Das Wundermittel Komödie in drei Aufzügen von Ludwig Fulda     Stuttgart und Berlin 1920 J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger     Personen Fritz Jürgens , Chemiker Klaus Donald , Maler Erika Götz Professor von Schellander , Arzt Julie , seine Frau Gräfin Rubinowska Zinkendraht , Unternehmer Marschall , Kunsthändler Dr. Tuck , Kunstgelehrter Frau Baenicke , Vermieterin Ein bartloser Herr Ein weißhaariger Herr Ein magerer Herr Ein dicker Herr Eine ältere Dame Eine jüngere Dame Georg , Diener Josef , Diener Das Stück spielt in Berlin, der erste Aufzug im Frühjahr, der zweite im Herbst, der dritte wieder im Frühling.     Erster Aufzug Ein ärmliches Dachzimmer In der Mitte der Hinterwand Eingangstür, die, wenn geöffnet, den Flur und die gerade gegenüberliegende Flurtür (mit Guckloch und Briefkasten) erblicken läßt. In der linken Seitenwand eine zweite Tür, in der rechten Atelierfenster. Der Raum ist mit unzulänglichen Mitteln als Maleratelier und zugleich als Wohnstube eingerichtet. rechts vor dem Fenster Staffelei mit ungerahmtem Bild und allerlei Malgerät, dahinter, an die Wände gelehnt, aufgestapelte ungerahmte Bilder. Links vorn Tisch mit einer Lampe darauf und Rohrstühle, rechts vorn ein baufälliger Diwan und ein wackliger Armsessel, dazu, beliebig verteilt, einiges andere Gerümpel. Links hinter der Tür Kleiderriegel, von einem Vorhang bedeckt. An den Wänden allerlei, mit Reisnägeln angeheftete Skizzen. Erster Auftritt Klaus . Frau Baenicke Klaus (Mitte der Zwanzig, feingliedriger Nervenmensch mit einem hübschen, aber zerquälten Gesicht, ebenso leicht erregt wie verzagt, steht im zerschlissenen Malkittel mit Pinsel und Palette vor der Staffelei, eine lebhafte Diskussion fortsetzend) . Wenn ich Ihnen sage, liebe Frau Baenicke . . . Frau Baenicke (dicke, derbe Kleinbürgerin, Ende der Vierzig) . Sagen Sie mir gar nichts, Herr Donald. Zahlen Sie mir lieber die Miete, die Sie und Ihr Freund Jürgens mir seit vier Monaten schuldig sind. 8 Klaus . Aber Sie sehen doch, daß das Bild so gut wie fertig ist. . . . Frau Baenicke . Grad so fertig wie all die übrigen dort – jawohl, das seh' ich. Aber ich sehe keinen, der sie Ihnen abkauft. Klaus . Und die Rattenlöcher hier – meinen Sie, daß die so schnell andere Liebhaber finden? Frau Baenicke . Massenhaft. Und für den doppelten Preis. Klaus . So warten Sie doch nur . . . Frau Baenicke . Bis Sie berühmt sind? Nee, mein Lieber, das zieht nicht mehr. Hab' lange genug drauf gewartet. Klaus . Mit diesem Bild werd' ich's, verlassen Sie sich drauf. Frau Baenicke . Nee, nee, da wär' ich verlassen. Entweder die Miete, oder . . . Klaus (begütigend) . 'ne vorläufige kleine Rate, Frau Baenicke . . . Frau Baenicke . Wieviel? Klaus . Alles, was ich habe . . . (Er legt Pinsel und Palette hin, kramt in seinen Taschen, dann in verschiedenen Schubladen. Frau Baenicke . Na, was haben Sie denn? Klaus (weiter kramend) . Alles, was ich an Barbestand im Augenblick zur Verfügung habe . . . Frau Baenicke . Nichts haben Sie. Klaus (kleinlaut) . Beziehungsweise, was mein Freund hat . . . Frau Baenicke (ungläubig) . Der hat was? Klaus . Unzweifelhaft. Ganz unzweifelhaft. (Rufend.) Fritz! (Er geht zur Tür links, aus der a tempo Fritz den Kopf herausstreckt.) 9 Zweiter Auftritt Vorige . Fritz (von links) Fritz (zweite Hälfte der Zwanzig, breitschultrig, muskulös; alles an ihm ist Kraft und Selbstvertrauen) . Du, Klaus, kannst du mir vielleicht fünf Mark pumpen? Klaus (auf Frau Baenicke deutend) . Unglücksmensch! Frau Baenicke . Dacht' ich mir's doch! Der hat auch nichts. Fritz (eintretend, ebenfalls im Arbeitskittel) Ach so! Hoher Besuch. Frau Baenicke . Glauben Sie zwei beide, mich führt man an der Nase 'rum? Fritz . Das fragt eine Frau wie Sie, Madame Baenicke? Und ich habe Sie immer für eine Menschenkennerin gehalten. Frau Baenicke . Bin ich auch. Fritz . Nun, dann schauen Sie sich doch uns zwei mal richtig an. Sehen so Leute aus, denen man nicht ruhig Kredit geben kann, zehnmal mehr Kredit als für die Lumperei, mit der wir bei Ihnen in der Kreide stehn? Bieten seine Meisterwerke, bieten meine Erfindungen Ihnen nicht Sicherheit genug – selbst wenn die Räume, die Sie uns gütigst überlassen haben, noch weit fürstlicher wären, als sie sind? Frau Baenicke . Nee, nee, Ihre faulen Wechsel auf die Zukunft – die müssen Sie anderswo in Zahlung geben. So 'ne Geschäfte mach' ich nicht. Uebermorgen ist der Erste. entweder bis dahin die Miete . . . Klaus . Aber . . . Frau Baenicke . Verstehen Sie wohl – die ganze Miete auf Heller und Pfennig, oder 'raus. (Ab durch die Mitte.) 10 Dritter Auftritt Klaus . Fritz Klaus (ausbrechend) . Da hast du's. Exmittiert! Auf die Straße gesetzt! Das ist das Ende. Fritz . Kopf hoch, Klaus! Laß dich nicht ins Bockshorn jagen. Klaus . Uebermorgen! Hast du nicht gehört? Fritz . Uebermorgen, das sind noch achtundvierzig Stunden. Bis dahin kann die Welt untergehn, kann unser Stern aufgehn, können hundert Millionen Wunder geschehen. Klaus (bitter) . Achtundvierzig Stunden vor uns – und drei Berliner Jahre hinter uns, wo wir gehofft und geschuftet haben wie die Wahnsinnigen, und wieder geschuftet und wieder gehofft. Wo sind sie denn, die Wunder, die uns vor der Nase baumelten, damals, wie wir mit Erika aus unserm Heimatwinkel hier angerückt kamen, in dies vermaledeite Riesennest, diese erbarmungslos zuschnappende Menschenfalle? Wo sind die Goldklumpen, für die wir glücklich unsre mitgebrachten paar Groschen eingebrockt haben, bis auf den letzten? Das einzige Wunder ist, daß wir noch nicht vor Hunger krepiert sind. An die andern glaub' ich nicht mehr. Fritz . Auch nicht an deine eigene Kraft? Klaus . Haha, mit allem, was heute Namen hat, was obenauf schwimmt und in der Sonne sich plustert, nehm' ich's noch zehnmal auf. (Er nimmt wieder Pinsel und Palette und tut ab und zu an dem Bild einen Strich.) Das Bild hier – das soll mir erst einer nachmachen von dem ganzen Geschmeiß, das durch Clique und Claque, durch Tamtam und Trara sich in den Vordergrund gemogelt hat. Fritz . Na also. 11 Klaus . Aber was, zum Henker, hilft es mir, wenn niemand an mich glaubt, als ich selbst? Fritz . Was das hilft? Das merkst du doch an mir, sollt' ich meinen. Ich weiß, was ich bin und was ich kann, und darum weiß ich auch mit mathematischer Gewißheit, daß ich durchdringen werde, heut, morgen, übers Jahr – gleichviel. Klaus . Als ob du nicht ebensogut von der hundsgemeinen Sorge ums Brot zerfressen würdest wie ich! Fritz . Nicht meinethalb. Meine Sorgen gelten ihr. Klaus . Meine auch, selbstverständlich. Fritz . Das Mädel, Klaus! Das Mädel! Klaus (aufleuchtend) . Ja, wenn wir die nicht hätten . . . Fritz . Unser Herzenstrost! Klaus . Unsere Augenweide! Fritz . Unser guter Engel! Unser Hausmütterchen! Klaus . Du brauchst mir nicht herzuzählen, was wir an ihr haben. Fritz . Aber sie – was hat sie an uns? Ob ihr Vater sich's wohl so vorgestellt hat, als er sie mit seinen letzten Worten uns auf die Seele band? Als wir ihm gelobten, unsere Jugendgespielin es nie empfinden zu lassen, daß sie verwaist und mittellos in der Welt zurückblieb, ihm schworen, sie zu schützen, über sie zu wachen wie zwei ältere Brüder? Klaus . Haben wir das etwa nicht redlich gehalten? Fritz . Ob der Alte wohl gedacht hat, unser ganzer Schutz werde darin bestehen, daß sie in Frau Baenickens Räuberhöhle mit uns zusammen haust, da drüben in ihrer stickigen Kammer, und uns die Bettelwirtschaft führt mit Prinzessinnenhänden? Klaus . Und doch hat sie's immer noch besser als wir. Sie verdient sich wenigstens ihren Unterhalt. 12 Fritz . Da liegt's ja eben! Dies Püppchen, dies Kreatürchen, das in Seide und Spitzen gepackt werden müßte, das in gläsernen Pantoffeln über Teppiche huschen müßte, die wir für sie ausbreiten – dies Gottesgeschöpf stößt sich in elender Lohnsklaverei herum, hockt von morgens bis abends im Bureau an der Tippmaschine, jeder kecken Vertraulichkeit ausgesetzt, jeder lüsternen Nachstellung . . . Klaus . Hör auf! Quäle mich nicht mit solchen Gedanken! Oder ich werde wild. Fritz . Sehr bequem. Klaus . Warum ist sie auch mit einemmal so hübsch geworden? So verwettert hübsch? Warum hat sich aus dem unscheinbaren Kücken, das sie noch vor kurzem war, plötzlich so ein Paradiesvogel entpuppt? War das ausgemacht? Konnte man darauf vorbereitet sein? Man braucht ja nur über die Straße mit ihr zu gehn und die Blicke aufzufangen, die diese Lumpenkerle ihr zuwerfen . . . Tag und Nacht foltert mich, ärger noch als der Hunger, die Angst um sie. Fritz . Tröste dich mit mir. Geht mir ungefähr ebenso. Aber gerade deshalb. . . . Klaus . Horch! Ging nicht die Flurtür? Kam da nicht jemand? Vierter Auftritt Vorige . Erika (durch die Mitte) Erika (zwanzig Jahre, voll aller Frische, Gesundheit und Tapferkeit ihrer Jugend, mit einem klugen Spitzbubengesicht und blitzenden Schelmenaugen, hinter denen sich Lebenslust und Lebensernst gemeinsam verbergen, jeder Zoll eine Evastochter, aber durchaus ohne bewußte Koketterie Sie trägt ein billiges Frühlingskleidchen, tritt heiter ein) . 'tag, Jungens. Klaus (höchst erstaunt) . Erika – du? 13 Fritz (ebenso) . Schon zurück aus deinem Bureau? Klaus . Ist ja erst Nachmittag. Fritz . Was soll das bedeuten? Klaus . Hast du Urlaub? Fritz . Oder bist du nicht wohl? Klaus . So rede doch . . . Fritz . Erkläre uns . . . Erika . Sobald ihr mich zu Wort kommen laßt. Klaus . Schweig doch, Fritz! Fritz . Unterbrich sie nicht, Klaus! Erika . Aber erst möcht' ich sitzen. Fritz . Verzeih', Kind . . . Klaus . Entschuldige . . . (Sie wollen gemeinsam den Sessel herbeischleppen.) Erika . Nein, nicht im Thronsessel. Dieser Thron wackelt. (Sie setzt sich links, während die Freunde zu beiden Seiten von ihr Posto fassen.) Also, Jungens, ihr wollt wissen, warum ich zu so ungewohnter Stunde in unser Schloß Belvedere zurückgekehrt bin? Klaus . Sprich! Fritz . Ist was vorgefallen? Erika . Nichts von Belang. Ich habe bloß um meine sofortige Entlassung ersucht und sie erhalten. Klaus . Wie? Fritz . Warum? Erika . Nun – das Uebliche. Mein Brotherr hat mir schon lang liebliche Mienen gemacht . . . Klaus . Der Bursche hat sich erdreistet . . . Fritz . Und davon hast du uns nichts gesagt? Erika . Wozu euch mit solchen Lappalien behelligen? Na, und heute, da ist er deutlich geworden. Allzu deutlich. Fritz . Da hätt' ich dabei sein sollen! 14 Klaus . Und ich erst! Fritz . Dem hätt' ich heimgeleuchtet. Klaus . Den hätt' ich geohrfeigt. Erika . Ueberflüssig. Hab' ich schon selbst besorgt. (Mit entsprechender Handbewegung.) Und zwar feste. Fritz . Bravo, Kreatürchen! Klaus . Feudal! Erika . Und er hat's ruhig eingesteckt. Fritz . Schmach und Schande nur, daß du immer wieder solchen Niederträchtigkeiten preisgegeben bist. Erika . Da mach' ich mir nichts draus. Klaus . Und daß wir dich nicht davor schützen können. Erika . Ach, ihr zwei feurigen Schutzengel, wie oft soll ich euch noch sagen, daß ihr euer Flammenschwert getrost in der Scheide lassen könnt. Ein rechtes Mädel schützt sich selbst. Glaubt doch nicht, daß einer was geschehen kann, solang sie nicht will. Alle, die behaupten, sie seien der Hinterlist oder Uebermacht erlegen, haben ein klein, klein bißchen mitgeholfen. Und wenn eine die Männer durchschaut, so durch und durch . . . Fritz (lächelnd) . Tust du das, Erika? Erika . Sie so von A bis Z auswendig kennt wie ich . . . Klaus . Woher denn? Erika . Ist das ein Kunststück? Bei der unwahrscheinlich primitiven Technik, mit der sie operieren? Was haben die Feinen vor den Plumpen voraus, als daß sie nicht mit der Tür ins Haus fallen, erst hochtrabende Redensarten vorausschicken: Sie, mein Fräulein, sind ganz anders als alle andern; Sie stehen turmhoch über ihrem Geschlecht, sind die erste, die mir wahren Respekt einflößt; zu Ihnen blicke ich auf wie 15 zu einer Freundin, wie zu einer Schwester, und so fort mit Grazie. Aber wehe der dummen Gans, die das für bare Münze nimmt! Klaus . Willst du sämtliche Männer in einen Topf werfen? Erika . In diesem Punkt allerdings. Fritz . Leugnest du, daß es sehr verschiedene unter ihnen gibt? Erika . Nein. Aber was sie von uns wollen, ist immer dasselbe. Fritz . Und wir zum Beispiel? Klaus . Ja, wir, Erika? Erika . Ihr? Was fällt euch ein? Euch rechn' ich doch nicht mit. Klaus . Ich danke. Fritz . Nettes Kompliment! Erika . Ihr seid doch meine großen Jungens. Ich bin doch eure zweite Mutter, sozusagen. Fritz . Erlaube, wir sind sozusagen deine zweiten Väter. Erika (mit hellem Lachen) . Haha, und dabei hab' ich euch schon als winziges Ding meine zwei Bräutigams genannt. Eine kuriose Verwandtschaft! Fritz (ernst werdend) . Die Moral von der Geschichte: du bist brotlos. Erika . Wird nicht lange dauern. Ich habe, weil ich das kommen sah, schon vorher alle Hebel in Bewegung gesetzt, und einiges hab' ich schon in Aussicht. Fritz . Aber bis dahin . . . Erika . Unbesorgt. Eine Woche kann ich von meinen Ersparnissen leben. Wenn's not tut, sogar zwei. Meine Ferien aber werden dem Haushalt von Schloß Belvedere sehr zustatten kommen. Der schreit nach einer 16 gründlichen Aufbesserung. Vor allem eure Garderobe, die ich heut früh revidierte . . . Klaus (bitter) . Wird dir nicht schwer gefallen sein, da sie nur aus unserm gemeinsamen Sonntagsrock besteht. Erika . Eben dieses Feierkleid hat ein paar Knöpfe zu wenig und ein paar Löcher zu viel. Drum will ich's mal gleich in die Kur nehmen. (Sie geht zum Kleiderriegel, holt den Rock hervor, setzt sich damit wieder, entnimmt ihrem mitgebrachten Täschchen Nähzeug und beginnt ihn zu flicken.) Klaus (währenddessen zu Fritz, halblaut) . Das hat noch gefehlt. Fritz (ebenso) . Still! Verrat' ihr nichts. Klaus . Ach, diese ewige Vertuscherei! Einmal muß sie's ja doch erfahren, daß es mit uns Matthäi am letzten ist. Fritz . Nicht, bevor ich versucht habe . . . Erika (aufblickend, beobachtet sie) . Jungens, was habt ihr? Was geht mit euch vor? Mir scheint gar, ihr verbergt mir was. Fritz . Nichts. Gar nichts. Klaus . Du mußt dich bloß drauf gefaßt machen, daß unser Zusammenwohnen hier ein Ende nimmt. Fritz (strafend) . Klaus! Erika . Was? Ihr wollt ausziehen? Fritz . Ist ja noch lange nicht so weit! Erika . Dann zieh' ich eben mit. Klaus (schwer atmend) . Wohin, Erika? Erika . Ach so! Jetzt kapier' ich. Ihr sitzt auf dem Trocknen. Ihr wißt nicht mehr aus und ein. (Sich erzürnend.) Und das muß ich euch erst mühsam aus der Nase ziehn? Das habt ihr mir bis heute verheimlicht? Ja, zum Donnerwetter, wozu bin ich denn überhaupt da? Fritz . Wir sind da, um für dich zu sorgen. Wir haben die starken Arme . . . 17 Erika (aufstehend) . Du besonders, Junker Drachentöter. Riesenstarke. Und da soll ich mich immer weiter drauf 'rumtragen lassen wie ein Wickelkind, auch wenn die Arme ihre eigene Last kaum noch schleppen können? Soll in der Klemme nicht euer Kamerad sein, wie ihr die meinen? Das wäre ja noch schöner. Wie, Klaus, hab' ich nicht Recht? Klaus . Du hast immer Recht, Erika. Erika . Kurz und gut, mein Sparkapitälchen wird in drei Teile geteilt . . . Fritz (heftig) . Nie und nimmer! Erika . Ihr gebt mir's wieder, wenn ihr's habt. Fritz . Nie und nimmer sag' ich. Klaus . Schließlich, was wäre denn dabei? Fritz . Du fragst? Ihr sauer verdientes Geld nehmen, statt daß wir . . . Lieber Holz hacken, lieber betteln gehn! Erika . Und außerdem hab' ich da noch das Medaillon, euer Geschenk zu meinem siebzehnten Geburtstag. (Sie bringt es an ihrem Hals zum Vorschein.) Wenn wir das versetzen . . . Klaus . Nein, dagegen protestier' auch ich. Das haben wir dir gegeben, damit du mal die Photographie deines Auserwählten hineintust. Erika . Ei, bis dahin ist es längst wieder eingelöst. Klaus . Niemals! Fritz . Niemals! Erika . Und noch immer keine grüne Weide in Sicht? Noch immer keine? Klaus (weist hohnlachend auf das Bild) . Du siehst ja! Hast mir ja prophezeit, damit würd' ich die Welt einreißen. Erika . Bin nach wie vor davon überzeugt. 18 Klaus . Gute Seele! Soll ich's wieder auf die Ausstellung schicken, damit man mir's tot hängt und tot schweigt? Fleiß, Können, ehrliche Arbeit – wer schert sich drum? Oder kennst du 'nen Kunsthändler, dem ich nicht schon die Bude eingerannt habe wie ein Hausierer? Himmelhoch hab' ich sie jetzt alle gebeten, sie möchten sich das Ding wenigstens mal ansehn. Kommt einer? Sie denken nicht dran. Auch nicht der große Herr Marschall, obwohl er mir's in die Hand versprochen hat. Dieser Grünschnabel, dieses Lausbübchen, das vor ein paar Jahren noch Ladenschwengel war, wodurch beherrscht er denn heute den ganzen Kunstmarkt und kann sich bei der hohen Kritik als Geschmackspapst aufspielen? Weil er die Flöhe husten hört! Weil er die blöde Herde mit immer neuen Tricks zu bluffen versteht! Wenn andre hinter Berühmtheiten her sind, er macht's mit dem Entdecken; er kreiert jeden Monat ein Dutzend neue Genies, neue Richtungen, neue Epochen. Das Niedagewesene, der Spektakel, die Sensation – je gröber, je sudelhafter, desto besser. Schmieragen, zu denen nichts gehört als die nötige Dosis Unverfrorenheit. Nach meinem jüngsten Besuch in seinem Salon hab' ich vor lauter Wut eine Parodie auf diesen Modeschwindel hingesaut, nur zum Beweis, daß es Kinderspiel wäre, die Kerls zu übertrumpfen. – Hier, seht! (Er holt aus der Ecke eine Leinwand hervor und zeigt sie ihnen.) Wie gefällt euch das? Erika (lachend.) Irrsinnig. Fritz . Weiß Gott, da hast du den Futurismus noch überfuturisiert. Erika . Was soll's denn vorstellen? Klaus . Den Katzenjammer meinethalb, oder den Urbrei, oder die letzten Gedanken eines Gehängten. (Er stellt die Leinwand wieder beiseite.) Aber bevor ich mich zu 19 Konzessionen erniedrige, bevor ich diese Scharlatanerie, diesen schamlosen Humbug mitmache, will ich selbst gehängt sein. (Er setzt sich erschöpft.) Und so geht man rettungslos kaputt. Fritz . Schimpfen ändert nichts. Erika . Laß ihn. Er muß sich ab und zu Luft machen. (Sie streicht Klaus beschwichtigend übers Haar.) Armer Junker Schmerzenreich. Fritz . Der hat's gut. Erika . Wieso? Fritz . Mir hast du noch nie übers Haar gestrichen, Kreatürchen. Erika . Weil du nicht so leidest wie er, Junker Drachentöter. Eine Mutter streichelt ihr krankes Kind, nicht ihr gesundes. Fritz . Mag wohl sein. Erika . Ein Recke wie du, der sich weder vor Hölle noch Teufel scheut . . . Fritz . Nicht einmal vor Humbug und Scharlatanerie. Sind die Menschen denn was Besseres wert, als daß man sie am Narrenseil führt? Erika . Trotzdem pantschst du da drinnen in deiner Hexenküche unermüdlich, um ihnen wohlzutun. Fritz . Wenn sie aber doch nicht wohlgetan haben wollen – die Hornviecher? Wenn sie mir meine Erfindungen nicht glauben, weil ich sie ihnen nicht experimentell vorführen kann? Herstellung eines künstlichen Nahrungsmittels, Verbilligung des Indigoverfahrens, Verbesserung der Farbenphotographie, ein neuer Leuchtstoff, und was noch alles – fertig in der Theorie! Fehlt nichts als die Möglichkeit zu den notwendigen Versuchen, ein richtiges Laboratorium und eine Handvoll Hilfsarbeiter. 20 Erika . Die chemische Fabrik, bei der du dich kürzlich bewarbst? Fritz . Genau wie die andern. Erika . Schmählich. Fritz . Eine Stelle? Erst wenn ich gezeigt, was ich leisten kann. Um's aber zu zeigen, müßt' ich erst die Stelle haben. Doch ein Schaf, wer sich bieder im ewigen Zirkel rumdreht, wenn irgend ein Schleichweg ihn gradaus zum Ziel zu führen verspricht. Jetzt muß vor allen Dingen Geld geschafft werden, egal, wie. Und ich werd's schaffen, gebt acht. Erika . Womit? Fritz . Mit Humbug natürlich. Klaus . Pfui. Fritz (mit Blick auf Erika) . Der Zweck heiligt die Mittel. Erika . Was hast du ausspintisiert? Fritz . Kennt ihr Zinkendraht? Erika . Nein. Klaus . Zinkendraht? Ist das nicht der Hühneraugenfritze? Fritz . Zinkendrahts Hühneraugenmittel Eufrasin. Zinkendrahts Bartwichse Korroborit. Zinkendrahts Toiletteseife Solidol. In allen besseren Geschäften zu haben, von Batavia bis Honolulu. Ursprünglich Barbiergehilfe, heut einer der gerissensten Marktschreier in allen fünf Weltteilen, ja – daß ihr's nur wißt – der ist jetzt mein Mann. Dem hab' ich meine Dienste angeboten, und er – zu seinem Ruhm sei's gesagt – ist der erste, der sie zu würdigen scheint. Erika . Bist du sicher? Fritz . Ich wette, der beißt an. Klaus . Wann entscheidet sich das? Fritz . Noch vor Ablauf von Frau Baenickens Ultimatum. 21 Erika . Das wäre ja . . . (Läuten der Flurglocke.) Es läutet. Klaus . Es läutet. Erika . Wer kann das sein? Klaus . Ein Gläubiger. Wer sonst? Erika . Schauen wir nach. (Sie eilen alle drei durch die Eingangstür in den Flur und spähen, während sie offen bleibt, nacheinander durch das Guckloch.) Klaus . Kenn' ich nicht. Erika . Kenn' ich auch nicht. Fritz (elektrisiert) . Wetter! Das ist er ja in Person! Klaus , Erika . Wer? Fritz . Zinkendraht, wie er leibt und lebt. Erika . Ich öffne. Fritz . Halt, einen Augenblick. Ich zieh nur schnell den Sonntagsrock an. (Er ist nach vorn geeilt, vertauscht hastig den Kittel mit dem Rock. Klaus folgt ihm. Erika öffnet die Flurtür und läßt Zinkendraht eintreten.) Fünfter Auftritt Vorige . Zinkendraht (durch die Mitte) Erika (draußen) . Sie wünschen? Zinkendraht (ebenso) . Wohnt hier der Chemiker Jürgens? Erika . Jawohl. Bitte nur hereinzuspazieren. (Sie schließt, während er näher tritt, hinter ihm Flurtür und Mitteltür.) Zinkendraht (Fünfziger; hagerer Plebejer mit völlig kahlem Geierkopf und heiser krächzendem Organ, gekleidet wie ein wohlhabender Mann, der auf sein Äußeres wenig Wert legt. Er schnappt nach Luft, sieht sich mit forschenden Blicken um, murmelt etwas, das wie eine Begrüßung klingt, schält sich aus einem mehrmals umgewickelten Halstuch) . Fritz (ihm entgegen) . Es ist sehr freundlich von Ihnen, Herr Zinkendraht . . . Zinkendraht (schnaufend) . Alles für die Firma. Zwar verdammt hoch hier herauf . . . 22 Erika . Dafür sind Sie nun aber auch in Schloß Belvedere. Zinkendraht . Wo? Erika . Wir wohnen hier nämlich nur wegen der schönen Aussicht. (Zum Fenster weisend.) Sie umfaßt mindestens fünfzig Dächer. Und wenn Sie gute Augen haben, können Sie am Dachfenster dort hinten links einen Geranientopf in voller Blüte sehn. Zinkendraht (zu Fritz) . Ihre Frau? Fritz . Nein. Zinkendraht . Ach so. Erika . Auch nicht seine »Ach so«. Fritz (ihm Platz anbietend) . Darf ich bitten? (Er bemerkt seine argwöhnischen Blicke) . Vor meinen Freunden hier hab' ich keine Geheimnisse. Zinkendraht (setzt sich in den Sessel) . Sie haben . . . (Der Sessel bricht unter ihm zusammen) . Verdammt. Erika . Verzeihen Sie. Wir sind antik eingerichtet. Zinkendraht (sich erhebend) . Man merkt's. Erika (zieht sich zu Klaus, der wieder zu malen begonnen hat, zurück, bessert Wäsche aus. Doch folgen beide dem Gespräch mit Spannung, wispern einander manchmal etwas zu) . Fritz . Ich bedaure . . . (Er weist auf den Diwan) . Hier, wenn's beliebt. Ich wäre übrigens, um Ihnen die fünf Treppen zu ersparen, grad so gern zu Ihnen ins Bureau gekommen. Zinkendraht (hat sich auf den Diwan gesetzt, den er mißtrauisch prüft) . Bin in meinem Bureau nicht zu sprechen. Für niemand. Lasse mir in meinen Geschäftsbetrieb nicht 'reinschnüffeln. (Er hüstelt.) Fritz (setzt sich zu ihm) . Sie sind erkältet? Zinkendraht . Nee. Chronische Heiserkeit, beim Probieren verschiedener mir offerierter Hustenmittel 23 erwischt. Ebenso wie Kahlkopf beim Probieren einer Tinktur für üppigen Haarwuchs. Fritz . Da haben Sie sich ja förmlich aufgeopfert. Zinkendraht . Alles für die Firma. Probiere jeden Artikel erst am eigenen Leib. Geschäftsprinzip. Fritz . Demnach haben Sie wohl auch meine Sachen probiert? Aber ohne nachteilige Folgen, wie ich hoffen darf? Zinkendraht (achselzuckend) . Leider keine Verwendung dafür. Fritz . Wie deut' ich mir dann Ihren werten Besuch? Zinkendraht . Menschenfreundlichkeit. Gebe strebsamen jungen Leuten gern was zu verdienen. Fritz (an sich haltend) . So befindet sich doch vielleicht was Verwendbares drunter? Zinkendraht . Höchstens – womöglich – unter Umständen – allenfalls das Heilmittel. Fritz . Das Nervenberuhigungsmittel, meinen Sie? Zinkendraht . Na ja, das Medikament. Hab' es auch amtlich prüfen lassen. Als unschädlich anerkannt. Fritz . Unschädlich! Was wollen Sie mehr? Ist das für so ein Mittel nicht die Hauptsache. Zinkendraht . Nee. Hauptsache für jedes Mittel ist der Name. Wie nennen Sie's denn? Fritz . Darüber hab' ich noch nicht nachgedacht. Zinkendraht (erwärmt sich) . Sehen Sie! Keinen blassen Dunst. So'n Präparat zusammenstellen, kein Kunststück. Aber Namen erfinden, Namen von unwiderstehlicher Zugkraft, Namen, die knallen, sich ins Ohr hämmern, vertrauenerweckend, lockend, erobernd, Schlager, Fanfaren, Magneten – wer kann das außer mir? Fritz . Dafür sind Sie ja bekannt. Zinkendraht . So einen Namen habe zufällig auf Lager. Erstklassig. Phänomenal. 24 Fritz . Und dazu könnten Sie mein Mittel brauchen. Zinkendraht . Eventuell, je nachdem. Ihres oder ein andres. Fritz . Ihre Bedingungen? Zinkendraht . Erwerbe durch Kauf das Mittel mit allen Rechten, lasse das Verfahren auf meine Firma für alle Staaten patentieren, unter der Schutzmarke – jetzt passen Sie auf! Fritz . Ich bin fieberhaft gespannt. Zinkendraht . Werden staunen. Unter der Schutzmarke . . . Fritz . Sprechen Sie es aus, das Zauberwort. Zinkendraht . Mirakulin! – Was sagen Sie? – Mirakulin. Erika . Überwältigend. Zinkendraht . Stellen Sie sich das mal vor auf einem Plakat. Mirakulin. Fritz . Kolossal. Zinkendraht . Mirakulin. Der aufgelegte Erfolg. Fritz . Und der Preis, den Sie mir bieten . . . Zinkendraht . In Anbetracht, daß der Name von mir ist . . . Fritz . Immerhin, er allein genügt doch noch nicht. Zinkendraht . Biete Ihnen . . . biete Ihnen, um splendid zu sein, sehr splendid – dreitausend Mark. Fritz (seine Freude verbergend) . Nebst Gewinnbeteiligung, nicht wahr? Zinkendraht . Ausgeschlossen. Drei Mille einmaliges Honorar. Alleräußerste Kulanz bei meinem enormen, kolossalen Risiko. Fritz . Bedenken Sie: die Bestandteile sind grad so spottbillig wie die Fabrikation. Jeder kleine Laborant 25 kann Ihnen das ohne irgendwelchen Apparat massenweis herstellen. Zinkendraht . Haben Sie 'nen Begriff! Mit dem Risiko meine selbstredend die Reklamekosten. Unter 'ner halben Million fängt sich da überhaupt nichts an. Fritz . Gut. Ich verzichte auf Beteiligung. Aber das Honorar . . . Zinkendraht (steht auf) . Zwinge niemand. Dachte, Sie hätten's nötig. Dachte auch, meine Verbindungen mit der chemischen Industrie könnten Ihrer Karriere von Nutzen sein. Hatte vor, wenn Artikel einschlägt, Sie zu empfehlen. Fritz . Das würden Sie wirklich tun? Zinkendraht . Hätt' es getan. Doch war offenbar im Irrtum. Werd' ein Haus weiter gehn. Kriege zu so einem Namen Dutzende von Mitteln für 'nen Pappenstiel. (Er wendet sich zum Gehen.) Fritz (wirft einen Blick auf Erika, vertritt ihm den Weg) . Herr Zinkendraht, sei's drum. Ich nehme Ihre Bedingungen an. Zinkendraht (zieht ein Blatt aus der Tasche) . Hier der Vertrag. Fritz . Den haben Sie gleich fertig mitgebracht? Zinkendraht (zieht eine Füllfeder heraus, reicht sie ihm) . Unterzeichnen Sie. Stelle dann sofort Scheck ans. Fritz . Sie sind tüchtig. (Er überfliegt das Schriftstück, unterschreibt, gibt es ihm samt der Feder zurück.) Zinkendraht (hat ein Scheckbuch hervorgezogen, schreibt) . Dreitausend . . . So. Abgemacht. (Er gibt ihm den Scheck.) Werden Ihre Freude haben. (Sich verabschiedend.) 'nabend. Fritz (will ihn begleiten) . Sie gestatten . . . Zinkendraht . Keine Umstände. Erika (öffnet ihm die Mitteltür) . Es war uns ein 26 Vergnügen, Herr Zinkendraht, solch eine Weltberühmtheit kennen zu lernen. Zinkendraht (sich in sein Halstuch wickelnd) . Werden Ihr blaues Wunder erleben. Universalerfolg. Zinkendrahts Mirakulin. Bombensichere Sache. 'nabend. (Ab durch die Mitteltür.) Sechster Auftritt Fritz . Klaus . Erika Erika . Das ist ein Prachtexemplar. Klaus . Ein Obergauner. Auf die Nerven ging mir der Kerl. Fritz (losbrechend) . Kinder! Kinder! Begreift ihr denn noch gar nicht? (Den Scheck schwenkend) . Dreitausend Mark! Soviel Geld haben wir doch unser Lebtag noch nicht beisammen gesehen. Ein kleines Vermögen! Die Rettung dicht vor Torschluß. Wir sind fein heraus. Und ihr jubelt nicht? Ihr springt nicht bis an die Decke? Erika . Ich bin glücklich für dich, Drachentöter. Fritz . Und ich für dich, Kreatürchen! Nun brauchst du dich nicht zu strapazieren mit Stellensuchen, kannst gemächlich 'ne Weile zusehn. Wir können unsere drückendsten Schulden bezahlen, uns einen neuen Sonntagsrock kaufen . . . Erika . Oder gar für jeden einen. Fritz . Zwei Sonntagsröcke, du hast Recht! Erika . Und du kannst deine Erfindungen ausführen. Fritz . Dazu langt's noch nicht, Kind. Aber ist es nicht ein Gaudium? Was ich bisher mit all meiner ernsten Arbeit nicht erreichen konnte, das bringt mir nun so ein Plunder. Die erste Einnahme! Ein harmloses Beruhigungsmittel wie hundert andre. Mit einem Glas Zuckerwasser erzielt man genau denselben Effekt. 27 Erika . Du hättest ihm noch mehr abknöpfen können. Oder merktest du nicht, wie happig er drauf war? Fritz . Ich durfte nicht va banque spielen, in unserer Lage. Klaus . So oder so, ein sauberer Handel ist das nicht. Fritz . Darauf pfeif' ich. Erika . Kannst du auch, mit gutem Gewissen. Klaus . Mit gutem? Na, na. Fritz . Du an meiner Stelle hättest wohl vorgezogen, selbdritt zu verhungern? Klaus . Offen gesagt, ja. Fritz . Wirst aber hoffentlich meine Einladung nicht verschmähen, wenn dieses unsaubere Geld sich in leckere Mahlzeiten verwandelt. Klaus . Das ist ganz was Anderes. Erika (zu Fritz) . Da hat nun eigentlich er wieder Recht. Fritz . Und warum soll ich ein schlechtes Gewissen haben? Geht das Publikum auf den Leim, so fährt es um kein Haar schlechter, als wenn es ähnliche Mixturen schluckt. Ich hab' einem schwerreichen Spekulanten verhökert, was er haben wollte, das ist alles. Klaus . Nein, das ist nicht alles. Du selber hältst nichts von der Sache. Und wer etwas von sich in die Welt hinausgehen läßt, wofür er nicht voll einstehen kann bis zum letzten Blutstropfen . . . (Läuten der Flurglocke.) Erika . Es läutet. Fritz . Merkwürdig. Erika . Wenn es diesmal ein Manichäer ist, braucht ihr ihn wenigstens nicht mehr zu fürchten. (Wie vorher eilen sie wieder zu dritt in den Flur, um nacheinander durchs Guckloch zu spähen.) 28 Fritz (spähend) . Ein fremder Jüngling von Distinktion. Erika (spähend) . Ach, der! Fritz . Du kennst ihn? Klaus . Laßt schauen. (Spähend.) Die Welt geht unter. Marschall! Fritz . Ist die Möglichkeit! Erika . Das ist Marschall? Klaus (aufgeregt) . Der Allgewaltige, der Hochgebietende findet den Weg zu mir! (Zu Fritz.) Siehst du, so wird das ehrliche Ringen zu guter Letzt doch belohnt. Man muß nur durchhalten. (Neues Läuten.) Fritz (zu Erika) . Mach ihm doch auf. Klaus . Wart! (Zu Fritz.) Gib mir den Sonntagsrock. Fritz . Mit Wonne. (Er zieht den Rock aus, gibt ihn Klaus.) Da hast du ihn. (Er legt seinen Kittel wieder an.) Klaus (vertauscht schnell seinen Kittel mit dem Rock; dann zu Erika) . Jetzt. Erika (öffnet die Flurtüre und läßt Marschall eintreten) . Siebenter Auftritt Vorige . Marschall (durch die Mitte) Marschall (noch im Flur) . Ist Herr Maler Donald zu Hause? Erika . Ja, hier, in seinem Atelier. (Sie schließt hinter ihm Flurtür und Mitteltür.) Marschall (tritt ein. Smartes Jüngelchen von 24 Jahren, bartlos, sehr patent, blasiert, überlegt und überlegen, Snob aus Geschäftsinteresse, mit Unfehlbarkeitspose, seine Worte behutsam wählend. Er mustert zunächst Erika mit Kennerblicken) . Sie kommen mir so bekannt vor, mein Fräulein. Wo mögen wir uns schon begegnet sein? 29 Erika . Auf der Straße, glaub' ich. (Leise, zu Fritz.) Wiederholt nachgestiegen ist er mir. Marschall (als ob er jetzt erst Klaus bemerkte) . Ah, da sind Sie ja, lieber Donald. Klaus . Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Marschall . . . Marschall . Ich versprach Ihnen doch, Sie mal heimzusuchen. Aber wollen Sie mich nicht vorstellen? Klaus . Meine Freunde. Fräulein Götz, Herr Jürgens. Marschall . Sehr angenehm. – Waren Sie nicht kürzlich in meinem Salon, mein Fräulein? Erika . Doch nicht. Marschall . Dann muß ich das geträumt haben. Erika . Offenbar. Klaus (ungeduldig) . Dürft' ich Sie nun bitten . . . Marschall . Ja, nun lassen Sie mal sehn. Klaus (führt ihn zur Staffelei) . Dies neue Bild. Ich halt' es für mein bestes Werk. Marschall (mit einem Kennerlächeln) . Alle Künstler halten ihr letztes für ihr bestes. Erika . Wir halten es auch dafür. Fritz . Für ein Kabinettsstück halten wir's. Marschall (betrachtet das Bild mit handwerksmäßiger Routine, während die andern gespannt an seinen Lippen hängen, verändert keine Miene und schweigt) . Klaus (nach einer längeren Pause) . Nun? Marschall . Hm. Klaus . Wie finden Sie's? Marschall (ablenkend) . Beiläufig, hat meine jüngste Ausstellung nicht auch auf Sie revoltierend gewirkt? Es würde mich interessieren, welche Eindrücke Sie mit fortnahmen. 30 Klaus (gequält) . Wollen Sie mir nicht erst Ihren Eindruck verraten? Marschall (scheinbar zerstreut) . Meinen Eindruck? – Ja so, von Ihrem Bild? Klaus . Oder haben Sie noch keinen? Marschall (nach einer Pause) . Soll ich aufrichtig sein? Klaus . Ich ersuche Sie darum. Marschall . Sehr brav, sehr geschickt, sehr sorgfältig. Aber – zu meinem Bedauern – nichts für mich. Klaus (entgeistert) . Weshalb nicht? Marschall . Keine elementare Persönlichkeit, keine moderne Note, keine zündende Originalität. So was zieht in meinem Salon keinen Käufer an. Das könnte Jahre lang bei mir hängen, ohne daß es jemandem auffällt. Denn bei mir sucht man Neuheit, Gärung, Rebellion. Klaus (seiner selbst nicht mehr mächtig, fährt mit breitem Pinsel über das Bild und verschmiert es) . Da haben Sie Gärung! Erika (erschrocken) . Was tust du?! Fritz . Klaus, bist du verrückt? Klaus . Da haben Sie Rebellion. Marschall . Hm. Jetzt ist es tatsächlich besser geworden. Klaus . Wollen Sie mich auch noch verhöhnen Herr? Marschall . Im Ernst. Jetzt ist etwas Urhaftes hineingekommen. Tatze. Klaue. Klaus (grimmig auflachend) . Haha, wie konnt' ich auch zweifeln, was Ihnen gefällt! Meinen Eindruck von Ihrer jüngsten Ausstellung wollen Sie haben? (Er holt rasch die Leinwand von vorhin wieder herbei, hält sie ihm vor die Augen.) Hier ist er in Reinkultur. Hier in zwanzig Klexen so viel Urhaftigkeit, so viel Tatze, so viel Klaue, wie in Ihrer ganzen Jahrmarktsbude zusammengenommen. 31 Marschall (sieht sich die Leinwand sehr ernsthaft und eingehend an. Nach einer Pause) . Das ist von Ihnen? Klaus . Eine saftige Verulkung – was? Marschall . Warum haben Sie mir das nicht gleich gezeigt? Klaus . Eine gediegene Abfuhr – wie? Marschall . Daraus läßt sich was machen. Klaus . Sie meinen, wenn man noch ein paar Tuben mehr drauf ausquetscht! Marschall . Im Gegenteil. Nur ja keinen Strich mehr daran. Gerade das wild Improvisierte, das leidenschaftlich Fragmentarische gibt ihm den Reiz. Daraus läßt sich geschäftlich was machen. Eine Nummer, ein Programm, eine Parole. Das Bild stell' ich aus. Klaus . Sie scherzen! Marschall . Keineswegs. Klaus . Ausstellen wollen Sie das? Marschall . Haben Sie schon einen Titel dafür? Einen möglichst eklatanten? Klaus . Nennen Sie's Klimbim oder Tohuwabohu oder gemischten Salat. Mir gleich. Marschall Wenn Sie die Wahl mir überlassen, so betiteln wir's »Delirium«. Das trifft die darin ausgedrückte seelische Verwirrung, den inneren Tumult. Klaus . Delirium! Meinetwegen sogar tremens. Aber – mit oder ohne Titel – ich geb's nicht her. Marschall . Auch nicht, wenn ich's Ihnen abkaufe? Sofort. Für dreihundert Mark. Klaus (ungläubig) . Dreihundert Mark – für das da? Marschall (entnimmt die Scheine seiner Brieftasche) . Hier sind sie. Klaus (bekommt Oberwasser) . Viel zu wenig. (Sich mit Selbstüberwindung verbessernd.) Und überhaupt – ich geb's nicht her. 32 Marschall . Ich bin bereit, Ihnen das Zehnfache als Vorschuß zu zahlen, falls Sie nur für Ihre weiteren Werke – wohlverstanden, für Werke dieser Manier – das Vorkaufsrecht einräumen. Klaus . Aber so was mal' ich Ihnen haufenweise – jeden Tag ein Dutzend! Marschall . Um so besser. Dann kann ich Sie höchstwahrscheinlich lancieren. (Ihm die Scheine hinreichend.) Also – hier das Angeld. Klaus (im Kampf mit sich selbst) . Sie denken, ich werde so schwach sein . . . Marschall . Ja, wenn Sie durchaus nicht wollen . . . Klaus (von einem Gedanken durchzuckt) . Doch! Doch! Ich will. Jetzt grade! Nur her mit den Lappen. Marschall (gibt ihm das Geld) . Morgen früh lass' ich's abholen. (Sich verabschiedend.) Wiedersehn. (Zu Erika.) Ich hoffe, mein Fräulein, Sie werden meinen Traum bald mal bewahrheiten. Erika (leise, zu Fritz) . Da kann er lange warten. Marschall (an der Tür) . Meine Herrschaften. (Ab durch die Mitte.) Achter Auftritt Fritz . Klaus . Erika Klaus (bricht in ein krampfhaftes Lachen aus) . Hahaha! – Luft! – Ich ersticke! Erika (auf ihn zu) . Gratuliere, Junker Schmerzenreich. Fritz (ebenso) . Bruderherz, nun bist auch du über den Berg. Klaus (nach Atem ringend, ohne auf sie zu hören) . Haha! Ich könnte mich totlachen. So eine Welt! So eine Menagerie! So ein Affentheater! Der große Marschall, 33 der Mann mit dem unfehlbaren Riecher, wie seine Trabanten ihn benamsen – der fällt herein auf diese Farce, diese Persiflage, diesen offenkundigen G'schnas. Erika . Unbegreiflich! Klaus . Ein Bild, woran ich seit Monaten schaffe, Erika – schaffe mit meiner ganzen Kraft, an dem geht er kaltlächelnd vorüber. Einen hingehauenen Jux, womit ich ihn und seine Clique ironisiert habe, wiegt er mir mit Gold auf. Fritz . Und du hast es genommen. Klaus (indem er den Rock aus- und den Kittel wieder anzieht) . Sollt' ich etwa nicht? Erika . Wäre schön dumm von dir gewesen. Fritz . Hast es genommen, wie ich – trotz deiner Moralpauke. Klaus . Wie? Du willst sagen . . .? Erika! Er vergleicht seinen Fall mit dem meinen! Fritz . Ich sehe keinen Unterschied. Klaus (zu Erika) . Du auch nicht? Erika . Laß dich's nicht anfechten, Junker Schmerzenreich, daß du nun gleichfalls eine Konzession gemacht hast. Wir bezeugen dir: Es ist dir sauer genug geworden. Klaus . Eine Konzession? Ihr haltet mich für fähig . . . Fritz . Du bist halt auch dahinter gekommen, daß man Schund verkaufen muß, wenn man für seine wertvolle Ware keinen Absatz findet. Warum willst du das nicht ruhig zugeben? Klaus . Niemals geb' ich das zu. Niemals. Auf dem Holzweg seid ihr, alle beide. Fritz . So? Klaus . Ahnt ihr denn, was ich damit beabsichtigte? Ha, selbst wenn ich diesen grünen Jungen bloß hätte 34 einseifen wollen, diesen stockblinden, verrannten, verstiegenen Snob – das wäre noch lange keine Konzession, das wäre nur eine Rache, eine Abrechnung. Aber nein, ich führe was Andres im Schild. Erika . Was denn? Klaus . Das sollt ihr erfahren. Später. Denn vor allem will ich mir jetzt mal gütlich tun. Fritz . Wahrhaftig, da sprichst du mir aus dem Magen. Ich erinnere mich nur noch dunkel der Zeit, wo er nicht geknurrt hat. Erika . Jungens, das ist mein Ressort. So ein Wendepunkt, so ein Glückstag, der muß gebührend gefeiert werden. Eine Bowle werd' ich euch brauen, wie Schloß Belvedere noch keine gesehen hat, so lang' es steht. Gleich lauf' ich hinüber zur Requirierung der Rohstoffe. Fritz . Aber es geht aus unserer Tasche, Kind! Erika . Hab keine Bange. Ich leg' es für euch zwei Nabobs nur aus. Bar auf den Tisch. Der Kaufmann wird Augen machen. (Schnell ab durch die Mitteltür.) Neunter Auftritt Fritz . Klaus . (Während des Auftritts beginnt es zu dämmern.) Klaus . Ein Wettermädel! Fritz . Ein Schatz! Klaus . Eine Hexe! Fritz . Die ist goldener als Gold. Klaus . Zum Aufessen ist sie. Fritz . Am liebsten möcht' ich sie unter einen Glassturz stellen, damit sie ihr Lebtag so bleibt wie heut. Klaus . Und ich möchte sie am liebsten beim Schopf nehmen und küssen, bis ihr und mir der Atem vergeht. 35 Fritz (stirnrunzelnd) . Untersteh dich! Sie ist unsere Schwester. Klaus . Ach was! Hand aufs Herz. Sind deine Gefühle für sie noch rein brüderlich? Fritz (etwas verlegen) . Einerlei. Sie ist unseren Händen als Vermächtnis anvertraut . . . Klaus . Soll sie deshalb eine alte Jungfer werden? Ist sie nicht auch aus Fleisch und Blut? Hat sie nicht junge, durstige Sinne wie wir? Fritz (tritt eisern an ihn heran) . Hör' mal, Klaus. Wir sind Kameraden von Kindheit an. Ich habe damals, als du auf den Tod darniederlagst, mich mit ihr in die Nachtwachen an deinem Krankenbett geteilt. Durchs Feuer geh' ich für dich, wenn's not tut. Aber wenn du mir das Mädel anrührst, schlag' ich dich nieder. Klaus (unwillkürlich erbebend) . Unsinn! Das war doch nur Scherz. Fritz . Laß derartige Scherze. Klaus . Ich will sie ja heiraten. Fritz . Das will ich ebenfalls. Klaus . Unsere Schwester! Sieh mal einer an. Fritz . Ja, ja, Klaus. Klaus . Ei, ei, Fritz. Fritz . Ich wie du. Klaus . Wir alle beide. Fritz . Da haben wir uns auf einmal eingestanden, was schon lang' zwischen uns in der Luft liegt. Klaus . Wie die Katze um den heißen Brei sind wir drum 'rumgegangen. Fritz . Diesen Wunsch kann keiner von uns dem andern verargen. Klaus . Gut wenigstens, daß wir uns endlich klar darüber sind. 36 Fritz . War's denn früher möglich? Wären wir nicht Verbrecher gewesen, wenn wir im entferntesten an so was gedacht hätten, mit keinem Pfennig im Beutel? Klaus . Jetzt aber tritt der Gedanke in Sehweite. Fritz . Ja, sobald wir genug verdienen, um eine Frau ernähren zu können . . . Klaus . Dann wird gefreit. Fritz (sich am Ohr kratzend) . Fragt sich nur, von wem. Klaus . Einer von uns wird dann wohl verzichten müssen. Fritz . Oder wir müssen uns übers Schnupftuch duellieren. Klaus . Das wird kaum nötig sein. Denn schließlich – die Entscheidung liegt bei ihr. Fritz . Hast du am Ende schon hinter meinem Rücken auf den Busch geklopft? Klaus . Nein. Fritz . Wirklich nicht? Klaus . In meiner bisherigen Verfassung! Fritz . Ich glaube dir. Klaus . Aber irgendeinmal werden wir doch feststellen müssen, welchen von uns beiden sie vorzieht. Fritz . Das ist richtig. Klaus . Und ohne auf den Busch zu klopfen, wird das nicht gehn. Fritz (nach kurzem Nachdenken) . Ich will dir einen Vorschlag machen. Wir waren von jeher wie Brüder. Laß uns drum auch brüderliche Rivalen sein. Klaus . Einverstanden. Fritz . Wir wollen einander das Wort geben, daß keiner von uns heimlich, ohne Vorwissen des andern um sie wirbt, und daß dem, den sie erwählt, der andere sie neidlos gönnen wird. Klaus . Sehr einverstanden. Hier meine Hand. 37 Fritz (ihn scharf ansehend) . Deine eilige Bereitschaft . . . Fast sollte man vermuten, daß du deiner Sache schon sicher wärst. Klaus . Weil ich mit deinem Vorschlag einverstanden bin? Fritz . Du hast keinerlei Anzeichen? Klaus . Je nun, man hofft, was man ersehnt. Fritz . Du hoffst also . . .? Klaus . Du nicht? Fritz . Immer wieder hab' ich ihr Benehmen gegen uns daraufhin zu sondieren gesucht. Doch ich kam zu keinem bestimmten Ergebnis. Klaus . Du kannst ja von heut an deine Aufmerksamkeit verdoppeln. Fritz . Das werd' ich. Klaus . Vereint werden wir's schon 'rauskriegen. Fritz (horchend) . Still! Sie kommt. Zehnter Auftritt Vorige . Erika . Erika (durch die Mitteltür, die offen bleibt. Sie trägt eine Platte mit Aufschnitt, Brot usw., stellt sie auf den Tisch) . Da bin ich wieder. Und guckt mal, was ich euch angefahren bringe. (Sie steckt die Lampe an.) Fritz . O lang' entbehrter Anblick! Klaus . O kaum noch gekannter Hochgenuß! Fritz . Abendbrot! Klaus . Veritables kaltes Abendbrot! Fritz . Nur haben wir weder Messer noch Gabeln. Klaus (gierig) . Macht nichts. Wir nehmen die Finger dazu. Erika . Was denkt ihr! Es ist nicht wie bei armen Leuten. Alles da. (Sie eilt ab durch die Mitteltür.) 38 Klaus (ihr nachrufend) . Woher denn? Fritz (ebenso) . Kannst du zaubern? Erika (noch unsichtbar) . Jawohl. Hokuspokus. (Sie kehrt zurück mit Bestecken, Tellern, Gläsern auf einem Brett, das sie auf den Tisch setzt.) Fritz . Kein Zweifel, du hast Geister im Sold. Erika . Erraten. Eine gütige Fee hat mir's gepumpt. Mit Anfangsbuchstabe Baenicke. Fritz . Frau Baenicke?! Klaus (stets mit der Platte liebäugelnd) . Das fauchende Ungetüm? Erika . Auf meinen feierlichen Schwur, daß ihr zu Geld gekommen seid und morgen früh berappen werdet, wurde sie wie ein Ohrwürmchen. – Achtung. Fortsetzung folgt. (Sie eilt wieder ab.) Klaus . Hast du was bemerkt? Fritz . Noch nicht. Klaus . Auch nicht, daß sie mir zulächelte? Fritz . Da irrst du. Dies Lächeln galt mir. Klaus . Pst! Erika (kehrt zurück, eine Suppenterrine mit Schöpflöffel tragend) . Hier das Festgetränk. Fritz (zuspringend) . Gestatte! (Er nimmt sie ihr galant ab und stellt sie auf den Tisch.) Erika (die Mitteltür schließend) . Mein Stolz. Klaus . Ah, welcher Duft! Fritz . So was gibt's auf Erden! Klaus . Und steht vor uns zum Zugreifen! (Die beiden setzen sich an den Tisch, rechte und linke Seite.) Erika (ist an die Hinterseite des Tisches getreten, verteilt das Geschirr und füllt dann die Gläser) . Nichts reden, bevor ihr gekostet habt. Klaus (der sofort eine große Portion auf seinen Teller 39 geladen hat) . Ausprobieren am eigenen Leib, wie Zinkendraht. Erika . Mit Verstand, bitt' ich mir aus. Denn dies ist ein Heilmittel und ein Kunstwerk zugleich. (Sie setzt sich zwischen sie.) Klaus (sein Glas erhebend) . Was wir lieben. Fritz (ebenso) . Dein Wohl, Kreatürchen! Erika . Das eure, Jungens. Klaus . Prost! (Sie stoßen an und trinken.) Erika . Nun, wie schmeckt euch das? Fritz . Das hast du gut gemacht. Klaus . Ein Göttertrank! (Essend.) Wer uns heut früh prophezeit hätte, daß wir heut abend so schlemmen werden! Fritz . Ohne Gewissensbisse. Klaus (mit vollem Mund) . Ich sogar mit dem Bewußtsein, mein lieber Fritz, kein Tütelchen von meinen Ueberzeugungen geopfert zu haben. Fritz . Potztausend. Klaus . Den Zweck, den ausschließlichen Zweck, der mich geleitet hat, ja, merkt auf, nun sollt ihr ihn kennen. Erika . Schieß los. Klaus . Aufs Glatteis hab' ich den Kunstkrämer geführt, ganz einfach. Wenn es ihm tatsächlich gelingen sollte, mit der Klexerei seine gläubige Gemeinde zu angeln, dann – das ist mein fester Entschluß – dann werd' ich der Welt eine Laterne aufstecken, daß ihr die Augen übergehn. Erika (gepackt) . Du, das ist 'ne Idee! Klaus . Laut hinausschreien werd' ich dann, daß ich mir einen satirischen Scherz geleistet habe, nichts weiter, und daß ich ihn mitten unter ernstgemeinte Bilder hängen ließ, bloß um zu konstatieren, bis zu welchem Rekord sich die öffentliche Dummheit versteigt. 40 Erika (in die Hände klatschend) . Herrlich! Großartig! O jerum, was für einen Kladderadatsch müßte das geben, wenn du – oder noch besser ihr alle zwei, du mit dem Bild und du mit dem Mittel – dem stumpfsinnigen Volk die Binde vom Gesicht risset. Schaut her, ihr Gimpel, wie ihr aufgesessen seid! Schaut her, wie ihr mal wieder dicht an Kostbarkeiten vorbei dem Krempel nachlauft! Ein Ereignis wäre das, eine Tat! (Sie füllt wieder die Gläser.) Darauf müssen wir anstoßen. Klaus . Prost! Fritz . Kinderchen, ihr macht die Rechnung ohne den Wirt. Erst wartet doch mal ab, ob unser Krempel einen Hund vom Ofen lockt. Und selbst dann werden schon andere Leute dafür sorgen, daß die Bäume von Zinkendraht, Marschall und Kompanie nicht in den Himmel wachsen. Klaus . Nichts da! Ein flammendes Menetekel, mit so greller Beleuchtung von Falsch und Echt, daß unsere wahren Werke wie von selbst aus dem Schatten treten. Und darauf allein kommt es an. Erika . So ist's. Durch dick und dünn voran zum Triumph. Soll ich umsonst bewundernd zu euch hinaufgeblickt haben, schon als ihr euch noch drum balgtet, wer von euch meine Schulmappe tragen darf? Zwei Koryphäen müßt ihr mir werden; billiger tu' ich's nicht. (Das Glas erhebend.) Auf eure Zukunft. Fritz (ebenso) . Auf die deine. Klaus (ebenso) . Auf unsere gemeinsame, Erika. Erika (lachend) . Nicht allzuviel auf einmal. Fritz . Daß du nie mehr mit Sklavenhaltern dich 'rnmschinden mußt. Erika . Gottlob, darüber kann ich euch beruhigen. 41 Ja, ihr Männer, euer Glückstag hat zuletzt auch mir noch was Feines beschert. Fritz . Dir? Klaus . Wieso? Erika (einen Brief hervorziehend) . Ratet mal, was ich da in der Hand halte. Fritz . Einen Brief. Erika . Den ich bei der Rückkehr in unserem Kasten fand. Klaus . Von wem? Erika . Ich hab' eine Stelle. Fritz (unwillig) . Aber du solltest doch nicht mehr . . . Erika . Wie ich sie mir vorteilhafter nicht wünschen kann. Sekretärin bei Professor von Schellander. Fritz . Dem bekannten Arzt? Erika . Einem der allerersten, um den die nobelste Gesellschaft sich nur so reißt. Hört nur! (Aus dem Brief vorlesend.) »Von 37 Bewerberinnen haben Sie mir am besten gefallen.« Klaus . Kein Wunder. Erika . Ach, so meint er das doch nicht! Den dürft ihr nicht mit meinem früheren Brotherrn verwechseln. Ein ernster Mann der Wissenschaft . . . Klaus . Wie alt? Erika . Ueber vierzig. Fritz . Verheiratet? Erika . Längst. Und gleich morgen früh kann ich eintreten, mit anständigem Gehalt und freier Station. Fritz . Das heißt doch nicht etwa, daß du dort wohnen sollst? Erika . Doch. Fritz . Dann wirst du ablehnen, hoff' ich. Klaus . Unbedingt. 42 Fritz . Oder willst du uns verlassen? Erika . Ihr selbst werdet wohl bald eure Residenz etwas näher der Erde aufschlagen . . . Klaus . Sagtest du nicht, du würdest mit uns ziehen? Erika . Ueberlegt mal vernünftig, Jungens. Die Situation hat sich geändert. Für euch ist vorläufig gesorgt. Aber wenn ihr euch einbildet, ich ließe mich nun von eurem ersten bißchen Verdienst mit durchfuttern und legte mich auf die faule Haut, da kennt ihr mich schlecht. Ich bin nicht mehr das Nesthäkchen, das ihr behüten und bewachen mußtet. Ich mag, ich darf euch nicht länger zur Last fallen. Fritz . Zur Last nennst du das? Klaus . Unsere einzige Freude! Fritz . Du würdest uns fehlen überall. Klaus . Wir würden uns nicht zurechtfinden ohne dich. Erika . Ich geh' ja nicht nach Afrika. Eurer Wirtschaft steh' ich weiter vor, natürlich. Jeden Sonntag komm' ich und seh' nach dem Rechten. – Es ist besser so, glaubt mir. Besser in jeder Beziehung. Fritz (mit Blick auf Klaus) . In gewissem Sinn, allerdings. Klaus (mit Blick auf Fritz) . Kommt mir beinah' auch so vor. Erika . Morgen in aller Herrgottsfrühe werd' ich übersiedeln. Drum sag' ich euch jetzt gute Nacht. (Sie steht auf.) Fritz (aufstehend) . Schon? Klaus (ebenso) . Die Bowle ist ja noch nicht einmal leer. Erika . So laßt uns das letzte Glas auf unsere Freundschaft trinken. Fritz (während er einschenkt, wehmütig) . Das letzte. 43 Erika . Nur für diesmal. Klaus . Scheiden! Erika . Aber doch nicht meiden. Klaus (leise zu Fritz) . Gib acht; nun zeigt es sich. Erika . Recht schön aber dank' ich euch dafür, daß ihr mich all die Zeit um die Wette so väterlich geschützt und gehätschelt habt. Fritz . Und wir? Wie sollen wir dir danken? Erika . Dadurch, daß alles zwischen uns beim alten bleibt. Klaus (forschend) . Alles? Erika . Na, krieg' ich keinen Abschiedskuß? Fritz . Klaus (gleichzeitig) . Von wem? Erika . Von euch beiden, versteht sich. (Beide küssen sie gleichzeitig auf je eine Wange.) Ihr seid ja doch meine zwei Bräutigams. Was auch kommen mag, seid gewiß, euch bleib' ich treu. (Sie entschlüpft ihnen und eilt hinaus durch die Mitteltür.) Klaus (enttäuscht) . Uns beiden! Fritz . Da sind wir so klug wie zuvor. 44 Zweiter Aufzug Empfangszimmer bei Professor von Schellander. In der Mittelwand zwei hohe, mit Vorhängen versehene Fenster. In der rechten Seitenwand hinten die Eingangstür, in der linken Seitenwand zwei Türen, die hintere zum Sprechzimmer, die vordere zu den Wohnräumen führend. Das geräumige Zimmer ist vornehm und wohnlich eingerichtet. Links ein runder Tisch, worauf Bücher, illustrierte Werke und Zeitschriften ausliegen, um ihn herum zahlreiche bequeme Sitzgelegenheiten. Ein kleinerer Tisch mit Wasserflasche, Gläsern und Feuerzeug zwischen den Fenstern. Ganz rechts, ziemlich im Vordergrund, Schreibtisch mit Telephon, Schreibmaschine, Geschäftsbüchern und Papieren. An den Wänden schöngerahmte Oelbilder. Kronleuchter für elektrisches Licht. Erster Auftritt (In der zufälligen Gruppierung wartender Patienten sitzen links) eine ältere Dame (die ein illustriertes Werk betrachtet), eine jüngere Dame (die bald in einer Zeitschrift blättert, bald lorgnettiert), ein weißhaariger Herr (der eingenickt ist), ein magerer Herr (der deutliche Zeichen von Ungeduld gibt), ein dicker Herr (in eine Zeitung vertieft, auf deren dem Publikum zugewandter Rückseite sich ein ganzseitiges Inserat befindet, mit der lesbaren Riesenüberschrift »Mirakulin heilt alles«. – Rechts am Schreibtisch sitzt Erika und tippt eifrig auf der Schreibmaschine. Eine kleine Weile nach Aufgehen des Vorhangs tritt aus der Tür links hinten) ein bartloser 45 Herr . (Hinter ihm erscheint für einen Augenblick auf der Schwelle der Diener) Georg Der bartlose Herr (ein stämmiger, rotwangiger Mann, Mitte der Dreißig, beim Hereinkommen tief aufatmend) . Ah! (Er geht auf Erika zu.) Georg (zum Eintritt in das Sprechzimmer auffordernd) . Bitte. (Er verschwindet wieder.) Der magere Herr (den weißhaarigen leicht stupfend) . Sie sind dran. Der weißhaarige Herr (auffahrend) . Wie? Ach so. Danke. Der magere Herr . Wird's bei Ihnen auch so lang' dauern wie bei dem da? (Auf den Bartlosen deutend.) Der weißhaarige Herr . Hoffentlich nicht. (Er geht ab links hinten.) Der bartlose Herr (zu Erika) . Fräulein, kann ich hier schnell mal telephonieren? Erika (hat zu tippen aufgehört) . Gewiß. Der bartlose Herr (nimmt den Hörer ab, spricht in den Apparat) . Kurfürst 9840. (Zu Erika.) Ich habe nämlich meiner Frau versprochen . . . (In den Apparat.) Emma – bist du es? – Gott sei Dank, du kannst ganz beruhigt sein. Der Professor hat alle meine Organe eingehend untersucht . . . Der magere Herr (knurrend) . Wozu müssen denn wir das wissen! Der bartlose Herr . Die Erscheinungen haben nichts zu bedeuten. Ich bin vollständig gesund. Wenn eine Autorität wie Schellander das versichert, dann . . . Ja, ich komme nach Hause. Sofort. (Er hängt ein und will abgehen.) Erika (ihm nachrufend) . Das Honorar, wenn ich bitten dürfte. Der bartlose Herr (umkehrend) . Ah, richtig. 46 Erika . Konsultationen in der Sprechstunde werden bar bezahlt. Der bartlose Herr . Ich weiß. Erika . Dreißig Mark. Der bartlose Herr . Ich hatt' es nur vor lauter Freude vergessen. (Er zahlt.) Ich bin ja wie erlöst. (Ab rechts.) Der magere Herr (hat wiederholt auf die Uhr gesehen) . Zum Verrücktwerden. Der weißhaarige Herr (kommt von links hinten, zahlt bei Erika, geht dann ab rechts) . Georg (ist hinter ihm erschienen) . Bitte. Der magere Herr (aufspringend) . Endlich! (Er eilt zur Tür links hinten.) Die jüngere Dame (ist a tempo aufgestanden und prallt mit ihm an der Tür zusammen) . Verzeihen Sie, ich war vor Ihnen da. Der magere Herr . Sie irren. Ich warte hier seit zwei Stunden. Die jüngere Dame . Ich seit zweieinviertel. Der magere Herr . Mumpitz. Die jüngere Dame (wegwerfend) . Sie sind äußerst galant. Der magere Herr . Bei dem Reißen, das ich habe, hört die Galanterie auf. Georg (erscheint wieder; mahnend) . Der Herr Professor läßt bitten . . . Die jüngere Dame (zu Erika) . Fräulein, Sie sind meine Zeugin . . . Erika (zu dem mageren Herrn) . Es stimmt. Die Dame kam früher als Sie. Die jüngere Dame (rauscht mit einem Blick voll unsäglicher Verachtung an ihm vorbei; ab links hinten) . Der magere Herr (geht aufgeregt zu Erika) . Sagen Sie 47 mal, Fräulein, wie früh muß man eigentlich hier kommen? Ich war dreiviertel Stunden vor Beginn der Sprechstunde hier am Platz. Geschlagene dreiviertel Stunden. Wann muß man hier kommen, um nicht vor endlosem Warten alle Zustände zu kriegen, die man nicht ohnehin schon hat? Erika . Bedaure sehr. Es geht genau der Reihe nach. Sie waren heute . . . (sie zählt in ihrem Buch) Nummer 53. Bei dem großen Andrang müssen die Herrschaften sich eben gedulden. Der magere Herr . Gedulden! Ich bin ein Muster von Geduld. Ich lasse auf mir 'rumtanzen. Aber, Fräulein, sagen Sie mal . . . (Läuten des Telephons.) Erika . Um Vergebung. (Sie nimmt den Hörer, spricht in den Apparat.) Hier bei Professor von Schellander. – Leider unmöglich. – Wollen Sie Seiner Exzellenz bestellen, der Herr Professor ist für heute bis in die späte Nacht besetzt. Ich merke vor für morgen. (Sie hängt ein.) Der magere Herr . Sagen Sie mal ehrlich, Fräulein, was würden Sie an meiner Stelle tun, wenn Sie als Patient hier sitzen müßten, bis Sie schimmlig werden, während in Ihrem Kontor womöglich alles drunter und drüber geht? Erika . Ich würde mich an einen weniger gesuchten Arzt wenden. Der magere Herr (knurrt etwas unverständliches, setzt sich an seinen alten Platz, zieht eine Zeitung hervor, die auf ihrer Rückseite ebenfalls das große Mirakulin-Inserat enthält, und überfliegt sie nervös) . Die ältere Dame (zu dem dicken Herrn, halblaut) . Ein gräßlicher Mensch. Der dicke Herr (über seine Zeitung weg, halblaut) . Pack. 48 Die ältere Dame . Als müßte man nicht seinen Schöpfer preisen, daß es überhaupt einen Arzt gibt wie Schellander. Der dicke Herr . Hexen kann er ebensowenig wie die andern. Die ältere Dame . Ich schwöre auf ihn wie aufs Evangelium. Der dicke Herr . Das tun die Damen alle. Die jüngere Dame (kommt von links hinten, zahlt bei Erika, geht ab rechts) . Georg (wie oben) . Bitte. Der magere Herr (schnellt auf, seine Zeitung auf den Tisch werfend; zu Georg) . Sie sind 'n Engel. (Er eilt ab links hinten.) Die ältere Dame (die Zeitung aufgreifend, mit Bezug auf das Inserat) . Wohin man den Blick wendet – Mirakulin. Der dicke Herr (ihr seine Zeitung zeigend) . Wohin man ihn nicht wendet, ebenfalls. Erika (die inzwischen Buch geführt hat, spitzt die Ohren) . Die ältere Dame . Man wird von den Anpreisungen förmlich verfolgt: auf allen Anschlagsäulen, in allen Straßenbahnen, auf Düten, Aschbechern, Papierservietten, Fahrscheinen, in jedem Katalog, jedem Programm. Der dicke Herr . Ja, es wird 'ne Mordsreklame dafür gemacht. Die ältere Dame . Drum will man sich doch schließlich informieren, ob was dran ist. Der dicke Herr (zieht eine Glasröhre aus der Tasche) . Gefällig? Die ältere Dame . Was ist das? Der dicke Herr . Mirakulintabletten. Die ältere Dame . Danke. Ich nehme grundsätzlich nichts ein ohne ärztliche Vorschrift. 49 Der dicke Herr . Das können Sie nehmen, auf meine Verantwortung. Hilft ebenso prompt wie sicher. Die ältere Dame . Wirklich gegen alles, wie in den Anzeigen behauptet wird? Der dicke Herr (auf die Zeitung deutend) . Die vielen Anerkennungsschreiben von Geheilten kann sich der Mann doch nicht aus den Fingern saugen. Die ältere Dame . Immerhin, ich will erst vom Professor hören, was er davon hält. Der dicke Herr . Wegen so was konsultier' ich keinen Arzt. Die ärgern sich ja nur, wenn was erfunden wird, was sie entbehrlich macht. Die ältere Dame (pikiert) . Wollen Sie damit ihm die unerschütterliche Sachlichkeit absprechen? Ihm? Der dicke Herr . Ich werde mich hüten. Der magere Herr (kommt von links hinten, geht zu Erika, verhandelt mit ihr) . Georg (wie oben) . Bitte. Der dicke Herr (ist aufgestanden, geht ab links hinten) . Der magere Herr (zahlend, zu Erika) . Dreißig Mark für fünf Minuten Audienz. Das Geschäft von dem Professor möcht' ich haben. (Ab rechts.) Die ältere Dame (zu Erika) . Unglaublich, mit was für Leuten man hier zusammentrifft. Erika . Wir können sie uns nicht aussuchen. Die ältere Dame . Ich beneide Sie, Fräulein. Erika . Mich? Die ältere Dame . Daß Sie immer um ihn sein können. Wie ist er denn so im Privatverkehr? Erika . Ich habe keinen Privatverkehr mit ihm. 50 Zweiter Auftritt Erika . Die ältere Dame . Zinkendraht (von rechts) Zinkendraht . 'tag. Erika . Sie wünschen? Zinkendraht (sich aus seinem Halstuch wickelnd) . Zum Professor. Erika (erkennt ihn) . Ach, der Herr Zinkendraht! Zinkendraht (erstaunt) . Kennen mich? – Ja so, erinnere mich. Sind befreundet mit dem Erfinder. Erika . Mit Ihrem Erfinder. Aber Sie kommen zu spät. Der dicke Herr (kommt von links hinten, zahlt bei Erika, geht ab rechts) . Georg (wie oben) . Bitte. Die ältere Dame (erhebt sich und geht ab links hinten) . Zinkendraht . Ist doch noch Sprechstunde. Erika . Nein, Schluß. Zinkendraht . Mich können Sie schon noch mit durchrutschen lassen. Erika . Geht nicht. Die Zeit des Herrn Professor ist streng eingeteilt. Ich darf jetzt keine neuen Patienten mehr annehmen. Zinkendraht . Unter uns, bin gar kein Patient. Erika . Dann um so weniger. Zinkendraht . Will bloß ein Momentchen Gehör. Werden sich denken können, weswegen. Erika . Allerdings kann ich es mir denken, Herr Zinkendraht. Zinkendraht (zwinkernd) . Werden mich drum schon 'reinbugsieren – Ihrem Freund zulieb. Erika . Ich wüßte nicht, was der damit zu schaffen hat. 51 Zinkendraht (wieder zwinkernd) . Handelt sich doch um seine Erfindung. Erika . Die längst Ihnen gehört. Zinkendraht . Aber sein Renommee . . . Erika . Ihr Portemonnaie, wollen Sie sagen. Zinkendraht (leiser) . Werde mich erkenntlich zeigen. Hab' Ihnen da 'nen kleinen Scheck mitgebracht. (Er zieht ihn hervor.) Erika . Stecken Sie ihn weg, Ihren Scheck. (Da er zögert:) Verstanden? Dritter Auftritt Erika . Zinkendraht . (Von links hinten kommt) die ältere Dame , (von) Schellander (herausbegleitet. Hinter ihnen tritt) Georg (ein) Schellander (Anfang der Vierzig, vornehme, stattliche Erscheinung mit schönem, ein wenig stilisiertem Kopf und gepflegtem Vollbart. Sein Wesen zeigt die Selbstsicherheit des umworbenen und die Hast des Vielbeschäftigten, bei rascher, präziser Sprechweise. Im Eintreten, zu der älteren Dame) . Schwindel, wiederhol' ich Ihnen. (Zu Georg.) Auto soll vorfahren. (Georg geht ab rechts. – Zur älteren Dame.) Mirakulin ist Schwindel. Die ältere Dame (mit Augenaufschlag) . Tausend Dank, verehrter Herr Professor. (Sie geht zu Erika, zahlt; dann ab rechts.) Zinkendraht (hat sich inzwischen herangepirscht) . 'tag, Herr Professor. Schellander . Ah, sieh doch; ein treuer Kunde. Erika . Ich habe dem Herrn mehrmals gesagt, daß die Sprechstunde vorüber ist. Schellander . Für Heilmittelfabrikanten bin ich überhaupt nicht zu sprechen, grundsätzlich nicht. Zinkendraht . Komme doch als Patient. 52 Schellander . Patient mit dem Dolch im Gewande. Den alten Trick dürften Sie nachgerade ad acta legen. Zinkendraht (eine Schachtel hervorziehend) . Möchten Herr Professor nicht wenigstens mal 'nen Versuch machen mit dem Mirakulin? Schellander . Aha, der Dolch. Zinkendraht (zieht Briefschaften hervor) . Hier sind zahlreiche Atteste Ihrer Herrn Kollegen. Schellander . Wenn meine Kollegen sich von Ihnen düpieren lassen, so ist das ihre Sache. Zinkendraht . Mein Ehrenwort, es ist ein Wundermittel. Mein heiliges Ehrenwort. Schellander . Dann kurieren Sie erst mal damit Ihre chronische Heiserkeit. Zinkendraht . Grad im Begriff. Das Mittel nützt mir ganz kolossal. Schellander (Gebärde des Geldzählens) . Ihnen ja, das glaub' ich. Aber Ihnen ausschließlich. Zinkendraht . So wahr ich auf diesem Fleck stehe . . . Schellander . So höflich ersuch' ich Sie, sich an einen andern Fleck zu begeben. Zinkendraht . Werden sich noch überzeugen, ob wollen oder nicht. Tatsachen beweisen. Mirakulin heilt alles. 'tag. (Ab rechts.) Vierter Auftritt Schellander . Erika . (Später) Julie Erika . Mir leid, Herr Professor, daß der Mensch Sie belästigen konnte. Schellander . Nicht Ihre Schuld, liebes Fräulein. Sie tun jederzeit, was Sie können. Erika (ihm einen Stoß Briefe hinhaltend) . Hier die Briefe zur Unterschrift. 53 Schellander (während er stehend einen nach dem andern unterschreibt) . Aber die Sorte hab' ich auf dem Strich. Ein wahrer Krebsschaden, die Bande. Posaunengeschmetter, bis zu guter Letzt sogar die Gewitzten für Offenbarung halten, was ihnen Tag ein Tag aus in die Ohren gellt. Jetzt wieder dieser Mirakulinrummel. Dutzende von Patienten, denen ich täglich vorpredigen muß, sie sollen ihr Geld nicht zum Fenster hinauswerfen. Erika . Dann wird der Rummel gewiß bald aufhören. Schellander . Da unterschätzen Sie die Leichtgläubigkeit, Fräulein Götz. Manchmal kommt mir's, weiß Gott, so vor, als wär' ich der einzige Mensch, der sich kein X für ein U machen läßt. Weder als Arzt noch als Kunstsammler. Ist ja in der Kunst genau dieselbe Geschichte. Was heutzutage alles für Malerei ausgegeben wird – haarsträubend. Aber Publikus läßt sich's aufschwatzen, und selbst wer's im stillen Herzen schauderhaft findet, steht mit andachtsvoller Miene davor, bloß um zu zeigen, daß er auf der Höhe ist. Ich halt' es direkt für Berufspflicht, mal diesem ganzen Krankheitskomplex energisch zu Leibe zu gehn – unter Ihrer gütigen Mitwirkung. Erika . Die brauchen Sie doch nicht dazu, Herr Professor. Schellander (auf die Schreibmaschine schlagend) . Hier das Geschütz, zu dem ich Ihnen die Munition liefern will; einen geharnischten Artikel zur Diagnose der ansteckendsten aller Seuchen, der Massensuggestion. Julie (prätentiöse Dame Mitte der Dreißig, mit der argwöhnischen Gereiztheit der vernachlässigten Frau, kommt von links vorn) . Eduard! Schellander . Ja, was gibt's? 54 Julie . Die Gräfin Rubinowska hat sich zum Tee angesagt. Willst du nicht mittrinken? Schellander . Wo denkst du hin? Mein Auto steht vor der Tür. Ich habe hier nur noch Geschäftliches zu erledigen; sonst wär' ich schon auf der Rundfahrt. Julie . Ein halbes Stündchen könntest du wohl hie und da für den häuslichen Herd erübrigen. Schellander . Wenn ich ein halbes Stündchen erübrigen könnte, würd' ich mich jetzt hinlegen. Denn mir zerspringt bald der Kopf. Julie (spitz) . Du überanstrengst dich, du Vielbegehrter. Schellander . Die Tretmühle. Da hilft nichts. Julie . Nun, dann will ich dich bei der Erledigung des Geschäftlichen nicht aufhalten. (Ab links vorn.) Erika (hält ihm nach einer kleinen Verlegenheitspause ein Blatt hin) . Es ist eine recht lange Besuchsliste heut. Schellander (nimmt das Blatt an sich, schaut hinein) . Wie ich die abhaspeln soll bei der Migräne – mir rätselhaft. Erika . Ihre Frau Gemahlin hat Recht, Herr Professor. Sie muten sich zu viel zu. Schellander . Pah, wenn ich jeder kleinen Indisposition nachgeben wollte . . . Erika . Sie sollten mal sich selbst konsultieren. Schellander . Der alte Fluch des Metiers, Fräulein Götz. Wir Aerzte können jedem andern leichter helfen als uns selber. Erika . Gibt es denn gegen solche Zustände kein wirksames Rezept? Schellander . Doch. Dutzende. Aber meine Natur reagiert nicht darauf. Erika . Oder irgend eine Auffrischung? Schellander (sie ansehend) . Das wäre schon eher was. (Läuten des Telephons.) Erika (spricht in den Apparat) . Ja. Wer dort? 55 Schellander (leise) . Ich bin nicht mehr da. Ich bin grad weggefahren. Erika (in den Apparat) . Der Herr Professor ist schon unterwegs. (Sie hängt ein.) Georg (von rechts, mit einer Visitenkarte) . Der Herr läßt fragen . . . Schellander . Ich bin weggefahren. Georg . Er sagt, er habe sich angemeldet. Schellander (liest die Karte) . Marschall. Ganz recht, ich vergaß. Den will ich noch geschwind empfangen. Georg (geht ab und läßt Marschall eintreten.) Erika (nimmt Geschäftsbücher vor, macht sich an die Arbeit) . Fünfter Auftritt Schellander . Erika . Marschall (von rechts) Marschall . Wie geht's, Verehrtester? Schellander . Ich bin sehr in Eile, lieber Freund . . . Marschall (bemerkt Erika. Ueberrascht, halblaut) . Oh – die ist jetzt bei Ihnen? Schellander (halblaut) . Meine Sekretärin. Sind Sie mit ihr bekannt? Marschall . Ganz flüchtig. (Er versucht sie zu grüßen, ohne daß sie von ihm Notiz nimmt. Zu Schellander.) Reizend. Schellander . Kennt nur ihre Arbeit. Marschall (mit frivolem Lächeln) . Zweifle nicht. Schellander . Was führt Sie zu mir? Marschall . Da Sie meinen Salon meiden, trotz der Nachbarschaft . . . Schellander . Mangel an Zeit, nicht an Interesse. Marschall . Und mich baten, Sie auf Neuheiten aufmerksam zu machen, für die Sie Liebhaber sind . . . Schellander . Haben Sie was für mich? Marschall . Ich vermute. Ein Bild, das viel 56 Staub aufwirbelt und hitzige Debatten erzeugt, von einem noch jungen, aber wie mir scheint, ungewöhnlich verheißungsvollen Künstler. Schellander . Wenn Ihnen das scheint, ist er so gut wie gemacht. Marschall . Ich bringe bekanntlich nichts auf den Markt, wofür ich nicht voll eintreten kann. Schellander . Wie heißt der Mann? Marschall . Sie haben den Namen sicher schon gehört. Donald. Erika (spitzt die Ohren) . Schellander . Ist das nicht einer von Ihren Ultras? Marschall . Ein Moderner. Ein Eigener. Aber ein Feinschmecker wie Sie geht ja nicht nach Kategorien und Etiketten. Schellander . Sie kennen, dächt' ich, mein Prinzip, kein Bild zu kaufen, bevor ich's eine Weile in meiner Wohnung gehabt und in verschiedenen Stimmungen auf mich habe wirken lassen. Marschall . Eben deshalb hab' ich's Ihnen mitgebracht. Schellander . Dann zeigen Sie's her. Fix. Marschall (geht zur Tür rechts, öffnet sie, ruft etwas hinaus.) Ein Dienstmann (tritt von rechts ein, trägt ein Bild, eingeschlagen in Packpapier, worauf in gewaltigen Lettern »Mirakulin« gedruckt steht) . Marschall (zeigt auf einen Sessel links) . Stellen Sie's hier ab. Der Dienstmann (stellt es aufrecht gegen die Lehne des Sessels; dann ab rechts) . Schellander (sieht, während Marschall das Papier entfernt, die Inschrift, deutet darauf) . Was? Auch Sie im Dienste der Heilmittelindustrie? 57 Marschall . Bewahre. Einwickelpapier, das mir gratis geliefert wird. Schellander . Um die Menschheit einzuwickeln. Marschall . Uebrigens, Mirakulin ist kein leerer Wahn. Ich nehm' es dreimal täglich. Schellander . Wohl bekomm's. Marschall (hat die Leinwand aus dem ersten Aufzug zum Vorschein gebracht, die jetzt einen stilvoll modernen Rahmen aufweist) . So. Hier. Schellander (betrachtet das Bild) . Scheußlich! Marschall . Urteilen Sie nicht zu rasch. Schellander . Nichts für ungut, lieber Marschall, das ist 'ne starke Zumutung. Marschall . In alles Neue und Kühne muß man sich langsam hineinfinden. Schellander . Von so etwas glauben Sie, daß ich es kaufen, daß ich's in mein Zimmer hängen werde?! Ich, der geschworene Feind aller spekulativen Uebergeschnapptheit? Marschall . Heut ist es noch für eine Bagatelle zu haben. Dreitausend Mark. Schellander . Nicht geschenkt! Marschall . In ein paar Jahren wird es das Fünf- bis Zehnfache wert sein. Schellander . Wollen Sie mir nicht freundlichst verraten, was dieses absurde Geklex bedeuten soll? Marschall . Nichts Konkretes. Der Künstler nennt es bezeichnenderweise »Delirium«. Schellander . Höchst bezeichnenderweise! Marschall . Er preßt darin intensiv zusammen, was in einem äußerst erregten Gehirnzustand, im Moment ekstatischen Rausches seinem inneren Auge sich spiegelt. Schellander . Fauler Zauber. 58 Marschall . Dadurch tut er den entscheidenden Schritt über die bisherige Kunst hinaus. Hauptstadien: die alte Malerei, die sich mit dem Abdruck der Natur begnügte, sozusagen Repressionismus. Dann gab der Impressionismus den Eindruck, der Expressionismus den Ausdruck. Und hier haben wir in einem ersten glücklichen Wurf den Kompressionismus. Schellander . Also den Albdruck. Marschall (achselzuckend) . Ich wollte Ihnen freundschaftshalber die Vorhand lassen. Aber wenn Sie nicht darauf reflektieren . . . (Er schickt sich an, das Bild wieder einzupacken.) Schellander . Lassen Sie mir das Kuriosum bis morgen da. Ich möchte sehen, was meine Frau für ein Gesicht dazu macht. Marschall . Wie Sie wünschen. (Er geht mit einem begehrlichen Blick auf Erika nach hinten.) ^ Schellander (ihn zur Tür begleitend) . Diener. Marschall . Wiedersehen. (Ab rechts.) Sechster Auftritt Schellander . Erika Schellander . Kommen Sie mal her, Fräulein Götz. Schauen Sie sich das an und sagen Sie mir, ob es je einen dreisteren Bauernfang gegeben hat. Erika (sitzen bleibend) . Ich verstehe nicht genug von Bildern. Schellander . Verstehn! Als wäre für die Kunst das gesunde Empfinden nicht allemal die Hauptsache. Kommen Sie doch mal her. Erika . Nein, Herr Professor, ich habe hier nur ein Amt und keine Meinung. Schellander . So fassen Sie Ihren Posten auf? 59 Ist's möglich? Ein halbes Jahr sind Sie jetzt bei mir und spüren immer noch nicht, daß Sie für mich keine gewöhnliche Angestellte sind? Erika . Ich will gar nichts Anderes sein, Herr Professor. Schellander . Hab' ich es an Beweisen meiner Zufriedenheit, meiner Anerkennung fehlen lassen? Oder sind Sie vielleicht nicht zufrieden mit mir? Erika . Sehr! Ich habe mich noch in keiner Stelle so sicher gefühlt. Schellander . Nur sicher? Ich hoffte zu hören, daß Sie sich bei mir wohl fühlen, daß Sie . . . Erika (ablenkend) . Ich habe noch eine Menge zu tun. (Sie blättert in Schriftstücken.) Schellander . Ich erst recht. Ich muß fort. Aber fünf Minuten können wir für einander schon noch dreingeben. Nicht? Erika . Eine ganze Menge hab' ich zu tun. (Sie beginnt auf der Schreibmaschine zu arbeiten.) Schellander . Hören Sie auf mit dem gräßlichen Geklapper! Erika (fortfahrend) . Es ist Ihre Korrespondenz. Schellander . Hören Sie auf, ich bitte Sie. (Sie hält inne.) Ich muß es Ihnen endlich aussprechen, daß Sie mir eine Freundin geworden sind. Und warum? Weil Sie ganz anders sind als alle andern, weil Sie über Ihrem Geschlechte stehen – turmhoch. Sie sind das erste weibliche Wesen, das mir wahren Respekt abnötigt, wahres Vertrauen . . . Erika (bestürzt) . Ach du grundgütiger Himmel! Schellander . Wie? Erika . Das hätt' ich nicht erwartet. Von Ihnen nicht. 60 Schellander . Hab' ich denn was Unrechtes gesagt? Erika . Nein, aber Sie werden's gleich sagen. Schellander . Zweifeln Sie, daß ich's ehrlich meine? Erika . Zu ehrlich meinen Sie's. Schellander . Das heißt, Sie schlagen meine Freundschaft aus? Erika . Wenn ich Ihre Angestellte bleiben soll, wie ich's gern möchte, dann, Herr Professor, müssen Sie Ihre Freundinnen anderswo suchen. Schellander . Fräulein Götz, wär' es für ein freies unabhängiges Mädchen wie Sie denn gar so schrecklich, einen Freund zu haben? Oder . . . Erika . »Oder haben Sie schon einen?« So wollten Sie fragen. Schellander . Dacht' ich mir's doch! Sie sind verlobt. Erika . Das nicht. Aber ich habe zwei große Jungens. Schellander . Was haben Sie? Erika . Meine Jugendkameraden. Und von Kindheit an nenn' ich sie meine zwei Bräutigams. Schellander . Zwei – das ist weniger als einer. Erika . Oder auch mehr. Denn ich hänge an beiden. Schellander . Hm, das schließt aber doch nicht aus . . . Siebenter Auftritt Vorige . Julie Julie (von links vorn) . Eduard, du bist noch hier?! Schellander . Wie du siehst, Julie. Julie . Und strafst mich vor der Gräfin Lügen. Vorhin erfährt sie von mir, daß du schleunigst fahren mußt, und wie wir eben zufällig aus dem Fenster sehen, steht unten noch ganz gemütlich dein Auto! Schellander . Ich wurde aufgehalten. Julie (mit einem Blick auf Erika) . Es scheint so. 61 Erika (ist aufgestanden) . Benötigen Herr Professor mich gegenwärtig noch? Schellander . Lassen Sie sich nur Ihren Kaffee geben, Fräulein. Erika (ab rechts) . Achter Auftritt Schellander . Julie Julie (geladen) . Eduard, ich bin zwar von dir an manches gewöhnt . . . Schellander . Ich wurde aufgehalten durch Marschall. Julie . Aber in meinem eigenen Haus zur lächerlichen Figur gemacht zu werden . . . Schellander . Eine Eifersuchtsszene? Liebes Kind, dazu hab' ich faktisch keine Zeit. Julie . Freilich, zu nichts. Nur um mit dieser Person zu techteln, dazu hast du Zeit im Ueberfluß. Schellander . Weder techtele ich mit ihr, noch ist sie eine Person. Julie . Als hätt' ich das nicht vorausgesehen am Tag, wo sie kam. Du mußtest ja wieder ausgerechnet die Hübscheste engagieren. Schellander . Ich habe sie engagiert, weil sie die Tüchtigste ist. Julie . Ein Vorwand, der sich würdig an deine Kopfschmerzen reiht. Schellander . Ich wünsche sie dir nicht. Julie . Und während du dich deinen neuen Flammen widmest, muß ich obendrein die abgetanen zum Tee empfangen. Schellander . Du siehst in jeder Dame, die ich mal behandelt habe, 'ne Geliebte von mir. 62 Julie . Wird auch annähernd stimmen. Schellander (auf die Uhr sehend) . Sei nicht bös. Höchste Eisenbahn. Julie . Jetzt mußt du zum mindesten die Gräfin noch begrüßen. Schellander . Gut. Ruf sie schnell 'rein. Sie soll sich das Bild hier ansehen. Julie (ab links vorn) . Neunter Auftritt Schellander . (Gleich darauf) Julie , Gräfin Rubinowska Schellander (stellt sich vor das Bild, schüttelt den Kopf) . Himmelschreiend. Gräfin (kommt mit Julie von links vorn. Ekstatische, überlebhafte Hysterika, Anfang der Dreißig, mit den Allüren der reichen Weltdame und leicht polnischem Akzent. Sie rauscht auf Schellander zu) . Teuerster, ich bin glücklich, Sie noch erwischt zu haben. Schellander (ihr die Hand küssend) . Wie geht's, Gräfin? Aber man braucht nicht zu fragen. Blühend wie eine Mairose. Gräfin . In der Tat, ich fühle mich frischer als je. Schellander . Woran ich mir wohl ein bescheidenes Verdienst beimessen darf. Gräfin . O ja, Ihre Behandlung hat mir sehr wohlgetan. Damals. Aber jetzigen wonnigen Aufschwung meines Befindens verdank' ich einem Jungbrunnen, einem Lebenselixir. O mein Freund, was sind alle Kuren, alle Bäder, alle Arzneien gegen Mirakulin! Schellander . Potztausend! Sie auch von der Seuche ergriffen! Gräfin . Bitte, kein skeptisches Wort darüber, wenn Sie es nicht mit mir verschütten wollen. Ahnen Sie 63 denn die Wirkung, die es auf mich hat? Mir wird danach so leicht, so überirdisch, als müßt' ich tanzen, fliegen, als wäre ganze Welt ein Symphoniekonzert. Oh, dem Wohltäter, der das erfunden hat, möcht' ich Hände küssen. Schellander . Wer hat dieses Nonplusultra Ihnen denn empfohlen? Gräfin . Der Geist meines seligen Mannes. Schellander . Immer noch Spiritistin? Gräfin . Oh, Sie Ungläubiger werden mir Verkehr mit meinem seligen Stanislaus nicht verleiden. Keinen Finger rühre ich ohne seine Zustimmung, und als ich ihn nach Mirakulin befragte, da hat er dreimal laut geklopft. Schellander . Dann bestellen Sie, bitte, Ihrem seligen Stanislaus, daß ich, ein nicht ganz unbekannter Arzt, dieses Mittel für groben Unfug halte. Gräfin . Nicht weiter, oder wir verzürnen uns. Schellander . Und mag die Zahl der Betörten ins Uferlose wachsen, in mein Haus jedenfalls kommt das Zeug nicht. Julie (ruhig) . Es ist schon in deinem Haus. Schellander (starr) . Was? Julie (zieht eine Glasröhre hervor) . Hier. Schellander . Da hört verschiedenes auf! Julie . Ich brauch' es für meine Nerven, mit dem besten Erfolg. Schellander . Du, meine Frau – du brauchst schwindelhafte Mittel hinter meinem Rücken?! Julie . Ich kenne ja dein Vorurteil. Schellander . Sei so freundlich und gib's her. Gib's augenblicklich her. (Er nimmt ihr die Röhre ab.) Julie (leise, zur Gräfin) . Ich besorge mir neues. 64 Schellander (die Röhre in die Tasche steckend) . Da wollen wir denn doch einen Riegel vorschieben. Gräfin . Nichts mehr davon! Aber Sie wollten mir ja ein Bild zeigen. Schellander . Da, sehen Sie. Und du auch, Julie. Die allerneueste Kunst. Gräfin (das Bild betrachtend, enthusiastisch) . Herrlich! Köstlich! Schellander (verblüfft) . Es gefällt Ihnen? Gräfin . Schlau von Ihnen, daß Sie das gekauft haben. Gratuliere von Herzen. Schellander . Ich hab' es nicht gekauft und werd' es nicht kaufen. Gräfin . Dann kaufe ich es. Schellander . Ist das Ihr Ernst? Gräfin . Es hat mich schon bestrickt, als ich's im Salon Marschall sah. Heut aber reißt es mich geradezu hin. Schellander . So erklären Sie mir um alles in der Welt, was Sie daran schön finden. Gräfin . Das Unerklärliche darin. Das unwiderstehlich Draufgängerische. (Schauernd) . Ah, das geht durch Mark und Bein. Das prickelt und streichelt zugleich. Das ist wie gemaltes Morphium. Oh, ich möchte dem Künstler Hände küssen. Schellander . Sie sind eine Schwärmerin. Aber du, Julie – was sagst du dazu? Julie . Ist dies nicht das Bild, über das kürzlich ein Hymnus in der Zeitung stand? Schellander . Ich will deine Ansicht wissen. Julie . Fraglos was ganz Exzeptionelles. Schellander (faßt sich an den Kopf) . Bin ich verrückt? Oder sind es alle übrigen? 65 Gräfin . Sie sind nur – verzeihen Sie, Teuerster – ein wenig hinter Ihrer Zeit im Rückstand sind Sie. Schellander . Sehr wahr bemerkt. Ich muß ihn schleunigst einholen. Empfehle mich! (Er will gehen.) Georg (tritt ihm von rechts entgegen) . Der Herr Marschall ist wieder da, mit einem anderen Herrn . . . Schellander . Was will er denn schon wieder? Georg . Herrn Professor noch 'ne Minute sprechen, sagt er. Schellander . 'ne halbe höchstens! Herein mit ihm. Georg (geht ab rechts und läßt Marschall und Dr. Tuck eintreten) . Zehnter Auftritt Vorige . Marschall , Dr. Tuck (von rechts) Marschall . Vergebung. Ein unvorhergesehener Zwischenfall zwingt mich, Sie nochmals zu stören. (Sich verbeugend.) Meine Damen. (Begrüßung.) Schellander (ungeduldig) . Was ist los? Marschall (vorstellend) . Herr Dr. Tuck, dessen Bücher über neue Kunst Sie wahrscheinlich kennen. Da er nur heut hier anwesend ist, legte er großen Wert darauf, den Donald besichtigen zu können. Schellander (zu Tuck, auf das Bild weisend) . Bitte. Tuck (Ende der Zwanzig, schmächtige Aesthetenfigur mit hoher Gelehrtenstirn) . Danke. (Er begibt sich mit wichtiger Amtsmiene zu dem Bild und versinkt in angespannte Betrachtung.) Marschall . Als hervorragender Spezialfachmann ist nämlich Doktor Tuck vom Fürsten Credenstein berufen worden, seine Privatgalerie nach der modernen Seite hin auszubauen, und hat ihn zu diesem Zweck hierher begleitet. Gräfin . Der Fürst ist hier? 66 Schellander . Um mich zu konsultieren. Er steht auf meiner Besuchsliste obenan. Marschall . Und will gleich nach der Konsultation sich in meinen Salon begeben. Deshalb . . . Tuck (explosiv) . Dieses Bild ist ein Durchbruch. (Alle drehen sich unwillkürlich nach ihm um.) Gräfin (zu Schellander) . Da hören Sie's. Schellander . Kreuzmillionen! Tuck (orakelnd) . Der Kubismus durch den Triangulismus überwunden, mehr als das, erschlagen. Sensitivsmus in bisher nie erhörter Verästelung. Kniefall vor der gottgewordenen Farbe. Entnatürlichung als Imperatio der Geistnatur. Ich werde Seiner Durchlaucht den Ankauf dieses diktatorischen Werkes aufs dringlichste anraten. Schellander . Ich falle um. Marschall (zu Schellander) . Vorausgesetzt, daß Sie nicht Hand darauf legen. Gräfin (leise zu Schellander) . So tun Sie's doch. Julie (ebenso) . Kauf's. Schellander . Ich will ja zugeben, es ist ein gewisser Schmiß darin, ein gewisser Farbenreiz. Aber kaufen – (mit Entschluß) ausgeschlossen. Marschall . Dann darf ich es wohl sofort abholen lassen. Schellander . Ich lass' es Ihnen durch meinen Diener hinüberbringen. Marschall . Sehr freundlich. Wiedersehn. Tuck . Haben die Ehre. (Marschall und Tuck ab rechts.) Elfter Auftritt Schellander . Julie . Gräfin Julie . Ich verstehe dich nicht, Eduard. Gräfin . Oh, wie Sie sich das entgehen lassen konnten! Schellander . Sie doch auch. 67 Gräfin . Nur um es meinem alten Freund Credenstein nicht wegzuschnappen. Schellander (sieht wieder auf die Uhr) . Herrgott, viertel nach fünf. Julie . Kommen Sie, Gräfin. Unser Tee wartet schon lang' auf uns. (Sie geht mit der Gräfin ab links vorn.) Schellander . Meine Patienten auf mich noch länger. (Er eilt, ihnen einen Abschiedsgruß nachwinkend, nach rechts.) Zwölfter Auftritt Schellander . Georg . (Gleich darauf) Fritz , Klaus . (Dann) Erika Georg (prallt, von rechts eintretend, mit Schellander zusammen) . Herr Professor . . . Schellander . Georg, tragen Sie dies Bild nach dem Salon Marschall. Georg (nimmt das Bild, schlägt das Packpapier um dessen Vorderseite) . Es sind wieder zwei Herren draußen. Schellander . Der Teufel soll sie holen! Georg . Sie wollen Fräulein Götz besuchen. Schellander . Ach so! Dann führen Sie sie hier herein und rufen Sie das Fräulein. Georg (mit dem Bild ab rechts) . Schellander (preßt die Hand auf die Stirn, ächzt) . Aeh, der Schädel! Fritz , Klaus (kommen von rechts, verbeugen sich) . Schellander . Treten Sie ungeniert näher, meine Herren. (Er geht zur Tür rechts, aus der ihm Erika entgegentritt. An der Tür, halblaut.) Die zwei Bräutigams? Erika . Ja. Schellander (zu Fritz und Klaus) ,. Tun die Herren ganz, als ob Sie zu Hause wären. (Ab rechts.) 68 Dreizehnter Auftritt Erika . Fritz . Klaus . (Die beiden sind jetzt gut gekleidet und zeigen ein verändertes Wesen. Fritz ist gedrückt und verdüstert geworden, Klaus flott und sieghaft.) Erika . Das nenn' ich eine Ueberraschung, ihr Männer. Ihr kommt mich in meinem Dienst besuchen, und noch dazu in euren neuen Sonntagsröcken! Ein wahrer Staat. Klaus . Kommen wir ungelegen? Fritz . Hast du Arbeit? Erika . Die läuft nicht davon. Klaus . Wir wollten am Haus nicht vorübergehn, ohne einmal nachzuschauen, wie du kampierst. Erika . Fein, wie ihr seht. Aber was hat euch denn auf die Beine gebracht, zu so ungewohnter Stunde? Klaus (nachdem er mit Fritz einen Blick gewechselt) . Wohnungssuche. Wir haben soeben unweit von hier gemietet. Erika . Ihr zieht wieder um, trotz dem vorteilhaften Tausch, den ihr erst kürzlich gemacht habt? Klaus (großtuerisch) . Möblierte Bude? Haha, überwundenes Stadium, seit Marschall nicht genug kriegen kann von den Schinken, die ich im Halbschlaf hinstreiche, und mir dafür bietet, was ich mag. Nein, Erika, feudale Sechszimmerwohnung mit Atelier, die ich einrichten lasse nach meinen Entwürfen. Erika . In einem halben Jahr von Schloß Belvedere bis zur Hochherrschaftlichkeit – das ist ein Tempo! Fritz (aufseufzend) . Ach, Kreatürchen, ich wollte, wir säßen noch dort. Erika (zu Fritz) . Dir jedenfalls ist der Umschwung weniger gut bekommen als ihm. Klaus . Er spinnt. 69 Erika . Will denn aus deiner Anstellung nichts werden? Fritz . Ich habe sie in der Tasche. Erika . Famos! Fritz . Chefchemiker in der Lautzschen Fabrik vom nächsten April ab. Erika . Dein sehnlichster Wunsch erfüllt! Und dazu machst du ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter? Klaus . Er spinnt, sag' ich dir. Fritz . Ich verdanke sie der Protektion Zinkendrahts. Ich verdanke sie der niederträchtigen Schlinge, die dieser Schubjack mir um den Hals gelegt hat. Erika . Drachentöter, wo hast du deinen robusten Humor gelassen? Fritz . Humor! Wenn meine notgedrungene Quacksalberei mich von früh bis spät, auf Schritt und Tritt verfolgt wie ein Rachegespenst! Wenn an jeder Straßenecke, auf jedem gedruckten Stück Papier der impertinente, vermaledeite Name mir entgegengrinst: Mirakulin! Erika . Darauf mußtest du doch gefaßt sein. Klaus . Und ob. Fritz . Konnt' ich voraussehen, daß der Kerl die Stirn haben wird, die leidende Menschheit so infam zu begaunern? Konnt' ich voraussehen, daß er mein harmloses, anspruchsloses Kompositum als Allheilmittel ausschreien wird? So und so oft hab' ich ihn getreten, er soll die unverschämte Reklame einschränken, soll es als das simple Beruhigungsmittel anzeigen, das es ist. Er lacht mich aus. Er hat es ja gekauft, antwortet er mir, und ich hab' ihm nichts mehr dreinzureden. Erika . Das muß wahr sein, ihr habt euch zwei gewiegten Burschen verschrieben. Die verstehn's aus dem Effeff. 70 Klaus . Bei mir gar nicht nötig. Meinst du, Marschall hätte mit all seinen Tricks mich so mir nichts dir nichts zum Tagesgespräch machen können, zur Berühmtheit, wenn das, was ich jetzt male, nicht als Köder wirkte durch sich selbst? Schluckt irgend jemand es blind hinunter? Kann sich nicht jeder sein eigenes Urteil drüber bilden? Und setz' ich den Tanz noch 'ne Weile so fort, wer kommt zu kurz dabei, außer den lieben Kollegen, die sich krank ärgern vor Neid? Mag nur die Tollheit sich austoben, um so packender wird das Schlußtableau. Erika . Die Vernunft ist aber schon auf dem Marsch. Klaus . Wieso? Erika . Schade, daß ihr vorhin nicht zwei Mäuslein wart, um zu horchen, wie fest sie zur Gegenattacke entschlossen ist. Fritz (gespannt) . Dein Professor . . .? Erika . Ja, der ist keiner von denen, die nicht alle werden. Der läßt sich durch nichts und durch niemand um seine klaren fünf Sinne bringen. Fritz . Bekämpft er das Mirakulin? Erika . Grimmig. Fritz . Gott sei gelobt! Erika . Und wird Herrn Zinkendraht das Handwerk legen. Fritz . Ach, wenn ihm das gelänge, mir würde ja ein Zentner vom Herzen fallen. Erika . Es wird ihm gelingen, verlaß dich drauf. Fritz . Ein Hoffnungsstrahl! Erika . Deine Urheberschaft hab' ich ihm wohlweislich verschwiegen, damit er kein Blatt vor den Mund nimmt. Und aus demselben Grund hab' ich auch dich verleugnet, Klaus, als ihm heute Marschall dein »Delirium« zum Kauf anbot. 71 Klaus . Nun, und? Erika . Er hat es natürlich schaudernd abgelehnt. Klaus . Ha, was tut's? Meine Anhänger werden ihn für einen Banausen erklären. Erika . Wart' nur, der ist ihnen über. Klaus . Du bist ja Feuer und Flamme für den Mann. Erika . Er imponiert mir. Fritz (nachdem er mit Klaus einen Blick gewechselt, drucksend) . Höre, mein Kind – uns hat noch etwas Andres zu dir hergetrieben. Erika . Was denn? Fritz . Die Unruhe um dich. Klaus . Denn leider müssen wir annehmen, daß du hier vom Regen in die Traufe geraten bist. Erika . Inwiefern? Fritz . Wir haben in Erfahrung gebracht, daß dieser ernste Mann der Wissenschaft im Ruf eines Don Juans steht . . . Erika . Aha, Mobilmachung der Schutztruppe. Klaus . Sollte er dir gegenüber sich als solcher noch nicht erwiesen haben? Erika . Traut ihr mir zu, daß er's kann? Fritz . Wir wünschen auf alle Fälle, daß du nicht hier in Stellung bleibst. Klaus . Zumal du es nicht mehr brauchst. Erika . Ei, darauf läuft es hinaus. Ihr habt's nun dazu. Drum soll ich mir mein Brot nicht mehr selbst verdienen . . . Fritz . Das war ja von jeher unser Traum. Erika (fortfahrend) . Obwohl ich bisher die einzige von uns dreien war, die es sich redlich verdient hat. Fritz (getroffen) . Wahrhaftig, ja! Klaus . Possen! 72 Erika . Soll zu euch zurückkehren, in die neue feudale Wohnung, als wäre das noch dasselbe wie ehemals, könnte je wieder dasselbe sein. – Nein, Jungens, daraus wird nichts. Fritz (rasch und leise zu Klaus) . Jetzt rück' ich heraus. Klaus (leise) . Nur zu. Fritz (zu Erika) . Du irrst, Kind. Nicht dasselbe ist's, was uns vorschwebt. Vielmehr was Andres, was Besseres. Erika (gedehnt) . So! Fritz . Kannst du dir nicht denken, was ich meine? – Wo du doch genau weißt, welchen Platz du bei uns einnimmst, wie wir dir angehören mit Leib und Seele, mit Haut und Haar, kurzum, dich lieb haben, einer wie der andre. Klaus . Und du? Erika . Ich? Fritz . Hast du uns nicht vor deinem Auszug Treue gelobt? Uns nicht von neuem ausdrücklich deine Bräutigams genannt? Erika . Gewiß. Fritz . Aber dann – das wirst du wohl einsehen – dann mußt du doch schließlich auch mal Braut werden. Klaus . Und das liegt nur noch an dir, Erika. Fritz . Denn es ist nun so weit. Klaus . Nichts steht mehr im Weg. Beide . Wir können dich heiraten. Erika . Zu zweit? Das geht ja gar nicht. Fritz . Eben deshalb sind wir hier. Klaus . Wir wollen Klarheit. Fritz . Wir geben uns in deine Hand. Klaus . Du sollst einen von uns wählen. Fritz . Ja, darum bitten wir dich. Erika (mit ausweichendem Lachen) . Haha, ihr seid kostbar. 73 Fritz . Es ist unser heiliger Ernst damit. Klaus . Sprich offen und rückhaltlos. Erika . Eine sonderbare Art von Werbung, das muß ich gestehn. Fritz . Konnten wir anders – gute Kameraden, wie wir sind? Wir haben einander gelobt, daß keiner hinterm Rücken des andern um dich freien soll. Drum blieb uns nur übrig, es gemeinsam zu tun. Erika . Gute Kameraden – schlechte Liebhaber. Klaus . Die Idee stammt von Fritz. Anstandshalber ging ich darauf ein, in dem Vertrauen, daß sie am Resultat nichts ändern wird. Fritz . Was willst du damit sagen, Klaus? Klaus . Ich überlasse Erika das Wort. Fritz . Sei barmherzig, Kreatürchen. Laß uns nicht lange zappeln. Erika . Ach, ihr Jungens, ihr großen, ihr kleinen, ihr ganz kleinen Jungens, man hat seine liebe Not mit euch. Ihr seid nun so weit, für euch steht nichts mehr im Weg. Und da kommt ihr Hals über Kopf dahergerannt und setzt mir meuchlings die Pistole auf die Brust. Aber habt ihr euch vorher nur ein einziges Mal gefragt, ob auch ich so weit bin, ob auch für mich nichts mehr im Wege steht? Fritz (verdutzt) . Für dich? Klaus . Wie? Du kannst noch keine Entscheidung treffen? Hast sie nicht längst getroffen? – Du schweigst? Nun, so zeig' uns doch das Medaillon, zeig', ob es inwendig noch leer ist! (Er nähert sich ihr.) Erika (die Stelle, wo sie das Medaillon trägt, mit beiden Händen schützend, rasch und entschieden) . Laß! Klaus . War es Fiebereinbildung? Oder sah ich darin, als ich auf dem Krankenbett lag, eine Photographie? 74 Fritz (zu Erika) . Ist das wahr? Klaus . Die meine! Fritz (dringender) . Ist das wahr? Klaus . Trägst du sie auf der Brust oder nicht? Fritz (schmerzvoll) . Keine Silbe mehr! Ich weiß genug. Erika (heftig) . Nichts weißt du. Nichts wißt ihr. Gar nichts. Fritz . Weshalb stehst du ihm dann nicht Rede? Zeigst uns nicht das Medaillon? Erika . Ich mag nicht. Klaus . Aus welchem Grund? Erika . Wie, wenn ein Dritter darin wäre? Klaus . Ein Dritter?! Erika . Haltet ihr das für so ganz undenkbar? Fritz . Du bist uns untreu?! Klaus . Der Professor am Ende! Erika . Ich sprach nur von der Möglichkeit. Fritz . Warum quälst du uns dann so? Erika . Weil ihr mich quält. Ich habe niemand auf der Welt als euch. Das Beste, das Hübscheste, was mir bisher zuteil wurde, das dank' ich eurer Freundschaft. Aber wenn ihr plötzlich so unsanft an mir herumzerrt, mich zwingen wollt, mein Herz auf den Präsentierteller zu legen, mich gewaltsam vor die Wahl stellt, welchen von euch zwei Männern ich heiraten und welchen ich verschmähen soll, dann muß ich euch aufrichtig bekennen: ihr gefallt mir alle beide nicht mehr. Klaus (zornig) . Erika! Erika . Jawohl, alle beide. Fritz . Jetzt versteh' ich! Du verdenkst uns, was wir damals getan haben mit deiner Zustimmung. Erika . Nicht, was ihr getan, sondern wie es auf euch zurückgewirkt hat. Klaus . Du bist nicht mehr, die du warst. 75 Erika . Umgekehrt, ihr seid andere geworden. Ihr seid wie ausgetauscht. (Zu Fritz.) Du bist nicht mehr der Junker Drachentöter . . . Fritz (schwermütig) . Das stimmt. Erika (zu Klaus) . Und du nicht mehr der Junker Schmerzenreich. Klaus . Lächerlich! Erika . Ich muß euch erst von neuem kennen lernen, falls ich euch überhaupt gekannt habe bis heut. Fritz . Und dann? Erika (mit feinem Lächeln) . Dann? Ja, wer weiß? Dann werd' ich vielleicht auf euren ehrenvollen Doppelantrag zurückkommen. – Seid ihr mir böse? Bin ja drum euer Kamerad nach wie vor. (Jedem eine Hand hinhaltend.) Na, kommt. Gut sein. Pfötchen geben. Fritz (schlägt wehrlos ein) . Klaus (läßt ihr seine Hand widerstrebend) . Das wirst du noch bedauern, ich wette drum. (Man hört hinter der Tür rechts Stimmen.) Erika (erstaunt aufhorchend) . Mein Professor! Vierzehnter Auftritt Vorige . Schellander (von rechts) Schellander (in der Tür, spricht zurück) . Für niemand zu sprechen. Auch Telephon abstellen. (Er tritt ein, mit mühsamem Schritt, die Hand auf die Stirn gepreßt.) Schluß für heute, Fräulein. Unfreiwilliger Rückzug. Erika . Ist Ihnen nicht wohl, Herr Professor? Schellander . Miserabel ist mir. Mittendrin mußt' ich meine Rundfahrt abbrechen, zum erstenmal in meiner ganzen Praxis. Den Besuch beim Fürsten hab' ich mit Ach und Krach noch absolviert. Dann aber ging's beim besten Willen nicht mehr. (Zu Klaus und Fritz, die nach rechts 76 hinten gegangen sind und sich zurückziehen wollen.) Lassen die Herren sich nur ja nicht inkommodieren. Ich lege mich augenblicklich ins Bett. Erika . Soll ich die gnädige Frau benachrichtigen? Schellander . Gott behüte! Ich brauche Ruhe, weiter nichts. (Er geht einige Schritte nach links hinten, wankt.) Sakrament, ich komme nicht bis in mein Zimmer. Ich muß mich einen Moment niedersetzen. (Er setzt sich links an den Tisch.) Bitte, Fräulein, bringen Sie mir ein Glas Wasser. (Zu Klaus und Fritz.) Nochmals, bleiben Sie, meine Herren. Ich räume sogleich das Feld. Erika (ist nach hinten zum kleinen Tisch gegangen, hat das Glas eingeschenkt, bringt es ihm) . Hier. Schellander . Schön Dank. (Er tut einen Schluck, stellt das Glas neben sich auf den Tisch. Zu Erika.) Denken Sie sich nur, selbst ein so urteilsfähiger Mann wie der Fürst hat mir Wunderdinge vorgefabelt von dem Mirakulin. (Er zieht aus der Tasche die Glasröhre, die er vorher seiner Frau abgenommen hat, legt sie vor sich auf den Tisch.) Erika (mit Blick nach Fritz) . Wirklich? Schellander . Es vertreibe ihm binnen fünf Minuten die heftigsten Kopfschmerzen, behauptet er. Erika . Ist Ihnen nun besser? Schellander . Im Gegenteil. (Die Hand auf der Stirn.) Ich halt's nicht mehr aus. – Aeh! – Da sei standhaft, wer mag. In der Not frißt der Teufel Fliegen. (Er nimmt die Glasröhre vom Tisch.) Erika (sieht ihm in äußerster Verblüffung zu) . Sie wollen, Herr Professor . . .? Schellander . Zum Henker, man kann's ja mit dem verdammten Zeug mal probieren. (Er holt eine Tablette heraus.) Erika . Mit dem Mirakulin?! 77 Schellander . Bloß der Wissenschaft halber. (Er nimmt die Tablette in den Mund, spült sie mit einem Schluck Wasser hinunter.) Georg (kommt von rechts mit dem uneingewickelten Bild, das er vorher hinausgetragen) . Wo soll das Bild hinkommen, Herr Professor? Schellander (zeigend) . Dort, wo es war. Georg (trägt das Bild auf den alten Platz und geht dann ab rechts) . Klaus (das Bild erkennend) . Mein »Delirium«! Schellander . Wie? Erika (vorstellend) . Hier der Maler des Bildes, Herr Professor. Klaus Donald. Schellander (überrascht) . Sie sind . . .? Angenehm. Sehr angenehm. Ich habe Ihr Bild soeben gekauft. Erika (unwillkürlich) . Oh! Schellander . Ja, mich ließ der Gedanke daran nicht mehr los, und als der Fürst mir mit seiner Jagd auf den Leckerbissen renommierte, wurde meine Lust, ihm die Beute abzuluchsen, so unbezwinglich, daß ich auf dem Heimweg trotz meiner Schlappheit bei Marschall vorfuhr. Der forderte nun natürlich mit Berufung auf das Angebot der fürstlichen Galerie den doppelten Preis wie vorher – sechstausend Mark. Klaus . Donnerwetter! Schellander (sich die Hände reibend) . Aber einerlei, der Fürst hat das Nachsehen. – Hm! Warum schauen Sie mich so an, Fräulein Götz? Erika . Mir kommt vor, als ob es Ihnen besser ginge, Herr Professor. Schellander . Bedeutend. Der Kopfdruck, die Mattigkeit hat nachgelassen. (Er steht auf.) Ich kann wieder auf meinen zwei Füßen stehen. (Er stellt sich vor das Bild; 78 zu Klaus.) Ihr Bild, Herr Donald, ist ja nicht so ohne weiteres zugänglich. Man muß sich erst allmählich hineinfinden, wie in alles Neue und Kühne. Aber je länger ich es betrachte, desto mehr beglückwünsche ich mich zu meinem Kauf. Ein geniales Werk, ohne jede Frage. Klaus (geschmeichelt) . Sehr verbunden. Schellander . Unglaublich, aber wahr! Die Schmerzen wie weggeblasen. Weiß der Kuckuck, Fräulein, es ist doch was an der Sache, gar nicht zu leugnen. Das erste Mittel, das mir hilft. Eine Wohltat! Eine Errungenschaft! Ich werd' auf alle Fälle noch eine zweite Tablette nehmen. (Er schluckt sie.) Erika . So darf ich Sie wohl mit dem Erfinder bekannt machen? Schellander . Dem Erfinder des Mirakulin? Erika (Fritz vorstellend) . Er steht vor Ihnen. Schellander . Was Sie nicht sagen! (Zu Fritz.) Freue mich. Freue mich ungemein. Ja, frei heraus, meine Herren, ich war bis heut Ihr entschiedener Gegner, aber was wäre an einem Gelehrten, der nicht umlernen könnte! So gewiß dies ein ungewöhnliches Bild ist, so gewiß ist dies ein ungewöhnliches Mittel. Freut mich, zwei Männer vor mir zu sehen, von denen jeder die Welt um einen bleibenden Wert bereichert hat. Doch um Verzeihung. (Zu Fritz.) Dank Ihnen fühl' ich mich wieder so frisch, daß ich meine unterbrochene Besuchsfahrt fortsetzen kann. (Ab rechts.) Fünfzehnter Auftritt Erika . Fritz . Klaus Erika (mit unverhohlener Enttäuschung) . Der auch! Fritz (ironisch auflachend) . Die Vernunft, die sich nichts weismachen läßt! 79 Erika . Auch sie kapituliert. Euer Sieg ist vollständig. Fritz (geknickt) . Meine letzte Hoffnung dahin! Klaus (steht in Betrachtung seines Bildes vertieft) . Sechstausend Mark! Das Zwanzigfache von dem, was der Räuber mir dafür gezahlt hat! Und doch nicht zu teuer. O nein, zu billig. Wußt' ich denn selber bisher, welch einen Wurf ich da getan habe? Ein Dämon hat mir den Pinsel geführt. Mein Dämon! Der Professor hat recht: dies Werk ist genial. Erika (zu Fritz) . Das ist die Höhe! Der fällt auf seinen eigenen Schwindel 'rein. 80 Dritter Aufzug Zimmer in der neuen Wohnung von Klaus und Fritz. Ein stattlicher, repräsentativer Raum, mit zwei Türen in der Mittelwand, von denen die rechte zu einem Vorzimmer (Eingang), die linke zum Zimmer von Fritz führt. In der rechten Seitenwand vorn die Tür zum Atelier von Klaus, zu der einige Stufen hinaufführen; weiter hinten eine tiefe, erkerartige Nische. In der linken Seitenwand vorn ein Fenster. Elegante, ausgesprochen moderne Einrichtung. rechts und links vorn Ziertische mit Sesseln und kleinen Sofas. Rechts hinten sind, bis in die Nische hinein, mehrere gerahmte Bilder, dem Zuschauer abgekehrt, auf Stühlen und kleinen Staffeleien aufgestellt. Erster Auftritt (Helle Vormittagsbeleuchtung.) Joseph (ein geschniegelter pfauenhaft aufgeblasener Schlingel, betrachtet mit Kennermiene die Bilder). Fritz (kommt nach einigen Augenblicken von links Mitte. – Später) Tuck Fritz . Joseph! – Was machen Sie denn da? – – Hören Sie nicht, Joseph? Ich frage, was Sie da machen? Joseph (herablassend) . Ach so. Fritz . Darf ich um geneigte Antwort bitten? Joseph . Ich besichtige die neuen Schöpfungen des Meisters. Fritz . Weiter haben Sie nichts zu tun? 81 Joseph . Als Diener eines großen Künstlers hat man meines Erachtens auch die Pflicht, sich in seine Werke zu vertiefen. Fritz . Wo ist er? Ich habe mit ihm zu sprechen. Joseph (nach rechts vorn deutend) . Der Meister ist in seinem Atelier beim Schaffen. Fritz . Am Sonntagvormittag? (Er will zur Tür rechts gehen.) Joseph (vertritt ihm den Weg) . Porträtsitzung. Ich habe ausdrücklichen Befehl, niemand vorzulassen. Fritz . Was? Sie unterstehen sich, mir den Weg zu meinem Freund zu versperren? Hier, in unserer gemeinsamen Wohnung! Joseph . Die Wohnung ist gemeinsam, ich aber nicht. Ich diene nur dem Meister. Von ihm allein bin ich angestellt. Fritz . Ihr Glück. Sonst würd' ich Sie impertinenten Bengel sofort an die Luft befördern. (Es läutet.) Joseph . Meine Erziehung verbietet mir, auf diesen Ton einzugehen. (Ab rechts Mitte, die Tür offen lassend.) Fritz (allein) . Da schlag' einer lang hin. (Er geht ein paar Schritte nach rechts, hält dann unschlüssig inne.) Tuck (erscheint mit Joseph, der ihn hereingelassen hat, im Vorzimmer.) Die Kollektion der neuesten Donalds? Joseph (auf die Bilder weisend) . Hier. Tuck . Zweck meines Kommens Studium. Nicht Störung seiner selbst. Joseph (mit Blick auf Fritz) . Sehr wohl. (Ab.) Tuck (tritt ein, stellt sich vor) . Tuck. Fritz . Jürgens. Tuck . Auch Kompressionist? Fritz . Nur Hausgenosse. (Er geht mißmutig ab links Mitte.) 82 Zweiter Auftritt Tuck . (Dann) Klaus , Gräfin Tuck (betrachtet die Bilder mit gesammeltem Forscherblick, macht sich Notizen, verschwindet in der Nische) . (Von rechts kommen in traulichem Geplauder Klaus, wählerisch gekleidet, und Gräfin.) Gräfin . Ach, das war unvergeßliche Stunde. Klaus . Zu kurz. Viel zu kurz. Gräfin . Zu gefährlich. Viel zu gefährlich. Klaus . Wo liegt die Gefahr? Gräfin . Wo liegt sie nicht? Oh, ich hätte mich in acht nehmen, ich hätte Flucht ergreifen müssen, gleich anfangs, da ich Delirium sah und von diesem Bild aller Bilder mich hingezogen fühlte zu seinem Schöpfer wie mit magischer Gewalt. Klaus . Als hätte die gleiche Magie nicht auch mich erfaßt, sofort bei unserer ersten Begegnung! Als wäre seither nicht jeder Pinselstrich von einer Einzigen mir eingegeben, für eine Einzige bestimmt! Gräfin . Ah, diese Pinselstriche! Man darf nicht zugesehen haben, wenn man nicht Verstand verlieren will. Klaus . Ich hab' ihn ja auch verloren. (Auf sie zu.) Ich . . . Gräfin (abwehrend) . Nicht näher! Bitte, bitte! Klaus . Warum nicht? Sind wir nicht frei? Gräfin . Ich habe doch meinen Mann. Klaus . Den seligen Stanislaus? Gräfin (hauchend) . Ja. Klaus . Der ist doch seit Jahren tot. Gräfin . Irrtum. Er lebt körperlos weiter. Sein Geist und ich, wir haben bis heut unsere Ehe fortgesetzt. Klaus . Eigentümliches Verhältnis. 83 Gräfin . Und nach seinem Tode ist sie noch viel glücklicher geworden. Klaus . Immerhin kann er nicht die nämliche Treue beanspruchen wie in den Tagen seiner Leibhaftigkeit. Gräfin . Niemals, niemals könnt' ich einen andern Mann lieben ohne seine Einwilligung. Klaus . Er braucht ja nichts davon zu wissen. Gräfin . Alles muß er wissen von mir, alles, oder keine Ruh hätt' ich mehr. Klaus . So hat er schon erfahren . . .? Gräfin . Er war zuerst rasend eifersüchtig. Klaus . Wie äußerte sich das? Gräfin . Der Tisch hat getobt. Klaus . Und jetzt? Gräfin . Geheimnis. Klaus . Auch für mich? Gräfin . Ins Ohr. Ganz leise. (Sie nimmt ihn beim Ohrläppchen, flüstert ihm zu.) Gestern, als ich ihm Frage vorlegte, große Gewissensfrage, da hat nach einigem Zögern der Gute, Edle dreimal geklopft. Klaus . Antolka! (Er will sie an sich ziehen.) Gräfin . Artig sein! Tuck (während des Gesprächs aus der Nische zurückgekehrt, doch noch von den Bildern verdeckt, räuspert sich) . Gräfin (erschrickt heftig) . Ah! Klaus . Wer ist . . . (Er sieht Tuck.) Sie sind hier, Doktor? Tuck (vortretend und sich verneigend) . Zu Donald-Studien gestern eingetroffen. Klaus . Sie haben gehört? . . . Tuck . Nur geschaut. Gräfin . Ah, hab' ich Herzklopfen! (Eine Glasröhre hervorziehend.) Ich muß auf den Schreck eine Mirakulintablette nehmen. (Sie schluckt sie.) Klaus (zur Gräfin) . Mein getreuester Apostel. 84 Gräfin . Wie sollt' ich meines Freundes Credenstein Kunstrat nicht kennen! Haben mir doch seine tiefen Essays erst entschleiert, was alles man sich bei Ihren Bildern zu denken hat. Klaus . Nun, Doktor, sind Sie mit meiner neuen Ernte zufrieden? Tuck . Rapide Gipfelung immanenter kategorischer Energien zu explosiver Potentialität. Gräfin . Man kann es nicht treffender ausdrücken. Klaus . Mußte meine Richtlinie mich nicht gradeswegs zu dieser Umwälzung der Porträtmalerei führen? Tuck (ehrlich verwundert) . Das sind Porträts? Gräfin . Seelenporträts. Die sensationelle Novität, die der Meister in den letzten Monaten kreiert hat. Tuck (gibt sich einen Ruck) . Evident. (Er macht sich Notizen.) Klaus . Wird dadurch die Menschendarstellung nicht auf eine höhere Stufe gehoben? Gräfin . Auf die höchste! Klaus . Bei den alten Meistern besaß ein Porträt Aehnlichkeit, bei den neueren Unähnlichkeit. Doch immer gab es nur die zufällige Erscheinung wieder, war nichts besseres als Photographie. Ich hingegen male überhaupt nicht mehr den äußeren Menschen, sondern den inneren, nicht den Kopf, sondern das Wesen, den Charakter, die Seele. Gräfin . Bis in ihre verstohlensten Schlupfwinkel. Klaus . In einer ersten Sitzung stelle ich die Grundfarbe der Persönlichkeit fest, von da aus vertiefe ich mich immer eingehender in ihre Nuancen. Gräfin . Wie vorhin bei mir. Ich hab' es ja stets geahnt, daß meine Seele ultramarinblau ist. Tuck . Vollendung des Kompressionismus im Psychologismus. 85 Gräfin . Und Sie können sich nicht vorstellen, wie der Meister mit Aufträgen bestürmt wird, besonders von den Damen. Jede ist neugierig, wie sie von innen aussieht. Ja, sogar mein überbürdeter Freund Schellander, der nunmehr zu seinen glühendsten Anhängern zählt, hat sich auf meine Veranlassung entschlossen, ihm zu sitzen. Klaus . Ich erwarte ihn nachher. Tuck . Nur noch einen Aufschluß für das von mir geplante Donald-Buch. Hatten Sie für den jähen Uebergang von Ihren konventionellen Erstlingen zu Ihrer epochalen Mission einen bestimmten Anstoß? Klaus . Keinen mir bewußten. Es kam mit einem Mal über mich wie ein Blitz. (Es läutet.) Tuck . Akkurat meine Hypothese. (Er macht sich eifrig Notizen.) Joseph (von rechts Mitte, meldet) . Herr Marschall. Klaus e Ich lasse bitten. (Joseph ab. – Leise, zur Gräfin.) Wir müssen uns heut noch ungestört sprechen. Gräfin (leise) . Müssen wir? Klaus . Von zwölf ab ist mein Atelier frei. Gräfin . Ich komme. Dritter Auftritt Vorige . Marschall (von rechts Mitte) Klaus (familiär) . 'tag, lieber Freund. Marschall . Wieder umringt, lieber Freund. Ja, Könige haben ihren Hofstaat. Gräfin . Doch er zieht sich zurück vor dem Premierminister. (Zu Tuck.) Begleiten Sie mich, Sie Quelle der Weisheit. Sie sollen sprudeln für mich unterwegs. (Verabschiedung. Sie geht mit Tuck ab rechts Mitte.) 86 Vierter Auftritt Klaus . Marschall . (Zuletzt) Fritz Marschall (nach flüchtigem Blick auf die Bilder) . Sie wird auf sechs Millionen taxiert. Klaus . Wer? Marschall . Die Gräfin. Klaus (ablenkend) . Also – wann werden Sie meine Separatausstellung eröffnen? Marschall . Daß ich's nicht vergesse – ich soll Ihnen einen Auftrag ankündigen. Von Herrn Zinkendraht. Klaus . Will auch der seine Seele gemalt haben? Der hat ja gar keine. Marschall . Er wünscht ein Reklameplakat. Klaus . Wenn er ordentlich blecht, warum nicht? Marschall . Daraus kommt's ihm nicht an. Klaus . Ja, so billig wie dazumal bin ich nicht mehr zu haben. Das gilt auch für Sie, lieber Marschall. Marschall . So, so. Klaus . Von nun an müssen Sie tiefer in den Beutel greifen. Marschall . Da dürften Sie sich denn doch einer kleinen Täuschung hingeben, mein Bester. Klaus . Wieso? Marschall . Vielmehr fraglich, wie lang' sich die Preise für Sie noch auf dem jetzigen Niveau halten lassen. Zumal, wenn Sie auf Ihre Separatausstellung nichts Anderes zu schicken haben als derlei Dutzendware. Klaus . Dutzendware?! Ich traue meinen Ohren nicht. Marschall . In diesem Fall würd' ich Ihnen sogar empfehlen, von der ganzen Ausstellung abzusehen. Klaus . Ist das der Zweck Ihres werten Besuchs? Marschall . Gewissermaßen. 87 Klaus . Ich bin starr. Wo noch kürzlich in Ihrem Salon keine Stecknadel zur Erde fallen konnte, als Sie meine ersten Seelenporträts brachten. Marschall . Die ersten – allerdings. Klaus . Und wo ich heut zehnmal so viele malen müßte, um der Nachfrage nur halb zu genügen. Marschall . Heut – allerdings. Aber Sie werden mir zugeben, daß ich eine gute Witterung für morgen habe. Das da hat verblüfft vor zwei Monaten, jetzt kennt man es auswendig. Das ist die Mode dieser Saison, in der nächsten will man eine neue haben. Deshalb müssen Sie sich entweder entwickeln, von Bild zu Bild überraschend entwickeln, oder Sie werden glatt überholt. Klaus . So? Wer ließ denn den Kompressionismus als die Malerei der Zukunft austrompeten? Marschall (achselzuckend) . Die schönste Zukunft wird mal Vergangenheit. Klaus . Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß es eine Entwicklung geben kann darüber hinaus? Marschall . Aber gewiß. Und sie macht sich bereits bemerkbar. Ich war gestern in einem Atelier, wo ich Werke der allerneuesten Richtung sah: des Hyperpressionismus oder Imaginismus. Klaus (verächtlich) . Ha, was kann denn die? Marschall . Man sieht bei ihr auf der Leinwand so gut wie gar nichts mehr. Klaus . Sie spaßen. Marschall . Nur eine zarte Tönung, einen Hauch. Und der Beschauer muß bei den Klängen einer unsichtbaren Musik so lange darauf hinstarren, bis er das herrlichste Bild – sich einbildet. Klaus . Schwindel! 88 Marschall . Immerhin – der Mann hat schon eine Gemeinde. Ich werde geschäftlich mit ihm rechnen müssen. Klaus . Vertrottelung! Marschall . Doktor Tuck zum Beispiel wird mitgehn, verlassen Sie sich drauf. Klaus . Ein Manöver, wie es Ihrer würdig ist. Schreckschüsse, um mich zu drücken. Marschall . Um Sie anzuspornen. Klaus . Gut! Ich nehme das Rennen auf. Marschall . Um so besser, lieber Freund. Klaus . Aber wenn Sie glauben, daß ich auf Sie dabei angewiesen bin, lieber Freund . . . Marschall . Keineswegs. Denn Sie werden eine reiche Frau heiraten. Klaus (will aufbrausen) . Herr, Sie sind . . . Fritz (kommt von links Mitte) . Ei, da bist du ja, Klaus. Ich habe mit dir zu reden. Marschall . Kein Hindernis. Herr Donald und ich haben uns ausreichend verständigt. (Ab rechts Mitte.) Fünfter Auftritt Klaus . Fritz Klaus . Was willst du denn? Ich bin so in Anspruch genommen . . . Fritz . Das hat mir der Diener schon beigebracht. Klaus . Joseph? Fritz . Er hat mich belehrt, daß die Kommunikation zwischen uns nicht mehr so einfach ist wie ehedem. Klaus . Er war freilich von mir beauftragt . . . Fritz . Und daß ich in diesem Haus nichts zu sagen habe. 89 Klaus . Falls er in seinem löblichen Pflichteifer zu weit ging . . . Fritz . O nein, er hat nur der Wahrheit die Ehre gegeben. Klaus . Du wirst immer empfindlicher, Fritz. Fritz . Wozu den Schein länger aufrecht erhalten, als wären wir noch gleiche Brüder mit gleichen Kappen. Klaus . Ich sehe nicht ein . . . Fritz . Du bist, seit wir hier eingezogen sind, ein Löwe des Tages geworden, mit riesigem Einkommen, mit steigenden Luxusbedürfnissen. Ich lebe auf Vorschuß von dem Gehalt, das ich erst vom nächsten Monat an beziehen werde. Klaus . Hundertmal hab' ich dir angeboten, dir zu pumpen, so viel du willst. Fritz (fortfahrend) . Es entspricht also nur den Verhältnissen, wenn in unserer Wohnung du als Hausherr figurierst und ich als . . . nun, sagen wir, als Anhängsel. Klaus . Gott, ja, wir konnten, als wir sie mieteten, nicht meinen raschen Aufstieg, meine wachsenden Repräsentationspflichten voraussehen. Sie ist zu eng geworden. Fritz . Ganz meine Meinung. Aber dem läßt sich abhelfen. Ich mache dir Platz. Klaus . Ich würde sehr bedauern . . . Fritz . Stürze dich nicht in Gefühlsunkosten. Am ersten tret' ich meine Stelle an, da wird es ohnehin besser für mich sein, in der Nähe der Fabrik zu wohnen. Nur gibt es zwischen uns noch eine gemeinsame Angelegenheit, die vorher liquidiert werden muß. Klaus . Welche denn? Fritz (zögernd) . Wie steht es – mit Erika? Klaus . Mich fragst du das? Fritz . Hast du sie in der letzten Zeit nicht gesprochen? 90 Klaus . Wie sollt' ich? Fritz . Kein einziges Mal? Klaus . Sie läßt sich ja nicht mehr blicken bei uns. Fritz . Leider. Doch ich dachte, du hättest sie vielleicht aufgesucht. Klaus . Hast etwa du es getan? Fritz . Ich habe mich absichtlich von ihr zurückgehalten, seit . . . seit ich überzeugt bin, daß sie dir den Vorzug gibt. Klaus . Die Zurückhaltung ist, wie mir scheint, auf ihrer Seite. Und ich habe dabei nichts vor dir voraus. Fritz . Ist dir das so gleichgültig? Klaus . Durchaus nicht. Aber nachdem sie damals uns beide hat abfahren lassen, fänd' ich es weder männlich noch klug, ihr nachzulaufen. Fritz . Und so verlieren wir sie aus den Augen. Klaus, unser Mädel aus den Augen! Was denkt sie sich? Wie geht es ihr? Was wird aus ihr? Ist es nicht unerträglich, darüber in Ungewißheit zu schweben? Müßten wir nicht zeitlebens uns die bittersten Vorwürfe machen, wenn ihr irgend ein Leid geschähe, ohne daß wir es verhütet hätten? Klaus . Hat sie unseren Schutz nicht immer wieder abgelehnt? Fritz . Enthebt uns das der Verantwortung? Vielleicht deutet sie gar unser Schweigen als Kälte, wird dadurch in dem ihrigen bestärkt. Vielleicht wartet sie bloß auf einen Wink, eine Bitte. Es kann, es darf ja nicht sein, daß sie an uns irre wird. Dem müssen wir vorbeugen um jeden Preis . . . auch wenn ich ihn zahlen muß. Heut ist Sonntag, da hat sie frei. Komm, laß uns zu ihr hingehen, auf der Stelle. Oder – geh du allein. (Es läutet.) 91 Klaus . Du hörst. Ich kriege Besuch. Fritz . Dann gehe ich zu ihr; ich. Joseph (von rechts Mitte) . Draußen ist ein Fräulein Götz . . . Fritz (freudig) . Sie! Joseph . Ich hab' ihr gesagt, daß der Meister beschäftigt sind. Aber sie gibt vor . . . Fritz . Herein mit ihr, Mensch! Joseph (zu Klaus) . Soll ich? Klaus . Lassen Sie eintreten. Joseph (öffnet Erika die Tür; dann ab) . Sechster Auftritt Vorige . Erika (von rechts Mitte) Fritz (ihr entgegen) . Kreatürchen, willkommen! Klaus (etwas steif) . Es freut mich, Erika . . . Erika (ernst und gehalten) . Was habt ihr euch denn da für einen Kammerherrn zugelegt? Fritz (ironisch) . Ja, wir sind vornehm geworden. Erika . Wer mir gesagt hätte, daß ich einmal bei euch mich melden lassen muß! Klaus . Deine Schuld, wenn mein Diener dich noch nicht kennt. Fritz . Kind, wir hätten ja geflaggt; wir hätten ja die Tür bekränzt und die Treppe mit Blumen bestreut, wenn wir geahnt hätten, welches Fest uns bevorsteht. Deine Wiedereinkehr bei uns! Denn so ist es doch, nicht wahr? Du hast dich zu uns zurückgefunden. Du hast gefühlt, wie wir dich entbehrten, willst fortfahren, wenigstens unser Kamerad zu sein, wie du's uns versprochen hast. Laß dich nur mal anschauen – Ganz blaß ist sie, Klaus. Es fehlt dir doch nichts? Du bist doch wohlauf, will ich hoffen. (Ihr Platz anbietend.) Aber so 92 mach' dir's doch bequem – hier, wo du zu Hause bist, genau wie in Schloß Belvedere. Erika (nach langsamem Kopfschütteln) . Ich bin zu euch gekommen, Jungens . . . Fritz . Sie nennt uns noch Jungens, Klaus! Dann ist alles gut. Erika . Ich bin zu euch gekommen, um mich von euch zu verabschieden. Fritz . Was?! Klaus. Du willst . . .? Erika . Ich habe dem Professor heut schriftlich meine Kündigung angezeigt. Fritz . Da haben wir's! Die alte Geschichte! Erika . Nein, nicht so. Ich will mich verändern. Klaus . Eine vorteilhaftere Stelle? Erika . Ich will keine mehr annehmen. Fritz . Bravo! Endlich wirst du vernünftig. Aber das ist doch kein Grund für dich zum Abschied. Das ist ein Grund für uns, dir zur Seite zu stehn . . . Erika . Ich will fort von hier. Fritz . Fort? Klaus . Wohin? Erika . In unsere Heimat. Tante Therese – ihr kennt sie ja – hat eine kleine Erbschaft gemacht und will mich zu sich nehmen. Fritz . Die alte Klatschbase, die du nicht ausstehn konntest! Erika . Ich werde schon mit ihr fertig werden. Fritz . Verlassen willst du uns? Ganz und für immer verlassen? Warum denn nur? Warum? Klaus (zu Fritz) . Wozu dringst du in sie? Du merkst ja, daß sie nicht mit der Sprache heraus will. Erika . Ein Irrtum, Klaus. Euer Kamerad ist euch 93 volle Offenheit schuldig. Seht, wenn ich jetzt bliebe, bei euch, für euch, das könnte nur eine Halbheit sein. Unterbrecht mich nicht. Ich muß die Worte behutsam wählen, damit ihr mich nicht mißversteht, mich nicht für abtrünnig haltet; denn das werd' ich nie. Aber es hat sich etwas zwischen uns gestellt . . . Fritz . Das haben wir schon verwunden. Erika . Nein, das mein' ich nicht. Ich meine das Fremde in euch selbst. Ich brauche mich ja nur umzuschauen hier, und es weht mich noch beklemmender an als bei dem bewußten Anlaß. Sind das denn wirklich noch meine Jugendgefährten, die hier herumgeistern, mitten in diesem falschen Glanz? Klaus . Erlaube! Hier ist alles echt. Erika . Nur ihr seid es nicht mehr. Klaus . Kinderei! Erika . Ich aber, seht ihr, ich habe gewartet . . . Fritz (zu Klaus) . Was sagt' ich dir? Gewartet hat sie! Erika . Ein volles, rundes Jahr. Und heut ist es abgelaufen. Fritz . Heut? Erika . Auf den Tag ein Jahr, seit ihr in berechtigter Notwehr euer Wesen, euer Können verleugnet habt, um die törichte Welt zum besten zu haben. Euer Streich ist geglückt. Die Welt ist euch aufgesessen auf der ganzen Linie. Kein ernstlicher Widerspruch wagt sich mehr hervor. Aber die erlösende Tat, die ihr damals im Auge hattet, durch die ihr das blinde, stumpfe Herdenvolk hinstoßen wolltet auf euer wahres Ziel, um selbst wieder wahr zu werden, darauf hab' ich all die Zeit hindurch gewartet – umsonst. Fritz (hingerissen) . Du – du Prachtkerl! Klaus . Soweit diese schöne Rede auf mich gemünzt ist . . . 94 Erika . Entsinnst du dich denn nicht mehr, Klaus, wie du es hinausschreien wolltest: Weil ihr an meiner Kunst achtlos vorübergingt, hab' ich mir einen Spaß mit euch gemacht, und ihr habt mein wüstestes Geklex euch als Offenbarung aufschwatzen lassen! Klaus . Ach was! Mit dieser Legende wollen wir doch ein für allemal gründlich aufräumen. Erika . Wie?! Du hättest so nicht gesprochen? Klaus . Mag sein, daß ich damals in meiner Bezechtheit etwas dergleichen gefaselt habe. Aber dann war es eben Blech. So töricht ist die Welt denn doch nicht, um nicht Spreu vom Weizen unterscheiden zu können. Meine Kunst, meine echte Kunst, die hab' ich damals überhaupt erst entdeckt – meinethalb durch einen Zufall oder auch durch eine Fügung, wie man's nennen mag. Was ich vorher gemalt habe, das waren unfreie Schulübungen; was ich jetzt schaffe, das entspringt mit Elementargewalt meinem Eigensten. Ich habe mir damit eine Position erkämpft; jetzt gilt es meine ganze Kraft, sie zu behaupten. Drum verzeih, wenn ich dich bitten muß, einstweilen mit Fritz allein vorlieb zu nehmen. Professor von Schellander kann jeden Augenblick hier sein zur Sitzung für sein Seelenporträt. Ich muß meine Vorbereitungen treffen. (Ab rechts.) Siebenter Auftritt Fritz . Erika Erika (sieht Klaus nach) . Warum hab' ich nicht geschwiegen! Fritz (losbrechend) . Gottlob, daß du sprachst. Denn Recht hast du, tausendmal Recht – in allem, was mich betrifft. Und hätte mein Fuß nicht immer wieder gestockt, wenn ich zu dir wollte, mich dir anvertrauen – 95 dann wüßtest du längst, daß du mich nicht strenger verurteilen kannst als ich mich selber. Erika . Ich verurteile dich nicht. Fritz . Schlimmer noch, fremd bin ich dir geworden. Und mir dazu. Fremd, fremd, weil ich Verrat an mir geübt habe, mich verkauft in dem übermütigen Wahn, man könne die Menschen anschmieren und sauber dabei bleiben. Ich habe nur eine Entschuldigung dafür. Ich tat es nicht um meinetwillen. Aber auch die taugt nicht viel. Wer sich einen Knacks holt, wie will der andern eine Stütze sein! Und so hab' ich mit meiner Achtung vor mir zugleich auch die deine verscherzt – als könnten alle Herrlichkeiten der Erde mir die ersetzen! Erika (ihm übers Haar streichend) . Armer Junge! Fritz (mit mattem Aufleuchten) . Du streichst mir übers Haar? Erika . Weil nun du mein krankes Kind bist. Fritz . Mütterchen! Erika . Aber grad, wo du schon so lang' dich damit abquälst, konnt' ich mir nicht erklären . . . Fritz . Weshalb ich dem Unwesen noch kein Ende gemacht habe? Nichts, was auf friedlichem Weg dazu führen konnte, ließ ich unversucht. Und als ich dem schwerhörigen Biedermann schärfer auf den Leib rücken wollte, da war er mit einemmal verduftet. Geschäftsreise nach Südamerika, ohne Adresse zu hinterlassen. Erika . Er ist wieder hier. Fritz . Zinkendraht? Erika . Ich bin ihm auf der Straße begegnet. Fritz . Hurra, der Fuchs ist in der Falle! Ja, das schwör' ich dir, diesmal entgeht er mir nicht. Nun 96 fass' ich ihn schonungslos und lasse nicht locker, bis ich wieder reingewaschen dastehe vor mir und vor dir. Erika . Aber wenn er dickfellig bleibt? Fritz . Dann . . . doch das werd' ich dir zeigen, schwarz auf weiß. (Es läutet. Kurz darauf hört man im Vorzimmer Stimmen.) Erika . Du willst ihm schreiben? Fritz . Sofort. Damit du mit eigenen Augen siehst, wozu ich entschlossen bin. Erika (nickend) . Gut. Fritz. Nur drei Minuten Geduld. (Ab links Mitte.) Achter Auftritt Erika . Schellander . (Zuletzt) Fritz Joseph (hat schon kurz vor dem Abgang von Fritz die Tür rechts Mitte geöffnet; zu Schellander, der im Vorzimmer sichtbar wird, nach rechts vorn deutend) . Herr Professor werden erwartet, dort im Atelier. (Er läßt ihn eintreten, schließt hinter ihm die Tür.) Schellander (geht nach rechts vorn, sieht Erika, bleibt überrascht stehen) . Hier find' ich Sie, Fräulein Götz! Daheim sucht' ich nach Ihnen vergebens. Erika . Da ich heute dienstfrei bin . . . Schellander . Drum hinterlegten Sie mir meuchlings ein Schriftstück . . . Erika . Schriftlich sagt sich so etwas leichter. Schellander . Ich bin ja wie vor den Kopf geschlagen. Erika (nach rechts deutend) . Sie werden erwartet. Schellander . Nur ein Wort! Erika . Nicht hier. Nicht jetzt. Schellander . Machen Sie's kurz. Nehmen Sie Ihre Kündigung zurück! Ich bitte Sie darum. Erika . Unmöglich. 97 Schellander . Soll ich Ihnen nochmals beteuern, daß Sie mir vollkommen unersetzlich sind? Erika . Niemand ist unersetzlich, Herr Professor. Es gibt so viele Sekretärinnen . . . Schellander . Keine wie Sie. Fordern Sie, stellen Sie Bedingungen; sie sind im voraus gewährt. Erika . Es geht beim besten Willen nicht. Schellander . Aber so nennen Sie mir zum mindesten den Grund! Haben Sie sich über mich zu beschweren? Bin ich seit jener kleinen Lektion nicht von unwahrscheinlichster Musterhaftigkeit gewesen? Erika . Note eins. Schellander . Was in Teufels Namen kann Sie also veranlassen . . . Erika . Wenn Sie durchaus darauf bestehen . . . Ich wollte nicht abwarten, bis Sie mir kündigen würden. Schellander . Ich Ihnen?! Niemals hätt' ich das getan. In hundert Jahren nicht. Erika . Sie wären vermutlich dazu gezwungen gewesen. Schellander . Gezwungen? – Holla, nun dämmert's mir! Meine Frau . . . sie hat Ihnen hinter meinem Rücken eine Szene gemacht? Erika . Mehrere. Schellander . Ah, das sieht ihr ähnlich! – Und für die Eifersucht, die grundlose Eifersucht meiner Frau wollen Sie mich so grausam büßen lassen? Erika . So ganz grundlos ist sie ja nicht – wenigstens insoweit sie Ihnen gilt. Schellander . Ein Zwang, Ihnen zu kündigen, meinten Sie? (Mit Entschluß.) Wie nun, wenn ich statt dessen ihr kündigte? Erika . Aber Herr Professor! 98 Schellander . Würden Sie in diesem Falle Ihren Brotherrn als Bräutigam akzeptieren? Erika . Dann hätt' ich ja drei. Schellander . Mich an Stelle der zwei andern. Sagen Sie ja – und ich lasse mich scheiden. Erika . Tun Sie das nicht. Ihre Frau ist noch immer die Beste für Sie, trotz allen Eifersüchteleien. Eine andere war' Ihnen längst davongelaufen. Schellander . Ihnen könnt' ich treu sein. Erika . Wie lang'? Schellander . Ewig! Denn ich liebe Sie. Ich liebe Sie so unsinnig, wie ich noch kein Weib geliebt habe. Erika . Na, na. Schellander . Sie zweifeln? Erika . Wie vielen vor mir haben Sie das schon gesagt? Schellander . Noch keiner hab' ich je gesagt, daß ich um ihretwillen mich von meiner Frau scheiden lassen will. Erika . Weil Sie es noch bei keiner nötig hatten. Schellander . Sie sind hart wie ein Kiesel. Erika . Da täuschen Sie sich sehr. Ich schmelze nur nicht in jedem Feuer. Schellander . Haben Sie denn gar nichts für mich übrig? Erika . O doch. Sie hätten mir sogar mehr imponiert als irgend einer, wenn nicht . . . Schellander . Wenn nicht? Erika . Wenn ich Sie nicht aus zu großer Nähe gesehen hätte. Schellander . Das . . . das ist bitter. Erika . Lieber Herr Professor, es ist noch viel bitterer 99 für mich, daß ich in bezug auf die Männer so durchdringende Augen habe. Denn vielleicht blüht mir deshalb, ganz gegen meinen Wunsch, das Schicksal, sitzen zu bleiben. Schellander (bewegt) . Fräulein Erika . . . Fritz (kommt von links Mitte, mit einem offenen Brief) . So. (Er sieht Schellander.) Guten Tag. Schellander . Guten Tag, Herr Jürgens. Erika (zu Schellander.) Lassen Sie jetzt Ihre Seele malen. Schellander . Das Gemälde wird sehr dunkel ausfallen. (Ab rechts.) Neunter Auftritt Fritz . Erika . (Gleich darauf) Zinkendraht Fritz . Hör' zu. (Es läutet.) Ich hoffe, du wirst zufrieden sein. (Vorlesend.) »Sehr geehrter Herr!« (Im Vorzimmer erhebt sich ein Wortwechsel.) Was gibt's denn da? (Er geht zur Tür rechts Mitte, öffnet sie, so daß dahinter Zinkendraht und Joseph zum Vorschein kommen. Zu Erika.) Lupus in fabula! Joseph (draußen) . Der Meister sind jetzt nicht zu sprechen. Zinkendraht (murmelt etwas ärgerliches) . Fritz (nach dem Vorzimmer gewandt.) Nur näher, Herr Zinkendraht. Mir kommen Sie wie gerufen. (Zu Erika, die ihn fragend ansieht.) Du mußt bleiben – als Zeugin. Erika (nickend) . Gut. (Sie zieht sich während des Folgenden allmählich hinter die Bilder und in die Nische zurück und wird nur hie und da in gespannter Aufmerksamkeit sichtbar.) Zinkendraht (eintretend) . 'morjen. Fritz . Mir ein ganz besonderes Vergnügen, Sie nach so ausgedehnter Abwesenheit wiederzusehn. Zinkendraht . Wollte eigentlich zu Ihrem Freund. 100 Aber egal. Können's ihm ja ausrichten. Sache nämlich, die auch Sie angeht. Möchte großes Mirakulinplakat bei ihm bestellen, erstklassigen Schlager, neumodisch, brillant, fulminant – na, verstehen schon. Fritz (mit Blick nach Erika hin) . Freilich, die Sache geht auch mich an. Zinkendraht (jovial) . Hoho, will's glauben. Was habe Ihnen prophezeit? Bombenerfolg in allen fünf Weltteilen. Meine Geschäftsreise nach Uebersee Schlußstein gewesen. Kein Südamerikaner mehr ohne Mirakulin. Fritz . Wie sehr diese Sache mich angeht, war ich grad im Begriff Ihnen zu explizieren. (Er reicht ihm den Brief.) Da. Sie ersparen mir das Porto. Zinkendraht (nachdem er den Anfang überflogen hat) . Ist doch die Möglichkeit! Immer noch Ihre alten Mucken! Fritz . Lesen Sie zu Ende. Zinkendraht (weiterlesend) . Sind Sie schief gewickelt? Haben Sie Tinte getrunken? Fritz . Unwiderruflich, Herr Zinkendraht. Entweder, oder! Zinkendraht . Tolle Zumutung, jetzt, wo Artikel prosperiert, von mir zu verlangen . . . Fritz . Ixmal zuvor hab' ich von Ihnen verlangt, Sie sollen die falschen Anpreisungen unterlassen. Zinkendraht . Ixmal habe Ihnen erwidert, daß mit meinem Eigentum anfangen kann, was mir beliebt. Fritz . Ihr materielles Eigentum, aber nach wie vor mein geistiges. Zinkendraht . Größenwahn. Clou ist von mir. Name. Der hat's gemacht. Ausschließlich. Fritz . Einerlei, es ist mein Präparat, mit dem Sie unter diesem Namen einen unerhörten, beispiellosen Gimpelfang betreiben. Und weil ich das nicht länger 101 verantworten kann, weder vor meinem Gewissen, noch vor der Oeffentlichkeit, drum stelle ich Ihnen die Bedingung . . . Zinkendraht . Haben Sie mir beim Vertrag Bedingungen gestellt – he? Wo an jedem Finger zehn solcher lumpigen Mittel hätte haben können? Nee, nee; wußten wohl, warum. Aber hinterher, wo Name und Präparat nicht mehr zu trennen sind, da drohen Sie mir damit, mir Geschäft zu verderben! Fritz . Vielmehr es von der Verderbtheit zu säubern. Zinkendraht (wird sentimental) . Das ist mein Lohn dafür, daß mir Nächstenliebe partout nicht abgewöhnen kann. Das ist mein Dank, weil mich menschenfreundlich Ihrer angenommen, Sie vorm Verhungern gerettet, Ihnen Stelle in der Fabrik verschafft habe! Fritz . Ein ungleicher Handel trotz alledem. Denn ich hab' Ihnen meine Seele verkauft – preiswürdig, allzu preiswürdig. Zinkendraht . Aha! Pfeift der Wind aus dem Loch? Die Kiste kennt man. Edelmütige Gewissensbisse, zum Zweck von kleinem Erpressungsversuch. Fritz (auf ihn zu) . Herr!! Zinkendraht (zurückweichend) . Sachte, sachte! Bin kein Unmensch. Leben und leben lassen. Erkläre mich meinethalb aus freien Stücken zur Nachzahlung bereit. Soll mir eventuell sogar, bloß des lieben Friedens wegen, nicht ankommen auf Gewinnbeteiligung. (Zwinkernd.) Na? Einverstanden? Fritz . Wie gut Sie mich kennen, Sie Menschenfreund, Sie! Keinen Pfennig mehr von Ihnen! Im Gegenteil, zurückerstatten will ich Ihnen das Sündengeld mit Zins und Zinseszins. Zinkendraht . Lachhaft! 102 Fritz . Will noch obendrein jede von Ihnen geforderte Summe drauflegen . . . ^ Zinkendraht . Wofür? Fritz . Für die Lösung, die Annullierung unseres Vertrags. Zinkendraht . Soviel Geld gibt's ja gar nicht. Fritz . Und wenn ich mir's von meinem Freund und von andern zusammenpumpen, und wenn ich mein Leben lang dran abzahlen muß . . . Zinkendraht . Schlaumeier! Ums Geschäft auf eigene Rechnung zu machen! Fritz . Nein, um das Mittel aus dem Handel zu ziehn. Zinkendraht (greift sich an den Kopf) . Reitet Sie denn der Satan? Ein allseitig anerkanntes Wundermittel! Siegreich über die gesamte Konkurrenz, im Gebrauch von hohen und höchsten Herrschaften, beglaubigt durch Tausende von Dankschreiben, attestiert von allen Autoritäten, Kapazitäten, Fakultäten – das wollen Sie aus dem Handel ziehn?! Fritz . Oder durch die Gassen rufen, so laut ich kann, daß es Schwindel ist, gemeiner, niederträchtiger Schwindel. Zinkendraht . Da dürften Sie sich verrechnen. Eklig verrechnen. Fritz . Abwarten! Zinkendraht (außer sich, schreit) . Dann werden Sie nur sich selbst 'reinlegen, nur sich allein. Denn der Schwindel ist von Ihnen! Dann verklage Sie auf Schadenersatz. Dann überliefre Sie der Staatsanwaltschaft. Dann bringe Sie ins Gefängnis, ins Zuchthaus! Fritz (schreit ebenfalls) . Erst sehn, wem man mehr Gehör schenken wird – Ihnen oder mir. Zinkendraht . Sie Hanswurst! Fritz . Sie Spitzbube! 103 Zehnter Auftritt Vorige . Klaus , Schellander (von rechts) Klaus (auf der Schwelle) . Was geht hier vor? Zinkendraht . Ihr Freund ist übergeschnappt. Schellander . Wie? Zinkendraht . Tobt wie besessen, weil Plakat von Ihnen wünsche; Kostenpunkt Nebensache. Klaus . Fritz, du hättest . . .? Zinkendraht . Führt konfuse Schimpfreden gegen seine eigene Erfindung. Schellander . I, warum nicht gar. Fritz . Ein Schmarren ist sie, meine Erfindung. Zinkendraht . Was sagen Sie, Herr Professor?! Fritz . Ein elender Schmarren! Schellander (zu Klaus) . War er schon öfter so? Klaus . Seit Wochen stark überreizt. Fritz . Eine schundmäßige Dutzendmixtur, die dieser Handelsmann da mißbraucht hat zu einem heillosen, skrupellosen Massenbetrug. Schellander (überlegen) . Allerdings, wenn so der Urheber eines Heilmittels spricht, auf das er stolz sein müßte . . . Fritz . So ist das wohl Beweis genug. Schellander . Beweis genug für Ihre momentane Sinnesverwirrung. Fritz . Umgekehrt! Sie, Herr Professor, haben sich den Sinn verwirren lassen. Schellander (lächelnd) . Ich? Fritz . Sie, der ursprünglich den Humbug durchschaut hat, ihn bekämpfen wollte und zuletzt ihm ebenfalls glatt zum Opfer fiel. Schellander (wird ernst) . Da muß ich doch sehr 104 energisch bitten. Ich falle keinem Humbug zum Opfer. Wenn ich anfangs gegen das Mittel mich skeptisch verhielt, so lag das nur an meiner extremen ärztlichen Gewissenhaftigkeit. Aber die Wucht der Tatsachen, die Erfahrungen der Praxis und vor allem die unfehlbare Promptheit, mit der es jedesmal bei mir selber wirkt, haben mich mehr und mehr von seinen außerordentlichen Qualitäten überzeugt. Fritz . Benebelung! Selbsttäuschung! Schellander (ereifert sich) . Was? Mich, den Professor von Schellander, wollen Sie Lügen strafen? Sie?! Klaus . Wahnwitz! Zinkendraht . Unverschämtheit! Schellander . Mein wissenschaftliches Urteil wollen Sie anfechten, nachdem ich inzwischen mich sogar bewogen gefühlt habe, es Herrn Zinkendraht offiziell zu bescheinigen? Zinkendraht (zieht ein Schriftstück hervor) . Hier! Klaus (zu Fritz) . Den Mund wirst du gefälligst halten. Fritz . Nein, aufreißen werd' ich ihn, bis er alle Trommeln und Fanfaren übertönt. Ihr Hammelherde! Wenn ihr nicht weiter geschoren, geschröpft, beschummelt sein wollt, so glaubt nicht, glaubt nicht an das Mirakulin! Elfter Auftritt Vorige . Gräfin Gräfin (ist schon während der letzten Worte von rechts Mitte eingetreten, schießt nach vorn) . Hör' ich recht? Schellander . Ein Vater, Gräfin, der sein Kind verlästert. Gräfin (exaltiert) . Nicht glauben an Mirakulin?! Nicht glauben an meine Zuflucht, meine Labsal, meinen süßen Herzenstrost! (Aufkreischend.) Ah! Ah! Ah! Nehmt 105 mir meine Perlen, meine Juwelen, mein Vermögen, nehmt mir alles, alles bis auf nackte Haut, nur nicht den Glauben an das Manna, das mich aufrecht erhält. Fritz . Den Aberglauben! Gräfin (immer hysterischer) . Ah, soll ich betteln? Soll ich händeringen? Soll ich Kniefall tun im Namen der Tausende, denen Sie unbarmherzig rauben wollen, was Sie ihnen geschenkt? Höchste Wohltat! Einzige Hoffnung! Oh, was soll aus uns werden dann? Sollen wir hinwelken? Sollen wir hilflos schmachten? Sollen wir unrettbar zugrunde gehn? Fritz (verzweifelt) . Heiliger Herrgott! Schellander . Fassung, Gräfin. Ihm – ihm wird man nicht glauben. Ihn wird man, wenn er sich nicht eines Besseren besinnt, für unzurechnungsfähig erklären. Ich voran. Fritz . Ja, vielleicht werd' ich's noch wirklich, wenn ihr keine Barmherzigkeit habt mit mir! Ich kann ja – ich kann diese Last nicht mehr weiterschleppen. Zinkendraht . Total blödsinnig! Klaus (zu Schellander) . Was fängt man mit ihm an? Erika (die sich aus dem Hintergrund langsam genähert hat, tritt plötzlich dazwischen) . Lassen Sie mich mit ihm allein. Ich will versuchen, ihn zur Besinnung zu bringen. Schellander . Schön. Klaus (zu Erika, leise) . Falls er vorhaben sollte, mich mit zu kompromittieren . . . Erika . Geh nur. Klaus (zu den andern) . Kommen Sie, meine Herrschaften. (Klaus, Schellander, Gräfin, Zinkendraht ab rechts.) 106 Zwölfter Auftritt Fritz . Erika Erika (sich ihm nähernd) . Drachentöter . . . Fritz (erschöpft) . Du hast gehört. Erika . Alles. Fritz . Alle miteinander blind! Alle verschworen gegen den einen, der sie sehend machen will. Erika . Nun setz' dich mal hin, ganz still, ganz muckenstill. Fritz . So gib mir doch einen Rat! So sag' mir doch, wie ich ihnen beikommen soll! Erika . Wenn ich nun aber fände, daß sie Recht hätten? (Bewegung von Fritz.) Still sollst du sein. – Wenn sie Recht hätten, und wir zwei wären im Unrecht gewesen? Fritz . Das fragst mich – du?! Erika . Ja, ja, ob du mich auffressen wirst oder nicht – ich schaue das Ding jetzt mit andern Augen an, mit ganz andern. Fritz . Im Unrecht – wir? Erika . Auch ich, daß ich dir's nur gestehe, bin ins Lager der Gläubigen übergegangen. Fritz . Ist das dein Ernst? Erika . Auch ich zweifle nicht mehr an der Zauberkraft des Mirakulin. Fritz . Willst du mich verhöhnen? Erika . Warum könntest du bei seiner Zusammensetzung nicht unbewußt einen glücklichen Griff getan haben? Hob noch nie einer einen Glassplitter auf, der sich hinterdrein als Edelstein erwies? Sind nicht viele große Entdeckungen auf solche Art zustand gekommen? Fritz . Undenkbar! Erika . Aber auch wenn deine Mixtur der Quark sein sollte, für den du sie hältst, ist denn damit 107 ausgemacht, daß sie den Leuten nichts hilft? Behüte, sie hilft ihnen wahr und wahrhaftig, eben, weil sie dran glauben. Denn der Glaube macht nicht nur selig, sondern auch gesund. Fritz . Illusion! Erika . Meinethalb Illusion. Doch sträuben sie sich dann nicht mit gutem Grund gegen dein Bemühen, eine so heilsame, so wundertätige Illusion ihnen wieder zu entreißen? Fritz . Gleichviel, ich lass' nicht ab. Erika . Was nützt es? Dein Mittel mag verschwinden; das Mirakulin rottest du darum nicht aus. Das war ewig und wird ewig sein, nur daß es von Zeit zu Zeit seinen Namen wechselt. Fritz . Werd' ich dadurch freigesprochen? Erika . Sprich dich selber frei. Fritz . Mit dem Profit in der Tasche? Erika . Kehr' die Tasche um. Fritz . Ja, die tausend Taler stift' ich einer Idiotenanstalt. Und die Stelle von Zinkendrahts Gnaden, die tret' ich nicht an. Erika . Die Stelle, die dir Gelegenheit gibt, deine richtigen Erfindungen auszuführen? Weißt du, was das wäre, du Strudelkopf? Narretei wäre das, schlimmer noch, Fahnenflucht. Nein, sprich du dich frei durch deine künftigen Taten. Zeig' mit ihnen der Welt, daß du was Besseres kannst. Fritz . Erst die Kraft wiederfinden! Erika . Ei, nimm dir ein Beispiel an Klaus. Fritz (auffahrend) . An dem! Erika . Seine Kraft hat sich verdoppelt. Fritz . Weil er ein Gaukler geworden ist, unehrlich bis in die Knochen. 108 Erika . Oder weil er das Selbstvertrauen gefunden hat, das dir verloren ging. Darin zum mindesten ist er heut so ehrlich wie damals du. Fritz . Wie warm du ihn verteidigst! Erika . Ich sehe bloß auch ihn jetzt in anderem Licht. Fritz (bitter auflachend) . Haha, begreiflich! Erika . Glaubst du, daß es ihm besser ginge als dir, wenn er gegen seinen Erfolg protestierte? Und wer sagt uns denn, ob nicht tatsächlich jener sogenannte Zufall den eigentlichen Klaus aus dem Ei schlüpfen ließ? Wer sagt uns, ob das gemalte Mirakulin dort auf der Leinwand eine neue Kunst nur in der Illusion ist oder in Wirklichkeit? Dürfen wir ihm da einen Strick daraus drehen, daß er die Leute ernst nimmt, die ihn ernst nehmen? Fritz (zwischen den Zähnen) . Gut so! Gut so! Hab' Dank. Erika . Was ist dir? Fritz . Mich hast du nun endgültig von jeder Illusion befreit. Erika . Ich verstehe nicht . . . Fritz (leidenschaftlich) Wozu verschwendest du noch Worte an mich? Wozu kümmerst du dich noch um den läppischen Tropf, der alles, was er tat, getan hat einem Phantom zulieb? Der sich untreu wurde um einer Treue willen, die nicht verlangt wurde und nicht erwidert! Der nur von dem einen Gedanken beherrscht war, sorgen zu können für . . . ha, was liegt dran, für wen. Als hätt' ihn das jemand geheißen! Als hätt' er nicht hundertfach merken können, der Tölpel, wieviel es geschlagen hat! So lach' ihn doch nur aus, er verdient es nicht besser. Und dann überlaß ihn getrost seinem Schicksal. 109 Erika (bittend) . Fritz! Fritz . So geh doch nur, geh! Erika . Aber . . . Fritz . Warum zögerst du? Hält eine letzte Rücksicht dich noch gefesselt, ich enthebe dich davon. Geh, wohin dein Herz dich zieht, und wo du sicherer geborgen bist. Zu dem Glänzenderen, Kraftvolleren, Erfolgreicheren. Ich, um dir die längst getroffene Wahl zu erleichtern, ich leiste zu seinen Gunsten Verzicht. Dreizehnte Scene Vorige . Klaus . Gräfin (von rechts) Klaus (auf der Schwelle, unruhig) . Nun, nimmt er Vernunft an? Gräfin (dicht hinter ihm erscheinend) . Ah, mein Verlobter ist so besorgt um seinen Freund . . . Fritz . Verlobter?! Gräfin . Ja, der teure Meister und ich . . . Klaus (sehr verlegen) . Aber das sollte doch noch gar nicht . . . Gräfin . Weshalb es vor deinen nächsten Freunden geheim halten, Geliebter? Fritz (drohend auf Klaus zu) . Du – du hast . . . Klaus (ängstlich) . Noch immer aus dem Häuschen? (Er geht, die Gräfin begleitend, mit ihr ab rechts Mitte.) Vierzehnter Auftritt Fritz . Erika Fritz (ausbrechend) . So ein Lump! Erika . Jetzt kann ich unbehindert zu Tante Therese gehn. Fritz . So ein Jämmerling! 110 Erika . Denn meine Bräutigams bin ich nun glücklich los, alle zwei. Fritz . Auf eine Frau wie dich verzichten! Erika . Das hast du ja auch getan. Fritz . Weil du ihn liebst. Erika . Hellseher du! Fritz . Ihn von jeher geliebt hast. Erika . Eine Zeitlang hab' ich's mir eingebildet. Aber sobald ihr die Rollen tauschtet, er übermütig wurde und du kleinmütig, da war mir mit einem Schlage klar, daß er mir nur leid getan hat. Fritz . So sprichst du, weil nun ich dir leid tue – und trägst dabei sein Bild auf der Brust! Erika . Das war einmal. Fritz . Das Medaillon ist leer? Erika (löst es von ihrem Hals und reicht es ihm) . Schau nach. Fritz (von einem Argwohn durchzuckt, nimmt es widerstrebend) . Der Dritte! Erika . Der Eine. Fritz (hat es geöffnet, taumelt) . Aber das ist ja . . . das bin ja . . . O mein Gott! (Er faßt sich nach dem Herzen, sinkt, einer jähen Betäubung unterliegend, auf einen Sessel.) Erika (bestürzt) . Fritz! Was hast du? – Komm zu dir! – Fritz! Um Himmels willen! (Sie eilt zur Tür rechts, reißt sie auf, ruft hinein.) Herr Professor! Herr Professor! Fünfzehnter Auftritt Vorige . Schellander , Zinkendraht (von rechts). Klaus , Gräfin (von rechts Mitte zurückkehrend) Schellander (hereineilend) . Was gibt's? Erika . Sehen Sie! Er ist bewußtlos. 111 Schellander (bei Fritz) . Eine Ohnmacht. Erika . Helfen Sie! Schellander . Nichts leichter als das. Zwei Tabletten Mirakulin. (Er zieht eine Glasröhre hervor.) Erika . Die nimmt er nicht. Er stirbt lieber. Schellander . Er wird nicht lang' gefragt. (Er nimmt die Tabletten heraus.) Fritz (macht, halb zu sich kommend, eine Bewegung) . Zinkendraht . Er rührt sich. Klaus . Er wird sich wehren. Schellander . Halten Sie ihn fest. (Zu Fritz.) Schlucken Sie mal, Verehrtester. (Während Klaus und Zinkendraht ihn an je einem Arm halten, stößt er ihm die Tabletten ein, die er mechanisch schluckt.) Eins. Zwei. – Sind schon drunten. Fritz (schlägt die Augen auf, selig lächelnd) . Kreatürchen . . . Schellander . Wirkt im Nu. Klaus . Fabelhaft. Erika . Wie fühlst du dich? Fritz (aufspringend) . Wie neugeboren. Schellander . Wissen Sie auch, wodurch? Fritz (zu Erika gewandt, innig) . O ja! Ein Wundermittel gibt mir die alte Kraft zurück. Zinkendraht (triumphierend) . Endlich glaubt er dran.