Ernst von Wolzogen. Die Erbschleicherinnen Roman Band 1 Erstes Kapitel. [Erklärt, warum die Schwestern Mödlinger aus München in Bitterfeld zu weinen anfingen, und warum die Frau Konsul sich vorläufig über die Frau Geheimrat nicht weiter äußerte.] In dem Damenabteil zweiter Klasse des durchgehenden Wagens Ala-Berlin waren alle Vorhänge zugezogen und die blauen Lichtschirme über der trübflackernden Oellampe heruntergeklappt. Es war zwischen fünf und sechs Uhr morgens; draußen begann es zu dämmern, der Regen klatschte gegen die Scheiben und trommelte auf dem Dache des Wagens. Auf der kürzeren der beiden Polsterbänke lag eine sehr dicke ältere Dame ausgestreckt. Ihre Frisur hatte sich aufgelöst, und zwei dünne Zöpfchen baumelten über die Lehne hinaus vor der polierten Tür des Toilettenkämmerchens auf und nieder wie zwei ansehnliche Rattenschwänzchen. Sie hatte sich die Taille und das Korsett aufgeknöpft, eine Reisedecke über sich gebreitet und die Füße in formlosen schwarzen Samtpantoffeln stecken, von denen jedoch der eine heruntergefallen war und einen schwarzen Strumpf sehen ließ, aus dem die große Zehe ziemlich weit herausschaute. Diese gute Dame schnarchte fürchterlich. Sie hatte den Mund weit offen, und ihre feisten Hängewangen wackelten gleichmäßig im Takt, den der rasselnde Zug just angeschlagen hatte. Jetzt gab es einen kleinen Ruck, der Zug bog in eine Kurve ein und schlug gleichzeitig einen andern Rhythmus an, flott hüpfende Anapästen nach der Melodie weiland König Ludwigs: »Wenn der Mut in der Brust seine Spannkraft übt«. Diese plötzliche Veränderung schien die dicke Dame in ihrer Behaglichkeit zu stören; der Mund schnappte zu, sie warf das Haupt mit einem tiefen Seufzer auf die andere Seite und stieß mit dem linken Fuß aus. Die unglückliche junge Dame, welche auf demselben Polster am Fenster die ganze Nacht aufrechtsitzend in arger Bedrängnis hatte verbringen müssen, fuhr, von dem kräftigen Stoß in die rechte Hüfte getroffen, erschreckt zusammen, rieb sich die Augen und blickte verstört umher. Ein trauriger Blick streifte ihre umfangreiche Nachbarin, sie seufzte, zog sich die Handschuhe aus und begann ihr Genick, das ihr von dem langen Sitzen mit vorgebeugtem Kopf ganz steif geworden war, mit den Fingern zu reiben. Dann schob sie die Vorhänge ein wenig auseinander und schaute hinaus. Grau, grau! Weite Ebene ohne Baum und Strauch. Der Regen drückte den Rauchschweif aus der Lokomotive zu Boden nieder, daß er wie aufgeleimt auf dem öden Ackerfeld zur Seite des flachen Bahndammes klebte. Trostlos! Fröstelnd drückte sie sich wieder in ihre Ecke, kreuzte die Arme über der Brust und gähnte. Sie schloß die Augen; aber an Schlaf war in ihrer unbequemen Stellung doch nicht mehr zu denken, und als bald darauf ein langgezogener, wehklagender Pfiff der Lokomotive anzeigte, daß sie sich einer größeren Station näherten, richtete sie sich wieder auf und schob die Gardine zurück. »Du, Kathi,« klang's da vom gegenüberliegenden Polster her, und gleichzeitig bekam sie einen leisen Puff gegen das Knie, »magst nimmer schlafen?« »I möcht' schon, aber die laßt mich ja net!« gab die also Angeredete zurück und deutete mit einem drollig bekümmerten Blick auf ihre schnarchende Nachbarin. »Die ganze Nacht hat s' mi pufft mit ihre Elefantenfüß.« »Ja, und schnarchen tut s' wie a Nilpferd«, erwiderte das andere junge Mädchen, das noch lang ausgestreckt dalag und gähnend die Arme aufwärts reckte. »Na weißt, Lizzi, du kannst doch net klagen. Wie hast denn du dees ang'stellt, daß di so bequem niederg'legt hast?« versetzte die große Kathi. »I hätt' mi net traut, wo doch die Dame da sich z'erst ausg'streckt hat.« Lizzi richtete sich leise kichernd auf, winkte die Schwester näher heran und flüsterte ihr, sich zu ihr hinüberbeugend, ins Ohr: »Du, des ham mir schlau g'macht: z'erst hab' ich bloß a biß'l die Knie 'raufzogen und dann nach 'er halben Stund hab' i ein Bein vorg'streckt und wieder nach 'er halben Stund dees andre – und dabei hab' i mi g'stellt, als ob i fest schlafen tät, hab' an tiefen Schnaufer getan und mi auf die andre Seiten 'rumgedreht, daß s' hat meinen müssen, i wüßt' von nix. I hab's wohl g'hört, wie's Au geschrien und g'schimpft hat, aber was kann denn i dafür, was i im Schlaf tu'! Mit beide Füß bin i auf ihr drauf g'legen, aber z'letzt is ihr dees doch z'viel worden und nah hat's ihre magern Steckerln fei 'runter tun müssen, siext's!« Mit schadenfrohem Gekicher wandten sich die beiden verschlafenen Mädchenköpfe einer hageren, mittelalterlichen Dame zu, die in höchst unbequemer Stellung, den Kopf wie eine geknickte Lilie vornüber hängen lassend, halb hockend, in der rechten Ecke lag. »A geh, du bist a rechte Kecke«, sagte Kathi, mit einem halb neidischen, halb bewundernden Blick an der jüngeren Schwester herabsehend, die sich eben anschickte, ihre verdrückten Gewänder glattzustreichen. Da hatte jene das Loch im Strumpf der dicken Dame entdeckt und packte eifrig unter neuem Gekicher die Schwester am Arm. »Uijegerl, Kathi, da schau!« flüsterte sie, auf die große Zehe deutend, »geh, nimm fürchterliche Rache und kitz'l dees Ungeheuer a weng an der Fußsohl'.« Kathi fuhr ordentlich entsetzt zurück über eine solche Zumutung. »O mei, na, dees brächt' i net fertig!« Lizzi zuckte die Achseln, streckte vorsichtig eine Hand vor und da – kribbel, krabbel – war die finstere Tat vollbracht! Die dicke Dame zuckte zusammen und stieß einen unwilligen Laut aus, der wie das Aufbellen eines großen Hundes im Traume klang, schnarchte aber gleich darauf ruhig weiter. Lizzi war von diesem geringen Erfolg ihres Unternehmens nicht recht befriedigt und wollte eben zu stärkeren Reizmitteln übergehen, als der Zug hielt und gleichzeitig die dürre Dame in der andern Ecke sich zu regen begann. »Wo sind mer denn?« rief Lizzi halblaut, indem sie sich dem Fenster zuwandte und die Gardinen zurückzog. Sie rieb sich noch einmal die Augen, und dann buchstabierte sie den Namen »Bitterfeld«. Die beiden Mädchen traten an die Tür und blickten, einander umschlungen haltend, hinaus. Etwas Oederes hatten sie in ihrem Leben noch nicht gesehen als diesen Bahnhof in der grauen nebligen Morgendämmerung, diese Fabrikessen und diese traurige Ebene dahinter. »Du, Kathi,« begann Lizzi, nachdem sie eine ganze Weile stumm hinausgeschaut hatten, »da wohnen auch Menschen! Unbegreiflich! Net amal begraben möcht' ich mich hier lassen. Je, was is denn, was hast denn, Kathi?« Kathi weinte. Große Tränen liefen ihr über die blassen Wangen. Es zuckte ihr um Nase und Mund, und vergeblich suchte sie sich zu beherrschen. Es half auch nichts, daß sie eiligst das verknüllte, feuchte Taschentuch hervorzog und sich heftig schneuzte. Sie mußte ein paarmal laut aufschluchzen. Dann zog die jüngere Schwester sie neben sich auf den Sitz nieder, schlang ihren Arm unter dem ihrigen durch, drückte sich eng an ihre Seite und fragte liebevoll: »Ja, was is denn mit dir, Kathi, was hast denn alleweil wieder? Jetzt sind mer doch bald da – das Weinen hilft doch auch z'nix mehr.« »Freilich wohl, weiß schon,« schluchzte das große Mädchen, mit beiden Händen vor den Augen, »recht dumm is; aber mer weiß doch net, wie's kommt unter lauter fremde Leut'. Die ganze Nacht fahrt man immer weiter weg von der Heimat und nachher, wann mer d' Augen auftut und 'nausschaut, nah liest ma: Bi–i–i–itterfeld! Dees klingt so – so hoffnungslos.« Lizzi machte einen schwachen Versuch die törichte Schwester auszuspotten, aber es gelang ihr schlecht, denn ihr standen selbst die Augen voll Tränen, und nun sie die Schwester darauf aufmerksam gemacht, kam es ihr selbst so vor, als ob in dem Namen »Bitterfeld« eine böse Vorbedeutung liegen müsse. So streichelte sie also nur still der Kathi über den Handrücken und half ihr weinen. Die lange hagere Dame, die durch Lizzis Tücke so schnöde um ihre Nachtruhe gebracht war, begann jetzt munter zu werden, setzte sich steif aufrecht und starrte mißbilligend die weinenden Schwestern von der Seite an, als ob sich so etwas in ihrer Gegenwart nicht schicke. Dann holte sie Kamm und Taschenspiegel hervor und begann ihre spärlichen Stirnlöckchen zu frisieren. Jetzt trapste ein Mann über das Wagendach und löschte die Lampe aus, denn es war allmählich leidlich hell geworden, und dann gab's einen Ruck, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Davon wachte auch die dicke Dame auf. Mit Anstrengung brachte sie sich in sitzende Stellung, schaute sich blöde und verschlafen um, sperrte ungeniert ihre üppige Fülle wieder in die bergenden Hüllen ein und verschwand dann, sich mühsam durch die enge Pforte drängend, in dem kleinen Kabinett – ein Anblick, der so lächerlich war, daß selbst die säuerliche Dame in der Ecke ein flüchtiges Grinsen nicht unterdrücken konnte und Lizzi trotz ihrer Tränen laut herauskicherte. Erst als die dicke Dame nach einigen Minuten von ihrem Morgenausflug zurückkehrte, bemerkte sie, daß ihr der rechte Pantoffel fehle. Sie zog einen Kneifer hervor, quetschte ihn auf das breite Näschen, spähte am Boden umher und setzte sich dann resigniert auf ihren Platz. »Ach, liebes Fräulein,« begann sie, »hätten Sie wohl die Freundlichkeit ...« Ehe sie noch ausreden konnte, hatte Lizzi schon den Verlorenen unter der Bank entdeckt und sich danach gebückt. »Danke schön, mein Kind, danke«, sagte die Dicke dann freundlich und klopfte dem Mädchen, als es sich erhob, auf die Schulter. »Je kiek, was ist denn das, wir haben wohl gar geweint?« »Ja, ein bissel schon«, erwiderte Lizzi verlegen lächelnd, indem sie sich wieder neben die Schwester setzte. »Hm, hm, hm,« machte die Dame, und dann bückte sie sich ächzend herab, um den Pantoffel über den Fuß zu streifen, dabei ward sie der herausschauenden großen Zehe gewahr und brummte ärgerlich: »Tje süh! Die gewebten Strümpfe taugen auch rein gar nichts. Lauter nichtsnutziges Zeugs, was man so kauft. Die selbstgestrickten sind doch immer noch die besten.« Die Anstrengung des Bückens und der Zorn über die Leichtfertigkeit des Strumpfwirkergewerbes hatten der guten Dame einen hochroten Kopf eingetragen, und als sie sich pustend wieder aufrichtete, konnte sie bemerken, daß die beiden großen Mädchen mit Mühe das Lachen verbissen. »Tja,« rief sie in gutmütiger Entrüstung sich auf die Knie schlagend, »darüber lacht ihr junges Volk nu; wahrscheinlich könnt ihr selber gar keinen ordentlichen Strumpf mehr stricken.« Die Kathi wollte etwas einwenden, doch ließ sie die freundliche Dame nicht zu Worte kommen, sondern fuhr mit einer begütigenden Handbewegung lächelnd fort: »Laßt man gut sein, Kinnings, es ist mir lieber, ihr lacht mich aus, als daß ihr Tag und Nacht sitzt und heult. Jawoll, ich hab' schon gleich ein Aug' auf euch gehabt, wie ihr gestern abend in München eingestiegen seid. Wie ich euch da hab' Abschied nehmen sehen von der alten Frau ... Igittigitt, so was von Tränen – das war schon gar nicht mehr schön! Da hab' ich mir gleich gedacht: na, die reisen auch nicht zu ihrem Vergnügen, und in Schwarz gehen sie auch – das werden woll so 'n paar arme Würmer sein, die zum erstenmal in die weite Welt hinaus sollen und ihr Glück probieren. Hab' ich da recht in?« Die beiden Schwestern nickten traurig und sahen einander an, und dann entschloß sich die ältere, die zaghafte Kathi, Antwort zu geben. »Jawohl, 's is schon so, gnädige Frau haben ganz recht, wir sind Waisen. Der Vater is schon lang tot, den hab'n wir gar net gekannt, und d' Mutter is erst kürzlich g'storben. Die alte Frau, die uns am Bahnhof bracht hat, dees is unser alte Dienerin, die schon zwanzig Jahr lang bei uns g'wesen is. Geld hab'n mir keins, und da soll'n wir halt jetzt zu reiche Verwandte in Berlin, die wir noch gar net kennen. Und da is uns halt ... net wahr, Lizzi?« Sie fuhr sich wieder mit dem Taschentuch über die Augen und drückte die Hand der Schwester. »Aha, so ist die Geschichte also. Na, und da is euch nu 'n bißchen bang vor«, versetzte die Alte teilnahmvoll. »Na, Kopf hoch, Kinnings, das wird jawoll allzu schlimm nicht werden. Es ist ganz gut, wenn man in jungen Jahren ein bischen in der Welt herumkömmt. Ich bin auch mit achtzehn Jahren schon zu Verwandten nach Carracas in Venezuela geschickt worden, also noch 'n bischen weiter als bloß von München nach Berlin. Igittigitt! Was hab' ich da geheult! Und dann wurd's doch ganz fidel – und dann kriegt ich ja auch bald meinen seligen Mann da draußen. Ich bin nämlich die Frau Konsul Thormälen aus Hamburg, und jetzt komm' ich eben zurück von Besuch bei meinem Schwiegersohn. Der hat 'n Geschäft in Mailand. Tja, so kommt man herum in der Welt. Das ist ganz nett, dabei bleibt man hübsch mobil. Na, nu kommt mal her, setzt euch hier zu mir, nu wollen wir mal erst 'n bischen frühstücken und dann woll'n wir uns was erzählen – dabei kömmt man auf andre Gedanken.« Sie holte aus ihrer Reisetasche eine Flasche Wein mit Glas, belegte Brötchen, sowie einiges Obst hervor, und die beiden Schwestern ließen sich denn auch nach einigem bescheidenen Zögern bewegen, an der frühen Mahlzeit – es war kaum sechs Uhr – teilzunehmen. Die Butterbrote waren wohl ein wenig trocken geworden, das hinderte aber nicht, daß sie mit gutem Appetit verzehrt wurden. Der schwere Wein erwärmte ihnen das Blut und löste ihre Zungen, so daß bald eine lebhafte Unterhaltung im Gange war. Die steife, hagere Dame in der Ecke blickte einigermaßen neidisch hinüber; sie hatte säuerlich dankend die freundlich angebotene Mahlzeit abgelehnt. »Na, nun sagt mir auch mal, wie ihr heißt, Kinnings,« fragte die Frau Konsul im Laufe des Gesprächs; »die Welt ist ja schließlich gar nicht so groß, und man findet überall Beziehungen heraus.« Die beiden jungen Mädchen empfanden die Wißbegier der alten Dame durchaus nicht als unangenehme Zudringlichkeit, sondern waren im Gegenteil recht froh, von sich und ihren Verhältnissen sprechen zu dürfen, und so hatten sie bald ihre ganze einfache Lebensgeschichte zum besten gegeben. Sie hießen Katharina und Elisabeth Mödlinger, der Vater war ein viel an deutschen Theatern herumgekommener Sänger und Schauspieler gewesen, die Mutter, eine Norddeutsche, Tochter eines höheren Beamten, die dem schönen Manne und liebenswürdigen Künstler aus romantischer Neigung gefolgt und dadurch mit ihrer bürgerstolzen, tugendhaften Familie ganz zerfallen war. Auch als nach wenigen Jahren einer glücklichen Ehe der Gatte in München starb, hatte sich die wohlhabende Familie nicht mehr viel um die Frau gekümmert, so daß sie sich und ihre beiden Töchter nur in harter Arbeit, durch Unterricht in Sprachen und Musik, leidlich anständig durchzubringen vermocht hatte. Die Mutter war erst vor wenigen Monaten gestorben, ohne Vermögen zu hinterlassen, und nun waren sie darauf angewiesen, die ihnen angebotene Zuflucht im Hause des ältesten Bruders ihrer Mutter, des Geheimrats und Professors Doktor Riemschneider in Berlin anzunehmen, der durch eine Heirat mit einer reichen Kaufmannstochter sehr wohlhabend geworden war und keine Kinder hatte. Die Frau Konsul Thormälen besann sich: »Riemschneider, hm, nee, Riemschneider kenn' ich nich. Ich kenn' sonst viele Menschen in Berlin, aber unter der Gelehrtenwelt freilich ... die Leute halten sich gar so exklusiv. Unsre Bekannten sind alle Kaufleute oder Industrielle, auch ein paar Beamte natürlich, sogar zwei Offiziersfamilien – so was hat man ja immer in die besseren Kreise. Aber wartet mal: was ist denn die Frau Professor Riemschneider für eine Geborene?« Die beiden Mädchen besannen sich, konnten aber nicht auf den Namen kommen, und sie wußten nur, daß der Vater der Tante eine Leinenfabrik oder so etwas in Bielefeld gehabt hatte. »Na seht ihr, den hätt' ich nu sicher gekannt!« sagte die alte Dame. »Vor Professoren und so etwas hab' ich selbst 'n bischen Bange, besonders vor den glattrasierten, die einen so über die Brille ankieken. Aber heutzutage gibt es ja auch unter solche Leute ganz menschliche Individibums, hehehe! – Das wird wohl allzu schlimm nich werden, und wenn der Mann viel Geld und keine Kinder hat, na, denn würd' ich mich an eurer Stelle fein und schlau aufs Erbschleichen verlegen.« »O mei!« rief Kathi ganz erschrocken. Die dürre Dame rümpfte verächtlich die Nase und murmelte etwas vor sich hin, während Lizzi vergnügt auflachte und sagte: »Wissen S', Frau Konsul, dees trau'n wir uns net. Der Onkel hat uns vor a paar Jahr in München b'sucht, das erste und einzige Mal, und da hab'n mir so Angst kriegt, daß mir uns gar net amal zum lachen getraut hab'n, wann er uns so wohlwollend über d' Brillen ang'schaut hat. Wissen S', dees is so aner.« »Was is er denn für ein Professor?« warf die Alte dazwischen. »Jurist, glaub' ich«, erwiderte Kathi. Da räusperte sich die Hagere in der Ecke und sagte mit spitzer, hoher Stimme das eine Wort: »Kirchenrecht«. »Hu!« machte die Frau Konsul komisch erschrocken, und starrte die Sprecherin an, »Sie kennen ihn also?« Die zuckte die Achseln und rümpfte wieder die Nase. »Ein so berühmter Name in der wissenschaftlichen Welt! Persönlich habe ich leider nicht die Ehre. Aber ich habe Beziehungen zu nahestehenden Kreisen." Die beiden Mädchen hatten sich in die Ecke gedrückt und flüsterten miteinander, und die Frau Konsul rückte ihnen nach, klopfte Kathi auf den Arm und lachte gutmütig. »Na, man keine Bange, Kinnings, das Fräulein da wird jawohl nicht gleich petzen. Und dann« – fuhr sie leiser fort, denn sie mochte jetzt auch nicht mehr gern von der gefährlich dreinblickenden Dürren gehört werden – »mit dem Erbschleichen da hab' ich natürlich man Spaß gemacht; am besten ist's immer, man kann sich auf eigene Füße stellen. Ob man 'n Mann kriegt, das ist schließlich auch 'ne unsichere Geschichte, wenn man kein Vermögen hat. Aber ihr habt doch gewiß etwas gelernt, und Talente müßt ihr doch auch haben von den Eltern her, so was ist schließlich auch 'n Vermögen.« Die Schwestern sahen einander zweifelnd an, und Lizzi erwiderte nach kurzem Bedenken für beide: »Ich glaub', damit ist's grad net weit her bei uns, gelt, Kathi? G'lernt hab'n mir schon was, aber vom Klavierspielen hat d' Mutter grad außerm Haus schon g'nug g'habt, und daß wir uns für die Bühne ausbilden lassen hätten, dees hat's net leiden mög'n, weil's sonst mit die vornehmen Verwandten draußen im Reich gleich gar g'wes'n wär'.« »Hm, hm,« machte die Alte nachdenklich, »na, da heißt's eben abwarten und Tee trinken. Zum Davonlaufen ist's ja immer noch Zeit, wenn's anders gar nicht mehr gehen will. Wenn ihr mal nicht mehr ein und aus wißt, dann schreibt mal an mich, Kinnings. Für so hübsche junge Mädchens, wie ihr seid muß sich doch schließlich immer noch irgendwo ein warmes Plätzchen finden lassen.« Die Schwestern waren sehr gerührt über die ihnen so warm entgegengebrachte Teilnahme, und Kathi nahm mit vielem Danke die ihr überreichte Visitenkarte der Frau Konsul entgegen und brachte sie sorgfältig in ihrem Umhängetäschchen unter. Wittenberg und Jüterbog waren passiert, und der Eilzug näherte sich der Reichshauptstadt. Die Sand- und Kiefernheide verschwand, und es begann das weite Gebiet der Vororte mit ihren Villenkolonien und Fabrikschloten. Immer häufiger und aufgeregter schrillten die Pfiffe der Lokomotive, so oft der Zug über die zahlreichen Weichen hinwegrasselnd an den kleinen Stationen vorübersauste. Kathi und Lizzi hatten beide die Fensterplätze eingenommen und schauten eifrig hinaus. Der Regen hatte aufgehört, aber die Sonne war noch nicht durchgedrungen. Grau und unfreundlich blieb's da draußen wie bisher, und mit keinerlei landschaftlichen Reizen vermochte die neue Heimat das Herz der frischen Ankömmlinge für sich einzunehmen. Sie hatten nicht übel Lust, sich aufs neue ihrer trostlosen Stimmung hinzugeben, aber sie schämten sich vor ihrer freundlichen Hamburger Trösterin, und dann war es auch hohe Zeit, ein bißchen Toilette zu machen. Mit dem angefeuchteten Taschentuche wurden die Augen geputzt, das zerzauste Haar ein wenig glattgestrichen, die Hüte aufgesetzt und das Handgepäck zurechtgelegt. Und nun donnerte der Zug in die mächtige, weite Halle des Anhalter Bahnhofes hinein. Die dürre Dame verließ zuerst mit einem steifen Kopfnicken das Kupeé und hüpfte auf den Bahnsteig hinunter. Dann ergriff die Frau Konsul die beiden Mädchen bei der Hand, drückte sie fest und sagte herzlich: »Nanu atjüs, Kinnings. Fliegt in die Arme eures liebenden Onkels – soll mich sehr freuen, wenn wir uns mal wiedersehen. Macht's gut, und Gott schütze euch!« Damit drängte sie die gerührt ihren Dank stammelnden Mädchen zu der schmalen Tür hinaus. Da standen sie nun auf dem Bahnsteig und schauten ängstlich rechts und links um, aber die hohe, steif emporgestreckte Gestalt ihres Onkels, sein würdevolles Haupt mit dem grauen Backenbart und der goldenen Brille konnten sie nirgends entdecken. Schon wollten sie dem Ausgang zuschreiten, um nach der Wohnung des Professors zu fahren, als eine große, sehr starke Dame mit einem etwas grobknochigen Gesicht, sehr nobel in Plüsch und Seide gekleidet, auf sie zurauschte und sie fragte, ob sie nicht die Schwestern Mödlinger aus München seien. Auf ihre Bejahung legte die Dame ihre fleischigen Züge in möglichst freundliche Falten und sagte: »Dann heiße ich euch in eurer neuen Heimat willkommen. Ich bin eure Tante, liebe Kinder; euren Onkel müßt ihr schon entschuldigen, er ist gestern abend erst spät von einem Souper bei Seiner Exzellenz dem Kultusminister nach Hause gekommen und hat sich eine kleine Indigestion zugezogen.« Sie beglückte jede der Nichten mit einem kühlen Kuß auf die Wange, und dann fuhr sie fort: »Ihr habt doch hoffentlich euren Gepäckschein nicht verloren – nein? So, das, ist recht, daß ihr ordentlich seid; junge Mädchen sind oft so ...« Ein jämmerliches, dünnes Gequiek verhinderte sie an der weiteren Ausführung ihrer Betrachtung, und gleichzeitig schwirrte ein kleiner weißer Wollkloß auf vier Beinen ein-, zwei-, dreimal um sie herum und wickelte die rote Schnur, an der er befestigt war, spiralförmig um ihr schwarzseidenes Gewand. »O, mein armer kleiner Dolli, was haben sie dir wieder getan?« rief die Geheimrätin in jenem mitleidigen Jammerton, wie man zu ganz kleinen Kindern spricht. »Wollen wir die bösen Menschen hauen? Hau, hau!« Dabei machte sie die Gebärde des Klapsens in unbestimmter Richtung und holte dann mit einiger Anstrengung ihren Liebling unter ihrem Kleidersaume hervor, worunter er sich in seiner Angst verkrochen hatte. Lizzi sprang herbei und wickelte sie aus der Umschlingung der roten Schnur heraus, denn sie sah ganz richtig voraus, daß der Tante ohne diese Hilfeleistung allerlei Schwierigkeiten und Verlegenheiten erwachsen mußten. »Danke schön, mein Kind«, sagte die große Dame, als sie ihr Kleinod glücklich auf den Armen hielt, und dann untersuchte sie durch ängstliches Betasten das kleine Hundevieh. »Gott sei Dank, du habchen tein Beinchen debrochen, du binschen ganzchen heil, mein süßer Verzug! – Hier stelle ich euch meinen Freund Dolli vor; das heißt, eigentlich heißt er Joli – parce qu'il est si joli, vous savez – ihr versteht doch wohl Französisch? Die Menschen sind immer so gräßlich roh so kleinen, zarten Geschöpfen gegenüber – nicht wahrchen, mein Schneeballchen? Du binschen so klein und niedlich, daß man dich gar nicht sieht.« Kathi hielt es für angemessen, dem süßen Joli einige Höflichkeit zu erweisen und sagte: »Je, du bist aber a nett's Viecherl«, indem sie das weiße Wollknäuel an derjenigen Stelle zu streicheln versuchte, wo sie den Kopf vermutete. Aber da kam sie übel an. Mit einem wütenden, schrillen Geknurr fuhr das stumpfe Schnäuzchen aus dem Lockenwust heraus, und die spitzen Zähnchen schnappten nach ihren Fingern, die sie kaum schnell genug zurückziehen konnte. Die Geheimrätin lachte hell auf – ein sonderbares Lachen war es, so etwa: »Bruh hi-i-i-i-i-i! Pfui, du böser Süßling, wer wird denn gleich! ... Ja, da seht ihr, mein Joli ist nicht wie andere Hunde, daß er sich von jedem ersten besten schön tun ließe, ihr müßt euch sein Vertrauen erst verdienen. – Geh, sei gut, Mama hat zu tun.« Und damit setzte sie das kleine Ungeheuer sorgfältig wieder auf den Boden und winkte einen vorübergehenden Gepäckträger herbei, um ihm die Besorgung des Gepäcks ihrer Nichten aufzutragen. In diesem Augenblick bemerkten die beiden Mädchen ihre korpulente Reisegefährtin, die, mit einer Menge Handgepäck beladen, dicht an ihnen vorbeiwatschelte. »O, Frau Konsul, darf ich Ihnen net 'was abnehmen?« rief Lizzi aus, indem sie ihre freie Hand dienstbereit ausstreckte, um eine Hutschachtel zu ergreifen. »Ja, wenn Sie so gut sein wollen, mein Kind; da, bitte, nehmen Sie das.« Sei es nun, daß die Frau Konsul das Band der Hutschachtel zu früh losgelassen oder Lizzi ungeschickt zugefaßt hatte, kurz und gut, die umfangreiche Pappschachtel fiel herunter und unglücklicherweise gerade auf das Hinterteil des liebenswürdigen Joli, der just im Begriff war, einen neuen Rundlauf um die junonische Gestalt seiner Herrin anzutreten. Der »Süßing« stimmte ein noch ärgeres Wehgeschrei an als vorhin, und die Geheimrätin flog ihm zu Hilfe, indem sie die Hutschachtel mit dem Fuß weit fortstieß und, sich rasch herniederbeugend, ihren Liebling in die Arme nahm. Sie richtete sich hoch auf und maß die Uebeltäterin, während sie Joli fest an ihren Busen drückte, mit einem vernichtenden Blicke. »Sie hätten Ihren Koffer doch wohl irgendwo anders hinschleudern können, meine Dame, als gerade auf mein unschuldiges Hündchen«, knirschte sie empört. Die Frau Konsul bekam einen roten Kopf, blickte ihre Gegnerin fest an und versetzte prompt: »So, meinen Sie? Erstens mal Pflege ich meine Sache nicht zu schleudern , und zweitens ist das gar kein Koffer , sondern man bloß eine federleichte Hutschachtel, wo Ihr miserabler Köter durchaus keinen Schaden von nehmen kann, selbst wenn ich sie faktisch geschleudert hätte! – Empfehle mich, Frau Geheimrätin; es war mir angenehm, Ihre werte Bekanntschaft zu machen.« Die Professorin blickte der rasch davonstapfenden kleinen Dame mit verächtlich aufgeworfenen Lippen nach. »Ordinäre Person!« murmelte sie. »Wie kommt ihr bloß zu solcher Bekanntschaft?« Lizzi war inzwischen vorausgeeilt und hatte die so übel behandelte Hutschachtel aufgenommen. Sobald die Frau Konsul sie eingeholt hatte, riß sie ihr das Gepäckstück aus der Hand und sagte: »Lassen Sie man gut sein, mein Kind, ich will Sie Ihrer lieben Tante nicht entziehen. Wünsche viel Vergnügen und ... Ja, was ich sagen wollte, verliert man ja meine Adresse nich, man kann doch nich wissen ...« »Wie meinen S', Frau Konsul?« »Na, ich meine man!« Und mit einem freundlichen Abschiedsblick, von vielsagendem Zwinkern begleitet, schob die dicke Dame eilig dem Ausgange zu. Zweites Kapitel. [In welchem zu lange Reden und zu kurze Betten vorkommen.] Der Geheimrat Professor Doktor Riemschneider bewohnte die erste Etage eines vornehmen, neuen Hauses am Schöneberger Ufer. Die bunte Marmorpracht des Einganges und das vergoldete Treppengeländer imponierte den an die Münchener Einfachheit gewöhnten Schwestern ganz gewaltig, und Lizzi konnte sich nicht enthalten, bewundernd auszurufen: »Jesses, Kathi, schau, dees is aber nobel! Wenn ich da an unsere finstere Münchner Stieg'n denk', ui jeh! Gehört das Haus dem Onkel?« fragte sie die vorausschreitende Geheimrätin. Die wandte sich, geziert lächelnd, zu ihr und erwiderte: »Nein, so weit haben wir's noch nicht gebracht. Wir wohnen hier nur zur Miete und schrecklich teuer, kann ich euch sagen. Ach ja, das bringt unsere Stellung so mit sich! Die Leute sind zu beneiden, die keine so kostspieligen Rücksichten zu nehmen brauchen. Wir müssen eben entsprechende Räumlichkeiten haben für größere Gesellschaften, und die nehmen natürlich den meisten Raum in Anspruch. Vor einem Jahr, als wir hierherzogen, konnten wir ja freilich nicht wissen, welch ein trauriges Ereignis uns nötigen würde, euch zu uns zu nehmen. Wir haben gleich auf drei Jahre gemietet – da werdet ihr euch eben solange behelfen müssen. Ihr müßt nicht etwa denken, daß wir euch jeder ein Schlafzimmer und einen Salon zur Verfügung stellen können. Ich habe euch das Zimmer der Stütze zum Schlafen eingerichtet – die hab' ich natürlich jetzt entlassen, denn wenn man zwei junge Nichten ins Haus bekommt, nicht wahr, braucht man doch wohl keine fremde Hilfe mehr. Ihr seid ja auch, Gott sei Dank, nicht verwöhnt! – So, da wären wir, liebe Kinder. Willkommen in der neuen Heimat! Putzt euch, bitte, die Schuhe recht ordentlich ab, erst auf dem Kratzer und dann auf der Bürste, und dann tretet ein bißchen leise auf, falls euer armer Onkel noch schlummern sollte; er hat eine recht böse Nacht gehabt. Dreimal ist ihm übel geworden. Ich habe auch kein Auge zutun können – ich denke, ich werde mich auch noch 'n bißchen hinlegen.« Sie waren inzwischen vor der prächtig geschnitzten eichenen Korridortür angekommen, und ein junges, etwas verdrossen aussehendes Dienstmädchen in weißer Latzschürze und einem Hamburger Häubchen auf dem Kopfe hatte auf das energische Klingeln der Gnädigen geöffnet. Nachdem sie die Prozedur der Fußreinigung nach Vorschrift und unter Aufsicht der Tante vollzogen hatten, traten die jungen Mädchen ein. Der Vorraum war stockfinster, denn die Gasampel, die ihn erleuchten sollte, war heruntergeschraubt bis auf ein Nichts von einem Flämmchen. »Machen Sie doch Licht, Minna«, fuhr die Geheimrätin im Flüstertöne das Mädchen an. »Sie haben wohl wieder keine Streichhölzer mitgenommen? Sie wissen doch ...« »Der Jas brennt ja noch«, erwiderte Minna etwas schroff, indem sie auf einen Stuhl stieg und den Gashahn an der Ampel aufdrehte. »Ich hab' Ihnen doch hundertmal gesagt«, begann die Geheimratin etwas lauter, dämpfte aber gleich darauf die Stimme wieder herab und fuhr fort: »Mit Streichhölzern natürlich, da sparen Sie, weil es Ihnen eine kleine Mühe macht, aber das teure Gas wird verschwendet wie unsinnig.« »Herrjott, Madamken, so kleene wie des Flämmchen war, da können Sie sechs Stunden für 'n Dreier brennen.« »Minna, Sie werden wieder unverschämt – ein anständiges Benehmen werden Sie wohl nie lernen! Dieses ordinäre ‹Madamken› habe ich mir doch ein für allemal verbeten.« »Nu ja, von mein'swegen kann ich ja auch ‹jnädige Frau› sagen. Mich is es ja schließlich einjal.« Die Geheimrätin stieß einen verzweifelten Seufzer aus und wollte eben die Eigenart dieses dienstbaren Geistes vor ihren erstaunt dreinblickenden Nichten entschuldigen, als eine Tür sich öffnete und die hohe Gestalt des Professors scharf, wie aus schwarzer Pappe geschnitten sich vom Tageslicht abhebend, auf der Schwelle erschien. »Ah, da seid ihr ja endlich«, rief er, den Nichten beide Hände entgegenstreckend: »Na, kommt nur herein und laßt euch anschauen, meine lieben Kinder.« Damit zog er sie über die Schwelle in sein prächtig ausgestattetes Studierzimmer hinein und führte sie bis dicht an eines der hohen Fenster. Und seine Gattin trat hinter ihn, strich ihm mit der Hand zärtlich über die Schulter und flötete: »Aber nein, Adolfchen, wie lieb von dir! Hast du dich trotz deines leidenden Zustandes herausgemacht, um deine Nichten zu begrüßen! Ist dir auch wirklich besser?« »Ja, danke, liebe Ida, ich befinde mich den Umständen nach leidlich. Ich habe vor einer halben Stunde einen Löffel doppelkohlensaures Natron eingenommen.« » Doch wieder Natron!« rief Ida besorgt; »du weißt doch, das verschleimt den Magen auf die Dauer. Du hättest lieber den heißen Umschlag noch eine Stunde lang auf dem Unterleibe liegen lassen sollen.« »Nun ja, mein Herzchen, freilich«, wehrte der Professor die Gattin milde ab. »Euer liebes Tantchen ist immer gleich so besorgt um mich, hehe! Aber ich werde mich ja wohl mit Gottes Hilfe auch so erholen; ich konnte euch doch nicht mein Haus betreten lassen, ohne euch herzlich willkommen zu heißen. Potztausend, wie seid ihr gewachsen! Und beide fast gleich groß! Ich muß gestehen, hehe, ich weiß gar nicht mehr, welches die Katharina und welches die Elisabeth ist.« Er sprach Elisa beht aus und glaubte offenbar etwas sehr Scherzhaftes gesagt zu haben, denn er schnitt sehr merkwürdige Grimassen und japste dazu mit sonderbar nach innen gezogenen Schluckstönen. Vermutlich sollte dieses eigentümliche Geräusch ein herzliches Gelächter vorstellen, denn seine zärtliche Gattin fiel sofort mit ihrem lauten, harten »bru-hi-i-i-i-i« ein, das sie aber plötzlich erschrocken abbrach, als sie bemerkte, wie das ledergelbe, langfaltige Gesicht des Geheimrates sich rötete und der Atem ihm röchelnd in der Kehle stecken blieb. Seine zarte Konstitution schien der ungewohnten Anstrengung eines Heiterkeitsausbruches nicht gewachsen zu sein. »Adolfchen, du tust dir Schaden, denke an dich!« mahnte sie besorgt, indem sie den großen Mann bei beiden Schultern packte und liebevoll auf den nächsten Stuhl, einen weiten, bequemen Ledersessel, niederdrückte. »Ihr müßt euch in acht nehmen, daß ihr euren lieben Onkel nicht mutwillig zum Lachen reizt,« wandte sie sich an die Nichten, »er hat ein so heiteres Gemüt, aber seit er vor drei Jahren die Brustfellentzündung gehabt hat, muß er sich sehr in acht nehmen, daß die inneren Teile nicht erschüttert werden. Aber wir wollen doch ablegen – macht's euch bequem, liebe Kinder, und hängt eure Sachen gleich ordentlich draußen auf. Da, bitte, ihr könnt meinen Mantel auch mit hinausnehmen. Das Futter bitte nach außen kehren.« Stumm, auf den Zehen fast, schlichen die beiden Mädchen über den weichen Teppich nach der Tür, um ihre bescheidenen Jacken und Hüte sowie den kostbaren, innen mit gestepptem bronzefarbenem Atlas gefütterten Samtdolman der Frau Tante aufzuhängen. Außer einem leisen »Grüß Gott« beim Eintritt war bisher noch kein Laut über ihre Lippen gekommen. Auch während der Fahrt in der Droschke hatten sie keine drei Worte zu sprechen gebraucht, da es der Tante am Herzen lag, sie zunächst einmal mit den vortrefflichen Eigenschaften, Tugenden, Lebensgewohnheiten, Liebhabereien und kleinen Schwächen ihres Joli, des »Süßings«, eingehend bekannt zu machen. Nun standen sie also draußen in dem mattgelb erleuchteten Vorraum allein und drückten leise die Tür hinter sich zu. Mit kläglichen Mienen guckten sie einander in die Augen. Lizzi puffte die Kathi in die Seite: »Na du, was meinst?« »I möcht' wieder heim, i fürcht mi so!« Und das große, starke Mädchen, das aussah, als ob es junge Bäume ausreißen könnte, machte ein gar jämmerliches Gesicht und schien nicht übel Lust zu haben, wieder in Tränen auszubrechen. »A so geh, Kathi, sei stad«, raunte ihr die Lizzi zu, ob ihr gleich selber nicht viel lustiger zumute war, und drückte den vollen Arm der älteren Schwester zärtlich an sich. Sie standen gerade vor einem Spiegel, und wie sie, zufällig beide gleichzeitig aufschauend, ihre kräftigen Gestalten eng aneinander geschmiegt darin erblickten, hellten sich ihre trüben Mienen auf. Sie bogen die Schultern zurück und reckten die Brust heraus, dann atmeten sie beide gleichzeitig tief auf, lehnten Wange an Wange und standen so ein kleines Weilchen im Anblick ihres Spiegelbildes verloren. Und dann, als ob sie daraus Trost geschöpft hätten, küßten sie sich und gingen wieder in das Studierzimmer des Professors hinein. Der Großwürdenträger der Wissenschaft war allein. Die große, breitschultrige, aber doch schon ein wenig schwächlich vornüber gebeugte Gestalt in einen langen Schlafrock gewickelt, schritt er in dem hohen, rings mit Bücherregalen umstellten Zimmer langsam einher, gerade auf die Nichten zu. Seine schlaffen, bleichen Züge hellten sich auf, als er die hübschen Kinder, Arm in Arm, hereintreten sah. Er blieb dicht vor ihnen stehen und musterte sie, über die Brille guckend, mit wohlgefällig gespitzten Lippen: »Aha,« begann er gedämpften Tones, »so präsentiert ihr euch gleich ganz anders. Man sieht doch wo und wie, hehe! Uebrigens wir haben uns ja noch gar keinen Kuß gegeben. Also, mein liebes Käthchen – meine liebe Elisabeth, nochmals herzlich willkommen! Und möge euch mein Haus in Wahrheit eine neue Heimat werden.« Er warf einen raschen Blick über die Brille nach jeder der drei Türen und dann zog er erst die Kathi und dann die Lizzi väterlich an sich und küßte sie bedächtig auf den Mund. Die beiden Mädchen ließen sich's stumm gefallen, wenn sie auch die schmalen, bläulichen Lippen des Oheims etwa mit denselben angenehmen Gefühlen ihrem Mund sich nähern sagen, wie die Zange eines Zahnarztes oder einen Löffel voll bitterer Medizin. Und dann nahmen sie auf die Aufforderung des großen Mannes auf dem Sofa Platz, während er sich ganz in der Nähe auf dem Drehsessel vor seinem Schreibtische niederließ. »So, nun wollen wir uns einmal etwas erzählen«, begann der Geheimrat, indem er die Beine übereinanderschlug und die Schlafrockenden über die Knie breitete. Er fragte nach ihrem Befinden, nach ihrer Reise, und die Mädchen antworteten kurz und schüchtern. Dann hatte die Unterhaltung vorläufig ein Ende, und der Professor saß nachdenklich da, rieb sich langsam die schmalen, durchsichtigen Finger und begann erst nach geraumer Weile wieder, die hohe Stirn runzelnd und die schlaffen Wangen in lange Falten legend: »Mnja – was ich sagen wollte. ... Es ist ja ein sehr trauriges Ereignis, das mir und meiner lieben Frau die Freude verschafft, euch in meinem Hause zu sehen. Der Tod eurer guten Mutter, obwohl nur eine Erlösung von langem Leiden, wird natürlich nicht verfehlt haben, euch, meine lieben Kinder, sehr nahezugehen. Es war ihr nicht vergönnt, euch angemessen versorgt zurückzulassen, in gesicherten äußeren Verhältnissen, meine ich. Nach dem schroffen Bruch mit ihrer ganzen Familie durfte sie sich allerdings nicht wundern, wenn sie nach dem Tode ihres Gatten auf ihre eigenen Kräfte und Fähigkeiten angewiesen blieb. Eure liebe Mutter war sehr ..., wie soll ich sagen: stolz ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Diejenigen von uns, die Gott mit weltlichen Gütern gesegnet hat, wären ja selbstverständlich bereit gewesen, ihr in ihrer Not beizustehen, aber sie zog es leider vor, ihrer Familie gegenüber überhaupt nichts davon zu erwähnen.« Da der Onkel hier eine kleine Pause machte, die er benutzte, um sich die Nase zu putzen, so hielt es Lizzi für angemessen, einige Worte einzuwerfen, und sagte ganz bescheiden: »Aber, lieber Onkel, wir hab'n doch nie e' Not g'litt'n.« »Nun ja, wenn ihr auch nicht habt Hunger leiden müssen,« sagte der Geheimrat ein wenig ungeduldig: »ich meine nur, ihr hättet es doch immerhin besser haben können, wenn eure liebe Mutter nicht in ihrem Trotz ... mnja, de mortuis nil nisi bene! Ich weiß nicht, wie meine gute Schwester euch die Verhältnisse dargestellt haben mag – jedenfalls seid ihr nun erwachsene Mädchen, mit denen man wohl diese Dinge besprechen kann. Du bist zwanzig, liebe Käthe, und du achtzehn, liebe Elisabeth, nicht wahr?« Kathi nickte nur bestätigend mit dem Kopfe, aber Lizzi berichtigte eifrig: »Doch net ganz, lieber Onkel, mein Geburtstag is erst heut über acht Tag!« »So, so, so,« versetzte der Geheimrat, etwas mühsam lächelnd, »da werden wir also die Freude haben, ein kleines Familienfest zu begehen? – Hmn ja, was ich sagen wollte: der Ernst des Lebens ist ja auch an euch, meine lieben Kinder, schon herangetreten, und ich halte es daher für angemessen, ganz offen mit euch zu reden. Ich weiß ja nicht, ob eure liebe Mutter mit euch von der Vergangenheit gesprochen hat und wie sie euch das Verhalten ihrer Angehörigen dargestellt hat, aber ihr werdet jedenfalls wissen, daß ich der einzige von ihrer ganzen Familie war, der, ohne daß von ihrer Seite aus irgendwelche Annäherung erfolgt wäre, gelegentlich seiner letzten Anwesenheit in München den ersten Schritt zur Versöhnung getan hat, obwohl gerade ich – das darf ich wohl sagen – sowohl in meiner früheren Stellung als Konsistorialrat, wie auch in meiner jetzigen als Lehrer des Kirchenrechtes vielleicht mehr Ursache gehabt haben dürfte, mich durch die unbesonnene Heirat meiner guten Schwester verletzt zu fühlen, als sonst irgend jemand von ihrer Familie.« Der Professor hatte, ohne zu stocken, dieses Ungeheuer von einem Satze bewältigt und lehnte sich nun, ein wenig erschöpft zwar, doch ersichtlich befriedigt, in seinen Sessel zurück. Er blickte die beiden Nichten triumphierend, eine um die andere, an, also, daß die armen Hühner kaum zu atmen wagten. Sie hatten von ihrem längst verstorbenen Vater nie etwas anderes als Gutes gehört und konnten darum schlechterdings nicht begreifen, wie ihre Mutter durch die Heirat ihre Verwandten verletzt haben sollte, aber zu fragen getrauten sie sich natürlich nicht. Sobald der Onkel wieder zu Atem gekommen war, räusperte er sich aufs neue und ließ sich weiter also vernehmen: »Es freut mich, konstatieren zu können, daß eure Mutter meine gute Absicht anerkannt hat. Sonst hätte sie wohl auch nicht in ihrem letzten Brief die Sorge für eure Zukunft gerade in meine Hand gelegt, wenn auch allerdings die Erwägung ins Gewicht fallen mochte, daß ich kinderlos und, nach bescheidenen Begriffen wenigstens, in guten Verhältnissen bin. Nun aber, meine lieben Kinder, komme ich zu dem wichtigsten Punkt, mnja ..., ich halte mich für moralisch verpflichtet, euch von vornherein die Illusion zu nehmen, als ob ihr nun etwa in das üppige Heim eines reichen Mannes gekommen wäret und euch einem schwelgerischen Müßiggang hingeben könntet. Ich bin erstens einmal nicht der reiche Mann, für welchen ich vielfach angesehen werde, denn ich muß euch sagen, daß die Brüder meiner lieben Frau es nicht verstanden haben, das ererbte Geschäft des Vaters auf der alten Höhe zu erhalten und infolgedessen vielfach meine finanzielle Unterstützung in Anspruch zu nehmen genötigt sind. Wäre das aber auch nicht in dem Maße der Fall, so würde ich es doch für pädagogisch unrichtig halten, euch durch einen Luxus zu verwöhnen, der weder mit eurer gegenwärtigen Lage noch mit euren zukünftigen Aussichten im Verhältnis steht. Ich werde es mir angelegen sein lassen, euch zu nützlichen Studien anzuleiten, und eure liebe Tante wird das ihrige dazu tun, euch zu tüchtigen, bürgerlichen Hausfrauen und Müttern zu erziehen. In diesem Sinne, meine lieben Kinder, heiße ich euch also nochmals unter meinem Dache herzlich willkommen.« Damit erhob er sich langsam von seinem Sessel und ging mit ausgebreiteten Armen auf die Nichten zu, die ebenfalls, wie auf Kommando, aufstanden. Er spitzte eben die schmalen Lippen zu einem abermaligen väterlichen Kusse, als durch die linke Seitentür Frau Ida im schwarzseidenen Kleide hereingerauscht kam, wodurch sich der Professor bewogen fühlte, sein Vorhaben aufzugeben. »Mein Gott, Adolfchen, wie siehst du denn aus?« rief die stattliche Dame, rasch auf ihn zutretend und wie beschwörend die Hände faltend: »Ganz aufgeregt! Du hast gewiß wieder zu lange gesprochen. Du weißt doch, das tut dir am frühen Morgen nie gut, und besonders, wenn du etwas mit dem Magen hast. Du hast gewiß vergessen, daß du um elf dein zweistündiges Publikum hast? Du mußt dich wirklich mehr schonen, Adolfchen! Komm, leg dich noch ein Stündchen; ich will dir einen Pfefferminztee kochen, der tut dir immer so gut.« »Ja, wenn du meinst, liebe Ida«, versetzte der Geheimrat schwach und ließ sich folgsam von der zärtlichen Gattin nach der gegenüberliegenden Tür führen. An der Schwelle wendete er sich nochmal um und fragte: »Ja, habt ihr denn auch schon Kaffee getrunken, ihr Mädchen?« Die Schwestern verneinten, und Frau Ida rief: »Was noch keinen Kaffee? Ich dächte, ihr hättet in Wittenberg Zeit dazu gehabt. Die Köchin soll euch schnell welchen wärmen, kommt nur mit ins Eßzimmer.« Während die Geheimrätin ihren Gatten zu Bette brachte und die Köchin den Kaffee wärmte, blieben die Schwestern allein und hatten Muße, sich in dem großen Eßzimmer umzusehen. Außer dem stattlichen, geschnitzten Eichenbüfett, dem Ausziehtisch und zahlreichen hochlehnigen Stühlen waren keine Möbel darin, aber die Wände waren ganz bedeckt mit großen Photographien klassischer und frühchristlicher Skulpturen und Bauwerke unter Glas und Rahmen. Die Mädchen vertrieben sich die Zeit damit, diese Photographien zu besehen, dabei gähnten sie einmal über das andere, denn sie waren gar sehr müde, und die dargestellten Gegenstände interessierten sie wenig. »Jesses, jesses, aber auch gar net a bißl 'was Netts!« seufzte Kathi nach längerem Stillschweigen ganz verzweifelt. Lizzi legte die Stirn in Falten und stimmte ihr wehmütig bei: »Du, weißt, mir scheint, hier im Haus wird's überhaupt net viel Lustiges geben. Der Onkel – ui je, der red't wie a Buch, da 'traut man sich kein Wörtl z' sag'n! Jetzt bin ich bloß neugierig auf unser Zimmer. Grad ins Bett leg'n möcht' ich mi und vierundzwanzig Stund schlafen wie a Ratz!« »Ja, dees wann mer dürften«, rief Kathi matt lächelnd, und ihre sanften grauen Augen leuchteten auf vor Begehrlichkeit. Bald darauf brachte die Minna den Kaffee und teilte ihnen mit, daß sie beauftragt sei, sie nach Beendigung ihres Frühstücks auf ihr Zimmer zu führen. Die Schwestern wurden um so rascher damit fertig, als sich der Kaffee als eine jämmerliche, dünne Brühe erwies, dergleichen sie aus den Händen ihrer braven alten Gretl niemals empfangen hatten. Auf ihr Klingeln erschien die Minna wieder und erkundigte sich freundlich, wie es geschmeckt habe. Und dann, als die Schwestern etwas verlegen, da sie nicht gewohnt waren, zu lügen, »Danke, ganz gut« geantwortet hatten, flüsterte ihnen die Minna leise kichernd zu: »Die Herrschaft trinkt 'n stärker. Die Frau Jeheimrätin war extra in der Kiche und hat der Kechin jesagt, sie sollte man nich erst nei ufbrüh'n, sondern den alten ufwärmen und 'n bißken Wasser mang planschen, damit daß et nich so lange dauerte. Na, wissen Se, iberhaupt: was die Frau Jeheimrätin is! So ville Jeld – und dabei so 'n Jeizkragen! Na, ick danke! Wenn se ihre feine Jesellschaften geben, denn wird man so jeaast mit 's Jeld, und unsereinen, was 'n anständijer Dienstbote is und sich 'n janzen Tag schinden und abrackern muß, uns jönnt se nich mal de Butter aufs Brot. Det heeßt, ick habe nischt jesagt! Sie wer'n ja schon selber sehen. Na, nu kommen Se 'mal, ick werde Ihnen die betreffende Reimlichkeit zeijen. Wie lange bleiben denn die jung'n Damen da, wenn man fragen derf?« »Ich weiß net, kann schon sein, für immer«, antwortete Kathi verlegen, und die Minna schlug die roten Hände verwundert zusammen und sagte mitleidig: »Ne – is wahr!? Na, det heeßt, mir jeht's ja nischt an, aber wenn Se det aushalten, denn kennen Se mehr verdragen wie andere Leite. Was de Dienstmädchen sind, die haben mehrenteils schon nach een, zwee Monate jenug! – Det heeßt, wissen Se, der Herr Jeheimrat, des is 'n janz juter Mann – er kann man bloß nicht immer so wie er wohl mechte.« Damit schritt sie vergnügt kichernd zur Tür hinaus. Die beiden Mädchen folgten ihr auf dem Fuße. Erst ging's ohne Aufenthalt durch einen üppig ausgestatteten Salon, dann kam das ziemlich finstere, sogenannte »Berliner Zimmer« mit einer breiten Glastür nach dem Salon und einem großen Fenster in der abgestumpften Ecke nach dem Hof hinaus – es stellte wohl so eine Art Wohnzimmer zweiter Klasse dar – und dann betraten sie einen langen, schmalen, fast ganz finsteren Gang, der mit Schränken und sonst allerlei Hausgerät so erfüllt war, daß nur eine schmale Gasse frei blieb. In diesem Gang öffnete das Mädchen eine Tür und lud die jungen Damen ein, näherzutreten, mit den freundlichen Worten: »So, bitte. Des war' nu also Ihr Schlafzimmer. Sehr breit machen derfen Sie sich nu freilich nich, für zweie is es en bißken jedrange. Die Stütze, die hatt' es ja besser, die schlief hier alleene. Jott sei Dank, daß se weg is, so 'n quatsches Frauenzimmer wie des war! Den Schrank hab'n wer missen 'raussetzen von wejen die zwei Betten. Sehn Se, da draußen in'n Jang, steht er janz bequem, jleich die Tire jegenüber, damit Se nich lange ins Hemde 'rumlaufen brauchen, wenn Se sich morjens 'n andres Kleid holen wollen. In die Kommode is auch 'ne Masse Platz, bloß mit die Waschtoilette, da missen Se sich 'n bißken inrichten, wissen Se. Da kennen Se ja immer mit abwechseln, daß immer eene noch 'n bißken liejen bleibt, bis die andre sich jewaschen hat. So, nanu machen Se sich's bequem, Freileinchen, und wenn Se sonst noch was wollen, vielleicht Wasser oder so was, denn drücken Se jefälligst zweemal uff 'n Knopp. Zweemal bin ick, eenmal ist de Kechin.« Den beiden Schwestern sank das Herz, als sie sich in dem engen, unbehaglichen Raume umsahen, der sie nun für unabsehbare Zeit beherbergen sollte und der nicht einmal die bescheidenen Bequemlichkeiten aufwies, die sie von der mütterlichen Wohnung her gewohnt waren. Zwischen den beiden Betten blieb nur ein zwei Schritt breiter Gang frei, der außerdem durch ein quer vor das Fenster gestelltes Tischchen und einen alten Polstersessel, sowie zwei Rohrstühle so ziemlich ausgefüllt war, und den noch übrigen Raum nahm der Waschtisch und die Kommode ein. Ach, die Kathi, die sich gern mit ihrem Handarbeitskram so recht behaglich breit machte, und die Lizzi, die sich so gern schmökernd auf dem Sofa räkelte, wo sollten die da bleiben? Es dauerte eine ganze Weile, bis sie von dem sprachlosen Entsetzen sich so weit erholten, um ein paar Bemerkungen austauschen zu können. Es zuckte der Lizzi krampfhaft im Gesicht, sie hätte am liebsten laut aufgeschluchzt, aber sie verbiß sich tapfer die Tränen und sagte, grimmig lächelnd: »Du, weißt, die Müh', unsere Koffer auszupack'n, die könn' mir uns hier spar'n. Das beste is, mir gehn ins Bett.« »Ja, aber wenn d' Tante nachher was von uns will?« wandte Kathi zaghaft ein. »Dees is mir ganz gleich, ich schlaf' jetzt«, versetzte Lizzi und riß mit einem energischen Ruck die ganze Reihe ihrer Taillenknöpfe auf einmal auf. Zwei Minuten später lag sie schon im Bett, und Kathi folgte etwas langsamer ihrem Beispiel. Aber nein, das war doch auch für ihre Engelsgeduld zuviel! Wütend stieß sie mit ihren Füßen gegen die untere Bettwand und rief mit ausbrechenden Tränen: »Ja, was denken denn die Leut', dees is ja a Bettlad wie für ein zwölfjähriges Dirndl! G'rad 'nausfluchen möcht i jetzt. Die ganze Nacht sitzen müssen, und jetzt kann mer net amal seine Baner ausstrecken. Dees, wann i g'wußt hätt'! I glaub', i hätt' lieber den dalketen Tauerl g'heiratet, der mir so lang nachg'stieg'n is, den vom Hirschenwirt, weißt?« »Und ich,« schluchzte die Lizzi, sich im Bett halb aufrichtend, »i möcht' gleich katholisch wer'n und ins Kloster gehn!« Und beide schlugen sie halb närrisch vor Zorn und Verzweiflung auf ihre Deckbetten los und schluchzten um die Wette, bis endlich die Müdigkeit doch ihr Recht forderte und sie allmählich einschlafen ließ – freilich mit aufgezogenen Knien, jämmerlich zusammengekrümmt in den kurzen Kinderbetten, die Unglückswürmer, die sie waren. Drittes Kapitel. [In welchem die Lizzi ihren Geburtstag feiert und ein lieber Besuch eintrifft.] Die zungenfertige Minna hatte mit ihrem Urteil über ihre Herrschaft nicht so unrecht gehabt. So viel war den guten Mödlinger Mädeln schon nach achttägigem Aufenthalt in ihrem neuen Heim klargeworden. Der Onkel Geheimrat war allerdings ein guter Mann, aber er konnte eben nicht so wie er wollte, das Vollbringen stand bei der stattlichen Frau Ida. Nicht etwa, daß sie ihr Uebergewicht in plumper Weise zur Anwendung gebracht, den großen breitschultrigen und dabei doch so schwächlichen Mann herumgestoßen hätte nach ihrem Belieben – o nein, im Gegenteil! Mit sanfter Flötenstimme und freundlichem Lächeln bewog sie ihn zu tun, was sie begehrte, und wollte er auf den ersten Wink nicht gleich folgen, so genügte wohl ein schiebender Druck mit den Fingerspitzen, um ihn in der gewünschten Richtung fortzubewegen. Obwohl die Geheimrätin ihren Mann eigentlich wie ein unmündiges Kind behandelte, verstand sie es doch vortrefflich, zugleich stets die verehrungsvoll zu ihm Aufblickende zu spielen und seiner Eitelkeit, allen seinen kleinen Schwächen so zu schmeicheln, daß er selbst die mancherlei häusliche Plackerei, der sie ihn unterwarf, nur als einen Beweis ihrer zärtlichen Sorge um ihn empfand. Ja, sie war eine kluge Frau, diese starkknochige, hochbusige Dame mit dem immer geröteten Gesicht und den nicht eben feinen Zügen. Sie hatte als Kind eines reichen Industriellen die übliche gute Erziehung höherer Töchter genossen mit Schweizer Pensionat, Musik-, Malunterricht und allen sonstigen Schikanen. Da sie aber weder besondere Talente, noch einen besonderen Geist besaß, so wäre sie ganz und gar in der Schablone des hohlen Bildungsphilisteriums steckengeblieben, wenn nicht ihr Ehrgeiz, ihre Weltfindigkeit sie befähigt hätten, sich für ihre besondere Stellung als Gattin eines hervorragenden Gelehrten das dafür passende geistige Kostüm zurechtzuschneidern. An seine wissenschaftliche Domäne, das Kirchenrecht, rührte sie wohlweislich nicht, dagegen suchte sie in literarischen und künstlerischen Dingen ihrem Wissen wie ihrem Geschmack einen mehr gelehrten Anstrich zu geben. Sie las mit Todesverachtung die langweiligsten Werke über frühchristliche Kunst wie die ödesten Traktate der Goethephilologen, besuchte nur das alte Museum, sprach mit verblüffender Sicherheit über den Einfluß Giottos auf die Malerschulen von Pisa, Siena, Venedig und so weiter und heuchelte eine innige Schwärmerei für Bach, trotzdem sie durchaus unmusikalisch war. Alle neue Kunst galt ihr, wie es sich für die Gattin eines deutschen Gelehrten geziemt, als ernsthafter Beachtung unwert, und nur zugunsten der neuerdings in Mode gekommenen dichtenden Professoren machte sie eine Ausnahme. Ueber die großen Befreiungstaten der wirklich führenden Geister der modernen Revolution in Kunst und Literatur wiederholte sie mit überlegenem Lächeln die auswendig gelernten Urteile stumpfsinniger Autoritäten. Sie verschmähte es auch, die ungesunden, frivolen, Sitte und Moral gefährdenden Erzeugnisse dieser Modernen kennen zu lernen – natürlich mit Ausnahme der gelben Bände aus Paris, die sie ja lesen mußte, um sich mit Fug darüber entrüsten zu können. Im Hause befliß sie sich, das Musterbild einer deutschen Gattin und Hausfrau darzustellen. Sie stand früh auf und sah in der Wirtschaft selbst nach allem, sie führte ein strammes Regiment über die Dienstboten, die nicht nur bezüglich ihrer Leistungen, sondern auch bezüglich ihres sittlichen Wandels ihrer strengen Aufsicht unterworfen waren. Sie wurden sogar in regelmäßigen Zwischenräumen in die Kirche kommandiert. Unbegreiflicherweise aber erntete die gnädige Frau für diese mütterliche Fürsorge von diesem modern entarteten Geschlecht so wenig Dank, daß sie sich alle paar Monate nach neuen Hilfskräften umsehen mußte. Die »besseren« Mädchen, die schon in feinen Häusern gedient hatten und mit den Anforderungen solcher vertraut waren, die waren ihr zu selbstbewußt und zu teuer, und die billigen Mädchen vom Lande, mit denen sie es immer wieder aufs neue versuchte, die waren dumm und ungeschickt, redeten roh und aßen viel; da mußten sie denn von früh bis spät unterwiesen, ermahnt und getadelt werden, worüber sie denn gemeiniglich noch früher die Geduld verloren als ihre eifrige Herrin. Die strenge Mustergattin und Hausfrau besaß nur zwei weibliche Schwächen, das waren ihre Vorliebe für kostspielige, auffallende Kleidung und ihre Vergötterung des kleinen vierfüßigen »Süßlings«. Für die erste Leidenschaft, die sich mit ihrer sonstigen Sparsamkeit doch gar nicht vereinen ließ, gab sie die Vorliebe ihres Gatten für lebhafte Farben als Entschuldigung an. In dunklen, eintönigen Kostümen sehe er sie kaum, erklärte sie seufzend, er sei ja immer noch so zärtlich verliebt in sie wie als Bräutigam, und da müsse sie schon ein übriges tun, um sich möglichst jung und hübsch zu machen, und dem Geschmacke ihres treuen alten Anbeters nach Möglichkeit entgegenkommen. Joli oder Dolli, der »Süßling«, aber war dazu auserkoren, auf seine kleine Person alle mütterliche Zärtlichkeit ihres Herzens gehäuft zu sehen, welche auf ein eigenes Kind zu verschwenden ihr versagt geblieben war. Wie die meisten kinderlosen Frauen ward auch die Professorin in ihrem Wesen immer entschiedener altjüngferlich, je älter sie wurde. Zu rechter fraulicher Zärtlichkeit war sie nicht veranlagt, und der würdige Geheimrat mit seiner trockenen steifbeinigen Galanterie wäre auch einer andern, weicheren Frau gegenüber nicht der Mann gewesen, eine solche zu entzünden und dauernd in Brand zu erhalten. Da war denn der seidenhaarige passive Bologneser der rechte Nothelfer. Er war verwöhnt wie der einzige Sohn eines Kommerzienrats und durfte sich alles, aber auch einfach alles erlauben. Sogar wenn er die Einfassung der kostbaren Plüschvorhänge im Salon zerriß oder bei seinen Spaziergängen über erreichbare Tischplatten hinweg wertvolle Gegenstände herunterwarf, wurde er nur durch einen ganz leichten Klaps bestraft, wogegen sich über die unglücklichen Dienstboten, die es an der nötigen Aufmerksamkeit für ihn fehlen ließen, die volle Schale ihres Zornes ergoß. Mehrmals am Tage pflegte die gesamte Weiblichkeit des Hauses aufgeboten zu werden, um nach Jolis Ball zu suchen, und wehe dem, der nicht bereitwilligst unter die Betten kroch oder mit dem Besen sorgfältig genug unter allen Möbeln herumfuhr! Die angedrohte mütterliche Erziehungstätigkeit der Tante den beiden Waisen gegenüber beschränkte sich denn auch in den ersten Tagen im wesentlichen auf die sorgfältige Unterweisung in der Behandlung dieses Kleinods, und sie mußten es für einen besonderen Beweis von Vertrauen und als unverdiente Gunstbezeigung ansehen, daß sie zur Hilfeleistung bei Jolis Morgentoilette, die in einem warmen Bade mit nachfolgender gründlicher und dabei zarter Kämmung und Bürstung bestand, zugelassen wurden, sowie daß es ihnen auf Spaziergängen verstattet war, den Süßling abwechselnd an seiner roten Leine führen zu dürfen. Die großen Mädchen wären freilich lieber mit dem gewohnten flotten Schritt durch die Straßen gelaufen, um Berlin kennen zu lernen, anstatt mit diesem tyrannischen Hundsvieh an jedem Eckstein oder Baumpfahl stehenzubleiben, den er just seiner Beachtung würdig hielt, oder ihn bei diesem schmutzigen Novemberwetter auf den Arm nehmen zu müssen, wenn die Tante erklärte, daß er müde sei, oder die Begegnung mit ungebildeten großen Hunden ihn in Gefahr brachte; aber sie waren immerhin Diplomatinnen genug, um nicht durch eine unkluge Weigerung vorzeitig die Gunst der Tante aufs Spiel zu setzen. War es doch schon ein gefährliches Wagnis gewesen, sich über die Kürze der Betten zu beklagen! Die große Kathi hatte in der Tat auch eine etwas längere Bettstelle erhalten, wenn auch nur eine ganz billige, eiserne, und Lizzi war wenigstens eine neue in Aussicht gestellt worden für den Fall, daß sie noch um einen halben Kopf wachsen sollte; doch war ihr gleichzeitig anempfohlen worden, nicht etwa durch unmäßiges Recken und Strecken im Bett solches Wachstum mutwillig zu beschleunigen. Für solch freundliches Entgegenkommen waren sie ja immerhin der Tante schon zu einigem opferfreudigen Dank verpflichtet. Der Onkel hatte sich im Laufe der ersten Woche bereits zweimal zu einer besonderen Liebenswürdigkeit aufgeschwungen, indem er die bayrischen Nichten einmal ins Zeughaus und das andere Mal ins Sedanpanorama geführt hatte, bei welch letzterer Gelegenheit er sie sogar mit einem Glase Bier nebst belegten Brötchen traktierte. Er selbst besaß zwar nicht den geringsten militärischen Geist und war auch noch nie zuvor in diesen Ruhmestempeln des Preußentums gewesen. Er hielt es aber wohl für pädagogisch wichtig, die jungen Gemüter gleich anfangs der schneidigen, stählernen Luft auszusetzen, die um den Hohenzollernthron weht. Er glaubte sie so am sichersten vor schwächlichem Heimweh zu bewahren. Nichtsdestoweniger vergossen die armen Mädchen noch jeden Abend wenn sie zu Bett gingen, gar reichliche Tränen, und selbst das billige Zugeständnis, daß die Linden vom Brandenburger Tor bis zum Lustgarten erheblich interessanter seien wie die Münchener Ludwigsstraße von der Feldherrnhalle bis zum Siegestor, konnte sie nicht davon abhalten, mit heißer Sehnsucht ihres sonnigen Heims in der Adelgundenstraße, drei finstere Treppen hoch, zu gedenken. Oft schon hatten sie ihre kleine Barschaft überzählt und überlegt, ob sie damit wohl nach München zurückkehren und irgend etwas unternehmen könnten, aber sie waren ja so jung und unerfahren, so weich und nachgebend veranlagt, daß sie doch nun und nimmermehr gewagt hätten, irgendeinen von ihren kühnen Plänen zur Ausführung zu bringen, und wenn Lizzi eines Abends zornflammend, die schönen blauen Augen voll Tränen, erklärte, sie sei fest entschlossen, morgen heimlich eine Schachtel Schwefelhölzer zu kaufen und den Phosphor dem tückischen Joli in die Milch zu schaben, der sie zum großen Vergnügen der Tante tüchtig in den Finger gebissen, als sie ihn durch Krabbeln und Pieken zu necken gewagt hatte, so war das offenbar nur eitel Ruhmredigkeit. Ihr enges Schlafzimmer hatten sie mit ihren paar Habseligkeiten und den zahlreichen Andenken an die geliebte Mutter ganz vollgepfropft, und doch hatten sie vieles noch in den Kisten auf den Boden stellen lassen müssen aus Mangel an Raum. Die Tage verbrachten sie meist in dem halbdunklen Berliner Zimmer, Handarbeiten machend oder die langweiligen Bücher lesend, die die Tante ihnen gab, und nur wenn sie Klavier spielen wollten, durften sie in den Salon, wo der fast nie benutzte, arg verstimmte Kapssche Stutzflügel stand. Aber wehe ihnen, wenn sie bei einem Forte oder gar Fortissimo die kräftigen Muskeln ihrer Handgelenke mit wünschenswerter Energie arbeiten ließen! Sofort erschien dann die Tante auf der Schwelle und flehte um Schonung für das kostbare Instrument, das eine so rohe Behandlung nicht gewohnt sei. Zwar hatte Lizzi gleich bei der ersten Begrüßung ihrem Onkel verraten, daß über acht Tage ihr achtzehnter Geburtstag sei, und auch sicherheitshalber die Kathi angestiftet, sowohl die Tante als den Onkel im Laufe dieser Tage noch mehrmals daran zu erinnern, aber dennoch sah sie mit banger Sorge ihrem Festtage entgegen, denn all die geschickten Andeutungen hatten, soweit sie bemerken konnte, keinen sonderlichen Eindruck auf Geheimrats ausgeübt. Es wäre ihr doch zu schrecklich gewesen, ihren ersten Geburtstag in der Fremde so ganz ohne Sang und Klang, ohne Gugelhupf und Blumen und nachfolgendes Kaffeekränzel verleben zu müssen. Freilich war für den Tag schon eine besondere Festlichkeit angekündigt, aber das war eine große Gesellschaft zum Souper, die sie gar nichts anging und sicherlich nur noch mehr dazu beitragen konnte, die Gedanken der Tante, die schon tagelang vorher über die Arbeit und Unruhe stöhnte, welche die nötigen Vorbereitungen ihr verursachten, von ihrer unbedeutenden Person abzulenken. – Sie wachte an ihrem Wiegenfeste eine halbe Stunde früher auf als gewöhnlich, und wußte die Zeit, bis Kathi erwachte, nicht besser anzuwenden, als indem sie die Nase tief in das Federkissen steckte und leise vor sich hinweinte. Darüber wäre sie beinahe wieder eingeschlafen, wenn nicht zur üblichen Aufstehezeit die Kathi zu ihr ins Bett geschlüpft wäre und ihr, gleichfalls weinend, unter herzlichen Küssen ihre Glückwünsche dargebracht hätte. Es war nur gut, daß das Waschwasser so eiskalt war, das verwischte bei den Schwestern die Spuren der reichlich vergossenen Tränen, so daß sie mit leidlich frischen Gesichtern am Frühstückstisch erscheinen konnten. Sie waren die ersten und – o Freude: auf Lizzis Teller lag ein halbes Dutzend Briefe, die alle den Poststempel »München« trugen. So war sie also doch noch nicht vergessen, nicht ganz einsam auf der Welt mit ihrer Kathi. Ein halbes Dutzend Herzen schlugen da unten im lieben Vaterlande noch für sie, das war nun wenigstens außer Zweifel gestellt. Mit froher Hast erbrach sie ihre Briefe. Da schrieb die Anna Neumayer, die Cenzi Barmbichler, die Pepi Seidl, die Senta Tatzelberger, lauter Schulfreundinnen und Kränzelschwestern – lauter kindisches dummes Zeug, aber so lieb klang's, so herzig und voll ungeheuchelter Teilnahme. Die alte Gretl hatte auch geschrieben, drei kleine Seiten voll, und wie mochten ihr die sauer geworden sein, denn die Federarbeit war nicht ihre Sache und die Rechtschreibung durchaus von eigenster Erfindung. Sie schrieb, daß sie einstweilen, bis sich etwas Besseres für sie fände, einen Platz als Spülerin in einer Wirtschaft am Lehel angenommen habe. Als Köchin sei sie den Herrschaften alleweil zu alt, und sie würde wohl lange warten müssen, bis sie wieder einmal in ihrer Kuchel stünde. Und dann kamen wehmütige Erinnerungen an die liebe, selige Frau Mutter und zum Schluß die Bitte, daß ihre lieben Mädeln in Berlin nicht gar zu hochmütig werden und auch die alte Gretl nicht ganz vergessen sollten. Und zum Beschluß war da noch etwas, das sich hart und schwer anfühlte. Daraus kam eine schöne bunte Glückwunschkarte und eine Photographie zum Vorschein. Auf der Rückseite der Karte stand in steifer, großer Handschrift, die zum mindesten einen zukünftigen General erraten ließ, dieses Verschen: »Ob du auch fern im Preußenland, Stets bleibt mein Herz dir zugewandt, Ob blau und weiß, ob schwarz, weiß, rot, Ich bleib' dir treu bis in den Tod! Benno Tatzelberger.« und die Photographie stellte einen forsch dreinblickenden Kadetten dar. Es war gut, daß die Tante immer noch nicht erschien, denn nun konnte die glückselig errötende Lizzi ihre Liebesgabe doch ungeniert ans Herz drücken und sich mit Kathi weidlich auskichern über die allerliebste Keckheit dieses militärischen Anbeters. Sie hatte sich zwar eigentlich aus dem dummen Buben gar nichts gemacht, ihn kaum mehr als zwei- oder dreimal gesehen und keine Ahnung von dieser noblen Eroberung gehabt, aber jetzt freute sie es doch unsinnig, das unerwartete Liebeszeichen, und sie beschloß sofort, ihm als Gegengabe ihr Bild zu schicken, woran sie sonst nie gedacht hätte. Ueberhaupt die Tatzelbergers! Daheim hatten sie immer ein bissel über sie gespottet, über die Senta, weil sie so romantisch tat, und über den Benno, weil er seine kleine dicke Nase so hoch trug. Sie hatten ihn immer nur »Herr von Tatzelberger« genannt, die Mädchen unter sich. Nein, es blieb richtig: in der Not lernt man erst seine wahren Freunde kennen. Brief und Bild des Kadetten waren schon sicher in Lizzis Tasche geborgen, als die Tante Ida am Frühstückstische erschien, und zwar mit zwei Blumentöpfen bewaffnet, einem Myrtenstämmchen und einem blaßvioletten Chrysanthemum. Sie lächelte holdselig und küßte die Lizzi auf beide Wangen. »Herzliche Glückwünsche, mein liebes Kind!« rief sie mit ungewöhnlicher Wärme, »möge dir der Himmel noch manche fröhliche Wiederkehr dieses Tages in unserm Hause bescheren! Oder nein, das darf man der aufblühenden Jungfrau doch wohl nicht wünschen! Ich will lieber sagen, möge dieser Myrtenstock dir recht bald Blüten genug treiben, um ein Kränzchen für dein Köpfchen herzugeben!« Dabei lächelte sie sehr süß und strich der Lizzi über das prachtvolle, weichgewellte, kastanienbraune Haar, eine Zärtlichkeit, zu welcher sie sich bisher noch nie aufgeschwungen hatte. Und dann fuhr sie, auf die beiden Blumentöpfe deutend, fort: »Bitte, nimm vorläufig mit diesem kleinen Angebinde vorlieb. Das Myrtenstöckchen kannst du ja in deinem Zimmer behalten, du wirst es wohl nicht gern von dir lassen; aber das Chrysanthemum gibst du doch wohl lieber bei mir in Pension auf den Blumentisch im Salon, da hat es sorgfältige Pflege und mehr Licht, weißt du. Eine Torte habe ich dir nicht extra angeschafft, es gibt ja heute abend beim Souper Süßigkeiten genug, und wozu müssen Kinder an ihrem Geburtstage sich den Magen verderben? bruh hi-i-i-i-i!" »Du bist wirklich sehr freundlich, liebe Tante«, begann Lizzi stammelnd, förmlich gelähmt vor Schreck über so viel unerwartete Güte. »Ach, das ist noch nicht alles!« unterbrach die Geheimrätin lebhaft ihre Dankesbezeigung. »Ich habe mir noch eine ganz besondere Ueberraschung für dich ausgedacht, die dir gewiß Freude machen wird. Du weißt, dein Onkel kann Schwarz nicht leiden, und da ist das seidene Halbtrauerkleid, das ich mir vor vier Jahren um meine teure selige Mutter anschaffte, noch so gut wie neu. Ihr müßt ja doch jetzt noch ein ganzes Jahr lang schwarz gehen, da wird dir das sehr zustatten kommen. Ich weiß eine sehr billige Näherin, die ins Haus geht, da kann sie es gleich mitmachen für dich, wenn wir das nächstemal Schneiderei haben. Nun wollen wir aber erst Kaffee trinken. Ihr geht mir nachher hübsch zur Hand, nicht wahr? Ihr glaubt gar nicht, was man alles zu bedenken hat für solche große Gesellschaft.« Den Onkel sah Lizzi erst eine Stunde später wie gewöhnlich, denn er mußte sich durch einen verlängerten Morgenschlaf für die bevorstehenden Anstrengungen des Abends stärken. Er empfing die beiden Schwestern allein in seinem Studierzimmer und gratulierte Lizzi auf seine Weise recht herzlich. Dann führte er sie an der Hand hinter das große Bücherregal, das zwischen den beiden Fenstern quer ins Zimmer hineinragte und befragte sie ganz heimlich, indem er etwas verlegen seine Linke in die Tasche versenkte, in welcher er das Portemonnaie zu tragen pflegte: »Sag mal, liebe Elisabeth – wieviel hat sie dir gegeben?« Lizzi blickte mit ihren großen blauen Augen sehr erstaunt zu ihm auf: »Ich weiß nicht, lieber Onkel, wen du meinst.« »Na, meine Frau natürlich,« versetzte er etwas ungeduldig, und dann zeigte er ihr von weitem sein Portemonnaie und fügte erklärend hinzu: »Ich meine, hat sie dir nicht ...« »Nein, bloß zwei Blumenstöck' und ein alt's Kleid hat s' mir geb'n«, fiel Lizzi prompt ein. »So, so, so«, murmelte der Professor, und dann rieb er sich gedankenvoll mit den Knöcheln die hohe Stirn. »Mnja, da bin ich nun übel dran! Die Bedürfnisse junger Mädchen sind mir fremd, hehe, aber ich möchte doch – mnja ...« Er öffnete sein Portemonnaie, blickte stirnrunzelnd eine Weile hinein und erfaßte mit raschem Entschluß ein Geldstück und drückte es ihr in die Hand. »Da, kauf dir etwas dafür, mein Herzchen!« Und mit einer sehr lebhaften Gebärde wehrte er jeglichen Dank vornehm ab. Lizzi schielte auf ihre offene Hand hinunter. Es war ein Zehnmarkstück, und sie freute sich sehr darüber, obwohl es ein wenig trinkgeldmäßig verabreicht worden war. Sie trat wieder zu der hinter dem Regal harrenden Kathi, während der Oheim im Zimmer auf und ab ging. Jetzt blieb er plötzlich vor den Schwestern stehen, ergriff sein glattrasiertes, langes Kinn mit der Hand und ließ sich nach einigem Räuspern folgendermaßen vernehmen: »Ein freundlicher Zufall will es, daß dein Geburtstag, meine liebe Elisabeth, mit dem Tage zusammenfällt, an dem ihr zum erstenmal in die Gesellschaft eingeführt werden sollt. Ihr könntet einwenden, daß euch die Trauer um eure liebe Mutter verbiete, an rauschenden Festlichkeiten teilzunehmen; aber um eine solche handelt es sich in der Tat nicht. Es verkehren in meinem Hause nur ernste Männer und edle, feingebildete Frauen, ich darf wohl sagen, die beste Gesellschaft Berlins. Das Erlebnis dieses Abends wird euch also zum erstenmal den vollen Einblick in unsre Lebenssphäre eröffnen, die von nun an ja auch die eure werden soll. Ich möchte, daß ihr mit vollem Bewußtsein die Schwelle eurer zukünftigen Heimstatt überschreitet, wenn ich mich so ausdrücken darf. Ich möchte euch demnach empfehlen, euch bescheiden beobachtend zu verhalten, damit ihr lernt, euer eigenes Benehmen nach dem Vorbilde der Damen unsres Kreises einzurichten. Hier könnt ihr mir nun allerdings einwenden, daß ihr ja auch in München gesellig gelebt und überhaupt von eurer lieben Mutter die unter den Umständen bestmögliche Erziehung genossen hättet; aber darauf müßte ich euch doch zu bedenken geben, daß erstens einmal die Kreise, in denen ihr euch dort bewegtet, sowohl ihrer sozialen Stellung als ihrer geistigen Bildung nach erheblich unter den unsrigen standen, und daß zweitens überhaupt eure süddeutschen und speziell Münchener Umgangsformen durch ihre – hmm ja – ich will einmal sagen unbekümmerte Ungezwungenheit doch erhebliche Differenzen aufweisen mit dem, was wir hier den guten Ton zu nennen gewohnt sind. Ich will euch gewiß eure Unbefangenheit nicht rauben, meine lieben Kinder, aber ich halte es doch für meine väterliche Pflicht, euch auf alles aufmerksam zu machen, was zu eurer Vervollkommnung beitragen kann – und so möchte ich denn auch die Gelegenheit ergreifen, euch darauf hinzuweisen, daß ihr euch allmählich einer reineren Sprache befleißigen müßt. Zwar bin ich persönlich ein Freund eures traulichen Idioms, aber dennoch, meine ich, könnte euch der Gebrauch desselben im Umgange mit der höheren Gesellschaft als ein Bildungsmangel ausgelegt werden, was ich doch in eurem eigensten Interesse vermieden sehen möchte.« Hier machte der Professor eine Pause. Doch schien sich seine Beredsamkeit bei weitem noch nicht erschöpft zu haben, denn er legte die Stirn in Falten, wie wenn er über weitere weise Ermahnungen nachdächte, und die dünnen Finger seiner Rechten strichen ausgespreizt an den langen Falten seiner bleichen Wangen herab und krauten abwechselnd in den beiden kurzen, grauen Backenbärten, wie sie immer zu tun pflegten, wenn sein Hirn eine wohlgesetzte Rede vorbereitete. Die Mädchen hatten sich schon längst daran gewöhnt, die langatmigen Auseinandersetzungen ihres Oheims mit stummer Ergebung über sich ergehen zu lassen. Sie saßen da, mit den Händen im Schoß gefaltet, wie in der Kirche und senkten ihre hübschen Köpfchen andächtig zur Seite – ja, wenn sie dazu imstande gewesen wären, dann hätten sie auch noch die Ohren hängen lassen. Eben tat der Geheimrat seinen Mund auf, um in seinen ebenso interessanten wie nützlichen Auseinandersetzungen fortzufahren, als die Tür aufging und seine Gattin raschen Schrittes hereintrat. »Sieh, Adolf, wen ich uns da bringe! Das nenne ich eine freudige Ueberraschung, nicht wahr?« rief sie noch auf der Schwelle, während sie einen Mann von ungewissem Alter am Aermel hinter sich hereinzog, bei dessen Anblick der Professor mit einer Geschwindigkeit vom Sessel emporfuhr, die ersichtlich eher dem Schrecken als der freudigen Ueberraschung entsprang. Die beiden Mädchen erhoben sich ebenfalls, froh der Unterbrechung, und warteten gleichgültig ab, ob sie vorgestellt oder hinausgeschickt werden würden. Der Fremde war ein dicker Herr, etwa von derselben Größe wie die Geheimrätin und auch mit derselben breiten, glänzenden Nase begabt. Ueber den kleinen blöden Augen saß ein Paar grauer Augenbrauen, die es verschmähten, dem Bogen des Stirnbeins zu folgen, und vielmehr wie zwei umgekehrte Ausrufzeichen nach der umfangreichen kahlen Schädelplatte hinaufwiesen. Als Gegenstück zu diesen Brauen schmückten die kurze Oberlippe zwei ebenso graue und just so starre, schwunglose Schnurrbartstriche, nur daß deren Spitzen abwärts wiesen. Die Unterlippe war löffelförmig vorgeschoben, wie man es bei den geborenen Kommerzienräten so häufig findet. Der kurze Hals steckte in einem hohen, steifen Kragen, der ansehnliche Spitzbauch trotz des naßkalten Novembertages in einer sommerlichen Pikeeweste, über welche eine dicke Uhrkette, mit schwerem Petschaft und andern Berlocke geschmückt, herabbaumelte, die watschelnden Beine in weiten, großkarierten Hosen und der etwas gekrümmte Oberkörper in einem erstaunlich kurzen, dunklen Röckchen, das überall zu eng zu sein schien. Und als nun diese schwerwiegende Persönlichkeit dem Professor mit mattem Lächeln die Hand schüttelte, kam aus dem gewaltigen Körper ein gar schwächliches Stimmchen hervor, näselnd und kurzatmig dazu: »Tag, lieber Professor, erstaunt, mich hier unangemeldet zu sehen, nicht wahr? Hatte Geschäfte in Luckenwalde – da dacht' ich mir, was kann da sein, wirst mal 'ne Spritze 'rüber machen – Schwesterchen umstoßen. Es geht euch doch gut, nicht wahr? Frage! Euch geht's ja immer gut! – Pardon, sehe, ihr habt Besuch. Darf ich bitten ...« Und damit verbeugte er sich kurz gegen die beiden Schwestern und richtete einen fragenden Blick auf den Geheimrat. Dessen bestürzte, nichts weniger als erfreute Miene war seiner scharf beobachtenden Gattin keineswegs entgangen. Sie warf ihm einen strafenden Blick zu und ergriff für ihn das Wort, da er immer noch nicht zu sich kommen zu wollen schien. »Das sind unsre Münchner Nichten, du weißt doch, die Kathi und die Lizzi Mödlinger.« Und dem großen Herrn auf den runden Rücken klopfend, stellte sie ihn den knicksenden Schwestern als ihren Bruder Emmerich Vogel, den jetzigen Besitzer des väterlichen Geschäfts, vor. Der Professor fühlte sich durch die energisch aufmunternden Blicke seiner Gattin endlich bewogen, einige Worte der Begrüßung zu stammeln, von denen jedoch der liebe Schwager wenig Notiz nahm, dieweil er ganz in die wohlgefällige Betrachtung der beiden Schwestern vertieft war. Er klemmte seinen goldenen Zwicker auf die breite Nase und neigte seinen dicken Kahlkopf abwechselnd der Kathi und der Lizzi zu. »Das ist ja reizend – das ist ja ganz scharmant! Also meine verehrten Schwiegernichten, hehe, ich bin entzückt über die Bekanntschaft!« näselte er blöd lächelnd, und dann schüttelte er ihnen beiden die Hand. Sie bekamen ordentlich einen Schreck, die Mädchen, als seine fleischige, feuchtkalte Hand so mit schlaffem Druck die ihrige ergriff! Auf die freundliche Aufforderung der Frau Professorin, es sich doch gemütlich zu machen, setzte man sich. Aber besonders gemütlich wurde es trotzdem nicht – wenigstens kam es den beiden Schwestern so vor, die allerdings kaum Gelegenheit fanden, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, da die Tante Ida fast allein sprach und den Bruder Emmerich scheinbar absichtlich kaum dazu kommen ließ, sich mit einer Frage an sie zu wenden. Der Geheimrat saß gleichfalls stumm und ergeben da und ließ nur einmal einen unartikulierten Laut vernehmen, der einem unterdrückten Schmerzensschrei ähnlicher war denn einer freudigen Zustimmung, als seine Gattin, Bruder Emmerichs fette Hand tätschelnd, mit einer gewissen freudigen Innigkeit um seine Anwesenheit bei der heutigen Abendgesellschaft bat. Als der Besuch gefragt wurde, ob ihm nicht ein kleiner Imbiß angenehm sei, ergriffen die beiden Mädchen die Gelegenheit, um diensteifrig hinauszustürzen. Sobald sie außer Hörweite waren, packte Lizzi die Schwester bei den Armen, schüttelte sie heftig und rief mit zornfunkelnden Augen: »Jesses, jesses, wann i jetzt bloß an' wüßt', dem i a paar Watsch'n geb'n könnt'! Ein' Zorn hab i, sag i dir! ... Jeh, Katherl, sag mir bloß, san denn dees aa Menschen hier? Dees is ja a ganze Menagerie beisamm'. Und der schöne Onkel Emmerich, dees is vollends a g'selchter Aff'! Herrgottsakra, grad' 'naus fluchen möcht' i!« Kathi hielt ihr erschrocken den Mund zu. »Ich bitt' dich, Lizzi, sei stad, net so laut. Wenn uns die Tante hört!« Lizzi stampfte mit dem Fuße. »Soll s' doch! Ich glaub', i stell' heut noch was an, daß s' mi 'nausschmeißt.« – Die Schwestern hatten sich um die Beteiligung am zweiten Frühstück herumzudrücken gewußt und hielten sich, während desselben mit Abstauben beschäftigt, nebenan im Salon auf. Da hörten sie denn, wie die Gattin und der Schwager abwechselnd auf den Professor einredeten, der nur hin und wieder ein langgedehntes »Hmnja«, tiefe Seufzer und schwache Einwendungen verlautbaren ließ. Und als nach Ablauf einer weiteren Stunde etwa Herr Emmerich Vogel sich in Begleitung seiner Frau Schwester entfernte, da trat der Geheimrat mit wirrem Haar und unruhig zuckenden Gesichtsmuskeln aus seinem Zimmer hervor und lief mit großen Schritten, die Hände auf dem Rücken ineinandergelegt, durch die ganze vordere Zimmerflucht mehrmals hin und her. Kathi war just allein im Salon, während Lizzi in ihr Zimmer gegangen war, um ihr kummervolles Herz an ihre Münchner Freundinnen auszuschütten. Und als der Geheimrat der Nichte ansichtig ward, an der er schon ein paarmal achtlos vorbeigelaufen war, trat er plötzlich rasch auf sie zu, legte ihr seine Linke zitternd auf die Schulter und flüsterte heiser und aufgeregt: »Ah, mein liebes Käthchen, da bist du ja. Entschuldige, ich habe dich nicht gesehen. Hast du vielleicht was gehört – vorhin, da drinnen?« »Nein, lieber Onkel«, versetzte Kathi ängstlich erstaunt. »Warum meinst?« »Oh nichts, es ist ja auch ganz gleich«, rief der Professor und versuchte zu lachen. Und dann fügte er rasch hinzu: »Sag mal, wie gefällt dir mein Schwager?« Kathi blickte verlegen zu Boden und ließ nur ein ungewisses »Oh!« vernehmen. Und der Oheim fiel eifrig ein: »Nicht wahr, ein schrecklicher Mensch! Ich sage dir, Kind, er bringt mich um – er zieht mich aus – ewig hat er seine Hände in meinen Taschen! Und ich kann mich nicht wehren, weil ihm die Ida hilft.« Und dann sank er matt in die Ecke des nahen Sofas, faßte mit der zitternd ausgestreckten Hand die Nichte beim Kleide und zog sie zu sich heran. Er umklammerte ihren Leib mit seinen Armen und lehnte seinen Kopf an ihre Brust. Sie fühlte, wie ihm das Herz schlug, und hörte, wie ihm der Atem röchelnd aus und ein ging, und von plötzlichem Mitleid ergriffen, strich sie ihn über sein langes, graues Haar, indem sie erschrocken flüsterte: »Oh mei, was hast denn, was is dir denn, lieber Onkel?« Da umklammerte er sie noch fester und sagte, ohne zu ihr aufzublicken, mit bebender Stimme: »Nicht wahr, du bist mein liebes Kind, Käthchen, du wirst mich deiner Tante nicht verraten? Ich bin ein unglücklicher Mann! Sie können meinen Tod nicht erwarten! Aber, nicht wahr, du bleibst bei mir – du stehst mir bei – du hast mich ein wenig lieb? Ich will dir auch alles vermachen, was mir die Raubvogels noch übriggelassen haben, wenn du bei mir bleibst.« In diesem Augenblick näherte sich ein plump stampfender Schritt der Tür, und der Professor fuhr auf, stieß erschreckt die Kathi von sich, daß sie fast den Blumentisch umgestoßen hätte, und drängte sich zwischen Sofa und Tisch durch hastig nach der entgegengesetzten Seite hinaus. Dabei trat er unglücklicherweise auf den kleinen Joli, der auf dem langhaarigen Angorafell vor dem Sofa friedlich und unbeachtet geschlummert hatte. Mit dem entsetzlichem Wehegeschrei sprang der Süßling auf die Füße und humpelte unter dem Tisch hervor. Und der Geheimrat, anstatt seine Missetat zu bereuen, schritt ihm nach, faßte ihn scharf ins Auge und versetzte ihm, von plötzlicher Wut erfaßt, einen zweiten wohlgezielten Tritt, der das Unglückstier sofort über die Schwelle hinweg in das offene Speisezimmer beförderte, wo er noch eine ganze Strecke weit auf dem Bauche über das glatte Parkett hinwegschlitterte, bis ein Tischbein seinem Fluge Einhalt tat. Das Hündchen quietschte ohrenzerreißend, die Minna, die eben mit Geschirr hereingetreten war, kreischte laut auf, und der Professor stürzte in sein Studierzimmer und schlug krachend die Tür hinter sich zu. »Nee, so'n Feetz!« rief das robuste Dienstmädchen kreuzfidel und lachte, daß die Gläser, die sie auf dem Präsentbrett trug, gefahrdrohend zusammenklirrten. »Beim Herrn Jeheimrat rappelt's. Aber auch so mit den Köter umzujehen! Na, der kann sich frei'n, wenn die Jnädige zu Hause kommt; denn was der Hund is, wissen Se Freilein,« wandte sie sich grinsend durch die offene Tür an Kathi, »die Karnalje petzt! – Nanu, Freilein, was is denn mit Sie? Worum weinen Sie denn? Ist der Olle etwa jejen Ihnen ooch ausfällig geworden?« Kathi wandte sich achselzuckend stumm ab und drückte ihr Tuch gegen die Augen. Viertes Kapitel [In welchem der geneigte Leser die Ehre hat, sich in der besten Gesellschaft zu bewegen, in der Lizzi jedoch sich unpassend benimmt.] Die jungen Damen aus München wußten nicht, daß, wenn in Berlin zu einer Abendgesellschaft um acht Uhr eingeladen wird, die Gäste zwischen neun und zehn Uhr erst zu erscheinen pflegen. Sie traten pünktlich um acht Uhr in den Salon, in ihren einfachen, halbseidenen Trauerkleidern mit dem billigen Jettschmuck zwar nichts weniger als fein, aber doch immerhin recht hübsch aussehend. Die Lizzi besonders konnte so unvorteilhaft gekleidet sein, wie sie wollte – und sie war in der Tat in dieser Beziehung nachlässiger, als sie hätte sein dürfen – sie blieb doch immer reizend; denn sie war prächtig gewachsen und besaß in den frischen Farben und zarten Formen ihres Gesichts, ihren prachtvollen, großen dunkelblauen Augen und besonders in ihrem überaus üppigen Haar von seltener, kastanienbrauner, ins Rötliche spielender Farbe einen natürlichen Schmuck, gegen den die vereinten Künste der Schneiderin und Putzmacherin wenig ausrichten konnten. Kathi war weit weniger hübsch. Sie war ein wenig zu groß und hielt sich nicht recht gerade. Auch war die Nase etwas zu klein geraten und der Teint nicht so rein und rosig wie der Lizzis; dafür aber besaß sie einen wunderhübschen kleinen, weichen Mund und prächtige Zähne darin, und ihre grauen Augen konnten, wenn sie lebhaft an etwas teilnahmen, sehr ausdrucksvoll leuchten. Sie trug ihr lichtbraunes Haar leicht gewellt und zwei dicke Flechten rund um die Stirn gelegt, eine Frisur, die zu ihrer einfachen, hausmütterlichen Erscheinung und ihrem stillen Wesen sehr gut paßte. Die Gaslüster waren noch gar nicht einmal angezündet, nur eine einzige große Petroleumlampe brannte im Salon, als sie hereintraten. Und weiterschreitend fanden sie im Eßzimmer die Tante im tiefsten Negligé, den ältesten Morgenrock umgeworfen, beschäftigt, den beiden Lohndienern Verhaltungsmaßregeln zu geben. »Ah, da seid ihr ja schon fix und fertig!« rief sie ihnen entgegen. »Das ist gut; da kann mir eine von euch gleich bei der Toilette zur Hand gehen. Die Minna ist zu entsetzlich dumm! Lieschen, willst du so gut sein? Käthchen kann ja derweilen das Lampenanzünden beaufsichtigen und die Honneurs machen, falls irgend so ein grüner Student etwa zu früh kommen sollte.« Kathi bekam einen gelinden Schreck, denn sie fühlte sich der Aufgabe, fremde Herren zu empfangen, keineswegs gewachsen und hätte das Ehrenamt lieber auf die gewandtere Schwester abgewälzt, aber die Tante war schon mit Lizzi zur Tür hinaus, ehe sie noch drei Worte zu ihrer Entschuldigung vorgebracht hatte. Nach Verlauf einer halben Stunde etwa war alles zum Empfang der Gäste bereit. Die Gasflammen in den Kronen brannten ebenso wie auch die buntbeschirmten Lampen, ja die Lohndiener hatten sogar schon ihre weißbaumwollenen Handschuhe angezogen; aber es schlug drei Viertel, ehe die Flurklingel zum erstenmal ertönte. Kathi fuhr zusammen. Sie hatte keine Ahnung, auf welche Weise sie wohl eine Unterhaltung in Gang bringen sollte, wenn etwa so ein unglücklicher verfrühter Jüngling, Hörer ihres Oheims und zukünftiges Kirchenlicht, ihr eine Viertelstunde lang zur Beschäftigung anvertraut werden sollte. Aber es war kein Student, den der Diener jetzt hereinließ, sondern vielmehr – Herr Emmerich Vogel. Vorgestreckten Hauptes watschelte er herein. Er trug wiederum ein weiße Weste, tief ausgeschnitten, und einen unglaublich engen Frack, auf dessen linkem Atlasaufschlag der Stern irgend eines exotischen Ordens, den er sich einmal als Andenken von einer weiteren Reise mitgebracht haben mochte, en miniature erglänzte. Seine porzellanharte Hemdenbrust ward in der Mitte von einem großen Brillantbouton zusammengehalten, und er duftete auf zehn Schritte nach ungewöhnlichen Essenzen. Blöde sah er sich im Zimmer um und schritt dann rasch auf Kathi zu. »Ah, meine reizende Schwiegernichte – und ganz allein!« näselte er mit seiner dünnen Tenorstimme, indem er ihr seine feuchtkalte Rechte entgegenstreckte. »Das ist ja scharmant! Hat mir furchtbar leid getan, daß ich heute morgen nicht länger das Vergnügen hatte. Wäre mir bei Gott angenehmer gewesen, als die langen Reden des guten Professors anhören zu müssen.« »Der Professor hat ja kaum ein Wort gesagt,« wollte Kathi entgegnen, aber sie besann sich noch rechtzeitig und sagte statt dessen nur: »Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen!« Sie hatte sich das vorher während der einsamen Wartezeit so eingeübt, damit ihr nicht etwa ein »Bitt' schön, mög'n S' Ihnen net niedersetzen« herausfahren sollte. Nun saßen sie also. Herr Emmerich Vogel hatte sich einen niedrigen Fauteuil dicht neben sie herangerückt. Er rieb seine fleischigen Hände auf den Kniescheiben trocken, zwischen die er den Klapphut geklemmt hatte, und blickte dabei unangenehm grinsend der Kathi ins Gesicht, die unwillig errötend die Augen niederschlug. Dann rieb er sich mit den Handflächen die Ohren und zupfte sich an den beiden unförmlich großen Ohrlappen. Nachdem er sich hierauf noch mit dem rotseidenen Schnupftuch über die glänzende Platte gewischt und das graue Bärtchen vorsichtig betupft hatte, schien er so weit in Ordnung zu sein, um eine animierte Konversation in Gang zu bringen. »Na, nu sagen Sie mal, wie gefällt's Ihnen denn im Reichshauptstädtchen? Schon viel herumgekommen?.Fleißig Theater besucht? Was mitgemacht?« »O nein, wir haben ja Trauer.« »Ach so, ja, pardon, ich vergaß. Na, da wird Sie meine Schwester wohl zur Entschädigung durch die Museen geschleift haben. Hehe, darin ist sie groß!« Kathi verneinte wieder und sagte ihm, daß sie außer dem Zeughaus, dem Sedanpanorama und dem Zoologischen Garten noch nichts gesehen hätten. »Ah, oh! das ist aber nicht recht!« rief Emmerich Vogel mitleidig, indem er den Kopf auf die linke Seite neigte, das linke Auge zukniff und sich am rechten Ohrlappen zupfte. »Wenn Sir mir erlauben wollen, Sie abzuholen, werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, meine schönen Schwiegernichten ein wenig herumzuführen in den nächsten Tagen. Tante Ida wird wohl erlauben, daß ich meine verwandtschaftlichen Rechte geltend mache, und die jungen Damen meiner Obhut anvertrauen. Ich bin zwar immerhin ein etwas jugendlicher Onkel – hehe – hehe – hihihi ...« Er schien diese Behauptung so außerordentlich witzig zu finden, daß es eine ganze Weile dauerte, bevor er sich von seinem Lach- oder richtiger Meckeranfall wieder erholen konnte. Kathi fand den Gedanken, mit einem solchen Beschützer allein in Berlin umherzulaufen, gräßlich, aber als wohlerzogenes Mädchen sagte sie natürlich: »O, das wär' fei' nett; aber i glaub' net, daß die Tante es erlauben wird.« Herr Emmerich klopfte ihr vertraulich aufs Knie und flüsterte kichernd: »O, das lassen Sie nur meine Sorge sein, mit Schwester Ida werde ich schon reden! Wenn nur der Geheimrat keine Sperenzien macht. Wissen Sie, der ist eigentlich kein Umgang für junge Damen, hehe! Himmlischer Vater, ist der Biedermann langweilig! Das muß ja für junge, lebenslustige Mädchen, wie ihr beide seid, zum Auswachsen sein, nicht wahr? Na, na, mir könnt ihr's ja ruhig zugeben. Diskretion Ehrensache, hehe.« Herrgott, jetzt fing er schon mit »ihr« an! Kathi rückte unwillkürlich ein ganzes Stück von ihm fort und starrte ihn erschrocken an, während sie gleichzeitig eifrig protestierte: »O nein, dees is aber g'wiß net wahr! Der Onkel is sehr gut, und zu mir b'sonders.« Der Schwiegeronkel klemmte rasch seinen Zwicker auf die Nase und sah Kathi sonderbar lauernd von der Seite an. »So, so, wirklich?« sagte er erstaunt. »Haben Sie ihm geholfen sein Herz entdecken, hehe? – Ja, freilich – warum auch nicht? Ein so hübsches Mädchen wie Sie, Fräulein Käthchen, das bringt ja die schwierigsten Sachen fertig! – Was haben Sie übrigens für eine allerliebste kleine Hand!« Er haschte danach, um einen raschen Kuß darauf zu drücken, aber die erschrockene Kathi riß sie ihm energisch fort und erhob sich rasch von ihrem Sessel, trat an den Tisch vor dem Sofa und schlug mit einer heftigen Bewegung das erste beste der dort liegenden Prachtwerke auf, da sie ihrem Zorn in Worten nicht Luft zu machen wußte noch wagte. Er erhob sich gleichfalls und trat zu ihr. »Aber was denn, was denn, Fräulein Käthchen – wer wird denn gleich so sein! Das heißt: ja, eigentlich haben Sie recht: man küßt ja nur alten Damen die Hand, junge hübsche Nichten sollte man als wohlmeinender Onkel doch eigentlich auf den Mund küssen dürfen.« »Naa, i mag net!« rief Kathi leise und drängte energisch den sich ihr bedrohlich Nähernden fort. »Na aber, wie ich das finde!« rief Herr Emmerich Vogel schwach lachend, und dann klopfte er, um seine üble Laune zu verbergen, mit dem Klapphut gegen die Tischplatte und versuchte zu pfeifen. In diesem Augenblick ertönte draußen zum zweitenmal die Flurglocke, und fast gleichzeitig trat der Geheimrat in Frack und weißer Binde, sehr bleich von der Aufregung des Morgens, aus seinem Studierzimmer, und von der andern Seite seine Gattin herein, prachtvoll gekleidet in bordeauxrote Seide mit echten Spitzen. Lizzi folgte ihr auf dem Fuße. Sie hatten kaum Zeit, den Bruder und Schwager zu begrüßen, als auch schon die Flügeltüren von den Lohndienern aufgerissen wurden, um die ersten Gäste einzulassen. Im Laufe der nächsten halben Stunde trafen dann die meisten der Geladenen ein. Kollegen des Geheimrats, meist von der juristischen und theologischen Fakultät, mit ihren Frauen und einigen wenigen Töchtern, dann einige jüngere Dozenten, Doktoren, die sich erst habilitieren wollten, und ein paar Studenten, die durch Empfehlungsbriefe eingeführt waren. Ein vereinzelter Gardeleutnant, Sohn eines geadelten wirklichen Geheimrats, hob sich mit seinem goldgestickten Kragen von dem öden Einerlei der schwarzen Fracks wirkungsvoll ab, ebenso wie die drei geladenen jungen Mädchen, welche wie auf Verabredung alle ganz weiß erschienen. Bis um zehn Uhr etwa war die erlauchte Gesellschaft von fünfundzwanzig Personen beisammen. Die Diener reichten Tee mit süßem Gebäck herum, der von den Herren stehend und durch den unter den Arm genommenen Klapphut behindert, genossen werden mußte. Die Damen hatten es besser: sie saßen wenigstens – die älteren Würdenträgerinnen in einer Reihe auf dem Sofa und den breitesten Fauteuils hingepflanzt, die fünf jungen Mädchen, im Alter von achtzehn bis dreiundreißig Jahren auf den graziösen Lackstühlen. Dafür wurden sie aber auch von dem stärkeren Geschlecht mit Verachtung gestraft, indem niemand von den Herren daran dachte, sich ihnen zu nähern bis zu dem Augenblicke, wo es zum Souper ging. Nur der einsame Leutnant hielt es für seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, sich mit Todesverachtung zwischen die jungen Damen zu stürzen, von denen er keine einzige kannte. Nachdem er sie alle fünf, die überreife Tochter des theologischen Dekans mit dem melancholischen Ziegengesicht nicht ausgenommen, gefragt hatte: »Laufen gnä' Fräulein gern Schlittschuh?« oder »Gehen gnä' Fräulein oft ins Theater?« und dergleichen, ließ er sich endlich auf den Klaviersessel zwischen den beiden trauernden Münchnerinnen nieder, um die Sonne seiner Huld doch auch über die jungen Damen vom Hause scheinen zu lassen. Er guckte die Kathi an, er guckte die Lizzi an; die letztere schien in höherem Grade sein Wohlgefallen zu erwecken. Aber er war viel zu wohlerzogen, als daß er nicht die ältere zuerst angeredet hätte. »Sind gnädiges Fräulein schon lange in Berlin?« begann er sinnig. »Eine Woche grad«, erwiderte Kathi. Sie saß steif aufgerichtet auf ihrem goldenen Stuhl und hielt die Hände im Schoß gefaltet. »Oh?« sagte der Leutnant, und dann drehte er gedankenvoll an seinem Schnurrbärtchen. »So kurze Zeit erst?« fuhr er dann lächelnd fort; »darf ich fragen, wo gnädig' Fräulein zu Hause sind?« »Aus München«, versetzten Kathi und Lizzi wie aus einem Munde. »Aus München?« rief der Leutnant, seine kleinen, wasserblauen Augen zu ihnen erhebend. »Ah, fideles Städtchen – war ich auch mal. Wissen Sie: Königsschlösser ansehen, mal Karte abgehen auf allerhöchsten Bergen. War riesig nett; aber das muß ich sagen: die Bedienung im Hofbräuhaus ist miserabel. Sie nehmen mir doch meine Offenheit hoffentlich nicht übel? Das Bier is ja magnifique, aber im übrigen – nee!« »Ja freilich, wann S' net selber schaun, daß S' was krieg'n«, lachte Lizzi achselzuckend und begann unwillkürlich an ihrem Batisttüchlein herumzuzupfen. Der Leutnant reckte seinen dünnen roten Hals aus dem fürchterlich hohen Goldkragen heraus und schnarrte: »Wirklich reizend!« indem er gänzlich unbestimmt ließ, was er reizend fand. Dann trommelte er ein Weilchen leise auf dem Klavierdeckel herum und fragte mit einem neuen Anlauf die Lizzi: »Sind gnä' Fräulein vielleicht auch musikalisch?« »O ja, ein bissel schon.« »Spielen Sie vielleicht Klavier?« »Ja!« »Singen Sie vielleicht auch?« »O ja.« »Können Sie auch jodeln? Das finde ich zu nett!« Lizzi konnte es nicht mehr aushalten. Sie stieß die Kathi leicht in die Seite und lachte: »Geh, Kathi, jetzt red' du amal, daß 's mi net gar zu arg angreift.« Die Kathi konnte sich nicht helfen, sie mußte auch lachen. Es war zu fad. Und so kicherten die beiden trauernden Schwestern miteinander und ließen den schönen jungen Herrn ohne Antwort, so daß der am gescheitesten zu tun glaubte, wenn er auch ins Blaue hinein mitlachte. Die benachbarten jungen Damen in Weiß horchten neugierig auf und rückten näher. Was in aller Welt mochte da passiert sein, daß in diesen heiligen Hallen tatsächlich drei junge Menschen lustig waren? Und Fräulein Elvira Zanthier, die als keck berüchtigte Tochter des Pandekten-Professors, fragte die Münchnerinnen mit neidischem Lächeln nach der Ursache ihrer Heiterkeit. Der Leutnant ergriff für sie das Wort. »Die gnädigen Fräuleins können jodeln«, versetzte er immer noch lachend. »Wär' doch sehr nett, wenn sie uns was zum besten geben wollten.« Die jungen Damen in Weiß stimmten dem Leutnant vollkommen bei, mit Ausnahme von Fräulein Rümpelmann, der Dekanstochter, welche für einen solchen ungebildeten Vorschlag nur ein verächtliches Lächeln hatte. Geistreiche Bemerkungen wurden weiter nicht ausgetauscht, aber wenigstens kamen doch die jungen Damen unter sich ins Gespräch. Die Münchnerinnen erregten schon um ihrer Sprache willen das lebhafteste Interesse dieser Professorentöchter, und die Mödlingers ihrerseits waren glücklich, einmal wieder wenigstens mit Altersgenossinnen reden zu können. So waren sie denn in jener Ecke bald in lebhaftestem Geschwätz, bei dem auch der Leutnant nicht sonderlich störte. Er wurde beauftragt, der Herrin des Hauses den Vorschlag zu unterbreiten, daß sie doch ihre Nichten etwas singen lassen möchte. Die Frau Geheimrätin war nicht wenig erschrocken über diesen kühnen Vorstoß aus dem Lager der Jugend. Es was bisher noch nicht vorgekommen, daß in ihrem Salon bei Gelegenheit eines so feierlichen Empfangsabends musiziert wurde, und sie hielt es daher für sicherer, bevor sie eine solche Neuerung wagte, das Gutachten der weiblichen Autoritäten einzuholen. Frau Professor Zanthier, noch eine ziemlich jugendliche und lebhafte Dame, entschieden die hübscheste in dem Kreise, rief laut: »Ja, warum denn nicht? Der Herr Leutnant trägt gewiß den Dolch im Gewande, in Gestalt einer Flöte, nicht wahr? Sonst wüßte ich nicht, wer hier ausübend musikalisch ist.« Worauf Frau Professor Rümpelmann, die, wenn ihre Tochter einer Ziege glich, mindestens den Ehrentitel einer Giraffe beanspruchen durfte, mit süßem Lächeln erwiderte: »O, bitte, meine Tochter ist sogar sehr musikalisch. Sie hat den besten Unterricht genossen und singt wirklich sehr hübsch – das kann ich wohl sagen!« Da auch die anderen Damen nichts einzuwenden hatten, erhob sich die Geheimrätin, um das Klavier zu öffnen und die Lichter anzuzünden. Sie nahm ihre beiden Nichten ein wenig beiseite und flüsterte ihnen zu: »Wie kommt denn nur der Leutnant darauf, daß ihr etwas vortragen sollt? Könnt ihr denn überhaupt etwas Ordentliches? Ihr habt euch doch hoffentlich nicht vorgedrängt! Natürlich muß ich erst Fräulein Rümpelmann auffordern. Sie hat den besten Unterricht genossen. Also seht zu, daß ihr euch nicht gar so sehr blamiert.« Und dann wandte sie sich laut an die Gesellschaft und verkündete, daß Fräulein Rümpelmann ihnen das Vergnügen machen wollte, etwas vorzutragen. Es war erstaunlich, mit welcher Eile einige der älteren Herren, die im lebhaften Gespräch mit Kollegen umhergestanden hatten, auf diese verlockende Eröffnung hin in das Studierzimmer des Hausherrn verschwanden, wo sich bereits ein kleine Korona ehrwürdiger Häupter zu weisem Gedankenaustausch versammelt hatte. Allen voran der hochgebietende Herr Dekan, Professor Rümpelmann selbst. Es blieben außer den Damen, dem Leutnant und Herrn Emmerich Vogel, der sich mittlerweile an Frau Professor Zanthier herangeschlängelt hatte, nur einige der jüngeren Herren zurück, um des musikalischen Genusses aus nächster Nähe teilhaftig zu werden. Herr Emmerich Vogel bot sich galant dem Fräulein Rümpelmann zum Notenumwenden an, allein das Fräulein benötigte seiner nicht, da sie gar keine Noten mit hatte. »Mama ist so musikalisch, die begleitet mir alles auswendig«, sagte sie mit gespitztem Munde, und dann hüpfte sie mit tändelnden Schrittchen zum Flügel, während ihre Mutter, die Giraffe, ihr rauschendes Seidengewand um den Drehstuhl herum ordnete. Mutter und Tochter berieten sich ein Weilchen im Flüsterton, und dann reckte die erstere den langen Hals schmachtend quer über die Klaviatur hin und schlug präludierend einige Akkorde an. Fräulein Rümpelmann begann, die Hände vor sich im Schoß gefaltet und mit weitaufgerissenen Augen den ihr zunächststehenden Emmerich Vogel fixierend, ihren schmelzenden Gesang. »Uech wollt' moine Lübo ...« Da erscholl plötzlich aus dem Nebenzimmer, wo das Gespräch der gelehrten Herren trotz Mendelssohn leise weiter gesummt hatte, ein laut dröhnendes »Hohohohoho!« Mutter und Tochter hielten erschrocken inne und wandten die langen Hälse gleichzeitig zur Tür des Studierzimmers zu. »Oh, aber ich muß doch bitten!« rief die Frau Dekanin halblaut und sah sich empört nach der Hausfrau um. »Achten Sie nicht darauf, liebe Frau Professor«, suchte die Geheimrätin, zu ihr tretend, die musikalische Mutter zu beruhigen. »Es ist nur Professor Rufus, Sie wissen, er hört recht schwer, der alte Herr.« Damit schritt sie ins Nebenzimmer, um dem Heiterkeitsausbruch des berühmten Archäologen Einhalt zu tun. Die Studenten sahen sich sämtlich bewogen, die Bilder an den Wänden oder das Futter ihrer Klapphüte höchst eingehend zu besichtigen, und auch die jungen Mädchen hatten Mühe ihr Lachen zu unterdrücken, besonders Lizzi, die den starren Blick der Ziege gerade auf sich gerichtet fühlte. Sobald im Nebenzimmer die Ruhe hergestellt war, griff die Dekanin wieder in die Saiten, diesmal etwas energischer, und ihr hochgewachsenes Töchterchen begann aufs neue: »Uech wollt', moine Lübö ergösse süch All' ün oin oihn-züges Woort.« Die junge Dame sang mit »vül Empfündung«. Ihre dünne, schrille Stimme stand in wirkungsvollstem Gegensatz zu ihrer düsteren Aussprache, und da ihre Töne nicht von Natur vibrieren wollten, so bemühte sie sich, diesen Mangel durch ein tief zu Herzen dringendes Gemecker zu ersetzen, welches, was immer man auch dagegen vom gesangstechnischen Standpunkte einwenden mochte, doch jedenfalls mit ihrer Erscheinung auf das glücklichste harmonierte. Lizzi erstickte fast. Die Augen standen ihr voll Tränen, so außerordentlich gerührt war sie. Sie hatte fast schon ihr halbes Taschentuch aufgekaut, ehe noch die ergreifende Produktion zu Ende gekommen war. Auch die gesetzte Kathi hatte alle Mühe, nicht laut herauszuplatzen, besonders als der Leutnant bei dem höchsten Ton so schmerzhaft das Gesicht verzog, daß ihm der Schmachtscherben aus dem Auge fiel. Die beiden Weißgewaschenen hatten es leichter, da sie der Himmel mit unmusikalischen Ohren begnadet hatte, doch wurden auch sie bis zu einem gewissem Grade von der krampfhaften Heiterkeit der übrigen Jugend angesteckt. Mißbilligende Blicke vom Sitze der Mütter her wiesen sie in die Grenzen des sogenannten Anstandes zurück. Der Gesang war beendet. Schwaches Händeklatschen und beifälliges Gemurmel seitens der Damen belohnte die Künstlerin. Einer der an den Wänden verstreuten Studenten klatschte so heftig, daß ihm der Chapeau entfiel, welche Gelegenheit seine Kommilitonen nicht vorübergehen ließen, ohne in ein recht ungebildetes Gelächter auszubrechen. Schließlich konnte doch einem einmal der Hut herunterfallen! Während die älteren Damen noch die strahlende Giraffe zu dem Erfolge der Ziege beglückwünschten, kam plötzlich aus dem Nebenzimmer der berühmte Archäologe Professor Rufus herausgeschossen und rief schon von weitem, beide Hände vorstreckend: »Schönsten Dank, mein liebes Fräulein! Wirklich sehr schön vorgetragen! Was war das doch gleich? Kam mir so bekannt vor!« Er schüttelte der geschmeichelten Sängerin beide Hände und blickte zu ihrer ansehnlichen Höhe empor. Ein breites Lächeln verklärte sein rosiges, glattrasiertes Gesicht. Die Mutter antwortete für die Tochter: »Von Mendelssohn, Herr Professor! Früher sang ich immer die zweite Stimme; aber seit ich den chronischen Katarrh habe, singt es das Kind Solo. Es ist eigentlich ein Duett, wissen Sie.« »Mendelssohn, ach jawohl, Mendelssohn, den hab' ich gut gekannt!« rief der kleine Professor, seinen schönen, weißlockigen Gelehrtenkopf hinten überbeugend, als ob er das Porträt des verblichenen Tonmeisters irgendwo oben an der Zimmerdecke erblickte. »Ich erinnere mich noch sehr wohl der musikalischen Abende bei dem hochseligen Friedrich Wilhelm IV. Sie haben ihn wohl nicht mehr gekannt, liebes Fräulein? hohohohoho!« Er schlug wieder seine olympische Lache an, welche das ganze weite Gemach erzittern machte. »Wollen Sie uns nicht noch etwas zum besten geben? Ich liebe die Musik so sehr, hohoho!« Und damit drehte er sich auf dem Absatz herum und verschwand wieder im Nebenzimmer. Das ließ sich die Ziege nicht zweimal sagen. Ein kurzer Blickwechsel mit der Giraffe genügte, um die Walze in Gang zu setzen. Es folgte Nummer 2 des Repertoires: etwas Neckisches zur Abwechslung: »Mutter, Mütterchen, ach seu nücht böse, Da-aß i-ich i-in de-en Wald gögangen.« Lizzi war nahe daran in Krämpfe zu verfallen, und der Leutnant versetzte sich offenbar so lebhaft in die Seele des Jägers, der die im Walde verirrte Ziege küssen mußte, daß er, wie von einem plötzlichen Schüttelfrost gepackt, auf seinem Stuhle bebte. Einer der Studenten vermochte sich nicht länger aufrechtzuerhalten, sondern fiel auf einen Sessel in der Nähe der Tür und verbarg verschämt sein Antlitz in beiden Händen. Die Macht des Gesanges offenbarte sich auf wunderbare Art! Kaum ein Auge blieb trocken. In so vortrefflicher Weise wußte die Sängerin die reizende kindliche Schalkhaftigkeit, welche der Dichter und der Komponist in ihrem anspruchslosen Werke versteckt hatten, zum Ausdruck zu bringen! Und wenn nicht kurz vor Schluß des Liedchens die Flügeltüren sich geöffnet hätten, um einen verspäteten Gast einzulassen, so hätte die Begeisterung wohl sogar vorzeitig die Schranken der Sitte durchbrochen. Aber die neue Erscheinung lenkte, obgleich sie bis zur Beendigung des Gesanges bescheiden an der Tür stehen blieb, die allgemeine Aufmerksamkeit dermaßen auf sich, daß sie sogar den zitternden Leutnant erstarren machte und die halbtote Lizzi wieder ins Leben zurückrief. Es war eine Dame in mittleren Jahren, deren Gesichtszüge außer einer entschieden spitzen Nase durchaus nichts Auffälliges an sich hatten. Sie war weder besonders groß noch besonders klein, weder besonders dick noch besonders dünn. Einfach eine ziemlich nett aussehende Dame, wie man deren häufig in Gesellschaften und anderswo zu treffen pflegt. Es war lediglich ihr Kostüm, das ihr den Charakter des Ungewöhnlichen verlieh. Ein Kostüm im verwegensten Sinne des Wortes, das sicherlich weder einem Pariser noch einem Wiener noch sonst einem modernen Modejournal entnommen war. Der unscheinbare Körper stak nämlich in einem Musselingewande mit kurzer Empiretaille, welches über und über mit üppiger Stickerei von Goldflittern bedeckt war. Um den ziemlich tief ausgeschnittenen Hals herum stand ein auf Drähte gezogener Kragen, aus ebenfalls mit Flitter besetztem Spitzenstoff, steif ab. Die ganz kurzen Puffärmel ließen die hageren roten Arme bis über die Ellbogen entblößt, den Unterarm und die Hände bedeckte ein Paar viel zu weiter und ziemlich schmutziger Handschuhe aus ehemals weißem Batist, gleichfalls mit Flitterornamenten verziert. Auf dem gepuderten Haar trug die Dame ein altes, goldenes Münchner Ringelhäubchen, über das, von einer Brillantagraffe an der Seite gehalten, drei rosa Straußfedern herabnickten. Die hohe Taille wurde von einem goldenen, mit bunten Steinen geschmückten Gürtel umspannt, von dem an ebensolcher Kette ein bunter runder Federfächer herabhing, und unter dem kurzen Saum des leichten Gewandes schauten die nach oben gekrümmten Spitzen der gleichfalls goldgestickten Schuhe hervor. Dank der wunderbaren Erscheinung dieses späten Gastes hielt sich nach Beendigung des neckischen Liedchens der Beifall in immerhin mäßigen Grenzen. Wieder kam der liebenswürdige Professor Rufus aus dem Nebenzimmer hereingeschossen und rief noch auf der Schwelle: »Brava, brava, danke sehr, liebes Fräulein! Dieser Mendelssohn war wirklich ein Liebling der Musen und der Grazien, hohohoho!« Aber das homerische Gelächter blieb dem berühmten Archäologen zur Hälfte in der Kehle stecken, sobald er der goldglitzernden Erscheinung gewahr ward, die jetzt eben bis in die Mitte des Zimmers gelangt war und von der Hausfrau mit etwas verlegenem Lächeln begrüßt wurde. »Darf ich die Herrschaften bekannt machen?« sagte Frau Ida: »Herr Professor Rufus – Frau Majorin von Goldacker.« »Ah!« rief der kleine Gelehrte, sich galant verbeugend, »ich stehe geblendet vor so viel Glanz, hohohoho! Gnädige Frau haben da ein Kostüm! Archäologen haben zwar in Toilettenfragen keine Meinung; aber in diesem Falle – hohoho!« »Ich bin auch sehr stolz auf dieses Stück, Herr Professor«, versetzte die Majorin und drehte sich langsam herum, um sich von allen Seiten bewundern zu lassen. »Dieses selbe Kleid hat Josephine Beauharnais als Braut getragen. Die Kaiserin Eugenie hat es bei ihrer Flucht aus Paris in der Eile nicht mitnehmen können, und da ist es denn später mit andern Kostbarkeiten unter den Hammer gekommen. Ich war so glücklich, es aus dritter Hand erwerben zu können.« »Aber, mein Gott, hier ist doch kein Maskenball!« flüsterte die Frau Professor Zanthier hinter ihrem Fächer ihrer Nachbarin, der Geheimrätin Pütz, zu. Und diese würdige Dame beugte sich zu ihr und erwiderte: »Ja, haben Sie denn von dieser verdrehten Schraube noch gar nichts gehört? Sie ist eine reiche Witwe und hat die Passion, historische Kostüme zu sammeln und sie selber zu tragen. Uebrigens, seien Sie vorsichtig, meine Liebe: sie ist eine Verwandte von Riemschneiders.« Nachdem auch der Hausherr die Majorin begrüßt und einige Worte der Bewunderung über ihr Kostüm geäußert hatte, wurde sie von der Geheimrätin zum Sitze der Mütter geführt und einigen Damen vorgestellt. Es war erstaunlich, zu sehen, mit welcher Kunst diese weiblichen Spitzen der Gelehrtenrepublik, diese hochthronenden, edlen Hüterinnen guter Sitte, die kleine, harmlose Majorswitwe im Gewande der Josephine Beauharnais süß und doch zugleich niederträchtig erhaben anzulächeln verstanden! Die Majorin war durchaus nicht dumm genug, um nicht zu merken, daß dieses kunstvolle Lächeln nichts anderes besagen sollte, als: wir sind wohlerzogen genug, um dich als Mitgast in unsrem Kreise zu dulden, im übrigen aber erlauben wir uns, dich mindestens für verrückt und deinen Geschmack für höchst unpassend zu halten. Aber Frau von Goldacker war bereits unempfindlich geworden gegen solche Beredsamkeit weiblicher Augensprache und, wie alle von einer großen Leidenschaft beherrschten Menschen, freudig bereit, jegliches Märtyrertum auf sich zu nehmen. Sie nahm mit ebenso glückselig strahlender Miene mit ihrem verstaubten geflickten Flitterstaat unter diesen würdevollen Trägerinnen stumpffarbiger Seiden- und Atlasroben Platz, wie nur irgendeine frischgeadelte Bankiersgattin ihre kostbare Robe von Worth in Paris zum erstenmal bei einem Feste zur Schau tragen kann, für das ein Prinz von Geblüt sein Erscheinen zugesagt hat. Während der Hausherr mit seinem Spannzettel die Runde machte und jedem der Herren den Namen seiner Tischdame zuflüsterte, zog die Geheimrätin ihre Nichten beiseite und sagte: »Wenn ihr wirklich durchaus noch etwas vortragen wollt, dann beeilt euch aber jetzt. Wir haben nur noch auf die Majorin gewartet mit dem Souper. Die kommt regelmäßig zu spät – natürlich, weil sie nie mit ihren verdrehten Toiletten fertig wird. Ist aber auch das letztenmal, daß ich sie zu so was eingeladen habe! Das hat man davon, wenn man auf die Verwandten seines Mannes soviel Rücksicht nimmt!« Obwohl diese Aufforderung weder in der Fassung noch im Tone hervorragend freundlich zu nennen war, bestand Lizzi doch darauf, nun erst recht zu singen, denn es reizte sie jetzt, nach dem schauderhaften Gemecker der Ziege ganz besonders den Leuten zu zeigen, daß sie doch etwas Besseres vermöchte. Die Kathi hatte Angst, aber Lizzi stieß sie förmlich auf den Klavierstuhl. »Jetzt singa mir amaal dees vom letztn Fensterln, weißt«, raunte sie der Schwester zu, und gab ihr dabei noch einen derben Puff gegen die Schulter. »Und daß d' den Jodler fein mitsingst, dees sag' i der. Sonst zwick i di in Arm, daß d' grad nausschreist!« Und obwohl außer Emmerich Vogel und dem Gardeleutnant, die erwartungsvoll zu ihnen aufblickend sich an den Flügel lehnten, niemand geneigt schien, ihnen zuzuhören, sondern vielmehr der gemischte Chor aller vorhandenen dreiundzwanzig brummenden, knarrenden, quiekenden, quäkenden Männer- und Frauenstimmen just zu einem kräftigen Forte angeschwollen war, ließ sich doch die Lizzi nicht abschrecken, ihr G'sangl anzustimmen. Und wirklich, es gelang ihr nicht nur mit ihrem klaren, jugendfrischen Sopran das laute Stimmengewirr zu übertönen, sondern sogar nach wenigen Takten schon sich Ruhe und Aufmerksamkeit zu erzwingen. Ungeziert, munter und frischweg sang sie: »A Bleami im Miada, a Bleami am Huat, Oft hat's der Bua g'sagt un des gfallet eahm guat. No heunt werd er schaugn, heunt hon' is grad gnua. Und a paperlgreanes Bandl, dös steht wohl dazua. Ja, dös steht wohl dazua!« Und nun fiel die Kathi mit ihrem weichen Alt etwas zaghaft, aber glockenrein mit ein: »Holdiri diö diri, holdiri diö diri« u.s.w. Die Gesichter der Studenten, die bisher mit stumpfsinniger Resignation dreingeblickt hatten, hellten sich mit einem Schlage auf, Herr Emmerich Vogel wiegte sich graziös auf den Zehenspitzen und blinzelte die Sängerinnen verliebt an, der schmucke Leutnant zwirbelte vergnügt lächelnd an seinem Schnurrbärtchen herum und bewegte die Lippen, als ob er mitsingen wollte – ja, aus dem Nebenzimmer strömten sogar, einer nach dem andern auf den Zehen über den Teppich schleichend, die ehrwürdigen, hochmögenden geheimen Räte, ordentlichen und außerordentlichen Professoren und Doktoren herein, und einige von ihnen verschmähten es sogar nicht, ihre ehrwürdigen Häupter im munteren Dreivierteltakt mitschwingen zu lassen. Auf seiten der Damen schien weniger Übereinstimmung zu herrschen. Frau Professor Zanthier lächelte zwar wohlgefällig, und die verwitwete Majorin Josephine Beauharnais ließ sogar mitten in den Gesang hinein kleine unterdrückte Schreie des Entzückens erschallen, aber die Geheimrätin Pütz und die Frau Doktor Georgi und die Frau Professor Cholevius und die Frau Konsistorialrätin Schlegel und wie die steifrückigen Spitzen der Gesellschaft alle heißen mochten, sahen einander immer bedenklicher von der Seite an und lächelten immer säuerlicher, und die Giraffe gar reckte ihren Hals so lang und steif sie irgend konnten aus der Halskrause heraus, und ihre schlaffen Lippen zuckten bedrohlich und zielten gerade auf die spitze Nase der Josephine Beauharnais, als ob sie bei deren nächster unvorsichtiger Beifallsäußerung zu spucken gedächten. Die für gewöhnlich quittengelbe Ziege lief bedenklich rot an und trat, um ihrem Groll doch irgendwie Luft zu machen, dem ihr zunächst sitzenden Fräulein Zanthier, welche allzu unbefangen ihr Wohlgefallen zu äußern sich erdreistete, auf den Fuß. Es folgte ein zweiter und ein dritter Vers, beim letzten Jodler schloß Lizzi mit einem durchdringenden Juchzer wirkungsvoll ab. Der Erfolg war ein durchschlagender. Die gesamte Herrenwelt, sogar die bescheidenen Studenten nicht ausgeschlossen, drängte sich um die beiden Münchnerinnen und überbot sich in Komplimenten, allen voran der liebenswürdige Professor Rufus, der seinem Vergnügen durch ein wahrhaft bacchantisches, dröhnendes »Hohohoho!« Ausdruck gab. Auch der hochragende theologische Dekan, Professor Rümpelmann, der Gatte der Giraffe und Vater der Ziege, versuchte sich bis zu den hübschen Sängerinnen durchzudrängen, wurde jedoch durch das energische Dazwischentreten seiner Gattin an der Ausführung solch frevelhaften Vorhabens verhindert. »Rümpelmann, du vergißt dich!« raunte seine tiefgekränkte bessere Hälfte ihm zu. »Solche Produktionen gehören in ein Café chantant. Ich begreife nicht, wie die Geheimrätin so taktlos sein kann, ihren Nichten so etwas zu erlauben. Ich erwarte von dir, daß du dich mit diesen Mädchen nicht weiter einläßt.« Hatte sie bemerkt, daß die Geheimrätin in ihrer Nähe stand und deshalb absichtlich ziemlich laut gesprochen? Jedenfalls war jener die Bemerkung über das Café chantant nicht entgangen. Sie erbleichte, und als gerade die Nichten, dem allgemeinen Drängen nachgebend, sich zu einem neuen Vortrag anschickten, rief sie laut: »Darf ich bitten, meine Herrschaften, zum Souper!« Ein allgemeines »Ah« des Bedauerns. Der Knäuel schwarzbefrackter Gestalten um den Flügel herum entwirrte sich, und jeder eilte, seiner ihm zugeteilten Dame den Arm zu reichen. Die Hausfrau eröffnete mit dem Geheimrat Pütz den Zug. Ihr Gatte folgte mit der aufgeregten Dekanin Rümpelmann, und so ging es fort nach Alter und Würde, bis zum Schluß der Gardeleutnant mit Fräulein Elvira Zanthier, Herr Emmerich Vogel mit Kathi und ein glückstrahlender Student mit Lizzi am Arm ins Eßzimmer hineinmarschierte. Zwei überzählige Studiosi schritten mißvergnügt hinterdrein, denn jeder von ihnen hatte sich im stillen Hoffnung auf Lizzi gemacht. Es dauerte eine ganze Weile, bis jedermann an der langen, glänzenden Tafel seinen ihm bestimmten Platz gefunden hatte, und die glitzernde Majorin von Goldacker vermehrte die allgemeine Verwirrung noch dadurch, daß sie ihrem Tischherrn, dem Professor Cholevius, einfach davonlief und sich rücksichtslos durch den Knäuel der jüngeren Herrschaften am untern Ende der Tafel hindurchdrängte, um zu den Nichten des Hauses zu gelangen. Sie schloß die beiden Mädchen in ihre Arme und küßte sie auf beide Wangen und rief dazwischen so laut, daß man es bis an das untere Ende der Tafel hören konnte: »Eure Tante hat es nicht für nötig gefunden, uns miteinander bekannt zu machen. Da muß ich mich schon selbst vorstellen. Ich bin die Frau von Goldacker. Irgend etwas werdet ihr doch wohl schon von mir gehört haben – und sehr bös bin ich, daß ihr mich noch gar nicht aufgesucht habt. Ich höre, ihr seid schon acht Tage in Berlin. Unverzeihlich! Wo ich doch die einzige Verwandte hier bin außer Professors. Ihr wißt doch, mein Vetter Alfred, der in Amerika ist, hat eine Riemschneider zur Frau, welche eine rechte Nichte eures Onkels und gleichzeitig Andergeschwisterkind mit der zweiten Frau des Bruders meines Mannes war – also eine doppelte Verwandtschaft! Ich bin entzückt, daß ihr so nette Mädchen seid, und wenn ihr mich nicht morgen früh gleich besucht, dann sollt ihr mal sehen! Ich habe übrigens schon gehört von euch durch eine Dame, die im selben Kupeé mit euch von München hierhergefahren ist. Nette Geschichten, ihr Erbschleicherinnen , ihr!« Und lustig lachend klopfte sie die beiden Schwestern auf die Wangen und schwebte wieder zu ihrem verlassenen Tischnachbar zurück. Mittlerweile hatte männiglich seinen Platz gefunden. Das Stimmengewirr war verstummt, und man wartete nur auf die Frau Majorin, um sich setzen zu können. Das Wort von den »Erbschleicherinnen« mußte von jedermann an der Tafel gehört worden sein. Einige von den Herrschaften lachten auch ganz ungeniert darüber, während andre ein wenig bedenklich lächelnd in den Mienen der Gastgeber zu lesen versuchten. Die beiden Schwestern erstarrten beinahe vor Schreck, denn sie sahen die Blicke der Tante mit einem so feindseligen Ausdruck auf sich gerichtet, daß sie alles Unheils gewärtig sein durften. Zum Ueberfluß fragte auch noch der schwerhörige Professor Rufus seine Tischnachbarin, Frau Zanthier, ganz laut, was denn die Dame in dem antiquarisch interessanten Kostüm so Komisches gesagt habe? Die Antwort der Professorin ging glücklicherweise in dem Geräusche der schurrenden Stühle und raschelnden Gewänder beim allgemeinen Niedersitzen ungehört unter. Einen solchen Schrecken hatten die beiden Schwestern bekommen, so aufgeregt klopfte ihnen das Herz, daß sie keinen Löffel Suppe hinunterzubringen vermochten und zunächst gar nicht hörten, was ihre Tischnachbarn zu ihnen sagten. Erst nachdem sie ein paar Gläser Wein getrunken und die mehr in Fluß geratene allgemeine Unterhaltung die Aufmerksamkeit der Tischgäste von ihnen abgelenkt hatte, erholten sie sich so weit, um sowohl an den auserlesenen Gerichten, wie an der Unterhaltung ihrer Herren Geschmack zu finden. Die Lizzi saß im heftigsten Kreuzfeuer, denn nicht nur der Herr Gregor Krajesovich von Nemes-Pann – sie hatte den pompösen Namen von der Tischkarte abgelesen, die auf seinem Weinglase lag – ihr erwählter Kavalier, sondern auch Herr Emmerich Vogel, der die Kathi, seine Dame, schrecklich vernachlässigte, redeten ununterbrochen auf sie ein, und sogar die weitersitzenden Herren, der Leutnant links und der Privatdozent Doktor Georgi rechts, lagen nur immer auf der Lauer, um ihr irgend eine Frage oder Artigkeit zuzuschreien, sooft ihren Nachbarn nur für einen Moment der Unterhaltungsstoff auszugehen schien. Das Durcheinander lauter Stimmen mit Begleitung von Messer- und Tellergeklapper machte Lizzi anfangs ganz wirr im Kopf, und sie wußte kaum selbst, was sie auf alle die hageldicht einschwirrenden Fragen antwortete. Doch gewöhnte sie sich daran bald genug, und das Kosten von allen den zahlreichen Weinen – es waren wohl sechs oder sieben Sorten im Laufe des Soupers, die den Gästen vorgesetzt wurden – übte auch bald genug seine Wirkung auf sie aus. Sie fand ihre angeborene kecke Unbefangenheit wieder und versetzte das ganze untere Ende der Tafel durch ihre drolligen Antworten und oft ganz witzigen Bemerkungen in die heiterste Laune, besonders durch die oft recht derbe Zurückweisung, die sie den zudringlichen Galanterien des Herrn Emmerich Vogel zuteil werden ließ. Sie amüsierte sich ausgezeichnet und hatte bald ganz vergessen, wie unangenehm steif, albern und geziert ihr alle diese Leute anfangs erschienen waren. Fräulein Zanthier und Fräulein Cholevius, die beiden jungen Damen in Weiß, schienen doch ganz nette, bei näherer Bekanntschaft mehr versprechende Mädchen zu sein, deren dringender Aufforderung, sie doch zu besuchen, sie bald folgen wollte. Selbst der Gardeleutnant war, abgesehen von seinem Schmachtscherben und seinen stereotypen Redensarten, gar nicht der fade Geck, als welcher er ihr anfangs vorgekommen war. Und ihr Nachbar gar, der edle Gregor Krajesovich von Nemes-Pann, entpuppte sich als ein feingebildeter, gewandter und unterhaltender junger Mann. Er war Mediziner und gedachte in nächster Zeit schon sein Staatsexamen zu machen, um dann wieder in seine Heimat an der ungarisch-serbischen Grenze zurückzukehren. In diese ihm sehr wenig zusagende Gesellschaft von Juristen und Theologen war er nur dadurch verschlagen worden, daß er von einem Wiener Freunde seiner Familie, der ein Studiengenosse des Professors Riemschneider gewesen war, ein Empfehlungsschreiben an diesen mitbekommen hatte. Er studierte nun schon zwei Jahre in Berlin und hatte in jedem Jahre einmal in diesem Hause Besuch gemacht, worauf er ordnungsmäßig je einmal eingeladen ward. Lizzi konnte der Versuchung nicht widerstehen, mit diesem hübschen und klugen jungen Manne in vertraulich gedämpftem Tone allerlei nicht eben schmeichelhafte Bemerkungen über die Würdenträger am oberen Ende der Tafel, ja sogar über ihren bedeutenden Oheim und die gestrenge Tante selbst auszutauschen. Auch die gute Kathi hatte allmählich ihren Schreck verwunden und ihre Schüchternheit ein wenig abgelegt. Freilich wollte sich anfangs etwas wie Neid in ihr regen, als sie sehen mußte, wie ihre jüngere Schwester sich im Sturm alle Herzen eroberte und die lebhafte Teilnahme der gesamten erreichbaren Herren auf sich vereinigte; aber dann war's ihr doch wieder lieber, daß ihr auf diese Weise wenigstens die Unterhaltung Emmerich Vogels erspart blieb, der sich fast ausschließlich an Lizzi wendete mit seinen faden Scherzen und onkelhaften Vertraulichkeiten. Sie fand auch bald eine angenehme Entschädigung in der Unterhaltung ihres Nachbars zur Rechten, des Doktors Georgi, der als begeisterter Alpinist auch das bayrische Hochland sehr genau kannte und daraus einen auch dem scheuen Mädchen vertrauten Unterhaltungsstoff zog. Man war bereits beim Eis und beim Champagner angekommen, als ein schallendes Gelächter am untern Ende der Tafel die Aufmerksamkeit der ganzen Tischgesellschaft erregte. Sämtliche Gespräche wurden unterbrochen, und aller Blicke wandten sich der Lizzi Mödlinger zu, die lieblich errötend von ihrem Platz an der unteren Schmalseite der Tafel aus an alle ihr entgegengehaltenen Spitzkelche der Reihe nach anstieß. »Beim Zeus!« rief Professor Rufus laut und beugte sich, die Hand, um besser zu hören, vor die linke Ohrmuschel haltend, über die Tafel. »Beim Zeus, wir Greise hier oben möchten auch gern unser Teil haben von der Heiterkeit der blühenden Jugend da unten, hohohoho! Darf man fragen, was da unten so fröhlichen Anstoß erregt? hohoho!« Emmerich Vogels dünne Stimme krähte die Antwort hinauf: »Wir stoßen an auf die Berliner Hühneraugen. Fräulein Lizzi meint« ... »Naa, naa, net sagen!« schmollte Lizzi und versuchte ihren Nachbar, indem sie ihn leicht beim Arm schüttelte, am Weiterreden zu verhindern. »Ich glaube auch wohl, es wäre besser, wenn du uns mit diesen Scherzen verschontest, lieber Emmerich«, rief die Hausfrau spitz und scharf ihrem Bruder zu, während sie zugleich mit einem wahrhaft vernichtenden Blick die reizende Nichte, auf die jetzt aller Augen erwartungsvoll gerichtet waren, zu zerschmettern suchte. Aber Emmerich Vogel ließ sich nicht abschrecken, sondern krähte laut über die ganze Tafel hin: »Nein, das müssen Sie hören, meine Herrschaften. Fräulein Lizzi sagt zu niedliche Sachen. Der junge Herr hier mit dem Namen, den man unmöglich behalten kann – Sie entschuldigen, Herr Kraxelowitsch und so weiter – also der Herr sprach von den slawischen Völkerschaften da unten herum, wo er zu Hause ist, und er behauptete, mit denen wäre es ungefähr so wie mit den Russen: wenn man sie bloß ein bißchen abkratzte, so käme der Barbar zum Vorschein; worauf Fräulein Lizzi erwiderte – Sie entschuldigen, ich kann es nicht so ganz richtig sagen wie sie: ›Ja, und wennst' dem Berliner die Lackstieferln ausziegst, nachher siegst's, wo ihn die Hühneraugen plagn‹.« Das Gelächter, welches diesen Witz belohnte, war allgemein, nur die Giraffe und die Hausfrau, die einander gerade gegenübersaßen, rümpften die Nasen und tauschten Blicke des Einverständnisses aus. Mitten in der allgemeinen Heiterkeit erhob sich Herr Emmerich Vogel und klopfte an sein Glas. »Um Gottes willen!« rief der Geheimrat Riemschneider unwillkürlich halblaut und sandte einen hilfeflehenden Blick zu seiner Gattin hinüber, denn er konnte sich von dem Unterfangen des gefürchteten Schwagers nichts Gutes erwarten. Aber der hatte bereits, ehe seine ebenfalls geängstigte Schwester noch irgend einen Rettungsversuch unternehmen konnte, die Schleusen seiner Beredsamkeit geöffnet. »Meine Damen und Herren! Obwohl ich mich als einfacher Kaufmann in diesem auserlesenen Kreise gelehrter Männer und tiefsinniger Frauen – Pardon, ich bitte mich nicht mißzuverstehen, ich wollte sagen hoch sinniger Frauen – obwohl ich mir, wie gesagt, in diesem Kreise eigentlich hilflos wie ein Waisenknabe vorkommen müßte – ich bin übrigens auch ein Waisenknabe, wir sind beide arme Waisen, ich und meine liebe Schwester Ida – so glaube ich mich doch berufen, sowohl in meiner bescheidenen Eigenschaft als naher Verwandter des Hauses Riemschneider, wie auch infolge des freundlichen Zufalles, der mich heute unter die blühende Jugend versetzt hat ... glaube ich mich, äh, wie gesagt, unter diesen besonderen Umständen dennoch berufen, äh – das Wort zu ergreifen, um Sie darauf aufmerksam zu machen, daß das Haus Riemschneider heute nicht nur die Ehre hat, so viele berühmte Namen unter seinem Dache vereinigt zu sehen, sondern auch gleichzeitig sozusagen ein freudiges Familienereignis feiert.« Hier machte der Redner eine kleine Pause, die er seiner Gewohnheit gemäß benutzte, um sich die Ohren zu reiben und an deren Lappen zu zupfen. Der Hausherr räusperte sich bedenklich und ließ einen ängstlichen Blick um den Tisch schweifen, wobei es ihm nicht entging, daß einige der Damen ihre Gesichter auffallend plötzlich hinter ihren Fächer verbargen. Wangen und Nase seiner Frau hatten schon fast die Farbe ihres seidenen Gewandes angenommen. »Ein freudiges Familienereignis sage ich,« fuhr der Redner mit erhobener Stimme fort, indem er die Rechte auf den Tisch stemmte und den linken Daumen in die Tasche der weißen Weste versenkte. »Obwohl Ihnen allen bekannt sein dürfte, daß der Himmel die langjährige glückliche Ehe unseres verehrten Gastgebers nicht mit der gewünschten Nachkommenschaft gesegnet hat. Sie werden es daher begreifen, mit welcher Freudigkeit meine liebe Schwester auf den Gedanken ihres Gatten einging, den verwaisten Töchtern seiner Lieblingsschwester in seinem Hause ein neues, trautes Heim zu bereiten und damit zugleich die Lücke in ihrem von jeher mütterlich fühlenden Herzen auszufüllen. Ich glaube in Ihrer aller Sinne zu sprechen, wenn ich die Fräulein Kathi und Lizzi Mödlinger als die gewissermaßen vom Himmel gefallenen lieblichen Töchter des Hauses in unserer Mitte freudig willkommen heiße! Zu einem solchen herzlichen Willkommengruß bietet die heutige festliche Gelegenheit um so mehr Veranlassung, als meine reizende Nachbarin zur Rechten heute ihren achtzehnten Geburtstag feiert. Meine Damen und Herren, ergreifen Sie Ihre Gläser und stimmen Sie mit mir ein in den Ruf: Fräulein Lizzi, die schönste Zierde des Hauses Riemschneider, das liebliche Münchener Kindl, ab heute hoffnungsvolle Berlinerin, lebe hoch – hoch, hoch!« Die ganze Tischgesellschaft erhob sich und stimmte laut in den Ruf ein und dann kamen sie alle mit den Sektgläsern in der Hand zu der hold errötenden, strahlenden Lizzi herunter, um mit ihr anzustoßen und ihr Glück zu wünschen. Nur die Giraffe und die Ziege begnügten sich damit, ihr von weitem steif zuzunicken und sich dann rasch wieder zu setzen. Die Majorin von Goldacker ließ es wieder an Küssen und Umarmungen nicht fehlen und brachte durch ihre raschen Bewegungen in dem dichten Gedränge die Augen verschiedener Herren und Damen in nicht geringe Gefahr, mit den rechts und links ausschlagenden spitzen Drahtecken ihres Flitterkragens in schmerzhafte Berührung zu geraten. Die ältesten und steifsten Würdenträger fanden für das liebliche Geburtstagskind einige freundliche Worte, und der große Archäologe mit der homerischen Lache ging sogar in seiner Liebenswürdigkeit so weit, Lizzi väterlich auf den Scheitel zu küssen und sie aufzufordern, ihn doch einmal zu besuchen, um unter seiner Führung die antike Abteilung des Museums kennen zu lernen. Selbst die Frau Geheimrätin hatte es über sich vermocht, ein liebevolles Lächeln über ihre breiten Züge auszugießen und die Nichte auf beide Wangen zu küssen, während sie dabei laut ausrief: »Also nochmals meine herzlichsten Glückwünsche, mein geliebtes Kind! Du weißt ja, wie gut ich es mit dir meine.« Ihrem Bruder aber flüsterte sie etwas abseits von dem allgemeinen Gedränge mit zornsprühenden Augen zu: »Lieber Emmerich, ich glaube, du mußt betrunken sein. Diese taktlose Anspielung auf meine Kinderlosigkeit ...! Und außerdem: ein solches Wesen mit diesem Mädchen zu machen, das sowieso schon vor Eitelkeit platzt und sich nicht zu benehmen weiß. Na, wir sprechen noch miteinander, mein Lieber.« – – Das Souper ging jetzt sehr rasch zu Ende. Es war gerade Mitternacht, als die Hausfrau die Tafel aufhob und die Herrschaften in derselben Ordnung, in der sie gekommen waren, den Rückmarsch in den Salon antraten. Lizzi und ihr schöner Herr Gregor Krajesovich von Nemes-Pann gingen als die letzten hinterher. Er funkelte sie mit seinen schwarzen Augen verliebt an, und sie hing sich fest an seinen Arm und lachte: »Gel Sie, jetzt wenn mer tanzen könnten, des war fei lustig!" »Ach ja!« flüsterte er mit einem feurigen Seufzer zurück. »Aber nicht hier unter diesen steifen Perückenstöcken, wo es so nach gelehrtem Staub und Schweinsleder riecht! In einem großen, glänzenden Ballsaal mit aufregender Zigeunermusik, wie bei mir daheim. O, gnädiges Fräulein, da möchte ich mit Ihnen über glattes Parkett fliegen, immerzu, Sie gar nicht wieder loslassen aus meinen Armen! O, ich bitte, werden wir uns wiedersehen? Wir, müssen uns wiedersehen! Aber nicht hier. Bitte, sagen Sie schnell, wo? – ich bitte dringend.« Man sagte sich allgemein »Gesegnete Mahlzeit«, und auch Herr von Krajesovich schüttelte, auf der Schwelle des Salons angekommen, Lizzi die Hand und drückte sie dabei fest in der seinigen. Lizzi blickte verwirrt zu Boden und flüsterte: »Ja, ich weiß net, ich bin ja hier zu fremd.« »Können Sie morgen um zwölf Uhr an den großen Stern im Tiergarten kommen?« flüsterte der schöne Serbe ganz leise und eindringlich. »O bitte, Sie dürfen nicht nein sagen – es handelt sich um mein Lebensglück!« Lizzi fühlte sich wie berauscht und willenlos. Ganz im Banne seiner feurigen Augen flüsterte sie zurück: »Ich will's versuchen.« In diesem Augenblick kamen Kathi, der Leutnant und die Fräulein von Zanthier und Cholevius auf sie zu und baten sie, doch noch ein Lied zum besten geben zu wollen. Sie trat mit Kathi beiseite, um sich zu beraten, als der vorlaute Emmerich Vogel bereits der Gesellschaft verkündigte, daß die Schwestern noch etwas singen wollten. Allein er hatte noch kaum zu Ende gesprochen, als die Frau Professor Rümpelmann ihren langen Hals emporreckte, dem Gatten und der Tochter einen Wink gab und mit ausgestreckten Händen auf die Herrin des Hauses zurauschte, um sich zu verabschieden. »Wir können leider nicht länger bleiben, meine liebe Frau Geheimrätin, unsre Stunde ist gekommen. Es war ganz reizend bei Ihnen. Herzlichen Dank! Die Herrschaften werden sich durch unsern Aufbruch hoffentlich nicht stören lassen.« Aber die Herrschaften ließen sich doch stören. Es wäre ja zu sehr gegen den guten Ton gewesen, nach dem Aufbruch der ältesten Dame noch lange zu verweilen. Es vergingen kaum zwanzig Minuten, und jeder der Herren hatte von dem Geheimrat seine Heimwegszigarre und die Minna unten an der Haustür ihre Trinkgelder in die Hand gedrückt bekommen. Auch Herr Emmerich Vogel, der seine verwandtschaftlichen Vorrechte benutzen wollte, um die Gesellschaft der hübschen Nichten noch etwas länger zu genießen, war von seiner Frau Schwester mit sanfter Gewalt hinausgejagt worden. – – Als die Pendüle im Salon halb eins schlug, war die Familie Riemschneider allein. Der Geheimrat rauchte noch seine Zigarre. Er hatte Kathis Hand gefaßt, tätschelte sie zärtlich und war in bester Laune. Da trat seine Gattin in die Mitte des Zimmers und wandte sich mit einer königlichen Handbewegung an die beiden Nichten: »Ihr könnt jetzt zu Bett gehen, ich hab' noch mit den Leuten zu tun. Gute Nacht.« Und dann trat sie einen Schritt näher an Lizzi heran und sagte mit spöttisch zusammengezogenen Lippen: »Nun ich denke, das Geburtstagskind wird wohl mit seinen heutigen Triumphen zufrieden sein! Ich habe ja gar keine Ahnung gehabt von deinen verborgenen Talenten. Wenn du jodeln kannst wie eine Tirolerin von Profession, so mag das ja zu deinem Privatvergnügen oder auf hohen Bergen ganz angebracht sein, aber in meinen Salon passen dergleichen Kunstleistungen nicht. Ich möchte es nicht wieder erleben, daß ich aus dem Munde meiner Gäste in meinem Hause das Wort Café chantant hören muß. Ueberhaupt, meine liebe Elisabeth, muß ich dir sagen, daß ich mich schwer in dir getäuscht habe. Du hast noch gar keine Ahnung, wie sich ein gebildetes junges Mädchen unsrer Kreise zu benehmen hat! Wie du mit dem jungen Manne kokettiert hast, den wir dir als Tischnachbar zugeteilt hatten, das war geradezu unanständig – ganz abgesehen von deinen wenig zartfühlenden Witzen über die Berliner. Da ist man ja gar nicht sicher, ob du dir nicht über deinen Onkel und mich ähnliche Scherze erlaubst! Ich habe für dich erröten müssen. Etwas will ich ja deiner Jugend und Unerfahrenheit, deiner geschmeichelten Eitelkeit zugute halten; aber das sage ich dir: ehe ich nicht eine völlige Wandlung in deinem Charakter wahrnehme und wenigstens den aufrichtigen Willen zu einem ernsten sittlichen Lebenswandel – eher werde ich dich an unsern Gesellschaften nicht mehr teilnehmen lassen. Ich weiß mich hierin mit eurem Onkel vollkommen eins.« Lizzi war dunkelrot geworden. Ihre Lippen bebten, und ihre Augen standen voll Tränen. Sie schritt rasch auf den Geheimrat zu, ergriff ihn beim Handgelenk und fragte mit bebender Stimme: »Ist das wahr, Onkel?« Der arme Mann blickte hilflos und ängstlich zu seiner Gattin hinüber und erwiderte stockend: »Hm, ja, mein liebes Kind – in diesen Dingen – ich weiß nicht – da muß ich doch wohl die Verantwortung meiner Frau« ... Frau Ida ließ ihn gar nicht ausreden. Sie wies gebieterisch nach der Tür und rief mit triumphierendem Lächeln: »Es wird dir wenig helfen, die Gutmütigkeit deines Onkels gegen mich anzurufen. Ich rate dir in deinem eigenen Interesse, es ruhig hinzunehmen, was ich über dich bestimme. Uebrigens: die Frau Majorin von Goldacker hat da ein gewisses, sehr häßliches Wort fallen lassen, welches auf die Absichten, mit denen ihr unser Haus betreten habt, nicht gerade das beste Licht wirft – davon reden wir ein andermal. – Gute Nacht, Käthchen. Mit deinem Betragen bin ich zufrieden. Fahre so fort und suche auf deine Schwester veredelnd einzuwirken. – Ach, da ist ja mein Dolli – da binschen du ja, mein Süßling!« Die Minna hatte eben die Flurtür geöffnet und den kleinen weißen Haustyrannen, dem sie bei Gelegenheit des Hinausleuchtens der Gäste noch den Genuß eines kurzen nächtlichen Spazierganges verschafft, hineingeschoben. Mit putzigen, kleinen Sprüngen und leisem Freudengewinsel zottelte das Tierchen auf seine Herrin los. Die Geheimrätin lag trotz ihrer bordeauxroten Seide und echten Spitzen halb ausgestreckt auf dem Boden und drückte den Süßling zärtlich an ihren üppigen Busen. »Haben wir uns endlich wieder, mein Wonnevieh! Hast du dich so gebangt nach Mutterchen, nicht wahr, mein süßer Kleiner? Die bösen Menschen, nicht wahr? Hau, hau! Dollichen wünscht Mutterchen allein für sich.« Da lachte Lizzi kurz und spöttisch auf, packte Kathi fest am Arm und zog sie, ohne jemand »Gute Nacht« zu sagen, rasch zur Tür hinaus. Fünftes Kapitel. [In welchem Stücklein von Lizzis Rache erzählt wird und die Schwestern mit bei Majorin und ihrem Bubi Freundschaft schließen – zusamt dem Ausgang von Lizzis erstem Stelldichein] War die Lizzi in einer Wut gewesen den Abend in ihrem Schlafzimmer! O du Grundgütiger! Wenn die Frau Geheimrätin nur ein halbes Dutzend von dem Schwalle ausgewählter Liebenswürdigkeiten hätte genießen können, mit denen das tiefgekränkte Geburtstagskind sie bedacht hatte! Nachdem es sich aber also gründlich ausgesprochen hatte, wurde sein Schlummer von keinerlei unruhigen Träumen mehr gestört, während Kathis liebendes Schwesterherz, dem Lizzi ihren ganzen rachedurstigen Groll anvertraut hatte, sich noch einen großen Teil der Nacht hindurch in schweren Sorgen abquälte. Kathi war sehr erstaunt, als sie am nächsten Morgen davon erwachte, daß Lizzi, während sie sich wusch, ganz hell und munter sang, als ob sie sich in der heitersten Stimmung von der Welt befände. »Geh, geh, was hast denn?« fragte Kathi erstaunt, nachdem sie ein Weilchen dem wunderlichen Treiben der Schwester zugeschaut hatte, die sich im Walzertakt in den Hüften wiegte, während sie ihre Gliedmaßen mit dem Schwamm bearbeitete. »Hast denn deinen Zorn etwa schon vergessen?« »Ja Schnecken!« versetzte Lizzi lachend, »von meinem Zorn sollt's ihr alle noch saubere Stückln derleben.« Und während sie sich abtrocknete, begann sie mit noch lauterer Stimme den Jodler anzustimmen, mit dem sie gestern die Gesellschaft entzückt hatte. »Aber Lizzi, obs d' still bist?« rief Kathi ängstlich. »Die Tante schlaft g'wiß noch. Wenn du s' aufwecken tätst – – jessas na!« »Soll s' doch,« gab jene übermütig zurück, »drum sing i ja grad, daß s' sich recht giften soll.« Bald danach, als Lizzi mit ihrer Toilette etwas weiter vorgeschritten war, begann Kathi von neuem: »Du, geh her, Herzl, jetzt sag mir amal aufrichtig: dees war doch g'wiß bloß G'spaß, was d' da gestern abend g'sagt hast, daß d' mit dem Dings da, dem schwarzen Herrn durchbrennen willst?« »Nein, dees is schon wahr«, versetzte Lizzi ernsthaft. »'s is schon alles abgemacht. Unsre Heiratsanzeige kriegt's ihr fein druckt von Philippopel aus zug'schickt. Dort lassen wir uns als praktischer Arzt und Geburtshelfer nieder.« »A geh, schwätz net so dumms Zeug daher«, fuhr Kathi ärgerlich auf. »'s is wirklich wahr. Nix wie Sparifankerln hast im Kopf. Wie kann a vernünftigs Mädel überhaupts nur dran denken, so an Mann zu heiraten, dem sein Namen ka Mensch merken kann. Weißt 'n denn du noch?« »Freili wei ich 'n,« versetzte Lizzi volltönend: »Gregor Krajesovicherl von Nemes-Spanferkel. Wenn dees net leicht zum b'halten is!« Kathi mußte lachen, und die Sache mit dem schönen Serben kam ihr gar nicht mehr so arg gefährlich vor, da die Schwester schon Witze über seinen Namen machte. Gleich darauf stimmte Lizzi ein neues lustiges Lied an und öffnete dabei die Tür zum Korridor, um ihre Stiefeln hereinzuholen. Sie waren noch nicht geputzt, da die Minna nach den Anstrengungen des gestrigen Abends heute auch die Zeit verschlafen haben mochte. Und da sang Lizzi mitten in ihr »Hollderidiödiri« lautschallend in den Korridor hinein: »Minna, wo san denn jetzt meine Knöpfstieferln hin? Holldriholldiridiö!« Horch, da regte es sich nebenan in dem geheimrätlichen Schlafgemach. Sie konnte deutlich das liebliche Organ der Tante erkennen, das sich offenbar nicht in einem frommen Morgengebet erging. Hochbefriedigt zog sie die Tür wieder zu und machte eine vorläufige Pause in ihren Gesangsübungen. – Die Tante erschien erst am Frühstückstisch, als die beiden Schwestern bereits mit ihrem Kaffee fertig waren. Sie war etwas bleich und verschwollen im Gesicht. Sie begrüßte die Kathi mit einem Händedruck, die Lizzi mit einem leichten Kopfnicken, dann setzte sie sich stumm an den Tisch, nahm ihren Joli auf den Schoß und machte ihm in einer Untertasse etwas Milch und Zucker zurecht, bevor sie sich selbst einschenkte. Während der Süßling mit seinem rosigen Zünglein die Milch aufschleckte, rief die Geheimrätin die Lizzi heran und begann also: »Kannst du es dir nicht vorstellen, mein Kind, daß eine ältere Dame nach einer so anstrengenden Nacht wie die gestrige, das Bedürfnis fühlt, morgens etwas länger zu schlafen?« »Ja, liebe Tante«, versetzte Lizzi tonlos und schaute starr und steif mit großen, kummervollen Augen gerade auf des Süßlings Schnäuzchen. »Dann sehe ich nicht ein, warum du gerade in früher Morgenstunde in so lärmender, unpassender Weise nach deinen Stiefeln rufen mußt. Ihr habt ja den elektrischen Knopf in eurem Zimmer, wenn ihr das Mädchen braucht.« »Ja, liebe Tante!« »Ueberhaupt finde ich, daß du nach allem, was ich dir gestern sagen mußte, heute keine besondere Ursache zu so lauter Heiterkeit hast.« »Ja, liebe ..., ich wollte sagen: nein, liebe Tante.« Das Hündchen war jetzt mit seiner Milch fertig und bemerkte mit Mißfallen den immer gleich starr auf sich gerichteten Blick der jungen Dame. Die Tante begann aufmerksam zu werden. Sie runzelte die Stirn und machte eine Pause. Joli knurrte. Dann, nachdem sie ein Paar Schlucke Kaffee zu sich genommen hatte, begann die Geheimrätin aufs neue: »Es ist heute Sonntag.« »Ja, liebe Tante.« »Da solltest du doch eigentlich den Drang in dir fühlen, das Gotteshaus zu besuchen, um deine Reue über dein gestriges Betragen vor den Thron dessen zu bringen, der Herz und Nieren prüft.« »Ja, liebe Tante, wenn du befiehlst«, versetzte Lizzi, immer noch mit unerschütterlicher Ruhe stocksteif am Tisch stehend und den immer nervöser werdenden Hund fixierend. »Befehlen!« fuhr die Tante unwillig auf. »Es versteht sich von selbst, daß ich dir nicht befehlen kann, die Kirche zu besuchen, wenn du nicht selbst den Drang dazu in dir spürst. Ich denke doch, daß eure Mutter euch so erzogen haben wird ...« »Nein, liebe Tante!« Die Geheimrätin wurde jetzt sehr unruhig und blickte Lizzi drohend an: »Was soll das heißen: ja, liebe Tante, nein, liebe Tante! Ich glaube gar, du willst deinen Spott mit mir treiben! Käthchen komm her, antworte du mir: hat euch eure Mutter nicht zum Kirchenbesuch angehalten?« »Nein, liebe Tante«, brachte Kathi leise hervor. Und dann, als sie sah, daß die Tante den Kopf aufwarf und sie gleichfalls mißtrauisch fixierte, beeilte sie sich errötend und verwirrt hinzuzufügen: »Die Mama is nie in d' Kirch gang'n, außer in die katholischen, wenn a schöne Musik g'wesen is. Es tat sie net erbau'n, hat s' g'sagt. Und wann's uns erbaut hätt, hätt'n mer schon nei'geh'n dürf'n; aber 's hat uns net erbaut – da sin mer halt heraußen blieben.» »Ja, aber mein Gott, da seid ihr ja aufgewachsen wie die Heiden!« rief die Geheimrätin entsetzt, indem sie beide Hände auf den Tisch fallen ließ. »Ja, liebe Tante«, versetzte Lizzi prompt. Aber jetzt konnte es der Süßling nicht mehr aushalten. Ihr starrer Blick machte ihn rasend. Er sprang von dem Schoße seiner Herrin mit einem kühnen Satz auf den Tisch und schoß auf Lizzi zu. Dabei war er so ungeschickt, den Rahmtopf umzuwerfen, und da Lizzi sehr rasch zurücktrat, so purzelte er, sich in der Luft überschlagend, über den Rand des Tisches herunter. Obwohl er ganz ohne Schaden auf seinen vier Beinen angekommen war, erhob er ein jämmerliches Wehgeschrei, und gleichzeitig kreischte auch die Geheimrätin auf, welcher die sogenannte Sahne unfehlbar den himmelblauen Morgenrock verdorben hätte, wenn sie nicht mit überraschender Gelenkigkeit zur Seite gesprungen wäre. Zornflammend, hochrot im Gesicht, stand sie mitten im Zimmer und rief, die Rechte gebieterisch nach der Tür ausstreckend:«Geht alle beide, macht, was ihr wollt! Ich mag von euch nichts mehr wissen.» Mit gesenkten Köpfen schritten die beiden großen Mädchen hinaus. Und sobald sie außer Hörweite waren, fiel Lizzi der Kathi um den Hals, drückte sie stürmisch an sich und lachte wie toll: »Brav bist, Katherl, gut hast's g'macht! Jesses hat si die 'gift!« Und sie tanzte herum und klatschte in die Hände. Dann rannte sie nach dem großen Schrank im Korridor, holte hastig die Mäntel und Hüte hervor und kicherte dabei: »Du, jetzt geh'n mer spazier'n.« Die brave Kathi ließ alles mit sich machen. Sie war wie betäubt. Nun hatte sie gar, ohne es zu wissen und zu wollen, auch mitgeholfen, die strenge Tante zu kränken! Aber die Lizzi hatte eine Art und Weise mit ihr umzuspringen – sie konnte nicht widerstehen. Und dann dachte sie auch, sie dürfte die Leichtsinnige nicht aus den Augen lassen, sonst liefe sie am Ende wirklich mit dem Herrn von Spanferkel, oder wie er hieß, davon. Ein paar Minuten später standen die beiden Mädchen unten auf der Straße – zum erstenmal allein, seit sie in Berlin waren. Sie schlenderten zunächst ohne Zweck und Ziel am Ufer des Landwehrkanals entlang und dann über die Brücke an der Magdeburger Straße. Es war ein trüber Tag. Der erste Schnee trieb in spärlichen großen Flocken träge vom grauen Himmel hernieder und zerschmolz, sobald er den Boden berührte. Eine dünne, glitschige Schmutzschicht bedeckte die Steinplatten des Trottoirs. Die Damen trugen die Kleider hochgeschürzt und die Herren die Kragen der Ueberzieher aufgeschlagen. Ein ungemütliches Wetter war's. Allein Lizzi stiefelte vergnügt und unternehmungslustig vorwärts und zog Kathi am Arm mit sich. Vor der Litfaßsäule an der Ecke der Bendlerstraße blieben sie stehen und begannen die verlockenden Ankündigungen aller Art zu studieren, was sie nie gedurft hatten, wenn sie mit dem Onkel oder der Tante gingen. Was es doch alles zu sehen gab in der Reichshauptstadt: Opernhaus, Schauspielhaus, Deutsches Theater, Viktoria-Theater, Zirkus Renz, Walhalla, Friedrich-Wilhelmstädtisches, Blumensäle, Orpheum, Quargs Baudeville, Reichshallen, Wintergarten, Skating Ring, Goldne Hundertzehn, Neueste Siege Richard Mohrmanns über den Bandwurm, Gorilla im Aquarium, Tanzinstitute, antisemitische Volksversammlung auf Tivoli, »Lieber August, kehre zurück zu deinen trauernden Eltern. Alles vergeben!« usw., usw. Ja, wer das alles genießen durfte! Da könnte man sich vielleicht mit seinem Schicksale versöhnen! Aber dazu gehörte Geld und Freiheit, just die beiden Dinge, die sie nicht besaßen. Eben wollten sich die beiden Mädchen mit einem Seufzer abwenden und weiterschreiten, als sie zwischen ihren beiden Köpfen, dicht an ihren Ohren eine Männerstimme flüstern hörten: »Na, ihr Kinderchen, wohin gehen wir denn heute abend?« Die Schwestern fuhren erschrocken zusammen und liefen, ohne sich umzusehen, geradeaus davon, so rasch sie ausschreiten konnten, ohne gerade zu traben. Aber der Unverschämte folgte ihnen auf den Fersen, und eine Minute später hörten sie wieder dicht hinter sich eine hohe näselnde Stimme: »Na aber, wer wird denn gleich ausreißen, meine Damen! So laßt euch doch wenigstens von vorn ansehen.« Der Herr keuchte – eine so ungewöhnlich rasche Gangart hatte er anschlagen müssen. Jetzt machte er gar zwei große Sätze, um die gar so raschen Mädchen zu überholen. »Donnerwetter!« rief er unwillkürlich, sobald er ihre Gesichter gesehen hatte, und auch die Mädchen blieben mit einem halberstickten Ausruf des Erstaunens stehen, als sie sich so unvermutet, Herrn Emmerich Vogel gegenüber sahen. Er spielte den Unbefangenen, so gut es gehen wollte, und schlug ein recht gewaltsam klingendes Gelächter an. »Der Witz ist gut!« krähte er. »Lauft ihr vor eurem lieben Schwiegeronkel davon, als ob der Teufel hinter euch her wäre. Habt ihr mich denn nicht gleich an der Stimme erkannt!« »Ei freilich!« versetzte Lizzi schnippisch, indem sie die Kathi heimlich mit dem Ellbogen puffte. »Grad so gut, wie Sie uns gleich von hinten kennt hab'n. Deswegen sind mir ja grad so g'schwind davon!« Herr Emmerich verbeugte sich ironisch. »Danke schön, Fräulein Lizzi. Sie wissen einem doch immer etwas Liebenswürdiges zu sagen. Darf man fragen, was die jungen Damen vorhaben?« Die Schwestern sahen einander unsicher an und wußten nicht, was sie erwidern sollten. Die Kathi stieß die Lizzi und die Lizzi die Kathi an. »Also bloß 'n bißchen bummeln gehen?»rief Onkel Emmerich, verschmitzt lächelnd. »Darf ich wagen, Arm und Geleit euch anzutragen? Ich finde es unverantwortlich von meiner Schwester gehandelt, euch so allein in Berlin herumlaufen zu lassen.« »Ja, net wahr!« gab Lizzi spöttisch zur Antwort. »Das mein i auch. Was hätt uns beispielsweise jetzt net alles zustoßen können, wenn Sie net grad der fremde Herr g'wesen wär'n.« »O, o, o, Sie glauben doch nicht etwa ...!« Dem dicken Herrn ward es augenscheinlich ungemütlich. Er machte sich an Kathis Seite heran und jammerte kläglich: »Stehen Sie mir bei, Fräulein Kathi. Ihre Schwester ist mir heute zu scharf. Sagen Sie mir doch, wo Sie hinwollen. Sie finden ja doch nicht allein.« Da fiel Kathi die Frau Majorin von Goldacker ein, die sie so dringend eingeladen hatte, und behauptete frischweg, daß sie im Begriff seien, diese Dame zu besuchen, die ganz nah in der Matthäikirchstraße wohne. Herr Emmerich Vogel ließ es sich nicht nehmen, die jungen Damen zu begleiten. Die Viertelstunde Wegs, die sie bis dahin hatten, benützte er geschickt dazu, nicht nur einen Bericht über das Strafgericht vom gestrigen Abend, sondern auch sonst noch allerlei Mitteilungen über ihre Verhältnisse und zukünftigen Aussichten aus den Mädchen herauszulocken. Viel war da freilich nicht mitzuteilen, denn die nackte Tatsache für die armen Waisen war eben die, daß sie, wenn sie nicht im Ehestande ihre Zuflucht fanden, ganz und gar auf die Güte des wohlhabenden Onkels angewiesen blieben. Zwar lebte noch ein Onkel ihres Vaters, ein verabschiedeter Oberstleutnant in München, aber der war nicht der Mann, sich mit jungen Mädchen zu befassen und besaß außerdem selbst nichts. Die entfernteren Verwandten von Vaters- wie von Muttersseiten kannten sie gar nicht. »Hm, hm«, machte der wohlwollende Beschützer nachdenklich, als er so viel herausgebracht hatte. Und dann lächelte er verschmitzt, legte der Kathi seine fleischige Hand auf die Schulter und sagte: »Da kann man euch halt eben nur viel Erfolg zum Erbschleichen wünschen.« »Um Gott's willen! Lassen S' mi aus!« rief Kathi weinerlich. »Daß S' net etwa gar dees dumme Wort noch amal daherbring'n vor der Frau Tante. S' is scho so schlimm g'nug, daß d' Frau Majorin dees gestern g'sagt hat. Dees is nur G'spaß gewes'n, wissen S', von einer Dame, die mit uns im Kupee g'fahren is. Da könn' mir doch nix dazu! Sagen S' dees nur der Tante, wenn s' fragt.« »Schön, schön, wird gemacht!« lachte Emmerich Vogel und klopfte Kathi beruhigend auf den Arm. »Meine Schwester wickle ich um den kleinen Finger: die tut euch nichts, wenn ihr mich auf eurer Seite habt, und der Geheimrat – ach, du lieber Gott! – der tut doch alles, was seine Frau will. Also seid gescheit, Kinder, und stellt euch gut mit der Frau Geheimrätin und vor allen Dingen mit mir; dann werde ich als Schutzengel über euch schweben. Guten Morgen! Wir sehen uns wohl bei Tische wieder. Ich speise heute bei Schwagers.« Damit waren sie vor dem Hause der Majorin angekommen. Die Schwestern traten ein, und sobald sich die Haustür hinter ihnen geschlossen hatte, packte Lizzi die Kathi fest am Arm und raunte ihr zu: »A netter Schutzengel, dees! Dem hätt i doch kein Sterbenswörtl g'sagt. Der wird grad hingeh'n und unsre Sach' führ'n! Wo dir doch der Onkel selber g'sagt hat, daß der z'widere Mensch alleweil die Hände in sei'm Sack hätt. Dees wär schon ganz was Neu's, wenn ein Erbschleicher dem andern helfen tät!« Kathi fuhr ärgerlich auf: »Ja, wenn's d' gar so gscheit bist und alles besser weißt, warum hast nachher du net g'red'?« »Weil i an was anders denkt hab«, erwiderte Lizzi lächelnd. Und dann streichelte sie die Schwester und fügte, liebenswürdig bittend hinzu: »Geh, sei stad, dir kann er ja doch nix antun. Du bist ja alleweil fromm und brav. Sei net bös! – Siegst, da wohnt s' ja schon, die Majorin.« Auf ihr Klingeln erschien ein jugendlicher Diener und erwiderte auf ihre Frage, ob die gnädige Frau zu Hause sei, er glaube, sie sei in der Kirche. Ob er vielleicht die Karten hineinnehmen solle? Sie hatten keine Karten bei sich und nannten ihren Namen, worauf der Diener ohne erst hineinzugehen, ihnen achselzuckend den Bescheid gab, daß die gnädige Frau vor zwölf Uhr nicht empfange. Sie möchten wiederkommen. Die Schwestern wollten sich eben zurückziehen, als eine der in den Vorflur mündenden Türen aufging und die Frau Majorin selbst hinauslief: »Die Stimmen kenn' ich doch? Kommt nur herein, ihr Mädchen, für euch bin ich immer zu Hause.« Sie traten ein und wären in dem finstern Raum fast über einen großen Haufen zusammengerollter Teppiche gestolpert, ehe sie die Tür erreichten, welche Frau von Goldacker geöffnet hielt. Ehe sie sich des versahen, bekamen sie jede einen Kuß versetzt, und dann wurden sie über die Schwelle gezogen. Erstaunt blickten sie um sich. So etwas hatten sie noch nicht gesehen. Sie glaubten sich in dem Lagerraum eines Antiquitätenhändlers zu befinden. Es war ein großes, saalähnliches Gemach, ungeheizt, die Luft dumpf und staubig. Von der Decke hingen zwei große Kirchenkronleuchter von ganz verschiedenem Stil so tief herab, daß ein Menschenkind von Kathis Größe schon nicht ungefährdet darunter durchgehen konnte. Der Erker, der aus der rechten Ecke des Saales vorsprang, wurde flankiert von zwei ohne Sockel auf dem Parkettfußboden stehenden Kirchenengeln, überlebensgroß aus Holz geschnitzt, mit Oelfarbe grell bemalt, aber vielfach geborsten und zerschunden. Diese Engel schienen als Vorhanghalter dienen zu sollen, aber die verschossene Rokokodrafterie, welche in ungeschicktem Faltenentwurf den Erker einrahmte, konnte augenscheinlich ebensogut ohne die hölzernen Vogelscheuchen auskommen, wie diese ohne sie. In dem Erker hingen zwei bunte Ampeln, welche zweifelsohne dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts und außerdem einem Dreimarkbasar entstammten. Verschiedene weitere schadhafte Posaunenengel baumelten ohne ersichtlichen Zweck an Stricken oder messingenen Ketten an verschiedenen Stellen im Erker und im Saale von der Decke herab. Einer derselben, der sich in höchst unanständiger Stellung hintenüberwarf, lag sogar über einer Vase mit verstaubten künstlichen Blumen, als sollte er ein Elfchen vorstellen, das sich auf den Blütenkelchen zur Ruhe gebettet hatte. Ein etwas sonderbares Motiv für einen so massiven Holzbengel. An den Wänden hingen, sich auf der nichtssagenden Tapete nicht eben vorteilhaft ausnehmend, etliche Ahnen derer von Goldacker und dazwischen einige nachtschwarze altitalienische Heiligenbilder, wie man sie in Rom oder Venedig auf dem Trödel zu erstehen pflegt. Altdeutsche Truhen, ein wirklich schöner, großer Schrein mit reicher Schnitzarbeit und eine Anzahl meist nicht sehr vertrauererweckend aussehender Stühle vervollständigten das wunderbare Tohuwabohu der Saloneinrichtung. »Ja, nicht wahr, da staunt ihr!« rief die Majorin mit stolzem Lächeln. »Das habe ich aber auch alles selbst arrangiert. Diese dummen Tapezierer haben gar keinen Geschmack! Na, nu kommt nur hier herein, da ist es gemütlicher!« Sie folgten ihr in ein schmales, einfenstriges Zimmer, in welchem es womöglich noch kunterbunter aussah als in dem Saal. Hier war alles Rokoko und Empire, und alle Möbel so echt, daß noch nicht einmal die Löcher in den Polsterbezügen gestopft und die vielen abgebrochenen Leisten, Schnörkel, ja sogar Füße und Beine an Tischen und Stühlen festgeleimt waren. Nahe dem Fenster stand ein geschweifter Schreibtisch mit hohem Aufsatz, von schöner eingelegter Arbeit in Elfenbein. Er war über und über bedeckt mit Papieren. Auf dem winzigen Raum, der zum Schreiben noch übrig blieb, lag ein angefangener Brief, welcher bewies, daß das Möbel benutzt wurde. Aber trotzdem stand es offenbar auf recht wackeligen Füßen. Ein zusammengeknülltes Papier und eine eingedrückte Streichholzschachtel waren unter das eine Bein geklemmt, um das Ding einigermaßen standhaft zu machen. Ueber diesem Schreibtisch hingen die Bildnisse des verewigten Majors und seiner Gattin in jugendlichen Jahren und über dem von Motten arg mitgenommenen steifen Sofa ein großer Gobelin mit ausgeblichenen Farben, dem ein bißchen Flickarbeit auch sehr notgetan hätte. Eine Kommode und ein kleiner Wandschrank waren mit Uhren, Vasen, Porzellanfiguren und anderen Nippes bedeckt. Die Majorin forderte den Besuch sehr freundlich auf, Platz zu nehmen. Aber das war leichter gesagt als getan, denn die auch hier zahlreichen Stühle erweckten auf den ersten Anblick keine große Meinung von ihrer Solidität. Nach einigem Zögern hatten sich beide Mädchen gleichzeitig für das Sofa entschieden und setzten sich mutig darauf nieder. Aber sie hatten dies ehrwürdige Möbel offenbar überschätzt. Es wehrte sich mit einem entrüsteten Knacks gegen die süße Last. »Ja, Kinder, was denkt ihr denn?« rief die Majorin ernsthaft, als sie die Schwestern erschrocken aufspringen sah. »Zwei von eurer kräftigen Rasse sind zuviel. Eine trägt es gut und gern! Bleiben Sie da sitzen, Kathi, und Sie, Lizzi, setzen sich hierher.« Sie holte einen flachgepolsterten sehr steifen Stuhl mit hoher Lehne herbei und schlug einladend mit der Hand auf den Sitz, so daß ihm eine ansehnliche Staubwolke entquoll. »Hier sitzen Sie ganz sicher, mein Herzchen, falls Sie nicht etwa die Absicht haben, sich damit hintenüberzulehnen und auf den Hinterbeinen zu schaukeln. Das kann er nicht vertragen. Dieser Stuhl hat im Palais der Gräfin Kosel gestanden. Sie wissen doch ...« »Nein, bitte, von der weiß ich nix«, antwortete Lizzi. »Na, schad' nichts. Ich glaube, es war eine ziemlich leichtsinnige Person.« Jetzt erst, nachdem sie ihre erste flüchtige Umschau in den merkwürdigen Räumen beendet hatten, fanden die Schwestern Muße, ihre Aufmerksamkeit der Eigentümerin all dieses kostbaren Plunders zuzuwenden. Gütiger Himmel! War das wirklich dieselbe Frau, die gestern als Josephine Beauharnais aller Augen geblendet hatte? Sie trug einen sehr alten Morgenrock von unbestimmter Farbe und ebenso unbestimmbarem Schnitt, mit einer etwas schmuddeligen Rüsche um den Hals. Auf diesem Morgenrock sowohl wie auf ihrer höchst primitiven Frisur hafteten zahlreiche kleine Federchen. Auch war der Puder, den sie gestern daraufgetan hatte, noch unvollkommen entfernt, so daß auch ihre Hautfarbe schwer zu bestimmen war. Ihr kleines, mageres Gesichtchen erschien rauh und rot, und an der Spitze der scharfen Nase schwebte gar ein Tröpfchen. Kein Wunder übrigens! Denn, obwohl die gute Dame versichert hatte, daß es hier gemütlicher sei, übertraf die Temperatur dieses Zimmerchens jene des Salons wohl nur um wenige Grade. Die Majorin stellte jetzt einen Topf, den sie wohl die ganze Zeit über mit sich herumgetragen haben mußte, auf den Tisch, und die beiden Mädchen sahen mit Erstaunen aus diesem Topf, einem gesprungenen Bunzlauer mit weiter Oeffnung, die melancholische Physiognomie einer gekochten Karpfenschnauze emporragen. Die Majorin bemerkte die Richtung ihrer Blicke und sagte, indem sie mit ihrem Zeigefinger der Karpfenschnauze einen Stups gab, so daß sie auf kurze Zeit unter den Rand des Gefäßes verschwand:«Das ist etwas sehr Gutes: Karpfen in Bier. Das hatten wir gestern zu Mittag. Es ist gerade noch ein Kopfstück übriggeblieben. Das will ich einem von meinen armen Kranken hinbringen, damit er doch auch merkt, daß Sonntag ist. Ich habe nämlich einige Arme, die ich mit Nahrungsmitteln und alten Kleidern unterstütze – natürlich nur gut empfohlene, christliche Leute. Wenn ihr euch an Werken der Barmherzigkeit beteiligen wollt, so will ich Pastor Werkmeister eure Adresse geben. Der weiß immer würdige Objekte nachzuweisen. Ihr werdet ihn gewiß auch gern mögen. Er hat so gute Manieren und gesellige Talente: er spielt das Harmonium und bläst die Flöte wirklich sehr nett. – Na, nu erzählt mir mal was! Euer Vater war ja wohl Schauspieler, nicht? Wißt ihr, Riemschneiders sagen immer nur so obenhin »Künstler« – als ob Schauspieler durchaus was Schlimmes sein müßte. Ach, du liebe Zeit! Ich habe auch schon sehr ehrenhafte Schauspieler kennen gelernt – ich bin sogar mit einer der älteren Damen vom Schauspielhause sehr befreundet. Aber die Riemschneiders stecken ja voller Vorurteile. Habt ihr denn auch von eurem Vater das Talent geerbt? – Ach, das wäre reizend! Ich veranstalte nämlich mehrmals im Winter Kostümfeste mit kleinen Aufführungen und so was ... Ach, da fällt mir ein: jetzt hab' ich ja zwei echte Münchnerinnen erwischt, da will ich doch schleunigst meine großartige Idee zur Ausführung bringen. Denkt euch: eine Kirchweih im Gebirge, bei der die Damen, als ländliche Kellnerinnen gekleidet, die Herren bedienen. Eine famose Idee, wie? Ihr sollt mal sehen, da sagt kein einziger Leutnant ab.« »Jee, dees is wahr! Dees wär nett!« unterbrach endlich Lizzi begeistert den Redefluß der Majorin. Aber Kathi beeilte sich etwas bedächtiger einzuwerfen: »Ja, nett wär's schon, aber i mein, dees wird doch net recht angehn – wegen der Trauer wissen S'.« »Ach ja, richtig«, rief die Majorin lebhaft und gab der Karpfenschnauze, die sich inzwischen vermöge der Elastizität ihrer fleischigen Fortsetzung wieder über den Rand des Topfes gearbeitet hatte, einen abermaligen Stups. »Das hatt' ich ja ganz vergessen. Was machen wir denn da? Ich kann doch meine Feste nicht ohne euch geben; denn so hübsche Mädel, wie ihr seid, laufen mir nicht alle Tage ins Haus. Wißt ihr was, ich lade ja doch nur lauter Leute ein, die ihr nicht kennt und die euch nicht kennen. Es braucht's ja keiner zu erfahren! Eure selige Mutter wird's euch gewiß nicht krumm nehmen, wenn ihr lustig seid, so lang ihr jung seid. Ich kann ja auch der Sicherheit halber mal mit Pastor Werkmeister über den Fall sprechen. Der wird gewiß einen guten Rat haben – er ist die rechte Hand von Stöcker, wißt ihr. Nein, und dann mein Bubi, der wäre ja geradezu untröstlich, wenn er nicht mit euch tanzen könnte! Eure Trauer wird für den betreffenden Tag aufgehoben, und wenn ich bis ans Konsistorium gehen sollte! Oder seid ihr vielleicht katholisch? Dann telegraphiere ich an den Papst. Basta! Als eure Verwandte fühle ich die heilige Pflicht, euch süßen Dinger gehörig herauszustellen. Bei den langweiligen Riemschneiders verstaubt ihr mir ja ganz. Zu nette Tierchen seid ihr!» Und mit diesem Ausruf sprang sie vom Stuhl auf, warf erst Lizzi, dann Kathi ihre mageren Arme heftig um den Nacken und küßte sie beide begeistert auf den Mund, wobei Lizzi sich eines leichten Schauders nicht erwehren konnte, denn sie fühlte, wie das Frosttröpfchen von der Nase der Majorin auf ihre Wange überging. Ohne jedoch abzuwarten, ob die jungen Damen sich für diese feurige Anerkennung ihrer Reize zu bedanken oder sonstwie zu äußern beabsichtigten, nahm sie alsbald mit immer gleicher Zungenfertigkeit eine neues Thema auf. »Ach Gott, ja! Was mir einfällt. Ihr habt ja meinen Bubi noch gar nicht gesehen! Der wird Augen machen! Ihr glaubt gar nicht, was das für ein Strick ist und was er für ein Tendre hat für hübsche junge Mädchen! Gerade wie sein seliger Vater, wißt ihr.« Dann lief sie nach der Tür, die in die rückwärtigen Gemächer führte und rief hinaus: »Rudi – Bubi!!« Da keine Antwort erfolgte, drückte sie auf den Klingelknopf, wohl eine halbe Minute lang und befahl dem ob dieses aufregenden Läutens mit verstörtem Antlitz herbeieilenden Diener, den jungen Herrn sofort zur Stelle zu bringen. »Verzeihen, gnädige Frau, der junge Herr sind auf dem Boden und probieren Kostüme an.« »Schadt nichts! Soll kommen wie er ist!« gab die gnädige Frau energisch Bescheid, um dann zu den Mädchen gewendet, ohne jegliche Atempause weiterzuschwatzen: »Der Rudi ist nämlich ein süßer Bengel. Ihr werdet ja gleich selbst sehen. So entwickelt für seine Jahre! Und daß er so viel Schönheitssinn hat, das ist wirklich eine wahre Gottesgabe! Er soll ganz jung heiraten, damit er gar nicht erst Zeit gewinnt, auf Abwege zu geraten, wißt ihr. Und dann, wenn ich den Rudi erst glücklich unter der Haube habe, dann heirate ich selber wieder – ich sehe gar nicht ein, warum nicht, nicht wahr? Ich bin ja erst siebenunddreißig Jahre alt. Und wenn ich hübsch angezogen bin, kann ich sogar noch jünger aussehen, nicht wahr? Man ist immer so alt, wie man aussieht. Aber das nächstemal möcht' ich lieber einen Maler haben. Der Major war ein guter Mann. Wir haben zwölf Jahre recht glücklich miteinander gelebt; aber er hatte keinen Sinn für meine Sammlungen – aber auch absolut gar keinen, sag ich euch! Das war der einzige Punkt, über den wir uns manchmal zankten. Er sagte immer, er wolle keinen Mühlendamm in seinem Hause haben. Der Mühlendamm ist nämlich, wenn ihr's nicht wißt, hier der Ort, wo alle Trödeljuden beisammen wohnen. Eigentlich beleidigend, nicht wahr? Aber sonst war er doch ein sehr guter Mann.« Sie warf eine Kußhand nach dem Porträt hinauf und fuhr fort: »Diesmal müßt es schon ein Mann von Geschmack sein – schon meiner Kostümfeste wegen. Vermögen braucht er nicht zu haben – das habe ich. Und sogar noch genug, um meinen Rudi standesgemäß zu versorgen. Wenn ich keinen Maler kriegen kann, nehm' ich auch einen Pastor – wenn er Sinn für Antiquitäten hat! Ich habe einen sehr sanften, nachgiebigen Charakter, wißt ihr. Lebenslustig bin ich auch. Und körperlich fehlt mir gar nichts. Ich bin so abgehärtet – was Schnupfen ist, weiß ich gar nicht.« Wie um diese letztere Behauptung zu bekräftigen, fuhr sie sich in diesem Augenblick mit dem Schnupftuch nach der Nase und beseitigte dadurch gerade rechtzeitig eine neue tropfenförmige Feuchtigkeitsansammlung. Jetzt wurde im Nebenzimmer ein schlurfender Schritt hörbar, und die Majorin eilte auf die Tür zu und riß sie weit auf. »Endlich!« rief sie laut. »Da habt ihr meinen Bubi!« Und, ihr mageres Gesichtchen von edlem mütterlichen Stolz verklärt, zog sie ihren Einzigen über die Schwelle herein. Die Erscheinung dieses Jünglings übertraf die kühnsten Erwartungen der Schwestern. Kathi fuhr vom Sofa auf und starrte mit offenem Munde den Märchenprinzen an, während die respektlose Lizzi kaum schnell genug ihr Taschentuch zur Nase führen konnte, um ihr Lachen zu verbergen. Der Bubi erwies sich als ein junger Mensch von etwa siebzehn, achtzehn Jahren. Seine Füße steckten in einem Paar grüner Samtpantoffeln, seine dünnen, langen Beine in ockergelben Trikots, die vom Knie an in Ermangelung jeglicher Waden betrübte Falten warfen. Um seinen schmalen Oberkörper schlotterte ein weites Wams von braunem gepreßten Samt mit geschlitzten Aermeln, welches um die Taille von einem gleichfalls viel zu weiten Ledergürtel lose zusammengehalten wurde, von dem eine lederne Tasche und ein Dolch herabhingen. Auf dem spitzen, schmalen Kopfe trug er ein umfangreiches rotes Barett, von dem eine grüne und eine weiße Straußfeder über die linke Schulter herabwallte. Das blasse Gesicht war dem der Mutter sehr ähnlich und bewies seine Männlichkeit vorläufig nur durch die jenem Alter eigentümlichen Wimmerln und Finnen. »Da, meine jungen Damen, habt ihr einen Edelknaben, der bereit ist, eurer Schönheit zu huldigen«, rief die Majorin. »Ganz reizend steht dir das, mein Rudi. Nur ein bißchen zu weit ist dir's noch. Hier sind die schönen Münchnerinnen, von denen ich dir schon erzählt habe. Geh, mach dein Kompliment.« Der schlottrige Edelknabe legte die Hand aufs Herz, verbeugte sich artig vor den beiden jungen Mädchen und sagte, liebenswürdig grinsend: »Mama hat nicht übertrieben.« Da klatschte die glückliche Mutter in die Hände und rief begeistert: »Na, was habe ich gesagt: ist er nicht nett?!« Jetzt konnten weder Lizzi noch Kathi mehr an sich halten. Sie platzten beide mit lustigem Gelächter heraus. Mutter und Sohn schienen sich aber dadurch eher geschmeichelt als gekränkt zu fühlen, und für die jungen Damen, die jetzt schon ein halbe Stunde gesessen, ohne zu Worte zu kommen, war es wenigstens eine heilsame Lungenmotion. Sie merkten, daß sie bei diesen Leutchen, so verdreht sie auch erscheinen mochten, doch wenigstens reden durften, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, und das brachte sie ihnen in einer Stunde näher, als sie ihrem bedeutenden Onkel und der strengen Tante in acht Tagen gekommen waren. Die gute Majorin zeigte ihnen von ihren Schätzen an alten Schmucksachen, seidenen Brusttüchlein, gestickten Häubchen und dergleichen so viel sie unten im Zimmer zur Hand hatte, und fand kein Ende in der Beschreibung der reichen Kostümschätze, die an acht langen Riegelgalerien auf dem Boden aufgespeichert waren. Der minnige, finnige Jüngling beschäftigte sich inzwischen damit, die hübschen, großen Mädchen abwechselnd verliebt anzuschauen und zur Probe mit allerlei buntem Kram zu schmücken. Für einen Sekundaner, der er war, betrug er sich wirklich sehr frei und gewandt. Im Laufe des lebhaften Hin und Hers der Unterhaltung fragte Kathi die Majorin, wer denn die Dame sei, die ihr das gefährliche Wort »Erbschleicherinnen« eingeblasen habe? »Ach, das war die Eveline Rohr,« versetzte Frau von Goldacker, »die Tochter des verstorbenen Superintendenten. Ein gräßliches Frauenzimmer! Sie doziert hier Kunstgeschichte an verschiedenen Dameninstituten. Die wollte euch bloß was anhängen, weil die Lizzi die ganze Nacht mit den Füßen auf ihr 'rumgetrampelt hätte. Geschieht, ihr ganz recht. Alte, eklige, spinöse Jungfer! Laßt euch darum keine grauen Haare wachsen.« »Ja, aber d'Tante Ida hat schön g'spitzt, wie s' dees gestern g'hört hat«, sagte Kathi, die Stirn' in sorgenvolle Falten legend. »Jetzt traut 's uns erst recht nix Gut's mehr zu.« »Ach Gott, ihr armen Kinder!« rief die Majorin. »Da hab' ich wohl recht was Dummes angerichtet? Uebrigens, da fällt mir was ein: laßt euch vor dem Herrn Vogel warnen. Der ist gewiß auf die Nachricht von eurer Ankunft gleich hergekommen, um zu sehen, was ihr für Menschenkinder seid, und ob ihr ihm nicht etwa gefährlich werden könntet. Denn der spekuliert selbst auf die fette Erbschaft. Das väterliche Geschäft hat er durch seine Dummheit beinahe ruiniert, und seine Versuche, sich durch eine reiche Heirat wieder aufzuhelfen, sind alle fehlgeschlagen. Dreimal hat er sich schon auf eigene Faust verlobt, aber dann hat's seine Schwester immer wieder rückgängig gemacht, weil ihr keine reich und fein genug für den kostbaren Emmerich war. Sie hat auch schon mehrmals Partien für ihn vermitteln wollen, aber da haben immer die Damen gedankt, wenn sie ihn kennen lernten. Wenn der etwa merkt, daß ihr bei dem Onkel einen Stein im Brett habt, dann könnt ihr euch nur in acht nehmen. An eurer Stelle würde ich mich jetzt erst recht aufs Erbschleichen verlegen. Euer Onkel ist sehr zugänglich für Schmeichelei, und ins Herz der Tante führt am Ende auch ein Weg – via Joli nämlich.« »O mei, da is g'fehlt!« kicherte Lizzi. »Dees Dreckerl hat mi schon durchschaut. Da gibt's nix mehr!« In diesem Augenblick hub eine altertümliche Pendüle, auf der unten der Tod mit Sense und Stundenglas und oben ein Genius mit der Fackel in Bronze angebracht war, zum Schlagen aus. »Jesses, schon halb zwölf!« rief Lizzi. »O mei, wie die Zeit vergeht! Da müss'n mer mach'n, daß mer weiterkommen.« Und mit merkwürdiger Unruhe drängte sie zum Aufbruch, tat rasch die Sachen von sich, mit denen Rudi sie geschmückt hatte, zog hastig ihren Mantel an und trieb auch die ganz verwundert dreinschauende Kathi unter lebhaften Augenzwinkern zur Eile an. – »Je, was hast denn nur, Lizzi?« fragte Kathi, als sie fünf Minuten später wieder auf der Straße standen. »Wir haben doch nix zu versäumen?« »Weißt, die Luft war so schlecht da drin«, erwiderte Lizzi seltsam verlegen, ohne die Schwester anzusehen. »Komm, geh'n mer noch a bissel spaziern im Tiergarten. Mir sin schon lang nimmer richtig g'laufen.« Und damit schob sie ihren Arm unter den der Schwester und zog sie, weit ausschreitend, mit sich fort. Als sie in der Tiergartenstraße angekommen waren, machte Lizzi unschlüssig Halt, und dann fragte sie ein vorübergehendes Dienstmädchen um den Weg nach dem großen Stern. Dann beschleunigte sie, die bezeichnete Richtung einschlagend, das Tempo noch mehr. Kathi vermochte kaum mit ihr Schritt zu halten. Nach wenigen Minuten schon blieb sie ganz außer Atem stehen und keuchte: »I glaub', du bist narrisch, Mädel. Was is denn dees für a Vergnügen, bei dem Wetter umanander z'rennen wie b'sessen!?« Lizzi blieb stehen und drückte ihre Hand aufs Herz. »U je, i bin so aufg'regt!« sagte sie leise. »Ich bitt' dich, Katherl, schau amal auf dei' Uhr.« »Ja, was hast denn? Fünf Minuten auf zwölfe is.« »Fünf Minuten auf zwölfe?!« rief Lizzi und griff sich mit beiden Händen an den Kopf. Es war jetzt ganz einsam um sie her. Der Schnee wirbelte in immer dichteren Flocken herunter, und so oft ein Windstoß durch das entlaubte Gezweig fuhr, schüttelte er nasse, kalte Schauer auf den durchweichten Weg herab. Die Sonne war nur noch als blasser, fahlgelber Fleck hinter dem dichten Nebelschleier zu erkennen. Lizzi setzte sich langsam wieder in Bewegung und schritt voraus, ohne sich nach Kathi umzusehen. Aber schon nach wenigen Sekunden blieb sie stehen, lauschte mit der Hand am Ohr hinaus und sagte, als Kathi sie einholte: »Du, i mein', i hätt's zwölfe schlagen hör'n.« Sie war ganz blaß geworden, und ihre Brust wogte heftig auf und nieder. Da packte Kathi die Schwester bei beiden Armen und schüttelte sie. »Geh, du dummes Ding, du. Glei sagst, was d' hast.« Und Lizzi fiel ihr um den Hals, schmiegte sich an sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Naa, i trau mi net. I möcht' heim. I hab' nasse Füß!« Und auf dem ganzen Heimweg bekam Kathi kein Wort mehr aus ihr heraus. Sechstes Kapitel. [In welchem der Geheimrat einen höchst lobenswerten Entschluß faßt, und die Lizzi sich bewogen fühlt, rote Strümpfe anzuziehen.] Als die beiden großen jungen Damen eine halbe Stunde später bei Geheimrats die Klingel zogen, war ihnen doch ein wenig so zumute wie ein paar ungezogenen Schulmädeln, die mit einem bösen Gewissen heimkommen. Die Minna öffnete ihnen die Tür und setzte eine äußerst wichtige und geheimnisvolle Miene auf. Ohne dazu aufgefordert zu werden, folgte sie doch den beiden Schwestern bis in ihr Schlafzimmer nach und sagte, die Augen weit aufreißend: »Sie, Freilein, da muß wat passiert sind. Un von Sie war ooch die Rede. Det hab' ick deitlich jeheert.« Die Schwestern sahen einander an und zuckten die Schultern. Sie waren viel zu gut erzogen und vornehm denkend, um gern auf Dienstbotenklatsch zu hören; aber in diesem Falle war doch die Neugier zu stark, und Lizzi konnte sich nicht enthalten, wenn auch möglichst gleichgültigen Tones zu fragen: »So, so, Sie horchen also an die Türen?« »I Jott bewahre!« lachte Minna verächtlich auf. »Direkt jehorcht hab' ich ja nich 'nmal. Wissen Se, es war heite allens 'n bisken späte jeworden, vonwejen, weil ick mir verschlafen hatte, und da kam ick erst um elfen dazu, in Salon reene zu machen. Un die saßen derweile drinne in Herrn Geheimrat seine Stube un hörten mir ja nich.« »Wer denn?« warf Lizzi ein. »Na, der Olle un die Jnädige mitsamst ihren scheuen Bruder. Ick habe doch Watte in die Ohren vonwejen mein Zahnreißen, aber det hätte 'n Tauber heern missen, so 'n Radau, wie die jemacht haben! Die beeden, der Herr Vogel un unse Jnädige, die konnten ja nich 'mal abwarten, bis eener fertig war. Da red'te immer eener mang den andern mang wie in de Judenschule, daß der Herr Jeheimrat jar nich jejen ankonnte. Aber am Ende wurd' er doch unjemietlich. Da hab' ick wat jehört von wejen seine leiblichen Nichten, un daß die ihm doch näherständen als schutzlose Waisen, wie seiner Frau ihre Verwandte, die de alt jenuch wären, um daß se alleene für sich sorgen könnten. Un denn hat die Frau Jeheimrätin anjefangen zu weenen – na wissen Se, wenn so eene erst zu weenen anfängt, da kennen Se sich denken! Der Herr Jeheimrat, der hatte sich uff't Soffa jeschmissen, dat et man so bumste. Un was der Herr Vogel is, der zog nu ooch sanfte Saiten uff. Verstehn könnt' ick ja nischt mehr – die blieben in ei'm Jesumse und Jestehne. Na, un denn hab ick mir rasch dinne machen missen, wie ick se uff die Tire zukommen heerte. Die Jnädige is mit 'n Herrn Vogel un mit 'n Joli fort. Un der Herr Jeheimrat liegt immer noch uf sein Soffa, jloob ick.« Da die Schwestern sich auf diese interessanten Mitteilungen nicht weiter äußerten, so zog die Minna bald ab, unzufrieden vor sich hinbrummend. Sobald sie aber hinaus war, sagte die Kathi in drollig-traurigem Tone: »Ach, mir armen Hascherln! Jetzt dürf'n mir uns aber gratulier'n.« »Was meinst denn, was g'wes'n is?« fragte Lizzi. »Na, der Onkel hat halt aufbegehrt geg'n sei Frau, wie s' ihm wieder a Geld abdruck'n woll'n hat für ihr'n Bruder. No, mir wern's schon an die Folgen g'spürn, ob er was von uns g'sagt hat.« Lizzi nickte nachdenklich. Und dann fuhr sie plötzlich heraus: »Geh m'r nei, frag'n m'r doch 'n Onkel selber. Wer weiß, wann m'rs wieder so gut treff'n, daß m'r alleinig mit ihm z'Haus sin.« Und mit sanfter Gewalt zog sie die zaghaft widerstrebende Schwester mit sich fort. Aber weiter als bis in den Salon brachte Lizzi sie nicht. Uebrigens wurde die nun auch selbst bedenklich. Sie hatte ihren ganzen Schneid für heute schon verbraucht, und zumal, da sie vor ihrem ersten Stelldichein so schmählich Reißaus genommen, fühlte sie sich nicht mehr auf der Höhe ihrer Tatkraft. Sie schlich auf den Zehen über den dicken Teppich nach der Tür des Studierzimmers und horchte. Und wie da drinnen kein Laut zu vernehmen war, kehrte sie zur Schwester zurück und sagte: »Weißt was, mir wissen von nix und tun, als ob gar nix vorg'fall'n wär'.« Sie tuschelten noch eine Weile leise miteinander, und dann öffneten sie das Klavier und begannen mit halber Stimme zu singen. Nach was Lustigem war's ihnen nicht zumut. Lizzi hub an: »I hab' a kloans Hügerl so hübsch in der Näh', Und auf dem kloan Hügerl steht a Kreuzerl in d' Höh. Und unta dem Hügerl, da liegt ebbas hint, Was i auf der ganzen Welt ja nirgends mehr find' – Was i auf der ganzen Welt ja nirgends mehr find'.« Bei der Wiederholung des letzten Verses versagte ihr plötzlich die Stimme. Sie drückte ihre rechte Hand auf die Augen und sank leise aufschluchzend in den nächsten Sessel. Kathi verstand sie. Sie erhob sich rasch, kniete neben ihr nieder und legte den Kopf an ihre Brust. Die Erinnerung an ihre tote Mutter war zu stark und plötzlich über sie gekommen. Sie hielten einander weinend umschlungen und vergaßen alles rings um sich her. Da tat sich leise die Tür auf, und die hohe, vornübergeneigte Gestalt des Geheimrats erschien auf der Schwelle. Langsam schritt er auf die Nichten zu und legte ihnen seine Hände auf die Köpfe, ohne zu sprechen. Die Mädchen blickten auf und trockneten rasch ihre Tränen. Dann erhoben sie sich und reichten dem Onkel stumm die Hand. Sie hatten ihm ja heute noch gar nicht »Guten Morgen« gewünscht. Der Geheimrat lächelte matt. »Nun, nun, meine lieben Kinder, was habt ihr denn? Ich wollte mich eben an eurem Gesang erfreuen. Aber mir scheint, ihr seid nicht recht in der Stimmung. Wollt ihr mir nicht sagen, was euch so traurig macht?« Kathi blickte mit immer noch zuckenden Lippen zu ihm auf. Sie sah in ein bleiches, verhärmtes Gesicht. Viel tiefer und schlaffer als sonst erschienen heute die langen Falten, und ein paar Strähnen des dünnen grauen Haares, das immer so sorgfältig gekämmt und gescheitelt war, hingen gar wild in die hohe Stirn hinein. Sie trat erschrocken einen Schritt zurück und rief: »Aber naa, wie schaust denn du aus, Onkel? Bist um Ende krank?« Der Geheimrat strich sich über die Stirn: »So, sehe ich schlecht aus? Hmnja, das ist wohl möglich. Ich habe die Nacht schlecht geschlafen. Mein Magen, wißt ihr, der macht mir immer zu tun nach solchen späten Tafelrunden, hehe, – und dann habe ich auch ...« Er unterbrach sich, sah sich scheu um und blickte auch durch die noch offenstehende Tür in sein Zimmer hinein. Dann wandte er sich von der Schwelle aus wieder an die Mädchen: »Meine Frau ist noch nicht wieder zurück, nicht wahr?« Und als sie verneinten, winkte er ihnen, ihm in sein Zimmer zu folgen. »Wollt ihr mir nicht ein wenig Gesellschaft leisten? Mir scheint, hier im Salon ist noch gar nicht geheizt, oder irre ich mich? Meine Frau kommt mit so wenig Wärme aus; ich brauche immer sechzehn Grad, wenn ich mich behaglich fühlen will.« Er ließ die Schwestern an sich vorbei und drückte die Tür hinter ihnen ins Schloß. Dann klappte er die langen Schöße seines schwarzen Rockes auseinander und lehnte sich fröstelnd an den warmen Ofen. Er forderte die Nichten auf, sich auf seinen Diwan zu setzen, und dann begann er nach mehrfachem Räuspern: »Ich höre, ihr habt heute meiner Cousine, der Frau von Goldacker, euren Besuch gemacht. Mein Schwager hat es erzählt – nein, nein – ich habe durchaus nichts dagegen einzuwenden, daß ihr bei ihr verkehrt. Sie hat ja ihre Eigenheiten, das ist wahr. Man lacht viel über sie in der Gesellschaft – aber sie ist im Grunde ihres Herzens eine gute Frau. Sie sieht so gern junge Leute um sich, und wenn es euch Freude macht, an ihren Festlichkeiten teilzunehmen, so will ich euch durchaus nicht daran hindern. Mein Gott, ich weiß ja, daß für junge, lebenslustige Mädchen in meinem Hause nicht viel ...« Er stockte, seufzte tief auf und begann seine Fingernägel zu besehen. Da die Mädchen nichts zu sagen wußten, entstand eine ziemlich lange Pause. Dem Geheimrat lag offenbar etwas ganz anderes am Herzen. Er wußte nur nicht recht, wie er es herausbringen sollte. Er blickte bald die Lizzi, bald die Kathi scheu über die Brille hinweg an und trommelte mit seinen Fingernägeln rückwärts gegen den weißen Kachelofen. Da schlug die große Regulatoruhr mit tiefem, volltönendem Summen eins. Der Geheimrat fuhr wie erschreckt zusammen und machte einige große Schritte ins Zimmer hinein. Dann reckte er sich auf und zupfte mit einigen kurzen Rucken seinen Rock zurecht. Er schien endlich einen Entschluß gefaßt zu haben, setzte sich zwischen die beiden Mädchen auf den Diwan, ergriff Kathis Hand und begann endlich stockend: »Ich habe euch etwas zu sagen, meine lieben Kinder, und da wollte ich die Gelegenheit ergreifen, da wir gerade einmal allein sind ... Ich habe ja sonst natürlich keine Geheimnisse vor meiner Frau; aber in diesem besonderen Falle ... das heißt, ich muß mich darauf verlassen können, daß ihr niemand ein Wort davon sagt. Auch nicht etwa an eure Freundinnen in München etwas davon schreibt. Wollt ihr mir versprechen ...?« »Aber gewiß, Onkel, mir werd'n ganz g'wiß nix sag'n«, beeiferten sich die beiden Mädchen eine um die andere zu versichern und zu beteuern, denn sie waren natürlich außerordentlich begierig, des Oheims Geheimnis zu erfahren. Er drückte mit der leicht zitternden Rechten ihre Hände, sah sie beide noch einmal ernsthaft prüfend an, und dann holte er aus seiner Brusttasche einen Brief hervor und sagte: »Seht, hier habe ich einen Brief geschrieben, jetzt eben – an den Justizrat Kugler, worin ich ihm mitteile, daß ich ihn morgen vormittag besuchen würde, um – nämlich, um mein Testament zu machen.« Er räusperte sich und reckte mit einem wunderlichen Lächeln sein Haupt aus dem Kragen heraus und sah dabei die Nichten so gewissermaßen herausfordernd von der Seite an, so daß sie sich bewogen fühlten, ihrem Erstaunen in kurzen, zaghaft abgebrochenen Sätzchen Ausdruck zu geben. Der Professor strich der Kathi über den Scheitel und klopfte der Lizzi beruhigend auf die Hand, indem er sich bemühte, unbefangen dreinzuschauen. »Na, lieben Kinder, es ist nicht etwa, weil ich an das Sterben dächte ..., das heißt, in meinem Alter muß man ja überhaupt das Ende immer vor Augen haben, und meine Gesundheit läßt ja manches zu wünschen übrig – trotzdem hoffe ich zu Gott, daß wir uns noch einige Jahre des Lebens miteinander erfreuen dürfen. Was diesen plötzlichen Entschluß in mir gereift hat ... es war ja vielleicht nur ein übermütiges Scherzwort der Frau von Goldacker – sie ist manchmal etwas – wie soll ich sagen – unbesonnen in ihren Ausdrücken – also wie gesagt, meine liebe Frau kann sich gar nicht darüber beruhigen, daß die Majorin euch Erbschleicherinnen genannt hat. Es war ja entschieden unpassend, in großer Gesellschaft dergleichen zu äußern, aber es liegt mir selbstverständlich fern, euch deswegen irgendwelche unlautere Absichten zuzutrauen. Ich habe im Gegenteil daraus Anlaß genommen, über eure Lage und meine Pflicht euch gegenüber nachzudenken. Da bin ich denn zu dem Entschluß gekommen, ein neues Testament zu errichten, das euch für alle Fälle sicherstellt.« Die Mädchen machten eine Bewegung, als ob sie ihm dankbar die Hände küssen wollten, doch er wehrte sie leutselig lächelnd ab und beeilte sich fortzufahren: »Es existiert nämlich ein letzter Wille aus dem Jahre dreiundachtzig. Ich hatte damals bereits die Hoffnung aufgegeben, daß der Himmel meine Ehe mit Kindern segnen würde, und mich deshalb veranlaßt gesehen, die Brüder meiner Frau in erster Linie zu bedenken. Mein Schwiegervater war ein reicher Mann, wie ihr vielleicht gehört habt. Ihm verdanke ich also zunächst die sichere Basis meiner materiellen Verhältnisse. Nach seinem Tode übernahm dann sein ältester Sohn Emmerich das Geschäft, während der jüngere, Adalbert, sich zum Künstler berufen fühlte.« »Von dem hab'n m'r ja noch nie was g'hört!« platzte Lizzi heraus. »So, in der Tat?« rief der Professor mit einem etwas verlegenen Gesichtsausdruck. »Hmnja, das ist nämlich ... meine liebe Frau spricht allerdings zu Fremden nicht gerade häufig von diesem Bruder. Er hält sich in Düsseldorf als Maler auf, aber ich muß gestehen, ich habe selbst noch nie ein Bild von ihm gesehen. Er hat zu seiner Ausbildung zwar die halbe Welt bereist, aber es scheint ihm an der rechten Energie zu fehlen, um seinen Ideen Ausdruck zu geben. Seine Familie hat ihn ja immer für ein bedeutendes Talent gehalten – ich kann, wie gesagt, nicht darüber urteilen. Jedenfalls hat er das väterliche Vermögen durch seine künstlerische Tätigkeit keineswegs vermehrt. Und außerdem durch eine unkluge Heirat ... er hat zwei Kinder, von denen das eine das Unglück hat blödsinnig und das andere verwachsen zu sein. Das ist ja nun sehr traurig, und ich habe ihnen ja auch meine Hilfe nicht vorenthalten. Dem älteren Bruder, den ihr ja kennt, ist es auch nicht geglückt, durch seine geschäftlichen Unternehmungen das Ansehen der alten Firma zu heben oder auch nur auf der Höhe zu erhalten, während es mir durch Gottes Güte und die Gunst der Verhältnisse gelungen ist, das Meinige zu vermehren. Ich habe mich daher auch der Pflicht nicht entzogen, meine Schwäger nach Kräften zu unterstützen, obschon sie ihre Lage wohl zum größten Teile selbst verschuldet haben. In diesem Sinne habe ich denn auch mein erstes Testament errichtet. Aber schließlich – sunt certi denique fines , wie der Lateiner sagt – es hat alles seine gewissen Grenzen.« Er lachte nervös auf und strich sich mit den schmalen zitternden Fingern mehrmals über die Stirn, welche ein feinperliger Schweiß bedeckte. Die Schwestern saßen da und wußten nichts zu sagen, sondern blickten nur mit großen Augen erwartungsvoll zu ihm auf. Er zog ihre Arme unter die seinen und fuhr fort: »Seit ich die Freude habe, euch bei mir zu sehen, ist es mir klargeworden, daß ihr mir als Kinder meiner Schwester und gänzlich mittellos dastehende Waisen denn doch nähersteht als die Angehörigen meiner Frau, die sich gegen mich ...« Er brach ab und verstummte für eine ganze Weile. Dann ließ er die Arme der Nichten los, erhob sich mit einem Seufzer von seinem Sitz und stellte sich wieder an den warmen Ofen. Endlich nahm er den Faden seiner Rede wieder auf. Aber das Sprechen schien ihm schwerer zu werden, und seine Finger machten sich nervös zu tun, während' er also fortfuhr: »Ich will nicht, daß das Odium auf euch sitzen bleiben soll, das dem Worte Erbschleicherinnen anhaftet; darum habe ich mich entschlossen, freiwillig und beizeiten dieses Testament zu euren Gunsten zu errichten. Erwartet keine große Erbschaft, denn mein Vermögen ist durch die Inanspruchnahme der Familie Vogel schon beträchtlich zusammengeschrumpft. Und außerdem versteht es sich, daß ich vor allen Dingen eurer Tante ein sorgenfreies Alter sichern muß. Sie ist mir immer eine treue, aufopfernde, ich darf wohl sagen, musterhafte Gattin gewesen. Wenn sie für ihre Brüder so lebhaft eintritt, auch wenn sie es vielleicht nicht verdienen, so ist das ja nur erklärlich und sogar rühmlich. Ich möchte auch euch, meine lieben Mädchen, bitten, nicht vorschnell sie etwa der Härte oder der Ungerechtigkeit zu zeihen, wenn sie, wie beispielsweise gestern abend ... sie kann allerdings manchmal etwas heftig werden, aber ...« In diesem Augenblick schlug der Regulator die halbe Stunde an. Der Geheimrat hielt erschrocken inne, blickte auf die Uhr und sagte hastig: »Mein Himmel, schon halb zwei. Meine Frau kann jeden Augenblick zurückkommen, und ich möchte doch nicht, daß sie ... Ach, liebe Elisabeth, du bist ja die Flinkste. Dir will ich diesen Brief anvertrauen. Stecke ihn schnell in den nächsten Kasten. Aber gib ja acht, daß meine Frau dich nicht dabei trifft. Ich möchte nicht ... hmnja, spute dich, mein Kind!« Damit übergab er Lizzi den Brief und drängte sie hastig nach der Tür. Sobald sie hinaus war, sank er matt und an Gliedern wie im Fieber zitternd auf den Diwan nieder und stöhnte: »Ich weiß nicht – mir ist so – ich fühle mich heute gar nicht recht ... Ach, diese Aufregungen! – Bleib du bei mir, mein Kind. Laß du mich nicht allein mit dem Schwager Emmerich und – mit ihr!« Und der große breitschultrige Mann neigte sich matt gegen das Mädchen und ließ den Kopf auf seinen Busen sinken. Und Kathi drückte ihn an sich, streichelte ihm über die grauen Locken und redete ihm tröstend zu, wie eine Mutter dem erwachsenen Kinde. Unterdes war Lizzi schon die Treppe hinuntergesprungen. Sie hatte sich gar nicht die Zeit genommen, einen Hut aufzusetzen oder gar einen Mantel anzuziehen, sondern einfach ein altes Umschlagetuch der Tante, das zufällig im Vorflur auf einem Stuhle lag, ergriffen und eiligst um Kopf und Schulter geworfen. Niemand begegnete ihr auf der Treppe, und auch auf der Straße, die sie vorsichtig hinauf und hinab spähte, konnte sie die Tante nicht gewahr werden. Unangenehm war's nur, daß dieser langweilige Portier immer und ewig an seinem Guckfenster saß und jeden, der aus und ein ging, kontrollierte. Er hatte ihrem sonderbaren Aufzug recht verwundert nachgeschaut. »A rechter z'widerer Mensch«, brummelte Lizzi halblaut vor sich hin, während sie durch den wirbelnden Schnee dem Briefkasten an der Ecke der Genthiner Straße zuschritt. »Gar net amal a bissel durchbrenna kann m'r da, wenn m'r möcht'.« Sie hatte vorhin beim Nachhausekommen die Stiefeln aus- und dünne Halbschuhe angezogen. Mit denen lief sie nun leichtsinnig durch den nassen Matsch auf dem Trottoir. Sie ward es jetzt erst gewahr, wie übel beschuht sie war. Und sie raffte den Saum ihres Kleides hoch und stelzte auf den Zehen vorwärts. So, da war der Briefkasten. Aber da war auch – Lizzi fuhr der Schreck ordentlich in die Knie, und beinahe wäre sie, ohne ihren Brief abzuwerfen, umgedreht und im Laufschritt heimgerannt. Es war aber schon zu spät. Mit großen Schritten kam er von der andern Seite der Genthiner Straße über den Fahrdamm herübergesetzt, daß der Schmutz nur so aufspritzte – er, der edle Gregor Krajesovich von Nemes-Pann. Da stand er schon vor ihr, und sie streckte die Linke, in der sie den Brief noch hielt, furchtsam abwehrend gegen ihn aus, und die fünf Finger ihrer Rechten krampften sich, einen Halt suchend, in die Röcke ein. Ihr frisches Gesicht glühte lieblich verschämt unter der Umrahmung des alten Umschlagtuchs hervor, auf dem der Schnee noch haftete wie ein leichter, weißer Schleier. Drollig-ängstlich hatte sie die Augen zu ihm aufgeschlagen, und große Tautropfen zitterten an den Spitzen der langen Wimpern. »Aber mein liebes Fräulein,« keuchte der schöne Serbe, »warum sind S' nicht gekommen? Ich habe halbete Stund in Schnee und Schmutz am Großen Stern gewartet. Und jetzt spazier' ich schon wieder halbete Stund beiläufig hier vor Ihrem Haus herum. G'wiß war Ihnen das Wetter zu schlecht? O, Sie wollten mir Brief schicken, nicht wahr? Geben S' her!« Und er griff hastig nach dem Brief, den sie noch immer in der abwehrend vorgestreckten Linken hielt. »Nein, nein, nein!« rief Lizzi ängstlich und beeilte sich, den Brief rasch in den Kasten zu stecken. »Wie soll ich denn an Sie schreiben, ich weiß ja Ihre Adreß gar net.« »O, Sie wollten nicht kommen und nicht schreiben?« sagte der junge Mann traurig. »Sie hatten mir doch versprochen ...« »Ich war auch dort'n«, flüsterte Lizzi, die Augen niederschlagend. »Das heißt, daß i net lüg: beinah'; aber wie i 'n Großen Stern von weit'n g'sehn hab', hab' i mi doch net traut. 's wär halt doch net recht g'wes'n.« »Net recht? Aber liebes, gnädiges Fräulein, warum denn, i bitt'? Glauben etwa von mir ... O, aber was seh' ich? Kleine Fußerln werden ganz nasse. Hier dürfen S' Ihnen nicht stehenbleiben – kann ich als Arzt nicht erlauben.« Und damit legte er den rechten Arm leicht um ihre Hüfte und drängte sie sanft in die Toreinfahrt eines der nächsten Häuser. Das Tor war geschlossen, lag aber doch wenigstens so weit zurück, daß ein kleiner vor Schnee und Nässe geschützter Raum davor übrigblieb. Dort ließ er sie los und versuchte ihr in die Augen zu schauen, die sie aber hartnäckig niedergeschlagen behielt. »Ich hab' so Angst!« sagte Lizzi und wollte wieder davon. Aber er ergriff sie bei der Hand und hielt sie fest. »Mein liebes Fräulein, haben doch Einsehen, i bitt'! Wenn ich zu Herrn Professor komme, kann ich nur elende, steife Visiten machen, Sie am Ende gar nicht sehn. Hat also gar keinen Zweck für uns beide, nicht wahr? Und wir wollen uns doch bissel kennen lernen? Was meine Wenigkeit betrifft, so gibt gar keine Hoffnung mehr auf Besserung, denn auf Ehre: war ich nie so unsinnig verliebt in ganzem Leben!« »Is wahr?« fragte Lizzi und blickte mit ungläubig-scheuem Lächeln groß zu ihm auf. »A gehn S', dees is g'wiß bloß so daherg'redt.« »Fräulein Lizzi, schauen S' mich an. Wenn ich doch schwöre: ich liebe Sie und will alles daransetzen, daß Sie die Meinige werden!« Er stand so dicht vor ihr, daß sie seinen warmen Atem auf ihrem Gesichte verspürte. »O mei, wenn jetzt die Tante käm'!« murmelte Lizzi, angstvoll auf die Straße hinausspähend und das Kopftuch fest mit der Hand zusammenraffend. Da legte er plötzlich seine Hände auf ihre Oberarme und flüsterte leidenschaftlich bewegt: »Lizzi, sag'n S' doch, i bitt': können S' mir nicht ein klein winziges bisserl gut sein?« Und halb geistesabwesend gab sie zur Antwort: »Ja, warum denn net?« Er drückte ihr die Arme fest an den Körper und wollte sie näher an sich ziehen, indem er sich gleichzeitig zu ihr herniederbeugte. Da drehte sie ihren vermummten Kopf rasch von ihm weg und suchte das Gesicht an ihrer linken Schulter zu verstecken, indem sie kindisch bittend flüsterte: »Naa, bitt' schön, net küssen! Ich kenn Sie ja noch gar net! Lassen S' mi gehn.« »Das sag' ich ja!« rief der Edle von Nemes-Pann in gelinder Verzweiflung. »Wir müssen einander doch treffen, wenn wir uns wollen kennen lernen! Sind Sie denn jetzt nicht so heruntergelaufen, weil mich vom Fenster auf der Promenaden g'sehn haben?« »O nein, so was dürfen S' von mir fei net glaub'n«, rief Lizzi schier entrüstet und machte sich von ihm los. »Ich bin bloß so g'schwind herunter wegen den Brief vom Onkel, weil die Tante doch net wissen soll, daß er a neus Testament machen will, wissen S'! O jegerl, jetzt hätt' i bald was g'sagt!« Und sie schlug sich erschrocken auf den Mund und sah bittend zu ihn auf. »Gehn S', Sie, Herr von Krajesovich, net wahr, bitt' schön, Sie sag'n g'wiß nix!« Er mußte lachen über das drollig-ängstliche Gesicht, die in Falten gezogene Stirn und die großen flehenden Augen. Vergebens suchte er eine ernsthafte Miene aufzusetzen und einen drohenden Ton anzuschlagen. »Aber mein gnädiges Fräulein,« sagte er, »natürlich sag' ich das Frau Geheimrätin wieder, was Sie für falsches Katzel sind!« »O nein, bitt' schön, o nein!« »Ja, schauen, jetzt können Sie bitten! Wenn mir versprechen, daß wir uns recht bald wiedersehen und daß mir ein bisserl gut sein wolln, dann will ich mich noch bedenken, ob ich vielleicht mit dem Ausplauschen noch warten soll.« »Ein schlechter Mensch sind S'!« schmollte Lizzi. »Wie soll'n denn wir uns treff'n können?« Aber fast im selben Augenblick hellte sich ihr Gesicht auf, sie legte den Finger auf den Mund und fuhr eifrig fort: »Wissen S' was mir einfallt? Die Frau von Goldacker, die S' gestern auf der G'sellschaft bei uns g'seh'n hab'n, die hat mi recht gern. Da trau' i mi schon eher a Wörtl fall'n z'lassen, wissen S', daß s' uns z'sammen einlad't. Sie brauch'n nur an B'such z'machen, ich wer' ihr schon sag'n, wegen wem daß S' kommen.« Und im Vorgenusse ihrer gelungenen List kicherte sie lustig in sich hinein. Der junge Serbe stand vor ihr und verschlang sie mit glühenden Blicken. Es war recht gut, daß das Wetter so abscheulich war. Da gingen erstens einmal überhaupt nicht so viel Menschen vorüber, zweitens nahmen sie sich nicht Zeit, stehenzubleiben; aber ein paar anzügliche Bemerkungen über das sonderbare Liebespaar waren doch schon gefallen, nur daß weder Lizzi, noch ihr Anbeter etwas davon gehört hatten. Er atmete schwer zwischen geschlossenen Zähnen und breitete seine Arme aus, wie um sie an seine Brust zu drücken. Aber er bezwang sich. Er stopfte die geballten Hände mit einem Ruck in die Taschen seines Ueberziehers hinein und knirschte fast wütend mit funkelnden Augen etwas Serbisch vor sich hin, was ebensogut heißen mochte: »Jetzt bring' ich dich um, du nichtsnutziges Ungeheuer«, als auch »Jetzt fress' ich dich auf vor Liebe, du süßes Mädel!« Und Lizzi verstand ihn ganz richtig, denn sie erwiderte höchst treffend: »Jetzt lassen S' mi aus, i muß heim.« Er nötigte ihr noch seine Visitenkarte mit der Adresse für dringende Fälle auf, drückte ihr noch einmal fest die Hand, und dann ließ er sie laufen. – Gehen war das auch nicht mehr zu nennen. Die Rocksäume und die Strümpfe bis hoch hinauf mit Schmutz bespritzt, ganz rot im Gesicht und außer Atem, zog sie zwei Minuten später die Glocke bei Geheimrats. Tante Ida in eigener Person öffnete ihr. »Wo kommst du denn her?« rief ihr die hohe Dame mit strengem Ton entgegen. »Putz dir die Füße ab – wie siehst du denn aus! Und meinen Schal hast du umgenommen – was fällt dir denn ein? Ist das eine Manier, so auf die Straße zu laufen? Glaubst du vielleicht, daß sich das für eine Geheimratstochter schickt? Wenn ihr bei mir im Hause wie Töchter gehalten sein wollt, so bitte ich mir auch aus, daß ihr euch wie anständige junge Damen benehmt.« Mit zornigem Eifer hatte Lizzi ihre feinen Schuhe auf der Bürste vor der Tür abgeschrubbt, während die Geheimrätin auf der Schwelle stand. Jetzt schritt sie mit fest aufeinandergepreßten Lippen und zuckenden Nasenflügeln an ihr vorüber in den Vorflur, riß das nasse Tuch ab, warf es auf den Stuhl und wollte durch die Tür nach dem Berliner Zimmer abgehen, als die Tante sie mit ein paar raschen Schritten einholte und hart beim Arme ergriff. »O bitte sehr, erst möchte ich doch Antwort haben«, herrschte sie sie an. »Deine Schwester sagt, du hättest einen Brief in den Kasten stecken wollen. Was ist das für ein Brief, den das Dienstmädchen nicht einstecken darf?« »Dees is mei Sach!« versetzte Lizzi trotzig. »Oho, mein Fräulein, so fangen Sie an!? Geheime Korrespondenzen hinter meinem Rücken dulde ich nicht, verstanden?« Durch die laute Stimme herbeigelockt, erschien der Geheimrat selbst auf der Schwelle seines Studierzimmers und fragte ängstlich, was es denn gebe? Hinter ihm wurde die plumpe Gestalt Emmerich Vogels sichtbar, der mit vorgestrecktem Halse hinauslauschte. »Dein Fräulein Nichte schreibt heimlich Briefe, nachdem sie kaum acht Tage in unserm Hause ist!« versetzte Frau Ida in heller Entrüstung. »Aber meine Liebe,« begütigte der Professor, »rege dich doch nicht so auf, ich bitte dich. Es war ja ein Brief von mir. Die gute Elisabeth war so freundlich ...« Die Geheimrätin sah ihren Gatten scharf an, daß er plötzlich stockte. Dann rümpfte sie kaum merklich die Nase und schob Lizzi vor sich her in das Berliner Zimmer und drückte die Tür hinter sich ins Schloß. »Was war denn das für ein wichtiger Brief?« höhnte sie scheinbar gleichgültig. Lizzi zuckte die Achseln. »Ich weiß net.« »Hm!« machte die Tante. »Es ist doch mindestens auffallend, daß ihr in meiner Abwesenheit einen solchen Diensteifer für euren Onkel an den Tag legt! Die Minna ist ja da. Ich sehe nicht ein, warum du bei solchem Wetter ohne Hut und Mantel hinaus mußtest und dir Schuhe und Strümpfe und alles beschmutzen. Aber jetzt wird mir manches klar! Und die Kathi sitzt drin beim Onkel auf dem Sofa und heult ihm etwas vor, haha! Geh jetzt und zieh dich um, damit du wenigstens anständig zu Tisch erscheinen kannst.« Damit rauschte sie zur andern Seite hinaus. Lizzi gab sich keine besondere Mühe, die Türen auffallend leise zu schließen, als sie in ihr Schlafzimmer ging. Sie hatte eben ihre nassen Strümpfe und Schuhe wütend in eine Ecke geschleudert, als Kathi hereintrat. »Jesses, Lizzi, jetzt hat s' di doch erwischt! Du hast doch nix g'sagt von dem Brief?« »Eher stirb' i, eh die etwas aus mir herausbringt!« »Ach du arme Maus, jetzt darfst d' di g'faßt machen!« »A was, mir is jetzt alles gleich!« Und Lizzi umarmte die Schwester und flüsterte ihr ins Ohr: »Du, weißt, jetzt hab' ich 'n doch g'sehn! Der liebe Kerl: zwei Stund' is er bei dem miserablen Hundswetter 'rumg'stieg'n und hat auf mi paßt. Das vergeß i ihm nie! Und so lieb hab i ihn, so arg lieb – grad a'beißen könnt' i 'n!« Und sie preßte die Schwester stürmisch an sich. »Geh, Lizzi, i glaub', dir fehlt's gewiß!« rief Kathi erschrocken. »Du kennst 'n ja kaum. Bis nach Ungarn, oder wo er daheim is, wirst doch net gleich mit ihm gehn woll'n. Weißt d' denn überhaupts, ob er's ernst meint?« »Er hat's geschworen bei seiner Ehr'!« versetzte Lizzi mit funkelnden Augen. Und dann kniete sie vor ihrer Kommode nieder und wühlte hastig aus dem untersten Schubkasten ein paar rote Strümpfe hervor. Dann setzte sie sich auf ihr Bett und fuhr mit energischem Ruck in den linken Strumpf zuerst hinein und lachte dabei übermütig: »Siehgst es, jetzt zieg' ich extra mit z' Fleiß die Feuerroten an, daß sich d' Tante recht gift'. Rot ist die Liebe. Aebbäbäh!« Und sie streckte ihre niedliche Zunge lang heraus. »A rechter g'schnappiger Fratz bist«, rief Kathi kopfschüttelnd; aber lachen mußte sie doch. Siebentes Kapitel. [Welches ein Ende mit Schrecken nimmt.] Es gab heute zum Mittagessen die schönen Reste von gestern abend, nur daß eine Suppe hinzugefügt war und die dürftigen Ueberbleibsel des Putenbratens in der Gestalt von Backhähndl mit Reis erschienen. Der Geheimrat hatte nur ein wenig Suppe zu sich genommen und den Lachs sowie den Gemüsegang mit Beilage verschmäht. »Aber lieber Adolph, du mußt doch etwas essen!« rief Frau Ida eindringlich und versuchte, ihm ein Stück von dem zarten Putenbraten aufzunötigen. Er hielt seine Hände über den Teller und sagte, durch das viele Nötigen schon ein wenig ungeduldig geworden: »Aber liebe Ida, wie oft soll ich dir denn sagen: ich habe keinen Appetit – mir ist überhaupt nicht wohl heut.« »Aber du solltest dich doch zwingen. Es werden nur die Nerven sein. Freilich, kein Wunder – bei diesen ewigen Aufregungen – und wenn kein Mensch Rücksicht nimmt!« Sie seufzte und warf einen bedeutsamen Blick auf ihre beiden Nichten. Kathi saß zur Rechten des Onkels und als die Minna ihr nun die Schüssel darreichte, spießte sie ein Stückchen Brustfleisch auf die Gabel und tat es schnell, ehe er es verhindern konnte, dem Onkel auf den Teller. »Aber liebes Kind ...« »Geh zu, Onkel, sei gut, probier's amal. Der Indianer tut d'r nix. A so a zart's Vögerl.« »Hehe«, platzte Schwager Emmerich heraus. »Indianer ist gut!« »No ja, dees heißt m'r doch n' Indian. Wie sagt's denn ihr dazu? – Und a bisserl Soß dazu – so is recht.« Der Geheimrat gab den Widerstand auf und ließ sich's lächelnd gefallen, was die Kathi für ihn tat, ja, er schnitt sich sogar das Fleisch klein und führte einige Stücke davon zum Munde. Tante Ida verbarg nur mühsam ihren Aerger, und Lizzi entging es nicht, daß sie mit ihrem Bruder, der ihr gegenübersaß, Blicke wechselte, die sagen zu wollen schienen: Jetzt siehst du's doch wohl selbst, daß ich mich nicht getäuscht habe. Auf jede mögliche Weise umschmeicheln sie den schwachen Mann. Rasch und doch langweilig genug ging die Mahlzeit zu Ende. Daß der Professor wirklich leidend war, konnte ihm jeder ansehen. Die Damen waren mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, und so versandete die Unterhaltung immer mehr, trotz Schwager Emmerichs Bemühung, den Munteren zu spielen. Nach Tische gingen sie alle in den Salon, auch der Geheimrat, trotzdem seine Gemahlin ihm vorstellte, daß es für seinen Zustand geraten sei, sich ein wenig niederzulegen. »Aber liebe Ida, ich kann mich ja im Salon auch ausstrecken, wenn ihr erlaubt«, wandte der Geheimrat matt ein. »Ich hoffe, die Mädchen werden ein bißchen musizieren. Ich höre sie so gern.« »Habt ihr gehört, der Onkel will, ihr sollt ihm was vorsingen«, fuhr Frau Ida die Nichten hart an. »Ich darf wohl bitten, daß ihr etwas anständigere Piecen wählt als gestern. Nicht diese ordinären verliebten Sachen.« »Auf'n voll'n Magen sing'n, dees soll net g'sund sein«, versetzte Lizzi trotzig. Die Tante zog ihre dicke Nase kraus, trat dicht neben Lizzi und raunte ihr ins Ohr, aber immerhin laut genug, daß Herr Emmerich Vogel es ganz gut verstehen konnte: »Es schickt sich durchaus nicht, von seinem vollen Magen zu reden, wenn man eben von Tische kommt. Anständige junge Mädchen stopfen sich überhaupt nicht so voll.« Lizzis Augen funkelten kampfbereit, und sie gab ihr mit mühsahm unterdrücktem Zorn zur Antwort: »Eß ich dir vielleicht zu viel?« Die Geheimrätin maß die Kecke mit einem wütenden Blick und trat, den Kopf ärgerlich in den Nacken werfend, von ihr fort. Ihr Gatte hatte sich eben auf dem Sofa niedergelassen. Sie berührte ihn mit der Hand an der Schulter und sagte mit boshaftem Lächeln: »Hast du gehört, lieber Mann, Lizzi kann nicht singen, sie hat zu viel gegessen.« Der Professor lachte matt auf: »Haha, freut mich, wenn es dir so gut schmeckt, mein Kind. Vielleicht spielt uns Käthchen etwas vor? Kannst du nichts von Chopin? Den hab' ich so gern?« »O ja, lieber Onkel!« versetzte Kathi und begann eilig in ihren Noten zu kramen. »Dees heißt, 's wird wohl schlecht gehn, ich hab' die Sachen lang net g'übt!« Sie suchte eines von den leichteren Nokturnos hervor und begann zu spielen. Aber gleich bei den ersten Tönen erhob Joli, der, von niemand bemerkt, auf einem Polstersessel irgendwo geschlummert hatte, ein jämmerliches Gewinsel. Die Geheimrätin lachte laut, als ob sie dieses unmelodische Duett höchlich ergötzte und rief: »Mein armer kleiner Süßling! Garstige Musik, nicht wahr? Tuling deinen Ohrchen weh'!« Lizzi entdeckte den Störenfried zuerst, schob ihn ziemlich unsanft von seinem Faulbett herunter und wollte ihn aus dem Zimmer hinausjagen, indem sie mit ihren Röcken hinter ihm drein wedelte. »Obs d' 'nausgehst, du Hundsviech, du miserables unmusikalisches!« schalt sie ärgerlich auf das faule kleine Zotteltier ein, das anstatt zur Tür hinaus, vielmehr seiner zärtlichen Herrin zustrebte. Die Geheimrätin stürzte ihm auch sogleich zu Hilfe, nahm ihn auf den Arm, küßte ihn innig und sagte mit einem bösen Blick auf Lizzi: »Es wäre auch wohl nicht nötig, das arme Tierchen mit solchen Ausdrücken zu traktieren. Er versteht das sehr wohl, und du kannst dich nicht wundern, wenn er dir nicht folgt. Du hast schon ganz seinen Charakter verdorben. – Komm, mein Herzblatt, Mutterchen bringt dich in deine eigene Baba! Nirgends lassen sie dir Ruhe, nicht wahr?« Damit trug sie ihre süße Last hinaus. »Wird d'rs net z' kalt wer'n, Onkel?« fragte Kathi besorgt, ehe sie wieder zu spielen anhub. Und Lizzi lief nach dem nächsten Thermometer und stellte fest, daß nur dreizehn Grad Reaumur im Zimmer waren. »Ja, du hast recht, das ist etwas zu wenig für mich«, sagte der Geheimrat, sich mühsam erhebend. »Ich will mich lieber in meinem Zimmer etwas niederlegen und die Tür auflassen. Ich weiß nicht, was das ist, mir ist ganz schwindlig.« Kathi und Lizzi eilten gleichzeitig auf ihn zu und stützten ihn bei seinem Gang ins Nebenzimmer. Sie waren eben an der Schwelle angelangt, als Frau Ida aus dem Berliner Zimmer wieder hereintrat. Sie schritt ihnen rasch nach und fragte aufgeregt, was denn das bedeuten solle? Lizzi wollte sie aufklären, aber sie ließ sie gar nicht ausreden, sondern schob sie unwillig beiseite und sagte, selber den Arm ihres Gatten in den ihrigen ziehend: »Ach so, ich sehe schon: ich rate dir vergebens, was zu deinem Besten dient; aber natürlich, wenn deine lieben Nichten es wünschen, dann tust du es gleich. Ich werde wohl hier bald ganz überflüssig im Hause sein.« »Aber nei, was denn?« sagte Kathi kopfschüttelnd, und dann seufzte sie leicht auf und kehrte in den Salon zurück und setzte sich wieder ans Klavier. Alle Lust zum Spielen war ihr vergangen. Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und starrte zum Fenster hinaus. Herr Emmerich Vogel trat leise hinter sie, beugte seinen dicken Kopf über ihre Schulter und flüsterte ihr ins Ohr: »Da haben Sie was Schönes angerichtet, Fräulein Kathi. Lassen Sie nur um Gottes willen den Alten zufrieden – mein Schwesterchen ist riesig eifersüchtig!« Kathi antwortete nicht, und es entstand eine lange Pause, während deren sie im Nebenzimmer die gedämpfte Stimme der Tante mit weinerlichem Ton auf den Geheimrat einreden hören konnten. Herr Vogel spitzte am meisten die Ohren, und nach einer Weile begann er wieder, indem er Lizzi kordial unter dem Arm faßte und Kathi die Hand auf die Schulter legte: »Macht euch nichts d'raus, Kinder. Schwesterchen wird sich schon dran gewöhnen. Du lieber Himmel, so alte Herren haben eben immer eine Schwäche für die liebe Jugend weiblichen Geschlechts, besonders wenn sie so hübsch ist wie ihr. Na, und ungefährlich ist er ja auch – hehehe!« »Warum spielst du denn nicht?« erscholl es scharf mahnend von da drinnen. Und Kathi nahm gehorsam ihr Nokturno in Angriff, während Lizzi sich ärgerlich von Herrn Vogel losmachte und sich in die Sofaecke setzte. Der Schwager Emmerich zog sich einen Sessel möglichst in ihre Nähe und versuchte durch allerlei Manipulationen mit seinem Zwicker; durch leises Räuspern, Ohrenzupfen und verliebte Grimassen ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aber Lizzi tat, als merkte sie nichts, als wäre sie ganz in das Spiel ihrer Schwester vertieft. Sie spitzte auch wirklich die Ohren, so sehr sie konnte, aber weniger nach dem Flügel, als nach dem Studierzimmer hin. Die Tante gehörte zu jenen zahlreichen Damen, welche musikalische Produktionen in ihren Salons als den angenehmsten Deckmantel für intimere Gespräche anzusehen pflegen. Es hätte schon ein Musikant von Namen sein müssen, der sie zu schweigender Andacht, wenn auch nur erheuchelter, hätte veranlassen können. Die allerdings nicht gerade hervorragende pianistische Leistung Kathis hinderte sie dagegen keineswegs, ihrem gekränkten Herzen ihrem Mann gegenüber Luft zu machen, und zwar ziemlich laut. Trotzdem vermochte Lizzi nur hin und wieder einige Worte aufzuschnappen, aus denen sie sich aber immerhin den Inhalt des Gespräches einigermaßen zusammenreimen konnte. Die Geheimrätin setzte offenbar ihrem Gatten gehörig zu, daß er ihr verraten sollte, was das für ein wichtiger Brief gewesen sei, den das Dienstmädchen nicht in den Kasten stecken durfte, und wollte seinen Ausreden keinen Glauben schenken. Dann schien sie sogar zu weinen: »Hinter meinem Rücken ... angesponnen ..., gar kein Vertrauen mehr ...« das konnte Lizzi gerade noch verstehen. »Was haben Sie für reizende kleine Füße!« hörte sie auf einmal Herrn Emmerichs Stimme flüstern. Statt aller Antwort zog sie ihr Kleid weit über die Kniee und drehte ihm noch entschiedener den Rücken zu, indem sie gleichzeitig ihr Fazzinettlein aus der Tasche riß und sich heftig die Nase putzte. Sie merkte bereits, daß ein Schnupfen im Anzug sei. Hatte sich also richtig doch was geholt! Herr Emmerich bückte sich zu Boden und nahm etwas vom Teppich auf. »Hm, das ist ja interessant!« hörte ihn Lizzi sagen. »Ei, ei! So kommt man hinter Ihre Schliche!« Sie drehte den Kopf ein wenig über die Schulter und bemerkte zu ihrem Schrecken die Visitenkarte ihres Anbeters in seiner Hand. »Geb'n S' her!« sagte sie ärgerlich und versuchte, sie ihm mit einem raschen Griff zu entreißen. Er war aber flinker und verbarg die Hand mit der Karte auf den Rücken. »Hoho!« grinste er schadenfroh. »So ohne weiteres rück' ich die nicht wieder heraus.« Und er schob seinen Sessel weit zurück, hielt die Karte gegen das Fenster und las schmunzelnd: »Gregor Krajesovich, Edler von Nemes – Pann, cand. med. , Berlin NW ., Marienstraße 24. Mhm – das war ja wohl Ihr Tischnachbar von gestern abend? Ja, ja, da haben Sie freilich recht, sich die Karte geben zu lassen zur Sicherheit. Den Namen kann ja auch sonst kein Mensch behalten! Lizzichen, Lizzichen!« »I bin net Ihr Lizzichen, daß S' 's wissen!« knirschte Lizzi wütend und erhob sich vom Sofa. Sie ging nach der andern Ecke des Zimmers hinüber, wo der Ofen stand, um zu versuchen, ob's dort nicht ein wenig wärmer sei. Er schlich ihr auf den Zehenspitzen nach, und dann, ihr die Karte von weitem zeigend, flüsterte er: »Also, was krieg' ich dafür, Fräulein Mödlinger?« »Gar nix'n, was denn sonst?« versetzte sie achselzuckend. Das Nokturno war zu Ende. Kathi erhob sich vom Klavier und ging zu ihrer Schwester nach dem Ofen hinüber. Herr Emmerich hielt sie unterwegs auf und raunte ihr zu: »Pst, Fräulein Kathi, wissen Sie schon das Neueste? Als Verlobte empfehlen sich: Herr Kandidat der Medizin, Gregor Kraxilowitsch ...« »Jesses Maria, woher wissen denn Sie ...« fuhr es Kathi unversehens heraus. Herr Vogel grinste triumphierend: »Hui – also die Braut kennen Sie schon? Na aber, da wird sich meine Schwester freuen! Und der Geheimrat wird Augen machen!« Wie schrak die gute Kathi zusammen. Da war sie schön eingegangen. Sie biß sich auf die Lippen und sah Lizzi groß und ängstlich an. In diesem Augenblick trat die Geheimrätin aus dem Nebenzimmer herein. Sie wischte sich noch einmal flüchtig mit dem Taschentuch über die Augen und sagte: »Nun, schon fertig? Willst du nichts mehr spielen?« »'s wird schon so finster, Tante. I kann d' Noten nimmer sehn«, erwiderte Kathi leise. »So«, sagte Tante Ida, vollends hereintretend. »Da könnten wir ja Licht anstecken, obwohl – 's ist ja kaum drei Uhr.« »Nee, laß doch!« rief ihr schöner Bruder munter. »Ein Schummerstündchen ist gerade so nett. Erzählen wir uns doch was. Laß lieber noch 'n bißchen einheizen, wär' doch gemütlicher.« »Herrgott, seid ihr eine frostige Gesellschaft«, spottete die große Dame. Und dann drückte sie auf den elektrischen Knopf, um die Minna herbeizuklingeln. »War wirklich sehr nett gestern bei euch«, begann Emmerich die Unterhaltung. »Besonders bei Tisch da unten an unsrer jugendlichen Ecke. Der junge Mann da mit den feurigen Augen und dem schwarzen Schnurrbart, der Fräulein Lizzi so eifrig die Cour machte – wie hieß er doch gleich?« »Ach so, der mit dem langen Namen«, versetzte die Geheimrätin, gleichgültig mit den Achseln zuckend. »Was ist mit dem?« »Oh – scheint ein schneidiger Herr zu sein.« »Ein Mediziner. Paßt eigentlich gar nicht in unsern Kreis. Aber da er mal Besuch gemacht hatte – es bleibt einem ja weiter nichts übrig, wenn die jungen Leute Empfehlungen mitbringen. Ich halte mir sonst diese unklaren Existenzen gern vom Leibe.« »Unklare Existenzen? Wieso?« »Na, diese Studenten aus Rußland, Polen, diese Slowaken, Rumänen und so weiter – da kann man nie wissen! Das sind alles Revolutionäre, Nihilisten und so was.« »A, das ist aber interessant, nicht wahr, Fräulein Lizzi? So was Romantisches, das mögen Sie auch gerne.« »A was, lassen S' mi aus mit Ihrem sekanten G'frag!« rief Lizzi, ungeduldig mit dem Fuß aufstampfend, und blitzte den lästigen Menschen aus ihren blauen Augen drohend an. Die Geheimrätin richtete sich hoch auf und sagte in strengem Ton: »Lisbeth, was soll das wieder heißen? Ich muß doch bitten, daß du dich gegen meinen Bruder nicht in dieser Weise ...« »Dann sag ihm, daß er mi g'fälligst in Ruh laßt!« unterbrach das gekränkte Mädchen sie heftig. »I brauch' niemand' um Erlaubnis z' fragen, wenn i ein' gern hab'n will – und den am allerwenigsten.« Sie wies mit dem Finger auf den dumm lächelnden Emmerich, und dann verschränkte sie die Arme trotzig über den Busen. Die Geheimrätin war außer sich und fuhr sie laut an: »Das wird ja immer besser! Was ist denn das nun wieder, mein Fräulein? Soll das etwa heißen, daß du gestern gleich die erste Gelegenheit benutzt hast, um dich mit deinem Tischnachbar einzulassen? Das ist denn doch ... ich glaube nicht, daß dein Onkel dergleichen gutheißen wird.« Und mit großen Schritten eilte sie auf das Studierzimmer zu, um ihrem Gatten von der neuen Schandtat Mitteilung zu machen, als da drin eine Frauenstimme laut aufkreischte und gleich darauf die Minna in den Salon gelaufen kam, zum sonntäglichen Ausgang fein geputzt, mit Muff und Pelzkragen. »Herrgott, was gibt's denn? Was ist denn das für eine Manier?« rief die Geheimrätin. »Ach Gott, ach Gott, Madam! Hab' ich mir erschrocken«, stieß die Minna kurzatmig hervor. »Eben wollt' ich ausjehen, wie't klingelte. Ich hab' mir nich erst lange uffjehalten mit'n Nach's-Apparat-sehen, weil Se doch jewöhnlich nach Tische bein Herr Jeheimrat in die Stube sind. Un wie ich nu 'rinkomme, da seh' ich 'n Herrn Jeheimrat auf de Diele liegen – un riehrt sich nich.« Mit einem halberstickten Angstschrei stürzte die Geheimrätin an dem Mädchen vorbei in das Studierzimmer, ihr Bruder und die beiden Nichten hinter ihr her. Es war, wie die Minna gesagt hatte. Der alte Herr lag auf dem Bärenfell vor seinem Diwan, zwei oder drei Schritt weit von dessen Rande entfernt, so daß der Kopf beim Fallen eben noch eine Stütze gefunden hatte. Der Oberleib war auf diese Weise ein wenig aufgerichtet geblieben, das Kinn gegen die Brust gedrückt, die Arme waren weit auseinandergebreitet, wie wenn sie im Fallen noch nach einem Halt gesucht hätten. Die Finger der rechten Hand bewegten sich noch, zitternd in den braunen Pelz hineingreifend. Die Augen waren halb geschlossen. Das Kinn durch den Druck gegen die Brust über die Oberlippe hinaus vorgeschoben, der Mund dadurch fest geschlossen. Durch die Nase tönte ein unheimlich schnarchendes Röcheln. Im übrigen lag der große Körper wie tot da. Frau Ida warf sich über ihn und jammerte laut auf: »Himmlischer Vater, was ist das? Er stirbt ja! Mein Gott, mein Gott! Wie ist das bloß ... Adolfchen, was ist dir? Kennst du mich nicht?« Sie ergriff seinen linken Arm, um den Oberkörper aufzurichten. Er war ganz steif und fiel wie eine leblose Masse wieder herab. Mit neugierig aufgerissenen Augen trat die Minna herzu und machte sich wichtig. »Des is der Schlach. So war't bei mein' Jroßvater jerade – jawoll, des is der Schlach, da jibt's keen Streit.« »Seien Sie still jetzt!« herrschte sie Herr Vogel gedämpften Tones an. »Laufen Sie lieber und holen Sie einen Arzt.« »Nein, nein, nicht die Minna!« rief die Geheimrätin. »Geh du selbst, aber schnell. Und wenn Doktor Peters nicht da ist, dann bringst du den ersten besten, nur schnell, beeile dich.« »Jawohl, liebe Ida, jawohl. Rege dich nur nicht so auf«, versetzte der Bruder, machte aber noch keine Miene zu gehen, sondern klopfte ihr mit der einen Hand beruhigend auf die Schulter, während er mit der andern seinen Zwicker auf die Nase drückte. Und dann beugte er sich herab, um das Gesicht des Professors besser sehen zu können. »Herrgott, das sieht ja ... ja, ich glaube wirklich, das ist ein Schlaganfall. Er hat gewiß aufstehen wollen und zu uns in den Salon kommen. Dabei muß es ihn getroffen haben. Daß wir aber auch gar nichts gehört... ja freilich, das Fell ist weich.« »Willst du denn nicht gehen?« fuhr die Geheimrätin auf und gab ihm einen leichten Stoß gegen das Knie. »Lauf doch nur, lauf!« Worauf er sich endlich einigermaßen eilig in Bewegung setzte. Kathi und Lizzi waren bislang schreckensbleich zur Seite gestanden und hatten kein Wort zu sagen gewagt. Als aber nun Minna den ganz vernünftigen Vorschlag machte, den Kranken aus seiner halbsitzenden Lage zu befreien und auf den Diwan zu legen, da griffen sie sofort mit zu. Minna erfaßte ihn unter den Schultern, die beiden Mädchen bei den Beinen. Und so hoben sie den schweren Körper auf das Ruhebett. Die Geheimrätin stand untätig dabei, nur abgebrochene Jammerlaute ausstoßend und mit den Händen wirr um den Kopf herumfahrend. Sobald der Kranke lang ausgestreckt lag, öffnete sich der Mund von selbst ein wenig, und das unheimliche Röcheln hörte auf. Kathi trat an das Kopfende des Lagers und beugte sich zu dem Onkel hernieder. Sie strich ihm einige über das Gesicht gefallene dünne Strähnen des grauen Haares aus der Stirn. »Lieber Onkel, komm' doch wieder zu dir! Hörst mi denn? Kann i dir denn gar nix helfen?« Eine Träne fiel aus ihrem Auge auf seine wachsbleiche Wange. Sie wischte sie zart mit der Spitze ihres kleinen Fingers fort. Da schaute die Tante auf, die schluchzend vor dem Ruhebett in die Knie gesunken war und stieß zwischen dem Schluchzen heftig hervor: »Geh weg, du – faß ihn nicht an! Ihr seid dran schuld – ihr sollt ihn beide nicht anrühren.« »Aber, liebe Tante, was haben denn wir ...« wollte Kathi traurig erstaunt einwenden, doch auf ein Zeichen, das ihr Lizzi machte, brach sie ab und trat ein paar Schritte zurück. Lizzi ging zu ihr und zupfte sie am Aermel. »I mein', an kalt'n Umschlag sollt' ma' mach'n. Geh'n S', hol'n S' a Wasser, Minna!« flüsterte sie. Da wandte sich die Tante nach ihnen um und sagte, mit der Hand nach der Tür weisend: »Was habt ihr da zu tuscheln? Geht hinaus ... ich kann euch hier nicht sehen! Das habt ihr zu verantworten! Nicht eine Stunde kann man euch mit ihm allein lassen – gleich müßt ihr die Zeit benutzen, um ihn aufzuregen. Mein armer, armer Mann, was haben sie dir bloß ...« Neues Schluchzen erstickte ihre Stimme, und sie begann wieder ganz verwirrt und zwecklos den leblosen Körper da vor ihr zu betasten. Lizzi ergriff die Schwester bei der Hand und führte sie aus dem Zimmer, ohne ein Wort zu sagen. Sie blieben aber nebenan im Salon und spähten von Zeit zu Zeit durch die Tür, die sie ein wenig offengelassen hatten. Es dauerte ziemlich lange, bis Herr Vogel mit einem Arzt zurückkehrte. Es war nicht der Sanitätsrat, ihr Hausarzt, sondern ein jüngerer Herr, der aber ohne viel Worte zu machen das Nötige rasch und umsichtig anordnete. Der Kranke wurde zunächst zu Bett gebracht und eine Eisblase beschafft, die ihm auf dem Kopf liegen sollte, Tag und Nacht, unter fortwährender Erneuerung. Der junge Arzt erklärte, daß wahrscheinlich Stunden, vielleicht sogar Tage vergehen könnten, ehe der Professor wieder zum Bewußtsein erwachte, und daß sich vorher die Folgen des Schlaganfalls nicht übersehen ließen. Er glaube aber, daß eine linksseitige Lähmung vorhanden sei; ob auch Gefahr für seinen Verstand oder gar für sein Leben bestehe, darüber eine Meinung zu äußern, sei wertlos. Die Hauptsache sei vorderhand, daß der Kranke unter steter Aufsicht bleibe, um fortlaufende Beobachtungen über Puls, Atmung und Temperatur anzustellen und bei den ersten Anzeichen des zurückkehrenden Bewußtseins sogleich ärztlichen Beistand herbeizurufen. »O, ich will keine Sekunde von ihm weichen«, beteuerte die Geheimrätin und drückte ihre geballte Rechte fest an den Busen. Der junge Arzt hob nur die Augenbrauen ein wenig und streifte sie kurz mit einem etwas mißtrauischen Blick. »Pardon, gnädige Frau,« sagte er kühl, »das geht nicht. Sie müssen natürlich schlafen, essen und sich Bewegung machen, wie jeder andre Mensch auch, sonst würde der Wert Ihrer Pflege nur beeinträchtigt werden. Ich sehe, Sie haben erwachsene Töchter, die werden sich gewiß gern mit Ihnen in die Aufgabe teilen. Wenn Sie zu dreien sind, wird keiner zu sehr übermüdet. Ach, bitte, meine Damen.« Er winkte den beiden Schwestern, die trotz des Verbotes mit in das Schlafzimmer gegangen waren und bescheiden an der Tür standen, näherzutreten, und gab, ohne die versuchten Einwendungen der Geheimrätin zu beachten, die nötigen Anweisungen für die Nacht. Darauf empfahl er sich und versprach, am Abend noch einmal umzuschauen. Auch Herr Emmerich Vogel empfahl sich bald. Er fühlte sich überflüssig und mißliebig bei jedermann, selbst bei seiner Schwester; denn soviel er sich auch Mühe gab, aufrichtiges Mitgefühl zu erheucheln, ihr gegenüber richtete er damit nichts aus – es wußte ja niemand besser als sie, wie außerordentlich gelegen ihm ein plötzlicher Tod des Schwagers gekommen wäre – und jetzt war sie denn doch mehr angstvolle Gattin als gute Schwester. Es war ein trüber Abend, eine unheimliche Nacht – der Tod ging um im Hause und machte alle Schatten schwärzer, dämpfte die Schritte und die Stimmen und ließ alle Herzen bänglich klopfen. Die beiden Schwestern saßen dicht beieinander untätig herum, bald da, bald dort, und wußten nicht, wie sie über die langsam dahinschleichenden Stunden hinwegkommen sollten. Sie kannten den Tod. War es doch kaum ein paar Monate her, daß sie seinen eisigen Hauch im eigenen lieben Heim verspürt, und nun war er ihnen nachgezogen in die kalte Fremde, und sie erkannten ihn wieder an allen seinen pedantischen Eigenheiten. Ja, so tickte die Uhr, wenn ein Liebes im Hause zu sterben kam, so tönten die Stundenschläge aus dem unteren Stockwerk, auf die man sonst nie geachtet, durch die schweigende Nacht herauf, so ganz besonders drohend lauerte die Finsternis in allen Ecken des Zimmers, und die Lampe wollte durchaus nicht heller brennen und flackerte nur kurz und ängstlich auf, wenn man sie höher schraubte. Aber damals waren sie vorbereitet, sie hatten das Ende vorhergesehen, das zugleich die Erlösung von langen Leiden für ihre arme Mutter war. Diesmal schien es ganz plötzlich zu kommen, und sie mußten untätig dabeisitzen und sich's stumm gefallen lassen. Viel trauriger war es damals, aber nicht so spukhaft erschreckend wie jetzt. Ihre Hoffnung, durch ein neues Testament des guten Onkels ihre Zukunft einigermaßen gesichert zu sehen, war nun vielleicht vernichtet. Sie sprachen es nicht aus, aber sie dachten beide daran, wenn sie unter plötzlich ausbrechenden Tränen einander in die Augen sahen. Bald, nachdem der Arzt zum zweitenmal dagewesen war, suchten die Schwestern ihr Lager auf. Der Kranke lag immer noch ohne Bewußtsein und unbeweglich, und nur der Atem verriet, daß noch Leben in ihm sei. Die Tante hatte sich hartnäckig geweigert, sich von ihnen in der Nachtwache ablösen zu lassen. Trotzdem konnten sie beide so bald nicht einschlafen. – Die Uhr hatte im Berliner Zimmer eben drei geschlagen, als Kathi aus einem schreckhaften Traum, in Schweiß gebadet, auffuhr. Eine grausige Sterbeszene hatte sie durchlebt. Das entsetzliche Röcheln klang ihr immer noch im Ohre nach, wie sie, in ihrem Bette schon halb aufgerichtet, sich von Schlaf und Schrecken zitternd loszuringen suchte. Aber was war das? Sie wachte nun doch wirklich? Vom Nebenzimmer her ertönte es ganz deutlich – sie legte ihr Ohr an die Wand – ja, das war dasselbe furchtbare Röcheln, das sie im Traume gehört hatte! Und rasch entschlossen machte sie Licht, schlüpfte in ihren Morgenrock und ging, ohne die ruhig schlafende Lizzi zu wecken, nebenan in das Schlafzimmer des Onkels. Der lag noch immer gerade so da, wie sie ihn am Abend zuletzt gesehen hatte, nur daß die Eisblase von seinem Kopfe heruntergerutscht und zwischen Schulter und Ohr in das Kissen eingesunken war. Und auf dem Bett daneben lag die Tante unausgekleidet, in ihrem Schlafrock, den Mund weit offen – und schnarchte laut. Das war's, was Kathi den bösen Traum verursacht hatte! Das Eis im Beutel war ganz geschmolzen. Sie huschte nach der Küche und füllte ihn aufs neue. Dann holte sie sich aus ihrem Zimmer ihre Reisedecke, wickelte sich fest darin ein und setzte sich so am Fußende des Krankenbettes nieder. Das Schnarchen der Tante, das nach einigen kurzen Erholungspausen immer von neuem kräftig einsetzte, bewahrte sie sicher vor dem Einschlafen. – Der Tag begann bereits zu grauen, als der Kranke plötzlich eine Bewegung mit dem rechten Arm machte, dann den Kopf langsam auf die Seite drehte und endlich die Augen aufschlug. Kathi sprang sofort zu, um ihm den Eisbeutel wieder zurechtzuschieben, und beugte sich hoffnungsfreudig erregt über sein Gesicht. Er starrte sie an, lang und blöde, und dann wurde er unruhig und versuchte zu sprechen. Aber es kam nur ein undeutliches Lallen aus seinem Munde. O, wie tat das Kathi weh, so mitansehen zu müssen, wie der arme Mann sich quälte und doch kein deutliches Wort zu formen imstande war! Sie ergriff seine Hand, drückte sie warm und sagte, ihren Mund seinem Ohr ganz nahe bringend: »Brauchst di net z' fürcht'n lieber Onkel, i bin bei dir.« Es huschte etwas wie ein Lächeln über seine welken Züge, und dann fielen ihm die Augen wieder langsam zu, und er murmelte leise und zufrieden: »Hmnja«. Achtes Kapitel. [In welchem mancherlei zum Klappen kommt.] Auf die Nacht voll Angst und Schrecken folgte ein trüber Tag voll banger Sorgen. Der junge Arzt, den gestern der Zufall ins Haus geführt hatte, war schon am frühen Morgen wiedergeholt worden, und später am Tage war dann auch der alte Sanitätsrat erschienen und hatte mit dem Kollegen seine Ansichten ausgetauscht. Die Herren glaubten gute Hoffnung geben zu können. Der Geheimrat war wieder bei Bewußtsein, er erkannte die Gesichter um sich herum und hatte nur die Herrschaft über die Sprache noch nicht wiedererlangt. Bei den einfachen Wünschen, die er äußerte, fehlte ihm häufig das nächstliegende Wort, und er setzte dafür nach einigen vergeblichen Anläufen, es zu finden, oft mit heftigem Nachdruck ein andres an die Stelle, das aus einer weit entfernten Begriffsreihe stammte. Die Frauen in der Umgebung des Kranken waren natürlich nicht wenig entsetzt über diese Wahrnehmung und glaubten schon, er habe den Verstand verloren. Die Aerzte erklärten jedoch übereinstimmend, daß dergleichen Erscheinungen schon bei ganz geringfügigen Gehirnblutungen häufig aufzutreten pflegten, ohne daß die geistigen Kräfte irgendwie in Mitleidenschaft gezogen würden. Es sei sehr wohl denkbar, daß dies Uebel nach einiger Zeit von selbst verschwände oder doch mindestens sich erheblich besserte. Dagegen würde sich gegen die vorhandene Lähmung der linken Körperhälfte, deren Wesen und Ausdehnung noch nicht festzustellen sei, vermutlich nicht viel ausrichten lassen. Die größte Gefahr liege in einer etwaigen Wiederholung des Schlaganfalls, und um diese abzuwenden, sei es durchaus notwendig, daß der Professor längere Zeit jeder geistigen Anstrengung und besonders jeder starken Gemütsbewegung aus dem Wege gehe, und daß seine Angehörigen mit eifriger Sorge darauf bedacht seien, ihm alle vermeidbaren Aufregungen fernzuhalten. Die Geheimrätin war allein mit den beiden Aerzten im Studierzimmer, als sie ihr dies Ergebnis ihrer Besprechung mitteilten. »Wann meinen Sie denn, daß er seine Vorlesungen wieder wird aufnehmen können?« war die erste Frage, die sie an die Herren richtete. »Vorlesungen! Mein Himmel, Sie denken schon wieder an Vorlesungen?« rief der kleine Sanitätsrat. Er schüttelte den dicken Kopf und kratzte sich mit breitem Lächeln hinterm Ohr. »Ich will ja die Möglichkeit gern zugeben, daß er in einem halben Jahre, vielleicht sogar schon in kürzerer Zeit wieder so weit ist, um ohne Anstoß reden oder wenigstens lesen zu können; aber besser wär's schon, wenn er sich gleich pensionieren ließe. Wenn er sich wieder mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt, liegt doch die Gefahr der Ueberanstrengung immer nahe.« »Aber wenn er sich nicht mehr wissenschaftlich beschäftigen soll ...« jammerte Frau Ida. »Das hält er ja gar nicht aus. Er ist doch auch erst neunundfünfzig. Und geistig so frisch – was soll er doch bloß anfangen?« Der Sanitätsrat zuckte die Achseln. »Ja, was ist da zu sagen? Jedenfalls sind Sie doch so gestellt, daß Sie die Kollegiengelder nicht unbedingt zum Leben nötig haben, hehehe! Sie haben weder Kind noch Kegel – gehen Sie doch auf Reisen! Ihre Mittel erlauben's Ihnen ja. Gehen Sie zum Beispiel den Winter nach Rom, da findet unser verehrter Professor angenehme Zerstreuung und wissenschaftliche Anregung zugleich. Im Sommer dann in irgend eine schöne Gegend im Gebirg oder am Meer, wo er seinen Körper kräftigen kann. Nicht wahr, was meinen Sie, lieber Kollege?« Der junge Arzt hatte sinnend am Fenster gestanden. Jetzt trat er achselzuckend näher und sagte: »Es scheint mir ziemlich müßig, jetzt schon für die Zukunft Vorschriften machen zu wollen; aber wenn Ihre Mittel es Ihnen erlauben, so ist es jedenfalls sicherer, wenn der Herr Professor sich ganz von seiner öffentlichen Tätigkeit zurückzieht. Ich höre, daß die beiden jungen Damen, die Sie im Hause haben, dauernd bei Ihnen bleiben sollen. Die Nichten des Herrn Professors, nicht wahr? Nun, wenn ich mir nach so kurzer Beobachtung eine Meinung erlauben darf – ich glaube, daß unser Patient gerade jetzt keine bessere Gesellschaft finden könnte als diese jungen Damen. Das ältere Fräulein ist jedenfalls eine ausgezeichnete Pflegerin, sehr umsichtig und verständig, und das jüngere scheint mit seinem mehr heiteren Temperament ...« Die Geheimrätin reckte sich auf und fiel ihm etwas scharf ins Wort: »Sie scheinen zu vergessen, Herr Doktor, daß die Pflege des kranken Gatten doch wohl zunächst Sache seiner Gattin ist. Wir haben vor drei Jahren unsre silberne Hochzeit gefeiert. Mein Mann ist viel leidend gewesen – aber über Mangel an Pflege hat er sich noch nie zu beklagen gehabt. Und ob die Anwesenheit von jungen Mädchen im Hause, die selbst noch fortwährend der Aufsicht bedürfen, gerade geeignet ist, Aufregungen fernzuhalten, das – das ...« Sie hüstelte nervös und ließ den Satz unvollendet. Der junge Arzt sah sie scharf an. Er bemerkte, wie ihre schmalen Lippen vor innerer Erregung zuckten, und wie ein feindseliger Blick ihn streifte. Er wartete noch ein Weilchen, ob sie vielleicht noch etwas hinzuzufügen hätte, ehe er höflich und kühl das Wort nahm. »Pardon, gnädige Frau, ich will mich gewiß nicht in Dinge mischen, die mich nichts angehen, aber ich war heute morgen, als Sie mit Ihrer Toilette beschäftigt waren, allein mit dem Fräulein am Krankenbette und da hatte ich Gelegenheit, zu beobachten, wie Ihr Herr Gemahl ganz offenbar die Anwesenheit seiner Nichte wohltuend empfand. Er folgte ihr mit den Augen, wenn sie sich im Zimmer umherbewegte, und lächelte sie so dankbar an, wenn sie ihm eine Handreichung tat. Wenn sie sprach, war er ganz Ohr, und ... ich muß überhaupt sagen: ihr ganzes liebenswürdiges Wesen, ihre stille, anmutige Art dem Kranken gegenüber ...« »Sie sind ja ganz begeistert von dem Mädchen«, unterbrach die Geheimrätin ironisch. »Es freut mich sehr, Herr Doktor. Wenn sie ihre Pflicht tut dem Onkel gegenüber, dem sie so viel verdankt, so ist das wohl nur recht und billig. Ich kann ja auch natürlich nicht immer um ihn sein. Hat Ihnen das jüngere Fräulein Nichte vielleicht gleich etwas vorgetanzt oder vorgesungen, daß Sie von der sich auch so rasch ein günstiges Urteil bilden konnten?« »Es scheint, ich habe das Unglück, von Ihnen mißverstanden zu werden«, sagte der junge Arzt mit einer kurzen Verbeugung. Er reichte dem älteren Kollegen die Hand und wollte sich zum Gehen wenden. Der Sanitätsrat hielt ihn fest und klopfte ihm, gemütlich lachend, auf den Arm. »Aber, Liebster, Bester, wer wird denn empfindlich sein? Uebrigens, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Der Herr Kollege hat ganz recht: wenn wir Mannsleute anfangen, alt und klapprig zu werden, dann ist es uns eine wahre Wohltat, frische, fröhliche Jugend um uns zu sehen – besonders weibliche, so zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, hehehe! Ja, ja, verehrte Frau Geheimrätin, das ist nun mal nicht anders. Ich wenigstens möchte mir, wenn ich mich mal zur Ruhe setze, nichts Besseres wünschen, als mit so ein Paar hübschen, flotten Mädels gemütlich in der Welt herumzukutschieren – und Ihr Herr Gemahl wird für so was auch nicht unempfänglich sein. Wenn er seine Nichten zum Beispiel nach Rom führt – denken Sie bloß, wie schön er da dozieren kann, hehehe!« »Sie unterschätzen meinen Mann doch wohl etwas, Herr Sanitätsrat«, versetzte die Geheimrätin mit hochmütigem Zucken der Nasenflügel. Doch der kleine Herr verstand ihre Absicht gar nicht und fuhr laut und offenbar vergnügt fort: »Ach, Larifari, lehren Sie mich die alten Herren kennen! Mein junger Herr Kollege hat ganz recht: ein besseres Rezept können wir unserem verehrten Patienten gar nicht verschreiben als geistige Ruhe und vergnügte jugendliche, anspruchslose Gesellschaft.« »Anspruchslos!« Frau Ida warf das Wort ihrem alten Hausarzt so scharf und spitz entgegen, daß er betroffen aufblickte. Aber sie ließ sich auf keine weitere Erklärung ein, sondern fügte nach einer kurzen Pause nur ironisch lächelnd hinzu: »Ich hätte zwar nicht geglaubt, meine Herren, daß Ihre Konsultation darauf hinauslaufen würde, daß Sie über zwei junge Mädchen in solchen Enthusiasmus geraten, die Sie kaum fünf Minuten gesehen haben; aber da die Wissenschaft in diesem Punkte einig ist, so muß ich mich natürlich fügen. Soll ich vielleicht die jungen Damen hereinrufen, damit Sie ihnen Ihre Instruktionen geben können?« »Aber, meine liebe, beste Frau Geheimrätin,« rief der kleine Sanitätsrat erstaunt, »ich glaube gar, Sie fühlen sich – ja, wie soll ich sagen – gekränkt, oder ...« »Lassen Sie nur«, wehrte die beleidigte Dame ab und führte ihr Tuch an die Augen, um Tränen abzuwischen, die vorläufig allerdings noch gar nicht vorhanden waren. Der jüngere Arzt empfahl sich nun schweigend, und auch der Sanitätsrat zog sich nach einigen vergeblichen Versuchen, die Geheimrätin versöhnlich zu stimmen, ein wenig ärgerlich zurück. Er war durch die Schilderung seines Kollegen und durch die eifersüchtige Verstimmung der Geheimrätin auf die jungen Mädchen, die er vorher nur flüchtig begrüßt hatte, erst recht neugierig geworden und benutzte die Gelegenheit, während Frau Ida grollend in den vorderen Zimmern blieb, um die Nichten am Krankenbett zu finden. Sie gefielen auch ihm ausnehmend gut, und nachdem er ihnen seine Verhaltungsmaßregeln gegeben hatte, nahm er die Kathi beiseite – der Kranke war wieder eingeschlafen und hörte nichts – und ermahnte sie mit freundlichen Worten, getreulich auszuhalten, auch wenn die Eifersucht der Tante ihr vielleicht manchmal das Pflegeamt ein wenig schwer machen sollte. – – Die Geheimrätin aber war, sobald die beiden Aerzte das Zimmer verlassen hatten, aufgeregt in den Salon getreten, wo Herr Emmerich Vogel bereits ihrer harrte. »Ich weiß schon,« rief er ihr mit einem etwas schadenfrohen Lächeln entgegen, »die Tür war ja nur angelehnt – habe das meiste hören können. Die beiden Mädels scheinen eine besondere Anziehungskraft für Mediziner zu besitzen, hehe! Vorgestern war der schwarze Polack, oder was er ist, gleich hin in die Lizzi, und heute der andere Jünger Aeskulaps in die Kathi – das ist doch mal klar!« Frau Ida ging mit großen Schritten auf und nieder und zerrte ihr Taschentuch zwischen beiden Händen umher. »Das geht nicht so weiter«, murmelte sie halblaut vor sich hin. »Die Mädchen müssen aus dem Hause – und zwar so bald wie möglich!« Herr Emmerich riß erstaunt die Augen auf: »I, was tausend – du wirst doch nicht jetzt deinen Mann mit solchen Geschichten aufregen!« »Was hat ihn denn so aufgeregt, daß ihn der Schlag traf?« rief die Schwester, dicht vor ihn hintretend, mit zornfunkelnden Blicken. »Sie haben ihn gegen mich aufgehetzt, sie haben jede Gelegenheit benutzt, um sich durch ihr Getue und Gehabe bei ihm einzuschmeicheln, die undankbaren, hinterlistigen, heuchlerischen Frauenzimmer, die! Wenn ich bloß wüßte, was sie gestern hier hinter meinem Rücken mit dem armen Manne angestellt haben!« »Na, na!« grinste Herr Vogel. »Du gehst entschieden zu weit, Schwesterchen! Was werden sie getan haben? – Sie werden gesagt haben: »Lieber Onkel, sei doch so gut und bedenk uns in deinem Testamente, für den Fall, daß dich heute nachmittag der Schlag rühren sollte.« Frau Ida trat mit einer unwilligen Gebärde von ihm fort. »Ich finde deine Scherze sehr geschmacklos«, sagte sie verächtlich. Und dann auf der Lehne des Stuhles trommelnd: »Du solltest mir lieber einen guten Rat geben, wie ich die gefährlichen Geschöpfe los werde auf gute Art. Wohin damit?« »Hab' ich auch schon dran gedacht«, versetzte der Bruder, indem er sich listig lächelnd die Ohren rieb. »Laß sie ruhig im Hause und den alten Herrn seine Freude an ihnen haben. Vielleicht macht er wirklich noch ein Testament zu ihren Gunsten – dann heirate ich die Kathi und Brüderchen Adalbert, der große Künstler, läßt sich scheiden und heiratet die Lizzi – ganz einfach.« »Ich glaube, du bist verrückt!« rief die Geheimrätin und schritt rasch auf die Tür des Berliner Zimmers zu. »Kann ich gar nicht finden!« lachte er. »Damit wäre uns doch allen geholfen.« Sie verließ das Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Am Abend desselben Tages mußte Herr Emmerich Vogel abreisen und zwar in recht gedrückter Stimmung, da er das Darlehen, um dessentwillen er gekommen war, nicht hatte erhalten können. Sein letzter Versuch, die Schwester zu überreden, ihm auf ihre eigene Verantwortung das Geld zu geben, war mißglückt. Hätte er sie nicht durch seinen schlechten Scherz, wie sie es nannte, so sehr gekränkt, so würde sie sich vielleicht haben verleiten lassen, ihm wenigstens zu geben, was ihr an flüssigen Mitteln zu Gebote stand; so aber wandte sie mit Recht ein, daß sie ja nicht wissen könne, wann der Kranke wieder imstande sein würde, selbst geschäftliche Anordnungen zu treffen, und daß sie bis dahin jedenfalls mit ihrem baren Gelde sorgfältig haushalten müsse, denn ihre Unterschrift genügte nicht, um etwa Geld aus der Bank zu ziehen. Sie hatte ihn überhaupt mit großer Entschiedenheit darauf aufmerksam gemacht, daß er sich daran werde gewöhnen müssen, fortan ohne die Hilfe des Schwagers durchzukommen; denn wenn der Professor, was ja sehr wahrscheinlich war, genötigt wäre, sein Amt niederzulegen und dadurch einen beträchtlichen Teil seines Einkommens einzubüßen, so würden sie den Rest wohl selbst aufbrauchen, zumal wenn seine Gesundheit einen längeren Aufenthalt im Auslande erfordern sollte. Und dazu noch die Sorge für die beiden armen Nichten, die er sich auf den Hals geladen – nein, nein, es könne von der Hilfe in dem bisherigen großen Maßstäbe nicht mehr die Rede sein. Wenn er sich anders nicht zu helfen wisse, dann solle er nur das Geschäft aufgeben. »Das heißt einen Dummen finden oder Bankrott erklären!« war der Bruder wütend aufgefahren. Frau Ida hatte nur die Achseln gezuckt und sich durch gute just so wenig wie durch böse Worte von ihrem entschiedenen Nein abbringen lassen. Er hatte weder den Schwager noch die beiden Mädchen noch einmal zu Gesicht bekommen, und die Abschiedswünsche, mit welchen er die drei bedachte, mochten nicht eben die freundlichsten gewesen sein. – – Für die beiden Schwestern hatte der Streit zwischen Tante Ida und ihrem Bruder das Gute im Gefolge, daß er den eifersüchtigen Groll der Tante wenigstens für den Augenblick von ihnen ablenkte. Kathis Hilfe bei der Pflege des Gatten war ihr sogar angenehm, denn der Schreck und der Aerger der letzten vierundzwanzig Stunden hatten ihr ein heftiges Kopfweh eingetragen, so daß sie beim besten Willen nicht imstande gewesen wäre, viel für den Patienten zu tun. So schaltete denn zunächst Kathi fast allein im Krankenzimmer, nur am Nachmittag, während einiger Stunden, von Lizzi abgelöst. – – Aber das war nur eine Stille vor dem Sturm. Am nächsten Tage schon brach das Verhängnis herein. Es war etwa um die Mittagsstunde. Die Geheimrätin war bei ihrem Gatten, Kathi hatte sich ein wenig niedergelegt und Lizzi saß, in einem Buche blätternd, in des Onkels Studierzimmer, als draußen ein kurzes Klingeln ertönte und fast gleichzeitig ein Geräusch aus dem an der Innenseite der Flurtür angebrachten Blechkasten anzeigte, daß der Briefträger etwas hineingeworfen habe. Noch ehe das Mädchen durch den langen Gang von der Küche her nach vorn kommen konnte, war Lizzi draußen, um zu sehen, was es gebe. Der Schlüssel zum Briefkasten steckte im Schloß, wie gewöhnlich, und Lizzi nahm den Inhalt heraus und betrat damit rasch wieder das Studierzimmer. Es kam ihr plötzlich der Gedanke, daß vielleicht ihr feuriger Liebhaber an sie geschrieben haben könnte, und sie überflog hastig die Aufschriften der verschiedenen Briefe und Drucksachen. Nein, es war nichts für sie dabei, und sie wollte eben die Sachen auf den Schreibtisch legen, als ihr Blick von dem aufgedruckten Stempel des obersten Briefes gefesselt wurde: »Justizrat Kugler, Rechtsanwalt und Notar«. »Jesses!« entschlüpfte es ihr unwillkürlich, und sie führte die Hand nach dem Herzen, das plötzlich rasch und heftig zu klopfen begann. Sie überlegte einige Augenblicke, und dann, als sie draußen auf dem Flur eine Tür gehen und rasche Schritte sich nähern hörte, griff sie nach dem Brief und verbarg ihn in ihrer Tasche. Unmittelbar darauf trat die Minna ins Zimmer. »Des hat doch jeklingelt? Haben Sie vielleicht aufjemacht, Freilein?« »'s war bloß der Briefträger«, erwiderte Lizzi, vom Schreibtisch zurücktretend und nach dem Fenster zuschreitend, damit das Mädchen ihr nicht ins Gesicht sehen sollte, denn sie fühlte, daß sie rot wurde. Die Minna trat näher und griff nach den Postsachen, indem sie fragte, ob sie sie nicht gleich mit nach hinten nehmen sollte. »Nein, nein, lassen Sie's nur da liegen«, versetzte Lizzi, sich rasch umwendend. »Aber die Jnädige hat doch befohlen, daß ick ihr die Postsachen immer jleich bringen soll.« »Net ins Krankenzimmer, 's könnt am End doch den Onkel aufregen.« Und damit nahm sie dem Mädchen die Sachen aus der Hand und legte sie auf den Schreibtisch zurück. »Na, wie Se meenen«, erwiderte Minna, mit einem neugierigen Blick zu Lizzi emporschauend. Sie bemerkte offenbar ihre Verlegenheit und machte sich ihre Gedanken darüber. Mit einem dreisten Grinsen trollte sie sich hinaus. Lizzi war ganz verwirrt. Jetzt ging das Mädchen jedenfalls hin und meldete seiner Herrin, daß der Postbote etwas gebracht habe. Vielleicht machte es gar eine boshafte Bemerkung, denn es bildete sich wahrscheinlich ein, daß das Fräulein sich einen Liebesbrief herausgesucht habe oder so etwas. Sollte sie nun hier mit diesem Brief in der Tasche ruhig sitzen bleiben und abwarten, bis die gestrenge Tante hereinkam, um den Einlauf durchzusehen? Sollte sie etwa gar ihre Fragen über sich ergehen lassen, während ihre brennenden Wangen ihr böses Gewissen verrieten? Dieses verwünschte Erröten! Ganz heiß war ihr! Nein, so durfte sie der Tante nicht unter die Augen kommen! Und sie huschte eilenden Schrittes auf den Zehen nach ihrem Schlafzimmer. – – Kathi lag halb angekleidet in festem Schlaf auf ihrem Bette. Zwei Nächte hindurch hatte sie nur wenige Stunden geschlafen – sie hatte die Ruhe so nötig! Aber Lizzi war zu aufgeregt, sie wußte sich allein keinen Rat. Sie mußte die Schwester wecken – und sie berührte ihre Schulter und rief ihr leise ihren Namen ins Ohr. Sofort fuhr Kathi auf, öffnete mit Anstrengung die Augen und lallte schlaftrunken: »Gleich, gleich, i komm schon.« »Ich bin's, Kathi, sei net bös!« flüsterte Lizzi, indem sie sich aufs Bett setzte und ihre Arme um die Schulter schlang. »I hab so Angst – i muß dich wecken.« Und dann erzählte sie mit fliegenden Worten, was sie getan hatte. Kathi verstand nicht gleich. Es währte eine geraume Weile, ehe sie begriff, worum es sich handle. Dann aber riß sie die Augen weit auf und rief fast laut: »Lizzi, um Gottes willen, was hast da ang'stellt! Glei trägst den Brief wieder hin. Du bringst uns ja ins Unglück.« »Aber naa, sei doch nur g'scheit!« beharrte Lizzi und schüttelte in ihrem Eifer die Schwester bei den Schultern. »Denk doch nur, was die Tante anfangt, wann der Notar in dem Brief was vom Testament machen g'schrieben hat! Da wär's aus mit uns, net wahr? Was soll denn auch sonst drinstehn?« »Aber, Lizzi, dees wenn aufkommt – nachher haben mir an Brief unterschlag'n!« »A geh zu, wie soll denn dees aufkommen? Wir schreib'n an den Herrn Justizrat, daß den Onkel der Schlag g'rührt hat und daß er kein Brief net lesen darf. Er möcht warten, bis er wieder g'sund is. Sixt es – da is der Brief. Geh, sei stad, sperr'n du in dei' Schatulln nei'. Geh, sag ja! Hast den Schlüssel net im Sack?« Damit sprang sie auf und wollte die Tasche von Kathis Rock untersuchen, der an einem Haken an der Tür hing. »Lizzi, nein – i mag net – dees is net recht!« rief ihr die Schwester nach, indem sie die Bettdecke zurückwarf und sich anschickte, aufzustehen. In diesem Augenblick ging die Tür auf. Die Geheimrätin stand auf der Schwelle, nur einen Schritt von Lizzi entfernt, die in ihrem tödlichen Schreck leise aufschrie und den Brief, den sie noch in der Hand hielt, auf dem Rücken zu verbergen suchte. Es was zu spät. Die Tante hatte auf den ersten Blick den Brief in ihrer Hand wahrgenommen. Sie trat herein, drückte die Tür hinter sich ins Schloß und packte Lizzi fest am Arm. »Was ist das? Was hast du da vor mir zu verstecken? « sagte sie streng, und ihre stahlblauen Augen blitzten die Schuldbewußte drohend an. »Nix, gar nix«, erwiderte Lizzi tonlos und schaute hilfeflehend nach der Schwester um, während sie, trotz des festen Griffs der Tante, den Brief in ihre Kleidertasche zu stecken suchte, die sich aber unglücklicherweise auf der andern Seite befand. »Aha!« stieß die Tante voller Entrüstung hervor. »Es ist also wirklich wahr! Kaum acht Tage bist du im Hause, und schon fängst du hinter meinem Rücken heimliche Korrespondenzen an. Die Minna meldet mir, daß Briefe da seien, ich will hin und danach sehen, höre Stimmen in eurem Zimmer – und muß nun eine solche Entdeckung machen! So eine bist du also! O, ich habe dich gleich durchschaut, trotz deiner gekränkten Unschuldsmiene! Der Brief ist von einem Herrn.« Lizzi zuckte die Achseln. »Von dem Studenten jedenfalls, von dem du dir schon hast die Visitenkarte geben lassen.« »Nein!« »Du lügst, ich sehe es dir an!« »Ich lüg' net!« »Warum gibst du ihn mir dann nicht?« Lizzi preßte die Lippen fest aufeinander, ohne zu antworten. Inzwischen war Kathi aus dem Bett gestiegen. Mit gefalteten Händen trat sie einen Schritt auf die Schwester zu und sagte leise: »Geh, Lizzi, gib doch den Brief her. Es ist doch kein Unrecht ...« Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber Lizzi kam ihr zuvor, indem sie sich mit einem heftigen Ruck von dem Griff der Tante losmachte und in den schmalen Gang zwischen den beiden Betten sprang. Sie zog im nächsten Stuhl herbei, wie um sich dahinter zu verschanzen, und dann stieß sie trotzig hervor: »Gib dir kei Müh, Kathi, i hab doch g'log'n. Der Brief is vom Herrn Krajesovich von Nemes-Pann – und dees is mei Brief, und den brauch i net herz'geben.« Und damit zerknüllte sie das Schreiben in ihrer Hand und suchte mit zitternden Fingern nach der Tasche auf der Rückseite ihres Kleides. Die Geheimrätin atmete laut. Sie umklammerte mit beiden Händen die Lehne des Stuhles, der zwischen ihr und dem trotzig blickenden Mädchen stand und konnte sich nicht enthalten, ihn in ihrer Wut stark gegen den Boden zu stoßen. Sie erschrak über ihre eigene Heftigkeit, indem sie des Kranken nebenan gedachte, und zwang sich zu einem verächtlichen Lächeln. »Also auf diese Weise lohnst du unsere Wohltaten, undankbares Mädchen! Nicht nur leichtsinnig, kokett, intrigant, auch noch trotzig und verlogen bist du! Schön, behalte deinen Brief; aber das sage ich dir: in meinem Hause bist du am längsten gewesen! Ich werde Mittel und Wege finden, dich anderswo unter strenger Aufsicht unterzubringen.« Da vermochte Kathi nicht länger an sich zu halten. Sie trat hinter die Tante, legte ihr eine Hand auf die Schulter und rief, ohne sich durch Lizzis abwehrende Blicke beirren zu lassen: »Glaub's doch net, 's is ja alles net wahr. Der Brief is ja vom Herrn Justizrat Kugler.« Aufs äußerste überrascht, wandte Frau Ida ihr zornrotes Antlitz Kathi zu. »Was in aller Welt habt denn ihr mit dem Justizrat Kugler zu schaffen?« »Der Brief is ja net an uns«, antwortete Kathi stockend. »Die Lizzi hat g'meint, weil doch der Onkel so krank is – daß er sich net aufreg'n soll – 's war am End besser, du tät'st den Brief gar net erst lesen, weil's doch der Onkel net hat haben wollen, daß du was wissen sollst ...« »Was soll ich nicht wissen?« brauste die Geheimrätin auf. »Jetzt will und muß ich den Brief sehen. Eine Verschwörung mit meinem Mann hinter meinem Rücken!« Der Zorn erstickte ihr fast die Stimme, sie vermochte nur noch die Hand gebieterisch gegen Lizzi auszustrecken. Die holte das zerknüllte Schreiben aus der Tasche und warf es auf ihr Bett. Sie schien jetzt ganz ruhig und gefaßt zu sein, ja sie vermochte sogar zu lächeln, indem sie zu Kathi hinübersprach: »Na, weißt, du bist a rechts Kamel, Katherl; hätt'st mi doch allein in der Patsch'n sitz'n lassen, war g'scheiter g'wesen. Jetzt derf'n m'r alle zwei unsre sieb'n Zwetschgen z'sammenpacken.« Während Lizzi sich so mit Galgenhumor von ihrer Angst zu befreien suchte, hatte die Tante den Brief erhascht, geglättet und den Umschlag aufgerissen. Jetzt faltete sie das Blatt auseinander und las, in der Aufregung unwillkürlich halblaut vor sich hin murmelnd: »Hochverehrter Herr Geheimrat! Vergebens habe ich Sie gestern zu der von Ihnen bestimmten Stunde erwartet und vermute daher, daß Sie sich nicht wohl befinden. Sollte Ihnen an der raschen Erledigung der Sache gelegen sein und es Ihnen Unbequemlichkeiten machen, mich während meiner Büreaustunden aufzusuchen, so bin ich gern erbötig, die Beurkundung Ihres letzten Willens in Ihrer Wohnung aufzunehmen.« Hier brach die Geheimrätin ab. Ihre Brust wogte heftig. Ihre Nasenflügel bebten. Die Hand mit dem Schreiben sank in ihren Schoß und zitterte dermaßen, daß man in dem tiefen Schweigen, das für ein Weilchen in dem Zimmer herrschte, das Papier knittern hörte. Endlich hatte sie sich soweit gefaßt, um wieder Worte zu finden. Leise und heiser vor Zorn begann sie: »Es ist also wirklich wahr! Mein Bruder hat recht gehabt. Es gibt keine Schändlichkeit, die man euch nicht zutrauen könnte! Die Kränklichkeit eures Onkels macht euch bange, und da konntet ihr euch nicht genug beeilen, euren erbschleicherischen Plan zur Ausführung zu bringen. Die nächste beste Stunde, wo ihr mit dem kranken, schwachen Mann zusammen seid, der so weichherzig und harmlos ist wie ein Kind, die benutzt ihr, um ihn zu überreden, ein neues Testament zu euren Gunsten zu machen! Deshalb hattest du es so eilig, den Brief selbst in den Kasten zu stecken – ohne Stiefel, ohne Hut auf die Straße zu laufen – der Brief war an den Justizrat gerichtet. Deshalb mußtest du« – sie wandte sich von Lizzi an Kathi – »mit solchem aufopfernden Eifer dich zur Pflege drängen.« Kathi erblaßte und rief: »Nein, dees ist zu arg, dees is ...« »Und jetzt begeht ihr gar noch eine Unterschlagung!« rief die Wütende, ohne auf Kathi zu hören. »Man sollte euch sofort den Gerichten übergeben. Ich möchte nur wissen, wie ihr bei eurer Jugend dazu kommt, in dieser raffinierten Art und Weise ... Hat eure Mutter euch vielleicht noch vorgebildet für eure edle Lebensaufgabe?« Kathi stieß einen unterdrückten Schrei der Empörung aus, und Lizzi trat gar einen raschen Schritt vor und erfaßte mit beiden Händen den Stuhl, als wollte sie ihn der Verleumderin ins Gesicht schleudern. Die große, starke Dame wich ängstlich zurück und stammelte: »Wollt ihr euch etwa noch tätlich an mir vergreifen? Ihr solltet doch wenigstens bedenken, daß nebenan ein Todkranker liegt.« »Ja freili, dees sollten Sie bedenken, Frau Geheimrätin!« rief Kathi, gleichfalls einen Schritt auf sie zutretend, mit flammendem Antlitz. Frau Ida öffnete rasch die Tür und trat auf den Korridor hinaus. Dabei stieß der Türflügel unsanft gegen Minna, so daß das Mädchen erschrocken zurückprallte und nun, sich die Stirn haltend, die eine Beule wegbekommen hatte, gerade vor seiner wutschnaubenden Herrin stand. »Sie haben gehorcht!« zischelte die Geheimrätin das ganz verdutzte Mädchen an, und dann versetzte sie ihm eine rasche, kräftige Ohrfeige und schritt, ohne sich um sein Gejammer und Geschimpf weiter zu bekümmern, nach den Vorderzimmern. Lizzi und Kathi folgten ihr auf dem Fuße, letztere wie sie ging und stand, im Unterrock und gestrickter wollener Jacke. Sobald sie im Salon angekommen waren, warf die Geheimrätin sich in einen Sessel und betupfte mit dem Taschentuch ihr erhitztes Gesicht. Kathi, die Augen voll Tranen, zog Lizzi am Arm hinter sich her und trat mit ihr dicht vor sie hin. Jetzt konnte sie die Sprecherin machen. In ihrer gerechten Entrüstung vergaß sie all ihre Schüchternheit. »Wir lassen unser Mutter net beschimpfen!« rief sie, die geballte kleine Faust gegen ihr wildklopfendes Herz drückend. »Kei Wort is wahr von allem, was S' g'sagt hab'n. Ganz von selber is der Onkel draufkommen, a neues Testament z'machen, weil er's endlich amal müd g'worden is, sich von Ihnen und Ihrem Bruder um a Geld plagen z'lassn. So, jetzt wissen Sie's!« Frau Ida war für einen Moment ganz blaß. Wie ein Blitz mochte vor ihrer Seele die Erkenntnis aufleuchten, daß dies die Stimme der Wahrheit sei. Aber gerade, wenn dies die Wahrheit war, durfte sie sich ihr am allerwenigsten beugen. Das fühlte sie instinktiv. Wenn sie auch nur das geringste zugab, wenn sie sich einschüchtern ließ von dem Zorn dieser Mädchen, dann war's geschehen um ihre Machtstellung über ihren Gatten. Sie lachte höhnisch auf und rief gebieterisch: »Kein Wort weiter. Ich weiß jetzt, was ich von euch zu halten habe. Spielt ihr nur noch die Gekränkten! – Ich glaube euch kein Wort. Mein Mann sollte freiwillig ... ha, lächerliche Idee!« Sie erhob sich rasch und ging einigemal im Zimmer auf und nieder. Dann blieb sie stehen, wandte sich den Schwestern zu und sagte, verhältnismäßig ruhig: »Es versteht sich wohl von selbst, daß ihr jetzt nicht mehr im Hause bleiben könnt. Ich werde sofort an einen Verwandten schreiben, der Gymnasiallehrer in einer kleinen Stadt in Pommern ist. Dem werde ich für euch eine entsprechende Pension zahlen, und dann mag er sehen, ob er mit euch fertig wird. In die Großstadt und gar in die gute Gesellschaft der geistigen Aristokratie gehört ihr nicht. Lernt etwas Tüchtiges, daß ihr euch selbst durchs Leben helfen könnt. Von meinem Manne habt ihr nichts mehr zu erwarten. Darauf könnt ihr euch heilig verlassen!« Kathi starrte die Tante entsetzt an. Ihre schreckliche Hilflosigkeit kam ihr plötzlich zum Bewußtsein. Sie hatten ja keinen Ort in der Welt, wo sie mit irgendwelchem Recht eine Zufluchtsstätte beanspruchen durften. Kein Geld, um auf eigene Hand davonzugehen und sich irgendwelche, wenn auch noch so bescheidene Unterkunft zu suchen. Die paar hundert Mark, die ihnen als einziges mütterliches Erbteil aus dem Verkauf der Möbel geblieben waren, hatte der Onkel in Verwahrung genommen, und die Tante brauchte sie nicht herauszugeben, wenn sie nicht wollte. Sie mußten also über sich verfügen lassen, wie man über einen Hund verfügt, der einem lästig wird. Die Tränen stiegen ihr auf, und sie schaute ratlos der Schwester in die Augen. »Komm, sei stad, Kathi«, sagte Lizzi, indem sie die Schwester mit sich aus dem Zimmer zu ziehen suchte. »Mir packen augenblicklich unsre Koffer. Net eine Stund länger bleib'n m'r da! Dees lassen mir uns net gefallen und wenn m'r betteln gehn müßten! I bitt schön, Frau Tante, geb'n S' uns unser Geld 'raus.« »Das werde ich nicht tun!« versetzte die Geheimrätin scharf. »Euer Onkel hat gewissermaßen doch die moralische Verantwortlichkeit für euch übernommen. Ich werde euch nicht die Mittel dazu geben, um damit durchzubrennen, wer weiß wohin, und vielleicht gänzlich zugrunde zu gehen!« »Schön, 's ist recht. Dann geh'n m'r ohne Geld!« rief Lizzi scheinbar ganz gleichgültig und zog Kathi mit sich aus dem Zimmer. Sie hatte schon ihren Plan fertig, und sobald sie in ihrer Schlafstube waren, riegelte sie die Tür hinter sich ab und entwickelte ihn der weinenden Kathi. Sie wollten sofort ihre Sachen packen, nach dem Bahnhof fahren, sie dort in Verwahrung geben und dann an die Frau Konsul Thormälen in Hamburg telegraphieren, ob sie kommen dürften. Bis die Antwort postlagernd eintraf, wollten sie spazierengehen und sich bei dem schönen Wetter – es war heute der erste klare Tag, seit sie in Berlin waren – auf eigne Hand ein wenig in der Reichshauptstadt umsehen. Wenn die Frau Konsul sie haben wollte, dann würde ihr Geld ja wohl ausreichen, um nach Hamburg zu gelangen, schlimmstenfalls vierter Klasse. Sie hatte noch die zehn Mark, die sie zum Geburtstag geschenkt erhalten, und außerdem war ihnen von dem Reisegeld noch etwas übriggeblieben. Sie verfügten zusammen über dreiundzwanzig Mark zweiundsiebzig Pfennige. Sollte Frau Thormälen ihnen abtelegraphieren, dann wollten sie die gute Majorin von Goldacker ersuchen, ihnen das Reisegeld bis München vorzustrecken. Wenn sie erst einmal wieder daheim waren, dann würden ihnen ihre Freundinnen schon durchhelfen, bis sie irgend eine Stellung gefunden hätten, als Ladnerinnen oder selbst als Kellnerinnen, wenn's sein müßte. Die gute Kathi war ganz kleinlaut geworden. Sie drückte ihre Bewunderung für Lizzis Energie aus, aber sie fand nicht den Mut, einen solchen raschen, entscheidenden Entschluß zu fassen. Sie hielt es für ihre vornehmste Pflicht, jetzt zunächst trotz aller Widerwärtigkeiten bei dem kranken Onkel auszuhalten, und bis er außer Gefahr war, getreulich die Aufgabe zu erfüllen, die der Arzt ihr vorgeschrieben hatte. Soviel sich auch Lizzi bemühte, sie anderen Sinnes zu machen, all ihr Bitten, Schelten, ihre Tränen selbst blieben ohne Erfolg. Aber auch Lizzi beharrte fest auf ihrem Entschluß, und schließlich blieb Kathi nichts weiter übrig, als ihr beim Einpacken behilflich zu sein. Nach kaum einer Stunde hielt bereits die Droschke vor der Tür, welche die Kühne nach dem Lehrter Bahnhof bringen sollte. Sie schleppte selbst mit Minna, die sich gleichfalls verschworen hatte, noch heute das Haus zu verlassen, ihren Koffer die Treppe hinunter, und Kathi folgte mit dem Handgepäck nach. Auf der Straße fielen sie sich noch einmal um den Hals und sagten sich mit einem innigen Kusse Lebewohl. Und als Lizzi schon im Wagen saß und zum letztenmal der Schwester die Hand drückte, lächelte sie noch unter Tränen und sagte: »Sei stad, Katherl, i geh jetzt amal Quartier machen. Wenn 's Nestl warm herg'richt is, dann schreib ich, und du kommst nach. Gel, Herzl? Vielleicht is gar 's Krajesovicherl so freundlich, mich gleich zu entführen. Weißt, der is ganz nah bei die Türken z' Haus, da schaff'n m'r für unser Katherl an Pascha mit drei Roßschweifen an. Also lustig, alt's Katherl, allweil fidel! – Kutscher, fahren S' zu!« Neuntes Kapitel. [Eins der ereignisreichsten in dieser wahrhaftigen Geschichte, in welchem die Lizzi sich ernsthafte Gedanken macht, schlecht diniert und gut soupiert, ihren wahren Beruf, Freundschaft, Liebe und schließlich gar ein Nachtquartier findet.] Das Abschiedsherzeleid machte Lizzi nicht allzulange zu schaffen. Als sie auf dem Lehrter Bahnhof angekommen war, ihr Gepäck zur Aufbewahrung gegeben und nach Hamburg telegraphiert hatte, kam sie sich in ihrer Selbständigkeit so bedeutend und mit ihren zwanzig Mark in der Tasche so reich vor, daß sie, ohne irgend vor der Abenteuerlichkeit ihres Unterfangens zu erschrecken, oder sich um die gänzlich ungewisse Zukunft Sorge zu machen, vielmehr nur mit kindlichem Uebermut die berauschende Freiheit der Gegenwart genoß. Der Telegraphenbeamte hatte ihr gesagt, daß in zwei Stunden spätestens Antwort da sein könne, und dann hatte sie sich nach den Zügen erkundigt, die nach Hamburg gingen und dritte Klasse führten. Ihre Mittel erlaubten ihr ja jetzt sogar dritter Klasse zu fahren. Als sie so alle Vorbereitungen getroffen hatte, verließ sie den Bahnhof und steuerte aufs Geratewohl über den weiten Platz stadtwärts. In dem knapp anliegenden grauen Regenmantel, der von oben bis unten mit riesigen Perlmutterknöpfen zugehalten wurde, den Trauerflor um den Arm, die Hände in die kleinen Vordertaschen versenkt, Regenschirm unter den Arm geklemmt, Kuriertäschchen umgehängt, schwarzes Filzhütchen mit Federstutz und grauem Schleier auf dem Kopfe, sah sie unternehmend und hübsch genug aus, wie sie mit ihren gewohnten großen Schlitten so flott und frei einherstiefelte. Sie hatte das letzte Mittagessen im Hause der Tante stolz verschmäht, und nun stellte sich ein ganz gehöriger Hunger ein. Da sie nicht die geringste Lokalkenntnis besaß, so war die Frage, wie sie den stillen sollte, nicht so ganz leicht zu lösen. In der Gegend, wo sie sich befand, gab es überhaupt keine Restaurants. Sie stand mitten auf dem Königsplatz und starrte eine Minute lang das goldstrotzende Scheusal, Siegessäule genannt, ohne besonderen Genuß an. Vor ihr dehnte sich der Tiergarten aus. Ein Spaziergangs bei dem prächtigen Sonnenschein wäre unter anderen Umständen ganz verlockend gewesen. Zurzeit aber deuchte ihr eine einfache Kalbskotelette im Magen erstrebenswerter. Um sich nicht etwa in dem weiten Parke zu verlaufen, hielt sie sich an der bebauten Seite und folgte der Sommerstraße bis zum Brandenburger Tor und bummelte dann etwas langsamer die Linden hinauf. Hier gab es ja nun Restaurants die Hülle und Fülle. Aber die sahen mit ihren Spiegelscheiben und all dem Prunk der Einrichtung, den sie durch diese wahrnehmen konnte, so abschreckend vornehm und teuer aus, daß die Lizzi sich nicht hineintraute. Nachdem sie bis zur Friedrichstraße hinuntergegangen war, bog sie, die Linden aufgehend, in diese ein, und als sie zwischen Dorotheen- und Mittelstraße auf ein kleineres Restaurant mit Münchener Bier stieß, trat sie kurz entschlossen ein. Lauter Männer saßen darin, und eine abscheuliche Atmosphäre, aus Speisendunst und Tabaksqualm gemischt, schlug ihr erstickend entgegen. Sie wäre am liebsten gleich wieder hinausgelaufen. Aber das hätte doch zu dumm ausgesehen! So ließ sie sich am ersten besten freien Tisch nieder und verlangte die Speisekarte. »Menü a 1 Mk.« stand darüber. Suppe, Gemüse mit Beilage oder Fisch, Braten mit Salat und Kompott und Speise oder Butter und Käse. Von den Fleischgerichten sogar mehrere zur Auswahl. Das alles für eine Mark. Da hatte sie's also gut getroffen. Sie entschied sich für Krebssuppe, Schellfisch mit Butter, Gänsebraten und Zitronenauflauf. Dann knöpfte sie in froher Erwartung eines fürstlichen Diners ihren Mantel auf, zog die Handschuhe aus und schlug den Schleier zurück. Es schien hier doch selten eine Dame sich hineinzuverirren, oder war es am Ende, weil sie so auffallend hübsch war, daß fast alle diese Herren sich nach ihr umwandten und sie mit ihren dreisten Blicken in Verlegenheit setzten? Es war nur gut, daß der schmierige Kellner ihr sehr bald die Suppe aus einem blinden, wie Blei aussehenden Blechgefäß in den Teller goß. Da konnte sie sich mit dem Essen beschäftigen und brauchte die Augen nicht aufzuheben. Was sich Krebssuppe nannte, war ein geschmackloser, lauwarmer, verdünnter Kleister, mit schlechtem Fett und rötlichem Farbstoff versetzt, ein Zeug, das sie trotz ihres Hungers nicht auszulöffeln vermochte. Das verschwindend kleine Stückchen Schellfisch war hart und trocken, wie ein weißer Kreidefels aus dem gelben See der schlechten geschmolzenen Butter hervorragend. Desto bedeutender nahm sich der Gänsebraten aus. Doch erwies sich seine Größe als eine schmähliche optische Täuschung. Ein raffinierter Querschnitt durch das ganze Knochengerüst, von fast verbrannter Haut überzogen, von dem Lizzi mit größtem Fleiß kaum vier oder fünf Bissen Fleisch abzulösen vermochte. Das Ganze schwamm in einer mehligen, braunen Tunke, die nicht eben den Wohlgeschmack erhöhte. Auch der oft aufgewärmte, vertrocknete Zitronenauflauf mit der dünnen Weinsäure vermochte das hungrige Mädchen nicht für die vorausgegangenen Enttäuschungen zu entschädigen. Aber das Pschorrbräu war wenigstens gut, und sie aß viel Brot dazu. Dann beeilte sie sich zu zahlen und verließ hastig das Lokal. Ohne Zweck und Ziel ging sie die Friedrichstraße wieder zurück, blieb vor jedem Laden stehen, sah mit naiver Bewunderung jeder auffallend gekleideten Dame nach und benahm sich überhaupt ganz wie das Mädchen aus der Fremde. Mit Eifer studierte sie die Anschlagsäulen und besonders die Theaterzettel. Es wäre doch eigentlich zu dumm, dachte sie sich, wenn sie von Berlin fort sollte, ohne daß sie ein einziges Mal im Theater gewesen wäre. Auf der Gesellschaft beim Onkel Professor hatte sie soviel vom Deutschen Theater und besonders von seinen Sternen Joseph Kainz und Agnes Sorma gehört. Und gerade für heute war Grillparzers »Weh dem, der lügt!« angezeigt und jene beiden Namen unter den Mitwirkenden. Sollte sie nicht den Tag ihrer Freiheit dazu benutzen, sich einmal einen Genuß zu verschaffen, der ihr sonst vielleicht nie wieder im Leben geboten wurde? Aber diese Preise! Sieben Mark fünfzig – sechs Mark – vier Mark fünfzig, bis herunter zu einer Mark für die Galerie. Eine Mark konnte sie wohl dranwenden, es ging ja noch ein Personenzug spät abends nach Hamburg, und das Geld reichte immer noch, auch wenn noch Abendessen dazukam. Sie drehte und wendete den Gedanken in ihrem Kopfe herum, während sie sich von dem auf und nieder flutenden Menschenstrom der belebten Straße forttragen ließ. Bei jeder Anschlagsäule blieb sie stehen, um den Zettel des Deutschen Theaters durchzulesen. Und beim drittenmal stand der Entschluß bei ihr fest, heute abend für eine Mark »Weh dem, der lügt!« zu sehen. Das mußte doch ein Stück sein, das ihr selbst die bösartige Tante nicht verbieten konnte. Der Titel klang schon so moralisch. Sie war über ihren Entschluß so stolz, wie wenn sie sich einen Orden für Tapferkeit vor dem Feinde errungen hätte und den sie zum erstenmal auf stolz geschwellter Brust im Sonnenschein spazierenführte. Sie trug, den Kopf noch einmal so hoch, und ihr lieblich volles Gesicht mit den frischen Farben leuchtete unter dem grauen Schleier so überaus lustig hervor, daß manch bewundernder Blick sie traf und gar viele Leute stehenblieben, um dem reizenden großen Mädchen nachzuschauen. Die Einfachheit ihrer Kleidung und die Unbefangenheit ihres Auftretens gewährten ihr auch ausreichenden Schutz vor den Zudringlichkeiten seitens der Männerwelt, die sonst gerade in diesem Teile der Stadt für ein auffallend hübsches Mädchen zu befürchten sind. Als die zwei Stunden abgelaufen waren, es war gegen vier Uhr, kehrte sie nach dem Lehrter Bahnhof zurück. Es war noch keine Antwort von Hamburg eingelaufen. Sie bekam anfänglich einen gelinden Schreck. Was sollte sie anfangen, wenn die Frau Konsul Thormälen etwa gar nicht daheim war? Sie konnte doch nicht nach Hamburg reisen ganz aufs Ungefähr. Sollte sie nicht doch vielleicht zunächst die freundliche Majorin von Goldacker aufsuchen und sie um Aufnahme bitten, bis sie eine briefliche Antwort von Frau Thormälen erhalten hatte? Aber nein, dann hätte sie gewiß nicht heute abend ins Deutsche Theater gedurft; und das hatte sie sich einmal so fest in den Kopf gesetzt, als ob von der Ausführung dieses Vorhabens ihre ganze Zukunft abhinge. Sie genoß im Bahnhofrestaurant eine Tasse Kaffee, ruhte sich eine halbe Stunde aus und fragte dann wieder am Telegraphenamt nach. Noch keine Antwort! Da schlug sie zum zweitenmal den Weg zum Brandenburger Tor ein und dachte: jetzt ist schon alles eins. Um elf geht der letzte Zug – bis dahin hab' ich »Weh dem, der lügt!« gesehen, und bis dahin muß ein Telegramm da sein. Diesmal ging sie nicht die Linden hinauf, sondern bis zum Potsdamer Tor und bog dann in die Leipziger Straße ein. Sie war noch nie am Abend durch die Hauptverkehrsstraßen gekommen, und als sie sich in den schwarzwimmelnden, brausenden Menschenstrom hineingleiten ließ, da empfand sie jenes Gefühl bänglicher Lust, mit welchem ein Binnenländer zum erstenmal bei starkem Wellenschlag ein Seebad nimmt. Durch ihre entschlossene Befreiungstat hatte sie sich selbst mündig gesprochen. Nicht mehr trottete sie wie ein Kind ängstlich am Schürzenbande eines fremden Willens zwischen den Bretterzäunen der sogenannten Erziehung einher. Sie stand allein auf weitem Plan, frei zu gehen, wohin sie wollte, stark genug, ihre Ellbogen zu gebrauchen in den ungeordneten Schlachtreihen rücksichtsloser Kämpfer ums Dasein, frei auch, sich von einem gefälligen Strome unbekannten Zielen zutragen zu lassen. Das war nicht eine Entdeckungsreise in Berlin, ein harmloser Spaziergang durch die Leipziger Straße, das war das brandende Leben selbst, in das sie mit keckem Sprunge hineingetaucht war, ohne seine Tiefe zu kennen, seine verborgenen Klippen zu ahnen. Und so wenig sie wußte, daß diese Leipziger Straße auf dem Spittelmarkt endet, und daß von dort die Gertraudenbrücke über die Spree führt, so wenig wußte sie, an welche Küste sie der Strom setzen würde, von dem sie sich jetzt treiben ließ. Aber sie war guten Mutes, sie hatte in dem reinlichen, mit glatten Kacheln ausgelegten Bassin der höheren Töchtererziehung schwimmen gelernt, was konnte ihr das fremde Gewässer auch anhaben, mochte es gleich noch so tief sein? Nein, Furcht hatte sie nicht, und die Aufregung, in welche der Lärm des Verkehrs, das drängende Gewühl rastloser Menschen ihre Nerven versetzte, nahm alle ihre Sinne zunächst wie ein angenehmer Rausch gefangen. Sie wollte möglichst viel auf einmal beobachten. Sie hatte die Augen und die Ohren überall und wollte doch nicht auffallen mit ihrer kindischen Neugier, nicht als ein dumm erstauntes Gänschen aus der Provinz entdeckt werden. Das war nicht leicht. Und als sie sich eine halbe Stunde lang so zweck- und ziellos durch den Menschenstrom hindurchgeschlängelt hatte, da kam ihr auf einmal ihre gänzliche Verlassenheit peinvoll zum Bewußtsein. Nicht nach mütterlicher Aufsicht, nach freundschaftlicher Führung sehnte sie sich, sondern die Erkenntnis quälte sie, daß sie ein gänzlich nutzloses Ornament an dieser gewaltigen, in ehrlicher Anstrengung laut schnaufenden, hart donnernden Arbeitsmaschine sei. Diese Hunderte und aber Hunderte von Männern und Frauen jeden Standes und Alters, bis zu halben Kindern herunter, welche mit ernsten Gesichtern und dem raschen Schritt derer, für die Zeit Geld ist, an ihr vorübereilten, die beschämten sie und lenkten ihre Gedanken auf eine Bahn, die sie bisher noch nie betreten hatte. Was bedeutete denn ihr Dasein für die Allgemeinheit der menschlichen Gesellschaft? Wovon leitete sie ihre Berechtigung zum Genusse dieses Daseins ab? Was hatte bis zum heutigen Tage ihr Sinnen und Trachten ausgemacht? Für welche Leistung durfte sie von der Zukunft den Lohn fordern? Sie hatte Regen und Sonnenschein, wie just der Himmel ihn schickte, über sich ergehen lassen und war gewachsen, groß und stark geworden und blühte nun wie eine Lilie auf dem Felde, ohne Zweifel lieblicher anzuschauen, als der alte König Salomo in aller seiner Herrlichkeit. Sie hatte die guten Menschen, die sie liebten, wieder liebgehabt und mit mehr oder minder Eifer gelernt und getrieben, was man von ihr verlangte. Aber aus ihrem eigenen Willen und Wesen heraus hatte sie noch nichts getan, noch nichts erstrebt, was ihr als eine nützliche Arbeit im großen Kontobuche des Lebens gutgeschrieben werden konnte. Nichtigkeiten über Nichtigkeiten hatten ihr müßiges Gehirn erfüllt, keine schöpferische Leidenschaft noch ihr Herz bewegt. Eine kleine Heimlichkeit mit einem Kadetten oder einem Studenten, die Sehnsucht nach einem schwer erreichbaren Vergnügen, ein klein wenig Angst vor den Folgen eines harmlosen kecken Streiches, das waren bisher so die Sonntagsereignisse ihres friedlichen Seelenlebens gewesen, während sie sich alltags darauf beschränkte, zu existieren und so nett zu sein, wie es ihr natürlich war. Und wenn ihr Leben glatt weiter verlief, auf neuen Schienen und gutgeschmierten Rädern, wie es müßige Töchter der höheren Stände zu verlangen pflegen, so bedeutete es eben weiter nichts als Essen, Trinken, Schlafen und die Zeit hinbringen in mehr oder minder angenehmer Gesellschaft, bis vielleicht eines Tages ein fremder Mann auf die kühne Idee kam, dies hübsche Nichts an sein Herz zu ziehen, ihm den Ertrag seiner Arbeit in den Schoß zu schütten und es noch obendrein wie eine Heilige oder Heldin zu verehren, wenn es ihm mit den unvermeidlichen Schmerzen Kinder gebar. Und wenn sich so ein merkwürdiger Mensch nicht fand – was dann? Es ging dem sinnenden Mädchen eine Ahnung auf, eine wie traurige Lächerlichkeit in diesem energischen modernen Leben die Frau bedeute, die nichts ist, nichts will und nichts kann. Blühen, Frucht tragen und vergehen – im günstigen Falle – am Boden wurzeln, dem Zufalle preisgegeben, gänzlich auf dem Standpunkte der Pflanze verharrend, während die Mitgeschöpfe gleicher äußerer Prägung schon eine zehnmal höhere Stufe der Entwicklung erreicht haben! Nein, sie wollte sich mit einem solchen Blumenschicksal nicht bescheiden. Sie wollte nicht Dame sein und vegetieren, sondern als Mensch unter Menschen frei ihre Kräfte regen. Sie begann sich zu prüfen. Was hatte sie denn nützlich Verwendbares gelernt? Just etwas zu wenig, um andere zu lehren oder gar aus ihrem Wissen eine Wissenschaft zu machen, und doch schon zu viel, um es noch auf die Dauer auszuhalten in einer der weiblichen Berufsarten, die nur eine geschickte Hand oder aber einen offenen Kopf und die vier Spezies voraussetzen. Ja, wenn sie irgend eine freie Kunst hätte ausüben können – der hätte sie sich mit ganzer Seele hingegeben, in der hätte sie ernsthaft arbeiten wollen; aber hatte sie denn irgend ein ausgesprochenes Talent, drängte es sie denn unwiderstehlich zu künstlerischer Gestaltung? Sie tuschte ein wenig, sie spielte ganz nett Klavier und sang sogar ungewöhnlich hübsch. Nun ja, musikalisch war sie ganz entschieden; vielleicht war aus ihrer Stimme etwas zu machen. Die war ja nur klein, aber eine fleißige Uebung und gute Schulung konnte sie ja stärken. Wenn die Frau Konsul Thormälen oder die Frau von Goldacker oder sonst ein wohlhabender Freund die Mittel vorschoß, so konnte sie es ja damit versuchen. Und wenn sie auch keine große Sängerin wurde, so gab sie doch schließlich eine brauchbare Gesangslehrerin ab. Freilich, das Beispiel ihrer eigenen Mutter zeigte ihr ja, was dabei herauszukommen pflegte. Wenn man sich nicht gerade einen großen Namen machen konnte, herzlich wenig. Ja, wenn Talent und Kraft zur Bühnensängerin ausreichten – aber so hoch wagte sie sich gar nicht zu versteigen. Bei dem Gedanken an die Bühne fiel es ihr wieder ein, daß sie ja heute abend das Deutsche Theater besuchen wollte. Sie fragte sich durch bis zur Schumannstraße, und als sie nach langer Wanderung sehr müde dort ankam, war es bereits sechs Uhr geworden und die Kasse eben eröffnet. Sie kaufte sich ein Galeriebillett und dann ließ sie sich völlig erschöpft auf einer der Polsterbänke im Vestibül nieder. Sie war ganz heiß von dem langen Weg, und der Kopf wirbelte ihr von dem ungewohnten Lärm, der stundenlang ihre Ohren umbraust hatte. Sie schloß für ein paar Minuten die Augen, riß sie aber erschrocken wieder auf, als sie merkte, daß sie dabei einschlafen würde, trotz des Kommens und Gehens, des Auf und Zu der Türen und des kalten Luftzugs, der dann jedesmal hereinströmte. Schlafen konnte sie hier doch unmöglich, schon der Taschendiebe wegen nicht, die nach ihrer Vorstellung selbstverständlich in einer Stadt wie Berlin allgegenwärtig waren. So blickte sie denn mit angestrengter Aufmerksamkeit umher. Viel war nicht zu sehen, denn nur vereinzelt kamen zu dieser frühen Stunde die Leute an die Kasse. Aber jetzt wurde ihr Blick gefesselt von einer auffallenden Erscheinung. Ein junges Mädchen hatte sich eben ein Billett gekauft und wandelte nun, um die Zeit totzuschlagen, zwischen den Säulen auf und ab. Es war mittelgroß und sehr schlank. Eine recht abgetragene Plüschjacke umschloß formlos den Oberkörper. Von dem grünen Tuchkleid hing an der Seite ein Stück abgetretenen Saumes unordentlich herunter. Ein kleiner Kragen um den Hals und ein schief auf den Kopf gestülptes Mützchen waren von dem gleichen billigen Pelzwerk. Aber das schmale, bleiche Gesichtchen, das zwischen diesem Pelzwerk und einem Wust zerzauster, dunkelbrauner Locken hervorleuchtete, nahm sofort Lizzis Teilnahme gefangen. Es sah so düster und energisch aus, trotz der weichen, etwas schlaffen Züge. Um das etwas zu kleine, puppenhaft geschweifte Mündchen hatten sich zwei Falten eingegraben, die von schweren jungen Leiden erzählten und die großen, tiefliegenden Augen, in denen ein verhaltenes Feuer fast unheimlich glühte, blickten finster und wie verächtlich umher. Ihre dichten schwarzen Brauen waren über der schmalen, feingeformten Nase fast zusammengewachsen, und das aus dem schmalen Oval des Umrisses etwas zu spitz hervortretende Kinn zeugte von trotziger Entschlossenheit. Die farblosen, welken Wangen und die nicht ganz reine Haut machten es schwer, das Alter des Fräuleins zu bestimmen. Lizzi, wie alle Frauen geneigt, ihresgleichen lieber älter als jünger zu machen, schätzte sie auf fünf- oder sechsundzwanzig. Als die junge Dame sich so aufmerksam beobachtet sah, stutzte sie, blickte Lizzi scharf an, schritt dann rasch auf sie zu und setzte sich mit einem kurzen Kopfnicken neben sie. Sie holte aus ihrer Tasche ein Reclambändchen hervor und begann mit düster zusammengezogenen Brauen zu lesen. Lizzi konnte das Titelblatt sehen. Es waren die »Gespenster« von Ibsen. Aber nicht lange las das Mädchen, dann schüttelte es sich und murmelte vor sich hin: »Brrr, eklig kalt!« und dann wandte es sich mit der Frage an Lizzi, ob sie vielleicht eine Uhr bei sich habe? »Nein, ich habe keine Uhr bei mir«, bemühte sich Lizzi rein hochdeutsch zu antworten. »Aber ich mein, 's müßt schon bald halber sieben sein.« »So spät schon? Da wär's hohe Zeit hinaufzuklettern. Sie haben wohl Parkett?« »Nein, dees grad net – Galerie«, erwiderte Lizzi zaghaft und errötend. »So so«, lachte die Fremde und zeigte eine Reihe scharfer kleiner Zähnchen. »Dann kommen Sie nur mit mir hinauf, wenn Sie etwas fremd sind. Auf dem Olymp sind die freien Geister zu Hause. Auf den teuren Plätzen bläht sich das Herdenvolk, das stumpfsinnige Protzentum. En avant , Fräulein, excelsior! « Sie lachte wunderlich vor sich hin und schritt voran, und Lizzi folgte ihr auf dem Fuße, ein wenig verschüchtert durch das seltsam harte Wesen dieses Mädchens, aber doch froh, eine Gefährtin gefunden zu haben, mit der sie ein wenig schwatzen konnte. Oben angekommen, warf die Unbekannte einen Blick in den Zuschauerraum und sagte: »Bah, wir haben noch Zeit. Es scheint heute nicht so schlimm zu werden. Stehen müssen wir noch genug. Kommen Sie! Nehmen Sie hier Platz.« Und sie führte sie nach der Treppe zurück, setzte sich auf deren oberste Stufe und hieß sie ihrem Beispiel folgen. Dann holte sie wieder ihre »Gespenster« aus der Tasche und schickte sich an zu lesen. »Haben Sie keine Lektüre bei sich?« wandte sie sich an Lizzi, und als diese verneinte, fuhr sie lächelnd fort: »Sie kennen also die Technik des Galeriebesuchs noch nicht. Man muß manchmal eine Stunde vorher schon am Platze sein, wenn man in die vorderste Reihe kommen will. Die Zeit kann man gut ausnutzen, um sich zu bilden. Lieben Sie Ibsen? – Sie werden doch Ibsen kennen?« Lizzi besann sich ein Weilchen, und dann fiel ihr auf einmal ein, daß das ja der stadtbekannte, wunderliche Herr mit dem gesträubten Haupthaar und den steifen, grauen Bartkoteletten sei, den man in München tagtäglich um zwei Uhr nach dem Cafs Maximilian wandeln sehen konnte. Sie sagte das der Fremden. Aber gelesen habe Sie nichts von ihm. Das sei doch auch wohl nichts für junge Mädchen. Die andre zog verächtlich die Mundwinkel herunter. »Nichts für junge Mädchen! Erst recht – bitter und gesund ist er. Ich studiere jetzt die Regine. Ist ja nur 'ne kleine Rolle; aber so schön verzwickt, so hübsch angefault. So was reizt mich immer am meisten.« »Ah, Sie sind wohl selbst Schauspielerin?« fragte Lizzi neugierig. »Nein«, versetzte jene. »Ich bin leider Malerin. Aber das ist eine dumme Kunst. Flach in des Wortes verwegenster Bedeutung. Um Stilleben oder fette Möpse zu malen mein lebelang, dazu bin ich nicht stumpfsinnig genug. Und zur Malerei großen Stils fehlt mir's am Können. Das kostet auch barbarisch viel Geld. Teure Modelle kann ich nicht bezahlen. Außerdem: einem Frauenzimmer glauben sie ja so was doch nicht. Ich möchte es mit der Bühne versuchen. Da kann man doch sein bißchen Persönlichkeit einsetzen, kann sich austoben, wenn man wirklich was herzugeben hat – und dann verhungert man auch nicht so leicht wie bei der faden Kleckserei. Was sind Sie denn?« Wenn ihr plötzlich gesagt worden wäre: »Ich sehe Ihnen an, Sie haben schon einmal silberne Löffel gestohlen«, so hätte die arme Lizzi kaum mehr erschrecken können, als jetzt über diese Frage. Das herbe, entschiedene Wesen dieses Fräuleins, ihre männlich-derbe Art, sich auszudrücken, flößten ihr eine Art scheuer Bewunderung ein. Sie würde sie gewiß tief verachten und kein Wort mehr an sie verschwenden, wenn sie ihr gestände, daß sie nichts sei, rein gar nichts, außer einer jugendlichen Person weiblichen Geschlechts. Und so stammelte sie denn tief errötend: »Ich bin – ich wollte mich auch für die Bühne ausbilden, aber ...« »Na aber, – was denn?« drängte die Fremde. »Papachen und Mamachen erlauben's wohl nicht?« »Ich hab' keine Eltern mehr.« »Na, dann wohl eine gräßliche alte Tante?« »Ja, dees schon, aber der bin ich grad heut davong'laufen.« »Bravo!« lachte das Fräulein und musterte Lizzi mit lebhafterer Teilnahme. »Da scheinen Sie also Talent zu haben! Das hätt' ich Ihnen gar nicht zugetraut. Sie sehen noch so verwünscht unreif aus, nehmen Sie mir's nicht übel! Viel zu rund und weich und hübsch. Damit erreichen Sie entweder gar nichts oder es wird Ihnen viel zu leicht gemacht. Sie duften ja ordentlich nach Illusionen, wie ein Baby nach Milch. Haben Sie denn schon die Kinderkrankheiten durchgemacht? Ich meine so die erste bis xte Liebe. Herrgott, wie Sie rot werden! Hahaha! Ich mein' es gar nicht böse. Erzählen Sie mal. Mir können Sie alles sagen. Ich bin abgebrüht wie 'n alter Pope. Was wollen Sie denn jetzt zunächst anfangen?« »Ich möcht' heut nacht noch nach Hamburg«, antwortete Lizzi zaghaft. »Nach Hamburg? Sie wollen doch nicht etwa gar nach Amerika durchbrennen?« rief das Fräulein mißbilligend. »O nein, g'wiß net!« beeilte sich Lizzi zu versichern. »'s is nur, weil ich in Hamburg eine alte Dame kenn', die mir vielleicht helfen tät.« »Ach was, Unsinn! Lassen Sie nur die alte Dame aus dem Spiel. Wenn Sie zur Bühne wollen, dann sind Sie hier grade am rechten Ort. Haben Sie Geld?« »Ja, ich hab' beinah noch zwanzig Mark.« Die Fremde lachte aus vollem Halse. »Na, wissen Sie, Kindchen, aus Ihnen kann noch was werden. Sie scheinen ja ein famoses Mädel zu sein! Zwanzig Mark! Hahaha! Kommen Sie, Kapitalistin, es ist höchste Zeit, daß wir hineingehen. Sie müssen mir mehr erzählen von sich. Ich werde Sie unter meine Flügel nehmen. Uebrigens, damit Sie doch wissen, mit wem Sie 's zu tun haben: meine Name ist Milka Grönroos, und ich bin aus Finnland.« »Lizzi Mödlinger aus München.« Fräulein Milka beugte steif den Kopf und näselte, den Studententon nachahmend: »Angenehm!« Dann aber zog sie freundlich ihren Arm unter den eigenen und betrat mit ihr die Galerie, die sich unterdessen schon ziemlich gefüllt hatte. Trotzdem fanden sie aber noch in der vordersten Reihe Platz. Lizzi ließ sich nicht lange bitten, der neuen Freundin ihre kurze Lebensgeschichte zu erzählen, worauf jene ihr mehr offenherzig als höflich versicherte, daß diese Geschichte recht gewöhnlich und uninteressant sei. Und dann setzte sie, nachdem sie ein Weilchen nachgedacht hatte, ernsthaft hinzu: »Ja, Kindchen, was man mit Ihnen anfangen soll, das weiß ich wirklich nicht. Sie gefallen mir eigentlich recht gut. Den Männern werden Sie jedenfalls noch viel besser gefallen. Und das ist schlimm, wenn Sie die Kunst ernst nehmen wollen. Vorläufig scheinen Sie mir allerdings keine Ahnung von der Kunst zu haben, Sie grünes Münchner Kindl, Sie. Wenn ich Ihnen meine Geschichte erzählte, würden Sie mir wahrscheinlich gleich in Ohnmacht fallen.« Lizzi war doch ein wenig gekränkt über den Ton, den Fräulein Milka anzuschlagen beliebte. Sie verzog ihren Mund und sagte ärgerlich: »Für so a dumm's Ganserl brauchen S' mich doch net z' halten. Und vor die Männer fürcht' ich mi schon gar net, daß Sie's nur wissen!« fügte sie stolz hinzu. »Was wollen denn Sie überhaupts damit sag'n, weg'n 'm Hübschsein, daß dees g'fährlich wär'? Sie sind doch selber net so wüst, daß S' kein Angst haben brauchen.« »Ich! o, ich war sogar einmal schön; aber das liegt schon in der Vergangenheit. Jetzt bin ich überhaupt fertig mit den Männern. Die haben jetzt Angst vor mir , wenn ich will! Aber freilich, bis man so weit kommt, das kostet ... Na, Sie werden's ja auch durchmachen müssen. Das gehört so mit zur Theaterschule, wissen Sie.« »Was denn?« fragte Lizzi betroffen. »Meinen S' etwa, daß ein anständiges Mädchen ...« »Beim Theater eine Unmöglichkeit sei?« ergänzte Fräulein Milka rasch. »O nein, nicht absolut. Aber die großen Künstlerinnen, die haben alle nichts getaugt. Muß also doch wohl nötig sein, daß man sich erniedrigt, um erhöht zu werden.« Lizzi war froh, daß jetzt das Klingelzeichen ertönte. Die Finnin war doch so schrecklich mit ihren Erfahrungen und mit ihrer höhnischen Weisheit. Der Vorhang ging auf, und es dauerte gar nicht lange, so hatte Grillparzers herb-liebliche Dichtung und besonders Joseph Kainz als Koch Leon mit seiner heißsprudelnden Beredsamkeit und seinem wunderbar reichen, die Nervenenden gleichsam weich bürstenden Organ alle ihre Sinne dermaßen gefangen genommen, daß sie gar nicht mehr wußte, wo sie war, und das Gespräch von vorher, überhaupt alles, was sie den Tag über so heftig bewegt hatte, gänzlich vergaß. Im zweiten Akt wurde sie vom Aufgehen des Vorhanges an, wo das wilde Waldmädchen mit seinen nackten Füßen und dem wüsten, langen Haarschopf auf der Rasenbank liegt, durch Agnes Sormas köstliches Spiel so aufgeregt, daß sie, ohne es zu wissen, die Mimik und die Gesten der Künstlerin auf der Bühne unwillkürlich nachahmte, so daß ihre Nachbarn auf der Galerie aufmerksam wurden und ein allgemeines Kichern und Sichanstoßen entstand. Sie lachte nie, selbst nicht über den polternden Bärenhumor, den Pittschau als rotköpfiger Riese entwickelte. Aber ihre Wangen glühten, ihre großen, weichen Augen strahlten vor Begeisterung, und wenn ihr eine Stelle besonders gefiel, wenn ein Ton oder eine mimische Nuance der Schauspieler sie besonders traf, so packte sie das Fräulein Grönroos am Arm und drückte und kniff sie so stark, daß jene mehr als einmal leise »Au!« rufen mußte. Als der Akt vorüber war, klatschte sie wie toll, und die Tränen liefen ihr stromweis über die Wangen, obwohl in dem Stück gar nichts besonders Rührendes passiert war. »Allmächtiger Gott, Kindchen, was heulen Sie denn?!« rief Fräulein Milka, indem sie ihr mit ihrem eigenen Taschentuch die Zähren abwischte. »I weiß net, was dees is,« versetzte Lizzi selig lächelnd, »ich kann m'r net helfen, 's is halt gar so schön. Dees wenn i könnt, ui je!« »Sie werden's einmal können«, sagte Milka leise, indem sie ihr warm die Hand drückte. »Sie haben die Begeisterung, die ganz goldechte. Ich habe Sie beobachtet. Sie haben ja die ganze Komödie mitgespielt. Beneidenswertes Mädchen! Sie haben eine Zukunft vor sich, auf die hin Sie getrost hungern können.« Die beiden Mädchen hatten sich während der Pause auf ein Paar gerade freie Sitzplätze gesetzt. Milka ließ Lizzis Hand nicht los. Sie war ganz verliebt in sie und redete fortwährend auf sie ein. Sie war wirklich sehr klug, hatte alles gelesen, viel gelernt und war ganz durchtränkt von jenem Fin de siècle -Titanismus, der im Gefühl der brennenden Scham über seine Ohnmacht, des dumpfen Schmerzes über die zertrümmerten Ideale, den Hohn zu seinem Schutzpatron, das Nichts zu seinem Gott erkoren hat. Lizzi vermochte dem hohen Flug ihrer Gedanken nicht zu folgen. Sie hörte auch nur mit halbem Ohre hin, noch ganz verloren in der Märchenwelt dieser eigenartigen Dichtung, die ihr da in so wunderbarer Verkörperung auf der Bühne lebendig geworden war. Wie eine Schlafwandelnde ließ sie sich nach Schluß der Vorstellung von ihrer neuen Freundin die Treppe hinunterführen. Von dem vielen Laufen und dem langen Stehen taten ihr die Beine weh, und die schlechte Mahlzeit, die sie heute genossen, hielt natürlich auch nicht von zwei bis zehn Uhr abends vor. Aber dennoch war sie noch kaum zum Bewußtsein ihres Hungers und ihrer Müdigkeit gekommen. Sie empfand nur eine matte Sehnsucht, sich jetzt sogleich von lieben mütterlichen Händen sich auskleiden und in ein schönes Bett bringen zu lassen. Schlafen – und weiterträumen – und glücklich sein! Drunten im Vestibül gerieten sie in den dichten Schwarm der langsam hinausdrängenden Theaterbesucher hinein, und die dummen Alltagsbemerkungen, die faden Witze, die abscheulichen Berliner Organe schwirrten beleidigend wie Ohrfeigen um Lizzis wirres Haupt. Auf einmal klang eine bekannte Stimme an ihr Ohr. Sie wandte sich erschrocken um – und war plötzlich wieder in die Wirklichkeit versetzt. Niemand anders als ihr Gregor Krajesovich von Nemes-Pann war's, der da vor ihr stand und, artig seine Pelzmütze lupfend, sie anredete. »Ist es möglich, Fräulein Mödlinger? O, das ist aber reizend! – Pardon, darf ich bitten, mich der Dame vorzustellen?« Lizzi wies mit der Hand auf Fräulein Grönroos und murmelte etwas ganz Unverständliches. Sie hatte in der Verwirrung sogar den Namen ihrer neuen Bekanntschaft vergessen. Plötzlich zog sie sie am Arm rascher vorwärts, als ob sie in dem Gedränge ihrem Anbeter entfliehen wollte. Da flüsterte ihr Fräulein Milka zu: »Sie, Liebchen, tun Sie mir einen Gefallen – nehmen Sie mich mit; ich habe so lange kein warmes Abendbrot gegessen, und ein Gläschen Sekt müssen wir doch auch trinken auf unsre neue Freundschaft. Ihr Freund da scheint ja ein scharmanter Herr.« Gregor war schon wieder an ihrer Seite. »O, ich bitte, die Damen werden mir doch erlauben, sie zu begleiten?« Lizzi drückte ängstlich Fräulein Milkas Arm, was diese als eine Aufforderung betrachtete, ihr zu Hilfe zu kommen. »Ja, gewiß, gern!« antwortete sie, indem sie den schwarzbärtigen Galan einladend anlächelte. »Wir wissen nur selbst noch nicht, wohin. Schlagen Sie doch etwas vor!« Herr von Nemes-Pann hob ganz verdutzt seine dichten schwarzen Brauen in die Höhe. Und dann blickte er, wie um Aufklärung bittend, Lizzi an. Die sah ihm ängstlich in die Augen und schüttelte den Kopf. »Nein, nein, dees geht net. I muß ja auf 'n Bahnhof. Um elf Uhr fahrt der Zug.« »Der Zug! Ja, wollen denn gnädiges Fräulein verreisen, i bitt'? Doch nicht etwa ganz fort von Berlin?« Und wieder ergriff Milka für die zaghafte das Wort und sagte: »Jawohl, mein Herr, ganz fort von Berlin. Sie hat sich mit ihrer Tante gezankt, und jetzt will sie zu irgend einer alten Dame in Hamburg, die sie kaum kennt. Es ist nur gut, daß wir einen Freund treffen, der mir helfen kann, ihr das auszureden. Haben Sie je so einen Unsinn gehört? Ein junges Mädel, das zur Bühne will, geht von Berlin fort und nach Hamburg. Lassen Sie sich das nicht gefallen, wenn Sie ihr Freund sind. Da haben Sie sie, reden Sie ihr einmal ins Gewissen.« Damit gab sie Lizzi einen leichten Stoß und blieb einige Schritte zurück, um die beiden sich ungestört aussprechen zu lassen. Gregor nahm Lizzi bei der Hand und zog sanft ihren Arm durch den seinen. »Aber, liebes Fräulein,« sagte er ganz verwirrt, »versteh' ich doch kein Wort. Ich bitte dringend, erklären Sie mir.« Lizzi berichtete in ihrer Verwirrung das Vorgefallene ziemlich unklar, so daß er nicht gleich daraus klug wurde. Und als er endlich durch vielfache Fragen aus ihr herausgebracht hatte, was sie mit sich anzufangen gedenke, da redete er ihr sehr entschieden von ihren unklaren Plänen ab. Die Absicht, zum Theater zu gehen, nahm er, als aus der kindlichen Begeisterung über das eben gesehene Schauspiel entsprungen, gar nicht ernst, und den Gedanken, bloß auf eine telegraphische Anfrage hin zu einer so gut wie fremden Dame in aller Nacht nach Hamburg zu fahren, erklärte er für ganz sinnlos. Sie könne ja gar nicht wissen, ob die Aufforderung ihrer flüchtigen Reisebekanntschaft, der Frau Konsul Thormälen, nicht nur eine freundliche Redensart gewesen sei. Zum mindesten müsse sie doch der Dame erst einmal brieflich ihre Lage schildern und sie um ihren Rat bitten. Wenn sie sie dann aufforderte, zu ihr zu kommen, so sei es etwas andres. Außerdem hätte sie sich doch erinnern sollen, daß sie in Berlin selbst Freunde hätte, die ihr doch wohl näherstünden, als jene Reisebekanntschaft. »Ach, Sie meinen die Frau von Goldacker?« versetzte Lizzi mit einem Seufzer. »Ja, an die hab' i freilich auch schon denkt. Aber wissen S', die is doch verwandt mit dem Onkel und da könnt's doch am End' ...« »Nein, ich meinte einen Freund, der Ihnen noch viel, viel näher steht!« fiel Gregor flüsternd ein und drückte ihren Arm an sich. Es überlief Lizzi heiß, und sie fand keine Antwort. Schweigend gingen sie ein Weilchen nebeneinander her, und sie waren bereits an der Weidendammer Brücke angekommen, als Gregor fragte, was denn nun zunächst einmal geschehen solle? »Niedersitzen möcht' i; i hab' so Hunger«, erwiderte Lizzi kläglich. »Aber, mein Himmel, so gehen wir doch soupieren!« rief Gregor. Er ließ ihren Arm los, faßte sie um die Taille und drückte sie zärtlich an sich. »Armes, liebes Fräulein, nein, verhungern sollen Sie wenigstens nicht!« Und er blieb mit ihr stehen, um Fräulein Milka herankommen zu lassen. »Nun, fahren wir noch nach Hamburg?« fragte die lachend, indem sie sich ohne Umstände an des schönen Serben linken Arm hing. »Nein, jetzt wollen wir erst einmal gut soupieren.« »Bravo!« rief Milka. »Sie laden mich hoffentlich auch dazu ein?« »O, mit dem größten Vergnügen, mein gnädiges Fräulein!« versicherte Gregor, konnte sich aber doch nicht enthalten, sie von Zeit zu Zeit ein wenig mißtrauisch von der Seite anzusehen. Wenige Minuten später waren sie in der Dorotheenstraße und stiegen in den Keller des Restaurants Zeppenfeld hinunter. Gregor hatte dieses Lokal gewählt, weil man da unten an kleinen Tischen in abgeteilten Nischen speisen konnte. Es war zunächst recht unfreundlich kalt und das Gas tief heruntergeschraubt, weil sich gerade keine andern Gäste mehr da befanden. Er wählte eine Nische mit einem Ofen und bestellte zunächst einmal ein tüchtiges Feuer zur äußeren und eine Flasche Burgunder zur inneren Erwärmung. Dann wählte er, da die Damen ihm ganz freie Hand ließen, aus der Speisekarte ein Fischgericht, Schneehühner und Chateaubriand mit Sauce Béarnaise, und ließ eine Flasche Pomery kaltstellen. Lizzi trank, ehe noch der Fisch kam, zwei Gläser von dem feurigen Chambertin ziemlich rasch hintereinander aus. Davon wurde ihr alsbald so warm, daß sie ihren Mantel auszog. Fräulein Grönroos dagegen war auf keine Weise zu bewegen, ihre Plüschjacke abzulegen. Sie flüsterte Lizzi zu, daß sie sich in der alten roten Bluse, die sie darunter verbarg, unmöglich sehen lassen könne. Der Fisch war ausgezeichnet und zauberte im Verein mit dem Burgunder alsbald eine äußerst behagliche Stimmung unter den drei Tischgenossen hervor. Lizzi aß mit wahrer Andacht. Ihre Augen glänzten, und sie lächelte bald die Freundin, bald den Freund holdselig an, ohne jedoch sich an der Unterhaltung viel zu beteiligen. Welch ein glücklicher Zufall war's doch, der ihr diese merkwürdige Finnländerin zugeführt hatte! Allein hätte sie sich nimmer getraut, mit ihrem Anbeter soupieren zu gehen; aber so zu dreien war es doch reizend und gar nicht einmal so schlimm. Milka kannte ja das Leben so genau! Unter ihrem Schutz konnte ihr doch gewiß nichts passieren. Was für ein Glückskind sie doch war, daß dieser prächtige junge Mann sich gleich so in sie verliebt hatte! Zu nett war er. So gewandt im Benehmen, galant gegen die Damen und so klug. Er blieb dem Fräulein Milka keine Antwort schuldig, wie scharf sie ihn auch vornahm. Die war mit den Männern fertig!? Ja, Schnecken! Sie hatte eben bisher noch keinen Krajesovich von Nemes-Pann kennen gelernt! Der würde es ihr einmal ordentlich zeigen, was ein ganzer Mann sei! Ganz stolz war sie auf ihren Gregor. Die redeten von Idealismus und Naturalismus, von Zola und Dostojewski, vom Panslawismus und der Propaganda der Tat, von Autosuggestion und Perversität, von Dekadenz und Neurasthenie, von Egoismus und Altruismus usw. Die arme Lizzi kam sich schrecklich dumm vor. Von allen diesen schönen Dingen hatte sie nie etwas gehört, und das ewige »ismus, ismus« schwirrte ihr in den Ohren, wie etwa die volltönenden Endsilben: »ados, mados, dados«, wenn man dem Gespräche pathetischer Spanier lauscht. Schließlich aber, als bereits die Schneehühner vertilgt und der Braten mit dem Sekt erschienen war, ohne daß man ernstlich versucht hatte, sie mit an der geistreichen Unterhaltung teilnehmen zu lassen, begann sie eifersüchtig zu werden auf Fräulein Milka, nicht nur weil sie ihren Gregor dermaßen mit Beschlag belegte, sondern auch weil sie jetzt, wo der Wein und der Eifer der Diskussion ihr die Wange rötete und die Augen glänzen machte, wirklich gefährlich schön aussah. Und sie schlug mit zwei Fingern laut auf den Tisch und sagte in possierlichem Zorn: »Ihr redt's immer von iß muß und i muß alleinig essen! Jetzt wann's net bald von was anderm red't, nachher geh i!« »Keine Rettung mehr«, lachte Gregor. »Der letzte Zug nach Hamburg ist fort. Aber Fräulein Lizzi hat recht, reden wir menschlich. Er schänkte die Gläser voll des perlenden Göttertranks und stieß mit Lizzi an. »Ce que nous aimons!« sagte er leise. »Aber austrinken, i bitt!« Während sie die Kelchgläser leerten, sahen sich die beiden jungen Menschen fest in die Augen, und als bald darauf Fräulein Milka in sicherer Ahnung dessen, was kommen mußte, sie auf ein paar Minuten allein ließ, da stand Gregor auf, zog die Vorhänge zu und trat vor Lizzi hin, indem er ihr beide Hände entgegenstreckte. Sie senkte den Kopf, aber sie wußte, daß es kein Entrinnen mehr gab. Sie wollte ja auch gar nicht entrinnen. Die Stunde war ja so schön! Das Blut rann ihr heiß und rasch durch die Adern – und sie hatte nie in ihrem Leben so gut gegessen und in so geistreicher Gesellschaft! Wenn sie jetzt hätte einsam und verlassen auf harter Holzbank in die Nacht hinein fahren müssen, ins finstere Ungewisse – o weh! Statt dessen saß sie nun warm, satt und selig und fühlte den festen, zwingenden Druck der Freundeshand. Und willig ließ sie sich zwingen. Langsam erhob sie sich und legte sich einfach in ruhiger Hingabe an seine Brust. Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände, bog ihn zurück und versenkte seinen dunkelglühenden Blick in das leuchtende Blau ihrer Kinderaugen, und dann heftete er seine Lippen auf die ihren zu einem langen, lautlosen Kusse. Und dann küßte er sie auf Augen, Wangen und Ohren und hielt sie an den Schultern von sich ab und schaute sie selig lächelnd an. Und dann preßte er sie fest an sich und biß sie ins Ohrläppchen und flüsterte heiß: »O du, du, du – hast du mich lieb?« Und sie reckte wie suchend die Arme empor, bis sie sein Haupt in ihren Händen hielt, und stumm, nur selig lächelnd lechzten ihre halbgeöffneten Lippen ihm entgegen. Er war zufrieden mit der Antwort und dankte ihr mit neuen Küssen. Und dann setzten sie sich wieder, rückten ihre Stühle nahe aneinander, und er legte seinen Arm über ihre Schultern. Gleich darauf steckte Fräulein Milka den Kopf durch den Vorhang und sagte neckisch: »Darf man eintreten?« Gregor nickte nur mit dem Kopfe, und Lizzi blieb ruhig in ihrer Stellung, ohne sich zu schämen. Milka schlüpfte herein, küßte Lizzi flüchtig auf das prachtvolle, kastanienbraune Haar und sagte: »Auf so was könnt' ich nun neidisch sein!« Dann kehrte sie auf ihren Platz zurück, trank ihr Glas auf einen Zug aus und rief mit krampfhafter Lustigkeit: »Also sprechen wir von der Liebe.« »O, Fräulein Milka, ich fürchte ...« begann Gregor bedenklich. »Sie sehen gerade so aus, als ob sie eine Gotteslästerung auf Ihren Lippen hatten.« »Ei, bewahre«, lachte die Schöne, die Mundwinkel herabziehend. »Ueber die Toten soll man nur Gutes sprechen.« »Ueber die Anwesenden auch«, erwiderte Gregor, sein Liebchen an sich drückend. »Geben Sie mir noch ein Glas Sekt!« sagte Fräulein Milka, ihr Glas über den Tisch reichend und dann, als Gregor es gefüllt hatte, stieß sie an Lizzis Glas an und fragte mit versteckter Ironie: »Wie denken Sie denn über die Liebe, Fräulein Mödlinger?« Lizzi fuhr wie aus einem Traum empor, strich sich mit beiden Händen das Haar aus der Stirn und sagte in müder Trägheit: »Gar nix denk i, müd bin i! Bringt's mich heim.« Heim? Ja, das war die schwere Frage! Gregor suchte ratlos Milkas Blick und las darin einige boshaft leichtfertige Gedanken. Er schüttelte den Kopf und zog die Brauen zusammen. Die Finnin zuckte die Achseln und trommelte ein Weilchen, ihre Lippen nagend, auf den Tisch. Dann sagte sie: »Wenn Sie sie nicht ins Hotel bringen wollen, kann sie ja bei mir übernachten, schlecht und recht.« »Willst du, Lizzi?« fragte Gregor. Sie nickte nur mit dem Kopfe. Sie war ganz fertig – auf einmal. Gregor steckte ihr noch die Tasche voll Rosinen und Mandeln, und dann zahlte er und half ihr in ihren Mantel hinein. Schwer hing sie an seinem Arm, als er sie die Treppe hinauf und auf die Straße führte. Er nahm eine Droschke und sie stiegen alle drei ein. Milka bestand darauf, auf dem Rücksitz zu sitzen. Die Liebenden namen also den Vordersitz ein und hielten sich fest umschlungen während der langen Fahrt. Weit draußen in der Landsberger Straße wohnte das Fräulein. Eine halbe Stunde wohl fuhren sie bis da hinaus. Sie sprachen kein Wort, und küßten sich nur immer wieder, während die Finnländerin mit weit offenen Augen, nichts sehend, vor sich hinstarrte. Wie sie Abschied genommen, was Gregor dabei gesagt und wie sie dann die vier Treppen hinaufgekommen, das wußte Lizzi nicht. Nun saß sie auf einem alten, zerschlissenen Sofa in dem fremden, kalten Zimmer, und in dem matten Schein der flackernden Kerze schimmerten von den Wänden gespensterhafte Gebilde, nackte Körper von Männern und Frauen, roh hingestrichen auf ungerahmter Leiwand. Es roch nach Firnis und Terpentin und nach kaltem Zigarettenrauch. »Uh, sperr 's Fenster auf!« stöhnte Lizzi und taumelte vom Sofa empor. Fräulein Grönroos tat ihr den Willen. Und dann half sie ihr beim Ausziehen und räumte ihr ihr eigenes Bett ein. Und als sie ihr gute Nacht bot, küßte sie sie auf die weißen, vollen Schultern und murmelte mit geschlossenen Zähnen: »So schön wie du – und so jung – und so entzückend dumm! – Ach was – vorbei!« Sie ließ das schwere Mädchen, das sie heftig an sich gerissen hatte, in die Kissen fallen und lief an das offene Fenster. Da stand sie noch lange und sah über die Dächer hinweg in die sternenklare Nacht hinauf. Zehntes Kapitel. [Ein sehr ernsthaftes, im großen und ganzen auch ziemlich verschnupftes Kapitel.] Fräulein Grönroos war schon auf, als die Durchgängerin am andern Morgen um halb neun erwachte. Die Wintersonne schien ins Zimmer und blendete Lizzi, so daß sie nur blinzelnd die Lider öffnete. Und da sah sie ihre Wirtin in einem sehr abgetragenen, dunkelroten Schlafrock, der einmal ein Prachtstück gewesen sein mochte, mit müdem, schleppendem Gang im Zimmer herumzuschleichen. Sie hielt eine Zigarette zwischen den Lippen und wischte mit einem alten, feinen Taschentuch den Staub von den Haufen von Malgeräten, Büchern und allerlei Weibertand, der Tisch und Stühle bedeckte. Sie wollte wohl für ihren Gast eine ausnahmsweise Sauberkeit herstellen – denn die schien für gewöhnlich nicht ihre Sache zu sein. Sie blies von Zeit zu Zeit eine Rauchwolke durch die Nase und schüttelte ihr Tüchlein aus dem Fenster. Lizzi folgte ihren eckigen und doch nicht amnutlosen Bewegungen eine geraume Zeitlang, ohne noch zu wissen, ob sie wache oder träume. Es war ihr gar nicht klar, wo sie sich befinde und was das für eine schlanke, rote Gestalt sei, die dort auf lautlosen Sohlen einherhuschte. Allmählich erst ward sie sich bewußt, daß sie sich in einem fremden Bette befinde, in einem recht schlechten obendrein, schwitzend unter einem arg schweren Federsack. Da riß sie gewaltsam ihre Augen weit auf, richtete ihren Oberkörper in die Höhe und fragte ängstlich: »Ja, was is denn jetzt dees – wo bin i denn?« »Na, ausgeschlafen, mein Fräulein?« rief Milka, sich rasch nach ihr umwendend. »Himmlischer Vater, wie sehen Sie denn aus? Mir scheint, Sie wissen gar nicht mehr, wie Sie hierhergekommen sind?« Und damit setzte sie sich zu ihr aufs Bett und fuhr ihr mit allen zehn Fingern durch die üppige Fülle ihres wüst und wirr um die Schultern hängenden Haares. »Autsch!« quiekte Lizzi, »dees tut fei weh!« »Hollah, haben wir etwa gar Haarweh von gestern abend?« lachte die Gastfreundin. »Ja, ja, Kindchen, wir hatten ein bißchen viel getrunken. Na, nur nicht gleich traurig, das tut ja nichts. Aber nun sputen Sie sich ein bißchen mit der Toilette, sonst überrascht uns Ihr Freund womöglich noch im tiefsten Negligé. Ich habe Ihnen schon frisch Wasser eingegossen und ein reines Handtuch habe ich sogar auch noch aufgetrieben. Sie müssen sich halt so behelfen. Besser hab' ich's nicht. A la guerre comme à la guerre. Warum laufen Sie auch Ihrer lieben Tante davon, haha!« »Wo ist denn die Kathi?« sagte Lizzi kläglich und rieb sich mit den Fäusten die Augen. »Die Kathi? Ist das Ihre Zofe? So was gibt's bei mir nicht.« »Was denn, d' Kathi is doch mei Schwester. Hab i 's Ihnen denn net g'sagt?« »Ah so, ja, ich erinnere mich. Das ist die Brave und Sie sind die Böse.« Da fing auf einmal Lizzi furchtbar zu weinen an. So arg, daß sie der Bock stieß, wie man zu sagen pflegt. Fräulein Milka war ratlos, wie sie sie trösten sollte. Sie jammerte nur immer nach ihrer Kathi, und daß sie sie nun wohl nie wiedersehen würde, und daß sie überhaupt keinem der Ihrigen wieder unter die Augen treten könnte. »Ach, Sie sind aber doch ein kleines Schaf!« rief die Grönroos schließlich ungeduldig. »Was ist denn so Schlimmes geschehen? Sie scheinen von gar nichts mehr zu wissen. Sie waren ein ganz klein bißchen bezecht; aber in allem Anstand, heißt das. Und Ihr Schatz – ja hören Sie, das ist ja der reine Tugendspiegel. Tüchtig abgeküßt habt ihr euch, aber sonst weiter gar nichts. Ich kann's beschwören, haha! Wollen Sie ihn denn mit der verweinten Augen empfangen, wenn er jetzt kommt?« »Was, daher will er kommen?« rief Lizzi erschrocken. »Naa, naa, dees mag i net – i lauf davon!« »Ach was, Unsinn. Sie können doch wirklich weiter gar nichts wie davonlaufen. Und wenn Sie einmal davongelaufen sind, dann machen Sie nichts wie dummes Zeug.« Sie hieß sie sehr energisch aufstehen und dann führte sie sie nach dem mehr als einfachen, eisernen Waschtisch, und als Lizzi mit verlegener Miene dastand und nach einem Schwamm suchte, tauchte sie die Hälfte des Handtuchs ins Wasser und fuhr ihr damit ohne weiteres ins Gesicht. Diese tatkräftige Behandlung brachte das arme Kind endlich wieder so weit zu sich, daß es ohne weiteren Aufenthalt sich vollends abspülte und seine Kleider antat. Dann rief Fräulein Milka ihrer Wirtin, die nach einiger Zeit mit dem Kaffe erschien und einheizte. Eine abschreckend häßliche alte Hexe war das, diese Wirtin, und die dünne, schwarze Zichorienbrühe, die sie als Kaffee ausgab, vollkommen ihrer würdig. Sie machte sich unnötig viel im Zimmer zu tun, musterte Lizzi mit dreister Neugier und stellte im gemeinsten Berliner Dialekt Fragen an sie, die das gute Kind zum Glück nicht verstand. Fräulein Milka wurde schließlich ungeduldig und rief: »Jetzt machen Sie aber, daß Sie hinauskommen, Frau Rösicke. Ich dulde nicht, daß Sie anständige Damen, die bei mir zu Besuch sind, in dieser Weise belästigen.« »Sie dulden det nich?« echote die Frau, indem sie die Hände in die Hüften stemmte und ein schiefes Maul zog, »I, det wird ja immer besser! Herrjeeses nee! Riskieren Sie man jo keene Lippe. Sie sind m'r ieberhaupt noch zehn Mark vons letzte Monat schuldig. Mir wundert bloß, det ick Ihnen nicht schon längst gekindigt habe. So eene, wie Sie sin ... daß man sich da ieberhaupt noch lange mit uffhält! Wie so 'ne Prinzessin hat se sich und dabei keen janzet Kleed uff 'm Leibe und keen Jroschen in de Tasche. Aber natierlich ejal die Näse hoch! Jawoll doch, ick jeh schon – aber Sie wer'n noch balde jehn, kann ick Ihnen sagen.« Sie warf die Tür hinter sich zu, schimpfte noch eine ganze Weile draußen fort und machte ihrem Zorn weiterhin durch ein höchst überflüssiges Gepolter in der Küche Luft. »So 'was müssen Sie Ihnen von der alten Hex g'fall'n lassen?« rief Lizzi ganz entrüstet, als die Alte hinaus war. Milka zuckte gleichmütig die Achseln und zündete sich eine neue Zigarette an. »Es ist einmal so«, sagte sie mit bitterem Lächeln. »Wenn man kein Geld hat, dann geht meistens auch die persönliche Würde zum Teufel. Besonders wenn man ein alleinstehendes Frauenzimmer ist.« »Ja, aber hab'n denn Sie niemand und gar nix?« »O, ich habe sogar noch Eltern und Muhmen und Basen, Sippen und Magen die schwere Menge. Aber die wollen nichts mehr von mir wissen. Mein Vater, der Herr Pastor, hat mich verstoßen und verflucht, weil ich die Schande über sein graues Haupt gebracht habe – wie's im bürgerlichen Trauerspiel bekanntlich heißt. Ich zeigte ja nicht einmal Reue, so verstockt war ich in meinem sündhaften Idealismus. Ich sage Ihnen, Kindchen, ich habe etwas erlebt! - Ich glaubte an den Mann wie an einen Gott. Er hatte das Feuer der Erkenntnis für mich aus den Himmel gestohlen, und ich wärmte mich daran. Ich kroch behaglich in der hellen Glut herum wie der Salamander im Märchen. Ich betete ihn an, meinen Prometheus, und lachte der ganzen Welt ins Gesicht. Er hat mir Millionen in den Schoß geworfen – an geistigen Schätzen. Und wie er alles verschwendet hatte, da war ich stärker als er. Und da sahen wir einander ohne Glorienschein. Jetzt gefiel es ihm nicht mehr, mit mir zu hungern und in elenden Dachkammern zu hausen. Es eröffneten sich ihm Aussichten für die Zukunft. Da ließ er mich sitzen und ging davon. – O ja – gewiß, es tut weh, so 'was! Aber schließlich: Kann es denn überhaupt anders sein? Die rasende Leidenschaft, die körperliche Entbehrung bei fortwährender geistiger Anstrengung hatten mich jämmerlich heruntergebracht. Ich bin ja auch jetzt nicht viel mehr als Haut und Knochen und ein loses Bündel Nerven. Aber damals war's noch viel schlimmer. Soll ein Mann sich eine glänzende Zukunft verderben, um sein Leben lang so ein welkes, ausgepreßtes Geschöpf mit sich herumzuschleppen, das in seiner elenden Liebesgier ihm nicht einmal seinen Schatten gönnt!? – – Ich bin darüber weggekommen. Ich bin ihm gar nicht mehr böse, o nein - dankbar bin ich ihm: Alles was da drin steckt, was mir Leib und Seele zusammenhält, wovon ich lebe, alles stammt ja von ihm!« Sie schlug sich vor die Stirn und versank schweigend in wehmütige Erinnerungen. Dann zog sie ihre schwarzen Brauen finster zusammen und fuhr leiser und doch mit heftigem Nachdruck zu erzählen fort. »Und dann kam die Zeit der tiefsten Erniedrigung – aber dabei setzte ich wenigstes wieder Fett an! Und dann – das ist jetzt drei Jahre her – wurde ich großjährig und bekam ein kleines Kapital von viertausend Rubel ausbezahlt. Damals warf ich mich auf diese jämmerliche Kunst. Der Meister, der an mir etwas verdienen wollte, behauptete, ich hätte Talent. Sehen Sie das Zeug da. Glauben Sie nicht auch, daß der Mann gelogen hat? Darum will ich's eben jetzt mit der Bühne probieren. Aber die Stümperei ist mir verhaßt. Ich will an mir arbeiten, bis ich selbst weiß, was ich kann und solange meine paar Rubel noch reichen. Wenn die zu Ende sind, dann vogue la galère! So, Kindchen, da haben Sie meine Geschichte – nehmen Sie sich ein Beispiel dran, haha!« Lizzi hatte mit offenem Munde zugehört und keinen Laut zu äußern gewagt. Wie erstarrt saß sie da, nur daß sie's von Zeit zu Zeit kalt überlief und sie schüttelte wie ein jäher Schreck. So also sah das Leben aus! Das war das Schicksal eines Mädchens, das im stolzen Kraftgefühle seiner Jugend dem Zuge seines Herzens folgte? Im Anhören dieser traurigen Beichte fiel wie ein Blitz die Ahnung der wahnwitzigen Ungerechtigkeit der herrschenden Anschauung von Frauenehre in die Dämmerung ihrer Kinderträume hinein. Also entweder in sklavischer Demut sich ducken unter die Flügel der Glucke Familie, furchtsam jeder Aeußerung des freien Willens, ja selbst des eigenen Denkens aus dem Wege gehen, oder aber, wenn man es vorzog, sein Schicksal selbst zu bestimmen, von Hohn und Verachtung verfolgt, namenlosem Elend entgegengehen – das hieß Frauenlos! Niemals hatte sie von solchen Dingen gehört, niemals Bücher gelesen, die mit reinlicher Grausamkeit die Nachtseiten des Lebens schilderten, auch jetzt verstand sie nur halb, was alles von furchtbarem Herzeleid sich verbarg in diesem kurzen Lebensabriß – und doch fühlte sie schon die wuchtige Bedeutung dieser Stunde, die sie zum erstenmal an den Rand des großen Abgrunds geführt hatte, an dem Millionen ihr Leben lang dahintaumeln und in den aber Millionen hinabstürzen. Und wunderbar: in ihre Angst mischte sich ein Gefühl kindischen Stolzes – wie stand sie nun, mit ihrer frischen Erkenntnis, der ahnungslosen Schwester gegenüber? O, jetzt wußte sie viel mehr als Kathi! Die durfte jetzt überhaupt gar nicht mehr mitreden. Vorläufig freilich wußte sie selbst nichts zu reden. Sie fühlte tief die unendliche Ueberlegenheit dieses unglücklichen Mädchens, und darum wagte sie nicht einmal, ihrem Mitgefühl Ausdruck zu geben. Sie reichte ihr nur stumm die Hand hin. Und Milka griff dankbar danach und lehnte ihre weiche Wange daran. – – Es war etwa zehn Uhr, als Gregor eintrat, von der widerlichen Zimmervermieterin mit unterwürfigen Knicksen und einem Schwall anzüglicher Redensarten hereingeleitet. Sobald die Alte hinaus war, drückte er Fräulein Grönroos die Hand, und dann öffnete er die Arme weit, seinem Liebchen entgegen. Aber Lizzi flog ihm nicht um den Hals, wie er es wohl erwartete, sondern streckte ihm nur errötend die Hand hin. »Aber Lizzi!« rief er ein wenig befremdet, »so kalt heut? Hast du schlecht geschlafen?« Sie erschrak über das »Du« und blickte verlegen auf. »Nein, i dank schön, ich hab' schon ganz gut g'schlaf'n. Fräulein Grönroos war so freundlich und hat mi in ihr Bett legen lassen Sie selber hat am Kanapee g'schlaf'n. I hätt's ja g'wiß nett g'litten, wenn i net gestert abends so ganz matsch g'wes'n wär'. I muß mi wirklich schämen. Bitt schön, denk'n S' nur nix Unrecht's von mir, Herr Krajesovich.« »Aber, was ist denn das! Soll ich vielleicht wieder gnädiges Fräulein sagen? O, da muß ich doch sehr bitten – meine kleine Lizzi!« Und damit nahm er sie ohne weiteres beim Kopf und strafte sie lachend mit einigen raschen Küssen ab. Sie machte sich ängstlich von ihm los und wischte sich mit ihrem Tüchlein das Gesicht ab. Sein Schnurrbart war feucht gewesen. Er schüttelte verwundert den Kopf und wollte sich neben sie auf das alte Sofa setzen; aber da rückte sie gleich so scheu fort, daß er es aufgab und sich ein wenig ärgerlich einen Stuhl herbeiholte. Bevor er sich setzte, ließ er seine lebhaften schwarzen Augen einen raschen Spaziergang durch das Zimmer machen. Die außerordentliche Dürftigkeit der Einrichtung, die Unbehaglichkeit und Unordnung schien ihn peinlich zu überraschen, die Bilder an den Wänden ihn geradezu zu erschrecken. Milka sah ihm das an und scherzte: »Ja, lieber Doktor Faust: in dieser Armut welche Fülle, in diesem Kerker welche Seligkeit! können Sie hier nicht deklamieren wie in Gretchens Zimmer, und meine Pinseleien da an der Wand werden Ihnen auch nicht gerade sinnig, minnig vorkommen. Shocking, nicht wahr? Na, wir brauchen uns ja nichts vorzumachen: die Anatomie gehört bei mir so gut zum Handwerk, wie bei Ihnen. Das sind so meine Klassenextemporalien. Was sagen Sie dazu?« »O, ich bin ja ganz Laie in diesen Dingen«, erwiderte er etwas verlegen, indem er, ohne näherzutreten, den Blick über die rahmenlos, an der Wand hängenden Aktstudien in Kohle und Öl schweifen ließ. »Jedenfalls für eine Dame sehr kühn und ... prüde sind Sie nicht!« »Nein, das können Sie von mir nicht verlangen«, lachte Milka hart auf. »Das ist eine meiner vielen negativen Tugenden. Scheußlich brutal hingehauen, nicht wahr? Sagen Sie's nur geradeheraus. Das ist gar nicht einmal ein Tadel für uns moderne Kraftfanatiker – für ein bleichsüchtiges Malmädchen nun vollends nicht. Mein Professor hat mich sehr gelobt dafür. Uebrigens, Pardon: wollen Sie rauchen? Sie sind nicht schlecht – das ist der einzige Luxus, den ich mir gestatte.« Damit schob sie ihm eine Schachtel Zigaretten über den Tisch zu. Er bediente sich, rauchte ein Paar Züge und lobte den Tabak. Dann trat eine etwas beängstigende Pause ein. Während die Malerin noch über einen Vorwand nachsann, unter welchem sie das Liebespaar allein lassen konnte, ermannte sich Gregor soweit, um an Lizzi die Frage zu richten, was sie denn nun zu tun gedenke? Lizzi seufzte tief auf. Sie biß sich auf die Lippen und richtete die von neuen Tränen verschleierten Augen in stummer Frage auf ihren Anbeter. Milka kam ihr zu Hilfe und sprach: »Das Vernünftigste wäre, wir beide mieteten uns zusammen ein Paar hübsche Zimmer und studierten fleißig darauf los; das heißt, wenn es Ihnen überhaupt noch ernst ist mit dem Gedanken, zur Bühne zu gehen. Mittel und Wege kenne ich schon. Zunächst würde ich Sie selbst in Behandlung nehmen, versuchen, Ihnen den Dialekt etwas abzugewöhnen und Ihnen ein paar Deklamationsstücke einstudieren, mit denen Sie sich vor irgend einem ordentlichen Lehrer hören lassen können. Aber da ist ein kleines Hindernis vorhanden! Wir haben alle beide kein Geld.« Gregor machte ein langes Gesicht und ließ nachdenklich seinen Schnurrbart durch die Finger gleiten. Er merkte, daß das Fräulein ihn erwartungsvoll ansah, und so begann er denn etwas verlegen: »Ja, wissen Sie, wenn Sie allerdings kein Geld haben ... hm – ich würde mir ja gern die Freiheit nehmen, den Damen anzubieten, aber ... Ich stehe im Examen, wissen S', und so groß ist mein Wechsel auch nicht. Bitte, nehmen nicht übel, aber überhaupt die Idee mit der Bühne ...« Er brach errötend ab und suchte Lizzis Blick. Und dann rückte er ihr näher und sagte: »Aber du wolltest doch versuchen, bei der Frau von – wie hieß sie doch?« »Frau von Goldacker?« rief Lizzi, sich an die Stirn greifend. »Ja, gewiß, da möcht' i hin. Aber mei' Sach' is doch noch auf 'm Bahnhof, und wenn jetzt d' Frau Konsul von Hamburg telegraphiert hat – o mei', i weiß gar nimmer, was i anfangen soll. I möchte der Kathi a Brieferl schick'n, daß s' mit mir hingeht zu der Majorin und für mich a Wört'l einlegt – ich weiß net, i trau mi net, i schäm mi so, wenn s' mi fragt, wo i d' Nacht über g'wes'n bin. Was sag i denn da?« »Sie sind nicht sehr höflich, Fräulein Mödlinger«, sagte Milka leise, indem sie den Mund zu einem schmerzlichen Lächeln verzog. Erschrocken blickte das arme Kind zu ihr auf. Die Augen standen ihr ganz voll Tränen. Sie ergriff Milkas Hand und sagte traurig: »Ach, bitt schön, net bös sein: I weiß ja gar nimmer, was i red.« »Da haben wir die Bescherung!« rief Fräulein Grönroos nervös, machte sich von Lizzi los und stand auf. »Mein Gott, Kind, wenn Ihr Mut so kurz von Atem ist, dann kehren Sie doch in Gottes Namen reumütig zu Ihrem Geheimrat zurück oder gehen Sie meinetwegen ins Kloster. Mir scheint, ich habe Sie überschätzt. Sie sind eben einfach ein hübsches Mädel, in das man sich verliebt, und weiter gar nichts.« »Aber, mein Fräulein, ich muß doch bitten!« begehrte Gregor auf. Milka, die eben nach dem Fenster hinschritt, drehte sich auf dem Absatz herum, trat dicht vor Gregor hin und zeigte ihm, verächtlich lächelnd, ihre kleinen Zähne. »Ach, mein guter Herr,« sagte sie, die Schultern hochziehend und ihn fest anblickend, »bitte, sich nur nicht zu ereifern. Ich bin einmal so offenherzig. Sie sind ja ein gescheiter Mann und scheinen die Welt zu kennen: da werden Sie sich wohl selbst sagen können, daß ich unsre liebe Lizzi da ganz richtig taxiere. Also behandeln Sie sie auch danach. Richten Sie Ihre sogenannte Leidenschaft nach den Verhältnissen ein. Bis jetzt haben Sie sich recht gut benommen – das bißchen Küssen hat ja nichts auf sich. Aber von nun an seien Sie vorsichtig. Bedenken Sie, daß ihr beide vor einer Entscheidung steht. Sie wollen Ihr Examen machen und dann in Ihrer Heimat in alle die ganz fremden Verhältnisse zurückkehren, wo Ihnen ernsthafte Verpflichtungen gegen ein deutsches Mädel am Ende doch recht unangenehm werden könnten. Für eine letzte Studentenliebe haben Sie also den Gegenstand nicht gerade glücklich gewählt. – Na, und unsre Kleine da, die quält sich jetzt elend ab und zermartert ihr Herzchen und ihr Hirnchen, was mit ihr werden soll. Gestern hat sie noch ihr Jahrhundert in die Schranken gefordert und heute scheint sie mir schon bereit, in Sack und Asche Buße zu tun. Es ist ja möglich, daß ich mich täusche, daß sie doch den Teufel im Leibe hat – ich meine, das Zeug zu einer Künstlerin. Wenn das der Fall ist, na, dann wird sie schließlich auch mit Ihnen fertig. Wenn aber nicht, dann ist sie eine, die geheiratet werden will und muß. Haben Sie mich verstanden?« »Vollkommen, mein gnädiges Fräulein«, sagte Gregor, sich vor ihr ironisch verbeugend. »Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, daß Sie sich diese Mühe geben mit meiner Wenigkeit.« »O, bitte, ist gern geschehen«, versetzte Milka leichthin. »Aber nun macht, daß ihr fortkommt. Es wäre übrigens nett von euch, wenn eins oder das andre mir mal Nachricht geben wollte, was weiter daraus geworden ist.« Sie holte Lizzis Mantel herbei und hielt ihn ihr ausgebreitet entgegen. Auf diese energische Aufforderung hin konnte Lizzi natürlich nichts andres tun, als hineinschlüpfen und sich empfehlen. Sie wußte gar nicht mehr, was sie aus dem merkwürdigen Fräulein machen sollte. Hatte sie sie denn wirklich gar so sehr gekränkt? Sie fühlte sich ihr doch zu so großem Dank verpflichtet. Was hätte nicht alles passieren können, wenn sie ihr nicht gestern abend ihren Schutz hätte angedeihen lassen! Aber Angst hatte sie doch auch vor ihr, vor ihrer ironischen Ueberlegenheit, vor ihrem raschen, scharfen Urteil. Und so beeilte sie sich in ungeschickten Worten ihren Dank zu stammeln, um nur bald fortzukommen. Milka küßte sie noch einmal zum Abschied und sagte mit einer verhaltenen Wärme im Ton, die Lizzi tief zu Herzen ging: »Es war vielleicht doch gut, daß Sie die erste Nacht Ihrer gefährlichen Freiheit bei mir zugebracht haben. Wenn Sie glücklich werden – was so die gebildeten Töchter höherer Stände glücklich sein zu nennen pflegen – dann löschen Sie mich aus wie eine fatale Erinnerung. Wenn es Ihnen aber so schlecht ergeht, wie es sich gehört für einen Menschen, der etwas Besonderes will, dann tun Sie sich einmal wieder nach Milka Grönroos um. Ich glaube, ich habe Talent zur Freundschaft mit den Elenden, die nicht geistig arm sind.« Nachdem ihr auch Gregor ziemlich kühl und förmlich gedankt und Lebewohl gesagt hatte, schob sie die beiden zur Tür hinaus und begleitete sie bis zur Treppe, um ihnen die Zudringlichkeiten der Frau Rösicke zu ersparen, die, wie sie ganz richtig vermutet hatte, schon draußen auf der Lauer lag. – Gregor führte sein Liebchen am Arm bis zum Alexanderplatz und fuhr von dort mit ihr auf der Stadtbahn nach dem Lehrter Bahnhof. Sie waren nicht allein im Kupee, aber auch, wenn sie es gewesen wären, würde doch schwerlich eine sehr zärtliche Unterhaltung in Gang gekommen sein, denn Lizzi hatte Angst vor dem hellen Tage und vor den Menschen, vor ihm und vor sich selber. Und ihm gingen Milkas Worte im Kopfe herum. Ja, wahrhaftig, sie hatte recht, diese verteufelt kluge Person! War's nicht wirklich eine unverantwortliche Dummheit von ihm, jetzt mitten im Examen mit diesem jungen Dinge anzubandeln, aus dem noch dazu gar nicht klug zu werden war? Er war ja doch kein frivoler Bösewicht, und als er sich in sie verliebte, war sein einziger Gedanke gewesen, dies süße, fröhliche Geschöpfchen zu seiner Frau zu machen. Wäre sie ihm heute morgen gleich stürmisch um den Hals Hals gefallen und hätte sich damit freudig zu der vollzogenen Tatsache von gestern abend bekannt, so hätte er sicherlich schon das entscheidende Wort gesprochen. So aber, mit ihrer kindischen Angst, mit ihren Tränen, kam sie ihm recht – ja, er konnte es nicht anders nennen – recht gewöhnlich vor. Eins von diesen deutschen Durchschnittsmädchen, die nur, wenn sie einen Schwips haben, witzig und temperamentvoll werden, sonst aber sentimentale Mollusken sind. So blieb denn die Schicksalsfrage ungetan. Auf dem Postamt des Lehrter Bahnhofs fand Lizzi endlich eine Antwort von Hamburg. Sie lautete: »Mutter einige Tage verreist. Erbitte brieflich Näheres, da Sie mir unbekannt. Thormälen.« Ratlos zeigte sie ihrem Gregor die Depesche. Und der drehte seinen Bart zwischen den Fingern und sagte: »Da siehst du – wenn wir uns gestern nit getroffen hätten! Zum Teufel hinein, das wäre schlechter Witz gewesen, wenn du mit ganzem Gepäck bei dem Herrn Thormälen abgestiegen wärst, der dich gar nicht kennt! Jetzt müssen wir doch wohl zur Frau van Goldacker, denn zu deiner Nihilistin wirst du wohl nicht wieder hin wollen." »Nihilistin?« fragte Lizzi ganz entsetzt. »Aber ohne Zweifel hat sie doch ganz das Exterieur«, lachte Gregor. »Wenn Du mit der zusammenleben solltest, würde sie dich lehren, Sprengbomben fabrizieren.« »Ah, geh zu, dees is net recht, so was z' sagen, wo's doch so gut zu mir g'wesen is.« »Hui! nun ja, das mag sein wie will – jedenfalls ist diese Person kein Umgang für dich.« Lizzi zuckte die Achseln und verzog schmollend den Mund. Nun wollte der sie auch schon gängeln und schulmeistern wie ein kleines Kind. Niemand schien ihr ein Recht auf Freiheit zugestehen zu wollen. Sie war eben nur »ein Mädel zum Verlieben«, wie die kluge Milka gesagt hatte. Das Wort brannte ihr auf der Seele wie ein frisches Schandmal. Aber es stachelte auch ihren eingeschlafenen Trotz wieder auf. O, sie sollten schon sehen, wie sie sich in ihr getäuscht hätten! Als ob sie nur dazu da wäre, in der Welt herumgestoßen und hin und wieder abgeküßt zu werden! O, sie wollte ihnen schon zeigen! – das heißt – augenblicklich freilich wußte sie gar nicht, was sie wollte. Gregor löste ihr zurückgelassenes Gepäck aus und setzte sie in eine Droschke. Er gab dem Kutscher die Adresse der Majorin und bezahlte ihn im voraus. Dann schied das Liebespaar mit einem ziemlich kühlen Kuß und dem Versprechen, einander zu schreiben. – – Frau von Goldacker wohnte hochparterre; aber dennoch hatte Lizzi, als sie bei ihr die Klingel zog, so starkes Herzklopfen, als sei sie mindestens vier Treppen hoch gestiegen. Der dumme Diener öffnete ihr die Tür und grinste sie freundlich an, da er sie wiedererkannte. »Tut mir sehr leid, die gnädige Frau sind nicht zu Hause,« »Nicht zu Hause?« echote Lizzi verzweifelt. »Ja aber, du mein Herrgott, i hab' doch mei ganz's Gepäck drunten im Wag'n. Wo soll i denn hin damit?« rief sie weinerlich und stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf. »Is 's denn wirklich wahr, daß gar niemand z' Haus is?« Der Diener lächelte dumm. »Der junge Herr is zu Hause. Wenn Fräulein den vielleicht sprechen wollen? Aber er darf nich aus de Stube. Er hat en furchtbaren Schnuppen.« »Dees is m'r ganz egal«, sagte Lizzi mit zuckenden Lippen. »Sind S' nur so gut, und schaffen S' mei Sach 'rauf, und nachher möcht' i mit dem jungen Herrn sprechen.« Der Diener zögerte noch einige Augenblicke, ehe er sich endlich entschloß, ihren Wunsch zu erfüllen und ihre Habseligkeiten aus der Droschke herauszuschaffen. Er setzte sie einstweilen in den Korridor und ließ dann Lizzi in das Prunkgemach eintreten. Das war heute ebenso kalt und ebenso verstaubt wie am letzten Sonntag, und die großen Kirchenengel hatten immer noch keine angemessene Beschäftigung gefunden. Lizzi hatte nicht den Mut, sich einer der zahlreichen Sitzgelegenheiten zu bedienen, denn sie mochte nicht Gefahr laufen, ihren Eintritt in dies Haus mit einem Einbruch zu feiern. Sie fürchtete die böse Vorbedeutung. Unruhig schritt sie durch den weiten Raum, bald zum Fenster hinausschauend, bald die Altertümer betrachtend. Ihr war ungefähr zumute wie im Vorzimmer eines Zahnarztes, wenn man noch zweifelhaft ist, ob das Urteil des Schrecklichen auf Plombieren oder Extrahieren lauten wird. Herrgott! Wenn die Majorin nun nichts von ihr wissen wollte! Dann blieb ihr ja nichts übrig, als sich entweder der Tante Ida oder dem bösen Gregor auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Es klopfte leise an der Tür zum Nebenzimmer. »Herein!« rief Lizzi laut. Aber es folgte niemand ihrer freundlichen Aufforderung. Dagegen versuchte eine jammervoll heisere und nasal obstruierte Stimme sich hinter jener Tür verständlich zu machen, was ihr jedoch nicht gelang. Daraufhin hielt es Lizzi für erlaubt, die Tür zu öffnen. Sie trat in das kleine Boudoir der Majorin und sah sich dem Sohne des Hauses, dem Stolz der Mutter, dem Erben aller ihrer Reich- und Altertümer, dem einzigen Bubi, dem süßen Rudi gegenüber. Er sah wieder einmal bezaubernd aus – ja, noch schöner als das erstemal! Seine Füße steckten in Filzparisern, seine langen Beine in zu kurzgewordenen grauen Hosen, sein Oberkörper in einer abgetragenen Lodenjoppe. Um den Hals trug er einen wollenen Schal gewickelt. Um die bleichen Wangen, von denen die linke arg geschwollen war, ein ehemals weißseidenes Tüchlein, das auf dem Scheitel seines edlen Langschädels verknotet war und zwei ansehnliche Oehrlein oder Hörnlein bildete. Seine unglückliche Nase war rot und geschwollen, und seine hellblauen Aeuglein standen ihm voll Wasser. Aus den Ohrwascheln schauten die Enden zweier Wattepfröpfe hervor. Der Unglückliche führte eine tadellose Verbeugung aus und sagte – oder vielmehr er deutete an, was er sagen wollte, denn der Ton, welcher von der geschwollenen Backe zurückprallte und in der verstopften Nase keine Resonanz fand, gelangte in einem Zustand an die Außenwelt, der kaum etwas Menschliches mehr an sich hatte. »Gnädiges Fräulein verzeihen, ich leide an heftigem Katarrh. Ich darf nicht aus dem geheizten Zimmer heraus.« So wenigstens glaubte Lizzi zu verstehen. Unter einfacheren Verhältnissen hätte sie wohl mitleidlos die Komik dieses katarrhalischen Jünglings empfunden, da sie aber selbst in so ungewöhnlicher Verfassung war, nahm sie die seinige schlechtweg als gegeben hin und versetzte ganz ernsthaft: »O, bitt' schön, dees macht nix. Kommt denn Ihre Frau Mutter net bald heim?« »Mama inspiziert die Volksküche. Aber wenn ich vielleicht mit etwas dienen kann ...?« »Nein, dank' schön, i hab' gar kein' Hunger. Wenn nur d' Frau Mutter recht bald kommen möcht', daß i wüßt', ob i bleiben derf.« »Dableiben – hier– bei uns? Ach, das wär' ja – ha–hatschi! – P–Pardon, das wär' reizend!« »G'sundheit! Was haben S' g'sagt?« »Das wär' reizend«, widerholte er, mühsam nach Luft schnappend und seine verquollenen Aeuglein gewaltsam aufreißend, um ihr einen süßen Blick zu spenden. »I bin nämlich durchbrennt, daß Sie's nur wissen«, erklärte Lizzi und schüttelte in ihrem Eifer den süßen Bubi am Arm. Er starrte sie halb ungläubig, halb bewundernd an, während er den geröteten Endknollen seiner Nase in dem feuchten Taschentuch verbarg, und stöhnte: »Durchgebrannt? O, das ist aber großartig, reizend, p–pardon – ha– hatschi! – Das kommt nämlich davon, weil ich neulich so lange in den verfluchten Trikots herumgelaufen bin.« »Je, Sie armer Tropf, Sie haben aber an Katarrh derwischt! – Sagen S', glauben S' denn, daß mi d' Frau Mutter dab'hält? Können S' mi denn überhaupt unterbring'n? Habt S' denn so 'was wie a Bett für mich?« »O, Fräulein Mödlinger«, röchelte der unglückliche Rudi begeistert. »Für Sie würde ich freudig mein eigenes Bett hergeben, und wenn ich in der Hundehütte schlafen müßte! O, Mama muß Sie aufnehmen! Ich werde sie zwingen, wenn sie nicht will.« Lizzi war so gerührt durch des guten Jungen verschnupften Enthusiasmus, daß sie auf einmal zu weinen anfing. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen und schluchzte: »Sie sind sehr gut, Herr von Goldacker – die wahren Freund' find't m'r doch immer erst im Unglück. Sie wissen gar net, wie wohl Sie mir tun. Ach, Sie kennen das Leben nicht! Das Leben ist sehr grausam, besonders gegen ein alleinstehendes junges Mädchen. Sie als Mann können das gar nicht nachempfinden.« »O doch!« flüsterte Rudi, die dürftigen Augenbrauen wichtig emporziehend, und gab den leichten Druck ihrer Hand warm zurück. »Verlassen Sie sich auf mich, ich werde Ihnen beistehen, und wenn die ganze Welt ... ha – hatschi! – Ohhh – dieser gräßliche Schnupfen!« »Ich will nämlich zur Bühne gehen«, fuhr Lizzi fort, nachdem sie dem Freunde Zeit gegönnt hatte, die unangenehmen Folgen des letzten Niesens zu beseitigen. »Zur Bühne? O, das ist reizend!« stöhnte Rudi; »dann geh' ich auch zur Bühne. Mama sagt, ich wäre der geborene Romeo.« »Ach ja, dann will ich die Julia studieren«, sagte Lizzi, ihre Tränen trocknend. Und sie reichte ihm aufs neue die Hand und drückte die seine warm zur Bekräftigung des löblichen Vorsatzes. In diesem Augenblick trat die Majorin herein. Sie hatte sich, auf die alarmierende Meldung des Dieners hin, noch gar nicht einmal die Zeit genommen, Hut und Mantel abzulegen. »Mein Gott, Kinder, was soll denn das bedeuten?« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Ihr beide in Tränen aufgelöst? Was ist denn um Gottes willen los? Ist am Ende der Onkel Riemschneider tot? Ich hab' schon in der Zeitung gelesen, daß ihn der Schlag getroffen hat. Und Sie, Lizzi, sind mit Sack und Pack hier eingerückt? Ja, sagen Sie bloß ...« Da schritt Rudi feierlich auf die Mutter zu und röchelte pathetisch: »Mama, eine Unglückliche steht um Obdach flehend vor deiner Schwelle. Und wenn du mich nicht selbst aus dem Hause treiben willst, so ... ha–hatschi!« »Du wirst jetzt zunächst einmal augenblicklich zu Bett gehen und zum Schwitzen einnehmen, mein Sohn«, sagte die Majorin ungerührt und schob ihren Bubi energisch zur andern Tür hinaus. Und als sie nach einer kleinen Weile zurückkehrte, da beichtete Lizzi alles haarklein – nur den Herrn Krajesovich von Nemes-Pann und was er mit der Geschichte zu tun hatte, ließ sie aus. Und die gute Frau von Goldacker war sehr ergriffen, nannte die Geheimrätin einen giftigen Drachen, schloß Lizzi an ihr Herz und versprach, für sie zu sorgen.– Eine halbe Stunde später schon saß Lizzi am Schreibtisch der Majorin und schrieb ihren ersten Brief an Kathi. Der fing so an: »Geliebtes Schwesterherz! Ein finster gähnender Abgrund liegt zwischen dem Gestern und dem Heute. Gestern war Deine Lizzi noch ein unwissendes Kind – heute – o Kathi, Du kennst das Leben nicht! Möchte der gütige Himmel es Dir ersparen« – (Schluß im nächsten Bande.)