Willy Seidel Der Tod des Achilleus I Über dem Hellespontos spaltete sich eine Wolke. Es blitzte golden. Ein Strahl schoß hervor, tastete über das Blachfeld und erlosch. Achilleus rasselte nieder. Ächzend griff er nach der rechten Ferse und drehte die blutverschleierten Augenbälle wie drohend gen Himmel. Was war dies Rauschen, das ihm das ungeheure Geschrei bald herzutrug, bald in Entfernung schob? Sein Kiefer straffte sich. Er hockte auf Händen und Knien. Wütend schüttelte er das Haupt; die schwarze Roßhaarmähne stürzte, den Staub peitschend, in zwei Wellen über seine Brauen. Sein flachsenes Ringelhaar troff von Schweiß; seine Nüstern empfanden zum erstenmal den Geruch des Staubes. Seine Mundwinkel rundeten sich wie im Ekel; sein Atem blies in Stößen. Von der Ferse bis in den Schenkel hinauf zuckte das Verderben. Er senkte die Lider, denn in ihm war eine Stimme laut, die anschwoll von anklagendem Trotz und seinen Brustkorb weitete, so daß die Purpurriemen des Panzers sich knirschend strafften. Die von Troja hatten ihn stürzen sehen; nun rotteten sie sich erneut zusammen, und ihr Hohn kläffte heran. Um ihn war aufreizendes Geklirr, war Angriff – ihrer zwanzig, vereinigt, waren erpicht darauf, ihn zu würgen. Und noch einmal, mit einem Schrei, der seiner gepreßten Lunge wie ein Schluchzen entfuhr, sprang er hoch. Taumelnd stand er, die zangengleichen Finger um das blutschlüpfrige Eschenholz der beiden Lanzen geklammert. Die gewohnte Gasse tat sich auf; sie rannten davon. Orythaon hielt noch stand; auch Hipponoos und Alkithoos. Sie stritten wütend. Der Pelide zerbrach ihnen mit den Speeren die Schädel, so daß ihre Helme wie blutbespritzte Becherscherben in den Staub rollten. Wie wenn einer eine Tür öffnet, so war das Feldgeschrei wieder maßlos angeschwollen; dann klang es gedämpfter, als sinke die Lärmwelle ins Wesenlose. Etwas kleiner und sehr deutlich sah er die wild durcheinanderwogenden Gruppen. Er wollte sich stützen; seine gespreizten Finger tasteten vergebens nach einem Halt; ein zweites Mal wankte er wie ein unterhöhlter Turm und fiel. Noch im Sturz suchte er die große Wölbung des Schildes über sein Antlitz zu ziehen, und der Schild fiel auf ihn nieder, während sein Arm im Silbergehenk erschlaffte. Ein Klang entstand wie der einer schweren erzenen Scheibe. Das Getöse versickerte hinter purpurner Dämmerung. Dann war dem Achilleus, als müsse er noch einmal anklagend die Augen gen Himmel richten, und seine Lider brachen auf. Nun, als gebe er damit ein Zeichen, trat trotz all der Bewegung und Ruhelosigkeit eine Stille ein – er war hinter das Geschrei geraten, und wie ein wassertretender Schwimmer, nur unendlich weniger mühselig, stand er senkrecht über sich und sah einen großen Mann am Boden liegen. Halb zusammengekrümmt lag dieser Mann. Aus dem grünen Leibrock, der unter dem Panzer hervorquoll, ragten die Schenkel matt geöffnet mit den Beinschienen aus Zinn. Brust und Kopf waren unter dem Schild; wie ein kleiner Kosmos glänzte dessen Figurengewimmel zu ihm herauf: die große Kunst des Hephaistos. Widerwillig riß er seinen Blick los von den silbernen Abbildern des Lebens und führte ihn jenen riesigen Arm entlang, den Arm voll dräuender Muskeln, bis zu der machtlosen Faust, die noch den Schwertgriff hielt ... Kaum konnte er's ertragen zu sehen, wie sich das Blut aus der Ferse dort im Staub verbreitete wie ein zerfranster Fächer. Und ein letztes Zucken durchlief auch den mächtigen Körper drunten; der Schild hob sich noch einmal – wandte, erneut von einem Sonnenblitz gestreift, sein mächtig funkelndes Rad zur Seite, diesen Kranz von erlesenem Zierat, und klappte um: da sah Achilleus, und ihn grauste, die eigene ekelverzerrte Lippe und den tiefen unversöhnlichen Grimm der Falte, wie ein Schnitt aus der niederen breiten Stirn in den Nasenrücken sinkend, unter der goldenen Hülse des Brauenschutzes, die wie ein Stachel wegstand vom verschobenen Helm ... Er sah, wie sein Kehlkopf sich blähte oberhalb des Stahlrandes der Rüstung; seine gekrümmten Knie flogen zueinander, streckten sich. Und während dies geschah, stieg ein hohles Seufzen aus dem Hals des Mannes; es war das letzte. Es umhüllte den Darüberschwebenden wie ein Flammenmantel. II Ihm war, als fühle er sich plötzlich höher gehoben. Der Tote in seinem herrlichen Waffengeschmeide lag wie eine Gemme fern auf dem Grunde: in jedem Stück erkennbar und doch als etwas, das nicht mehr ganz zu ihm gehörte. Der purpurne Fleck unter der Ferse leuchtete wie ein verlorenes Mohnblatt zu ihm herauf. Nur noch diese Gefühle beherrschten ihn: Zorn und Neugier und äußerstes Erstaunen. Dies, was vor sich gegangen, hatte nur eine kurze Weile gewährt; doch sie hatte sich gedehnt, war sie doch voll gewesen von gehäufter Qual. Nun schien die Zeit wieder ihr Recht zu fordern. Was ihn Stockung gedünkt auf der Sonnenuhr und aussetzender Herzschlag, während Phoibos den Pfeil entließ, geriet nun wieder in Bewegung. Aus dem Trojanerhaufen löste sich ein einzelner Helmbusch, unter dem es golden schimmerte: Paris. Er eilte auf den Toten zu. Andere folgten ihm, eilig wie Insekten. Doch da war schon, von der Danaerseite, einer da, der umkreiste mit zwei Speeren den Gefallenen: das war der Telamonier; er erkannte ihn am Schild. Wie auf einem Spielbrett floß das auseinander und drängte sich wieder zu rieselnden Haufen: Geschrei stieg hervor wie Zirpen. Zuweilen purzelte einer und lag; rote Tupfer sprenkelten das Blachfeld. Plötzlich lösten zweie sich los von der Gegend der Schiffe; zwei größere Figuren: Führer. Sie hoben den zierhaft Blinkenden vom Grunde empor und zerrten ihn, auf den Schultern, aus dem Schwarm heraus. Dort fuhr Ajax noch umher wie ein Irrwisch, den Rückzug deckend ... Ein Zwang kam über den Schwebenden; er fühlte sich unwiderstehlich nun herabgezogen. Entsetztes Erstaunen, peinvolle Neugier trieb ihn, darauf achtzuhaben, was mit dem mächtigen Körper geschehe, von dem er die Augen nicht wenden konnte ... Sie wuchsen ihm entgegen: Menelaos mit dem leidenschaftzerpflügten Gesicht und der braune Odysseus mit Kräuselbart und dunkelblitzendem Blick, der keuchend und ausschreitend das Gewicht des Toten dahinschleppte ... Haltlos pendelte der Kopf mit stummem Grimmschrei aus gefallenem Kiefer, perlmutternen Auges, staub- und blutbesudelt das Ringelhaar. Auf dem Brustpanzer schwankte der Helm; sein Roßhaar hing verfilzt. So kroch das Paar dahin mit dem Leichnam, und der Entkörperte setzte sich federleicht auf die tote Form, eulenrund die Augen vor Erwartung. Er tastete nach dem Mund des Toten im irren Bestreben, sich hineinzudrängen, hineinzuschmiegen ... doch eng war die Öffnung und fremd und der Zugang zu sich selbst verrammelt. Er ergriff mit klammernden Fingern das pendelnde Haupt; es war kraftloses Zupfen. Er blies, doch sein Blasen fruchtete nichts; unmutig ließ er ab. Und doch schrie dieser Mund ständig nach ihm; »komm und fülle mich!« schrie er; und im Gependel der schweren Muskelstränge war ein Winken; ein unablässiges Betteln um Belebung ... Nichts wollte da helfen, nichts. Nun hörte er, als falle ihm Werg aus den Ohren, den schnaufenden Austausch von Frage und Antwort zwischen Menelaos und dem Sohn des Laertes; einmal ließen sie die Last nieder, und dabei wischte der kunstvolle, silbern durchflochtene Bart des Odysseus über die erstarrten Züge, wischte zart, und der an seinen Leib noch flatternd Geheftete empfand dies als Liebkosung und schier als Mahnung, nun müsse er besänftigt lächeln ... Doch während er selbst lächelte, spähte er nach einem Widerschein dessen dort drunten und spähte vergebens. Jenes Gesicht blieb in Gram versteint. Inzwischen, eintönig wie Regen, brauste das endlose Geschrei am Skäischen Tor; heisere Rufe; Dreinhau'n wie von Äxten in Holz und das Läuten der Schwerter. Das Tor zur Brustwehr tat sich knarrend auf. Über gefällten Stämmen vom Ida querten sie den Graben. An einem Felsblock des Gestades betteten sie ihn und entledigten ihn der Rüstung, die sie neben ihn an die natürliche Ruhestatt lehnten. Es war Mühe, den Schildgriff von der eisernen Umklammerung zu lösen. Noch war der Krampf des »Zu früh!« in die Züge gemeißelt. Sein Kopf fiel nach vorn, indes sie ihm den Panzer nahmen, die Beinschienen losbanden und seinen von Phoibos versengten Fuß so behutsam der Sandale enthoben, als sei er eine beschädigte kostbare Urne ... Ein Greis trat herzu und schob die Arme um die edle Form, die nun auch des Rocks entkleidet dort lehnte wie in Schlaf ertränkt. »Phoinix ...«, sprach der Betrachter. »Was willst du von diesem Ding dort? Von dieser Schale? Flüsterst du, Phoinix? Ich weiß, Peleus hat mich dir ans Herz gelegt, und du brachtest mich an deiner Hand in dies ungeheure Abenteuer ... Sprich lauter, denn ich will dich verstehen ...« Und er lauschte mit angespanntem Gehör, wie die Lippen in dem grauen Bart sich regten, und sah, wie die rings Umstehenden die Arme hoben im Beifall des Jammerns ... und dennoch geschah kein Laut, der ihm über unverständliches Flüstern hinauszuhallen schien ... Angestrengt krauste er die Stirn; er fühlte, daß er das tat; doch auf jener des Toten rührte sich nichts, saß starre Erschöpfung. Endlich ließ Phoinix ab, erhob sich und trat zurück. Nun näherten sich andere und legten ihm der Reihe nach die flachen Hände um den Kopf, wobei sie rauh klagten; doch die strömenden Wortfolgen fielen zwischen ihm und seinem Körper ins Leere. Er vernahm sie nicht; er fühlte sie nur, als fließe etwas an ihm herab wie warmer Balsam. III Die Sonne war im Untergehen. Rotgoldene Brunst lagerte über dem Hellespontos. Der Glanz sammelte sich in dem hingelagerten Schild; alles erblaßte, und nur der Schild blieb gleichsam zurück als ein Juwel, aufglimmend in der Dämmerung. Nun aber erlosch er, denn einer war vor das schlaftrunkene Auge des Phoibos getreten und hatte den Schild verdeckt. Es war ein sehr großer kahler Mann; er trug einen Stirnreif; sein Antlitz war ein blasser, verwischter Fleck – kaum war der scharfe Mund darin erkennbar. Machtlos krümmte sich der Geist des Peliden und suchte die eine der Lanzen zu heben, um sie hineinzuschleudern in das weiße Gesicht des großen dunklen Mannes, auf daß er den Schild nicht fürder verdüstere ... doch der scharfe Mund lächelte kaum merkbar im Hohn und unangefochten ... der Mund Agamemnons. Und die Geste des Angriffs war schier schwächer noch als das Lüftchen, das nun den Mäanderrand an seinem Chiton leis zum Wallen brachte. Eine Weile noch stand der schwarze Riese dort vor der in süßem Grün erbleichenden Helle und spähte. Dann hob er die geöffnete Hand wie im Gruß und in spottender Abbitte ... Im selben Augenblick sank der Leichnam des Peliden im Felsenstuhl auf die Seite. Alle sprangen sie wie entsetzt hinzu und stützten ihn. Agamemnon aber ging fern vorbei. – Das Grün vertiefte sich; Hesperos erschien hinter fernem Wolkensaum und führte sein glitzerndes Heer herauf. Aus Troja kam Summen wie aus einem Bienenkorb; Wachtfeuer loderten auf den Zinnen. Achilleus war tot, und die Stadt murmelte Dank zu den Göttern, die zu ihr hielten. Die Stammesfürsten der Danaer betteten den Leib nun auf eine Tragbahre, und während sie ihn zum Zelt trugen, fühlte der Entkörperte sich unwiderstehlich mitgezogen im Takt ihrer Schritte. Drinnen wuschen sie den Leib mit erwärmtem Wasser und salbten ihn mit Öl. Dann hüllten sie ihn in die farbigen Gewänder, die golddurchwirkten, die sie der Truhe entnahmen. Beim Schein der Fackeln und tönernen Lampen, überhuscht von Schatten, glich der Leib völlig einem Schlafenden. Der Krampf der Glieder war natürlich und gefällig gelöst; nur im Antlitz wohnte noch die große Verfinsterung, und aus dem Mund brach noch der stumme Schrei. Der Platz vor dem Zelte wurde schwarz von Kriegern, die sich herzudrängten. Viele wichen zurück, schlugen sich an die Brust und heulten wie herrenlose Hunde. Da geschah, hinter dem Sieden des kochenden Harzes, den Wehelauten und dem Stimmengewirr, ein großes Geräusch, das anschwoll. Als man nach dem Ursprung spähte, gewahrte man, wie unter dem bleichen Abendhimmel eine einzelne große Woge über den Hellespontos glitzernd einherwanderte. Staunen schlug sie alle in Bann, war es doch windstill. Die Woge brach sich mit einem ruhigen, fast zögernden Zischen und entsandte ihre Schaumsäume bis hoch auf den Strand. Als sie sich glättete und zurückebbte, stand dort eine reglose Gruppe von Gestalten, grün gewandet. Nun hob die vorderste und auch größte dieser Gestalten muschelweiße Arme und ließ sie rhythmisch auf und nieder fallen; auf dieses Zeichen bewegten sich auch die anderen, und Möwenschreie, schrill und klagend, erfüllten die Luft. Und während die hohen Vogelschreie zitterten, trat die Anführerin auf den Strand und überquerte ihn. Sie ging tappend, und ihr Gewand schleifte hinter ihr drein; ein Gewand, ganz aus dem Schimmer von Schäumen gewebt. Triefend kam sie heran; ihre Haut hatte den Glanz eines Fischleibes. Und trotz höchsten Ebenmaßes der Glieder ging sie wie ein altes Wesen, die Hände vorgestreckt, als gewärtige sie von Schritt zu Schritt einen Sturz; als sei sie ihrem Element entrissen und taste sich zurecht. Ihre von Nässe zusammengeklebten Strähnen waren von großen Perlen durchwunden, die beim Näherkommen leise klapperten. – Plötzlich hob sie den Kopf; ihr Antlitz ward den Männern nun erkennbar ... Es leuchtete im eigenen Licht; die Augen waren wie heller Bernstein mit kaum erkennbaren Pupillen. Alles wich scheu zurück; kaum wagte man zu atmen; ein Unheimliches zog an ihnen vorbei, mit leise klatschenden Sohlen noch immer wie vorwärts fallend ... Hinter ihr das Möwengeschrei klang jetzt, als bildeten sich Worte ... Die Fackeln prasselten. Achilleus sah sie ins Zelt treten ... »Thetis!« stammelte er ... »Mutter!« Doch die Bernsteinaugen sahen ihn nicht; sie richteten sich schier leer auf den prunkvoll aufgebahrten Leib des Sohnes, auf die geputzte Schale, die dort lag; und indes ihre Nüstern sich krausten, die im Innern rötlich schimmerten wie die Höhlung einer Konchylie, betrachtete sie ihn witternd und stürzte dann auf ihn zu. Das ganze Zelt roch nach Meer. Und ihre Hand, wie die einer Halbblinden, tastete über den Toten und senkte sich dann auf sein grimmverzerrtes Gesicht. Als sie die Hand wegnahm, waren die Falten fort, war der lautlos schreiende Mund geschlossen, lag Frieden darüber wie Meeresstille. »Mutter!« schrie es wieder in dem, der sie unablässig belauerte ... »Thetis! – Mutter!« Hatte sie etwas gehört? Neigte sie das Ohr zur Seite? Ja: jetzt sah sie ihn an; sah ihn an mit ihren Augen, die wie Edelsteine waren. Doch es war, als zweifelten, als suchten diese Augen ... Nein; sie sah ihn nicht. Es war ein umherirrender Blick. Noch einmal betastete sie die Leiche; und dann stieß sie, mit geblähtem Hals, einen jähen, gewaltigen Vogelschrei aus ... so entsetzlich schrill und schneidend, daß die stumm sich wieder Herzudrängenden draußen zurückfuhren, ja zum Teil wie weggeweht und stolpernd zur Seite hasteten. Da sie sich in ihrem großen Jammer mit diesem einzigen Schrei erlöst, lag sie lange reglos auf dem Sohn und umhüllte ihn mit ihrem silbergrauen Gewand. Dann erhob sie sich. Wiederum war sie taub und blind für die Qual des wahren Sohnes, der so Unnennbares litt. Er folgte ihr. Er sah sich selbst, sah die eigenen schattenhaft nach ihr greifenden Hände und wunderte sich dumpf, daß das Zeltgemach durch seine Gliedmaßen hindurchschimmerte. Was war das? Die Göttin zuckte zusammen. Der Kopf fuhr herum. Und indes ihre Augen sich weiteten, blickte sie ihm geradeswegs ins Gesicht ... noch nie hatte er dies Gesicht, dies muschelweiße, holdgeschnittene, so nah gespürt; von salziger Luft umhaucht aus der Heimat der Delphine ... Doch sie gab nur einen gurrenden Laut äußerster Ratlosigkeit von sich, als schwebe er gar nicht vor ihr, noch verhaftet mit seinem prangenden Leib, sondern als dämmere sein Bild nur vor ihr auf, gewoben aus trauerndem Gedenken ... Als Abdruck ihres eigenen Leides ... Einmal wandte sie sich noch und blickte starr nach den Zügen auf der Bahre, die schier unverweslich dort ruhten in Greifbarkeit. Dann, ganz anders als sie gekommen, mit fliehenden Schritten und aufrecht, eilte sie zum Ufer nieder. Das große sprühende Rauschen hatte sich wieder erhoben; eine erneute Woge war herangewandert; und indes das Geschrei der Nereiden sich mengte mit dem Platzen des Gischtes aus dem berstenden Schaumkamm, ward sie weggespült, mit ihrer Gefolgschaft, unter dem Sternenlicht. IV Auf dem Zedernholzturm lag der Leichnam und leuchtete. Der Geist des Achilleus umkreiste ihn mit lautlosen Schwingenschlägen; seine gespreizten Arme, zwischen denen sich ein Etwas blähte wie Stoff eines Gewandes, durchfächelten die Luft. Dieser Stoff, der an seinen Fingerspitzen hing wie zartestes Spinnennetz, wie Byssusflor, mündete als wimpelndes Band im Nabel des Toten, bald sich straffend, bald als locker wallende Knüpfung. – Unausdenkbares, so fühlte er in namenloser Furcht, müsse geschehen, wenn dies Band zerrisse; denn dann würde er nicht mehr sehen können, was mit seinem Körper vor sich gehe. Auf den gekreuzten Zederbohlen standen Schalen mit Wein, Honig und Gewürzen. Dann schleppten sie Rinder herzu und Schafe. Aus den offenen Kehlwunden der Tiere stieg ein Brodem auf. Lüsternheit, gegen die er nicht ankämpfen konnte, ergriff den Geist; mit geweiteten Nüstern und tastender Zunge ließ er sich nieder dort, wo das frische Tierblut troff. Er hörte sich schlürfen ... doch nun trat der riesige Agamemnon heran mit brennender Fackel, deren Lohe im Sonnenlicht durchsichtig waberte und schwarze Schwaden aufwärts schickte. Der Geist, in seiner Mahlzeit unterbrochen, wich voll Unmut zurück; der Durst war noch da, aber auch ein wiedererwachter Haß auf den, der ihn nun erneut zur Seite stieß und kränkte ... Jetzt war er machtlos, und Angst erfaßte ihn, ja Gewißheit, daß der mit der Fackel sein Todfeind sei. Durch die aufwölkenden Rauchschwaden erblickte er die bunte Spange am Arm Agamemnons, der sich gebückt hatte und die untersten Bohlen entzündete. Die Gruppen der Männer bewegten sich in voller Rüstung zu Pferd um den Turm, und er vernahm ihre eintönigen Klagegesänge. Einer kam, der führte seine beiden Hengste Xanthos und Balios am Zaum; sie hielten die Köpfe gesenkt, aus ihren Augen glitten Tränen, und ihr Schnauben klang wie Geschluchz. Auf bestickten Sandalen, deren vergoldete Schnäbel er, an der weichen Regung ihrer runden Knie vorbeispähend, wunderlich wiedererkannte wie ein verschollenes Geschenk, lief ein junges Weib herzu, verschränkte die leuchtenden Arme über dem Haupt und schnitt sich mit drei rasenden Hieben eines sichelförmigen Messers die ebenholzschwarze Lockenflut herunter: Briseïs ... Sie, die Raubbeute dessen, der soeben die hämische Brandfackel gelegt – sie warf das, worin des Achilleus mordmüde Hände sich ungezählte Male gekühlt, ihr Haar, in die Glut ... Briseïs ... Und dort standen die Maste der Schiffe im Sonnengold. Dort starrten, wie Klötze, die Basteien Ilions ... die unbesiegten! Der Hellespontos war ein einziges Funkeln. Hier war das pochende Leben, das bunte Abenteuer. Ein sanfter Wind bewegte die Zelttücher, die wie Segel schwollen. Geier kreisten über der Walstatt. Es war schwer, von diesem allem zu scheiden. Vom Sonnenlicht zu scheiden. Es ging nicht an. Es war zu früh. Doch die Lohe hatte nun gezündet und leckte golden, sprang spitzzüngig und prasselte. Schon brannte der Unterbau; schon splitterten die Weiheschalen, kohlten die Kadaver der Tiere. Noch hielt das flaumleichte magische Band ... Doch bald, bald mußte es reißen ... Da krachte es im schwelenden Holz. Der Leichnam machte eine Drehung, als wolle er das Antlitz verbergen und zur Erde wenden. Das ganze Bild: Scheiterhaufen, Zelte, Schiffe, funkelndes Meer, wurde rauchfarben. Und auf einmal, nach einem kurzen Schmerz, nach einem grausamen Schlag, war gar nichts mehr da als dieses ebenmäßige, alles schluckende wunderliche Grau. V Das Grau blieb. Es durchdrängte den Umkreis. Und da war Geflüster verdorrten Schilfes. Töne trieben vorbei wie von irrenden Mücken. Nur selten von flauem Wind gelockert, schwebte Schwüle, als sei ein Gewitter im Anzug, das sich dennoch nie entladen könne. Der Lauf eines träg ziehenden Flusses, erkennbar am Saum grauer Weiden, schlängelte sich in schilfene Ferne. Am Ufer stand Achilleus. Vor ihm dehnte sich ein heller Weg einem flachen Hügel entgegen, der zwischen Felsenkuppen dunklen Wald hegte. Der Mückenton und des Gewässers Gurgeln plagten sein Herz mit Einsamkeit. Irgendwo verhallte das Plätschern einer Ruderstange. Aus dem Anfang dieses seines letzten Traumes war ihm ein trüb forschendes Auge erinnerlich, ein schilfähnlicher Bart, ein gigantischer erdfarbener Leib. Das war Charon gewesen, der das Fahrzeug hierher gelenkt. Der Kokytos floß im Kreis, Charon war längst fern hinter umbuschter Biegung. Dem Ausgesetzten blieb keine Wahl, als den hellen Weg entlang zu schreiten, dorthin, wo das bleiche Schilf dunklerem Gras wich. Fast gewichtslos, sah er dennoch seine Füße in den prächtigen Sandalen wechselnd den Grund treten, als ob er leisen Druck nach vorwärts spüre, wie ein Segel vor sacht atmender Brise. Ihm war so, als sei er nackt; als sehe er Brust und Geschlecht matt glimmend ... Doch während er dies noch dachte, sprossend gleichsam aus seiner Überlegung, formten sich an ihm Beinschienen, Panzer und Schwertgehenk, und an der Linken schwebte des Schildes dunkle Höhlung ... Unbeweglich, wie ein schlanker Strauch, hatte am Eingang jenes Haines eine helle Gestalt gestanden. Plötzlich rührte sie sich nun und kam ihm entgegen auf dem Pfad; sie trug einen Chiton und hatte die eine Hand in die Hüfte gestützt, während die andere, wie bei geruhsamem Schlendern, lose pendelte. Sie ging mit zurückgeworfenem Kopf; die Blicke voll starrer Erwartung auf den Näherkommenden gerichtet ... Dann war es auf einmal, als wolle eine leere Quinte sich wandeln zum Zweiklang ... Er brauste, er stieg ... Beide schritten schneller aus, liefen, stürzten aufeinander zu, als dränge es sie, einen Leib zu bilden und untrennbar sich zu umklammern ... Denn der, der geharrt hatte am Hain, war Patroklos. Mit Gier trank Achilleus die geliebten Züge. Der Freund schien nicht verändert; nur trug er statt der Rüstung ein Gewand von sehr dünnem Stoff, das jeder seiner Bewegungen wallend folgte. Er war kleiner als der Pelide, doch seine Stirn war hoch und glatt und die Bildung seines Leibes schlanker. Er lächelte, und ein gütiger Faltenkranz bildete sich an seinem dunklen Auge. Dies Lächeln behielt er lange bei, als sei es wie in Wachs gegraben. – »Komm«, sagte er und faßte den Freund unter den rechten Arm wie ein Gastgeber, der seine Domäne weisen will ... »Komm, Pelide; verlassen wir dies Feld und gehen in den Hain ...« Seine Stimme war nicht viel mehr als ein heftiges Flüstern; seltsam tonlos. »Ich habe auf dich gewartet. Immer stand ich hier und blickte nach dem Fluß. Ich erkannte dich; aufrecht saßest du im Kahn ... Sag, kämpft man noch um Ilion? Selten sah ich Charons Fähre nur befrachtet mit einem einzigen ... Doch dieser eine wiegt Dutzende auf ... Ich erkannte dich am Helm; am Schild ...« »Mir war, als träte ich nackt ans Land.« »Deine Waffen waren sehr deutlich um dich, wenngleich« – er spreizte die diaphane Hand und führte sie durch den Schild hindurch – »dies alles nur Abbild ist. Noch nickst du grauenhaft mit dem Roßschweif. Zuerst wirst du die anderen schrecken ... Doch dann wird dies Rüstzeug schwinden, und du wirst gleich mir gewichtslos wie eine Motte. Du, der Sohn des Peleus ...« Sein leises Kichern klang auf wie das Glucksen einer Quelle im Laubmoder. »Die wenigen wirst du schrecken, die erst kurze Zeit hier unten sind; die noch nicht geschlürft haben ...« »Wovon geschlürft?« »Vom Vergessen«, sagte Patroklos leichthin. »Man schiebt es hinaus, bis man noch einmal alles, was war, rückschauend durchkostet hat. Vergangenheit ist wie ein Apfel der Hesperiden; immer und immer spendet sie noch Saft, bis die Schale wirklich leer ... wirklich ausgesogen ist aufs letzte. Und dann geht man zum dunklen Quell. Dann kommt der – Stillstand.« Achilleus blieb stehen und sah ihn angstvoll an. »Patroklos ...« »Ja?« »Ich – hasse den Stillstand ... Ich will ihn nicht.« »Wir haben noch viel, viel zu besprechen«, sagte Patroklos ausweichend und beruhigend. »Denk nicht daran.« Sie durchquerten den Hain. Der Weg schlängelte»sich ansteigend zu einer Lichtung, die von schwarzgrünen Zypressen gesäumt war. Zuweilen nahten sich Gruppen von Schatten – bald deutlich erkennbar mit erloschener Neugier in wimpernlosen Augen, bald vorübertreibend und dahinquirlend wie Qualm. Die Lichtung war übersät mit fahlvioletten Blüten. Jenseits bewegten sich Rosse mit Menschenleibern, und diese Rümpfe bückten sich und tasteten mit den Fingern im Gras, sinnlos rupfend. Manchmal verfielen sie in einen Trab ohne Ziel. »Sie sind blind«, sagte Patroklos. »Sie brauchen kein Licht, deshalb wurden sie blind. Auch ich sehe schon alles wie verschleiert. Das ist gut; denn was man noch hier sieht, ist nicht wert, gesehen zu werden. Dich sehe ich noch, Pelide; das ist mir genug. Und wir haben ja die Erinnerung .« »Warum nur die Erinnerung? Ist unsere gemeinsame herrliche Zeit denn zu Ende? Sind wir nicht wieder vereint, Patroklos? Bleiben wir nicht vereint?« Patroklos hob die Brauen. »Es ist schön, was du sagst«, sprach er tonlos. »Ja; wir sind nun wieder vereint; für immer ...« Seine Augen hatten die Farbe des unbewegten Regenhimmels, der sich über die Landschaft spannte. VI Achilleus lauschte auf; es klang herüber wie ein großer Schrei – und dann wie ein fernes Donnern. »Was ist das?« »Es ist der Fels des Sisyphos. Er entgleitet ihm. Du wirst es wieder hören und wieder. Er ist es, der diesen Schrei ausstößt, wenn er jedesmal seine keuchende Arbeit vergeudet findet.« »Wie lange noch«, fragte Achilleus schaudernd, »wälzt er den Stein?« »Immer«, erwiderte Patroklos. – Dann, nach einer Pause, wie erklärend: »Es gibt hier keine Zeit. – Es ist die ewige Gegenwart.« »Kein Wechsel von Tag und Nacht?« »Nichts. – Nur wir stehen drin, solange unser Gedenken dauert ... Solange die Erinnerung dauert an das, was wir getan ...« Plötzlich, verzweifelt und wild ausbrechend: »... was wir getan! ... Sprich doch, Pelide! Sprich! Wühl es auf, mein Gedächtnis! Du kannst es!« Achilleus faßte den Taumelnden brüderlich um die Schultern. Patroklos war wie ein Kind geworden; er lallte. Achilleus zog ihn auf den Abhang nieder. Nun schloß auch er die Lider, und in seinem Hirn entstanden brennende Bilder, gewaltsam hervorgerufen vom letzten formenden Willen. »Unsere Taten, mein Freund Patroklos? Unsere Taten? Warst nicht du es, der mich und den Haufen meiner Myrmidonen zuerst in den Kampf trieb, als Hektor den Protesilaos erschlagen? Peitschtest du mich nicht auf, da ich dem Telephos das Geleite gab und meiner Pflicht vergaß? Warst du das nicht, der mir zuschrie, als zum ersten Male das Skäische Tor aufbrach und sie herausströmten wie eine Koppel Hunde? ... Und beim Zeus ... Ich begann zu mähen damals; zu mähen ...« Seine großen Hände ballten sich langsam um Schwertgriff und Scheide ... Doch er empfand nichts zwischen den Fingern als ein Gefühl von Leere. Dann aber rollte es weiter ab, als sei ein Band am Webstuhl vorübergehend gerissen und nun neu geknüpft: »... und dann erwürgte ich den Kygnos. Den Okeaniden.« »Sprich weiter«, flüsterte Patroklos. »Ich weiß, er war unverwundbar wie du, doch du zerhämmertest ihm die Schläfe mit dem Buckel deines Schildes ...« Achilleus faßte nach dem Schild. »Ja. – So! – Sieh her! So tat ich es!« Doch ihm war, als greife er in ein Spiegelbild des Schildes, heraufschimmernd aus dunklem Pfuhl. »Was bedeutet dies, Patroklos?« stöhnte er. »Alles zerrinnt mir ...« »Denke nicht daran«, zischelte Patroklos schier unmutig. »Was du jetzt greifst, ist Abbild und Schein. Was unterbrichst du dich? ...« Er legte das Gesicht in die Hände. – »Störe mich nicht; ich sehe den Kygnos fallen ... Ich sehe ihn ... Rede weiter ... Rede ...« Achilleus sann nach, bis die leuchtende Spule wieder lief. Die Taten tauchten auf wie ein endloser Fries voll zuckenden Lebens. »Ich erzähle ... Höre, Patroklos. Ich eroberte Lyrnessos. Und dort fing ich die Astymome. Und die – Briseïs. Und dann erschlug ich den Eetion, den Kilikier. Und seine Söhne; es waren sieben.« Er zählte an den Fingern nach; dann fuhr er übers Gesicht, als wolle er ein Spinnweb hinwegwischen. »Seltsam«, unterbrach er sich heiser. »Wieder stockt mir die Zunge ...« »Sie waren jung, als du sie erschlugst«, flüsterte Patroklos. »öffne die Augen nicht, Pelide. Öffne sie nicht. Sie stehen vor dir. Sie betasten dich...« Grauen schüttelte den Peliden; doch trotz der Warnung des Freundes blinzelte er. Eine Gruppe von sieben Schatten, mit zerrissenen Leibern, gespaltenen Köpfen, wogte vor ihm auf und ab und zog, da er sie anstarrte, zögernd davon. Während sie schieden, blickten sie verrenkten Halses nach ihm zurück, als hätten sie etwas sagen wollen und könnten nicht ... Patroklos streichelte ihn. »Sie tun dir nichts. Sie wissen nicht einmal mehr, daß du sie erschlugst. Du nanntest sie, und sie kamen.« »Sie wissen es nicht mehr?« »Nein.« »Was – ist – dann – Tat?« »Wir wissen es noch ... Laß dir genügen. Und droben sagt und singt man davon ... Droben.« Wieder faßte ihn Patroklos an. »Entsinnst du dich noch – des Knaben Polydoros? Des Jüngsten des Priamos?« »Kommt auch er«, fragte Achilleus schaudernd, »da du ihn nennst?« »Siehst du dort drüben den kleinen grauen Fleck, an der Stelle haftend ... bei jenem entblätterten Strunk?« »Ja ...« »Das ist er. Du sprangst übel mit ihm um. Er wurde gesteinigt. Um Helenas willen. Er war schön.« »Um Helena starben viele. Sie war es wert, daß so viele starben.« »Und Briseïs war es wert, daß du grolltest. Briseïs ...« Patroklos ließ den Namen schwingen, als zupfe er die Kithara. »Um ihretwillen faßtest du den Groll. Auf Agamemnon. Viele, viele Nächte lang saß ich bei dir im Zelt, beim Fackelschein, und wir unterredeten uns über deinen Groll.« »Er nahm mir die Briseïs. Wo ist er?« »Er ist nicht hier.« »Wo ist er? Wo?« »Schließ die Augen wieder, Pelide. Du hast recht, zu grollen.« Sie redeten nun beide erregt mit dunklen Stimmen; sie überboten sich gegenseitig in aufreizenden Bildern. »Ich redete dir schon damals zu, als du stöhntest. Du wälztest dich auf dem Lager; du erschlugst mich fast, als ich mich weigerte, sie dem Agamemnon wieder wegzunehmen ... Er hatte sie in seinem Purpurzelt; da blieb sie ... Er lachte deiner.« »Und doch war die Beute mein gewesen«, keuchte Achilleus. »Mein. – Er hatte kein Recht. Er tat es in die Zähne der Ältesten hinein: des Odysseus, des Ajax und aller ...« »Er war zu stark«, sagte Patroklos. »Vielleicht ist er jetzt noch stärker als du.« »Er war nicht stärker als ich ... Warum habe ich ihn nicht erschlagen ...?« Sein unendlicher Grimm brach wieder auf wie eine Wunde. »Er war es, der die Fackel legte an meinen Scheiterhaufen ... Der Verfluchte ...« »Ja. Du hättest ihn erschlagen müssen«, sagte Patroklos mit einem matten Anflug von List. »Und mich dann auch.« »Dich?« »Ja, mich... Ich führte dir seine Herolde zu, den Thalthybios und den Eurybates, und sie holten sie dir aus dem Zelt. Ich beschwatzte dich sogar« – Patroklos beugte sich vor –, »es zu tun. Die Briseïs ihm zu geben; ihm, dem Agamemnon. Sie wollte nicht gehen, du erinnerst dich? Sie zerkratzte sich das Gesicht; man schleppte sie.« Er spähte in das Gesicht des Achilleus; es war zerklüftet von Gram; eine Träne fiel. »Sieh, nun weinst du, und du hast recht, Pelide. Du hast recht, zu grollen ... Denn er ist noch dort, ist noch oben, bei Briseïs. Er lebt ja noch und ist ja noch bei ihr ...« Achilleus warf sich plötzlich nach vorn, aufs Gesicht, und legte die Hände ins Gras. »Er erfreut sich ja noch an ihr! Er hat die Hälfte der Beute genommen – und nun fiel ihm auch die andere Hälfte zu!« »Hör auf!« schluchzte Achilleus. »Hör auf!« »Du grollst ihm nicht?« »Oh, Patroklos, dies ist wie eine Wunde. Sie hört nicht auf zu brennen.« »Um der Briseïs willen?« »Nein.« Achilleus erhob sich wieder. »Nein. Was ist mir nun Briseïs? Was ist mir Agamemnon?« Die Miene des Patroklos wandelte sich. Er zog die Stirnhaut, die so glatt gewesen wie Elfenbein, in zahllose feine Falten. Er war überrascht. »Um wessentwillen brennt sie denn ... deine Wunde ?« »Patroklos«, sagte Achilleus eintönig, »weißt du noch, wie es sich zutrug, als du von dort oben scheiden mußtest?« »Euphorbos durchstach mich«, murmelte Patroklos und öffnete sein Gewand. Langsam drehte er sich und wies auf Brust und Rücken zwei klaffende Löcher. »Und dann Hektor. Sieh hier ...« »Diese beiden hätten allein dich nicht bewältigt. Zudem hattest du ja die Hengste Xanthos und Balios: ich hatte sie dir gegeben. Sie trauerten sehr, als du fielst. Ein anderer war dir feind, ein Stärkerer. Dieser andere hatte dich vorher betäubt, mit einem Schlag. Es war derselbe, der mir in die Ferse schoß.« »Wer?« fragte Patroklos hastig und hob die Augen, die auf einmal völlig glanzlos schienen. »Wer war mir feind? Und wer schoß dir in die Ferse?« Er fuhr sich über die Stirn, als wolle er mit Gewalt etwas zurückrufen, und es war ein großes Erschrecken plötzlich in seinen Zügen. »Phoibos«, flüsterte Achilleus. Zwischen diesem Namen und dem, was folgte, dehnten sich Einöden von Grübelei. VII Nach langer, langer Zeit gaben die Lippen des Patroklos, wie ein fernes Echo, den Namen zurück. Auf der Wand seiner verschwimmenden Erinnerung stand ein goldenes Funkeln, das schmerzte. Achilleus beugte sich zu seinen stammelnden Lippen nieder und versuchte ihn aufzurütteln. Es ging wie ein Zucken durch Patroklos' Gestalt. Er sprach auf einmal und brachte seine Augen prüfend an die des Freundes: »Nenne den Namen nicht. – Nenne ihn nicht.« Aber Achilleus schüttelte ihn weiter. »Er schoß mir in die Ferse. Ich kann es nicht vergessen. Ich kann das Licht nicht vergessen. Das Licht. Phoibos ist im Licht. Er will uns nicht; dich nicht und mich nicht. Er hat uns von sich gestoßen. Selbst – Thetis erkannte mich nicht ...« Er stand auf und zog den Freund empor; dieser folgte, federleicht aufschwebend. »Patroklos«, fragte er auf einmal mit ungeheurer Eindringlichkeit, »sind wir wie diese hier?« Und er wies auf die Schatten, die wogend ohne Plan und Ziel die Wiese und die Wände der Zypressen belebten ... »Ja«, hauchte Patroklos. »Ja. – Du hättest den – Namen nicht nennen sollen. Denn man erträgt es nicht, an ihn zu denken.« »Was tun wir nun? Was tun wir?« »Ich weiß es. – Komm.« Achilleus folgte dem Voranschwebenden, dessen Gewand wie winkend wallte. Im Hirn des Peliden war ein Schmerz, ein peinigender, langsam wachsender; zusehends trat, wie unter einem unabwendbaren Zwang, auch bei ihm ein goldenes Blitzen hervor, ein Lodern wie aus hoher Bläue. Ihm war, als schmelze sein innerstes Mark. Er sah einen flimmernden Pfeil, auf die Sehne eines Gottes gelegt, und der Pfeil jagte, über Wellen tanzend, geradeswegs auf ihn zu. »Hilf mir, Patroklos«, stöhnte er. »Hilf mir. Ich kann nicht an ihn denken.« »Komm«, tönte es zurück. »Ich werde dir helfen. Uns beiden werde ich helfen. Ich werde auch dich von allem befreien.« »Was wirst du tun? Sie sitzen droben im Licht. Sie lachen unserer!« »Warte, Pelide ... warte ...« Sie waren am Ende der Lichtung. Achilleus sah ein unendliches Gedränge von Schatten wie schwärzlichen Dunst, der sich weithin erhob; entstellte Gesichter, die ihn bekannt dünkten – auch nie erschaute, leere; einmal tauchte auch eines auf, das glich dem Cheiron, der ihn als Knaben auf dem Pelikon betreut ... Wehmut kam ihn an; doch schon ging das felsfarbene Gesicht des Zentauren unter im Gewimmel der anderen. Ein Becken tat sich auf mit dunklem Spiegel, und da lagen sie im Kreis über der Brüstung, Kopf an Kopf, und schlürften. Ständig wechselten sie; einer schien dem andern den Platz zu neiden... Noch einmal wandte Patroklos sich um und sprach: »Wir müssen ihn löschen...« – und er faßte an seine Stirn und deutete dann, mit rührendem Lächeln, an die des Freundes; denn da drinnen lohte es ja noch, das goldne Funkeln, die brennende Sehnsucht nach Phoibos; der ungeheure Groll, von ihm verworfen zu sein – dann beugten sie sich, ohne einander weiteres zu sagen, gemeinsam nieder zum Wasser des Vergessens.