten – siehst du die Nase und die gelben Augen? Der Mann war inzwischen angelangt und lehnte sich, die Hände in den Taschen, mit einem grellen Blick auf Daûd, an die Auslage hin. Er sah die Schuhe nicht an; er sah Daûd an. Daûd seufzte eine arabische Empfehlung seiner Ware; er war etwas fassungslos ... Infolgedessen lächelte er und wies mit einer weichen, anheimstellenden Gebärde aus seiner kreuzbeinigen Stellung heraus über all die Schuhe hin, die wie eine Kaskade, hübsch gruppiert, aus dem Laden quollen und durch ein Brett in ihrem Trieb gehemmt, dennoch mit Hunderten von reizend aufgebogenen Schnäbeln auf Wanderschaft zu gehen wünschten ... »Sehen Sie mich nicht an, Bei,« sprach Daûd still für sich, »sehen Sie doch die Schuhe an. Was bin ich? Ein Nichts. Ich bin nur die Betriebskraft ...« Und endlich, mit hingezogenem Lächeln, sprach er auf französisch: »Wünschen Sie mich zu kaufen, mein Herr, oder haben Sie es nur auf die Schuhe abgesehen?« Hier lächelte der Mann auf eine unbehagliche Art und Weise. »Du hast recht,« sagte er, »ich will dich kaufen.« In diesem Augenblick glich er einem Aasgeier. Seine gewölbten, hervortretenden Augen starrten grell, nackt und gefräßig in die Welt. Aus seinem ledernen, olivfarbenen Gesicht hieb die Nase wie ein Säbel nach Daûd. Alles Temperament, das er bei der Unterhaltung entwickelte, überließ er seinen Händen, die knochig waren und gewandt wie die eines Taschenspielers. Ein fadenscheiniger Schnurrbart hing grau und nikotingeschwärzt zu den Seiten der ledernen Lippen herab, die gelbe Zähne sehen ließen. Seine Schläfenadern saßen dick unter dem kantig vorspringenden Stirnbein; sein Adamsapfel stieg beim Reden ständig auf und ab. Daûd schätzte ihn auf beiläufig sechzig Jahre... Alle Möglichkeiten dieses Handels schossen ihm durch den Sinn, und er fühlte sich ein wenig beunruhigt. Die Situation schien sich zuzuspitzen, doch hieß es, diplomatisch zu bleiben. Er schüttelte darum langsam das Haupt und schob den Zeigefinger amüsiert in der Luft hin und her. Der Mann ließ sich etwas Zeit, bis er den billigen Irrtum berichtigte, und Daûd, schier verzweifelt, wand sich auf seinem Sitz. Da hatte der Mann ein Einsehen und setzte ihm sehr schnell und geläufig auseinander, wozu er ihn benötigte. Er sagte: »Ich bin Succetti-Pascha.« Da wußte Daûd, daß er den Direktor der Egyptian Banking Corporation vor sich habe; und eine große Neugierde machte ihn erbeben. Was mochte wohl den machtvollen Mann dazu bestimmt haben, sich in eigener Person nach ihm, Daûd, dem belanglosen Knaben, umzutun. »Ich habe von dir gehört. Ein Bekannter erzählte mir von dir; er kennt dich von der Dampfstube her. ›,Denken Sie sich!‹, sagte er, ›,denken Sie sich, Succetti-Pascha! Ich liege und denke an nichts, da kommt ein Junge aus der Hamsaui und führt Börsengespräche wie ein Alter. Das wäre ein Kapital für Sie! Ein angenehmes Gesicht! Eine volle Figur!‹,« Er machte einen Ring mit Daumen und Zeigefinger; ein Solitär gab seinem Entzücken, das Gehörte durch die Tatsachen bekräftigt zu finden, einen blitzenden Nachdruck. Daûd erbebte wiederum, aber diesmal, weil der Bericht ihm maßlos schmeichelte. »Und ist es wahr, daß du drei Sprachen sprichst?« »Das ist wahr, Effendi.« »Wenn du nicht lügst,« meinte Succetti-Pascha, »so stelle ich dich an. Das Gehalt wächst, wenn du dich bewährst, und du verdienst dreifach soviel als hier.« Er wies mit der Nase nach den Schuhen. Dann zog er ein Notizbuch hervor und ließ Daûd einige Sprachproben und Zinsberechnungen zum besten geben. Eine halbe Stunde lang vertieften sie sich in diese anregende Tätigkeit ... Das Resultat überstieg die Erwartungen des Direktors offenbar, denn er wurde sehr beweglich, so, als ob er es allein nicht fassen könne, als müsse er noch andere Zeugen am Ausschnitt ihrer Kelabijen heranzerren und zu ihnen sprechen: »Erstaunlich, meine Herren, diese Intelligenz, wie? Das ist ja scharmant ...!« Und siehe da, es fanden sich Zeugen. Aus den umliegenden Läden traten sie hervor und bezeigten ihren Beifall, all die schläfrigen Krämer, untermischt mit vorbeibummelndem Pöbel, der alles stehen und gehen ließ und staunend rastete. Auch Abu-Katkûs ward endlich lebendig. Er hatte im Hintergrunde des Ladens gelegen; nun weckte ihn das Stimmengewirr. Er strich seinen schwarzen, rundgeschnittenen Bart und kam voll Neugier hervor. Das Wortgefecht, das nun folgte, dröhnte die ganze Gasse herab. Denn als Abu-Katkûs begriffen hatte, daß man ihm seine Attraktion entführen wolle, rief er Allah und seinen Bart zu Zeugen an, daß er solches nie und nimmer dulden werde. Der Aasgeier jedoch sprach in einem Augenblick, wo Abu-Katkûs Luft zu schöpfen gezwungen war, sehr schnell und leise auf ihn ein; nahm das Heft des Gesprächs völlig in die eigene Hand, schließlich schlug er ihm auf seine fetten Schultern und teilte ihm flüsternd etwas mit ... Abu-Katkûs verstummte. Möglich, daß Succetti-Pascha von gewissen Unternehmungen des Biederen Wind bekommen hatte. Mit einem Gesicht, das sich in weinerlicher Wut verzog, trat der Kaufmann zurück. Daûd hatte dem Streit um seine Person gelauscht, ohne einzugreifen. Nun erhielt er die Weisung, am folgenden Tag im Gebäude der Bank zur Stelle zu sein. »Du bist also engagiert«, sagte Succetti-Pascha schließlich. »Beherzige das, du Labsal der Augen.« Und darauf, nach einem langen, äußerst tückischen Blick, der Abu-Katküs vollends vernichtete und zusammenschrumpfen ließ, ging er seiner Wege. Das Volk stand noch, dem Vorfall nachträumend, eine Weile umher und starrte Daüd mit offenem Mund an. Und dieser, als sei nichts geschehen, bot an, feilschte und trieb sein Geschäftchen weiter, bis der Abend kam. Da lud Abu-Katküs ihn zu einem Abschiedsessen in sein Privathaus ein. Er ging früher fort, um seine Freunde dazu zu bitten; und nach Einbruch der Nacht folgte Daüd. Das Haus, das Abu-Katküs bewohnte, lag in der Sikkeh-el-Guedidah in einer gleichartigen, etwa hundertjährigen Straßenzeile. Auf dem Messingklopfer der Tür standen die üblichen Worte: »Was hat Gott nicht gegeben!« Was in diesem Falle zu bedeuten hatte: »Gott hat das Haus so gemacht; ich bin nicht eitel!« Nach dem Durchschreiten eines gewundenen Ganges gelangte Daüd, von dem Bauwab geleitet, in die Mandara. Diese Mandara war ein seltsames Gemisch von konservativem Stil und neuzeitlicher Geschmacklosigkeit. Abu-Katküs' Vorväter hatten den Raum ausgestattet, wie er ihnen entsprach; davon zeugten noch die geschnitzten Balken an der Decke, die steinerne Suffeh, 208 die an der übertünchten Wand eingelassenen Schränke mit erfindungsreichen Holzgittermustern; ebenso noch die Gruppierung der Kissen und Matratzen auf den Diwanen zu beiden Seiten. Aber diese letzteren waren nicht aus bunter Seide, sondern mit kahler Leinwand überzogen; und auf der Suffeh standen keine Räuchergefäße mehr, auch kein Becken oder Krüge für Mahlzeits- und Gebetswaschungen, sondern die Generation Abu-Katküs' gestattete sich, da der Prophet nur den Weingenuß verbietet, starke Spirituosen zu gelegentlicher Leßung, so daß jenes Sims einem kleinen Schenktisch glich. Auch hatte Abu-Katküs seine Wasserpfeifen, deren er vier besaß, dort untergebracht. Auf dem sechseckigen Ziegelmuster der Durkaah, wo man sich zur Mahlzeit niedergesetzt, stand ein häßlicher, moderner Rauchtisch.., Als Daüd eintrat, erhob sich das Häuflein, und die Begrüßung fand statt. »Dein Tag sei glücklich!« sprach Daüd. Abu-Katküs erwiderte: »Sei glücklich und gesegnet!« Hierauf setzte man sich nieder und schwieg eine Weile. Dann erkundigte sich Daüd beim Hausherrn (den er noch vor zwei Stunden gesehen): »Wie geht es dir?« »Gelobt sei Gott!« meinte Abu-Katküs und bot Zigaretten an. Aber Daüd ließ nicht locker: »Geht es dir gut?« Was Abu-Katküs zu der Antwort veranlaßte: »Allah ist groß; ja, wahrlich, es geht mir gut«, und alle damit wieder zu einem kurzen Schweigen verdammte, damit man dem Brauche Genüge leiste ... Alle tauschten – es waren fünf Männer – ähnliche Begrüßungsformeln mit Daûd aus, was einige Zeit in Anspruch nahm, gerade solange, als man brauchte, um das Essen zu bereiten. Endlich kam es in einem großen Napf serviert. Es war ein schwer gepfeffertes Mahl, denn Abu-Katkûs war ein Leckermaul. Die Reihenfolge, die man innehielt, herzhaft mit den Fingern zulangend, war die: Reis mit Huhn, Zwiebeln in Tunke, gebratener Hammel. Diesen letzteren zerzupfte man mit den Fingern... Nur Hassan-Abu-Kêf, einer der Geladenen, ein Juwelier, trug ein Taschenbesteck bei sich; doch benützte er die Gabel nur dazu, um das gewählte Stück herauszufischen und nahm es dann, bevor er es in den Mund steckte, mit den Fingern von dem lästigen Instrument herab... Hierauf erschien süßer Reis mit Sahne und roher Salat. Den Beschluß bildeten Wasser- und Zuckermelonen, Mangofrüchte und kleine saure Äpfel. Man aß mit Genuß, Ausdauer und Hingabe, man verschlang ungeheure Portionen und kaute, daß der Schweiß von den Schläfen rann. Als sich nun alle gesättigt hatten und sich gegenseitig mit kräftigem Aufstoßen bewiesen, daß die letzte Luft aus ihren dankbaren Mägen verdrängt sei, entfernten zwei kümmerliche, offenbar für diesen Zweck von der Straße gemietete Diener die spärlichen Reste des Mahles und trugen einen Messingkessel mit Wasser auf, in dem man sich mit großem Geplätscher die Hände reinigte. Darauf nun ward eine Literkanne, hübsch ziseliert, an einem Stiel hereingetragen und in winzige Tassen ausgeschenkt. Der Dampf des Kaffees erhob sich lieblich. Sechs geblähte Nüstern schnupperten ihn befriedigt ein. Man machte es sich noch bequemer als vorher; man lockerte die Schärpen und nahm halbliegende Stellungen ein. Lobsprüche über das Mahl, in tiefstem Baß vorgebracht, erfreuten Abu-Katkûs' Herz. Ungeheures Geschlürf begann, das brühheiße, braune Naß hüpfte in becherförmig vorgestreckte Lippen; verzückte Augen drehten sich zur Decke empor, gespreizte Finger deuteten das um sich greifende Urbehagen an. Die Unterhaltung war nun auf dem Punkte angelangt, daß Abu-Katkûs Daûd in den Vordergrund schieben konnte. Er sang eine Hymne auf ihn, was Daûd mit verbindlicher Miene geschehen ließ; ja, er unterstrich die blumigen Bezeichnungen, die man auf ihn häufte, noch durch beständiges Kopfnicken. Er war völlig davon überzeugt, daß man eine Perle an ihm verlor. Dies meinten auch die anderen (alles ältere Männer von der Art des Gastgebers), und sie bedauerten einstimmig Abu-Katkûs' Entschluß. »Allah weiß, daß mir flugs die Hände abfallen, wenn ich ihn gern von mir gebe...«, meinte Abu-Katkûs geräuschvoll. Und er fuhr fort, er gab die Gründe preis. Nun kam allerlei Erbauliches zutage; und Succetti-Pascha wurde nach drei Minuten hingerichtet. Ganze Mistwagen von Verleumdungen (und zum Teil berechtigten ) fuhr Abu-Katkûs hinter ihm her. Er selbst reinigte sich dröhnend von jedem Verdacht; ja, er saß am Schluß gekränkt und vereinsamt da und duftete von Unschuld. Alle wandten nun ihre Gesichter Daûd zu und betrachteten ihn gedankenvoll. Nachdem sie sein Bild gründlich in sich aufgenommen, brummten sie beifällig. Habib-Mos-Tizi zog sein goldenes Zigarettenetui hervor, öffnete es nicht ohne selbstgefällige Umständlichkeit und reichte es geöffnet zu Daûd herüber. Der Tabak war mit Ambra imprägniert und war recht teuer. Beifallgrunzend sah man diesem Akt der Großherzigkeit zu und folgte dem kostbaren Gegenstand mit den Augen, bis er wieder bei dem Spender verschwunden war. Zedân-Jussef-el-Albaza tat den Mund auf und sprach: »Bei Gott, Abu-Katkûs, es ist wahrlich an dem, daß du es bedauern mußt, diesen Knaben dahinzugeben. Er hat eine gute Art und Weise, und der Erbarmer hat ihn wohlerschaffen.« Jedesmal, wenn irgendein Name in der Tafelrunde fiel, schwamm eine Welle von breit verrinnendem Gelächter hinter ihm her. Denn diese Namen waren samt und sonders obszöne Spitznamen, die sich die Männer untereinander gaben, und sie erhielten auf diese Weise stets eine gleichmäßige Heiterkeit wach. »Da hast du recht gesprochen«, erwiderte Abu-Katkûs. »Es ist ein schlechter Mensch, der ihn wegnimmt, Allah vertilge seine Art.« »Sage mir doch,« rührte sich jetzt Mohammed-Abu'l-Sikr, der »Vater des Taumels« (so zubenannt, weil er sich am schnellsten betrank), »sage mir doch, Abu-Katküs, wie geschah es, daß du diesen da aufgefunden hast?« »Das ist sehr einfach zu erläutern, o Mohammed-Abu'l-Sikr. Er kam die Gasse herab; er war wie ein Weidenzweig, und mein Herz neigte sich ihm zu. So kamen wir ins Gespräch miteinander, und ich erkannte seine ungemeinen Talente und setzte ihn hinter meine Schuhe. Allah weiß: es war kein schlechter Handel.« Daûd dankte ihm für diese Schmeichelei, indem er die Geste der Begrüßung andeutete. »Eins jedoch zerbricht mir den Kopf«, fuhr der Vater des Taumels fort und wandte sich an Daûd. »Dein ehrenwerter Name ist ein Bauernname, und wenn ich dich ansehe, so kann ich nicht glauben, daß du in der Eselskrippe auf die Welt gekommen seist.« Dieser Punkt schien der ganzen Gesellschaft schon Gedanken gekostet zu haben; denn sie belohnten die Frage mit Beifall und machten sich auf die Eröffnung gefaßt. Und Daûd, der bis jetzt als der Jüngste geschwiegen hatte, erkannte, daß die Zeit zu einer Aufklärung gekommen sei und zugleich die Möglichkeit für ihn, einen geheimnisvollen Glanz auf seinen Abgang zu werfen. Er räusperte sich darum und hielt folgenden bescheidenen Vortrag: »Deine Frage, o Mohammed-Abu'l-Sikr, rührt an mein Herz, denn du hast wahrlich recht mit deiner Vermutung. Ich bin nicht der Sohn eines Zabal, eines Damûm, Zuggâba oder Gabâz – Fluch über solche Namen, denn sie hören sich an wie geblökt von Jungvieh, und ihr Geruch sticht in die Nase. Die Wege des Erbarmers sind unerforschlich; so hat er mich denn in die Grube gesetzt und mir die Bestallung der Sakije überwiesen. Als die Zeit reif war, hat er meinen Kopf erleuchtet und mir offenbart, daß ich von besserer Herkunft sei.« »Das muß wahr sein«, unterbrach ihn Hassan-Abu-Kêf, der dickste unter den Männern. »Du bist fett und hell. Du bist kein Sprößling eines Mistschleppers, denn sonst wärst du nach Allahs Ratschluß und nach der Gepflogenheit der Umstände schwarz und dürr. Denn die Kinder von Affen sind Affen und keine Katzen. Da du aber keine Katze bist, Sohn des rechtgläubigen Unbekannten, so ist daraus zu schließen, daß du die Wahrheit sprichst, und daß unser eigenes Blut auch in deinen Adern rollt.« »Gut gesprochen«, freute sich jetzt Habib-Mos-Tizi. »Denn wenn du als Fellache geboren wärst, so wärst du einer geblieben, und Abu-Katkûs hätte Bedenken getragen, diese seine ehrenwerten Freunde um deinetwillen zu einem Mahl zu versammeln. Denn die Fellachen bleiben Schweine ihr Leben lang; und Gesittung bleibt ihnen fremd. Und hätte man ihnen auch deine Erziehung angedeihen lassen, so hätte es nicht die Frucht getragen wie bei dir, weil du von besserem Blute bist. Wie sagt der Imam-el-Schâfei?« Habib-Mos-Tizi tremolierte und schob den krächzend geleierten Vers ein: »Wer die Unwissenden mit Wissen beschenkt, verdirbt sie, und wer, die es verdienen, abhält, frevelt!« Habib-Mos-Tizi tat sich nicht wenig darauf zugute, daß ihm dieser Vers zur guten Stunde einfiel. Er hatte ihn kürzlich von einem seiner Kunden, einem halbverblödeten Schreiber, gehört und zufällig behalten. Er ließ, um gleichsam anzudeuten, daß er den Vortrag der folgenden Verse nur aus Bequemlichkeit unterlasse, die hohle Hand noch eine Weile im Nacken beben, wobei er verheißungsvoll und unverständlich grölte; und dann schwieg er und schlürfte ein Schlückchen Kognak, sich aus der Flasche bedienend, die der kluge Abu-Katkûs inzwischen von der Suffeh heruntergeholt. »Was die Fellachen anlangt,« rührte sich jetzt Zedân-Jussef-el-Abaza, »so muß ich euch insgesamt eine höchst lächerliche Geschichte berichten, die mir neulich begegnet ist. Ich hatte ein Geschäft zu Edavi, in der Nähe von Kafr-el-Zaiat, und begleitete den Dorfschulzen nach Iskandrije. Als wir nun im Speisewagen saßen, sprach dieser Unerleuchtete: ›,Mein Bruder, du hast mich in ein Wirtshaus geführt statt in einen Wagen!‹, – ›,Sorge dich nicht,‹, erwiderte ich, ›,es werden Pferde vor dieses Wirtshaus gespannt, und wir werden mit Allahs Hilfe zur rechten Zeit ans Ziel kommen!‹,« Diese Antwort rief breites Gelächter hervor, worauf man dem Inhalt der Flasche gemeinsam zusprach. Dem dicken Abu-Kêf fiel jetzt auch etwas ein. »Das ist sehr lächerlich, aber mir begegnete unlängst etwas Ähnliches. Ich saß in dem Geschäft jenes kleinen Schreihalses, der abendländische Weiber an die Inglîz verkauft.« (Er meinte den deutschen Besitzer eines bekannten internationalen Restaurants.) »Da kam ein Fellache herein. Er war ganz schmutzig. ›,Oh, mein Bruder,‹, sagte ich, ›,es ist nicht möglich, daß du dich hier niederlassest; denn hier sind Inglîz, die sich alle Tage waschen.‹, ›,Maalesh,‹, sagte er (er starrte von Schmutz), ›,ich habe heute zweihundert Feddân Land verkauft.‹, Und er setzte sich mir gegenüber. Da kam ein Diener in einer weißen Abaje (diesmal meinte Abu-Kêf einen Kellner) und schrie: ›,Mach', daß du hinauskommst!‹, Doch jenes Schwein versetzte: ›,Warte ein wenig, du Hundesohn‹, und nahm eine Zehnpfundnote aus seinem Kaftan, der von Mist strotzte. Bei Gott! Er hatte ein Bündel Bankscheine in seiner dreckigen Kelabije, so viel, daß er uns alle hätte auskaufen können.« »Mögen sie zur Hölle fahren und keine Ruhe finden«, unterbrach ihn hier Habib-Mos-Tizi. »Ja, es ist wahr, diese Leute, die einen Koben ihre Wiege nennen (verflucht sei der Schoß ihrer Mütter!), verdienen jetzt und gehen mit Pfunden um wie mit kleinen Piastern.« Abu-Kêf quittierte diese Unterbrechung mit einem anerkennenden Blick. Dann fuhr er fort: »›,Hier und nimm,‹, sagte der Fellache, ›,und bring mir zu essen. Bringe auch eine Flasche Whisky für diesen ehrenwerten Kaufmann, der an meiner Kleidung mäkelt. Der Rest ist dein.‹, – Daraufhin lachte der Weißgekleidete und ließ ihn gewähren. Die Inglîz nahmen die Pfeifen aus dem Mund, schnoben durch die Nasen und gingen im Bogen um uns herum. Er stank erschrecklich. Jeder, der ihn ansah, hätte sich übergeben müssen. Aber der Whisky war gut, und so verzieh ich ihm manches, ja, ich vergaß schier, daß er nicht mein Bruder sei. Doch wer sich mit diesen einläßt, ist nicht wert, geboren zu sein!! Wir tranken also, und jener Gastwirt kam und sagte: ›,Bei Gott, es ist nicht möglich, daß du hier sitzenbleibst!‹, – ›,Bei Allah ist alles möglich!‹, schrie der Fellache und pochte auf sein Geld. Da sprach ich zu ihm: ›,Ich habe ein Gewand zu Hause, das will ich über dich fallen lassen... Komm mit, ich schenke es dir.›,‹, Und ich ging mit ihm und hieß ihn sich auskleiden und gab ihm einen von meinen abgetragenen Mänteln. Darauf bespritzte ich ihn mit Rosenessenz über und über, und wir gingen wiederum an jenen Ort zurück. Hatte er vorhin abscheulich gestunken, so duftete er jetzt wie Abu-Sisi, der mit Wohlgerüchen in der Hamsaui handelt. Da ihn jetzt wiederum hungerte, bestellte er ein zweites Gericht. Er war so dumm wie der Schêsch-el-Beled von Kene, der an seine Angehörigen in Kairo einen Brief schrieb, in dem unter anderem stand: Neulich habe er seine Kelabije gewaschen und auf das Dach zum Trocknen gelegt, und ein Windstoß habe sie herabgeweht. Da sei er auf die Knie gefallen und habe Allah inbrünstig und von ganzem Herzen gedankt, daß er nicht in der Kelabije gesteckt habe, denn sonst läge er jetzt zerschmettert am Boden!« Jetzt nun wurde Abu-Kêf durch ein dröhnendes Gelächter unterbrochen, das breit und sonor begann und in kleinen, hilflosen Schluchztönen, die immer wieder zum Vorschein kamen, langsam dahinstarb. Aufs höchste geschmeichelt, fuhr er fort: »Einen Fellachen ließ einst ein Imam den Koran lernen und städtische Kleidung tragen. Er sollte zum Schluß eine Probe seiner Gelehrsamkeit abgeben, und der Imam freute sich, denn er hatte viele Mühe und schweißtreibende Hirnarbeit an ihn gewandt. Beim Examen sprach also der Lehrer: ›,Ich habe hier etwas in der Hand, und du errätst mir, was es sei.‹, Sprach jener: ›,So Gott will!‹, und stellte, wie er es gelernt, das Horoskop. Darauf sprach er: ›,Es ist um und um rund, und in der Mitte ist es hohl.‹, – ›,Wahrlich, das stimmt‹,, erwiderte der Imam und war entzückt. ›,Doch was ist es?‹, Und dieser Bauer besann sich eine Stunde lang, und dann sagte er: ›,Bei Allah, es ist ein Mühlstein.‹,« – Nachdem Abu-Kêf die elementare Wirkung auch dieser Anekdote abgewartet hatte, nahm er einen Schluck und beschloß seine erste Erzählung. »Das zweite Mahl wurde also gebracht, und ich hatte ihm zu Spargeln geraten. Als sie nun so hübsch eine an der anderen vor ihm lagen und es ihm nicht einfiel, mich einzuladen (wiewohl ich ihm doch das Gewand geschenkt!), sondern gleich darüber herfiel, sprach ich zu ihm: ›,Mein Bruder, du kommst aus dem Delta und bist unerfahren in der feinen Sitte: Man ißt die Köpfe der Spargel nicht mehr.‹, Darauf schnitt er sie ab und ließ sie liegen. ›,Was bin ich?‹, fuhr ich fort. ›,Ich bin in deiner Hand... Erlaube, daß ich die Brocken esse, denn mich hungert und bin arm wie eine Ratte.‹, – Und ich aß sie auf. Er verachtete mich darob. Am Schlüsse grölte er und wurde zuchtlos. Ich habe nie einen Menschen von schlechteren Manieren gesehen!« Dies bekräftigten alle und gaben Abu-Kêf recht. Während sie in der Folgezeit noch mit ihren rasselnden Stimmen durcheinanderschwatzten, bediente sich Daûd unablässig aus der Flasche und wurde dementsprechend schelmisch. Eine ungeheure Behaglichkeit durchdrang ihn. Er lüftete gleich den anderen ohne viel Umstände seine Gewandung, und ein Gelüst überkam ihn, Aufsehen zu erregen. Er sprach mit seiner hellen, gellenden Stimme: »O ihr Männer, hört mir zu!« »Sprich«, kam es zurück. »Wir lauschen dir.« Und Daûd begann mit gewichtiger Stimme: »Ein Bauer sagte einmal zu einem anderen: ›,Höre, was die Liebenden sagen.‹, Jener fragte: ›,Was sagen sie, o Abu Damum?‹, Da sprach der andere ein Gedicht, das hörte sich an wie plätschernder Eselsurin: ›,Ich sage, Ginêsin, du hast dich mit ihm zurückgezogen, in unsere Wohnung, du aufsteigender Mond, und er hatte seine Belustigung mit dir.‹, Jener besann sich eine Weile, dann fragte er: ›,Von wem ist das?‹,« – und jetzt begann Daûd mit unerhörter Schnelligkeit in seinem vulgären Dialekt zu plappern: »›,Von Harin-er-Rusâd, der in den Brunnen fiel, wo ihn das Krokodil fraß, auf den der Dreck herabregnete in der Moschee Tîlûn, wo das Feuer kalt ist...‹, Jener sagte: ›,Sicherlich, gut, sehr gut, ich weiß auch eine Geschichte von Isâ-ibn-Abu-Tâlûb, die heißt: Es ging ihm genau so, wie es ihm ging, und um kein Haar anders!›,« Das Gelächter, das Daûd erntete, stellte an Schlagkraft und Schallwirkung alle Erfolge in Schatten, die Abu-Kêf eingeheimst. Allgemeines Wohlwollen umbrauste den Knaben; man zog ihn näher herzu; man befaßte sich mit ihm; er ging von Hand zu Hand wie eine gehätschelte Puppe. Schließlich befreite er sich unter glucksenden Lachtönen von all den Händen, von all der enthusiastischen Fürsorge. Er stellte sich im Raume auf und begann zu tanzen. Diesen Tanz deutete er dadurch an, daß er die Hüften hin und her schob, den Kopf mit geschlossenen Augen und klaffenden Lippen in den Nacken fallen ließ und die Hände auf die Seiten streckte, wobei er sie spreizte und in fast spitzen Winkeln abknickte. Dann drehte er sich mechanisch und endlos um sich selbst, wobei er hoch und gläsern schrie. Farbige Lichter taumelten um ihn herum. Und die Männer schwiegen und sahen ihm zu. Als er umfiel und auf den Boden rollte, regten sie sich, bemächtigten sich seiner mit breitem Gelächter, stärkten ihn und warteten vergnüglich ab, was dies trunkene Hähnchen ihnen nach weiteren Tänzen bescheren werde... Der Diener der ganz Verworfenen Und an jenem Tag wird der Sünder seine Hände beißen und sprechen: »Oh, daß ich doch einen Weg mit dem Gesandten gegangen wäre!«                     Koran, Sure der Unterscheidung. Als Daûd in derselben Mandara erwachte, tat ihm sein ganzer Körper weh. Gleichwohl erhob er sich, kleidete sich unverzüglich an und stellte sich pünktlich der Abmachung gemäß auf der Bank ein. Er ward dem Direktor durch einen Kawassen gemeldet. Succetti=Pascha erhob sich von seinem Mahagonidrehstuhl und führte ihn in ein Räumchen, das er ihm als seine künftige Wohnung vorstellte. Hier gab er ihm einen Anzug von englischem Stoff, der an dem jungen Orientalen hinlänglich exentrisch aussah. Und während Daûd sich umzog, kam des Direktors große Nase, sein greller, prüfender Blick noch mehrmals durch die Tür herein und kritisierte dies und das, ja, der Mächtige half ihm selbst (auch wo es augenscheinlich erübrigte) bei der Metamorphose. So trug denn Daûd von nun an glockenförmige Hosen, und sein Jackett stand von den Hüften ab. Die sehr tief ausgeschnittene Weste ward durch eine billige, schreiend gelbe Krawatte gehoben. Ein giftgrünes Hemd fand Succetti=Pascha hübsch und entzückte seinen Träger. An die Füße zog man dem Jungen ausgetretene Tennisschuhe. Daß er den Tarbusch aufbehielt, verdient keine Betonung. Succetti-Pascha erfreute sich, was sein Privatleben anlangte, nicht gerade des blendendsten Leumunds. Lange im Orient ansässig, hatte er sich dessen anrüchige Eigenschaften (somit also die dem Fortkommen hierzulande förderlichen) mit der Mimikry des Juden zu eigen gemacht. Geizig, jäh in Aufwallungen und aus Gemütsbeschränktheit skrupellos, war er von einer geradezu habgierigen Lüsternheit besessen, die die der Eingeborenen schier noch überbot – und dazu gehörte etwas! Man erzählte sich unter den niederen und karrierelüsternen Angestellten, daß, um ihn geneigt zu stimmen, eine zeitweise Überschreibung selbst nächster weiblicher Verwandten auf ihn von großem Vorteil sei, und daß er Toleranz in diesen Dingen äußerst hoch einzuschätzen wisse. Bisweilen ließ er sogar einen einseitigen Schwachkopf bis zum Bureauchef gedeihen, wenn man seine Schwäche für ein diskretes Angebinde bewußter Art unaufdringlich auszubeuten verstand... Doch eine Sicherheit war das keinesfalls und durchaus kein Spiel mit reellen Werten, denn es konnte geschehen, daß er dem Ärmsten aus heiterem Himmel heraus ein Bein stellte, als tückischer Boreas sein Existenzgebäude brutal aus den Fugen blies und ihn unverdientermaßen wild beschimpfte... erklärlich darum, daß es viele gab, die ihn haßten. Aber seine Macht war groß; und er brütete sie immer reifer wie je ein Geierweibchen, das auf seinen Eiern saß und nach Störenfrieden hackte. Daûd ward zunächst einem niederen Beamten als Beihilfe zuerteilt. Hier erhielt er ein enthaltsames Drehstühlchen, und der fadenscheinige Grieche, der ihn beschäftigte, war seine einzige Gesellschaft. Sie konnten sich französisch verständigen. Der Grieche war stets betrübt und hatte die Farbe von Leberkranken in dem regelmäßig geschnittenen, aber unjugendlich faltigen Gesicht. Es hieß, daß er zwei wunderschöne Schwestern besitze... Einmal erschienen diese in der Bank mit riesigen rosa und blauen Straußfederhüten und großen Battistrüschen unter den ovalen, leeren Gesichtern. Sie schwatzten außerordentlich schnell, wobei sie mit kleinen Seidenschirmen gestikulierten. Sie kamen, um Succetti-Pascha um Aufbesserung ihres Bruders zu bitten... Man wies sie ins Office, und nach einer zweistündigen Unterredung hatten sie ihren Zweck erreicht. Der Grieche war, was Daûd in Erstaunen setzte, sehr gleichgültig über diese Zulage. Ja, sein Gesicht schien seitdem noch faltiger und noch gelber zu werden... Hätte man dem jungen Ägypter auch einen Blick durch die soziale Brille des europäischen Empfindens gegönnt, er hätte nichts gesehen; vielleicht hätte ihn das Unpraktische an dieser Moral sogar zum Lachen gereizt. So aber blieb es ihm vorbehalten, sich vergebens abzugrübeln, was wohl der Grund von des Griechen Trübsinn sei. Bei den großen Volksfesten verwandelte er sich in den früheren Daûd. Dann steckte er mit Abu-Katkûs und dessen scherzhafter Tafelrunde zusammen und verpraßte sein halbes Monatsgehalt in elementaren Genüssen. Jedes Pfund, das er einnahm, mahnte ihn an den nächsten glänzenden Markstein seines dürren Drehstuhldaseins. Derlei Erholungen waren: das dreitägige Beiramfest, der Gedenktag der Seijide-Seynab, das Jom-Aschûra mit seinem toll-berauschenden Blutdunst in der Khamsani, die Rückkehr der Mekkapilger, die großen Prophetenfeste und das Chamm-en-Nessim, mit dem man den Frühling begrüßt... Doch wenn er sich auch bei diesen dröhnenden Volksbelustigungen, bei dem herrlichen Taumel in den engen Gassen (unter dem rötlichen Schein unendlicher Lampen und grob geschliffener Kronleuchter) von ganzer Seele ausgab, mitschrie, mitrannte – den Kopf, ja, das ganze Wesen erfüllt von allumschlingender, zujubelnder Wonne –, so geschah es doch, daß er nach Schluß der Bank in seinem europäischen Anzug zu Shepheards Terrasse ging, sich dort in einen Korbstuhl setzte, einen Kaffee trank und mit grübelndem Blick das reiche englische Publikum musterte, das dort aus und ein wandelte; ja, sich sogar bei unbewußter Kopie solchen Gehabens ertappte... Dabei drängte sich die verklungene Zeit wieder unmittelbar heran mit all ihrem Gemisch von lähmender Befangenheit und Ablehnung, von Stolz und schwerblütigem Neid... Er begriff jetzt, daß all dies Wohlleben nur die äußere, unausbleibliche Frucht einer emsigen, zähen Arbeit war; daß diese Leute die Pfunde, die sie in Bewegung setzten, in saurer Eigenbeherrschung verdient hatten, in honett durchgeführten Intrigen, in schweißerzeugender Hirnarbeit und durch geheime Selbstentäußerung, die ihnen tausend gründlich überdachte und hundertfach debattierte Bestechungen gekostet... bis sie dastanden, bis sie die Fäden vereinigten, bis sie sagen durften: »Verzeihung, aber dies Ressort ist nicht mehr zu vergeben!« Es sagen durften erbosten Würdenträgern ins Gesicht, mit kalter Sachlichkeit; eine Hand in der Militärverwaltung, der knappen Maschinerie, die das Land zu seinem eigenen Schutz bezahlt! – Und die andere leger zu freundschaftlichem Shakehand vorgestreckt... Aber er war reifer geworden! Es war ihm jetzt klar, daß er, wenn er auf Kosten dieser Leute in die Höhe kommen wolle, einen Kompromiß mit dem allen schließen müsse! Und – nachdem er die Notwendigkeit des Kompromisses klar erkannt – (hatte er ihn nicht schon geschlossen, als er sich für die Bank dieses Succetti-Pascha werben ließ?), sah er ihn überall, und in seiner Ausübung lag alle Kunst, lag die große und einzige Kunst dieser politisch so wankelmütigen und geschäftlich so vielfarbigen Tage. Ja, von seinem Finanzbuch aus, als kleiner, schlecht bezahlter Buchhalter, merkte er die Unruhe, die in dem Betriebe steckte, den Puls der Machinationen des jungen Ägyptens, die immer üppiger aufschießenden Umsaßtriebe, beherrscht von jener zahlen- und zukunftsschwangeren Nachricht, die die provisorische Vollendung des Staudamms meldete. Er kannte den pompösen Riegel, den man dem Wasser vorschob, um es zu zwingen, mit der aufgestauten Wucht eines Kubiklilometers seinen Segen durch ein Netz sinnreicher neuer Kanäle über ein doppeltes Areal kulturfähigen Bodens zu pressen... Dort war es gewesen, in Assuan, wo Daûd seine wildesten Herzaufwallungen ausgetobt; wo jener Tempel ertrank; wo der weiße Knabe ihn vor sich Hergetrieben und mit knapper Geste unter die Fuchtel gezwungen hatte: – die Fuchtel eben des jetzigen Regimes. Dagegen nützte keine Kraft; man mußte es schleichend anbohren und seinen Spionen mit gleich verstecktem Eifer Widerpart halten! Was nützte aufheulender Krampf, groteskes Zurschaustellen eigener Rassenohnmacht! Was nützte Gefühlsverschwendung diesem Maschinenvolk gegenüber, das das Land mit eraktem Griff an sich riß! Das dem Khediven keinen Thron, sondern nur einen kleinen Schemel zugestand, von dem aus er – Farce eines Herrschers – keine Ordern mehr ausgeben durfte als die, mit denen er sich als Privatmann bereicherte! Es dem Khediven nachzutun, sich wenigstens mit Geld zu verbarrikadieren, in der Eingeborenenregierung zu sitzen und englischen Subalternen die Zähne zu blecken – das war die Losung dieser Zeit. Den Geist beweglicher Semiten an Stelle dieser frostig kalten und in Hochmut erstarrten Gehirne zu setzen! In die meisten höheren Stellen waren bereits diese fremden, aufdringlichen Kuckuckseier gelegt, die in der überreichen ägyptischen Sonne in gleichem Tempo reiften wie all die netten panislamischen Pläne, die sie mit ihrer harten Schale aus dem Wege drückten! Denn dem eingeborenen Araber war das Geschäft von jeher Elementartrieb und willkommene Befeuerung seines trägen Daseins; nun endlich ist die Zeit da, das Großgeschäft klopft an seine Tür, und er möchte gern heran! Jetzt verschmäht er keine Zinsen mehr; jetzt wird er euch zeigen, ihr bleichen Fischblütigen, daß er gleich euch zum Spekulanten geboren ist! Und es wird sich zeigen, womit man mehr erreicht, mit verschmitzter Kombination hinter brauner Stirn oder mit eurer billig zugreifenden Grobheit! – – – – – – Mit dem Publikum war Daûd trotz seinem Verlangen noch nicht in den Schalterkontakt geraten, der Einblick in den Umsatz einer Bank gestattet. Succetti-Pascha beeilte sich auch noch nicht, ihn avancieren zu lassen; allem Anschein nach war er zu schwer beschäftigt, um die Wahl neuer Kandidaten für das nächsthöhere Vertrauensfach in Berechnung zu ziehen. Da wollte es der Zufall, daß Daûd einmal ins Office trat, als Succetti-Pascha schlief. Mehrere Dokumente lagen offen auf dem Tisch. Daûd wollte sich zunächst empfehlen, um den Machthaber nicht zu stören. Der Direktor hielt die kaum erloschene Zigarre noch in der Hand; es sah aus, als habe die Erschöpfung seines verantwortungsvollen Amtes ihn plötzlich überwältigt. In Wahrheit hatte er bei Befolgung gewisser diskreter Bedingungen, die er an die Karriere eines Angestellten geknüpft, des Guten zuviel getan: davon zeugte ein durchdringendes Parfüm, das die Luft noch schwängerte, und die Lider, die schlaffer als sonst auf den vorgewölbten Augäpfeln ruhten. Der Mittelpunkt des Ganzen schlief! Das Zentrum des fiebernden Verkehrs war gelähmt!! Daûd überlegte. Er schlich näher und gestattete sich einen Einblick in die offenen Papiere. Siehe da: er erkannte, sorgfältig gebucht, eine große Schiebung, einen Trick von außerordentlicher Tragweite und genialer Unverfrorenheit, bei verfrühter Verlautbarung ohne Zweifel dazu angetan, dem Urheber zu jahrelanger zwangsweiser Überprüfung bei unauffälliger Lebensweise zu verhelfen. Nachdem Daûd dies erkannt, dämmerte ihm, daß die Möglichkeit gegeben sei, sein Avancement zu beschleunigen, so wie man einem störrischen Esel einen kleinen, aufmunternden Tritt gibt. Er machte einen scheinbar absichtslosen Lärm, und der Würdige wachte auf. Zunächst wohl fuhr seine Hand erschrocken nach der bewußten Bilanz; dann jedoch, als Daûd eitel Unschuld schien, verwies er ihm mit großer Heftigkeit, unangemeldet hereinzukommen. Daûd krauste die Nase und nahm den Verweis entgegen. Doch sprach sich etwas in seiner Miene aus, was dem Direktor nicht entging ... er blinzelte und versank in Brüten, wobei er den Blick stier auf die offenen Papiere heftete ... Nach der darauffolgenden Unterhaltung schied Daûd als geheimer Vertrauensmann. Er war die wandelnde Diskretion. Er nahm die Last des widerwillig Geoffenbarten auf sich wie ein unbescholtenes Mädchen eine beginnende Schwangerschaft. Ein Schweigen strahlte eisig von ihm aus; die Mitwisserschaft machte ihn stumm, gewandt und frech. In der nächsten Zeit war er oft im Office. Man redete lange und leise; und lauschende Ohren kehrten sich resigniert von der Tür ab. Dort drinnen gebaren sich unergründlich verschlungene Unternehmungen; jedesmal schoß Daûd erhitzt heraus, als ob er der Kühlung bedürfe. Seinem Dienst kam er mechanisch nach. Plötzlich, mit schlanker Überspringung jenes Griechen, erhielt er einen besseren Platz in der Buchhaltung. An seinem neuen Posten nun sah er schnell genug, wie eine neue Zeit sich unverkennbar äußerte: Diese Abteilung war ein wahrer Taubenschlag von Papieren aller Art, die hinaus und herein flatterten, begleitet von dem unablässigen Geklingel der Pfundstücke auf den abgenützten Marmorschaltern. Hei, und was waren das für Papiere? Finstere, unbekannte, von gestrigen Gründungen ausgegebene; die wimmelten heran, trugen am Kopf pompöse Bezeichnungen blutjunger, großenteils nur auf Prospekten vorhandener Gesellschaften und heckten Geld, in kurzer Zeit viel Geld; das mußte man ihnen zugute halten. Offenbar also ging es mit dem wirtschaftlichen Aufschwung rapid in die Höhe; und die bewährtesten dieser neuen Vögel, die Egyptian Estates, wurden auf einmal zu Heiligtümern und bekamen gleichsam einen goldenen Rand; man packte sie nicht mehr in Bündeln und mißmutig als totes, hoffnungsarmes Kapital auf die Seite, sondern man ergriff sie mit spitzen Fingern einzeln und tat sie voll Ehrfurcht in den Tresor. Man blickte sie liebevoll an; man riß sich um sie und behielt ihre gesegneten Nummern im Kopf. Und Daûd überlief es oft wie ein Fieberschauer. Allah! Was war das! Was kam jetzt für verschiedenartiges Volk in der Halle unter dem Glasdach zusammen! Er hatte ganz große Augen; seine Hände unterfertigten, schoben Quittungen auf die Messingrutschbahn der benachbarten Kasse; seine helle, wohllautende Stimme überschlug sich vor Eifer und verzweifelter Neugier ... Klaren Blick mußte er sich wahren! Was wollte der schmutzige Fellache dort? Eine »Ritz«? – »Es ist gut! Nur schnell heran! O Abu-Nôm, du Vater des Schlafes! – Hast du Geld?« – »Aiowa! Hier!« – Und die schmutzige Hand fischte zwei Pfund aus dem schäbigen Wollbausch und raffte die Aktie an sich ... Von überall flogen die Papiere heran und wurden zugelassen. Auf jeden Fetzen kahlen Sandes ... Drei, vier Leute taten sich zusammen, nannten sich »Gezírê Development Co.«, steckten die Grundrisse ab und kümmerten sich nach dieser Scheintätigkeit keinen Deut mehr um die Plätzchen, während sie selbst mit wackelnden Tarbuschen an den Börsenschaltern klebten, um mit innigem Vergnügen wahrzunehmen, wie man sich um ihre Papiere stritt. Sie ließen sie sich zu phantastischen Kursen gemächlich aus den Klauen reißen und diktierten auf Wochen hinaus vor Behagen wiehernd die Prozente für die nächste Serie. Daûd erkannte einige der fetten Schnarcher aus dem Hammam wieder, und sie selbst waren keineswegs verblüfft darüber, daß sie seine Bekanntschaft an dieser Stelle erneuerten. Ja, sie weihten ihn ein; sie überließen ihm kulant unter zärtlich heiserem Flüstern mehrere Papiere weit unter dem Kurswert ... Kurz, Daûd profitierte. Und vom erstenmal ab, wo er das tat, dämmerte ihm, daß er von nun an auf eigene Rechnung Geschäfte machen könne, in großem Stil ... Doch noch hatte er kein Geld, keine Basis! Eines schönen Tages erschien Abu-Katkûs. Es gab Daûd einen leichten, freudigen Chok, als er ihn sah, und seine Augen funkelten. Er bediente ihn mit zehn Hotelaktien, schweren, trächtigen Vögeln einer neuen, sehr viel versprechenden Gründung. Abu-Katkûs schüttete sein Gold aus dem mitgebrachten Seidensäckchen und wollte bereits von hinnen wandeln, als Daûd ihn anrief und ihn bat, ihm später, nach Börsenschluß, eine Unterredung zu gönnen. Sie begaben sich seitwärts und setzten sich in ein Café ganz in die Ecke. Abu-Katkûs glänzte vor geschäftlicher Genugtuung. »O mein Freund,« sagte Daûd, »ich werde dich um etwas bitten, und du wirst mein Herz nicht betrüben.« »Gott wird dir geben, du Ursprung der Grazie«, erwiderte Abu-Katkûs und stieß auf, denn er hatte soeben einen Kognak auf eine fette Hammelmahlzeit gesetzt. Er sah Daûd mit schwimmenden Augen an und dachte dabei an die Zeit zurück, da dieser mit der gleichen, verschämt-frechen, etwas gefallsüchtigen Pose als erfolgreicher Magnet hinter seinen Schuhen geweilt. Er gedachte auch jener Abschiedsmahlzeit in seinem Hause, und eine gewisse, von Entsagung und ausschweifenden Wünschen angenehm belebte Schwäche kam ihn an, als habe etwa ein vertrautes Laster ihm einen anheimelnden Stoß in die Weiche versetzt; ein Laster, das ihn von jeher möglich und amüsant dünkte wie allen seinesgleichen in dieser – ach! – so herrlich verderbten und ausgiebigen Stadt. »Was heißt das: Gott wird dir geben!« sagte Daûd mit gereiztem Lächeln. »Ich bin nicht meskin und will keinen kleinen Piaster. – Es gilt eine große Sache: horche zu.« Und er teilte ihm etwas mit, worüber der Kaufmann seine Gedankengänge flugs in eine andere Richtung steuerte; ja, mit der Zeit rückte er schwer und wuchtig samt seinem Stuhl heran, so daß Daûd halb unter den breiten Falten seines olivfarbenen Kaftans verschwand. Abu-Katkûs' Kopf bebte auf dem feisten Hals; seine Augen wurden grellrund; er begann asthmatisch, wie ein Stier, zu schnaufen und vertilgte unzählige Zigaretten, während die Mitteilung, die Daûd in blitzschnellem Satzgefüge hervorstieß, in sein Hirn einging und darin zu schimmern begann wie eine angeschürfte schwere Erzader in bisher ungenütztem Stollen. Es war davon die Rede, daß eine belgische Gesellschaft mit großem Kapital von einer riesigen Gründung einen großen Posten Aktien blanko auf den Markt werfen werde; eine felsensichere Sache. Sich hier im voraus zu engagieren: ha, das hieße ein Geschäft! Es überlief Daûd wiederum heiß und kalt, als er dies Geheimnis Succetti-Paschas dem Krämer verriet. »Doch der Preis für die Indiskretion – horche zu, Abu-Katkûs – ist der, daß du mir eine große Summe in die Hand gibst. Das ist dir eine Kleinigkeit. Wir machen die Sache getrennt. Der Direktor darf keinen Wind bekommen, sonst legt er die Hand früher auf das Geschäft und wirft mich heraus. Die ›,Expreß-Nile-Co.‹, – lausche mir gut, du Schêsch der Schustergilde! – sind eine horrend fruchtbare Anlage. Ich weiß es aus bester Quelle ...« Und Daûd setzte ihm noch die Gründe blitzschnell auseinander, die Chancen, die die Papiere hatten, die wahrscheinliche große Hausse ... Dann verstummte er plötzlich, verstummte jäh. Wem sagte er das alles? Abu-Katkûs saß schwer atmend da und stierte ihn ohne den geringsten Ausdruck an wie aus einem Trancezustand heraus. Der junge Daûd, der alles aufs Spiel gesetzt, ward von einer dunklen, peinigenden Angst ergriffen. Wie? Wenn dieser Mann jetzt aufstünde und hinausginge? Wenn er ein Schwein wäre und mit der Beute dieser billig erlangten Kenntnis skrupellos Wucher triebe? Wenn er ihn überginge? – Was war er selbst, er, Daûd? Ein Junge noch, dem man die Ärmel um die Ohren schlagen durfte! Daûd betete im Inneren: »O Abu-Katkûs, ändere deine Mienen; o sprich, du alter Halunke, entlaste mein Gewissen, laß ein einziges solidarisches Fältchen in deinen Zügen erblühen!« Doch Abu-Katkûs schwieg und stierte ihn an. Zwischendurch trommelte er einen kleinen verlornen Marsch mit seinem Stöckchen, das er zwischen den Schenkeln hielt. Es war Daûd, als sei der Takt dieses Stöckchens der einzige Lärm in einer hoffnungslosen Wüste ... Kaum vernehmbar daneben schien der Schritt des griechischen Kellners, der, vom Fieber der Zeit ergriffen, in schwerer Neugier sich in der Nähe unnütz zu schaffen machte ... Endlich kam es wie eine Erlösung über Daûd ... Es fiel ihm etwas ein. Ja, es fiel ihm ein, daß Abu-Katkûs' Gewissen selber nicht sauber sei, und daß es nur einer vorsichtigen Erkundung bei Succetti-Pascha bedürfe, um dem Krämer heimzuleuchten, noch ehe er sich von der gefürchteten Seite zeige ... Ja, das war es jetzt auch zweifellos, was jener bedachte; er überlegte offenbar nur noch, ob er ihm, Daûd, diesen Schritt zutrauen könne. Im Laufe dieses verbissenen gegenseitigen Gedankenlesens gewann Daûds Gesicht den früheren Ausdruck wieder; ja, es schimmerte plötzlich von Keckheit und gaminhaftem Gleichmut. Nun war Abu-Katkûs mit seiner Überlegung fertig, blies die Backen auf und erklärte sich unter großem Gebärdenspiel zu dem Streich bereit. Es kam jetzt auch zutage, daß sich seine Überlegung just so abgespielt hatte, wie Daûd angenommen, und als die offenen Bekenntnisse gefallen waren, begann Abu-Katkûs zu lachen: mit tiefer Halsstimme, rasselnd, ausdauernd und dröhnend, und zwischendurch schlug er seinem Spießgesellen klatschend auf die Knie ... Am nächsten Tag rief Succetti-Pascha Daûd ins Office. Ehe er sprach, beroch er ihn gleichsam mit seiner Säbelnase, doch Daûd hielt stand. »Abu-Katkûs war heute hier«, sagte er. »Er hat sich tausend Aktien vornotieren lassen, de Vries , die erst morgen zur Ausgabe gelangen.« »Ich habe sie ihm nicht verkauft«, bekundete Daûd, und er nannte einen anderen Clerk, dem er die Sache unter einem Vorwand zugeschoben hatte. »Maalesh!« »Das ist euer verflucht billiges Wort!« krächzte der Direktor auf. »Schwindle nicht, Hundesohn! Du hast es diesem Gauner verraten!« Daûd nahm sich zusammen, so krampfhaft, daß ihm die Tränen ins Auge schossen. Den »Hundesohn« steckte er ein. Hier handelte es sich um mehr als um die Hinnahme einer landesüblichen Beschimpfung. »Sie wissen so gut wie ich, daß Abu-Katkûs Talente hat. Er hat das anderswoher erfahren; mein Gott, Succetti-Pascha, die Leute haben ihre Quellen ... Denken Sie, wie überall die Ohren offen stehen jetzt, wo jeder Fellache Kredit auf imaginäre Aktien bekommt! Ich für meine Person habe ihm nichts verraten ...« Er sagte noch manches vom Interesse der Bank und beteuerte ein zweites Mal seine Unschuld, freilich mit Umgehung jeder Eidesformel, was Succetti-Pascha jedoch nicht merkte. Hier stand dieser geborene Betrüger im großen Stil, dessen Hände hinter dem Rücken dreimal soviel verbrachen, als sie von vorn Gutes stifteten, und fragte ihn mit Grabesstimme und moralschwangerer Betonung: »Ist das wahr?« – – – Und Daûd, regungslos, erwiderte: »Fragen Sie ihn selbst!« Worauf Succetti-Pascha, die Komik der Verhandlung erkennend, und müde, an einen Orientalen ein Gewissensvotum zu stellen, unwirsch zu einer anderen Besprechung überging .. Abu-Katkûs verdiente im Laufe der nächsten Zeit an jedem Papier vier Pfund, und wenn man ihn später darauf anredete, pflegte er zu sagen: »Was hat Gott nicht gegeben!« Er liquidierte zwar noch etwas zu früh, doch war er sich in dieser Vorsicht mit Daûd einig, der ihm das Vorgestreckte mit Zinsen pünktlich zurückerstattete und selbst ein kleines Vermögen erhielt. Er war selig. Er hatte nun alle Möglichkeit, auf eigene Hand Geschäfte zu machen. Hei! Und die Zeit wurde immer lebendiger. Eine Menge von kleinen Gesellschaften konstituierte sich. Daûd, von seinem Schalter aus, durchschaute bald genug das Anrüchige, das diesen Gründungen anhaftete; und Succetti-Pascha erkannte immer mehr, welch eine wertvolle Kraft er sich in ihm (auch zu seinem rein persönlichen Gebrauch) gekapert. Denn wo gab es einen, der so geschickt und zuverlässig kombinieren konnte, welch einen Preis eine Aktie vertrug? Wo gab es einen, der gleich liebenswürdig und unschuldig am Schalter zu geschäftsunkundigen Leuten sprach: »Glauben Sie mir (im Vertrauen gesagt!), die ›,Baehler‹, erleben noch ihre zwanzig Prozent!« oder der mit leichtem Augenaufschlag so nebenhin fallen ließ: »Welche Chancen, mein Herr!« Wo gab es einen, der gleich darauf ins Office stürzte und rief: »Die ›,Baehler‹, stoßen wir lieber heute als morgen ab, ich glaube, sie sind faul!« Oh, Daûd, dies Lamm am Schalter war eine Perle, und je mehr Succetti-Pascha sich davon überzeugte, desto weniger steckte er seine Nase in dessen Privatgeschäfte, desto seltener fragte er danach, mit welchem Gelde der operierte, der notorisch als besitzloser Handlungsgehilfe bei ihm eingetreten war! Denn er selber (das wußte Daûd genau – und diese Mitwisserschaft war seine stärkste Stütze!) war, stärker als billig, von dem allgemeinen Fieber ergriffen und machte auf eigene Faust Geschäfte, für die er sich mehr interessierte als für das Gedeihen der Bank. Und dar* aus, daß er ihn nicht hinderte, schloß Daûd untrüglich, daß er sich als solidarisch mit der großen Macht betrachten durfte, und daß man es ihm vergönnte, in dem großen Glücksspiel mitzuspielen. Die Hauptsache für ihn war, klaren Kopf zu behalten und sich nicht in die Karten sehen zu lassen; denn er wurde von seinen Kollegen längst mit einem gewissen neidischen Misstrauen verfolgt, gegen das selbst seine hilfsbereite, anmutige Liebenswürdigkeit und die gelegentliche Preisgabe kleinerer Manipulationen machtlos blieb... Dritter Teil Hassan-Muharram Es gibt einen jungen Ägypter; er trägt sich modisch mit etwas anspruchsvoller Eleganz; er hat einmal, wie man sagt, seinen früheren Namen – einen schwer auszusprechenden und lächerlichen Fellachennamen – gegen einen hübscheren eingetauscht und nennt sich gegenwärtig Hassan-Muharram. Gelegentlich trifft man ihn bei Shepheards, wo seine dunklen, schmachtenden Augen stets ein leicht befangenes Interesse europäischer Damen erregen. Eine Marseillerin, die ihre Betätigungssphäre Jahr für Jahr auf Kairo auszudehnen pflegt, hat sich ihm an den Hals geworfen. Es ist eine schwatzhafte Brünette ohne Haltung, die sich leicht betrinkt und ihre teuren Toiletten nach wenigen Tagen zuschanden trägt. Er führt sie zuweilen in die Sphinxbar, den jetzigen Tummelplatz der Spekulanten nach Börsenschluß. Diese Bar hat an Bedeutung gewonnen; sie ist eine Schacherhöhle größten Stils; sie gärt von Geld; die Gesprächebrandung schlägt auf die Straße, und nie erträumte Zahlen, heiser herausgeschrien, platzen aus ihrem von Weiberdunst und Tabakrauch erfüllten rotschimmernden Innern hervor. Hier ist die Nachbörse, hier werden die Makler bestürmt, hier wechseln die Papiere ihre Besitzer. Effendis, die große Gewinne gemacht, schütten den käuflichen Damen aus Cocktailbechern die Pfundstücke in das Dekollete; Sekt wird nur noch korbweise verlangt, und eine einzige grölende jubelnde Hymne dröhnt auf, die Hymne auf dies Land, das seinen ahnungslosen Kindern das Geld auf einmal scheffelweise schenkt; auf dies reiche Land, dies herrliche, fette Land, dessen Verwaltung nach europäischem Muster man nun selbst an sich reißen muß, um zum mindesten die Hälfte des Baumwollertrages in die eigene Tasche zu leiten! Ha, man zappelt vor neu entdecktem Patriotismus und schwelgt darin! – – – Hinter dem Holzgitter knobeln junge Offiziere der Okkupationsarmee um ein geschminktes Mädchen. Sie ist blond; ihr Kehlgelächter schwingt zu oberst auf der Gesprächsbrandung des ganzen Lokals. Das Gefüge ihrer Haltung ist völlig gelockert; sie degradiert sich, und ihr kindlich-vergnüglicher Geschlechtseifer umfängt mit allumfassender Verschwendungslaune den ganzen Tisch, um dessen kupferne Platte sich sechs oder sieben blonde, gebräunte Köpfe drängen. Ein junger Ägypter starrt hinüber auf das bepuderte drollig-pausbackene Profil, auf das kindliche Kinn, auf die amethystfarbenen Augen, die in Lachtränen schimmern –: der Kopf dreht sich, halb verdeckt von einem großen grünblauen Straußfederhut, in einer Lücke des geschnitzten Gitters, das die Tische separiert, wie in einem Rahmen hin und her. Die Kapelle spielt Das fast rötliche Blond der Haare versetzt ihn in dumpfe Ekstase. Mâschalla! Es muß zu kaufen sein, dies rötliche Blond, diese weiße Haut... Plötzlich dreht sie das Gesicht und sieht ihn an. Sie ist keine Kokotte mehr. Sie bricht mitten im Lachen ab. Sie avanciert in drei Sekunden zu dem, was sie ist: zu einer Engländerin, die es lästig empfindet, von einem Orientalen angestarrt zu werden. Für einen Augenblick drehen sich auch die anderen Köpfe, und graue Blicke wandern hinüber... Ein Krampf spannt seinen Körper. Ein heulender Wutschrei klingt in seinem Innern auf. Was berechtigt diese Hure, ihn so anzusehen? Nichts im Lokal hat sich geändert, kein Mensch hat dieses ganz belanglose Minenspiel wahrgenommen, diese gleichgültig-kalte Kriegserklärung zwischen zwei Tischen; die Makler, Kaufleute und Gecken schreien weiter und lachen mit ihren albernen Papageienstimmen. Aber aus dem flüchtigen Blick der Kokotte starren Ianes, starren Percys Augen; und man empfängt, wie es die Regel will, den Tritt von der Rasse, der man wider Willen nachkriecht... Er bricht früh auf. Und zwischen seinen weißen, von leidender Wut entblößten Zähnen zischt es unablässig hervor: »Ja, Bint-chara! Ich werde dich kaufen! Du wirst klein werden, du Hündin!« – – Dabei ist es nicht einmal mehr ausschließlich dieses Mädchen, was ihm die Fassung raubt, sondern in dem keuchenden Selbstgespräch ist alles einbegriffen, woran er sich je den Kopf blutig gerannt ... Geld! Das ist die Losung, und er wirft sich darauf, er knebelt es, er pflastert seinen Weg damit ... »Ah, ihr sollt sehen, ihr sollt sehen ... Verdammt sei eure Religion und dreimal verdammt euer ganzes Geschlecht!« Er steht fassungslos im strudelnden Nachtverkehr unter dem grellen Licht der Bogenlampen und redet mit bebenden Lippen und zappelnden Händen ... Endlich beruhigt er sich, biegt in die Nasa ein und verschwindet in der Klot-Bey ... – – Er unternimmt, um Strohmänner für eine neue Scheingesellschaft zu ergattern, diskrete Rundgänge in der Garden-City. Das ist ihm ganz und gar nicht genehm. Er muß sich in einen Scheinpanzer stecken, muß kurz und sachlich reden, Handgesten tunlichst unterlassen und kalte, stählerne Blicke, zu Eis kondensierte Ablehnung in Kauf nehmen. Er hüllt sich in einen simpel geschnittenen Gehrock und drückt seiner beweglichen Miene mit aller inneren Gewalt, allem Willen zur Bereicherung jenen Stempel auf, jenen maskenhaft unantastbaren Ernst gut fundierter Aussichten, verquickt mit dem Schimmer edler Kulanz, die auch andere profitieren läßt, nur aus dem Grunde, weil sie notorische Ehrenmänner sind ... Gelingt es ihm, die Frau des Hauses früher anzutreffen, so wird ihm der Sieg gelegentlich erleichtert ... Zuweilen aber, nach einer erfolglosen Unterredung, die auf der einen Seite an der Stummelpfeife vorbei und denkbar knapp, auf der anderen mit schier jammernder Redseligkeit geführt worden ist, steht er wieder hinter der verschlossenen Tür; seine Augen werden groß, daß man das Bläuliche sieht, seine Hand zerfetzt in nervösem Wutkrampf den Prospekt, und sein Herz gedenkt jenes früheren stahläugigen Knaben, der Fußtritte aus der Jugendzeit, der moralischen und der tatsächlichen, deren schmerzende Spuren er am ganzen Körper wieder erwachen fühlt. Und der vom Respekt nur verdichtete bleierne Haß rührt sich in beweglichen Aufwallungen .... Nächtelang liegt er wach und grübelt dem Tonfall nach, der ihm hinter buschig blonden, knapp geschnittenen Schnurrbärten hervor entgegengeklungen ist; grübelt dem Achselzucken nach, der Bewegung irgendeiner weißen Hand, die vielleicht kurz zuvor einem Berberiner mit der Reitpeitsche einen blutenden Striemen über das Gesicht gezogen. Ja, nur aus den Linien, der Belebtheit, der Intelligenz so zugreifender, trainierter Finger ließ sich etwas herauslesen – denn das Gesicht blieb kalt; lächelte nicht und erboste sich nicht, weilte auf kurzem Klappkragen wie ein künstliches Steinmodell mit allen Merkmalen der Unnahbarkeit .... Von seinem Bett aus starrt er in das Dunkel, und es gelingt ihm nicht, sich mit dem Zauberwort »maalesh« über die Demütigung hinwegzusetzen, die er gewittert, und die er sogar bei manchen Gelegenheiten in formloser Weise an sich erfahren: – – Eine hell kreischende Stimme lebt in seinem Ohr auf, eine Stimme, die ehemals sein Gebet zerschrien, und die er hasst. Und mit innerstem Erschrecken empfindet er gleichwohl die fortwirkende Macht jener Stimme, denn seitdem scheint es ihm eine Erniedrigung zu sein, dem Ritus zu frönen, und er spürt sich als hilflosen Zwitter, hin und her schwankend zwischen dem Liebäugeln mit der europäischen Seele, die nur unbedingte Herrschaft über ihre Umgebung kennt, und den Instinkten seiner Rasse, die sich immer noch durch die Löcher, die der Firnis frei läßt, aufzubäumen trachtet .... So ist er in zwei Teile zerrissen, und das tut ihm weh und versetzt ihn gleichwohl in eine dunkel abenteuernde Neugier. Es gibt zwei Daûds. Der eine ist habgierig und tierhaft; seine Kopfzier ist ein Tarbusch; er steckt im Kreis der Wasa und jenes ersten Weibes. Er unterhält sich sonor und kordial mit einem Schuhputzer, einem Losverkäufer wie mit seinesgleichen in vulgärem Dialekt und versteht so herzlich und dröhnend zu lachen, wie nur je ein Araber niederer Kaste gelacht hat .... Der andere aber ist penibel empfindlich und nimmt, englischen Akzent in der Geste, stundenlang auf Shepheards Terrasse Kaffee oder Spirituosen zu sich; vielleicht läßt er sich herbei, einen Zudringling, einen Knaben aus der Plebs, wie sie die kühlere Tageszeit vor die Lokale schwemmt, mit einem Fußtritt abzulohnen .... Den Punkt der Spaltung fühlt er wie eine Wunde! Er kennt diesen Punkt; er starrt ihn, aus seiner Herzensbeschränktheit heraus, bisweilen hoffnungslos an, wenn er kurz zuvor eine der schmerzlichen Erfahrungen gemacht; ist er jedoch bei seinesgleichen, so kann man ihn nicht einmal den Einäugigen nennen unter diesen Blinden! Kleine Handlungsgehilfen und Orientbummler ohne Beruf – sie sind in jedem Belang echter, sind echtere Briten oder Franzosen als diese jungen Tarbuschträger, als diese billigen Baumwoll-, Seide- oder Tabakprinzen mit ihrem steten Debakel vor dem Versuch, die europäische Tradition gegen die eigene einzuhandeln .... Alles läßt sich einhandeln, warum nicht auch dies? Warum werde ich, warum werden diese liebenswürdigen jungen Leute hier nicht als Gleichgestellte angesehen, woher (und Fluch darüber!) kommt der stetige jämmerliche Zwang des Schielenmüssens auf das, was diese Eindringlinge tun? Zum Henker mit diesem Zwang! – – Und doch, jedes weiße Kind, wie es dort mit seinem eigensinnigen Herrscherstimmchen eine Gasse in den Verkehr sprengt, ist drollig und höchst verehrungswürdig zugleich – es bleibt nichts übrig, als etwas albern lächelnd in seinem Kielwasser zu gehen und ihm nachzufolgen wie vor Jahren der Jane Aldridge über die Brücke Kasr-el-Nil .... Ja, und jetzt? – – Man fühlt sich geschmeichelt, wenn man von jener Seite einen anerkennenden Schlag auf die Schulter erhält, und beißt stillschweigend die Zähne zusammen, wenn man statt dessen zufällig einen Tritt bekommt. Einen Ausweg gibt es, eine Lösung, wohl wert, mit allen Fibern daran zu glauben: Geld, und nochmals Geld. Es dem Khediven gleichzutun, das ist das einzige: sich in großem Stil zu bereichern ! Dann bekommt man einen Teil des Heftes, das jene halten, mit in die Hand, und sie können es nicht hindern. Man kann alles kaufen, warum soll man sich nicht auch die Gleichstellung als Mensch erkaufen können, wenn man nun einmal um jeden Preis darauf versessen ist?? – – – Die Mutter Was weiß man von den kindlich-zähen Fingern, den tappenden Händen, den vertrauensvollen Griffen, den weich an Burnusfalten gedrückten Köpfen arabischer Kinder? In Dunst und Lärm schlummern sie, hin und her geschüttelt, auf den Schultern ihrer zermürbten Mütter, die einen Korb voll Kohl oder Kürbissen auf den flachen Hirnschalen tragen, um die die Sorge ihren dumpfen Ring geschmiedet, und in denen die kümmerlichen Gedanken stundenlang um ein Kupferstück kreisen .... Und das schmutzige, nackte Kind umklammert den Hals, umklammert ihn wie ein Affenjunges mit aller atavistischen Gier des Heimatgefühls, nahe dem Zuspruch des Pulses in der mütterlichen Halsschlagader, um die es seine Arme preßt; die Beinchen schließen sich, an den Knöcheln mit dem Spielzeug einer silbernen Spange beschwert, wild und zäh um die Schulter, bohren sich in die Falte der Abaja ein mit einwärts gekrümmten Sohlen und unbewußt fingernden Zehen .... Es ist schmutzig, es ist fliegenüberwimmelt, es ist ein großköpfiger, erboster Wechselbalg, ein denkbar überflüssiges Geschöpf, und doch sagt es: »Mutter!« – Und sie nährt es, prügelt es und schleppt die Last mit sich herum; sie stopft ihm Zuckerrohr in den Mund, das sie mit Vorsorge bespeichelt hat; sie duldet seinen Unrat, seine kleinen, glatten Muskeln, seine tobenden Ansprüche; sie nennt es Geschenk des Erbarmens und zieht es groß .... Und wenn es strampeln kann, bekommt es ein Käppchen und ein Leinenhemd, über das es ständig stolpert; dann nimmt es den Zipfel in den Mund und lernt laufen. Es sammelt im Staub; sein Dasein spielt sich unter den Mauern oder im Licht der Bogenlampen ab; es kriecht unter den Tischen durch und bettelt mit weinerlicher Katzenstimme. Oder wenn es besserer Kaste ist, erhält es einen Miniaturtarbusch und viel zu große Stiefel, Erbstiefel, in die es hineinwächst, und lenkt den tappenden Schritt seines blinden Großvaters unermüdlich durch das Gedränge der Mouski .... Oder es sitzt in einem Harem in der seidenen Mulde zwischen zwei gespreizten prallen Knien und verlangt nach einer blauen Brustwarze, die es irgendwo hinter einem Wirrwarr von Ketten wittert; sie wird hervorgeholt, und es versinkt in eitel Duft und Letzung. Vielleicht spielt man dann mit ihm, befingert es, findet es fett; leise Kehlstimmen lachen über seinen Trotz, und mehrere braune Frauen nähern sich und wollen es säugen, selbst wenn es längst zu schlafen begehrt .... Es sind vielleicht verwirrend viele Brüste da, an denen es sich gelabt hat. Es sind vielleicht viele weiche Hände da, die es tätscheln und an ihm zerren. Es sind vielleicht viele Stimmen da, die sich weich oder kreischend streiten, wem es als Spielzeug dienen soll. Aber es gibt nur eine Stimme, die es kennt, nur eine Brust, die ihm ganz behagt, und zu ihr findet es unfehlbar zurück; es kriecht und kämpft sich durch, an all den farbigen Schuhen, den Pfeifenschläuchen, den Puderbüchsen, den Pralinéschachteln vorbei, bis es leise gurrend zu seiner Quelle zurückgefunden hat, bis es wieder bei seiner Mutter ist. Ein junger Mann in ausgesucht leuchtender Kleidung schritt die Mouski herab. Beim Gehen achtete er sorgfältig auf seine Schuhe. Sein Gesicht war leichtbraun und nicht unschön. Besonders auffällig erschienen darin die Wimpern der weichgeschlitzten Augen und die kohlschwarzen hochsitzenden Brauen. Sonst bot die Erscheinung einen für ihr offenbar noch jugendliches Alter recht ausgesprochenen Fettansatz und einen Zug von – wenn man so sagen will – dauernder Unausgeschlafenheit. Zuweilen griff er mit der kleinen, üppig beringten Hand in die Außentasche des Jacketts und wischte sich mit einem seidenen Tuch die von drei wulstigen Falten zerschnittene Stirne ab. Bei Sednaoui, einem großen Konfektionsgeschäft, angelangt, wählte er ein Dutzend auffallende Strümpfe. Bei der Wahl der Farben bewies er nicht gerade den besten Geschmack. Offenbar liebte er sehr Buntes und Lautes; es schien ihn zu erheitern, und er schien zu finden, dass ihm das stehe. Man solle ihm das Päckchen zusenden, sagte er schließlich. Und er nannte eine ganz neu angelegte Straße in der Gegend des Gezirê-Palace-Hotels. Er kaufte sodann noch allerlei: ein silbernes Necessaire, einen japanischen Rückenkratzer aus Elfenbein, mehrere Flakons von teurem Parfüm: Hier ward er einer verschleierten Harîm gewahr, die ihn, als er ihr den Vortritt ließ, blitzschnell musterte. »Sie ist alt geworden,« dachte er, »aber das tut nichts.« Er ließ, das Kinn auf die Brust gedrückt, ein Wort fallen; und es schlüpfte unter ihren Schleier und gelangte zu ihrem Ohr. Sie verriet sich mit keiner Bewegung. Jedoch abends in der Scharia Managh fuhr eine geschlossene Droschke auf einen Schotterhaufen auf; und ehe der Kutscher sie wieder flottmachte, ward sie um einen Insassen reicher. – – – – – – – – Am übernächsten Morgen erhielt derselbe junge Mann ein Billett von unbekannter Hand, des Inhalts, daß er in einem bestimmten Hause in der Garten City zur üblichen Besuchszeit erwartet werde. Das Adreßbuch gab ihm lediglich die Auskunft, daß das betreffende Haus in den Händen der Relikten eines kürzlich verstorbenen Scheich Achmed Abd-el-Gawad sei. Dieser früher ungemein einflußreiche Name war ihm geläufig. Er machte ausführliche Toilette und begab sich auf den Weg. Mit Absicht nahm er keine Droschke. Allerhand Vermutungen durchkreuzten seinen Kopf. Er rief sich zurück, was er von Abd-el-Gawad wußte. Ja, dieser Bauer aus dem Delta hatte eine erstaunliche Karriere gemacht .... Kaum zwanzigjährig, hatte er in Kairo eine Zeitung gegründet, und diese Zeitung war ein politisches Meisterstück gewesen. Sie balancierte recht witzig: sie war türken- und khedivenfreundlich, mithin allen Parteien genehm und das ersehnte panislamische Organ .... So kam sie auch in die Gunst des Sultans, dem im Grunde jeder Angriff auf England, als freiheitliche Regung, damals tief verdächtig war, weil er als nächsten Schritt einen Verrat auch an der Türkei witterte. Dazu hatte sich der schlaue Mensch tief in die Gunst des früheren und nun des jetzigen Khediven gesetzt. Er wurde vom Hof zu allerhand Liebesdiensten verwendet. Unserem guten Abbas-Hilmi verschaffte er reizende Nebeneinnahmen, da man ihn ermächtigt hatte, mit Stellungen zu handeln und die Preise für dekorative Orden anzusetzen .... Kannte man ihn gut, so war es nur eine Geldfrage gewesen, wenn man sich die Brust mit dem Medschidije erster Klasse oder dem Osmanije der dritten zieren wollte .... Der junge Mann, an diesem Punkt der Überlegung angelangt, dachte daran, daß ihm ein solcher Orden ebenfalls sehr zum Schmuck gereichen werde. Gedankenvoll betrat er einen offenen Schuhputzerladen und ließ sich bedienen. Während er den geschickten Händen zusah, die eine weiche und eine harte Bürste abwechselnd schwangen, rekapitulierte er das übrige, was ihm von Abd-el-Gawad zu Ohren gekommen war .... Ha, dieser Mann war ein Gauner gewesen! Er betrieb die Kuppelei im großen und kannte den Geschmack im Abdin-Palast .... Überall hatte er seine Agenten .... Der Khedive erlöste ihn ziemlich plötzlich von der Redakteurstellung des sehr gelesenen Organs und machte ihn Hals über Kopf zum Schêsch-es-Sadât .... Welch eine Karriere!! Der junge Mann grübelte weiter, und auf einmal traf ihn eine neue, eine abliegende Vermutung wie ein elektrischer Schlag, so heftig und überrumpelnd, daß er nach Beendigung der Verschönerung noch eine Weile sitzenblieb. Hierauf, sanft zum Aufbruch gemahnt, gab er versehentlich einen halben Frank zuviel .... Es war nach langer Zeit das erstemal, daß er sich in Kleingeld versah. Draußen, langsam weiterschreitend, spann er den neuen Gedanken aus, und eine nie vorher gekannte, seltsam mit einer süßen Vedrängung verknüpfte Erregung wandelte ihn an. Er ging an den Barracks vorüber und bog hinter dem Semiramishotel in eine stille Gartenstraße ein. Ein prunkvolles, schmiedeeisernes Portal ward ihm aufgetan. Er durchschritt einen reizvoll gepflegten Garten und betrat ein völlig europäisch anmutendes Palais. Eine Marmortreppe hinauf von einem prächtigen, wortkargen Kawassen geleitet, befand er sich alsbald in einem Salon und wurde gebeten, einige Minuten zu warten. Ein Smyrnateppich von seltener Größe und Feinheit der Knüpfarbeit bedeckte das Parkett. Der Raum wurde durch hölzerne Rolläden vor den hohen Fenstern, deren Brettchen schräg standen, halb verdunkelt. Eine hellblaue, mit zinnfarbenen Preßlilien geschmückte Tapete schadete der Wand. Zerbrechliche Prunkstühlchen, goldlackiert, von verzweifelt sich windendem Rokoko umringten einen schweren Mahagonitisch. Eine stumme Antipathie herrschte zwischen den Möbeln. In der Ecke stand ein Kachelofen aus Steingut, dessen Berechtigung dunkel war. Auf einer Etagere von durchbrochener Holzarbeit zwischen arabischen Nippsachen und wertvollen eingelegten Ziergegenständen blähte ein Porzellan-Amor mit versilberten Brustwarzen sein rosa Fleisch. Hinter der Etagere hingen lebensgroße Photographien: ein schwammiger, mattblickender, üppig uniformierter Herr im Tarbusch mit dem Aspekt eines arabischen Zeremonienmeisters – und neben ihm eine schwarz bekleidete, offenbar sehr schöne Dame von hellerem Teint. Beide Bilder waren farbig übertuscht. Vor einem Wandschirm, über dessen schwarze Flächen ein goldener Drache von chinesischer Arbeit kroch, stand ein riesiger Rauchtisch von delikatester Ziselierung. Der Duft eines sehr teuren Parfüms füllte die Luft und stimmte schläfrig und traumselig. Der junge Mann ließ sich auf einem Taburett nieder. Nachdem er etwa eine Viertelstunde gewartet hatte, öffnete sich lautlos eine weiß lackierte Flügeltür. Sie blieb offen stehen; ein Geschöpf trat in ihren Rahmen und sandte den Blick herüber, ohne sich zu rühren und ohne zunächst die von Brillantringen überladene Hand von der Klinke herabzunehmen. Endlich kam das Geschöpf näher und beschied mit derselben Hand in einer gleichgültigen runden Bewegung den jungen Mann, der sich erhoben hatte, auf einen der zerbrechlichen Stühle. Man setzte sich, und da ein kurzes Schweigen folgte, hatte er vollkommen Muße, sich vorzubereiten, und kam dabei zu dem Ergebnis, daß er etwas Ähnliches bis jetzt noch selten erblickt habe. Diese Dame trug ein nach der Gepflogenheit vornehmer Harîm recht geräumig geschnittenes Kleid aus schwarzem Atlasstoff, das auf einen üppigeren Körper berechnet schien und nach allen Seiten hin in schwere Falten ausfloß. Unter dem verhüllenden Kopftuch, dessen Quasten die Schultern schier belasteten, und dessen zu einem Dreieck gefaßtes Ende den Rücken herabwallte, lebte, gleichsam versteckt in einer Umrandung von dünner Seide, ein kleines Gesicht. In seiner feinen Wachsfarbe rührten sich ungeheuer große schwarze Augen, unnatürlich erweitert, erschreckt, abwehrend, ruhe- und ratlos. Die Lider, unfaßbar zart wie die äußersten Blätter gelblicher Rosen, erschienen fein und krankhaft durchblutet und trugen blauschwarze Wimpernsäume, deren nachgefärbte Treffpunkte die vollkommene Mandelform des arabischen Auges erzeugten. Die Frau hielt ihr Gesicht geduckt, so, als erwarte sie eine Demütigung. Der Nacken war gekrümmt, und die Flügel der zierlich modellierten Nase bebten unablässig wie die eines Nagetieres. Um so erstaunlicher war die Stimme. Sie war zu weich, um in eine kreischende Färbung überzuschlagen, aber auch wieder zu scharf, um gütig zu wirken. Es war eine Stimme, hinter der eine breite Erfahrung von Leid stand, sie war von der Seelenlosigkeit eines durchgehaltenen Sopran-E, das man ohne jede Absicht, es warm erschwellen zu lassen, nur zur Probe auf seine Reinheit anstreicht. – Sie eröffnete nun, in reinstem Französisch, die Unterhaltung. »Sie sind Hassan-Muharram? Oder vielmehr, Sie nennen sich so?« Der junge Mann bestätigte. »Ich bin entzückt«, sagte sie mit leerem Ausdruck und sah ihn an. Auf einmal ging eine kleine Arbeit, ein kleines Ringen nach Konzentration durch ihre Gestalt; sie zog sich gleichsam etwas zurück und schmiegte sich tiefer in den Stuhl. Bei dieser Bewegung entblößte der Hals sich ein wenig: ein Kettenschmuck von fabelhaftem Wert ward vorübergehend sichtbar. »Sie werden etwas erstaunt gewesen sein, Hassan-Muharram, daß ich Sie anonym hierherbeschied .... Sie befanden sich vorgestern bei einer Dame, die mir befreundet ist! Sie erzählten ihr allerlei!« Schweigen. »Sie waren lange dort .... Sie kannten einander! Sie hatten das Bedürfnis sich auszusprechen und teilten ihr auch ein wenig von Ihrer Abkunft mit .... Aus alledem schloß ich, daß Sie ohne Zweifel – mein Sohn sind.« Sie sprach dies mit der gleichen leblos hohen Stimme. In ihre Augen trat dabei lediglich der Ausdruck einer schattenhaften Neugier; sie lächelte weder, noch deutete sie durch die geringste Bewegung an, daß ihre Eröffnung von irgendwie tieferem Belang sei. Als sie die Wirkung wahrnahm, die ihre Worte auf ihn machten, verstärkte sich diese Miene kalter Neugier, als habe sie irgendein gleichgültiges Erperiment gewagt und sei längst in der Lage, die Folgen zu tragen. Er war zurückgesunken und hatte die Hand auf die Augen gelegt. Die Erfüllung war da ... und in ihm reckte sich ein Knabe auf, braun und hochfahrend, der in irgendein trübes Dunkel hinein, in ein erbärmliches Dunkel, mit einem alten, tierischen Fellachen Abrechnung hielt, der mit schriller Stimme einen Dithyrambus auf ein unbekanntes Leben sang, zu dem ihn durch viele Verwandlungen hindurch sein Blut unwiderstehlich treiben mußte .... Und nun, nun stand er am Tor dieses Lebens; denn das Herz lebte, von dessen Blut er dereinst gezehrt! Diese Frau da ... seine Mutter! Er sah sie noch nicht an, denn das Bewußtsein, daß sie vor ihm saß, umschattete ihn wie ein plötzlicher Schwindel. Eine Minute blieb er regungslos sitzen, wie gelähmt von der unerwarteten Eröffnung. Ja, nun war es so, wie er bereits vorhin geahnt, auf dem Weg hierher ... und sein Blut lief schneller um; als sei etwas in seine Adern geschleudert, wie ein plötzlicher, seliger Antrieb, eine natürliche Befeuerung, die ein inneres Hemmnis, das er bis jetzt mit sich herumgetragen, herrlich zersprengte und ihn erwärmte ... in seinem vorher noch leeren und glatten Gesicht zuckte es auf, das Gefühl überwältigte ihn. Und außer sich vor Freude erhob er sich, und seine Hand tastete hinüber, der ihren entgegen, die regungslos wie ein totes Ding auf dem Schoße lag. Doch als er sein Gesicht dem ihren näherte, um es auf beide Wangen zu küssen, hielt er inne und sank zögernd und fassungslos zurück .... Sie sah ihn noch immer starr an mit ihren mandelförmigen großen Augen. Aber in diesen Augen war ein Funken erwacht, ein kleiner böser Schimmer, und das Gesicht verzog sich jetzt wild und hysterisch, so daß aus der zersprengten Puderschicht mit einem Schlag tausend tief eingeätzte Fältchen hervortraten, Fältchen, die jeden weichen Zug zerstörten ... und was blieb übrig? Eine kleine, von Leid und zuckendem Argwohn verheerte Fratze! Sie sprach jetzt weiter, und ihre Stimme war kalt und höflich: »Verzeihen Sie, Hassan-Muharram, ich wollte mit der Mitteilung, daß Sie mein Sohn sind, keine Szene herbeiführen, wenn sie auch rührend und vielleicht von Ihrer Seite aus verständlich wäre. Ich will mich lediglich mit Ihnen bekannt machen. Ich hörte dies oder jenes über Sie ... waren Sie nicht noch vor kurzem der Kompagnon Succetti-Paschas?« Sie zog hier die Augenbrauen sehr hoch, und etwas wie ein frivoles Lächeln entstellte flüchtig ihren Mund... Hassan nickte. Seine Lippen waren blutleer. »Ah, das ist richtig. Sie sollen mit großem Geschick spekuliert haben, wenn auch die Unternehmungen sich nicht alle als ganz sauber erwiesen ... Sie haben sich als brillanter Geschäftsmann bewährt ... Man redet einiges über Sie, über Ihre Gewohnheiten, über Ihren Verkehr ... Sie erregten bereits mein Interesse, bevor ich den Zusammenhang zwischen uns entdeckte. Man bedarf Ihrer, und das macht Sie immun. Sie sind sehr klug ...« Ihr Gesicht hatte wiederum jeden Ausdruck eingebüßt. Und zwischen beiden saß wie ein Tier mit hundert geschlossenen Augen ein Rätsel, ein dürres, widerliches Rätsel. Er gab zunächst noch keine Antwort, wohl auch, weil sie keine erwartete; dann aber fuhren seine beiden Hände in die Höhe; er hob sie gespreizt an beide Schläfen, als ob ihn der Kopf schmerze, und unduldsam, schier bellend, brach seine Frage hervor: »Mein Gott – worüber reden Sie? – Sind Sie nicht meine Mutter? – Warum vergönnen Sie mir nicht, Ihre Hand zu küssen?« Sie wich wiederum etwas zurück. Sie zupfte den Schleier halb übers Gesicht und sprach dann farblos: »Ich liebe Sie nicht.« »Warum? O Erbarmer! So reden Sie!« »So hören Sie mich ruhig an.« – Sie drückte auf eine Perlmutterklingel. Ein grauer, dicker Mann wälzte sich lautlos herein. »Achmed! Kaffee! Zigaretten!« »Aiowa!« sagte der dicke Mann und rollte ebenso lautlos wieder hinaus, grotesk behend. Hassan hatte bemerkt, daß ihm jeder Anflug von Bart fehlte. »Ich bin von bester Abkunft«, fuhr sie fort. »Ich bin die Seijide Ali-Jussef, eine Tochter des früheren Schêsch-es-Sadât. Daher haben Sie von mir das beste Blut geerbt; Sie sind zur Hälfte hochadlig, mein Herr; Sie sind ein Nachkomme des Propheten ... Aber setzen Sie den grünen Turban nicht auf, er würde nicht auf Ihr Haupt passen. Oder wenn Sie es tun, so ergeben Sie sich durchaus einem reizenden Müßiggang und verzichten auf Börsengeschäfte. Aber ich glaube, Sie werden daran noch keinen Geschmack finden!« Ihre Nasenflügel vibrierten leicht. »Zur anderen Hälfte sind Sie jedoch der Sohn eines – – – Kutschers, eines Berberiners ... Erschrecken Sie nicht. Es ist so. – – – Ich war fünfzehnjährig und sehr schön. Man gab mir eine französische Begleiterin, und ich liebte es, in geschlossener Equipage auszufahren, um dann später außerhalb der Stadt die Vorhänge zu öffnen und herauszuspähen. Man hielt mich außerordentlich streng ... Ich lebte in einem Gefängnis, in jedem Luxus zwar, aber in völliger Unkenntnis der Welt. Die Französin (vor Angst bebend, denn auch unsere Unterhaltungen wurden hinter den Wänden überwacht) weihte mich in manches ein, doch naturgemäß nur unvollkommen. Ich war sehr sinnlich. Und diese Aufklärungen hatten nur den Erfolg, daß diese Triebe maßlos gereizt wurden und eine frühzeitige Neugier nach dem Unverstandenen mich mit entnervender Wollust schüttelte ...« Sie verdrehte die schönen Augen, und ein Krampf lief ihr über den Leib. »Jene Equipage benützten wir täglich. In ihrer seidenen Gruft, in dem Verlies zwischen den Polstern herrschte Stille – freuen Sie sich, Hassan-Muharram, daß Sie sie nie gekannt haben ... diese Stille ...! – und draußen tobte das Leben. Wir führten mit Vorliebe erregende Gespräche und sahen durch die Spalten auf die Straße heraus. Bei Gott, Hassan-Muharram, jeder Lastträger, jeder Gemüsehändler war damals eine Sensation für uns.« Ihre Stimme wurde leiser. »Da geschah es, daß wir einen größeren Ausflug machten. Unser Kutscher verirrte sich in die Gegend, wo heute Meadi liegt. Wir hielten auf offenem Feld. Ich wagte es herauszutreten, da er uns keine Antwort gab. Er hatte sich völlig an Raki betrunken und schlief auf dem Bock. Zunächst waren wir ratlos. Es war eine Situation, wie wir sie vorher nie erträumt: wir waren frei !!« Der Eunuche erschien und brachte zwei Schalen Mokka und eine Schachtel Zigaretten. »Wie es weiterging? – Eine leere Droschke kam uns entgegen. Es war spät geworden. Wir baten den Kutscher, uns zurückzufahren, und er schleppte den Betrunkenen auf seinen Bock und setzte sich auf den unseren, da wir die Equipage nicht zu verlassen wagten. Es war das erstemal, daß ich mit einem Manne sprach, der nicht mein Vater und kein Verschnittener war ... Jener Berberiner mochte vielleicht glauben, er erweise uns einen Dienst: jedenfalls veranlaßte er trotz des heftigsten Widerstandes damals Ihre Existenz.« Sie schwieg. In ihrem Gesicht begann es haltlos zu zucken. »Unter Abbas dem Ersten«, fuhr sie fort, »geschah es, daß man selbst einen Engländer, der in seinem Harem hospitierte, lebendig eingrub. Ihrem Erzeuger, Hassan-Muharram, ging es noch schlimmer; denn er wurde in Stücke geschnitten, und gewisse Details von ihm bekamen die Schweine. Ich kann nicht sagen, daß ich ihm nachtrauerte. Er war ein struppiger Halunke und hatte nicht die geringsten Manieren. Außerdem war er schuld an vielem anderen, was ich Ihnen noch erzählen muß.« Sie schöpfte Atem. Ihr Gesicht verzog sich mehr und mehr zu einer gramvollen Maske. »Natürlich wurde die ganze Angelegenheit vertuscht. Kurze Zeit darauf entführte mich Achmed-Abd-el-Gawad. Sie werden vielleicht von dem Prozeß gehört haben, den dieser Skandal hervorrief. Er konnte sich loskaufen (er hatte schon damals großen Einfluß), und so behielt er keinen Unrat im Kalender. Nun ist er tot – Allah vertilge sein Gedächtnis, möge die Ruhe ihm versagt bleiben! Er war nicht viel besser als der Berberiner. Er war intelligent! Der Khedive machte ihn zum Schêsch-es-Sadât, zum Nachfolger meines Vaters.« Zischend fuhr sie fort: »Er machte dieses Schwein zum Adelsmarschall ... Ah, ich spuckte ihn an, wenn er mit seinem Blute prahlte und seine Fellachenherkunft ihm dabei noch aus allen Poren stank! – Denn ich, ich wußte, woher er stammte! Ich habe das am eigenen Leib erfahren! Ich habe es ihm ins Gesicht gesagt, daß sein ganzer Stammbaum von käuflichen Ulama fabriziert war!« Sie schöpfte erbleichend Luft und kämpfte mit einem kurzen Asthma. »Er schob dem Khediven unter der Hand gute Landverkäufe zu, kurz, er war die Seele jeder auffallend geglückten Spekulation, mithin eines auch von Ihren Vorbildern, Hassan-Muharram! – Doch was erzähle ich Ihnen Dinge, in denen Sie notorisch längst versiert sind!« setzte sie mit zynischer Höflichkeit hinzu. »Es handelt sich ja auch nicht darum, daß Sie das erfahren, sondern ich will Ihnen nur erklären, warum ich Sie als mein leibliches Kind nicht so empfangen habe, wie Sie es wünschten! Als er mich damals entführt hatte, gab ich mir keine Mühe, ihn darüber zu täuschen, daß ich keine undurchbohrte Perle mehr sei. Ich wußte, daß er um der Vorteile dieser Heirat willen nicht wagen werde, mich zu brandmarken und zurückzuschicken, und zudem hatte er ja bereits mit meiner Entführung das Äußerste riskiert. Er hatte sich als einen ansehnlichen Menschen von leidlichen Manieren gezeigt, dem ich nicht ganz wider Willen gefolgt war. Aber als er die bewußte Entdeckung machte, wurde er vulgär.« Sie streifte den Ärmel zurück und zeigte auf dem mattglänzenden, mageren Arm eine riesige Narbe, die sich vom Handgelenk bis zum Ellenbogen hinzog. Ihre Stimme gewann an Heftigkeit; ihr Französisch nahm rauhe, krächzende Nasentöne an, wie sie nur die Hafensprache kennt ... »Er warf mich hin und her wie ein Stück Holz. Er brüllte wie ein Viehtreiber. Er gebrauchte unaussprechliche Beschimpfungen ... Und als ich Sie gebar – ich wundere mich, daß ich Sie überhaupt lebend zur Welt brachte! – verschwand er mit Ihnen. Ich nahm damals an, daß er Sie wie eine Katze ersäuft habe. Ihretwegen habe ich Undenkbares erduldet. Gewiß, Hassan-Muharram – Sie sind nicht schuld daran. Aber Sie gestatten mir wohl, Ihnen zu sagen, daß ich Sie nicht gern geboren habe. Ja, damals haßte ich Sie und war einverstanden damit, daß ich Sie nicht zu säugen brauchte ... Er ersparte mir nichts. Er nahm keine zweite Frau; aber ich war auf das Mit- * *leid seiner Mätressen angewiesen!!« Sie erhob sich jetzt und schwenkte die Hände über dem Kopf; sie kreischte aus voller Lunge und wankte im Zimmer umher ... In diesem Augenblick erschien der graue dicke Mann wieder; von der Eile schwer keuchend, rollte er herein und injizierte ihr, wiewohl sie um sich schlug, eine Dosis Morphium in den Oberarm. Hassan erkannte flüchtig, daß die blaßgelbe Haut dort von blauen Punkten besät war. Der Verschnittene wartete noch eine Weile, apathisch blinzelnd, bis sie sich beruhigt hatte. Sie setzte sich mit geschlossenen Augen. Der Dicke verschwand. Endlich erhob sie mühevoll die Lider und sagte: »Verzeihung. Derartige Szenen führe ich zuweilen auf.« Heftig atmend besann sie sich und sprach dann mit reiner und ruhiger Stimme weiter: »Die Zirkassierin, mit der Sie sich vorgestern vergnügten, teilte mir nun mit, was Sie ihr erzählten ... Es ist nicht der geringste Zweifel, daß der alte Fellache Ihnen damals die Wahrheit berichtet hat, besonders was die Worte des Effendis betrifft, der Sie brachte. – Was ich von Achmed-Abd-el-Gawad gelernt habe, ist Spekulation. Weiß Gott, ich hatte Gelegenheit, mir Kenntnisse anzueignen, insbesondere, wenn er sich betrank und geschwätzig wurde. Seit er tot ist, mache ich auch kleine Geschäfte – es zerstreut mich. Es ist das einzige, was ich noch vom Leben habe.« Sie steckte sich eine Zigarette an. »Ich engagiere Sie als meinen Agenten. Ich hätte das ja tun können, ohne Sie in alles einzuweihen. Aber ich nahm an, Sie würden mich weniger betrügen, wenn Sie wissen, daß ich Ihre Mutter bin. – Nun leben Sie wohl.« Sie reichte ihm die Hand. Ehe sie es verhindern konnte, hatte er einen heftigen Kuß darauf gedrückt, so heftig, daß er sich an den Edelsteinen die kippen ritzte. Sie entzog ihm die Hand sehr schnell. Er verbeugte sich stumm. An der Tür drehte er sich noch einmal um und warf ihr einen dunkel grübelnden Blick zu. Sie erwiderte ihn nicht, sondern blieb zusammengesunken, klein und zerbrechlich sitzen, so, als habe sie nicht einmal mehr die Kraft, den Kopf zu erheben. Er wartete noch kurz, und dies Warten erschien ihm endlos. Endlich hörte er eine tonlose Stimme: »Wenn ich Ihnen dienen kann, bitte! – – – Ich habe Einfluß ... Nun lassen Sie mich allein.« Das Dekret Waren nicht zufällig eilige Angelegenheiten in der Schwebe, so zog man schriftlichen Verkehr vor. Der nächste Anlaß war der, daß Hassan für seine Mutter einen außergewöhnlich günstigen Terrainverkauf an ein großes Magazin in der Stadt vermittelte. Als Gebühr gab sie ihm 23 Prozent der sehr hohen Summe. Die Briefe trugen die Anreden: » Madame « und zunächst » Monsieur «. – Später dann und wann » Monsieur et ami «. Außerdem gab die Seijide ihm als Zugabe gute Ratschläge. Er stiftete im Laufe des Jahres 300 Pfund für einen wohltätigen Zweck, die »Société el Orva el Wooka«, und schickte 100 Pfund als Beitrag für den jährlichen Kaabateppich nach Stambul. Dies und einige ihm unbekanntere Verwendungen der rätselhaften Frau hatten zur Folge, daß er am Jahrestag der Hedschasfahrt den Bei-Titel erhielt. Es war der Tag seiner Ernennung. Es war niemand bei ihm, als er das Ministerialdekret bekam. Er las es mit Genugtuung. Er befand sich gerade im Rauchzimmer seines üppig ausgestatteten kleinen Palastes auf Gezirê. Als ihm die Ernennung gebracht wurde, unterbrach er die Lektüre der »Daily Mail« und des Blattes »El-Mokattam« und versank in behagliches Brüten, wobei er den Blick starr auf die geschlossene Meschrebîje richtete, durch deren Gitterwerk das Blau flammte. Er war noch etwas fetter geworden. Seine blaßbraunen Wangen drängten sich marmorblank und überladend auf den kurzen Kragen. Sein Hals hatte sich, während er zusammengesunken auf dem Diwan saß, ganz versteckt. Seine Brauen saßen noch höher, noch zugespitzter auf der Stirn, da deren Falten sich für ständig angesiedelt hatten; diese Tatsache gab dem Gesicht den Ausdruck eines stereotypen Erstaunens. Eine kohlschwarze, sehr knapp geschnittene kleine Bürste saß auf der Oberlippe; der negerartige Schnitt des Mundes hatte sich leicht vergröbert. Eine der zierlichen Hände, die herabhing, spielte mechanisch mit den grünseidenen Quasten einer Bernsteinkette. Er gähnte jetzt, so daß seine runden, bläulichen Augen sich mit Wasser füllten, und klatschte dann in die Hände, nachdem er die Spielkette in die Tasche versenkt. Ein feuchtblickender Knabe in einer grünen Kelabije kam das Treppchen herab, das in das Rauchzimmer führte, und tauschte des Gebieters grüne Hauspantoffeln gegen knappe Lackschuhe um. Dann schwebte er voraus und brachte ihm mit weicher Unterwürfigkeit den Tarbusch und einen Stock mit dickem, goldenem Knopf. Draußen regten sich die Bauwabs: heisere Weisungen pflanzten sich durch den Garten fort, und nach fünf Minuten stand das Gefährt bereit. Es war erst vier Uhr nachmittags, aber es drängte den neugezimmerten Bei, seine junge Würde spazierenzufahren. Noch auf der Brücke zögerte er, wohin er sich zunächst wenden solle, dann befahl er: »St. James«. Als er ankam, war das Lokal leer. Sogar der deutsche Barkeeper war zu dieser Stunde durch einen Nubier ersetzt. Hassan-Bei hatte dies gewußt, aber gleichwohl verstimmte es ihn ein wenig. Er hatte gehofft, wenigstens einen seiner Freunde anzutreffen. Da er das zweite Frühstück (er pflegte sich erst um ein Uhr zu erheben) noch nicht zu sich genommen hatte, so nahm er einen Gin, um den Appetit zu reizen, bediente sich mit zwei Sandwichs und einem halben Huhn, nahm noch einen Gin und überlegte dann, wem er das Dekret zeigen solle. Er kam zu dem Ergebnis, daß er sich wohl oder übel darein fügen müsse, diese Genugtuung noch etwas hinauszuschieben. Da ihn aber die Rückfahrt nach Hause durch die hitzeflammende Stadt augenblicklich nicht lockte, so blieb er noch und bestellte einen Whisky. Ein zweiter und dritter folgte. Er begann sich wohlzufühlen. Er lauschte einer Fliege, die in Zickzacklinien um den Lüster summte, mit geneigtem Kopf. Zwischendurch betrachtete er seinen Stockgriff. Ein Gefühl der eigenen Wertschätzung durchdrang ihn bis in die letzten Verzweigungen seines Innern. Der neue Titel durchtränkte sein Wesen wie eine teure Essenz einen Schwamm. »Sieh da,« dachte er, »auf diesem Punkt bin ich nun. Mein Vermögen wächst. Ich werde schon jetzt kaum mit den Zinsen fertig. Ah, wie glatt ist das alles gegangen! Wie glatt, wie schön!« Er hob die Hand und ließ sie mit leichtem Knall auf den Schenkel zurückfallen. Im Laufe der nächsten Stunden nahm er den Alkohol wie ein Uhrwerk zu sich. Der Nubier wartete bereits keine Bestellung mehr ab, sondern bediente ihn lautlos und ungerufen. Zwischendurch schob der Bei eine kleine Folge wirkungsvollerer Mischungen ein. Als er sich erhob – unter einigen Schwierigkeiten –, war es sechs Uhr geworden; und die ersten Gäste – Engländer – traten ein. Er musterte sie mit gleichgültigem Blick und warf sich in seine Kalesche. Er hatte die Empfindung, daß eine ausgedehntere Fahrt seinem Kopfe nicht schaden könne. Deshalb sagte er: »Gizê«. Die Pferde, hübsche Apfelschimmel, zogen an, und der Wagen rollte dahin. Als er an der Kaserne vorüberkam, lehnten die Scotchmen wie stets in den Fenstern; und aus dem Hintergründe drang unendliches Dudelsackleiern, eine fatalistisch-monotone Geräuschwelle. Gesindel aller Art drängte sich an den Umfassungsmauern und sah in den Hof hinab, wo man Vorbereitungen für einen großen Fackel-Tattoo traf. Er schloß vorübergehend die Augen. Als er sie wieder auftat, befand er sich auf der Brücke Kasr-el-Nil, mitten im Trubel des Korsos. Das behagte ihm. Er nahm eine noch bequemere Stellung ein, er bettete die Füße auf den Raum, den der Berberiner auf dem Bocke ließ, und entzückte sich an seinen mattblauen Seidenstrümpfen. Zwischendurch spähte er in die Wagen, die an ihm vorüberkamen, und die er überholte. In seinen Schläfenadern klopfte die Hitze der genossenen Getränke; sein Hirn steckte in einem Nebel. Eine ungeheure Leichtigkeit des Lebens beschwingte ihn; allen Dingen im Umkreis fehlte das Gewicht; die Geräusche der rollenden Räder, das unaufhörliche Getrappel der Tausende von Hufen verschmolzen zu einer eintönigen Symphonie, in der seine Eitelkeit das Solo sang. In dem Trubel dröhnte das Wort »Bei«. Er schwamm breit über dieser Kette von Kaleschen ... Nach rechts und nach links entsprangen seinem Hirn braune Putten in kurzen Röckchen, mit gelben Kopfbinden und Gerten in der Hand, mit denen sie herrisch fuchtelten ... Und sie strampelten und hüpften neben und vor dem Wagen her und schrien mit dünn gellenden Stimmchen: »Platz für den Bei! Uah, Platz für den erlauchten Herrn Bei!« Und Hassan betrachtete seine Strümpfe, schnippte mit dem Finger ein Stäublein von seinem hellgrauen Flanellanzug und bohrte sich selbstvergessen lächelnd eine Zigarette in den Mundwinkel ... Ein Zweigespann hastete stramm vorüber; im Fond saßen Abu-Katkûs und Habib-Mos-Tizi ... Als er sie entdeckte, waren sie schon zu weit voran, als daß er sie hätte zurückrufen können. Er hatte sie an ihrem grölenden Gelächter erkannt. Sie ließen es hinter sich, die beiden Schwerenöter; es schwappte über Bord wie ein überfüllter Unrateimer. Hassan hatte unwillkürlich nach seinem Dekret gegriffen ... Oh, man gebe ihm doch Gelegenheit, es zur Kenntnis zu bringen! Findet sich denn kein Menschenfreund, dem er es unter die Nase stoßen kann! Heute ist er der Bruder aller .. Mâschallâ! Heute ist Hassan glücklich! Siehe da: er wurde von Bekannten gegrüßt. Eine griechische Familie ... Zwei feiste Backfische auf dem Rücksitz blinzelten ihn behaglich an. »Fett seid ihr!« dachte Hassan. »Eine wie die andere!« – Hände hoben sich an Tarbusche: er dankte lässig. Ein Wagen mit vier Haremsdamen folgte. Sie zappelten wie ein Bündel Truthühner, die man lebend zum Markt bringt. Vier Augenpaare dunkelten ihm entgegen, verschleierten sich, blitzten durch das Gewebe und enthüllten sich wieder nach einer kurzen Pause ... Leises Gelächter gurrte ihm ins Ohr; jenes Gelächter, das Üppigeres verheißen kann, als man sich je erträumt, und in dessen ersterbendem Klang die wildesten Wünsche gefesselt stöhnen. Hassans Wohlbehagen schoß immer satter ins Kraut, und zugleich packte ihn eine entnervende, eine lähmende Lust, ein Durst danach, sich an diesem Abend toll und unerhört zu verschwenden und seinen Sinnen jeden erreichbaren, jeden käuflichen Wahnwitz zu gönnen. Er nahm die Füße herab; der Entschluß erkältete ihn gleichsam für einen Moment. »Ich bin betrunken«, sagte er sich. »Weiß Gott, ich habe unnötig gründlich vorgesorgt. Warten wir, bis der Kopf freier wird. Zähmen wir uns ...« Ein Engländer lenkte sein Dogcart dicht an ihm vorbei, blickte ihm flüchtig ins Gesicht und war bald im leuchtenden Staub verschwunden. »Daß er mich von oben herab angesehen hat,« meditierte Hassan, »lag daran, daß er sehr viel höher saß als ich. Er konnte nichts dafür. Er meinte es nicht unverschämt. Zudem hatte er auch keinen Platz mehr auf der Straße. Er ist ein guter Bursche; vielleicht ...« lallte er innerlich weiter, »lade ich ihn gelegentlich zu einem Brandy ein ...« Aber die kleinen Saïs-Putten schrien nicht mehr: »Huah, der Bei!«; sie waren durch das Dogcart verscheucht. Hassans Gedanken kehrten alsbald zu den Weibern zurück. Die niedlichen Levantinerinnen, die in diesem Klima schon mit dreizehn Jahren strotzen wie ihre Mütter – all die schillernden Schnecken, die tagsüber in den Häusern dämmern, diese Treibhauspflanzen, ja, das war etwas nach dem Herzen Hassans, nach dem Herzen dieser Stadt; etwas herrlich Angebrachtes in dieser brünstigen, gedankenlosen und kindlichen Atmosphäre. Ach, diese Stadt, die in der Wiege schon mit phallischen Symbolen tändelt, diese glühende, verräterische, einschmeichelnde Stadt, die nichts kennt als Geld und Sinnenrausch! Und sich dennoch nicht verzehrt, weil das eine dem anderen schlagfertig, mit der unwiderlegbarsten Logik: der des Animalischen, die Wage hält! In dieser Stadt lähmt keine Selbstzerfleischung einen üppigen Einfall; auf ihren Boulevards wandeln keine Menschen, die ihre Entschlüsse mit Theorie erdrosseln, die das entmannende Spiel mit der Möglichkeit treiben und darüber ihr Leben versäumen... Diese Stadt kennt keine Produktivität und weiß nichts von der erhabensten Form ihres primitiven Fiebers: der Kunst. Diese Stadt, dieses Volk raubt, befriedigt sich herrisch und sättigt sich mit Wirklichkeit. Man kennt nur grelle, nackte Farben und führt das tumultuarische Dasein des Augenblicks... Und die Sonne ist hier bestialisch; sie durchtränkt diese Menschen und brütet mit dem Nil vereint in geilster Umarmung eine Talmikultur hervor, die den Geist in die Enge treibt. Doch er wehrt sich, der Geist; er wird dreifach Proteus; er kommt vom Norden, er bleibt kühl wie Eis im Behälter und baut sich unzerstörbare Siedlungen Schritt nach Schritt! Und seine Phantasie ist nicht mit dem Augenblick, da er sie in die Tat umsetzt, verraucht! Nein, sie potenziert sich in klugen Wandlungen, sie vervielfacht sich, während die eure, ihr braunen Männer, nur ein Krampf der geballten Faust ist, die mit ermüdender Einförmigkeit Geld aus dem Boden peitscht, oder die der Blick eines Weibes lösen kann! Doch Hassan befand sich hier wie ein Fisch im Wasser. Er dachte beileibe nicht zu Ende; in guter Stunde fühlte er höchstens ganz beiläufig, mit keinerlei Willen zur Erkenntnis, derlei Gedankengänge, er blieb im Kreise der Wasa und drehte sich darin; er gab sich ungeheuer aus und lebte auf der Spitze... Von den Spargeln aß er nur die Köpfe; und wenn er sie verschmähte, so geschah es aus Stumpfheit oder Irrtum, wie es bei dem bäuerlichen Manne geschah, von dem ihm einst der dicke Abu-Kêf berichtet. Und da seine Gedanken sich nun einmal ausschließlich auf einen Punkt eingestellt hatten, so dachte er unter anderem auch seiner Mutter, und dachte ihrer nicht als Sohn. Er dachte lediglich der Seijide Ali-Jussef, deren Französisch subtil und gesetzt klang, und die ihm eingreifende Dinge berichtet hatte ... In einer Weise berichtet, als rezitiere sie irgendein nach Sensation schielendes Feuilleton. Ärger war es, was er in diesem Moment der Frau gegenüber empfand. Ah, ich habe mich hinreißen lassen! Ich habe ihre Hände ergreifen und küssen wollen! Was bewog mich dazu! Wer ist diese Frau! Eine Frau, die sich meine Mutter nennt ... Und nach einer kurzen Anwandlung von Weinerlichkeit erhob er sich mit einem Ruck im Wagen, spiegelte sein fettes, leeres Gesicht im blanken Griff des Stockes und übte eine erboste Kritik. Er schob das alternde Weib in einige Entfernung und beschimpfte sie leise. Es bereitete ihm Wollust, dies zu tun ... Eh! Du willst mich nicht Sohn nennen! Gut, ich bin dir zur Unzeit geboren! Ich bin ein wandelnder Chok für dich! Verdammt sollst du sein! Seine Augen traten hervor; er stampfte auf den Boden der Equipage, so daß der Kutscher herumfuhr. »Es ist nichts«, sagte Hassan. »Ich überlege, du Schwein.« Und nach einer Weile kamen ihm dieselben Gedanken wieder. Doch diesmal stand die Seijide dicht vor ihm in einem irrseligen Duft und war um zwanzig Jahre verjüngt. Sie war zierlich, klein und lebhaft wie ein Fink. Sie war wie eine Türkin so weiß; ihr Mund war klein und voll; und ihre Augensterne ruhten jettschwarz in bernsteinfarbener Iris; ihre kleinen Hände tappten wie blind nach ihm; ihre Finger huschten an seinen Nacken ... Sie bewegte einen verwirrend schlanken Körper in halb geöffneter schwarzer Abaja, ganz gebettet in krachende Seide ... Da kam ein Raubtier von hinten mit einem Tarbusch, ein schweres, geiles Tier, ein Athlet, an dessen klobigen Handgelenken goldene Ketten klirrten, und warf sie um. »Schreien Sie nicht, Madame«, dachte Hassan. »Ei, das mußte sein, in der Tat, ich verstehe diese Handlungsweise ... Er nahm Sie als sein Recht.« Doch gleich darauf sah er eine von Leid verheerte Fratze vor sich, die ihm in die Ohren schrie: »Du bist schuld, Hassan! Um deinetwillen bin ich zermalmt wie eine schimmernde Puppe von einem Mörser!« – »Was da, Madame, kann ich dafür?« – »Ihr könnt dafür! Ihr alle!« schrie die Maske. »Ei was, der Berberiner war schuld an dieser Sache!« – Und gleich darauf wurden die Züge der Maske wieder glatt; sie plapperte ein leeres Französisch und sah ihn klug und berechnend an ... Der Wagen befand sich längst hinter Gezirê und fuhr an dem Seitenarme des Nils, auf der langgestreckten Allee. In den Feldern krochen blaue Bauern die Furchen auf und ab. Der Korso war zersprengt; einzelne Wagen fuhren noch weiter; viele kehrten um. »Daß ich nicht auf dem Bock sitze und dieses Schwein nicht im Wagen, ist ein Zufall«, dachte Hassan und stierte auf den Rücken des Kutschers. »So ein Kerl war mein Vater ... Jedoch ...« dachte er ungeheuer schlau, »ich habe Adelslut. Ich stamme vom Propheten ab!« Er lachte glucksend vor sich hin und hob die gespreizte Hand. Der Wagen tauchte blitzend in die scharfen Schatten der Lebbachbäume unter. Hassan empfand mehr und mehr das Bedürfnis, ein wenig zu ruhen. Seine Überlegungen gingen im Zickzack ... Nach einer halben Stunde befand er sich vor dem Tor des Tierparks, ließ halten und stieg aus. »Ich werde etwas Ernüchterndes zu mir nehmen«, beschloß er bei sich. Ein wirres, zeterndes Gekreisch feuerfarbener und lasurblauer Aras und schneeweißer Molukken-Kakadus schlug ihm entgegen. Der Garten war nicht stark besucht. Hassan folgte gedankenlos dem ockergelben Pfad, der sich rechts von ihm in das Innere des Gartens schlängelte, und kämpfte gegen seine Trunkenheit. Mit der Zeit gab er diese Bemühungen auf und behagte sich in dem angenehmen Taumel zwischen Vernunft und Traumseligkeit. Er lehnte sich an ein Gitter. Über ihm, aus dem Blau, ertönte ein leises, mahlendes Schmatzen. Er blickte empor: da schwankte das edle Haupt einer Giraffe wie eine Blüte auf hohem Schaft. Und diese Blüte neigte sich herab; die samtenen Nüstern öffneten sich leise schnuppernd, und die purpurbraunen Augen träumten aus steiler Höhe, entrückt in ihrer Einfalt. Eine erhabene Unschuld durchpulste das kolossale Tier. Da Hassan sich nicht rührte, hob sich das Haupt wieder empor; scharf abgezeichnet wie Blütenstempel wuchsen die kleinen Hörner aus der schmalen Stirn; die Linie des Halses, des abfallenden Rückens, der stelzenartigen, ungeschickten Beine war exzentrisch und fremdartig: gleichwohl aber schien sie erfüllt von edler Naturbefugnis und Zweckmäßigkeit ... Die Giraffe schritt langsam zurück und spreizte die Vorderbeine, um mit dem Haupte herabzugelangen. Die Schulterblätter traten markant hervor, während der Hals, zwischen sie gesenkt, in stumpfem Winkel abknickte. Ein erst wenige Tage altes Kalb trabte heran, flaumig und mit weichen, dicken Knorpeln, im Dämmerzustand frühesten Lichtgenusses ... Und die Zunge der Mutter schlappte es ab. Das Seelchen hielt es befriedigt aus; seine zarte Fleckenzeichnung leuchtete ... Hassan lächelte und gab einen Laut des Beifalls von sich. In seinem Innern klang eine selten berührte Saite auf; und dieser Ton stimmte ihn mild ... vorübergehend, und nicht ohne einen gewissen Humor, dachte er der Seijide, die nicht halb soviel mütterliches Empfinden besaß wie dieses Tier. Er sagte: »Saïda!« Er grüßte die Giraffe, die ihm mit ihren milden und unendlich toleranten Blicken folgte. Das Kalb hatte den Kopf an ihre Zitzen gesteckt und schlürfte. Währenddessen stand die Alte wie ein Monument, wie ein Markstein des Kreislaufes und zuchtvoller Pflichterfüllung ... Er ging nun weiter. Eine Familie von Antilopen mit Büffelköpfen und Pferdeschwänzen entzückte ihn: es waren apathische Gnus ... Sie verhielten sich so, als seien sie in eine chronische Verblüffung über sich selbst geraten; ihre schweren Köpfe hingen herabgezogen; sie peitschten mit den langen Schwänzen ihre schmalen Keulen und ihre mausgrauen Rückenmähnen, die eine Scheitellinie von sorgsamster Symmetrie zeigten ... ein Bulle mit blutunterlaufenen Augen stand abgesperrt und einsam in der Nähe und ließ seine lyraförmigen Hörner über das Gitter knattern ... Hassan ward von einer schelmischen Stimmung ergriffen. Auf einmal befand er sich in einer von großen Kakteen und Agaven gesäumten Allee, die mit Steinmosaik bedeckt war. Unterwegs traf er einen ganz jungen Elefanten, der sich in Begleitung eines schläfrigen Nubiers erging und seinen Weg mit erstaunlichen Quanten von schwarzgrünem Mist besprenkelte, und immer erheiterter lenkte Hassan seinen Schritt der Pelikaninsel zu. Noch bevor er hinkam, gelangte er an einen Käfig voller Kuhreiher, die mit einer drollig exakten Bewegung die Hälse nach ihm drehten. – »Wo trifft man euch noch?!« dachte Hassan. Und er sah auf grünem Ackerland Hunderte von Büffeln, auf deren Köpfen und Rücken solche Reiherchen ehedem gehaust, als zierlicher Schmuck für das schiefergraue Vieh ... Und nun sind sie ausgerottet und gemordet, und ihre armen kleinen Federbälge kleben an den Hüten von Kaufmannsfrauen, die im Korso fahren ... Hassans Heiterkeit trübte sich für einen Augenblick, und er schüttelte bedauernd das Haupt. – Dann erreichte er das künstliche kleine Eiland, ließ sich im Pavillon nieder und bat um eine Tasse Kaffee. Zwischendurch blickte er über den sonnflirrenden Sumpf, der mit mattglänzenden Lotosblättern wie mit einem Teppich bedeckt war. Hellbraune Eisvögel mit weißen Brüsten standen schwirrend wie riesige Kolibris in der Luft und plumpsten auf der Fischjagd wie Steine ins Wasser. Auf einer kleinen Klippe, in einem Wald von Bambus, Papyrusstauden und Schilf regte eine Gruppe von Pelikanen ihre rosaschwarzen Schwingen. Sie hielten Siesta; sie blähten die Hautsäcke ihrer monströsen Entenschnäbel und lüfteten ihre prächtigen Federn. Zwischendurch, in eifersüchtigem Unmut, stießen sie einen Störenfried ins Wasser hinunter. Sie waren fürstlich rosenfarben, reizbar und reserviert. Es war ein Genuß, ihnen Beachtung zu schenken ... Es war ganz still. Schläfrige Glut lag auf dem verzweigten, von Tropenfarben wild durchblitzten Garten. Einige Frösche murrten ganz nahe dem Bei, der matt an seiner Tasse sog. Irgendwo, fern von ihm, wie aus einer grünlohenden Gruft von Fikuslaub heraus, schrie jemand wie in Todesangst. Es war ein Gibbon; er schrie: »Wu-wu-wu!« Er schrie es eintönig und gellend. Träge Schmutzmilane schwammen im Blau. Eine Krähe flatterte plump vorüber. Das Geräusch einer einsamen Harke unterstrich die Stille ... Die seidene Troddel auf dem Tarbusch des Beis fiel nach vorn; sein Kopf sank herab; er schlief ein. Alle Wünsche verblaßten; er schlief traumlos und tief. Plötzlich fühlte er sich von einer groben Hand berührt und erwachte. Ein nubischer Aufseher, derselbe, der in Begleitung des kleinen Elefanten den Nachmittag verträumt, stand vor ihm und sagte: »Verzeihe mir, Effendi, du mußt gehen. Der Garten wird geschlossen.« Hassan sah auf die Uhr. Es war etwas nach sieben. »Höre zu: Laß mich hier. Es gefällt mir hier.« »Effendi!« schrie der Nubier außer sich und gestikulierte. »Du mußt gehen; alle Welt muß gehen!« Hassan holte ein Pfundstück hervor und tändelte damit. Der Nubier wurde sanft, und als er es erhielt, sagte er: »Verhalte dich noch eine Weile hier, Effendi, damit der Oberaufseher dich nicht erblickt. Im Schutze Gottes!« Er grüßte voll verschmitzter Unterwürfigkeit und verschwand. – – – – – – – – – – – Alles um ihn her – so erschien es Hassan – habe Form, Farbe und Gesicht geändert. Etwas Unwägbares, Ungreifbares sei um ihn emporgewachsen, stehe ihm mit klaffenden Rätselaugen gegenüber ... Irgend etwas flüstere und fessele unhörbaren Schritts mit einer Bannfessel Stück nach Stück der Gartentiefe. Gleichzeitig traten alle Gegenstände in eine bengalische Bestrahlung, die allen Farben ihr Wesen nahm ... Hassan blickte um: ein ungeheurer, stumm und flammend drohender Farbenfächer war dem Westen entwachsen und ersäufte, langsam sich entbreitend, das Blau mit einem verruchten Pomp dreifach ineinander gewühlter, satt glotzender Tinten, die herrisch emporschwollen ... Es war ein Pfuhl von stumpf schwärendem Blut, molkig wogend, dessen Ufersäume in ein krankes Violett zerliefen. Die Sonne, in einem fernen Staubsturm vergraben, glich einer geöffneten Wunde, aus der unaufhörlich rotes Leben sickerte; einer Wunde, die ihr Blut wild vergeudete und sich dennoch nicht erschöpfte. Sie sank, sie trat zurück; der blutige Schein dunkelte intensiver, verlohte unter einem rostfarbenen Schleier, der die westliche Himmelsdecke zu überhauchen begann wie Asche einen ausgeglühten Krater. Die Welt erblindete in wüsten Zwielichtfarben; und der Garten vergrub sich langsam in das Dunkel, das dem toten Fluidum zwischen Himmel und Erde entfiel. Der Bei saß noch immer im Pavillon. Ein fremdes Fieber, der Anhauch irgendeines kommenden unerhörten Geschehnisses traf ihn wie die Nähe eines unausdenkbaren Fatums, das von den aufwachsenden Schatten genährt irgendwo unvermeidlich seinen Weg kreuzen müsse. In den wenigen Minuten des Überganges von der Dämmerung zur Nacht wachte ein Schauer auf, wimmelte wie mit Ameisenfüßen durch den Park oder umfächelte wie ein Vampir mit den Hautschwingen eines Fliegenden Hundes sekundenlang seinen geneigten Kopf. Ein kurzes Asthma befiel ihn, eine lächerliche Beschleunigung des Pulses. Es kam und ging; es irritierte nur flüchtig wie etwas scheinbar Grauenhaftes, das sich bei schärferem Blick als ein nichtiger Spuk erweist. Er atmete tief auf und schritt langsam in den Garten zurück. Die Abendglut war erstorben, und das schwarze, üppige Blau der Nacht umfing mit ungeheurer Beruhigung die Welt. Die Palmenkronen standen wie Filigran im Sternenlicht. Nun aber, mit dem Verblassen aller Geräusche, rührte sich das eigentliche Leben des Gartens. Schreckhaft stiegen da und dort vielfältige Schreie empor, bald in Pausen, bald atemlos wie eine Kette von Hilferufen, kreischend und gedämpft, murrend oder als hohles Geheul. Unzählige Lungen sogen die Nachtluft ein und stießen sie wieder aus, gesättigt von den Lauten befreiter Brunst oder tierischer Trauer über geknebelte Triebe. In Hunderten von Käfigen fieberte es, tappte es rasselnd umher. Der Gibbon steigerte seine Stimme zu einer einzigen Klangkurve, die wie eine Rakete in eine Garbe von bellenden Schluchztönen zerplatzte. Die Makaks in ihrem Drahthaus schnatterten fassungslos, und als Hassan herzutrat, sah er ihre Silhouetten wie geschleuderte Bälle durcheinanderwirbeln. Der Gnustier erzeugte an den erbarmungslosen Gitterstäben ein Geräusch, als werde ein Maschinengewehr entladen. Er arbeitete stumm und wütend wie ein Dämon der Vernichtung. Er mußte unsagbar leiden. Und die blauen Schatten quollen tiefer und tiefer auf, und in ihrem verzauberten Bezirk brodelte es von Lauten. Der Himmel wurde zu einer samtschwarzen Bürde, die beängstigend tief über dem Garten hing, durch den hie und da leichte Phosphorfünkchen irrten. Die Sterne blinzelten klein und angstvoll. Auf einmal fuhr der Einsame zusammen; denn ganz in seiner Nähe brach ein schwerer, sonorer Orgelton aus, dessen brutale Baßwelle durch den Garten wütete und dann mit einem gepeinigten Röcheln rasselnd abschnappte wie der jäh gestaute Schwall einer schwarzen Woge oder wie eine Last, die unter dem Keuchen ihres Trägers schwer zu Boden stürzt. Danach hörte er nichts als das dumpfe Tappen schwerer Pranken, und die Silhouetten von vier großen Löwen zeichneten sich kaum sichtbar ab. Zuweilen sah er zwei schimmernde Löcher, in denen grünes Licht floß. Dann begann ein Grunzen, ein Schnarchen, als hocke eine Horde von Teufeln auf einem gespenstischen Blasebalg ... Das Schnarchen steigerte sich zu einer Salve von zischenden Halstönen, und dann heulte der sonore Klang wiederum mächtig auf, ein riesiges Gestöhn, das mit einem U begann und ein unreines A mit einem wüsten O verkuppelte, so elementar, daß im Bereich seiner Wirkung alle Pulse stockten. Die Raubtiere waren in voller Brunft. Sie spielten das täppische Spiel ihrer Begattung und polterten gegen die Holzwände. Sie schnopperten und fauchten; sie warfen einander mit den Pranken zu Boden; sie verwühlten sich zu formlosen Knäueln, und zwischendurch hielten sie inne und erhoben ihren rohen Kraftgesang... Ein ganz junger Löwe sprach aus irgendeiner Ecke heraus ein hohes, reines »Au«; er sprach es mit Kinderstimme; und in diesem leisen »Au« lag der Keim desselben Gebrülls, das die Luft um ihn erzittern machte und sein kindliches Raubtierherz erregte. Und Hassan konnte sich nicht von seinem Standort trennen; er lauschte hingenommen und begeistert. Irgendwie erinnerte er sich plötzlich wieder mit aller Macht der eigenen Vorsätze für diese Nacht. Er riß sich los und schritt beflügelt von hinnen, bis er nach einigem Suchen das Ausgangsportal des Gartens wiederfand. Er weckte den Wärter, der ihn herausließ, und bestieg die wartende Kalesche. Mit kurzem Entschluß verlangte er nach Mena-House gefahren zu werden. Er gedachte dortselbst zu Abend zu essen, sich währenddessen in aller Ruhe für das Spätere vorzubereiten und dann in die Stadt zurückzukehren. Der Bezirk der Laternen hatte aufgehört. Die Straße leuchtete schwach. An der Stelle des Sonnenuntergangs gab es noch eine geisterhafte Helle, mit keiner Farbe des Tages verwandt. Ein kühlerer Nachtwind spazierte über die schwarz strotzenden Felder und rief ein mattes, einsilbiges Geräusch in den schweren Blättern der Lebbachbäume hervor. Aber Hassan konnte sich nicht ganz dieser Stille anheimgeben, wie er es gezwungenermaßen unter anderen Umständen getan hätte. In seinem Hirn begatteten sich noch die Löwen. Und so, wie sie an ihre Käfigschranken gepoltert waren, so stieß erregtes Blut an die Schranken seines Schädeldachs, und jeder Herzschlag schwemmte neue üppige Bilder herzu und überlud seine Phantasie mit krausen, triebhaften Wünschen. Er geriet in ein stilles, wachsendes Fieber. Die unbestimmte Erwartung von etwas Kommendem ergriff ihn wiederum, als sei er im Begriff, in einen Bezirk einzutreten, in dem er nach innerstem Belieben schalten könne: so recht aus dem Vollen heraus und als der starke Mann, der er war. Die Erinnerung an das unbehagliche Gefühl im Zwielicht kostete ihn nur noch eine kurze Verblüffung, die in dem breiten Lächeln, das er jetzt der Nacht zeigte, spurlos verschwand. Er lauschte auf: verwunderlicherweise war er jetzt nicht der einzige mehr auf der breiten Straße. Hinter ihm sausten die schlanken Traber einiger Tilburys; das federnde Rollen einer zweiten Kalesche drang in den Bereich seines nach rückwärts lauschenden Gehörs. »Es geht bunt zu in dieser Nacht«, dachte er und wandte sich um. Wagenlaternen mit flaugelben Lichtkegeln hüpften hinter ihm drein, trüb zunächst in dem Staub, den er selbst erzeugte, und dann heller und gleißender. »Anscheinend bin ich nicht der einzige, der sich heute da draußen amüsieren will ... um so besser; ich werde Gesellschaft haben.« Aus irgendeinem Grunde kam ihm der Wunsch, nicht überholt zu werden, und er sagte zu dem Kutscher: »Fahre schnell, Sohn der Trägheit, zeige, daß meine Pferde gut sind ...« Und der Berberiner, verständnisinnig und keiner Zumutung abgeneigt, gebrauchte die Peitsche. Die Gäule gerieten in Galopp. Hassan, in einer Stellung, als sitze er auf einem Paradesessel, flitzte dahin und erfreute sich an dem gleichmäßig heftigeren Luftzug, der seine Wangen umstrich. Doch mit Ärger nahm er wahr, daß das Geräusch der Gegner ihm dicht auf den Fersen blieb. Er wollte sich um keinen Preis den Spaß versagen, als erster bei dem Hotel anzulangen. Man schien jedoch hinter ihm erfaßt zu haben, daß es einen Rekord gelte; er hörte kurze Rufe und erkannte auf einmal untrüglich, daß diese Rufe englisch waren. Irgendein Gefühl trieb ihn jetzt, sich im Wagen zu erheben und dem Berberiner ganz nahe zu kommen, ihm heisere Weisungen in den Nacken zu flüstern: »Oh, fahre schneller, verflucht seist du, habe ich eine Gamusah vor dem Bock oder zwei Mograbinertraber, das Stück zu 300 Pfund?!« »Effendi!« schrie der Kutscher und bog sich wie eine Sehne. »Siehst du nicht, wie ich sie schlage? Siehst du nicht, wie sie hüpfen?!« Hassan, unter fortwährendem anfeuernden Zungenschnalzen, sank zurück; und es gelang ihm, als erster nach Mena-House zu kommen. Er durchschritt den kleinen Garten und ging in das Vestibül. Der Manager näherte sich ihm händereibend. »Verzeihung«, sagte er auf französisch. »Ich muß Sie bitten, mein Herr, sich auf der Veranda niederzulassen. Dies Vestibül und die anschließenden Räumlichkeiten sind für heute nacht reserviert.« Hassan blickte ihn mit schwimmenden Augen an. »Eh bien! Diese Plätze sind reserviert. Nun gut, ich werde auf der Veranda speisen.« Irgend etwas fiel dem Manager an ihm auf; doch war er zu beschäftigt, um es zu ergründen ... Er sagte, während er den Blick über die Schulter Hassans völlig ins Leere sandte: »Ich bitte darum ... Nun, es bleibt nichts übrig, mein Herr ... Das ist das Leben ...« Plötzlich ermunterte er sich, und während er Hassan mit höflich deutendem Finger vor sich herstieß und auf diese Weise aus dem Vestibül entfernte, klatschte er in die Hände, und rotbeschärpte Domestiken, alle schlank und nicht unter zwei Meter groß, erschienen mit sanften Sklavenmienen. Hassan setzte sich an einen gedeckten Tisch der Veranda, unmittelbar an die Glastür, durch die man in das Vestibül spähen konnte, ohne allzusehr aufzufallen. Diese Möglichkeit entdeckte er erst später; zunächst sah er den Besuchern entgegen, die durch den Garten kamen. Offenbar waren es die Leute, die vorhin versucht hatten, ihn zu überholen. Hassan schenkte ihnen einen Blick wie die Schildkröte in der Fabel dem Hasen, der zu spät ans Ziel des Wettlaufs kommt. Sie kamen barhaupt im Smoking, und als sie an ihm vorüberschritten, sahen sie ihn ein wenig von der Seite an. Sie hatten hinter der Glastür eine kurze Unterredung mit dem Hotelwirt, der (Hassan bemerkte es) die Achseln zuckte und eine anheimstellende Bewegung machte. Während er dies beobachtete, übersah der Bei einige Damen, die inzwischen in der Tiefe des Vestibüls verschwanden. Immer mehr Wagen fuhren, wie man hören konnte, nun draußen vor; auch Automobile waren darunter. Ausschließlich englisches Publikum begab sich ins Hotel. Hassan sah den Leuten schwer, fast unbeteiligt zu. Sein Kopf war ganz klar geworden, nur in den Knien saß ihm eine unüberwindliche Schlaffheit. Man brachte ihm das Essen, mit einer Eile, die den Wunsch erkennen ließ, ihn schnell zufriedenzustellen. Er verlangte eine Prärie-Oyster und schüttete das scharfe Gewürz auf einen Zug hinunter, worauf sich zunächst sein Durst wieder regte. Eine gewisse humoristische Grundstimmung überkam ihn nach den ersten Getränken. »Also Inglîz sind es, die sich hier versammeln ...« dachte er und spähte hinein. Der Gin umnebelte sein Hirn wiederum; so sah er drinnen im Vestibül, dessen Hintergrund sich mit Damen in großer Toilette füllte, ein Karussell von weiß und rot, das sich ruckweise nach links drehte; wenn er es aber fixierte, stand es still und löste sich in zwanglos bewegte Körper auf. Es war nicht amüsant, hier draußen sitzen zu müssen. Ein leiser Groll bemächtigte sich seiner. Er schob den Tarbusch aus der erhitzten Stirn in den Nacken und beschäftigte sich mit dieser Empfindung. Sie wuchs bis zur Indignation. Die Engländer gingen heraus und hinein; sie unterhielten sich sehr gut und warteten den Beginn des Dinners ab. Zuweilen stellten sie sich, die Hände in den Taschen und Zigaretten zwischen den Lippen, in der Nähe Hassans auf und erzählten sich in ihrer kurz angebundenen Weise allerlei Vergnügliches; und dann lachten sie temperiert und leise ... Zuweilen streiften sie ihn mit ihren Blicken. Aber diese Blicke gingen durch ihn hindurch wie durch Glas. Es gab keinen Hassan auf dem Stuhle mehr; es war ein leerer Stuhl. Die Existenz Hassans wurde ausgelöscht. Und je weniger er seinen leicht glotzenden Augen gebieten konnte, die von einem dumpfen, mechanischen Interesse an die Leute geschmiedet wurden, um so weniger Beachtung schenkte man ihm. Sein logisches Denken ging einen verzwickten Pfad; das Kind in ihm tastete sich an einem dünnen, primitiven Gedankenfaden entlang. »Sie würden mich beachten,« dachte er, »wenn Sie wüßten, daß ich das Dekret ... in der Tasche ...« Er sah an sich herab. »Wozu das Dekret? – Ich bin auch ohne Dekret so gut wie Sie, meine Herren. Ich habe Geld, vielleicht mehr als zehn von Ihnen ... Zum mindesten sollte es mir freistehen, im Hotel umherzugehen, wo ich will. Ich kann alles bezahlen! Seit wann haben Sie diesen Ort gekauft? ... Aha! Sie wollen ihn pachten, wie sie Ägypten gepachtet haben! Aha!« Und Hassan erschien sich ungeheuer schlau. »Aber das soll Ihnen nicht gelingen! – Wir bekommen das Heft in die Hand! Wir werden Ihnen beweisen, daß wir Ihrer nicht mehr bedürfen ... Daß wir Ihrer Bevormundung entwachsen sind ... Ah, Ihrer Bevormundung ... Ich nenne es Arroganz ...« Hassan sprach das letztere fast laut vor sich hin, mit dem unvermeidlichen Modellierversuch der Finger, über deren selbständiges Leben er stets eine kleine Beschämung empfand. Graue Blicke streiften ihn; irgend jemand amüsierte sich. – Hassan fing das kleine Gelächter auf; es tat ihm wohl. »Es ist auf mich gemünzt. – Ah, da gibt es einen Spaßvogel, der Scherz versteht ...« Und das Kind in ihm stolperte, richtete sich blind wieder auf und hatte eine kleine, konfuse Überlegung. »Vielleicht sind sie gar nicht gleichgültig. Vielleicht begrüßen sie es nur, wenn man sich ihnen nähert. Denn es wäre zweifellos von Vorteil, wenn wir, statt umeinander herumzugehen, uns in die Hände arbeiten würden als gute Freunde.« Er nestelte an sich herum und fand eine Zigarette. Nicht ohne Beschwerde stand er auf; in dem Bedürfnis, leutselig zu sein und den Inglîz eine Annäherung zu erleichtern. Er ging auf einen weißbärtigen Herrn zu, dessen reserviert lachsfarbenes Gesicht ihm schon vor längerer Zeit aufgefallen war, und bat ihn um Feuer. Er bat nicht, wie man sonst zu bitten pflegt: er sagte nicht: »matckes, please«, sondern er geriet durch eine kleine Ouvertüre hindurch, die er mit stammelnden Anerkennungen füllte, erst ganz zum Schluß und nicht unbedingt verständlich, zu dem Kern der Sache. Der alte Herr sagte: »Well ...«, knipste ein Benzinflämmchen an und bediente ihn mit einer gänzlich unbeteiligten Bewegung, worauf er ihm den Rücken drehte. Hassan rang nach Luft, dann sah er sich mit seinen blanken schwarzen Augen um und zog die Brauen in die Höhe. Man hatte also (das erkannte er nun) durchaus davon Abstand genommen, sich mit ihm zu befassen. – Er gab sich einen Ruck, schnob durch die Nase und ging annähernd in der Luftlinie zu seinem Stuhl zurück. Umständlich dortselbst etabliert, zog er trübe und unerquickliche Schlüsse aus der Tatsache, daß man ihm den Rücken gedreht. Zuerst fand er es nur unhöflich, dann mehr als dies, und schließlich erboste es ihn redlich. Er paffte stark und trank sein Ginglas auf einen Zug leer, worauf er es krätig auf den Tisch zurücksetzte. Drinnen begann die Musik, und ein Waiter erschien auf der Veranda. Die Gruppen lösten sich auf; man ging hinein. Die Musik gefiel Hassan so, daß er im selben Augenblick, wo er die ersten Töne hörte, alles Vorhergehende spurlos vergaß. Er hatte das Bedürfnis, sich den Tönen zu nähern; aber irgend etwas hielt ihn noch ab. Eine gläserne Drehtüre fiel ihm ein ... Wo war das doch gewesen ...? Diese Situation kannte er doch! Er grübelte sich ab, auf einmal ward er ein Eseljunge , der aus dem Dunkel heraus in ein Leben starrte, das sich auf Korbstühlen abspielte, von gedämpftem Licht umflutet und durchblitzt von Silber ... Und an der Pforte dieses Lebens stand ein weißer Knabe und blickte höhnisch in seiner Unerreichbarkeit auf ihn herab. Wie? Was war das? Wie kam er dazu, daran zu denken? – Ah! Du leidende Wonne! – Du dumpfes Glück! – Jetzt konnte er den aufgeblasenen Wächter, der ihm diese Welt verstellte, auf die Seite drängen, umständlich morden, mit Geld, viel klirrendem Geld bewerfen, bis er blutend umfiel und ihm Platz machte! Jetzt konnte er ihm mit dem Schuh in den Nacken schlagen und die Drehtür zertrümmern, unaufhaltsam und üppig das Recht sich raubend, das man ihm verweigern wollte! Er machte einen kleinen Lärm. Der französische Kellner, der ihn seit einiger Zeit gedankenvoll betrachtet hatte, näherte sich ihm sehr schnell. »Man hat dort drinnen eine kleine Festlichkeit?« »Ja ...«, erwiderte der Mensch. »Geburtstag des Königs. Alle Welt ist jetzt bei dem Tattoo im Kasernenhof. Ich würde Ihnen empfehlen hinzufahren; es ist sehenswert ...« »Aber es gefällt mir besser hier«, erwiderte Hassan eigensinnig. Der Kellner sann nach und blickte ihn schief an. »Aber es gibt hübsche Weiber dort ...« »Man will mich entfernen«, dachte Hassan und erwiderte den Blick des Kellners mit jener Stumpfheit im Ausdruck, hinter der ein Ägypter seine Empfindungen undurchdringlich verkapselt. Er beschloß zu bleiben und sich vorläufig nicht wegtreiben zu lassen; man werde ja sehen, daß das nicht so einfach wäre ... Immerhin war die Anspielung des Franzosen nicht ganz zu überhören. So sagte er denn: »Weiber? – Eh bien! Weiber gibt es überall. Auch hier.« »Ganz gut«, sagte der Kellner und kämpfte mit einem Lächeln. »Aber diese hier sind nichts für Monsieur. Sie lieben gewiß ein anderes Genre.« »Ich liebe jedes Genre, zu dem mich gerade die Laune treibt«, war die halsstarrige Antwort. Hassan drehte sich samt seinem Stuhl herum und sandte seinen trägen Blick durch die Glastür. In dieser Haltung war er eine peinlich isolierte Einzelerscheinung im Rahmen der Tür, und die primitive Kontrolle, die er an den Herrschaften da drinnen übte, war zweifellos nicht gehörig. Der Kellner wurde ratloser, trotzdem versuchte er es weiter mit einschmeichelnder Liebenswürdigkeit. Denn das erschien ihm das beste Mittel, den offenbar stark betrunkenen Herrn zu zügeln und abzulenken. »Verzeihung, Monsieur«, sagte er leise. »Dieser Platz war nicht in Berechnung gezogen ... Sie inkommodieren sich selbst ... Denn gesetzt den Fall, man promeniert später und geht hier aus und ein, so würde man die ausdrückliche Bitte an Monsieur richten müssen, sich abseits zu setzen ...« Es erfolgte keine Antwort. Der Kellner, nun aufrichtig nervös, tanzte umher. Er zerknitterte seine Serviette; in seiner Schürze sah er aus wie ein weißer, gepeinigter Geist, der ruhelos an der Peripherie eines Bannkreises irrt, den ein anderer um sich gezogen. Seine Stimme nahm eine Fistelfärbung an. »Monsieur!« stieß er hervor und rang seine dünnen, unpersönlichen Kellnerhände. »Belieben Sie sich abseits zu setzen ... Man bemerkt Sie da drinnen bereits ... Es ist nur Ihretwegen ... Dies ist eine geschlossene Gesellschaft ...« Hassan rührte sich nicht. Auf einmal zischte es aus ihm hervor: »Laß ... mich ... in Ruh ... alkûs ommak!« Der weiße Geist taumelte zurück, machte einige völlig verzweifelte Bewegungen und begann gerade darüber ins reine zu kommen, daß es das beste sei, den Manager herbeizurufen, als er mit Entsetzen bemerkte, daß der Eingeborene dort Anstalten machte, sich zu erheben und auf das Vestibül zuzuschreiten ... Drinnen kam man soeben vom Dinner zurück und gruppierte sich zwanglos, teils stehend, teils in Korbstühle gebettet. Man spürte einen Luftzug, der eine kurze Bresche in den Rauch der Importen riß; man empfand es fatal, denn man war erhitzt, und draußen war es immerhin etwas kühl geworden. Die Glastür hatte sich geöffnet, und während man sich anschickte, einen Nachzügler zu begrüßen, und die Köpfe wandte, ward man mit Erstaunen inne, daß ein Herr im Tarbusch, in hellgrauem Tagesanzug erschien. Man nahm an, daß er von einem der jungen Offiziere geladen sei, wiewohl dies als Stillosigkeit empfunden wurde. Niemand begrüßte ihn. Er hingegen begrüßte die ganze Gesellschaft. Er ließ ein verschmitztes Augenlächeln im Kreis umherwandern und setzte sich dann unmotiviert mit einem leisen Krach auf einen Korbstuhl, an das Tischchen eben desjenigen weißbärtigen Herrn, den er vorhin um Feuer gebeten hatte. Eine Stille entstand. Man suchte sich offenbar im ganzen Saal für einen Augenblick darüber klar zu werden, welcher Zufall das fremde Element hereingeweht habe, das sich so heiter und selbstgefällig der geschlossenen Gesellschaft angliederte. Diese Stille hatte den Zweck, in Hassan das Gefühl zu erregen, als werde ihm der Boden ostentativ mit einem Ruck unter den Füßen weggezogen. Der alte Herr lächelte mit einer gewissen Beharrlichkeit und sah mit seinen blauen Augen umher, gleichsam, um für stummes, humoristisch ablehnendes Übereinkommen in diesem Fall zu plädieren. Hassan fühlte nicht, wie rapid er die Bahn herabglitt, auf die man ihn mit diesem Blick setzte. Man übersah ihn in der Folge auch diesmal gänzlich. Der Manager, der mit Likören umherging, geriet in Bedenklichkeit, welches wohl die richtige Form sein werde, sich dem Herrn wiederum zu nähern. Die Entschlossenheit, mit der Hassan hereingekommen war, erweckte immerhin den Eindruck, als stehe er zu den Gästen in einem Konnex, dessen Artung sich ja zweifellos klären werde. Nunmehr spürte eine junge, vielleicht achtzehnjährige Dame, daß sich irgend jemand intensiv mit ihr beschäftigte. Sie war sich zunächst nicht klar, woher die Beeinflussung stammte, die sie dunkel empfand, und während sie die Augenpaare in ihrer Umgebung unauffällig durchmusterte, bemerkte sie, daß die Blicke eines Orientalen an ihr hingen. Dieses Gesicht kam plötzlich in ihre Nähe; es war hellbraun, blank und leicht von Schweiß bedeckt. Sie empfand eine kurze Bestürzung, während der Herr, der vor ihr stand, unausgesetzt und etwas albern lächelnd, seine sehr schönen weißen Zähne zeigte. Jetzt kam ihr zum Bewußtsein, daß er sprach, in einem sonor singenden Tonfall; es war englisch von einem Akzent, der dem Charakter der Sprache seltsam zuwiderlief, gleichwohl aber nicht unschön wirkte. »Ich täusche mich doch wohl nicht ...?« sprach dies vorsichtig lächelnde Gesicht. Es war vollkommen glatt, von einer Glätte, wie sie sonst nur die weibliche Haut besitzt! Die Augenbrauen gingen unaufhörlich darin auf und nieder; es waren zwei besinnliche Brauen, und es sah aus, als spiegelten sich die Gedanken hinter dieser weichen, etwas sorgenvollen Stirn schattenhaft auf der Außenseite ab. – »Ich bin froh! ... Ich bin außerordentlich froh! Habe ich nicht die Freude, Miß Jane Aldridge ...??« Eine kleine, runde Hand tastete nach der Stirn, deutete eine Begrüßung an; und danach warteten die Augen auf die Erwiderung. Es schien, als ob sie sich verdunkelten; sie warteten blinkend schwarz, und für einen Moment schien es nicht ersichtlich zu sein, wohin der Herr eigentlich blicke ... Die junge Dame zog die noch knabenhaft mageren Schulterblätter zusammen (ihr Kleid war ein wenig ausgeschnitten); sie war ratlos, und gleichzeitig fühlte sie einen leichten Chok, als taste jemand plump an ihre leuchtende Haut. Man war einen Schritt zurückgetreten. Beide befanden sich allein in einem Ring von schweigsamen Gentlemen, die mit einer amüsierten Sachlichkeit den Verlauf der Annäherung auskosteten. Sie musterten den Bei recht gründlich und waren sich alsbald klar, daß er nicht vollkommen nüchtern sei ... Ein leiser Unmut lag allerwärts in der Knospe; man witterte eine phänomenale Ungehörigkeit; doch war noch nicht der Zeitpunkt gegeben einzugreifen. Einige wollten bemerkt haben, daß dieser Mann schon vorher auf der Terrasse gesessen habe, und daß er schon dort nicht ganz so ausgesehen habe, wie man im allgemeinen zu einer verhältnismäßig noch frühen Tageszeit auszusehen pflegt. So setzte denn die junge Dame der Begrüßung ein großes Fragezeichen entgegen. Sie drückte es in der unbeteiligten Kälte ihrer grauen Augen aus, wie auch dadurch, daß eine kleine nervöse Falte über ihrer Nase entstand. Sie sagte nicht einmal: »Verzeihung, aber helfen Sie meinem Gedächtnis nach ...« Sie schenkte sich das; sie schwieg. Sie war überrumpelt, aber das machte ihr keine Beschwerden. Nun sagte der Herr mit flehender Stimme: »Erinnern Sie sich nicht an mich?« – Du lieber Gott, an wen sollte sie sich erinnern! Sie warf den Kopf zurück und sagte ohne jedes Entgegenkommen: »Ich erinnere mich durchaus nicht.« – Und sie sah sich um. Ein kaum sichtbares Lächeln, das um die Zigarettenmundstücke ringsum aufblühte, warf einen kleinen Widerschein auf ihr hübsches und sehr strenges Gesicht. Nun regte der Herr die Hände. Es tat ihm offensichtlich wohl, daß er das durfte. Er legte die gespreizte Rechte beschwörend auf die Brust, und während er die Linke gleichfalls gespreizt zur Seite streckte, stieß er hervor: »Ah, Sie hatten einen guten Appetit! Ich versorgte Sie mit Süßigkeiten; Sie vermochten erstaunlich viel zu ertragen! Ich hatte darüber zu wachen, daß Sie sich nicht übernahmen, Miß Jane!« Seine Augen schwammen in Wasser, etwas wie eine tiefe Überzeugung, daß sich nun alles zum Guten wenden werde, beflügelte seine Gesten, die immer abgerissener, immer beschwörender wurden ... »Sie werden sich erinnern! Sie waren sehr klein ... Aber sehr tapfer! Ich brachte Sie nach Gezirê hinaus; ich führte Sie an der Kaserne vorüber; das war eine schöne Zeit! – Sie hatten tausend Wünsche, und ich hatte kaum Beine genug, um Sie zufriedenzustellen ... Nun werden Sie sich erinnern!« Er lächelte verzückt und vergaß, daß er die Hand noch genau in der Haltung beließ, durch die er angedeutet, wie klein sie damals gewesen sei ... Ein kurzes, dankbares Gelächter erhob sich. Breites Schmunzeln blieb zurück. Dieser Mensch war in der Tat ganz amüsant. Nur Jane empfand das nicht; das zarte Pfirsichrot ihres Gesichts vertiefte sich, und dann sagte sie plötzlich mit einer hochsingenden Stimme: »Ah, jetzt erinnere ich mich. – – – Sie waren ja Laufjunge bei uns. Sie scheinen das vergessen zu haben ...« Und mit einem kleinen, spitzen Gelächter sah sie ihn noch einmal von oben bis unten an, spielte mit den Fingern an der dünnen Perlenkette ihres zarten weißen Halses, schloß die Wimpern halb in dem schmalen Gesicht und wandte sich ab. Hassan sah ihre knabenhaften Schulterblätter noch flüchtig emporrücken; dann wurden sie von den schwarzen Anzügen verschlungen, die sich hinter ihnen schlossen. Der Bei blieb stehen und sah ihr verstört nach. Dann kam ihm die Geringschätzung zu Bewußtsein, die ihm von einem Weibe widerfahren war. Oh, das war nicht das erstemal; auch jene Kokotte in der Sphinxbar, die er nicht vergessen konnte, hatte ähnlich zu ihm gesprochen ... »Oh, daß ich diese Inglîz noch immer nicht kenne! Das hätte ich wissen müssen!! Das hätte ich wissen müssen ... Nun meckern sie, nun tun sie sich etwas darauf zugute ...« So überstürzte sich der Strudel seiner kurzen, vagen, irren Gedanken, während er isoliert im Saal stand und eine ungeheure Wut ihn befiel. »Was ist das! – Wie begegnet man mir! – Was soll das bedeuten! – Ich bin Hassan-Bei-Muharram!« – Er schüttelte das Haupt wie ein gepeinigter Stier, der allein in der Arena steht und nicht weiß, in welche Richtung er die Hörner senken soll ... Nach einer kurzen Weile löste sich ein junger Herr aus dem Hintergrunde und kam auf ihn zu. Er war gebräunt, sehnig und hübsch. Über seiner Stirn rührte sich ein emporgekämmter Bausch blonden Haares wie seidener Distelflaum, und unter den hellen, halbgesenkten Wimpern blitzten saphirblaue Augen ... »Ich heiße Aldridge«, sagte er. »Ich bin der Bruder der Lady, mit der Sie sich soeben ... unterhielten. Kommen Sie auf die Terrasse. Vermute, daß Ihnen frische Luft nützen wird.« Der Blick des jungen Mannes war maßlos hart. Geld her, klirrendes Geld! – Ich will ihn damit bewerfen, bis er blutet! Hassan starrte ihn mit grellen Augen an ... Wo ist der Knabe, dem er einst die Nägel ins Gesicht schlug, als er sein Gebet zerschrie? – Sieh her! Hassan! – Er spielt nicht Verstecken! Da ist er, da! Ha, ich will ihn erwürgen, diesen Knaben! Denn nun ist auch er einer von diesen Verruchten geworden, die sich unantastbar dünken!! Aber erstaunlicherweise geschah folgendes: Er schwieg, senkte den Nacken und folgte. Die Glastür schloß sich. Man stand sich in einer mangelhaften Beleuchtung auf der Veranda gegenüber. Fern schluchzte ein brünstiger Esel. Das Schwatzen zweier Beduinen auf der Straße klang seltsam deutlich, als ständen sie nur wenige Meter entfernt. »Setzen wir uns«, sagte Percy gewissermaßen jovial. »Soviel ich mich erinnere, kennen wir uns.« »Ja, ja, ja!« sagte der Bei. Er wiederholte es noch drei-, viermal, er berauschte sich an diesem Ja, es steckte eine satte Beteuerung darin und hörte sich an wie eine ganze Prozession von bekräftigenden Phrasen und Bildern, die alle dasselbe enthielten. »Wir kennen uns! – – Sie haben recht, Aldridge! – Ich war ein Eseljunge; war Ihr Sklave ... Gut, gut! – Ich tat einmal, was Sie wollten! ... Aber es ist wohl ersichtlich, daß sich die Verhältnisse geändert haben!« »Denke kaum«, erwiderte der junge Mann mit ernster Stimme und stäubte seine Zigarette ab. »Abgesehen von Ihrer heutigen Taktlosigkeit war es nicht gerade angebracht von Ihnen, sich wieder in Erinnerung zu bringen.« »Was heißt angebracht! – Sehen Sie, Aldridge, Ihre Schwester ist schön geworden!« sagte die schwankende Stimme. »Außerordentlich schön!« »Darüber haben Sie nicht zu befinden!« »Was da, ich sage, was ich sehe!« »Herr!« sagte jetzt Percy, wesentlich ärgerlicher und warf die Zigarette mit Aplomb auf den Boden. »Meine Schwester geht Sie nichts an! – Durchaus nichts! – Wer sind Sie denn?« Hier wurde Hassan sehr eilfertig. Er zerrte das Dekret hervor und warf es auf den Tisch. »Hier lesen Sie. – Ich bin Hassan-Bei-Muharram.« »Nun gut, ich bin nur Ingenieur im Irrigation-Departement. – Stecken Sie das Papier wieder ein. Vermutlich haben Sie auch mehr Geld als ich. – Wenn dem so ist, so könnten Sie mir ja die zehn Pfund zurückerstatten, die Sie damals nötig hatten. Es tat uns leid, daß wir nichts mehr von Ihnen hörten ... Wir hatten Sie recht gern; es war nicht nett von Ihnen, so plötzlich zu verschwinden.« Was war das für eine neue Sprache? – Eh nun, diese Inglîz sind unberechenbar! ... Entzückt und eilig erwiderte Hassan: »Sehen Sie, Aldridge, wir kommen einander näher! Zehn Pfund, sagen Sie, hätten Sie damals vermißt? – Es tut mir leid; es war inkorrekt von mir ... Denken Sie, ich war ein Knabe ...« Er bohrte seine Hand in die Tasche, ganz außer sich über diese prachtvolle Gelegenheit, Beziehungen zu regeln, Mißhelligkeiten zu glätten ... dem, der jahrelang wie ein quälender Schatten neben ihm gestanden, einen Dienst zu erweisen und ein Einvernehmen zu erkaufen, wo es sich nicht erzwingen ließ; ein Einvernehmen, das sich wenigstens in diesem Punkte halten lasse ... »Was ist ein Knabe!« schwatzte er weiter und häufte sämtliches Gold, das er in der Tasche trug, auf dem Tische an. »Ein Knabe denkt an nichts ... Ist undankbar ... Stiehlt... Man vergißt sich; Sie müssen bedenken, aus welchem Milieu ich kam! Die Verhältnisse haben sich gebessert ... Ich bin vom besten Blut; meine Mutter ist die Seijide-Ali-Jussef ... Ich habe Karriere gemacht ...« »... und seitdem im großen gestohlen...« beschloß Percy und wies mit der Pfeife auf das Geld. »Nein, Daûd-ibn-Zabal ... Es ist besser, Sie machen sich jetzt davon.« Und er wischte mit dem Mundstück das Geld vom Tisch, so daß die Pfundstücke in weitem Umkreis auf der Veranda umherklingelten. Im selben Augenblick brach ein heiseres Gebrüll los, das nichts Menschliches mehr hatte. Percy erwehrte sich mit drei, vier gewandten Stößen der fetten Gestalt, die sich wie eine Last, mit allem tierischen Willen zur Vernichtung, zur vollständigen spurlosen Ausrottung auf ihn stürzte ... Die beklemmende, zappelnde Last atmete schwer; sie fauchte ganze Schwaden von alkoholischem Dunst von sich. Dann lockerte sie sich, gepeinigt von empfindlichen, erbarmungslosen Hieben, glitt ab und schlug unter einem seltsam hellen Schrei zu Boden. Der Tarbusch hüpfte in die Höhe und rollte an das andere Ende der Veranda hinüber. – – – – – – Haschisch Die weiß lackierte Flügeltür öffnete sich, und die Seijide-Ali-Jussef stand im Rahmen. Wiederum ließ sie (was ihre Gewohnheit schien) die Hand noch längere Zeit auf der Klinke ruhen, so als sei sie bereit, sich im nächsten Augenblick ebenso spurlos und ohne Laut zurückzuziehen, wie sie gekommen war. Im Salon stand ein Mensch, dessen Gesicht dem Hassans sehr ähnlich sah. Ja, sie hätte es ohne weiteres als Hassans Gesicht hingenommen, wenn der Nerv nicht gewesen wäre, der den einen Mundwinkel und die benachbarte Partie der schlaffen, grauen Wange rhythmisch emporzog. Die Wülste der Stirnhaut auf diesem fremd-bekannten Gesicht waren tief eingeätzt, die Brauen zitterten ganz hoch, ohne sich zu senken; das Gesicht war von groben, schlichten Furchen zerpflügt, von Furchen, die eine unüberwindbare, wuchtige Schwermut, eine elementare und kaum zu behebende Sorge ihm aufgeprägt. Unter leichtem Knistern der Gewandung glitt die Seijide auf den Stuhl, den sie stets bei geschäftlichen Unterredungen eingenommen hatte. Dann wies sie den Besucher mit einer kühlen, runden Bewegung zum Sitzen an. Eine kleine versteckt lauernde Neugier trat dabei in die Haltung ihres gebeugten Nackens. Ihre dunklen, prächtigen Augen spielten in verengten Wimpern gleitend über ihn hin. Er setzte sich. Er atmete schwer. Zunächst schwieg man auf beiden Seiten. Seine Augen waren blinkend schwarz, unbeweglich, jeden Lebens entleert, etwa wie die eines Ichneumons, den man im Dunklen mit einem Licht überraschend blendet. Die Dame rührte sich ein wenig. »Mir scheint, Hassan-Muharram, Sie haben ein Geschäft gemacht, dessen Ausgang Ihrem Geschmack nicht behagt.« Er sah sie noch eine Weile mit demselben leer grübelnden Ausdruck an, dann strich er sich mehrmals mit der Hand über den glatt angekämmten, lackschwarzen Scheitel. »Es ist etwas vorgefallen! – – – Es ... ist ... etwas ... vorgefallen ...!!« sagte er auf einmal mit einer heiseren, belegten Stimme. »Ah! Sie brauchen Geld.« »Nichts davon! – – – Was ist Geld!« – Er kam in Bewegung; er schüttelte beide Hände wie in äußerstem Erstaunen; und in der Platte des Mahagonitisches agierte das trübe Spiegelbild dieser erhobenen, hilflos gespreizten Hände ... plötzlich legte er sich halb über die Platte und stieß mit gleichsam bellendem Klang seine Worte hervor, einem Klang, der die Luft erschütterte, strotzend von empört fordernder fassungsloser Werbung, hingeschleudert vor das Rätsel, das dürre, widerliche Rätsel, das zwischen ihnen hockte mit hundert geschlossenen Augen ... »Sie fragen mich, Madame, ob ich Geld benötige! Aber es handelt sich um kein Geschäft! – – Ah, wenn es ein Geschäft wäre! Es würde sich regeln lassen! Wir würden das zusammen arrangieren! Wir hätten eine gute Hand darin!« Die Seijide ließ die Klangwellen dieser Entladung über sich ergehen, wartete gleichsam ab, bis das Gesprochene spurlos in der Vergangenheit versickerte. Nun kam eine frostige Stimme zum Vorschein, losgelöst und unpersönlich, wie aus einer Ecke heraus: »Sie wissen, daß Sie kein Interesse für Ihre Privaterlebnisse bei mir vorauszusetzen haben.« Seine Hände fielen mit aller Wucht auf den Tisch und blieben liegen wie tote Dinge, die ihm nicht gehörten. Die tiefbekümmerte, wulstige Stirn senkte sich langsam zwischen diese entseelten Finger. Die ganze Gestalt lag unbeholfen geknickt. Nur schwere Atemzüge brachten dann und wann eine Bewegung hervor. Die Seijide blieb reglos sitzen. Sie hatte sich etwas in den Stuhl zurückgezogen und lauschte. Ein leises Knirschen entstand zuweilen in einer verlorenen Falte ihres Gewandes. Eine Uhr tickte. Die lebensgroße Photographie des schwammigen, üppig uniformierten Herrn im Tarbusch beherrschte das ganze Zimmer ... Aus dem Bilde wuchs eine Last hervor. Diese Last lag auf dem gebeugten Nacken der Frau, schwer und wuchtig; sie konnte den Kopf kaum rühren. Diese Last lag auf dem wie gefällt zusammengesunkenen Körper Hassans. Endlich erhob er den Kopf wieder; sein Gesicht war grau und ausdrucklos. Er sagte: »Ich hätte immerhin darauf gerechnet, Madame, daß Sie sich eine Angelegenheit berichten lassen würden, die mich ohne meine Schuld kompromittiert. Aber ich muß wohl ganz davon absehen, in Ihnen meine Mutter zu sehen ... Lassen wir das also; es tut mir leid, daß ich Sie durch meine Fassungslosigkeit erschreckt habe ...« »Sie haben mich nicht erschreckt.« Hassan starrte auf das unbewegliche kleine Gesicht ihm gegenüber. »Um so besser, Madame ...« »Mein Lieber, ich war darauf vorbereitet, Sie in dieser Verfassung zu sehen. Sie empfinden sich als den unschuldigen Teil bei dieser Affäre. Ich kann Ihnen versichern, daß man korrekt gehandelt hat, als man Sie entfernte ...« Hassan sprang empor und sah sich verstört um, er machte den Eindruck eines Gehetzten. »Sie wissen bereits ...?« »Wenn man sich in solche Situationen begibt, wird nirgends prompter als hier dafür gesorgt, daß alle Welt davon Kenntnis nimmt. Daran ist nichts Verwunderliches. Sie wollten rauben, Hassan, doch sind Sie nicht der Mann. Jene, mit denen Sie zusammenstießen, sind dazu geeigneter ...« Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als er die Hände vor das veränderte Gesicht schlug und tiefe Schluchztöne hervorpreßte, wobei er zwei Schritte vorwärts und zwei nach rückwärts machte. Dann nahm er die Hände herab, und sich mit der rechten auf die Platte stützend, kam er um den Tisch herum. Vor ihr angelangt, ließ er die Hand vom Tische gleiten und sank mit einem dumpfen Schlag gegen den Teppich vor ihr auf den Boden. Seine Hände tasteten beschwörend nach ihrem Schoß, ohne ihn zu erreichen. Denn sie machte sich so klein, als sie konnte. Und auf die braunen Hände mit den rötlichen Nägeln starrend, die sie suchten, sagte sie ganz hoch mit gellender Stimme: »Kommen Sie mir nicht zu nahe! Was wollen Sie? Was bedeutet diese Komödie?« »Helfen Sie! – Helfen Sie ...!« röchelte die Klage dumpf in der Nähe ihrer emporgezogenen Füße, an deren Schnallen Steine glitzerten. Der schwarze Scheitel kroch empor und berührte sie. Ein nervöser Krampf spannte ihren schmalen, mißhandelten Leib; und so konnte sie es nicht vermeiden, daß eines ihrer Knie heftig an seine Stirn traf. Es war kein weiches Knie, war keines, auf das man das Haupt legen und »Mutter!« sprechen konnte; es war ein mürbes Knie, knochig wie die Kante eines Bretts. Der Stoß traf ihn hart; und da er völlig unbeabsichtigt war, spürte sie ein schattenhaftes Bedauern, das jedoch weniger einer mitleidigen Regung entsprang als der Befürchtung, seine Zerrissenheit zu steigern und einer Szene Vorschub zu leisten, unter der auch ihre eigenen Nerven leiden würden. Deshalb rührte sie mit der Hand flüchtig an die Stelle, wo sie ihn gestoßen. Und wiewohl diese Berührung kaum zu empfinden war, schien sie ihn wie ein elektrischer Schlag zu treffen. Ah! Die Hand seiner Mutter hatte ihn gestreift! Die zarte Wärme dieser Hand löschte mit einem Male alles hinweg, was in ihm haften geblieben war an Groll, Bestürzung und verletztem Instinkt; die kleine Wärme wuchs zu einem ruhigen Strom von lau verlockender Güte, die ihn umhüllte ... Oh, nächstes Geblüt, was wirkt dein Strom! Als ob er es nicht glauben können, was ihm soeben widerfahren: so hob er den Kopf, und sein Gesicht war verschönt durch eine heimliche Spannung, die all den stumpfen Ausdruck abschied und durch ein leicht besinnliches Lächeln ersetzte, das jenem alten Knabenlächeln verwandt war – – dem Lächeln jener Zeit, da ihm im Traum aus dem Raunen der Weizengrannen gesellige und schuldlose Geister lispelten, da er den Traum der Sonne träumte; dem Lächeln der Kreatur, die ohne Gedanken empfängt, was ihr zusteht, und von sich weist, was die Erfüllung hindert. Dies Lächeln blühte aus fast gänzlich zerstörtem, verwüstetem und verderbtem Grund empor; blühte aus verlorenem Keim, der noch irgendwo einer kargen Entfaltung geharrt ... Dem letzten vielleicht, der noch zu erwecken war. Die Seijide sah, was vor sich ging; sah die plötzliche Dämpfung, diese wunderliche Verwandlung in wenigen Sekunden ... Aber die Last war zu groß. In diesem Augenblick geriet ihr Inneres in eine Wallung, so maßlos heftig, daß sich wiederum ihr Körper in einer ziellosen Schlangenlinie wand und sie auf dem Stuhl in einer Stellung verblieb, die einer erstarrten Verrenkung glich. Ihr unterdrücktes und geknebeltes Gefühl wuchs empor in verzweifeltem Wachstum, und eine kurze Lähmung überkam sie; es war ihr unmöglich, das Lächeln zu erwidern und so recht aus der Tiefe hervor das Wort »Sohn« zu schöpfen. Sie starrte in die schwarzen Augen, von denen ein Strom unablässig auf sie überging; aber ihr Blick ward nicht frei, sondern mühte sich, mühte sich ... So blieben ihre Augen entsetzt und hilflos. So vermochten die großen Pupillen nicht standzuhalten, sondern irrten umher, als versuchten sie zu entfliehen und irgendwo bei heiteren Dingen zu Gaste zu gehen ... Dies dauerte nicht lang, dann kroch ihr Gesicht in den Schleier zurück und hob sich zuckend darin auf und ab. Sie saß mit versteckten Händen wie eine Gefesselte. Das schwarze Kleid umbauschte sie völlig, nur der eine Fuß mit unendlich zierlichen Knöcheln hing unten hervor, und das gedämpfte Licht sammelte sich funkelnd in der Schnalle. Der Fuß pendelte, von den Erschütterungen des Körpers bewegt, sacht hin und her wie eine kleine Wiege. Hassan nahm ihn sehr vorsichtig zwischen die gehöhlten Hände, beugte sich nieder und küßte ihn rasch mehrmals hintereinander. Er befühlte den geschweiften inkrustierten Hacken des Schuhes mit einer stumm geschäftigen und nachdrücklichen Ehrfurcht, wie man eine Reliquie berührt. Ja, dies ganze Geschöpf hatte den Charakter höchster Verfeinerung; es war ein zartes Reis aus dem Blute des Mannes, der ehedem im grünen Mantel durch seinen Knabentraum gegangen war ... Dann stand Hassan auf und setzte sich wieder auf den Stuhl, den er verlassen. Nach einer Weile sagte er leise und zutraulich, mit einer Stimme, die von Überzeugung ganz gesättigt war und nicht im geringsten mehr bebte: »Meine Mutter, ich weiß, Sie werden mir helfen.« Sehr rasch richtete sich die Seijide wieder auf. Ihr Gesicht enthüllte sich. Sie sah mit verkniffenen Augen zu ihm herüber. Ihre Lider waren leicht gerötet, durchfeuchteter Reispuder befleckte ihre Wangen. Sie machte eine halbe Wendung und drückte auf die Klingel. »Achmed! Kaffee! Zigaretten!« Der Tonfall war vollkommen der alte. Der Eunuche brachte das Gewünschte; zwischendurch sahen die beiden sich an. In dem Gesicht der Seijide spiegelte sich noch bestürzte Schwäche. Als sie sich aber der Puderbüchse bediente, die sie in einem Krokodilledertäschchen an der Taille trug, war nichts mehr zu ergründen, was sie empfinden mochte. Sie trank das Täßchen hastig schlürfend leer und reichte ihm, sich zuvor selbst versorgend, die geöffnete Zigarettenschachtel. Der hellblaue strömende Rauch verwischte alles, was sich kurz zuvor ereignet, und durch diesen Rauch schimmerte ihr Gesicht wie eine wächserne Maske. »Ich will Ihnen helfen«, sagte die Maske. »Betonen Sie nicht, daß Sie nach Rache dürsten. Sie werden versuchen wollen, diesem jungen Beamten zu schaden ...?« »Schaden?! – Ruinieren will ich ihn! – Von Grund aus ruinieren!!« »Ich bitte Sie, Hassan-Muharram, schreien Sie nicht. Ich verstehe Ihre Erregung. Ich werde Sie verheiraten.« »Sie werden mich verheiraten ...?« »Sie sind beziehungslos. Mein Gott, Bei sind Sie ja geworden, und Geschäfte haben Sie auch gemacht. Aber das genügt nicht; Sie können Pascha werden und Ritter des Osmanije der Ersten, und man lächelt über Sie, betrinkt sich mit Ihnen, nennt Sie einen trefflichen Charakter, und tut im übrigen was man will. – – Was brauchen Sie? – Macht !« Sie beugte sich vor und sagte ganz leise: »Und Macht habe ich. Ich habe das Vermächtnis Abd-el-Gawads – lauter prächtige Indiskretionen, die Zinsen abwerfen ... Man wird mir nie etwas anhaben können; ich weiß zuviel.« Sie enthüllte den Halsschmuck. »Wissen Sie, was das ist? Das sind fünfhundert Feddân Baumwolle, verpfändet auf zwanzig Jahre! Ich will diese hübschen Sachen nur tragen, will nur, daß sie mir gehören. Ich werde sie vielleicht in meinem Testament den Leuten wieder zurückschenken dafür, daß sie Angst vor mir auszustehen hatten ihr Leben lang ... Glauben Sie, Sie sind nach langer, langer Zeit der einzige Mann, der dies Haus betreten hat ...« »Das ist bewundernswert, Madame!« sagte Hassan laut, mit ehrlichster Anteilnahme, und die Freude am Spiel wachte in ihm auf, nicht anders, als ob er und sie im Staube hockten und bunte Scherben zusammenfügten. »Sie werden durch Heiraten, die ich in Vorschlag bringe, in nächste Beziehung zu den höchsten Würdenträgern dieses Landes kommen. Das können Sie später ausnützen, um dem Engländer das Wasser abzugraben, der Sie beleidigt hat. Ehe Sie aber Schritte tun, kommen Sie zu mir. Wir machen dann eine kleine Verleumdung zurecht ... Er hat Sie einen Gauner genannt? Einen Dieb im großen?« »Er hat mich gepeinigt, solange ich denken kann.« In den Zügen der Frau zeigte sich zum erstenmal ein tieferes Interesse. »Wie das? Gepeinigt?« »Nun, Madame ...« Hassan mühte sich schwer um den Ausdruck, doch plötzlich schien ihm das alles so dunkel, fremd und unaussprechlich, daß er sich mit grauem Gesicht erhob und seine Zunge sich rührte wie Blei. »Was ist eine Beschimpfung? Es sprechen da noch andere Dinge mit ... Genügt es nicht,« sprach er heller und holte tief und gläubig Atem ... »genügt es nicht, daß ich ihn hasse ??« – – – – – – – Zwei gellende Schreie drangen tief aus dem Inneren des Hauses. Die Bauwabs im Garten hoben trunken die Köpfe, blinzelten, grinsten gedankenlos und sanken in den Nachmittagsschlaf zurück. In ihren trägen Hirnen entstanden angenehme und einlullende Bilder ... Die Sonne flammte. Die karge Fontäne plätscherte. Eine einsame Droschke pendelte die stille Gartenstraße herab. – – – Leiser scharfer Ton entsteht auf der Treppe, die vom Harem-Lik zum Gang herabführt. Ein Vorhang aus Perlenschnüren teilt sich, unmerkbar von einer zitternden, kleinen, runden Hand auseinandergeschoben, und dunkle Augen spähen hindurch, spähen in das verhangene Rauchzimmer und in die bunte Dämmerung des Parterregeschosses. » Ja salâm !« flüstert das junge Weib mit aufgerissenen Kinderaugen, und in die Perlenschnüre, die ihre Hand auseinanderhält, kommt ein feines Klirren. »Siehst du ihn?« haucht es in ihrem Rücken. Ein zweites junges Weib legt ihr Kinn auf ihre Schulter. Sie vereinen die Wangen, sie pressen sich aneinander wie zu einem einzigen Körper. Um möglichst wenig Geräusch zu machen, haben sich beide bis zu den Knien aufgeschürzt, und ihre runden Beine in weißen Seidenstrümpfen wechseln jeden Augenblick den Platz; auf überzierlichen Hacken drehen sich die Schuhe in kleinen Winkeln unablässig hin und her. Und trotz aller Vorsicht gibt es noch ein leises Geräusch, wenn ihre aufgebauschten, schwarzseidenen Kleider sich berühren. »Ich sehe ihn«, haucht es zurück. »Was tut er?« »Er sitzt mitten im Zimmer. Auf einem Taburett – er hat etwas in der Hand.« »Ja, nun sehe ich ihn auch. Ah, er hat ein Bild in der Hand. Er sitzt ganz still und stiert es an. Sieh, sieh!« Auf einmal fährt Emina zusammen und greift nach der Hüfte. »Du tust mir weh«, stöhnte sie. »Tu deine Hand fort. Es ist die Stelle, wo er mich geschlagen hat ... Oh, tu deine Hand weg! – Warum machst du deine Finger so hart ...« Ferida zischte. »Es ist das Bild einer Frau!« »Einer Frau ...? sagst du ...?« Ein heftiges Geräusch dort unten wird laut. Beide fahren zurück. Nach angstvollen Sekunden stehlen sie sich wieder an den Platz zurück. »Das Bild liegt am Boden ... Er ist aufgestanden ...« Ein leiser, scharf und schnell hervorgestoßener Satz gebiert sich aus der Totenstille, wächst an und endet in einem heftigen Schrei, dem ein zischender Laut folgt ... »Was sagt er ...?« »Er beschimpft das Bild ...« »Ah! – Und nun?« »Er speit darauf ...« »Er speit es an??« »Ja ... Hörst du? ... Sieh hinein ... Nun tritt er es mit Füßen ...« Ein rhythmisch wiederholter Knall, wie von einem Mörser ... Dann schwere Atemzüge und schnelle Schritte ... Die jungen Weiber ächzen leise auf und huschen über die Treppe zurück. Durch die Perlenschnüre, die noch hin und her schwanken, schiebt sich ein fettes Gesicht von der Farbe unreinen Bienenwachses mit Augen, die langsam, voll grübelnden Argwohns, den Gang durchspähen ... – – – – – – – – – »Eine Engländerin!!!« Der kleine Finger Eminas fährt auf einer befleckten Photographie einem Umriß nach. Die beiden sitzen hinter einem Bollwerk von Kissen, mit dünnen, seidenen Hemden bekleidet, und zischeln. Sie halten Zigaretten in den Händen und schieben die hellen nackten Schultern zusammen. »Sie hat keine Brüste. Nicht eine Spur von Brüsten. Sie ist mager wie ein ... pigeon!« – Leises Gelächter. »Er muß sie mit Seifenwurzeln mästen.« »Und ihre Hüften! – Gott ist groß!« »Ein Knabe hat stärkere Hüften.« »Man sieht jeden Knochen ... Warum, glaubst du, hat er sie beschimpft?« »Uh, diese Inglîz! – Nun, vielleicht hat sie ...« Fassungsloses, prustendes Gelächter. Helles Entzücken. Plötzlich tiefste Niedergeschlagenheit. Emina läßt das Bild aus der Hand gleiten. Beide grübeln sich an ... Dann, mit leisen Stimmen, bereden sie einen Plan, einen ganz langen, verschmitzten Plan. Eine schiefergraue Wolke verdeckte die Welt; sie wirbelte sanft in die Höhe, breitete sich pinienähnlich aus und zerschmolz, in kleinen, lautlosen Kaskaden fallend, zu einem duftenden Schirm, zu einem breiten Dach, zu einer Ummauerung der Augen ... Der Rauch stieg auf, feierlich strömte er, tief heimlich und voll Weihe; er verwischte und begrub alles und nahm die Schalen hinweg, die leeren Konturen, um den Kern der Dinge erglühen zu machen in seltenen nur geahnten Farben, um einen wuchernden Garten belebter Symbole aufzudecken, langsam, ruckweise und auf wunderlich zarte Art. Der Bei hatte sich in das dunkelblaue Kissen zurückgleiten lassen. »Es ist noch Tag«, dachte er. Ja, ein Funkeln war vor seinem Blick: das Blau, das vor der Meschrebije lagerte. Draußen verwüstete das grelle Licht die Welt ... Oh, nehmt es hinweg! Laßt es nicht herein! Nein, Bei, lassen Sie Frieden in Ihrem gepeinigten Herzen Einkehr halten und freuen Sie sich der guten Stunde. Führen Sie den Knopf Ihrer Pfeife auch wieder zum Mund und trinken Sie, trinken Sie. Sehen Sie, Bei, das tut Ihnen gut ... Unnennbarer, beschwingter Gleichmut ... köstliches Hängen im Raum, gewichtsloses Atmen ... Wo ist das Hirn? ... Ist es noch hier, wo ich diesen meinen Körper sehe? ... Ist es dort, wo ich meinen Blick sich einsaugen lasse, auf dem dunkelroten Knickmuster des Teppichs? ... Ja, in der Tat, von dort aus denke ich. Ich sehe matte Farben, und durch meine Ohren geht der Klang einer vertrauten, schier vergessenen Melodie auf und ab. Sie sitzt in meinem Hirn: Ich bin die Melodie. Dunkle Schatten entstehen auf der grauen Wand, hinter der es funkelt. Zwei dunkle Schatten ... Es sind die Körper junger Weiber. Ich sehe die Umrisse ihrer Hüften; ich sehe ihre Gesichter, die sich mir unterwürfig nähern ... Oh, nun machen sie Gebärden, die ich kenne. Windet euch nur, flüstert nur, reizt einander und zerfleischt euch, ihr Tierchen ... Seht, hier sitze ich, ganz groß und geschlechtslos, und sehe euch zu wie den Pappfiguren hinter dem Musselin in der Wasa ... Hassan sog tief und zog sein zweites Bein auf den Diwan herauf. Sein Gesicht, von Bleifarbe, war völlig reglos; er blinzelte in schwerer Apathie. Zwei helle Körper näherten sich ihm, zwei Hüftpaare spielten ihr einsames Spiel, spielten es ganz dicht vor seinen Händen, seinem beruhigten Atem; zwei nackte Wünsche klagten aus dem Nebel, und er hörte sie klagen und rührte sich nicht ... Die Wünsche klagten wilder; wirbelnde Trichter rissen sie in den Rauch, der sie zu verschlingen drohte. Und jedesmal, wenn sie halb versunken waren, krochen sie wieder hervor, mit glatten Gliedern, mit einem Knie, einem Schenkel, einem ekstatisch lechzenden Arm ... Doch Hassan sah sie spielen, nicht anders als ob ein Luftzug vor ihm an etwas rühre wie an ein geblähtes Tuch; und hörte ihren Stimmen zu, wie man dem Gurren von Tauben lauscht, ohne sich dessen bewußt zu sein. Doch nun traf ihn etwas kalt und klar wie Tropfen, die rhythmisch in den Sumpf seiner toten Empfindung fielen und Ringe auslösten, die ihn durchbebten ... Ein Gespräch, eine Stimme: er sah über sich die dunklen Warzenhöfe kleiner Brüste schweben und ein geneigtes rundes Gesicht mit saugenden Augen. Das Gesicht regte volle Lippen: es sprach. »Bei, womit haben wir Sie gekränkt? – Was tun wir nicht, um Sie zufriedenzustellen! Aber Sie schenken uns keinen Blick ...« Zwei andere Hände, weiter entfernt, tauchten hervor und hantierten mit leisem, bohrendem Geräusch am Napf der Wasserpfeife. Und die Stimme sprach währenddessen weiter, eintönig, einlullend, schmeichelnd: »Gewiß, Bei, Sie berauben sich selbst. Schlagen Sie uns! – Glauben Sie, selbst das noch wissen wir zu schätzen. Mißhandeln Sie uns! – Aber Ihre Kälte ist grausam. Ha, wir werden uns wehren! Wir werden um uns schlagen! – Aber sicherlich, Sie werden der Sieger sein ...!« Diese Worte fielen auf ihn herab. Er bewegte sich heftig. Die Erscheinung verschwand. Und doch, spürte er, blieben die Körper in seiner Nähe ... »Wallâhi!« klagte eine Stimme hinter dem Nebel. »Ich bot ihm Unaussprechliches an, und er schlug nach mir ...« Und eine andere Stimme wie ein Echo der ersten klagte: »Ai! – Er wünscht sich, was wir ihm nicht bieten können ...« »Gott ist groß! Gott weiß, was der Bei sich wünscht ...« Leise girrend folgten sich die Stimmen, animalisch und ohne Scham häuften sie Werbung auf Werbung, Angebot auf Angebot, unablässig, grotesk und nackt, wie zwei buhlende Flöten der Wasa ... Langsam richtete sich Hassan auf und starrte in den Nebel. »Das Bild!« sang es dort hinten. »Bei, wo blieb das Bild!« »Reize ihn!« fauchte es dazwischen. »Ah, mach' ihn wütend! – Er verschmäht uns!« »Ihr Hündinnen!« lallte der Bei. »Das Bild! Her mit dem Bild!« »Hündinnen!« zischten die Töchter Achmeb-Sêf-el-Dins und Ismael-Pascha-Haschems ... Er erhob sich und stürzte nach vorn. Zerrissenes Papier regnete auf ihn herab. Ein leichtes Kreischen entstand. Er tappte suchend herum. Die weißen Körper entglitten seinen Händen, und er brüllte wütend. Zwischendurch richtete er Verwüstung an. Sein Fuß zersplitterte ein Taburett; der Rauchtisch, den er umwarf, vollführte ein metallisches Gedröhn. Der Klang ernüchterte ihn flüchtig. Ein standhafter Klubsessel trat ihm sanft in den Weg; so gab er die Verfolgung auf und torkelte auf den Diwan zurück. Böse in die Richtung starrend, wo er die Fetzen des Bildes vermutete, suchte er wiederum nach dem Mundknopf der Pfeife und bediente sich ihrer, beharrlich saugend. – Dies beruhigte ihn nach und nach. Und doch, etwas war in ihm zurückgeblieben, das ihn dumpf quälte. Ach, dieses Fremde war nicht abzuschütteln, und es murrte in ihm; murrte um die Erfüllung eines Auftrags, der ihn peinigte ... Er hatte zu tun! Jetzt wußte er es! Er hatte zu tun! ... Aber was? Oh, es muß sich zeigen! Es muß sich herausstellen! ... Und irgendwie war diese murrende Unruhe mit den Stückchen der zerrissenen Photographie verknüpft, nach denen er schier unbewußt immer noch spähte ... Alles erlosch. Nur der Teppich schien zu wachsen. Er füllte den Horizont; seine Muster wucherten in die Ferne, seine Farben durchtränkten glühend den Umkreis. Und er war ganz und gar von weißen Papierstückchen gesprenkelt ... Und auf ihm entstand eine Gestalt ... Eine ganz helle Gestalt. Sie kam verwischt heran. Auf einmal, wie mit einem Sprung, stand sie vor dem farbigen Wirrwarr, der sich schwärzte und ihr eine abscheidende Folie gab. Es war ein magerer, weißer Knabe. Seine Augen waren schauderhaft leer und grau; sie wuchsen im Gesicht, wenn man in sie hineinsah, und verschmolzen zu einer einzigen, tödlich nichtssagenden Masse, die doch aus zwei Augen bestehen blieb ... Und darunter, scheinbar in ihnen, auf ihrem Grund, spalteten sich farblose Lippen und schürzten sich über zusammengepreßten Zähnen. Die Lippen liefen in spitze Winkel aus ... Und die Gestalt gewann an Deutlichkeit. Sie bewegte den verschwommenen Kopf; die Lippen lächelten dünn, scharf und unsagbar höhnisch. Die Gestalt stand mit durchgedrückten Knien, streng geschlossenen Beinen und knochigen Hüften da. Sie stemmte die Hände in die Weichen; aus ihrem kleinen Mund brach etwas Gellendes, Scharfes hervor wie eine Folge von Peitschenschlägen ... Hassan fühlte Striemen an seinem Körper entbrennen; rote Male, die durch seine Kleidung leuchteten ... Und die Gestalt wuchs, versteinerte sich gleichsam zu einem unverrückbaren Monument. Sie hielt eine Gerte in der Hand, mit der sie tändelte. Ein Hauch von Eis, ein kalter, frostiger Hauch ging von ihr aus, als werde man plötzlich einem warmen Bad entrissen und heftigem Winde preisgegeben ... Hassans Körper brannte vom Frost und zugleich von der Hitze der Striemen ... Und siehe da, die Gestalt wandelte sich. Percy Aldridge stand dort. Er trug einen weißen Leinenanzug. Er war groß und hielt sich sehr gerade. Auf der Lippe trug er blonden Flaum. Er hielt die Hände unter den aufgeschlagenen Schößen des Jacketts in den Hosentaschen. Er besah besinnlich seine Schuhe. Und plötzlich warf er den Kopf in den Nacken und sagte etwas. »Wie belieben Sie?« fragte der Bei und fühlte seine Brauen vor nervöser Spannung zittern und in die Höhe kriechen ... »Halten Sie Ihren Tarbusch fest!« Ein leises Wutgeheul, wie das eines fernen Schakals, vibrierte irgendwo. Dem Bei schien es, es sei in ihm selber angeklungen; er verlegte sich aufs Lauschen, und es erleichterte ihn ... Nun hörte er es lauter und schärfer: »Halten Sie Ihren Tarbusch fest!« Hassan atmete schwer und keuchend. »Halten Sie ihn fest!« schrie jetzt die Stimme brutal wie eine Posaune. »Er lockert sich .. Er lockert sich .. Halten Sie ihn fest!!« Ein wüstes Chaos von Tönen: schnarrenden, quinquilierenden, rasselnden Instrumenten. Dann Totenstille. – – – – Eine Erschöpfung folgte. – – – – »Oh, dem ist abzuhelfen«, sagte plötzlich jemand auf französisch, mit einer hellen, kalten Betonung. »Ah! Madame! Ich bin in Ihrer Hand. Ja, was ist nun zu tun?« Die Seijide kam zum Vorschein; sie schwebte lautlos heran; und zuweilen knirschte die schwere Seide ihres Gewandes. Sie war erstaunlich, schier zwerghaft klein. Sie brachte ihr Gesicht ganz nahe an das seine und flüsterte beziehungsvoll: »Er ist Kontrolleur beim Irrigation-Departement?« »Ja, ja, das ist er«, flüsterte Hassan fast ebenso heimlich zurück. »Ich weiß etwas über ihn!« kicherte die Seijide. »Ich weiß etwas über ihn ...« »Ha! Was wissen Sie?« »Er nimmt Backschisch!« »Von wem, Madame, und wofür?« »Was weiß ich!« »Ich beschwöre Sie, Madame ...« »Nun, vielleicht von den Bauern ...« »Backschisch von diesen Schweinen! Welch eine Besudelung! – Wofür nimmt er es denn?« »Sie überfragen mich!« »Ich beschwöre Sie ...« »Nun, vielleicht öffnet er ihnen die Kanäle ... Zur verbotenen Zeit ...« »Sehr gut!« sagte Hassan und war tief befriedigt. »Sehr gut!« Auf einmal war er in einer sonnigen stillen Straße der Gardencity. Die Seijide schritt vor ihm her, tief verschleiert. »Wohin führen Sie mich, Madame?« Sie schwieg und ging eilig voran. Wiewohl die Sonne im Zenith stand, war der Verkehr auf der Straße äußerst schwach. Dann und wann sah er Menschen, aber sie gingen alle seltsam fern und schnell an ihm vorbei; rückten gleichsam hinweg, wenn er ihnen mit den Blicken folgte, um, an die Straßenenden verpflanzt, in eben dem Zeitmaß weiterzuschreiten, das er zuerst an ihnen bemerkt. Und dieses Zeitmaß war das des gewöhnlichen Alltags. Es kam Hassan nicht zum Bewußtsein, was ihn in so dunkle, schwebende Spannung versetzte ... Er spürte, ohne sich darüber klar zu werden, daß ihm an der völligen Empfindung dieses Alltags etwas fehlte: der Lärm. Es herrschte absoluter Mangel an Geräuschen. Er sah offene Münder, bunte Gebärden, streitsüchtige Hände ... Aber es war still; und diese Stille war eine Krankheit. Er hörte nicht den geringsten Laut als das Geräusch der eigenen Schritte und das Knistern des schwarzen Gewandes, dem er folgte. Die Gegend war ihm durchaus vertraut. Sie schritten die Sharia-el-Dakhliek herab, nahmen ein kurzes Stück der Falaki mit und bogen dann nach Vollendung der Ed-Dawawin in die Schêsch-Rihan. Die Falaki herab sah er ganz fern einen regen Verkehr auf dem Platze Bab-el-Luk, ganz wie sonst, doch alles schien ihm wie Spiel bunter Fische hinter dicker, gläserner Scheibe. Doch überkam ihn nicht die leiseste Verwunderung darüber, daß er nichts hörte. Eine süße und quälende Gewißheit, daß er am Ziel des Weges Rache nehmen werde, daß diese Rache ihm dort bereitet sei wie ein buntes Zelt, in dem er prächtig hausen könne, beengte seinen Atem. Er vertraute sich blind der Führung an. Jetzt gingen sie durch die Fikusgruppen des Midân-Mabduli. Hassan sah Bekannte; sie gingen fern und reserviert vorbei; sie stolzierten in pompösen Häuflein und mit feiertäglichem Schlenkern der Ärmel; all die schwarzbärtigen oder rasierten beleibten Gauner, die zu leben verstanden ... Er traf mehrmals dieselben wieder, auf eine ganz verzwickte Art und Weise. Es waren Abu-Kêf, Mohammed-Abu'l-Sikr, Zedân-Jussef-el-Abaza und Abu-Katkûs ... Sie alle gingen an ihm vorüber und lächelten; ja, als er sich umwandte, schienen sie mit den Rückseiten zu lächeln und stehenzubleiben, während welcher Beschäftigung sie zusammenschrumpften. Auf einmal traten sie insgesamt vor ihm wieder hinter einer Straßenecke hervor, so, als hätten sie inzwischen mit märchenhafter Behendigkeit einen Umweg gemacht, um ihn wiederum mit ihrem Lächeln überraschend zu blenden ... Es war, als wüßten sie alle um sein Geheimnis, so als sei es öffentlich und schlage Breschen von Stille in den Straßentumult, als wuchere es um sich, und als halte alles den Atem an, um ihn nicht zu hindern, beileibe nicht an der Ausübung seiner Rache zu hindern .. Während er sich dies klarmachte, hatte die Seijide einen Vorsprung gewonnen und bewegte sich auf dem weiten ausgestorbenen Midân Abdin, dem Platz vor dem Palast des Khediven, wie eine schwarze Heuschrecke auf gelbem Sand. Sie bewegte sich, klein und einsam. Es war still wie in einer weiten Gruft. Die Häuser im fernen Umkreis glichen grauen Mauern. «Ah! Ich muß ihr nachkommen!« dachte Hassan und beeilte sich. Sie war inzwischen vor der großen Freitreppe angelangt und erwartete ihn. Dann wies sie auf den weiten zweistöckigen Palastkomplex und sagte flüsternd: »Nun, was sagen Sie dazu? – – Sehen Sie hier meine Beziehungen?« »Erstaunlich, Madame!« meinte Hassan. »Es muß viel, es muß ungeheuer viel Platz sein in diesen Beziehungen! So hohe Fenster haben sie!« »Das will ich meinen«, sagte die Seijide geschmeichelt. »Mein Einfluß ist weitläufig.« »Aber er ist versperrt!« versetzte Hassan und wies nach der Tür. »Da irren Sie!« erwiderte sie voll Mitleid. »Der Einfluß ist offen! Sehen Sie nur genau hin!« – Richtig, die Tür stand breit geöffnet wie ein schwarzes Loch. »Verfügen Sie sich hinauf!« sagte sie jetzt. »Ich bin enorm mächtig! – Es hat mich viel gekostet! – Fünfhundert Feddân Land, verpfändet auf zwanzig Jahre ..« Er nickte voll schwerer Anerkennung. Sie war inzwischen zurückgekrochen und stand als kleiner, schwarzer Punkt auf dem weiten Platz. Er ging die Treppe hinauf und sah in eine Flucht vollkommen kahler Säle hinein. Im letzten, der die Flucht abschloß, blitzte es wie Gold. »Das ist meine Rache ...« sann er; »das Goldene dort ...« und machte sich auf den Weg. Sein Schritt dröhnte, als ziehe eine Kolonne auf dem Marsch unsichtbar in paralleler Richtung neben ihm her. »Effendi! Nimm Platz!« sagte plötzlich ein kolossaler Nubier in strotzender Kawassenuniform mit einer Kinderstimme. Seine Augäpfel rollten verschmitzt und verständnisinnig hin und her. »Seine Hoheit beschäftigen sich soeben mit deiner Rache und werden entzückt sein, dich zu begrüßen ...« »Um so besser«, sagte Hassan. »So werde ich warten.« Und er setzte sich auf eine flache, gepolsterte Bank vor einen Spiegel, zu dessen Seiten Kandelaber standen. Ihm gegenüber stand ein Thronsessel mit niedrigem, rotem Baldachin voll goldener Quasten. Über dem Baldachin befand sich ein mächtiges Bild von der Einweihung des Suezkanals. Er ließ den Blick an den Wänden wandern. Die früheren Khediven, in lückenloser Reihe, sahen vertraulich aus strotzenden Rahmen auf ihn herab; und sie alle sagten auf einmal wie aus einem Munde: »Wir verstehen das! – Wir verstehen das sehr gut!« Hassan war außerordentlich erfreut. Ganz beiläufig bemerkte er jetzt, daß der Thronsessel nicht leer war, wie er zunächst vermutet, sondern daß ein kleiner, dicker, blonder Mann im Tarbusch, in einen prallen schwarzen Gehrock gekleidet, darauf Platz genommen hatte. Er redete auch bereits einige Zeit; es war arabisch mit türkischem Akzent. Dabei nahm er den Tarbusch rhythmisch herab und setzte ihn wieder auf, wobei er den Oberkörper hin und her wiegte. Hassan gab sich augenblicklich Mühe, sich kein Wort entgehen zu lassen. Der Khedive sagte soeben: »Der junge Mann hat Sie beleidigt; da müssen wir helfen ... Ich mache einen Pascha aus Ihnen, wie gefällt Ihnen das?« Hassan schüttelte abwehrend die Hände. »Euer Hoheit sind sehr freigebig, außerordentlich freigebig. Ich muß Euer Hoheit in betreff des jungen Mannes eine Mitteilung machen; damit, daß ich Pascha werde, ist es nicht getan ...« » Eh bien !« sagte der Khedive und zog sein eines kurzes Bein wagerecht auf den Paradestuhl, unter das Knie des anderen, das frei herabpendelte. »Und was wäre das?« »Denken sich Euer Hoheit – belieben Sie sich vorzustellen: er macht den Fellachen die Kanäle auf ...« »Das tut er einmal«, sagte Abbas Hilmi und wurde dunkelrot im Gesicht. »Daran ist nichts zu ändern. Das ist seines Amtes.« Hassan grübelte sich ab. Irgend etwas, fühlte er, fehlte, um die Verleumdung abzurunden. So war sie offenbar noch nicht ganz; sie war in ihrer Art noch dürftig und verfehlte ihren Zweck ... Endlich hatte er es und sagte mit jubelnder, entzückter Stimme: »Ha, ja, er tut es zur verbotenen Zeit. Er nimmt Backschisch!« Hier aber lachte der gekrönte Albanese, zuerst leise und glockenrein, dann schallend und dröhnend, dabei hüpfte er auf dem weiten Stuhl umher wie ein Gummiball. Dann, als er Atem schöpfte, sagte er mit noch erstickter Stimme: »So? – Tut er das? – Und Sie? – Und ich ?« – »Euer Hoheit scherzen!« sagte jetzt Hassan fast respektlos. »Es ist ein Grund, eine Möglichkeit, ihm zu schaden! – Und ich will ihm doch schaden!!« brüllte er auf. »Ich will ihn ruinieren! In Grund und Boden will ich ihn ruinieren!« Der Khedive wurde plötzlich ernst; dabei war es, als verblaßten seine Umrisse in der Lehne des Stuhles, verschmölzen langsam mit ihren Mustern. Eine kühle Stimme erwiderte: »Das schlägt nicht in mein Ressort, Hassan-Bei-Muharram. Machen Sie das mit dem englischen Agenten aus...« Und siehe da; der Stuhl war leer... Hassan stand auf und ging schwer gereizt durch die Säle zurück. Draußen erwartete ihn die Seijide. »Madame,« sagte er, »ich war in Ihrem Einfluß. Aber es ist nichts damit.« Und er schnippte mit den Fingern. »Möglicherweise,« sagte die Seijide plappernd und sah ihn leer an, »möglicherweise haben Sie es an der nötigen Politik fehlen lassen... Sie ahnen nicht, wie wichtig es ist, politisch vorzugehen... Dies alles ist Politik! – Gut gezimmerte Politik!« Und sie wies nach dem Palast. »Aber Sie sind ein Mensch von wenig Manieren. Zur Hälfte, mein Herr, sind Sie hochadlig, und zur anderen Hälfte der Sohn eines...« »Schweigen Sie!« schrie er gepeinigt. »Ich war außerordentlich politisch! – Aber auch er duckt den Nacken vor den Inglîz... Ich gehe jetzt allein zum englischen Agenten.« Er fühlte, wie seine Muskeln schwollen. – Die Seijide blieb zurück und wiegte teils bedauernd, teils weise das verschleierte Haupt; sie wiegte es wie eine Nippfigur... Und Hassan ging auf eigene Faust einen Weg durch Ernüchterung, Wut und Mühsal. Die Gegend war ihm bekannt, doch hatten sich die Straßen scheinbar zu einem Labyrinth verschoben, aus dem er weder aus noch ein fand. Ein Weib hockte sich unfern von ihm an eine Mauer und sah ihn mit einer blinden, entzündeten Augenhöhle an. Die andere war geschlossen. Er war unverhältnismäßig entsetzt darüber. Über einem Dach schrie ein Muezzin; es klang wie das Geräusch gellender Glocken. Ein Schmutzmilan trillerte und ließ Kot herabregnen. Lautloses Menschengewühl füllte enge Straßen. Jemand ächzte eine sinnlose Beschwörung. Das grelle Licht war nicht mehr da; alles war tot und der Farbe beraubt. Hassan rannte keuchend. Endlich stand er in einer abgelegenen Straße der Gardencity. Ein Bauwab kam hervor und führte ihn in das Haus. Er stand in einem Zimmer. Es war dunkel. Die Tür sprang auf. Der englische Agent trat hastig ein. Er trug einen grauen Gehrock und hielt einen grauen Zylinder in der Hand. Er glotzte Hassan mit hellen, divergierenden Augen an, und sein schmutzigbrauner herabgekämmter Schnurrbart zitterte ... Dabei schleifte er das rechte Bein nach. Er war so groß, daß sein Kopf die obere Türfüllung durchbrach; ein Stück davon steckte ihm in der Stirn, und sein lachsrotes Gesicht war von Mörtel überpudert. Er ignorierte das und sagte knapp: »Erfreut, Sie zu sehen! – Ich habe Eile ... Was gibt's?« Dabei machte er sich stramm und blickte scheinbar hoch von der Decke herab auf seinen Besucher ... »Mylord,« meinte Hassan, »gönnen Sie mir eine wichtige Minute. – Es sind Korruptionen im Gang ...« »Bah!« grunzte der Lord. »Belieben Sie eine deutlichere Sprache ...« »Es betrifft ein Ressort, das Ihnen untersteht!« fuhr Hassan fort, voll Eifer und Gewicht. »Man ist großen Bestechungen auf die Spur gekommen ...« »Nun ja«, sagte der Agent ärgerlich. »Herr, reden Sie nicht um die Sache herum. Ich habe Eile ...«, und der graue Zylinder wirbelte zwischen seinen riesigen Fingern wie ein Schwungrad. »Es betrifft einen englischen Subalternen«, sagte Hassan und kostete diese Andeutung behäbig aus. »Was?!« schrie der Agent und wurde mit einem Ruck um einen vollen Meter größer. Es war erstaunlich, wie er über sein Volumen verfügte... »Jawohl!« wiederholte Hassan anklagend und beteuernd. »Es steht schlimm! Aber es ist wahr! Man hat ihm ungeheure Summen geboten! Der Staudamm schwebt in höchster Gefahr... Und dann, und dann...« Der Agent schrumpfte zusammen. Seine Augen quollen hervor. Er stierte Hassan an und sagte kurz: »Hinaus.« Ein lähmendes Unterlegenheitsgefühl, gegen dessen erbarmungsloses Wachsen er vergeblich kämpfte, fesselte den Bei an den Platz. Er vermochte kein Glied zu rühren... »Hinaus!« brüllte der Lord wie ein Stier. Auf einmal bekam Hassan Beine. Er rannte durch die Zimmertür. »Hier hinaus!« schrie der Agent in seinem Rücken. Er schrie es gleichwohl an drei Stellen zugleich, und Hassan rannte und stolperte um sein Leben. Dumpfe Schüsse erdröhnten. Hassan fühlte, wie ihn die Kugeln durchsiebten... Dies schien sein Gewicht zu erleichtern, er gewann die Treppe und raste ins oberste Stockwerk. Von dort blickte er keuchend in den Treppenschacht hinab. Drunten stand der Agent, ganz klein, den grauen Zylinder auf dem Kopf und stierte mit seinen Fischaugen steil in die Höhe. Und langsam, langsam wuchs er in den Schacht hinauf; sein Kopf schwoll an, er rückte näher und näher... Hassan schlug die Hände vors Gesicht und stolperte die Treppe wieder hinab. Er schluchzte hysterisch. Er gewann das Freie und rannte, rannte... Irgend jemand lachte kurz, humoristisch und grob hinter ihm her... – – – – – – – – – Er erwachte in seinem Rauchzimmer. Sein Gesicht war in Schweiß gebadet. Auf dem Teppich lag ein zerbrochenes Taburett. Vor der Meschrebije, im stumpfen Blaugrau der Frühe, zwitscherten die Spatzen... Ein süßlicher, fader Geruch schwängerte die Luft, schwer wie Blei. Alle Dinge fröstelten. Der Vater des Irrwegs Der Bei hatte soeben in der Esbekije einen Terminverkauf mit einigem Gewinn geregelt und kam die Scharia Kamel herab. Er war heiter gestimmt. Nichts bedrückte ihn. Er erhandelte sich unter großem Wortschwall etliche Mangofrüchte von einem Straßenverkäufer; steckte hierauf die Nase in das Paket und berauschte sich an dem herben Pfirsichduft der glatten hellgelben und weichen Früchte. Sie fühlten sich an wie die Brüste von Weibern. »Ich werde sie mir schmecken lassen!« dachte der Bei. »Ich werde nach dem Gezirêpark fahren, mich zwischen die großen Kakteen setzen und diese Früchte verzehren. Dabei werde ich den Himmel betrachten und werde glücklich sein.« Als er sich Shepheards Terrasse näherte, nahm er sich vor, nicht hinaufzublicken. Er nahm es sich mit aller Willensanstrengung vor. Was kostete es auch schließlich? Was war denn da droben zu sehen? Besser, ich betrachte die Balkone der Juweliere, der Schneider und Zigarettenhändler ... In der Tat, es gab auf diesen Balkonen allerlei: Halbverschleierte Damen drängten sich bereits dort oben Schulter an Schulter, mit bunten Schirmen und großen schwarzen Fächern. Auf der Straße wurde der Verkehr dichter; eine Unmenge von Fuhrwerken war unterwegs, und vor Shepheards Terrasse staute sich das Volk wie ein Bienenschwarm. Hassan stellte sich in den Laden eines ihm befreundeten Kaufmanns, begann seine Früchte zu verzehren und beschloß, das weitere abzuwarten. Er erinnerte sich jetzt, daß die Hochzeit einer Khedivialprinzessin mit einem Pascha auf diesen Tag festgesetzt sei. Das Gewimmel auf den Straßen verstärkte sich; die Fronten der Häuser und der Hotels längs dem Esbekijegarten bis in die Scharia Abdin hinein strotzten von Fahnen. Die Tarbusche auf den Tausenden erwartungsvoll bewegter Köpfe wimmelten und schwankten wie ein rotes Mohnfeld, das vom Wind bewegt wird. Fliegende Basare bohrten sich mühsame Gassen. Auf ausrangierten Kinderwagen fuhr man Süßigkeiten umher. Das Gitter des Gartens hing voll roter Wimpel und runder Glaslampen. Bourseschreier warfen ihr U in den strömenden Lärm. Im funkelnden Himmel kreisten die Geier. Feiner Staub schwängerte die Sicht. Hassan starrte gedankenlos in das Treiben. Er sah mit einigem Vergnügen, wie ein umgedrehter japanischer Lacktisch sich über die Köpfe hob, wie sich kleine Inseln von Blumen auf harten Schädeln vorüberschoben ... Es gab nichts, womit man heute nicht hausierte. Nun bildete sich vor dem Pöbel eine Kette von braunen Infanteristen in blauen Uniformen, mit weißen, eng gewickelten Gamaschen an den dürren Beinen. Die Straße ward frei ... Ein lähmendes Windchen von Autorität flutete über das Volk; der Lärm verebbte langsam. Ein kleines nacktes Kind stolperte über die Straße, gerade vor der Terrasse ... Ein Schwarm von Vorläufern erschien. Einem ägyptischen Regiment, mit blauweißgoldenen Offizieren auf tänzelnden, langgeschwänzten Pferden, umklungen von der Inbrunst viehhaft plärrender Trompeten, folgten, von Peitschern geführt, die Dudelsackbläser im Röckchen der Egyptian-Army; begleitet von pantherfellgeschmückten Paukern. Der Zug entwickelte sich wie eine Raupe, die immer prächtigere Segmente spielen ließ ... Diese schimmernde Raupe kroch langsam vorbei, umhaucht von Hitze und überladen von Gruppen und Bildern ... Mâschallâ! Das war ein prächtiger Zug! Sieh da! Die Adjutanten des Khediven, phantastisch uniformiert! Berittene Polizei: eselhaft eitle Berberiner in prallem Khakistoff! Lanciers der ägyptischen Kavallerie: sechsspännige Feldhaubitzen! Ulanen mit grünroten Fähnchen! Seltsame Rhythmik intelligenter Pferdeköpfe, nickender, schnaubender Köpfe ... Ha, jetzt noch ein Schub Artillerie ... Aufgepaßt, jetzt kommt das Wunder! Ua! Das Wunder! O Sidi! Du stehst mir auf den Zehen, es schmerzt! Recke den Hals, du träumerisch geblendetes Volk! O ihr Fellachen, o ihr Schweine, blinzelt mit euren entzündeten Augen, euren zerknitterten, unreinen Lidern; denn jetzt kommt die Offenbarung des höheren Lebens; ja, die sieben Himmel schwanken heran! Saïs mit weißen Röckchen, nackten Sohlen und Stäben in den Händen tanzen verzückt durch den Staub; die Kapelle vorn am Garten schmettert die Nationalhymne... O Hymne des trunkenen Volkes, o Tusch des reichen Landes! Sie kriecht heran, die Galakutsche, sechsspännig kriecht sie heran, wie ein Berg von Pomp. Die vergoldeten Speichen werfen träge, eitle Blitze. Starrer, roter Damast umhüllt die Fenster. Militär, mit gezogenem Säbel, schreitet ihr feierlich zur Seite. Da drinnen sitzt die Mutter des Khediven mit der Mutter der Braut; man sieht nicht das geringste von ihnen; sie sind abgesondert, sind behütet, wie Idole abgesondert und ganz und gar versteckt. Wer kann sich rühmen, sie zu sehen?... Das Volk träumt. Eine zweite Galakutsche folgt, und in dieser sitzt die Braut selber. Ach, wie es da drinnen wohl schimmert!... Ha, eine Braut! So eine schöne, glatte Braut, eine undurchlochte Perle, ein Meisterstück, und ein Schrein von unbezahlbarem Vergnügen... Hassan entzückte sich. »Welch eine Pracht!« murmelte er; und sein Freund, der Kaufmann, sagte ebenfalls: »Welch eine Pracht!« Es war vorbei. Es war ganz vorbei... Der Kordon löste sich, die Straße wimmelte von festlich gestimmtem Gesindel. »Es ist Zeit, daß ich gehe!« sagte Hassan. »Saïda!« Als er sich langsam an der Terrasse vorbeidrängte, half ihm sein Vorsatz nichts, er mußte hinaufsehen. Für kurze Zeit eingekeilt, konnte er sich nicht rühren. Und einen Meter über ihm, knapp über seinem Kopf, an einem Tisch an der Balustrade neben dem Treppengeländer saß Jane. Es war ihr helles, schmales Gesicht. Sie erkannte ihn. Sie rümpfte angewidert die Lippen. Das helle Gesicht wandte sich ab. Hassans Blicke glühten aus der Tiefe heraus. Droben lachte man leise. Ein Einglas wanderte in ein kaltes Auge, und dies Auge sah herab. Eine bekannte Stimme sagte: »Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Das ist er.« Und wieder lachte es dort droben, flüchtig, kurz und hart. O Stunde der Heimkehr, o bunte Gruft, in die man das Fieber trägt und erdrosselt, o schiefergrauer Qualm, der die Welt zunichte macht, der alles erstickt mit süßer, lügnerischer Lähmung! Tappen kleiner Hände. Erregtes Geflüster. »Sie sind verdrossen, Bei?« »Ich habe Ärger; ach, ich habe Ärger.« Eine glatte Hüfte streift seine Hand. »Ihr Mißmut wird nicht von Dauer sein ...« Sie war da. Wo gibt es Weißeres als diesen Leib? »Sie sind ein Weib! Was berechtigt Sie, mich zu verachten...?« Hohnvoll geschürzte Lippen... »Was berechtigt Sie...« Ein Krampf von Wut. Er erhebt sich schwer. Seine Hände krümmen sich. Er stürzt sich auf diesen leuchtenden Leib wie ein schweres Gewicht: er martert diesen Körper, er mißhandelt, zertrümmert, würgt und vernichtet ihn... Hohnvoll geschürzte Lippen... Ein Pfuhl von Blut. Ein Gesicht darin mit grauen Augen, die wandern, gleichgültig wandern... Ein Blitz reißt alles auseinander. Es ist heller Tag. Hassan hockt auf dem Teppich und stiert in das taube Rot des Musters. Seine Finger sind voll bunter Wolle. Speichel tropft aus seinem Mund. Und nun vernimmt er ein Helles, fassungsloses Gelächter von irgendwoher. Er erhebt langsam den Kopf. Droben bewegt sich der Vorhang aus Perlenschnüren. Und das Gelächter schluchzt, wird bemeistert und prustet wieder zwischen Fingern hervor, die es zerpressen wollen. Er hört es teilnahmslos; es ist nur ein Geräusch. Dann betrachtet er sich langsam voll dumpfer Neugier. Plötzlich weiß er, daß man dort droben lacht, daß man seiner spottet; er erhebt sich mlt einem Satz und rennt auf das Treppchen zu. Man flüchtet mit leisem Kreischen. Kleine Schuhe trippeln über die Stufen zum Harem-Lik hinauf. Er sieht sie nicht. Sie sind verschwunden. Er steht auf dem Gang und brüllt. Der Knabe mit der grünen Kelabije erscheint mit sanfter Sklavenmiene. Verwunderte Domestiken kriechen hervor. Die Bauwabs von draußen wallen herein. Es ist erstaunlich. Was gibt es denn? »Wartet hier«, keucht Hassan. »Wartet hier.« Und er rast in den Harem hinauf. Hinter einem Berg von Kissen sitzen sie und spielen ein Geduldsspiel. »Kommt hervor!« brüllt er. Zwei kleine Köpfe tauchen auf. Er nähert sich, packt die blanken Schultern und zerrt, schleift die beiden Geschöpfe mit roher Kraft quer durch das Gemach bis vor die Türe. Sie strampeln, sie bitten entsetzt. »Was tun Sie, Bei?« Er stößt sie auf die nackte Treppe. Drunten steht die gesamte Dienerschaft; alle diese Leute lächeln schüchtern und erstaunt. »Bei! Sie beschimpfen uns! Sie zeigen uns den Leuten!« – Die kleinen Gesichter werden von Tränen feucht. »Da sind die Zeugen! Da unten, ihr Hündinnen!« »Hündinnen!« ächzen die Töchter Achmed-Sêf-el-Dins und Ismael-Pascha-Haschems... »Ihr seid geschieden ...!!« »Bei! Sie vergessen sich! Was soll das!« »Ihr seid geschieden ...!!« Entsetzter Schrei aus zwei Kehlen: »Sind Sie verrückt?« »Ihr seid geschieden ...!!« »Ah! Ah! Nun ist es ausgesprochen! Sie werden daran denken! Sie werden daran denken! Sie werfen uns hinaus! Sie werfen uns auf die Straße! Das sollen Sie büßen! Wir gehen! Wir gehen! Ah, ah, ah!« Sie taumeln zurück; sie umfassen sich, sie führen einander mit der zarten Rücksicht von Kindern, die sich verletzt haben und sich zärtlich Treue geloben ... Dann schlägt die Tür hinter ihnen zu. Hassan sitzt bei seiner Mutter. »Höre ich recht?« sagt die Seijide. »Wiederholen Sie mir das!« Sie beugt sich neugierig vor. Ihre Hände fahren nervös im Schoße hin und her. »Ja, Madame«, sagt Hassan. »Ich habe sie verstoßen.« »Sie haben ihre Gemahlinnen verstoßen? Sie haben die Scheidungsformel dreimal ausgesprochen?« »So ist es.« »Und warum?« »Sie haben mich verhöhnt. Sie hatten keinen Respekt vor mir.« Eine gleichgültige Gebärde: »Ah! Das ist nun vorbei.« »Sehen Sie, Hassan-Muharram,« sagte die Frau ganz still, »nun stellt sich doch heraus, daß meine Mühe an Sie verschwendet war. Glauben Sie mir, es war nicht leicht, diese Heiraten zu arrangieren. Nun haben Sie sich (– vorausgesetzt, daß Sie noch Ehrgeiz haben! –) alle Aussichten verdorben. Sie haben sich in das denkbar schlechteste Licht gesetzt. Ein großer Skandal wird jetzt die Folge sein – mein Gott – welch ein Skandal!« Sie dreht die Augen empor. »La, la«, sagt Hassan friedlich. »Ein Skandal? – Nach zwei Wochen wird man anderen Stoff zum Gespräch haben. Derlei passiert alle Tage.« »Sie irren«, sagt die Seijide. »Sie sind ein Kutscher.« Hassan fährt zusammen und starrt sie an. »Wie?« »Nun ja; vielleicht stehen Sie noch eine Stufe tiefer als Ihr seliger Vater, den die Schweine fraßen. Denn er war wenigstens kein so ausgemachter Dummkopf!« Er schwankt ratlos empor. Er hebt die Hände: »Welche Sprache, Madame! Sie sind meine Mutter!« »Ich bin nicht mehr Ihre Mutter!« schrill: »Verlassen Sie mich und wagen Sie nicht, dies Haus jemals wieder zu betreten!!« »Was soll das?! Was soll das?!« »Verlassen Sie mich!« klagt sie auf. »Verlassen Sie mich.« – Die Nerven ihres Gesichtes zucken: der Paroxismus steht bevor. »Achmed! Achmed!« Der graue Eunuche rollt herein. Ihr Arm zuckt aus dem Ärmel; die blauen Punkte entblößen sich; es ist ein erbarmungswürdig magerer Arm ... Hassan senkt den Kopf und geht. Ein sinnloses Plappern in höchster Fistel, vermengt mit einer hastigen, papageienhaft hellen Stimme, klingt verworren hinter ihm drein. Der Sang der Sakije Nehmen Sie das mittlere Format, sechs Schüsse. Das Magazin ist gefüllt. Mehr Patronen sind nicht erwünscht ...?« »Danke. Es genügt vorläufig. Ist er gesichert?« »Vollkommen. Hier ist das Futteral. Zwei Pfund, wenn ich bitten darf.« Hassan trat aus dem Laden und ging über den Opernplatz der Scharia Kamel zu. Die Faust mit dem Revolver hielt er in der Tasche. Sein Gang war nicht ganz sicher. Er setzte sich plötzlich an einen Tisch des Cafés, das dem Denkmal Ibrahim Paschas gegenüberliegt. Drinnen, halb im Eingang versteckt, saß Abu-Katkûs und zog wie immer mit viel Geräusch sein Brettspiel. Er war mittlerweile außerordentlich fett geworden. Als er Hassan bemerkte, rief er lustig und winkte. Hassan sah ihn stumpf an und erwiderte den Gruß dann langsam, ohne sich vom Platz zu rühren. Abu-Katkûs verwunderte sich. Ein Gassenjunge kroch unter den Tisch hindurch, tippte an Hassans Schuhe und blickte fragend auf. Hassan nickte, und alsbald fiel der Junge mit seinen beiden Bürsten über die Schuhe her. Hassan freute sich, wie sie so spiegelblank unten den eiligen Händen hervorgingen. Er grunzte anerkennend und gab dem Jungen, der vor Erstaunen starb, einen ganzen Schilling. Dann erhob er sich, wobei er unsanft an mehrere Stühle stieß, und ging weiter, um die Tat zu tun. »Jedenfalls sitzen sie«, dachte er, »wieder neben dem Treppenaufgang an der Balustrade. Es ist Teezeit.« Die Sonnne stach. Es war recht heiß. Er trocknete sich die Stirn. Langsam kam er an. Ha, da saß sie. Da war das helle Gesicht. Und da war jener Verfluchte. Hassan riß die Waffe heraus und schoß blind in das helle Gesicht und dann auf das weiße Flanell dort oben ... Getümmel ... Geschrei ... die Terrasse ist aufgescheucht ... Entsetzte Menschen taumeln durcheinander ... Ein grölender Laut brach ihm ins Ohr: ein Zeitungsverkäufer schrie knapp neben ihm. Ein weiß beschürzter Kellner war herbeigeeilt und fragte teilnahmsvoll: »Monsieur ist unwohl geworden?« Hassan fuhr auf. Alles war wie sonst. Nichts war geschehen. Man plauderte leise. Musik drang aus dem Vestibül. »Ja«, stammelte er. »Ein Schwindelanfall. Geben Sie mir ein Glas Wasser.« Der Kellner geleitete ihn zärtlich die Treppe hinauf. Er war blond und bieder. Hassan ließ sich im Vestibül auf einen Strohstuhl niederfallen. Er erhielt sein Wasser. Eine Stunde hindurch saß er unbeweglich dort. Dann stand er auf und ging an die Portierloge. »Verzeihen Sie,« sagte er heiter und gewinnend, »ich war im Begriff, einige Herrschaften aufzusuchen...« »Der Name?« »Aldridge.« Der Portier blätterte in der Liste. »Nach Luksor abgereist«, sagte er. »Heute vormittag.« Er saß im Speisewagen des letzten Zuges. Der Abend war da und färbte die langgestreckten Fenster violett. Mit der Zeit wurde die Landschaft tintenschwarz. Er lauschte dem pochenden Dröhnen des Zuges, in dem ein Ton mitschwang, als sei an die Achsen unter ihm ein Tier geknebelt, welches ohne Aufhören einen langen Schrei von sich stieß... Ah! Dieser singende Schrei! Diese Wut im Eisen! Die Glühbirne setzte den zitternden Raum in ein schattenloses Licht. Hassan warf dem Waiter mit heiserer Stimme hin: »Kognak!« »Sehr wohl« – ein Gläschen ward gebracht. Er schlug es vom Tisch. Der Waiter fuhr erschrocken zurück. »Bringen Sie eine Flasche.« »Sehr wohl«, sagte der Dienstbare und las die Scherben auf. Als er sich aufrichtete, bemerkte er mit Unbehagen ein Gesicht, in dem alle Nerven einen haltlosen Tanz vollführten. Er brachte die gewünschte Flasche und nach einiger Zeit auch das Weinglas, das der Herr dazu heischte. Dann sah er grübelnd zu, welch erstaunliche Mengen dieser Ägypter in kurzer Zeit zu sich zu nehmen vermochte... Und der Passagier saß die ganze Nacht vor der Flasche. Er rührte nur gelegentlich mechanisch die Hand, um das Glas neu zu füllen. Als der safrangelbe Morgen durch das Fenster sah, erhob er sich mit einem gewaltsamen Ruck, zahlte und ging aufrecht in sein Abteil zurück. – – – – – – – – – – Der Manager des Winter-Palace-Hotels zu Luksor sprach in leichter Verlegenheit: »Mein Herr, wir können Ihnen nur das eine sagen, daß die Herrschaften unmöglich vor Abend zurückkehren werden... Doch, wenn die Nachricht wirklich so eilig ist, so werden Sie gut daran tun, ihnen unverzüglich nachzureiten. Vielleicht werden Sie ihnen auf dem Rückweg begegnen. Der Weg zu den Königsgräbern ist Ihnen bekannt?« – Hassan verließ das Hotel und verhandelte mit einem Eseljungen. »Effendi,« schrie der Knabe, »es ist nicht möglich, daß du allein reitest! Mein Leben ist in deiner Hand! Man wird mich schwer bestrafen!« Ein Schlag klatschte ihm übers Gesicht. Er fiel in den Sand und schluchzte. Zwei Pfundstücke flogen ihm an den Kopf. Er erhob sich blutend und raffte sie an sich, emsig wie ein Affe. Eine Feluke lag bereit. Der Esel wurde von sechs entzückten Kerlen hineingetrieben. Der Effendi verstand zu fluchen, wie konnte er fluchen! – Sie waren wie die Wiesel am Werk... Am jenseitigen Ufer angelangt, peitschte er den Esel. Nie war ein Esel vordem so geschlagen worden. Er schrie hitzig und geriet in einen verzweifelten Galopp. Zuweilen umkrampfte die Hand Hassans das harte Ding in der Tasche ... Er keuchte schwer. In seinem Ohr schrie der lange metallische Schrei der Nacht. Der Alkohol wütete in seinen klopfenden Kopfadern wie ein erbarmungsloses Hammerwerk. Der schmale braune Pfad führte durch Weizen, der üppig in Frucht stand. Die Grillen schrillten. Die Felder dehnten sich zu einem strotzenden Kranz von dunklem Grün. Nach einer halben Stunde atemlosester Eile überritt er die alte Seeumwallung von Birket-Habu. Die Aussicht verbreitete sich. Die Kolosse traten in schier greifbare Nähe, und rechts, unter Palmen versteckt, lagen die Dörfer Naga-el-Kôm und el-Bairat. Nachdem er noch eine kleine Strecke geritten und den leeren Bewässerungsgraben zur Seite gelassen, brachte er das schweißbedeckte, zitternde Tier zum Stehen und stieg ab. Er nahm den Tarbusch herab, zog sein seidenes Taschentuch hervor und preßte es gegen die Stirn ... Ein Lied, so alt wie die Kindheit der Menschen, sang die Sakije, das Räderschöpfwerk aus rotem Akazienholz. Es drehte sich träge, es knarzte und weinte. Was ist die Trauer der Sakije? Sie trauert darüber, daß die Zeit sich nie erfüllen wird, da sie feiern kann; sie singt hoch und summend das Klagelied, das seinen ewigen Kehrreim an den Ufern des Stromes unendlich oft wiederholt; und sie seufzt, tief und voll, wie die Schwinge der schwarzen Hummel oder die des Pillendrehers, der durch den abendlichen Staub der Straßen schwirrt. Und was sie singt, ist die Zeit – die unersättliche Zeit, die uns alle frißt: Gott ist groß! Gott ist sehr groß! Nichts Neues entsteht; und was man erntet, vergeht; Weizen wird Brot und Kleie, und Ful wird gemahlen oder wandert in den Schmortlegel, alles nach Gottes Willen! – – – – – – – – – Hassan ließ sich nieder und blickte nach der Sakije hinüber. Sie war noch eine gute Strecke entfernt, und doch tönte ihr Wimmern und Summen so klar und einsam, als stehe man bei ihr und taste mit der Hand über das ziegelrote uralte Holz des Rades und über das zerschlissene Seilgewinde ... Eine unwiderstehliche Lässigkeit ergriff Besitz von seinem törichten Herzen, von seinem ermatteten Hirn... Horch: eine Sakije, noch weiter entfernt und unsichtbar hinter dem strotzenden Weizen, hob ihre Stimme; ihre Schallwellen überschnitten die der ersten; es entstand ein Zwiegesang. Hassan bedeckte den Kopf, schloß die Augen und lauschte. Er saß halb in der Sonne und halb in dem Schatten, den der ruhende Esel warf. Und da ward ihm, als nähere sich der ferne Sang; als gewinne er an schneidender Fülle, an bohrender Bedeutsamkeit; als komme er auf ihn zu wie etwas, das sinnlos wachse und drohe. Er riß die Augen auf: eine kleine Silhouette – die eines nackten Knaben, der die Sakije betraute – trat beweglich in den lodernden Himmel. Und Hassan erkannte jene Sakije. Seine Blicke blinzelten, jeden Lebens entleert, in der Richtung der Hügel. Er griff in die Tasche, zog die Waffe hervor, tändelte mit ihr und ließ sie in einen Erdspalt gleiten. Ihr Fall war nicht zu hören; die Erde nahm sie lautlos an sich. Die Sakijen sangen schleppender. Es klagten ein paar verlorene Töne auf, und dann schwiegen sie still. – Luft und Umkreis waren voll siedender Leere. Urplötzlich überzog sich Hassans Gesicht mit tief kupferner Röte. Er versuchte, an das Tier geklammert, schwankend aufzustehen –; dann aber wehte eine ungeheure Glut über sein Herz und warf ihn nieder, schwer und wuchtig. – Er streckte sich zuckend aus, als ob es ihn verlange, sich wohl zu betten; vergrub das Gesicht zwischen die kühleren Halme und barg seine Wange eng an der Wange der Erde.