Theodor Däubler Die Göttin mit der Fackel Roman einer kleinen Reise Deutsche Buchgemeinschaft. Berlin 1931 I Der Frühlingssturm raste durch den Berliner Tiergarten. Er jagte die Blätter des alten Jahres um die Wette mit den Automobilen über den Asphalt, klapperte heftig mit den Fahnenschnüren an dem Gesandtschaftspalais, riß ganz plötzlich in der Villa Schott ein Fenster auf und fuhr in den großen, offenen Reisekoffer hinein, der, schon halb gepackt, mitten in einem Zimmer stand. Dabei lüpfte er leichte Seidenwäsche heraus und wehte sie unsanft in die Ecken, wo sie nun, übel zerknäult, am Boden kreiselte. Das kam davon, daß Lenchen, die Zofe, hereingekommen war und daß es Durchzug gegeben hatte. Starr vor Schreck blieb sie in der offenen Tür stehn. Aber der Wind kümmerte sich nicht um den Ausdruck tiefsten Tadels, der ihre wasserblauen, verschwommenen Äugelchen für einen Augenblick verhärtete; er benutzte vielmehr den Durchschlupf, den sie ihm bot, und fegte ihr ein Paket seidener Tücher von der flachen Hand, so daß es aussah, als ob er eine weiße Blume zerpflückt und zerwirbelt hätte. Nun schloß Lenchen, sich endlich kräftig gegen den Luftstrom stemmend, die Tür. Aber im nächsten Augenblick öffnete diese sich wieder, wieder kreiselte der Wind durch den Raum, wieder stand die Zofe starr und griff krampfhaft mit beiden Händen nach ihrem aschblonden Haarknoten: empört über den Frühlingssturm. Wie man dabei nur lachen konnte! dachte Lenchen. Aber Charlotte Schott lachte, lachte, lachte. Denn es war ihr ganz und gar gleichgültig, ob's der Wind mit ihren schwarzen seidigen Kringelhaaren genau so wie mit den seidenen Tüchern trieb und sie aufplusterte wie eine Blume. Ihre großen braunen Augen wurden lustig, setzten blitzige Lichtlein auf und wurden so hell, daß der ganze Raum davon durchglitzert schien. »Bitte, bitte, Fräulein Charlotte!« flehte Lenchen. »Machen Sie doch die Tür zu.« »Sie haben wohl Angst, daß Ihnen der Sturm ihren Haarknoten auseinander nestelt?« antwortete das junge Mädchen. Die Zofe kannte seit langem diese Anspielungen auf ihre Frisur, die aus einem spitzen Körbchen unlöslich verflochtener Strohsträhnen bestand. Sie war gewöhnt, nicht mehr darauf zu achten. »Sie brauchen sich nicht zu fürchten, Lenchen«, fuhr Charlotte fort. »Ihre Haare bringt nicht einmal der Wirbelwind durcheinander! Aber sonst die Sachen da – wenn uns das in Griechenland passiert. Ich habe Mama schon vor Tagen gesagt, daß wir auf diese Reise nicht so viel Gepäck und so viel unnützes Zeug mitnehmen dürfen. Auf Schiffen, an der See, da ist immer Wind. Da können Sie noch ganz andre Überraschungen erleben. Was werden Sie erst sagen, wenn Mamas Wäsche und Taschentücher, statt im Zimmer herumzuflattern, irgendwo übers Adriatische Meer wehen?« Lenchen erfüllte dieser Gedanke mit Entsetzen. Sie wußte zwar nicht genau, was das für ein Meer war, das Adriatische, aber ein gräßliches Meer jedenfalls. So gräßlich wie die Reise, die Schotts darauf unternehmen wollten. Was war das aber auch für ein unglücklicher Einfall, nach Griechenland zu fahren! Statt wie sonst im Frühling nach Cannes oder Bellagio. Denn daß sich das gnädige Fräulein plötzlich mit Altertümern beschäftigte – und nicht mehr mit Schneeschuhlaufen, Tennis und Schwimmen – und daß man sich deswegen auf ein so unbequemes, abenteuerliches, ja gefährliches Reisewagnis einlassen mußte, das wollte Lenchen noch immer nicht in den Kopf. Wenn auch die Koffer schon fast fertiggepackt standen; wenn's auch morgen früh ganz bestimmt losging und sich nichts mehr daran ändern ließ. Wie würde die gnädige Frau diese Reise ertragen? Bei ihrer zarten Gesundheit? Ohne die gewohnten Bequemlichkeiten? In einem Land, dessen Sprache weder sie noch Charlotte kannten – so viel Sprachen, wie die gelernt hatte! In einem Land, wo niemand aus der Schottschen Bekanntschaft oder sonst irgendein Mensch, von dem Lenchen wußte, jemals gewesen war! Und nun wollte Charlotte auch noch das Gepäck beschränken; die notwendigsten Dinge daheim lassen! Charlotte hatte sich schon über den Koffer gebeugt und kramte mit ihren langen schmalen Händen im Gepackten herum. Verzweifelt schaute Lenchen zu. Denn das junge Mädchen angelte immer neue Stücke hervor, von denen sie fand, daß sie überflüssig seien, warf sie nachlässig auf ein Bett oder gar auf den Teppich und lachte dabei so, daß ihr langer Körper von den gekringelten Haaren bis zu den schmalen Knöcheln zu tanzen schien. »Und nun machen Sie's fertig, Lenchen«, sagte sie schließlich. »Heute abend sollen die Koffer zur Bahn. Sie wissen, der Zug fährt um acht – nicht eine Minute später.« Charlotte wußte, daß das alles für Lenchen ganz abscheulich zu hören war. Sie hatte sonst ein gutes Herz und viel liebevolle Aufmerksamkeit für die bewährte Zofe ihrer Mutter, aber diesmal machte es ihr Freude, sie das Gruseln zu lehren: sie mit dieser Reise zu schrecken, an der doch so wenig Erschreckliches war. Warum? Weil sich Charlotte auf diese Reise freute wie nie zuvor auf eine andere, und weil sie fand, daß man sich darauf entweder unbändig freuen müsse wie sie oder sich unsinnig davor fürchten wie Lenchen. Jedenfalls aber mußte es ein Ereignis, eine Sensation sein, im guten wie im bösen Sinne. Man hatte sich, meinte Charlotte, darüber aufzuregen. Und, wirklich, sie fühlte sich seit Tagen so aufgeregt, daß sie nur wenig schlief. Ihre Augen waren davon noch dunkler, ihr Gesicht noch zarter geworden. Auf ihren schmalen Nasenflügeln lag ein bläulicher Ton, auf ihren hellroten Lippen ein nächtliches Violett: die Nächte, mit denen sie sooft über Griechenland gesprochen, hatten es dort zurückgelassen. Auch ihre bräunliche, gesunde Haut war nicht ganz so frisch wie sonst: das durchschimmernde Rot, das stets auf ihren ein ganz klein wenig knochigen Backen lag, fast verschwunden; die Silberhärchen, die immer darauf leuchteten, ohne Glanz. Aber müde war Charlotte nicht. Im Gegenteil. Munter von der ersten bis zur letzten Stunde des Tages, vergnügt und unternehmend, tatkräftig und herzerzgesund. Mit neunzehn Jahren! dachte Lenchen. Da sieht man freilich das Reisen anders an! Sie dachte daran, daß ihre Gnädige nun fast vierzig war. Und sehr, sehr verwöhnt. Über ein Abendkleid aus schwarzen Spitzen, das Charlotte für überflüssig erklärte und das Lenchen für unbedingt notwendig hielt, kam's zu offenem Streit zwischen den beiden. Sie beschlossen, den obersten Richter anzurufen. Frau Maja Schott lag in ihrem kleinen hellblauen Wohnzimmer auf dem hellblauen Sofa und telephonierte. Charlotte und Lenchen mußten ihren Streit fürs erste begraben und zuhören: »– – Du wunderst dich, meine Liebe. Ja, natürlich. Warum denn auch nicht? Mein Mann hat sich doch immer für die Antike interessiert, mein Vater besaß eine sehr hübsche kleine Vasensammlung. Es liegt also ein wenig in der Familie. Und nun hatten wir Doktor Hammer im Haus. Du erinnerst dich, nicht wahr? Der Große mit dem rötlichen Bart. Übrigens ein ganz reizender Mensch! Er hat Charlotte ausgezeichnet unterrichtet. Und von ihm ist denn auch die erste Anregung zur Archäologie gekommen. Ich bin sehr damit einverstanden. Wenigstens nicht das übliche: Säuglingspflege oder Nationalökonomie. Oder gar rhythmische Gymnastik! Und dann ein interessantes Studium. Reisen. Im Ausland. Später vielleicht sogar Ausgrabungen. – Ja natürlich. Ich fahre mit. Und Lenchen auch. Was wären wir ohne Lenchen? – Nein, keine Sorge. Die Reise ist sehr gut vorbereitet. Der Frühling soll die geeignetste Jahreszeit sein. Doktor Hammer ist seit Monaten unten – am Deutschen Archäologischen Institut. Er wird uns schon unterwegs treffen. Er arbeitet überhaupt den ganzen Reiseplan aus. – – Also, auf Wiedersehen. Ich denke, wir treffen uns im Herbst in Berlin. Oder?« Mit einem freundlichen Gruß hing Maja Schott ab. »Kind, wie du aussiehst!« sagte sie, sanft und doch ein wenig vorwurfsvoll, als sie ihre Tochter erblickte. »Fräulein Charlotte ist eben viel zu aufgeregt«, warf Lenchen ein. »Wie wenn wir nach Afrika führen!« (Lenchen war übrigens wirklich zumute wie vor einer Afrikareise.) »Nicht einmal die Koffer darf ich allein packen! Fräulein Charlotte hat mir eben soundso viele Sachen wieder herausgeholt, die gnädige Frau unbedingt brauchen. Und nun auch noch dies schwarze Kleid! Gnädige Frau hatten mir doch gesagt, daß drei Abendkleider – –« Dabei breitete sie das Kleid sorgfältig über ihre mageren Arme, so daß ihre bläßliche Haut durch die Spitzen schien, und hielt es vor Frau Maja hin, als ob diese ihr Schwarzes zum erstenmal zu Gesicht bekäme. »Lassen Sie's da«, sagte Maja. »Es geht auch mit zweien. Und dann ist das vor allem Charlottens Reise. Ich glaube, daß sie am besten weiß, was wir unterwegs brauchen können.« Geschlagen zog sich Lenchen zurück. Verzweifelt. Was mußte das für ein Land sein, in das Frau Schott nur zwei Abendkleider mitnahm! »Nun?« fragte Charlotte, als Lenchen gegangen war. »Was hat Frau von Trettenboom am Telephon gesagt?« »Was alle Leute hier sagen, Kind«, antwortete die Mutter. »Daß das gewiß eine sehr interessante Reise wird, daß sie uns viel Vergnügen wünschen, daß sie aber persönlich den Comersee oder die Riviera für den Frühling vorziehen.« »Trettenbooms blieben überhaupt besser immer in Berlin!« rief Charlotte. »Natürlich wundern sie sich auch darüber, daß du Archäologie studieren willst«, fügte Maja hinzu. »Das haben sie noch niemals gehört. Ist ja auch nicht gerade alltäglich. Und soll wohl auch nicht alltäglich sein –« Sie unterbrach sich, suchte in einer kleinen, hellgelben Ledermappe, die neben ihr auf dem Tischchen lag, und zog einen Brief hervor. »Hammer hat geschrieben«, sagte sie. »Er will uns nicht in Athen erwarten, wie er's ursprünglich vorhatte, sondern uns schon bis Patras entgegenfahren. Er reist dann mit uns weiter bis zum Piräus.« »Der hat's aber eilig«, meinte Charlotte. In dem Augenblick klingelte wieder einmal das Telephon. Flink griff Charlotte nach dem Hörer: »Hallo! Ja? Der Herr Direktor möchte uns sprechen? – – Ja, bin ich. Ich, Charlotte. Guten Tag, Papa! Jetzt, um die Börsenzeit rufst du an? Wie hast du denn da Zeit gefunden? – – Ja, ja, Montag! Stiller Tag! – Was wir machen? Mama liegt auf dem Sofa und macht Abschiedsbesuche. Durchs Telephon natürlich. Ich zanke mich mit Lenchen wegen des Gepäcks. Sie kann sich nämlich Mama in Griechenland nicht ohne ein schwarzes Spitzenabendkleid vorstellen. Und ohne vier Dutzend seidene Schals. Hammer hat geschrieben. Er hat's so eilig, daß er uns nicht erst in Athen erwarten will, sondern uns schon bis Patras entgegenkommt. – – Was? Was sagst du? In mich? Aber das ist doch Unsinn, Papa! Wie oft soll ich's dir denn noch sagen? In Mama natürlich. Immer in Mama. Das ist nun schon so. Lenchen ist in Mama verliebt. Und Hammer ist in Mama verliebt. Ich? Natürlich ich auch! Und du vielleicht nicht?« »Was redet ihr da für ein dummes Zeug?« sagte Frau Maja und nahm Charlotte den Hörer aus der Hand. »Charlotte ist ein bißchen durcheinander«, erklärte sie ihrem Mann. »Weil es nun morgen wirklich losgeht. Ich glaube, daß sie nicht einmal mehr ordentlich schläft. – – Wann kommst du denn heute aus der Bank? – – Zum Abendbrot? Aber nach Tisch bist du zu Hause? – – Gut, gut, Karl! Ich freue mich so! Da sieht man sich doch wenigstens noch einmal ordentlich. – – Es ist nett von dir, daß du angerufen hast. Viel zu tun? Natürlich. Natürlich, Karl. Wir sind heute abend, wenn du kommst, vollkommen fertig mit allem.« Maja verabschiedete sich sehr herzlich von ihrem Manne und wandte sich dann an Charlotte: »Du mußt diesen Unsinn mit Hammer nicht immer wiederholen, Charlotte. Stell dir bloß vor, daß er's einmal irgendwie zu hören bekommt! Was soll ich dann sagen, Kind? Und es ist noch nicht einmal wahr!« Aber Charlotte blieb dabei, daß Hammer in ihre Mutter verliebt sei, und daß er es nur deswegen so eilig habe, ihnen entgegenzureisen. Wovon ihre Mutter nun einmal so wenig hören wollte, daß sie ihr mit ungewohnter Strenge das Wort abschnitt. Wie fast alle jungen Mädchen ihres Alters kannte Charlotte ihr Spiegelbild sehr genau. Sie konnte ihr Äußeres also mit dem Äußeren ihrer Mutter vergleichen. Und sie tat das gern und oft und immer wieder. Gewiß, sie sahen sich ähnlich. Sie hatten die gleichen seidig-schwarzen Haare. Aber die Haare ihrer Mutter waren noch feiner als die ihren. Majas Augen waren ein ganz klein wenig heller, fast haselnußfarbig, noch größer, und ihr Licht schien stärker, obwohl es weniger funkelte. Dagegen war ihre Haut so braun, daß Charlotte daneben fast bleich wirkte. Das Gesicht der Mutter war rundlicher; es fehlten die etwas vorstehenden Backenknochen, und unter der Haut leuchtete ein tieferes, rosigeres Rot. Ihre kindliche Nase war größer, die Flügel stärker geschwungen. Die Zähne nicht so weiß und so zierlich wie bei Charlotte, sondern von einer zarten Elfenbeinfarbe und etwas breiter und kräftiger. Charlotte war ungewöhnlich schlank und etwas höher als ihre Mutter, die trotzdem als eine sehr stattliche Frau erschien. Aber beide hatten die gleichen schmalen, ein wenig knochigen und zugespitzten Hände. Charlotte fand ihre Mutter viel, viel schöner als sich selbst. Ich bin hübsch, und Mama ist schön, pflegte sie zu ihren Freundinnen zu sagen. Womit sie nicht unrecht hatte. Aber diese Feststellung bereitete ihr eher Freude als Schmerz. Die Schönheit schien ihr etwas Erwerbbares; etwas, das die Jahre bringen und das man sich mit der Zeit erobert. Auch sie hoffte, so schön zu werden, wenn sie erst einmal älter war. Einstweilen aber fand sie's natürlich, daß die Männer nicht in sie, sondern in ihre Mutter verliebt waren. Ihr Vater behauptete zwar regelmäßig das Gegenteil. Aber sie pflegte ihm ebenso regelmäßig zu widersprechen und ganz besonders, was ihren Lehrer Hammer betraf. Und auch damit hatte sie keineswegs unrecht. Im übrigen fand Charlotte ihre Mutter »unglaublich naiv«. Sogar Lenchen wußte ganz genau, wie es mit Doktor Hammers Gefühlen stand. Aber Mama wollte es nicht sehn. Oder konnte es nicht sehn. Denn sonst wäre sie vielleicht mit dem Verliebten doch vorsichtiger umgegangen. Überhaupt hatte Mama eine Art! Wer konnte einen Menschen so herzlich und warm und verständnisvoll ansehen wie sie? Sie legte Hammer sogar die Hand auf die Schulter und redete ihn mit »mein Lieber« an und betonte dabei das Wort »Lieber« so, so ganz auf eine besondere, auf ihre besondere Weise, daß der Doktor, sonst eine selbstsichere Natur, rot wurde, und daß seine Haare sich vor lauter Schüchternheit zusammenkringelten und seine Augen unter Angst- und Aufregungstränen nicht mehr zu sehen waren. Lenchen lachte darüber. Charlotte pflegte dann ein Liedchen zu pfeifen, das Hammer sehr genau kannte und das ihn noch ängstlicher machte, so daß er die erste beste Gelegenheit ergriff, um in eiliger Flucht das Zimmer zu verlassen. Aber Mama sah auch das nicht. Und Papa meinte dann jedesmal, er sei in Charlotte verliebt. Wenn die nur gewußt hätten, wie nüchtern es in ihren Unterrichtsstunden zuging! Was Charlotte übrigens gar nicht unrecht vorkam. Denn sie fand, daß Doktor Hammer ein sehr angenehmer Lehrer, ein guter Freund und wahrscheinlich ein hervorragender Archäologe war. Aber sonst gar nichts. Immerhin, dachte Charlotte, wenn er nicht in Mama verliebt wäre, so hätten wir's jetzt vielleicht weniger gut, und unsre Griechenlandreise würde weniger sorgfältig vorbereitet. Sie las den Brief Hammers, der noch immer vor ihr lag, zum zweiten Male. »Patras?« fragte sie. »Also am dritten Tag der Seereise?« Maja bejahte. »Schade«, meinte Charlotte, »schade, daß diese Seereise nicht länger dauert. Eigentlich freu ich mich darauf am allermeisten. Auf das Schiff, auf die Kabinen, auf die Spaziergänge an Deck. Auf so ein schwimmendes Haus, das einen zwischen schönen Aussichten spazierenfährt.« Und Charlotte begann ihrer Mutter ausführlich zu erzählen, was sie von einer Seereise erwarte. Am Abend kam dann Direktor Schott heim. Sie verbrachten zusammen einen sehr schönen Abend, legten sich erst nach Mitternacht nieder. Am folgenden Morgen frühstückten sie alle drei in Majas Schlafzimmer, und später fuhren sie gemeinsam zum Bahnhof. »Nun, Lenchen?« fragte Charlotte, als der Zug schon über die Berliner Vorstadtgeleise rollte. »Wie ist Ihnen?« »Mir ist so«, antwortete Lenchen, »als ob die gnädige Frau das Schwarze doch sehr vermissen wird.« Während am Nachmittag, in der Gegend von Bamberg, Frau Maja und Charlotte im Speisewagen Tee tranken, machte Lenchen eine Reisebekanntschaft. Der Herr hieß Emil Zapf und war aus Wien. Blonde, in der Mitte gescheitelte Haare. Dabei schwarze Augen. Kneifer. Kleiner Mund voll Goldzähne. Ein ziemlich elegantes, stark auf Taille gearbeitetes Kostüm aus Salz-Pfeffer-Stoff. Sehr blanke, rötliche Schuhe. Es stellte sich heraus, daß der Herr auch nach Athen fuhr, und zwar mit dem gleichen Dampfer wie Schotts. Er reiste in Geschäften. Offenbar ein guter Kenner des Orients. Gesprächig. Sehr höflich. Sehr gewandt. Lenchen war äußerst erfreut über diese Bekanntschaft: ein Landsmann, der auch nach Griechenland fuhr! Sie hatte nichts Eiligeres zu tun, als Frau Schott von Herrn Zapf zu erzählen. »Er weiß offenbar ganz besonders gut Bescheid da unten«, erklärte Lenchen. »Wie nützlich das sein kann, gnädige Frau! Er hat mir gesagt, daß man im Orient sehr vorsichtig sein muß. Die Griechen sind sehr schlaue und heimtückische Menschen. Man hat dort unten sehr oft mit geradezu gefährlichen Gaunern zu tun. ›Kriminelle Elemente‹ – wie Herr Zapf sagt.« Charlotte ging mit Lenchen in die dritte Klasse hinüber und sah sich Herrn Zapf an. »Nun?« fragte Maja, als sie zurückkam. »Was hat dir Lenchens Landsmann für einen Eindruck gemacht?« »Mistkäfer!« sagte Charlotte. »So?« »Und vielleicht selbst eins von den kriminellen Elementen, vor denen er Lenchen angst macht.« Frau Maja fand, daß man so rasch nicht urteilen dürfe. Aber sie beschlossen, vorsichtig mit Herrn Zapf zu sein, der sich sehr bald wieder an Lenchen heranmachte. Am Mittwochmorgen kamen Schotts in Venedig an. Sie wollten eine Gondel mieten. Aber an der Bahnhofslände lag bereits ein großes Motorboot, das ihnen die Schiffahrtsgesellschaft entgegengeschickt hatte. Es war blank und braun wie eine Roßkastanie, lärmte wie ein ganzer Expreßzug und zog eine ungeheure Schwade stinkenden, schmutziggrauen Rauches durch die blaßlila Lagune. Da der Dampfer erst gegen Abend fuhr, stiegen sie in einem Hotel bei San Marco ab. Charlotte kannte Venedig: als kleines Kind war sie mehrmals am Lido gewesen. Jedenfalls war sie heute nicht in der Stimmung, die Stadt noch einmal zu sehen. Heute erschien sie ihr nur als der Hafen: der Hafen des Schiffes, das nach Griechenland fuhr: Die Pforte zum Orient. »Lenchen kennt Venedig noch nicht«, sagte Maja. »Willst du es ihr nicht ein wenig zeigen?« Charlotte fühlte gar keine Lust dazu. Sie wußte nicht genau, wann ihr Dampfer, der »Quirinale«, von Triest kommend, in der Lagune einlaufen werde. Sie wollte diesen Anblick nicht versäumen. Trotzdem ließ sie sich schließlich von ihrer Mutter überreden, Lenchen durch Venedig zu begleiten. Nachdem sie im Hotel zu Mittag gegessen und Frau Maja sich zur Ruhe zurückgezogen, führte sie die Zofe aus. Aber sie beschloß sich für den langweiligen Nachmittag zu rächen. Schon an der Piazzetta begann sie die Erklärung der Dogenstadt, die sie sich für Lenchen zurechtgelegt hatte. »Da sehn Sie sich mal den geflügelten Löwen auf der Säule an, Lenchen. Wissen Sie eigentlich, was der zu bedeuten hat? Früher einmal, da haben die Venezianer in Griechenland geherrscht. Und zur Erinnerung –« Lenchen verstand gar nichts. »Sie müssen nämlich wissen, daß geflügelte Löwen sozusagen eine griechische Spezialität sind.« »Geflügelte Löwen?« fragte Lenchen entsetzt. »In Griechenland?« »Das werden Sie ja nun bald mit eigenen Augen sehn«, antwortete Charlotte. »Geflügelte Löwen nach Herzenslust! Sehn Sie den Mann dort auf der anderen Säule? Der ist heiliggesprochen worden, weil er ein so besonders geschickter Jäger von geflügelten Löwen war.« Lenchen war sprachlos. »Schöner Platz, was?« meinte Charlotte, als sie den Markusplatz betraten. Die Kapellen der überfüllten Kaffeehäuser spielten auf. Es herrschte, wie immer hier, eine festliche Stimmung. Aber Lenchen war trüb zumute. »Schöne Musik«, sagte sie schließlich, eigentlich aus Verlegenheit. »Und wissen Sie warum?« fragte Charlotte. »Das ist hier nämlich keineswegs ein so fröhlicher Ort, wie Sie sich's denken. Die vielen Kaffeehäuser – das sind die Mädchenbörsen von Venedig. Da werden die Mädchen, die man im Orient fängt, verhandelt wie bei uns in Berlin Kuxe und I.G. und Siemens. Und die Musik? Na ja – – damit man das Weinen nicht hört!« Lenchen wurde blaß vor Schrecken. »Das Weinen und das Klagen«, fuhr Charlotte unerbittlich fort. »Die schönen Paläste hier ringsherum sind nämlich voll von gefangenen Mädchen. Und es kommen doch schließlich sehr viel Fremde nach Venedig, die das Gejammer nicht hören dürfen. Glauben Sie vielleicht, daß Mama nach Venedig ginge, wenn sie nur ahnte, was das für eine Stadt ist? Früher war's ja noch schlimmer. Da hielt man auf dem Platze Mädchenmarkt, und der eiserne Mann mit dem Hammer, den Sie dort auf dem Glockenturm sehen, war der Auktionator. Aber da ist der Verein zum Schutze junger Mädchen vorstellig geworden und hat wenigstens das verhindert.« »Gott sei Dank!« seufzte Lenchen. »Zur Erinnerung an die vielen armen Mädchen«, erklärte Charlotte weiter, »die hier früher ihres Schicksals harrten, halten die Venezianer jetzt die Tauben. Wenn die Fremden wüßten, was sie da füttern! Nicht wahr, Lenchen?« »Und woher wissen Sie das, Fräulein Charlotte?« fragte Lenchen, die inzwischen doch etwas ungläubig geworden war. »Ich studiere doch Archäologie«, antwortete Charlotte ernst. Lenchen glaubte wieder. »Und auch in Griechenland werden Mädchen gefangen?« fragte sie ängstlich. »Noch viel eifriger«, erwiderte Charlotte. »Die deutschen sind ganz besonders gefragt. Im Süden sind sie nämlich ganz närrisch auf Blonde!« Das hatte Lenchen auch schon gehört. Sie begann zu zittern. »Mama und ich«, fuhr Charlotte fort, »wir sind ja zum Glück schwarz. Aber Sie, Lenchen! An Ihrer Stelle würde ich mich ganz verflucht in acht nehmen, wenn wir erst einmal in Griechenland sind.« Sie begegneten in dem Augenblick zwei Karabinieri mit Zweispitz, schwarzen Frackschößen und hochgezwirbelten Schnurrbärten. Entsetzt sah Lenchen Charlotte an. »Mädchenfänger«, sagte Charlotte finster. »Venezianische Mädchenfänger.« »Wie die geguckt haben!« meinte die Zofe. »Die sehn sich eben ihre Beute ganz genau an«, antwortete Charlotte. »Und natürlich – – so blond und weiß wie Sie sind!« Der Spaziergang durch Venedig wurde für Lenchen zur Qual. Mehr tot als lebendig kehrte sie ins Hotel zurück. Das also war Venedig! Das also erwartete sie in Griechenland! Sie fühlte sich verloren. Bis ihre Gedanken endlich einen Trost fanden, etwas, woran man sich klammern konnte in all der Angst vor geflügelten Löwen und gefangenen Mädchen: Herrn Emil Zapf, den Landsmann. Lenchen beschloß, die ganze Angelegenheit gründlich mit diesem Orientkenner durchzusprechen, seinen Rat einzuholen und sich und ihre Herrschaft unter seinen sachkundigen Schutz zu stellen. Der Nachmittag war trotzdem trüb. Nachdenklich und verzweifelt saß sie im Schlafzimmer hinter verriegelter Tür, während Charlotte fröhlich ausging, um zu sehn, ob der »Quirinale« einliefe. Aber sie fand den Dampfer bereits vor San Giorgio Maggiore. Schwarz und eisern ragte er über die Lagune; breit überschwang sein Deck Venedigs Uferkais, die sich so sanft zum Wasser neigen. Hoch stieg sein schwarzer Rauch in den blassen Himmel auf und wehte dunkel dahin über Dogenpalast und Markuskuppeln, die im Sonnenlicht schimmerten wie das perlmutterne Meer. Als dann das prächtige Schiff seine Sirenen kurz und klingend ertönen ließ, daß das weite Rund zwischen San Giorgio und der Piazzetta davon widerhallte, schien es der Herr Venedigs. Auf ein paar Sekunden wurde es still am Ufer, so daß man die Tauben flattern hörte und den Ruderschlag der Gondeln. Und daß Charlotte das Herz stillstehen blieb vor Erregung. Leider war's noch zu zeitig, um an Bord zu gehen, der »Quirinale« sollte erst in der Dunkelheit die Gewässer der Lagune verlassen. Deswegen mietete sie nun ganz für sich allein eine Gondel und ließ sich an den Dampfer heranrudern. Was die junge Fremde wohl an dem Ding da fand? dachte der Gondelier. Als ob nicht hundert bessere, größere, schönere Schiffe nach Venedig kämen? Ein gewöhnlicher Levante-Postdampfer! Fünf- oder sechstausend Tonnen. Aber alles an diesen fünf- oder sechstausend Tonnen schien Charlotte bemerkenswert. Die mennigrote Kielwand, die sich rosig im blassen Wasser spiegelte. Der gebogene schwarze Leib mit den messinggeränderten runden Luken, hinter deren dicker Verglasung kleine hellgraue Vorhänge wehten, sich weiße Kissen türmten, Tafelgeschirre gestapelt standen oder gar der neugierige Kopf eines Küchenjungen erschien, der nach dem dunklen Fräulein in der Gondel lugte: lauter Dinge, die verrieten, daß es hinter der schweren Stahlwand lebendig war wie in einem dicht bewohnten Haus. In zwei großen Silbersäulen strömte das Pumpenwasser aus der Bordwand. Aus schräg geöffneten Schächten wurden allerhand Abfälle oder Kohlenschlacke ins Meer geworfen. Ununterbrochen gab der Dampfer irgend etwas, das ihm gehört, das er verarbeitet, verzehrt und verbraucht hatte, an das Meer ab. An Fische, die in kleinen Silberzügen erkennbar waren, wie sie zitternd die Bordwände entlang streiften; an die dunkelvioletten Medusen, die gierig aus allen Richtungen herbeigeschwommen kamen und sich mit ihren rundlichen Häuptern immer wieder in die Tiefe senkten. Aber Charlotte sah nicht nur den Fischen und Medusen in der Tiefe zu, sondern auch den Menschen, die auf Deck zu erkennen waren. Auf der Falltreppe hielt ein Karabiniere Wache. Auf dem unteren Deck gingen ein paar blau gekleidete Offiziere zwischen weiß gestrichenen Eisensäulen hin und her. Die Mannschaft war nicht zu sehen; da der »Quirinale« in Venedig keine Ladearbeit hatte, mußten die meisten Matrosen wohl auf Urlaub an Land gegangen sein. Auch von Passagieren, die etwa von Triest mit herübergekommen sein mochten, konnte sie nichts bemerken. Dagegen glaubte sie auf der Kommandobrücke, zwischen dem breit verglasten Steuerhaus und den weißen Rettungsbooten, die hier bauchig in den Vertauungen hingen, einen Menschen zu entdecken, der ihre Gedanken seit Tagen beschäftigt hielt: den Kapitän. Er trug breite goldene Tressen um die weiße Mütze, und diese Tressen blitzten in der Abendsonne. Im übrigen war von ihm nicht viel mehr zu sehen als von den Rettungsbooten, neben denen er stand: nämlich der Bauch. Ein dunkelblauer Bauch mit goldenen Knöpfen. Der Kapitän schaute über diesen Bauch hinweg in die Ferne, wohl nach den Türmen Venedigs zu. Dann aber neigte er sich plötzlich über das Geländer und sah gerade in die Gondel hinein, aus der Charlotte staunend zu ihm aufstarrte. Er sah offenbar schlecht, setzte erst einmal einen Kneifer auf. Schließlich griff er sogar zu dem Fernrohr, das er an einem Lederriemen um die Schultern trug, und schaute damit ohne alle Scheu hinunter. Da hatte Charlotte das Gefühl, ihm in der Vergrößerung des Glases doch näher zu sein, als ihr lieb war, und sie gab dem Gondelier Befehl, ans Ufer zurückzukehren. Als sie ins Hotel zurückkehrte, äußerte ihre Mutter den Wunsch, vor der Abfahrt noch einmal die Markuskirche zu besuchen. Maja und Charlotte machten sich also auf den Weg dorthin, durchquerten langsam die belebten Straßen der Stadt und standen schließlich unter den riesigen Fahnen, die vor San Marco im Abendwinde wehten. Es dunkelte schon. Aus der Kirche drang starkes Licht. Sie betraten den goldenen Baum, der für die Abendandacht mit Hunderten von Kerzen erleuchtet war. Aber ihr Schein, unter der großen Kuppel und um den Hochaltar geballt, ließ die Seitenkapellen, die Gewölbe der Schiffe und Kreuzflügel im Schatten. Sie setzten sich auf eine entlegene Bank, hörten der betenden Stimme zu, die aus der Ferne unter den Kuppeln echote. Sie sahen, wie Hunderte von Menschen kamen und gingen, knieten und sich bekreuzigten, staunten und still unter den Mosaikbogen standen, in denen sich die Kerzen spiegelten. Unter den Besuchern fiel ihnen einer auf: ein langer, hagerer Mensch, der sich an eine Säule lehnte. Er trug einen hellen Anzug, hielt einen cremefarbenen, sehr breitrandigen Hut in der Hand. Auch sein Haar war hell: das Kerzenlicht gab ihm einen fast silbernen Glanz. Aber es war noch ein jüngerer Mann; man sah es an seinem rundlichen Gesicht und an seinen großen, ein wenig verträumten Augen. »Ich möchte wetten«, sagte Charlotte, »daß das Thomas Durkley ist.« Maja glaubte es auch. »Aber es ist doch unmöglich«, meinte sie dann. »Soviel ich weiß, wurde er von der Berliner Botschaft nach Chile versetzt. Erst vor etwa einem Jahr. Es kommt mir unwahrscheinlich vor, daß er schon wieder in Europa ist.« Sie beschlossen, sich den Herrn, den sie für Durkley hielten, näher anzusehen. Aber ehe sie sich von ihrem entlegenen Platz aus durch die Menschen hindurchgewunden hatten, ehe sie das überfüllte Mittelschiff durchqueren konnten, war er verschwunden. Sie eilten nun nach dem Ausgang, versuchten ihm auf dem Markusplatz zu begegnen. Aber auch das war vergeblich. »Ich hätte ihn gerne wiedergesehen«, sagte Charlotte. »Er war unter allen, die im vorvorigen Winter zu uns ins Haus kamen, eigentlich der sympathischste.« In dem Augenblick hörten sie wieder die Stimme des Schiffes: laut und voll ertönte die Sirene des »Quirinale« über der Lagune. Es war Abfahrtszeit. Schon auf dem Weg zum Hotel begegneten sie einer Gondel voll Gepäck, die dem Dampfer zuglitt. »Da!« rief Charlotte plötzlich. »In der Gondel da! Ist das nicht wieder der große Hut?« »Es sieht wirklich so aus«, sagte Maja. Auch sie erkannte den Hut. Aber nur den Hut. Er verschwand rasch in der Dunkelheit. Einige Augenblicke später saßen sie im Motorboot, das sie in rasender Fahrt an den Dampfer herantrug. Charlottens Herz schlug vor Erregung so laut, daß Frau Maja denken mußte: nur gut, daß wir endlich so weit sind! Langsam und vorsichtig legte sich dann das Fahrzeug zwischen andere Fahrzeuge: Gondeln, Schlepper, Leichter, Pinassen. Langsam und vorsichtig wie sich ein Kind einem fremden Erwachsenen nähert. »Wie klein die andern alle sind – gegen unser Schiff!« sagte Charlotte begeistert. II Sie gingen leise durch den weißen Gang mit den rotbraunen Mahagonitüren. Sie gingen ziemlich weit über einen dicken, weichen Teppich. Schließlich machte der Steward eine Tür auf und ließ sie in ihre Kabine eintreten: eine einfache Kabine, wie sie auf Postdampfern zu finden sind. Hell gestrichen, mit einer Kokosmatte am Boden. Zwei übereinandergeordnete Betten aus lackiertem Holz. Darüber ein rundes, dickglasiges Fensterchen in blitzblankem Messingrahmen. Ein Waschtisch aus Porzellan und ein Spiegel waren in die Wand eingebaut. Das Ganze hätte eher wie ein sauberes, aber allzu nüchternes Krankenhauszimmer ausgesehen, wären die Betten nicht mit bunt geblümtem Cretonne bedeckt gewesen. Maja sah sich zufrieden um. »Eine ausgezeichnete Kabine«, sagte Charlotte begeistert. »Die Luke führt aufs untere Promenadendeck, und so haben wir nachts in den Kojen frische Luft« Sie hatte nun seit Wochen genug Schiffspläne studiert, um sich in diesen Dingen gründlich auszukennen. »Aber klein!« sagte Lenchen, tief enttäuscht. »Und nur ein Schrank!« fügte sie nach kurzer Umschau noch enttäuschter hinzu. »Ja, glauben Sie denn«, fragte Charlotte, »daß wir hier in einem Hotel sind, Lenchen? Das ist ein Schiff! Ein Seeschiff! Ein Wasserschiff! Haben Sie verstanden, Lenchen?« »Ich sehe nur eins«, antwortete Lenchen leise, aber bestimmt, »daß die gnädige Frau hier unmöglich vier Tage wohnen kann.« Und bei dieser Meinung blieb sie. Wo nur ein kleiner Schrank sei, keine Kommode, wo man die Kleider in Koffern aufheben müsse, das eigne sich nicht zum Aufenthalt für ihre Gnädige. Vergeblich versuchten Maja und Charlotte sie zu beruhigen, zu überzeugen: sie erklärte mit einem Nachdruck, den man noch nie an ihr gesehn, daß der »Quirinale« ein unmögliches Schiff sei. Und das Klagen wäre wohl endlos weitergegangen, wenn ihr der gekränkte Dampfer nicht eine Überraschung bereitet hätte. Plötzlich hörte man ein Klingelzeichen in der Tiefe: kurz, hart und eindringlich. Dann ein zweites und drittes. Und schließlich begannen sich die Maschinen zu bewegen. Ein leises Zittern, das Charlotte mit Freude erfüllte, ging durch Boden und Wände. Die Gläser über dem Waschtisch klangen leise an. Aber Lenchen, die einmal irgend etwas von Seebeben gehört hatte, blieb die Sprache fort. »Und was nun?« sagte sie nach langer Pause. »Es geht los!« rief Charlotte. Und ehe sich die Zofe umsehen konnte, war sie verschwunden und an Deck geeilt. Maja setzte sich nieder, denn der Tag in Venedig hatte sie doch ermüdet. Ein Mann kam und brachte das Handgepäck. Es wurde unter dem Bett verstaut. »Und der große Koffer?« fragte Lenchen erstaunt. Maja erklärte ihr, daß der Koffer im Laderaum untergebracht worden sei und während der Seefahrt nicht gebraucht werde. »Packen Sie nur das Nötigste aus«, sagte sie. »Hängen Sie die Kleider in den Schrank, die Mäntel dort an die kleinen Messinghaken, und stellen Sie das Waschköfferchen so auf den Schemel, daß man gut daran kann. Sonst nichts.« »Ich möchte wissen«, meinte Lenchen, während sie ihre Arbeit begann, »wozu mich gnädige Frau eigentlich mitgenommen haben.« In dem Augenblick stürzte Charlotte herein. »Weißt du, Mama«, rief sie, »daß wir fahren? Ganz langsam, denn die Lagune ist voller Schiffe. Es schaukelt sogar schon ein wenig.« Es schaukelte gar nicht: die Lagune war still wie ein See. Aber Charlotte bildete es sich ein, weil sie wollte, daß es schaukle. Und Lenchen, die nun allein in der Kabine zurückblieb, bildete es sich auch ein, weil sie sich davor fürchtete. Fast gewaltsam führte Charlotte ihre Mutter, die eigentlich gar keine Lust mehr dazu verspürte, hinaus. Sie nahm sie bei der Hand, zog sie die breite Treppe hinauf, die vom Kabinendeck zum Salondeck führte, und brachte sie auf den oberen Promenadenumgang. Es war auch hier bereits still. Nur einige wenige Passagiere saßen lesend im großen Speisesaal, denn der Rauchsalon war schon geschlossen worden. Es mochte fast zehn Uhr abends sein. Man konnte das auch an den Lichtern der Stadt erkennen, denn während das Schiff nun langsam die Riva degli Schiavoni entlang glitt und sich den Wohnquartieren näherte, die in der Gegend der königlichen Gärten liegen, sah man von Bord in halbdunkle Straßen und schwarze Höfe hinein. Bald konnte man nur noch die Lichter unterscheiden, die in der Lagune den Weg wiesen. Ein ganz leiser Wind, der von den Alberoni herwehte und in dem der Duft der Lidogärten war, schaukelte sanft die Leuchtbojen. Ihr Schein fiel ins Wasser, schlängelte sich zwischen zarten Wellenketten heran und schien so von Ufer zu Ufer zu wandern. »Es ist, als ob man schwebte«, sagte Charlotte zu ihrer Mutter. »Ich spüre es deutlich, daß unter uns die Tiefe ist, und daß wir von etwas zart Bewegtem getragen werden. Du nicht auch?« Maja fand, daß der »Quirinale« sehr ruhig seinen Weg durch die Lagune zog. Aber sie wollte Charlottens Phantasien nicht stören und sagte: ja. »Hast du schon jemals gelesen«, fuhr Charlotte fort, »daß ein Mensch begeistert von einer Eisenbahnfahrt erzählt? Ich nicht. Aber Schiffsreisen – wer das erlebt hat, der hat's auch begeistert beschrieben. Und ich glaube, das hängt nicht nur mit den schönen Aussichten zusammen, die man auf Seereisen hat. Schöne Aussichten gibt's auch auf der Bahn. Auch gar nicht mit den Bequemlichkeiten, denn die tun zwar wohl, aber sie begeistern nicht. Was begeistert, Mama, das ist das Schweben! Du siehst den Himmel. Aber du weißt nicht, wo er endet. Du siehst das Meer, aber du weißt nicht, wie tief es ist. Und zwischen diesen beiden ungewissen Unendlichkeiten gehst du auf schwankendem Boden und meinst Flügel zu haben.« Es war nun wirklich ein ganz klein wenig Seegang herangekommen. Der Dampfer zitterte etwas stärker und bewegte sich auch. Maja und Charlotte, die Arm in Arm auf und nieder gingen, fühlten sich manchmal leicht emporgehoben, und einmal wurden sie sogar gegen ihren Willen an das Geländer gedrückt. »Es muß stürmisch sein draußen!« sagte Charlotte. »Wenn es schon in der Lagune so bewegt ist!« »Da will ich mich lieber vorher zu Bett legen«, antwortete Maja. »Und außerdem nach Lenchen sehn, die wahrscheinlich bereits in Weltuntergangsstimmung auf den Koffern sitzt.« Charlotte begleitete ihre Mutter in die Kabine. Und wirklich, Lenchen empfing sie mit tränenfeuchten Augen und mit der entsetzten Frage: »Sturm?« Es dauerte eine Weile, bis Charlotte die Zofe beruhigt, in ihre Kabine begleitet und dazu überredet hatte, sich ruhig und unbesorgt ins Bett zu legen. Als sie ging, hörte sie noch, wie Lenchen sorgfältig die Kabine von innen verschloß. Das junge Mädchen wollte noch an Deck bleiben und die Ausfahrt ins offene Meer beobachten. Sie ging nun allein über das einsame Schiff. Fast überall an Bord waren die Lichter erloschen. Nur an einigen Kreuzungspunkten brannten noch in weiß lackierten Drahtgitterchen kleine Lampen, und von der Kommandobrücke warfen die zwei Weglaternen ihren roten und grünen Schein auf das Vorderdeck. Alle Formen verschwanden in der Dunkelheit. Masten und Taue dehnten sich hinauf in die Nacht. Ganz oben leuchtete unter den Sternen die Signallaterne des Vordermastes. Am Heck, wo ebenfalls ein helles Signallicht die brodelnden Kielwasser silbern erglänzen ließ, wurde, da man aus Stadtsicht kam, die grün-weiß-rote Fahne eingezogen. Der Tag der Seeleute war beendet. Nur vor dem Glashaus der Kommandobrücke ging ein schmächtiger, kleiner Offizier hin und her und blies den Rauch seiner Zigarette in den Wind. Und dieser Rauch begleitete als winzige Parallele den schwarzen Qualm des Schlotes, der in sich überstürzenden Schwaden noch dunkler als die Nacht in der Fahrtrichtung davon trieb. Charlotte suchte nun das oberste Deck auf. Eine schmale, messingbeschlagene Treppe führte hinauf. Es dehnte sich weiß und breit. In der Mitte erhoben sich einige längliche Kabinen, die Wohnung des Kapitäns, dazwischen stand der schwarze Schlot, und vorne wurde es von dem runden Bau der Kommandobrücke abgeschlossen. Zu beiden Seiten hingen die dickwanstigen Rettungsboote, die Charlotte schon am Tage beobachtet hatte. Die schlafen immer, dachte sie. Ob nun wohl auch der dickwanstige Herr Kapitän schläft? Sie setzte sich auf eine Bank, die zwischen den Rettungsbooten stand. Der Platz gefiel ihr, denn an dieser Stelle hatte man statt einer Reling, die beim Herablassen der Boote hinderlich gewesen wäre, ein Geländer aus Tauen geschaffen. Hier fühlte man sich freier: dichter an Luft und Meer. Hier schwebte man wirklich hoch über den Wassern; von hier sah man weit hinaus über Venedig, dessen Lichter nun immer schwächer leuchteten, erkannte andere, fernere Städte in der Lagune und all die hundert Leuchttürme und Leuchtfeuer, die sie bei Nacht beleben. Charlotte beobachtete genau die Bewegungen des Schiffes: sie waren noch immer nicht stärker geworden. Im Gegenteil. Während man durch den Lidomund dem offenen Meere zufuhr, stand der Dampfer fast still, und der Wind schien zu schweigen. Zwei große Pappeln am Ufer reckten sich unbewegt. Kein Laut war überm Wasser. Bis die offene See erreicht war. Man spürte es nicht an der Bewegung: das Meer schien heute stiller als die Lagune zu sein. Aber am Wind. Das war mit einemmal ein Wind, der weit, weit herkam. Aus Griechenland, dachte Charlotte. Über die Adria. Ein Wind, der schon tausend Wellen bewegt und tausend Möwen getragen und Segel getrieben und Blumen bestäubt hatte. Ein Wind, der salzig und feucht war wie die See selbst. Sie stand auf. Dieser Wind regte sie auf. Es war der Wind einer weiten Reise, der plötzlich in ihre Haare gefallen war. Leise, nur ganz leise. Denn sie stand fast im Windschatten. Aber sie ging nun in den Wind hinüber, um zu sehn, aus welcher Richtung er käme. Er kam aus Südwesten und trieb mit solch fester Kraft daher, daß er ihr die Haare um den Kopf schlug und sie plötzlich in Dunkel gehüllt war. Sie brauchte einen Augenblick, um sich von ihren Haaren zu befreien und um wieder sehen zu können. Als sie aber wieder sah und ihre Blicke in die Ferne richten wollte, bemerkte sie vor sich einen Mann. Auch ihm hatte der Wind einen Streich gespielt: hatte seinen breitkrempigen Hut zusammengebogen, so daß er ihn mit beiden Händen fassen und wieder aufbiegen mußte. An diesem Hut und unter diesem Hut erkannte Charlotte Thomas Durkley. Und auch Durkley erkannte sie sofort. »Sie können tun, was Sie wollen, sich in Kirchen verstecken und in Gondeln davonschwimmen, Herr Durkley, man findet Sie doch. Und sei es selbst nächtlicherweile auf dem Mittelmeer!« rief Charlotte. Sie gab ihm die Hand. Thomas Durkley blieb trotz seines Berufes ein schüchterner Mensch. Nicht einmal als Diplomat – er hatte schon in mancher Herren Ländern seinem Land gedient – war es ihm gelungen, die Schüchternheit zu überwinden, die ihn in Eton zu einem viel verspotteten Stubenhocker und in Oxford zu einem bestaunten Einsiedler gemacht. Und wie alle schüchternen Menschen brachte ihn eine plötzliche Entdeckung in die peinlichste Verlegenheit. Er zog den Hut ab, was dazu führte, daß ihm der Wind sein seidenweiches Haar von rückwärts in die Augen wehte. Und da er nun wieder nichts sah, fühlte er sich doppelt behindert und erwiderte Charlottens Begrüßung zunächst durch ein langes Schweigen. »Ja, wieso fahren Sie denn nach Griechenland?« fragte er endlich. »Ja, wieso fahren Sie denn nach Griechenland?« antwortete Charlotte sofort. Wenn das junge Ding nur nicht so rasch wäre! dachte der Engländer. Er hatte einen Winter in Berlin verbracht, beherrschte das Deutsche leidlich. Aber in diesem Augenblick, bei dieser nächtlichen Begegnung fühlte er seine Kenntnisse schwinden und schwinden. Er war froh, als Charlotte wieder das Wort ergriff. »Ja, wir hatten uns Sie in Chile gedacht! Heute abend glaubten wir dann, Sie in San Marco zu sehen. Aber Mama meinte –« »Auch Ihre Frau Mutter?« fragte Durkley unterbrechend. »Auch Mama«, antwortete Charlotte. »Mama und ich reisen zusammen. Und – wenn Sie sich erinnern sollten – Lenchen ist auch dabei.« Sie erklärte ihm nun Zweck und Ziel ihrer Reise: ausführlich, eingehend. »Ihnen machen natürlich der ›Quirinale‹ und die Adria gar keinen Eindruck«, sagte sie. »Sie haben ja schon viel größere Reisen hinter sich! Sie sind wochenlang über See gefahren.« Allmählich verlor auch Thomas Durkley die anfängliche Schüchternheit. Er war schließlich im Hause Schott aus- und ein gegangen. Er hatte mit Charlotte unzählige Male Tennis gespielt, hatte oft Ausflüge mit Schotts unternommen. Warum sollte er schüchtern sein? Jedenfalls legte er sich diese Frage vor. Denn das war seine Art, diese verfluchte Schüchternheit wenigstens etwas zu überwinden. Sie half ihm auch diesmal. Sie machte ihn wenigstens fähig, zu erzählen, daß er sich in Chile gar nicht wohlgefühlt habe, um eine Versetzung eingekommen sei und sich nun auf seinen neuen Posten nach Athen begebe. Er brachte das langsam vor, sehr langsam. Aber heraus kam es doch. Seltsamer Mensch, dachte Charlotte. Schüchtern wie ein Kind. Ungeschickt wie ein Kind. Warum? Ein begabter, gescheiter, gut aussehender Mann wie Thomas Durkley! »Mama wird sich sehr freuen«, sagte sie. »Glauben Sie wirklich, daß sich Ihre Mutter freuen wird?« antwortete Thomas Durkley ganz ernst. Charlotte sah ihn erstaunt an. Warum in aller Welt sollte sich Mama eigentlich nicht freuen? Das wäre doch gar nicht ihre Art gewesen. Mama hatte eigentlich alle Menschen gern – auch die, die es gar nicht verdienten –, war gut und herzlich zu ihnen und nahm sie freundlich auf. Warum sollte sie ausgerechnet Thomas Durkley nicht gut aufnehmen? Dumme Frage! dachte Charlotte. Aber nun war plötzlich auch sie verlegen und sogar ein wenig verschüchtert. »Es ist Zeit, daß ich mich niederlege«, sagte sie, »denn ich möchte morgen den Sonnenaufgang über der See nicht versäumen.« Als sie in die Kabine kam, schlief Maja schon fest. Es gelang Charlotte, sich so leise niederzulegen, daß sie nicht aufwachte. Sie freute sich darüber, daß ihr die Mutter die obere Koje gelassen hatte, die, die hoch über dem Raume lag: sie fand es schiffsmäßiger, so zu liegen. Die Luke stand offen, der Seewind glitt leise an ihr vorüber. In der Ferne erkannte sie noch die Lichter eines vorüberfahrenden Dampfers. Aber sie war zu erregt, um schlafen zu können: vom Wind, von der Bewegung des Schiffes und dem nervösen Zittern der Maschinen. Auch von der dummen Frage, die Thomas Durkley an sie gerichtet hatte. Dazu kam, daß es gar nicht still werden wollte um sie. Hin und wieder hörte man in der Tiefe des Schiffsrumpfs einen Ruf, vielleicht einen Befehl der Maschinenmeister. Dann wieder vernahm sie das Scharren der Kohlenschaufeln. In regelmäßigen Abständen läutete eine Glocke auf Vorderdeck: das Signal zum Dienstwechsel. Und vor allem war es ein Geräusch, das sie am Schlafen hinderte: über ihrem Kopf, auf dem oberen Promenadendeck ging ein Mensch auf und ab. Man hörte, daß er nicht sehr sicher ging, daß ihn der Seegang hinderte, einen Fuß regelmäßig vor den andern zu setzen. Aber davon ließ er sich nicht abschrecken, hielt auch nicht einen Augenblick in seinem Spaziergang inne, und immer wieder vernahm Charlotte seine Schritte, ferner und dann wieder näher, mit einer ermüdenden Regelmäßigkeit. Unruhig drehte sie sich ein paarmal in ihrer Koje herum. Bis die Mutter, die ebenfalls von den Schritten des Spaziergängers erwacht war, bemerkte, daß Charlotte nicht schlief, und leise sagte: »Wenn der Mensch da oben nur endlich seinen Spaziergang einstellen wollte!« »Ich wollte es ihm ja verzeihen«, antwortete Charlotte, »wenn's nötig wäre, wenn er Wache hätte oder sonst einen Dienst. Aber so, bloß um Luft zu schnappen – da könnte er auch auf dem Sonnendeck bleiben, nicht wahr?« »Vielleicht ist es der Wachthabende«, meinte Maja. »Der nicht«, erwiderte Charlotte. »Aber ich würde mich gar nicht wundern, wenn's Thomas Durkley wäre.« Sie erzählte nun ihrer Mutter, wie sie Durkley begegnet war und was sie von ihm gehört hatte. Aber seine seltsame Frage verschwieg sie ihr. Sie wußte, daß Mama solche Fragen – Fragen, die etwas bedeuten wollten und zugleich überflüssig waren – gar nicht leiden konnte. Sie hätte sonst von vornherein etwas gegen den Engländer gehabt, der sich vielleicht in seiner angeborenen Schüchternheit nur verplappert und weiter nichts mit seiner Bemerkung gemeint hatte. Und so kam es, daß Maja die Nachricht mit wirklicher Freude aufnahm. »Wir werden eine sehr angenehme Reisegesellschaft haben«, sagte sie. »Morgen früh wird seine Schüchternheit nur noch halb so groß sein, und du wirst sehn, daß er gegen Abend schon fast zu gesprächig geworden ist. Wie alle schüchternen Leute redet er nämlich entweder zu wenig oder zu viel.« »Ich will mir von ihm ganz genau erklären lassen«, antwortete Charlotte, »wie die Ozeandampfer sind und was dem ›Quirinale‹ fehlt, um wirklich ein Hochseeschiff zu sein.« »Wenn sich Thomas Durkley herabläßt, über solche materiellen Dinge mit dir zu sprechen«, erwiderte Frau Maja. »Aber du siehst ja, daß er noch immer der gleiche ist, spazierengeht, wenn andere schlafen und wahrscheinlich die Verse schreibt, von denen seine Freunde erzählen, und die noch nie ein Mensch gesehen hat.« In dem Augenblick bemerkten sie, daß Thomas Durkley seinen nächtlichen Spaziergang eingestellt hatte. Sie horchten dann, wie sich in ihrer Nähe eine Kabinentür öffnete. Der Engländer legte sich nun auch nieder. Bald darauf schliefen sie ein. Die Wellen zogen ihren Weg um das Schiff, leise rauschend. Der Wind glitt an der offenen Koje vorüber. Charlotte träumte, daß er viele Schiffe vor sich hertriebe: kleine erleuchtete Schiffe. Die blitzten immer wieder auf dem Wasser auf. Wie Leuchtkäfer oder wie Leuchtbojen. Oder weil die Wellen sie auf und nieder senkten. Und mitten unter ihnen war ein ganz kleines Schiff aus rotbraunem Mahagoniholz, messingbeschlagen wie die Koje, in der sie lag. Es schaukelte sehr. Und hatte einen langen, langen Mast. Und wie sich Charlotte diesen langen Mast genauer ansah, war's Thomas Durkley, der in dem Boot aufrecht stand und seine Hände emporreckte, ganz hoch, bis in den Wind hinauf. Und mit den Händen hielt er seinen großen hellen Hut ausgebreitet. Der war riesenhaft geworden, breit und aufgepustet, so daß er den Wind auffing. Und diente als Segel. Mit diesem Segelhut segelte Thomas Durkley in seinem mahagonifarbenen Kojenboot und mit seiner endlosen Mastgestalt immer wieder an Charlotte vorbei, bis der erste Tagesschimmer ganz zart im Messingrund der Luke erschien und das Mädchen aufwachte. Sie war vollkommen wach, glitt lautlos von ihrer Koje auf den Boden, kleidete sich rasch an, ohne daß die Mutter es merkte, und kam dann gerade rechtzeitig auf Deck hinauf, um noch einmal die sinkende Nacht zu sehen, die wie eine riesige dunkle Gewitterwolkenbank im Westen über dem Meere stand. Schon gehörte der Osten dem Tag. Sein perlmutternes Licht fiel in eine leise bewegte See. Der Morgenwind kräuselte Wellengitter an Wellengitter und warf immer wieder seine schwarzblauen Böennetze nach schnappenden Spritzerfischchen aus. Aber die grauen Schatten, die noch von Westen hier ins Meer fielen, legten sich besänftigend in die Wellentäler. Auch blitzten bald die ersten klaren Sonnenstrahlen von Osten über die Kämme. Gläsern und klar wurde das Wasser unter ihrer Berührung. Das Metallische, das es nun mit einem Male durchsponn, gab ihm Halt: es schien plötzlich stillezustehn. Und als die Sonne dann endlich riesengroß und strahlend am Himmel stand und der Morgenwind schwieg und alle Wellen klein und golden wurden, da erkannte man, daß ein wundervoll ruhiger und sonniger Tag über der Adria begonnen hatte. Sicher und still, begleitet vom Rauschen silbernen Kielwassers, zog der »Quirinale« seinen Weg; keinen fußbreit schien er abzuweichen von der unsichtbaren Straße, die durch die Wellenunendlichkeit für ihn gezogen war. Nirgends Land. Als Charlotte diese Sicherheit sah, erschien sie ihr fast als ein Wunder. Denn nirgends erblickte sie einen Menschen, der das Schiff lenkte; an Deck war es still wie auf der See. Bis sie schließlich das Sonnendeck erreichte und auf die Kommandobrücke zuging. Dort, im Steuerhäuschen stand ein alter Mann, unbeweglich, verträumt – als ob er die ganze Nacht so gestanden hätte – und hielt mit dem Gewicht seines Körpers das Ruderrad. Doch allmählich mit dem überall vordringenden Sonnenlicht belebte sich auch das Deck. Es mochte gegen fünf Uhr morgens sein, als ein paar barfüßige Matrosen in hellblauem Leinenzeug aus dem Vorderkastell kamen. Sie schraubten an eine Pumpe, die dort neben den Ladewinden stand, einen großen, roten Schlauch an, hißten ihn dann mit einigem Umstand aufs Mitteldeck hinauf. Das Seewasser floß nun bald in Strömen über die Planken, rann in schmalen Kanälen die Bordwand entlang, wurde fächerförmig von ihren Besen über die hellen Bretter getrieben. Bald darauf erschienen andere Matrosen mit Lederlappen und Putzbüchsen und machten sich über das Messing her, das überall auf dem Schiffe verteilt war: Geländer, Treppenbeschläge, Klinken und Fensterrahmen. Andere wieder trugen große Segeltücher auf das oberste Deck hinauf und spannten sie gegen die Sonne aus. Dann wurde es im Salon lebendig. Die Stewards klapperten mit Tassen und Bestecken, öffneten und putzten Fenster, rieben die Mahagonimöbel und -täfelungen mit weichen Lappen ab, breiteten Tischtücher aus, ordneten Blumen in dickglasigen Vasen. Charlotte spazierte von Deck zu Deck und beobachtete alles, was es nur irgend zu sehen gab. Denn nichts schien ihr uninteressant, was sich hier am Morgen auf dem Dampfer ereignete. Etwas erstaunt sahen Matrosen und Stewards das junge Mädchen an, das schon so früh aufgestanden war und so emsig hin und her ging, als ob es all diese Morgenarbeiten der Seeleute zu überwachen hätte. Und das nun auch als erste im großen Salon erschien und ein Frühstück verlangte. Dann, während Charlotte auf ihren Kaffee wartete, kamen allmählich auch die anderen Bewohner des Schiffes hervor. Allen voran der Kapitän. Kaum hatte er seinen runden Leib durch die Tür geschoben und seine Mütze abgenommen, blieb er erschreckt stehen. Das junge Mädchen, dachte er, das kannte er ja! Sehr genau sogar. Er hatte es ganz aus der Nähe gesehn: mit dem Fernrohr. Der Kapitän fühlte sich peinlich getroffen. Aber Charlotte half ihm über die Verlegenheit fort, sah ihn freundlich und sogar herzlich an. Frech war er ja gewesen, aber der Kapitän war er doch. Ihr Kapitän, der Kapitän ihres Schiffes. Und der Kapitän, sichtlich befreit, raffte sich zusammen, machte einen Versuch, seinen Bauch einzuziehen, und grüßte. Charlotte war sehr begeistert darüber, daß ihr Kapitän sie so freundlich gegrüßt hatte. Er ließ sich in einem breiten Stuhle nieder, der am Ende des Mitteltisches stand, schlenkerte seine steif gestärkten weißen Manschetten aus den dunkelblauen Ärmeln seiner Uniform heraus und tat einen Blick in die Tasse, die vor ihm stand. Dieses Schiffsgeschirr sah aus wie der Kapitän: blau und weiß und sehr dick. Die schwere Silberkanne saß auf dem Tisch so fest wie er auf seinem Stuhl. Die rundlichen Löffel hatten die Gestalt seiner Finger. Kaum hatte er sich gesetzt, eilten die Stewards herbei, um ihn zu bedienen. Aber sie mochten ihm bringen, was sie wollten, er rümpfte die Nase, verzog die Mundwinkel, schickte immer wieder in die Anrichte zurück. Trotzdem begann er dann mit Behagen sein Frühstück zu verzehren und ließ sich darin auch nicht stören, als ein weiterer Passagier den Raum betrat und sich neben ihn setzte. Es war ein großer, breitschultriger Mann von etwa vierzig Jahren. Seine schwarzen, glatten Haare trug er an der Seite sauber gescheitelt, seine dunkle Haut glattrasiert. Er hatte ruhige, dunkle Augen, eine leicht gebogene Nase, einen kleinen, sauber gekämmten Schnurrbart. In blauem Anzug, steifem weißem Kragen und dunkler Krawatte sah er äußerst korrekt aus, und Charlotte hielt ihn mit Recht für einen italienischen Offizier in Zivil. Der Kapitän kannte ihn offenbar schon, sie waren wahrscheinlich von Triest an zusammen gereist. Jedenfalls redete der Breitschultrige sofort auf den Kapitän ein, der aufmerksam zuhörte. Es konnte Charlotte nicht entgehen, daß sie selbst der Gegenstand ihrer Unterhaltung war, denn von Zeit zu Zeit blickten die beiden Männer vorsichtig zu ihr hinüber. Das wurde auch nicht anders, als ein dritter Mitreisender den Speisesaal betrat, der sich ebenfalls sofort zu den beiden setzte: ein kleiner, kugelrunder, kahlköpfiger Herr mit grauem Schnurrbart, blitzblankem Kneifer und einem auffallend fuchsroten, stark auf Taille gearbeiteten Anzug. Charlotte gelang es nicht, diesen dritten einzureihen. Sie bemerkte nur, daß die Unterhaltung jetzt nicht mehr auf italienisch, sondern auf französisch geführt wurde, daß der Kahlköpfige also offenbar kein Italiener war. Auch er mußte den beiden anderen schon von Triest her bekannt sein. Denn er nahm sofort Anteil an ihrem Gespräch, und auch er schielte hin und wieder zu Charlotte hinüber, die, in Verlegenheit gebracht, das Muster aus Ankern und Merkurstäben betrachtete, mit dem das Schiffsgeschirr des »Quirinale« geschmückt war. Sie fühlte sich erleichtert, als schließlich auch Thomas Durkley im Salon erschien. Er sah blaß und müde aus. Seine Haut war durchscheinend wie Seide, und seine hellblauen Augen lagen in dunklen Gruben. Auch schien sein Schritt etwas unsicher: die leichte, ganz leichte Bewegung des Schiffes teilte sich seinem Gange, seiner langen Gestalt mit, als er nun mit einem freundlichen, aber immer noch etwas verlegenen Lächeln auf Charlotte zukam und ihr die Hand gab. In dem Augenblicke verstummte die Unterhaltung am Tische des Kapitäns, und alle drei Männer richteten ihre Augen auf Thomas Durkley. Es war ein Glück, daß er ihnen den Rücken kehrte, daß nur Charlotte ihre neugierigen Blicke sah, sonst wäre der lange Engländer vor lauter Verlegenheit wahrscheinlich überhaupt nicht zum Sprechen gekommen. »Gut geschlafen, Fräulein Charlotte?« fragte er höflich. »Zum Glück sehr früh aufgestanden«, sagte Charlotte. »Der Morgen war herrlich. Und Sie?« »Leider zu spät ins Bett gegangen«, antwortete Durkley. »Die Nacht war wundervoll. Und dann –« Er unterbrach sich. Gedichte gemacht, dachte Charlotte. Thomas Durkley erkundigte sich danach, wie Maja geruht habe. »Ich glaube, gut«, antwortete Charlotte. »Aber Sie können sich gar nicht vorstellen, wie überrascht Mama gestern war, als sie hörte, daß auch Sie auf unserm Schiff reisen! Sie hat sich natürlich sehr gefreut, Sie so unerwartet wiederzufinden.« Charlotte dachte darüber nach, warum diese Bemerkung den Engländer wieder in eine so seltsame Verlegenheit brachte. War es ein Zufall, daß er plötzlich schwieg? Daß er die Eier kalt werden ließ, die ihm der Steward mit flinker Handbewegung vorgesetzt hatte? Oder machte Thomas Durkley wieder Verse? Was für Verse? Worüber? Verse, von denen alle seine Freunde wußten, und die niemals ein Mensch gesehen hatte, sagte Mama. Charlotte fühlte plötzlich eine ganz unbändige Lust, diese Verse kennenzulernen. Wahrscheinlich vertraute ihnen Durkley all die Worte und Sätze an, die er tagsüber verschluckte. Und das waren sehr viele. Wahrscheinlich schlief er deswegen schlecht und sah blaß aus am Morgen und kam immer in Verlegenheit. Ein Mensch, der Verse zu schreiben gewohnt ist, der sich in Versen ausdrückt, muß in Verlegenheit kommen, wenn er Prosa zu sprechen hat. Er kann vielleicht überhaupt nur in Versen sprechen. Und sie beschloß bei sich, diese Seereise dazu zu benutzen, um Thomas Durkleys Gedichte kennenzulernen. »Wundervoller Morgen heute, nicht wahr?« sagte sie. – Durkley nickte und sah auf seinen erkaltenden Tee hinab. »Eine Beleuchtung heute früh!« fuhr Charlotte fort. »Dieser Übergang von der Nacht zum Tage, dies erste Licht auf den Wellen! Sie hätten es sehen müssen, Herr Durkley.« Der Engländer schwieg. »Ich möchte wissen, was es auf Sie für einen Eindruck gemacht hätte«, meinte Charlotte. »Ich jedenfalls – wissen Sie, es ist schwer zu beschreiben. Aber wenn ich Verse machen könnte – heute früh hätte ich welche geschrieben!« Sie unterbrach sich einen Augenblick. Dann legte sie ihre Hand auf Thomas Durkleys Arm, neigte sich ein wenig zu ihm hinüber, lächelte ihn ein wenig an – sie hatte diese Art, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, der Mutter abgeguckt – und sagte: »Nicht wahr, Thomas Durkley, auch Sie schreiben Verse?« »Meine Freunde«, antwortete der Engländer trocken, »trauen mir trotz meiner dreißig Jahre solche Dummheiten zu.« Charlotte kannte Durkley gut genug, um zu wissen, daß auch das eine Verlegenheitsantwort war. Aber sie beschloß, für den Augenblick nicht weiter zu forschen. »Ich will sehen«, sagte sie, »was die Sonne inzwischen aus dem Meer gemacht hat.« Während sie den Saal verließ, spürte sie im Rücken die Blicke, die das Drei-Männer-Kollegium der Kapitänstafel ihr nachsandte: sehr eindringliche und sehr neugierige Blicke. Es ist, als ob solche Leute Fernstecher statt Augen hätten, dachte Charlotte. Sie mochte vielleicht eine halbe Stunde allein in der Sonne spazierengegangen sein, als sie auf dem unteren Promenadendeck an einer offenen Kabinenluke vorbeikam. Ein kleines hellgraues Gardinchen, das darin hing, war halb zurückgezogen. Sie sah im Hintergrund die Mahagonibetten, die geblümte Cretonne und den weißen Waschtisch, die sie aus ihrer eigenen Kabine kannte. Die obere Koje war leer. Und daran lehnte, ellenlang wie er war, mit einem Arm gestützt, Thomas Durkley. Und schrieb. Offenbar Verse, dachte Charlotte. Kurz darauf kam Durkley auch an Deck. »Und Ihre Mutter?« fragte er. »Schläft sie noch?« »Ich wollte gerade einmal nachsehen, wie es ihr geht«, antwortete Charlotte. »Sie ist zwar gewöhnt, sehr spät aufzustehn, aber es ist jetzt mindestens zehn Uhr.« Sie verschwand im Stiegenhaus. Sie ging die Mitteltreppe hinunter, hielt sich einen Augenblick bei der Seekarte auf, die dort aufgehängt war, und betrat dann den Gang. In langer Reihe sahen sie die geschlossenen Türen an. Nur eine stand offen: es war die Tür, die in Thomas Durkleys Kabine führte. Charlotte wußte genau, daß sie etwas sehr Unschickliches tat, als sie nun diese Kabine betrat. Sie sah sich vorher noch einmal um, ob kein Steward sie bemerke, ob Mamas ganz nahe gelegene Tür noch geschlossen sei. Alles war ruhig. Was macht's? dachte Charlotte. Ich muß doch einmal sehen, ob diese Räume wirklich alle gleich sind. Und ich tu's doch nur, weil mich das Schiff so interessiert und alles, was damit zusammenhängt. Schließlich unternehme ich zum erstenmal in meinem Leben eine Seereise. Und wenn ich neugierig bin – – Thomas Durkleys Kabine sah ganz genau wie Schotts Kabine aus. Was Charlotte natürlich im voraus gewußt hatte. Es war also wirklich sinnlos und außerdem frech, daß sie die Schlafstätte des Engländers betrat. Wie peinlich das dem schüchternen Durkley gewesen wäre, wenn er's gewußt hätte, dachte Charlotte. Charlotte sah sich um: der grüne Vorhang war zugezogen, man konnte von außen nicht hineinsehen. Kleider, Wäsche und Waschzeug waren sorgfältig fortgepackt. Auf dem unteren Bett, in dem Durkley schlief, lagen ein paar Bücher: der Reiseführer von Griechenland, Shelleys Gedichte, Lord Byrons Briefe. Sonst nichts. Oder doch? Was dieser Durkley doch für ein langer Mensch war! Daß er auf diesem oberen Bett schreiben konnte. Und Gedichte, sogar Gedichte! Wirklich, da lag auf dem geblümten Cretonne ein schwarzes Wachstuchheft. Offen. »Thomas Durkley: Gedichte«, dachte Charlotte. Sie war sich eigentlich nicht klar darüber, was sie an diesen Gedichten so sehr interessierte. Das, was Durkley in seiner Schüchternheit nicht aussprechen kann, so dachte sie. Aber was ging das Charlotte eigentlich an? Warum wollte sie das so leidenschaftlich gerne wissen? Das waren Fragen, die sie sich selbst nicht mehr vorlegte. Sie fühlte nur, daß sie ihrer Neugier nicht widerstehen konnte. Sie legte sich wenige Augenblicke später die andere Frage vor, woher sie eigentlich den Mut genommen hatte, in diesem Heft zu blättern, ruhig die letztbeschriebene Seite zu suchen – die, die Durkley heute morgen gebraucht hatte – und darin zu lesen. Trotzdem der Verfasser jeden Augenblick hereinkommen konnte. Trotzdem es nicht die erwarteten Gedichte waren, sondern Thomas Durkleys Tagebuch. Die letzten beiden Eintragungen – die eine im Laufe der Nacht, die andere an diesem Morgen geschrieben, lauteten: »In der Adria, 16. März, nach Mitternacht. Wäre mein Herz wie die See! – ruhig. Wäre die See wie mein Herz! – wild erregt. Wie gern führe ich ruhigen Herzens über eine wilde See, statt unruhigen Herzens über ein ruhiges Meer zu fahren. Aber mein Schicksal hat's wieder einmal anders gewollt. Ich verbrachte nach der Abfahrt von Venedig ein paar Stunden in der Kabine. Ganz ruhig. Keine andere Erregung war in mir als die, die von Shelleys Gedichten auf mich überging. Zu wenig, um mich zu erschüttern (heute wenigstens). Zu viel, um mich schlafen zu lassen. So ging ich noch einmal an Deck. Es kam ein wundervoller Wind von Süden, duftend und salzig zugleich. Ein griechischer Wind. Ein Wind, auf dessen Wehen einst Byrons Herz in die gehaßte Heimat zurückkehrte. Und alle meine Gedanken waren bei diesem Wind und bei Byron und bei Griechenland, das meine neue Heimat werden soll. Wären meine Gedanken doch in Griechenland geblieben! Aber nun sind sie hier, auf diesem engen Schiff, in diesem dumpfigen Kabinengang. Und nirgends, nirgends anders. Die kleine Charlotte Schott hat sicher nicht gewußt, was sie tat, als sie mir ganz ruhig, ganz selbstverständlich sagte: ›Ich reise mit Mama... Mama reist mit mir... Sie wird sich freuen zu hören, daß auch Sie...‹ Und ich dummer, ungeschickter, tolpatschiger Mensch frage: ›Glauben Sie wirklich, daß Mama sich freuen wird?‹ Sie hat begriffen, daß diese Frage dumm war, und daß ich sie, wie immer, aus Verlegenheit gestellt habe. (Wann werde ich einmal nicht aus Verlegenheit ›handeln‹?) Aber sie hat nicht im geringsten verstanden, woran ich dabei dachte. Und wenn etwas gut war an diesem nächtlichen Gespräch mit der Kleinen, so war es das. Denn sonst ist's schlimm. Bin ich darum nach Chile gegangen? Habe ich mich darum Monate hindurch wie ein Wahnsinniger mit Salpeterstatistik und mit Kupferminen beschäftigt? Bin ich darum Wochen und Wochen über See gereist? Griechenland sollte mir Trost bringen. Ja, Griechenland! Und nun bin ich schon auf dem Wege dorthin, wo ich vor zwei Wintern in Berlin war – – in einem Zustand, den ich meinen schlimmsten Feinden nicht wünsche. Dabei hab' ich sie noch nicht einmal gesehn. Sie schläft. Hier, in der Kabine neben mir. Sie weiß noch nicht einmal, daß ich da bin. Und wenn sie's weiß? Ja, wenn?! Dann wird sie vielleicht sagen – wie Charlotte sagt –, daß sie sich ›sehr freut‹. Das sagte sie auch damals schon in Berlin. ›Es ist so nett von Ihnen, lieber Herr Durkley, daß Sie auch heute gekommen sind. Wir freuen uns immer so sehr, Sie zu sehen.‹ (›Wir‹! – Sie und Herr Bankdirektor Schott nämlich.) Und dann legte sie mir die Hand auf die Schulter, neigte sich ein wenig zu mir herüber, lächelte mich mit ihren großen dunklen Augen ein wenig an – Was werde ich tun, wenn mich morgen diese Augen wiederum anlächeln?« »17. März, morgens. Ich habe sie immer noch nicht gesehen. Habe mit Charlotte gefrühstückt, die mir freundlich sagte, daß ihre Mutter schläft, sehr gut schläft. Und daß sie spät aufsteht. Inzwischen hat mich Charlotte angelächelt und hat mir die Hand auf die Schulter gelegt – genau so wie ihre Mutter. Auch sie hat dunkle Augen. Aber es ist ein blitzendes Licht darin. Nicht das sanfte, warme der Maja. Auch sie hat diese wundervollen Haare, aber sie sind ein wenig matter. Auch sie ist sehr schön. Sie sieht mich etwas fragend an. Und dann hat sie sich tatsächlich erkundigt, ob ich Gedichte schreibe! Wenn sie wüßte, wem diese Gedichte gelten. Oder galten . Sie hat mich eigentlich erst daran erinnert, daß ich einmal Gedichte schrieb. Und daß ich sie alle versenkt habe, ins Meer, bei den Feuerlandsinseln – – damals, als ich vor der Frau geflohen bin, die mir heute wieder so furchtbar nahe ist. Maja weiß, daß ich an Bord bin. Aber sie steht immer sehr spät auf, sagt Charlotte.« III Maja war noch nicht wach, als ihre Tochter die Kabine betrat. Sie wandte sich nur verschlafen um, strich langsam und vorsichtig den großen Schopf seidiger Haare zurück, der ihr die Stirn bedeckte, und richtete den Kopf ein ganz klein wenig auf. Dabei hielt sie die Augen immer noch fest geschlossen, so daß ihre langen Wimpern dicht und dunkel über den hellen Lidern standen. Sie erwachte erst, als sich Charlotte auf den Rand der Koje setzte, ihr beide Hände auf die Schultern legte und sie nachdenklich ansah. »Und?« fragte Maja endlich. »Spät?« Charlotte nickte. »Aber ein schöner Tag. Ganz ruhige See, nicht?« Charlotte nickte wieder nur. »Du siehst aber auch heute nicht gut aus, Kind«, sagte Maja, nun plötzlich ganz wach. »Du bist zu spät ins Bett gegangen und zu früh aufgestanden. Nicht wahr?« »Möglich«, antwortete Charlotte. Es war ihr doch seltsam zumute. Es war ihr sogar so zumute, daß sie am liebsten ihre abscheuliche Neugier gestanden und erzählt hätte, was sie gelesen und was sie bewegt. Zu viel! Viel zu viel, um es so ganz für sich zu behalten! Jahr und Tag, seit dem Berliner Winter vor zwei Jahren – so lange liebte Durkley ihre Mutter! Um ihretwillen war er in Chile gewesen und hatte Gedichte geschrieben und Gedichte vernichtet. Um ihretwillen fuhr er nun nach Griechenland. Mußte das Mama nicht eigentlich wissen? Ja, dachte Charlotte. Unbedingt. Aber durfte sie, Charlotte, es wissen? Nein und noch mal nein! dachte Charlotte. »Über was denkst du nach, Kind?« fragte die Mutter, die ihre Tochter schweigsam ansah. »Über was? – Oder ist es nur Müdigkeit?« »Nur Müdigkeit«, antwortete Charlotte. »Du wirst mir nach Tisch ein wenig schlafen«, sagte Maja mit Bestimmtheit. Dann bat sie ihre Tochter, Lenchen zu rufen. Charlotte überquerte den Gang und klopfte an die Tür der Kabine, in der die Zofe schlief. Keine Antwort. Sie klopfte ein zweites Mal. Wieder keine Antwort. Endlich rief sie, nannte ihren Namen. Da riegelte Lenchen von innen umständlich auf und ließ sie mit den Worten ein: »Ich dachte – wegen der Mädchenfänger.« Sie wartete bereits seit Stunden, fertig angezogen, auf den Ruf ihrer Gnädigen, aber ihr sicheres Versteck zu verlassen, hatte sie sich nicht getraut. Nun eilte sie, hocherfreut darüber, daß man sie brauchte, in Majas Kabine, half ihr beim Ankleiden, holte aus den verstauten Handkoffern hervor, was verlangt wurde, nicht ohne dann und wann mit Seitenblicken auf Charlotte eine Bemerkung über den engen Raum, die unzulängliche Einrichtung, die maßlose Unbequemlichkeit einfließen zu lassen. Schließlich stand Maja, zum Ausgehn bereit, vor den beiden. »Und nun, Lenchen«, sagte Frau Schott, »kommen Sie und sehen sich das Meer an, das heute nacht so freundlich mit uns gewesen ist.« Alle drei gingen ins Freie hinaus. Es war inzwischen lebhafter geworden unter den Sonnensegeln. Die wenigen Reisenden der ersten Klasse lagen in ihren Liegestühlen, Matrosen gingen hin und her, Stewards machten sich zu schaffen. Auch auf dem Deck der zweiten, das sich über das Hinterkastell des Schiffes breitete, sah man spazierende Fahrgäste. »Nichts wie Männer«, meinte Charlotte lachend. »Ich glaube fast, wir sind die einzigen Weiber an Bord.« Nicht nur, weil sie nirgends eine Frau sah, sagte Charlotte das. Aber sie wurden alle drei so unglaublich angegafft! Die Matrosen lugten von unten herauf; die Stewards vorsichtig-taktvoll von der Seite. Der Kapitän schaute mit scheinbar gleichgültiger Miene, doch neugierig zum Fenster seines Salons heraus. Die Herren seiner Frühstückstafel schoben zwar nur ein wenig ihre Zeitungen beiseite, aber gaffen mußten auch sie. Maja ging zwischen ihrer Tochter und der Zofe: sehr gerade, sehr ruhig. Mit ihrem großen, unbestimmten Blick. Ihr fester und aufrechter Gang ließ sie höher erscheinen als Charlotte, die doch in Wirklichkeit größer und schlanker war. Denn die Beweglichkeit, der lebhafte Ausdruck des jungen Mädchens lösten ein wenig die Haltung auf, die bei ihrer Mutter vollkommen blieb. Jedenfalls mußten die beiden hohen, dunklen Gestalten auffallen und die Gedanken all der Männer beschäftigen, die sich an Bord des »Quirinale« bei ihrer alltäglichen Arbeit oder beim Nichtstun langweilten. Die beiden Schotts hatten etwas Großartiges und Gewinnendes zugleich. Und Lenchen stand mit ihrem blassen Gesichtchen, ihrem strohblonden Haarknoten und ihrer zierlichen, fast gebrechlichen Figur in lustigem Gegensatz zu ihnen. Das Vorübergehn der drei war ein Ereignis für die Bewohner des morgendlich verschlafenen Dampfers. Die Frauen spürten es selbst. Schon deshalb wandte sich Maja dem Sonnendeck zu, wo man hoffen konnte, unbeobachtet zu sein. »Und dann werden wir wohl Durkley dort oben treffen«, sagte sie. »Ich bin überzeugt, daß er auf höchster Höhe einsiedelt.« Armer Durkley! dachte Charlotte. Der Engländer stand am Reling und beugte seinen langen Rücken der Ferne zu. Er hatte bestimmt das Kommen der Frauen gehört. Er hatte ganz gewiß ihre Stimme vernommen. Aber er rührte sich nicht. Bis Maja unmittelbar hinter ihm stand und ihm sehr herzlich einen guten Morgen wünschte. Da wandte er sich, küßte ihr ganz langsam und feierlich die Hand und schwieg weiter. Immer derselbe, dachte Maja, trotz Diplomatie und Weltreise. Sie beschloß, ihm zu Hilfe zu kommen. »Wenn Sie wüßten, lieber Durkley«, sagte sie mit großer und aufrichtiger Herzlichkeit, »wie wir uns gefreut haben, Ihnen wieder zu begegnen!« Bei diesen Worten legte sie ihren Arm in den seinen und führte ihn langsam über Deck. »Wir konnten doch fürs erste gar nicht erwarten, Sie wiederzusehn. Und nun treffen wir Sie unter so besonders reizenden Umständen! Ich hoffe, daß wir auch in Athen viel zusammen sein werden. Ich rechne sogar bestimmt damit. Und jedenfalls werden wir kaum im Leben je wieder eine so günstige Gelegenheit finden, in Ruhe miteinander zu plaudern. Sie müssen uns natürlich von Chile erzählen und wie's Ihnen dort ergangen ist, und was Sie jetzt in Griechenland vorhaben –« In diesem Tone fuhr sie fort, zu ihm zu sprechen und ihm Mut zu machen. Charlotte, die hinter Maja stand, sah, daß Thomas Durkley mehr hing als ging. Er hatte durch Majas Herzlichkeit, durch ihre freudigen Worte, durch ihre Nähe die Sicherheit so vollkommen verloren, daß es ein trauriger Anblick war. Besonders wenn man, wie Charlotte, so genau wußte, warum er sich in diesem Augenblick in qualvoller Lage befand; wenn man einen Menschen so tief bedauerte wie Charlotte ihn. Aber Maja schien davon nichts zu bemerken. In ihrem Bemühen, Durkley aus seiner Verlegenheit herauszuhelfen, sprach sie immer lebhafter, wärmer und herzlicher, so daß Charlotte es schließlich für nötig hielt, einzugreifen, ihre Mutter zu unterbrechen. »Sagen Sie einmal, Herr Durkley«, fragte sie, »wie sieht eigentlich so eine Kommandobrücke auf einem Ozeandampfer aus?« Begierig ergriff der Engländer die Gelegenheit, sich aus der schwierigen Lage herauszuretten, in die ihn Maja gebracht, und schilderte ausführlich, was er auf transatlantischen Dampfern gesehen. Richtig gerechnet, dachte Charlotte. Seltsam, dachte ihre Mutter, wofür er sich da plötzlich interessiert. Aber sie war froh, daß Durkley nun gesprächig wurde, lebhaft, angeregt. Er hatte die »Anfangsschüchternheit« – sie pflegte das schon vor zwei Jahren in Berlin so zu nennen – offenbar glücklich überwunden. Sie wurden von der Schiffsglocke unterbrochen, die zu Tische rief. Als die Schotts mit Durkley den Speisesaal betraten, saßen der Kapitän und seine zwei Bekannten bereits an der Tafel. Aber sie erhoben sich sofort. Indem er auf Maja zuging und sich höflich vor ihr verneigte, murmelte der Kapitän seinen Namen und stellte auch die anderen Herren vor: Er selbst: »Commendatore Esposito Coccumella«. Dann: »Hauptmann Giorgini vom Kriegsministerium. Tschefik Bey, türkischer Gesandter in Prag.« Es wäre nun wohl an Thomas Durkley gewesen, die Damen und sich vorzustellen. Aber Maja begriff, daß er dazu in dieser Stimmung nicht fähig war, und übernahm es selbst, sich bekannt zu machen. Der Kapitän forderte sie in seinem allerbesten Französisch auf, an seiner Rechten Platz zu nehmen, lud Charlotte ein, sich zu seiner Linken zu setzen. Wie er sich denn überhaupt um die Tischordnung bemühte: den Hauptmann neben Charlotte, den Gesandten neben Frau Schott. Durkley erhielt den unteren Querplatz, Coccumella gegenüber, womit die Kapitänstafel hinreichend besetzt war. Durch mangelnde Sprachkenntnis etwas behindert, durch die vornehmen Damen, die er gleichzeitig bewunderte und scheute, ein wenig in Verlegenheit gebracht, beschränkte der Commendatore seine Höflichkeiten darauf, daß er einschenkte, aufforderte, sogar zum Essen nötigte, wozu sein französischer Wortschatz allenfalls ausreichte, während er zugleich die Stewards in heimatlichem Neapolitanisch abkanzelte, sobald sie ihm nicht flink oder aufmerksam genug bedienten. Dagegen machten der Gesandte und der Hauptmann eifrig von ihrem gewandteren Französisch Gebrauch, um sich mit ihren Nachbarinnen zu unterhalten. Thomas Durkley schwieg wieder einmal. »Schade, schade, Madame«, meinte mit süßem Lächeln der Türke, »daß Sie nicht nach Stambul kommen. Oder gar nach Angora! Sie machen sich keine Vorstellung, wie prachtvoll unsere neue Hauptstadt ist. Erstklassiges Hotel, Madame. Täglich Tanz. Scharmante Gesellschaft. Wenn ich Sie mir als die Königin unserer hauptstädtischen Sozietät vorstellen dürfte!« »Sie sehen aus wie eine Italienerin, gnädiges Fräulein«, erklärte Giorgini. »Wie eine Florentinerin vielleicht. Oder wie eine Römerin? Ich wüßte mich nicht zu entscheiden. Denn Sie müssen wissen, Mademoiselle, daß es in Florenz und in Rom die schönsten Frauen Italiens gibt.« »Aussi à Napoli«, warf der Kapitän ein. »Très belles. Vraiement très belles.« »Aber nicht vom zarten Typ des gnädigen Fräuleins«, erwiderte Giorgini. In diesem Ton ging die Unterhaltung fort. Um die Zeit totzuschlagen, wurden, wie immer auf Schiffen, viel zu viele Gänge aufgetischt. Als man beim Kaffee saß, sah sich Maja bereits Josephine Beauharnais, Charlotte den Engeln Botticellis verglichen. Commendatore Coccumella verzichtete mit Rücksicht auf die Damen sogar auf die gewohnte schwarze Zigarre und schob sich, nachdem er ringsherum angeboten hatte, eine Zigarette zwischen die etwas negerhaften Lippen ; außerdem ließ er vom Steward Konfekt herbeiholen, das er in seinem Wäschespind aufzuheben pflegte. Die Herren hatten sich ausgezeichnet unterhalten, gut gegessen, reichlich getrunken, ihre besten Komplimente hervorgeholt. Bis auf Durkley, der schweigsam und nüchtern blieb. Auch Maja und Charlotte fanden, daß es allerhand zu lachen, zu beobachten, zu hören gegeben, doch als die Liköre serviert wurden, zogen sie sich zurück. Frau Schott war nicht müde und suchte in Lenchens Begleitung das Sonnendeck auf und ließ sich dort in einem Lehnstuhl nieder. Charlotte mußte sich auf Bitten ihrer Mutter in die Kabine begeben, um den versäumten Schlaf nachzuholen. Doch an Einschlafen war für Charlotte nicht zu denken. Denn alle ihre Gedanken waren bei Thomas Durkley und bei seinem Tagebuch. Ist's nicht im Grunde besser, dachte Charlotte, daß ich's gelesen habe? Ist's nicht besser, daß ich Bescheid weiß? Mama ahnt nie etwas. Wenn nun auch ich nichts ahnte? Wäre die Lage nicht viel, viel schwieriger, verwickelter, gefährlicher? Sie wurde in ihren Gedanken durch das Schlagen einer benachbarten Tür unterbrochen: Thomas Durkley hatte seine Kabine geöffnet. Charlotte kannte dies Geräusch bereits so genau, daß sie es mit keinem anderen an Bord verwechselt hätte. Durkley blieb etwa eine Viertelstunde. Und gleich – mit einer Klarheit, über die sie selbst staunte – wußte sie, daß er diese Zeit dazu benutzte, seine Tagebuchaufzeichnungen zu machen. Als der Engländer die Kabinentür wieder hinter sich geschlossen, erhob sie sich vorsichtig und ging hinüber – ruhig wie heute früh, ohne jede Scheu; ja noch ruhiger: mit der Sicherheit eines Menschen, der zum zweitenmal eine schon begangene Sünde begeht. Ruhig öffnete sie die fremde Tür, griff rasch in die obere Koje, schlug das Heft auf. Dort, in Thomas Durkleys Tagebuch, las sie die folgende neue Eintragung: »Donnerstag, nach Tisch. Nun hab' ich sie wiedergesehn. Ich fühlte, daß sie kam, aber ich wagte nicht, es zu wissen. Ich hörte ihre Schritte, ihre Stimme, fast ihren Atem, ehe sie mich grüßte. Daß sie mich ansah und wie sie mich ansah, wie sie zu mir sprach – lebhaft, warm, herzlich, aber doch fern –, was weiß ich jetzt noch davon, wie's war. Nur an ein Wort erinnere ich mich, das mich schmerzte und das mich immer, immer wieder schmerzen wird, solange ich lebe: Wir . Wir freuen uns . . . Wir wollen . . . Wir hoffen . . . Warum nicht: ich? Warum in aller Welt nicht: ich?! Es ist, als ob Charlotte alles wüßte. Sie war erst still und sah mich mit ihren klugen Augen forschend an. Dann warf sie eine Frage ein – eine sehr einfache und etwas banale Frage –, auf die ich antworten konnte. Ich bin ihr sehr dankbar dafür. Was hätte ich Maja schließlich antworten können? Man kann nur einem Menschen Antwort geben, der eine Frage stellt. Hat Maja diese Frage, diese große, einzige Frage, auf die es mir ankommt, je gestellt: wie sieht es in deinem armen Herzen aus, Thomas Durkley? Aber das ist nun einmal so, daß ich mir diese Frage immer allein beantworten muß. Früher, als ich Verse schrieb, da ging's leichter: da kam die Antwort manchmal auf Reimen zurück. Jetzt in Prosa ist's hart, wenn ich mich selbst höflich nach meines Herzens Wohlbefinden erkundige und erwidern muß: schlecht, verteufelt schlecht! Wie ich mich manchmal nach dieser Frage von ihr gesehnt habe! Und dabei weiß ich doch so genau, daß es nicht aufs Fragen, sondern aufs Sagen ankommt Schon vor Jahr und Tag ist das so gewesen. Ich erinnere mich immer an einen Winterabend in Berlin. Wir besuchten zusammen die Oper. Allein. (Der Herr Direktor hatte einen ›Bierabend‹, wie das in Deutschland heißt.) Es regnete leise, der Asphalt war spiegelglatt und schwarz. In wenigen Minuten fuhren wir von der Wohnung in der Tiergartenstraße bis zur Lindenoper. So ist's, dachte ich. So schnell geht's dann auch wieder nach Hause zurück. Und inzwischen ›Bohême‹, Mimi und andere Bekannte. Aber als wir aus dem Theater kamen, hatte sich die Stadt wunderbar gewandelt und war weiß geworden. Schneeigweiß. Ein ganz frischer Teppich lag auf den Stufen der Oper und auf den Trottoirs. Er war kaum von Menschen berührt. Und immer weiter fielen tausend zarte Flocken. Maja war entzückt. Sie schickte den Chauffeur nach Hause und bat mich, sie zu Fuß in die Tiergartenstraße zu begleiten. Wir gingen den Mittelweg der Linden entlang, zwischen den schwarzen Rutenbäumen. Kaum Menschen: sie zogen die seitlichen Fußsteige vor. Ich sehe noch Majas schwarzen Pelz, der über meinem Arm lag. Ich sehe noch, wie die Flocken darauf niederfielen und zergingen und zu kleinen Glitzertropfen wurden, in denen sich das Licht der Laterne kugelte. Aber ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe. Hab' ich überhaupt etwas gesagt? Wahrscheinlich wieder einmal nicht. Aber gedacht, gedacht . . . Gedacht: daß ich's nun sagen müßte. Ich erinnere mich noch, daß ich mir bis zur Friedrichstraße Zeit gab. Wenn wir erst einmal durch den Trubel dort hindurch sind, in dem stillen Stück zwischen Friedrich- und Wilhelmstraße . . . dann, dachte ich. Aber ich hatte nicht den Mut. Ich nahm's mir nun um so ernster vor: am Pariser Platz, in dem Winkel neben der Akademie. Jedenfalls vor dem Brandenburger Tor. Umsonst. Auch das Dunkel des Tiergartens gab mir keine Stärke. Wir gingen dann noch in ein Hotel in der Bellevuestraße, trafen in der Bar allerhand Menschen, die Maja kannte oder die ich kannte. Ich erinnere mich noch, daß Cecil Cardan da war. Ich hatte die ganze Zeit neben Maja gedacht – nicht gesprochen –, und seit zehn Minuten wiederholte ich mir den Satz: ›Im Tiergarten, Thomas. Ja, im Tiergarten‹. Cecil sprach mich an: ›Wie geht's, Thomas?‹ ›Im Tiergarten, Thomas‹, antwortete ich. Es kam wahrscheinlich daher, daß er englisch fragte, und daß ich englisch dachte, und daß ich ihm nun in der Sprache meiner Gedanken antworten konnte. – Cecil lachte mich aus. Eine Stunde später gingen wir heim. Und an der Pforte ihres Hauses sagte Maja: ›Nun haben Sie wieder einen ganzen Abend geschwiegen, Herr Durkley. Ich weiß nicht, ob das zu Ihrer Diplomatie gehört oder ob das nur eine Gewohnheit ist. Mich stört sie jedenfalls nicht, und ich fand, wie immer, daß es ein reizender Abend war.‹ Und dann ging ich den ganzen Weg, den wir zusammen gegangen, zurück. Und an jeder Ecke fragte ich mich selbst: Warum hast du's hier, gerade hier eigentlich nicht gesagt? Weil ich's ihr nie und niemals sagen werde! Nicht nur aus Mutlosigkeit. Ich weiß, daß sie's mir vergeben würde; daß sie mir mit guten Worten antworten und wahrscheinlich sagen würde: Denken Sie nicht mehr daran. Kommen Sie morgen wieder. Wir freuen uns immer sehr. Und warum sag ich's dann eigentlich nicht? Wahrscheinlich, weil ich mir nicht vergeben lassen kann. Was vergeben ist, das wäre ein harmloses, zugelassenes Gefühl: sozusagen eine bewilligte Liebe. Und ehrlich gesagt, da ist mir eine unglückliche doch lieber! Auch wenn ich so darunter leide wie in diesen Stunden. Ein Zufall – ein Glückszufall –, wie es nicht so leicht einen zweiten gibt! Jeder Liebende – außer mir – würde ihn für ein gutes Zeichen halten. Zeit, Ruhe, Nähe, Schönheit. Der Herr Direktor irgendwo. Und doch . . . Ich denk' es ja immer, jede Minute, jede Sekunde: diesmal! Diesmal wirst du es sagen! Und während ich diese Zeilen niederschreibe, denk' ich es wieder: diesmal! Bestimmt! Bevor wir in Brindisi sind. (In zwei oder drei Stunden sind wir dort.) Bevor wir nach Korfu kommen. (Morgen früh.) Aber ich sehe schon, daß ich nicht mehr wie damals in Berlin in Straßenecken, sondern in Seehäfen, also auch in Seemeilen rechne, und daß ich verteufelt weit von diesem Hafen der Gesprächigkeit entfernt bin. Das einzige, worum ich noch bitten kann, das ist, daß diese Reise kurz und leicht sei. Aber vor Sonnabendmorgen sind wir nun einmal nicht in Athen. Und was wird dann? Vielleicht schreib ich zu Füßen des Hymettos doch wieder Verse. Auch wenn sie nichts taugen. Ich könnte sie immerhin Charlotte zeigen, die sich dafür interessiert. Sie würden ihr vielleicht sogar gefallen. Ich brauch ja nur den Namen Maja fortzulassen. Und dann denkt Charlotte vielleicht, die Gedichte seien für sie. Schöne Verwechslungsgeschichte, hochpoetische Verwechslungsgedichte! Aber was wären für mich Gedichte, in denen der Name Maja nicht vorkommt? Und was wären für sie Liebesgedichte, die kein rechter, ehrlicher und anständiger Liebhaber geschrieben hat? Sie würde einen verdienen, der etwas taugt: keine Gedichte schreibt, lieber an der Berliner Botschaft als an der Gesandtschaft in Chile dient, das heißt also, weiterkommen will, sprechen kann, wann und wo er mag, und das Leben nicht in lauter Straßenecken und Seemeilen der Zukunft einteilt wie ich. Ja, wie ich, Thomas Durkley.« Nachdem Charlotte diese Zeilen gelesen hatte, kehrte sie an Deck zurück. Aber sie vermied es, die Teile des Schiffes zu betreten, wo sie ihre Mutter und Thomas Durkley vermuten konnte. An Vorderbord, zwischen gerollten Tauen, grauen Anker- und Hebebaumwinden, gehäuften Ketten, Tuchballen, Segelzeug und kleinen Fischernetzen fand sie eine weiße saubere Tannenholzkiste, auf der sie sich niederließ. Sie war bisher während der Reise der See noch nie so nah gewesen: die Decks der ersten Klasse schwebten so hoch über dem Meer, daß man's von dort wie aus Möwenschau betrachten mußte. Hier, an Vorderbord, unter dem Arbeitszeug und den Matrosen, spürte man seine Nässe, seinen Geruch, seine Bewegung. Charlotte hörte und fühlte, wie der »Quirinale« seinen breiten schwarzen Schnabel rauschend in die regelmäßigen Wellen tauchte, die ein leichter Westwind Band um Band herantrug. Es war ein harter Schnitt, mit denen der Schnabel die Wellen zeichnete. Und alsogleich folgten sie seinem Gesetz, zerteilten sich in der Richtung seiner Fahrt, umschwangen ihn, pfeilförmig gerundet, wie Riesenblätter einer Wasserpflanze und blühten im Schaum, der sich als leuchtender Kranz um den Schatten des Schiffes legte. Wirklich, es war, als ob der Dampfer Blumen streuend durch das Frühlingswetter führe: Blumen der Meerwiese, Blumen, die der Wind zerpflückte, an denen die Sonne sog, die auf kobaltenem Boden emporschössen. Aber sie verblühten rascher als Mohn in den Wellentälern, aus denen sie emporgeschossen waren. Charlotte hörte, wie das Wasser an der Bordwand herunterrann. Sie atmete den Atem der See. Sie sah hinaus in die glitzernde Unendlichkeit, die sich den Horizonten zu rundete. Ja, das war Reisen! Sie träumte noch einmal alle ihre Schiffsträume und die Seligkeit des Seedaseins; sie lebte noch einmal in all den tausend Vorstellungen und Bildern, mit denen das Meerwesen sie erfüllte. Er konnte keine schönere Reise geben als diese! Oder vielleicht doch? Eine Fahrt über den Ozean, zu den Inseln im Westen? Thomas Durkley war, als es im Tiergarten Frühling wurde, auf diese weiten Meere geflohn. Vielleicht hatte auch er gedacht: Reisen, Schiffe und See! Aber es hatte ihm keinen Trost bringen können. Und er war vom großen auf das kleinere Meer zurückgekehrt. Vielleicht hatte er nun von dieser Fahrt schöneres erhofft. Und Ruhe. Umsonst, armer Thomas Durkley. Er hätte wochenlang hin und her gehen können zwischen Lindenoper und dem Brandenburger Tor. Er hätte immer wieder warten können an jeder Straßenecke, an jedem stillen Winkel und denken: jetzt! Nun schlug er sich von Hafen zu Hafen, von Schiff zu Schiff, von Meer zu Meer mit dem gleichen Gedanken herum: jetzt! Gut nur, dachte Charlotte, daß er so schön Tagebuch schreiben konnte. Und wahrscheinlich auch Gedichte. Ob das alle Männer tun, wenn's ihnen geht, wie's Thomas Durkley seit Jahren ging? Gewiß nicht. Sie wußte: die wenigsten, die allerwenigsten. Die andern schrieben nicht. Die sprachen und sagten, was sie wollten, jederzeit und im richtigen Augenblick. Die waren nicht schüchtern. Aber sie liebten auch nicht, wie Thomas Durkley liebte. Schade, dachte Charlotte, schade, daß das so eine übertriebene, unsinnige Liebe ist! Aber dann fiel ihr ein, daß sie da eigentlich etwas Dummes dachte, und sie fand plötzlich, daß Thomas Durkley sich zusammennehmen müsse und Schluß machen mit seinen allzu vielen Gefühlen. In diesen Gedanken wurde sie von einem Lachen unterbrochen, das hell und sogar ein wenig schrill zu ihr herüberhallte: Lenchens Lachen. Sie sah sich um. Aber sie konnte nirgends einen Menschen bemerken, wollte schon aufstehn, um nachzuforschen, wo in aller Welt die Zofe zu finden sei, als sie Teile eines Gesprächs auffing, das sie sofort neugierig werden ließ. Sie verhielt sich also ruhig. Merkwürdig, dachte Charlotte, sind Schiffe wirklich zum Spionieren und Lauschen bestimmt? Oder bin's nur ich, die andrer Leute Tagebücher und andrer Leute Gespräche so neugierig machen? Schon kamen Charlotte Gewissensbisse, aber was Lenchen – die offenbar hinter irgendeiner Tonne saß – zu sagen hatte, machte ihr doch zu viel Spaß, als daß sie hätte darauf verzichten können. »Also das soll wirklich nicht wahr sein, Herr Zapf! Nein, ich kann mir's doch gar nicht vorstellen, daß mich unser gnädiges Fräulein so angeschwindelt hat! Vielleicht sind Sie nur nicht in den Gegenden gewesen, wo's diese Sorte von Löwen gibt.« »Sie meinen geflügelte?« fragte Herr Zapf ernst »Ausgeschlossen! Vollkommen ausgeschlossen!« »Es wäre doch möglich«, antwortete Lenchen, »daß die Löwen sozusagen doch da sind. Wissenschaftlich, mein' ich. Sie müssen nämlich wissen, Herr Zapf, daß unser Fräulein sehr wissenschaftlich ist. Sie will jetzt sogar die Universität beziehen.« »Und was gedenkt sie denn zu studieren?« erkundigte sich der Wiener. »Zoologie vielleicht?« »Ja, so genau weiß ich das nicht«, meinte Lenchen schüchtern. »Jedenfalls etwas Ähnliches. Ich glaube, es hat mit Altertümern zu tun. Auch ihr Herr Vater, der Herr Direktor – –« »Direktor wovon?« fragte Zapf interessiert. »Bankdirektor«, antwortete Lenchen. »Großbankdirektor. Also auch der Herr Vater sammelt Altertümer. Wenn Sie wüßten, was wir im Haus für eine Plage damit haben! Überall steht das Zeug herum. Vasen. Meist mit nackten Figuren. Und wir dürfen's nicht einmal abstauben. Das macht Fräulein Charlotte nämlich selbst. Sie können sich denken, wie! Aber die Dinger sind so wertvoll, daß man's Zittern kriegt, wenn man sie nur ansieht.« »Antike Vasen?« fragte Herr Zapf. »Da studiert das Fräulein wohl Archäologie?« »Richtig, richtig!« sagte Lenchen begeistert. »Eben das. Genau das. Nun glaub ich ja gern, daß das ein sehr interessantes Studieren ist. Das gnädige Fräulein macht nämlich für ihr Leben gern Reisen. Und wie Sie sehn, mit Reisen fängt's an. Ich für meinen Teil mach mir aus Reisen gar nichts. Eingepackt. Ausgepackt. Gräßliche Hotelleute und heiße Eisenbahnzüge. Aber das Fräulein! Sogar diese Reise hier in den engen Löchern von Kabinen und die ewige Schaukelei auf dem Wasser findet sie schön. Und auch meine Gnädige tut mit, wenn's auch für ihre Gesundheit eigentlich gar nicht das Richtige ist. Nur wegen der Charlotte ihrer Archäologie! Nun müssen Sie aber wissen, daß unser Fräulein das Studieren gar nicht nötig hat. Unser Herr ist ein sehr reicher Mann. Er hat jetzt sogar zwei Autos. Und unsere Villa in der Tiergartenstraße sollten Sie sehn! Da gibt's ein Treibhaus mit Gewächsen, die fast so teuer und fast so heikel wie die Vasen sind. Und sonst, Herr Zapf, glauben Sie vielleicht, daß einer, der eine Bank dirigiert, nicht auch sein Eigenes gut zu dirigieren weiß? Also jedenfalls braucht unsre Charlotte keine Sorgen zu haben. Sie ist die einzige Tochter von Schotts, und wenn die mal heiratet, dann bekommt sie zu ihrem Mann noch ein Haus und Altertümer und ein Auto und was weiß ich dazu. Und viele Bankkontos! Und dann? Dann ist das Gestudiere umsonst gewesen. Und dann wird wahrscheinlich wieder Tennis gespielt wie früher oder Golf oder so was.« »Ja, aber sagen Sie mir nur mal, Fräulein Lenchen«, fragte nun Herr Zapf, »wie ist denn Ihr Fräulein eigentlich auf die Idee gekommen, Archäologie zu studieren?« Lenchen erzählte nun von Herrn Hammer, und daß der frühere Lehrer Charlottens die Schotts in Griechenland erwarte. »Wissen Sie«, meinte Herr Zapf, »daß mich das sehr interessiert? Ich bin nämlich auch eine Art von Archäologe. Ich studiere zwar weniger, denn von Büchern hab' ich niemals viel gehalten. Ich bin sozusagen ein Mann der Praxis. Ich handle nämlich mit Altertümern, Fräulein Lenchen. Und sehn Sie, dazu komme ich immer in den Orient. Auch diesmal. Mir ist da nämlich vor ein paar Monaten ein ganz ausgezeichneter Kauf gelungen. Also was ganz Besonderes. Und billig, sag ich Ihnen! Geradezu spottbillig. Eine Göttin mit Fackel –« »Mit Fackel?« fragte Lenchen erstaunt. »Ja, mit Fackel, Fräulein Lenchen. Zufall natürlich. Oder, wenn Sie wollen, feine Nase. Sie machen sich nämlich gar keine Vorstellung, was für eine feine Nase dazu gehört, um solche Gelegenheiten zu finden. Hör ich da von einem Dorf, wo's Altertümer geben soll. Kein Mensch will natürlich sagen, wo das Dorf liegt. Ich aber, nicht faul, mach mich auf und suche selbst. Na, ein paar Tage hab' ich natürlich umsonst gesucht Aber eines Abends komm ich in ein Dorf, kehr in einem Hotel ein und bestell mir mein Diner. Und während ich so dasitze und mir servieren lasse, seh ich an einem Tisch eine Gruppe griechischer Herren, die über einer Zeichnung sitzen und sie furchtbar genau angucken und leise miteinander tuscheln. Halt, denk ich, was haben die? So von ungefähr steh ich auf und geh vorbei und seh mir die Zeichnung an. Was war's? Was war's, Fräulein Lenchen? Die Göttin mit der Fackel natürlich. Na, Sie können sich denken, wie ich mich gefreut habe. Da war's ja nun leicht, herauszukriegen, wem sie gehörte. Und so hab' ich sie gekauft. Der Kerl verstand gar nichts. Der dachte – was weiß ich, was der dachte. Und so hat er sie mir spottbillig gegeben. Für ein Butterbrot, wie man sagt. Ich versichere Ihnen, Fräulein, eine erstklassige Gelegenheit. Unter Kennern – eine Stange Gold. Ich war jetzt mit der Göttin in Deutschland, hab' sie dort erstklassigen sachverständigen Professoren gezeigt. Eine Million, sagt der eine. Zwei der andere. Zweieinhalb der dritte.« »Wirklich?« sagte Lenchen sehr erstaunt. »So wahr ich hier auf einem Schiffstau sitze«, antwortete Herr Zapf. »Natürlich will ich nicht wuchern. Ich hab' das Ding billig gekauft, und ich will's auch billig abgeben. Selbstverständlich mit einem kleinen, ehrlichen Verdienst – –« »Das ist aber sehr schenerös von Ihnen, Herr Zapf«, meinte Lenchen. »Geschäftsprinzip. Einfach gesundes Geschäftsprinzip«, erklärte Zapf. »Kleiner Verdienst, großer Umsatz, sagt Henry Ford. Solche Gelegenheiten wie diese gibt's natürlich nicht alle Tage. Das versteht sich. Ich fahr jetzt nach Athen zurück. Dort ist der Markt gut. Zuverlässige Käufer immer am Platz. Sie können sich denken, daß in ein paar Tagen das Ding aus der Bude 'raus ist. Die Leute werden sich darum reißen –« »Gewiß, Herr Zapf«, sagte Lenchen. »Wollen Sie sie mal sehn, die Göttin?« fragte Zapf. »Dann kommen Sie mit in den Laderaum. Ich bin gern bereit, den Kistendeckel für Sie ein wenig abzuschrauben.« Lenchen wollte. Sie verließen ihren Platz hinter der Tonne und gingen wieder dem Mittelschiff zu. Bald darauf stand auch Charlotte auf, um nach ihrer Mutter zu sehen. Als sie an die andere Seite des Schiffes kam, bemerkte sie, daß sich der »Quirinale« inzwischen der apulischen Küste genähert hatte: ein goldgelber Felsenstreifen stand über der See. Man erkannte auf seinem Rand weiße Städte. Die Sonne stand nun schon tiefer, das Meer war dunkler geworden. Der Wind hatte sich ganz gelegt, und die Wellen kamen als runde, weitgeschwungene Dünungen heran. Kleine Schaumeilande, silbrige Luftblasengerinnsel schwankten wie Wasserlilieninseln herbei. Still wanderten wieder braune Medusen dicht unter dem Wasserspiegel, und ein blinkender Fischkeil zog ruhig seinen unsichtbaren Weg. Als Charlotte auf das Sonnendeck hinauf kam, fand sie ihre Mutter und Durkley, wie sie, ans Geländer gelehnt, die Küste betrachteten. Sie hatten sie nicht bemerkt. Unwillkürlich blieb Charlotte stehn. Wartete. Muß ich wieder lauschen? dachte sie plötzlich. Sie erschrak. Nein, sie wollte nicht lauschen. Sie durfte nicht lauschen! Wenn gerade jetzt der Engländer den Mut gefunden und gesagt hatte, was er seit Jahr und Tag sagen wollte? Wenn er nun wirklich den Punkt ›Brindisi‹ eingehalten hätte? Charlotte bemerkte bald, daß die beiden schwiegen. Aber was bedeutete das Schweigen? Hatte Durkley vielleicht gerade gesprochen und wußte Mama – die arme, liebe Mama – nun nicht, was sie antworten sollte? Oder bereitete sich Durkley nur vor? Das alles ging Charlotte rasend schnell durch den Kopf. Denn schon wenige Augenblicke später trat sie vor, grüßte mit dem Kopf, fragte etwas verlegen und bloß, um etwas zu sagen: »Nicht wahr, die Küste?« »Die Küste«, antwortete Maja, wie immer ein wenig zerstreut. Und Charlotte erschrak von neuem. Sie kannte diese Zerstreutheit. Aber ihre Gedanken waren so voll von dem, was Herr Durkley sagen wollte oder hätte sagen können oder gesagt hätte, daß ihr diese Zerstreutheit auffiel. Woran dachte ihre Mutter? »Hast du dich nun endlich einmal gründlich ausgeschlafen?« fragte Maja plötzlich und sah ihre Tochter liebevoll und ein wenig besorgt an. An dieser Frage erkannte Charlotte sofort, daß nichts Besonderes geschehen war. So fragte Mama immer. Genau so. »Ich bin wieder ganz frisch«, antwortete Charlotte heiter. »Und freue mich auf unsern ersten Hafen. Ob das nicht schon der Leuchtturm ist? Sicher! In einer Stunde sind wir da. – – Und was habt ihr hier oben getan?« »Ich hab' ein wenig gelesen, und Herr Durkley – nun ja, Herr Durkley hat ein wenig geschwiegen.« »Ich wollte Sie nicht stören«, warf Durkley schüchtern ein. »Jedenfalls war es ein sehr gemütlicher Nachmittag«, sagte Maja. »Wir sind zusammengesessen wie früher in Berlin. Da sprachen wir auch nicht viel. Aber nett war es doch. Erinnern Sie sich noch, lieber Durkley, als wir eines Abends durch den Schnee nach Hause wandelten? Ich glaube, wir kamen aus der Oper. Das war ein großes Schweigen! Aber ich weiß es noch sehr genau. Und Sie?« Durkley nickte. Charlotte fühlte, daß es hinter ihren Ohren anfing heiß zu werden und wandte sich der Aussicht zu. »Ich denke«, sagte Maja, »daß wir den schönen stillen Nachmittag auf dem Adriatischen Meer ebensowenig vergessen werden wie den Neuschnee Unter den Linden.« Nichts also, dachte Charlotte. Auch Brindisi war kein Hafen in Thomas Durkleys Leben geworden. Sie fühlte sich sehr viel leichter bei diesem Gedanken, begann ihre Lebhaftigkeit wiederzufinden und erzählte, was sie von den Gesprächen Lenchens mit Herrn Zapf erlauscht hatte. »Und wenn du mich fragst, Mama«, sagte sie, »so möcht ich wetten, daß diese Göttin mit der Fackel gewiß besser daran tut, ihr Licht nicht anzuzünden. Sie könnte sonst entdecken, daß Herr Emil Zapf ein finsterer Geselle und sie selbst eine finstere Existenz ist. Aber ich bin dafür, daß wir Lenchen nichts sagen. Es geht schon deswegen nicht, weil sie sich wohl sehr wundern würde, wenn sie hörte, daß ich ihre Gespräche belausche. Und dann möchte ich wissen, wie diese Sache weitergeht und was Herr Zapf noch mit uns vorhat.« Auch Maja wollte es wissen. Sie beschlossen also, mit Lenchen nicht über die Göttin zu reden. »Und doch wäre die Vorstellung schön!« sagte nun mit einmal Durkley. »Eine Göttin, die mit uns übers Meer fährt, die uns leuchtet auf unserer Reise nach Hellas!« »In der Kiste des Herrn Zapf«, sagte Charlotte lachend. Wieder hatte sich der »Quirinale« ein weiteres Stück dem Ufer genähert. Schon ließen sich über den goldgelben Felsen weiße Kuppeln und Kirchtürme unterscheiden. Als silbriger Schatten lag das Laub der großen apulischen Ölwälder über dem Horizont. Der Leuchtturm von Brindisi überragte die braunen Forts, die seine Hafeneinfahrt schützen. Hinter ihm mauerte sich die dichtgeballte Stadt empor. Und wieder, wie an der Riva degli Schiavoni, ließ der Dampfer seinen starken, metallischen Ruf vernehmen. Aber das flache Land gab kein Echo wie Venedigs Paläste: klar und weit verhallte die Sirene über dem Meer. Sie bogen jetzt in die Hafeneinfahrt ein. Überall auf dem Schiff züngelten nun die Flaggen empor: die Trikolore im Heck, die gelbe Sanitätsfahne über dem Vordermast. Und schon grüßte vom flachen Kai, an dem dichtgedrängt eine wartende Menge stand, eine andere Fahne, die Fahne der Schiffahrtsgesellschaft: dunkelblau mit zwei goldenen Schlüsseln. Unsere Fahne, wie Charlotte sagte. Ihr dampfte der »Quirinale« langsam entgegen. Ruhig – ein riesiges Wesen, das sich schlafen legen will – wendete das Schiff sich dem Ufer zu. Weit und vorsichtig zog es seinen Kreis. Noch hörte man nicht die Stimme der Menschen am Ufer. Und an Bord war es still: die vorsichtigen und klugen Bewegungen ihres Schiffes ließen die Passagiere den Atem anhalten und beschäftigten die Besatzung. Bis ein schriller Signalpfiff über Deck hallte und wenige Augenblicke später, rollend und rasselnd, der Anker die blauen Wasser des Hafens aufschäumen ließ. Das Schweigen war gebrochen. Im nächsten Augenblick kam wieder Leben an Bord. Eine Pinasse eilte vom Lande herüber; sie brachte die Polizei, den Arzt, den Hafenkommandanten. Dazu einen Postboten mit feuerroter Tasche. Er eilte, rufend und winkend, die Treppen herauf: »Signora Schott! Signora Schott!« Charlotte ging ihm entgegen. Ein Telegramm. Als Frau Maja es öffnete, las sie mit Staunen: »Erwarte Sie schon Korfu, Hammer.« »Nun?« fragte Charlotte und lachte. »Hab' ich recht mit dem, was ich über Hammer sage?« »Ach laß doch den Unsinn, Kind!« antwortete Maja ein wenig ärgerlich. »Da ist ein Herr«, so wandte sich Charlotte an Thomas Durkley, »mein früherer Lehrer, der wollte uns in Athen erwarten. Dann schrieb er uns, daß er uns bis Patras entgegenreist. Nun depeschiert er, daß er morgen schon in Korfu an Bord kommen will. Und Mama findet, daß der Herr gar keine Eile hat. Was meinen Sie, Herr Durkley?« »Ich müßte den Herrn kennen«, erwiderte der Engländer, »um zu wissen, welche Geschwindigkeit seinem Temperament angemessen ist.« IV Maja und Charlotte waren in Thomas Durkleys Begleitung einige Stunden an Land gewesen. Zum Abendessen kehrten sie wieder an Bord zurück. Im Speisesaal fanden sie eine Reihe neuer Passagiere, die auf dem Landweg Brindisi erreicht hatten und nun mit dem »Quirinale« nach dem Nahen Osten weiterreisten. Sie hielten mehrere Tische besetzt. Doch der Kapitän saß bereits an seinem Platz. Seine Tafel war heute abend prächtig mit Blumen geschmückt: ein Strauß roter und ein Strauß hellgelber Rosen überbuschten die Gedecke. Der Commendatore erhob sich, begleitete die Damen an ihre Sessel und sagte zu Maja: »Wie Sie sehen, Madame, haben wir Zuzug erhalten. Ich habe aber dafür gesorgt, daß unsere kleine Gesellschaft zusammenbleibt, wie sie heut mittag war.« Charlotte war entzückt darüber, daß sie auf dem »Quirinale«, dessen Kapitän sie so freundlich zu bevorzugen wußte, bereits eine bessere Stellung genossen: sie fühlte sich dadurch noch enger mit ihrem Schiff verbunden. »Und was Sie uns für schöne Blumen hingestellt haben, Commendatore!« sagte Maja, indem sie sich über die Rosen neigte. »Ganz prachtvoll!« Esposito Coccumella setzte ein listiges Lächeln auf. Seine Augen versanken in den Gewölben der rundlichen Backen und im Gebüsch seiner Brauen und wurden winzig klein. Dabei wackelte er ein klein wenig mit dem ganzen Kopf und drehte tänzelnd die Schultern, entschuldigend, abweisend und doch voll Versprechungen. »Nicht von mir, Madame!« sagte er. »Nicht von mir, Mademoiselle. Leider auch nicht aus den Gärten der Schiffahrtsgesellschaft oder aus den Treibhäusern des ›Quirinale‹.« Währenddessen hatten, kurz hintereinander, Tschefik Bey und der Hauptmann Giorgini den Saal betreten. Sie begrüßten die Damen und den Kapitän und nahmen ihre Plätze ein. »Sie tun sehr geheimnisvoll, Herr Kapitän«, sagte Charlotte zu Esposito Coccumella. »Aber ich fürchte, daß ein Schiff zu klein ist, um Geheimnisse bewahren zu können, und daß es doch noch herauskommen wird, wer die wundervollen Blumen hier auf den Tisch gestellt hat.« Bei diesen Worten verneigten sich der Gesandte und der Hauptmann ein wenig vor ihren Nachbarinnen, lächelten leise und bedeutungsvoll, und Tschefik Bey küßte Maja die Hand. Coccumellas Gesicht strahlte: er glaubte zu fühlen, daß die große Welt im Speisesaal seines Fünftausend-Tonnen-Dampfers ihre Art und ihren Glanz entfalte. Jetzt betrat auch Thomas Durkley den Saal und kam auf den Kapitänstisch zu. Die anderen Herren grüßten höflich, aber kurz; Coccumella forderte ihn mit einer sachlichen Handbewegung auf, Platz zu nehmen. Es war klar, daß er an diesem Tisch nur geduldet wurde. Denn mit ihren Rosen glaubten sich Tschefik und Giorgini ein unveräußerliches Recht auf ihre Nachbarinnen erworben zu haben. Sie redeten emsig auf sie ein, so daß Thomas Durkley gar nicht zu Worte kam – wenn er schon hätte zu Worte kommen wollen – und daß Esposito Coccumella die Zeit dazu fand, in Ruhe das wie immer überreichliche Menü zu verzehren. Denn er aß in der Angst, daß während des Abendessens die Abfahrtsstunde herankommen könne, spornte die Stewards zu immer größerer Eile an. Aber es nützte ihm nichts: zwischen dem Eis und dem Käse mußte er auf die Kommandobrücke eilen, das Freimachen des Dampfers vom Uferkai überwachen. Er kehrte erst zurück, als bereits der Kaffee und die Liköre gereicht wurden. Kurz darauf erhoben sich die Damen: sie wollten auf Majas Rat heute schon frühzeitig die Kabine aufsuchen, um morgen bei Tagesanbruch die Einfahrt in die griechischen Gewässer zu sehn. Der Türke und Giorgini versäumten nicht, einige Rosen aus den Vasen herauszunehmen und sie ihnen mitzugeben. Bald darauf zog sich auch Tschefik Bey zurück. Thomas Durkley ging mit einem Buch, das er aus einer Tasche hervorkramte, in einen Winkel des Saals, der inzwischen leer geworden war. Nur die beiden Italiener blieben bei einem Gläschen Kognak an der Kapitänstafel sitzen. Sie sprachen nun in ihrer Muttersprache miteinander. Beide ein wenig Dialekt, doch so, daß sie sich gut miteinander verständigen konnten. Giorgini war Triestiner: sein Tonfall hatte die venezianische Melodie. Und auch im Neapolitanischen Coccumellas war ein singender Ton. So klang ihr Gespräch wundervoll musikalisch zu Durkley herüber, warm und fast lyrisch. Was es allerdings dem Inhalt nach keineswegs war. Die beiden hielten es offenbar für ausgeschlossen, daß Thomas Durkley des Italienischen mächtig sei. Sonst hätten sie kaum so laut und deutlich ausgesprochen, was nicht für seine Ohren bestimmt sein konnte. Aber der Engländer hatte in den ersten Attachéjahren an der Quirinal-Botschaft Dienst getan, die Landessprache gründlich erlernt, wie er denn überhaupt eine besondere Sprachbegabung besaß, die in rechtem Gegensatz zu seiner Sprechunlust stand. So konnte er schweigend alles mitanhören, was sich der Triestiner und der Neapolitaner zu sagen hatten. »Nette Gesellschaft an Bord, was?« sagte Coccumella. »Ich habe schon langweiligere Reisen gemacht. Das vorvorige Mal sogar immer allein gegessen. Aber diesmal! Nicht wahr?« »Ganz reizend«, erwiderte der Hauptmann. Sie wußten ganz genau, wovon sie sprechen wollten. Aber jeder wünschte, daß der andere damit den Anfang mache. Und so unterbrachen sie sich zunächst für einen Augenblick. »War aber auch ein guter Einfall mit den Rosen, Hauptmann«, meinte schließlich der Kapitän. »Natürlich mächtige Wirkung!« »Glauben Sie?« »Aber gewiß. Die Kleine war einfach weg. Ist ja aber auch eine feine Aufmerksamkeit von Ihnen gewesen. Und dann sah man doch gleich, daß das wirklich teure Blumen waren.« »Übrigens in Brindisi gar nicht so leicht auf zutreiben«, erklärte Giorgini. »Und ich glaube, daß der Herr Türke auch seine Mühe damit gehabt hat. Kaum war ich aus der Gärtnerei heraus, da seh ich ihn mir entgegenkommen. Natürlich mit dem gleichen Ziel. Aber glauben Sie vielleicht, daß er mir's gesagt hat?« »Komischer Kerl«, meinte der Kapitän. »Im übrigen ist er vollkommen närrisch mit seiner Deutschen. Vollkommen närrisch, Hauptmann.« »So?« »Er redet den ganzen Tag von nichts anderem.« »So?« »Er hat mir gesagt, daß er sie unbedingt dazu überreden will, nach Konstantinopel zu kommen. Er muß nämlich schon in Korfu seine Reise unterbrechen.« Giorgini zuckte mit den Achseln. »Und das verstehen Sie nicht?« fragte Coccumella mit einem vor Erstaunen geweiteten Gesicht. »Nein«, sagte Giorgini bestimmt. Und wiederum zogen sich die Äugelchen des Kapitäns zu einem listigen Lächeln in ihre Höhlen zurück. »Natürlich«, sagte er. »Wie sollte es auch anders sein? Ja, ja, ja, mein lieber Hauptmann. Zwei auf einmal ist zuviel. Besonders wenn's Mutter und Tochter sind. Ich will ja nicht leugnen, daß die Kleine ganz reizend ist. Und sehr unterhaltend. Aber, aber, aber –« »Nun?« fragte der Hauptmann. »Ich ziehe, um die Wahrheit zu sagen, die Mutter vor.« Hier widersprach der Hauptmann dem Commendatore aufs heftigste. Er brachte vor, was man zum Lob der Jugend vorbringen kann. Und er blieb dabei keineswegs bei der Theorie, eifrig bemüht, wie er war, seine Anschauungen an Charlottens Äußerem zu beweisen und zu belegen. »Es scheint Ihnen nicht besser zu gehn als Tschefik Bey«, warf der Kapitän ein. Natürlich bestritt Giorgini heftig, daß auch er verliebt sei. »Aber«, fügte er hinzu, »so junges Zeug läßt mich nun einmal nicht kalt. Und wenn man auf Reisen ist, da ist man immer ein wenig auf der Suche, nicht wahr, Kapitän? Das wissen die Seeleute. Das wissen wir Soldaten auch.« »Aber wir Seeleute schätzen die Möglichkeiten richtig ein«, antwortete der Kapitän. »So eine Reise ist kurz. Da bleibt nicht viel Zeit, einem Frauenzimmer mit dem gehörigen Umstand den Hof zu machen. Da kommt's darauf an, richtig zu berechnen, was man für Aussichten hat. Und da will ich Ihnen nur sagen, mein lieber Hauptmann – mit der Kleinen sind die Aussichten schlecht. Tadellose Familie, das glauben Sie vielleicht, da wird nicht aufgepaßt? Das kriegt eine sehr anständige Mitgift und ein vorzügliches Benehmen in die Ehe mit. Und dann –« Hier unterbrach sich Coccumella einen Augenblick und sah verstohlen zu Thomas Durkley hinüber, der sofort den Kopf senkte und sich den Anschein gab, aufmerksam zu lesen. Der Commendatore aber fuhr fort: »Und dann, lieber Hauptmann – der da, der Lange. Glauben Sie, daß zwischen dem und der Kleinen alles beim Rechten ist? Ich will natürlich nichts Böses sagen.« »Ausgeschlossen!« warf Giorgini ein. »Der schüchterne Kerl? Der? Vollkommen ausgeschlossen!« »Sagen Sie das nicht«, antwortete der Kapitän. »Wenn man viel herumkommt wie unsereins, da sieht man die seltsamsten Paare. Die lustigsten Mädchen und die langweiligsten Verehrer dazu. Und diese Leisetreter haben auch noch Erfolg! Natürlich Geld dahinter oder sonst was. Was wissen Sie, was der für Konti auf der Bank hat? Und jedenfalls kann ich Ihnen versichern, daß Sie's mit der Kleinen sehr schwer haben werden, Hauptmann! Ich für meinen Teil würde da nichts unternehmen. Aber die Mutter? Die Mutter? Ja, da will ich nichts sagen. Ich frage Sie: warum reist eine so schöne Frau allein? Hat die einen Mann, oder hat die keinen? Und wenn, warum läßt der sie so durch die Welt fahren? Irgendwas muß da doch nicht in Ordnung sein. Nicht wahr? Und wenn Sie mich fragen, so hat der Türke immerhin einige Aussichten, was ich leider, leider von Ihnen nicht glauben kann.« An dieser Stelle wurde die Unterhaltung für Thomas Durkley unerträglich, und er überlegte einen Augenblick, ob er die beiden zur Rede stellen solle. Aber der Skandal, der dadurch entstanden wäre, schien ihm sinnlos. Was konnte Maja ihr Geschwätz schaden? So stand er rasch auf, verließ den Salon, ohne zu grüßen, und ging in seine Kabine. »Patzig ist der Schweiger auch noch«, meinte Giorgini. Dann setzten die Italiener ihr Gespräch fort. Und es war besser, daß Durkley nichts mehr davon hörte. Maja und Charlotte konnten in jener Nacht nicht einschlafen. Die Luke hatte in den Abendstunden offengestanden, die Seeluft hatte sich klebrig auf Möbel und Betten gelegt und nun ließ die Wärme des Schiffes diese Feuchtigkeit allmählich verdunsten. Zum Ersticken war's in den Kabinen. Lange Zeit plauderten Mutter und Tochter: über die Reise und über die Reisegesellschaft, über ihre lächerlichen Tischnachbarn und über den guten Thomas Durkley, der sich so sehr geschämt, weil er ohne Blumen zum Abendessen gekommen. Wieviel Wissenswertes wußte Charlotte nun von ihm! Und immer wieder spürte sie eine brennende Lust, ihrer Mutter von seinem Tagebuch zu erzählen. Immer wieder lenkte sie – manchmal fast gegen ihren Willen – das Gespräch auf den Engländer, versuchte vorsichtig zu erfahren, was Maja von ihm dachte. Aber es bot sich keine Gelegenheit, zu sprechen. Maja redete über Thomas Durkley, herzlich und liebevoll, wie sie über alle Menschen zu reden pflegte. ›Unglaublich naiv‹, dachte Charlotte wieder einmal. Sollte sie diesen Glauben ihrer Mutter stören? Sollte sie's wagen? Und warum? Zunächst einmal hätte ihr ihre Mutter sehr energisch und wahrscheinlich auch sehr böse gesagt, wie ungehörig, wie durchaus unfein es von ihr gewesen sei, Durkleys Kabine auszuspionieren. Und dann? Dann wären wahrscheinlich ihre Beziehungen zu Durkley endgültig getrübt gewesen. Die Reise hätte eine andere Wendung genommen. Maja hätte sich zurückhalten müssen, Durkley hätte es sofort empfunden. Es wäre eine unerträgliche Spannung entstanden. Und in Athen wäre man dann vielleicht für immer auseinander gegangen. Das – vor allem das! – wollte Charlotte vermeiden. Und deswegen schwieg sie über Durkleys Tagebuch, auch in dieser Nacht, in der Mutter und Tochter sich so viel zu erzählen hatten. Erst spät verstummte das Gespräch der beiden ganz, und Maja schlief ein. Aber Charlotte fand noch immer keinen Schlaf. Das leise Zittern der Maschinen, deren heißer Atem die Luft in der Kabine immer unerträglicher machte, bedrückte sie, erregte sie. Sie fühlte eine heftige Sehnsucht nach Frische. Schließlich öffnete sie die Luke. Aber die Nachtkühle, die der Wind hereintrieb, wehte so feucht, daß sie wieder schließen mußte. Draußen glitzerte das Meer vom Licht der Sterne. Endlich stand Charlotte auf, kleidete sich so leise an, daß die Mutter nicht das geringste merkte, und ging in den Gang hinaus. In Durkleys Kabine sah sie Licht. Als sie näher kam, bemerkte sie sogar, daß die Tür fast völlig offenstand. Gut, dachte Charlotte. Der kann auch nicht schlafen. So vertreiben wir uns ein wenig zusammen die Zeit. Und leise rief sie seinen Namen, Keine Antwort. Sie rief nochmals. Schweigen. Sie klopfte. Nichts. So trat sie entschlossen ein. Die Kabine war leer, das Bett unberührt. Auf der oberen Koje lag, aufgeschlagen wie immer, das Tagebuch. Jetzt kann ich's unmöglich lesen, dachte Charlotte. Jetzt, wo er allein auf Deck spaziert und jeden Augenblick zurückkommen kann. Jetzt nicht! Sie eilte hinauf. Schon an der Tür, die zum unteren Promenadendeck führte, sah sie, daß Thomas Durkley ruhig auf und nieder ging. Sehr ruhig sogar. Warum hatte Charlotte eigentlich etwas anderes gedacht, etwas anderes erwartet als das? Aber nun, da sie ihn so unbekümmert sah, kam wieder die Neugier unwiderstehlich über sie. Wenn er kommt, so hör ich ihn auf der Haupttreppe, dachte sie. Der Gang macht einen Winkel, er sieht mich nicht. Kann ich das Tagebuch nicht wieder zurückgelegt haben, ehe er vor mir steht? Und ihm ruhig entgegengehn, als ob ich geradeswegs aus unsrer Kabine käme? Gedacht, getan. Wenige Augenblicke später las Charlotte vor der Tür, die zu der Kabine des Engländers führte, stehend, sprungbereit, immer wieder aufblickend und aufhorchend, im Schein einer matten Ganglampe die letztbeschriebenen Seiten von Thomas Durkleys Tagebuch »An Bord des ›Quirinale‹, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag Gibt's ein schlimmeres Schiff als diesen ›Quirinale?‹ Fünftausend Tonnen, ein Speisesaal mit acht Tischen, zwei oder drei Dutzend Kabinen und drei schmale Decks – und Raum genug, um unglücklich zu sein wie ich! Raum genug und Zeit genug. Ein ganzer langer Tag, um so ziemlich alles falsch zu machen, was man nur irgend falsch machen kann. Und dabei war ich allein mit Maja. Wir verbrachten die Stunden nach Tisch zusammen auf dem Sonnendeck. Niemals mehr hätt ich's gehofft. Der Kapitän nahm sich ihrer an, und sie hatte einen Tischnachbarn – einen ältlichen Türken –, der sich noch viel fleißiger ihrer annahm. Nun ist's aus, dachte ich. Diese Leute lassen sie nie mehr allein. Und doch! Sie zogen sich nach dem Essen zurück, und wir blieben unter uns. Sogar Charlotte war nicht dabei. Und was hab' ich getan? Geschwiegen. Sie saß in einem Bordstuhl, hatte ein Buch in der Hand. Aber sie las nicht einmal. Hin und wieder richtete sie eine Frage an mich. Aber meine Antworten waren so knapp – und wahrscheinlich so inhaltsarm –, daß auch ihre Fragen seltener wurden. Dann sah sie mich mit ihren großen Augen an. Ich glaube, auch das waren Fragen. Aber auch darauf habe ich keine Antwort gewußt. So war's natürlich, daß sie zu lesen begann. Und ich zu warten. Worauf? Wahrscheinlich darauf, daß ich ein anderer würde, als ich bin. Charlotte kam zurück. Sie hat ihre Mutter und mich angesehn, als ob ich wirklich gesagt hätte, was ich in diesen Stunden hätte sagen sollen; als ob ein Unglück geschehen wäre. Jedenfalls deutete sie sich unser Schweigen so. Und dabei bedeutete es doch nichts anderes als eben – Schweigen. Wir gingen in Brindisi an Land. Wir sahen zusammen diese seltsam tote, unheimliche, furchterregende Stadt. Ich hab' erzählt, was ich von ihrer Geschichte wußte, hab' da und dort auf eine Schönheit aufmerksam gemacht. Ich habe, wenn ich mich recht entsinne, sogar ganz gut über diese Dinge gesprochen : zusammenhängend, vielleicht lebhaft. Und ich erinnere mich, daß Charlotte Anteil daran nahm: ihre Augen sahen mich immer wieder an und schienen Fragen an mich zu richten. (Sie beschäftigt sich wirklich ernstlich mit dem, was sie studieren will.) Maja war zerstreut. Manchmal – einmal sogar sehr deutlich – hatte ich das Gefühl, daß sie sich wunderte. Über mich nämlich. Über meine Gesprächigkeit. Hat sie diese Gesprächigkeit mit der Schweigsamkeit von vorher verglichen? Hätte sie etwas anderes von mir hören wollen? Ich wage nicht zu glauben, daß das der Weg ihrer Gedanken gewesen ist. Vielleicht fühlte sie nur die Müdigkeit der Reise. Das Abendessen war nicht weniger qualvoll wie die Mittagstafel. Der Kapitän hielt an seiner Tischordnung fest: an einer Ordnung, die für mich einem Gefängnis gleicht. Eingekeilt zwischen zwei Herren, die mich nichts angehn, die mich nicht leiden können – wahrscheinlich weil ihnen Maja und Charlotte zu gut gefallen und weil sie mich in deren Gesellschaft sehn. Dummköpfe jedenfalls. Sie hatten Maja und Charlotte jede mit einem Rosenstrauß bedacht, den sie sich in Brindisi zu verschaffen gewußt. Gut. Sie machten ihnen den Hof. Auch gut. Ich bin nicht eifersüchtig. Ich weiß sehr gut, daß Maja ihren türkischen Nachbarn genau so lächerlich findet wie Charlotte ihren italienischen, daß sie sich alle beide über den Kapitän lustig machen. Wie ich. Aber es war doch wieder einmal bezeichnend für mich, daß diese beiden Fremden mit Rosen kamen und ich nicht. Ich kann überhaupt nur solchen Frauen Blumen schenken, die mich nichts angehn: sozusagen ex officio. Und dann: man muß hören, wie solche Leute über Frauen reden. Am Abend hab' ich dann – Maja und Charlotte schlafen seit langem – die Gespräche der beiden Italiener, des Kapitäns und des Hauptmanns, über Frauen im allgemeinen und im besonderen belauscht. Sie dachten wahrscheinlich, ich verstünde sie nicht. Es gibt kein Volk, das primitiver über Frauen denkt als die Italiener. Und es war qualvoll anzuhören, wie sie ihre Theorien entwickelten und an Maja exemplifizierten. (Hätte ich sie zur Rede stellen sollen?) Nicht wahr, mein liebes Tagebuch, die Chronik des 17. März ist eine traurige Chronik? Seltsam, daß ich das Bedürfnis habe, sie aufzuzeichnen. Ob ich das, was ich hier schreibe, jemals wieder lesen werde? (Dafür, daß es kein anderer jemals liest, werd' ich schon sorgen!) Ich glaube es kaum. Es ist so sinnlos wie mein Dasein auf diesem Schiff zwischen diesen realistischen Italienermännern und dieser unwirklichen Frau. Und nun möcht ich eins wissen: ist diese Frau unwirklich? Oder bin ich unwirklich? Oder ist nur das unwirklich, was zwischen mir und ihr ist oder sein könnte? Ihre Tochter ist ihr sehr ähnlich. Ganz außerordentlich. Aber wenn ich mit ihr spreche, ist alles wirklich: sie, ich und wir beide. Ein wunderbarer Zustand, dies Gefühl der Wirklichkeit! Ich kannte ihn seit Jahren nicht mehr. Er kam über mich, als wir heute nachmittag durch die Stadt gingen, als ich wieder Worte fand für das, was ich sagen wollte – wenn's auch nur Alte Geschichte war –, als ich wieder hörte, daß jemand mir zuhörte. Charlotte nämlich. Ich wagte Maja nicht anzusehen. Ich hatte solch wahnsinnige Furcht vor der Unwirklichkeit, die von ihr ausging. Aber ich entsinne mich dieser Unwirklichkeit nicht mehr! Kaum hatten wir das Schiff betreten, war sie wieder da. Ein horror vacui. Eine Vorstellung wie die Vorstellung von der Unendlichkeit. Also gar keine Vorstellung. Besteht die Liebe nur daraus? Und wenn die Liebe nun wirklich wird – und das ist doch in der Theorie immer möglich – und der horror vacui endet? Liebe muß doch auch dann sein?! Dann spricht einer, und der andere hört zu. Dann gibt es eine Gewißheit. Dann gibt es keine Angst mehr, kein Schweigen, keine Schüchternheit. Ich möchte wissen, ob alle Menschen diesen Weg gehn. (Denn nicht alle bleiben ja, wie ich, auf halbem Wege stehn und machen den horror zu ihrem Lebensinhalt.) Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, daß zum Beispiel Charlotte erst über Angst hinweg die Sicherheit der Liebe erwirbt. Ich habe das Gefühl, daß sie von Anfang an, vom Anbeginn einer Liebe an, Gewißheit haben müßte. (Wenn sie nämlich schon weiß, was Liebe ist.) Aber das sind andere Menschen als ich, und ich kenne ihre Herzen wohl noch weniger als mein eigenes. Ich muß immer an den Abgrund denken, der unter mir ist, der unter jedem fahrenden Schiffe ist. Viele hundert Meter. Eine schmale Eisenwand trennt uns von dieser Tiefe. Sie läßt uns schweben, ohne daß wir das Gefühl dafür haben; wir wandeln über dem weichen Wasser und meinen auf festgefügtem Boden zu stehn. Oder die andern wenigstens. Ich fühle auch auf dieser Seereise wieder, daß dieser Boden ein Schein ist. Ich fühle – wie auf der ganzen bald dreißigjährigen Reise meines Lebens –, daß jeder feste Boden ein Schein ist. Wirklich ist nur der Abgrund. Ich suche die Wirklichkeit. Warum fürchte ich mich dann vor dem, was ich die abgründige Wirklichkeit nennen könnte? Wahrscheinlich, weil es auch in diesem Leben – diesem überabgründigen – manchmal Dinge gibt, die einen Schein von Wirklichkeit in sich tragen. Wie heute das, was ich zu Charlotte sagte, und das, was sie daran interessiert hat.« Charlotte war glühend heiß geworden, als sie diese Zeilen zu Ende gelesen hatte. Auch sie erfüllte ein beängstigendes Gefühl von Unwirklichkeit, da sie – vorsichtig, verstohlen, fast in der Angst, Thomas Durkley könne inzwischen unbemerkt in seine Kabine zurückgekehrt sein – das Tagebuch wieder an seinen Platz in der Koje legte; da sie leise wie ein Dieb durch den Schiffsgang schlich und die Treppe hinaufging. Warum bin eigentlich ich die Wirklichkeit? dachte Charlotte. Ich? Gerade ich, die ich so viel Wirkliches verschweigen muß? Auf diesem Schiff ohne Geheimnisse. Wo einer des andern Gespräche belauscht. Wo einer des andern Gedanken kennt. Sie mußte an ihre Mutter denken, die gar nichts wußte. Weder von Durkley, noch von den Gesprächen der Italiener. Und da mußte sie lachen. Lachend ging sie über das dunkle Promenadendeck. Lachend stieg sie die Treppe zum Sonnendeck hinauf. Und als sie vor Thomas Durkley trat, der, tief in sich zusammengesunken, in einem Lehnstuhl lag, da war sie wirklich wieder ganz Wirklichkeit. »Warum haben Sie das Licht in Ihrer Kabine brennen lassen, Herr Durkley?« fragte sie. Er sah sie entsetzt an: »Das Licht? Wieso das Licht?« »Gehn Sie hinunter und machen Sie's aus«, antwortete Charlotte. »Die Schiffsverwaltung könnte sich sonst darüber beklagen, daß sie so nachtwandlerische Passagiere hat wie sie und mich. Und dann kommen Sie wieder. Denn es ist wundervoll hier oben.« Durkley gehorchte, wie ein folgsames Kind gehorcht. Schon stand der Skorpion, das Sommersternbild, über dem südlichen Horizont. Antares, der kupferrote, versank gerade langsam im Dunst, schräg schwang sich der Schütze über den Milchstraßenbogen hinweg. Im Süden waren die hellen Sterne zu Haufen geballt. Nach Süden zogen sie durch ihren Glanz den Blick. Als Thomas Durkley wieder heraufkam, sprachen Charlotte und er von diesen Sternen. Auch vom Sternhimmel südlich des Äquators, den der Engländer kannte. Er sei, so versicherte er, dem unsern nicht vergleichbar: von den Griechen nicht benannt und nicht geheiligt. »Ich bin froh«, sagte Durkley, »daß ich unter unsern Sternhimmel zurückgekehrt bin.« »Und warum sind Sie eigentlich jemals unter den anderen und nach Chile gegangen?« fragte Charlotte. »Nur weil Ihre Regierung Sie dorthin geschickt hat?« »Und weil ich mich schicken lassen wollte, Charlotte«, antwortete Durkley. »Sehn sie, es gibt Augenblicke, in denen man Großes, Entscheidendes in seinem Leben verändern möchte. In denen man sich sagt: ich möchte nicht mehr auf der Erde bleiben, ich möchte den Planeten wechseln. In einem solchen Augenblick habe ich wenigstens die Erdhälfte gewechselt.« »Hat's Ihnen gut getan?« fragte Charlotte. »Nein«, erwiderte Durkley bestimmt. Er hatte überhaupt plötzlich etwas sehr Bestimmtes in seinen Reden, das Charlotte auffiel. »Nicht im geringsten hat es mir gut getan«, fuhr er fort. »Denn – was habe ich eigentlich mit dieser Reise gewollt? Ich wollte mich ändern. Und ich glaube nicht, daß Sie mich verändert finden.« Charlotte schüttelte den Kopf. »Sehn Sie. Es war ja auch ein dummer Gedanke von mir, daß der Ort den Menschen verändern könne. Eine vollkommen lächerliche Hoffnung. Aber es ist hart, von einer so weiten Reise zurückzukehren und nichts anderes dabei gewonnen zu haben als eine negative Erkenntnis.« »Und warum wollten Sie sich eigentlich verändern?« fragte Charlotte ein wenig ironisch. »Weil ich mir nicht gefiel«, antwortete Durkley. »Es ist nur gut, daß Sie Ihr Ziel nicht erreicht haben. Wir alle hatten Sie so gern, eh Sie nach Chile gingen, und es hätte uns doch traurig gemacht, wenn Sie verändert zurückgekommen wären. Oder sind Sie jetzt vielleicht wieder auf der Jagd nach einer neuen Seele für sich selbst? In Griechenland?« Durkley mußte lachen. »Ich bin überzeugt davon«, fuhr Charlotte fort. »Und zwar will ich Ihnen ganz offen sagen, warum ich davon überzeugt bin, lieber Durkley. Sie haben doch einmal Gedichte geschrieben, nicht wahr? Ach, schütteln Sie nur nicht so überlegen den Kopf! Machen Sie mir nur nichts vor! Ich weiß es. Man braucht Sie nur anzusehn, und man weiß es. (Womit ich Sie übrigens nicht beschuldigen will, daß Sie wie ein Dichter aussehen. Sie sind ein ganz vortrefflicher, sehr eleganter Diplomat und brauchen sich nicht zu fürchten, daß Sie wegen poetischer Äußerlichkeiten Ihren Abschied bekommen.) Also, Sie schrieben Gedichte. Und wahrscheinlich hätten Sie immer noch Lust dazu. Aber Sie leugnen es. Noch mehr: Sie nennen Gedichteschreiben eine Dummheit, die Ihnen angeblich nur Ihre Freunde zutraun. Nun, ich will Ihnen sagen, Thomas Durkley, daß ich Ihnen diese Dummheit auch zutraue. Aber für mich ist es – verzeihen Sie – die größte Dummheit, eine Dummheit nicht zuzugeben. Besonders, wenn sie so schön wie diese ist. Und davon – davon, daß Sie sich vor diesen eigenen Dummheiten verstecken – kommt es ja auch, daß Sie sich ändern wollen. Sie fürchten sich vor der schiefen Lage, in die Sie geraten sind. Sie empfinden sie als unwirklich. Die Unwirklichkeit macht Ihnen eine Höllenangst. So eine Art von horror vacui, Herr Durkley!« »Woher wissen Sie das?« fragte Durkley entsetzt, und seine Augen wurden riesengroß und ängstlich hohl. Charlotte lächelte. »Woher wissen Sie das, Charlotte?« »Das wissen alle Menschen, die sich manchmal ändern wollen und die unwirklich werden können wie Sie.« »Und das geht Ihnen auch so, Charlotte?« »Das ist mir so gegangen. Aber ich weiß, wie man darüber hinwegkommt, Durkley.« »Wie? Wie?« fragte Durkley leidenschaftlich. »Das will ich lieber nicht sagen«, antwortete Charlotte ruhig. »Das kann ich vielleicht gar nicht sagen. Aber ich weiß, daß ich jeden Menschen, der neben mir in diese Lage käme – jeden Menschen, der mir nahe genug stünde –, da herausreißen könnte. Es käme nur darauf an, ihn das tun zu lassen, wonach er sich sehnt. Es käme zum Beispiel darauf an, ihn Gedichte machen zu lassen, wenn er erklärt, daß Gedichtemachen eine Dummheit ist. Es käme darauf an, ihn in Berlin zu halten, wenn er gerade nach Chile abreist.« Charlotte fühlte, daß sie zu viel gesagt hatte: Thomas Durkley war erschrocken zurückgetreten. »Aber man müßte sich vielleicht doch besser kennen«, sagte Charlotte nach einer Weile, »um über solche Dinge reden zu können.« Von da an schwiegen die beiden. Sie saßen in ihren Liegestühlen, streckten die Beine in den Wind und hielten die Arme unter den Kopf. Hin und wieder zündeten sie sich eine Zigarette an. Allmählich wurde es sehr kühl: Durkley ging, um Decken aus der Kabine zu holen. Sie mochten etwa eine Stunde so gesessen sein, schweigsam, ohne sich anzusehn, den Blick in die Ferne gerichtet, als Charlotte am Horizont ein Lichtlein erkannte und Thomas Durkley darauf aufmerksam machte. Es konnte ein reisendes Schiff sein. Dann aber bemerkten sie, daß es hin und wieder verschwand, zuckend aufblitzte: ein gerader spitzer Strahl – es schien wirklich nur ein einziger – flog manchmal wie ein Pfeil auf sie zu. Sie sahen bald, daß es ein Leuchtfeuer war. »Griechenland«, sagte Durkley ganz einfach. Es war jetzt auch, als ob ein Schatten über den Horizont im Osten käme: ein großer grauer Schatten. Er legte sich zart über die Sterne, die eben noch um die Wette mit dem Leuchtfeuer gefunkelt hatten, und allmählich hüllte er die unteren, die, die dem Meer am nächsten standen, in einen dünnen Dunst. Immer mehr Sterne verblaßten. Immer dichter und größer wurde der Schatten. Immer höher hob er sich empor wie mit Riesenflügeln, die er in die Dunkelheit ausspannte. Das war der Tag: er flatterte, noch matt und unbesonnt, in die Sternennacht hinein. Dann zog das erste Licht seinen Schein über das Akrokeraunische Vorgebirge. Das Meer erhellte sich. Auf blassen Wellen schwammen die Othonischen Eilande heran. Unter dem Morgenstern rundete der Pantokrator, Korfus Klostergipfel, seine nächtlich gebliebene Kuppel. Aber im Osten, über dem milchweißen, leicht aufs Wasser gestreckten Nebelbalken, reckten die Hochberge Albaniens ihre Schneezelte in den Äther, der sich allmählich grün verglaste und in dem die Sterne auftrockneten wie Tau auf einer morgendlichen Himmelswiese. Bis die ersten Lichtpfeile, von ihren Gipfelbogen verschnellt, die Luft durchzitterten, feurig nach verflackernden Sternen zielten, zuckend über die Wellen jagten und endlich die Sonne, im Brand vergoldet, wie ein Leuchtturm des Tags über nachtversponnenem Meer erschien. Die beiden auf dem Sonnendeck betrachteten dies Schauspiel, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Und sie verfolgten, auch weiter schweigsam, den Lauf des Schiffes in den Tag hinein, als der »Quirinale« das Nordkap von Korfu passierte und in den Kanal einbog, der die Phäakeninsel vom Festland trennt. »Griechische Gewässer«, sagte Thomas Durkley kurz. Charlotte nickte. »Ich habe mich oft danach gesehnt«, fuhr er fort. »Oft. Es war mir immer, als ob nur in diesen Gewässern der Frieden wäre, der in der Wirklichkeit ist.« »Warum?« fragte Charlotte. Ihre Frage war ein wenig streng: so wie man einen Menschen fragt, dessen Rede einem mißfallen hat. »Warum, Thomas Durkley?« »Ich weiß es nicht –«, antwortete der Engländer verschüchtert. Charlotte sah ihn von oben bis unten an. Dann lächelte sie ein ganz klein wenig: wie der allererste Schein, der eben, als eine etwas höhere Welle auf einen Augenblick das Schiff emporgehoben, die Mastspitze getroffen hatte. Nicht mehr. Aber Thomas Durkley wußte genau, was es bedeutete. »Wissen Sie, Durkley«, sagte Charlotte. »Sie müssen Tourist werden. Sie gehen in fremde Länder, um in fremden Ländern zu leben. Um anders darin zu leben, als Sie bisher gelebt haben. Ich aber möchte Ihnen einen Baedeker in die Hand drücken, einen Fernstecher und einen photographischen Apparat um die Schulter hängen und zu Ihnen sagen wie ein Cicerone: sehn Sie, das ist Korfu. Griechische Insel. Schon in der Odyssee genannt. Sehr sehenswert und mit drei Sternen. Sehn Sie sich's an! Genau, wenn Sie wollen. Mit aller Gründlichkeit. Aber bleiben Sie Reisender. Fahren Sie auch wieder weiter. Werfen Sie nicht überall Anker. Bauen Sie nicht überall ein funkelnagelneues Seelenhaus. Denn es wohnt sich nur in dem gut, das man wie eine Schnecke mit sich herumtragen kann – das ist das eigene, ursprüngliche, anfängliche und, wie soll ich's sagen, Durkley? – gottgegebene.« Bei diesen Worten legte sie ihm die Hand auf die Schulter, sah ihn freundlich, aber auch ein ganz klein wenig spöttisch an. Wie's Maja macht, dachte Durkley wieder einmal. Nur mit einer kleinen Ergänzung von Spott. Er hatte das Gefühl, daß das Schneckenhaus, von dem Charlotte gesprochen, das von Gott gegebene Schneckenhaus der Seele, voll von diesem schönen Spotte sei. Und er fühlte sich sehr wohl bei diesem Gedanken. Überhaupt fühlten sich die beiden gar nicht, als ob sie eine ganze lange Nacht durchwacht hätten. Sie sagten sich gegenseitig, daß sie vollkommen frisch und munter seien. Als sich der erste Steward zeigte, bestellten sie eine Tasse Kaffee, die sie an Deck einnahmen. Dann rauchten sie in Erwartung des nahen Hafens, der ihren Vorrat wieder ergänzen sollte, die letzte Zigarette. Als der Kapitän bald darauf seine Kabine verließ, die auf dem Sonnendeck lag, fand er die beiden in die Betrachtung der Landschaft versunken. Er grüßte freundlich, aber auch ein wenig spöttisch. »Gute Fahrt, nicht wahr?« fragte er. »Eine See, wie wir sie den ganzen Winter über nicht gehabt haben.« »Und ein Himmel!« sagte Charlotte. »In Italien hab' ich solch einen strahlenden Himmel nie gesehn.« »Wahrscheinlich sind Sie nie in Neapel gewesen, Mademoiselle«, erwiderte der Kapitän. »Auch da gibt's solche Sonnenaufgänge. Und da ich sehe, daß Sie keine Mühe gescheut haben – selbst nicht diese endlose Nachtwache an Deck –, um einen schönen Sonnenaufgang zu sehn, so rate ich Ihnen sehr, auf der nächsten Reise Neapel zu besuchen. Da läßt sich den Sonnenaufgängen entgegenträumen!« Zu diesen Worten machte er seine allerverschmitztesten Augen, beschattete grüßend sein Gesicht mit der ganzen Hand und ging hinunter, seinem Frühstück entgegen. Bald darauf kam auch Maja an Deck. Sie sah wundervoll frisch, leuchtend und lebendig aus. Ein helles Tuch aus honiggoldner Russenseide, eine hochrote Korallenkette umrahmten ihren dunklen Kopf. Die Augen, die die Morgensonne wie Bernstein durchleuchtete, hatten die Kraft jener guten Ruhe, die sich nicht einmal von Charlottens nächtlichem Wandel stören ließ. Sie grüßte herzlich. »Bist du schon wieder so früh aufgestanden, Charlotte?« sagte sie. »Ich habe es gar nicht gemerkt; wann?« Charlotte und Durkley lächelten ein wenig listig und sahen sich an. »Soll ich's Mama sagen?« fragte sie ihn. Er schüttelte den Kopf. »Ganz entsetzlich früh, Mama«, sagte sie. »So entsetzlich früh, wie du's dir gar nicht ausdenken kannst. Aber Herrn Durkley ist es nicht besser gegangen. In den Kabinen war es zu heiß. Und hier draußen viel zu schön! Und dann sind wir doch auf Reisen –« Maja war bereit, zu entschuldigen. Und sie forschte nicht weiter danach, wie lang dieser Morgen gewesen. Inzwischen näherte sich der »Quirinale« der Stadt Korfu, umfuhr das trockene Eiland, das sie im Norden verdeckt. Immer besser sah man die hohen Häuserfronten zwischen Festungen und Zypressen. Schließlich rasselte der Anker in die grünblauen Gewässer hinab, die die Reede erfüllten. »Und nun machen Sie sich auf unsern lieben Doktor Hammer gefaßt«, sagte Charlotte zu Durkley. »Er sieht manchmal ein wenig komisch aus, denn er hat eine große Freude an sogenannter praktischer Kleidung. Aber er ist ein ganz besonders feiner, netter Mensch.« Charlotte hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als sich bereits ein Boot mit sechs Ruderern vom Zollhäuschen löste, rasch auf den »Quirinale« zusteuerte, alle anderen überholend. Darin Hammer, der den Schotts mit einem Palmenzweige entgegenwinkte. Da legte Maja Durkley die Hand auf die Schalter. Charlotte sah, wie er blaß, wie seine Augen glanzlos wurden. Aber ihre Mutter sah gar nichts. Sie blickte ihn nur sehr warm und herzlich an und sagte, auf die Landschaft und auf Hammer weisend, dessen Boot schon ganz nahe herangekommen war: »Was für eine Freude, alte, liebe Freunde in einer so herrlichen Umgebung wiederzusehen!« V Thomas Durkleys Tagebuch »Auf der Reede von Korfu, 18. März. Er hat große, geäderte, braune Hände mit weißblonden Härchen darauf. Rötliche, sonnenverbrannte Haut, rotblonden Bart und rötlichblonde Haare. Seine Augen sind so hell, daß sie oft weiß erscheinen unter den buschigen Brauen, und man hat den Eindruck, daß die Augäpfel bei ihm nicht konvex sind wie bei anderen Menschen, sondern konkav und nach innen blicken. Dieser Kopf eines schottischen Edelmanns aus dem Mittelalter ruht auf dem riesigen Körper eines Bauern. Er spricht nicht viel. Aber wenn er spricht, dann macht er seinem Namen alle Ehre: was er sagen will, das hämmert dieser Hammer in die Hirne. Er sieht finster drein. Charlotte behandelt er wie ein Kind; vergißt nicht einen Augenblick, daß sie seine Schülerin gewesen. Und auch mit Maja spricht er in einem Ton, den man herrisch nennen könnte. Manchmal hat man das Gefühl, er sei mit ihr ans Befehlen gewöhnt und sie ans Gehorchen. Mich beachtet er weiter nicht. Wahrscheinlich verachtet er mich sogar. Er spricht ausschließlich von Griechenland, von Landschaft und Altertümern (wovon er übrigens ganz ungewöhnlich viel versteht) und findet wohl, daß ich nicht unterrichtet genug bin. Hin und wieder deutet er an, daß es ein Wahnsinn sei, sich mit Politik zu befassen, und hat schon zweimal erklärt, daß er nie eine Zeitung in die Hand nimmt. (Das war gegen mich gerichtet. Aber befasse ich mich denn mit Politik oder lese ich Zeitungen?) Ich nehme an, daß er genau so ist, wie ein Mann zu sein hat, der ein Mann und nichts anderes als ein Mann sein will. Und daß ihn die Frauen auch als Mann empfinden. Kein Zweifel, daß er Maja liebt. Kein Zweifel, daß sie daran gewöhnt ist und es zumindest duldet. Was mehr ist, weiß ich nicht, will ich nicht wissen! Ich würde sonst wahnsinnig beim Anblick dieses Menschen. Aber da ist er. Herrscht, befiehlt. Ich gelte wohl noch weniger, als ich bisher gegolten: nämlich nichts. Wäre nur diese Reise erst vorüber! Ich habe das Gefühl, daß ich ins Wasser springe, um schwimmend das Land zu erreichen, wenn sie nur eine Stunde länger dauert als festgesetzt. Schon als ich mit Maja allein war – allein mit ihr und den Gefühlen, von denen sie nichts ahnt –, war dies Schiff zu eng. Nun, wo auch Hammer es mit uns teilt, ist es ein qualvolles Gefängnis. Wird's morgen abend in Athen anders sein? Nein. Ich werde weiter mit Charlotte sprechen, denn sie weiß ganz wunderbar über meine geheimsten Dinge Bescheid. Ganz wunderbar! Aber mit Maja werde ich nicht sprechen. Das tut, in seiner Art, Herr Hammer. Ich werde Charlotte noch mehr von mir sagen. Ich werde ihr vielleicht alles sagen. (Hüte dich, Thomas Durkley!) Und Maja werde ich nichts sagen. Aber immerhin, wenn die Reise erst vorüber ist, wenn ich Maja nicht mehr auf Schritt und Tritt begegne, wenn ich nicht jeden Augenblick Charlotte sehen, wenn ich nicht immer hin und her gerissen werde von diesem, ob ja, ob nein – von dieser Unmöglichkeit, mit Maja zu sprechen, und von dieser allzu großen Möglichkeit, mich Charlotte anzuvertrauen –, wenn der Raum, über den ich verfüge, wieder aus Straßen, Ebenen, Bergen besteht – vielleicht, daß ich dann weniger leide. Oder mehr? Auch sie wird in diesen Ebenen und Bergen mehr Bewegungsfreiheit haben als auf dem Dampfer. Auch sie wird weitere Wege gehn. Und diese Wege werden sie fort von mir führen. Aber, wie immer: ich hoffe auf Veränderung. Da, der Dampfer ruft. Elf Uhr. Wir fahren pünktlich. Hoffnung, auch pünktlich anzukommen. Hoffnung, fahrplanmäßig von Herrn Doktor Hammers Gegenwart befreit zu werden und Charlotte in der restlichen Reisezeit keine Vertraulichkeiten zu sagen, die ich ihr nicht sagen will. Hoffnung auch, gescheit zu bleiben, keine Szenen zu machen, die schlaflosen Nächte loszuwerden, diese gräßlichen Mittag- und Abendessen, den Kapitän und seinen Anhang. Aber keine Hoffnung, mich von mir selbst und von dieser Liebe zu befreien.«   Auch diese Zeilen hatte Charlotte gelesen; als Durkley während der Abfahrt von Korfu an Deck weilte, drang sie in seine Kabine ein, nahm das Tagebuch vom gewohnten Platz und las es, im Gange stehend, in größter Eile. Fast hätte sie ein Steward dabei überrascht. Aber sie zog sich auf einen Augenblick in ihre eigene Kabine zurück. Dann brachte sie das Heft wieder in die Koje, die dem langen Durkley als Schreibpult diente, legte die halb gerauchte Zigarette darauf, die sie zwischen den Blättern gefunden, schloß die Türe sorgfältig ab und kehrte auf Deck zurück. Sie war sehr betroffen von diesen neuen Eintragungen Durkleys und im Grunde ein wenig empört darüber. Wieder dasselbe: diese Flucht vor sich selbst, diese ewigen Klagen, diese innere Unsicherheit. Und, unveränderlich, die gleiche Liebe. Wie konnte Charlotte hoffen und erwarten, daß sich daran etwas geändert habe? Über Nacht? Und trotzdem: sie hatte eigentlich ganz bestimmt damit gerechnet. Das Gespräch vor Sonnenaufgang, so meinte sie, müsse Durkley endgültig geholfen, ihn von sich selbst und seinen Ängsten, ein wenig auch von dieser Liebe befreit haben. Da stand sie nun wieder, diese ganze Liebe, schwarz auf weiß! Ich werde es doch Mama sagen, dachte Charlotte. Besonders jetzt, wo die Dinge durch Hammers Kommen noch um vieles verwickelter wurden. Wenn nur Durkley wüßte, wie ungefährlich, wie unglaublich harmlos dieser Rivale ist. Charlotte kannte ihn so gut! Wie man einen Lehrer kennt, den man bei allem Interesse für seinen Unterricht nicht immer ganz ernst nimmt. Hammer war, so dachte Charlotte, schon deswegen nicht ganz ernst zu nehmen, weil er so unendlich viel innere Kraft verbrauchte, um die Männlichkeit in Szene zu setzen, vor der nun Thomas Durkley zitterte. Sie hatte sich schon dafür entschieden, ihre Mutter in alles einzuweihn, als ihr wieder ihre Sünden einfielen : die unverzeihlichen Einbrüche in Durkleys schriftliches Seelenheiligtum. Charlotte wußte sehr genau, was Maja dazu gesagt hätte, sehr genau! Und so beschloß sie – auch diesmal – zu schweigen. Und es ist besser so, dachte Charlotte. Wo kämen wir hin, wenn die Geheimnisse dieses Schiffes alle ergriffen? Wenn nun auch Mama alles wüßte, was ich aus Thomas Durkleys Tagebuch weiß? Seine Liebe, seinen Haß gegen Hammer, seine Bemerkungen über mich, die Ansichten des Kapitäns und Giorginis, die Absichten des türkischen Gesandten. Das Leben auf dem »Quirinale« würde zu einem Intrigenstück: zwei spionierende Weiber wußten Bescheid über die vielfachen Gefühle einer ganzen Reihe ziemlich naiver Männer. Es ist besser so, dachte Charlotte, daß ich allein dies spionierende Frauenzimmer bleibe und daß diese letzten Stunden der Reise auf meinem lieben Schiff nicht gestört werden. Sie traf ihre Mutter auf dem unteren Promenadendeck. »Hat sich der Türke eigentlich auch von dir verabschiedet?« fragte sie ihre Tochter. »Nein«, antwortete Charlotte. »Ich glaube, ich war in der Zeit gerade in der Kabine.« »Aber von mir!« sagte Maja lachend. »Ein wenig komisch war er ja, dieser kleine graue Schnurrbart; und seine Art, mit einem zu reden, so altmodisch und übertrieben, daß es mir schwer fiel, dabei ernst zu bleiben. Aber ich glaube, daß wir ihm doch Unrecht getan haben. Denn du hättest sehn sollen, mit welcher Herzlichkeit er sich verabschiedet hat. Als ob wir alte Bekannte wären! Und dann hat er uns mit einer Eindringlichkeit aufgefordert, nach Konstantinopel und nach Angora zu kommen, daß es gar nicht so einfach war, nein zu sagen. Wir sollen bei ihm wohnen, in seinem Haus in Pera, in seiner Villa auf den Prinzeninseln. Er will uns dem Präsidenten der Republik vorstellen, und ich weiß nicht, was noch. Jedenfalls war er einfach reizend. Wenn du denkst, daß er uns gar nicht kennt, nicht das geringste von uns weiß. Einfach so aus lauter Liebenswürdigkeit und Höflichkeit!« »Weißt du, was er dabei für eine Absicht hatte?« antwortete Charlotte. »Was soll er schon für eine Absicht gehabt haben?« meinte Maja. »Ich verstehe nicht«, fügte sie ein wenig vorwurfsvoll hinzu, »daß du's nicht einfach als Liebenswürdigkeit nehmen kannst!« Charlotte schwieg. Ist es nicht besser, dachte sie, daß Mama auch weiter so über den Türken und über alle anderen denkt? Hammer tauchte auf: seine Riesengestalt warf einen langen Schatten voraus. Wirklich, er hatte eine Vorliebe für praktische Kleidung! Sein Hut war eine Art von Tropenhelm aus dickem Stroh mit schmalen hellen Lederfassungen; vorn, über den Augen, war in den Rand ein rundliches Fensterchen aus grüngelbem Marienglas eingelassen, das Stirn und Nase in ein mystisches Licht tauchte. Dazu trug der Doktor einen gelben, schlotternden Khakianzug, breite gelbe Stiefel und ein Hemd aus handgewebter dunkelgrüner Leinwand mit gleichfarbiger Krawatte. »Sie haben sich in Ihrer Kleidung bereits der Landschaft angepaßt, Herr Doktor«, sagte Charlotte. Sie versuchte bei dieser Bemerkung so wenig spöttisch auszusehn, wie sie's vermochte. Aber Hammer entging der kleine Angriff nicht. Er runzelte ein wenig seine Stirn, zog die weißblonden Brauen zusammen – was im mystischen Licht des Tropenhelmfensterchens ziemlich erschreckend aussah – und sagte mit seiner tiefen und ernsten Stimme: »Glaubst du vielleicht, Charlotte, daß man sich in Griechenland wie in der Tiergartenstraße anzuziehen hat? Oder wie an der Riviera? Nach Griechenland reisen – das heißt eine Art von Expedition machen. Und wenn du erst den Reiseplan kennen wirst, den ich ausgearbeitet habe, die Seefahrten auf kleinen Schiffen, die Landtouren, die Bergritte –« »Dann werd' ich Lenchen damit erschrecken«, sagte Charlotte lachend. »Und dann wirst du auch einsehn, Charlotte, daß meine Kleidung sehr zweckmäßig ist.« Doktor Hammer brachte nun in Vorschlag, den Reiseplan zu studieren. Man könnte sich im Salon niederlassen, den Führer und die Karten vornehmen. Maja war einverstanden. »Ich hätte so gern noch die Ausfahrt mit angesehen«, sagte Charlotte. »So lange wir im Kanal von Korfu sind, haben wir doch das Land so nah.« »Aber nicht eigentlich griechisches Land«, antwortete Hammer sofort. »Die Landschaft von Korfu hat etwas Italienisches, die Berge im Osten tragen noch albanischen Charakter. Ich denke, daß wir – auf einer Griechenlandreise – darauf verzichten können.« Und wieder runzelte Hammer streng die Stirn, so daß Charlotte nachgab und alle drei in den Salon gingen. Bald breitete Hammer seine Karten aus. Er legte den Schotts auch ein kleines, von ihm selbst gezeichnetes Kärtchen vor, in das er die Reiseroute genau eingetragen, auf dem er Aufenthalte, Fahrpläne, Daten angemerkt. Es wurde eine lange Reise, die sie nun auf dem Papier unternahmen. An jedem der papierenen Orte, die sie berührten, ließ Hammer seinen zeigenden Bleistift ruhen, begann zu erklären, was für Sehenswürdigkeiten dort zu erwarten seien. Hin und wieder las er aus seinen Aufzeichnungen, aus dem Reiseführer etwas vor. Oder berichtete mündlich über die Geschichte eines Orts, verlor sich in die Schilderung seiner Landschaft. Inzwischen glitt der Dampfer in stiller Fahrt an der korfiotischen Küste entlang. Durch die Fenster des Salons konnte Charlotte hinaussehen auf die silbrigen Ölbaumhaine, die bläulich verblassenden Gipfel, die weißen Wolkenbüsche, die sie um ihre Kronen scharten. Sie wäre lieber an Deck gegangen, hätte hinabgeschaut in die blauen Wasser der Seestraße, hinüber nach der weitgeschwungenen Insel, nach den ragenden Bergen des epirotischen Ufers, deren beschneite Gipfel heute im Morgengrauen so überraschend vor ihren Augen erschienen. Aber unerbittlich, mit größter, bewundernswerter Gründlichkeit, mit einem genauen Eingehen auf kleine und große Dinge, das deutlich bewies, wie liebevoll er diese Reise seiner Schülerin vorbereitet hatte, fuhr Doktor Hammer in seiner Darstellung fort. Charlotte aber ward ungeduldig. Denn da war nicht nur die Landschaft, da war nicht nur die See! Da zog auch vor Charlottens Augen das Leben dieses Schiffes vorüber, mit dem sie sich so eng verwachsen fühlte, dessen Geheimnisse sie belauscht hatte und noch besser erforschen, noch gründlicher studieren wollte. Man sah durch die Fenster des Salons sehr genau, wer draußen auf dem Promenadendeck vorüberwandelte. Zuerst Lenchen mit Herrn Zapf: er sprach ihr wahrscheinlich wieder von der Göttin mit der Fackel, denn sein Mund bewegte sich ununterbrochen, seine Hände drehten sich wie Windmühlenflügel, und Lenchens Augen waren erfüllt vom maßlosesten Staunen, das Charlotte je in ihnen gesehen. Dann Thomas Durkley. Er ging gebeugt, hielt die Hände auf dem Rücken verschränkt. Sein Kopf und seine Augen blickten traurig auf den Boden. Die hellblonden Haare waren ihm in die Stirn gefallen, und sein heller Sommerschlips flatterte ihm immer wieder ins Gesicht. Aber es schien ihn nicht zu stören: so nachdenklich und in sich gekehrt ging er seines Wegs. Auch konvexe, höchst normale Augen, dachte Charlotte, indem sie sich an Durkleys Tagebucheintragungen erinnerte, können allzuviel ins Innere sehn. Jedenfalls sahen Durkleys Augen weder die See noch die Phäakeninsel. Aber hin und wieder warf er einen Blick in den Salon hinein, auf den Kriegsrat, von dem er ausgeschlossen war, auf den Mann, der dort den beiden Frauen seinen archäologischen Willen diktierte. Denn ungefähr so dachte Durkley. Einmal, als sein Blick Charlotte besonders traurig streifte, lächelte sie ihm ein ganz klein wenig zu. Aber er war zu schüchtern, um seinerseits mit einem Lächeln zu antworten. Armer Durkley, dachte Charlotte. Armer Junge, der sich vor den Männern fürchtet wie die Schüler vor dem Lehrer in der Schule! Sie hatte sehr aufrichtiges Mitleid mit ihm. Aber sie wurde in ihren Gedanken unterbrochen, denn jetzt kamen, auch in lebhaftestem Gespräch, Giorgini und der Kapitän vorüber. Nun, ich weiß ja, wovon die beiden reden, dachte Charlotte. Von uns, von mir und Mama. Der Herr Türke ist fort. Ein Bewerber weniger. Die Rollen werden neu verteilt – »Paß mal auf, Charlotte!« sagte Doktor Hammer. Denn er fand, daß seine ehemalige Schülerin die vor ihr ausgebreitete Karte etwas ungenau betrachtete. Es war wie damals beim Unterricht in der Tiergartenstraße. Und Hammers Stimme war so streng, daß Charlotte es aufgab, durchs Fenster zu gucken und versuchte, Meer, Insel, Dampfer, die Passagiere und ihre Gespräche zu vergessen. Der Commendatore und der Hauptmann sprachen wirklich von Schotts. Denn es gab seit der Abreise keinen anderen Gesprächsgegenstand an Bord: er mußte auch jetzt, in den Gewässern von Korfu, noch einmal herhalten. Der Türke hatte den »Quirinale« verlassen, betrübt und doch hoffnungsvoll. »Er sagte, daß ihm die Deutsche halb und halb versprochen, nach Konstantinopel zu kommen«, erzählte der Kapitän. »Sie hätten sehen sollen, wie er sich darum bemüht, wie er auf sie eingeredet hat! – Ich muß Ihnen ja sagen, Hauptmann, daß ich das nicht ganz verstehe. Natürlich nimmt man sich, was man so unterwegs findet. Und wenn's auch nur eine Unterhaltung bei Tisch ist. Aber die Dinge so unnötig in die Länge zu ziehn, noch in die Zukunft fortsetzen! Das nenne ich Sentimentalität!« »Jedenfalls war er ernstlich verliebt«, erwiderte Giorgini. »Und sie gar nicht«, antwortete Coccumella. »Nicht im geringsten! Die ist es zumindest gewöhnt, daß man ihr den Hof macht, und nimmt's hin, wie's kommt und wann's kommt. Ich glaube ja kein Wort davon, daß die nach Konstantinopel reisen, nur um Seiner Exzellenz ein Vergnügen zu machen. Die haben ganz andere Pläne im Kopf. Da möcht ich zunächst einmal wissen, was sie da in Korfu für einen neuen Zuzug bekommen haben. Sieht aus wie ein Minenarbeiter und ist wahrscheinlich ein deutscher Professor. Wenn man regelmäßig die Strecke nach Griechenland fährt wie ich, kennt man die Sorte: sie ist imstande, den elegantesten Salon im Khakikostüm zu betreten. Natürlich auch der in die schöne Frau verguckt. So auf seine Art, mit Brummen und Finstern und Augenbrauenhochheben. Aber doch.« »Wahrscheinlich noch unglücklicher als unser Türke«, warf Giorgini ein. »Möglich, möglich«, gab Coccumella zu. »Aber da ist er. Und der lange Engländer auch. Und irgendwie gehört das alles zusammen. – Sagen Sie mal, Hauptmann, gefällt Ihnen die Kleine immer noch so sehr?« » Sehr ist übertrieben«, sagte Giorgini kurz. »Verletzt man nicht Ihre zartesten Gefühle, wenn man Ihnen ein wenig aus den Borderinnerungen eines alten Seemanns auftischt?« Giorgini schüttelte den Kopf. »Auch nicht, wenn es sich um das neueste Kapitel handelt?« fragte der Kapitän weiter. Wieder verneinte Giorgini. »Also, da will ich Ihnen nur sagen«, fuhr Coccumella fort, »daß meine altbewährte Menschenkenntnis doch nicht so leicht zu täuschen ist. Hör' ich da heut nacht ein Getuschel vor meiner Kabine, ein Gewisper, zarte, einschmeichelnde Stimmen. Morgens, so gegen vier. Vor Sonnenaufgang. Dann Schweigen. Dann wieder Gewisper. Dann stummes Bestaunen des Sonnenaufgangs. Na und so weiter. Sie können sich denken, wen ich traf, als ich so gegen sechs Uhr an Deck trat – –« Giorgini schwieg eine Weile. »Ich möchte Sie bitten, Commendatore«, sagte er schließlich, »mir bei Tisch den Platz einzuräumen, der nun frei geworden ist: neben der Mutter.« »Bitte, bitte«, meinte der Kapitän. »Aber eines möchte ich doch wissen: wie ist es möglich, daß eine Frau in den Jahren nicht etwas besser auf eine so junge Tochter aufpaßt?« »Sie hatten wahrscheinlich recht«, antwortete der Hauptmann, »als Sie neulich sagten, daß das sehr eigenartige Familienverhältnisse sein müssen.« Inzwischen war die Zeit zum Mittagessen herangekommen. Als die Schiffsglocke läutete, räumte Hammer hastig und nervös – er hatte seine Erklärung der Reise noch nicht beenden können – Karten und Bücher beiseite; Charlotte eilte noch einmal rasch an Deck, um einen Blick auf die Landschaft zu werfen; Maja ging, um sich umzukleiden, in die Kabine, wo Lenchen auf sie wartete. Dann versammelte sich die Gesellschaft im Speisesaal. Wie verabredet, bat Esposito Coccumella den Hauptmann, an Majas Seite Platz zu nehmen: Giorgini nützte diese Möglichkeit nach Kräften aus, um der Mutter die gleichen Komplimente aufzutischen, mit denen er schon Charlotte gelangweilt hatte. Hammer, der neben Charlotte saß, schwieg. Mit seiner Schülerin redete er lieber unter vier Augen, der englische Diplomat mit dem Dichterblick zu seiner Linken war gar nicht nach seinem Geschmack. So wetzte denn Coccumella sein schlechtes Französisch in einer stockenden Unterhaltung an Charlotte, soweit sein Mund in den sieben Gängen des Menüs nicht anderweitig Beschäftigung fand. Während des Mittagessens brachte der Radiotelegraphist dem Kapitän eine Depesche. Der Commendatore klemmte seinen blau umrandeten Kneifer auf seine dicke Nase, las mit gerunzelter Stirn. Dann schien er einen Augenblick nachzudenken. »Dies Telegramm wird Sie interessieren, meine Herrschaften«, sagte er schließlich mit Liebenswürdigkeit. »Darf ich Sie bitten, nach Tisch in meinen kleinen Salon zu kommen und den Kaffee bei mir einzunehmen, damit wir den Inhalt der Depesche besprechen können?« Maja sah ihn ein wenig verwundert an, dankte aber freundlich für die Einladung. Coccumella erhob sich, ging auf die Kommandobrücke hinauf. Natürlich begann sofort ein Rätselraten unter den Gästen des Kapitänstisches. »Ob's etwas Gutes oder etwas Schlimmes sein mag?« fragte Durkley. »Jedenfalls etwas Interessantes«, meinte Charlotte. »Vielleicht politische Nachrichten«, sagte Giorgini. »Sehr unangenehm«, rollte Hammers Baß. »Nun, wir werden ja sehn«, erklärte Maja. »Und unbedingt ist es sehr freundlich vom Herrn Kapitän, uns ins Vertrauen zu ziehn.« Als die Tafel aufgehoben war, versammelten sich die Eingeladenen allmählich auf dem Sonnendeck. Der »Quirinale« hatte inzwischen den größten Teil der Straße von Korfu passiert. Die Bergkette der Insel lief im weißen Kap nach Süden zum offenen Meer aus, verlängerte sich in zwei hellen, ölbaumbewachsenen Inseln, die wie seidige Nebel über den Wassern lagen. Im Osten senkten sich die Berge ebenfalls dem Süden zu. Man erkannte die silbrige Mündung eines Flusses. »Der Acheron«, erklärte Hammer mit dumpfer Stimme. »Du dürftest dich erinnern, Charlotte, daß die Alten diesen Fluß für den Höllenfluß hielten?« Durkley erschrak. Er hatte überhaupt eine unbestimmte Furcht vor diesen Mitteilungen des Kapitäns, und die Nachbarschaft des Hadesstromes, von Hammer so finster verkündet, war ihm nicht lieb. Charlotte bemerkte es und versuchte Hammer auf ein anderes Gesprächsthema zu bringen. In dem Augenblick öffnete sich die weiße Tür des Salons, einer der Stewards bat die Gäste des Kapitäns herein. Es war ein kleiner rechteckiger Raum, hell gestrichen, mit rotbraunen Fenstern und grünen Gardinen, wie sie alle Wohnräume des »Quirinale« hatten. Aber die Bestückung entsprach nicht dieser schiffsmäßigen Nüchternheit: sie war darauf berechnet, den Seemann, See und Seeleben vergessen zu lassen. Eine Garnitur Lehnstühle mit gebogenen Beinen und zu kleiner Sofas, mit braunem, großblumig gemustertem Samt bezogen, stand unregelmäßig herum. Damit diese gewollte Unordnung bei Wellengang nicht in eine ungewollte ausarte, waren die Möbel mit schweren Messingklammern an den Wänden befestigt. Wie überhaupt die Messingklammern den Raum beherrschten. Ein gebrechliches Tischchen, eine spinnebeinige Etagere, Nippes aus Glas und Porzellan, ein großes Bukett trockner Blumen, das in einer Cloissonnevase auf einer gedrehten Säule schwebte, all diese empfindlichen Gegenstände wurden von schweren Messinggriffen und -banden gehalten. An den Wänden sah man in riesenhafter, leicht getuschter photographischer Vergrößerung die Gattin des Kapitäns mit breitkrempigem Federhut, ein mit Perlmutter inkrustiertes, sehr langes Panorama von Neapel (der Feuerschein des Vesuvs wurde mit Hilfe von Kupferblättchen vorgetäuscht), dazu das königliche Patent, das Esposito Coccumella zum Commendatore ernannte. Mit großer Feierlichkeit bat der Kapitän seine Gäste Platz zu nehmen. Der Kaffee wurde in Täßchen gereicht, deren falsche Rokokoverzierungen sich schmerzend in die Hände der Trinker bohrten. Dazu gab es etwas verstaubte, mit grünlichem Zuckerguß und kandierten Veilchen geschmückte Biskuits und einen süßlichen Likör, der seinem Namen »Strega« – das heißt »die Hexe« – mit Recht führt. Das ungewohnte gesellschaftliche Leben, das er also in seinen bescheidenen Salon hineingezaubert, erfüllte den Kapitän zunächst mit Besorgnissen. Die Stewards, die bedienten, machten verängstigte Mienen: Coccumella runzelte bei jeder ihrer Handlungen tadelnd die Stirn. Und es dauerte eine Weile, bis er die innere Ruhe fand, um sich niederzusetzen, einen Schluck aus seiner Tasse zu tun, ein Stückchen Biskuit herunterzuwürgen und schließlich die Rede zu beginnen, die er seit einer Viertelstunde in Gedanken vorbereitete. »Sie müssen nämlich wissen, meine Herrschaften«, so begann er, »daß ich ein Telegramm unsrer Schiffahrtsgesellschaft erhalten habe. Es stellt Sie und mich und auch alle anderen Passagiere vor Entscheidungen. Ehe ich nun den Inhalt durch Anschlag dem ganzen Schiff bekannt gebe, möchte ich erst einmal mit Ihnen sprechen.« Kriegsrat an Bord, dachte Charlotte. Und: er ist doch ein reizender Kerl! »Also«, so fuhr Coccumella fort, »also, meine Herrschaften, die Gesellschaft gibt mir Befehl, nicht direkt nach Athen zu fahren, sondern einen Umweg über die Insel Kreta zu machen. Es befindet sich dort, im Hafen von Kandia, eine größere Ladung von Korinthen, die mit größter Eile nach dem Piräus gebracht werden soll. Die Gesellschaft will auf diese Einnahme nicht verzichten.« »Unerhört«, murmelte Hammer. Aber Frau Maja legte ihm beschwichtigend ihre Hand auf die Schulter, und der Archäologe ließ den Kapitän weiterreden. »Andere Schiffe stehen zur Zeit in den griechischen Gewässern nicht zur Verfügung, und so muß der »Quirinale« diesen Umweg machen. Wie Sie wissen, kommen wir heute abend nach Patras. Statt nun, wie üblich, den Weg durch den Kanal von Korinth zu benutzen, werden wir um den Peloponnes herum nach Kandia fahren, dort etwa einen Tag laden und erst dann Kurs auf Athen nehmen. Was unsere Reise fast um drei Tage verlängert. Vor Dienstag dürften wir also kaum im Piräus sein. Die Gesellschaft ist nun bereit, Ihnen von Patras an alle Kosten der Landreise zu ersetzen. Ausschiffung, Hotel, Eisenbahnfahrt und so weiter. Sie ist ebenso bereit, Sie nach Kreta mitzunehmen, ohne daß Ihnen durch die Verlängerung der Reise oder Verpflegung irgendwelche Kosten entstehen. Ich habe Ihnen diese beiden Vorschläge zu machen. Es tut mir unendlich leid, Ihnen mit so unerfreulichen Nachrichten zu kommen – besonders nachdem unsere Reise bisher so angenehm verlaufen ist. Oder nicht, gnädige Frau?« »Aber gewiß, lieber Kapitän«, erwiderte Maja. »Und jedenfalls brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, daß wir irgendwie – – Sie können doch gar nichts dafür!« Indessen musterte Charlotte vorsichtig die Gesichter der Anwesenden, versuchte ihre Entscheidungen im voraus zu erkennen. Thomas Durkley, den sie zuletzt ansah, war blaß geworden. Seine Augen schienen ins Ungemessene zu wachsen: seine langen Beine, die er wie immer ineinander verflochten hatte, zitterten ein wenig. Wenn Charlotte nur nicht so genau gewußt hätte, was in ihm vorging! Gewiß, das Schiff war ihm unerträglich, er sehnte sich danach, in Athen wieder unabhängiger zu sein und Hammers Gesellschaft wieder loszuwerden. Aber wenn sich Mama und Hammer nun für den Umweg nach Kreta entschieden? Würde Durkley dann trotzdem heute abend den Mut finden, sich in Patras auszuschiffen? Sie versuchte einen Vorstoß: »Ich bin eigentlich dafür«, sagte sie halblaut, »direkt nach Athen zu fahren.« Es war, als ob Durkley sie dankbar angesehen hätte. »Warum?« fragte Hammer ziemlich barsch. Denn er hatte seine Meinung rasch geändert, sich für Kreta entschieden. Aber er besann sich, daß es vor allem an Maja war, einen Wunsch zu äußern, und er erkundigte sich bei ihr: »Und was meinen Sie, gnädige Frau?« »Ich möchte Ihnen und Charlotte die Entscheidung überlassen«, sagte Maja. »Ich fühle mich sehr wohl an Bord. Ich bin aber auch gerne bereit, den Landweg zu nehmen – – Und Sie, Durkley?« Durkley fand keine Worte. »Wie lange werden wir in Kandia bleiben?« unterbrach Giorgini. »Hätten wir wohl Zeit, etwas von Kreta zu sehn, Herr Kapitän?« fragte Hammer. Der Kapitän erklärte, daß man wohl für vierundzwanzig Stunden Ladearbeit haben würde. »Zu kurz«, sagte Charlotte. »Zu kurz, Herr Doktor! Was kann man in vierundzwanzig Stunden sehn?« »Gar nicht so wenig, Charlotte«, erwiderte der Archäologe. »Zunächst einmal das Museum. Du weißt, daß es die wertvollsten Stücke der minoischen Kunst enthält. Wir hätten so Gelegenheit, bevor wir mit dem Studium des eigentlichen Griechenland beginnen, die Ursprünge der griechischen Kultur kennenzulernen. Und dann Knossos! Das Labyrinth, der Palast! Du hast gesehn, daß ich aus Zeitmangel Kreta nicht in unsern Reiseplan aufnehmen konnte. Wir hätten auf diese Weise die Möglichkeit, wenigstens im Vorbeifahren einen Eindruck davon zu erhaschen.« Gewiß, auch Charlotte hatte die größte Lust, diesen Umweg zu machen. Sie liebte ihr Schiff und das Leben auf See. Sie wünschte sich die unerwartete Fahrt um den Peloponnes, hinaus ins weite Meer, nach der berühmten Insel. Aber da saß neben ihr Durkley und wurde blasser und blasser. Es kam ihr sogar vor, als ob er sie mit seinen großen, erschrockenen Augen hilfeflehend ansähe. Und so beschloß sie denn auch weiter, für die Ausschiffung in Patras einzutreten. Doch ihre Argumente waren schwach: es bestand keinerlei Notwendigkeit, daß Schotts so eilig die griechische Hauptstadt erreichten. Und Hammer beharrte auf seinem Standpunkt. Seine Augen wurden noch heller, als sie gewöhnlich waren, er kniff den Mund ein wenig zusammen, so daß sich die rötlichen Barthaare zwischen die Lippen klemmten, und alle Anwesenden spürten sehr deutlich, daß er fest entschlossen war, seinen Willen durchzusetzen. »Ich wundere mich, Charlotte«, sagte er, »daß du diese günstige Gelegenheit vorübergehen lassen willst. Wir kommen auch Dienstag noch zeitig genug nach Athen. Die Akropolis hat zweieinhalb Jahrtausende auf dich gewartet – sie wird auch noch weitere drei oder vier Tage warten können.« »Das bedeutet immerhin nicht, daß ich warten kann«, erwiderte Charlotte. »Ich für meinen Teil«, erklärte nun Hammer, zu Maja gewendet, »möchte diese Möglichkeit, Kreta zu sehn, unter keinen Umständen verscherzen. Wenn Sie es vorziehen, Frau Maja, mit Charlotte direkt nach Athen zu reisen, so würde ich Sie bitten, mich bis Dienstag dort zu erwarten.« Das kam für Schotts einer Entscheidung gleich. Der Gedanke, allein in Athen anzukommen, war Maja sehr unangenehm. So entschloß sie sich denn, Charlotte zuzureden: »Stell dir nur einmal vor, Charlotte, wie schön diese Fahrt wird! Du hast mir doch gesagt, daß dir die See reise das liebste an unserer ganzen Reise ist.« »So??« sagte Hammer. Dabei zog er seine Augenbrauen unheimlich hoch. Auch sein Bart stellte sich auf, hob sich angriffslustig übers Kinn empor: »So?? Die Seereise?« »Und die Archäologie natürlich –«, sagte Charlotte schüchtern. »Vom archäologischen Standpunkt aus«, antwortete Hammer, »ist dieser Umweg ein ganz besonderer Glücksfall. Ich würde an deiner Stelle – das heißt als zukünftige Archäologin – nicht einen Augenblick zweifeln! – Oder doch?« Charlotte wußte nicht, was sie erwidern sollte. Und der Kampf war damit zugunsten von Kreta entschieden. Was wird Durkley tun? dachte Charlotte. Was wird der arme Durkley tun? Sie erinnerte sich einiger Sätze, die sie vorhin in seinem Tagebuche gelesen: »Szenen machen«, »schwimmend das Land erreichen«, »wahnsinnig werden«. Nein, dachte Charlotte, er hält es nicht aus! Er fährt direkt nach Athen. Und – wer weiß, was dann wird und wo wir ihn wiedersehn? Jedenfalls wagte sie nicht, den Engländer nach seinen Plänen zu fragen. Statt dessen wandte sie sich an Giorgini. »Und Sie, Hauptmann?« Giorgini verneigte sich erst vor Maja, dann vor Hammer und erwiderte: »Ich werde nicht versäumen, eine so interessante Reise in so angenehmer und so gelehrter Gesellschaft zu tun!« »Und ich«, fügte Durkley mit verkniffenen Lippen und äußerster Anstrengung hinzu, »auch ich – wünsche mir schon seit langem, Kreta zu sehn.« »Politisch ganz uninteressant«, brummte Hammer. »Nicht ganz«, erwiderte der Engländer, indem er plötzlich entschlossen seine Schüchternheit überwand. »Und einmal sogar sehr interessant gewesen, Herr Doktor. Zur Venezianerzeit. Kennen Sie die diplomatischen Berichte der venezianischen Gouverneure von Kreta an die Serenissima?« Hammer schwieg. »Muster guter Diplomatie, Herr Doktor. Es würde mich sehr interessieren, das Land kennenzulernen, das diese klugen Leute verwalteten!« »Und dann wird uns Doktor Hammer alles so gut zeigen!« sagte Charlotte, nun plötzlich fröhlich geworden. »Nicht wahr, Herr Doktor? Das Museum und Knossos und –« Hammer sah seine Schülerin mit einem wohlgefälligen und ein ganz klein wenig sieghaften Lächeln an. »Ich dachte mir doch«, sagte er, »daß dir das alles sehr viel Freude machen würde.« Ganz besonders zufrieden war Esposito Coccumella: er hatte sich schon vor der Einsamkeit dieses Korinthenumwegs gefürchtet. Sofort ließ er den zweiten Offizier kommen und gab ihm Befehl, das Telegramm der Gesellschaft durch Aushang den übrigen Passagieren bekanntzumachen. Als Maja den Salon verließ, fand sie Lenchen, die es gelesen und nun weinend auf einer Bank saß. »Aber um's Himmels willen, Lenchen? Was ist denn geschehen, Lenchen?« fragte sie ihre Zofe. »Nun müssen wir heut abend heraus«, klagte Lenchen. »Aus dem Schiff in die Nacht, in eine fremde Stadt! Nun müssen wir mit der Bahn reisen, ganz allein –« »Wieso allein?« fragte Maja. »Ohne Schutz, ohne Rat. Nur mit Herrn Doktor Hammer, der ja was von Altertümern verstehen mag, aber sonst – –« »Aber wir fahren ja gar nicht mit der Bahn, Lenchen«, sagte Maja beruhigend. »Wir fahren nach der Insel Kreta.« Lenchen sah auf: nun lachend, strahlend. »Dabei dachte ich, Sie haßten das Schiff und alles, was dazu gehört«, meinte Maja. »Aber Herr Zapf fährt doch mit dem Schiff weiter«, antwortete Lenchen. »Und gnädige Frau können sich vielleicht vorstellen, was wir drei arme Frauen ohne einen Menschen wie Herrn Zapf wären, der alles, alles von diesem Griechenland weiß!« Nachdem auch Lenchen beruhigt war, kehrte in der kleinen Reisegesellschaft, die das Telegramm des Kapitäns vor so schwere Entscheidungen gestellt, die Ruhe zurück. Nur Durkley ging mit langen Schritten sorgenvoll über Deck und verschwand bald in seiner Kabine, vertraute seinem Tagebuch an, was ihn bedrückte. Hammer ließ sich im Salon nieder und kramte seine Karten und Bücher hervor: er wollte sich auf das vorbereiten, was es in Kreta zu sehen gab. Maja leistete ihm Gesellschaft und hörte sich an, was er ihr aus dem Inhalt seiner Lektüre mitzuteilen hatte. Nun, dachte Charlotte, der ist glücklich. Wenn er Gelegenheit hat, zu dozieren, und gar sein Fach und gar Mama zu dozieren. Noch dazu nach diesem gewaltigen Sieg, den er im Salon des Kapitäns davongetragen! Sie überließ ihre Mutter und ihren Lehrer sich selbst und verbrachte die Nachmittagsstunden in Betrachtung der Landschaft. Die Sonne stand schon nahe dem westlichen Horizont. Ein regelmäßiger, nicht sehr starker Wind, der von Süden heranwehte, hielt die Oberfläche der See bewegt, reihte und rillte spitze Brecher hinein, gitterte dunkel die Wellentäler. Fast schwarz schien das Wasser: so dicht wurde es von Wellenschatten, die die sinkende Sonne hervorbrachte, überflattert. Und die schneeweißen Kammgefieder, die, überall aufgescheucht, über dem dunklen Grund verwehten, ließen die Fluten noch dunkler erscheinen. Es war, als ob der Dampfer seinen Weg mühselig durch eine zusammengeballte und schwere Masse zöge, fast behindert von ihrem zähen Widerstand. Die See, in andern Breiten blau wie der schönste Himmel, grün wie der frischeste Waldgrund, kam dem Reisenden an diesem ionischen Abend fast wie ein festes Element entgegen. Sie nahm dem Schiff das Schweben, dem Wasser die Tiefe und dem Himmel sein Spiegelbild. Um so unwirklicher und geisterhafter lebten die Inseln darauf, die nun im Süden emporschwebten: Leukas, Ithaka und die ragende Kephallenia. Ihre veilchenfarbenen Kuppeln, ihre goldigen Ufer standen wie Rundgewächse aus durchsichtigem Kristall am Horizont. Ein Wind, meinte man, hätte sie heranwehen, über die Wellen schleudern können. Wie riesige Medusen aus zart glasigem Gewebe, wie abgezirkelte Wolken, die sich im Blau eines unendlichen Himmels mit sphärischem Glanz gefärbt. Staunend sah Charlotte, wie wirklich das Wasser, wie unwirklich das Land sein konnte: wie das Licht Wellen verdunkelte und Inseln durchstrahlte; wie sich das Sein der Felsen in durchsichtiges Kristall und das Wesen der See in dunkle greifbare Massen verwandelte. Und sie versuchte das, was Thomas Durkley über die Wirklichkeit geschrieben und gesagt hatte, mit diesen Wandlungen in Einklang zu bringen. VI Am Sonnabend, kurz nach Mitternacht, verließ der »Quirinale« den Hafen von Patras. Der Himmel bezog sich, die Luft wurde undurchsichtig und naß, ein scharfer Nordwest zerwühlte die peloponnesischen Küstengewässer. Als der Dampfer dem Windschutz der Insel Zakynthos entglitt, erhielt er von rückwärts halbschrägen Wellengang und geriet in eine Bewegung, die zwischen Schlingern und Stampfen grausam die Mitte hielt. Es wurde keine angenehme Nacht für die Passagiere. Maja ertrug die unregelmäßige und oft heftige Bewegung des Schiffes schlecht. Sie schlief einen schweren, unruhigen Schlaf. Hin und wieder wachte sie mit einem Schreckensgefühl auf, wenn irgendwo Ketten klapperten, Türen schlugen oder ein schwerer Gegenstand auf den Bordplanken umfiel. Durkley lag schwach und melancholisch in der Koje, unfähig sogar, seine traurigen Gedanken wie sonst dem Tagebuch anzuvertrauen. Giorgini war geradezu krank. Und Lenchen litt so sehr unter der Seekrankheit, daß sie sich dem Tode näher fühlte als dem Leben; in die Kabine eingeriegelt, vergingen ihr die Stunden in lauter Angst und Entsetzen. Nur Charlotte verbrachte eine gute Nacht. Lange sah sie am Abend zur Luke hinaus: in die dunkle See, in die weißen Wellenkeile, die die Lichter des Schiffs gespenstisch durchleuchteten. Dann schlief sie ein, träumte von einem Sturm irgendwo im Weltmeer und fühlte sich träumend als Reisende in den fernsten Ländern. Sie erwachte erst im Morgengrauen, blieb aber noch in ihrer Koje liegen, denn sie sah, daß der Himmel regnerisch, die See noch unruhig, die Küste verschleiert waren, daß sie an Deck keinerlei Aussicht erwartete. Und ihre Gedanken verweilten bei ihren Träumen. Bis sie plötzlich über ihrem Kopf Schritte hörte: auf und ab, ab und auf. Kommen und Gehen. Ob das wieder einmal Durkley ist? dachte Charlotte. Ob er auch diese Nacht an Deck verbracht, ob er vielleicht wieder auf mich gewartet hat, um mir dennoch zu sagen, was er mir eigentlich gar nicht sagen will? Und was ich nicht einmal hören will? Denn Charlotte fühlte, wie peinlich, wie unerträglich es für sie gewesen wäre, wenn Durkley wirklich gesprochen, wenn er seine Gefühle nicht mehr dem schwarzen Wachstuchheft, das jetzt zwischen ihnen stand, sondern unmittelbar ihr selbst anvertraut hätte; wenn sie mit ihren eigenen Ohren gehört hätte, wovon sie bis jetzt nur im geheimen las: von Durkleys Leidenschaft für ihre Mutter. Sie beschloß, einem Alleinsein mit ihm aus dem Wege zu gehn. Schade aber, dachte Charlotte. Wäre er vernünftiger und diese Liebe in ihm nicht so heftig und sein Wille, sich auszusprechen – gerade mir gegenüber auszusprechen –, nicht so groß, was könnte man für schöne Stunden zusammen verbringen! Denn Charlotte erinnerte sich gern an die vergangene Nacht und an den leuchtenden Sonnenaufgang über Korfu. Er war so anders gewesen als der heutige Morgen mit seinem traurigen Himmel und seiner rauhen See. Der Wellengang hatte zwar in der Dämmerung ein wenig nachgelassen, aber er war immer noch lebhaft genug, um die Empfindlichen in ihre Kojen zu zwingen. Maja fühlte sich, als sie aus unruhigem Schlaf erwachte, viel zu schwach, um aufzustehn, und Charlotte ließ ihr das Frühstück ans Bett bringen. Sie half der Mutter dann bei der Toilette, denn mit Lenchen war immer noch nicht zu rechnen. Charlotte mußte ein Umhängetuch holen, Kissen, Decken, Bücher, und die Koje ordnen, in der sich Maja nun für die nächsten Stunden einrichtete. Als Charlotte später an Deck kam, sah sie, daß selbst der große, starke Doktor Hammer blaß aussah: unter seiner rötlichen Haut lag ein grünlicher Schimmer, wie in den Gesichtern auf alten Gemälden, deren Untermalung durchgeschlagen ist. Er trug eine noch ernstere Miene als sonst zur Schau, einen gezwungenen Blick. Auch er machte die größten Anstrengungen, um der Seekrankheit Herr zu werden. Aber anmerken lassen wollte er sich nichts. »Einfach Willenssache«, sagte er zu Charlotte. »Zusammennehmen, die Zähne aufeinanderbeißen. Frische Luft, andere Gedanken. Konzentration – fort von der Vorstellung, daß einem das Meer etwas anhaben könnte. Du siehst, daß ich mich mit Hilfe dieses Rezepts sehr wohl befinde.« Charlotte dachte, daß sie selbst sich auch ohne solche Anstrengungen sehr wohl befand. Aber sie hütete sich, das auszusprechen. »Wer die geringsten geistigen Fähigkeiten hat«, so fuhr Hammer fort, »der verfügt auch über die geringste Willenskraft. Deswegen werden untergeordnete Geister meist zuerst seekrank. Und außerdem am heftigsten. Du siehst das an Lenchen. Dann packt es solche Menschen wie Durkley, die eine Neigung haben, sich zu verzärteln. Schließlich – –« »Aber auch Mama fühlt sich gar nicht wohl«, unterbrach Charlotte. »Weil sie denkt: Seekrankheit muß sein!« erwiderte Hammer. »Weil sie meint, das ließe sich auf Reisen nicht vermeiden, und sich einfach fügt. Weil sie mein Rezept noch nicht kennt. Aber ich werde ihr sagen, wie ich es mache. Und du wirst sehen, Charlotte! – – Meinst du, daß ich jetzt einmal hinuntergehn kann?« Charlotte fand eigentlich, daß Mama heute morgen besser allein geblieben wäre. Aber sie antwortete doch, ein wenig verschüchtert, wie immer, wenn sie mit ihrem Lehrer sprach: »Wie Sie meinen, Herr Doktor.« »Ich bin überzeugt, daß ich ihr diese sogenannte Krankheit ausreden kann«, erklärte Hammer mit Nachdruck. »Ich fühle das. Aber unter der Bedingung, daß ich allein mit ihr bin, daß ich richtig auf sie einwirken kann, daß uns niemand stört. – Nicht wahr, Charlotte, du wirst uns nicht stören?« Es fiel Charlotte auf, daß Hammer die letzten Worte gegen seine Gewohnheit sehr sanft und fast bittend sagte. »Nein«, antwortete sie, sie würde nicht stören. Denn sie sah ein, daß Hammer von seinem Vorhaben doch nicht abzubringen war. Und führte ihn zu ihrer Mutter. Solch eine Schiffskabine war eigentlich viel zu klein für diesen riesigen Menschen. Er mußte sich bücken, als er durch die Tür trat. Lange sah er sich vergebens nach einem für ihn geeigneten Sitzplatz um, bis er endlich den Waschtischdeckel herunterklappte und darauf Platz nahm. Nun durchquerten seine Beine den ganzen Raum; der Oberkörper duckte sich unter dem kleinen Holzgestell, das die Gläser trug. »Wenn wir uns hier zu dritt aufhalten wollten«, sagte Charlotte, »so würden wir uns wahrscheinlich in der kürzesten Zeit um den Platz streiten. Ich gehe lieber auf Deck.« »Auch deswegen«, antwortete Hammer, »weil es gegen die Seekrankheit gar nichts Besseres gibt als frische Luft« Charlotte verließ die Kabine und schloß die Tür hinter sich. »Fühlt sie sich denn auch schlecht?« fragte Maja erstaunt. » Alle fühlen sich schlecht«, antwortete Hammer mit Nachdruck. »Alle! Die See war ja heute nacht wirklich sehr unruhig. Aber die Menschen geben sich zu leicht dieser sogenannten Krankheit hin. Man muß mit dem Willen dagegen ankämpfen, muß sich ganz einfach sagen: das gibt es nicht! Und dann wird es auch weiter nicht schlimm werden.« »Ich fühle mich nur ein wenig schwach«, meinte Maja. »Sonst nichts. Aber liegen muß ich natürlich.« »Ob das so sicher ist?« erwiderte Hammer. »Ob das – verzeihen Sie! – nicht vielleicht Einbildung ist, wie die Seekrankheit überhaupt? Ich glaube es fast, Frau Maja.« »Dann möchte ich, daß Sie einmal ein paar Minuten an meiner Stelle wären!« gab Maja zurück. »Sie würden sehn, daß ich wirklich nicht aufstehn kann.« Hammer runzelte die Stirn; es zuckte wie Flammen in seinem Rotbart, und seine Brauen bogen sich streng. Auch seine Augen waren dabei, tadelnde Blicke auf Maja zu richten, als er sah, wie durchsichtig und muschelblaß ihre Haut im schönen Bogen der pechschwarzen Haare stand. Mit Staunen sah er es. Er verschwieg, was er hätte sagen wollen. Und dann wurde auch in diesem Augenblick das Schiff wieder von einer höheren Welle schräg nach vorwärts gedrückt, und er mußte die Zähne zusammenbeißen. Maja wurde noch blasser. »Aber auch Sie sehen nicht gut aus, lieber Hammer«, sagte sie schließlich. »Auch Sie sollten sich vielleicht niederlegen?« Hammer schüttelte den Kopf und schwieg. »Sie sitzen da abscheulich schlecht und zusammengedrückt«, sagte Maja. »Es ist zwar sehr nett von Ihnen, daß Sie mir einen kleinen Krankenbesuch machen. Aber wäre es nicht vielleicht doch besser, wenn Sie wieder an die Luft gingen?« Hammer schüttelte abermals den Kopf. Und wieder kam eine größere Welle, wieder sah Maja wie vorhin den gewaltsamen Ausdruck in Hammers Gesicht. Aber auch sie fühlte den Wasserstoß, senkte den Kopf in die Kissen und schloß auf einen Augenblick die Lider. »Ein dummes Gefühl!« meinte sie schließlich. »Ich habe gar keine Angst, daß es schlimmer wird. Auch ich kann mich zusammennehmen. Und das Liegen tut mir wirklich gut. Aber ich muß schon sagen, daß ich lieber an Deck spazierenginge und in die Landschaft hinaussähe.« »Ich nicht«, antwortete Hammer mit verbissenem Ausdruck. »Ich nicht, Frau Maja.« Maja sah ihn sehr erstaunt an. Warum sagte Hammer das so? »Ich möchte nicht an Deck sein«, fuhr Hammer fort. »Ich möchte nicht unter Menschen sein. Ich möchte überhaupt niemand sehen. Sie wissen, Frau Maja, daß ich alles Krankhafte hasse.« Und langsam fügte er hinzu: »Können Sie sich da vorstellen, daß ich der Krankheit heute trotzdem dankbar bin?« Maja konnte sich gar nichts vorstellen. »Können Sie sich vorstellen, daß ich mich sogar über die Krankheit freue? Nein? Nein, Frau Maja?! – So will ich Ihnen sagen, warum. Weil ich auf diese Weise einmal mit Ihnen allein sein kann. Weil ich auf diese Weise etwas mit Ihnen besprechen kann, was mir wichtig ist.« »Wichtig?« fragte Maja leise. »Sehr!« erwiderte Hammer. »Sehr! Entscheidend, Frau Maja.« Nach diesen Worten schwieg Hammer abermals. Und diesmal für eine ziemlich lange Zeit. Was konnte so wichtig sein, dachte Maja, daß Hammer es unter vier Augen mit ihr besprechen mußte? Sie hatten eigentlich noch niemals unter vier Augen miteinander gesprochen. Auch in den Berliner Jahren nicht. Niemals war dazu Gelegenheit gewesen, niemals hatte sich dazu ein Anlaß oder ein Bedürfnis gezeigt. Denn Charlottens Unterricht wickelte sich immer so klar und einfach ab, daß man sich's gar nicht besser wünschen konnte. Und wenn es darüber dennoch etwas zu besprechen gegeben, so war das zwischen ihrem Mann und Hammer abgemacht worden. Und sonst? Warum hätten sie sonst allein miteinander sprechen sollen? Und was wollte ihr Hammer nun sagen: Wichtiges, sehr Wichtiges, gar Entscheidendes? Eigentlich fühlte Maja eine gewisse Neugier. Neben der Neugier ein ganz klein wenig Angst. Und deswegen sagte sie: »Meinen Sie, daß jetzt der richtige Augenblick dazu ist?« Hammer nickte. »Jetzt, wo Sie sich nicht wohl fühlen und ich mich nicht wohl fühle?! Und dazu in dieser engen Kabine?« Bei dieser Frage sah Hammer Maja mit einem wilden, entschlossenen, ganz gespannten Blick an und sagte leise, sehr leise, aber mit hochgesteigertem Akzent: »Jetzt oder nie, Maja!« Und Maja erschrak. Weniger über dies »Jetzt oder nie« – denn darüber mußte sie innerlich sogar lachen – als darüber, daß Hammer nicht »Frau Maja« gesagt hatte wie sonst, sondern »Maja«. Sie kannte es so gut, dies altmodische »Frau Maja«, das sie immer ein wenig an Ritterromane erinnerte. Sie hatte sich bei Hammer so sehr daran gewöhnt und fand, daß es ganz ausgezeichnet zu seiner teutonischen Heldengestalt, zu seinem hohenstaufischen Rotbart passe. Warum änderte er plötzlich die Anrede? Warum nannte er sie mit dem bloßen Vornamen? Sie fühlte, daß das nichts Gutes zu bedeuten hätte. Hammer holte zu seiner Rede sehr weit aus: »Ich habe heute die ganze Nacht ohne Schlaf verbracht«, so begann er. »Nicht etwa, weil mich der Seegang störte. Keineswegs. Ich hatte mich durch energisches Zusammennehmen in vollkommener Gewalt. Aber weil ich über das nachgedacht habe, was ich Ihnen nun sagen will. Es war ein schweres, gründliches, eingehendes Nachdenken. Aber es hat mich zu dem Ergebnis geführt, daß ich entschlossen bin, Ihnen alles zu sagen.« Hier unterbrach sich Hammer einen Augenblick. Es war, als ob er sich sammle. Dann fuhr er fort: »Alles! Auch das, was mich Ihnen gegenüber in ein ungünstiges Licht bringen konnte. Auch das, was bestimmt ein Unrecht von mir war. Ich beziehe mich damit auf Charlotte.« Maja erschrak heftig. »Ja, auf Charlotte«, sagte Hammer mit harter Betonung. Eine Reihe von Gedanken flogen durch Majas Kopf: sollte ihr Mann doch recht haben? War Hammer wirklich in Charlotte verliebt? Und Charlotte vielleicht gar in ihn? Und was war dann das Unrecht, dessen Hammer sich bezichtigen mußte? »Ich möchte da auch von meinem Beruf, der Archäologie, reden«, sagte Hammer nun. »Sie wissen, daß ich diesen Beruf sehr ernst nehme, daß ich ganz und gar darin aufgehe. Aber ich muß Ihnen gestehen, daß ich doch einmal in meinem Leben dieser wissenschaftlichen Leidenschaft sehr, sehr untreu geworden bin. Daß ich sie betrogen habe! Und das war mit Charlotte.« Kein sehr erfreulicher Vergleich, dachte Maja. »Sie wissen auch, daß ich Charlotte immer für ein intelligentes und begabtes Kind gehalten habe. Und daß ich sie noch dafür halte. Aber ich muß nun doch sagen, daß ihr Interesse für Archäologie nicht ganz echt ist. Und zwar nicht durch ihre Schuld, sondern durch meine! Ja, durch meine, Maja! Ich habe dieses Interesse künstlich in ihr erweckt. Ich habe es in ihr gepflegt, wie man eine Pflanze in einem Boden pflegt, der nicht für sie geeignet ist. Ich habe Charlotte geradezu gewaltsam – mit geistiger Härte – in dieses Studium hineingetrieben und diese Reise ausgeklügelt, die eine archäologische werden soll. Sie werden denken, daß ich das alles blind, in übertriebener Begeisterung für meine Wissenschaft getan habe. Keineswegs! Kalt, berechnend, planmäßig habe ich dies Interesse erweckt, gefördert. Und zwar trotz meiner besseren Erkenntnis, daß ich Charlotte ebensogut für etwas anderes oder für gar nichts hätte begeistern können.« An dieser Stelle schwieg Hammer abermals, blickte zu Boden, zog die Augen zusammen. Er dachte sehr angestrengt nach, er versuchte abermals sich zu sammeln. »Wenn ich nur verstehen könnte«, sagte Maja sehr leise, » warum Sie so etwas getan haben, lieber Hammer.« »Ich weiß es sehr genau«, erwiderte Hammer und schwieg wieder. »Gott, ich kann es mir ja denken«, sagte Maja ernst, aber doch freundlich. »Ich muß es mir ja denken. Sie fühlten das Bedürfnis, einen Menschen, der Sie interessierte, geistig mit denselben Dingen zu beschäftigen, die Ihr Leben ausmachen. Ich verstehe das. Und dann dachten Sie an diese Reise –« »Ja, Maja, an diese Reise dachte ich!« rief Hammer nun plötzlich sehr lebhaft. »Sie wollten ihr alles zeigen, was Ihnen so wertvoll und wichtig ist«, für Maja fort. »Und Sie wollten, daß sie etwas davon hätte, daß sie etwas davon verstünde. Nicht?« Hammer schwieg. »Und nun finden Sie, daß das vergeblich gewesen ist? Daß sie sich mehr für Schiffe als für Archäologie interessiert. Und da tut es Ihnen leid –« »Es tut mir gar nicht leid«, warf Hammer ein. Maja sah ihn ernst an. »Nicht einmal leid tut es Ihnen?« fragte sie dann mit sanftem Vorwurf. »Nein!« rief Hammer. »Nein, Maja! Was ich wollte, ist erreicht. Wir sind allein! Wir reisen zusammen durch diese herrliche griechische Welt! Wir werden viele Wochen zusammen mit diesen Inseln, Bergen und Göttern verbringen. Wir können miteinander sprechen, so oft und so viel wir wollen. Von uns, von der Welt. Und kein Mensch stört uns. Kein Mensch hier hat ein Recht auf uns. Kein Mensch kann mir hier in den Weg treten. Hier kann ich sein, wie ich bin. Hier kann ich sprechen, wie ich denke. Hier kann ich Ihnen auch sagen –« »Sie brauchen mir darüber gar nichts zu sagen«, unterbrach Maja. »Ich verstehe Sie ganz, lieber Hammer. Aber auch Sie müssen verstehen –« Hammer stand jäh auf. »Sie müssen verstehen, daß ich mich an diesen Gedanken erst gewöhnen, daß ich mich besinnen muß.« »Besinnen?!« rief Hammer. »Und sehn Sie, lieber Hammer«, sagte Maja sehr unerwartet. »Und überraschend. Nicht wahr? Und –« »Überraschend?! Nach so vielen Jahren, Maja?!« »Ja, ich wußte doch gar nichts, lieber Hammer. Und dann hatte mir Charlotte nicht das geringste gesagt.« Hammer richtete sich hoch auf. Seine riesige Gestalt füllte den kleinen Raum vom Boden bis zur Decke. Wild und leidenschaftlich richtete er seinen Blick auf Maja. »Und sehn Sie, lieber Hammer«, sagte Maja sehr sanft, »ich möchte doch auch wissen, was Charlotte darüber denkt.« »Charlotte?!« schrie Hammer. »Charlotte?!« Nun erst sah Maja seine Augen, die stahlgrau geworden waren. Und erschrak. »Was Charlotte darüber denkt, daß ich ihre Mutter liebe?! – Ich kann Ihnen nur sagen, Maja, daß mir das vollkommen gleichgültig ist!!« Maja wandte ihren Kopf. Sah sich den riesigen Menschen, der da vor ihr stand, an, erst besorgt, dann mit einem guten, freundlichen, herzlichen und sehr erstaunten Blick. Und nach einer Weile sagte sie: »Das können Sie doch nicht im Ernst meinen, Hammer?« Aber ihr Blick und der Ton ihrer Stimme und ihre Worte ließen Hammer feuerrot werden: »Nicht im Ernst, Maja?!« fragte er mit verzweifelter Stimme. Und nach einer Weile, bis zum äußersten gekränkt und beleidigt: »Aber Sie – Sie kennen natürlich keinen Ernst. Ich hätte es wissen sollen, Maja. Aber Sie sollen noch sehn, was es heißt, einen Menschen wie mich nicht ernst zu nehmen!!« Bei diesen Worten ergriff Hammer die Klinke, riß die Tür auf und stürmte hinaus. Einige Sekunden später aber steckte er seinen riesigen Kopf noch einmal durch die Tür und schrie herein: »Zwischen uns ist es aus, Maja! Aus!! Und nicht einmal Griechenland wird uns versöhnen!« Dann flog die Tür wieder zu. Was heißt das nun? dachte Maja. Was soll das nur heißen? Aber eine große Welle, die den Dampfer emporhob – einmal – zweimal –, unterbrach sie in ihren Gedanken. In der Kabine fiel ein Wasserglas um. Sie fühlte sich sehr schlecht, mußte sich zurücklehnen, die Augen schließen. Nur mit Mühe überwand sie den Anfall. Es wäre besser, dachte Maja, er könnte sich in seinen Reden so zusammennehmen wie gegenüber der Seekrankheit. Im Gange draußen stieß Hammer auf Durkley, der aus seiner Kabine trat. Er hatte die laute Stimme des Archäologen gehört, war zu Tode erschrocken, sah nun mit Entsetzen, wie jener aus Majas Tür herausstürmte. Fast hätte Hammer den Engländer umgeworfen. »Geht es Frau Schott schlecht?« fragte Durkley leise. »Danach hätten Sie sich schon heute früh erkundigen können!« antwortete Hammer barsch und stürmte vorbei. Eine halbe Minute später klopfte jemand bei ihm an: Giorgini. »Aber was ist denn geschehen?« fragte der Hauptmann und lächelte ein wenig. »Wissen Sie etwas?« Durkley schüttelte den Kopf. »Ich hörte Herrn Hammer sehr heftig sprechen«, sagte Giorgini. »Ich hörte ihn Türen schlagen. Warum?« Wieder wußte Durkley nichts zu antworten. Der Italiener zuckte mit den Achseln, lächelte leise, bewegte ein bißchen seine Mundwinkel. So, als ob er sagen wollte: Man weiß ja! Man weiß natürlich! Dann zog er sich zurück.   Kurz darauf wurde Thomas Durkleys Tagebuch um die folgenden Aufzeichnungen bereichert:   »An Bord, 18. März vormittags. Man weiß ja! Man weiß natürlich! Selbst ein Mensch wie Giorgini weiß mit einem unverschämten Achselzucken, daß Hammer Majas Geliebter ist. Der einzige, der es nicht weiß, ist Thomas Durkley. Der einzige, der so naiv ist. Dabei gibt es unter den beiden bereits Eheszenen und Polterstreit. Eben hat Hammer in wilder Aufregung ihre Kabine verlassen, nachdem ich zuvor seine Stimme sich überschlagen hörte. Eben hat er mich angefahren – wie ein Herr seinen Diener anfährt. So wie ein Mensch, der seines Besitzes sicher ist, handeln mag. Weil ich mir erlaubt habe, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Nicht einmal das darf ich: so alt und alleinig sind seine Rechte. Mir bleibt nichts, gar nichts. Nicht einmal ich selbst bleibe mir. Ich hatte noch so sehr auf ein Gespräch mit Charlotte gehofft, auf ihren Rat und ihren Trost. Aber ich fühlte, daß mir auch diese Erleichterung verwehrt bliebe. Durch den unglücklichen Zufall, daß der einzige Mensch auf der Welt, zu dem ich Vertrauen habe, ausgerechnet Majas Tochter ist. Eine menschliche Zusammenstellung, so abscheulich verwickelt, daß sie eigentlich nur mir begegnen kann. Diese Nacht – ich litt unter dem Seegang und konnte kein Auge zutun – waren alle meine Gedanken bei Charlotte: bei dieser unmöglichen Möglichkeit, mit ihr zu sprechen. Ich erinnere mich, daß ich ruhiger wurde, daß ich mich leichter fühlte und Augenblicke von Hoffnung mich ansahen. Es gab Sekunden, in denen ich Maja vergessen und so intensiv an Charlotte denken konnte, die mich freundlich anblickte, gütig und beruhigend und doch ein wenig spöttisch zu mir sprach und sagte: Machen Sie Gedichte, Durkley! Machen Sie ein schönes Gedicht für mich, Durkley! Ich erinnere mich sogar, daß ich ein Gedicht schrieb, das nicht für Maja war – wie seit Jahren ein jedes –, sondern für Charlotte. So stark war die Hoffnung auf Trost bei mir. So dringend bedurfte ich dieses Trostes. Trost allein? Hoffnung! Immerhin noch Hoffnung, daß ich den Mut finden würde, zu sprechen; daß vielleicht doch alles noch enden könnte, wie ich's seit Jahren gedacht. Trost wollte ich, um die Hoffnung zu nähren. Charlotte hätte mir sagen sollen: Mut, Durkley! Meine Mutter liebt dich, Durkley! Wahnsinn!! Wie wird Charlotte so etwas von ihrer Mutter sagen? Oder werde ich sie gar fragen: Liebt mich deine Mutter, Charlotte? Man weiß ja nie, was man in diesem Zustand tut. Und dann ist Fragen noch nicht das schlimmste. Das schlimmste wäre die Antwort: Sie liebt Hammer, Herr Durkley. Ob Charlotte das überhaupt weiß? Ob sie das aussprechen würde? Dann könnte sie gleich den Revolver mitbringen und sagen: Hier, mein lieber Freund, sehen Sie sich einmal die Unwirklichkeit da drüben wirklich an. Das dürfte die einzige Art sein, den horror vacui – und den Herrn Hammer – loszuwerden. Dabei würde sie mir wahrscheinlich die Hand auf die Schultern legen und ein wenig spöttisch lächeln. Und ich würde vielleicht unter diesem Lächeln ganz glücklich sterben.«   Während Charlotte diese Zeilen las, wurde sie rot vor Wut. Arme Mama! dachte Charlotte. Da liegt sie in ihrer Kabine, kann sich nicht rühren und nicht wehren, und inzwischen bringt dieser Mensch die abgeschmacktesten Dinge über sie zu Papier! Charlotte hätte wahrscheinlich vor lauter Ärger das schwarze Wachstuchheft zerrissen, wenn nicht plötzlich das Lachen über sie gekommen wäre. Denn dieser Geliebte, von dem Durkley schrieb, sollte ja niemand anderes als Doktor Hammer, der große rotblonde Doktor Hammer, ihr Lehrer, sein! Ausgerechnet der! Konnte man so etwas überhaupt ernst nehmen? Aber dann fiel Charlotte ein, daß sich da doch irgend etwas ereignet haben mußte, wovon sie keine Ahnung hatte. Gewiß nicht, was Durkley vermutete. Aber irgend etwas Besonderes doch. Nein, dachte Charlotte, ich weiß viel von dem, was auf diesem Schiffe geschieht. Doch nicht alles. Sonst würde ich mir jetzt erklären können, wie der arme Durkley auf solche dummen Gedanken kommt. Und warum Hammer heute früh so heftig darauf bestanden hat, mit Mama zu sprechen, allein mit ihr zu sprechen. Und was Durkley mit den Szenen meint, von denen er schreibt. Armer Durkley! dachte Charlotte. Er ist wirklich nicht ganz bei Sinnen. Wem solche Sachen einfallen – – Die Selbstmordgedanken zum Beispiel. Gewiß, die erschreckten sie nicht. Es war ihr, als ob in diesem seltsamen Tagebuche schon lange von dergleichen hätte die Rede sein müssen. Es war ihr, als ob sie schon immer bestimmt mit diesem Wort »Revolver« gerechnet hätte. Jedenfalls nahm sie es nicht sehr ernst. Konnte sogar ein wenig darüber lachen. Und sie ging schließlich beruhigt in die Kabine ihrer Mutter hinüber. Maja fühlte sich immer noch elend: der Seegang wollte nicht nachlassen. Sie lag schwach, erschöpft, aber still und ergeben in ihrer kleinen Koje und versuchte einzuschlafen. Hammers leidenschaftlicher Angriff hatte sie sehr erschreckt. Aber die Kräfte reichten nicht aus, um über die Folgen seines unsinnigen Schrittes nachzudenken. Sie hatte nur eine unbestimmte Angst, daß ihre Reise nicht so glatt verlaufen werde, wie sie erwartet. Als Charlotte kam, um nach ihr zu sehen, erzählte sie ihr kein Wort von dem, was vorgefallen war. Und nicht nur, weil sie sich zu schwach zum Erzählen fühlte. »Wo ist Hammer?« fragte sie nach einer Weile. »Der geht, um sich abzuhärten, im Regen auf dem oberen Deck spazieren und friert«, antwortete Charlotte. »Und Durkley?« »Noch nicht gesehen«, antwortete Charlotte kurz. »Wahrscheinlich auch von der See etwas angegriffen«, meinte Maja. »Grüß ihn schön von mir, wenn du ihn siehst. Und sag ihm, daß er mich besuchen darf, wenn er Lust dazu hat.« Aber als Charlotte wieder hinaufkam, sagte sie Durkley gar nichts. Er saß, müde, noch immer ein wenig angegriffen und blaß, mit einem Ausdruck tiefer Verzweiflung in einem Winkel des Salons und rauchte eine Zigarette nach der andern. Charlotte wußte, daß sie ihn hätte trösten können: mit ihm sprechen, ihm sagen, daß Mama seinen Besuch wünschte. Doch sie tat es nicht. Wenn er so etwas von Mama glaubt! dachte Charlotte. Sie ging an ihm vorbei, die Treppen zum Oberdeck hinauf und rückte sich einen Lehnstuhl in den Wetterschutz der Kommandobrücke. Es hatte wieder zu regnen begonnen. Eiskalt klatschte das Wasser auf die Planken, rann die Gestänge hinab, fiel in die Boote und Segeltücher. Windgepeitscht prasselte es in die Wellen nieder. Schon hatte das Wetter die See verfärbt: kein grüner oder blauer Schimmer leuchtete mehr in den Wogentälern, der Schaum war farblos und metallisch, der Schatten grau. Und grau war auch die Küste: ihre bewegten Umrisse zergingen in eilenden Regenwolken. Umschleierte Inseln, übergraute Vorgebirge, umwölkte Berggipfel reihten sich im Osten. Im Westen aber, dem offenen Horizont zu, verschwammen Meer und Himmel zu einer einzigen Masse grundlosen grauen Wassers. Doch Charlotte hatte den Mut, sich auch über dieses Wetter zu freuen: was wäre eine Seereise ohne Wind und Regen gewesen? Sie hätte fast noch Nebel und Sturm herbeigewünscht, den Klang des Nebelhorns, von dem sie gelesen; unheimliche Schiffsbegegnungen in undurchsichtiger Luft. Ja, Piraten und Seeräuberei! Aber all das ereignete sich nicht. Es war ganz einfach ein trauriger Tag. Und durch diesen traurigen Tag zog der »Quirinale« langsam und schwerfällig seinen Weg. Einem Korinthenhafen entgegen. Charlotte erblickte den Kapitän in seinem Salon. Er saß in einem Lehnstuhl, hatte eine Flasche Kognak vor sich stehen, rauchte eine lange schwarze Zigarre und las in einem großen Band illustrierter Zeitschriften. Wahrscheinlich langweilte er sich sehr. Als er das junge Mädchen sah, stand er sofort auf und ging zu ihr hinaus. »Nun, Mademoiselle«, sagte er, »kümmert man sich auch wieder einmal um den Kapitän? Oder ist der vergessen? Oder denkt man nur sehr ungern an ihn?« »Man denkt«, antwortete Charlotte freundlich, »daß ihm das Wetter zu schaffen macht« »Natürlich, natürlich!« antwortete Coccumella. »Versteht sich – der Kapitän ist schuld! Nicht wahr, so ist es, Mademoiselle? Er hätte besser daran getan, uns schon in Patras an Land zu setzen. Ja, wenn man vorher gewußt hätte, daß wir solch ein Wetter haben würden!« »Wenn man zur See reist, muß man sich darauf gefaßt machen«, erwiderte Charlotte. »Ich bewundere Sie, daß Sie den Seegang so gut vertragen«, sagte der Kapitän. »Und nun gar noch in der Kälte sitzen! Wollen Sie nicht ein wenig hereinkommen und sich wärmen? Sonst geht es Ihnen vielleicht noch wie den andern Passagieren!« Charlotte folgte seiner Einladung. »In der Wärme«, meinte Coccumella, »hält man es nämlich besser aus. Es gibt ja Leute, die der Frischlufttheorie huldigen. Zum Beispiel Herr Doktor Hammer. Aber Sie hätten ihn sehen sollen, als er vorhin hier vorbeikam! Trotz all der frischen Luft blaß wie ein junges Mädchen! Mit einem Gesicht, das einem leid tun konnte!« »Wieso?« fragte Charlotte interessiert. »Wieso, Mademoiselle? Ihm war einfach hundsmiserabel schlecht. Er rannte in einer Art von Verzweiflung auf und ab – als ob ihm ein Seegespenst im Nacken säße. Ich fürchte –« »Daß er besser daran getan hätte, den Korinthenumweg zu vermeiden«, sagte Charlotte lachend. In diesem Augenblick kam Durkley vorüber. Er trug eine Mütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, einen Regenmantel, dessen hochgeschlagener Kragen ihm den Hals bedeckte. So ging er wiederholt vor dem Kapitänssalon auf und nieder. Dann sah er ein paarmal so von ungefähr in den Salon hinein. Er langweilte sich. Oder, genauer gesagt, er hätte sprechen wollen. Gewiß nicht über das Wetter wie der Kapitän und ich, dachte Charlotte. Aber sprechen! Esposito Coccumella fühlte sich zu wohl in der Gesellschaft des jungen Mädchens, als daß er die Unterhaltung mit ihr unterbrechen, den Engländer hätte hereinrufen mögen. Und auch Charlotte tat so, als ob sie Durkleys Blicke nicht gesehen hätte. Sie war noch böse auf ihn; hatte nicht vergessen, was er ihr wider Willen durch sein Tagebuch erzählt. Munter plauderte sie mit Coccumella: über die Reise, den Seemannsberuf. Und inzwischen sah sie mit Schadenfreude, wie Durkley immer wieder vorüberging, wie ihn der Regen mehr und mehr quälte, wie seine Blicke häufiger und auffälliger wurden. Und wenn Sie noch so gerne reden wollen, Thomas Durkley, dachte Charlotte, ich will Sie nicht hören! Aber plötzlich wurde der Kapitän abgerufen, mußte in den Maschinenraum hinuntergehn. Und kaum hatte er das obere Deck verlassen, als auch schon Durkley in den Salon trat und auf Charlotte zukam. »Ich muß Sie sprechen, Charlotte!« sagte er leise, aber mit Nachdruck. Charlotte sah ihn an, ohne eine Miene zu verändern. »Ich muß Sie unbedingt sprechen!« »Fühlen Sie sich sehr schlecht, Herr Durkley?« fragte nun Charlotte. Durkley verlor die Sicherheit: »Schlecht? – Wieso schlecht? – Nein, gar nicht. Ich vertrage die See ganz leidlich. Ich habe mich schon erholt.« »Und dann?« unterbrach Charlotte. »Was dann?« »Sagen Sie, Charlotte, sagen Sie«, rief Durkley nun plötzlich mit Leidenschaft, »was hat nur Hammer gegen mich?!« »Hammer?« »Ja, Hammer. Heute morgen – wissen Sie –, ich kam aus der Kabine. Er war gerade bei Ihrer Mutter gewesen. Und ich fragte ihn, wie es Ihrer Mutter ginge. Da antwortete er mir: ›Danach hätten Sie sich schon früher erkundigen können.‹ Mit einem Ton! Ich muß sagen –« »Ein wenig grob kann er ja sein«, meinte Charlotte beruhigend. »Aber dann. Eben. Vor ein paar Minuten. Ja, Sie können sich das gar nicht vorstellen, Charlotte! Und ich kann es Ihnen nicht einmal richtig sagen! – Ich sitze im Salon. Lese. Plötzlich kommt er auf mich zu. Stellt sich mit dem Körper, mit diesem riesigen Körper quer vor mich. So, daß ich mich nicht von meinem Platz rühren kann. Beugt sich mit diesen riesigen Schultern über mich, steckt mir seinen roten Bart fast ins Gesicht und schreit mich an.« »Schreit Sie an?!« fragte Charlotte beängstigt. »Ja, Charlotte. Schreit mich an. Fängt an, mich zu beschimpfen. Packt mich bei den Schultern. Schüttelt mich.« »Aber was hat er denn gesagt?« »Ach, Charlotte, das kann ich Ihnen ja gar nicht erzählen! Unmöglich. Er sagte, ich hätte sein Leben vernichtet. Hinterlistig, mit niedrigen, weltlichen Künsten hätte ich mich eingeschlichen in das Heiligtum seiner Seele. Hätte es vergiftet. Hätte ihn dem Tode geweiht. Ja, Charlotte – solche Dinge. Und dann plötzlich hat er mir den Rücken gekehrt. Rechts um. Dabei hat er mich fürchterlich auf den Fuß getreten. Und ist abmarschiert.« »Und Sie wissen nicht, warum?« fragte Charlotte. Durkley schwieg. »Oder wollen Sie's mir nicht sagen?« Durkley schwieg wieder. »Ich will es auch gar nicht wissen«, fuhr Charlotte fort. »Gar nicht. Ich bitte Sie sogar darum, es mir nicht zu sagen. Unter keinen Umständen. Aber ich möchte Sie fragen, Durkley: war dieser Angriff so ganz unberechtigt? Haben Sie Hammer niemals beleidigt?« Der Ausdruck des Engländers wurde Entsetzen. »Haben Sie ihn niemals in der gleichen Weise beschimpft?« fragte Charlotte. »Niemals!« antwortete Durkley. »Ich meine nicht nur: mit Worten. Ich meine: sonst. In Gedanken , Durkley? In Ihren Gedichten zum Beispiel?« Für lange Zeit schnitt diese Frage jedes Gespräch zwischen Ihnen ab. Einen Augenblick schien es Charlotte, als ob Durkley rückwärts taumle, als ob er das Gleichgewicht verlieren und hinfallen könne. Aber er erraffte sich wieder, drückte den Rücken durch und stand kerzengerade vor ihr. Ein wenig grausam sah Charlotte diesem Kampf zu. Und dann fragte sie, nicht weniger grausam: »Tut Ihnen der Seegang wieder schlecht?« Durkley antwortete nicht. Aber er mußte sich setzen. »Wollen Sie sich nicht lieber niederlegen?« fragte Charlotte. »Ich bin ganz gesund«, erwiderte der Engländer leise. »Ganz gesund. Im Körper wenigstens. Aber, wenn Sie mich fragen wollen – ich meine, im Kopf. Nicht wahr? Man macht zu viele Aufregungen durch. Diese Szenen mit Hammer. Und nun –« »Wieso: nun?« unterbrach Charlotte. »Nun – wo Sie das alles wissen. Was ich denke. Woher wissen Sie immer, was ich denke?! Über Hammer, meine ich?« Charlotte lächelte. »Das hat nur so den Anschein, Durkley.« Nun tat er ihr leid. In seinem Gesicht war eine Angst wie vor Gespenstern. Eine Unsicherheit, aus der es keinen Ausweg mehr zu geben schien. Wenn er nun durch diese Gespräche noch schüchterner wird, als er schon ist? dachte Charlotte. »Nehmen Sie das nicht so ernst, Durkley, was Hammer tut«, sagte Charlotte nun freundlich. »Nehmen Sie auch das nicht so ernst, was ich sage. Ist denn das Wirklichkeit? Vielleicht nur ein Teil jener Wirklichkeit, vor der Sie sich leider immer wieder verkriechen? – – Oder erinnern Sie sich nicht mehr an unsere Gespräche von gestern nacht?« Durkley nickte. »Ich habe noch sehr viel darüber nachgedacht. Und statt über Hammer zu sprechen, über seine Grobheiten und über Ihre etwas unfreundlichen Gedanken, sollten wir vielleicht lieber von diesen Dingen reden. Oder meinen Sie nicht, daß uns dann der Regentag rascher verginge?« »Gewiß, Charlotte.« »Denn sehn Sie, die Gespräche, die wir eben geführt haben, und Hammers Launen und Ihre Gedanken – die kommen doch nur alle vom Regenwetter. Dabei müssen wir noch froh sein, daß es uns so gut geht, und daß wir unsere Zeit an Deck verbringen können. Denken Sie nur an Mama, die den ganzen Vormittag in der Kabine verbracht hat!« »Wirklich, Charlotte.« »Wollen Sie sie nicht nach Tisch ein wenig besuchen? Sie würde sich so darüber freuen!« Für einen kurzen Augenblick ging ein Lächeln über Durkleys Gesicht. Aber dann erblaßte er von neuem und stotterte die Frage: »Aber was wird denn Hammer dazu sagen?« Da wurden Charlottens Augen sehr böse und streng, und sie sagte kurz: »Mama läßt Ihnen durch mich sagen, daß sie um einen Besuch bittet.« VII Thomas Durkleys Tagebuch »An Bord, Sonntag, 20. März. Woher kommt eigentlich so viel schwarze Nacht? Seit vielen Stunden – und schon viel, viel länger, als die Sonne gesunken ist – leb' ich in schwarzer Nacht. Ist nun Tag? Ja. Durch die Luke erkenne ich perlmutterne See, einen silbernen Schimmer über dem Horizont und eine Insel, die auch eine Wolke sein könnte. Die Wellen sind wieder still. Und wenn auch die Sonne noch fehlt, so kündigt sie sich doch an. Es wird ein schöner Morgen werden. Seltsam, daß ich das noch sehe! Aber ich sehe es ja auch nur. Und fühle es nicht. Ich weiß es. Aber ich kann mich nicht darüber freuen. Denn die Nacht begann für mich – mitten am Tage. Als Hammer mir Grobheiten sagte. Als ich die furchtbare Gewißheit über ihn und Maja zu haben glaubte. Aber was folgte, war noch viel, viel höllischer. Es begann mit einem Satz, den Charlotte sagte: ›Mama würde sich so darüber freuen!‹ (Nämlich über meinen Besuch.) ›Mama läßt um Ihren Besuch bitten, Herr Durkley!‹ Ich vergaß alles, was gewesen war, was ich dachte und vermutete und glaubte. Ich vergaß mich selbst. Ich vergaß sogar die unfaßbare Tatsache, daß Charlotte wieder einmal bewiesen hatte, wie sie meine geheimsten Gedanken kennt: alles, was außer mir nur diese Seiten wissen. Wenn ich mich jetzt daran erinnere, wie ich Maja in ihrer Koje sah, möchte ich sie ganz genau beschreiben: ihre Stimme, ihre Hände, ihre Augen, ihre Bewegungen. Aber ich weiß, daß ich es nicht kann. Und verzichte darauf. Es hätte ja auch nur dann einen Sinn, wenn ein Mensch diese Zeilen läse, der Maja nicht kennt. Und da nur ich dieses Heft lese – und nicht einmal ich – und kein Mensch sie besser kennen kann, als ich sie kenne – – warum? Ich könnte auch nicht mehr genau aufschreiben, was wir in den ersten Augenblicken gesprochen haben. Ich gar nichts. Sie wenig. Aber wenn ich noch Zeit hätte zum Vergessen, dann würde ich niemals vergessen, daß diese Minuten zu den herrlichsten meines Lebens gehört haben. Vielleicht, weil sie der Hölle so nah waren? Soll ich das wirklich hier noch einmal festhalten? Den Höllenweg, den ich gegangen bin, Stufe für Stufe beschreiben? Wozu? Wenn man in der Hölle ist , so kann es vielleicht doch nützlich sein, sich darüber klarzuwerden, wie man hineingekommen. So wie man hineingekommen, so kommt man vielleicht auch wieder heraus. (Ich nicht! Ich gewiß nicht!) Also, dieser Höllenweg: ihre schöne, wunderschöne Stimme baute ihn aus Worten. Ungefähr so: ›Nicht wahr, mein lieber Durkley, Sie sind mir nicht böse, wenn ich Ihnen von einer Sache spreche, von der eigentlich besser gar nicht gesprochen würde. Aber sehn Sie, ich bin so allein. Ich kann auch, wie Sie gleich sehen werden, nicht mit Charlotte darüber reden. Und da bleibt mir gar nichts anderes übrig, als Sie um Geduld zu bitten.‹ (Das war die Präambel, wie sie auch bei Todesurteilen üblich ist: im Namen des Unvermeidlichen . .) Und dann sprach sie von Hammer: wie gut er Charlotte unterrichtet, und wie sie das größte Vertrauen zu ihm gehabt und ihr Mann auch. Wenn ich mich daran erinnere, was ich – in blindester Eifersucht – über Maja dachte, als sie so von Hammer sprach, so meine ich, daß ich noch immer nicht tief genug in der Hölle sitze! Etwas ganz anderes mußte ich hören! Daß Maja zunächst gedacht, Hammer und Charlotte liebten sich. (Schon diese Vorstellung war mir vollkommen unerträglich!) Wie sie aber dann hatte hören müssen, daß Hammer nicht Charlotte, sondern sie selbst liebe! Ich weiß noch, daß ich schreien wollte: Ja! Ich wußte es! Und auch ich liebe Sie! Seit Jahren – Aber da sagte Maja ganz einfach mit ihrer wunderschönen, ein wenig singenden, ein wenig phlegmatischer Betonung: ›Was soll man nun mit solch einem armen Menschen machen, Durkley?‹ Und dann kam es, Schlag auf Schlag: ›Finden Sie das nicht gräßlich, Durkley? Einfach gräßlich? Er tut mir ja wirklich leid. Aber andrerseits – wo wir uns seit so vielen Jahren kennen! Wo er so genau weiß, wie mein Mann und ich immer zusammenhalten! Wo er sieht, wie ich an Charlotte hänge. Und dann, Durkley – ich dachte nun wirklich, daß in meinem Alter von so etwas nicht mehr die Rede sein dürfe. Wenn man eine erwachsene Tochter hat und seit zwanzig Jahren glücklich verheiratet ist.‹ (Ich möchte wissen, warum ich mich damit quäle, das alles aufzuschreiben.) ›Und dann, Durkley, seine Wut! Was wird nun? Er hat mir zum Schluß noch irgend etwas nachgerufen, was ich nicht recht verstehen konnte. Glauben Sie nicht, daß er sich vielleicht wieder beruhigen wird? Und Vernunft annehmen?‹ (Ich jedenfalls werde keine Vernunft annehmen! dachte ich in dem Augenblick bei mir.) ›Helfen Sie mir, Durkley!‹ rief Maja. ›Stellen Sie sich bloß vor, daß Charlotte etwas davon merkt! – Oder nehme ich das vielleicht alles viel zu ernst? So wie man's in der Jugend nahm. Vielleicht sind das einfach etwas aufgebauschte Launen. Oder was finden Sie, lieber Durkley?‹ In dem Augenblick wußte ich sehr, sehr genau, was ich hätte sagen sollen. Trotzdem ich gleichzeitig ebenso genau wußte, daß es sinnlos war. Ich weiß es auch jetzt. Ich hätte ganz einfach antworten müssen: Hammer liebt Sie. Auch ich liebe Sie, Sie können das ablehnen, aber Sie müssen es ernst nehmen. Ganz furchtbar ernst, Maja. So ernst wie Leben und Tod. Himmel, wie schön und papieren ich da rede! In Wirklichkeit brachte ich nur heraus: ›Was Sie nicht sagen!‹ (Wissen Sie, Herr Durkley, daß ein gewisser Doktor Hammer in eine gewisse Frau Schott verliebt ist? – Was Sie nicht sagen, gnädige Frau!) Das war der ›Stil‹ meiner Antwort. Sie: ›Sie scheinen das gar nicht sehr ernst zu finden, lieber Durkley! Sie finden das wohl gar komisch?‹ Ich: ›O nein! O nein, gnädige Frau! Ich finde es geradezu unerhört. Ich finde, daß sich Herr Doktor Hammer äußerst tadelnswert benommen hat.‹ Und so weiter. Ich sprach vollkommen mechanisch. Ich dachte vollkommen chaotisch. Zwischen Denken und Sprechen war gar keine Verbindung mehr. Jedenfalls wird kein Mensch sagen können, daß ich mein Todesurteil nicht in tadelloser Haltung entgegengenommen. Ich machte dabei vollkommene Konversation. Denn es ist mein Todesurteil. Ich will mich ja auch fügen: ganz ruhig und einfach. Wir fahren noch zwei Tage. Diese zwei Tage über werde ich vergnügt sein. Ich werde mit Maja und mit Charlotte sprechen. Ich werde mir Kreta ansehn. Ich werde die Seefahrt genießen. Am meisten freue ich mich darauf, noch ein paar schöne Stunden mit Charlotte zu verleben. So wie neulich im Morgengrauen vor Korfu. Sie ist so gescheit und gut und hat ein so feines Gefühl. Aber nun hat es ja gar keinen Sinn mehr, daß ich mich ihr anvertraue: was ich gelitten habe, braucht sie nicht zu belasten. Aber ich will trotzdem noch viel mit ihr zusammen sein. Auch das Gespräch über die Wirklichkeit und die Unwirklichkeit, das wir neulich miteinander gehabt haben, muß noch zu einem guten Ende kommen. Es werden nicht viele Visionen sein, die mir von dieser Erde bleiben. Aber ein Bild von Charlotte nehme ich bestimmt mit hinüber. Von ihren lustigen Augen und ihren Kringelhaaren. Von ihren schmalen, ein wenig spitzen Händen. Sogar von ihren endlos langen Beinen und ihren Füllenbewegungen. Vor allem aber von ihrem schönen, guten, spöttischen Lächeln, das so viel weiß! Wahrscheinlich noch mehr, als ich denke. Wenn sie nur nicht errät, wohin nun mein Weg geht! Sie weiß alles, sie sieht durch mich hindurch. Sie hat mich gestern abend mit ihrer Hellseherei furchtbar erschreckt. Aber ich glaube – auf solche Gedanken kann Charlotte gar nicht kommen. Was weiß sie vom Tod? Und wenn ich ihr sagen würde: sieh mal, Charlotte – liebe kleine Charlotte mit den lustigen Augen. Mittwoch, wenn wir in Athen sind, dann wird Thomas Durkley sich eine Kugel durch den Kopf schießen. Ihr werdet ihn finden, am Fuße der Akropolis, im Theater des Dionysos. Ihr werdet ihn beisetzen auf dem Hügel unter den Ölbäumen. Ihr werdet auch ein wenig um ihn trauern. – Wenn ich das zu Charlotte sagen würde, da würde sie mich mit ihrem wunderschönen Lächeln anlächeln und sagen: Übertreiben Sie nicht, Thomas Durkley. Aber ich werde übertreiben! Ich werde diese Liebe bis in den Tod hinübertreiben! Auch wenn das Leben noch so schön ist und Charlotte noch so spöttisch lächeln kann. Denn das Todesurteil hat Maja selbst ausgesprochen. Ja, Maja selbst.«   Wirklich, dachte Charlotte, übertreiben Sie nicht, Thomas Durkley! Übertreiben Sie Ihre spitzfindigen Hinübertreibungen nicht bis in den Tod. Machen Sie sich vor allem nichts vor. Denn sonst lach ich Sie einfach aus! Es war Charlotte überhaupt wieder einmal sehr zum Lachen zumute, als sie diese Zeilen gelesen. Schon seit den frühesten Morgenstunden fühlte sie eine Fröhlichkeit in sich, die gar nicht zu Durkleys Todesgedanken passen wollte und sich ihnen auch nun nicht anpaßte; eine Fröhlichkeit, die vom wiedergekehrten guten Wetter kam. Rosig lag das Sonnenlicht auf den Mahagonitüren und blitzte im Messing. Und dann hatte Charlotte eine Insel an der Luke vorbeischwimmen sehn – eine so herrliche blaßlila Insel –, Kythera genannt. Grund genug, fröhlich zu sein. Und nun dieses Tagebuch! Grund genug, auch zu lachen. War das – trotz aller Todesgedanken – nicht wirklich eine komische Verwechslungsgeschichte? Wie sie Archäologie studieren mußte, damit Hammer mit Mama reisen konnte, die er liebte; damit er ihr sagen konnte, was er für sie fühlte – und was Charlotte schon immer gewußt –, während Mama glaubte, daß seine Gefühle nicht ihr, sondern ihrer Tochter galten. Und zum Schluß wurde dann Durkley – ausgerechnet Durkley! – ins Vertrauen gezogen! Da sollte man vielleicht nicht lachen? Und dann stand's da ja auch, schwarz auf weiß, daß dies Lachen ihr Vorrecht war. Wie nett, sich in einem stillen Tagebuch sagen zu lassen, daß man ein reizendes Lächeln hat. Und hellsieht. Und gescheit und gut ist. Und überhaupt ein ganz ungewöhnlich nettes Geschöpf, das die letzten Stunden eines Sterbenden zum Paradies machen kann. Charlotte hatte Thomas Durkley verziehn. Was er gestern in sein Tagebuch geschrieben, war vergessen. Und was er heute geschrieben, sollte ihm unvergessen bleiben. Was aber Thomas Durkleys Selbstmordabsichten betraf, so fand Charlotte, daß die nicht recht ernst zu nehmen seien. Wer in articulo mortis noch so umständlich und ein wenig pedantisch Tagebuch schreibt, seine Gefühle sorgfältig ordnet, sich einen gemütlichen Zeitraum läßt, der durch eine Inselreise, eine ungemein anziehende Seefahrt und durch den Umgang mit einem hübschen jungen Mädchen angenehm ausgefüllt wird; wer dann genau einen klassischen Plan festlegt – Akropolis, Dionysostheater, Hügel von Kolonos – wer das alles tut – – Aber hübsch, dachte Charlotte, macht Thomas Durkley so etwas! Einfach ganz wunderschön! Wie vor hundert Jahren. Und das war es, warum Charlotte dieser Durkley so gut gefiel. Und warum sie ihn doch ernst nahm, ganz vollkommen ernst – und jedenfalls viel ernster, als er's eigentlich seinem Tagebuch nach verdient hätte. Als Charlotte später an Deck kam, da saß Thomas Durkley gemütlich in einem großen Bordstuhl. Er sah zwar sehr blaß aus, und es stimmte gewiß, wie's in seinem Tagebuch zu lesen stand, daß er eine Nacht durchwacht und Schweres gelitten hatte. Aber er war drauf und dran, seine Gesundheit auch in diesen letzten Tagen seines Daseins nicht verfallen zu lassen. Er beugte sich über ein blitzsauber gedecktes rundes Tischchen, auf dem eine dampfende Teekanne, schöner weißer Porridge, goldig schillernder Haddock und eine Säule angenehm duftender Toastschnitten standen. Gerade trug der Steward, um zu vervollständigen, was bei einem so englischen Frühstück unentbehrlich schien, Ham and eggs in einem hübschen weißen Pfännchen auf. »Der gestrige unruhige Tag«, sagte Durkley entschuldigend, »hat mich ausgehungert. Ich hatte fast vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Da bin ich entgegen meinen Gewohnheiten zur Frühstückssitte meines Volkes zurückgekehrt.« »Obwohl wir dabei sind, den 36. Grad nördlicher Breite in südlicher Richtung zu überschreiten. – Haben Sie Kythera gesehn, Durkley?« Durkley nickte. »Sehn Sie sich um«, fuhr Charlotte fort. »Aber erschrecken Sie nicht. Da über den Wolken ist Kreta.« Er erkannte über den Wolken und Nebeln, die sich noch auf dem Meere ballten, einen beschneiten Berg – hoch, hoch oben unter dem Himmel: den kretischen Ida. »Ist das nun Wirklichkeit oder Unwirklichkeit?« fragte Charlotte lachend. »Daß wir die Insel, die wir betreten sollen, zuerst über den Wolken sehen?« Durkley wußte nicht, was er antworten sollte. »Aber vielleicht interessiert Sie das jetzt gar nicht«, fuhr Charlotte fort. »Vielleicht sind Sie jetzt auch einmal ganz einfach glücklich – so wie ich?« »Wenn es so etwas wie Glück überhaupt gibt«, sagte Durkley leise. Da wandte sich Charlotte um, sah Durkley mitten ins Gesicht und lachte ihn ganz richtig aus. »Warum übertreiben, Thomas Durkley! Wollen Sie's mit dem Glück machen wie mit der Wirklichkeit? Und nie etwas anderes sehen als Unglück und Unwirklichkeit? Was haben Sie davon, Durkley? Vielleicht, daß Sie feststellen können, wie gescheit Sie sind? Wenn Sie das noch nicht wissen sollten – Vielleicht, daß ich eine ganz verteufelte Lust bekomme, Sie auszulachen und Ihnen zu sagen: übertreiben Sie nicht, Thomas Durkley!« Der Engländer war blaß geworden. »Aber ich will nicht grausam sein, Durkley«, fuhr Charlotte fort. »Sie vertragen das nicht. Wahrscheinlich ist Ihnen noch von der gestrigen Schaukelei übel. Genießen Sie die ruhige See! Frühstücken Sie, Durkley!« Und Thomas Durkley widmete sich wirklich in aller Ruhe dem heimatlichen Frühstück. Es gab an diesem Sonntagmorgen auf dem »Quirinale« so etwas wie eine allgemeine Auferstehung. Coccumella kam vorüber, grüßte herzlich, schlug Durkley etwas zu heftig auf die Schulter und lachte Charlotte kameradschaftlich an. Aber er mußte sich Luft machen nach der Langenweile des Sturmtags. »Ich sehe«, sagte er zu Durkley, »die Seekrankheit macht Appetit!« Voll Bewunderung blickte er auf den üppigen Frühstückstisch, stolz darauf, daß sein Schiff solch fremdländische Wünsche zu erfüllen wisse. Und der Steward, der den Tee einschenkte, erhielt einen Belobigungsblick des Kapitäns, den er sich gar nicht erklären konnte. Auch Giorgini, der Leidenskoje in den Tiefen des Schiffes entstiegen, erschien an Deck. Seine Haut war ein wenig hell und durchsichtig geworden; um seine Augen lag ein bläulicher Schatten, aber er bemühte sich um einen guten Gang und grüßte in militärischer Haltung. Immer noch fühlte er sich ein wenig schwach, warf einen prüfenden Blick auf die kaum bewegte Wasserfläche, ließ sich dann sehr langsam neben Durkley in einen Lehnstuhl nieder. Und winkte dem Steward. »Den Kaffee«, sagte er. Der Steward verbeugte sich. Aber in dem Augenblick fiel Giorginis Blick auf Durkleys Frühstückstafel. Die Orangenmarmelade funkelte in der Sonne wie ein Edelstein. »Psst!« sagte Giorgini, winkte dem Steward abermals, machte eine weite, Durkleys ganzen Tisch umfassende Handbewegung. »Den Kaffee, Steward, und alles das.« »Ein englisches Frühstück mit Kaffee«, antwortete der Steward vorsichtig lächelnd. Und verschwand. Giorgini sah es noch seinem Rücken an, daß er der Meinung war, zu einem englischen Frühstück gehöre Tee. Aber er ließ es sich trotzdem schmecken, indem er hin und wieder zu Durkley hinüberlugte, um zu beobachten, wie der Porridge zu zuckern, der Haddock zu schälen sei und wie dick man die Marmelade streiche. Beide, Durkley und Giorgini frühstückten mit wirklicher Anteilnahme. Und es war ein Vergnügen zu sehn, wie wohl ihnen das tat, wie ihre Farben wieder kräftiger, ihre Augen wieder lebhafter und wärmer wurden und wie sich die Unterhaltung allmählich belebte. »Böser Tag gestern, was?« fragte der Kapitän seinen Landsmann. »Ach, vergessen wir das«, antwortete Giorgini. »Dafür heute ein um so schönerer! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie mir die Sonne gut tut!« Allmählich fühlten sich Durkley und der Hauptmann so gestärkt, daß sie ihre Bordstühle verließen und an Deck auf und ab gingen, um zu sehen, was es zu sehen gab. Und es gab viel zu sehn,. Zumal Charlotte überall war, alles beobachtete, auf alles aufmerksam machte. Da silberten winzige Fischchen vor einer gierigen Schar rötlicher Quallen daher. Da schaukelten sich Möwen im unsichtbaren Tauwerk des Himmels. Ein Dampfer zog in der besonnten Ferne vorbei, und es galt, mit dem Fernglas seine Nationalität zu erkennen. Fischerfahrzeuge ließen ihre Segel im schwachen Winde schlagen. Auf kleinen Inselchen sah man Blumen blühn. Ein Zug mächtiger Delphine schäumte heran, tauchte unter dem Kiel hindurch, ließ das Wasser unter kräftigen Flossenschlägen erzittern und schlang seine Sprungketten um das schwarze Schiff. Auch Kreta, das Ziel der Reise, kam immer näher heran. Die Nebel, die es umschleiert, hoben sich, verwolkten in steilen Bergtälern, verflatterten um schneeige Kronen. Man sah hinein in die Tiefe der Buchten. Vorgebirge reckten sich den Wellen entgegen. Häuser reihten sich unter Eukalyptusfächeln an goldigen Sandufern. In einem weiten Golf kroch auf einem Felsen von Schildkrötengestalt eine weiße Stadt dem Meere zu: den Rücken überbeult von Kuppeln und überstachelt von zerbrochenen Minaretts: ein riesiges Schaltier am Felsengestade. »Endlich wirklicher Orient!« rief Charlotte begeistert. »Man sollte denken, daß diese Stadt voller Neger ist!« »Womit Sie gar nicht so unrecht haben, Mademoiselle«, antwortete der Kapitän. »In Kreta gibt's seit Türkenzeiten sehr viel Neger, die früher Sklaven waren. Fast alle Bootsleute in Kandia sind Schwarze.« Charlotte freute sich so auf die Neger! »Mama!« rief sie ihrer Mutter entgegen, als Maja nun auch an Deck erschien. »Weißt du es schon, daß es in Kandia richtige Neger gibt?« Maja lächelte ein wenig über die Begeisterung ihrer Tochter. Und dies Lächeln erfaßte bald den ganzen kleinen Kreis. Der Kapitän machte seine allerblitzigsten Äugelchen. Giorgini verbeugte sich schulterstark und zeigte seine blendend weißen Zähne. Durkley schüttelte, ganz gegen seine Gewohnheit, Maja heftig die Hand und lachte sie an: lachte mit jenem kindlichen Ausdruck von Fröhlichkeit, der ihn manchmal so jung erscheinen ließ, daß die Menschen darüber staunten. Auch Maja ließ sich das Frühstück an Deck bringen. Und da standen sie nun alle so dicht um den kleinen runden Tisch mit dem blauweißen Schiffsgeschirr, daß der Steward die größte Mühe hatte, Maja zu bedienen. Charlotte erzählte, was der Morgen schon alles beschert: Fische und Quallen, Segler und Dampfer, Klippen und Delphine. Giorgini lobte fleißig englische Frühstückssitten, die geschwächte Körper wieder zum Leben erwecken könnten. Der Kapitän sprach die Hoffnung aus, daß der Korinthenumweg seinen Gästen doch noch Freude machen werde. Und Thomas Durkley, sonst so schweigsam und zurückhaltend, legte den beiden Italienern die Arme über die Schultern, schaukelte mit seinen langen Beinen und lachte – auch dann, wenn es nichts zu lachen gab. Ja, sogar Maja vergaß, was sie bedrückte: sie machte sich zunächst einmal keine Sorgen darüber, daß Doktor Hammer, von den anderen nicht vermißt, in diesem vergnügten Kreise fehlte. Inzwischen näherte sich der Dampfer seinem Ziel. Er umbog ein spitzes Kap: so nah, daß man den schlangengrünen Stein der Klippen in der Sonne schillern sah, daß man die Vögel deutlich erkannte, die um einen verfallenen Uferturm kreisten. Dann legte sich mit goldgelben Graten und hellila Schatten eine Insel in den Weg. Aber sie wurde bald in schwarzblauen Wassern umschifft. Über dem Silbersand einer unendlich weiten Bucht, die das Gebirge in seinen riesigen Bogen schloß, erhoben sich plötzlich Bastionen, Zinnen, ein kantiger Turm. Dahinter Segel, weiße und rostfarbene. Der Hafen von Kandia. Der »Quirinale« verlangsamte den Gang seiner Maschinen. Im Bug wurde das Rauschen schwächer und schwächer. Einige Male erhob die Sirene ihren klingenden Ruf. Und dann warf der Dampfer zu den Füßen einer riesigen alten Bastion seinen Anker in die Flut. Sofort wurde es lebhaft über dem Wasser. Zwischen dem dunklen Mauerwerk, das den altvenezianischen Hafen Kandias umschließt, erscholl lautes Rufen. Dann schossen, Silberschaum im Bug, bunte Boote, von kräftigen Ruderern vorwärts getrieben, aus dem schmalen Hafentore hervor, stürmten mit Wettrenngeschwindigkeit auf den »Quirinale« zu. Nur mühselig bahnte sich eine Motorpinasse, das Behördenfahrzeug, einen Weg zwischen ihnen, gelangte ans Schiff. Es blieb gerade noch die nötige Zeit, um die Falltreppe mit zwei Bewaffneten der Hafenwache zu besetzen, denn schon drängten die Boote heran, warfen ihre Taue enternd nach dem Dampfer aus, ballten sich in wildem Durcheinander unter der dunklen Bordwand. Die Passagiere der Ersten lehnten sich über die Reling, um dies lärmige Schauspiel zu betrachten. Aber kaum hatten die Ruderer die Fremden erblickt, so erhoben sie auch schon ein heftiges Geschrei. Trotz der unbequemen weiten Pumphosen, mit denen sie angetan waren, balancierten sie geschickt auf den Bootsbänken, hoben Arme und Ruder zu den Reisenden empor. Sechs oder acht Neger waren unter ihnen. Man hörte ihre kreischenden Stimmen und das Schnalzen ihrer Zungen, mit denen sie die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken suchten. »Wenn Lenchen das sieht!« sagte Maja zu ihrer Tochter. »Du machst dir keine Vorstellung, was Lenchen für eine Angst vor Griechenland hat!« Charlotte lachte. »Heute morgen beim Anziehn«, fuhr Maja fort, »war sie geradezu unbrauchbar. Geradezu nachlässig. So sehr sind ihre Gedanken mit Angst erfüllt – ich weiß nicht, wovor. Als ob's hierzulande Menschenfresser gäbe!« »Die Neger da«, sagte Charlotte, »wird sie bestimmt dafür halten!« In diesem Augenblick war das Schiff den Bootsleuten freigegeben worden: die Hafenwache zog sich zurück. Und in wenigen Sekunden wimmelte das Oberdeck von schwarzen und weißen Männern. Sie kamen nicht nur über alle Treppen herauf, sie kletterten auch an Seilen und Säulen empor, schwangen sich blitzschnell über Geländer. Und plötzlich sah sich die kleine Schar der Passagiere umringt. Fünfzig Bootsleute wollten vier Passagiere an Land fahren. Aber vier Passagiere brauchten nicht einmal einen einzigen Bootsmann. Trotzdem ließ sich die barfüßige Bande nicht aus der Fassung bringen. Auf der Stelle vertauschten sie die Rollen, verwandelten sich aus Ruderern rasch in Händler. Ihre Pumphosen erwiesen sich nun als geräumige Magazine, und aus allen ihren Falten kollerten plötzlich Waren hervor: Ketten und Zigarettenspitzen, Tonpfeifen und Muscheln, getrocknete Seepferdchen und rosige Korallenzweiglein. Erst als auch der Handel nicht blühen wollte, zeigte sich tiefe Enttäuschung auf ihren Gesichtern. Und wenigstens die Weißen unter ihnen gaben den Kampf auf. Nun versackten sie rasch in den riesigen Pumphosen, die eben noch so munter um sie herumgeschlenkert, füllten unwillig wiederum ihre Hosenmagazine und wandten sich murrend den Treppen zu. Hartnäckig blieben nur die Neger auf ihren Posten: ununterbrochen priesen ihre dicken Lippen den Wert ihrer Ware. Sie umzingelten die Passagiere, von Charlotte bestaunt und von den andern ein wenig belächelt. Sie gaben nicht nach, fanden immer neue Worte, schwätzten immer andere Sprachen, boten immer neues Zeug. Der schwarze Kreis, der da die Weißen gefangenhielt, schien unauflöslich. Bis er plötzlich – mit einer Geschwindigkeit, die unfaßbar schien – auseinanderstob. »Was ist denn los?!« fragte Charlotte. »Sie haben entdeckt, daß es auch eine zweite Klasse gibt«, antwortete Giorgini lachend. Alle richteten nun ihre Blicke aufs Deck der Zweiten hinüber. Nein, viel gab es für die Schwarzen auch dort nicht zu holen. Da saß Herr Zapf neben Lenchen in der Sonne. Und sonst kein Mensch. Aber diese zwei Opfer genügten der Negerschar. In rasender Hast, immer bemüht, den andern zuvorzukommen, übersprangen sie Geländer und Decks, überkletterten Treppen, Taue und Eisenpfeiler und umzingelten die zwei blassen Gestalten, die nicht mehr Zeit genug fanden, sich zu flüchten. Da hörte man bis aufs Deck der Ersten hinauf einen verzweifelten Schrei. »Lenchen unter den Menschenfressern«, sagte Charlotte trocken. Ein Rund gerundeter schwarzer Rücken und wolliger Köpfe verdeckte Lenchen den Blicken. Ein wildes Stimmengewirr erstickte ihre Stimme, die noch eben so laut geschrien. Sie muß in heller Verzweiflung sein, dachte Charlotte. Schon fühlte sie Mitleid, wollte der Ärmsten zur Hilfe eilen, als plötzlich von anderer Seite Unterstützung kam. Doktor Hammer betrat stürmisch das Deck der zweiten Klasse. Er war beladen mit einer Anzahl kleiner Handkoffer, hatte einen Rucksack über die Schultern geworfen, Schirm und Stock unter die Arme geklemmt. Wußte Hammer ein Zauberwort, das die Neger verstanden? Oder hatte er nur ihre Dienste gefordert? Eins von beiden bestimmt, denn wenige Sekunden nach seinem Erscheinen sah man Lenchen befreit. Der schwarze Kreis hatte sich in strampelnde Glieder aufgelöst. Und die Neger stürmten nun über Deck, der Falltreppe zu. Jeder mit irgendeinem Gepäckstück, das er Hammer entrissen. Der Archäologe hinter ihnen her. Maja war, während sie diese Szene mit dem Blick verfolgte, sehr blaß geworden. Sie eilte nun an die andere Seite des Schiffs, wo man die Falltreppe überblicken konnte. Hammer erschien, stolperte hastig die messingbeschlagenen Stufen hinunter. Soll ich rufen? dachte Maja. Warum soll ich eigentlich nicht rufen? Und sie rief: »Hammer! Hallo! Hammer!« Hatte er wirklich nicht gehört? Er antwortete jedenfalls nicht. Er lief nur noch schneller. Mit einem gewagten Sprung gelangte er in das breite Boot, in dem bereits sein Gepäck verstaut war und sechs Negerruderer an den Riemen saßen. Er machte, dem Hafen zu, eine Handbewegung, die vielleicht heißen sollte: Rasch! Rasch! Dann gaben zwei Schwarze dem Boot einen kräftigen Stoß, so daß die anderen rings gelagerten Fahrzeuge krachend auseinander flogen und der Weg sich öffnete. Sechs schwere Ruder tauchten in die See. Und das mächtige, gerundete Fahrzeug, von riesigen Armen getrieben, schoß schäumend durch die dunkelblauen Wasser der Bucht, der Hafeneinfahrt entgegen. Nach wenigen Minuten verschwand es im Winkel zwischen den beiden Bildnissen der Markuslöwen, die seit Venezianerzeiten über Kandia wachen. Maja nahm Durkley beiseite. »Sie haben gesehn, Durkley?« fragte sie. Durkley nickte. »Mit allen seinen Sachen!« sagte Maja. »Ohne sich zu verabschieden!« Durkley schwieg. »Ich kann ihm doch nicht einfach nachfahren!« fuhr Maja fort. »Aber andrerseits – kann man ihn denn so laufen lassen?« »Wenn er läuft«, antwortete Durkley und zog dabei die Augenbrauen so hoch, daß sie ganz unter seinen blonden Haaren verschwanden. »Ach, lieber Freund, sagen Sie doch nicht so etwas! Alle Menschen haben Stunden, wo sie davonlaufen möchten. Auch Sie vielleicht. Aber weil einer da nachgibt – deswegen kann man ihn doch nicht gleich im Stich lassen. Nein, Durkley! Und ich werde Sie sogar bitten, mir in dieser Sache einen großen Gefallen zu tun.« Durkley ließ seine Augenbrauen mit einem einzigen Schlag niedersinken. »Nicht wahr, mein lieber Durkley, Sie werden mir diese Bitte nicht abschlagen? Sie werden mir helfen?! Ja? Ja, Durkley! Am besten ist's, Sie machen mit Charlotte und Lenchen einen Landausflug. Ohne mich natürlich –« Durkley nickte bejahend. »Allerdings braucht Charlotte nicht zu wissen, was der eigentliche Zweck dieses Ausfluges ist.« »Charlotte weiß alles«, antwortete Durkley leise. »Das?!« rief Maja erschreckt. » Alles , sagte ich, gnädige Frau!« Maja verstand nicht. »Charlotte weiß immer alles. Und deswegen brauchen Sie gar nicht mit ihr darüber zu reden. Sie wird auch dann noch verstehen.« Sie schwiegen eine Weile. Endlich rief Maja Charlotte heran, machte ihr den Vorschlag, mit Durkley allein an Land zu gehn. Sie selbst sei von der Seekrankheit noch allzu ermüdet. »Und vielleicht«, fügte sie hinzu, »nehmt ihr auch Lenchen mit. Damit sie sich etwas erholt. Und wieder ein wenig brauchbarer wird.« Die beiden waren einverstanden, und Charlotte ging, um Lenchen zu rufen. Sie fand die Zofe noch in hellster Aufregung über den Negerangriff, dem sie soeben entgangen. »Und wenn Sie's nicht glauben wollen, Fräulein Charlotte«, so berichtete sie erregt, »dann fragen Sie nur Herrn Zapf. Die Mohren kamen auf mich zu, mit ihren weißen Zähnen und ihren riesigen Händen und wollten mich einfach mitnehmen. Sie umzingelten mich von allen Seiten, und ich dachte schon, mein letztes Stündlein habe geschlagen. Ja, mein letztes Stündlein, Fräulein Charlotte! Aber da rettete mich ein Wunder. Plötzlich stoben die Mohren auseinander. Plötzlich! Wie auf ein Zauberwort. Und wissen Sie, warum? Herr Zapf hatte die Mädchenhändler beschworen! Hab' ich's nicht immer gesagt, daß Herr Zapf unser Schutzengel ist, Fräulein Charlotte?« »Und nun erholen Sie sich von dem Schrecken«, antwortete Charlotte, »und kommen Sie ein wenig an Land mit uns. Nicht wahr, Lenchen?« Als Lenchen das hörte, ergriff sie Charlotte beim Arm und führte sie fast mit Gewalt an die Reling. »Psst!« sagte sie. »Psst!« Charlotte sah auf. Dann streckte Lenchen ihren Arm zeigend nach dem Ufer aus, nach den Bastionen der Hafeneinfahrt, und riß dabei ihre Augen weit und furchtsam auf. Aber Charlotte begriff nicht, warum. »Was gibt es denn da?« fragte sie. »Aber sehen Sie denn nicht, Fräulein Charlotte? Das Bild da! Genau wie in Venedig!« Da mußte Charlotte laut lachen. Denn was ihr Lenchen wies, das waren die steinernen Bilder geflügelter Markuslöwen, die seit Venezianerzeiten die Hafeneinfahrt von Kandia schmücken. »Und Sie glauben vielleicht, da geh ich an Land?« fragte Lenchen streng. VIII Maja freute sich eigentlich darauf, nach all diesen Aufregungen einige Stunden ganz allein zu bleiben. Nachdem Charlotte und Durkley an Land gegangen, auch Giorgini den »Quirinale« verlassen hatte und das Oberdeck still und leer geworden war, machte sie sich's unter dem Sonnensegel bequem, holte sich Bücher und Papierblock und begann einen ausführlichen Brief an ihren Mann zu schreiben. Maja freute sich auch darüber, daß Esposito Coccumella beschäftigt war. Schon kurz nach der Ankunft in Kandia hatte sein Dampfer Gesellschaft bekommen. Zwei große Leichter, rund und schwer wie Inseln, waren dicht unter die dunkle Bordwand geschleppt worden. Und auf diesen Inseln treppten sich mächtige Berge von kleinen Kisten zum Deck herauf: die erwartete Korinthenladung. Sie sahen alle gleich aus, diese Tausende von Korinthenkistchen: ganz helles Kiefernholz mit blitzblanken Blechkanten und mit einem großen runden, eingebrannten Stempel, auf dem zu lesen stand, daß es sich um »erstklassige, original-korinthische« Ware handle. Maja zerbrach sich eine Weile, aber ganz vergeblich, den Kopf darüber, warum man diese »erstklassige« und »originale« Ware von Korinth erst nach Kreta expediere, um sie dann von dort nach Athen zu verladen. Aber sie wurde in diesen Gedanken durch ein Geräusch unterbrochen, das plötzlich das ganze Schiff erzittern ließ: das Gerassel der Winden. Und dies Gerassel füllte nun den Tag aus: vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Es nahm Maja die Möglichkeit, zu lesen oder zu schreiben, nachzudenken oder zu schlafen. Es machte diesen Tag zu einem Tage ungeduldigen Wartens. Und war ganz einfach eine Qual. Ununterbrochen rasselten die Krane, an Vorderdeck und an Hinterdeck, auf und ab, auf und ab. Zwei Dutzend heller Korinthenkisten. Aufwärts, hoch über das Schiff, abwärts, tief in den Laderaum. Und immer die gleichen Rufe: Zieh! Laß locker! »Maina! Vira! Maina! Vira!« Und immer das gleiche Geräusch dazu. Und immer die gleichen Kistchen, Bewegungen, Manöver. Ein Leichter, zwei Leichter. Kaum war einer von ihnen leer, da brachte der Schlepper schon wieder einen neuen. Jeder von ihnen groß wie eine Insel und jeder übertürmt von einem Kistchengebirge. Und jedes dieser Kistchengebirge mußte mit Gerufe und Gerassel abgetragen werden, um einem neuen Platz zu machen. Und das dauerte vom Morgen bis zur Stunde, da die Sonne schon tief genug stand, um die Gipfel der Kistchengebirge zu vergolden. Und auch da war noch kein Ende abzusehn. Aber Majas Nerven waren fast am Ende. Sie hatte nicht lesen können: die Rufe unterbrachen sie bei jedem Gedanken. Unmöglich, zu schlafen: das Gerassel der Winden durchzitterte das ganze Schiff. Ja, sie wollte lesen und schreiben, wollte schlafen. Aber hätte sie's wirklich gekonnt? Auch wenn es mäuschenstill auf dem »Quirinale« gewesen wäre? Ihre Gedanken waren ununterbrochen an Land. Sie wußte: wenn Durkley Hammer gefunden hätte, dann wäre mindestens einer von beiden schon wieder an Bord. Das war so vereinbart. Wie oft hatte sie nun schon nach der Hafeneinfahrt hinübergeblickt, ob sich nicht etwa ein Boot zwischen den venezianischen Bastionen zeige. Oder Durkleys großer, heller Hut. Oder Hammers stroherner Tropenhelm. Nichts wie Kistenleichter kamen da hervor. Kisten, Kisten, Kisten. Die Sonne stand bereits jenseits des Ida-Gebirges: ihr Schein leuchtete seit langem nachmittäglich genug, um die Schneefelder der Gipfel zu vergolden. Immer schärfer gliederten bläuliche Schatten die fernen Felsenküsten, der Mittagswind schwieg, und still lag das Meer in den runden, offenen Buchten. Wie lange würde man noch laden? Wann würde der Dampfer die Reede wieder verlassen? Und würde Hammer bis dahin wiedergefunden sein? Einmal erschreckte sie der Ruf der Sirene. Sie dachte, es wäre ein Abfahrtszeichen, eilte an Deck. Aber es war nur ein Signal gewesen, das der »Quirinale« mit dem Korinthenschlepper gewechselt hatte. Später begegnete Maja dem Kapitän. »Nicht an Land gegangen?« fragte er freundlich. »Nur die jungen Leute«, erwiderte Maja. Coccumella machte ein verschmitztes Gesicht, wiegte sich in den Schultern und wackelte mit dem Kopf, als ob er sagen wollte: was heißt das – junge Leute? Warum redet eine so schöne Frau von jungen Leuten? Aber er sagte es nicht. »Noch viel Ladearbeit?« fragte Maja. Der Kapitän nickte. »Bis wann?« »Vielleicht bis nach Mitternacht«, antwortete Coccumella. »Ängstigen Sie sich nicht, gnädige Frau. Ich habe Ihrem Fräulein Tochter gesagt, daß sie ruhig bis zum Abendessen an Land bleiben kann.« Maja hörte sich weiter die Rufe der Arbeiter und das nervenzerreißende Gerassel an. Und sah Kistchen um Kistchen an ihren Augen vorüberschweben. Und war allein mit diesen Kistchen. Erst mit dem Tee kam auch etwas Gesellschaft: der Hauptmann Giorgini. Er bat um die Erlaubnis, sich zu ihr setzen zu dürfen. »Warum nicht an Land gegangen, Madame?« fragte auch er. »Ich war noch zu müde von der unruhigen Fahrt«, antwortete Maja. »Aber ich bedaure es jetzt! Sie machen sich keine Vorstellung, wie ermüdend das Gerassel der Ladewinde ist. – Aber Sie waren in Kandia, nicht wahr?« Giorgini bejahte. »Haben Sie vielleicht meine Tochter und Herrn Durkley gesehn?« »Nur für einen Augenblick«, antwortete Giorgini. »Auf dem Hauptplatz, in der Nähe des venezianischen Brunnens. Aber sie haben mich nicht gesehen. Sie gingen sehr eilig dem Basar zu. – Wissen Sie, Madame – ich mußte ihnen eine Weile nachsehen. So ein schönes Paar!« Maja sah Giorgini freundlich zustimmend an. »Beide groß«, so fuhr Giorgini fort. »Beide schlank. Und dabei dieser wundervolle Gegensatz von Blond und Dunkel! Ich sah ihnen nach, Madame. Und ich bemerkte auch, daß ihnen andere Leute genau so nachsahen.« Maja lächelte. »Was ist eigentlich Herr Durkley von Beruf?« fragte Giorgini. »Wissen Sie das noch nicht?« antwortete Maja. »Trotz der langen Reise, die Sie nun zusammen unternommen haben?« »Herr Durkley spricht sehr wenig«, meinte der Hauptmann. »Und das entspricht seinem Beruf«, sagte Maja. »Er ist Diplomat, kommt jetzt als Legationsrat an die britische Gesandtschaft in Athen. Wir kannten ihn schon aus Berlin, wo er noch vor zwei Jahren Attaché war.« »Sehr tüchtige Karriere«, erwiderte Giorgini. »Sehr rasch avanciert. Offenbar ein sehr intelligenter Herr. Sagen Sie, Madame – wenn ich fragen darf? – wie lange ist Ihr Fräulein Tochter denn schon verlobt?« Maja wandte sehr langsam ihren Kopf zu Giorgini hin und sah ihn mit ihren großen Augen ganz ruhig an. »Verlobt, Herr Hauptmann? Verlobt? Mit wem?« Giorgini kam aus der Fassung. »Sie dachten wohl, mit Herrn Durkley? Ja? – Ach, davon kann doch gar nicht die Rede sein! Als Charlotte Thomas Durkley kennenlernte, da war sie siebzehn Jahre alt. Und dann hat sie ihn zwei Jahre lang nicht gesehn. Durch reinen Zufall haben wir uns hier an Bord getroffen. – Aber wie kamen Sie denn auf den Gedanken?« Der Hauptmann brauchte einen Augenblick, um sich zu sammeln. »Ach, ich dachte nur so«, sagte er schließlich. »Weil ich Herrn Durkley immer mit Ihrer Tochter sah. Und weil sie auch heute wieder –« »Da haben Sie sich aber sehr geirrt, Hauptmann!« warf Maja ein. »Schon möglich. Gewiß sogar, Madame. Ich vergaß eben: andere Länder, andere Sitten. Ich dachte, so wie man in meiner Heimat gedacht hätte. Die jungen Leute gehen zusammen aus. Allein. Niemand findet etwas dabei. Nicht einmal Sie, Madame.« »Und was sollte ich dabei finden?« fragte Maja. »Oh, das meine ich gar nicht, Madame! Gewiß nicht. Aber bei uns zulande ist das nun einmal anders. Da würde die Mama ganz bestimmt etwas dabei finden. Ja, ja, Madame. – Aber ich verstehe natürlich. In Deutschland sind die Ansichten freier. Natürlicher – wenn man das so nennen will. Da findet man gar nichts dabei, wenn ein junges Mädchen mit einem Herrn allein ausgeht.« »Gewiß nicht«, sagte Maja. Giorgini lächelte. Ein wenig listig, ein wenig überlegen, auch ein wenig frech. »In Deutschland findet man auch gar nichts dabei, wenn eine schöne Frau allein oder fast allein reist. Und wenn sie noch so schön ist. Nicht wahr, Madame?« »Das kommt auf die Art der Männer an«, sagte Maja. »Mag sein, Madame. Aber, sehn Sie, in Italien gibt es solche Männer gar nicht, die es darauf ankommen ließen. Ich wenigstens kenne keine. Aber in Deutschland scheint das doch anders zu sein. Da sind eben die Ansichten freier. Und natürlicher – wenn man das so nennen will. Und ich muß ganz ehrlich sagen, daß ich der deutschen Sitte dankbar bin. Denn hätte ich sonst heute das Vergnügen, ungestört neben einer so schönen Frau wie Ihnen zu sitzen?« Maja wußte wirklich nicht, was sie auf dieses altmodische Kompliment erwidern sollte. Und deswegen fand Giorgini Zeit und Gelegenheit, in seiner Rede fortzufahren: »Allerdings muß ich sagen, Madame, daß ich manchmal vergesse, neben einer Deutschen zu sitzen. So italienisch sehen Sie aus! Manchmal, wenn ich Sie ansehe, habe ich den Eindruck, eine Florentinerin zu sehen. Dann scheinen Sie mir wieder eine Römerin. Und Sie müssen wissen, Madame, daß die Florentinerinnen und die Römerinnen die schönsten Frauen Italiens sind!« Bei diesen Worten sah Maja den Hauptmann an und lachte. »Sie lachen, Madame?« sagte Giorgini. »Ich sage das in vollstem Ernst.« »Haben Sie das gleiche auch meiner Tochter im vollsten Ernst gesagt?« fragte Maja. Aber der Italiener ließ sich nicht aus der Fassung bringen. »Das ist immerhin ein Unterschied!« rief er. »Und was ist das für ein Unterschied?« fragte Maja. »Ein großer Unterschied, Madame! Einem jungen Mädchen sagt man eine Höflichkeit – die deswegen noch nicht unwahr zu sein braucht. Aber zu einer schönen Frau wie Ihnen – da spricht man im Ernst.« »Ich aber hoffe, Hauptmann«, sagte Maja nun, »daß Sie mich auch ernst nehmen, wenn ich Ihnen sage, daß ich solche Dinge gar nicht gerne höre. Besonders heute, Hauptmann!« »Heute?« »Ja, Hauptmann. – Ich denke, Sie werden mich nicht nach den Einzelheiten fragen, wenn ich Ihnen sage, daß ich heute recht böse Sorgen habe, und daß wir da vielleicht besser von weniger ernst gemeinten oder ernst gesagten Dingen sprechen.« Giorgini machte ein etwas verlegenes Gesicht. Und schwieg. Es war inzwischen Abend geworden. Die Berge kamen näher heran, das Meer wurde dunkler und dunkler; die Häuser der Stadt ballten sich enger zusammen. Zwischen dem hohen Mauerwerk des Hafens lag schon die Nacht. Aber auf dem »Quirinale« wurde es dennoch nicht still. Die Bordlampen wurden allmählich angezündet, zwei große Scheinwerfer erhellten die Laderäume, und in ihrem Licht schwebten die Ladungen von den Leichtern in das Innerste des Schiffes: regelmäßig, sicher, mit weit ausholendem Schwung und dem immer gleichen Rufen und Rasseln. Korinthen, Korinthen, Korinthen. Eine dumme Frage stell' ich mir da, dachte Maja. Aber wozu und wo in aller Welt werden eigentlich so viel Korinthen gebraucht? Es war eine Frage der Verzweiflung. Allmählich glaubte Maja dieses Gerufe und Gerassel nicht mehr ertragen zu können. Sie verabschiedete sich von Giorgini und ging in den Salon. Aber auch da war es nicht stiller. Sie flüchtete sich in die Kabine. Doch die Wände des Schiffes hallten wider vom Lärm der Windemaschinen. Schließlich eilte sie doch wieder aufs obere Deck. Wenn die beiden jetzt nicht bald kommen, dachte Maja, dann geh ich an Land. Dann erwarte ich sie irgendwo am Hafen! Es wird mir allmählich gleichgültig, was Hammer denkt; ob er dann vielleicht meint – wenn er mich sehen sollte! – daß ich ihm nachlaufe, daß ich ihm nachgehe – – So redete Maja zu sich selbst. Als auch nach einer weiteren halben Stunde Durkley und Charlotte noch nicht wieder an Bord waren, da beschloß sie ein Boot zu mieten und ans Ufer zu fahren. Sie ging abermals in die Kabine hinunter, sagte Lenchen Bescheid, zog sich um. Ziemlich langsam und sorgfältig. Um noch ein wenig Zeit zu gewinnen; immer noch in der Hoffnung, die beiden könnten inzwischen zurückkehren. Als sie an die Falltreppe trat, um nach einem Bootsmann Umschau zu halten, trat ihr Charlotte aus der Dunkelheit entgegen. »Du wolltest an Land, Mama?« fragte sie mit einer Stimme, in der Furcht war. Maja nickte. »Wirklich«, sagte Charlotte, »es ist spät geworden! Sehr spät. Ich hoffe, daß du dich nicht zu sehr geängstigt hast.« Zunächst sprachen sie nichts anderes miteinander. Inzwischen kam Durkley, der die Ruderer entlohnt hatte, die Treppe herauf. Er sah ernst und traurig aus. Auch Charlotte zeigte einen müden Ausdruck. Ihre Schuhe waren voll Staub, auch ihr Mantel ein wenig schmutzig. Sie eilte in die Kabine hinunter. »Nichts?« fragte Maja, als sie mit Durkley allein war. »Nichts.« »Und Sie haben gesucht?« »Den ganzen Tag.« »Und Charlotte, Durkley? Was hat Charlotte dazu gesagt?« »Nichts. Aber sie hat alles verstanden. – Wissen Sie, wann das Schiff fährt, gnädige Frau?« »Kaum vor Mitternacht«, antwortete Maja. »Ich denke, daß Hammer bis dahin zurück sein wird«, sagte Durkley. »Jedenfalls dachte ich, daß wir nun wieder an Bord kommen müßten. Nicht wahr?« Maja nickte. »Ich fürchtete, daß Sie sich sonst auch unsertwegen ängstigen könnten«, fügte Durkley hinzu. Es läutete zum Abendessen. Aber es wurde keine gemütliche Mahlzeit an diesem Sonntagabend in Kandia. Hammers Platz stand leer. Giorgini, durch seine unerwartete Niederlage verstimmt, schwieg. Durkley war niemals zuvor so still gewesen wie gerade an diesem Abend. Der Kapitän wurde immer wieder abgerufen. Charlotte versuchte zwar hin und wieder ein Gespräch in Gang zu bringen, aber jedesmal unterbrach sie das Gerassel der Winden. Dann lächelte Giorgini verlegen, als ob er sagen wolle: bedaure, verstehe nicht. – Und das Schweigen ging weiter. Einmal, in einem Augenblick der Ruhe, erkundigte sich Coccumella nach Hammer. »Herr Doktor Hammer ist an Land gegangen«, antwortete Maja mit einem Ton, der jede weitere Frage abschnitt. Nach Tisch legte sich Charlotte gleich schlafen: dieser Tag des vergeblichen Suchens hatte sie müder als eine ganze Reihe von Reisetagen gemacht. Maja und Durkley aber gingen wieder aufs obere Deck hinauf, ließen sich in den Bordstühlen nieder und schwiegen weiter. Ganz gegen ihre Gewohnheit ließ sich Maja einen schwarzen Kaffee und ein Glas Kognak bringen, zündete sich sogar eine Zigarette an. »Sie werden nicht schlafen können, gnädige Frau«, sagte Durkley leise. »Solange das Gerassel da dauert, ist an Schlafen sowieso nicht zu denken«, antwortete Maja. »Wie mich das heute den ganzen Tag gequält hat!« Allmählich wurde es kühl an Deck, es fiel ein wenig Tau; wenn man die Hand auf die Stuhllehne legte, so fühlte man eine unangenehme klebrige Nässe. Maja bat Durkley, Decken herbeizuholen. Später kam der Mond über die kretischen Berge. Er war nicht mehr ganz rund, blaß orangenrot und ein wenig umnebelt. Schräg hob er sich empor, warf ein fast künstlich scheinendes Licht auf Stadt und Hafen: wie eine Feuerwerkskugel, die in der abendlichen Feuchtigkeit allzu langsam aufsteigt und nicht versprühen will. Und entzündete kein Glitzerlicht im Meer und gab keinen Widerschein auf den Mauern. Kein Stern stand um ihn, und selbst am Horizont, der Mondnacht abgewandt, wollte kein anderes Himmelslicht zu leuchten beginnen. Der Mond war heute abend wirklich nicht schön! Aber der Kapitän des »Quirinale« schien anderer Meinung. Lustig pfeifend kam er aus seinem Salon heraus, schaukelte wie gewöhnlich seinen Wanst vor sich her, drehte den fetten Hals dem Himmel zu und sagte so stolz, als ob der Mond zu den Einrichtungen seines Schiffes gehöre: »Was für ein schöner Mond, meine Herrschaften!« »Ein wenig blaß«, antwortete Maja. »Aber doch hell genug, daß er uns beim Laden ganz wundervoll helfen konnte. Ja, ja, gnädige Frau, was wäre aus uns heute abend ohne den Mond geworden. Sie werden sehn, wie rasch wir jetzt arbeiten! Ich lasse eine dritte Winde einsetzen. Und, meine Herrschaften, in einer Stunde sind wir fertig.« »Fertig?« fragte Maja ängstlich. »Mit zweiundzwanzigtausend Kisten Korinthen, Madame!« antwortete der Kapitän voll Stolz. »Noch vor Mitternacht?« wollte Maja wissen. »Vielleicht schon um elf«, gab Coccumella zurück. Dann ging er wieder an Vorderbord, wo er gebraucht wurde. Und zwischen Maja und Durkley, die auf dem oberen Deck in ihren Stühlen lagen, begann wieder das Schweigen. Zigarettenrauch, sehr viel blauer Zigarettenrauch zog von ihnen aus in großen feuchten Wolken über die Reling. Dazwischen immer wieder die gleichen Laute: Rufe, rasselnde Ketten. Immer wieder verdunkelte ein Bündel Korinthenkistchen für einen Augenblick den Mond. Bis plötzlich – ganz plötzlich – Stille eintrat. Vollkommene Stille. Die zwei warteten. Aber sie horchten in die Stille. »Vielleicht wird ein neuer Leichter gebracht«, sagte Maja schließlich. Durkley stand auf, schaute sich um. Aber er sah nur, wie leere Leichter abgeschleppt wurden. »Ich glaube, wir sind fertig«, sagte er schließlich. In dem Augenblick kam der Kapitän an Deck. »Madame –«, sagte er ernst. Maja stand auf, sah ihn an. Sie wußte genau, was er sagen wollte. »Madame, die Ladung ist untergebracht. Wir könnten auslaufen. Aber leider muß ich Ihnen mitteilen, daß Herr Doktor Hammer noch nicht an Bord ist.« »Und was kann da geschehen?« fragte Maja unsicher. »Wir rufen jetzt«, antwortete Coccumella. »Ich werde Befehl geben, daß wir besonders lang und laut rufen. Dann hat Herr Doktor Hammer noch etwa eine halbe Stunde Zeit. – Wissen Sie denn gar nichts darüber, Madame, wo er zu finden wäre?« Maja schüttelte den Kopf. »Er hat sich den ganzen Tag nicht an Bord sehen lassen. Und auch die Herrschaften, die an Land waren, haben ihn nicht gesehn?« Wieder mußte Maja verneinen. »Wir würden Ihnen zu Gefallen ja gerne noch warten, Madame«, meinte Coccumella. »Aber ich kann es vor meiner Gesellschaft nicht verantworten.« Einige Augenblicke später hörte man die Sirene des »Quirinale« ihre mächtige Stimme erheben. Dreimal kurz. Dann lang, sehr lang, und stark. Maja und Durkley mußten sich die Ohren zuhalten, so heftig durchzitterte dieser Ruf die Luft. Und die gewaltigen Hafenmauern, die Fronten der Häuser am Kai warfen ihn zurück. Und sogar aus den fernen Bergen kehrte er wieder, als ob die ganze Insel bestätigen wolle, was das schwarze Schiff ihr zu sagen hatte. Aber nichts bewegte sich auf dem Wasser. Still lagen Hafen und Stadt. Nach einer weiteren Viertelstunde trat der Kapitän wieder auf Maja zu. »Er hört nicht«, sagte Coccumella. »Außerdem hat mir der Steward berichtet, daß Herr Hammer das Schiff heute früh mit allem seinem Gepäck verlassen hat. Ich glaube, daß wir vergebens rufen«, meinte Coccumella. Dann schwieg er eine Weile. Blickte auf den Boden und wartete vielleicht darauf, daß Maja etwas sagen wolle. Da sie kein Wort erwiderte, fragte er schließlich: »Darf ich abfahren, Madame?« »Selbstverständlich, Commendatore«, antwortete Maja. »Ich kann es nicht hindern und will es nicht hindern. Wenn er nicht selbst aufpaßt und Ausflüge unternimmt, für die die Zeit nicht ausreicht.« »Sie meinen, daß er nur einen Ausflug unternommen hat?« fragte der Kapitän. »Ich kann es mir jedenfalls nicht anders denken«, gab Maja zurück. Bald darauf hörte man wiederum in der Tiefe des Schiffes die befehlenden Klingelzeichen. Die Ankerwinde rasselte. Zweimal ertönte ein Pfiff. Dann zitterten die Maschinen, eine mächtige dunkle Dampfwolke stieg in die Nacht auf, das Wasser rauschte laut im Bug, und der »Quirinale« verließ mit Kurs nach Norden die kretischen Gewässer. Seine Fahrt war sehr ruhig und still, denn er war um zweiundzwanzigtausend Kistchen Korinthen schwerer geworden. Trotzdem verbrachte Maja keine ruhige Nacht Im ersten Morgengrauen stand Charlotte auf. Aber Maja tat so, als ob sie es nicht bemerke. Denn sonst hätte sie mahnen müssen. Und sie begriff es gut, daß die Koje auch für ihre Tochter unerträglich geworden war. Als Charlotte durch den Gang kam, fand sie, wie nun schon oft, Durkleys Kabine erhellt. Aber sie zögerte diesmal lange, ehe sie die Kabine betrat. Da hing Durkleys Mantel. Hatte er die Nacht ohne Mantel an Deck verbracht? Oder war er irgendwo in der Nähe? Charlotte hörte Schritte, erschrak, trat zurück. Dann aber wurde es wieder still. Sie überlegte noch einmal, horchte noch einmal. Aber schließlich betrat sie doch die Kabine. Und, wie immer, lag Thomas Durkleys Tagebuch offen am gewohnten Platz, so daß Charlotte ungehindert lesen konnte, was er während der Nachtstunden gedacht, gefühlt und niedergeschrieben hatte.   »An Bord, in der Nacht von Sonntag auf Montag. Wenn mein Leben anders wäre, als es nun einmal ist, so wäre dieser Tag gewiß einer der schönsten darin gewesen. Ein schöner Tag auf einer schönen Insel. Nichts anderes zu tun, als die Hauptstadt dieser Insel und ihre Umgebung zu durchstreifen an der Seite eines schönen, guten und gescheiten Mädchens. Ohne Plan, im Grunde auch ohne Ziel. Ja, das war es; das Ziel! Daß ich ein Ziel hatte – Hammer zu finden –, und daß mich dies Ziel gleichgültig ließ, und daß ich sogar ein ganz klein wenig dazu neigte, mich gar nicht um das Ziel zu kümmern – das war eben der Grund, warum dieser schöne Tag so furchtbar war. Suchte ich Hammer, oder suchte ich ihn nicht? Charlotte wußte genau, daß wir suchen sollten. Und sie war auch fest entschlossen dazu. Aber sie sprach genau so wenig davon wie ich. So zogen wir denn mit demselben Ziel, das wir uns gegenseitig nicht eingestanden, nicht eingestehen konnten, durch Kandia. Vom Brunnenplatz zum Basar. Vom Museum zu den Bastionen. Vom Hafen zu den Villen. Wir fuhren die Straße nach Knossos hinaus und bestiegen den Aussichtsturm, der sich über den Ruinen erhebt. Und wir sahen uns dabei Kreta an und sahen uns in Kreta um, sprachen über Landschaft, Leute, Altertümer und was weiß ich. Und suchten Hammer. Suchte ich Hammer, oder suchte ich ihn nicht? Ich glaube, daß ich ihn nicht gesucht hätte, wenn Charlotte nicht bei mir gewesen wäre. Aber Charlotte zwang mich dazu: so sicher, so selbstverständlich führte sie mich, daß mir keine andere Möglichkeit blieb, als suchen zu helfen. Als wir müde wurden, setzten wir uns in ein kleines Kaffeehaus auf den Bastionen. Zwei Blecheimer mit Kletterkürbissen standen da; drei Stühle, ein Tisch. Das war alles. Ein Mann in dunkelblauen Pumphosen brachte uns Rahat Loukoum und Wasser. Ein anderer Mann tauchte auf, fuhr mit einer Schubkarre ein altmodisches Trichtergrammophon, das die ›Donauwellen‹ spielte, vor uns auf. Wir hörten ihm zu. Wir gaben ihm dann wahrscheinlich zu viel für seine Bemühungen, denn er spielte die ›Donauwellen‹ ein zweites und ein drittes Mal. Aber sie gefielen uns. Wir hatten sogar Lust, zu tanzen. Doch wir taten es nicht. So war überhaupt der ganze Tag: wir hatten Lust, fröhlich zu sein, aber wir waren es nicht. Weil wir Hammer suchten? Weil wir fürchteten, er könne sich etwas angetan haben? (Ich möchte wissen, ob Charlotte so genau von diesen Dingen weiß, daß auch sie es dachte. Denn schließlich hat ihr ihre Mutter doch nicht das geringste gesagt.) Oder waren wir traurig, weil ich, Thomas Durkley, überhaupt keine Möglichkeit mehr habe, fröhlich zu sein? Es war aber auch eine unerträgliche Lage, in der ich mich befand! Gut, ich habe mich über Hammer geirrt. Er ist genau so ein armer Kerl wie ich. Und es geht ihm vielleicht noch schlechter als mir, denn er hat den Mut gehabt, zu reden, und er hat seine Antwort bekommen, die einem Todesurteil gleicht. (Ich bete, daß er es nicht vollstreckt.) Aber durch Hammer, durch sein Reden, habe auch ich das Todesurteil empfangen. Und diesen Menschen – ausgerechnet diesen Menschen! – mußte ich einen Tag hindurch suchen, in den Gassen einer fremden Stadt, in einer Landschaft, die ich nicht kenne. Ob Charlotte auch das verstanden hat? (Aber ich weiß immer besser, daß sie alles versteht. Und deswegen wundere ich mich täglich mehr darüber, wie wenig hellsichtig ihre Mutter ist, wie wenig sie die Menschen, ihre Gefühle, ihre Leidenschaften durchschaut. Wie seltsam blind sie zum Beispiel war, als sie ausgerechnet mir den Auftrag gab, Hammer zu suchen!) Charlotte versteht alles, und Maja versteht nichts – das war so einer von den unzusammenhängenden Gedanken, die mir heute den Kopf ausgefüllt haben. Und zum erstenmal seit ich sie kenne, konnte ich ein wenig böse auf Maja sein. Leider viel zu wenig! Es genügten Augenblicke des Wiedersehns, um mich wieder in den Zustand zu bringen, an den ich so gewöhnt bin, daß ich ihn mein Leben nennen könnte. Ich kenne dieses Leben so gut, bis in alle Einzelheiten – das Leben für Maja –, daß ich darin spazierengehe wie in der Landschaft meiner wallisischen Heimat. Aber seltsam! – es kommt mir fast vor, als ob ich seit vierundzwanzig Stunden sehr viel ruhiger geworden wäre. Ich dachte einige Stunden hindurch, Charlottens Klugheit und Ruhe seien die Ursache. Ich dachte, sie hätte mich – unbewußt natürlich – so sehr beeinflußt, daß ich ruhiger denken und fühlen könnte. Doch das ist ein Irrtum: ihre Gegenwart tut mir wohl gut, aber sie ändert mich nicht und ändert nichts an meiner Lage. Was mich – bei aller Unveränderlichkeit meiner Gefühle und meiner Liebe – geändert hat, das ist der Beschluß. Das ist die Tatsache, daß die Stunden genau gezählt sind, daß ich anfange, den Ort zu bestimmen. Daß ich fähig bin, nichts anderes mehr zu denken, keine andere Möglichkeit überhaupt in Betracht zu ziehn. Ich finde, so und nicht anders muß es sein. Selbstverständlich werde ich ein Testament machen, einige ruhige und vernünftige Abschiedsbriefe schreiben. (Ich könnte zum Beispiel auch meinem Freund Cecil einmal erklären, warum ich ihm vor zwei Jahren in Berlin, nachts, in der Hotelbar eine so dumme Antwort gegeben habe. Es würde ihn interessieren.) Nur eines frage ich mich: soll ich auch Maja schreiben? Ich glaube doch, daß mir dazu der Mut fehlen wird. Immerhin: ich werde ihr dies Tagebuch hinterlassen. Das bestimmt, ganz bestimmt! Und dann bin ich mir über eine andere Frage noch nicht klar. Ich habe solch eine unglaubliche Lust, vor meinem Ende einmal ganz offen mit Charlotte zu sprechen. Ich weiß so sicher, daß sie mich verstehen wird, wie ich sicher weiß, daß ich mich verstehe. Aber darf ich das tun? Was würde Maja dazu sagen? Sie ist noch so jung! Und doch weiß sie alles, und Maja weiß nichts und wird nichts wissen. Sie wird vielleicht nicht einmal recht begreifen, warum Thomas Durkley nun eigentlich Selbstmord begangen hat.«   Das ist deutlich, dachte Charlotte. Deutlich gesagt und deutlich niedergeschrieben mit seiner allerkleinsten, aber auch mit seiner allersaubersten, allerklarsten Schrift. Erst, wie immer, ein paar freundliche Worte für sie selbst. Dann ein paar seltsame Fragen, von denen man nicht recht weiß, an wen sie eigentlich gerichtet sind. Dann ein paar Antworten ins Ungewisse hinein. Und schließlich dieser sehr gewisse Satz, in dem das Wort »Selbstmord« vorkommt. Nein, Charlotte erschrak auch diesmal nicht. Aber sehr ernst und sehr sachlich stellte sie fest: da stand dies Wort zum zweitenmal. Aber es war nicht, wie das erstemal, eingesponnen in allerhand abwegige und gewundene Sätze, sondern wurde so ruhig ausgesprochen, wie man es überhaupt aussprechen konnte. Mußte man es vielleicht doch ernster nehmen, als Charlotte es bisher genommen? Es war im Grunde Charlottens allergrößter Wunsch, es ernst nehmen zu können. Alles – was Durkley sagte, niederschrieb und tat. Auch das: den Selbstmord. Ja, dachte Charlotte. Er muß es im Ernste wollen. Er muß seines Vorsatzes vollkommen sicher sein. Denn ich will ihn ernst. Tun wollen – das muß er! Wenn er es dann nur nicht wirklich tut! Bei diesem Gedanken erschrak Charlotte furchtbar. Aber es war nicht nur der Gedanke, der sie erschreckte. Sie hatte plötzlich Schritte gehört. Und diese Schritte kamen näher. Und sie glaubte sogar, daß es Durkleys Schritte seien. Sie warf das Heft in die Koje, ergriff die Tür. Aber sie wagte nicht, sich zu bewegen. Stand Durkley nicht bereits im Gange? Wäre sie ihm nicht in der Tür begegnet? Lange wartete sie wie gebannt. Als sie schließlich dennoch hinaustrat, war der Gang leer: eine Täuschung. Aber der Schrecken blieb. Wie hatte sie das alles nur so leicht nehmen können? Daß sie täglich las, was gewiß nicht für sie bestimmt war? Daß sie ruhig in Durkleys geheimste Gedanken eindrang und nun sogar seine Selbstmordgedanken kannte? Wie hatte sie's nur fertiggebracht, sogar diese Gedanken leicht zu nehmen? Vielleicht nahm sie überhaupt alles im Leben viel zu leicht? Die Archäologie zum Beispiel. (Was hatte sie sich eigentlich gestern in Kandia um das Museum und um den knossischen Palast gekümmert?) Oder Lenchens Ängste, an denen sie die Schuld trug. Oder Hammers Leidenschaft, von der man noch nicht einmal wußte, wie sie ausgehen werde. Oder Durkleys Tagebuch. Wie konnte man nur fröhlich sein, wenn man darin Selbstmordpläne so deutlich angekündigt fand? Sie ging leise auf Deck hinauf. Und wieder begegnete ihr dort einer jener herrlichen Morgen, wo sich das Licht ganz langsam aus den Schatten löst; wo aus Schwarz und Grau ganz allmählich die Farben werden: wo sich Nebel in Inseln, Wolken in Berge verwandeln, ehe das Auge erfassen kann, von wo sie herangeschwebt. Eine nach der andern tauchten die Zykladen aus dem Meer: Melos, Siphnos und Seriphos: die Propyläen des attischen Landes. Im Westen lösten sich die peloponnesischen Berge aus der versinkenden Nacht. Im Norden dehnte sich, noch unendlich, das Meer den Ufern Athens entgegen. Ob Durkley das nun wirklich alles betrachten muß, wie ein Sterbender die Welt betrachtet? dachte Charlotte. Als Gegenwart, die bald Vergangenheit sein wird? Ob er es wirklich, wirklich so ernst meint, wie es da in seinem schwarzen Wachstuchheft zu lesen steht? Zum erstenmal hatte Charlotte wirklich Angst um ihn. Aber sie wollte ja diese Angst. Sie wollte daran glauben, daß auch er daran glaubte. Er selbst. Denn sonst wäre es doch wirklich ohne Sinn gewesen, sich so um ihn zu ängstigen. IX Der Gedanke, was wohl aus Hammer geworden sei, bedrückte Maja sehr; mit Spannung erwartete sie die Ankunft im Athener Hotel, wo sie Nachrichten von ihm zu finden hoffte. Und die Sorgen um ihn hätten sie an jenem Morgen gewiß noch lange beschäftigt, wenn das, was ihr Lenchen beim Ankleiden erzählte, sie nicht in eine ganz andere Stimmung versetzt hätte. So kam sie, trotz einer unruhigen Nacht, heiter an Deck und berichtete Charlotte und Durkley über das, was sie von ihrer Zofe gehört. »Herr Zapf entpuppt sich«, sagte Maja. »Erst einmal hat er Lenchen so gründlich für Archäologie interessiert, daß sie schon von Statuen träumt. Die Göttin mit der Fackel ist ihr heute nacht erschienen – sogar mit Kopf, wenn auch das Original kopflos ist. Die Göttin hat den Mund aufgetan, den sie gar nicht besitzt, und Lenchen ganz genau erzählt, was sie will und wünscht und hofft. Sie fürchtet sich furchtbar davor, unter unwürdige Menschen zu geraten. Zum Beispiel nach Amerika. Sie hat eine unüberwindliche Abscheu gegen kalte Museumssäle. Und deswegen ist es ihr höchster Wunsch, zu Leuten zu kommen, die sie lieben und verehren. Und so ist die Göttin mit der Fackel denn auch gerne bereit, weniger wert zu sein, als sie eigentlich wert ist. Sie will sich für fünfzigtausend Mark hergeben, wenn es Lenchen gelingt, sie einer Herrschaft zu verdingen, wo sie auf tadellose Behandlung rechnen kann.« »Und das will Lenchen geträumt haben?« fragte Charlotte lachend. »Allerdings hat Zapf diese Träume auf dem Gewissen«, antwortete Maja. »Trotzdem gelten sie Lenchen nun als ewige Wahrheit. Sie hat mir gesagt, daß das ein ernster Fingerzeig sei, daß sich die Göttin uns anvertrauen wolle, und daß wir unter keinen Umständen versäumen dürften, sie bei uns aufzunehmen. Sie besteht darauf, daß wir die Statue besichtigen, noch bevor wir in Athen sind. Herr Zapf wird sie uns gerne zeigen. Er ist sich übrigens mit seiner Göttin vollkommen über den Preis einig: fünfzigtausend Mark. Keineswegs die Millionen, von denen die Sachverständigen sprachen. Und all das, weil wir nun einmal eine so vertrauenerweckende Familie sind!« »Und was hast du Lenchen gesagt?« fragte Charlotte. »Was konnte ich ihr sagen?« erwiderte Maja. »Zunächst habe ich versucht abzulehnen. Ohne Papa werden wir schließlich doch nicht kaufen. Aber du kannst dir nicht vorstellen, wie Lenchen da angefangen hat zu bitten! Sie habe es Herrn Zapf versprochen. Und wir müßten Herrn Zapf den Gefallen tun. Eine Hand wäscht die andere, hat Lenchen gesagt. Und wenn wir's Herrn Zapf abschlügen, wer wüßte, was dann in Griechenland aus uns wird? Er könnte sich kränken und seine schützende Hand entziehn. Und so hab' ich mich erweichen lassen und versprochen, die Göttin heute früh zu besichtigen.« In diesem Augenblick erschien Lenchen auf der Treppe, machte einen eckigen Knicks vor ihrer Herrschaft und sagte: »Herr Zapf läßt bitten.« »Eine Göttin läßt bitten«, sagte Charlotte. »Haben wir schon jemals eine so ehrenvolle Einladung bekommen?« Alle drei folgten nun der Zofe, die sie über zahlreiche Treppen und durch die unteren Gänge des Schiffs bis in einen kleinen Laderaum geleitete, wo ihnen Herr Zapf bereits mit goldenen Zähnen und blitzeblankem Kneifer entgegenlächelte. »Der Herr ist Archäologe?« fragte er, als er mit Durkley bekannt gemacht wurde. »Ja, Herr Zapf«, antwortete Charlotte sehr bestimmt. Dabei fing sie einen verblüfften Blick von Lenchen auf und sah zugleich, wie Herrn Zapfs Zähne und Kneiferglas den Glanz verloren. Der Händler öffnete nun eine Kiste, räumte sorgfältig und recht umständlich eine Menge schützender Holzwolle beiseite und machte den Blick auf einen lebensgroßen Torso aus milchweißem Marmor frei. Es zeigte sich eine sehr glatte, süßliche, aber vorzüglich gearbeitete Figur; eine Hand, die noch erhalten war und in der Tat eine Fackel trug, bewies deutlich, daß ein geschickter Bildhauer die Göttin geschaffen hatte. Aber seine Geschicklichkeit war zu groß gewesen, um glaubhaft zu sein. »Ende des vierten Jahrhunderts«, sagte Herr Zapf. Alle schwiegen. »Fundort: Attika«, sagte Herr Zapf. Stille. »Stellt vielleicht Demeter dar«, erklärte Herr Zapf. »Ephesischer Kult. Erstklassiges Stück. Millionenobjekt.« Peinliche Stille. Lange, peinliche Stille. Bis plötzlich Lenchen ihre Fistelstimme erhob, ihre Äuglein voll Gefühl auf den Marmor richtete, ihr Köpfchen kennerisch auf die Schultern neigte und sagte: »Ist sie nicht wundersüß, gnädige Frau?« Da konnte Charlotte, so viel Mühe sie sich auch gab, das Lachen nicht mehr zurückhalten. Maja aber legte ihr fest die Hand auf die Schulter, brachte sie wieder zum Schweigen und sagte dann: »Wir danken Ihnen, Herr Zapf. Es hat uns sehr interessiert. Wenn mein Mann nach Griechenland kommt, so wird er sich die Statue ebenfalls ansehen.« Mit diesen Worten wandte sie sich um und kehrte, von Charlotte und Durkley gefolgt, an Oberdeck zurück. »Wenn das keine Fälschung ist!« meinte Durkley, als die drei wieder allein waren. »Ich möchte nur wissen, warum der Mensch die Statue nach Griechenland bringt.« »Wahrscheinlich gerade, weil es eine Fälschung ist«, antwortete Charlotte. »Er denkt, wenn die Göttin erst einmal in Hellas war, dann wird man sie auch für eine echte Hellenin halten. Aber, um der zu opfern, muß man wirklich gläubig wie Lenchen sein!« Als Charlotte etwas später in Lenchens Kabine hinunterkam, fand sie die Gläubige der Fackelgöttin im tiefsten Schmerz. Sie kniete neben ihrer Koje, wühlte ihren unauflöslichen Haarknoten in die Kissen und schluchzte so furchtbar, daß sich ihr Rücken ununterbrochen hob und senkte. »Aber Lenchen!« rief Charlotte. »Aber Lenchen, was gibt es denn?« Lenchen brachte kein Wort hervor. »Aber sagen Sie doch, Lenchen, was ist denn so schlimm?« »Jetzt, wo wir ankommen!« stöhnte die Zofe. »Jetzt, Fräulein Charlotte, haben Sie sie beleidigt!« »Aber wen denn, Lenchen?« »Die Göttin, Fräulein Charlotte! Ja, die Göttin! Und außerdem Herrn Zapf. Er war empört darüber, daß Sie gelacht haben. Ich weiß es ja, Fräulein Charlotte, daß Sie nur mich ausgelacht haben und gar nicht die Göttin. Weil ich so etwas immer so dumm sage. Aber Herr Zapf hat das nicht glauben wollen. Er sagt, daß ihm noch nie dergleichen vorgekommen wäre. Seit Jahren sei er beim Kunsthandel, mit großem Ernst und viel Erfolg. Und wenn man das Geld habe, zu kaufen, so habe man deswegen noch nicht das Recht, zu lachen. Und wissen Sie, Fräulein Charlotte, was er noch gesagt hat?!« Bei dieser Frage wendete Lenchen Charlotte ihr tränenüberströmtes Gesicht zu. »Er will sich das hinter die Ohren schreiben, hat er gesagt. Er denkt nun nicht mehr dran, hat er gesagt, uns in Griechenland mit Rat und Tat beizustehn, wie er's ursprünglich vorhatte. Stellen Sie sich das bloß vor! Jetzt, wo auch Herr Doktor Hammer auf der Korintheninsel verlorengegangen ist. Wo wir ganz allein sind, hilflos und verlassen!« Lenchen brach wiederum in wildes Weinen aus. Und es dauerte sehr lange, bis Charlotte sie so weit beruhigt hatte, daß sie den Versuch wagen konnte, der Zofe zu erklären, was eine Fälschung, und daß das eine Fälschung sei. Eine Weile hörte sich Lenchen diese Erklärung an. Dann aber erwiderte sie mit einer Bestimmtheit, die Charlotte sonst nicht an ihr kannte: »Da will ich Ihnen nur einmal etwas sagen, Fräulein Charlotte. Sie haben mir zwar schon viele Bären aufgebunden, aber den binden Sie mir nun nicht mehr auf! Ich weiß es jetzt, denn Herr Zapf hat es mir gesagt, daß es in Griechenland keine geflügelten Löwen gibt, sondern nur ganz gewöhnliche Löwen. Und daß der Mädchenhandel nicht durch uniformierte Leute betrieben wird, wie Sie mir in Venedig gesagt haben, sondern durch Neger. – Ach, lachen Sie nur nicht! Das ist sehr traurig, Fräulein Charlotte, daß Sie mir so etwas gesagt haben. Wenn Sie nicht so übertrieben hätten mit den Flügeln und mit den Uniformen, da hätte ich mich doch ein bißchen weniger gefürchtet. Tut es Ihnen da nicht leid, daß Sie mir nun wieder solch eine Sache sagen wollen, an die kein Mensch glauben kann? Meinen Sie vielleicht, ich soll wirklich glauben, der Herr Zapf ist so ein großer Künstler, daß er solch eine Göttin machen kann? Da fragen Sie nur einmal Ihren Herrn Vater! Der weiß das. Warum sind denn diese alten Sachen so teuer? Weil's heute kein Mensch mehr fertigbringt, so was zu machen. Und selbst wenn sie keinen Kopf und keine Beine mehr haben, dann sind sie immer noch wertvoller als unsere mit Kopf und mit Beinen. Lassen Sie sich das gesagt sein, Fräulein Charlotte, wenn Sie Archäologie studieren wollen!« Zum Glück betrat Maja in diesem Augenblick die Kabine, und Lenchen schwieg. Denn sonst hätte Charlotte mit ihrem lauten Lachen die Zofe noch ärgerlicher gemacht, als sie schon war. »Die Berge von Athen sind in Sicht!« rief Maja. Wenige Augenblicke später stand Charlotte an Deck: in der hellen Sonne des Märzmorgens. Aus allen Richtungen des Himmels schwammen Berge heran. Hohe, durchschattete. Kleine, durchleuchtete. Breit gelagerte. Zierlich gezackte. Klippen. Inselberge und Halbinseln. Weit gerundete, festländische Rücken. Sie alle trug das Meer auf dunkelblauen Wellen, sie alle umblühte der Wind mit flockigem Schaum. Die Sonne war über ihnen, durchdrang ihre veilchenfarbenen Felsen, ihre goldigen Ufer; sammelte Licht in den riesigen Prismen ihres kristallischen Innern und warf es zum Himmel zurück, den es überglimmerte wie eine Kuppel aus Wundergranit. Kein Strahl war da ungebrochen, kein Schein ungespiegelt; keine Kraft des Himmels, die nicht vertausendfacht den Äther durchmessen und immer wiedergekehrt wäre. Aber die vielfachen Wege schwächten das Licht nicht: sie vervielfältigten es zu einem allgegenwärtigen und allgewaltigen Gefunkel, zu einem alles durchdringenden Feuer, in dem die Farben schillernd dahinschmolzen, die Umrisse weich wurden und dennoch Linien und Farben so klar und rein blieben, daß man meinen konnte, vor den Urelementen des Erdbaus zu stehen. Das waren die Berge Athens: der Saronische Golf mit seinen Inseln, Buchten und Bogen, die Kykladische Mauer und die attischen Gipfel. Ein Riesenrund, vom Meere ganz erfüllt. Ganz fern durchbrach ein spitzer Berg mit einem weißen Kirchlein den Dunst der Ebene. Im Vorübergehn erklärte der Kapitän Charlotte, daß es der Lykabettos über Athen sei. Charlotte vergaß, daß sie auf dem »Quirinale« stand, vergaß die Reise, die hinter ihr lag, die Sorgen über Hammers Schicksal, Durkleys trauriges Tagebuch und alles, was sie seit Tagen beschäftigt. Sie sah nichts anderes mehr als See, Land und Himmel und die sonnenreichen Berge Athens. Sie mochte vielleicht eine halbe Stunde so gestanden sein, allein, weit über die Reling gelehnt, vom Wind umspielt – ohne Gedanken, ohne Erinnerung an das, was gewesen war –, verloren in die Betrachtung der Landschaft, als sie Schritte hinter sich hörte. Es war Thomas Durkley. Charlotte wandte sich um, sah ihn an. Nein, wie er wieder aussieht! dachte Charlotte. Wie ein Höhlenbewohner, der plötzlich ans Licht der Sonne tritt! Wie ein farbloser Lurch! Durkley schien vollkommen erschöpft. Seine Haut durchsichtig, seine Haare fast silbern. Seine Nasenflügel hell und durchleuchtet wie Pergament. Seine Augen unendlich tief, grundlos und grenzenlos. Wie kam solch ein Mensch plötzlich in die Sonne? »Durkley!« sagte Charlotte. »Wie sehn Sie aus!« Der Engländer schwieg. »Haben Sie schlecht geschlafen?« »Sehr schlecht«, erwiderte er. »Seltsam, daß ich das jetzt erst sehe«, meinte Charlotte. »Vorhin ist es mir weiter gar nicht aufgefallen, vorhin, als wir zusammen bei der Statue waren. Erst jetzt! Wenn ich Sie so in der Sonne sehe, in dieser herrlichen Landschaft.« »Da finden Sie mich abscheulich, Charlotte?« »Ach, reden Sie doch nicht solchen Unsinn, Durkley!« gab Charlotte zurück. »Sie sehen einfach schlecht aus. Wie ein Mensch, der zu wenig schläft, sich zu viel Gedanken macht und da drunten in seiner Kojenhöhle Verse schreibt. Und nun wollen Sie gar nicht zu diesem strahlenden Himmel passen. Das ist alles.« »Ich werde niemals zu etwas Strahlendem passen«, antwortete Durkley mit dumpfer Stimme. Charlotte sah ihn an. Das war eine Antwort, die ihr gar nicht gefallen wollte. Diese Traurigkeit, diese fast gewaltsame Traurigkeit! So etwas dachte man vielleicht. So etwas schrieb man vielleicht in ein Tagebuch. Aber man sagte es nicht! Redensarten, nichts wie Redensarten! Gefielen Durkley die Redensarten nicht überhaupt ein bißchen zu sehr? Das hätte sie ihn gerne selbst gefragt. Aber sie schwieg. Bis Durkley nach einer Weile mit Feierlichkeit erklärte: »Ich gehöre nicht mehr in die Sonne, Charlotte.« Aber dieser Satz, der sie noch mehr ärgerte als der erste, brachte Charlotte zum Sprechen: »Sie mögen darüber denken, wie Sie wollen, Durkley. Aber ich sage Ihnen, daß ich Sie reichlich pathetisch finde! Und daß ich gar keine Lust habe, Ihre Redensarten ernst zu nehmen. Ich habe überhaupt in diesem Augenblick Lust, nur diese Landschaft hier ernst zu nehmen. Und alles andere gar nicht!« Durkley sah sie so betrübt an, wie noch niemals auf dieser ganzen, für ihn so schmerzlichen Reise. Dann ging er mit langen Schritten auf Deck auf und ab. Sie fragte sich einen Augenblick, ob sie eigentlich ein Recht habe, so mit ihm zu sprechen und ihn anders zu wollen, als er eigentlich war. Das – das Pathetische – schien einmal seine Art, sich auszudrücken. Und vielleicht hörte sich das auch auf englisch ganz anders an, so wie es sich in seinem englisch geschriebenen Tagebuch anders ausnahm. Aber dann kam Charlotte zu dem Schluß, daß man doch ein Recht hätte, sich auch einmal über einen Menschen zu ärgern, wenn er mit seinen Klagen gar nicht in solch eine Heldenlandschaft hineinpassen wollte. Ich darf mich so viel über ihn ärgern, wie ich will! dachte Charlotte trotzig. Und ich darf's auch sagen! Denn er hat sonst niemand, der einmal offen mit ihm spricht, und der ihm so wohlwill wie ich. Und sie fand es nun wieder einmal recht gut, daß sie Durkleys Tagebuch gelesen, und daß sie ihn kannte, wie sie ihn kannte; und daß sie genug von ihm wußte, um ihm helfen zu können. Wenn er erst einmal aufhören würde, solche Dinge zu sagen , dann würde er sie vielleicht in Kürze auch nicht mehr denken . Und zuversichtlicher und mutiger werden. Fürs erste aber sah er noch trauriger aus als zuvor: Charlottens Angriff hatte ihn hart getroffen. Er tat ihr so aufrichtig leid, daß sie ihn anhielt, als er auf seinem unruhigen Spaziergang wieder an ihr vorüberkam, und ihm eine Stelle an der Küste wies, wo sich ein rundes, goldgelbes Kap mit weißen Häusern vom Ufer löste. »Glauben Sie nicht, Durkley, daß das schon der Piräus ist?« fragte sie, um ihr Gespräch neu zu beleben. Er sah sie seltsam an. Er hatte offenbar eine ganz andere Antwort, vielleicht sogar eine Entschuldigung erwartet. Und Charlotte hätte ihm auch etwas anderes sagen wollen; ihre Gedanken waren lange damit beschäftigt gewesen, bessere, unmittelbar versöhnende Worte zu finden. Denn sie fühlte, wie tief Durkley gekränkt war. Sie wußte auch, daß sie ihm etwas verübelt, was er gar nicht kennen und wissen konnte. Sie wußte auch, daß sie sich im Unrecht befand. Aber etwas anderes als diese Frage war ihr nun einmal nicht eingefallen. »Schon möglich, daß das der Piräus ist«, sagte Durkley. »Die Reise ist bald vorüber.« »Schade!« meinte Charlotte herzlich. »Aber wir können uns ja in Athen immer sehen, wenn wir wollen.« »Ich fürchte, daß ich sehr viel zu tun haben werde«, erwiderte Durkley. Und er ging rasch, unter dem Vorwand, seine Sachen packen zu müssen. Charlotte aber blieb traurig zurück. Warum hatte sie nicht Klugheit und Geschicklichkeit genug besessen, um wieder gutzumachen, was den armen Thomas Durkley so gekränkt? Und würde sie noch Zeit haben, es wieder gutzumachen, solange sie noch hier auf dem Schiffe beisammen waren? Denn der »Quirinale« näherte sich jetzt immer mehr dem Piräus. Auf flachen, goldgelben Felsen reihten sich weiße Häuser dem Ufer zu. Über einem niedrigen hellen Hügel ragten eine Reihe dunkler Schlote, über Mastengittern stieg eine graue Rauchsäule auf. Ein großes Segel, dessen Schiff nicht zu sehen war, strich hinter einer Zinnenmauer vorüber. Dann ging der Dampfer um ein Kap, zwischen einer schweren Mauerbarriere hindurch, und glitt nun langsam in den Vorhafen, während er wiederholt mit lauter Stimme seine Ankunft ausrief und die Flaggen und Wimpel emporglitten. Auch die Passagiere, die bisher in den Kabinen mit Packen beschäftigt gewesen waren, kamen nun wieder hervor, betrachteten die Einfahrt. Giorgini unterhielt sich mit Maja, die wartend in einem Bordstuhl saß. Lenchen bewachte in der Nähe ihrer Gnädigen die aufgestapelten Taschen und Mäntel. Auf dem Hinterschiff sah man Herrn Zapf auf seinem braunen Koffer sitzen. Nur Durkley fehlte. Wahrscheinlich schreibt er wieder einmal Tagebuch, dachte Charlotte. Und wahrscheinlich schreibt er diesmal auch recht viel über mich; über das unnütze, dumme Zeug, das ich ihm da vorhin gesagt habe. Und ich werd' es nicht mehr lesen können! dachte Charlotte. Und ich werde nicht wissen, was er in Athen vorhat und ob ich ihm helfen kann! Sehr erregt durch diese Gedanken sah sie, wie sich der Dampfer nun allmählich dem Landeplatz näherte, wie er schließlich vor dem häßlichen grauen Zollhaus, in den schmutzigen Wassern des Innenhafens Anker warf. Die Fahrt war beendet. Fünf Tage auf See! Was hatte sich in diesen fünf Tagen nicht alles ereignet?! Ein schrilles, hartnäckiges Pfeifen schreckte Charlotte aus ihren Gedanken. Es war das Dampfboot der Behörden, das sich einen Weg durch die Menge der das Schiff umschwärmenden Ruderboote bahnte und an der Falltreppe anlegte. Eine Abteilung bewaffneter Matrosen der Hafenwache stieg an Bord, besetzte alle Ausgänge des Schiffes, während ihr Befehlshaber, ein griechischer Marineoffizier, aufs Sonnendeck hinaufging, um den Kapitän des »Quirinale« aufzusuchen. Bald darauf sah Charlotte die beiden wieder die Treppe herunterkommen: der dicke Italiener und der hagere Grieche machten gleich ernste Gesichter. Coccumella trat auf Maja zu: »Verzeihen Sie, Madame. Können vielleicht Sie mir sagen, wie der blonde Österreicher heißt, der dort drüben auf dem Deck der zweiten Klasse sitzt?« Maja konnte sich nicht gleich des Namens entsinnen, wandte sich deswegen an Lenchen. »Zapf! Herr Emil Zapf!« sagte die Zofe mit Nachdruck. Die kleinen listigen Augen Coccumellas und die kohlschwarzen des Griechen begegneten sich in einem verständnisvollen Blick. »Emil Zapf«, wiederholte der Commendatore, indem er sich vergeblich um eine korrekte Aussprache des fremdländischen Namens bemühte. Der Grieche nickte. Er winkte zwei seiner Matrosen, die neben der Falltreppe standen, herbei und ging mit ihnen nach dem Hinterdeck. Man sah ihn auf Herrn Zapf zutreten, ihm kurz eine Mitteilung machen. Dann nahmen die Bewaffneten den Österreicher, der mühsam seine Sachen trug, in die Mitte, führten ihn, vorbei an Maja und Lenchen, über das Promenadendeck, ihrem Boote zu. Lenchen sprang auf: »Aber gnädige Frau!« Charlotte wandte sich um, sah sich die Zofe an, die mit verzweifeltem Blick Herrn Zapf nachschaute, wie er die Falltreppe hinuntergeführt wurde. »Aber Fräulein Charlotte!« rief Lenchen. »Ja, da ist nichts zu machen«, antwortete Charlotte. »Herr Zapf ist verhaftet worden.« »Verhaftet?« fragte Lenchen fassungslos. »Wissen Sie warum, Herr Kapitän?« wandte sich Charlotte an Coccumella. »Er soll mit Fälschungen von Antiken handeln«, antwortete der Commendatore. »Er soll mit Fälschungen von Antiken handeln«, übersetzte Charlotte für Lenchen. Die Zofe begann zu weinen. Und ihr Weinen steigerte sich so heftig, daß Charlotte sie bei der Hand nehmen und in den Salon führen mußte, wo sie verzweifelt auf einem Sofa niedersank. »Aber warum weinen Sie denn schon wieder?« fragte Charlotte. »Hatten Sie denn Herrn Zapf so gern?« Lenchen weinte weiter. »Aber hören Sie doch auf, Lenchen!« Die Zofe schluchzte laut. Doch plötzlich richtete sie sich auf, sah ihr gnädiges Fräulein streng und sogar etwas herausfordernd an und sagte: »Das kommt davon, wenn man in solche Länder fährt! Wo es nichts anderes gibt wie Lumpenpack! Wo man sogar einem Landsmann nicht mehr trauen kann! – Und nun sehen Sie selbst, Fräulein Charlotte, wie Sie mit diesem Griechenland fertig werden!« Mit festem Schritt kehrte Lenchen auf Deck zurück. Ihr Gesicht verriet klar und deutlich, daß sie entschlossen war, Schotts dem grausigen Schicksal, das sie in Griechenland erwartete, zu überlassen. Inzwischen war das Schiff freigegeben worden: das Deck wimmelte von Bootsleuten, Trägern, Händlern, die ihre Dienste anboten. Giorgini, mit Mänteln und Taschen beladen, kam rasch vorüber. Wie eilig der's plötzlich hat! dachte Charlotte. Nachdem man so viele Tage zusammen verbracht und so langsam gereist ist. »Auf Wiedersehn, Madame! Adieu, Mademoiselle! Sie wohnen doch auch im ›Kronprinzen‹? Natürlich. Ich werde mich melden. Ich rufe an!« Und schon war er verschwunden. Er sah gar nicht so aus, als ob er anrufen würde: so sehr war er schon von neuen Gedanken und Geschäften in Anspruch genommen. Auch der Kapitän ging vorüber. Hatte man nicht viele Tage hindurch an seinem Tisch gegessen? Aber auch er verabschiedete sich sehr rasch und ein wenig oberflächlich. Man sah es ihm an, daß er sich gewohnheitsmäßig verabschiedete. Und dann war er schon von der bevorstehenden Korinthenladung in Anspruch genommen! »Nun könnten wir auch an Land gehen«, sagte Maja. »Wollen wir nicht auf Durkley warten?« antwortete ihre Tochter. »Er packt noch.« Und sie warteten. Inzwischen kam ein Herr an Bord, ein sehr langer, hell gekleideter, blonder Herr, dem man ohne Mühe den Engländer ansah. Er suchte offenbar einen Bekannten. »Der sucht Durkley«, sagte Charlotte zu ihrer Mutter. »Wahrscheinlich ein Kollege von der englischen Gesandtschaft.« Und tatsächlich fragte der Herr soeben einen Steward, ob Herr Durkley an Bord sei. Der Steward, der kein Englisch verstand, wandte sich mit fragendem Blick an Charlotte. »Herr Durkley?« antwortete Charlotte dem Fremden. »Ja. Ja, natürlich. Ich werde ihn schnell holen.« Und ehe der Fremde etwas erwidern konnte, war Charlotte im Stiegenhaus verschwunden. Sie lief rasch durch die Gänge auf Durkleys Kabine zu: »Durkley! Durkley!« Keine Antwort. »Durkley!« Sie klopfte an die Tür. Wieder keine Antwort. Sie trat ein. Da stand Durkley über seine Koje gebeugt und schrieb. Schrieb mit fieberhafter Hast. Und bemerkte Charlotte gar nicht. »Wir sind angekommen«, sagte sie laut. Er schrak zusammen: »Wo?« »Im Piräus!« antwortete Charlotte. »Und oben ist ein Herr, der wartet auf Sie. Ein Herr von der Gesandtschaft.« Ohne ein Wort zu sagen, verließ Durkley die Kabine und eilte an Deck. Charlottens Rechnung war also aufgegangen, ihr Wunsch erfüllt: sie sah sich allein mit dem, was er in dieser letzten Stunde der Seefahrt geschrieben. Und nun las sie in Thomas Durkleys Tagebuch das Folgende:   »An Bord, Dienstag. Es bleibt mir keinerlei Anlaß, dies Leben zu lieben. Charlotte haßt mich. Ein Wort von mir – ich weiß, daß es ein wenig pathetisch wirken konnte – hat sie in eine Stimmung versetzt, hat sie mit einer Härte zu mir sprechen lassen, die für mich fast noch schwerer zu ertragen war als Majas freundliche Gleichgültigkeit. Es war ein Unterton von Verachtung darin. Die Verachtung, die ein lebenstüchtiger Mensch gegenüber einem lebensuntüchtigen empfindet. Ich will Charlotte nicht ein Recht absprechen, das ich mir selbst zugestehe: das Recht, mich zu verachten. Ich stelle nur fest, daß ihr heutiger Angriff mir den Todesstoß gegeben hat. Es war aber auch die rechte Zeit! Dies sind die letzten Seiten meines Tagebuches. Ich will, daß sie von den letzten Stunden meines Lebens handeln. Und von meinem Tode. Nicht etwa um einer Vollständigkeit willen, die mir gleichgültig ist. Sondern deswegen, weil Maja durch dieses Tagebuch erfahren muß, wie es mit mir stand und wie es mit mir zu Ende ging.«   Wenn er nur nicht so lange Sätze schriebe! dachte Charlotte. Wenn er nur nicht so umständlich wäre! Werde ich noch Zeit haben, das alles zu lesen? Ungeduldig und aufgeregt horchte sie einen Augenblick. Im Gang war es noch still. Dann nahm sie eilig das Wachstuchheft wieder zur Hand:   »Es war mein Plan, mich doch noch Charlotte anzuvertraun. Der heutige Morgen hat auch diese Hoffnung vernichtet. Ich kann nur noch zu Maja selbst sprechen. Und so sei hier festgehalten, was ich noch sagen muß. Und was wohl am besten nur sie, niemand anders als sie erfährt. Zunächst die Tatsachen. Der heutige Tag wird mit Verpflichtungen vergehn, denen ich mich nicht entziehen kann, ohne ein Aufsehen zu erregen, das ich unter allen Umständen vermeiden will. Die Kollegen von der Gesandtschaft werden sich um mich kümmern wollen. Der Gesandte wird mich einladen. Ich werde weder Maja noch Charlotte sehn. Nachmittags könnte ich vielleicht sogar die Akropolis besuchen. Es wird besser sein, nicht zu sterben, ohne die Akropolis gesehen zu haben. Für den Tod bleibt die Zeit um Sonnenuntergang. Charlotte hatte mir den Tourismus so sehr empfohlen, hatte mir geraten, mich ein wenig mehr nach dem Reiseführer zu richten und nicht überall ›Seelenhäuser‹ zu baun. Gut. Ich habe ihren Rat befolgt. Der Baedeker hat mir geholfen. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß das Dionysostheater nicht der rechte Ort ist, um zu sterben. Im Führer steht zu lesen, daß die Athener dort an warmen Abenden spazieren; und ich will ihre Freude nicht stören. Aber ein anderer Ort in der Umgebung Athens ist da im Buche verzeichnet, der mir sehr, sehr geeignet erscheint. Er liegt in den Vorbergen des Hymettos. Man gelangt auf Fußwegen dorthin. Erst muß man eine trockene Ebene durchqueren. Dann schlängelt sich ein Pfad durch Felsen. Bis man schließlich ein kleines Tal betritt, in dem eine Quelle Wunder verrichtet. Sie soll herrliche Bäume, Zypressen, Granatäpfel und Lorbeer dort zwischen die steinernen Berge gezaubert haben. Ihr Wasser entströmt einem antiken Widderkopf aus pentelischem Marmor. Über der Quelle steht eine alte byzantinische Kirche. In diesem Tal wird man mich finden. Und damit die, die diese Zeilen liest, nicht fehlgehen kann, so sei hier – nach Baedeker – eine genaue Wegbeschreibung gegeben. Zunächst vom königlichen Schloß die Kephissiaallee hinaus. Dann rechts durch die Vorstadt. Dann ein weiter, sandiger Weg.«   An dieser Stelle brach Thomas Durkleys Tagebuch ab. An dieser Stelle war er durch Charlottens Kommen unterbrochen worden. Die weitere Beschreibung des Weges fehlte. Ebenso der Name des Tals, zu dem er hinführen sollte. Charlotte hatte gerade zu Ende gelesen, als sie Schritte auf der Treppe hörte. Es waren deutlich Durkleys Schritte. Es blieb ihr gerade noch die nötige Zeit, um das Tagebuch in die Koje zurückzulegen, auf den Gang hinauszutreten. Dann kam Durkley. »Nun?« fragte sie, indem sie sich rasch zusammennahm. »Gehn wir an Land?« »Sofort«, antwortete der Engländer, verschwand in der Kabine und kehrte gleich darauf mit seiner Handtasche zurück. Sie gingen zusammen die Treppe hinauf. »Der Herr war doch gekommen, um Sie abzuholen?« fragte Charlotte. Durkley nickte. »Und um Sie uns gleich zu entführen?« Durkley nickte wieder nur. »Und wann sehn wir Sie wieder?« »Ich werde anrufen«, antwortete Durkley unsicher. »Vielleicht heute abend?« fragte Charlotte und sah ihn sehr herzlich und freundlich an. »Wenn man mir irgend Zeit läßt«, erwiderte er. Sie waren inzwischen an Deck gekommen. Der Herr, der Thomas Durkley abholte, hatte bereits einen Ruderer gedingt, das Gepäck verstauen lassen und wartete an der Falltreppe. »Sie werden schon unten im Boot erwartet«, sagte Maja. Durkley, der einen sehr verwirrten Eindruck machte, schüttelte Maja die Hand. Er lachte dabei. Er nahm ihre Hand noch einmal, schüttelte sie wieder. Und lachte noch lauter. Dann ergriff er Charlottens Hände. Endlich wandte er sich jäh um und eilte der Falltreppe zu. »Wir sehen Sie bald?!« rief ihm Maja nach. Er hat das »wir«, das er so sehr haßt, nicht mehr gehört, dachte Charlotte. Kurz darauf saßen auch Schotts und Lenchen in einem Boot und ließen sich an Land rudern. Kaum aber hatte ihr Auto das Zollhaus verlassen und holperte durch die unebenen Straßen des Piräus der attischen Ebene zu, suchte Charlotte aus einer Reisetasche den Baedeker hervor. Trotz der kräftigen Stöße, die den Wagen immer wieder emporwarfen, begann sie sehr aufmerksam darin zu suchen und zu lesen. Und sie sah auch nicht von ihrem Buche auf, als sie bereits den Phaleron durchfuhren und auf der schnurgeraden Landstraße, die Athen mit dem Meere verbindet, der Akropolis entgegeneilten. »Sieh doch, Charlotte«, rief Maja, als die Burg in Sicht kam. »Die Akropolis!« Charlotte warf nur einen kurzen Blick aus dem Fenster und vertiefte sich sofort wiederum in das Buch. Er liegt in den Vorbergen des Hymettos, dachte Charlotte. Welche Orte, welche Täler gibt es in den Vorbergen des Hymettos? Mit einem antiken Brunnen und einer byzantinischen Kirche? »Aber sieh dich um, Kind«, sagte Maja. »Die Stadt ist schon ganz nah. Ich erkenne die Tempel der Burg, das Olympieion, den Lykabettos.« »Gewiß, Mama«, antwortete Charlotte zerstreut. »Ich finde, daß du den Führer doch schließlich nachher im Hotel lesen kannst«, meinte Maja. »Was interessiert dich denn darin so sehr?« Sie warf einen Blick in den Baedeker. »Die Umgebung von Athen?« fragte sie erstaunt. »Warum denn die Umgebung? Wir sind doch gleich in der Stadt!« Wenn ich Mama doch nur die Wahrheit sagen könnte! dachte Charlotte. Aber sie sah ein, daß es jetzt nicht ausfindig zu machen war, wo der Ort lag, von dem Durkley in seinem Tagebuch geschrieben. Sie legte also den Führer beiseite und versuchte sich anzuschaun, was es unterwegs zu sehen gab. Sie glitten in eiligster Fahrt über die asphaltierten, von dünnblättrigen Pfefferbäumen kaum beschatteten Alleen. Weiß und staubig reihten sich bescheidene Häuser am Weg. Ihre Fronten beschien die Sonne mit erbarmungslos hellem Licht. Doch im Westen, über den Hängen des Hymettos, zogen sich dunkle Gewitterwolken zusammen. Sie fuhren am königlichen Garten vorbei, dessen frisches Grün ihren Augen wohl tat. Sie erblickten den quadratischen, marmorweißen Bau des Schlosses. Dann bog das Auto in die Kephissiaallee ein und hielt endlich vor dem Garten des Hotels »Zum Kronprinzen«. Also hier beginnt der Weg, der in jenes Tal führt, dachte Charlotte. Sie erinnerte sich genau daran, daß in Durkleys Tagebuch vom königlichen Schloß und von der Kephissiaallee die Rede gewesen war. Maja betrat rasch die Hotelhalle, ging auf das Empfangsbureau zu, nannte ihren Namen und fragte: »Keine Post für mich angekommen?« Der Sekretär reichte ihr ein dickes buntes Bündel von Briefschaften. Hastig blätterte es Maja durch, fand zuunterst ein Telegramm und öffnete es eilig. Es lautete: »Bitte herzlichst, sich nicht zu beunruhigen, aber auch nicht mehr mit mir zu rechnen. War diese Flucht meiner Würde schuldig. Hammer.« Maja lächelte, so wie auch Charlotte lächeln konnte: mit ein ganz klein wenig Spott. Sie fühlte sich, trotz allem, sehr beruhigt. »Hammer?« fragte Charlotte. Maja nickte. »Kommt er?« Maja schüttelte verneinend den Kopf. »Da werden wir Griechenland eben nicht mit Hammer, sondern mit Baedeker sehen«, meinte Charlotte fröhlich. »Und mit unsern eigenen Augen.« X Kephissiaallee. Rechts durch die Vorstadt. Ein sandiger Weg, der in einen Bergpfad übergeht. Dann ein fruchtbares Tal. Antike Quelle und byzantinische Kirche. Eigentlich, dachte Charlotte, kann nur dies Kaessariani der Ort sein, den Durkley meint. Sie schlug den Baedeker zu, schaute nach der Uhr, die auf der vergoldeten Spiegelkonsole stand. Fünf Uhr nachmittags vorüber. Im Hotel war Durkley noch nicht. Angerufen hatte er auch noch nicht. Also konnte er nur in der Gesandtschaft sein. Sie stand auf, wollte gerade in die Halle hinuntergehn und versuchen, ihn telephonisch zu erreichen. Da trat Maja ein. »Nun, ausgeschlafen, Kind?« fragte sie. Charlotte nickte. »Ich habe jetzt erst gesehen«, meinte Maja, »wie nötig ich Ruhe hatte. Nach so vielen unruhigen Nächten! Nun bin ich aber auch ganz frisch und, wenn du willst, können wir ausgehn.« Ausgehn? dachte Charlotte. Wenn Durkley inzwischen kommt? Oder anruft? »Sieh dir doch einmal den Himmel an, Mama«, sagte sie. »In der nächsten Stunde gibt es ein gewaltiges Gewitter.« Als Maja ans Fenster trat, sah sie wirklich, daß der Himmel voll tintenschwarzer Wolken hing. Über den hellen Häusern der Kephissiaallee lag ein fahles Licht. »Du hast recht«, antwortete sie. »Wir wollen erst einmal Tee trinken.« Sie gingen in die Halle hinunter. »Daß Durkley gar nicht kommt!« sagte Charlotte nach einer Weile. »Er wird zu tun haben, Kind«, erwiderte Maja. »Daß er nicht wenigstens anruft!« »Vielleicht ist er eingeladen.« Charlotte wußte nicht, was sie ihrer Mutter antworten sollte. Schließlich fand sie einen Vorwand, um sich für einen Augenblick zu entfernen, verschwand rasch in einer Telephonzelle und rief die britische Gesandtschaft an. Herr Legationsrat Durkley sei ausgegangen. Ob er vielleicht beim Gesandten wäre? Nein. Ob man ihn vielleicht sonst irgendwo erreichen könne? Die Stimme am Telephon bedauerte und wußte nichts. Charlotte kehrte sehr beunruhigt zu ihrer Mutter zurück. Immer wieder sah sie verängstigt zum Himmel auf. Wohl war der Sonnenuntergang noch fern, von dem Durkley in seinem Tagebuch gesprochen. Aber die dunklen Gewitterwolken, die sich immer dichter zusammenscharten, gaben Charlotte die Vorstellung, daß die Nacht schon angebrochen sei. In den Straßen ballte sich ein schattenloses Grau. In der Hotelhalle stand schwefliges Licht an den hohen Wänden. Ich werde mit Mama sprechen müssen, dachte Charlotte. Ich werde ihr alles erklären müssen. Denn sonst wird es zu spät l Aber zunächst sagte sie nur: »Was für eine unerträgliche Luft!« Kurz darauf rollte der Donner heran. Blitze jagten über die Palmenbüscheln des Hotelgartens vorüber, die im Vorgewitterwind zitterten. Kellner eilten durch die Halle, schlossen klirrend Fenster, zogen rasselnd Rolläden herab. Und dann brach plötzlich der Himmel, und mit mächtigem Rauschen, wie ein allgegenwärtiger Wasserfall, stürzte der Regen nieder. Maja und Charlotte traten an die Tür, unter den Schutz des Auffahrtsdaches. Solch ein Gewitter hatten sie noch nie gesehn! Ein Regen wie in den Tropen: dicht, schwer, warm und wohlriechend. Darin ein Aufbrausen wie von mineralischem Staub. Er verhüllte den Himmel, die Häuserfronten, die Bäume. Er verwandelte die Straßen in Ströme. Die ein wenig abschüssige Kephissiaallee war überkräuselt von einem goldgelben Fluß brodelnden Schlammwassers, übergurgelt von Wellen und Strudeln. In Silbersturzbächen fiel der weiße Kalkstaub der Häuser in den goldgelben Straßenstrom herab. Kein Mensch weit und breit, kein Wagen, kein Auto. Still duckte sich die Stadt unter der Wassermasse, die mit solch ungeheurer Gewalt über sie hereingebrochen war. Jetzt fährt Durkley nicht nach Kaessariani! dachte Charlotte. Und dieser Gedanke beruhigte sie für einige Zeit. Aber schon bald ließ der Regen nach. Die Schlammströme begannen abzulaufen, sammelten sich in den Rinnsteinen. Hin und wieder ging auch ein Mensch vorüber. Ein Auto fuhr, ringsum goldgelbe Strahlen vorspritzend, die Allee herauf. Schon blitzte der erste Sonnenstrahl auf feuchten Palmenblättern. Charlotte blickte angestrengt auf die Kephissiaallee hinaus. Das war die Straße, die nach Kaessariani führte! Konnte nicht auch Durkley auf diesem Weg vorüberkommen? »Wie wär's, wenn wir uns ein Taxi nehmen und zur Akropolis führen?« fragte Maja plötzlich. »Ich denke mir, daß es dort herrlich sein muß – jetzt nach dem erfrischenden Gewitter.« Charlotte sah ihre Mutter furchtsam an. »Meinst du?« »Warum nicht, Kind?« »Ja, warum nicht?« Es schien nun wirklich nicht mehr zu vermeiden, daß sie mit ihrer Mutter sprach und ihr alles erklärte. Aber sie fand noch einmal einen Vorwand, ging ans Telephon. Wieder hatte man auf der englischen Gesandtschaft keine Ahnung, wo Durkley zu erreichen sei. In höchster Aufregung kehrte Charlotte zu ihrer Mutter zurück. »Weißt du was, Mama?« sagte sie schließlich, sich zusammennehmend. »Ich möchte so gern ein wenig marschieren und lieber zu Fuß auf die Akropolis gehn. Quer durch die Stadt. Nach solch einer langen Seereise braucht man Bewegung. Wie wär's, wenn wir uns erst auf der Burg träfen?« Sie wußte genau, daß ihre Mutter heute zu müde war, um diesen weiten Gang zu wagen. Maja war einverstanden. Und Charlotte machte sich sofort auf den Weg. Es hilft nichts! dachte Charlotte. Ich kann's nicht vermeiden! Mama muß einmal vergeblich warten. Sie wird schließlich ins Hotel zurückkehren und mich dort suchen. Aber wenn ich ein Auto nehme, dann bin ich vielleicht rascher zurück als sie. Schon am Schloßplatz, wenige Minuten vom Hotel entfernt, winkte sie ein Auto heran. »Nach Kaessariani! Zur Kirche von Kaessariani!« Bis dahin führe keine brauchbare Straße. Man könne höchstens ein Stück auf den Hymettos zufahren. Dann beginne ein steiniger Bergpfad. »So weit es geht! So weit wie's irgend geht!« sagte Charlotte. Sie glitten die Kephissiaallee hinunter, bogen dann rechts in die Vorstadt ab. Genau wie's im Baedeker steht, dachte Charlotte. Das Auto holperte schwer durch aufgeweichte Vorstadtstraßen, dann über einen breiten, sandigen Weg, der die Ebene durchquerte. Richtig, dachte Charlotte, ganz richtig. Schließlich blieb der Wagen mitten im freien Felde stehn. Der Weg bestand hier nur noch aus kantigen Felsbrocken. Und der Chauffeur forderte Charlotte auf, auszusteigen. Sie stieg aus, ließ sich die Richtung weisen, gab dem Führer Befehl, zu warten: »Eine Stunde. Oder zwei.« Dann eilte sie den Bergen entgegen. Mächtig erhob sich der Hymettos vor ihrem Weg. Seine blaugrauen Kalkmassen drängten sich ihr, von den Schatten des sinkenden Tages erfüllt, in gewaltigen Mauern entgegen. Schwere, felsige Vorberge umklammerten mit zerzacktem Gestein, mit kühnen Bastionen den Pfad, der bald immer entschiedener anstieg und sich in ein Tälchen hineinzwängte, dessen Grund ein Trockenbach mit seinem Geröll ausfüllte. Stellenweise verschwand der Weg ganz: Charlotte mußte über große runde Kiesel und zersplitterte Felsstücke springen. Und wenn er wieder auftauchte, neben dem Bachbett ein eigenes Dasein führte, dann wurde er von stacheligen Büschen und mächtigen Disteln umfaßt, die ihn an manchen Stellen sogar breit überwucherten. Aber Charlotte ließ sich nicht abschrecken: tapfer drang sie zwischen Steinen und Sträuchern vor. Fast niemals sah sie sich um. Und nur hin und wieder warf sie einen verängstigten Blick nach der Sonne, die sich immer mehr dem Rande der westlichen Berge näherte. Sie mochte etwa eine halbe Stunde gegangen sein, durch immer engere Felsspalten und zwischen immer wilderen Büschen hindurch, in einer Landschaft, die immer großartiger und steinerner wurde, als ihr Weg plötzlich um einen klippenförmigen Bergvorsprung bog und sich gleich darauf einem winzigen Tale zusenkte, das die Steinmassen von allen Seiten umklammerten. Kein Tal konnte überraschender sein als dies! Und so eilig Charlotte auch marschiert war, sie mußte einen Augenblick stillstehn, um diese Oase im Gebirge zu betrachten. Da erhoben sich über feuchten Grund, aus dunkelgrünem Buschwerk, in dem man das glänzende Blatt des Lorbeers, silbriges Ölbaumlaub und ziegelrote Granatapfelblüten erkannte, schwere, schwarze Zypressensäulen. Ringsum lagen kleine saftgrüne Wiesen, von Rosenhecken eingefaßt. Gemüseterrassen kletterten den Berg hinan, stuften sich im Schatten breitkroniger dunkler Johannisbrotbäume. Und über dieser Fülle von Grün wölbte sich die Kuppel eines Kirchleins. Bald stand Charlotte auf einer kleinen Wiese, die sich wie ein Teppich vor seinen Torstufen breitete. Rote Tulpen blühten darauf und weiße Narzissen. Kein Mensch weit und breit. Kein Tier. Kein Laut. Man hörte nur das Murmeln einer wasserreichen Quelle, die wirklich einem marmornen Widderkopf entströmte, die Wiese berieselte, hinausdrang unter die Bäume und Büsche und Gärten und so das Pflanzenwunder im Felstal vollbrachte. Das war Kaessariani. Das war der Ort, von dem Durkley in seinem Tagebuch geschrieben. Mit Bäumen und Quelle und Kirche. Konnte es einen anderen Ort geben, den man mit diesem hätte verwechseln können? Oder vielleicht doch? Denn so sehr Charlotte sich auch umsah, Durkley war nirgends zu sehen. Sie ging um die Kirche herum. Dann betrat sie für einen Augenblick den kleinen tiefdunklen Raum. Sie durchquerte die Gärten. Suchte das Buschwerk ab. Nirgends ein Mensch. Nirgends. Und auch Thomas Durkley nicht. Schließlich setzte sie sich auf die Kirchenstufen, dicht neben die Quelle, und wartete. Und noch einmal überdachte sie alles, was sie in Durkleys Tagebuch gelesen. Noch einmal versicherte sie sich: das ist Kaessariani! Das sind seine Quelle und seine Kirche. Das kann kein anderer Ort sein als der, den er gemeint. Warum nur kommt er nicht? dachte Charlotte. Warum ist er noch nicht da? Oder hat er sich anders entschlossen? Und wandert er überhaupt nicht mehr den Weg nach Kaessariani? Oder ist er gar ins Hotel gegangen? Charlotte erschrak: Wollte Thomas Durkley vielleicht an einem andern, weniger schönen Orte seinem Leben ein Ende machen? In einem Hotelzimmer?! Ich muß zurück! dachte Charlotte. Sofort muß ich zurück! Wenn er doch noch hier heraufkommt, so werde ich ihm auf dem Wege begegnen. Und sonst – Gerade wollte sie aufstehn und heimkehren, als sich gegenüber ihrem Platz, an der anderen Seite der Blumenwiese, die Lorbeerbüsche öffneten und Durkley im Gezweig erschien. Er sah Charlotte nicht. Er sah gar nicht auf. Ganz langsam, mit gesenktem Kopf, als ob er damit das Laub zerteilen wollte, bewegte er sich; ganz langsam bogen seine langen Arme die Äste zurück. Unmittelbar vor den Büschen blieb er stehn und setzte vorsichtig seinen weiß beschuhten Fuß in die feuchte Wiese. Dann sah er sich unter den Blumen um, die vor ihm blühten, streckte seine Hand nach einer Tulpe aus und pflückte sie. Und nun stand er still, drehte die Tulpe mit gespitzten Fingern und betrachtete sie mit großen Augen. Charlotte schaute ihm aufmerksam zu. Ziemlich lange. Aber das Schauen machte sie ungeduldig. Auch begann es zu dunkeln, und sie dachte an ihre Mutter, die sich gewiß ängstigte. So sprang sie ganz plötzlich auf und lief eilig über die nasse Wiese, gerade auf Thomas Durkley zu. Da ließ Durkley vor Staunen die Tulpe fallen, trat erschreckt einen sehr langen Schritt in den Lorbeer zurück, so daß sich die Zweige wieder vor seiner Brust kreuzten. Und Charlotte mußte ihm die Hand in den Busch hineinreichen, als sie ihm guten Abend sagte.   Fast zwei Stunden hatte Maja vergeblich auf der Akropolis gewartet und war schließlich voller Angst ins Hotel zurückgekehrt. Als sie dort erfuhr, daß man von Charlotte und Durkley – sie erkundigte sich auch nach Durkley – nicht das geringste wußte, begann sie sich ernstlich zu fürchten. Denn es wurde dunkel über der Stadt. Zwischen den Palmen des königlichen Gartens erschien der Mond. Sterne bekränzten den Hymettos. Aber Charlotte kam immer noch nicht zurück. Wiederholt war Maja in der Halle gewesen, um nach ihr zu fragen. Nun beschloß sie, noch einmal hinunterzugehen und die Polizei anzurufen. Als sie aber ihr Zimmer verlassen wollte und die Tür öffnete, stand plötzlich ein hochgewachsener bärtiger Mann vor ihr. Er trug griechische Nationaltracht, weißes Faltenröckchen, gestickte Weste und weichen Fez, und stellte sich ihr als der Kawasse der englischen Gesandtschaft vor. Er habe ihr ein Paket von Legationsrat Durkley zu überbringen, sagte er mit ernster Stimme. Zu eigenen Händen. Dann reichte er ihr ein in Papier gehülltes Päckchen, verbeugte sich tief und zog sich wieder zurück. Hastig begann Maja die Fäden zu durchschneiden. Der seltsame Besuch und seine feierliche Art hatten sie erschreckt. Aber dann fiel ihr ein, daß das Paket wohl ein Geschenk enthalte, ein Buch oder Schokolade, und sie ging wieder an ihren Platz zurück, um es ruhiger zu öffnen. Aber in dem Augenblick tat sich die Tür auf, und Charlotte stürzte herein. Sie war vollkommen atemlos und setzte sich erschöpft neben ihre Mutter. Maja aber ließ die Hand von dem Päckchen ab, legte sie Charlotte auf die Schulter und sagte: »Aber du bist ja ganz abgehetzt, Kind!« Charlotte konnte nicht antworten. Sie war zu rasch gelaufen. Und dann war es ja auch so schwer, ihrer Mutter zu sagen, warum sie sie hatte warten lassen und warum sie so spät kam. Und tausend Gedanken jagten sich in ihrem Kopf. Aber sie sah so fröhlich aus, daß Maja rasch ihre Angst vergaß und Charlottens vergnügtes Gesicht ansah. Sie wartete eine Weile, ehe sie fragte: »Wo bist du denn gewesen, Kind?« »Mit Durkley«, antwortete Charlotte. »Und da hast du mich einfach im Stich gelassen?« Charlotte nickte. »Und deswegen habt ihr mir wohl dies Trostpaket hier geschickt?« fragte Maja und hielt ihrer Tochter das halbgeöffnete Päckchen hin. Charlotte sah das schwarze Wachstuchheft: Durkleys Tagebuch. Und rasch griff sie danach. »Ach«, sagte sie, »ich weiß schon, was das ist. Eine lange Geschichte, Mama! Eine traurige Geschichte.« Ihre Mutter sah sie verwundert an. »Aber es ist besser, Mama, daß du das jetzt nicht liest. Die Geschichte hat zwar ein freundliches Ende. Aber das Ende – von dem steht in diesem Heft da nichts.« »Das Ende?« fragte Maja erstaunt. »Ja! Und ich will dir erst das Ende erzählen, ehe du das andere liest. Und das kann ich jetzt nicht. Denn Durkley wartet unten und möchte dir guten Abend sagen.« Maja sah ihre Tochter fragend an. »Nicht wahr, Mama, du bist mir nicht böse? Du weißt doch, daß ich sonst immer pünktlich bin. Aber heute, wo Durkley plötzlich so viel zu sagen hatte –« »Aber was denn, Kind?« »Das erzähl ich dir später, Mama. Aber du wirst verstehen, daß ich zuhören mußte. Morgen wär's ihm vielleicht nicht mehr geglückt, zu sagen, was er mir sagen wollte.« »Dir?« »Ja, mir. Und das hätte mir leid getan.«