Mendele Moicher Sfurim Fischke der Krumme Der Vorspruch des Mendele Moicher Sfurim, da er mit eigenen, zum erstenmal gedruckten Schriften vor die Welt tritt »Wie ist Euer Name?« Das ist die erste Frage, die ein Jude einem Wildfremden gleich bei der ersten Begegnung stellt, sobald er ihm Willkommen gesagt hat. Niemandem fällt es dabei ein, daß man dagegen zum Beispiel antworten könnte: »Was liegt Euch denn so sehr daran, zu wissen, wie ich heiße, Herr Gevatter? Wollen wir denn unsere Kinder miteinander verheiraten? Ich heiße so, wie man mich nannte, und nun laßt mich in Ruhe!« Nein, im Gegenteil, die Frage nach dem Namen ist etwas ganz Natürliches, das liegt schon so in der Sache, gerade so wie man den neuen Rock eines andern befühlt und dabei fragt: »Wie teuer? Was kostet die Elle?« Oder so wie man unaufgefordert eine Zigarette nimmt, wenn jemand seine Büchse öffnet. Oder so wie man seine Finger in eine fremde Schnupftabakdose steckt und sich eine Prise nimmt. Oder so wie man den Fuß in die Wanne eines andern steckt, sein schmieriges Tüchlein dort eintunkt und sich den Körper einreibt. Oder so wie man verstohlen in ein fremdes Machser hineinschaut und aus Anstand schnell umblättert, während der Besitzer die Worte des Gebetes noch gar nicht recht begriffen hat. Oder so wie man hinzutritt, wenn sich zwei Leute unterhalten, sein Ohr hinhält und sich ihr Gespräch anhört. Oder so wie man jemanden urplötzlich und unerwartet nach seinen Geschäften fragt und sich ihm mit Ratschlägen aufdrängt, obwohl sie jener durchaus nicht nötig hat und sehr wohl ohne sie und ohne ihn auskommen kann. Diese und ähnliche Dinge sind bei uns Juden sehr verbreitet. So ist der Lauf der Welt seit ewigen Zeiten, und sagte man etwas dagegen, so täte man was Verrücktes, etwas ganz Absonderliches, ja es wäre gar gegen die Natur. Nicht nur für das Diesseits, auch fürs Jenseits haben die Juden die Überzeugung, daß man bloß seinen Fuß hinüberzusetzen braucht und sofort vom Totenengel mit der Frage begrüßt wird: »Wie heißt Ihr, Herr Gevatter?« Selbst der Engel, der mit unserm Vater Jakob rang, wich auch nicht vom Wege der Welt ab und fragte ihn nach Brauch und Sitte um seinen Namen. Wenn dies schon bei Engeln so ist, um wieviel mehr dann bei sündhaften Menschen, den Geschöpfen aus Fleisch und Blut. Ich weiß sehr wohl, wenn ich zum erstenmal mit meinen Erzählungen in die jüdische Literatur hinaustrete, wird es gewiß die erste Frage der Leute sein: »Wie ist Euer Name, Gevatter?« Mendele heiße ich! So nannte man mich, liebe Leser, nach einem Urgroßvater mütterlicherseits, nach Reb Mendele Moskauer seligen Andenkens. Moskauer hieß er zu seinen Zeiten darum, weil er, wie man erzählte, einmal gar bis nach Moskau gekommen war, um dort russische Ware einzukaufen, und sich fein still wieder davongemacht hatte, bevor man noch daran dachte, ihn auszuweisen. Nun, davon wollte ich nicht sprechen. Aber in Moskau, beim Moskowiter, war er doch gewesen. Das brachte in seiner Gegend Namen und Ehre ein. Alle betrachteten ihn als erfahrenen, welttüchtigen Menschen, der in der ganzen Welt herumgekommen war, und wenn es irgendeine Not gab oder wenn man ein russisches Gesuch zu schreiben hatte, so beriet man sich mit ihm. Aber nicht davon wollte ich sprechen. Damit ist man aber noch lange nicht fertig. Nach dieser ersten Frage beginnen bei den Juden erst allerlei Fragen zu strömen, wie zum Beispiel: »Woher seid Ihr? Seid Ihr verheiratet? Habt Ihr Kinder? Womit handelt Ihr? Wohin fahrt Ihr?« Und noch viele ähnliche Fragen, die man in ganz Israel stellt, wenn man vor den Leuten sehen und zeigen will, daß man Gottlob ein herumgekommener Mensch und kein Stubenhocker sei, und auf die man nach dem Gesetz antworten muß, so wie »Gutes Jahr« auf den Wunsch »Guten Schabbes« oder »Guten Jontew«. Ich will es nicht mit der ganzen Welt zu tun bekommen und bin bereit, alle diese Fragen auch so kurz und bündig wie möglich zu beantworten. Ich bin aus Heuchlingen gebürtig, einem ziemlich großen Städtlein im Gouvernement Dösenheim. Die Stadt ist durch ihre Güte und ihre Frömmigkeit berühmt, so wie Dümmingen zum Beispiel durch Klugheit, Schnorringen durch seinen Reichtum, Faulburg durch seine Industrie – lauter schöne Gegenden mit Vorzügen, die auf den Zustand der Juden hier auf diesem Flecken des Exils wirken. Aber nicht davon wollte ich sprechen. In meinem Passe steht freilich ausdrücklich das Alter angegeben, aber wie alt ich wirklich bin, kann ich euch nicht mit Bestimmtheit sagen, wie das bei Juden schon so üblich ist. Meine seligen Eltern gingen in der Berechnung meiner Jahre bedeutend auseinander. Nach beiden wurde ich am ersten Channeke-Abend während des großen Brandes der Läden geboren. Aber nach der Rechnung des Vaters war das damals, als die großen Kälten in unsere Gegend eingeschleppt wurden, gerade um die Zeit, als der Alte, gesegneten Andenkens, verschied. Meine Mutter wiederum bewies, es wäre an die zwei Jahre nach der ersten Panik gewesen. Sie hatte sogar ein Zeichen: Damals hatte bei uns die rote Kuh gekalbt, und am letzten Channeke-Tag hatte sie für die halbe Stadt Käsekrapfen gemacht, bei denen sich die Leute alle fünf Finger ableckten, und die einigen alten Leuten noch heute auf der Zunge lägen. Man muß Zeit haben und tüchtig sein, um sich in solche Berechnungen zu versenken, wie die Faulburger Gehirnmenschen. Aber nicht davon wollte ich sprechen. Die Personbeschreibung in meinem Passe lautet: Wuchs – mittelgroß; Haar und Brauen – grau; Augen – schwarz; Nase und Mund – normal; Bart – grau; Gesicht – rein; besondere Merkmale – nicht vorhanden. Das heißt, alles in allem ganz gewöhnlich, nichts Besonderes, ein Mensch wie alle andern, kein Vieh, behüte. Nun, dann fragt es sich doch: Ein Paß ohne jede Personbeschreibung beweise ja auch, daß man ein Mensch ist?! Wo hat etwa das Vieh einen Paß? Dieser Einwand wird dadurch widerlegt, daß Einwendungen keinen Sinn haben. Das ist ja der ganze Sinn, daß einem die Personalbeschreibung vorgesetzt wird und man doch nicht weiß, wie das Gesicht aussieht. Und wirklich, wozu wollen wir uns täuschen, was habt ihr schon davon, wenn ihr zum Beispiel wißt, daß meine Stirn hoch ist und viele Falten hat; daß meine Nasenlöcher sehr groß und ein wenig sonderbar sind; daß mein Gesicht nach außen hin so wie zornig aussieht. Wenn ich schaue oder etwas betrachte, mache ich meine kleinen, kurzsichtigen Augen ein wenig zu, und wenn ich die Lippen verziehe, scheint auf ihnen ein mild-stechendes Lächeln zu schweben. Ach, das ist ja wirklich Unsinn. Sogar meine Frau hat sich vor unserer Hochzeit nicht um solche Kleinigkeiten gekümmert. Sie nahm mich wie einen blinden Essreg, ohne vorher mein Gesicht anzusehen – und es ging! Nun wißt ihr auch schon, meine lieben Leser, daß ich verheiratet bin. Von Kindern braucht ja gar keine Rede zu sein. Selbstverständlich habe ich welche, unbeschrien sogar viel. Was denn anders hat der Jude? Aber nicht davon wollte ich sprechen. Mein Geschäft ist der Buchhandel, wie ihr mich da seht. Ich hatte in meinem Leben alle möglichen Berufe, ich hatte mich nach allen Decken gestreckt, bis ich endlich eine wegwerfende Handbewegung machte – zum Teufel mit allen Berufen – und den Buchhandel begann. Und dabei bin ich bis heute geblieben. Dann wären Bücher also, könnte man meinen, das beste Geschäft, ich würde gar reich! Und daraufhin werden die Juden diese armen Teufel schmachten ja nach Erwerb und tun darum einer dem andern nach – sich wie die Heuschrecken auf den Buchhandel stürzen. Nun, so schwöre ich euch, ihr Juden, daß ich ein armer Mann bin! Das eigentliche Buchgeschäft, der Chimmesch-, Szidder-, Machser-, Sliches-, Kines-, Tchines-, Bentscher-Handel bringt einem nicht einmal das Wasser zum Brei ein, wie man sagt, darum muß ich auch Berscheter Arbekanfes mit mir führen. Dubrower Talejssem, achtfache Zizzes, Reziees, Schoifres, Hejs, Mesises, Wolfszähne, Muscheln, Amulette, Kinderschuhe und Kinderkäpplein und manchmal auch Messing- und Kupferzeug. Wieso Messing- und Kupferzeug zu Büchern kommt, weiß ich selbst nicht. Aber so ist es bei uns schon mal der Brauch, genau so wie ein Schriftsteller mal auch ein wenig Heiraten vermitteln muß, wie der Schammes in einer polnischen Klous einen kleinen Ausschank halten, wie ein Gemeindemann auf einem Fest bei den feinen Leuten manchmal Fische kochen und Kellner sein muß, wie der Rabbi eines Städtleins sein Einkommen von der Hefe haben muß. Bei all diesen Dingen schwöre ich euch, besitze ich keinen Pfennig an Vermögen. Es ist ein wunderbares Glück, daß man zu einem Buchhandel wie dem meinen kein großartiges Magazin mieten muß. Dafür genügt ein beliebiges Wäglein und ein beliebiges Rößlein. Ist das Rößlein ein wenig alt und schäbig, hinkt es ein bißchen und kann kaum die Beine heben, so mag das auch noch lange nichts ausmachen. Hetzen, Postfahren hat man nicht nötig. Man packt sich sein Wäglein voll, deckt eine Plane darüber und zockelt munter drauflos. Daß Glöcklein dabei klingen, ist überflüssig, man ersetzt sie durch das Knarren der Räder. In Gasthöfen in besonderen Nummern für sich mit großem Pomp Quartier zu nehmen – das braucht man auch nicht zu tun, sondern fährt sofort beim Bejssmedresch vor. Der Wagen bleibt auf dem Hof stehen. Das ausgespannte Pferd steht da, frißt Häcksel, wenn es nur welches bekommt, aus einem Leintuch, das zwischen den hochgestellten Deichselstangen ausgebreitet ist. Daß die Kinder sich heimlich dahintermachen und ihm verstohlen Saiten aus dem Schweife zupfen – ist weiter auch kein Unglück. Wenn man will, kann man es völlig schwanzlos haben, ganz nach der Mode. Aber das ist ja Tierquälerei?! I wo. Mein Tölpel steht ganz ruhig da und läßt sich's gar nicht nahegehen. Manchmal läßt er die Unterlippe hängen, steckt die Zungenspitze heraus und scheint wie ein Mensch zu grinsen. Trifft es sich mal, daß er nichts zu fressen hat, dann steht er nachdenklich mit erhobenen Ohren und blickt auf die Bücher im Wagen, so daß man schwören möchte, sein Pferdehirn erfasse sie sehr wohl und gehe mit ihnen verflucht gelehrt um. Aber nicht davon wollte ich sprechen. Also wenn ich Gottlob mein Pferd auf dem Schihl-Hof versorgt habe, nehme ich mir einen Platz im Bejssmedresch. Am Tage lege ich meine Bücher für die Leute aus, auf dem langen, schmierigen Tisch am Eingang neben dem Ofen, bei Nacht lege ich mich selbst auf die Bank und tue, als ob ich hier zuhause wäre, und schlafe, was das Zeug hält. All mein bißchen Diesseitsglück habe ich umsonst und mit vielen Ehren. Wenn dem nun so ist, wenn es da ein Herumgewandere, Herumgeirre und Geschnorre gibt, so erhebt sich ja die Frage: Welcher Teufel hat mich zum Buchhandel gebracht? Und wozu bleibe ich bis auf den heutigen Tag bei solchem Geschäft? Es fällt mir zwar schwer, darauf zu antworten, aber ich habe keine Wahl. Meine lieben Leser, ich bekenne! Eine Schwäche habe ich seit meiner Kindheit, die bei den Fremden »Liebe zur Natur« heißt, zu allem, was wächst, was sprießt, was lebt und auf der Welt ist. Da zieht mich etwas an und treibt mich irgendwohin. Da haftet mir ein Tand im Sinn, ein schönes Gesicht, eine herrliche Form, ein Grashalm, ein Baum, eine Rose, ein Vogel. »Aber, aber«, wird man sagen, »schämt Ihr Euch denn nicht, ein bärtiger Mann, ein Mensch, der Nahrungssorgen, der Frau und Kinder hat, der nach dem Lauf der Natur Sorgen haben, nachdenken und grübeln muß, daß es einen Zweck habe?! Und außerdem, schämt Ihr Euch denn nicht ganz einfach, an solchen Unsinn zu denken, Natur – papperlapur, solch Bubenzeug!« Ach, ich weiß es, ich weiß es sehr wohl, daß so etwas für einen Juden unpassend ist, aber was soll ich denn anfangen, wenn das bei mir eine angeborene Schwäche ist, ein Trieb, der mich wie ein Magnet anzieht. Und gar noch gerade dann, wenn ich mich mit ernsten, wichtigen Dingen beschäftige, wie mit Jüdischkeit zum Beispiel oder mit Geschäftsdingen. Mitten in der Mondweihe – stellt euch vor, gerade mittendrin im besten Beten, im Körperschütteln unter den Leuten, reißt es mich gleichsam zu dem schönen blauen, bestirnten Himmel mit dem versonnenen, schwermütigen, herrlichen Mond empor, meine Gedanken sind Gott weiß wo, bei hellen Gesichtern, schönen, brennenden, nachdenklichen Augen, Geseufze, Geraune, dichtbeasteten Linden. Man könnte mich unter Eid fragen, ich wüßte nicht, was mein Mund plappert. Mein Nebenmann sagt zu mir: »Friede über Euch«, und ich erwidere ihm: »Komm, o Freund, der Braut entgegen!« Ebenso ist es mit dem Essreg, mit dem Lielew, mit dem Schanes. Ich vergesse die Mizwe, die Intention auf Einung, die in ihnen liegt und denke nicht weiter an Gott und seine Glorie, sondern erquicke mich daran, wie wunderschön frisch sie duften. Der Gang zu Taschlech, eine so ernste jüdische Angelegenheit, da man die Sünden von sich wirft, wird mir gar zu einem schönen Spaziergang. Wenn ich dort die Gebete spreche, dann schauen meine Augen auf den Fluß, auf die grüne Flur, die sich drüben auf dem andern Ufer weit in die Ferne erstreckt. Ich sehe das laufende, murmelnde Gewässer vor mir, stolz schwimmende Gänse, ein Lüftlein weht, hochgewachsenes Schilfrohr flüstert, ein Weidenbäumlein spiegelt sich und badet seine Zweige im Wasser. Klar ist der Himmel, die Luft frisch, göttliche Stille in Tälern, auf Hügeln, in Wäldern überall. Irgend etwas reißt an meiner Seele, Sehnsucht, Verlangen – oh, mein Gott! – ich weiß selbst nicht wonach. Für Spazierengehen gebe ich mein Leben her. Auf dem Felde und im Walde bin ich gar nicht der gleiche wie in der Stadt, da bin ich frei, da bin ich des Joches ledig. Was scheren mich da Frau und Kinder, was Jude, was Sorgen! Ich bin froh, ich ergötze mich in seliger Wonne an den Werken des Herrn, ich gebe mich mit allen Sinnen hin und gehe unter in Gottes Welt, in Gottes schöner Welt. Diese arge Leidenschaft, o weh, war es, die in mir bohrte und brummte: »Mendel, der Buchhandel ist wie für dich geschaffen! Und wenn du etwas versetzen müßtest, das bißchen Schmuck deiner Frau – kaufe ein Pferd und einen Wagen, packe ihn mit Büchern voll und fahre in die weite Welt. Verdienen hin, Verdienen her, Hauptsache ist das Reisen, die Freude, die du haben wirst, wenn du unterwegs so viel Schönes siehst und hörst. Du wirst da auf der Fahrt behäbig wie ein Kaiser auf deinem Wagen liegen und jedes Stücklein an den kunstvollen, schönen Werken Gottes betrachten, seine Geschöpfe in Bergen und Tälern, auf Feldern und in Wäldern. Das Rößlein wird ganz, ganz langsam zockeln und du wirst schauen und schauen. So wird es unterwegs sein, und wenn du in Städtlein und Städte kommen wirst, wirst du verschiedene Menschen sehen, feine Leute, große Herren, sonderbare Geschöpfe, allerlei Personen, gebogene Rücken, hochgehobene Nasen, langhändige, klebrigfingrige, alle möglichen Arten, vom alten und vom neuen Schnitt, dann wirst du von ihnen Geschichten zu erzählen wissen, du wirst zu singen und zu sagen haben.« Nun, wißt ihr es jetzt, meine lieben Juden? Heute, da ich eine ziemliche Weile umhergereist bin, bohrt und brummt der böse Trieb wieder in mir: »Geh«, sagt er, »geh und drucke die Geschichten, die du von den Juden aus der ganzen Zeit zu erzählen hast, da du dich unter ihnen herumgetrieben hast! Oh, sie dürfen es ruhig hören, es wird ihnen behüte nichts schaden!« »Na, meinetwegen«, überlegte ich's mir, »ich werde es tun.« Ich glaube, ich habe alles gesagt, was nottut. Übrigens bin ich ja nicht mehr als ein Mensch. Sollte ich etwas vergessen haben, dann werde ich es, wenn ich mich erinnere, in einem meiner späteren Bücher sagen. Und wenn jemand ungeduldig sein sollte und alles sofort bis auf den I-Tipfel wissen wollen wird, dann mag er so gut sein und mir schreiben, er wird von mir bald eine klare Antwort haben. Meine Adresse ist: »Mendelju Jidelewitschu Moicheru Sfuremu uw gorodi Heuchlingu« – An Mendel Jidelewitsch Moicher Sfurim in der Stadt Heuchlingen. Den Titel »Gospodinu jewreju«, »An den Herrn Juden«, braucht man nicht zu schreiben, man weiß es ohnehin. I Wenn die helle Sommersonne über das Land zu scheinen beginnt, wenn die Menschen sich wie neugeboren fühlen und ihre Herzen sich beim Anblick der schönen Welt Gottes freuen, dann fängt bei den Juden die eigentliche Zeit der Wehmut an, die Zeit des Weinens und Klagens. Dann beginnt das ganze Trauerregister: Fasten, Selbstkasteiung, Jammer und Klage von den Tagen der »Sfiro« an bis spät in die Jahreszeit des großen Schmutzes und der naßkalten Tage hinein. Diese Zeit ist für mich, Mendel den Buchhändler, ein dauernder Jahrmarkt: ich arbeite, fahre ständig umher und versorge die Juden in allen Städtchen mit den notwendigsten Utensilien zum Weinen: mit Kines und Sliches, Frauen-Tchines, Mane-Loschens, Scheifres und Machsejrim. Die Juden klagen und jammern den ganzen Sommer durch, und ich mache dabei mein Geschäft. Aber nicht davon will ich sprechen. Einmal sitze ich so früh morgens am Schiweossor-be-Tammus, wie es einem richtigen Juden geziemt, mit Tales und Tfillim angetan, mit der Peitsche in der Hand auf dem Bocke meines Wägelchens. Ich halte die Augen geschlossen, um beim Beten nicht auf die leuchtende Welt zu schauen. Die Natur ist aber just wunderschön und zwingt mich wie mit einer Zauberkraft, sie anzublicken. Lange kämpfe ich mit mir selbst. Der gute Trieb sagt: »Pfui! Es ist verboten!« Der böse Trieb aber setzt mir zu: »Ist nicht so schlimm! Gönne dir nur das Vergnügen, du Närrchen!« Und er macht mir auch wirklich ein Auge auf. Wie zum Trotz leuchtet vor mir ein herrliches Panorama auf: Felder, mit weißem, blühendem Buchweizen wie mit weißem Schnee überschüttet, daneben goldgelbe, moirierte Streifen des Weizens und mattgrüne Kukuruzpflanzungen; ein schönes, grünes Tal, beiderseits von Nußwäldchen eingefaßt, unten fließt ein kristallklarer Bach, die Sonnenstrahlen baden darin und überschütten ihn mit funkelnden, goldenen Flittern. Die weidenden Kühe und Schafe sehen aus der Ferne wie dunkle, rote und bunte Punkte aus. »Pfui! Pfui!« sagte der gute Trieb und predigt mir mit den Worten aus den ›Sprüchen der Väter‹: »Ein Jude, der unterwegs seine Gedanken von frommen Dingen ablenkt und spricht: ›Wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieses Feld!‹ begeht die gleiche Sünde wie ein Selbstmörder.« Der böse Trieb aber weht mir den erfrischenden Duft von Heu, Gewürzen und Kräutern in die Nase, der alle meine Glieder durchdringt; er übergießt mich mit dem kunstvollen Gesang der Vögel und kitzelt mir damit die Seele; er haucht mich mit einem warmen Windchen an, das mit meinen Pejes spielt und mir ins Ohr flüstert: »Schau und freue dich und sei ein Mensch, du närrischer Jud!« Ich stammele meine Gebete und höre selbst nicht, was ich stammele. Etwas geht mir durch die Gedanken, etwas pickt mich in das Hirn, und es kommen mir nur Schimpfworte in den Sinn: »Tote Seelen!... Ohne Kraft und Leben!... In Tscholent getauchte Seelen!... Seelen ohne Duft und ohne Geschmack!... Verdorrte, abgeschlagene Hejschanes!...« Ich wiege mich in gekünstelter Andacht hin und her, um nicht mehr zu denken, und höre, wie aus meinem Munde die Worte des Gebetes kommen: »Der den toten Körpern die Seelen wiedergibt.« Was?! Wie?! Was ist damit gemeint?! Ich fahre auf und schäme mich meiner üblen Gedanken. Und um mein Vergehen vor dem Schöpfer der Welt wieder gut zu machen, tue ich so, als hätte ich mit meinem Schimpfen den Gaul gemeint. Und ich ziehe dem armen Tier mit der Peitsche eins über und sage: »Hüh, du Aas!...« Der Einfall war gar nicht so dumm! Aber diesmal hatte er keine Wirkung. Es kränkte mich sehr, daß mir ausgerechnet heute solche Gedanken in den Sinn kamen, heute, wo man über die große Zerstörung, über das furchtbare Unglück, das die Kinder Israels betroffen, weinen muß! Die Banden Nebukadnezars, Königs von Babylon, waren in Jerusalem eingedrungen und hatten alles verwüstet... Ich mache ein unglückliches Gesicht und spreche die für den heutigen schweren Tag festgesetzten Sliches mit weinender Stimme, die an der bewußten traurigen Stelle immer höher und trauriger klingt: »Wehaschfifejn mizofejn – und die Otter vom Norden, keschibejles schtofani – überschwemmte mich wie ein Strom wehazojod – und der Jäger – scholach jod – streckte seine Hand aus – hazofir wehassoir – der Bock, der Ziegenbock...« Wenn der Jude seine Litanei aufsagt, sich ausspricht, bis er fast zerspringt, und die Sliches herunterleiert, so glaubt er genug getan zu haben und ist, wie ein Kind, das seine Schläge bekommen und sich ordentlich ausgeweint hat, wieder zufrieden. Ich sitze bequem auf dem Bock, streiche mir mein Bärtchen und bin wieder ruhiger, wie wenn ich sagen wollte: »Ich habe das Meinige getan, habe meiner Pflicht genügt, nun hängt alles von Dir allein ab, lieber Gott! Zeige also, himmlischer Vater, daß Du der Gott der Barmherzigkeit bist!« – »Lauf doch, bitte, lauf!« sage ich zu meinem Gaul im Guten und bitte ihn im Herzen um Verzeihung für den Zunamen »Aas«, den ich ihm vorhin angehängt habe. Der unglückliche Gaul knickt die Vorderbeine ein, beugt den Kopf tief zur Erde und seufzt, wie wenn er sagen wollte: »Mein Herr und Gebieter! Wie ist es nun mit dem Essen?« – »Klug ist das Tier wie der lichte Tag!« sage ich und gebe ihm ein Zeichen, daß er aufstehen darf. Nicht umsonst heißt es in den Kines: »Zion, dein ganzes Vieh und Geflügel ist klug!« Aber nicht das will ich sagen. Dieser Ausspruch brachte meine Gedanken wieder auf das Volk Israel, auf seine Klugheit, sein Benehmen, seine feinen Vertreter und seine elende Lage. Der Kopf ist mir ganz wirr. Ich sehe vor mir die Otter – den Nebukadnezar mit seiner Bande, einen schrecklichen Krieg, eine Schlägerei; die Kerle stürzen Mauern um und brechen Türen und Fenster ein. Juden, zum Teil mit Warenbündeln und altem Hausrat beladen, schreien und rennen... Auch ich ergreife einen Stecken und stürme vorwärts... und da liege ich schon meiner ganzen Länge nach auf der Erde. Offenbar war ich mitten im Beten – ich will es gar nicht über die Lippen bringen! – eingeschlafen. Ich sehe mich um: mein Wägelchen ist in ein tiefes Loch, wie man es in der Fuhrmannssprache »Tintenfaß« nennt, hineingeraten, und die Hinterräder haben sich an die Achse eines anderen Wagens festgehakt. Mein Gaul steht ganz unglücklich da, er ist mit einem Bein über die Deichselstange geraten, hat sich in die Zügel verwickelt und schnarcht wie eine Gans. Von der andern Seite des Wagens her regnet es unter Husten und Keuchen jüdische Flüche und Schimpfworte. »Ein Jude!« sage ich mir: »Also ist's nicht gefährlich!« Und ich stürze voller Zorn zum fremden Wagen. Unter dem Wagen liegt ein Mann in Tales und Tfillim; die Peitschenschnur hat sich mit dem Tfillimriemen verwickelt, und er versucht mit aller Kraft, sich aus seiner Lage zu befreien. Ich schreie: »Unerhört!« Er schreit: »Unerhört!« Ich schimpfe, was ich schimpfen kann, er flucht, daß ich ihn gar nicht anschauen mag. Ich schreie: »Wie kann ein Jude beim Beten einschlafen?« Er antwortet: »Wie kann nur ein Mensch so schnarchen?« Ich verwünsche seinen Vater, er verwünscht meine Mutter. Ich schlage sein Pferd, er befreit sich aus den Zügeln, läuft auf mein Pferd zu und beginnt es zu schlagen. Die beiden Pferde stellen sich auf die Hinterbeine, und wir stehen voreinander voller Zorn wie zwei Hähne und sind bereit, uns in die Pejes zu fahren. So stehen wir eine Sekunde unbeweglich da und blicken einander scharf an. Das war wohl schön anzuschauen: zwei jüdische Helden, mit Tales und Tfillim angetan, stehen zornig gegeneinander und sind bereit, ihren Heldenmut zu zeigen und mitten im freien Felde Ohrfeigen auszutauschen, wie man es sonst nur im Bejssmedresch – es sei davon wohl unterschieden! – zu tun pflegt. Es lohnte sich wirklich, dieses Bild zu sehen. Wir stehen so da, schauen einander an, und die Ohrfeigen hängen schon in der Luft, als wir beide plötzlich einige Schritte zurücktreten und erstaunt ausrufen: »Ach, Reb Alter!« – »Ach, Reb Mendele!« Alter Jaknhas ist ein kräftiges Männchen mit dickem Bauch. Sein Gesicht ist dicht mit schmutziggelben Haaren bewachsen, welche zu Pejes, Bart und Schnurrbart wie für ihn selbst, so auch für noch einige Juden reichen würden. Inmitten dieses Meeres von Haaren ragt eine Insel – eine dicke, fleischige Nase, die den größten Teil des Jahres gänzlich verstopft ist. Aber in der Zeit um Pejssach herum, wenn alles taut und ihr Besitzer sie mit allen fünf Fingern in Arbeit nimmt, geht in ihr irgendeine Veränderung vor, und sie gibt schallende Töne von sich, die sich wie Schejfforklänge anhören. Um diese Zeit ist sie in ganz Tunejadowke zu hören: Da gibt sie zugleich mit den Truthähnen ein Konzert. Alle Leute bleiben erstaunt stehen und bieten ihm um die Wette Prisen an, und Jaknhas bekommt von allen Seiten Glückwünsche zu hören. Um diese Jahreszeit kommen in den jüdischen Städten auch sonst alle Nasen in Bewegung. Offenbar liegt etwas in der Luft ... Das ist wohl schon einmal so eingerichtet, ebenso wie daß zu der Parsche »Jissre« alle Ziegen Junge werfen. Aber nicht davon will ich sprechen. Alter Jaknhas ist ein Tunejadowker Bücherhausierer und mein langjähriger Freund. Er ist ein eigener Mensch, nicht allzu klug, nicht allzu gesprächig, immer mürrisch, wie wenn er der ganzen Welt böse wäre, sonst aber kein schlechter Mensch. Nachdem wir uns sehr freundlich begrüßt haben, beginnen wir einander auszufragen, oder, wie man es bei uns Juden nennt, anzutappen und zu beschnüffeln, ob es etwas Neues gibt. »Wohin fährt ein Jud?« tappe ich Reb Alter an. »Wohin ein Jude fährt? Ach! ...« antwortet Alter mit einer Frage: wir Juden beantworten ja eine Frage niemals direkt, sondern fertigen den andern mit einem »Ach« ab und versuchen mit einem Blick alles, was mit dem Geschäft zusammenhängt, zu erraten. »Ein Jude fährt! Mit dem Kopf ins Grab fährt er ... Und wohin fährt Reb Mendele?« tappt er mich an. »Dorthin! ... Wohin ich immer um diese Jahreszeit fahre.« »Ich ahne schon, wohin! Nach Glupsk, wohin auch ich fahre«, sagt Alter mit einer Miene, als fürchtete er, daß es seinem Geschäft schaden könnte. »Warum fahrt Ihr aber hinten herum und nicht mit der direkten Landstraße?« »Diesmal hat es sich gerade so getroffen, es ist schon recht! Ich bin schon lange nicht mehr auf diesem Wege gefahren. Und Ihr, Reb Alter, warum fahrt Ihr hinten herum?« tappe ich ihn an. »Woher kommt Ihr des Weges?« »Woher ich des Weges komme? Von allen Teufeln! Von einem schönen Jahrmarkt! Das war einmal ein Jahrmarkt in Jarmolinetz – in die Erde soll diese Stadt versinken!« Und während Alter Jarmolinetz und den Jahrmarkt verwünscht, kommen einige Bauernwagen gefahren, und die Bauern schimpfen, daß wir die Straße versperrt haben. Und wie sie näher kommen und uns beide in Talejssim, mit mächtigen Tfillim auf den Stirnen und breiten Tfillimriemen erblicken, werden sie grob und fangen zu höhnen an: »Schaut nur diese Herren an! Der Teufel hol' eure Mutter, gebt den Weg frei, ihr schmutzigen Juden!« Alter und ich machen uns gleich mit großem Eifer an unsere Wagen. Ich muß die Wahrheit sagen: die Bauern waren, obwohl keine jüdischen Kinder, doch so anständig, uns in der Not zu helfen. Mit Hilfe ihrer kräftigen Stöße kam mein Wägelchen recht bald aus dem »Tintenfaß« heraus. Sonst hätten wir uns, Gott weiß wie lange, abgeplagt und vielleicht auch unsere Talejssim dabei zerrissen. Mit Hilfe der Esaus ging es aber ganz anders: sie zeigten eben, daß sie Esaus Hände hatten – »die Hände sind Esaus Hände«; wir aber – es sei zwischen uns und ihnen wohl unterschieden! – wir zeigten unsere Stimmen – »Und die Stimme ist Jakobs Stimme«, das heißt, wir schrien und taten nur so, als ob wir mitstießen ... Aber nicht davon will ich sprechen. Sobald der Weg wieder frei wurde, fuhren die rohen Kerle davon. Im Fahren wandten sie sich immer nach uns um, lachten und spotteten, daß wir wie die Popen – es sei zwischen uns und ihnen wohl unterschieden! – angetan neben unseren Pferden gehen und dem Schöpfer der Welt mit der Peitsche in der Hand dienen. Einige von ihnen falteten die Schöße ihrer Röcke zu »Schweinsohren«, zeigten sie uns und schrien: »Krätzige Juden!« Auf Alter machte das gar keinen Eindruck. »Das sind mir auch Menschen«, sagte er mit einer Grimasse, »vor denen man sich schämen muß!« Mich aber regte ihr Höhnen schon sehr auf: »Schöpfer der Welt, womit haben wir das verdient? Womit? Womit?« »Allmächtiger Gott!« bete ich in der Sprache der Tchines: »Öffne Deine Augen, blicke von Deiner Wohnstätte, das ist vom Himmel, herab und sieh, wie Deine frommen Juden Schimpf und Schande über sich ergehen lassen müssen, weil sie Deinem lieben Namen Ehre erweisen, weil sie Dich fürchten und Deine Gebote in Wahrhaftigkeit achten. Lasse darum Deine Barmherzigkeit auf uns herableuchten, auf daß wir freundliche Gnade in Deinen Augen finden und in den Augen aller Menschen. Beschirme Deine geliebten Schafe, Deine Gnade möge rauschen über den verständigen Wesen, die Dich fürchten. Verbessere mein Los für das Lob, mit dem ich Deinen Namen schmücke, und schicke mir, Deinem Knechte Mendel, dem Sohne Deiner Magd Genendel, und dem ganzen Volke Israel ein anständiges Auskommen, gute Geschäfte, Freude und Ruhe! Amen!« II Wir machten keine langen Geschichten, sondern stiegen in unsere Wagen und fuhren weiter. Ich fahre voraus und Alter hinterher. Sein Wagen hat ein Verdeck aus alten zerfetzten Bastdecken, alle vier Räder sind von verschiedener Größe und die Speichen mit Stricken festgebunden. Die ausgeleierten Naben rutschen auf den Achsen hin und her, quietschen und knirschen und können keine Ruhe finden. Diesen Wagen schleppt mit vieler Mühe eine hochgebaute, sehr magere Mähre mit krätzigem, wundgebissenem Rücken, nacktem Bauch, langen Ohren und verfilzter Mähne, die sich mit dem Werg, das aus dem zerrissenen Kummet heraushängt, vermischt. Vom Beten blieben mir nur noch die Kleinigkeiten am Schlusse übrig, aus denen man sich gewöhnlich nicht viel macht. Und wie ich mit dem Beten fertig bin, beginnt ein ganz neuer Kampf mit dem bösen Trieb: »Nimm«, redet er mir zu, »einen Schluck Branntwein! Erquicke dein Herz!« Ich wehre ihn mit einer Grimasse ab: »Es ist doch Schiweossor-be-Tammus, ein so wichtiger Fasttag!« – »Ach was!« antwortet er mir, »was haben die heutigen Juden mit dem alten Nebukadnezar zu schaffen?! Sie leiden heute viel größere Pein, und niemand macht daraus viel Wesens ... Sei nicht so dumm: Du bist doch, nebbich, alt und schwach, der Schluck Branntwein wird dir wirklich nicht schaden!« Ich fahre mir mit der Hand über das Gesicht, um eine zudringliche Fliege zu vertreiben, und werfe dabei einen Blick auf das Ränzchen, das unten im Wagen liegt und in dem sich immer ein ordentlicher Vorrat von Schnaps, Buchweizenküchlein, Kornlebkuchen, Knoblauch, Zwiebeln und »allerlei Kräutern« befindet. Der Speichel läuft mir über die Lippen, das Herz vergeht vor Sehnsucht, der Magen knurrt: »Ach, einen Tropfen Branntwein, ach, etwas zum Beißen!« Ich wende schnell den Kopf weg und beginne alles, was mich umgibt, zu betrachten, um die bösen Gedanken zu verscheuchen. Der Himmel ist blau, heiter, ohne den kleinsten Wolkenfetzen. Die Sonne brennt wie Feuer, kein Lüftchen regt sich, die Ähren auf den Feldern, die Bäume in den Wäldern stehen still, wie festgekettet, und rühren sich nicht. Die Kühe liegen müde mit ausgestreckten Hälsen auf der Weide, bewegen zuweilen die Ohren und kauen; andere wühlen mit den Hörnern die Erde, scharren mit den Hufen und brüllen vor großer Hitze. Der Bulle galoppiert mit wehendem Schweif, wendet den Kopf nach allen Seiten, bleibt plötzlich stehen, neigt den Kopf zur Erde, schnüffelt, schnaubt mit den Nüstern, brüllt, keucht und schlägt mit den Beinen aus. Neben einer alten, schiefen, zur Hälfte verdorrten Weide, die einmal ein Blitz entzweigespalten hat, stehen Pferde. Sie haben die Köpfe einander auf den Rücken gelegt, um wenigstens etwas Schatten zu haben, und wehren sich mit den Schweifen gegen die bösen Stechfliegen. Auf einem hohen Zweig schaukelt eine Elster; sie sieht aus der Ferne so aus, als ob sie einen gestreiften Tales anhätte und sich im Gebete wiegte; sie neigt den Kopf wie beim Tachnun auf die Seite, hüpft in die Höhe und gibt ab und zu leise Schreie von sich. Und dann steht sie wieder stumm da, reckt das Hälschen und blickt mit verschlafenen Äuglein in Gottes Welt hinaus. Auf der Straße ist es still, kein Geräusch, kein Pieps ist zu hören, kein Vogel zu sehen. Nur die Mücken jagen wie die bösen Geister durch die Luft, tanzen vor den Augen, summen, wie wenn sie mir irgend ein Geheimnis anvertrauen wollten, und sind auf einmal alle verschwunden. Und im Heu und im Getreide zirpen die Grillen: sie schwingen die Zimbeln und gehen dann mit den Tabletten einsammeln. Es ist heiß, es ist still, es ist schön ... Pst! ... Gottes Geschöpfe ruhen ... Ich liege vor großer Hitze im Wagen ausgestreckt, mit Verlaub zu sagen, im bloßen Hemd und Tales-Kotten, den gesteppten Hut auf die Nasenspitze geschoben und die Breslauer wollenen Socken, die ich, unserer großen Sünden wegen, auch im Sommer trage, bis zu den Fersen heruntergezogen, und schwitze. Das würde mir dieselbe große Freude machen, auch wenn die Sonne mir nicht so gerade ins Gesicht schiene. Denn ich liebe das Schwitzen und kann stundenlang bei der größten Hitze im Dampfbade auf der obersten Bank liegen. Mein Vater – er möge sich dort oben für mich bemühen! – hat mich von Kind auf daran gewöhnt. Er war ein heißer, feuriger, glühender Jude und liebte das Dampfbad über alles. Dafür war er bei allen Juden sehr beliebt. In seiner Vorliebe für das Schwitzen im Dampfbade steckte viel Jüdischkeit, und die Leute sahen ihn mit Respekt, wie einen gottbegnadeten Menschen an: »Ja, im Schwitzen ist er ein großer Gelehrter, er kennt die Lehre vom Dampfbad vom Grund aus, in diesen Dingen ist er ein wunderbar scharfer Kopf!« Schwitzen ist eine jüdische Sache. Es vergeht kein Sabbat, kein Feiertag, ohne daß der Jude vorher im Dampfbade schwitzt. Welches von allen Völkern, von den siebzig Stämmen der Erde, schwitzt mehr als das jüdische? Aber nicht davon will ich sprechen. Und wenn man schwitzt, so will man sich auch gerne stärken! Die Kehle ist mir ausgetrocknet, ich verschmachte nach einem Schluck, ich sterbe vor Hunger. Der böse Trieb packt mich wieder an, noch viel stärker als früher, und rechnet mir die ganze Liste der jüdischen Speisen vor: gebratene Lende mit Grütze; saures Suppenfleisch; Lokschen-Kugel mit einem gefüllten Hühnerhälschen; gebackene Teigfleckchen mit Grieben. Ich bin wie gelähmt an allen Gliedern, der Appetit ist groß, und der böse Trieb fährt noch immer fort: Chremslach, Frackes, Sulze von Kalbsfüßen mit Hühnerleber, Rettich mit Zwiebeln, ein Truthahnkropf mit Zimes von Pastinaken. Und plötzlich, ich weiß selbst nicht mehr wie das kam, liegt vor mir wieder das Ränzchen ... »Zum Wohl!« spricht aus mir der böse Geist: »Genug, sich so dumm zu stellen, du Närrchen!« Meine Hand streckt sich ganz von selbst aus, macht das Ränzchen auf und greift schnell nach der Flasche. Ich sehe mich wie ein Dieb nach allen Seiten um, und mein Blick begegnet dem Blicke meines Pferdes, das sich gerade an der Deichselstange den Hals juckt und den Kopf nach mir umgewendet hat. Es blickt mich höchst unzufrieden an, als wollte es sagen: »Da schau! Ein Hinterbein ist mir stark geschwollen und mit einem Lumpen verbunden; meine Augen tränen, und mein Hals eitert. Das Maul soll mir zerspringen, wenn ich weiß, wie Hafer schmeckt. Was kann ich aber machen? – Ich schleppe mich hungrig, krank, zerschlagen weiter, um die Arbeit ja nicht zu unterbrechen ...« Die Flasche gleitet mir aus der Hand und fällt wieder an ihren Platz zurück. Ich schiebe das Ränzchen verschämt weit von mir weg und sage mir dabei mit einem tiefen Seufzer: »Von einem solchen Geschöpf soll der Jude Vernunft lernen, an ihm soll er sich ein Beispiel nehmen! ›Malfejnu mebahamejs orez‹ – der uns vom Vieh der Erde lernen läßt ... Nein, Pferdchen! Auch ich trage mein Joch und spanne nicht aus ... Macht nichts, Reb Pferdchen, der Teufel wird uns beide nicht holen! Odom ubhejmo – dem Menschen, der ein Vieh ist – tejschia Adejnoj – hilft Gott! ...« Aber nicht davon will ich sprechen. Wenn ein Jude die böse Leidenschaft der Völlerei einmal überwunden hat, so macht er sich überhaupt nichts mehr aus dem Essen und kann sein ganzes Leben fast ohne Nahrung auskommen. Heutzutage gibt es schon viele Juden, die nur noch eine Andeutung von einem Magen haben, kaum so groß wie eine Olive. Und es ist zu hoffen, daß sie mit der Zeit – wenn die Fleischsteuerpächter und sonstige Wohltäter nur nicht auslassen – sich das Essen so gründlich abgewöhnen, daß die Juden der kommenden Zeiten außer den Hämorrhoiden überhaupt keine Spur von Magen haben werden. Dann werden die Juden in der ganzen Welt das größte Ansehen genießen ... Damit will ich sagen, daß ich, nachdem ich das Ränzchen von mir gestoßen hatte, mich wieder stärker und rüstiger fühlte. Ich dachte ans Geschäft und summte dabei eine Tische-be-Ow-Weise vor mich hin. Man könnte meinen, die Sache sei nun erledigt. Schickt mir aber der Teufel eine junge, häßliche Christin mit einem Topf Erdbeeren in den Weg; Erdbeeren sind aber meine Leibspeise. Ein anderer an meiner Stelle, einer von jenen guten Leuten, würde es wohl auf seinen Eid nehmen, daß es der böse Trieb selbst sei, der die Gestalt eines Weibes angenommen habe ... Aber gefehlt! Ich habe keine Angst und sehe sie mir genau an: eine ganz gewöhnliche Christin, ganz ohne Tücken! Sie bietet mir die Erdbeeren mitsamt dem Topf für zehn Groschen an und hält sie mir dicht vor die Nase. Der Geruch reizt mich, das Wasser läuft mir im Munde zusammen, das Herz krampft sich zusammen, und es ist mir finster vor den Augen. Ich habe so große Lust! Ich fürchte, mich nicht beherrschen zu können und springe so hastig wie einer, der sich aus einer Feuersbrunst rettet, vom Wagen. Es ist noch ein Wunder, daß ich mir dabei nicht Arme und Beine brach! Und ich schreie mit einer Stimme, die gar nicht wie meine Stimme klingt: »Reb Alter!« Ich wollte nämlich, daß Alter der Aufpasser sei. Reb Alter liegt in seinem Wagen, mit Verlaub zu sagen, auf allen Vieren, rot wie ein Krebs, mit bloßer rotbehaarter Brust, ganz verbrannt und gebraten, und schwitzt so furchtbar, daß einem bei diesem Anblick – auf alle Feinde Zions sei es gesagt! – das Herz zerreißt. »Was?« sagt Alter, wie er mein Geschrei hört, mit der Stimme einer Kuh, ohne sich vom Orte zu rühren: »Was ist?« Ich sehe, daß die Frau mit den Erdbeeren plötzlich verschwunden ist. Und ich denke mir einen Vorwand aus und frage: »Wie spät ist es jetzt wohl, was glaubt Ihr?« »Wie spät es jetzt wohl ist?« antwortet Alter mit dumpfer Stimme. »Weiß ich's ? Bis die Sterne kommen, kann man sich die Augen ausschauen ... Ach, mein Gott, heiß ist's!« »Ja, ordentlich heiß!« sage ich, zu Fuß neben Alters Wagen hergehend. »Ihr schwitzt, Reb Alter? Ich meine, es wäre jetzt Zeit, Halt zu machen. Unsere Adler sind, nebbich, müde und können sich kaum schleppen. Bis zur Glupsker Landstraße sind noch einige Werst und vielleicht noch mehr. Nicht weit von hier, links, wo der Wald beginnt, sehe ich ein gutes Plätzchen zum Füttern!« Und wir bogen nach links vom Wege ab und kamen an eine Stelle, wo es Wald, schöne Wiesen, einen Sumpf und dergleichen schöne Dinge gab. Wir spannten unsere Löwen aus, ließen sie in Freiheit am Waldrande grasen und legten uns selbst unter einen Baum. III Alter Jaknhas konnte vor Hitze kaum atmen, Angstschweiß war ihm in die Stirn getreten. Er seufzte und ächzte so furchtbar, daß es mich am Herzen packte. Um ihn etwas aufzumuntern und auch um etwas zu reden und die Zeit totzuschlagen, fange ich mit ihm ein Gespräch an: »Euch ist es wohl ordentlich heiß, Reb Alter?« »Beh!« antwortet Reb Alter etwas unzufrieden und rückt unter dem Baume, wo es gar nicht so schattig ist, weil die Sonne durch die Zweige dringt, unruhig hin und her. »Fühlt Ihr Euch schlecht vom Fasten, daß Ihr so ächzt?« versuche ich Reb Alter aufzumuntern; und ich beschließe, von ihm, auch wenn es mein Tod wäre, wenigstens ein Wort herauszubekommen. »Beh!« sagt Alter und rückt wieder hin und her. Mit diesem »Beh« wollte ich mich aber nicht begnügen. »Du bist«, denke ich mir, »ein eigensinniger Mensch! Macht nichts: du wirst schon zu reden anfangen. Schweiß und Hitze lasse ich sein und fange vom Geschäft an: das Geschäft ist das beste und einzige Mittel, einen Juden gesprächig zu machen. Wenn der Jude selbst im Todeskampfe ein Wort vom Geschäft hört, wird er lebendig, und der Todesengel kann mit ihm nichts anfangen. Selbst meinem ärgsten Feinde wünsche ich nicht, zu einem Kaufmann zu kommen, wenn dieser gerade an seine Geschäfte denkt. In einem solchen Augenblick vernichtet er einen jeden, selbst den besten Freund, selbst seinen leiblichen Bruder mit einem einzigen Blick ...« Aber nicht davon will ich sprechen. Ich wende mich also an Alter mit den Worten: »Ich glaube, wir werden ein Geschäftchen machen, Reb Alter! So wahr ich lebe: es ist gut, daß wir uns heute getroffen haben. Ach, was ich heute für Ware bei mir habe, das reinste Gold!« Das Mittel wirkt. Alter wird sofort ein anderer. Er richtet sich ein wenig auf, spitzt die Ohren und blickt mich an. Und ich gebe ihm noch mehr von den belebenden Tropfen: »Diesmal machen wir das Geschäft um bares Geld. Ihr kommt ja vom Jarmolinetzer Jahrmarkt und müßt, unberufen, die Taschen voll Geld haben.« »Taschen voll Geld – ja natürlich! Ein Herz voll Wunden habe ich«, ruft Alter wütend aus. »Ich sage Euch, Reb Mendel ... Ein Mensch ohne Glück soll lieber gar nicht geboren werden ... Geschäfte ... Ich wollte neue Geschäfte machen! Ja, ein anderer an meiner Stelle ... Aber bei mir fällt das Brot immer auf die Butterseite. Dieses Pech! Das Herz tut mir weh, wenn ich es erzähle. Die Nase schneuzen und es sich übers Gesicht schmieren – das ist alles, was mir übrigbleibt!« Ich merkte schon, daß mit meinem Alter etwas nicht in Ordnung ist, daß er irgendein Pech gehabt hat. Und wo er schon einmal den Mund geöffnet hat, genügt der leiseste Druck, damit er neun Maß Rede hinschüttet. Ich hatte nichts dagegen. Also rückte ich fest an, und Alter legt sich ins Zeug und erzählt mir von seinem Unglück folgendermaßen: »Ich komme also nach Jarmolinetz auf den Jahrmarkt gefahren. Und wie ich auf den Jahrmarkt komme, stelle ich mich, versteht Ihr mich, mit meinem Wagen hin und packe meine Ware aus. Also gut. So stehe ich da und warte auf Erlös. Mein Unglück hat mich wohl auf diesen Jahrmarkt getrieben. Ich steckte nämlich, nicht auf Euch gedacht, arg in der Klemme. Der Drucker mahnt von mir Geld. Nun, das ist noch nicht schlimm, soll er nur mahnen. Er will mir aber, versteht Ihr mich, keine Ware mehr geben! Meine ältere Tochter ist schon in den Jahren. Und ein Mädchen, versteht Ihr mich, muß heiraten. Zerbrech dir also den Kopf und such einen Bräutigam. Bräutigame gibt es genug, aber den richtigen Bräutigam, versteht Ihr mich, den gibt es nicht. Und nun muß es auch noch meiner Frau einfallen, einen Sohn zu kriegen, und wann? – ausgerechnet vor Pejssachl Versteht Ihr, was das heißt, wenn das Weib einen Sohn kriegt? Eine richtige Hochzeit, sage ich Euch!« »Nehmt es mir nicht übel«, sag ich zu Alter, »wenn ich Euch unterbreche. Warum habt Ihr aber auf Eure alten Tage ein so junges Weib genommen, das jeden Augenblick ein Kind kriegt?« »Gott sei mit Euch!« sagt Alter erstaunt, »ich mußte mir doch eine Hausfrau ins Haus nehmen. Woran denkt der Jude beim Heiraten? An nichts anderes! Er will doch bloß eine gute Hausfrau haben ...« »Warum habt Ihr Euch dann, Reb Alter, von Eurer ersten Frau scheiden lassen und ihr das Leben verdorben? Sie war doch eine gute Hausfrau!« »Beh!« sagt Alter und verzieht das Gesicht. »Eure erste Frau war ja, Gottlob, auch nicht unfruchtbar«, setze ich Alter noch weiter zu. »Wo habt Ihr die Kinder, nebbich, hingetan, wie?« »Beh!« brummt Alter, kratzt sich die Pejes, winkt mit der Hand und seufzt tief auf. »Beh« ist ein vorzügliches jüdisches Wort, das viele Bedeutungen hat und auf alle Fragen Antwort gibt. »Beh« kann man in einem Gespräch jeden Augenblick anwenden, und es wird immer passen. Der Jude kann sich mit dem »Beh« aus jeder Klemme helfen. Mit dem »Beh« bezahlt der Bankrotteur seine Schulden, wenn die Gläubiger ihm zusetzen. Das »Beh« steht dem Juden in der Not bei, wenn er mal, nebbich, als Lügner dasteht. Mit dem »Beh« fertigt er einen Menschen ab, der zwei Stunden lang auf ihn einredet und von dessen ganzer Rede er nicht ein einziges Wort gehört und verstanden hat. Mit dem »Beh« wird ein frommer Heuchler abgefertigt, wenn er eine bissige Anspielung macht; ein angesehener Bürger, wenn er einen üblen Streich spielt; ein Mensch, den man für anständig und ohne Hintergedanken hält, wenn es ans Licht kommt, daß er sich verstellt und die Nase voll Flöhe hat. Das Wort »Beh« hat also die verschiedensten und merkwürdigsten Bedeutungen, wie zum Beispiel: »Laß mich in Ruh«, »Lade mich zum Unessane-Tejkef«, »Von mir aus«, »Im Gegenteil« und noch vieles andere. Der kluge Jude errät immer gleich, was mit dem »Beh« gemeint ist, und faßt es immer im richtigen Sinne auf. Alters letztes »Beh« war bitter und giftig. Es steckte darin etwas wie Reue, wie Sehnsucht, wie eine Selbstanklage. Sein häßliches Benehmen gegen seine erste Frau und ihre Kinder lag ihm sicher wie ein schwerer Stein auf dem Herzen. In jedem Unglück, das ihm zustieß, sah er wohl eine Strafe für sein Vergehen. Das konnte man seinem bitteren Seufzen und der Handbewegung deutlich anmerken; auch das Kratzen an den Pejes besagte soviel wie: »Beiße dich in die Lippen und schweig ... Versinke in die Erde!« Ich machte mir große Vorwürfe, daß ich Alters alte Wunden aufgerissen hatte. Das sieht einem Juden ähnlich: sich in eine fremde Angelegenheit einmischen und mit seinen Fragen dem anderen in die Seele hineinkriechen, wo sie ihm wehtut, wenn er, nebbich, heimlich die größten Schmerzen leidet. Außerdem ärgerte ich mich, daß meine ganze Mühe umsonst gewesen war. Alter war ja schon so schön ins Zeug gekommen und seine Zunge arbeitete wie ein Pendel; und da hatte ich ein Rädchen angerührt, so daß das Uhrwerk sofort stehenblieb! Und ich wandte wieder alle meine Mittel an, geizte nicht mit den belebenden Tropfen, und es gelang mir, den richtigen Schlüssel zu finden und die Feder von neuem aufzuziehen, so daß seine Zunge wieder zu arbeiten begann. IV »Ich stehe also vor meinem Wagen«, fährt Alter in seiner Erzählung fort, »und schaue mir den Jahrmarkt an. Es siedet und kocht wie auf jedem Jahrmarkt. Es sind eine Menge Leute da. Die Juden machen Geschäfte, sind mit Leib und Seele dabei, mit einem Worte – sie leben! Ein Jude auf einem Jahrmarkt ist wie ein Fisch im Wasser. Auf dem Jahrmarkt, versteht Ihr mich, lebt er auf. Es ist, wie es in Jakobs Segen steht: ›Wajidgu‹ – und sie sollen wie die Fische sein – ›bekerew hoorez‹ – auf der Erde. Ist es nicht so, Reb Mendel? Steht es denn nicht geschrieben, wie die Juden sagen: ›ein Jahrmarkt im Himmel‹? Der Himmel ist für den Juden wohl ein Jahrmarkt. Ob es so geschrieben steht oder nicht, jedenfalls rennen die Juden umher, handeln und bleiben keine Weile still. Da sehe ich auch unter den Kaufleuten den Berl Teletze, der früher einmal Belfer und später Diener war und der heute Reb Ber heißt. Er steht vor seinem großen Laden und strahlt, daß man es auf dem ganzen Jahrmarkte sieht. Es siedet, es kocht. Dort läuft ein Jude, ein zweiter, ein dritter; sie laufen auch paarweise, ein jeder ist verschwitzt, ein jeder hat seine Mütze im Nacken sitzen; er tappt hier an, tappt dort an, winkt mit der Hand hin, winkt her, dreht den Daumen und kaut das Bärtchen: es ist ihm wohl was Gutes eingefallen! Ganz atemlos rennen sie alle umher: Makler, Schadchonim, Trödler, Betrüger, Hühnerdiebe, Jüdinnen mit Körben, Juden mit Säcken und auch solche, die nur ihre fünf Finger haben, junge Herren mit Stöckchen, Bürger mit Bäuchlein; allen brennt das Gesicht, jede Minute ist einen Dukaten wert. Kurz und gut, es sieht so aus, als ob ein jeder glücklich werden müßte. Ach, wie ich einen jeden um sein Glück beneide! Ein jeder verdient, nimmt das Geld mit beiden Händen ein; und ich Pechvogel? Ich stehe wie ein Lehmgötze mit verschränkten Armen vor meinem abgerissenen Wagen, der von außen mit Zizzes und Kamejes behangen und innen mit Büchern vollgestopft ist. Ein Spaß: Tchines der Ssore bas Tuwim! Die ganze Ssore bas Tuwim kostet einen Dreier ... Geh, lebe davon, verheirate damit ein Mädel! Ich verwünsche in meinem Herzen sie, meinen Wagen, mein mageres Pferd: ach, wenn sie doch alle überhaupt nicht auf der Welt wären! Aber genug, man muß sein Glück versuchen, etwas tun, arbeiten. Der Herr kann sich ja noch meiner erbarmen. Warum auch nicht? Kurz und gut, ich schiebe die Mütze in den Nacken, krempele die Ärmel auf, meine Füße gehen ganz von selbst auf irgendeinen Wagen zu, und da kaue ich schon an einem Strohhalm, der mir aus dem Wagen ganz von selbst in den Mund geflogen ist. Ich kaue am Strohhalm, und mein Gehirn arbeitet. Ich verziehe das Gesicht, schaue hin, schaue her und plötzlich tippe ich mich mit dem Finger an die Stirne – ich hab's! Ein schönes Geschäftchen, eine Heiratsvermittlung zwischen den Kindern zweier Kaufleute, sehr anständiger Menschen, die beide auf dem Jahrmarkte Verkaufsstände haben. Versteht Ihr, was es für Menschen sind? Der eine ist Reb Eliokum, Reb Eliokum Schargoroder! Der andere – Reb Getzel Greidinger. Mein Geschäft – der Wagen mit dem Pferd und auch der Drucker mögen sich zum Teufel scheren! Und ich mache mich mit großem Eifer an das neue Geschäft. Ich habe Glück, die Sache kommt vom Fleck! Ich habe Hoffnung, daß sie in Gang kommt. Ich treibe an, und sie rührt sich. Ich tue nichts anderes, als von Reb Getzel zu Reb Eliokum und von Reb Eliokum zu Reb Getzel rennen. Nun laufe ich schon, Gott sei Dank, ebenso beschäftigt herum wie die anderen Leute und bin nicht ärger als alle Juden. Ich arbeite, pflüge mit der Nase die Erde – die Sache muß zustande kommen, und zwar gleich auf der Stelle. Gibt es denn dafür auch einen besseren Ort als den Jahrmarkt? Kurz und gut, ich beeile mich, die Leute zusammenzubringen, sie sehen einander an, gefallen einander sehr gut und wollen die Partie machen. Was kann ich mir noch mehr wünschen? Die Leute zappeln, verbrennen vor Ungeduld und sind miteinander fertig! Vor lauter Freude werde ich länger und dicker. Den Profit habe ich so gut wie in der Tasche. Ich überlege mir sogar schon, wieviel Mitgift ich meinem Mädel geben soll. Ich habe daraufhin schon Drillich für die Betten angeschafft und sogar beinahe einen Samtmantel bei einem Altkleiderhändler gekauft. Es fehlen noch Hemden, aber die sind meine letzte Sorge: Gott wird sie mir schon schicken ... Gut. Hört aber, was einem passieren kann! Wenn der Mensch kein Glück hat, soll er lieber gar nicht geboren werden. Wie man schon beim Topfbrechen ist und Braut und Bräutigam holt, damit sie sich sehen, was stellt sich heraus? Was glaubt Ihr? Es tut weh, davon zu sprechen. Die Sache stürzt zusammen. Nein, zusammenstürzen ist kein Ausdruck – sie geht einfach zum Teufel! Hört nur, wie Gott einen strafen kann: die beiden Mechuttonim haben ... nun, was glaubt Ihr, daß sie haben – beide haben Söhne!« »Aber Reb Alter!« platze ich lachend heraus, »ich bitte Euch wie eine Mutter um Vergebung: wie kann man so dumm sein und sich nicht zuvor erkundigen, wer von den Mechuttonim einen Sohn und wer eine Tochter hat?« »Gewiß, selbstverständlich!« sagt Alter und macht ein verdrießliches Gesicht. »Ich habe, Gottlob, noch ebensoviel Verstand wie die anderen Leute und brauche von niemand zu lernen. Seid Ihr denn kein Jude und wißt Ihr nicht, wie bei uns Partien zustandekommen? Ihr solltet doch, Reb Mendele, unsere Heiratssitten kennen! Warum staunt Ihr dann so über mein Unglück, das auch jedem andern hätte passieren können? Ich wußte sehr gut, daß Reb Eliokum eine Tochter hat, und was für eine Tochter! So ein Stück Gold wünsche ich mir selbst! Ich hatte sie vor einem Jahr mit meinen eigenen Augen gesehen – möge ich soviel Gutes im Leben sehen! Aber wenn der Mensch kein Glück hat, hilft ihm keine Weisheit. Hat also das schöne Mädel inzwischen keine Zeit gehabt und mir zum Trotz schon geheiratet. So eine Eile war über sie gekommen, wie in den Zeiten der Behole. Ich weiß gar nicht, was über sie gekommen war. Ebensoviel möchte ich von meiner Armut wissen! Nun frage ich Euch, überlegt es Euch selbst: wenn ich komme und sage: ›Reb Eliokum! Ich will Euch mit Reb Getzel verschwägern‹, wen habe ich da in Sinnen? Selbstverständlich Reb Eliokums Tochter und Reb Getzels Sohn. Das ausdrücklich zu erwähnen, wäre ja lächerlich, denn die Sache versteht sich von selbst. ›Was erzählst du mir?‹ würde er mir sagen: ›Es versteht sich doch, daß nicht zwei Burschen heiraten sollen, sondern ein Bursche und ein Mädel, wie es einmal Sitte ist.‹ Nun glaube ich, daß ich meinerseits richtig gehandelt habe. Kein Mensch – bei meiner Jüdischkeit! – hätte besser handeln können. Kurz und gut, ich bespreche die wichtigsten Dinge, das von der Mitgift, von den Kost. Ihr dürft auch nicht vergessen, daß man auf einem Jahrmarkte mit Kaufleuten nicht zuviel Worte machen darf. Man kann nur sehr kurz und nur vom Geschäft sprechen. Niemand hat Zeit. Da habe ich Euch also meine Handlungsweise erklärt. Gehen wir nun zu Reb Eliokum. Wie Reb Eliokum hört, daß ich ihm eine Partie mit Reb Getzel vorschlage, meint er natürlich, daß ich seinen Sohn im Sinne habe; anders läßt sich das ja gar nicht erklären. Ihm schlägt man eine Partie mit Reb Getzel vor? Natürlich denkt er sich, daß Reb Getzel eine Tochter hat, denn er weiß doch sehr gut, daß er selbst einen Sohn und keine Tochter zu verheiraten hat. Es kommt also heraus, daß beide recht haben. So ist die Sache. Versteht Ihr es nun?« »Beh!« sage ich, mit großer Mühe das Lachen zurückhaltend und ein ernstes Gesicht machend. »Gott sei Dank, daß Ihr es versteht!« sagt Alter, auf mich mit dem Daumen deutend. Und er fügt gedehnt hinzu: »Ja, so!«, wie wenn ich mit meinem »Beh« just das Richtige getroffen hätte. Die Wahrheit zu sagen, setzte sich Alters Erklärung mir im Kopfe fest. Warum auch nicht? Warum soll bei unseren Heiratssitten nicht einmal auch so etwas vorkommen? Ich sage noch einmal »Beh« und blicke dabei Alter sehr freundlich an. »Ja, ja!« fährt Alter fort und deutet wieder mit dem Daumen auf mich. »Ihr versteht also? Ich bin aber noch nicht fertig: in mir flackerte nämlich noch eine Hoffnung. Wenn ich mich an ein Geschäft mache, so gebe ich es nicht so leicht wieder auf!« »Reb Alter, Gott sei mit Euch! Was redet Ihr?« Ich springe vor Erstaunen auf und meine, Alter sei vor der großen Tammushitze verrückt geworden. »Was für eine Hoffnung hat Euch noch bleiben können, nachdem es sich herausgestellt hat, daß beide Teile Söhne haben?« »Laßt Euch dienen!« beruhigt mich Alter. »Laßt Euch dienen, Reb Mendele! Es stimmt schon. In mir pochte noch eine Ader. Gott gibt ja dem Menschen die Arznei noch vor der Krankheit. Versteht Ihr mich, nun kommt Berl Teletze an die Reihe. An Teletze hatte ich schon gleich am Anfang gedacht. Teletze hat ganz bestimmt Töchter, Ihr könnt's mir glauben. Anfangs gingen mir also immer die drei Namen durch den Kopf: Eliokum, Getzel, Teletze. Von diesen mußte ich zwei wählen. Hatte ich just Eliokum gewählt und Teletze inzwischen zurückgestellt. Was sollte ich tun, wo ich schon einmal dieses Unglück hatte? Natürlich, auf der Stelle die Partie mit Teletze zustandebringen. Der ist ja ein vornehmer Mann geworden und heißt ›Reb Berisch'l‹. Ich entschuldige mich also bei den ersten beiden Parteien: gut, ich bin schuld, Ihr seid schuld, und ein wenig ist auch das Schicksal schuld. Die Partie war wohl dem Himmel nicht genehm, versteht Ihr mich! Nun beginnt das neue Lied: Reb Berisch'l ist, unberufen, reich, ein wahrer Brillant, ein Wohltäter und Vorstand in vielen Vereinen. Mit einem Worte – Reb Berisch'l! Den Titel ›klug‹ erwähne ich gar nicht, denn der versteht sich von selbst und steckt schon im Worte ›reich‹. Also gut. Die Hoffnung brennt immer stärker. Auch das ist zu meinem Besten, sage ich mir, daß die beiden Söhne wie Baumöl auf dem Wasser heraufgeschwommen sind: nun habe ich für die zwei Burschen zwei Mädchen, die ihnen wie angegossen passen. Reb Berisch'l wird mir entgegenkommen, und alles wird gut werden. Also wieder hin, wieder her, ich arbeite, was ich kann, und renne wieder herum. Ich glaube schon, die Sache ist im Nu erledigt. Nun muß mitten drin der Jahrmarkt zu Ende gehen. Alles gerät durcheinander, alle reisen ab, aus ist's mit allen Geschäften, und alle meine Mühe ist verloren ... So viel Mühe!« »Versteht Ihr es jetzt?« wendet sich Alter an mich mit der Melodie eines Gebets, beide Hände ausstreckend, wie wenn er sein schweres, bitteres Herz ergießen wollte und von mir Hilfe erwartete: »Versteht Ihr es jetzt? Wenn der Mensch kein Glück, kein bißchen Glück hat, hilft alle Weisheit nicht. Ach, Gottes Zorn hat sich schon längst als Strafe für meine Sünden über mich ergossen. Von barem Gelde redet Ihr? Habe ich denn auch einen Groschen in der Tasche übrig? Ach und weh ist mir!« »Ach, es ist wie im Bade!« sage ich gedehnt und strecke mich aus. Alter starrt mich an, schüttelt erregt den Kopf und spricht, wie wenn er sich nicht an mich, sondern an die ganze Welt wendete: »Dieser Verbrecher von einem Juden! Ein Mensch zerspringt – auf alle Feinde Zions sei es gesagt! – vor Ärger, die Galle läuft ihm über, und der – der macht sich nichts daraus! Er denkt nur an seine Seele. Ein Spaß: es ist so heiß wie im Bade! Zerschmelzen wird er ... Ich verstehe aber, Gottlob, solche jüdische Hintergedanken: er will sich nur vom Geschäft zurückziehen, nachdem er gemerkt hat, daß der andere kein bares Geld hat!« »So wahr ich lebe!« rufe ich aus und zupfe ihn am Bart, wie es bei uns Sitte ist. »Was fällt Euch ein? Wie könnt Ihr Euch so etwas denken, Reb Alter? Ich meine etwas ganz anderes. Das Ende Eurer Geschichte vom Jahrmarkt erinnert mich an eine andere schöne Geschichte, die ich einmal im Bade erlebt habe und die ich gar nicht vergessen kann. Es ist genau dieselbe Geschichte, um kein Haar anders. Dort war aber die Sache viel kürzer und endete mit einem Knacks. Die Geschichte ist wert, daß Ihr sie anhört. Was, Ihr schwitzt, Reb Alter? Rückt bitte, ein wenig hin, und ich werde mich mit dem Rücken gegen die Sonne wenden und Euch die Geschichte erzählen.« Alter wischt sich mit dem Ärmel des Hemdes den Schweiß aus dem Gesicht, holt aus der Busentasche seine Porzellanpfeife, auf der irgendein schönes Frauenzimmer gemalt ist, putzt mit dem Draht, der an einem Kettchen vom Messingdeckel der Pfeife herunterhängt, das Rohr, dessen Mundstück und unterster Teil aus grauschwarzem Bein bestehen und dessen biegsames Mittelstück mit Samt umwickelt ist, steckt die Pfeife an, wirft dabei einen Blick auf das schöne Frauenzimmer und streckt sich seiner ganzen Länge nach unter dem Baume aus. Ich räuspere mich, lege mich bequem hin und beginne meine Geschichte wie folgt. V »Im Glupsker gemauerten Bad hält sich schon seit langer Zeit ein Bursche auf, namens Fischke der Krumme. Wer Fischke ist, woher er stammt, davon habe weder ich, noch sonst jemand eine Ahnung. Nichts zu machen. Da steht so ein Menschenkind herum, ein Fischke, eines von jenen Geschöpfen, die bei uns Juden ganz plötzlich, in fertigem Zustande, in voller Schönheit, wie die Pilze aufzutauchen pflegen, ohne daß man merkt, wie sie aus dem Boden sprossen, oder zuvor auch nur eine Spur von ihnen gesehen hat! ... Irgendwo in irgendwelchen Löchern hausen Bettler, die in aller Stille Kinder in die Welt setzen – wen geht es auch an? –, die fruchtbar sind und sich vermehren. Ihre Fruchtbarkeit ist, unberufen, sehr groß. Die junge Brut steht eines Tages auf den Beinen, und plötzlich springen viele frische, zappelnde, kleine Juden in die Welt hinaus: Fischkes, Chaikeles, Chajims, Josseles. Nackt, barfuß, in bloßem Arbe-Kanfes laufen sie überall – in den Gassen, Häusern, Betstuben – zwischen den Beinen der Leute umher. Schön konnte man den Fischke nicht nennen. Er hatte einen großen, flachen Kopf, einen breiten Mund mit krummen, gelben Zähnen, lispelte, konnte kein ›r‹ aussprechen und hinkte stark auf einem Fuße. Fischke war schon in den Jahren und hatte nicht übel Lust zu heiraten und Glupsk mit einigen Kindern zu beglücken. Zu seinem Unglück hatte man ihn aber gänzlich vergessen, und er wurde, wie ein fauler Artikel im Buchhandel, zu einem Ladenhüter. Selbst bei der Mobilmachung aller Bräutigame in der Cholerazeit hatte man ihn vergessen: in der Zeit, als die Glupsker Gemeinde alle elenden Krüppel, Bettler und Taugenichtse aufgriff und sie auf dem Friedhofe zwischen den Grabsteinen mit ebenso elenden Mädchen verheiratete, um die Seuche abzuwenden. Statt seiner verheiratete die Gemeinde zunächst den berühmten Krüppel Jontel, der sich, auf dem Gesäß rutschend, mit Hilfe zweier kleiner Holzschemel in den Händen, fortbewegte, mit einer stadtbekannten Bettlerin, die Zähne so groß wie Schaufeln und eine Hasenscharte hatte. Die Cholera bekam vor diesem Ehepaar große Angst: sie brachte vor Schreck noch eine Anzahl Glupsker Einwohner um und machte sich aus dem Staube. Das nächste Mal wählte man Nochumtsche, den Gemeindenarren. Dieser wurde auf dem Friedhofe in Gegenwart vieler vornehmer Leute mit einem Mädel getraut, die, mit Verlaub zu sagen, schon von Kind auf eine Krone auf dem Kopfe trug und von der es in der Stadt hieß, daß sie ein Zwitter sei. Die Gemeinde hatte sich auf dieser Hochzeit sehr gut unterhalten und auf dem Friedhofe zwischen den Grabsteinen ein ganzes Meer Schnaps ausgetrunken. ›Das ist gut!‹ sagten sich die Leute: ›Sollen sich die jüdischen Kinder der Cholera zum Trotz vermehren, sollen die armen Krüppel ihr Vergnügen haben ...‹ Doch nicht davon will ich sprechen. Kurz und gut, die Gemeinde hatte Fischke gänzlich vergessen. Nach Glupsk kam wieder einmal die Cholera, Fischke half sie aber wieder nicht. Er blieb nach wie vor Junggeselle. Selbst die alte nasenlose Muhme, die die Angewohnheit hatte, in Begleitung eines Fiedlers tanzend und singend durch die Gassen zu ziehen und mit einem Teller milde Gaben einzusammeln, damit irgendein Paar Leichen zum Hochzeitstanz gehen konnte, damit die Krüppel, Bettler und armen Mädchen, Gott behüte, nicht sitzen blieben, – selbst diese gute, mitleidige Muhme hatte Fischke ganz vergessen und unbeweibt herumlaufen lassen. Natürlich konnte Fischke einem leid tun; er war doch immerhin ein lebendes Wesen, mit dem der Mensch Erbarmen haben muß. Aber es war ihm wohl schon so vom Schicksal beschieden. Fischke lief gewöhnlich barfuß, ohne Kaftan, in einem groben, geflickten Hemd, schmutzigem Arbe-Kanfes und grober Leinwandhose mit vielen Falten umher. Seine Beschäftigung bestand darin, daß er durch die Straßen rannte und ausrief: am Freitag ›Männer, geht ins Bad!‹ und am Mittwoch ›Weiber, geht ins Bad!‹ Wenn im Sommer das Gemüse reif wurde, klang seine Stimme, die wie die eines Schleien war, durch die Straßen: ›Juden, kommt her! Es gibt jungen Knoblauch!‹ Im Bade überwachte er die Kleider, trug den Badenden Wasser zu, rollte schmutzige Hemden kunstvoll zusammen und besorgte manchmal einem, der seine Pfeife anstecken wollte, eine brennende Kohle, die er aus der einen Hand in die andere warf. Für alle diese Dienste bekam er manchmal einen harten Zweier und manchmal auch einen Dreier. Fischke zählte bereits gewissermaßen zu den geistlichen Amtspersonen und hatte als eine solche gewisse Vorrechte, wie es einmal Sitte ist: Das Recht, mit den übrigen Badeangestellten am Purim und Chanukke eine Runde durch die Stadt zu machen und Purim- oder Chanukkegeld einzukassieren, zu einem Briss oder einer anderen Feier zu kommen und ein Gläschen Schnaps und ein Stückchen Honigkuchen zu kriegen und vor Pejssach mit einem Sack alle Bürgerhäuser abzugrasen und Mazzes einzusammeln. Ich mochte diesen Fischke recht gern, ließ mich mit ihm in Gespräche ein, und seine Worte machten mir oft großen Spaß. Er war gar nicht so furchtbar dumm, wie er aussah. Wenn ich nach Glupsk komme, gilt mein erster Besuch immer dem gemauerten Bad, wo ich mich ausziehe und auf die oberste Schwitzbank steige. Ihr mögt sagen, was Ihr wollt, aber das Dampfbad ist mir der größte Genuß. Was ist besser als schwitzen? Ich will es ausdrücklich sagen: selbst jetzt hätte ich am Schwitzen große Freude, wenn nur die Sonne mir nicht so ins Gesicht schiene. Rückt etwas weg, Reb Alter! Rückt, bitte, etwas weg: ich glaube, Ihr seid jetzt, unberufen, mitten im schönsten Schwitzen! Rückt noch ein klein wenig weg, ja, so!« »Nun ist's genug!« sagt Alter mit unzufriedener Stimme. »Jetzt liege ich wohl schon gut. Zieht mir nicht die Seele stückweise aus dem Leibe heraus, sondern macht die Sache kurz!« »Habt Zeit, Reb Alter! Der Tag ist noch lang«, antwortete ich ihm und fahre in meiner Erzählung fort: »Wie ich vor einigen Jahren wieder einmal nach Glupsk komme und auf der Straße aus der Ferne Fischke erblicke, fahre ich beinahe aus der Haut vor Erstaunen. Mein Fischke stolziert auf seinen krummen Beinen wie ein Geck einher, hat einen nagelneuen Kaftan, neue Socken und Schuhe an. Auf dem Kopfe trägt er einen Plüschhut mit breitem Rand und am Leibe einen nagelneuen, steifgestärkten Arbe-Kanfes aus rot geblümtem Kattun. – Was soll das bedeuten? – frage ich mich. Vielleicht hat ihn die Gemeinde doch noch zu einem Cholera-Bräutigam erwählt? Glupsk war aber in jenem Jahre von der Cholera verschont geblieben. Nicht, weil man etwa den Stadtteich gereinigt und die Haufen stinkenden Schmutzes und die toten Katzen von den Straßen weggeräumt hätte, oder die Bürger übereingekommen wären, mit der alten Sitte zu brechen und kein Schmutzwasser mehr vor die Häuser zu gießen. Gott bewahre! Wer wird eine jüdische Gemeinde solcher Dinge verdächtigen ? Es war eben ein reines Wunder ... Die Leute beklagten sich zwar über Leibschmerzen, starben auch ab und zu. Es war aber nichts Ernstes, nichts als eine Übergangszeit. Man schrieb es den grünen Gurken zu: das arme Volk hatte sich mit Heißhunger auf das Gemüse gestürzt, alles lief aber mit Gottes Gnade recht glimpflich ab ... Aber nicht davon will ich sprechen. Während ich so stehe und staune, ist Fischke plötzlich verschwunden. Um jene Zeit litt ich gerade – nicht gedacht soll es heute werden! – an Kreuzschmerzen, denn ich hatte mir schon seit langer Zeit kein Blut abzapfen und keine Schröpfköpfe ansetzen lassen und während mehrerer Monate nur an die zehn Blutegel gegen Zahnweh gebraucht! Also leistete ich das Gelübde, am nächsten Morgen in aller Frühe ins Bad zu gehen, dort einige Stunden zu verbringen und alles, was es nur gibt, durchzumachen ... Nicht nur bloß wegen Fischke, sondern auch wegen anderer wichtiger Angelegenheiten: um von der Politik, von der Post und allen Dingen, die in der weiten Welt und auch in dieser Stadt geschehen, zu sprechen. Das Bad ist für die Juden der einzige Ort, wo sie alles, was sie auf dem Herzen haben, auspacken und auch von anderen Leuten manches auffangen können. Im Bade erfährt man viele Geheimnisse und schließt manches Geschäft ab; es geht da vielleicht noch viel lebhafter zu als auf dem Jahrmarkte. Wenn man an einem Freitag hinkommt, kann man viel Schönes sehen. In einer Ecke sitzen die Feldscher mit ihrem Werkzeug, um sie herum viele Juden. Der eine Feldscher rasiert die Köpfe, ein anderer ritzt mit einem Rasiermesser die Rücken auf und setzt dem einen Schröpfköpfe an und nimmt sie dem andern wieder ab, und das jüdische Blut fließt in Strömen auf dem Boden, wo es sich mit den Blättchen von den Badebesen und den abrasierten Haaren vermischt. Die geflochtene Kerze des Feldschers zischt, flackert und brennt mit trüber Flamme. An der Decke, an den Wänden, am Ofen hängen wie im größten Geschäft allerlei Kleider herum: Hemden, Socken, allerlei Arbe-Kanfes, Hosen aller Sorten, Kaftans, Röcke und runde Pelzmützen. Von der obersten Schwitzbank klingen schreckliche Schreie. Die Juden liegen dort oben halb ohnmächtig da, stöhnen und ächzen; andere aber bearbeiten sich mit den Badebesen und schreien. ›Jüdische Kinder, Erbarmen! Habt Erbarmen! Gebt noch Dampf her!‹ Im Bade wird es plötzlich kalt, alle schreien, aber niemand fällt es ein, Wasser auf den glühenden Stein zu gießen, bis sich endlich irgendein Junge findet, der das Bad so heiß macht, daß man ersticken kann. Zwei nasse Juden kämpfen wegen eines Kübels, den sie einander mit Geschrei und fürchterlichen Flüchen zu entreißen suchen. Ein ausgemergelter nackter Melamed geht auf sie zu, stiftet zwischen ihnen Frieden, und alle drei tunken ihre schmutzigen Taschentücher in den gleichen Kübel und waschen sich. Auf dem Ehrenplatz sitzen die vornehmsten Bürger der Stadt und reden von Geschäften und anderen wichtigen Sachen: von der Fleischsteuer, von den frechen Kerlen von heute, von der Rekrutierung, von den Rabbiner – und Gemeindevertreterwahlen, von achtzehn und dreizehn und vom neuen Polizeimeister. Zu ihnen gesellt sich wie eine zugelaufene Katze irgendein frommer Mann und bringt die Rede auf die Talmud-Thora, auf die neuen Judenverfolgungen und auf die Sünden, die in der Stadt begangen werden; dabei flüstert er einem jeden irgendein Geheimnis ins Ohr ... Plötzlich geht auf sie ein Kerl zu, der gerne zu einem Gemeindevertreter gewählt werden will, und lädt den vornehmsten und einflußreichsten Bürger ein, auf die oberste Bank zu kommen, wo er ihn mit eigenen Händen bearbeiten will. Dem frommen Mann, der ebenfalls irgendwelche Absichten hat und gerne ein fettes Bein abnagen möchte, fällt das gleiche ein, und er fordert einen andern vornehmen Bürger mit schmeichlerischem Lächeln zum gleichen Tanze auf. Alle klettern auf die oberste Bank, die Besen kommen in Schwung, und manches Geschäft ist abgeschlossen. Den vornehmen Bürgern zu Ehren wird es wieder furchtbar heiß. Jung und alt greift nach den Wasserkübeln. Die Leute stöhnen und ächzen und geben allerlei Laute von sich. In diesem Augenblick klettere ich hinauf, lege mich ganz für mich in einen Winkel und beginne meine Knochen zu bearbeiten, daß es nur so knackt! Ach, Reb Alter, rückt noch ein klein wenig weg, dorthin, nach Norden!« Alter schaut mich wie seinen Peiniger an und zuckt die Achseln. »Habt Zeit«, rede ich ihm zu: »Was eilt Ihr so? Gleich erzähle ich weiter. Laßt mich nur eine kleine Weile ausschnaufen.« VI Alter tat einen starken Zug aus seiner Pfeife, die sich auf die gemeinste Weise verstopft hatte, schraubte schimpfend das Rohr ab und setzte an dessen Stelle einen Gänsekiel ein. Dann steckte er die Pfeife wieder in Brand, sog einige Male am Mundstück und ließ eine Rauchwolke wie aus einem Schornstein steigen. Ich reckte ein wenig meine alten Knochen und erzählte weiter: »Am nächsten Morgen komme ich also ins Bad, sehr zeitig, als die Leute noch nicht versammelt sind. Berl der Bader sitzt, von übereinandergetürmten Kübeln umgeben, und bindet Besen. Er betrachtet dabei die Blätter an den Ruten mit der ernsten Miene, mit der die Frauen Erbsen auszulesen pflegen. Nicht weit von ihm steht am Ofen Itzek der Kleiderhüter, ein Mann, der dieses Handwerk schon an die dreißig Jahre ausübt und dessen ganze Beschäftigung darin besteht, daß er mit verschränkten Armen dasteht, die Haufen Kleidungsstücke überwacht und ab und zu einem, der das Bad verläßt, ›Zum Wohl!‹ wünscht. Davon lebt der Mann. Er wirft beide Arme empor, gähnt, rechnet aus, wieviel Geld sein Weib für den Sabbat verlangen wird, wechselt mit Berl einige Worte über die schönen Einnahmen der letzten Zeit, schimpft auf die Bürger und nimmt sie der Reihe nach durch: dieser ist so, und jener so, es gibt eben nicht mehr solche Menschen wie einst, auch das Bad ist nicht mehr dasselbe wie vor Jahren. Weniger als einen Sechser zu geben, fiel einst selbst dem geizigsten Menschen nicht ein; und heute ... Er spuckt aus und fügt hinzu: ›Heute mögen sie alle krepieren!‹ Berl und Itzek begrüßen mich mit einem freundlichen ›Gesegnet sei, der da kommt‹. Wir hatten uns ja schon lange nicht gesehen, und ich war ihnen wirklich willkommen. Wir beginnen ein Gespräch, reden über dies und das und zuletzt kommt die Rede auf Fischke. ›Wo ist‹, frage ich, ›unser Fischke?‹ ›Fischke?‹ sagt Itzek, mit dem Kopfe nickend: ›Fischke ist heut ein großer Herr! Das wünschte ich, wenn es ihm nur nicht schadet, gar manchem Menschen! ... Ja, dem Fischke geht es jetzt so, wie er es sich nicht einmal im Traume gewünscht hat!‹ Schließlich erzählte mir Berl der Bader folgende Geschichte: ›An einem Donnerstag gegen Abend habe ich alle Öfen ordentlich eingeheizt und lege mich, um auszuschnaufen, mit den anderen Leuten auf eine Bank im Bade hin. Außer uns lagen noch einige Nichtstuer da, die sich hier bei uns herumtreiben. Und wie wir so liegen und vergnügt miteinander reden, hören wir plötzlich, wie ein Wagen gefahren kommt und vor dem Bade hält. Wir machen uns nicht sehr viel daraus. Doch ehe wir uns umsehen, kommen drei eisenfeste, kräftige Kerle ins Bad und schreien aus einem Munde: – Guten Abend, Juden! Wo ist Fischke? Gebt uns Fischke her! – Da erschrak ich ein wenig: Was soll das heißen, daß die Leute in einem Atem nach Fischke verlangen? Aber gleich darauf überlegte ich mir, daß ich gar nicht so zu erschrecken brauchte: Fischke ist, Gott sei Dank, kein Dieb, große Geschäfte hat er nicht, und selbst wenn diese Kerle Rekrutenfänger sind, so braucht Fischke vor ihnen ebensoviel Angst zu haben, wie vor einem milchigen Messer. Fischke hat, Gott sei Dank, solche Vorzüge, daß man ihn unmöglich unter die Rekruten stecken kann! – Ihr braucht Fischke? – rufe ich beherzt aus: – Er ist jetzt nicht da. Sagt mir aber, Vettern, wozu ihr den Fischke braucht, ich möchte es gerne wissen. – Die Juden schauen einander an, dann tritt einer von ihnen vor und sagt mir: – Gut, wir wollen es Euch sagen, warum auch nicht? Wir brauchen uns dessen nicht schämen. Es ist eine durchaus jüdische Sache, die Geschichte verhält sich so: – Ihr kennt doch die blinde Waise, die seit vielen Jahren vor dem Schultore am Alten Friedhof sitzt und mit dem bekannten Liedchen, das jemand für sie verfaßt hat, um Almosen bettelt? Diese blinde Waise wurde in diesem Jahre Witwe. Nun hatte sie Eile, sich wieder zu verloben, und zwar mit irgendeinem Träger; sie verpflichtete sich, ihn anständig zu kleiden und zu ernähren und ihm dazu noch etwas bares Geld zu geben. Heute sollte die Trauung gefeiert werden. Man hat ein feines Abendessen vorbereitet: Branntwein, Semmeln, Fisch und Braten und eine goldene Suppe von Geflügel, wie es Sitte ist bei jüdischen Kindern. Das alles kostet Geld. Wie alles fertig ist und die Braut aufgeputzt und verschleiert dasitzt und wie eine echte jüdische Tochter strahlt, geht man den Bräutigam zur Trauung holen. Der feine Kerl ist aber nicht zu Hause. Man wartet eine Stunde – er kommt nicht, man wartet noch eine Stunde – er kommt immer noch nicht. Er ist einfach verschwunden. Und was stellt sich heraus? Der Bursche, verbrennen soll er, hat sich die Sache überlegt. Seine Großmutter nämlich, die bei unserm reichsten Mann, gesund soll er sein, als Köchin dient, macht großen Krach und will diese Heirat nicht zulassen, weil sie ihrem Ansehen nicht entspricht. Sie ist ja schon so lange Köchin beim reichen Mann und verkehrt mit vielen angesehenen Bürgern, die zum reichen Mann durch den Kücheneingang ins Haus kommen. Sie versteht ganz vorzüglich Kugel zu machen, und ihre Chremslach lassen sich überhaupt mit nichts vergleichen. Das ist doch wirklich kein Spaß: Köchin beim reichen Mann, der in der Fleischsteuerpacht den größten Einfluß hat und dem der Schames in eigener Person den Essreg reicht; zu dessen Frau der Unter-Chasen am Purim in die Küche kommt, um die Megille vorzulesen, und in der Gebetspause am Rosch-Haschono die Vorbeterin, um ein Gläschen Zichorienkaffee zu trinken. Warum soll ihr der Enkelsohn auf ihre alten Tage solchen Kummer machen und ihr ganzes Ansehen vernichten? Nein, er will nicht, und wenn man ihn auch in Stücke schneidet. Schrei zu Gott – es hilft nichts. Er will von der Partie und der Braut nichts mehr wissen. – Nennt mich – sagt er – Knacknüßl und ladet mich zu Unessane-Tejkef. – Wir sind in der größten Verlegenheit. Es ist allen weniger um den Bräutigam als um das schöne Hochzeitsessen zu tun. Was fängt man mit dem schönen Braten und den Fischen an! Wir haben den ganzen Tag gearbeitet, sind herumgerannt, haben uns abgeplagt. Wir müssen ja auch etwas für die Heiratsvermittlung bekommen. Soviel Arbeit, soviel Mühe soll umsonst sein?! Das wäre zu schade! Wir haben lange nachgedacht, und da ist uns plötzlich Fischke eingefallen! Soll er uns aus der Klemme helfen. Soll Fischke der Bräutigam sein, kann es ihm schaden? Nun sind wir hergekommen, um ihn statt des Trägers zur Chuppe zu führen. Und wie die Leute das alles erzählen, kommt Fischke ins Bad. Wir packen ihn auf der Stelle und machen keine vielen Worte: – Geh, Bursch, mit deinen kranken Füßen, hast genug gefaulenzt, geh zur Chuppe! – Und man machte es schnell und ließ Fischke überhaupt keine Zeit zum Nachdenken. Die Leute bekamen das gute Hochzeitsessen, sie aßen und tranken nach Herzenslust und ließen das junge Paar hochleben. Fischke spaziert heute in dem feinen Kaftan herum, den der Träger hätte bekommen sollen, und es geht ihm ausgezeichnet. Seine Arbeit besteht darin, daß er jeden Morgen seine Frau, die blinde Waise, an ihren Platz am Alten Friedhof führt und gegen Abend von dort wieder abholt. Um seine Nahrung hat sich Fischke nicht zu kümmern. Seine Frau ist tüchtig und hat ein ständiges, sicheres Einkommen. Die Leute haben einander lieb und wissen aneinander nichts auszusetzen.‹ Dieses erzählte mir Berl, der Bader. Nun seht Ihr, Reb Alter«, sage ich ihm, »was für Dinge in der Welt möglich sind. Wie man bei uns Juden Krumme mit Blinden paart und wie man Ehen schließt. Und wozu alle diese Mühe? Damit sich die Vermittler anessen und antrinken können! So ist es beim gemeinsten Volk, so ist es bei den Armen und so ist es auch bei den Reichen. Auch bei den Reichen werden oft Partien geschlossen, die gar keinen Sinn haben; selbstverständlich wegen eines feineren Hochzeitsessens als bei den Armen. Aber nicht davon will ich sprechen. Seid unbesorgt, Reb Alter! Und wenn es Euch einmal nicht gelungen ist, einen Burschen mit einem andern Burschen zu verheiraten, so wird Euch ein anderes Mal was anderes gelingen. Laßt nur den Mut nicht sinken. Es macht nichts, so wahr ich lebe! Ich sehe ja, daß Ihr Euch auf die Sache versteht, daß Ihr sie gleich richtig angepackt habt. Ihr habt Euer neues Geschäft recht gut angefangen, ganz wie ein Landschadchen. Und was die beiden Burschen betrifft, so ist es nicht so schlimm... Beh! wenn Ihr jetzt einmal ein Mädel erwischt, so wird die Sache schon wie geschmiert gehen. Und wenn's auch eine Blinde, eine Stumme oder Krumme ist: Geh, Mädel, zur Chuppe! Der Drucker mahnt Geld, das Pferd will sein Fressen, ich muß meine eigene Tochter verheiraten, meine Frau ist, zur glücklichen Stunde, mit einem Sohn niedergekommen geh, Mädel, geh unter die Chuppe!... Rückt ein wenig weiter weg, Reb Alter! Ihr schwitzt, unberufen, wie ein Biber! Schwitzt, schwitzt, es soll Euch wohl bekommen!« VII »Kurz und gut, die Sache ist derweil faul!« sagt Reb Alter wie vor sich hin, tief betrübt, und schwere Schweißtropfen treten ihm in die Stirne. Er hebt die Augen und sieht mich so unglücklich an wie ein kleines Kind seine Mutter, wenn es nach der Brust lechzt. Alter dachte ans Geschäft und wollte so gerne mit mir irgendein Geschäftchen machen: wie können auch zwei erwachsene, bärtige Juden mitten am hellen Tage so ganz ohne Beschäftigung herumliegen?! Wenn zwei Juden irgendwie auf eine Insel geraten, wo es außer ihnen keine lebendige Seele gibt, so kann man schwören, daß der eine einen Laden aufmachen wird, der andere – ein anderes Geschäft; sie werden miteinander handeln, werden einander Kredit gewähren und Waren in Kommission geben und voneinander leben. Alter fragte mich auch bald: »Was habt Ihr im Wagen?« Das bedeutet soviel wie: »Mutter, ich verdurste!... Packt Eure Waren aus, Reb Mendel!« Was blieb mir zu tun übrig? Ich durfte nicht nein sagen. Ich packe meine Waren aus, Alter die seinigen, und wir machen uns mit Eifer ans Geschäft. Wir handeln und tauschen; ich biete ihm in Tausch weltliche Büchlein an mit lauter Ausrufen »Ah!« und »Oh!« und kurzen Zeilen, lauter Ware, die ich los sein will. Er ist aber auch kein Narr und will diese Bücher nicht einmal in die Hand nehmen. »Faule Ware!« sagt Alter und verzieht das Gesicht. »Schmöker von irgendwelchen Bankdrückern, armen Sündern! Weiß ich, was die Leute zusammengeschmiert haben! Und für wen? Kein Mensch versteht auch nur ein Wort davon! Die Sprache ist wohl türkisch! Es ist doch wirklich dumm, solche Ladenhüter mit sich herumzuführen. Eine Schande, so wahr ich lebe! Gebt etwas Rechtes her, Reb Mendele!« Und ich packe meine Waren, einen Artikel nach dem andern aus. Alter verzieht noch immer sein Gesicht und hat an jeder Ware etwas auszusetzen. Aber ein Artikel gefällt ihm plötzlich und den will er unbedingt haben. Es ist wirklich ein Prachtstück. Die Seiten von verschiedener Größe und von verschiedenen Farben. Die Buchstaben aus verschiedenen Schriften gesetzt: Raschi, Diamant, Perl, Prokim, groß und klein. Die Anordnung ganz wunderbar: schmale Streifen aus kleinster Schrift rechts und links, ein breiter Streifen in einer größeren Schrift in der Mitte, unten ein Gürtel aus winzigsten Buchstaben, so dicht wie Mohnkörner. Und zwischen allen diesen Teilen laufen von oben nach unten und von rechts nach links schmale weiße Stege. Alle diese Vorzüge wissen die Juden besonders zu schätzen. Viele Seiten sind durcheinander geheftet. Dies ist aber auch der ganze Witz: Soll nur der Leser sich den Kopf zerbrechen und suchen, wie die Seiten zusammengehören. Denn einfach herunterlesen kann ja auch der ungebildetste Kerl. Von Druckfehlern spreche ich schon gar nicht: die muß es geben. Wer kümmert sich auch um sie? Der Jude hat ja einen guten Kopf und kann immer erraten, was gemeint ist. Die Sprache ist aber so, daß man kein Wort verstehen kann! Ein richtiges Buch nach jüdischem Geschmack. Das Gebet »Oz-Kejzez« ist doch sicher gut genug und ordentlich schwer. Aber die »Oz-Kejzez«-Sprache schreiben bei uns jetzt schon viele Leute, und man kann immerhin erraten, was der Verfasser meint. Was hat dann das Buch überhaupt für einen Wert? Wie soll man da seinen Scharfsinn zeigen? Als gut, wirklich gut, gilt bei uns Juden nur eine solche Sache, an der man sich sein Gehirn ausrenkt und die man unmöglich verstehen kann. Wenn man etwas nicht versteht, so muß sicher etwas dahinterstecken. Aber nicht davon will ich sprechen. Alter packt das Buch mit beiden Händen, und ich sehe, wie er förmlich auflebt. Dann tauschen wir Tchines gegen Bove-Maisses, Mane-Loschens gegen Tausend und eine Nacht, Psalmen gegen Kamejes; hundert Sliches gegen einen Berschader Tales-Kotten, Wilnaer Kines gegen Scheifres, Chanukkelampen gegen Wolfszähne, messingene Sabbatleuchter gegen Hawdoles und Käppchen für kleine Jungen. Beide Teile haben bei diesen Operationen keinen baren Pfennig zu sehen bekommen, sind aber mit dem Handel als solchem sehr zufrieden. Man hat doch immerhin etwas getan, hat gehandelt, Geschäfte abgewickelt und ist nicht müßig herumgesessen. Alters Trübsinn war wie Rauch verschwunden. Ich konnte ihm ansehen, daß er an den Jarmolinetzer Jahrmarkt und sein Pech gar nicht mehr dachte. Er zählt etwas an den Fingern ab und hält den Kopf nach links geneigt, wie wenn in ihm ein Buchhalter säße, dem er zuhörte. Die Rechnungen weisen wohl auf einen kleinen Profit hin, sein Mund geht in die Breite, und unter seinem dichten Schnurrbart leuchtet ein Lächeln. Derweil ist es schon Zeit für Minche geworden. Ein erfrischendes Windchen kommt gezogen, und auf dem Himmel erscheinen kleine Wölkchen, die man schon längst wie liebe Gäste erwartet hat. Die Bäume stecken die Köpfe zusammen und beginnen nach dem langen Schweigen miteinander in ihrer Sprache zu reden. Das Windchen weckt auch das schlafende Korn, die Halme erwachen so lustig wie kleine Kinder und beginnen einander freundlich abzuküssen. Überall rühren sich Gottes Geschöpfe: auf dem Felde, im Walde und in den Lüften. Tief unten und hoch oben in den Zweigen erscheinen kleine Vögel; sie putzen sich mit den Schnäbeln das Gefieder, schütteln sich, zwitschern und stimmen ihre süßen Lieder an. Schmetterlinge, angetan mit Seide, Samt und Atlas, mit teuersten Edelsteinen geschmückt, schweben tanzend durch die Luft. Zwei Störche stehen auf ihren roten Beinen majestätisch wie Gardesoldaten im Grase, die Schnäbel nach oben gerichtet und blicken mit großem Stolz. Irgendein Vogel fliegt mutwillig von einem Baum zum andern, versteckt sich, zwitschert und spielt »Kuckuck«. Ihm antwortet zwischen Weizen und Korn ein anderer Vogel. Er zwitschert, wie wenn er sagen wollte: »Du wirst mich deinen Lebtag nicht einfangen und wenn du mir auch Salz auf den Schwanz streust. Packt Euch, Herr Nachbar, macht, daß Ihr weiterkommt!« Im nahen Wäldchen schlägt süß und kunstvoll eine Nachtigall. Jedes Geschöpf, das einen Mund hat, begleitet den weltberühmten Chasen. Selbst die Kröten im Teiche quaken, selbst die Fliegen und Bienen schweigen nicht, und auch der ausgelassene Taugenichts, der Käfer, summt im Fliegen. Das Konzert ist so schön, daß es sich lohnte, Eintrittskarten zu bezahlen ... Die ganze Welt ist plötzlich lebendig geworden und hat ein lustiges Gesicht bekommen. Es ist eine Freude, ein Vergnügen zu lauschen, zu schauen und alle die süßen Düfte von allen Seiten einzuatmen. »Reb Alter, es ist gut! Reb Alter, es ist schön! Etwas zieht durch die Seele, etwas spricht zum Herzen: Gottes Welt ist so schön, Gottes Welt lebt! Es zieht einen hin, und man hat Lust, sich mit Armen und Beinen hineinzustürzen ...« »Reb Mendele, beh! ... Reb Mendele, hört auf!« sagt Alter mit unzufriedener Miene. »Wollen wir doch lieber Minche beten. Laßt Euch durch alle diese Dinge nicht ablenken, ›Anejnu‹ zu sagen ...« Ich ziehe meine Socken hoch, binde den Gürtel fest und beginne mit hoher, freudiger Stimme zu beten. Reb Alter, leben soll er, stimmt gleich nach mir das Gebet auf der Baßsaite an, und so preisen wir Gott, während auch alle Kräuter und Blätter auf den Feldern, alle Tiere und Vögel in den Wäldern dem Herrn lobsingen. Noch ganz am Anfang, als er den Spezereiladen auskramte: »Chelbno« – Teufelskot, »wehalwejno« – und reiner Weihrauch, »wehazipejren« – und Nagelkraut, Ingwer und Safran –, holte Alter aus seinem Wagen die Fuhrmannsspezereien – einen kleinen Topf Wagenschmiere hervor. Er war mit dem Beten sehr schnell fertig und schmierte schon die Räder, als ich erst in der Mitte des Gebetes war. »Zieht es nicht so in die Länge, Reb Mendele, macht es kurz«, treibt mich Alter zur Eile an. »Schmiert einmal Euren Wagen, und ich will derweil nach den Pferden schauen; es ist Zeit, weiterzufahren. Bis zur Nacht können wir ja noch eine ganze Strecke fahren.« Alter geht fort, und ich gehe an meinen Wagen und nehme ihn in Behandlung. Ich übereile mich nicht, schmiere die Räder ordentlich und gemächlich, geize nicht mit der Schmiere, untersuche die Achsen und jede Kleinigkeit. Das dauerte eine ganze Weile, Alter war aber noch immer nicht zurück. »Die Pferde sind wohl inzwischen recht weit in den Wald hineingekommen und haben tüchtig gefressen!« denke ich mir und schaue auf die Sonne, die schon im Sinken ist. Und ich warte wieder eine Weile. Die Sonne ist schon untergegangen. Ihre letzten Strahlen gleiten langsam von den Bäumen, auf denen sie erst vor kurzem so lustig gespielt haben und sagen dem Walde: »Gute Nacht!« Es wird mir etwas ängstlich zumute. Vielleicht ist ihm plötzlich unwohl geworden? Das wäre ja nach so vielem Schwitzen und nach dem langen Fasten wohl möglich! Vielleicht liegt er irgendwo ohnmächtig; oder hat ihn vielleicht gar jemand überfallen? Wir sind ja im Walde, an einer entlegenen Stelle, abseits vom Wege! Ich darf die Sache nicht so lassen, ich muß ihn suchen gehen. Ich fasse mir ein Herz und gehe in den Wald. Ich geh und such, aber alle Mühe ist umsonst: Alter und die Pferde sind wie in die Erde versunken. Ich bin schon recht weit gekommen und gelange schließlich an eine längliche Mulde, die den Wald mitten entzwei schneidet. Die Mulde ist mit Schilf und stachligem Gesträuch bewachsen und zieht sich mit dem einen Ende zur Landstraße und mit dem andern irgendwohin auf die Seite, zu allen Teufeln. Der Wald steht und schläft und ist oben mit einem dunklen Vorhang bedeckt. Ringsum ist es still. Man hört nur ab und zu, wie zwei schlanke Bäumchen, die dicht beieinander stehen, die Köpfe zusammenstecken, miteinander tuscheln und dabei einander von hinten mit den Zweigen kitzeln. Einige Blätter pendeln immerfort und berühren einander, wie wenn sie jemand stieße. Alle diese Töne sind Worte, die der Wald aus dem Schlafe spricht. Er träumt vom vergangenen Tag mit allen seinen Freuden und Leiden. Irgendwo raschelt dürres Reisig – der Wald träumt eben von den Bäumen, die man, nebbich, vor der Zeit gefällt hat. Irgendwo in der Höhe rauscht es: der Wald träumt davon, daß der niederträchtige Sperber ein Nest mit jungen, unschuldigen Vöglein zerstört hat; die Blätter, die da flattern, fallen auf die tote Mutter und ihre toten Kinder, von denen der Wald träumt ... Eine furchtbar schwarze Wolke zieht über dem Walde und auch in meiner Seele auf. Die weltberühmte Schwarzkünstlerin und Lügnerin Phantasie vermittelt zwischen mir und der Mulde, auf die ich schaue, schwindelhafte Geschäfte. Sie bringt mir von dort einen Transport Schreckbilder, die in der Fabrik, die ich im Kopfe habe, abgeändert und mit vielen neuen verrückten Einzelheiten ausgeschmückt werden. Mit einem solchen Transport bekomme ich von dort die Leiche des ermordeten Alter Jaknhas und die Totengerippe unserer Pferde. Dieses Bild wird in meinem Kopfe mit tausend Einzelheiten ausgeschmückt, und im Nu fliegt es schon zurück, mit einem rothaarigen, kräftigen Räuber und einem Wolf mit schrecklichem Gebiß ausgestattet. Und wie ich schon in die Mulde hinabsteigen will, kommt mir plötzlich der Gedanke: die beiden Wagen stehen auf dem freien Felde verlassen da; wie leicht können wir um unser ganzes Vermögen kommen! Es würde gar nicht schaden, noch einmal nach den Wagen zu schauen. Es ist auch möglich, daß Alter mit den Pferden schon längst zurückgekehrt ist und sich jetzt wegen mir Sorgen macht. Dieser Gedanke setzt sich in meinem Kopf fest, und ich fasse neuen Mut. Die Hoffnung wächst an und zerreißt schließlich die traurige Wolke, und es wird mir wieder leichter ums Herz. Und ich gehe schnell zurück. VIII Mit Gottes Hilfe kam ich heil an die alte Stelle, und brach mir, obwohl ich einige Male hingefallen war und mich in einemfort an Bäume anstieß, weder Arme noch Beine. Wenn man im Walde hinfällt, so ist das Aufstehen bei weitem nicht so unangenehm wie in der Stadt, wo viele Menschen zusehen und sich über einen lustig machen. Hier aber stand ich, so oft ich hinfiel, mit großer Freude auf und lobte Gott, daß mir nichts geschehen war. Und da Gott mir schon einmal diese Gnade zeigte, so hatte ich auch das Recht zu erwarten, daß ich bei den Wagen auch schon Alter mit den Pferden antreffen würde. Soviel Gnade verdiente ich aber offenbar doch nicht. Ich bleibe wie verbrüht stehen, und es wird mir auf einmal schlecht. Gott allein weiß, was mit Alter geschehen ist, wo seine Gebeine hingekommen sind! Diesmal hat er sicher Pech gehabt. So einfach ist die Sache wohl nicht. Und dann ist noch die große Frage, was mit mir geschehen soll? Meine Absicht war ja, in Glupsk meine Ware abzusetzen und möglichst viel Kines einzukaufen, um alle die Städtchen in der Nachbarschaft, wie ich es alljährlich tue, mit ihnen zu versorgen. Die »drei Wochen« haben ja schon begonnen, die Zeit ist kurz, und ich darf keine Stunde verlieren. Wenn ich mich hier unterwegs zu lange aufhalte, bleiben die Leute, Gott behüte, ohne Kines. Und das ist doch wirklich kein Spaß: Juden ohne Kines! ... Ich kann mir einen solchen schönen Tische-be-Ow wohl ausmalen: die Juden haben schon ihre Milchnudeln gegessen, haben das in Asche getunkte harte Ei verschlungen und sitzen mit traurigen Gesichtern in zerrissenen Strümpfen auf der Erde. Die Flöhe beißen sie, Gassenjungen halten Distelköpfe wurfbereit, und plötzlich – es fehlen ihnen die Kines! Den Mendele hat der Teufel geholt, es gibt keine Kines! ... Eine Kine auf zehn Juden. Man drängt sich, man stößt sich, man vermischt sich mit den Flöhen, und auch die Haare geraten durcheinander: Bärte und Pejes, voller Disteln. Dazu kommen noch die Nudeln hinzu, die einem jeden zum Halse herauswachsen, und alle haben das Aufstoßen ... Die Weiber sind weniger unglücklich: sie begnügen sich mit jedem bedruckten Papier, ganz gleich ob es eine Tchine, ein Tischgebet, eine Schächtanleitung oder eine Haggode ist. Was ist auch der Unterschied? Man kann ja über jedem Buch Tränen vergießen, und darauf kommt es ja doch an! Ja, die Lage ist wenig angenehm. Es ist mir recht schwer ums Herz ... Aber nicht davon will ich sprechen ... Der Mensch darf nicht verzweifeln. Ich muß etwas unternehmen. Ich muß wieder auf die Suche gehen. Ich blicke zu den Sternen hinauf und sehe, daß es Zeit ist, zu Abend zu essen. Ich mache mich über meinen Ranzen, unterhalte mich vor lauter Jammer ein wenig mit dem Fläschchen – gluck-gluck-gluck direkt aus der Flasche in den Mund – und schlinge in größter Eile einige Bissen, eigentlich nur um der Pflicht zu genügen, hinunter. Ich nehme vom Fläschchen Abschied – gluck-gluckgluck – und mache mich wieder auf den Weg. Ich bin schon wieder im Wald, stehe wieder vor der Mulde und bin auch schon in der Mulde selbst. Ich will nicht lügen und muß die Wahrheit sagen, daß ich jetzt nicht mehr so allein bin. Ich gehe selbander, rede von meinem Beginnen und bin gar nicht so traurig. Offenbar habe ich vorhin vor lauter Kummer einen Schluck zuviel genommen; dabei hatte ich fast nichts gegessen, denn die Bissen blieben mir im Halse stecken. Dieser eine Schluck zuviel stand mir in meiner Not wie ein Vater bei. Er gab mir neuen Mut und machte mich sehr gesprächig. So ist einmal meine Natur: wenn ich am Purim oder Ssimchas-Tejre einen Schluck zuviel nehme, schütten sich aus mir die Worte wie aus einem durchlöcherten Sack. Ich rede zu der Wand und lächle dabei sehr süß. Ich werde so mild und weich, daß man mich auf ein Geschwür legen kann. Mein Körper dehnt sich und wird so leicht und locker wie Hirse. Es schweben lauter einzelne Teilchen vom Mendele herum, und man kann unmöglich erraten, welches Teilchen das wichtigste ist und welches man anpacken soll. In solchen Augenblicken gibt es zwei Mendeles. Der eine will nach Jehupez, der andere nach Boiberik, und die gemeinsamen Füße werden verrückt, da sie nicht wissen, wem sie folgen sollen. Der eine fragt, und der andere antwortet. Meine eigenen Worte kommen in meine eigenen Ohren wie ein Echo wieder, und die Stimme klingt ganz verändert, wie aus einem leeren Faß. Ich verliere aber dabei doch nicht ganz das Bewußtsein; es bleibt mir immer noch eine ganz schwache Erinnerung wie im Traume zurück. »Guten Abend!« sage ich mir mit einer Verbeugung: »Wohin des Weges so spät am Abend?« – »Ach, diese Narren, diese Schafsköpfe!« antwortet der andere Mendele mit einem süßen Lächeln: »Sie wollen unbedingt zu Grunde gehen, es ist zum Lachen, so wahr ich lebe!« – »Da ist ein Graben, Reb Vetter, nehmt Euch in acht!« – »Ja, so wahr ich Jude bin, ein Graben! Ich bin sogar schon hineingefallen. Ich glaube, zum zwanzigsten Mal.« – »Seid nun so gut und steht auf! Es ist gar nicht schön, so dazuliegen.« – »Schönen Dank, Reb Vetter, ich taste mich schon mit der Peitsche weiter ... Es ist zum Lachen, so wahr ich lebe: das Bäumchen geht auch mit ... Gut, komm mit, leiste uns Gesellschaft! Aber pfui, nicht kratzen! ... Ach, es kratzt schon wieder, sticht mir beinahe die Augen aus, pfui! ...« – »Reb Mendele, spuckt darauf, laßt es sein. Kommt doch auf diesen Fußweg heraus, ins freie Feld.« – »Gut, ich bin schon da! ... Ach, der Mond, so rund wie ein Backtrog, der schöne Odessaer Mond! Er hat eine Nase und Augen! ... Ach ja, ich muß ja den Mond begrüßen! Friede sei mit Euch? Auch mit Euch sei Friede! Friede sei mit Euch? Auch mit Euch sei Friede! Ebenso wie ich zu dir springe und dich nicht erreichen kann, so mögen mich auch ... Springt doch, Vetter! Hopp hopp hopp! ... so mögen mich auch meine Feinde nicht erreichen ... Was haben sie gegen uns?« Ich fange plötzlich zu schluchzen an: »Was bin ich schuld, daß ich lebe und auch essen will? Der Leib ist, Gott sei es geklagt, dürr wie ein Span! Immer krank ... Habe auch einmal eine Mutter gehabt, sie hat mich geküßt ... Wehe mir, ich bin ein Waisenkind, ein Waisenkind!« Ich weine noch stärker. »Still, still«, tröstet der andere, »was soll man machen? Wie schämt sich nicht ein alter, bärtiger, verheirateter, mit Kindern gesegneter Jude, im Freien vor dem Monde zu weinen?! Das ist doch keine Art, so wahr ich lebe! Still, der Teufel wird Euch nicht holen; nehmt Euch lieber in acht: da ist ein Zaun.« – »Ja, so wahr ich Jude bin, es ist wirklich ein Zaun! Habe mich sogar schon ordentlich angeschlagen. Was tut man nun?« – »Man klettert hinüber. So macht man das!« – »Danke schön: ich stehe schon mit beiden Beinen im Garten.« – »Gesegnet sei Eure Ankunft, Mechutten! Bemüht Euch nun weiter!« – »Seid unbesorgt, ich gehe schon. Wie schön hier alles wächst: Bohnen, Erbsen, Gurken ohne Zahl!« – »Macht einen Segensspruch, Reb Vetter, laßt Euch nicht lange bitten.« – »Danke schön! Die Gurken sind eine wahre Erquickung fürs Herz! Wie gut die schmecken! ... Ach, ein Schlag! Was bedeutet der Schlag? Woher kommt der Schlag?« Der Schlag kam von einem kräftigen Bauern, der mich von rückwärts gepackt hatte und mir zu verstehen geben wollte, daß es unanständig ist, in einen fremden Garten zu steigen. Der Schlag sollte besagen, daß es verboten ist, sich nachts fremde Gurken zu holen. Die Schläge und vielleicht auch die frischen Gurken machten mich auf einmal ganz nüchtern. Eine Weile stand ich ganz dumm, wie aus dem Schlafe geweckt, da. Mein erstes Wort war natürlich: »Gewalt!« Dann entschloß ich mich aber, so zu tun, als wüßte ich von nichts, und fragte den Bauern in seiner rohen Sprache: »Sag mir mal, mein Bester, hast du hier nicht einen Juden mit zwei Pferden gesehen?« Der Bauer aber hört gar nicht auf mich, sondern tut das Seinige und schleppt mich am Ärmel, stößt mich ab und zu von hinten und schreit: »Komm nur mit!« Es hilft mir alles nichts, ich gehe mit: – ich kann doch nicht so unhöflich sein und nicht mittun! – und wir kommen vor ein Haus, vor dem ein Wagen mit vier guten Pferden wartet und dessen Fenster erleuchtet sind. Wie wir ins Haus eintreten, stößt mich der Bauer voraus und bleibt selbst mit der Mütze in der Hand bei der Türe stehen. Auch ich nehme meinen Hut ab – was bleibt mir sonst zu tun übrig ? –, kratze mir den Kopf und sehe mich wie verschlafen um. Vor dem Tisch sitzt ein Schreiber und kritzelt mit der Feder, die jeden Augenblick ins Tintenfaß getaucht werden will, um sich das Maul zu erfrischen, nachdem sie auf dem Papier so müde geworden ist. Der Schreiber hat mit ihr viel Arbeit und flucht bei jedem neuen Eintauchen. Man sieht, daß beide sich abquälen, daß beide unzufrieden sind: sie mit seiner schweren Hand und seinen üblen Fehlern, und er mit ihren scheußlichen Klecksen ... Mitten in der Stube steht ein Kerl mit rotem Kragen und Messingknöpfen. Er blinzelt mit seinen kleinen Äuglein, und wenn er sie rollt, sieht man nur das blutunterlaufene Weiße. Er streicht sich seinen langen Schnurrbart und spricht mit böser Stimme zu den beiden Männern, die mit gesenkten Köpfen bei der Türe stehen: der eine ist ein langer Kerl mit kräftigem Nacken, rasiertem Kinn und einem silbernen Ring im linken Ohrläppchen; der andere ist mager, hat ein spitzes Bärtchen, trägt auf der Brust ein Blech, hält mit beiden Händen einen langen Stecken, zwinkert mit den Augen und verbeugt sich jeden Augenblick. Der rote Kragen schreit den ersten von den beiden an: »In Ketten! Nach Sibirien gehört so ein Dorfschulze! ...« Und zum zweiten sagt er: »Ich werde dir die Haut streifenweise vom Leibe schinden, du gottverdammter Ortsvorsteher!« Mir sind alle Glieder starr. Ich zittere wie im Fieber, und es saust mir in den Ohren. Ich sehe und höre nicht, was um mich vorgeht. Ich höre nicht einmal genau, was mein Bauer über mich aussagt. Als mir aber der rote Kragen das bekannte kräftige russische Wort zurief, erwachte ich aus der Erstarrung und fing gut zu hören an. Vor meinen Augen fuchtelt eine Faust, und ich höre die schrecklichen Worte: »Dieb! Schmuggler! Hehler! Beutelabschneider! Ketten, Knuten, Zuchthaus, Sibirien! ...« Plötzlich macht er sich an meine Pejes heran, nimmt vom Tisch die Schere und schneidet mir eine Peje ab! Ich fließe in Tränen, wie ich meine Peje, meine alte, graue Peje auf dem Boden liegen sehe. Die Peje, die mir von meiner Kindheit bis in meine alten Tage gewachsen ist, die mit mir alle Freuden und Leiden erlebt hat; meine Mutter hat sie mir in meiner Jugend gewaschen, gekämmt und gestreichelt und konnte sich an den schönen schwarzen Locken gar nicht sattsehen. Sie war ein Schmuck meines Gesichts in meinen guten Tagen, als ich noch gesund und stark war. Sie war vor lauter Kummer früh grau geworden, und ich schämte mich dieser grauen Haare nicht. Vor Armut, Elend, Not und Ärger und grundloser Feindschaft waren wir beide früh gealtert. Wem hat sie etwas geschadet? Wem haben meine grauen Haare etwas Böses getan? Das Herz schluchzt in mir, es klagt stumm in seiner Not, doch kein Wort kommt mir über die Lippen. Ich stehe stumm da, wie ein Schäfchen unter dem Schermesser, und aus meinen Augen fällt eine Träne nach der anderen ... Meine entblößte Wange glüht, mein Gesicht ist vor Entsetzen verändert. Ich machte wohl einen sehr unglücklichen Eindruck, denn der rote Kragen legte mir beide Hände auf die Schultern und begann plötzlich im Guten zu reden. Unter den Messingknöpfen schlug wohl auch ein menschliches Herz. Meine grauen Haare und mein ehrliches Gesicht überzeugten ihn wohl von meiner Unschuld. Um die Sache wieder gut zu machen, fiel er mit großer Wut über den Bauern her, der einer Gurke wegen einen alten Mann auf die Polizei geschleppt hatte. Er schrie ihn an und jagte ihn hinaus. Darauf nahm er seine Mütze, wandte sich von mir weg, sagte den anderen Leuten ein paar Worte und ging hinaus; gleich darauf hörte man den Wagen abfahren. Alle Leute in der Stube wurden sofort lebendig. Der Schreiber warf seine Feder zum Teufel. Der Schulze und der Ortsvorsteher hoben die Köpfe und winkten mit den Händen in der Richtung zur Türe, wie wenn sie sagen wollten: »Gelobt sei Gott! Glückliche Reise und laß dich nie wieder blicken! ...« Der Schulze holte tief Atem, packte sich mit allen fünf Fingern am Schopf, schüttelte sich und sagte: »Das ist mir ein Pristaw!« Als ich den Christen von meinem Unglück erzählte, gaben sie mir den Rat, ins Dorfwirtshaus, das ganz in der Nähe sei, zu gehen. Dort werde ich viele Leute antreffen, die von den Märkten heimfahren: vielleicht werde ich von ihnen etwas erfahren können. Ich hebe meine Peje auf, stecke sie mir in die Tasche, binde mir ein Tuch um die Backe, wünsche allen »Gute Nacht« und gehe. IX Das Wirtshaus war außen von allerlei Wagen und Fuhren belagert. Zum Teil lag in ihnen nichts als etwas Stroh, zum Teil waren sie voller Sachen, wie solcher, die unverkauft geblieben, so auch solcher, die auf dem Jahrmarkte neu angeschafft worden waren. Aus einem Sack steckt ein Schwein seine schöne Schnauze heraus und schreit so fürchterlich, daß einem der Kopf zerspringt. Hinter einem Wagen, der mit neuen Spaten, irdenen Töpfen und Töpfchen beladen ist, steht eine rotgefleckte Kuh. Sie ist mit einem Horn an den Wagen gebunden und sucht sich mit allen Kräften loszureißen, um möglichst schnell in den Stall zu ihren Freundinnen zu kommen und ihnen zu melden: »Es ist gut abgelaufen, sie sind mich doch nicht losgeworden ... Gelobt sei der Schor-Habor! Wir sehen uns also doch noch beim besten Wohlsein wieder! ...« Ein Paar graue, feiste, sehr schöne Ochsen stehen unter dem gleichen Joch, machen ernste Gesichter und wiederkäuen mit großem Appetit. Sie unterbrechen diese Beschäftigung für keinen Augenblick, wie wenn es eine sehr ernste und wichtige Sache wäre und sie sich in ihren Ochsenköpfen etwas ungemein Kluges überlegten. Die Ziege des Pächters ist derweil auf einen Wagen gestiegen; sie steckt den Kopf in irgendeinen Sack, zieht ihn wieder mit vollem Maul heraus, kaut etwas, schüttelt den Bart, wedelt mit dem Schwänzchen und sieht sich schnell nach allen Seiten um. Ein alter, lahmer, ausgemergelter Dorfhund, der in seinen alten Tagen von Almosen lebt und obdachlos ist, kommt langsam heran, bleibt mit großem Respekt stehen, macht dann noch einige Schritte, schnuppert mit der Nase, erwischt einen trockenen, abgenagten Knochen und läuft mit seinem Fund etwas zurück. Er streckt sich auf der Erde aus, legt den Kopf auf die Vorderbeine und beginnt am Knochen zu nagen. Das Pferd dort vor dem anderen Wagen, dem es zu dumm geworden ist, so lange müßig an einem Ort zu stehen, zu duseln und die Schnauze und die Ohren zu bewegen, beschließt, einem Paar eingespannter Ochsen, die gerade ihr Abendessen verzehren, einen Besuch abzustatten. Ein Rad seines Wagens bleibt aber unterwegs an der Achse eines anderen Fuhrwerks hängen und wirft es beinahe um. Das Pferd von jenem anderen Wagen springt zur Seite und tritt einem dritten Pferde aufs Bein. Dieses wiehert und bäumt sich. Die Ziege erschrickt, springt vom Wagen und tritt dem Dorfhund auf den Schwanz. Der Hund humpelt auf seinen drei Beinen erschrocken davon und heult zehnstöckige »Schalscheles«. Mit großer Mühe dränge ich mich zwischen allen diesen Fuhren durch, sehe mich dabei immer um, ob ich hier nicht das, was ich suche, entdecke, und trete schließlich ins Wirtshaus. Was im Wirtshause vorgeht, erfasse ich ganz allmählich, eines nach dem andern, und nicht auf einmal. Den ersten Willkommengruß bekommt meine Nase zu spüren. Schon auf der Schwelle empfing mich ein schwerer, durchdringender Geruch von Branntwein, schlechtem Tabak und Menschenschweiß. Während meine Nase auf diesen Gruß mit einem schallenden Niesen antwortet, kommen meine Ohren an die Reihe. Ein betäubendes, entsetzliches Gemisch von hohen und tiefen, hellen, heiseren und grunzenden Stimmen dringt in sie ein. Und wie die Nase und die Ohren das ihrige schon abbekommen haben, kommen meine Augen in Behandlung. Nachdem sie eine Weile im Dunkeln im dichten Menschengedränge, ohne auch die Spur eines Gegenstandes zu erkennen, herumgeschweift haben, erblicken sie plötzlich einen langen Tisch; auf dem Tische brennt in einem irdenen Leuchter eine Talgkerze mit grellroter Flamme, um die herum sich in dem Dampf und Rauch, der die Stube füllt, grün-blau-gelb-graue Kreise gebildet haben. Allmählich tauchen aus diesem Nebel einzelne Nasen, Bärte, Bärtchen, Schöpfe und ganze Gesichter von Männern und Frauen auf. Ganze Gruppen von Menschen werden sichtbar. Zum Teil haben sie erst drei, vier Gläschen Schnaps getrunken und halten sich noch auf den Beinen. Zwei Betrunkene liegen sich etwas abseits in den Armen und schimpfen auf einander vor lauter Liebe mit den wüstesten Schimpfworten. Vor ihnen steht ein Frauenzimmer mit bloßen Füßen, kurzem Rock und gesticktem, weit ausgeschnittenem Hemd; sie freut sich offenbar über die beiden, klopft bald dem einen, bald dem anderen liebevoll auf den Rücken und redet ihnen zu: »Es ist genug! Geht heim!« Das betrunkene Paar aber schimpft vor lauter Liebe noch wüster, umarmt sich noch inniger und fällt schließlich um. Andere sitzen auf langen Bänken und haben Flaschen und Speisen vor sich stehen. Zwei dicke Kerle trinken einander zu und sind, wie man so sagt, in heiterer Stimmung. Einer, der offenbar großer Liebhaber des bitteren Tropfens ist und sich hier im Wirtshause wohl ständig aufhält, raucht seine Pfeife und trinkt bald dem einen, bald dem anderen zu, obwohl die Betreffenden sich nach ihm nicht einmal umsehen. Und ganz zuletzt entdecke ich eine lebhafte jüdische Frau in abgeschabter Felljacke, mit einem Tuch auf dem Kopf: es ist die Frau des Schenkers in eigener Person. Der Tisch vor ihr ist mit Fäßchen, Flaschen, Gläsern, Gläschen, Kränzen von Kringeln, gekochten Eiern, gedörrten Fischen und Stückchen versteinerter Leber besetzt. Ihr Mund steht keinen Augenblick still, und ihre Hände werden nicht müde, bald mit dem einen, bald mit dem anderen zu reden, bares Geld einzukassieren und herauszugeben, Pfänder anzunehmen und mit Kreide Striche und Ringel bald auf des einen, bald auf des anderen Rechnung zu setzen. Ich geh zwischen allen diesen Leuten herum, versuche mit dem einen und mit dem andern zu reden und erfahre gar nichts. Das Wirtshaus leert sich, und die Gäste fahren heim. Ich gehe auf die Schenkwirtin zu und halte dabei die Peitsche sichtbar unter dem Arm: ich weiß, daß die Schenkwirtinnen allen Kutschern gut gesinnt sind und sie mit Branntwein, Essen und andern Dingen zu bestechen pflegen, damit sie bei ihnen mit ihren Fahrgästen einkehren. Die Peitsche diente mir sozusagen als Fürsprecher und verlieh mir Gnade in der Wirtin Augen. Und zwischen uns begann folgendes Gespräch: »Guten Abend!« – »Gutes Jahr!« – »Wo ist Euer Mann?« – »Was braucht Ihr meinen Mann?« – »Einfach so!« – »Sagt es mir, vielleicht könnt Ihr auch mich brauchen?« – »Gut, von mir aus.« Wir kommen ins Gespräch, und ich erzähle ihr recht ausführlich vom Unglück, das mir zugestoßen, und von der üblen Lage, in der ich mich befinde. Sie hält den Kopf in die Hand gestützt und zwei Finger auf der Wange, seufzt voller Mitgefühl und sagt immer wieder: »Nein, so was! Nein, so was!« Ich tue ihr den Gefallen und erzähle ihr, wer ich bin, wie ich heiße und womit ich handle; sie ihrerseits überschüttet mich mit Worten und erzählt mir jede Kleinigkeit, die sie auf dem Herzen hat: von ihrem Mann, dem Pechvogel, von den Kindern und vom Geschäft ... Und so werden wir miteinander gut bekannt. Wir stellen auch fest, daß wir miteinander entfernt verwandt sind: sie heißt Chaje-Trajne meiner Großtante großmütterlicherseits zu Ehren. Groß ist die Freude! Sie erkundigt sich nach meinem Weib, nach meinen Kindern und nach jedem einzelnen. Und wie ihr Mann heimkommt, teilt sie ihm in einem Atem mit: »Wir haben einen Gast ... Einen lieben Gast, Reb Mendele, den Bücherhändler! ... Er ist mein Verwandter!« Und sie stemmt die Hände in die Hüften und wendet sich stolz an ihren Mann: »Meinst du vielleicht, daß du mich aus einem Stalle heraus geheiratet hast?! Ich brauche mich, Gott sei Dank, vor anderen nicht zu schämen. So wahr ich lebe, du kannst auf meine Familie stolz sein!« – Schöpfer der Welt! – denke ich mir – Saul suchte eine Eselin und fand ein Königreich, und ich suchte ein Pferd und fand eine Chaje-Trajne? ... – Chaje-Trajnes Mann hat eine lange Nase; sein dünnes Bärtchen, Pejes und Brauen sind hell wie Flachs. Wenn er schweigt, kaut er an seiner Zunge, und ehe er etwas sagt, beleckt er sich die Lippen, so daß man bei seinem Anblick den Sinn des Wortes »Leckisch« versteht. Wie er mich begrüßt, stammelt er etwas, was ich gar nicht verstehen kann, und seinem ganzen Benehmen merke ich bald an, daß er ein Pantoffelheld ist und das bitterste Leben hat. Wie ich später erfuhr, heißt er in der ganzen Gegend »Chajim-Chane Chaje-Trajnes«, sie aber heißt: »Chaje-Trajne der Kosak«. »Wo hast du dich herumgetrieben?« nimmt Chaje-Trajne ihren Mann ins Gebet. »Wo hat dich, du Pechvogel, der Teufel herumgetragen? Hast du's gehört? Wie kann man nur sein ganzes Haus und die ganze Wirtschaft so im Stiche lassen? ... Macht nichts, Reb Mendele ist von der Familie, und vor ihm kann man es sagen, was für eine Strafe Gottes du bist. Schaut ihn nur an, wie er wie ein Lehmgötze dasteht und seine Zunge kaut!« »Du hast mich doch selbst zu Gabriel nach einem Sack Kartoffeln geschickt! Ja, du selbst hast mich geschickt!« verteidigt sich Chajim-Chane, nachdem er sich die Lippen beleckt hat. »Der Rebbe, der feine Rebbe war wohl krank, den Sack Kartoffeln zu bringen, essen kann er aber für zehn?« »Der Rebbe ist doch mit der Kuh und dem Kalb auf die Weide gegangen!« erklärt Chajim-Chane seinem Weib. »Schweig schon, schweig, kaue dir lieber die Zunge!« sagt Chaje-Trajne mit einem bösen Blick auf ihren Mann. Und dann wendet sie sich an mich und rechnet mir vor, was sie von jedem einzelnen auszustehen hat. Wenn sie nicht wäre, hätte man das ganze Haus längst auf den Kopf gestellt. Bei jedem zweiten Wort sagt sie aber: »Macht nichts, vor Euch darf man wohl wie vor einem Vater alles sagen: Ihr gehört ja zur Familie, Reb Mendele!« Ich mache den Friedensstifter und verwende mich für Chajim-Chane. Des lieben Friedens willen lüge ich sogar und beschuldige alle Männer, darunter auch mich selbst, und rühme alle Weiber, besonders aber Chaje-Trajne: wenn sie nicht wäre, so wäre die Welt keine Welt. Chaje-Trajne wurde etwas milder. »Gesund sollt Ihr mir sein, Reb Mendele!« sagt sie mit strahlendem Gesicht und wendet sich gleich darauf schon viel milder an ihren Mann: »Genug schon, die Zunge zu kauen! Wisch lieber die Gläser und Teller ab, von denen die Esaus gefressen haben. Reb Mendele hat sicher Hunger!« sagt sie, sich von ihrem Platz am Schenktisch erhebend. »Ich habe ja auch selbst Hunger. An den Markttagen essen wir immer so furchtbar spät zum Abend. Wir haben einfach keine Zeit. Kommt doch zu uns in die Stube, wir bitten Euch schön darum!« Gleich aus der Schenke kommt man in eine finstere Kammer; der Türe gegenüber liegt eine andere Kammer, links tritt man aber in eine große niedrige Stube ohne Diele, mit kleinen Fenstern. Die Scheiben sind zum Teil gesprungen, zum Teil aus kleinen Stückchen zusammengesetzt und zum Teil ganz zerschlagen. Nur in einem versteckten Winkel ist noch eine ganze Scheibe übriggeblieben, die wie der letzte Zahn einer Greisin zittert und leise zu klagen scheint: »Es ist so traurig!« An der Fensterseite der Stube stehen ein Tisch und zwei ungestrichene Holzbänke. Am andern Ende prangt ein Bett, auf dem sich, unberufen, ganze Berge von großen, mittleren, kleinen und ganz kleinen Kissen bis zur Decke türmen. Am Ofen steht eine breite Bank, die nachts als Bett dient. An den Wänden hängen mit Spinngewebe überzogene und von Fliegen und Küchenschaben beschmutzte Bilder. Durch den Schmutz hindurch erkennt man einen Misrach mit Kaninchen und seltsamen Tieren: – halb Ziege und halb Hirsch, halb Löwe und halb Esel, halb Leopard und halb Otter. Ein langer, wie ein Unteroffizier gekleideter Haman hängt an einem Galgen, der ihm kaum bis an die Achsel reicht, so daß der Galgen eher auf ihm hängt! Neben ihm steht Mordechai in einem Straimel, Kaftan, Gürtel, Schuhen und Socken, mit Pejes an den Schläfen. – Um ihn herum drängen sich bärtige Juden mit langen Nasen; sie halten Weinbecher in der Hand und rufen: »Zum Wohl, Reb Mordechai!« Hamans Frau mit dem Topf ist aber von den Fliegen gar übel zugerichtet: von ihr kann man nur ein Stück Gesicht erkennen. Auch Napoleon ist, nebbich, in jüdische Hände gefallen. Ach, was sie aus ihm gemacht haben! Er hängt zwischen Potiphars Frau, einer abscheulichen Mißgeburt, die den armen Joseph am Rocke schleppt, und einem schmalen, schmierigen, schiefen Spiegel, hinter dem ein trockener Lulew und alte, abgeschlagene Hejschanes stecken. In der Stube macht sich ein breites Mädel mit Backen, so dick wie zwei Krapfen, emsig zu schaffen; sie hat sehr wenig Haare auf dem Kopfe und zwei dünne Zöpfchen hinten hängen. Sie hält die Arme steif wie zwei Deichselstangen vor sich ausgestreckt und bewegt sich wie auf Schlittenkufen, ohne die Füße vom Boden zu heben. Der Kopf eilt dabei dem übrigen Körper voraus. In den Händen hat sie ein Tischtuch und Teller und deckt den Tisch. Chaje-Trajne flüstert ihr etwas ins Ohr, und sie wendet ihre Deichseln um und gleitet, den Kopf wieder vorgestreckt, hinaus. In einer Ecke balgen sich an die vier kleine Kinder, Mädchen und Jungen, wegen eines kleinen Hundes, der so furchtbar winselt, daß einem Hören und Sehen vergeht. Chaje-Trajne fällt über sie her, kneift den einen, zupft den andern und wirft den Hund hinaus. Die Kinder zeigen einander Feigen und verteilen sich in allen Ecken der Stube. Bald darauf erscheint Chajim-Chane mit einem großen Topf Sahne. Chaje-Trajne nimmt ihn ihm aus der Hand, macht sich damit etwas zu schaffen und fordert uns auf, uns die Hände zu waschen. Ein kleiner Junge ohne Rock und Stiefel, in Höschen und Arbe-Kanfes kommt voller Freude hereingelaufen: der Rebbe hat im Stall einen jungen Spatz gefangen! ... Alle Kinder sind vor Bewunderung ganz starr und stehen mit gereckten Hälsen da. Ehe sie zu sich gekommen sind, tritt in die Stube ein junger Mann mit geschwollener Nase und dicken Lippen. Er wäscht sich über dem Mülleimer die Hände, setzt sich an den Tisch und steckt sich sofort ein großes Stück Brot in den Mund; er tut alles, ohne jemand anzublicken, in solcher Eile, als hätte er Angst, daß man ihm alles wegißt. Indessen erscheint das dicke Mädel mit den Krapfenbacken, sabbatlich geputzt, wieder in der Stube und setzt sich an den Tisch. Chaje-Trajne sagt mir, mit dem Finger auf das Mädel zeigend: »Das ist meine Älteste, Chassje-Grunje.« Die Gesellschaft ißt zuerst sehr manierlich; allmählich wird es aber lebhafter und lauter: zehn Löffel greifen zugleich in die gleiche Schüssel und fahren dann in zehn Münder, die mit großem Appetit, ein jeder auf seine Manier, schlingen und schlürfen. Es ist eine große Eile und Überstürzung, man hört nur schlucken und schlingen. Meine neu entdeckten Verwandten nötigen mich in einem fort: »Esset, lasset Euch nicht lange bitten!« Und ich schlürfe auf meine Manier. Der junge Mann mit der geschwollenen Nase ist nicht faul: er ißt für zehn und ruht nicht, ehe er den auf dem Boden der Schüssel gemalten Vogel erreicht. Wie er mit der Arbeit fertig ist, seufzt er aus der Tiefe seines Bauches auf und sieht sich mit seinen gläsernen Augen um. Dann erhebt er sich von seinem Platz, streckt mir seine Hand entgegen und sagt: »Friede sei mit Euch! Ihr kommt mir bekannt vor! Wie heißt Ihr?« Ich sage ihm meinen Namen, und er springt vor Entzücken auf: »Reb Mendele! ... Reb Mendele, der Bücherhändler! Psst! Das ist doch kein Spaß! Wer kennt nicht Reb Mendele? Ich hatte einmal in Glupsk die Gnade, bei Euch ein Gebetbuch zu kaufen.« »Reb Mendele ist mein Verwandter«, sagt Chaje-Trajne mit Stolz und schmilzt schier vor Freude. Dann zeigt sie auf den jungen Mann und sagt: »Das ist unser Rebbe! Nun Hejschaikele«, wendet sie sich an den Jungen ohne Rock, »Reb Mendele will hören, was du kannst. Schäm dich nicht, der Onkel wird dich nicht fressen.« Hejschaikele bohrt mit dem Finger in der Nase, blickt mürrisch auf die Seite, zuckt die Achseln und sagt: »Ich säme mich, ich säme mich! ...« »Wie alt ist Euer Hejschaikele, leben soll er?« frage ich die Mutter. »Mein Hejschaikele, leben soll er, ist im Frühjahr Bar-Mizwe geworden«, antwortet die glückliche Mutter. »Nun, Hejschaikele«, sag ich, den Jungen in die Backe kneifend, »schäm dich nicht, sag, was haben wir diese Woche für eine Ssedre?« »Sag! Sag!« bestürmt man Hejschaikele von allen Seiten. Er glotzt und schweigt. »B... b...« beginnt der Rebbe mit den dicken Lippen. »B... b... behai!« platzt Hejschaikele mit einem Blick auf seinen Rebben heraus. »Nein, Bolok, Bolok«, sage ich ihm vor und richte an ihn eine neue Frage: »Was hat Bolok sagen lassen?« Der Rebbe leckt sich den Finger, um den Schüler auf den richtigen Weg zu führen. »Lecken!« schreit Hejschaikele mit großem Eifer. »Wer? Wer?« dringt der Rebbe auf seinen Schüler ein und glaubt, daß dieser schon auf dem richtigen Wege sei: »Wer?« »Der Rebbe!« ruft Hejschaikele sehr laut aus. »Du verstopfter Kopf!« ereifert sich der Rebbe. »Wer, sagt Bolok, tat lecken?« »Die Juden!« sagt Hejschaikele schnell mit seiner quietschenden Stimme. »Ja, die Juden, die Juden, Hejschaikele!« sag ich, ihm die Wange streichelnd. »Sehr gut! Du weißt es.« Die Mutter ist überglücklich. Sie hält die Hände auf dem Magen gefaltet und strahlt vor Freude. Selig ist der Leib, der einen solchen Schatz geboren hat! Der Vater kaut die Zunge und freut sich ebenfalls. Nach dem Essen bringt Chaje-Trajne die Rede auf meine Angelegenheit: »In einigen Stunden muß mein Janko mit den Pferden heimkommen. Dann werdet Ihr Euch, Reb Mendele, auf das eine Pferd setzen, mein Mann setzt sich auf das andere, und Ihr werdet die beiden Wagen mit den Waren herbringen. Das weitere werden wir dann schon sehen. Inzwischen könnt Ihr Euch etwas hinlegen: da habt Ihr ein Bett mit einem Überbett.« »Ich danke schön!« sage ich ihr. »Wenn ich einmal in diesem Bett liege, wird es schwer fallen, mich von dort wieder herauszuziehen. Gott allein weiß, wie lange ich schlafen werde; die Zeit ist aber jetzt viel zu teuer. Ein anderes Mal, so Gott will, wenn ich mit Weib und Kindern zu Euch zu Gaste komme, dann, seht Ihr, werde ich von Euch Abschied nehmen und mich für eine lange Zeit in den Abgrund dieses Bettes stürzen.« »Wir bitten darum, wir bitten darum!« sagt Chaje-Trajne sehr freundlich. »Und zwar wirklich mit allen Kindern! Bringt auch Eure Jachne-Sossje mit. Aber jetzt könnt Ihr Euch doch wenigstens mit einem Kissen in die Kammer zurückziehen. Schlaft wohl!« wünscht sie mir zum Abschied. »Seid unbesorgt, mein Mann wird Euch ganz früh, um die Stunde, wenn der Ochs auf die Weide zieht, wecken.« X Chaje-Trajne ist zwar eine fromme, brave Frau, aber ihre Wanzen sind wahre Bösewichte. Kaum habe ich mich auf die Pritsche in der Kammer niedergelegt, als sie sich über mich stürzen und zwischen uns ein Krieg beginnt. Beide Teile kämpfen hartnäckig, sie mit ihren Gebissen, ich mit den Händen. Sie kriechen auf mich, und ich springe in die Höhe. Sie kommen mit Ansprüchen: »Die Pritsche ist unser! Habt Respekt vor uns, Reb Jud, und laßt Euch beißen!« Ich stöhne, beiße in die Lippen und kratze mich mit aller Kraft; sie beißen, und ich kratze; sie springen auf mir herum, und ich auf dem Kissen. Zum Teufel das Kissen! Der dreibeinige Schemel fällt um; der irdene Krug mit dem Waschwasser zerbricht; die Küchenschaben wimmeln und rennen; die Federn aus dem zerrissenen Kissen fliegen mir in die Nase und in die Augen; die Pritsche unter mir knarrt. Ein Lärm, ein großer Betrieb! Ich bin wie toll und werfe mich von der einen Seite auf die andere. Sie hören nicht auf zu beißen. Es stinkt nach Wanzen. Die Sache wird mir zu dumm, und ich beschließe auszuwandern. Ich verlasse mein Lager und gehe ans Fenster, um etwas frische Luft zu atmen und auf Gottes Welt hinauszuschauen. Am blauen Himmel schwebt ruhig der goldene Mond. Sein strahlendes Gesicht ist sehr ernst und nachdenklich. Still ist es ringsum! Mich überfällt süße Schwermut, der Mond spricht zu meinem Herzen und zieht mit jedem Blick die Seele aus mir heraus. Er weckt in mir eine Menge Gefühle, und ich muß immer an mich selbst denken. Ich denke an mein bitteres Leben voller Pein, Kränkungen und Beleidigungen, an allerlei Plagen und Schicksalsschläge, alte und neue, und ich beklage mich wie ein krankes, schwaches Kind bei seiner Mutter: »Ach, Mutter, es tut weh! ... Ach, muß ich mich abplagen! Kopfweh und Bauchweh ist wohl zu wenig, ich muß noch an Mißgunst anderer Menschen leiden. Es genügt wohl nicht, daß ich meine eigenen Schmerzen und Wunden habe, ich muß auch noch von den anderen so viel ausstehen! Ich atme kaum, und doch gibt es Menschen, die mir das bißchen Leben nicht gönnen. Ach Mutter, es schmerzt, es tut weh!« Der Mond blickt mich mit seinem ernsten, nachdenklichen Gesicht an, und es ist mir, als spräche er mir Trost zu: »Still, armes Kind, still! Was soll man machen?« Das Herz weint in mir noch mehr, heiße Tränen treten mir in die Augen, ich stütze den Kopf in eine Hand und kehre die Wange mit der abgeschnittenen Peje dem Monde zu: soll er es wenigstens sehen! ... Es tut sich in mir ein Abgrund von Gefühlen auf, etwas zupft mich am Herzen und überschwemmt mich mit Gedanken. Meine Augen, die so voller Tränen sind, wie ein Schröpfkopf voll Blut, blicken mit traurigem Flehen in die Welt hinaus: »Gewalt, helft, erbarmt Euch meiner! Es tut weh ...« So erwacht mitten in der Nacht ein krankes Kind, nebbich; es jammert und klagt, blickt mit seinen kleinen Äuglein und bittet um Erbarmen. Es ist aber niemand da, kein Mensch! Niemand hört es! Alle schlafen! Still! ... Ein Hund nur steht wach auf der Gasse; er hat den Schwanz eingezogen, den Kopf nach oben gerichtet und bellt kaltblütig den Mond an. Der Mond aber schwebt ruhig und gleichgültig weiter und macht sich nichts aus dem Hundegebell ... Es wird mir etwas leichter ums Herz. Mich überkommt plötzlich ein warmes Gefühl von Hoffnung und stummem Trost – es ist das Gefühl, das der Jude hat, wenn er sich vor Gott ausgeweint hat; das Gefühl macht den Menschen weich wie Teig, grenzenlos gut, bereit, seine Seele hinzuopfern und die ganze Welt zu umarmen und mit großer Liebe zu küssen. – Und sind die Wanzen etwa keine Geschöpfe Gottes? Was sind sie schuld, daß sie, nebbich, stinken? Was sollen sie machen, wenn es schon einmal ihre Natur ist, zu beißen? Sie tun es ja nicht aus Bosheit, Haß oder zum Trotz, sondern nur um ihr Leben zu fristen: sie wollen, nebbich, trinken, sich mit fremdem Blut sättigen. Nun, ich will mich schon aufopfern. Habe ich denn das erste Mal im Leben mit Wanzen zu tun? Welcher Jude kann nicht ein Lied von ihnen singen? Ich gehe vom Fenster weg und werfe mich mit den Worten: »In Deine Hände befehle ich meine Seele!« wieder auf die Pritsche. Und ich schlafe sofort ein. Meine Träume mag ich nicht erzählen: es sind ja doch nur Dummheiten! Das Aufstehen am nächsten Morgen kostete mich große Mühe. Alle Glieder taten mir weh. Die Not zwang mich aber aufzustehen und hob mich von meinem Lager. Der Jude lebt in ewiger Hast. Die Not zwingt ihn, herumzurennen, zu eilen, zu arbeiten. Wenn seine Hast auch nur ein wenig erlahmt, so liegt er auch gleich wie erschlagen da. Nur an einem Feiertag spürt der Jude seine Schmerzen und findet Zeit, krank zu sein ... Die Not hob mich von meinem Lager, die Not stellte mich auf die Füße, die Not setzte mich rittlings auf ein Pferd, die Not stieß mich in den Rücken, und ich rührte mich von der Stelle, zugleich mit Chajim-Chane, Chaje-Trajnes Mann. Schwer fällt dem Juden nur der erste Schritt; wenn das Werk aber schon einmal im Gang ist, so läuft alles wie auf Butter, und er rennt selbst dorthin, wo er nichts zu suchen hat und wo man ihn gar nicht eingeladen hat. Er klettert sogar steile Wände hinauf. Ich komme bald wieder zu Kräften und fühle mich wieder stark und frisch. Wenn die Leute sagen, »Eine jüdische Seele läßt sich nicht im voraus abschätzen«, so wird es wohl stimmen. Anfangs glaubte ich, daß Chaje-Trajne sich so freute, weil sie in mir einen Verwandten erkannt hatte, und dazu noch einen solchen, der sich an Büchern reibt! Das Reiben wird bei den Juden sehr geschätzt. Wenn ein Jude, und selbst einer von den angesehenen Bürgern, etwas auf dem Amte zu tun hat, macht er den Anfang beim Amtsdiener, der sich ja immerhin an den Herren Beamten reibt; er spricht mit ihm und geht zufrieden heim. Für heute, sagt er, ist es genug. Der Diener ist ja gar kein übler Mensch! – Der Schames, der sich an einer jüdischen Schule reibt, wird von vielen der Schulinspektor genannt: der jüdische Briefträger wird beinahe als Postdirektor angesehen. Kurz und gut, es ist, wie es im Sprichwort heißt: »Des Rows christliche Magd ist imstande, Schailes zu entscheiden.« Schon beim Abendessen, als ich das dicke Mädel sah, das schon längst unter die Chuppe gehört, kam mir der Gedanke, daß Chaje-Trajne sich nur darum über mich so freut, weil sie glaubt, ich könnte ihr bei einer Partie nützlich sein. Und mir schien sogar, daß sie auf mich selbst ein Auge geworfen hatte. Darum war wohl auch das Mädel so sabbatlich ausgeputzt ... Das alles wurde mir klar, als ich mich unterwegs mit Chajim-Chane unterhielt. Er erkundigte sich bei mir allzuviel nach meinem Söhnchen: »So, so, Euer Junge ist also schon Bar-Mizwe und noch immer nicht verlobt?! In seinem Alter war ich schon verheiratet. Meine Chaje-Trajne gibt mir bei Nacht keine Ruhe: ›Gewalt, verschaff mir einen Burschen! Was liegst du so da, du Räuber? Gewalt, einen Bräutigam!‹ Mein Mädel habt Ihr doch gesehen. Sie ist eine gute Hausfrau. Vielleicht wäre es schon wirklich Zeit, sie zu verheiraten? Meine Alte hat heute nacht mit mir darüber gesprochen.... Ihr seid ja bei ihr gut angeschrieben. Alles kommt unerwartet. Muß es sich gerade so treffen, daß Ihr Euch zu uns verirrt habt.... Es ist uns sehr angenehm, so wahr ich lebe! Ihr sagt also, daß Euer Junge schon Bar-Mizwe ist?« Wie wir so reden, kommen wir zu den beiden Wagen. Zuerst untersuche ich den meinigen. Ich finde alles in bester Ordnung vor und gehe auf Alters Wagen zu. Auch sein Wagen steht noch auf dem alten Fleck. Wie ich aber das leinene Verdeck anrühre, fahre ich zusammen: unter dem Verdeck rührt sich etwas... Ich springe vor Schreck zehn Ellen zur Seite. Das Verdeck wird zurückgeschlagen, und ich sehe – Alter Jaknhas, der mit verbundenem Kopf im Wagen sitzt! XI Was Alter alles erlebte, wo er gesteckt hat, woher er plötzlich erschienen ist und warum er einen verbundenen Kopf hat – alle diese Fragen beantwortet uns Reb Alter selbst mit seinem reinen Mund wie folgt: »Ich gehe also, die Pferde suchen. Kurz – die Pferde sind nicht da! Es macht nichts, denke ich mir. Sie haben sich wohl weit von uns entfernt. Das Gras im Walde ist ja gut, und Schatten gibt es da auch. Warum auch nicht? Der Mensch – er sei vom Pferde wohl unterschieden – sucht ja auch einen Ort, wo er es besser hat. Ich gehe also weiter, immer weiter, versteht Ihr mich, und es ist nichts zu sehen und zu hören. Was tut man da? Die Sache ist schlimm. Plötzlich höre ich im Walde jenseits einer Mulde ein Geräusch. Ich steige sofort in die Mulde hinunter, komme an der andern Seite wieder hinauf, es ist aber nichts zu sehen. Indessen wird es immer später und dunkler, eine schöne Bescherung!.... Ich höre wieder ein Geräusch und laufe hin, und es ist wieder nichts. Es verdrießt mich schon, versteht Ihr mich: was ist das für eine Art ? Und ich höre wieder ein Geräusch und Schritte. Da hast du sie, die schöne Gesellschaft! Die Kränke fahre ihnen in die Knochen! So fluche ich und dringe in dichtes Gesträuch, in eine Art Hecke ein. Es ist hier, nun hab ich sie erwischt!.... Und was ist es? Eine rote Kuh, hol sie der Teufel! Eine Kuh, die sich, wie es oft vorkommt, von der Herde entfernt und im Walde verirrt hat. Was soll ich jetzt tun? Ich weiß gar nicht, wo ich bin. Einfach dastehen hat keinen Sinn. Also verlasse ich mich auf Gott und gehe weiter, bis ich auf ein Feuer stoße, das gerade im Verlöschen ist. Die Holzscheite rauchen noch, es ist auch noch etwas Glut da. Das Gras rings umher ist ausgetreten, und auf der Erde liegen Brotkrümel, Schalen von Eiern, Gurken und Zwiebeln und allerlei Lumpen herum. Hier war wohl eine recht schöne Gesellschaft versammelt gewesen, anscheinend eine Zigeunerbande. Das gefällt mir gar nicht! Zigeuner stehlen gerne. Plötzlich höre ich irgendwo in der Ferne eine Stimme. Ist es vielleicht Reb Mendeles Stimme? – frage ich mich und gehe schnell auf die Stimme zu. Die Stimme verstummt und erklingt wieder von neuem, und je näher ich komme, um so fürchterlicher: wie wenn jemand um Hilfe riefe! ... Es war sehr schrecklich, so wahr ich lebe! Also gut. Ich komme immer näher. Es ist doch nichts zu machen. Ich sehe mich aber gut um und bin auf der Hut. Kurz und gut, vor mir taucht etwas wie eine Schenke auf, ein kleines eingefallenes Hüttchen auf Hühnerfüßchen. Sie gefällt mir gar nicht. Ich verstecke mich etwas abseits im Gebüsch, suche mir einen Stecken, nehme ihn, versteht Ihr mich, um mir Mut zu machen, in die Hand, sitze still und warte, was nun kommen wird. Es ziehen mir lauter schreckliche Geschichten von Räubern und Glupsker Dieben durch den Sinn. Und plötzlich höre ich wieder ein Geschrei, ein bitteres Geschrei: so schreit ein Mensch, der in größter Gefahr schwebt; und es scheint mir, daß das Geschrei aus dem Häuschen kommt. Es packt mich am Herzen, es treibt mich hin, und ehe ich mich umsehe, stehe ich schon vor der Schenke. Ich weiß selbst nicht mehr, wie ich hingekommen bin. Etwas raunt mir zu: Es ist ein guter Freund, der so schreit! Wer weiß, vielleicht ist Reb Mendele in Gefahr? Weiß ich denn überhaupt, wo ich bin? Es ist gar zu schrecklich! Und wenn es auch mein Tod ist, ich muß erfahren, was hier vorgeht. Wenn ich mich auf etwas versteife, so gebe ich's nicht auf. Kurz und gut, ich komme langsam näher und horche. Ich höre eine erstickte Stimme. Ich gehe durch ein altes morsches Tor, das sich kaum an den Angeln hält, trete ein und schleiche im Finstern auf den Fußspitzen durchs Haus. Alles ist still. Ich hole aus der Tasche ein Päckchen Zündhölzer und reibe mit zitternden Händen eines nach dem andern; sie wollen nicht brennen. Das letzte brennt endlich. Im gleichen Augenblick höre ich das Geschrei ganz in der Nähe, das Zündhölzchen erlischt aber. Ich taste im Finstern und stoße auf jemand. Die Haare stehen mir zu Berge, ich weiß gar nicht, auf welcher Welt ich bin. Kurz und gut, beim Scheine des aufgehenden Mondes, der durch ein eingeschlagenes Fenster dringt, sehe ich mich in einer kleinen verschimmelten Kammer. Jemand liegt da, ist wie ein Schaf an Armen und Beinen gebunden, ist, nebbich, leichenblaß und atmet kaum. ›Gott hat Euch hergeführt!‹ sagt der Unglückliche. ›Bindet mich auf, sonst sterbe ich. Denn die Stricke haben sich mir tief in den Leib eingeschnitten, und ich verschmachte nach einem Schluck Wasser!‹ – ›Wer hat Euch gebunden?‹ frage ich ihn. Und ich nehme mein Messer und durchschneide die Stricke. ›Der böse Geist fahre in seines Vaters Vater!‹ flucht der Mensch, seine Beine streckend: ›Dieser Schuft, Notke der Dieb!‹ – ›Was, ein Dieb?‹ frage ich und schau den Kerl scharf an. ›Alles Mögliche hat er auf dem Kerbholz! Heute erst hat er ein Paar Pferde gestohlen!‹ Wie ich das höre, springe ich auf. Kurz und gut, ich frage den Kerl aus, beschreibe ihm die Pferde, und alles kommt wie Baumöl auf dem Wasser ans Tageslicht. An jenem Feuer im Walde war eine ganze Bande Landstreicher gesessen, lauter feine Leute. Einer von der schönen Gesellschaft ist etwas spazieren gegangen und hat unsere Pferde gestohlen. Ich erkundige mich nach dem Weg, den die Kerle eingeschlagen haben, und beschließe, ihnen sofort und unverzüglich nachzugehen. Der Bursche versucht es mir auszureden und wälzt mir schwere Steine aufs Herz. Er hat Angst: der Dieb ist imstande, einen Menschen umzubringen, und mit ihm fahren noch einige Wagen voll Kerle, die ebenso sind wie er. Ich kann mich aber nicht beruhigen: ›Ich kann doch nicht ohne Pferde bleiben. Nein, nein! Ich muß sie einholen, komme, was kommen mag! Ich kann nicht dulden, daß man mir in meinen Brei spuckt. Jeder Augenblick ist jetzt teuer. Bleibt da, ruht Euch aus, und wenn ich, so Gott will, mit den Pferden zurückkomme, nehme ich Euch mit, und wir fahren beide weiter.‹ So sage ich dem Burschen, zu dem sich mein Herz irgendwie hingezogen fühlt, nehme die Beine auf die Schultern und mache mich auf den Weg. Die alte verfallene Schenke steht etwas abseits im Walde, in der Nähe der Landstraße, wo mehrere Wege abzweigen. Links geht der Weg nach Glupsk und Wolhynien, und rechts nach den Städten des Gouvernements Podolien. Ich gehe nach rechts. Und ich gehe nicht, sondern laufe. Ich schäume vor Wut. Ich könnte den Dieb wie einen Hering entzweireißen. Sonst fehlt mir ja nichts bei meinen guten Geschäften, als mitten im Felde ohne Pferd und ohne Geld sitzen zu bleiben. Also gut. Meine Füße wollen nicht mehr laufen, mein Magen will auf nichts hören und verlangt zu essen. Es ist doch wirklich keine Kleinigkeit, einen so langen Tag zu fasten! Es ist schlecht. Und in mir bohrt der Gedanke: ›Alle Mühe ist umsonst, du brauchst gar nicht so laufen!‹ Die feinen Kerle sind ja schon eine lange Weile vor mir aufgebrochen. Außerdem fahren sie, und ich gehe zu Fuß. Ich klammere mich nur noch an die Hoffnung, daß mich vielleicht irgendein Wagen einholt. Es ist noch ein Glück, daß der Mond scheint. Es ist so hell wie am Tage. Kurz und gut, ich gehe, wenn auch nicht mehr so schnell wie vorhin, und schaue mir die Augen aus. Keine lebende Seele ist zu sehen. Aber ich tue das Meinige und gehe immer weiter. Wenn ich etwas beginne, versteht Ihr mich, so gebe ich es nicht so bald auf. Kurz und gut: ich glaube, das Klappern von Rädern zu hören ... Ich kann mit dem Kopf in die Erde versinken: wie zum Trotz fahren die Wagen mir entgegen, und nicht in die Richtung, wohin ich will. So ein Pech habe ich immer! Ich wende mich zu dem einen Wagen, dann zum andern, die Leute sind betrunken wie Lot. Nun gerate ich, versteht Ihr mich, in helle Wut. Ganz wild werde ich vor Zorn! ... Und ich renne weiter. Ich bin schon recht weit gekommen, es ist auch schon spät. Und ich hoffe noch immer, daß mich irgendein Wagen einholen wird. Ich höre wieder Rädergeklapper: die Wagen kommen mir wieder entgegen! ›Nein!‹ sage ich mir: ›Diesmal will ich es nicht so gehen lassen. Ich gebe das Letzte her, damit man mich eine Strecke fährt.‹ Ich fasse mir ein Herz, gehe auf die Wagen zu: sie rühren sich nicht vom Fleck. Es ist zum Zerspringen! Wie ich näher komme, fällt mir ein, daß es vielleicht jene feinen Leute sind. Ich verlangsame die Schritte und überlege mir, was da zu tun ist. Am Wege entlang zieht sich ein Wäldchen. Ich verstecke mich zwischen den Bäumen und sehe mir die Wagen an. Ja, das sind die Leute, alle Zeichen stimmen. Der eine Wagen steht etwas schief, und um ihn herum drängt sich die ganze Gesellschaft: alt und jung, Männer, Weiber und Kinder; alle sind zerlumpt und abgerissen; der eine hackt, der andere klopft, der dritte gibt Ratschläge, der vierte flucht. Die Weiber quietschen, die Kinder winseln. Es ist ein Schreien und Fluchen, ein Schlagen, Heulen und Lachen. Und durch all den Lärm hindurch höre ich einen schreien: ›Das neue Pferd ist an allem schuld, verbrennen soll es! Diese Plage! Den ganzen Weg zog es immer auf die Seite ... Krepieren soll es! Das ist Fajbuschkes ehrlicher Fund, daß ihn die Cholera!‹ – ›Ihr Greiner, Stinkaffen, Strohwische ohne Hände und Augen, ihr versteht nur zu fressen und schlafen!‹ schimpft ein rothaariger Kerl mit breitem Rücken und zeigt allen die Fäuste. Ich sehe genauer hin: am letzten Wagen steht Euer Gaul, Reb Mendele! Er ist ausgespannt, hat aber noch die Geschirriemen hängen. Man hatte ihm wohl die Ehre erwiesen und ihn vor eine Droschke gespannt. ›Du kluges Tier!‹ sage ich voller Freude: ›Du hast ihnen wohl den Brei eingebrockt.‹ Wo ist aber meine Schindmähre? Sie steht hinter demselben Wagen festgebunden. Ich schaue mir meinen Stecken an, hole das Messer aus der Tasche und schleiche mich so leise wie ein Kätzchen heran. Während die Bande mit der Achse beschäftigt ist, durchschneide ich den Strick, schwinge mich auf meinen Gaul und reite mit beiden Pferden ohne Abschied davon. Einer von der Bande sieht es aber, daß ihn der Teufel! Er fängt zu schreien an, und es entsteht ein großer Spektakel. Der rothaarige Kerl setzt mir nach; gleich holt er mich ein! Ich haue auf die Pferde ein, und sie lassen sich diesmal nicht lange bitten und rennen, was sie können. Der Rothaarige ist schon etwas zurückgeblieben. Nun verwickelt sich meine Schindmähre in die Geschirriemen Eures Pferdes, die ich ihm in der Eile abzunehmen vergaß. Das Pferd stürzt, und ich kann nicht weiter. Der Rothaarige holt mich ein, fällt wie ein Raubtier über mich her, und wir beginnen miteinander stumm, doch voller Wut zu ringen. Ein jeder will den andern umwerfen, und beide fallen mit solcher Wucht hin, daß die Knochen knacken. Wir arbeiten ordentlich: bald bin ich oben, und der Rothaarige liegt unter mir, und ich drücke ihn, daß er kaum atmen kann; bald haben wir die Rollen vertauscht: er ist oben, und ich bin unten. Also gut. Nun fahre ich ihm mit der Faust, versteht Ihr mich, in die siebente Rippe, in das Dickbein. Er springt auf und bleibt wie tot liegen. Es war aber nur Verstellung. Ich ließ von ihm ab, und er wartete nur darauf. Er steckt die Hand in die Tasche und zieht ein Messer hervor. ›Ach, so ein Kerl bist du gar!‹ – schreie ich auf und schlage ihn auf die Hand, so daß das Messer weit davonfliegt. Er nimmt alle seine Kräfte zusammen, stürzt sich auf mich so flink wie eine Katze, packt mich am Halse und hat mir schon beinahe seine Hand in den Mund gesteckt, um mich zu erwürgen, als plötzlich eine Wagenschelle erklingt. Das macht ihm Angst: er ist ja schließlich doch nur ein Dieb! ›Es ist Euer trejfenes Glück‹, sagt er, ›daß jemand gefahren kommt. Da habt Ihr aber ein Geschenk von mir!‹ Und er gibt mir einen Schlag auf den Kopf und verschwindet. Ich stehe auf, steige wieder aufs Pferd und reite weiter. Ich betaste mich – da schau: auf der Stirne sitzt eine Beule! Also gut. Das Meinige habe ich jedenfalls erreicht: ich habe beide Pferde bei mir.« »Dankt Gott für die Errettung Eurer Seele, daß die Sache so ausgegangen ist!« sage ich und umarme Alter vor Freude. »Macht nichts!« sagte Alter. »Soll nur der Rothaarige Gott danken, daß ich seit vierundzwanzig Stunden nichts im Munde gehabt hatte und sehr müde war. Aber unsere Pferde sind da!« »Wo sind denn unsere Löwen?« frage ich, mich nach allen Seiten umschauend. »Habt Zeit, Reb Mendele!« antwortete Alter: »Der Bursche, mit dem ich die Pferde hergebracht habe, ist mit ihnen zur Tränke gegangen; dort am Bach gibt es auch gutes Gras. Seid unbesorgt, er paßt gut auf. Ich bin ja erst eben angekommen. Müde und zerschlagen, wie ich seit der letzten Nacht war, warf ich mich in den Wagen und zog die Decke über mich, um ein kleines Schläfchen zu machen. Kaum schließe ich aber die Augen, als Ihr ankommt. Gelobt sei Gott, daß wir uns heil wiedersehen ... Was habt Ihr Euch das Gesicht verbunden, Reb Mendele? Habt Ihr Zahnweh, wie?« »Wir beide haben die Köpfe verbunden«, sage ich, »Ihr, Reb Alter, habt eine Beule, und ich bin ohne eine Peje; Ihr seid mit dem Burschen gekommen, und ich mit Reb Chajim-Chane, Chaje-Trajnes Mann!« So stelle ich ihm meinen Begleiter mit vollem Titel vor. Alter blickt mich fragend an. »Wie?!« rufe ich erstaunt aus: »Ihr kennt nicht Chaje-Trajne?« »Nun, Chaje-Trajne ist eben Chaje-Trajne«, erwidert Alter verwundert, »aber die Peje! Was hat die mit Eurer Peje zu tun?« »Eine Verwandte, meine Frau ist mit ihm verwandt«, sagt Chajim-Chane etwas blöde. Und wie wir so, auf dem Grase sitzend, reden, zeigen sich schon aus der Ferne unsere Löwen. Sie scheinen mir seit gestern verändert. Sie halten ihre Köpfe so stolz, wie wenn sie sagen wollten: »Lach nur, lach! Es hat sich doch ein Liebhaber gefunden, der uns stehlen wollte. Macht nichts: wir haben zwar wunde, mit Lumpen verbundene Beine und Triefaugen, aber wenn es eine Droschke zu ziehen gilt, so ziehen wir sie, und wenn man eine Achse zerbrechen muß, so können wir auch das nicht schlechter als die anderen. Unser ganzes Unglück ist, daß wir in jüdischen Händen sind: Ihr, Juden, versprecht euren Pferden ihr Fressen, gebt ihnen aber nichts als Schläge ...« Wie mein Pferd näher kommt, schlage ich es leicht auf die Schnauze und lächele: »Du, Schlingel!« Bald darauf kommt Reb Alters Begleiter. Ich blicke ihn an, schlage beide Hände zusammen und rufe aus: »Fischke! Ach, hätte ich doch vom Messias gesprochen, dann wäre er sicher gekommen!« »Ist es derselbe Fischke, von dem Ihr mir erzählt habt?« fragt Alter erstaunt. »Ja, derselbe, der aus dem Bade. Nun, Friede sei mit Euch, Fischke!« »Auch ich habe Euch gleich erkannt, Reb Mendele«, sagt Fischke nach der ersten Begrüßung. »Wir müssen Eurem Fischke dankbar sein«, sagte Alter zu mir. »Wenn er nicht wäre, so hätten wir unsere Pferde ebensowenig wie unsere Ohren zu Gesicht bekommen.« »Und wenn Reb Alter nicht wäre«, sagt Fischke, »so wäre Fischke eines bösen Todes gestorben.« »Ich habe es schon gehört, ich habe es schon gehört!« sage ich. »Sag mir, lieber Fischke, wie kommst du her?« »Es ist eine lange Geschichte«, antwortete Fischke, sich von mir ein wenig wegwendend. Ich sehe mir Fischke genauer an: er ist, nebbich, bloß und barfuß, hat geschwollene wunde Füße, ist von der Sonne verbrannt und mager wie ein Zaunstecken – Haut und Knochen. Das Herz tut mir weh, wie ich ihn so sehe. Er hat wohl sicher viel Leiden auszustehen gehabt. Ich ergreife seine Hand und sage: »Deine Geschichte werden wir später hören, Fischke. Wir haben noch Zeit. Derweil ruhe dich hier mit uns aus.« XII Dieser herrliche Morgen könnte einem jüdischen Dichter genug Material zu einem schönen Gedicht liefern. Zu einem Gedicht von vier verheirateten Juden, die mit aufgeknöpften Westen im grünen Gras liegen, sich ihres Daseins freuen und schweigen; auch von der strahlenden Sonne, der schönen Natur, den Tautropfen, Vögeln und Pferden. Er könnte auch noch manches aus dem Eigenen hinzufügen: eine Schafherde, die am Sumpfe weidet, ein helles Bächlein, aus dem Hündinnen ihren Durst stillen; er könnte uns auch Flöten in den Mund geben, damit wir wie die Hirten ein Loblied auf die Braut des ›Hohenliedes‹ blasen. Hirtentaschen brauchte er uns nicht zu geben: wir haben unsere eigenen Säcke. Aber nur bis hierher, verehrter Herr Dichter, und nicht weiter! In meiner Seele herumwühlen, Euren Senf dazugeben, das dürft Ihr nicht! Das könnt Ihr bei andern machen ... Meine Gedanken will ich lieber selbst wiedergeben. Ich liege also in dieser Gesellschaft im Grase, habe die Augen offen und freue mich. Worüber? Das weiß ich selbst nicht. Mir ist so wohl ums Herz, ganz ohne Worte. Ich trällere dabei, aber durchaus nicht mit der Absicht, ein Konzert zu geben, sondern einfach so ... So pflegt der Jude ohne Worte und ohne Gedanken zu trällern, wenn die Nahrungssorgen ihn für eine Weile in Ruhe lassen. So trällert auch eine ganze Gesellschaft Juden, wenn sie an einem Feiertag oder einem Sabbat nach dem Kugel in ihren Schlafröcken spazieren gehen, wobei die einen die Quasten der Schlafröcke oder die Bärte drehen und die andern die Hände im Rücken halten. Auch Chajim-Chane trällert mit strahlendem Gesicht. Plötzlich steht er auf, packt sein Bärtchen mit der Hand, beleckt sich die Lippen und sagt zu mir: »Nun, Reb Mendele, es ist Zeit zu fahren, wie?« »Ihr wollt schon heimfahren?« frage ich und stehe gleichfalls auf. »Nun, fahrt glücklich heim!« »Was?!« Chajim-Chane sieht mich erstaunt an. »Und Ihr, Reb Mendele? Wollt Ihr nicht mitfahren? Es war ja ausgemacht!« »Wie kann ich mitfahren?« antworte ich, auf alle meine Leute zeigend. »Wir bitten, wir bitten!« sagt Chajim-Chane: »Sollen sie alle auch mitkommen. Meine Chaje-Trajne macht heute Krapfen. Es wird für alle reichen.« »Schönen Dank!« sage ich, mich verbeugend. »Ich hab aber keine Zeit. Ich muß ja auch ans Geschäft denken. Grüßt Euer Weib gar freundlich von mir.« »Gott sei mit Euch, Reb Mendele! Mein Weib wird mich ...« Chajim-Chane wollte sagen: »erschlagen«, unterbrach sich aber und sagte in großer Aufregung: »nicht ins Haus lassen, wenn ich ohne Euch komme! Sie hat mit mir heute nacht die ganze Sache besprochen. Versteht Ihr mich? Sie rechnet so bestimmt auf Euch ... Chassje-Grunje meine ich ... »Versteht Ihr mich?« »Ich verstehe, ich verstehe ... Man muß aber etwas Geduld haben. Auch mein Weib wird mich ... nicht ins Haus lassen, will ich sagen, wenn ich die Sache nicht zuvor mit ihr bespreche. Versteht Ihr mich? Was soll ich tun, Reb Chajim-Chane?« Chajim-Chane stand wie geohrfeigt da. Man konnte ihm ansehen, wie ihm das Herz blutete. Sein Gesicht hatte sich ganz verändert. »Tut mir den Gefallen, kommt mit!« fleht er mich an. »Und wenn Ihr nicht kommen wollt, so gebt mir wenigstens einen Brief für Chaje-Trajne: mir wird sie es ja nicht glauben. Sie wird sagen, daß ich ein Schlemiel bin ... Versteht Ihr mich? Schreibt ihr einige Worte, der Rebbe wird ihr den Brief vorlesen. Ich bitte Euch darum!« Was soll ich machen? Es gilt doch, eine Seele zu retten. So ein Mann verdient zwar solche Behandlung. Soll er aber seine Ohrfeigen nicht um meinetwillen bekommen. Ich hole aus meinem Ranzen einen Bleistift, reiße aus einem Gebetbuch das erste leere Blatt heraus, lehne mich an den Bock und schreibe folgende Worte: »An die vornehme, treffliche und keusche Frau Chaje-Trajne, die Freundin meines Fleisches, sie möge leben und gesund sein, Amen! Ich tue Euch kund, daß ich, Gott Lob und Dank, bei bester Gesundheit und heil an allen Gliedern bin. Der Herr, gepriesen sei Er, möge Seine Gnade uns auch fernerhin erhalten, auf daß wir voneinander tröstende Botschaften in großer Freude, in Reichtum und Ehren und leichten Herzens zu hören bekommen. Amen, Sela. Ich grüße Eure Kinderchen – mögen sie viele Tage und Jahre am Leben erhalten bleiben! – Insbesondere bitte ich aber Eure Tochter, die Jungfrau Chassje-Grunje, leben soll sie, um Gottes willen gar freundlich zu grüßen. Und ferner tue ich Euch kund, daß ich alle meine Ware, Gott sei Dank, vorgefunden habe und auch die Wagen an ihrem Platz. Und zweitens teile ich Euch mit, daß auch die Pferde wieder da sind. Reb Alter Jaknhas hat sie aus den Händen der Diebe befreit. Das habe ich nur den frommen Verdiensten meiner Väter zuzuschreiben. Große Wunder sind vor unseren Augen geschehen. Wir verdienen gar nicht diese Gnade des Himmels. Euer Gatte, sein Licht möge leuchten, wird Euch die Sache mit allen Einzelheiten erzählen. So etwas sollte man wirklich in die Chronik eintragen. Ich bitte Euch, Chaje-Trajne, wie eine Mutter um Vergebung, daß ich es wage, ein Wort für Euren Mann einzulegen, der großen Kummer davon hat, daß ich heute gegen unsere Verabredung nicht zu Euch kommen kann. Habt Erbarmen mit ihm: verkürzt ihm nicht das Leben und straft ihn nicht dafür, daß ich mein Wort nicht halte und heute nicht zu Euch komme. Euer Mann verdient, so wahr ich lebe, das größte Mitleid. Er hat sich viel Mühe gegeben und hat die größten Loblieder auf Euch gesungen, besonders aber auf Eure treffliche Tochter, die ich gar freundlich zu grüßen bitte. Jedenfalls hat er seinerseits alles getan, was ein Mann und ein treubesorgter Vater nur tun kann ... Versteht Ihr mich? Er hat mich sogar mit Krapfen und anderen guten Sachen zu verlocken versucht. Aber Geschäft ist doch wichtiger als alles. Dem Geschäft zuliebe muß ich selbst auf die Krapfen verzichten. Zweitens habe ich ja auch meine eigene Frau; Ihr versteht doch, was ich damit sagen will! Was ist der Mann ohne seine Frau? Ich hoffe zu Dem, Der ewig lebt, daß wir uns, so Gott will, in Freuden wiedersehen und bei Euch Krapfen essen, und vielleicht auch Lebkuchen ... Versteht Ihr mich? Indessen soll aber Euer Mann, nebbich, nicht für mich leiden. Er verdient wirklich Mitleid! Ich schicke Euch durch Euren Mann folgende Geschenke: ›Eine neue Tchine um Lebensunterhalt‹, ›Tchines zum Lichtbentschen und Neumondbentschen‹, ›Tchine der heiligen Mütter Sarah, Riwke, Rochel und Leë‹ und ›Eine nagelneue Tchine zum Kapores-Schlagen‹. Auch schicke ich Euch die ›Reine Quelle‹, ein Buch, in dem sich jede Frau auskennen sollte, um alle darin verzeichneten Gesetze zu befolgen. Ihr werdet daran große Freude haben. Auch Eure Tochter, die Jungfrau Chassje-Grunje, wird sich freuen. Chaje-Trajne! Ich habe eine Bitte an Euch. Als Eure Wanzen, nicht gedacht soll ihrer werden, mich letzte Nacht so furchtbar peinigten, zog ich meine wollenen Socken aus und vergaß sie in der Eile auf Eurer Pritsche. Wenn Ihr sie findet, so gebt sie, bitte, Eurem Mann, und er möchte sie in Gesundheit tragen. Das ist ein Geschenk von mir. Seid mir gesund und grüßt von mir noch einmal Eure lieben Kinderchen, insbesondere aber Eure Tochter, die Jungfrau Chassje-Grunje, leben soll sie. Und vergeßt um Gottes willen Euren Mann nicht. Euer Mann hat, nebbich, ein schweres und bitteres Leben. Und meine Peitsche, die ich in Eurer Kammer vergessen habe, schenke ich dem Rebben. Er wird sie brauchen können ... Von mir, der Euch und Eure Kinderchen und insbesondere Eure Tochter, die Braut, gar freundlich grüßt. Der unwürdige Mendele, der Bücherhändler.« Als ich diesen Brief Chaje-Trajnes Mann vorlas, war er überglücklich und freute sich über die süße Sprache. Bei jedem Wort schlug er sich mit der Hand auf die Stirne, ganz erstaunt darüber, daß ein Mensch so etwas zustandebringen kann, und rief immer wieder aus: »Diese herrliche Sprache! Süß wie Zucker, so wahr ich Jude bin! ...« Wir nahmen voneinander freundlich Abschied, und er fuhr leichten Herzens davon. XIII Da wir beide furchtbar müde und zerschlagen sind, beschließen wir, einige Stunden zu schlafen. Und dann wollen wir uns mit neuen Kräften wieder auf den Weg machen und bis spät in die Nacht hinein fahren. Fischke wird inzwischen auf die Pferde aufpassen und das Mittagessen bereiten. »Ich habe ja diese Nacht«, sagte er, »nach der Geschichte, die ich erlebt habe, sehr gut geschlafen, und als Reb Alter zu mir zurückkehrte, hatte er große Mühe, mich zu wecken.« Reb Alter legt auf meine Bitte seinen Kopf zu mir auf den Schoß, und ich nehme mein Messer und drücke ihm mit der Klinge seine Beule ein. Dann gähnen wir beide, recken die Glieder und legen uns in den Schatten eines Baumes. Wenn die Sonne nicht so furchtbar gebrannt hätte, würden wir wohl bis in den späten Nachmittag geschlafen haben. Wie wir die Augen öffnen, sehen wir in der Nähe ein lustiges Feuer und darauf einen Topf mit Kartoffeln, Zwiebeln und jüdischer Wurst. Wir nehmen zunächst einen Schluck Schnaps und beginnen dann mit großem Appetit zu essen. Wir loben Fischkes Kochkunst in den höchsten Tönen. Das Essen hat den richtigen jüdischen Geschmack, und der König selbst könnte von seinen Kartoffeln kosten. Er freut sich und sagt immer: »Esset, esset, wohl bekomm es Euch!« »Wo hast du die jüdische Wurst her, Fischke?« fragen wir ihn. »Aus unsern Kartoffeln und Zwiebeln ginge ja sonst nur eine gewöhnliche Kartoffelspeise zu machen.« »Woher ich die jüdische Wurst habe, fragt Ihr mich?« antwortete Fischke. »Aus meinem Sack. Es ist mir doch gelungen, meinen Sack vom Räuber zu retten, daß ihn der Teufel!« »Erzähl doch, Fischke«, bitten wir ihn, »was hast du alles erlebt?« »Ach!« sagte Fischke und seufzte traurig auf. »Es wäre viel zu erzählen, es ist eine furchtbar lange Geschichte!« »Der Tag ist lang, und wir haben, Gott sei Dank, Zeit, um die Geschichte zu hören. Wollen wir einspannen!« sage ich zu Alter. »Wir werden langsam weiterfahren, und Fischke wird uns seine Geschichte erzählen.« Als beide Wagen angespannt sind, lade ich die ganze Gesellschaft zu mir auf meinen Wagen ein. Alter aber lädt uns zu sich ein. »Bei mir«, sagt er, »ist es geräumiger, mein Wagen ist nicht so vollgepackt.« Ich mache den Vorschlag: »Wollen wir zuerst in seinem Wagen fahren und dann in dem meinigen.« Auf Alter Jaknhas' Wagen »Nun, Fischke, los! Heraus mit der Sprache!« bitten wir ihn, als wir Platz genommen und bei unsern Pferden durchgesetzt haben, daß sie sich vom Fleck rühren. Fischke aber zögert noch, hält die Augen gesenkt und läßt seine Finger knacken. »Weiß ich? ... Ich schäme mich, so wahr ich lebe. Wie soll ich's erzählen! Ich kann einfach nicht. Es ist zu schwer, so wahr ich lebe!« Ich rede Fischke zu, und Alter seinerseits sagt ihm folgendes: »Nur der Anfang ist schwer, Närrchen. Wenn das erste Wort einmal gesagt ist, geht das weitere wie geschmiert. Ich weiß es aus eigener Erfahrung. Es kostet dich doch nichts! Wirst es nachher selbst sehen, du Närrchen ... Also du hast die blinde Waise geheiratet, Fischke. Das wissen wir schon. Nun, und was war weiter?« »Weiter? Der böse Geist fahre in ihren Vater und ihres Vaters Vater!« platzt Fischke voller Wut heraus. »Sie haben mich schön hereingelegt!« »Nun? Nun?« dringen wir in Fischke, der nach dem ersten Gefühlsausbruch gleich wieder verstummt ist. Fischke tut wieder den Mund auf und beginnt mit etwas weniger Feuer als vorher: »Ach, ein nettes Weibsbild! ... Nach der Hochzeit lebten wir gar nicht schlecht, so wie ein jüdisches Ehepaar leben soll. Ich glaube, ich habe alle meine Pflichten gegen sie erfüllt. Ihr hört, Juden? Soll mir der Mund verdorren, wenn ich lüge! Jeden Morgen führte ich sie, so wie es sich gehört, auf ihren Platz am Alten Friedhof, wo sie auf einem Strohbündel zu sitzen und mit der Melodie von Kines Almosen zu bitten pflegte, was alle tief rührte. Einige Male am Tage brachte ich ihr Essen: bald Suppe, bald ein heißes Küchlein, bald eine saure Gurke oder einen Haferbrei. Erquicke dich! Sie sitzt ja den ganzen Tag auf einem Fleck und ist nur auf ihr Geschäft bedacht. Oft kam ich auch einfach so hin, um nachzuschauen, wie es ihr geht, und ihr beim Geschäft zu helfen: dem einen oder dem andern auf einen Dreier oder einen Sechser herauszugeben; sie an die Guthaben zu erinnern, die sie bei den Bürgern hat, die ihr im Vorbeigehen nichts gegeben und die Gabe für später versprochen haben; oder eine Kuh oder eine Ziege zu vertreiben, die bei ihrem Spaziergang durch die Straße plötzlich Lust bekommen, unter meiner Frau etwas Stroh herauszuziehen. Im Monat Elul führte ich sie immer auf den großen Friedhof vor der Stadt; sie machte ihre Sache nicht schlechter als die übrigen geistlichen Personen: Schamossim, Schächter, Chasanim, Vorbeterinnen, Almosenempfänger, Psalmenleser, Vereinsschwestern, Knotenlegerinnen, Feldmesserinnen, Weinerinnen und Klageweiber. Das Geschäft blühte. Wir hatten genug, wovon zu leben. Wenn man es aber gut hat, will man es noch besser haben; wenn man Schwarzbrot hat, lechzt man nach einer Semmel. ›Weißt du was?‹ sagt mir einmal mein Weib: ›So ein Paar wie wir kann gar nicht zugrunde gehen. In unserem Geschäft sind ja alle Gebrechen nur Vorzüge. Hätte wer anderer dieses Gebrechen, so würde er damit sein Glück machen. Wir beide sind aber Schlemiele und tun nicht das Richtige. Folge einmal deinem Weib, das älter und erfahrener ist als du. Ziehe mit mir in die große Welt hinaus, in die Städte, wo es viel Menschen gibt, und du wirst sehen, daß wir uns in Gold kleiden werden. Hier am Platze ist ja nichts mehr zu machen. Man muß oft lange sitzen und warten, bis sich einer erbarmt und einen Groschen gibt. Die Leute erzählen aber, wie gut es dem Leckisch, dem Cholera-Bräutigam, mit seiner Frau Perl in der großen Welt geht. Sie machten sich gleich nach der Hochzeit auf die Wanderschaft und haben, unberufen, Glück! Motel, der Bettler, hat sie in Kischinew getroffen, wie sie bettelnd von Haus zu Haus gingen. Ihre Säcke waren vollgestopft mit allem Guten: mit Semmeln, viel größer als man sie hier dem Schabbesgoj zu geben pflegt; mit Mamalyga, geräuchertem Hammelfleisch, Würsten und ähnlichen Dingen. Perl strahlt wie die Sonne. Man ist geblendet, wenn man sie anschaut. Sie ist dick und fett und sieht wie eine Gräfin aus. Von Glupsk will sie nichts mehr wissen, selbst wenn man ihr die ganze Stadt schenken wollte. Und Leute, die aus Odessa kommen, staunen, wie gut es dort Jontel, dem anderen Cholera-Bräutigam, geht. Man sah ihn dort, wie er zwischen den Kaufläden auf seinem Gesäß herumrutschte. Auch er macht gute Geschäfte. Die Leute können sich an ihm gar nicht sattsehen. Odessa, sagen die Leute, hat zwar genug Krüppel, denn alle Krüppel von der ganzen Welt kommen hin, aber die Odessaer Krüppel lassen sich mit den Glupsker gar nicht vergleichen. Solche Krüppel, wie sie Glupsk in die Welt hinausschickt, kann nicht einmal England hinausschicken. Glupsk, sagen die Leute, ist in der ganzen Welt berühmt. Einen Glupsker Juden staunt man überall wie das größte Wunder an ... Gott wird wohl auch uns nicht verlassen. So lange es noch Sommer ist, laß uns in die Welt ziehen. Man soll keinen Tag verlieren, so wahr ich lebe!‹ Mein Weib verführte mich wie der böse Trieb, und wir machten uns auf den Weg. Ich will nicht mit der Zunge sündigen und muß Euch sagen, daß es uns zuerst sehr gut ging. In welche Stadt, in welches Dorf wir auch kamen, überall hatten wir den größten Erfolg. Alle schauten uns an, niemand versagte uns eine Gabe. In jeder Stadt stand für uns der Hekdesch offen und jedes Haus: geh nur hinein und steck dir, so viel du willst, in die Tasche, in den Busen, in den Sack. Der Schames von der Schul ließ von uns einige Groschen zahlen und verschaffte uns dafür ›Billette‹ auf Sabbat. Mein Weib brachte mir die ganze Bettlerwissenschaft bei. Ich war ja noch Anfänger und verstand nichts vom Betteln. Sie aber kannte die Sache von Grund auf mit allen Feinheiten. Sie lehrte mich, wie man in ein Haus tritt, wie man seufzt und hustet und wie man dabei ein unglückliches Gesicht macht. Wie man um Almosen bittet, wie man den Säumigen mahnt und wie man einem Menschen zusetzt; wie man einem Glück wünscht und wie man flucht. Ihr glaubt wohl, daß man so einfach von Haus zu Haus geht und bettelt? Nein! Es ist eine ganze Wissenschaft. Um unter Juden reich zu werden, braucht man nur Glück. Frechheit, Unverschämtheit und dergleichen lernt man später von selbst. Aber um ein richtiger jüdischer Bettler zu sein, genügt Glück allein nicht; dazu gehören noch viele andere Dinge. Man muß das Spiel kennen und verstehen, einem Menschen so lange zuzusetzen, bis er etwas geben muß , und wenn er daran auch stirbt. Meine Frau und ich waren Bettler zu Fuß. Ihr schaut mich so erstaunt an, meine lieben Freunde, wie wenn Ihr es gar nicht fassen könntet. Da ich schon einmal angefangen habe, davon zu sprechen, so muß ich Euch dies erzählen. Die Bettler werden ebenso wie Soldaten eingeteilt: 1. in Bettler zu Fuß ... Wartet einmal: unter diesen gibt es wieder hundert Sorten und Abarten mit schwierigen Namen und Zunamen ... Bettler, die zu Fuß laufen ... Der Teufel soll sich da auskennen! Bettler, Schnorrer, Bettelbrüder, Landstreicher, Nichtstuer, Tellerlecker! – ohne Zahl! Wartet, ich muß einen Augenblick nachdenken.« Das Nachdenken half ihm aber nicht. Er blieb in der Aufzählung der verschiedenen Sorten Bettler stecken und konnte nicht heraus. Ich verstand nur so viel, daß die Bettler in zwei große Gruppen eingeteilt werden: in Bettler zu Fuß , das heißt solche, die zu Fuß laufen, und Bettler zu Pferde , solche, die sich zu Wagen herumschleppen. Außerdem werden sie eingeteilt in Stadtbettler , das heißt solche, die in irgendeiner Stadt, meistens in Litauen geboren sind, und Feldbettler , die in einem Wagen irgendwo im Felde zur Welt gekommen sind und deren Väter und Vorväter ihr ganzes Leben im Wagen verbracht haben. Diese letzteren sind die jüdischen Zigeuner. Sie wandern ewig von einem Ende der Welt zum andern, werden im Wagen geboren, wo sie auch heiraten und sich vermehren. Sie sind freie Menschen und zahlen keinerlei Steuern und Abgaben; außerdem haben sie weder die Pflicht zu beten noch andere jüdische Pflichten. Sie haben keinen Herrn über sich. Zu den Stadtbettlern gehören folgende Sorten: einfache Bettler , das heißt Männer, Frauen, Burschen und Mädchen, die jeden ersten, zuweilen auch mitten im Monat mit einem Sack von Haus zu Haus ziehen und sich mit der geringsten Gabe, auch mit einem Stück Brot, begnügen. Kleine Jungen und Mädchen, die den Leuten auf den Straßen nachlaufen und sie so lange am Rockschoße zerren, bis man ihnen etwas gibt, um sie los zu sein. Geistliche Bettler – Batlonim und Almosenempfänger, die in jeder Betstube zu finden sind; sie lesen bei einer Leiche und auf dem Friedhofe zur Jahrzeit ein Talmudkapitel herunter und sprechen den Kaddisch. Dazu zählen auch die Schejfforbläser, Mesuses-Beschauer und ähnliche Fachleute. Thora- und Mizwo-Bettler – Leute, die ihre Weiber irgendwo sitzengelassen haben und in der Fremde in irgendeiner Betstube auf Gemeindekosten den Talmudtraktat ›Vom Ei‹ studieren. Jeschiwe-Bochers, die müßig herumgehen oder beim Ofen hocken und »Tage essen«. Juden, die mit roten Schnupftüchern in der Hand von Haus zu Haus gehen, sich als Vorsteher wohltätiger Vereine ausgeben und für angeblich gottgefällige Zwecke milde Gaben sammeln. Heimliche Bettler – das sind Bürger, die heimlich Unterstützungen und Almosen annehmen. Halbe Bettler – wie zum Beispiel die Talmud-Thora-Lehrer in manchen Städten, die halb Lehrer und halb Bettler sind; es gibt auch solche Schamossim, Dajonim und Rabbonim, die halb von ihrem Beruf und halb vom Bettel leben. Feiertagsbettler – die am Purim und manchmal auch an den hohen Festtagen in großer Gesellschaft von Haus zu Haus ziehen und behaupten, für andere zu betteln. Darlehensbettler – die ihr Leben lang Almosen in Form eines Darlehens fordern: Morgen zahle ich es mit Dank wieder zurück! »Erinnert mich, bitte, Reb Alter«, sage ich, nachdem ich auf Grund von Fischkes Worten obige Sortierung unserer Bettler durchgeführt habe, »erinnert mich, bitte, wenn ich, Gott behüte, vergessen habe, irgendeine Sorte von Bettlern in meine Liste aufzunehmen.« »Ach, ist es nicht ganz gleich?« sagt Reb Alter und sieht mich spöttisch an, wie ein erwachsener, bärtiger Mann einen Jungen anblickt, der Dummheiten spricht. »Und wenn Ihr auch etwas vergessen habt! Sehr wichtig ist Eure Liste! Wenn man auf ihr nicht steht, so kann man wohl kein Bettler sein ...« »Sagt es nicht, Reb Alter!« widerspreche ich ihm: »Unsere Bettler sind sehr stolz und geben viel auf Ehre. Wenn Ihr einen von ihnen auch nur in Gedanken beleidigt, kann es Euch das Leben kosten. Gott behüte Euch vor einem Bettler, der sich auf vertrauten Fuß mit Euch stellt ... Halt, da sind mir noch allerlei Bettler eingefallen: Enkel berühmter Großväter, Palästina-Juden, Abgebrannte, Kranke mit ärztlichen Attesten, Agunes, Witwen aller Art, Verfasser von Büchern, auch Frauen, die mit den Schriften ihrer Männer hausieren. Auch uns beide, Reb Alter, hat der Teufel noch nicht geholt: man darf auch die Bücherhändler und noch mehr: auch die Drucker und Redakteure mit allen ihren Arbeitern, Setzern, Korrektoren, Schreibern, Korrespondenten zu den Bettlern zählen! ... Nun muß ich alle diese Leute sortieren und einen jeden an seinen richtigen Platz auf die Liste setzen. Ich habe wohl niemand vergessen, wie?« »Pfui, Reb Mendele!« sagt Reb Alter aufgebracht und beginnt sich zu kratzen. »Hört schon mit Euren Bettlern auf! Es fängt mich sogar am ganzen Leibe zu jucken an. Ihr könnt es von mir aus viel kürzer machen: ganz Israel ist ein Bettler, damit es einmal ein Ende nimmt! Laßt doch Fischke weitererzählen und unterbrecht ihn nicht. Ihm ein Wort vorsagen, wenn er einmal stecken bleibt, oder ihm hie und da die Sprache korrigieren – das dürft Ihr von mir aus.« Fischke war aber schon von Anfang an der Chasen, der nur zerrissene, unverständliche Worte von sich gibt, und ich der helfende Chorjunge, der ihm das Wort aus dem Munde nimmt, wenn er zu ersticken droht. Ohne meine Hilfe könnte man Fischke wohl gar nicht verstehen. Alter half nur ab und zu mit einem »Kurz und gut« und »Nun!« nach, wie man am Sabbat in der Schul den Chasen zur Eile anzutreiben pflegt, wenn man weiß, daß zu Hause der Kidduschwein, der Tscholent und der Kugel warten. XIV »Ich und mein Weib gehörten zu den Bettlern zu Fuß. Nun könnt Ihr Euch selbst vorstellen, wie langsam wir mit meinen kranken Füßen zu gehen pflegten: wir gingen nicht, sondern krochen wie die Krebse.« Fischke sagte das in seiner unverständlichen Sprache, alle »r« und manche andere Buchstaben auslassend. Ich übersetzte es in die gewöhnliche Menschensprache und übersetzte auch weiter: »Mein Frau begann mit der Zeit zu schimpfen, zu fluchen, zu sticheln, mir allerhand Spitznamen anzuhängen und meine kranken Füße vorzuwerfen. Sie behauptete, daß ich ihre Erwartungen getäuscht hätte; sie hätte mich zu einem Menschen erzogen, in menschliche Gesellschaft gebracht, mich ernährt und mir zu einer Stellung in der Welt verholfen; ich sei ihr aber nicht so ergeben, wie sie es verdiene, und tue ihr alles zum Trotz. Solche Szenen kamen aber recht selten vor. Ich tat so, als ob ich es nicht hörte, und dachte mir: ›So sind eben alle Weiber, so muß es sein! Jedes Weib traktiert ihren Mann mit Schimpfworten und manchmal auch mit Schlägen.‹ Kaum machte sie ihrem Zorn ordentlich Luft, als gleich wieder das schönste Leben begann: Fischke war ihr wieder wert und lieb, und sie pflegte mir ihre Hand auf die Schulter zu legen und zu sagen: ›Nun, Fischke, marsch weiter!‹ Ich gehe voraus, sie mir nach, und beiden ist es so wohl ums Herz. Und wir schleppen uns immer weiter. Es dauerte furchtbar lange, bis wir in Balta anlangten. Wir kamen zu spät: der weltberühmte Baltaer Jahrmarkt war schon zu Ende. Mein Weib ist ganz außer sich. Sie ärgert sich so, wie wenn sie eine Million Taler verloren hätte. Ich tröste sie und sage ihr: ›Mein Gott, das Unglück ist doch nicht so groß: die Baltaer Häuser sind uns ja noch geblieben! Genügen uns denn nicht die vielen Häuser in dieser großen Stadt?‹ Und sie schreit immer: ›Verbrennen sollst du mit deinen Häusern! Was taugt mir, Verdammter, diese schmutzige Stadt? So eine Stadt willst du mir anhängen? Ich will sie nicht! Hörst du? Ich will diese Stadt nicht! Versinke hier im Schmutz und erwürge dich mit deinem schmutzigen Balta!‹« »Reb Alter, ich hab's!« rufe ich plötzlich aus: »Mir ist noch eine Sorte Bettler eingefallen: Bettler mit Buchhaltung .« »Ein feiner Fund!« sagt Alter und schnalzt vor Verachtung mit der Zunge: »Von mir aus könnte man sie überhaupt nicht erwähnen.« »Einen von diesen Leuten, einen gewissen Ssimchele den Lebendigen in Glupsk, kenne ich sogar sehr gut. Er hat ein eigenes Buch, in dem alle Häuser verzeichnet sind und die Beträge, die er von jedem Bürger im Laufe eines Jahres zu bekommen hat. ›Die Häuser‹ – sagt er – ›gehören mir und zahlen mir den Zins. Ganz Glupsk ist mein Kontor.‹ Er pflegt jeden Tag eine bestimmte Zahl Häuser abzubetteln. Laut und unbescheiden tritt er ins Haus und verlangt sein Almosen. Gibt man es ihm sofort, so ist es gut. Und gibt man ihm nichts, so sagt er: ›Macht nichts, ich werde Euer Konto damit belasten.‹ Und läuft schnell weiter. Habt Ihr vielleicht, Reb Alter, einmal gehört, wie ein Glupsker Bettler seine Tochter mit dem Sohn eines Bettlers aus Teterewka verheiratete und ihr alle Häuser von Glupsk als Mitgift gab? Das war eben Ssimchele der Lebendige. Oder habt Ihr vielleicht die Geschichte gehört: bei einer Armenmahlzeit, die ein reicher Mann einmal bei einer Hochzeit veranstaltete, erschien ein geladener Bettler und brachte einen andern, ungeladenen mit. Und als man ihn fragte: ›Wen bringt Ihr da mit?‹ antwortete er: ›Dieser da ist mein Schwiegersohn, der bei mir Kost ißt.‹ Auch das war Ssimchele der Lebendige! Mit einem Worte, dieser Ssimchele betrachtet Glupsk als sein Eigentum.« »Von mir aus kann Euren Ssimchele den Lebendigen der Teufel holen!« sagt Alter und bittet Fischke, weiter zu erzählen. Fischke beginnt in seiner Sprache, ich übersetze es in meine Sprache, und die Geschichte hört sich so an: »Unsere Reise ging nicht geradewegs von der einen Stadt in die andere. Nein, wir krochen und schlängelten uns nach allen Richtungen, wie es sich gerade traf. Einmal kamen wir in eine Stadt ... Ach hätte mich doch der Teufel geholt, ehe ich hingekommen war! Gegen die Stadt selbst kann ich sogar nichts sagen: sie nahm mich recht nett auf und ließ mich in Ehren von Haus zu Haus gehen. Aber ich traf dort meinen Todesengel – geschlachtet soll er werden ohne ein Messer! Die Sache war so: Jene Stadt, in die wir kamen, war gerade von Kavallerie, das heißt von Feldbettlern mit ihren Wagen besetzt. Alles war da in Aufruhr. Die neumodischen Bürger der Stadt hatten nämlich den Beschluß gefaßt, keinem Bettler, mit Ausnahme der Kranken, Alten und Krüppel, etwas zu geben. Gesunde Burschen, Mädchen und Frauen, sagten sie, können arbeiten und sich mit eigenen Händen ihr Stück Brot verdienen. Die dumme jüdische Wohltätigkeit ist einfach schädlich. Sie ernährt, sagten sie, eine Menge unnützer Geschöpfe, die wie die Wanzen von fremdem Blut leben und manchem sogar den Kopf wegfressen. Die Leute hatten nun in ihrer Stadt eine Art Fabrik eingerichtet, in die sie alle gesunden Bettler, die zu ihnen kamen, gar freundlich einluden. Einem jeden boten sie da irgendeine Arbeit an: drehe Stricke oder nähe Säcke, und für diese Arbeit kriegst du zu essen. Nun kamen immer weniger Bettler hin. Die Kavalleristen, die wir dort antrafen, waren voller Wut über diese Neueinführung. ›Gewalt!‹ schrien sie: ›Was ist das für eine Welt? Wo bleibt die jüdische Barmherzigkeit? Es ist aus mit aller Jüdischkeit!‹ Ein kräftiger, rothaariger Bursche – die Beine möchte er sich zerbrechen! – war der Haupträdelsführer. Er schrie mehr als alle anderen: ›Es ist ja ein Sodom! Einfach ein Sodom! Warum sollen die reichen Leute ruhig dasitzen und die andern für sie arbeiten? Beruht denn nicht ihr ganzer Reichtum auf der Arbeit der andern? Sie selbst sind verwöhnte Menschen, sie hüten ängstlich ihre Seelen und verlangen von den andern, daß sie sich abrackern. Je dicker und gesünder so ein reicher Mann ist, um so vornehmer ist er. Und wenn unsereiner gesund ist, so muß er, nebbich, seine Gesundheit verheimlichen und sich ihrer wie ein Dieb schämen. Jedermann schreit unsereinen an: Warum arbeitet so ein kräftiger Kerl nicht? Es wäre schon wirklich Zeit, die Rollen zu vertauschen: sollen die Reichen einmal arbeiten – sind sie denn krank?‹ – ›Du hast recht, Faibuschke, du hast recht! Wir sind ja die gleichen jüdischen Kinder wie sie!‹ So stimmten alle dem rothaarigen Schurken zu und gingen langsam einer nach dem andern aus dem Hekdesch. Gegen Abend mußte ich zufällig durch den Schulhof gehen. Es ist finster, und viele Leute stehen da unberufen herum. Plötzlich höre ich eine weinerliche, flehende Stimme, die auch einen Stein rühren kann. Ich bleibe stehen und sehe einen armen Mann, der mit beiden Händen ein Kissen hält; auf dem Kissen liegt aber ein winziges Kind, das fürchterlich schreit. Der Unglückliche dreht es hin und her, wiegt es und jammert mit tränenerstickter Stimme: ›Weh ist mir, finster ist mir! Mein Weib ist tot und hat mir das kleine Kind hinterlassen! Armes, kleines Waisenkind, schlecht hast du es ohne Mutter! Sei still, sei still, was soll ich mit dir, nebbich, anfangen ?‹ Jeder, der vorbeigeht, gibt ihm etwas, und viele Weiber sprechen ihn sogar an. Er aber jammert ununterbrochen: ›Weh ist mir, finster ist mir!‹ Und er wiegt immer das Kind auf dem Kissen. Das Herz krampft sich mir vor Mitleid mit dem unglücklichen Vater und dem armen, verwaisten Wickelkind zusammen. Ich hole aus der Tasche einen Dreier und gehe auf ihn zu. Wie ich ihm den Dreier reiche, kneift er mich fest in die Hand und sagt dabei mit weinerlicher Stimme: ›Ach, weh ist dir !‹ Und betont das Wort ›dir‹, als meinte er mich. Ich fasse mich vor Schmerz an die Hand, springe etwas zur Seite und schaue ihn verwundert an. Der unglückliche Vater wendet sich zu mir um, ich sehe ihn genauer an und bin ganz starr vor Erstaunen ... ›Für heute ist's genug, komm! Halt eine Weile das Kind!‹ sagt er mir und gibt mir das Kissen. Nun sehe ich, daß die arme Waise eine in Lumpen gewickelte Puppe ist. Der unglückliche Vater ist aber niemand anderer als der rothaarige Schurke Faibuschke. Die Kränke fahre ihm in die Knochen! Er machte aber seine Sache gut: er weinte, stöhnte und jammerte für sich und zugleich auch für das Kind ... ›So muß man mit den närrischen Juden umgehen!‹ sagt er mir. ›Wollen sie nicht im Guten geben, so muß man es von ihnen auf diese Weise nehmen. Ohne Kunststücke geht es eben nicht. Auch der Row, der Dajen, der ehrwürdige Almosenempfänger und alle geistlichen Amtspersonen verstellen sich und machen Kunststücke. Sie – mit ihren Grimassen, und ich mit meinem armen Waisenkind. Laßt euch melken, ihr Kühe! Und du, Fischke, sag Amen!‹ ... Um jene Zeit, als wir uns im Hekdesch aufhielten, machte sich der Rothaarige mit glatten Worten an meine Frau heran. Sie gefiel ihm so gut. Wenn sie etwas haben wollte, reichte er es ihr sofort und bediente sie mit großer Liebe. Und er trieb es so lange, bis er sich ihr ganz anbiederte. Stundenlang pflegte er mit ihr zu plaudern, wobei er oft recht grobe Worte gebrauchte. Meine Frau hielt sich die Ohren zu und tat so, wie wenn sie gar nicht zuhören wollte. Und wenn er sie manchmal anhimmelte: sie sei ein so fettes, molliges, reinliches Weibchen, eine von denen, wie er sie gerne möge – so schimpfte sie, gab ihm auch manchmal einen Klaps auf den Rücken und lachte dabei. Ich lachte anfangs mit, wenn es auch zuweilen ein bitteres Lachen war. Doch ich sagte mir: ›Was kümmert mich dieser Schwätzer? Morgen oder übermorgen sind wir ihn los. Wir werden nach verschiedenen Richtungen fortziehen; ewig werde ich doch seine Fratze nicht vor mir sehen!‹ Zum Betteln geht doch mein Weib, Gott sei Dank, nur mit mir. Wenn er sie bei der Hand nimmt und sie führen will, stößt sie ihn von sich weg und schimpft: ›Geht, geht, ich bin doch eine verheiratete Frau und habe, Gott sei Dank, einen andern, der mich beim Betteln begleitet!‹ Am nächsten Morgen nach der Begegnung mit dem Rothaarigen, wo er sich als unglücklicher Vater verstellte, mußte ich allein auf die Arbeit gehen. Mein Weib hatte sich beim Aufstehen beklagt, daß sie sich nicht ganz wohl fühle. Sie streckte sich und gähnte – ein böser Blick hatte sie wohl getroffen! – und blieb zu Hause. Auch ich fühlte mich nicht ganz wohl, und es stieß mich immer auf. Es war mir aber zu langweilig, allein ohne mein Weib betteln zu gehen. Ich muß gestehen, daß mein Weib mir teurer geworden war, seitdem der Spitzbube angefangen hatte, mit ihr zu schäkern. Ich ärgerte mich oft über ihn, der Zorn brannte in mir wie Feuer, und doch zog er mich wie durch einen Zauber an. Es war ein süßer Schmerz, wie ich ihn manchmal empfinde, wenn ich mich bis ans Blut kratze. Ein Schmerz und eine Wonne zugleich ... Am Betteln hatte ich diesmal gar nicht das Vergnügen wie sonst. Ich machte es kurz – mit Sabbatstichen – und war schnell fertig. Wie ich wieder in den Hekdesch komme, sehe ich, daß mein Weib mit dem Rothaarigen sitzt und er ihr etwas zuflüstert. Ihr Gesicht glüht, sie hat sich zu ihm geneigt, um jedes seiner Worte zu hören, und ein süßes Lächeln spielt auf ihren Lippen. Als ich auf sie zuging und sie fragte: ›Wie geht es dir?‹ fuhr sie zusammen und wußte im ersten Augenblick nicht, was zu sagen. Nachher betastete sie mich mit der Hand, wie es ihre Art ist, und sagte: ›Weißt du, Fischke, was mir fehlt? Es kommt nicht vom bösen Blick, sondern vom Zufußgehen. Die Heilgehilfin sagte mir heute, ich solle ins Bad gehen, mir einige Schröpfköpfe setzen lassen und mich auf die Nacht einreiben und ordentlich schwitzen. Nein, Fischke, ich kann nicht zu Fuß weitergehen! Reb Faibuschke ist so gut und nett und will uns zu sich auf den Wagen nehmen. Was sollen wir tun? Was meinst du, Fischke?‹ Der Kerl sah mich dabei mit einem solchen Lächeln an, daß es mich stach. Das Herz krampfte sich in mir zusammen, und ich fühlte mich wie ein Junge, dem der Rebbe befohlen hat, sich auf die Bank hinzulegen, um Prügel zu bekommen. Ich bewegte eine Weile die Zunge ohne Worte und wußte nicht, was zu sagen. ›Was schweigst du? Was antwortest du nicht?‹ fängt meine Frau voller Zorn zu schreien an. ›Ich weiß, meine Gesundheit kümmert dich nicht. Du willst mich nur los werden, du willst mich in meinen jungen Jahren ins Grab bringen! Warte nur, du frecher Kerl! Viel eher wirst du eines plötzlichen Todes sterben! Hörst du, Fischke? Die Erde wirst du mir kauen! Kein Haar werde ich dir auf dem Kopfe lassen, alle Zähne werde ich dir ausschlagen!‹ So oft mein Weib den Mund aufmachte, wurde es mir kalt im Magen. Ich stand vor ihr aufgeregt und erschlagen da. Gott allein weiß, wie es mir damals zumute war. Was konnte ich tun? Ich neige den Kopf und sage ihr: ›Still, schrei nicht, ärgere dich nicht! Du wirst fahren, warum auch nicht?‹ ›Das ist was anderes!‹ sagt mein Weib schon etwas milder. ›Warum stehst du aber, wenn man zu dir redet, wie ein Lehmgötze da und antwortest kein Wort? Reb Faibuschke ist so gut und nett und will uns ganz umsonst mitnehmen, und du dankst ihm nicht einmal! Schämen sollst du dich, du Grobian!‹ Was sollte ich machen? Ich mußte mich bei dem Spitzbuben auch noch bedanken.« »Reb Alter, noch einer!« schreie ich plötzlich auf. »Was gibt's, Reb Mendele? Habt Ihr noch einen Fund gemacht?« sagt Alter spöttisch: »Habt Ihr noch eine Sorte Bettler gefunden? Gott möge Euch, so wahr ich lebe, einmal einen schöneren Fund bescheren. Ich glaube, Ihr habt schon genug Bettler beisammen!« »Nein, Reb Alter! Ich wollte nur sagen: da haben wir noch einen Chajim-Chane Chaje-Trajnes, der vor seinem Weibe zittert. Ich glaube, unser Fischke bekam von der Seinen zuweilen auch ein paar brühwarme Ohrfeigen!« XV Fischke beginnt wieder in seiner unverständlichen Sprache zu erzählen. Ich helfe ihm auf meine Art, Reb Alter auf seine Art, und die Geschichte geht weiter wie folgt: »Am nächsten Tage nach diesem Gespräche setzte sich die Kavallerie in Bewegung und verließ ›Sodom‹, wie jene Stadt von der Bande genannt wurde. Es war ein Lärm und ein Geschrei, ein Fluchen von vielen Mäulern und ein Quietschen von vielen Rädern. Es regnete auf die Stadt die wüstesten Flüche: Verbrennen soll sie! Die Einwohner sollen zehnmal am Tage Hungers sterben und als Abgebrannte durch die Welt ziehen! ... Drei Wagen waren mit allerlei Leuten vollgestopft: Männern und Weibern, Mädchen und Burschen, Großen und Kleinen. Und darunter war auch ich mit meinem Weib. Wir sind also glücklich auf eine höhere Stufe gekommen: nun sind wir bei der Kavallerie! Hört Ihr, meine lieben Freunde: eine neue Welt tat sich vor mir auf! Anfangs war es mir bei der Bande recht lustig. Ich sah und hörte wunderbare Dinge, die ich mit allen Einzelheiten gar nicht wiedergeben kann. Ich hörte, wie sie die ganze Welt verspotteten und sich über alles lustig machten, wie jeder in seiner Gaunersprache von seinen Heldentaten erzählte. Der eine berichtete, wie er ein Brot gestohlen, der andere – wie er ein Huhn stibitzt; der dritte – wie er Geld gemaust; der vierte – wie er ein herrschaftliches Kind verprügelt hatte. Auf die reichen Leute schimpften sie gar schrecklich so ohne jeden Grund. Ich kann Euch in Tales und Kittel schwören, daß sie die Reichen viel mehr hassen, als umgekehrt. Sie haben für sie die schönsten Namen: Blutegel, volle Bäuche, verstopfte Köpfe, verstockte Herzen, freche Muttersöhnchen, kupferne Stirnen und weiß der Teufel was noch alles! Es gilt bei ihnen als frommes Werk, einem reichen Mann bei Gelegenheit einen üblen Streich zu spielen. Sie wünschen ihnen Bauchweh, Seitenstechen, Schmerzen, Plagen und Krankheiten aller Art. Mich nannten sie manchmal zum Spaß ›der Reiche‹, weil ich mich oft der Reichen annahm und ihre Ehre verteidigte. Als ich noch im Bade angestellt war, hatte ich ja mit den Reichen genug zu tun: ich bewachte ihre Kleider, reichte ihnen, was sie brauchten, brachte ihnen bei Gelegenheit einen Kübel Wasser oder eine glühende Kohle zum Pfeifenanzünden und hatte mit ihnen noch viele ähnliche Geschäfte. Manchmal hörte ich, wie die Burschen mit den Mädchen scherzten und um sie freiten. Ein Wagen wollte sich mit einem andern verschwägern. Die Kunst der Verstellung war bei den Leuten sehr groß: sie brauchten sie ja zum Geschäft. Wenn es nötig war, verstellte sich der eine als Buckliger, der andere als Lahmer, der dritte als Blinder, der vierte als Stummer und der fünfte als Krummer. Echte, unverstellte Krüppel, wie zum Beispiel ich und mein Weib, standen bei ihnen im hohen Ansehen. Sie sagten oft, daß solche Gebrechen wie die unsrigen für einen Bettler ein wahrer Schatz sind, eine Gabe Gottes. Solche Gebrechen könnten sehr viel einbringen. Das Gebrechen meiner Frau gefiel ihnen noch mehr als das meinige. Den größten Respekt hatten sie aber vor ihrem Mundwerk: die Haare standen ihnen zu Berge, wenn sie den Mund auftat. Der rothaarige Spitzbube wich nicht von meiner Frau. Er scharwenzelte vor ihr, machte ihr den Hof und verschaffte ihr immer die feinsten Sachen: gekochte Erbsen und Bohnen oder Pflaumen, was er gerade erwischte. Ich sagte mir aber: ›Hol dich der Teufel! Was geht es mich an? Traktiere sie womit du willst, was schadet das mir? Sie ist ja eine verheiratete Frau, also ist die Sache ungefährlich ... Dir gefällt an ihr nur ihr Gebrechen: du meinst, daß man damit viel Geld verdienen kann? Und wenn du auch zerspringst, sie geht ja doch nur mit mir betteln. Was hast du, Narr, mit allen deinen Schmeicheleien und Gefälligkeiten erreicht, wenn sie doch nur mit mir und keinem andern betteln geht? Und das ist doch die Hauptsache!‹ Und da ich es mir so dachte, bekam ich große Lust, die Bettlerwissenschaft von Grund auf mit allen Feinheiten zu erlernen, um meiner Frau noch mehr zu gefallen. Ich machte die Sache gar nicht schlecht. Ich hatte schon gelernt, wie man in ein Haus tritt. Diese Kunst besteht in folgendem: man muß recht mürrisch und böse dreinschauen und das Almosen wie eine Schuld fordern; dabei immer weiter in die Wohnung eindringen und bis ins Schlafzimmer kommen, um dort den Hausherrn oder die Hausfrau zu stellen. Im Feilschen war ich ein ganz großer Meister, wie man selten einen zweiten findet. Die Hauptsache dabei ist: sich niemals damit zufrieden zu geben, was man bekommen hat. Kriegt man ein Stück Brot, so verlangt man etwas Gekochtes oder einen Teller Rübensuppe; kriegt man Geld, so verlangt man ein Hemd, eine alte Hose, Socken oder dergleichen. Man muß immer unzufrieden sein und die Nase rümpfen, niemals danken, sondern immer brummen und zuweilen auch schimpfen. Was tut aber der rothaarige Spitzbube? Die Kränke fahre ihm in die Knochen! Er will mich einfach los werden. Er denkt sich ganz sicher so: ›Was die Bettlerwissenschaft betrifft, so kannst du, Fischke, mein Stiefelputzer sein. Ich verstehe das Spiel achtzigtausendmal besser wie du. Und wenn ich mir einmal vorgenommen habe, von deiner Blinden zu leben, so wird es mir wohl auch gelingen. Hab nur keine Angst, ich werde dich mit Gottes Hilfe schon versorgen!‹ Und er nahm mich in Behandlung und verspottete mich auf Schritt und Tritt. Auch meine Frau fing mich schlecht zu behandeln an, und ich hörte von ihr nichts als: ›Werde geschwollen! Geh mit dem Kopf in die Erde! Die Würmer sollen dich fressen! Du fauler, frecher Kerl, du so einer!‹ Der Rothaarige – er soll die Auferweckung der Toten nicht erleben! – grub mir ein Grab und setzte mir so lange zu, bis ich allen zu Spott und Schande wurde; alle Wagen lachten zuletzt über mich. Jede Sekunde wurde über mich ein neuer Witz gemacht, jede Minute wurde mir ein neuer Spottnamen angehängt. Ein jeder tat mit mir alles, was ihm gerade einfiel. Ich war allen der Kapores-Hahn. Und wenn ich mal böse wurde, so setzten mir die Leute noch mehr zu. ›Seht nur‹, pflegten sie zu sagen, ›wie der Reiche aufbegehrt, er wird bald zerspringen!‹ Und wenn ich nach ihren Schlägen vor Schmerz in Tränen floß, sagten sie: ›Was freust du dich so, Fischke? Was grinst du so? Seht nur, Leute, wie Fischke lacht!‹ – ›Gebt ihm doch, jüdische Kinder‹, schrie der Rothaarige dazwischen, ›gebt ihm doch, nebbich, einen ordentlichen Stoß ins Genick: das ist ein ausgezeichnetes Mittel gegen den Lachkrampf. Und wenn es, Gott behüte, nicht hilft, so braucht man ihm nur das Haar zu streicheln, ihn am Ohre zu fassen und ein Geheimnis einzuflüstern: davon werden ihm Tränen in die Augen kommen, wie von einem Stück Meerrettich. Man muß doch einem Juden das Leben retten!‹ Manchmal warf er mich aus dem Wagen, und wenn ich mit meinen kranken Füßen, so schnell ich konnte, dem Wagen nachlief, klatschte er in die Hände und schrie lachend: ›Bravo, Fischke! Tanz, Fischke! Schaut nur, Leute, wie Fischke die Füße hebt, wie schön er, unberufen, tanzt! Er kann wohl auf allen Hochzeiten tanzen! Daß ihn nur kein böser Blick trifft!‹ Und einmal erklärte er, die Kränke fahre ihm in die Knochen: ›Leute! Fischke ist ja gar nicht krumm! Er verstellt sich nur so, der Schelm, und führt uns an! Man muß ihn wieder gerade richten! Gebt ihm einen Stoß ins Dickbein, und ihr werdet sehen, wie schön gerade er wird!‹ Man peinigte mich ganz furchtbar. Mit Schmerz dachte ich an die schönen Zeiten zurück, wo ich wie ein vornehmer Herr im Bade saß und wie Gott in Frankreich lebte! Was hat mir auch dort gefehlt?« »Mein Gott, in solchem Falle läßt man sich ganz einfach scheiden«, fällt ihm Reb Alter ins Wort: »Wir Juden haben ja die Ehescheidung.« »Ja, gewiß«, sagt Fischke und seufzt. »Ach hätte ich es doch früher getan! Das wäre für mich – und vielleicht auch noch für wen anderen – viel besser .... Ich weiß selbst nicht, was mit mir los war. Es war sicher ein Zauber dabei .... Es tut mir weh, und ich schäme mich, es zu sagen, aber mein Herz hing noch immer an meiner Frau .... Wie sehr ich auch litt und mich quälte, ich verschmachtete dabei nach ihr .... Ich weiß nicht, ob es nur der Trotz war: wenn der Rothaarige unbedingt will, zwischen mir und meinem Weibe Unfrieden zu stiften und mich zugrunde zu richten, so will ich mich ihm zum Trotz noch fester und mit beiden Händen an sie klammern! Oder kam es – wie soll ich es Euch sagen – ganz von selbst? ... Es war wie ein Zauber: ihre Gestalt hielt mich gefangen. Sie war so kräftig, dick und drall; das Gesicht war weniger schön als angenehm. Einige Male wollte ich schon vor Herzweh Hand an mich legen und wünschte mir zugleich mit ihr den Tod. ›Heute muß es ein Ende nehmen!‹ sagte ich mir oft: ›Heute sage ich ihr: ich laß mich von dir scheiden!‹ Wenn ich aber auf sie zuging, und sie mir dann ihre Hand auf meine Schulter legte und sagte: ›Führe mich, Fischke!‹ so konnte ich kein Wort mehr aussprechen und wurde wieder ein anderer. Als ich einmal zu einer glücklichen Stunde leichten Mutes mit meinem Weibe von Haus zu Haus betteln ging, sagte ich ihr: ›Basche, meine Seele! Was brauchen wir uns so ewig herumzuschleppen? So wahr ich lebe: das paßt gar nicht für uns! In Glupsk hatten wir, Gott sei Dank, einen Namen. Du hast mich dort aus dem Bade geheiratet, und das ist doch wirklich kein Spaß: das Glupsker gemauerte Bad, wo so bedeutende Menschen verkehren! Auch dich kannte und ehrte dort jeder Mensch. Und jetzt sind wir unstet und flüchtig und wandern mit einer Bande Vagabunden von Stadt zu Stadt. Was für ein Ansehen haben wir dabei?‹ – ›Willst du vielleicht nach Glupsk zurückkehren?‹ antwortet mir mein Weib mit großem Zorn: ›Du kannst ja zurückkehren, Fischke, wenn du willst. Ich aber um nichts in der Welt! In Glupsk gibt es auch ohne mich Bettler genug. Jeden Tag schießen dort nagelneue Bettler und verschämte Arme aus dem Boden. Die Bürger gehen dort sogar zueinander betteln.‹ – ›Von mir aus kann es auch eine andere Stadt sein‹, antwortete ich ihr: ›Such dir irgendeine Stadt aus, du liebe Seele, nach deinem Wunsch, und wir wollen uns da niederlassen. Wenn man sagen kann: das ist unsere Stadt, das sind unsere Häuser und unsere Bürger, so ist es Glück und ein Segen! Wie es im Sprichwort heißt: Jeder Hund gehört auf seinen Misthaufen!‹ ›Bald, Fischke, bald!‹ sagte mir mein Weib und klopfte mich mit der Hand gar freundlich auf den Rücken: ›Wollen wir noch ein wenig herumziehen, uns zwischen Menschen reiben und die Welt sehen. Es ist doch so schön und so lustig .... Warte noch, Fischke, mit deiner Stadt! Bald, bald!...‹ Ihr ›bald‹ dauerte sehr lange und wollte gar kein Ende nehmen. Inzwischen habe ich viele Städte besucht und genug Leiden ausgestanden. Und alles hatte ich nur ihm, dem rothaarigen Spitzbuben, zu verdanken, die Kränke fahre ihm in die Knochen! ...« Fischke seufzt tief auf und bleibt mit geschlossenen Augen sitzen. Wir lassen ihm Zeit, ein wenig auszuschnaufen, und dann erzählt er weiter. XVI »Außer dem Zunamen der ›Reiche‹ hing man mir später noch einen andern an: ›der verschämte Arme‹. Diesen Titel verlieh mir der Rothaarige, daß ihn der Teufel! Und so nannte mich die ganze Bande: ›Fischke, der verschämte Arme.‹ ›Verschämter Armer‹ ist bei ihnen ein gar übles Wort, und wenn sie es sagen, so spucken sie siebenmal aus. Der Haß, der zwischen Handwerkern oder Kaufleuten, die das gleiche Geschäft haben, herrscht, ist ein Hund gegen den Haß, mit dem der Feldbettler den Stadtbettler und insbesondere den verschämten Armen verfolgt. ›Diese verschämten Armen, diese heruntergekommenen und angefaulten Aristokraten‹, pflegen sie zu sagen, ›sind wie Wanzen in allen Häusern! Man kann es vor ihnen gar nicht aushalten! Bei allen Festen, bei Hochzeiten, Beschneidungsfeiern und Beerdigungen stopft man ihnen die Taschen voll. Sie schinden die Haut von Lebenden und Toten. Und wir, nebbich, müssen uns wegen eines jeden Stückchens Brot so abrackern, bis wir schwarz werden. Diese faulen Kerle haben die Psalmen des Königs David mit Beschlag belegt und machen sich ihr Geschäft daraus. Wenn König David wüßte, in wessen Hände seine Psalmen kommen werden, welches Geschäft die faulen, verschimmelten Seelen daraus machen werden, so hätte er sie sicher nicht verfaßt ....‹ ›Nein, Basche‹, sagte der Rothaarige zu meinem Weib: ›Aus Eurem Fischke wird nichts Gescheites! Er wird nie wie unsereiner! Er ist ja der echte verschämte Arme mit allen Schikanen. Ihr könnt mit ihm noch so viel durch die Welt ziehen, es wird ihm doch nichts helfen! Von der Bettlerwissenschaft hat er keinen Dunst. Er ist überhaupt kein Mensch. Ihr werdet, nebbich, von ihm einen Gallenkrampf kriegen. Ja, wenn ich eine solche Basche hätte! Wir hätten beide unser Glück gemacht, so wahr ich lebe!‹ So versuchte der Halunke auf alle mögliche Art und mit aller möglichen Bosheit, zwischen mir und meinem Weib Feindschaft zu stiften und mich von ihr zu trennen. Zuletzt kam er auf einen neuen Einfall: er verleumdete mich bei ihr, daß ich mich mit einem Mädel von einem andern Wagen eingelassen habe .... In der Bande war tatsächlich ein buckliges Mädel dabei, mit dem ich mich gerne und oft unterhielt ....« »Halt, was war das für ein Mädel?« fielen ihm Alter und ich ins Wort. »Nun, Fischke, gestehe!« »Das Mädel war allen im Wagen fremd und hatte, nebbich, genug zu leiden. Ich muß gestehen, daß ich mit ihr gerne zu sitzen und zu reden pflegte. Wir schütteten voreinander unsere bitteren Herzen aus. Sie hatte Mitleid mit mir und weinte oft über meine Leiden, ebenso wie ich über die ihrigen. Wenn Ihr nur wüßtet, was das für ein Mädel war! Und was sie alles auszustehen hatte! ...« rief Fischke mit Tränen in den Augen. Wir baten Fischke, uns zu erzählen, woher das Mädel stammte und wie es in diese Gesellschaft gekommen war. »Wenn Ihr mich darum bittet«, begann Fischke, nachdem er sich mit einem Ärmel die Augen abgewischt hatte, »wenn es Euch noch nicht zu dumm geworden ist, mir zuzuhören, so will ich Euch den Gefallen tun und erzählen, so gut ich kann. Hört zu und nehmet es mir, bitte, nicht übel, wenn ich es nicht ganz geläufig erzählen werde. Das Mädel war noch ein Kind, als ihre Mutter sie zugleich mit einem Bündel Lumpen nach Glupsk brachte. Das Bündel warf sie in einem kleinen Stübchen bei irgendeiner alten Hexe vom Buckel. Die Alte war wohl eine Stellenvermittlerin für Dienstboten. Die Mutter ging mit der Alten jeden Morgen für den ganzen Tag fort und ließ das Kind ganz allein zu Hause. Als das Kind einmal bitter weinte und flehte: ›Mutter, nimm mich mit!‹ wurde die alte Hexe sehr böse und sagte zu der Mutter: ›Gott bewahre! Die Leute dürfen von ihr gar nichts wissen! Es kann dem Geschäft schaden.‹ Einige Tage später brachte die Mutter das Kind in irgendeine Bürgerküche. Aber schon nach kurzer Zeit zogen sie in eine andere Küche um, und von dort in eine dritte; so wanderten sie immer von einer Küche in die andere. Nach jedem neuen Umzug wurde die Mutter schlechter gegen sie. Ihren Vater kannte sie fast gar nicht. Früher, als sie noch zu Hause lebten, war er immer unterwegs und ein seltener Gast; in die Küche kam er aber überhaupt nicht mehr. Sie hätte wohl ganz vergessen, daß sie einen Vater hat, wenn die Mutter nicht fünfzigmal am Tage ihr bitteres Herz ausschüttete und sagte: ›Zerspringen soll er, dein Vater! Nach so vielen Jahren Mühe und Arbeit hat er mich zugrunde gerichtet und mir noch ein Kind auf den Hals gehängt, mit dem man mich auf keiner Stelle behalten will, das ich verheimlichen und mit dem ich mich würgen muß. Wer nimmt eine Köchin mit einem Kind?‹ Gar oft kam die Hausfrau in die Küche gelaufen, wenn das Essen nicht gut geraten war, machte Spektakel und schrie, daß Gott sie mit der Köchin gestraft habe, die das Oberste von der Suppe abschöpfe, um es ihrem Kinde zu geben. Obwohl das Kind, nebbich, meistens hungerte und immer magerer wurde. Die Mutter pflegte es wie gestohlene Ware oben auf dem Ofen zu halten, und dort saß es zusammengekauert und durfte keinen Ton von sich geben. Das Wasser lief ihr im Munde zusammen, wenn sie den Geruch der guten Speisen, der gebratenen Gänse und gebackenen Lebern roch. Kein Wort durfte sie sagen! ... Sie litt im stillen Hunger, bis der Mutter einfiel, ihr ein Stück trockenes Brot oder einen abgenagten Knochen, oder irgendeinen andern Rest in die Hand zu drücken. Manchmal vergaß die Mutter sie ganz, und wenn sie dann auch nur einen Ton von sich gab, erschien oben auf dem Ofen ein Schürhaken, eine Backschaufel oder ein Stock. Die Mutter schlug sie damit ins Gesicht, auf Hände und Füße und fluchte und verwünschte dabei ihren Vater und ihres Vaters Väter bis zu unserem Stammvater Abraham. So verbrachte sie ihre ganze Jugend in Leiden und Schmerzen auf den Öfen. Wenn sie vom Ofen herunterkroch, sah sie irgendeinen Mann in der Küche sitzen, der oft zu ihrer Mutter auf Besuch kam. Die Mutter machte ihm den Hof, fütterte ihn und stopfte ihm die Taschen mit den besten Sachen voll. Zuweilen gab sie ihm auch Geld. Manchmal kam er auch spät am Abend und blieb in der Küche über Nacht. Manchmal pflegte sich die Mutter vor dem Spiegel schön auszuputzen, die Küche im Stich zu lassen und für viele Stunden zu verschwinden. Die Mutter wollte sich wohl wieder verheiraten und dachte nur an den Bräutigam ... Eines Abends kam sie mit einem Mann in die Küche und holte ihre Sachen ab. Sie bedankte sich bei der Hausfrau für alles Gute, das sie bei ihr genossen hatte, nahm das halbnackte Töchterchen vom Ofen und verließ die Küche. Sie führte das Kind lange durch die Stadt und brachte es zuletzt in irgendein Gäßchen. ›Sitz hier und wart. Juden werden sich deiner erbarmen!‹ So sprach die Mutter und verschwand. Das ausgesetzte Mädel sitzt, nebbich, auf dem Gäßchen, wartet und hat Angst sich zu rühren, ebenso wie früher auf dem Ofen. Ein kalter Herbstregen durchnäßt sie bis an die Knochen. So sitzt sie, fast im bloßen Hemd, zusammengekauert da, zittert am ganzen Leibe und klappert vor Kälte mit den Zähnen. Wenn jemand von den Vorbeigehenden sie fragt: ›Wer bist du, Mädchen?‹ antwortet sie: ›Ich bin meiner Mutter Kind ... Die Mutter sagte, ich soll still sitzen ... Ich darf nicht schreien, sonst kommt ein Schürhaken oder eine Backschaufel und schlägt mich ...‹ So saß die Unglückliche bis spät in die Nacht hinein. Schließlich ging auf sie irgendeine Frau zu, überredete sie mit guten Worten, mit ihr mitzukommen und brachte sie in ein kleines Häuschen in der Vorstadt. Bei dieser Frau hielt sie sich lange Zeit auf, bekam aber keinen Honig zu schlecken. Die Frau gab sich für ihre Tante aus und ließ sich von ihr auch so nennen. Sie war Hökerin und verkaufte auf dem Markte Kartoffeln, heiße Küchel, Kol-Nidrej-Birnen und Erez-Jissroel-Äpfel. Jeden Morgen ging sie in aller Frühe auf den Markt. Das bucklige Mädchen blieb zu Hause, wiegte das kleine Töchterchen der Frau und half auch in der Wirtschaft mit: sie sammelte auf der Straße trockene Späne zum Feueranmachen, holte Eier aus dem Hühnerstall, kratzte aus den Töpfen die eingetrockneten Breireste heraus, wusch im Eimer die schmutzigen Kinderhemdchen, überwachte die hölzernen Milchlöffel und die Kinderkissen, die vor dem Hause in der Sonne trockneten, und verrichtete noch viele andere Arbeiten. Wenn die Hökerin abends nach Hause kam, schickte sie ihr kleines Dienstmädchen hinaus, um einige Stücke Brot zusammenzubetteln. Das Kind lebte davon und ernährte damit auch die ›Tante‹. Als sie eines Abends in ihrem groben Hemd und zerrissenen Kleidchen betteln ging, verirrte sie sich weit vor die Stadt und fand nicht mehr den Weg nach Hause. Die Sonne war schon längst untergegangen, nur eine schwarze Wolke zog am Himmel auf. Ab und zu blitzte und donnerte es. Plötzlich kommen einige vollbesetzte Wagen gefahren. ›Schaut nur‹, schreien die Leute, ›da steht ein buckliges Mädel und weint, nebbich!‹ Gleich darauf springt von einem der Wagen ein rothaariger Kerl – es war natürlich der bewußte rothaarige Halunke, die Kränke fahre ihm in die Knochen! – und fragt das Kind, wem es gehöre. ›Ich will heim, heim zu der Tante!‹ antwortet das Kind mit weinerlicher Stimme. ›Still, Töchterchen, still!‹ sagt der Halunke: ›Ich will dich zu deiner Tante heimbringen.‹ Und er packt sie, wirft sie in den Wagen und fährt mit ihr davon. Seit jener Zeit wanderte das arme Mädel mit der Bande der fahrenden Bettler, die sich aus ihrem Buckel ein Geschäft gemacht hatten. Wenn sie in irgendeine Stadt kamen; setzten sie das Kind barfuß und halbnackt irgendwo auf eine belebte Straße hin, und es mußte mit weinerlicher Stimme betteln, jammern und die Vorübergehenden an den Rockschößen zerren. Und wenn es mal die Komödie nicht gut genug spielte und wenig Geld zusammenbettelte, wurde es furchtbar geprügelt oder zuweilen auch nachts halbnackt auf die Straße gesetzt, so daß es schon ganz aufrichtig weinte und jammerte .... Sie erzählte mir, wie man sie einmal nachts bei starkem Frost auf die Straße setzte. Die Kälte stach sie wie mit Nadeln. Der Schädel schmerzte ihr, und es war ihr zugleich finster und hell vor den Augen; es war ihr, als ob sie gleich sterben müßte. Sie kann es nicht länger aushalten und fleht, daß man sie wieder in die Stube lasse: ›Mach auf, Tante! Mach auf, Onkel!‹ So pflegte sie nämlich jeden von der Bande zu nennen. Sie schreit: ›Onkel, jetzt werde ich schon ordentlich schreien!‹ Sie weint: ›Tantchen, jetzt will ich ordentlich weinen!‹ Sie bettelt: ›Gnade! Jetzt werde ich ordentlich betteln!‹ Sie bekommt aber keine Antwort! ... Sie liegt ruhig da, fühlte keine Kälte und keinen Schmerz mehr, ein süßer Schlummer überfällt sie, es ist ihr, wie wenn sie jemand umarmte und streichelte, es ist ihr so schön warm .... Halbtot hob man sie auf! Nach jener Nacht lag sie lange Zeit krank. Wenn man unterwegs Gutsbesitzer oder Kaufleute fahren sah, ließ man sie vom Wagen springen. Und sie mußte wieder die Komödie spielen: mit ausgestreckter Hand neben den Pferden herlaufen, schluchzen, jammern, ein unglückliches Gesicht machen und, wenn es auch ihr Tod wäre, ein Almosen erbetteln. Manchmal bekam sie auch einen Schlag mit der Peitsche vom Kutscher. Sie ertrug es aber ohne zu mucksen und bettelte weiter: sie wußte ja, daß der Peitschenhieb nichts ist gegen die Schläge, die sie später kriegt, wenn sie mit leeren Händen zurückkommt ... Was sie in ihren jungen Jahren alles durchmachen mußte, läßt sich gar nicht erzählen. Auch heute noch hat sie genug auszustehen. In der Hölle hat man es wohl nicht so schlecht, wie sie es hier auf Erden hat. Das Blut kocht in mir, wenn ich an sie denke! Ich würde gerne mein Leben hingeben, um sie auszulösen. Hört Ihr, Juden: Sie ist eine so gute, süße, sanfte, liebe Taube, wie es auf der ganzen Welt keine zweite gibt! ...« XVII Fischkes Erzählung stimmte Alter und mich sehr traurig. Alter rieb sich immer die Stirne, wie wenn es ihn juckte, und seufzte. »Hört Ihr, Reb Alter«, sage ich ihm lächelnd, »Fischke ist sicher in das bucklige Mädel verliebt, die Sache wird doch nicht so einfach sein!« »Warum soll ich's leugnen?« erwidert Fischke. »Vor lauter Mitleid hatte ich sie wirklich sehr liebgewonnen. Es zog mich immer zu ihr hin, und wenn ich mal mit ihr sitzen konnte, lebte ich auf. Warum? Ich weiß nicht, einfach so ... Wir redeten oder sahen einander stumm an. Die Güte stand ihr im Gesicht geschrieben. Sie sah mich so an, wie eine treue Schwester ihren unglücklichen Bruder, wenn es ihm sehr schlecht zumute ist, ansieht. Und wenn ihr Tränen des Mitleids in die Augen traten, wurde es mir gleich warm ums Herz. Ich dachte und dachte ... Ich weiß selbst nicht, was ich mir dabei dachte. Etwas brannte mir in der Seele: ›Fischke, du bist nicht mehr einsam in der Welt, bist nicht mehr so verlassen wie ein Stein!‹ Und warme Tränen traten mir in die Augen ... Um mein Weib – ein wahres Wunder! – kümmerte ich mich nicht mehr so sehr und machte mir nicht mehr viel aus den Geschichten, die sie mit dem Rothaarigen hatte. Ich verzog zwar darüber noch immer das Gesicht, aber doch nicht mehr so wie früher. Manchmal kam mir auch dieser Gedanke in den Sinn: Willst du, Fischke, daß dein Weib dir heute sagt: ›Nun ist es genug, sich herumzuschleppen, wollen wir uns in irgendeiner Stadt niederlassen?‹ Und ich erfand mir allerlei Ausreden, gab mir keine Antwort auf diese Frage und dachte immer nur an sie .... Was soll mit ihr, der Buckligen, nebbich, geschehen? Hört aber, was passieren kann: wie ich gegen mein Weib kühler geworden war und nicht mehr so zappelte wie einst, wurde sie gegen mich heißer. Manchmal war sie auch einfach gut gegen mich, weich wie Teig und hing sich mir an den Hals. Aber das hatte ich später immer teuer zu bezahlen. Hinterher plagte sie mich immer, daß mir die Galle überfloß, peinigte mich noch tausendmal schlimmer als vorher, so daß mich das Leben nicht mehr freute und ich mir den Tod wünschte. Ich hatte von ihr, wie man es so nennt, kalt und heiß. Ich konnte gar nicht verstehen, was sie hatte. Ist sie auf einmal verrückt geworden? Einige Zeit später geschah aber etwas, was das Geschwür zum Platzen brachte. Ich verstand auf einmal, was in meiner Frau brannte und was ihr Zorn bedeutete. Es ist eine Schande zu erzählen.« Fischke wurde für einen Augenblick nachdenklich. Dann kratzte er sich mit großem Appetit und fuhr fort: »Einmal kamen wir in irgendeine kleine Stadt und stiegen gleich im Hekdesch ab. Ich sage Euch, Juden, ich habe ja in meinem Leben viele Hekdeschs gesehen und kenne mich darin gut aus, aber alle andern sind Gold gegen den Hekdesch in diesem Städtchen! Wenn ich mich heute daran erinnere, fängt es mich am ganzen Leibe zu beißen an, und ich muß mich kratzen. Der Hekdesch sah aus wie eine alte verfallene Schenke. Die Wände standen schief, das Dach war wie eine zerknitterte Mütze und ragte vorne in die Höhe und berührte hinten beinahe die Erde. Man sah dem Gebäude an, daß es einstürzen und wie ein Misthaufen auf der Erde liegen möchte. Die Leute vom Städtchen hatten es aber mit Stangen gestützt und ihm zugeredet, noch hundertundzwanzig Jahre so zu stehen. Durch eine zerbrochene Türe trat man in ein Vorhaus mit durchlöcherten Wänden, durch die das Licht hereinkam. Der Boden war voller Löcher, stellenweise mit verschimmelten Pfützen bedeckt, die vom ausgegossenen Schmutzwasser und auch vom Regen kamen, der durch das schadhafte Strohdach eindrang. Überall lag durchfaultes Stroh umher und dazwischen allerlei Abfälle: Zerrissene Säcke, zerfetzte Bastdecken, alte Schuhsohlen und Absätze mit verrosteten Nägeln, Scherben, zerbrochene Faßreifen, Radspeichen, Haare, Knochen, Bürsten, Reisigbesen und ähnliches Zeug. Alle diese Sachen faulen und stinken ganz fürchterlich. Links führt eine schmierige, knarrende Türe in eine Stube mit kleinen, schmalen Fenstern. Die Scheiben sind teils eingeschlagen und durch Zuckerpapier und Lumpen ersetzt, teils schmutzig und verschimmelt und teils vor Alter grün und gelb angelaufen, und diese Farbe tut den Augen ebenso weh, wie das Kratzen auf dem Glase den Ohren weh tut. Längs der abgebröckelten Wände und am großen Ofen stehen lange Bänke, deren Bretter auf gewöhnlichen Holzscheiten und Klötzen liegen. In den Wänden oberhalb der Bänke stecken große und kleine Pflöcke. Von der schwarzen Decke herab hängt an zwei Schlingen eine lange Querstange. An den Pflöcken und an der Stange sind zerrissene Kaftans, Frauenkleider und Säcke von Bettlern aufgehängt, die teils zu Wagen und teils zu Fuß gekommen sind und alle zusammen, alt und jung, Männer und Weiber in dieser Stube hocken. Der Hekdesch ist zugleich auch ein Krankenhaus, ein Ort, wo die kranken Bettler des Städtchens sterben dürfen. Der Feldscher tut alles, was er nur kann: er setzt Schröpf köpfe und Blutegel, läßt zur Ader und zapft den Bettlern auf Gemeindekosten das Blut ab, bis sie ihre reinen Seelen aushauchen und der Hekdeschaufseher, der zugleich auch Totengräber ist, sie unentgeltlich begräbt. Der Hekdeschaufseher haust mit seiner Familie unter dem gleichen Dache in einer kleinen Kammer. Er ist nicht nur Hekdeschaufseher, Totengräber, Schames der Chewre-Kadische, Krankenpfleger, die Königin Waschti und Mordechai im Purimspiel, Bärendarsteller am Ssimchas-Tejre und Possenreißer und Lohndiener auf allen Hochzeiten und Brissen: er ist nebenbei auch noch Erzeuger von Unschlittkerzen, mit denen er alle Bürger und Bethäuser versorgt und die einen fürchterlichen Gestank verbreiten. Als unsere Bande in diesen Hekdesch einzog, war er schon voller Gäste. Der Aufseher wollte sie hinauswerfen: ›Ihr seid lange genug dagesessen, fahrt irgendwo anders hin!‹ Da es aber ein Donnerstag war, hatten die Leute einen Grund, noch einige Tage – über den Sabbat – dazubleiben. Der Fußboden, die Bänke und der Ofen waren dicht besetzt. Man stieß, drängte und zankte sich wegen der Plätze. Die Bettler zu Fuß und die Bettler zu Pferde zeigten ihren alten Haß und kämpften mit großer Erbitterung und Kraft. Im allgemeinen Lärm – nicht gedacht soll seiner werden! – stöhnte in einem Winkel ein alter kranker Mann, den man zur Behandlung hergebracht, und heulte ein kleines Kind, dem man hier ein Füßchen eingeklemmt hatte; es schrie so, daß einem der Kopf dabei zersprang. Etwas später, als der Lärm sich gelegt hatte, suchte ich mir ein freies Plätzchen, um etwas auszuruhen. Kaum hatte ich mich aber hingelegt, als mich ganze Heere von Schaben, Wanzen und Flöhen überfielen. Sie waren stark wie die Bären und wollten mich beim lebendigen Leibe auffressen. Wenn ich heute an diese Mörder denke, fängt mir der ganze Leib zu brennen an. Als ich sah, daß es unmöglich ist, mit den Schaben zu kämpfen, und daß ihre Bundesgenossen, die Wanzen, stinken, überließ ich ihnen meinen Platz – sollen sie sich mit ihm würgen! Und ich ging ins Vorhaus, um dort irgendwie die Nacht zu verbringen. Draußen war es furchtbar finster, ein starker Wind heulte wie ein Rudel Wölfe und blies durch die Spalten in den Wänden herein. Strohhalme vom Dach und allerlei Kehricht flogen durch die Luft wie böse Geister. Ab und zu regnete es auch herein. Ich drückte mich in einen Winkel und lag, vor Kälte zitternd, bitteren Herzens da. ›Das Bad, das Bad!‹ jammerte ich vor mich hin: ›Wer gibt mir mein Bad wieder? Dort war ja ein wahres Paradies und so schön warm! Wie glücklich war ich doch einst in diesem Paradies! Was fehlte mir dort? Mir war dort so gut, so schön, da mußte mir aber der Teufel mein Weib schicken, damit ich ihretwegen aus dem Paradiese vertrieben werde und mich in der Welt herumtreibe. Die Weiber sind doch wirklich nur dazu da, um den Menschen Unglück zu bringen. Wozu taugen sie sonst? Was hat man von ihnen? So wahr ich lebe, es kommt von ihnen nichts Gutes ...‹ Gleich darauf fällt mir aber das bucklige Mädel ein, und ich fange mich vor mir selbst zu schämen an. Sie ist doch eine gute, reine Seele, und es ist ein wahres Vergnügen, mit ihr zu sein. Wenn ich mit ihr sitze und rede, ist mir so wohl und so leicht ums Herz. Ich gebe tausend Badestuben für ihren kleinsten Fingernagel her ... Wenn sie mich bloß anschaut, wird mir gleich warm in allen Gliedern. ›Schäme dich, Fischke!‹ schimpfe ich auf mich: ›Sündige nicht mit den Worten; die Weiber machen ja das Leben schön. Die Weiber können einen Menschen glücklich machen und die Hölle in ein Paradies verwandeln ...‹ Bei diesem süßen Gedanken vergaß ich mein ganzes Leid. Und es wurde mir auf einmal recht gemütlich in meinem Winkel, und ich fühlte auch keine Kälte mehr. Ich sprach mit großem Gefühl das Nachtgebet, die Augen fielen mir zu, und ich schlief ein. Plötzlich weckte mich ein schreckliches Geschrei. ›Seht euch nur dies Geschöpf an!‹ schrie jemand in der Stube und warf irgendeinen schweren Gegenstand in das Vorhaus, der mit großem Lärm auf den Boden fiel: ›Seht euch nur dies Geschöpf an! So was nennt sich auch Mensch! Ein Spaß: diese Gräfin Potocki! ... Kannst du denn nicht im Vorhause liegen, du Gräfin?‹ Ich erkannte sofort die Stimme des Rothaarigen – die Kränke fahre ihm in die Knochen! – Er schrie, schimpfte und fluchte noch eine Weile und schlug dann die Türe mit großem Krach zu. Blasses Mondlicht fiel durch das schadhafte Dach des Vorhauses auf eine menschliche Gestalt, die regungslos, wie leblos dalag. Ich ging auf sie zu, um nachzusehen, wer diese ›Gräfin Potocki‹ sei. Ich schaue hin und bin wie vom Blitze getroffen! Es ist mir finster vor den Augen, und es schwindelt mir im Kopfe wie nach dem ersten Dampf auf der obersten Badebank. Das bucklige Mädel war es, das auf dem Boden mit ausgestreckten Armen lag! Ich bemühe mich, sie zum Bewußtsein zu bringen. Und als sie sich endlich mit Gottes Hilfe rührte, nahm ich sie mit übermenschlicher Kraft, wie man sie in sich spürt, wenn man bei einer der großen Glupsker Feuersbrünste einen Menschen aus den Flammen rettet, auf die Arme und trug sie in meinen Winkel. Ich könnte schwören, daß ich damals so aufrecht ging wie alle Menschen und gar nicht hinkte. Sie schlug ganz langsam die Augen auf und holte tief Atem. Mich überkam solche Freude, wie wenn die ganze Welt mein wäre. Ich fühlte mich wie ein Bettler aus den Geschichtenbüchern, der in einem prunkvollen Palast auf einem bequemen Lehnsessel an der Seite einer Königstochter erwacht. Ich zog schnell meinen Kaftan aus und hüllte in ihn meine Königstochter, die vor Kälte zitterte. ›Ach!‹ seufzte die Bucklige auf, sich die Augen reibend und nach allen Seiten blickend, als ob sie sehen wollte, auf welcher Welt sie sei. ›Was schaust du so?‹ frage ich sie: ›Ich bin Fischke. Gelobt sei Gott, daß du lebst!‹ ›Ach und weh ist mir!‹ sagt sie mit einem leisen Seufzer, der tief aus dem Herzen kommt: ›Was taugt mir mein Leben? Der Tod ist viel besser als solch ein Leben. Gott ist doch gut und barmherzig – warum hat er dann solche Wesen wie mich erschaffen, die sich ihren Lebtag plagen müssen?‹ ›Närrchen!‹ sage ich ihr: ›Gott wird wohl wissen, was Er tut, es ist Ihm wohlgefällig, daß auch solche Geschöpfe wie wir beide auf dieser Welt leben. Gott ist ein Vater, und Er sieht, hört und weiß alles. Glaubst du, Närrchen, daß Er von unserem Unglück nichts weiß? Gott weiß alles, sei unbesorgt! Siehst du: Sein Mond schaut vom Himmel zu uns herein. Sündige nicht mit Worten, Närrchen!‹ Sie blickte mich mit leuchtenden Augen an, und ihre Tränentropfen funkelten im Monde wie Brillanten. Diesen Blick vergesse ich nie! Als ich am nächsten Morgen in aller Frühe aufstand, sah ich die Bucklige im Winkel in meinen Kaftan eingehüllt liegen und so sorglos wie ein Vögelchen schlafen. Ihr Gesicht war sehr blaß und hatte einen so sanften, so unglücklichen Ausdruck .... Die Lippen zitterten zuweilen wie im Gebet. Es war, wie wenn sie um Erbarmen flehte: ›Quält mich nicht! Was hab ich euch getan? Was hab ich euch getan? ...‹ Vor diesen flehenden Blicken riß mir das Herz entzwei. Tränen traten mir in die Augen und ich weinte .... Der erste, der am Morgen ins Vorhaus kam, war der rothaarige Halunke – die Kränke fahre ihm in die Knochen! Er sah mit seinen Diebsaugen mich und die Bucklige an und ging lächelnd wieder in die Stube.« XVIII Fischke hielt plötzlich inne und wandte sich wie verschämt weg. Wie sehr ihn auch Alter bat, weiter zu erzählen, es wollte nichts helfen. »Ach ... So wahr ich lebe!« sagte Fischke immer wieder, wurde rot und schwieg. Es schien, daß er sich selbst seiner Erzählung schämte. Früher war er wohl ins Feuer gekommen, wie einer, der Fieber hat, und er schüttete sein Herz in solchen Worten aus, die gar nicht aus seinem Kopfe zu kommen schienen. Die Worte kamen ihm ganz von selbst aus dem Munde, seine Seele sprach aus ihm, er hatte alles vergessen, was um ihn vorging und redete und redete, bis er schließlich selbst seinen Worten zu lauschen anfing und sich über sie wunderte .... Und er mußte sich furchtbar schämen. Wer von uns hat nicht auch einmal so eine lichte, gute Stunde erlebt, wo sich sein Mund auftat und reine, menschliche Gefühle wie ein Strom glühender Gase aus einem feuerspeienden Berg sich ergossen? Selbst Bileams Eselin hatte einmal eine solche Stunde, wo sie ihren Mund auftat und eine schöne Rede hielt. Von den Predigern von Beruf – sie seien von ihr wohl unterschieden! – rede ich schon gar nicht: Wie oft kommt es vor, daß so ein Mann, der sonst nur altes Zeug wiederkäut und furchtbaren Unsinn schwatzt, plötzlich einmal etwas so Vernünftiges sagt, daß alle Zuhörer und auch er selbst staunen. Und selbst dem schlechtesten Chasen, vor dessen Singsang und Grimassen man schier Erbrechen bekommt, passiert es manchmal, daß er beim Mussef in Begeisterung kommt und einen ganz wunderbaren ›Jekum-Purkon‹ oder ›Tikanto-Schabbes‹ von sich gibt. Ist aber der wunderbare Augenblick vorbei, so wird die Eselin wieder zur Eselin, der Prediger – er sei von ihr wohl unterschieden! – zum Plaudersack und der Chasen zum Krautstrunk .... Aber nicht davon will ich reden. In einer jüdischen Druckerei kannte ich einmal zwei Arbeiter, die Tag und Nacht das Rad einer Maschine drehen mußten. Wie zwei Lehmgötzen standen sie nebeneinander und drehten immer auf die gleiche Art und in der gleichen Richtung .... Plötzlich kam aber etwas über sie, und sie fingen mit tiefem Gefühl und großer Begeisterung zu drehen an. Die Augen brennen, und sie drehen mit solchem Genuß, wie wenn sie auf dem siebenten Himmel wären, wie wenn sie das ganze Weltall drehten und mit jeder Umdrehung einen Gedanken oder ein Gefühl ausdrückten. Nach einer Weile aber, als die Begeisterung verpufft war, glotzten sie einander mit gläsernen Augen an, spien aus und sahen voneinander weg. Und sie drehten wie gewöhnlich weiter und sahen wieder wie zwei Lehmgötzen aus. Ich blicke auf Fischke, der seine Sprache verloren hat, und suche nach einem Mittel, ihn wieder gesprächig zu machen. Plötzlich fällt mir der Golem des Hohen Rabbi Löb von Prag ein, der lebendig wurde und alles, was man von ihm nur haben wollte, tat, wenn Rabbi Löb ihm den Zettel mit dem göttlichen Namen in den Mund legte. Sehr schön, denke ich mir. So will ich es auch machen. Doch ebenso wie bei jenem Golem, er ruhe in Frieden, der Name wirkte, wird bei diesem – mögen ihm die Lebensjahre des ersten zugute kommen – das Mädel wirken .... Und ich suche Fischke in ein Gespräch über das bucklige Mädel zu ziehen. Ich komme dabei selbst in Feuer, spreche aus dem Herzen und schließe folgendermaßen: »Wieviel unschuldige Menschen, nebbich, müssen hier auf der Welt für die Sünden ihrer Eltern büßen, die nach allerhand Dummheiten gelüsten, die sich scheiden lassen und ihre Kinder, ihr eigenes Fleisch und Blut, wie auf dem Wasser ohne Aufsicht zurücklassen! Was kümmern sie sich um die Kinder? Sie denken doch nur an ihre eigenen Seelen, und ein jedes von solchen schönen Eltern verheiratet sich bald wieder ....« Mitten im Gespräch hielt ich aber wie erstickt inne. Ich sehe, wie mein Alter ganz außer sich vor Aufregung ist. Und ich spüre auch gleich Gewissensbisse: Was habe ich doch für eine Dummheit getan, als ich in Alters Gegenwart solche Worte sprach, die ihn in die siebente Rippe stechen mußten! Es tut mir furchtbar leid, und ich mache mir selbst Vorwürfe: »Mendel, Mendel, es wäre schon wirklich Zeit, zu Vernunft zu kommen und nicht jedermann wie ein dummer Junge die Wahrheit ins Gesicht zu sagen! Bist ja, Gott sei Dank, ein Mann mit einem langen Bart. Es ist wirklich Zeit, ein Mensch zu sein und zu verstehen, was gut und nützlich ist ... Ach, deine Zunge, deine Zunge! ...« Und ich leiste im Herzen ein Gelübde, mich in Zukunft in acht zu nehmen; was ich auch höre und sehe, zu schweigen, wie es alle feinen und klugen Menschen tun. Das ist eine Regel, die man im Leben gut brauchen kann. Und ich sehe vor mir ganze Scharen von unseren guten Leuten, freundlichen Onkeln mit den leuchtenden Gesichtern. Sie drehen sich hin und her, sind mit jedem gut Freund, tanzen auf allen Hochzeiten, haben immer nur Freude, küssen einen jeden, schmelzen vor Freude, wenn sie mit dem andern von seinem Glück sprechen, beglückwünschen ihn mit süßem Lächeln und Tränen in den Augen, lobsingen die Güte des andern und verheißen ihm freigebig die ewige Seligkeit; sie kommen immer mit frohen Botschaften gelaufen und sind bei jeder Festlichkeit dabei. Immer leuchten ihre Augen, ihre Stirnen glänzen, die Wangen glühen und die Nasen tropfen. Sie sind glücklich und zufrieden ... Wohl ist euch, ihr Onkeln! Von heute an bin ich auch so ein Onkel! Der Titel »Onkel« gefiel mir auf einmal so gut, daß ich einige Male vor mich wiederholte: »Onkel Mendele! Onkel Mendele!« Alter tat mir furchtbar leid. Um meinen Fehler gegen ihn wieder gut zu machen, fange ich an, freundlich zu ihm zu sprechen: »Reb Alter, Ihr sitzt unbequem und zu nahe am Wagenrand. Es tut doch sicher den Knochen weh, lange auf diesem Platz zu sitzen. Kommt, bitte, auf meinen Wagen hinüber, und ich will Euch dort ein gutes Lager herrichten. Wir wollen auch einen Schluck Branntwein nehmen und uns erquicken.« Alter läßt sich nicht lange bitten, und wir steigen alle aus seinem Wagen. Ich erweise meinem Gaul die Ehre und lasse ihn voraus fahren; Alters Mähre muß sich jetzt hinterher schleppen. Wir gehen ein wenig zu Fuß, um uns etwas Bewegung zu machen, klettern dann auf meinen Wagen und trinken etwas Branntwein. Ich bin süß wie Lakritze und wünsche Alter mit Tränen in den Augen wie ein guter Onkel alles Gute. Dann mache ich auch Fischke warm, errege in ihm den »Bösen Trieb«, sein Blut kommt ins Sieden, und die Geschichte geht von neuem los. Auf Mendeles Wagen Fischke fängt wieder auf seine Art zu erzählen an; ich verbessere seine Erzählung auf meine Art, und Alter, der keine Zeit hat, treibt ihn auf seine Art an. Und die Geschichte geht wie folgt: »Am nächsten Tag, es war ein Freitag, war das Bejssmedresch in jenem Städtchen voller Bettler, die sich alle um den Schames drängten. Jeder wollte der erste sein und ein Billett zum reichsten Mann oder zu einem Bürger, bei dem es einen fetten Kugel gibt, für den Sabbat bekommen. Am begehrtesten war das Billett zum Fleischsteuerpächter. Am wenigsten gesucht die Billette zu den geistlichen Personen und Gemeindebeamten, weil diese selbst zwar gerne essen, aber den Gästen nichts Ordentliches geben. Die Vorsteher der Brüderschaften sprechen immer mit großem Mitleid von den armen Leuten, geben aber wenig zu essen, so daß es gerade reicht, es sich über die Lippen zu schmieren. Die Bettler halten es für ein Unglück, zu solchen Leuten zu geraten, und fürchten sie wie die Pest. Bekommt einer ein Billett zu einem solchen, so lachen ihn die andern aus, wie einen, der Pech gehabt hat ... Der Schames vom Bejssmedresch war sehr böse und schimpfte, daß noch niemals so viele Bettler da waren wie heute. ›Bettler‹, schrie er, ›was habt ihr unsere Stadt wie die Heuschrecken überfallen? Ich weiß gar nicht, wo ich euch alle unterbringe, ihr seid ja eine wahre Strafe Gottes!‹ Er schreit und wütet, aber die Bettler drängen sich und hören nicht auf ihn. Alle schreien: ›Mir! Mir! Gebt mir!‹ Und jeder drückt dem Schames einige Groschen in die Hand. Der Schames – was soll er, nebbich, tun? – nimmt das Geld, schimpft und verteilt die Billette. Ich stand mit der Buckligen abseits. Wir hatten nicht die Kraft und auch nicht die Frechheit, uns vor unsere Aristokraten zu drängen. Überall gibt es ja Aristokraten, selbst unter Bettlern. Und diese Aristokraten sind tausendmal ärger als die reichen ... Der Rothaarige war selbstverständlich einer von den ersten. Er bekam auch sofort zwei gute Billette für sich und für mein Weib. Mein Weib brauchte sich nicht einmal vorzudrängen. Er zeigte dem Schames auf sie schon von weitem: ›Schaut nur, da steht sie, meine Blinde, nebbich!‹ Als jeder mit seinem Billett sich zu seinem Bürger begeben hatte, ging ich mit der Buckligen auf den Schames zu und bat ihn, auch uns Billette zu geben. Er blickte uns mit süß-saurem Lächeln an und antwortete kein Wort. ›Habt Erbarmen‹, sage ich ihm, ›mit zwei Krüppeln. Die ganze Woche bekommen wir nichts Gekochtes in den Mund!‹ – ›Es gibt keine Billette mehr‹, antwortete der Schames. ›Ihr habt ja gesehen, wie es eben zuging. Ich kann euch nirgends schicken!‹ ›Da habt Ihr was!‹ sage ich und drücke ihm einen Sechser in die Hand. ›Nehmt es, bitte, und erbarmt Euch unser. Rettet uns, Ihr tut damit ein gottgefälliges Werk!‹ ›Hör einmal‹, sagte der Schames schon etwas milder, ›dein Geld brauche ich nicht. Ich habe noch ein Billett und kann es einem von euch geben. Wenn ihr wollt, lost darum unter euch.‹ ›Gebt es ihr!‹ sag ich ihm, auf die Bucklige zeigend. ›Nein, gebt es ihm!‹ bittet die Bucklige und zeigt auf mich: ›Ich nehme das Billett um nichts in der Welt!‹ Eine lange Zeit verging im Bitten und Streiten. Ein jeder bat den andern, das Billett zu nehmen, und schwor, daß er es um nichts in der Welt nehmen wird. Dem Schames machte das große Freude. Er streichelte sich das Bärtchen und sah uns sehr freundlich an. ›Wißt ihr was?‹ sagte er endlich: ›Wartet beide nach dem Abendgebet vor der Bejssmedresch-Türe. Wenn die Leute vom Beten heimgehen, wird sich wohl jemand finden, der euch mitnimmt. Ich will auch selbst für euch bitten.‹ So machten wir es auch. Als die Leute vom Beten heimgingen, zeigte der Schames uns zweien Bürgern und bat sie, uns mitzunehmen. ›Ich brachte es nicht übers Herz‹, sagte er ihnen, ›euch heute wieder Leute mit Billetten zu schicken. Denn ich schicke euch jede Woche welche. Wenn ihr aber so gut sein wollt, so nehmt diese beiden Bettler auf.‹ ›Ach!‹ sagten die beiden: ›Welcher Jude wird sich weigern, einen Gast für den Sabbat aufzunehmen? Es gibt ja nur diesen einen Tag in der Woche, wo der Jude aufatmen kann, warum soll er an diesem heiligen Tag nicht Arme bei sich aufnehmen und mit ihnen teilen, was Gott ihm gegeben hat? Wir bitten Euch, Schames, schickt uns jede Woche Gäste!‹ Die beiden Bürger gingen voraus, von ihren kleinen und größeren Kindern gefolgt, die alle sabbatlich ausgeputzt waren. Sie strahlten vor Sabbatfreude und sprachen lustig unter sich. Man sah es ganz deutlich, daß sie die sabbatliche ›Zusatzseele‹ hatten. Ich und die Bucklige folgten ihnen und waren sehr zufrieden. ›Gut Schabbes!‹ sagte mein Gastgeber, in die Stube tretend, zu seiner Frau, die sauber gekleidet und freudestrahlend wie eine Prinzessin auf ihn wartete. Sie hielt auf dem Schöße ein ganz kleines Kind, und an ihrer Seite standen zwei kleine Mädchen. ›Gott hat mir einen Sabbatgast geschickt. Siehst du, mein Weib, hättest mich doch nicht ins Haus hereingelassen!‹ sagte er lächelnd und begann, auf und abgehend mit lauter Stimme das ›Scholem-Alejchem‹ zu singen. Als er das Loblied auf das brave Weib anstimmte, stellte er sich vor seine Frau, nahm das kleine Kind auf die Arme, küßte und liebkoste es, während die anderen Kinder ihn mit freudigen Gebärden umringten. Es war, wie wenn die guten Engel aus dem ›Scholem-Alejchem‹ ins Haus herabgestiegen wären. Ich erzähle Euch das alles, weil mein Herz sich damals so furchtbar nach meiner Buckligen sehnte .... Mein Gastgeber gehörte wohl dem Mittelstande an. Die Lichter brannten in sauber geputzten Leuchtern, ich weiß nicht, ob aus echtem oder Warschauer Silber. Man aß aus Porzellantellern, und die Sabbatbrote lagen unter einem gestickten Deckchen. Auf dem Tische funkelte auch eine Flasche Wein, über den auch ein jeder den Kiddusch sprach. Die Hausfrau gab mir viel von allen Speisen und redete mir zu, mich nicht zu schämen und ordentlich zuzugreifen. Alles war sehr schön. Ich dachte aber bei jedem Stückchen Fisch oder Fleisch, bei jedem Löffel Nudeln nur an sie: wer weiß, ob sie es dort ebenso gut hat wie ich hier. Nach dem Essen bot man mir ein Nachtlager an. ›Soll er bei uns übernachten‹, sagte die Hausfrau leise zu ihrem Mann: ›Können wir ihn denn in den fürchterlichen Hekdesch schicken? Soll er wenigstens diese eine Nacht ordentlich ausruhen.‹ Nach der vorigen Nacht – nicht gedacht soll ihrer werden! – hatte ich es wirklich sehr nötig, in einer warmen Stube gut auszuschlafen und auszuruhen, vielleicht sogar nötiger, als zu essen. Ich dachte aber an die Bucklige und verzichtete mit schönem Dank auf das Nachtlager. Sie aß zu Sabbat in einem Hause, das im gleichen Hofe stand, und ich holte sie nach dem Essen von dort ab. Draußen war es sehr schön. Der Mond leuchtete hell, und es war angenehm zu gehen. ›Komm‹, sagte ich ihr, ›komm, wollen wir ein wenig spazieren gehen, in den Hekdesch kommen wir immer noch früh genug!« Als ich mich an den Hekdesch erinnerte, überlief es mich kalt. Der alte kranke Mann, der gestern abend so furchtbar gestöhnt hatte, lag schon am Morgen in der Agonie und war bald nach dem Lichtbentschen gestorben. Man hatte die Leiche über den Sabbat ins Vorhaus geschafft, wo ich übernachten sollte. Wir gingen und gingen und kamen schließlich in ein Gäßchen mit duftenden Gärten. Ringsumher war es still, man hörte nicht das leiseste Geräusch, das ganze Städtchen hatte sich, wie es bei Juden am Freitagabend Sitte ist, gleich nach dem Essen zur Ruhe begeben. Wir setzten uns ins Gras in einem Winkel am Zaune. So sitzen wir da, schauen und schweigen. Ein jeder von uns ist mit seinen Gedanken beschäftigt. Meine Bucklige seufzt tief auf und summt traurig das bekannte Liedchen: Der Vater hat mich geschlachtet, Die Mutter hat mich gegessen ... Ich schaue sie an – Tränen laufen ihr die Wangen herab. Ihr Gesicht glüht, und sie sieht mich mit traurigem Lächeln an. Alle Kräfte nahm sie mir mit diesem einen Blick! Das Herz krampft sich in mir zusammen, und es hämmert mir in den Schläfen. Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist ... Und es kommen mir ganz von selbst die Worte von den Lippen: ›Meine Seele!‹ Und sie sagt leise, sich mit Tränen würgend: ›Ach, Fischke, ich werde es nicht aushalten ... Was ich von ihm alles auszustehen habe ...‹ ›Von wem?‹ rufe ich ganz außer mir: ›Von dem Rothaarigen? Die Kränke fahre ihm in die Knochen!‹ ›Ach, wenn du wüßtest, Fischke, wenn du es wüßtest! ...‹ Ich nehme sie bei der Hand, streichle ihr den Kopf und bitte sie unter Tränen, ihr bitteres Herz vor mir auszuschütten. Sie bedeckt das Gesicht mit beiden Händen, beugt sich zu mir und erzählt mir mit zitternder Stimme, mehr mit Gebärden als mit Worten, furchtbare Dinge ... ›Hol der Teufel den rothaarigen Halunken. Soll er die Auferweckung der Toten nicht erleben!‹« XIX Fischke schwieg wieder. Er schien sehr erregt. Um ihn wieder gesprächig zu machen und von ihm alles zu erfahren, was ich so gerne wissen wollte, fing ich ihn wieder zu reizen an: »Du hast uns noch nicht gesagt, Fischke, ob deine Bucklige ein hübsches Mädel ist. Was kann an einer Buckligen so sehr gefallen?« »Wieso?« ereifert sich Fischke: »Wer denkt bei einer jüdischen Tochter an Schönheit? Wenn sie schön ist, so ist sie es für sich selbst, und es geht niemanden etwas an. Die Bucklige ist aber wohl gar nicht übel, sie hat hübsches Haar und ein angenehmes Gesicht, und ihre Augen sind wie zwei Brillanten. Was ginge mich aber das alles an? Bin ich denn ein dummer Junge, der hübschen Frauenzimmern nachläuft? ... Unsinn! ... Mich bezauberte ihre Güte, ihr Mitleid mit mir: sie bemitleidete mich wie einen Bruder und ich sie wie eine Schwester. Das war es! ...« »Mein Gott, ist es nicht ganz gleich?« fällt ihm Alter ins Wort. »Meine letzte Sorge ... Was erzählte sie dir aber, Fischke? Nun, heraus damit!« Alter treibt ihn auf seine Art an, Fischke erzählt auf seine Art, ich helfe ihm auf meine Art, und die Geschichte geht wie folgt weiter: »Ich hatte schon längst bemerkt, daß der Halunke – die Kränke fahr ihm in die Knochen! – die Bucklige zu kneifen pflegte. Ich glaubte, er täte es einfach aus Bosheit, um sie zu quälen. Nun hörte ich von ihr, daß das Kneifen einen ganz andern Sinn hatte. Der Schurke hatte ein Auge auf sie geworfen und gab ihr keine Ruhe. Wenn er sie irgendwo in einem Winkel erwischte, machte er sich an sie mit süßen Reden heran und versprach ihr goldene Berge. Und als er mit Gutem nichts erreichen konnte, fing er mit Bösem an: er drohte, ihr das Leben bitter zu machen, sie in schlechten Ruf zu bringen und in den Tod zu treiben. Einige Male versuchte er auch, ihr Gewalt anzutun. Das endete gewöhnlich damit, daß sie sich aus seinen Händen losriß und ihn so in den Bauch stieß, daß er beinahe verreckte. Er zahlte es ihr nachher mit Zinsen heim und riß ihr das Fleisch förmlich stückweise aus dem Leibe. Und dann ging die Geschichte von neuem los: er versuchte es wieder mit Gutem und wieder mit Bösem. Je mehr sie ihm aus dem Wege ging, um so mehr setzte er ihr zu. Im Vorbeigehen versetzte er ihr oft einen Stoß oder kniff sie, wie zufällig, aber so, daß es die Leute sahen. Solches hatte sie von ihm oft erlebt, und ich will davon gar nicht sprechen. Aber was sie in der letzten Nacht erlebt hatte, war schon gar zu schrecklich. Als der große Lärm im Hekdesch sich gelegt hatte und alle schliefen, kauerte sich die Bucklige in einem Winkel bei der Türe hin und schlummerte schon ein, als ihr plötzlich jemand etwas ins Ohr flüsterte, so daß sie erwachte. Es war der Rothaarige. ›Du liegst hier schlecht‹, sagte er ihr, Mitleid heuchelnd: ›Komm, ich geb dir einen guten Platz, wo du wirklich ausruhen kannst.‹ Sie dankt ihm für seine Güte und bittet ihn, sie in Ruhe zu lassen. Er setzt ihr aber noch weiter zu, bringt auch die Rede auf mich und sagt ihr, daß es ihm gut bekannt sei, wie die Dinge zwischen uns stehen ... Er droht ihr, sie und mich ins Grab zu bringen, und benimmt sich zugleich wie ein böses Tier und wie ein sanftes Lamm. Er ist gut und zugleich schlecht; wie er aber zudringlich wird, bekommt er von ihr einen Schlag ins Gesicht, daß ihm beinahe die Zähne herausfallen. Nun wird er ganz wild: er packt sie und schleudert sie ins Vorhaus. Was weiter geschah, wißt Ihr schon. Als mir die Bucklige das alles erzählte, war ich eine lange Weile wie erschlagen und ohne Sprache. In meinem Innern nagte aber ein Wurm. In mir brannte ein wilder Zorn gegen den Halunken und heißes Mitleid mit ihr; und noch ein anderes Gefühl, für das ich keinen Namen weiß. Dieses Gefühl packt mich am Herzen, ich ergreife ihre Hand, die sie noch vor dem Gesicht hält, und sage ihr mit einer Stimme, die mir selbst fremd vorkommt: ›Meine Seele! Das Leben will ich für dich hingeben!‹ ›Ach, Fischke!‹ sagt sie seufzend. Und sie rückt näher zu mir heran und lehnt sich mit der Wange an meine Schulter. Es wird mir hell vor den Augen und warm in allen Gliedern. Ich tröste sie wie eine Schwester mit guten Worten. ›Gott wird schon helfen!‹ Und ich schwöre ihr, daß ich ihr ewig wie ein treuer Bruder sein werde. Sie blickt mir in die Augen, lächelt süß, senkt den Kopf und sagt: ›Ich weiß nicht, warum, aber es ist mir jetzt so wohl ums Herz, Fischke! Und ich habe wieder Lust zu leben ...‹ Eine lange Weile sprachen wir nun leichten Mutes miteinander und trösteten uns damit, daß Gott uns helfen wird und daß wir einmal bessere Zeiten erleben, wie wir es uns beide wünschen. Plötzlich hören wir in der Nähe ein Klopfen. Ich mache einige Schritte im Schatten hart am Zaune und sehe auf der anderen Seite des Gäßchens einen Menschen, der sich an einer Kellertüre etwas zu schaffen macht. Ich schaue genauer hin – die Kränke fahre ihm in die Knochen! Es ist der Rothaarige. Ich sehe, wie er das Schloß aufbricht und in den Keller steigt, wohl um alles, was sich am Sabbat in einem Keller befindet, zu stehlen. Wie ein Blitz durchfährt mich der Gedanke: ›Fischke, nimm jetzt an ihm für dich und für die Bucklige Rache! Jetzt ist die Zeit: mach schnell die Kellertüre zu; soll er dort wie ein Bär in der Falle sitzen, bis man ihn morgen erwischt und ihm ein Bein ausrenkt!‹ Zum ersten Male fühlte ich, wie gut, wie süß die Rache ist! Das Blut siedete in mir, und ich war wie berauscht. In einem Augenblick war ich vor dem Haus und schlug die Türe zu. ›Liege da wie ein Hund!‹ sage ich mir lächelnd. Wie ich aber den Riegel vorschieben will, sehe ich, daß er etwas verbogen ist. Ich gebe mir die größte Mühe, bringe ihn aber nicht von der Stelle. Ich nehme meine ganze Kraft zusammen und habe ihn schon beinahe vorgeschoben, als die Türe plötzlich von innen aufgerissen wird und ich in den Keller fliege. Auf den Stufen stoße ich mit dem Rothaarigen zusammen. ›So, Reb Fischel!‹ sagt er mir, nachdem wir uns eine Weile schweigend gegenübergestanden haben: ›Du hast an der Türe gearbeitet und um meinetwegen den Sabbat entweiht? Es freut mich, so wahr ich lebe! Komm nun, Kätzchen, etwas tiefer hinunter, ich muß dich doch ordentlich traktieren!‹ Und er stößt mich die Treppe hinunter, ich falle auf die Erde und breche mir beinahe das Genick. ›Hier hast du einmal einen Vorschuß, du verschämter Bettler!‹ sagte er mir und schlägt mich mit aller Wucht in den Rücken. ›Jetzt kannst du warten, bis ich das gebratene Huhn, die Fische und die Schüssel Kalbsfußsülze, die ich deinetwegen beinahe zurückgelassen hätte, in den Sack gepackt habe!‹ Und dann fängt er mich wieder zu schlagen an. ›Zähl, Fischke: eins, zwei, drei, vier, fünf ... Das hast du von mir für dich. Und jetzt kriegst du für die Bucklige. Zähl, Fischke: neun, zehn ... Was ist das für eine Art, sich nachts mit einem Mädel herumzuschleppen? ... zwölf, dreizehn ... Ich sah dich früher mit ihr im Hintergäßchen herumspazieren ... Sechzehn, wenn ich nicht irre, siebzehn ...‹ Seine letzten Worte brachten mich ganz aus der Fassung. ›Schurke!‹ schreie ich ihn an: ›Du bist nicht wert, ihren Namen auszusprechen!‹ Und ich springe schnell auf und beiße mich in ihm mit den Zähnen fest. Nun beginnt ein Kampf: ich mit den Zähnen, er mit den Händen. Beide sind voller Haß, ein jeder will den andern umbringen. Er reißt mich mit aller Kraft von sich los, drückt mich fürchterlich zusammen und schleudert mich weit von sich weg. ›Danke Gott für die Errettung deiner Seele!‹ sagt er mir. ›Es ist mir nicht gelungen, dir den Garaus zu machen. Bleib nun da, Fischele, ruhe dich aus bis morgen. Statt gefüllte Fische werden sie morgen einen lebendigen Fischke finden ... Gute Nacht! Was soll ich deinem Weib ausrichten? Sie wird noch heute nacht einen Gruß bekommen!‹ Mit diesen Worten geht er fort und schließt die Türe. Als ich zur Besinnung kam, stürzte ich sofort zur Türe. Ich ziehe und ziehe – alle Mühe ist umsonst: sie ist von außen fest verschlossen. Ich weiß gar nicht, was ich tun soll. Ich darf keinen Lärm machen, damit die Leute mich nicht hören; und dableiben ist noch schlimmer. So stehe ich da, vor Schreck, vor Zorn und Schmerz schwindelt mir der Kopf. Ich werfe mich auf die Erde und liege in meinem Unglück da. Und ich denke mir, wie man mich hier morgen finden wird und wie alle Leute zusammenlaufen werden, um mich zu sehen. Es wird heißen, man hätte einen Dieb erwischt, und wird noch tausend Einzelheiten hinzudichten; jeder Mensch, der Lust hat, wird mich schlagen, und ich werde mich gar nicht rechtfertigen können. Dieser Gedanke bohrt in meinem Gehirn und gibt mir keine Ruhe. Plötzlich fühle ich, wie etwas über mich kriecht. Ich strecke die Hand aus und ergreife eine Ratte, die mir flink aus den Fingern gleitet und piepst. Ich springe auf, es ist mir schlecht, und kalter Schweiß tritt mir auf die Stirne. Mich kaum auf den Beinen haltend, lehne ich mich an die kalte, feuchte Wand und denke mir: ›Schöpfer der Welt, was ist das für ein Leben? Wofür strafst Du mich so? Wäre es nicht besser für mich und für die Welt, wenn ich gar nicht geboren wäre? Warum muß ich solches tragen?‹ Wie ich mir das denke, bricht mir schier das Herz, und ich vergieße bittere Tränen. Ich weine und frage: ›Schöpfer der Welt, wo bist Du?‹ Und ich stehe wie ein Lehmgötze da und weiß gar nicht, was um mich vorgeht. Plötzlich knarrt die Türe, ein schmaler Streif leuchtet in der Finsternis auf, und ich höre auf den Stufen leise Schritte. Die Haare stehen mir zu Berge: gleich wird man mich erwischen und mit mir wie mit einem Dieb abrechnen! Und wie ich zitternd mit gesenktem Kopf stehe, höre ich, wie mich jemand leise beim Namen ruft: ›Fischke, Fischke!‹ Ich erblicke vor mir die Bucklige und schreie vor Freude auf. ›Still!‹ sagt sie, meine Hand ergreifend: ›Geh doch schneller von hier fort!‹ ›Du hast mir das Leben gerettet!‹ schreie ich ganz außer mir vor Freude. Und hier im Keller geschah es – ich muß es gestehen –, daß ich sie zum ersten Mal küßte ... Ich frage sie, wie sie hergekommen sei. Sie bittet mich aber zu schweigen und erinnert mich daran, daß wir uns nachts in einem fremden Keller befinden. ›Komm schnell heraus, wirst bald alles erfahren‹, sagt sie mir und führt mich an der Hand ins Freie. Im Gehen erklärte sie mir die ganze Geschichte: Bald nachdem ich sie verlassen hatte, sagte ihr das Herz, daß mir etwas zugestoßen sei und daß sie nach mir sehen müsse. Sie ging bis ans Ende des Zaunes und sah auf der gegenüberliegenden Straßenseite jemand vor einer Türe stehen. Sie meinte, daß ich es sei, und kam näher. Da hörte sie aber die Worte: ›Lieg jetzt da wie ein Hund, Reb Fischel! Die Türe ist gut zugeriegelt.‹ Es wurde ihr finster vor den Augen, und sie blieb ganz verwirrt stehen. Plötzlich geht auf sie der Rothaarige zu; er kneift sie und sagt mit einem Lächeln: ›Gut Schabbes! Willkommen! Bist ein feines Mädel: Schleppst dich nachts in den Gassen herum, stellst dich aber so fromm wie eine Rebbezin ... Geh sofort nach Hause, du Herumtreiberin!‹ Er stößt sie mit dem Knie in den Rücken, und sie muß mit ihm gehen. Unterwegs sieht er sich immer nach allen Seiten um und legt den schweren Sack jeden Augenblick von der einen Schulter auf die andere, vergißt aber dabei nicht, sie vor sich her zu stoßen und zu quälen. Sie geht, nebbich, ganz unglücklich vor ihm her. Sie weiß, daß ich mich in einer bösen Lage befinde und daß sie mir nicht helfen kann, weil der Rothaarige sie nicht aus den Augen läßt. Plötzlich zeigen sich mehrere Juden, die von einer Ben-Sochor-Feier kommen; sie sind lustig und guter Dinge, wie es Juden bei solcher Gelegenheit immer sind. Sie lachen über einen, der in Zerstreutheit sein Schnupftuch trotz des Sabbats in der Hand trägt. Der Halunke springt sofort zur Seite und verschwindet in einem schmalen Gäßchen. Meine Bucklige sieht sich frei und rennt davon. Selbstverständlich läuft sie zum Keller, um mich zu befreien. Stellt Euch aber ihren Schmerz vor, als sie merkt, daß sie sich in den Gassen verirrt hat und die Stelle, an der wir gesessen sind, nicht mehr finden kann. Sie weiß, daß ich mich in großer Not befinde, daß sie mich so schnell wie möglich befreien muß, daß jeder Augenblick teuer ist, und sie irrt durch die Gassen und findet nicht das Haus ...! Schließlich erbarmte sich ihrer Gott: sie fand den Keller und befreite mich ... Wir gehen also und reden leichten Mutes miteinander. Ich sage ihr: ›Meine Seele, du hast mich heute aus der Not errettet!‹ Und sie mir: ›Fischke, du hast mir wie ein Bruder beigestanden, weißt du noch, gestern nachts im Vorhaus.‹ Wie wir aber schon in der Nähe des Hekdeschs sind, befällt uns Angst, und wir sprechen kein Wort mehr. Das Herz sagt uns, daß uns dort nichts Gutes erwartet, daß diese Nacht nicht so einfach ablaufen wird ... Der eine Flügel der Haustüre steht offen, der andere ist zu; von der Straße fällt ins Vorhaus ein Lichtschein. Vor der Türe stehen wir eine Weile mit bangem Herzen still, dann gehe ich leise als erster hinein. Wie ich ins Vorhaus trete, sehe ich gleich den Rothaarigen und mein Weib, die dicht vor der Türe sitzen und aus seinem vollgestopften Sack mit großem Appetit essen. Der Kerl flüstert ihr etwas ins Ohr und verschwindet. Sie springt voll Zorn auf und fällt über mich her: ›Du, so einer und so einer! Der böse Geist fahre in deinen Vater! Wirst du die ganze Nacht mit so einer Herumtreiberin, mit so einer liederlichen Person herumlaufen! Glaubst du vielleicht, daß ich von deinen schönen Streichen nichts weiß? Ich weiß es schon längst und trage es in mir, dieweil mir die Galle überläuft. So dankst du mir für alles Gute, das ich dir getan, daß ich dich in die weite Welt hinausgeführt und zu einem Menschen gemacht habe? Glaubst du vielleicht, du Hund, daß ich es dir schenken werde? Nein! Ich werde dir schon zeigen, du frecher Kerl, der Teufel fahre in deinen Vater, und auch ihr, der Herumtreiberin, der böse Geist fahre in ihres Vaters Mutter und ihrer Mutter Vater! Ich werd' euch beiden zeigen, wer älter ist!‹ Und sie fängt mich zu schlagen an: ›Hier hast du für heute, für gestern und für früher, hier, hier! Umbringen werd' ich dich.‹ Ich reiße mich halbtot aus ihren Händen los und laufe einige Schritte in die Straße zurück. Sie bleibt noch eine Weile draußen stehen und schreit. Dann geht sie wieder ins Vorhaus und ruft mir zu: ›Bleib wie ein Hund draußen liegen!‹ und schlägt die Türe mit großem Krach zu. Nun stehen wir beide, ich und die Bucklige, draußen und schauen uns an. Wir sind sehr betrübt, und alles, was wir eben erlebt haben, ist wie Salz auf unsere Herzenswunden. Wir können aber nicht auf einem Fleck stehenbleiben und gehen, wohin die Augen schauen, in Gedanken versunken und ohne miteinander zu reden. Wie ich wieder zur Besinnung komme, sehe ich, daß wir auf den Schulhof geraten sind. Das Herz bricht mir entzwei, wie ich denke, was die Bucklige alles auszustehen hat. Es ist ja schon die zweite Nacht, daß sie keine Ruhe finden kann. Ich überlege mir, wie ich ihr ein Nachtlager verschaffen soll. Und es fällt mir ein guter Ort ein: die Weiberschul! Als wir mit Gottes Hilfe die baufällige Treppe, die unter jedem Schritt erbebte, hinaufgestiegen waren und tastend die Türe gefunden hatten, stießen wir plötzlich auf etwas Weiches. Es entsteht ein großer Lärm, jemand rennt und springt um uns herum und über uns hinüber. Wir werden hinten und von den Seiten gestoßen und wissen noch immer nicht, was es ist. Ich werfe mich hin und her und erwische einen Bart ... Wessen Bart, meint Ihr? Einen Ziegenbart! Es waren die Ziegen, die bekanntlich das Vorrecht haben, mit dem Gemeindebock in der Weiberschul zu nächtigen. ›Wo bist du?‹ rufe ich meiner Buckligen zu. ›Hab keine Angst: hier sind, unberufen, viele Ziegen! Das Städtchen ist wohl gar nicht so arm.‹ Und ich jage die Ziegen hinaus, damit sie diese eine Nacht im Freien nächtigen, wünsche der Buckligen Gute Nacht, gehe hinaus und schließe hinter mir die Türe. Auf der Treppe tritt mir aber der Ziegenbock mit gesenktem Kopf entgegen; er ist wütend, weil ich seine Weiber gekränkt habe. Wir kämpfen eine Weile miteinander, er läßt mich nicht los und verfolgt mich, bis es mir schließlich gelingt, mich in die Klous unten zu retten. In der Klous liegen auf den Tischen und Bänken die Ortsarmen, schnarchen um die Wette und schlafen wie die Fürsten. Es ist eine Freude, zu sehen, wie schön sie, unberufen, schlafen. ›Die Ortsarmen haben es wirklich gut‹, sage ich mir voller Neid. ›Das ist doch wirklich eine ganz andere, viel vornehmere Sorte Bettler ...‹ Ich wähle mir einen Platz am Ofen, werfe mich hin und schlafe sofort ein. Mir war aber nichts Gutes beschieden. Denn bald weckt man mich aus dem Schlafe: ›Junger Mann, steht, bitte, auf!‹ Ich reibe mir die Augen und sehe mehrere Männer mit ernsten Gesichtern. Es sind die Mitglieder des Psalmenleservereins, die sich hier am Ofen jeden Sabbat ganz früh versammeln, um die Psalmen zu lesen. Was soll ich tun? Ich muß aufstehen! Ich übergieße mir die Fingerspitzen mit Wasser, setze mich hin, obwohl ich den Kopf kaum halten kann, und lese mit den Leuten die Psalmen ...« XX »Der Krach, den mir mein Weib an jenem Freitagabend gemacht hatte, erklärte mir ihr ganzes verrücktes Benehmen mir gegenüber. Sie ärgerte sich über meine Freundschaft mit der Buckligen, von der ihr der Rothaarige erzählt hatte; natürlich hatte er noch tausend Lügen hinzugedichtet. Er wollte auf diese Weise mein Weib dazu bringen, daß sie sich von mir lossagt und mich laufen läßt. Er hatte sich aber verrechnet: statt mich laufen zu lassen und sich für immer von mir zu trennen, verging sie vor Wut: ›Was, mein Mann soll mir solches antun? Fischke zieht mir ein buckliges Mädel vor?! Das ist eine Beleidigung, die ich nicht herunterwürgen kann. Nein, so was werde ich nicht dulden!‹« »Nun kann man doch fragen, warum sie selbst ... Ich meine, warum sich dein Weib mit dem Rothaarigen dasselbe erlauben durfte?« fragt Alter, der sich nicht länger beherrschen kann. »Ihr habt anscheinend recht«, antwortet Fischke, »aber im Glupsker Bad habe ich doch so viel Vernunft gelernt, um zu verstehen, daß Eure Frage gar keine Frage ist. Wo reden die Leute soviel übereinander wie im Bade? Und wer? Gerade diejenigen, die schweigen sollten. Einer, von dem man kein wahres Wort zu hören bekommt, sagt vom andern, daß er ein Lügner sei. Einer, dem man keinen Groschen anvertrauen darf, sagt vom andern, er sei ein Dieb; ein Geizhals, der sich für einen Pfennig die Augen ausstechen wird, spottet über den andern: ›Es ist ein schmutziger Kerl!‹ Ein böser Mensch mit einem Herzen von Stein nennt den andern einen Bösewicht, und einer, der aus Ehrgeiz sein Leben hingeben wird, spricht vom andern, daß jener nach Ehrungen lechzt. Berl der Bader griff sich einmal an den Kopf und fragte: ›Wie bringt es nur ein Mensch fertig, einen andern so zu lästern, wenn er weiß, daß er selbst ein Dieb, ein Geizhals, ein Lügner und alles ist, was es nur gibt?‹ ›Hörst du, mein Kluger!‹ antwortete ihm darauf Itzek der Kleiderhüter: ›Das ist eben das ganze Unglück, daß jeder Mensch nur die Fehler des andern sieht und von seinen eigenen keine Ahnung hat.‹ Schmerl, einer der Batlonim, die sich immer im Bad aufhalten, lächelte, streichelte sein Bärtchen und sagte: ›Laßt Euch dienen, Reb Berl! Laßt Euch dienen, Reb Itzek! Ihr seid beide im Irrtum. Ich erkläre Euch, daß die Sache sich einfach so verhält: Jeder glaubt, daß er alles darf, und daß der andere nichts darf .‹« »Schmerl hat recht!« rufe ich laut dazwischen und springe auf. Ich muß über Schmerls Worte nachdenken. Sie sind wie Weihrauch für den Teufel, der in jedem von uns sündigen Menschen sitzt. Der Teufel lächelt giftig, packt mich am Herzen, bringt alle meine Gedanken durcheinander und holt ganz alte Geschichten hervor, die einmal zufällig in meinem Gedächtnis sitzen geblieben sind. Es beginnt in mir zu kochen, es ist ein Jahrmarkt voll allerlei Gestalten, die ganz plötzlich wie aus dem Boden geschossen sind. Und der böse Geist sagt mit einer Grimasse, auf sie alle weisend: »Da hast du die schönen Seelen: die dürfen alles, alles ...« Diese schönen Seelen befassen sich mit Handel, mit Gemeinde- und Vereinsangelegenheiten und geben acht auf die Jüdischkeit und die Sitten ... Auch alte und junge Weiber von einst und von heute sind dabei. »Friede sei mit euch!« sage ich ihnen: »Gott sei mein Zeuge, daß ich euch nie wiedersehen und euren Namen nie über meine Lippen bringen möchte. So verhaßt seid ihr mir. Was soll ich aber tun? Da der Teufel euch einmal hergebracht hat, kann ich euch nicht so gehen lassen: ich muß ihm den Gefallen tun und von jedem von euch wenigstens etwas erzählen.« »Wart eine Weile, Fischke! Nehmt es mir nicht übel, Reb Alter!« unterbreche ich ihn: »Ich muß Euch etwas erzählen. Laßt mir nur einen Augenblick Zeit, daß ich es mir überlege!« Und wie ich das sage, packe ich einen von der schönen Gesellschaft: So, jetzt kommst du in die Arbeit! Er wehrt sich mit Armen und Beinen, stöhnt und schreit wie der gebundene Hahn beim Kapores-Schlagen. Die übrigen schauen mich mit bösen Mienen an und bedeuten mir, daß ich schweige. – Narren! sage ich ihnen: – Ich höre auf euch wie auf das milchige Messer. Mich werdet ihr nicht so leicht erschrecken, und wenn ihr auch eure Pelze mit dem Fell nach außen anzieht und euch als Bären verstellt. Affen seid ihr und keine Bären! ... – Der Teufel in mir kommt in Hitze und reizt mich noch mehr: »Ja, so, nimm sie in die Arbeit, all diese schönen Seelen!« Und ich fange wirklich an: »Hört Ihr, Reb Alter, ich will Euch eine schöne Geschichte erzählen: in einer gewissen jüdischen Stadt gab es feine Leute, die die Angewohnheit hatten ...« Ich bleibe aber mitten in der Geschichte stecken. Die Weiber winken mir zu und flehen: »Lieber, guter Reb Mendele, habt Erbarmen, erzählt es nicht! ...« Sie lächeln mir so freundlich zu und bitten mich mit so leuchtenden Augen, daß ich weich wie Teig werde und vor ihren Blicken schmelze. Und es fällt mir mein Gelübde ein, dem Verein der »Onkel« beizutreten. »Hol' Euch der Teufel!« sage ich lächelnd. Und ich füge hinzu, mich an Reb Alter wendend: »Ich meine die feinen Leute in jener Stadt, von der ich eben sprach. Aber ich habe heute keine Lust, die Geschichte zu erzählen. Sollen die Leute zu allen Teufeln gehen! ... Nehmt es mir nicht übel, Reb Alter.« »Ich habe nichts dagegen, von mir aus können sie wirklich zum Teufel gehen! Aber was ist das für eine Art, einen Menschen mitten in seiner Erzählung zu unterbrechen, mit einer Geschichte dazwischen zu kommen, einer von Euren Geschichten!« sagt Alter und zuckt die Achseln. Dabei blickt er mich so an, wie wenn er sagen wollte: »Er ist wie ein durchlöcherter Sack, neun Maß Rede schütten sich aus ihm, so wahr ich lebe. Sehr nötig brauche ich seine Geschichten! Könnt Ihr mir vielleicht sagen, wozu ich sie brauche?« Er winkt mißbilligend mit der Hand und wendet sich wieder an Fischke: »Nun, und weiter? Mach es kurz!« Fischke beginnt auf seine Art, ich arbeite auf meine Art, Alter treibt ihn auf seine Art an, und die Geschichte geht so weiter: »Je mehr Zeit verging, um so mehr entfremdete ich mich von meinem Weib. Sie war mit dem Halunken noch vertrauter geworden, und sie gingen jetzt immer zusammen wie ein Graf und eine Gräfin auf den Bettel. Ich kümmerte mich nicht mehr so sehr darum, denn alle meine Gedanken waren mit der Buckligen beschäftigt; keinen Augenblick hörte ich auf, an sie zu denken. ›Geht von mir aus ins Grab!‹ sagte ich mir: ›Bettelt zusammen, bis ihr zerspringt.‹ Wenn ich einmal auf dieses Pärchen stieß, sah mich der Kerl spöttisch an, wie wenn er sagen wollte: ›Ich habe dir schön zum Tanze aufgespielt, kannst zufrieden sein!‹ Ich spie jedesmal aus, setzte meinen Weg fort und dachte dabei: ›Und wenn du dich mit ihr auch herumschleppst, was hast du davon? Sie ist ja eine verheiratete Frau und fest an mich gebunden. Auch ich habe dir schön aufgespielt, du Kerl! Zerspringen kannst du! ...‹ Beim Betteln begleitete mich nun ein alter Mann aus der Bande des Rothaarigen, ein ebenso übler Kerl wie er, namens Notke der Dieb. Er machte die Sache sehr gut. Jedermann mußte ihm Almosen geben, weil er immer auf mich zeigte und dabei ein so bitteres und unglückliches Gesicht machte. Er gab sich nämlich als der unglückliche Vater des armen Krüppels aus. ›Hink, Fischke, hink gut, mein Schatz!‹ pflegte er mir zu sagen, wenn wir in ein Haus traten, und stieß mich dabei in den Rücken: ›Schneide Gesichter und seufze, seufze, du Hund! Sie werden mir schon für dein Seufzen zahlen.‹ Unterwegs lehrte er mich, wie ich mich zu benehmen habe, spottete über die Bürger, kniff mich ab und zu und schimpfte auf mich, aber gutmütig: ›Daß dich der Teufel! ...‹ Einmal versetzte er mir zum Spaß einen solchen Stoß in die Herzgrube, daß ich beinahe die Fallsucht bekam. Die Almosen, die man uns gab, nahm er zu sich, und es war mir schwer, von ihm auch nur einen Heller herauszubekommen. ›Was brauchst du Geld, Fischke ?‹ pflegte er zu scherzen: ›Du bist ja selbst so gut wie Geld! Wenn du nur immer hinkst und an allen deinen Gliedern krank bleibst, bis du stirbst, mein Schatz!‹ Einmal, wo ich in großer Not war, versuchte ich von ihm meinen Teil mit heftigen Worten zu mahnen. Er sagte aber drauf: ›Still, krummer Hund! Glaubst du, daß ich so ein Aas wie dich umsonst im Wagen herumfahren werde? Du frecher Kerl! Ich werde es deinem Weib sagen. Dich kenne ich nicht und habe mit dir überhaupt nicht zu reden. Ich kenne bloß dein Weib; sie hat dich mir übergeben; von ihr habe ich diese schöne Ware bekommen und mit ihr werde ich auch abrechnen.‹ Schlecht ist's! Nun sehe ich, daß ich bei der Bande dasselbe gelte wie ein Bär bei den Zigeunern. Man führt mich herum, um an mir ein paar Groschen zu verdienen. Sie haben mir mein Weib genommen, haben es auf ihre Seite gelockt, und nun hilft sie ihnen gegen mich: sie hat mich an diese Bande Vagabunden und Diebe ausgeliefert! ... Es ist schlecht, es ist bitter, die Welt ist keine Welt mehr! ... Ich sah schon, daß ich das Spiel verloren hatte, daß es zwischen mir und meiner Frau zu keinem richtigen Zusammenleben mehr kommen wird. Wozu soll ich dann noch bei den Leuten bleiben? Ich muß fliehen, so schnell wie möglich fliehen. Jeder Tag unter diesen Dieben ist eine Sünde vor Gott; es sind ja Menschen, die keinen Gott im Herzen haben, die keinen Finger rühren, keine Arbeit tun, jedes Joch von sich geworfen haben, von fremder Arbeit leben, jüdisches Blut saugen und dabei noch die, von denen sie leben, wie den Tod hassen! Ich selbst kam mir tief gesunken vor, wenn ich meine ganze Lebensweise unter diesen schlechten Menschen betrachtete. Ich bin ja ein ganz anderer geworden. Ich habe von ihnen viel Schlechtes gelernt. Das einzige Mittel, mich von all der Pein zu befreien, ist, von ihnen wegzulaufen und sie wie die Pest zu fliehen. Was fange ich aber mit ihr an? Wie kann ich die Bucklige bei den Leuten zurücklassen? Mir war es, wie wenn ich in einer tiefen Grube, in der Hölle säße. Eine Stimme schreit mir ins eine Ohr: ›Verliere nicht deine Seele, Fischke! Entlaufe, wenn du noch an Gott glaubst!‹ Und im andern Ohr klingt mir die Stimme der Buckligen: ›Fischke, Fischke ...‹ Ich muß mich entscheiden: entweder gehe ich in die leuchtende Welt, die frei von Sünde und Pein ist, oder bleibe hier in dieser Hölle, aber mit ihr zusammen ... Ich weinte mich ordentlich aus und – Gott strafe mich nicht für diese Sünde! – blieb noch weiter bei der Bande ... Erst viel später kam mir der Gedanke, daß ich auch zusammen mit der Buckligen entfliehen kann. Das ginge aber nur dann, wenn ich mich zuvor von meinem Weib scheiden ließe: ich kann doch nicht so mit einem Mädel durch die Welt ziehen! Die Leute werden sich Gott weiß was denken. Wird aber meine Frau auf eine Scheidung eingehen? Sie ist ja eine wahre Strafe Gottes. Wenn ich auch nur ein Wort von der Scheidung spreche, wird sie mir zum Trotz ›Nein!‹ sagen. Ihr größtes Vergnügen in der letzten Zeit war, mich bis aufs Blut zu peinigen. Dies schreckte mich aber nicht ab. Ich gab meine Absicht nicht auf und beschloß, die Scheidung mit Gutem oder Bösem durchzusetzen. Vielleicht wird sich Gott doch noch meiner erbarmen. Ich hielt meine Absicht geheim und sagte keinem Menschen ein Wort. Nach meinen Erfahrungen mit dem Alten wollte ich mit niemand von der Bande mehr betteln gehen. Das kam mir teuer zu stehen, aber ich setzte meinen Willen durch: ich wollte um nichts in der Welt mehr den Bären bei diesen Zigeunern spielen. Der Rothaarige und seine Leute waren damit natürlich sehr unzufrieden und versuchten, mir mit Schlägen Gehorsam beizubringen. Wie sie mich einmal schlugen, sagten sie: ›Warum sollen wir dich umsonst mitführen, du schöner Kerl, wenn du nicht arbeiten willst? Scher dich zum Teufel!‹ – ›Das will ich augenblicklich tun‹, sage ich ihnen, ›aber gebt mir mein Weib zurück!‹ Sie sahen mich an und fingen zu lachen an. Natürlich wollte ich gar nicht, daß sie mir mein Weib zurückgeben; ich dachte mir dabei: ›Behaltet sie nur, sie soll aber auf die Scheidung einwilligen!‹ Die Schläge, die ich für meinen Trotz bekam, taten mir allerdings furchtbar weh, ich hatte aber doch Freude am Gedanken: ›Macht nichts, daraus werde ich schon meinen Nutzen ziehen. Wenn sie sehen, daß ich eigensinnig bin und zum Geschäft nicht mehr tauge, werden sie mich los sein wollen, und so werde ich leichter die Scheidung durchsetzen können.‹« XXI »›Basche!‹ sagte ich einmal zu meinem Weib im Guten, als wir allein waren und ich die Rede auf die Scheidung bringen wollte: ›Basche, was hast du gegen mich?‹ ›Verrecke, Fischke!‹ antwortete sie mir kurz. ›Da habe ich es wieder!‹ sage ich geärgert: ›Ich rede mit dir im Guten, und du fluchst: Verrecke, Fischke. Warum?‹ ›Also krieg die Fallsucht!‹ Sie verzieht das Gesicht und rückt von mir weg. ›Sollst mir gesund sein, Basche!‹ sage ich ihr. ›Gib deine Dummheiten auf und laß uns so leben, wie Gott geboten hat.‹ ›Verrecke, Fischke, mitsamt deiner Herumtreiberin!‹ – Verrecke doch lieber du selbst mit deinem Kerl! – denke ich mir und rücke mit der Sprache heraus: ›Hör einmal, Basche, es heißt ja, daß eine Tochter Israels zu nichts gezwungen werden darf. Wenn du mit mir nicht leben willst, so gibt es bei uns Juden für diesen Fall die Scheidung. So oder so!‹ ›Ach so, du sehnst dich nach der Herumtreiberin! Du willst dein Weib los sein und die Bucklige nehmen! Das wirst du aber nicht erleben! Ihr werdet beide eher krepieren. Hab keine Angst, es wird ihr nichts geschenkt werden, der frechen Person, sie wird schon die Erde kauen. Hörst du, Fischke! Der Teufel fahre in deines Vaters Vater ...‹ Mein Weib fing so furchtbar zu schreien an, daß ich schnell davonlief. Die Sache stand nun schlecht. Sehr schlecht! Ich bekam ja auch keinen Honig zu kosten, hatte genug auszustehen, aber die Bucklige, nebbich, hatte es noch viel schlimmer. Sie mußte für mich alles büßen, und mein Weib behandelte sie wie eine böse Hausfrau ihre Dienstmagd. Sie setzte ihr ganz fürchterlich zu, und der Halunke seinerseits plagte sie noch schlimmer. Schlecht hatten wir es beide. Unser einziger Trost war, abends, wenn alle schliefen, ins Freie zu gehen und voreinander unsere Herzen auszuschütten. So sitzen wir einmal nachts neben der Großen Schul. Der Himmel ist voller Sterne, und um uns herum ist es still. Kein lebendes Wesen ist zu sehen. Sie sitzt neben mir auf einem Stein zusammengekauert, Tränen fließen ihr die Wangen herab, und sie summt vor sich hin: Der Vater hat mich geschlachtet, Die Mutter hat mich gegessen ... Jedes ihrer Worte dringt mir ins Herz wie ein Messer. Ich versuche sie zu trösten und ihr Mut zu machen. ›Nur noch ein wenig Geduld, bald wird uns von Gott die Hilfe kommen!‹ Ich male ihr aus, wie wir einst leben werden, wenn Gott uns aus diesem Jammer erretten wird. Ich schildere ihr alles in den glühendsten Farben, beschreibe ihr das Glupsker gemauerte Bad mit allen Einzelheiten. Ich sage ihr, daß es mir sicher gelingen wird, dort mit der Zeit wieder die Stelle eines Kleiderhüters zu bekommen. Vielleicht wird auch sie dort irgendeine Beschäftigung finden – als Badefrau oder ähnliches. Und sollte das nicht gelingen, so kann man in Glupsk auch andere Arbeit finden. ›Für arme Leute ist Glupsk ein wahres Erez-Jissroel; die Stadt ist, unberufen, groß und hat genug Häuser. Die Menschen sind einfach, machen keine großen Zeremonien, ein jeder tut, was ihm paßt, und niemand redet ihm etwas drein. In Glupsk darf selbst ein wohlhabender Bürger abgerissen herumgehen, und niemand sagt darüber ein Wort. Der Bürger kann dort mitten am hellen Tage zerzaust in einem schmutzigen Schlafrock herumspazieren; oder auch umgekehrt: ein Bettler darf dort in Samt und Seide herumstolzieren, und niemand nimmt daran Anstoß. Dort ist es überhaupt schwer, die Bettler von den Reichen zu unterscheiden: sei es an der Kleidung, sei es an der ganzen Lebensweise. Dort kommt es vor, daß arme Leute Vorsteher in Vereinen sind und davon leben; einer hilft dem andern, und alle haben ein gutes Leben. Armut ist dort keine Schande. Wenn man nur etwas Glück hat, kann man sich dort leicht ein gutes Auskommen verschaffen. Es gibt dort viele Leute, die erst vor kurzem Bettler und Dienstboten waren und auf einmal reich geworden sind und in der Stadt die größte Rolle spielen. Es ist ja möglich, daß auch ich, wie du mich da siehst, mit der Zeit ein einflußreicher Mensch sein werde, und dann werden wir es beide gut haben. Wir werden in Reichtum, Ehren und Freuden leben. Lache nicht, meine Seele, ich übertreibe gar nicht. In Glupsk gehört so was zu den gewöhnlichsten Dingen, man muß nur an Gott glauben, den Mut nicht verlieren und ein frommer Jude bleiben, der Gottvertrauen hat. Ach, Glupsk, Glupsk! Wann erleben wir es, daß wir uns von der üblen Bande losreißen und zu dir, meine Mutterstadt, zurückkehren?!...‹ ›Ach Fischke! Ich habe keine Kraft mehr, es noch länger zu tragen‹, sagte die Bucklige und seufzte aus tiefster Seele. Sie lehnt ihren Kopf an meine Schulter und sieht mich flehend an. Ich streichle ihr das Haar, liebkose sie und spreche ihr Mut zu. Sie wird etwas heiterer, blickt mir in die Augen und lächelt. ›Fischke‹, sagt sie leise, ›du bist der einzige Mensch, den ich auf Erden habe: du bist mein Vater, mein Bruder, mein Freund, mein alles. Fischke, bleib mir treu und vergiß mich nicht. Schwöre mir bei der Schul, wo jetzt die Toten beten, unter denen sich vielleicht auch mein Vater befindet, den ich so wenig gekannt habe, schwöre mir, daß du mir immer treu bleiben wirst ...‹ Nun nahm ich alle Kraft zusammen, um bei meinem Weibe die Scheidung durchzusetzen. Schließlich einigten wir uns so: ich gebe ihr das bißchen Geld, das ich mir während der Zeit, wo ich für mich allein arbeitete, zusammengebettelt habe; ich gebe es ihr sofort und deponiere es nicht, wie es sonst üblich ist, bis zur Scheidung bei einem Dritten, außerdem verpflichte ich mich, den ganzen folgenden Winter ganz ohne Widerspruch für sie zu arbeiten; das heißt: mich wieder zum Betteln führen zu lassen und alles, was ich bekomme, meinem Weib als Entschädigung für die Scheidung zu geben. Der Rothaarige lächelte, verprügelte mich und sagte: ›Masel-Tow‹. Und ich wurde wieder zu einem Bären, zu einer guten Ware; der Alte führte mich wieder zum Betteln, und ich mußte wieder hinken, Gesichter schneiden und seufzen, wie er mich lehrte. Nach Pejssach kamen wir in irgendein Städtchen im Chersoner Gouvernement. In der ersten Zeit arbeitete ich so, wie ich mich verpflichtet hatte. Aber dann sagte ich mir: ›Es ist genug! Jetzt will ich ein Ende machen.‹ Mein Weib machte zuerst Schwierigkeiten und wollte noch eine Bedenkzeit haben. Schließlich erklärte sie: ›Gut, morgen kann die Scheidung sein.‹ Es wurde mir auf einmal hell vor den Augen. Vor lauter Freude litt es mich nicht an einem Ort, es zog mich ins Freie. Ich spazierte eine lange Zeit durch die Straßen und bettelte dabei von Haus zu Haus. Denn ich sagte mir: ›Was kann mir das schaden? In der ersten Zeit, wo ich selbständig bin, werde ich wohl ein paar Groschen brauchen können.‹ Das Geschäft ging diesmal sehr gut, so einen Ertrag vom Betteln wie an diesem Tage habe ich noch nie gehabt. So was erlebt man nur einmal in hundert Jahren. Wenn Gott einem Menschen helfen will, so hilft er ihm in allen Dingen. In jedem Hause kriegte ich was. Ich hatte solches Glück, daß ich zufällig auch in ein Haus kam, wo gerade ein Briss gefeiert wurde. Die Leute waren sehr gut aufgelegt und lustig. Man gab mir einen ordentlichen Schluck Branntwein, ein ganzes Kiddusch-Glas voll, ein großes Stück Honigkuchen, ein ›Königsbrot‹, etwas Geld und eine große Semmel. Ich nahm mich zusammen und kostete von allen diesen Dingen kein Bißchen, sondern verwahrte alles im Busen, um es der Buckligen als Geschenk mitzubringen. Ihr hättet sehen sollen, mit welcher Freude ich heimging. Ich dachte mir die ganze Zeit: ›Heute abend, wenn alle schlafen, werde ich ihr das geben, damit sie auch einmal eine Freude hat. Sie ist ja, nebbich, so einsam und elend. Sie hat in ihrem ganzen Leben keinen süßen Augenblick gehabt. Soll sie wissen, daß Fischke ein guter Bruder ist, daß er für sie sorgt und über sie wacht wie über seinen Augapfel. Er wird eher selbst nichts essen, ihr aber den besten und schönsten Bissen geben.‹ Ich malte mir schon aus, wie wir vor der Großen Schul sitzen und uns freuen. Sie erquickt ihr Herz mit dem Honigkuchen, und ich sage ihr: ›Meine Seele! Wohl bekomm es dir!‹ Und dabei denke ich mir im stillen: ›Soll das ein gutes Zeichen sein; gebe Gott, daß wir bald bei uns Honigkuchen essen ...‹ Und ich teile ihr die frohe Botschaft mit: ›Morgen werde ich frei, denn meine Frau nimmt die Scheidung an.‹ Sie strahlt vor Freude. Wir überlegen uns, wie wir von der Bande weglaufen können. Wir werden uns einen Plan ausdenken, und alles wird, so Gott will, gut werden ... Mit solchen Gedanken ging ich heim und malte mir immer unser Glück aus. Unterwegs traf ich auch noch einen Wasserträger mit vollen Eimern, und das ist ja auch ein glückliches Zeichen. Was kam aber heraus? Das ganze fiel ins Wasser. Wenn einem Menschen Unglück beschieden ist, so helfen ihm auch keine guten Zeichen, selbst wenn er zehn Frauen mit vollen Eimern begegnet. Als ich abends ins Hekdesch zurückkehrte, traf ich dort die Bande nicht mehr an! Während ich lustig in der Stadt herumspazierte, fuhren sie alle davon und nahmen auch mein Weib und die Bucklige mit ... Das war gewiß ein Streich vom Rothaarigen! Mag er soviel vom Leben wissen, wieviel ich damals wußte, was ich tun soll! Möchte sich ihm doch so der Magen umdrehen, wie sich mir damals der Kopf drehte. Finster war es mir vor den Augen, verdunkelt war meine Welt. Das einzige Sternchen, das mir leuchtete, war plötzlich erloschen. Weh ist mir, ich habe meinen Trost verloren! Ich habe die Bucklige nicht mehr bei mir ... Ich bin wieder einsam und verlassen wie ein Stein. Und sie? Wo ist sie, was tut sie? Vor wem wird sie ihr bitteres Herz ausschütten können? Ach, Juden, das war ein Schmerz, ein doppelter Schmerz! Als ich später das Stück Honigkuchen, das ich für sie aufgehoben hatte, aus dem Busen holte, riß mir das Herz entzwei. Ich hielt den Kuchen steif in der Hand und begoß ihn mit Tränen, wie ein Andenken, das man von seinem verstorbenen geliebten Kinde hat. Es ist dir nicht beschieden, du meine arme Seele, auch nur einmal in deinem Leben dein Herz zu erquicken! Ich schaue auf das Stück Lebkuchen, küsse es, wickele es dann wie einen Edelstein ein, verwahre es wieder im Busen und drücke es fest ans Herz ... Weiß ich, was ich damals hatte?! ...« XXII Fischke bedeckte bei den letzten Worten sein Gesicht mit den Händen, wandte sich weg und begann zu schluchzen. Wir fühlten, wie er litt, und ließen ihn in Ruhe. Auch uns beide befiel eine Trauer, und wir saßen stumm, in unsere Gedanken vertieft. Alter kratzte sich immer die Peje und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, von der Stirne bis zum Bart, den er mit allen fünf Fingern packte. Dabei seufzte er schwer. Man sah, daß er sehr aufgeregt war, daß in ihm etwas vorging. Auch ich war sehr erregt: Fischkes Geschichte hatte mich sehr betrübt. Ich dachte mir: »Schöpfer der Welt, was ist das eigentlich, verliebt sein?« Ich habe wohl gehört, daß so etwas vorkommt, aber was das ist, habe ich niemals verstehen können. Bei uns pflegte man darüber zu sagen: Hier ist ein Zauber dabei. Das kommt von einem Fläschchen oder von einem Kraut, das man von einer alten Hexe kriegt. Daß alte Hexen die Macht haben, solche Streiche zu spielen und auch einen Mann, der sein Weib verlassen hat, rittlings auf einem Besen zu der Agune zurückzubringen, ist ja klar wie der Tag: dafür gibt es genügend Zeugen; lauter fromme, bärtige Juden ... Verliebt sein galt bei uns als eine Krankheit wie Fieber, Melancholie, Fallsucht und ähnliche üble Dinge, gegen die nur ein Baal-Schem oder – er sei von ihm wohl unterschieden! – ein Tatare helfen kann. Wenn die Rede darauf kam, pflegte man siebenmal auszuspucken, sich an die Augenbrauen zu greifen und dabei mit frommer Miene zu sagen: Nicht heute sei es gedacht, auf keine jüdischen Kinder sei es gedacht! ... Es galt sogar als gutes Werk, über einen Verliebten zu lachen, wie man über einen Verrückten lacht. Diese Krankheit kam aber, soweit ich mich erinnere, nur bei sehr reichen und bei sehr armen Menschen vor. Im Mittelstande hat man von ihr keine Ahnung. Und darüber mußte ich immer staunen. Was ist das eigentlich? Es muß doch irgend einen Grund haben! Das mit der Hexe halte ich für Unsinn, und an das Fläschchen glaubte ich niemals, obwohl mir viele Ketzerei vorwarfen: Hat man so was gehört, daß ein Mensch nicht an Zauberei, an die Wunderkraft der Tataren und an Spuk glaubt?! Ich suchte immer nach einer Erklärung und habe sie, glaub ich, gefunden. Den reichen Leuten geht es auf dieser Welt viel zu gut: sie haben die teuersten Speisen und Getränke und alles, was sie nur wollen; es fehlt ihnen nichts als die Krankheit; darum haben sie auch zuweilen solche Mucken. Ob das etwas Ernstes oder nur ein Spiel ist, weiß ich nicht; das ist eben ihr Geheimnis. Und was die Bettler betrifft, so haben sie es ja auf ihre Art gut. Sie haben nichts zu verlieren, leben auf fremde Kosten und machen sich nicht viel Sorgen. Und um die Schande kümmern sie sich nicht viel. Daher haben sie ebenfalls Lust zu solchen Dingen. Das ist eben der Grund, warum die Krankheit nur bei den Reichen und bei den Armen vorkommt. Und was die Leute vom Mittelstande betrifft, so haben sie ganz andere Sorgen: sie müssen immer an Erwerb denken, und das Wichtigste ist bei ihnen das Geschäft. Alles ist Geschäft, auch das Heiraten ist ein Geschäft. Man kauft sich ein Weib und macht vorher ganz genau den Preis, die Mitgift und alle Einzelheiten aus. Selbst das Streimel und der Sabbatrock müssen im Verlobungspakt ausdrücklich erwähnt sein. Ist der Pakt richtig erfüllt, so sagt man: Komm, liebe Braut, unter die Chuppe mit dem Schadchen und Badchen und der ganzen Geistlichkeit, der bei diesem Geschäft auch ein Bissen abfällt. Sei ein Weib, zeuge Kinder, plage dich mit mir hundertundzwanzig Jahre, wenn du Lust hast zu leben und nicht etwa vor der Zeit sterben willst. Ob du schön oder häßlich bist, klug oder dumm, das ist deine Sache; mir ist es ganz gleich: eine Frau ist eben eine Frau. Wir sind keine Christen und haben keine Zeit, auf solche Dinge zu achten; wir sind Juden, Kaufleute, Mäkler, Krämer und müssen uns ums Geschäft kümmern. In meinem Stande gibt es viele Männer, die mit ihren Frauen fast nie reden, nie am gleichen Tisch essen und sie fast gar nicht sehen; und doch ist alles in bester Ordnung. Beide Teile sind sehr zufrieden und wünschen solch ein Leben allen Leuten und deren Kindern. Stirbt einem das Weib, so sitzt er nach jüdischer Sitte Schiwe und schafft sich ein zweites Weib an, oft sogar vor Ablauf der dreißig Trauertage. Und auf die gleiche Weise nimmt er sich auch ein drittes, viertes, fünftes ... Und so fort bis zu der alten Frau, die er in seinen »geschenkten« Jahren heiratet, meistens unter dem Vorwande, mit ihr nach Erez-Jissroel zu ziehen. Das Ganze heißt beim Juden »ein göttliches Gebot erfüllen« ... Wenn der Jude am Sabbat ißt, so ist es ja auch kein gewöhnliches Essen, der Völlerei wegen, sondern die Erfüllung des Gebotes von den »drei Sabbatmahlzeiten«. Dasselbe gilt auch vom Glase Wein beim Ssejder: trinkt er denn, weil der Wein ihm Vergnügen macht und nach den Knödeln eine Erquickung ist? Gott bewahre! Er sagt dabei mit frommer Miene: »Ich erfülle das Gebot von den vier Bechern!« Unsereiner ißt, trinkt und heiratet nur, um den Herrn zu heiligen und die göttliche Majestät zu preisen. Das alles gilt aber nicht für Fischke. In der üblen Lage, in der er sich befand, war das bucklige Mädel sein Trost, sein Glück, sein Leben, sein Alles. Der Ertrinkende klammert sich an einen Strohhalm. Ist es denn ein Wunder, daß Fischke sich an die Bucklige mit Leib und Leben klammerte? Wenn das Herz weh tut, so pflegt der Mensch zu schreien, und alle Menschen schreien dann dasselbe. Die Sprache des Herzens ist gleich bei groß und klein, bei Gebildeten und Unwissenden; ist es ein Wunder, daß Fischkes Herz sich in solchen heißen, reinen, menschlichen Worten ergoß? Darum haben mich seine Worte auch so gerührt, wie eine Geige, die zum Herzen spricht. Kein Prediger und kein Erbauungsbuch hat mich noch so gerührt und mich so weich, gut und fromm gemacht, wie der Aufschrei eines gebrochenen Herzens, wie die Geige des Spielmanns ... Gut: Fischkes Erzählung hat mich tief gerührt, und darum bin ich so nachdenklich; aber du, mein Pferd, was bist du so nachdenklich? Das ist doch wirklich keine Art: der Gaul bewegt kaum die Beine und kümmert sich nicht im geringsten darum, daß wir bald Tische-be-Ow haben und ich mich beeilen muß, alle die Städte mit Kines zu versorgen. Er geht nicht mehr auf der Straße, sondern schlägt sich auf die Seite ins Korn, bleibt manchmal stehen und rupft sich einen Halm. Alters Mähre ist nicht viel besser: sie macht es ebenso wie mein Gaul. Es ist genauso wie im Cheder: wenn der Rebbe einmal wegsieht, oder sein Kind wiegt, oder mit der Rebbezin zankt, so sind auch gleich die Schüler zerstreut und tun nur so, als ob sie lernten. Ich greife nach demselben Mittel, nach dem der Rebbe in solchen Fällen greift: nämlich nach der Peitsche; ich rufe meinen Gaul zur Besinnung und sage ihm zugleich auch einige belehrende Worte. Er spitzt die Ohren, reckt den Hals, läßt die Zunge heraushängen, schlägt aus und wedelt mit dem Schweif. »Bist du aber frech!« rufe ich aus und gebe ihm ordentlich die Peitsche. Das paßt ihm aber gar nicht: er bäumt sich und zeigt die Absicht, sich platt auf die Erde zu legen. Aber er kommt doch noch zur Vernunft, beginnt zu ziehen und schleppt den Wagen weiter. Auch wir alle kamen derweil zur Besinnung. Alter half auf seine Art nach, Fischke erzählte auf seine Art, ich übersetzte seine Worte auf meine Art, und die Geschichte ging weiter wie folgt: »Ich werde Euch nicht mehr lange aufhalten. Ich zog nun ganz allein die Odessaer Landstraße entlang: ich hoffte, daß ich vielleicht unterwegs meinen Leuten begegnen oder etwas von ihnen hören werde. Alles war aber umsonst: sie waren wie in Wasser versunken. Das ewige Herumwandern konnte ich nicht mehr ertragen, ich sehnte mich nach Ruhe, wollte wenigstens eine kurze Zeit an einem Ort bleiben, wie ich es von früher her gewohnt war. Und mit Gottes Hilfe kam ich schließlich nach Odessa. In den ersten Tagen war ich dort sehr unglücklich. Ich trieb mich einsam und elend in der Stadt herum und wußte nicht, was mit mir anzufangen. Alles war mir so neu und fremd. Ich fand da keinen Hekdesch, wie in den andern jüdischen Städten, auch keine Häuser, in denen ich betteln könnte. Bei uns in den jüdischen Städten gibt es richtige, niedere Häuser ohne Kunststücke, mit Türen, die auf die Straße gehen. Wenn du die Türe aufstößt, kommst du gleich in die Stube, brauchst keine langen Zeremonien zu machen und siehst die ganze Wirtschaft, alles, was man zum Essen und Schlafen braucht, vor dir. Brauchst du Wasser, so steht es gleich da, suchst du den Mülleimer, kannst du auch ihn sofort finden. Wasch dir die Hände und verrichte den Segensspruch, so viel du willst. Da ist der Hausherr, die Hausfrau und die ganze Familie. Sag: ›Gott helf!‹, streck die Hand aus, nimm das Almosen, küsse die Mesuse und geh weiter. Und dann ist es so leicht, ein jüdisches Haus schon von außen zu erkennen: der Misthaufen, die Gosse, die Fenster, Wände und das Dach schreien: ›Das ist ein jüdisches Haus!‹ Schon am Rauch kannst du erkennen, daß da ein Jude wohnt ... In Odessa sind aber die Häuser ganz verrückt eingerichtet und ungeheuer groß. Man kommt zuerst durch ein Tor in einen Hof. Hier muß man eine Treppe hinaufsteigen und eine Türe suchen. Und wenn man die Türe gefunden hat, so ist sie versperrt, dafür ist an ihr eine Klingel angebracht mit allerlei Kunststücken. Du stehst wie erschlagen vor der Tür, fühlst, daß du arm und niedrig bist und nach nichts aussiehst; dann faßt du dir ein Herz und ergreifst mit großem Respekt den Klingelzug. Deine Hand zittert dabei, du ziehst die Klingel ganz leise und erschrickst sofort, wie wenn du ein grobes Wort gesagt hättest; und du gehst gleich wieder weg ... Und wenn du schon einmal in die Wohnung eingedrungen bist, so fällt über dich eine Köchin oder ein Diener her, oder es stellt sich heraus, daß da gar kein Jude wohnt. – Was ist denn das? fragst du dich erstaunt: – Was ist das für eine Stadt? Was sind das für Häuser? Wo sind hier die Bettler mit den Säcken? – Ich trieb mich in den Straßen herum und spähte nach einem Bettler mit einem Sack aus, um ihn auszufragen, wie man hier unser Geschäft betreibt, wie man hier zu betteln pflegt. Aber wie zum Trotz traf ich keinen einzigen. Einmal sehe ich aber einen jungen Mann, der deutsch gekleidet ist und so aussieht, als ob er sich nicht zurechtfindet; er schaut auf alle Häuser und geht immer von der einen Straßenseite auf die andere. Dieser Mensch, sagte ich mir, ist hier sicher fremd; ich muß ihm nachgehen und sehen, was er tut. Er geht in einen Hof, ich ihm nach. Er steigt eine Treppe hinauf, ich folge ihm. Er kommt in ein Vorzimmer, und ich bleib vor der Tür stehen. Bald kommt ein Mann mit rasiertem Gesicht ins Vorzimmer. Er schaut gar nicht jüdisch aus und ist sicher der Hausherr. Der junge Mann holt aus der Tasche, die so groß wie ein Bettelsack ist, ein Büchel heraus und reicht es dem Hausherrn. Der Rasierte sieht das Buch von außen an, gibt es dem jungen Mann sofort wieder zurück und sagt: ›Laßt mich in Ruh mit Eurem Zeug, ich kann es gar nicht brauchen!‹ Der junge Mann redet aber drauf los, lobt sich selbst und sagt, daß er etwas ganz Herrliches zustandegebracht hat. Es hilft ihm alles nichts, und er zieht sich beschämt zurück. Ich trete aber gleich nach ihm ins Vorzimmer und bitte einfach um eine milde Gabe. Ich bekomme einige Groschen und gehe froh weiter. – Jetzt bin ich wohl auf dem richtigen Weg! – sage ich mir: – Gott gibt dem Spinner seinen Flachs, dem Schenker sein Bier und dem fremden Bettler einen Wegweiser. Ich darf ihn jetzt nur nicht aus den Augen verlieren! – Und ich folge dem jungen Mann, wie ein Kälbchen der Kuh, und wo er hingeht, gehe ich auch hin. Ihm geht es, nebbich, sehr schlecht; überall bekommt er dasselbe zu hören: ›Wie diese Leute sich jetzt vermehrt haben, es ist nicht zum Aushalten!‹ oder: ›Geht, geht, wir brauchen diese Ware nicht!‹ Er geht mit leeren Händen weiter, während es mir unberufen gar nicht schlecht geht. Hier kriege ich einen Groschen, dort einen Zweier, einen Dreier; ich nehme, so viel man mir gibt. – Was ist das für ein merkwürdiger Bettler? – wundere ich mich. – Mein Lebtag hab ich solches nicht einmal im Traume gesehen! Hier ist es offenbar Sitte, daß arme Leute mit Büchern herumgehen. Das sind doch ganz neumodische Bettler; dazu sind sie auch deutsch gekleidet! Diese Narren: was soll man mit Büchern hausieren, wenn man ganz einfach betteln kann?! Ich gehe nach Großvaterart von Haus zu Haus, bitte um milde Gaben und mache dabei ein viel besseres Geschäft als die andern mit ihren Büchern. Aber ganz gleich, ob sie Narren sind oder nicht, jedenfalls halte ich mich an den jungen Mann, folge ihm auf Schritt und Tritt und gebe mir die größte Mühe, daß er mich nicht bemerkt. Anfangs ging es sehr gut, aber dann merkte er wohl, daß ich ihm nachgehe, und das gefiel ihm gar nicht. Er blieb jeden Augenblick stehen, sah sich um und bemühte sich, mich los zu werden. Ich stellte mich ganz unschuldig, blickte auf die Seite, als ob ich auf ihn gar nicht achtete, und ging weiter. Aber ich dachte mir: ›Nein, du wirst mir nicht entrinnen, mein Lieber! Wenn dich niemand brauchen kann und du dich selbst auch nicht brauchst, so will ich dich brauchen. Von dir kann ich ganz ausgezeichnet lernen, wie man in die Häuser kommt!‹ In einem Haus erlebten wir schließlich folgendes: Der Hausherr wollte sich eben zu Tische setzen, als mein Freund mit dem Buche erschien. Der Kerl redet auf ihn ein, ein Wort gibt das andere, der Hausherr wird ordentlich böse, drängt den jungen Mann zur Türe, sieht auch mich draußen stehen und wirft uns alle beide hinaus. Das gemeinsame Schicksal brachte uns schon ganz von selbst dazu, daß wir uns besser kennen lernten. Wie wir die Treppe hinuntergehen, blickt mich mein Kompagnon sehr böse an. Ich wende den Kopf weg und weiß nicht, was zu tun. Ich warte, daß er vorausgeht. So stehen wir einige Minuten da und fühlen uns beide recht ungemütlich. Schließlich fragt er mich: ›Was wollt Ihr, Rebb Jid?‹ ›Gar nichts‹, antworte ich, ›dasselbe was Ihr.‹ ›Dasselbe was ich?‹ sagt er und mißt mich mit einem Blick vom Kopf bis zu den Füßen. ›Seid Ihr denn auch ein Verfasser?‹ Ich glaube, Verfasser sei ein deutsches Wort und bedeute dasselbe, was wir Bettler nennen, also mein Berufskollege. Darum antworte ich ihm auf deutsch: ›Ja, Verfasser.‹ ›Was habt Ihr zusammengebracht?‹ fragte er mich wieder. ›Recht viel‹, antwortete ich und denke mir dabei: – Auf dich gesagt! An die vierzig Groschen hab ich zusammengebracht. – ›Und wie heißt Euer Werk?‹ Das ist wieder deutsch! – denk ich mir. Er will wohl wissen, wie ich heiße. ›Fischke!‹ antworte ich kurz. ›Kann ich die Ehre haben, den Fischke kennen zu lernen?‹ fragt er mich mit einem süßen Lächeln. ›Gewiß, mit dem größten Vergnügen, ist mir sehr angenehm, so wahr ich lebe!‹ antworte ich, ihn sehr freundlich anblickend. ›Nun, wo ist denn Euer Werk?‹ ›Da bin ich doch selbst vor Euren Augen, gesund sollt Ihr mir sein!‹ ›Schert Euch zu allen Teufeln!‹ schreit er wütend und rennt davon. Wie ich aus dem Hof auf die Straße trete, sehe ich, daß mein Freund wie verrückt davonrennt. Plötzlich biegt er in ein Gäßchen ein und verschwindet. Ich stehe wie geohrfeigt da und frage mich, was das für ein merkwürdiger Mensch ist. Ist wohl ein Verrückter. Sonst ist er gar nicht übel, wenn aber seine Verrücktheit über ihn kommt, wird er wild. Ich habe ihm doch, glaube ich, nichts Böses gesagt und nur seine Fragen in seiner eigenen Sprache beantwortet. Was sind das für Neuigkeiten: Verfasser, Werk? Bei uns Juden heißt es Bettler, Bettelsack. Hol ihn, übrigens, der Teufel! ...« XXIII »Nach kurzer Zeit fand ich mich in Odessa schon viel besser zurecht: ich kannte alle Gassen und Gäßchen und wußte, wo es Türen gibt, die sich vor unsereinem auftun. Odessa ist wie eine Schnupftabaksdose mit Geheimverschluß: wenn man nur den Knopf weiß, auf den man drücken muß, so geht sie leicht auf; man steckt seine Finger hinein und nimmt eine ordentliche Prise. Ich fand eine ganze Reihe Häuser, die zu meinem Geschäft geeignet sind und die gleichen guten Eigenschaften haben, wie die Häuser bei uns. Bettler fand ich soviel ich nur wollte, ganze Scharen und von allen Sorten: Bettler mit Säcken, Bettler ohne Säcke und auch solche, die es nur in Odessa und sonst nirgends gibt. Juden aus Jerusalem, türkische und persische Juden, die hebräisch reden; arme Greise mit Frauen und auch ohne Frauen, die nach Erez-Jissroel fahren, um dort zu sterben, inzwischen sich aber in Odessa aufhalten, wo sie auf Kosten der Allgemeinheit leben und sich vermehren. Agunes, Frauen, die an Krämpfen leiden, fromme Juden mit allerlei Krankheiten, die nach Odessa kommen, um im Liman zu baden. Verschämte Bettler von altväterlicher Art, die sich unter den einfachen Leuten in den Betstuben aufhalten, und auch neumodische, mit rasierten Gesichtern, die sich unter den Broder ›Franzosen‹ in den Kaffeehäusern und Wirtschaften herumtreiben. Arme, die keinen Groschen haben, aber ausgeputzt und elegant wie reiche Leute herumstolzieren, und Bettler, die Hausbesitzer sind ... Alle Bettler aus unserer Gegend, die ich hier traf, lobten Odessa über alles, obwohl mir ihr Entzücken nicht recht klar war. Einer erklärte mir den Unterschied zwischen einem Bettler bei uns und einem Bettler in Odessa. Bei uns ißt der arme Mann sein trockenes Stück Brot in Trauer und Trübsinn; hier ißt er auch dasselbe trockene Brot, aber ein Leierkasten spielt ihm dabei auf. In Odessa spielt der Leierkasten überhaupt eine große Rolle. Auf den Straßen spielt der Leierkasten, im Hause ein Leierkasten, im Wirtshaus ein Leierkasten, im Theater ein Leierkasten und auch in der Schul – sie sei davon wohl unterschieden! – ist auch ein Leierkasten. In Odessa geht es immer laut und lustig zu: man hört nichts als Spielen, Pfeifen und Singen. In einem Wirtshaus sitzt ein betrunkener Mann und singt ein russisches Lied von einem hübschen Mädel; ihm gegenüber sitzen angeheiterte Juden und singen Sabbatgesänge oder einen Psalm, oder den ›Schneidermarsch‹ – lustig geht es da zu! Wie ich so einmal durch die Straße gehe, bekomme ich plötzlich hinten im Rücken einen ordentlichen Stoß. Ich nehme ihn in Liebe hin und mache mir nichts daraus: ich denke mir, daß mich jemand aus Versehen gestoßen hat. Gleich darauf spüre ich aber einen zweiten Stoß, wie wenn man mich mit einem Stück Holz in den Rücken stieße. Ich drehe mich um und sehe Jontel, den Cholera-Bräutigam. Er sitzt auf der Straße, stützt sich auf den einen Schemel und hält den andern in der Hand. Er strahlt vor Freude über das Wiedersehen mit mir. Auch ich freute mich über Jontel, mit dem ich in Glupsk gut befreundet war; ich war ja auch auf dem Friedhof bei seiner Hochzeit gewesen, in der Cholerazeit, nicht gedacht soll ihrer werden! ›So, Fischke?‹ sagte er mir nach der ersten Begrüßung: ›Du bist also auch hier bei uns in Odessa? Ist doch ein schönes Städtchen, mein Odessa!‹ Wie er sieht, daß ich das Gesicht verziehe und von seinem Odessa nicht sehr entzückt bin, sagt er mit solchem Verdruß, wie wenn ich seinen eigenen Adel angezweifelt hätte: ›Ist dein Glupsk vielleicht eine Stadt? Der Wurm, der im Meerrettich sitzt, meint, daß es nichts Süßeres auf der Welt gibt. Wart, ich will dir mein Odessa zeigen. Wir werden schon hören, was du nachher sagst!‹ Jontel erzählt mir von dem Ansehen, das er in Odessa genießt. Alle Leute schauen mit Vergnügen zu, wie er auf seinem Gesäß herumrutscht. In vielen Kaufläden ist er gut bekannt und kriegt soviel Almosen, daß er sich gar nicht beklagen kann. Es geht ihm, unberufen, recht gut. Und als ich mich nach seiner Frau erkundigte, antwortete er mit einem Lächeln: ›Ein nettes Weib habe ich in Glupsk bekommen, Gott sei es geklagt! Was kann man auch von einem Cholera-Weib Gutes erwarten? Ach, wäre sie doch an der Cholera gestorben, noch ehe ich sie geheiratet habe! Es fehlt ihr zwar die Unterlippe und doch geht das Mundwerk vorzüglich: sie schreit und schimpft und mahlt wie eine Mühle, viel besser als andere, die zwei Lippen haben.‹ Gegen ein böses Weib – denke ich mir – gibt es kein Mittel: ist sie eine Hexe, so schreit sie, auch wenn ihr beide Lippen fehlen, auch wenn sie keinen Mund und keine Nase hat; und sie fällt über dich her, auch wenn sie blind ist ... – Und ich erzähle Jontel kurz alles, was ich in der letzten Zeit von meinem Weibe auszustehen hatte. ›Närrchen!‹ sagt Jontel: ›Mach es doch ebenso wie ich: spuck auf dein Weib, soll sie sich zum Teufel scheren!‹ ›Was heißt, spuck auf dein Weib, Jontel? Wie kann ich sie ohne Scheidung so einfach zum Teufel schicken? Ich bin doch ein Jude und will wieder heiraten.‹ ›So, heiraten!‹ sagt Jontel mit einem Lächeln: ›Bist ein echter Glupsker, so wahr ich lebe! Bleib doch eine Zeitlang bei uns in Odessa, Fischke, dann werden wir schon sehen ...‹ Nach dieser Begegnung kam ich oft mit Jontel zusammen, und wir spazierten durch Odessa – er auf seinem Gesäß und ich auf meinen lahmen Beinen. Jontel gab sich die größte Mühe, mir sein Odessa in den schönsten Farben auszumalen. Er prahlte mit den schönen Straßen, Häusern und sonstigen Dingen, als ob das alles ihm gehörte und er viel davon hätte. So oft er mir etwas zeigte, blickte er mich mit strahlendem Gesicht an und schmachtete, wie wenn die schöne Straße oder das schöne Haus ihm einen größeren Wert in meinen Augen verliehen. Er stieß mich immer in die Seite und sprach dabei: ›Nun, Fischke! Ist doch eine schöne Stadt, Odessa? Gibt es vielleicht auch in deinem Glupsk solche Dinge?‹ ›Hör mich an, Jontel!‹ sagte ich ihm einmal, als er mir einen großen Boulevard zeigte, der voller Menschen war, dem er aber, wie ich merkte, nicht gern nahe kommen wollte: ›Hör, was ich dir sagen werde: Odessa ist wirklich eine schöne Stadt, aber schade, daß es hier keine Menschen gibt! ... Kann man denn die hiesigen Leute Menschen nennen? Kleiden sie sich denn wie Menschen, leben sie wie Menschen? Schau nur, wie dort auf dem Boulevard Mannsbilder mit Weibsbildern gearmt gehen. Es ist doch eine Schande! Rasierte Männer, verheiratete Frauen mit eigenen Haaren; hinten schleppen sie ein Stück Kleid nach und vorne ist die ganze Brust offen. Pfui, ekelhaft, so wahr ich lebe! ... Wenn es hier unsere Juden, Glupsker Juden gäbe, dann, siehst du, dann wäre Odessa eine Stadt und hätte ein schönes, jüdisches Aussehen, so wie es sich gehört.‹ Jontel rutscht schweigend an meiner Seite weiter; offenbar weiß er nicht, was zu antworten. Unterwegs begegnen wir einigen feinen Herren, die wie Franzosen aussehen. Jontel streckt die Hand aus, einer von den Herren bleibt stehen, läßt sich mit ihm in ein Gespräch ein und gibt ihm ein Almosen. ›Weißt du, Fischke, wer das eben war?‹ fragt Jontel sehr stolz und freudestrahlend: ›Der mir eben das Almosen gab, ist der Ober-Melamed der hiesigen Talmud-Thora, mein guter Bekannter! Der sieht schon nach was aus, was meinst du, Fischke?‹ ›Solch ein Jahr mögen alle meine Feinde erleben!‹ antworte ich ihm und spucke aus. ›Nach diesem schönen Melamed kann ich schließen, was für eine schöne Talmud-Thora ihr hier wohl habt. Ich frage dich, Jontel, nur das eine: wie schämst du dich nicht, zu sagen, daß solches gut ist? Nein, du bist hier schon verdorben, Jontel! Bist auch einer, wie sie alle ... Das soll ein Melamed sein! Ein ebensolcher Melamed wie der Melamed von unserer Talmud-Thora, Reb Herzele Masik – er sei von ihm wohl unterschieden! Reb Herzele Masik hat den ganzen Tag zu tun und macht seine Sache gut. Bei jeder Beerdigung ist er dabei, er vermittelt Partien, liest auf dem Friedhofe Psalmen und lernt Mischnajes. Alles macht er. Wenn er, wie es Sitte ist, jede Woche durch die Stadt geht, um Spenden einzusammeln, laufen ihm die Leute mit dem Gelde entgegen und wenn er zu Ssimchas-Tejre mit den Talmud-Thora-Jungen zu den reichen Leuten geht, um ein Mi-Schebejrach auszubringen, so wird er in jedem Hause mit dem Kiddusch beehrt und bekommt Wein nach Herzenslust. Er schreit ›Heilige Herde‹ und die Jungen meckern dazu. Ja, das sieht nach was aus! Und was kann dein Franzos? Wie sieht es wohl aus, wenn so ein Kerl Psalmen liest oder einen Mi-Schebejrach ausbringt? Wenn er Kiddusch macht oder zu einer Beerdigung geht?‹ ›Du irrst aber gewaltig, Fischke!‹ unterbrach mich Jontel. Dieser gibt sich niemals mit solchen Dingen ab! Er hat überhaupt nichts zu tun.‹ ›Was heißt, er gibt sich mit solchen Dingen nicht ab?!‹ fragte ich erstaunt: ›Wie ist es möglich, daß ein Talmud-Thora-Melamed damit nichts zu tun hat?! Daß er kein Mi-Schebejrach bei den Reichen ausbringt, daß er die feinen Leute nicht ins Grab bringt?!‹ ›Beruhige dich, Fischke‹, unterbricht mich Jontel: ›Er bringt sie wohl ins Grab, aber auf eine andere Manier. Hab keine Angst, die feinen Leute sind schon zufrieden ...‹ ›Pfui!‹ schrei ich auf und halte mir die Ohren zu, um nicht mehr zu hören. Jontel läßt mich aber nicht in Ruhe und fährt fort: ›Und weißt du, wer der andere war, der mit dem Melamed ging? Ein angesehener, feiner Mensch, hat in Gemeindedingen viel zu sagen, wie bei euch in Glupsk Ahren-Jossel Stillpfeifer.‹ ›Pfui, pfui!‹ rufe ich so erregt, daß die Vorbeigehenden sich umsehen: ›So einen Kerl nennst du einen feinen Menschen?! Wie unser Reb Ahren-Jossel?! Wenn du wenigstens ›er sei von ihm wohl unterschieden‹ gesagt hättest! Reb Ahren-Jossel ist ein Mann mit Bart und Pejes, die Jüdischkeit steht ihm im Gesicht geschrieben, und er hat jüdisches Geld in Händen: Gemeindegelder, Vereinsgelder und noch andere und andere Gelder – man vertraut ihm alles. Wenn er das Geld nimmt, so weiß er, was er nimmt und was mit dem Gelde zu tun ist. Man kann sich schon auf ihn verlassen. Dein feiner Mensch wird wohl ein schönes Vertrauen genießen! Woraufhin soll man ihm etwas anvertrauen? Auf seine Jüdischkeit? Auf seine gestutzten Pejes?‹ ›Auf seine Ehrlichkeit, so wahr ich lebe!‹ widerspricht Jontel: ›Ganz gleich, ob er Pejes hat oder keine hat, so wahr ich Jude bin!‹ ›Hör auf!‹ sage ich: ›Was willst du mir einreden? Die Ehrlichkeit will ich dir schenken. Wie kann man aber einen solchen mit dem Amt eines Sandeks oder mit Mezize beehren? Eine nette Mezize ist es wohl bei diesen feinen Menschen! Pfui, so wahr ich lebe! Es ist zum Lachen. Die ganze Welt sagt, daß vierzig Werst um Odessa herum die Hölle brennt, und das wird schon stimmen.‹ ›Und doch‹, sagt Jontel giftig, ›gefällt es mir hier in der Hölle viel besser als im Glupsker Paradies!‹ Nun sah ich Jontel mit ganz anderen Augen an. Odessa hatte ihn verdorben, und ich mußte mit ihm oft streiten. Was er gut nannte, nannte ich schlecht, und was ich für gut hielt, hielt er für schlecht. Wir konnten uns niemals einigen, so zum Beispiel wegen der Großen Schul, wegen des Chasens und des Rows. Das nennt sich auch Chasen: ist wie ein Narr gekleidet und singt mit einem ganzen Chor. Nicht etwa wie unser Chasen Reb Jerachmiel Klogmutter, der den Daumen an der Kehle und die Hand an der Wange hält, bald aus vollem Halse und bald mit Fistelstimme singt, dann wieder mit Baß einsetzt, die Worte bald laut und bald leise ausspricht, Triller losläßt, bald eine süße Tanzweise anstimmt und bald eine herzzerreißende Klage erhebt: ›Himmlischer Vater, weh ist mir, weh ist mir!‹ und sein ganzes Leben in einem ›Jekum-Purkon‹ ergießt ... So zu arbeiten fällt ihm gar nicht ein! Er selbst schweigt fast die ganze Zeit. Und wenn er einen Ton von sich gibt, fangen ihn die Chorjungen gleich auf, zerteilen ihn in einzelne Stückchen und rühren diese wie einen Brei durcheinander, und das nennt sich bei ihnen Chorgesang! Von unsern lustigen und traurigen Weisen, von einem richtigen ›Jekum-Purkon‹ haben sie keine Ahnung. Das wichtigste ist bei ihnen eine solche Kleinigkeit wie ›Ejn-Komejcho‹: daraus machen sie eine ganz große Geschichte. Und dann haben sie noch die lächerliche Sitte, mit den Thorarollen Umzüge zu machen. Wo hat man das gehört? An einem Sabbat Umzüge wie am Ssimchas-Tejre! Werdet Ihr fragen: wo ist der Row? Das ist ja das Traurige, daß der schöne Row den ganzen Tanz mitmacht. Er schreitet voraus, hat auch ein Narrengewand an, und erst sein Gesicht! Ich glaube, das alles ist übel genug, aber Jontel war von allem entzückt. ›Gewalt!‹ schrei ich: ›Was ist aus dir geworden, Jontel? Bist du verrückt oder von Sinnen? Wie kommst du dazu? Wie kann ein Mensch so tief sinken? Der böse Geist fahre in deinen Vater! ...‹ Er aber schaut mich mit strahlendem Gesicht an und sagt nichts als: ›Fischke, du bist ein Narr, du weißt nicht, was gut ist.‹ Geh einer und rede mit einem solchen! Wie ich merkte, daß da nichts mehr zu machen ist, daß Jontel sich nicht mehr bekehren läßt, gebe ich mir das Wort, mit ihm von solchen Dingen nicht mehr zu reden. Und wenn sein Odessa sich auch auf den Kopf stellt, ich kümmere mich nicht mehr darum! ›Hör mich an‹, sage ich einmal zu Jontel, ›ich will mit dir wegen der Odessaer Einrichtungen nicht mehr streiten. Du bist ein eigensinniger Mensch, und ich werde mit meinen Worten bei dir nichts erreichen. Wollen wir nicht lieber von wichtigeren Dingen sprechen. Ich will mich mit dir beraten, wie ich mich hier einrichten soll. Das Betteln von Haus zu Haus bin ich ordentlich satt. Es gibt hier auch ohne mich Bettler genug, die die Häuser wie die Heuschrecken überfallen und wohl bald die ganze Welt überschwemmen werden. Die Bürger sind schon unzufrieden und schreien: ›Gewalt, es ist nicht mehr zum Aushalten!‹ – Ich möchte gerne irgendeine Beschäftigung haben. Rate mir, was ich anfangen soll.‹ ›Ich meine‹, antwortet Jontel, ›daß du kein Kontor gründen willst, wohl auch kein Schnittwarengeschäft. Was willst du denn beginnen?‹ ›Spotte nicht, Jontel‹, sage ich ihm, ›rede wie ein Mensch. Gibt es denn bei uns Juden außer einem Kontor und einem Schnittwarengeschäft kein anderes Geschäft?‹ ›Ach!‹ sagt Jontel: ›Geschäfte gibt es genug. Du kannst zum Beispiel die Fleischsteuerpacht übernehmen, Vorstand in einem Wohltätigkeitsverein werden, mit den Mejer-Baal-Hanes-Büchsen zu tun haben, dich mit Gemeindesachen abgeben, in alle Dinge die Nase hineinstecken. Es gibt viele solche gute Geschäfte. Aber das alles ist nichts für dich! Wollen wir nun die Liste der geringeren jüdischen Geschäfte durchnehmen. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Altkleiderhandel? Viele Leute ernähren sich damit gar nicht schlecht!‹ ›Nein!‹ antwortete ich ihm: ›Alte Kleider muß man erst einkaufen, dann ausbessern, und dazu braucht man Geld. Auch muß man das Handwerk lernen, und das wäre für mich zu schwer. In Glupsk ginge es ja noch: dort macht es nicht viel aus, ob die Hosen zerrissen sind oder nicht, ob sie gut oder schlecht geflickt sind. Aber hier in Odessa ist es doch ganz anders. Die Hosen sind hier eine große Sache, und man muß sie mit Respekt anfassen.‹ ›Wenn du vor den Odessaer Hosen solche Angst hast, so versuch es mit Zwiebeln, Knoblauch, angefaulten Zitronen, Apfelsinen oder dergleichen. Du mußt aber wissen, daß es hier Sitte ist, sich vor einen Karren zu spannen und die Ware laut und mit einer gewissen Melodie auszuschreien.‹ ›Schreien kann ich sehr gut‹, antwortete ich ihm, ›darin bin ich ein Meister. Aber um mich wie ein Pferd vor einen Karren zu spannen, habe ich keine Kraft. Und dann ist doch wieder dieselbe Frage: Wo nehme ich das Geld her?‹ ›Hör mich an, Fischke‹, sagt Jontel mit ernstem Gesicht: ›Die Geschäfte, die weder Mühe noch Geld verlangen, habe ich dir gleich am Anfang aufgezählt; das sind die vornehmen Berufe. Andere weiß ich nicht. Weißt du denn selbst etwas?‹ ›Am liebsten ginge ich an ein Bad‹, sagte ich zu Jontel. ›Im Glupsker gemauerten Bad, wo ich gelebt habe, war man mit mir sehr zufrieden. Zu dieser Arbeit habe ich getaugt. Wäre nicht meine unglückliche Heirat, hätte ich es dort sehr weit gebracht. Wenn du hier in Odessa wirklich ein Ansehen genießt, so tu mir den Gefallen, liebster, bester Jontel, und hilf mir an irgendeinem Bad unterzukommen. Sei mir ein Bruder, Jontel, und zeig mir, was du kannst!‹ ›Jetzt kann ich dir auf deine Bitte noch gar nichts sagen‹, erwidert Jontel mit einem Lächeln. ›Sei so gut und schau dir zuerst die hiesigen Bäder mit eigenen Augen an. Dann wollen wir darüber sprechen.‹ Ich folgte diesem Rat und ging erst in ein Bad, dann in ein zweites und in ein drittes. Sie kamen mir alle sehr merkwürdig vor. Könnt Ihr Euch so ein Bad vorstellen?! Es ist darin hell und sauber wie in einer Wohnstube, und es stehen gute gepolsterte Bänke, so wahr ich Jude bin! Man sieht kein einziges Hemd hängen! Es ist wirklich zum Lachen! Nein, sage ich mir, an einem solchen Bad kann ich nicht sein. Hier fehlt mir die Freude, die ich am Glupsker Bad hatte. In Glupsk ist es ganz anders und sieht nach was aus. Dort halten sich viele Menschen auf und man liegt in großer Gesellschaft auf den Bänken. Man unterhält sich, man erzählt Geschichten und bespricht alles, was in der Welt vorgeht. Es ist so schön, so angenehm, ein wahrer Hochgenuß! ... Ich habe noch verschiedene andere Bäder besucht, doch alle waren anders als das Glupsker Bad. Es riecht dort auch ganz anders als in unserm gemauerten Bad! Und ihre Mikwes sind einfach zum Lachen. Unser Mikwewasser läßt sich greifen, es hat eine andere Farbe, einen andern Geschmack und eine andere Dichtigkeit als jedes andere Wasser. Man fühlt sofort die Jüdischkeit heraus ... In Odessa ist aber das Mikwewasser durchsichtig und gewöhnlich wie jedes andere Wasser, wie Trinkwasser ... ›Nun, Fischke?‹ fragt mich Jontel mit einem Lächeln: ›Hast du dir die hiesigen Bäder angesehen?‹ ›Ach‹, sage ich, ›es lohnt sich gar nicht davon zu reden. Bei euch ist ja alles toll. Dein Odessa ist für mich kein Ort.‹« XXIV »Mit Odessa war ich wirklich nicht zufrieden, mußte aber doch über den Winter dableiben. Wie kann man auch zur Winterszeit bloß und barfuß, und dazu noch in einer fremden Gegend, auf die Wanderschaft gehen? Als es aber wieder warm wurde und die Sonne zu leuchten begann, war es mir, als ob mich etwas stieße, und es litt mich nicht mehr an einem Ort. Früher habe ich mir aus dem Sommer nie etwas gemacht. Sommer ist eben Sommer. Es ist warm, hell und grün, und die Tage sind länger. Das ist ja gut. Es ist auch nicht mehr kalt. Die Kühe kommen auf die Weide, und es gibt Milch und auch etwas Sahne. Man hat zu seinem Brot auch noch eine Zwiebel, ein Stückchen Knoblauch oder Rettich; für den Armen ist das schon sehr viel. Diesmal aber hatte der Sommer für mich eine ganz andere Bedeutung. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll: er sprach zu mir mit Worten, gab mir irgendeine Lust ein ... Er erinnerte mich immer an sie, meine Bucklige ... Jedes Gräschen, jedes grüne Bäumchen, jedes Vogelgezwitscher erzählten mir von ihr und überbrachten mir ihre Grüße. Ich mußte mir immer denken: so saß sie neben mir, so blickte sie mich an, so lachte sie und so schüttete sie ihr bedrängtes Herz aus. Das Blut kam in mir zum Sieden, mich befiel eine süße Schwermut und es zog mich irgendwohin ... Wie das alles mit dem Sommer zusammenhing, ob das sein Werk war oder ob mich eine Krankheit befallen hatte, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß mit mir etwas nicht in Ordnung war. Ich flackerte wie eine ausgehende Kerze, ich war ein ganz anderer Mensch geworden. ›Fischke, bist du krank?‹ fragt mich einmal Jontel: ›Du siehst so schlecht aus, was fehlt dir denn?‹ ›Gar nichts!‹ antworte ich, mich mit beiden Händen ans Herz greifend. ›Du fühlst was am Herzen?‹ sagt Jontel: ›Dagegen weiß ich ein Mittel: ein Stückchen Brot mit viel Salz bestreut auf den nüchternen Magen.‹ ›Ich habe auch so Salz genug auf dem Herzen‹, antworte ich ihm seufzend: ›Ich fühle, daß mich etwas zieht und nicht ruhig sitzen läßt.‹ ›Ich verstehe schon‹, sagt Jontel mit einem Lächeln: ›Es zieht dich nach deinem Glupsk. Dorthin, wo der Fluß Gnilopjatowka blüht, wo die Armut pfeift und Zwiebel und Knoblauch duften. Schäm dich nicht, Fischke, und wandere hin.‹ Einige Tage später nahm ich von Jontel Abschied und machte mich zu Fuß auf den Weg ... Mein Kopf strebte ans Ende der Welt, mein Herz wollte nur zu ihr. Ich dachte immer: wo mag sie jetzt sein? Was treibt sie, wie lebt sie, nebbich, ohne mich? Und meine Füße gingen ganz von selbst in der Richtung nach Glupsk. Ich ging durch Dörfer und Städte und dachte unterwegs nur an sie und spähte mit den Augen, ob ich sie nicht finden würde. Ich bin durch eine Menge jüdische Städte gekommen. Je mehr ich mich Glupsk näherte, um so leichter wurde es mir zumute. Ich freute mich über jeden Juden aus unserer Gegend. Ihre Sprache, ihre Sitten, ihre Lebensart erquickten mein Herz. Ich fühlte mich unter den Leuten wie zu Hause, so wahr ich lebe! Die Juden von unserer Gegend sind mir eine wahre Herzensfreude: sie kennen keine Zeremonien, keine Kunststücke, wissen nichts von der Welt und den dummen Moden. Du kannst reden und schreien, kannst alles tun, so einfach und frei, wie Gott es geboten. Niemand kümmert sich darum, ob es schön oder häßlich, ob es passend oder unpassend ist. Gefällt es dem andern nicht? Soll er die Augen schließen und sich die Ohren zuhalten ... Ich kam allmählich zu Kräften, wurde ruhiger, dachte an Glupsk und an das gemauerte Bad und hoffte auf Gott. So ging ich an einem schönen Morgen zwischen Weizen und Korn und kam in einen dichten Wald. Ich ging recht tief hinein, warf meinen Sack ab, zog den Rock aus und legte mich ins hohe Gras. Was gibt's da viel zu denken? Wald ist Wald, Gras ist Gras, die Vögel sind Vögel, und ich bin ich und darf wohl ein Schläfchen machen, um mich nach der langen Wanderung auszuruhen. Ich strecke mich aus, gähne, schließe die Augen und – hört einmal meinen Traum: Ich glaube Schritte und ein Rascheln im trockenen Reisig zu hören. Das Rascheln wird immer stärker, die Schritte kommen immer näher. Die Sache fängt mich zu interessieren an, ich will die Augen öffnen, es fällt mir aber zu schwer; ich liege wie ein Klotz und kann mich vor großer Müdigkeit nicht rühren. Die Schritte entfernen sich, ich beruhige mich, gebe mich dem Schlummer hin, meine Gedanken geraten durcheinander, und es ist mir seltsam wohl zumute ... Dann höre ich wieder eine leise, süße Weise ... Ich glaube das Lied zu kennen, die Weise dringt mir in alle Glieder, packt mich am Herzen, ich möchte weinen und fühle zugleich, wie meine Kraft wächst. Es ist wie das Lied vor der Trauung: es weint und lacht zugleich, es ist wie Regen und Sonnenschein. Plötzlich fühle ich, wie mir jemand das Haar berührt, und höre einen Schrei. Ich erwache, hebe den Kopf aus dem Gras und sehe einen Topf mit großen roten Erdbeeren nicht weit von mir auf der Erde stehen. Etwas weiter sitzt im Grase ein weibliches Wesen, das sich ängstlich nach allen Seiten umsieht. Ich begriff sofort, was es war: das Frauenzimmer hat Erdbeeren gesucht, dabei ein Lied gesungen, ist plötzlich auf meinen Kopf gestoßen und hat sich furchtbar erschrocken. Ich stehe schnell auf, nehme den Topf, trage ihn ihr hin und winke ihr schon aus der Ferne: ›Hab keine Angst!‹ Wie ich aber näher komme, fällt mir der Topf aus den Händen. Ich schreie auf, bin wie vom Blitz getroffen, und bald stehen wir uns gegenüber und drücken einander die Hände: ich und meine Bucklige ... Das war alles im Wachen und nicht im Traume. Ich sehe alles ganz klar: um mich herum stehen kräftige Bäume, Vögel singen und pfeifen in den Zweigen und freuen sich mit uns. Wir beide sind überglücklich, wir lachen und weinen vor Freude. Wir sind erstaunt, und jeder fragt den andern, wie er hergekommen sei. Sie erzählt mir von all der Pein, die sie ausstehen mußte, seit die Bande mich in jenem Städtchen zurückgelassen hatte. Das war ein Streich des Rothaarigen. Er wollte nicht, daß meine Frau die Scheidung annehme, denn er fürchtete, sie würde von ihm verlangen, daß er sie heirate. Er konnte schon eine Blinde brauchen, aber nicht als Frau. Er wollte durch sie nur Geld verdienen, gehören soll sie aber einem andern. Zugleich wollte er aber auch mich unglücklich machen. Meine Freundschaft mit der Buckligen gefiel ihm gar nicht, und er suchte nach einem Mittel, uns voneinander zu trennen ... Als er mich los war, nahm er meine Frau fest in die Hand und zeigte ihr auch bald, wer die Gewalt hatte; denn er wußte sehr gut, daß sie aus seinen Klauen nicht mehr entrinnen konnte. Was kann eine Blinde gegen ihn machen? Mit der Zeit bekam er sie ordentlich satt und übergab sie dem Alten, damit er mit ihr auf den Bettel gehe und die gleiche Komödie aufführe, wie im vorigen Jahre mit mir. Der Rothaarige zapfte ihr förmlich das Blut ab: er schlug sie fürchterlich, und auch der Alte schlug sie seinerseits. Sie ist in kurzer Zeit ganz alt geworden, und ihr Gesicht ist schwarz wie Erde. Die Bande ist das ganze Jahr herumgezogen und hat eine Menge Städte besucht. Heute früh sind sie in diesen Wald gekommen und haben haltgemacht, um auszuruhen. Sie ist auf die Beerensuche gegangen und hat, wie sie sagt, plötzlich eine schöne Erdbeere gefunden: mich ... Auch ich erzähle ihr alles, was ich inzwischen erlebt habe und wie ich an diesem selben Morgen auf dem Wege nach Glupsk hergekommen bin. Und wir beschließen, uns nicht mehr zu trennen und alle Mittel anzuwenden, um meine Frau zur Scheidung zu bewegen. Und wird sie darauf nicht eingehen, so werden wir beide von der Bande fliehen und warten, was Gott geben wird. Und wie wir so sitzen und uns übereinander freuen, klingt es plötzlich durch den Wald: ›Hallo!‹ ›Das ist einer von der Bande‹, sagt die Bucklige: ›Man sucht mich.‹ Und bald darauf zeigt sich ein Kerl, den ich gleich erkenne. Der Kerl sieht mich recht unzufrieden an und lächelt spöttisch. Wir machen keine langen Geschichten und gehen. Der Kerl läuft voraus; er hat offenbar Eile, die gute Nachricht seinen Leuten zu bringen. Wir eilen aber nicht und gehen recht langsam. Hinter einer verfallenen Schenke im Walde sehe ich die bekannten Wagen stehen, und etwas weiter auf einem freien Platz zwischen Bäumen brennt ein Feuer, um das die ganze Bande versammelt ist. Den ersten Willkommengruß bekomme ich vom Rothaarigen: ›Ein lieber Gast, so wahr ich lebe! Wie geht's? So sehr hab ich mich nach Euch gesehnt, Reb Fischel!‹ Und die andern schreien: ›Laßt uns doch den vornehmen Mann begrüßen!‹ Die Leute fallen mit Geschrei und Püffen über mich her, so daß mir die Mütze vom Kopfe fliegt. Ich bedecke mir den Kopf mit dem Rockschoß und will die Mütze suchen, während Püffe und Schläge auf mich niederprasseln, als plötzlich mein Weib gelaufen kommt und voller Freude schreit: ›Wo ist er, mein Fischke? Wo, wo?‹ Ihre Freude tat mir mehr weh als alle die Püffe von den Leuten. ›Diese Freude paßt mir gar nicht für die Scheidung!‹ denke ich mir, ›es wäre mir viel lieber, wenn du mich ebenso haßtest wie die ganze Bande!‹ – Sie aber hängt sich an mich und schreit immer: ›Fischke, mein Fischke!‹ Als ich die blinde, dürre, kranke, alte Frau sah, wurde mir ganz schlecht. Wo ist ihr kräftiger, gesunder Körper, wo ihre vollen Wangen und das rundliche Gesicht? Ich tat mir förmlich Gewalt an, als ich sie, des Anstandes wegen, fragte: ›Wie geht es dir, Basche?‹ ›Du hast wirklich recht gehabt, Fischke, als du einmal sagtest, daß wir in Glupsk einen guten Namen gehabt haben, daß mich da jedermann kannte und mit Respekt behandelte‹, sagt mein Weib so laut, daß alle es hören; sie blickt dabei so stolz wie ein heruntergekommener Reicher, der von seinem einstigen Reichtum erzählt, und seufzt aus tiefstem Herzen. ›Es ist genug, unstet und flüchtig zu sein. Führe mich, Fischke, heim in unsere Stadt, in unsere Straßen, zu unsern Leuten!‹ Es wurde mir finster vor den Augen. Ich hatte gar nicht erwartet, solches von ihr zu hören, und verzog das Gesicht; auch der Rothaarige verzog das Gesicht, denn er glaubte wohl, daß ich sie ihm nehme und er seine Einnahmequelle verliert. Ich dachte mir aber: ›Behalte sie nur, ich lasse sie dir sehr gern!‹ Er brannte vor Wut und sah mich böse mit blutunterlaufenen Augen an. Dann erhob er sich brummend von seinem Platz und ging weg. Die Weiber und Mädchen von der Bande machten sich am Feuer zu schaffen: sie setzten Kochtöpfe auf und buken Kartoffeln. Die Burschen standen um sie herum, stießen und kniffen sie und machten derbe Scherze. Die Weiber taten so, als ob sie sehr böse wären und sich wehren und schimpfen wollten; sie platzten aber schier vor Lachen und nahmen alles in Liebe hin, wie die Hühner, wenn der Hahn ihnen mit gesträubtem Gefieder seine Gnade erweist und sie in den Kopf pickt. Ein Teil der Gesellschaft hat sich über den Wald verstreut. Einer liegt auf dem Rücken und schnarcht, ein anderer flickt seinen Rock, der dritte kratzt sich und macht mit ernstem Gesicht Jagd auf Ungeziefer. Andere messen ihre Kräfte im Ringkampfe. Es kocht, es schallt, die Leute leben! ... Mein Weib hält mich mit beiden Händen fest: man könnte meinen, daß wir ein Leib und eine Seele seien; sie redet und redet, beklagt sich über ihr finsteres Los, schüttet vor mir ihr Herz aus, erzählt, was sie alles hat ausstehen müssen, und will nichts anderes, als daß ich sie mitnehme und mit ihr, wie Gott geboten, bis wir hundertundzwanzig Jahre alt werden, lebe. Ich antworte ihr nur ein Wort auf zehn Worte und bemühe mich, von ihr loszukommen. Wie sie mir nichts mehr zu sagen hat und wir lange genug auf einem Fleck gesessen sind, gelingt es mir schließlich, mich aus ihren Händen zu befreien und freier aufzuatmen. Ich suche gleich meine Bucklige auf und gehe mit ihr etwas auf die Seite. Unser Gespräch fängt damit an, daß wir beide feststellen, daß die Lage recht schwierig ist. An eine Scheidung ist nicht mehr zu denken: meine Frau wird davon nichts hören wollen. Und bei dieser Bande zu bleiben, ist auch nicht gut. Das hieße sich wieder dem Teufel verschreiben und aufs neue einen Tanzbären machen. Was sollen wir nun tun? Wir saßen eine lange Weile da und sagten uns zuletzt: wir haben keine andere Wahl und müssen fliehen. Da die Bande die Absicht hat, hier über Nacht zu bleiben, so ist jetzt der günstigste Augenblick: wir wollen noch diese Nacht durchbrennen. Wie wir so sitzen und über diesen Plan sprechen, zeigt sich in der Ferne der rothaarige Halunke mit zwei Pferden. ›Wir wollen nicht warten‹, sagt die Bucklige, ›daß er noch näher kommt; er darf uns nicht beisammen sehen. Es ist besser, wenn wir uns jetzt trennen.‹ Und sie geht nach der einen Seite, und ich nach der anderen. Der Rothaarige schien sehr beschäftigt und tuschelte immer mit dem Alten, der bei ihm eine Art Flügeladjutant war. Ich ging dem Halunken aus dem Wege und hielt mich abseits. Als die ganze Gesellschaft mit Scherz und Arbeit beschäftigt war, ging die Bucklige auf mich zu und flüsterte mir ins Ohr, daß der Rothaarige und die ganze Bande sich schon bei Sonnenaufgang auf den Weg machen wollten. Die Pferde, die wir früher gesehen, hat er gestohlen, und nun will er sich mit ihnen so schnell wie möglich aus dem Staube machen. Unser Plan fiel also ins Wasser. Ich stand ganz ratlos da und wußte nicht, was anzufangen. Mein Herz krampfte sich zusammen, der Kopf schwindelte mir, und ich hielt mich kaum auf den Beinen. Meine Bucklige sah mich mit tiefem Mitleid an, ihre Augen leuchteten wie Feuer, und ihr Gesicht glühte. Sie dachte eine Weile nach und sagte mit zitternder Stimme: ›Fischke, komm später in die eingefallene Schenke und warte dort auf dem Dachboden. Du verstehst?‹ ›Ich verstehe, ich verstehe!‹ rufe ich erfreut aus: ›Und du wirst später auch hinkommen?‹ ›Ja, aber sei still!‹ Sie nickt und sagt noch einmal: ›Aber um Gotteswillen still!‹ Ich hielt es nicht für nötig, mich von meinem Weibe zu verabschieden. Sie tut mir zwar leid, aber was kann ich dafür? Sie hat ja den ersten Riß zwischen uns verschuldet, und dieser Riß war immer größer und größer geworden. Ich konnte ihr nicht helfen. Es war mir auch sonst ganz unmöglich, mich mit ihr wieder zu verbinden: wir konnten einander ebensowenig nahe kommen wie Himmel und Erde. Ich sagte ihr natürlich kein Lebwohl und begab mich zu der Schenke. Ihr könnt Euch vorstellen, mit welchen Gefühlen ich in den halbeingefallenen Bau trat. Nach soviel Pein und Schmerzen wollte mich Gott mit der Buckligen zusammenbringen. In der Schenke sollte unser Los entschieden werden: wir waren ja im Begriff, ein neues Leben zu beginnen. Es war mir nicht schwer, auf den Boden zu klettern, denn das Häuschen war sehr niedrig und berührte hinten mit dem Dach beinahe die Erde. In der Decke gab es große Löcher, so daß ich vom Dachboden alles sehen konnte, was unten geschah. Ich sitze oben in einem Winkel und warte. Mein Herz klopft fürchterlich. Jede Minute kommt mir wie ein Jahr vor. Ich lausche mit gespitzten Ohren und glaube bei jedem leisesten Geräusch ihre Schritte zu hören ... Bei jedem Windhauch kommt mir vor, daß sie mich beim Namen ruft ... Plötzlich höre ich in der Scheune unter mir Stimmen ... Beim Gedanken, daß sie es ist, daß wir bald frei sein werden, überlief es mich heiß und kalt. Ich will mich melden, aber mir stockt der Atem, und meine Stimme versagt. Nun höre ich ganz deutlich jemand meinen Namen nennen und sehe unten ... Wen glaubt ihr? Den Rothaarigen und den Alten! ... Sie reden miteinander: ›Du übernimmst also die Ware, aber paß auf, daß die blinde Hexe dir nicht entwischt‹, sagt der Rothaarige: ›Verstehst du?‹ ›Sei unbesorgt!‹ antwortet der Alte. ›Ich hab schon das meinige getan und fürchte nur, daß sie mir verreckt: die alte Hexe liegt jetzt wie tot und kann sich nicht rühren: so hab ich sie zugerichtet.‹ ›Und den krummen Hund nehme ich auf mich‹, sagt der Rothaarige: ›Ich kann seine Fratze gar nicht mehr sehen, so zuwider ist er mir! Ich werde mit ihm schon abrechnen: ich habe mit ihm auch noch eine alte Rechnung zu begleichen.‹ Das Blut erstarrte mir in den Adern, als ich solches hörte. ›Die Pferde, die du gestohlen hast‹, sagt der Alte, ›scheinen jüdische Pferde zu sein. Sie sind so mager und schwach, haben krumme Rücken, dünne Hälse und Hämorrhoiden wie die vornehmen jüdischen Bürger.‹ ›Die Zunge möchte dir herausfallen, alter Narr!‹ schimpft der Rothaarige: ›Geh lieber auf den Dachboden hinauf und such nach, ob du nicht irgendwelche alten Fuhrmannssachen findest, die wir brauchen können. Es war ja hier doch einmal eine Herberge gewesen!‹ Mich befällt unheimliche Angst, und es wird mir ganz schlecht. Die Füße zittern mir und klopfen gegen meinen Willen an die Decke. Die beiden starren eine Weile hinauf und sagen dann wie aus einem Munde: ›Von der Decke fällt der Mörtel herab: man muß nachschauen, was dort los ist.‹ Mir schwindelt der Kopf, es saust mir in den Ohren, es flimmert mir vor den Augen, und es ist mir, wie wenn ich in der Luft schwebe. Ein Paar eiserne Hände packen mich und schleudern mich vom Boden hinunter. Dann höre ich den Gruß: ›Willkommen, Reb Fischel!‹ Und ich sehe vor mir den Rothaarigen. Sein Gesicht ist schrecklich anzusehen: es ist wie das Gesicht einer Katze, die eben eine Maus erwürgen will. Der Alte ist nicht mehr zu sehen. Er ist offenbar fortgegangen und hat mich mit dem Rothaarigen allein gelassen. ›Nun, liebster Freund‹, sagt der Halunke, ›sprich den Widuj! ... Was ich mit dir damals im Keller hätte tun sollen, das will ich jetzt nachholen. Faibuschke vergißt nichts!‹ Ich falle ihm zu Füßen, weine und flehe ihn um mein Leben. Es hilft nichts. Er holt ein Messer hervor, hält es mir vor die Augen und weidet sich an meiner Todesangst. Ich verspreche ihm alle Wonnen des Paradieses, schenke ihm meinen Anteil an der ewigen Seligkeit und alles, was ich nur kann. Er blinzelt mit den Augen und schweigt. Nun versuche ich ihm mit der Hölle Angst zu machen, mit dem Gericht Gottes und sage, daß Gott ihn strafen und von ihm das unschuldige Blut fordern wird. Er beißt die Zähne zusammen und zückt das Messer. Aber in diesem selben Augenblick, wo er mir schon beinahe den Hals durchschnitten hat, packt ihn jemand von rückwärts, und ich höre ein unmenschliches Geschrei: ›Nein, nein, das wirst du nicht tun!‹ Er ist ganz starr und sieht sich um. Es war die Bucklige, die ihn gepackt hatte. ›Du freches Geschöpf, fort von hier!‹ schreit der Rothaarige, wie er wieder zur Besinnung gekommen ist: ›Fort von hier!‹ ›Nein, nein, ich geh von hier nicht fort! Und wenn ich auch mit ihm zusammen umgebracht werde!‹ schreit die Bucklige und fällt dem Halunken um den Hals. Sie weint bittere Tränen, streichelt ihn und fleht ihn an, mich loszulassen. Sie verspricht ihm das ewige Leben und einen Stuhl im Paradiese. Der Halunke stößt sie wie einen Ball zurück, flucht und schimpft, was er kann. Die Mordlust hat sich aber in ihm schon ein wenig gelegt, und er wendet sich an mich mit diesen Worten: ›Es tut mir sehr leid, daß ich dich nicht gleich umgebracht habe. Du kannst zwar von Glück sprechen, daß ich dich nicht wie einen Floh zerdrückt habe, du stinkende Seele, aber ganz heil wirst du aus meinen Händen doch nicht entrinnen.‹ Er nimmt sich den Strick, mit dem er umgürtet ist, vom Leibe, bindet mich an Händen und Füßen und sagt: ›Lieg still, du Hund, keinen Ton soll man von dir hören! Lieg, bis du krepierst. Und wenn dir ein Wunder geschieht, wenn deine Großmutter im Grabe sich für dich verwendet und du von hier herauskommst, so nimm dich in acht, daß du mir nie wieder vor die Augen trittst: wenn ich dich je wieder sehe, so mache ich dir gleich den Garaus!‹ Und wie er mit mir fertig ist, nimmt er die Bucklige vor, die jammernd, flehend und sich die Haare raufend zu seinen Füßen liegt. ›Du freches Geschöpf‹, schreit der Halunke, sie mit dem Fuße stoßend: ›Ich weiß und verstehe alles. Das war eine Verabredung zwischen euch: eine Hochzeit ohne Spielleute hier auf dem Dachboden ... Ein nettes Mädel! Und vor mir spielst du eine Rebbezin! Nun werde ich es dir zeigen!‹ Er packt sie bei den Händen, wendet sich noch einmal nach mir um, sagt: ›Merk dir, was ich gesagt habe, du Hund!‹ und verschwindet mit ihr. In der Hölle leidet man wohl nicht so furchtbar, wie ich nun litt. Ich war nicht in der Hölle, aber die Hölle war in mir. Ein höllisches Feuer brannte in mir. Die Haare standen mir zu Berge. Ich fühlte, wie sie mich wie Nadeln stachen, und ich durfte nicht schreien, durfte keinen Ton von mir geben. Etwas später hörte ich das Knarren von Rädern und einen Lärm von vielen Menschen: die Bande war offenbar aufgebrochen und hatte meine einzige, gute, liebe Bucklige mitgenommen... Lange lag ich wie ein stummes Schaf, an allen Gliedern gebunden, die Augen voll heißer Tränen. Die Stricke schnitten sich bei der leisesten Bewegung wie Messer in meinen Leib. Ich hatte auch furchtbaren Durst und glaubte, daß ich nun sterben müsse. Vor großem Schmerz fing ich zu schreien an: vielleicht wird mich jemand hören. Nach meiner Berechnung mußte die Bande schon recht weit sein. Ich schreie, aber niemand hört mich. Die Kehle ist mir trocken, Angstschweiß tritt mir in die Stirne. Ich kann nicht mehr schreien, ich muß eine Pause machen und ausruhen. Meine Lage wird immer schlimmer. Die Seele hängt mir nur noch an der Nasenspitze, und ich fühle, daß der Todesengel gekommen ist, um sie zu holen. Ich muß sterben, muß jung aus dieser Welt scheiden. Und ich nehme meine ganze Kraft zusammen und gebe einen fürchterlichen Schrei von mir – den letzten Aufschrei meiner Seele ... In diesem Augenblick schickte mir Gott Euch, Reb Alter! Ihr habt mir das Leben gerettet.« XXV Als Fischke mit seiner traurigen Geschichte fertig war, war es schon Abend geworden, und unsere Pferde fuhren gerade über den grünen Hügel, der sich vor Glupsk erhebt. Der Glupsker grüne Hügel ist wohl der ganzen Welt bekannt. Seit Urzeiten wird er in einem Liedchen besungen, das alle, groß und klein, kennen und mit dem die Mütter ihre kleinen Kinder in den Schlaf zu singen pflegen. Auch meine Mutter – sie möge ein lichtes Paradies haben! – sang mir in meiner Kindheit dasselbe Lied: Auf dem grünen Berg, Auf dem hohen Gras Stehen ein paar Deutsche Mit den langen Peitschen. Große Männer sind sie, Kurze Kleider tragen sie, Owinu Melech ... Dieses Liedchen gefiel mir immer besser als alle andern. Der grüne Berg erschien mir in meiner kindlichen Vorstellung so wunderbar schön! Ich dachte mir, daß er nicht einfach aus gewöhnlicher Erde bestehe, wie alle die Hügel um meine Stadt herum. Nein, er ist wie himmlisches Mannah ... Er ist wie der Ölberg, wie der Libanon aus Erez-Jissroel-Erde gemacht. Und die »Deutschen«, die auf diesem Berge stehen, kamen mir als seltsame Fabelwesen vor, als riesige Ochsen, sie möchten es mir nicht übel nehmen, wie der Schor-Habor. Sie knallen mit ihren langen Peitschen und lassen niemand in die Stadt Glupsk hinein, genauso wie der Fluß Sambation den Zutritt ins Land der »Roten Juden« verwehrt. Wer nach Glupsk will, bekommt die Peitsche zu kosten. Darum sehen auch alle Leute in Glupsk wie ausgepeitscht aus. Später, als ich größer war und eine Menge Städte und auch die Stadt Glupsk kennen gelernt hatte, verstand ich schon den richtigen Sinn dieses Liedes. Der »grüne Berg« ist ein gewöhnlicher Hügel, weniger grün als schmutzig, voller Löcher und Gräben, und die »Deutschen mit den langen Peitschen« sind die Kerle mit den langen Händen und klebrigen Fingern, die unterwegs die Reisenden bestehlen und das Gepäck hinten vom Wagen herunterschneiden. Es ist schon einmal Sitte, daß jeder Reisende zum erstenmal ohne Gepäck in Glupsk ankommt. Wenn man diese Erfahrung einmal gemacht hat, wird man das nächste Mal einige Werst vor Glupsk unruhig. Man blickt unwillkürlich hinter den Wagen, hält sein Gepäck fest, betastet jeden Augenblick seine Brusttasche und knöpft den Rock auf alle Knöpfe zu. Ich will damit nur sagen, daß, als wir den grünen Hügel erreicht hatten, alle unsere Glieder und auch die Nase die Nähe der Stadt Glupsk spürten. Erst später, als wir uns nach unserem Gepäck umgeschaut hatten, erinnerten wir uns an Fischke, der traurig und niedergeschlagen dasaß. Ich beginne ihn zu trösten, ihm Mut zuzusprechen, stelle mich dabei lustig und sorglos und schließe meine Trostrede mit dem zweiten Teil des bekannten Liedchens: Owinu Melech – Das Herz ist mir fröhlich, Fröhlich wollen wir sein, Trinken werden wir Wein, Krapfen werden wir essen, Und unsern lieben Gott Niemals vergessen! »Tröste dich, Fischke: unsern lieben Gott soll man niemals vergessen, denn Er kann helfen.« »Ich möchte nur das eine wissen, Reb Mendele«, sagt Fischke tief betrübt: »Warum hat mich Gott mit ihr zusammengebracht, um uns gleich wieder voneinander zu trennen? ... Warum ließ Er das Glück vor unseren Augen aufleuchten, um uns gleich darauf jeden Lichtschimmer zu nehmen? ... Es sieht ja so aus, als ob alles uns zum Trotz geschähe! Und wem tust Du das alles an, Schöpfer der Welt?! Zwei unglücklichen Geschöpfen, elenden Krüppeln, für die es besser wäre, gar nicht geboren zu sein, als in solcher Pein zu leben! ...« Ich mache eine fromme Miene und sage kopfschüttelnd: »Na, na!« Das sollte soviel heißen wie: »Man darf nicht so sprechen!« Das sagte ich, nicht weil ich es für eine gute Antwort auf seine Frage hielt, sondern einfach so, weil es in der Welt schon einmal eingeführt ist, daß wenn einer in seinem Unglück schwere Fragen stellt, der andere ihm mit einer Moralpredigt oder wenigstens mit einem »Na, na!«antwortet. Nachdem ich das, um der Pflicht zu genügen, gesagt habe, mache ich den Mund auf und spreche wie ein vernünftiger Mensch weiter: »Sag einmal, Fischke: wie heißt eigentlich das Mädel? Du hast sie ja nur die Bucklige und meine Bucklige genannt; nun möchte ich wissen, wie sie heißt!« »Wozu, Reb Mendele?« erwidert Fischke, mich erstaunt anblickend: »Wozu wollt Ihr es wissen? Warum soll ich unnötigerweise den Namen des Mädels verraten?« »Weißt du, Närrchen«, antworte ich ihm, »das kann ja auch von Nutzen sein. Es kann ja sein, daß ich auf meinen Reisen etwas von ihr höre. Kannst mir wirklich ihren Namen nennen. Es ist sehr möglich, daß du sie noch einmal findest und daß ich dir von Gott geschickt bin!« »Bejle heißt sie!« sagt Fischke: »Bejle!« Im gleichen Augenblick hören wir ein lautes Stöhnen und einen dumpfen Krach, wie wenn etwas gerissen wäre. Ich blicke mich erschrocken um und sehe: Alter liegt unten im Wagen, stöhnt und ist bleich wie Kreide. »Was habt Ihr, Reb Alter?« frage ich ihn: »Soll ich Euch etwas Branntwein geben? Ist Euch schlecht?« »Beh!« antwortet Alter. Er nimmt sich zusammen und setzt sich wieder auf. »Sag mir, Fischke«, fange ich wieder an, nachdem ich mich wegen Alter beruhigt habe, »weißt du nicht, wie ihre Mutter hieß und woher sie stammte?« »Ja«, antwortet Fischke, »meine Bucklige erzählte mir, daß ihre Mutter Elke hieß. Sie konnte sich auch ganz schwach erinnern, daß ihre Mutter von ihrem Vater in Tunejadowke geschieden wurde. Sie sprach oft davon, wenn sie ihr schweres Herz vor dem unglücklichen Töchterchen ausschüttete.« »In Tunejadowke?!« rufe ich erstaunt: »Wer ist denn der schlechte Mensch mit dem steinernen Herzen, der sein Kind verstoßen und so unglücklich gemacht hat? Wißt Ihr es vielleicht, Reb Alter, wer es in Eurem Städtchen war?« Alter saß totenblaß da und glotzte blöde mit offenem Mund vor sich hin, so daß es mir ganz unheimlich zumute wurde. »Er hieß ...« versucht Fischke sich zu erinnern, indem er sich die Stirne reibt: »Er hieß, ich glaube, er hieß ... Gleich wird es mir einfallen!« »Alter heißt er!« schreit Reb Alter auf und fällt wieder in den Wagen. »Ja, es stimmt!« sagt Fischke, verständnislos auf Alter blickend. »Ich glaube, er hatte den Zunamen Jaknhas. Die Mutter pflegte, wenn es ihr schlecht ging und man ihr die Stelle kündigte, das Kind damit zu quälen, daß sie es Jaknhas' Töchterchen nannte.« Ich hatte schon begriffen, was das Ganze bedeutete, und fühlte mich wie mit kaltem Wasser begossen. Alter schluchzt, schlägt sich mit der Faust vor die Brust und spricht: »Ich habe gesündigt! Ich habe ihr das Leben verdorben! Sie hat recht, wenn sie sagt: Der Vater hat mich geschlachtet! Gott straft mich dafür. Was ich auch beginne, immer und in allen Dingen habe ich Unglück!« Ich beginne Alter zu trösten und versuche seine Sünde ein wenig zu rechtfertigen: Er ist ja doch nur ein Geschöpf von Fleisch und Blut. Der böse Trieb hat über uns sündige Menschen eine große Gewalt. Selbst die größten Gerechten waren gegen den bösen Trieb wehrlos und unterlagen ihm oft. Viele von unsern Leuchten waren Waschlappen und Pantoffelhelden und haben ihre eigenen Kinder aus erster Ehe aus dem Hause gejagt, wenn es die zweite Frau verlangte. Fischke sitzt wie zu Stein erstarrt da, glotzt Alter und mich an und weiß nicht, was zu sagen. Inzwischen ist es stockfinster geworden. Die Sterne funkeln und blinzeln uns vom Himmel zu, wie wenn sie sich in unser Gespräch einmischen und etwas sagen wollten. Am Himmelsrande geht ein großer, feuerroter Mond auf. Er scheint nur uns allein anzuschauen. Alles, was im Himmel ist, sieht gespannt auf uns herab und möchte gerne wissen, wie diese Geschichte enden wird ... Alter setzt sich wieder auf, hebt die Augen zum Himmel und sagt in großer Erregung: »Ich schwöre bei Dem, der ewig lebt, daß ich nicht zu Frau und Kindern zurückkehre und meine Jüngste nicht verheirate, ehe ich mein verlorenes Kind wieder gefunden habe! Himmel und Erde sind meine Zeugen! Ich fahre sofort auf die Suche, und wehe dem, der sich mir in den Weg stellt!« Fischke fällt Reb Alter um den Hals, umarmt und küßt ihn und kann vor Erregung kein Wort sprechen. Und nach einer Weile sagt er mit tränenerstickter, flehender Stimme: »Rettet sie, rettet sie! ...« Alter springt schnell von meinem Wagen, steigt in den seinigen, verabschiedet sich von uns, wendet um, zieht seinem Gaul eins über und fährt davon. Ich und Fischke blicken ihm eine Zeitlang schweigend nach. Dann schaue ich zum Himmel empor: der Mond und die Sterne ziehen ihre Bahnen, schauen aber nicht mehr so aus wie früher: sie erscheinen so hoch, stolz und fern von uns Menschen. Und es wird uns so traurig zumute ... Ich ziehe meinem Adler eins über, damit er den Wagen schneller zieht, und wir fahren spät in der Nacht über die holprigen Straßen von Glupsk mit einem Geschrei und Geklapper, das den Leuten meldet: Wisset, daß zwei neue Juden in Glupsk angekommen sind! ... Glossar Ab siehe Uw . » Achtzehn und dreizehn «: Macht 31 und ist der Buchstabenwert des Wortes Lej Agune : Frau, deren Mann verschollen ist und für die es unmöglich ist, sich wieder zu verheiraten, solange der Tod des Mannes nicht konstatiert werden kann. Alter : Vorname. Oft werden auch ältere Leute mit »Alter« bezeichnet. Anejnu : »Erhöre uns« – ein Gebet, das an Fasttagen gesprochen wird. Arbe-Kanfes ( Arbekanfes) : Religiöses Kleidungsstück – leinenes Leibchen mit den »Schaufäden«, das jeder Jude unter der Kleidung trägt. Baal-Schem (Balschemm) : »Meister des göttlichen Namens«, Stifter des Chassidismus; Wundertäter. Badchen (Mz. Badchunem ): Spaßmacher bei Hochzeiten; Deklamator (Gelegenheitsdichter); Wahrheitsmahner. Bar-Mizwe (Barmizwe) : »Sohn des Gesetzes« heißt ein Jude an seinem 13. Geburtstage, an dem er die religiöse Volljährigkeit erreicht. Batlen, Battlen (Mz. Batlonim, Batltunem ): Unpraktischer Mensch. Jemand, der Honorar erhält, um seine Zeit dauernd im Lehrhaus zuzubringen, damit dort immer »gelernt« werde. Batlonim, Batlunem siehe Batlen . » Behole «: (= Bestürzung) nannte man die Zeit um 1830, als unter den russischen Juden das Gerücht aufkam, daß die bei ihnen üblichen frühen Ehen verboten werden sollten, und als alle Eltern sich beeilten, ihre oft noch minderjährigen Kinder so schnell als möglich zu verheiraten. Bejssmedresch (Bessmeddresch, Bejs-Hamidrosch) : Lehr- und Bethaus. Belfer : (= Behelfer) Lehrergehilfe in religiösen Kleinkinderschulen. Ben-Sochor : Familienfeier am ersten Sabbat nach der Geburt eines Sohnes. bentschen : »benedeien«, segnen. Segensspruch nach der Mahlzeit. Bileam : Bekannt aus der Bibel; Heide. (Bileams Esel, der verfluchen sollte und statt dessen segnete.) » Billett «: Anweisung auf eine Sabbatmahlzeit in einem wohlhabenden Bürgerhause. » Bolok «: 4. Buch Moses, 22-25. Der Abschnitt »Bolok«. Bove-Maisses : Erfundene, wertlose Geschichten. Briss : Beschneidungsfeier. Chanukke (Chanukka, Channeke) : 8tägiges Lichtfest zur Erinnerung an die Religionsverfolgungen des syrischen Hellenismus, die Siege der Makkabäer und Wiedereinweihung des von den Syrern geschändeten jerusalemischen Tempels (165 v. Chr.). Die Chanukke beginnt am 25. Kisslew. Chanukkegeld : Almosen an Arme und Geschenke an Kinder und Dienerschaft, die an diesem Feste gespendet werden. Chasanim siehe Chasen . Chasen (Mz. Chasanim ): Vorbeter, Kantor. Cheder (Chejder) : Jüdische Elementarschule. Chejder siehe Cheder . Chewre-Kadische : Beerdigungsbrüderschaft. Chimmesch : (= »Fünftel«) So heißen die fünf Bücher Mose (Pentateuch). Chremslach (Chremsel) : Westjüdische Bezeichnung eines aus Kartoffeln oder Mazzamehl hergestellten Passah-Pfannkuchens. Chuppe (Chippe) : Traubaldachin. Dajen (Mz. Dajonim ): Rabbinergehilfe, Rabbinatsbeisitzer. Dajonim siehe Dajen . Diamant : Schriftcharakter. Dümmingen : Erdichteter, satirischer Stadtname. Ejn-Komejcho : (»Niemand ist dir gleich«) Hebräisches Gebet. Elul (Ellel) : Monat im Herbst, der dem Andenken der Verstorbenen gewidmet ist; er entspricht dem September. Erez-Jissroel : Land Israels. Essreg : »Paradiesapfel«, wird beim Gottesdienst am Laubhüttenfest in der Hand gehalten. Ester-Fasttag : Der Tag vor Purim. fasten : Am Vortag des Passahfestes fasten die Erstgeborenen zur Erinnerung, daß die Israeliten in Ägypten vom Sterben der Erstgeburt verschont blieben. Faulburger : Der chassidische Rebbe von Faulburg, einem satirisch erdachten Städtchen. » Franzosen «: Die »Modernen«. » Goldsuppe «: Suppe, die das Brautpaar nach der Trauung ißt. Golem : »Klumpen«, Lehmfigur in menschlicher Gestalt. Die Sage erzählt, ein berühmter kabbalistischer Rabbi habe eine Lehmfigur geformt, der er mit Hilfe von Amuletten Leben eingehaucht haben soll. Haggode : Erzählung vom Auszug Israels aus Ägypten, wird an den ersten beiden Passahabenden bei Tisch verlesen. Haman : Persischer Minister unter Xerxes (Ahasveros), der die Juden vernichten wollte. Hawdole (Hawdule) : Zeremonie der Trennung des Sabbats vom Werktage, am Ende des Sabbats. Über eine geflochtene Wachskerze wird ein eigenes Gebet gesprochen. Hejschanes (Schanes) : Weidenruten, die am 7. Tage des Laubhüttenfestes (Hejschano-Rabbo) im Gebet verwendet werden. Hekdesch : Herberge für obdachlose Bettler, oft im Gebetshaus. Hundertzwanzig Jahre : Das Maximum des Lebensalters, das man sich und den andern wünschen darf. Jaknhas : Hier Familienname. Akroistisches Merkwort für die Reihenfolge der Segenssprüche (Jain = Wein, Kiddusch = Weihespruch, Ner = Licht usw.), die zu verrichten sind, wenn der erste Passahabend auf einen Sabbat fällt. Jehuppez : Erdichteter, satirischer Stadtname. » Jekum-Purkon «: Ein Gebet in aramäischer Sprache, das im westlichen Gottesdienst oft ausgelassen wird. Jeschiwe : Freie Akademie für höheres jüdisches Wissen. Jeschiwe-Bocher : Schüler einer Jeschiwe. Die Jeschiwe-Bochers bekommen meistens ihre Beköstigung bei den wohlhabenden Bürgern in einem wöchentlichen Turnus; das nennt man »Tage essen«. Jontew : Feiertag, Fest. Kaddisch (Kaddesch) : Ein kurzes Preisgebet; auch das Gebet, welches die männlichen Nachkommen für das Seelenheil ihrer verstorbenen Eltern oder nahen Verwandten während des ganzen Trauerjahres und an deren Sterbedaten sagen. Kaftan : Kleidungsstück (meist im Ostjudentum vertreten). Kamejes : Amulette. Kapore (Kapures) : »Sühne«. Hahn oder Henne, welche am Vorabend des Versöhnungstages (Jomkipper), nach altem Brauch, als symbolisches Sühnopfer dargebracht werden. Dieser Akt heißt: Kapores schlagen. Kiddesch-Lewune (Neumond bentschen) : Austausch von Segenssprüchen angesichts des Neumondes. Kiddusch (Kiddesch) : »Heiligung«. Segensspruch über einen Becher Wein vor den Abend- und Mittagmahlzeiten an Sabbaten und Feiertagen. Kines (Kinnes ): Die Klagelieder für den 9. Ab (Tempelzerstörung). Kittel (Kittl) : Weißes, leinenes Hemd, welches bei feierlichen Gelegenheiten, z. B. bei Hochzeiten, beim Ssejder und am Versöhnungstage über die Kleider angezogen wird. Der »Kittel« bildet auch einen Bestandteil der Sterbekleider. Klous (Klois) : Bet- und Lernstube. Knotenlegerinnen und Feldmesserinnen : Frauen, die die Gräber der Verstorbenen mittels Fäden »messen«, welch letztere nachher als Dochte in den Seelenlichtern verwendet werden. Kol-Nidrej (Kolniddre) : »Alle Gelöbnisse ...«, Anfangsworte des feierlichen Gebetes in der Synagoge, womit der Versöhnungstag eingeleitet wird. Köst (Kest) : Beköstigung und freie Wohnung, die das junge Paar in den ersten Jahren nach der Hochzeit im Elternhaus bekommt und einen Teil der Mitgift darstellt. Krone : Gemeint ist ein gerollter Haarzopf. Kugel (Kiggel) : Sabbatspeise, welche am Freitag schon (aus Nudeln oder Reis) zubereitet und für den Sabbat in den Backofen gegeben wird. Leckisch : Narr. Leierkasten : Gemeint ist die Orgel (auch die Drehorgel der Straßenbettler), die in Rußland nur in einigen wenigen Reformsynagogen zu finden ist. Lej : Nichts; soviel wie »Unsinn«. Lichtbentschen : Segen, welchen die Frauen am Freitagabend über die angezündeten Lichter sprechen. Lielew (Lulem) : Laubhüttenfest-Strauß aus Palmzweigen und Bachweide, welcher am Laubhüttenfest im Gebet als Symbol verwendet wird. Lokschen : Nudeln zur Suppe. Lulew siehe Lielew . Machsejrim siehe Machser . Machser (Mz. Machsejrim, Machsoirem ): Festtagsgebetbuch für das ganze Jahr oder einzelne Feste. Mamalyga : Beliebte Speise aus Maismehl; eine Art Polenta. Mane-Loschens : (»Antworten der Zunge«) Klagegebets-Schrift; Gebete, die auf Gräbern (von Verwandten, meist Frauen) gesprochen werden. Masel-Tow (Maseltoww) : Gut Glück! Mazza (Mz. Mazzot, Mazzes ) : Ungesäuertes, flaches Passahbrot. Mazzes, Mazzot siehe Mazza . Mechutten (Mz. Mechuttonim ): So nennen sich gegenseitig die Väter von Braut und Bräutigam. Mechuttonim siehe Mechutten . Megille : das Buch Esther, das am Purim im Bethause vorgetragen wird; reiche Frauen lassen es sich zuweilen bei sich zu Hause vorlesen. Mejer-Baal-Hanes : ein in Palästina verstorbener Wundertäter, mit dessen Namen bestimmte Armenbüchsen bezeichnet werden. Melamed, Melammed (Mz. Melamdem ) : Kleinkinderlehrer. Mesise siehe Mesuse . Mesuse (Mesise) : Pergamentröllchen mit gewissen Bibelstellen, die in einem Gehäuse (meist Blechröhrchen) an dem Türpfosten eines jeden Raumes angebracht werden. Ein Mesuse-Beschauer kontrolliert die vorschriftsmäßige Beschaffenheit der Mesuse. Mezize : Das Aussaugen des Blutes aus der Beschneidungswunde. Gilt als Ehrenamt. » Mi-Schebejrach «: »Wer gesegnet hat«, so beginnt ein Segensspruch. Mikwe : Rituelles Tauchbad. Minche : Nachmittagsgebet. Mischnajes : Hauptteil des Talmuds. Es ist Sitte, Für das Seelenheil eines Verstorbenen ein Kapitel Mischnajes zu »lernen« oder lernen zu lassen. Misrach : Osten, Morgen, Orient. – Diese Himmelsgegend hat für die Juden eine besondere Bedeutung, weil sich dort ihr Vaterland, Palästina, befindet. Deshalb werden die Synagogen nach der Richtung des Morgenlandes, das ist Jerusalem, gebaut. Aus demselben Grunde werden diejenigen Plätze in der Synagoge, welche an der »Misrachwand« gelegen sind, besonders geschätzt und teuer bezahlt. In Privatwohnungen wird häufig eine geschnitzte und bemalte Tafel mit der Inschrift »Misrach« angebracht, um dem Betenden die Richtung nach dem Osten anzuzeigen. Mizwe siehe Mizwo . Mizwo (Mizwe) : Göttliches Gebot, gottgefälliges Werk (z. B. erste Mizwe: das erste in der Heiligen Schrift erwähnte Gebot, nämlich: »Seid fruchtbar und mehret euch!« – oder: Mizwe der Vier Becher Wein, die am Ssejder-Abend zu trinken sind). Mussef : »Zusatzgebet« an Sabbaten und Feiertagen. nebbich : Mitleidender, mitfühlender, oft auch geringschätzender Ausdruck. Neumond bentschen siehe Kiddesch-Lewune . Neun Scheffel Rede : Nach einer im Talmud wiedergegebenen Meinung besitzen die Frauen »neun Scheffel Rede« von den zehn, die es überhaupt auf Erden gibt. Oz-Kejzez : Ein sprachlich außerordentlich schwieriges Feiertagsgebet. Owinu Melech : »Unser Vater und König«, bekanntes Volkslied. Parsches : Abschnitte aus dem Pentateuch, die der Reihe nach an allen Sabbaten des Jahres gelesen werden. Die Parsche »Jissre« fällt auf den Februar. Peje : Schläfenlocke. Pejssach (Pejssech, Pessach) : »Passah« (Osterfest), wörtlich Vorübergehen. Erinnerungsfest der Juden an den Auszug aus Ägypten, vor welchem der Todesengel, der die Erstgeborenen mordete, an den jüdischen Häusern »vorbeigegangen« war. Das Fest dauert acht Tage, während welcher zur Erinnerung an das ungesäuerte Brot der eilig aus Ägypten aufgebrochenen Juden nur die ungesäuerte »Mazza« gegessen werden darf. Perl : Schriftcharakter. Pristaw : Höherer Polizeibeamter im zaristischen Rußland. Prokim : Schriftcharakter. Purim (Pirem) : Erinnerungsfest an die Errettung der Juden vor der Vernichtung durch den persischen Minister Haman. Fällt in den Februar (am 14. Udor) und entspricht der Fastnacht. Rabbi siehe Row . Rabbiner : Verdeutschte Form des Wortes »Row«. Diese Form wird aber nur auf den talmudgelehrten Rabbiner im traditionellen Sinne und vor allem auf beamtete Rabbiner des Westens angewendet. Der chassidische Rabbi ist kein »Rabbiner«. Rabbonim siehe Row . Raschi : Der große traditionelle Kommentator (eigentlich Salomo ben Isaak, berühmtester Exeget von Bibel und Talmud im 11. Jahrhundert). – Nach ihm wurde auch ein Schriftcharakter benannt. Reb : Ehrentitel für einen Gebildeten, Geachteten, Frommen oder einen älteren Mann (siehe auch Row). Rebb Jid : (Herr Jude) Anrede, soviel wie »Herr Nachbar«. Rebbe : Kleinkinderlehrer. – Begründer chassidischer Richtungen. Rebbezin : Rabbinerfrau, auch Frau des Rabbi. Reziees : Die Riemen an den Tfillim. Rosch-Haschono (Roscheschune) : Jahresanfang, jüdisches Neujahrsfest (am 1. und 2. des Monats Tischri), fällt in den Herbst und wird sehr ernst mit Gebet begangen. Row (Mz. Rabbonim ): Gelehrtentitel, Schriftgelehrter, Titel des offiziellen Gemeinderabbiners; Anredeform: Rabbi = mein Meister, mein Lehrer, mein Herr. Sabbat (Schabbes ): Siebter Tag der Woche; Ruhetag mit strengen Vorschriften über die Vermeidung von jeglicher Arbeit. Sabbatstiche : Das sind Stiche, mit denen der Schneider am Freitag ein Kleid fertignäht, das bis Sabbatanbruch abgeliefert sein muß; also nachlässig. Sambation (Ssambatjen) : Sagenhafter Fluß, der am Sabbat ruht. Hinter diesem Fluß wohnen nach der Sage die verlorengegangenen Zehn Stämme Israels, die sogenannten »Roten Juden«. Sandek : Einer, der das Kind während der Beschneidung hält. Schabbes siehe Sabbat . Schahbesgoj (Schabbes-Goi) : Nichtjude, der gegen bescheidenes Entgelt einige den Juden am Sabbat verbotene Arbeiten verrichtet: Ofenheizen, Lampenanzünden usw. Schächter : Derjenige, welcher Tiere nach jüdischem Ritus schlachtet. Schadchen (Mz. Schadchonim ): Heiratsvermittler. Schaile : Rituelle Frage, mit der man sich an den Row (Rabbiner) wendet. » Schalscheles «: Triller. Schames, Schammes (Mz. Schamossim ): Bethausdiener, »Synagogenwart«, »Küster«. Schamossim siehe Schames . Schanes siehe Hejschanes . Scheifres siehe Schejffor . Schejffor ( Schoifer ; Mz. Scheifres, Schoifres ): Widderhorn-Posaune für das Neujahrs- und Versöhnungsfest und den Monat Elul. Schihl siehe Schul . Schiwe : Sieben. So heißen die sieben ersten Tage der Trauer, die die Hinterbliebenen auf niederen Schemeln sitzend zubringen müssen; dies nennt man »Schiwe sitzen«. Schweossor-be-Tammus : Der 17. Tammus, Fasttag zur Erinnerung an die Belagerung von Jerusalem. Schlemiel : Narr; unfähiger, weltfremder Mensch. Schnorrer : Ein wandernder Jude, der von Almosen lebt. Schnorringen : Erdichteter, satirischer Stadtname. Schoifer, Schoifres siehe Schejffor . Scholem- (Schulem-)Alejchem : »Friede mit Euch«; Begrüßung bei der Ankunft verreist Gewesener oder Fremder: »Willkommen«. – Auch ein Lied, das am Freitagabend im häuslichen Kreise gesungen wird: »Seid gegrüßt, ihr Engel«. Schor-Habor : Der Riesenstier der Talmudischen Sage. Schul (Schihl) : Synagoge. Sfiro (Sfire) : Die 49 Tage zwischen Passah und Wochenfest sind eine Zeit der Trauer. Auf den Herbst fällt der Versöhnungstag. Auf die Sommermonate zwischen Sfiro und Versöhnungstag fallen alle Fast- und Trauertage des jüdischen Kalenders. Sliches (Slieches, Ssliches) : »Verzeihung, Vergebung; Versöhnung«. Bußgebete, die vor den hohen Festtagen (im Herbst), sowie an Fasttagen vor Tagesanbruch in der Synagoge verrichtet werden. Ssedre : Wochenabschnitt aus dem Pentateuch. Ssejder : »Ordnung«. Mit allerlei Zeremonien verbundene Familientafel (siehe Haggode) an den ersten beiden Passahabenden. Unter anderem ist es den Teilnehmern vorgeschrieben, vier Glas Wein zu leeren. Ssimchas-Tejre (Ssimches-Toire) : »Thorafreude«, der Abschluß des Laubhüttenfestes. Ssore bas Tuwim : Sagenhafte Verfasserin sehr beliebter »Tchines« (Frauengebete). Straimel (Streimel, Stramel) : Eigentümliche Pelzmütze, die von geistlichen Personen, in manchen Gegenden auch von allen Männern, am Sabbat und an Feiertagen getragen wird. Streimel siehe Straimel . Ssjdder : Gebetbuch. Tachnun : Ein tägliches Bußgebet, bei dem man den Kopf nach links neigt. Talejssim siehe Taliss . Taliss ( Tales, Talks ; Mz. Talejssim ): »Gebetsmantel«; ein weißer Überwurf mit Schaufäden, dessen sich die Juden beim Morgengebet und bei feierlichen Zeremonien bedienen. Tales, Talks siehe Taliss . Tales-Kotten (Talles-Kuien) : (= kleiner Tales) Dasselbe wie »Arbe-Kanfes«, leinenes Leibchen mit den »Schaufäden«, das von jedem Juden unter der Kleidung getragen wird. Talmud : Das Kompendium der mündlich überlieferten Auslegung des mosaischen Gesetzes, auch » Tojru-scheb'-al-pe « und » Gemure « genannt. Der Talmud zerfällt in einen » Talmud-bawli « und einen » Talmud-j'rüschalmi «, von denen ersterer in den babylonischen, und letzterer in den palästinensischen Hochschulen entstanden ist. Talmud-Thora (Talmed-Toire) : öffentliche, von der Gemeinde unterhaltene Religionsschule (Elementarschule) für arme Kinder; »Unterricht in der Lehre«. Tammus (Tammes) : Benennung eines jüdischen Monats, dem Juli entsprechend. Taschlech : Der Brauch, am Neujahrsfest zu einem fließenden Gewässer zu gehen, dort zu beten und die Sünden des ganzen Jahres symbolisch ins Wasser zu werfen. Tchines (Tchinnes) : Frauengebete in jüdischer Sprache. Tfillim (Twillen) : Gebetsriemen (Phylakterien), die an Wochentagen bei Verrichtung des Morgengebets an der Stirn und an dem entblößten linken Oberarm angelegt werden, als Symbol, daß man dem Schöpfer mit Herz und Kopf ergeben ist. Thora (Toire) : »Lehre«, besonders die mosaische Lehre. Fünf Bücher Mose, Pentateuch. Tikanto-Schabbes : Anfang eines Gebetes, das von den Juden am Sabbat gesprochen wird. Wörtlich bedeutet Tikanto-Schabbes: »Du (Gott) hast den Sabbat gestiftet.« Tische-be-Ow (Tiscbebuww) : der 9. Uw – Fasten zur Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems. Trejfe (Gegensatz von Koscher ): Rituell verboten. Auch soviel wie: »verdammtes Glück«. Tscholent (Tschulent) : »Schalet«; für den Sabbat warmgestellter Buchweizenbrei mit Bratensauce und großen Bohnen. Unessane-Tejkef (Inssanne toikef) : Eine mit großem Nachdruck vorgetragene Gebetsstelle am Neujahrs- und Versöhnungsfest. Auch soviel wie: »Lade mich vor Gericht!« Uw : Monat Ab, dem August entsprechend. Vorsagerinnen, Vorbeterinnen : Die den des Lesens unkundigen Frauen die Gebete vorsprechen. Waschti : Königin; Ehefrau des Königs Ahasveros (Buch Esther). Widuj : Sündenbekenntnis vor dem Tode. Zimmes : Eingedünstetes Gemüse- oder Obstkompott. Zizzes : Schaufäden. Zusatzseele : Die Zusatzseele erhält nach dem Volksglauben jeder Jude am Sabbat und Feiertag.