Ernst von Wolzogen. Das dritte Geschlecht. Roman 41. – 50. Tausend. Berlin W. 57. Rich. Eckstein Nachf. H. Krüger. »Mach doch das Buch zu, Claire! – Das geht entschieden nicht so weiter. Ich muss Dich ernstlich bitten – heirate mich!« Also sprach der Privatdozent Doktor Josef Reithmeyer, wohnhaft zu München in der Blütenstrasse in einem Rückgebäude über eine Stiege, zu seiner schönen Freundin Claire de Fries, in Zürich, gebürtig aus Groningen in Friesland, Studentin der Medizin derzeit zu Besuch in der Blütenstrasse im Rückgebäude über eine Stiege. Das nicht eben grosse Studierzimmer Doktor Reithmeyers war zur Hälfte in hellen Sommersonnenschein getaucht und die beleuchteten Staubteilchen verschlangen sich mit den langsam ziehenden zartblauen Cigarettenrauchwolken zu seltsam fantastischen Mustern in dem breiten Lichtbande, das die noch nicht gar hoch stehende Sonne vom Fenster aus quer durch das Zimmer zog. Die andere Hälfte des behaglichen Raumes lag im Schatten. Eine Glasthür führte hier auf das Dach eines Holzschuppens hinaus, und über diesem Dach hatte sich der Herr Doktor ein Leinwandszelt errichten lassen, dessen Seitenteile zum Ziehen eingerichtet waren, sodass man zu jeder Tageszeit die Sonne aussperren konnte. Der Frühstückstisch stand noch unabgeräumt unter diesem Dachzelt und eine kleine Spatzenschaar balgte sich lärmend um die Brotkrumen auf dem Boden und auf dem bunten Tischtuch herum. Das Spatzengezänk, das eifrige Hämmern aus der Schusterwerkstatt im Erdgeschoss und das lustige Geschrei spielender Kinder aus einem entfernteren Hofraume schufen, mit dem massig gedämpften Strassengeräusch verquickt, eine friedliche Morgensymphonie. In der Studierstube aber war es ganz still. Das schöne Fräulein de Fries hatte ihr dickes Lehrbuch der Pathologie zugeklappt, sich auf der schwellenden Ottomane lang ausgestreckt und die Hände unter dem dunkelblonden Lockenkopf verschränkt. Sie nagte mit den etwas grossen, weissen Zähnen nachdenklich an ihren vollen Lippen herum und starrte zu den langweiligen Obstguirlanden des Plafonds hinauf, ohne ein Wort zu reden. Doktor Reithmeyer wartete wohl fünf Minuten lang. Er stand an seinen Schreibtisch gelehnt, zwischen der Glasthür und dem Fenster, rauchte seine Cigarette und betrachtete seine wohlgepflegten Fingernägel. Endlich wurde er ungeduldig, warf den Rest seiner Papyros in den Aschbecher, fuhr sich mit den weissen, schlanken Fingern durch den glänzend schwarzen Bart und sagte: »Nun? – Ich dächte, die Idee könnte Dir doch nicht so ganz unerwartet kommen. Du musst doch schon gelegentlich darüber nachgedacht haben. Wir leben doch schon über zwei Jahre so gut wie verheiratet – ich glaube, ich darf sagen: besser als verheiratet. Also begehen wir doch wahrhaftig keinen leichtsinnigen Streich, wenn wir unser Verhältnis gesetzlich festlegen.« »Aber Seppl, es ist doch so viel schöner,« versetzte Fräulein de Fries im ruhigsten Ton von der Welt, ohne ihre behagliche Lage zu ändern. »Ausserdem ist's wider die Abrede. Wir sind freie Menschen.« »Du wohl,« sagte Doktor Reithmeyer, indem er seinen Platz verliess und ein paar Schritte nach der Ottomane hin machte. »Du wohl – aber auch nur vorläufig. Wenn Du Deine Praxis als Arzt ausüben willst, bist Du auch nicht mehr frei und ich bin es schon jetzt nimmer. Also, ich will Dir was sagen, liebe Claire, die Sache ist einfach die: Ich stehe jetzt dicht vor der Professur. Ich habe gestern erst mit Professor Brenninger gesprochen; die Vakanz ist da und ich werde bestimmt vorgeschlagen; aber natürlich wird alles unmöglich, wenn ich fortfahre öffentliches Aergernis zu geben.« Fräulein de Fries nahm ihre Hände unter dem Kopf hervor, faltete sie in ihrem Schoss über dem Deckel der Pathologie und lachte ganz behaglich. Der Doktor wurde ärgerlich und sagte etwas gereizt: »Ach, Dir kommt die Sache komisch vor! Liebes Kind, solche Prinzipienreiterei ist doch wirklich eine etwas blöde Belustigung, wo es sich um das Lebensglück zweier Menschen handelt, die sich lieb haben und für einander geschaffen sind. Hast Du etwa schon genug von mir, dann sage es ehrlich; wenn aber nicht, warum willst Du mich dann um Stellung, Ansehen und alle Zukunftsaussichten bringen? Es wäre wirklich nicht hübsch von Dir, nach allem was wir einander gewesen sind, mich jetzt – sitzen zu lassen.« »Hallo!« rief Fräulein de Fries, offenbar belustigt, indem sie sich rasch aufrichtete und die Füsse auf den Boden setzte: »Da geh her Seppl und setz Dich zu mir; lass mich Dich einmal anschauen.« Er setzte sich neben sie auf das niedrige Lager und sie legte die Hände auf seine Schultern und blickte ihm lächelnd in das ernste Gesicht. »Aber es ist doch auch wirklich komisch,« sagte sie, indem sie mit ihren grossen Händen ihm den Bart und das Haupthaar glatt zu streichen begann. »Es ist doch die verkehrte Welt! Bisher waren es die Mädchen, die den treulosen Liebhaber anflehten: lass mich nicht sitzen – gieb mir meine verlorene Ehre wieder – Du hast mich unglücklich gemacht, Grausamer! u. s. w. – und jetzt verfällst Du auf solche Sprüche. Der neue Mann! Darf man da nicht ein bischen lachen?« Doktor Reithmeyer ergriff ihre Hände und drückte sie ein wenig von sich ab, denn das Streicheln machte ihn nervös. »Sei kein so närrischer Fisch,« versuchte er zu scherzen: »Das neue Weib erzeugt freilich auch einen neuen Mann – aber es ist durchaus nicht nötig, dass der sich so komisch ausnimmt, wie Du zu glauben scheinst. Ich meine, ich hätte ein bissl mehr guten Willen von Deiner Seite verdient. Ich darf doch wohl annehmen, dass Du das freie Verhältnis aus Liebe zu mir eingegangen bist und nicht etwa blos aus Trotz gegen die liebe Familie oder der Sensation wegen – um Dich auffällig zu machen.« Sie zog ihn rasch an sich und gab ihm einen herzhaften Kuss, ohne eine weitere Erklärung beizufügen. «Na also!« sagte er, offenbar zufriedengestellt. »Und jetzt haben wir uns doch sozusagen in eine rechte Ehe hineingelebt, trotz aller langen Trennungen und sogar trotz unserer verschiedenartigen Temperamente und Berufe – und da möchte ich wahrhaftig wissen, warum wir es nicht wagen sollten, wie andre brave Leute eine Familie zu gründen. Die Voraussetzungen dazu sind doch sämtlich erfüllt.« Das schöne Fräulein seufzte drollig. »Du bist ein schrecklicher Quälgeist, geliebter Seppl; Du solltest mir doch wenigstens Zeit lassen, erst einmal meine Staatsprüfung zu machen und meinen Plan auszuführen, ein halbes Jahr in Paris in den Krankenhäusern zu hospitieren.« »So, und dann willst Du später, wenn ich hier Professor bin, gelegentlich mal gemütlich angezogen kommen, als ob nichts besonderes vorgefallen wäre. Womöglich gar mit einem Kind, das bis dahin vielleicht schon »bon jour, Papa!« sagen kann!« »Ja, warum nicht ? Ich komme jederzeit, wenn Du mich wünschest – vorausgesetzt, dass ich sonst frei bin. Und natürlich mit dem Kinde – vorausgesetzt, dass eins da wäre!« »Sehr freundlich, aber ich müsste danken.« »Wieso? Das versteh' ich nicht.« »Weil ich als königlicher Universitäts-Professor allenfalls ein heimliches Liebesverhältnis, keinesfalls aber ein öffentliches Kind aus diesem Verhältnis haben darf.« »Aber das ist doch ein fürchterlicher Unsinn!« »Natürlich ist's ein fürchterlicher Unsinn! Das wissen wir doch schon lange, dass alle sogenannte Sitte auf dem Grunde fürchterlichen Unsinns auferbaut ist. Wenn wir aber der herrschenden Gesellschaftsmoral einen kleinen Gefallen thun und uns dadurch ein ruhiges Leben sichern können, ohne selber einen fürchterlichen Unsinn zu begehen, so wären wir doch Narren, wenn wir es nicht thäten!« »Alles ganz schön und gut, – gegen die Logik garnichts einzuwenden – aber ich habe nun einmal die Ueberzeugung, dass es sich bestrafen muss, wenn wir rückfällig werden.« »Ich glaube gar, Du bist abergläubisch!« »Jawohl, warum nicht? Wer sehr starke Ueberzeugungen hat, ist vermutlich am meisten zum Aberglauben geneigt. Seit ich es mir abgewöhnt habe, vor einer Vergeltung im sogenannten Jenseits zu zittern, nehme ich an, dass jede Schuld sich auf Erden rächt. Das befriedigt mein Gerechtigkeitsgefühl. Sollte das aber nicht der Fall sein, so giebt's ganz bestimmt so etwas wie die buddhistische Seelenwanderung. Die ganze Welt ist so logisch eingerichtet, dass eine Schuld ohne Sühne ein Verstoss wider das Causalitätsgesetz sein würde – und das mag ich nicht annehmen; dazu habe ich zuviel Respekt vor der grossartigen Gesetzmässigkeit der Weltordnung.« Der Herr Privatdozent schnitt ein klägliches Gesicht. Er liess sich, komisch aufseufzend, in einen Polstersessel fallen und rieb sich die Kniee mit den gespreizten Händen als er erwiderte: »Ich hätte grosse Lust, die Weltordnung dadurch umzustossen, dass ich jetzt vor Deinen Augen an der Wand hinaufkletterte. Das ist ja zum Verzweifeln! Jetzt beweisest Du mir philosophisch, dass ich entweder auf meine akademische Laufbahn oder auf Deine liebreizende Person verzichten muss. Behalte Du doch Deine Philosophie und bescheere mir lieber ein zuckriges Weiberl.« Fräulein de Fries stand gerade in der blendenden Lichtwelle drin, die ihr blondes, kurzgeschnittenes Kraushaar wie mit einem feinen, leuchtenden Schleier umhüllte, der an ihrem Rücken lang herabwallte. Ein lichtgewobener Brautschleier! Der lose Morgenrock von weissem Kaschmir liess ihren Hals frei und aus diesem Hals und den feinen Linien des Schulter- und Brust-Ansatzes hätte jeder bildende Künstler sofort mit Sicherheit auf einen wundervollen Körper geschlossen, den diese weichen Falten verbargen. Das dem Licht abgekehrte Gesicht erschien durch den Kontrast fast braun, zart rosig überhaucht, und die grossen dunklen Augen glänzten unter den dichten schwarzen Brauen und langen Wimpern weich und ruhig wie Antilopenaugen. Claire de Fries war wirklich ein wunderschönes junges Weib. Nur ihre Hände waren ein wenig gross und männlich geformt, aber edel und wohlgepflegt. Sie fühlte, wie die Blicke ihres Freundes bewundernd und begehrlich auf ihr ruhten und sie errötete. Mit zwei grossen Schritten war sie bei ihm, setzte sich auf seine Kniee und schlang die vollen Arme um seinen Hals. Sie rieb ihre Wange zärtlich an seinem Bart und sagte in mütterlich kosendem Tone: »Ach, mein süsser Seppei, was bist Du für ein unglaublich antiquirter Mensch! Ein zuckriges Weiberl mag' der! Ja, mein guter Junge, da wirst Du schon weiter suchen müssen, das ist halt nicht mein Genre.« »Gerade ist es Dein Genre,« versetzte er eigensinnig, indem er sie zärtlich an sich drückte und auf den Hals küsste. »Das ist ja eben das Bezaubernde an Dir, dass Du, trotz Deiner Gescheitheit und Deinem wissenschaftlichen Eifer und Deiner respektablen Energie, doch so ganz Weib bist. Deshalb lieb' ich Dich ja so sehr und deshalb kann ich nicht ohne Dich leben.« »Egoist!« lachte sie. »Ich werde entweder durch diesen vorgeschlagenen heiligen Ehestand hienieden unglücklich, oder aber ich muss bei meiner nächsten Wiedergeburt als Kettenhund oder Droschkengaul wieder auf die Welt kommen, zur Strafe dafür, dass ich die gute Sache der Vernunft schnöde verraten habe. Aber das ist Dir ganz egal, mein edler Herr, nicht wahr? Aus lauter Eitelkeit und Eigennutz willst Du mich zeitlebens festhalten! Du gönnst mir einfach keinem andern – nicht einmal mir selber.« »Natürlich, thu' ich auch nicht!« rief er fast grimmig. »Wozu brauchst Du Dich denn auch selber? Geben ist doch seliger als nehmen – hast Du denn das nie empfunden, Himmelherrgottsakrament?!« »Offen gestanden – nein,« erwiderte sie ein wenig nachdenklich. »So sehr Weib, wie Du zu meiner Schande annimmst, bin ich denn doch wohl nicht.« »Du wirst Dich doch wohl nicht auf eine Stufe stellen wollen mit der Grötzinger, der Haider, der Stummer, der Wiesbeck, der Gierl, der Echdeler u. s. w.« »Ach was, das sind überhaupt keine Weiber; die gehören zum dritten Geschlecht. Das sind Neutra mit den äusseren Kennzeichen der Weiblichkeit, die sich durch krampfhafte Anstrengungen allmählich ihr weibliches Empfinden abgewöhnt und dafür so eine Art verkrüppelter Manns-Psyche eingetauscht haben.« »Oho!« brauste das schöne Fräulein auf: »kommt der Mannsdünkel einmal wieder heraus? Ich dachte, den hättest Du Dir abgewöhnt. Lass Dir sagen, lieber Freund, dass das ganz ungerechtes und nichtiges Zeug ist, was Du da von den andern behauptet hast. Und, wenn die zum dritten Geschlecht gehören, dann rechne ich es mir zur Ehre, auch zum dritten Geschlecht zu gehören.« Sie war aufgestanden und zum Schreibtisch getreten, wo sie einigermassen nervös mit dem Papiermesser spielte. Doktor Reithmeyer erhob sich gleichfalls und rief fast klagend aus: »Du gehörst aber nicht dazu – Du kannst nun und nimmer dazu gehören!« »Warum denn nicht?« »Warum denn nicht? Sind das etwa nicht famose Weiber?« »Nun, erstens einmal, weil . . . hm! und zweitens, . . . hm! und drittens, weil Du überhaupt viel zu schön dazu bist.« Jetzt wurde das Fräulein Fries ernstlich böse. »Ach, lass mich mit Deinem dummen Zeug zufrieden! Giebt's nicht vielleicht auch schöne Männer, die deswegen doch noch Wichtigeres und Besseres im Leben zu thun finden als dummen, kleinen Mädchen den Kopf zu verdrehen? Ich möchte wissen, warum schöne Frauen verurteilt sein sollen, einzig und allein zur Verfügung der edlen Männlichkeit zu stehen! Zu dumm! Und glaubst Du etwa, dass nicht jede von den Weibern, die Du da vorhin genannt hast, ebensogut Frau und Mutter werden könnte wie ich, wenn sie nur wollten?« Doktor Reithmeyer lachte ironisch. »Wollen mögen sie schon – glaub's gerne! Aber einen Mann finden sie nicht, der ihnen dazu verhilft; das ist der Casus!« Fräulein de Fries warf das Papiermesser heftig auf den Schreibtisch und sagte nur: »Lächerlich!« Dann ging sie nach der Ottomane, ergriff ihr Buch und schritt ohne ein weiteres Wort zu verlieren stolz zur nächsten Thür hinaus. »Aber Claire, wir werden uns doch nicht zanken – das giebt's ja garnicht zwischen uns!« wollte ihr der Freund noch nachrufen. Aber die Thür klappte ihm in's Wort. Mit den Händen in den Hosentaschen schritt er ein Weilchen ärgerlich und unschlüssig hin und her, dann ging er hinaus, stülpte seinen Hut auf, nahm seinen Stock zur Hand und verliess das Haus. Als der Doktor Reithmeyer durch das Thor des Vorderhauses auf die Blütenstrasse hinaustrat, sprang gerade eine Dame vom Rade – eine kaum mittelgrosse, gedrungene Gestalt, deren stämmige Beine in schwarzen Strümpfen und blauen Pumphosen steckten, während den Oberkörper eine weitbauschige Blouse mit Matrosenkragen umhüllte. Auf dem kurzgeschnittenen, braunen Haar sass eine Sammetmütze mit Schirm, die zu dem kecken Bubengesichte mit der unternehmenden Nase darin vortrefflich harmonierte. Das war Fräulein Hildegard Haider, genannt Box, in Firma Moritz Haiders Töchter, Bankgeschäft. »Grüss' Gott, Box!« sagte der junge Privatdozent, den Hut lüftend. »Wollten Sie zu uns?« »Grüss' Gott, Seppl,« gab die Angeredete gemütlich zurück, indem sie ihm kräftig die Hand drückte. »Ja, ich habe gerade eine halbe Stunde Zeit und wollte mich mal nach Euch umschauen. Wie geht's, wie steht's?« »Danke, erbärmlich. Wir haben uns eben gezankt.« »Ach wo!« rief das Fräulein erstaunt. »Ach, kommen Sie wieder mit hinauf, Doktor, ich bringe Euch schon wieder zusammen; Claire ist doch oben?« »Jawohl, Claire ist oben; gehen Sie nur hinauf und lassen Sie sich brühwarm den Fall erzählen und dann heckt mitsammen etwas aus gegen mich unseliges Mannsbild; denn über mich geht's ja doch her.« »Ach, was wird's weiter sein?« rief Fräulein Hildegard; »haut Euch doch und seid wieder gut.« »Ach so, Sie würden wohl hauen in solchem Fall? Das sähe Box ähnlich.« »Ja, ich denke mir Hauen zwischen Eheleuten sehr hübsch. Ich bin immer für abgekürztes Verfahren. Na, kommen Sie mit, Doktor?« »Nein, bedaure, ich muss jetzt meinen Groll eine Stunde spazieren führen. Soll ich Ihnen vielleicht Ihr Rad die Treppe hinauf tragen ?« »Nö, danke! Ich kette es unten an, Adieu! Wünsche wohl zu grollen!« »Danke, habe die Ehre!« Damit gingen sie jeder ihres Weges. Die Rolljalousien waren herabgelassen, der »junge Mann« hatte sich empfohlen und Fräulein Hildegard Haider, in Firma Moritz Haiders Töchter, stand in ihrem Laden und hielt noch einmal Umschau, ob alle Gegenstände an ihrem Platz und alle Schlüssel abgezogen seien, bevor sie hinausging und die Hinterthür verriegelte und verschloss. Ihr gelber Hühnerhund sprang aufgeregt bellend um sie herum, froh, dass die tägliche Geduldsprobe wieder einmal überstanden war. Er musste während der Geschäftsstunden muckmäuschenstill zu ihren Füssen unter dem Schreibbureau liegen, aber jetzt gab's als Belohnung für sein Wohlverhalten noch ein gesundes Rennen neben dem Rade. Fräulein Haider war auch vergnügt. Sie pfiff das »Mädchen ohne Gleichen« vor sich hin und streichelte den Hund über den dicken Kopf. Sie hatte heute ein unerwartet gutes Geschäft gemacht und ausserdem freute sie sich auf den Abend, für den sie einige Freundinnen zu sich gebeten hatte. Ihre Schwester Martha hatte sie heute schon eine Stunde vor Geschäftschluss heimgeschickt, um sich mit den Vorbereitungen zu befassen. Sie schwang sich auf ihr Rad – diesmal freilich nicht in Pumphosen, denn im Geschäfte hielt sie auf Würde und trug stets weite, lange Röcke, meist von Sammet oder gar Manchester – und fuhr durch die Ludwigsstrasse zum Siegesthor hinaus. Sie hatte eigentlich Lust, direkt heim zu fahren nach der Giselastrasse, wo ihre Wohnung lag, aber Schampus, so hiess der Hühnerhund, musste seine Bewegung haben und so strampelte sie denn die übliche Pflichtstrecke bis zum fünften Kilometerstein der Schwabinger-Landstrasse ab und eilte alsdann erst heimwärts. Im raschesten Tempo, oft zwei Stufen auf einmal nehmend, erklomm sie die vier Stiegen zu ihrer bescheidenen Mansardenwohnung. Sie fand den Tisch bereits gedeckt für acht Personen. Martha hatte ihre Sache gut gemacht, das Arrangement nahm sich sehr hübsch aus, aber Fräulein Hildegard war noch nicht ganz zufrieden. So erfolgreich sie im allgemeinen in ihrem Bestreben sich zu vermännlichen gewesen war, that sie sich doch auf allerhand kleine weibliche Geschicklichkeiten viel zugute, wie z. B. auch auf ihren Reinlichkeits- und Ordnungssinn und besonders auf ihren artigen Geschmack für gefällige Ausschmückung und behagliche Einrichtung von Wohnräumen. Sie war stolz auf ihr Porzellan, das sie nicht dutzendweise im Laden, sondern stückweise auf Auktionen gekauft hatte, so dass jede Tasse, fast sogar jeder einzelne Teller und jede Schüssel einen besonderen Kunst- oder Kuriositätswert besass. Das schöne gediegene Silberzeug hatte sie vom Vater ererbt. Dieser Vater, Moritz Haider, war ein merkwürdiger Mann gewesen. Von Haus aus ein Jude, hatte er sich seiner streng protestantischen Frau zu Liebe taufen lassen und dabei sogar seinen Namen – Cohn nannte ihn die Sage – aufgegeben. Er war ein guter Geschäftsmann, aber ein wenig Schwärmer gewesen, hatte viel über philosophische Probleme spintisiert und periodische Anfälle einer zuweilen ganz närrischen Sammelwut gehabt. Er hatte mit dieser Leidenschaft viel Geld verpulvert und gewöhnlich die vorherige Sammlung um ein Butterbrot verkauft, so oft neue Objekte ihn reizten. Seine letzte Passion waren die Pfeifenstopfer in Form von Beinchen aus Porzellan oder Edelmetall gewesen und die Töchter bewahrten die Sammetkassette mit den 75 schlanken und feisten, langen und kurzen, nackten und bestrumpften und beschuhten Frauenbeinchen als Erinnerung an die harmlose Narrheit des Vaters pietätvoll auf. Der alte Herr hatte auf seinem Sterbebett seiner Hildegard die 75 Beinchen fast mit ängstlicherer Sorge ans Herz gelegt als das Geschäft, welches in seinen letzten Lebensjahren gar sehr herunter gekommen war, und zwar Dank den Bemühungen seines einzigen, übelgeratenen Sohnes, den er endlich mit einer Abfindungssumme nach der neuen Welt hatte spedieren müssen, wo der junge Mann bald genug verdorben und gestorben war. Aber mit voller Seelenruhe hatte der alte Herr darein gewilligt, dass die Firma nach seinem Tode Moritz Haiders Töchter heissen sollte, so seltsam das auch klang. Er wusste, was seine Hildegard für ein tüchtiger Kerl war und wie gut sie die Sache verstand. Ausserdem hatte er Hildegards feierliche Erklärung, niemals heiraten zu wollen, stets ernst genommen. Er war ebenso wenig wie irgend jemand aus der Freundschaft oder Verwandtschaft imstande gewesen, sich Hildegard als Ehefrau zu denken. Es lag also seiner Ansicht nach nicht die mindeste Gefahr vor, dass sie einmal in verliebter Laune das Geschäft irgend einem Leichtfuss zur Beute ausliefern würde. Martha dagegen, »die süsse Pflanz«, wie sie zu Hause hiess, die hübsche, zärtliche und kokette Martha würde ja sicherlich bald mit Heirat abgehen und dann sollte dadurch für sie gesorgt sein, dass sie Teilhaberin des Geschäftes blieb. Hildegard hatte das Vertrauen ihres Vaters vollständig gerechtfertigt, und die schon arg gefährdete Firma wieder zu gutem Ansehen gebracht, wogegen die »süsse Pflanz« nun schon 24 Jahre alt geworden war, ohne noch ihre Bestimmung erfüllt zu haben. Sie war immer hübscher geworden und mit zweiundzwanzig war sie sogar zu einer Schönheit herangereift, die in der ganzen Stadt bekannt war und der alle Künstler huldigten. Die Männer, die als in sie verliebt gelten konnten, vermochte Martha Haider nach Dutzenden zu zählen, und fünf Jahre ihres Lebens hatte sie nun schon in steter gespannter Erwartung eines Heiratsantrages verbracht; aber niemals war es dazu gekommen. Schmeicheleien, heisse Worte, Blumen und Gedichte – ein anderes Erträgnis hatte ihre Schönheit bisher nicht abgeworfen. Die kecken Männer, die bei ihr auf leichten Sieg hofften, liess sie übel abblitzen und die Schüchternen, die sie zu ermuntern sich herabliess, wagten doch nicht mit ernsthaften Anträgen herauszurücken, weil sie sich fürchteten, dass die »Bankieuse« alsdann vielleicht allzu geschäftlich mit ihnen reden könnte, denn es waren zufällig lauter mittellose junge Leute. Der dauernde Zustand der Notwehr und Erwartung, in dem sich Martha Haider nun schon mehrere Jahre hindurch befand, hatte sie bereits nervös heruntergebracht und begann allmählich auch ihrer Schönheit Schaden zu thun. Sie konnte manchmal mit ganz glanzlosen Augen und zusammengezogenen Brauen träumend über das Hauptbuch hinwegstarren und die seelische Verstimmung, die schon seit zwei Jahren an der Arbeit war, ihr langsam scharfe Züge um Nase und Mundwinkel herumzuziehen, machte sich auch manchmal in heftigen Ausbrüchen der Schwester gegenüber Luft. »Na, was machst Du denn für ein kritisches Gesicht?« sagte Fräulein Martha, ein bischen empfindlich, als die Schwester so lange die Tafel musterte, ohne ein Wort des Lobes zu äussern. »Na, na – nur nicht schon wieder nervös,« entgegnete Hildegard. »Ich finde es ja sehr nett, was Du da gemacht hast, mir kam nur eben eine neue Idee mit den Servietten.« Und sie griff nach der nächsten Serviette, in die bereits ein Weissbrot hineingesteckt war und begann daraus etwas zu formen, das nach ihrer Behauptung einer Lotosblüte deutlich ähnlich sehen sollte. Es war dies eine ihrer Kunstfertigkeiten. Während sie damit beschäftigt war, sagte sie leichthin, auf einen grossen Strauss herrlicher Orchideen deutend, der inmitten der Tafel stand: »Weisst Du, süsse Pflanz, so üppig hättest Du gerade nicht zu sein brauchen wegen der paar gemütlichen Frauenzimmer. Was kostet denn der Spass?« »Nichts« sagte Martha, achselzuckend. Und Hildegard darauf: »Du, was kriegst Du denn für einen roten Kopf? Ich mag nicht, dass Du so etwas aus Deiner Tasche bezahlen sollst!« »Fällt mir auch garnicht ein,« versetzte Martha, wirklich ganz rot im Gesicht. »Die Blumen sind . . . ach, Du kannst Dirs schon denken.« »Von Arnulfen?« »Hm, ja, natürlich! So was Schönes kommt doch immer von ihm.« Dabei lachte sie nervös und machte sich etwas ganz Ueberflüssiges am Tisch zu schaffen. Sie fühlte, dass die Schwester einen scharfen Blick auf ihr ruhen liess und so fügte sie, halb gezwungen, nach einer kurzen Pause hinzu: Er war eben hier, er lässt Dich grüssen.« Fräulein Hildegard nahm eine zweite Serviette vor und pfiff leise durch die Zähne. Dann sagte sie, ohne aufzusehen, wie im Selbstgespräch: »Die Geschichte gefällt mir nicht.« »Ich weiss allein was ich zu thun und was ich zu lassen habe,« fuhr Martha heftig auf und dabei zuckte es in ihrem Gesicht, als ob sie nicht übel Lust hätte in Thränen auszubrechen. »Ich dachte, es wäre der Conditorjunge und machte selbst die Thür auf, sonst hätte ich ihn garnicht vorgelassen.« »Na, rege Dich nur nicht auf,« begütigte die Schwester. »Ich will Dir ja gar keinen Vorwurf machen. Wir sind zwei selbständige, vernünftige Frauenzimmer und wenn wir Herrenbesuche annehmen wollen, so geht das niemanden was an. Meinetwegen könntest Du Dir auch allein jemanden einladen und sogar hinter meinem Rücken techtelmechteln, wenn Dir's Spass machte – aber bloss nicht mit Arnulf Rau.« »Ich möchte wirklich wissen, was man dabei finden sollte,« entgegnete Martha heftig. »Ein verheirateter Mann, mit dessen Frau wir so befreundet sind. . . .« »Eben drum!« warf Hildegard rasch und hart dazwischen. »Du bist ein so vernünftiges Mädel – dass die jungen Windhunde und die alten Gecken Dir nicht gefährlich werden, weiss ich allein; aber Arnulf Rau – der ist Dir positiv gefährlich mit seinen verdammten Augen und seinen weissen Händen. Leugne nur nicht! Es hat Dir noch keiner so warm gemacht wie der. Wenn Du auf den hineinfällst wäre das Unglück viel grösser, als wenn Du irgend einen von Deinen schmachtenden Jünglingen jemals erhört hättest. Unsolidere Absichten hat jedenfalls noch keiner Dir gegenüber gehabt.« »So – glaubst Du?« rief Martha leise und trat mit glänzenden Augen, rasch atmend, vor die Schwester hin. »Dann will ich Dir nur sagen, was er mir eben geschworen hat: er kann nicht leben ohne mich – er lässt sich scheiden!« »Donnerwetter!« platzte Fräulein Hildegard heraus und setzte sich rasch auf den nächsten Stuhl. Sie verschluckte mit Anstrengung eine derbe kritische Bemerkung und fügte erst nach längerer Weile scheinbar ruhig hinzu: »Na, und Du?« »Ich habe natürlich einen furchtbaren Schreck bekommen,« erwiderte Martha. Und dann trat sie vor den nächsten Spiegel, fuhr sich mit den Händen glättend über den tiefschwarzen Scheitel und betupfte alsdann mit ihrem zarten Battisttüchlein das erhitzte Gesicht. Und dabei sagte sie mit leichtbebender Stimme, aber energischer Betonung: »Jedenfalls weiss ich, dass ich noch nie einen Mann so geliebt habe.« Da warf Hildegard ihre damastene Lotosblüte wütend auf den Tisch und rief ganz laut: »Ach Herjesses! Hör' mal, süsse Pflanz, jetzt wird mir die Sache zu dumm! Wärest Du lieber früher mit einem flotten Kerl durchgebrannt oder hättest Du einen von den schüchternen Jünglingen festgelegt – lieber hätte ich Euch mit Kind und Kegel aus meiner Tasche erhalten, als dass ich jetzt so was an Dir erleben muss!« »Ja, höhne Du nur!« rief Martha aufgebracht: »Du mit Deiner Herzlosigkeit kannst überhaupt nicht begreifen . . .« »Ach was, Herzlosigkeit!« unterbrach sie die Schwester rauh. »Ja, wenn bloss das Herz heissen dürfte, was unvernünftige Frauenzimmer an ungeeignete Männer zu hängen pflegen, dann habe ich freilich keins. Ich habe auch nicht das Herz dazu, Dich in solchem Blödsinn zu bestärken.« »Ach Du – Du . .!« zornbebend trat Martha ein paar Schritte rasch auf die Schwester zu und dann fügte sie hastig hinzu: »Du hast mir überhaupt alles zerstört – Du bist ganz allein Schuld daran, dass ich dieses ganze grässliche, verfehlte Leben noch immer ertragen muss.« »Ich? Wieso?« »Weil Du die Männer abschreckst. Dich, mit Deiner fürchterlichen Nüchternheit und unweiblichen Derbheit fürchten sie mehr als die schlimmste Schwiegermutter. Du verhöhnst ja alle zarteren Gefühle. In Deinen Augen wird ja alles lächerlich und frivol, wonach man sich sehnt, wenn man so liebeleer dahin vegetieren muss wie ich. – Ach, Du, Du . . . wo Du hintrittst, da blüht ja gar nichts mehr!« Zornflammend, mit funkelnden Augen stand sie der Schwester gegenüber und dann wendete sie sich plötzlich rasch ab und verliess das Zimmer. – – Als einige Minuten später das Dienstmädchen hereintrat, stand Fräulein Hildegard am offenen Fenster und schneuzte sich mit einer ganz unnatürlichen Heftigkeit. Sie konnte doch die dumme Person nicht merken lassen, dass sie geweint hatte. – Eine halbe Stunde später begannen sich die Gäste einzustellen. Zunächst erschien Fräulein Agathe Echdeler, die Vorsitzende des Agitationskomitees für die Evolution der femininen Psyche; in Wirklichkeit hatte der Verein einen etwas gemeinverständlicheren Namen, aber unter sich pflegten ihn die gelehrten Damen scherzeshalber also zu bezeichnen. Fräulein Echdeler war eine stattliche, schlanke Erscheinung, so gegen Ende der Dreissiger, von sicherem Auftreten und höchst intelligentem und dabei liebenswürdigem Gesichtsausdruck. Im Gegensatz zu der burschikosen Hildegard Haider war ihr Wesen durchaus damenhaft. Nach ihr erschien die Frau von Grötzinger, ein kugelrundes Persönchen mit kurzgeschnittenem, grauem Haar, rotem Vollmondgesicht mit Stumpfnase, unauffällig und dennoch geschmacklos gekleidet. Frau von Grötzinger war eine kreuzbrave Dame, die mit bescheidenen Mitteln eine wirklich erspriessliche Wohlthätigkeit übte. Man behauptete, dass sie noch einen Mann besitze, es hatte ihn aber noch niemand gesehen – es hiess, er sei schon vor langen Jahren in weite, weite Fernen geflohen, aus lauter Angst vor dem starken Geiste seiner Gattin. In der gewöhnlichen Unterhaltung fiel Frau von Grötzinger mehr durch ihr männliches Organ als durch den Inhalt ihrer Reden auf und sie liebte augenscheinlich den starken Tabak mehr in Form von Cigarren als in Form von gewagten Bemerkungen. Sie war nämlich im Stande, die gefährlichsten Giftnudeln zu rauchen, ohne eine Miene dabei zu verziehen. Nach ihr kamen die unzertrennbaren Freundinnen Frau Stummer und Fräulein Wiesbeck. Erstere, einen prächtig rein geschnittenen antiken Gemmenkopf auf kräftig geformtem Halse tragend, ganz wie ein verkleideter schöner Jüngling einherschreitend, wogegen das Fräulein an ihrer Seite so recht zum umblasen aussah, – eine schmalschultrige, spitznasige Pfarrerstochter, die aber doch die Energie besessen hatte ihren Eltern durchzubrennen, um in Zürich Philosophie zu studieren – d. h. » nur so « wie sie sich sinnig ausdrückte, denn wie sie ihre Philosophie praktisch verwerten sollte, das war ihr vorläufig selbst noch nicht klar. Sie verdiente sich ein wenig Geld damit, dass sie höheren Töchtern Unterricht im Lateinischen und Griechischen gab, im übrigen wurde sie von wohlhabenderen Freundinnen durchgefuttert. Frau Stummer hatte thatsächlich einen Mann besessen, hatte sich aber nach kurzer Zeit von ihm scheiden lassen, da es ihr im Verlauf der kurzen Ehe immer undenkbarer geworden war, wozu sie den Herrn verwenden sollte, der sie nur in ihren höheren Bestrebungen störte. Sie waren übrigens ganz freundschaftlich auseinander gegangen und Herr Stummer besuchte seine Gattin noch zuweilen – besonders, wenn er Geld brauchte, denn sie besass mehr, als sie für ihre einfachen Bedürfnisse benötigte. Zuletzt erschien Fräulein Claire de Fries in Begleitung von Fräulein Doktor juris Babette Girl, einer schlanken, festgefügten Erscheinung, in einem glatten schwarzen Sammetkleide, das zu ihrem feinen, geistvollen Kopfe mit der kühnen Adlernase vortrefflich harmonierte. Das Fräulein Doktor hatte sich bereits einen bedeutenden Ruf erworben, als eine der beredtesten und scharfsinnigsten Verteidigerinnen der modernen Emanzipationsbestrebungen ihres Geschlechtes. Sobald die Gäste alle beisammen waren, setzte man sich zu Tisch und genoss mit auffallendem Ernst und verhältnismässiger Schweigsamkeit die guten Dinge, womit die Firma Moritz Haiders Töchter aufzuwarten hatte. Es wurde eigentlich nur über Köchinnen und Küchenfragen gesprochen, wie zu Beginn einer gewöhnlichen Damengesellschaft auch, und nur dadurch, dass diese Damen ordentlich assen wie hungrige Menschen, und nicht bloss pickten wie Ziervögelchen, bethätigten sie ihre Erhabenheit über die gewöhnlichen Schwächen ihres Geschlechtes. Dass die Unterhaltung nicht lebhafter und lauter wurde lag einesteils wohl daran, dass statt alkoholhaltiger Getränke nur Frada gereicht wurde, andernteils aber auch in der etwas gedrückten Stimmung, die von den Gastgeberinnen selbst ausging. Fräulein Martha Haider hatte sich zwar schon wieder soweit beruhigt, dass weder ihr Teint noch ihr Gebahren die eben durchgemachte Aufregung verriet und auch Fräulein Hildegard wusste sich zu beherrschen und gab der Schwester sogar ganz besonders zärtliche Namen, aber die Intimen des Hauses und feinen Beobachterinnen hatten doch sofort gemerkt, dass zwischen den Beiden etwas vorgefallen sein müsse. Nach Aufhebung der Tafel ging die kleine Gesellschaft in das Wohnzimmer, einen mässig grossen, mit allem erdenklichen Zierkram recht eigenartig und geschmackvoll ausgestatteten Raum. Es wurden Cigaretten herumgereicht – Frau von Grötzinger zündete sich natürlich eine eigene, nubierbraune Cuba an – und dann liess Fräulein Hildegard eine Bowle von ansehnlichem Umfang hereinbringen, die sie auf den Teppich niedersetzte. Sie stürzte zwei Flaschen Schaumwein hinein und versicherte ihre alkoholfeindlichen Freundinnen, dass die ganze Geschichte purer Obstsaft mit Brauselimonade sei, – was um so schamloser gelogen war, als das Gebräu in Wirklichkeit aus echtem Pfälzer und Sekt, halb und halb gemischt, bestand – wo hinein sie noch als besondere Würze einige Scheiben Citrone und – entsetzlich! – einen Schuss Kognak gethan hatte. Sämtliche Gäste erklärten das Getränk für vorzüglich und die Antialkoholistinnen priesen es besonders als einen glänzenden Triumph der Fradaindustrie. Die Stummer und die Wiesbeck streckten sich samt Fräulein Hildegard um die Bowle herum auf den Teppich aus, Fräulein de Fries legte sich lang auf einen niedrigen Divan unter einem Baldachin von türkischen Stoffen und Martha Haider, die eine wahre Backfischschwärmerei für die schöne Friesin hegte, nahm zu ihren Füssen auf dem Bärenfelle Platz. Frau von Grötzinger hockte in einem weiten Korblehnstuhl so tief drin, dass ihre Füsse den Boden nicht mehr berührten und Babette Girl stand mit Agathe Echdeler Arm in Arm an dem offenen Mansardenfenster und betrachtete lächelnd die hübschen Gruppen. Aber mit dem Lobe des guten Getränkes schien auch der Unterhaltungsstoff schon wieder erschöpft zu sein, sodass Hildegard Haider ärgerlich ausrief: »Kinder, Ihr seid heut entsetzlich fad! Ich werde einmal Kobolz schiessen, damit Leben in die Bude kommt.« Da war sie auch schon auf den Füssen, stieg über das fadendünne Fräulein Wiesbeck hinweg und schlug wirklich in der Mitte des Zimmers einen ganz eleganten Purzelbaum, ohne im mindesten den Anstand zu verletzen, da sie stets ihre Radelhosen unter dem Rocke trug. In Anbetracht, dass diese gymnastische Produktion aber für die Gesellschaft nichts Neues mehr war, fand sie auch nur einen etwas kühlen Beifall und die Unterhaltung wäre sobald wohl nicht in Gang gekommen, wenn nicht das Fräulein Doktor die de Fries laut, aber ohne Aufregung gefragt hätte, ob es denn wahr sei, dass sie ihren Freund, Doktor Reithmeyer heiraten wollte. »Ach, Box hat wohl geklatscht?« fragte die de Fries zurück, ohne ihre ebenso bequeme wie anmutige Stellung zu verändern. »Natürlich; das thue ich grundsätzlich, wenn sich eine Dummheit vorbereitet, die vielleicht durch öffentliche Besprechung noch zu verhindern ist,« erklärte Fräulein Hildegard trotzig. »Oeffentliche Besprechung?« lachte die schöne Claire. »Um Gottes Willen, Du willst doch nicht eine Volksversammlung einberufen über meinen Fall?« »Nö – ich meine nur unsern intimen Kreis hier. Die Fenster sind ja offen, da reden wir doch auch öffentlich.« »Soll das ein Witz sein?« fragte Frau von Grötzinger schläfrig. »Ich lache nicht. Ich habe zu viel gegessen.« Und dann wendete sich die Echdeler an die de Fries: »Also Sie sollen wirklich heiraten?« »Soll! Hört, hört!« rief die Stummer dazwischen. Und die de Fries darauf: »Na ja, ich soll ; aber ich will nicht.« »Bravo! Prost!« quiekte Fräulein Wiesbeck und trank der medizinischen Kommilitonin zu. »Ach, macht doch keinen Unsinn,« sagte Box ärgerlich. »Ich sehe nicht ein, warum wir uns nicht über die Frage ruhig und vernünftig aussprechen sollen. Ich meine wir wären kompetent genug dazu.« »Ich habe auch nichts besonderes dagegen,« erwiderte Fräulein Claire ruhig. »Wenn ich nur so hübsch bequem hier auf der Anklagebank liegen bleiben darf, lass' ich Euch gern über den Fall Reithmeyer contra Fries verhandeln. Ich muss gestehen, ich bin ein wenig unsicher geworden, ich weiss nicht mehr recht, ob ich in meiner Weigerung gross oder bloss eigensinnig bin. Schliesslich ist ja Heiraten am Ende kein Verbrechen. » »Ich bin für freie Liebe,« grunzte Frau von Grötzinger in ihrem gemütlichen Bass. Alle lachten, aber die gute Dame nahm das garnicht übel, sondern lachte fröhlich mit. »Na, über die Liebe brauchen wir doch hier nicht zu diskutieren,« erklärte Fräulein Wiesbeck altklug, und Martha Haider, die das spitznasige Mädchen nicht leiden mochte, flötete in ihren lieblichsten Tönen: »Ach, sind Sie mit der Liebe schon im Reinen? Bitte, sagen Sie mir doch etwas Abschliessendes darüber.« Die stud. philos. merkte die Ironie und warf etwas zögernd hin: »Die Liebe – mein Gott! – Die Liebe ist eben Privatsache.« Wiederum gab sich die Mehrzahl der Damen einer ganz ungebührlichen Heiterkeit hin. Da rief Doktor Girl mit ihrem schönen weichen Organ in den Lärm hinein: »Aber meine Damen! Wer wird denn so nach Heiterkeitserfolgen jagen! Wir sind doch nicht im deutschen Reichstag.« »Bravo! Sehr richtig! Reichstag, pöh!« scholl es lustig durcheinander und dann schlug die Girl vor, eine ordnungsmässige Debatte zu eröffnen. Hildegard Haider würde zunächst als Eingeweihte die species facti erzählen. Box setzte sich auf türkisch zu Claire de Fries auf den Divan und entledigte sich mit hinreichender Beredsamkeit ihrer Aufgabe. Die Damen hörten mit gespannter Aufmerksamkeit zu und dann eröffnete das Fräulein Doktor die Verhandlung, indem sie zunächst Fräulein de Fries fragte, ob sie vielleicht zur Berichtigung das Wort erbitte. Da dieses nicht der Fall war, hielt das Fräulein Doktor folgende kleine Rede: »Gestatten Sie mir, meine Damen, den vorliegenden Fall nach der soeben gehörten Auseinandersetzung noch einmal kurz zu präzisieren. Herr X und Fräulein Y haben sich auf Grund gegenseitiger sogenannter Liebe zu einem freien Verhältnis, ohne jede Rechtsverbindlichkeit, zusammengefunden. Das Verhältnis hat zu beiderseitiger Befriedigung längere Zeit bestanden und durch seine geistigen Qualitäten, man darf wohl sagen den Charakter einer idealen Ehe angenommen. Nun wünscht Herr X diese ideale Ehe zu einer auch bürgerlich giltigen, d. h. zu einem legalen Vertragsverhältnis ohne Kündigungsrecht zu machen, in welchem Y sich freiwillig und auf Lebenszeit unter die Vormundschaft des X zu begeben, ohne die sogenannten natürlichen auch noch eine Reihe von unnatürlichen, d. h. gesellschaftlichen Pflichten zu übernehmen und überhaupt nach dem Grundsatz mulier taceat in ecclesia zu allen Massnahmen des X das – Pardon! – Mündchen zu halten hat.« Fräulein Wiesbeck konnte sich den halblauten Zuruf: »Scheusslich!« nicht versagen. Babette Girl fuhr unbeirrt fort: «Es tritt nun an diese hochansehnliche Versammlung die Frage heran, ob unter dem Gesichtspunkte unserer Tendenz zur gesunden Evolution der femininen Psyche unserer Genossin Y. aus Gründen der Opportunität ein Verleugnen ihrer bisher tapfer verteidigten Prinzipien nachzusehen sei oder nicht.« «Nein! nein! niemals! jamais! non licet! Brutale Vergewaltigung! Männlicher Egoismus! plumpe Falle!« riefen die aufgeregten Damen laut durcheinander. Fräulein Girl klopfte, da eine Glocke nicht zur Hand war, mit einem Papiermesser an ihr Glas und bat um Ruhe. «Wünscht jemand das Wort zu dieser Frage?« fügte sie mit drolligem Ernst hinzu. Frau von Grötzinger hob ihr kurzes dickes Zeigefingerchen in die Höhe und dann sagte sie mit einem mütterlichen Lächeln zu dem schönen Weibe auf dem Divan gewendet: »Frieschen, lassen Sie sich nicht auf den Leim locken! Ich weiss aus Erfahrung wie schwer es ist einem Manne zu widerstehen, der recht schön bitten kann. Ich bin, wie gesagt, für die freie Liebe.« Ohne die Erlaubnis zum Reden abzuwarten fuhr Frau Stummer dazwischen: «Ich kenne die Ehe, ich kann auch mitreden. Die Männer können uns durch die freie Liebe gerade so gut zu Grunde richten, als durch die Ehe, wenn sie wollen. Es kommt nur darauf an wie wir sind. Für das Herdenweib ist die Ehe gut genug; das fühlt sich in der Sklaverei ja doch am wohlsten, und für das freie Weib ist auch die freieste Liebe noch nicht frei genug, denn Liebe bedeutet für uns eben Unterwerfung. Aber ich sehe nicht ein, warum ein Weib immer einen Mann lieben muss. Lieben Sie doch die Wissenschaft , Fräulein de Fries, der zu dienen ist eine Ehre!« »Bravo! Bravo!« quiekte die Wiesbeck begeistert. »Ich liebe auch nur die Wissenschaft und gedeihe prächtig dabei.« »Na, Fett setzen Sie gerade nicht an, mein Kindchen!« neckte Frau von Grötzinger gutmütig. »Mir scheint, Sie haben nicht viel Gegenliebe bei der Wissenschaft gefunden. Nur bei platonischen Verhältnissen kann man so mager bleiben wie Sie.« Jetzt begann alles durcheinander zu gehen. Heiterkeit und ernsthafte Erregung über die aufgeworfene Frage. Fast alle Damen redeten zugleich, thaten sich zu zweien oder dreien zusammen erhitzten sich, überschrieen sich, fielen sich ins Wort – gerade so wie es Männer in solchen Fällen auch zu thun pflegen. Fräulein Girl verzichtete lachend auf die weitere Durchführung der parlamentarischen Komödie und setzte sich in eine Ecke mit Box und Fräulein Echdeler zusammen, um ganz ernsthaft mit diesen ihre Meinung auszutauschen. Fräulein de Fries, die die Sache doch am meisten anging, war die ruhigste von allen, und unter dem allgemeinen Lärm beugte sie sich zu Martha Haider hinab und fragte lächelnd: »Was würdest Du denn thun in meinem Falle, mein Liebling?« »Ich?!« fuhr das schöne Mädchen aus träumerischem Sinne auf. Sie musste sich erst sammeln, bevor sie der Freundin Antwort geben konnte. Dann flüsterte sie ihr errötend zu: »Ach, wenn mich einer so liebte, – ich wäre ja so überglücklich, ihm vor aller Welt und für das ganze Leben angehören zu dürfen!« Claire strich ihr zärtlich über den glatten Madonnenscheitel. »Ach, Du Weibchen!« sagte sie freundlich: »macht Euch das wirklich glücklich? Nur für den Herrn leben – garnichts für sich selbst sein wollen?!« Martha seufzte und wusste eine ganze Weile keine Antwort. Dann erhob sie sich vom Fussboden und sagte leichthin: »Ach, Ihr lacht mich ja doch nur aus.« Und sie nahm den silbernen Kuchenkorb zur Hand und machte anbietend die Runde bei den Gästen. Die schöne Friesin erhob sich nun gleichfalls, zündete sich eine neue Cigarette an und horchte zerstreut bald hier, bald dort auf den lebhaften Meinungsaustausch der einzelnen Gruppen. Von dem eigentlichen Thema, nämlich der Frage, ob sie heiraten sollte oder nicht, waren die Damen schon ziemlich weit abgekommen – eine jede auf ihr Lieblingsgebiet. Frau Stummer stritt sich mit Frau von Grötzinger über das Mädchengymnasium herum. Erstere war leidenschaftlich dafür, letztere hartnäckig dagegen. Die Wiesbeck dozierte der lächelnd zuhörenden Echdeler etwas vor über die Notwendigkeit sich individuell ausleben zu können, wozu sich die Frau ebenso das Recht erkämpfen müsse wie der Mann. Fräulein Echdeler hatte alle diese Dinge schon tausendmal gehört, aber sie liess die Studentin ruhig schwätzen: rethorische Uebungen auf diesem Gebiete waren immer nützlich, denn die gute Sache der geistigen Befreiung erforderte gewandte Rednerinnen, und die waren immer noch viel zu selten. Babette Girl war auch schon wieder bei ihrem Lieblingsthema angelangt, dem Rechtsverhältnis der unehelichen Kinder. Ihre Freundin Hildegard hatte sie herausgefordert durch die Bemerkung, dass ein Kind fast für jede Frau gut, für die meisten sogar notwendig sei; aber sie sähe nicht ein, warum nicht ein innerlich frei gewordenes Weib, wie Claire de Fries, ein Kind ohne rechtsgiltigen Ehemann haben sollte. Der Kampf mit den Vorurteilen der Gesellschaft wäre für einigermassen starke Charaktere doch nur ein Spass. Claire setzte sich zu diesen beiden und hörte aufmerksam zu. Als sie das Verhältnis mit Doktor Reithmeyer eingegangen war, hatte sie sich vorgenommen, kein Kind zu bekommen bis sie ihre Studien vollendet und eine selbständige Stellung als Arzt erlangt haben würde. Dann aber wollte sie sich um ihren natürlichen Beruf, um ihre höhere Frauenpflicht nicht weiter herumdrücken. Sie war eine ernste Natur und wollte beweisen, dass die moderne Frau nicht nur geistig dem Manne gleichwertig, sondern auch moralisch über ihn erhaben sei, indem sie in der Liebe nicht, wie der Mann, nur den flüchtigen Genuss, sondern die Erfüllung einer heiligen Pflicht gegen die Menschheit suche. Aber sie hatte auch schon oft nachgedacht über die zum mindesten unbehagliche Stellung, die ein solches, auf vorläufig noch verbotenem Wege auf die Welt gekommenes Kind in dieser einzunehmen verurteilt war. Und sie hatte sich ernstlich gefragt, ob nicht im Sinne einer höheren Sittlichkeit der Egoismus einer Frau, die ihrem Drang nach geistiger Freiheit das Behagen ihrer Kinder opfert, ebenso verwerflich sei, wie der Egoismus des genusssüchtigen Mannes, der zu seiner Bequemlichkeit den blühenden Unsinn in seinem Gesetzbuch festgelegt hat: ein uneheliches Kind ist mit seinem natürlichen Vater als nicht verwandt anzusehen. Wenn sie wirklich einmal sich zum Heiraten bewegen liesse, so sollte es, das stand schon lange bei ihr fest, nur den Kindern zu Liebe geschehen. Das war der Punkt, den eben auch das Fräulein Doktor jur. mit seiner klaren, schmucklosen Beredsamkeit beleuchtete. »Ach was,« fuhr Box derb dazwischen: »diesen Kindern ist es ganz gut, wenn sie sich ein bischen hart durchs Leben stossen müssen – und den Mädchen ganz besonders. Wir brauchen abgehärtete Weiber für die Zukunft.« »Ja; aber bei dem Herumstossen wird auch viel schöne Kraft unnütz verbraucht,« entgegnete Babette mit ruhigem Ernst. »Die hartgewordenen Weiber werden auch unsere Sache niemals vorwärts bringen. Die helfen nur die Schönheit und die Freude und die Güte aus der immer nüchterner werdenden Welt zu schaffen.« »Nö – seh' ich garnicht ein,« beharrte Box. »Gesundheit ist die beste Schönheit und mit allem Gerede vom Wahren, Guten, Schönen werden schliesslich doch nur Schmachtlappen gezüchtet.« »Und mit Deiner Abhärtungstheorie geschlechtslose Weiber,« mischte sich jetzt Fräulein de Fries in den Streit: »und die sind nicht nur den Männern ein Greuel, sondern auch sich selber. Vergiss das nicht, Box!« »Herrgott! bist Du schon um die armen Männer besorgt?« höhnte Hildegard. »Dieses alberne Mitleid mit den Männern ist wahrhaftig die schändlichste unter den berühmten Schwächen unseres Geschlechts. Weshalb lassen sich so viele, auch von den feinsten und gescheidtesten Frauen so elend hineinlegen? Blos, weil die Männer so gut ihr Mitleid zu erregen wissen. Das verstehen sie alle merkwürdig gut, einer Frau vorzujammern, dass sie ohne sie nicht leben könnten, dass sie wahnsinnig werden müssten, wenn sie sie nicht erhörte, oder moralisch verkommen, wenn sie ihnen nicht als rettender Engel die Hand reichen würde. Ekelhafte Komödie! Mir sollte einer nur mit solchen Redensarten daherkommen! Ich thät ihm rechts und links ein paar hineinhauen.« »Sei ganz ruhig,« lachte die schöne Claire; »zu Dir kommt auch keiner.« Hildegard wurde rot vor Aerger und rief ganz laut: »Ach so! das sollte wohl alles auf mich gehen von den geschlechtslosen Greueln? Na, weisst Du, liebe Donna Clara, wenn Du vielleicht meinst, dass ich nicht ebensogut wie jedes andere gerade nicht absolut schieche Frauenzimmer einen Mann erobern könnte, dann irrst Du Dich doch gewaltig. Eine rechte Kunst das! Für eine Frau die will ist jeder Mann zu haben.« »Na, weisst Du, was die Männer betrifft,« lächelte Claire ironisch: »so zeichnest Du Dich durch ein durch keinerlei Sachkenntnis getrübtes Urteil aus.« »So?« rief Box, nun wirklich bös werdend; »Du bildest Dir also wirklich ein, ich wäre ausser Stande einen Mann zu verführen. Pöh! Die Männer sind ja solche Schwächlinge der Verlockung gegenüber, dass wir nur ein bischen energisch mit dem Finger zu winken brauchen und sie gehen gleich ins Netz – jeder, ohne Unterschied des Alters, Ranges oder Standes.« Babette suchte die Wildgewordene zu begütigen, aber sie war nicht mehr zu halten. Die Szene mit ihrer Schwester vor Tische war ihr so auf die Nerven gegangen, dass sie in ihrer Gereiztheit kaum mehr wusste was sie sagte. »Wenn ich einen Mann demütigen wollte, so würde ich mir garnicht einmal selbst darum Mühe zu geben brauchen – ich könnte ihn einfach von meiner Köchin verführen lassen.« »Hört! Hört!« rief die dicke Frau von Grötzinger belustigt und auch die andern Damen waren aufmerksam geworden und wendeten sich teils lachend, teils mit verlegener Miene der Gruppe zu. »Du vergisst eines, lieber Box«, sagte Fräulein de Fries, mit Mühe ihre Verstimmung über diese Wendung des Gespräches unterdrückend: »die Männer sind erst nach dem Genuss die Cyniker, für die Du sie hältst. Vorher sind sie meist grössere Idealisten als wir, und ein Sieg, der ihnen keine Schwierigkeiten macht, reizt sie überhaupt nicht.« »Soso! Ich werde den Beweis vom Gegenteil erbringen!« rief Fräulein Hildegard mit blitzenden Augen. »Binnen heute in 14 Tagen bringe ich Euch einen kapitalen Bock zur Strecke.« Allgemeines Schweigen. Diese Frivolität ging den Damen denn doch zu weit. Sie schauten verlegen drein und bekamen plötzlich in merkwürdiger Uebereinstimmung Gelüste auf ein neues Stück Kuchen und ein weiteres Glas Bowle. Mit Essen und Trinken liess sich besser über die verdorbene Stimmung hinweggleiten. Da niemand ihren guten Witz mit Beifall belohnte, so lachte Box selber und die kluge Echdeler, die sich am meisten durch jene thörichte Renommage verletzt fühlte, trat hinter ihre Freundin, klopfte sie freundlich auf die Schulter und sagte: »So ist's recht, lach' Dich nur selber aus. Es war ein schlechter Witz.« Und zu den Uebrigen gewendet fuhr sie fort: »Nur nicht ängstlich, meine Damen! Box hat nur einen Schreckschuss abgefeuert. Sie wollte doch ihren Revolver, den sie auf ihren Rad-Ausflügen über Land mitnimmt, probieren – und sie ist noch nie dazu gekommen davon Gebrauch zu machen. Bloss darum hat sie vor unsern zarten Ohren einmal losknallen müssen, haha! Nein, meine Damen, wir können uns in aller Ruhe weiter entwickeln, ich habe gar keine Furcht, dass wir auf diesem Wege etwa dazu gelangen könnten, uns auch Studentenroheiten anzugewöhnen.« Es wurde Box plötzlich klar, dass sie eine Taktlosigkeit begangen hatte und sie drückte Fräulein Echdeler dankbar die Hand für ihr freundliches Bemühen, die Stimmung wieder herzustellen. Man liess das gefährliche Thema wie auf stillschweigendes Uebereinkommen fallen und schwätzte mit etwas künstlichem Eifer über allerlei ungefährliche Gegenstände, Theater, Literatur und Mode. Schliesslich liess sich gar Fräulein Doktor Girl bewegen, ein Geigensolo zum Besten zu geben. Sie war eine ungemein begabte Dame, sie wusste und konnte alles mögliche, aber nur geigen konnte sie nicht. Es schien auch niemand zu vermuten, dass sie für ihre Leistung Aufmerksamkeit beanspruchte, denn die Gespräche wurden munter fortgeführt. Fräulein de Fries sah sich nach Martha um. Wo war sie hingekommen? Sie verliess das Wohnzimmer und fand Martha ganz allein im Esszimmer am offenen Fenster lehnen und in die Nacht hinausstarren. Sie trat zu ihr, legte den Arm um ihre Taille, drückte sie an sich und sagte nur: »Na, mein Liebling, was hat es denn gegeben zwischen Euch?« Da liess Martha den dunklen Kopf an die Brust der grossen Freundin sinken und flüsterte unter hervorbrechenden Thränen an ihrem Halse: »Ach Gott! es ist so schrecklich, wenn man niemanden hat, dem man sich anvertrauen kann.« »Ach so,« sagte Claire gütig: »von diesen Dingen verstehe ich doch vielleicht ein klein bischen. Ich bin wohl nicht ganz so schrecklich vernünftig wie die andern. Komm doch morgen gegen Abend zu mir. Ich will es einrichten, dass ich dann allein bin.« Den Damen da drin begann die Gesellschaft langweilig zu werden. Ordentlich zanken konnte man sich nicht mehr, denn dann konnten leicht wieder unangenehme Zwischenfälle eintreten und im übrigen hatte man sich eigentlich nichts mehr zu sagen. Der tückisch eingeschmuggelte Alkohol begann ihnen auch in den Kopf zu steigen und machte die einen bang vor ihrer unmotivierten Lustigkeit, die andern einfach müde. Es vermochte auch niemand mehr einen besondern Witz darin zu erblicken, dass Frau von Grötzinger auf der Occarina zu blasen und die erznorddeutsche Frau Stummer Schnadahüpferln zur Guitarre zu singen versuchte. Ohne dass eigentlich jemand das Zeichen zum Aufbruch gegeben hätte, waren auf einmal, kurz vor Mitternacht, schon sämtliche Damen draussen. Sie bedankten sich alle für den reizenden Abend und Frau von Grötzinger deponierte ein Fünfzigpfennigstück für die Köchin auf dem Küchentisch. Dann begleitete Box sie die Treppe hinunter und schloss ihnen das Hausthor auf. Sie stand, sich die Lippen nagend am Hofgitterthor, bis die Stimmen der Abziehenden sich in der stillen Strasse verloren hatten und bis Schampus, der Hühnerhund, von einem kleinen Ausflug, den er bei dieser Gelegenheit unternommen hatte, zurückzukehren beliebte. In der Wohnung wieder angekommen hiess sie Martha zu Bette gehen und machte sich selbst noch über eine Stunde lang mit dem Wegräumen zu thun. Als sie dann endlich gleichfalls ihr Lager aufsuchte, schlief die Schwester fest wie ein getröstetes Kind – Hildegard aber hörte noch die dritte Stunde schlagen, ehe sie der Traumgott mitleidig in seine Arme nahm. Empörend, dass auch Morpheus ein Mann sein muss! Kann denn ein vernünftiges Frauenzimmer wirklich nicht anders seine wohlverdiente Ruhe finden?! Fräulein Hildegard Haider erwachte am andern Morgen spät. Martha musste sie wecken, was eigentlich gar nie vorkam. Sie hatte abscheuliche Kopfschmerzen infolge des ungenügenden Schlafes und auch wohl ihrer alkoholfreien Bowle, von der sie in der Aufregung mehr genossen hatte, als irgend einer ihrer Gäste. Sie verzehrte ihr Frühstück in denkbarst schlechter Laune und wechselte kaum drei Worte mit ihrer Schwester. Erst auf dem Wege zum Geschäft brach Martha das peinliche Schweigen, indem sie sie fragte, ob sie etwa jetzt durch schlechte Behandlung dafür bestraft werden sollte, dass sie einen Mann gefunden habe, der seiner Liebe zu ihr ein grosses Opfer zu bringen bereit sei. »Steckt Dir der Nagel wirklich so fest im Kopf?« entgegnete Box unwirsch. »Ich dachte, Du würdest die dumme Geschichte schon verschlafen haben.« »Ich kann garnicht finden, dass die Geschichte so dumm ist,« begehrte Martha trotzig auf: »Seine Frau versteht ihn nicht und wir wären für einander geboren, sagt er.« »Ach was, Quatsch!« schnitt ihr Box die Rede ab. »Von solchen Redensarten fliessen verliebte Männer immer gleich über – aber versuchs nur ihn beim Wort zu nehmen, dann wirst Dus erleben, wie er zurückzoppt! Uebrigens ist das garnicht wahr: seine Frau versteht ihn ausgezeichnet – es giebt gar keinen Menschen auf der Welt, der ihn besser versteht, was steckt denn so Bedeutendes hinter seinen geschwollenen Reden? Alles, was die Andern schaffen ist seiner Meinung nach Dreck und Kaff, und wenn man ihn so reden hört, sollte man meinen, er wäre der einzige Mensch der Gegenwart, der was von Litteratur und Kunst versteht. Was aber schafft er denn selber? Alle Jahre ein paar schön geschriebene Aufsätze und hie und da einmal ein Stück, das kein Mensch aufführt oder eine Novelle, die so langweilig ist, dass sie kein Mensch lesen kann. Seine Frau ist im Grunde viel gescheidter, wenn sie auch nicht so schöne Worte machen kann. Sie durchschaut ihn vollständig, aber sie versteht es, ihn bei der Einbildung zu erhalten, dass sie bewundernd zu ihm aufschaute, denn dann ist er zufrieden und sie hat ihre Ruhe und ausserdem einen schönen Mann und ein bequemes Leben. Nee, mein Engel, Dein Arnulf Rau ist ein schöner Mann und ein reicher Mann, aber sonst nichts, und wenn er nicht reich wäre, hätte er mit seiner Weisheit schon längst verhungern können. Männer wie den giebts unter den Litteraten und Künstlern dutzendweise, und von denen, die von Haus aus Geld haben sind 99 Prozent seinesgleichen. Die Sorte kann nichts, als dem Herrgott die Tage abstehlen und ihre nächste Umgebung quälen. Ausserdem sauft er.« »Das ist nicht wahr. Pfui! Nein, das ist abscheulich von Dir!« Martha war nahe daran in Thränen auszubrechen, aber sie genierte sich doch vor den Leuten auf der Strasse und biss die Zähne aufeinander. Erst nach einer langen Weile hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie wieder reden konnte. »Du hast ja keine Ahnung, was ein starker Mann vertragen kann,« sagte sie mit einem bedeutungsvollen Aufschlag ihrer schönen, weichen Augen. »Wenn er jetzt wirklich ein wenig mehr trinkt als gewöhnlich, so thut er das sicher nur, um seinen Schmerz zu betäuben.« »Nu!« erwiderte Box ironisch und diese kurze Silbe schien ihr eine genügend deutliche Meinungsäusserung, denn sie sprach kein Wort mehr bis sie ins Geschäft kamen. Der Laden wurde aufgethan, die Korrespondenz durchgesehen und der junge Mann empfing seine Weisungen für die Börse, denn die Inhaberinnen der Firma Moritz Haiders Töchter durften die heiligen Hallen nicht selbst betreten und waren darauf angewiesen, draussen vor der Thür stehend, durch ihren Kommis sich über die Vorgänge drin berichten und ihre Aufträge ausführen zu lassen. Die Tagesbeschäftigung ging ihren gewöhnlichen Gang. Martha besorgte die Korrespondenz und Hildegard vertiefte sich in das Hauptbuch. Aber die Zahlenreihen darin gewannen heute für sie keinen Sinn. Sie war mit ihren Gedanken ganz wo anders. Diese albernen Liebesgeschichten – dass man das Zeug nicht mit einem leichten Ruck aus dem Gehirn loswerden konnte! Zu dumm! Und ausserdem das ärgerliche Bewusstsein, dass sie sich gestern mit ihrer frivolen Renommage eine Blösse vor ihren Freundinnen gegeben hatte. Es war aber auch zu kränkend gewesen, diese ironischen Bemerkungen der de Fries, dieser allgemeine Zweifel an der Möglichkeit, dass sie, Hildegard Haider, die doch schon die schwierigsten Unternehmungen glatt durchgeführt hatte, im Stande sei, einen Mann in sich verliebt zu machen. An der Sache selbst lag ihr nicht so viel – sie brauchte keinen Mann, Gottbewahre! – aber bloss, um diesen Frauenzimmern zu zeigen, dass sie das Mannsvolk besser kannte und dass eine Frau wirklich bloss zu wollen brauchte, um bei dem sogenannten starken Geschlecht alles durchzusetzen, bloss darum hätte sie sich gern die Unbequemlichkeit aufgeladen, auch einmal eine Rolle in der grossen Liebesfarce zu übernehmen. Sie wollte garnicht weiter davon sprechen, ganz stillschweigend wollte sie ein geeignetes Objekt beim Kragen kriegen und so lange beuteln, bis es Blödsinn stammelnd zu ihren Füssen läge. Sie malte sich ihren Triumph in glühenden Farben aus und sah den ganzen Kriegsplan klar vor sich; es fehlte nur eine Kleinigkeit: das geeignete Objekt! Herrgott! sie kannte doch Männer genug. Verheiratete und unverheiratete Geschäftsfreunde. Aber mit den ersteren anbandeln war unklug, denn dadurch konnte sie den soliden Ruf der Firma schädigen und die Unverheirateten würden zu leicht auf den Köder gehen, denn sie würden sie als eine gute Partie betrachten und etwaige Liebesschwüre würden dann nicht ihrer Person, sondern ihrem Conto bei der Reichsbank gelten. Ja, wenn sie einen erwischen könnte, der garnicht wusste, dass sie Bankier sei, dem sie nur als wohlgewachsenes, fesches Mädchen in reiferen Jahren in den Weg lief. Es kam eine Kunde mit der Anfrage, ob es opportun sei, jetzt gewisse Papiere zu verkaufen. Ohne sich lange zu besinnen, verneinte sie die Frage und behauptete, diese Papiere stiegen demnächst unbedingt. Kaum war der Herr draussen, so fiel ihr ein, dass sie erst kürzlich aus guter Quelle gehört hatte, dass das betreffende Unternehmen vor dem Ruin stehe. Ihr geschäftliches Gewissen erwachte und sie setzte sich hin, um den Kunden brieflich eines besseren zu belehren, aber es wurde ihr so schwer ihre Gedanken zu konzentrieren, dass sie zu den wenigen Zeilen eine halbe Stunde brauchte. Die Kopfschmerzen waren auch zu arg. Da warf sie die Feder hin und erklärte der Schwester, dass sie heute unmöglich weiter arbeiten könne und sie bitten müsse, allein das Nötige zu besorgen. Martha wehrte sich dagegen, denn nach all den freundlichen Eröffnungen, die Box ihr eben erst gemacht hatte, verfügte sie auch über keinen klaren Kopf. »Das ist mir ganz egal! Und wenn ich gleich die Bude zumachen muss – ich kann heute nicht und mag heute nicht.« Damit verliess Box den Laden. Sie eilte heim, hing ihren Rock an den Nagel, stülpte die Sportsmütze auf den Kopf und dann setzte sie sich auf das Rad und machte, dass sie aus der Stadt hinauskam. Sie hatte in der Eile sogar vergessen Schampus mitzunehmen. Wenn der wüsste, dass sie ohne ihn spazieren fuhr – das würde er ihr nie verzeihen! Einen Augenblick dachte sie an den Hund – aber nein, lieber garnicht denken! Auf dem Rad kann man nicht denken, das ist einer der Hauptzüge dieses idealen Beförderungsmittels. Sie fuhr der Isar entlang nach Thalkirchen und dann schob sie das Rad den Berg hinauf und fuhr weiter über die Villenkolonie Ludwigshöhe nach Grosshesselohe zu. Es war ein herrlicher Tag, ein bischen heiss zwar und der Weg nicht zum besten, denn die Sonne hatte die während des letzten Regens tief eingefurchten Geleise zu harten Krusten aufgetrocknet und da hiess es Obacht geben; aber es war so still und friedlich draussen, der Himmel so klar und die Luft waldwürzig und rein und . . . das Beste blieb doch die Unmöglichkeit zu denken. Wie wäre es denn, wenn sie den Doktor Reithmeyer aufs Korn nähme? Das wäre ein Triumph sondergleichen gewesen. Er behauptete zwar seine Claire zu lieben, er wollte sie sogar heiraten, aber schliesslich bestand das Verhältnis doch schon zwei Jahre und er war auch bloss ein Mann. Wahrhaftig, ein guter Gedanke! Aber kaum gedacht – lag sie auch schon neben ihrem Rade im Strassengraben. Das Hinterrad hatte sich in eine schmale, harte Furche verfangen und da hatte es sie einfach zur Seite hinausgeworfen. Der rechte Griff der Lenkstange hatte ihr einen herben Puff gegen die Schulter versetzt und das Pedal war derartig gegen ihre Wade geschlagen, dass nicht nur eine schmerzhafte Beule, sondern auch ein böses Loch im Strumpf der Erfolg davon war. »Himmelherrgottsakra!« fluchte Fräulein Hildegard halblaut, indem sie mit der einen Hand nach der Schulter, mit der andern nach dem Bein griff. Dann gab sie dem Rad einen wütenden Stoss mit dem Fusse und setzte sich aufrecht an den Strassenrand, um sich die Situation klar zu machen. Das Unglück war gerade in dem ansteigenden Hohlwege zwischen Ludwigshöhe und der Eisenbahnbrücke von Grosshesselohe geschehen. Zu ärgerlich! Fräulein Hildegard hatte nicht einmal eine Stecknadel bei sich, um das Loch im Strumpf notdürftig zusammenzuhalten, und die beiden Beulen schmerzten. Ausserdem war sie von dem scharfen Tempo ganz in Schweiss und ausser Atem. Sie schob das Rad den sanften Abhang zur rechten Seite des Weges hinauf zwischen die Bäume, wo es von der Strasse aus nicht zu sehen war, und dann suchte sie sich ein bequemes Plätzchen zum Ausruhen. Hier waren Ameisen, dort zuviel Gestrüpp, hier Steine, dort Giftpilze, da schien die Sonne zu sehr durch – überall fehlte etwas zur Vollkommenheit und sie musste sich schon an die fünfzig Schritt von der Strasse entfernen, bevor sie ein geeignetes Ruheplätzchen gefunden zu haben glaubte. Aber was leuchtete denn da Blankes zwischen den Stämmen? Sieh' da! ein Herrenrad und ein Damenrad friedlich an einander gelehnt. Geräuschlos schlich Box einige Schritte weiter vor und dann blieb sie lauschend stehen. Sie hatte Stimmen gehört, aber sie konnte nichts verstehen. Sie wagte sich noch ein wenig weiter vor bis an den Rand eines kleinen Abhangs. Da war eine kleine Lichtung um eine muldenförmige Einsenkung herum und ihr gegenüber auf blumenbewachsenem, sanften Hange gewahrte sie nun auch die Besitzer der beiden schmucken Maschinen. Sie sass im Grase, den Schoss voll Blumen und wand einen Kranz, und er lag vor ihr, schaute ihr zu und streichelte zärtlich ihre Beine, die in grauseidenen Strümpfen steckten. Es war wirklich ein wunderhübsches Bild – und Box duckte sich lautlos hinter den nächsten Busch, um das Pärchen nicht zu stören. Schade, dass sie nicht hören konnte, was er zu ihr sagte! Sie konnte nur von ihrem Gesicht ablesen, dass es sehr hübsche, erbauliche Dinge sein mussten, denn sie schaute so glückselig drein und fuhr ihm von Zeit zu Zeit zausend durch das Haar und mahnte mit weniger Ernst als Anmut: »Nicht doch, Du! Ach lass doch das! Wer wird so was sagen! – Aber ein lieber Kerl bist Du doch!« Und nun war sie mit dem Kranz fertig, nahm ihren Strohhut ab und drückte ihn sich auf das reiche, aschblonde Haar. »Bin ich hübsch?« rief sie lustig, indem sie die übriggebliebenen Blüten von ihrem Schosse klopfte. Da warf er sich herum, legte den Kopf auf ihre Kniee und streckte die Arme rückwärts nach ihr aus. Er that eine Frage so leise, dass Box sie wieder nicht hören konnte, aber die Antwort der hellen, klaren Frauenstimme verstand sie: »Gewiss habe ich Dich lieb – sehr lieb sogar, Du musst nur nicht . . .« Aber er liess sie nicht mehr sagen, denn er hatte ihren Kopf zu sich heruntergezogen und verschloss ihr den Mund mit Küssen. Und dann warf er sich wieder herum und umschlang sie so heftig, dass das zierliche Figürchen fast unter seiner grossen Gestalt verschwand. Und auf einmal rollten sie gar alle beide, die Verschlingung lösend, den Abhang hinunter, und dann schalt sie ihn und lachte doch dabei, und er lachte auch, und sie klopften sich gegenseitig die trockenen Nadeln von den Kleidern und setzten ihre Kopfbedeckungen wieder auf. Das schöne Kränzlein war zerrissen und zerdrückt, und er hatte sein Taschenmesser verloren. »Siehst Du!« sagte sie, »das ist die Strafe, weil Du nicht artig warst. Habe ich Dir nicht gesagt: wie Brüderchen und Schwesterchen?« Und dann küsste er sie wieder und sie ihn auch, und dann fanden sie schliesslich doch das Taschenmesser und spazierten langsam zu ihren Rädern zurück, er mit dem Arm um ihre Taille, sie mit dem Arm um seine Schultern. Ganz nachdenklich blieb Fräulein Hildegard Haider in ihrem Versteck zurück. Nun hatte sie es einmal mit eigenen Augen gesehen, wie diese berühmte Liebe sich ausnahm. Hm, hm, eigentlich doch wunderhübsch! Jedenfalls reichlich so nett, wie es in thörichten Reimereien geschildert zu werden pflegt. Sie hätte zu gerne gewusst, was für eine Art Leute die beiden da waren; der Herr war ihr sogar bekannt vorgekommen, sie hatte nur leider sein Gesicht nicht ordentlich sehen können. Und sie sprang auf die Füsse. Die Beulen und das Loch im Strumpf waren vergessen – sie musste den beiden nach, sie musste sehen, was weiter daraus wurde, sie musste lernen, wie man sich anstellt, wenn man verliebt ist. Heute noch, an diesem schönen Sommertage, musste sie das lernen! Sie schob ihre Maschine auf die Strasse zurück und bemerkte erst, als sie aufsteigen wollte, dass die Lenkstange sich durch den Fall verschoben hatte. Während sie sich mit der Werkzeugtasche zu thun machte, um den passenden Schraubenzieher herauszusuchen, kam ein Radler des Weges daher, sprang dicht vor ihr ab und sagte, artig seine Kappe lüftend: »Oh, gnädiges Fräulein haben Malheur gehabt! Darf ich Ihnen vielleicht meine Dienste anbieten?« Box machte einige ablehnende Redensarten, denn es gehörte zu ihren zahlreichen Prinzipien, sich sogenannte Ritterdienste nicht gefallen zu lassen; aber der junge Mann liess sich dadurch nicht abhalten, den Schaden zu untersuchen. Er nahm ihr einfach das Werkzeug aus der Hand und stellte ihr das Gubernal wieder richtig ein. Er gab unaufgefordert sein Urteil ab über die Beschaffenheit ihrer Maschine und war sogar so neugierig, wissen zu wollen, ob sie sich bei dem Falle keinen Schaden gethan habe. Box hätte diese Manier eigentlich aufdringlich finden müssen; dieser junge Herr hatte jedoch etwas so liebenswürdig Ungeniertes in seinem Wesen, dass sie ihm nicht böse sein konnte. Und lächelnd zeigte sie ihm das Loch im Strumpfe. »Ah, famos!« rief er heiter: »da kann ich helfen.« Er entnahm seiner Tasche ein kleines Lederetui, welches einige Medikamente, Heftpflaster, Verband- und etwas Nähzeug enthielt. »Sehen Sie, Gnädigste,« sagte er: »dieses Necessaire schleppe ich nun schon mit mir herum solange ich radle und noch niemals habe ich davon Gebrauch gemacht. Ich segne Ihren Unglücksfall. Wenn Sie gestatten wollen, erprobe ich meine mangelhaften Nadelkünste an Ihrem geehrten Strumpfe.« Box konnte nicht umhin, diesen jungen Herrn sehr nett zu finden. Sie zierte sich nicht lange, denn sie war eben grässliche Dilettantin in solchen Dingen, sondern setzte sich auf den Rand der Strassenböschung, während er am Abhang vor ihr hinkniete und mit Nadel und Zwirn – es war allerdings weisser Zwirn – das grosse Dreieck in dem schwarzen Gewebe ihres Strumpfes notdürftig befestigte. Sie erklärte seine Leistung für unter den obwaltenden Umständen immerhin recht befriedigend. »Oh, bitte, Gnädigste, ich werde sie noch etwas verbessern,« rief er und zog eine Füllfeder aus der Brusttasche und schwärzte geschickt den weissen Faden mit Tinte. »So!« rief er befriedigt ob seines guten Einfalls. »Jetzt müssen Sie gestehen, ich habe meine Sache bezaubernd schön gemacht.« »Ich werde Sie in Bekanntenkreisen gern weiter empfehlen, mein Herr,« versetzte sie vergnügt und nahm die dargebotene Hand zur Hilfe beim Aufstehen an. Sie hatte sich in ihrem Leben noch von keinem Manne auf die Beine helfen lassen – aber dieser da war wirklich sehr nett! Und sie fand ihn sogar hübsch, obwohl eigentlich nichts Besonderes an ihm zu sehen war. Er war ziemlich klein, anscheinend genau von ihrer Grösse, aber kräftig gebaut und gut gewachsen, was sein geschmackvoller, flotter Sportanzug gebührend hervorhob. Sein Gesicht zeigte einen gutmütigen und dabei doch intelligenten Ausdruck. Die Augen waren etwas zu klein und farblos, die Nase etwas zu flach und die Lippen etwas zu schmal, der Bart fehlte vorläufig noch; dafür war aber das braune Haupthaar hübsch gekraust und die Ohren auffallend klein und zierlich, ebenso wie auch die Hände und Füsse. Der Teint war etwas blass und wies recht zahlreiche kleine Defekte auf – aber, du lieber Gott, welcher junge Mann hat keine Wimmerln! Fräulein Hildegard Haider hätte Gift darauf genommen, dass auch Julias Romeo Wimmerln hatte, obschon Shakespeare nichts davon erwähnt. Nein, so ein unverschämtes Glück! Hier hatte sie ja das gesuchte Objekt für ihr vorhabendes Experiment: Dieser Jüngling musste daran glauben! Wer er nur sein mochte? Offenbar aus einem guten Haus und weit her, denn er sprach mit einem interessanten, fremdartigen Accent. Und er kannte sie sicherlich ebensowenig wie sie ihn – das war auch von Wichtigkeit. »Wenn gnädiges Fräulein noch weiter zu fahren beabsichtigen, gestatten mir vielleicht mich anzuschliessen?« fragte der junge Mann artig, als sie sich anschickte, ihre Maschine zu besteigen. »O bitte, das heisst, ich . . .« Box zögerte ein Weilchen. Jetzt wusste sie wirklich nicht recht, was das deutsche junge Mädchen in solchem Falle zu thun gehalten sei. Eine leichte Reizung durch sanften Widerstand war wohl angebracht, aber Box wusste nicht, in welche Form sie diesen sanften Widerstand kleiden sollte. Sie fühlte, dass sie vor Verlegenheit errötete. Himmel, sie konnte erröten! Und vor Freude über diese Entdeckung platzte sie heraus: »Na, denn mal los! Kommen Sie mit nach Grünwald?« »Aber mit grösstem Vergnügen, Gnädigste! Wohin Sie befehlen.« Sie fuhren los bis zur Staatsbahnstation und dann schoben sie ihre Räder über die Eisenbahnbrücke, von der aus man den bekannten prachtvollen Blick über München und das Isarthal hat. In der Mitte der Brücke machten sie Halt und betrachteten das herrliche Landschaftsbild. »O, wie gut,« sagte der junge Mann: »dass ich nicht allein über diese Brücke zu gehen brauche. Der Gedanke, hier herunter zu springen, hat etwas süss Verlockendes für mich. Die Farbe dieses Wassers ist wie Milch in einem grünen Glas. Ein Bad in Milch – ungemein poetische Vorstellung, finden Sie nicht? Und dann ausserdem ein Saltomortale so gewissermassen im Angesicht der ganzen grossen Stadt und dennoch in sonniger Einsamkeit! Das hat etwas diskret Sensationelles. Man würde sich zwei- bis dreimal unterwegs überschlagen und der Luftdruck hätte einen bereits getötet, bevor man den Wasserspiegel erreichte. Suicide elegant! Finden Sie nicht?« Jetzt will er sich interessant machen, fühlte sie; aber sie sagte nur: »Famose Idee! Aber gelt, Sie behalten sich die Ausführung für später vor?« »Wer weiss?« erwiderte er mit einem zweideutigen Achselzucken. »Mein Gott, was ist das Leben wert? Mein Leben, ich bitte Sie! Dieses ist nicht die erste Brücke, auf der ich in solchen Gedanken stehe und nicht das erste Eisenbahngeleise, das mich reizt, mich quer hinüber zu legen. Ich bin vierundzwanzig Jahre – mein Gott, ja: aber es giebt Vaterländer, in denen die männliche Jugend nicht gedeiht. Gestatten Sie übrigens, dass ich mich vorstelle!« Er griff in seine Brusttasche, entnahm ihr ein zierliches Täschchen von grünem Maroquinleder, auf das ein Namenszug mit einer Krone in Gold aufgelegt war und überreichte ihr seine Visitenkarte: Le Baron Raoul de Kerkhove, docteur en philosophie. »Ah, Sie sind Franzose? oder vielleicht Belgier – aus Flandern, dem Namen nach?« fragte Fräulein Hildegard neugierig. »Nein, pardon, ich bin Balte – refugié!« versetzte er, indem er mit seinem elegischen Blick ihr Auge suchte, als wollte er sagen: vermagst Du nun meinen Schmerz zu ermessen? Und sie darauf mit einem etwas verunglückten Versuch eines niedlichen Knixes: »Und ich heisse Hildegard – Schneider. Ich bin hier zu Besuch bei meiner Tante.« »Bei einer Tante? Oh!« echote er. »Thut Ihnen das leid?« »Gewissermassen, ja,« lächelte er fein. »Es giebt so unangenehme Tanten.« »Die meinige geht noch an,« sagte Box lustig. »Es scheint so, da sie Ihnen erlaubt allein auszufahren.« »Erlaubt? Ach das ist reizend!« »Ah! Sie scheinen eine selbständige Natur zu sein, Gnädigste.« »Ja; einigermassen schon, das darf ich wohl sagen,« schmunzelte Box. Er sah sie an und seufzte komisch. »Thut Ihnen das auch leid?« fragte sie. »Oh nein – im Gegenteil! Die selbständigen Frauen sind so selten – und wir brauchen sie so notwendig!« »Warum seufzen sie dann aber?« »Habe ich geseufzt? Oh, nur über das Leben im allgemeinen – es hat soviel Schönes!« »Nu allemal! Dös glaubst! Zum Beispiel schöne Sommertage, schöne Aussichten, schöne Radelwege . . .« »Ja, und an Wegrändern sitzen schöne junge Damen mit schönen Löchern in den Strümpfen.« »Ein süsser, junger Mann!« fand Box und dann schlug sie vor, weiter zu fahren. Selbstverständlich wählten sie den Waldweg, wie alle vernünftigen Radler; denn dort ist es verboten. Sie fuhr voraus, um das Tempo anzugeben, und er folgte ihr in geringem Abstand. Lautlos glitten die Gummireifen auf dem glatten Nadelteppich des Fussweges dahin und von Zeit zu Zeit sprangen die blanken Maschinen fröhlich wie junge Böcklein über die Baumwurzeln, die sich dicken, trägen Schlangen gleich über den Weg legten. Fräulein Hildegard Haider war so vergnügt, als hätte sie eben ein Telegramm erhalten mit der Nachricht, dass ihre Türkenlose auf 76¾ emporgeschnellt seien – ach Gott bewahre, noch viel, viel vergnügter! Und ihre Kopfschmerzen waren ganz und gar verschwunden. Dieser nette, angenehme, junge Mann! Und so intressant! Baron, refugié, Balte, Weltschmerz, docteur en philosophie! – Sie hätte ein solches Glück nicht für möglich gehalten. Wie der sich wohl benehmen würde, wenn sie ihn auf dem Rückwege in jene versteckte Blumenmulde hineinlockte? Jedenfalls wollte sie auch damit beginnen, sich ein Kränzlein zu winden. Sie war doch am Ende nicht schon verliebt in den jungen Mann? I, Gott bewahre! Es war sehr wahrscheinlich, dass sie ihn morgen schon für einen ziemlichen Affen hielt; aber für den Augenblick war er gerade recht so – er konnte garnicht besser sein. Es war gegen 11 Uhr, als sie in Grünwald anlangten. Sie kehrten in der Schlosswirtschaft ein und suchten nach einem hübschen, schattigen Platze, als sie plötzlich eines zweiten Radlerpärchens ansichtig wurden. Halloh! Das waren ja die Leutchen aus der Blumenmulde. Natürlich! Der braungewürfelte grosse Herr und die reizende Blondine in der weissen Battistblouse und den grauen Tuchhöschen und grauen, seidenen Strümpfen. Nein, war das Mädchen hübsch! Diese graziöse Knabenfigur und dieses feine Köpfchen mit dem reichen, aschblonden Haar! Und wie gut ihr der einfache Anzug stand! Mit wie ungesuchtem Chic das alles sass, von dem Strohhut mit dem weissen Schleier bis hinunter zu den schwarzen Spangenschuhen! Box vergass ganz ihren Kavalier und verwandte, am Eingang der Veranda stehend, keinen Blick von der reizenden Erscheinung. Jetzt stiess die Dame ihren Begleiter an und der Braungewürfelte wendete sich um nach den Störenfrieden. »Herrgott! Das ist ja . . .« Natürlich war er's! Sie hatte ja auch schon geschäftlich mit ihm zu thun gehabt, wenn er auch nicht zu ihren näheren Bekannten gehört hatte – er war es ganz bestimmt, Herr Franz Xaver Pirngruber, der bekannte Genremaler. Ei, ei, ei! dachte Box; denn Herr Franz Xaver Pirngruber war ein Mann von gegen vierzig Jahren und sozusagen in gesegneten Umständen, denn er verkaufte nicht nur seine Bilder gut, sondern hatte auch eine reiche, stattliche Frau und sechs bildschöne Kinder, um die sich alle Photographen Münchens rauften. »Na warte,« dachte Box: »Dir jage ich jetzt einen Schrecken ein!« Und sie trat ohne weiteres an den Tisch des glücklichen Pärchens und streckte dem Braungewürfelten ihre kräftige Hand entgegen. »Herr Pirngruber – ja, grüss' Sie Gott! No, dös is gscheit! Haben Sie sich auch amal rausg'macht ? Recht hab'n's! an so einem schönen Tag darf man net im Atelier sitzen. Wie geht's denn daheim? Frau Gemahlin wohl und munter? Habe lange nicht die Ehre gehabt.« So schwätzte sie drauf los und es war dem liebenswürdig offenen Gesicht des Herrn Pirngruber unschwer anzusehen, dass er sie am liebsten mit einem kräftigen »Hol dich der Deixel!« begrüsst hätte: aber da er immerhin ein gebildeter Mensch war, so sagte er nur: »Dank schön! dank schön! Passiert! Meine Frau ist übrigens im Bad. Wissens, um diese Zeit des Jahres verspürt sie immer ein dringendes Bedürfnis nach einer Badereise. Ich hab leider zu viel zu thun, wissens. No, und Sie haben sich auch amal losg'macht, Fräul'n Haider?« »Schneider!« raunte sie ihm rasch erschrocken zu. Und da Herr Pirngruber ein sehr erstauntes Gesicht machte, fügte sie erklärend hinzu: »Bitt' schön, nichts verraten, ich heiss' Schneider!« Herr Pirngruber sah den jungen Mann unschlüssig im Hintergrunde stehen und begriff. Er lächelte bedeutsam und sagte, mit einer Handbewegung auf seine schöne Begleiterin deutend: »Gestatten Sie mir vorzustellen : meine Nichte , Frau von Robiceck – Fräulein Schneider.« Die Damen verneigten sich artig gegeneinander und dann winkte Box ihren jungen Mann herbei und stellte ihn gleichfalls vor: »Mein Cousin , Herr Baron Raoul de Kerkhove, docteur en Philosophie.« Allgemeine Verbeugung – vier schöne Seelen hatten sich verstanden. Herr Pirngruber und Frau von Robiceck – hoho! Robiceck! Die hiess geradesogut Robiceck wie Box Schneider hiess. – Die beiden waren also bereits beschäftigt etliche Paar Weisswürstchen mit Senf und ein Bier dazu zu vertilgen, und Box wollte doch nicht so boshaft sein, sie in ihrem Idyll zu stören. Sie machte also ein paar angemessene Redensarten und nahm dann mit ihrem Kavalier an einem ziemlich entfernten Tische Platz, um sich ebenfalls dem Genüsse von Weisswürstchen hinzugeben. Diese fein empfundene Spezialität der Münchener Charcutierkunst scheint im Verein mit dem leichten braunen Bier eine besonders nervenberuhigende Wirkung auszuüben. Harmonisch gestimmte Seelen wie z. B. Dreiquartl-Privatiers, königliche Hartschiere und bayrische Landtagsabgeordnete geben der Weisswurst vor der Auster den Vorzug – warum sollten nicht auch glücklich Liebende sich ihren milden Reizen hingeben? Box bestellte also ebenfalls Weisswürstl mit Bier. Die Unterhaltung zwischen den Beiden wollte nicht recht in Fluss kommen, denn der Baron Raoul de Kerkhove war plötzlich wie auf den Mund gefallen. Hildegard bemerkte, dass er öfter als gerade natürlich und verzeihlich war, zu dem andern Pärchen hinüberschielte, besonders wenn er den Bierkrug zum Munde führte. Er glaubte wahrscheinlich, sie bemerke es da nicht. An dem andern Tische war die Unterhaltung übrigens auch nicht besonders lebhaft und die beiden Herrschaften verzehrten ihren Imbiss mit offenbarer Ungeduld. Man genierte sich also gegenseitig. Schon nach etwa zehn Minuten erhob sich der Meister Franz Xaver Pirngruber mit seiner schönen Begleiterin und im Vorbeigehen grüsste er das Fräulein Schneider artig und sagte: »Also auf Wiedersehen, seltens Fräul'n Schneider! Wir gehen noch a bissel im Wald spazieren. Bitt schön, lassen Sie sich nur net stören in Ihrer Gemütlichkeit. Hab' die Ehre!« Die liebliche Dame neigte nur leicht das feine Köpfchen, dann sprangen die Beiden leichtfüssig den steilen Weg zum Fluss hinunter. Sobald sie ausser Hörweite waren, erkundigte sich der Baron sehr eifrig, wer die Herrschaften seien. »Ach, kennen Sie Franz Xaver Pirngruber nicht?« rief Box. »Er ist doch einer unserer beliebtesten Genremaler. Sie haben gewiss schon etwas von ihm gesehen – so g'spassige Bauernszenen und dergleichen.« »O ja, ich glaube mich zu erinnern,« versetzte der Baron gleichgiltig. »Und wer ist diese entzückende junge Dame – Frau von Robiceck, wenn ich recht gehört habe?« »Hm, ja – von Robiceck habe ich auch verstanden,« erwiderte Box, die schwarzen Brauen hochziehend. »Vermutlich ein Modell – sie ist ja so gut gewachsen.« »Ein Modell?! Oh, Sie scherzen wohl, Gnädigste!« rief der junge Mann fast entrüstet. »Diese exquisite Zierlichkeit, diese vornehme Grazie – oh, unmöglich!« Box zuckte die Achseln. »Unmöglich ist auf diesem Gebiete nichts; aber es giebt ja auch nichtberufsmässige Modelle.« Der junge Herr schwieg nachdenklich. Er quetschte ein Weisswürstchen durch die Zähne, dann legte er die leere Haut mit einer Grimasse auf den Teller zurück und bemerkte: »Dies ist doch mehr ein Genuss für den Einheimischen.« Und da seine Gefährtin hierauf nichts zu erwidern wusste, so trank er einen grossen Schluck Bier und bat alsdann um die Erlaubnis, sich eine Cigarette anstecken zu dürfen. Er holte ein sehr schönes Etui von Tulasilber, innen vergoldet, hervor und bot Fräulein Schneider dasselbe zuerst an. Sie nahm eine Cigarette und beide begannen zu rauchen. Nachdenklich schaute der Baron den grauen Ringen nach, die er kunstvoll von sich stiess und machte alsdann die weitere Bemerkung: »Es muss doch manchmal sehr schön sein Maler zu sein.« »So, finden Sie?« rief Box ärgerlich aus. »Meiner Empfindung nach ist das Malen eine ziemlich fade Beschäftigung. Es kommt für mich gleich nach dem Angeln. Aber entschuldigen Sie, wenn Sie nicht malen , was thun Sie denn dann hier in München? Die Fremden, die hierher kommen, malen doch eigentlich alle.« »Ich habe leider gar kein Talent,« versetzte der junge Mann elegisch. »Ueberhaupt für keine Kunst. Ich bin mit den Vorstudien zu einem grösseren soziologischen Werke beschäftigt, und dann bereite ich mich auch zu einer Weltreise vor. Ich muss nur noch den Ausgang eines Prozesses abwarten von dem es abhängt, ob ich zwei Millionen Rubel mehr oder weniger besitzen werde. Ich muss mich inzwischen mit einer kleinen Rente von zehntausend Rubel durchschlagen.« »Na, das ist doch für einen jungen Herrn sehr nett, dächte ich,« sagte Box. »Oh, es muss eben gehen. Ich habe hier eine kleine möblierte Wohnung von vier Zimmern in der Schellingstrasse, aber nicht einmal einen Diener. Ich reite sogar geliehene Pferde! Das ist mir gerade nicht an der Wiege gesungen worden, das dürfen Sie mir glauben: aber mein Vater starb in Sibirien – Sie verstehen – der Staat hat den grössten Teil seiner Güter eingezogen. Es besteht aber jetzt begründete Hoffnung, dass meine Familie den Prozess gewinnt. Ich warte hier nur das Ergebnis ab.« Box nahm spielend die Tuladose in die Hand und sagte einige bewundernde Worte darüber. »Oh,« versetzte er mit einem bedeutungsvollen Aufblitzen seiner grauen Augen: »Der Metallwert ist ja nicht bedeutend, aber es ist doch ein kostbares Kleinod für mich: ein Geschenk von meinem Onkel, Fürst Krapotkin.« »Ach, doch nicht dem berühmten Nihilistenführer?« »Allerdings.« Er lächelte seltsam. »Bitte, verraten Sie mich nicht. Die Polizei in Ihrem Lande hat soviel Zeit, sich mit harmlosen Ausländern zu beschäftigen.« »Herrjeh! Da sind sie wohl auch so was?« rief Box mit lebhafter Spannung. »Ich, meine Gnädigste?« lächelte er fein. »Ich sagte Ihnen ja, ich bin Balte und mein Vater starb in Sibirien! Im übrigen habe ich – Philosophie studiert.« »Gott, o Gott, was für ein unheimlicher junger Mann Sie sind!« flüsterte Box lustig. »Sie haben ja so viele Taschen und so viele schöne Etuis darin, tragen Sie nicht vielleicht auch eine goldene Tabatiere mit Dynamit bei sich?« »Gnädigste, es giebt Dinge, über die man nicht spotten darf,« sagte er ernst. »Zum Beispiel?« »Zum Beispiel das Vaterland und die Liebe.« »Essen Sie Ihre letzte Weisswurst nimmer?« fragte Box etwas unvermittelt. »Dann gestatten Sie vielleicht, dass ich diesen scheusslichen Dackel damit glücklich mache.« Sie warf die Wurst einem trägen, schwarzen Ungeheuer von Hund zu, das auf krummen Dackelbeinen die Schande seiner Ahnen herumtrug, welche augenscheinlich niemals Sinn für Rasse besessen hatten. Alsdann rief sie die Kellnerin, beglich ihre kleine Zeche – dass der Baron das für sie thue, duldete sie durchaus nicht – und dann sprang sie endlich auf und sagte heiter: »Also, Herr Baron, wenn's Ihnen recht ist, gehen wir auch noch ein bissel im Wald spazieren und reden von der Liebe.« Und genau wie die kleine niedliche Frau von Robiceck vorhin, sprang sie den steilen Weg zum Fluss hinunter und ihr Kavalier hinter ihr drein. Sie bog bald vom Wege ab und begann an dem steilen Abhang im Schatten der herrlichen Buchen und Eichen Blumen zu suchen. Er half ihr dabei, wie ein braver Bruder einer älteren Schwester zu helfen pflegt und erzählte dabei allerlei von seiner Kindheit auf den grossartigen Familiengütern in Livland, von seinen wissenschaftlichen Studien und von seiner geplanten Weltreise. Das war alles sehr interessant, aber wenn er mit einer jungen Dame Blume pflückt, sollte einem gebildeten jungen Mann doch etwas anderes zu sagen einfallen! Wenn sie an seiner Stelle gewesen wäre – Donnerwetter! Aber er war wohl doch noch ein wenig zu jung: vermutlich brauchte er Aufmunterung. - Sie hatte nun einen ungefügen Strauss zusammengerauft, sie war schon ganz heiss von dem vielen Bücken, und da warf sie sich ins dichte Moos und begann einen Kranz zu flechten. Aber es wollte ihr nicht recht glücken; es war zu lange her, dass sie Kränze geflochten hatte. Raoul de Kerkhove sass vor ihr im grünen Moose und rauchte eine Cigarette nach der andern. Er machte absolut keine Miene, ihr die Schienbeine zu streicheln. Sie hätte es ihm auch nicht raten wollen, denn so wie sie sich kannte, wäre sie ihm saugrob gekommen. Aber versuchen hätte er es doch wenigstens können! Statt dessen dozierte er ihr jetzt gar über die Ethik des Kapitalismus etwas vor und setzte ihr auseinander, dass die Wurzel alles Uebels in der Welt die Zinsen seien, » Solange Geld ohne Arbeit noch Geld erzeugt,« schloss er seinen Vortrag: »werden Gerechtigkeit und Zufriedenheit nicht bei uns einkehren.« »Aber was wollen Sie denn?« erwiderte Box gereizt: »Das ist doch in der ganzen Natur so, dass Gleiches Gleiches erzeugt und zwar auch ohne viel Arbeit.« »Aber Geld ist doch kein Organismus, Gnädigste!« sagte er mit einer schwachen Bemühung, ihren Witz zu belächeln. »Geld ist kein Organismus?« rief sie. »Na, ich danke, und was für ein komplizierter! Sie haben ja keine Ahnung!« O weh, das war dumm gewesen! Er sollte ja nicht merken, wie intim sie mit Geldsachen zu thun hatte, und sie lenkte rasch wieder ein, ehe er noch etwas sagen konnte, indem sie ihn darauf aufmerksam machte, dass sie doch sehr weit vom Thema abgekommen seien. »Von welchem Thema?« fragte er etwas blöde. »Herrgott, von der Liebe!« erwiderte sie ungeduldig und – da – das Kränzlein war schon wieder zerrissen. Sie hielt das grössere Stück gegen ihre Stirn und sagte so kokett wie sie im Stande war: »Finden Sie, dass mir das stehen würde?« Er war eben dabei, sich die fünfte Cigarette an dem Rest der vierten anzustecken, schielte mit einem Auge zu ihr hinüber und äusserte ganz trocken: »Nein, ich glaube nicht.« »So?« sagte Box geärgert. »Was würden Sie mir denn auf den Kopf setzen, wenn Sie das Bestreben hätten mich hübsch zu machen?« Er sann ein Weilchen nach, dann rief er plötzlich strahlend: »Oh, ich weiss; einen Cylinder!« »Einen Cylinder?« »Jawohl. Hoch zu Ross, in einem langen schleppenden Reitkleide und einen spiegelblanken Cylinder auf dem Kopf – so denke ich mir Sie famos!« Box war nur mässig befriedigt. Sie warf ihren verunglückten Kranz fort und streckte sich lang auf dem Rücken aus. »Ach geben Sie mir auch noch eine Cigarette,« sagte sie. »Ich finde es hier riesig behaglich. Hier möchte ich träumen, stundenlang!« Er wollte ein Zündholz in Brand setzen, aber sie hielt ihn davon ab, weil leicht ein Waldbrand hätte entstehen könnte. Es würde polizeilich davor gewarnt, brennende Streichhölzer fortzuwerfen. »Geben Sie mir von Ihrem Feuer,« sagte sie mit zarter Betonung und sie nahm die Cigarette zwischen die Zähne und lächelte ihn an. Sie konnte das riskieren, da sie sehr schöne weisse Zähne hatte. Und wenn er nun einigermassen talentvoll war, so beugte er sich mit der Cigarette zwischen den Lippen über sie, schaute ihr tief in die Augen und küsste sie alsdann, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Aber dieser unglückselige junge Baron schien wirklich nur Strümpfe stopfen zu können. Er hielt ihr seine Cigarette mit den Fingern hin, mit ausgestrecktem Arm, möglichst von weitem. Und, als ihre Papyros dampfte, schaute er wieder weg und heftete den Blick auf ihre naturledernen Kneippsandalen. Kneippsandalen gehörten zu ihren siebenundzwanzig Prinzipien – aber schön waren sie nicht. »Lieben Sie die russischen Mädchen?« erkundigte sich Box nach längerem Schweigen mit massigem Eifer. »Oh, ich leide mit ihnen!« erwiderte der junge Mann. »Sie sollen aber doch so weich in den Gelenken sein,« beharrte Box. »Ja, besonders in den Gelenken der Seele,« pointierte er fein. »Sie lassen sich biegen zum Bösen wie zum Guten, und wenn sie lieben, tragen sie keine Korsetten.« »Ach das ist ja riesig intressant!« rief Box, nun wirklich lebhaft werdend. »Ich meine das natürlich bildlich, Gnädigste,« sagte der junge Mann, höflich zurechtweisend. »Hier zu Lande kommen mir die Damen immer geschnürt vor, geistig meine ich – und sie fühlen sich steif an, auch wenn sie gar keine Knochen haben.« »Na, ich aber nicht!« rief Box, indem sie sich mit einem gewissen Stolz reckte. »Jawohl, mein Fräulein, Sie haben Knochen!« bestätigte der junge Mann mit ruhigem Ernst. Auch hiervon war Box nicht ganz befriedigt. Raoul de Kerkhove sass da und rauchte, sann und lauschte. Plötzlich hob er den rechten Zeigefinger: »Horchen Sie!« »Was ist denn? Das ist ein Buchfink,« sagte sie. »Ach, den Vogel meine ich nicht! Hören Sie doch diese Stimme! Das muss die kleine reizende Frau von Robiceck sein.« »Nu wenn schon !« sagte Box und schlug mit ihrer Mütze nach einer Fliege, die hartnäckig um sie herumsummte. »Ach gehen wir doch einmal hin und sehen, was sie treiben!« »Na, wissen Sie,« lächelte Box boshaft: »ich würde an Ihrer Stelle nicht zu dicht rangehen.« Aber Raoul de Kerkhove war schon auf den Füssen und strebte der Richtung zu, aus welcher das süsse, silberne Lachen herzuklingen schien. Box blieb nichts übrig als ihm nachzugehen. Etwa fünfzig Schritte weiter und sie wurden des Braungewürfelten und der weissen Blouse zwischen den silbergrauen Buchenstämmen ansichtig und dann sahen sie wie Franz Xaver, der liebenswürdige Meister des humoristischen Pinsels, die sogenannte Nichte in seinen Armen in die Höhe hob, so dass sie den untersten Ast einer grossen Buche erreichen konnte, und dann schwang sich das zierliche Persönchen geschickt hinauf und kletterte geschmeidig wie eine Katze von Ast zu Ast. »Das ist eine gute Idee!« sagte Box. »Das mach' ich auch. Sie brauchen mir garnicht einmal zu helfen, Herr Baron.« Und nach kurzem Suchen hatte sie einen Baum gefunden, der sich ohne besondere Schwierigkeiten erklimmen liess. Sie kam thatsächlich ohne Hilfe auf den ersten Ast hinauf und von da gings keck weiter, immer höher und höher. Oh, turnen und klettern, das konnte sie! Und als sie ganz oben, dicht unter dem Wipfel angekommen war, da schaute sie triumphierend nach ihrem jungen Freunde aus. Der stand unten, wendete ihr den Rücken zu und starrte hinüber nach der anderen Buche, wo die kleine niedliche Frau von Robiceck aus dem dichten Grün heraus ihr süsses, silbernes Lachen erschallen liess. »Ekel!« dachte Box: »Dich hab' ich überschätzt!« Und dann kletterte sie wieder herunter und wusste, dass sie erhitzt und zerkratzt und garnicht vorteilhaft aussehe. »Bravo! bravo!« sagte Raoul de Kerkhove. »Ich habe noch nie eine Dame sich zu solchen Höhen versteigen sehen.« Das sollte ein Witz sein, aber Box fand es garnicht komisch. Sie erklärte mit Bestimmtheit, dass sie nun heim müsse und dass sie es ihm überlassen wollte, in der Gesellschaft der kleinen niedlichen Frau von Robiceck noch länger zu verweilen. »Oh,« sagte er nur und stieg gesenkten Hauptes hinter ihr drein zur Wirtschaft empor. Als sie bei ihren Rädern standen, griff er auf einmal nach ihrer Hand und sagte warm und liebenswürdig: »Sind Sie mir böse, Gnädigste? Ich habe Sie, bei Gott, nicht kränken wollen.« Jetzt glaubte er wohl gar, sie sei eifersüchtig. Und sie beeilte sich ihm zu versichern, dass sie garnicht böse sei. Da führte er ihre Hand an die Lippen und küsste sie. Er war doch ein guter Junge – und sehr wohlerzogen. Dann bestiegen sie ihre Maschinen und radelten im flottesten Tempo heimwärts. An diesem Tage liebten sie nicht weiter – – aber sie verabredeten sich für den folgenden Abend nach den Blumensälen. Herr und Frau Arnulf Rau waren bei Reithmeyers zum Abendessen geladen. Claire de Fries hatte sich mit Frau Katja Rau bei Gelegenheit ihrer Besuche in München ziemlich angefreundet; sehr intim vermochte sie mit Frauen überhaupt nicht zu werden, denn sie fand starke Freundschaften innerhalb ihres Geschlechtes zu zeitraubend und geistig zu wenig ergiebig. Das viele Geschwätz aus reiner Freude am Schwatzen, ohne das es bei Damenfreundschaften nun einmal nicht abgeht, konnte sie nicht vertragen. Die schöne Claire war nämlich in dieser Beziehung fast noch mehr als in ihrem ernsten Interesse für die Wissenschaft eine merkwürdige Erscheinung: sie verstand wohl zu reden und sogar gut zu reden, wenn das Thema sie interessierte, sonst aber war sie äusserst wortkarg und zwar aus lauter Faulheit. Claire de Fries war körperlich wirklich unendlich faul. Die grösste Anstrengung bei ihren medizinischen Studien war für sie das lange Sitzen und Stehen, und sie entschädigte sich für dieses harte Opfer, das sie der Wissenschaft brachte dadurch, dass sie zu Hause fast immer lag. Sie war unter ihren Studiengenossinnen und auch in ihrem weiteren Bekanntenkreise fast die einzige nichtradelnde Dame – auch Frau Katja Rau radelte nicht, weil ihr Gatte es nicht liebte, und das war ein Hauptgrund, weshalb ihr die gescheidte kleine Frau mit dem üppigen dunkelbraunen Haar und den schwarzen spöttischen Augen so sympathisch war. Auch Herrn Arnulf Rau konnte sie ihre Hochschätzung nicht ganz versagen, denn er übertraf sie noch um ein Beträchtliches an Faulheit. Wenn diesen schönen Mann seine göttliche Faulheit nicht abgehalten hätte, die weltbewegenden Ideen und die glänzenden Kunstwerke, welche fix und fertig in seinem Gehirn ruhten, durch schnöde Tinte zu fixieren, so würde er zweifelsohne nicht nur, wie jetzt schon, sich selbst, sondern auch der ganzen gebildeten Welt als ihr erster Dichter und Denker gegolten haben. Er hielt jede physische Anstrengung für eines Edeln unwürdig. »Die Heerde mag schwitzen« pflegte er zu sagen und ein berühmter Aphorismus, den er einmal improvisiert, aber niemals niedergeschrieben hatte, lautete: »Der Eigene erhitzt sich nicht, Der Uebermensch erschwitzt sich nicht.« Indem er diesem Grundsatz getreulich nachlebte, hatte er es, wenn auch noch nicht zum Uebermenschen, so doch bereits zu einem stattlichen Embonpoint gebracht. Er war ein schöner Mann, das musste ihm selbst der Neid lassen: Lohengrin oder Siegfried, der sich soeben bei einem geschmackvollen Friseur Haar und Bart halblang hat schneiden lassen, aber mit den weichen Händen und wohlgepflegten Fingernägeln eines modernen Kulturmenschen. Eine gewählte Toilette von nachlässiger Eleganz und eine stets aparte, farbenfreudige Kravatte vollendeten den wohlthuenden, harmonischen Eindruck seines äusseren Menschen. Ueber den innern hätte vielleicht nur seine Frau zuverlässige Auskunft geben können, denn er äusserte nur immer Geist und niemals Charakter. Aber seine Frau verriet nichts – sie wollte ihr süsses Geheimnis für sich behalten. Und wo wäre solcher Egoismus der Liebe verzeihlicher als bei der Gattin eines Mannes, der vermöge seiner geistigen Bedeutung von rechtswegen der ganzen Welt gehört! Es gab nur ein kaltes Abendbrot, wie es eben der unbekochte Junggeselle aus der Delikatessenhandlung holen lässt: Hummermajonnaise, feine Wurstwaren und diverse Käse. Man hatte draussen auf dem zeltüberspannten Dach gegessen und dann war man vor der Münchener Abendkühle in das Arbeitszimmer geflüchtet, vornehmlich dem grossen Arnulf zur Liebe, mit dessen Anschauungen ein Katarrh unvereinbar war. Und der Uebermensch, welcher sein wird und welcher selbst beim Tanzen nicht schwitzen wird, er wird auch von den Katarrhen der Heerde verschont bleiben. Claire de Fries lag selbstverständlich lang ausgestreckt auf dem Divan, die kleine Frau Katja hockte auf der Lehne zu ihren Häupten und wühlte ihr mit den spitzen Fingern im Haar, während die beiden Herren sich möglichst bequem in die beiden einzigen Polsterstühle schmiegten. Alle rauchten Cigaretten, mit Ausnahme von Arnulf Rau, der sich, als Eigener, erlauben durfte von seinen eigenen Importen zu rauchen. Man war selbstverständlich im Laufe der Abendunterhaltung bereits wieder bei dem Thema angelangt, das in diesem Kreis immer noch die brennende Frage bildete, nämlich ob Reithmeyers heiraten sollten oder nicht. »Theoretisch sehe ich natürlich vollkommen ein,« sagte Doktor Reithmeyer, nervös mit den Quasten seines Lehnstuhls spielend: »dass die offizielle Heirat für uns überflüssig ist – aber mein Gott« . . . er zuckte zur Vervollständigung des Satzes nur die Achseln. »Theoretisch steht der Kulturmensch über der Natur,« begann Arnulf Rau nach einer kurzen Ueberlegungsfrist: »aber praktisch hat er sich dadurch in die unwürdigste Sklaverei verkauft. Herrschen heisst unterdrücken nicht wahr? Der Mensch beherrscht die Natur heisst, er unterdrückt sie. Er ersinnt Religionen und votiert Sittengesetze, kraft deren das Natürliche für sündhaft erklärt wird und die Sünde wider die Natur für sittlich. Es ist doch lediglich die kleinlichste Eitelkeit auf seine geistigen Herrscherqualitäten welche den Menschen veranlasst, sich freiwillig seiner Rechte als Ueberaffe zu begeben. Sollte es möglich sein, dass wir im Stadium des Uebermenschen aus der Klasse der Säugetiere hinauswachsen könnten, so möchte sich das jahrtausendelang währende Opfer individueller Freiheit am Ende lohnen; indessen . . . Pardon, ich langweile Sie, Frau Claire!« schloss er, zu der schönen Freundin seines Freundes gewendet, denn er hatte bemerken müssen, dass sie ein Gähnen unterdrückte. »Oh nein, durchaus nicht,«behauptete jene lächelnd. »Ich bin ganz einverstanden mit Ihnen. Es würde mich wirklich interessieren, Ihre Ansichten über die Ehe einmal ausführlich zu hören.« »Ueber die Ehe? – Oh gern!« versetzte Arnulf Rau und dann strich er sich mit der molligen, weissen Hand durch das weichwellige Blondhaar und lehrte: »Wenn die Ehe wirklich zu den Naturnotwendigkeiten gehörte, so wäre sie der einzig sichere Beweis für das Nichtdasein Gottes, denn indem dieser Gott den Mann polygam, das Weib aber monogam geschaffen, hätte er eine dauernde Vereinigung der Beiden von vornherein unmöglich gemacht, also sich selbst als logisch denkendes Wesen desavouiert. Da nun aber alles übrige im Schöpfungsplan mit so lückenloser, logischer Konsequenz eingerichtet ist, so folgt daraus, dass die Ehe nicht unter die göttlich-natürlichen Einrichtungen zu rechnen ist.« Er machte eine kleine Pause. Niemand sagte etwas, nur Doktor Reithmeyer lächelte unbehaglich vor sich hin. »Die ideale Ehe existiert vielfach in der Natur,« fuhr der schöne Arnulf mit leichtgerunzelter Stirn nachdenksam fort. »Schauen Sie sich den Gockel auf dem Hühnerhof an – da sehen Sie sie. Dieser Stolz! Diese Würde! Diese Noblesse des Gockels, mit der er seinen Weibern stets die besten Bissen gönnt, zu ihrem Schutz stets kampfbereit ist und kein Wesens daraus macht, wenn er verwundet aus der Schlacht heimkehrt! Und bei den Hühnern diese stumpfsinnige Zufriedenheit, dieser gackernde Eifer der Pflichterfüllung! Da haben Sie Familienglück, Natur und individuelle Freiheit.« »Sie sind aber doch auch nicht Muselmann geworden, lieber Freund?« warf Doktor Reithmeyer etwas übellaunig ein. »Wir wollen doch nicht persönlich werden, lieber Freund,« entgegnete Arnulf mild. »Ich begreife ja vollkommen,« sagte Claire de Fries: »dass die Existenz des Gockels Euren Neid erweckt, meine lieben Herren, aber ich zweifle daran, ob Ihr selbst, im gegenwärtigen Stadium Eurer Entwicklung, mit lauter Hühnern zufrieden wäret.« »Das ist's ja eben, was mein Mann sagen will,« mischte sich Frau Katja ein. »Daraus entspringt eben die Tragödie der modernen Ehe, dass der Mann im wesentlichen Gockel geblieben ist, der grössere Teil der Frauen dagegen sich vom Huhn so weit entfernt hat, wie ungefähr der Mensch vom Affen.« »Ganz recht,« bestätigte der schöne Mann. »Sobald die Frau etwas anderes sein will als nur die Gebärerin, die zum Lohne für ihre Mühe beschützt und gepflegt wird, überschreitet sie ihre natürliche Grenze. Wer sich aber über die Natur stellen will, der verfällt, wie ich schon bemerkt habe, unerbittlich der härtesten Sklaverei menschlicher Sittengesetze. Die Folge davon, dass sich die physischen Grundbedingungen für die beiden Geschlechter nicht , dagegen die sittlichen Anschauungen sehr stark verändert haben, ist die, dass die Sittlichkeit des Mannes durch sein Verhalten in geschlechtlichen Dingen so gut wie garnicht, die des Weibes dagegen sehr stark beeinflusst wird.« »Beweis!« rief Frau Claire etwas geärgert. »Muss ich den wirklich antreten?« fragte Arnulf, sich müde dehnend, und da niemand ein Wort sagte, um ihn der Mühe zu überheben, so fuhr er nach einigem Nachdenken also fort: »Die Sache ist ganz einfach. Die Liebeserregung des Mannes ist wie eine kurze, akute Krankheit, von der er um so stärker wieder aufsteht. Das Liebesfieber kann ihm wohl so heftig zusetzen, dass er der unsinnigsten Handlungen, ja selbst eines Verbrechens darin fähig ist, aber sobald er das Ziel seiner Sehnsucht erreicht hat, ist er gesund, und, was noch wichtiger ist, überhaupt nicht mehr Geschlechtswesen, sondern nur noch kraftproduzierender Organismus. Die Liebe ist ein hemmender Widerstand für die Maschine Mann; für die Frau ist sie dagegen das movens, das agens; denn die Maschine Weib ist ja darauf eingerichtet, ich möchte sagen Liebesfrüchte zu produzieren. Allerdings besitzt diese weibliche Maschine die wichtigsten Bestandteile mit der männlichen gemeinsam – ohne Kurbelstange, Schwungrad und Regulator wäre sie eben keine Maschine – sie ist daher auch fähig, ihre bewegende Kraft für andere Zwecke zu verwenden, als für den sie speziell gebaut ist; aber das geschieht stets zum Schaden der Maschine und bringt auch ein minderwertiges Produkt hervor.« »Wird bestritten,« warf die de Fries ein. »Aber erfolglos,« erwiderte Arnulf Rau geringschätzig. »Die wenigen Frauen, die in Kunst und Wissenschaft wirklich einigermassen Bedeutendes hervorgebracht haben, waren zumeist nicht fraulich beanlagt. – Ach bitte, meine schöne Frau Claire, bemühen Sie sich nicht,« schaltete er mit einer abwehrenden Handbewegung ein, da er bemerkte, dass die de Fries den Mund zu einem Einwurf öffnen wollte – »Sie wollen mir selbstverständlich diese unglückliche Sonja Kowalewska entgegenhalten. Eine liebestolle Mathematikprofessorin beweist ebensowenig gegen meine Behauptungen, als der Umstand, dass zuweilen Kälber mit fünf Beinen oder mit zwei Köpfen geboren werden dagegen beweist, dass Kälber einen Kopf und vier Beine haben.« »Auf diese Art könnte ich Ihnen auch beweisen,« rief die schöne Claire, ihn fast mitleidig von der Seite ansehend: »dass der Mann das inferiore Naturprodukt sein müsse: denn es hat doch nun einmal Frauen gegeben, die auf dem ursprünglich männlichen Gebiete höchster geistiger Produktion Bedeutendes geleistet haben, wogegen noch niemals ein Mann ein Kind gekriegt hat.« »Oh, Klärchen!« sagte Doktor Reithmeyer sanft. Dann entstand eine Pause – denn der schöne Arnulf fühlte sich verletzt. Seine Gattin brach das Schweigen mit einem drolligen Seufzer und dann verkündete sie mit lächelndem Pathos: »Des Mannes Liebe ist die Welt, die Welt des Weibes ist die Liebe – sagt P. A.« »P. A.? Wer ist das?« fragte Doktor Reithmeyer unbefangen. »Kinder, seid Ihr ungebildet!« rief Frau Katja heiter. »P. A. ist natürlich Peter Altenberg .« »Peter Altenberg? Ach, der verrückte junge Wiener?« »Verrückt? nun ja, stylistisch schon, wenn Sie wollen. Seine aufdringliche Manier kann man ja auch vielleicht verrückt nennen. Sonst aber muss ich sagen, ich liebe Peter Altenberg. Er ist wie eine Biene: er sieht nur Blüten, saugt den Saft aus ihnen und giebt ihn als Honig wieder von sich.« »Das hast Du treffend bemerkt,« kam Arnulf seiner Gattin zu Hilfe. »Ein wenig Honig auf Buttersemmel gestrichen, ist ein hoher Genuss, einen Honigtopf bis zum Grunde auszuschlecken, eine Höllenstrafe. Ein Buch von P. A. ist ein Honigtopf, aber in kleinen Dosen genossen, bietet er exquisiten Genuss. Uebrigens ist er ungefähr der Einzige, der es so sieht wie ich. »Was »es«?« fragte Frau Claire faul. Und Arnulf Rau: »Mein Gott! die Welt, das Leben, alles.« Und wieder nach einer Pause Frau Claire: »Aber Sie haben uns immer noch nicht gesagt wie Sie die Ehe ansehen; die Ehe zwischen dem Mann-Gockel und der modernen Frau.« »Ja, meine schöne Freundin, wenn Sie mich immer anulken!« rief Arnulf Rau, indem er den Beinüberwurf wechselte. »Oh, wie könnt' ich mir dies erlauben!« rief Claire unschuldig und schloss friedlich die Augen. Aber der Dichter und Denker konnte sich nicht sogleich entschliessen. Er rauchte nachdenklich und betrachtete dabei seine Fingernägel. Doktor Reithmeyer erhob sich und begann ein wenig nervös auf und ab zu wandeln. »Ich fürchte, wir werden auf diesem Wege auch nicht erfahren ob wir heiraten sollen oder nicht,« sagte er ein wenig gereizt. »Es wird am besten sein, es an den Knöpfen abzuzählen.« Er schaute an seiner rechten Rockseite hinunter: »Ja, nein, ja, nein .« Frau Katja beugte sich über ihre schöne Freundin. Die hatte über ihrer seidenen Blouse ein spanisches Jäckchen mit vielen kleinen Knöpfen, und sie zählte: »Ja – nein – ja, nein – ja, nein – ja – also ja! « rief sie lustig und klatschte in die Hände. Die schöne Claire lächelte: »Ach, liebe Katja, fragen Sie doch ihren Mann, ob er nicht meint, dass die männlichen Knöpfe den weiblichen überlegen seien.« »Bös' sind Sie heute,« lachte die kleine dunkle Dame und küsste die grosse Freundin anmutig auf die Stirn. Und dann zwang sie ihr keckes Gesichtchen wieder zum Ernst und sagte: »Mein Mann wird einmal das Buch über die Ehe schreiben.« Arnulf Rau streifte einen nach dem andern mit einem misstrauischen Blick. Da sie aber alle gleichmässig ernst dreinschauten, so sagte er: »Ich habe allerdings daran gedacht; doch fing ich mich im Laufe der Jahre zu überzeugen an, dass ich es anstandshalber werde unterlassen müssen.« »Wieso anstandshalber?« fragte Doktor Reithmeyer und auch Claire öffnete neugierig die Augen. »Nun einfach, weil die nackte Wahrheit fast jeder Ehe ästhetisch unerträglich ist,« versetzte Arnulf mit düsterer Miene. »In modern realistischen Romanen ist über die Psychologie der Ehe viel und manches nicht Unbedeutende geschrieben worden. Auch die Einflüsse der sozialen und ökonomischen Bedingungen auf denen sie beruht, hat man nicht ausser Acht gelassen; aber von den Brutalitäten des Schlafzimmers hat nur einer den Schleier fortzuziehen gewagt – Strindberg – und er hat ein unsagbar ekelhaftes Buch geschrieben.« »Das dürfte aber auch eine ausnahmsweise ekelhafte Ehe gewesen sein, meinte Doktor Reithmeyer. »Nicht einmal,« entgegnete der Sprecher. »Fragen Sie doch einmal Beichtväter, Aerzte, Rechtsanwälte und andere Leute, die Gelegenheit haben, hinter die Kulissen der Ehe zu sehen, und Sie werden sich mit Grausen abwenden von den schrecklichen Bildern, die sie Sie sehen lassen. Und ich behaupte, das sind keine Ausnahmen: die anscheinend harmonischesten Ehen verbergen irgendwo den Wurm in der Blüte; oh, sogar die Nerventaue geschmacklosester Banausen können oft genug nicht alles aushalten, was ihnen die Intimität der vier Wände zumutet! Es kostet zum mindesten sehr viel Geld, wenn man den plumpen Realitäten des Ehestandes aus dem Wege gehen will – reichliche Räumlichkeiten und die Möglichkeit, sich zu jeder Zeit in den nächsten Schnellzug zu stürzen. Glauben Sie mir, die furchtbaren Tragödien der Ehe ergeben sich meist aus Ursachen, die unendlich lächerlich wären, wenn sie nicht so unendlich traurig wären. Ich habe einmal ein wundervolles Weib geliebt. Sie war eben geschieden, als sie meinen Weg kreuzte. Sie hatte ihren Mann kennen gelernt, wie eben Töchter aus guten Familien ihren Gatten kennen zu lernen pflegen. Er war ein Mann von Geist, ausserordentlich tüchtig in seinem Beruf, eine stattliche Erscheinung und obendrein noch recht vermögend. Sie war ein junges, unschuldiges, unerfahrenes Ding, das verehrungsvoll zu ihm aufblickte und er war toll und trunken von ihrer Schönheit. Aber schon in der Brautnacht flösste er ihr ein solches Grauen ein, dass sie es nie mehr überwinden konnte. Dieser begehrenswerte, angesehene, bedeutende Mann war diesem zitternden Geschöpfchen gegenüber wie ein wildes Tier – ausserdem roch er aus dem Munde! Und sie musste ihm mehrere Kinder gebären! Sie hasste den Mann, sie hasste sogar die Kinder – sie kam dem Wahnsinn nahe und er liebte sie nur immer glühender, je deutlicher sie ihn ihren Hass merken liess. Es existierte für ihn kein anderes Weib auf der Welt. Er bettelte um ihre Liebe jeden Tag und erniedrigte sich vor ihr wie ein Hund. Sie konnte weinen vor Mitleid mit den Qualen, die sie ihm bereitete, aber sie hasste ihn nur umsomehr darum, weil er ihr Mitleid erzwang. Sie verlangte die Scheidung, aber er wollte sie um keinen Preis loslassen. Sie bezichtigte sich selbst der Untreue, sie drohte ihm mit der ärgsten Schande – da liess er sie endlich ziehen. Sie verzichtete auf ihre Kinder, sie nahm keinen Pfennig Geld von ihm. Elend genug verdiente sie ihr Brot mit abschreiben und übersetzen. Sie ging weit fort, um sich vor ihm zu verstecken, aber von Zeit zu Zeit spürte er sie immer wieder auf und drang bei ihr ein und winselte um Vergebung und Liebe. Sie klammerte sich an mich, um vor ihm Schutz zu finden; sie liebte mich mit einer glutvollen Hingebung, die geschürt war von dem Feuer des Hasses gegen ihren Gatten. Ich habe ihn eines Nachts durch eine Spalte der geschlossenen Vorhänge ihres Zimmers unten auf der Strasse stehen und wie einen Verrückten hinaufstarren sehen.– Da haben Sie die intime Tragödie einer Ehe, die von aussen betrachtet jedermann für eine äusserst glückliche gehalten hatte – und solcher giebt es Millionen und Abermillionen.« Es entstand eine längere Pause, dann sagte Frau Claire, indem sie sich plötzlich aufrecht hinsetzte und dem schönen Arnulf voll ins Gesicht sah: »Was haben Sie dann mit dem Manne gemacht?« »Ich, mit dem Manne?« fragte er verwundert zurück. »Ach so, ja – der Zufall fügte es, dass ich mit ihm bekannt wurde. Er war wirklich ein bedeutender und dabei liebenswürdiger Mensch. Er machte eine Erfindung von weittragender Bedeutung, die ihm glänzenden Gewinn eingebracht hat. Ich habe keine einzige unangenehme Eigenschaft an ihm entdecken können. Allerdings pflegte er in der Kneipe etwas doppeltkohlensaures Natron zu sich zu nehmen, aber mit einem goldenen Löffelchen aus einer goldenen Dose. Der Mann war auch ästhetisch durchaus befriedigend.« »Und was haben Sie weiter mit seiner Frau gemacht?« »Mein Gott! Sie wurde mir bald langweilig mit ihrer Manie, in rücksichtslosen Enthüllungen ausgestandener Leiden zu schwelgen. Dann kam übrigens das Allermerkwürdigste.« »Aha!« rief Doktor Reithmeyer: »ich wette, sie heiratete ihren Mann zum zweitenmale.« »Nein. Sie heiratete einen englischen Major mit einem Stelzfuss und dem Datterich in den Händen und ging mit ihm nach Canada.« »Pfui!« sagte Claire ziemlich vernehmlich. Der schöne Arnulf zuckte die Schultern. »Que voulez-vous, madame? c'est la vie!« Damit stand er auf, um sich ein wenig Bewegung zu machen. Sobald er den Rücken gewendet hatte, benutzte Claire de Fries die Gelegenheit, die kleine Frau Katja bei der Hand zu ergreifen. Sie wagte sie nicht anzuschauen, aber sie drückte ihr fest die Hand in warmem, fraulichem Mitgefühl. Es klingelte draussen und Doktor Reithmeyer verliess das Zimmer, um nachzuschauen. Es war Martha Haider, die nur auf einen Sprung gekommen war, um mit Claire das Nähere über einen geplanten Ausflug zu verabreden. Doktor Reithmeyer liess sie eintreten und sie war sichtlich peinlich überrascht, die Raus vorzufinden. Man nötigte sie zum Bleiben, aber sie wollte nichts davon wissen, da ihr junger Freund, der Baron Raoul de Kerkhove mit dem Rade auf sie warte. »Ei, ei, ei!« neckte sie Doktor Reithmeyer, mit dem Finger drohend. Und Martha lachte gezwungen und sagte: »Ach, was denn! das Raoulche ist so nett und so harmlos.« Man sprach den Wunsch aus, das Raoulche heraufkommen zu lassen, und um alle Weiterungen abzuschneiden lief Doktor Reithmeyer selbst hinunter auf die Strasse. Claire bemerkte, wie Arnulf Rau nervös durch sein Haupthaar und über den Bart strich und dabei einen verstohlenen Blick nach dem Spiegel zwischen den Fenstern warf. Und sie lächelte still vor sich hin, froh, dass durch diese Unterbrechung den peinlichen Erörterungen über die Ehe ein Ende gemacht war. Sie nahm Martha unter den Arm und trat mit ihr auf das Dach hinaus. Das Ehepaar blieb stumm zurück. Mit dem Raoulche hatte es folgende Bewandtnis. Nachdem er vor etwa acht Tagen allein mit Hildegard in den Blumensälen gewesen war, ohne ihr dennoch dadurch näher zu treten als es die strengsten Anstandsbegriffe erlaubten, war Box der Komödie bereits überdrüssig geworden. Sie hatte sich selber mit einigen gesunden Derbheiten apostrophiert und damit den Plan, diesen jungen Mann als Versuchskaninchen auf das Folterbrett zu spannen, aufgegeben. Er hatte die Eröffnung, dass sie Bankiere sei, mit Erstaunen, aber ohne den geringsten Schmerz zu äussern aufgenommen, und dann hatte sie ihm erlaubt, sie zu besuchen. Da lernte er dann auch Martha kennen, und von dem Augenblick an hatte er nur mehr Augen für das schöne Mädchen. Er lief ihr überallhin nach und war glücklich, wenn er allerlei kleine Aufträge für sie ausführen durfte. Er brachte täglich Blumen, besorgte Theater- und Konzertbillete, führte Schampus spazieren und begleitete sie mit dem Rade auf ihren Spazierfahrten. Box ärgerte sich natürlich über diese plötzliche Abschwenkung ihrer interessanten Eroberung, aber sie kam auch über diesen Aerger binnen vierundzwanzig Stunden hinweg und freute sich andererseits, dass die Schwester auf diese Weise eine Ablenkung von ihrer unglückseligen Schwärmerei für Arnulf Rau bekam. Auf Marthas Gemütszustand wirkte der junge Mann augenscheinlich wohlthätig. Seine achtungsvolle Liebedienerei schmeichelte ihr, ohne ihr jedoch irgendwie warm zu machen. Sie konnte ihre Launen an ihm auslassen und ihn dann wieder durch ihre artigen kleinen Koketterien beglücken; das war ein Spiel, das sie freute und sie sah kein Arg darin, denn der junge Mann war ja erst 24 Jahre alt und im Begriff eine Weltreise anzutreten. Arnulf Rau hatte Martha in dieser Zeit nicht wieder gesehen und zwar nicht sowohl wegen der derben Abschreckung durch ihre Schwester, als vielmehr dem verständigen Zureden der schönen Claire folgend. Sie hatte ihre Gedanken und Gefühle thatsächlich schon wieder einigermassen in der gewohnten Ordnung und befand sich in diesem Uebergangsstadium von einer Enttäuschung zu einer neuen Hoffnung, das sie schon öfters durchgemacht hatte, leidlich wohl. Nun kam diese unerwartete Begegnung mit dem doch nur halb gezwungen Aufgegebenen – und die Angst vor der Prüfung machte ihr das Blut in die Kehle steigen und liess ihre Wangen bis zu den Ohren hinauf erglühen. Sie war recht froh, dass man ihren harmlosen Kavalier zum Beistand holte und beschloss, sich für die Unruhe, die der schöne Arnulf ihr bereitet hatte, dadurch zu rächen, dass sie das Raoulche unerhört glücklich machte. Das kostete ja so wenig, Der junge Baron kam, liess sich den Herrschaften vorstellen und absolvierte die üblichen entschuldigenden Redensarten für sein Eindringen. Man versah ihn mit Getränk und dann kam die Unterhaltung langsam wieder in Gang. Höflichkeitshalber beschäftigte man sich zunächst mit dem Gast, indem man sich nach seinem Woher und Wohin, nach seinen Studien und Aussichten erkundigte. Er begnügte sich mit denselben interessanten Andeutungen, durch die er auch Hildegard Haiders Teilnahme im Fluge gewonnen hatte, und die schöne Martha war stolz auf den Eindruck, den ihr Kavalier offenbar auch auf diese bedeutende Gesellschaft machte. Sie wagte Arnulf Rau verstohlen von der Seite anzublicken, denn sie war sehr gespannt darauf, wie der Erhabene sich zu dem jungen Fremdling mit den Wimmerln stellen würde. Und sie glaubte mit einiger Angst zu bemerken, dass ihrem Orakel die Gurgel schwoll, was immer der Fall war, wenn die kritische Potenz in ihm zur Aeusserung drängte. Da that der schöne Mann auch schon den Mund auf. Den strengen Blick auf die gelben Schnürschuhe des jungen Balten geheftet, begann er: »Ich glaube aus Ihren Andeutungen entnehmen zu dürfen, dass Sie sich vorbereiten zur Teilnahme am Kampfe gegen den Absolutismus.« Und da Raoul de Kerkhove ihn etwas unsicher anschaute und nicht wusste, ob er einfach ja sagen dürfe, fuhr jener fort: »Ich bin kein Spitzel, Herr Baron, in unserem Kreise können Sie ganz offen reden. Wir Alle, die wir zu der verstreuten Gemeinde der »Eigenen« uns zählen, arbeiten ja selbst auf den Umsturz hin – auf den Umsturz alles dessen, was faul, abgewirtschaftet und unwürdig ist; aber wir wollen nicht wie Ihre Nihilisten mit Dolch und Dynamit gegen die einzelnen Machthaber im Reiche der Finsternis vorgehen, sondern wir wollen sie einfach dadurch ohnmächtig machen, dass wir uns zunächst für unsere Person ihrem Machtbereiche entziehen.« »Das thu' ich ja zunächst auch,« sagte der junge Baron: »indem ich mein armes Vaterland längere Zeit verlasse; aber das geschieht nur, weil ich fühle, dass ich noch viel zu lernen habe, bevor ich der Sache meines Volkes wirklich dienen kann.« »Ach so, Sie wollen dienen? « rief Arnulf ironisch. »Wir wollen herrschen , Herr Baron!« »Ich verstehe wohl nicht,« murmelte Raoul etwas unsicher. Arnulf Rau lächelte befriedigt, als wollte er sagen: das konnt' ich mir denken – und dann leerte er sein Glas auf einen Zug und räusperte sich, wie um einen längeren Vortrag vorzubereiten. »Die Revolutionäre von gestern waren Heerdenbefreier,« begann er: »Unsere Sozialdemokraten von heute sind die Blüte der Gestrigen. Es giebt für meinen Geschmack nichts Entsetzlicheres als den souveränen Pöbel – und ich rechne jeden zum Pöbel, der in der Heerde mitläuft. Unsere ganze Entwicklung zielt nun freilich immer mehr auf eine ekelhafte Gleichmacherei ab; Religionen, Staats- und Sittengesetze, und zu allermeist die Schulen, bemühen sich alle in der einen Richtung, den Einzelnen zum Heerdentier herabzudrücken. Die Unterschiede der Stände wollen ja garnicht mehr viel besagen, denn sie bilden unter sich doch nur wieder Heerden und unterscheiden sich untereinander nur durch den Stempel, der ihnen aufs Fell gebrannt worden ist. Was kann bei einem Kampfe der verschiedenen Heerden untereinander anderes herauskommen, als dass die grösste Heerde die kleineren besiegt – und die grösste Heerde ist natürlich die Vereinigung der Allerdümmsten und der Allergemeinsten. Was aber dann kommen wird, wenn alles in der ganz grossen Heerde aufgegangen ist, das kann man sich leicht ausmalen. Die Kultur wird zur Fratzenhaftigkeit schablonisiert werden und statt der Handvoll erbberechtigter Herrscher von heute werden Legionen Unberufener sich zu den Herrscherposten drängen und der Welt das lächerliche Schauspiel eines ununterbrochenen Kampfes zwischen lauter Hammeln geben. Die geborenen Führer aber, die Pfadfinder und Wegweiser, die Freien und Besonderen, die wird feige Angst und boshafter Neid noch weit weniger aufkommen lassen als jetzt. Man wird die wahre Freiheit blutig unterdrücken müssen, damit nur ja der breite Strom der Gewöhnlichkeit in seinem trägen Flusse nicht gehemmt werde. Und auf dieses erhabene Ziel arbeiten heute noch alle herrschenden Mächte hin mit ihren Kirchen, Schulen, Armeeen und Gesetzen. Sind Sie wirklich der Ansicht, Herr Baron, dass wir wenigen wirklich Freien und Unabhängigen an diesem Werke der Narrheit mitarbeiten sollen? Wollen Sie wirklich freiwillig Ihre Selbstherrlichkeit vernichten, damit nur ja kein betrunkener Bauer mehr die Knute zu kriegen, und kein dummes Tier von Muskelmensch länger als drei Stunden täglich Kloaken zu reinigen braucht?« Raoul besann sich ein Weilchen, dann erwiderte er bescheiden errötend und doch nicht ohne feine Ironie: »Ich bin noch nicht so weit in Nietzsche.« Doktor Reithmeyer lachte und seine schöne Freundin blickte freundlich lächelnd dem jungen Manne ins Gesicht; die Antwort hatte ihr gefallen. Arnulf aber fuhr mit Gönnermiene fort: »Nun, dann gebe ich Ihnen den guten Rat, mein lieber Herr Baron, geniessen Sie den Nietzsche wie einen Poeten; für die Praxis ist er ziemlich wertlos – eine Stimmgabel, die Ihnen das a angiebt, aber die übrigen Saiten müssen Sie schon nach dem eigenen Gehör einstimmen.« »Und darf ich fragen, Herr Doktor, welche Praxis Sie befolgen?« fragte Raoul. »Welche Praxis? Ich? . . . nun ich . . . zunächst muss ich bemerken, dass ich nicht Doktor bin. Ein staatliches Examen zu bestehen, hätte ja für mich auch eine gewisse Aufgabe persönlicher Freiheit bedeutet, denn um Doktor zu werden, hätte ich nicht umhin gekonnt, mich mit Studien zu befassen, die ich für überflüssig oder doch minderwertig hielt. Warum also eine Zeit Verschwendung begehen, um einen Titel zu erlangen, der doch auch nur der Heerde und den Behörden gegenüber Wert besitzt. Entschuldigen Sie, lieber Freund,« wandte er sich an Doktor Reithmeyer: »ich will damit nicht Ihren Doktor herabsetzen. Ich bin überzeugt, dass die wissenschaftlichen Arbeiten, durch die Sie ihn erwarben, Ihnen Freude gemacht haben; ausserdem brauchen Sie ja auch den Staat als Ernährer. Sie werden mich nicht für kleinlich halten.« Doktor Reithmeyer machte eine höflich abwehrende Bewegung, und dann wandte sich Arnulf Rau wieder dem Baron zu. »Sie fragen nach meiner Praxis: nun – ich betrachte und verachte! Das scheint Ihnen vielleicht wenig, aber es bedeutet immerhin etwas, wenn Sie bedenken, dass ich durch meine Betrachtung in Wort und Schrift auch andere zum verachten anrege – zum verachten des Banausentums, der Philisterei, der absurd gewordenen Autorität, zum verachten jeder Engherzigkeit, jedes Schemas, jeder gedankenlosen Gewohnheit. Die Verachtung wird eine innerliche Befreiung, und je mehr Verächter ich schaffe, desto mehr Freie schaffe ich – und diese Freien finden leicht genug die Kraft und den Mut, sich den Gesetzen der Heerde zu entziehen. Die Gewalthaber der Heerde haben keine Gewalt über uns; wir sind selbst Herrschende, weil wir jeder für sich allein stehen. Wenn wir nur wollten, so fänden wir jeder eine Heerde, über die wir unsern Herrscherberuf praktisch ausüben könnten, denn die Masse schaut immer ehrfürchtig zu dem auf, der da vermag allein zu stehen.« »Also wollen Sie doch wieder Herren und Knechte?« fragte der Baron. »Selbstverständlich! Das ist die Ordnung der Natur: Fresser und Gefressene! Aber gegenwärtig herrschen die Unfreiesten von Allen, und die wenigen starken Intellekte, die vielleicht unter ihnen sind, erheucheln die Unfreiheit, weil sie fürchten, der Heerde sonst ein gefährliches Beispiel zu geben. In Zukunft aber werden die Freien die Herrschenden sein und sie werden es verschmähen, der Heerde den Zustand der Freiheit vorzugaukeln. Sie werden ehrlich zu ihr sprechen: Ihr seid Sklaven und habt zu gehorchen – und, glauben Sie mir,. sie werden glücklich sein, gehorchen zu dürfen.« »Meinen Sie wirklich?« fragte Raoul ganz kleinlaut. »Gewiss! Ich bin sogar überzeugt, dass schon heute der wahrhaft Freie eine ungeheure Macht ausüben könnte – aber er müsste auf einem Königsthron geboren sein! Ein König, der aller Furcht spottet, der den Mut hätte, der gefährlichste Freigeist in seinem Reiche zu sein und dem es ein himmlisches Vergnügen bereitete, seinem Parlament, seinen Ministern, seinen Bischöfen und Generälen ins Gesicht zu lachen.« Doktor Reithmeyer wiegte den Kopf wohlgefällig hin und her: » Der lachende König « – ein herrliches Schlagwort! Was meinst Du dazu, Claire?« »Ich?« versetzte das schöne Weib, indem sie zu ihrem Freunde trat und sich leicht an ihn lehnte. »Ich würde mich ohne Zweifel in ihn verlieben.« »Ich auch!« rief Frau Katja voll fröhlicher Ueberzeugung. Aber Martha fragte mit weichem Augenaufschlag: »Möchten Sie denn nicht selbst König sein?« »Ich weiss nicht, ob es sich der Mühe lohnen würde,« versetzte Arnulf Rau mit leichtem Achselzucken. Aber dann warf er, nachdem er sich vergewissert hatte, dass ihn die Anderen nicht beobachteten, dem schwärmenden Mädchen einen Feuerblick zu. Der kleine Raoul fühlte sich offenbar bedrückt von der überlegenen Sicherheit des blonden Hünen, dennoch wagte er einen schüchternen Einwurf: »Aber das würde ja doch wieder zum Absolutismus führen.« »Gewiss,« versetzte Herr Arnulf lächelnd: »zum Absolutismus des Geistes. Kennen Sie ein höheres Ideal?« Der junge Mann schwieg verlegen. »Und wie denken Sie sich die Stellung der Frau in Ihrem idealen Reiche?« erkundigte sich Claire de Fries mit schlauem Lächeln. »Glauben Sie, dass der absolute Geist auch im absoluten Gockel leben wird?« »Die Frau wird mehr als je durch Schönheit herrschen,« erwiderte er und küsste ihr galant die Hand. »Uebrigens, meine Damen, um diese Frage ein für allemal abzuthun: ich kenne nur einen Zweck, ein wirkliches Ziel der Frauenemancipation: Mütter für freie Söhne heranzubilden. Gegenwärtig gehört die Frau noch zu den hemmenden Mächten, weil sie die Hüterin des blinden Glaubens und der schwachen Vorurteile ist und weil es immer noch ihr Bestreben ist, ihren bedeutenderen Söhnen die Flügel zu stutzen, aus Angst, sie könnten bei ihrem Fluge zu Schaden kommen. Wir brauchen aber freie Mütter für freie Söhne. Darum haben Sie mich auf Ihrer Seite, wenn Sie für die Befreiung Ihres Intellektes kämpfen. Aber ich bin Ihr erbitterter Gegner, wo Sie die Unterdrückung Ihres Geschlechtes anstreben.« »Bravo, Verehrtester!« rief Doktor Reithmeyer: »vollkommen meine Ansicht; mir ist nichts fataler, als dieses unglückselige dritte Geschlecht.« » Das dritte Geschlecht? « rief der schöne Arnulf anmutig lächelnd: »den Ausdruck haben Sie von mir.« »Nein, Pardon, ich habe ihn auch schon anderswo gelesen.« Arnulf zuckte die Achseln: »Ja, ja, so geht's! Man hat immer seine Vorschreiber. Nun, ich werde mich auch darüber zu trösten wissen. Das dritte Geschlecht lässt mich sonst kalt, wie jeden Mann überhaupt. Gott sei Dank, dass Sie, meine schönen Anwesenden nicht dazu gehören.« Er verbeugte sich gegen Claire und Martha und nickte auch flüchtig seiner Frau zu. Dann trat er zu Katja und bat sie, ihm ihr Tuch, das über der Lehne eines Stuhles hing, zu leihen, denn er wollte noch ein wenig frische Luft schöpfen und fürchtete sich zu erkälten, da er sich warm geredet hatte. Der schöne Arnulf wusste genau, dass man über ihn sprechen würde, sobald er der Gesellschaft den Rücken gewendet hätte und es war eben der feine Zweck seines Hinausgehens, diesen erschütterten Gemütern und lebhaft angeregten Geistern Gelegenheit zu geben, sich ungestört über die Bedeutung seiner Persönlichkeit klar zu werden. Und so geschah es auch. Raoul de Kerkhove hatte zwar schon viel gelesen und als russischer Student oft Gelegenheit gehabt, in geheimen Konventikeln leidenschaftliche Brandreden junger Feuerköpfe anzuhören, aber diese ruhige, formell und geistig abgerundete Beredsamkeit eines gereiften Mannes war ihm etwas Neues, und dazu hatten ihn manche seiner Ideeen als kühn und originell frappiert. Er erkundigte sich bei Doktor Reithmeyer des Näheren nach dem imposanten Herrn. Doktor Reithmeyer geleitete den jungen Mann unter irgend einem Vorwande in das Nebenzimmer, da er sich in Gegenwart von Frau Katja doch nicht gern über ihren Gatten aussprechen wolle. Die drei Damen blieben allein zurück. Und während Claire und Katja die Diskussion über die aufgerollte Frauenfrage noch eine Weile fortsetzten, sass Martha mit grossen Augen träumerisch dabei und lächelte still vor sich hin, ohne der Unterhaltung viel Aufmerksamkeit zu schenken. Was war er doch für ein Mann und wie verschwanden sie alle neben ihm! Das war ihr einziger Gedanke. Da erschien Arnulf Rau in der offenen Balkonthür und rief: »Ach, Fräulein Haider, kommen Sie doch mal her! Helfen Sie mir den eigenartigen Zauber dieser Hinterhausstimmung geniessen!« Gehorsam wie ein kleines Mädchen erhob sich Martha und ging zu dem Vergötterten auf das Dach hinaus. Claire bemerkte wohl das bitterliche Lächeln, das um Frau Katjas Lippen zuckte, während ihre Blicke dem schönen Mädchen folgten. Sie zog das kleine verblühte Frauchen neben sich auf den Divan, legte ihren Arm schwesterlich um sie und sprach: »Warum ertragen Sie das so ruhig, liebe Katja?« »Ruhig?« »Na, wenn es Sie ärgert, revoltieren Sie doch – und es muss Sie doch ärgern! Selbst wenn ich nicht eifersüchtig wäre, ich würde mich doch gegen die Geschmacklosigkeit empören, die darin liegt, dass ein Mann im Beisein seiner Frau mit seinen galanten Abenteuern renommiert.« »Ich kenne sie ja alle, er verschweigt mir ja nichts – er ist in diesem Punkte wirklich die Offenheit selber,« versetzte die kleine Frau, nur schlecht volle Gemütsruhe heuchelnd. »Und wie ertragen Sie das?« »Oh, ich habe mich daran gewöhnt, ihm mit rein psychologischem Interesse zuzuhören.« »Wirklich?« »Ach Gott, wissen Sie, liebe Claire, man thut halt sein Möglichstes. Er fühlt sich doch nun einmal so gross und objektiv dabei und nimmt als selbstverständlich an, dass ich in den sieben Jahren unserer Ehe mich allmählich doch zu seinem Standpunkt aufgeschwungen haben müsste. Wenn ich nicht den Glauben in ihm erhielte, so würde ich viel eher in Gefahr kommen, ihn wirklich zu verlieren.« »Diese Gefahr besteht jetzt nicht, glauben Sie?« Frau Katja lächelte diesmal wirklich mit ruhiger Sicherheit. »Nein, diese Gefahr besteht jetzt wirklich nicht. Er kommt immer wieder zu mir zurück von seinen kleinen Ausflügen auf verbotenes Jagdgebiet. Er ist ja, Gott sei Dank, viel zu faul, um so eine Geschichte bis dahin zu verfolgen, wo sie unangenehm aufregend wird. Sie glauben nicht, wie glücklich mich seine Faulheit macht! – Und dann ausserdem – jedesmal, wenn er mit seinem etwas ramponierten Herzen wieder zu meinen Füssen kuschen kommt, bringt er so etwas liebenswürdig Weiches mit und bemüht sich so redlich um meine Gunst, dass ich nie etwas anderes thun kann, als ihn zur Strafe ein bischen ausspotten. Und das hilft ihm immer seine Gewissensbisse rasch kurieren.« »Und wie lange hält denn solch ein Aufschwung seiner ehelichen Gefühle vor?« fragte Claire neugierig. »Oh, immer bis zum nächsten Mal,« lachte Frau Katja leichtsinnig. Kleine Pause. Sie hörten draussen auf dem Dache Arnulfs schönes Organ zum Flüstern abgedämpft. Claire deutete da hinaus und fragte leise: »Na, und diese Geschichte da, macht die Ihnen auch keine grössere Sorge?«. Frau Katja zuckte die Achseln. Und Frau Claire fuhr eifrig fort: »Aber er hat dem Mädchen schreckliche Dummheiten in den Kopf gesetzt – und sie ist in dem Alter, wo man sich hartnäckig an jede Hoffnung klammert. Sie wird sich nicht so leicht abschütteln lassen. Dass sie ganz weg in ihn ist, müssen Sie doch bemerkt haben.« »Ach, lassen sie doch das«, bat Frau Katja gequält. »Er kommt schon wieder; er weiss zu gut, dass er keine Frau wieder findet, die ihn so versteht und mit der sich so bequem leben lässt wie mit mir.« »Sie müssen ihn doch sehr lieben.« »Ja wie sollte ich denn nicht! Ich habe kein Kind und niemand sonst, der meinem Herzen nahe steht. Ich bin verblüht und kann keinen Anspruch darauf machen, in der Welt sonst irgend eine Rolle zu spielen. Ich habe nur meine offenen Augen und meinen guten Verstand.« »Aber da müssen sie doch sehen, was in ihr . . .« »Ach bitte lassen Sie das! Er hat seine kleinen Eitelkeiten, er posiert etwas vor den Leuten und er leistet nicht, was er vielleicht leisten könnte – das sehe ich alles sehr wohl, aber ich weiss auch besser als Ihr alle, wie viel in Wirklichkeit in ihm steckt. Er ist ein ungemein umfassender Geist; er zieht so viele Dinge in den Bereich seiner Anteilnahme, dass ihm die Begrenzung auf ein Schaffensgebiet und mässige Erfolge mit mittleren Leistungen nicht genügen können. Er fühlt und will nur das Höchste, warum soll er darauf nicht stolz sein? Er braucht ja den Beifall der Menge nicht, und mir bietet er doch so unendlich viel! Glauben Sie mir nur, ich führe ein so reges, reiches geistiges Leben durch ihn – nein, ich habe wirklich allen Grund, zufrieden zu sein!« Die schöne Claire sass eine kurze Weile nachdenklich da, dann ergriff sie plötzlich mit Wärme Frau Katja's Hand und drückte einen raschen Kuss darauf. »Sie sind wirklich eine kluge Frau«, sagte sie, »und eine feine Lebenskünstlerin. Aber ich glaube, eine Frau, die Ihr Talent und ihre Klugheit nicht hat, die sollte auch nicht heiraten.« »Wenn Sie ihn lieben, dann heiraten Sie ihn ruhig«, flüsterte Frau Katja der schönen Freundin ins Ohr. »Sie sehen doch, wie er leidet durch Ihre Weigerung – und er ist so ein guter Mensch. Wenn Sie ihn wirklich lieben, können Sie das ja doch nicht lange mit ansehen.« Und während drin die beiden Frauen also miteinander tuschelten, stand draussen auf dem Dache Arnulf Rau mit dem Shawl seiner Gattin um den Hals und mit Fräulein Marthas fieberheisser Hand zwischen seinen beiden. In einer Gastwirtschaft in der Nähe liess ein Männerquartett vierstimmige Weisen ertönen; es waren frische Stimmen und in dieser Abendstille, durch die Entfernung gedämpft, klangen sie weich und rein zusammen. Der Wiederschein der elektrischen Strassenlampen erhellte den dunkeln Himmel über der friedlichen Grossstadt und die Sterne blickten bleich wie vielgewanderte Münzen – oder wie abgeleierte Lyrik, die dennoch mit ihrem leichten Klingklang immer wieder zu wirken versteht, wenn sie nur im Menschenherzen die rechte Stimmung findet. Und Martha Haiders Herz war breiweich wie lockeres Erdreich nach langem Regen, jedes Samenkorn musste darin aufgehen, seien es Brennesseln oder brennende Gladiolen! Sie wagte nicht ihm ihre Hand zu entziehen und ihre Ohren sogen begierig sein Flüstern ein. »Atmen Sie auch diese wundervolle Harmonie der Stimmung mit solcher Wollust ein?« raunte er. »Was ist das für ein Geschwätz von poetischen und unpoetischen Dingen! Nicht wahr, mein liebes Fräulein, Sie fühlen wie ich? Dem liebenden Verständnis löst sich das scheinbar Widersprechendste in reine Stimmung auf. Besteht denn noch ein Unterschied für Sie in diesem Augenblick zwischen der Poesie eines Bergsees im Abendglühn mit Kuhglockengeläut und Wiesenduft, und dieser Hinterhausaussicht auf enge Höfe, Gärtchen, Dächer, Telephondrähte und blasse Sterne? Die Sänger da drüben mögen recht öde Kerle sein, aber zwingen sie uns nicht ihr Lied in die Seele wie nur irgend eine liebeskranke Nachtigall? Sehen Sie da unten das erleuchtete Fenster, den Flickschuster vor seiner Lichtkugel am Tischchen über die Arbeit gebückt – stört er Ihnen etwa die Stimmung? Dieser Flickschuster würde mir fehlen, wenn er nicht da wäre. Und da drüben im Garten die Magd mit ihrem Schatz! Sehen Sie nicht ihre weisse Schürze im Schatten leuchten? Sie hat beide Arme um seinen Hals und glaubt ihm alles, was er ihr sagt. Nein, wenden Sie sich nicht ab: Die Liebe ist schön in allen ihren Formen, ausser . . . . .« Er brach ab, denn er empfand, dass es besser sei, nicht ausführlich zu werden. Und dann schwiegen sie beide eine längere Weile. Der Tenor des Quartetts schmetterte ein hohes b hinaus, ein Hund in der Nachbarschaft fühlte sich dadurch verletzt und heulte schmerzlich auf. Und dann wurde es plötzlich ganz, ganz still. Nur wie fernes Wogenbrausen schlich das gedämpfte Geräusch der Stadt gleichsam an den Ufern der grossen Stille dahin. Und drunten in den schwarzen Schatten des Gärtchens küssten sich die Hausmagd und der Chevauxleger – oder vielleicht war es auch ein schwerer Reiter; sein Pallasch klirrte wie er sein Mädel an die Brust zog. Da schlang plötzlich Arnulf Rau seinen Arm um Martha Haider, presste sie wild an sich und flüsterte ihr glühend ins Ohr: »Küss' mich, Mädchen, küss' mich!« Aber sie stemmte ihre beiden kleinen Fäuste gegen seine Brust und stiess ihn heftig zurück. Ihre Augen flammten, ihre Lippen bebten, doch sie vermochte kein Wort herauszubringen. Mit raschen Schritten eilte sie zur Thür, blieb stehen, presste die Hand auf den Busen und rang nach Atem. Dann fuhr sie sich glättend über den Scheitel und trat ins Zimmer hinein. »Wir haben so lachen müssen«, rief sie, »da ist ein Hund, der heulte immer, wenn der Tenor so hoch singt.« Doktor Reithmeyr und Raoul de Kerkhove hatten sich eben wieder den beiden Damen zugesellt und einige Sekunden später kam auch Arnulf Rau wieder herein. Er hüstelte und hielt sich den Shawl seiner Gattin fest um den Hals zu. Martha nahm hastigen Abschied; sie müsse durchaus heim, denn sonst beunruhige sich Box über ihr langes Ausbleiben. Der junge Baron bedankte sich für die freundliche Aufnahme, und dann machten sich die beiden davon. Die beiden zurückbleibenden Paare sassen noch beinahe zwei Stunden beisammen, ohne dass gerade abnorm viel Geist produziert worden wäre. Es war etwas nach Mitternacht, als Herr Arnulf und Frau Katja heimgingen. Er nahm so grosse Schritte, dass die kleine Frau an seinem Arm fast traben musste und als sie schon nahe an ihre Behausung gekommen waren, neckte sie ausser Atem: »Na, du loser Mensch, hast Du der schwarzen Madonna heute endgiltig den Kopf verdreht? Was hattet Ihr denn so angelegentlich zu flüstern da draussen?« »Ach, lass' mich zufrieden mit dem Frauenzimmer«, knurrte Arnulf. »Sie ist eine dumme Gans! Rechenmaschine, ohne einen Funken von Poesie. Sie soll nur hinter ihrem Kontobuch sitzen bleiben und sich nicht einbilden, für den Verkehr mit feiner organisierten Intellekten reif zu sein.« Und auf dem letzten Treppenabsatz kicherte Frau Katja ihrem Hünen lustig zu: »Na, wer ist nun Deine Beste, sag's!« Und er gab lustig zurück: »Ach Du dummes Ding, schon wieder einmal geschwollen vor Eitelkeit, was? Da – da – Du bist meine Einzigste, da hast Du's!« Und er küsste sie dreimal heftig auf das schmachtende Mündchen und dann hob er die leichte Last auf und trug sie vollends die Stiege hinauf. – – – – Claire de Fries war sehr müde als die letzten Gäste gegangen waren und legte sich sofort ins Bett. Doktor Reithmeyr wollte noch etwas lesen und blieb im Wohnzimmer zurück, aber die Schlafstubenthür hatte sie offen gelassen, damit die frische Luft von der Balkonthür aus hereinstreichen könnte. Und als er etwa eine halbe Stunde gelesen hatte, hörte er sich beim Namen rufen. Er ging hinein und setzte sich zu ihr auf den Rand ihres Bettes. Sie nahm seine Hand und streichelte sie und dann sagte sie langsam und bedächtig: »Ich habe es mir jetzt überlegt, lieber Freund, ich will Dir nun doch den Willen thun.« »Du willst?! – Ach, Claire, Liebste, endlich mein vor aller Welt!« jubelte er überglücklich. »Ja, weisst Du«, sagte sie, »es ist ja nur, weil mich Dein schöner Arnulf mit seinen Rohheiten über die Ehe so erbost hat; blos dem zum Possen möchte ich jetzt versuchen, ob wir nicht auch in der üblichen Façon eine rechte Ehe führen können.« Und er riss sie an sich und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen und stammelte dazwischen ganz überglücklich: »Ach, Du mein Weiberl, mein Weiberl! Red' blos net gar so g'scheidt daher! Blos lieb haben, verstanden – blos lieb haben!« Die heisse Sonne eines strahlenden Septembertages brütete über der Kunststadt München. In der alten Pinakothek wimmelte es von Fremden, die mit dem Bädeker in der Hand ihrer Bildungspflicht genügten. Aber die Schwüle, die in den weiten Sälen herrschte, legte selbst den eiligsten Reisenden, die sonst in Geschwindschritt Museen zu durchqueren pflegen Zügel an, so dass sie bedächtig einherwallten wie Leute, die für vergangene Herrlichkeiten viel Zeit und auch sonst etwas übrig haben. Schliesslich war es hier immer noch erträglicher als draussen in der grellen Sonnenglut und man konnte doch von Zeit zu Zeit vor irgend einem Bilde, das in dem roten Allerweltsbuch mit einem oder mehreren Sternen ausgezeichnet war, in Andacht auf einem weichen Tabouret verschnaufen. Ziemlich gleichmässig durch die Hauptsäle verteilt, wälzte sich der Strom der Fremden träge dahin und warmer Menschendunst erfüllte die heiligen Hallen. Die fleissigen Kopisten, welche sonst immer kleine Kreise kritisch dreinblickender Zuschauer um sich zu versammeln pflegen, waren zu dieser Jahreszeit nur in ganz wenigen Exemplaren anzutreffen, da sie dann ja unter dem Vorwande von Naturstudien ihre Standquartiere in Wald und Feld zu beziehen pflegen. In einem der dunkleren und darum kühleren Nebensäle des ersten Stockwerks, wo die altdeutsche Kunst untergebracht ist, trieb noch ein einsames Malweiblein sein Wesen. Ein feines, zierliches Persönchen in einem einfachen grünlichen Lodenrock und weisser, grün paspolierter Battistbluse. Sie stand vor ihrer Staffelei mit der Palette über dem Daumen und kratzte sich nachdenklich mit dem feinen Pinselstiele in dem üppigen, aschblonden Haar und dann schaute sie wieder hilfeflehend nach der so friedsam-einfältig dreinblickenden Madonna mit dem Kinde des biederen alten Meisters empor, welche sie sich abzumalen mühte. Ein ehrlicher Beurteiler hätte kaum mit gutem Gewissen behaupten dürfen, dass die Leistung dieses Malweibleins ein hervorragendes Talent verriete. Der blitzblanke Goldgrund war allerdings gut geraten, auch der Lilienstengel in der Hand und die Ornamente auf dem Gewande der Himmelskönigin , aber mit dem Inkarnat war es übel bestellt und in der Zeichnung von Augen, Mund und Nase mussten jedem Beschauer auf den ersten Blick gewisse bedauerliche Irrtümer auffallen. Die kleine feine Dame schien sich wohl bewusst zu sein, dass nicht alles ganz in Ordnung sei. Sie trat ganz nahe vor ihre Leinwand hin und dann wieder weit zurück und beäugte sie mit schief gehaltenem Köpfchen, seufzte, runzelte die weisse Stirn und versuchte mit einigen zaghaften Pinselstrichen der sonderbar verquollenen Nase eine madonnenmögliche Façon zu geben. Es half alles nichts. Da legte sie die Palette beiseite, setzte sich mit einem Seufzer auf den Rohrschemel, verschränkte die Hände über ihren Knieen und blinzelte müde nach dem weissverhangenen Fenster hin. Sie gähnte lang und herzhaft und dann bemerkte sie, dass ihr linkes Schuhband aufgegangen war und band sich eine neue Schleife. In braunem Glanzleder und durchbrochenem, seidenem Strumpf steckte der zierlichste kleine Fuss von der Welt und der war ein ebenso zweifellos vollendetes Kunstwerk wie die Nase ihrer Madonna ein zweifellos verunglücktes Kunstwerk war. Darauf zog die niedliche Malerin einen kleinen Handspiegel in Lederhülle aus der Tasche, beguckte sich aufmerksam darin und machte sich ein bischen was zu thun mit der Zurichtung ihrer Stirnlöckchen und ihrer seidenen Kravatte. Da hörte sie einen festen Männerschritt sich nahen, liess rasch den Spiegel wieder in die Tasche gleiten und nahm den Spachtel zur Hand. Obwohl sie sich nicht umwandte, fühlte sie ganz deutlich, dass der Mann, der da eben hinter ihrem Rücken die Schwelle überschritten hatte, keineswegs von den schlichten Reizen der alten deutschen Meister an diesen Wänden dermassen gefesselt wurde, dass er mehrere Minuten lang unbeweglich auf einem Flecke stehen blieb, sondern dass seine Blicke vielmehr an den feinen Umrissen ihrer eigenen Gestalt sich erbauten. Und sie kratzte an den geschwollenen Nasenflügeln ihrer Madonna herum, streckte das kleine Fingerchen mit dem Brillantring graziös dabei aus und neigte das Köpfchen bald nach rechts, bald nach links, was sich, wie sie wohl wusste, alles sehr niedlich ausnahm. Dann machte das Mannsbild hinter ihrem Rücken wieder einige Schritte und sie schielte ein klein wenig zur Seite. Ach, blos ein ganz junger, harmlos und gewöhnlich aussehender Jüngling ohne Bart, dagegen mit Wimmerln! Und das Malweiblein schabte eifrig weiter, ohne sich um hübsche Attitüden weitere Mühe zu geben. Der Jüngling schritt weiter. Er drehte ihr jetzt den Rücken zu. Es war merkwürdig, wie rasch er mit der gegenüberliegenden Wand fertig wurde, und dann näherte er sich wieder ihrer Staffelei, blieb drei Schritte davor stehen und hüstelte. Da aber die Künstlerin hiervon keinerlei Notiz nahm, so schritt er weiter nach der gegenüberliegenden Thür zu. Auf der Schwelle wandte er sich um, wie um noch einmal den Totaleindruck des Saales in sich aufzunehmen, und als dabei sein Blick das reizende Malweiblein streifte, stellte er sich, als werde er desselben eben erst gewahr und verbeugte sich grüssend mit etwas verlegenem Lächeln. Die junge Dame blickte erstaunt auf. Sollte dieser junge Mann die Keckheit zu einem so plumpen Annäherungsversuch besitzen, oder sollte er ihr wirklich bereits irgendwo begegnet sein? »Ich habe doch das Vergnügen mit Frau von Robiceck?« sagte der junge Mann, mit dem Hut in der Hand sich ihr nähernd. »Ja allerdings – Pardon, mein Herr, ich weiss nicht . . . .« »Mein Name ist Baron Kerkhove. Ich hatte die Ehre, Ihnen durch Fräulein Haider vorgestellt zu werden.« »Haider?« Sie konnte sich immer noch nicht erinnern. Der junge Baron lächelte verlegen. »Ja, an dem Tage hiess die Dame allerdings Schneider. – Sie waren mit Ihrem Herrn Onkel in Grünwald und wir auch.« »Ach ja! Jetzt erinnere ich mich«, rief die kleine reizende Frau von Robiceck, leicht errötend. »Natürlich, in Grünwald. Es war so ein schöner Tag!« »Ach ja – ein wunderschöner Tag!« Und dann nach einer kleinen Verlegenheitspause begann der junge Baron wieder: »Ich habe so reizende Sachen von Ihrem Herrn Onkel in der Ausstellung gesehen. Gnäd'ge Frau sind wohl seine Schülerin?« Frau von Robiceck lächelte eigentümlich. »Nein – doch nicht. Ich besuche eine Malschule für Damen. Aber jetzt haben wir Ferien, da suche ich mich allein weiterzubilden. Ich glaube es ist keine von meinen Mitschülerinnen mehr in der Stadt.« »Ach so, Sie wohnen wohl bei Ihrem Herrn Onkel?« erkundigte sich Raoul de Kerkhove etwas thöricht. Frau von Robiceck blickte beinahe etwas erschrocken auf und versetzte hastig: »O nein, ich wohne natürlich allein.« Das Gesicht des jungen Mannes begann ganz vorsichtig zu strahlen und fast flüsternd fragte er: »Gnädige Frau sind Witwe?« »Auch das nicht,« entgegnete die reizende Dame etwas ungeduldig. »Ich liege mit meinem Manne in Scheidung, wenn Sie es ganz genau wissen wollen. Aber warum fragen Sie mich denn so aus, Herr Baron? Finden Sie das sehr fein?« und sie lächelte verschmitzt. »Ich bitte tausendmal um Verzeihung,« stotterte Raoul errötend. »Ich freute mich nur so, gnädige Frau nach vielen Wochen unvermutet hier wiederzutreffen. Ich habe die flüchtige Begegnung nicht vergessen können – dass heisst – äh – Pardon – äh – ich . . . . .« und er trat vor ihre Staffelei und starrte, noch die flammende Röte der Verwirrung auf den Wangen, ihre verunglückte himmlische Einfalt an. Die kleine, niedliche Frau von Robiceck lachte still vergnügt in sich hinein und weidete sich an seiner Verlegenheit. Erst nach einer längeren Weile brach sie das Schweigen mit der Frage: »Verstehen Sie etwas davon?« »Von Malerei? Ach nein. Ich bin entsetzlich talentlos. Aber soviel verstehe ich doch davon, dass ich sagen kann, Ihre Copie verspricht ein Meisterwerk zu werden.« »Strengen Sie sich nicht an, Herr Baron. Ich sehe schon, dass Sie wirklich nichts verstehen,« lachte die junge Dame. »Ich quäle mich nun schon seit vier Wochen mit dem Bild herum und bringe es nicht zusammen. Ich weiss nicht wie diese alten Herren es angestellt haben, so glatt und dünn zu malen, ich komme aus der Patzerei nicht heraus. Und die Nase ist wirklich schon die reine Gotteslästerung; ich habe sie eben zum zehntenmale weggekratzt. Es ist wirklich zum Verzweifeln!« »Aber gnädige Frau malen doch gewiss nur zu Ihrem Vergnügen!« »Glauben Sie, dass das ein Vergnügen ist, wenn es einem so schwer fällt? Oder glauben Sie, dass es ein Vergnügen ist, den ganzen Sommer über in der heissen Stadt zu stecken, während alle andern Malmädchen in den Bergen Sommerfrischen?« »Ja, warum thun Sie denn das, Gnädigste?« »Weil ich kein Geld habe fortzugehen – einfach! Nein ich male wahrhaftig nicht zu meinem Vergnügen. Ich will mir meinen Unterhalt damit verdienen, wenn ich einmal mein kleines Vermögen verputzt haben werde – was sehr bald der Fall sein wird. Ich denke mir, Copien religiöser Bilder müssten sich doch noch am ersten bezahlt machen.« »Wollen Sie mir das Bild geben, wenn es fertig sein wird?« sagte der junge Balte rasch und seine grauen Augen blitzten dabei kühn auf. »Was wollen sie damit?« »Ich will es kaufen. Machen Sie einen guten Preis, ich werde gern zahlen, denn ich werde in den nächsten Tagen einen Prozess gewinnen, der mir eine Million Rubel einbringt.« »Eine Million Rubel!?« Die grossen Augen der reizenden Frau von Robiceck strahlten den jungen Mann bewundernd an. »O, Herr Baron, Sie können das Bild gern haben; ich habe sehr lange daran gearbeitet – und das Gold ist echt, müssen Sie bedenken. Dreihundert Rubel kostet es mich beinah selbst.« Dabei lachte sie allerliebst kokett. »Also sagen wir fünfhundert Rubel. Etwas müssen Gnädigste doch auch verdienen. Schlagen Sie ein und der Handel ist abgeschlossen.« Sie reichte ihm ihr schmales, weisses Händchen hin, das er fest in der seinen drückte und dann fügte er leise hinzu: »Ich bitte nur um Ihre Adresse, damit ich mich manchmal nach den Fortschritten des Bildes erkundigen kann.« Da entzog sie ihm rasch ihre Hand und sagte sehr kühl: »Sie können ja hierher kommen, in meiner Wohnung empfange ich keine Herrenbesuche.« Raoul de Kerkhove errötete abermals und stammelte hastig einige undeutliche Redensarten von völligem Missverständniss u. dgl. Einige Fremde durchwandelten langsam den Saal, liessen die Augen gelangweilt an den steifen Heiligen, Märtyrern und Madonnen vorüberschweifen und beehrten dann die hübsche Malerin und deren Leistung mit einer längeren, dreisten Musterung, worauf sie durch die andere Thür wieder verschwanden. Nach dieser Unterbrechung gedachte auch der junge Baron de Kerkhove seinen Rückzug anzutreten, aber er musste erst ein gutes Schlusswort finden, sonst hätte er sich fast hinausgeworfen vorkommen müssen – und er wollte doch um keinen Preis der glücklich gewonnenen Anknüpfung wieder verlustig gehen. Aber während er noch vergeblich nach einem freundlichen Uebergang suchte, kam ein neuer Besucher durch die Thür und direkt auf Frau von Robiceck zugeschritten. Ein sehr grosser, schlanker Mann in tadellos elegantem Sommeranzug, mit dem Kopf eines wohlgenährten Babys auf seinem Riesenkörper. »Ah, Prinz, besuchen Sie mich auch einmal wieder?« rief Frau von Robiceck dem Herrn freudig entgegen und streckte ihm die Hand hin. Der junge Kavalier küsste ihr die Hand und hielt sie noch ein Weilchen schnüffelnd an seine Nase. »Guten Morgen, meine liebe, kleine Frau von Robiceck! Ihr Händchen duftet so angenehm nach Kunstfleiss. Nein, nein, ohne Scherz – ich liebe das Terpentin – es hat so was Gesundes.« Der grosse Herr sprach mit jener hohen Fistelstimme, die heutzutage in der diplomatischen Welt zum guten Ton zu gehören scheint. Frau von Robiceck stellte die Herren einander vor: »Seine Durchlaucht Prinz Cloppenburg-Usingen – Herr Baron . . . .« »Raoul de Kerkhove, docteur en Philosophie,« ergänzte der junge Balte mit einer tadellosen Verbeugung. Der Prinz verbeugte sich gleichfalls und streifte flüchtig mit einem fragenden Blick das Auge der Frau von Robiceck. Sie zuckte mit dem linken Nasenflügel und kniff ein klein wenig die Augen zusammen, während sie auf den Baron deutend sagte: »Ein russischer Krösus, der mir eben dieses Meisterwerk für fünfhundert Rubel abgekauft hat.« »Donnerwetter!« rief der Prinz lustig, hielt sich aber sofort mit einem: »Pardon!« die Hand vor den Mund. »Sie sehen, liebste Lilly, es giebt noch ächte Kunstfreunde. Daraufhin wären Sie eigentlich berufen, Ihren Freunden eine kleine bekömmliche Sektbowle zu spendieren – ein kaltes Entchen, was?« »Durchlaucht, ich habe das Geld noch nicht,« sagte Frau von Robiceck mit drolligem Pathos. »Zahlung erfolgt,« lächelte Baron Raoul: »sobald die Madonna im Besitze der ihr zukommenden Nase ist und ich meinen. Prozess gewonnen habe. Mein Vater starb in Sibirien, seine Güter wurden eingezogen – Durchlaucht werden verstehen. Aber in 8 Tagen ungefähr dürfte der Prozess entschieden werden.« »Na, dann wollen wir inzwischen die kalte Ente bei mir verhaften,« fistelte der Prinz. »Ich war nämlich eben bei Ihnen, um Sie für heute abend zu mir einzuladen. Ich habe noch ein paar nette Leute dazu gebeten, lauter gute Freunde – ganz en petit comité. Bringen Sie doch auch noch jemanden mit, wenn Sie wollen. Parole: Schön oder geistreich – bitte zu beachten: oder! Beides zugleich wäre zuviel.« Frau von Robiceck antwortete nicht sofort. Der junge Baron merkte ihr an, dass seine Gegenwart sie genierte und er war wohlerzogen genug, um sofort mit einigen entsprechenden Redensarten dem Prinzen das Feld zu räumen, der hier offenbar ältere Rechte besass. Aber er trieb sich derweile in dem angrenzenden Saale, der dem Ausgang zunächst lag, herum, in der Hoffnung, die reizende kleine Dame noch einmal zu sehen, wenn sie mit ihrem Tagewerk fertig war. Er brauchte nicht allzu lange zu warten. Schon nach etwa zehn Minuten verliess die kleine reizende Frau von Robiceck an der Seite des Prinzen Cloppenburg-Usingen die Pinakothek, und Raoul de Kerkhove folgte dem Paare in angemessener Entfernung. Bei der Trambahnhaltestelle an der Ecke der Barer- und Theresienstrasse trennte sich der Prinz von der kleinen Malerin, welche in einen Wagen der Ringlinie stieg. Raoul setzte sich in die nächste Droschke und befahl dem Kutscher dem Trambahnwagen langsam zu folgen. Am Bahnhof angekommen, stieg die junge Dame in einen Wagen der elektrischen Linie um, und der wackere Droschkengaul hatte alle Mühe auf dem Wege durch die Göthestrasse die Fährte nicht zu verlieren. Glücklicherweise hatte der junge Baron sehr gute Augen und konnte daher trotz einer Entfernung von gegen hundert Schritt bemerken, dass Frau von Robiceck an der Lindwurmstrasse ausstieg und in die Beethovenstrasse einbog. Er liess seinen Wagen halten, sobald er die Dame in dem Hause No. 10 verschwinden gesehen hatte. Dann ging er ihr nach und in dasselbe Haus hinein. Er brauchte sich mit Treppensteigen nicht zu bemühen, denn schon im Parterre fand er neben dem Porzellanschild einer Postoffizialswitwe die Visitenkarte: Lilly von Robiceck, Kunstmalerin. Er trug die Adresse in sein Taschenbuch ein und zog befriedigt wieder ab. Im Hofe stiess er auf eine vertrauenswürdig aussehende ältere Frau und erkundigte sich bei ihr, ob in diesem Hause nicht möblierte Zimmer zu vermieten wären. Die Frau nannte ihm verschiedene Parteien, die Aftermieter beherbergten; doch sei gegenwärtig, soviel sie wisse, alles besetzt, mit Ausnahme eines Zimmers im Erdgeschoss bei der Postoffizialswitwe Hinterhuber. Er bedankte sich für die Auskunft und verliess das Haus. Die Fenster der Parterrewohnung die nach der Strasse hinaussahen waren weit geöffnet, aber die Vorhänge innen waren zugezogen. Ohne böse Absicht blieb Raoul unter dem Eckfenster stehen und lauschte. Es hätte ihn glücklich gemacht irgend ein Geräusch, das von der Lieblichen Kunde gab, zu hören, etwa wenn sie sich Waschwasser eingoss, oder die braunen Lackschuhe von den Füssen schleuderte, oder irgend etwas dergleichen. Und er hörte etwas! Eine angenehme tiefe Männerstimme flüsterte unverständliche heisse Zärtlichkeiten, und ihre süsse Stimme, unverkennbar durch den charakteristischen Wechsel zwischen sanftem Klageton und ganz hohem, drolligem Gezwitscher, gab ihr Antwort. »Oh!« dachte der Baron und biss sich auf die Lippen: »Sie empfängt keinen Herrenbesuch?! O! – du . . . . . .!« Er stiess das ganz vernehmlich zwischen den geschlossenen Zähnen hervor; dann rumpelte ein Lastwagen daher und er vermochte nichts mehr zu hören. Da bestieg er seine Droschke wieder und fuhr heim. – – – Der Herr, dessen Stimme der Lauscher draussen vernommen hatte war kein anderer, denn Franz Xaver Pirngruber, Frau von Robicecks liebenswürdiger Radeloheim, und wenn Raoul de Kerkhove durch eine Spalte des Vorhangs hätte zum Fenster hineinschauen können, so wäre er sicherlich vor Neid bis hinter die Ohren ergilbt. Denn Franz Xaver Pirngruber, der beliebte Meister des humoristischen Pinsels, sass auf dem Sofa, hielt Lilly von Robiceck auf seinem Schoosse fest und liess einen Schauer von Küssen über ihr süsses Gesichtchen herniedergehen, und dazwischen flüsterte er voll atemlosen Entzückens: »Du, mein Süsses – mein Einziges – Du weisst ja noch gar nicht wie rasend ich Dich liebe – Du bist ja überhaupt so dumm – Du kannst es ja gar net begreifen. Ach Du! Du! Drei Tage hast mich jetzt zappeln lassen und net amal anderthalb Pfennig für ein Courierwapperl daran gewendet, um mir einen Gruss zu schicken – schämst Di net, Du herzliebs Faulviecherl Du? Hast mir's doch versprochen, dass D' mir schreiben willst wann ich kommen soll.« »Ja sie sollten aber garnicht kommen, mein Herr,« lachte die kleine Dame, indem sie sich vergeblich anstrengte sich seinen Armen zu entwinden. »Wir haben doch ausgemacht: wie Brüderchen und Schwesterchen; aber Sie halten die Verabredung nicht. Sie sind mir viel zu stürmisch.« »Ja, mein Engerl, das thut mir leid, aber ich kann net anders: das ist halt meine Auffassung von der Liebe.« Und abermals presste er das schmächtige Körperchen an sich und seinen Mund auf ihre weichen Lippen. »Lass mich los!« stöhnte Frau von Robiceck: »Ich mag doch nicht.« Sie hatte Kraft in ihren Armen; sie stemmte sich so stark gegen seine Brust, dass er sie endlich freigeben musste. Da kam sie hinter dem Sofatische hervor, strich sich die Kleiderfalten glatt und rückte ihre Frisur zurecht. »Grässlicher Mensch!« schmollte sie. »Puh! – nein, einem so heiss zu machen – bei solcher Hitze! Warum kommen Sie denn Herr Pirngruber, wenn ich Sie doch nicht gebeten habe?« »No was ist denn des?« rief er ganz traurig. »Aber Lillimauserl, was hat denn Dir die Laune verdorben, dass d' so zuwider bist?« »Ach, gar nichts. Es ist blos . . . . . ach, scheusslich ist es überhaupt! Ein grässliches Dasein! Ich wollt' ich wäre so wüst, dass jeder Mensch wegschauen müsst', der mir begegnet!« »Aber Lilly! Geh' her, sag mir doch was Dir g'schehn ist!« Er erhob sich vom Sofa, trat zu ihr und legte sanft einen Arm um ihre Schulter. Sie stand da und zerrte nervös an ihrem feinen Sacktüchlein und maulte, ohne ihn anzuschauen: »Ach, nun habe ich mich darauf gefreut ein bischen Toilette zu machen, und dann ganz langsam zum Mittagessen zu gehen, und dann ein bischen herumzuspazieren mit dem neuen Sonnenschirm, den mir der Prinz geschenkt hat, und dann ein paar Stunden zu schlafen . . . . . alles abwerfen und ein paar Stunden ganz fest schlafen – das ist mein schönstes – und dann gegen Abend, wenns ein bischen kühler geworden ist, dann hätten wir ja vielleicht hinausradeln können in den Wald und irgendwo einkehren und uns nett unterhalten . . . . .« »No ja, das können wir ja noch alles thun. Warum denn so grantig, Schatzerl!« »Ich bin nicht Ihr Schatzerl!« rief sie unwillig sich von ihm abwendend. »Ich will niemandes Schatzerl sein! Was ist denn das überhaupt für ein dummes Verhältnis! Sie mögen sich nirgends mit mir zeigen, weil alle Welt Sie kennt und ich muss vor den Leuten Sie zu Ihnen sagen und irgend eine Komödie spielen, und dann kommen Sie daher wanns Ihnen einfallt, lauern mir hier auf und überfallen mich mit Zärtlichkeiten und wenn Sie sich satt geküsst haben, ziehen Sie wieder ab und lassen mich in meiner jämmerlichen Einsamkeit allein. Was habe ich denn von so einer Liebe? Bin ich denn nur ein Gegenstand zum abbusseln, den man aus dem Schubkastel hervorholt wenn's gefällig ist und nachher wieder einschliesst? Muss ich denn nicht alle Selbstachtung verlieren?« »Ja, was ist denn jetzt des? Hast mich denn nimmer lieb, Lilly?« Er schaute sie mit seinen gutmütigen blauen Augen traurig an und streckte ihr bittend die Hände entgegen. Da legte sie ihre Arme um seinen Hals und sagte in ihrem weichen Klageton: »Sei mir nicht bös, mein Liebling! Ich bin Dir ja gut – Du bist ja der Beste von allen, das weiss ich ja; Du denkst ja auch nicht schlecht von mir, aber . . .« »Aber?« fragte er, da sie den Satz nicht vollendete. Dann setzte er sich auf den nächsten Stuhl und zog sie wieder auf seine Kniee. »Geh her, Lilly, sag mir doch was Du möchtest. Wir haben doch ausgemacht, dass keiner den andern auch nur im geringsten in seiner Freiheit beeinträchtigen will. Möchtest Du lieber einen zum heiraten?« »Um Gotteswillen, red' nur nicht vom Heiraten!« »No also! Du weisst, ich habe eine sehr gute Frau, die ich über alles liebe und verehre; Dummheiten darfst Du also nicht von mir verlangen. Ich hab' Dich g'sehn und hab' mich in Dich verbrennt und es zieht mich zu Dir hin wie die Motte zum Licht. Und weil Du gar so g'scheidt bist, nicht blos hübsch, hast Du mir versprochen, dass Du blos leuchten aber nicht brennen willst. Du sollst nur da sein für mich, und leuchten für mich, und ich will mich freuen dürfen an Deinem Glanz und an Deiner Wärme. Und zum Dank dafür will ich Dir von meinem Oel auf das Lämpchen giessen; mein geistiges Leben sollst mitleben dürfen, Du einsames Hascherl, und mit meinem Hamur will ich Dir's Docht putzen, wann Du aus Mangel an frischer Lebensluft zum kohlen anfängst. Weiter nixen. Unsere Liebe soll uns eine Episode unseres Lebens vergolden, nach dem Grundsatz: schmücke dein Heim! Schmücke alle Winkel deiner Seele, sage ich, damit du dich bei dir selbst behaglich fühlst. Ich mein' a jeder Künstler hat des nötig – und Du bist auch ein Künstler – Du kleine, feine Lilly. Aber net mit dem Pinsel, verstehst, blos so im Allgemeinen, mit der Empfindung. Du hast ein Meisterwerk geschaffen und das bist Du selber – ich will Dich blos dazu anhalten, dass D' Dein Meisterwerk net hinterher verpfuschst. Ich will Dich erziehen zum künstlerischen Selbstgenuss.« Sie fiel ihm um den Hals und küsste ihn still und als er nach einer kleinen Weile ihr Köpfchen zwischen seine Hände nahm, um in ihre Augen zu schauen, da sah er, dass sie voll Thränen waren. »Ja, was ist denn jetzt?« sagte er weich. »Ich weiss nicht – ich schäme mich so,« versetzte sie ganz leise. Und dann richtete sie sich auf, fuhr sich mit dem Tüchlein über die Augen und starrte nachdenklich vor sich hin. Sie begann ihm mit der Hand durch das blonde Kraushaar zu streichen und dann sprach sie: »Ach Gott, wenn ich doch blos als Mann geboren wäre! Was hätte alles aus mir werden können! Aber so ist mein ganzes Leben, eine Affenschande. Ich bin nur ein Weibchen , und wo ich mich zeige, da rennen die Männchen hinter mir her wie die Hundeln auf der Gasse. Ich bin reizend in des Wortes scheusslichster Bedeutung! Wenn man ganz jung ist und das Manntier noch nicht kennt, macht es einem ja Spass; man wird kokett – das ist so natürlich, das kann garnicht anders sein. Und dann bilden sich die Männer ein, man hätte wer weiss was für ein Plaisier davon, wenn sie alle um einen herumtanzen und radschlagen. Ich weiss ja ganz genau: ich könnte die dümmste Gans sein oder das gemeinste Frauenzimmer – es wäre ganz dasselbe. Ach, ich sage Dir, manchmal packt mich eine solche Wut, dass ich mir das Gesicht zerkratzen oder Vitriol hineinspritzen möchte. Giebt es eine grössere Schmach, als blos so als Weibchen estimiert zu werden? Wenn ich dann doch wenigstens eine leichtsinnige Person wäre, blos Eitelkeit und Sinnlichkeit, dass es mir Freude machte mich einem nach dem andern an den Hals zu werfen! Aber ich schwöre Dir, ich habe den Mann garnicht nötig – ich könnte ganz gut im Kloster leben und würde garnichts entbehren. Wenn ich den Glauben hätte würde ich auch in's Kloster gehen.« »Ach Du armes Hascherl, Du thust mir wirklich leid!« sagte er ernsthaft, ohne sie anzublicken. »Da hast du's!« rief sie herbe auflachend, und ihre feinen Züge verzerrten sich zu einer wütenden Grimmasse. »Mitleid, haha! – Das ist das Aeusserste, was ich noch von dem Besten von euch erreichen kann. Und was werdet ihr dann für mich übrig haben, bitte, wenn ich einmal alt und garstig bin? Hohn, nicht wahr? Der Mensch in mir, den ihr nie habt kennen wollen, wird euch erst recht ein Gegenstand der Verachtung werden, wenn das Weibchen euch nicht mehr reizt. »Die hat auch eine bewegte Vergangenheit hinter sich,« wird's dann heissen und ihr werdet hinter mir herlachen, wenn ich jugendlich aufgetakelt und geschminkt daherkomme als eine, die nicht in Ehren alt werden kann, weil ihr sie um ihre Jugend gebracht habt!« Franz Xaver Pirngruber sagte nichts und strich ihr nur zärtlich über die Arme. Er dachte nach. Und sie wartete geduldig bis er zu einem Ergebnis gekommen war. Sie sah ihn fragend an und da sprach er: »Weisst Du, liebe Lilly, ich glaub', Du musst doch wieder heiraten, sobald Du Deinen Ersten glücklich losgeworden bist.« »Danke schön! ein guter Rat,« lachte sie, indem sie sich von seinen Knieen erhob. Sie zündete sich eine Cigarette an und warf sich aufs Sofa. »Weisst Du, mein Lieber, wie's mir in der Ehe geht – in jeder Ehe? Erstens einmal nimmt mich nur ein verliebter Esel – und dann enttäusche ich ihn furchtbar, weil ich ihm nicht geben kann, was er hinter meiner Larve und meiner Koketterie gesucht hat, und dann behandelt er mich brutal und verbittert mir jede Stunde meines Lebens durch Eifersucht. So war's mit dem Ersten und so muss es mit jedem Andern auch sein. Nein, mein Lieber, Du musst schon noch auf etwas anderes für mich sinnen.« »Dann bleibt nichts übrig – Du musst Dir eine selbständige Existenz schaffen,« sagte er rasch. »Womit denn, bitte; mit dem Pinsel vielleicht?« »Oh nein!« rief er fast erschrocken. »Halt, ich habe eine grossartige Idee! Du hast ein anderes Talent von einer viel grösseren Bedeutung und wenn Du Dich nicht scheust das auszunützen, dann erwirbst Du Dir bürgerliche Achtung und vielleicht auch innere Zufriedenheit, Soll ich's sagen? Du musst mir aber auch wirklich net bös sein!« »Nein, nein, nein, sag's nur!« Und er nahm einen Brief, der oben auf dem Tische lag, holte einen Bleistift aus der Tasche und schrieb auf das leere Blatt: Lilli v. Robiceck, modes et robes . Dieses Blatt reichte er ihr über den Tisch hinüber und sagte dabei: »Das ist Deine Rettung.« Sie las es und lachte. »Hm,« machte sie nachdenklich: »das ist vielleicht noch garnicht so dumm. Ich will es mir überlegen. – Aber jetzt musst Du gehen, mein Lieber, ich muss wirklich Toilette machen, sonst bekomme ich in meinem Restaurant nichts gescheidtes mehr zu essen.« Er erhob sich und nahm Handschuhe und Mütze von einem Stuhl an der Thür auf. »Also, wenn's sein muss, adieu!« sagte er mit einem komischen Seufzer. »Brauchst Du keine Kammerjungfer? Ich thät Dir gern behilflich sein.« »Nein, nein, mein Lieber – einmal und nicht wieder!« »Aber es war doch so schön!« flüsterte er, sich zu ihrem Ohr herabbeugend. »No, wennst net magst, – ich will Dich net sekkieren. Was hast denn heut Abend vor? Geh'n wir z'samm' soupieren, was?« »Thut mir leid,« versetzte sie, ein wenig errötend: »für heute bin ich schon versagt. Aber weisst Du, da fällt mir was ein: komm mit! Der Prinz hat mir expré gesagt, ich dürfte mitbringen wer mir gefiele. Geh', sei g'scheidt, komm' mit, das wär furchtbar fein!« Und sie sprang auf die Füsse und klatschte vergnügt in die Hände. »Was denn für ein Prinz?« fragte er, und eine ärgerliche Falte markierte sich zwischen seinen Augenbrauen. »Ach, wohl Dein Prinz Cloppenburg-Usingen?« »Ja natürlich! Weiter kenne ich doch keinen Prinzen. Oh, ich sage Dir, er ist so scharmant, Du musst ihn kennen lernen.« »Liebes Kind, das geht nicht; dazu bin ich denn doch zu – ausgewachsen. Wenn der Prinz mich haben will, muss er zuerst zu mir kommen.« »Ach geh', sei net fad!« lachte sie. »Was bist Du denn auf einmal so auf die Form versessen?« Und er nahm ihre Hände, spielte damit und erwiderte mit freundlichem Ernst: »Liebes Kind, es ist zuweilen auch für den freiesten Menschen ganz nützlich, auf die Form zurückzugreifen. Wer die Form gänzlich verachtet, der giebt jedem cochon das Recht, einen frère zu nennen.« »Aber der Prinz ist doch kein cochon!« schmollte sie. »Das habe ich auch nicht damit sagen wollen,« lachte er. »Aber ich passe doch nicht in seinen Kreis hinein. Ich weiss, er hat mich als Künstler zu den Alten – d. h. zu den Toten geworfen. Er protegiert ja ausschliesslich die Allerjüngsten und Allerverrücktesten. Ich lass' ihm gern sein Vergnügen – aber Dich lass' ich ihm nicht gern.« »Ach, Du denkst doch nicht etwa . . . pfui! Das ist garstig von Dir.« Sie machte sich ärgerlich von ihm los, trat zu ihrem Kleiderschrank und öffnete dessen Flügelthüren weit. »Nun ja, ich weiss,« sagte er: »der Prinz steht in dem Rufe, gegen weibliche Reize ziemlich unempfindlich zu sein. Wer wird denn sonst noch da sein?« Sie zuckte die Achseln: »Keine Ahnung! Der Prinz sieht nur beste Gesellschaft bei sich. Junge Künstler, Diplomaten, Offiziere in sorgfältigster Auswahl und dergleichen. – Was meinst Du, soll ich dies anziehen?« Sie hakte einen der hölzernen Bügel los, über dem ein duftiges, weisses Battistkleid mit einer buntblumigen Seidentaille hing. »Sehr hübsch,« sagte er gleichgiltig und fügte dann dringender hinzu: »Und die Damen? Ich mein', was für Damen kommen denn zum Prinzen Cloppenburg?« »Oh, sehr nette,« versetzte Lilly zerstreut, indem sie das luftige Röckchen schüttelte und im Licht herumdrehte. »Damen vom Hoftheater und die schöne Rosi Ungerer und . . . »Ah so, die neueste Geliebte vom Grafen Rimsky, nicht wahr?« »Kennst Du die auch?« »Freilich; die verdankt doch ihre Carriere dem Kollegen Piglheim. Der hat sie des öfteren gemalt, – aber chic!« »Modell? Ach! Das wusst' ich nicht. Ich mag sie übrigens auch nicht.« Sie nahm das Kleid über den Arm und wollte damit in ihr Schlafzimmer gehen. Mit der Thürklinke in der Hand nickte sie ihrem grossen Freunde nachlässig zu und sagte: »Also, dann sehen wir uns heute nimmer wieder? Wenn ich nur wüsste, wen ich nun mitbringen soll.« Er trat rasch auf sie zu und wollte sie bei der Hand nehmen und festhalten. »Lilly, lass einmal ernsthaft mit Dir reden!« »Nein, ich mag net,« sagte sie kurz, entschlüpfte ihm durch die Thüre und schob den Riegel von innen vor. Da stand nun Franz Xaver Pirngruber, schnickte ärgerlich mit den Fingern und nagte sich die Unterlippe; aber er ging noch nicht. Er dachte ein Weilchen nach, und dann zog der offene Kleiderschrank seine Blicke an und er trat davor und strich gedankenlos mit den Fingerspitzen über die hängenden Gewänder. Es raschelte das Seidenpapier, mit dem einige der feinen Taillen eingewickelt waren, es raschelte von Atlas und Satin, und zarter Duft von einem ihm unbekannten Parfüm wehte ihm entgegen. Er schloss die Augen und sog ihn langsam ein und es war ihm, als ob der Duft ihrer warmen Haut, ihres weichen, lockeren Haares ihn einhüllte. Er ballte seine Radelkappe zusammen und warf sie wütend auf den Tisch und dann starrte er wieder in den Schrank hinein. Oben in dem Längsfach lagen ihre Hüte, alle sorgfältig mit Seidenpapier umsteckt, und unten am Boden standen ihre Schuhe und Stiefel in einer geraden Reihe aufgestellt und dazwischen hingen die reizenden Gewänder, die sie, wie er wusste, alle selbst erfunden und mit Hilfe einer Schneiderin selbst ausgeführt hatte, alle von feinstem Geschmack und eigenartiger Fantasie zeugend. Dieser Kleiderschrank bedeutete für Lilly von Robiceck soviel, wie für einen Dichter ein Band ausgewählter Novellen oder für einen Maler eine Sammlung wertvoller Studien. Sie hatte schon viel solcher Bände verfasst, viel solche Sammlungen in die Winde zerstreut und mit neuem Eifer neue angelegt. Sie hatte dieses Talent von Kindheit an entwickelt, wie nur irgend ein strebsamer Künstler das seinige – ihr halbes Herz, ihr halbes Leben hing daran. Ihren herrlichen Körper, vor dessen reiner Nacktheit Franz Xaver Pirngruber in Andacht in die Kniee gesunken war, nicht wagend, ihn zu berühren, aus Ehrfurcht vor dem göttlichen Glanz der Schönheit – ihren Körper betrachtete sie nur als die Folie für die bunten, wechselnden Hüllen, für die sie allen ihren Künstlerfleiss und ihre Künstlerliebe aufwendete. Oh, Weiber, Weiber! sobald Mutter Eva vom Apfel der Erkenntnis gekostet hat, schämt sie sich ihrer himmlischen Nacktheit und vom nächsten Feigenbaum rupft sie ein Blatt und reicht es kichernd, mit abgewandtem Köpfchen ihrem guten Adam dar, der sicherlich noch lange ratlos damit dagestanden ist, während Eva ihr erstes Tändelschürzchen längst fertig hatte. Verhüllen! Verstecken spielen! – Darauf geht ihr Sinnen und Trachten von Anbeginn und in der Kunst allein haben sie von jeher das Höchste geleistet. Der Kern ist ihnen gleichgültig und die Antwort auf die Frage: wie steht mir dies? ist ihnen viel wichtiger als jede andere. Ein wirkliches Weib hat immer einen ganzen Schrank voll solcher Verhüllungen hängen, dem ihre zärtlichste Sorge gilt, und ein wirklicher Mann – bezahlt niemanden so ungern wie seinen Schneider, weil er im Grunde seines Herzens dessen Existenzberechtigung nicht anzuerkennen vermag. Darum können sich ein wirklicher Mann und ein wirkliches Weib auch niemals gänzlich begreifen, darum giebt es keine Freundschaft zwischen den Geschlechtern, darum für den Mann kaum eine Zwischenstufe zwischen Brutalität und lächerlicher Unterwürfigkeit und für das Weib in ihrem Verhalten zum Manne kaum eine Zwischenstufe zwischen sklavischer Hingabe und boshaftem, zähem Rachekrieg. Das Weib, das einen Mann wirklich liebt, empfindet die brennende Sehnsucht, ihre Schale mit einem Inhalt zu füllen – das Weib, das in stolzer Selbstgenügsamkeit diese Sehnsucht nicht kennt, vermag auch keinen Mann zu lieben. Des Mannes Liebe aber entspringt der wilden Berserkerwut gegen die Hülle. Sie lockt, sie reizt ihn, wie jedes Hindernis, jede Schwierigkeit, jedes Geheimnis ihn reizt. Er will bei allen Dingen wissen, was dahinter steckt. Das Flüchtige will er erhaschen, das Fremde soll sich ihm beugen. Es ist der männliche Liebestrieb, der den Jäger, den Eroberer, den Entdecker zum Ziele führt. Wenn die Weiber den ewigen Mummenschanz einmal satt bekämen, würde die Liebe für den Mann jeden Reiz verlieren. Die natürliche Zuchtwahl würde aufhören und für die Fortpflanzung des Menschengeschlechts müsste die Polizei sorgen. Darum ist es im Plane der Weltordnung gelegen, dass die eine Hälfte der Menschheit sich der andern verächtlich macht, um sie zur Liebe zu reizen. Franz Xaver Pirngruber wälzte ähnliche Gedanken in seinem Hirn, während er so an der Unterlippe nagend und nervös seine Finger bald spreizend, bald zur Faust ballend, in den offenen Schrank hineinstarrte, darin sein Liebchen in zehnfacher Gestalt am Riegel hing. Welche davon liebte ihn denn nun eigentlich? – denn eine zum mindesten liebte ihn wirklich, das hatte er zu selig empfunden! War es die in Sammet oder in Seide, oder die wollene oder die mausgraue, oder die seegrüne? Scheusslich, scheusslich! Muss man denn durchaus die paar süssen Stunden, mit denen man den zähen Teig des Alltagsdaseins durchzuckert, damit bezahlen, dass man sich schmählich zum Narren macht? Ach was, dazu war er zu stolz! Fort – und sie nie wiedersehen! Ihr kräftig die Thür vor der Nase zuschlagen und draussen Himmelherrgottsakra gesagt und sich aufs Rad geschwungen auf Nimmerwiedersehen! So wars recht. Er packte wieder seine Kappe und dann ergriff er den nächsten besten Stuhl und stiess ihn kräftig auf den Boden, dass es krachte und dazu schrie er mit einer Stimme, als wollte er das Gespenst im Keller spielen: »Pfüt Di Gott, Lilly!« Im Nebenzimmer erschallte ein leiser Schrei und gleich darauf wurde der Riegel zurückgeschoben und auf der Schwelle stand die kleine reizende Frau von Robiceck, in der zarten weissen Wolke ihres Battistkleidchens näherschwebend, noch damit beschäftigt, die bunte Seidenbluse über der Brust zuzuhaken. »Herrgott, habe ich mich erschrocken!« sagte sie mit einem strafenden Blick. »Was schaffst denn da noch, Xaverl? Was ist denn das für ein Benehmen?« Mit zwei grossen Schritten trat er vor sie hin und umklammerte mit zitternden Fingern ihren Oberarm. »Ich halt's net aus!« rief er. »Ich mag's net leiden, dass Du Dich so fortwirfst.« »Oh, bitte sehr! Wer wirft sich fort?« begehrte sie auf. »Zerdrücke mir meine neue Bluse nicht!« Aber er liess sie nicht frei. Zornbebend knirschte er sie an: »Ja, hast Du denn gar kein Gefühl dafür, dass Du mit Deinem guten Ruf ein freventliches Spiel treibst?« »So – auf einmal?« lachte sie hart auf. »Aber wenn mich die Leute als Deine Geliebte kennen, das schadet meinem guten Ruf nichts?!« »Ach was, Unsinn! Das ist ganz was anderes. Ich kompromittiere Dich nicht. Ich renommiere nicht mit meinem Erfolg wie die jungen Laffen, ich bin nur in aller Heimlichkeit mit Dir zusammen.« »Du bist wirklich naiv, mein Lieber!« lächelte sie grausam. »Besinnst Du Dich vielleicht auf die Begegnung in Grünwald? Der junge Herr Baron Dingsda hat sich auf diese flüchtige Bekanntschaft hin heute schon eine Unverschämtheit gegen mich erlaubt.« »Dann haue ich ihm eine hinter die Ohrwascheln, dass ihn gleich . . .« »Ich denke Du kompromittierst mich nicht?« »Jetzt hör' auf, Weib!« flüsterte er in grimmiger Leidenschaft, sie noch fester packend und an sich reissend. »Ich wäre im Stande Dich zu erdrosseln, wenn ich Dich nicht so wahnsinnig liebte. Geh' nicht zu dem Prinzen, thu' mir den Gefallen!« Sie hob sich auf den Zehenspitzen empor und griff ihm mit beiden Händen in die Locken: »Nein, nein, Du grosser, dummer Xaverl, Du! Wenn es Dir so schrecklich ist, dann will ich nicht hingehen; aber schau bloss, wie Du mir mein Gewand zerknüllt hast. So kann ich doch garnicht auf die Strasse gehen.« »Das is mir Wurscht!« jauchzte er auf und dann hob er die federleichte Gestalt empor und hudelte sie herum und drückte und küsste sie, bis ihr schier der Atem verging. » Du bist schrecklich!« keuchte sie. »Lass mich aus – ich will ja auch gut sein.« »Ja? ja? willst Du?« flüsterte er: Und sie schlich nach der Thür und schob den Riegel vor. Dann hob sie beide Arme ihm entgegen, lächelte seltsam schmerzlich und seufzte: »In Gottes Namen denn!« – – – In ihrem Restaurant bekam sie heute wirklich nur noch eine aufgewärmte Portion Kalbsgulasch zu essen, aber sie brachte keinen Bissen hinunter. Sie ging in die nächste Conditorei und sättigte sich mit Chokolade und Giraffentorte. Der Prinz Cloppenburg-Usingen war der liebenswürdigste, sympathischste Mensch von der Welt. Seine Laune schien immer ebenso rosig zu sein wie sein Teint, und seine gutmütigen Augen strahlten immer in ungetrübter Helle wie die eines Kindes, das soeben von einem langen gesunden Schlaf erwachte. Niemand hatte ein scharfes Wort aus seinem Munde gehört, niemand eine brutale Regung jemals an ihm wahrgenommen. Mit seinem feinen Geist und schlagfertigen Witz war er ein überall gern gesehener Gesellschafter und mit seinem glücklichen Humor half er sich auch über den einzigen Schmerz seines sonst so beneidenswerten Daseins hinweg, dass er kein grosser Künstler war. Er hatte die militärische Karriere sehr bald aufgegeben, um ganz und gar seiner Leidenschaft für die Künste zu leben. Sein Vermögen war gross genug, um es ihm zu ermöglichen, sich das Leben ganz nach seinem Behagen einzurichten, ohne übertriebenen Luxus, und um in bescheidenen Grenzen den Mäcen zu spielen. Er hielt sich weder Pferde noch Wagen und das jeu liess ihn ebenso kalt wie die Weiber. Für die Tausende, die er auf diese Weise schon erspart, hatte er sich eine recht eigenartige kleine Bildergalerie angeschafft, die auf seine Etagenwohnung in der Prinz-Regentenstrasse und seine Villa am Chiemsee verteilt war. Ausserdem hatte er einen jungen Schauspieler auf seine Kosten ausbilden lassen, zwei junge Maler nach Italien und Paris geschickt, der verlassenen Braut seines Kammerdieners eine Schneiderstube eingerichtet, alle Sammlungen zu Denkmälern nationaler Geistesgrössen mit Beiträgen bedacht und sehr vielen guten Freunden Geld geliehen mit der freudigen Zuversicht, es nimmer wiederzusehen. So musste man wirklich sagen, dass er für seine jungen Jahre schon viel Gutes und Nützliches geleistet hatte und in Anbetracht dieser Leistungen konnte es ihm wohl nachgesehen werden, dass die Verslein, die er hatte drucken lassen, lediglich von einer gewissen Reinlichkeit des Empfindens, seine Manuskript gebliebenen Kompositionen nur von einem befriedigend absolvierten Studium der Harmonielehre zeugten und dass endlich seine Gemälde niemals fertig wurden. Prinz Cloppenburg-Usingen feierte heut seinen dreissigsten Geburtstag. Mit seinem vollwangigen Babygesicht und dem spärlichen blonden Bärtchen auf der puppenhaft geschwungenen Oberlippe hätte man ihn schliesslich auch für zweiundzwanzig halten können, wogegen er der Sicherheit seines Auftretens und der Ruhe seines Gebahrens und Urteilens nach auch ein Fünfziger hätte sein können. Der Prinz war heute wirklich ärgerlich und nervös, obwohl ihm das ein flüchtiger Beobachter nicht angemerkt hätte. Er hatte seinen dreissigsten Geburtstag besonders festlich begehen wollen und war nur zu diesem Zwecke von seiner Villa am Chiemsee in die Stadt gekommen; aber er hatte mit seinen Einladungen kein Glück gehabt. Die meisten seiner Freunde und Freundinnen waren bereits am Land, und da das Wetter just ausnehmend schön war, hatte sich niemand von ihnen entschliessen mögen, seiner kleinen Fete wegen in die Stadt zu kommen. Da hatte er denn im letzten Augenblick an die kleine reizende Frau von Kobiceck gedacht, die immer einige mögliche Herren an der Hand hatte und an Arnulf Rau, den er eigentlich nicht ausstehen konnte, der aber durch seine beredt vorgetragenen Paradoxe in geistreicher Gesellschaft immerhin eine gute Figur machte. Auch dem grossen Arnulf hatte er in der Verlegenheit anheimgestellt intressante Freunde oder Freundinnen mitzubringen. Fest zugesagt hatte ausser diesen auf den Ärmel eingeladenen nur sein Freund, der Graf Rimsky mit seiner Saisongattin Rosi Ungerer. Der premier venu war der grosse Arnulf Rau – und wen brachte er mit? Seinen lieben Freund, den Baron Dr. Raoul de Kerkhove, von dem Lilly von Robiceck heute Morgen erst dem Prinzen gegenüber behauptet hatte er sei ein kleiner Ekel. Dreiviertel Stunden sassen die beiden Herren nun schon bei dem Prinzen und hatten ihm bereits den ganzen Salon mit dem Rauche seiner teuersten Cigarren und Cigarretten erfüllt, seine Bilder betrachtet, seine antiken Möbel und modernen objets d'art bewundert, ohne dass die Entréeglocke das Nahen eines neuen Gastes angekündigt hätte. Die Köchin des Prinzen war in Verzweiflung und hatte schon zweimal den Kammerdiener Luigi, einen fixen Italiener, der drei Sprachen sprach und mit zärtlicher Liebe an dem Weinkeller seines Herrn hing, hereingeschickt, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass das Essen verdürbe und dass sie immer noch nicht wüsste, wieviel Couverts aufgelegt werden sollten. Trrrr . . .! endlich schnarrte das elektrische Läutewerk und Luigi fuhr wie ein Blitz aus der Thür, um zu öffnen. Das Gespräch verstummte und mit gespannter Erwartung blickten die drei Herren nach der Schwelle des Vorzimmers, dessen Flügelthüren geöffnet waren. Gleich darauf erschien Graf Rimsky, Premierleutnant im schweren Reiterregiment. Er war sehr echauffiert und wischte sich noch beim Eintreten die Stirn mit dem Taschentuch. »Allein?« rief ihm der Prinz entgegen. »Allerdings. Ich bedaure sehr, aber . . . . .« Er brach ab, trat näher und verbeugte sich militärisch vor den beiden ihm fremden Herren. Der Prinz erledigte die Vorstellung und dann zog ihn Graf Rimsky, mit einer Entschuldigung gegen die beiden Gäste, in das Vorzimmer hinein und führte ihn am Arm bis ans Fenster. »Ja was ist denn, warum bringst Du denn Deine Rosi nicht mit?« fragte der Prinz im Flüsterton. »Ach, hol der Teufel das verdammte Frauenzimmer!« gab der Graf ebenso leise zurück. »Sie hat mir eben eine Szene gemacht, weil ich ihr erklärt habe, dass ich in diesem Sommer keine Toilette mehr bezahle. Sie ist schauderhaft anspruchsvoll geworden seit sie merkt, dass es mit mir Mathäi am letzten ist. Die Ratten verlassen das Schiff.« »Was heisst denn das? Schon wieder neue Schwierigkeiten?« »Aber, Cloppenburg, frag doch net so dumm! Du kennst Dich doch aus mit meinen Verhältnissen. Heut hat mich der Oberst cotamert; c'est fini – ich muss meinen Abschied nehmen.« »Also doch!« »Mein Papa hat an den Prinzregenten selbst geschrieben. Ich muss also auf höheren Befehl meinen Hinauswurf beantragen.« »Armer Kerl! und dann?« Der Graf zuckte die Achseln, »'n' sais pas – Weinreisender werden – Versicherungsagent oder Kunstmaler – c'est tout égal!« »Hm – kann ich was für Dich thun?« »Wenn Du Dich nicht ruinieren willst – nein. Es handelt sich immerhin um einige 60 000. Ich habe schon mit einem Rechtsanwalt gesprochen: wir treffen ein Abkommen mit meinen Gläubigern, indem ich mich verpflichte 80 Jahre alt zu werden und mir meine Schulden allmählich von meinem Einkommen abziehen zu lassen. Glänzende Idee, was? Aeh bäh, il faut prendre la chôse en philosophe. Gratulir' Dir übrigens herzlichst zum Geburtstag, mein Lieber!« »Danke Dir! Hast Du wirklich daran gedacht?« »Natürlich! Wir waren ja voriges Jahr auch so fidel beisammen. Was sind denn das für schöne Leut' da drin?« Der Prinz lächelte ein wenig trübe und raunte ihm ins Ohr: »Der blonde Geschwollene ist einer der sich selbst genügt. Er kommt mir vor wie einer, der zu seinem Standbild sitzt. Und der kleine à l'aire melancholique giebt sich für einen Neffen des Fürsten Krapotkin aus und markiert den Nihilisten.« »Aeh, pfui Teufel, das ist ja interessant,« lachte Graf Rimsky schon wieder ganz in seinem gewohnten, lustig mokanten Ton: »Kommen keine Damen?« »Doch! Die kleine Robiceck hat zugesagt.« »Die Lilly? Ah, scharmant! Ich lebe wieder auf.« Der junge Graf hakte sich in den Arm des Prinzen, um sich wieder in den Salon führen zu lassen, als Luigi aufgeregt auf seinen Herrn zulief und ihm mit lebhafter Gestikulation auf italienisch mitteilte, dass die Köchin erklärt habe, sofort das Haus verlassen zu müssen, wenn nicht subito, subito gespeist werde. »Va bene,« beschied ihn der Prinz achselzuckend: »fa venire la zupa. E quando vengono le signore – eh! c'e la sua colpa se fanno aspettarsi.« Luigi flitzte davon und die beiden Herren gingen wieder in den Salon. Wenige Minuten später öffneten sich die Flügelthüren zum Esszimmer und man setzte sich zu Tisch. Von den ursprünglichen acht Couverts waren zwei bereits wieder entfernt und in Erwartung der Frau von Robiceck mit einer eventuellen Freundin waren die beiden Plätze an den Schmalseiten der kleinen Tafel freigelassen worden. Ein geschmackvoller Broncelüster, an dem, durch bunte Glaskelche angenehm gedämpft, ein Dutzend Glühlämpchen brannten, goss mildes Licht über die gediegene Pracht der Tafel. Schweres altes Silber, dezent verziertes Porzellan und entzückende alte Gläser, sowie das einzige Schmuckstück, eine venezianische Vase mit Blumen, gaben der Tafel das Gepräge vornehmen Geschmackes. In der Blumenvase steckte ein grosser Strauss Mohnblüten von einer ungewöhnlich grossen brennendroten Art und dunkelrote Rosen und Nelken waren reichlich über das glänzende Damasttuch hingestreut. Das Speisezimmer war nicht gross und hatte ausser einem entzückend fantastischen Büffet aus hellem Holz, erfunden von Hans v. Berlepsch, und zwei antiken Truhen nur die notwendigen Tische und Stühle an Möbeln aufzuweisen. Die Wände zeigten als einzigen Schmuck zwischen den Fenstern eine grosse Stickerei von Hermann Obrist, einen fantastischen goldenen Blütenbaum auf graubraunem Seidenuntergrund darstellend, und auf der gegenüberliegenden Wand einen grossen Mondaufgang im Moor des Worpsweder Meisters Otto Modersohn. Die Suppe wurde schweigsam und doch ohne Andacht genossen. Es wollte keine rechte Stimmung aufkommen, weil alle vier Herren unter dem Eindruck des verfehlten Anfangs der Festlichkeit standen. Die Unterhaltung setzte sich ganz langsam in Gang, knarrend von gesuchten Phrasen wie ein schlecht geöltes Räderwerk. Während man noch die hors d'oeuvre erwartete schänkte der Prinz vino santo ein und bemerkte dazu, dass er diesen edlen Tropfen noch niemals ohne Anwesenheit von Damen genossen habe. »Ich finde,« fuhr der Prinz fort: »dass ein näheres Eingehen auf das andere Geschlecht der Ruhe des Philosophen und der freien Entwickelung der Künstlerseele nicht zuträglich sei; aber als Tafelschmuck sind mir hübsche Damen einfach Bedürfnis. Wo man nur zum Zwecke der Sättigung isst, stören sie; aber wo man mit ästhetischen Aspirationen speist, gehören sie unbedingt dazu, – hab' ich Recht meine Herren?« »Ohne Zweifel,« antwortete Graf Rimsky im Namen der Gäste. »Sie sind schon aus dem Grunde unentbehrlich, weil wir Mannsleute sonst bei jeder festlichen Tafelsitzung unfehlbar dem Suff und der cochonerie verfallen würden.« Arnulf Rau spielte mit seinen weissen Fingern in seinem Kinnbart und warf wohltönend den Satz hin: »Ich möchte wohl wissen, ob die neuen Weiber in ihren Konvivien dem Suff und der cochonerie entgehen werden.« »Was verstehen Sie unter neuen Weibern?« erkundigte sich der schwere Reiter. »Nun, das dritte Geschlecht , das eben im Begriff ist sich heranzubilden.« Und da der Graf nähere Aufklärung wünschte gab der schöne Arnulf folgende Ausführungen zum Besten: »Ich fasse unter dem Ausdruck »das dritte Geschlecht« alle die Frauenexistenzen zusammen, welche aus natürlicher Veranlagung oder unter dem Druck der Verhältnisse dazu gelangen, sich nicht mehr als Geschlechtswesen mit engumschriebenen Pflichten und Gerechtsamen, sondern einfach als Mitmenschen zu empfinden. Es hat ja immer zahlreiche Frauen gegeben, die auf die Erfüllung ihrer besonderen weiblichen Bestimmung verzichten mussten und denen dieser Verzicht auch nicht schwer wurde, weil weder das sinnliche Bedürfnis noch der mütterliche Instinkt besonders scharf bei ihnen ausgebildet war. Diese Neutra von Natur mussten sich aber in früheren Zeiten in das Schema des Frauendaseins einfügen, weil Gesetz und Sitte ihnen die Teilnahme an allen für Reservatrecht der Männlichkeit gehaltenen geistigen und physischen Kraftbethätigungen verboten. Sie huschten wie graue Motten unbeachtet durchs Dasein und auf ihrem Grabstein war nur zu lesen, dass sie Tanten gewesen. Die Entwickelung unserer ökonomischen Verhältnisse zum brutalen Kapitalismus hat es mit sich gebracht, dass die Armee der Tanten einen ungeheuren Zuwachs von freiwilligen und gepressten Bataillonen erhalten hat. Die Männer sind selten mehr im Stande, in den Jahren wo die Liebe die Pärchen zusammenführt, zu heiraten, und die proletarische Familie, welche ungefähr 93 Prozent der Bevölkerung ausmachen soll, kann keine Drohnen ernähren – folglich müssen die Millionen von Weibern, die keine Versorgung in der Ehe finden, sich durch die Arbeit auf eigene Füsse stellen. Die Mehrzahl von ihnen wird freilich die Sehnsucht nach der Ehe nicht los und bleibt Weib. Sie empfindet sich voll Groll als Sklaven der Arbeit und weiss ihre individuelle Freiheit nicht zu schätzen. Eine Minderheit aber, die immer ansehnlicher wird, lernt durch die Arbeit Befriedigung finden – und das sind die Rekruten des dritten Geschlechtes. Die heutige zielbewusste Frauenemanzipation bezweckt die Revolutionierung der Tanten. Sie werden unzufrieden gemacht, man impft ihnen den Kulturdünkel ein und treibt sie mit der Peitsche des Ehrgeizes in den Konkurrenzkampf mit dem Manne auf allen Gebieten hinein. Das dritte Geschlecht soll zum lebendigen Beweis für die geistige Ebenbürtigkeit von Mann und Frau herhalten.« »Glauben Sie an diese Ebenbürtigkeit?« fragte Graf Rimsky. »Nein – selbstverständlich nicht,« lächelte Arnulf Rau »Die Damen liefern den stärksten Beweis dagegen; denn da der Anschein der geistigen Konkurrenzfähigkeit hauptsächlich von denen erweckt wird, die sich erst ihres Geschlechtes entäussern mussten, so ist es klar, dass das zweite Geschlecht an sich mit dem ersten nicht konkurrieren kann.« »Bravo, das leuchtet mir ein!« rief der Graf lebhaft. »Meiner Erfahrung nach sind die Weiber von Natur überhaupt nur in zwei grosse Gruppen eingeteilt: die Hübschen und die Garstigen . Für die Hübschen ist die Liebe und die Macht, die wir ihnen durch die Galanterie einräumen – und – na überhaupt alle Herrlichkeiten der Welt; für die Garstigen ist die Arbeit und die Frömmigkeit. Aus diesem Grunde bin ich für Beibehaltung der Religion und des Kapitalismus.« Die drei andern Herren lohnten diese geistreiche Ausführung durch herzliches Gelächter, in welches der Herr Premierleutnant gutlaunig einstimmte. Dann wagte sich Raoul de Kerkhove mit der schüchternen Bemerkung hervor, dass heutzutage denn doch schon eine erhebliche Menge hübscher Frauen unter den Amazonen des dritten Geschlechts zu finden seien. »Na, aber, das finden Sie doch auch einfach scheusslich, degoûtant?« krähte der Graf. »Pardon, degoûtant ist wohl etwas zu viel gesagt«, erwiderte Raoul; »aber ich muss allerdings zugeben, dass es traurig ist. Es wäre doch wohl ein zu krasser Egoismus, diese Damen zu verachten. Ich muss gestehen, ich leide mit ihnen. »Mein junger Freund ringt noch gegen den Egoismus«, sagte Arnulf Rau, gönnerhaft lächelnd. »Wenn er älter werden wird, wird er dazu gelangen, ihn als die grosse treibende Kraft zu verehren.« »Gott sei Dank, Sie sind also wenigstens kein Sozi?« rief der Graf und stiess mit Arnulf Rau über die Tafel an. »Nein, durchaus nicht«, versetzte dieser, »denn wenn der Sozialismus, infolge Unreife der Zeit, Thatsache werden sollte, würde er nur dazu dienen, die Entwicklung zum Bienenstaate zu beschleunigen, und den betrachte ich selbstverständlich als das grösste Unglück, das über die Menschheit hereinbrechen könnte; denn er würde die naturgemässe Entwicklung zum Uebermenschentum verhängnissvoll unterbrechen.« »Der Bienenstaat?« Der Prinz nahm beifällig nickend das Wort auf. »Arbeiter, Drohnen und Königinnen! Hm, hm! – Abscheuliche Perspektive – obwohl man ja auch die künstliche Erzeugung eines dritten Geschlechtes gegen den Willen der Natur als einen Triumph des menschlichen Geistes ansehen könnte. Der Bienenstaat würde vortrefflich in eine Kulturentwicklung hineinpassen, in welcher die Menschheit statt zu speisen nur Nahrungspillen zu sich nehmen und statt zu lieben, die Weibchen im regelmässigen Turnus zum Brutgeschäft kommandieren würde.« Während der letzten Worte war Luigi mit einer Platte voll Hummern und Caviar eingetreten. Die Herren langten zu und assen mit Trauermienen, wie im Bewusstsein, zur Henkersmahlzeit der alten zweigeschlechtlichen Welt geladen zu sein. Da ertönte draussen das scharfe Rasseln der Entréeglocke und wie auf Kommando schauten sämtliche Herren von ihrem Teller auf und blickten gespannt nach der Thür. »Gott sei Dank, die Damen!« flüsterte der schwere Reiter mit einem Seufzer der Erleichterung. Arnulf Rau gestattete sich die Frage, wer erwartet würde. »Die kleine reizende Frau von Robiceck«, erwiderte der Prinz. »Sie hat versprochen, noch Jemanden mitzubringen und da sie Geschmack hat, bin ich überzeugt, dass sie uns nicht in Verlegenheit setzen wird.« »Frau von Robiceck? Ach!« rief Raoul de Kerkhove und konnte ein freudiges Erröten nicht unterdrücken. »Ah, Sie kennen die Dame, Baron?« wendete sich Arnulf Rau an seinen Nachbar. Und der Prinz sagte: »Es wundert mich, dass Sie sie nicht kennen, Herr Doktor. Sie ist jedenfalls das Vollendetste, was die Mauern Münchens gegenwärtig in ihrem Genre beherbergen.« »Und dieses Genre? fragte der schöne Mann. »Drittes Geschlecht – tragisch kompliziert durch Schönheit und weibliche Eitelkeit.« »Frau von Robiceck drittes Geschlecht?! Unmöglich!« fuhr Raoul de Kerkhove im jugendlichen Eifer drein. »Ich habe sie unter Umständen kennen gelernt, in die nur das zweite kommt.« Das plötzlich hell ausbrechende Gelächter belehrte den jungen Baron, dass er ganz ohne böse Absicht einen bedenklichen Witz gemacht hatte. Er stotterte errötend lebhafte Entschuldigungen und wollte seine Meinung deutlicher erklären, als der Prinz ihm mit einem strafenden Blick nur das eine Wort: »Discretion!« über die Tafel zuraunte. Im selben Augenblick ging draussen die Thür und Luigi liess Frau von Robiceck in Begleitung zweier junger Herren eintreten. Die vier Männer sprangen auf und gingen der sehnlichst Erwarteten bis an die Schwelle des Esszimmers entgegen. Ihre beiden Mitbringsel wurden in der ersten Aufregung garnicht beachtet, man war zu glücklich, endlich das Weib unter sich zu sehen. Der Prinz und der Graf bemächtigten sich sofort ihrer beiden Hände und küssten ihr galant die weissen langen Handschuhe mit den Medaillonknöpfchen, und erst nachdem sie die Schelte über ihr langes Ausbleiben und die Komplimente über ihr reizendes Kostüm – mit Blumen bestickte Seidengaze auf olivgrünem, seidenen Untergrunde, mit weiten Aermeln, kleinem, spitzen Ausschnitt, rosa Schärpe und Bandgarnierung – in Empfang genommen hatte, gelangte sie dazu, die beiden Herren in ihrer Begleitung vorzustellen. »Herr Werner Rudolfi – Herr Joachim von Lossow, beide Kunstmaler. Sie sehen, lieber Prinz, ich habe von ihrer freundlichen Erlaubnis Gebrauch gemacht. Jetzt, meine Herren, ist es an Ihnen, mir Ehre zu machen.« Sie gab jedem der jungen Leute einen kleinen Klaps mit ihrem Fächer und dann liess sie sich am Arm des Prinzen auf ihren Platz führen zwischen dem Grafen und Arnulf Rau. Die Herren machten sich rasch untereinander bekannt und nahmen Platz, nachdem noch ein siebentes Couvert eingeschoben worden war. Natürlich liess sich der Gastgeber nicht merken, dass er an ihrer Stelle lieber Damen gesehen hätte, zumal das Aeussere der beiden jungen Künstler für ihre Zugehörigkeit zu einem erlesenen Kreise sprach. Sie trugen beide lange Bratenröcke in dem jüngst wieder modern gewordenen Biedermeierschnitt und gewaltige schwarzseidene Halsbinden, über welche selbst die spannhohen Hemdkrägen nur als schmale weisse Biese hervorragten. Herr Rudolfi war weissblond und bemühte sich, seinem gesunden, liebenswürdigen Gesicht mit dem friedfertigen Ausdruck durch einen à la Wilhelm II. gesträubten Schnurrbart einen energischen Ausdruck zu verleihen, während Herr von Lossow, ein sehr schlanker Mecklenburger, brünett war und glattwangig bis auf eine Andeutung künftiger Favorits, mit einem weichen, nervösen Munde, einer verfehlten Nase und tiefliegenden, leidenschaftlichen Augen. »Bin ich wirklich die einzige Dame?« rief Lilli von Robiceck, kokett die Aengstliche spielend. »Das finde ich dumm. Bitte, meine Herren, lassen Sie es mich ja nicht merken; thun Sie, als ob Sie ganz unter sich wären, sonst fühle ich mich zu sehr geniert. Hätte ich das gewusst, dann hätte ich Hosen angezogen.« »Das hätte Ihnen nichts geholfen, meine Gnädigste«, sagte Graf Rimsky, »wenn man so reizend ist, kann man sich nicht verkleiden.« »Ach, du lieber Gott, geht's schon wieder los!« rief Lilly mit einem drollig unglücklichen Augenaufschlag. »Ich warne Sie, Herr Graf! Noch eine einzige Schmeichelei und ich nehme meine beiden jungen Herren unter die Arme und verlasse das Lokal. Sie müssen wissen, dass ich seit heute auf eigenen Füssen stehe. Ich habe mir fünfhundert Rubel mit meiner Hände Arbeit verdient. Fragen Sie le baron de Kerkhove. Ich habe zwar die fünfhundert Rubel noch nicht, aber die blosse Aussicht darauf hat mich schon emanzipiert. Ich bitte, sich von mir imponieren zu lassen!« »Voilà messieurs«, rief der Prinz, »die Illustration zu unserem Gespräch von vorhin.« »Wenn das wieder aufgenommen wird, dann verlasse ich mit Protest das Lokal!« krähte Graf Rimsky, einen Augenblick in seiner Beschäftigung, eine Hummerscheere für Frau von Robiceck zu präparieren, innehaltend. »Wovon war denn die Rede?« erkundigte sich die junge Dame. »Nein, nein, nicht sagen!« rief der Graf lebhaft. Und Lilly von Robiceck: »Dann muss ich annehmen, dass von mir Uebles geredet wurde.« Man verwahrte sich natürlich lebhaft gegen solche Beschuldigung und ebenso natürlich wurde Frau von Robiceck immer neugieriger, so dass es schliesslich dazu kam, dass der Prinz das Wesentliche der vorausgegangenen Diskussion für sie wiederholte. Lilly hatte aufmerksam zugehört und dann wandte sie sich an den Grafen und sagte: »Ah so! Und von einer solch gescheidten Unterhaltung wollen Sie, mein Herr, mich also ausschliessen, nicht wahr? Ich soll Sie jetzt amüsieren, ohne dass es Ihnen geistige Anstrengung kostet. Aber, nein – dees giebt's net; und mit Ihnen rede ich überhaupts gar nimmer, denn ich bin auch eine revolutionierte Tante!« Und sie nahm ihr Weinglas und stiess mit Arnulf Rau an: »Prosit, mein Herr, das haben sie gut gesagt!« »Gehören Sie eigentlich unserm Verein noch nicht an, gnädige Frau?« fragte nach einer Weile der schöne Arnulf, der, seit man sich wieder zu Tisch gesetzt, sein rotes Krustentier nicht mehr angerührt, sondern lediglich seine reizende Nachbarin mit bewundernden Blicken verschlungen hatte. »Was ist das für ein Verein?« fragte sie zurück. »Der berühmte Verein zur Evolution der femininen Psyche. Ich sage unser Verein, weil meine Frau ein eifriges Mitglied ist. Ich habe übrigens auch schon Vorträge dort gehalten. Die Damen kommen wöchentlich einmal bei Eckel zusammen, um sich geistig zu beeindrucken; es entspinnen sich manchmal ganz interessante Diskussionen im Anschluss an die Vorträge. Ausserdem wirken die Damen praktisch durch die Bearbeitung der öffentlichen Meinung, durch die Erteilung von Ratschlägen in Rechtssachen und durch Arbeitsnachweis für Frauen und Mädchen auf den höheren Gebieten. Fräulein Echdeler ist Vorsitzende, eine sehr sympathische Dame, und unter den hervorragenden Mitgliedern sind Fräulein Doktor Babette Gierl, die Baronin Grötzinger, Frau von Stummer, Hildegard Haider und andere bekannte Namen. Sie werden gewiss eine oder die andere von den Damen kennen.« »Nein, ich kenne keine – d. h. die Namen habe ich wohl schon gehört«, erwiderte Lilly. »Ich kenne überhaupt fast gar keine Damen – wissen Sie, was man so Damen nennt. Ich habe Angst vor Damen, ich geniere mich so in ihrer Gesellschaft. Es ist überhaupt komisch: ich hasse eigentlich die Männer, weil sie immer gleich so eklig sind, aber ich kann doch nur mit Männern vernünftig verkehren. Unter Damen habe ich sofort das Gefühl, als würde ich misstrauisch beobachtet – so, als zögen sie sich gleich bei meinem ersten Anblick alle zusammen hinter einen Zaun zurück. Eine junge Frau, die in Scheidung liegt, ganz allein in der Welt steht und von den Herren hübsch gefunden wird, wird von allen Damen, die sich zur guten Gesellschaft rechnen, zurückgestossen wie ein gefährliches Subjekt.« »Stimmt leider!« bemerkte der Prinz. »Nicht wahr?« wandte sie sich ihm lebhaft zu. »Denken Sie, ich habe auch nie eine wirkliche Freundin gehabt – wenigstens dauerte die Freundschaft immer nur so lange, bis uns der erste Mann begegnete. Der sah nämlich regelmässig mich zuerst an und dann wandten sich die lieben Freundinnen gekränkt von mir ab. Die Frauen sind es allein, die unsereins auf Euch, Ihr Herren, anweisen; und dabei hass' ich Euch doch – wahrhaftig, ich hasse Euch – inbrünstig!« Sie wurde plötzlich ganz weiss im Gesicht, lehnte sich in ihren Stuhl zurück und ihre Lippen zuckten wie in einem schmerzhaften Krampf. Die Herren sahen einander ratlos an. Dann erhob sich der Prinz, trat hinter ihren Stuhl, berührte leicht ihre Schulter und flüsterte ihr zu: »Was haben Sie denn, liebe Lilly? Ist Ihnen nicht wohl?« Sie fuhr zusammen und bat um ein Glas Wasser. Der Prinz schänkte ihr eines ein und sie trank es mit durstigen Zügen aus. Dann heftete sie mit gerunzelter Stirn ihren Blick auf den ihr gegenübersitzenden jungen Maler am andern Ende der Tafel und rief auf einmal überlaut, mit angestrengtem Tone: »Warum reden Sie denn garnicht, Rudolfi? Machen Sie doch einen Witz!« Und zu den übrigen gewendet, fügte sie sofort lächelnd hinzu: »Herr Rudolfi leidet in den heissen Monaten immer am Heuschnupfen, aber sonst ist er sehr nett – ja, ich möchte fast sagen, lieb. Seien Sie mal lieb, Rudolfichen!« »Ja, gleich,« versetzte der junge Mann mit dem Schnurrbart à la Guillaume II. und – nieste kräftig, worauf er sein Taschentuch hervorzog und sich umständlich schnäuzte. Lilli brach in ein tolles Gelächter aus und die sämtlichen Gäste bemühten sich nach Kräften mitzulachen, um über die ungemütliche Stimmung hinweg zu kommen. Der Prinz kannte die sonderbaren Anfälle, denen Lilli von Robiceck zuweilen ausgesetzt war. Er wusste aus Erfahrung, dass es am besten sei, sie dann nach Möglichkeit sich selbst zu überlassen; er fing ein Gespräch mit Herrn von Lossow an, in das er auch bald den verschnupften Werner Rudolfi verwickelte. Er brachte aus den beiden jungen Leuten bald ihre einfache Lebensgeschichte heraus. Herrn von Lossows Fall war übrigens interessant. Der junge Mann hatte von Kindheit auf den Beruf zum Musiker in sich gefühlt, aber seine Familie hatte sich aufs Heftigste dagegen gesträubt, ihn sich beizeiten auf die Laufbahn eines Kapellmeisters und Komponisten vorbereiten zu lassen. Sie hatte ihm sogar, als er erst 14 Jahre alt war, den Klavierunterricht gesperrt. Er hatte das Gymnasium absolvieren und zwei Semester Jus studieren müssen, dann endlich hatten ihm die weisen Eltern gestattet, seinem künstlerischen Drange nachzugeben, aber nur unter der Bedingung, dass er die Akademie der bildenden Künste in München besuchte. Sie hielten die Malerei für eines Edelmannes immerhin nicht so ganz unwürdig, seitdem es in derselben einen Grafen Kalkreuth, einen Grafen Harrach, einen Herrn von Kameke und einen Anton von Werner gab, während in der Musik eigentlich nur jener Herr von Bülow hervorragte, dessen sittliche Grundsätze und politische Ueberzeugungen keineswegs einwandfrei gewesen waren. »Oh, du himmlische Güte!« seufzte der Prinz drollig: »wann werden denn endlich diese Fossilien in unserm Stande aussterben?! – Sie sind wirklich zu beneiden, Baron Kerkhove.« »Ich? Finden Sie wirklich?« sagte Raoul ein wenig verwirrt, denn der Prinz hatte ihn über einem ganz verzückten Anstarren der kleinen reizenden Frau von Robiceck ertappt. »Ja, gewiss,« versetzte der Prinz: »denn Ihr Herr Vater starb in Sibirien – und in Sibirien sterben keine Sklavenseelen. Wenn man ausserdem den Fürsten Krapotkin zum Onkel hat . . .« »Oh, Sie wissen, Durchlaucht?« »Ja, gewiss. Sie haben es doch selbst durchleuchten lassen, Herr Baron.« Lilli von Robiceck richtete in diesem Augenblick wieder die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, indem sie plötzlich einen kleinen Schrei ausstiess und mit dem ärgerlichen Ausruf: »Bitte, lassen Sie das, ja!« dem schönen Arnulf Rau ein grosses Stück Semmel ins Gesicht warf. »Aber ich bitte, meine Gnädigste,« krähte Graf Rimsky: »qu' est ce, qu'il-y-a donc?« »Der Herr versuchte, mich unter dem Tisch auf den Fuss zu treten,« rief Lilli böse. »Ich lasse mich aber nicht mit Füssen treten.« Und dann stimmte sie ganz unvermittelt ihren Ton zu einem lustigen Gepiepe um und fragte den Uebelthäter, mit der Spitze ihrer Gabel auf seine Nase zielend: »Wie heissen Sie eigentlich, mein Herr? Ich habe Ihren Namen vergessen.« »Arnulf Rau,« antwortete jener, nicht wenig gekränkt durch ihr Gebahren. »Ich hoffe Ihnen noch Gelegenheit zu geben, sich meines Namens zu erinnern.« »Das hoffe ich auch,« erwiderte sie schnippisch. »Uebrigens, ich nehme Sie beim Wort: wollen Sie die Liebenswürdigkeit haben mich in Ihren Verein mit dem verrückten Namen einzuführen? Wie wars doch: Restauration der Feministenclique?« »Haha, das sollte sich Herr Eckel auf seinen Firmenschild schreiben,« lachte der grosse Arnulf. »Jawohl, wenn er sich seine Gäste hinaus ekeln will,« scherzte der Graf. Und Lilli entgegnete prompt: »Herren haben in meiner Gegenwart keine Witze über die höheren Bestrebungen der Frauenzimmer zu machen. Dazu bin ich da, merken Sie sich das, Graf!« Und zu Arnulf Rau gewandt fuhr sie fort: »Also, ich nehme Sie beim Wort. Sie führen mich in den Verein ein. Darf ich mir erlauben, Ihrer Frau Gemahlin meine Aufwartung zu machen? Ich werde Ihr sagen, dass Sie mich getreten haben der Gesellschaft beizutreten.« Der niedliche Witz wurde gebührend belacht und dadurch die gute Stimmung wieder hergestellt. Lilli schien ihre Krise überstanden zu haben. Inzwischen näherte sich das Menü seinem Ende; man hatte den Braten bereits hinter sich und Luigi kam eben mit dem Eis herein. Bald knallte auch der erste Sektpfropfen und da erinnerte sich Graf Rimsky der festlichen Bedeutung des Tages und drang mit heimlichem Flüstern in Lilli, eine kleine Rede zu halten. Sie sträubte sich energisch und gab erst nach, als der Graf und Arnulf Rau sich bereit erklärten, ihr zu soufflieren. So klopfte sie denn an ihr Glas und erhob sich. »Geehrte Angehörige des ersten Geschlechtes und geliebte Mitmenschen! Wenn Sie mir gestatten, von dem Vorrecht, das Ihre Liebenswürdigkeit meinem Geschlecht einräumt, diskreten Gebrauch zu machen, nämlich von dem Vorrecht, Dummheiten zu sagen, so werde ich jetzt eine Rede halten, die erste in meinem Leben.« »Also meine Jungfernrede,« flüsterte ihr der Graf hinter der vorgehaltenen Hand zu. »Machen Sie keine schlechten Witze, Graf!« blies sie ihn an. Und dann beugte sie sich rasch zu Arnulf Rau hinüber und flüsterte: »Bitte um etwas Geist!« Der schöne Mann fuhr zusammen und kratzte sich am Kopfe. Lilli zuckte mitleidig die Achseln und sprach, drollig seufzend: »Da sehen Sie wieder ein neues Dokument zum Unterschied der Geschlechter: »Wir Frauen können immer schwatzen, Ihr müsst Euch erst am Kopfe kratzen.« Der Prinz kicherte, Raoul de Kerkhove rief begeistert: Bravo! und Werner Rudolfi schwenkte seinen Sektkelch mit einem röchelnden Heilruf. »Unser verehrter Gastgeber,« fuhr Lilli fort: »hat heute sein dreissigstes Lebensjahr vollendet. Meine Herren, das ist mehr, als Mancher von uns von sich sagen kann. Sie können lange warten, bis ich z. B. Sie zur Feier meines dreissigsten Geburtstages einlade.« Der Prinz geriet über diesen Scherz dermassen ins Kichern, dass er einen Hustenanfall bekam, was wiederum Werner Rudolfi so sympathisch berührte, dass er mit einem innigen »Prosit!« mit ihm anstiess. »Unser verehrter Freund hat seine Lebenszeit bisher wahrhaftig gut angewendet. Welchem Künstler sollte nicht das Herz höher schlagen, wenn er einen Mann sieht, der Sekondelieutenant gewesen ist und nachher doch Bilder kauft – trotzdem er selbst malt: einen Mann, der sich für Musik begeistert, obwohl er selbst welche macht; einen Mann, welcher die Dichtkunst unterstützt und seine eigenen Gedichte lieber garnicht dichtet?! Meine Herren, einem Manne mit einer solchen fleckenlosen Vergangenheit kann auch eine glorreiche Zukunft nicht fehlen; ja, mein Prinz, Sie haben noch eine grosse Aufgabe im Leben zu erfüllen. Bedenken Sie, von wie vielen Leuten Sie noch nicht angepumpt wurden, wieviele Kunstwerke Sie noch nicht gekauft und wieviele Genies Sie noch nicht entdeckt haben! Aber ich, mein Prinz, ich als Weib dritten Geschlechtes, bin Ihnen noch zu ganz besonderem Danke verpflichtet; denn von all den Männern, die mir schon treue Freundschaft geschworen haben, sind Sie der einzige, der noch nicht gesagt hat: »Ich liebe Dich!« Aus diesem Grunde vor allem fühle ich mich zunächst berufen, mit Begeisterung in den Ruf auszubrechen: Unser lieber und verehrter Prinz Cloppenburg-Usingen lebe hoch, hoch und abermals hoch!« Alle erhoben sich, die Gläser klangen zusammen, man drückte dem liebenswürdigen Prinzen die Hand und beglückwünschte Lilli zu ihrem glänzenden Debüt als Rednerin. Sie war sehr stolz und verhöhnte übermütig ihre beiden Souffleure, die sie so schnöde im Stich gelassen hatten. Arnulf Rau trank sehr viel Sekt, um seinen Aerger hinunter zu spülen, während der Graf sich weder durch Drohungen noch durch Fächerklapse abhalten liess, kleine equivoque Geschichten zum Besten zu geben. Die jungen Herren hatten bereits alle feuchtglänzende Augen, der eine vom Heuschnupfen, die andern von der Begeisterung für die reizende kleine Frau von Robiceck. Die Tafel wurde nun bald aufgehoben. Man begab sich in den Salon und rauchte. Dann braute der Prinz vor den Augen seiner Gäste die beliebte kalte Ente zusammen. Das Gespräch kam auf die Litteratur. Eine ganze lange Reihe von neuen Namen tauchte auf; fast jeder dieser Namen fand unter den Anwesenden einen, der ihm lebhafte Anerkennung zollte, aber alle wurden sie von der unerbittlichen kritischen Faust Arnulf Raus gleichsam unter die Wellen gedrückt und ersäuft. Da holte der Prinz von seinem Schreibtisch ein originell ausgestattetes Heft mit einer symbolistischen Umschlagszeichnung auf grauem Papier, blätterte eine Weile darin und überreichte es dann aufgeschlagen Arnulf Rau. »Sie haben Organ, mein strenger Herr, bitte, lesen Sie uns das vor!« »Wie soll ich denn das lesen? Es sind ja keine Interpunktionszeichen da,« sagte Arnulf und dann schaute er auf den Titel und lächelte spöttisch: »Ach so, Stefan George .« »Bitte, lächeln Sie nachher,« sagte der Prinz ernsthaft. »Ich habe diesem Herrn geschrieben, dass ich ihn liebe, obwohl er auch mir vielfach dunkel ist. Bitte, präparieren Sie sich und dann lesen Sie.« Der schöne Mann zog sich mit dem Buch zur Lampe zurück und studierte mit gefurchter Stirne seine Aufgabe. Nach etwa fünf Minuten erklärte er sich bereit und las mit gutem Vortrag und weichem Tonfall das folgende Gedicht: »Indess deine Mutter dich stillt Soll eine leidige Fee Von Schatten singen und Tod. Sie giebt dir als Patengeschenk Augen so trübe und sonder, In die sich die Musen versenken. Verächtlich wirst du blicken Auf roher Spiele Gebaren; Die Arbeit, die niedrig macht, Vor grossen strengen Gedanken Dich mahnen und wehren. Wenn deine Brüder klagen Und sagen: O Schmerz! den deinen – Sag ihn den Winden bei Nacht. Und unter der Nägel Waffe Blute die kindliche Brust. Vergiss es nicht: du musst Deine frische Jugend töten; Auf ihrem Grab allein, Wenn viele Thränen es begiessen – spriessen Unter dem einzig wunderbaren Grün Die einzig schönen Rosen.« Niemand sagte etwas. Nach einer Weile fragte der Prinz: »Nun?« Er sah dabei Arnulf Rau herausfordernd an. »Wenn es auf eine verwandte Stimmung trifft,« sprach der: »dann mag es eine plötzliche tröstliche Schönheit gewinnen, das gebe ich zu.« »Nun, ich meine,« lächelte der Prinz: »das ist so ziemlich alles, was man von einem Gedicht verlangen kann.« Arnulf Rau zuckte die Achseln. »Wenn Sie meinen, Durchlaucht . . . . . mir ist sowohl diese geheimnisvolle Rätselkrämerei wie auch dieser müde Weltschmerz unsympathisch. Ich wünsche zwar durchaus nicht, dass alle Kunst für die Gasse sein soll, aber man soll auch die Kunst nicht in der Schwierigkeit suchen.« Der Prinz sah sich in dem kleinen Kreise um, als wollte er andere Urteile herausfordern. Von dem Grafen Rimsky war offenbar nichts zu erwarten. Der hatte seinen Mund eirund geöffnet und that als ob er Rauchringe formen wollte, um sein Gähnen zu verbergen. Werner Rudolfi starrte mit feuchten Augen zur Decke empor, wie hypnotisiert von den Südfrucht-Guirlanden, die sein Kunstgenosse dort oben hingezaubert hatte, und Raoul de Kerkhove machte vollends ein Gesicht als drückten ihn seine Lackstiefel. Frau von Robiceck sass auf dem Divan und rauchte, die Ellbogen auf die Kniee und ihren Kopf in die Hände gestützt. Sie träumte vor sich hin, und wieder machte sich jenes krampfhafte Zucken um Mund und Nasenflügel bemerkbar, welches bei ihr das Herannahen einer Nervenkrise zu verkünden pflegte. In der andern Ecke desselben Divans sass Joachim von Lossow, flocht nervös seine Finger ineinander und suchte eine Spitze seines spärlichen Bärtchens mit den Unterzähnen zu erhaschen. In seinen Augen blitzte es von verhaltener Leidenschaft. »Wollen Sie uns nicht etwas spielen Herr von Lossow?« sagte der Prinz. Und der junge Mann erhob sich sofort, trat an den Flügel und schlug schweigend den Deckel zurück. Dann setzte er sich vor die Tasten, sann eine kurze Weile nach und sagte endlich so leise, dass wohl nicht alle Anwesenden es verstanden: »Ich will versuchen Ihnen das Gedicht zu spielen.« »Ach ja!« hauchte Lilli. Sie warf ihre Cigarette in den Aschbecher, zog ihre Füsse auf den Divan und streckte sich lang aus, die Arme unter dem Kopf verschränkt. Ganz leise begann Joachim von Lossow die Tasten zu berühren: suchende, schwebende Akkorde. Ganz allmählich erst stellte sich eine Melodie ein, eine unsagbar wehmütige, einförmige Weise, wie ein Wiegenlied im Verdämmern des Abends. Aber die Melodie wuchs sich aus; sie gewann festere Umrisse, sie wurde gross und schicksalsschwer, von fremdartigen Harmonieen getragen; und dann brach sie plötzlich ab und nach einem einleitenden mächtig anschwellenden Tremolo hub ein Allegro an voll kühnen Trotzes, in welchem lärmende Fanfaren und polternde Bassfiguren gegen einen zu ruhiger Grösse sich erhebenden Gesang ankämpften. Und dann erlosch der Kampf; die klagende Melodie des Anfangs erschien wieder, aber reicher bewegt, den gebändigten Schmerz eines Edlen singend. Und zum Schlusse ging die Fantasie aus in eine mystische Verklärung, die völlig Lizstschen Geist atmete. Alle Zuhörer, den gänzlich unmusikalischen Raoul nicht ausgeschlossen, standen unter dem Eindruck, der Offenbarung einer wunderbar tief angelegten Künstlerseele gelauscht zu haben und hüteten sich wohl, die schöne feierliche Stimmung durch banale Lobsprüche zu stören. Der junge Musiker drehte sich mit seinem Klaviersessel um und machte eine kleine Verbeugung gegen den Prinzen. »Wundervoll!« rief der leise. »Und wie haben Sie es verstanden! Ich danke Ihnen von Herzen, Herr von Lossow.« Der junge Mecklenburger liess sich, verlegen lächelnd, von dem Prinzen die Hand drücken und dann erhob er sich, um auf seinen alten Sitz zurückzukehren. Frau von Robiceck zog die Füsse ein, um ihm den Platz frei zu machen und er sah, dass ihr die Augen voll Thränen standen. »Sie haben geweint, Lilli?« sagte er mit stockendem Atem, und in seinen Augen leuchtete helle Freude auf. »Ja, es war so schön!« sagte sie einfach und streckte ihm ihre Hände entgegen. Er beugte sich darüber, um sie zu küssen, aber Lilli war rascher als er – sie umklammerte seine Fingerspitzen fest, zog seine Hände zu sich heran und küsste sie alle beide. Herr von Lossow wurde dunkelrot. Sie hatte seine Hände wieder frei gegeben und er wusste nun nicht, was er damit anfangen sollte. Er flocht wieder nervös die Finger ineinander und trat zur Seite, den Blick fest auf das nächste beste Bild an der Wand geheftet. Werner Rudolfi hatte die kleine Szene beobachtet und auch bemerkt, wie Frau von Robiceck plötzlich ganz weiss im Gesicht wurde. Er erhob sich rasch und trat zu ihr. »Was haben Sie denn, Lilli? Hat Sie die Musik so angegriffen?« Sie haschte nach seinem Rocke und zog sich mit ersichtlicher Anstrengung daran in die Höhe. »Mir ist ja so elend!« stöhnte sie leise. »Oh soll ich Sie nach Haus bringen?« Sie schüttelte nur den Kopf. Nun trat auch der Prinz herzu und zeigte sich sehr besorgt. Ob er nicht einen Wagen holen lassen sollte, fragte er. Sie wehrte fast wild ab. »Nein, nein, bitte, lassen Sie mich hier; nur nicht nach Hause! Was soll ich denn zu Hause? Die Nacht ist ja so lang. Seien wir doch lustig. Herr v. Kerkhove soll die Flöte blasen oder irgend etwas.« Raoul zog die Schultern hoch und sagte fast demütig: »Ich bedaure sehr, Gnädige, ich kann leider nicht die Flöte blasen.« »Ach Gott, was können Sie denn?« »Ich kann leider nichts – als Sie bewundern, Gnädigste.« Lilli lachte hart auf. »Das sagen Sie aber nicht Ihrem Onkel, Herr Baron, sonst vertraut er Ihnen nie auch nur für zwei Kopeken Dynamit an. Spielen Sie doch noch etwas, Herr v. Lossow!« Und ohne sich lange bitten zu lassen, setzte sich der junge Mann ans Klavier und fantasierte über Motive aus den Nibelungen wohl eine kleine halbe Stunde lang. Während seines Spiels war Dieser und Jener aufgestanden, um seinen Platz zu wechseln, auch wurde hier und dort ein bischen leise geschwatzt. Arnulf Rau hatte sich vorsichtig zum Divan herangepürscht und begonnen, der kleinen reizenden Frau v. Robiceck allerlei Schmeicheleien zuzuflüstern, aber nur eine stumme Ablehnung damit erfahren. Der schöne Mann ärgerte sich; er war an diesem ganzen Abend überhaupt noch nicht recht zur Geltung gekommen, und dieses kleine eigensinnige Weib regte ihn furchtbar auf. Sie war ein Genre, das er noch nicht kennen gelernt hatte – wie geschaffen für die Liebe eines Dichters! Warum sollte grade diese Blume nicht für ihn blühen? Sie wäre die erste gewesen, die ihm auf die Dauer widerstanden hätte. Und er liess sich nicht abschrecken, sondern flüsterte immer neue schöne Worte in ihr kleines weisses Ohr. Da stand Lilli v. Robiceck auf, ging zum Flügel hinüber und setzte sich dicht hinter Joachim v. Lossow. Als er sein Spiel beendet hatte, wurde die Unterhaltung wieder allgemein. Graf Rimsky entschädigte sich für das lange Schweigen, zu dem er verurteilt gewesen war, indem er das Thema der bekannten Histörchen aus Hof und Gesellschaft aufbrachte und eine Menge Beispiele daran knüpfte. Er war unerschöpflich in solchen Anekdoten und fiel ins Französische, so oft sie bedenklich wurden. Lilli schenkte ihnen keine Beachtung – denn sie verstand schlecht Französisch, und schliesslich nahm sie gar den Arm des Herrn v. Lossow und ging mit ihm ins Esszimmer, wo Luigi inzwischen abgeräumt hatte. »Sie haben noch nie so schön gespielt,« sagte sie, plötzlich dem jungen Manne ihre Hände auf die Arme legend. »Sie schaffen so aus voller Seele heraus Musik. – Haben Sie schon viel geliebt?« »Oh ja,« lächelte er verlegen. »Wie Männer lieben?« »Nein, – wie dumme Jungen lieben.« »Ach Sie sind lieb!« Sie versuchte zu lachen, aber es gelang ihr nicht recht und plötzlich nahm ihr weiches Gesichteten wieder jenen schmerzhaften starren Ausdruck an und sie sagte unvermittelt: »Wissen Sie, wozu ich heute Lust hätte?« »Nun?« »Mich tot zu schiessen. Aber ich bin so feige. Wollen Sie mir nicht helfen?« Er schüttelte den Kopf und lächelte, als ob er sie nicht ernst nähme. »Ach, Unsinn, Lilli! Warum reden Sie denn immer solche Sachen? Sie regen sich nur auf. Sie sind ja krank; gehen Sie doch aufs Land – und trinken Sie kuhwarme Milch.« »Pfui!« sagte Lilli und trat von ihm weg an das dichtverhangene Fenster. Sie spielte nervös mit einer Vorhangquaste, dann brach sie leidenschaftlich flüsternd aus. »Es ist nicht schön von Ihnen, dass Sie sich über mich lustig machen. Wissen Sie denn, was ich für ein jammervolles Leben führe? Aber nein, Sie haben ja ganz Recht, ich bin ja nichts Besseres wert, natürlich! – Ich habe ja nur mit Ihnen kokettiert. Sie haben mich toll gemacht mit Ihrem wunderbaren Spiel – die Musik wirkt so furchtbar stark auf mich – und nun reizt es mich, Sie dahin zu bringen, dass Sie mir Liebe stammeln sollen, wie die andern alle. Es ärgert mich, dass Sie so furchtbar anständig und zurückhaltend sind. Sie sollen sein wie alle anderen Männer – blos damit ich meinen Triumph habe, verstehen Sie mich? Heute Nacht könnte ich mich Ihnen mit Wonne an den Hals werfen und morgen würde ich Sie scheusslich behandeln. Reizt es Sie nicht, ein solches Geschöpf zu vernichten? – Einen Schuss Pulver sind meine schönen Augen doch am Ende noch wert!« Er trat dicht zu ihr und strich ihr über das Haar. »Ach machen Sie sich doch nicht so schlecht. So sind Sie ja garnicht. Sie sind ja nur krank; warten Sie nur erst, bis Sie wieder in klare Verhältnisse gekommen sind. Wenn Ihre Scheidung durchgegangen . . .« »Ach Gott, woran erinnern Sie mich! Morgen muss ich zum Herrn Pfarrer und meinen christlich-katholischen Glauben aufkündigen, sonst kann ich nicht geschieden werden. Dann bin ich ein Heidenweib und da thut sich der Teufel leicht mit mir.« Sie lachte nervös. »Liebe Lilli, regen Sie sich doch nicht so auf. Es giebt ja noch Leute, die Sie lieb haben und die Ihnen helfen werden. Ich weiss sogar Einen, der glücklich sein würde, wenn Sie ihn heiraten wollten.« »So, wen denn?' » Rudolfi.« »Ach, der hat ja den Heuschnupfen.« Der junge Mann wurde ernstlich böse. »Wenn Sie so sind, dann rede ich nicht mehr mit Ihnen. Er liebt Sie so aufrichtig und Sie haben ihm doch gesagt, dass Sie ihn auch gern haben.« »Nun ja,« erwiderte Lilli. »Kann man denn anders, wenn einer so gut ist? Er soll nur hingehen und ein anständiges Mädchen heiraten mit etwas Vermögen.« Er strich ihr wieder über das Haar. »So habe ich Sie ja nie gesehen; sein Sie doch gut, Lilli!« Sie entzog sich ihm unwillig. »Lassen Sie doch das Gekrabbel sein, das macht mich nervös.« »Sie sind eben nervös. Gehen Sie doch aufs Land, damit Sie wieder gesund und stark werden.« »Oh, ich bin stark!« rief sie laut und reckte ihre Arme empor. Und plötzlich bückte sie sich, umfasste den schlanken, jungen Mann unter den Knieen und hob ihn von der Erde empor. »Da!« keuchte sie und liess ihn wieder fallen. Und dann lief sie in den Salon zurück und rief laut, indem sie in die Hände klatschte: »Lilli will jetzt tanzen!« Das war leichter gesagt als gethan, denn die Räume des Prinzen waren nicht gross und ausserdem zu sehr von Möbeln angefüllt. Der Prinz macht ihr die Unmöglichkeit, ihren Wunsch zu erfüllen, begreiflich, und da erklärte sie, sie wollte in das American Bar gehen. »Ihr Wunsch ist mir Befehl!« sagte der Prinz galant, obwohl es ihm nicht das mindeste Vergnügen machte, andere alkoholische Getränke zu sich zu nehmen und Luigi den sehr bedeutenden Rest der kalten Ente zu überlassen. Man brach hastig auf und zog nach dem reizenden Kellerlokal im Hotel zu den vier Jahreszeiten, in dessen engen Räumen sich, besonders im Winter, die feinere Kunst- und Lebewelt nächtens zu treffen pflegt. Es war mittlerweile ein Uhr nachts geworden; aber diese kleine Frau von Robiceck schien heute garnicht müde werden zu wollen. Sie nippte an verschiedenen Getränken, die ihr alle nicht zusagten und knabberte dazu pommes frittes und süsse Waffeln, und dann wurde sie immer aufgeregter und lauter und benahm sich auffallender als es sich für den Ton des Lokals schickte. Den Prinzen genierte ihr Betragen. Er schützte Kopfschmerzen vor und empfahl sich, und bald folgte auch Arnulf Rau seinem Beispiel, denn diese kleine nichtsnutzige Frau hatte ihn an diesem ganzen Abend so absichtlich übersehen, dass es sich mit seiner Würde nicht vereinigen liess, länger in ihrer Gesellschaft zu bleiben. Graf Rimsky gesellte sich zu einem anderen Tisch, an dem er eine gute Freundin fand, bei der er auf mehr Gegenliebe rechnen durfte, als bei dieser gar zu kapriziösen kleinen Robiceck. So blieb denn Lilli mit den drei jüngsten Herren allein beisammen. Sie mussten bis um drei Uhr Nacht mit ihr ausharren. Da liess sie sich endlich bewegen, den Kellnern Ruhe zu gönnen. Droschken gab es längst nicht mehr, sie musste den weiten Weg bis in die Beethovenstrasse zu Fuss zurücklegen. Sie hängte sich rechts in Werner Rudolfis und links in Joachim v. Lossows Arm ein und schritt flott mit ihnen aus. Der Baron v. Kerkhove trottete schweigsam hinterher. Sie wollte die beiden jungen Leute an ihrer Seite durchaus zu allerlei Narrenstreichen verleiten. Sie sollten an der Feuerleiter des Hoftheaters emporklettern, Gaslaternen ausdrehen, Firmenschilder abnehmen, die Marseillaise singen und was dergleichen Dummheiten mehr waren. Aber die jungen Herren waren viel zu gesittet, um auf ihre tollen Launen einzugehen. Da wurde sie schliesslich böse und hiess sie am Karlsthor heimgehen, womit jene auch sehr zufrieden waren, da sie beide im nördlichen Stadttheile wohnten. Dem Baron v. Kerkhove erklärte sie trotzig, sie wollte allein heimgehen, sie brauchte gar keine Begleitung. Und sie begann so rasch auszuschreiten, dass der kleine Herr wirklich Mühe hatte, ihr zu folgen. Aber er blieb ihr dicht auf den Fersen bis vor ihre Hausthür. Da blieb sie schweratmend stehen, machte ihm einen moquanten Knix und sagte: »Danke sehr für Ihre freundliche Begleitung. Nun wissen Sie ja, wo ich wohne, wenn Sie mir die fünfhundert Rubel für mein Bild schicken wollen.« Raoul de Kerkhove erwiderte nichts. Er zog einen Schlüssel aus der Tasche und schloss die Hausthür auf, dann liess er sie mit einer einladenden Handbewegung eintreten. »Danke,« sagte sie und schritt arglos über die Schwelle. Er folgte nach und drückte leise die Thür ins Schloss. Sie Standern im Finstern beisammen. Da schrie Lilly plötzlich auf und mit zitternder Stimme stiess sie hervor: »Was soll denn das bedeuten? Was wollen Sie denn? Habe ich Ihnen denn meinen Hausschlüssel gegeben?« Sie griff in ihre Tasche und zog den Schlüssel und die Wachsstreichkerzen heraus. »Wo haben Sie den Schlüssel her?« stammelte sie noch einmal in höchster Angst. »Ich wohne hier,« versetzte er leise – und sie fühlte seinen Hauch in ihrem Gesicht. »Das ist nicht wahr! Sie sind ein Schuft. Ich schreie, wenn Sie mich anrühren!« »Wenn Sie schreien erschiess' ich mich vor Ihren Augen!« hörte sie seine bebende Stimme flüstern. »Verzeihen Sie mir – ich konnte nicht anders – ich liebe Sie wahnsinnig! Ich habe heute nachmittag, als Sie ausgegangen waren, das Zimmer neben dem Ihrigen gemietet und heute abend meine Sachen hierher schaffen lassen. Ich bitte Sie, sein Sie ganz ruhig, ich thue Ihnen nichts, gnädige Frau, nur . . . . ach, ich liebe Sie so wahnsinnig!« In diesem Augenblick gelang es Lilly, trotzdem ihre Hände vor Angst wie im Fieber zitterten, ein Wachskerzchen in Brand zu setzen. Mit ausgebreiteten Armen, bereit sie zu umschlingen, sah sie den wahnsinnigen Menschen vor sich stehen und in der rechten Hand hielt er einen blitzenden Revolver. »Sie sind verrückt!« flüsterte Lilly und stiess mit Anstrengung ein kurzes Lachen hervor. »Schliessen Sie auf, ich werde Ihnen leuchten.« Er that wie sie ihm geheissen, holte den andern Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Entreethür. Sie nahm all ihren Mut zusammen und schritt an ihm vorüber den schmalen Korridor entlang. Aber er liess sich nicht die Zeit die Thüre hinter sich zu schliessen, denn er fürchtete sie würde die Verzögerung benutzen, um in ihr Zimmer zu laufen und ihm die Thür vor der Nase zu verriegeln. Und wie sie seinen Schritt hinter sich hörte blieb sie stehen, wandte sich um und sah ihn lächelnd mit verheissungsvollem Blinzeln an. »Ach, bitte,« flüsterte sie kaum hörbar: »legen Sie doch erst die Sicherheitskette vor.« Er zögerte einige Sekunden lang. Da öffnete sie die Lider weit und es blitzte etwas in ihren Augen, das ihn zwang ihren Willen zu thun. Er kehrte die zwei Schritte nach der Thür zurück und drückte sie in's Schloss. Dann wandte er sich um und sah, wie sie just die Schwelle ihres Zimmers überschritt. Mit drei Sätzen sprang er ihr nach. Bevor sie imstande gewesen war den Riegel innen vorzuschieben, hatte er die Klinke in der Hand, stemmte sich mit aller Kraft gegen die Thür – und sie gab nach. Da stand er in ihrem Zimmer, rasch atmend, und das schöne junge Weib zitternd und bebend nur auf Armeslänge von ihm entfernt. »Ich lasse dich nicht!« stammelte er heiser vor Leidenschaft – und wagte doch nicht sie zu berühren. Der kühle Nachtwind wehte zum offenen Fenster herein und blähte den zugezogenen Vorhang auf. Das Kerzchen in ihrer Hand flackerte; sie hatte den Mund geöffnet und ihre Lippen bebten, ihre Augen waren angstweit aufgerissen. Da plötzlich blies sie das Licht aus und flüchtete mit einem Sprung durch die offenstehende Thür in ihre Schlafkammer. Er sprang ihr nach, aber in der Dunkelheit vermochte er nicht sofort die Klinke zu finden, und wie seine Hand darnach tastete, knackte innen der Riegel. In ohnmächtiger Wut stemmte er sich mit der Schulter gegen die Thür und flüsterte: »Machen Sie auf, Lilli, machen Sie auf! Ich will Ihnen ja nur noch ein Wort sagen.« Und von drinnen hörte er sie zurückflüstern: »Verlassen Sie sofort mein Zimmer oder ich alarmiere die Wirtsleute! Ich habe den Finger auf dem elektrischen Knopf.« Da gab er endlich sein unsinniges Beginnen auf. Er trat von der Schwelle zurück, steckte den Revolver in die Tasche und trocknete sich den Schweiss von der Stirn. Dann holte er ein Streichholz hervor und zündete es an. Er sah sich um in dem engen Zimmerchen. Gedankenlos strich er mit der Hand über die Lehne eines Stuhles und über die bunte Tischdecke. Mitten auf dem Tische lag ein weisses Blatt, darauf war mit Bleistift in grossen Buchstaben geschrieben: Lilli v. Robiceck Modes et Robes. Und die Bleistiftbuchstaben waren mit Tinte nachgezogen. Das Streichhölzchen verlöschte und er setzte ein anderes in Brand. Damit leuchtete er an den Wänden herum und dann trat er an den Schreibtisch. Eine Briefmappe, Bücher und Papiere lagen unordentlich darauf und auf dem kleinen Aufsatz mit seinen verschiedenen Fächern standen und lagen allerlei Nippsachen und Photographieen herum. Er entdeckte Lillis Kopf darunter; ein Brustbild in Kabinetformat, Hals und Schultern entblösst und die verschwindende Büste mit einem weissen Schleier drapiert. Er nahm das Bild von der kleinen Staffelei herunter, auf der es aufgestellt war und drückte es an seine Lippen. Das Zündholz verlöschte und er strich ein drittes an. Auf den Zehen schlich er nach der Thür und leuchtete sich nach seinem Zimmer hinüber, seinen Raub mit sich nehmend. Unterdessen sass Lilli auf ihrem Bett und lauschte mit verhaltenem Atem auf die leisen Geräusche nebenan. Sie hatte ein scharfes Gehör und hörte deutlich wie er die Thür hinter sich einklinkte und über den Korridor schlich. Da atmete sie tief auf und schlug ein Kreuz über sich. Dann zündete sie die Kerze auf ihrem Nachttischchen an, schloss das Fenster und klappte die Laden vor. Nun erst fühlte sie sich ganz sicher. Und endlich löste sich die furchtbare Spannung, in der sich ihre Nerven heute schon viele Stunden lang befunden hatten in einem krampfhaften Weinen. Vor ihrem Bett lag sie auf den Knieen, das Gesicht in die Matratze vergraben, und mit den Händen Kissen und Decke ballend und zerrend. Sie stand erst auf, als ihre Kniee sie zu schmerzen begannen, und dann entkleidete sie sich langsam. Als sie ihre Uhr auf den Nachttisch legte, gewahrte sie, dass es Fünf vorüber sei; der Morgen dämmerte bereits durch den Spalt der Fensterladen. Da sie eben ins Bett steigen wollte, fiel ihr Blick auf ein Kruzifix aus Elfenbein auf schwarzem Holz, das über dem Kopfende hing. Sie nahm es von der Wand und küsste den kühlen Leib des Heilands. »Zum Abschied!« sagte sie schmerzlich vor sich hinlächelnd. Sie streckte sich lang aus im Bett und löschte die Kerze aus, aber das Kruzifix behielt sie in der Hand. Sie neigte sich auf die Seite und drückte es an ihre Brust; wie ein Kind mit seiner Puppe wollte sie damit einschlafen. Der Heiland sollte sie noch einmal beschützen wider die bösen Geister in dieser letzten Nacht – denn morgen musste sie ja zum Pfarrer gehen und der Kirche Valet sagen, die auf dieses Symbol des welterlösenden Leidens gegründet war. – – – – – – – – – Bevor sie aber zum Pfarrer ging, suchte sie am andern Tage gegen Mittag ihren Freund Werner Rudolfi in seinem Atelier auf und der Gute bekam einen solchen Schrecken über ihr verstörtes Aussehen, dass er mit herzlichen Worten in sie drang, doch ja sofort die Stadt zu verlassen und mit ihm in die Berge zu gehen. Da wollte er seinen Heuschnupfen los werden und sie sollte wieder glauben lernen – nicht an das, was der Pfarrer sie einst gelehrt, sondern einfach an die Möglichkeit des Guten im Menschenherzen und an die reine Schönheit des starken Triebes, durch den die herrliche Natur sich unermüdlich neu verjüngt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Werner Rudolfi begleitete sie heim und half ihr ein leichtes Köfferchen packen. Raoul de Kerkhove liess sich an diesem Tage nicht mehr sehen. Und ihren Wirtsleuten erklärte Frau von Robiceck beim Abschiede mit aller Entschiedenheit, dass sie nicht eher zurückkehren würde, als bis der Herr nebenan die Wohnung wieder verlassen hätte. Und dann fiel ihr noch etwas ein. Sie betrat noch einmal ihr Zimmer und warf in aller Eile folgende Zeilen in ihrer steilen grossen Schrift auf ein Kartonblatt: »Lieber Freund! Ich gehe Dir heute auf und davon. Mache keinen Versuch, mich meinem Beschlusse abwendig zu machen – es muss aus sein zwischen uns. Ich kann Dir nicht geben, was Du in mir suchst. Ich würde Dich doch immer wieder quälen und enttäuschen. Ich war gestern dennoch bei dem Prinzen! Glaube mir, ich tauge nichts – alle Mühe ist umsonst. Suche zu vergessen Deine   unglückliche Lilly.«         Sie warf den Brief selbst in den Kasten. Er war adressiert an Herrn Kunstmaler Franz Xaver Pirngruber . Der Baron Raoul de Kerkhove war an jenem selben Morgen auch erst gegen 9 Uhr erwacht. Er sah übernächtigt und elend aus und hatte blaue Ringe um die Augen. Gähnend kroch er aus dem Bett und schlich barfuss nach der Thür, welche sein Zimmerchen von der Schlafkammer der Frau von Robiceck trennte. Der Waschtisch stand gerade davor. Ein paar Minuten lang lauschte er, indem er das Ohr mit einiger Schwierigkeit von der Seite her der Thür näherte, ohne jedoch den geringsten Laut da drinnen zu vernehmen; dann trat er zurück, seufzte tief auf und schlug sich mit der Faust vor die Stirn. O Himmel, wie greulich nahm sich doch das aus, was er gestern nacht unter der Wirkung des verfluchten Alkohols, den er garnicht vertragen konnte, gegen diese süsse kleine Dame unternommen hatte! Er schämte sich ehrlich. Auf dem Tische lag ihr geraubtes Bild –er setzte sich auf das Sofa und starrte solange darauf hin bis ihm die Augen übergingen. Und wieder schlug er sich mit der Faust vor die Stirn und murmelte mit geschlossenen Zähnen: »Mensch, ich glaube du bist ganz verrückt geworden!« Er überdachte seine Lage. Nach dem brutalen Angriff dieser Nacht war es so gut wie ausgeschlossen, dass die kleine, feine Frau jemals anders als wie mit Verachtung auf ihn herabsehen würde – und er hatte sich zu seiner Qual neben ihr einquartiert! Der Anstand gebot ihm, sofort wieder auszuziehen, denn sie konnte sich unmöglich diesen Belagerungszustand gefallen lassen; aber dann musste er der Wirtin mindestens einen Monat Miete als Schadenersatz zahlen – und dazu war er augenblicklich nicht imstande. Er griff nach seiner Börse, die samt Schlüsseln, Messer und allen seinen zahlreichen Etuis, die er immer bei sich zu tragen pflegte, auf dem Tisch lag und zählte den Inhalt. Er betrug zwei Mark und ein paar Pfennige. – Nein, so ging das nicht weiter, es musste unbedingt etwas geschehen! Er sprang auf und besorgte in aller Hast und mit möglichster Geräuschlosigkeit seine Toilette. Und sobald er sein sehr bescheidenes Frühstück genossen hatte, machte er sich auf den Weg und war froh, aus dem Hause zu kommen, ohne dass Frau von Robiceck seiner ansichtig geworden war. Das gestohlene Bild trug er in seinem Portefeuille bei sich. Er verfügte sich zunächst nach dem Hauptpostamt, denn er hatte die Eigentümlichkeit, sich alle seine Briefschaften postlagernd kommen zu lassen. Es wurde ihm ein grosser Brief mit einem Amtssiegel ausgehändigt. Im Hofe des Postgebäudes betrachtete er zunächst die Siegel, da der Poststempel auf der russischen Freimarke unleserlich war. Und als er die Umschrift entziffert hatte, verzerrte sich sein Gesicht vor Schreck und seine Hände zitterten. Dann riss er den Umschlag auf und las das Schreiben. – Da war das Verhängnis! – Ob er ihm noch einmal entrinnen könnte? Als er das Schreiben wieder in seiner Tasche barg, sah er sich scheu um, ob er auch nicht beobachtet würde. Ganz weiss war er im Gesicht und seine Kniee zitterten; mit schwankenden Schritten schleppte er sich vorwärts durch die Marstallstrasse und durch den Hofgarten. In dessen Thor an der Galleriestrasse liess er sich in der Bude ein Glas Selterwasser geben und dann ging er weiter in den englischen Garten hinein. Bald hatte er eine einsame Bank gefunden, auf der er sich ganz erschöpft niederliess. Er trocknete sich den kalten Schweiss von der Stirn, dann schloss er die Augen und dachte nach. Nur eilige Flucht konnte ihn vielleicht noch retten; aber wie sollte er fliehen ohne Geld? Er war nicht mehr imstande, vernünftig einen Gedanken an den andern zu reihen. Die Gestalt der reizenden kleinen Frau von Robiceck drängte sich immer wieder in seine Vorstellungen mit so greifbarer Deutlichkeit hinein und eine tolle Sehnsucht krallte sich wie mit Eisenfingern um sein Herz. Er fühlte, dass er sich auch körperlich aus der Nähe dieser Zauberin nicht würde losreissen können, ebensowenig wie er sie aus seiner Fantasie verbannen konnte. Hier musste ihn das Verhängnis ereilen. Er griff in seine hintere Hosentasche und holte ein elegantes, rotes Juchtenlederetui daraus hervor, das ganz danach aussah, als ob es eine wertvolle grosse Meerschaumspitze berge. Er knipste es auf und holte einen zierlichen, blanken Revolver mit Elfenbeingriff daraus hervor. Die Kammer war mit sechs Schuss geladen. Er spielte mit dem blitzenden Ding und versank in neues Sinnen. War es nicht am gescheidtesten, auf diese einfache Weise ein Ende zu machen, bevor die unauslöschliche Schmach ihn auch moralisch vernichtete? Wenn sie ihn hier auf der einsamen Bank im Schatten der Platanen entseelt fanden – unentstellt, nur mit einem kleinen roten Fleck an der rechten Schläfe! – Dann würden ihn seine Freunde rekognoszieren als den jungen Baron Raoul de Kerkhove, den Liebesgram und der grosse Schmerz um sein geknechtetes Vaterland in den frühen Tod getrieben hätten. Arnulf Rau würde ihm vielleicht, weil Geistliche am Grabe eines Selbstmörders nicht reden dürfen, einige tiefempfundene Worte widmen. Lilly von Robiceck, als seine Zimmernachbarin, würde gewiss eine der ersten sein, die von seinem tragischen Ende hörten und sie würde sich sagen müssen: das hättest du abwenden können, wenn du nicht dem armen Jungen so grausam die Thür vor der Nase zugeschlagen hättest! Vielleicht würde sie auch mit zu seinem Begräbnis kommen. Die andern würden jedenfalls dabei sein mit schönen Kränzen und Palmenzweigen: die Raus, Dr. Reithmeyr, Claire de Fries und vor allen Dingen Moritz Haiders Töchter – ganz in Schwarz. Martha Haider hatte so ein feines, schwarzes Seidenkleid – und sie würde weisse Rosen in der Hand haben und um ihn weinen! Da schoss ihm plötzlich ein Gedanke durch das Gehirn – den Versuch wollte er noch machen – er brachte vielleicht die Rettung. Und er legte den Revolver in das Etui zurück und machte sich auf den Weg nach dem nicht allzuweit entfernten Bankgeschäft von Moritz Haiders Töchtern. Einige Schritte vor dem Geschäft blieb er stehen, trocknete sich den Schweiss von der Stirn und holte ein paarmal tief Atem. Dann ging er, sich kräftig zusammenraffend, hinein und rief, sobald er sich überzeugt hatte, dass kein Kunde im Laden anwesend war, dreimal laut, den Strohhut übermütig über dem Kopfe schwingend: »Hurrah! Hurrah! Hurrah!« Martha und Hildegard Haider sprangen gleichzeitig von ihren Stühlen auf und frugen was denn los sei. »Nun, raten Sie einmal, meine lieben Damen!« versetzte er lustig, indem er mit einem raschen Griff das amtliche Schreiben aus der Tasche zog und triumphierend in die Höhe hob. »Donnerwetter, haben Sie am Ende Ihren Prozess gewonnen?« rief Fräulein Hildegard. »Aber gewiss habe ich meinen Prozess gewonnen,« frohlockte er, »dieses Papier hier ist eine Million wert.« »Da legst dich nieder!« lachte Hildegard und liess sich auf ihren Komptoirsessel fallen. Und Fräulein Martha streckte ihm die Hand über den Zahltisch entgegen und rief: »Nein, das kleine Raoulche! Ich hätte nie gedacht, dass es so viel wert wäre. Na, ich gratuliere von Herzen!« »Danke, danke,« er war ganz rot im Gesicht vor Aufregung und drückte Fräulein Martha das Schreiben in die Hand. Sie faltete es auseinander und warf einen Blick hinein. »Aber das ist ja russisch!« rief sie drollig enttäuscht. Und dann wandte sie sich an ihren »jungen Mann«, der von seinem hohen Bocksessel neugierig auf die Gruppe herabblickte. »Ach, Herr Zirngruber, Sie haben doch russisch gelernt, können Sie uns das nicht übersetzen?« Aber ehe Herr Zirngruber noch ein Wort geäussert, hatte Raoul de Kerkhove schon das Papier wieder an sich gerissen, »Bemühen Sie den Herrn nicht; ich kann Ihnen vorlesen.« Er schaute in das Blatt, murmelte etwas auf russisch vor sich hin und gab ihnen alsdann folgende Uebersetzung zum Besten: Sankt Petersburg . . . Kanzlei des kaiserlichen dirigierenden Senats. Euer Hochwohlgeboren werden hiermit gebührend davon in Kenntnis gesetzt, dass durch allergnädigste Entschliessung Sr. Majestät des Czaren de dato 15. August alten Stils, das Urteil des unterfertigten obersten Kassationshofes vom 7. ejusdem bestätigt wurde, kraft dessen die seinerzeit verfügte Einziehung des Vermögens Ihres verstorbenen Herrn Vaters, des Rittergutsbesitzers und Adelsmarschalls Leo Alexejewitsch Baron von Kerkhoven auf Usmaiken-Hasenpot-Masheiki-Shagori und Poswal aufgehoben und dessen Uebergabe an die rechtmässigen Erben an allerhöchster Stelle befürwortet wurde. Euer Hochwohlgeboren wollen sich zum Zwecke der Erbteilung und Erledigung noch erübrigender Rechtsgeschäfte bis zum 10. September a. c. hierselbst einfinden. Der Kassationshof des kaiserlichen Senats, gez. Solowjew.         Er faltete das Schreiben zusammen und versenkte es in seine Brusttasche. »Nun, meine Gnädigsten, wie stehe ich jetzt da?« rief er, übermütig sich in die Brust werfend. »Sozusagen glänzend!« sagte Fräulein Hildegard und drückte ihm kräftig die Hand. »Herrschaften, das Ereignis müssen wir feiern!« rief Raoul wieder. »Bitte, befehlen Sie, was soll ich thun? Soll ich jeder von Ihnen ein Rittergut zur Aussteuer schenken? Fräulein Martha, wollen Sie Usmaiken haben oder ziehen Sie Hasenpot vor? Fräulein Hildegard, ich kann Ihnen Shagori dringend empfehlen.« »Darüber können wir ja später reden«, versetzte Box lustig. »Zunächst würde ich uns an Ihrer Stelle mal zu Schleich einladen.« »Aber gewiss, mit dem allergrössten Vergnügen. Also, meine Damen, Sie sind heute abend meine Gäste. – O, der Tag ist so schön, das Wetter ist wie für die Gelegenheit bestellt. Sie sollten Ihre Bude zumachen, meine Damen, und gleich mit mir kommen.« Box wandte sich an ihre Schwester. »Du kannst ja gern mitgehen, Martha; heut ist doch nichts mehr zu thun. Ich bleibe bis zum Mittagschluss hier. Radelt doch ein bischen mitsammen hinaus – wir haben eh nicht viel schöne Tage diesen Sommer gehabt. Sie haben doch Ihr Rad mit, Herr Baron?« »Nein, ich bedaure unendlich. Es ist kaput; ich lasse es reparieren.« »Schon wieder mal? Mir scheint, da sind Sie schön damit angeschmiert worden.« »Ja, und es hat vierhundert Mark gekostet!« »Na, vielleicht borgt Ihnen Herr Zirngruber seines.« Der »junge Mann« war glücklich dem Rubelmillionär den Dienst erweisen zu können und der Baron versicherte ihn seines wärmsten Dankes. »Ich werde mich gewiss erkenntlich zeigen, Herr Zirngruber,« fügte er noch hinzu, indem er dem Komptoiristen leutselig mit der Hand zuwinkte. Der junge Mann holte seine Maschine herbei, Fräulein Martha bestieg die ihrige so wie sie war und dann setzte sich das junge Paar in Bewegung. Sie fuhren nach Nymphenburg hinaus. Vor der Wirtschaft zum Grünwaldpark sprang Martha vom Rade und begehrte einzukehren. Die schlechte Strasse hatte ihren leeren Magen so durchgerüttelt, dass sie Hunger verspürte und die brennende Sonnenglut hatte sie durstig gemacht. Sie liessen sich zu essen und zu trinken geben und schmausten vergnüglich. Fräulein Martha war sehr guter Laune und sprudelte über von drollig vorgebrachten kleinen Neckereien. Raoul sah sie von der Seite an und seufzte leise. Sie war wirklich ein schönes Mädchen: einen Kopf hatte sie so rein und edel geschnitten wie eine antike Camee und der glatte Scheitel verlieh ihr dazu etwas Madonnenhaftes; fraulich lieb war sie und mädchenhaft frisch und flott dabei – nur etwas rot im Gesicht, feucht und erhitzt. Seltsam, er konnte sich Lilli von Robiceck nicht feucht und erhitzt vorstellen! Die ganz, ganz feinen Damen, für die man sich totschiesst, die schwitzen nicht, dachte er und er fühlte: für Martha Haider könnte ich mich nicht totschiessen. Wenn Damen ihren Ehrgeiz dareinsetzen, dass sich Herren um sie totschiessen, dann dürfen sie auch nicht immer neckisch sein! Und als sie Hunger und Durst gelöscht hatten, griff Raoul de Kerkhove in die Tasche um zu zahlen; aber ehe er noch die Börse hervorgeholt hatte kam ihm Martha zuvor und sagte ernsthaft: »Nein, nein, Raoulche, das dulde ich nicht, dass Sie für mich zahlen! Jetzt erst recht nicht – weil ich nämlich so viel stolz bin!« »O, fürchten Sie nichts, Gnädigste,« lachte der junge Baron verlegen: »ich bemerke eben, dass ich meine Börse zuhause vergessen habe. Es ist das erstemal, dass mir das passiert. Da sitz' ich nun da mit meiner Million!« »O, erlauben Sie, dass ich Ihnen für 20 Mark Kredit gewähre,« scherzte das Fräulein geziert, indem sie ihrem niedlichen Geldtäschchen von Schlangenhaut ein Goldstück entnahm und es ihm mit gespitzten Fingern in die Hand gleiten liess. »Danke, danke,« sagte der junge Herr errötend. »Rothschild fing auch damit an, dass er grossen Herren Geld pumpte. Wer weiss, vielleicht wird diese Doppelkrone für Ihre Firma der Ausgangspunkt für ein Rothschild'schesVermögen.« »Was soll ich mit so viel Geld?« lachte Fräulein Martha. »Glauben Sie etwa, dass mich das glücklich machen würde, Sie jugendlicher Knallprotz, Sie?« »O nein, ich weiss: glücklich allein ist die Seele, die liebt – singt der Dichter.« Und Fräulein Martha sprang auf die Füsse und rief mit komisch verdrehten Augen in gut sächsischem Dialekt: »Hären Se auf, mir werds schwile!« Raoul de Kerkhove beglich die kleine Zeche und dann radelten sie weiter nach dem Nymphenburger Schloss. Da hatten sie schon wieder genug, denn die Hitze war zu arg. Sie liessen die Räder am Thor stehen und verfügten sich in den Park. Auf einer Bank im Schatten mit dem Ausblick auf den Schwanenteich und das griechische Tempelchen liessen sie sich nieder. »Nee so ene Hitze!« seufzte die schöne Martha, der es nun einmal Vergnügen bereitete, heute sächsisch zu reden. Sie konnte es auch sehr gut, denn das war eine ihrer kleinen niedlichen Spezialitäten. Raoul sagte garnichts. Er liess den wasserblauen Blick auf dem unbewegten Spiegel des kleinen Sees ruhen. Sonnenglanz flimmerte blendend darüber und drüben durch die Binsen schwammen zwei junge Schwäne mit aufgesperrten Schnäbeln. »Was glubschen Sie denn so, Raoulche?« weckte ihn seine schöne Nachbarin aus seinem verlorenen Sinnen. Er war gekränkt durch ihren Spott und sagte wirklich traurig. »Ach, Fräulein Martha, können Sie denn niemals ernsthaft sein? Haben Sie denn gar kein Ohr für die schmerzliche Elegie des Lebens, die überall durch klingt, selbst aus den rauschenden Akkorden der Schönheit und der Freude?« »I nu hären Se, das haben Se aber hibsch gesagt!« sächselte die Unverbesserliche. »Ach Gott, Sie verstehen mich nicht!« seufzte Raoul und wandte sich gekränkt von ihr ab. »Sie spielen ja immer nur mit meinen Empfindungen. Ich weiss nicht, Gnädigste, was Ihnen das für ein Vergnügen machen kann. O freilich, ich spiele auch – aber mit ganz anderen Gegenständen!« Und er griff in seine Hintertasche, holte das rote Juchtenetui hervor und nahm die zierliche Schusswaffe heraus. Er liess den Lauf vor ihren Augen blitzen, so dass sie erschrocken in die äusserste Ecke der Bank zurückwich. Er lachte kindisch, als ob ihre Angst ihm Vergnügen machte, und dann sprach er: »Sehen Sie, Fräulein Martha, damit spiele ich alle Tage. Ich stelle mir vor, wie es sein würde, wenn ich einmal Ernst machte. Sie gehen so leicht los diese Dinger – und ich kenne nichts Schrecklicheres als sich überflüssig zu fühlen. Ich habe jetzt so oft das Gefühl, als ob ich nicht genügte für alle die grossen Dinge, die ich mir zu thun vorgesetzt habe, als ob mich immer alle Menschen ebensowenig ernst nehmen würden wie Sie, Fräulein Martha, – und das nimmt mir den Lebensmut.« »Wie kann man bloss so reden in Ihrem Alter und wenn man eben eine Million geerbt hat?« versetzte Martha in ihrer natürlichen Redeweise. »Gehen's zu, mit Ihrem Geld könnens genug durchsetzen – Millionen werden immer ernst genommen.« »Man soll mich aber nicht nach meinem Geld schätzen, sondern nach meinem persönlichen Wert!« rief Raoul düster. »Ich bitte Sie, Fräulein, erbarmen Sie sich! Was wäre das für ein Leben? Wenn ich nicht die Gewissheit habe, dass ich um meiner selbst willen geliebt werde, dann können mir meine Millionen gestohlen werden.« »Stecken Sie doch das Schiessgewehr wieder ein, Raoulche und redens net so dumm daher,« sagte Martha, indem sie ihm den Revolver aus der Hand nahm und in das Futteral zurücklegte. »Sie sind ja noch so jung. Sie brauchen doch wahrhaftig weder am Leben noch an der Liebe zu verzweifeln.« »Nein? Glauben Sie nicht? O, sagen Sie mir Fräulein Martha . . .« er griff nach ihrer Hand und sah ihr starr in die Augen, ohne den Satz zu vollenden. Sie konnte sich nicht helfen, sie musste lachen über sein wehleidiges Gesicht und über das Wimmerl, das ihm gerade mitten auf der Nase sass. Er wandte sich seufzend ab und starrte wieder über den flimmernden See hinweg. Lange sprachen sie beide kein Wort. Des Mittagszaubers heisses Brüten legte sich lähmend auf ihre Glieder und Gedanken – sie träumten beide mit offenen Augen. Da hatte Raoul de Kerkhove ein Gesicht: Aus des Teiches Mitte erhob sich plötzlich eine grosse weisse Wasserrose; langsam erschloss sich ihr Kelch und darin weich gebettet lag ein zarter rosiger Leib, eine Elfe fein und klein. Die beiden jungen Schwäne schwammen herzu und spannten sich vor den weissen Blütenkelch, die Ketten waren goldene Sonnenstrahlen. Und sie zogen die Blüte langsam wie einen Nachen durch die glitzernde Flut. Und wie sie sich den Ufern näherten, wurde der Nachen immer grösser und grösser und die kleine Elfe darin wuchs und wuchs und ward ein wunderschönes Weib mit reichem, aschblondem Haar und grossen, dunkelblauen Augen. Und wie die Schwäne ganz nahe dem Ufer waren, da erkannte Raoul Lilli von Robiceck. Alles Blut schoss ihm zu Herzen, seine Hände wurden kalt – vor seinen Augen purpurne Nacht – und vor übermächtigem Sehnen breitete er weit die Arme aus. »Was ist Ihnen denn, Herr Baron?« sagte das schöne Mädchen an seiner Seite, die sein seltsames Gebahren aus ihrem wohligen Sinnen aufgeschreckt hatte. Da warf er die ausgestreckten Arme plötzlich um ihren Leib, riss sie an seine Brust und küsste sie wild auf den Hals und unter dem Ohr. Sie stiess einen Schrei aus; aber es war niemand in der Nähe sie zu hören. Und dann rang sie mit ihm, keuchend, wütend und befreite sich endlich mit einem starken Ruck aus seiner Umarmung. Zornbebend stand sie vor ihm. »Was fällt Ihnen denn ein? Sie sind ja verrückt!« Er liess sich matt auf die Bank zurücksinken, nahm den Hut ab und sagte müd', indem er sich Kühlung zufächelte: »So – glauben Sie? O, es ist wohl möglich, süsse Martha. Erbarmen Sie sich – wenn ich Sie doch liebe!« Und Fräulein Martha blitzte ihn verächtlich an mit ihren schwarzen Augen: »Das nenne ich Frechheit, aber nicht Liebe!« Damit wandte sie ihm den Rücken und eilte mit grossen Schritten auf dem dämmerigen Waldwege davon. Er sprang auf und holte sie ein. So schnell sie auch ausschreiten mochte, er blieb an ihrer Seite und sprach leise auf sie ein: »Fräulein Martha, hören Sie doch. Warum sind Sie denn so böse? Mein Gott, was habe ich denn gethan? Können Sie das Frechheit nennen, wenn . . . Es thut mir sehr leid – aber damit fängt doch die Liebe immer an.« »Ach, was wissen Sie davon!« herrschte sie ihn ungeduldig an. »Lassen Sie mich, ich will nichts mehr von Ihnen wissen.« »Oho, ich kenne die Liebe nicht? Ich?« rief er gekränkt. »Ach, wenn Sie wüssten – Sie würden nicht über mich spotten! Ich kenne die Liebe, glauben Sie mir, in allen Tonarten – nur nicht in der legitimen, natürlich.« »Schweigen Sie still, Sie sind frivol. Ich will das nicht hören!« »Und ich wollte Sie doch fragen, ob Sie mit mir kommen wollen nach Livland und mein Geld und meine Ehren mit mir teilen.« Sie blieb unwillkürlich stehen und sah ihn gross an. Er nahm die Gelegenheit wahr und ergriff sie rasch bei der Hand. Sie riss sich heftig los. »Lassen Sie mich gehen. Ich verbiete Ihnen, mir zu folgen. Ich fahre allein heim.« »O – und werden Sie Ihrer Schwester sagen, dass ich Sie um Ihre Hand gebeten habe?« »Nein, das werde ich ihr nicht sagen – weil ich mich schäme!« Thränen stürzten ihr plötzlich aus den Augen. Und während sie sie mit dem Taschentuch heftig fortwischte, lief sie noch rascher und stammelte aufgeregt: »Ich weiss nicht, womit ich das verdient habe. Ich habe Ihnen doch niemals Ursache gegeben, mich so zu behandeln.« »Das haben Sie doch! Warum haben Sie mich immer nur geneckt? Ich bin doch kein Knabe mehr! Wollen Sie mich jetzt ernst nehmen?« »Ich will überhaupt nichts mehr von Ihnen wissen. Lassen Sie mich jetzt endlich gehen.« »Fräulein Martha, merken Sie auf, was ich Ihnen sage: zu Ihnen wird die Liebe niemals kommen. Sie laufen ihr ja davon und machen ihr von weitem Männchen wie ein Hase. Ich bedaure Sie sehr, Fräulein Martha!« Und damit blieb er stehen, zog grüssend den Hut und liess ihr den Vorsprung. Als er das Schlossthor erreichte, sah er sie mit ihrem Rad bereits in die Allee am Kanal einbiegen. Er schwang sich auf die Maschine des Herrn Zirngruber und fuhr langsam nach, so dass sich die Entfernung zwischen ihnen immer vergrösserte, bis er sie in der Nymphenburger Strasse ganz aus den Augen verlor. Er überlegte nun, was weiter zu thun sei. In seine alte Wohnung, die aus drei elegant möblierten Zimmern in der Schellingstrasse bestand, konnte er nicht zurückkehren, denn er hatte dem Wirt gesagt, dass er auf vierzehn Tage verreise. Der gute Mann hatte kein Arg darin gefunden, denn er hatte ja die hocheleganten Möbel des Herrn Barons zum Pfande für die noch fällige Miete. Dass die Möbel vom Tapezierer auf Borg geliehen waren, wusste er freilich nicht. In die neue Wohnung, in die er nur mit einem kleinen Koffer eingezogen war, mochte er aber auch nicht zurückkehren, denn er fürchtete sich, Frau von Robiceck zu begegnen. Er wollte erst Nachts wieder heimkehren, wodurch er zugleich die Ausfertigung des polizeilichen Meldezettels abermals um einen Tag hinausschob. O, er wollte sich doch wenigstens suchen lassen, wenn diese Schergen nach ihm fahndeten! Er fuhr noch fast eine Stunde planlos in den äusseren Stadtteilen hin und her, bloss um die Zeit zu töten und unangenehmen Gedanken zu entgehen. Und als es ein Uhr geworden war, stellte er sein Rad im Restaurant Français ein und vergönnte sich ein gutes Diner für fünf Mark und eine Flasche Wein für denselben Betrag. Mochte das schöne Fräulein Martha mit ihrem Geld wenigstens seinen Hunger stillen, wenn sie schon seine Sehnsucht nicht stillen wollte! Nach dem Diner ging er ins Cafe Luitpold, rauchte sehr viele Cigaretten, las sehr viele Zeitungen und fragte die schwarze Pepi, bei der er Stammgast war, ob sie mit ihm nach Italien reisen wollte; er hätte eben eine Million geerbt. Die war mit tausend Freuden bereit und er schenkte ihr daraufhin drei Mark zu einem Paar neuer Handschuhe. Bei alledem war es aber erst vier Uhr geworden. Da setzte er sich wieder auf das Rad des Komptoiristen Zirngruber und fuhr nach dem Aumeister hinaus. Totmüde von der Hitze des Tages und der schlechten Nacht, versteckte er die Maschine in einem Busch, warf sich ins Gras und schlief sofort ein. Als er erwachte, war es sechs Uhr vorbei. Er kehrte im raschesten Tempo nach der Stadt zurück. Jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren. Und er fuhr bei der Firma Moritz Haiders Töchter vor. Er kam gerade noch zurecht, um dem Herrn Zirngruber sein Rad zurückzugeben und Fräulein Hildegard beim Ladenschluss erwischen zu können. »Fräulein Martha ist wohl schon voraus?« erkundigte sich Raoul vorsichtig. »Ach nö,« versetzte Box harmlos. »Die ist garnicht mehr ins Geschäft gekommen. Sie fühlt sich nicht wohl – sie kann die Hitze nicht vertragen, wissen Sie; sie hat sich etwas hingelegt.« »O, wie ich bedaure! Erlauben Sie, dass ich Sie begleite?« »Ja, gehen Sie nur langsam voran. Ich muss bloss den Schampus etwas bewegen und ins Wasser schicken; in einer halben Stunde treffen Sie mich daheim.« Er bummelte langsam nach der Giselastrasse und überzeugte sich durch einen Blick in den Radstall im Hofe, dass Box noch nicht daheim war. Und er überlegte. Sollte er hinaufgehen und noch einen zweiten Sturm auf Marthas Herz unternehmen? Wenn sie sah, dass es ihm Ernst war – einem Baron mit einer Million Rubel zu widerstehen, däuchte ihm recht schwer für ein junges Mädchen. Aber anderseits blieb wieder zu überlegen, was daraus entstehen sollte, wenn sie wirklich ja sagte und er in der Gewissenhaftigkeit soweit ginge, sie thatsächlich beim Wort zu nehmen. (Raoul de Kerkhove rechnete nämlich bei seinen Ueberlegungen gewohnheitsmässig mit seinem Gewissen, obwohl ihn dieses bereits öfters im Stich gelassen hatte.) Das Mädchen war zu schön, als dass er mit seinem Temperament imstande gewesen wäre, eine kühle Vernunftehe mit ihr zu führen, und dabei wieder anscheinend so fischblütig, dass auf ein besonders überschwängliches Liebesglück auch nicht zu rechnen war. Es war also doch vielleicht am gescheitesten, die soliden Absichten auf Martha Haider fallen zu lassen; ausserdem und schliesslich war es höchst wahrscheinlich, dass sie ihn jetzt garnicht vorliess. Ueberhaupt war es doch vielleicht eine verfehlte Idee, mit dem Hintergedanken eines sofort zu erhebenden Vorschusses einen Heiratsantrag zu machen; wenigstens macht sich ein solches Verfahren in den Augen eines ästhetisch gebildeten Menschen nicht hübsch – wenn auch die Fräulein Haider als Geschäftsmädchen in Geldsachen weniger ästhetisch empfinden mochten. Er musste doch wohl suchen, seinen Zweck auf eine einfachere Weise zu erreichen. Vor dem Hause auf- und abschreitend, dachte er über dieses neue Wie noch nach, als er Box in scharfer pace, Schampus in grossen Sprüngen vornweg, um die Ecke der Königinstrasse biegen sah. Das gute Tier, das noch pitschnass war, sprang an seinem Freunde Raoulche freudig empor und wischte mit den breiten Schmutzpratzen kräftig über den eleganten hellbraunen Sommeranzug, der fast noch ebenso neu wie unbezahlt war. Box sprang ab, schimpfte das Tier herunter und tröstete den jungen Freund über das Unglück. Dann verstaute sie ihr Rad und alle drei klommen zur Haiderschen Dachbehausung empor. Das Dienstmädchen war nicht anwesend und Fräulein Martha öffnete selbst. Sie lächelte schief und gezwungen, da sie des jungen Barons ansichtig wurde und gab der Schwester auf die teilnehmende Frage nach ihrem Befinden nur mit einem Achselzucken Antwort, um dann sofort wieder in ihr Zimmer zu verschwinden. Hildegard sah ihr kopfschüttelnd nach und sagte zu Raoul, indem sie ihn über die Schwelle treten liess: »Komisches Mädl; immer ist sie gleich ganz auseinander, wenn ihr was fehlt. Ueber Mittag hat sie kein Wort zu mir gesprochen, als ob ich an ihren Kopfschmerzen Schuld wäre! Und wie ich von Ihrem unerhörten Dusel anfing, sagte sie blos, ich sollte sie zufrieden lassen – Sie wären ein kleines Greuel. Nu bitt ich Sie, warum sollen Sie auf einmal ein Greuel sein? Nehmen Sie Platz, Herr Baron!« »Das frage ich mich auch. Danke!« Der junge Mann setzte sich in einen bequemen Korbsessel, zog langsam die Handschuhe aus und lächelte fein. Box setzte sich, die Beine übereinanderschlagend, ihm gegenüber und sagte: »Warum lächeln Sie denn so fein, Herr Baron? Haben Sie ihr vielleicht was gethan?« »Dass ich nicht wüsste«, gab er heiter zur Antwort: »Sagen Sie, Gnädigste, glauben Sie auch, dass Geldborgen unbedingt immer die Freundschaft zerstört?« »Wieso?« »Nun, Fräulein Schwester hat mir zwanzig Mark geliehen – vielleicht bin ich deswegen ein Greuel in ihren schönen Augen geworden.« »Aber, Herr Baron,« lachte Box, »mit solchen Kleinigkeiten geben Sie sich ab in Ihren jetzigen Verhältnissen?« »Nicht wahr? es ist lächerlich! Aber denken Sie, ich bin thatsächlich nicht imstande gewesen, 1 Mark 50 Pfennig auszulegen! Ich habe etwas leichtsinnig gewirtschaftet und meine regelmässige Rente ist erst in 14 Tagen fällig. Wie soll ich es machen, um morgen nach Petersburg abzureisen? Wären Sie vielleicht in der Lage, mir tausend kleine Märkchen zu leihen?« »Tausend Mark? Soviel kostets doch nicht bis Petersburg.« »Nein, nicht ganz. Aber Sie wissen, Gnädigste, in Wirballen fängt der Orient an; man muss immer Backschisch bereit halten. Ausserdem versteht sich, dass ich in Petersburg nobel auftreten muss als künftiger Adelsmarschall und Erbherr auf Usmaiken, Hasenpot, Mosheiki, Shagory und Poswol.« »Erben Sie denn wirklich die ganze Kiste?« »Hm, das nicht. Ich muss mich mit meiner älteren Schwester und meinem jüngeren Bruder auseinandersetzen, aber als Majoratsherr führe ich den Titel von allen. Ich glaube, diese Sicherheit dürfte Ihnen genügen. Uebrigens kann ich Ihnen ja auch mein hiesiges, ganz neues und elegantes Mobiliar – wie sagt man doch? – lombardieren.« »Das ist eine weitläufige Geschichte,« erwiderte Box geschäftsmässig. »Sie brauchen doch gleich Geld und da ist es am einfachsten, Sie geben mir einen Wechsel auf kurze Sicht, sagen wir drei Monate; bis dahin können Sie doch Ihr Geld haben, nicht wahr?« »Oh gewiss. Ich sage Ihnen ja, in vierzehn Tagen ist die Rente fällig, und überhaupt, wenn ich erst in Petersburg bin, kann ich mir leicht Geld verschaffen.« »Also schön!« rief Box sich erhebend und ging an ihren Schreibtisch. »Aber tausend Mark habe ich nicht bar im Hause. Wenn Ihnen vielleicht mit fünfhundert gedient ist? Wenn Sie morgen zu mir ins Geschäft kommen wollen, gebe ich Ihnen einen Check auf die Vereinsbank.« Sie schloss ein Fach ihres Schreibtisches auf und holte eine kleine Geldkassette hervor. »Oh weh!« rief sie, »ich sehe eben, ich habe nicht einmal fünfhundert bei mir. Richtig! ich hab' ja vergessen . . . . . ich werde vorläufig dreihundert schreiben. Ist es Ihnen so recht? Das übrige machen wir morgen; Sie brauchen doch wohl nicht mit dem allerfrühesten Zuge zu reisen.« Raoul hatte sich gleichfalls erhoben. »Oh, danke sehr, ganz wie es Ihnen passt. Ich muss ja auch hier noch meine kleine Wirtschaft auflösen und meine Verbindlichkeiten begleichen, denn ich werde vor einem halben Jahre schwerlich hierher zurückkommen können.« Da Box ihm den Rücken kehrte, konnte sie sein langes enttäuschtes Gesicht nicht sehen. Und während sie ein Wechselformular heraussuchte und schrieb, spazierte er im Zimmer auf und ab und besichtigte die zahlreichen hübschen Nippes und Kunstgegenstände, mit denen es angefüllt war. Da war auch eine mit Silber und Elfenbein ausgelegte Kassette indischer Arbeit mit Schubfächern, welche er noch nicht kannte; ein Schlüsselchen steckte darin. Er schloss neugierig auf und zog den Kasten heraus. »Oh, was haben Sie für reizende Beinchen!« rief er plötzlich überrascht. Hildegard Haider schaute unwillkürlich an sich herunter, ob sich vielleicht ihr Gewand beim Hinsetzen in die Höhe geschoben habe und dann wandle sie sich nach ihm um. »Ach so! Papas Sammlung – hab' ich Ihnen die noch nicht gezeigt?« »Nein, Sie verzeihen meine Neugierde – sehr interessant!« »Bitte, wollen Sie Ihren Namen hier querüber schreiben.« Er trat an den Schreibtisch und setzte mit flottem Schwung seinen Namenszug auf den Wechsel. Dann überflog er den Inhalt des Papiers und fand als Summe, die er schuldete, 305 Mark 50 Pfennig angegeben. Box bemerkte seine Verwunderung und klärte ihn auf. »Bitte, alles geschäftsmässig. Ein Drittel Prozent Provision und sechs Prozent Zinsen auf drei Monat, die bei etwaigem Protest einklagbar sind. Hier, bitte, Ihre drei Bläulinge.« Der junge Baron verbeugte sich dankend und steckte die Banknoten ein. Dann wandte er sich wieder der historischen Pfeifenstopfersammlung zu und Box erklärte ihm die Bedeutung einiger besonders rarer Stücke. »Merkwürdig,« sagte er nach einer Weile tiefsinnig, »dass sich die Fantasie so viel mit den Beinen der Damen beschäftigt! Es ist doch nur der Reiz des Verhüllten. Wenn durch das Radfahren einmal die Sitte des Röcketragens gänzlich überwunden werden sollte, so müssten die langen Gewänder eigens für die Balletmädchen wieder erfunden werden, und es würde gewiss nicht einmal einem alten Major einfallen, sich mit so einem Beinchen die Pfeife zu stopfen.« »Sehr wahrscheinlich und vortrefflich bemerkt,« sagte Box lachend. »Ich glaube sogar, die Kleiderfrage hat noch eine weitere Bedeutung. Wenn wir erst alle Hosen tragen, ohne uns auffällig zu machen, dann würde ich auch die Börse besuchen können. Es ist den Männern garnicht übel zu nehmen, finde ich, dass sie einem Geschlechte die Gleichberechtigung nicht zuerkennen wollen, das immer etwas zu verhüllen hat und dazu soviel bunte Lappereien braucht. Wir sind ja nicht einmal vor Gott gleich, denn in der Kirche können wir unsere Vogelnester und was wir uns sonst noch für merkwürdige Gebäude auf den Kopf spiessen, nicht herunter kriegen, um dem Herrn unsere Ehrerbietung zu bezeigen. Wir verlangen sogar vom lieben Herrgott, dass er aus Galanterie ein Auge zudrückt. Solange wir aber auf Galanterie Anspruch machen, bekennen wir uns selbst als das schwächere Geschlecht; ergo – pfeife ich auf die Galanterie!« Raoul de Kerkhove drehte nachdenklich eines der feinsten von den Porzellanbeinchen in den Fingern herum und sprach: »Sagen Sie, Gnädigste, es würde mich sehr interessieren: können Sie sich Fräulein Hildegard Haider als Gattin vorstellen?« »Oh ja, warum nicht?« versetzte sie, ohne Besinnen. »Ich kann mir nur meinen Mann schlecht vorstellen.« Etwas zaghaft begann Raoul: »Sie würden wohl nur auf einen älteren Herrn reflektieren, der schon – wie soll ich sagen . . . . .« »Na, ich danke, Sie sind sehr freundlich! Ich habe gar kein penchant für Ruinen. Amüsanter denke ich mir jedenfalls einen frischen, fröhlichen Kriegszustand mit einem jungen Kerl, mit dem man sich ordentlich abraufen kann. Wissen Sie, es ist ja leicht möglich, dass mir das Bankgeschäft einmal keinen Spass mehr macht. Dann heirate ich einfach einen anständigen Kollegen und lasse ihn das Geschäft besorgen, während ich mich amüsiere. Das wäre die Vernunftehe. Wenn ich aber aus Liebe heiraten würde – nö, da ist garnichts zu lachen, Herr Baron! – wenn ich aus Liebe heiraten würde, dann würde ich meine Befriedigung darin suchen, mir den Mann erst mal ordentlich zu erziehen. Die Männer sind nämlich garnicht so schlecht, wie wir meistens denken – sie müssen nur in gute Hände kommen.« »Sie würden also, sozusagen, aus Liebe zur Sache eine Stellung als Erzieherin annehmen wollen – in einem Hause ohne Dame. Originell! Merkwürdig!« Dabei kratzte Raoul nachdenklich mit dem Nagel an einem kleinen schwarzen Pünktchen auf dem Beinchen herum. »Lassen Sie doch das sitzen,« rief Box lachend. »Das geht nicht ab; das soll ja ein Floh sein!« »Ach nein!« rief Raoul drollig und errötete wie ein junges Mädchen. Er wollte das Beinchen wieder in den Kasten zurücklegen, aber dabei entglitt es seinen Fingern, fiel auf den Tisch und zerbrach. »Oh Gott! jetzt habe ich Ihnen das schöne Beinchen zerbrochen!« rief er ganz unglücklich. Und sie schalt ihn gutmütig: »Oh, Sie ungeschickter Peter, Sie!« »Ich bin untröstlich, Gnädigste,« stammelte er ganz kleinlaut. »Schelten Sie mich nur nach Belieben, ich habe es gewiss verdient. Ich war immer so ungeschickt mit allem, was ich im Leben anpackte. Allerdings habe ich noch keiner Dame ein Bein zerbrochen – nicht einmal das Herz! Wenn Sie befehlen, schiesse ich mich zur Strafe auf der Stelle tot.« Und mit raschem Griff holte er das bewusste Juchtenetui aus der Hintertasche hervor und entnahm ihm die elegante kleine Mordwaffe. Mit einer theatralischen Gebärde richtete er den Lauf gegen seine Stirn. Box zeigte sich nicht besonders erschrocken. »Jessas na, Sie Schlankl – dass i net lach!« rief sie gutmütig, indem sie ihm einfach den Revolver aus der Hand nahm. »Geben Sie mir den Tröster zurück,« bat er trübselig lächelnd. »Sie glauben nicht, was für ernsthafte Unterhaltungen wir beide schon miteinander gepflogen haben, mein blanker kleiner Freund und ich. Sehen Sie, mein Unglück ist meine zarte seelische Konstitution. Sie ist nicht robust genug, um die Last des Mitleids mit so vielen Millionen unglücklicher Brüder und Schwestern, die darauf drückt, zu tragen.« »Ach Gott, faseln Sie doch nicht!« rief Box ungeduldig. »Mitleid ist die traurigste aller Leidenschaften. Für einen jungen Mann gehört sich ein bischen gesunder Egoismus.« »Das ist es ja eben,« seufzte er: »zu dem kann ich mich nicht aufschwingen. Ich bin eine hingebende Natur; ich glaube immer, ich wäre ein sehr sympathisches junges Mädchen geworden. Es ist mein Unglück, als Mann geboren zu sein!« »Hoho! bei mir ist es gerade umgekehrt,« lachte Box. »Nicht wahr? ich habe auch immer gefunden, dass wir uns wunderbar ergänzen.« »Das wollte ich damit gerade nicht sagen.» »Aber es ist Thatsache – effektiv! Ihr Liebesbedürfnis sucht nach einem Objekt zur Erziehung – das meinige nach einer starken Hand!« Seine hellen Aeuglein blickten feucht an ihr vorbei und sie spitzte gespannt die Ohren, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Als aber mehrere Minuten verstrichen ohne dass etwas kam, hielt sie es für angemessen, ihn mit einem kräftigen: »Na, und?« zu ermuntern. Der junge Baron zuckte leicht zusammen und beorderte den in die Ferne abgeschweiften Blick zurück. Knietief seufzte er auf und dann sprach er: »Ach, Fräulein Haider, bedenken Sie, bitte, ich soll jetzt nach Livland zurückkehren, von wo ich geflohen bin vor dem schmerzlichen Gefühl der Vereinsamung, ich soll jetzt die Bewirtschaftung meiner immensen Ländereien allein auf meine Schultern nehmen, eine Verantwortung tragen, der ich nicht gewachsen sein werde. Und ausserdem – unsere Beamten! Man wird mir die Haut über die Ohren ziehen!« »Na, dann heiraten Sie doch eine vernünftige Frau, wenn Sie sich allein Ihrer Haut nicht wehren können,« sagte Box und gab ihm einen kräftigen Klaps auf die Schulter. Er bemühte sich zu strahlen und erwiderte: »Sie haben das erlösende Wort gesprochen, Fräulein Haider, aber wo soll ich die Richtige für mich finden! Eine gewöhnliche Frau darf es nicht sein – kein Weib im engeren Sinne, denn ich gehöre ja selbst dem schwachen Geschlecht an. Wissen Sie, ich habe überhaupt erst eine vernünftige und starke Frau kennen gelernt auf meinen Weltfahrten – und das sind Sie selbst, Fräulein Haider. Ich weiss nicht, ob ich wagen darf . . . .« »Herrgottsaxendi! Wollen Sie mir am Ende einen Heiratsantrag machen?« platzte Box heraus, indem sie sich auf den nächsten Stuhl warf und ein ungeheuer vergnügtes Gesicht machte. Er rückte sich einen Stuhl an ihre Seite und rieb verlegen seine Handflächen an seinen Knien. »Sehen Sie,« sprach er traurig, »das ist mein Unglück: Sie nehmen mich auch nicht ernst, Sie lachen mich aus.« »Ach Gott, sein Sie mir deswegen nicht böse«, erwiderte sie sehr freundlich. »Die Sache kommt mir nur so überraschend. Ich, als Baronin und Adelsmarschallin!« »Warum nicht? Ich sagte Ihnen schon, dass ich Sie mir am liebsten vorstelle als Amazone, hoch zu Ross mit dem Cylinder auf dem Kopf!« »Hm, ja. Der Cylinder könnte mich reizen«, lachte sie. »Und wenn man bedenkt, was für lächerliches Kroppzeug sich manchmal aufs hohe Pferd setzt – da könnte ich am Ende auch mit konkurrieren. Aber nehmen Sie mir's nicht übel, die Sache hat doch einen komischen Beigeschmack. Sie sind doch heute noch furchtbar jung und ich bin dreiunddreissig!« »Das ist nur äusserlich«, lächelte er trübe: »Innerlich bin ich ein Greis gegen Sie. Man wird früh alt, wenn man über das grosse Leid der Menschheit so ernsthaft nachdenken gelernt hat, wie ich.« Box erwiderte nichts. Sie sass da und nagte nachdenklich an ihrer Unterlippe. Ihre dunklen Augen glänzten, die Ueberraschung hatte eine leichte Röte auf ihren weissen Teint hingehaucht. Sie sah entschieden hübsch und mädchenhaft aus in dieser Verfassung. Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf und sie packte ihn am Handgelenk und rüttelte ihn sanft. »Nu erklären Sie mir aber bloss, Sie kleiner Schäker,« sagte sie: »wie kommen Sie dazu, mich auf einmal mit einem seriösen Antrag zu beehren, wo Sie doch offenbar meiner Schwester viel energischer den Hof gemacht haben?« »Ja, wie soll ich Ihnen das erklären?« versetzte er leise. »Fräulein Martha schien mir ursprünglich – ich möchte sagen, näher zu liegen für mich; aber gerade ihrer Jugend gegenüber habe ich es um so schärfer empfunden wie alt ich eigentlich bin, und trotzdem hat sie immer nur Spott für mich gehabt.« »Ach, das ist nur so ihre Manier; sie meint's nicht so schlimm!« »Ja, aber mit dieser Manier tötet sie den Ernst der Gefühle bei den Menschen, die sie durch ihre Schönheit anzieht.« Box blickte überrascht zu ihm auf. »Ich fürchte, da haben Sie ein wahres Wort gesprochen. Sie sind überhaupt gar nicht so dumm, Raoulchen. Wenn ich wüsste, dass ich wirklich meiner Schwester nicht in die Quere komme . . . . Hm.« »Oh, Sie machen mir also Hoffnung?« Der junge Mann erhob sich und streckte ihr die Hand entgegen. Sie stand gleichfalls auf und holte mit ihrer Rechten ein wenig aus, als ob sie einschlagen wollte. Dann aber hielt sie zögernd inne und sagte: »Ich will es mir doch noch ein wenig überlegen. Drängen Sie mich nicht so, Sie stürmischer junger Mann!« Er zog seine Hand wieder zurück und seufzte herzbeweglich. Sie sah ihm lächelnd in die Augen und dann legte sie ihre Hände auf den Rücken und sagte mit drollig ungeschickter Koketterie: »Na, dann dürfen Sie mir einen Kuss geben zur Probe. Der verpflichtet ja noch zu nichts, was?« »Oh, Sie sind sehr freundlich«, versetzte er errötend und dann legte er die Arme zaghaft um ihre Schultern und küsste sie, ohne sie jedoch irgendwie respektlos an sich zu drücken, geschwind auf den Mund. »Oh, hat es Ihnen nicht gefallen?« versuchte er zu scherzen, da sie sich mit dem Aermel über die Lippen wischte. »Offen gestanden – nicht besonders«, lachte sie vergnügt. »Aber das soll mich nicht abschrecken, ich verspreche es Ihnen. Ich bilde mir auch nicht ein, dass ich das Küssen besser verstehe wie Sie, und man lernt ja auch noch alle Tage zu.« Und nun reichte sie ihm die Hand und drückte die seine kräftig. »Wollen wir jetzt zu Schleich gehen?« sagte er. »Nein, lassen wir es lieber heut bleiben. Martha kommt ja doch nicht mit und mit einem jungen Herrn allein soupieren gehen kann ich doch jetzt nicht. Sie müssen verstehen, dass Sie mich mit Ihrem Antrag plötzlich um meine Selbständigkeit gebracht haben. Gestern wäre ich noch um Mitternacht mit Ihnen allein in den englischen Garten gegangen, aber heute fühle ich mich verpflichtet, mich zu benehmen wie ein anständiges, reiferes Mädchen aus guter Familie. Jessas, muss das übrigens fad sein! Aber gehen Sie nur jetzt und holen Sie sich morgen Vormittag Ihren Check und meine Antwort. Adieu, Barönchen!« Er ging noch nicht gleich, er druckste noch über etwas. Plötzlich zog er mit einem raschen Entschluss einen Ring vom Finger und sagte: »Meine teure Hildegard – Sie gestatten mir Hildegard, – nicht wahr? – ich möchte Ihnen so gerne für das zerbrochene Beinchen eine Art Ersatz . . . es ist ein Andenken an meine selige Mutter. Bitte, nehmen Sie das auf jeden Fall – ich meine, auch wenn Sie morgen nein sagen sollten.« Und er steckte der leicht Widerstrebenden einen einfachen Goldreif von etwas unmoderner Arbeit mit einem grossen Türkis an den Goldfinger. »Na, wenn Sie durchaus wollen, dann bedanke ich mich recht schön«, sagte Hildegard komisch verlegen. Er nahm nun endlich zögernd seinen Hut, blickte im Zimmer umher als ob er zum Abschied sich noch alles recht genau einprägen wollte, machte ein paar Schritte und blieb bei ihrem Schreibtisch stehen, als ob er sich nicht trennen könnte. Hildegard Haider stand am Tisch vor dem Sofa und wandte ihm den Rücken. Sie war ganz ernstlich verlegen und so rot, wie nur irgend ein gewöhnliches junges Mädchen, welches fürchtet oder hofft, im nächsten Moment beim Kopf gekriegt zu werden. Raoul dachte aber nicht an solche Unziemlichkeiten, sondern benutzte vielmehr ihre Unaufmerksamkeit, um den Wechsel, der noch auf der Schreibtischplatte lag, zusammenzufalten und gemütlich zu sich zu stecken. Sie hörte das Papier rascheln und wandte sich um. »Was machen Sie denn da? Das ist ja mein Wechsel; den müssen Sie mir doch hier lassen.« »Wieso? Ach, entschuldigen Sie«, versetzte er, blöde dreinschauend: »Ich wusste nicht . . . . ich habe noch nie einen Wechsel unterschrieben.« Und er legte das Papier wieder hin. »Ach Gott, Sie liebe Unschuld!« scherzte sie: »Jetzt will er mit meiner einzigen Sicherheit durchbrennen!« Und damit ergriff sie ihn keck bei beiden Schultern und schob ihn lachend zur Thür hinaus. Sobald sie die Entreethür hinter ihm ins Schloss fallen hörte, lief sie in Marthas Zimmer hinüber und rief schon von der Schwelle aus der mit einem Buch am Tisch sitzenden zu: »Denk' Dir bloss, süsse Pflanz, das Raoulche hat mir eben einen Heiratsantrag gemacht!« Die schöne Martha verfärbte sich und warf sich gegen die Sofalehne zurück: »Dir einen Antrag?« rief sie mit ungläubigem Staunen. Und Box trat an den Tisch heran und sagte ärgerlich: »Na, weist Du, in dem Tone brauchst Du das gerade nicht zu sagen. Ich möchte wissen, warum er mir keinen Heiratsantrag machen soll?« »Weil er mir heute auch schon einen gemacht hat«, erwiderte Martha prompt. »Was, Dir auch?« Box musste sich setzen. »Na, und Du?« »Ich hab' ihn natürlich furchtbar abfahren lassen.« »Das finde ich gar nicht natürlich, das finde ich sogar furchtbar dumm! Glaubst Du denn, dass er Dich wirklich liebt?« »Er hat es wenigstens geschworen«, gab Martha achselzuckend zurück. »Er hat einen Revolver herausgezogen und hat gesagt, er schiesst sich tot . . . . .« »Sakra! Bei mir hat er auch den Revolver herausgezogen«, fiel ihr Box gekränkt in die Rede. »Na, und dann?« »Dann wurde er frech.« »Frech? Wieso, bitte?« »Er kriegte mich zu packen und drückte mich so wütend an sich und küsste mich wie ein Toller.« »Der Elende! Das hat er bei mir nicht gethan!« Und die beiden Schwestern sassen sich einander gegenüber, schlugen beide die Arme unter und blitzten sich gegenseitig mit zornigen Augen an. »Dreihundert Mark hab' ich ihm pumpen müssen!« knirschte Box. »Ich nur zwanzig!« triumphierte Martha. »Und Du bildest Dir ein, die Männer zu kennen? Oh ja . . ., an Schmarrn, meine Liebe!« »Und Du, meine Liebe«, gab Box scharf den Hieb zurück, »wirst überhaupt nie einen kriegen. Du frozzelst sie ja alle weg. Mit dieser Manier ertötest Du einfach den Ernst der Gefühle bei allen Menschen, die Du durch Deine Aeugeleien anziehst.« »Das ist wohl meine Sache, was ich mit meinen Augen mache!« entgegnete Martha frostig. »Ich brauche mich nicht von Dir schelten zu lassen, wenn ich einen Mann nicht mag. Bitte, nimm Du ihn nur, ich gönne ihn Dir gerne.« So kränkten sich die beiden Schwestern noch eine rechte lange Weile an, und als die Köchin kam, um ihnen zu melden, dass das Abendbrot bereitstehe, fand sie sie noch beide mit roten Köpfen bei der Lampe einander gegenüber sitzend; das Fräulein Martha gar mit Spuren von Thränen in ihren schönen Augen. Martha war vor Aufregung nicht imstande, viel zu geniessen und Hildegard machte ihrer Empörung dadurch Luft, dass sie der Köchin erklärte, der vorliegende Schlangenfrass sei ungeniessbar. Sie würgte ihn aber dennoch hinunter und sobald sie ihrem Magen etwas geboten hatte, fand sie auch ihren guten Humor einigermassen wieder und machte bereits Anstalten, das ganze Abenteuer von der komischen Seite auf zufassen – als die Entreeglocke ertönte. »Wer kann denn so spät noch kommen?« brummte Box und schaute nach der Uhr. Ihre intimen Freundinnen waren alle in der Sommerfrische. Sie horchte gespannt nach der Thür. Da trat das Mädchen herein und meldete mit wichtiger Miene, dass ein Herr die beiden Damen allein zu sprechen wünschte. Er hatte gesagt: in amtlicher Eigenschaft. Die beiden Schwestern sahen einander ratlos an, aber dann entschied Box, dass der Herr vorgelassen werden sollte. Ein älterer Herr mit einem behaglichen Bauch und militärischem Gesichtsschnitt trat herein und verbeugte sich respektvoll an der Thür. »Sie wollten uns sprechen, mein Herr?« sagte Box. »Bitte, womit können wir Ihnen dienen?« »Sind wir allein, meine Damen?« fragte der Unbekannte, und als Box bejate, wandte er sich nach der Thür um und überzeugte sich, dass das Mädchen sie hinter ihm geschlossen hatte. Dann trat er einen Schritt näher und sagte leise: »Könnten wir nicht in das Zimmer nebenan treten? Es giebt Dienstmädchen, welche gern an den Thüren horchen.« Martha wurde aufgeregt. »Oh Gott, mein Herr, was wollen Sie denn von uns?« fragte sie ängstlich. Und der Dicke erwiderte mit einem vertrauenerweckenden und vorsichtig gedämpftem Tone: »Erschrecken Sie nicht, meine Damen – mein Name ist Sedlmeyer – Kriminalkommissar. Ich komme in amtlichem Auftrag.« Nun wurde auch Box blass. Aber sie nahm sich zusammen und liess den Beamten in das Wohnzimmer treten. Er machte von der Aufforderung, Platz zu nehmen, Gebrauch und dann holte er aus einem dicken, mit Papieren vollgestopften Portefeuille zwei Kabinetphotographien heraus, die er den Damen vorwies. »Ich glaube mich nicht zu irren«, sagte er höflich, »wenn ich diese Bilder für die Ihrigen halte!« Es waren unzweifelhaft die Photographien von Hildegard und Martha Haider, wohlgelungene Aufnahmen. Box gab die Thatsache zu. Martha vermochte kein Wort hervorzubringen, denn sie hatte Herzklopfen vor Aufregung. Ihr Bild in den Händen der Kriminalpolizei! »Sein Sie ganz ruhig, meine Damen, ich werde Ihnen sofort den Zusammenhang erklären«, fuhr der Beamte fort, indem er in seinen Notizen blätterte, »ich habe diese beiden Photographien heute in einem Garçonlogis in der Schellingstrasse beschlagnahmt, welches ein gewisser Baron Raoul Kerkhove bewohnte. Der Herr ist gestern Nachmittag abgereist, unbekannt wohin. Diese beiden Bilder standen auf seinem Schreibtisch und da die Fräulein Haider der Polizei bekannt sind – selbstredend nur vorteilhaft bekannt –« (er verbeugte sich galant) »so nahm ich an, dass die Damen mit dem Herrn näher bekannt und vielleicht imstande sein möchten, mir einige Auskünfte über ihn zu erteilen.« Und nun ergab sich aus Frage und Antwort, dass der junge Baron, der das grosse Leiden der Menschheit auf seiner Seele mit herumschleppte, sowohl von der russischen als auch von der deutschen Polizei verschiedener Universitätsstädte eifrig gesucht werde wegen Hochstapelei, Wechselprotesten und Schwindeleien aller Art. Er war weder Baron, noch Doktor der Philosophie, noch Gutsbesitzer. Er hiess einfach van Kerkhoven und war ein Kaufmannssohn aus Dorpat. Das Abiturientenexamen hatte er thatsächlich absolviert und sich dann auf mehreren Universitäten studienhalber aufgehalten. Er hatte überall denselben Schwindel mit dem Prozess um die Millionen-Erbschaft verübt und nicht nur zahlreiche Geschäftsleute um erhebliche Summen geprellt, sondern es sogar fertig gebracht, den Rektor der Universität, an der er zuletzt studierte, zu einem Darlehen von sechstausend Mark zu bewegen! Hier in München hatte er bei verschiedenen angesehenen Geschäftsleuten Kredit gefunden unter der Vorspiegelung, dass er sich demnächst mit einer der beiden Inhaberinnen der Bankfirma Moritz Haiders Töchter verloben werde – eine Behauptung, die um so eher Glauben gefunden hatte, als man ihn mit den beiden Damen fortwährend zusammen und überhaupt in der besten Gesellschaft verkehren sah. Eine Anfrage von seiten der russischen Gesandtschaft bei der Münchener Polizei hatte weitere Erhebungen veranlasst und heute sollte die Verhaftung stattfinden. Diese überraschenden Eröffnungen bewirkten, dass Fräulein Martha in Thränen ausbrach. Ein Verbrecher hatte sie geküsst! Box aber fasste die Sache mehr praktisch auf. »Vor einer Stunde sass der Mensch auf demselben Stuhl, auf dem Sie jetzt sitzen, Herr Kommissar. Er pumpte mich um dreihundert Mark an und hinterliess mir als Sicherheit einen Heiratsantrag sowie diesen Ring mit dem blauen Steinchen. Bitte, nehmen Sie ihn zu den Akten. Mit den dreihundert Mark wird er jedenfals trachten, sich möglichst schleunigst aus dem Staube zu machen. Ich würde an Ihrer Stelle sofort die Bahnhöfe beobachten lassen. Es ist doch immerhin möglich, dass er noch nicht fortgekommen ist. Der Kommissar bedankte sich und machte sich eiligst auf den Weg. »Merkwürdig«, sagte Box späterhin zur Schwester, »wie ist es möglich, dass ein so gebildeter, gescheiter und offenbar wohlerzogener Mann ein so gewissenloser Schwindler sein kann?« »Nu, hab' ich es nicht gleich geahnt mit meinem weiblichen Instinkt?« triumphierte Martha. »Ich habe ihm blos zwanzig Mark gepumpt. Wer ihn überschätzt hat, das bist Du, Schwesterchen!«     Herr van Kerkhoven ward nicht mehr gesehen, auch weder die zwanzig noch die dreihundert Mark. Wochen waren dahingegangen. Die vielen Tausende von Norddeutschen, die im Juli sich über München den Alpen zugewälzt, hatten sich ebenso über München wieder in ihr Flachland zurückgewälzt und den gebührenden Durchgangszoll in Gestalt mehrerer vertilgter Mass Hofbräubier entrichtet. Die Stadt bekam bereits wieder ihr fremdenreines Aussehen, was allerdings ihrem klassischen Dreck bei Regenwetter keinen Eintrag that. Im Hoftheater konnte man normale Vorstellungen zu normalen Preisen sehen – man sah sie jedoch lieber nicht, weil just der Anfang des Oktobers seine Ehre darein zu setzen schien, die Sünden des launischen Sommers wieder gut zu machen. Auch in den verschiedenen Hochschulen gähnten noch die leeren Bänke, obgleich das neue Semester offiziell seinen Anfang genommen hatte, und von den interessanten Herrschaften, welche der gewissenhafte Verfasser dieser Chronika dem freundlichen Leser und der schönen Leserin vorzustellen die Ehre hatte, war ausser Moritz Haiders thatkräftigen Töchtern, die ihr Geschäft nicht im Stiche lassen konnten, nur Dr. Reithmeyer in der Stadt. Er hatte, da die wissenschaftliche Welt dringend einen neuen und unwiderleglichen Beweis für seine Fähigkeit, eine germanistische Professur auszuüben, verlangte, die Sommermonate dazu benutzt, ein bahnbrechendes Werk über Geheimrat von Goethes berühmten Meyer aus Westfalen zu schreiben. Bekanntlich äusserte Se. Excellenz am Sonntag den 15. Februar 1824 zu Eckermann, dass Herr Meyer aus Westfalen ein sehr hoffnungsvoller junger Mann sei und Gedichte gemacht habe, die sehr viel erwarten liessen. Er sei erst 18 Jahre alt und schon unglaublich weit. Diesen Herrn Meyer aus Westfalen wissenschaftlich festzustellen, war doch wirklich eine Aufgabe des edelsten Schweisses wert! Es gelang Dr. Josef Reithmeyer thatsächlich, ein fast vollständiges Verzeichnis sämtlicher, den besseren Ständen entsprossener und im Jahre 1806 in Westfalen geborener männlicher Meyer aufzustellen und aus diesen 27 Stück zu eruiren, welche notorisch Gedichte gemacht hatten. Es war ihm ferner gelungen 139 Gedichte, welche unzweifelhaft diesen 27 Meyerschen Federn entflossen waren, zusammenzubringen. Sie waren in seinem hochinteressanten Werke abgedruckt. Im zweiten, kritischen Teil seiner Schrift hatte er sich bemüht, diese 139 Dokumente unter dem Gesichtswinkel des Goetheschen Geschmacks vom Jahre 1824 zu betrachten und auf diese Weise den ächten Meyer aus Westfalen festzunageln. Er war durch diese Methode dazu gelangt, mit Nachdruck den Finger auf Karl Leberecht Gottwald Gneomar Meyer aus Haspe legen zu können. Von den weiteren Lebensschicksalen des Dichters war leider nichts weiter festzustellen, als dass er als Student in Bonn und im neunten Semester vom Delirium tremens dahingerafft worden war. Dr. Josef Reithmeyer knüpfte daran die geistvolle Bemerkung, dass gerade aus diesem Umstände der sicherste Beweis dafür erfliesse, dass sein Karl Leberecht Gottwald Gneomar Meyer wirklich der geniale Meyer aus Westfalen gewesen sei, denn, nach dem Rausche, in welchen den 18jährigen Jüngling die beglückende Anerkennung des Altmeisters versetzt haben musste, hätte er eben nicht mehr in die Nüchternheit des Alltags zurückkehren können. Der ordentliche Professor seines Faches an der Münchener Universität, dem der junge Privatdozent die Aushängebogen seines Werkes zur Ansicht überreicht hatte, beglückwünschte ihn aufs wärmste zu seiner ebenso fleissigen wie bedeutenden Leistung und stellte ihm in Aussicht, dass er seinen ganzen Einfluss aufbieten werde, um ihm die verdiente Professur zu verschaffen. Da der gute Dr. Josef Reithmeyer sich somit sagen durfte, den soliden Grund zum festen Gebäude seiner bürgerlichen Existenz gelegt zu haben, so konnte ihn auch nichts mehr abhalten, seinen Herzenswunsch zur Ausführung zu bringen und die schöne Freundin Claire de Fries sich ehelich zu verbinden. Während er in Westfalen seine Studien machte, war sie bei ihren Eltern in Friesland gewesen und alsdann nach Zürich zurückgekehrt. Die Hochzeit hätte eigentlich schon vor Beginn des Wintersemesters und zwar in München stattfinden sollen; aber da einerseits die Beschaffung der nötigen Papiere längere Zeit in Anspruch nahm als vorauszusehen gewesen war und andererseits erst die Drucklegung des Werkes » Goethes Meyer aus Westfalen « abgewartet werden sollte, so waren sie übereingekommen, sich erst Ende Oktober in Zürich trauen zu lassen. Claire de Fries hatte darauf bestanden, dass die Heirat ihre Studien nicht unterbrechen dürfe, eine Bedingung, in die sich Dr. Reithmeyer seufzend ergeben hatte mit dem Hintergedanken, sie werde sich nach der Hochzeit schon eines Besseren besinnen. Im Grunde hatte sie es ja gar nicht nötig, als praktische Aerztin auf den Verdienst auszugehen, denn sie konnte von den Zinsen ihres Vermögens ganz anständig leben, und er bezog gleichfalls von seinem Vater eine Rente, bei der er sogar als Privatdozent allenfalls existieren konnte. Wenn sie also ihre beiderseitigen festen Einkünfte zusammenlegten, so konnten sie in bescheidener Behaglichkeit ganz gut mit einander hausen und brauchten sich nicht einmal um die Zukunft grosse Sorgen zu machen, denn, wie gesagt, Meyer aus Westfalen verbürgte die Professur und sein Verfasser durfte wohl noch mehrere gleich epochemachende Werke von sich erwarten, die ihm zugleich mit neuen akademischen Ehren auch die Mittel einbrächten, sich auf Nachkommenschaft einzulassen. Es war merkwürdig, dass gerade diese Beiden sich gefunden hatten: Claire de Fries mit ihrer zähen Begeisterung für die Wissenschaft bei ihrem sonst so ausgesprochenem Phlegma und Josef Reithmeyer, der ausserhalb seiner Geschlechtssphäre ganz entschieden ein kleiner Philister war. Ihre statuarische Schönheit vermochte ohne besondere leidenschaftliche Anstrengung sein ganz regelrechtes Denken und Fühlen in Unordnung zu bringen. Er hatte in solch unordentlichen Momenten Gedichte gemacht, die sogar schöner waren, als die des berühmten Meyer aus Westfalen, und diese Gedichte hatten die Züricher Studentin mit ihrer nüchternen norddeutschen Verstandesklarheit so wohlig umschmeichelt, dass sie ohne Zögern den stürmischen Verfasser mit ihrer Gunst beglückt hatte, ohne vorausgegangene Seelenkämpfe, nur aus warmem Pflichtgefühl heraus. Sie war weit davon entfernt, in ihm die Erfüllung einer romantischen Sehnsucht oder die Verkörperung ihres Ideals von Männlichkeit zu sehen. Die Sehnsucht nach dem Manne hatte sie überhaupt niemals gequält und ihr Ideal war es, als Weib ein tüchtiger Arzt zu werden. Alles, was rein weiblich in ihrem Wesen war, fühlte sich befriedigt durch das Bewusstsein einen Menschen zu beglücken, und darum allein hielt sie in Treue fest an dem ersten Geliebten, für den sie bei ihren eifrigen Studien Zeit gefunden hatte. Am 26. Oktober 11 Uhr vormittags sollte die Hochzeit stattfinden. Die lieben Freunde, welche der feierlichen Handlung als Eideshelfer von beiden Seiten beiwohnen sollten, waren erst im Laufe des 25. in Zürich angekommen. Arnulf Rau und Gemahlin, die sich sowieso schon seit Wochen in der Schweiz aufgehalten hatten, waren in einem vornehmen Hotel abgestiegen und hatten am Abend die schöne Braut bei sich zu Gaste gesehen. Auch Fräulein Echdeler, die liebenswürdige Vorsitzende des Vereins zur Evolution der femininen Psyche, war im Laufe dieses Tages von Karlsruhe her eingetroffen, wo eine Zusammenkunft einiger hervorragender Führerinnen der Frauenbewegung stattgefunden hatte. Frau Stummer und das von ihr unzertrennliche Fräulein Wiesbeck weilten sowieso für den Winter in Zürich, wo die letztere imatrikuliert, die erstere als Hörerin bei der Universität eingeschrieben war. Der Bräutigam selbst traf erst am Abend, begleitet von Fräulein Hildegard Haider, die die Leitung des Geschäftes für einige Tage ihrer Schwester anvertraut hatte, und eines alten Couleurbruders, des Referendars Kuno Kulicke ein. Josef Reithmeyer war nämlich zwei Semester lang in Strassburg Burschenschafter gewesen und als solcher Leibfuchs des besagten Kuno Kulicke, welcher inzwischen zwar einem bedauerlichen Stumpfsinn ver- und durch das Assessorexamen zweimal durchgefallen war, im übrigen aber durch seine unentwegte Anhänglichkeit so viel seelische Schönheit enthüllt hatte, dass selbst der ästhetisch veranlagte jüngere Freund über seine sonstigen kleinen körperlichen, moralischen und intellektuellen Defekte hinwegzusehen sich veranlasst sah. Diese drei Herrschaften stiegen in einem Hotel ab, welches weniger durch Vornehmheit prunkte als durch massige Preise sich empfahl. Es war entschieden ein feiner, sympathischer Zug von Doktor Reithmeyer, dass er sich erst im letzten Augenblick an den Ort der feierlichen Handlung zu begeben vermochte – es widerstrebte seinem Zartgefühl, vor der Hochzeit längere Zeit mit der Geliebten zusammen zu sein, welche ihn nunmehr in ihrer Eigenschaft als Braut ein Recht auf Schutz ihrer Tugend zu besitzen schien. Er hatte ihr trotzdem noch am Abend seiner Ankunft einen Besuch in Cylinder, schwarzem Gehrock und reinem Hemdkragen abgestattet und, da er sie nicht zu Hause traf, ganz förmlich seine Karte dagelassen. Das Hochzeitsmahl sollte schlicht bürgerlich um 1 Uhr in einem besseren Restaurant stattfinden, in welchem Doktor Reithmeyer in den ersten Zeiten seines Züricher Aufenthalts eine Kellnerin poussiert hatte. Die ästhetische Grundstimmung im Wesen dieses vortrefflichen jungen Gelehrten hätte sich verletzt gefühlt durch die Wahl eines Festlokales, zu dem nicht die geringsten seelischen Beziehungen vorhanden waren. Am Morgen des sechsundzwanzigsten herrschte ein abscheuliches kaltes nasses Hundewetter. Der Wind, der den Schnürlregen in kompakten Schwaden über den See hertrieb, schien sich vorher auf den Eisfeldern der Alpen gehörig abgekühlt zu haben. Und als etwas nach 10 Uhr der Bräutigam mit seinen Beiständen Box und Kuno sich auf den Weg machten, um die holde Braut abzuholen, zitierte der erstere unter seinem Regenschirm seufzend die Anfangszeilen eines Gedichtes von Ernst von Wolzogen, das kürzlich im »Simplizissimus« erschienen war: »Plantschepitsch-Spagatlregen, Schokolad auf allen Wegen.« Die beiden Herren hatten ihre Lackstiefel in Galoschen geborgen und ihre Hosen hoch hinauf gekrämpt, Box ihren Sammtrock so weit als es der Anstand irgend erlaubte, aufgeschürzt. Die drei Herrschaften waren nicht wenig erstaunt, ihre schöne Freundin nicht daheim zu finden. »Ja, mein Gott, wo kann sie denn bloss stecken?« rief Box ziemlich sittlich entrüstet. »Eine Braut braucht doch mindestens eine Stunde zur Toilette – und gar Claire mit ihrer Langsamkeit!« »Hellig Krütz, uns Fräule thut heirate?« rief die dicke kleine Wirtin, ihre Aeuglein vor Erstaunen weit aufreissend. »Jawohl, um 11 Uhr ist die Trauung angesagt. Hat sie Ihnen denn gar keine Mitteilung davon gemacht?« fragte Doktor Reithmeyer nervös. »Noi, nix, koi Sterbenswörtli. S'ischt fort wie alli Tag ins Hoschpital. Von erer Hochzit häts nix verrate. Herrgöttli, Herrgöttli sall ischt a Frauvolk!« Der Bräutigam starrte ratlos Boxen, und Box nicht minder ratlos Herrn Kuno Kulicke an, und der Herr Referendar seinerseits suchte mit ernstem, starren Blick einen Halt an dem ungeheuren Busen der kleinen Wirtsfrau. Die drei Herrschaften standen also schweigsam, verraten und verkauft im Korridor, über dessen geölten Fussboden drei trübselige Bächlein, von den drei Schirmspitzen ausgehend, sich ein Gefälle suchten – als es klingelte und Fräulein Echdeler, Frau Stummer und Fräulein Wiesbeck erschienen. Auch diese drei Damen zeigten sich einigermassen erstaunt, die Braut eine Stunde vor der Trauung noch nicht daheim zu treffen, obgleich sie darauf vorbereitet waren, dass Claire de Fries keineswegs geneigt sei, die Zeremonie zur gesetzlichen Anerkennung ihres freien Liebesbundes besonders feierlich oder gar sentimental zu nehmen. Fräulein Wiesbeck erbot sich, auf Kosten des Bräutigams eine Droschke zu nehmen und nach dem pathologischen Institut, beziehungsweise, wenn sie dort nicht zu finden war, nach der Universitäts-Frauenklinik zu fahren. Es wurde dann verabredet, dass sie die Braut, sobald sie ihrer habhaft geworden wäre, veranlassen sollte sofort mit ihr zurückzukehren, Festkleidung anzulegen und dann alsbald in dem Restaurant, wo der Hochzeitsschmaus stattfinden sollte und das zufällig nicht weit vom Standesamt gelegen war, zu den übrigen zu stossen. Die ganze kleine Gesellschaft pilgerte darauf zu Fuss nach dem Restaurant und liess sich in dem allgemeinen Gastzimmer nieder. »Ungemütliches Lokal,« sagte Fräulein Echdeler frostig zusammenschauernd – und sie hatte recht. Der hohe orangegelb getünchte Raum war von altem Speise-,\> Bier- und Tabaksdunst erfüllt, da man wohl bei dem Regenwetter die morgendliche Lüftung unterlassen hatte. Die Wände glänzten speckig und der feuchte Niederschlag von Staub und Rauch hatte sie mit einem dichten Netzwerk schmutziger Rillen überzogen. Auch an den hohen Fensterscheiben lief der Regen noch immer grau gefärbt herunter, obwohl er schon stundenlang an der Schmutzkruste sich abgemüht hatte. Zwei grosse, entsetzlich gleichgültige Oelbilder und mehrere hohe Wandspiegel vermochten ebensowenig wie die geflickten roten Plüschsophas und die bunten Tischdecken den Eindruck vornehmer Behaglichkeit vorzutäuschen. Man hatte sich Bier und einen kleinen Imbiss bestellt, und als die Kellnerin das Getränk brachte, fragte sie Dr. Reithmeyer, ob sie wisse, was aus dem Lisli geworden sei. Das unsympatische Mädchen hatte keine Ahnung, die Dame am Büffet wusste auch nichts; es herrschte hier überhaupt seit einem Jahr ein anderer Wirt, wodurch die schwache seelische Beziehung, die Dr. Reithmeyer zu diesem Lokal hingezogen hatte, auch an Boden verlor. Dr. Reithmeyer konnte es der ganzen kleinen Gesellschaft am Gesicht ablesen, wie sehr sie seine Wahl missbilligte und darum fühlte er sich verpflichtet, eine entschuldigende Erklärung abzugeben. »Ja, ich finde das Lokal heute auch nicht hervorragend gemütlich,« wandte er sich an Fräulein Echdeler. »Aber was soll man machen? Ich habe hier mal eine Kellnerin poussiert – sie hiess Lisli – und dann lernte ich ja gleich Claire kennen und machte Gedichte. Auf diese Weise kam ich nicht dazu, mir intimere Kenntnisse auf dem Gebiet des Wirtshauswesens zu erwerben.« Durch mehr oder minder trübsäliges Lächeln und langsames Kopfschütteln nahmen die Anwesenden von dieser Erklärung Akt. Darauf fühlte Kuno Kulicke die Verpflichtung, dem drohenden Hereinbruch eines rettungslosen Stumpfsinns dadurch vorzubeugen, dass er sich gestattete, Hildegard Haider einen Halben vorzukommen. Box besass aber nicht das richtige Verständnis für diese Ehrenbezeugung, denn sie sagte nicht einmal »Prosit!«, obwohl Herr Kulicke in seiner weitgehenden Galanterie sogar die Löffelung ausgeschlossen hatte. Und als Dr. Reithmeyer ihm milde anriet, die öde Commentreiterei in Damengesellschaft doch lieber zu unterlassen, hiess ihn der ehemalige Leibbursch tiefgekränkt in die Kanne steigen. »Eins ist eins, zwei ist zwei, drei ist . . .!« Dr. Reithmeyer that ihm den Gefallen und spann bis es ihm geschenkt wurde, worauf er sich den Bart wischte und ganz vernehmlich »Kindskopf!« sagte. »Meine Herrschaften, Sie haben gehört, mein Leibfuchs hat mich Kindskopf genannt! Kindskopf ist touche, Kindskopf geht noch über Schafskopf! Seppl-Fuchs, wann gehen wir los?« Da Reithmeyer nur lächelnd die Achseln zuckte, fühlte sich Box veranlasst, den gekränkten Referendar zu beruhigen, indem sie ihm zu bedenken gab, dass einem Hochzeiter doch Kindsköpfe sehr nahe lägen. Nach dieser witzigen Anstrengung erfolgte eine kleine Pause, welche alsdann von Frau Stummer mit den Worten unterbrochen wurde: »Meine Herrschaften, wenn Sie fortfahren, sich derartig anzuöden, so werde ich mich veranlasst sehen, in einer nahegelegenen Konditorei eine Schokolade zu trinken.« Und der Bräutigam grollte: »Es scheint das allgemeine Bestreben zu sein, sich selbst und mir den Appetit zu verderben. Es ist doch im höchsten Grade rücksichtslos von Claire, uns hier sitzen zu lassen! An ihrem Hochzeitstag schwelgt sie vielleicht in einer Sektion, während wir hier Bratwürste essen müssen. Ich wünschte, ich wäre Lisli treu geblieben, dann wäre ich sicher heute schon wieder geschieden – während ich so nicht einmal zu meiner wohlverdienten Hochzeit komme!« Fräulein Echdeler und Frau Stummer lachten so gedämpft, wie es der Eigenart des Lokals entsprach und Kuno Kulicke trank Frau Stummer seine zweite Blume zu und intonierte, nachdem er sich durch einen gehörigen Schluck gestärkt hatte, den schönen Rundgesang: »Lisli, die soll leben, soll leben, soll leben – Lisli lebe hoch!« und dann wandte er sich an seine Nachbarin Box und sang noch diskreter die vierte Strophe: »Auch in Leipzig an der Pleiss' Giebt es gute Gose, Sieht sie auch so gelblichweiss, Schmeckt wie Wein und Sauce. Schwester, Ihr Herzliebster heisst?« »Kuno,« erklärte Box schmachtend. »Chorus, tutti!« kommandierte der alte Bursch auflebend. »Kuno, der soll leben, soll leben . . .« Aber es sang niemand mit und da gab er peinlich berührt den Versuch, Stimmung zu machen, auf. Es vergingen nicht fünf Minuten, ohne dass einer der Anwesenden nach der Uhr schaute. Es war nun zehn Minuten vor elf. Der Regen hatte nachgelassen, die Sonne war durch das dichte Gewölk gebrochen und einige Strahlen waren sogar durch die reingewaschenen Scheiben in das orangegelbe Wartezimmer der Hochzeitsgesellschaft gedrungen. Dieser pompöse Moment wäre so günstig gewesen zur Vornahme der heiligen Handlung – aber die Braut liess immer noch auf sich warten. Die Anwandlung von Galgenhumor bei dein Bräutigam war auch schon wieder verschwunden und eine nervöse Ungeduld hatte ihn gepackt, die ihn nicht mehr ruhig auf seinem Stuhle sitzen liess. Er lief auf die Strasse hinaus, barhäuptig und ohne Schonung seiner Lackstiefeln. Wagen auf Wagen rollte vorüber – keiner hielt vor dem Restaurant. Da ging er wieder hinein und liess sich das »Journal amüsant« geben. Aus Achtung vor seinem Schmerz griffen auch die Uebrigen zu den Zeitungen und versteckten ihre Gesichter dahinter. Niemand sprach ein Wort. Kuno hüllte sich in Rauchwolken und trank ein drittes Glas Bier dazu. Von Zeit zu Zeit raschelte das Papier beim Umwenden der Blätter und das Spülmädchen klapperte mit den Kaffeetassen, die sie am Büffet aufstellte, sonst aber war es ängstlich still, wie im Vorzimmer eines Zahnarztes. Es war ein viertel über elf, als Doktor Reithmeyer wütend das »Journal amüsant« zusammenrollte und auf den Tisch warf, dass es knallte. »Wenn sie nicht will, dann heiraten wir eben nicht,« knirschte er. »Aber dann ist's auch aus mit uns. Ich habe keine Lust, mich zum Gespött der Menschheit zu machen.« Da schlug Kuno Kulicke mit gleicher Vehemenz den »Wiener Floh« auf den Tisch und sprach: »Nee, weisst Du, Freundchen, es ist aber auch doll! Dein Fräulein Braut ist doch akademische Bürgerin, scheint aber nicht den leisesten Begriff vom Komment zu haben. Ich beantrage, sie in den grossen B. V. zu erklären.« In diesem Augenblicke ging die Thür auf und herein stürzte atemlos Fräulein Wiesbeck. Die ganze Gesellschaft sprang auf und eilte ihr entgegen. »Ist sie da?« riefen alle wie aus einem Munde. »Ja wohl,« keuchte Fräulein Wiesbeck, »unten im Wagen sitzt sie.« »Angezogen?« fragte Box. »Nein, so wie sie gerade war; aber das macht nichts, sie sieht ganz anständig aus und heute früh hat sie so wie so reine Wäsche angezogen, sagt sie. Sie hatte eine Operation in der Frauenklinik, die sie unmöglich versäumen konnte, fabelhaft interessant. – Na, nu kommt nur fix, sonst ist der Standesbeamte fort.« Da man schon gezahlt hatte, verursachte der Aufbruch keine Verzögerung. Dr. Reithmeyer sprang in die Droschke, den Ueberzieher auf dem Arm, die Galloschen in der Hand und setzte sich neben Claire de Fries. Box und der Referendar Kuno klemmten sich auf den schmalen Rücksitz, da sie als Zeugen mit dabei sein mussten. Die übrigen drei Damen gingen zu Fuss hinterher, da just keine Droschke in der Nähe war. Box und Claire begrüssten sich herzlich und Dr. Reithmeyer stellte der Braut seinen Freund Kulicke vor; er selbst vermied es, sie anzuschauen und reichte ihr nicht einmal die Hand. »Na!? – sag mir doch wenigstens ordentlich guten Tag!« begann Claire, nachdem sie zwei Minuten lang schweigend dahingerasselt waren. Und sie schmiegte sich an ihn und schob ihren Arm durch den seinen. »Es war ja unartig von mir, Euch so lange warten zu lassen, aber an unserem Hochzeitstage brauchst Du doch nicht gleich das Brummen anzufangen. Du darfst nicht vergessen, dass ich ein halbes Jahr vor dem Examen stehe. Die Operationskurse sind jetzt für mich von der allerhöchsten Wichtigkeit; heiraten kann man schliesslich alle Tage, aber eine Ovariotomie wegen 7 Pfund schweren multiloculärem Myxoidcystoms ovarii dextri bei uterus bicornis mit Gravidität des linken Horns – das ist schon eine minder häufige Sache! – Ich sage Dir, der Professor hat heute wieder mit einer Eleganz gearbeitet – es war entzückend! Ich musste die Narkose der Patientin beaufsichtigen; darum konnte ich natürlich nicht fort, ehe sie wieder zum Bewusstsein gekommen war. Sie wird jedenfalls sterben – aber die Operation ist glänzend gelungen. Ich sage Dir, die Accuratesse, mit der unser Professor einen Bauch aufschlitzt und die Gedärmchen so nett beiseite packt wie ein Charcutier, der die Wurstwaren in seiner Auslage arrangiert, das ist wirklich himmlisch!« »Hör' auf, mir wird übel!« rief der Bräutigam, verzweifelt die Hände ringend. »Ich wette, Du hast heute noch mit keinem Gedanken an die Bedeutung dieses Tages gedacht!' »Offen gestanden, nein,« erwiderte sie ganz ruhig. »Vor einer solchen Operation darf man sich nicht zerstreuen.« Der Wagen rasselte entsetzlich über das Granitpflaster und Dr. Reithmeyer schrie laut, indem er seinen Freund Kuno dabei aufs Knie schlug: »Hast Dus gehört, Kuno? Heiraten nennt sie eine Zerstreuung!« Der befrackte Referendar machte ein Gesicht, so erstaunt wie ein Frosch, der zum erstenmal ein Krokodil sieht. Er hatte zwar schon bei der Hochzeit zweier Schwestern und mehrerer Cousinen assistiert, aber so etwas war ihm denn doch noch nicht vorgekommen! Und dabei war diese Braut, die mit dem Behagen einer Stierkampf-begeisterten Spanierin in der Erinnerung an solche blutige Metzelei schwelgte, eine schöne Blondine von zarter Ueppigkeit, ein Weib, wie geschaffen zur Liebe! Kuno starrte das Phänomen an wie hypnotisiert; Box dagegen amüsierte sich ungeheuer. Dies war ein Triumph der Emanzipation, der sie als Mitweib mit Stolz erfüllte. Es musste diesem Männervolk endlich einmal deutlich zum Bewusstsein gebracht werden, dass es die höheren Interessen nicht in Erbpacht genommen habe. Der Wagen hielt vor dem Standesamt. Box sprang zuerst hinaus, Kuno Kulicke folgte ihr schwerfällig nach und spannte seinen Regenschirm auf, um die Braut zu beschirmen, denn es hatte inzwischen wieder fröhlich zu giessen begonnen. Der Bräutigam entstieg als letzter dem Wagen und zahlte, während die drei Andern schleunigst in das Gebäude flüchteten. Im Vorzimmer des Amtslokals erwarteten Arnulf Rau und Gattin bereits seit einer Stunde die Hochzeitsgesellschaft und die Herzlichkeit, mit der sonst ein Brautpaar an so bedeutungsvoller Stätte begrüsst zu werden pflegt, litt merklich unter der nervösen Aufregung, die sich der Herrschaften während jener kleinen Ewigkeit bemächtigt hatte. Der Standesbeamte war schon zweimal im Vorzimmer erschienen, zum Heimgehen bereit und hatte sich nur auf dringendes Zureden des schönen Arnulf zu weiterem Warten bewegen lassen. Der Kanzleidiener war sofort hineingegangen, um zu melden, dass die Herrschaften endlich zur Stelle seien und man konnte es deutlich im Vorzimmer hören, wie der Herr Civilstandsbeamte drinnen mit einem nationalen Fluch anordnete, dass sich die »chaibi G'sell-schaft« sofort hereinscheren sollte. Ohne die Ankunft der drei Damen, die ja auch nicht unbedingt dabei vonnöten waren, abzuwarten, betrat nunmehr das Brautpaar, von den beiden Zeugen und den zwei weiteren Freunden begleitet, das Amtszimmer. Der Beamte, ein dicker, kleiner Herr mit einer Platte, in einen engen Frack gezwängt, stand bereits hinter seinem Tische und fixierte das Brautpaar grimmig durch seine goldene Brille. »Es schint dene Herrschafte nüt grad' sölli zu pressiere mit dem heilige Ehestand,« empfing er sie ungnädig. »Sind Sie sich, wenn ich frage darf, jetze über Ihr Vorhabe einig worden oder nüt?« »Es war meine Schuld, Herr Civilstandsbeamter,« sagte Claire de Fries in ihren lieblichsten Tönen, indem sie sich artig gegen den Beamten verbeugte. »Ich musste einer Operation in der Universitäts-Frauenklinik assistieren, die ich unmöglich versäumen durfte. Es handelte sich um eine Ovariotomie wegen multiloculären Myxoidcystoms des rechten Ovariums, und denken Sie sich, welche Rarität! als Nebenbefund noch ein uterus bicornis bei . . . .« Doktor Reithmeyer zupfte seine Braut am Aermel und flüsterte ihr zu: »Aber Claire, das gehört doch wirklich nicht zur Sache!« »Sind Sie die Braut?« fragte der Beamte, den wenig festlichen Anzug der schönen Dame einigermassen erstaunt musternd. Sie hatte nämlich über ihrem Gewände einen Gummiregenmantel und auf dem Kopfe einen Matrosenhut von Lackleder, der gleichfalls für das Regenwetter eingerichtet war. Sie bejahte die Frage und bat um die Erlaubnis, den Mantel ablegen zu dürfen, da es etwas warm in dem Lokal sei. »Bemühet Se sich doch nüt unnötig, Jungfer,« rief der Beamte ungeduldig. »In fünf Minuten is schon alles g'schehn.« »Muss ich die Handschuhe ausziehen?« fragte Claire wiederum. »Oh du Herrgöttli, weshalb denn?« »Ich dachte wegen dem Ringewechseln.« »Hie wird nüt g'wechslet, hie wird numme unterschriwwe! 's ander' isch dem Herr Pfarrer si Sach.« »Oh, wir lassen uns natürlich nicht kirchlich trauen!« rief Claire beinahe entrüstet. Der kleine, dicke Herr, dem vor Hunger schon der Magen knurrte, umsomehr, da er wusste, dass es heute seine Leibspeise Bölewäihe gab, war mit seiner Geduld am Ende. »Das gaht mich nüt a'n!« fuhr er auf. »Minetwegen chönnen Sie sich bi de Kaffere traue la'n! Sie hän überhaupt numme mit »Ja« oder »Nein« zu antworte.« Nun ergriff Josef Reithmeyer seine Braut energisch bei der Hand und stellte sich mit ihr vor den grünen Tisch. Der Beamte las ihnen im eiligsten Tempo das Aktenstück vor, welches die Beurkundung ihrer Aufnahme in den ehrsamen Stand der Eheleute enthielt und richtete dann ohne jeglichen Aufwand von Pathos die Schicksalsfrage an sie: »Und wenn Ihr einander went, so gebet einander die rechte Hand und sprechet ein deutliches, vernehmliches Ja.« Doktor Reithmeyer stiess sein Ja in leicht gerührter Aufregung hastig hervor, während Claire ihrer Zustimmung durch eine ganz kleine Variante einen humoristisch-ironischen Beigeschmack gab; sie sagte nämlich nicht einfach Ja, sondern – nach einem ganz kurzen Zögern – gutmütig lächelnd: »Na ja.« Sodann wurde ihnen das Dokument zur Unterschrift vorgelegt und nachdem die Braut ihre volle Firma: Claire Reithmeyer, geborene de Fries, cand. med., in stolzen, steilen Zügen darunter gesetzt hatte, waren sie nun also richtig Mann und Frau. Die Echdeler, die Stummer und die Wiesbeck kamen gerade während des Unterschreibens atemlos, mit triefenden Regenschirmen hereingestürzt und wurden von dem Beamten wegen Verunreinigung des Amtslokales scharf angefahren. Darauf zog sich der bürgerliche Hüter des heiligen Ehestandes durch eine zweite Thüre schleunigst zurück und das junge Ehepaar nahm die Händedrücke der lieben Freunde entgegen. Ein Schreiber händigte dem Bräutigam das Verehelichungszeugnis aus und dieser entrichtete die Gebühren, womit dann die erhebende Feierlichkeit endgiltig ausgestanden war. Die ganze kleine Hochzeitsgesellschaft verfügte sich nunmehr auf die Strasse in den noch immer strömenden Regen hinaus. Kuno Kulicke besorgte drei Droschken; die Raus und Fräulein Echdeler besetzten die eine, – die jungen Leute, d. h. die Stummer, die Wiesbeck, Box und Kuno die zweite und in der dritten liess man das Ehepaar allein fahren. Ein wenig zaghaft legte Dr. Reithmeyer, als er sich endlich mit seiner Gattin allein sah, den Arm um ihre Hüfte und drückte zärtlich gerührt ihre Hände, ohne ein Wort dabei zu sprechen. Freundlich lächelnd blickte sie ihm ins Gesicht und dann gab sie ihm einen herzlichen Kuss. »Guten Morgen, lieber Freund!« sagte sie lustig: »Das hatten wir ganz vergessen. Na, wie geht's Dir eigentlich? Bist Du mir auch noch ein bischen gut?« »Ach, Du!« rief er zärtlich und drückte sie an sich: »Verdient hast Du's eigentlich nicht.« Sie schwiegen beide und gaben sich nur durch öfteres gelindes Pressen der ineinander liegenden Hände zu verstehen, dass sie es einander gut meinten. Erst kurz vor ihrem Ziel brach er das träumerische Schweigen, indem er ihr zuflüsterte: »Sag mir, Claire, bist Du glücklich?« »Ach ja,« gab sie mit strahlenden Augen zurück: »Morgen darf ich zum erstenmal selbständig eine Naht machen!« »Du bist ein grässliches Frauenzimmer!« lachte er halb ärgerlich, halb belustigt. Und sie zauste ihm zärtlich den Bart und sagte: »Teurer Seppl, daran musst Du Dich gewöhnen: erst die Wissenschaft und dann das Vergnügen. Du hast ja meine Bedingungen gekannt. Jetzt habe ich übrigens schrecklichen Hunger.« Der Wagen hielt. Der galante Referendar stand schon mit dem aufgespannten Regenschirm bereit, denn die übrige Gesellschaft war vorausgefahren und bereits in dem reservierten Hinterzimmer des Restaurants versammelt. Nun die Frau Doktor Reithmeyer ihren grässlichen Lackhut und den Gummimantel abgelegt hatte, sah sie auch trotz ihres sehr einfachen Anzuges – es war ein glatt anliegendes, dunkelgrünes Tuchkleid mit gestärktem Kragen und Manschetten – recht nett und anständig aus. Da ausser Frau Arnulf Rau, die eine elegante, seidene Visitentoilette trug, keine der Damen besondere Anstrengungen gemacht hatte, so fiel auch die Einfachheit der jungen Gattin nicht weiter als unpassend auf. Von den Herren war nur der korrekte Referendar im Frack erschienen, während Dr. Reithmeyer einen ganz neuen, sehr langen schwarzen Gehrock, und Arnulf Rau »full dress jacket«, jenes elegante Kleidungsstück, welches man auf deutsch widersinnigerweise »Smoking« zu nennen pflegt, angelegt hatte. Die Tafel war sauber und anständig gedeckt, wenngleich ohne jeden Prunk. Der Zahlkellner und das unsympathische Mädchen bedienten. Es gab Krebssuppe, Forellen, getrüffelte Poularden, eine süsse Speise und Eis. Zur süssen Speise erschien der Champagner – immerhin eine bessere Marke, wenn auch nicht Pommery. Er traf bereits auf eine heiter angeregte Stimmung. Man erwartete selbstverständlich eine Festrede von Arnulf Rau; umsomehr, als die meisten Tischgenossen durch Andeutungen seiner Gattin wussten, dass er bereits wohlvorbereitet in Zürich angekommen sei. Es war daher keine geringe Ueberraschung, als plötzlich der Bräutigam selbst, den niemand jemals als Redner kenner gelernt hatte, an sein Glas klopfte. Er stand mit so verlegener Miene da, dass alle mit mitleidvoller Fassung einem kleinen Unglücksfall entgegensahen. Er ersuchte die Bedienung mit leiser Stimme, sich zurückzuziehen, und dann begann er, zunächst etwas ängstlich, bald aber mit vollerem, freierem Tone folgende Strophen frei aus dem Gedächtnis herzusagen: »Willkommen ruf ich Euch, Ihr lieben Gäste! Für Eure Freundschaft sag ich schlichten Dank. Ihr kommt zu einem wunderlichen Feste, Zu einer Hochzeit ohne Sang und Klang. Und dennoch, mein' ich, soll uns armen Seelen Die rechte Weihe heut mit nichten fehlen. Hierher lasst unsre Kirche uns verpflanzen, Ins eigne Heim, in lieber Freunde Kreis, Hierher wo jenen schwarzen, schlauen Schranzen Der heil'gen Dummheit doch am End zu heiss Der Boden untern Füssen möchte werden, Weil keine Höll' uns schreckt, als die auf Erden. Es hat den Giftzahn ungezählter Tanten Mein holdes Lieb auf sich gezückt geseh'n – Auch aus dem Kreis der teuren Anverwandten Hiess man die Schmachbeladne finster gehn – Und meine Mutter dreht sich um im Grabe, Weil die Gefall'ne ich erhöhet habe Wir waren reif schon für des Himmels Strafe, Da hat ein Strahl der Gnade uns erhellt – Und freudig zieht die armen räud'gen Schafe An ihre Brust die bürgerliche Welt, Dass in des Anstands reinlichen Bezirken Von nun an sie der Tugend Werke wirken! Und wie ich meine Hände bebend breite Zu Dank und Segen auf dies blonde Haupt, Das stolz sich aufrecht trug im schlimmen Streite, Und lachend litt, weil es an mich geglaubt – Wie ich es segne in der Liebe Namen So sprecht zu meinem Segen Ihr das Amen. Seid Ihr uns Priester, gebt uns Euren Segen, Ehrwürdig seid Ihr, weil Ihr Menschen seid, Weil Euer Herz mit hellen Glockenschlägen All' menschlich Fühlen mitleidfroh geweiht. Wer unter Menschenbosheit stolz gelitten, Der hat die ächten Weihen sich erstritten. Er hatte die beiden letzten Strophen in tiefer Bewegung gesprochen und nur mit grösster Mühe Thränen der Rührung zurückgehalten. Seine Rechte ruhte immer noch auf der schönen Claire goldenem Haar als er geendet hatte. Und nun wandte sie unter dem leichten Druck seiner Hand den Kopf ihm zu und sie blickten einander innig in die feuchtschimmernden Augen. Da richtete sich die junge Gattin empor und streckte mit einer ganz unbewusst anmutigen Bewegung die Arme dem Geliebten entgegen. Sie zog ihn an sich und küsste ihn auf den Mund. Das erschien so einfach und natürlich und wirkte doch in seiner schlichten Lieblichkeit ergreifend wie eine heilige Handlung an geweihtem Orte. Alle kamen sie mit den Gläsern in der Hand und stiessen schweigend und gerührt mit den Neuvermählten an. Dann durften der Kellner und das unsympathische Mädchen wieder herein und das Eis auftragen. Arnulf Rau löffelte mit gerunzelter Stirn winzige Klümpchen davon hinein. Reithmeyer hatte ihm in seinen Versen einiges vorweg genommen, was er selbst in seiner Rede sagen gewollt, und nun musste er in Gedanken eiligst umkomponieren. Aber sobald die Bedienung hinaus war, erhob er sich feierlich und klopfte an sein Glas. Alle legten sich in ihre Stühle zurück wie im Theater, wenn der Vorhang aufgeht, denn von Arnulf Rau hatte man sicher eine interessante Rede zu gewärtigen. Und er sprach: »Meine lieben Freunde und Freundinnen! In trostloser Nüchternheit haben wir ein bürgerliches Rechtsgeschäft vollziehen gesehen, und Regenströme aus blaugrauem Himmel haben alle Schönheit, die wir uns von diesem Festtag erwarteten, zu ersäufen versucht – da ist unser lieber Freund Josef Reithmeyer sich selbst und uns allen zu Hilfe gekommen und hat den Glanz seiner Verse als helle Hochzeitsfackel über unsere trauliche Versammlung leuchten lassen. Und das ist eben das Bedeutsame an dieser schlichten Feier, dass sie ihre Schönheit und ihre Weihe aus eigener Kraft bestreitet, ohne jede Anleihe bei der Kirche, die doch dem Einzelschicksal gleichgiltig gegenübersteht, noch bei der Sitte der Gesellschaft, die mit ihrem fest normierten Prunk und Trubel das Bündnis echter Liebe, ebenso umjubelt wie das schmachvollste Kaufgeschäft, das Mann und Weib aneinander verhandelt. Unser Freund Josef Reithmeyer und unsere Freundin Claire de Fries haben sich selbst den Segen erteilt – und sie haben ein Recht zu dieser stolzen Handlung. Sie sind beide Freigewordene, sich bewusst, dass sie vor sich selbst verantwortlich sind für ihr Thun und Lassen. Sie haben sich geprüft, ehe sie sich gebunden, und ihre Liebe hat sich als echt bewährt. Wenn sie von heute an erst diese Liebe eine Ehe nennen, so dürfen sie die feste Zuversicht hegen, dass sich diese Ehe als eine wahre Ehe erproben werde, die darum unlösbar ist, weil in ihr die Seelen immer fester mit einander verwachsen in gegenseitigem Verstehen und Verzeihen. Das Letztere möchte ich als die Hauptsache bezeichnen, denn Menschen untereinander haben sich immer etwas zu verzeihen, weil niemals zwei Willen dauernd denselben Weg mitsammen gehen können. Aber, meine Freunde, ich will Euch nicht von der Liebe predigen – die Liebe ist die beste, von der man am wenigsten Worte macht – etwas anderes liegt mir am Herzen: Diese Hochzeit gewinnt für mich, der ich das Wort von dem dritten Geschlecht in die Welt geworfen habe, eine symptomatische Bedeutung. Unsere liebe Freundin Claire wird gewiss von den Toten, die sie Gott sei Dank begraben hat, d. h. von ihrer lieben Familie und allen anderen lieben Familien in der Heerde der noch Unerweckten, für eine Emanzipierte angesehen, für ein Weib also, das die Scham ihres Geschlechtes von sich gethan und keck in die Welt hinausgezogen ist, um Seite an Seite mit dem Manne um ihre Existenz zu ringen, ja noch mehr, um sich frei auszuleben jenseits der Schranken, die die Sitte um ihr Geschlecht gezogen hat. Gehört sie etwa jenem Geschlecht an, das ich verkündet habe? Ist sie ein Menschending , nicht Fisch noch Fleisch, dessen Gehirn seine Funktion ausübt in der Richtung auf ein zu bestehendes Staatsexamen in der Medizin? Ihr Frauen, die Ihr stolz seid auf das, was Eure Schwester schon geleistet hat im harten Kampfe um die Bethätigung ihres freien Willens, Ihr werdet vielleicht sagen, sie sei ein Ueberweib , das die Schwächen ihrer Natur und die demütige Sehnsucht nach dem Schutze des Mannes bereits überwunden habe; ich aber sage Euch als Mann – und jeder Mann, der sie kennt, wird mit mir das Gleiche sagen: – sie ist kein Mannweib und kein Dingweib , sondern einfach Weib, unzweifelhaft zweites Geschlecht . Ihr Wesen atmet den charme, das Parfüm des Weibes und ihr wäre es nicht gegeben ohne Liebe durchs Leben zu gehen. Sie soll uns beweisen, dass man ganz Weib und dennoch freier Mensch sein kann, hingebende Geliebte dem Manne ihrer Wahl und doch ihr eigenes Geistesleben lebend und ihren selbständigen Beruf erfüllend. Auch unser Freund Josef Reithmeyer wird es mir nicht übel nehmen, wenn ich zu seinen Gunsten kein neues Geschlecht kreiere, ja ihn nicht einmal zu den Uebermenschen zähle. Lieber Sepperl, Du bist sogar ein ganz gewöhnlicher Mann. Du hast dem Staate Deine Dienste gewidmet als Führer reiferer Knaben zu den Quellen der Schönheit und Erkenntnis in unserer Litteratur. Du hast immer redlich Deine Pflicht gethan und nichts Grenzenloses erstrebt. Aber Du hast immer den Mut Deiner Ueberzeugung bethätigt und das hat Dich aus der Heerde herausgehoben und zu einem Eigenen gestempelt. Und das Tiefste Deines Wesens, Deine stärkste Potenz hast Du in Deiner Liebe hervorgekehrt. Wir wissen alle, dass Du innerlich freier bist als Du es nach aussen scheinen darfst, und dass Du Dich nur unter die Formel der Sitte beugst aus äusseren Gründen und weil diese Formel dem Wesen Deiner Liebe doch nimmer schaden kann. Das beste, was man darum eurer jungen Ehe für die Zukunft wünschen kann ist, dass sie immer so gut wie wild bleiben möge . Und wenn Du erst Professor bist und Miene machst in die Zahmheit einzulenken, dann möge Frau Claire erst recht wild werden, um Dir einen heilsamen Schrecken einzujagen. Man behauptet ja, dass die echten Weiber der Natur noch viel näher ständen als wir und ein ewig ungebändigt wildes Erbteil in sich verborgen trügen. Was ich Euch aber ganz besonders an diesem bedeutungsvollen Tage zurufen möchte, das ist dieses: vergesst nicht, dass Ihr berufen seid durch Euer Beispiel siegreich anzukämpfen gegen jenes wirkliche dritte Geschlecht , dessen Existenz ich Euch nachgewiesen habe, gegen verwässerte Mannesseelen in reizlosen Weiberhüllen, die ihren dummen Stolz darein setzen, die heilige Sehnsucht in sich ertötet zu haben, die ihre Pflichten gegen die Natur verhöhnen, indem sie schwärmen von ihrem Rechte in der Kultur mitzubauen. Arme Seelen im Fegfeuer, für die niemand betet – das ist das dritte Geschlecht, welches unsere sozialen Missverhältnisse und ungesunden Emanzipationsbestrebungen grossziehen. Ihr beiden Lieben aber sollt den in der Irre tappenden da draussen beweisen, dass man ganz Geschlechtswesen und dennoch ganz freier, moderner Mensch sein kann. Herr Dr. phil. und Frau Dr. med., thut Euch in Liebe zusammen und zeugt kräftige Buben und Mädeln, nähret sie gemeinsam mit der Speise Eures Wissens und Eurer Erfahrung und gebt ihnen die gleichen Waffen zum Kampf gegen die Dummheit und die Gewohnheit in die Hände. An der frohen Kraft der Knaben möge der Mut der Mädchen erstarken und der rohe Fauststolz der Knaben an dem Zartsinn der Mädchen sich brechen. – So werdet Ihr ein Geschlecht von freien Menschen erziehen, das sich aber dennoch seiner zweierlei Art nicht schämt und keinen lächerlichen Kriegsfall macht aus der Etiquettenfrage des Vortritts der Hose vor dem Unterrock. Sepp und Claire, meine Geliebten, ich grüsse Euch als die Stammeltern eines neuen und herrlichen Geschlechtes! In diesem Sinne: Hipp, hipp, hipp, Hurrah!« Der Toast wurde mit Jubel aufgenommen und Arnulf Rau zu seiner glänzenden Beredsamkeit beglückwünscht. Lachen und Scherzen und ernsthafte Debatte über die angeschlagenen Fragen wogten laut durcheinander. Fröhlicher Lärm, erhitzte Gesichter, Gläserklingen und blaue Tabakswolken, das war das Ende dieses denkwürdigen Hochzeitsmahles. Mitten im ärgsten Lärm begehrte Kuno Kulicke von seiner Nachbarin Box zu wissen, ob es denn nicht angebracht und nötig sei einen Toast auf die Damen auszubringen worauf er zu seiner Verblüffung den Bescheid erhielt, dass es hier überhaupt keine Damen , sondern nur Männer und Frauen gäbe. Nachdem Kuno Kulicke abermals eine kleine Weile überlegt hatte, machte er Box darauf aufmerksam, dass noch mit keinem Worte der gottgeliebten Eltern und Schwiegereltern gedacht worden sei. Sein offizielles Gewissen liess ihm eben keine Ruhe. Aber Box sah eine Blamage für den guten Referendar und eine Störung der Stimmung voraus, wenn sie ihn seinem Dämon folgen liesse und deshalb erhob sie sich lieber selber und brachte mit wenigen Worten ein Hoch aus auf den Boten aus der andern Welt, der es nicht verschmäht hatte den Frieden seiner geordneten Anschauungen zu verlassen, um dem Freunde beizustehen gegen die verdächtige Gesellschaft, in der er sich bewegte, ein Hoch auf den liebenswürdigen und unentwegten Herrn Referendar Kuno Kulicke! Der also Gefeierte kam leider nicht mehr dazu, das Wort zur Replik zu ergreifen, denn es erfolgte nun bald der allgemeine Aufbruch. Man ging in ein Cafe und am Abend besuchte man gemeinsam ein besseres Konzert, um den schönen Tag harmonisch ausklingen zu lassen. Arnulf Rau engagierte alsdann den immer noch aufrechten Referendar zu einer nächtlichen Weinreise, während die Damen in ihre verschiedenen Losamente zurückkehrten. Beim Nachhauseweg blieb Dr. Reithmeyer absichtlich mit Claire zurück, um sie endlich einmal für ein paar Minuten unter vier Augen zu geniessen. »Lass mich mit Dir gehen heute,« bat er. »Um Gotteswillen!« rief sie ganz entsetzt: »was fällt Dir denn ein?« »Ja, warum denn nicht? Ich bin doch jetzt Dein Mann!« »Eben darum! Früher, wie wir zusammen wohnten, das war ganz etwas anderes, aber jetzt kann ich doch unmöglich des Nachts einen Herrn mitbringen. Ich müsste mich ja zu Tode schämen!« »Aber Deine Wirtin weiss doch, dass wir verheiratet sind«, beharrte er. Doch sie liess sich von ihrer Weigerung nicht abbringen. Schweigend ging sie eine Zeit lang neben ihm her. Dann sprach sie, zärtlich seinen Arm drückend: »Weisst Du was, wenn morgen schönes Wetter ist, dann fahren wir mit dem Dampfschiff irgendwo hin – nachmittags natürlich, denn vormittags muss ich in die Klinik – und dann gehen wir in den Wald, wo's ganz einsam ist und . . .« »Und werden vom Flurschützen aufgeschrieben. Ich danke schön!« rief er komisch verzweifelt. Und sie antwortete: »Ach, weisst Du, das wäre immer noch besser, als wie das Schmunzeln und Blinzeln meiner Wirtin über sich ergehen zu lassen. Ihr Männer habt eben kein Zartgefühl.« Auch alle seine Versuche, die junge Gattin zu einer kleinen Hochzeitsreise, sei sie auch nur auf zwei oder drei Tage, zu überreden, waren erfolglos. Sie versprach, in den Weihnachtsferien nach München zu kommen und sein Junggesellenheim auf vierzehn Tage durch ihre Gegenwart zu verschönern, aber im übrigen wollte sie bis nach dem Examen Gattin in absentia bleiben. Am andern Tage trat Doktor Reithmeyer dennoch seine Hochzeitsreise an, aber nicht mit der angetrauten Gattin, sondern mit Hildegard Haider, die die paar Feiertage, die sie sich vergönnen durfte, zu einer kleinen Schweizerreise ausnutzen wollte. Er hatte Clairen garnicht wiedergesehen, denn er mochte die Qual, der er sich nicht gewachsen fühlte, nicht unnötig verlängern. Box tröstete den Aufgeregten so gut sie es vermochte: er solle doch Respekt haben vor der grossartigen Energie seiner Frau. »Ich will aber keinen Respekt, ich will Liebe haben!« knirschte er grimmig. Box zuckte die Achseln: »Der Festredner von gestern hat Recht gehabt: Sie sind ein ganz gewöhnlicher Mann! « In der sonst so stillen Adelgundenstrasse zu München gab es am ersten November dieses Jahres einen kleinen Auflauf. Um zehn Uhr vormittags erst war von dem niedrigen Fenster eines Erdgeschosses der Rollladen in die Höhe gezogen worden und hatte den erstaunten Blicken der Vorübergehenden ein ganz eigenartiges Bild enthüllt. Vermittelst einer grossen Spiegelscheibe und einer dahinter angebrachten kastenartigen Holzverschalung war das einfache Fenster in eine Auslage verwandelt worden, und diese Auslage war so neu und seltsam, dass, wie gesagt, alsbald ein förmlicher Auflauf davor entstand und im weiteren Verlauf des Tages sich Herren und namentlich Damen der besten Gesellschaft wie auf Verabredung in der Adelgundenstrasse einstellten und lange unter lebhaftem Meinungsaustausch vor dem Fenster stehen blieben. Sämtliche Wände der Holzverschalung waren mit schönen Stoffen in geschicktem Faltenwurf verkleidet. Dem Boden war durch darüber gestreute künstliche Blumen und Federn das Aussehen eines seltsamen Teppichs gegeben, und in der Mitte des Teppichs stand die etwa einen halben Meter hohe, leichtgetönte Statuette der Venus von Milo. Auf kleinen Staffeleien hinter der Venus stehend, sowie an goldenen Schnüren an den Wänden hängend, bot sich den Beschauern eine kleine Sammlung ausserordentlich fein ausgeführter Aquarell- und Pastellgemälde in höchst geschmackvollen, zum Teil echten alten Rahmen. Und diese Gemälde stellten alle dieselbe wunderschöne junge Dame dar, zum Teil als Kopfstück mit phantastischen und dennoch ausserordentlich kleidsamen Hutgebilden auf dem reichen aschblonden Haar, meist jedoch in ganzer Figur, in höchst eleganter und doch von der herrschenden Mode eigenartig abweichender Gewandung. Hoch oben hinter der Spiegelscheibe waren Goldbuchstaben befestigt, welche die neue Firma lesen liessen: Lilly v. Robiceck, Modes et Robes. Die zu dieser Auslage gehörige Wohnung bestand aus vier Zimmern. Von dem engen Vorflur aus, in dem in einer alten silbernen Kirchenampel ein ewiges Licht brannte, roten Dämmerschein in dem einfach mit schabloniertem Rupfen ausgeschlagenen Raum verbreitend, gelangte man zunächst in das grosse Vorderzimmer nach der Strasse zu, welches auch die Auslage enthielt. Bunte Stores dämpften hier angenehm das Tageslicht, die Wände waren, einschliesslich des Plafonds, mit grossblumigem englischen Baumwollstoffe verkleidet. Das Möblement bestand aus einem grossen festen Pfeilerspiegel, einem zweiten in einem Gestell drehbaren und mit Rollfüssen versehenen Spiegel, einer grossen Etagère mit teils offenen, teils verschliessbaren Fächern und Kästen für die Stoffproben und dergleichen, einem grossen und mehreren kleinen Tischen, einem Sofa und einigen Polsterstühlen. Alle diese Möbel zeigten ganz eigenartige Formen, im Geschmack der neuesten Münchener Reformatoren des Kunstgewerbes. Es waren keine durch aufdringliche Kostbarkeit prunkenden Stücke darunter, aber jedes von derselben vornehmen Einfachheit und durch Material, Form und Farbe von dem Gewöhnlichen abweichend. In den Stoffbezügen der Möbel sowie in den farbigen Verzierungen des Holzwerkes herrschten helle grüne und rötliche Töne vor. An der Wand, rechts und links vom Pfeilerspiegel, hingen in weisslackierten Holzrahmen Zusammenstellungen interessanter Modekupfer aus den letzten drei Jahrhunderten, eine Lithographie der Kaiserin Eugenie in der Krinoline, sowie eine Photographie der bayerischen Prinzessin Sophie im Hochzeitskleide. Auch die gewönlichsten Gebrauchsgegenstände, wie z. B. die Schalen für Stecknadeln, die Toilettegeräte u. s. w., zeigten gefällige künstlerische Formen und selbst das Massbuch und die Kontokladde zeichneten sich durch originelle Einbände aus. Von diesem grossen Empfangszimmer aus führte eine Glasthür in Lilly von Robicecks Boudoir. Hier hatte sie ihren Schreibtisch stehen, ihre kleine Bibliothek, ihr Pianino und alle die Bilder, Gebrauchs- und Ziergegenstände, an die sich für sie wertvolle Erinnerungen knüpften, kindischer Tand aus ihrer Mädchenzeit, Hochzeitsgeschenke und viele sinnige Gaben ihrer zahlreichen Verehrer. Die Photographien von Franz Xaver Pirngruber, Werner Rudolfi, Joachim von Lossow, des Prinzen Cloppenburg-Usingen und sogar des fast schon sagenhaften Herrn von Robiceck fehlten nicht. In einer dunklen Ecke leuchtete auf Goldgrund ihr eigenes Meisterwerk, die Kopie jener altdeutschen Madonna mit der unüberwindlichen Nase. Die Möbel in diesem kleinen Raume rührten noch von ihrer Ausstattung her und zeigten daher keine moderne Eigenart. Hinter dem Wohnzimmer befand sich ein kleines Schlafzimmer und auf der andern Seite des Korridors, nach dem Hofe hinaus, die grosse, helle Schneiderstube sowie die Küche und sonstigen Nebenräume. Am Morgen des ersten November hatte sich bereits vor zehn Uhr eine erlesene kleine Gesellschaft bei Lilli von Robiceck eingefunden, nämlich der Prinz Cloppenburg-Usingen, von welchem das Geld zur Einrichtung der neuen Firma stammte, und die vier jungen Künstler, welche sich um die reizende Ausstattung verdient gemacht hatten. Die Idee, die Inhaberin selbst als wirksamste Reklame für ihr Geschäft zu benutzen, sowie die Ausführung der meisten ihrer Kostüm-Porträts hatte Werner Rudolfi beigesteuert, der treue Freund, in dessen Obhut Lilli körperliche Frische und neuen Lebensmut wiedergefunden hatte. Die übrigen Porträts hatte Joachim von Lossow ausgeführt und die beiden andern jungen Herren, Freunde dieser Beiden, hatten die Möbel entworfen und die Arbeit des Tapeziers geleitet. Pünktlich um zehn Uhr zog der jüngste der Herren den Rollladen in die Höhe, während Joachim von Lossow einen eigens zu dieser Gelegenheit komponierten Festmarsch auf dem leider etwas verstimmten Pianino spielte. Durch ein Guckloch, das in der Hinterwand der Auslage angebracht war, spähten abwechselnd Lilli selbst und ihre Gäste hinaus, um den ersten Eindruck zu beobachten, und als die Ansammlung auf der Strasse immer grösser wurde, klatschte Lilli entzückt in die Hände, kriegte den würdigen Prinzen zu packen und tanzte ein paarmal mit ihm herum. Sie trug heute zum erstenmal die Empfangstoilette, die sie sich für ihre neue Würde ersonnen hatte, einen langen, losen Rock aus mausgrauem, feinem Tuch und aus demselben Stoff ein vorn offenes Jäckchen mit engen Aermeln und Schnurbesatz, welches eine in lose Falten gelegte Bluse aus grossblumig gemustertem Surha sehen liess, die um die Taille durch ein dunkelrotes Sammtband gegürtet war. Die übrigen Kleider und Hüte Lillis, welche Rudolfi auf seinen Bildern verewigt hatte, waren auf Rohrgestellen oder nachlässig über die Möbel hingebreitet, zur Schau gestellt. In der ersten Stunde nach der Eröffnung kam noch niemand und die beiden Nähmädchen, welche mit getollten Häubchen und ganz grossen, weissen Babyschürzen, die ihre ganze Gestalt einhüllten, mit gespannter Erwartung auf das Anschlagen der Entreeglocke harrten, um die erste Kundin einzulassen, fanden nichts zu thun. Um elf Uhr klingelte es zum erstenmal, aber es war keine Dame, sondern ein Bote aus dem Delikatessengeschäft von Dallmayer, welcher einige kalte Platten, die der Prinz bestellt hatte, abzugeben hatte. Ihm folgten fast auf dem Fusse Abgesandte eines Wein- und eines Blumengeschäfts. Es dauerte nicht lange, so war in Lillis Boudoir eine kleine Tafel reizend gedeckt und mit den verlockendsten kalten Speisen und Getränken besetzt. Die Herren langten zu und entwickelten einen Appetit und Durst, wie sie der festlichen Gelegenheit würdig waren; die Gläser klangen aneinander auf das Wohl der reizenden Geschäftsinhaberin und auf das Blühen und Gedeihen ihres Unternehmens. Die kleine Frau v. Robiceck selbst war natürlich sehr aufgeregt. Sie hörte nur mit einem Ohr auf all die Liebenswürdigkeiten, die ihr von den guten Freunden gesagt wurden und lauschte mit dem andern, ob die Entreeglocke nicht endlich erklingen wollte, um die erste Kundin anzumelden. Aber es wurde ¾12, bevor endlich das ersehnte Signal sich hören liess. Eines der Mädchen steckte den Kopf zur Thür herein und meldete flüsternd, dass sie einen Herrn in das Empfangszimmer geführt habe, der die gnädige Frau zu sprechen wünschte. Die fröhliche Gesellschaft verstummte sofort und Lilli huschte durch die Glasthür in das Empfangszimmer. Vor ihr stand – Franz Xaver Pirngruber. Er wartete, bis das Mädchen die Thür hinter sich ins Schloss gedrückt hatte, und dann trat er mit ausgebreiteten Armen auf Lilli zu. Sie wandte sich erschrocken nach der Glasthüre um, in der Gewissheit, dass durch die durchsichtigen Stellen der gemusterten Mattglasscheibe ihre Gäste neugierig die Abfertigung des ersten fremden Besuches beobachten würden, und wies ihren alten Anbeter mit einer energischen Handbewegung in die Schranken kühler Höflichkeit zurück. »Lilli, süsse, böse Lilli!« flüsterte Franz Xaver aufgeregt und kaum fähig, seiner heftigen Sehnsucht, die Geliebte in die Arme zu schliessen, Zügel anzulegen. »Warum hast Du mich denn so ewig lang gar nichts von Dir hören lassen? Ich habe erst gestern durch die Geschäftsanzeige, die meiner Frau zuging, erfahren, dass Du wieder hier bist und meinen Rat von damals befolgt hast. Ach Lilli, ich lieb' Dich noch gerade so närrisch wie eh' – bist Du mir denn wirklich gar nimmer gut?« »Mein Herr,« versetzte Frau von Robiceck mit drolliger Würde, »ich habe dieses Atelier nicht eröffnet, um darin Liebeserklärungen entgegenzunehmen, sondern nur um Damen zu bekleiden; ich bitte das freundlichst im Auge zu behalten. Im übrigen freue ich mich sehr, Sie wiederzusehen – unter der Bedingung, dass von alten Geschichten zwischen uns nicht mehr die Rede ist. Das hat alles aufgehört: ich bin nicht nur von meinem Manne, sondern auch von meiner ganzen Vergangenheit glücklich geschieden.« Franz Xaver Pirngruber zog ein sehr langes Gesicht und stotterte mit gemischten Gefühlen: »So – is wahr? No – da gratuliere ich auch recht schön und . . . . . ich hab' Ihnen auch eine kleine Freude machen wollen zur Eröffnung Ihres Geschäftes: ich hab' nämlich meine Frau veranlasst, heute gleich zu Ihnen zu kommen; es würde mir eine ganz besondere Genugthuung bereiten, wenn sie die erste wäre, die aus Ihrem Atelier ein Kostüm kriegte.« Lilli klatschte, vor Freude lieblich errötend, in die Hände und rief aufgeregt: »Ist's wahr? Schau, Xaver!, des is g'scheidt! Du bist doch immer ein rechter, lieber Kerl g'wesen. Wann kommt denn Deine Frau Gemahlin?« »Gleich muss's da sein; ich bin nur voraus g'rannt, um Dich vorzubereiten. Ja, das hab' ich bloss sag'n wollen und jetzt muss ich g'schwind fort, sonst lauf ich am Ende gar der Frau Pirngruberin in die Hände, was doch immerhin etwas peinlich wäre.« »Nein, nein, das darf nicht sein!« rief Lilly rasch. »Geh her, bleib doch ein bissl bei mir – ich versteck Dich bei den andern – Pardon, ich wollte sagen Sie – bitte, jetzt heisst's immer Sie!« Damit nahm sie ihn bei der Hand und geleitete ihn ins Nebenzimmer. Der Meister des humoristischen Pinsels war nicht wenig erstaunt, hier eine ganze Gesellschaft zu heimlichen Tafelfreuden vereinigt zu finden. Lilli stellte ihn den Herren vor als ihren verehrten alten Freund und Gönner, und dann versah sie ihn hausfraulich mit Hummersalat und Sekt und erklärte ihm mit freudiger Begeisterung, welche Verdienste die anwesenden Herren sich um sie erworben hätten. »Nein, nein, nein, dass Sie mir aber garnichts davon gesagt haben!« beklagte sich Franz Xaver. »Ich war doch eigentlich als Vater des Gedankens der Nächste dazu.« »Ja, aber als Ehemann der Fernste,« lächelte Lilli. »Ich werde niemals einen von meinen Getreuen kompromittieren.« In diesem Augenblick klingelte es wieder. Gleich darauf erschien das Nähmädchen und meldete mit strahlendem Gesicht eine feine Dame. Lilli erhob sich vom Tische, atmete tief auf und betrat alsdann in würdiger Haltung ihr Empfangszimmer, während die Herren muckmäuserlstad verharrten und sich alle sechs um die Glasthür scharten, wo jeder eine Lücke zum Hindurchschauen zu ergattern trachtete. Die erste Kundin war wirklich die schöne Frau Pirngruber. Sie zeigte sich ehrlich entzückt von den Proben eigenartigen Geschmacks und vollendeter Kunstfertigkeit, die Lilli ihr in Gestalt ihrer eigenen Gewänder vorwies, und dann folgte eine lange, ernsthafte Beratung, während welcher Frau Pirngruber am Sofa und Frau v. Robiceck auf einem Stuhle vor ihr sass. Den Beobachtern im Nebenzimmer wurde die Sache bald langweilig und sie verfügten sich wieder zur Tafel zurück, wo sie flüsternd weiter schmausten, nur Herr Pirngruber blieb auf seinem Posten und wurde nicht müde, die beiden Damen, die stattliche und die zierliche, wie sie so in lebhafter Unterhaltung einander gegenüber sassen, zu beobachten. Es war merkwürdig: eine setzte die andere erst in die rechte Beleuchtung, gab ihr das rechte Relief – und Franz Xaver liebte sie alle beide, eine immer mehr als die andere und sah gar keine Grenzen ab für seine unendliche Liebesfülle. Und er fühlte, dass er ein glücklicher, ein wahrhaft beneidenswerter Mann sei. Dann erst kehrte er zu seinem Hummersalat zurück. Die Beratung der beiden Damen da drin währte über eine halbe Stunde, und als endlich Lilli wieder zu ihren Freunden zurückkehrte, da strahlte sie vor Glückseligkeit. Sie legte ihre Arme auf Franz Xavers Schultern und rief wie mit verhaltenem Jauchzen: »Ach, Sie lieber, lieber Freund, was haben Sie für eine scharmante Frau. Denken Sie bloss, sie hat mir gesagt, dass sie entzückt von mir wäre! Die reine Liebeserklärung hat sie mir gemacht – und ein Kostüm haben wir uns ausgedacht, ah, – der reine Zucker! Dreihundert Mark darf es kosten.« »Herrgottsaxendi, da legst Dich nieder!« entfuhr es dem glücklichen Gatten und er brach unter Lillis zärtlichen Armen auf seinem Stuhl zusammen. »Mir hat's g'sagt, sie wollt' nur hundertfünfzig anlegen.« Prinz Cloppenburg reckte dem Geknickten sein Sektglas entgegen und sagte lustig: »Kommen Sie, verehrter Meister, stossen Sie mit uns an auf das Wohl unserer teueren Freundin!« Und wie die Gläser zusammenklangen, richtete sich Lilli v. Robiceck plötzlich empor, wie wenn eine Eingebung über sie käme und rief laut in den heiteren Lärm hinein: »Kinder, seid's stad, jetzt halt' ich eine Red'.« »Ich erkläre hiermit feierlich, dass Ihr Mannsbilder eine reizende Gesellschaft seid – ausser in der Liebe. Mit Weibern kann ein vernünftiger und anständiger Mensch auf die Dauer nicht verkehren, denn sie bringen die Vernunft und den Anstand um. Alles Böse im Leben habe ich durch Weiber erfahren und zwar aus dem einzigen Grunde, weil mir mehr von Eurer Sorte nachzulaufen pflegten, als ihnen. Noch in jüngster Zeit haben mich die hervorragendsten Vertreterinnen der fortgeschrittensten Münchener Weiblichkeit, nämlich der Vorstand des berühmten Frauenvereins, dessen Namen ich nie behalten kann, für unwürdig erklärt, zu ihren guten Zwecken mitzuwirken. Trotzdem ich die glänzendsten Empfehlungen durch den einflussreichen Herrn Arnulf Rau für mich hatte, sollen mich diese Damen für so eine Art Auswurf der Menschheit erklärt haben – und warum? Wiederum aus demselben Grunde: weil mir mehr von Euresgleichen nachzulaufen belieben als irgend einer Dame dieses unaussprechlichen Vereins! Meine Herren! Ich habe mein Geschlecht und meine hübsche Larve verflucht, so lange ich die Wege der Weiblichkeit gewandelt bin, hilflos allen den wilden Tieren preisgegeben, die den sogenannten Rosengarten der Liebe unsicher machen. Aber jetzt habe ich den Weg da heraus gefunden und eine neutrale Zone entdeckt, wo ich nicht mehr Weib zu sein brauche und doch meine besonderen weiblichen Talente am besten ausnutzen kann. Ich werde mich an der Weiblichkeit rächen, indem ich mit ihrer Eitelkeit möglichst gute Geschäfte zu machen versuchen werde. In dieser glücklichen Zone, meine Herren, kennt man die Liebe nicht – merken Sie sich das! Ich fasse die Summe meiner bisherigen Erfahrungen in die Behauptung zusammen: Ihr Männer seid Teufel in der Liebe, aber Engel in der Freundschaft zu einem Weibe. Als Freunde habt Ihr mir den rechten Weg zur Selbstbefreiung durch die Arbeit gewiesen, Sie teurer Franz Xaver durch den Rat, Sie bester Prinz und Sie, allerliebster Werner und guter Joachim durch die That – ich danke Euch von ganzem Herzen. Ihr lieben Engerln sollt's leben hoch, hoch, hoch!« Die lieben Engerln waren sehr erbaut von dem Lobe, das ihnen aus so reizendem Munde gespendet wurde. Dann kriegten sie unerbeten von diesem reizenden Munde jeder einen Kuss als vorläufige Anzahlung für die geleistete Hilfe in Rat und That. Und damit endete dieses denkwürdige Einweihungsfrühstück. – Fünfhundert Geschäftsempfehlungen hatte Lilly v. Robiceck an die vornehmste Damenwelt der Haupt- und Residenzstadt versendet, aber nur drei davon hatten sich dadurch in ihr Atelier locken lassen. Ganz anders wirkte das Aufsehen, welches Frau Pirngruber in ihrem neuen Kostüm bei einer Gesellschaft im Hause Hanfstängel gemacht hatte. Gleich am nächsten Morgen trafen mehrere Damen, die in derselben Gesellschaft gewesen waren, in dem Atelier der Adelgundenstrasse zusammen und als gar die immer noch schöne und hochelegante Gattin eines Grossbrauers eine Robe von Lilli v. Robiceck bezogen hatte, da war ihr Glück gemacht. Im Fasching hatte sie so viel zu thun, dass sie zehn Nähmädchen und zwei Directricen in drei grossen Nähstuben beschäftigte und zu Ausgang des Karnevals bekam sie sogar einen Auftrag von einer königlichen Prinzessin. Schon Ende Januar war sie imstande gewesen, dem Prinzen Cloppenburg einen grossen Teil des vorgestreckten Kapitals zurückzuzahlen – es war das erste geliehene Geld, welches er jemals wiedergesehen hatte! Ihre alten treuen Freunde gönnten ihr zwar ihren grossen Erfolg von Herzen, aber besonders glücklich waren sie nicht darüber, denn die süsse Lilli hatte jetzt einfach keine Zeit mehr für sie. Es kam wohl noch der eine oder der andere über Tags zu ihr, um in dem traulichen Hinterstübchen fünf Minuten gemütlichen Geplauders zwischen den Sessionen mit der vornehmen Kundschaft zu erhaschen, aber es war kein besonderes Vergnügen manchmal zwei Stunden über illustrierten Journalen, wie im Vorzimmer eines berühmten Zahnarztes, hinbringen zu müssen, um dann endlich mit einem Händedruck und ein paar freundlichen Worten abgefunden zu werden. So kamen sie denn immer seltener und schliesslich nur noch des Abends, wenn sie ausdrücklich eingeladen waren. Besonders schmerzlich berührte es ihre jüngeren Freunde, dass die liebe Lilli durchaus nicht zu bewegen war an den Vergnügungen des Faschings teilzunehmen. Noch im vergangenen Winter hatte sie auf den Redouten des Deutschen Theaters als erster Stern geglänzt und durch ihre Kostüme sowohl als durch ihre sprudelnde Laune den Rahm der vornehmen Herrenwelt und der Künstlerschaft besonders hingerissen. Heuer war sie zu keiner einzigen Redoute zu bewegen gewesen; es war ja richtig, dass gerade in dieser Zeit sich die Arbeit für sie ins Riesenhafte gesteigert hatte, aber schliesslich folgte doch auf jeden Samstag ein Sonntag, an welchem auch sie ein wenig ausruhen durfte. Es verfing alles nicht. Hätten die guten Herren, die eben naiv und harmlos waren wie alle besseren Männer, mit etwas Aufmerksamkeit dem Getuschel der Damenwelt in dieser Zeit gelauscht, so würden sie bald eine andere Erklärung dafür erfahren haben, warum die schöne Gewanddichterin durchaus keinen Ball mehr besuchen wollte und warum sie neuerdings eine solch auffallende Vorliebe für lockere überfallende Blusen und weitfaltige Kleiderröcke in ihrem eigenen Anzuge zur Schau trug. Das weibliche München wusste es ganz genau: die reizende Frau v. Robiceck war weit vorgeschritten auf dem Familienwege – wie die Engländer so hübsch sagen. Franz Xaver Pirngruber erfuhr es durch seine Gattin – und er war blass geworden bei der Nachricht – so sehr litt er im voraus mit der unglücklichen Freundin. Eines Abends fasste er sich ein Herz und sprach nach Geschäftsschluss bei Frau Lilli vor. Sie hatte gerade ihre Directricen entlassen und sich zu ihrem einfachen Abendbrot hingesetzt, als er kam. Sie empfing ihn sehr freundlich und plauderte heiter und unbefangen wie in der schönen Maienzeit ihrer Liebe, da sie noch wie Brüderchen und Schwesterchen miteinander geradelt waren. So lieb sie war, gelang es dem guten Franz Xaver doch nicht, so recht in Stimmung zu kommen; er hatte eine inhaltschwere Frage auf der Zunge und brachte sie doch nicht heraus. Gegen zehn Uhr bat sie ihn heimzugehen, denn es sei jetzt ihre Schlafenszeit und zur Bekräftigung dessen gähnte sie ihn herzhaft an. »Bist Du nicht wohl, liebe Lilli?« fragte er: »dass Du so früh zu Bett gehst.« »O nein, ich fühle mich, Gott sei Dank, recht wohl,« erwiderte sie. »Aber ich bin heute abend recht sehr abgespannt. Dafür stehe ich morgens früh auf, um doch wenigstens eine Stunde für mich zu haben. Es ist die einzige, in der ich einmal ein Buch lesen kann.« »Hm. Also – na also dann gute Nacht, liebe Lilli!« Er reichte ihr die Hand und hielt die ihre fest, indem er sie aufmerksam betrachtete. »Was schaust mich denn so an, Xaverl?« »Mir scheint, die angestrengte Arbeit schlägt Dir recht gut an. Ich mein', Du wärst stärker geworden in der letzten Zeit,« sagte er und errötete dabei wie ein junges Mädchen. »Oder kommt das nur daher, dass D' jetzt immer so weite, lose Gewänder trägst?« Sie blickte ihm lächelnd in die Augen und drohte ihm mit dem Finger. »Gestehen Sie's nur, mein Herr – Sie trauen sich's blos nicht gerade heraus zu sagen: die Damen haben ein bissl geklatscht über mich.« »Ist's wahr, Lilly? flüsterte er zaghaft. Sie nickte mit dem Kopfe und sagte, flüchtig errötend: »Hm, ja – Ende Mai erwarte ich es.« Unaufgefordert nahm er noch einmal Platz und strich sich verlegen die Hosen über den Knieen glatt. »Also wahr ist's! – So – so – Ende Mai?« Er zählte an den Fingern ab: »Mai, April, März, Februar, Januar, Dezember, November, September – Jegerl mei – Anfangs September?« Er seufzte tief und drollig auf und dann schaute er hilflos zu ihr empor und richtete mit einer deutlichen Frage im Blick den Zeigefinger auf seine Brust. Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein?!« rief er und that einen tiefen tiefen Seufzer. Da setzte sie sich auf seinen Schoss, was sie seit dem Abschied im Sommer nie mehr gethan hatte, betrachtete eine ganze Weile lang sinnend ihre Fingerspitzen und sagte endlich, tief errötend: »Danach musst Du mich wirklich nicht fragen Xaverl. Ich hab das Kindl ganz allein für mich gekriegt. Es kommt gar kein Herr dabei in Betracht.« »Aber Lilly!« rief er ganz laut und liess sie vor Schreck beinah von seinen Knieen fallen. Sie stand auf, zuckte die Achseln, kehrte sich von ihm ab und warf einen Blick voll süsser Unschuld zu der Madonna mit der unüberwindlichen Nase hinauf. Sie schwiegen alle beide eine ganze Weile. Der Meister des humoristischen Pinsels bearbeitete nachdenklich seine Stirn mit den Knöcheln seines Daumens und sie erwartete bescheiden seinen Richterspruch. Endlich fand Franz Xaver Worte. »Weisst, Weiberl, ich mach' Dir ja keine Vorwürfe, das wär' schon zu dumm – aber die Geschicht' schaut doch sakrisch . . . . . O je, o je! Das Hascherl muss doch ein' Vatern hab'n.« »Wozu?« versetzte Lilli einfach. »Ich kann es ja jetzt sehr gut allein ernähren.« »Ja. Aber wo willst denn hin damit? Du kannst es doch unmöglich hier haben?« »Ich gedenke es aber ganz gewiss hier zu haben.« »Aber Lilli – Dein Renommee, Dein Geschäft!« »Ist mir ganz gleich. Wenn die Damen aus dem Atelier mit Kind keine Kleider beziehen wollen, gut, denn schnür' ich mein Bündel und ziehe nach Berlin oder nach Wien. Da können sie mich auch brauchen. Ich werde doch das arme Geschöpf nicht irgend einer gleichgiltigen Person anvertrauen. Oh nein, da kennt ihr mich alle schlecht; das Kind bleibt bei mir und ich will ihm eine gute Mutter sein, und wenn ich drüber zu Grunde gehen müsste!« Er erhob sich und ergriff ihre beiden Hände. »Liebe Lilli,« sagte er bewegt, »Du bist ein tapferes Weiberl, Respekt vor Dir! Wennst einen Beistand brauchst für den Fall, dass Dir der Kampf zu hart wird, dann zähl' auf mich. Ob's Kindl mein is oder net – ich steh' zu Dir. B'hüt Dich Gott, Herzl!« Er küsste ihr die beiden Hände und dann lief er rasch davon, denn sie sollte nicht sehen, dass ihm die Augen nass geworden waren. – – – – – – – – – – – – – – Ende April verschwand Lilli von Robiceck aus München. Alle Welt wusste warum. Und anfangs Juli kehrte sie wieder heim und präsentierte ihrer Directrice und ihren fünf Näherinnen – die Hälfte des Personals hatte sie vor ihrer Abreise entlassen – ein niedliches Mädelchen als ihr Kind. Die Directrice kündigte sofort, denn sie war eine moralische Person, und die fünf Nähmädchen teilten sich in zwei Lager für und wider die Herrin. Für sie waren die vier, die auch schon ein Kind hatten, gegen sie die fünfte, die noch keines hatte. Aber auch diese liess sich bereden zu bleiben, denn es schmeichelte ihrem Stolze, als einzige Lilie in diesem Sumpfe zu blühen. Da Lilli, um ihre Scheidung durchzusetzen, ihren Austritt aus der Kirche hatte erklären müssen, liess sie auch das Kind nicht taufen; aber sie vereinigte bald nach ihrer Heimkehr ihre lieben Freunde zu einer kleinen intimen Feier bei sich, bei welcher Lilli II – denn um niemand zu kompromittieren, hatte sie ihr Töchterchen einfach nach sich genannt – mit angemessener Rührung willkommen geheissen wurde in der kleinen freien Gemeinde der neuen Menschen, die sich zwar nicht einbildeten, jenseits von Gut und Böse, wohl aber jenseits aller lieblosen Vorurteile zu stehen. – – – – – – – – Die Damen, die jetzt kamen, um ihre Sommerkleider zu bestellen, konnten oft von dem Nebenzimmer her das kräftige Stimmlein der neuen Lilli vernehmen und manch eine wurde auf ihre erstaunte Frage durch die Antwort verblüfft: »Ja, gnäd'ge Frau, das ist mein Kind. Sie entschuldigen mich einen Moment – ich nähre es selbst.« Und wenn die Damen dann ganz verwirrt ausriefen: »Aber ich denke, Sie sind schon so lange geschieden!« Dann konnte Lilli wohl lächelnd erwidern. »Ja, es ist auch, Gott sei Dank, nicht von Herrn von Robiceck. Ich sehe nicht ein, gnädige Frau, warum eine Dame wie ich, die ganz auf eigenen Füssen steht, nicht auch ein Kind ganz allein für sich haben soll, über das niemand mitzureden hat.« Es gab Damen, welche nach solch einer aufregenden Erklärung es vorzogen, ihre Kleider anderswo machen zu lassen. Es gab aber auch andere Damen, welche jetzt erst recht das berühmte Atelier Lilli von Robicecks aufsuchten. Der ganze Vorstand des Vereins zur Evolution der femininen Psyche fand sich ein und nahm die Erfindungsgabe der genialen Gewanddichterin in Anspruch, um neue Hüllen für neue Weiber zu ersinnen. Ja, seit Lilli v. Robiceck ein Kind hatte, war sie in den Augen derselben Damen, die ihr früher die Aufnahme in den Verein verweigert hatten, zu einer Heldin geworden und ihr Kind zu einem Symbol: es war das neue Kind . Lilli von Robiceck bekam schwärmerische Briefe von aufgeregten jungen Damen, welche im Begriffe waren, alle Fesseln von sich abzustreifen, und selbst ergraute Priesterinnen der neuen Religion der Befreiung des Weibes, wie z. B. die Baronin Grötzinger, trugen ihr ihre Freundschaft an. Die Kostüme, die diese neuen Freundinnen bestellten, waren zwar weniger kostbar, aber sie durften dafür um so origineller sein, und das war auch eine gute Reklame. Die stille Jahreszeit brachte nur magere Einkünfte, aber schon im Herbste hatten die meisten abgesprungenen Kunden es aufgegeben, ängstlich auf ihrem moralischen Standpunkt zu balancieren. Sie stellten sich lieber auf den Boden der Thatsache, dass man nirgends so gut angezogen wurde, als in der Kinderstube in der Adelgundenstrasse und darum kamen sie fast alle wieder – auch die beiden Directricen. Das Geschäft blühte und das Kind blühte und die Freundschaft blühte. Ja, bei der Freundschaft sollte es bleiben für alle Zeiten. Werner Rudolfi hatte einen Versuch gemacht, Lilli dazu zu bringen, ihn zu heiraten, denn es lag im Interesse der verehrten Freundin ihm viel daran, dass ihr Töchterchen Lilli Rudolfi heissen sollte, doch sie hatte freundlich, aber entschieden abgelehnt. Darauf hatte der treffliche Künstler eine Zahnbürste und etwas Nachtzeug in seinen Korb gepackt und mit Franz Xaver Pirngruber eine kleine Trostreise unternommen. Die beiden hatten sich in letzter Zeit merkwürdig zu einander hingezogen gefühlt. Auch Hildegard Haider hatte sich an die Mutter des »neuen Kindes« freundschaftlich angeschlossen und die beiden fanden immer mehr Gefallen aneinander, je besser sie sich kennen lernten. In dem kleinen Boudoir hinter dem Empfangszimmer wurde oft lebhaft debattiert zwischen den beiden neuen Freundinnen über all die Fragen, welche die Gemüter der freigewordenen Frauen unserer Zeit bewegen. »Wissen Sie«, sagte Box eines Abends, »diese schrecklichen Mannweiber, die in allen Wissenschaften und Künsten herumdilettieren und sich mit ihrer Ebenbürtigkeit breit machen, die verderben eigentlich dem wahren Fortschritt das Geschäft. Das sind gar nicht neue Weiber, sondern blos Abnormitäten wie es zu allen Zeiten welche gegeben hat. Aber es giebt Weiber in Mengen, die in der That den Mann nicht brauchen und dabei doch vom stärksten weiblichen Instinkt beherrscht werden. Ich meine natürlich die Mutterliebe. Der Fortschritt scheint mir darin zu liegen, dass diese Art Frauen nicht mehr zum völligen Verzicht auf alle Selbständigkeit und Lebensfreude gezwungen werden. Früher mussten sie irgendwo in der Familie unterkriechen und mehr oder minder Gnadenbrot als Tanten essen. Sie durften sich nützlich machen, man verbrauchte sie für alle die schrecklichen Opferdienste, die unserer Geduld von jeher als selbstverständlich zugemutet wurden: sie durften von Natur boshafte und durch dumme Eltern in Grund und Boden verdorbene Kinder erziehen, unausstehliche Greise und Greisinnen zu Tode pflegen und den Kettenhund in allen verwandten Hauswesen spielen, wenn die Herrschaften auf Reisen gingen. Unser Arnulf Rau hat auch hier wieder einmal das schlagende Wort gefunden –: auf die Revolution der Tanten kommt es an! Wenn sich die riesige Armee der Tanten zur Selbständigkeit durchränge, welche ungeheure Macht könnte sie entwickeln! Nicht nur die Missachtung des unverheirateten älteren Frauenzimmers, sondern auch die sittliche Entrüstung gegen das Fräulein Mutter muss aus der Welt geschafft werden. Es ist möglich, dass dann am Ende unserer gegenwärtigen Dinge mit diesen Vorurteilen auch der heilige Ehestand als Unkraut mit ausgerauft und ins Feuer geworfen wird; aber ich weiss nicht, ob das ein so grosses Unglück sein würde – denn für die Männer ist er nun einmal eine unnatürliche Einrichtung und für die Frauen auch nur in ganz seltenen Fällen ein Glück. Die Heuchelei, Verlogenheit, die kleinliche Hinterlist, der Neid und die boshafte Freude am Zerstören seelischer Wertobjekte, die einem den Geschmack an der heutigen Weiblichkeit wahrhaftig verderben können – ja, wo anders schreibt sich denn das alles her, als von der Notwendigkeit, in die sich die unselbständigen Weiber versetzt sehen, einen modus vivendi zu finden mit den Männern, von denen sie abhängen! Ich bin überzeugt, es giebt ebensowenig Frauen, die ihren Männern während der ganzen Dauer des Ehestandes volle Achtung und Vertrauen zu bewahren imstande sind, als es Männer giebt, die für ihre Frauen ewige Liebe empfinden. Der Mann wird dann brutal, die Frau gemein. Die Ehe verdirbt den Charakter – denn sie braucht zu viel Politik! Wo zwei freie Menschen wirklich zu einander passen, da werden sie auch mit Wonne dauernd bei einander bleiben; es könnte also in einer Zeit, wo die Ehe keine gesetzlich geschützte Knechtschaft mehr bedeutet, nur glückliche Ehen geben. Natürlich müssten die Mütter nicht nur alle Rechte über ihre Kinder besitzen, sondern auch imstande sein, sie mit ihrer eigenen Arbeit zu ernähren, und die Männer müssten gesetzlich gezwungen werden können, für diejenigen ihrer Frauen samt Kindern zu sorgen, die freiwillig auf ihre Selbständigkeit verzichtet haben.« »Aber die Familie?« wandte Lilli bedenklich ein. »Könnte meiner Meinung nach auch nur an innerem Wert gewinnen«, versetzte Fräulein Haider zuversichtlich. »Es würde Familien geben, die nur aus Mutter und Kindern, und solche, die nur aus Vater und Kindern beständen, und in diesen wäre den Kindern der demoralisierende Eindruck des ewigen Kriegszustandes durch Eltern, die einander nicht mehr lieben und achten können, erspart, wogegen in den Familien mit Vater und Mutter ja eo ipso eitel Friede und Freude herrschen müsste. Uebrigens könnte ich es nur als ein Glück ansehen, wenn der heutige Einfluss des grösseren Familienverbandes einigermassen beschnitten würde, denn er führt ja meist doch nur zu verderblicher Tyrannei gegen seine feiner veranlagten Mitglieder und zur Ausnutzung gegen das Wohl der Gesamtheit. Ich verspreche mir ausserdem von der Auflösung der alten Ehe und Familie eine sehr wohlthätige Blutauffrischung, eine körperliche und geistige Verbesserung der Menschheit, weil einfach mehr Kinder in Liebe gezeugt werden und weil sie alle intelligentere Mütter haben werden.« »Ich weiss noch einen Vorteil«, rief Lilli verschmitzt lächelnd, »die garstigen Weiber könnten nicht mehr gar so hochfahrend und zuwider sein – weil die Tugend an sich dann keinen Wert mehr hätte.« »Sehr richtig!« stimmte Box bei, »das hat auch schon Arnulf Rau gesagt: die Ueberschätzung der Jungfernschaft ist das Mittel, mit dem die Männer die Weiber am sichersten in der Gewalt behalten. Eine brutale Vergewaltigung aus reiner dummer Eitelkeit! Das wollen wir uns aber nicht länger gefallen lassen. Ich bin auch der Ansicht, dass heutzutage ein Weib, die als Fräulein mit ihrem Kinde unerschrocken in unsere stumpfsinnige Gesellschaft hineintritt und sich durch ihre Persönlichkeit und ihre Arbeit die allgemeine Achtung erzwingt, eine wichtigere Kulturaufgabe erfüllt, als die Frau, die etwa gar Professor der Astronomie wird.« »Danke!« sagte Lilli, geschmeichelt errötend. »Oh bitte«, lachte Box. »Ich finde es sehr sinnig von Ihnen, dass Sie sich die jungfräuliche Mutter mit dem Kinde auf Goldgrund über Ihrem Schreibtisch aufgehängt haben. Möge uns allen die Madonna im Kampfe gegen die Pharisäer beistehen! Ich glaube, wir Frauen sind alle im Herzen gut katholisch.« »Gewiss«, sagte Lilli. »Ich spüre es erst recht, seit ich aus der Kirche ausgetreten bin. Jetzt empfinde ich eine tiefe Ehrfurcht für die Jungfrau Maria und für den Heiland, der nie ein Weib anschaute, ihrer zu begehren, aber der getreuer Freund der Martha und Maria und der unerschrockene Beschützer der Magdalena war.« Beide Damen schwiegen eine längere Weile und dann sagte Hildegard Haider wieder: »Es ist doch merkwürdig, was für interessante Frauentypen gerade unser eigener engster Kreis darbietet. Da ist Frau Katja Rau, das ewig zitternde Eheweib, das es in der geistvollen Heuchelei zur Meisterschaft gebracht hat; da ist Frau Claire Reithmeyer, das Weib mit der grossen wissenschaftlichen Begabung, aber doch von starker Sinnlichkeit, das die Liebe für ihr seelisches Gleichgewicht braucht; da sind die starken Intelligenzen ohne Sinnlichkeit, für die der Mann gar keine Rolle mehr spielt, Babette Gierl, die ein richtiger Mann, Meta Echdeler, die eine vollkommene Dame ist; da ist meine liebe arme Schwester, die süsse Pflanz', noch ganz Weibchen alten Stils, die lockende Augen macht und ihre Angeln auswirft und doch nichts fängt, weil die Männer, die sie gern haben möchte, das neue Weib begehren und ihr eigener Geschmack die Männer nicht mag, die mit dem alten zufrieden wären. Ja, ja, das ist ein moderner Konflikt! Und da sind Sie und da bin ich – und mich rechnen sie alle zum dritten Geschlecht, weil ich so fest auf meinen zwei Beinen stehe wie nur irgend ein Mannsbild und mir von keinem ein X für ein U machen lasse. Ich glaube, die Herren haben Angst vor mir. Das thut mir, offen gestanden, leid, denn – ich würde auch für mein Leben gern ein Kind haben. Ihnen will ich's gestehen: ich habe einmal einen schüchternen Versuch dazu gemacht, aber das betreffende Objekt war unwürdig – es ging mir mit dreihundert Mark durch! Sagen Sie, liebe Freundin, wie sind Sie eigentlich zu Ihrem süssen Mädelchen gekommen?« Die kleine reizende Frau von Robiceck lächelte fein: »Das ist Geschäftsgeheimnis!«     Die Gedanken, denen Hildegard Haider in dem traulichen Hinterzimmer in der Adelgundenstrasse Ausdruck gegeben hatte, waren zum grösseren Teil geistiges Eigentum des grossen Arnulf Rau und er hatte beschlossen, den interessanten Stoff zu einem Roman zu verarbeiten, der den Titel führen sollte: Das dritte Geschlecht . Da man aber bei Arnulf Rau doch niemals sicher ist, ob er seine welterschütternden Pläne auch zur Ausführung bringen wird und da man ferner, meiner Ansicht nach, der Welt heilsame Erschütterungen niemals ersparen soll, so war ich so frei, ihm vorzugreifen. Bitte um Entschuldigung.   Ende.