Helene Böhlau Kristine Roman     Hermann Böhlaus Nachfolger in Weimar [1929]     Erstes Buch Erstes Kapitel Noch als grüner Bursche schrieb Ker, das heißt der Student Dmitri Alexándrowitsch Ker-Asowsky in sein Tagebuch: St. Petersburg, den 2./14. April.     Ich setze keinen Fuß mehr in die Universität. Was bekomme ich dort zu hören? Es ist wahrlich nicht des Hingehens wert. Tag für Tag entsetzlich wichtige Mienen, aber die Weisheit der Herren fließt tropfenweise. Tagtäglich ein sparsam zugemessenes Tröpfchen, da, wo ich in vollen Zügen trinken möchte. Und wie sie vortragen! wie sie vortragen! Semester für Semester immer dieselben Witze an derselben Stelle, die älteren Studenten kennen die Witze alle im voraus. Man denkt unwillkürlich: morgen kommt es! ja morgen! immer derselbe Quatsch. Und das nennen die Herren Philosophie! Entweder wissen sie nichts mehr zu sagen, oder sie wagen es nicht. Das ist nur bei uns in Rußland möglich. Dazu der ewige Winter, wir haben April. In Deutschland ist es voller Frühling. Was soll ich hier? Ich gehe nach Deutschland. Wenn es mir einmal bestimmt war, über diesen Planeten als Mensch zu wandern, so will ich es nicht getan haben, ohne das Höchste kennenzulernen, was die Erde uns Menschen bietet. Wanderer sind wir alle; ich will sehend wandern. 6   11./23. April.     Mein lieber Schwager und Vormund Sztipann Sztipannowitsch ist ganz einverstanden. Er hat sehr liebenswürdig zugestimmt, hat sofort die nötigen Mittel angewiesen und hat mich lächelnd ermahnt, nicht gar zu sparsam zu sein, und das würde ja wohl die paar Monate bis zu meiner Mündigkeitserklärung reichen; dann könnte ich ja über das Ganze selbst verfügen. Ich weiß nicht, was ich gegen ihn habe. Er ist immer liebenswürdig und höflich gegen mich, aber ich mag ihn nicht. Man sagt ihm nach, daß er die Bauern schinde. Auch mein Bruder, der General im Kaukasus, ist, solang ich denken kann, mit ihm verzankt. Meine Schwester Anna Alexándrowna umarmte und küßte mich und konnte sich nicht enthalten zu sagen: »Papa war sehr liebenswürdig gegen dich, obgleich du doch von seiner dritten Frau bist, und kein Mensch dachte daran, daß er sich noch einmal verheiraten würde. Freifräulein von Lützerode-Stefanitz, Stiftsdame aus Waitzenbach ober Hammelburg bei Schweinfurt . . . reichsunmittelbar . . . und allen regierenden Häusern ebenbürtig! Warum hat sie denn nicht einen deutschen König geheiratet, statt unseren armen Papa?« Aber, liebe Anna, sage ich, das scheint mir doch ganz und gar Papas Sache gewesen zu sein. »Nun natürlich! Warum bist du denn gleich so empfindlich? Wie ein echter Deutscher; du hast ja eine deutsche Mama und eine deutsche Kindermuhme gehabt. Alles deutsch. Unser armer Papa. Ich sage ja gar nichts, und du bist ja selbst bald mündig. Aber du weißt doch, daß deine Mama gar nichts gehabt hat, nur Diplome, Diplome, Diplome – ich glaube auch gar Gouvernantendiplome. Geh doch lieber nach Paris. Ein junger Mann muß austoben. 7 Aber wie du willst. Wenn du durchaus studieren willst, nun gut, so geh nach Jena oder wie es heißt, und studiere. Offizier willst du ja nicht werden. Adieu, mein lieber Junge! Du kannst dort tun, was du willst, nur bitte, trinke kein Bier – das ist so, wie soll ich sagen – unfein. Man kriegt so eine deutsche Gestalt – so dick. Man hat mir gesagt, alle Deutschen sehen aus wie Kartoffeln. Sie laufen alle herum ohne Taille, wie Billardkugeln. Adieu, mein lieber Dmitri! und kauf' dir ein hübsches Reitpferd. Ich weiß gar nicht, ob es in Deutschland hübsche Pferde gibt, alles Bierfaß!« Was für frische lebendige Kinder sind doch meine Nichten und Neffen: Daascha, Szaascha, Maascha, Paascha, Jaascha! Sie klettern alle an mir herum. Alle in russischen, weißseidenen Hemden, roten Hosen und roten Gürteln. Jede will etwas haben, ich soll jeder was mitbringen, die Älteste will durchaus noch ein Brüderchen. »Ja, hast du denn noch nicht genug?« »Nein«, sagt sie, »die hauen mich alle.« »So? und da willst du wohl einen haben, den du hauen kannst?« »Ja«, antwortet sie und lacht. Ich nehme niemand von den Leuten mit, ich gehe ganz allein.   An Bord der »Schönen Luise«. 14./26. April.     Es ist das erste Schiff, das abgeht. Aber trotz aller Unbequemlichkeiten ist es mir hier lieber als im Waggon. Die Newa ist zwar seit einigen Tagen eisfrei, aber wir haben noch vollen Winter. Alles weiß. Schöne Geschichten mit Jermák, dem Kutscher! Sollte er recht haben mit Sztipann Sztipannowitsch? Es wird nicht so schlimm werden! Auf dem Weg vom Gut hierher lag ich behaglich verwahrt und halb träumend im Schlitten und blinzelte durch die 8 bereiften Augenwimpern, bald nach dem dampfenden Dreigespann, bald rechts und links ins lustige Schneegestöber und dachte an den Frühling in Deutschland. »Baarin, Herr!« begann der Kutscher. »Nun?« »He, du Schimmel, munter, munter!« »Was willst du?« »Du gehst ins Ausland, Herr, nicht? Nach Germanien, in das Land, wo sie nicht Russisch sprechen?« »Freilich, was weiter?« »He, du Strauchdieb, glaubst wohl, man kennt dich nicht!« und er hieb auf das Handpferd ein. »Laß nur gut sein, laß sie verschnaufen.« »Das weiß ich besser, Herr. Der Schimmel da ist ein Gauner, ein Hebräer, eine Hundeseele, blinzelt immer zurück, ob ich vielleicht einmal einnicke. Wartet nur, Brüderchen, ich kenn' euch alle!« Und er hieb von neuem auf die Pferde ein, so daß wir pfeilschnell über die frische Schneebahn hinflogen. »Geradeso habe ich deine Schwester gefahren, Herr.« »Wen, sagst du?« »Je nun, deine älteste Schwester Jekatirina Alexándrowna. Es ist freilich lange her, und ich war noch ein rüstiger Kerl. Du wirst nichts davon wissen, Herr, denn du warst ja kaum auf der Welt. Herrgott, Herrgott, wie die Zeit vergeht! Jekatirina Alexándrowna! – Wo mag sie jetzt sein? Glaub' mir, Herr, das war ein herrliches Mädchen. Eine Schönheit, Herr, glaub' mir, ein Engelsangesicht. Sie hat mir einen Pelz geschenkt, der Pope könnte auf solch einen Pelz stolz sein – und ich Hund, ich habe ihn versoffen.« »Was erzählst du da für Geschichten? Schweig doch lieber.« »Wahrheit, Herr!« »Deine Schwester ging auch ins Ausland wie du, Herr, 9 und hatte ein Bübchen mit, ein Püppchen – so klein – ich sage dir, nicht größer als meine Fausthandschuhe – und ein Gesichtchen! wie von Wachs, das reine Wachs, und das quäkte so jämmerlich – ich habe laut weinen müssen, wie ich deine Schwester fuhr. – – Wir sind nämlich heimlich ausgerissen, mußt du wissen, Herr. In der Nacht. Und dein Bruder hat mich hinterher gehörig prügeln lassen. Ach du lieber Gott, was tun Prügel? Nichts, rein gar nichts. Jekatirina Alexándrowna war fort. Sie hatte es mir befohlen, sie nach Petersburg zu fahren, zum Schiff. Warum ist sie denn nicht wiedergekommen? – Sag' mal, Herr, kennst du deine Schwester Jekatirina Alexándrowna?« Es war mir höchst peinlich, den Alten so reden zu hören. Er sprach mit bäurischer Offenheit von einer Schmach in unserer Familie. Ich erinnere mich: Ich hatte als Knabe auf dem Boden des Schlosses ein Pastellbild aufgestöbert – ein junges Mädchen in Bauerntracht – verstaubt, mit gebrochenem Rahmen und zersplittertem Glas, unter einem Haufen Gerümpel halb vergraben. Als ich es aber triumphierend der Schwester Anna brachte, befahl sie mir, es augenblicklich wieder dahin zu schaffen, wo ich's herhätte. Aber ich ließ das Bild nicht aus den Augen und erfuhr von den Dienstleuten, daß es meine älteste Schwester sei, Jekatirina, daß sie verstoßen sei, und daß sie in Deutschland wohne. Sie sei dort noch weiter gefallen, hieß es und hätte unter ihrem Stande, einen Herrn Müller geheiratet, worauf sie dann abgefunden worden sei. Was bei uns mit peinlichstem Zartgefühl auch nur mit einer Silbe anzudeuten vermieden wurde – so lange Jahre, wovon ich selbst soviel wie gar nichts wußte, das erfrechte sich der Alte geradeaus mir ins Gesicht zu erzählen. Ich ahnte längst, daß sich an den Namen der ältesten Schwester eine schwere Schmach unserer Familie knüpfte. Jetzt, als ich die Bestätigung aus dem Munde 10 des Alten hörte, durchfuhr es mich wie ein Schlag, und ich rief ihm voll tiefen Verdrusses zu: »Halt's Maul, Alter!« Der Alte schwieg – wir flogen nur so über die schneeige Fläche –, dann nach einer Weile zügelte er die Pferde, ließ sie im Schritt verschnaufen, setzte sich bequem zurecht und wandte mir sein bärtiges, weißbereiftes Gesicht zu. »Sieh mal hin, Herr, dort geht ein Jude.« Der Jude, ein riesiger Kerl mit buschigen Brauen, zog die Mütze und grüßte demütig. Der Alte schmunzelte über das ganze Gesicht, fuhr mit der Hand herunter, holte die Ecke seines Kaftans hervor, formte in aller Geschwindigkeit aus dem Zipfel ein Ding, das ein Schweinsohr darstellen sollte, und fuchtelte damit gegen den Juden. »Hebräer!« schrie er, »he Schweinsohr, Schweinsohr, Schweinsohr!« und lenkte die Pferde so plötzlich zur Seite, daß der Jude mit einem jähen Satz vom Wege in den tiefen Schnee ausweichen mußte. »Laß doch deine Possen«, rief ich dem Alten zu. »Was willst du, Herr?« entgegnete er gelassen, »ich hab' es immer so gehalten, es war ja ein Jude! Hast du gesehen, Herr, wie er springen mußte? – Wie ein Hase!« Nach geraumer Weile sprach er weiter: »So was wäre gewiß nicht bei den Juden geschehen. – Glaubst du nicht, Herr?« »Was denn?« »Gewißlich nicht, das sind andere Leute, diese Juden!« »Was willst du denn mit deinen Juden?« »Andere Leute als wir. Alle ordentlich, keine Säufer. Und hängen wie Kletten aneinander, und einer verläßt den andern nicht, und verlassen auch ihre Kinder nicht. – Ja, andere Leute als wir.« »Seit wann lobst du denn die Juden?« 11 »Alles, was recht ist, Herr. Ich bin ein rechtgläubiger Christ und hab' alle Sonntag meinen Juden verhauen. Ich hab' immer welche erwischt. Jetzt tun es die jungen Burschen, und mein Sohn ist auch dabei. Und der ist doch auch kein Jüngling mehr, und dann werden es meine Enkel tun. Und das muß auch so sein, denn die Juden haben den Erlöser gekreuzigt. – Und meinen Sohn hat doch deine Schwester Jekatirina Alexándrowna aus der Taufe gehoben, und war doch selbst noch ein halbes Kind. Das weißt du doch, gnädiger Herr?« Ich ließ den Alten schwatzen, er war ja doch nicht zu halten. »Du lieber Gott, das ist schon lange her, wer will denn das genau wissen, aber dreißig Jahre sind es her. Wie gesagt, Herr, deine Schwester war selbst noch ein halbes Kind, aber klug war sie und schön, wahrhaft ein wahres Engelsangesicht. Und was sie sagte, das blieb gesagt, und was sie tat, das war getan. Sie konnte alles. Du hättest sie nur sehen sollen, wie sie solch ein Dreigespann meisterte! Wie nichts! Und es hatte sie doch niemand gelehrt. Es war ein richtig russisches Kind! Immer lustig und guter Dinge, lachte und sang den ganzen Tag. So gingen die Jahre hin – auch du wirst es erleben, Dmitri Alexándrowitsch! Da kam eines Frühjahrs zu Ostern solch ein Petersburger Fant, schnauzbärtig und ein Krauskopf, auch nicht ganz jung, der malte alle die Herrschaften, der malte überhaupt alles, den ganzen Tag, und schrieb alle Häuser und Bäume ab. Nur Heiligenbilder konnte er nicht malen, denn er war ein Jude, so wahr Gott lebt, ein Jude, oder ein Deutscher, oder ein Katholik. Nun hättest du aber die Herrin sehen sollen, die war gleich ganz weg von ihm, und lasen den ganzen Tag, oder malten und ritten, und Jekatirina 12 Alexándrowna war wie umgewandelt, hing an seinem Munde, und allerlei Dummheiten brachte er ihr bei. Sie mußte rings in die Dörfer und mußte die Bauern lesen lehren und Tag und Nacht zu armen Kranken laufen und derlei mehr! Als ob sich das für eine Herrschaft schickte. Und als er fortging, Herr, da war unsere Jekatirina Alexándrowna wie zusammengebrochen . . . wie hin, das war ein Jammer: Wenn ich spät abends aus der Schenke kam und alles war schon totenstill, da stand meine Herrin am offenen Fenster und weinte und schluchzte, daß mir das Herz im Leibe zerreißen wollte. Oder sie schlich am Wasser auf und ab. Da hab' ich sie nach Hause gebracht und hab' so manche Nacht wie ein Hund vor ihrem Fenster auf bloßer Erde geschlafen. . . . Na, es kam der Winter und verging . . . Jekatirina Alexándrowna war nach Petersburg gegangen. – So, gegen das Frühjahr – wie heute – kam sie aufs Gut zurück und brachte ein Kindchen mit und sagte, es wäre nicht ihr's, und wollte so friedlich weiterleben, als ob gar nichts geschehen wäre. Ja, wenn dein Vater gelebt hätte, der würde das Kindchen wohl aufgenommen haben, den aber hatten sie gerade in den Sarg gelegt und ihn der Erde und der Auferstehung übergeben. Du, Dmitri Alexándrowitsch, hättest auch nicht geduldet, daß deiner leiblichen Schwester Unrecht geschehe. – Aber du warst selbst kaum geboren, warst selbst noch ein zartes Kind, sechs Wochen alt und noch bei der Amme und der deutschen Kindermuhme. Unerforschliche Wege Gottes! – deine Brüder verstießen die Schwester und sagten sich von ihr los; und es war kein Mitleid bei ihnen zu finden. Da sind wir denn in der Nacht fort; gerade wie ich dich heute fahre, Herr, so hab' ich deine Schwester und das Kindlein gefahren. Die wollte auch ins Ausland grad' wie du. 13 Da hab' ich ihr zugeredet und gesagt: Jekatirina Alexándrowna, gehe nicht von uns. – ›Ich will fort, dahin, wo bessere Menschen sind.‹ – Gehe nicht, mein Töchterchen, gehe nicht! – ›Ich kann ja nicht anders, Jermák,‹ antwortete sie und weinte, ›hier will mich ja niemand mehr.‹ – Ach, du heilige Mutter Gottes, sie hatte recht. Es hat ihr niemand geholfen und niemand ein gutes Wort gegeben, was konnte sie tun? Dort im Walde habe ich gehalten, denn das Kindchen schrie. Da haben wir es beide gefüttert. Da sagte die Herrin zu mir: ›Es lacht ja gar nicht, Jermák.‹ Da hab' ich sie getröstet und hab' ihr gesagt: Warte nur ein klein wenig, Jekatirina Alexándrowna, bald wird das Würmchen dich kennen und bald lachen; warte nur ein klein wenig, meine liebe Herrin. Dann mußte ich sie ans Schiff fahren, am Newaufer, gerade wie ich dich heute hinfahren werde. Damals gab es noch keine Bahnen. Als sie aber ausstieg, da hab' ich mich nochmals vor ihr auf die Erde geworfen, hab' ihr die Füße geküßt und hab' ihr gesagt: Gehe nicht von uns, Jekatirina Alexándrowna, Mütterchen, gehe nicht von uns, mein blaues Täubchen, du wirst Elend erdulden in der Fremde, mein Engel. Bleib bei uns und erzieh das Kind rechtgläubig. Aber sie weinte und sagte nur: ›Ich gehe zu besseren Menschen.‹ So ging sie und hatte nicht einmal einen Pelz mit, nur ein Körbchen – so groß – und nichts mehr. Aber ich habe dem Kinde ein Bildnis der kasanischen Gottesgebärerin mitgegeben. Acht Tage bin ich nicht nach Hause gekehrt und habe mich mit den Pferden in Petersburg herumgetrieben. Da ist denn der Pelz, den mir Jekatirina Alexándrowna geschenkt hat, draufgegangen, und dein Bruder hat mich prügeln lassen. Herrgott! was sind Prügel?« 14 Nach einer Weile begann der Alte wieder: »Es war unrecht von dir, Herr, daß du mir vorhin den Mund verbotst. Solch ein junger Herr, wie du bist, soll gar nicht mitreden über Dinge, die er nicht versteht. Solange wir jung sind, sind wir alle dumm. Erst das Alter macht klug, Herr, und vor Gott sind wir alle gleich, Herren und Diener, Sünder und Gerechte, und es soll sich niemand überheben. Es ist freilich eine große Schande, wenn ein Mädchen ein Kind hat und dazu bei so vornehmen Leuten, wie ihr seid. Aber christlich ist es nicht, die Seinen zu verlassen, wenn sie in Not sind, wie ihr es getan habt mit Jekatirina Alexándrowna.« Ich sagte kurz: »Es geschieht jedem, was recht ist und was er verdient.« »Versündige dich nicht, Dmitri Alexándrowitsch, denn es steht geschrieben: ›der Mensch soll kein Tier sein, und nur das Schwein frißt sein eigenes Fleisch und Blut‹, und darum dürfen auch die Juden kein Schwein anrühren, wir aber, wir Christenmenschen, was tun wir? . . . Höre mich einmal an, Dmitri Alexándrowitsch: Gottes Barmherzigkeit ist groß, sonst hätte Gott die Menschen schon alle vom Erdboden vertilgt, weil sie sein Beispiel nicht achten; und verdrehen es und verderben es. Und wenn es ein Gesetz ist, so ist es ein schlechtes Gesetz. Alle Gesetze sind menschlich, sie kommen und gehen und wechseln wie die Menschen. – Der alte Pope stirbt, und es kommt ein neuer, und der predigt anders als der alte. – Gottes Allmacht ruft den Zaren ab, und es kommt ein junger Zar, ein herrlicher Zar, der übt größere Barmherzigkeit und gibt mildere Gesetze, und die alten Gesetze gelten nicht mehr. Dies alles ist Wahrheit, wahrhaftige Wahrheit – und wenn dies nicht Wahrheit ist, nicht wahrhaftige Wahrheit, 15 so widersprich mir, Herr, und unterrichte mich und belehre mich und berichtige mich. O Menschen, Menschen, böse Menschen! . . . Sag' mal an, Herr, wo wohnt denn eigentlich deine Schwester? Lebt sie in Berlin? oder in Paris? oder in Deutschland? oder in Germanien? Nun, du wirst es schon wissen, wo sie lebt, du wirst sie schon finden. Aber antworte mir, Herr, du wirst doch deine Schwester im Elend aufsuchen? Wenn du bei ihr bist, so sage zu ihr: der alte Jermák lebt noch und läßt dich demütig grüßen, Herrin; und sieh zu, ob das kleine Würmchen gedeiht, und ob sie es hat taufen lassen, rechtgläubig, und ob es das heilige Gottesbild noch trägt, das ich ihm mitgegeben habe, das Bildnis von der heiligen Mutter Gottes von Kasan! Und bring sie wieder hierher, zu uns nach Rußland. Wir wollen sie empfangen wie eine Zarin und wollen ein Fest im Dorf veranstalten und ein Gelage, da soll keiner nüchtern bleiben! und wollen ihr Wohl trinken nicht in gemeinem Branntwein, nein, in gereinigtem Branntwein, und alt und jung soll dabei sein. Kommt alle beide im Winter wieder zu uns zurück, wenn bei uns in Rußland der Schnee wieder fällt, denn draußen, da sollen sie im Winter keinen Schnee haben. Was ist ein Winter ohne Schnee? Und wie kann das ein Mensch aushalten? Nun weiß ich aber nicht, ob ich dir trauen soll, Herr, oder nicht. – Wenn du nach deinen Brüdern gerätst, so wirst du auch schlecht und wirst deine Schwester verlassen wie sie; denn ich habe es ihnen allen beiden gesagt, wie ich es dir heute sage, und keiner von den beiden hat Jekatirina Alexándrowna wiedergebracht. Sie waren schlecht, und der eine lebt noch! – Sztipann Sztipannowitsch, dein Vormund, wird dich um Haus und Hof bringen, ehe du mündig bist. Nun, tu' ferner nach deinem Willen, Herr, der Wille ist 16 dein, und wir Elenden vermögen nichts, und was der Arme redet, ist in den Wind gesprochen, und Gottes Auge ist überall! Schau einmal hin, Herr, dort über den Nebel hin siehst du schon Petersburg, da blinken schon die Kuppeln des heiligen Tempels Isaak, und die Sonne scheint darauf! Heda, meine Pferdchen, greift aus! Herr Gott im Himmel! wie ist doch Rußland so groß und so weit. Viele Tage kannst du fahren, immer geradeaus, oder nach rechts oder nach links, und es hat nie ein Ende. Und immer wechseln ab dunkle Wälder und grüne Wiesen und goldene Roggenfelder, du fährst durch kleine Bäche mitten hindurch und kommst an mächtige Ströme und über weite Ebenen und hohe Berge. Aus einem kleinen Dörfchen fährst du aus, und schon blinken dir in der Ferne goldene Kuppeln. Tausend goldene Kuppeln von Archangelsk bis Kasan und tausend bis Nowgorod, und tausend sind in Moskau, dem Mütterchen, allein! . . . Rings herum draußen, da wohnen die Türken und Schweden und alle die Verworfenen, Ungläubige und Heiden, und auch schwarze Völker, schwarz wie der Teufel. Aber niemand wird dir je etwas anhaben können, du mein heiliges Rußland! Weder die Franzosen, noch die Engländer! Du hast sie alle geschlagen. Vor uns haben Helden gelebt und nach uns werden Helden kommen, dich allezeit zu verteidigen. Horche hin! Aus allen Kuppeln, da läuten die Glocken zur Ehre Gottes, des Höchsten! Alles hat Gott Rußland verliehen, Gold und Silber und Roggenfelder, und über alles herrscht ein rechtgläubiger Zar! Gott erhalte ihn! Hurra, ihr meine russischen Pferdchen!«   1. Mai, 8 Uhr, an Bord der »Schönen Luise«.     Swinemünde, Deutschland in Sicht! 17   Zweites Kapitel Jena, 4. Mai.     Vier Tage hatte uns die Ostsee geschaukelt, als wir in das enge Fahrwasser der Swine einlenkten und vor Swinemünde anlegten. Ich betrat deutschen Boden. Das Wetter hatte sich in diesen Tagen allmählich freundlicher gestaltet. Am blauen Himmel zogen leichte Wölkchen, und ein milder Wind strich über die in vollem Lenzesschmuck prangende Landschaft. Niedrige bescheidene Häuschen, von wildem Wein umrankt, Obstbäume in voller Blüte, Deutsch redende Menschen. Was mir als Knabe vorgeschwebt, war zur Wirklichkeit geworden. Deutschland! Das Land der Dichter und Denker, der tiefen Liebe und Treue. Das Land des umfassenden Wissens, ehrlicher Arbeit, das Land der Biederkeit und Redlichkeit! Goethes Land! Ich empfand alles wie ein Wunder. Gegen Abend langten wir in Stettin an, und noch in derselben Nacht war ich in Berlin und sah auf die menschenleere Straße ›Unter den Linden‹. In den Tagen auf der See waren mir die Worte des alten Jermák immer wieder von neuem durch den Kopf gegangen und hatten in mir den Entschluß gezeitigt, die Schwester aufzusuchen. Und zwar gleich. Ehe der Zug mich tags darauf weiter führte, hatte ich nur wenig Zeit, mich umzusehen. So kurz mein Blick war, den ich auf Berlin werfen konnte, er genügte mir, die Überzeugung zu geben, daß ich eine neue Welt betreten hatte, und ich sagte mir mit Verwunderung, daß hier jeder Stein intelligent liege. Es war meiner Mutter Heimatland, durch das ich fuhr – ich stand ihm nahe. Jekatirina Alexándrowna, meine älteste Stiefschwester, von der Jermák so wunderlich gesprochen, lebt auch in Deutschland, das wußte ich, aber wo in Deutschland? Man 18 sprach spöttisch von ihr, daß sie ›studierte‹ in einem verlorenen Bauernnest, einer sogenannten Universitätsstadt. Gut! Vielleicht ist es Jena. Den ersten Abend, als ich in dem winzigen Nest, das so angenehm zwischen sonderbar geformten Bergen liegt, im Gasthof zum Bären saß und es mir wohlsein ließ – das Nest gefiel mir, heimelte mich an – es war so deutsch – genau so wie ich »deutsch« mir vorgestellt hatte – da kam mir ein dünnes, abgegriffenes Heft in die Hand, das auf dem Tisch im Speisezimmer lag, das Adreßbuch, ich sah hinein und erfuhr so, gleich eine halbe Stunde nach meiner Ankunft, am allerersten Abend, daß meine Schwester wirklich hier – gerade hier lebte. – Unter den zwei Dutzend namens Müller war richtig eine Katharina, verwitwete Müller, und jedermann wußte von ihr, daß sie eine russische Fürstin sei. Jermák, der ernste Jermák würde sagen: »Wunderbare Fügung Gottes.« Und ich machte mich ohne Zögern auf. Ich marschierte durch die Sträßchen, schöne alte Bäume, alte Mauern, alte Häuser – alles im Frühlingsschmuck – die Luft weich, das Leben heiter, so etwas wie zwanglos, alles lächerlich richtig »deutsch«. Auf dem Marktplatz saßen Studenten an Tischen im Freien, tranken und sangen. Meine Schwester wohnte ein Stück draußen vor der Stadt. Ich fand mich ganz gut zurecht. Das Haus lag in einer Seitenstraße der alten Chaussee nach Weimar. Bald stand ich vor dem Hause – dies mußte es sein – mitten in einem Garten lag es. Wie ich bei dem sternenhellen Himmel sehen konnte, war es ein einfaches Landhaus mit einem hohen Ziegeldach. An dem Gartentor tastete ich nach einer Glocke. Aus einem großen Ausbau über dem Dach schimmerte ein Lichtschein. 19 Es blieb lange alles still. Niemand kam, mir zu öffnen. Endlich tat sich im ersten Stock ein Fenster auf – und eine harte, angenehme Stimme rief deutsch, doch unverkennbar in unserem russischen Deutsch: »Wer ist da – bitte zu sagen.« Mir klopfte das Herz, und ich wußte nicht recht, was ich antworten sollte. »Nun?« rief es noch einmal. »Dein Bruder!« rief ich. »Wessen Bruder?« »Nun, dein Bruder aus Petersburg.« »Geh' nur wieder fort, ich hab' keinen Bruder.« Das Fenster schloß sich heftig, und es währte eine ganze Weile, da hörte ich, wie das Fenster wieder geöffnet wurde. »Jekatirina Alexándrowna«, rief ich. »Nun, wer ist es denn?« »Dmitri.« »Was für ein Dmitri?« »Von Papas dritter Frau.« »Der Deutschen?« »Ja, der Deutschen.« »Also das Baby der Stiftsdame?« »Ja, ja!« »Das Tier schläft schon.« »Welches Tier?« »Ich kann dir das Tor nicht aufmachen!« »Ich steige über, wart!« Dabei schwang ich mich auf den Zaun zum Übersteigen und saß rittlings auf dem Torpfosten und schaute sehr bedenklich nach allerlei Spitzen und Stacheln, die das Tor mit teuflischem Raffinement flankierten. »Dmitri?« rief es noch einmal fragend. »Jawohl, Dmitri!« 20 Es folgte ein lange Pause. »Jekatirina Alexándrowna!« rief ich ungeduldig. »Ich bitte, entschließe dich, ob du mich überhaupt hereinläßt. Ich sitze höchst unbequem auf deinem verdammten Stachelzaun . . . – – Gut also, ich werde morgen in aller Form um eine Audienz nachsuchen. Meine Empfehlung!« »Nun, so komme ans Haus, ich will aufschließen!« Ich stieg äußerst behutsam in den Garten herunter. »Scheußliches Frauenzimmer«, sagte ich halblaut, als ich trotz aller Vorsicht wieder in einen Stachel gegriffen hatte. Ein Lichtschein fiel durch den Ritz unter der Tür. Der Schlüssel drehte sich langsam im Schloß. Ich trat ein. In der äußersten Ecke des Vorsaals stand eine mittelhohe Gestalt in schwarzem Kleide und auf dem ergrauten Haar ein schwarzes Spitzentuch, in der Linken einen Stock und in der Rechten ein blitzendes Ding, wahrhaftig! ein Revolver! Sie stand vor der Portiere einer halbgeöffneten Tür, offenbar um sich unter Umständen den Rückzug zu sichern. Dies sollte nur sehr gefährlich aussehen, aber ein Pudel, ein wunderschönes braungeschecktes Tier, der sich bis dahin ganz still verhalten hatte und wie auf etwas Besonderes gewartet zu haben schien, war offenbar über die Situation ganz anderer Meinung als seine Herrin und nahm alles für einen ganz außerordentlichen Spaß. Er sprang hin und her, wedelte aus Leibeskräften, warf sich auf die Vorderpfoten und bläffte seine Herrin kreuzfidel an. » Couche-toi, canaille. « Dann wendete sie sich zu mir mit herrischer Stimme: »Nimm das Licht und geh die Treppe voran. Geh nur voran!« wiederholte sie hastig, als ich zögerte, »du bist doch auch ein Spitzbube wie alle andern.« 21 Ich gehorchte lachend, und die Schwester humpelte hinterdrein, bei jedem Schritt den Stock schwer aufsetzend. »Halt!« rief sie auf halber Treppe und blieb schwer atmend stehen. »Ich habe dich ins Haus gelassen unter der Bedingung, daß ich nichts von dort höre. Ich meine unser Rußland. Keine Silbe! Nichts von den Brüdern – nichts von der Schwester, nichts vom Schwager, nichts von der ganzen Sippschaft! – Ich will nichts von ihnen hören, nichts von Rußland, nichts von Petersburg, nichts vom Gut! – Nichts vom Geld, oder Erbschaft, oder Versöhnung! Will nichts wissen, hören – Kanaille! Alles Kanaille! Ich kann nicht, ich will nicht! Ich hab' genug.« – »Gott sei gelobt,« setzte sie etwas ruhiger hinzu, »ich bin zwanzig Jahr ohne euch ausgekommen.« Auf dem Treppenabsatz stand sie wieder still. »Warte mal,« sagte sie aufatmend, »du wirst doch gerade solch ein Narr sein wie alle anderen und wissen wollen, wie es mit dem Kinde ist. Gut. So ist es: das Kind ist nicht mein. Ich sag' das dir, wie ich's deinen Brüdern sagte – es geht niemand etwas an, und wenn ich zehn Kinder hätte. Ob ihr es glaubt oder nicht glaubt – gleichgültig – abgetan.« Jekatirina tappte die Treppe weiter in die Höhe. »Wohl aus der Art geschlagen – heh? – Wäre nicht übel – deutsches Blut also – dann nimm dich nur in acht – du – hörst du.« Ich wendete mich um: »Vor wem in acht? Vor dir in acht?« »Nein,« sagte Jekatirina, »vor deinen lieben Verwandten in Rußland.« Wir hatten den ersten Stock erreicht. »Höher hinauf!« sagte Jekatirina, blieb aber wieder stehen. »Übrigens, um alles abgetan zu haben – das Kind ist schon 22 zwanzig Jahre tot – oder dreißig, ich weiß nicht, Zeit ist nichts, und gehört wirst du haben, daß ich hier in Deutschland verheiratet war – diese Heirat ist wie üblich, das heißt unglücklich, ausgefallen. Gottlob! Ich habe ein schnelles Ende gemacht. – Nun ist auch er längst tot. – Ich bin allein – und das ist gut so – ist mir recht – sehr recht. Ich heiße Frau Müller, nicht wahr, hübsch?« Jetzt waren wir im zweiten Stock, der mir eine Art ausgebauter Bodenraum zu sein schien. Meine Schwester öffnete eine Tür, und wir standen in einem hohen turmartigen Raum, mit Bücherregalen an den Wänden, mit Oberlicht, einer großen Öffnung, durch welche die Sterne hereinblickten und die frische Luft einströmte; ein mächtiges Glasfenster war zurückgeschlagen – Und unter der Öffnung, da stand ein prachtvolles, astronomisches Fernrohr und blinkte und schimmerte und war aufgerichtet und gestellt. – »Stell' dich so – so – – so – sage ich!« Meine Schwester fuhr mich ungeduldig an. – »Nicht anrühren – nicht verrücken.« Und ich beugte mich ein wenig – und sah klar und deutlich auf tiefschwarzem Grunde den blitzenden Jupiter und seine vier Mondchen – zum erstenmal in meinem Leben. »Dabei hast du mich vorhin gestört«, sagte meine Schwester. »Jetzt setz' dich.« Wir sprachen dann ruhiger miteinander – und ich schaute mich in dem stillen Raume um. Die Sterne blickten zu uns hernieder. Es brannte eine Lampe, dicht verdeckt, mit großem grünem Schirm. Meine Schwester saß zurückgelehnt auf einer Chaiselongue, und ich ging im Raum auf und nieder – und wußte nicht recht, wovon ich reden sollte. »Du gehörst also zu den Menschen, die im Zimmer hin und her laufen – so – so!« sagte sie. 23 Sie saß zurückgelehnt, fast liegend, und sah auf mich, Innigkeit, Bedauern und Mitleid im Blicke, dann erhob sie sich schwer, trat an den Tisch, schlug den Deckel eines Buches zurück und wies mit dem Finger auf das vorgeheftete Bildnis eines Mannes mit großer Stirne, von spärlichen Haaren affenartig eingerahmt, mit klugblickenden Augen und riesigem Maul. »Kennst du den?« fragte sie und sah mich eigentümlich an. Ich las: »Arthur Schoppenhauer.« »Nicht Schoppenhauer – Schopenhauer«, sagte sie. »Nein, ich kenne ihn nicht, was ist's mit dem?« »Was mit dem ist? nun, wenig und viel, wie man es nimmt. Ein alter Mann, der sich und andern das Leben sauer gemacht hat. Ein deutscher Bär von klassischer Grobheit. Ein Zänker, der in jedermann seinen Feind wittert, immer bereit, um sich zu hauen und jeden zu Boden zu schlagen, der anderer Meinung sein will als er. Immer in Angst und auf der Wehr, halb Hase, halb bissiger Köter. Einer, der sich wie Preiskämpfer zum Faustkampf sein Lebelang zur Philosophie trainiert hat. Weißt du – ein Einsiedler, der die Menschen nicht entbehren kann. Einer, der sehr stolz darauf ist, daß er Spanisch kann, denn Latein und Griechisch – können andere auch; ein Deutscher, der sich scheut, deutsch zu sein, und prahlt, von Niederländern abzustammen, ein Mensch, wie andere auch, der in Ermangelung von etwas Besserem Bücher schreibt, der seine Kapitelchen mit Überschriften aus allen Sprachen versieht, der andere niederdonnert und sich überhebt, der sich krank ärgert, daß ihn alle Welt links liegen läßt und daß sich kaum einer findet, der in ihm, wofür er sich selbst hält, das Licht der Welt erblickt. Ein Menschenfeind, der seinen Pudel höher wert hält als die besten Freunde, der jede Dummheit unbarmherzig an den Pranger stellt, der nur ein Ziel hat, seine 24 Weisheit sicherzustellen, der zu kurz trifft oder übers Ziel hinaus und nur hin und wieder ins Schwarze, groß auf einem Gebiet, auf anderen kleinlich, kurzsichtig, albern bis zur Kinderei. Auf einen Gedanken versessen, wird er blind und taub gegen alles andere, was ihm nicht in den Kram paßt. Ein Philosoph, der keine Ader eines Weisen an sich hat.« »Nun und weiter?« »– Weiter! – Du wirst dich ja schon etwas unter den Alten umgetan haben. Und wenn es dir so ergangen ist wie mir, da wirst du dich erschreckt haben, daß die größten unter ihnen voll sind von schönen Redensarten, voll von Irrtümern, haltlosen Voraussetzungen, falschen Schlüssen, leerem Geschwätz, und daß nur hin und wieder ein Gedanke die Nacht erhellt wie ein Blitz, ein Gedanke, wie von einem Gott eingegeben, der dich im Innersten packt – der dir den Blick öffnet in eine Welt, die nicht die unsere ist – dann kommen wieder andere, die erklären solche Gedanken, loben oder widersprechen, zwängen sie in ein System und treten sie breit und ruhen nicht eher, bis alles Leben daraus gewichen ist. Du siehst mit Staunen, wie dann an solchen Wechselbälgen sich die ganze Menschheit erbaut und Jahrtausende an mißverstandenem, verlogenem Unsinn widerkäut. Mühselig drängt sich dann hier und dort die Wahrheit ans Tageslicht, und ein neues Körnchen kommt wohl auch dazu. So baut es sich unendlich langsam weiter. Die Quelle fließt unendlich spärlich; wen es nach Weisheit dürstet, der muß sich mit wenig Tropfen begnügen. Was von Plato, Aristoteles bis auf Kant vom tiefsten menschlichen Wissen geschrieben worden, ist – versteh mich recht – vom höchsten Standpunkt – bis auf wenige Ausnahmen nicht der Rede wert. Viele geistreiche Einfälle und viele tiefe Gedanken, viel Grübelei, wenig lichtvolle Klarheit. 25 Nun sieh mal, dieser Alte hier, Schopenhauer, hat es unternommen, alles Gedachte zusammenzufassen, das Rätsel der Welt zu lösen, ist ihm näher gekommen als irgendein anderer.« So sprach sie noch vielerlei – aber ich war sehr müde.   Jermák langweilt mich. Wie mag er meine Adresse bekommen haben? Er will durchaus wissen, wie es meiner Schwester Kaatya, dem Engelsangesicht, geht und wie es mit dem Würmchen steht. Nun – das Würmchen ist tot; aber von dem Engelsangesicht will ich ihm schreiben, um ihn loszuwerden.   Meine Schwester, daß ich's sage, hat ganz mein Herz gewonnen. Ich gehe tagtäglich zu ihr, tagtäglich. Sie ist immer von derselben Liebenswürdigkeit, immer von derselben göttlichen Grobheit und Überhebung. Wir werden nicht müde, bald Schopenhauer und Kant, bald einen der alten Philosophen durchzuhecheln und uns gegenseitig zu beweisen, was für dumme Leute, bei aller wunderbaren Tiefe ihrer Gedanken, sie doch im Grunde gewesen. Wo wir beide selbst hingehören, darüber sind wir uns offenbar noch nicht recht klar. Vollends mit unbeschreiblich hoheitsvoller, souveräner Verachtung wird alles Lebende behandelt, Hartmann, Nietzsche usw. Sunt pueri, pueri, pueri, puerilia tractant! Es sind Kinder, Kinder, Kinder und treiben Kindereien. Das sage nicht ich – meine Schwester. Im Herbst gehe ich nach Paris. 26   Nach einem Jahr Wieder Jena, 1. Mai.     Wieder mal Frühling. Wieder mal Mai. Von Paris will ich gar nichts sagen, jeder Esel weiß was Kluges darüber zu schwatzen oder zu schreiben. Aber ich weiß, wenn ich das nächstemal wieder von Jena gehe, so gehe ich weit fort, fort aus Europa! Es ist nichts hier – ich wenigstens finde nichts. Wenn es auf Erden Weisheit gibt, so ist es in Urasien! Buddha, die Veden! Ceylon, Indien, Tibet! Jetzt heißt es: Sanskrit!   2. Mai.     Ich kam wie gewöhnlich zu Mittag zu ihr – und wie gewöhnlich kam sie mir mit ihrem Stock entgegen geholpert, reichte mir die Hand und sagte: »Dmitri, ich freue mich, dich zu sehen. – Wie steht's? Wann wird sich die Bestialität gar herrlich offenbaren?« »An wem?« »Nun an dir!« »Noch nicht, Kaatya – noch nicht – noch immer nicht.« Ich kannte ihre Frage schon. – Und sie fragte nicht aus Scherz. – Sie erwartet Gott weiß was von mir – sie ist verbittert, die Arme – nein, nicht verbittert – es ist etwas anderes – ich bin mir selbst noch immer nicht klar darüber. – Diesmal setzte sie zu ihrer Frage noch hinzu: »Höre, Dmitri – wenn du mich zehnmal auf einer Gemeinheit ertappst, so fordere ich von dir so viel Vertrauen, daß du den eigenen Augen weniger traust als meinem Wort – wir werden uns mit der Zeit schon verstehen.« »Gut,« antwortete ich, »aber ich verstehe dich schon jetzt!« »So,« – jetzt lachte sie – »du verstehst mich schon? da müßtest du erstaunt sein, wenn du wirklich solch einen 27 Menschen gefunden hättest! Wenn dieser Mensch ein altes Weib wäre – auch dann. – Aber so ist's, mein grüner Dmitri.« (Meine liebe Schwester Jekatirina bleibt bei ihrer mäßigen Grobheit.) »Zwischen dem: ›Ich versteh's schon‹ – dem schulmäßigen ›kapieren‹ und dem Selbsterleben ist eine gewaltige Kluft. Wirst es schon später begreifen.« Als wir einander bei Tisch gegenübersaßen und die Haushälterin, die sie »das Tier« nennt, servierte, nahm Jekatirina ihren Stock in die Hand, klopfte mit dem breiten silbernen Knopf dreimal auf den Tisch. »Aufmerken,« sagte sie, »damit du dich morgen nicht irgendwie versagst, morgen gibt's dir zu Ehren ein Fest hier bei mir – da werde ich dich mit der Menagerie, die hier gezüchtet wird, bekannt machen. Es ist so eine Maxime von mir, die Nebenbestien, die mich etwas angehen, des Jahres hin und wieder bei mir essen zu lassen – lieber laß ich sie meine Fasanen fressen, als daß sie mich selbst auffressen – abfüttern nennt man das. Ich hab's den ganzen Winter schon versäumt und muß es nachholen, sonst nehmen sie mir's übel. Man muß das tun, wenn man es irgend kann, um Ruh' zu haben und ästimiert zu werden. Auf seine Krippe ist ein jedes Tier leidlich zu sprechen, und mit gutem Futter kommt man jeder Kreatur bei.« »Wahrhaftig, Kaatya,« sagte ich ihr, »du solltest dich doch schämen, solche Ansichten zu haben.« – Es entfuhr mir dies so, als ich mir vorstellte, während sie sprach, daß sie trotz ihres Alters und ihres außerordentlich gealterten Aussehens meine Schwester sei, und ich als Bruder das Recht habe, mit ihr familiär zu reden, was wohl meist etwas weniger höflich heißen mag; aber es gab mir eine Befriedigung, dies zu versuchen – es war mir ein nie gekostetes Vergnügen. »Oho«, sagte sie und sah mich an und lachte wieder so herzlich, wie ich nicht dachte, daß diese verbitterte Frau es 28 zuwege bringen könnte – und da sah ich, wie schön meine alte Schwester war – was für gute Rasse, eine vornehme Person in jeder Bewegung – diese Frau Müller. Ihre starken Redensarten, die sie zu lieben scheint, verunstalten sie nicht, ziehen sie nicht herab. Ich freute mich, als ich dies wahrnahm – denn ich muß gestehen, meine alte Schwester Kaatya steht meinem Herzen nah. Und wunderbar, auch in ihr mochte bei meiner unhöflichen Anrede ein ähnliches Gefühl auftauchen wie bei mir. Sie lehnte sich in den Stuhl zurück und sagte: »Es ist sonderbar, ich denke jetzt an einen alten Menschen, der sagte, als seine Mutter gestorben war: ›Das ist das traurigste, nun lebt kein Mensch auf Erden mehr, der mich alten Kerl einmal ›Du Esel‹ nennen könnte. – Ja, das Einsamstehen auf Erden will ertragen sein!‹ – – Siehst du, ich erzähl' dir immer so dumme deutsche Anekdoten. Aber was meintest du eigentlich damit, daß ich mich schämen sollte, Dmitri – weil ich die Wahrheit sagte? – – Das mit dem Fressen? Wie kannst du das ehrenrührig finden – weißt du denn nicht, auf was die ganze Welt beruht? Auf fressen und gefressen werden. – Die Natur hat keine ethischen Momente – alles ist fressen – alles ist gefressen werden. Eine wunderschöne Welt, Brüderchen! Denkt man an irgendein lebendes Wesen, so muß man denken, was frißt's? von welchen Nebengeschöpfen mästet sich's? und von wem wird's wieder gefressen? und so denke ich auch bei meinen Oberlandesgerichtsräten und den Professoren und dergleichen – was fressen sie? was dinieren sie? was soupieren sie? was für Mitgeschöpfe setze ich ihnen vor? – Das macht mir eben Spaß: Nun möcht' ich doch wissen, hat unsere liebe Erde, unsere gesegnete Natur ein Gott oder ein Teufel geschaffen? Da ist besonders einer unter meiner Gesellschaft, 29 ein berühmter Dichter, der sich bemüht, seine Bärenhaftigkeit abzustreifen, und ein außerordentlich feiner Mensch geworden ist. So etwas, dessen Wäsche englisch ist, allerlei an ihm französisch, das Schuhwerk wieder englisch, Zahnbürste und dergleichen auch englisch – das Ganze ist, glaub' ich, aus Hamburg, aber seine Frau aus Finnland. Die sind hierher zu uns übergesiedelt, als du in Paris warst. Siehst du, das hängt alles so ein bißchen mit Rußland zusammen. Er hat es in Eleganz und Feinheit weiter gebracht als je ein Deutscher vor ihm – ein Mensch, der mir außerordentlich Spaß macht, du wirst ja sehen, so ein – Dichter. Im Auslande sind die Deutschen übrigens viel harmloser als in der Heimat. Die Deutschen im Auslande sind angenehme Leute, sehr angenehme Leute. Das weißt du ja!« »Aber Kaatya, dein Gast zu sein ist doch eine zweifelhafte Ehre!« »Freilich,« sagte meine Schwester, »ich lade sie ja auch nur zu meinem Vergnügen ein; dafür bekommen sie ihr Futter – du wirst ja sehen – übrigens mein Tier kocht vorzüglich, man ißt gut bei mir. – Und jetzt geh, lies etwas; ich will mich eine Weile schlafen legen.« Sie erhob sich schwer, stützte sich auf ihren schwarzen Stock, reichte mir die Hand, eine schlanke Hand, die ich küßte. – – Und ich dachte dabei, daß Jekatirina Alexándrowna eine rätselhafte Frau sei – aber ich fühlte mich bei ihr so sicher, wie noch nirgends, solange ich lebe. – Und es macht mir Freude, daß wir zueinander gehören. – Ja, und wie ich schon erwähnte, ihr selbst scheint es lieb zu sein, wieder einmal einen Menschen im Haus zu haben, der sie etwas angeht. – Schade, daß sie von Rußland nichts hören will; ich möchte ihr von Jermák erzählen – der hat nämlich wieder geschrieben – schon vor ein paar Wochen. Ein unverschämter Brief! 30 »Geliebter Herr Dmitri Alexándrowitsch! Als Du noch ganz klein warst, da bist Du einmal in den Graben gefallen, der vor unserm Dorfteich abfließt. Du bist selbst wieder herausgekrochen – aber da hättest Du Dich einmal sehen sollen: Dein schönes weißes Hemd und der rotseidene Gürtel über und über beschmutzt! Und die Stulpenstiefel voll Schlamm – und die Haare und Augen ganz verkleistert – voll Schmutz. Jetzt merk' Dir's: so beschmutzt kommt ihr mir alle vor, trotzdem daß ihr Edelleute seid, darum weil ihr eure Schwester im Stich laßt. Hab' ich es Dir nicht auf die Seele gebunden, daß Du Deine Schwester aufsuchen solltest und sie wieder mit ihrem Würmchen zu uns zurückbringen? Herr Gott, Herr Gott! Was für Menschen! Verfolgen sich, statt sich zu lieben, und sagen: Das ist gesetzlich. Ich bin nur ein armer Bauer und ein Säufer – Gott hat es so gewollt – ich bin nicht gelehrt, und das Schreiben wird mir sauer. Wenn ich ein großer Herr wäre und ein Zar, ich würde die Welt von oberst zu unterst kehren. Alle Popen fort, denn die lügen und machen uns das Leben voll Gram und hetzen uns gegeneinander –und nur Gott im Himmel soll herrschen. Gott bewahre uns vor ihnen! In geistlichem Gewande und im Tempel Gottes, da sehen sie ja recht gut aus. Ob sie wohl überall so sind, oder nur bei uns im heiligen Rußland? Ich kenne auch Tataren, die müssen sich den Kopf scheren, damit sie keine Läuse haben, und müssen sich alle Tage fünfmal waschen, und alles muß an ihnen rein sein. Sie glauben auch an Jesus Christus, den Heiland, aber noch mehr an Muhamed, der hat noch größere Wunder verrichtet, sagen sie. Wem soll man nun glauben? 31 Sie dürfen auch viele Weiber haben; aber Wein kommt nicht über ihre Lippen, und es gibt keine Säufer unter ihnen. Du bist jetzt lange fort, weit in der Welt, um alles zu wissen und zu lernen. Du hast ein ehrliches Herz, das weiß ich. Und wenn Du dann wiederkommst und hast alles gesehen und gelernt, dann mußt Du mir sagen, wer recht hat und wo die Wahrheit ist. Wen könnte ich hier fragen? – Sie lügen alle. Dann kannst Du mir auch sagen, ob es in Germanien auch so ist. Oder kannst Du mir sagen, ob es sonst auf der Welt einen Fleck gibt, wo Gerechtigkeit ist? Ob Du mich gleich nicht achtest, weil ich ein Bauer bin und alt und ungelehrt. Ich verbleibe Dein unterwürfiger Diener Jermák.       4. Mai.     Jekatirina hat ihre Gesellschaft gegeben. Es war wirklich erbaulich! Draußen ein stürmischer Abend, die Luft mild und weich – der Sturm kam in vollen Stößen über die weiten Bergrücken her, und als wollte er sich in seiner ganzen Breite durch die engen alten Sträßchen zwängen, so fuhr er hinein, füllte sie aus von unten bis an die Giebel – rannte an jeden Vorsprung an, rüttelte an den Dachrinnen, riß und schleuderte, zerrte an allem und jedem, klappte und wirtschaftete. Ich bin, bis ich zu Schwester Kaatya hinaufgehen mußte, auf und nieder durch Gassen und Gäßchen gestiegen. So gefällt mir die kleine Stadt, so dachte ich mir's von jeher – so gefällt mir Deutschland: eng und heimlich, so träumt man sich's, so ist's echt – nichts anders – kleinbürgerlich. Ich habe den Leuten in die Fenster geschaut – Bäckergesellen sah ich mit Meister und Meisterin, mit Kind 32 und Kegel beim Abendbrot sitzen. Alle weiß eingestäubt und durchwärmt, gesund und rot – durch die Fensterritzen roch es nach warmem Mehl. Hier im alten Nest stecken an 600 Studenten – in jedem Giebelhaus sind ein halbes Dutzend einquartiert. Alles steckt voll. – Man merkt's fast der Luft im alten Städtchen an, es ist eine lustige Luft. Entfernt singt und johlt es ununterbrochen beinah' Tag und Nacht – die Töne klingen vom Sturme zerrissen hin und wieder durch die Sträßchen. Die hellen Fenster sehen alle einladend aus, wie erleuchtete Fenster in einem Bilderbuche. Wäre jetzt ein gewisser guter Mensch hier! wäre der Peter Fuhks hier – dann würde ich einen wundervollen Abendgang mit ihm gemacht haben. Der Fuhks wäre ganz verrückt geworden. Ich seh' und höre ihn im Geiste. Er hätte ein Geschrei gemacht über alles und jedes! – Ich sehe ihn mit seinen langen Armen und Beinen umherflankieren – die unsinnige Sehnsucht, die er hat, nach Deutschland zu kommen! Es wäre ein Freudenfest für ihn gewesen – ich hätte meine Not mit ihm gehabt. Und ich wollte, er wäre da. Welch ein Städtchen! Das Leben sieht sich von hier aus so harmlos an – so, als könnte es keiner Kreatur etwas zuleide tun. Alle meine Ansichten vom Leben kommen mir hier übertrieben vor. Das Bild des Elends von Millionen und Millionen, das in meiner Seele wie eingebrannt zu sein schien, sieht unwahrscheinlich aus – wie ein Traum. Ich fühl's, hier vergißt man die Welt. Man sollte die Feuerköpfe nicht nach Sibirien schicken – besser – viel besser nach kleinen deutschen Städtchen, da würden sie ausheilen, da würden sie ungefährlich. Zehn Jahre in diesen Gäßchen, zwischen diesen heitern Bergen, bei der Unmasse Bier und den vielen Professoren, in engen, geordneten Verhältnissen, engen Gedanken und 33 Lehr-Tretmühlen – wahrhaftig, keine Faser wäre von dem mehr in mir, was mir jetzt noch einzig wert zu leben scheint – einzig und allein – der Opfermut, der den Mißhandelten helfen möchte, den Unterdrückten helfen, der keine Tugend ist. – Das würde sich hier bald legen – ich würde mich schämen, ich würde alles von obenher belächeln! Ein Hoch auf Kaatya, mein Schwesterchen – die ist stärker als alle – stärker als ich sein würde – da ist nichts verblaßt – da ist nichts beeinflußt – da ist Natur geblieben. Und wie lange steckt sie nun hier! Ich kann ihr von mir, meinen Plänen, meinen Gedanken noch nicht reden– erst dann, wenn sie Grund hat, mir ganz zu vertrauen. Als ich zu meinem Schwesterchen heraufkam, war sie schon mitten unter ihren Gästen. Sie wanderte mit ihrem Stocke von Gruppe zu Gruppe. Was soll ich von dieser Gesellschaft sagen? Komische Leute! Statt des »Tieres« gingen weißbaumwollene Handschuhe, auf plumpe Burschen gesteckt, ein und aus und trugen Erfrischungen. Meine Schwester Kaatya schien sich wirklich auf die Bewirtung der Gäste zu verstehen, wenn ich von der Auswahl von Likören und Delikatessen auf die bevorstehende Mahlzeit schließe. Kaatya nahm mich an der Hand, und wir standen gleich darauf vor einer kleinen, häßlichen, auffallend magern Frau. Neben ihr ein untersetzter blonder Mann mit rotem Gesicht, ihr Gatte. Meine Schwester stellte mich vor: »Du hast hier die Ehre, die Eltern der zwölf Apostel kennenzulernen. – Nicht wahr?« 34 »Bitte, bitte, Durchlaucht, zu viel Ehre, so hoch haben wir uns denn doch noch nicht verstiegen«, sagte der Mann mit dem roten Gesicht außerordentlich höflich. Kaatya sagte sehr liebenswürdig: »Sie können sich die Durchlaucht sparen, lieber Herr Professor, ›Frau Müller‹ genügt vollkommen.« »O weshalb, Ehre dem Ehre gebührt, es macht sich so hübsch«, erwiderte die kleine Dame statt des Gatten mit unheimlicher, jugendlicher Schalkhaftigkeit. »Eine kleine kluge Frau«, sagte meine Schwester. »Und wenn du die Ehre haben wirst, Herrn und Frau Professor Majunke kennenzulernen, wirst du ein Rätsel gelöst finden: wahre Frömmigkeit und heiterer Lebensgenuß. Man trifft das nicht oft beieinander. – Ich mache mein Kompliment.« »O bitte – bitte«, sagte Frau Professor Majunke. »Und nicht wahr, Sie werden auch gleich Ihr Ziegenlied singen – jetzt schon, statt erst um Mitternacht – kommen Sie – das ist so hübsch, und Dmitri muß es hören, er wird in Petersburg davon erzählen.« Das Ehepaar stand schon während der ganzen Zeit vor dem geöffneten Flügel. Jetzt schlug die Frau ein paar Akkorde und begann nach dem Takte einer Melodie zu meckern wie eine Ziege, und zwar die erste Stimme, und der Gatte fiel mit der zweiten ein – und so meckerten sie wirklich meisterhaft. Und Jekatirina legte ihren Arm in den meinigen und hörte befriedigt zu: »Siehst du – hörst du« – sagte sie einigemal, und nicht nur sie allein hörte zu, alle miteinander hatten im Nu das Instrument umdrängt, es herrschte begeistertes Schweigen, und die beiden meckerten nach Herzenslust – der Gatte stieß mit dem Kopfe, und die Gattin preßte die Augen hervor, machte einen langen dünnen Hals. Die Herren lachten, 35 daß ihnen die Tränen herabrollten, und die Damen mochten insgesamt bedauern, nicht etwas Ähnliches leisten zu können, denn die magere Frau gewann die Herzen im Sturm und hatte sie wohl schon oft auf diese Weise gewonnen. »Köstlich! köstlich!« hörte man von allen Seiten. »Bei so vortrefflichen Leuten diese Heiterkeit!« Der dünnen, gelben Frau und dem Gatten schien keine dieser Lobeserhebungen verlorenzugehen. Sie hörten alles. Es wurde wirklich ganz ausgezeichnet lebhaft. Meine Schwester Kaatya horchte hier und dort – die Unterhaltung bekam in einer Ecke des Zimmers einen wissenschaftlichen Charakter. Die Herren sprachen würdig und ruhig. Jeder von ihnen hörte sich gern reden und langweilte die andern. Meine Schwester Kaatya hörte hier doppelt aufmerksam zu. Nach einer Weile berührte sie die Schulter des eleganten Dichters mit dem Knopf ihres Stockes. »Ah, Durchlaucht, verehrte Durchlaucht!« »Ich höre Ihnen zu«, sagte meine Schwester Kaatya, »und wundre mich, wie man so viel über eine Sache reden kann, die so einfach ist.« »Das scheint Ihnen so, verehrteste Durchlaucht.« Meine Schwester Kaatya aber ließ sich nicht irremachen. »Sehen Sie, das ist einfach so: Alles möchte fressen und nicht gefressen werden – alles auf der Welt. Aber es kommt immer so: Eins frißt, und das andere wird gefressen.« Das klang alles sehr komisch, wie das meine Schwester deutsch sagte. »Der Pessimist, Sie sprachen doch davon, steht eben auf der Seite derer, die gefressen werden, der Optimist auf der Seite derer, die fressen; und die sich fressend wissen, nennen sich konservativ – und die sich gefressen fühlen nennen sich liberal. Das ist die ganze Geschichte.« 36 Die Herren maßen meine Schwester Kaatya mit erstaunten Blicken – wie einen Eindringling in ihren geheiligten Zirkel. »Verstehst du, weshalb sie alle Optimisten sind? Ich sage dir: alle Achtung vor den Pessimisten – ich meine nicht im gewöhnlichen Sinn, daß sie unzufriedene mürrische Leute sind – wie man von ihnen sagt. Ich lobe sie deshalb, weil sie es sind, in denen das Mitleid steckt. Sie stehen auf der Seite der Opfer, sie fühlen mit denen, die gefressen werden – sie leiden mit ihnen. – Die andern aber können sich aus dem Bann des Vorteils, ihre Nebengeschöpfe nach Lust fressen zu dürfen, nicht frei machen. Wer, glaubst du, hat das Gute auf Erden angestrebt und geschaffen? Die auf der Seite der Fresser – oder die anderen?« »Die andern, Kaatya – und zu welchen, glaubst du, daß ich zum Beispiel gehöre?« »Das muß sich zeigen, mein Junge.« »Es soll sich zeigen«, sagte ich ihr und reichte ihr meine Hand. »Bravo! Wollen sehen.« Es ist von Jekatirinas Gesellschaft wirklich nicht viel mehr zu erwähnen – und ich habe diese Geschichten eigentlich nur zu dem Zwecke in mein Buch eingeschrieben, um mir das Bild meiner Schwester festzuhalten. Ich glaube sicher, sie ist ein Original. Die Frau des berühmten Dichters, des Henneberg, so schön sie ist, behagt mir wenig. Das einzige, daß man mit ihr über Rußland plaudern kann. Ihre Familie will zum Sommer hierher nach Jena kommen. Der Vater ist schwer krank und hofft Heilung von den hiesigen Berühmtheiten. Es sind Deutsche in Finnland – Wiborg, glaub' ich.   37 Wieder ein Brief. Jena, den 8.     Warum hast Du, geliebter Herr Dmitri Alexándrowitsch, bis heute Dein Versprechen nicht erfüllt, mir von Deiner Schwester Jekatirina Alexándrowna zu berichten? Warum hast Du sie nicht zurückgebracht mit ihrem Kindlein, hierher in unser Dorf, zu uns auf Dein Stammgut? Was hält Dich ab, Deine Pflicht zu tun, jetzt, da doch Dein letzter Bruder Alexánder Alexándrowitsch, der General, tot ist, nun Du doch alleiniger Herr bist und alleiniger Erbe der Herrschaft Deines Vaters? der Herrschaft hier bei St. Petersburg, der Dörfer Murino und Malinowka und Deines Landhauses am Pargolowschen See und der Dörfer auf der schwarzen Erde und am Prut und an der Matuschka Wolga und wo ihr sonst noch im heiligen Rußland Häuser und Dörfer und Güter habt. Wir blicken alle auf zu Dir, und Du vergißt uns Waisen. Und läßt Sztipann Sztipannowitsch für Dich schalten und walten. Der Mischka, mein Schwestersohn, ist wiedergekommen, der zwanzig Jahr im Kaukasus unter Deinem Bruder gedient hat. Der hat mir berichtet, warum Dein Bruder gestorben ist, denn von Sztipann Sztipannowitsch erfahren wir gar nichts, nur daß er im Januar nach Tiflis gereist war. Es hat auch in den Zeitungen gestanden, wie Dein Bruder beim Manöver bei Derbent vom Pferde geschossen worden ist. Ich weiß etwas anderes, denn er hat alle, Offiziere und Soldaten, Tscherkessen und Rechtgläubige, geschunden. Wir lassen uns alles gefallen, aber eine Tscherkessenkugel fehlt nicht. Ich war auch im Kaukasus, da sind unendlich hohe Berge, alles Fels und Gestein, das fällt immer wieder herunter, und reißende Bäche schaffen es immer weiter fort ins flache 38 Land. Ich weiß es nicht, ob es so ist: aber einmal, einmal wird alles Gestein heruntergefallen sein, und alle Täler werden ausgefüllt sein, und wo die Berge gestanden sind, wird alles schönes, ebenes Fruchtland sein; aber ob die Menschen besser werden, das weiß ich nicht. Alexánder Alexándrowitsch ist in hohen Ehren begraben worden. Alle Orden sind ihm vorgetragen worden. Aber nachgeweint hat ihm niemand. Sztipann Sztipannowitsch ist auch hingekommen, hat das Haus verkaufen lassen und hat alle auseinandergejagt, denn Alexánder Alexándrowitsch hat kein Weib und kein Kind hinterlassen. Da ist denn auch Mischka, mein Schwestersohn fortgejagt worden und ist hierher wiedergekommen, und noch zwei sind mit ihm gekommen und haben mir alles erzählt. Jetzt komm' Du zu uns zurück, Dein Erbe zu verwalten. Der alte Starosta ist gestorben. Gott im Himmel hab' ihn selig. Es war meiner toten Frau Bruder und noch nicht einer von den schlimmsten. Jetzt hat Sztipann Sztipannowitsch einen jungen Fant eingesetzt, den haben wir wählen müssen. Dem unreinen versoffenen Hund, unserem Popen, sind alle Kirchenbücher verbrannt. Sztipann Sztipannowitsch sagt, wir Bauern hätten es getan. Warum hätten wir es tun sollen? Vielleicht wollte er es selbst so. Sztipann Sztipannowitsch schindet uns Bauern sehr. Geschieht dies mit Deinem Wissen und Willen? Jetzt komm her, Dein Erbe zu verwalten. Und wenn Du nicht kommst, Dein Erbe zu verwalten, so wirst Du betteln gehen. Dein unterwürfiger Diener Jermák.«       Im Januar war Sztipann Sztipannowitsch in Tiflis? Also ist Alexánder im Januar gestorben und ich erfahre bis heute, 39 in vier Monaten, nichts? Entweder ist es eine Phantasie des alten Jermák oder – – – Ich will gleich jetzt an Sztipann Sztipannowitsch schreiben und mir in aller Form Aufklärung erbitten.   15. Mai.     Acht Tage kein Brief, kein Telegramm.   16. Mai.     Ein langes Schreiben. Alexánder ist im Januar in Derbent gestorben. Sonst nur Ausflüchte und Entschuldigungen und dabei allerlei dumme Redensarten, als ging' mich die ganze Sache nichts an. Sonderbarer Kumpan, mein Herr Schwager. Tut, als ob alles auch ohne mich getan werden könnte. Er beantwortet nicht eine einzige von meinen Fragen, spricht nicht von meinem Bruder, sondern vom General, seinem Schwager; spricht von der großen Arbeitslast, die ihm durch den betrübenden Fall in der Familie zugefallen ist, und über die Schwierigkeiten der Verwaltung, und wie sehr sich Anna Alexándrowna den Tod zu Herzen genommen hat, und von mir ist mit keinem Wort die Rede – nur legt er, wie einem Bettler, einen lumpigen Wechsel auf Mendelssohn, Berlin, bei, da ich vermutlich Geld brauche!! Dem General wird ein Denkmal in der Familiengruft auf Wolkowa gesetzt. Schön! Ich habe nichts gegen das Denkmal. Ich habe den Bruder nie gekannt, und gehört habe ich nur, daß er stark trinke und sehr lustig lebe – daß er sehr gegen die dritte Heirat Papas mit meiner Mutter war und mit Papa sich vollkommen entzweite. Damals war er mit Sztipann Sztipannowitsch ein Herz und eine Seele, dann haben sie sich verzankt, und darum ist er auch nach Papas Tode, glaube ich, nie nach Petersburg gekommen, wenigstens nicht zu Sztipann Sztipannowitsch. Soviel ich mich erinnere, habe ich ihn noch als Knabe nur 40 einmal zufällig gesehen. Ich habe nichts gegen das Denkmal, aber man hätte mich doch fragen können. Sztipann Sztipannowitsch tut aber so, als wenn er zu entscheiden hätte. Ja, wer ist denn Papas Erbe? Sztipann Sztipannowitsch oder ich? Ich weiß nicht, warum ich ihn nie gemocht habe. Er ist mir immer verdächtig vorgekommen, und ich könnte ihm allerlei zutrauen. Ich schreibe noch einmal und verlange klare Antwort. Indessen mache ich mich gefaßt.   23. Mai.     Ade, schöner Mai! Ade, mein Jena! – Ich muß nach Petersburg. 41   Drittes Kapitel Sankt Petersburg, den 16./28. Mai.     Sztipann Sztipannowitsch weicht mir aus, es ist gar kein Zweifel. Er ist unwohl – beschäftigt – oder sonst was, und wenn er mir Rede stehen soll, läßt er sich abrufen. Ich will den Rat Jermák befolgen und will morgen, Sonntag aufs Gut – dort kann er mir nicht ausweichen.   18./30. Mai.     Es ist also klar: Sztipann Sztipannowitsch will den Versuch machen, mich beiseite zu schieben. Es ist eine komplette Spitzbüberei; aber sie soll ihm nicht gelingen. Kühl – ein schöner Morgen heute früh, als wir fuhren! Die Sonne schon hoch am Himmel, und nachdem wir aus dem Gerassel der Stadt heraus sind, alles friedlich und still. Lerchengesang und Glockengeläute. Mein Jermák, wider seine Gewohnheit, ganz still. Wie wir durch die Doppelallee von Balsampappeln, über den Damm, der mitten durch den See führt, hinfahren, zeigt er plötzlich mit der Peitsche gegen das Schloß. »Schau mal hin, Dmitri Alexándrowitsch – das wußt' ich – sie haben uns bemerkt. – Da reitet er fort mit Mikolka, seinem Kosaken. Mag er nur reiten, wohin er will! Mir soll er nicht entgehen!« Meine Schwester, Anna Alexándrowna, empfängt mich auf der Veranda. Die ganze Schar der Nichten und Neffen hat sich mir angehängt. Nur die Amme mit dem Jüngsten läßt sich von Jermák langsam spazieren fahren, und der Älteste fehlt, vielleicht weil er für irgendeine Schlingelei im Kadettenkorps den Sonntagsurlaub nicht bekommen hat. Aber Anna Alexándrowna schickt alle miteinander mit Gouvernante und Kindermädchen in den Park. 42 »Nun, Dmitri,« sagt sie zu mir, »setz' dich dahin, ich weiß schon, weshalb du gekommen bist. Willst du Tee?« und läßt servieren. Meine Schwester liegt auf der Chaiselongue in grauer Seide und im Pelzjäckchen von Zobel. Sie ist wirklich noch eine schöne Frau. »Warum machst du denn solche Dummheiten?« sagt sie. »Was für Dummheiten?« »Nun, kommst her und willst allerlei.« »Ja, was will ich denn?« »Nun, Sztipann Sztipannowitsch wird schon alles einrichten. – Warum trinkst du deinen Tee nicht? Ja – Sztipann Sztipannowitsch wird schon alles einrichten.« »Warum habt ihr mir denn nicht geschrieben, daß Alexánder gestorben ist?« »Ach, mein Gott, das ist sehr schade – sehr schade – der arme Alexánder. Weißt du, man sagt, ein Tscherkesse hat ihn erschossen. – Weißt du, er hat solche Geschichten gemacht – der arme Alexánder. Das Denkmal wird sehr schön, in voller Generalsuniform; ich habe es schon gesehen – von weißem Marmor. Weißt du, es macht der berühmte Petroff.« »Schön,« sagte ich – »aber ihr hättet mich doch benachrichtigen sollen.« »Ach, lieber Junge, das war gar nicht nötig. – Du sollst doch studieren. Und Sztipann Sztipannowitsch schickt dir so viel du willst.« »Das ist sehr hübsch von Sztipann Sztipannowitsch; aber ich bin mündig.« »Ach was – mündig – laß doch nur Sztipann Sztipannowitsch machen.« »Aber ich bin gerade hierhergekommen, um es selbst zu machen.« »Ach, aber das ist komisch von dir.« »Komisch?« 43 »Sztipann Sztipannowitsch wird alles einrichten und dir Geld schicken.« »Weißt du, liebe Anna, so kommen wir nicht weiter. Ich will es dir ruhig sagen. Ich bin nach Petersburg gekommen, um das Erbe zu übernehmen und selbst zu verwalten.« »Ja, mein lieber Junge, ich weiß noch gar nicht, wieviel du kriegst.« »Du weißt es vielleicht nicht; aber das Testament weiß es.« »Das Testament ist gar nicht gültig, sagt Sztipann Sztipannowitsch.« »Nicht gültig? Warum denn nicht?« »Ja, weißt du, weil deine Mama die dritte Frau war.« »Was weiter?« »Und die dritte Frau ist bei uns gar nicht gültig, und Papa war schon so alt. Und deine Mama hatte ja auch nichts. Weißt du, nur so ein bißchen deutschen Schmuck. Und die dritte Frau – das ist komisch. Bei den Danilewskis war es ebenso, – da haben die Kinder der dritten Frau auch nichts bekommen.« »Wo ist das Testament?« »Das weiß ich nicht, das weiß Sztipann Sztipannowitsch . . . ich glaube, es ist gar nicht da.« »Du meinst also, die Ehe mit Mama ist gar nicht gültig?« »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Aber alle sagen so.« »Und das Testament, meinst du, ist gar nicht mehr da? – Aber da werden ja wohl die Kirchenbücher da sein und die Zeugen bei der Trauung.« Schwester Anna schweigt. »Oder glaubst du, daß sie auch nicht mehr zu finden sind?« »Frag' doch selbst nach«, sagt Anna und wird rot. Die kleine Maascha ist der Gouvernante entsprungen, kommt hereingeschlüpft und schmiegt sich an die Mama. Draußen haben die Kinder die Ponys anschirren lassen und jagen über den Rasen. 44 Ich muß doch endlich meinen Tee austrinken, er schmeckt ganz komisch – nach gar nichts. »Du meinst also, liebe Anna, daß ich am vernünftigsten tät, auf die Erbschaft zu verzichten?« »Ach, mein lieber Junge, das ist nett von dir. Ich habe dich immer so lieb gehabt. Weißt du, wir haben furchtbare Ausgaben, und alles ist so teuer. Hier das Gut – und die Häuser in Petersburg – und die andern Sachen – und der zweite Sohn muß ins Kadettenkorps – und der älteste wird jetzt Leutnant. Sztipann Sztipannowitsch kommt gar nicht aus. Er hat ja selbst kein Vermögen, nur die dumme Gage – und dann hat er noch Schulden – ich weiß gar nicht, wo er die her hat, ich glaube, von früher, oder er hat gespielt; ich weiß gar nicht, wo er das Geld gelassen hat. Siehst du, mein lieber Junge, du bist jung und gelehrt. – Alle sagen, es ist nur gut, wenn du arbeitest–und Sztipann Sztipannowitsch gibt dir, soviel du brauchst. Und du kannst alles haben, die Equipage und das Reitpferd, und du kannst auch hierher kommen, sooft du willst.« Ich stand auf. »Du meinst also, daß ich Bettler werden soll, damit Sztipann Sztipannowitsch seine Schulden bezahlen kann?« »Ach was, Bettler – keine Idee – Bettler!« »Nun, ich meine so ein unterstützter Bettler! Und zu dem Zweck hat Sztipann Sztipannowitsch das Testament verschwinden lassen? – Und die andern Papiere werden auch nicht zu finden sein? – Und eigentlich nenne ich mich auch mit Unrecht nach dem Vater? nicht wahr? – Und was ich bekomme, bekomme ich aus Gnade und Barmherzigkeit? Von Sztipann Sztipannowitsch, der so edel an mir handelt! Und deshalb habt ihr mich den Tod von Alexánder nicht wissen lassen? Und das hat Sztipann 45 Sztipannowitsch alles so eingerichtet? Und du hilfst ihm zu alledem? Und weißt du denn, wie man das alles nennt? Das ist gemeiner Betrug!« Schwester Anna sieht mich strafend an; dann spricht sie: »Siehst du, nun wirst du unartig – nun kannst du gehen. – Mach doch nicht solche Dummheiten! Man kann ja Sztipann Sztipannowitsch nicht verklagen – und du hast ja auch gar nicht das Geld dazu.« Die kleine Maascha, die merkt, daß etwas vorgeht, weint leise in sich hinein. »Komm, liebe kleine Maascha,« sag' ich zu ihr, »komm, begleite mich zum Wagen.« Schwester Anna wird doch unruhig. »Dmitri!« ruft sie, »mach' doch nicht solche Dummheiten . . . Das sind ja Dummheiten, Dmitri. Dmitri, sei doch vernünftig!« »Leb' wohl.«   Mein Jermák und ich sind von Haus zu Haus im Dorf gefahren. Der Starost ist tot. Der alte Pope stumpfsinnig. Der Spitzbube, der Diakon, weiß sich an nichts zu erinnern. Die Kirchenbücher sind seit dem letzten Brand im Schloß fort, verbrannt und keine Kopien vorhanden. Jermák schlägt mir vor, Sztipann Sztipannowitsch zu erschlagen.   16. Juni.     Es ist zum Verrücktwerden. Ich fahre tagtäglich von einem zum andern. Jeder macht Ausflüchte. Keiner will was mit Sztipann Sztipannowitsch zu tun haben. Ich habe ihm zum drittenmal geschrieben – natürlich keine Antwort. 46   22. Juni.     Nichts! Nichts! – Wunderbare Tage draußen, hier im Haus entsetzlich. – Ich will fort, um zu Vernunft zu kommen. Und was alles über mich gesprochen wird! Ich will die Familie unglücklich machen!!   2. Juli.     Ich laufe seit einem Monat ganz vergeblich herum. Es sind lauter feige Schufte. Kaum wird alles klar, daß es gegen Sztipannowitsch geht, so ziehen sie sich zurück, versteckt oder grob. Es wagt niemand zu mir zu stehen! »Es fehlen Beweise!« »Es ist nicht möglich!« Gestern zum erstenmal hat mich einer angehört, der Advokat, uns gegenüber. Aber heute hab' ich das sichere Gefühl, daß er mich nur aushorchen wollte, der Herr Franzose! Ich bin am Ende meiner Weisheit; ich finde niemanden. Ich will den guten Rat Jermáks befolgen und Peter Fuhks aufsuchen. Sein Vater ist Winkeladvokat.   3. Juli, mein Geburtstag.     Peter Fuhks wohnt in der Riesenkaserne an der Polizeibrücke. Ich trete ins Tor; niemand zu sehen, der mir Auskunft geben könnte. Im Hof wird Holz ausgeladen. Eine ganze Reihe straffhaariger Kerle in bunten Hemden und Bastschuhen führen die Birkenscheite auf kleinen Schubkarren vom Holzkahne ein. Der Eigentümer vermietet die achtzig Wohnungen seines Riesenhauses mit freiem Holz. Da ist nun offenbar die erste Holzbarke eingetroffen, und der Wintervorrat soll im Hof aufgestapelt und je nach dem Mietzins sehr gerecht verteilt werden. Aber die Hauseinwohner sind aus früheren Jahren gewitzigt. Schon seit Wochen ist die Holzbarke signalisiert, 47 und achtzig Parteien sind heute entschlossen, sich ihr Anrecht auf Holz mit List oder Gewalt zu sichern. Da hat sich denn eine ganz regelrechte Schlacht entwickelt. Die kurzen Scheite fliegen hinüber und herüber. Aber was vermöchten acht tatarische Hausknechte gegen hundert russische Burschen, Köche, Kutscher und Diener und Weiber! Im Nu sind die Tataren an die Wand gedrückt, blockiert, kampfunfähig gemacht, und der Hof von jedem Splitter Holz gesäubert. Dort in der Ecke des Hofes hat sich die mit schweren Eisenplatten beschlagene Tür aufgetan, und ein feister Riese in blauem Kaftan, hochschulterig, mit schwammigem Gesicht, lugt vorsichtig heraus. Es ist der Hausherr. Er ist ganz bleich vor Aufregung, schlottert in den Knien und atmet schwer. »Hundesöhne, Hundesöhne! Gott sei mir gnädig«, ist alles, was er zu sagen vermag. Ich trete an ihn heran und frage nach Peter Fuhks. Der Riese zieht ehrerbietig die fette Mütze und sagt mit piepender Stimme: »Belieben Sie näher zu treten«, und nötigt mich in ein kleines, finsteres Loch. Er, der Besitzer dieses Riesenhauses, in der denkbar günstigsten Lage St. Petersburgs, Wechsler und Millionär, hat sein Wechselstübchen unter der Treppe eingerichtet! Das einzige Licht dringt durch die Öffnung über dem Ladentisch. Die Öffnung führt nach der Straße, dem Newski Prospekt. Rechts und links hängen über der Lade vergitterte Glasschränkchen, und drin glänzen als Lockspeise Geldrollen und neue Hundert-Rubel-Scheine, mit Silber und Gold gefüllte Holzschalen. Hinter dem Ladentisch sitzt ein hochaufgeschossener Jüngling mit straffen, gerad' beschnittenen Haaren, mit großen, abstehenden Fledermausohren unter der dick wattierten Mütze und mit auffallend blödem Ausdruck im knochigen Gesicht; auf seinem Schoß schläft ein Kater. Der Wechsler bietet mir den einzigen Stuhl. »Pjotr Petrówwitsch Fuhks«, sagt er. »Sehr wohl . . .« Es ist hier, 48 trotz der drückenden Hitze draußen, feuchtkalt wie in einem Keller, kahl, schmutzig und dunkel wie in einem Gefängnis. Eiserne Kisten mit mächtigen Schlössern davor, ein Tisch, darauf dicke Bücher mit zerstoßenen Ecken, daneben der dampfende Ssamowar. Gegenüber ein Sofa mit schwarzem, zerschlissenem, aus Roßhaar geflochtenem Bezug, offenbar zugleich sein Schlaflager, denn zu Füßen desselben liegt ein wirrer Haufen geflickter Wattdecken, und ein ekelhafter Dunst steigt von ihnen auf. »Pjotr Petrówwitsch Fuhks! Meinen Euer Hochgeboren Pjotr Petrówwitsch Fuhks den Älteren, den Winkeladvokaten, oder Pjotr Petrówwitsch Fuhks den Jüngeren? Kann ich Euer Hochgeboren dienstbar sein? Bitte sich nur zu äußern. – Hundesöhne!« fügte er hinzu, »es ist trockenes, wunderschönes Birkenholz, kommt den Wuoxen herunter, von Imatra, Herr! Ich hab' dort meine Waldungen, herrliche Waldungen, alles schlagbares Holz, alles hundertjährig. Die Hälfte ist mir schon unterwegs gestohlen, Herr! Und hier fallen alle wie die Raben darüber her. Nun frag' ich bloß, ist das anständig? Wie kann da unsereins auf die Kosten kommen? Ehrlichkeit bringt durch die Welt, Herr, aber die jungen Leute denken immer, das Geld käme einem nur so zugeflogen! Urteilen Sie selbst, gnädiger Herr, das Geldverdienen ist eine schwierige Sache, und es gelingt nicht jedem. Ja, ja, es gelingt nicht jedem. Darf ich Euer Hochgeboren mit einer Kleinigkeit aushelfen? Tausend Rubel vielleicht? Wieviel befehlen Euer Gnaden? Bitte untertänigst, hier ist Geld wie Heu!« Glänzendes Behagen spiegelte sich auf dem breiten Gesicht des Wechslers. Er wühlte mit der Linken in der goldgefüllten Holzschale und strich sich dann wohlgefällig über den kahlen Kopf und das kahle Kinn. Es gibt doch wohl noch glückliche Menschen auf der Welt. 49 »Ich wünsche die Wohnung von Pjotr Petrówwitsch zu wissen. Wohnt er noch im Hause?« »Pjotr Petrówwitsch ist tot, zu dienen, gnädiger Herr. Vorigen Winter. Er ist mir die Miete schuldig geblieben. Miete für Wohnung und Holz. Er ist erfroren, sagen die Leute, aber das schadet nichts. Ich habe die Sachen zurückbehalten, lumpige Sachen! Nur der Junge ist ausgerissen und hat seine Geige mitgenommen. Er ist fort, der Teufel hol' ihn! mag er seinen Landsleuten, den Finnen, geigen! Die Wohnung steht noch leer, die einzige im ganzen Hause. Aber das schadet nichts. Urteilen Sie selber, gnädiger Herr. Ich komme schon auf meine Kosten. Eine schöne Wohnung, Zimmer und Küche, mit Wasser und Heizung. Etwas hoch, fünfte Etage. Freilich nichts für Sie, gnädiger Herr, aber darf ich Euer Gnaden mit tausend Rubel dienen? Eins, zwei, drei, zehn. Erweisen Sie mir die Ehre.« Er fuhr mit dem Daumen in den Mund und zählte mir die schmierigen, zerrissenen Hundertrubelscheine vor. Der alte Fuhks tot! Also damit wäre es wieder nichts, fuhr es mir durch den Kopf. »Sie zahlen wieder, ganz wann es Ihnen paßt – hat gar keine Eile.« »Danke. Also wohin ist Pjotr Petrówwitsch – der Jüngere, meine ich?« »Zu den Finnen, gnädiger Herr, weiß Gott, wohin, hol' ihn der Teufel! Mag der den Finnen geigen, der Lump! Hier soll er sich nicht wieder blicken lassen, oder ich schlage ihm die Zähne ein, dem Windhund.« Er verzog den Mund zu einem Lächeln. »Tausend Rubel«, sagte er sich verneigend. »Bitte selbst zu urteilen«, und schob mir den schmierigen Haufen über den Tisch zu. »Danke, danke, ich brauche nichts.« 50 »Erweisen Sie mir die Ehre. Oder zwei-, dreitausend? Wieviel befehlen Sie? Bitte untertänigst, erweisen Sie mir die Ehre. Euer Hochgeboren haben gewißlich die Gnade, mich Ihrem Herrn Schwager zu empfehlen; nur ein kleines Wörtchen.« »Meinem Schwager?« »Ihrem Herrn Schwager Sztipann Sztipannowitsch, Exzellenz!« »Ja – kennen Sie mich denn?« »Gott sei mir gnädig! Ich sollte Euer Hochgeboren nicht kennen? Dmitri Alexándrowitsch? Ihr Herr Vater hat mir oft die Ehre erwiesen. Ein vortrefflicher Mann und gar nicht stolz. Und Ihre Frau Mama! Eine liebe Dame. Eine Deutsche, aber eine sehr vornehme Dame. Von oben bis unten schwarz angezogen, nur einen weißen Schleier hatte sie und einen grünen Kranz, und weinte gar nicht, wie doch unsere Mädchen immer bei der Hochzeit tun.« »Bei der Hochzeit? Waren Sie denn bei der Hochzeit?« »Freilich war ich dabei, Euer Gnaden. Erlauben Euer Gnaden, wie lang' ist es her? Es sind jetzt . . .« Ich fühlte das Herz im Halse schlagen. »Ich denke, die Hochzeit war auf dem Gute?« »Freilich war sie auf dem Gute, Euer Gnaden. Ihr Herr Vater hatte mir die Ehre erwiesen, und da bin ich selbst hinausgefahren und habe ihm das Geld gebracht. Einhundertdreißigtausend Rubel. Und da hat mir Ihr Herr Vater die Ehre erwiesen und hat mir erlaubt, dem Gottesdienste beizuwohnen.« »Sie waren also bei der Trauung meines Vaters mit meiner Mutter zugegen? Sie waren selbst da und haben es selbst gesehen?« »Mein Wort ist Gold, gnädiger Herr, gerade wie ich es sage.« »Können Sie das bezeugen?« 51 »Auf die Hostie will ich es beschwören. Ich war dabei! Es ist alles ins Kirchenbuch eingetragen worden, und meine Wenigkeit hat auch unterzeichnen dürfen. Ich verstehe wohl, es ist eine große Ehre für mich. Aber urteilen Sie selbst: Einhundertdreißigtausend Rubel ist auch kein Spaß, und es standen schon andere Gelder darauf, und wer kann wissen, wieviel so ein Gut wert ist?« Von der sonnigen Straße draußen flatterte unvermutet ein Schmetterling durch die Öffnung über der Lade in unser finsteres Loch. Wer weiß, welchem eingebildeten Glück er hier nachjagt, vielleicht flüchtet er nur aus dem betäubenden Gerassel der Straße; er taumelte von der fetten Mütze des Buben zum Tintenfaß, vom Tintenfaß zum Goldhäuschen in der Holzschale, flatterte der Katze um die Ohren und entschloß sich, offenbar unbefriedigt, den Ausweg wieder in das Freie durch das vergitterte Hoffenster zu nehmen. Er faltete die prächtigen Flügel auseinander und wieder zusammen, weißgelblich gestäubt, schwarz gerändert, durchsichtig und schimmernd wie ein Edelstein –und tänzelte an der Scheibe auf und nieder. Das war kein Anblick für unsern Wechsler; mit dem verknüllten, schmierigen Taschentuch wischte er den lustigen Gesellen vom Fenster und zerdrückte ihn mit dem Daumen. Was für ein mörderisches Tier ist doch der Mensch! »Ungeziefer! gnädiger Herr,« sagte der Wechsler, »es gibt sehr viel Ungeziefer bei uns in Rußland.« Das Schicksal meint es gut mit mir, es will mich befreien. Jetzt erst fühle ich, wie schwer es auf mir gelastet. Ich atme auf. – Es gibt mir den Weg frei und ich will ihn gehen. Ich darf mir selbst leben. Ich hab' niemanden zu fragen, mich nach niemandem zu richten. Wie fühl' ich mich erhaben über all die kleinlichen Seelen, die nichts vor Augen haben als ihr bißchen Stellung und Gehalt. Ich erstrebe mehr und werde es erreichen. 52 – Welch schöner Sommertag ist draußen! Welch ein Gewoge von Menschen und Wagen hin und her! O, es ist schön auf der Welt! . . . Und wenn ich diesen Menschen, da gegenüber mir, nicht gefunden hätte, was wär' aus mir geworden, was wär' mir übriggeblieben? Knechtschaft, elende Knechtschaft um das tägliche Brot, elende Knechtschaft ein ganzes Leben lang. – Mein Gegenüber hatte weiter geschwatzt, was von aufgelaufenen Zinsen, von Hypotheken und von Sztipann Sztipannowitsch, und ich möchte ein gutes Wort einlegen, aber ich hörte und verstand nur das eine: Hier war ein lebender Zeuge der Trauung meiner Mutter! »Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen?« »Mit dem größten Vergnügen. Das ist meine Schuldigkeit.« »Schreiben Sie mir mal das auf, was Sie da sagten.« »Befehlen Sie gleich?« »Ja, gleich hier, ich meine das, was Sie von der Hochzeit sagten.« »Hm, von der Hochzeit?« »Ja, wer war denn dabei?« »Nun, der alte Pope und der Diakon, der Starost und meine Wenigkeit waren die Zeugen. Sonst niemand – das heißt die deutsche Dame, die Kammerfrau von Euer Hochgeboren Mutter, die später Euer Gnaden Kindermädchen wurde – so eine kleine Person, sie ging nachher nach Deutschland zurück. Euer Gnaden muß wissen, es war den Kindern gar nicht genehm, daß Ihr Herr Papa zum drittenmal heiratete. Da waren sie denn alle ausgeblieben, und die Hochzeit wurde in aller Stille in der Gutskapelle gefeiert. Niemand war sonst zugegen.« »Also bitte, schreiben Sie.« »Was befehlen Sie?« 53 »Nun also: Der Endesunterzeichnete, Ilja Petrówwitsch Kotomin, Hausbesitzer, Ehrenbürger, Kaufmann zweiter Gilde, bescheinigt durch vorliegende Schrift, daß er am soundsovielten Datum usw. usw., ganz ausführlich, am soundsovielten der Hochzeit des Fürsten Alexánder Alexándrowitsch Ker-Asowsky mit der Freiin Marie von Lützerode als Zeuge beigewohnt habe. So wahr mir Gott helfe usw. usw. . . .« Er schien zögern zu wollen. »Ja, erlauben Sie wohl,« sagte er, »ich verstehe nicht. Das steht ja alles im Kirchenbuch.« »Das Kirchenbuch ist nicht zu finden, es soll verbrannt sein.« »Verbrannt? Aber da ist ja noch der Starost?« »Der Starost ist tot.« »Und der alte Pope?« »Der Pope ist stumpfsinnig vor Alter, dazu immer besoffen.« »Und der Diakon?« »Der Diakon ist ein Spitzbube, der tut, als wüßte er von nichts mehr.« »Aber da muß ja noch ein Trauschein sein; den kann Ihnen ja Sztipann Sztipannowitsch am besten besorgen.« »Schreiben Sie nur! Sztipann Sztipannowitsch ist es ja gerade, der alles so eingerichtet hat. Er will mich um mein Erbe bringen.« Der Wechsler schnitt ein Gesicht, spitzte den Mund und pfiff. »Und die deutsche Kindermuhme ist wohl in Deutschland verschwunden – hui – fort? Nicht zu finden? – – Ah – das sind schöne Geschichten.« »Also schreiben Sie nur. Sie sehen ja, Sie erweisen mir einen großen Gefallen.« 54 »Und da soll ich gegen Sztipann Sztipannowitsch auftreten? Sieh mal an! Wie schlau! Euer Hochgeboren, sagt man, war in Deutschland? Haben dort studiert?« »Wen geht es was an?« »Ich meine nur so. Ja – da wird man klug, da lernt man solche Geschichten. Sieh mal an, wie schlau! – Nichts weiß ich, gar nichts von der ganzen Geschichte! Nichts, nichts! Ich hab' gar nichts gesehen! Gott soll mich bewahren, ich weiß nichts von der Hochzeit, gar nichts. Wo sollt' ich denn meine Wissenschaft her haben? – Das sind mir Geschichten! Das ist Raub! Raub! Man will mich berauben! Da muß man die Polizei holen. Man kennt Euch!« »Will ich dich etwa berauben?« »Man kennt Euch! Man kennt Euch! Man kennt Euch! Kommt da so ein Herr von Habenichts von Deutschland, brüstet sich mit den sieben Haaren am Kinn! – Höflich – immer höflich! – Herr Gott! – nimmt bare tausend Rubel.« – Er hatte die ausgespreizte Hand auf die Geldscheine gelegt und strich sie mit einem Ruck in das Schubfach darunter. – »Das ist Raub! Raub! Wir sind hier nicht bei Kehlabschneidern! Das ist Überfall! Man will mich berauben! Nihilisten! Man muß die Polizei holen!« – Er ging von Kiste zu Kiste und schlug die eisenbeschlagenen Deckel dröhnend ins Schloß. »Nein, mein Vögelchen, so geht das nicht. Nein, mein Hühnchen, da mußt du früher aufstehen!« »Sprichst du zu deinem Hausknecht? Halunke!« Er hielt einen Augenblick inne. »Es nützt dir alles nichts,« fuhr ich ruhiger fort, »du hast es deutlich ausgesprochen und wirst es vor Gericht bekennen müssen. Ich bin es nicht allein, der es gehört hat, es waren auch andere dabei, Zeugen – der dort« – und ich wies auf den Zweiten in dem Loch, den Jungen, der noch immer 55 regungslos vor der Tischlade saß – »der dort hat Wort für Wort verstanden und ich werde euch beide nicht lassen.« Der alte Riese fuhr wie ein Raubvogel auf den Buben los und stieß ihn mit der Faust in den Nacken, daß ihm die Mütze hintenüberflog. »Urteilen Sie selber,« schrie er, »der ist mein Neffe, mein Erbe, mein einziger Erbe! Der ist taubstumm! Der gütige Gott mag ihn lange warten lassen! Taubstumm vom Mutterleibe an! Haha – taubstumm!« Er hatte die Teemaschine umgerissen. Die glühenden Kohlen kollerten aus dem Rohr und zischten im kochenden Wasser; Rauch und Dampf füllten den Raum. Er schien sich noch nicht sicher genug zu fühlen. Wahrscheinlich stieg ihm der Gedanke in den Kopf, wie gut es ihm bei Sztipann Sztipannowitsch angeschrieben würde, wenn er mich in eine Geschichte brächte. Er griff nach der mit Goldstücken gefüllten Holzschale, schüttete das Geld vorsichtig auf den Boden, setzte sich dann auf das Sofa, beide Arme auf die Knie gestemmt und den Oberkörper vornüber gebogen, und schrie überlaut: »Ka–ra–ull! Die Wache! Zu Hilfe, zu Hilfe! – Nihilisten! Nihilisten! –« Ich blieb mit gekreuzten Armen vor dem jämmerlichen Gauner stehen. Daß bei solch einem Ehrenmann nichts zu erreichen sei, war mir klar. Was blieb mir zu tun übrig? – Ich wandte mich langsam, stieß den Kater, der sich wieder behaglich zusammengerollt hatte, von der Tischlade, öffnete die Klappe und trat aus der Höhle ins Sonnenlicht heraus . . . Verspielt! Verspielt! . . . Welch ein Lärm und Gewühl ist auf der Straße! Gerade vor der Tür flötete ein Leierkasten und wimmerte durch all den Lärm die Arie aus »La Traviata«: Qual cor perdisti, 56 qual cor tradisti – – ein prächtiger schwarzlockiger Bursche in samtenem Rock und weiten Hosen. Ein Polizeisoldat spaziert mit gemessenem Schritt vorbei. Er grüßt höflich. »Ei, Brüderchen,« sag' ich zu ihm, »edler Wächter des Gesetzes, geh' da hinein, man bedarf deiner, da gibt es Spitzbuben! Geh hinein. Es gibt viel Ungeziefer in Rußland.« Wieder etwas abgetan. Nach Peter Fuhks brauch' ich hier nicht mehr zu suchen, er ist fort. Ich trete zu meinem Pferdchen, klopfe ihm auf den Hals – wie lang werd' ich dich noch behalten? – und steige ein. »Nach Hause, Herr?« fragt mein Kutscher. »Nach Hause, Jermák! – Nichts ausgerichtet!«   Mein Bursch und der Hausknecht, die einzigen Wesen im verlassenen Hause, empfingen uns. Mir fiel auf, daß die Paradetreppe aufgeschlossen war, und ich erkundigte mich, ob jemand nach mir gefragt habe. »Das nicht, Dmitri Alexándrowitsch,« antwortete der Hausknecht, »aber Sztipann Sztipannowitsch waren hier.« »Sztipann Sztipannowitsch? Was wollte er?« »Das ist nicht bekannt. Aber es war noch jemand mit ihm, so ein langer Herr mit Brillen und mit einem Bärtchen ›auf französisch‹. Ich glaube, es war das Advokätchen von da drüben. Aus dem Nihilistenprozeß der Rechtsverdreher, aus dem Haus da drüben.« »So, so. Das ist ja recht nett.« »Die Herrschaften waren auch beim Ober-Polizeimeister vorgefahren –« »Woher weißt du es denn?« »Der Kutscher von Sztipann Sztipannowitsch hat es mir erzählt.« »Beim Ober-Polizeimeister?« 57 »Genau richtig, Dmitri Alexándrowitsch. Hier im Hause war auch von Ihnen die Rede –« »Nun, was sagten denn die Herren?« »Das ist nicht bekannt. Aber die Herren sind auch in Ihrem Zimmer gewesen, Dmitri Alexándrowitsch –« »In meinem Zimmer? Was haben sie dort zu suchen?« »Das ist nicht bekannt, Dmitri Alexándrowitsch. Aber sie haben sich umgesehen und haben gelacht.« »Gelacht?« »Genau richtig, Dmitri Alexándrowitsch. Es sind nämlich Briefe an Sie gekommen.« »Gut, gib her –« »Die Briefe sind oben auf dem Tische, in Ihrem Zimmer, Dmitri Alexándrowitsch.« »Auf meinem Zimmer, gut.« Ich stieg hinauf. – Sztipann Sztipannowitsch also und der Spitzbube, der französisch frisierte Advokat! Der hat es mit aller seiner strengen Ehrenhaftigkeit zuwege gebracht, gleich nachdem ich bei ihm gewesen, zu Sztipann Sztipannowitsch zu laufen. Und jetzt beraten die beiden Edlen miteinander. So eine kleine Nihilistengeschichte ist bald zustande gebracht: Student – Jena – unzweifelhaft ein Ungeheuer. Und sitzt man erst einmal auf der Festung und ein paar Jahr in Sibirien – nun, da mag man zusehen, wie man wieder herauskommt. – Wirklich recht erbaulich! Sibirien ist nicht gar so weit! Und nicht jedem begegnet der Zar. Ein paar Jahr Sibirien – und das Leben ist vorbei! Wahrhaftig! Hausknechte, Diener, Kutscher sind jetzt meine Freunde, sonst niemand. Wie scheußlich öde ist es im Hause! Die Teppiche zusammengerollt, die Pflanzen entfernt, die Möbel verdeckt, Bilder und Spiegel verhängt. Einsame Fliegen stoßen sich an den mit Kreide beweißten Scheiben zu Tode. Dicker 58 Staub über allem. Dazu das ewige dumpfe Gerassel von der Straße und die erstickende Schwüle in den Sälen. Trostlos und öde, wie in einem weiten Sarg! Zwei Briefe liegen auf meinem Schreibtisch. Der eine – gewichtig, groß, mit dem Kronsiegel geschlossen – besagt mir, daß ich zum Beamten in besonderer Mission im Ministerium des Äußeren ernannt bin, daß ich mich Montag, den 9. dieses Monats, in Wiborg dem Kommandanten Masorow an Bord S. M. Schiff ›Wladiwostok‹ vorzustellen und weitere Befehle zu erwarten habe – Equipierungsgelder – usw. usw. und daß die gesamte Mission, Gegenstand, Ziel und Richtung der Reise im ganzen wie in allen Einzelheiten, auf meinen zu leistenden Amtseid als Staatsgeheimnis zu bewahren sei. Angefügt ein sehr schmeichelhaftes Billett vom Minister selbst. Sonderbar! Gerade jetzt? Es ist schon früher von etwas Ähnlichem die Rede gewesen – ganz beiläufig – aber ich habe mich gar nicht beworben – ich dachte auch gar nicht, daß es der Minister im Ernst meinte – und jetzt so schnell, in wenigen Tagen! Ich muß sofort zum Minister vorfahren. Es ist mir unmöglich, jetzt anzunehmen. Der zweite Brief ist aus Wiborg und lautet so: »Mein lieber Ker! Ich habe gehört, daß Du schon seit einiger Zeit wieder nach Petersburg zurückgekehrt bist, und da tut es mir wahrhaftig sehr leid, daß ich dich nicht gleich aufsuchen kann. Mein lieber Ker! Ich muß Dir berichten, daß mein Papa diesen Winter am 21sten März um drei Uhr morgens gestorben ist. Wir waren unserm Wirt die Miete schuldig geblieben, da mein Papa während seiner Krankheit nichts verdienen konnte und ich auch nichts. Mein lieber Ker, es war schrecklich. Der Wirt hatte uns Wasser und Holz sperren lassen. Ich habe 59 Möbel verheizt, alles, was von Holz war, aber die grimmige Kälte hielt an, und mein armer Papa ist buchstäblich erfroren. Es war wirklich sehr schrecklich, mein lieber Ker! Der Wirt hatte auch alle unsere Sachen zurückbehalten und hat mich hinausgejagt, kahl wie eine Kirchenmaus. Um meinen kleinen Krimskrams, für ihn ganz wertlose Sachen, tut es mir furchtbar leid. Was tun? Er ist gesetzlich vollkommen in seinem Recht, aber es gibt doch schreckliche Menschen, mein lieber Ker! Ich habe gar nichts retten können als meine Geige und das Bärenfell; auch nicht Deine ›Sulamith‹, die Du mir aus Jena geschickt hattest. Mein lieber Ker! Ich glaube es fest und schwöre darauf, daß unser Judenlied, die ›Sulamith‹ gut ist. Glaube es mir, mein lieber Ker! Ich könnte es Dir mit guten Gründen belegen. Ich kenne es auswendig. Ich habe das ganze Material durchgearbeitet. Aber sage nur selbst! Es stinkt zum Himmel, was Gelehrte und Ungelehrte, Berufene und Unberufene, was Christen und Juden sich an diesem herrlichen Liebesliede versündigt haben. Zweihundert Bearbeiter, Ausleger, Deuter und Umdichter dieser uralten Judengeschichte. Zweihundert! Und solcher Blödsinn darunter. Es könnte einem wirklich ganz angst und bange werden. Und Du hast die alte Streitfrage, ob Lied oder Drama oder sonst was, so einfach gelöst. Mein lieber Ker! Was bist Du doch für ein beneidenswerter Mensch! Dir ist alles zugefallen, was es hier auf Erden von Glück gibt. Du bist Fürst, reich und Dichter! Wenn ich Dich nur wiedersehen und Dir die Hand schütteln könnte, mein lieber Ker! Also, wie gesagt, mein lieber Ker, es war eine schreckliche Zeit, und ich wollte mich umbringen. Da hat mir Viktor Alexándrowitsch Schröter durchgeholfen, bei dem wir früher wohnten, nicht wie ein Bruder, nein, denn Brüder helfen 60 einander schlecht, sondern wie ein Mensch! Der hat mich also durchgefüttert, hat sich um mich bemüht und hat mir auch die Stellung hier in Wiborg verschafft. Ich bin jetzt drei Wochen hier, und sehr glücklich! Bei Heinrich Ahrensee – ein reicher Reeder, und eigentlich sogar ein Verwandter von mir –, habe nichts zu tun, oder so gut wie nichts, ein paar Briefe täglich, sonst nichts. Ich schäme mich ordentlich, das Geld einzustecken, aber alle sind sehr liebenswürdig gegen mich. Schade nur, daß die ganze Herrlichkeit so bald wieder zu Ende geht. Er ist nämlich krank, immer krank und will nach Deutschland. Wie ein Traum kommt mir manchmal der Gedanke, daß er mich mitnimmt. Deutschland zu sehen! Doch das wäre zu viel Glück für Deinen P. F.     Vale! Vale! Vale! « Peter Fuhks! da hätte ich dich ja – in Wiborg. Du treue Seele! Heute abend fährt das Dampfboot. Ich schicke dir deinen Krimskrams. Ich suche dich auf, sobald ich kann. Was für ein großes Glück ist doch ein freundliches Wort, und dazu ein so lieber Kerl – und ich habe ihn so sehr vernachlässigt, habe nur an mich gedacht!   Drei Uhr.     Gott sei Dank! – Es ist, als wenn ich wieder aufatmen könnte. – Es scheint sich alles zu machen. Ich habe meine ganze Angelegenheit dem Minister vorgetragen; alles von Sztipann Sztipannowitsch ganz genau; vom Brand in der Gutskapelle, und daß nichts aufzufinden, vom Diakon, der so tut, als wüßte er von gar nichts, daß der Starost tot ist, der Pope stumpf vor Alter, die Kinderfrau irgendwo verschollen, vielleicht auch tot. Endlich die ganze Geschichte vom Wechsler, und daß man den doch vielleicht um Zeugnis zwingen könnte. Ich hab' ihm auch erzählt, wie ich vergeblich 61 von Advokat zu Advokat gelaufen bin, und daß ich niemanden, gar niemanden habe, der mir beistünde und dem ich mich vertrauen könnte, auch die ganze lächerliche Geschichte, daß eine dritte Ehe nicht gültig sein soll – und so weiter! Er war wirklich sehr liebenswürdig. Er ist ganz erstaunt über die Geschichte von Sztipann Sztipannowitsch und hält sie für ganz unglaublich. Er will selbst persönlich eingreifen und nötigenfalls ohne Rücksicht vorgehen. Ich soll ruhig reisen. Er nimmt indessen meine Angelegenheiten in die Hand. Gott sei Dank! – endlich ein Mensch! Ich habe annehmen müssen! Es wäre geradezu beleidigend, wenn ich abgeschlagen hätte. Also nach Wiborg! Um acht Uhr geht das Dampfboot. Ich habe noch vier Stunden Zeit. Ich equipiere mich unterwegs, Kopenhagen, Havre. Ich nehme von niemandem Abschied. Sie haben sich alle gegen mich gestellt. Alle guten Freunde und Bekannten!   An Bord, 8 Uhr.     Eben kommen Fuhksens Sachen. Mein braver Hausknecht hat sie dem gemästeten Riesen lächerlich billig abgejagt. Die Leute verstehen einander. Freilich erbärmliches Zeug. Ein eisernes Bettgestell, zerrissene Matratzen und Decken, eine offene Kiste mit Noten, Büchern, Schreibereien, ein Bündel jämmerlicher, abgetragener Kleider, endlich ein Korb mit leeren Flaschen, Scherben, Stroh. Es war mir bis heute nie klar geworden, in welch peinlicher Armut der gute Kerl steckte. Und an diesen Sachen hing seine Seele; doch wer weiß, was mir bevorsteht! 62   9 Uhr abends.     Wir gehen endlich. Es ist ein altes Schiff, kaum seetüchtig, natürlich in England gebaut; aber entsetzlich klapperig. Es stöhnte laut auf beim Abdampfen. Die zersprungene Glocke hatte ganz vergeblich ein paarmal geschrillt, es ließ sich niemand mehr heranlocken. Die erste Kajüte leer; vorn allerlei Volk bunt durcheinander, die Bemannung wettergebräunte, stämmige Finnländer. Um Jermák tut es mir leid, daß ich gehe, sonst um niemand. – Der gute Kerl war ganz starr. Wir sind aus dem Gewühl der Dampfer und Kähne hinaus und gleiten, vom mächtigen Strom und der kränklichen Maschine getrieben, an den öden Ufern von Wassili-Ostrow vorüber. Die dicht aneinander gedrängten, riesigen Lagerhäuser sind verschwunden und haben einzeln stehenden Hütten Platz gemacht. Der weite Friedhof von Wolkowa taucht auf. Ein Wald von Kreuzen! Wieviel Tausende liegen dort ganz friedlich nebeneinander, Schulter an Schulter! Es ist nur gut, daß ihnen mit dem bißchen Prunk, den sie mit sich ins Grab genommen, auch Kraft und Macht vermodert sind, den Nächsten zu beneiden und zu bekämpfen. Sie alle haben sich im Leben nach Herzenslust verachtet und befeindet, und jetzt soll ein frommer Spruch auf einem Stückchen Holz oder Eisen, zu ihren Häupten angebracht, alles wieder gutmachen. Einige wenige mögen sich auch geliebt haben – und jetzt haben alle Liebe und Haß vergessen! Wozu ist alle Qual auf Erden? Auch mein Vater ruht dort in einer Gruft mit seinen drei Frauen. Ich habe es oft erzählen hören, wie sehr er meine Mutter geliebt hat, wie er bald nachgestorben ist, und wie er mich, den Jüngsten, vor allen reichlich bedacht hat. Auf dem Totenbette hatten ihm die älteren Geschwister schwören müssen, mich nicht zu verlassen. Um Mitternacht 63 verlangte er nach mir und ließ mich nicht mehr von seiner Seite. Gegen Morgen waren wir beide sanft eingeschlafen. Wer weiß, was mich trifft.   Wir sind an der Mündung der Newa, im freien Wasser. Die Sonne geht unter. Allmählich steigen die Schatten höher, und Sankt Petersburg versinkt im abendlichen Dunst. Nur die goldene Kuppel des heiligen Isaakischen Tempels blitzt noch im Sonnenlicht. Es ist friedlich und ruhig auf dem Wasser, ein paar Boote, Möwen, ein Dampfer in der Ferne, und weit im Norden am flachen, finnländischen Ufer die mächtigen Feuer der Lachsfischer und das Licht des Leuchtturms. Kronstadt. Riesentürme, niedere, granitene Wälle, und aus finstern Scharten: Geschütz an Geschütz. So fletscht Rußland die Zähne. Gegen wen wohl? Nun, gegen die lieben Nachbarn und Nachbarsnachbarn. – Was für ein räuberisches Geschlecht sind doch die Menschen! Ein Volk lauert auf das andere! Einer übervorteilt den andern, auf diese oder jene Weise. Läßt er sich fangen, so heißt er Dieb und Räuber; wischt er durch, so heißt er Ehrenmann oder Staatsrat – oder Bankdirektor – Millionär. Er ist ganz derselbe Schuft, er hat sich nur nicht erwischen lassen. Es ist eine herrliche Nacht. Einige wenige Sterne ziehen auf, aber sie leuchten nicht, es ist beinah so hell wie am Tage. Ich ziehe es vor, auf dem Deck in freier Luft zu schlafen –.   Ja schlafen! Die letzten Tage haben mich doch mehr angegriffen, als ich mir selbst gestehen will. Wenn es doch nur Höflichkeit – nichts als Höflichkeit war – und leere Worte? – Wenn er mich nur beschwichtigen wollte? – Nur einschläfern? – Wenn er es mit Sztipann Sztipannowitsch hielte? Dummes Zeug! Es ist unmöglich. 64 Ich will auf alle Fälle Peter Fuhks meine Vollmacht hinterlassen. Er ist ein braver Kerl; er kennt von seinem Vater her die Advokatenschliche, und wenn es nötig ist, so greift er ein, vielleicht geschickter als ich. Jedenfalls schreibt er mir, wie es steht. Und ich kehre nötigenfalls von Suez zurück – desertiere – denn wollte ich mit dem Schiff den Bestimmungsort erreichen und vom Amur aus in aller Ordnung um Urlaub nachsuchen, so könnte leicht ein Jahr vergehen, ehe nur die Antwort aus Petersburg ankommt.   Ich bin übermüdet, abgespannt; dennoch lassen die Gedanken keinen Schlaf aufkommen. Ehe ich mich ihrer erwehren kann, stürmen Hoffnungen und Verzweiflung in wildem Durcheinander auf mich ein. Soll ich mich dem frechen Raube fügen? Soll ich Stellung, Vermögen und Namen willig aufgeben? – Nimmermehr! Nimmermehr!   So weit wär' ich nun! Ich suche Philosophie und finde nur geistreiche Spitzfindigkeit; ich sehne mich nach Freunden und vergesse den besten, den ich habe; ich dichte über Liebe und habe kein Weib gefunden, kein Weib berührt. Ich bin Fürst und – Bettler!   Wir fahren in dichtem Nebel, Wiborg kann nicht mehr weit sein. Es ist bald drei Uhr. Die Sonne muß aufgehen. 65   Zweites Buch Erstes Kapitel Über dem Strande bei Wiborg liegt dichter Nebel. Milchweiß, nach kräftigem Meeresodem und frischem Birkenlaub und blühendem Grase duftend, verdeckt er die Dächer und Giebel, den Hafen, die alten Mauern und Türme, die Landhäuser inmitten ihrer Gärten, die Irrblöcke und Birkengebüsche, die vollen Wiesen und leichten Hügel des nordischen Städtchens. Es ist frühester Morgen, die Luft, jeder Ton, jede Lebensregung steht still. Der feuchte, schwere Nebel hält alles im Bann und quillt und wogt. In einem Hause, das dieser Nebel wie alles für alle Welt verborgen hat und so versteckt hält, als stände es auf Meeresgrund, schläft noch alles! In dem hohen, weitläufigen Vorraum tickt eine Uhr in ihrem geschnitzten, von der Diele bis zur Decke reichenden Gehäuse. Altersbraune, kunstvoll geschnitzte Schränke stehen an den Wänden, ehrwürdige Gestalten, an denen unsere wanderlustige Zeit vorübergezogen ist, ohne daß sie dieselben von der Stelle bewegt hätte. Eine breite, schön geschwungene Treppe, mit sammetweichem Läufer belegt, führt in den oberen Stock, ein schweres Geländer aus derben, birkenen Säulen gibt dieser Treppe Wucht und Kraft. Neben der Treppe zu ebener Erde führt eine Flügeltür, ein 66 altes Kunstwerk an Einlage und Schnitzarbeit, in ein Zimmer. Es ist ein hoher Raum. An die Fenster legt sich der Nebel, der draußen alles verhüllt, undurchsichtig an, wie eine Milchglasscheibe. In den vier Ecken des Zimmers stehen in großen Kübeln frische Fichten mit hellgrünen Trieben, in der Mitte des Zimmers ein geöffneter Flügel. Von der Decke herab, gerade über dem Flügel, hängt das Modell eines weißen, schlanken Bootes mit Flagge und Segeln, ein langer, blauer Wimpel an dem Maste. Zierliche Möbel aus schwarzpoliertem Holze mit feinen Kanten und Linien aus Perlmutter eingelegt. Eine schöne Kopie der Madonna della Sedia. Das Zimmer ist liebevoll gepflegt. Eine Glastür führt hinaus auf die Veranda. Und an der breiten, nur von der Eingangstür unterbrochenen Wand steht ein zierliches Bett, ein wahres Schmuckkästchen. Wie die übrigen Möbel ist es reich mit Perlmutter ausgelegt. Vier hohe Pfeiler tragen einen Himmel, von dem ein weiches zartfarbiges Gewebe niederfällt. Das junge Geschöpf, das hier im Morgenschlummer liegt, steckt im Bettchen wohlig eingehüllt, die dicken Zöpfe schmiegen sich ihr an Arm und Hals, goldig schimmernd. Die Hände liegen schlafesmatt auf der Decke, ein wenig geballt zu weichen, runden Fäusten, bräunlich von Luft und Sonne gefärbt, Wetterhände, die ein noch kindisches Treiben draußen am Meeresstrand, in Garten und Wald verraten. Sie hat sich bewegt, der Kopf ist ihr jetzt ganz zurückgesunken. So liegt es sich nicht gut, so kommen böse Träume, auch am hellen Morgen! Und richtig, da gräbt sich eine Falte zwischen den Brauen, 67 die Stirn wird kraus, die Lippen öffnen sich, Unruhe zieht über das schlafende Gesicht – ein angstvoller Atemzug, ein zuckendes Auffahren! Sie ist jetzt wach, mit klopfendem Herzen. Es war ihr, als wäre sie die breite Treppe im Hause herabgefallen – so schnell – so tief. – Nein, die Treppe war es nicht, es war etwas anderes gewesen, endlos, dunkel und unbekannt. Es ist schon heller Morgen. Verschlafene, noch ganz verwirrte Augen richten sich nach den Fenstern, an denen der undurchdringliche Nebel noch feucht anliegt. Da zieht es lebendig über das Gesicht; das Mädchen schlüpft aus dem Bett, wankt noch schlafbefangen, öffnet das Fenster – und der Nebel zieht ein, legt sich ihr kühl und feucht an die warmen Wangen, durchdringt das leichte Nachthemd. Wie sie schaut! Nichts zu sehen! Die alte, schwachbelaubte Birke, die so nahe steht, daß ihre Zweige auf dem Dach ruhen, sieht sie nicht – nichts – alles Nebel! Kein Ton. Augenblicklich nicht. Die Vögel schlafen noch oder wagen sich in der weißleuchtenden Dämmerung nicht hervor. Und doch! – Jetzt ruft ein Kuckuck – und wieder einer, und wieder einer, fern und nah. Sie rufen wie aus Wolken heraus. Das klingt geheimnisvoll und fremdartig! Nur Kuckucke, sonst nichts. Langsam geht das junge Mädchen zu ihrem Bett zurück, sinkt davor auf die Knie nieder, legt das rosige Gesicht in die Kissen, faltet die Hände und blickt friedlich vor sich hin. »Lieber, guter Gott«, sagt sie, und spricht in ruhiger Gewohnheit leise ihr Morgengebet. 68 »Lieber, guter Gott, behüt uns alle – Amen« Dann schlüpft sie im Nu in ihre Kleider, so eilig, so flink, als wäre ihr ein guter Gedanke gekommen. Die Zöpfe steckt sie hastig um den Kopf, und zwar tut sie dies mit goldenen Haarnadeln, die sie auf dem Tisch vor ihrem Bette eifrig zusammensucht. Ein Kommodenfach schiebt sie auf und entnimmt diesem ein weißes, zusammengefaltetes Tuch, hängt es sich über den Arm und öffnet so ausgerüstet vorsichtig die Tür ihres Zimmers, hält erst Umschau, ehe sie den Fuß über die Schwelle setzt. Es ist noch still, sie schlafen alle noch. Die Uhr tickt gleichmäßig mit vollem Pendelschlag, gerad' über ihrem Zimmer schläft der Vater. Sie schlüpft hinaus, bleibt vor seiner Tür stehen und streicht wie liebkosend darüber hin, dann wendet sie sich wieder, schleicht wieder herunter, ganz leise, aber die alten Treppenstufen knarren doch. Die Haustür ist noch geschlossen. Sie versucht ein paarmal fester auf die Klinke zu drücken, das ändert aber nichts. Die Tür gibt nicht nach. Jetzt hält sie Umschau. »Annuschka!« ruft sie mit gedämpfter Stimme. »Annuschka! da liegt sie ja!« Sie schleicht ein paar Schritt vorwärts auf ein unentwirrbares Bündel von Kleidern, Lappen und Decken zu, das in einem Verschlag, den einer der alten Schränke mit einem Mauervorsprung bildet, liegt. »Annuschka, Annuschka!« flüstert sie, als sie vor dem Bündel steht und zwischen den Kleidern und Lappen etwas zu rütteln versucht, um es zu wecken. »Annuschka, Annuschka!« Ein Grunzen und Dehnen gibt Antwort. Die Kleider und Decken bewegen sich, und der Kopf eines 69 schwarzhaarigen Frauenzimmers arbeitet sich daraus hervor und schaut verblüfft um sich. »Wo ist denn der Schlüssel, Annuschka?« ruft sie und wiederholt es, als keine Antwort kommt. »Ecke hängt.« Kristine schaut um sich. »Wo denn?« »Ecke hängt.« Annuschka gähnt wieder. »In welcher Ecke, Annuschka?« »Wo immer hängt.« Kristine bleibt nichts übrig, als die Ecke, wo Annuschka den Schlüssel untergebracht hat, zu suchen. Annuschka bleibt währenddem in einer beobachtenden Stellung kauern. »Dumm sein!« brummt sie, als Kristine die Ecke und den Schlüssel durchaus nicht finden kann, erhebt sich endlich, langt hinter den Schrank, an dem sie schlief, und nimmt den riesigen Schlüssel daselbst hervor. Kristine will ungeduldig danach greifen. Annuschka aber läßt das nicht zu, macht sich selbst auf die Beine, um aufzuschließen. Die kleine, untersetzte, struppige Annuschka geht wie auf Stummeln, als wären ihr die Füße abgeschnitten, und dieser sonderbare Gang soll offenbar eine Art auf den Fußspitzen schleichen vorstellen. Annuschka ist rücksichtsvoll und will ihre Herrschaft nicht zu frühzeitig wecken. »Weshalb heraus? Weshalb Leute wecken?« fragt sie unzufrieden. »Haus schläft.« Jetzt öffnet Annuschka die Haustür, der Nebel wogt dicht und weich und lau. Man tritt wie auf den Boden des Meeres hinaus. 70 »Immer dumm Zeig!« sagt Annuschka. Kristine ist mitten im Nebel drin. Die Tür schließt sich hinter ihr. Da steht sie, umgeben von gleichmäßig weißem Dunst, durch den, wie sie es vorhin vom Fenster aus hörte, die Kuckucke rufen von nah und fern. Kristine bleibt eine Weile ruhig, da rasselt etwas, klirrt, klappert, bewegt sich, da kommt etwas angesprungen, da schimmert es dunkel. Sie erschrickt, da rennt es haarig, naß, mit lustigem Stoß an sie an. Das ist der Kettenhund, der große Schlingel. Sein mächtiger Kopf, seine nasse Nase schnüffelt und stößt. Er hebt die braune Pfote, sein Schwanz, seine Hinterbeine wirtschaften im Nebel, und so begrüßt er die junge Herrin, die beinah befangen und beklommen in dem Dunste steht. Jetzt geht sie langsam weiter. Wie fremd erscheint ihr alles! Der bleiche, feine Seesand, der die Wege bedeckt, ist in seiner oberen Schicht feucht und fester geworden, bei jedem Schritt aber quillt es hervor, trocken und hell. Es hat nicht geregnet, und alles ist nur vom Nebel feucht durchsogen. Jetzt ragt der mächtige, grün bemooste Granitblock vor ihr auf, um den dichte Wacholderbüsche stehen, einer jener erratischen Blöcke, die zu Tausenden über das Land verstreut liegen, von der finnländischen Küste an bis tief hinein in das Herz Deutschlands. Er erscheint ihr so mächtig, so unbekannt. Einsam fühlt sie sich, die ganze Welt versunken, in Nebel gehüllt nur der Felsen und tropfender, starrer Wacholder. Wenn jetzt ein Wolf käme! fährt es ihr durch den Kopf, wenn der so auftauchte wie vorhin der Hund. Ja wenn es Winter wäre, da kommt es schon vor, daß die Wölfe sich bis hierher wagen. Von der Gartenmauer aus hatten die 71 Wiborger Vettern noch letzten Winter auf Wölfe geschossen – aber jetzt im Sommer! Es war wohl auch anderes, das sie fürchtete, das sie beklommen machte, Unbestimmtes, Rätselhaftes. Auf die Länge wirkte das unsichere Wandeln in dem gleichmäßigen Nebel bedrückend gespenstisch, und der unaufhörlich wiederholte Ruf der Kuckucke aus der Ferne machte ihr das Herz klopfen. Im Hause schläft noch alles. Wenn doch der Vater, geht es ihr wieder durch den Kopf, eines Tages ganz gesund aufwachen möchte! Weshalb denn nicht? – Alles kann geschehen. Das Mädchen geht, nachdem der Schauer, das ungewohnte Gefühl der Vereinsamung, des Abgeschiedenseins über ihre Seele hingezogen ist, in frischer Lebenslust weiter; sie läuft jetzt in den Nebel hinein. Der weiche sandige Weg führt abwärts. Hier und da funkelt es in weitester Ferne wie Sonne auf. Die Nebelmassen werden landeinwärts lichter und ballen sich über der See. Die Baumspitzen schimmern hier und da wie aus weißen, dichten Schleiern. Es leuchtet auf. Aber auf der See liegt es noch weiß und schwer, nur die ersten glitzernden Wellen, die zu der schöngeschwungenen Bucht lautlos gleiten, blitzen schon von Sonnenlicht auf. Ein weicher Wind läßt das Schilf, das am Strand bis in die seichten Wellen hinein wächst, leise aneinanderstreichen, daß es wispert und scharftönend rauscht. Das Wasser ist hier ohne Salzgehalt, leicht wie das eines Binnensees. Die Wellen haben den feuchten Strand entlang eine dunkle Linie aus Schilfstücken, Muscheln und dunkeln Holzteilen gebildet, die sich ihrem immer wiederkehrenden, leuchtenden Bogen anschmiegt. 72 Scharen kleiner Strandläufer fliegen auf, verschwinden in Nebelschleiern. Andere lassen sich nieder, um sich bald wieder zu erheben und nah am Boden und den flachen Wellen hinzustreichen, bald im Dunst verschwindend, bald auftauchend. Sonnenblitze schießen durch weiße Nebelfetzen. Jetzt kommt das Mädchen dem Strande immer näher. Sie hat mit Laufen innegehalten, aber ihr Gang läßt sich nicht sogleich beruhigen, er hat etwas Hüpfendes, Elastisches. Der Weg führt eine Düne hinab. Da gleitet sie beinahe wie von selbst in dem feinen, nachgiebigen Sande. Das weiße Tuch, das sie über die Schulter gelegt hat, schleift ihr nach. Ein Brett ist in das Wasser eingebaut, um die Boote bequem zu landen, und einige Boote liegen hier verankert, jedes zweimal, an der Spitze und dem Steuer. Sie steht auf dem Brett und schaut um sich. Das Schilf wispert, die silberhellen Wellchen glucksen an die eingerammten Pfähle, die Boote schaukeln kaum merklich von einer Seite zur andern, schlupp – schlapp. An eines der Boote stößt sie mit dem Fuß, daß es ins Schaukeln kommt, stößt es an wie einen guten Kameraden. Kylliki steht vorn auf dem weißen Stern. Es ist ihr Eigentum, sie hat es selbst getauft nach der Heldin des finnischen Epos. Jetzt nimmt sie das Tuch von der Schulter, geht auf dem Brette zurück, auf einen der Granitblöcke zu, dessen Kuppe von scharfem, dunklem Gras ganz überwachsen ist – dort legt sie ihr Tuch nieder. Nicht weit von diesem Blocke, in das Wasser hinausgebaut, nahe dem Stege, steht ein kleines Badehaus. Sie schlüpft aber hier aus dem Kleide, zieht Schuh und Strümpfe von den Füßen, schlüpft aus dem Rock, dem Hemd so flink, wie sie vordem hineingekrochen – und steht da am 73 Meeresstrande, umwogt von Nebel wie die uralte Göttin, jung und herrlich. Ruhig und schlank aufgerichtet, das Haar im Gehen fester um den Kopf windend, wandelt sie dem Wasser zu, die Luft umspielt sie feucht und warm. Sie tritt ins klare Wasser, und ein köstlicher Friede liegt auf dem Gesicht des schönen Geschöpfes. Sie fühlt sich wohl. Sonne und Nebel kämpfen um sie her. Die volle Jugend ist über sie ausgebreitet, deren ganze Kraft und Frische und Leichtigkeit. Sie geht weiter und weiter, die klaren Wellen reichen ihr bis an die Brust. Sie fühlt sich hier sicher wie in ihrem Element, kennt jeden Stein zu ihren Füßen, jede Untiefe ist ihr vertraut. Jetzt läßt sie die Füße sich vom Grunde erheben und schwebt leicht gelassen über die Tiefe. In der stillen Bucht ist die obere Wasserschicht warm, wie lauer Tee so weich, und tiefer ist das Wasser herzhaft frisch. Wieder völlige Stille und Einsamkeit am Strande, die Boote schluppen langsam von einer Seite zur andern, die Strandläufer schwärmen ungestört. Die junge Göttin, die hier dem Wasser zuwandelte, in den klaren Wellen hinsank, ist weit hinaus ins Meer, und dichte Nebelschleier liegen über ihr.   Indessen wandert durch den Garten eine zweite Gestalt, noch jugendlich stramm, eine hübsche Person in einem staubfarbenen, prall anschließenden Kleid. Sie hat einen festen energischen Schritt. Das ist Mathilde Swensen, eine Verwandte aus Deutschland, die hier zu Besuch ist. Sie hält wenig Umschau und geht einem bestimmten Ziele zu. 74 Mehr und mehr ist der Nebel gesunken, Birken, nichts als Birken, wohin man sieht, und hohes blühendes Gras. Der Garten mochte in einem Birkengehölz angelegt worden sein. Bequeme breite Wege, auch wohl ein Kieferchen, eine Fichtengruppe, Eichengebüsch, breite Rasenflächen. Um die Findlingsblöcke, die der See zu in großer Zahl liegen, ist Wacholder gewuchert und das feste straffe Gras. Ein paar Beete mit Blumen vor dem Hause abgerechnet, ist der parkartige Garten sich ziemlich selbst überlassen geblieben, wie die Natur ihn geschaffen, nur die Wege sind sorgfältig instand gehalten. »Tina!« ruft Mathilde Swensen. »Tina! Um Gottes willen, Tina!« »Was für ein Geschrei!« murmeln zwei feuchte Lippen ärgerlich während des Schwimmens, und in dem goldfunkelnden Wasserstreif nach dem Strande taucht ein blonder Kopf auf, glänzende Schultern, eine rosige junge Brust. »Tina! Tina!« ruft Mathilde Swensen wieder. »Kristine heiß' ich«, antwortete es ärgerlich aus dem Wasser heraus. Jetzt sind sie sich beide einander gegenüber, die Staubfarbene und der rosige Fisch, der im seichten Wasser auf dem seidenweichen Sand liegt, mit den Armen aufgestützt. An die runden Schultern plätschern die durchleuchteten Wellchen an. »Aber Tina!« sagt Mathilde, »so früh zu baden!« »Kristine heiß' ich, hörst du denn nicht? Wirst du dir's endlich merken? Gib mir mein Badetuch.« Mathilde geht, um es zu holen. Als sie damit zurückkehrt, steht Kristine nur mit einem Fuße noch im Wasser und streckt die Hände gelassen nach dem Tuche aus. »Mein Gott, wie bist du schön!« sagt Mathilde Swensen in einem eigentümlichen Ton. 75 »Das geht keinen Menschen etwas an, wie ich bin.« »Meinetwegen geht's keinen Menschen etwas an, wie du bist, ausgenommen deinen Zukünftigen!« Da trifft sie ein erstaunter Blick aus zwei klaren, blauen Augen. »Man muß so nicht sprechen«, sagt die feuchte Kreatur auf eine unbeholfene Weise. Mathilde Swensen lacht. »Ach, Kristine, was bist du für ein Kind, ihr seid hier alle hundert Jahr zurück.« »Oho!« sagt Kristine. »Ganz etwas Neues! Übrigens weiß mein Vater, daß ich ihn nie und nimmer verlasse – mein Vater glaubt an mich – und Mama ebenso –.« Mathilde lächelt. »Und nie und nimmer verlasse! – Das sagen alle Mädchen. – Also immer Fräulein Tina?« Kristine ist inzwischen in ihren Rock geschlüpft und wirft das Kleid über. »Kristine!« ruft sie ungeduldig. »Gut, also Fräulein Kristine.« »Freisel Kristine.« »Was ist denn das?« »Freisel Kristine«, wiederholte das junge Mädchen ruhig. »Verstehst du, ›Freisel‹ heißt's, ›Freiseel‹ müßt' es eigentlich heißen, für die dummen Leute, daß sie's verstehn – aber sie brauchen's nicht zu verstehn. Frei-Seele heißt es, weißt du, in zwei Worten; aber im Gebrauch ist's ›Freisel‹ Kristine.« »Und was soll's denn damit?« »Na, was soll's damit?« »Was du für Ideen hast?« Mathilde Swensen will Kristinen aus dem Buche vorlesen, das sie auf ihrem Morgenspaziergang begleitet hat. Dantes göttliche Komödie; aber Kristine wünscht das nicht. Sie meint, daß es dazu viel zu früh jetzt sei. 76 »Du mußt sie lieben lernen,« ruft Mathilde nach einer Weile, »das ist wahre Philosophie!« »Geh,« sagt Kristine, »ich habe hineingesehen. Solche Bücher machen die Menschen bös und dumm; wenn die Menschen lesen, daß Gott so grausam und bös ist – so werden sie denken: Weshalb sollen wir besser als er sein?« »Das schlimmste ist,« sagt sie nach einer Weile, »wenn das Dumme und Böse prachtvoll gesagt ist.« Kristine geht vor Mathilden her, dem Garten wieder zu. Als sie unter die Birken tritt, bleibt sie stehen, wendet sich um und blickt ruhig hinaus auf das jetzt klar leuchtende Meer. Ein Dampfschiff zieht in der Ferne über die spiegelglatte Fläche und läßt einen langen, schmalen Rauchstreifen hinter sich. »Ich glaube,« sagt Kristine, »es ist das Schiff aus Petersburg.« Jetzt gehen sie dem Hause zu. Ihnen entgegen kommt ein leicht gebeugt gehender Mann. »Papachen!« ruft Kristine, wirft Mathilden das Badetuch zu und läuft. »Guten Morgen, mein Herz, guten Morgen«, sagt er, als er sie in den Armen aufgefangen hat. Sein Haar ist ergraut, das hagere Gesicht macht einen leidenden Eindruck. »Gut geschlafen? Sag' mir, wie es dir geht?« fragt sie; »aber sage es auch«, fragt sie dringlich, als er nicht augenblicklich auf ihr stürmisches Fragen antwortet. »Ja, mein Herz, recht gut.« Er begrüßt sich mit Mathilden. Kristine aber bleibt währenddem ruhig an seinem Halse hängen. Ihr Kopf lehnt an des Vaters Brust, der ihre Zärtlichkeit mit dem sicheren Gefühl, das die Gewohnheit gibt, duldet. 77 »Ich bin heute gehörig weit hinausgeschwommen, Papachen«, sagt sie. »Sei vorsichtig, nicht gedankenlos, dann ist's schon gut.« Mathilde Swensen schüttelte den Kopf darüber, daß der Vater es nicht für angemessen hält, ihr das Baden in offener See zu untersagen. »Habt ihr denn schon Tee getrunken?« »Gott bewahre!« »Also geht, ich komme mit euch.« »Dir ist es also besser«, sagt Kristine und schmiegt sich enger an den Vater an, legt den Arm, während sie gehen, um ihn. »Dir ist's gut?« Ihre Fragen haben etwas übersprudelnd Zärtliches. »Ja«, sagt er mit einem leichten, wehmütigen Lächeln. »Also, ja!« ruft Kristine, und beginnt, am Arm ihres Vaters hängend, in die blaue Luft hinauszusingen, dabei tritt sie, im Takt wie ein junges Füllen stampfend, auf und singt: »Haus und Feld und reiche Herden, Unermeßlich weite Wälder Gibt mein Vater mir zur Mitgift. Ich bin reich und schön und acht' mich Einer Königstochter gleich! Ebenbürtig will ich meinen Gatten!« »Laß deine Kylliki in Ruh'!« sagt Heinrich Ahrensee, »frühstück' erst.« 78   Zweites Kapitel Die Familie sitzt auf der Veranda vor dem Wohnzimmer, der Teetisch ist gedeckt. Der Samowar summt. Es ist nachmittags fünf Uhr. Frau Ahrensee hält die silberne Kanne unter den kochenden Wasserstrahl. Das zarte Aroma des Tees, auf den das Wasser niederdampft, erfüllt die Luft. Zu dieser Stunde tritt Peter Fuhks ein. Peter Fuhks ist ein weitläufiger Vetter der Ahrensees und Privatsekretär seines reichen Verwandten. Herr Ahrensee hat die ererbte Reederei, die schon sein Vater, ein eingewanderter Deutscher, begründete, kürzlich aufgegeben, hat sich ganz auf seinen Landsitz zurückgezogen und verwaltet seinen weitläufigen Grundbesitz. »Nun, lieber Fuhks, was bringen Sie?« Peter Fuhks verbeugt sich fürs erste außerordentlich achtungsvoll gegen die Damen, gibt einen Brief ab und fährt sich gedankenvoll mit der Hand über den Mund. Frau Ahrensee bietet ihm eine Tasse Tee an. »Wissen Sie,« sagt Peter Fuhks auf eine etwas ungeschickte, ungelenke Weise zu Frau Ahrensee gewendet »es ist heute jemand angekommen. Ich bin sehr überrascht und erfreut. – Ich hätte ihn gleich mitgebracht, aber er hatte zu schreiben, zu tun hatte er, zu tun.« »Wer denn?« fragt Kristine. »Hab' ich es nicht gesagt?« sagt Fuhks leicht verlegen – »mein lieber Ker ist gekommen.« »Ihr lieber Ker?« rufen Kristine und Mathilde zugleich. Und Mathilde lächelt ein klein wenig erhaben. »Jetzt lernen wir Ihr Wunder also kennen?« sagt Mathilde. 79 »Ein Wunder ist er nicht, mein Freund Ker, ich habe dies nie gesagt, soviel ich weiß. Ich möchte ihm nie schaden, man schadet damit, wenn man einen Menschen über die Gebühr lobt.« Peter Fuhks fuhr sich mit der Hand wieder über den Mund. Das war so seine Angewohnheit, das tat er nach jeder einigermaßen auffälligen Rede, die er zustande brachte. »Er ist mir vollkommen überraschend gekommen – vollkommen überraschend. Er ist mit dem Schiff aus Petersburg gekommen. Schade, daß ich ihn nicht bringen konnte.« »Wie ist denn Ihr Freund?« frug Kristine. »Wie soll ich sagen?« sie zögerte, »ist er so wie Sie?« »Nein, nein.« sagte Fuhks eifrig, »nicht wie ich, gar nicht so.« »Schade, daß er nicht kommt, ich glaube, er ist eigensinnig.« Diese Worte begleitete Peter Fuhks mit einem wahrhaft trübseligen Gesicht. »Ich hätte ihn so außerordentlich gern mit Ihnen bekannt gemacht. Für meinen Briefwechsel mit ihm wäre mir das von größtem Vorteil gewesen.« Frau Ahrensee lächelte. »Nun, ist es Ihnen denn nicht möglich, ihn zu bewegen?« Peter Fuhks aber erschien wahrhaft verstimmt und mochte nur gekommen sein, um seinem Herzen Luft zu machen. Man sprach Peter Fuhks zuliebe teilnehmend von diesem Thema weiter. »Er kommt aus Deutschland, von der Universität Jena«, wendete er sich an Frau Ahrensee. »Er kennt Ihre Frau Tochter.« »Und kommt nicht?« frug sie verwundert. »Nein«, sagte Fuhks schwermütig. »Aus Jena?« rief Mathilde. »Ja, da müßte ich ihn doch 80 kennen? – Ihr Wunder? Ker? – nicht wahr? Ker? sagten Sie. Wüßte nicht . . .« »Dmitri Ker-Asowsky.« »Was?« rief Fräulein Mathilde, »der ›Fürst‹? der reiche Student? Freilich hab' ich von dem gehört! Meine Freundin hat mir von ihm geschrieben. Er soll ja schauderhaften Aufwand treiben. Zwei Reitpferde! Und der soll Ihr Freund sein?« »Ja, mein Freund! mein Schulfreund«, sagte Peter Fuhks und strahlte vor Stolz. »Aber«, fügte er, wie für sich sprechend hinzu, »ich glaube, er ist etwas krank. Er spricht nicht, er ist so still.« »Das ist doch merkwürdig, ihm hier zu begegnen«, meinte Mathilde. »Eigentlich wohl: nicht begegnen«, sagte Frau Ahrensee, auf Peter Fuhks blickend. »Ist für mich etwas zu erledigen?« frug er dienstbereit, die Hände reibend, indem er auf Herrn Ahrensee blickte. »Nein, mein Lieber, solange Sie Ihren Freund bei sich haben, sollen Sie frei sein.« »Bewahre,« sagte Fuhks, »bewahre, ich werde mich immer einfinden. Er hat ja zu tun, er hat zu tun.« »Nun,« meinte Herr Ahrensee, »sollte er aber einmal nichts zu tun haben, so vergessen Sie nicht, daß ich keinerlei Ansprüche an Sie mache.« Peter Fuhks verbeugte sich abermals. »Sie sind sehr gütig«, erwiderte er langsam, verbeugte sich wieder und empfahl sich. Als er gegangen war, sagte Ahrensee: »Der gute Bursche wollte uns seine Not klagen; er war wie verwirrt vor Freude, als er mir heute morgen schon ankündigte, daß sein lieber Ker gekommen ist – und nun scheint es ihm in allen Ecken nicht recht zu sein.« 81 »Wie kann der liebe Ker«, sagte Mathilde, »Freundschaft für diesen Menschen gefaßt haben? Unbegreiflich!« »Nichts auf meinen Fuhks, Mathilde«, sagte Ahrensee. »Ihr kennt ihn nicht. Er gibt sich anders als er ist. Er ist verlegen und unbeholfen.« »Das schadet nichts«, sagte Kristine. »Hör' einmal,« begann Mathilde lebhaft, »du solltest dich eigentlich revanchieren, du hast ihm neulich seinen dummen Spatz fortfliegen lassen.« »Mathilde!« unterbrach sie Kristine beinahe schmerzlich, »das war kein Spatz. Das war eine Lerche, ein Männchen, und konnte singen, und er hatte sie sich gekauft, der arme Mensch, und brachte sie voller Freude; aber ich kann es nicht sehen, wenn so ein armes Geschöpf im Käfig sitzt.« »Spatz oder nicht Spatz«, sagte Mathilde lachend. »Ich bin in der Naturgeschichte nicht bewandert. Goethe kannte auch keine Lerchen. Was meinst du, wenn wir selbst Fuhks mit seinem lieben Ker hierher holten.« »Willst du das wirklich Fuhks zuliebe tun?« sagte Kristine wie erstaunt. »Sollen wir's?« wendete sie sich an ihren Vater. »Wenn ihr meint, ja. Fragt nur unten im alten Warenlager nach Fuhks, er wird in seinem Turme sitzen, oder ruft, er wird euch schon hören.« 82   Drittes Kapitel Indessen hatte Peter Fuhks seinen Freund wieder aufgesucht. Er hatte die Tür vorsichtig geöffnet und war zaghaft eingetreten, als wäre das Zimmer nicht mehr sein eigenes. Ker hatte den Rock ausgezogen, saß am offenen Fenster und kratzte auf Fuhksens Geige. »Wie befindest du dich?« frug Fuhks in seiner langsamen förmlichen Weise. »Ich habe dir hier deinen Krimskrams mitgebracht«, sagte Ker, ohne von der Geige aufzublicken. Sie hatten mittlerweile das sonderbare Reisegepäck, das aus alten Körben, die mit allerlei Hausratwust gefüllt waren, aus dem Schiffe herausgebracht. Fuhks stürzte darauf zu. »Wahrhaftig,« rief er, »da sind die Sachen.« Und er begann sogleich zu kramen und richtete eine große Wühlerei an. Alte Kleider quollen unter seinen emsigen Fingern aus alten Bündeln. Ein verschabtes Handbeschen fiel auf den Boden. Fuhks hob es gleich auf und blickte es nachdenklich von allen Seiten an. – »Ich weiß gar nicht,« sagte er, »ob das auch wirklich das unsrige ist. Ich meine, das hätte keinen rötlichen Streif um den Rand gehabt.« Ker blickte lächelnd auf seinen Freund. Da polterten Flaschen, in graues, verstaubtes Stroh gehüllt, aus einem zerschlissenen Korbe, verrostete Blechbüchsen kamen zum Vorschein, ein paar abgestoßene Teller, ein Salzfaß, zwei Tassen ohne Henkel, ein verworrenes Knäuel schmutziger Fäden. »Mein Gott,« sagte Fuhks, »was bedarf der Mensch alles zum Leben!« Es roch jetzt im Zimmer nach feuchtgewesenem alten Staub. 83 »Nein, daß du den Krimskrams mir mitgebracht hast! Als wenn du wüßtest, daß mein Herz daran hängt, an dem alten Zeug, als wenn du das verstehen könntest, daß der alte Plunder mir so teuer ist wie meine Heimat! Ja daß er eigentlich meine einzige wahre Heimat ist! Vaterhaus und alles!« Fuhks sprach diesen armseligen Begriff, den er von Heimat und Vaterhaus hatte, äußerst heiter aus. »Wo ist denn aber –!« rief er mit einem Male aus, »ich hatte doch das Beste ganz nach unten gesteckt?« Fuhks tastete zwischen den Sachen, wühlte wie ein Maulwurf und förderte ein paar vergriffene Bände zutage. »Aber weißt du – dieser Hauswirt«, rief er außer sich, »ist ein Schwein, sozusagen, es fehlt ihm überhaupt alles Herz. Es ist gar nicht über ihn zu reden. Er liegt außerhalb von allem dem, worüber ein anständiger Mensch reden darf! – Nein! – wenn ich dir sage: – da hat er dein Judenlied behalten! – natürlich, Ker!« – Fuhks schaute ganz verwirrt. – »Nein! doch nicht! – Gottlob!« Fuhks hatte wütend gewühlt, war ganz in Staub gehüllt. »Da ist's!« rief er glückselig. »Ker, unser Bestes! Das Judenlied. Unser Hohes Lied. Weißt du, in deiner runden, herrlichen Stube hast du es mir vorgelesen – weißt du noch? – Und du kannst denken, wie ich gerannt bin, um das wenigstens herauszubekommen von der Hundeseele. – Ja was denkst du, ausgespuckt hat er – der – Nichts herausgegeben hat er.« Fuhks schlug die kleine Mappe auf und brummte ungeschickt und bewegt vor sich hin: »Wer ist es, die hervorschimmert unter den Rosenbüschen, schön wie die Morgenröte 84 und wie das erste Licht des Tages unter den Palmen im Tal? Ach, Ker, was bist du doch für ein glücklicher Mensch!« Er hatte in seinem Eifer gar nicht auf den Freund geachtet, der in sich versunken saß, immer noch Geige und Bogen haltend, und der sich jetzt hastig erhob und mit von innerem Kampf verzogenen Lippen sagte: »Laß das! Glücklich sagst du? Ich bin Bettler!« – Fuhks starte ihn ganz verblüfft an. Er machte keine Anstalten, sein Mienenspiel zu ändern. »Sie haben mich betrogen,« sagte Ker weiter, »ich habe nichts mehr. Fuhks, es kann sein, daß du mir helfen mußt – es wird so sein.« – Ker suchte in seiner Brusttasche, nahm ein zusammengefaltetes Papier auseinander und legte es auf den Tisch. »Lies dies! Es ist eine Vollmacht, die dir das Recht gibt, mich in meiner Sache zu vertreten. Ich selbst muß fort – hab' mich schon verkauft. Mit allem, was ich wollte, ist's zu Ende – für immer zu Ende. Du wirst mich schon begreifen.« Ker sprach mit schwer erregter Stimme in abgerissenen Sätzen. Aber Fuhks begriff nichts, sondern starrte den Freund an. »Hier ist, was ich noch an Geld habe – es ist ziemlich viel. Ich brauche jetzt nichts, ich habe ja Gehalt!« rief Ker höhnend, »und wenn es nicht genug ist, den Prozeß zu führen, verkauf' alles hier und in Jena. Ich habe dort Pferde, die Einrichtung, die Bibliothek und die Yachten, Boote, meine Sammlungen, was du herausbekommen kannst, Kleider, Pelze, auch noch einigen Schmuck von Mama, alles, alles! – Du lebst davon, soviel du brauchst. – Vielleicht ist alles nicht genug. – Ich hätte gern deinen Vater gehört. 85 Er ist jämmerlich zugrunde gegangen,« fuhr er fort, »du hast ihm und dir nicht helfen können! Das Schicksal läßt sich nicht ins Handwerk pfuschen. Es kann mitleidige Helfer nicht leiden – läßt sie arm sein – oder macht sie arm. – Wie dich armen Kerl, und jetzt auch mich. – Mit dem Geld ist mir meine Kraft genommen und meine Ziele; nicht das Fressen und Saufen, so viel werde ich schon finden, um mich satt zu machen. – Das ist es nicht, was mich ängstigt, wahrhaftig nicht!« Fuhks hatte wie verwirrt seinen Freund reden gehört. »Lieber, lieber Ker«, rief er jetzt und legte seinem Freund beide Hände auf die Schultern. »Du kommst, um bei mir Trost zu suchen für etwas, was dir geschehen ist. – Ach, mein lieber Ker, wie glücklich und unglücklich bin ich darüber. – Ja, du hast recht, die Leute, die so recht von ganzem Herzen helfen möchten, die sind immer arm und elend – wenigstens arm, wie ich, denn elend bin ich nicht – mir geht's recht wohl; aber dir, mein lieber Ker, was ist dir geschehn? Sprich mit mir, sag' mir alles und jedes – und am Helfenwollen soll's nicht fehlen, das weißt du. Aber was soll ich tun?« frug er ängstlich. Ker drückte ihm beide Hände. Und nun erzählte Ker erregt alles, was ihm in den letzten Tagen widerfahren war. Peter Fuhks war seinem Freunde aufmerksam gefolgt, weit mehr als aufmerksam, ganz hingebend. Peter Fuhks konnte zuhören, wenn ein anderer von sich sprach – ganz unselbstsüchtig zuhören. Einem Neuling im Leben scheint das nicht viel – ›zuhören‹! als wenn das helfen oder trösten könnte! zuhören! als wenn das irgend etwas bedeutete! Mit ganzer Seele, sich selbst vergessend, hörte Fuhks, 86 aufgehend in den andern, die eigene Machtlosigkeit verwünschend, ganz hilfebereit und opferbereit, ganz Mitgefühl. Solch einen Zuhörer hatte Ker. Was Wunder, daß er in der bösen Lage, in der er sich befand, zu diesem Freund gereist war. Unzählige Male fuhr sich Peter Fuhks über den Mund, mitfühlend, oder bedauernd, oder verächtlich, oder übereinstimmend, oder im edelsten Zorn, in der Erkenntnis, wie übel man seinem lieben Ker mitgespielt. Und er wußte nicht zu helfen, er wußte nicht. Ratlos hatte er in der ärmlichen Stube Umschau gehalten, seine Blicke hatten an dem eingesessenen, zerschlissenen Sofachen gehangen, dessen halbes Polster auf der Erde auflag. Die Blicke blieben an dem Büchergestell hängen, das er sich selbst aus einem Brett und Bindfaden zusammengeknüpft hatte; an den kahlen Rohrsesseln, dem Tisch mit grünem Wachstuch überzogen, an seinem wundervollen Bärenfell, das er mitsamt der Geige als einziges Besitztum aus dem Zusammensturz seines früheren Heims sich gerettet hatte. Und während seine Blicke auf dem Bärenfell ruhten, ging mit diesem eine Wandlung vor. Es war mit einem Male nicht mehr Peter Fuhksens Bärenfell – Fuhks hatte es seinem Ker soeben in seinen Gedanken feierlich geschenkt. Ker sollte es haben – sollte es mitnehmen. Das war das einzige, was er jetzt für ihn tun konnte. Ker wußte von dieser liebevollen Schenkung freilich noch nichts. Aber er hatte dennoch soeben das einzige wertvolle Eigentum eines armen Menschen erhalten. Fuhks saß vorgeneigt auf einem strohgeflochtenen Sessel. Sein straffes Haar fiel ihm wie immer, wenn er gebückt saß, in zusammenhängenden Strähnen über die Ohren. Und diese Ohren wurden bei jeder Gemütsbewegung rot, und wenn sein Gemüt bewegt war, hielt er sich immer gebückt. 87 Und jetzt war er tief bewegt und rotohrig und in sich zusammengesunken. Wenig Vertrauen erweckend für einen Menschen, der energisch handeln soll – der seinem Freund, wie Peter Fuhks es eben getan, versprochen hat, alles daran zu setzen, um eine schwere Sache durchzuführen. Während er sich mit aller Kraft und Liebe, ganz heiß im Gesicht, hineindachte, wie der arme Ker wieder zu dem Seinigen gelangen könnte, waren die Gedanken ihm sachte, unmerklich aus seiner freundlichen Seele entwischt und ihre eigenen Wege gegangen zu ihrer Erholung. Peter Fuhksens Gedanken also waren unversehens auf die von allen Lebendigen betretene Straße gelangt, die zum Ziele hat, die eigene Person, nur die eigene Person zu Glück und Wohlergehen, zur Erfüllung aller Wünsche zu führen. Peter Fuhks sah im Geiste ein paar Augen auf sich gerichtet, ach, unbeschreiblich schöne Augen. Über Peter Fuhksens Züge glitt es wie Sonnenschein, das Blut wallte ihm zum Herzen. Er stand auf und fuhr sich langsam mit der Hand über den Mund. »Ker,« sagte er, »wir kommen schon durch. Der Minister hat dir ja auch zu helfen versprochen.« Das sagte der gute Fuhks freundlich beschwichtigend, und wollte doch selbst nicht so recht daran glauben. »Er ist Freund von Sztipann Sztipannowitsch. Vergiß das nicht. – Leere Worte. – Nichts wie eine Falle – die Stellung und alles. – Und ich – ich gehe mit offenen Augen in die Falle!« »Aber warum denn?« »Ich kann nicht anders, ich habe schon zugesagt. Am 9. geht das Schiff. Noch zwei Tage. Ich hab mich verkauft.« Durch das offene Fenster klangen helle Stimmen und jugendliches Lachen. Peter Fuhks fuhr mit dem Kopfe in die 88 Höhe, so daß seine steifen Haarsträhnen die roten Ohren freiließen. Seine Augen, die am Munde des Freundes hingen, bekamen einen erschreckten Ausdruck. Er erhob sich und machte sich am Tische etwas zu tun. »Fuhks! Herr Fuhks! Fuhks!« klang es unter Lachen. – Fuhks, der gute Mensch, der seines eigenen Herzens Angst und Freude wie etwas Ungehöriges vor aller Welt Augen zu verbergen strebte, dem gerade standen seine Herzensempfindungen in für alle Welt leserlicher Schrift auf Stirn und Wangen, rote Flammen begannen zu glühen, die Ohren brannten, und da war kein Empfinden so rein und groß, so verschwiegen und heilig, wenn es sein Herz zu erregen begann, so glühten die Ohren. Und jetzt lachte und rief es unten wieder. »Was ist dir, Fuhks?« frug Ker. »Du,« sagte Fuhks, »das sind die Mädchen von Ahrensees, die wollen irgend etwas.« Er sagte es auf die gleichgültigste Weise von der Welt. – »Herr Fuhks!« rief es, »Fuhks« und kam die breite, dämmerige Treppe, die die Freunde herabgingen, herauf, langsam, zögernd. »Ja, das sind sie«, sagte Fuhks stotternd. Jetzt stand man sich gegenüber. Fuhks stellte ganz verwirrt seinen Freund den beiden Mädchen vor. Mathilde wendete sich an Ker und begrüßte ihn als alten Bekannten aus Jena. Ker war im ersten Augenblick betroffen, schien sich Mathildens nicht sogleich erinnern zu können, begrüßte sie aber sehr höflich. Kristine war etwas befangen und sagte nach einer Weile: »Wir kamen, weil wir dem Vetter Fuhks eine Freude machen wollten. Er wünscht so sehr, daß 89 Sie uns alle kennen lernen, da wollten wir Sie bitten, mit ihm zu uns zu kommen.« Über Fuhksens Gesicht ging ein wunderliches Leuchten, was er auf der dämmerigen Treppe, in der fast dunkeln Ecke, in die er gedrückt stand, ruhig strahlen ließ. Wie es ihm wohl war! Er hätte sich nichts Besseres wünschen können. Nicht seine kühnsten Träume wären auf dergleichen verfallen. Wie gehoben stand er jetzt neben seinem schönen Freund. Ja – ja, sein lieber Ker hatte sich doch nicht an einen ganz Unwürdigen gewendet. Ker mußte fühlen, daß Peter Fuhks hier geachtet wurde, daß er etwas galt. – Und wenn er das Mädchen erst kennen würde, das hierher kam, um ihm, dem armen unbeholfenen Fuhks, solch eine Freude zu bereiten! Ker aber schien weder die Freundlichkeit der Familie Ahrensee gegen seinen Freund noch das Mädchen zu beachten. Er war zerstreut und still und hatte nur mit einer zustimmenden Verbeugung auf die Einladung geantwortet. »Herr Fuhks, wenn Sie doch ein vernünftiges Boot besorgen könnten, da brauchten wir den staubigen Weg nicht zurückzugehen«, sagte Mathilde sehr unternehmend. Sie waren inzwischen aus dem alten Warenspeicher, in dem Fuhks sein Stübchen hatte, hinausgetreten. Die frische Seeluft begrüßte sie, die über das Gewühl der Schiffe und Boote im Hafen strich. Fuhks sagte mit einer an ihm unbekannten Bestimmtheit: »Freilich haben wir ein Boot, meinen Walfisch!« »Fuhks – Sie werden doch nicht? – lebt denn der Walfisch noch? Sie haben ihn doch als Brennholz gekauft, sagten Sie«, rief Kristine. »Ja, sagte ich!« erwiderte Fuhks mit einem Anflug von Übermut, der ihn fremd kleidete. »Er ist aber in gutem Stand jetzt. Lieber Ker, ein Boot für zwei Rubel, was 90 meinst du? – eine Schaluppe. Das Pech und Blech natürlich nicht mitgerechnet.« Ker erwiderte nichts. »Kommen Sie, bitte, kommen Sie!« rief Fuhks. »Oder warten Sie, ich bringe noch etwas!« und in großen Sätzen war er auf und davon und kam nach einer Weile mit seinem Bärenfell beladen zurück. Seine Freudigkeit und Lebhaftigkeit hatte etwas von einem kleinen Wagen an sich, der lange nicht geschmiert wurde und dessen Räder sich holprig um die trockenen Achsen drehen. Er führte seine Gäste durch einen düstern Hof, dann durch einen langen, kahlen Hausflur, durch ein Gärtchen, in dem ein paar Birken standen und Kohl gepflanzt war und Beerensträuche wuchsen, und über eine versandete Bleiche, auf der blaue Schürzen zum Trocknen lagen. Der Garten führte zum Hafen hinab, und an seinen Mauern plätscherte das Wasser. Allerlei Boote lagen hier angekettet. »Man hat mir gestattet,« sagte Fuhks, »meinen Walfisch hier aufzubewahren.« Die Mädchen lachten. Da lag der Walfisch, wahrhaftig eine Schaluppe, breit und lang, weitbauchig, so groß, daß man darin hätte tanzen können, ein schwerfälliges Ding, innen und außen dick mit Teer verstrichen und mit Blech vernagelt, geflickt wie ein alter Strumpf. Nur hier und da kam ein unverstrichenes Stück des vermorschten Eichenholzes zutage. »Ich habe ihn selbst hergerichtet, er ist ganz sicher«, sagte Fuhks mit Stolz und sah überglücklich und würdig aus. »Wir können ihn benutzen, ich vertrete es, was ich sage. Er ist auch ganz rein, er sieht nur schmutzig aus.« Peter Fuhks war wie vertauscht. 91 »Steigen Sie ein! Steigen Sie ein!« rief er lebenslustig und breitete sein Bärenfell im Walfisch aus. »Nie und nimmermehr!« rief Mathilde. »Ach geh,« meinte Kristine, »wenn Fuhks sagt, daß er sicher ist, so ist's gut. Natürlich fahren wir. Es liegt sich prächtig auf dem Bärenfell! Komm, Mathilde.« Mathilde ließ sich von Ker und Fuhks hineinhelfen und strauchelte, als sie auf der Bank stand, so daß Kristine sie lachend auffing. Fuhks trug an seiner Uhrschnur den Riesenschlüssel, der das Boot loslösen sollte. Es war aber eine beängstigende Operation, ehe dies zustande kam. Fuhksens Uhr schwebte besorgniserregend über dem Wasser, und seine Hände zitterten vor Erregung. »Ihre Uhr, Fuhks,« rief Kristine, »schauen Sie mal meinen Schlüssel an!« Sie zog ihn aus der Tasche und schüttelte damit, »der ist an einem Gummiball, sehen Sie! der kann nicht untersinken.« Fuhks und Ker holten unter den Bänken die Ruder vor. Das Boot ging leichter, als es sich vermuten ließ, und Kristine war sehr vergnügt, kümmerte sich um keinen der Insassen, hatte sich weit übergebogen, den Ärmel etwas zurückgestreift und ließ die Hand im Wasser nachziehen. Sie trug ein weißes Kleid, das sich ihrer Gestalt anschmiegte. In dem blonden Haar spielte der Wind, den Hut hatte sie abgelegt. Ker war vom Rudern endlich wachgerüttelt. Die Gegenwart hatte ihn erfaßt. Der Seewind trieb die düsteren, schweren Gedanken wie einen Traum auf den Grund seiner Seele zurück. Halb unbewußt blickte er auf die dem Wasser zugeneigte, von ihrem weißen Kleid behaglich umhüllte Gestalt. Wie angenehm es war, daß niemand sprach, daß die hübsche Gestalt sich nicht regte. 92 Ein kleines, unbedeutendes Zwischenspiel, das den schweren Ernst des Lebens für einige Augenblicke vergessen ließ. Der weiche Wind, der frische Wassergeruch, das sanfte Schlagen der Ruder, die schimmernden Wassertropfen, die Wirbel im Wasser von den Ruderschlägen und der Anblick des jungen Mädchens. Es war ihm, als läge etwas unaussprechlich Zartes in dem hingeneigten Geschöpfe, als koste ihre Hand mit dem Wasser, als schmeichelten die weichen Falten dem jungen Körper. Man hatte ihn beraubt, betrogen, das alles hatte ihn ganz unvorbereitet getroffen. Er war noch so jung. Seine Natur wollte sich mit aller Kraft von dem Verzerrten, Verworrenen, Wüsten abwenden; aber wohin wenden? »Wer steuert?« frug Kristine ohne aufzusehen. »Niemand«, erwiderte Fuhks gutgelaunt. »Steuer haben wir ja gar nicht.« »Da wird's schwer sein, zwischen den Blöcken durchzukommen.« Mathilde wurde unruhig: »Ist es gefährlich?« »Ja, aber wie werden wir landen? Der Walfisch geht zu tief.« »Oho«, lachte Peter Fuhks auf. Kristine blickte ihn forschend an. »Ich glaube,« sagte sie zu Ker gewendet, »Herr Fuhks ist sehr froh, daß wir Sie überredet haben, mit uns zu kommen.« Mittlerweile waren sie wieder ein gut Stück dem flachen Ufer zu gefahren, da gab es einen Ruck, es knirschte, und der Walfisch saß wirklich fest, und die Wellchen glucksten an seinen Planken. Kristine lachte. »Stoßt nur mit den Rudern, wir müssen zurück, da wird es vielleicht besser gehen! Aber ich glaube nicht.« 93 Das war leichter gesagt, Fuhks und Ker taten ihr möglichstes, um den Walfisch wieder flott zu machen – vergebens. »Was nun!« sagte Fuhks. »Da ist gar nichts zu machen.« Mathilde war außer sich. Ehe sie sich zu einer Rede recht besonnen, stand Ker im Wasser; er hatte die Schuhe ausgezogen, die Beinkleider aufgestreift und arbeitete so im flachen Wasser am Walfisch. Peter Fuhks folgte zaghaft und verlegen seinem Beispiel. »Es geht nicht – so nicht! Nutzt auch nichts! Das Ufer ist überall flach«, sagte Ker zu Kristine. »Bitte legen Sie mir den Arm um die Schulter!« Kristine tat es und er hob sie aus dem Boote. Fuhks blickte seinem Freunde erstaunt zu – und wenn sie in dem Boote hätten verhungern müssen, er hätte sich kaum dazu entschlossen, zu wagen, was sein Freund so ganz unauffällig, ohne jedes Bedenken tat: aber freilich, was sollte anderes geschehen? So mußte auch er sich ein Herz fassen und Mathilden hinübertragen. Ker hielt das schöne, heitere Mädchen fest und behutsam im Arm. »Bin ich schwer?« fragte sie leicht befangen. Es war ihm wunderlich zumute, dies fremde, warme, schöne Geschöpf so zu empfinden; war es doch, als wenn ihr ganzes Wesen ihn durchströmte. Er lächelte nachträglich über ihre Frage und schüttelte kaum merklich den Kopf, trug sie weit hinauf aufs Land. Dann ließ er sie auf den feinen, trockenen Sand niedergleiten, und wieder wie vorhin durchströmte es ihn übermächtig. Unterdessen war auch Peter Fuhks mit Mathilden auf das Trockene gelangt. Fuhks hatte beim Gehen sehr gespritzt 94 und Mathilden ungeschickt gehalten, da er nicht recht gewußt, wie er sich in solchen Fällen zu benehmen habe, und so war seine Last gehörig naß geworden; und um allem die Krone aufzusetzen, hatte er sie, statt auf den trockenen Boden, ein ganz klein wenig zu früh ins Wasser niedergelassen. Natürlich war dies nicht absichtlich, sondern aus reinster Verlegenheit geschehen, vielleicht auch, weil Mathilde sich gar zu tugendhaft spreizte. Der Walfisch wurde alsdann noch energisch heraufgezogen und verankert. Jetzt wanderten die vier, Mathilde ungnädig und mit durchnäßten Stiefelchen, Fuhks reuevoll und Kristine ganz ausgelassen, durch den Birkengarten. Das hohe, dichte Gras duftete, und die silberblinkenden Stämme standen wie darin versunken. »Wir sind gestrandet,« rief Kristine von weitem, »Mathilde ist ganz naß geworden!« Als sie vor dem Hause angelangt waren, begrüßte Frau Ahrensee, von der Veranda aus, ihre Gäste. »Nun, ist es euch gelungen?« rief sie den Eintretenden freundlich entgegen, »es freut mich, unseres Fuhksens Freund kennenzulernen. Fuhks sagt mir, daß Sie mir Grüße von meiner Tochter zu überbringen haben.« Jetzt erst dachte Ker daran, daß Kristine die Schwester der reizenden Frau des soignierten Professors sei, die er in Jena kennengelernt hatte. Er sprach mit Frau Ahrensee, konnte sich aber aus dem wunderbaren Traumzustand, in den er gesunken war, nicht befreien. Kristinens Vater trat ein. Ein heimisches, friedliches Behagen verbreitete sich. Sie sprachen über die bevorstehende Abreise nach Deutschland. Sie erbaten sich Rat, da Ker ja eben aus Deutschland kam. 95 Als man in bester Unterhaltung war, tat sich die Tür auf, und eine untersetzte, magere Person in wirrem Haar und aufgestreiften Ärmeln, in einer Schürze ohne Latz und im dunkeln Wollrock stolperte ins Zimmer. »Annuschka, was willst du?« frug Frau Ahrensee und blickte lächelnd, wie sich entschuldigend, auf Mathilde. Die Person kam näher, sie hatte wieder wie heut morgen das sehr rücksichtsvolle Vorhaben, zu schleichen und ging wie auf Stummeln. Sie näherte sich Ker und schaute ihn sich mit einer naiven Neugier an, stemmte die Arme in die Seiten und war ganz versunken in seinen Anblick – und, wie es schien, befriedigt. »Annuschka,« frug Frau Ahrensee, »willst du etwas?« »Katze-Teifel hier?« sagte diese und hob die Decke, die über einem Tisch hing, und benahm sich äußerst kaltblütig bei ihrer improvisierten oder wohlvorbereiteten Lüge. »Schäm' dich, Annuschka!« flüsterte Kristine ihr zu. »Kind ungezogen sein!« antwortete Annuschka in der Art, wie Dienerinnen einem ganz kleinen Mädchen zu antworten gewohnt sind. Man ließ sie gewähren. Sie suchte noch einige Zeit, ohne die mindeste Scheu oder Besserung zu verraten. Und zur Verstärkung, als Frau Ahrensee ihr ein nicht mißzuverstehendes Zeichen gemacht hatte, sich endlich zu entfernen, sagte sie: »Gut.« Dabei zuckte sie die Schultern, was wohl heißen mochte: ›Annuschka wäscht ihre Hände in Unschuld.‹ Als sie hinausstolperte, sagte sie laut und deutlich und erregte dadurch ein herzliches Gelächter: »Schönes Mensch – Schönes Mensch!« »Das ist unsere Annuschka!« sagte Frau Ahrensee. »Man hat sich an Annuschka so gewöhnt, Annuschka muß im Hause sein. Sie ginge auch nicht. Was sie hier treibt, weiß ich 96 wirklich nicht. Sie ist aber fest davon überzeugt, daß sie – ganz unentbehrlich ist. »Solche unnützen Geschöpfe, von denen man sich unmöglich befreien kann, hat man gottlob bei uns in Deutschland nicht«, sagte Mathilde reserviert. »Glaub's wohl«, meinte Heinrich Ahrensee. Es fanden sich jetzt noch einige Gäste ein. Der Diener meldete, daß serviert sei. Fuhks war es während dieses Abendessens so angenehm wie noch nie zumute. Er hörte seinen Ker eifrig sprechen – und sein Ker gefiel allen. Ihm war es, als breitete sich ein Nebelschleier allmählich über die Welt aus, und es war augenblicklich nur Peter Fuhks und die große Glückseligkeit von Peter Fuhks übriggeblieben und nur was auf Peter Fuhks Bezug hatte. Er sah Kristinens schönen, blonden Kopf neben sich, und Kristine hatte ihm heute die Freude gemacht, daß er seinen Freund hier haben konnte. Er beobachtete Kristinens Augen. Sie hat so wunderschöne Augen, dachte er wieder und sah diese Augen auf seinen Freund gerichtet – und freute sich. Ja, meinte er für sich, Peter Fuhks ist nicht so ein Elender wie du denkst. Er kann sich sehen lassen, es gibt Menschen – und was für Menschen! – die extra zu ihm her reisen, um ihn zu sehen – eigentlich, sagte er sich, gibt es nur einen einzigen Menschen, der dies tut – aber was für einen Menschen! Peter Fuhks erhob sich, nahm sein Glas mit sich, ging zu Ker und stieß mit diesem an. »Lieber Ker,« flüsterte er, »ich habe etwas des Guten zuviel getan, sieht man es mir an?« »Du?« frug Ker, »nein.« 97 »Desto besser!« sagte Fuhks, »mir ist es auch durchaus nicht unangenehm zumute. Ist es dir auch so wohl?« fragte er leise. Ker nickte lächelnd, und Fuhks bemerkte einen Ausdruck in seines Freundes Zügen, so weltvergessener Art – er hatte Ker wirklich noch nie so gesehen, wie diesen einen Augenblick. Fuhks ging wahrhaft selig auf seinen Platz zurück. – »Nun ›Freisel‹?« rief Mathilde unvermittelt und mit einem Anflug von Spott über den Tisch Kristinen zu, die still und aufmerksam Ker zuhörte, der mit ihrem Vater sprach. »Wissen Sie auch, was ›Freisel‹ bedeutet?« fragte Mathilde und wendete sich zu Ker. »Mathilde!« flüsterte Kristine erregt, »das ist verräterisch.« »Nun, was denn?« fragte Ker. Es war das erste Wort, das er während des Soupers an sie richtete, und er richtete es an sie in einer wundervollen Erregung. Kristine schüttelte leicht lächelnd den Kopf. »Ich will Ihnen etwas anderes sagen«, begann sie ein wenig verlegen, aber in vertrauensvollem Ton zu ihm geneigt. »Kennen Sie unser uraltes finnisches Epos?« »O je!« sagte Mathilde, die ihre Ohren überall hatte und überall dreinredete, »jetzt kommt sie mit ihrer Kylliki.« Und Kristine, die ihm nur die ersten Zeilen vorsagen wollte, kam durch Mathilde in Erregung und sprach lebhaft, ergriffen und unschuldig die Lieblingsstelle in ihrer Kylliki von Anfang bis Ende: »Haus und Hof und reiche Herden, Unermeßlich weite Wälder Gibt mein Vater mir zur Mitgift. 98 Ich bin reich und schön und acht' mich Einer Königstochter gleich. Ebenbürtig will ich meinen Gatten, Ebenbürtig meinem Reichtum, Meiner Klugheit ebenbürtig, Ebenbürtig meiner Schönheit, Ebenbürtig meinem jungen Leibe! Glaubst du, daß ich folgsam wie ein kleines Mädchen Diesen oder jenen nähme, Den mein Vater mir bestimmte? – Nimmermehr! und eher wollt' ich Mich mit eignem Haar erdrosseln; Oder, glaubst du, der bezwäng mich, Welcher, roher Kraft vertrauend, Raubend mich zum Weibe nähme? – Nimmermehr! – denn wie die Wölfin Bräche ich aus seinem Lager! Solchem aber, den ich selber wählte Aus der Schar der jungen Männer – – Barde und zugleich ein Krieger – Solchem wollt' ich willig folgen, Über Ströme, über weite Sümpfe, Über Seen, über hohe Berge, Barfuß, jeder Mühsal trotzend, Bis zum fernen, fernen Meere – – Sei's denn, daß er mich verstieße – Willig folgen bis zum Tode!« Jetzt schaute Kristine auf und fragte Ker: »Wer kann so etwas jetzt dichten?« Das hatte nun wieder Fuhks aufgefangen und sagte: »Weshalb nicht, auch der Ker kann das.« 99 Und Fuhks, der immer noch mitten in angenehm schwankenden Gedanken und Gefühlen steckte, tat etwas sehr Besonderes, was durchaus nicht zu dem Gebaren des guten Fuhks paßte: Er stand mit einem Male, ohne sich recht bewußt zu werden, wie es geschehen, hinter seinem eigenen Stuhl. Seine beiden Hände lagen ungeschickt auf der Lehne des Sessels, und er schaute auf diese Hände herab und grübelte. Aller Augen waren mit Erstaunen auf den bescheidenen Fuhks gerichtet. Und mit einem Male begann er ganz unvermittelt und mit einem unerwarteten Pathos und doch nicht ganz übel zu deklamieren: »Was ist es, das herauf von der Wüste steigt Wie eine Säule feurigen Rauchs, Und wälzt sich heran wie Staub Und wie eine Wolke über die Ebene, Myrrhe wehend und Opferduft?« Peter Fuhks ging es wie Kristine, er war von seiner Sache hingerissen und bemerkte die lächelnden Blicke nicht, die auf ihn gerichtet waren, und sprach weiter: »Wer ist sie, die hervorschimmert Wie die Morgenröte so schön, Schön wie der Mond, Wie Sonnenstrahlen so rein, Und glückselig wie die Heeresscharen Jehovas? Wer ist sie, die herauf von Jerusalem steigt, Aufgelehnt auf den Inniggeliebten? Mächtiger ist die Liebe als der Tod, Fest wie die Hölle, Unbezwinglich wie das Niederreich. 100 Wasserwogen löschen die Liebe nicht, Ströme ersticken sie nimmer, Ihre Gluten – Feuersgluten, Lodernde Flammen Jehovas.             Wahrlich! – Um Kronen nicht und nicht um Welten –             Liebe ist nimmer feil!« »Fuhks,« rief Ker lachend, »was fällt dir denn ein? Fuhks!« Da errötete Fuhks sehr tief und nahm wieder seinen Platz ein. Alle lachten; aber Kristine ärgerte sich, daß sie lachten. »Das war schön,« sagte sie zu Fuhks, »geht es noch weiter?« »Natürlich,« antwortete Fuhks, »das ist ja von Ker. Das ist ja aus Kers uraltem Judenlied. – Wissen Sie? das Hohe Lied der Liebe – Wissen Sie? – Sie glauben nicht, wie schön es ist.« »Fuhks! Fuhks!« sagte Ker wieder lachend zu ihm. »Was fällt dir denn eigentlich ein?« Fuhks aber richtete seine Worte weiter an Kristine und wendete sich, während er sprach, nach allen Seiten hin, als hielte er eine Predigt. »Ob es schön ist!« sagte er. »Das ist gewiß, ja, es ist schön; aber das ist noch nicht alles. Der Ker hat da eine Entdeckung gemacht, eine ganz merkwürdige Entdeckung.« Fuhks war ganz in Eifer geraten. »Zweihundertundvierzig bekannte hochgelehrte Herren, die alle das Judenlied haben ergründen wollen – nichts haben sie entdeckt. Ker aber hat gefunden, daß das Lied aus acht ganz gleichen Liedern besteht. Es hat einer wahrscheinlich einmal diese beinah gleichartigen Lieder 101 gesammelt, und mit der Zeit sind alle diese acht Lieder zusammengeschüttelt, alles durcheinander – immer von neuem alles durcheinander. Sie sollten einmal die Riesentabelle sehen, die daheim bei Ker hängt: da stehen die acht Lieder darauf nebeneinander geordnet – und es hat seine Richtigkeit . . . . Es braucht nur ein Mensch einen Blick auf diese Tabelle zu tun und er ist überzeugt. Kein Drama, keine Liedersammlung, sondern achtmal ein und dasselbe Lied, nur mit kleinen Variationen! Ganz offenbar, unwidersprechlich: achtmal dasselbe Lied! Nun aber sollten Sie hören, wie herrlich dies Hohe Lied ist – wie es jetzt mein Freund neu geschaffen hat. Ja, es ist ein Lied, ein Wunder von einem Lied – eigentlich kein Lied, sondern . . .« »Fuhks!« unterbrach Ker wieder lachend, »was für ein sonderbarer Missionar bist du? Glaubst du, weil das Judenlied uns beiden einmal so, in dieser Form gefiel, es ginge aller Welt so?« »Ja,« sagte Fuhks überzeugt, »ja, das glaub' ich. So gib es doch heraus, Ker! Veröffentliche es doch! Weshalb versteckst du es? Und denken Sie,« sagte Fuhks unbeirrt zu Kristine gewendet, »deutsch hat er's geschrieben. Er ist deutsch wie seine Mutter. Er ist im tiefsten Grund seiner Seele deutsch. – Jawohl.« Fuhksens Augen richteten sich kampfbereit auf Ker, als wenn er hoffte, daß sein Freund etwas gegen diese Behauptung einwenden würde. Ker aber schien dies alles peinlich zu sein. Er unterhielt sich mit seiner Nachbarin Mathilde, die, wie alle andern, außer Ahrensee und Kristine, auf Fuhksens Vortrag einigermaßen kühl und teilnahmlos gehört hatte. Was war dieser Fuhks für ein sonderbarer Heiliger! 102 »Daß ich es nicht vergesse,« fuhr er immer zu Kristine gewendet fort, »das ist eine merkwürdige Geschichte mit diesem Judenlied. Es ist nämlich gar kein Judenlied, sondern ein uralt indisches Lied, eine Hymne, und heißt: Yavana und Nurvady. Fragen Sie nur Ker, der weiß alles, der hat's herausgefunden – und reden Sie ihm zu, daß er's veröffentlicht. Er versteckt alles –« Er wendete sich jetzt leise eifrig zu Kristine: »Reden Sie ihm zu, daß er's tut. Er muß es tun, es ist notwendig für ihn.« »Weshalb lieben Sie die Verse, die Sie vorhin sprachen?« fragte Ker und bog sich zu Kristine hinüber. Kristine blickte fragend zu ihm hin. Weshalb sie diese Verse liebte, das wußte sie nicht recht zu sagen. »Sie sind nicht traurig,« meinte sie nach einer Weile, »auch nicht besonders heiter. Sie sind wie so ein frischer Wind, man wird lustig davon.« Sie sprach leise zu ihm hingewendet. Kers Augen ruhten auf ihr; alles Gute, alles Liebenswerte, alles Zärtliche und Frische schien ihm von diesem Geschöpf auszugehen. Und Kristine empfand es, wie seine Augen auf ihr ruhten! Es währte nicht lange, da erhob man sich vom Tisch und trat auf die Veranda hinaus. Der lange nordische Sommertag war noch kaum im Ersterben. Eine weiche Klarheit lag über der Gegend. Über dem Meer schimmerte es wie zarter Dunst. Der Vollmond stand am Himmel in bleicher Scheibe. Man trat von der Veranda hinaus in den Garten. Mathilde befand sich sofort an Kers Seite und bestürmte diesen mit allerlei wissenschaftlichen literarischen Fragen, versicherte, daß man hier in dieser 103 Einöde wahrhaft verdürstete und verhungerte nach geistiger Speise. Inzwischen hatte Fuhks sich Kristinen angeschlossen und wandelte mit ihr im Garten auf und nieder. Daß sie so still mit ihm ging, tat ihm wohl und war ihm wie eine langersehnte Erfüllung unbewußter Wünsche. Kristine erschien ihm wie eben in dieser weichen, hellen Nacht erblüht, so neu, als wäre sie wirklich eben erst entstanden. Sie kam ihm so jung wie nichts sonst auf der Welt vor. Er dachte über mancherlei nach, und nichts schien ihm unentweiht und frisch genug, um es mit ihr zu vergleichen. Ja, ohne Frage, er lebte den besten Tag seines Lebens. Nach langem Schweigen sagte er: »Der Ker sollte doch mit uns gehen, ich verstehe nicht, weshalb er nicht kommt. Ich wollte, Sie würden meinen Ker kennen!« Kristine antwortete nicht, sondern blickte ihn nur mit großen fragenden Augen an, in denen deutlich zu lesen stand: Red' weiter. Fuhks aber freute sich dieser schönen, von ihm so sehr geliebten Augen und verstand sie nicht. Die beiden Spaziergänger schienen jetzt völlig verstummt, Kristine hatte die Augen gesenkt – so tief, daß es aussah, als wandelte sie mit geschlossenen Lidern – und so trafen die beiden Schweigsamen auf einen dritten, gerade als sie am großen erratischen Block vorüberkamen, in dessen Nähe es Kristinen heut am frühesten Morgen im Nebel so beklommen zumute geworden war. Dieser Dritte wanderte auch ganz versunken, sah und hörte nicht, und wäre vielleicht an seinem Freund und dessen Gefährtin vorübergegangen, wäre Fuhks ihm nicht mit ausgebreiteten Armen entgegengetreten, in die auch Ker einlief, als in den sichersten Hafen, den sein Lebensschifflein bisher gefunden. Fuhksens Freund, Ker, blickte überrascht und erregt auf. 104 »Du wirst schon sehen, man verschnauft immer ein bißchen,« rief Fuhks seelenvergnügt, »das ist ja das Herrliche, mein Ker! – Du mußt das nur verstehen! Ja, dir ist's bisher zu gut gegangen, mein armer Ker. – Nun gehörst du zu uns Burschen, die du in deinem Zorn und deiner Ungeduld heut morgen gelästert hast. – – Ja, was meinst du denn, wir sind so elend nicht, wie du denkst – so dämlich sind wir nicht! Wohl lassen wir's uns sein bei jeder Gelegenheit, und zwar ganz anders wohl, als ihr Reichen es versteht – so aus voller Seele – weil nichts zu verlieren und wenig zu hoffen ist. – Aber wir machen's schon mit dir, – wart' nur! – du sollst nur eine kleine Weile zu uns verschlagen sein – wart' nur, wir machen's schon!« Ker lächelte. Seine Blicke ruhten, während Fuhks sprach, mit einem wahrhaft strahlenden Ausdruck auf Kristinen. »Mein Fuhks«, sagte er zu ihr gewendet, »ist heute so gutgelaunt, wie ich ihn noch nie sah.« »Unser Fuhks ist immer gut,« sagte Kristine, »auch immer gutgelaunt.« »Das sollten Sie nicht von mir sagen, Fräulein Kristine, das verdiene ich gewiß nicht. Ich weiß nicht, ich bin so ein gedankenloser Mensch – die bösen Dinge sehe ich auf Erden gar nicht – nur einzig allein die guten – da ist's kein Kunststück, bei Laune zu sein!« »Freilich,« sagte Ker, »darum bin ich auch zu ihm gekommen, um mir von ihm helfen zu lassen. Fuhks verliert den Mut nicht.« »Ja, wahrhaftig!« rief Fuhks mit einer komischen Lebhaftigkeit, »ehe ich etwas verloren gebe, das hat gute Weile – und gar zum Beispiel den liebsten, besten Menschen! Ho ho!« rief Fuhks mit einer Stimme, die so wenig seiner gewöhnlichen Stimmlage angepaßt war, daß er selbst ganz erschreckt die Gefährten anblickte – ihm war es, als hätte 105 er gebrüllt. Unbegreiflich, dachte Fuhks, wie ich so viel Wein habe trinken können. So bemerkte Fuhks in seiner wunderlichen Stimmung nicht, daß neben ihm zwei junge Herzen, die besten, liebsten Herzen, die er auf Erden kannte, in ahnungsvoller, banger Seligkeit sich einander im Gespräche, in Lächeln und Schweigen, zuneigten. Er bemerkte nicht das wundervolle Strahlen der Augen, das nur in erster unschuldigster Jugend in heiligsten Stunden auf dem Antlitz der Menschen liegt. Die weiche Dämmerung verhüllte es ihm vollends, und die wenigen Worte, die gewechselt wurden, trugen kein Zeichen an sich von dem uralten Wunder, das sich in zwei Seelen vollzogen hatte, ja diese beiden Menschen selbst ahnten nicht, daß sie schon vereinigt waren, und jedes von ihnen fürchtete, während eins ganz in das Wesen des andern versenkt war, daß es allein nur diese ahnungsvolle Seligkeit empfände. Wenn er sie anredete, so durchzitterte es sie; wenn er die Augen auf sie richtete, wollte ihr das Herz in der Brust zerspringen; als er neben ihr ging und wie zufällig seine Hand die ihrige streifte, war's ihr, als hätte ein Feuer sie getroffen. Jetzt langten die drei am Hause wieder an und kamen dazu, wie die Gäste sich empfahlen. Fuhks, der es natürlich in der Ordnung fand, daß auch sie beide nun gingen, nahm einen sehr formvollen Abschied von der Frau des Hauses, und diese lud beide Freunde auf das liebenswürdigste ein, zu kommen, wann es ihnen gefiele. Als Fuhks und Ker miteinander der See zugingen, um den Walfisch wieder flott zur Abfahrt zu machen, schaute die Familie Ahrensee den beiden jungen Menschen freundlich nach. »Höre, mein lieber Ker, was meinst du, wie es mir hier ergeht?« fragte Fuhks. »Ach, wollte Gott, du hättest Grund, so ruhig und zufrieden wie ich zu sein.« 106 Jetzt standen sie miteinander vor einer jungen Birke. Peter Fuhks blieb vor dem kräftig zarten Bäumchen stehen, dessen schlanker Stamm wie reines Silber durch das frische Grün glänzte, und sagte langsam: »Siehst du, mein Ker, als ich heute mit Kristine auf und nieder ging, dachte ich: So jung, so frisch, wie eben erst erstanden, kenne ich nichts, wie Kristine. Ich dachte nach, ob mir doch etwas beifallen möchte, was ihr gliche, ich kam aber auf nichts. – Jetzt, wie ich diese Birke sehe, ist mir's, als hätt' ich's gefunden. Sie gleichen einander – du mußt mich nicht auslachen – ich meine wirklich. –« Fuhks machte sich eifrig zurecht, um zu seinem Walfisch zu waten, um dessen Schicksal er heut abend ein paarmal Sorge empfunden hatte und den er jetzt mit großer Freude wohlbehalten vor sich liegen sah. Ker ging nachlässig, scheinbar ziellos ein Stück Wegs zurück, ohne daß Fuhks in seinem Eifer dessen gewahr wurde. – In der Nähe der schönen, jungen Birke wurden seine Schritte hastiger. – Er stürzte vor dieser Birke auf die Knie, preßte das frische, duftende, feuchte Laub leidenschaftlich an seine Lippen, vergrub seine Stirn darin – einen Augenblick, und mit klopfendem Herzen erhob er sich wieder. Das Laub schien gelebt, duftig geatmet, empfunden zu haben. In wahrer Hast beeilte er sich, Fuhksen, der sich am Walfisch abarbeitete und nichts hörte und sah, beizustehen. Sie ließen aber bald ab davon, das Wasser war gefallen, das unförmliche Boot so festgerannt, daß es ruhig liegen bleiben konnte. So gingen sie miteinander nach Fuhksens Turm und ließen auch das Bärenfell im Walfisch liegen. Als sie in Fuhksens Behausung angelangt waren, bereitete Fuhks seinem Freund aus Decken und seinen eigenen Kissen und allem Möglichen und Unmöglichen ein Lager mit solchem Eifer und solcher Hingebung, daß es undenkbar war, 107 dem guten Menschen irgendwie Einhalt zu tun. Er ruhte auch nicht, bis sein Freund sich sogleich zur Ruhe legte, und freute sich, als sein armer Ker bald in einen tiefen Schlaf verfiel, dann streckte auch er sich zufrieden und glücklich auf dem Sofa aus und war im Handumdrehen aus der ihm so lieben bewußten Gegenwart in eine andere, unbewußte Welt entrückt. 108   Viertes Kapitel Man sprach von Kers Abreise in dem ruhigen Ton, mit dem man von der Abreise eines Gastes spricht, der für wenige Tage vorübergehend im Hause sich aufhält. Kristine aber blickte hilfesuchend zu ihrem Vater, ging zu ihm, schmiegte sich an seine Brust, und hielt ihn angstvoll umschlungen. Da frug er sie lächelnd: »Was ist dir, mein Herz?« Sie antwortete nicht. »Wenn du heut abend Lust hast, komm' ich in dein Zimmer, und du singst mir deine neuen Lieder vor. Gestern wolltest du es, und da haben wir es beide vergessen.« Kristine nickte ihm zu und lächelte; aber ihr Lächeln verriet, wie tief bewegt sie war. Ahrensee sah ihr, als sie von ihm gegangen war, sorgenvoll nach. Er dachte: was für ein zartes, bewegliches Herz hat meine kleine Kristel. »Armes Kind!« und er hörte sie im Geist ihr Kylliki singen. »Wie sie alles erfaßt! Was hat sie an dem närrischen Lied? Wenn man so ein Engelskind behalten und mitnehmen könnte.« Fuhks, dem mehr als allen anderen Kristinens Verstummen aufgefallen war, wanderte mit Ker im Garten auf und nieder, bis sie auf Kristine trafen. Und Ker faßt Kristinens Hand und sagt: »Morgen früh geht das Schiff. Wer weiß, ob wir uns wiedersehen.« Kristine sieht ihn traurig fragend an, darauf trennt man sich wieder, und Fuhks schüttelt im Weitergehen den Kopf und wendet sich zu Ker. »Nun möcht' ich wissen, Ker, was das bedeutet?« 109   Am Abend gingen Kristine und ihr Vater miteinander die uns wohlbekannte, teppichbelegte Treppe hinab, über deren niedere, breite Stufen es sich so behaglich schreiten ließ. In Kristinens Zimmer angelangt, lehnte sich Ahrensee dicht am Flügel in einen Sessel zurück, und Kristine setzte sich. Ohne ein Wort zu reden fing sie leise zu spielen und noch leiser zu singen an. »Werde du mir nur kein trauriger Narr, Kristel. Es ist bös, dies ewige Kranksein, ich fühl's, ich werde mürrisch und alt – alt – alt – und da mußt du mir helfen. Ich lebe von deiner Heiterkeit. Was war dir denn heute, mein Kind?« »Nichts!« rief Kristel lebhaft und flog ihrem Vater um den Hals. – »Nichts – gar nichts«, rief sie noch einmal leidenschaftlich und innig – machte sich von ihm los, so aber, daß ihre Hände noch auf seinen Schultern lagen und blickte ihm in die Augen. Da kam er ihr in Wahrheit krank und abgemagert, leidend und alt – alt vor, daß ein unsagbares Weh sie ergriff. – Seine Bitte, ihm zu helfen, ihn zu erheitern, durchschnitt ihr das Herz. Zum erstenmal erschien ihr ihr Vater, der für sie nichts war als eben »ihr Vater« und mit niemandem anders vergleichbar, als alternder, kranker, armer Mensch, wie deren ungezählte in der Welt umherlaufen. Das war ihr so über alles Maß bejammernswert, daß sie ihn in die Arme schloß, schützend wie eine Mutter ihr armes Kind, und als sie wieder sprach, da waren es Worte der zartesten, schmerzlich bewegtesten Liebe, die trösten wollten, die Hoffnung und alles Gute, was das Schicksal bietet, so überreichlich aufdrängten, wie nur ein unschuldiges, junges Menschenherz Worte findet, das noch wähnt, mit seiner Liebe könnte es Berge versetzen und das Schicksal bezwingen. Und Heinrich Ahrensee unterbrach seinen Liebling nicht; er hörte auf ihre süßen Liebes- und Hoffnungsworte, wie ein Schwerkranker den weichen, 110 ersten Frühlingsstürmen lauscht, die an ihm vorüberziehen. Nicht lange, da gingen sie beide in das Familienzimmer, und beide wußten einmal wieder, was sie aneinander hatten.   Fuhks war mit seinem Freunde Ker eine Stunde am Abend noch dagewesen, um Abschied zu nehmen. Ker und Kristine hatten sich die Hand gereicht und stumm Lebewohl gesagt. Ker hatte ihr eine kleine grünsaffiane Mappe gegeben und ihr gesagt: »Behalten Sie es. Heben Sie mir's auf.« Und Kristine wußte, das war das Hohe Lied der Liebe, und hielt es zaghaft in den Händen. So kam sie am späten Abend mit weichem Herzen in ihr stilles Zimmer zurück. Alle im Haus waren zur Ruhe gegangen. Die Flügeltür, die von ihrem Zimmer auf die Veranda hinausführte, stand weit geöffnet, und die helle Nordlandsnacht drang weich und feucht in den dämmernden, heimischen Raum. Kristine lehnte sich in die offene Tür und schaute hinaus in den Garten. – Derselbe starke Seenebel wie vor wenigen Tagen lag wieder über Wiborg, dem ganzen Lande, den zarten Birken, den mit grauem Moos überwucherten Irrblöcken, den Wacholderbüschen, dem feuchten, duftenden Gras, dem Meere. Kristine schlug die grüne Mappe mit bebenden Händen auf, blätterte darin und blickte auf die Schriftzüge. Da wurde es ihr so weit und weh ums Herz. – Er war ihr so nah und so fern zu gleicher Zeit. – Ihre Seele kam ihr so groß, so unendlich vor und erfüllt von einem ungekannten Leben. Sie preßte die kleine Faust fest auf ihr Herz, als wollte sie es zurückhalten, so zu fühlen. Ihre Blicke aber suchten in Kers Schriftzügen. 111 O, wer es mir doch gewähren könnte, Daß du mein Bruder seist, Genährt an der gleichen Mutterbrust; Daß ich dich küssen dürfte, Träf ich dich draußen, Und niemand höhnte mich darum. Dann brächt' ich dich, ich führte dich In meiner Mutter Haus. Dort füllen Edelfrüchte unsere Hürden, Alte und neue, Geliebter, für dich; Du lehrtest mich – ich labte dich Mit dem Safte der Granate Und mit würzigem Wein. O, wer es mir doch gewähren könnte, Daß du mein Bruder seist. Sie trat auf die Veranda hinaus, schlang die Arme um eine der Stützen, die das Dach des kleinen Vorbaues trugen, und versank so in Träumerei, in ein Meer banger Weltvergessenheit, in das vor ihr schon ungezählte Tausende und aber Tausende in schimmernder Nacht gesunken waren, solange die alte Welt steht. So stand Kristine und blickte mit übervollem Herzen und Tränen in den Augen hinaus in den Nebel. Da schien es ihr, als tauchte eine dunkle Gestalt auf – und wie ein Wunder war es ihr –, sie wußte, daß sie die Gestalt, die sie ahnte, kannte, bis in die innerste Seele schauervoll empfand, daß diese Gestalt die Augen auf sie gerichtet hatte. Wie Feuer durchrann es sie. Einen Jubelschrei hielten die jungen Lippen zurück. Sie stand und regte sich nicht – und doch, ohne daß sie es wußte, lösten sich ihre Arme von dem Holzwerk, das sie umschlungen hatten, und preßten sich gefaltet ihr aufs Herz. »Herr, mein guter Gott«, flüsterte sie wie unbewußt. 112 Und jetzt schlug ein Ton an ihr Ohr – ihr Name, ihr eigener unschuldiger Name! Daß er aber jetzt ausgesprochen wurde – und von ihm – das schien ihr wunderbarer als Sonne, Mond und Sterne – und der Jubelton, den vorhin die Lippen noch zurückgehalten, drang ihr aus dem Herzen wie der erste Ton der aufsteigenden Lerche im Frühjahr. – Da war es ihr, als wollte eine ganze Welt sich ihr ans Herz drängen. – Wie im Todesschreck hält sie die Arme vor sich ausgestreckt und fühlt ihre Hände erfaßt und heiße Lippen, die sich darauf pressen, fühlt sich hingezogen und ihr Haar berührt von einer hastigen Hand. Und als sie aufseufzen will im Drange der übergroßen Bewegung, da ist ihr Mund von Küssen geschlossen. Es vergehen ihr die Sinne, und wieder versinkt alles, was sie je erlebt, jede Stunde, jede Minute, jede Erinnerung in diesem Augenblick in den tiefen, leuchtenden Nebel, der beide umgibt. »Meine weiße Kristine!« ruft Ker außer sich. »Liebst du mich?« Er flüstert in Erregung, die ihm die Stimme und die Sinne raubt, die über ihm zusammenschlägt wie die Meereswellen über dem Ertrinkenden. Das junge Geschöpf lächelt wie im Traum, erbebt unter den Küssen. »Nun küsse mich auch! – küss' mich!« Und Kristine schlingt die Arme um ihn und küßt ihn lang und innig und voll seligen Vertrauens auf den Mund. »Nun gehören wir wahrhaftig zueinander. Ich bin dein und du bist mein!« sagt sie. So halten sie einander fest umschlungen, und der helle Nebel sinkt dichter und dichter auf die stille Erde herab, verbirgt alles und jedes, und die beiden stehen in dem wogenden 113 Dunste, als ständen sie auf dem Meeresboden, tief unter den Wellen ganz allein und flüsterten. »Sag' mir,« fragt Kristine, weshalb bist du denn so gequält hierher gekommen?« »Ich bin arm, ganz arm geworden.« »Nun, was tut das?« Und nun fließt seine schwere Erregung in ihre Seele über. Sie hört mit großen, weit offenen Augen von dem Treiben der Menschen, von ihrer Ungerechtigkeit, von ihrem Hasten nach Glück und Wohlleben – und von großem Unrecht. »Und das alles hat man dir getan!« rief sie zitternd und liegt in seinen Armen und ist ganz Begeisterung und Innigkeit. »Nun bist du aber schon nicht mehr verlassen. Nun helfen wir dir, mein Vater und ich! Nun gehörst du zu uns! Mein Vater ist wahrhaftig gut – und ist auch reich. Du hast nun wieder, was dir gehört.« »Laß das!« sagt er hart. »Glaubst du, daß ich mich beschimpft in deine Familie eindrängen will? Ich will kämpfen auf Tod und Leben! Dann stehen wir zueinander – dann kommt das Glück!« Ein leiser Seufzer entringt sich dem ganz in Liebe versunkenen Geschöpf. »Ich steh' dir bei bis zum Tod«, sagt sie leise. »Verzeih mir! Verzeih mir!« ruft er erschüttert und preßt sie an sich. »Du bist mein!« Und er hebt die weiche, weiße Gestalt auf seinen Arm. »So trug ich dich schon einmal – so hast du mir's angetan!« »O du! – du!« flüsterte sie verwirrt in träumerischer junger Leidenschaft. Kristinens und Kers Haar ist feucht, an Wangen und Stirn legt sich ihnen der Nebel. 114 Jetzt bleibt Ker stehen und schöpft tief Atem. Kristine gleitet zur Erde hinab und fragt leise, von diesen Augenblicken ganz verwirrt: »Wo sind wir nun eigentlich?« und schmiegt sich fest an ihn; befangen, ohne ihn loszulassen, schaut sie um sich. Eng aneinandergepreßt gehen sie, als wollten sie zu einem Körper verschmelzen. In junger, großer Leidenschaft suchen sich ihre Hände und krampfen sich selig verzweifelt ineinander. Ihre Blicke suchen sich. Alles drängt zueinander brennend in vollen Flammen – der nahe drohende Abschied – das Entsetzen, sich so bald verlieren zu müssen – das ungeheure, schwindelerregende Glück der Nähe. Dies wogende Seligkeit, die Himmel und Erde verschmilzt, di Körper zu Seele und Seele zu Körper gestaltet; die Feuerzärtlichkeit, die Berührungen zu leuchtenden Flamme macht! Zwei, die schwer und jauchzend an dem hochheiligen Wunder tragen, gehen dem in großen Zügen atmenden nächtlichen Meere zu. Jetzt liegt es vor ihnen, schimmert silbern durch weiße Schleier. Die Luft jubelt ihnen! Das Wasser jauchzt ihnen! Ihr Blut singt ihnen in den Adern. Hochheilige Hochnacht der jungen Körper, der jungen Seelen! Ein dunkler, formloser Fleck liegt auf den Wellen, ganz nah' dem Strande, von Dunst fast ganz verhüllt, vielleicht ein Boot, vielleicht ein angeschwemmter Baumstamm – Fuhksens Walfisch. Ker umfaßt das weiße bebende Mädchen. Die frischen Wellen spülen in weiten Bogen zum flachen Ufer hin. Er hält Kristine umklammert in wilder, starker Leidenschaft. 115 Sie sind so göttlich einsam – und haben alles vergessen! Wasser, Nebel und Nacht sind auf der Welt – und sie selbst – sonst nichts. – Sie sind die einzige Macht. Die beiden verwirrten, jungen Geschöpfe hat der weiße Dunst ganz in sich aufgenommen. Kein Auge der Welt folgt ihnen – das Schicksal allein, dem wir nie und nirgends entrinnen, und wollten wir uns in den Himmelsräumen und in dem Schoß der Erde verbergen.   Der Fink schlägt leise, halb im Traume, und seine Freunde und Nachbarn antworten. Aber sie erwachen heut alle nicht zu warmem Sonnenschein, es troff ihnen gegen Morgen auf das Gefieder, es troff auf die Tannen und Birken. Der Nebel, der seit drei Tagen des Nachts über der See gelegen, hatte jetzt Regen gebracht, grauen Landregen, der fein, sprühend, eben niederzusinken begann. Einmal schien es, als ob die Sonne sich durchkämpfen wollte, es blitzte hin und wieder auf und glänzte in frischem Grün, aber die Wolkenmassen auf der weiten See schoben sich mehr und mehr zusammen. Unter den Birken und Tannen, nahe am Haus, steht eine weiße Gestalt. Der Regen rieselt auf sie nieder. Sie steht still und unbeweglich und schaut auf das Haus, in dem noch alle in tiefem Schlummer liegen. Jetzt geht sie langsam vorwärts. Groß, offen stehen ihre Augen im bleichen Gesicht, wie ins Leere starrend, wie auf eine Schuld starrend, auf etwas unbegreiflich Geschehenes – auf etwas Rätselhaftes. Das sind die armen, betroffenen Augen des jungen Weibes, die das große Opfer brachte, das sie im Taumel sinnverwirrenden ersten Liebesleides brachte. Das sind die Augen, 116 die so vernichtet blicken – und voll glimmenden Lebens – so umgewandelt. Die paar Stufen zur Veranda steigt die müde Gestalt langsam hinan, geht ebenso gleichmäßig langsam in ihr Zimmer zu ihrem Bett, fällt davor nieder auf die Knie und sinkt mit dem Kopf auf die Decke. So bleibt sie unbeweglich. Draußen rieselt der Regen stark und gleichmäßig nieder, schwere große Tropfen fallen vom Dach der Veranda, die Tür steht noch immer auf, Regenluft, graues Licht dringt ein, und ein feuchter Morgenwind streicht an der Türe vorüber. – Jetzt hebt sie ihren Kopf vom Bett in die Höhe, schaut um sich wie nach einem langen, schweren Schlaf, und ein seltsamer Schmerzenszug hat sich um den jungen Mund gegraben. Ohne sich zu erheben, auf den Knien, kehrt sie sich dem Fenster zu, die Hände preßt sie gefaltet auf die Brust und spricht langsam und matt: »Du bist so gut – Sonne und Mond, die ganze Welt, und die Menschen, und Glück und Leid hast du geschaffen, und Jesus Christus hat sich für uns geopfert. Und alles kannst du – und nichts ist dir unmöglich. Daß die letzten Stunden ein Traum waren – das allein – ganz allein – hörst du, mein Gott!« – Ihre Stimme zitterte, und Tränen drangen in die groß offenen Augen. Sie flüsterte leidenschaftlich: »Und ich vertrau' – ich schwöre dir's – ich verspreche dir's – ich werde nicht ein einziges Mal traurig sein – ich schwöre dir's – ich werd' mich nicht sehnen. – Kein Mensch soll's ahnen, ich will froh sein – und alle im Haus froh machen und allen helfen – helfen.« – Sie blieb noch lange auf den Knien liegen und blickte hinauf in den grauen Regenhimmel, in dem sie ihren Gott zu finden glaubte. – 117 Dann stand sie auf – das Schwere, Langsame in ihren Bewegungen war etwas von ihr gewichen. – Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, richtete sich fest auf: »Kein Schmerz – kein Hoffen – nichts« – sagte sie ruhig. Darauf ging sie, schloß die Tür, entkleidete sich und legte sich zur Ruhe. Und matt und müde mußte sie sein, denn bald sanken die Lider zu, und statt des schmerzlich verwirrten Ausdruckes in ihren Zügen trat auf diese Züge ein träumerisch bräutliches Lächeln, und im Hinsinken zum unbewußten Schlaf kam Glückesausdruck zutage, ruhte auf dem schlafenden Gesicht und wurde von keinem Gedanken, keiner Verwirrung mehr verscheucht. Als sie nach wenigen Stunden erwachte, konnte sie nicht mehr ruhig liegen bleiben, trotz früher Morgenstunde. Sie erhob sich, kleidete sich langsam an. Ihre Bewegungen waren ruhig, so völlig anders, wie an jenem Morgen, als sie an das Fenster trat und den Nebel sah.   Sie geht die Treppe hinauf, nach dem Familienzimmer, wendet sich im Gehen unversehens um und gewahrt Annuschka, die den Kopf zwischen die ein wenig geöffnete Haustür gesteckt hat und ihn so genau in die schmale Lücke eingepreßt hält, daß es den Anschein hat, als wollte sie ihn wie eine Nuß zerknacken. Jetzt zieht sie den Kopf ein, schüttelt ihn und sagt zu sich selbst: »Schönes Mensch da steht – fremdes Mensch.« – Kristinens Hände fahren zum Herzen, sie steht starr und unbeweglich. Annuschkas Kopf zwängt sich wieder in die enge Türspalte, zieht sich wieder zurück: »Fremdes Mensch draußen, will was – fremdes Mensch im Regen.« 118 Jetzt gewahrt Annuschka Kristinen. »Kind,« ruft sie und winkt ihr, »Kind sehen, was fremdes Mensch will – Kind!« Kristine kommt die Stufen wieder herab, wie im Traum und bleich. – Annuschka öffnet die Tür, und Kristine tritt hinaus – da – wandelt eine Gestalt im dichten Regen ihr ganz nah. Ihr dunkelt's vor den Augen, ein namenloser Schmerz dringt ihr zum Herzen. Die Gestalt kommt auf sie zu. Da hebt Kristine beide Arme in die Höhe – und wie zu Tode getroffen, alles vergessend, ruft sie: »Bleib! bleib!« und stürzt ihm entgegen. – Ein Schreck fährt ihr durch die Glieder – sie starrt die Gestalt an, die jetzt vor ihr steht, ebenso bleich fast wie sie, mit einem ebensolch mächtigen Schreck in den Zügen. Er ist es nicht! – Fuhks ist's, in Kers triefenden Regenmantel gehüllt. Fuhks hat einen Brief für Kristinen in der Hand; aber er kann die Hand nicht regen. Und keins kann ein Wort hervorbringen, und beide gehen auseinander. Kristine rettet sich, von Schmerz und Qual bedrängt, in ihr Zimmer zurück, schließt sich ein und wirft sich auf die Erde. Und Fuhks geht mit langen Schritten weiter, hinunter zu den Birken, von denen aus man den Strand und das Meer sieht. Da lehnt er den Kopf an einen nassen Birkenstamm und weint. In weiter Ferne zieht über dem Meer ein dunkler Streifen Rauch am Horizonte hin – als letzter Gruß. In Fuhksens Herz drängt sich ein bitteres, bitteres Gefühl ein, etwas wie Haß will sich in diesem Herzen einnisten. Da 119 aber wird's ihm so jämmerlich zumute – so angst – so gottverlassen. Welchen Morgen hat er hinter sich, welche bange Nacht! Und wie ist sein Ker abgereist! – bleich – verstört – gehetzt; er wollte nicht – und doch war's nicht anders möglich – und wollte zurückkehren – von Kopenhagen, schwor's und beteuerte es, wollte arbeiten, kämpfen – Unmögliches möglich machen, war voller Pläne – voller Hoffnungen – wie im Fieber. Fuhks hat ihm tausendmal versprochen, seine Sache zu führen, und Ker hat darüber gelacht und doch ihm in Hast und Qual immer wieder von neuem alles klargelegt, ihn in alles eingeweiht und gebeten – gebeten – zu helfen, wie er könne. Er hat ihm Geld aufgedrängt für alle Fälle – Fuhks fühlt die Brieftasche seines Freundes, sein Herz schlägt dagegen. Und unser Fuhks sieht jetzt im Geiste das erregte, bleiche Gesicht seines Ker, wie sich dieser über ihn gebeugt hat, als er, Fuhks, schon die Schiffstreppe wieder herabging, und wie Ker ihm einen Brief in die Hand gedrückt – ›gleich – aber gleich‹, hatte er dazu geflüstert und ihm seinen eigenen Regenmantel um die Schultern geworfen. – Und dann war Ker verschwunden – Fuhks hat ihn nicht wiedergesehen – und das Bärenfell, das er dem Ker nicht mitgegeben – das Bärenfell lag noch im Walfisch – und der Brief? den hält Fuhks in der Hand auf die Brust gepreßt – er hat ihn nicht abgegeben – hat es nicht gekonnt – und steht immer noch mit dem Kopf an den nassen Birkenstamm gestützt – und sieht den dunkeln Rauchstreifen am Horizont vergehen. So enden schöne Tage auf Erden. 120   Drittes Buch Erstes Kapitel Herr und Frau Professor Henneberg lebten so, wie es nicht anders zu erwarten stand, machten ihre Visiten, wurden eingeladen und gaben hin und wieder ein vortreffliches Diner, taten alles, was mit der allgemeinen Meinung in vollkommenem Einklang stand, waren in jeder Beziehung musterhaft vornehm, unauffällig und gediegen. – Sie hätten auf einer Ausstellung, welche die Entwickelung der Menschheit vom rohen Wilden bis zur kultiviertesten, zivilisiertesten Menschenspezies zu zeigen sich die Aufgabe gestellt hätte, diese letzte Stufe samt ihrer Villa mit gutem Gewissen vertreten können und wären sicher gewesen, von der strengsten Jury einstimmig prämiiert zu werden. Alles war in bester Ordnung. Trotz alledem aber sollte auch hier in der Villa ein Ereignis eintreten, das den Frieden stören mußte. Das erste Kind wurde erwartet. Alles war auch in dieser Zeit durchaus comme il faut , die Toiletten wie die Erscheinung der jungen Frau, die Einteilung ihres Tages, ihre Ausfahrten und Spaziergänge, ihre Diät, ihre Beschäftigungen, der Trousseau des künftigen Weltbürgers, alles und jedes. Professor Henneberg verzieh seiner Frau gern eine mehr oder weniger leichte Gereiztheit, die hin und wieder hervorbrach und die er verständnisvoll ihrem Zustand zuschrieb und als völlig in der Ordnung empfand. – Man muß der Natur ihre Rechte belassen, oder: alles verstehen heißt alles verzeihen. 121 Er war vollkommen damit einverstanden, daß seine Frau Mutter und Schwester zu dieser Zeit erwartete, weniger, daß auch sein Schwiegervater, mit dem er sich nicht besonders stand, die beiden begleitete, ein kränklicher Mensch, der hier in Jena einen Spezialisten konsultieren wollte. Die Mutter sollte im Hause der Tochter wohnen – für Vater und Schwester war eine Wohnung in einem nahen Hause gemietet worden. – So war alles zum Empfang der Gäste geordnet; und als der Tag kam, der die Erwarteten bringen sollte, machte sich Herr Professor Henneberg auf, seine Verwandten auf dem Bahnhof zu empfangen. Er verabschiedete sich von seiner Frau und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn.   Als die Verwandten Professor Hennebergs sich anschickten, das Kupee zu verlassen, half er seiner Schwiegermutter höflich und herzlich beim Aussteigen und drückte ihr einen Kuß auf die Hand. »Und Olga? Olga?«, fragte diese bestürzt, »warum ist sie nicht hier? sie ist doch wohl?« »Vollkommen – ausgezeichnet. – Wir sind augenblicklich bei ihr.« Jetzt begrüßte er seine Schwägerin Kristine und seinen Schwiegervater, der sich auf Kristine stützte. »Du bist etwas von der Reise ermüdet, lieber Papa,« sagte Professor Henneberg, »nun, das wird sich hier in der schönen Luft bald geben.« So führte er die Gäste seinem Wagen zu, sah mit Wohlgefallen auf die Schwägerin, die sich, seit er sie nicht gesehen, vom wilden Kinde zum jungen Mädchen entwickelt hatte, begrüßte Ahrensees Reisegefährtin, Mathilde Swensen, die sich in Wiedersehensfreude in die Arme einer mageren, gelben, kleinen Dame gestürzt hatte, an deren Kleiderrock ein schreiender, dickköpfiger Junge hing, dem die Strümpfe von den Beinen gerutscht waren. 122 Nachdem die beiden Damen nach der freudigen Umarmung Luft geschöpft hatten, stürzte Mathilde Swensen, an der Hand ihrer Freundin, die den schreienden Jungen nachzog, mitten unter die Ahrensees. »Das ist meine Freundin, Frau Professor Majunke, von der ich euch so viel gesprochen habe – und das sind meine Verwandten aus Finnland.« Damit war die zwanglose freudige Vorstellung erledigt. Frau Ahrensee reichte Frau Professor Majunke ihre Hand, die ihrerseits diese Höflichkeit erwiderte und sich durchaus nicht dadurch bedrückt fühlte, daß ihre Hand in einem etwas fragwürdigen schwarzen Handschuh steckte, dessen Finger wie die Schalen von aufgesprungenen Bohnenschoten auseinanderklafften. »Nun,« rief Frau Majunke laut, um ihren schreienden Sprößling zu übertäuben, »wir werden uns ja wohl öfters sehen, da Herr Gemahl und Fräulein Tochter in unserem Hause gemietet haben – ein altes Haus – aber oben bei Ihnen recht hübsch.« Professor Henneberg hatte durch den Diener das Gepäck besorgen lassen, und es schien, als stände dem Weiterkommen jetzt nichts mehr im Wege – da stürzte ein Wesen, dem die braunen Haare zottig um den Kopf standen, dem der oberste Rockbund weit herabgerutscht war, so daß der Rock an der Seite schleifte und der unglücklichen Person bei jedem Schritt zwischen die Füße kam, auf die Gesellschaft zu. »Kind« – rief sie – »Kind! Mátuschka! Frau! Warten! – Laufen nicht! – Verloren gehen ich!« Den Regenschirm hatte sie an der Spitze gefaßt und fuchtelte mit dem Griff in der Luft herum. »Wer ist denn das?« fragte Professor Henneberg, »gehört die zu euch?« »Das ist ja Annuschka«, sagte Kristine und war dabei, das 123 außer sich geratene Geschöpf zu besänftigen. Sie band ihr den Rockbund hinauf und kehrte ihr den Regenschirm um. »Geh uns nach,« sagte sie, »wir laufen nicht davon.« »Das ist ja ein fürchterliches Wesen«, bemerkte der Professor. »Sie wollte durchaus mit, es war nichts mit ihr zu machen, sie wäre zugrunde gegangen, hätten wir sie nicht mitgenommen«, antwortete ihm Frau Ahrensee etwas verlegen. »Annuschka ist nur von der Reise so auseinander gekommen«, ergänzte Kristine. »Eine allerliebste Kammerfrau, das muß ich sagen!« Professor Henneberg war es unbehaglich zumute. »Ich muß gestehen, daß mir, wie die Dinge augenblicklich liegen, das einigermaßen bedenklich erscheint: ich möchte die aufgeregte Person meiner Frau jetzt nicht unter die Augen bringen.« »Annuschka wohnt bei uns«, sagte Kristine. »Mein Gott,« rief Frau Ahrensee, »glaubst du, daß Olga das schaden könnte? Was sollen wir tun? Wir sind an Annuschka so gewöhnt, daß sie uns gar nicht mehr so sonderbar erscheint.« In demselben Augenblick traten Mathilde und Frau Majunke Arm in Arm wieder aus dem Bahnhofsgebäude, Kristine ging auf sie zu, und es währte ein paar Augenblicke, da trabte Annuschka hastig kopfschüttelnd, von Kristine so weit beschwichtigt, den beiden Damen nach, die miteinander dem Städtchen zugingen. Kristine faßte die Hand ihres Vaters, der ihr im Wagen gegenüber saß, mit beiden Händen und sah ihn an – und über ihr Gesicht zog ein fremder, tiefbewegter Zug. »Olga wird sich wundern, wenn sie dich sieht, kleine 124 Schwägerin. – Was ist in so kurzer Zeit aus dem wilden Kinde geworden! Ihr seid gewohnt, sie zu sehen – euch fällt nichts auf. – Sie ist viel ruhiger geworden und hat gehalten, was sie versprach.« »Sie ist viel ruhiger geworden –« klang Professor Hennebergs Stimme in Ahrensees Ohren nach – und wahrhaft, er mochte recht haben, ihre Heiterkeit schien ihm nicht mehr so sonnig wie früher zu sein – dachte er –, »das muß nun so ein Fremder eher bemerken als der eigene Vater.« Jetzt hielt der Wagen. Sie gingen durch den Garten in das Haus, und oben an der Treppe stand Olga. Die Mutter schloß sie in die Arme, so zart, als wäre sie ein zerbrechliches Püppchen, sah ihr forschend, weinend und voller mütterlicher Liebe in die Augen, und küßte sie, hielt sie umfangen und wollte sie, wie es schien, niemandem gönnen. Ein liebevoll besorgtes Leben entfaltete sich in der Villa. Aus der kleinen wohldressierten Frau war mit einemmal wieder das Kind zärtlicher Eltern geworden. Mit einer gewissen Scheu betrachtete Frau Ahrensee die Tochter in ihrer untadelhaften Umgebung. Sie erschien ihr wie eine Meisterin in den Dingen, in denen sie selbst es nie zur Vollendung hatte bringen können. So behaglich es auch bei Ahrensees daheim zuging, so war immer etwas Urwüchsiges, Naives, Ländliches im Hause zu spüren. Gegen Abend empfing Mathilde Swensen ihre Verwandten in der gemieteten Wohnung auf das angeregteste; sie schien im Wohlgefühl zu schwelgen. Hier wurde sie ganz verstanden! Ihre staubfarbene Taille war ausgefüllter als je, saß rund und prall und schlug nirgends ein Fältchen. An der Brust steckte ihr ein Blumenstrauß; ihr Atem duftete nach allerlei Süßem, nach Torte und Wein: sie war schon in der Eile gefeiert worden. – »Was sind die Majunkes für herrliche Menschen!« – rief sie. Annuschka hatte sie auch 125 mitgebracht, die lehnte wie betäubt in dem großen dreifenstrigen Salon, der mit seinen steifen Mahagonimöbeln einen ehrbaren altbürgerlichen Eindruck machte. Er war dämmerig und tief, war ein Raum, dem man anfühlte, daß er viel Leben schon umschlossen hatte; durch die Decke zog sich ein gewaltiger Balken. Heinrich Ahrensee schien sein neuer Aufenthalt zu interessieren, er ging auf und nieder, beschaute sich die Stahl- und Kupferstiche, die altväterischen, frisch aufpolierten, paradierenden Möbel. Währenddem stand Annuschka noch immer steif und unbeweglich. Kristine, die inzwischen die andern Zimmer sich angesehen hatte, sagte, als ihr die steife Annuschka jetzt auffiel: »Das Reisen hat jetzt ein Ende.« Annuschka schüttelte ungläubig den Kopf. »Denke nur an die Koffer, an nichts weiter. – Pack aus.« Mathilde lachte: »Da habt ihr euch wirklich einen Tanzbären aufgehalst. Onkel, warum bist du eigentlich nicht energisch dagegen aufgetreten? – Es ist ja schrecklich.« »Ich halte es für kein Unglück«, sagte Ahrensee ruhig. »Nun, ein Unglück nicht gerade; aber eine Unannehmlichkeit.« »Sie wird ihre Sache schon besorgen, laß sie und Kristine nur miteinander fertig werden. Mir ist Annuschka ganz recht, ein Stück Heimat!« »Aber ein unkultiviertes.« »Gottlob«, sagte Ahrensee. »Du weißt ja, ich bin auch unkultiviert.« In diesem Augenblick erscholl die Treppe herauf ein gleichmäßiges Geschrei, kam näher und näher – tief, eintönig, klagend – ein Geschrei, dem wir in diesem Kapitel schon einmal begegnet sind. 126 »Bimm Bimm!« sagte Mathilde frohlockend, ging zur Tür, öffnete sie – das Geschrei drang gewaltig herein – und draußen stand Frau Majunke mit Bimm Bimm, der ihr am Rocke hing und diesen auf das straffste spannte, denn Bimm Bimm beabsichtigte offenbar, nicht näher zu treten. Frau Majunke begrüßte mit einem süßen Lächeln Herrn Ahrensee und wendete dann ihre volle Aufmerksamkeit auf Mathilde: »Engelskind,« sagte sie zärtlich, »komm jetzt zu uns herunter. – Verzeihen Sie«, wendete sie sich höflich an Heinrich Ahrensee durch die Türspalte – weiter kam sie nicht, Bimm Bimm zog aus Leibeskräften am Rock. »Ja, Teuerste, Beste, augenblicklich«; sagte Mathilde liebevoll und mit so warmem Herzenston, wie Heinrich Ahrensee ihn noch nicht von ihr vernommen hatte. Bald darauf waren Mathilde und Frau Majunke miteinander verschwunden. Das Geschrei entfernte sich, tief, eintönig und klagend. Schließlich hört man nur hin und wieder noch entfernt, einen langgezogenen Ton – und manchmal etwas – etwas ganz Eigentümliches – eine Art Geheul, nicht recht Erklärliches; aber dumpf, ganz dumpf. Ahrensee ging in Gedanken auf und nieder. – Es war ihm nicht wohl, er fühlte sich erregt und abgespannt, die Reise hatte ihm nicht gut getan. Kristine stellte zwei brennende Lichter auf den Tisch, weil das Zimmer trotz der Lampe düster aussah, und wollte eben wieder geschäftig aus der Tür gehen. »Bleib' doch hier«, sagte ihr Vater, und gleich darauf lag Kristinens blonder Kopf an seiner Brust. »Einem alten Menschen wird das Reisen sauer, die Fremde ist nichts mehr für ihn. Wir wollen uns hier eine Heimatsecke machen – wir beide!« »Ja,« sagte Kristine – »hätten wir nur unser Boot und 127 die See, und den Garten, und alles miteinander auch gleich hier.« »Sing' mir etwas – sing' deine Kylliki.« – Sie saßen miteinander auf dem steiflehnigen Sofa. »Nun?« fragte Ahrensee. Kristine sah ihn mit großen, erschreckten Augen an. »Deine alte Kylliki.« »Etwas anderes –« »Was du willst. Aber was hast du denn gegen die Kylliki?« Kristine schüttelte den Kopf leicht und machte sich von ihrem Vater los – saß eine Weile ganz still. Mit einemmal begann sie ein Liedchen mit halber Stimme zu singen, fast flüsternd leise wie ein Vogel, der sich selbst in Schlaf singt. »Was ist das?« fragte sie und brach mitten im Liede ab. Es hatte wieder dumpf und sonderbar lang anhaltend vielstimmig geheult. – »Da muß etwas geschehen sein«, sagte sie ängstlich. »Es ist schon öfters so gewesen. – Hast du's noch nicht gehört? Es klingt so angstvoll.« Und mit einemmal begann sie zu weinen, ihr ganzer Körper wurde von diesem Weinen durchzittert. Ihr Vater zog sie an sich, hielt ihren Kopf zwischen seinen Händen, aber sie wendete sich von ihm ab. »Was ist dir? Bist du müde? Hast du dich erschreckt?« fragte er bewegt. »Sei ruhig! Es ist ja nichts. Unten wohnt die sonderbare Person. Gott weiß, was sie treiben! – Es sind viele Kinder da – denke nur, wie der eine einzige schrie!« »Jawohl«, erwiderte Kristine unter Tränen lächelnd. »Aber es klingt so angstvoll – so« – Kristine schüttelte den Kopf und verbarg das Gesicht in den Händen. Da erscholl es eben wieder – dumpf und dröhnend – das Geheul kroch wie an den Wänden herauf – Türen 128 wurden geschlagen – Fenster geöffnet. Das Geheul klang jetzt aus den offenen Fenstern ins Freie – in die Nachtluft hinaus. Es schien vom Hof oder Garten herzukommen. Ein Trappen, Rufen, Treten auf der Treppe, eine befehlende Männerstimme, eine sehr hohe Stimme – das war Frau Majunkes Stimme – und wieder das Geheul. Es schien, als sollte Ahrensee gleich am ersten Abend in die Geheimnisse des Majunkeschen Hauses eingeweiht werden. Jetzt kam Annuschka aus dem Nebenzimmer gestürzt, deutete mit beiden Händen auf die Diele und rief: »Was ist das? Teifel unten – schreien Teifel! Kind nicht erschrecken. – Alles verrückt hier. Anders wie zu Haus. – Warum fort sein! – zu Hause sehr gut haben gewesen sein! Leute in Säcken zum Fenster herausgeschafft worden seind, – geschaut haben ich.« »Geh, Annuschka«, sagte Ahrensee. »Was! Kind weint?« rief Annuschka, laut und drohend, »Kind noch nie geweint haben, nur bei verfluchte Teifel, hier!« In diesem Augenblick klopfte es äußerst sittsam an die Zimmertür. Vor der Tür stand ein langer Junge von fünfzehn Jahren, schmächtig und gelb. »Eine schöne Empfehlung von Mama und Papa,« sagte er verlegen, »und Sie möchten entschuldigen, wenn es nicht ganz ruhig war, aber wir werden gerettet.« »Was werdet ihr?« frug Ahrensee. Da schaute der Junge ihn verblüfft an und erwiderte, indem er die Augen fest auf seine Schuhspitzen bannte. »Wir werden Sonnabends alle vierzehn Tage gerettet, oder alle vier Wochen, wegen dem Feuer, damit wir's einmal können.« »Ich versteh's zwar nicht, aber das scheint ihr ja zu können«, 129 sagte Ahrensee. »Komm einmal her, Kristel, und sieh dir einen von den Schreihälsen an.« Kristel stand schon neben ihm. Sie war bleich und sah müde aus. Feste Schritte kamen eilig die Treppe herauf. Mathilde Swensen war es. »Ich wollte euch fragen, ob ihr einen Augenblick mit hinunter kämt, es ist zu interessant. Vor Majunkes braucht ihr euch nicht zu genieren, das sind die zwanglosesten Menschen, die man sich denken kann. Es werden unten Feuerwehrübungen gemacht. Das habt ihr auch noch nicht gesehen. Die Kinder sind noch alle auf. Nicht wahr, Johannes, alter Junge?« fragte sie und legte um die Schulter des schmächtigen Knaben ihren prallen staubfarbenen Arm. »Aber bitte, kommt, gerade werden wieder welche im Sack aus dem Fenster gelassen!« Mathilde Swensen war auf das jugendlichste eifrig im Gegensatz zu dem schmächtigen Johannes, der die ganze Geschichte trübselig aufzufassen schien. Mathilde ruhte nicht, bis Ahrensee und Kristine mit ihr gingen. Ihnen nach schlüpfte Annuschka, geräuschlos und geduckt wie eine schwarze Katze. Es war ein gehöriger Lärm, und bei jeder Stufe, die sie hinabstiegen, versanken sie gewissermaßen tiefer darin. Als sie unten angekommen waren, befanden sie sich in einem Wirbel von Stimmen und Gepolter. Alle Türen standen auf. Alles lief durcheinander, und sie waren, ehe sie es sich versahen, in einem großen düstern Zimmer angelangt, in dem es hin und her huschte, in dem geschrien und gerufen wurde, wie jedenfalls in allen andern Zimmern bei Majunkes auch. 130 Von der Decke herab hing die Urform einer einfachen Blechhängelampe, die ein sehr mäßiges, verräuchertes Licht um sich her verbreitete. Eine ganze Anzahl von schmalen Betten stand in diesem Raum, hölzerne und eiserne. Die Bettücher waren in Unordnung geraten, hingen und zipfelten an allen Ecken und sahen nichts weniger als blütenweiß aus. Mit den mißfarbigen Bettdecken schienen sich die Majunkeschen Kinder geworfen zu haben. Mathilde führte die Gäste in das Wohnzimmer; mitten darin stand Herr Professor Majunke in Hemdärmeln, eifrig beschäftigt, einen Knaben in einen Sack zu stecken, drei andere Sprößlinge hielten den Sack offen, nach Herzenslust Rufe, Schreie und Töne aller Art ausstoßend. Der Sack war an einer Leine befestigt und wurde mitsamt seinem Insassen auf das Fensterbrett gehoben und von da in den Garten, nicht allzuhoch, herabgelassen. Indessen stürzten welche von den Rangen mit Blitzesschnelle die Treppe hinab, um den aus dem Fenster Beförderten unten in Empfang zu nehmen. Jetzt erst begrüßten Herr und Frau Professor Majunke noch ganz erhitzt die Eintretenden. Frau Majunke sagte artig: »Wissen Sie, mein Mann hat so großes Interesse an der Feuerwehr, deshalb!« Diesmal hing Bimm Bimm nicht wie gewöhnlich am Rocke seiner Mutter und brüllte; es stand aber etwas Unbestimmtes, Unbegreifliches mitten im Zimmer und tat das, was Bimm Bimm unter allen Verhältnissen tun mußte, dies Unbestimmbare, Unbegreifliche brüllte, und zwar ganz in Bimm Bimms Manier. Es war ein Sack, der in Hosenbeine verlief, das heißt, in zwei von allen Seiten geschlossene Säcke, in denen ein paar Beine zu stecken schienen. Oben war der Sack zugeschnürt und bildete eine handliche Quaste. Ein Stück unter dieser 131 Quaste waren ein paar runde Löcher geschnitten, wie die Augenlöcher in einer Femrichterskappe – und aus diesen Löchern im Sacke blitzten auch wirklich ein paar Augen wütend heraus, und unter der Sackquaste bewegte sich ein runder Kopf, und alles übrige war von einem stämmigen Körperchen ausgefüllt. »Darin steckt Bimm Bimm«, sagte Herr Professor Majunke, nahm den Sack an der Quaste und hielt ihn hoch, während Bimm Bimm wütend zappelte und schnickte und schrie. »Diese Einrichtung habe ich seit kurzem getroffen, und wir sind beide eingenommen dafür« – das heißt nicht Bimm Bimm und Herr Majunke, sondern Herr Majunke und Frau Majunke. »Bricht ein Feuer aus, wird solch ein Kind einfach in einen derartigen Sack gesteckt. Ein jeder kann es so auf das leichteste an der Quaste transportieren, ohne es zu erkälten; selbst einem Kinde wäre dies möglich, und sollte der Sack während des Transportes verloren oder vergessen werden, so kann es sich vortrefflich weiterhelfen. Petrus!« rief Majunke, »schaff Bimm Bimm fort!« Sogleich sprang ein dünnes Jüngelchen vor, einen halben Kopf größer als Bimm Bimm, das faßte ohne weiteres den Sack an der Quaste, schleifte ihn mit Anstrengung, aber unaufhaltsam, trotz Bimm Bimms Gebrüll zur Tür hinaus – wohin, das blieb unaufgeklärt, doch nach geraumer Zeit stand derselbe Sack mit demselben Inhalt wieder mitten im Zimmer – und brüllte immer noch aus Leibeskräften und schrie immer dasselbe: »Niß mis anlangen! Niß mis anlangen!« Herr Ahrensee erkundigte sich, weshalb Bimm Bimm nur allein so glücklich sei, solch einen Sack zu besitzen. »Zufall«, sagte Frau Professor Majunke eifrig. »Sie 132 sollten alle solche Säcke haben, die Geduld aber reichte nicht aus. Vielleicht kommt's noch.« In diesem Augenblick kamen zwei Knaben herein, gelb, müde, übernächtig, rückten jeder einen Stuhl an den Tisch, legten Bücher und Hefte lässig auf, und der eine schnappte an dem Deckel eines Taschentintenfäßchens gedankenvoll und trübselig auf und nieder. »Nun, wird's bald?« sagte Herr Majunke. Da saßen die beiden armseligen Burschen mitten im Spektakel, verstopften sich mit den Fingern die Ohren und steckten die blassen Nasen in die Bücher. Das alles spielte sich in wenigen Augenblicken ab. Müde und abgespannt kamen Vater und Tochter nach diesem Genuß in ihrer stillen Wohnung an. Die Lampen waren indessen wieder angezündet, und es sah leidlich wohnlich aus, wenn man einen Vergleich mit Majunkes Etage anstellte. Ahrensee küßte sein Kind, ehe er es entließ, und schüttelte lächelnd den Kopf. »Geh,« sagte er, »morgen erzählen wir uns einander von diesen Käuzen.« Bald war im ganzen Hause tiefste Stille. Nur eine Hängelampe brannte trüb über zwei müden Jungen, die wegen der Feuerwehrübung ihre Schularbeiten in später Nachtstunde nachholen mußten. Sie saßen überbürdet und trübselig und schauten mit den bleichen Nasen mißmutig in ihre zerarbeiteten Schulbücher. Und das Treiben bei Professor Majunkes setzte sich abenteuerlich und spukhaft in den ersten Träumen der Neuangekommenen fort. 133   In der Villa wurde der neue Weltbürger mit tausend Sorgen erwartet. Frau Ahrensee ging oftmals sinnend im Hause umher; es war ihr darum zu tun, etwas zu finden, was sie hätte in Ordnung bringen können. Sie hatte sich vorgenommen, auf allen Gängen Teppiche legen zu lassen, aber fand keinen Fußbreit im ganzen Hause, der nicht neu und weich bedeckt gewesen wäre. Sie hatte sich vorgenommen, Türen und Schlösser auf das sorgfältigste ölen zu lassen, fand aber zu ihrem Verdruß, daß keine Tür, kein Schubfach auch nur den allerleisesten Ton von sich gab; sie versuchte und horchte, fand aber nicht das geringste zu ändern und zu bessern. Das machte Frau Ahrensee nervös und verstärkte ihre sorgenvolle Erregung, die durch nichts abgeleitet wurde, so daß sie bei hellem Tag Gespenster aller Art sah, sich mit Befürchtungen quälte, auf Vorahnungen lauschte und es ihr mitunter schwer wurde, der Tochter ein unbefangenes, heiteres Gesicht zu zeigen. – So kam der Tag, an welchem Frau Ahrensee auf einen Augenblick zu ihrem Mann kam, gerade nur auf einen Augenblick, der so viel Zeit gab, ein paar Worte tiefbewegt zu flüstern, die Hand zu drücken, eine besorgte Entgegnung zu hören und wieder davonzueilen. In das hohe Giebelhaus, in dem Heinrich Ahrensee und Kristine wohnten, hatte der schwüle Augusttag, die Sorge und das Ausschauen um Nachricht eine schwere Stimmung gebracht. Stunden auf Stunden vergingen. Heinrich Ahrensee wanderte schweigsam in seinem Zimmer auf und ab. Er trat an das Fenster und schaute dem Gewitter entgegen, das sich über den Bergen dunkel zusammenzog. Annuschka war eben dagewesen, und er hatte von ihr erfahren, daß es noch immer nicht gut stände. 134 Gern wäre er selbst nach der Villa gegangen, fühlte sich aber zu krank. Die Reise hatte ihm nicht wohl getan, seit Wochen konnte er sich nicht davon erholen, empfand sein Leiden heftiger und ununterbrochener denn je. Der berühmte Arzt, den er hier konsultierte, hatte ihm sofort mit großer Sicherheit den lateinischen Namen seines Leidens genannt und ihm damit die Gewißheit der Unheilbarkeit und des nahen Todes gegeben – ein einziges Wort, das er sehr wohl kannte und das ihm oft in schlaflosen Nächten beängstigend vorgeschwebt. Von nun an hatte das Morgenlicht und die hellste Sonne nicht die Macht, dieses Wort aus dem bedrückten Herzen auszulöschen. Er wußte, daß er noch eine kleine Weile gequält und immer gequälter leben würde. Er wußte aber auch, daß irgendeine Kleinigkeit genügte, das gefürchtete und doch ersehnte Ende rasch herbeizuführen. So schaute er zu, wie sich die Gewitterwolken ballten, hörte den fernen Donner, und schwül umgab ihn die Atmosphäre seines Zimmers. »Arme Menschen,« sagte er vor sich hin, »arme Menschen! – Arme angefressene Menschen. Nun wird wieder ein solcher Narr geboren mit Qualen, um in Qual zu leben und zu sterben.« Vor Ahrensees Augen zog das Leben vorüber in dunkeln, schweren Zügen. Das Gewitter kam näher, die Wolken wälzten sich massig über die Gipfel der Berge hin. Volle, warme Windstöße fuhren gegen das Haus und drangen bis in das dumpfe Gemach. Er sah die Leute auf der Straße eilen. Jedes wollte vor Ausbruch des Wetters ans Ziel kommen. »So sehen sie ganz wohl aus, als wär's in bester Ordnung mit ihnen!« dachte Ahrensee. »Ist auch in bester Ordnung. – Jeder trägt den 135 Todeskeim in sich, wie sich's gehört, denn in einer kurzen Spanne Zeit ist mit ihnen allen gründlich aufgeräumt. Bis dahin müssen die, die jetzt hier laufen – und alle Millionen der Erde – zerfressen, zermartert, zermalmt sein, jeder auf seine Weise. Arme Menschen, arme Menschen! Und nicht genug, daß die Natur an ihnen frißt und zehrt, sie hinschmelzen läßt; – sie tun's der Natur nach, sehen es ihr ab, quälen einander, einer den andern – und so geht's fort ohne Aufhören, ohne Ende.« Die schwülen Windstöße fuhren ins dumpfe Zimmer hinein und der Donner rollte. Die Wolken stürmten immer noch dahin, ohne Regen zu bringen. Heinrich Ahrensee blickte mit dem ruhigen Gedanken in das Sturm- und Wolkentreiben, daß er bald von dieser Erde scheiden müsse. Er schaute in das Nebenzimmer nach Kristine aus, ihn verlangte nach ihr. Sie waren sich in diesen stillen Wochen, in denen sie mehr als je aufeinander angewiesen waren, noch näher gekommen. Kristine schien ihm unentbehrlich geworden zu sein. Ein heiteres, hoffnungsvolles Lächeln von ihr, die von dem Urteil des Arztes nichts wußte – wie auch niemand sonst außer ihm selbst – tat ihm wohl. Bisher war sie ihm das Kind gewesen, sein liebes Kind. Er hatte sie sich nicht anders als harmlos froh denken können. Jetzt, wie er sie fast ununterbrochen um sich hatte, empfand er, sie hatte sich in etwas noch viel Lieblicheres umgewandelt: in etwas Tröstliches für Kranke, in etwas Verständiges, Ruhiges für Leute, die verstanden sein wollten, in etwas Helfendes für alle, die ihrer bedurften. Ihrer Heiterkeit war ein fremder, stiller Zug beigemischt – es war nicht mehr die alte Kinderheiterkeit, die ihn so sehr an ihr entzückt hatte. Heinrich Ahrensee konnte diesen Schmerzenszug, der hin und 136 wieder zutage trat, nicht recht erklären. War es das ahnungsvolle Erkennen seines nahen Todes? war es Mitleiden mit ihm? – er wußte es nicht. Dieser Zug in ihrem Wesen mochte wohl auch nur für ein sorgendes Auge wahrzunehmen sein. Er drängte sich nicht vor. Kaum war ein Augenblick am Tage, daß sie nicht bei ihrem Vater, bei Mutter und Schwester und da unten in dem armseligen Durcheinander helfend beschäftigt war. Dort mochte sie wohl der erste helle, ruhige Stern sein, der diesen Geschöpfen aufging. Und auch jetzt waren die Kinder wieder bei ihr. Das Gewitter hatte sich inzwischen kräftig entwickelt, die Windstöße waren naß und kühl geworden. Die Blitze zuckten, der Donner rollte und der Regen troff mächtig nieder. Als der Kranke in Kristinens Zimmer eintrat, fand er sie mitten unter den Kindern; Bimm Bimm saß auf ihrem Schoß und hatte den Kopf an ihren Hals versteckt, aus Furcht vor den Blitzen. Kristine erzählte ihm und den andern. Die drei größten Buben waren ihren Schularbeiten entlaufen, um mit zuzuhören, und hielten Buch und Federhalter in den tintigen Fingern. Annuschka kam angeschlichen und meldete Frau Müller – Jekatirina Alexándrowna –, die eben trotz des Gewitters vorgefahren war. Jekatirina Alexándrowna begrüßte Heinrich Ahrensee auf eine weiche Art. Sie wußte, daß er ein aufgegebener Mann sei. Bei Professor Henneberg waren sie einander begegnet und schienen sich gegenseitig sympathisch zu sein. Jekatirina Alexándrowna strich Kristine, die den eingeschlafenen Bimm Bimm auf den Armen hielt, über das Haar und sagte zu Heinrich Ahrensee gewendet: »So ein Blondkopf! Es ist etwas Eigenes um diese Blondköpfe; 137 wenn sie die rechte Art sind, so hat man mit ihnen einen Sonnenstrahl im Zimmer. Aber es müssen die rechten sein.« »Sie ist ein rechter«, sagte Heinrich Ahrensee. Kristinens Augen aber hingen gespannt – durchdringend, angstvoll, forschend an Jekatirina Alexándrownas Zügen. Sie wußte es ja, wessen Schwester diese gealterte Frau war. Sie hätte ihr mit einem Aufschrei an die Brust sinken mögen. Sie hätte vor ihr hinknien mögen und bitten: »Sag' mir von ihm! Sprich mir von ihm! Wo ist er um Himmels willen?« Aber der tapfere Blondkopf wurde der sie überwältigenden Erregung Herr. Es war nur ein Augenblick, dann schauten ihre Augen wieder ruhig. Jekatirina Alexándrowna blickte nachdenklich auf das junge Mädchen, als hätte sie den eigentümlich angstvollen Blick, der auf sie gerichtet war, bemerkt. Als sie sich nach der jungen Frau erkundigt hatte, sagte sie zu Heinrich Ahrensee gewendet: »Wir beiden alten Weltverächter sehen der Geburt von so einer armen Eintagsfliege mit größerem Mitleid entgegen als die allermenschenfreundlichsten Herzen. Nicht wahr? Es soll nur vernünftig sein und nichts besonderes werden. Solche Leute kommen durch die Welt. Wozu soll man einem Kinde Dinge wünschen, die für diese Welt verderblich sind, etwa ein weiches Herz, oder ein tiefes Gemüt, oder einen großen Hang zur Wahrhaftigkeit oder dergleichen. Blinde, die so etwas ihren Kindern wünschen können oder sich freuen, wenn sie dergleichen entdecken! Arme Kinder, euer Reich ist nicht von dieser Welt, und sie sollen doch hier gerade Fuß fassen.« Kristine blickte Jekatirina Alexándrowna mit großen Augen an. Es war zum erstenmal, daß sie einen Menschen sagen hörte, es wäre besser, nicht wahr zu sein, es wäre besser, kein weiches Herz zu haben. Und die es sagte, war Kers Schwester. Und Kers Schwester hatte dies mit solch warmer 138 Stimme gesagt, so ruhig und einfach, daß man hätte meinen können, sie hätte gerade vom Gegenteil gesprochen. Und ihr Vater hatte zu dem, was Jekatirina Alexándrowna meinte, genickt, ihr eigener Vater! Die Stimme aber, mit der Jekatirina Alexándrowna die neue Botschaft verkündete, hatte es Kristine angetan. Erinnerte diese Stimme sie an Kers Stimme? Kristine lauschte mit angehaltenem Atem, und ihr war, als versänke sie rettungslos in ein Meer von Sehnsucht. Aber nein, nein, nein! Sie wollte nicht versinken, sie durfte nicht, und wieder kämpfte sie stark und tapfer und siegte wieder über sich selbst. Heinrich Ahrensee hatte den erstaunten, fragenden Ausdruck seines Kindes bemerkt und sagte zu Jekatirina Alexándrowna: »Wir haben da eine Zuhörerin, die sich jetzt über uns ihre Gedanken macht. Nicht wahr, Kristel?« »Ja,« sagte sie leise, »ich glaubte, Wahrheit wäre das Beste.« »Für Engel«, unterbrach sie Jekatirina Alexándrowna. Jekatirina Alexándrowna faßte Kristinens Hand. »Armes, kleines Lamm«, sagte sie. In diesem Augenblick trat wie durch einen Zauber vor ihre Seele das Bild ihres Bruders Dmitri, und sie erinnerte sich, daß er bei Ahrensees ein paar Tage gesteckt haben sollte. Von ihm selbst hatte sie, seit er von Jena fort war, nichts mehr gehört. Und wie Dmitris Bild in ihrem Herzen auftauchte, war's ihr zumute, als müßte der junge Blondkopf auf ihren Bruder Eindruck gemacht haben. Sie erinnerte sich, daß er schon von der Schönheit der Schwester gesprochen hatte, der närrische Schwärmer, trunken ohne Wein und verliebt ohne Mädchen, dieser Wolkenläufer! so dachte sie. Wenn das Leben ihn einmal zu packen bekommt! Möchte wissen, ob er sich bewährt. 139 »Wie ist es denn,« frug Jekatirina Alexándrowna, »der Junge, der Dmitri, war bei Ihnen – und ging nach Petersburg zurück? Ich verstehe nicht, er hat mir nicht geschrieben, die ganze Zeit nicht –« »Nicht nach Petersburg zurück,« entgegnete Ahrensee, »nein, er hatte eine Reise vor sich um die halbe Welt, zum Amur. Ich glaube, er ging als Gehilfe des Gouverneurs oder im besonderen Auftrag. Ein wichtiger Posten für einen so jungen Mann.« »So weit?« fragte Jekatirina Alexándrowna. »Er blieb nur zwei Tage, glaube ich, und mußte dann an Bord. Das Kriegsschiff, mit dem er ging, hatte bei uns angelegt.« »Er hat Ihnen nicht geschrieben?« fragte Kristine kaum hörbar, während sie Bimm Bimm, der erwacht war, von ihrem Schoß gleiten ließ. Sie war erbleicht. Was ist da vorgegangen? dachte Jekatirina Alexándrowna und schaute vor sich hin. »Ist er, wie soll ich sagen – zufrieden gegangen?« »Das schien mir so«, antwortete Heinrich Ahrensee. »Er sagte mir, daß er hinaus in die Welt wolle, daß er arbeiten wolle, als er Abschied nahm. Deshalb habe er die Stellung, die sich ihm bot, fast ohne Besinnen angenommen.« »Ohne Besinnen«, sagte Jekatirina Alexándrowna langsam und blickte auf Kristine, als wollte sie von der das Wahre erfahren. Kristine aber schwieg. Was sie wußte, war in ihrem Herzen begraben, und sie dachte, Ker werde seinen Grund haben, weshalb er nicht schrieb. Aber es zog sie mächtig hin zu seiner Schwester, sie hätte ihr die Hände küssen, den Kopf an die Brust der ernsten Frau legen und sich ihr vertrauen mögen. In diesem Augenblick tat sich die Tür auf, und Frau Ahrensee trat mit rotgeweinten Augen, den Hut nicht mit der an 140 ihr gewohnten Sorgfalt gebunden, eilig ein. Heinrich Ahrensee fuhr merklich zusammen und wurde bei dem Anblicke seiner Frau bleich. »Es ist ein Töchterchen!« sagte Frau Ahrensee. – »Es ist alles viel besser gegangen, als wir dachten.« Damit sank sie mit beiden Armen ihrem Mann um den Hals. »Aber wie soll man sich über ein Geschöpf freuen, das mit solchem Jammer auf die Welt gebracht wird? Die arme Olga, wir werden sie noch lange, lange krank haben.« Damit brach Frau Ahrensee in heftiges Weinen aus, die Erregung, die Angst des ganzen Tages machten sich jetzt bei ihr geltend. Heinrich Ahrensee ließ sie sich ausweinen. »Die Kinder leiden zu sehen, das ist doch das härteste auf Erden!« sagte Frau Ahrensee mit von Tränen gebrochener Stimme und strich Kristine, während sie das sagte, zärtlich über die Wangen, so mütterlich schützend. »Nicht wahr, meine Kristel, du bleibst bei uns? du Herzenskind!« schluchzte sie. 141   Zweites Kapitel. In der Villa war nach schweren Krankheitstagen und Wochen endlich wieder Genesung eingekehrt. Der Eindruck, daß der Tod nahe daran gewesen war, über die polierte, teppichbelegte Treppe zu schreiten, begann sich schon wieder zu verwischen. Das Leben blühte zart in der eleganten Kinderstube, wo im zierlichsten Behälter unter Spitzen und federleichten Bettchen ein winziges, warmes Körperchen lag, das den hellen, reichen Raum, der unbewußte Tage behütete, mit jenem süßen, warmen Dufte zart erfüllte, den ein reiner, wohlgepflegter Säugling ausströmt. Dies winzige Dingelchen, so winzig es war, beherrschte schon das Haus. Sein Stimmchen war Befehl für alle Welt, setzte die dicke Amme in Trab, ließ alle, vom geheiligten Studierzimmer des Schriftstellers aus und vom Boudoir der jungen Mutter, von der Küche und vom Keller aus aufhorchen. Wie von einem Zaubermantel durch die Luft getragen war die Großmutter Ahrensee beim allerersten Laute immer schon zur Stelle, wenn man sie straßenweit vom Hause glaubte. Sie hatte dem Enkelkindchen längst schon vergeben, daß es ihrem eigenen Kinde so schwere Not gebracht hatte. Ihr Gesicht war von einer mütterlich-großmütterlichen Zärtlichkeit wahrhaft verklärt, wenn man ihr das zarte Ding ein wenig ließ, das weiße Bündel mit dem wunderweichen, warmpulsierenden Köpfchen, dem feuchten, kleinen Maul, den taufrischen, flinken Augen. Es gelang immerhin für Frau Ahrensees sehnsüchtiges Herz selten genug, das kleine Geschöpf zu erhaschen, denn da war die Kinderfrau, eine ungeheuer würdige Person, ein wahrer Feldherr von Kinderfrau, gegen die Frau Ahrensee mit ihrer langsamen Sprechweise nichts ausrichten konnte, ja es gar nicht versuchte; sie hielt es nach ihrer Art von 142 vornherein für unmöglich. Und da war die Amme, die Perle von einer Amme, die in der Villa ein Leben führte, halb wie eine Prinzeß und halb wie ein Mastschwein, und durch diese Verbindung zweier gedeihlicher Lebensweisen auf alle Art ins Fett schoß. Herr und Frau Professor Henneberg hielten sie beide für unbezahlbar, denn das Kleine gedieh an ihrer Brust, wie man es sich nicht besser wünschen konnte. Die Amme nahm alle Liebenswürdigkeit kühl entgegen, das Kuhhafte ihrer hübschen drallen Persönlichkeit ließ nicht mehr Gefühlsäußerung zutage treten als ein gnädiges Gebrumme. Auf Frau Ahrensee lag es zu manchen Stunden schwer, ihr schien es oft, als befände sich ihr Mann weniger gut als daheim, er sah leidend aus und gealtert, kam selten, die letzte Zeit fast nie in die Villa. Er wollte Ruhe haben. Er gefiel ihr gar nicht, sie hatte sich den Erfolg der Reise, die Behandlung der berühmten Ärzte ganz anders gedacht. Von dem Ergebnis der ersten Konsultation wußte sie nichts. Es war ihr wie allen auf den ausdrücklichen Wunsch Ahrensees verschwiegen worden. In Professor Henneberg regte sich jetzt das Gefühl, daß es an der Zeit sei, einige Diners und Soupers zu geben, gewissermaßen als Dankopfer für die Teilnahme, die man ihm und seiner Frau in letzter Zeit entgegengebracht hatte. Die Reihe dieser Festlichkeiten eröffnete die Tauffeier, die Professor Henneberg in großem Stil gehalten haben wollte. Er hielt dies allerdings für etwas altväterisch, aber gut in den Rahmen des Städtchens passend. Bei dem Taufakt, der unter Palmen und exotischen Gewächsen aus dem Treibhaus des Botanischen Gartens stattfand, in dem von Blumen durchdufteten, mit allen Weihen umgebenen Saal waren die Professor Majunkes und 143 Mathilde Swensen ganz am Platz; holten, als alle Gäste sich versammelt hatten, mit dem Hausherrn den Pastor auf der Treppe ein und geleiteten ihn mit unnachahmlich feierlicher Miene, genau mit dem dazu passenden Ausdruck in das geschmückte Zimmer bis an das Taufbecken, und als die Rede begann, die Gebete gesprochen wurden, während der ganzen heiligen Handlung, da hatten unsere drei die Sache so im Griff, vom Händehalten bis zum Umherreichen des Täuflings, vom Niederschlagen der Augen bis zu jedem Schritt und Tritt, daß die Sache ohne die Majunkes und Mathilde Swensen, trotz allen Prunkes und allen Reichtums, höchst dilettantisch ausgefallen wäre. Professor Henneberg hatte im Taufzimmer ein kleines silbernes Räucherwerk aufgestellt, das seine zarten Düfte zwischen den kostbaren Palmwedeln verbreitete. Das war Frau Professor Majunke ein Dorn im Auge und hatte ihr, wie sie später aussprach, die ganze Handlung verbittert. Frau Majunke war eine fanatische Feindin alles Katholischen, und dies kleine Räucherwerk hatte so etwas an sich, was ihre protestantische Nase irritierte, trotzdem Professor Henneberg nicht Weihrauch, sondern ein zartes Veilchenparfüm zu seiner Räucherung verwendete. Im übrigen war Frau Majunke von der Tauffeier sehr befriedigt. Die Einsegnung der Mutter mit dem Kinde nach der Taufe war ihr ein ganz besonders lieber Augenblick gewesen. Die junge Frau hatte sich so ganz scharmant benommen, bescheiden und doch vornehm, ganz von religiösem Gefühl durchdrungen und dabei so vollkommen comme il faut – gerade so viel Rührung, wie sich zu diesem Akt gehört, nicht mehr, nicht weniger. Sie schwärmten beide, Frau Majunke und Mathilde Swensen, für Herrn und Frau Professor Henneberg. Während der Tauffeier und des ganzen Festes war aber 144 außer der jungen Mutter, dem Säugling, der Amme und dem Pastor samt seiner Predigt noch eine Person, über die sich reden ließ, Kristine. Es war heute zum erstenmal, daß sie in Jena in größere Gesellschaft kam, und Professor Henneberg konnte mit seiner kleinen Schwägerin vollkommen zufrieden sein; sie machte seinem Hause alle Ehre. Alt und jung war entzückt von ihr. Die jungen Leute, die man zur Taufe mitgebeten hatte, waren durch das blonde, schöne Mädchen im weißen Kleid und dichten Rosenkranz in eine ganz unvermutet begeisterte Stimmung geraten. In Kristine trat ihnen eine so frische rosige Schönheit entgegen, ein warmes, ruhiges Benehmen – kinderhaft gleichmäßig, nie verlegen und zaghaft und auch nicht übermütig und vorlaut. Es war so eine ruhige klare Art, die ihr Benehmen auszeichnete, und es stand ihr alles, was sie sprach und tat. Professor Henneberg sagte zu seiner Schwiegermutter: »Wirklich, Eure Kristine ist ein ganz herrliches Mädchen geworden, so ein reines Nordlandskind.« Was sich Professor Henneberg gerade unter diesem Ausspruch vorstellte, war nicht recht klar; aber er sagte es in liebenswürdiger Weinstimmung. Frau Ahrensee nickte zu dem, was ihr Schwiegersohn bemerkte: »Ja,« meinte sie, »sie ist noch ein Kind, noch ein Kind im Herzen, und das ist's, was sie so liebenswürdig macht. Es kommt kein unwahres Wort über ihre Lippen.« – Während der Tafel wurde viel getoastet. Auf den kleinen Weltbürger, auf die junge Mutter, auf den Vater des Kindes, auf den Geistlichen, auf die Paten, und Professor Henneberg gedachte in einer wohlgesetzten, kleinen Rede seines teuern Schwiegervaters, der leider durch Unwohlsein, das schon einige Zeit andaure, an der Mitfeier dieses Tages verhindert sei – und er forderte die Anwesenden auf, mit ihm auf 145 das Wohl und die baldige Wiederherstellung dieses vortrefflichen Mannes anzustoßen. Dieser Aufforderung wurde auf das bereitwilligste und verbindlichste nachgekommen. Man erhob sich allgemein und es begann ein Wandeln und Strömen und Kleiderrauschen den Plätzen der Familienglieder zu. Zuletzt fand man sich bei Kristine ein und sprach ihr allgemein das Bedauern aus, daß der Herr Papa gerade heute leidend sein müsse, und gab die gang und gäben Trostworte, von vorzüglicher Wirkung der Luft, baldiger Besserung. Die jungen Leute legten in ihre Fragen und Äußerungen besonders viel Anteil und Aufmerksamkeit. Kristine beantwortete alle Fragen ruhig und liebenswürdig; zuletzt aber zitterte ihre Stimme und sie hob die Augen nicht mehr. Als sich alle wieder gesetzt und das gewöhnliche an- und abschwellende Murmeln der Stimmen, das wie ein fließender Strom über einer größeren Gesellschaft liegt, wieder gleichmäßig in Gang gekommen war, da traf Frau Ahrensee ein langer fragender Blick ihres Kindes. Frau Ahrensee winkte Kristine zu sich heran, und die flüsterte ihr ins Ohr, daß sie zum Vater möchte. »Gut, mein Kind, geh',« sagte Frau Ahrensee leise – »es ist mir auch lieb, wenn du's tust, und er wird nicht bös sein, denke ich, trotzdem er sagte, ich sollte dich nicht früher fortlassen, als die andern gehen. Es ist ihm ja auch heute so viel, viel besser – viel besser. Grüß' ihn und sag' ihm, daß ich ihn sehr hierher wünsche. – Geh' mein gutes Kind.« Frau Ahrensee sprach wie sich selbst beschwichtigend, wie jemand, dessen Herz zwei Herren dienen muß und nicht weiß, welchem es sich zuwenden soll. Kristine ging leise, unbemerkt fort. Draußen war es schon dunkel, scharfer Herbstduft lag in der feuchten Atmosphäre, Nebel zogen über die Saale hin und verbreiteten sich auf den tiefgelegenen Wiesen. Die 146 fahlen Blätter hingen feucht und schwer an den Bäumen, der Mond schimmerte durch eine weiße Wolkendecke, und farblos, hinsterbend, müde neigte alles, was noch lebte von Blatt und Kraut, Gras und Frucht, sich der Erde zu. Alles, was im Sommer grün und frisch gen Himmel gestrebt hatte, lag nun, eine modernde Decke, aus erloschenem Leben gebildet. Kristine war unbemerkt gegangen, was ihr auch leicht gelingen konnte, da alle im Hause vollauf beschäftigt waren. Über ihren Rosenkranz hatte sie ein leichtes Tuch geworfen und ihre Gestalt umhüllte ein weicher Mantel. So ging sie langsam und wie ermattet den stillen, herbstfeuchten Weg, der von der Villa zur Stadt führte. Da hielt sie ihre Hände mit einem Male festzusammengefaltet an das Kinn gepreßt, eine Bewegung, die tiefes Weh – ratloses Angstgefühl ausdrückte. Wäre jemand Kristine begegnet, so hätte der nimmermehr geglaubt, daß dieses in sich versunkene Mädchen aus jenem hell erleuchteten Haus komme, daß sie die um alle freundlich besorgte, aufmerksame Tochter des Hauses sei, an deren stiller Anmut aller Augen gehangen. Mit einem Male blieb sie stehen, hob den Kopf, und ihre junge Gestalt richtete sich fest auf. »Herr, mein Gott. Ich tue, was ich kann!« sagte sie. »Ich tue, was ich versprach! Auch weiter – auch länger,« flüsterte sie mit unterdrückter Stimme und blickte hinauf nach dem bleichen Himmel – als müßte von da aus ein guter Freund, der die Hände über sie breitete, ihr antworten, ein Freund, der ihren Kummer, ihre Sehnsucht, ihre angstvollen, dunkeln Gedanken kannte. Und diesen Freund suchte sie mit großen, weit offenen Augen über sich und über den kalten, bleichen Herbstnebeln. Müde ging sie weiter. Jetzt war sie an dem alten hochgiebeligen Hause 147 angelangt, in dem sie und ihr Vater nun schon viele Wochen wohnten, und ging die Treppe hinauf. Bei Professor Majunkes schien ein gewaltiges Durcheinander zu herrschen, ähnlich wie vor kurzem bei den Feuerwehrübungen, nur mit dem Unterschiede, daß der Feuerwehrlärm unter dem Einfluß hoher Autorität eingeübt wurde, und daß der heutige Spektakel ein nicht ordnungsgemäßer Spektakel war. Kristine blieb einen Augenblick zögernd stehen. Sie entschloß sich aber und zog an der Schelle; man öffnete nicht. Sie konnten im Zimmer vor lauter Lärm und Geschrei nichts hören. Kristine unterschied genau Bimm Bimms tiefe Stimme. Man schien ihn auf irgendeine Weise unangenehm zu bearbeiten. Außerdem aber unterschied Kristine noch verschiedene stöhnende, jammernde Stimmen und Stampfen, Pusten und Keuchen. – »Du Verdammter, Verfluchter, Vermaledeiter!« klang eine scharfe, überschnappende Knabenstimme aus dem Chaos deutlich heraus. Kristine überfiel eine schwere Angst, die sich mit ihren eigenen, dunklen, bangen Gefühlen – ihrer Sehnsucht – ihrer Seeleneinsamkeit zu etwas Herz- und Sinnebedrückendem verband. Das Geschrei der Majunkeschen Kinder klang ihr erschütternd, kam ihr so elend und so bejammernswert vor. Sie hatte draußen vor der Tür genau den Eindruck des häßlichen, unfreundlichen Raumes, in dem die Kinder steckten, und daß irgendein besonderes Unglück hereingebrochen wäre. Sie schellte heftiger – und noch einmal – und noch einmal. Endlich hatten sie gehört. Sie stürzten heraus, und als sie Kristine erblickten im Rosenkranz und weißen Kleid, schrien sie durcheinander: »Wir spielen – wir spielen Jüngstes Gericht. Ein Engel! – Komm nur, wir brauchen gerade einen Engel! Wir spielen wunderschön!« 148 Sie zogen Kristine stürmisch mit sich – und sie befand sich mit einem Male in einem wahren Wirbelwind von Geschrei aller Art. »Ruhig –« sagte sie immer wieder, »ruhig. – Seid doch ruhig. –« Das half aber nichts. Sie war umringt und wie von einem Polypen festgehalten. Einige fuhren mit spitzen Fingern in ihre Kleidertasche: »Mitgebracht – was mitgebracht?« schrie das ganze Knäuel. – »Nein, jetzt nicht,« sagte Kristine, »aber ihr bekommt etwas. Morgen bekommt ihr alles mögliche.« »Hui!« schrie es in den verschiedensten Tonarten – »morgen. Komm nur, du mußt mitspielen!« Sie schaute sich um, sie schaute die Majunkeschen Kinder an, in die sie hineingeraten war, wie in ein dichtes Dornengestrüpp, aus dem sie sich nicht freimachen konnte. Hatte sie einen Zipfel los bekommen, hingen sie an einem andern doppelt fest und verwickelt. Es war alles trüb und trostlos hier, ungepflegt, unzureichend an allen Enden. Und sie spielten Jüngstes Gericht zwischen den herausgerissenen, zerstampften Betten und unter der trüben, dampfenden Hängelampe. Die unsauberen, ewig feuchten Dielen, die beschmierten Tapeten, der unangenehme Dunst im Zimmer – alles armselig und verbraucht. »Zacharias!« riefen sie, und zwei von ihnen gaben Zacharias Rippenstöße. »Zacharias ist der Teufel, der sitzt oben auf dem Schrank!« »Also eins, zwei, drei! auf den Schrank!« Zacharias kroch wie eine langbeinige Spinne vom Stuhl auf den Tisch, vom Tisch auf den Schrank. Als er oben saß, rief er in das Gewusel unter ihm: »Du Verdammter! Verfluchter! Vermaledeiter! Wer ist denn jetzt dran?« 149 »Zuerst die Wolken!« rief Bimm Bimm. »Ja so,« sagte Zacharias auf dem Schrank, und sie stopften ihm mit Hallo ein paar Kopfkissen unter. »Jetzt geht's los!« »Bimm Bimm ist wieder dran!« schrien einige, und schon war Bimm Bimm gepackt und vor den Schrank geschleift und gezerrt, wobei die, die ihn zerrten, die Zähne fletschten, sprudelten, pusteten, Krallen machten und sich ganz fürchterlich gebärdeten. »Was hat er getan, den ihr da herbringt, meine Teufel?« »Er hat die Suppe mit Willen umgegossen und hineingespuckt.« »Hast du das getan, du Verdammter, Verfluchter, Vermaledeiter?« frug der Teufel vom Schrank herab aus den Wolken. »Ja,« wollte Bimm Bimm rufen, aber er brachte nur einen gurgelnden Laut zustande, weil ein Teufel gerade Bimm Bimms Bauch mit den Füßen behandelte. »Du hast es also getan! – dann wirst du verbrannt – und zwar gleich. – Teufel! verbrennt ihn – aber rasch, daß wieder ein anderer drankommen kann.« »Wo ist denn der fromme Mann hin, der hier am Schrank stehen muß?« »Den brauchen wir nicht,« antworteten einige, die sich darüber hermachten, Bimm Bimm zu verbrennen. Es wurden Holzstücke unter ihn geschoben. »Den will keiner machen!« schrie Johannes. »Jawohl, so dastehen und die Hände falten und die Augen verdrehen! Wir wollen alle Teufel sein!« Jetzt sprangen sie wütend um Bimm Bimm herum, der sich die Augen zuhielt. Sie fackelten mit den Armen in der Luft, schlugen mit den Beinen aus, steckten die Zunge heraus, zischten und spuckten und waren Flammen und Teufel 150 zugleich, die Bimm Bimm verbrannten, und taten es mit solcher Hingebung, daß sie nichts mehr hörten und sahen. Der Teufel rief vom Schrank herab: »Stoßt ihn! Reißt ihm die Augen aus! Werft ihn tiefer ins Feuer!« »So – lustig darauf los! – Die Zunge herausreißen!« – Dabei strampelte der oben auf dem Schrank mit den Füßen an die Schranktür, und alle johlten und hohnlachten, bis es Bimm Bimm wirklich zuviel des Guten wurde. Wie kommen sie denn auf solche Greuel, diese Kinder? Vielleicht hatten sie schon ihre bösen Erfahrungen gemacht; vielleicht waren sie im Herzen wütend über dies und jenes, vielleicht fühlten sie einen ingrimmigen Ekel vor den schmutzigen Betten, der alten ekelhaften Diele, dem alten Kaffeetopf und den hochtrabenden Reden, den tintengefleckten, zerwürgten Schulbüchern, dem ewigen Arbeiten und Überbürdetsein, dem Strafen und Zanken. Vielleicht wollten sie es anders. Kristine stand mit zusammengefalteten Händen und angstvollen Augen da. Die Teufel hatten schon längst auf alle Weise einen Verdammten nach dem andern auf den Befehl vom Schranke herab verbrannt, zerstampft, zerstückt, geschlachtet, gespießt, und hatten ein bewunderungswertes Talent entwickelt, diese Dinge anschaulich zu machen. Bimm Bimm mochte etwas sehr Wichtiges zu tun haben, konnte nicht gleich abkommen und rief aus der Nebenstube fortwährend: »Ich komme gleich, ich bin der ärgste Teufel!« Und darauf kam er angetobt, glühend rot vor Eifer, und stürzte auf den augenblicklich Verdammten los. Da lief Kristine mitten in das tolle, wütende, schnaufende Knäuel hinein, breitete die Arme aus und schob die wütenden Kinder kräftig auseinander. »Gott ist gut, ihr Kinder«, rief sie erregt. »So etwas müßt ihr nicht spielen!« 151 Der Teufel aber vergaß seine Rolle und streckte ihr die Zunge heraus. »Feiges Mädchenvolk« rief er, »vor jedem Dreck fürchten sie sich!« Er kam aber herunter. »Da,« rief er und zeigte auf einen alten Kupferstich an der Wand, der das Jüngste Gericht darstellte, »wenn einer so was malen könnte, tät er's schon auch, aber gute Leute, die still stehen, sind eben leichter zu malen als Teufel, die springen . . . Frag' Vatern, Vater sagt: So wird's einmal. Mutter sagt's auch. Hör' mal, wenn du dich jetzt schon so gefürchtet hast, möcht' ich doch wissen, wie du's aushältst, wenn sie einmal über dich kommen. Du, was denkst du denn, du? Dir kann's auch passieren, in die Hölle kann ein jeder kommen im Umsehen.« »Freilich!« sagte einer. »Wenn es mit dem Lernen bei uns allen nicht besser wird, kann von uns allein eine ganze Fuhre hineinkommen. Meinetwegen,« setzte er resigniert dazu, »mir ist schon alles gleich.« Kristine streichelte den dünnen, spärlichen Jungen, dessen trübsinnige Philosophie ihr ans Herz griff. »Wißt ihr,« sagte sie, um in dieser Kinderstube etwas Frohes zu sagen: »Morgen wird's gewiß ein schöner Tag, da sollt ihr auf die Berge gehen, wir geben euch etwas Gutes zum Naschen mit.« »Wird nichts!« sagte einer von ihnen. »Drei müssen morgen von uns nachsitzen, wissen's schon, morgen kommen die lateinischen Aufgaben zurück, da setzt's allemal was.« »Dann soll euch Annuschka heut' gleich von meiner Schwester einen rechten Haufen Kuchen holen!« Da erscholl ein durchdringendes, wütendes Freudengeheul und Bimm Bimm biß Kristine vor Wonne in die Hand. 152 Sie bat die Kinder, jetzt ruhig zu sein, ließ sie die schlimmste Wüstenei etwas ordnen, fand unter einem Bett ein Taschentüchelchen und putzte Bimm Bimm die Nase, erkundigte sich, wo das Dienstmädchen geblieben sei, und ob sie bald wegen des Abendbrots komme. Als sie darüber leidlich Auskunft erhalten, versprach sie noch einmal auf allgemeines, dringendes Erinnern, Annuschka nach dem Kuchen zu schicken, und wurde unter stürmischen Umarmungen und Liebkosungen von Bimm Bimm entlassen. Die größeren riefen ihr noch nach: »Aber heute bist du fein, Kristine! Wunderschön!« Als sie oben angelangt war und Annuschka ihr geöffnet hatte, mußte sie eine Weile stehenbleiben, nach Atem ringen. Sie war unsäglich bedrückt. Die Majunkeschen Kinder hatten sie durch ihr Spiel erschüttert. Alles sah sie fremd und unheimlich an und sie fühlte sich nicht wohl, nicht frei, nicht so wie sonst, so anders wie sonst, matt und schwer. Und jetzt gerade kamen die dunkeln, dumpfen Angstgefühle wieder, die sie auf dem Wege überfallen hatten, die sie mit rührender Gewalt von sich abgehalten, die sie nicht kennen, nicht ahnen wollte! Und diese dunklen Gefühle ruhten nicht, ließen sich nicht abweisen und wollten Gestalt annehmen, kamen immer wieder seit geraumer Zeit, zu allen Tag- und Nachtstunden, und raubten den Schlaf und jeden Frieden. Und es mochte etwas Ungeheures für sie sein, was so auf Schritt und Tritt trotz allen Kampfes und aller Gegenwehr, aller Selbstbeherrschung sich ihr jetzt in das Bewußtsein drängen wollte. Und wieder richtete sie sich fest und frei auf, wie sonst, wenn sie im Garten am Strande stand und der Wind ihr ins Haar fuhr und ihr die Gestalt umwehte, und sie sich so frei, so eins mit allem Frischen, Lebensvollen fühlte, so stark und leicht zugleich, als könnte sie fliegen. 153 Sie dachte leidenschaftlich an jene heimatlichen Gefühle, während sie fest und jugendkräftig jetzt im dunkeln Vorzimmer stand, und sie dachte, daß sie ja dieselbe Kristine noch sei, ganz, ganz dieselbe, und das ließ sie aufatmen! Aber auch diesmal sanken diese mutigen, jungen Arme matt herab, und Kristine ging langsam nach ihres Vaters Zimmer, öffnete die nur angelehnte Tür. Das Zimmer war dunkel und sie sah im Mondlicht ihren Vater, der ihr leises Kommen nicht gehört hatte, am Fenster sitzen, ganz in sich versunken, unsäglich einsam. Im hellen Mondlicht sah sein Gesicht so eingefallen aus, die ganze Gestalt zusammengesunken. Das graue Haar hatte er sich wirr gewühlt. Er hielt auch noch die eine Hand darin vergraben und stützte den Kopf auf den Arm. Kristine wagte sich nicht zu regen. Sie fürchtete, ihn zu erschrecken. Ihre Blicke hingen an dem einsamen, kranken Mann, der im Dunkeln seinen Gedanken nachhing. Ihr wollte bei dem Anblick das Herz zerspringen. Sie wäre am liebsten auf ihn zugestürzt und hätte ihr armes Herz an sein armes Herz gelegt, aber sie hielt sich aufrecht, schlich leise zurück und frug Annuschka, weshalb ihr Vater ohne Licht sei. »Herr wollen nicht haben«, – erhielt sie zur Antwort. Darauf zündete Annuschka die Lampe für ihre junge Herrin an. Kristine nahm sie ihr ab, um sie selbst zu ihrem Vater zu bringen. Da stellte Annuschka sich vor sie hin. »Hier nicht gut ist«, sagte sie heftig. »Arme Herr sehr krank. Kind auch nicht gefallt mir, Kind schlaft nicht in Nacht – weiß! Woll'n fort.« »Bald«, sagte Kristine. Annuschka ging holpernd und kopfschüttelnd, nachdem sie ihr Herz freigemacht, wieder in ihre Ecke, wo sie sich auf die Erde setzte und bei einem Lichtstümpfchen herumhantierte. 154 Kristine fiel es ein, was sie den Kindern unten versprochen hatte, schrieb in Eile ein paar Worte und hieß Annuschka das Zettelchen forttragen. Sie rief schon von der Tür, um ihren Vater aus seinen Gedanken zu wecken: »Ich bin schon da, ich komme zu dir!« »Du, schon?« rief es aus der dunkeln Stube freundlich erstaunt. Und wie Kristine eintrat im weißen Kleid, mit dem Rosenkranz und mit der brennenden Lampe in der Hand, blickte der kranke Mann aus seiner Versunkenheit vollends auf. »Meine gute, liebe Sonne kommt!« sagte er. Kristine setzte die Lampe auf den Tisch, kniete vor ihrem Vater nieder, umschlang ihn, und auch er legte seine Arme um sie. Und so, ohne Hast, ohne Erregung war sie nun bei ihm, ohne ihn erschreckt zu haben, und konnte ihr armes Herz an sein armes Herz legen. Und sie sprachen kein Wort miteinander. Da war es Kristinen, als würde sie von der dunkeln Angst von ihrem Vater gerissen. Sie stand hastig auf. Röte stieg ihr ins Gesicht, das Herz schlug ihr – sie war in grenzenloser Verwirrung. – Sie, die nie etwas zwischen sich und ihrem Vater empfunden hatte, die immer volle unschuldige Wahrheit hatte zeigen können und nichts als Wahrheit von ihm erfahren hatte, die nicht imstande gewesen wäre, auch nur die kleinste Lüge über die Lippen zu bringen, war jetzt ganz Lüge. – Wie war sie nur hineingekommen in dieses Elend? Es war ja nicht nur das Verschweigen. Daß sie sich froh und harmlos zeigte und im tiefsten Herzen nicht froh und harmlos war, sondern voller Sehnsucht nach einem Menschen, an dem ihr ganzes Herz hing, dem sie mit Leib und Seele angehörte – und an den niemand mehr dachte. Das Verschweigen ihres Leides hätte sie tapfer tragen wollen und 155 trug es tapfer, ohne Klage. Das war es nicht, was zwischen ihr und ihrem Vater stand – das nicht! – etwas anderes, etwas ihr ganz Unfaßliches, Undenkbares lag zwischen ihm und ihr. Eine Ahnung, so dunkel angstvoll – daß der Tod dieser Ahnung gegenüber alle Schrecken verlor, daß sie es nicht länger in ihres Vaters Nähe litt und sie im anderen Zimmer sich zitternd an einen Vorhang schmiegte und ins Dunkle starrte. Und in solchem Erstarren blieb sie lange am Fenster stehen, während ihr Vater im Nebenzimmer auf und nieder wandelte. Es mochte ihm nicht gut zumute sein.   Am Morgen nach der Taufe, als Frau Ahrensee zu ihrem Manne kam, fand sie ihn sehr schwach. Er war zum erstenmal nicht aufgestanden und beschloß, auch liegenzubleiben, bis er sich wieder mehr bei Kraft fühlen würde. Der Arzt kam. Und auf Frau Ahrensee machte es eine beruhigende Wirkung, daß dieser berühmte Professor das Befinden ihres Mannes als etwas durchaus nicht Überraschendes ansah. Gottlob, dachte sie bei sich selbst, er macht nichts daraus. Sie, die immer gesunde Frau, hatte für Kranke kein rechtes Verständnis, war an das ewige Kränkeln ihres Mannes gewöhnt und konnte sich trotz ihrer Herzensgüte des Verdachtes nicht erwehren, daß Leute, denen immer etwas fehlt, allerlei Einbildungen haben. Sie machte sich vorderhand nicht übermäßig Sorge, nur hin und wieder kam es ihr dumpf zum Bewußtsein, als wäre ihrem Mann die Reise nicht zum besten angeschlagen. An die Rückreise konnte man nicht eher denken, bis wirklich ein sichtbarer Erfolg durch die Behandlung der berühmten Ärzte eingetreten sei. 156   Über die Ahrensees sagte man den Hennebergs überall das Angenehmste und bedauerte unendlich, daß Herr Ahrensee immer leidend war und an der Geselligkeit nicht teilnehmen konnte. Seine Frau und Tochter gewannen alle Herzen. Die blonde Frau Ahrensee in ihrem weichen, regelrechte Benehmen mit der langsamen Art zu sprechen gefiel allen. Sie hatte trotz ihrer kräftigen, vollen Gestalt etwas Hilfloses, Schutzsuchendes im Benehmen, was in der fremden Umgebung deutlicher hervortrat. – Schutz und eine gewisse Bevormundung hatte sie an ihrer Kusine Mathilde Swensen gefunden, und auch Frau Professor Majunke widmete sich der weltfremden Frau, wie sie Frau Ahrensee nannte, eifrig. Schon während Mathilde Swensens Besuchszeit bei Ahrensees hatte Mathilde ihre Energie tief in den nachgiebigen Charakter ihrer Kusine, die sie aber vorzog Tante zu nennen, eingedrückt. Schon damals war dies Frau Ahrensee nicht ganz bequem gewesen. In Mathildens strammer Gegenwart war es Frau Ahrensee immer, als wäre ihr eigener Geschmack und ihre eigene Meinung gar kein Geschmack und keine Meinung. Sie wagte sich auch nicht damit so recht hervor, hörte lieber gelassen zu, was Mathilde sagte. Trotzdem aber war Mathilde Swensen ihr nicht gerade sympathisch; sie fühlte sich von ihr bedrückt, und nun war sie auch noch unter das Protektorat der Frau Professor Majunke geraten. Und diese beiden Damen führten die unschuldige Frau Ahrensee in allerlei Dinge ein, um die sie sich sonst nie gekümmert hatte. Auch wegen der Behandlung ihres kranken Mannes erhielt sie strenge Anweisungen. »Ja, beste Tante,« sagte Mathilde zu ihr, »wenn du aber Onkel Heinrich auch in allen Dingen gewähren läßt, wie kannst du da irgendeinen wirksamen Einfluß der Ärzte erwarten? Hat er Lust, tagelang im Bett zu liegen, gut, du läßt ihn ruhig liegen; hat er Lust, nicht zu essen – du läßt 157 ihn so wenig oder so viel essen, als er will; gefällt es ihm, wie eben jetzt, sich gar nicht mehr zu beschäftigen, du denkst nicht daran, ihn anzuregen. Sage einmal selbst, ob das die rechte Auffassung der Ehe ist!« Aber zum Wohl Heinrich Ahrensees machte Frau Ahrensee von ihrem aufgerüttelten Selbstbewußtsein keinen Gebrauch. Sie hätte wirklich gar nicht gewußt, wie sie das anfangen sollte.   Der Arzt kam in dieser Zeit regelmäßig jeden Tag zu Heinrich Ahrensee, der sich von seiner großen Schwäche nicht erholen konnte. Es waren manche Anzeichen eingetreten, die einem lebenserfahrenen Menschen als beunruhigend aufgefallen sein müßten. Frau Ahrensee aber hatte immer so glücklich gelebt, es war vor ihrer sanften, weichen Person alles Unglück ausgewichen, daß sie dessen Antlitz und Vorboten nicht kennengelernt hatte. Wohl erschreckte sie das Aussehen ihres Mannes hin und wieder, die augenfällige Schwäche, die stille Stimmung, die ungemeine Weichheit in seinen Gefühlsäußerungen; aber, tröstete sie sich, er war ja immer ein so guter Mensch und hatte seine eigenen Gedanken; solche Leute hängen den Kopf leicht, wenn ihnen etwas fehlt. Der Arzt blieb auch rücksichtsvoll der Weisung Heinrich Ahrensees getreu, der den Seinen den besorgniserregenden Zustand seiner Krankheit verschweigen wollte. Ahrensee fürchtete sich vor der erzwungen heiteren Umgebung, vor den Ausbrüchen von Haltlosigkeit seiner Frau, vor Kristinens traurigen Augen. Nein, er wollte es nicht, sie sollten es nicht erfahren, nicht deutlich ausgesprochen erfahren. Wie sah ihn das Mädchen manchmal an! mit so verwirrtem, trübem Blick, als wenn sie lange nicht Ruhe gefunden hätte. Wenn er sie an sich ziehen wollte, schien es ihm, als 158 wiche sie ihm aus. Dabei war sie rührend gut, tat alles, was sie ihm an den Augen absehen konnte, war immer besorgt um alles und jedes. Keine Speise bekam er, deren Bereitung Kristine nicht behutsam überwacht hätte. Wenn er oft tagelang zu Bette lag, war es wunderlich, wie sie jeden seiner Wünsche wie hellsehend erriet. Fühlte er sich unbehaglich, so legte Kristine ihm die Kissen zurecht, ehe er sich selbst recht klar wurde, woran die Unbehaglichkeit lag. Sein Buch reichte sie ihm zum Lesen, gerade wenn es ihm angenehm gewesen wäre zu lesen, und alles tat sie still und friedlich, so ganz versunken, zu helfen und zu erleichtern. Hätte er sein Kind belauschen können, wie sie nachts in ihrem Bette saß, den Kopf an die kalte Wand gepreßt, mit fest ineinander verschlungenen Händen und einem Ausdruck in dem starren Gesicht, als lauschte sie – als hätte sie etwas Schreckliches nicht recht verstanden! Wenn sie so saß und vor sich hinblickte, fürchtete sie sich vor sich selbst. Wenn ihr Blick an ihrem weißen Nachthemd herabglitt, erschrak sie vor ihrem eigenen Körper – wie er ihr geheimnisvoll erschien, so herzbedrückend geheimnisvoll! Vor ihren Händen selbst erschrak sie, es waren ja dieselben Hände wie früher – ihre Hände – und wie sie sich erinnerte, wie fest diese Hände und Arme beim Schwimmen das Wasser geteilt hatten, wie schön das war! – wie schön alles war! – und wie diese Hände Ker fest um den Hals gelegen hatten, wie sie ihn gehalten, wie sie ihn beschworen hatte, sie nie im Leben zu vergessen – und nun ist sie in dieser Todesangst allein! Das, was sie bis jetzt quält, ist namenlose Angst und Sorge; aber doch immer noch dumpf, ganz dumpf – das Bewußtsein sträubt sich noch. Es tauchen wohl Bilder auf, die sie bis ins Herz hinein erstarren lassen: aber das Unschuldige, Kinderhafte in ihrem Wesen will nicht verstehen und fassen – – so atmet sie immer wieder einmal auf, und 159 dann mochte sie ihren Lieben mit heißen Tränen um den Hals fallen; aber kaum, daß ein wenig Ruhe ist, kommt es wieder wie über sie hingewogt, das Unglück – die Gewißheit; und Zeit auf Zeit vergeht – ohne Ziel. Was soll denn werden? Nachts fährt sie auf und denkt, sie will gehen, soweit sie die Füße tragen, weiter, immer weiter, nie zurückkehren, und weit, weit von hier tot zusammensinken. – Aber ihr Vater! – in seinem schweren Leiden jetzt! – und die Hennebergs und ihre gute, liebe Mutter und – alle Menschen. Was wird denn geschehen um Gottes willen? – wie ein wilder Tanz ziehen Ereignisse, entsetzte Gesichter, unklare, spöttische, verächtliche Mienen der freundlichen Leute an der armen Seele vorüber. Sie denkt jener bangen, wunderreichen Nacht, nach welcher sie am frühen Morgen im triefenden Regen stand – bleichgeküßt, todesmatt vor Weh, betroffen und schuldbeladen, so verlassen, so dem Schicksal anheimgegeben. Wie war denn das Unmögliche möglich geworden? Sie, die Stolze, Freie, Ruhige, das gute Kind ihrer Eltern – so entartet! Wie war denn diese unsägliche Liebe über sie gekommen, über sie, die von Liebe nichts wußte! Und diese Wonne, dieser Überschwall von Glück und Weh?! Und wie sie dann vor Gott auf den Knien gelegen hatte, und gebetet, daß er sie von der Erinnerung an die schreckvoll heilige, verzweifelte Liebesstunde erlösen möchte! – Und er hatte sie nicht erlöst! Nein – nein – nein – nicht erlöst! Jetzt noch fühlte sie Kers Küsse, die ganze, große, wilde junge Liebe über sich herstürzen und strömen und fühlte es jauchzend und verzweifelt zugleich. Fest und stolz mitten in ihrer Angst und Ratlosigkeit, richtete Kristine sich auf und sagte zu sich in ihrem alten, lebendigen Ton: »Nein – nein – nein!« – und darauf 160 stürzte sie in wilden Tränen nieder. – Nach diesen wilden Tränen war ihr's, als zöge es ihr fremd ins Herz, als schlüge es warm und freudig, wenn sie an ihr Kind dachte – ihr Kind und sein Kind – als wollte alle Angst und Verwirrung vor dieser frühlinghaften Vorstellung auftauen; und sie versank in das ahnungsvolle Empfinden des jungen Weibes, das weichen, reinen Herzens dem ersten Mutterglück entgegensieht. Ihr müder Geist trank diesen Frieden ein. Und wieder ging der wüste Taumel an, Todesangst, Verwirrung und Verzweiflung – und sie stürzte in dieses Atem und Sinn raubende Gewoge, völlig widerstandslos. Was sollte sie denn erkämpfen, was denn? Glück für sich etwa? wo alle andern über sie verzweifeln würden? 161   Drittes Kapitel Heinrich Ahrensee liegt den ganzen Tag matt und gequält auf seinem Ruhebett. Die Augen aber leuchten ihm jedesmal auf, wenn sein Kind eintritt. – Er liebt es, ihre Hand in der seinen zu halten, und so sitzt sie oft still bei ihm, oder er bittet sie von daheim zu plaudern, von ihren Bootfahrten, fragt nach kleinen Einzelheiten bestimmter Ausfahrten, die sie miteinander gemacht haben. So sitzen sie auch an einem stürmischen Spätnachmittag beieinander. Die Dämmerung bricht herein, die ersten Novemberflocken sinken dicht in großen Fetzen nieder. Die Windstöße, die dies frühe Schneewetter gebracht hatten, fahren gegen die Scheiben. Heinrich Ahrensee sagt: »Nun schneien wir hier ganz ein. Wenn das Frühjahr da ist, so Gott will, geht's zurück.« Da fährt es seinem armen Kind wie ein Messer durchs Herz und sie starrt bleich auf ihren Vater, der aber blickt nicht auf und sieht wie in Erinnerung vor sich hin. Jetzt ist das Maß voll. Sie kann nicht mehr ihr Elend verbergen – ihr Vater zerreißt ihr die Seele; wie jammervoll sieht er aus, wie gut ist er. Und sie fühlt in diesem Augenblick ein Leben, das sich in ihr regt; es verrät seine Gegenwart so unabweisbar herzbedrückend! Da schreit sie in ihrer Angst dumpf unterdrückt auf, macht sich von ihrem Vater los, der erschreckt auf sie blickt, und stürzt hinaus, greift wie unbewußt gewohnheitsgemäß nach ihrem Mantel und läuft die Treppe hinab, durch die enge Seitengasse, bis sie einsam unter hohen Bäumen steht. Die weichen Flocken rieseln auf ihr Haar, der Schnee und die Dunkelheit haben alles sanft eingehüllt – kein harter 162 Laut, die Uhren schlagen gedämpft, wie sie bei dichtem Schneefall schlagen – ganz in der Ferne Musik, wie von weichen Flügeln getragen, Hundegebell, fast klanglos – und der Schneefall stark und dicht. Hinter den Bäumen fließt die Saale dunkel, und die Wellchen am niedern Ufer glucksen leise. Kristine will sich aufraffen, will überlegen, weshalb sie hierher gekommen ist – aber sie kann nicht denken; der weiche Schneefall und das leise Plätschern der Uferwellen hüllt ihr alles Denken ein; und wie das dunkle Wasser die weißen Flocken einsaugt, das sieht sich so einschläfernd an. – Sie lebt nicht mehr wie ein wacher Mensch – sie träumt. Ihr Elend ist nun so hoch gestiegen, daß sie es nicht mehr fassen kann. Sie ist ganz erfüllt und umlagert davon. Es trägt sie wie ein Meer, wirft sie hin und her, verschlingt sie, läßt sie wieder auftauchen, wieder sinken, wieder tauchen, und jetzt hat das Elend sie unter diese dunklen Bäume geworfen, an den fließenden Strom, der die weichen Flocken lautlos einsaugt, so lautlos und weich und schmeichelnd, daß sie immer wieder durch den Schneetanz blicken muß. – Der breite, dunkle Streif mitten im Schnee! Und manchmal glänzt, flimmert es darin auf, und die lautlos fließenden Wassermassen schieben weiter, gleichmäßig, geheimnisvoll – und die Flocken fallen immer dichter, immer dichter und verlöschen im schwarzen Wasser. Und diesem Auslöschen, Verschwinden zuzusehen, tut ihr gut. Es ist still und ungestört hier. Durch den Flockentanz dringt nach kurzen Pausen immer wieder ferne Musik auf weichen Flügeln – und das arme Geschöpf geht tief befangen von allem Leid und aller Angst, die über dem Kopf zusammengeschlagen ist, dem dunkeln Strome näher und näher. Kristine weiß jetzt, was sie hier sucht – Frieden. – Ihre Seele hält nicht mehr stand. Es graut ihr vor diesem 163 Frieden; aber die Angst, das Entsetzen vor tausend Dingen, die über sie herfallen werden, vor bekannten und unbekannten Gesichtern, treiben sie diesem Grauen zu –. Wie einsam, wie fürchterlich wird ihr Tod sein! – Dann wird sie vom Fluß hinuntergeschwemmt, dann wird sie an eine flache Stelle gespült. So wird man sie finden! – Ihr Körper ist fremden Augen preisgegeben! Was niemand weiß, muß offenbar werden und die Ihrigen gräßlich treffen! Ihren Lippen entfährt ein dumpfer Schrei! Es dreht sich ihr so wild im Kopfe. Sie starrt um sich her. Gibt es denn kein Mittel auf Erden, solche Qual zu wenden? Gehen, gehen – gehen in Hunger, Durst und Frost ohne Ende – und tot zusammenstürzen, da wo niemand sie kennt – Hilfesuchend, mit Todesangst in den Zügen, blickt sie um sich her – nicht hinauf in die Wolken. Ihr guter Herrgott war ihr jetzt fern, unsäglich fern. Er hat sie verurteilt. Das Spiel der Majunkeschen Kinder vom Jüngsten Gericht steht ihr mit einem Male grell und unvermittelt vor der Seele. – »Ja,« sagt sie halblaut und leidenschaftlich »sie werden gemartert, die Menschen!« Wieder irrt ihr Blick wirr umher. Da bleiben ihre Augen wie gebannt an einem Licht hängen. Sie weiß sehr wohl, was dieses Licht bedeutet. Das helle Fenster ihres Vaters ist's, das bis hin zum Ufer herüberblickt. Und mit einem Male breitet das arme Geschöpf die Hände aus wie in grenzenloser Sehnsucht und eilt zurück, unaufhaltsam. Sie tritt in das Zimmer ihres Vaters mit bleichem, von furchtbarer Erregung entstelltem Gesicht. Sie steht mit großen, verzweifelten Augen vor ihm und sieht in sein sterbenskrankes Gesicht. »Kristine!« ruft er, als er sie so stehen sieht, »was ist dir? wo warst du?« und er erhebt sich mühselig von seinem 164 Ruhebett, kommt ihr entgegen, breitet die Arme aus und zieht sein Kind zitternd an sich. »Kristine, fasse dich, Herzenskind – dein Vater kann nicht bei dir bleiben – er kann nicht. – Er hat auch ganz abgeschlossen. So schrecklich dir das scheint, jetzt im Augenblick, du wirst's verwinden! Denk' doch, die Blätter fallen im Herbste, es muß so sein – es ist gut so –. Dies Leben ist eine so zweifelhafte Sache, daß einer, der darüberstehen und alles überschauen könnte, lächeln würde, wenn er sähe, wie wir uns an dieses Leben klammern.« Er ist auf den Lehnsessel vor seinem Bette gesunken und hält die Hände seines Kindes, das ihn immer noch mit denselben verzweifelten Augen anblickt, und er sucht sich zu fassen; er versteht diese jammervollen Augen in ihrem wirren, unsteten Ausdruck nicht. »Mach' mir's nicht so schwer, mein Herzenskind. Hör' mich an, sei ruhig – mir ist's ja eine Erleichterung. Was denkst du denn, so ohne Abschied von seinem Kinde zu gehen, ist nicht gut. Wir können ruhig beide darüber reden, wie über andere Dinge auch – komm, mein Herz! und du wirst sehen, wie dann der Tod eines kranken, alten Menschen sich dir ganz anders zeigt, als du jetzt glaubst. Es handelt sich um ein kurzes Stückchen Erdenbewußtsein – dann kommt's auch an die Zurückgebliebenen. – Und wer weiß, wozu uns das Schicksal gebraucht, was es aus uns machen will. Da hat noch kein Mensch den Schleier gelüftet.« Mit einer Stimme, über die sie keine Gewalt mehr hat, die allen Jammer wie einen einzigen Todesschrei ausspricht, ruft sie: »Nimm mich mit, auch ich muß sterben!« – und vor ihres Vaters Füßen bricht sie zusammen. Ahrensee umklammert mit einer Hand krampfhaft die Stuhllehne, und sieht ihr in die jammervollen Augen, die 165 zu ihm in stummer Verzweiflung aufblicken. – Ein krampfhaftes Zittern fährt durch ihren Körper, sie faßt seine Hand, preßt sie an ihre Lippen und drückt Küsse darauf, mit einer demütig leidenschaftlichen Liebe; von ihrem Haar fallen die getauten Tropfen herab, und so wie sie zusammengesunken ist, bleibt sie vor ihrem Vater liegen. Die verzweifelten Augen ändern ihren Ausdruck nicht – und wie es scheint, versucht sie zu sprechen und kann nicht – – blickt hilfesuchend, schweigt und ringt wieder nach Worten – und wieder – und wieder; aber Worte finden sich für diesen Jammer nicht –. Sie blickt auf ihren Vater, und da ist es ihr, als werde ihr das Herz zertreten, als stürzte von allen Seiten Entsetzen auf sie ein. Und wieder fährt es ihr durch die Seele, wie die Majunkeschen Kinder an jenem Abend gespielt haben, und in ihrem wirren Kopf ist es, als hätten sie gar nicht gespielt, sondern ihr eine Wahrheit vorgeführt, die sie damals noch nicht kannte. »Vater, Vater,« flüstert sie mit einer fassungslosen Stimme – »lieber heiliger Gott – behüt' ihn – behüt' ihn! Vater!« ruft sie flehend noch einmal, und dann preßt sie die Hände wie bittend über ihrem Kopf zusammen – – –: »Ich bin Mutter.« Über Ahrensees Gesicht geht es wie eine Totenblässe, seine Augen blicken einen Moment ganz verwirrt und fassungslos. Während Kristine sprachlos vor ihm liegt, ziehen Schreckensbilder über Schreckensbilder an ihm vorüber. Da, als wäre er hellsehend geworden, ist auch das Bild des jungen Ker, seines Gastes, vor ihm aufgetaucht, und es ist ihm, als wenn seine Kristine diesen Ker die ganze Zeit her geliebt hätte. Jetzt nimmt er wortlos ihren Kopf, legt ihn an sein Herz, schlingt die Arme fest um sie und hält sie so. Seine Augen blicken über sie hinaus wie in die ferne Zukunft. 166 Und dem armen Mädchen, das so in ihrer Ratlosigkeit und Angst einen sichern Hafen in den Armen ihres Vaters gefunden hat, dringen unbezwingbar heiße Tränen aus den Augen, Tränen, die längst schon in übergroßem Jammer erstarrt waren. Und er läßt sie weinen. Nur der leise Druck seiner Arme zeigt ihr, daß er sie liebt, nach wie vor: das ist, wie er glaubt, die größte Wohltat, die er ihr jetzt tun kann. – Aber was dann? Der todkranke Mann, der so in aller Stille, ohne irgendeinen Menschen zu belästigen, mit dem Leben ganz nach seiner Weise abgeschlossen und sich für den nahen Tod vorbereitet hat, steht mit einem Male wieder mitten im Sturm des Daseins, und sieht das Liebste, was er besitzt, schwer bedroht. Das weiß er jetzt, daß sein Leben noch dazu ausreichen muß, um ihr beizustehen! Er weiß das – er fühlt die Kraft in sich, sein Leben zurückzuhalten, bis sie gesichert ist. Er hebt ihren Kopf von seiner Brust. – Es ist ihm, als müßte er ersticken. – Wie sollte er – jetzt, in letzter Stunde für sein unglückliches Kind gegen eine Welt kämpfen! Kristine blickt ihn angstvoll an – sie fühlt seinen liebevollen Arm nicht mehr. Wie die traurigen Augen eines sterbenden Tieres erscheinen ihm die Augen seines Kindes. »Nein, mein armes Geschöpf, ich tu' dir nichts« – sagt er tief erregt, »ich will dich schützen.« »Vater, Vater«, flüstert Kristine leise, wie eine arme, erlöste Seele. »Papachen«, schluchzt sie noch einmal, dann stürzen die Tränen wieder unaufhaltsam. Die Welt ist ausgeschlossen aus dieser stillen Stube; draußen fällt wieder der Schnee in dichten, wirbelnden Flocken, der Wind stößt gegen die Fenster, heult im Schornstein, braust 167 durch die Wipfel der gewaltigen Bäume unten am dunkeln Ufer der Saale, in deren schwarzes, nächtliches Wasser wieder die Flocken sinken – nach wie vor. Heute kommt auch Frau Ahrensee nicht; bei diesem Wetter bleibt sie bei dem Enkelchen. Sie weiß ja, wie gut ihr Mann und ihr Kind miteinander hausen, und daß ihr Mann wohl aufgehoben ist. Kristine liegt immer noch ganz aufgelöst in Tränen vor ihrem Vater, und dieser versteht ganz, was diese Tränen für sie bedeuten. »Wir bleiben beieinander, Kristine, du bist nicht mehr allein –« sagt er, nachdem eine Zeit verstrichen ist. – »Wir reisen miteinander fort von hier – bald. Wenn du heute schlafen gehst, armes Kind, denke an deinen Vater – und schlaf' ruhiger.« Kristine macht ihm noch auf der kleinen Spirituslampe seine Tasse Milch und Wasser zurecht, die er des Abends jetzt immer trinkt, und die er auch heute geduldig entgegennimmt mit einem Gefühl, das sich deutlich in seinen Zügen widerspiegelt – er will nichts unterlassen, will seinem Körper nicht das geringste entziehen oder zumuten, denn dieser Körper, den er schon völlig aufgegeben, soll weiterleben – der Mensch, der schon abgeschlossen hatte, soll auf der Todesschwelle wieder umkehren. Als Heinrich Ahrensee seinem Kinde Gute Nacht sagt, schlingt er beide Arme um ihren Nacken. »Das ist mein unglückliches Kind,« denkt er – »und zu dem stehe ich, solang ein Atemzug in mir ist. – Durch mich ist sie ins Leben gerufen, und wer in aller Welt sollte ihr in dieser Not beistehen, wenn nicht ich? die mir, solang sie lebt, nichts als Glück und Freude brachte – ganz unverdient – und nun, das erstemal, wo sie unglückselig ist und, wie die Welt es nennt, mit Schande beladen – da sollte ich an mich 168 denken?« Er preßt sein Kind an sich. – »Geh nur – geh nur!« sagt er bewegt. Und sie geht. Erlösung! Ein Menschenherz hat die Macht, ein anderes zu erlösen! – Das ist eine wundervolle Macht! So liegt Kristine unsäglich dankbaren Herzens und sieht dem Schlaf fast friedlich entgegen. Sie ist ja das elende Geschöpf nicht mehr, die Verbrecherin, die vor der Entdeckung ihres Verbrechens zittert. Sie ist nicht mehr verurteilt! Von diesem Augenblick an gehören sie und ihr Kind zueinander, und in ihrem Herzen taucht ein freies, starkes Gefühl auf. Wie ein Licht in tiefer Dunkelheit leuchtet dies Gefühl. Und zum erstenmal seit langer Zeit zieht auch klar und tief bei ihr ein, was ganz von Angst und Seelendruck erstickt war: die Sehnsucht nach dem Geliebten und das Vertrauen zu ihm. Verlassen hat er sie nicht! Verlassen nicht, das weiß sie, und so schläft sie ein, ein junges Weib, das um den, den es liebt und dem es vertraut, bangt, und das auf ihn hofft. Seit ihres Vaters Blick so gut auf ihr geruht, ohne Zorn, ist ihr alles Entsetzliche einfacher und ruhiger geworden. 169   Viertes Kapitel In dieser Nacht tobte der Sturm über weite Länderstrecken hin, entwurzelte Bäume, kämpfte und rüttelte und hätte alles zerreißen und zerstäuben mögen, was ihm im Wege stand. Es war ein Wintersturm, der von den Meeresküsten tief in die Binnenländer hinein wütete, ein Sturm, der Hunderte von Meilen mit gleicher Wucht über die Erde fuhr. Gesunde Leute lagen zufrieden in ihren Betten und hatten ein angenehmes Gefühl von Gesichertsein unter ihren warmen Decken. Kranken tat der harte Sturm weh, er rüttelte ihnen an den Nerven und ängstigte sie, und die Seelen, die diese Nacht die große Reise antraten, gelangten auf Sturmesflügeln in das unbekannte Land. Und es traten ein guter Teil die Reise an, wie jede Nacht, und der Sturm machte ihnen das Sterben nicht leichter. Er nahm auch gar manchen auf seinen schweren Flügeln mit sich, der vielleicht erst künftige Nacht oder künftigen Tag sich bereitgemacht hätte – und am Morgen hatten sich manche treue Pfleger in Trauernde verwandelt. Am Morgen wurde Heinrich Ahrensee tot in seinem Bette gefunden. Auf die weiße Seite des Buches, das vor ihm auf dem Deckbett lag, hatte er unleserlich mit fast erstorbenen Fingern noch etwas schreiben wollen und war nicht zu Ende damit gekommen. Der Tod hatte ihn plötzlich gepackt. Der erstarrte Ausdruck in des Verstorbenen Gesicht war ein unsäglich angstvoller. Annuschka war es, die ihn zuerst so gesehen hatte; als sie, um zu heizen, in sein Zimmer geschlichen kam, fand sie die brennende Lampe vom Abend her und von der Lampe bestrahlt das erstarrte Gesicht ihres Herrn. Wie eine 170 Nachtwandlerin war Annuschka aus dem Zimmer gestolpert, an der tief schlafenden Kristine vorüber, hinaus, die Treppe hinab und so zum Arzt, und hatte dort so wild und unsinnig geläutet, daß kein Zögern möglich gewesen war; wie ein Dämon war sie eingedrungen, ungezügelt, und hatte den berühmten Arzt so schnell mobil gemacht, wie es dem sein Lebtag noch nicht geschehen sein mochte. Und wie er mit ihr auf der morgendämmernden Straße ging, durch die der Sturm noch ganz gewaltig brauste, da rief sie dem Arzte wie etwa einem Pferde zu: »Schneller! – Laufen! – Nicht so langsam! – Laufen! – Fort! – Schnell!« So kamen sie miteinander an das alte Giebelhaus und stiegen miteinander die Treppe hinauf. Und als sie vor Ahrensees Wohnung angelangt waren, da drohte Annuschka dem berühmten Arzte mit der Faust, um ihm wahrscheinlich ganz deutlich zu machen, was sie wollte: »Schleichen!« – sagte sie wie zu einem Blödsinnigen, den sie einschüchtern wollte – »Kind schlafen! – Kind nicht Schreck machen!« – und so schlichen sie miteinander hinein zu dem Toten. Und als der Arzt sich sachgemäß vom völligen Eintritt des Todes überzeugt hatte, und seine Hand mit einem zustimmenden Nicken über die Magengegend des Toten mit leichtem Drucke gleiten ließ, und Annuschka breit und mißtrauisch dastand, jeder Bewegung des Arztes mit den Blicken folgend – da tut sich die Tür auf, und Kristine tritt ein, um nach ihrem Vater zu sehen – und ihr Blick fällt auf die starren, entstellten Züge des Toten. Kein Jammerton – wie hingestürzt ist sie beim Bett ihres Vaters in die Knie gesunken und verbirgt ihr Gesicht in die herabhängende Bettdecke. »Er ist sanft entschlafen!« sagt der Arzt, »es ist gekommen, wie ich ihm gesagt habe, ganz plötzlich – mußte so kommen. – Fassen Sie sich, Fräulein Kristine! –« 171 Kristine aber hört nichts, das Entsetzen ist über ihr zusammengeschlagen, und stumpf, fühllos wie eine Ertrinkende sinkt sie tiefer und tiefer in schwarzes, nächtliches Wasser hinab. Annuschka tappt ihr leicht auf die Schultern und sagt unter heftigen Tränenströmen: »Kind – Kind – Kind –!« Aber kein Laut, keine Träne ringt sich von diesem furchtbar geschlagenen Herzen los. Man läßt sie gewähren, man hat keine Zeit für sie. Der Tod bringt so viel düsteres Schaffen ins Haus, und das Drama muß sich unaufhaltsam abspielen. Jeder muß sehen, wie er es trägt. Frau Ahrensee mußte vorbereitet werden und die Hennebergs. Und wie sie kamen, eine Flut von Jammer und Schrecken! – Frau Ahrensee schluchzend, schon über die Straße war sie schluchzend gelaufen. Professor Henneberg hatte in aller Eile und Hast anspannen lassen wollen, um mit Frau und Mutter an das Trauerhaus zu fahren; aber den beiden Frauen war jede Verzögerung unmöglich zu ertragen, sie mußten dahin gelangen so schnell wie möglich, dahin, wo sie nichts mehr helfen konnten – und so liefen sie, ganz aufgelöst vor Schreck und Trauer, vor Professor Henneberg her, und dieser hörte die Mutter seiner Frau auf der Straße laut schluchzen.   Das alte Giebelhaus hatte so manchen Toten schon beherbergt. – Vor dreihundert Jahren war es erbaut worden – Zeit genug, daß Generationen darin geboren werden und aussterben konnten, von deren Dasein kein Mensch mehr etwas ahnt. – Die starken festen Mauern hatten Todeskampf und Totenklage schon so oft umschlossen. Und das alte Haus hielt immer noch aus – machte bei jedem Toten dasselbe steinerne Gesicht. Immer war es von diesen 172 Eintagsfliegen bewohnt gewesen, die sich so viel zu sein dünken, die sich so wichtig vorkommen, die keine Vernunft annehmen wollen. Und jeder Schub dieser Eintagsfliegen meint, er wäre der alleinberechtigte und hätte vor ihm und nach ihm nichts Gleiches. Dem alten Hause war es langweilig geworden, das trübselige Schauspiel wieder und immer wieder zu beherbergen. Die oberste Giebelspitze hatte es längst sachte nach vorn geneigt, als wäre es schläfrig, und nun wurden seine alten, morschen Rippen wieder einmal durchzittert von den Jammertönen und den Seufzern und dem Herzensschrei der armen Eintagsmenschen, und diese Seufzer, diese Jammertöne fuhren dem alten Hause jedesmal wie lebendiges Gift in die hölzernen Adern, zitterten die Wände hinauf und taten dem alten Haus größeren Schaden als der wildeste Sturmwind. Diese Töne hatten eine geheimnisvolle Kraft wie aus einer anderen Welt. Das alte Haus war wie eine viel gespielte Geige geworden. Die Töne hatten sich eingegraben bis in die feinste Faser. Wieviel Tote hatten im alten Haus schon gelegen in steifen Staatskleidern mit Handschuhen an den starren Fingern? Die Toten hatten so und so gelegen und die Trauerfeierlichkeiten waren so und so vor sich gegangen. Leichenmahle und stundenlange, nächtliche Gebete und alle Arten ewiger Lichter und Aufstellungen von allerlei rührenden und düsteren Dingen. Der Schmerz aber, die Qual, wenn der Tod das Furchtbare getan und die Leute, die zueinander gehörten, auseinandergerissen hatte, das war sich immer gleichgeblieben. Das hatte keine Mode geändert. Viele hatten geweint, wie Frau Ahrensee weinte, als sollten die Augen auslaufen, oder wie die Professorin auf eine gemäßigtere Weise. Manche waren vielleicht wie 173 Professor Henneberg tiefernst im Zimmer gestanden und hatten über die Aufbahrung der Leiche nachgedacht: ob es besser sei, in diesem Zimmer oder in jenem – und so weiter, und was alles zu tun sei. Der Professor küßte seiner Schwiegermutter ehrerbietig die Hand. Annuschka stand breitbeinig und weinte aus Leibeskräften. Und vor dem Bette, wo sie zuerst hingestürzt war, da lag Kristine noch, den Kopf in die herabhängende Bettdecke vergraben. Sie hatte sich noch nicht geregt und nicht bemerkt, wie alle versuchten, sie aus ihrer Erstarrung zu reißen. Die Mutter war ihr mit der zitternden Hand über die Schultern gestrichen, aber sie lag starr, immer noch ohne Tränen. Die Professorin hatte ihr mit weicher, von Tränen verschleierter Stimme zugeredet, Annuschka war zu ihr hingestolpert und hatte geschluchzt: »Weinen soll Kind! – Weinen, Kind! Muß weinen jetzt, armes Kind!« und sie hatte sie etwas gerüttelt und auf den Rücken geklopft. Auch Professor Henneberg hatte sich um sie bemüht, ihre schlaff herabhängende Hand gefaßt und gesagt: »Du treues Kind – du warst des guten Vaters Stern dein Lebenlang!« Alle fühlten Scheu vor dem Schmerz dieses Kindes. Annuschka schaute unverwandt durch ihre dicken Tränen auf das Kind ihres guten Herrn, das ihr das allerliebste im Leben war – und daß es jetzt nicht weinen konnte, das schien dem törichten treuen Weibsbild ungeheuerlich. Sie ließ sie nicht aus den Augen. Und als sie sah, wie der Kopf des armen Kindes sich immer tiefer neigte, da stolperte Annuschka wieder zu ihr, packte sie an den Schultern und zog sie in die Höhe – alles so flink wie im Umsehen – hob sie auf, stützte sie und führte sie hinaus; Kristine ließ es ruhig mit sich geschehen. 174 Annuschka führte sie in ihr Zimmer, ließ sie sich niedersetzen, machte ihr das Bett, räumte wie ein Wirbelwind im Zimmer auf, damit das Kind es gut habe, und dann packte sie sie wieder und führte sie zum Bette. Sie begann sie auszuziehen, da sah sie mit einemmal, wie eine Totenblässe ihrem Kinde über das Gesicht glitt und wie es bewußtlos umsank. »Meine Taube! meine Taube! Kind, meine Taube!« schreit sie. »Kind nicht auch tot sein!« Sie öffnet ihr das Kleid, hebt sie mit ihren sehnigen Armen und entkleidet sie – da mit einemmal fällt Annuschka wie ein Paket so schwer vor dem Bette in die Knie; sie stöhnt wie ein verwundetes Tier und springt auf, verriegelt die Tür und fällt wieder vor dem Bette nieder. Dann bricht sie in ein wütendes Schluchzen aus und legt ihre beiden festen Hände auf ihren Liebling, der totenbleich immer noch bewußtlos vor ihr liegt. – »Annuschka nun weiß, was mit Kind ist!« flüstert sie leidenschaftlich. Die Tränen rollen ihr die knochigen Wangen herab. »Wer hat Kind das getan! Kleinem guten Kind!« Mit den Händen fährt sie sich wie eine Wilde in das schwarze Haar und schluchzt laut und wütend. »Heilige Mutter von Kasan – du auch Kind gehabt haben! beten zu dir – Russen gut mit dir sind – auch mit mein Kind gut sein sollen! – Kind nichts tun sollen!« – Und da wirft sie sich auf die Erde und ruft einmal um das andere Mal: »Heilige Mutter von Kasan – mach' das! Menschen gut mit Kind sein sollen! – wie mit dir auch gut sind!« Annuschka ist stolz auf ihr Deutsch und spricht mit ihrer Herrschaft, solang sie denken kann, das, was sie »Deitsch« nennt, so auch mit der heiligen Mutter Gottes zu Kasan, trotzdem sie diese doch nichts angeht, da Annuschka Finnländerin und gut protestantisch ist. Jetzt 175 steht sie auf und stolpert nach dem Waschtisch, wäscht ihrem Liebling das Gesicht und trocknet es ihm wieder wie einem ganz kleinen Kinde ab. Für sie war und blieb das arme Geschöpf ein ganz kleines Kindchen. »Ich alles Frau sage – ich selbst sage«, murmelt sie vor sich hin; und als Kristine die Augen wieder aufschlägt und diese Augen so groß und unglückselig auf Annuschka richtet, da schluchzt Annuschka wieder so laut und wild, daß sie nichts hört und nichts sieht, dabei aber hüllt sie ihr Kind fest in die Decken ein und flüstert hastig: »Kind ruhig sein. – Weinen, Kind. – Nun weinen! – Das muß! – Weinen!« Und das flüstert sie so herzbrechend und unsinnig. Kristine starrt mit einem Schreckensausdruck auf Annuschka. Da fällt die vor ihr nieder und küßt die Hände ihres armen Pfleglings und kramt ihr die Füße aus den Decken. Sie küßt ihr wieder die Füße und schluchzt fort und fort. Und dabei hilft sie Kristine wieder in die Kleider – und schüttelt den Kopf, daß ihr die Tränen herabfliegen. Sie hat einen so großen Vorrat von Tränen, weit mehr als andere Leute. Annuschka ist aus dem Zimmer gegangen. Kristine bleibt starr und unbeweglich auf ihrem Bettrand sitzen. Sie braucht nicht aufzustehen, um bei ihrem Vater zu sein. Sie sieht ihn vor sich, sieht sein Antlitz, auf dem eine tiefe Angst erstarrt liegt. Sie sieht nichts anderes als ihn. Und dieser Anblick ist zugleich ihr einziger Gedanke. Alles andere steht still, und sie sitzt und schaut, ohne sich zu regen, wie in schwarzen Nebel hinein. Da tut sich die Tür auf, und ihre Mutter tritt ein. Kristine hebt die Augen. Sie sieht ein Weib mit ganz entstellten Zügen. Die heißen Tränen, die sie an der Leiche ihres guten Mannes vergossen, 176 sind vertrocknet. Das Gesicht sieht gefurcht aus und unsäglich gespannt im Ausdruck. Die volle Gestalt ist wie zusammengesunken, plötzlich alt geworden. Der Mund halb offen wie fragend, die Augen ganz verwirrt. »Kristine!« ringt es sich heiser und schwer aus dem Mund dieser Frau und sie sinkt auf dem Stuhl vor Kristinens Bett nieder. Und das unglückliche Mädchen sieht alles, versteht alles und starrt wie in einen Abgrund! »Ist das – das Unmögliche wahr, Kristine?« Das war eine Frage, herausgestoßen in Todesangst, Hilflosigkeit und Verwirrung – und traf in das Herz derer, die auf diese Frage antworten sollte. »Ja« – das klingt so fest und so verzweifelt! Da fährt ein Schrei durch das Zimmer, durch das ganze Haus, so wild und laut und schrill, als stieße ihn ein Raubtier aus. Und nach dem Schrei tauchen die entsetzten fragenden Gesichter von Professor Henneberg und seiner Frau auf, und noch zwei weitere Gesichter, die sich inzwischen eingefunden haben. »Gott im Himmel!« ruft Frau Professor Henneberg, »was ist geschehen? Mutter! Mutter! Mutter!« ruft die Professorin entsetzt, als sie Frau Ahrensee so sieht. Und sie fragen und blicken gespannt auf Frau Ahrensee. Die preßt die Hände vors Gesicht und streckt mit einemmal beide Arme straff von sich, weist auf Kristine und sagt etwas – etwas so Unwahrscheinliches. Dann fängt sie an zu lachen – zu lachen – zu lachen – und sinkt von dem Stuhl herab und birgt das Gesicht auf den Kissen des Stuhles – und lacht, und lacht, und windet sich vor Lachen. – Und alle Gesichter in der Tür bleiben starr auf Kristine und Frau Ahrensee gerichtet, und es spricht sich 177 in einigen dieser Gesichter ganz deutlich die Befürchtung aus, als hielten sie Frau Ahrensee für irre. »Der Schreck – das hat der Schreck gemacht!« sagt Frau Majunke, die hinter der Professorin sich in die Höhe reckt. Kristine aber steht jetzt aufrecht da und hält die Hände erhoben und gefaltet. So vergehen Augenblicke. Die Tür zu dem Sterbezimmer steht weit offen; dort liegt der Tote noch mit dem angstvollen Zug im Gesicht, der jedoch mehr und mehr schwindet und jenem tiefen Frieden Platz macht, der mit dem Leben nichts mehr gemein hat. Da liegt er, der sein Kind hatte schützen wollen. Sein Kind steht wie ein gejagtes Tier, zitternd, hoffnungslos, vor Grauen sinnlos. Die so wild lachte – das war ihr liebes, gutes Mütterchen, und die starren Gesichter in der Tür, die auf sie blickten wie auf einen tollen Hund, mit einem Entsetzen im Ausdruck, das sie stumm und steif macht, das sind Gesichter, die sich das unglückliche Geschöpf nicht im Fieber so hätte vorstellen können, wie sie sie jetzt in Wirklichkeit sieht – ganz wild verwirrte Gesichter! Und als es losbricht, das Entsetzliche, sich zu Worten und Gebärden gestaltet, da ist es, als läuteten große, tiefklingende Glocken vor Kristinens Ohren, ganz nah – sie verliert die Sinne nicht; aber es läutet und läutet und läutet so schwer und hart und fürchterlich ihr in den Ohren, im Kopf, erfüllt das ganze Zimmer und läutet und läutet. Dazwischen hört sie Worte, die ihr das Herz stillstehen lassen, und sieht, wie ihre arme Mutter sich nun in Tränenströmen auf der Erde windet. Es hat sich das Jüngste Gericht jetzt vor ihr aufgetan, wie es in den Köpfen der Menschen spukt, wie es die Kinder ihr 178 düster vorgespielt – sie ist die Verdammte, die Zertretene, die Verfluchte, die mit Worten statt mit Feuersflammen und Zangen zerrissen werden soll. Und diese Worte, diese Beschuldigungen, wie sie von den Lippen stürzen, so drohend, so vernichtend – wie Tropfen Gift fallen sie auf das unglückselige Herz, das sich selbst hätte auslöschen mögen, um die andern von dem Jammer und der Verwirrung, in die sie durch sie gestürzt sind, zu befreien. »Mein Gott, wär' ich aus dem Leben gegangen, wie ich wollte!« sagte Kristine leise mit gebrochener Stimme, im Übermaß allen Jammers. »So!« rief Frau Majunke und stand vor ihr wie ein Engel des Gerichts, der sich mit voller Selbstlosigkeit auch in die fremdesten Angelegenheiten mischt. »Auch Selbstmörderin!« schrie die kleine Frau. Da fühlt sie den Atem ihres Schwagers vor ihrem Gesicht – und hört wieder Worte – Worte – Worte – und dazwischen läutet es wieder vor den Ohren, schwer und dumpf und dröhnend, und draußen tobt der Sturm und rüttelt am Fenster. Und vor Kristinens verwirrten Augen blitzt die wohlgepflegte Hand, die schneeweiße Manschette ihres Schwagers auf und sie fühlt einen Schlag im Gesicht. – Diese höfliche, wohlgepflegte Hand, die sie vorhin so würdig und liebevoll gestreichelt, hat sie ins Gesicht geschlagen – und sie hört und sieht, wie ihre Mutter sich auf die Knie aufrichtet und jammernd ruft: »Nicht schlagen!« Wie Wahnsinn packt es Kristine. Sie stürzt vorwärts – – »Vater! Vater!« schreit sie laut und jammervoll, und mit ausgestreckten Armen will sie hinein zu dem Toten stürzen. Aber in der Tür wird sie prall aufgehalten. Mathilde Swensen steht da und vertritt ihr den Weg. 179 »Nein – da hinein nicht!« ruft Mathilde. »Zu diesem Heiligen wahrlich nicht! Die Lebenden können wir vor dir nicht mehr schützen – – – aber die Toten!« Mathilde hält ein Buch in der Hand – das Buch, auf dessen erste weiße Seite Heinrich Ahrensee mit sterbender Hand sein Kind der Barmherzigkeit und Weisheit hatte empfehlen wollen, aber nur noch unleserlich hatte kritzeln können. Mathilde Swensen aber hat herausgelesen, daß er Kristine ihrer Mutter und ihren Verwandten ans Herz legte. Sie hält das Buch aufgeschlagen in die Höhe und sagt mit bewegter, von Tränen erstickter Stimme: »Ich ersehe daraus, daß mein geliebter Onkel zur rechten Zeit durch Gottes Güte starb.« Mathilde Swensen wie Frau Majunke verstanden es, wie gesagt, musterhaft, fremder Leute Schmerz christlich zu tragen. Mathilde Swensen hält das Buch Professor Henneberg hin: »Hier,« sagt sie laut, »Kristine zur Seite stehen – das steht deutlich da – und hier – behüten – das kann man lesen – mein Kind schützen! – Was er noch schreiben wollte, ist nicht zu lesen –!« Kristinens Hände aber haben sich zusammengefaltet, als Mathilde Swensen die letzten Schriftzüge des Toten laut entziffert. Sie hat die Arme nicht umsonst in ihrer jämmerlichen Lage nach ihres guten Vaters Hilfe ausgebreitet. Ein fester, klarer Zug tritt in diesem Augenblick in Kristinens entsetzte Züge. Sie bleibt mit gefalteten Händen stehen; dann sinkt sie auf die Knie vor ihrer Mutter nieder, die immer noch hilflos auf der Erde weint und jetzt das Gesicht fest in die Hände preßt, als sie Kristine neben sich kauern sieht. Jetzt aber treten auch Kristine die ersten heißen Tränen in die schreckensstarren Augen. 180 Sie faßt mit beiden Händen das Kleid ihrer Mutter so, als fasse sie ihre Hände, mit solch unsäglich liebevoll rührender Gebärde. Ihre Mama selbst zu berühren, würde sie jetzt nicht gewagt haben – sie hätte geglaubt, ihr damit wehe zu tun – aber wie sie das Kleid hält! Frau Ahrensee sieht die Bewegung ihrer unglücklichen Tochter nicht. Sie hat in ihrer Ratlosigkeit die Augen fest geschlossen. »Mama!« schluchzt Kristine, »nur einzig deinetwegen! Glaub' nicht, daß ich so viel schlechter bin als früher – glaub' das nicht, ich bitte dich, glaub' das nicht!« Frau Ahrensee hörte die Worte ihres Kindes, sie sind ihr bedeutungslos. Ja, was sollten diese Worte wohl bedeuten, der entsetzlichen Tatsache gegenüber, den vernichtenden, verzweifelnden, richtenden Gesichtern gegenüber? Die Worte ihres Kindes aber dringen ihr dennoch wie eine dunkle, unbestimmte Offenbarung, die sie erhalten, die sie aus Furcht, verhöhnt zu werden, nie darf laut werden lassen, tief ins Herz, als wollten sie sich dort eingraben. Um Kristine aber beginnt von dieser Stunde an die Vereinsamung ihre Kreise zu ziehen. Als alle Schreckensworte, die gesagt werden mußten, gesagt sind, als alles an Zorn, Verzweiflung, Haß und Wut, Strafe und Vernichtung über die arme Kreatur hingestürmt ist, ohne irgend etwas an der Sache zu ändern, tritt eine große Stille und Abspannung ein. Mathilde Swensen und Frau Professor Majunke weichen ihrer teueren Freundin nicht von der Seite. Mathilde Swensen liegt der armen Frau zu Füßen. »Solchen Schmerz,« sagt sie und küßt der Unglücklichen die Hände, »solchen Schmerz soll man anbeten.« Das ist Frau Professor Majunke wie aus der Seele gesprochen, und sie drängt sich so nah und fest an Frau 181 Ahrensee, umfaßt sie so fest, als müßten dieser armen Frau Reifen ums Herz gelegt werden.   Sie aßen miteinander zu Mittag, der Form wegen, denn niemand hatte den Mut, einen Bissen anzurühren. Kristine, die Unglückselige, mit in dieses Schutz- und Trutzbündnis aufzunehmen, fiel keinem ein – sie war es, die alle ins Entsetzen zusammengetrieben hatte. Sie stand einsam – ganz einsam. Professor Henneberg lag es ob, die notwendigen Schritte zu tun, die unerbittlich getan werden mußten, und ebenso lag es ihm ob, den Weg zu finden, den er seiner Schwägerin zu gehen vorschreiben wollte. Kristine aber saß in ihrem Zimmer und schrieb mit fliegender Hand an ihre Mutter. Und als alle in der Dämmerung im Wohnzimmer versammelt waren und Mathilde Swensen den Tee bereitete, da ging Kristine ruhig und fest zu ihrem Vater, sank vor ihm auf die Knie und sah ihn durch flimmernde Tränen an. In ihrem Zimmer riegelte sie sich ein, suchte unter ihren Sachen und legte dies und jenes, eine kleine grüne Saffianmappe, ihren Schmuck, alles, was leicht zu tragen war und wenig Raum einnahm, zusammen; sie tat dies unter heißen Tränen, aber nicht hastig. In ihrer Seele lebte der Gedanke: »Wie mich mein Vater nicht verlassen hat, werd' ich das Kindchen nicht verlassen.« Das allein stand fest, sonst wogte alles in Schmerz, Qual und Verwirrung. Das Bild ihrer verzweifelten Mutter war wie eingebrannt in ihr. Es wurde leise versucht, die geschlossene Tür zu öffnen. Kristine fuhr zusammen, verbarg mit zitternder Hand die zusammengesuchten Sachen in ihrem Bett und öffnete. Annuschka war es, die ihrem Kinde, an dessen Wohl niemand mehr dachte, Tee brachte. 182 Annuschkas Augen waren dick verschwollen. »Armes Mütterchen muß trinken«, sagte sie mit verweinter, rauher Stimme. »Armes Mütterchen geschlagen worden ist! Niemand helfen!« Annuschka sagte das wild und zitternd und strich Kristine mit ihren flinken Händen über die geschlagene Wange. »Ach – ach – gut' Menschen auch bös' Menschen haben gewesen sein!« schluchzte Annuschka und hielt den Atem jetzt an, als das ›Kind‹ ihr an die Brust sank und das arme geschlagene Gesicht in ihrem Kleide barg. Ja, da hielt Annuschka mäuschenstille – »Gute arme Herr das nicht hätte leiden getan. Nie – nein!« »Annuschka! Annuschka!« schluchzte Kristine und klammerte sich an sie an in ihrer Angst. Und indessen sie einsam und verlassen den ganzen langen Tag, von niemandem als Annuschka aufgesucht, in ihrem Zimmer saß, das Annuschka ihr warm und behaglich geheizt hatte, da mußte ihre arme Mutter es lernen, sich strengen Blicken zu fügen. Als sie sich erhoben hatte, um zaghaft zu ihrer unglücklichen Kristine zu gehen, da war es das erstemal gewesen, daß diese strengen Blicke sie getroffen hatten. »Nicht doch, beste Mutter,« hatte Professor Henneberg scharf gesagt, »wohin soll das führen? Ich bitte dich: bleib. Ich werde dich den Weg leiten, den du zu gehen hast.« Professor Henneberg ließ sich durch das jämmerliche Aufschluchzen der armen Frau nicht beirren. »Liebste Mutter,« sagte er ruhig, »ich bin jetzt derjenige, der im Namen unseres teueren, unantastbaren Verstorbenen zu handeln hat, und ich denke in seinem Sinne zu handeln. Wie würde dieser reine Mann einen Fleck auf seiner Ehre ertragen haben?« frug der Professor mit ernster, fester Stimme. »Ich frage dich, teure Mutter.« Statt dem Professor zu antworten, sanken Frau Professor Majunke und Mathilde wieder über Frau Ahrensee her, 183 um sie mit Trost und Liebe und heiliger Überzeugungstreue zu decken. Als es dunkel wurde, schwankten große Lorbeerbäume und dicht verhüllte Palmen, dieselben, die Professor Henneberg zur Taufe geschickt worden waren, von polternden Leuten getragen, die Treppen des alten Hauses herauf, und die Majunkeschen Kinder standen unten an der Tür und schauten und suchten von den Bäumen im Vorüberstreifen Zweige zu stibitzen; und bei Ahrensees oben begann ein geräuschvoll gedämpftes Treiben; Menschen liefen flüsternd hin und her. Ein düsteres, herzbewegtes Heimlichtun breitete sich wieder einmal im alten Hause aus. Und als es ganz dunkel und still auf der Treppe geworden war und alles Leben sich ins Sterbezimmer gezogen hatte, da schlüpfte über diese Treppe eine ängstliche Gestalt, in dichten Pelz gehüllt, hinaus in die dunkle Winternacht, in den dichten Schneefall und ging durch die dunkelsten, engsten Gäßchen und dann unten an der Saale entlang, wo der Schnee weiß und unberührt lag. Da schaute diese Gestalt wie eine arme, verstoßene Seele nach dem hellen Licht, das sie gestern behütet hatte, nach dem erleuchteten Zimmer, dessen Fenster über die Gärten blinkten, in dem jetzt fremde Menschen ihren Vater unter grüne Lorbeerbäume betteten. Auf den wenig betretenen, noch schneefrischen Wegen, die an Hinterhäusern und ärmlichen Hütten vorüberführten, traf sie vor einem der letzten Häuschen einen kleinen Buben, der im tiefen Schnee vor einem hellen Fensterchen stand und weinte. Auf seine Wollmütze mit Ohrenklappen hatte sich der Schnee wie ein weißes Pelzchen gelegt. Das Bübchen weinte herzzerbrechend und schien völlig einsam zu sein, keine Seele außer ihm auf der ländlichen Straße, so weit man sehen konnte. Kristine blieb vor dem Bübchen stehen und fragte: 184 »Weshalb weinst du denn?« – Und es tat ihr wunderlich wohl, ihre eigene Stimme zu hören, ganz so, wie früher – so ruhig, ganz so, als wäre nichts geschehen, als sollte nichts geschehen. Und das Bübchen schaute sie groß und erstaunt an, schnappte nach Luft, ganz wie Bimm Bimm es tat, wenn er besonders heftig geheult und geschrieen hatte. »Därf nich ham,« schluchzte es und die Stimme blieb ihm aus, »hab mei Vater das Bier verschütt.« Und wieder weinte das Bübchen nach Herzenskräften. »Därf nich ham.« »Du darfst nicht heim«, wiederholte Kristine und hätte sich neben dem Bübchen hinknien und ihren Kopf an des Bübchens Kopf legen mögen, um mit ihm zusammen zu weinen. Und schon wogte es in ihrer Brust und schnürte ihr den Hals zu, als wollten Tränenströme aus ihrer starren Verzweiflung hervorbrechen – aber sie ließ es nicht zu, sie bezwang sich; hätte sie ihren Tränen freien Lauf gelassen, so hätten sie ihr die ganze Welt und alles, was sie jetzt zu tun hatte, verschleiert und verdunkelt. »Geh,« sagte Kristine zu dem Bübchen und gab ihm ein kleines Geldstück, das sie prüfend aus ihrem Portemonnaie genommen hatte, »hol's dafür deinem Vater neu. – Und wie heißt du denn?« frug Kristine. »Peregrin«, sagte das Bübchen. »Peregrin?« wiederholte Kristine und setzte ihren schweren Weg fort und hörte, wie das Bübchen ganz munter durch den Schnee stampfte. »Peregrin,« sagte sie leise wie träumend vor sich hin, »Peregrin.« Der Name klang ihr rührend schmerzlich, er drängte sich ihr ins Herz und stimmte wie eine wehmütige Melodie dies arme Herz noch banger und weicher. Als sie aber auf den Bahnhof kam, fuhr ihr ein Schreck in die Glieder; sie wagte nicht, in das Licht zu treten, daran hatte sie nicht gedacht. – Sie wollte ein Billett lösen – wohin? Nur fort – fort – und so stand sie in einer 185 dunkeln Ecke und überlegte und sann in ihrer Herzensangst – und wie schwer wurde es ihr, zu denken! Wie hatte der Weg sie ermattet und aller Jammer, der sie getroffen. – Wann mochte denn ein Zug kommen? Und wie krank, wie todesmatt fühlte sie sich! Beschwerden, die sie bisher nicht zu fühlen, nicht zu beachten gewagt hatte, traten nun, nachdem alles verloren, in ihr Recht, quälten und ängstigten sie und brachten ihr erschreckend in das Bewußtsein, was ihr bevorstand. Und da trat in dieser eisigen Ecke, in die der dichte Schneewirbel hineinwehte, in die der Wind den losen Schnee ihr über die Füße fegte, das Bild ihrer Schwester. Sie sah sie vor sich, ehe das Kind geboren war. Mit welcher Sorge wurde jeder Schritt, jeder Wunsch, jede Bewegung von ihr beobachtet. Wie stand alles ihr zu Diensten! Ach – ein einzig hartes Wort wäre allen als Verbrechen erschienen! – Und ihr – und ihr! Sie fühlte den schmachvollen Schlag wieder auf ihrer Wange brennen – sank wieder in die entsetzliche Stunde zurück, die eisern schwer ihr übers Herz gegangen. Die Nacht war lang, sie wollte warten – warten – warten, bis ihr ein Gedanke käme, dem sie folgen konnte. Und so weinte sie leise vor sich hin, weinte, bis sie müder und immer müder wurde. So verstrich eine geraume Zeit, ohne daß sich Leben auf dem Bahnhof geregt hätte; ein Gepäckträger war langsam und schwerfällig in ihrer Nähe vorübergeschlurft, langweilige Stimmen drangen durch das Schneegestöber bis zu ihr, und ein Bauersmann kam mit einem Wägelchen angefahren. Kristine hörte, wie das Pferd sich den Schnee hin und wieder von den Ohren schüttelte und wie die Glocken beim Schütteln hell klangen. Der Bauer war in den Bahnhof hineingetreten. Es mochte wieder ein gut Teil Zeit vergangen sein, da kamen eilige Schritte, die elastischen Schritte eines vornehmen, 186 intelligenten Menschen; sie kamen näher und näher; der Schnee fiel jetzt weniger dicht, und der gefallene Schnee leuchtete fahl. – Jetzt erkannte sie eine schlanke Männergestalt, die dem Bahnhof hastig zuschritt – und diese Gestalt näherte sich ihr mehr und mehr. Sie fühlte, sie wußte, wer es war! Ihr Schwager war es. Das Herz stand ihr vor Todesangst still, fest drückte sie sich in ihre Ecke hinein, preßte sich an die eisige Mauer. Da blieb er stehen, dessen Bewegungen sie mit Verzweiflung verfolgte – wenige Schritte von ihr blieb er stehen. – Sie hielt den Atem an. – Sie preßte die Hände auf ihr Herz. Ihr Schwager fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn; er schien gelaufen zu sein. Welches Entsetzen sie vor diesem Manne fühlte! Er schien unschlüssig zu sein, was er tun sollte, ging ein paar Schritte und blieb wieder stehen. Auf dem Bahnhof regte sich jetzt mehr Leben. Ein paar Hotelwagen fuhren an, der Gepäckträger schlurfte schneller, ein paar Leute kamen gegangen; der Bauer sah nach seinem Pferd. Einige Gasflammen wurden heller gedreht. Professor Henneberg schritt jetzt zielbewußt der Treppe zu, die in das Bahnhofsgebäude führte. – Jetzt wurde das erste Signal geläutet – der Gepäckwagen setzte sich in Bewegung und polterte auf den Perron hinaus. Kristine wußte nun, daß ihr Schwager sie hier zu finden glaubte. Mau hatte sie vermißt; der Gedanke an ihre arme Mutter schmerzte sie körperlich, grub sich ihr scharf ins Herz, und ihre arme Mutter hatte wohl auch schon den Brief gelesen, den sie ihr geschrieben. Ihre arme, arme Mama! – Man hörte den Zug heranbrausen, immer näher und näher kam es – und mit einemmal wie unvermittelt mächtig und rollend. Jetzt gellte der Pfiff – ein eiliges Treiben – man konnte nur nach den Geräuschen, den Rufen, dem Laufen 187 und Poltern den Gang der Dinge verfolgen. – Aber jetzt ging der Zug schon wieder – – und nun mußte sie erwarten, daß ihr Schwager an ihr vorüberkommen würde. Sie wagte nicht zu fliehen. Sie stand totenstill, sie sah nichts, sie empfand seine Nähe, er ging ganz dicht an ihr vorüber, er ging zur Stadt zurück. Die leisen Schritte verhallten – sie öffnete die Augen; sie atmete wieder. Nun aber wußte sie, daß sie sich nimmermehr zu dem Billettschalter wagen würde – aber was sollte sie tun, wohin sich wenden? Der Gedanke, daß ihr Schwager sie entdecken und über sie verfügen würde, erstarrte ihr Herz. Und wollte sie sich jetzt aufmachen und gehen, so weit sie die Füße trügen, wie weit würde sie kommen in dem hohen Schnee, so unsäglich matt, wie sie sich fühlte? – Da kam der Bauer aus dem Bahnhofsgebäude und lud ein Fäßchen auf seinen Wagen. Die Gasflammen wurden wieder klein geschraubt, der Gepäckträger und die Bahnbediensteten fielen wieder in ihren schlurfenden Schritt zurück, eine Art, sich vorwärts zu bewegen, so zwecklos und gelangweilt, wie sie einzig auf den öden Bahnhöfen kleiner Städte im Gebrauch ist. Der Gepäckträger schlurfte an den Wagen, unterhielt sich mit dem Bauer, half ihm das Fäßchen auf den Korbwagen binden und klopfte dem Pferd auf die Nase. – »Was is en in Rode lus?« »Nischt, das ich wüßte.« Und ohne sich zu besinnen, wie im Traume, trat Kristine zu dem Bauer an den Wagen und sagte: »Wollen Sie mich mitnehmen? Ich will auch nach Rode.« Kristine sagte das alles standhaft und ruhig. Sie hatte nach allem Jammer, der über sie hereingebrochen war, den festen Entschluß jetzt vor Augen, zu leben – für ihr und sein Kind zu leben; und wollte sie das, so mußte sie fest und ruhig sein. 188 »Mir wärsch recht, wenn Se mersch zahlen. Zwei Mark kost's«, sagte der Bauer. »Ja«, antwortete Kristine. »Haben Se Gepäck?« frug er. »Nur das«, und Kristine hob ihre Reisetasche in die Höhe. Der Mann nahm sie ihr ab, legte sie in den Wagen, rückte auf dem Sitz die Decke zurecht, schob das Bündel Stroh besser vor, daß es seinem Fahrgast die Füße wärmen konnte, half Kristinen in den Wagen, nahm vom Pferdchen die wollene Decke, schüttelte sie, schwang sich in den Wagen und breitete die Decke über sich und seine Nachbarin. Das Pferdchen zog an. Die Schellen erklangen, und unter dichtem Schneefall ging es in die Nacht hinaus. 189   Viertes Buch Erstes Kapitel Nach einem milden Vorfrühling, der schon alle Knospen und Keime berührt hatte, daß sie feucht in jenem lebendigen rötlichen Braun schimmerten, war ein harter Nachwinter hereingebrochen. Der Märzenwind, der schon so lind gewesen, daß er in kleinen Blumenhäuptchen gespielt, daß er den zarten, weichen Veilchenduft von den Hecken hergeweht hatte, war umgeschlagen, und die Härte und Schärfe, die auch versteckt in seinem wärmsten Hauche liegt, hatte die Oberhand gewonnen und Regen- und Schneewolken vor sich hergetrieben. Auf die ungeduldigen Keime, die die Knospen sprengen wollten, war Schnee gefallen, und ihr Eifer wurde abgekühlt; die Veilchen, die sich unter der kalten Decke zusammenduckten, hatten ihren Duft verloren. Die Stare pfiffen kläglich auf höchsten Baumgipfeln ihr Abendlied im Schnee – und dem ersehnten Frühling war ein kurzer Einhalt getan. Auf einen Waldweg, der unter jungen Buchen hinführte, war in glitzernden Kristallen der hartkrustige Schnee gefallen, der sich wie ein Eisüberzug um die Zweige gelegt hatte. Die Sonne hatte ihn erweicht und zum Schmelzen gebracht. Dann war wieder mit Sonnenuntergang der eisige Märzwind gekommen, und so war er wieder erhärtet. Nun um die Mittagsstunde sprang er von den Zweigen ab und rieselte auf das gefrorene, dürre Laub, das leicht mit Schnee gemischt war, und auf den schmalen Weg. 190 Seit Stunden mochte niemand diesen Weg beschritten haben, keine Fußspur war in das zarte Eisgeflimmer eingedrückt. Es war ein rechter Märzentag, scharf und frisch, für einen sorglosen Menschen ganz angenehm; aber für Tausende und aber Tausende, die das Leben bedrückt und geschädigt hat, schwerer erträglich als eine ehrliche Winterkälte. Die schrägfallenden, scharfen, blendenden Sonnenstrahlen, der beißende Wind, die grelle Beleuchtung, alles erregend und durchdringend. Der Weg führt durch Täler und über Hügel, Ausläufer des Thüringer Waldes, durch eine freundliche lichte Gegend. Jungholz, schlanke Buchenstämme, an die sich hin und wieder Fichtenunterholz schmiegt. Leichtes Auf und Nieder der Wege und Pfade, drüben auf dem Hügel dichter Fichtenwald. Auf dem Wege unter den jungen Buchen hin geht das menschliche Wesen, das dem unberührten Pfad die ersten Fußspuren aufdrückt, ein junges Weib in einen warmen Pelz gehüllt, eine Reisetasche und ein kleines, fest zusammengeschnürtes Bündel in der Hand. Sie geht langsam. Ihre Gestalt und ihr Gang verraten, wie mühselig ihr das lange Wandern fällt, jetzt, so vereinsamt im eisigen Märzwind, bergauf und ab. Wohin? Das ist die Frage für ungezählte Unglückliche. Wohin? Da würden sie uns mit ihren trüben, gleichgültigen Augen ansehen, wie aus einem schweren Traum aufgeweckt. Wohin? Ja wohin? Wohin? Wohin? Wir wissen's nicht. – Wohin? – In die Vereinsamung, die für die Elenden und Verlassenen immer bereit ist. Gott weiß wohin! Fragt das dürre Laub, das der wilde Herbststurm vor sich hertreibt, wohin es will. Vom letzten Zufluchtsort hat sie ein frecher Blick vertrieben, eine freche Frage, die Todesangst, entdeckt zu werden, 191 ihrem Schwager überliefert zu werden, diese Angst, die ihr Tag und Nacht nicht Ruhe läßt, die sie immer wieder antreibt, aufjagt. Sie will den Ihren nicht in die Hände fallen! Fort – fort – fort – immer wieder fort! So war sie jetzt wieder auf und davon, wie im Fieberwahn. Sie wollte nach Blankenhain, einem kleinen Ort, von dem sie nicht mehr als den Namen wußte; nur nicht bleiben, wo sie war! – nur das nicht! Sie hatte sich erst einen Wagen nehmen wollen – aber das kostete zuviel, das war so beschwerlich einzurichten. Und niemand sollte wissen, wohin sie gegangen, keine Menschenseele. Und es sollte nicht weit sein. Sie wollte langsam hingehen – immer wie im Fieber – immer in Angst wie ein verfolgtes Wild. Sie ist jetzt in hohen Fichtenwald getreten. Da rauschen die Baumwipfel, da ist das Licht nicht so grell, da ist tiefe Einsamkeit wie in einer leeren, kalten Kirche. Das Grün der alten Bäume nach all dem hellen Licht! Da sinkt das arme Geschöpf in Verzweiflung hin, als wäre hier ihr Ziel. Sie kann nicht mehr weiter! Ein Gefühl, das sie erstarren läßt, das ihr das Herz stillstehen läßt, ist über sie gekommen. Sie liegt unter einem Baum, den Kopf auf dem Arm. In ihren Zügen Verzweiflung und Angst. Herr Gott – wäre sie nicht gegangen! Da war es – das Bange – Angstvolle – das Schreckliche. »Mamachen! Mamachen!« schreit sie auf, als wäre ihr ein Todesstoß gegeben. Aber die verzweifelte, einsame Stimme verklingt, die alten 192 Fichten rauschen vor sich hin, wie in tiefen Gedanken. Die Erde ist kalt und hart, die Luft scharf und durchdringend. – Sie ist allein und hilflos. Und »Ker!« und »Ker!« jammert die unglückliche Kreatur. Das Rauschen im Walde wird dumpfer, verhaucht, schwillt wieder an. Ein Vogel pfeift in der kalten Luft sein Lied: dü – dü – dü – Da unter ihm auf dem grünen Moos trägt ein junges Weib ein gewaltig Stück des Leidens dieser Welt, das große Leiden des Weibes, und wird wie von einem Meer von Qualen hin und her geworfen, von Qualen zerrissen und von Herzensjammer gepackt. Stunden vergehen, langsam, langsam, langsam, wie Ewigkeiten. Die Qual steigt und steigt, wird unerhört. Das geheimnisvolle Ereignis des Lebens schreitet erbarmungslos über das arme Geschöpf, als wollte es sie zermalmen und vernichten. Der gemarterte Körper zuckt und ringt. Sie hört ihre eigene Stimme und graust sich vor dieser Stimme – dieser jämmerlichen, gemarterten Stimme. Die Abendsonne scheint jetzt rosig auf die Fichtenstämme, die Schatten werden länger. Während sie mit Schmerz und Angst kämpft, zieht durch ihre Seele eine Flut von Bildern – ihr ganzes Leben – ruhige, heitere Bilder aus ihrer Heimat, Erlebnisse mit ihren Eltern, alles so behaglich, so reich, so liebevoll. – Wie diese Bilder weh tun! Wie vergiftet sie sind! Und dann die schrecklichen Stimmen und Blicke, die sie strafen, die sie in die fremde Welt hinausgejagt haben, die sie noch immer jagen. Sie sieht im Geist die wohlgepflegte Hand ihres Schwagers, die glänzende Manschette und fühlt den Schlag auf ihrer Wange, diesen Schlag, den sie bis ans Lebensende fühlen wird. Da schreit sie wild auf. 193 Es ist kein Traum. Sie hat alles erlebt! Sie faßt die Möglichkeit der Gegenwart nicht mehr. Die Gedanken verwirren sich ihr. Sie leidet gräßlich. »Wie ein Tier! – Wie ein Tier!« Ihr Gesicht ist verzerrt. – Und die Abendsonnenschatten werden immer länger – das Rauschen der Tannenwipfel wie schlaftrunken. – Das leise Piepen der Vögel. Alles neigt sich der Nacht zu. Die geheimnisvolle Abendstille sinkt auf den Wald nieder und bringt jenes Schweigen, jenen urweltlichen Frieden, der im dichten Nadelwald zur Dämmerstunde wie ein Traum aus der uralten Erde aufsteigt. Und die Bäume rauschen die gewaltige Melodie dazu.   In der Waldesdämmerung liegt ein zermartertes, zerrissenes, blutendes Tier mit irrem, wildem Blick – und wie es sich hilft, was es tut, tut es in dumpfer Raserei.   Mein Kindchen! – – – Mein Kindchen – – – Mein armes, armes Kindchen!« Das ist eine Stimme, eine so unsäglich rührende Stimme, wie aus einer andern Welt; so übermenschlich gut, so hinsterbend. Das heißeste erste Liebeswort ist kalt dagegen. Und das zerrissene, verlassene Geschöpf drückt etwas an ihre Brust, warm angeschmiegt, unter ihrem Pelz ganz eingehüllt – und die armen, zitternden, schwachen Hände halten es, so bang, als sollte es ihr genommen werden. Sie denkt nicht an die Nacht, die hereinbrechen wird – an nichts – an nichts auf der Welt – nicht, was sie tun 194 soll – nicht, was sie tun kann, nicht, was ihrer in der kalten, dunkeln, einsamen Nacht wartet – nicht an den Tod – an nichts. – Eine unsägliche Schwäche ist über sie gekommen, eine Todesmattigkeit – nichts weiß und sieht sie mehr – wie ein weißer Dunst ist es über sie gefallen, nur das winzige Wesen an ihrer Brust empfindet sie – wärmt sie – jede, auch die leiseste Bewegung von ihm durchströmt sie wie etwas Ungeahntes, Unwahrscheinliches – und sie sinkt tiefer, tiefer in den weißen Nebel, der über sie gefallen ist – – – und ist so matt, so unaussprechlich matt. Es liegt so schwer auf ihren Augen. Die Augen fallen ihr zu. Aber sie will nicht einschlafen, sie will wachen. Da liegt sie in der Nacht, der schrecklichen, heiligen Nacht. Da hört sie eben Kers Stimme. – Sie sieht ihn noch nicht – aber sie hört die Stimme! – Sie ist froh, die Stimme zu hören, und jetzt fühlt sie das leise Sichregen an ihrer Brust – da denkt sie – träumt sie. – – Sie weiß, was sie im Arm hält – weiß es nicht – sie hält es auch noch ein wenig fester, es soll ganz warm an der Brust liegen. – Sie hört einen ganz feinen, feinen Atem unter ihrem weichen Pelz. Aber die leuchtende Nacht liegt auf ihren Augen – und das ferne Meeresrauschen hört sie auch. Über sich? Liegt sie denn auf dem Meeresgrund? Sind die Wellen so weiß und leuchtend, die über sie hingehen? – Und wie sie sie einschläfern! – so wie nichts auf der Welt – und wie sie ihr schwer auf die Augen drücken. – Und jetzt hört sie wieder Kers Stimme – und sie denkt, daß sie ihm alles – alles – alles erzählen will – alles – alles – alles. – – – Sie hört seine Schritte – nun wird sie ihn sehen – bald. – Sie möchte aufstehen. – Sie will zu ihm gehen. – Sie kann aber nicht. – Ihre Hand hält den Pelz auf der Brust zusammen, damit das Kleine nicht von der kalten Luft getroffen werden kann. – Es bewegt sich jetzt ganz leise. – 195 Sie fühlt so ein winziges Händchen oder ein Füßchen ganz deutlich. – Das durchschauert sie, und wieder wogt es über sie und legt sich ihr zentnerschwer auf das Herz. Sie hört Schritte, ihr sind es Kers Schritte. – Da war es ihr, als wenn sie selbst gerufen hätte – so wie ein Schmerzensschrei war es gewesen. – Sie wollte nach Ker rufen; aber es ging nicht. – Sie rief nicht. – Sie konnte den Namen nicht rufen, die Zunge war ihr so schwer. Aber die Schritte – die Schritte – immer die Schritte, und jetzt raschelt es um sie herum. Da hält sie ihr Kindchen enger an sich – und kämpft, sie will die schwere, wogende Decke von den Augen haben – und sie stöhnt dabei leise – das hört sie, als stöhnte eine andere – und endlich – endlich bringt sie die verwirrten Augen auf. – Wie schwer das war! Da sieht sie tiefe Dämmerung um sich her. Den ersten Augenblick scheint es ihr ganz dunkel zu sein, aber nach und nach erkennt sie alles um sich her. Da steht eine Gestalt vor ihr, ein altes Weib mit einem Reisigbündel auf dem Rücken, die Arme eingestemmt. Wie kam denn die her? Und das alte Weib schaut so auf sie hin, so wie auf etwas, was sie gefunden und was sie betrachtet, so wie auf ein Wild etwa. Da fährt es Kristine angstvoll durch den Kopf, daß das Weib wohl wieder gehen könne.   Kristine hatte die Augen jetzt weit offen – aber sie war so sinnlos, daß sie sich nicht fassen konnte. Sie wollte etwas sagen; aber sie konnte nicht. Da schlug sie ein ganz klein wenig den Pelz auseinander, und aus der kleinen Lücke im Pelz da zappelten winzige Fingerchen hervor. Da schüttelte das Weib mürrisch den Kopf und brnmmte etwas und stand und schaute immer noch, ganz so, als hätte 196 sie ein Wild gefunden, so betrachtend, als wäre, was sie gefunden, nicht ihresgleichen – und Kristine fielen die Augen wieder zu. Das alte Weib sprach zu sich selbst: »Die müssen wir nun schon mitnehmen – jo – jo – jo – das müssen wir – das müssen wir mitnehmen. Jo – und schlafen – das wär mer jetzt das Rechte.« Damit rüttelte sie Kristine ein wenig. – »Ja schlafen! Jo – jo – jo!« Jetzt setzte sie das Reisigbündel ab. »Gehen Se her –« murmelte das Weib und griff nach dem Bündelchen, das neben Kristinen aufgeknüpft lag. »Windelchen! Windeln, o je!« Da kicherte das alte Weib ganz eigen, ganz sonderbar, als hätte sie bei einem jungen Rehkalb Windeln gefunden – und mit ungeschickten Fingern hielt sie Kristine allerlei aus dem Bündel hin. »Nun geht's schon – nun geht's schon, das wickeln wir ums Kind – dann geht's schon, dann geht's schon.« – Kristine tat, wie die Frau sagte, mit übermenschlicher Anstrengung; ganz schwindelnd, im Traum tat sie's, aber ohne daß das Kleine aus dem warmen Pelz herausgeschaut hätte. Dann wollte die Alte Kristinen das Kind abnehmen. Da kam einer. Ein Holzhauer war's, der heimging. Kristine hörte die Alte mit ihm murmeln – dann fühlte sie sich emporgehoben und getragen. »Ist noch nicht wieder bei Verstand«, erläuterte sich die Alte selbst. »Aber daß alles so abgelaufen ist, wie's abgelaufen ist – jo – jo, wenn eins verzweifelt is – jo – jo – jo – war scho efters do. Nur immer Achtchen geben – tut sich schon – gleich sin mer da, nur immer langsam – langsam– langsam – sachtchen – nur immer sachtchen. So, da hätten wir wieder e Wickelkind mehr auf Erden« – murmelte die Alte – »mir is recht, wenn's ihm auch 197 recht is. – Nur immer zu. – Unsereins würde sich besinnen, noch einmal zu kommen. – Nicht um ein paar hundert Mark tät's unsereins. Is mer erscht unterm Rasen, da weiß mer, was mer hat – jo – jo.« Die Alte nickte vor sich hin und murmelte: »Sachtchen – sachtchen – nur immer sachtchen«, und murmelte weiter. »Und gar so unter die vornehmen Leite neingeraten,« meinte der Holzhacker, »wenn's einen nich wollen – uh je! – uh je! Ja, wenn s'es wegblasen kennten! – dann schon – dann schon! Was wird denn Rotplätz aber sagen?« Die Alte blieb stehen. – »Jetzt is er schon daheim, der wird gucke – ei du mein Gott – wird der gucke! Gelle ja? Mein Bett trägt er mir gleich in die Kammer. – In der Küche, das is nichts, die Hühner – das is nichts.« – So summte und brummte die Alte ihre Gedanken laut weiter, wußte es selbst nicht, und Kristine hörte und sah nichts. »Langsam – ganz langsam. – Sachtchen, nur sachtchen,« brummte die Alte zum Holzhauer hin – »immer sachtchen, sachtchen! Tee, den mach' ich ihr, solang der Rotplätz das Bett aufstellt – Erdbeerblatt-Tee – das wär'sch. – Die kann lache – Erdbeerblatt-Tee – der wird's schmecke. Die Kleie in der Kammer, die tut kei Menschen was, die soll der Rotplätz mir ja liege lasse – der Tausendsakermenter –, das Fenster soll er aber verstopfe, und feuern – einfeuern tu ich – das macht das Mannsvolk ewig nich recht – das bringt man dem Mannsvolk nich bei – Rotplätzen schon gar nich. Zahlen tut sie mir schon – mein' schon.« – Die Alte sah prüfend auf Kristine. 198 »Fürs Kleine da nehmen wir den alten Waschkorb, und Heu find't sich auch. – Sie wird mich schon zahle. – Zudecken kann sie sich gleich mit ihrem Pelz. Na, da wären wir ja – – richtig, Rotplätz hat schon Licht – das schon – dann is er auch daheim – na, der muß mir gleich daran, der wird den Kinnern jetzt das Abendbrot koche.« In der tiefen Dämmerung, keine fünfzig Schritt von dem Fleck, auf dem die Alte das Mädchen gefunden, sah man ein einstöckiges, einsames Haus mit hohem Dach und hohen Fenstern, auf das sie zugingen, ein ganz einsames Haus, es mochte ein alter Landsitz sein; aber selbst in der Dämmerung machte es einen verlassenen, verfallenen Eindruck; ganz am Waldrand stand es, und ein breiter Weg, mit uralten Kirschbäumen bepflanzt, führte auf das Haus zu, und im Erdgeschoß war ein erleuchtetes Fenster zu sehen; die Hälfte der Scheiben war aber mit Brettern vernagelt. Der Holzhacker legte seine Last in der Küche auf die Bank am Ofen, um Gottes Lohn. Und wie die Alte vor sich hingemurmelt hatte, so geschah alles. Rotplätz wunderte sich – Rotplätz trug das Bett aus der Küche in die Kammer, in der die Kleie lag. Rotplätz war ein langer, knochiger Mensch in einer kurzen Jacke und lehmfarbigen Hosen. Er hatte ein freundliches Gesicht und schob den Kopf vor wie eine Schildkröte und machte keine Bewegung, ohne daß zwei kleine Buben hinter ihm drein waren. Kristine lag mit dem Kindchen in der kleinen lauen Küche auf der Bank am Ofen, ohne sich zu regen, ganz stumpf; und um sie her wirtschafteten die Alte und Rotplätz. In der Nebenstube arbeiteten sie an einem eisernen 199 Öfchen, man hörte sie pusten und blasen und murmeln und hörte das Feuer prasseln, und Wasser setzten sie auf. Und nicht lange dauerte es, da lag Kristine in dem Bett der Alten in einer Stube, die nach Kleie roch; der kleine Ofen glühte; Rotplätz hatte auch ein Nachtlicht, das in einem zerbrochenen Kaffeekännchen still brannte, hingesetzt; »aus der Fabrik« hatte er gesagt und auf das Kännchen gewiesen. Kristine hatte auch Erdbeerblatt-Tee bekommen – und jetzt lag sie ruhig. Die Wände des Zimmers, das einmal bessere Tage vor langer Zeit gesehen hatte, waren sonderbar bemalt. An einer Wand ein sehr zerkratzter und verschabter, feuerspeiender Berg, der mit seinen Funken und Flammen und einer fürchterlichen Dampfwolke die ganze Höhe und Breite der Wand einnahm, die er seit langer Zeit wohl schmücken mochte; und die anderen Wände waren geziert mit lebensgroßen Jägersleuten, die teils die Hände in Muffen hielten, teils nicht, und denen im Lauf der Zeit übel mitgespielt worden war. Sie hatten Nägel in den Nasen, den Augen, Nagellöcher in der Brust, es fehlten ihnen Arme und Beine, manchen fehlte der Leib, manchen der Kopf – aber im großen und ganzen waren sie doch alle noch da und nahmen sich merkwürdig aus. Die Alte brömmelte in der Küche vor sich hin, klapperte und wirtschaftete. Sie hatten auch das Kindchen in einem alten Backtrog gebadet. Jetzt schaute die Alte zur Tür herein und sah nach Kristinen, und wie sie die so still fand, da schloß sie leise die Tür. Kristine sah noch eine Weile vor sich hin – und neben ihr aus dem Waschkorb, aus dem Heu, da drang ein feines, feines, frühlinghaftes, wunderzartes, kleines Stimmchen, und diese Laute drängten sich ihr ans Herz und durchschauerten ihr Seele und Körper. Die ganze Welt – alles – alles versank, nichts hielt diesen kaum vernehmbaren winzigen Lauten stand. – Alles Leid nicht, alle 200 Todesqual nicht, keine Erinnerung, und bald schlief auch Kristine neben dem Kindchen tief und ruhig.   Zur Stunde, als Kristine und das Kind gebettet waren, das eiserne Öfchen fauchte, die Wipfel der Tannen vor dem alten, verlassenen Landhause nächtlich rauschten, das Nachtlicht in der zerbrochenen Kaffeekanne flackerte, das Kleine so ruhig und fein in seinem Heubett fiebte und Kristine in tiefen Schlaf gesunken war, der Duft des Erdbeerblätter-Tees noch zart die kleine schwarze Küche durchzog und im Zimmer sich mit dem Kleiegeruch verband, lebten sie in Jena im ungewissen über Kristinens Schicksal. Mathilde Swensen und Frau Professor Majunke waren Frau Ahrensee unerbittlich zur Seite. Die arme, aus dem Glück vertriebene, rosige Frau stand ratlos zwischen ihnen und ihrem Schwiegersohn und ihrer Tochter Olga und wußte nicht ein und nicht aus. Sie war wie ein Vogel, den der Sturmwind aus dem Nest geschleudert hatte. Wohin er sie geschleudert, das war ihr so fremd, so unbegreiflich. Sie hatte nur ihr Nest gekannt, von der ganzen weiten Welt nichts als ihr Nest – und alle, die darin ein und aus flogen, hatte sie sehr geliebt und war so glücklich mit ihnen gewesen. Und nun alles fort – lauter fremde Leute! – Olga – da war auch so etwas Fremdes dabei, und was sie zuerst im Glücke bewundert, Olgas Sicherheit in allen Dingen, die Fehlerlosigkeit im Hausstande, die Eleganz, die Vollkommenheit in allen Dingen, bei all dem wurde ihr jetzt so bitter weh, es legte sich ihr alles so fremd wie ein eisiger Reif ums Herz. Ihr Heim, ihr guter Mann, ihr armes Kind, von dem sie nicht wußte, wohin es sich gewendet – das war ihre Welt, in der sie scheu in Erinnerung und in Angst und Bangen lebte. 201 Die ruhige, glückliche Frau Ahrensee, die ihr Lebtag keinen Kummer kannte, die ihrem Hauswesen friedlich und frei und stolz vorgestanden hatte, die nichts Schöneres, nichts Besseres wußte als ihre Familie, die hatte etwas Verängstigtes bekommen, ihre hohe, weiche Gestalt hielt sich nachlässig vorgebeugt, ihr immer hübsch frisiertes blondes, welliges Haar war nur so zur Not gleichgültig ein wenig zusammengesteckt. Sie erschrak bei jedem Türgehen, bei jedem Geräusch, errötete wie schuldbewußt, wenn ihr Schwiegersohn sie anredete, grübelte vor sich hin, ohne zu wagen, mit irgendeiner Seele offen zu reden und sich auszusprechen, und führte in allem Behagen ein jämmerliches Leben seit dem Tode ihres Mannes und seit dem Tode – Kristinens. Sie wagte selbst nicht anders von ihr zu sprechen, wenn sie mit ihrem Schwiegersohn und Professor Majunkes und Mathilde zusammen war, als von einer Toten – sie wagte es nicht anders; mit fremden Leuten aber mußte sie ganz gleichgültig von ihr sprechen, von einer Reise, von einer Verwandten, so etwas, sie wußte selbst nicht recht was. Es mußte so sein. In ihrem armen Kopf sah es verwirrt aus, und das Herz wollte ihr vor Jammer oft brechen. Wie ein furchtbares Urteil, wie ein Todesurteil sah sie es über Kristinen liegen, und kein Mensch konnte dies Urteil ändern; es lag nun einmal unerbittlich auf ihr. Sie brauchte nur die Blicke, unter deren Bann sie lebte, sich zu vergegenwärtigen – da war kein Erbarmen, da war kein Abweichen von dem, was sie wollten, da war alles ehern und unbeugsam. Ja, und all diese Blicke, die das Todesurteil in sich trugen, konnten lächeln, ganz unschuldig und höflich lächeln, mit fremden Menschen lächeln, konnten so harmlos blicken. Kristine war aus dem Kreise der Lebenden gestrichen, war ausgewischt, sie blickten schon über sie hinweg. – Annuschka war nach Finnland zurückgeschickt. Man hatte von ihr 202 befürchtet, daß sie in ihrer wilden Aufregung, in ihrer wütenden Sehnsucht nach Kristine alles verraten könnte. Sie hatte nachts vor Frau Ahrensees Bett gelegen, und Frau Ahrensee hatte sie heiß schluchzen hören, so in die Kissen hinein, so versteckt, Nacht für Nacht. Sie weinte auch, wie man nur über eine Tote weinen kann. »Zu Kind müssen Frau gehen; wo sein Kind?« hatte sie Frau Ahrensee in jeder Nacht zugeflüstert. »Bald müssen Frau gehen zu unser armes Kind; mich mitgehen!« Annuschka hatte Frau Ahrensee tief erregt durch ihr nächtliches Schluchzen und durch jedes Wort, was sie da sprach. Annuschka hatte an ihr gezerrt wie an einer Pflanze, die sie aus dem Boden reißen wollte. Ja, Annuschka begriff nicht, wie die Menschen ganz wie Pflanzen festgewachsen sind. Sie sah Frau Ahrensee völlig frei umhergehen. Sie brauchte ja nur zu laufen, dann wäre sie da, wo sie sein sollte. »Warum Frau nicht gehen? Warum Frau nicht gehen?« hatte sie wie zu einer Verrückten Nacht für Nacht gejammert, und hatte ihr die Hände geküßt, und immer wieder geküßt, und hatte den tollen Kopf geschüttelt und wütend geschluchzt, so fassungslos, so unsinnig, daß man sie nicht länger behalten konnte. Sie hätte das ganze Haus rebellisch gemacht. Und der Abschied von Annuschka war der Frau bitter schwer geworden. Sie erschrak fast vor sich selbst, wie heftig sie an der unsinnigen Annuschka hing, an einem so weit unter ihr stehenden Wesen –; aber es war, wie es war: Annuschka stand ihrer Seele jetzt näher als alle miteinander – und war ihr nun auch genommen. Und als Annuschka stumpf und starr mit ihrer Reisebegleitung, die sich für sie gefunden hatte, fortgeschafft wurde, da schnürte es Frau Ahrensee die Kehle zu. Nur Mathilde jetzt nicht sehen, dachte sie damals, Mathilde, die Annuschka nie leiden 203 konnte, und die es für notwendig gehalten hatte, Annuschka nach Hause zu schicken. Frau Ahrensee wurde von ihren Angehörigen mit außerordentlicher, gewissermaßen weihevoller Achtung behandelt, so etwa, als hätten sie unter sich eine Märtyrerin und Heilige, aber diese Ehrfurcht vor ihrem großen Schmerz, diese Achtung und diese Weihe beengten ihr das Herz wie dicke Weihrauchnebel. Es legte sich alles wie schwere Fesseln auf sie. Und diese Ordnung, diese vollendete Lebensführung, die Eleganz, die Vortrefflichkeit, Vornehmheit ihrer Umgebung, die mit jedem Opfer erhalten werden mußte – wie sie das alles fürchtete!   Und mit der Zeit sickerte ein Gerücht durch, wo man Kristine zu suchen habe, erst ganz ungewiß, unglaublich, doch nahm es mehr und mehr Gestalt an. Und als eine Schickung Gottes konnte man es ansehen, daß dies Gerücht gerade in die Villa sickerte und nirgends anders hin. Durch die ausgezeichnete Amme kam es auf, die aus der Gegend war, in der sich Kristinens jammervollste Zeit abgespielt hatte. Frau Ahrensee erfuhr von diesem Gerüchte, seinem Auftauchen, seinem Deutlicherwerden nichts, alles spielte sich zwischen dem Professor, Frau Professor Majunke und Mathilden ab, und es wurde beschlossen, daß diese zu Kristinen reisen sollten. 204   Zweites Kapitel Mein lieber Ker, ich bin ganz allein, sie haben mich alle vergessen, auch mein armes Mamachen – alle, alle –! Ich kann nicht schlafen, weil sie mich so ganz und gar vergessen haben, es ist, als fehlte die Luft zum Atmen. Mich will es oft ersticken, daß die Menschen böse auf mich sind – daß sie so schlecht von mir denken!« So schrieb Kristine in einer Frühlingsnacht in das Unbestimmte hinein. Sie saß in ihrer Stube im Reisberghaus; das flackernde Nachtlicht im Kaffeekännchen warf seinen Schein auf die Wand mit dem verschabten, feuerspeienden Berg und auf die dicke Rauchwolke, die diesem Berg entquoll, und Kristine schrieb in ein blaues Schulheft. – Das Kindchen schlief in seinem Heukorb. Sie hatte es ganz neben sich gerückt, neben ihre schmale Küchenbank, auf der sie saß, und neben den alten kleinen Tisch, dem Rotplätz wieder zu zwei neuen Beinen aus Fichtenstämmchen verholfen hatte, damit das ›Kretur‹ doch stehen könne. »So lebt es sich auf dem Grund des Meeres –« schrieb Kristine wieder, nachdem sie lange, lange mit verweinten Augen vor sich hingeblickt hatte, ganz in Gedanken verloren – »kein Mensch kann den Weg dahinunter finden – und wer da unten ist, den haben sie verlorengegeben, der ist tot, der ist nicht mehr; und wenn er dennoch wäre, da säh' er die Welt durch das Wasser wie einen Schein – und das Wasser geht über ihn hin, niemand kümmert sich mehr um ihn, niemand ahnt etwas von ihm. – Wie ist es ihm angst und bange! – Wie hebt er die Hände – wie sehnt er sich – und niemand weiß etwas davon. –« Kristine weinte heftig, und durch ihre Tränen sah sie alles wie einen Schein, und sie dachte, daß es so wäre, als ob sie durch tiefes Wasser hinaus ins Helle schaue. 205 Da rührte sich das Kleine in seinem Korb – und ein Stimmchen weckte Kristine aus ihrer Versunkenheit, ein Stimmchen noch halb im Schlaf, so leise quäkend, so weich wie feuchte Frühlingstöne. Da neigte sie sich über den Korb und sah in blinzelnde Augen; sie sah zwei winzige feuchte Fäustchen, die in einen kleinen, schimmernden Mund sich zwängen wollten, darüber fingen die Tönchen an und gurgelten wie aus einer Wasserpfeife und übergurgelten sich und quäkten wieder, so zart, so hilflos, so jämmerlich. Kristine nahm den warmen kleinen Kerl in die Höhe; da schnaufte er ein wenig, schnellte mit den Beinchen und dem winzigen Körper, und Kristine hielt ihn an sich gedrückt wie einen Vogel und schmiegte ihre Lippen an das weiche Köpfchen, in dem das Leben schnell und warm pulsierte und das einen so knospenhaft zarten Duft ausströmte. Dann wurde der kleine Kerl ruhig, ganz unverschämt zufrieden und lag an der jungen Brust, und wurde so warm gehalten, so mütterlich – und schnaufte – und manchmal kam ein komisch tiefer Atemzug aus der zarten Kreatur – da hatte es sich ein wenig verschluckt und wieder ausgeruht, und dann war es wieder eifrig. Kristine hielt es wie ein Wunder, das ihr immer noch nicht ganz glaublich schien, mit behutsamer, leidenschaftlicher Liebe. Und draußen war dunkelfeuchte Mainacht. Es zogen Wolken über den Himmel, und die Fichten rauschten. In der rauchigen kleinen Küche lag die alte Frau in tiefem Schlaf, und über dem Zimmer von Kristinen und dem Kind lag Rotplätz mit seinen drei Kindern. Sie schliefen auch alle vier fest und ruhig. Es war so still, so nächtlich, daß Kristine ihr Herz hätte schlagen hören können, und sie saß in dieser Stille der Mainacht, die zu dem halbgeöffneten Fenster eindrang, so sorglich ruhig wie ein Madonnenbild in einer Kapelle. 206 Wenn solch ein mütterliches Bild, vor dem die Leute knien und es anbeten, seine Gedanken und Gefühle äußern könnte, so würden es die schmerzlich leidenschaftlich süßen sein, die die Seele des jungen Weibes in der einsamen Kammer bewegten.   30. Mai.     Mein guter, lieber Vater ist noch immer mit mir – alle anderen schweigen. Du und mein Vater! – euch höre ich, sonst niemand. – Und wie du in der letzten Nacht, ehe du gingst, mit mir sprachst, mein Ker, das wird mir nun lebendiger. – Was war mir damals das Elend der Menschen! Ein Wort – ein andächtiges Wort! – Und daß du dein Leben opfern wolltest zu helfen, und daß du zu den Elenden, den Verlassenen, den Zertretenen stehen wolltest, für sie kämpfen wolltest, das schien mir sehr schön und gut von dir. Aber, mein Ker – wenn du zurückkehrst, da findest du nun eine, die es aus tiefstem Herzen empfunden hat viele Tage, viele Nächte lang, verlassen im Elend, und die jetzt anfängt zu ahnen, daß es auf Erden undenkbares Leid gibt.   1. Juni.     Mein lieber Ker, ich bin so einsam, und wenn ich mir vorstelle, daß alle Menschen, die mich kannten, jetzt wie von einem schlechten Geschöpf von mir reden, und daß ich überall ausgestoßen bin, wenn ich an die entsetzlichen Blicke denke, und daran, wie Er mich geschlagen hat – ganz sinnlos vor Abscheu und Entsetzen! Und wie mein Mamachen auf dem Boden lag und lachte und schrie und weinte – da faßt mich eine wilde Angst – und ich komme mir vor wie ein stummes Tier, das zu den Menschen sprechen möchte. 207   Weißt du, Ker, wie unser Kindchen heißt? Peregrin, so, wie du einmal sagtest, daß die Menschen heißen müßten, und wie das Bübchen hieß, dem ich im Schneegestöber begegnete und das nicht heim durfte. Der Name legte sich mir damals ans Herz, so weich und schmerzlich – und nun heißt unser Kindchen so.   Was Rotplätz für ein sonderbarer Mensch ist! – Die meisten Leute würden es komisch finden, über Rotplätz überhaupt nachzudenken. Wenn er so gebückt geht, als schöbe er einen Schubkarren, so sieht er ganz sonderbar aus, und vollends wenn er abends von der Fabrik nach Hause kommt. Er hat fünfviertel Stunden laufen müssen und macht Schritte, wie ich sie noch bei keinem Menschen gesehen habe, und seine steifen, harten Stiefel, die dröhnen ganz dumpf, so ungefähr wie steife, lederne Glocken. Man hört ihn von weitem schon. Wenn er seine großen Stiefel anhat, da könnte er mit dem besten Willen nicht leise gehen; und wenn er sieht, daß unser Kindchen in seinem Korbe vor dem Hause schläft, da fängt er an zu schleichen – das sieht aus, als wenn er im Sumpf bis an die Knie ginge und nur mit der größten Anstrengung seine Beine mit den großen Stiefeln herausziehen könnte; und wenn dann seine zwei kleinen Buben ihm entgegenlaufen und die Buben ihren Posten hinter den großen Stiefeln einnehmen – sie sind da immer, sowie der Vater sich sehen läßt – da fängt Rotplätz zu zischen an: bst, bst, bst, so laut er nur kann, damit seine Buben unser Kindchen nicht aufwecken; und wenn es sich dann regt, dann schaut er sich nach den Jungen hinter seinen Stiefeln um und brummt: »Daß die Rangen nicht Ruh geem können!« Es gelingt ihm aber nicht oft, ein böses Gesicht zu machen. – Es ist so lang, sein Gesicht, mit lauter kleinen Fältchen um die Augen und den Mund, 208 und ist immer so zum Erdboden gewendet mit einer Freundlichkeit wie der liebe Abendhimmel. – Er ist ein guter Mensch. Kaum ist er zu Haus, so fängt er an zu kochen. Sein Minchen hat das Feuer schon gemacht und die Kartoffeln aufgesetzt, und dann kochen sie sich eine Suppe. Manchmal hat er auch ein Stück Fleisch in seiner Tasche aus Blankenhain mitgebracht – da ist die Fabrik. Dann sind sie alle ganz aufgeregt, und die alte Frau Birnstingel läuft auch hinüber und schaut in den Topf. Frau Birnstingel wollte unser Kindchen durchaus anmelden, wie sie sagte, und es sollte rasch getauft werden; aber Rotplätz ist immer nicht gegangen, sooft die Alte auch gezankt und den Rotplätz eine Schlafhaube genannt hat. – Als sie es ihn das erstemal geheißen, war er zu mir herangeschlichen – ich saß gerade vor dem Haus, und Peregrin schlief bei mir –, da hat er gefragt: »Soll's angemeld't wärn?« und dabei auf Peregrin geblinzelt. Da wurde mir so angst, und ich fragte, ob es denn durchaus sein müßte. – »Muß schonn,« sagte er, »aber muß vieles was. Nach uns hier draußen fragen se nich viel – weren schon mal angelaufen kommen, die Gockel.« Und nun ist er immer noch nicht gegangen. Wenn Rotplätz unser Kindchen herumträgt, so redet er es immer an mit »Pfannenstiel«. – Ich habe ihn jetzt einmal gefragt, weshalb er es so nennt – da sagte er: »Weil wir's noch nich getauft haben; so lang heißen die Kinder hierorts Pfannenstiel.«   6. Juni.     Wie gut, mein lieber Ker, daß ich den ganzen Tag zu arbeiten habe – sonst wüßte ich nicht, wie ich alles ertragen sollte; aber Peregrin braucht mich den ganzen Tag von früh bis in die Nacht, und er braucht so viele Dinge. 209 Ich wasche auch für ihn – dann gibt es allerlei zu nähen für ihn und für mich, dann wird etwas gekocht, dann will er getragen sein. Er gibt keine Ruh, und unter aller Arbeit da ist mir's oft, als hinge eine schwere, schwarze Wolke über mir aus lauter Sehnsucht und Erwartung – und Verzweiflung. – Aber solange ich arbeite, bald das, bald jenes, und immer jeden Augenblick nach Peregrin sehen muß, so lange schwebt die schwarze Wolke nur über mir und erst nachts, da sinkt sie auf mich herab und hüllt mich ganz ein und ist so dicht und schwarz und traurig, daß ich nicht weiß, wo ich den Mut zum Weiterleben finden soll.– Wir brauchen hier sehr wenig zum Leben. – Mein Geld reicht schon noch eine Weile. Meinen Pelz soll Rotplätz verkaufen und die kleinen hübschen Schmucksachen auch nach und nach – und dann wirst du ja kommen, mein Ker – und mein Mamachen wird auch kommen. – Ich fühl's an meinem Herzen, wie es immer wartet und wartet, und wie es immer unruhig ist, auch wenn ich nicht gerade an alles denke und mitten in der Arbeit bin, es liegt immer wie auf der Lauer. Wie oft schau' ich eilig einmal zum Fenster hinaus, man kann den Weg so weit hinabsehen. Und ich stehe da auch oft mit Peregrin am Weg, der Weg ist gepflastert, aber wie eine Wiese mit Grün überwachsen, und da ist mir's, als wenn dieser Weg mich mit der Welt verbände, und als ob auf ihm alle, nach denen ich mich sehne, kommen müßten. Rotplätz ging einmal vorüber, als er mich mit Peregrin so stehen und sehnsüchtig ausschauen sah. »Werd schon kommen – werd schon kommen«, sagte er und tätschelte mit seinen großen Fingern ganz zart und fein Peregrins Gesichtchen. Und als ich nachts lag und Peregrinchen schlafen hörte, da war es das, was Rotplätz gesagt hatte: »Wird schon 210 kommen – wird schon kommen«, was mich so tröstend einschläferte. Er hatte ganz das Rechte gesagt. »Wird schon kommen.« Du wirst schon kommen, mein lieber Ker. Das war das erste lebendige Wort.   10. Juni.     Peregrin gedeiht recht gut. Er wird alle Morgen in Frau Birnstingels altem Backtrog gebadet – wie er da zappelt und sprudelt! Da halte ich ihn am Köpfchen, und der kleine Körper wird vom Wasser getragen, und seine winzigen Beine zappeln wild, und er sieht so rosig aus, und gestern hat er zum erstenmal, wie er im Wasser steckte, sein Mäulchen aufgesperrt, und seine Zunge lag wie aufgerollt darin, ganz hoch und da hat er mit hellen, süßen Tönen gekräht, so silberhell – und dann gesprudelt, ganz wie ein vergnügtes Wasserpfeifchen, so daß ich gar nicht gewagt habe, ihm sein Mäulchen auszuwaschen, weil er immer dabei schreit und vor Zorn krebsrot wird – und ich habe ihm ganz andächtig zugehört, dem kleinen Menschen – und wie ich ihn angezogen hab', da sind wir miteinander hinausgegangen in den wunderschönen Morgen, da hat er neben mir gelegen im Wald in der Morgensonne und hat gestrampelt und mit seinen klaren Augen in den Himmel geschaut, und ich hab' gesessen und genäht und immer halb auf ihn und halb auf die Arbeit gesehen. – Und wie gerade über uns eine Amsel pfiff, hat sein ganzes Körperchen vor Vergnügen geschnickt. Er hat's gehört. Mein lieber, guter Ker – das sieht alles so aus, als müßte es so sein. Unser Kind fühlt sich wohl auf der Welt – es tut gerade, als wäre alles ganz und gar in Ordnung, doch aus welcher Verwirrung entstand es. Welches Weh und Unrecht luden wir auf uns – und auf Peregrin, auf alle, die ich liebte, und welches Weh trifft uns! Nein – nein – du dürftest nicht da sein, du geliebtes Geschöpf. – Und 211 wenn ich daran denke, wie sie Peregrins arme Mutter in der allergrößten Qual wie ein armes Tier verlassen haben – und wie sie sich voll Angst und Schrecken und Verzweiflung herumgetrieben hat – so elend, mein Ker – so über alles Maß elend –! und wie sie alles überstanden hat und nun neben ihrem Kindchen sitzt – da wieder denke ich, wenn die Menschen alles wüßten und mir ins Herz sehen könnten, – kein Winkel sollte ihnen verborgen bleiben, sie müßten mich wieder liebhaben, müßten gut von mir und von Peregrin denken. Aber es ist Schande, namenlose Schande – für alle – daß Peregrin und ich am Leben blieben. Mein lieber, guter Ker, komm du nur! Du findest jetzt statt eines Herzens zwei, die dich erwarten! Dies Wunder, Ker! Ich kann es immer noch nicht fassen! So ein schwer errungenes Wunder! Was wirst du denn nur sagen, Ker? – Wie oft denke ich mir's aus, wenn du kommen und Peregrin finden wirst.   Wenige Tage, nachdem Kristine diese Zeilen in ihr Tagebuch geschrieben hatte, war ein Sonntag herangekommen, ein heller, sommerlicher Sonntag. Frau Birnstingel saß auf ihrer Türschwelle und strickte an einem alten Strumpf; die schwarzen Hühner gackerten um das Haus, scharrten und hackten, wie es ihnen von Gottes und Rechts wegen zukommt, ein Räuplein auf, zerpflückten ganz unschuldig einen dicken Maikäfer, schlangen Würmchen aller Art und störten mit ihrem mörderischen Behagen keineswegs den Frieden der jungen, frischen Junipracht, denn wo sich irgend etwas noch so harmlos regte, regte es sich, um irgendeinen lieben Nächsten zu verspeisen oder vor einem lieben Nächsten in Todesangst zu fliehen. Das ist die Ordnung so, und deshalb war es doch ein schöner, friedlicher Junisonntag. 212 Kristine war mit Peregrin hinter das Haus gegangen, wo Peregrins Windeln zum Trocknen ausgebreitet auf dem Rasen lagen. Da hörte sie schnelle Schritte, das konnte niemand anders als Rotplätz sein, deshalb achtete sie auf diese Schritte auch nicht. Nur, als ihr auffiel, daß sie so besonders und so hastig und so lebhaft läuteten, schlurften und dröhnten, wendete sie sich halb um, und richtig, da bog Rotplätz eben um die Hausecke und fackelte mit den langen Armen und wies auf Kristinen –: »Sie kommen – sie kommen!« rief er gedämpft, mit vor den Mund gehaltenen Händen – und jetzt war er schon bei ihr und sah in ein ganz totenbleiches Gesicht, und sah ein paar Augen auf sich gerichtet, wie er noch nie einen Menschen hatte blicken sehen. »Gleich werden sie da sein; den Wagen haben sie unten am Kirschweg stehenlassen und kommen zu Fuß herauf – nur sachtchen – sachtchen!« Rotplätz war aufgeregt und schaute ganz sonderbar auf Kristine und das Kind. »Meine Mutter?« sagte Kristine mit einem rührenden, angstvollen Ausdruck, fragend und doch schon bestätigend. »Es sind ihrer zwei«, meinte Rotplätz. Und jetzt ging Kristine vorwärts und hielt ihr Kindchen mit beiden Armen fest an sich gedrückt, wie unbewußt zur Abwehr. Jetzt war die Stunde gekommen – die Stunde, der sie so bang und sehnsüchtig gewartet hatte. – Kristine fühlte nicht, daß sie ging, sah und hörte nichts, und nur, daß sie jetzt wieder bei ihrem Mamachen sein würde, das empfand sie wie im Traum. Und wie sie um das Haus bog – da stand sie vor Frau Professor Majunke und Mathilde Swensen. »Es sind ihrer zwei«, hatte Rotplätz gesagt, und so sah sie sich hoffnungslos nicht weiter nach der um, die sie so sehr erwartet hatte. 213 Ihr Herz aber zog sich wie in einem Krampf zusammen, und sie stand da, fest aufgerichtet, ihr Kind im Arm, den Kopf erhoben, und blickte fragend auf die beiden Reisegefährten, und diese sahen wie verwirrt auf sie. Sie mochten ein ganz anderes Bild zu sehen erwartet haben. Sie sahen sich beide an und bemerkten, daß eine so erstaunt war wie die andere. Mathilde Swensen war die erste, die das Wort fand. »Du siehst uns sehr erstaunt, Kristine, sehr erstaunt.« Kristine aber verzog noch immer keine Miene. Rotplätz und Frau Birnstingel schauten der Sache wie einem Schauspiel zu. Frau Birnstingel saß noch immer auf der Haustürschwelle, die Arme und der alte Strumpf waren ihr auf den Schoß gesunken. »Herr, mein Gott, wie ist das möglich?« rief Frau Professor Majunke, »man trägt doch nicht seine Schande am hellen Tag herum!« Damit zeigte sie auf Peregrin, der seine Ärmchen hob und lustig krähte. »So gut wie wir hätte auch wer anders kommen und dich sehen können!« ergänzte Mathilde. Kristine stand aber immer noch stumm und hielt Peregrin noch fester und sicherer. »Ihr Schwager«, begann jetzt Frau Professor Majunke feierlich wie eine Kirchenglocke, »hat die Großmut, als Oberhaupt der Familie, Sie wieder mit Ihrer Mutter vereinen zu wollen.« In Kristinens Augen leuchtete es auf. »Er selbst will und kann Sie nicht wiedersehen, da er ein Ehrenmann durch und durch ist. Sie sollen«, fuhr Frau Professor Majunke feierlich fort, »von hier so bald als möglich abreisen an einen Ort, den wir Ihnen bestimmen, und dort Ihre unglückliche Mutter erwarten.« »Mama?« rief Kristine erschreckt, »was ist Mama 214 geschehen?!« Das war das erste Wort, das sie sprechen konnte, und sie stieß es angstvoll, wie verzweifelt heraus. Frau Professor Majunke war es gelungen, das Wort »unglücklich« ganz besonders unheimlich zu betonen. »Deiner Mutter?« frug Mathilde, als traute sie ihren Ohren nicht, »deiner Mutter?« »Ihre Mutter?« sagte Frau Professor Majunke, »wenn Ihnen das ganz neu ist, werde ich mir erlauben, es Ihnen zu sagen. Ihre Mutter hat ihr Kind verloren – schlimmer als durch den Tod verloren – und Sie fragen, was Ihrer unglücklichen Mutter geschehen ist?« Frau Professor Majunke war mit ihrer Ausdrucksweise zufrieden. Kristine blickte ganz verwirrt mit weit offenen Augen, die Worte tanzten so unheimlich von Frau Professor Majunkes Lippen. Da war sie wieder, die schreckliche Szene, die sich am Sterbebette ihres Vaters abgespielt hatte! Da läuteten wieder die wüsten Glocken – und wieder trafen giftige Blicke wie Blitze, und es wurden wieder Dinge gesagt, Worte gebraucht, die den Boden unter den Füßen fortrissen. Kristine legte den Arm immer schützender um ihr Kind, legte die eine Hand ausgespreizt auf sein Köpfchen. Niemand sollte es schlagen und treffen können. Und jetzt sah sie in Wirklichkeit Frau Professor Majunkes Hand im steifen, schwarzledernen Handschuh, und diese Hand legte sie auf Peregrins Körperchen. In Kristinens Seele stieg es wie eine Ahnung auf. »Fort von ihm!« sagte Kristine fest. Frau Professor Majunke aber war vollkommen vorbereitet auf Widerstand, sie hatte sich mit Mathilde schon darüber auf der Fahrt ausgesprochen. »Was denken Sie denn?! Sie sollen uns auf den Knien danken, daß wir gekommen sind, daß wir für das Kind 215 sorgen wollen und retten wollen, was an Ihrem verlorenen Leben noch zu retten ist.« »Gib es ihr doch«, sagte Mathilde mit sanfter, überredender Stimme. »Gib ihr das Kind, es ist für alles so gut gesorgt, Kristine.« Frau Professor Majunke fiel ihrer Freundin in die Rede. Sie war sehr aufgeregt. »Kind sagst du? Das ist kein Kind, meine Liebe, diesen heiligen Ausdruck bitte ich nicht zu mißbrauchen.« Kristine stand ruhig, ihre Augen strahlten vor Erregung und Schmerz. »Frau Professor Majunke,« sagte sie ernst, »ich verstehe alles. Ich will Ihnen ein einziges Wort sagen: Ich werde mich von meinem Kinde nie trennen, nie! Der bleibt bei mir!« rief sie erregt. »Mein Vater hat mich auch nicht verlassen, und hatte kein böses Wort für mich, und keinen Zorn, und nur Liebe, und in seinem Namen handle ich. Ich weiß, was ich allen für Weh brachte. – Ich weiß und sehe alles – aber der bleibt bei mir.« »Damit willst du doch nicht sagen, daß unser edler Verstorbener von deiner Schmach etwas ahnte?« »Ich habe ihm alles gesagt«, antwortete Kristine und neigte sich über ihr Kind, das unruhig wurde. »Das ist nicht möglich, du lügst!« rief Mathilde. »Du lügst schamlos – einen Toten im Grab zu beschimpfen!« Da hob Kristine den Kopf hoch. »Herr mein Gott, solch einen Narren trug die Welt nicht, wenn das wirklich wahr sein soll!« rief Mathilde. »Ich hab' es immer gesagt, Onkel Ahrensee hat die Kristine mit seinen unreifen Gedanken verrückt gemacht!« »Mein Vater!« Kristine war außer sich und ging mit fliegendem Atem auf Mathilde zu. Sie war bis in die Lippen bleich geworden. 216 »Ker!« rief Kristine laut, fast unbewußt. »Ker, verlaß mich nicht!« »Ker?« sagte Frau Professor Majunke stutzend. »Ker,« sagte Mathilde – »ja Ker! – Das brauchst du uns nicht zu sagen. – Wir wissen alles. – Aber Ker – ich meine, dieser saubere Ker hat recht lange nichts von sich hören lassen – dieser Elende, den wir alle hassen!« Statt Ker aber, den Kristine in ihrem Jammer angerufen, kam von seinem Posten Rotplätz angeschlurft und stellte sich neben Kristine. »Nun und Ihre Mutter und Ihr Schwager und Ihre Schwester – die mögen es tragen, wie sie wollen,« rief Frau Professor Majunke aufgebracht, »um die kümmern Sie sich kein Haar – das ist Ihnen gleichgültig, wenn nur dies unsinnige, unnötige Geschöpf da gedeiht!« – »Mein Schwager und meine Schwester sind ihre eigenen Herren«, sagte Kristine wieder fest – »und meine Mutter –« da rannen ihr die heißen Tränen herab, und sie konnte nicht sprechen, sie preßte ihr Gesicht an Peregrin, der die ganze Zeit sehr geduldig und verständig gewesen war, nur manchmal hatte er gezappelt vor Vergnügen, gerade, wenn Frau Professor Majunke sich auf Kristine und ihn zu bewegte. »Du gibst uns das Kind also nicht mit – und willst deine Mutter nicht aufsuchen und mit ihr wie ein anständiges Mädchen weiter leben, wie es sich gehört? Noch weiß kein Mensch außer uns von der ganzen Sache – besinne dich, was du tust! – Gib uns eine ernste, ruhige Antwort.« »Nie!« rief Kristine heftig in fester Entschlossenheit. Rotplätz setzte jetzt einen Fuß vor den andern und schob vorgeneigt, wie er immer ging, auf die beiden Damen zu. Für jemand, der Rotplätz kannte, hatte das durchaus nichts Schreckenerregendes. Aber Frau Professor Majunke und Mathilde wichen ängstlich zurück. 217 »Geh mer – geh mer nu!« sagte Rotplätz und rückte immer näher. Wieder fuchtelte er mit den Armen und machte allerlei geheimnisvolle Zeichen, was die Reisegefährtinnen außerordentlich beunruhigte. Es fuhr ihnen durch den Kopf, daß er seine Spießgesellen so anlockte. Kristine kam ihnen auch verwildert vor, wie sie so sonderbar ruhig dastand, so blaß mit den klaren, blauen Augen, die wie im Fieber glänzten, wie sie das Kind an sich hielt mit einer so unsinnigen Leidenschaft – wie ein Tier sein Junges – so hirnverbrannt, wo doch die einfache menschliche Vernunft hätte sprechen müssen! Sie kam ihnen vor, als wäre sie zu allem imstande, eine ganz Verzweifelte, vor der man sich in acht nehmen muß. Und die Damen retirierten mehr und mehr. Rotplätz, als er bemerkte, daß seine geheimnisvollen Zeichen nichts fruchteten, rief brummend nach dem Kutscher, immer auf den Boden schauend, wie das seine Art war: »Brav – schon brav – das is andere Art bei uns. – Bei uns gemeine Leite – da is nich so Dings. – Wir machen's schonn durch mit den Kindern – wir machen's schonne durch – so oder so. Abersch,« sagte Rotplätz, als die Gefährtinnen durch sein unwiderstehliches Vorwärtsschlurfen dem Wagen, der inzwischen gewendet hatte, zugetrieben waren, »daß ich's nich vergeß, das richt' aus, daß sie dem Mächen« – Rotplätz machte eine nicht mißzuverstehende Geste – »Geld schicke sollen – umsonst tut's Mutter Birnstingel freilich nich. – Noch hammer schonn – noch hammer schonn – das schonn – das tut's schonn noch. – Aber nich vergessen – he?« sagte er und schaute wieder auf die beiden mit seinem gutmütigen Lächeln. – »Nich vergessen – Sie? Und wenn das Mächen ihre Leute daheim hat, da sagt ihnen von mir aus, daß ihr Mächen im Walde geboren hat – wie ein verlaufenes Schaf – die Birnstingel hat's 218 gefunden – daß Gott erbarm – vergeß das och nich. Ihr beide werd, scheint's mir, Jungfern sein – na – da muß mer Ihnen manches nachsehen – was so ä Jungfer is. – Na adjeh, nichts für ungut.« Frau Professor Majunke machte auf den Rücken des Kutschers mit dem Sonnenschirmknauf nicht mißzuverstehende Zeichen, daß er losfahren sollte. Sie war so aufgeregt, daß ihr das Sprechen unmöglich war. Der Wagen setzte sich in Bewegung – die Räder knirschten leise auf dem weichen Boden. Kristine stand immer noch auf demselben Fleck und starrte stumpf auf den Wagen, solange er zu sehen war; dann hob sich ihre Brust, und ein Tränenstrom stürzte ihr aus den Augen, und Peregrins Köpfchen wurde naß von Tränen. Und ohne einen Schritt vor- oder rückwärts zu tun, sank sie auf der Stelle zusammen, wo sie während der ganzen Zeit wie eine Bildsäule gestanden hatte, und kauerte sich hin und weinte und weinte – und Peregrin spielte mit seinen spitzen Fingern in ihrem nassen Gesicht. Frau Birnstingel auf der Türschwelle hatte ihren alten Strickstrumpf wieder in Gang gebracht und brummte allerlei vor sich hin. Rotplätz schälte bei offener Tür Kartoffeln, und seine beiden kleinen Jungen standen und schauten in aller Gemütsruhe Kristinen zu, wie sie weinte.   An diesem Abend ging noch Rotplätz mit einem Brief in der großen Faust nach Blankenhain und steckte diesen Brief vorsichtig in die Spalte des Blankenhainer Postkastens, fuhr mit dem großen, breiten Zeigefinger bedächtig über diese Spalte hin, um auch zu spüren, daß der Brief wirklich und wahrhaftig unten im Kasten angelangt war, und schließlich kehrte er noch einmal um und beschaute sich den alten Blechkasten von allen Seiten, ob auch alles in Ordnung sei, 219 und ob er seine Sache, wie es sich gehörte, ausgerichtet hätte. So gut und vorsichtig Rotplätz auch das seinige in dieser Sache getan hatte, und unter so heißen Tränen auch dieser Brief geschrieben war, so ist er dennoch nie an seine Bestimmung gelangt. Der Brief kam in die Hände von Professor Henneberg, der dachte an alles mögliche und bedachte alles mögliche, und wenn die Menschen nicht aus tiefster Seele unwiderstehlich handeln, entsteht Mißgedeutetes, Mißverstandenes. Er gab diesen Brief nicht an Frau Ahrensee ab. Zuerst lag er monatelang bei ihm im Schreibpult, der Herr Professor wartete den geeigneten Moment ab, um ihn seiner Schwiegermutter zu übergeben. Nach einiger Zeit aber war der geeignete Moment vergangen. Da ging der Brief in Rauch auf, wurde Asche wie alles auf Erden; aber hatte das nicht ausgerichtet, was er hätte ausrichten sollen. Und Kristine mußte es hinnehmen, daß draußen in der Welt seit jener Reise der beiden Freundinnen eine gespenstige Person unter den Leuten sich umhertrieb, von der man sagte, daß es Kristine sei. Es war ein bejammernswertes Gespenst, gesunken, verwahrlost, eine Person mit einem kleinen Kind, das sie schamlos wie ihre eigene Schande herumtrug, ohne jede Scheu, eine Person, die ihre Mutter, ihre Verwandten verhöhnte, eine Person, der jedes anständige Gefühl abhanden gekommen war, eine Person, die Geld erpreßte durch Drohung. Und dies Gespenst stieg wie ein giftiger Hauch aus der Leute Mäulern auf, ballte sich zusammen und wurde immer ekelhafter, immer elender und verächtlicher und giftiger, und solch ein Gespenst, das mußte sie draußen umherschleichen lassen, da konnte sie nichts tun, 220 konnte sich nicht davor schützen, denn es war mächtiger geworden als sie selbst. Und dies Gespenst erstickte das Mitleid, das sich hie und da hervorgewagt hätte, verdarb ihr alles und jedes. Und ihre arme Mutter, der sich das entsetzliche Gespenst der eigenen Tochter auch gezeigt hatte, die machte es sinnlos; dieses Gespenst stürzte sie in Verzweiflung, daß sie nicht aus noch ein wußte; sie wurde hilflos und rührend. Und solch arme Herzen, die so und nicht anders lieben, die sind, wenn das Unglück kommt, wie Sommervögel im Herbste. Habt ihr einmal eine zurückgebliebene Schwalbe im Novembersturm sich herumängstigen sehen? Habt ihr bemerkt, wie sie flattert, wie sie verzweifelt hin und her saust? So, gerade so machen es solch arme Herzen in der Menschenbrust.   Als die Sache nun doch einmal unter die Leute gekommen war, da hielt es Frau Professor Majunke nun auch nicht länger aus, sie mußte zu Jekatirina Alexándrowna, zu Frau Müller gehen, um von ihr Rechenschaft über ihren Bruder zu fordern, denn seit Kristinens Ausruf bei der Begegnung am Reisberghaus war jeder Zweifel gehoben. Frau Professor Majunke mußte jetzt Jekatirina Alexándrowna zur Rede setzen, trotzdem sie wußte, daß diese schwer krank war und über ihres Bruders Verbleiben sowenig etwas erfahren hatte wie sonst irgend jemand, und daß sie damals, als Heinrich Ahrensee noch lebte, diesen um Rat gefragt hatte, welche Wege sie einschlagen müsse, um über ihren Bruder Nachricht zu erhalten, aber nichts erfahren hatte. Das alles war Nebensache. Die Hauptsache aber, daß Frau Professor Majunke durchaus ihrem Herzen Luft machen mußte. Und so begab sie sich auf den Weg zu dem von der Stadt abseits und einsam gelegenen Haus. 221 Sie mußte lange, ehe ihr geöffnet wurde, klopfen und an der Tür rütteln, denn das Läutewerk war abgestellt und gab keinen Ton von sich, und so hatte sie Muße, zu betrachten, wie sehr Jekatirina Alexándrowna bestrebt war, sich von der Außenwelt abzuschließen; der kunstvoll in die lebendige Hecke verflochtene Stacheldraht, Drähte aller Art, der nichts weniger als Vertrauen erweckende Hofhund, einladende Tafeln, auf denen in dicken Lettern auf das freundlichste auf Selbstschüsse und Fußangeln aufmerksam gemacht wurde. Das alles ärgerte sie außerordentlich. So eine Närrin, dachte sie. Frau Professor Majunke war seit Menschengedenken nicht zur hellen Tageszeit bei Jekatirina Alexándrowna gewesen. Sie klopfte und rüttelte von Zeit zu Zeit energisch, denn sie war durchaus nicht willens, unverrichteter Sache wieder abzuziehen. Endlich wurde ihr von der Haushälterin, die Jekatirina Alexándrowna ›das Tier‹ nannte, geöffnet. Da erfuhr sie, was sie schon wußte, daß Frau Müller seit Tagen schwer krank liege, an einem alten Herzübel, und für niemand zu sprechen sei. Dadurch aber ließ Frau Professor Majunke, die mit ihrem vollsten Eifer gewappnet war, sich durchaus nicht abschrecken. »Gehen Sie nur,« sagte sie, »sagen Sie, ich käme in einer sehr wichtigen Angelegenheit.« Die Haushälterin tat nach einem stummen Kampfe mit sich selbst, was Frau Professor Majunke sie geheißen hatte, sie blickte sie sonderbar an, schloß die Tür vor Frau Professor Majunkes Nase, was diese begreiflicherweise empörte, und begab sich hinauf zu ihrer Herrin. »Wird Frau Müller sehr angenehm sein«, sagte sie, als sie zurückkehrte. Frau Professor Majunke folgte ihr stumm und entschlossen. Frau Professor Majunke fand Jekatirina Alexándrowna mit ganz sonderbar starren Augen wachsbleich im Bette 222 liegend, in einem äußerst behaglichen Schlafzimmer. Es war das Schlafzimmer einer vornehmen Frau. Sie hatte es noch nie betreten und war von der unbeabsichtigten Eleganz nicht angenehm berührt – es mochten ihr allerlei Erinnerungen und Vergleiche aufsteigen. In dem offenen Kamin brannte, weil es draußen gerade grau und regnerisch war, ein leichtes Holzfeuer. Geräuschlos nahm das ›Tier‹ die Reste eines minimalen Krankenfrühstücks vom Tische und trug sie hinaus. »Diese Person«, dachte Frau Professor Majunke, »ist vortrefflich bedient und lebt wie eine große Dame.« Solche Beobachtungen währten wenige Sekunden. Da war Frau Professor Majunke wieder im vollen ungeteilten Eifer – ganz sie selbst – ging auf Jekatirina Alexándrowna zu, die wirklich erschreckend gelb in ihren Kissen lag und mit der Hand eine begrüßende Bewegung machte, während sie nach Luft rang. –»Was führt Sie zu mir, Frau Professor Majunke?« sagte sie, »ich bin sehr krank.« Frau Professor Majunke hielt eine Entgegnung nicht für nötig, sondern machte ungesäumt ihrem Herzen Luft. »Ich komme in sehr besonderer Angelegenheit, ich wünsche Ihnen aufrichtig Glück zu einem so ausgezeichneten Bruder.« »Sprechen Sie von meinem Bruder? Was hat man von ihm gehört?« frug Jekatirina Alexándrowna lebhaft und besorgt. »Nun«, sagte Frau Professor Majunke erregt. Es schien ihr, als wüßte Jekatirina wirklich noch nichts. Das goß Öl ins Feuer. »Sie wissen also nichts?« frug sie. »Nein«, sagte die Kranke. Die Brust hob sich schwer. Sie sah unsäglich gequält aus. »Bitte«, sagte Jekatirina Alexándrowna und blickte mit ihren großen, klaren Augen durchdringend auf die kleine Frau, die vor Erregung, endlich zum Sprechen zu kommen, zitterte. 223 »Sie wissen wohl nicht, weshalb Kristine Ahrensee eigentlich ohne weiteres verschwunden ist, gleich nach dem Tode ihres Vaters?« frug Frau Professor Majunke, die nicht wußte, bei welchem Zipfel sie die Sache zuerst anpacken sollte. Daß Jekatirina Alexándrowna noch gar nichts wußte, gar nichts, wie es schien, das hatte sie nicht in Erwägung gezogen; daß man so etwas überhaupt noch gar nicht wissen konnte, befremdete sie aufs äußerste, und so kam es, daß sie nicht mit der vollen Wucht, wie sie sich vorgenommen, auf Jekatirina Alexándrowna einstürzen konnte. »Also weshalb denn? Weshalb denn?« rief Frau Professor Majunke entrüstet. »Ich weiß es nicht!« sagte die Kranke ungeduldig. »Ist irgendeine Verbindung zwischen meinem Bruder und Kristine Ahrensee?« Das war das rechte Wort für Frau Professor Majunke, jetzt war sie mitten drin. Und nun kam es, nun fand Frau Professor Majunke auch die rechten Worte. »So steht es?« sagte die Kranke kaum hörbar, sehr ernst, und war noch tiefer erbleicht. Es lagen tiefe Schatten unter ihren Augen und sie starrte auf Frau Professor Majunke, die sich mit beiden Händen an den Bettpfosten hielt. »Tun Sie, bitte, die Hände weg, das schmerzt mich«, rang es sich Jekatirina Alexándrowna von den Lippen. Jekatirina lag wie eine Tote, gestreckt und starr vor Qual. »Ist das Kind schon geboren?« Frau Professor Majunke starrte der Kranken ins Gesicht. »Das sind doch keine Ausdrücke!« »Wie denn? Was sagte ich denn? Wie soll ich denn fragen? Haben Sie da andere Ausdrücke?« »Leider nicht andere.« »So – so«, sagte Jekatirina Alexándrowna. »Ja, es ist geboren«, sagte Frau Professor Majunke. 224 »Das arme junge Geschöpf – so dumm – so unschuldig – nicht wahr? Herzzerreißend – ganz herzzerreißend.« Frau Professor Majunke stand wie hypnotisiert, steif, und hörte und wollte antworten und konnte nicht. »Und zu Hause ist sie nicht – sagten Sie das nicht?« Jekatirina Alexándrowna ballte die wächsernen Hände, um einen Atemzug zu tun. »Wo ist sie denn? Freilich – freilich – die Mutter ist ja bei ihr! – Wie hat sie die erste Tochter gepflegt, wie ein Königskind es nicht besser haben kann – und die arme kleine Verlassene – da wird sie trösten müssen. Es wird – es soll schon gut werden – es wird – es wird gewiß! Dunkle Schicksalswege, armer Blondkopf«, sagte Jekatirina Alexándrowna erregt wie zu sich selbst. »Und wo ist es denn geboren, das Kindchen?« Frau Professor Majunke hatte sich erholt. Sie fand das Wort wieder und teilte Jekatirina mit, was sie wußte. »Über Gottes Strafgericht sind wir nicht hinaus, gnädige Frau. Sie hätten's vielleicht anders gewünscht, wie mir scheint, meine gnädige Frau. Nein, sie hatte keine Hilfe, gar keine Hilfe. – Und vordem, da hat sie sich umhergetrieben in ihrem Zustand schamlos, von Wirtshaus zu Wirtshaus, ist auch davongelaufen ohne zu zahlen – das haben wir unterwegs gehört«, sagte Frau Professor Majunke kühl. »So –«, sagte Jekatirina Alexándrowna. Sie hatte den Kopf erhoben und Frau Professor Majunke, während diese sprach, keuchend angestarrt. »Da habt ihr sie wohl in Angst gebracht, daß sie fortgelaufen ist? Nun – und die Mutter – die Mutter! Die Mutter ist doch bei ihr? Und wo ist Kristine denn? – wo ist sie denn?« 225 »Die Mutter ist nicht bei ihr, und Kristine ist in einer Spelunke bei Blankenhain, im Reisberghaus, wenn Sie's zu wissen wünschen, meine Gnädigste.« Jekatirina Alexándrowna blickte immer noch mit großen, starren Augen auf die zappelige kleine Frau. »Und die Mutter, fragen Sie – die Mutter – die Mutter?« sagte Frau Majunke höhnisch. »Frau Ahrensee ist beschützt worden, und man kann sagen Tag und Nacht, bis diese haltlose Frau endlich zu Verstand kam. – Glauben Sie mir, meiner Freundin und mir ist das nicht leichte Amt zugefallen, diese Frau auf die Höhe der Moral zu stellen.« »So?« sagte Jekatirina Alexándrowna und schaute ganz sonderbar. »Nun, und da ist sie doch nicht etwa allein mit dem Kinde?« »Allein – freilich, was denn sonst? – Sie steckt übrigens bei allerlei Leuten.« »Und wer ist denn bei ihr gewesen, woher wissen Sie denn alles?« »Mathilde und ich – und ich kann Ihnen sagen, gnädige Frau, daß sich Gottes Gericht an ihr sehr schnell vollzieht. Wir fanden sie gesunken in jeder Weise – patzig – verkommen, ein Ritter hat sich auch schon gefunden. Es war alles wie bei einer von Gott Gezeichneten.« »Weiter! – und was wollten Sie denn bei ihr?« »Wie fragen Sie denn, verehrte Frau? Mich dünkt, es ist nicht gerade am Platz, daß Sie das große Wort führen. Erlauben Sie mir!« »Weiter – weiter! – Was wollten Sie von ihr?« schrie Jekatirina auf. »Wollten Sie ihr das Kind abnehmen? – Wollte Gott, es wäre nicht geschehen, das Entsetzliche. Aber da es nun einmal geschehen –.« »Sie scheinen es ja zu wissen, was wir wollten.« »Das Kind so einer armen, kleinen, verlassenen Mutter 226 abnehmen! – aber freilich – freilich! – Hat sie denn zu leben, ist denn gesorgt für sie?« »Sie hat schon dafür gesorgt, verehrte Frau, seien Sie versichert,« sagte Frau Professor Majunke höhnend, »sie hat vorsorglich ihren ganzen Schmuck mitgehen lassen.« »Das Kind wollten Sie ihr also wirklich abnehmen? Und dann sollte wohl Kristine wieder Fräulein Kristine Ahrensee in aller Unschuld und Seligkeit weiter spielen? Ja?« »Nun sehen Sie,« sagte Frau Professor Majunke auf ihre alte, spaßige Art, die so beliebt war, »auch in Ihnen, verehrte Frau, ist noch einiger gesunder Menschenverstand und etwas Gottesfurcht sozusagen.« »Nun und weiter – da ist sie wohl gleich auf alles eingegangen?« frug Jekatirina Alexándrowna gespannt. Sie war in tiefster Erschöpfung zurückgesunken. In ihren Augen aber lag unheimliches Leuchten. »Sie hat euch das Kind nicht gegeben! Bravo! Bravo!« rief Jekatirina Alexándrowna, keuchend im Kampf um Luft. »Wißt ihr denn auch, was das heißt? Sie will das Kleine gegen eine ganze Welt verteidigen, so grenzenlos verlassen wie sie ist! – – o, sie weiß es nun – ganz gut – was sie tut – sie weiß es! Ein Leben voll Verachtung – ausgestoßen, verfemt – arm – elend – verworfen, wenn sie ihre heilige Pflicht tut und des Unrechts Folgen mutig trägt – und zu Gnaden aufgenommen, wenn sie schmachvoll lügt, das Heiligste, was das Leben ihr gab, verleugnet – und verläßt.« »Wenn dich dein Auge ärgert, so reiß es aus und wirf es von dir!« sagte Frau Professor Majunke drohend. »Soll denn etwa die Familie mittun?« »Ja, ja«, sagte die Kranke schwer, und dann weiter ganz ruhig: »Liebe Frau Professor Majunke, bitte haben Sie einmal die Güte, mir den Stock dort herzugeben, den Stock mit 227 der silbernen Krücke – diesen – ja – danke. Ich merkte schon, wer zu allem geholfen hat. Das ist Ihr Werk, nicht wahr, Frau Professor Majunke?« »Moral sagten Sie vorhin, dächte ich, Frau Müller?« rief Frau Professor Majunke wie zu einer Harthörigen, als sie den Stock überreichte. »Ja, Moral!« wiederholte Jekatirina Alexándrowna und stützte sich im Bette mit dem einen Arm auf und hob den Krückstock mit der Rechten drohend, daß Frau Professor Majunke wie vor einer Besessenen zurückwich. »Moral ist Mitleid – nur Mitleid – nichts weiter, du infames Weib!« rief Jekatirina Alexándrowna. Frau Professor Majunke stand verblüfft. »Ah – verrückt sind Sie! – Verrückt also!« – rang es sich leise, aber heftig von den Lippen der kleinen Frau. Jekatirina aber sah nicht wie verrückt aus, sondern wie eine Tote, die von Haß getrieben aus dem Grab auferstanden ist. »Bleiben Sie!« schrie die Kranke herrisch, »bleiben Sie!« Sie hielt ihren Stock, als wäre sie bereit, auszuholen. »So läuft die Pest umher, so wie Sie. Verpesten, alles verpesten! Das ist Ihr Werk – das ist's, zehntausendmal verflucht das, was solch eine Bestie Moral nennt!« Frau Professor Majunke sah sich ängstlich nach der Tür um. »Bleiben Sie!« schrie Jekatirina Alexándrowna wieder. »Nicht wahr, strafen – richten – lästern – verunglimpfen – Geschrei machen – zertreten – weil etwas nicht ist, wie ihr wollt – erwürgen – verwüsten – verstoßen – verlassen – das ist, was Sie Moral nennen, verehrte Frau Professor Majunke, nicht wahr? Sie hat euch das Kind nicht gegeben – euch – ihren wütenden Feinden nicht? Das ist freilich schamlos – freilich!« Jekatirina Alexándrowna richtete ihre großen, klaren, 228 festen Augen auf Frau Professor Majunke, und der war es, als hielten diese Augen, die aus dem totenbleichen Gesicht leuchteten, fester als zwei Fäuste. Sie stand und konnte nicht, wie sie wollte – das war das erstemal in ihrem Leben. Frau Professor Majunke machte einen Versuch, sich stolz aufzurichten, und wendete sich der Tür zu, als wollte sie hoheitsvoll verschwinden. »Bleiben Sie, ich bin noch nicht fertig!« rief Jekatirina Alexándrowna, und Frau Professor Majunke blieb halbwegs stehen, ohne ihres Willens Herr zu sein. »Dieser Blondkopf, die Kristine, hat ihr Kind Ihnen also wirklich nicht gegeben?« fragte Jekatirina Alexándrowna noch einmal mit eigentümlich weicher Stimme. »Aus Schamlosigkeit? Nicht wahr, aus Schamlosigkeit?« »Was weiß ich,« antwortete Frau Professor Majunke, »ich dächte, einer ehrbaren Frau und Mutter stände es nicht besonders an, über dergleichen unzüchtige Dinge nachzudenken und sich damit abzugeben und darauf zu antworten.« »Ehrbar?« rief die Kranke jetzt wieder in vollem Zorn, der über jede Krankheit Herr war. »Ehrbar, Frau! Ehrbar? Wollen Sie damit sagen, daß Sie ehrbarer als der Blondkopf sind? – He! – Wollen Sie das vielleicht sagen?« Frau Professor Majunke schickte sich an, zu erwidern und Kraft zu sammeln. »Still jetzt! Nicht ein Wort!« rief Jekatirina Alexándrowna ihr herrisch zu und schwang den schwarzen Ebenholzstock. »Ich denke an Ihre Kinder, Frau Professor Majunke, ich denke an Ihre armseligen Kinder!« rief sie außer sich, »an Ihre armseligen, elenden Kinder! An alle Verwahrlosung! An allen Unsinn! An allen erbärmlichen Leichtsinn! An die ganze verrückte Wirtschaft bei Ihnen zu Hause! Ja, 229 ja, regen Sie sich nur, wagen Sie es nur, springen Sie mir an den Hals! Ich schlage Sie! Gewiß, ich schlage Sie! Kommen Sie nur, sprechen Sie nur! Was meinen Sie denn eigentlich? Glauben Sie, Sie dürfen in aller Ehrbarkeit Kinder in die Welt setzen, ins Elend hinein, wie es Ihnen behagt? Kinder, die so einem erbärmlichen, kranken, armseligen Leben entgegensehen, denen die Kindheit in Unordnung, Ungepflegtheit, Verkommenheit hingeht, Kinder, die Sie nicht imstande sind, zu erziehen und zu ernähren, denen Sie nicht einmal so viel Gesundheit und Lebenskraft mitgeben konnten, um das Dasein und die Armut tapfer zu ertragen? Solche elende, verlassene Kreaturen! So schlecht bei Kraft! So nervös und schwach geraten, so gelb und zappelig – und so en masse und so erbärmlich erzogen, so doppelt schlechte Fabrikware! Und Sie, Sie wagen, von dem armen, tapferen Blondkopf in verächtlichen Ausdrücken zu sprechen, in solcher lächerlichen Überhebung? Naiv und frech!« Jekatirina Alexándrowna schwang heftig ihren Stock. »O du infames Weib!« Ihre blitzenden Augen waren geisterhaft auf Frau Professor Majunke gerichtet. »So, jetzt bin ich fertig –«, sagte Jekatirina Alexándrowna keuchend. Sie zeigte mit ihrem Stock nach der Tür. »So – jetzt gehen Sie!« Frau Majunke ging ganz willenlos vorwärts, schaute nicht nach rechts und links und wollte hinaus, atmete schwer und machte eine Gebärde, als wollte sie sagen: Ich werde dir schon einmal dienen, wenn auch jetzt nicht! Da schrie die Alte kreischend auf: »Halt, nehmen Sie Ihren Regenschirm mit – dort in der Ecke! Ich will nichts von Ihnen bei mir haben – nichts – fort – fort!« Im Augenblick, als Frau Professor Majunke die Tür hinter sich geschlossen hatte, drückte Jekatirina Alexándrowna 230 auf ihre Klingel und schrie nach ihrer Haushälterin, die sie das ›Tier‹ nannte. Und Frau Professor Majunke hörte hinter sich her eine schauerliche, keuchende Stimme, die sie nun sehr wohl kannte: »Tier! Tier! Tier!« rufen. Als die Haushälterin bei ihrer Herrin eingetreten war, fand sie diese aufrecht, an allen Gliedern schlotternd, mit von Krampf verzerrten Zügen im Bette sitzen. »Reisberghaus bei Blankenhain. Wir reisen! Wir reisen jetzt!« sagte Jekatirina Alexándrowna zu der verblüfften Dienerin. »Wir müssen gleich fort.« Die Haushälterin schüttelte bedenklich den Kopf. Jekatirina Alexándrowna aber hieß sie sofort einen Wagen bestellen und schnitt alle weiteren Einwände kurz ab. Und ehe eine Stunde vergangen war, fuhr eine Schwerkranke, die wachsbleich in ihren Kissen zurückgelehnt saß, langsam zur Stadt hinaus. Sie fuhren den Weg nach Blankenhain zu. Die Haushälterin saß oben auf dem Bock bei dem Kutscher und wußte nicht, was sie von der ganzen Sache denken sollte. Es war ihr unheimlich dabei zumute und sie schaute alle Augenblicke fragend auf ihre Herrin. Jekatirina Alexándrowna litt entsetzlich an Atemnot. Aber: »Weiter – weiter – weiter!« war die einzige Antwort, die sie dem ›Tier‹ gab, wenn die gutmütige Person sie ängstlich bat, umzukehren.   Doch es kam anders, als Jekatirina Alexándrowna gewollt hatte . . . Spät abends fuhr unter dem hochgewölbten Sternenhimmel hin, den Weg, den Kristine einst in größter Lebensnot ging, ein geschlossener Wagen langsam im Schritt. Er fuhr der Richtung nach Jena wieder zu; durch junges 231 Buchenholz, dann durch Felder, die im Nachtwind leise schwelten und wogten und würzig nach Brot dufteten zur Kornblütenzeit. Und außen auf dem Wagen, auf dem Kutschersitz, da saßen zwei, eng aneinandergedrückt; kein Liebespaar, ein paar Furchthasen, denen es grauste, zurückzuschauen, und die den Pferden auf die Köpfe sahen, um nicht rechts und links zu sehen. Sie hatten eine Leiche hinter sich, die beiden, eine in die Wagenecke weit zurückgelehnte Leiche – und das auf nächtlichem Feldwege in herzbeklemmender Einsamkeit. Jekatirina Alexándrowna war plötzlich an Herzschlag gestorben, ehe sie ihr Erlösungswerk begonnen hatte. Der Tod hatte Kristinen zum zweiten Male Barmherzigkeit und Hilfe versagt. Das Leben komponiert seine Geschichten wunderlich, nicht immer zur Zufriedenheit weiser Kunstrichter, ganz nach eigener Laune. So kam es, daß Kristine allein blieb, für Jahre allein. 232   Drittes Kapitel Es ist der Winter darauf. Kristine schreibt in ihr blaues Heft: Vor unserem Fenster da hängt eine tote Amsel in den kahlen Zweigen am alten Kirschbaum – die ist das erste, was wir am Morgen sehen. Peregrin hat sie zuerst bemerkt und kräht und greift danach, wenn sie im Winde hin und her geschaukelt wird, und wenn ich so auf die zerzauste tote Amsel sehe, da wird es mir so weh ums Herz – so weltverlassen. – Da halt ich Peregrin an mich und fühl' sein kleines Herz schlagen und seh' in seine Äugelchen. Ker – es sind wirklich und wahrhaftig deine Augen, und wenn ich ihn so halte und draußen der Schnee fällt und alles gleichmäßig einhüllt – Weg und Steg – dann ist's mir, als wären wir zwei Mäuse, die unter einer Erdscholle in einer weiten, weiten Einöde überwintern und an die niemand von allen lebendigen Wesen denkt. Und der Schnee fällt, der dichte, hohe Schnee, und vergräbt sie ganz; aber sie haben es warm in ihrem Nest und sitzen ganz aneinandergeschmiegt – und weit, weit von ihnen, da leben die Menschen. Wir haben es auch warm, unser eisernes Öfchen pustet und glüht und faucht manchmal, so daß mir Rotplätz ein kleines Gitter aus Fichtenstämmchen daran gemacht hat, damit Peregrin nicht zu nahe kommt, wenn er zu kriechen anfängt. Unser Öfchen ist sehr wacklig, und Rotplätz hat es gehörig ausflicken müssen. Aber wenn es in der Dämmerung glüht und pustet, da ist es unsere allergrößte Freude, unser Schauspiel, unsere beste Gesellschaft; da setzen wir uns beide ganz nah, Peregrin und ich, und Peregrin strampelt und schreit vor Vergnügen und quiekt und kräht und drückt sein Köpfchen an meine Wange, und da laufen mir die Tränen herab, denn es ist gerade so, als wenn er mich schon recht lieb hätte. Jüngelchen, 233 Jüngelchen! rief ich ganz glücklich und drückte ihn an mich – und dann kräht er noch lustiger und schlägt mit seinen weichen Händchen mir ins Gesicht – und legt sich wieder so zärtlich, so zärtlich an mich. – Ich bin nicht mehr allein! Frau Birnstingels Hühner gackern in der Küche, und sie schlurft herum und spricht mit sich selbst. Es kann sich niemand vorstellen, wie einsam es hier ist – so recht ein Platz für Verlassene – so wirklich ganz verlassen.   Und hier in dieser verschneiten, vergessenen Ecke, in dem von aller Welt vergessenen alten Haus, mitten im Schnee, da schlagen zwei Herzen und brennen wie zwei Feuer – für dich, mein Ker.   Zwei Winter später.     Ich habe einen Geldbrief aus Italien bekommen – von meinem Mamachen, die ist dort mit Mathilde – den habe ich aufgehoben – für die Zukunft, Ker – für Peregrin und dich, wenn du noch unter den Lebenden bist. Ich selbst verdiene mir hier etwas Geld, beinahe schon genug für mein Jüngelchen und mich – und das ist so zugegangen. Rotplätz kam von der Fabrik nach Haus, und ich saß gerade mit Peregrin unten bei seinen Kindern und hatte meine Arbeit mitgenommen. Er hilft mir und ich helf' ihm manchmal und geb' auf seine Kinder acht, und lehre sein kleines Mädchen die Stube ordentlich halten und lehre sie die Suppe ansetzen, damit, wenn der Vater heimkommt, er nicht so lange erst kochen muß. Und als Rotplätz diesmal heimkam, da zog er aus seinem Sack einen Teller und brummte: »Wenn ich das hinbrächte – da sullt's besser flecke – aberscht – aberscht! – Das wird mer nischt wären – enen Gockel – nee!« – Und Rotplätz sah das im Brand 234 gesprungene Tellerchen ganz trübselig an. Es war wirklich ein Gockel darauf gemalt. Ich hab' es mir auch angesehen – und es schien mir gar nicht so sehr schwer. »Rotplätz,« sagte ich, »ich glaube, das könnte ich Ihnen zeigen, aber freilich, einüben müßte ich es erst auch.« Da hat mich Rotplätz ganz sonderbar angesehen. Und ich habe mich gleich oben in meiner Stube darüber gemacht und den Gockel abgezeichnet; und hab' es immer wieder versucht, bis wirklich der Gockel herauskam, ganz schön, und Rotplätz hat mir dann Farben für den Gockel gebracht. Seitdem malen Rotplätz und ich Gockel – ich die Gockel, Rotplätz die Ränder – denn mit erschrecklich vieler Mühe, Sonntags und Werktag abends, hab' ich ihm nicht den Gockel beigebracht. Mir bringt er immer in einem Tragkorb einen ganzen Stoß Teller mit, und ich male auch schon Karpfen, Spatzen, Hühner auf große und kleine Teller nach einem alten Muster, und auch Schmetterlinge, und so verdiene ich mir Geld. Das Schicksal sorgt für mich – und Peregrin hat jetzt eine Mama, die ihm sein Breichen selbst kaufen kann und auch seine Röckchen. Nun hat er alles von mir, sein kleines, süßes Leben und alle Pflege – und alle Liebe. – Es ist mein Kind – mein Kind! Die eine Welt, an der mein Herz hängt, nach der ich mich sehne, ist versunken: du Ker, mein Vater, mein Mamachen, alle Liebe, alle Freundschaft, alle Achtung, alles Vertrauen, alles Verstehen – und meine Musik, mein liebes, schönes Zimmer – der Garten – das Meer – das Boot – alles versunken – – – Aber ein kleiner, neuer Stern ist in der großen, traurigen Öde aufgegangen. 235   Wenn du mir zurückkehrst, wenn das Wunder geschieht! – in dieser Hoffnung schreibe ich für dich – für mich über Peregrin nieder, was ich gern in der Erinnerung behalten möchte, wie es auch Mamachen getan hat, als Olga und ich Kinder waren – und da schreib' ich jetzt gleich für uns beide, für dich und mich – und so Gott will, auch für unsern kleinen Peregrin – daß er jetzt in seinem dritten Jahre noch recht drollig spricht, mit einem so lieben Stimmchen – es ist keine dünne Stimme, rund und voll ist sie, und doch weich, ganz wie er selbst ist. Er ist ein braunes Kerlchen, fest und stramm, mit großen, dunkeln, ernsten Augen, die sehr schelmisch aussehen können, und so voll Liebe! – Mir ist oft bange, Ker, um die große, große Liebe, die ich für Peregrin habe, so eine angstvolle Liebe, so eine Liebe, als stände sogleich der Abschied vor der Tür, als sollte er mir genommen werden – und dann, Ker! dann! – Kann denn ein Herz alles ertragen? Auch wenn das Letzte genommen wird – auch das? Sag' mir! – Gibt es denn kein Erbarmen auf Erden?   Peregrin spricht komisch, und wie er etwas einmal benannt hat, dabei bleibt er. – Sein Röckchen, das nennt er ›mein Zubind‹, und meine Korallenkette, die er immer Sonntags um sein Hälschen bekommt, die nennt er ›das Umbind‹. Und gestern am Abend, als ich im Zimmer sitze und nähe, und draußen ist schöner Frühlingstag, da tut sich die Tür auf, und Peregrin guckt durch die Spalte. »Na«, sag' ich – da kommt er angelaufen und fällt mir um den Hals, und blinzelt dabei mit seinen dicken Augenwimpern an meiner Wange: »Piep – piep – piep – ich hab' dich lieb!« 236 Wo er das her hat, weiß ich gar nicht! – Mir hat es noch im Herzen lange, lange nachgeklungen.   Mit Rotplätzens zwei Jungen, dem Zwillingspärchen, spielt und tollt er den ganzen Tag. Sie liegen wie die jungen Bären in der Sonne, und überpurzeln sich, und lassen sich von Peregrin gehörig zausen, und seit Peregrin läuft, hat Rotplätz, wenn er im Hofe herumschlürft, hinter seinen Stiefeln gar drei Jüngelchen!   Solcherlei schrieb der gute, tapfere Blondkopf in seiner Einsamkeit in das blaue, dicke Schulheft, all die lieben, unsäglich herzerquickenden und bewegenden Dinge, die eine junge Mutter mit ihrem Kinde erlebt – die frühlingshaften Geschichten – die ersten Keime des Bewußtseins – die warmen Stürme, die in den kleinen Kerlen toben, die sie strampfen und wüten lassen, und die aus der Knospe den künftigen Charakter wecken. Dies ganze Frühlingstreiben schrieb sie nieder – treu und innig und in rührender Hoffnung. Es mögen in stiller Hut ungezählte solche liebevollen Aufzeichnungen von Mutterhänden ruhen.   Wir hatten heute ein rechtes Gewitter, und Peregrin saß mit Frau Birnstingel auf der Türschwelle. Ich mußte eifrig Teller malen, saß in der Küche hinter den beiden und sah, wie er sich eng, ganz eng an Frau Birnstingel rückte. Er ist ein armer Furchthase – und bei Gewitter ist er immer sehr ängstlich und zittert und weint. Ich schaute auf ihn hin, denn er saß auffallend still und griff sich nur manchmal an die Öhrchen. Frau Birnstingel mußte dies auch bemerkt haben. Sie sagte: »Na, es wachsen noch keine; halt Ruh, aber wann's du dich noch länger so fürchst – dann wärd's so, wie ich 237 dir immer sag', dann macht dir der liebe Herrgott lange Hasenohren« – und da saß er wieder ganz stille und geduckt – so ein armes Herz! so ein geängstigtes Seelchen! Und da habe ich ihn an mich gedrückt – er war ganz bleich – und hab' ihn auf dem Schoß behalten, da hat er seine Arme um meinen Hals geschlungen und sein Gesicht an mich gepreßt! Ich fühlte sein Herz angstvoll pochen. – Aber tapfer und brav ist er doch, daß er trotz seiner Angst so still saß.   Wie hat Peregrin mich heute erschreckt! Ich bin den ganzen Tag umhergegangen voller Sorge. Er war mir unheimlich, der kleine Junge – und ich habe ihn gefragt und gefragt und immer wieder gefragt, als müßte ich sein Herz ergründen – und er sah mich mit den ernsten, geheimnisvollen Augen an, die mich durchschauern, die er manchmal macht, so, als hätte er eine tiefe Seele – oder gar keine, so unergründlich. Peregrin hat mit Rotplätzens Jungen gespielt. Ich sah sie wirtschaften und rief zum Fenster hinab: »Peregrin, was macht ihr denn da?« und ich mußte immer wieder rufen, sie hörten nicht, sie hatten alle drei die Köpfe zusammengesteckt und wirtschafteten. Als Peregrin aber endlich hörte, kam er angelaufen und stand unter dem Fenster, ganz erhitzt und rot und schmutzig. »Was habt ihr denn da?« »Einen Frosch seßnitten«, rief er leidenschaftlich und eifrig. Ich rief ihn herauf und er kam angetrappt. Und dann fragte ich ihn und fragte ihn, ganz angstvoll; immer wieder, aber er blieb immer gleichmütig, beschrieb, wie sie den Frosch zerschnitten hätten – mit einem ›Siefer‹, das ist ein Schieferstein, und dabei hatte er immer die tiefen, geheimnisvollen Augen und bekam so etwas Trotziges, 238 Festes in seinen Antworten, etwas so Gleichmütiges, daß ich gar nicht wußte, was ich aus ihm machen sollte. »Hat er dir denn gar nicht leid getan, der Frosch?« »Nein.« »Hat er denn nicht geschrien?« »Ja.« »Und da hast du's doch trotzdem tun können?« Mir waren die Tränen in den Augen. »So etwas, wie krr hat der Frosch gesagt.« Wir haben den ganzen Tag nicht wieder von der Sache gesprochen, weil ich es nicht wagte. Am andern Tag gingen wir miteinander hinunter in unser Gärtchen, das sind zwei Beete, da ziehen wir allerlei Gemüse und auch Blumen. Ich habe mir die Beete für Peregrin und mich von Rotplätz herrichten lassen. Ein paar Rosenstöcke hat er mir auch gekauft, die blühen dies Jahr schon, und wir gingen miteinander und beschauten alles und begossen das Gemüse, und ich schnitt eine Rose ab, um sie an mein Fenster in das Glas zu stellen. Da sah Peregrin mich ganz befremdet an und sagte langsam mit seiner vollen Stimme: »Mama, hat denn die Rose nis auch krr gesagt?« Ich konnte es nicht über das Herz bringen, zu antworten: »Die fühlt nichts.« Es kam mir so dumm vor. Ich war froh, daß ich ihn wegen des Frosches nicht gescholten hatte. So ein kleiner Peregrin ist nicht leicht zu verstehen! Da hört oft alle Weisheit und alle Klugheit der großen Leute auf.   Nachts steht Peregrin manchmal auf und kommt an mein Bett geschlichen und fährt mir mit seiner weichen, runden Hand über das Gesicht und wenn ich dann aufwache und ihn in seinem Hemdchen stehen sehe beim flackernden Nachtlichtschein, da weiß ich schon, was er will. – 239 »Mamachen, hast du mich auch lieb?« fragt er dann so zärtlich, daß mir die heißen Tränen manchmal in die Augen kommen und ich gar nicht weiß, wo ich mit meiner großen Liebe zu Peregrin hin soll. Dann schlüpft er in mein Bett und schlägt die Ärmchen um meinen Hals, und ich halte ihn wie eine Welt voll Glück an mich gepreßt – und wenn ich ihn mir dann tot vorstelle, das braune, herrliche Körperchen, die lieben Augen, den trotzigen, zärtlichen Mund – da erstarrt mir das Herz – das ist ein Augenblick, den alles Glück nicht aufwiegt. Und wenn er mich weinen sieht, da ist er so gut, da schleicht er auf den Zehen, da streichelt er mir die Wangen, da trocknet er mit seinem schmutzigen Tüchelchen mir die Augen, und da sagt er jedesmal, daß bald – bald – bald sein liebes Papachen kommen wird – und jeden Abend beten wir miteinander für ihn – da halten wir uns ganz eng umfaßt und beten für dich, Ker.   Peregrin schläft oft des Nachts nicht – da tut er mir immer so leid – still mit großen, offenen Augen liegt er dann in seinem Bett; wenn ich nachts aufwache und mich über ihn beuge, da sehe ich gerade in diese großen, offenen Augen hinein, die ernst und ruhig schauen, und dann lächelt er übers ganze Gesicht und schlingt die Arme mir um den Hals – und wenn ich ihn frage, weshalb er mich denn nicht ruft, wenn er gar nicht schlafen kann, da sagte er neulich: »Ich brauch' dich nicht, Mamachen, schlaf nur!« Das sagte er wie ein alter Mensch, so ernst – ach, er weiß es schon, daß sein Mamachen nicht helfen kann. Dies lange, geduldige Wachliegen bei Peregrin macht mir oft Angst. Ich erzähle ihm so viel von daheim, von der Großmama, von meinem lieben Vater, von unserem Haus, vom großen Meer, von meinem Boot, und da hört er verständig zu 240 und fragt nach seiner Großmama und nach allen. Und seinen Papa erwartet er immerwährend, ganz wie seine arme, arme Mama es auch tut, und wenn wir spazierengehen, da stellt er sich breit vor mich hin und sagt mit einem so wichtigen, strahlenden Gesicht: »Und rat' einmal, wenn wir um die Ecke sind, da kommt, da kommt« – und dann stürzt er mit aller Wucht in meine Arme und sagt mir ins Ohr, so weich und voller Liebe – »Papachen!«   Was wird denn nur aus meinem Kinde werden? Niemanden hat's als seine arme, dumme Mama. Wie soll die denn ihm helfen ein braver, kluger Mensch werden, der Gutes im Leben schaffen kann? Wie soll die das? Mein Gott, wie soll sie's denn? Sie kennt ja das Leben gar nicht – und in dieser Einsamkeit, da wird sie immer dümmer und dumpfer und vergißt alles. Wenn ich denke, wie einfach mein Tag hingeht: ein wenig Geld verdienen, die kleine Wirtschaft – und Peregrin. Trauer um Verlornes, und Sehnsucht nach guten Menschen und Liebe, tiefe, tiefe Liebe zu meinem Kinde. Wer mich kannte, wer von mir weiß, spricht wie von einer Verworfenen. Ich bin doch mit Schmach beladen! – ich und das Kind – unauslöschlich! – Wie das niederdrückt! – Wie eine Last liegt es auf der Seele. Nachts, wenn die alten Fichten rauschen, diese Einsamkeit, diese Verlassenheit! Unmöglich, sich verständlich zu machen, unmöglich! Was soll daraus werden? Wir können ja nicht ewig hier bleiben – und ins Leben hinaus? – da werden uns die Blicke treffen, diese verachtungsvollen, eisigen Blicke. Werd' ich denn Kraft haben? Ja! 241 Aber keine Stunde früher, als es sein muß, gehen wir hinaus in die Welt, mein Peregrin, keine Stunde früher. Und die Zeit in der Einsamkeit hier soll nicht verloren sein, gewiß nicht. Deine Mama muß eine große, schwere Arbeit zustande bringen, damit du ruhig leben kannst, Peregrin, damit du Boden unter deine Füße bekommst. Sie muß die Menschenfurcht verlernen, lernen muß sie, klar und tapfer zu denken und fest zu sein. Sie muß erstarken und lernen, ihr Recht vor aller Welt offen zu wahren – Aber du? du? Von dem Tag an, als Rotplätz mein Kind angemeldet hat als den unehelichen Sohn der Kristine Ahrensee, von dem Tag an habe ich den Kampf gegen die Menschenfurcht begonnen – den Kampf um mein heiliges Recht, heiliger als alle Menschensatzung. Mein Kind ist's, mein liebes, gutes Kind. Damals, als Mathilde und Frau Professor Majunke gegangen waren, da hat Rotplätz gesagt: »Nun müssen wir's tun. Nun müssen wir ihn melden und taufen auch«, und als er mich ängstlich sah, da sagte er und schaute mich so mit seinem gutmütigen Gesichte an, und die vielen Fältchen um seine Augen und seinen Mund lächelten: »Ehelich oder unehelich, je, je, das is's nicht! Das macht nischt, das lassen Sie gut sein, das schonn. Und das sollen Sie aber tun! Gott danken, daß 's Kind so brav is und gedeiht, und daß mir'sch hamm. Wären's schon merken, wären's schon merken. – Also geh mer, gelle ja?« 242   Viertes Kapitel In unserm stillen Leben ist etwas geschehen – etwas Trauriges – ich kann es gar nicht fassen. Rotplätz ist vor Gericht gekommen. Es waren so Wilderergeschichten, und Rotplätz wurde als Zeuge gegen einen Arbeiter, der mit ihm in der Fabrik ist, geladen. Er hat aber nichts ausgesagt, obwohl er sehr wohl alles wußte, und so ist er als Hehler verurteilt worden zu vier Monaten Gefängnis. Wir, Frau Birnstingel und ich, müssen nun für die Kinder einstweilen sorgen. Aber in der Fabrik soll er, gottlob, dann wieder eintreten. Seit Rotplätz fort ist, da ist's noch einmal so still bei uns.   Meine Mutter hat mir geschrieben, schon öfter, und ich schrieb ihr wieder, aber noch verstehen wir einander gar – gar nicht – mein armes – armes Mamachen. Wie allein bist du! Und wie würden wir dich lieben, wenn du zu uns kämst! Peregrin wird nun schon zwei Sommer lang in dem Bach, der vor unserm Hause durch die Wiesen fließt, gebadet an jedem guten Tag, und das ist ein großes Vergnügen; wenn der kleine, schöne, braune Kerl in dem klaren, fließenden Wasser steht zwischen den Wiesenufern – da ist er grenzenlos lustig, da spritzt er und wirtschaftet, und ganz besonderes Vergnügen macht es ihm, vom Wasser aus Blumen zu pflücken. Ein Verschen sagt er immer, wenn er im Bache steckt, das gehört dazu: Ist ein Mann ut Hutendücken, Hätt en Rock ut tusend Flicken, Hätt en knäkern Angesicht, Hätt en Kamm und kämmt sich nicht. 243 Solche dummen Verschen lernt er so leicht. Und vor dem Bad, daß ich es nicht vergesse, da spielt er gestiefelten Kater und läuft nackt auf der Wiese umher und hat nur seine Stiefelchen an, und ist so seelenvergnügt wie ein junges Tier.   Heute hat Peregrin sich mit einem Jungen vom Rotplätz wütend gezankt und gehauen, und ich sagte ihnen, das dürften sie nicht, sie müßten sich lieb haben. »Ach,« meinte Peregrin, »man hat nur lieb, was mer selbst ausgebrüt hat, und den hab' ich nich' ausgebrüt.«   Dies und mehr schrieb Kristine in ihr Kinderbuch; aber es kam eine Zeit, da schrieb sie lange nicht. Peregrin war erkrankt. An einem Herbstnachmittag, als die Kinder draußen getollt und geschrien hatten, kam er so müde nach Hause, setzte sich seinem Mamachen auf den Schoß und legte seinen Kopf an ihre Schulter, saß still und schwer und seufzte manchmal tief auf. Sein Atem, der Kristinens Hals traf, war heiß; Kristine fühlte sein Köpfchen an, das glühte und brannte, da faßte sie das böse, verzweifelte Erstarren, daß sie sich nicht vom Stuhle erheben konnte. »Nun ist es da – nun ist es da – das Unglück!« Sie preßte ihn an sich und sah hinauf gen Himmel wie ein verwundetes Tier, ohne Gedanken, ohne Gebet – nur in Todesangst. Und nach diesem ersten Schrecken kamen Nächte und Nächte, Tage und Tage, schwer und erdrückend, während deren ihre Augen an einem glühenden Gesichtchen hingen, während deren ihre Hände ein wildes, heißes Körperchen immer von neuem einhüllten, während deren sie so schmerzliche Seufzer hörte von den lieben Lippen; Peregrins Augen waren in dieser Krankheit von Fieber befangen, und jetzt erst schienen sie ihr geheimnisvoll; wenn er still und 244 ruhig vor sich hinsah und die kleinen Pulse flogen und der Atem so schnell ging. Da lag sie auf den Knien vor dem Bettchen und blickte in diese Augen wie ein verzweifelter Mensch in tiefes, dunkles Wasser. »Werd' ich jetzt zermacht?« frug Peregrin in einer dunkeln, trostlosen Nacht. Da stand ihr das Herz still. – Wer lehrte ihn, die furchtbaren Worte so zu setzen? Bewußt und unbewußt flüsterten ihre Lippen immer das gleiche, immer vor sich hin: »Wenn du ihn mir nimmst, dann nimm mich auch!« Das klang so hart, so wild, so trostlos; und immer wieder, immer wieder. Und dann dachte sie, wenn sie nun doch leben blieb, und wenn in Jahr und Tag Ker käme, was sie da sagen würde; wie sie von Peregrin sprechen würde wie von etwas Vergangenem. Da liefen ihr die heißen, trostlosen Tränen über die Wangen. Manchmal rief sie auch nach ihrem Mamachen, jammervoll hilfesuchend. Das erste klare Wort ihres Kindes, das zersprengte ihr fast das Herz vor Freude. In der Zeit der Genesung, da hielt sie Peregrin wie ein Heiligtum; wenn sie ihn berührte, dankte sie immer Gott in ihrem Herzen, und wenn Peregrin unvermutet sie etwas fragte, da kamen ihr die Tränen in die Augen. Wie er aber die Krankheit abschüttelte und frischer und kräftiger wurde als vordem, kam auch das Gefühl ins alte Geleise, und auf ein leeres Blatt in ihrem Buche schrieb sie: »Peregrin war schwer krank.« Mehr konnte und wollte sie nicht schreiben.   Rotplätzens Strafzeit lief ab und er wurde zurückerwartet. Und eines schönen Morgens kam der Bote aus Berka, der zwischen Berka und Blankenhain geht, und brachte eine Postkarte. 245 »Motag aben – kumm heim. Rotplätz.« Eifrig ging es da im Reisberghaus zu. Frau Birnstingel mußte scheuern und fegen, es wurden aller Art Vorbereitungen getroffen. Frau Birnstingel wurde ausgeschickt, Einkäufe zu machen zu einem Nachtessen, und sie war es, die auf den Gedanken verfiel, am Abend zur Feier Lotto zu spielen. Sie besaß so ein altes Lotto, aber da fehlten Nummern und Glasscherben zum Zahlenbedecken. Das alles wurde wieder instand gesetzt von Kristine und Rotplätzens Kindern. Aber die Gewinne! Die wurden auch besorgt, die brachte Frau Birnstingel mit aus der Stadt. Zuckerwaren aller Art und Tabak, den Rotplätz gewinnen sollte, und Zwirn und Nadeln, was die Frauenzimmer gewinnen sollten. Und Frau Birnstingel versuchte es vorsorglich, Peregrin klarzumachen, daß, wenn er den Tabak und den Zwirn gewönne, er ihn nicht behalten, sondern eintauschen müßte. Im Reisberghaus wurde gebraten und gebacken, Frau Birnstingel hatte für die Kinder einen Kuchen zustande gebracht. Und gegen Abend waren sie alle auf der Lauer und gingen Rotplätzen entgegen. Das war ein Wiedersehen, so harmlos, als käme Rotplätz von einer Badereise heim. Rotplätz mußte erzählen, und Kristine und Frau Birnstingel erzählten ihrerseits; und dann das wunderschöne Essen und die glückseligen Kinder und das Lottospielen und die Gewinne! – An diesem Abend saßen in der Stube bei Rotplätz nicht Philosophen beisammen, Gott bewahre, die allereinfachsten Leute von der Welt. Aber Lottospielen, wenn der Vater aus dem Gefängnis kommt, und braten und backen? Ja, wäre Rotplätz ein gebildeter, vornehmer Mann, so hätte er, um sich und seinen Kindern die Ehre wiederzugeben, Grund genug gehabt, sich eine 246 Kugel durch den Kopf zu schießen. Aber er gehört zu denen, die nicht viel zu verlieren haben. Und das junge schuldbeladene Weib mit ihrem Kind – welche Zuflucht hat sie hier gefunden!   Kristine schreibt: Nun ist's wieder einmal Winter, wieder dichter Schnee. Nun kommt Weihnachten wieder heran – das einsame Weihnachten, das das Herz in Sehnsucht vergehen läßt und in Hoffnungslosigkeit. Und gerade zu Weihnachten, da darf ich nicht trauern. Mein armes Kind soll eine schöne, liebe Erinnerung fürs Leben haben. Er soll nicht fühlen, was für abgerissene Blätter wir beide sind. Gewißlich nicht. Ach, daß er dies nie zu fühlen hätte! Seit zwei Weihnachten sind nun auch die Hennebergs aus Jena fort. Mit meinem Mamachen wohnen sie in Heidelberg zusammen. Sie haben ihr Haus verkauft. Mamachen schrieb mir: Es war ihm unmöglich, länger in Jena zu bleiben. Er fühlte sich dort wie gebrandmarkt. Alles um meinetwillen. Wie sie noch in Jena waren – hab' ich am Weihnachtsabend ganz still zum Fenster hinausgeschaut, der Gegend zu, wo Jena liegt – und habe so ein Gefühl gehabt, als wäre ich doch noch nicht ganz allein und verlassen. Mein Mamachen schrieb mir, daß Jekatirina Alexándrowna gestorben ist – schon vor drei Jahren – und ich habe es nun erst vor wenigen Wochen erfahren! Ich hab' oft an sie gedacht, und mir war immer, wenn jemand kommen würde, so müßte sie es sein. – Ja, ich habe auch auf sie gewartet. Und zu Weihnachten, wie habe ich da immer vom Fenster aus den verschneiten Weg hinabgesehen, bis ich müde wurde. Der lange, bange Weg. 247 Ach Weihnachten! Und wie er sich freut, mein guter, kleiner Junge. Die Lichter am Baum, die Nüsse, der Pfefferkuchen, die bunten, kleinen Sachen, die erfüllten seinen Geist. Das Christkind liebt er sehr. »Mama,« sagt er, »beten wir denn zu einem Wickelkind eigentlich? – das mag ich nicht, so ein großer Junge wie ich. – Lieb hab' ich's – aber beten?« Ich habe ihm erzählt, daß aus dem Wickelkind ein herrlicher, guter Mensch geworden ist, der so gut war, wie nie einer vor ihm und nie einer nach ihm – und daß er alle Menschen geliebt habe. Das hat Peregrin sehr gefallen – und er fragt mancherlei noch darüber – und wir sitzen abends wieder vor unserm Öfchen und hören zu, wie es pustet und faucht, und freuen uns, wenn es glüht, und erzählen uns allerlei. Peregrin mir und ich ihm.   Etwas ist mir in die Einsamkeit gefolgt, etwas, das mit mir spricht! etwas, das meine Seele ganz erfüllt – das mir sagt: Was hast du erlebt, du glückseliges Geschöpf! Du kennst sie – die große, große – heilige Liebe! »Mächtiger ist die Liebe als der Tod, Fest wie die Hölle. Unbezwinglich wie das Niederreich. Ihre Gluten sind Feuergluten Wie Jehovahs lodernde Flammen, Wasserwogen löschen die Liebe nicht, Und Ströme ersticken sie nimmer.« Etwas, was ich in heiliger Stunde an mein Herz drücke – – ist dein Lied, Ker! Dein Hohes Lied! Dein Judenlied, wie du sagtest – dein 248 Lied, was du in meine Hände legtest! – Dein lebendiges Lied! In stiller, trostloser Nacht ist es von brennenden Augen gelesen. Gebetet und geweint ist darüber. Die Sehnsucht hat sich in die Worte tief – tief eingegraben, hat deine Stimme hören wollen, hat nach dir gejammert und gerufen und geschrien, hat in jedem Bilde, jedem Worte dich erkannt! Hat die Arme nach dir ausgestreckt und hat auf dich gehofft! – gehofft! – gehofft! Zu deinem Liede komme ich, wenn ich leben will! Da breite ich die Arme danach aus, da drücke ich es an mich, da liebe ich es, wie ich die ganze, für mich versunkene Welt liebe. Auch diese Weihnachten, wenn alles schläft, soll es wieder zu mir sprechen. Auch ich will meine heilige Stunde haben! Ich Glückliche! Ich Arme! 249   Fünftes Kapitel Berlin! Ein Strolch geht eben durch die Oranienstraße; lang, hager, wettergebräunt, den Hut über dem struppigen Haar tief in die Stirne gedrückt, in armselig schäbigem Rock, ein fadenscheiniges Tuch um die Schultern. Es ist schon spät abends, die Läden und Haustüren geschlossen und ein Dezemberwetter, daß sich Gott erbarm. Der Wind heult um die Straßenecken und fegt auf dem Steg die Eisnadeln wirbelnd vor sich her. Die Gaslaternen, dick mit Schnee belegt, flackern und drohen zu verlöschen. Wer bei solchem Wetter über die Straße muß, hat sich vorsorglich von oben bis unten zugeknöpft, den Hals bis über die Ohren eingewickelt und hält den Schirm gegen den eisigen Wind dicht vor das Gesicht. Der Strolch geht langsam, zögernd, unsicher weiter, er sucht offenbar die Nummern an den Häusern zu enträtseln und die verschneiten Firmenschilder zu lesen. Jetzt scheint er das Gesuchte gefunden zu haben, denn er bleibt stehen und späht vor dem verschlossenen Laden nach einem durchschimmernden Lichtstrahl. Er streicht sich durch die nassen Haare und klopft zaghaft an. Über dem Laden steht mit großen, goldenen Buchstaben: »P. Fuhks. Sortiments-Buchhandlung und Leihbibliothek.« Ein Schutzmann, der auf dem Nachhauseweg noch einmal die Straße abpatrouilliert, hat den verdächtigen Gesellen alsbald aufs Korn genommen; verdächtig ohne Zweifel und auf verdächtigen Wegen, weil er in zerrissenen Schuhen prangt und ein sparriges Bündel sorgfältig zu schützen oder – wer weiß – zu verbergen sucht. Im Schutzmann schwillt das Pflichtgefühl. Er wendet die Schritte gegen sein Opfer. Schon will er den steifgefrorenen Arm mobil machen, um 250 seinem Fang mit dem gehörigen Nachdruck in den Nacken zu fahren – da treibt ihm ein kräftiger Windstoß eine volle Ladung nassen Schnees in den Nacken und übt sichtlich eine abkühlende Wirkung auf seinen Diensteifer. Er stülpt sich mit den dicken Handschuhen die Pickelhaube fester auf den Kopf, macht unwillig kehrt und läßt Gauner – Gauner sein. Es gibt ihrer so viele. Indessen dieses im Hundewetter draußen vorgeht, sitzt hinter dem geschlossenen Laden der Buchhändler Peter Fuhks mit seinem jungen Weibe am Ofen und denkt an nichts Böses. Der weite Raum ist durch ein paar große, schwarzlackierte Bücherregale geteilt. Vorn, nach der Straße zu, sind die Schränke von oben bis unten voll von wunderschönen Büchern. Jetzt ist diese Pracht in tiefes Dunkel gehüllt. Im Rücken der Schränke steht auf einfachen Brettern die vielbegehrte, die sehr unansehnliche, sehr zerschlissene und vergilbte Lumpengesellschaft der Leihbibliothek; dazu Haufen von Makulatur, leere und unausgepackte Kisten und frischduftende Bücherstöße durcheinander, und noch weiter im Hintergrunde da blinkt das einzige Fenster des Raumes, das aus den Zeiten, als der Hof noch nicht ausgebaut war, eine schwache Erinnerung an Sonnenschein und Tageslicht bewahrt hat. Um dieses Fenster nun ist eine ganz gemütliche Ecke hergerichtet, ein grün überzogenes Sofa, ein Tisch, darauf ein Petroleumlämpchen von milchweißem Glas, vier Stühle, ein Schrank, eine Kommode, alles nagelneu und blitzblank – und endlich ein eisernes Öfchen, das ist ganz rot vor Anstrengung, den weiten Raum und all die Herrlichkeit zu erwärmen. Da sitzt nun Peter Fuhks und hat die Beine übereinandergeschlagen und schaukelt unermüdlich den rotgeblümten 251 Pantoffel. Er hat die Buchhandlung noch nicht allzulange, hat noch seine Illusionen und baut sich gewiß noch Luftschlösser aus den Mengen von »Skalpjägern« und »Robinsons« und den allermodernsten Prachtwerken, die er zu Weihnachten, und aus den Andachts- und Schulbüchern, die er zu Ostern absetzen will. Aber es gehen ihm auch andere Gedanken durch den Kopf: Wie lange ist es jetzt her, daß er von »ihm« nichts gehört hat! Die junge Frau sitzt ihm gegenüber und näht. »Männchen,« sagt sie, »warum bist du denn heute so still?« »Mir kommt der ›Ker‹ gar nicht aus dem Sinn«, entgegnet er und schaukelt weiter. »Der Ker? – Ach so, dein Freund in Rußland?« »Ja,« sagte er, »der war ein prächtiger Mensch.« »Erzähl' mir doch, Männchen!« Das Männchen will antworten, da ertönt aus der Kammer nebenan ein leises Stimmchen, ein Stimmchen, so zart, so unschuldig quäkend, so verlassen und hilfsbedürftig, so wunderbar süß, wie es nur ein Erdenwürmchen von sechs Wochen zustande bringt. »Äh – Äh – u – u – ä – äh!« Beim ersten Laut ist die Mutter aufgesprungen und fort. Fuhks schaukelt weiter; dann steht er auf, tritt an das magere, langbeinige Stehpult, schließt ein Fach auf, stöbert unter alten Papieren, schaut sich ängstlich um und holt einen alten, geschlossenen Brief heraus und zierliche, glänzende Dinge, die man, wenn es nicht gar zu romanhaft wäre, für goldene Haarnadeln halten könnte. Er wendet den geschlossenen Brief hin und her. Er ist ohne Aufschrift. Er hält ihn gegen das Licht – und darin liegt deutlich das beschriebene Papier – wenige Zeilen. Das Würmchen dort in der Kammer ist still und die Mutter kommt wieder zurück. 252 Peter Fuhks steckt beides, Brief und Nadeln, etwas hastig und ungeschickt in die Westentasche. »War er nicht sehr reich?« fragt Luischen. »Freilich war er reich und dazu ein guter Junge!« »Wie war's mit ihm, erzähl' doch, Männchen.« Peter Fuhks will anheben – »U – äh –« schreit das Würmchen, und schon ist die Mutter wieder fort. »Ich weiß gar nicht,« sagt sie wiederkommend, »ob es die Berliner Milch ist, daß unser Kind so unruhig schläft. – Aber du wolltest erzählen? erzähl' doch, ich hör' dich so gern erzählen, mein liebes Männchen.« »Ja, wenn ich's wüßte,« sagt das Männchen, »er ist so lange fort und ich habe nichts, gar nichts erfahren. Unsere ganzen Herrlichkeiten sind ja von ihm«, und er weist auf die blank lackierten Stühle, auf die hohen Bücherschränke und auf die Kisten und Kasten dahinter im Dämmerlicht. Wer weiß, wo ich jetzt wäre ohne das, was wir von ihm haben – ich hätte mich nicht einrichten können, ich hätte dich nicht und wir hätten unser Kindchen nicht.« »U – äh« schreit das Kindchen. »Um Gotteswillen«, sagt die junge Mutter und volle Besorgnis malt sich in ihren Zügen. »Wir werden ausziehen müssen, weil das Kind so sehr schreit. Der Hauswirt wird uns kündigen. Wo sollen wir nur hin? – Ja, mein Püppchen, ich komme schon.« Und nach einiger Zeit aus der Kammer: »Ich leg' mich gleich zu Bett, Männchen! Das Kind hat es so kalt, du kommst doch bald, Männchen?« Draußen pocht es ganz vernehmlich am Laden, aber Peter Fuhks hört es nicht, denn das Schreckbild der Kündigung ist auch ihm in die Glieder gefahren. »Ausziehen! – um Gottes willen, wenn wir hier 253 fortmüßten – das wäre ja schrecklich. Jetzt, wo sich endlich ein paar Kunden eingewöhnt haben. – Ich glaube, es pocht am Laden. Irgendein Betrunkener. Laß ihn pochen. – Und zu Ostern wird die höhere Töchterschule auch hierher verlegt – die Oranienstraße hat so viel für sich. – Es ist wirklich menschenunwürdig, daß unser ganzes Los von einem Hausherrn abhängt. – Es ist ganz entsetzlich! – wenn ich noch einmal von vorne anfangen müßte – darüber gehen wir zugrunde! – – Es hört nicht auf zu klopfen, ich muß nachsehen.« Er steigt zwischen den Kisten hindurch in das dämmerige Verkaufslokal und nimmt sich unterwegs vor, den nächtlichen Ruhestörer gehörig, das heißt, so gut es der zahme Peter Fuhks kann, anzufahren. Er schiebt den Riegel von der Tür zurück, schließt auf und öffnet vorsichtig. Da steht draußen im Schnee ein Kerl, lang, hager, wie er selbst, mit struppigem Bart und Haar, mit großen, glänzenden Augen im braunen, abgemagerten Gesicht. »Was soll's?« will Fuhks ausrufen, aber die Worte bleiben ihm in der Kehle stecken; er tritt unwillkürlich einen Schritt zurück und starrt den Fremden sprachlos an –. »Erkennst du mich nicht?« fragt der. »Herr Gott im Himmel!« ruft Peter Fuhks und taumelt rücklings an den Ladentisch. »Ker! Ker! um Gottes willen, wo kommst du her?« Erst als der Fremde eingetreten ist und die Ladentür sorgsam hinter sich geschlossen hat, ermannt sich Peter Fuhks und ruft: »Komm herein, komm herein. Es ist ja eine schreckliche Kälte draußen. – Wart' nur, ich will Licht holen.« »Ich sehe schon.« »Bitte, geh mir nach, es ist sehr dunkel, stoß dich nicht.« Und er führt den Gast sorgsam um den Ladentisch, durch 254 die grüne Gardine, zwischen den herrlichen Bücherschränken, an den hochaufgestapelten Kisten vorbei, bis zum hellen Fleckchen am Ofen und sieht sich fortwährend um und wiederholt immer: »Stoß dich nicht, Ker – stoß dich nicht.« Sein Gast stellt sich stumm an den Ofen. Peter Fuhks steigt unruhig hin und her, rückt an den blanken Stühlen, klopft den Freund auf die Schultern und scheint sich gar nicht fassen zu können. »Ich kann dir gar nichts Gutes sagen, mein lieber Ker – gar nichts – wir haben verloren. Wir haben unsern Prozeß verloren – in beiden Instanzen. Der Senat hat die Revision zurückgewiesen. – Der Minister hat gar nichts getan – er hat gegen uns gehalten – nicht für uns. Es ist gar nichts zu machen, mein lieber Ker.« »Gut, gut.« »Wie kannst du das nur sagen, mein lieber Ker? Es ist ja die scheußlichste Ungerechtigkeit.« Nach einer Weile spricht Fuhks weiter: »Sztipann Sztipannowitsch ist tot; das weißt du wohl?« »Ich weiß von nichts.« »Er ist seit einem Jahre tot, und deine Schwester Anna Alexándrowna hat wieder geheiratet, einen Generaladjutanten des Zaren. – Es ist gar nichts zu machen. – Jermák ist auch tot – gehenkt, weißt du. – Er hat einen Brief an dich geschrieben – willst du ihn lesen? Die deutsche Kindermuhme ist nicht aufzufinden – sie wird wohl auch tot sein – freilich, wenn wir die gefunden hätten. – Unmöglich ist's nicht, daß wir sie noch finden. – Nein, nicht unmöglich. Es ist wirklich nichts zu machen. Es ist alles verloren –« Ker schweigt, und Peter Fuhks schweigt auch und rückt leise an seinem Stuhl. Als er aber einen Blick auf die 255 Jammergestalt seines Freundes wirft, der noch immer unbeweglich an der Wand lehnt, durchkältet, abgemagert, mit eingefallenen Wangen, in Kleidern, daß sich Gott erbarm, ein Bild des Elendes, derselbe, den er in voller Jugendkraft, im Übermaß von Glück und Reichtum gekannt hat, da rückt er den Stuhl hastig beiseite, tritt eilig stolpernd auf ihn zu, legt ihm beide Hände auf die Schultern und sagt innig: »Mein lieber Ker, wir wollen uns durchhelfen, du bleibst bei uns. Es ist ja ohnehin alles dein, alle die Herrlichkeiten hier! Kann ich nicht etwas für dich tun? Willst du nicht Tee?« »Es ist sehr kalt hier«, sagt Ker und steht dicht am Ofen. Peter Fuhks schüttet den ganzen Vorrat Kohlen in den Ofen, vergißt Weib und Kind in der Kammer nebenan, vergißt auch den bösen Hausherrn und rüttelt am Ofenschieber, daß es durchs ganze Haus dröhnt. »Männchen!« erschallt es ganz schläfrig durch die geschlossene Tür aus der Kammer, »Männchen, was hast du denn heute? Du kommst ja gar nicht!« »Luischen!« ruft Peter Fuhks mit freudiger Stimme und weicht nicht von seinem Freund, »Luischen, steh schnell auf und komm' her. Unser Ker ist da! Der Ker ist zu uns gekommen!« Ker steht mit gekreuzten Armen und starrt vor sich hin. Peter Fuhks sitzt wieder auf der Seitenlehne des Sofas und läßt den Freund nicht aus den Augen. Der Ofen faucht, als wollte er zerspringen, und draußen im engen Hof fängt sich der Sturm wie in einer Esse und drückt gegen das verschneite Fenster. Richtig, es dauert auch gar nicht lange, da wird die Kammertür etwas zaghaft geöffnet, und Luischen erscheint im Häubchen und niedlichen Morgenkleid; im Arm, zärtlich an den vollen Busen der Mutter gedrückt, das Kindchen, ganz 256 in weiße Wolle gewickelt, das Mützchen schief und mit großen, wachen Augen. Sie tritt auf Ker zu und sagt, ein glückliches Lächeln im Gesicht: »Seien Sie uns willkommen!« und dann mit dem ganzen Stolz einer jungen Mutter: »Und dies hier, das ist unser Kindchen!« Ker grüßt ganz ernsthaft, tritt dann etwas vor, streicht mit den braunen, magern Fingern über die weichen, runden Wängelchen des Kindchens und – wendet sich ab, bleich wie der Tod. Peter Fuhks muß das Kind halten. Er stellt sich sehr ungeschickt dazu an und geht ängstlich trippelnd und tänzelnd auf und ab; aber siehe da, das Kind schläft sofort. Die Mutter hat auf einem kleinen Tisch in der Ecke die breiten Flammen des Petroleumkochers angezündet, hat das Wasser zum Tee gesetzt, und es brodelt schon ganz behaglich. »Hast du nicht Kognak?« fragt sie ihren Mann ganz ernsthaft, »oder Rum?« »Ich? Rum? Wo soll ich Rum haben?« antwortet Fuhks kleinlaut. »Nun, das tut nichts«, sagt Luischen und braut weiter. Das Kind ist zu Bett gelegt, Fuhks sitzt wieder auf der Sofalehne, der Tisch wird gedeckt und der Tee aufgetragen. Ker hat endlich seinen Hut abgenommen. Der Ofen hat wirklich sein möglichstes getan. Es ist ihm auch ums Herz wärmer geworden. Er hat den ersten Eindruck verwunden und fängt an zu sprechen. Er erzählt lebendig und tief erregt, was er gelitten, wie er gefangen war und von aller Verbindung abgeschnitten – am Ende der Welt, am Amur! Lange Jahre. Peter Fuhks ist ganz Auge und Ohr, möchte immer eifrig dreinreden und schweigt doch still. 257 Das Kindchen in der Kammer schreit mit solch wütender Energie, daß die besorgte Mutter eilig Abschied nimmt und in der Kammer verschwindet. Die beiden Freunde sind wieder allein. »Bitte, gib mir den Brief von Jermák«, sagt Ker. Da liest er: »Ruhm sei Dir, o Gott! Geliebter Herr Dmitri Alexándrowitsch! Morgen in der Früh, wenn die liebe Sonne aufgeht, da werde ich gehenkt. Darum haben sie mir erlaubt, daß ich Dir schreibe, geliebter Herr Dmitri Alexándrowitsch. Aber so dumm bin ich nicht, daß ich ihnen den Brief aushändige, ich weiß schon meine Wege, wie er an Dich kommen soll, wenn Du noch lebst, Dmitri Alexándrowitsch. Drumm dumm! Horch einmal, so hämmern sie an dem Galgen auf dem Festungshof, als ob sie mir bangemachen wollten. Sie haben uns alle nach Sankt Petersburg gebracht. Vierzehn Mann. Alle in Ketten, als ob wir wilde Tiere wären. Unsere Weiber sind mit uns gelaufen; viel Volk war da. ›Was, ihr Verworfenen, ihr habt euern Gutsherrn erschlagen! Euern Wohltäter! Ihr Ungläubigen! Ihr Heiden!‹ ›Was fluchst du uns, Mütterchen? Wir haben es tun müssen!‹ ›Vierundzwanzig Stunden hat er noch gelebt!‹ Da sage ich: ›Vierundzwanzig Stunden? Was sind wohl vierundzwanzig Stunden? Vierundzwanzig Jahre hat er uns gequält!‹ Einer hat gerufen: ›Recht so, schlagt sie alle tot! Es muß alles anders werden!‹ Aber die meisten waren mildtätig und haben uns Geld gegeben, ganze Säcke voll Kupfergeld. Die mögen wohl gedacht haben: ›Das sind Gerichtete und in Ketten, Unglückliche sind es, aber nicht schlechte Menschen.‹ 258 Vor dem Richter, da wurde es mir leid. Da demütigte ich mich und warf mich vor ihm auf die Knie und küßte vor ihm den Boden. ›Ich bin schuldig,‹ sagte ich, ›ich bin schuldig, Herr. Verzeih' mir, gnädiger Herr, verzeih' mir! Wir sind allzumal Sünder. Wir Menschen sind alle Sünder und sollen einander verzeihen.‹ Sie haben uns eingesperrt, alle einzeln. Und haben uns hungern und dursten lassen. ›Wie heißt du?‹ ›So und so, Herr.‹ ›Wo bist du her?‹ ›Aus dem Kijewschen Gouvernement, Herr.‹ ›Wie alt bist du?‹ Und weil er mich so dumm durch die Brillen angeschaut hat, da sagte ich ihm: ›Älter als du, Herr‹, sagte ich. Da hättest Du mal sehen sollen, wie der aufgefahren ist; als ob er mich fressen wollte. – Aber ich wußte schon, was mir geschehen würde. – Ich soll die ganze Sache erzählen. Gut. – Wer hat auf Erden recht? Gott oder die Menschen? Gott! Die Menschen sind Tiere. Schlimmer wie die Tiere; denn der Hund ist treu. Bei Gott ist die Gerechtigkeit, nicht bei den Menschen. Er hat uns geschunden, er betrügt seinen Schwager, unseren Herrn. Er betrügt uns alle, alt und jung, Männer und Weiber. Er ist ein ungerechter Mensch. Ungerechte Menschen muß man vertilgen. ›Wir wollen ihn in St. Petersburg verklagen‹, sagt einer. ›Sieh mal her,‹ sag' ich, ›weißt du, was das hier ist?‹ und zeige ein Scheit Birkenholz. 259 ›Ja,‹ sagt er, ›das ist ein Scheit Holz.‹ ›Gut,‹ sag' ich, ›das Scheit Holz ist klüger wie du. Die Frösche sollen wohl bei den Enten klagen?‹ ›Wir wollen ihn beim Zaren verklagen‹, sagt er. ›Ja, wir wollen ihn beim Zaren verklagen‹, sagen alle. ›Eh! Ihr Milchbärte, Säuglinge ihr! Weise mir einer den Weg! Zum Zaren führt keine Brücke!‹ Sagt da ein anderer: ›Wir wollen den deutschen Verwalter erschlagen!‹ ›Nein,‹ sage ich, ›wir wollen ihn selbst erschlagen! Sztipann Sztipannowitsch wollen wir erschlagen.‹ ›Ja,‹ sagen alle, ›wir wollen ihn erschlagen!‹ ›Heute ist er da, wer weiß, wann er wiederkommt.‹ Da bekreuzigten wir uns alle und gingen. Unterwegs, da spielten die Kinder auf der Wiese. Was für ein herrliches Wetter! Die Sonne scheint einem in die Seele, und die Vögel pfeifen. Da kommt mein jüngstes Enkelchen gelaufen, faßt mich am Finger und hält mich fest. ›Großvater,‹ sagt sie, ›ich will auch mit.‹ ›Mein Täubchen,‹ sagte ich, ›spiel' auf der Wiese, da gibt es Blumen.‹ Da weinte sie. ›Gut,‹ sage ich, ›komm mit, du sollst es mit ansehen‹, und nehme sie auf den Arm. Vor dem Schloß, da war es ganz leer, kein herrschaftlicher Diener hielt uns auf. Alles wie ausgestorben, obgleich doch sonst Petersburger Schlingel genug da waren. Alles fort, wie die Tauben vor dem Habicht. Sie merkten alle, was da vorging. Sztipann Sztipannowitsch sitzt im blauseidenen Schlafrock vor dem Teetisch, liest Zeitungen und füttert seinen Kanarienvogel mit Zucker. Alle Fenster sind auf, und die Sonne scheint herein. 260 ›Sztipann Sztipannowitsch,‹ sage ich, ›gnädiger Herr!‹ und bücke mich. Aber die Kleine auf meinem Arm fürchtet sich und weint. ›Was willst du?‹ sagt Sztipann Sztipannowitsch, ›geh nur, wie du gekommen bist‹, und zündet sich so ein Zigarettlein an. ›Sztipann Sztipannowitsch,‹ sage ich, ›gnädiger Herr! Verzeih' mir, aber wir sind gekommen, dich zu erschlagen.‹ ›Was,‹ sagt er, ›du bist wohl besoffen? Hinaus mit dir!‹ ›Nein,‹ sage ich, ›das ist wahrhaftig Wahrheit!‹ ›He! Nikita!‹ ruft Sztipann Sztipannowitsch seinen Diener, aber der war gleich fort, so wie er uns kommen sah. ›Hinaus mit dir, du versoffener Teufel! Fort! Hund, du verrückter! Fort! – Nikita!‹ und wurde ganz grün vor Ärger. Aber es regte sich gar nichts. ›Jungens,‹ sagte ich zur Tür hinaus, ›kommt doch herein und nehmt mir das Kind ab, es weint.‹ Da wurde er ganz wachsbleich und wollte hinaus, und stieß den Tisch um, aber ich packte ihn. ›Zu Hilfe!‹ schrie er. ›Nikita!‹ ›Spaß,‹ sagte ich, ›was schreist du? Es hilft dir doch nichts. Und wenn du der erste nach dem Zaren wärst.‹ Und hielt ihn fest und ließ ihn nicht los. Ei, da wurde er gesprächig, der stolze Sztipann Sztipannowitsch. ›Jermák,‹ sagte er zu mir, ›lieber Jermák, Batjuschka, Väterchen, was willst du? Ich hab' dir ja gar nichts zuleide getan!‹ ›Mir nicht, aber du hast die andern geschunden.‹ ›Jermák, Väterchen! Tue es nicht; warum tust du dies?‹ ›Das tun wir für unsere Kinder, nicht für uns.‹ ›Väterchen,‹ sagt er, ›laß mich einen Augenblick los. Ich 261 gebe dir, was du willst – mein ganzes Vermögen – mein ganzes Vermögen!‹ ›Es ist nicht dein,‹ sage ich, ›du hast alles gestohlen, du Räuber! Du hast es Dmitri Alexándrowitsch gestohlen!‹ ›Zu Hilfe! Zu Hilfe!‹ ›Wohin hast du deinen Schwager geschafft? – Dmitri Alexándrowitsch? – Unsern Gutsherrn, unsern wahren Herrn! Wohin? Gesteh es, du Mörder!‹ ›Zu Hilfe! Zu Hilfe!‹ ›Wohin? gesteh's! Nach Sibirien? du Auswurf? Was? Zum Amur? – Gemordet hast du ihn, du Antichrist! Unsern Liebling!‹ ›Väterchen Jermák . . . wenn du mich . . . tötest . . . wird es dir das Leben kosten!‹ ›Das weiß ich. – Das weiß ich –‹ ›Mein Gott! Mein Gott! Zu Hilfe! Zu Hilfe! Nikita! . . .‹ Da waren alle zusammengelaufen. Erst Anna Alexándrowna, deine Schwester. Aber die fiel gleich um wie tot. Dann, Gott weiß wer: der französische Haushofmeister im Frack, die Gouvernante und die Kinder, und die Amme mit dem Jüngsten auf dem Arm, die fährt mir gleich in den Bart und schreit: Räuber! und der Junge schlägt mit beiden Fäusten auf mich ein. Alle weinen und schreien, und der Kanarienvogel schmettert, daß einem ganz dumpf im Kopf wird. ›Kinder,‹ rief ich, ›haltet mir doch einmal die Amme vom Leib und nehmt den Jungen, daß ich ihm nicht weh tu'!‹ Sztipann Sztipannowitsch schlägt um sich wie ein Besessener, ich aber halte ihn mit beiden Fäusten fest. Das Beil, das scharfgeschliffene, steckte mir hinten im Gürtel. ›Mischa,‹ rufe ich, ›Täubchen, gib mir mal das Beil aus dem Gürtel, das scharfgeschliffene.‹ Da quollen ihm die Augen aus dem Kopf vor Angst. 262 Zu was noch zaudern! Er sagt uns doch nicht, wohin er Dmitri Alexándrowitsch geschafft hat . . . Tschuk! – Da saß ihm das Beil im Schädel fest, wie in einer harzigen Wurzel, und das rote Blut lief ihm ein wenig über den seidenen Schlafrock. ›Och, och, och,‹ stöhnte er, wälzte sich und legte sich hin, um zu sterben, nicht anders als ein geschlagener Stier. Ich aber wischte mich ab, bekreuzigte mich und sagte zu Anna Alexándrowna, Deiner Schwester: ›Anna Alexándrowna,‹ sagte ich, ›erziehe deine Kinder gut.‹ Dann zogen wir alle miteinander barhaupt in den Tempel, Gott zu loben, und haben dem Bilde der Gottesgebärerin vierzehn Wachslichter geweiht. Es war Sonntag morgen. So hat sich das alles zugetragen. ›Nihilist‹ sagt der Richter zu seinem Spießgesellen. Nihilist? Ich bin noch einer von den Alten, ich habe die Leibeigenschaft gekostet, doch da war es besser in Rußland. ›Er hat eingestanden‹, sagte der Richter. ›Das erzählst du so offen, du heilloser Schurke?‹ ›Ich hab' es offen getan und sag' es offen! Nicht zu dir, du Franzose! Was stierst du mich an, du mit dem französischen Bart? Augen hat dir Gott gegeben, du aber trägst Brillen! Jetzt rede ich! Du Wolf! Wenn ich gehenkt bin, dann magst du reden und schreiben, was du willst. Schweig! Einen Edelmann nennst du dich? Da hast du recht! Denn du bist ein Schurke aus schurkischem Geschlecht. Du Sohn eines edlen Schurken. Du Enkel eines Schurken, du Schurke selbst! Und wirst Schurken zeugen wie Sand am Meer. Immerzu, je mehr, desto besser! Alle betreßt und mit Orden auf der Brust. Morgen wird dir der Zar einen Orden um den Hals tun und mir einen Strick. Das kommt daher, daß er nicht weiß, wie treu ich ihm gedient habe und wie arg du ihn betrügst.‹ 263 Das alles habe ich gesagt und noch mehr, aber es hat nichts geholfen. Ich habe lange genug gelebt, ich weiß, wie es auf der Welt ist. Alles Trug. Der Heiland rette uns! So nehme ich von Dir Abschied, geliebter Herr Dmitri Alexándrowitsch. Lieber sterben, als auf dieser Welt, mit den Menschen, wie sie sind, weiterleben. Jeder stiehlt, wo er kann. Und je schlimmer einer ist, desto mehr beruft er sich auf Gott und das Gesetz. Und je besser einer ist, desto eher wird er geknechtet und geschunden, und es ist ein Wunder – wenn ein Schaf unter dieser Herde von Wölfen noch nicht zerrissen ist. Das Gesetz ist nur, um die Schlechten zu schützen. Das Gesetz ist ihr Rückhalt, da stecken sie wie in einer Höhle und fallen aus, uns zu berauben. Das ist gesetzlich, schreien sie, wenn sie uns schinden. Was hat Sztipann Sztipannowitsch getan? Alles gesetzlich! Aber jetzt habe ich vergessen, daß ich morgen in aller Frühe, mit den ersten Strahlen der Sonne, die unser aller Mütterchen ist, hier auf dem Hofe der St. Pauls-Festung in St. Petersburg gehenkt werde. Nun, vielleicht begnadigen sie mich noch unter dem Galgen. Leb' wohl, geliebter Herr Dmitri Alexándrowitsch. Ich habe Dir Dein Gut nicht retten können. Wer Dich schützen kann, ist Gott allein, denn der Mensch vermag gar nichts. Jermák Dein unterwürfiger Diener.«         Ker tritt an das verschneite Fenster und drückt die heiße Stirn an die Scheibe. Peter Fuhks ist ganz Gefühl und Hingebung, doch so tief er auch empfindet, weiß er doch nicht besser zu trösten als andere Leute auch. Er legt dem Freunde die Hand auf die Schulter und sagt nur: 264 »Mein lieber Ker.« Dieser spricht anscheinend ruhig: »Unterwegs, auf der See – ich hatte mich hierher als Matrose verdungen – verloren wir einen Mann. Er war über Bord gefallen und wurde erst am andern Morgen vermißt. Bei Nacht über Bord! – Du tauchst wieder auf. – Holla! – jeder Hilferuf verhallt. Blitzschnell wird es dir klar, wie es um dich steht – daß die Kräfte nicht erlahmen, ehe sie das Schiff beilegen – ehe sie das Boot aussetzen! – aber nichts an Bord deutet darauf. – Der dunkle Koloß setzt unbeirrt seinen Weg fort. – Es hat dich niemand bemerkt. – Niemand vermißt dich! Schon verdecken die nächsten Wogenkämme das Schiff. – Was hilft alle Kraft? – Qual ohne Hoffnung! Ein Kampf ohne Sieg! – Noch wenige Minuten und dein Los heißt – untergehen.« »Ach,« denkt Fuhks, »wo ist denn unser Ker hin, unser energischer, lustiger Ker?« Das denkt er und sagt es unwillkürlich halblaut. Langsam wendet sich sein Freund vom Fenster und reicht ihm die Hand. »Mein lieber Ker, weißt du den Morgen – als du von Wiborg abreistest – da auf der Schiffstreppe, Ker – es regnete – großer Gott – damals! Ker, das war ein Morgen! Und kein Wort seitdem wieder!« »Du weißt es jetzt, ich war gefangen – zuerst in höflichster Form, verbindlich, unter allerlei Vorwänden – zuletzt brutal. Ich versuchte jedes Mittel. Der Kommandant machte sich den Spaß und ließ mich wegen Fluchtversuchs und Bedrohung zum Tode verurteilen und führte die Komödie beinahe durch. Dem Generalgouverneur wurde ich in Ketten übergeben. – Ich weiß nicht, warum sie mich nicht kurzerhand umgebracht haben, Gelegenheit dazu war 265 genug da: ich bin viermal wie ein Räuber ausgebrochen. Es gelang mir, wie du siehst, gelang mir doch. Ich habe erst unterwegs schreiben können, habe auch geschrieben, an dich – nach Wiborg. – Daß du hier in Berlin warst, habe ich wie durch ein Wunder erfahren; ich bin vorgestern in Triest gelandet. Ich habe noch eins zu tun. Ich muß Gewißheit haben, ich will weiter.« Er wendet sich zum Gehen – und zögert. »Wie spät ist es?« Er hat noch eine Frage auf dem Herzen, aber er wagt sie nicht über die Lippen zu bringen, er fürchtet die Bestätigung alles dessen, was seit Jahren sein Herz und Hirn zermartert. »Wie spät ist es? – Bitte sieh nach.« Peter Fuhks fährt heftig in die Tasche und zieht die Uhr hervor – und mit der Uhr den geschlossenen Brief und die goldenen Nadeln. Die fallen leise klirrend auf den Boden zu den Füßen seines Freundes. – Der starrt hin, als könne er es nicht fassen, und der letzte Tropfen Bluts weicht ihm aus dem bleichen Gesicht. Fuhks ist über und über errötet, bückt sich eilig und hebt Brief und Nadeln auf. »Ich habe –« stotterte er, »den Brief nicht abgegeben, ich – sie – ich konnte nicht –« »Lebt sie noch?« fragt Ker, und jedes Wort ringt sich ihm aus der Seele. »Gewiß! ja! – das heißt, soviel ich weiß – ich hätte es doch erfahren. Aber sie sind von Jena fort – der Vater ist gestorben – nach Italien glaub' ich. – In Jena werden sie es genauer wissen. – Ich habe nichts mehr gehört –« »Gut, so geh' ich hin – leb' wohl.« Ker rafft sein Tuch auf – aber der gute Fuhks, der so vieles verschluckt hat, was er noch seinem Freunde an Trost und Hoffnung zu sagen hätte, kann es gar nicht glauben, daß er geht. 266 »Du willst doch nicht fort? Aber so kannst du ja gar nicht.– Du mußt Geld mitnehmen – ich hab' schon welches – lieber Ker, es gehört ja dir –« Ker schaut seinem Freund in die Augen, schüttelt ihm die Hand. »Ich danke dir«, sagt er und geht. »Ker!« ruft Fuhks ganz erstarrt. »Nimm doch wenigstens deinen Mantel, deinen eigenen Mantel, den du mir in Wiborg ließest.« Er wartet gar nicht Kers Antwort ab, hat den Mantel eilig geholt und seinem Freund um die Schultern gelegt. »Willst du denn wirklich fort?« – Da fährt es ihm durch den Kopf: »Ker!« ruft er, »du kommst doch wieder, Ker?« Ker nickt kaum merklich und tritt hinaus. 267   Sechstes Kapitel Berka, das Thüringer Städtchen, liegt ganz in Schnee gebettet. Es ist Weihnachtsheiligabend, und auf der Straße huschen die Leute eilig hin und her. Alles duftet nach Weihnachtsstollen. Hökerweiber mit Pfefferkuchen, Äpfeln und Nüssen sitzen in ihren Buden und halten die Hände über ihre Kohlenpfannen. Sie können sich das schon gönnen, denn die Käufer sind seltener geworden; die Hausfrauen haben ihren Bedarf eingeheimst, und in den Häusern da ist jetzt ein Treiben, ein Duften nach Tannenzweigen und Backwerk, ein Huschen und Eilen, ein Braten und Brauen, ein Schleppen und Flüstern, und das ärmste Weib wirtschaftet heute aus dem vollen. Bei dem Krämer am Markt ist gewaltig aufgeräumt, der hat kaum zwei, drei Päckchen Wachslichter für nächstes Jahr, und die letzten Pfefferkuchenherzen, mit Versen überklebt, haben ihm ein paar Mägde davongetragen, und Zitronat und Rosinen und Mandeln und Sirup hat er genau so viel verkauft wie alle Jahre, eher noch etwas mehr. Wohin man sieht, sind die Gesichter zufrieden und lebendiger als sonst. Die Leute auf der Straße rufen einander im Vorüberlaufen zu, reden einander an mehr als an gewöhnlichen Tagen. Aus dem Haus des Pfarrers und des Doktors sind Kinder von der Armenleutebescherung schon zurückgekommen mit Paketen, aus denen wollene Socken, Mützen, Schürzen, Röckchen, ein Hampelmann, ein hölzernes Pferdchen heraussehen und derlei Dinge. Vom Turm wird ein Choral geblasen. Und eben ist der Zug auf der Bahn von Weimar angekommen. Der Postkarren ist dazu hinausgefahren und noch zwei Interimskarren, denn jetzt gibt's noch Pakete und weiß Gott was, die schwere Menge – und Botenweiber und Botenmänner 268 warten auf der Post, um allerlei noch in Empfang zu nehmen und heimzutragen. Mit dem Zug ist ein Fremder gekommen, ein junger, hagerer Mensch. Er kennt sich nicht aus in dem Städtchen, blickt um sich und hat etwas Sonderbares, Auffälliges an sich, daß die Leute ihm nachsehen. Ein Fremder am heiligen Abend, um diese Stunde, der in den Straßen umhersucht, das ist auffällig. Er hat auch so etwas Hastiges, Erregtes. Betrunken meinen die Leute – sie kommen in der Eile nicht gleich auf etwas anderes. Er fragt einen Buben, der geht ein Stück mit ihm und weist ihm den Weg nach Blankenhain zu, den Fußweg. Da wird zum zweiten Male vom Turm geblasen, und die Töne ziehen rein über die dichtbeschneiten Dächer hin und dringen in die Herzen ein und stimmen sie weicher; und die schon weich und bang gestimmten Herzen, die lassen diese Töne hinschmelzen. Auf dem Postamt fragt er im Vorübergehen nach einem Brief. – Welches Treiben in dem Postamt! – Ja! zwei Briefe, zwei Briefe mit derselben Handschrift. Und draußen beim letzten Tagesschimmer, im Vorwärtsgehen, da liest er diese Briefe: »Gott sei gedankt, mein lieber Ker, daß Du mir von Jena aus geschrieben hast! – Was ich Dir schreiben soll, das weiß ich gar nicht – mir ist das Herz so übervoll. – Ich hab' ja von allem nichts geahnt und gewußt! – Mein lieber Ker. – Mir will's nicht aus dem Kopf! Ich kann mir das gar nicht vorstellen. – Und Deine Schwester Jekatirina Alexándrowna ist auch gestorben. Ich kannte sie nicht. Dir war sie aber lieb. – Alles was Dich betrifft, fühle ich mit Dir, und daß Du nun durch den Tod Deiner 269 Schwester doch aus der Not gerissen bist, damit ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, und wer weiß, mein lieber Ker, unsere böse Geschichte geht doch auch vielleicht noch besser aus, als ich dachte. Ich sagte Dir ja, als Du bei mir warst, daß ich einmal wieder der letzten Zeugin, Deiner Kindermuhme, der Deutschen, auf der Spur wäre, und nun ist es diesmal doch die rechte gewesen – und jetzt ließ sich etwas machen! Das werden wir miteinander bereden. Nur Mut! Leb wohl, mein lieber Ker. Dein alter treuer Fuhks.«     Den anderen Brief öffnete er im eiligen Gehen durch den dicken Schnee. Da stand nur: »Und wahrhaftig, mein lieber Ker – sie ist bei Berka, auf dem Reisberg. Ich hab's erfahren. Du weißt es ja nun schon, aber ich mußte es Dir doch schreiben. Dein alter, treuer Fuhks.«     Und so geht der einsame Wanderer weiter, hält die Briefe noch lange in der Hand, die Dämmerung sinkt mehr und mehr herab, und der Schnee leuchtet fahl. Und wie er geht, unaufhaltsam, wie beflügelt! Das ist der Bettler nicht mehr, der todmüde und abgequält abends spät bei seinem Freund Fuhks an die Ladentür geklopft hatte. Er ist noch so hager und abgearbeitet wie in Berlin, aber umgewandelt, voller Hoffnung und Kraft, das Herz schlägt ihm, der Atem versagt ihm. Vor sich sieht er das Bild jenes weichen, hellen Geschöpfes, wie sie so seelenruhig, als er sie das erstemal sah, vor ihm im Boot gesessen; sieht, wie der Wind in den blonden Locken spielte, wie er sie in seinen Armen durch das flache Wasser trägt. 270 Ein Schauer durchrinnt ihn. Eine dunkle Last wälzt sich auf ihn! Alle Qual, die über das ruhige Mädchen gekommen ist. Und er schreitet durch die Öde der winterlichen Landschaft, wie durch die Öde, die jenes Geschöpf über sich hat ergehen lassen müssen. Ja, er sollte sie in tiefster Verlassenheit finden, alle Wege, die zu ihr führen, verschneit! – Alle Wege unbetreten! Wie ihm das ans Herz greift! Fern von allen Menschen, von allen verleugnet, da wird er sie finden, sie und das Kind. Welch rührender Heldenmut gegen eine Welt voll Haß und Verachtung! Wie könnte er je ihr diese Jahre wieder gutmachen? Auch mit voller Kraft nicht – auch mit aller Liebe nicht!   In dem einsamen Reisberghaus, da saßen sie alle im ersten Dämmerlicht beieinander, Rotplätz und die Kinder und die Birnstingel, und Peregrin, während sein Mamachen in der Stube alles herrichtete und das Bäumchen schmückte. Und als das Bäumchen im Lichterglanz strahlte, waren sie alle miteinander hereingekommen, und Rotplätzens Kinder hatten mit Peregrin gesungen. Kristine war im Zimmer hin und her gegangen nach diesem und jenem und hatte Peregrin und die Kinder unter den Weihnachtsbaum geführt – und der zerkratzte, feuerspeiende Berg, der die ganze Wand, vor welcher der Christbaum stand, einnahm, war ganz erschreckend hell erleuchtet, und die Jägersleute mit ihren Muffen und ihren zernagelten Gesichtern und den Nägeln in Brust und Magen und den abgeschabten Nasen, die standen und schauten ernst zu. Kristine und Peregrin, die knieten miteinander vor einem hölzernen Pferdchen – und Rotplätz tippte Peregrin auf die Schulter, es war ganz Rotplätzens Geschmack; und seine 271 beiden Jüngelchen, die hatten Fausthandschuhe und Wollmützen von Kristine bekommen; das kleine Mädchen stand ganz beschämt mit einer Schürze und einem neuen Kochtopf. Und Tabak gab's für Rotplätz, und Kaffee für Frau Birnstingel, und Äpfel und Nüsse und Pfefferkuchen. Und die Kinder fingen, nachdem das erste heilige Staunen über den leuchtenden Christbaum überwunden war, an lustig zu werden und naschten von ihren Pfefferkuchen und schauten alle miteinander die Bilderbogen an. Und in der Küche wurde dann Tee getrunken und Frau Birnstingels Weihnachtsstollen dazu gegessen. Dann gingen Rotplätz und die Kinder wieder hinunter und Frau Birnstingel mit ihnen. – Kristine war mit ihrem Kind allein. – Peregrin hockte neben seinem kleinen Pferd und schwatzte vor sich hin, und Kristine knöpfte ihm seine Kleidchen auf, um ihn zu Bette zu legen; aber er wollte nicht – und schlang die Arme um seine Mama und wollte noch ein bißchen aufbleiben. Am Christbaum entdeckte er, daß ein Licht noch unversehrt war, und dann saß er ganz still neben dem Pferd, im Hemdchen, in die Bettdecke eingewickelt, und sah dem Licht zu, wie es einsam am Baume niederbrannte. Kristine stand am Fenster wie alle Jahre und schaute den langen, verschneiten Weg hinab – wie alle Jahre . . . Da kamen die Schatten der Erinnerung über sie. Der einsame verschneite Weg, der vom Walde herführte – das war ihr vergebliches Hoffen – die ganze Hoffnungslosigkeit! Solang aber Peregrin wachte, wollte sie nicht weinen. Er saß so ruhig – und wurde nun müde. Draußen die fahle Blässe über dem Schnee. Die Sterne funkeln, und der Wald steht so starr und schwarz. Kein Laut, der bis zu dem einsamen Haus gedrungen wäre. 272 Weit – weit – weit über dem Wald und über dem Schnee tiefe Stille. Kristine blickt wieder den Weg entlang. Und wie sie so verloren hinschaut, da war's, als wenn ein Schatten vom Wald sich abtrennte und über den Weg glitt. Ein Schatten! – und wie sie mehr und mehr schaut – eine Gestalt! – Wahrhaftig eine Gestalt – heute? – Um diese Stunde? Auf diesem Weg eine Gestalt? Ein Grauen durchfährt sie wie Gespensterfurcht. Sie schließt die Augen. Sie öffnet sie wieder – – Ja, eine Gestalt – und näher und näher, unaufhaltsam näher. Ein Mantel fliegt im Wind um die Gestalt. Das Grauen verläßt sie nicht – packt sie mächtiger. Sie stürzt zitternd, bebend vom Fenster zu ihrem Kind, nimmt es auf – hält es im Arm – totenbleich. So steht sie, und Peregrin legt sich schläfrig an ihre Schulter – und so bleibt sie wie festgebannt mit großen, starren Augen. Jetzt steht es vor ihrer Tür. Hat sie denn die Schritte überhört? – Das Grauen überflutet sie, raubt ihr den Atem. Und als die Tür sich auftut, da bleibt sie unbeweglich, starrt und sieht auf die Erfüllung ihrer langen, bangen Hoffnung mit großen, ungläubigen Augen. Sie steht vor Peregrins Bett und legt ihn sanft hinein. Und dann sinken sich Zwei in die Arme – ganz lautlos; und ohne ein Wort gefunden zu haben, zieht sie ihn zu dem Bett ihres Kindes – beugt sich darüber und sagt mit heißen, seligen Tränen: »Er heißt Peregrin.«     Anhang Kers Jugendlied Das Hohelied Sulamith Von Omar al Raschid Bey Erster Gesang Sulamiths Sehnsucht               »Wer ist sie, die hervorschimmert Unter den Rosenbüschen, Schön wie die Morgenröte Und wie das erste Licht des Tages Unter den Palmen im Tal?« * Sulamith:   In den Hain hinab will ich gehn, Zu schaun nach den Blumen im Tal, Schaun, ob der Ölbaum schon sprosset, Ob die Knospen sich öffnen, Und ob die Granate schon blüht.   Einer ist's, den meine Seele liebt . . . . Wer sagte mir doch, wo du weilest, Und wohin du deine Herden getrieben, Wo du zu Mittage ruhst – Daß ich hinschauen dürfte über die Berge, Daß ich dich suchte, daß ich dich fände.   Dunkel bin ich, sonnengebräunt Wie der Kedarener Hirtenzelte, Wie die Estrichdecken Salomos; 276 Dunkelgebräunt, aber schön . . . . Euch vertrau' ich's, ihr Rosen und Lilien, Ihr Töchter unseres Tals!   O wer es mir doch gewähren könnte, Daß du mein Bruder seist, Genährt an derselben Mutterbrust; Daß ich dich küssen dürfte, Träf' ich dich draußen, Und niemand höhnte mich darum. Dann brächte ich dich, ich führte dich In meiner Mutter Haus. Dort füllen Edelfrüchte unsere Hürden, Alte und neue, Geliebter, für dich. Du lehrtest mich, ich labte dich Mit dem Saft der Granate Und mit würzigem Wein. *   Ich beschwör' euch, ihr Töchter Jerusalems, Bei den Gazellen und den Hindinnen unserer Fluren, Wenn ihr ihn findet, den Inniggeliebten,. Sagt ihm, daß ich krank bin vor Liebe! 277   Zweiter Gesang Sulamiths Inniggeliebter                     »Wer ist es, der herabsteigt von den Höhen Und eilt über die zerklüfteten Berge, Der Gazelle gleich springend, Und wie ein Hirsch setzt Über Felsenklüfte?« * Sulamith:   Siehe, es ist der Geliebte! Ach, unter Tausenden einer! Wie die Zypresse sein Wuchs, Dunkelgelockt sein Haupt Und seiner Augen Blicke voll Feuer. Herrlich ist alles an ihm! Bildnerwerk von reinem Golde! Das ist mein Lieber! Das ist mein Teurer!   Erwache, o Nord, erhebe dich, Süd! Auf, durchwehet meinen Garten, Daß mit Wohlgerüchen sich fülle Und daß Balsam atme die Luft! Daß den Geliebten umfließe Ein Meer von würzigem Dufte! 278 Das ist mein Lieber, Das ist mein Teurer! Schon naht er meinem Zelte Und steht an meiner Hütten, Er beginnt und redet zu mir!   Der Hirt:   Auf, du meine Liebe, du meine Schöne, und komm! Sieh, der Winter ist vorüber, Hingegangen ist der Regen, ist dahin. Blumen sprossen aus der Erde, Volle Blütenknospen brechen, Und es naht die Zeit der Lieder. Schon erweicht die Feige ihre Früchte, Und die Reben hauchen Blütendüfte, Turteltauben girren auf den Feldern. Auf, du meine Liebe, du meine Schöne, und komm! Sieh, es naht die Zeit der Liebe: Laß dein Antlitz mich schauen, Laß deine Stimme mich hören, Süß ist dein Laut und köstlich deine Wohlgestalt!   Sulamith:   Mein bist du, Geliebter, bist mein! Wie die Zypresse ragt über dem Gipfel, Also ragst du über die Brüder, Und alles ist herrlich an dir – Ich selbst bin nur eine Lilie Zu deinen Füßen im Tal.   Der Hirt:   Wie unter Dornenbüschen die Rose, So meine Teure unter den Mädchen! 279 Du hast, o Traute, mich ins Herz getroffen Mit den Blicken deiner Taubenaugen, Mit den dunkeln Purpurlocken. Wie entzückt, o Braut, mich deine Liebe, Sie erhebt mich zu Jehovas Eden! Deine Augen – Taubenaugen Unter dichtem Lockengeringel; Deine Lippen wie Korallenbecher, Der von Honig reichlich überfließt. Deine Wangen sind ein Paradies, Wo Granaten unter Edelfrüchten, Wo bei Aloen die Myrrhe blüht, Bei der Myrrhe jeder Hochgeruch. Und die Gewande umwehen dich, Und die Locken umfließen dich, Wie die Bäche klare Quellen Hoch vom Libanon ergießen. Wahrlich schön bist du wie die Rose, Und alles ist Reiz an dir! Auf, du meine Liebe, du meine Schöne, und komm! Dort sind Zedern unseres Hauses Decke, Und die Säulen unserer Hütte sind Zypressen, Duftige Blumen unser Lager . . .   Sulamith:   Zur Abendstunde – Wenn der Tag sich neigt Und die Schatten herab sich senken – Dort, wo die Blumen sprossen im Tal, Im Lenzesschmuck die Granate prangt, Wo Myrrhenbüsche Düfte ergießen . . . . Leg' deine Linke mir unter das Haupt Und deine Rechte umfasse mich. 280   Der Hirt:   Zu mir, zu mir! du meine Schwester, du meine Braut!   Sulamith:   Auf, mein Geliebter, und flieh! Es ertönt in der Ferne! Eine Schar zieht heran! Auf, Geliebter, und flieh! Flieh wie ein Hirsch über die Berge Und wie die Gazelle im duftenden Tal! *             Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems,           Bei den Blumen und den Hindinnen unserer Fluren,           Wenn ihr ihn schaut – den Inniggeliebten,           Sagt ihm, wie glücklich ich sei. 281   Dritter Gesang Sulamiths Leid           »Was ist es, das herauf von der Wüste steigt Wie eine Säule feurigen Rauchs, Und wälzt sich heran wie Staub Und wie eine Wolke über die Ebene, Myrrhe wehend und Osterduft?« * Die Leibwache Salomos:   »Siehe, es ist Salomos Wagen, Ganz umringt von seinen Helden, Helden aus Israel! Jeder zwiefach bewehrt, An der Hüfte das Schwert, Daß er steh' und fechte Gegen das Grauen der Nächte.   Sulamith im Wagen Salomos:   Weh mir! Geliebter! wo weilst du? Zeuch mich dir nach, Daß wir zusammen enteilen! 282   Die Leibwache Salomos:   Helden aus Israel! Jeder bewehrt, An der Hüfte das Schwert, Den König zu schützen, Den König von Israel! Ihn! und seines Lagers Genossin! Preise dich glücklich, Tochter ans Sulem!   Sulamith im Wagen Salomos:   Unselige ich!   Volk:   Tretet heraus, ihr Töchter von Zion, Salomos Wagen zu schauen! Aus Libanons Zedern ist er gezimmert, Silbern sind seine Säulen, Golden hanget die Decke darüber Und die Polster von dunkelem Purpur. Schaut die Schönste der Schönen, Ihm zur Seite die Sulamith! Zur Seite des Königs von Israel!   Salomos Gemahlinnen:   Siehe, lieben muß man dich, Salomo, Und die Jungfrauen begehren dich. Süßer als Wein sind deine Liebkosungen, Und deine Küsse köstlicher als Balsam. Wohlgerüche strömen von dir, o König, Und ein Duft ist deines Namens Hauch. Wahrlich unsere Freude gilt dir, o Herrscher, Dir allein unser Frohlocken! 283   Sulamith im Palaste Salomos ruhend:   Ich schlafe – doch wachet mein Herz. Wie die Gazelle bangt an des Amanas Gipfel, Auf des Senirs und des Hermon Spitzen, Der Löwen Gebiet und des Tigers Felsenlager – Also bangt meine Seele und ruhet nicht. Es naht mir im Schlafe die Stimme des Lieben: »Tue auf, meine Liebe, meine Taube, Meine Schwester, o du voll Unschuld, tu' auf. Sieh, es lagern tiefe Abendschatten, Und die Nacht hat sich herabgesenkt. Feucht vom Taue ist mein Haupt Und meine Locken vom nächtlichen Dufte.« – Mein Herz erbebte bei seinem Nahen: – »Abgetan hab' ich die Gewande, Wie? soll ich sie wieder umtun? Gebadet habe ich die Füße, Wie? soll ich in den Staub wieder treten?« Da erduftete Myrrhe und Aloe – Da stand ich auf, dem Geliebten zu öffnen . . . . Und da ich aufgetan hatte meinem Freunde, War er fort und hingegangen. – Es schwanden die Sinne mir, Und meine Seele entwich ihm nach. Ich suchte und fand ihn nicht. Ich rief, und er antwortete nicht. Auf muß ich, die Stadt durcheilen Durch nachtdunkele Gassen und Straßen, Suchen ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte – und fand ihn nicht . . . . Mich trafen die Wächter, 284 Welche rings die Stadt umgehen, Sie schlugen mich, schlugen mich hart, Nahmen den Schleier mir Auf den Wällen die Wächter. *   Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, Bei den Gazellen und den Lilien unserer Fluren, Wenn ihr ihn findet, den Inniggeliebten, Sagt, was ich leide um ihn. 285   Vierter Gesang Sulamith und Salomo             »Wer ist es, der dort erhaben thront Im Prunksaal, gekrönt mit der Krone, Von Zymbeln und Harfen umklungen, Umrauscht vom Schall der Posaunen, Herrlich wie ein Gesalbter des Herrn?« * Die Gemahlinnen:   Siehe, es ist der König! Ist Salomo! Also krönte ihn seine Mutter Am Tage seiner Hochzeit, Am Tage seiner Wonnen, Zur Stunde seiner Herzensfreude!   Salomo:   Goldgeschirrten Rossen an Pharaos Wagen Vergleiche ich dich, du Schöne aus Sulem, Schön wie Thirza Und voll Anmut wie Jerusalem, Liebliche du aus dem Palmenhain. Deine Wange gleicht der geöffneten Granate, Unter deines Schleiers Schatten Blicken strahlend deine Augen, 286 Klar wie die Wasserteiche zu Hesbon. Wie Perlen unter Korallen geborgen, So deine Zähne unter den Lippen, Schöner als Perlenschnüre an deinem Halse, Herrlicher als Korallenreihen auf deinem Busen! Und wie glänzende Bäche vom Gilead eilen, Also umfließen dunkele Locken dein Haupt. Sag', warum blickst du finster, wie in Wolken Der Libanon über Damaskus schaut? . . . . Sprich! Liebliche du, Hirtin aus Sulem.   Sulamith:   Wende deine Blicke von mir, o Herr. Dunkel bin ich, sonnengebräunt Wie der Kadarener Hirtenzelte, Wie deine Estrichdecken, Salomo . . . . Dunkel gebräunt – nicht schön. O wer es mir doch gewähren könnte, Daß ich fern sei von hier, Bei euch, ihr Rosen, Narzissen und Lilien, Ihr Töchter unseres Tals, In meiner Mutter Haus, In der Hütte, da ich den Tag ersah – Daß ich hinschauen dürfte über die Berge – –   Salomo:   Schön bist du, wahrlich, du bist schön. Schönheit ganz und sonder Fehle. Herrlich gleich einer Palme dein Wuchs, Und dein Odem süß wie Balsam. Siehe, Königinnen dienen mir Und Gemahlinnen Und der Jungfrauen keine Zahl. 287 Du sollst auserwählt sein vor allen. Bewundern sollen dich die Mädchen, Königinnen werden dich glücklich preisen, Und erheben wird dich meiner Gemahlinnen Lied!   Sulamith:   Einer ist's, den meine Seele sucht! Ach, unter Tausenden einer! Wie die Zypresse sein Wuchs, Dunkelgelockt sein Haupt, Seiner Augen Blicke voller Feuer. Herrlich ist alles an ihm! Bildnerwerk von reinem Golde! Das ist mein Lieber, Das ist mein Teurer! Ihm zu eigen bin ich, und er ist mein – –   Salomo:   Erwache, Hirtin aus Sulem! Blicke wie von einer Warte Zinnen Und wie vom Haupte des Karmel, Hebe dein Auge auf und schau: Was du schaust – ist mein. Tausende zittern vor meinem Winke, Tausende hangen an meinen Brauen, Tausende lenk' ich mit diesem Schwerte, Ich gebiete im Lande, Ich bin der Gesalbte des Herrn Und König in Israel!   Sulamith:   Ich beschwöre dich, König von Israel, Bei dem Gott unserer Väter 288 Und bei Jehovas Feuer beschwör' ich dich: Der Herr wird den Arm ausrecken wider dich Und wird Unglück erwecken in eigenem Haus, Israel geben in die Hand seiner Feinde, Und werden füllen das Land, so weit wie es ist Es sei, du entlässest mich denn – – Fliehen werden dich Freuden, Und Haß wird sein die Saat, die aufgeht, Und wirst büßen wie David – Es sei, du entlässest mich denn. 289   Fünfter Gesang Sulamiths Sieg           »Wer ist sie, die hervorschimmert Wie die Morgenröte so schön, Schön wie der Mond, Wie Sonnenstrahlen so rein, Glückselig wie Heeresscharen Jehovas? Wer ist sie, die herauf von Jerusalem steigt, Aufgelehnt auf den Inniggeliebten?« * Gefährtinnen Sulamiths:   Seht, es ist Sulamith, unsere Gefährtin, Ins Tal kehrt sie, zu uns zurück! Wende dich hierher, zu den Deinen! Siehe, hier ist deiner Mutter Haus, Da du das Licht des Tages ersahst. Hier deiner Herden Weide, Eh du von uns genommen wardst. Laß uns dein Antlitz schauen, Laß deine Stimme uns hören.   Sulamith:   Gepriesen sei Jehova! 290   Gefährtinnen Sulamiths:   Gepriesen sei Jehova! Jehova, Der das Band um das Meer gelegt hat Und die Festen der Erde gesetzt. Gepriesen sei sein Name! Denn er wandte dein Unheil Und wandelte deine Klage in Reigen Und nahm von dir die Trauer Und umgürtete dich mit Freuden. Siehe! er wandte des Königs Herz, Und der König entließ dich!   Sulamith:   Heil ihm, denn er entließ mich!   Der Hirt:   Der Herr hat dich mir gegeben, Und deine Mutter hat dich mir anvertraut.   Sulamith:   Nun lege mich wie ein Siegel an dein Herz Und wie eine Spange um deinen Arm!   Der Hirt:   Ich führe dich ein in das Haus, Und meine Rechte umfasset dich! Gesegnet sei unser Eingang, Und das Panier über uns sei Liebe!   Mächtiger ist die Liebe als der Tod, Fest wie die Hölle, Und unbezwinglich wie das Niederreich. 291 Ihre Gluten sind Feuersgluten Wie Jehovas lodernde Flammen. Wasserwogen löschen die Liebe nicht, Ströme ersticken sie nimmer. Wahrlich! Nimmer feil ist die Liebe! Um Königskronen nicht feil Und nicht um Welten! Sulamith:   Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, Bei den Gazellen und den Hindinnen unserer Fluren, Wecket mich nicht Aus dem ewig seligen Traum!