Bertha Pappenheim Frauenrecht * Schauspiel in drei Aufzügen von P. Berthold (1899) Personen:   Redakteur Dr. Martin Scholl .   Alice , seine Frau.   Weidmann .   Hausmädchen bei Scholl.   Susanne Helfrich , Arbeiterin.   Martha , ihr Kind, 5 Jahre alt. Arbeiterinnen: Katharina Posinger Apollonia Kramer Anna Brand Elisabeth Brand Lisa Schuck Kätchen Maiberger   Frauen und Mädchen. Kinder. Schwester Clara. Polizeikommissar. Schutzmann. Ort der Handlung: eine moderne süddeutsche Stadt. Der zweite und dritte Aufzug spielt 4 Monate nach dem ersten. Erster Aufzug. Eine Dachkammer. Rechts ein großes Bett und ein Kinderbett. Gegenüber ein kleiner Kochherd und eine Kommode. In der Mitte ein kleiner Tisch mit einer Petroleumlampe. Susanne Helfrich arbeitet an der Nähmaschine ohne die Arbeit zu unterbrechen, während sie mit dem Kinde spricht. Martha sitzt auf einem Schemel neben der Maschine und spielt mit einer Puppe. Martha. Mutter, ich habe Hunger. Susanne. Du mußt noch ein bischen warten, denn wenn Du jetzt schon die Kartoffeln aus dem Topfe holst, dann bist Du vor dem Schlafengehen wieder hungrig, und dann giebt's nichts mehr. Martha (nach der Kommode gehend, auf der ein Brödchen liegt). Aber da liegt ja ein Brödchen! Susanne. Weißt Du nicht, für wann das bestimmt ist? Martha. O ja, für morgen früh. Susanne. Und wenn Du es heute ißt, was muß die Mutter morgen thun? Martha. Ein anderes kaufen. Susanne. Wenn sie so viel Geld hat. Du kannst doch zählen. Zähle einmal die Pfennige, die dort in der Tasse liegen. Martha. (nimmt Scheidemünzen aus einer Tasse, die auf der Kommode steht). Ein Stück mit zehn und eins mit fünf d'rauf und fünf braune Pfennige. Susanne. Das sind zusammen zwanzig Pfennge. Weißt Du, für was die gehören? Martha. Zwanzig Pfennige Schulgeld für den Kindergarten. Susanne. Weißt du auch, was ein Brödchen kostet? Martha. Drei Pfennige. Susanne. Ja, die frischen, aber wir kaufen doch nur trockene Brödchen, was kosten die? Martha. Zwei Pfennige. Susanne. Weil also zehn Brödchen soviel kosten, wie Dein Schulgeld, darffst Du nicht jeden Abend ein Brödchen essen, sonst könntest Du nicht jeden Tag in den Kindergarten gehen. Du mußt aber in den Kindergarten gehen; Du darffst Dich nicht auf der Straße herumtreiben und ungezogen werden und häßliche Worte lernen und im Schmutz spielen. Verstehst Du das? Martha. Ja, ich hätte aber doch gerne das Brödchen. Susanne. Sing' indessen was, bis die Mädchen kommen, Martha! Martha. Sing mit mir, Mutter. Susanne. Ich kann nicht mehr singen, Kind. Ich habe Schmerzen im Hals und Stiche in der Brust. Ich will Dir lieber zuhören. Martha (singt). Kommt ein Vogel geflogen, Setzt sich nieder auf mein Fuß, Bringt ein Brieferl im Schnaberl Und vom Vater einen Gruß! – Wann kommt der Vater? Susanne (die Arbeit lassend). Das weiß ich nicht. – Ich höre Jemand kommen, mach die Thüre auf, daß es auf der Treppe nicht so finster ist. (Martha macht die Thüre auf und kehrt zu ihrer Puppe zurück). Katharina (mit einigen Frauen und Mädchen). Heut' hätt' ich beim Abliefern alles krumm und klein schlagen können. Apollonia und die Frauen. Guten Abend. Susanne. Guten Abend miteinander. Anna und Elisabeth (eleganter gekleidet als die andern, etwas geziert). Guten Abend. Susanne. Wir sind doch noch nicht alle beisammen? Katharina. Nein. Die Lisa und die Maiburger haben auch gesagt, daß sie kommen und noch ein paar andere mitbringen. Wahrscheinlich hält sie ihr lieber Werkmeister noch fest. Hast Du Nachrichten aus Berlin? Susanne. Keine direkten Nachrichten und auch keine bestimmte Zusage vom Berliner Komitee, aber eine Zeitung, sag ich Dir, eine Zeitung. (Holt unter ihrem Kopfkissen ein Blatt hervor.) Es steht viel auf dem Spiel. Bist Du der Genossinnen aus Deiner Fabrik sicher? Katharina. Seitdem sie wissen, was mir heute passiert ist, stehen die meisten zu mir. Anna, Elisabeth! Ihr zwei Modeaffen thätet auch gescheidter zuzuhören, als Euch beständig in dem Spiegel zu begucken. Anna. Was geht's Dich an, wohin mir gucken! Elisabeth. Wir sind mit dem Spiegelgucken weiter gekommen, als Du mit Deiner Stubenbesenfrisur. Wenn Dich ein Mannsbild nur zufällig sieht, schaut er schnell wieder weg. Unsereins hat doch noch einen Anhalt, wenn einem die Konkurrenz das Brod vor'm Mund wegnimmt. Katharina. Den Anhalt und wie lang der dauert, kennen wir schon. Susanne. Ja, leider. Deshalb müssen wir zusammenstehen und zusammenhalten und uns nicht bewuchern lassen in unserer Arbeit und in unserer Ehre. Anna. Na, beruhigt Euch nur. Wir sind da und wollen mitthun. Unzufrieden sind wir ja auch und Ausstand und Strike, das kann unter Umständen sogar ganz lustig werden. Elisabeth. Wenn es so eine Art verlängerte Sonntagsruhe mit Unterstützung vom Komitee wird. Susanne. Elisabeth, was fällt Dir ein! Deshalb wollen wir nicht zusammenkommen, um dem Leichtsinn und der Faulheit das Wort zu reden. Anna. Schon recht. Wo Du die feinen Wörter und die schönen Redensarten her hast, das wissen wir. Du bist die letzte, die von Leichtsinn reden darf, warst selber nicht besser. Elisabeth. Aber wenn man jahrelang so einen feinen, gebildeten Umgang mit einem Herr Doktor hat, und Bücher liest und ins Theater geht, da bleibt immer was hängen, das nach dem Herrn Pfarrer riecht. Susanne. (drängt ihr Kind zur Thüre hinaus, indem sie ihm einen Milchtopf in die Hände giebt). Martha, geh mal rasch und hol die Milch für morgen früh. Frau Diehl wird sie auch einmal aufschreiben. Anna. Das ist aber noch kein Grund, daß sich unsereins Leichtsinn und Faulheit vorwerfen zu lassen braucht. Katharina. Jetzt wird's mir aber zu bunt. Wegen verlängerter Sonntagsruh und Unterstützung vom Komitee sind wir nicht da. Wenn Ihr zwei Schneegäns nur herkommt um Abwechslung in Euere sauberen Vergnügungen zu bringen, dann geht von mir aus dahin, wo der Pfeffer wächst. Damit wäre unserer Sache besser gedient, als wenn Ihr hier herumsteht, Maulaffen feil haltet und Euere schöne Physionomie im Spiegel beguckt. Und was nun die Susanne da betrifft, die zu all Eurem Gerede nur schweigt, so wißt, daß die meine Freundin ist, und daß ich deshalb nicht schweigen kann. Ihr seid nicht wert, ihren Namen in den Mund zu nehmen. Susanne ist nicht schuld an ihrem Unglück, aber Ihr – Ihr seid Gassendirnen! Anna. Ich finde, es fängt an, in diesem Lokal ungemütlich zu werden. Elisabeth. Du hast Recht. Wir wollen gehen, aber Ihr sollt noch von uns hören. Adieu, »Genossinnen«. (Katharina öffnet den beiden mit bezeichnender Gebärde die Thüre. Im Fortgehen treffen sie auf Lisa Schuck und die Maiberger, die mit noch mehreren Arbeiterinnen kommen). Die Kommenden. Guten Abend, guten Abend! Katharina. Warum seid Ihr so spät? Lisa. Der Maiberger ist's wieder schlecht geworden. (Kätchen Maiberger sinkt auf den Rand von Susannes Bett nieder. Susanne macht ihr am Herd eine Tasse Kaffee zurecht, die Kätchen müde und gierig trinkt.) Lisa. Denkt Euch die Gemeinheit! Der Werkmeister, selbst ein fauler Kerl, schließt uns oft stundenweise ein. Er sagt, damit die Zeit, die seinem Herrn gehört, nicht verbummelt wird, er sitzt aber derweil im Wirtshaus. Nun wird dem Kätchen wieder einmal mitten in der Arbeit totenübel und sie bekommt Nasenbluten. Das Hemd, an dem sie arbeitet, wird fleckig und weil sie wegen der verschlossenen Thüre nicht an die Wasserleitung kann, wird auch der Boden schmutzig. Apollonia. Und nun verlangt der Werkmeister, daß sie das Hemd ersetzt. Ein anderes Mädchen. Aber das mit den Blutflecken darf sie nicht behalten. Eine Andere. Und er verlangt 90 Pfennig Ersatz und daß sie den ganzen Boden putzt. Apollonia. Den Boden haben wir ihr geputzt, aber die 90 Pfennig konnten wir am Donnerstag nicht mehr zusammenbringen. Kätchen Maiberger (leise) . Und nun hat er mir gekündigt und ich kann wo anders so schwer ankommen, weil ich immer so blaß aussehe. Katharina. Wie arbeitest Du? Kätchen. Knopflöcher, das Hundert 4 Pfennig. Ich komme auf nicht mehr als 6,50, denn wenn ich schneller arbeit, wird mir's schwindlig und ich komme nicht einmal auf die Zahl. Katharina. Aber Du kannst doch zur Arbeit ausgehen. Was soll ich und die Lore Dister machen, sie mit ihren 6 Bälgern und ich mit der kontrakten Mutter? Wir können nur Heimarbeit annehmen, das Dutzend Korsetten für 1,20. Und nun denkt Euch die Gemeinheit, ich hätte beim Abliefern dem Bluthund heute am liebsten eins ins Gesicht geschlagen und Alle, die dabei gestanden sind, waren ganz außer sich, wie er mir für meine 3 Dutzend nur 3,30 geben will, weil eine Postbeamtensfrau ihm das Dutzend für 1 Mark liefern will. Natürlich, die kanns! Die sitzt im Speck, der ihr Mann kriegt jeden ersten sein schönes Gehalt und einen Rock mit goldenen Knöpfen, was wir mit unsern Steuern bezahlen müssen. Susanne (erregt vortretend). Deshalb, gerade deshalb, weil wir uns diese Schändlichkeiten und Ungerechtigkeiten nicht länger gefallen lassen wollen, müssen wir sehen, daß es anders wird. Weil wir aber nirgends einen Annehmer haben, müssen wir uns selbst helfen. Eine allein kann's natürlich nicht, auch nicht zwanzig und auch nicht die Arbeiter von einer Fabrik oder von einer Stadt. Überall, in der ganzen Welt, in England, in der Schweiz, hier und in Berlin muß es auf einmal losgehen und den Herren Fabrikanten bewiesen werden, daß sie ohne uns nichts sind und nichts ausrichten können, – daß sie zu Grund gehen müssen, wenn wir nicht mehr für sie arbeiten wollen. Alle. Wir wollen's ihnen beweisen. Susanne. Es ist nicht wahr, daß wir ungehörige Forderungen stellen, wie die Herren im Comptoir immer sagen. Sie sollen's nur einmal probieren, die feinen Damen und von aller Herrgottsfrühe bis in die sinkende Nacht hinein arbeiten und arbeiten wie ein Karrengaul und dabei kaum das Salz aufs Brot verdienen! Und wenn wir uns dann halb tot geschunden haben, wenn dann die Kinder in Lumpen gehen und auf der Straße verlottern, dann kommen die Damen mit ihrem Mitleid und mit ihrer Wohlthätigkeit und fragen uns die Seele aus dem Leib, bevor sie einen halben Centner Kartoffeln bewilligen. Wir wollen aber nichts geschenkt haben und wir brauchen auch nichts geschenkt, wenn wir für unsere Arbeit bezahlt werden, wie sich's gehört. Wir wollen unser Recht. Ich verlange mein Recht und das Recht für mein Kind – und für alle Kinder, deren Väter sie vergessen und verleugnen. – Heute habe ich Euch mir hierher bestellt, um Euch etwas Wichtiges zu sagen. Es ist ein großer allgemeiner Ausstand geplant, auf den müssen wir uns vorbereiten, damit wir ihn durchsetzen und aushalten können. Pfennigweise müssen wir sparen, damit wir einen Zehrpfennig haben, wenn es in vier Wochen losgeht. Haltet Euch Alle bereit, werbt und erklärt und was Ihr nicht sagen und erklären könnt, das findet Ihr hier. (Holt einen Stoß Flugblätter aus ihrem Bett und verteilt sie.) Lest, verteilt die Blätter, insgeheim, vorsichtig – – hier – hier. Katharina. Mir mehr, denn ich kenne Viele, die wir brauchen können. (Man hört Tritte vor der Thüre. Ein Polizeikommissar und ein Schutzmann treten ein.) Kommissar. Ich sehe, daß die Angaben, die eben von zwei Frauenspersonen auf dem Revier gemacht worden sind, auf Wahrheit beruhen. Hier ist eine Versammlung von Arbeiterinnen, die der Polizei nicht gemeldet ist. Ich erkläre die Versammlung für aufgehoben. (Er nimmt der ihm zunächst stehenden Frau den Zettel aus der Hand und liest) »Aufruf an die Arbeiterschaft! Nieder mit den Unterdrückern.« (Zu dem Schutzmann.) Schreiben Sie Name und Adresse aller Anwesenden auf. Suchen wir nach weiteren Flugblättern und Schriften und was sich sonst an verdächtigen Indicien finden läßt. Wer ist der Inhaber dieser Wohnung? Susanne (vortretend) . Ich. Kommissar. Sie sind verhaftet. Wohnen Sie allein hier? Susanne. Mit meinem Kinde. (Martha kommt mit dem leeren Milchtopf zurück.) Martha, Martha, (umfaßt das Kind) unser Recht! Katharina. Um das Kind hab' keine Angst, ich sorg' für sie. Zweiter Aufzug. (Dr. Scholl sitzt an seinem Schreibtisch und arbeitet. Weidmann sehr modisch gekleidet tritt, ohne auf sein Anklopfen das Herein abzuwarten, ein). Weidmann (nachlässig mit auswärts gebogenem Ellbogen Scholl die Hand reichend) Tach! Scholl. Ei, der schöne Alex! Was verschafft mir das Vergnügen Deines Besuches? Weidmann (affektiert näselnd). Müssen Freunde einen Grund haben... Scholl (lachend). Na, na, bemühe Dich nicht, Alex. Was ist denn los, daß Du mich nach Wochen plötzlich wieder der Ehre würdig hältst, Deine letzte Modeschöpfung staunend zu bewundern? Weidmann (setzt sich) . Gar nichts los, – thatsächlich. Im Ernst, wie findest Du die Kravatte in Verbindung mit dem Ausschnitt der Weste? Es war nicht leicht, beides mit dem Jaquet so zu stimmen ... (tastet an dem Rock herunter.) Da habe ich übrigens ein paar Briefe... das heißt... Zuschriften, die ich Dir bei der Gelegenheit zeigen möchte. Scholl. Also doch. Weidmann. Nun ja, thatsächlich – weil ich doch gerade da bin – (reicht Martin einige Papiere) . Scholl. Gieb her. – Himmel! Lauter Rechnungen. Weidmann. Ja, aber die meisten genieren mich nicht. Die kleinen Leute, der böhmische Schneider mit seiner Sprache zum Totlachen und seinem fabelhaften Nachempfinden meiner Ideen, die Wäscherin, die hübsche Parfumöse, die warten, weil sie mich brauchen. Aber neulich Abend im Klub, – ich weiß nicht, wie es kam. Ich wettete, die Boutons der kleinen Rovati von der ersten Quadrille seien falsch. Ich wußte thatsächlich nicht, daß sie sie vom Grafen Trolskoi bekommen hatte. Er forderte mich, wir machten einen Gang und schieden als Freunde, – aber meine Wette gegen den Lieutenant von Sauritz habe ich verloren und die lumpigen paar Tausend mußten bezahlt werden. Wie Du siehst, habe ich deshalb etwas Geld aufgenommen, aber der Kerl nutzt meine Situation aus, und da dachte ich, Du würdest vielleicht... Scholl. Ich habe wirklich nicht das mindeste Interesse an den Boutons der Rovati und unsere Schulkameradschaft hat unter längeren Unterbrechungen schon so gelitten, daß ich Dir nur raten kann, Dich an Deinen Vater zu wenden. Weidmann. Ja, das ist eben die Sache. Seit der letzten chause beim Rennen will der Alte thatsächlich nicht mehr recht 'ran. Hat mir sogar das Ehrenwort abgenommen, regelmäßig ins Geschäft zu gehen. Zum Glück Familienehrenwort, sonst könnte ich jetzt nicht da sein. Also Du willst nicht? Scholl. Nein. Weidmann. Also reden wir von etwas anderem. Wo ist Deine Frau? Wie geht es ihr? Scholl. Danke, gut. (Etwas nervös.) Aber was geht Dich meine Frau an? Sie ist ausgegangen und noch nicht zu Hause und es dunkelt schon. (Zündet die Gaslampe auf seinem Schreibtisch an.) Bist Du ihr vielleicht begegnet? Weidmann. Leider nicht. Weißt Du, Martin, ich glaube, hinter dem Frauchen steckt viel mehr als Du denkst. Scholl. Und ich glaube, das könntest Du meiner eigenen Beurteilung überlassen. Weidmann. Mir macht es immer einen Höllenspaß, mich in ihrer Gegenwart scheinbar über sogenannte ernste Dinge zu unterhalten. Während sie sonst ganz still und apathisch dasitzt, blitzt es dann bei irgend einem Wort in ihren Augen, sie öffnet die Lippen, als wollte sie etwas sagen, schließt sie wieder – kurz, es steht ihr allerliebst. Scholl. Ich möchte Dich denn doch gebeten haben, Deine Beobachtungen und Studien an andern Frauen, als an der meinen zu machen. Ich dächte auch, das »Familienehrenwort« sollte Dich veranlassen, die Bureaustunden Deines Vaters einzuhalten. Weidmann. Du hast wirklich keinen Grund, auf mich eifersüchtig zu sein. Ich habe Dein Frauchen thatsächlich nur ganz objektiv beobachtet, weil ich finde, daß die Frauen jetzt im allgemeinen eine ganz veränderte Art annehmen. Man muß bei manchen ganz andere Saiten aufziehen als sonst. Da habe ich kürzlich durch Zufall – abends auf der Straße eine einfache Arbeiterin kennen gelernt, ich sage Dir, nicht beizukommen. Ich halte sie thatsächlich für anständig. Das giebt dem Frauenzimmer einen Reiz! Manchmal will sie mir gar nicht aus dem Sinn, diese Katharina. Scholl. (geht ans Fenster und sieht ungeduldig auf die Straße). Solche Mädchen aus dem Volke haben oft einen großen Fond von Gemütstiefe, manchmal mehr, als einem lieb ist. Weidmann. Katharina hat auch Verstand und ein merkwürdig schlagfertiges Urteil. Einigemal, als ich mich nicht abweisen ließ sie zu begleiten natürlich nur draußen in der Vorstadt – da meinte ich fast, sie hätte mich ausgeholt über alle möglichen Dinge und Verhältnisse, die sie gar nicht interessieren können. Scholl. Sie wird einen Schatz haben, der Sozialist ist. Weidmann (auffahrend) . Katharina Posinger hat keinen Schatz, darauf wette ich! Scholl. So viel als auf die Boutons der Rovati? Weidmann (die Bemerkung überhörend). Der Sache muß ich auf den Grund kommen, und sollte ich das Mädchen in ihrem zuhause aufsuchen müssen und mich bei den Nachbarsleuten erkundigen. Scholl. Welche Kravatte würdest Du zu dieser Expedition wählen? Weidmann. Du scheinst mir heute keinen guten Tag zu haben. Adieu Martin. Scholl. Adieu. (Sie reichen sich gleichgiltig die Hände. Weidmann geht.) Alice (kommt eilig und erregt vom Ausgehen nach Hause. Während sie spricht, legt sie Pelzmütze, Muff und Jäckchen ab). Wie froh bin ich, daß ich Dich noch treffe, Martin, ich dachte, Du wärst am Ende schon in die Redaktion gegangen. Scholl. So lange Du aus warst, hätte ich das nicht gethan, auch wenn mich die Arbeit weniger gefesselt hätte. Du weißt, mein Schatz, ohne einen kleinen Abschied gebe ich mich nicht zufrieden. Aber Du bist erregt, Kind, ist Dir vielleicht etwas Unangenehmes zugestoßen? Es dunkelt. Ich will nicht, daß Du in der Dämmerung allein ausgehst. Alice. Ich hatte die Absicht, vor einbrechender Dunkelheit zuhause zu sein – aber Scholl Hat Jemand gewagt Dich zu belästigen? Alice. Nein, sicher nicht – und das wäre auch nicht – ach Martin, ich möchte Dich nur um etwas bitten. Scholl. Zum Dank, daß das süße Kindergesichtchen meines Weibchens niemanden zu sündigen Gedanken reizte, sei Dir Deine Bitte... Alice. Sprich nicht so, Martin. Ich bin im Augenblick nicht imstande zu scherzen. Von der Erfüllung meiner Bitte hängt viel ab. Scholl. Lieschen, mir wird ja ganz gruselig zu Mute, wenn ich höre, was mein lustiges Singvögelchen plötzlich für ernste Töne anschlägt. Alice Bitte, gieb mir hundert Mark. Scholl. Hundert Mark! Donnerwetter, wofür denn mein Schatz? Alice. Ich möchte es lieber nicht sagen. Martin, ich fürchte, Du lachst mich aus. Bitte gieb mir hundert Mark von meinem Geld, ich meine von dem Gelde, das der Vater Dir für mich gegeben hat. Scholl. Du meinst von Deiner Mitgift, Kindskopf! Die ist fest und sicher angelegt, da kann ich nicht eins-zwei über den Schrank gehen und Dir hundert Mark geben, so wie Du über Deine Haushaltungskasse gehst und die Eierfrau bezahlst. Alice. Und ich kann gar nichts von dem Gelde haben? Scholl. Nein, wenigstens nicht ohne meine Zustimmung, und daß ich die nur gebe, wenn ich weiß, wozu Du das Geld verwenden willst, kannst Du Dir denken, Lieschen. Alice. Ich will es nur zu gutem Zwecke verwenden, Martin – einer armen Frau helfen. Scholl (flüchtig auf die Papiere deutend, die auf seinem Schreibtisch liegen). Es sind doch kluge Herren, die die Gesetze machen. Um irgend einer armen Familie zu helfen, kann eine bescheidene Redakteursfrau nicht hundert Mark ausgeben. Und es ist gut, daß meine kleine Frau ohne ihren vorsichtigen Ehegatten über keinen Pfennig verfügen kann. Dein mitleidiges Herz würde Dich bald zum Zielpunkt gewissenloser Ausbeutung machen. Alice. Aber die Leute sagten immer, ich sei ein reiches Mädchen und der Vater sprach auch von meinem Gelde... Scholl. Gewiß, aber darüber wurde mir mitsamt Deinem süßen Persönchen das Verfügungsrecht eingeräumt. Alice. Und nun soll ich mit einemmale so arm sein, daß ich einer armen Frau nichts geben kann? Scholl. Frau Doktor Scholl denken Sie über solche Dinge nicht nach, denn die verstehen Sie doch nicht! Genügt es Dir nicht, daß Du meine Frau bist, daß ich Dir meinen Namen gegeben habe, daß Du hast, was Du brauchst und in gewissem Rahmen sogar Alles, was Du Dir wünscht? Daß auch sonst Alles mit rechten Dingen zugeht, darauf kannst Du Dich unter Ehrenmännern verlassen. Dein Vater und ich haben die geschäftlichen Angelegenheiten, die mit einer Eheschließung notwendig verbunden sind, die Dir aber im Grunde gleichgiltig sein können, nach Recht und Gesetz abgemacht. Alice. Das dachte ich doch auch und wagte nur nicht, anderer Meinung zu sein, als die Damen heute wieder davon sprachen, daß die Frau rechtlos sei. Scholl. Nun sag' mir aber um Himmelswillen, wo Du warst, daß Du mit so merkwürdigen Wünschen und Gedanken zu mir zurückkehrst. Alice. Ich war in einer Sitzung des Frauen-Hilfsvereins. Scholl. Und was sprachen die Basen? Wurde hübsch Parlament gespielt mit Vorsitz und Schriftführung, Wahl und Beschluß? Alice. Du weißt ja, daß ich erst kurze Zeit Vereinsmitglied bin und nur wenige Sitzungen mitgemacht habe. Ich gestehe Dir zu, daß mir Vieles dabei sonderbar und oft sehr komisch vorkommt. Aber wenn einzelne Frauen sprechen, so einfach, klar und deutlich von Not und Elend und der Pflicht zu helfen, da versinkt vor meinen Augen alles Lächerliche und ich fühle, daß diese Frauen Großes und Gutes wollen. Scholl. Ja, ja, das mag schon sein – in gewissen Grenzen. So lange die Frauen sich damit begnügen, Milch und Windeln an die bedürftige Menschheit zu verteilen, habe ich gegen die ersprießliche Thätigkeit der Frauen-Vereine nichts einzuwenden. Aber es giebt Dinge, in die die Frauen sich nicht mischen sollten. Uns vielgeplagten Männern mit Petitionen und Gesetzbestimmungen unnötige Arbeit und Schreiberei zu machen, das z. B. kann ich unmöglich billigen. Alice. Ja, eine Petition an den Reichstag, über die wurde auch lebhaft gesprochen und ich habe sie sogar mit unterschrieben. Scholl (auflachend). Nun das ist doch wundervoll! Ich schreibe in meiner Zeitung für die erste Fassung des bürgerlichen Gesetzbuches insoweit es das Familienrecht betrifft, ich vertrete die Jahrhunderte alten Rechte des Mannes, die die emancipierten Blaustrümpfe fin de siècle uns nicht abschwatzen und nicht abtrotzen werden – und meine eigene Frau unterschreibt die Petition an den Reichstag zur Abänderung der fraglichen Paragraphen! – Du hast also juristisch andere Ansichten als ich? Alice. Ich habe in solchen Dingen gar keine Ansicht. Ich wußte nichts von einem neuen Gesetzbuch, nichts von Familienrecht und alledem. In der Schule lernen wir von solchen Sachen nichts und wenn sie zu Hause zur Sprache kamen, da rückten die Herren immer zusammen und es schien mir so gelehrt, was sie sprachen, sie brachen ihre Rede so geflissentlich ab, wenn Mama oder ich herantraten, daß ich immer dachte, es müßten sehr häßliche Dinge sein, die sie besprachen besonders als Du, bevor wir uns verlobten, immer sagtest, das sei nichts für Damen. Scholl. Nun, der Ansicht bin ich auch noch. Alice. Frau Doktor Helmut sagte aber, in der Gesetzgebung sei sehr vieles, das die Frau verstehen müsse, um in vielen Dingen zu ihrem Recht zu gelangen. Scholl. So, so. Alice. Wenn z. B. eine Frau Geld erbt, und sie will es nach ihrem Sinne verwenden – vielleicht zur Ausbildung der Kinder – dann kann der Mann sie daran hindern und das Geld für seine eigensten Zwecke verwenden, auch wenn diese den Interessen der Familie entgegengesetzt sind. Das ist doch ungerecht! Scholl. Allerdings kommen derartige Verhältnisse vor, doch glaube ich nicht, daß eine veränderte Gesetzgebung sie ändern wird. In den meisten Fällen ist der Mann der Begründer und Erhalter der Familie und ihm steht es zu, in den wichtigsten Fragen die Entscheidung zu treffen. Alice. Und dann Martin, daß ich's nur auch gestehe, diese Geldsache zwischen Mann und Frau, die war es auch gar nicht, die mich veranlaßte, meinen Namen – Scholl. Meinen Namen. Alice. – auf das cirkulierende Blatt zu setzen, sondern – Scholl. Welche Weisheit hat Frau Doktor Helmut noch in Dein Köpfchen gepflanzt? Alice. – sondern eine noch viel schrecklichere Ungerechtigkeit – der Paragraph 1589 des neuen Gesetzbuches. Scholl. So, also der Paragraph 1589 ist es, über den Ihr Damen Euch unterhalten habt. Ich bin Frau Doktor Helmut sehr dankbar für die Samenkörner von Auflehnung, die sie in das Gemüt meiner Frau trägt. Ich werde ihr demnächst selbst dafür danken. Vorläufig bitte ich Dich aber, den Umgang mit dieser Dame und die Vereinssitzungen aufzugeben. Alice (mit steigender Erregung). Sag' einmal, Martin, ist es wahr, ist es möglich, daß ein Gesetz gemacht wird, in dem es heißt, der Vater sei mit seinem Kinde nicht verwandt? Martin, wenn ich mir denken müßte, daß unser Kind keinen Vater hätte, daß Du ein Recht hättest von mir zu sagen: ich kenne diese Frau und deren Kind nicht, diese Frau, die sich Dir hingegeben mit Leib und Seele – oh Martin, lach' mich doch aus, sag' mir, daß ich falsch verstanden habe, was die Frauen sprachen. Scholl. Ich kann Dir nicht sagen, daß Du falsch verstanden hast, was die Frauen sprachen. Der Paragraph 1589, den Du erwähnst, soll allerdings in unser Familienrecht aufgenommen werden – aber was Du nicht verstehst und auch vorerst bei Deiner Jugend nicht zu verstehen brauchst, das sind die Verhältnisse, die einen solchen Paragraphen wünschenswert, ja notwendig machen. Eine Reihe schöner, ruhiger, idealer Familienverbindungen würden zerfallen oder nie hergestellt worden sein, wenn jeder Mann die Verbindungen, zu denen jugendliche Leidenschaft ihn führte, bis ins späte Alter aufrecht erhalten wollte. Alice. Aber die Frau, der diese Leidenschaft galt und die sie teilte, ein Kind, das einer solchen Leidenschaft sein Leben dankt, warum müssen die rechtlos sein? Müssen Frau und Kind als Sünder leben, dann war die Leidenschaft sündig und muß eingestanden und gesühnt werden, oder die Leidenschaft besteht zu Recht in des Menschen Brust, dann müssen auch beide Teile, Mann und Frau, den Folgen gerecht werden. Scholl. Frau Doktor Helmut hat Dich gut unterwiesen. (Es läutet an der Hausthüre.) Alice. Nein, nein, das, was ich eben sagte, hat Frau Doktor Helmut nicht gesagt. Auf meinem Wege zu der armen Frau und zurück – ich hatte eine gute Stunde zu gehen – da wirbelten mir die Gedanken nur so durch den Kopf. Ganz klar wurden sie mir erst eben, da ich auszusprechen versuchte, was ich gedacht. Wie entsetzlich das Alles ist! Befreie mich doch von der furchtbaren Vorstellung. Sage mir, es ist Alles nicht so, Alles liegt anders, wir sind nicht ungerecht! Scholl. Ich sagte Dir ja schon, daß im Interesse der Ruhe und des Familienglückes jener Schichten der Gesellschaft, die die eigentlichen Träger der Zivilisation sind... Das Hausmädchen. Ein Bettelkind ist da, das sich nicht abweisen läßt. Scholl. Sagen Sie nur, ich wäre Mitglied des Vereins gegen Hausbettel. Alice. Nein, nein, Marie, lassen Sie das Kind nur eintreten, ich habe es hierher bestellt. Das Hausmädchen (schnippisch). Der Vorplatz ist erst frisch geputzt. Alice. Dann lassen Sie das Mädchen in die Küche gehen und geben Sie ihr eine Tasse Kaffe und ein Brödchen. Das Hausmädchen. Es ist kein Kaffe mehr da. Alice (geht mit einer Geberde des Unwillens von dem Hausmädchen gefolgt zur Thüre hinaus. Martin zündet sich eine Zigarre an und geht langsam im Zimmer auf und ab. Alice kommt eilig wieder). Das arme Ding ist ganz blau gefroren. Scholl. Jetzt sag' mir mal Alice, was das alles bedeuten soll. Willst Du vielleicht gar anfangen, philantropische Ideen in die Praxis umzusetzen und mit allerhand Gesindel in's Haus zu ziehen? Ich teile mit Marie den Sinn für Reinlichkeit und meine Geruchsnerven sind sehr fein entwickelt. Armeleut-Geruch ist mir entsetzlich. Alice. Höre doch nur den Zusammenhang, warum ich das Mädchen hierher bestellte und ich bin sicher, daß Du mir in allen Stücken Recht giebst. Scholl (ungeduldig). Also los! Alice. Der Frauen-Hilfs-Verein schickt an die Familien, die sich bei ihm um eine Unterstützung melden, Fragebogen. Wenn diese Fragebogen ausgefüllt zurückkommen, wird in den Sitzungen bestimmt, welche Art von Unterstützung der Petentin angewiesen werden soll. Nun kam dieser Tage ein Brief von einer Frau an den Verein, die für eine Nachbarin um Hilfe bat. Eine der Damen, die solche Recherchen zu machen übernommen haben, suchte die Frau in einer der entlegensten Straßen des Hafenviertels auf. Die Dame brachte nach einigen Tagen den Bescheid, daß die Frau sehr krank sei und anscheinend in sehr ärmlichen Verhältnissen lebe; sie habe aber in sehr bestimmten Ausdrücken jede Auskunft über sich verweigert und erklärt, keinerlei Unterstützung annehmen zu wollen, so wie auch, daß der Brief der Nachbarin an den Verein ganz ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen geschrieben worden sei. Mit der Begründung, daß man die Frau nicht gegen ihren Willen unterstützen könne, daß sie wahrscheinlich Hilfsquellen habe, die sie nicht nennen wolle, betrachtete der Vorstand in der Sitzung den Fall als erledigt. Scholl. Das ist auch ganz korrekt. Alice. Korrekt mag es ja sein, aber die Idee, daß die kranke Frau vielleicht aus wirklichen, guten Gründen lieber mit ihrer Familie ihr Elend tragen wolle, als es in einem Fragebogen registrieren zu lassen, trieb mich dazu, mich nach der Sitzung auf den Weg nach dem Hafen zu machen, um zu sehen, ob die Frau nicht durch Zuspruch die Hilfe einer Einzelnen annehmen würde. Scholl. Und da verlangte sie gleich hundert Mark. Das war jedenfalls praktischer, als Milch und Fleisch oder Kohlen vom Verein anzunehmen. Alice. Du thust der Frau bitteres Unrecht. Wenn Du gesehen und gehört hättest, was ich dort sah und hörte, Du würdest auch anders denken und sprechen. Scholl. Wahrscheinlich das übliche Quantum Schmutz und Verkommenheit, Arbeitsscheu und Trunkenheit, das meiner Ansicht nach mit der modernen Sentimentalität und dem Humanitätsdusel nicht verringert wird. Alice. Im dritten Stück eines winkeligen Hauses fand ich die Frau, die ich suchte. Der Eingang, die Treppe, die oben eine Art Leiter wurde, der Geruch auf dem mansardenartigen Flur waren so entsetzlich, daß mich ein eigentümliches Gefühl von Angst und Beklemmung beschlich. Ich mußte förmlich Mut fassen, um an die Thüre oben anzuklopfen und auf ein zweistimmiges Herein einzutreten. Denke Dir eine winzige Dachkammer, darin ein Bett, in dem eine junge Person abgemagert mit glühenden Augen liegt, ein Kinderbett, in dem ein Kind angezogen sitzt, ein Herd, auf dem ein Topf mit Wäsche kocht, Lumpen hängen zum Trocknen zwischen Herd und Fenster und was an atembarer Luft noch da ist, wird von zwei Frauen, jede ein Kind auf dem Arm, der Kranken weggenommen, während sie laut und heftig auf die Ärmste einsprechen. Zuerst wußte ich gar nicht, was ich sagen sollte. Wie einem Gespenst, das zugleich alle Sinne reizt und verletzt, fühlte ich mich gelähmt der Armut gegenüber stehen. Scholl. Du wirst poetisch, liebe Frau. Alice. Was ich zuerst sagte, wie ich mein Eindringen in die Behausung fremder Leute entschuldigte, weiß ich nicht. Die beiden Frauen wurden bald sehr mitteilsam, während die Kranke mich stumm, fast feindselig anstarrte. Nach und nach erfuhr ich von der einen Frau, derselben, die an den Verein geschrieben hatte, daß die Kranke Näherin für ein Export-Konfektionsgeschäft gewesen sei und daß sie brustkrank sei. Sie könne nicht arbeiten, Miete sei rückständig, der Bäcker wollte nicht mehr borgen und die Frau sei so eigensinnig, daß sie keine Unterstützung annehmen wollte. Ich bemerkte, daß die Kranke sprechen wollte, aber ein schrecklicher Hustenanfall hinderte sie daran. Ich ging zur Thüre hinaus, eine der Nachbarinnen folgte mir und erzählte mir noch eine Menge, von dem ich nur das Entsetzliche behalten habe, daß die Frau – keine Frau – daß das Kind – keinen Vater habe! – Scholl. Nun ja, daß es ein uneheliches Kind sei. Das kommt oft vor. Was erzählst Du mir davon? Das sind unerquickliche Dinge, von denen man nicht gern spricht und hört, mit denen Du Dir Deinen Sinn nicht vergiften solltest und Deine Heiterkeit nicht rauben. Dein kindischer Frohsinn ist es ja gerade, der mir so wohl thut in meinem arbeitsreichen Leben. Man soll nicht an Sachen denken, die man doch nicht ändern kann. Alice. Ich kann nicht allen Menschen helfen, das weiß ich wohl. Wenn ich aber einem Fall begegne, wo Hilfe möglich ist, wo helfen so Not thut, wie hier, da ist es doch meine Pflicht, zu helfen. Deshalb bestellte ich die Tochter einer jener Frauen hierher. Ich will der Kranken etwas schicken, damit sie heute noch wenigstens der drückendsten Sorge ledig werde und etwas Nahrungsmittel anschaffen kann. Die rückständige Miete macht 43 Mark, der Bäcker bekommt 18 Mark, die Apotheke 2,50... Scholl. Sind denn die Leute nicht Mitglied einer Krankenkasse? Alice. Das weiß ich nicht. Scholl. Da siehst Du, wie schlecht Du informiert bist und wie leicht Du betrogen werden kannst. Ich sehe schon, ich muß die Sache angreifen, damit Dein gutes Herz sich beruhigt. Alice (lebhaft erfreut). Ich wußte ja, Martin, daß Du gut bist. Was wollen wir thun? Wie viel wollen wir geben? Scholl. Vor der Hand nichts. Solche Sachen müssen mit ruhigem Blut gründlich recherchiert werden. Ich muß jetzt in die Redaktion. Am nächsten schönen Tag machen wir zusammen einen Spaziergang an den Hafen und Du führst mich zu Deiner armen Frau. Bist Du nun mit mir zufrieden? Bekomme ich keinen Kuß? Nun, dann nehme ich mir einen! (Küßt sie und geht.) Alice. Am nächsten schönen Tag! – Und bis dahin? (sie geht an ein Schränkchen, nimmt Haushaltungsbücher und einen Blechkasten heraus) Fünfundzwanzig Mark sind alles, über das ich verfügen kann! Besser als nichts. Martin muß morgen mit mir hingehen. (Wickelt das Geld in ein Stückchen Papier und geht in die Küche). Das Hausmädchen (kommt durch die mittlere Thüre, geht in ein Nebenzimmer und kommt mit einem Jäckchen in der Hand zurück). Das Jäckchen hätte mir besser gepaßt als dem Bettelvolk. Aber heute ist mit der Madam nichts anzufangen. Sie scheint mit dem linken Fuß aufgestanden zu sein. Sie befiehlt ganz kurz und sieht aus, als wäre sie um einen Kopf gewachsen. Dritter Aufzug (Die Scene stellt den Dachbodenraum eines kleinen Hauses dar und ist so abgeteilt, daß man rechts ein kleines Mansardenzimmer sieht, von dem eine niedere Thüre auf einen Vorraum führt. Eine schmale, leiterartige Treppe mündet so auf den Vorraum, daß die Kommenden mühsam, wie aus einer Versenkung emporsteigen. Schiefe Wände. Links ein Dachfenster; Sparrenwerk, Kisten, Gerumpel und alter Hausrat liegen umher. Wäscheleinen sind kreuz und quer gespannt. Neben der Thüre steht ein Korb mit ausgewaschener Wäsche. In der Kammer an der Wand unter einer Dachlucke ein Bett und ein Kinderbett. Neben der Thüre eine Kommode, in der Mitte des Zimmers steht ein eiserner Ofen, der zugleich Herd ist und lange, weitgeführte Rohre hat. Nähmaschine, ein kleiner Tisch mit einigen Tellern und Tassen, ein Petroleumlämpchen, ein angeschnittener Laib Brot. Zu Füßen des Bettes ein kleiner Koffer. Das Bett ist ohne Überdecke, man sieht reinliche, farbig überzogene Kissen. Federbett. In der Mitte des Zimmers nahe beim Ofen sitzt Susanne abgemagert in einem alten ledernen Lehnstuhl, das Gesicht nach der Thüre gerichtet. Schwester Clara glättet das Bett und geht ordnend im Zimmer auf und nieder. Katharina steht am Herd. Eine Nachbarin mit einem Kind auf dem Arm, einem zweiten an den Rockfalten tritt ein. Martha spielt in der Zimmerecke). Nachbarin (geschwätzig). Sehn Sie, Frau Nachbarin, wie Sie sich gegen die Schwester Clara gewehrt haben, und jetzt sitzen Sie da wie eine Prinzessin und können viel besser schnaufen. Ich sag's ja immer, der liebe Gott ist gut. Man meint g'rad, er hätt' die alte Posingern nur zu sich genommen, damit Sie jetzt in ihrem Sessel sitzen können und die Kathrin Sie pflegen kann. Gel' ja?! Schwester Clara (drängt die Frau sanft zur Thüre hinaus). Still, still, Frau Nachbarin. Frau Susanne muß jetzt absolute Ruhe haben und schlafen, sonst kommt der Anfall wieder. Susanne (leise). Ich danke Ihnen, Schwester Clara. Schwester Clara. Bleiben Sie nur ruhig, Frau Susanne. Heute Abend komme ich wieder und da sehen wir, ob Sie die Nacht besser im Bett oder im Lehnstuhl verbringen. (Tritt hinter den Lehnstuhl und winkt Katharina, um ihr, ohne daß die Kranke es sieht, einige Eier und eine Flasche Milch aus ihrer Tasche zu geben. Susanne lehnt mit geschlossenen Augen erschöpft im Lehnstuhl. Schwester Clara schickt sich zum Fortgehen an.) Katharina (im Flüsterton). Schwester Clara, es steht wohl sehr schlimm um sie? (Die Schwester nickt beistimmend.) Ich wußte ja, daß sie die Haft nicht um viele Tage überleben kann. Drei Monate ohne Licht und Luft – und das Kind nicht sehen und die Schande und die Ungerechtigkeit. (Ballt die Faust.) Schwester Clara. Still, still. Von Ungerechtigkeit in Ihrem Sinne dürfen Sie nicht sprechen. Es ist ja erklärlich und menschlich wie Frau Susanne dazu kam im Sinne der bürgerlichen Ordnung ein Unrecht zu begehen. Aber Aufruhr predigen ist nun einmal ein Unrecht, das gestraft werden muß, damit nicht alles Gute in der Welt zerstört werde. Katharina (lauter). Ist die Schwachen unterdrücken und ausnutzen kein Unrecht? Schwester Clara. Still, still, um Gotteswillen. Kein Wort mehr, das die Kranke aufregen könnte. Katharina (mit gedämpfter Stimme). Schwester, sagen Sie mir's aufrichtig, ich kann ertragen, was ich muß, wie lange kann's noch dauern? Schwester Clara. Vielleicht Tage, – vielleicht nur noch Stunden. Abends komme ich wieder. Katharina. Darf ich es wagen, jetzt meine Arbeit abzuliefern? Wir brauchen Geld und ich mag heute nicht später ausgehen. Es läuft mir abends schon ein paarmal so ein Modeaffe nach, und ich bin heute noch weniger als sonst aufgelegt, sein dummes Gerede anzuhören. Schwester Clara. Die Kranke wird vermutlich in der nächsten Stunde nichts brauchen. Sie schläft vor Mattigkeit. Adieu. (Man sieht sie den Vorraum überschreiten und vorsichtig die Treppe hinabgehen.) Katharina (schlingt ein Tuch um den Kopf und nimmt ein großes Paket in den Arm.) Martha, ich geh' abliefern. Pass' auf, wenn die Mutter etwas braucht. (Geht leise zur Thüre hinaus, sieht den Korb Wäsche stehen.) Jetzt hat Schwester Clara auch noch gewaschen! (Legt das Paket weg und hängt die Wäsche so zum Trocknen auf, daß sie einen kleinen Winkel am Fenster unsichtbar abschließt.) Susanne (ruft im Zimmer leise). Martha. (Das Kind kommt zur Mutter.) Wirst Du immer brav sein, Martha, auch wenn die Mutter nicht da ist? Martha. Ich leids nicht, daß Dich der Schutzmann wieder mitnimmt. (Schmiegt sich an die Mutter.) Susanne. Du bist schon ein ganz vernünftiges Kind, Martha, versprich mir, daß Du niemals Unrecht thust – aber auch niemals Unrecht leidest. Martha. Ich will immer brav sein, Mutter. Susanne lehnt sich zurück, das Kind bleibt zu ihren Füßen sitzen. Während Katharina noch mit der Wäsche beschäftigt ist, erscheint Weidmann stolpernd in einem dunklen Wettermantel auf der Treppe. Katharina (erschrickt leicht, verliert aber ihre Ruhe nicht). Ei was führt Sie denn hierher? Weidmann. Es ist verteufelt schwer, zu Ihnen zu gelangen, Katharinchen. Na, ich hoffe, Sie anerkennen das und begrüßen mich so wie... Katharina. Von mir aus hätten Sie unten bleiben können. Ich kann mir auch gar nicht denken, was Sie hier wollen. Da drin liegt eine schwerkranke Frau und ich habe keine Zeit für Sie. (Nimmt das Paket auf und will die Treppe hinuntergehen.) Weidmann (vertritt ihr mit zudringlicher Gebärde den Weg). Nein, Katharinchen! So haben wir nicht gewettet. Nun ich thatsächlich mit Lebensgefahr hier heraufgeklettert bin, will ich auch meinen wohlverdienten Lohn. Katharina. Wenn Sie nicht gleich loslassen, kriegen Sie auch, was Ihnen gehört. Weidmann (sie loslassend). Warum so borstig, Katrinchen? Kann ichs vielleicht mit Deinem rußigen Schatz nicht aufnehmen? Katharina. Ich hab' keinen Schatz und ich will auch keinen. Weidmann. Ich bin auch nicht mit leeren Händen gekommen. (Greift in die Tasche.) Hier, ein goldenes Herzchen für mein goldenes Herzchen. Katharina. Dummes Geschwätz! Lassen Sie mich gehen. Weidmann (ungeduldig zudringlich). So hören Sie doch nur, Katharina. Ich kam hierher, den weiten Weg, die Hühnertreppe, nur um Sie persönlich für heute Abend einzuladen. Kann ich Ihnen besser beweisen, wie lieb ich Sie habe, als durch solche – solche thatsächlich – Opfer. ( Katharina sieht Weidmann höhnisch lachend an.) Weidmann. Heute Abend kommst Du zu mir auf mein Junggesellenstübchen, das kennt niemand, und da sitzen wir beisammen und plaudern, und Du kochst mir Thee, wie eine feine Dame, und da sitzen wir beisammen und plaudern – und (man hört auf der Treppe sprechen) mir scheint, es kommt jemand! Katharina (gleichgiltig). Kann schon sein. Ich wüßte zwar nicht wer. Scholl (von unten). Auf dieser Treppe kann uns Deine humane Anwandlung teuer zu stehen kommen. Alice (erscheint, langsam sich in die Höhe tastend). Ich gehe voraus, Martin, damit die Frau über den Besuch nicht erschrickt. Mich hat sie ja schon gesehen. Weidmann (erschrickt, da er Alice sieht). Martins Frau! (Er versteckt sich schnell hinter der Wäsche im Fensterwinkel.) Katharina bleibt stehen. Alice sieht sie nicht. Scholl taucht auch auf mit einer brennenden Cigarre in der Hand. Alice. Martin, Du wirst doch im Zimmer einer Schwerkranken nicht rauchen wollen. Scholl. Es ist zwar ein feines Kraut mit Leibbinde, das ich mir extra zum Übertäuben angezündet habe, aber da Du es wünschest, Lieschen, will ich einen Platz suchen, wo ich es deponieren kann, ohne daß die Baracke Feuer fängt. ( Alice tritt leise in das Zimmer. Da die Kranke mit geschlossenen Augen dasitzt, bleibt sie an der Thüre stehen. Martha legt mit altkluger Gebärde den Finger an den Mund.) ( Scholl sieht sich nach einem Platz um, um die Cigarre abzulegen, bemerkt Katharina.) Katharina. Legen Sie die Cigarre nur in die Dachrinne vors Fenster, da kann nichts passieren. (Sie deutet nach der Ecke, in der Weidmann mit aufgeschlagenem Mantelkragen steckt.) Scholl (tritt hinter die Wäsche). Alex, Du hier? Weidmann. Ich könnte Dich im selben Tone fragen (vorwurfsvoll) und noch dazu mit Deiner Frau in so einem Hause! Katharina. An dem Haus und seinen Leuten ist nichts uneben, als was sie hereinbringen. Scholl. Das ist wohl Deine berühmte Katharina, scheint aber noch ganz ungezähmt. Weidmann (überstürzt sprechend). Meine Katharina? Ja, das heißt nein. Ich bitte Dich nur um eines, Martin, sage Deiner Frau nicht, daß ich hier war! Meine Ehre könnte in ihren Augen leiden, und Du weißt, wie viel mir an ihrem Urteil liegt. Ein andermal erzähle ich Dir wieso ich hierher kam. Jetzt muß ich aber ins Geschäft, habe meinem Vater das Ehrenwort gegeben. – (Tastet sich möglichst rasch die Treppe hinunter.) Katharina (ruft ihm nach). Feiger Schuft! – Scholl. Hier wohnt doch die arme Frau, die die Unterstützung des Hilfsvereins zurückwies? Katharina. Ja. Scholl. Haben Sie für sie an den Verein geschrieben? Katharina. Nein. ( Scholl tritt nicht geräuschlos in das Zimmer, Katharina folgt ihm auf dem Fuße.) Susanne (aus dem Schlummer auffahrend, starrt Scholl einen Augenblick an.) Martin, Martin, kommst Du endlich – Deinem Kinde sein Recht zu bringen! (Sinkt leblos zurück.) Alice. Martin, um Gotteswillen, kennst Du diese Frau – das Kind??! Scholl (verwirrt). Ich – ich kenne sie – ich kannte sie einst. Alice geh', geh', erwarte mich unten – ich komme gleich – ich will nur... Alice (beugt sich über die Sterbende). Frau Helfrich, hören Sie mich! Ich wußte nichts von dem Entsetzlichen, das Sie erlitten haben. Aber glauben Sie mir, ich schwöre es Ihnen bei dem Leben meines Kindes, daß ich Ihr Kind zu mir nehmen will... Katharina (tritt entschieden heran). Nein, das werden Sie nicht. Der Susanne Helfrich ihr Kind ist mein Erbteil, ich werde es erziehen zur Feindin seiner Feinde. (Wirft sich mit dem Kinde Susannen zu Füßen.) Susanne, arme Susanne! ( Alice sieht regungslos und blickt starr vor sich hin.) Scholl (in einem Gemisch von Scham und Zorn, will sie am Arm fassen). Laß uns gehen, Alice. Ich will sehen, was ich thun kann. Später – morgen – Alice (schüttelt seine Berührung ab). Ich soll mit Dir gehen, Martin. Und Du meinst, nach allem, was ich jetzt erfahren habe, kann zwischen uns alles bleiben, wie es war? Nein. Ich gehe mit Dir, aber nur so weit die Pflicht als Mutter unseres Kindes es gebietet, und um meine Tochter vor meinem Schicksal zu bewahren. Dein Weib bin ich nicht mehr – das ist mein Frauenrecht. (Sie weist Scholl gebieterisch zurück und geht allein zur Thüre.) (Der Vorhang fällt.)