Karl May Der Weg zum Glück. Dritter Band Roman aus dem Leben Ludwig des Zweiten Sie hatten den Wald erreicht, da wo der bereits mehrere Male erwähnte Weg in denselben führte. Der Lehrer blieb stehen und sagte, nach rechts deutend: »Dort, jenseits der Wiesen liegt hinter den Büschen die Mühle versteckt. Bis zum Essen ist noch über eine Stunde Zeit. Bestimmen Sie, wohin wir unsere Schritte lenken wollen!« »Ich schließe mich Ihnen an.« »Dann also grad aus. Ich befinde mich so gern im Walde.« »Wohl vielleicht, weil sich Ihre Heimath in einer waldigen Gegend befindet?« »Nein. Es ist mir leider eigentlich nicht erlaubt, von einer Heimath zu sprechen.« »Wie?« hauchte sie. »Es hat doch ein jeder Mensch eine solche.« »Wenn Sie den Ort, an welchem man die Jugend verlebt, Heimath nennen, ja. Ich aber verstehe unter Heimath den Ort der Geburt.« »Und Sie kennen diesen Ort nicht?« »Nein. Ich bin ein – Findelkind.« »Sie Aermster! Welch ein Verbrechen ist da an Ihnen begangen worden!« »Ein Verbrechen keineswegs!« »So meinen Sie also, daß Sie von Ihren Eltern verloren oder gar geraubt worden sind?« »Ich meine nichts Bestimmtes; aber ich bin überzeugt, daß von einem Verbrechen keine Rede ist.« Sie befanden sich jetzt mitten im Walde, durch welchen der Weg führte. Es hatte sie Beide eine ganz ungewöhnliche Stimmung ergriffen. Bei der Bürgermeisterin hatte das seinen guten Grund; bei dem Lehrer aber war es weniger leicht erklärlich. Bereits als er sie neben dem Sepp an der Kirche zum ersten Male erblickt hatte, war dieser Anblick von einer ganz eigenartigen Wirkung auf ihn gewesen. Nur war es ganz und gar unmöglich, diese Wirkung in Worten zu beschreiben. Wie er es ihr offen gesagt hatte, war es ihm gewesen, als ob er sie bereits gesehen, als ob er schon mit ihr gesprochen habe. Und doch, nun er jetzt neben ihr herging, wußte er ganz genau, daß er ihr noch niemals begegnet sei. Und doch der tiefe, tiefe Eindruck, welchen ihre Gestalt, ihre Stimme, ihr ganzes Wesen auf ihn machte. Besonders wirkten ihre Augen mächtig auf ihn ein. Aber warum? Er konnte sich diese Frage nicht beantworten. Hatte er sie denn bereits einmal gesehen? Nein! Oder hatte er von ihnen geträumt? Hatte ihr Blick im Traume auf ihm geruht, so innig und so warm, mit dem Blicke der Liebe, wie Augen der Geliebten, wie – Mutteraugen?« Bei diesem letzteren Gedanken war es ihm, als ob ein galvanischer Strom sein Inneres durchzucke. Er blickte schnell auf, in ihr Gesicht, in ihre Augen, so scharf und forschend, daß sie den Blick senkte. Sie fuhr fort: »Ist es denn nicht möglich, daß Ihre Mutter Sie mit Absicht verlassen hat?« »Möglich ist es.« »Dann ist es aber ein Verbrechen!« »Nein!« »Erlauben Sie, daß ich anderer Meinung bin!« »So werde ich stets eine andre als Sie besitzen. Sie waren heut in der Kirche. Denken Sie an das Wort: Kann auch eine Mutter ihr Kind vergessen?« »Vergessen wohl nie, nie, nie! Aber macht dies die That weniger verdammlich?« »Kann ein Mensch über eine That richten, für welche er kein Verständniß hat? Die Mutterliebe ist eine große Macht, eine aus der göttlichen Liebe fließende Macht. Wenn eine Mutter ihr Kind verläßt, so müssen gewaltige Motive vorhanden gewesen sein, und dann ist die That eben kein Verbrechen, sondern sie ist in den andern Verhältnissen begründet, mögen dieselben nun rein äußerliche oder seelische sein.« »Sie denken sehr mild!« »Ich habe kein Recht, anders zu denken.« »Und doch haben Sie unter den Folgen einer solchen That schwer zu leiden gehabt!« »Nein. Ich habe die Mutterliebe nicht vermißt, weil ich sie niemals kennen gelernt hatte. Andre Liebe habe ich reichlich gefunden.« »So sind Sie also nicht zu beklagen?« »Nein.« »Und folglich kann Ihnen daran, Ihre Eltern zu finden, gar nichts gelegen sein.« »Hierin irren Sie freilich. Ich möchte viel, sehr viel darum geben, wenn ich nur ein Weniges über meine Eltern erfahren könnte.« »Sie leben wohl Beide nicht mehr. Sonst hätten sie doch nach Ihnen gesucht.« »Sie haben gesucht, mich aber nicht gefunden.« »Sonderbar! Wenn Sie das wissen, so sind Sie es, der sich nicht hat finden lassen.« »Auch hier irren Sie. Ich habe erst vor ganz Kurzem erfahren, daß ich gesucht worden bin.« »Das ist ja hoch interessant!« »Gewiß für mich, weniger für Fremde.« »Warum? Ich kann mich für einen solchen Fall so interessiren, als ob ich selbst dabei in Mitleidenschaft gezogen sei. Ganz besonders erregt Ihr Fall mein Mitgefühl.« »Warum der meinige?« »Weil – weil – –« Er war stehen geblieben und blickte ihr mit großen, offenen Augen in das Gesicht. Vor diesem Blicke senkte sie den ihrigen. Sie hatte fast im Begriffe gestanden, ihm die Wahrheit zu sagen. Jetzt aber antwortete sie nur: »Weil der Wurzelsepp davon gesprochen hat.« »Der! Und ich habe es ihm streng verboten!« »Sie dürfen es ihm verzeihen. Wir sind so alte und vertraute Bekannte, daß es uns sehr schwer fallen würde, ein Geheimniß vor einander zu haben.« »Und doch sollte er nichts sagen. Das Geheimniß gehört nicht blos mir und ihm, sondern auch den Personen, welche ihm Auftrag gegeben haben, nach mir zu forschen.« »So verzeihen Sie mir, daß ich in dasselbe eingedrungen bin! Haben Sie denn Hoffnung, die Ihrigen zu finden.« »Ja. Nun der Wurzelsepp mich gefunden hat, braucht er ja nur Denen, in deren Auftrag er handelt, meine Adresse zu sagen.« »Richtig. Daran dachte ich nicht. Sie werden also Ihre Eltern sehr bald kennen lernen.« »Wohl die Mutter, den Vater nicht.« »Warum denken Sie das?« »Meine Mutter hat mich fremden Händen überlassen. Sie muß sich in großer Noth und Bedrängniß befunden haben. Sie hätte das jedenfalls nicht gethan, wenn der Vater ihr zur Seite gestanden hätte. Er hat sie verlassen. Entweder war und ist er todt, oder – es ist noch viel, viel schlimmer.« »Was meinen Sie?« »Er ist ein Schurke, der sie verlassen hat.« »Mein Gott! Welch ein Gedanke!« »Liegt er nicht nahe?« »Vielleicht. Aber wenn es so wäre. Würden Sie Ihrem Vater verzeihen?« »Ich würde ihm verzeihen, denn er ist mein Vater, und ich bin ein Christ und Mensch, der die heilige Pflicht hat, Jedem und Jedes zu verzeihen. Aber ich würde ihn – – verachten.« Er sagte das so ernst und in festem Tone, daß sie erschrocken einsehen mußte, daß er nicht in leeren Worten gesprochen habe. Sie standen vor einander, er finster vor sich niederblickend, sie blaß und erregt, das Auge angstvoll auf sein Gesicht gerichtet. Sie fragte weiter: »Und ebenso würden Sie Ihre Mutter verachten?« Da erhob er den Kopf. Sein Gesicht erhellte sich. Sein Auge begann zu leuchten. »Ihr zürnen? Sie verachten? Meine Mutter? Wie wäre das möglich! Was sie gethan hat, das that sie gezwungen. Vielleicht hat sie gewußt, daß ich unter Fremden besser aufgehoben sei, als bei ihr. Und wenn das Alles auch gewesen wäre, der Vater ist ein Mann, den kann und muß man verachten. Eine Frau aber, eine Mutter verachten, das liegt ganz außerhalb der menschlichen Natur. Sagt doch der Dichter mit Recht: Wenn Du noch eine Mutter hast, So danke Gott und sei zufrieden. Nicht Jedem auf dem Erdenrund Ist so ein hohes Glück beschieden! Wenn Du noch eine Mutter hast, So sollst Du sie mit Liebe pflegen, Daß sie dereinst ihr müdes Haupt, In Frieden kann zur Ruhe legen. Er sagte das so innig, so herzlich! Sie kämpfte mit sich selbst. Sollte sie sich ihm mittheilen? Jetzt schon? Es zog sie mit jeder Faser ihres Herzens zu ihm hin. Und doch zitterte sie bei dem Gedanken, daß er sein mildes Urtheil zurücknehmen könne. Nein, sie wollte ihn noch weiter ausforschen, ehe sie das entscheidende Wort sagte. »Und wenn Ihre Mutter aber wirklich schlecht an Ihnen gehandelt hätte.« »Das hat sie nicht!« antwortete er bestimmt. »Wenn sie Sie verlassen hätte aus Leichtsinn, ohne Noth und zwingende Gründe?« Sie hatte die Hände gefaltet. Er ließ seinen Blick über sie schweifen, nicht beobachtend und forschend, sondern blitzschnell, aufleuchtend. Und als er dann antwortete, strahlte ihr förmlich eine seelische Wärme aus seinem Gesichte entgegen. »Meine Mutter leichtsinnig? Nein, das ist sie nie gewesen, und das ist sie nicht. Ich habe den Charakter meiner Mutter geerbt, und ich bin nicht leichtsinnig. Meine Mutter ist ein gutes, herrliches, einziges Wesen. Ich liebe sie von ganzem Herzen und mit meiner ganzen Seele. Ich könnte mein Leben für sie geben zu jeder Zeit, gleich jetzt! Ich bete sie an! Oder soll ich das nicht? Soll ich Dich nicht lieben, Mutter, Mutter, meine Mutter?« Er schlang die Arme um sie und zog sie an sich. »Herrgott!« schrie sie auf. Er aber drückte sie inniger und inniger an sich. Sie schloß die Augen, aber ein unendlich glückliches Lächeln legte sich über ihr Gesicht. »Mutter, meine liebe, liebe Mutter!« jauchzte er abermals auf. »Endlich, endlich hab ich Dich gefunden!« Sie antwortete nicht. Es war ihr, als ob sie in einem unendlich glücklichen Traum befangen sei, aus dem sie aber nicht erwachen dürfe. Da legte er den Mund nahe an ihr Ohr und flüsterte in inniger Bitte: »Mutter, antworte! Sag nur ein Wort, ein einziges, allereinziges!« »Max, mein Max!« antwortete sie leise. »Herrgott! Das ist das erste Mal, daß ich meinen Namen aus dem Munde der Mutter höre! Wie glücklich bin ich, wie unendlich glücklich!« »Wirklich?« fragte sie zaghaft. »Ja. Ich kann es nicht beschreiben, wie glücklich ich bin. Bitte, bitte, öffne die Augen! Blicke mich an!« Da schlug sie langsam die Augen auf, und es traf ihn ein Blick voll solcher Liebesgewalt, daß er innerlich zusammenschauerte. »Ich danke Dir! Das ist das Mutterauge! Das ists, ja das ist es! Jetzt ist mein Leben nicht mehr öd und verlassen. Jetzt habe ich eine Mutter, welche mit mir denken und empfinden kann. Nun ist Alles, Alles, Alles gut! Da entwand sie sich seinen Armen, blickte ihn mit einem Blicke an, welcher nach und nach in Thränen ertrank, sank langsam vor ihm in die Kniee, erhob flehend die Hände und rief: »Max, Max, vergieb mir, vergieb!« Er aber stieß einen Jubelruf aus, hob sie rasch zu sich empor, legte ihren Kopf an seine Brust und antwortete: »Wie namenlos glücklich wäre ich, wenn ich Dir etwas zu vergeben hätte! Aber das ist leider nicht der Fall! Leider? Welch ein schlimmer Gesell ich bin! Glücklicher Weise ist es nicht der Fall. So muß ich sagen. Mutter, Du bist schuldlos. Kein Vorwurf kann Dich treffen. Du kannst nie bös gewesen sein!« »Nein, bös war ich nicht, aber unglücklich, namenlos unglücklich!« »Das weiß ich, denn ich sehe Dich!« »Ich werde Dir Alles, Alles erzählen, Max. Höre mich an!« »Nein, nein! Ich mag nichts hören; ich mag nichts wissen; wenigstens jetzt nicht! Es soll nicht der kleinste Tropfen Bitterkeit das Glück stören, welches ich in diesem Augenblicke empfinde. Mutter, Mutter, meine beste, einzige Mutter!« Er drückte sie wieder und wieder an sich, schob sie von sich ab, um ihr in das vor Freudenthränen nasse Angesicht zu blicken, zog sie abermals an sich und konnte nicht satt werden, ihr Mund, Stirne, Wangen und die Hände zu küssen. Sie gab sich ihm willenlos hin. Der Augenblick des Erkennens war unendlich herrlicher, als sie sich denselben gedacht hatte. Eine solche Fülle von Kindesliebe von Dem, den sie hinaus in die fremde Welt gestoßen hatte! Wie, wie wollte sie ihm diese Liebe vergelten! Ihr Herzblut sollte ihm gehören! »Woher aber weißt Du, daß ich Deine Mutter bin?« fragte sie endlich. »Mein Herz sagte es mir,« antwortete er. »Und sodann bin ich ja Psycholog,« fuhr er scherzend fort. »Du bist nach Hohenwald gekommen. Weshalb? Aus einem geschäftlichen Grunde sicherlich nicht. Der alte Wurzelsepp hat Dich gebracht, mein Vertrauter, von dem ich weiß, daß er meine Mutter kennt. Wir sind einander so sehr ähnlich. Du warst so sehr eigenthümlich. Du forschtest fast mit Angst darnach, ob ich verzeihen würde – – sind das nicht lauter höchst triftige Gründe, einzusehen, daß Du meine Mutter bist?« »Ja, ja. Dein Herz hat laut gesprochen, gleich als Du mich zum ersten Male sahst. Du glaubtest, mich bereits getroffen zu haben. Aber hier stehen wir. Noch haben wir lange Zeit, bevor wir zur Mühle müssen. Setzen wir uns da in das Moos, und plaudern wir.« Sie ließ sich nieder. Er setzte sich vor sie hin, legte seinen Kopf in ihren Schooß und schlang die Arme um ihren Leib, so wie er oder auch ein Andrer es vielleicht bei der Geliebten gemacht hätte. Sie blickten einander still in die Augen. Sie konnten gar nicht satt werden, einander zu sehen. »Und nun sollst Du auch schnell fort aus diesem schlimmen Hohenwald,« sagte sie. »Ich lasse Dich nicht hier unter diesen Leuten.« Sein Gesicht nahm schnell einen ernsten Ausdruck an. »Wohin willst Du mich entführen?« fragte er. »Heim, nach Steinegg.« »Und was soll ich dort?« »Bei mir sein. Ich verlange kein Opfer, keine Entsagung von Dir. Ich bin wohlhabend, sehr wohlhabend.« Sie freute sich, ihm diese Mittheilung machen zu können. Er aber antwortete: »Lieber wäre es mir, wenn Du arm wärst!« »Arm? Oh! Warum?« »Weil ich dann für Dich arbeiten könnte. Wie wollte ich schaffen und wirken, um Dir zu beweisen, daß ich Dich liebe und daß Dein Sohn ein Mann ist, welcher – – seinen Platz ausfüllt, wenn dieser Platz auch nur ein ganz kleines und ganz bescheidenes Plätzchen ist.« »Ich danke Dir! Diese Worte erhöhen mein Glück, denn sie überzeugen mich, wie edel Du denkst. Aber es ist doch besser. Du brauchst den Kampf mit den feindlichen Mächten nicht fortzusetzen. Ich höre. Du liebst die Kunst, die Wissenschaft. Sepp sagte mir sogar, daß Du ein Dichter seist. Du sollst bei mir in Steinegg wohnen und nur Deinen Studien leben.« »Und die Bewohner Steineggs, wissen sie, daß – Du einen Sohn hast?« »Nein.« »Dürfen sie es erfahren?« Sie zögerte doch einen Augenblick lang mit der Antwort. Sodann sagte sie: »Sie sollen es erfahren.« »Nein, sie brauchen es nicht zu erfahren, außer – – – – der Vater war Bürgermeister dort?« Er hatte diese Frage in leisem Tone ausgesprochen, als ob Niemand sie hören dürfe. »Nein,« antwortete sie zögernd. »So war der Bürgermeister erst – – – später Dein Mann?« »Ja.« »Und mein Vater war – – – –« Er sprach nicht weiter. »Max,« sagte sie. »Diese Wolke schwebt so lange zwischen uns, bis wir selbst sie vertrieben haben. Und da wollen wir nicht warten. Es ist am allerbesten, Du erfährst gleich heut, gleich jetzt Alles.« »Mutter, bitte! Warum gleich jetzt, in der ersten Stunde diese trüben Erinnerungen!« »Um sie dann nicht mehr zu haben. Je eher ich sie von mir werfe, desto eher genieße ich vollkommen das Glück, Dich gefunden zu haben.« »Und wird es Dich nicht zu sehr aufregen?« »Nein, gewiß nicht!« »So denke aber daran, daß ich keine ausführliche Erzählung wünsche. Ich bitte, mir nur das zu sagen, was ich nothwendig hören muß, um zu wissen, wer mein Vater ist.« »Mein Gott! Grad das kann ich Dir nicht sagen.« »Wie? Nicht?« fragte er verwundert. »Nein,« antwortete sie unter ausbrechenden Thränen. »Ich weiß ja nicht einmal selbst, wer er war und wer er ist.« Er erschrak. Sie sah es. »Das wußte ich,« schluchzte sie, »daß Du mich nun verachten würdest!« »Verachten?« entgegnete er schnell. »Mutter, wie kannst Du das von mir denken! Ich Dich verachten! Habe ich Dir nicht bereits gesagt, daß es unmöglich sei, daß ein Sohn seine Mutter verachten könne. Ich bin auf einen Namen getauft worden. Folglich hat sich mein Vater denselben beigelegt. Ich denke mir, daß er Dich getäuscht hat. Dieser Name ist ein falscher gewesen.« »Ja, so ist es, so!« »Also, ein – – – Schurke!« Er sagte das nicht laut: aber so wie es zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervorklang, enthielt es eine ganze Welt voll Grimm und Bitterkeit. »Soll ich es Dir erzählen?« fragte sie. »Ja, erzähle! Und dann – dann – – –« »Was soll dann geschehen?« »Dann werde ich ihn zur Rechenschaft ziehen.« »Ich weiß ja nicht, wo er sich befindet! Ich kenne nicht einmal seinen wirklichen Namen.« »Keine Sorge, Mutter! Wenn er noch lebt, wenn er noch existirt, so mag er sich versteckt haben, wo es nur immer sei, ich werde ihn finden.« »Ich habe während zwanzig Jahren vergebens nach ihm geforscht!« »Du ja! ich aber werde ihn finden; das weiß ich ganz gewiß. Also bitte, erzähle!« Sie begann, ihm Alles zu berichten, was sie bereits dem Wurzelsepp erzählt hatte. Hätten sie geahnt, daß Der, von dem sie jetzt sprachen, sich in ihrer Nähe befinde! Nämlich fast um dieselbe Zeit kam von der Stadt her eine Kutsche gefahren. Auf dem Bocke saß ein vornehm gekleideter Herr, welcher die Zügel führte, im Innern saßen ein Livréediener und ein anderer Mann, dem die Kutsche gehörte. Er war in der Stadt ansässig und hatte den Herrn und dessen Diener über Hohenwald nach Steinegg fahren sollen. Nach vornehmer Herren Sitte hatte der Fremde sich ausbedungen, die Zügel zu führen. Darum saß der Besitzer des Miethfuhrwerkes mit dem Diener im Innern des Wagens. Der Herr schien es sehr eilig zu haben, denn er trieb trotz der öfteren Mahnungen des Besitzers die Pferde zu schnellem Laufe an. Unterhalb der Kirche machte der Dorfweg eine scharfe Krümmung um die Ecke eines Hauses. Die Dorfbewohner wußten das und pflegten da langsam zu fahren und auch laut mit der Peitsche zu klatschen, um etwaige Entgegenkommende aufmerksam zu machen und einen Zusammenstoß zu vermeiden. Der Fremde kam in scharfen Trabe dahergerollt. Eben als er um die Ecke biegen wollte, klatschte es jenseits derselben. Er achtete nicht darauf und bog um das Haus. Da kam ihm ein bespannter, schwerer Lastwagen entgegen, welcher trotz des Feiertages noch unterwegs gewesen war. Schnell die Pferde zur Seite reißend, bog der Fremde aus, brachte aber die Kutsche dabei so nahe an das Gebäude, daß sie an die Mauerecke prallte. Ein Stoß und ein Krach, und der Herr stürzte vom Bocke herab auf die Straße. Zum Glücke hielten die Pferde sofort an. Der Besitzer der Kutsche sprang heraus, der Diener ebenso. »Donnerwetter!« fluchte der Erstere. »So ists halt, wann man sein Geschirr in fremde Hände geben muß! Soll mir aberst in meinem ganzen Leben nimmer geschehen! Da ist mir nun das Rad zerbrochen, schon ganz und gar, in kurze und kleine Stücken. Nun mag ich nur auch schauen, wie es wieder ganz wird und wie ich nach Haus gelange!« Der Diener war zu seinem Herrn geeilt und hatte denselben beim Aufstehen unterstützt. »Sind gnädigster Herr verletzt?« fragte er. Dabei zuckte es aber ganz wie verborgene Schadenfreude über sein Gesicht. »Ich glaube nicht. Laß mich probiren!« Der Herr streckte sich grad aufrecht und versuchte, einige Schritte zu gehen. »Gebrochen habe ich nichts,« erklärte er. »Aber das Kreuz schmerzt mich sehr.« »Ja, gebrochen habens halt nix!« zürnte der Fuhrmann. »Nur mir das ganze Rad.« »Das wird reparirt!« »Wo denn?« »Natürlich hier!« »Hier giebts halt nur einen Schmieden, nicht aberst einen Stellmachern. Auch kann das Rad gar nimmer reparirt werden; es muß ein neues her.« »So bezahle ich es; aber das Spectakeln verbitte ich mir!« »Na, wanns zahlen, so will ich halt still sein; aberst Geldl muß ich auch sehen.« »Meinen Sie etwa, daß ich dieses Geschäft hier auf der Straße erledigen werde? Ist kein Gasthof hier in der Nähe?« »Es ist nur einer da. Wanns ein Stückchen hier weitern laufen, so kommens gleich bald hin.« »Gut, so kommen Sie nach!« »Werd mich schon schnell einistellen. Wann man ein Geldl zu bekommen hat, nachher bleibt man nicht stundenlang auf dera Straßen kleben.« »Gemeiner Strick!« brummte der Herr. Dann ließ er sich von seinem Diener unterstützen und hinkte nach dem Gasthofe hin. Dort saß als einziger Gast in der Schänkstube – – der Wurzelsepp. Er befand sich noch nicht in der Mühle. Es war ihm gar nicht darum zu thun gewesen, so schnell nach derselben zu gelangen. Er hatte sich nur aus dem Grunde dem Müller angeschlossen, um die Bürgermeisterin mit dem Lehrer allein zu lassen. Nachher hatte er den Müller allein gehen heißen und war in der Schänke eingekehrt, um sich dort die Zeit bis zum Essen zu vertreiben. Anstatt Zeitvertreib aber hatte er Langeweile gehabt. Die Wirthin hatte mit der Vorbereitung zum Mittagstische in der Küche zu thun. Der Wirth war nicht daheim, ein anderer Gast nicht anwesend, und so saß der Sepp ganz allein in der Stube. Darum war es ihm sehr lieb, jetzt Leute kommen zu sehen. Der fremde Herr trat ein, von seinem Diener unterstützt. Es fiel keinem von Beiden ein, zu grüßen. Sie blickten sich in der Stube um. Dann fragte der Herr: »Giebts hier im Ort einen Kutschwagen?« Der Sepp antwortete nicht. »Heda, Alter!« wiederholte der Diener. »Ob es hier im Ort einen Kutschwagen giebt.« Abermals keine Antwort.« »Bist Du etwa taub?« »Ja,« antwortete jetzt der Sepp. »Aber meine Frage hast Du gehört?« »Ich muß doch taub sein, da ich nicht mal einen einzigen Laut hör, wann Zwei hier einitreten und ganz laut und höflich grüßen.« Der Herr hatte sich sofort auf einen Stuhl niedergelassen. Der Diener fuhr fort: »Du meinst doch nicht etwa, daß ich Dir Complimente machen soll!« »Nein; darum laß mich aberst auch aus und red nicht mit mir, sonst kannst auch vorher grüßen!« »Oho, Grobian! Nenne mich nicht etwa Du, sonst zeige ich Dir, was für ein Unterschied ist zwischen Dir und mir!« »So einer: Ich bin trocken, und Du bist noch naß hinter den Ohren und im Gesicht.« Der Sepp hatte nämlich seinen Bierkrug ergriffen und dem Lakaien den Inhalt desselben an den Kopf gegossen. Dieser erhob darüber einen solchen Skandal, daß die Wirthin schnell herbeikam. »Was ist denn da los?« fragte sie, welche die beiden Hände voller Nudelteig hatte. »Dieser Flegel schüttet mir das Bier ins Gesicht!« rief der Diener. »Ich verlange, daß – – –« »Flegel?« unterbrach ihn die Wirthin. »Das ist dera Wurzelsepp, und der ist niemals ein Flegeln gewest. Der ist stets ein höflicher Mann und tritt kein Wurmerl mit dem Fuß. Aberst wann er angriffen wird, nachhero wehrt er sich auch. Vielleichten bist vorher selberst ein Flegeln gegen ihn gewest, und nachhero, als er Dir antwortet hat, hast ihn einen solchen genannt!« »Ich? Das verbitt ich mir! Ueberhaupt laß ich mich nicht Du nennen!« brauste der Diener auf.« »Was?« fragte die Wirthin. »Du willst wohl gar Sie geheißen sein? Und draußen in dera Kücheln hab ich deutlich vernommen, daßt den Sepp Du genannt hast! Wer bist eigentlich? Ein Gesind, ein Dienstbot, grad wie mein Knecht und mein Saubub draußen und meine Gänsedirn. Grad wie diese bekommst Deinen Lohn auch, und wannst einen Rock anhast mit Dressen auf dem Kragen, so brauchst Dir nix drauf einzubilden, denn Du hasts ja doch nicht zahlt, und wann ich unserm Saububen auch Dressen machen lassen will an die Mützen und einen Pimperl ins Genicken und vorn eine Klingel an die Nasenspitzen, so kann er sich grad auch das einibilden. Verstanden!« »Welch eine Unverschämtheit!« rief er aus. Da trat sie auf ihn zu und fragte: »Was? Wie nennst mich? Unverschämt soll ich sein? Willst etwan hier meine Händen ins Gesichterl haben, daßt ausschaust, als ob den Ziegenvieter hast? Wannst noch so ein Worten sagst, so nehm ich Dich beim Schlaffitchen und häng Dich anstatt dera Oellampen hinauf an den Haken hier an dera Stubendecken. So ein Baldriangansrich kann uns hier grad noch fehlen!« Das war dem Herrn Lakai noch niemals vorgekommen. Er wendete sich zu seinen Herrn um Hilfe: »Euer Gnaden haben doch gehört?« »Ja, ja!« antwortete der Herr, sich mit der Hand das Kreuz reibend. »Wollen wir das dulden?« »Ich nicht, aber Du!« Herr und Diener schienen keine große Sympathie für einander zu fühlen. »Ich? Den Baldriangansrich soll ich leiden?« »Was willst Du thun? Solche grobe Leute läßt man am Besten in Ruhe!« »Wie?« fragte die Wirthin. »Grobe Leutln?« »Ja,« lachte er höhnisch. »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie fein sind?« »Nein; aberst Sie sinds auch nicht. Trinkens etwan was?« »Ich habe keinen Appetit.« »Oder hochdero Herr Bedienter?« »Der hat keinen Trinketit. Wir wünschen nur einen Wagen.« »Ach so! Das paßt sich ganz gut. Sie haben keinen Appetit; dera Dienern hat keinen Trinketit, und wir haben keinen Wagentit. Es giebt also hier gar keinen Tit, und darum könnens gehen.« »Himmelsakkerment! Treten Sie doch nicht so auf! Ich bin gestürzt und kann nicht laufen. Sie werden doch nichts dagegen haben, daß ich hier so lange sitze, bis mein Diener einen Wagen aufgetrieben hat!« »Nein. Hinauswerfen thu ich keinen Leidenden. Aberst wer blos hereinikommt, um sich herzusetzen, der kann auch Grüß Gott sagen. Und wann er das nicht thut und auch noch einen Spektakeln beginnt, so wird er an die Luft geblasen!« Der kleine Bube des Wirthes war seiner Mutter aus der Küche gefolgt; er hörte, was gesprochen wurde, stellte sich vor den Diener hin, stemmte den linken Arm in die Seite, erhob drohend die rechte Faust und sagte: »Hasts gehört, Grasaff? Wannst nicht schweigst, blas ich Dich hinaus! Du wärst mir Einer!« Damit drehte er sich verächtlich um und trollte stolz von dannen, hinaus in die Küche, um der Mutter die frischen Nudeln vom Brette wegzuessen. Der fremde Herr stieß ein schallendes Gelächter aus und rief: »Alle Teufel, ist das ein Kreatürchen! Wenn das am grünen Holze geschieht, was soll da erst aus dem dürren werden! Hören Sie, Wirthin, der Kleine wird ein Prachtkerl. Nicht?« »Ja, das glaub ich wohl. Der zerbricht sich nicht sogleich das Kreuz, wann er einmal mit dem Wagen umischwappt wird. Der hat feste Knocherln!« »Ah, das geht auf mich! Nun gut! Jetzt aber sagen Sie mir einmal gütigst, ob man hier wirklich keinen Wagen bekommen kann.« »O, Wagen sind schon da,« lachte sie. »Bei wem?« »Wir haben einen Leiternwagen.« »Nach dem habe ich nicht gefragt.« »Dera Nachbarn rechts hat gar einen Frachtwagen zum Ziegelnfahren.« »Hol Sie der Teufel! Ich will gefahren sein! Verstanden! Ich!« »Ach so! Das hab ich doch nicht wüßt. Wer sinds denn da, wanns gar gefahren sein wollen?« »Ich bin der Baron von Alberg und will hinüber nach dem Steinegger Schloß.« »Ach so! Ja, wanns ein Baronerl sind, so könnens auch schon fahren. Das glaub ich gar wohl. Aberst eine Kutschen giebts hier im ganzen Dorf nicht außer beim Silberbauern. Und der aber giebt sie nicht her.« »Das möcht ich bezweifeln. Wenn ein Baron zu ihm schickt, so wird er sofort Ja sagen.« »Da kennens ihn schlecht, ihn und seinen Sohn, den Silberfritzen. Grad weils ein Baron sind, werdens die Kutschen nicht bekommen.« »Ich werde es dennoch versuchen. Wo wohnt er?« Die Wirthin beschrieb den Weg zum Silberhof, und dann entfernte sich der Diener, sein Heil zu versuchen. Als der Baron seinen Namen genannt hatte, war der Sepp, welcher sich verächtlich abgewendet hatte, schnell mit dem Gesicht herumgefahren. Der Baron hatte jetzt seine Reisemütze abgesetzt, und so war die Spur eines Hiebes auf der linken Stirn sichtbar geworden. Als nun auch die Wirthin sich entfernt hatte, befanden sich die beiden Männer ganz allein mit einander in der Stube. Ein anderer Vertreter der Aristokratie hätte sich schweigend verhalten. Der Baron aber glaubte es wohl seiner Ehre schuldig zu sein, den Sepp zu ärgern. Er begann: »Also Wurzelsepp ist Dein Name. Bist wohl sehr oft tüchtig ausgewurzelt worden?« »Ich?« meinte der Sepp schlagfertig. »Wie kommst auf den dummen Gedanken? Hab ich etwan eine Narben an dera Stirn, daßt denkst, ich hab einen Hieb erhalten?« »Mensch, hast Du nicht gehört, daß ich ein Baron bin!« »Jawohl.« »Und wagst es, mich Du zu nennen!« »Warum nicht? Baron oder Schinder, wer mich Du nennt, den duz ich auch. Uebrigens weiß ich, daßt nicht der bist, für dent Dich ausgiebst.« »Ich? Was fällt Dir ein!« »Mir machst nix weiß!« »Das kann mir nicht in den Sinn kommen!« »Dera Baronen von Alberg willst sein?« Na, das sag nur einem Andern aberst nicht mir! Ich kenn Dich bereits besser!« »Kerl, wag nicht zu viel!« brauste er auf. »Wenn ich mit Dir spreche, so ist das eine große Ehre für Dich. Keinesfalls aber darfst Du Dir einbilden, daß Du es wagen darfst, mich ungestraft zu beleidigen!« »Eine Ehren soll es sein? Wann ein Schwindlern mit mir redet? Nun, das ist auch sehr gut! Ich dank für dera Ehren!« »Siehst Du denn nicht ein, daß dies eine Verwechslung ist? Du verkennst mich!« »Nein! Dich kenn ich genau!« »Ach so? Seit wann denn?« »Seit alst noch jung warst.« »Und wo?« »Im Bad.« »In welchem?« »In Eger, und vorher auch noch wo anderst.« Er konnte sich doch nicht ganz beherrschen, dieser Baron von Alberg. Er zuckte zusammen, sagte aber? »Dort bin ich nie gewesen.« »Nicht? Ist etwa auch kein Schwindelmeier da gewest, der sich Curt von Walther hat heißen lassen?« »Donnerwetter! Den kenn ich nicht.« »Und auch eine gewisse Bertha Hillern hast wohl gar nicht kannt?« Der Baron fuhr trotz des verletzten Kreuzes von seinem Sitze empor. »Was weißt Du von ihr?« fragte er. »Von ihr und von Dir? Alles!« »Du verkennst mich doch!« »Nein. Du bist halt gar nicht zu verkennen. Die Narben an Deiner Stirn ist ein sichres Zeichen, und nachhero haben wir auch noch andere Beweise funden.« »Welche?« »Meinst, daß ich Dir das sagen werd?« »Ja, falls Du keine Lügen machst.« »Ich sag die Wahrheit.« »So kannst Du mir sagen, was Du weist.« »Das fallt mir nimmer ein! Wann die Zeit kommen wird, wirst schon Alles von selbst derfahren. Aberst was wir wissen, das wissen wir gewiß.« »Wie? Wer ist da gemeint?« »Das wirst auch noch derfahren. Zunächst werd ich Deiner Tochtern derzählen und dera Baronessen Asta von Zelba, die jetzund bei derselbigen ist.« »Mensch, bist Du allwissend!« rief der Baron. »Was Dich betrifft, ja.« Der Baron hatte alle Falbe verloren. Er kam langsam herbeigehinkt, legte dem Sepp die Hand auf die Achsel und sagte: »Wir wollen uns nicht aufregen und lieber in Ruhe mit einander sprechen. Du bist arm?« »Freilich! Das siehst ja!« antwortete der Alte, indem er ein Aufleuchten seiner Augen zu verbergen suchte. »Hast Du Kinder?« »Ei wohl! Gar viele.« »Die Du vielleicht höchst armselig ernähren mußt.« »Ja, Flaustern bekommens halt nicht zum Fruhstucken.« »Nun gut. Du kannst Dir Deine Lage verbessern. Womit ernährst Du Dich jetzt?« »Ich such halt Wurzeln und verkauf sie.« »Das ist die reine Hungerkur. Möchtest Du nicht lieber eine feste, sichre Anstellung haben?« »Gar zu gern. Aberst wer wird mir eine solche geben, einem so gar alten Menschen?« »Ich.« »Du? Da machst auch nur einen Spaßen mit mir!« »Nein, es ist mein völliger Ernst. Ich brauch grad so einen erfahrenen, alten Mann, wie Du bist.« »So! Was für eine Stellen ist es denn?« »Die Stelle eines Parkaufsehers.« »Himmelsakra! Das wär schön! So was könnt ich mir schon wünschen!« »Nicht wahr! Also hast Du Lust?« »Ich mach sogleich mit.« »Gut! Du sollst die Stelle haben, natürlich aber unter gewissen Bedingungen.« »Wie lauten dieselbigen?« »Erstens hast Du mich zu tituliren, wie mein Rang und Stand es mit sich bringt.« »Das versteht sich ganz von selber». Wannst erst mein Principalen bist, nachhero fallt das Du schon weg.« »Ferner darfst Du natürlich nichts thun, was gegen mein Interesse, also zu meinem Schaden sein würde.« »Gut, auch das!« »Sodann darfst Du keine Geheimnisse vor mir haben, welche meine persönlichen Angelegenheiten betreffen.« »Schön, ich bin bereit dazu.« »Du mußt mir also Alles mittheilen.« »Das würd ich ganz von selberst thun, wannst einmal mein Herr bist. Das brauchst gar nicht extra zu verlangen.« »Schön. Wann kannst Du antreten?« »Wannst willst.« »Welche Familie bringst Du mit?« »Gar keine.« »Ich denke. Du hast so viele Kinder.« »Die sind bereits verheirathet. Ich komm allein.« »So kannst Du gleich morgen antreten.« »Das gefreut mich gar sehr, Herr Baronen. Vielleichten erlaubsts auch, daß ich erst übermorgen komm. Ich muß erst noch einige Kunden befriedigen.« »Einverstanden. Also sind wir einig?« »Noch nicht. Was soll ich denn für ein Geldl erhalten?« »Ach so! Nun, wie viel beanspruchst Du?« »Sie müssen doch halt selberst wissen, wie viel die Stellen einibringt.« »Nun, Du sollst freie Kost in der Dienerküche haben und fünfhundert Mark Gehalt.« »Hm! Nicht übel. Da bin ich einverstanden.« »Schön! Monatliche Kündigung!« »Ja,« nickte der Sepp, indem er eine schlaue Miene zog. »Wer den Andern ausnutzt hat, der kann ihn so schnell wiedern fortjagen.« »So ists nicht gemeint. Also komm, wenn es Dir paßt. Von diesem Augenblick an stehst Du also in meinem Dienste.« »So? Meinst?« »Ja. Du hast aufrichtig zu sein. Nun sage mir, was Du von diesem Curt von Walther Alles weißt.« »Das werd ich Dir schon sagen, so bald ich wirklich in Deinem Dienst steh. Jetzt ist dies halt noch nicht der Fall. Das hörst schon daran, daß ich noch immer Du zu Dir sag.« »Ich hab Dich doch engagirt.« »So? Hast mir auch bereits ein Geldl geben?« Der Baron machte eine Bewegung der Ungeduld und sagte: »Also darauf ists abgesehen! Nun, hier hast Du zwanzig Mark. Das ist ziemlich ein halbes Monatsgehalt. Jetzt wirst Du sprechen?« Der Sepp steckte das Geld schmunzelnd ein und antwortete: »Ja, jetzt werd ich reden können.« »Nun, also! Was weißt Du?« »Daß, dera Walthern der größest Hallunken ist, den ich nur kennen thu.« »Warum?« »Weil er die Bertha verführt und betrogen hat.« »Von wem weißt Du das?« »Von ihr selberst.« »Ah! Sie lebt noch! Wo?« »Grad zwischen dem Mond und dem Mittelpunkten dera Erden.« »Mensch! Eine solche Antwort giebt man seinem Herrn doch nicht!« »Ja, weißt, ich muß Dich nehmen, wie Du bist, und so mußt auch mich grad so nehmen, wie mich der liebe Herrgott derschaffen hat. Wannst mich nicht so behalten willst, kannst mir ja gleich wiederum kündigen. Dann bin ich blos einen Monaten bei Dir.« Der Baron machte ein sehr verblüfftes Gesicht. »Kerl,« sagte er, »ich glaube. Du willst mich gar zum Narren halten!« »Nein, außer wannst wirklich einer bist. Ich werd Dir so treu dienen, wie die zwanzig Markerln werth sind. Weißt, alter Freund, ich versteh Dich schon ganz gut. Du willst mich zu Deinem Dienern, machen, um Alles zu derfahren und nachhero thun, was Dir gefallt. Ist das geschehen, so jagst mich halt hübsch zum Teuxel. So steht die Kart. Aberst wannst einen Trumpfen ausspielst, so hat dera Wurzelsepp auch einen. Dann werden wir sehen, wer zuletzt der Kluge ist.« Da fuhr der Baron auf ihn zu und rief zornig: »Ah, so steht es! Gut. daß ich das gleich erfahre. Dann kann natürlich aus der Anstellung nichts werden!« »Ist mir auch lieb! Bin ganz einverstanden!« »So gieb also das Geld wieder heraus!« »Das? Da wird der Wurzelsepp sich hüten. Das Geldl hab ich als Gehalt bekommen und ich bin bereit, den Dienst anzutreten. Diese Sach ist festgemacht. Willst mich nicht haben, so behalt ich mein Geldl und verlang auch noch das Andere vom Monatsgehalt. Verstanden? Wannst die Ohren hinten zusammenlegst, wirst gleich einsehen, daß ich in meinem Recht bin. Giebsts zu oder nicht?« Der alte Schlauberger machte ein Gesicht, wie der Fuchs, wenn er den Wolf überlistet hat. Der Baron erkannte, was er für einen Gegner vor sich habe. Er wollte eben losdonnern, als sein Diener eintrat, um zu melden, daß der Silberfritz die Kutsche nicht hergegeben habe, daß aber ein Bauer bereit gewesen sei, einen leichten Spritzwagen zur Verfügung zu stellen. Und jetzt kam auch der Besitzer des beschädigten Fuhrwerks, um die Effecten zu bringen, welche sich in der Kutsche befunden hatten, und seinen Schadenersatz ausgezahlt zu erhalten. Vor ihm und dem Lakaien konnte der Baron nicht mit dem Sepp weiter verhandeln. Darum gebot er ihm: »Jetzt wartest Du noch hier!« »Meinst?« fragte der Alte lachend. »Ich bin fertig mit Dem, was ich hier zu thun habt hab, und kann also gehen.« Der Baron blickte ihn zornig erstaunt und von oben herab an: »Ich glaube gar, Du willst Dich mir widersetzen!« rief er aus. »Fallt mir gar nicht ein. Widersetzen kann ich mich halt doch nur Einem, der das Recht hat, mir Befehlen zu ertheilen. Meinst etwan, daßt zu diesen gehörst?« »Ja. Ich habe Dich engagirt.« »Aberst ich bin noch nicht bei Dir antreten, das darfst nicht vergessen. Wann ich jetzunder gehen will, so kannst mich gar nicht halten. Aberst doch bin ich erbötig, noch da zu bleiben, doch darfst mirs ja nicht befehlen, sonst geh ich sogleich fort.« Er stand auf und griff nach Hut, Rucksack und Bergstock, den drei Gegenständen, welche von ihm so unzertrennlich waren. Das brachte den Baron, in eine große Verlegenheit. Er wollte sich vor den Anderen nicht blamiren und doch konnte er es mit dem Sepp auch nicht verderben, weil dieser im Besitze so wichtiger Geheimnisse war. Er that also, als ob er die Worte des Alten gar nicht gehört habe. Dieser aber, als er sah, daß der Baron sich zu dem Besitzer der Kutsche wandte, schritt nach der Thür. »Behüts Gott alle mit nander!« sagte er grüßend und öffnete die Thür, um die Stube zu verlassen. Jetzt mußte der Baron wohl oder übel Etwas thun, was er unter anderen Umständen auf keinen Fall gethan hätte. »Halt!« sagte er. »Bleib doch da!« Der Sepp wendete sich langsam um und fragte: »Ist das etwan ein Befehl?« »Nein.« Aber damit begnügte sich der Alte keineswegs. Er wollte absolut gebeten sein. Darum erkundigte er sich weiter: »Was ists dann, wann es kein Befehl ist?« »Es ist ein Wunsch von mir,« knirschte der Baron. »Also eine Bitte wohl?« »Ja, zum Teufel!« »Na,« lachte der Sepp, »wannst mich so schön bitten kannst, so will ich halt hier bleiben. Aberst ein Wenig schnell machen mußt, denn ich hab mehr zu thun und keine Zeit zu verlieren.« Der Baron wurde vor Aerger und Scham blutroth im Gesicht und machte möglich schnell sein Geschäft mit dem Fuhrwerksbesitzer ab. Das kam diesem Fuhrwerksbesitzer aber sehr zu statten, denn der adelige Herr zahlte, um ihn nur los zu werden, ohne allen Anstand die geforderte Entschädigungssumme. Dann ging der Mann. Indessen war der Hohenwalder Bauer mit seinem Korbwagen gekommen und hielt draußen vor dem Gasthofe. Der Baron gab dem Lakaien den Befehl, die Effecten hinauszuschaffen und dann draußen auf ihn zu warten. Als er sich nun mit dem Sepp allein befand, wendete er sich an diesen: »Du scheinst ein sehr obstinater Mensch zu sein!« »Ja, hochdelicat bin ich stets gewest; da hast schon sehr Recht. Wann ich Einem einen Gefallen erweisen kann, so thu ichs immer gar zu gern, aberst höflich muß man mir kommen, sonst ists gefehlt. Das mußt Dir merken!« »Oho, wenn Du in meinen Dienst getreten bist, so ist die Reihe, höflich zu sein, an Dir!« »Ja, wannst fein mit mir bist, so solls gar nicht dran fehlen. Wannst aber so von oben herab kommst, wie vorhin, so komm ich halt von unten heraufi und in dera Mitten treffen wir zusammen. Wer nachher den dicksten Kopf hat, der hälts am Allerlängsten aus und ich glaub, das wird wohl dera Wurzelseppen sein.« »Darauf wollen wir es ankommen lassen. Jetzt sollst Du sehen, daß ich höflich sein kann. Das Draufgeld hast Du erhalten und es ist also Deine Pflicht, auf meinen Vortheil zu sehen, obgleich Du noch nicht bei mir angetreten bist. Ich bitte Dich also, mir zu sagen, wo die vormalige Bertha Hiller sich gegenwärtig befindet.« »Wie ich Dir bereits sagt hab, ganz auf dera Erden.« »Alle Teufel! Sei doch nicht so dickköpfig. Wenn Du mir Auskunft ertheilst, soll es mir auf eine Extragratification nicht ankommen.« Der Alte lächelte ihm schlau ins Gesicht. »So, also eine Grafiticationen soll ich auch haben? Das ist gar schön von Dir! Das kann mir gefallen. Wie viel willst denn zahlen?« »Das wird sich ganz nach dem Werthe richten, welchen Deine Mittheilung für mich hat.« »So! Da fangst die Sach bei dera falschen Seiten, an, mein liebern Herr Baron. Es ist vielmehr so, daß ich mich mit meiner Mitteilungen ganz nach dem Geldl richten werd, wast mir geben willst.« »Schlaukopf! Du willst mich betrügen! Ich soll Dich bezahlen, und nachher wird es sich herausstellen, daß Du gar nichts weißt.« »Du, da kennst den Wurzelseppen schlecht! Wannst überhaupt denkst, daß ich nix weiß, so kannst mich ja ruhig sitzen lassen und lieber weiter fahren.« Der Baron ging zögernd in der Stube auf und ab. Er war überzeugt, dem Sepp nicht an Schlauheit gewachsen zu sein, oder er hatte doch wenigstens das Gefühl, sich ganz in dessen Händen zu befinden. Darum fragte er endlich, zögernd sondirend: »Wie ists mit zehn Mark?« »Dafür verkauf ich nicht mal da meinen alten Hut.« »Aber fünfzehn?« »Das ist schon etwas mehr, aberst nicht genug.« »Nun, so wollen wir zwanzig sagen. Aber mehr gebe ich auf keinen Fall.« »So? Na, wannst wirklich nicht mehr geben willst, so muß ich damit zufrieden sein.« »Du bist also einverstanden?« »Ja, gern sogar. Zwanzig Markerln sind für Unsereinen schon ein hübsches Geldl.« »So antworte also!« Der Sepp machte ein sehr erstauntes Gesicht, kratzte sich verlegen hinter dem Ohre und antwortete: »Du, so ists halt nicht gemeint gewest. Ich geb meine Geheimnissen nicht so wohlfeil her. Wann ichs sagt hab und Du behältst die zwanzig Markerln, so kann ich nix machen und Du lachst mich aus.« Der Baron zeigte eine Miene, welcher man es fast deutlich ansah, daß er wirklich vorgehabt hatte, den Alten zu übervortheilen. Er wollte die Antwort desselben hören und ihm dann nichts bezahlen. Als er sich bei diesem geheimen Gedanken ertappt sah, versteckte er seine Verlegenheit hinter einem gut gespielten Zorn und sagte: »Ich werde Dich sofort bezahlen.« »Das will ich ja auch. Sofort, das heißt gleich jetzt. Nachhero sag ich Dir auch, wast wissen willst. Änderst aber mach ich es nicht.« »Du bist ein Hartkopf, wie ich noch keinen gefunden hab!« »Und Du ein Schlaukopf, vor dem man sich in Acht zu nehmen hat. Also zahlst oder nicht?« Der Baron zog seine Börse, legte ein Zwanzigmarkstück auf den Tisch und antwortete: »Hier ist das Geld. Also wo befindet sich jetzt die Bertha Hiller?« Der Sepp nahm das Geld schmunzelnd weg, zog den alten Beutel, ließ es in demselben verschwinden, steckte ihn langsam wieder in die Tasche und antwortete: »Das kann ich Dir nun ganz genau sagen: Drüben in Oesterreich ist sie jetzunder. Da wohnt sie bereits seit langer Zeiten.« Der Baron machte ein höchst enttäuschtes Gesicht. »Aber wo da?« fragte er. »Ich glaube es ist eine Stadt, in der sie wohnt.« »Wie heißt dieselbe?« »Hm! Wann ich mich nicht irren thu, so muß dies auf dera Landkarten zu lesen sein.« Jetzt erkannte der Baron, daß er abermals überlistet worden war. »Hundsfott!« rief er aus. »Wenn Du mich betrügen willst, so kommst Du an den Unrechten.« »Betrügen? Was denkst von mir! Ich bin der allerehrlichst Kerlen im ganzen deutschen Reich. Ich hab Dir sagt, wo sie sich befindet und Du hast dafür zahlt. Dera Handel ist also ganz ehrlich von uns abgeschlossen worden.« »Ich will aber den Namen der Stadt wissen.« »Ach so! Ja, das hättst vorher sagen sollt. Das hab ich mir ja gar nicht denkt.« »Nun, jetzt weißt Du es. So antworte also!« »Verteuxeli! Jetzt verstehst mich falsch. Für zwanzig Markerln kann ich Dir nur das Land sagen, aberst die Stadt nicht auch. Die kostet halt schon mehr, viel mehr.« »Tod und Teufel! Jetzt sehe ich ein, daß ich es mit einem Betrüger zu thun habe!« »Du,« warnte der Sepp, »hier wird nicht geschumpfen. Ich betrüg Dich nicht. Ich hab die Wahrheit sagt, daß ich von Dir und dera Bertha Hillern mehr weiß, alst denkst und ahnst. Aberst für so ein Lumpengeld kann ich so wichtige Geheimnissen nicht verkaufen.« »So! Dann bist Du zwar kein Betrüger, aber etwas noch viel Schlimmeres, nämlich ein wahrer Gurgelabschneider, der das, was er weiß, so theuer wie möglich verkaufen will.« »Das thut halt ein jedern Geschäftsmann. Vom Verdienst muß man doch leben. Und wannst nicht bessern zahlen willst, so kannst eben auch nicht Alles derfahren. Du hast sagt, daßt nur zwanzig Markerln geben kannst, und ich sag Dir drauf, daß ich Dir für so ein Geldl nur das Land nennen kann, weitern nix. Jetzt sind wir quitt und fertig.« Er erhob sich von dem Stuhle, auf den er sich wieder niedergesetzt hatte, und griff wieder zu seinen Sachen, um zu gehen. »Halt, bleib noch einen Augenblick!« forderte ihn der Baron auf. »Wie viel willst Du für Alles haben, was Du weißt?« Der Sepp legte bedenklich den Kopf auf die Seite und antwortet!: »Du ich weiß halt sehr viel!« »Das heißt. Du verlangst auch viel?« »Ja, hasts derrathen.« »Du willst also die Henne rupfen, weil Du sie in den Händen hast!« »Kannst sie etwan rupfen, wann sie fort ist?« lachte der Schlaue. Der Baron kniff die Augen zusammen und dachte eine Weile nach. Dann sagte er: »Verstehe mich wohl! Wenn ich verlange, daß Du mir Deine Geheimnisse mittheilst, so verlange ich ebenso, daß sie nachher mein Eigenthum sind und nicht mehr das Deinige.« »Ja, ich bin bereit dazu.« »Du hast Dich also dann ganz so zu verhalten, als ob Du gar nichts mehr von mir wissest.« »Schön! Zahl nur gut, dann hab ich sogleich Alles vergessen.« »Gut. Du weißt also wirklich, wo sie sich befindet, und Du kennst ihre ganzen Verhältnisse?« »Ja, ganz genau. Und dazu weiß ich auch, wo sich Dein Sohn befindet und kenn auch seine Verhältnissen ganz genau.« »Mein Sohn? Verdammt! Wissen Beide, wer ich bin, das heißt, wer der damalige Curt von Walther eigentlich ist?« »Nein. Sie haben keine Ahnung davon.« »Und Du wirst es ihnen auch nicht verrathen!« »Jetzt bin ich ganz bereit dazu, es ihnen zu sagen. Aberst nachdemt mich zahlt hast, werd ich ihnen kein Wort davon sagen.« »Kannst Du darauf schwören?« »Ja, und dera Wurzelsepp hat noch niemals sein Wort brochen, einen Schwur erst gar nicht.« Er machte dabei ein so ehrliches Gesicht, daß der Baron überzeugt war, daß es ihm mit dieser Versicherung wirklich ernst sei. Darum forderte er ihn nun auf: »So sage, welchen Preis Du von mir verlangst.« Der Sepp zuckte die Achsel. »Du, das ist eine böse Geschichten. Am Liebsten verlang ich gar nix. Sag selbsten, wast geben kannst!« »Gut! Ich habe keine Zeit, mich länger mit Dir hier herum zu streiten. Ich gebe Dir Alles in Allem hundert Mark.« »Hundert Mark! Bist des Teuxels!« meinte der Alte im Tone des größten Erstaunens. »Nicht wahr, es ist das sehr viel?« »Sehr viel? Auch noch! Na, kannst etwan gar nicht rechnen? Wann ich jetzt der Bertha und Deinem Sohn sag, wo sie seinen Vatern finden werden, so mußt für alle Beid ganz standesgemäß sorgen. Das kostet ein großes Geldl und packt Dich auch bei dera Ehren an. Wann ich aberst nix sag, so dersparst das Alles. Und dafür bietest Hunderl Markerln blos? Ja, Du bist auch ein Gescheidter!« »Mensch! Hundert Mark sind für Dich ja ein Vermögen.« »Meinst? Und wann ich zu denen Beiden geh und ihnen sag, daß ich Dich funden hab, was werdens mir wohl dann bieten? Tausend Markerln und noch mehr!« Das sah der Baron freilich auch ein. Aber er hatte doch noch einen Einwand: »Sie bezahlen Dich nur einmal; bei mir aber trittst Du in Dienst. Du findest also außer dem Geld eine lebenslängliche Versorgung bei mir.« »Du, laß mich aus mit derjenigen Versorgungen. Wir passen nicht für eine lange Zeiten zu nander. Du thätst mich bereits nach einigen Tagen wiedern fortjagen, und weil ich ein ehrlicher Kerlen bin, der sein Wort, was er einmal geben hat, niemals brechen thut, so hätt ich die lumpigen hundert Markerln und weiter nix; denn ich könnt mein Geheimnissen doch nicht wiedern in Anwendung bringen, weils doch nicht mehr mein Eigenthum wär. Nein, so wird nix daraus! Für diesen Preis mach ich nicht mit.« »Für wie viel sonst?« »Geh nur selberst höher!« »So will ich noch ein Wort sagen; aber es ist mein letztes. Ich gebe Dir zweihundert Mark.« »So, das ist Dein letztes Wort? Nun, ich sag da halt gar nix, denn dazu hab ich kein Worten mehr. Adjeh, Herr Baronen. Behüt Dich dera Himmel! In nächster Zeiten wirst Besuch erhalten.« »Was für welchen?« »Von Deinem Sohn und seiner Muttern. Nachhero wirst einsehen, wie gut es wär, wannst mir mehr geboten hättst. Aberst des Menschen Wille ist sein Pflaumenkuchen. Je mehr Zuckern man dazu thut, desto bessern wird er schmecken.« Er warf den Sack über, stülpte den Hut auf den Kopf, ergriff den Stock und schritt abermals nach der Thür. Der Baron stieß einen grimmigen, aber unterdrückten Fluch aus. Es war ihm unendlich ärgerlich und noch viel, viel mehr als nur ärgerlich, sich in den Händen dieses Mannes zu befinden. »Mensch!« sagte er, »muß denn allemal sogleich fortgerannt werden. So bleib doch, wir sind ja noch gar nicht miteinander fertig!« Der Sepp wandte sich um und antwortete: »Du, von Dir laß ich mich nicht an dera Nasen herumführen. Wann ich nun wiedern gehen will, so geh ich auch. Darauf kannst Dich halt verlassen. Du hast sagt, daßt Dein letztes Wort sprochen hast, und da ich diesen Preis nicht mitmachen kann, so lauf ich halt davon. Was soll ich bleiben, wann mein Bleiben keinen Nutzen für mich hat!« Dem Baron war noch niemals in dieser Weise zugesetzt worden. »Himmeldonnerwetter!« fluchte er. »Du mußt aber auch bedenken, wer ich bin und wer Du bist!« »Das thu ich ja auch!« »Oho!« »Ja. Ich bin ein ehrlicher Kerlen, der noch niemals ein Dirndl verführt und nachhero sein Kind verleugnet hat. Das ist dera Unterschieden zwischen uns!« Jetzt wurde der Baron im Ernst zornig. Er dachte gar nicht daran, daß die Wirthin seine Worte hören müsse. Bisher hatte er mit unterdrückter Stimme gesprochen. Nun aber rief er laut: »Vergiß nicht, daß ich ein Baron bin!« »Daß weiß ich sehr gut.« »Von altem Adel, angesehen bei Hofe, eine bedeutende diplomatische Stelle bekleidend!« Da stellte sich der Sepp in Positur und antwortete halblaut: »Du, mein liebern Herr Baronen, thu mir den Gefallen und blas Dich nicht so aufi! Du könntest leicht ausnander platzen, und nachhero bring ich Dich nicht wiedern zusammen. Ein Mann wie Du kann nimmer eine große Stellen bei Hof haben. Davon versteht dera Wurzelseppen schon auch noch was, obsts gleich vielleichten nicht denkst. Ja, drüben in Steinegg, wo Du jetzunder das Schloß kauft hast, da ists verbreitet worden, daßt ein gar großer Herren sein magst. Ich aberst glaubs nicht. Wer sein Kind verleugnet, dem giebt dera Herrgott nicht das Glück aus so voller Hand. Verstanden!« Der adelige Herr stand ganz starr. So Etwas hatte noch kein Mensch gewagt. Und der alte, kluge Sepp hatte die Wahrheit getroffen. Es giebt in jedem Stand Schmarotzer, und der Baron gehörte zu dieser Sorte von Menschen. In intimeren Kreisen sprach man davon, wenn man es ihm auch nicht in das Gesicht sagte. Es gab in seiner Vergangenheit dunkle Punkte, welche ihre Schatten bis herein in die Gegenwart warfen. Er sah und empfand diese Schatten, welche sich je länger desto mehr bemerkbar machten, und das war ja eben der einzige Grund, daß seine Tochter zu ihrer Freundin hatte sagen können, daß er jetzt so oft verstimmt sei und ein inneres Leiden zu verbergen scheine. Am Liebsten hätte er den Sepp mit der Faust zu Boden geschlagen; aber durfte er das? Ueberlisten konnte er den Alten, aber sich mit ihm in offene Feindschaft zu setzen, das war keineswegs gerathen. Wenn der Alte das, was er wußte, an geeigneter Stelle mittheilte, so war dem Baron der Zutritt in den Kreisen, in denen er so wie so jetzt nur geduldet wurde, zur vollen Unmöglichkeit geworden. Darum gab er sich jetzt die größte Mühe, seinen Grimm zu verbergen, und antwortete unter einem erzwungenen, mitleidigen Lachen: »Du bist ein Wurzelhändler! Pah! Du kannst mich also nicht beleidigen. Machen wir die Sache nun in aller Schnelligkeit ab. Wieviel verlangst Du?« »Geh nur immer noch höhern hinaufi!« »Nein. Ich thue kein Gebot mehr. Sage das Deinige; dann werd ich ja wissen, ob ich darauf eingehen kann.« »Nun gut, so will auch ichs kurz machen. Gieb mir fünfhundert Markerln, so sind wir fertig.« Der Baron kreuzte die Arme über die Brust und blickte ihm einige Zeit scharf in das runzelvolle Gesicht. Er wußte recht wohl, daß diese Summe eine sehr niedrige sei. Ein ›Gurgelabschneider‹ hätte viel besser auf seinen Vortheil gesehen. Freilich war die Hauptfrage, ob der Alte dann auch wirklich sein Wort halten werde. »Fünfhundert Mark! Eine riesige Summe!« sagte der Baron halblaut vor sich hin. »Eine Kleinigkeiten für Dich!« »Ich würde sie vielleicht geben.« »Vielleicht? Du, mit einem Vielleicht fangst bei mir gar nix an. Ich geh keinen Pfennig herab, und wannst jetzund nicht Ja sagst, so sind wir fertig, und ich spazier von dannen.« »Nun gut, ich will es bezahlen.« »Schön! Jetzt endlich wirst gescheidt!« »Schweig, und unterlaß diese Art von Bemerkungen! Wenn ich aber dieses viele Geld bezahle, so muß ich auch überzeugt sein, daß Du schweigst!« »Darauf kannst Dich verlassen.« »Ich verlange, daß Du zu keinem Menschen davon sprichst; verstanden? Zu keinem!« »Ja. Sobald ich das Geldl in dera Taschen hab, ist kein Gedank mehr daran, daß ich Dich verrathen werd.« »So sind wir also einig!« »Ja. Aberst nun zahl auch aus!« »Das geht nicht sogleich. Fünfhundert Mark habe ich nicht baar bei mir. Ich trage nur das zur Reise nöthige Geld in meiner Tasche und kann Dich also erst in Steinegg bezahlen.« »Ach so! Also sind wir doch noch nicht einig.« »Gewiß sind wir einig. Du brauchst ja nur nach Steinegg zu kommen. Du mußt ja überhaupt und auf alle Fälle dort eintreffen, weil ich Dich als Parkwächter engagirt habe.« »Ja, das ist wohl richtig; auf monatliche Kündigung, um mich bald wiedern fortjagen zu können.« »Nein. Du findest bei mir Deinen sichern und lebenslänglichen Unterhalt.« Trotz dieser Versicherung war er innerlich gewillt, sich seiner möglichst schnell zu entledigen. Der Sepp dachte sich das, nickte ihm aber sehr zutraulich zu und sagte: »Ja, wanns das ist, so wirst schon einen sehr treuen Dienern an mir haben. Also morgen oder übermorgen werd ich bei Dir antreten.« »Komm so bald wie möglich! Aber, nun Du siehst, daß ich auf alle Deine Bedingungen eingehe, könntest Du mir wenigstens Etwas sagen, wenn Du mir auch nicht Alles mittheilst.« Der Sepp stand noch mitten in der Stube, zum Gehen bereit, denn er hatte seine Sachen nicht wieder abgelegt. Er antwortete sehr freundlich: »Ja, Etwas könnt ich Dir schon sagen; viel aberst wirds nicht sein.« »Nun, was?« Der Alte trat ihm näher und fragte vertraulich: »Was thätst denn am Allerliebsten wissen?« »Wo mein Sohn sich jetzt befindet.« »Und das soll die reine Wahrheiten sein?« »Ja.« »Nun, so will ichs Dir auch sagen.« Er hielt die Hand vor den Mund, näherte denselben dem Ohre des Barons und flüsterte ihm zu: »Grad jetzt ist er beim König und wird mit ihm eine große Pfannen mit Dampfnudeln aufiessen.« Der Baron trat zurück und blickte ihn starr an. »So ist er bei Hofe?« fragte er. »O nein. Er ist nur ein geringer Bub.« »Und wird mit Eurem König speisen?« »Ja,« lachte der Sepp am ganzen Gesicht. »Mensch! Willst Du mich zum Narren haben! Glaubst Du, ich bin Dein dummer Junge!« »Na, na, nur immer hübsch sacht, Herr Baronen! Du hast die Wahrheiten verlangt, und ich hab sie Dir sagt. Obsts glauben willst, das ist halt Deine Sachen. Ich aberst zank mich nicht mit Dir herumi. In Steineggen sehen wir uns wiedern. Leb wohl!« Er ging so schnell zur Thür hinaus, daß der Baron gar keine Zeit fand, ihn zurückzuhalten. »Verfluchter Kerl!« zürnte er. »Mir so eine Finte anzuhängen, nachdem er überzeugt sein konnte, daß ich ihn bezahlen werde! Na, komm nur erst zu mir in Dienst! Dann wird es sich finden, wer der Herr ist und wer der Knecht!« Er ging hinaus, ohne nöthig zu haben, eine Zeche zu bezahlen. Der Lakai hatte den Preis der Fuhre mit dem Bauer vereinbart; so konnte der Baron also einsteigen und fort fahren, ohne sich mit dem Letzteren verabreden zu müssen. Er ahnte freilich nicht, wie nahe er grad jetzt den beiden Personen sei, mit denen sich in diesem Augenblicke alle seine Gedanken beschäftigten. Der Sepp aber wanderte wohlgemuth über die Wiesen dahin, der Mühle zu. Er befand sich in der allerbesten Laune. Als er von weitem den Wagen erblickte, welcher nach der Brücke lenkte, über die der Weg nach Steinegg führte, schlug er nach dieser Richtung hin ein Schnippchen und brummte: »Das wird auch ein Gespaßen sein! Zwanzig Markerln hab ich auf den Dienst, zwanzig bereits für mein Geheimnissen, und fünfhundert bekomm ich noch auch. Wurzelsepp, was kannst damit den armen Leutln Gutes thun! Wann ich den Baronen einige Goldstuckerln mit Listen aus dera Taschen zieh, so ist das ganz gewiß keine Sünden. Er hat noch eine ganz andere Straf verdient. Also bald bin ich gar ein herrschaftlicher Parkaufsehern! Man sollt gar nimmer glauben, wie weits dera Mensch noch bringen kann. Aberst lange Zeiten wird diese Herrlichkeiten freilich nicht währen.« In einiger Entfernung von der Mühle, da wo der Weg am Wasser hinführte, begegnete ihm Anna, die Frau des Finkenheiner. Sie wollte, als sie ihn erblickte, zwischen die Büsche treten; er aber rief ihr freundlich zu: »Vor mir brauchst Dich halt nicht zu verstecken. Warum bleibst nicht in dera Mühlen?« »Ich kann doch nicht bleiben,« antwortete sie. »Es giebt dort so viele Leuten jetzt, und ich will mich noch nicht sehen lassen.« »Wo gehst dann jetzunder hin?« »Zunächst nach dem Gasthofe zu dem Künstler, um ihn über meinen Verbleib zu beruhigen. Nachher aber gehe ich zu meinem Sohne. Der arme Bub würde sonst ganz allein sein, weil der Heiner auch noch nach dera Mühlen kommt. Er hat für den Herrn Ludewigen nach dera Stadt mußt.« »So geh in Gottes Namen, Anna. Ich wünsch Dirs gern, daß noch Alles gut werden mag!« Bei diesen Worten drangen ihr sofort die Thränen aus den Augen. »Ach, Sepp,« sagte sie weinend, »ich bins halt gar nicht werth, daß der Heiner mich so sehr gut aufgenommen und mir verziehen hat!« »Ja, leichtsinnig bist freilich gewest, und Deine Strafen hast auch erhalten. Nun kann ja Alles noch ganz gut werden.« Sie faltete die Hände und klagte: »Das ist ja fast unmöglich.« »Beim Herrgott ist Alles möglich. Und so schwer ist das, was Dir wünschest, denn doch nicht.« »Und doch! Schwerer alst Dir denken kannst.« »So muß es wohl einen Grund geben, den ich noch nicht kennen thu.« »Zwei giebts. Der erste ist, daß ich mich so gar gewaltig schäm, mich hier vor denen Leutln wiedern sehen zu lassen.« »Da geb ich Dir freilich nicht Unrecht. Hier giebts Erinnerungen, die das Glück immerst wieder stören würden. Ihr müßt also von hier fort.« »Aber wohin!« »Das wird sich wohl schon finden lassen.« »Wir sind ja so sehr arm, und zum Fortziehen gehört allemal ein Geld.« »Ja freilich. Aber ich werd das mal mit Euch überlegen, und es müßt grad mit dem Teuxel zugehen, wann wir da nicht Rath schaffen könnten.« »Das wolltst thun? Wirklich, Sepp?« »Herzensgern. Dein Mann, dera Heiner, ist ja mein Spezi. Für den werd ich doch meinen alten Kopf noch mal richtig anstrengen dürfen.« »Du Guter! Er hat mir freilich auch schon derzählt, was für ein gutern Freund Du von ihm bist. Aber arm bist doch auch grad wie wir.« »Es kann auch ein armer Schlucker mal einen Rath oder einen Gedanken haben, der ein Geldl werth ist. Laß mich nur nachdenken. Wann ich nur erst mal so richtig im Ueberlegen bin, nachhero kommen gar prächtige Gedanken. Aber Du hast noch von einem zweiten Hinderniß sprachen?« »Das ist dera Signor Bandolini, mit welchem ich hierher gekommen bin.« »Na, der kann doch grad nix dagegen haben, wannt hierbleiben willst!« »Grad sehr viel. Er hat bis heut noch immer denkt, daß ich seine Frau werden soll.« »Donnerwettern! Das glaub ich dem Kerlen sogleich und auch gern.« Er ließ seinen Blick über ihre stattliche Gestalt schweifen. Es fehlte ihr nur kurze Zeit des Glückes, um die Spuren der Leiden und Entbehrungen aus ihrem bleichen Gesicht verschwinden zu lassen. Sie erröthete, als sie diesen Blick des Alten bemerkte. »Hast Dich ihm denn versprochen?« fragte er. »Ich habe ihm niemals eine bestimmte Zusagen geben.« »Das ist gut. Aberst warum bist dann eigentlich mit ihm in dera Welt herumzogen?« »Um mich an dem Silberbauer durch ihn zu rächen. Der Signor ist doch eigentlich ein Zigeuner und kennt einige Geheimnisse des Bauern sehr genau.« »Sinds Schlechtigkeiten, die er kennt?« »Ja.« »Ah! So hat er sich doch eigentlich mit schuldig macht. Er hätts anzeigen mußt. Ists nicht so?« »Recht magst da haben, Sepp.« »Nun, schau, so brauchst vor ihm gar keine Aengsten zu haben. Ich werd zu ihm gehen und mit ihm sprechen, und es müßt sehr zu widern kommen, wann ich nicht mit ihm einig werden thät. Uebrigens giebts auch noch zwei Andre, von denen Du eine Hilfen derwarten kannst.« »So weiß ich freilich nicht, went meinst.« »Der Eine ist dera Herr Schulmeistern und der Andere dera Herr Ludwigen. Weißt, das sind zwei Kerlen, die haben schon Haaren auf denen Zähnen. Ich werd mit ihnen reden, und wann ich Dich wiedern treff, so glaub ich, daß ich Dir einen guten Trost sagen kann. Jetzt nun geh, Anna, und schau Deinem Buben recht ins Aug hinein. Nix kann einer Muttern mehr Zuversicht und Muth geben, als wanns sich ihn aus dem Aug des Kindes holt.« Er gab ihr die Hand. Sie zog das Tuch weit ins Gedicht herein, um von etwaigen Begegnenden nicht erkannt zu werden, und war bedacht, auf Umwegen in den Hof und in die Scheune des Gasthofes zu gelangen. Der Sepp setzte, in sehr ernste Gedanken versunken, seinen Weg fort. An der Mühle traf er mit dem Heiner zusammen, welcher von der andern Seite herbeikam. Er war von der Stadt aus gradwegs durch den Wald gegangen, um Herrn Ludwig eher melden zu können, daß er die Depesche aufgegeben habe. Als die Beiden in die Mühle und dann in die Stube traten, saßen die Andern bereits an mehreren Tischen, welche zusammengeschoben worden waren. Die Fenster waren geöffnet, damit die würzigkräftige Waldesluft hereindringen könne, und der Raum erglänzte von einer Sauberkeit, welche man in den meisten Mühlen vergebens suchen würde. Soeben trat die alte Barbara herein, mit einer ungeheuren braunen, irdenen Schüssel in den fetten Händen. Ihr Gesicht glühte vor Anstrengung und Entzücken, einmal solche Gäste bei sich versammelt zu sehen. »Wo bleibst aber doch nur, Sepp!« zürnte sie scheinbar, die Schüssel auf den Tisch setzend. »Wann man auf Euch warten wollt, so würd das ganze, schöne Zumittagsdineh über dem Feuern verderben. Ihr Mannsbildern wißt gar nicht, was so ein Essen zu bedeuten hat, wanns nachher gut schmecken soll!« »O, das weiß ich schon bereits. Und daßt eine ganz besonderbar gute Köchinnen bist, das weiß ich auch. Grad dieserthalben will ich Dich ja noch heirathen, obgleichst schon längst zum alten Registern gehörst.« Da stemmte sie die Hände in die Seiten und fragte: »Du, nun sag doch Du mal, wannt eigentlich geboren bist! Das ist seit so uralten Zeiten her, daßts schon gar selber nicht mehr weißt.« »Hast Recht. Aberst wann wir nur erst Mann und Frau sind, nachhero werden wir wieder jung. Was hast denn da in dera Schüsseln?« »Forellen sinds.« »O Jegerl! Das ist grad heut meine Leibspeisen.« »So! Hast wohl alle Tag eine andre?« »Ja, denn grad allemal das, was ich bekomm, das eß ich gern. Da werd ich mich gleich hersetzen.« Während dieses kleinen Wortgefechtes war der Heiner zu dem vermeintlichen Herrn Ludwig getreten und hatte ihm eine ganze Reihe von Gold- und Silberstücken auf den Tisch gezählt. »Was soll das?« fragte der König lächelnd. »Ja, das fragens mich nun!« antwortete der Heiner, indem er eine hochwichtige Miene zog. »Habens denn schon eigentlich mal eine Telegrafendelepeschen fortschickt?« »Ja.« »Und habens sich nicht merkt, was eine kosten thut! Na, das sollt man kaum denken! Die Gesichtern hättens sehen sollt, welche die Leut drin machten auf dera Depeschereien, als ich das viele Geldl aufizählen that. Wie viel glaubens wohl, was das Zeug kostet hat?« »Nun?« »Zwei Mark Fünfundzwanzig.« »Das ist freilich billig!« sagte der König, indem er sich sehr erstaunt zeigte. »Ja. Drinnen im München ists wohl theurer als hier bei uns. Bei uns ist eben grad Alles viel billigern als in so einer Stadt, sogar das Telegrafisterium. Ich hab noch keine Depeschen aufigeben. Darum hab ich fragt, wie schnell es geht.« »So! Was hat man geantwortet?« »So schnell, daß ichs gar nicht derlaufen kann.« »Ja, das ist freilich wahr.« »Aberst ich möchts doch wohl nicht glauben.« »Warum?« »Nun, dera Kerlen mit dera Uniformen hat das Blatt lesen und nachhero zu mir sagt, ich soll nur schnell heimilaufen, dann war dera Herr aus München wohl bereits schon da.« »Da hat er wohl nur Scherz gemacht.« »Nein, er hat ein gar ernsthafts Gesicht macht.« »So, so! Ja. schnell ists freilich gegangen. Ich Hab nach München telegraphirt nach einem Arzt, welcher kommen soll, um den Balzerbauer und auch den Elephantenhanns zu untersuchen – – –« »Jesses! Meinen Hanns auch mit! Wie gut Sie halt sind, Herr Ludewigen!« »Nun, der Arzt ist schon angekommen. Hier sitzt er neben mir.« Er zeigte auf den Medicinalrath. Der Heiner sperrte den Mund auf und starrte den Letzteren sprachlos an. Die Barbara schlug die Hände zusammen, daß es klatschte und rief: »Schon aus dem München da! Wann das Depescherl erst vorhin fort ist! O jerum, das ist ja ein ganz blaugraues Wundern!« »Drum!« rief der Heiner. »Drum!« »Was hast mit Deinem Drum?« fragte der Sepp. »Drum!« antwortete der Heiner, noch immer ganz starr dastehend und kein Auge von dem Medicinalrath verwendend. »Drum! Drum!« »Na, was denn? So sags doch nur!« »Drum hat dera Uniformerirte zu mir sagt, daß ichs gar nicht derlaufen könnt. Dera Doctorn ist auf dem Draht eher herlaufen aus München als ich aus dera Stadt! Nein, so was! Und das kostet halt nur zwei Markerln und Fünfundzwanzig! Sollt mans denken!« »Ja,« fiel die Barbara ein. »Wann mans nicht so selberst sehen thät, so könnt mans gar nimmer für möglich halten. Jetzund, wann ich mal nach dem München will, so laß ich mich hin telegraferiren. Das geht schnell, und ich glaub, daß man da auch von den Wagenrollen keinen Ohrzwang bekommt. Ich hab die Eisenbahnen niemals gut vertragen könnt.« Der Heiner schüttelte noch immer den Kopf. »Drum! Drum! Ja darum!« sagte er in Einem fort. »Ja, darum!« lachte der König. »Darum sollte es eigentlich mehr kosten als zwei Mark Fünfundzwanzig. Und weil ich das Geld einmal dazu bestimmt hatte, so kann ich es doch unmöglich zurücknehmen. Hier ist es also.« Er schob es dem Heiner hin. Dieser blickte jetzt ihn noch verwunderter an als vorher den Medicinalrath. »Was ists mit dem Geldl?« fragte er. »Ich mags nicht wieder.« »Was! Nicht wieder! Was sollte sonst damit geschehen? Ich kanns doch nicht behalten!« »Warum nicht? Ich nehme es auf keinen Fall wieder. Es mag also das Botenlohn sein.« »Herrgott!« rief er, tief aufathmend. »Das sind doch fast an die hundert Markerln!« »Nur immer zugegriffen!« Der König schob es zusammen und gab es dem Heiner in die Hand. Dieser konnte es noch immer nicht glauben. »Ists wahr?« fragte er. »Dummkopf! Stecks doch ein!« rief ihm der Sepp zu. »Was dera Herr Ludwigen einmal verschenkt, das nimmt er halt nicht wiedern.« »Du, Sepp!« warnte der Heiner im ernsten Tone. »Du bist mein Spezi und hast mich noch niemals belogen. Wann Du also sogst, daß es mein sei, so behalt ichs auch. Wanns nachhero anderst wird, so kannsts halt auspatschen!« »Das will ich schon. Stecks nur eini in die Taschen!« Noch einen forschenden Blick warf der Heiner auf den König, und als dieser ihm ermunternd zunickte, so that er einen Luftsprung, daß er mit dem Kopf an die Decke stieß, und rief jubelnd: »Hurrjesses! Ist das eine Freuden! Dank schön! Dank schön! Das giebt ein dulci jubilo , wie ich noch keins derlebt hab!« Er ergriff die Hand des Königs, um sie zu küssen, und eilte dann in die Küche. »Liesbeth, Liesbetherl!« rief er. »Schau her, was ich für ein Geldl schenkt bekommen hab! Lautern Gold und Silbern! Jetzt kann dera Hanns auch ein besser Essen haben und Papieren zum Zeichnen und Farben zum Malen! Ich muß gleich zu ihm! Ich muß es ihm verzählen!« Er rannte fort. »Heiner! Heiner!« rief ihm der Sepp nach. »So bleib doch jetzund noch da! Das Essen wird kalt!« Aber der Heiner dachte nicht an das Essen, er dachte nur daran, den kranken Sohn baldigst an seiner eigenen Freude mit Theil nehmen zu lassen. Wenn fremde Leute sich um einen Tisch versammeln, so pflegt es zunächst etwas still und kühl herzugehen. Hier in der Mühle war es ebenso. Und außerdem wußten Einige, daß der Herr Ludwig kein Anderer als der König sei. Aus diesem Grunde hatte man sich bisher höchst vorsichtig und wortkarg verhalten. Die Jubelscene des Heiner aber brachte Leben in die Versammlung. Besonders gab der Sepp sich Mühe, den Anderen durch sein eigenes Beispiel zu beweisen, daß der König es wünsche, daß Niemand sich Zwang anthue. Aus diesem Grunde wurde die Stimmung im Verlaufe des Mahles eine immer gehobenere. Am Morgen war für Herrn Ludwig eine Kiste aus der Stadt angekommen. Der Sepp mußte sie öffnen und es stellte sich heraus, daß sie Weinflaschen enthielt. Der König ließ eine Anzahl derselben auf den Tisch stellen, und als nun die wenigen Gläser, welche in der Mühle vorhanden waren, zusammenklangen, da verschwand bald auch der letzte Rest von Scheu, welche man vor den beiden vornehmen Herren gehabt hatte. Dieser Einfluß machte sich sogar auf die Bürgermeisterin geltend. Sie war eigentlich die Fremdeste hier in der Mühle. Sie hatte still neben dem Lehrer gesessen und nur mit diesem gesprochen. Die Hände der Beiden suchten und fanden sich sehr oft unter dem Tische. Nun richtete der König wiederholt das Wort an sie. Seine Leutseligkeit öffnete ihr das Herz, und bald zeigte sie sich ebenso unbefangen wie die Anderen. Der König hatte die Absicht gehabt, einmal gute Menschen aus den niederen Kreisen des Volkes um sich zu haben, und diese Absicht war ihm gelungen. Es ging recht eng her in der kleinen Stube. Der König, der Medicinalrath, der Pfarrer, der Lehrer, dessen Mutter, der Sepp, später kam auch der Heiner wieder. Dazu kam der Müller mit der Liesbeth und der Barbara, welche fleißig hin und her liefen, die Gäste zu bedienen – für so viele Personen wollte der Raum nicht gut ausreichen; aber das erhöhte nur die Gemüthlichkeit, welche sich nach und nach geltend machte. Es kam unter Anderem auch auf den Elephantenhanns und sein Talent die Rede. Dabei fragte der König den Lehrer, wie viel Zeit er gebraucht habe, das Gedicht zu fertigen, über welches der Hanns das Bild zeichnen solle. »Keine Zeit,« antwortete Walther. »Ich schrieb es nieder, indem ich es extemporirte.« »Das sollte man kaum für möglich halten. Extemporiren Sie so leicht?« »Ich könnte stundenlang ohne alle Anstrengung in Reimen sprechen.« »Aber der Inhalt leidet gewöhnlich darunter.« Walther sah vor sich nieder, richtete dann den Blick fast kühn auf den König und antwortete: »Ich möchte niemals etwas Gewöhnliches sagen, selbst wenn ich es extemporirte. Der König schüttelte den Kopf. »Ist diese Behauptung nicht verwegen?« fragte er. »Nein. Ich kenne mich.« »Nun, so besitzen Sie ein bedeutendes Selbstbewußtsein, Herr Walther!« Der Lehrer erröthete, entgegnete aber freimüthig: »Ein Mann, welcher mehr von sich hält, als er darf, begeht einen großen Fehler. Einen noch größeren Fehler aber begeht Derjenige, welcher feig verschweigt, was er zu leisten vermag.« »Wie aber nun, wenn ich Sie beim Worte halte?« »Ich bin bereit dazu.« »Declamiren Sie gut?« »Vielleicht leidlich.« »Max, Max!« flüsterte ihm seine Mutter warnend zu. Der König hielt sein Auge ernst auf den jungen Mann gerichtet. Er schien das Innere desselben durchdringen zu wollen. Dann sagte er: »Ich habe Ihnen mitgetheilt, daß ich Ihr Manuscript gefunden habe. Seitdem habe ich dasselbe nicht wieder erwähnt. Sie wissen nicht, welchen Eindruck es auf mich gemacht hat. Ich will auch jetzt noch darüber schweigen. Da Sie sich so sicher fühlen, möchte ich Sie beim Worte nehmen. Soll ich Ihnen eine Aufgabe ertheilen?« »Nein, nein!« flüsterte die Bürgermeisterin dem Lehrer zu. Sie hatte Angst. Es war ihre Absicht gewesen, leise zu sprechen, dennoch aber waren sie von Allen gehört worden. Der Lehrer antwortete ihr in herzlichem, aber bestimmtem Tone: »Warum nicht? Ich weiß, daß ich mich nicht zu fürchten brauche.« »Noch wissen Sie nicht, welcher Art die Aufgabe sein wird!« warnte der König. »Verzeihung!« bat Walther. »Ich gehöre keineswegs zu den unbescheidenen, eingebildeten Menschen, deren Vergnügen es ist, überall möglichst hervorzutreten, aber ich beherrsche die Sprache, ich beherrsche den Reim, und wenn der Gegenstand, über welchen ich improvisiren soll, ein mir nicht ganz unbekannter ist, so glaube ich, es wagen zu dürfen, ohne mich ängstigen zu müssen.« »Auch dann, wenn von dieser Improvisation vielleicht Ihr späteres Schicksal, Ihre Zukunft abhängen würde?« Diese Frage wurde in ernstem, fast warnendem Tone ausgesprochen. Walther wechselte die Farbe. Das hatte er nicht erwartet. Seine Zukunft sollte davon abhängen? Wieso? Dennoch aber antwortete er beherzt: »Auch dann, Herr Ludwig.« »Aber Sie dürfen nicht erwarten, daß ich Ihnen eine sehr leichte Aufgabe ertheile!« sagte dieser. »Das Gedicht, welches ich von Ihnen gelesen habe, läßt mich vermuthen, daß Sie südliche Bilder lieben, vielleicht wie Freiligrath, eine glühende, fließende Sprache wie Ritterhaus –« »Es ist so,« gestand Walther. »Wie der Elephantenhanns gern orientalische Bilder zeichnet, so nehme auch ich meine Sujets aus dem fernen Süden und Osten.« »Nun, das freut mich. Ich will Ihnen Gelegenheit geben, zu zeigen, was Sie da leisten können, und –« Er hielt inne, hielt abermals seinen Blick scharf forschend auf Max gerichtet und fuhr dann fort: »Und ebenso sollen Sie Gelegenheit finden, Ihre sämmtlichen Anschauungen vor uns entwickeln zu können. Wollen Sie es wirklich wagen?« »Ja.« »Gut! Ich führe Sie nach Indien. Denken Sie sich einen indischen Tempel. An der Pforte desselben steht ein Priester Wischnu's, welcher –« »Also ein Jogui,« bemerkte Walther. »Ein Jogui, ja. Ich höre da, daß ich Sie auf kein Ihnen unbekanntes Feld führe. Also dieser Priester spricht zu seinen versammelten Gläubigen über die Lehren seiner Religion. Indessen kommt ein Christ, ein Missionär, und beginnt, als der Jogui geendet hat, die hohen Wahrheiten des christlichen Glaubens zu entwickeln. Der Jogui unterbricht ihn. Es beginnt zwischen Beiden ein Kampf, welcher mit der Niederlage des indischen Priesters endet. Wie gefällt Ihnen dieses Thema?« Sein Auge war eigenthümlich gespannt auf Walther gerichtet, welcher den Blick gesenkt hielt. »Ganz außerordentlich schwer!« meinte der Medicinalrath. »Selbst wenn ich Dichter wäre, möchte ich mich nicht an diese Aufgabe wagen, weil sie so bedeutende Kenntnisse erfordert, wie nur Wenige sie besitzen.« Jetzt wagte auch der Pfarrer, ein Wort zu sagen: »Eine solche Aufgabe kann nur gegeben werden, um abzuschrecken. Sie ist nicht zu lösen, wenigstens durch eine Improvisation nicht.« Der König nickte lächelnd und schüttelte dann aber auch leise mit dem Kopfe. Jetzt blickte Walther wieder auf. Er entgegnete: »Hochwürden haben nur halb Recht. Diese Aufgabe kann gegeben werden, entweder um einen Unfähigen sofort und gänzlich abzuschrecken, oder um die Gaben eines Anderen in das hellste Licht zu stellen.« »Das ists, das!« stimmte der König bei. »Für welchen von Beiden halten Sie sich? Für den Begabten oder Unbegabten?« Jetzt war es Walther, welcher seine Augen furchtlos forschend auf den König richtete. Welche Gedanken und Absichten wohnten jetzt dort unter der hohen, königlichen Stirn? In den dunklen, tiefen Augen war nichts zu lesen, weder Wohlwollen, noch Aufmunterung. Dennoch antwortete der Lehrer getrost: »Ich gedenke jetzt des Gleichnisses von den verschiedenen Pfunden. Es soll ein Jeder mit dem seinigen wuchern. Gott gab es ihm, damit er es nach Kräften ausbilde, um möglichst viele und gute Früchte zu erzielen. Ich schäme mich nicht, zeigen zu dürfen, daß auch ein armer, einfacher Volkslehrer im Stillen nächtelang und unter vielen Entbehrungen und Anstrengungen an seiner Weiterbildung gearbeitet hat.« »Nun wohl,« nickte der König. »Wir wollen sehen, ob Ihre Anstrengungen Früchte getragen haben und ob Sie berechtigt sind, ein solches Selbstvertrauen zu zeigen. Stellen Sie sich dort an die Wand und beginnen Sie!« Walther erhob sich von seinem Sitze und stellte sich an den Punkt, welchen der König ihm durch einen Wink bezeichnet hatte. Sein ruhig-heiteres Angesicht zeigte keine Spur von Befangenheit oder gar ängstlicher Sorge. »Mein Gott!« flüsterte seine Mutter, indem sie die Hände faltete. »Er ist so kühn!« Alle hatten der kurzen Verhandlung mit Spannung gelauscht. Jetzt, als der Vortrag beginnen sollte, setzte sich ein Jedes bequem im Stuhle zurecht. Selbst die Barbara kam mit der Liesbeth aus der Küche. Beide lehnten sich an die Thür derselben, um die Improvisation anzuhören. Jeder der Anwesenden wünschte im Stillen von Herzen, daß der junge, muthige Mann die Probe bestehen möge. »Also, anfangen!« sagte der König. »Bitte,« fragte Walther vorher, »darf ich Bilder gebrauchen, wie sie dem indischen Character und der dortigen Scenerie angemessen sind?« »Das müssen Sie sogar, wenn Sie wahr sein wollen. Sie können die Anschauungen eines indischen Priesters ja nicht in unsere deutschen Umschläge wickeln.« »Das ist mir eben erwünscht.« »Schön! Also zunächst spricht der Bramahne!« Es herrschte eine wahre Todesstille in der kleinen Stube. Selbst diejenigen der Anwesenden, welche nicht wußten, daß der Herr oben am Tische der König sei, hatten ganz das Gefühl, daß die gegenwärtige Stunde für den Lehrer eine wichtige, wohl gar entscheidende sei. Da erhob dieser langsam die beiden Arme zur Declamation, blickte empor, ganz in der Haltung, in welcher der Bramahne zu seinem Gotte betet, und begann: »Steig nieder von den Heilgen Höhen,       Wo in Verborgenheit Du thronst; Laß uns, o Bramah, laß uns sehen,        Daß Du noch immer bei uns wohnst! Soll Deines Lichtes Sonne weichen       Jetzt von Dscholamandela's Höhn, In Dschalawan Dein Stern erbleichen        Und im Verschwinden untergehn? Spreng Deines Grabes Felsenhülle,        Kalidasa, steig aus der Gruft, Und komm in alter Macht und Fülle       Zum Thuda, der Dich sehnend ruft! Soll der Bramahne schlafen gehen,       Die Sakundala in der Hand, Soll er den Zauber nicht verstehen,       Der ihn an Deine Schöpfung band? Des Hymalaja mächtger Rücken       Steigt aus dem Wolkensaum hervor, Und der Giganten Häupter blicken       Zum Ewgen demuthsvoll empor. Ihn preist des Meers gewaltge Woge,       Die an Kuratschi's Strand sich bricht Und in des Kieles lautem Soge       Von ihm erzählt beim Sternenlicht. Ihn preist des Kilau Ea Tosen,       Das jedes Herz mit Graun erfüllt, Wenn aus dem Schlund, dem bodenlosen,       Das Feuermeer der Tiefe quillt. Ihn preiset des Suakrong Stimme,       Die donnernd aus den Dschungeln schallt. Wenn er im wilden Siegesgrimme       Die Pranken um die Beute krallt –« Bisher waren die Worte des Gedichtes nur dem König, dem Medicinalrathe und dem Pfarrer verständlich gewesen. Walther sollte sich ja in indischen Bildern und Ausdrücken bewegen. Er besaß eine kräftige, sonore, aber zugleich jeder zarten Biegung fähige Stimme. Sein Vortrag hatte etwas Gefangennehmendes, mit sich Fortreißendes. Hatte das Gesicht des Königs erst eine bedeutende Spannung ausgedrückt, so legte sich jetzt ein Zug der Beruhigung über dasselbe. Der Monarch holte leise aber tief Athem, wendete sich halb ab und schloß die Augen, um diese biegsame, wohlklingende Stimme ganz auf sich einwirken zu lassen. Walther fuhr in der Verherrlichung Bramah's fort: »Und ewig war er, eh die Flosse       Des grausigen Geulodon Im Urweltmeer der riesengroße       Ichthyosaurier geflohn. Und ewig bleibt er und wird wohnen        In nie geahnten Sonnenhöhn, Wenn Weltengenerationen       Durch ihre Urkraft neu erstehn. Und Herr ist er. Vom Eiseslande,       Wo träg zum Meer die Lena zieht. Bis weithin, wo am Felsenstrande       Der Wilde dem Yahu entflieht. Und Herr bleibt er. Im Sternenheere        Erblickst Du seiner Größe Spur, Sein Fuß ruht in dem Weltenmeere,       Und sein Gesetz ist die Natur.« So verkündete der Priester weiter das Lob und den Preis seines Gottes und erzählte dann, daß andersgläubige Männer in das Land gekommen seien, welche sich Missionäre nennen. Im Gefolge dieser Männer kommen fremde Krieger, welche Kampf und Unterjochung bringen: »Wo die Almeah kaum die Lieder       Der nächtlichen Bhowannie sang, Tönt in die stillen Ghauts hernieder       Der Kriegstrommete heller Klang. Die duftenden Thanakafelder        Zerstampft der Rosse Eisenhuf; Der Phansegar flieht in die Wälder,       Vor seiner Feinde Siegesruf. Des Ganges Welle muß sie tragen        Bis hin zu Shiwa's heilgem Ort, Und ihre Feuerboote jagen        Die gottgeweihten Thiere fort.« Und nun schildert der Priester haßerfüllt das Auftreten der Christen und beschwört seine Anhänger, zum Schwerte zu greifen, um die Fremden zu vernichten und dem finsteren Shiwa zu opfern. Er vergleicht beide Religionen, den Bramahnismus und das Christenthum, und spricht eben davon, daß das Letztere nur Irrlehren enthalte; er weist dies durch Beispiele scheinbar nach, da wird er von dem Missionär unterbrochen, welcher hinter einer Säule des Tempels verborgen, der heidnischen Predigt zugehört hat und nun hervortritt und dem Priester in die Rede fällt: »Halt ein! Wollt Ihr Gott wahrhaft finden,       O, so verwischt nicht seine Spur! Der Zweifel muß und wird verschwinden:        Den Schöpfer kennt die Creatur. Sucht ihn im sphärischen Accorde,        Im großen Weltzusammenhang! Dort öffnet sich des Himmels Pforte,        Aus der sein Ruf hernieder klang. Doch Ihr beschweret Eure Flügel        Mit Eures Irrthums Tyrannei. Ihr schäumt und knirschet in die Zügel       Und glaubt in Ketten Euch noch frei.' Und nun beginnt er von dem Allmächtigen, Allgerechten, Allweisen und Allliebenden zu sprechen, von der Sündhaftigkeit und Undankbarkeit der Menschen, von dem Sehnen nach Erlösung, von der Weissagung und Verkündigung des Heilandes, von der Geburt, der Lehre, dem Wirken, dem Mittlertode des Erlösers. Seine Worte werden getragen von höchster Begeisterung; sie wirken hinreißend, überzeugend. Die Blicke der Hörer hangen an seinem Munde. Endlich schloß er mit den Worten: »Dann einet sich zu einem Strome       Die Menschheit all von nah und fern Und kniet anbetend in dem Dome       Der Schöpfung vor dem einen Herrn. Dann wird der Glaube triumphiren.        Der einen Gott und Vater kennt; Die Namen sinken, und es führen        Die Wege all zum Firmament!« Mit diesen Worten endet der Missionär seine Rede, und von ihrer Gewalt gepackt und erschüttert, fallen die Hörer in die Kniee und begehren, aufgenommen zu werden in die Gemeinschaft der christlichen Kirche. Selbst der Priester, welcher erst gegen das Evangelium der Liebe und Gnade gesprochen hat, ist jetzt so erschüttert, daß er, ein zweiter Saulus, sich jetzt als Paulus zuerst erbittet, getauft zu werden. – Jetzt war die Improvisation beendet. Sie hatte über eine halbe Stunde in Anspruch genommen. Nicht ein einziges Mal hatte der junge Dichter gestockt oder gezaudert, oder sich versprochen. Es waren ihm die Strophen von den Lippen geflossen, als ob er sie seit langer Zeit auswendig gelernt habe und nun recitire. Und welch eine Kenntniß indischer Zustände entwickelte er! Wie glanzvoll und mit welchem Scharfsinne ließ er die heiligen Lehren des Christenthums über die heidnischen Satzungen siegen! Seine Wangen hatten sich geröthet und seine Augen leuchteten. Er war mit seiner ganzen Seele bei der Aufgabe. Er sah nicht Diejenigen, zu welchen er sprach, sondern er sah im Geiste Palmen wehen unter Riesentempeln, und den Hauch der Palmen – er fühlte ihn hier in der niedrigen Stube der kleinen Mühle. Hatte es, als er begann, den Hörern schwer auf der Seele gelegen, ob er auch bestehen werde, so war ihnen im Verlaufe der Declamation das Herz immer leichter und leichter geworden. Jetzt, als er schloß, war es Allen zu Muthe, als ob sie mit ihm gesiegt hätten, denn selbst Diejenigen, welche die zahlreichen Fremdworte nicht verstanden hatten, waren der festen Ueberzeugung, daß er eine höchst schwierige Aufgabe zufriedenstellend gelöst habe. Zufriedenstellend nur? Der Medicinalrath hatte sich erhoben. Er trat auf Max zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Herr Walther, Ihre Improvisation war eine meisterhafte. Ich kann Ihnen von ganzem Herzen gratuliren!« Und auch der Pfarrer trat herbei, drückte ihm die Hand und meinte anerkennend: »Ich wollte zweifeln, bevor Sie begannen, aber Sie haben meinen Kleinmuth streng bestraft. Ich muß Sie sehr um Verzeihung bitten, denn ich gestehe aufrichtig, daß ich Ihnen so etwas nicht zugetraut habe. Sie müssen Indien ja förmlich studirt haben!« Die gute, alte Barbara fühlte die Verpflichtung, auch Etwas zu sagen. Sie war ja die Wirthin, und als solche mußte sie dem Gaste doch ein Lob spenden. Deshalb kam sie herbei und sagte: »Ja, das war gar schön gewest, Herr Lehrern. Wissens, das von dera Kriegstrompeten hat mir sehr gefallen, und daß man hinaufi zu denen Sternen springen soll. Ja, das war gar schön! Nicht wahr, Sepp?« Sie hatte nämlich von der ganzen Declamation nichts weiter verstanden, als diese beiden Stellen. Der Wurzelsepp antwortete: »Was plauschest da wieder mal! Du bist selberst eine alte Trompeten. Schwing Dich doch hinaus in die Küchen und nicht hinauf zu denen Sternen. Ich möcht gar wohl den Schwung sehen, dent da machen müßtest, bevor Du hinaufi kämst. Ich glaub. Du müßtest Dich unterwegs auf dem Mond erst mal niedersetzen, um auszuruhen und Luft zu schnappen!« »Nein, was dera Mensch Einem immer anthut!« klagte sie. »Und dabei sagt er stets, daß ich seine Frauen werden soll!« »Ja, nachhero, wann ich mich auch mit hinaufi schwungen hab zum Mond. Da lassen wir uns da oben zusammenthun. Du ziehst das Mondgesichten, und ich leucht dazu. Da werdens sich herunten auf dera Erden über die Physiognomie gar gewaltig freuen. Jetzt aber geh in die Küchen, und mach den Kaffee fertig!« Er schob sie zur Thür hinaus. Auch die Andern zollten dem Lehrer ihre Anerkennung. Zwei nur fehlten, gerade die Hauptpersonen – der König und die Bürgermeisterin. Der Erstere war, als der Arzt so stürmisch auf Max zugetreten war, um ihm zu gratuliren, von seinem Stuhle aufgestanden und hinausgegangen. Die Mutter Maxens hatte dasselbe gethan, aber ohne ihm zu folgen. Der König war durch die vordere Thür getreten und langsam über den Grasplatz nach dem Waldesrand gegangen, wo er nun in Gedanken auf und niederschritt. Sie aber war durch die Hinterthür in den Garten getreten. Dort gab es in der Nähe des Hauses eine dichte Geisblattlaube, in welche sie sich setzte. Es wäre ihr unmöglich gewesen, jetzt ein Wort zu sagen. Das Herz war ihr zum Zerspringen voll. Sie war keineswegs eine gelehrte Frau, aber sie hatte doch die feste Ueberzeugung, daß die Leistung ihres Sohnes ein Meisterstück sei. Er hatte Kenntnisse verrathen, wie man sie selten bei einem Lehrer sucht, und eine poetische Begabung, welche eher mit dem Worte genial als mit dem Ausdrucke talentvoll zu bezeichnen war. Und wie hatte sie sich zu diesem Sohne verhalten? Was hatte sie für ihn gethan? Was hatte er ihr zu verdanken? Das nackte, armselige Leben! Weiter nichts. Sie saß in der Laube, das Gesicht in die beiden Hände gelegt, und weinte, weinte bitterlich. Sie fühlte jetzt Das, was sie gethan hatte, als eine Sünde, für welche es kaum eine Vergebung geben könne. Selbst alle Reue und Buße schien zu gering und klein zu sein gegenüber dem Verbrechen, das eigene Kind von sich gegeben zu haben. »Mutter!« erklang es da vom Eingange der Laube her. Sie erhob das thränenschwere Angesicht und blickte ihn trostlos an, ohne ein Wort zu sagen. »Mutter! Du weinst!« »Muß ich nicht!« antwortete sie, laut aufschluchzend. »Warum sollst Du müssen? Etwa vor Freude?« »Vor Freude! Ja, ja, das könnte ich! Wie glücklich, wie selig könnte ich sein! Nun aber möchten meine Augen nie wieder trocken werden vor Schmerz über das Leid, welches ich über Dich gebracht habe.« »Leid? Nie, nie hast Du Leid über mich gebracht!« »Du willst mir nur keine Vorwürfe machen.« »Nein, ich sage die Wahrheit. Ich habe zwar auch trübe Stunden gehabt im Waisenhause; aber welches Kind und besonders welcher lebhafte Bube hat nicht Stunden, in denen ihm die wohlverdiente Strafe wie eine große Ungerechtigkeit erschien! Nein. Kindesleid habe ich gehabt, nur Kindesleid, und das hat ein jedes Kind, selbst das Kind eines Fürsten, eines Kaisers. Ich hätte es auch bei Dir gehabt. Nicht das geringste Leid hast Du über mich gebracht. Aber Du stehst im Begriffe, ein schweres, sehr schweres über mich zu bringen.« »Da sei Gott vor!« sagte sie ganz erschrocken. »Und doch thust Du es bereits.« »Sage mir, wie!« »Indem Du Dich in einer ganz unnöthigen Reue verzehrst, welche Dir und mir das Leben zu verbittern droht. Willst und magst Du Dich denn nicht darüber freuen, daß wir uns wiedergefunden haben? Es giebt ja gar nicht die mindeste Veranlassung zu Kummer und Klage. Nur wenn Du in dieser Selbstpeinigung fortfährst, wirst Du mir Anlaß zur Traurigkeit geben.« »Mein Sohn, mein guter Sohn! Wie mild und versöhnlich bist Du!« Er setzte sich neben sie und nahm sie in seinen Arm. »Schau, Mutter,« sagte er, »grad daß ich Dich früher missen mußte, das erhöht und verdoppelt jetzt mein Glück. Hätte ich stets die Mutter gehabt, so fühlte ich heut nicht die hohe Seligkeit, Dich gefunden zu haben.« »Aber welche Freuden und Seligkeiten sind Dir vorher verloren gegangen!« »Dir doch noch mehrere und größere. Du bist zu beklagen, nicht aber ich. Du hast ja auf alles Mutterglück verzichten müssen.« »Ja, das ist wahr. Ich will nicht von den gramvollen Vorwürfen sprechen, welche ich mir täglich und stündlich machen mußte; ich hatte sie verdient. Aber wenn ich sah, wie glücklich eine Mutter im Anblicke ihres Kindes war, wenn ich ein kindliches Lallen, ein fröhliches, glückliches Lachen hörte, wenn ich sah, wenn eine Mutter dem Töchterchen die Puppe fertigte oder dem Sohne die Nahrung bot, dann überkam mich eine unendliche Bitterkeit, eine Bitterkeit gegen mich selbst und gegen – – –« Sie schwieg. Max fuhr an ihrer Stelle fort: »Und gegen Den, welcher der alleinige Urheber all dieser Leiden war! Nicht wahr?« »Konnte ich anders? Mußte ich ihm nicht zürnen?« fragte sie. »Natürlich! Und mir fällt es gar nicht ein, Dir darüber Vorwürfe zu machen. Ich habe die Pflicht, die Kinder im Christenthume zu unterweisen. Ich stehe vor ihnen und ermahne sie: ›Liebet Eure Feinde; thut wohl Denen, die Euch hassen, und bittet für Die, welche Euch beleidigen und verfolgen, auf daß Ihr Kinder Eures himmlischen Vaters seid!‹ So lehre und ermahne ich, und doch – ich fühle, daß es eine Sünde, eine unnatürliche Regung ist; aber ich – ich – ich hasse meinen Vater, weil er solches Elend über Dich gebracht hat, und ich verachte ihn, weil er als Bube handelte.« »Was würdest Du thun, wenn wir ihn fänden?« »Ich würde ihm ganz dasselbe, was ich soeben sagte, in das Gesicht sagen.« »Nein, das brächtest Du nicht fertig. Dazu bist Du zu gut, zu liebreich.« Sein Gesicht verfinsterte sich. Es nahm einen strengen, kalten, fast erbarmungslosen Ausdruck an. »Nein, gegen ihn würde ich nicht die Spur einer Regung von Liebe fühlen. Darum wollen wir gar nicht daran denken, nach ihm zu forschen. Wir haben uns; wir sind uns genug. Wir brauchen ihn nicht, und sein Erscheinen würde uns nur in unserem Glücke stören. Oder hättest Du doch eine Ahnung, wer er ist oder wo er sich befindet?« »Nein. Zwar habe ich nach ihm gesucht, doch stets vergebens. Jetzt nun will der Wurzelsepp nach ihm forschen.« »Das mag er nur bleiben lassen! Ich werde es ihm sagen. Schau, da kommt er!« Der Sepp war auch durch die Hinterthür getreten. Er sah sich um. Er konnte die beiden in der Laube Befindlichen nicht sehen und kam näher. Erst als er fast unter dem Eingange stand, bemerkte er sie und wich rasch zurück. »Ah, ich hab nicht denkt, daß Jemand da ist,« sagte er. »Nehmts halt nicht übeln!« Er wollte zurück. »Halt, Sepp,« sagte Max. »Ich muß Dir eine Bemerkung machen.« »So werd ichs wohl anhören.« »Meine Mutter sagte mir soeben, daß Du nach meinem Vater suchen willst.« »Ja freilich werd ich das! Nun die Muttern und dera Sohn funden worden sind, muß ich auch recht bald den Vatern herbeischaffen.« »Das ist keineswegs nothwendig.« »Was? Wie? Der Vatern gehört doch dazu!« »Nein, wir danken! Hat er erst von uns nichts wissen wollen, so mögen wir nun auch von ihm nichts wissen. Du brauchst also nicht zu suchen.« »Himmelsakra! Wann ich nun nach ihm bereits schon sucht hätt?« »Das ist jedenfalls vergeblich gewesen.« »Aberst wann ich ihn nun funden hätt?« »Unmöglich!« »Ja, unmöglich ists schon, das ist richtig. Es ist in dera Welt eben Alles unmöglich, aberst nur so lang, als bis es halt möglich wird. Ich weiß nun Eure ganze Geschichten. Da kanns doch kommen, daß ich mal ganz unversehens auf den Vatern treff. Wie hab ich mich da gegen ihn zu verhalten?« »Du schaust ihn gar nicht an.« »Na, wann ich ihn treff, so hab ich ihn doch bereits angeschaut. Und da muß ich doch mit ihm reden!« »Aber nicht von uns. Er darf nicht ahnen, daß wir noch vorhanden sind und daß Du uns kennst.« »Nein, so nicht, Max!« fiel seine Mutter ein. »Wenn er wirklich entdeckt werden sollte, so will ich mich nicht vor ihm verleugnen. Das bin ich Dir schuldig, als meinem Kinde.« »Wieso mir?« »Er muß gezwungen werden. Dich anzuerkennen. Jetzt trägst Du einen Namen, welcher Dir nicht gehört. Von ihm sollst Du den bekommen, auf welchen Du ein Recht hast.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, Mutter. Ich trage meinen gegenwärtigen Namen in Ehren. Den Namen aber, welchen mein Vater durch sein Verhalten verleugnet und beschimpft hat, den mag ich nicht tragen. Ich bleibe Max Walther, wie ich bisher so geheißen habe.« Der Sepp hörte still zu, machte jetzt ein ganz eigenthümliches Gesicht und fragte: »Also wie solls sein? Wollt Ihr vom Vatern was wissen oder nix?« »Nichts!« erklärte Max. »Das ist halt sehr falsch. Ich thät ihn suchen, und nachhero, wann ich ihn fand, da möcht ich ihm meine Meinung sagen, und was für eine, grad mitten ins Gesichten hinein. Oder etwan nicht?« »Pah!« antwortete Walther, geringschätzig mit der Achsel zuckend. »Ja, da stehens und machens Pah! Aberst wissen thuns nicht, warum und weshalb! Vielleichten ist der Vatern ganz froh, daß sich Niemand findet. Vielleichten denkt er gar nicht mehr an die Bertha Hillern und seinen Buben. Er lebt in holdi flori, ist in seinem Herrgott vergnügt und fühlt nicht mal den geringsten Vorwürfen über die Schlechtigkeiten, die er begangen hat. Hat er etwan so ein Leben verdient? Nein und wiedern nein und noch abermals nein!« »Recht hast Du da!« gab Max zu. »Nun gut! Also müssen wir ihn aufisuchen, und hernach, wann wir ihn funden haben, so blasen wir ihm einen Marsch, bei dem ihm das Hören und auch das Sehen vergehen soll. Das ist das Richtige. Also, soll ich suchen?« »Ja,« antwortete die Bürgermeisterin. »Meinetwegen,« stimmte der Lehrer bei. »So werd ich sofort beginnen. Vielleichten fang ich ihn noch heut.« »So wohl wird es Dir nicht werden.« »Nun so fangen wir ihn morgen.« »Auch da nicht.« »Oho! Wann dera Wurzelsepp mal was beginnt, nachher hat er keine lange Zeiten übrig, nachhero muß es fein schnell gehen, dann er hat auch noch andre Sachen zu thun und andre Sorgen im Kopf. Also bis morgen muß dera saubere Herr Curt von Walther geschafft werden, und wann ich ihn nicht schaff, so sollt Ihr mich kurz nennen oder auch lang, ganz wies gefällig ist. Wollen wir wetten, daß ich ihn morgen bring?« Er lachte dabei am ganzen Gesicht. »Hättest Du vielleicht schon eine Spur von ihm gefunden?« fragte Max. »Nein. Das ist unmöglich,« antwortete seine Mutter. »Ich habe ihm erst gestern Abend eine Beschreibung Deines Vaters gegeben, einen Steckbrief, wie er sich ausdrückte. Heut ist er mit mir hier. Also ist es ganz unmöglich, daß er bis jetzt Etwas entdeckt haben kann. Er hat nur heut wieder einmal seine Feiertagslaune.« »Ja, Frau Bürgermeistrin, die hab ich freilich, und dazu giebts halt auch die Veranlassungen. Jetzt nun sagens, wanns wiedern nach Steinegg zurückgehen?« »Natürlich heut.« »Ja, aberst wann?« »Gegen Abend.« »So gehn wir wiedern mit nander. Ich muß nämlich auch hinüber.« »Das ist mir lieb. Du kannst wieder bei mir bleiben.« »Schön! So brauch ich nicht in den Gasthofen zu gehen oder im Freien zu schlafen.« »Und ich begleite Dich auch, Mutter,« erklärte der Lehrer. »Du wirst bald ganz bei mir sein, mein Sohn. Aber kannst Du denn für heut mit fort?« »Ja, Nachmittagskirche giebt es nicht, da der geistliche Herr nach der Filiale geht, und Schule ist auch nicht. Also kann ich recht gut mit Dir gehen. Und wenn es Dir recht ist, so bleibe ich bei Dir. Breche ich früh auf, so treffe ich hier ganz gut zur Zeit ein, in welcher die Schule beginnt« »Das wird herrlich, ja, das wird herrlich!« rief der Sepp. Er nahm seinen Hut vom Kopfe und warf ihn vor Entzücken auf die Erde. Diese Freude war so auffällig, daß der Lehrer fragte: »Worüber bist Du denn da so aus Rand und Band?« »Worübern? Hm! Ueber mich!« »So! Na so gratulire ich Dir. Es giebt nicht viele Leute, welche Veranlassung haben, in dieser Weise über sich selbst entzückt zu sein.« »Das glaub ich gar wohl. Aberst ich hab stets die Ursach, mich über mich selbern zu freuen. Ich bin ein Himmelsakra, wie's sonst keinen Zweiten giebt. Ich, wann ich ein hübsch jung Dirndl wär von achtzehn Jahren, schön, gesund und mit hunderttausend Markerln im Vermögen, so thät ich gleich denen Wurzelseppen heirathen.« »Also Dich selber!« lachte Max. »Ja, denn wann ich mich nicht selber nehm, so krieg ich keine Andre, nicht mal die Barbara. Die thut auch nur so, als ob sie mich nehmen wollt. Ich will doch gleich mal hinein zu ihr und nachschauen, obs denen Kaffee noch nicht bald fertig hat. Wann ich meine Nasen mit in denen Topf steck, so wird er auch was kräftiger, denn da thut das Bärbel ein paar Bohnerln mehr hinein.« Er ging. Als der Lehrer sich drinnen entfernt gehabt hatte, war er der Gegenstand der Unterhaltung gewesen. Alle waren begierig, zu erfahren, welches Urtheil der »Herr Ludwig« fällen werde. Der Pfarrer fragte den Medizinalrath heimlich, aus welchem Grunde der König sich entfernt habe. Der Gefragte antwortete: »Aus einem für Herrn Walther jedenfalls sehr günstigen Grunde. Daß er still hinausgegangen ist, das ist ein sicheres und untrügliches Zeichen, daß er im tiefsten Herzen ergriffen worden ist. Jetzt nun verarbeitet er den Eindruck innerlich, bis das ruhige Niveau der Seele wieder hergestellt ist. Ich werde aber doch nachschauen, wo er sich befindet.« Er trat hinaus vor die Mühle. Da erblickte er den König, welcher langsam am Waldesrande hin und herschritt, die Hände auf dem Rücken und den Kopf im Nachdenken gesenkt. Er trat einige Schritte vor, um von dem Monarchen leichter gesehen zu werden. Dieser hatte ihm bereits verschiedene Mittheilungen über hiesige Personen und Verhältnisse gemacht, und so stand zu erwarten, daß er sich auch über den Lehrer aussprechen werde. Jetzt erhob er zufällig den Kopf und sah herüber. Er erblickte den Arzt und winkte demselben. Der Letztere folgte dem Befehle und schritt dann langsam an der linken Seite des Königs mit auf und ab. Es wurde zunächst kein Wort gesprochen. Das war so die Art und Weise Ludwigs. Er war dann mit hochgestellten Personen viel kürzer und aphoristischer als mit Tieferstehenden. »Haben Sie genau zugehört?« fragte er endlich. »Gewiß, Majestät.« »Nicht Majestät! Habe es bereits verboten! Haben Sie Alles verstanden, was er sagte und brachte?« »Wann ich aufrichtig sein soll. Verschiedenes nicht.« Der König nickte, und ein kleines, kleines Lächeln zuckte um seine Lippen. »Glaubs wohl, glaubs wohl!« sagte er. »Wie hat der Vortrag gefallen?« »Ausgezeichnet.« »Warum?« Er sprach diese Frage sehr laut aus, blieb dabei stehen und blickte den Arzt so groß und forschend an, daß dieser beinahe verlegen wurde. »Weil – hm – weil er zunächst den Stoff vollständig zu beherrschen schien und denselben in ein wirklich künstlerisches Gewand zu kleiden verstand. »Verstand, verstand – –! Dabei müßte das Urtheil mit thätig sein; das war es aber nicht. Die Reime kamen von selbst, so wie die Schwalben kommen, wann es Frühling geworden ist. Dieser Walther besitzt erstaunliche Kenntnisse. Nicht?« »Wohl!« lächelte der Arzt. »Im Indischen ist er mir überlegen.« »Glaubs! Auch sonst weiß er mehr als man seinem Alter und einem Volksschullehrer zutraut. Muß sehr gearbeitet haben, sehr fleißig gewesen sein. Freut mich sehr! Braver Mensch! Ist aber nicht nur fleißig!« »Sondern ein Talent!« »Ja, vielleicht noch mehr. Hat außerordentliche Gaben. Ist in Poesie fast Das, was der Fex für die Violine ist. Dichtet aber trotzdem auch, der Fex. Hm.« Es trat eine Pause ein, welche der Arzt durch die Bemerkung zu unterbrechen wagte: »Schade, daß dieser junge, talentvolle Mann so arm ist. Eine Strafstelle!« »Strafstelle? Ja. Hat sie sich aber selbst ausgesucht.« »Das wäre ja befremdend.« »Oh, hm! Wenn ein Talent Etwas thut, so ist das für Andere oft befremdend, oft sogar unsinnig. Aber das Talent ist göttlich instinctiv. Trifft stets das Richtige. Hätte wo anders nicht mich getroffen. Darum mußte er hierher. Und arm? Warum sollte dieser hoffnungsvolle Mann arm sein?« »Ich denke es mir.« »So! Ich bin sein König und habe ihn gehört. Da ist er nicht arm. Uebrigens ist er eine Waise. Bin der Vater und Vormund aller Waisen. Habe für sie zu sorgen, für ihn also auch. Soll ausgebildet werden.« »Diese hohe Gnade wird Gott segnen und lohnen!« »Gnade? Ist keine Gnade. Ich thue meine Pflicht, folge meinem Herzen. Gott befiehlt es mir durch das Herz. Habe zu gehorchen ohne auf Lohn zu rechnen – Bin reichlich belohnt durch die Freude, eins meiner Landeskinder so brav und so begabt zu sehen.« Wieder schritten sie eine Weile neben einander her. Dann fuhr der König fort: »Wohin aber mit ihm? Hm!« Der Arzt antwortete nicht. Er durfte nicht wagen, der Majestät einen Vorschlag zu machen. Ludwig war in dieser Beziehung eben auch souverain. Nach einer Weile blieb er stehen, nickte fröhlich mit dem Kopfe und sagte: »Habs gefunden! Passen zusammen! Müssen aber den Elephantenhanns erst untersuchen. Gehen Sie in die Mühle und sagen Sie, daß wir bald wiederkommen. Sollen auf uns warten.« Der Arzt gehorchte. Als er drin die Weisung ertheilt hatte und wieder herauskam, sah er den König langsam nach dem Wehr hingehen, in der Richtung nach dem Dorfe zu. Er eilte ihm nach. Als er sich nun wieder an der Seite Ludwigs befand, sagte dieser: »Habe Ihnen bereits von dem Silberbauer erzählt. Werden im Vorübergehen bei ihm eintreten und ihn untersuchen. Möchte genau erfahren, welches sein Zustand ist.« Sie erreichten das Dorf und traten in das Silbergut. Unter der Thür stand der Silberfritz. Als er die Beiden kommen sah, verfinsterten sich seine Züge. Er hatte Ursache, Fremde vom Lager seines Vaters zurückzuhalten. Der Arzt grüßte einfach und griff dazu an den Hut. Der König sagte nichts und machte auch keine Handbewegung. »Was wollens?« fragte der Fritz. »Wer sind Sie?« gegenfragte der Medizinalrath. »Ich bin dera Sohn!« »So. Wir wollen zum Silberbauer.« »Wozu?« »Ich bin Arzt.« »Wir brauchen keinen zweiten.« »Ich muß trotzdem ersuchen, mich zu dem Kranken zu lassen.« »Das fallt mir gar nimmer ein!« »Warum?« »Da könnt jeder Quacksalbern kommen und nach ihm schauen wollen. Mein Vätern bedarf der Ruh. Er soll nicht stört werden.« »Ich störe ihn nicht.« »Wanns ihn nicht stören, was wollens dann bei ihm? Er ist kein Wundern und kein Panorama, daß die Leut kommen und ihn anschaun dürfen!« »Nun, so will ich Ihnen sagen, daß ich im Auftrage der Obrigkeit komme.« Der Fritz verfärbte sich. »Ach so!« sagte er. »Nach was sollens denn schauen?« »Ich will mich überzeugen, welche Verletzungen er erlitten hat.« »Wozu will das die Obrigkeiten wissen?« Der König machte eine Bewegung der Ungeduld. »Kurz machen!« sagte er. Darum antwortete der Rath dem Bauerssohne: »Darüber hab ich Ihnen keine Rechenschaft abzulegen.« »So! Dann beweisens nur erst, daß Sie auch wirklich ein Doctoren sind und von dera Obrigkeiten zu uns gesandt!« Er stand so unter der Thür, daß Niemand ein- oder austreten konnte. »Vorwärts!« befahl der König. Er machte einen Schritt auf die Thür zu. »Halt! Hier kommt Niemand herein!« rief der Fritz. »Der Vatern ist Polizei im Dorf. Wir wissen auch, was Gesetz ist. Zeigt nur vorher die Legitimationen heraus! Au! Donnerwettern! So schaut doch, wo – au! Kreuzmillionen – au – au! Na, wart!« Der König war nicht gewillt, sich mit dem Burschen in lange Verhandlung einzulassen. Er hatte noch einen Schritt vorwärts gethan und war dann dem Fritz mit solcher Kraft auf die Fußzehen getreten, daß der Bursche zurückwich. Als dieser Letztere dann zu schimpfen begann, trat der König, langsam vorwärts schreitend, ihm noch viermal so fest auf die Füße, daß der Sohn des Silberbauers zornig in der Stube verschwand, vielleicht, um Hilfe zu requiriren. Eine Magd kam zur Treppe herab. »Wo liegt der Bauer?« fragte der König. »Da droben,« antwortete sie, nach rückwärts deutend. »Uns führen!« Das klang so unwiderstehlich, daß sie sich sofort umdrehte und ihnen voranschritt. Oben öffnete sie die Stubenthür. Der König blickte hinein. Er sah ein Bett, in welchem eine lange Gestalt unbeweglich lag. Er gebot der Magd: »Mit hineingehen. Dem Herrn Doctor helfen!« Der Medicinalrath trat in Folge dessen mit dem Mädchen hinein. Ludwig blieb außen stehen. Es zeigte sich auch sogleich, daß er richtig vermuthet hatte, denn jetzt kam der Silberfritz zur Treppe heran, hinter ihm zwei Knechte. »Was soll das hier heroben!« rief er. »Das duld ich nicht! Das brauch ich nicht zu leiden. Packt Euch hinab, Ihr Lausbu–« Er hielt inne. Der König war ihm näher getreten. Er sagte kein Wort, aber aus seinem Auge flammte ein solcher Blick auf den Burschen hernieder, daß er sofort schwieg. Der König wendete sich wieder ab, ohne sich nun weiter um die Drei zu kümmern. »Verdammt!« grollte der Fritz leise. »Hat dera Kerlen Augen!« »Du,« flüsterte einer der Knechte, »der ist halt was Vornehmes, was ganz Großes. Das schaut man ihm sogleich an dera Nasenspitzen an.« »Ja,« stimmte der Andre bei, »mit dem möcht ich halt nicht spaßen. Der spiest Einen ja gleich mit denen Augen an!« »Kommt! Ich steig wieder nunter!« rieth der erste Knecht, indem er zurückkehrte. »Ja, ich mach mich auch aus dem Staub,« meinte der Zweite, indem er ihm langsam folgte. »Verdammt!« brummte der Fritz. »Ja, das ist weiß Gott ein Vornehmer! Wann das nicht war, so wollt ich ihm wohl heimleuchten! Ich steig auch wieder hinab! Besser ist besser!« Und er verschwand auch nach unten. Der König hatte das sehr wohl bemerkt. Er hatte gewußt, daß es so kommen werde, denn er kannte die Macht seines Auges über solche Menschen. Er hatte nicht die Absicht, die Krankenstube zu betreten. Er liebte das Schöne, das Edle, das Erhabene; alles Andere stieß ihn ab und verursachte ihm inneres Wehe. Und wo fände man in einer Krankenstube – wenigstens, unter den hiesigen Umständen – etwas Hohes, Erhabenes! Nach einiger Zeit kam der Arzt wieder zurück. Da die Magd ihm folgte, wurde kein Wort gesprochen. An der Hausthür stand der Silberfritz. Er zog jetzt den Hut, als sie an ihm vorüber gingen; sie aber beobachteten es gar nicht. »Vertori!« schimpfte er, dieses Mal aber sehr leise. »Die thun ja, als ob sie den König und das ganze Ministerium verschluckt hätten! Ich möcht halt nur wissen, was das zu bedeuten hat. Du, Nazi, lauf mal denen nach! Ich muß wissen, wohins nun gehen.« »Dank sehr schön!« meinte der Knecht. »Das sind zwei Gewichtige. Der Eine, nämlich der Hohe, Breite, sah gar so aus, als wann er ein Generalen wär oder ein Staatsadvocaten! Dem lauf ich schon lang nicht nach! Der, wann er sich umidreht und mich derblickt, ist am End gleich gar im Stand, mich einistecken zu lassen.« »Hasenfuß! So lauf Du, Wendelin!« »Ich?« fragte der Andere. »Das sollt mich selber wundern, wann ich gehen thät. Ich bin hier um zu arbeiten aber nicht, um solchen Herren im Weg herum zu laufen. Ich begeb mich halt in keine Gefahren. Wannst wissen willst, wohins mit nander gehen, so spring ihnen nur selber nach!« Sie entfernten sich. Da es dem Fritz aber auch nicht geheuer erschien, die Aufmerksamkeit der beiden Herren unnöthiger Weise auf sich zu lenken, so zog er es vor, so wie die Knechte zu Hause zu bleiben. Die Herren schritten nun langsam durch das Dorf, der Flachsdörre zu. Als sie dieselbe erreichten, saß die Feuerbalzerin wieder vor der Thür. Sie erkannte den König und erhob sich sofort von dem Steine, auf welchem sie saß. »Ach,« sagte sie erfreut, »das ist ja dera gute Herr, der mich so beschenkt hat und mir gar einen Doctorn versprochen für meinen Sohn!« »Ja,« nickte Ludwig. »Der Doktor ist bereits da. Hier dieser Herr ist es.« Die Frau betrachtete den Medicinalrath prüfend und sagte dann: »Ja, so Einen laß ich mir schon gefallen.« »Warum?« erkundigte sich der Arzt. »Warum? Sie schaun schon ganz änderst aus als unsere Latwergenkramer. Ihnen sieht mans ja sogleich an, daß Sie die ganze Medizinen gleich bis in den Kopf hinausi studirt haben.« »So! Ist Ihr Sohn zu Hause?« »Ja, der sitzt drinnen und fangt Fliegen. Das thut er gern, weil er sonst nix treiben kann. Wollens mit hereini?« »Danke!« lehnte der König schnell ab. »Holen Sie ihn einmal heraus!« Sie ging hinein und brachte den Irren heraus. Als er die Beiden erblickte, sank er sofort auf den Boden nieder und wimmerte: »Nimms hin! Nimms hin! Ich sag halt Nix! Gnade! Gnade!« Der Sonnenschein fiel hell auf sein Gesicht, so daß der Arzt es in schärfster Beleuchtung sah. Der König hatte ihm einige Mitteilungen gemacht. Er bohrte sein Auge in dasjenige des Kranken, ballte die Faust und that, als ob er zum Schlage aushole. »Nimms hin! Nimms hin!« wimmerte der Balzerbauer so wie vorher. »Ich sag ja nix! Gnade! Gnade!« Da ergriff der Arzt ihn bei der Hand, hob ihn auf und betrachtete seine Augen. Der Kranke hielt den Blick auf die Augen des Arztes gerichtet. Dieser Blick war verschleiert, ohne Selbstbestimmung, aber doch nicht irr. Es lag Etwas in diesen Augen verborgen, wofür nur der Arzt den richtigen Ausdruck und das Verständniß haben konnte. Nach und nach verlor das Gesicht des Irren den angstvollen Ausdruck. Es wurde sogar freundlich und immer freundlicher. Wie im Wiedererkennen sah er den König an und sagte dann: »Freund! Guter Freund!« Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nun?« fragte der König. »Dieser Mann ist nicht wahnsinnig, nicht irr. Es lastet auf seinem Gesichte irgend ein schweres Gewicht, welches selbst zu entfernen, er die Kraft nicht besitzt.« »Das war ganz genau auch meine Ansicht. Aber welch eine Last mag das sein?« »Keine geistige, sondern eine körperliche. »Wir müssen ihren Sitz aufzufinden suchen.« »Vielleicht ists die Verwundung, welche er damals bei dem Feuer erhalten hat oder vielmehr erhalten haben soll.« »Höchst wahrscheinlich. Ich werde den Kopf untersuchen.« Er legte dem Kranken, welcher jetzt keine Scheu mehr vor ihm zeigte, die Hände auf den Rücken und begann, mit den Fingerspitzen zu tasten. Als er die Mitte des Schädels berührte, schrie der Patient laut auf und wollte entfliehen. Der Arzt ergriff ihn beim Arme, hielt ihn zurück und sagte: »Hier ist der Sitz des Nebels. Ich muß diese Stelle genauer untersuchen; aber der Schmerz, welchen er dabei empfindet, wird ihn hindern, still zu halten. Ich brauche einen Mann, oder auch zwei Personen, welche ihn festhalten.« »Ich werd sogleich zwei holen!« sagte die Alte, welche aufs Aufmerksamste zugeschaut und dem Arzte jedes seiner Worte förmlich von den Lippen abgelesen hatte. »Halt!« sagte der König, als sie sogleich forteilen wollte. »Bin ich stark genug, Doctor?« »Sie?« fragte dieser. »Hm! Stark genug jedenfalls. Aber ich meine – – –« »Sie haben nichts zu meinen! Wir vereinfachen die Prozedur. Ich halte ihn.« Er trat zu dem Kranken heran, schob ihn an die Mauer, nahm ihn zwischen die Arme und hielt mit den Händen seinen Kopf fest. Der Patient konnte sich bei der Riesenkraft des Königs nicht bewegen. Er wimmerte angstvoll, denn er merkte gar wohl, daß man jetzt im Begriff stehe, einen Gewaltakt vorzunehmen. »Nun, beginnen Sie!« gebot der König. Der Medicinalrath nahm die Untersuchung vor. Der Kranke fiel aus dem Wimmern in ein schmerzvolles Schreien, so daß nicht nur oben an dem Fenster der Kopf von des Heiners Frau erschien, sondern auch aus den benachbarten Häusern die Leute traten, um die Ursache dieses Schreiens. kennen zu lernen. Das währte mehrere Minuten. Endlich war der Arzt fertig. »Zu Ende,« sagte er, »Sie können ihn los lassen, Herr Ludwig.« Sobald der König die Hände von dem Balzerbauer nahm, rannte derselbe spornstreichs von bannen, den Kopf mit beiden Händen haltend und ein fast thierisches Jauchzen ausstoßend aus Freude, daß er dem Schmerze nun entronnen war. Die Bäuerin hatte voller Angst zugeschaut. Es handelte sich ja darum, ob Ihr Sohn zu heilen sei oder nicht. Seine Heilung war vielleicht der erste Schritt zu einem besseren, menschenwürdigeren Leben. Sie näherte sich zaghaft dem Arzte und fragte: »Jetzt, was sagens, Herr Doctorn? Kann er wiedern gesund werden?« Das Gesicht des Gefragten war von Freude erhellt. Et antwortete: »Zunächst sage ich, daß die Personen, von denen er bisher untersucht worden ist, wahre Esel – – hm, sich sehr geirrt haben. Von einem Irrsinn ist gar keine Rede.« Und sich mehr an den König als an die Frau wendend, fuhr er fort: »Bei seiner damaligen Verletzung hat sich, wie ich für ganz gewiß annehme, ein Knochensplitter nach abwärts in das Gehirn gesenkt. Er ist die Ursache der Geistesstörung, und es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß sich nicht mit der Zeit noch schwerere Folgen eingestellt haben.« »Ist dieser Splitter zu entfernen?« fragte der König. »Ganz sicher. Vielleicht ist nicht einmal die Trepanation nöthig. Vielleicht ist dem Splitter schon durch einen bloßen Schnitt in die Kopfhaut beizukommen. Ich werde gleich morgen die Operation vornehmen und den in der Stadt wohnenden Collegen assistiren lassen. Wenigstens kann ich bei ihm die Säge zur Trepanation bekommen. Ich habe die meinige nicht mit.« Die Bäuerin war förmlich atemlos. »Herrgottl!« rief sie. »Bereits morgen?« »Ja, gute Frau.« »Und er wird wieder gesund?« »Ich glaube, das garantiren zu können.« »O Du mein lieber Himmel, wie dank ich Dir, wie dank ich Dir!« Sie sank in die Kniee nieder, sprang aber sofort wieder auf, ergriff die Hand des Königs, küßte dieselbe inbrünstig und rief: »Daran sind halt nur Sie ganz allein schuld! Das hab ich nur Ihrer Güten und Barmherzigkeiten zu verdanken.« Und dann auch die Hand des Arztes erfassend, fuhr sie fort: »Thuns, was Sie thun können, mein liebern, mein bester Herr Doctorn! Rettens mir den Sohn! Der Herrgott wirds zahlen.« »Haben Sie keine Sorge. Was die Wissenschaft vermag, das wird sicherlich gethan werden.« »Also er wird nicht nur am Leib gesund werden, sondern auch wiedern denken können?« »Ja. Auf verschiedenen Erfahrungen fußend, möchte ich sogar behaupten, daß sein Geist nicht langsam zu sich kommen werde. Ich vermuthe vielmehr mit allem Grund, daß in dem Augenblick, an welchem ich den Splitter aus dem Hirn entfernt habe, der Kranke in den vollen Besitz seiner Geisteskräfte gelangen werde.« »So kann er dann sogleich denken und sprechen?« »Ja.« »Mein Heiland! Dann wird er ja doch sagen können, was damals Alles geschehen ist!« »Ich denke es. Aber, gute Frau, grad aus diesem Grunde ist es sehr gerathen, Niemandem vorher Etwas erfahren zu lassen. Verstanden?« »O, ich weiß, was Sie meinen. Es soll kein Mensch wissen, daß mein Sohn operirt werden soll.« »Gut. Sorgen Sie dafür, daß er morgen am Vormittag zu Hause bleibe, damit ich ihn finde, sobald ich komme. Ich freue mich, daß es mir erlaubt war, Ihnen eine so hoffnungsreiche Mittheilung zu machen. Leben Sie wohl!« »Grüß Gott, mein guter, mein bester Herr Doctorn!« antwortete sie, vor Entzücken weinend. »Ich hab bisher lange Jahren in dera richtigen Höllen lebt. Nachher, wann mein Sohn wiedern gesund ist, wirds für mich sein wie im Himmeln!« Sie zitterte förmlich vor Freude. »Und nun?« fragte der Arzt den König. Dieser deutete nach oben und antwortete: »Zum Elephantenhanns. Ich prominire einstweilen unten.« Der Arzt trat in das Haus und stieg die Treppe empor. Der König aber ging seitwärts, wo der Weg hinter dem Dorfe hin führte, und begann, da auf und ab zu gehen. Er hatte sehr lange zu warten, fast eine halbe Stunde, bis der Medicinalrath zurückkehrte. »Nun?« fragte er diesen, indem sie langsam weiter schritten. »In Beziehung dieses Kranken haben meine verehrten Herren Collegen nicht Unrecht gehabt, wenigstens was die Heilung betrifft. Der Knabe hat im kindlichsten Alter einen großen Jammer durchmachen müssen, und darauf sind arme, entbehrungsreiche Jahre gefolgt. Die Frau, welche eben bei ihm war, gab sich die Schuld, indem sie bitter dabei weinte.« »Sie ist seine Mutter, welche leichtsinnig ihren Mann und ihre Kinder verlassen hat.« »Ah! So sah sie gar nicht aus!« »Sie ist zur Einkehr und Reue gekommen, und ihr Mann, welcher trotz seiner Armuth und seines niederen Standes ein edler, großherziger Character ist, hat ihr vergeben. Ich weiß, daß der arme Knabe damals über den Verlust seiner Mutter und die Krankheit seines Vaters gar nicht zu trösten gewesen ist. Er besitzt ein ausgezeichnetes Talent für Pinsel und Palette. Hoffen Sie, daß er noch erstarken und gesunden könne?« »Ich bin überzeugt davon. Aber die Mittel – –« »Habe ich.« »Sie werden bedeutend sein!« »Darnach darf ich nicht fragen. Es ist meine Pflicht, ein solches Talent dem Leben zu erhalten.« »Er muß nach dem Süden. Wohin, das ist erst nach weiterer Beobachtung zu bestimmen. Der Süden mit seinem Lichte und seiner Wärme wird hier Wunder wirken, denn er findet eine sehr kräftige, geistige Unterstützung in der Sehnsucht des Patienten, dort Hilfe zu suchen. Schon die einfache Nachricht, daß er bald ziehen darf, wird seine Kräfte verdoppeln.« »So wollen wir ja nicht zögern!« Der Arzt fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er ergriff die Hand des Königs und führte sie, ehe dieser es hindern konnte, an seine Lippen. »Majestät, ich – – –« »Pst! Schon wieder dieses Wort!« »Verzeihung! Hier kann ich unmöglich »Herr Ludwig« sagen. Das wäre eine Entheiligung meiner innigsten Gefühle. Wenn Königliche Hoheit diesen armen Jüngling erlauben, dahin zu ziehen, wo die Schwalben der Härte unseres Winters entgehen, so retten Königliche Hoheit diesen Kranken vom sicheren Tode. Er würde hier binnen der Zeit eines Jahres hinsterben, langsam hinsterben wie eine Blume, welcher man das Tageslicht entzieht, indem man sie in den Keller stellt! So, nun kann ich hohem Befehle zu Folge wieder »Herr Ludwig« sprechen.« Der König war tief, tief gerührt über den Gefühlsausbruch dieses Mannes, welcher in so vieljährigen Umgange mit dem Elende des Menschenlebens gelernt hatte, sein Gemüth mit eisernem Panzer zu wappnen. »Und nun der Silberbauer?« fragte er. »Wie steht es mit diesem?« »Er hat zwei Rippenbrüche. In wie weit sein Kopf beschädigt ist, kann jetzt noch nicht beurtheilt werden, weil er sich in einem traumartigen Zustande befindet und kein Wort, keine Silbe, nicht einmal einen Schmerzenslaut hören läßt. Die Armwunde, so fürchterlich sie beim ersten Anblicke erscheinen mag ist nicht einmal so gefährlich wie der Bruch der Rippen. Ich wollte, ich könnte bei ihm anwesend sein, wenn er erwacht. Es ist das für den Arzt ein Augenblick, an welchem die wichtigsten Beobachtungen angestellt und nicht weniger wichtige Erfahrungen gemacht werden können.« »Wird man auf dieses Erwachen lange Zeit noch zu warten haben?« »Diese Frage läßt sich kaum mit nur einiger Sicherheit beantworten. Es fehlt da jeder einigermaßen praktikable Maaßstab. Doch denke ich, daß binnen zweien, höchstens dreien Tagen der Patient eine Aeußerung geistigen Lebens bemerken lassen wird.« »So sollen Sie dabei sein. So lang ich hier bleibe, bedarf ich doch Ihrer Gegenwart, und binnen dreier Tage reise ich wahrscheinlich nicht ab. Treffen Sie also Ihre Vorbereitungen. Nötigenfalls soll die Behörde dafür sorgen, daß Ihnen der Zutritt nicht wieder in der Weise wie vorhin erschwert werde.« Sie sprachen nun noch über die Verhältnisse der Umgegend und der hier wohnenden, dem Könige bereits bekannten Personen. Dabei kamen sie nach der Mühle zurück. Die Gäste waren dort, den Pfarrer ausgenommen, noch Alle vorhanden. Es hatte noch Wein auf dem Tische gestanden, und dieser Umstand hatte die guten Leute in der Stube festgehalten. Dieselben waren so mit sich selbst beschäftigt, daß sie die Rückkehr der beiden Herren gar nicht bemerkten. Eben als die Letzteren in den Hausflur traten, ertönte die muntere Stimme des alten Sepp. Die Stubenthür stand auf, und so war ein jedes seiner Worte zu vernehmen. Der König ergriff den Arzt bei der Hand, ihn zurückhaltend. »So, also, Barbara, Du kommst zu ersten dran!« sagte der Wurzelhändler. »Wer ist der beste König auf dera ganzen Erdenwelt?« Die Alte war sehr schnell mit der Antwort da. »Dera preusche Fritzen!« rief sie. »So! Der? Warum sodann?« »Weil er die Franzosen haut hat bei einem Bach, woraus die Rosse soffen haben.« »Du meinst Roßbachen. Na, so übel ist's nicht; aberst Du hast läuten hört, jedoch nicht zusammen schlagen. Wer weiß einen noch bessern König?« »Ich, ich, ich, ich!« riefen mehrere Stimmen. »Halt! Immer nur Eins nach dem Anderen! Peter, wen meinst halt Du?« Peter war der uralte Mühlknappe, der fast nicht mehr arbeiten konnte und also das Gnadenbrot aß. Er stack die meiste Zeit droben in einem kleinen Dachkämmerchen und kam nur sehr selten herab. Das lustige Chor hatte ihn überfallen und herunter geschleppt. Er antwortete mit tiefer Baßstimme: »Der allerbest König ist der alte Derfflinger gewest.« »Der? Warum?« »Weil er ein Schneidergesellen war und nachhero König worden ist. Da muß er doch halt ein gar tüchtigern Kerlen west sein!« »So? In welchem Land war der denn König?« »In einem Land, das nennt man halt die Luxemburgern Haide.« »Schafsköpfen! Lüneburgern Haide heißts. Dort ist kein Land.« »Sagristi! Wohl lauter Wassern?« »Nein, sondern eben Haide. Das ist weder Land noch Wassern, sondern ein Brei von Ziegelsteinen und Kiefernharzen. Dorten hats gar nie einen König geben. Dera Derfflingern war auch kein König, sondern ein Generalen und Feldmarschallen, und wenn er gegen die Türken fochten hat, so hat er sie nämlich Alle mit dera Ellen massacrirt. Das war also nix, Peter. Also nun Du, Lisbetherl. Wer ist dera allerbest König in dieser Welten?« »Ganz nur unser gutern Ludwigen!« antwortete das Mädchen. »Heiner, Du?« »Ich stimme auch für den Ludwigen. Für den geb ich allsogleich hier meinen letzten Arm und auch mein Leben!« »Und Du, Müllern!« »Natürlich, dera Ludewig!« »Hast Recht. Es giebt nix Schwerers und auch Schmerzhafters als wann Einer aus dera Haut fahren muß. Aberst wann mein König Ludwig zu mir sagen thät: Wurzelsepp, machs möglich und fahr aus der Haut! Könnt Euch drauf verlassen, ich machts möglich. Ich ließ mich schinden, bis die Haut locker wär und führ hinaus, zwölfspännig und mit Trommeln und Trompeteln. Für so einen guten König muß man Alles möglich machen können. Merkts Euch das!« »Ja, wannst denen Ludewigen meinst, so ist der freilich der best, viel bessern noch als dera alte Fritzen!« rief die Barbara. »Ja,« brummte der alte Knappe, »sogar noch bessern als dera Derfflingern. Das ist richtig!« »Schön!« sagte der Sepp. »So sind wir also jetzt einig und wollen ihm ein Hurrah und Vivavit bringen. Wein ist ja da. Odern, noch gar viel bessern! Da fällt mir halt was ein. Wir machens wie die Studenten, fein und nobel, wir reiben ihm einen Hilamandern.« »Was ist das?« fragte Peter. »Ein Hilamandern ist ein Säugethier, welches halb Vogel und halb Fisch und nachhero auch noch drei Viertel eine Schlangen ist.« »Und den muß man reiben?« »Ja, so heißts.« »Vertorium! Wo nehmen wir aberst da gleich so einen Hilamandern her?« »Gar nicht nehmen wir ihn her, sondern den denkt man sich blos. Weißt, Eins von uns muß sich hierher setzen, grad in die Mitt; das ist dera Hilamandern. Die Andern stellen sich rund herum, nehmen in die eine Hand Ruß und in die andere das Glas. Nachhero wird die Gesundheiten trunken. Jeder trinkt sein Glas aus und reibt dabei dem Hilamandern mit dera andern Hand denen Ruß ins Gesichten, und Alle rufen dabei recht laut: »Vivavit! Smollit und Viducitum!« Wann nachhero das Gesichten recht schwarz ist, so giebts eine große Freuden und Herrlichkeiten. Von diesem Reiben heißt die Sach also eine Hilamandern reiben.« »O, das wär schön!« brummte der alte Peter mit seinem tiefen Basse. »Nicht wahr? Also das machen auch wir jetzund. Wir wählen jetzt den Hilamandern?« »Wer aberst soll das sei?« fragte der Heiner. »Allemal diejenige Personen, welche die schönst und fetteste Visagen hat. Das ist ha unsre alte Barbara.« »Dank schön! Dank sehr schön!« kreischte die gute Wirthschafterin. »Das könnt mir halt grad noch gefallen in meinen alten Tagen! Sucht Euch einen Hilamandern, wo Ihr nur wollt. Ich aber laß mir mein Gesicht nicht verschimpfiren!« »Nicht? Könntst uns aberst doch mal diese Lieb erweisen!« »Wannst keine andere Lieb von mir willst so mach Dich nur gleich fort von hier und komme mir nimmer wiedern! So ein Schlangangerl könnt mir gefallen!« »So! Aberst eine andere Person paßt halt nicht dazu. Also müssen wir auf denen Hilamandern verzichten. Und das ist wohl auch sehr richtig; denn wann wir auf die Gesundheiten unsers guten Königs trinken wollen, so ists besser, wann wir fein ernst und andächtig dabei sind. Wenn ich an ihn denk, so muß ich auch gleich allemal an meine Leni denken. Ihr hättet nur dabei sein sollen, als sie sungen hat: Als Alle mich verlassen hatten        In meines Unglücks schwerer Nacht, Stand ich in meines Königs Schatten;        Mein König hat an mich gedacht! Da hat Alles weint, Alles, Alles hat schluchzt und weint und dera König selbern auch mit. Hört, das merkt Euch! Keiner hat so ein Herz für das Unglück wie unsera Ludwigen. Dera Sepp weiß das sehr genau. Und wann er mal hierher kommen thät, so sollt Ihr sehen, wie schnell das Leid ein End nehmen thät bei Denen, die seiner Hilf und Gnaden würdig waren!« »Herrgott« meinte der Heiner. »Wann er da meinen armen Hanns sehen thät!« »Du, Heiner, ich will Dir mal was sagen. Das Glück kommt oft schneller, als man denkt hat. Ich hab hört, daß unser Ludwig bald mal kommen wird. Das versäume ja nicht; da mußt Dich an ihn wenden. Wirst sehen, er hilft dem Hanns. Und dafür wolln wir uns bereits schon vorher bedanken und unsern lieben König hoch leben lassen. Nehmt also die Glaserln in die Hand und haltets rechte hoch! So! Und nun paßt auf! Was ich schrei, das müßt Ihr auch rufen. Also jetzund geht dera Toasten los!« Und mit erhobener Stimme fuhr er fort: »Unsern gutern und bravern Ludwigen, König von Seiner Majestäten Bayern soll unterthänigst hoch leben. Wir bringen ihm ein allergnädigst Vivat – – – so schreit doch!« »Vivat!« riefen die Andern. »Abermals Vivavit!« »Abermals Vivavit!« »Und zum dritten Male Vivavit!« »Und zum dritten Male Vivavit!« Die Gläser klangen zusammen. Der König gab dem Arzte einen Wink und trat wieder aus dem Hausflur hinaus. Sie gingen still um die Mühle herum nach dem Garten. Für Andere hätte diese Scene wohl mehr Drolliges als Ernsthaftes gehabt; diese Beiden aber waren Kenner des Volkscharacters, und zumal kannte der König den treuen Wurzelsepp. Es schimmerte in seinem Auge feucht. Er wandte sich, als sie nicht mehr gesehen werden konnten, an den Medizinalrath: »Das sind Herzen, auf welche man sich verlassen kann. Da begreift man, wie glücklich jener Fürst war, welcher sagen konnte, er dürfe sein Haupt in den Schooß eines jeden seiner Unterthanen ohne Bedenken zur Ruhe legen! – Herrschersorgen und Herrscherglück. Der Sorgen sind so viele, so gar viele und schwere, aber ein Augenblick solchen Glückes wiegt Alles, Alles auf.« Als sie den Garten erreichten, saßen noch der Lehrer und dessen Mutter in der Laube. Beide traten heraus, weil sie glaubten, der König wolle sich in den Schatten derselben niederlassen. »Ich will Sie nicht stören,« sagte er. »Aber wenn Sie nicht hier gefesselt sind, so ersuche ich Sie, mit nach der Stube zu kommen. Dort herrscht ein reges Leben, wie es scheint. Und ich möchte gern auch einen Beitrag zu der allgemeinen Freude steuern.« Sie kamen durch die Hinterthür in das Haus. Die Barbara bemerkte sie durch die Küche zuerst, und da war ihre Stimme zu vernehmen: »Seid still, Ihr Hallodrivolk! Die Herrschafteln kommen! Was sollens von uns denken, wenn so ein Lärmen hierinnen herrscht!« »Jerum, geh!« ertönte da der Baß des alten Peters. »Ich bin gar nicht mit geladen und sitz doch auch mit da! Wo versteck ich mich nur da sogleich! Ich krieg unter denen Ofen!« Als die Vier nun eintraten, standen die Andern in halber Verlegenheit um den Tisch. »Sitzenbleiben,« sagte der König. Und seitwärts blickend, fügte er, vergnügt lächelnd, hinzu: »Und auch liegen bleiben!« Der große, mächtige Kachelofen stand nämlich auf vier hohen Beinen. Vorn war eine hölzerne Bank angebracht. Da drunten gab es Raum für einen Menschen. Der Peter war wirklich hinuntergekrochen. Weil er aber von ungewöhnlich langer Gestalt war, so ragten seine Beine so weit hervor, daß man die mehlweißen Stiefelpantoffeln, die herab gerutschten Strümpfe und dann die nackten, hagern Waden erblickte. Er gab sich zwar die größte Mühe, diese Extremitäten an sich zu ziehen, doch rutschten sie ihm immer wieder vor. »Jetzund wirds uns schlecht ergehen,« sagte der Müller. »Herr Ludewig, wir haben fast denen ganzen Wein ausitrunken. Machens eine gnädige Strafen!« »Ja,« stimmte der Heiner bei, »wenn man all sein Lebtage keinen solchen Tropfen trunken hat und man bekommt dann mal ein Glas, so macht man nachher allerlei Dummheiten. Wir haben auf unsern herzlieben König einen Toasten gerufen.« »So!« lächelte der König. »Und das nennt Ihr eine Dummheit?« »Himmelsakra, nein! Das war nicht so gemeint Herr Ludewigen. Ich mein' halt nur das Trinken, aber nicht den Toasten auf denen König.« »Habt Ihr denn Ursache zu einem solchen Toast?« »Ursache?« fragte der Heiner ganz erstaunt. »Natürlich! Giebts etwan einen besseren König?« »Nun, ich kann Euch wenigstens versichern, daß er es gut mit Euch meint. Alles Leid kann er freilich nicht heben. Er ist ja nicht allwissend und auch nicht allmächtig. Und wo er nicht da ist, da sollen Andere an seiner Stelle handeln. Daran habe ich gedacht, als ich versprach, für den Hanns einen Arzt rufen zu lassen. Hier, der Herr Doctor ist jetzt mit mir bei ihm gewesen und hat ihn untersucht.« »Jetzt? Bei mir gewest?« fragte der Heiner bestürzt. Und ich war nicht dabei?« »Das war ja nicht nöthig.« »Und untersucht ist er worden? Herr Doctorn, wie habens ihn funden? Sagens rasch! Kann er gesund werden?« »Ja,« antwortete der Arzt. »Aber er darf nicht hier bleiben.« »Habs mir denkt!« meinte der Heiner traurig. »Er muß fort!« »Wollen Sie nicht einwilligen?« »O! Gar gern! Aberst das kostet ein gar schweres Geldl, und wo nehme ich dasselbige her?« »Ich weiß es, hier Herr Ludwig will Alles bezahlen.« »O Gott! Ists wahr? Ists wahr?« »Ja, Ihr Sohn soll nach dem Süden, und er soll so lange dort bleiben, bis er gesund ist, selbst wenn es mehrere Jahre dauert. Und nicht nur das will der Herr bezahlen, sondern er will ihn auch unterrichten lassen, daß der Hanns ein Maler werden kann, ein Künstler in seinem Fach.« Der Heiner stand ganz sprachlos. Das Liesbetherl stieß einen Freudenschrei aus und machte eine Bewegung, als ob sie auf den König zueilen wolle, wankte aber dann und schlang den Arm um Barbara, um sich an derselben festzuhalten. »O, Ihr Heilgen all im Himmel droben!« stieß der Heiner endlich hervor. »Das ist doch gleich gar zu viel! Wer kann das aushalten!« »Und weiter!« fuhr der König fort. »Der Hanns kann doch nicht allein in die Fremde gehen – – –« »Nein, da muß halt ich wohl mit,« fiel Heiner ein. »Sie nicht,« antwortete der König. »Sie müssen hier bleiben, um anwesend zu sein, wenn Ihr Liesbetherl Hochzeit macht. Der Hanns braucht zunächst eine weibliche Hilfe. Da schlage ich vor, es begleitet ihn die Frau, welche wir vorhin bei ihm getroffen haben.« »Herrgottle, seine Mutt – – –!« rief der Heiner ganz entzückt. »Und,« fuhr der König fort, »da er doch auch einer stärkeren, gewandteren, erfahreneren Unterstützung nicht entbehren kann, so werde ich ihm eine männliche Begleitung auch noch mitgeben. Wie steht es Herr Lehrer, hätten vielleicht Sie Lust?« Max Walther war so überrascht, daß er nicht sofort eine Antwort fand. Darum erklärte der König weiter: »Während Hanns in Constantinopel, Jerusalem, Damaskus, Kairo und so weiter Heilung sucht, könnten Sie als sein Begleiter und Beschützer den Orient studiren und dabei Anschauungen und Erfahrungen sammeln, welche Ihnen, der Sie ein Dichter sind, von großem Werthe sein müssen. Dies ist meine Antwort, welche ich Ihnen bis jetzt auf Ihre Improvisation schuldig geblieben bin.« Jetzt kam Leben und Bewegung in den Lehrer. Er that einen Schritt wie um dem König zu Füßen zu stürzen, und rief dabei unvorsichtig: »Maje – – –!« »Halt!« unterbrach der König ihn schnell. »Keine allzu große Eilfertigkeit! Sagen Sie mir einfach, ob Sie bereit sind, mein Anerbieten anzunehmen!« »Mit tausend, tausend Freuden!« antwortete er, der sich vor Entzücken kaum beherrschen konnte. Seine Mutter schlang die Arme um ihn und weinte vor Freude. »Ists denn auch wahr, wirklich wahr?« fragte der noch immer zweifelnde Heiner. »Gewiß, ganz gewiß!« antwortete der Arzt. »Liesbeth!« Er streckte den einen Arm nach seiner Tochter aus. Diese flog herbei und an sein Herz. Die Barbara machte sich bereits mit ihrer Schürze zu schaffen. Sie fühlte, daß sie die Thränen nicht lange mehr werde zurückhalten können. – Da, plötzlich fing es unter dem Kachelofen an zu kratzen, zu rascheln und zu rumoren, und zugleich ließ sich ein tiefer, dumpfer Ton vernehmen – es war kein Niesen, es war kein Singen, es klang im tiefsten Basse wie »Huhu hhh – huhu hhh – huhu hhh – huhuhuhuuuuuuu!« Zu gleicher Zeit wurden die Stiefelpantoffeln immer weiter hervorgestreckt; zwei lange Beine kamen zum Vorschein, dann ein Leib, der Hals, der Kopf – der Mann richtete sich auf. Es war der alte Peter, der Knappe, welcher laut weinend sich mit beiden Händen die Augen rieb und dabei im allertiefsten Basse schluchzte: »Nein, nein, das ist halt gar zu schön und rührend. Das konnt ich nimmer aushalten da unten. Wann so ein Glücken vom Himmeln kommt, so lauft mir das Wassern in die Augen und es stoßt mich dera Bock, daß ich weinen und flennen muß wie ein Kind. Ja, das ist doch gar zu rührend, gar zu schön. Ich mußt heraus unterm Ofen, sonst hätts mich schon bald umibracht vor lauter Interess' und Sympathie. Man ist doch auch ein Menschenkind und hat ein Herz wie ein Schnee und ein Gemüth wie ein Wachs. Herr Ludwigen, Sie sind halt ein sakrisch braver Kerlen! Das sagt halt dera Peter, und was der sagt, das ist gewiß und wahr – – huhu – – hhh – – huhu – – hhh – – huhuhuuuuuuu!« Er weinte so laut und nachdrücklich weiter, als ob er es nach dem Kilometer oder nach der Klafter bezahlt bekomme. Seine Rührung hatte etwas Gewaltsames; sie war dem Ausbruche eines Vulkans ähnlich; aber grad dadurch wirkte sie nicht lächerlich sondern ansteckend. Die Anwesenden stimmten Alle mit ein. Der Finkenheiner hielt mit seinem einzigen Arme seine Tochter umschlungen und schluchzte: »Und wie er Alles so schön einirichtet hat! Nun geht die Muttern mit dem Hanns fort, so daß die Leut hier nix zu reden haben. Und dera Hanns wird ein berühmter Malern, auf den wir stolz sein können.« Die Frau Bürgermeisterin lag am Herzen ihres Sohnes. »Max,« flüsterte sie weinend. »Welch eine Gnade! Für mich noch mehr als für Dich. Danke ihm dafür, indem Du sie fruchtbar an Dir wirken lässest. Zwar muß ich Dich für längere Zeit nun wieder meiden, nachdem ich Dich kaum erst gefunden habe; aber ich will gern auf das Glück verzichten, gleich von jetzt an Deiner Seite sein zu können, denn diese Trennung wird ja Dir zum Segen und zum Heile gereichen.« Und der Sepp schlich sich hin zur Barbara und sagte, seine Rührung mit Anstrengung verbergend: »Jetzt, Barbara, mußt dem Herrn Ludewigen auch ein gutes Wörtle geben.« »Ich? Was für eine Bitten sollt denn ich an ihn haben?« »Daßt auch mit nach dem Süden darfst.« »Bist närrisch! Wo sollt denn dieser Süden liegen?« »Nun, in dem Afrika, wo die schönen Mohren sind. Da kannst so einen Schwaben heirathen, und dann bist sogleich unter dera Hauben. Das ist doch Dein größter Wunschen, dent auf dera Erden hast. Und waannt nachhers mit Deinem Mann herkommst nach Hohenwald, so kannst ihn für Geld sehen lassen und eine gewaltig reiche Frauen werden.« »Halts Maulen, alter Hallodri! So ein schwarzer Negern wär mir doch tausendmal liebem noch als Du. Hier hast was für den guten Rath!« »Sie holte aus und gab ihm einen Hieb auf das Ohr, welcher noch kräftiger war als der wenig geistreiche Witz, den er gemacht hatte. Dieses kleine Intermezzo war von den Andern gar nicht beobachtet worden; es war also auch gar nicht im Stande, die Stimmung zu stören, welche sich der Anwesenden bemächtigt hatte. Der König erinnerte den Heiner: »Gehen Sie jetzt nach Hause, um Ihrem Sohne die freudige Nachricht mitzutheilen. Ich hoffe, daß sie auf seinen Zustand von vortheilhafter Wirkung sein werde. Es ist jetzt nur das Allgemeine erwähnt worden. Die besonderen Arrangements werden wir treffen, wenn wir uns die Angelegenheit reiflicher überlegt haben. Bitte, Herr Doctor, begleiten Sie mich auf mein Zimmer!« Die beiden Herren entfernten sich, und es läßt sich denken, daß die Zurückbleibenden sich in Lobeserhebungen ergingen und allerlei Pläne für die Zukunft schmiedeten. Das dauerte, bis der Nachmittag vorüber war und der Abend herein zu dunkeln begann. Da brach die Bürgermeisterin auf. Am Morgen noch von Zagen und Bangigkeit erfüllt, befand sie sich jetzt in einer so glücklichen Stimmung, wie sie sie im Leben fast noch niemals empfunden hatte. Sie konnte an der Seite ihres so lange Zeit und so sehnlichst gesuchten Sohnes gehen. Sie hatten sich tausend Zärtlichkeiten zu sagen, und daß der alte, brave Sepp mit ihnen ging, das konnte diese Ergüsse nicht stören, denn er war es ja, dem sie diese Wonne zu verdanken hatten, und er war ja auch so sehr discret: er schritt nämlich sehr weit hinter ihnen her und that ganz so, als ob er kein Wort von ihrer Unterhaltung hören könne. Er begleite sie bis nach ihrer Wohnung in Steinegg. Als er dort eintreten sollte, lehnte er es ab: »Dank schön jetzunder, Frau Bürgermeisterin! Ich hab erst noch einen kleinen Gang zu thun. Nachhero komme ich wiedern. Nur denen Rucksack will ich eini thun.« Er warf ihn hinter die Hausthür, es dem Dienstmädchen überlassend, sich seiner anzunehmen, und ging weiter, nämlich wieder zurück auf der Straße, welche sie gekommen waren, und schritt den Schloßberg empor. Von da oben leuchteten die hellen Fenster in den dunklen Abend hinein, denn die Herrschaften saßen bei Tafel, an welcher es ziemlich lebhaft herging. Der Baron war angekommen, ohne seine Ankunft vorher angemeldet zu haben. Er hatte die Tochter, deren Freundin und ebenso den Professor und den Sänger überraschen wollen. Ein kleines Geschäft hatte ihn nach München getrieben, und von da war er dann nach Steinegg gefahren, erst per Bahn und sodann per Wagen. Seine unerwartete Ankunft hatte auch die beabsichtigte Ueberraschung hervorgebracht, und nun saßen sie beisammen und besprachen, in welcher Weise die nächsten Tage verbracht werden sollten; denn der Baron hatte die Absicht, wenigstens eine ganze Woche hier zu verweilen, bevor er nach Wien zurückkehrte. Da trat der Hausmeister herein und sprach leise einige Worte mit dem servirenden Diener. Dieser zuckte die Achsel, schüttelte den Kopf, und warfen Beide ihre Blicke verlegen auf den Baron. Dieser bemerkte es und fragte: »Was giebt es denn?« »Gnädiger Herr,« antwortete der Hausmeister, es ist ein Mensch im Vorzimmer, welcher vorgiebt, ganz unbedingt mit Ihnen sprechen zu müssen.« »Ein Mensch? Du willst doch sagen, ein Herr?« »O nein. Er ist gekleidet wie ein echter Strolch.« »So will er mich wohl anbetteln. Weise ihn ab!« »Er läßt sich nicht abweisen, trotzdem ich es sehr energisch versucht habe, ihn fortzujagen. Er hat sogar die Frechheit gehabt, es sich auf dem Sopha höchst bequem zu machen.« »Donnerwetter! So werft ihn hinaus!« »Das wollte ich doch nicht riskiren?« »Fürchtest Du Dich etwa?« »Nein, obgleich er trotz seines Alters sehr kräftig aussieht. Er behauptet nämlich, zur Dienerschaft des gnädigen Herrn zu gehören.« »Was!« Das ist eine Lüge. Einer meiner Wiener Domestiken kann es nicht sein, denn diese Leute haben nicht das Aussehen von Strolchen. Ueberhaupt begreife ich gar nicht, wie irgend ein Mensch wissen kann, daß ich hier bin. Ich bin ja ganz geheim nach hier gekommen.« »Nun, so lächerlich es klingt, er behauptet, der neue Parkaufseher zu sein. Er will jetzt seine Stellung antreten.« Der Baron erhob sich von seinem Stuhle. Er machte ein ziemlich verlegenes Gesicht. »Parkaufseher! Ah, jetzt begreife ich. Der Mann ist freilich engagirt; aber daß er es sich da auf dem Sopha bequem macht, das werde ich mir doch sehr energisch verbitten müssen.« Und sich in erklärendem Tone an die Andern wendend, fuhr er fort: »Ich traf nämlich unterwegs einen Hilfsbedürftigen, welcher mich zufälligerweise als einen Mann kennt, der gerne Gutes thut. Seine Lage rührte mich, und so ließ ich mich von meinem guten Herzen hinreißen, ihn als Parkwächter zu engagiren. Er ist arm und brav und – was mich am meisten veranlaßte, ihn hier anzustellen, ein seltenes Original. Das erkennen Sie ja aus dem Umstände, daß er sich sofort auf dem Sopha häuslich niedergelassen hat. »Ein Original?« fragte Asta. »O, ich liebe alles Originelle!« Dabei warf sie einen liebebedürftigen Blick auf Anton. »Lassen Sie also den Mann eintreten, bester Baron! Ich muß ihn sehen.« Damit war der Schloßherr freilich nicht einverstanden. Er machte eine abwehrende Handbewegung und sagte: »O bitte! Sie hören, daß er einem Landstreicher ziemlich ähnlich aussieht. In diesem Zustande darf ich ihn den Herrschaften nicht vorstellen. Er mag sich erst äußerlich so weit verändern, daß er die schönen Augen des gnädigen Fräuleins von Zalba nicht beleidigt. Jetzt soll er nach meinem Zimmer gebracht werden und dort warten, bis ich gespeist habe. Nachher werde ich kommen!« Der Hausmeister entfernte sich mit einer tiefen Verneigung. Draußen saß der Sepp. »Nun?« fragte er. »Wie stehts? Hat dera Herr Baronen Zeit und Lust?« »Jetzt keins von Beiden. Du wirst eine Weile warten müssen. Folge mir!« Er führte ihn in das betreffende Zimmer, brannte dort ein Licht an und sage in befehlendem Tone: »Hier bleibst Du, bis der Herr Baron kommt. Setz Dich auf diesen Stuhl, und greif nichts an, was sich leicht einstecken läßt!« . Dabei musterte er mit einem vielsagenden, höhnischen Blick das Aeußere des Alten. Dieser that, als bemerke er das nicht und nickte ihm freundlich zu: »Also hier ganz an dera Thüren soll ich sitzen bleiben?« »Ja, und nichts anrühren!« »Das ist sehr hübsch von Dir, daßt so auf das Eigenthum Deines Herrn siehst.« »Höre, geduzt wird hier nicht!«« »Nicht? Ich denk grad, daß hier geduzt wird. Wie hast denn mich genannt?« »Das ist etwas Anderes. Ich bin Hausmeister und nenne einen Jeden Du, welcher zur Dienerschaft gehört. Das ist mein Grundsatz.« »Schau, das kann mich gefreun! Ich hab die Leutln so gern, die ihre festen Grundsätzen haben. Ich hab auch einen. Mein Grundsatz ist nämlich der, daß ich für jedes Du, was man ohne meine Erlaubnissen sagt, eine Ohrwatschen geb. Wannst also recht viele Kopfnüssen haben willst, so weißts nun ganz genau, wiests anzufangen hast.« »Sapperment! Ich soll Dich nicht Du nennen!« »O ja! Ich hab gar nix dagegen, aberst ich geb für jedes Du eine Ohrfeigen, Jetzt hasts gleich zweimal sagt, und da hast nun auch gleich die zwei!« Er holte mit beiden Händen aus und gab dem Hausmeister, ehe dieser sich nur zu wehren vermochte, rechts und links je eine so kräftige Ohrfeige, daß der Getroffene mit dem Kopfe an die Thür flog. Er fuhr sich mit den Händen in das Gesicht und rief: »Kerl, das wagst Du! Warte, ich werde – – –« Er kam nicht weiter, denn er empfing sofort eine dritte Ohrfeige, zu welcher der Sepp die energische Erklärung gab: »Noch ein Du! Dazu gehört auch noch eine Maulschellen. Wann wir so fortfahren, so wird Dir die Bruderschaften sehr bald gefallen.« Da sprang der Hausmeister nach dem Kamin, riß die Feuerzange vom Nagel, holte aus und rief: »Hallunke! Das sollst Du büßen!« Der Sepp hatte weder seinen Hut noch seinen Bergstock abgelegt. Er hob den Letzteren empor, um den Hieb des Gegners zu pariren. Zange und Bergstock prallten zusammen, und die Erstere flog aus der Hand des Hausmeisters fort und in einen kostbaren Spiegel, welcher sich an der gegenüberliegenden Wand vom Boden bis hinauf an die Decke erhob. Der Beamte stand steif vor Schreck. Er starrte das zertrümmerte Möbel an und brachte kein einziges Wort hervor. Der Sepp aber lachte: »Schau, jetzt kannst hineinsehen in den Spiegulum. Grad so wie er sieht auch Dein Gesichten aus. Wollen wir noch ein Bißle weiter fechten? Vielleichten können wir noch was Andres auch zertöppern. Dort die schönen Vasen oder ein paar Fensternscheiben. Wann man Bruderschaften macht, kanns gar nicht lustig genug hergehen.« »O Jerum!« stöhnte der Hausmeister. »Der herrliche Spiegel!« »Ja, herrlich schaut er nun aus!« »Gestern erst ist er aus Prag gekommen!« »So schick ihn nun gleich wiederum hin!« »Vierhundert Gulden ist der Preis!« »Vierhundert Gulden für dreimal Du? Macht für das Mal hundertdreiunddreißig Gulden und dreiunddreißig Kreuzern. Das kann man schon zahlen, wann man so ein vornehmer Herr Hausmeistern ist, der alle Welt duzen kann!« »Ich? Ich soll es bezahlen?« »Ja, natürlich!« »Oho! Wer hat den Spiegel zerbrochen? Wer?« »Die Feuerzangen. Und wer hat sie gehabt?« »Wer hat sie mir aus der Hand geschlagen?« »Wer hat mich mit ihr angegriffen, he? Mach hier nur keine Faxen! Bei mir kommst da an den Unrechten! Und wannst mir etwan noch Geschichten vorverzählen willst, so faß ich Dich an und werf Dich auch noch da hinein in den Spiegeln! So ein albernen Hottentottenonkel, wie Du bist, kann von mir grad noch was lernen, wann er noch nix lernt hast! Warum sagst mir, daß ich nix angreifen soll, he? Weiß ich denn etwan, daß Du vorher auch nix angriffen hast? Wann nachhero was fehlt und Du hasts gemaust, so kommt die Schuld wohl gar auf mich? Das kann mir grad gefallen!« Der Hausmeister hatte vor Schreck und Angst gar keine Ohren für Sepps Worte. Er stand vor dem Spiegel, schüttelte den Kopf und stöhnte zum Erbarmen: »Vierhundert Gulden – vierhundert! Ein ganzes Jahrgehalt! Ich zahl keinen Kreuzer!« »Wanns Dir schenkt wird, so hab ich nix dagegen. Mußts aberst zahlen, so wirst spätern wohl ein Bisle höflicher sein als bisher.« »Kerl, bringe mich nicht auf, sonst werf ich Dich hinaus!« »Du, willst abermals noch eine Maulschellen! Wannst mich hinausiwirfst, so kanns mir grad sehr lieb sein; da hasts mit dem Herrn alleini abzumachen. Aberst, wannst vom Hinauswerfen sprichst, so kann ich das auch. Ich soll hier warten, und Du hast hier nix zu suchen. Wannst nicht bald verschwindest, so fliegst hinausi, ohne daß ich Dir vorher die Thüren aufimach! Verstanden. Schau also, daßt fortkommst, sonst kriegt die Thüren noch ein größeres Loch als dera Spiegel!« Der Hausmeister ballte beide Fäuste, getraute sich aber nicht an den Sepp, welcher eine Stellung eingenommen hatte wie ein großer Leonberger Hund, welcher einen kleinen Kläffer mit einem einzigen Biß zur Ruhe bringen will. Darum zog er es vor, einstweilen mit der Miene eines gewissen Sieges vom Schauplatz abzutreten. »Gut, ich gehe! Aber nicht etwa, weil ich mich fürchte, sondern um den gnädigen Herrn Baron zu benachrichtigen, wer dieses Unglück hier verschuldet hat.« »Ja, das magst halt thun, denn dann brauch ich nix davon zu sagen. Also troll Dich fort, Schlangangerl! Laufen kannst ja gut, weilst nun um vierhundert Gulden leichter bist!« »Spotte nur! Der hinkende Bote wird ganz gewiß nachkommen.« Er ging, und der Sepp setzte sich auf ein Sammetfauteuil, welches am Tische stand. Auf demselben stand ein Etui mit Cigaretten. Er nahm sich eine derselben und steckte sie in Brand. So, in aller Gemüthlichkeit den Rauch von sich blasend, wartete er auf den Baron. Dieser hatte sich mit dem Essen beeilt. Als der Nachtisch servirt wurde, erbat er sich einen kurzen Urlaub und entfernte sich, um dem Sepp die erbetene Audienz zu ertheilen. Er hatte nicht gedacht, daß sich der Alte so schnell, einstellen werde. Das Kommen des Wurzelhändlers war ihm heut Abend im höchsten Grade unangenehm. Er wußte nicht, wie er sich bereits heut mit demselben arrangiren solle. Wo sollte er ihn unterbringen? Es war fatal. Befand er sich schon aus diesem Grunde nicht in der allerbesten Laune, so wurde diese negative Stimmung noch erhöht, als er draußen hörte, daß der neue Parkaufseher den kostbaren Spiegel zertrümmert habe. Er eilte daher in wirklichem Sturmschritte nach seinem Zimmer. Als er die Thür desselben öffnete, blieb er erstaunt in derselben stehen. Da saß der Sepp, hatte den Hut auf dem Kopfe, den Bergstock in der Hand, rauchte bereits seine dritte Zigarette und hatte die Asche ganz gemüthlich herunter auf den kostbaren Teppich fallen lassen. »Mensch, bist Du toll!« rief der Baron, die Thür hinter sich zuziehend. Der Alte nickte ihm vergnügt entgegen, that einen kräftigen Zug und sagte, ohne sich von seinem Sitze zu erheben: »Guten Abend, mein lieber Herr Baronen! Schön, daßt endlich kommst! Hab lang warten mußt und mir daher einstweilen so ein Rauchpusterl anbrannt.« »Und lässest die Asche auf den Teppich fallen!« »Schadet nix! Odern hast kein Dienstbotendirndl, die's wieder wegkratzen thut? Setz Dich nur mit herbei, und brenn Dir auch eins an! Nachhero können wir vergnügt mit nander plauschen. Es ist bei Dir auch gar zu hübsch und vornehm!« »Das seh ich! Sogar der Spiegel ist vornehm.« »So vornehm, daßt er vor Stolz zerbrochen ist. Aberst das schadet auch nix. Dera Hausmeistern wirds zahlen.« »Der? Ich meine vielmehr, daß Du den Schaden wirft tragen müssen!« »Ich? Da hast mal einen sehr schiefen Gedanken. Er hat ihn zerbrochen; ich bins nicht gewest.« »Das wird sich finden! Jetzt vor der Hand aber wirst Du aufstehen und Dich höflich bis an die Thür zurückziehen!« »Warum? Hier auf dem Sammetschemel ists halt gar nicht übeln. Und wann man Parkaufsehern worden ist, so hat man schon was zu bedeuten und kann sichs in dem Herrn seiner guten Stuben mit bequem und lieblich machen.« Der Baron trat hart an ihn heran und sagte in drohendem Tone: »Jetzt ists genug! Steh auf!« Der Sepp blickte lachend zu ihm auf und antwortete: »Geh! Mach nur keine Wespen! Es steht Dir gar nicht gut! Setz Dich her, und laß einen Wein kommen! Zwei Leutln, wie wir sind, die müssen sich gut vertragen, denn was der Eine nicht weiß, daß weiß halt dera Andre. Wir passen gar so sehr gut zu nander.« »Das – das bietest Du mir! Steh auf, sag ich Dir, Mensch, oder ich laß Dir durch den Diener zeigen, daß Du hin an die Thür gehörst!« »So! Ich glaub gar, jetzt beginnst gar einen Ernst zu machen!« »Ja, es ist mein völliger Ernst. Hier bin ich Herr!« »Daß geb ich ja ganz gern zu, daßt ein Herr bist. Du bist dera Herrn Baron, und ich bin dera Herrn Wurzelsepp. Wannst mir mit dem Diener drohst, so kann er dieselben Maulschellen bekommen wie dera Hausmeistern sie erhalten hat. Und wann ich hin an die Thüren soll, so geh ich nachhero liebern gleich ganz hinausi. Dann kannst aber warten, bis erfährst, wast derfahren willst, und ich werd lieber Deinem Sohn sagen, wo sein Vatern zu finden ist.« Der Baron war ganz in der Laune gewesen, mit eigener Hand den Alten vom Sammetsessel empor zu ziehen. Die letzten Worte aber brachten ihn von diesem Gedanken ab. Er erinnerte sich, daß er sich gewissermaßen in den Händen des Sepp befinde. Er knirrschte zwar innerlich darüber, schlug aber doch einen gelinderen Ton an. »Aber Du mußt doch einsehen, daß Du nicht auf diesen Sessel gehörst!« »Nicht? Wohin denn?« »Du hast vor mir zu stehen!« »So? Dann bist aber wirklich gar kein höflichem und elegantern Kavallerirer! Ich, wann ein Jemand zu mir kommt, lad ihn gleich zum Sitzen ein. Und weißt, je höflicher Du bist, desto freundlichern bin ich dann gegen Dich. Also mach, wast willst. Ich hab Dir keinen Befehl zu geben.« Er stand jetzt auf und zog sich langsam nach der Thür zurück. Der Baron blickte sich in dem Zimmer um, betrachtete den Spiegel und sagte: »Zunächst wollen wir von diesem Möbel hier sprechen. Kannst Du den Schaden ersetzen?« »Das hast mal sehr falsch fragt!« »So? Wie hätt ich denn nach Deiner hohen Meinung fragen sollen?« »Hättst fragen sollen, wer den Schaden zu ersetzen hat.« »Doch Du!« »Oho! So darfst mir nicht kommen. Dera Hausmeistern hat Dir gewiß was vorgelogen. Die Sach ist ganz anderst gewest.« Und nun erzählte er den Hergang der Wahrheit gemäß. Aber das besänftigte den Baron keineswegs, sondern er wurde im Gegentheile noch zorniger, als er vorher gewesen war: »Also zugeschlagen hast Du sofort. Was denkst Du denn, wo Du Dich befindest!« »Erst hab ich denkt, daß ich bei dem Herrn Baronen von Alberg bin. Nachhero aber, als dera Mann gleich wie ein Spitzbub sprochen hat, hab ich meint, daß ich mich in einer Diebsspelunken befind, und an so einem Ort duld ich keine Beleidigung. So ists halt gewest. Hätt er mich nicht beleidigt und nachhero nicht die Feuerzangen derwischt, so wär jetzund dera Spiegeln noch ganz. Nun magst sagen, wer ihn zu zahlen hat.« »Ihr Beide jedenfalls. Jeder die Hälfte!« »Schön! Ich bins zufrieden. Und damit Du siehst, was für ein nobler Kerlen ich bin, so mag er die seinige zahlen und die meinige schenk ich Dir. Ich hab auch meine Bildungen und Condewitten lernt und laß mich niemals lumpen!« »Mensch!« fuhr der Baron auf. »Ich weiß wirklich kaum, was ich von Dir denken soll! So dummfrech ist mir noch Niemand begegnet.« »Nun, so kannst mich halt gleich los werden. Ich hab die Ehr, mein gnädiger Herr Baronen! Wünsch sehr angenehm zu speisen und zu schlafen!« Er wandte sich um und griff nach der Thür. »Halt!« erklang es hinter ihm. »Na, was hast noch?« »Du bleibst! Wir sind noch nicht fertig!« »So! Und wann ich nun dennoch geh!« »So weiß ich, was ich zu thun habe. Ich habe Dich engagirt; Du bist gekommen, Deinen Dienst anzutreten, und nun bist Du mir Gehorsam schuldig!« »Ach so! Nun, ich bin noch nicht kommen, den Dienst zu beginnen. Ich hab Dir ja sagt, daß das erst morgen oder übermorgen geschehen soll. Und nun bitt ich Dich, das ja nicht zu vergessen, daßt mich wirklich engagirt hast. Wir kommen daraufi auch noch weiter zu sprechen. Also, warum soll ich jetzund noch länger hier bleiben?« »Ich erwarte die Mittheilungen, welche Du mir versprochen hast.« »Du, so weit sind wir noch gar nicht.« »So! Was könnte es denn vorher noch geben?« »Den Spiegel hier. Du hast ja selbst sagt, daß wir erst von ihm reden müssen.« »Es bleibt bei meinem Ausspruche. Ihr bezahlt ihn mit einander.« »Nun ja! Und meine Hälfte hab ich Dir bereits schenkt. Odern willsts nicht annehmen?« »Höre, glaube ja nicht, daß ich der Mann bin, der sich von Dir foppen läßt! Ich verlange, daß Du den Ernst und die Höflichkeit zeigest, welche Du mir schuldig bist!« »Die kannst haben! Auch mir ists sehr recht, wann wir ernst reden. Darum will ich auch meinen Huten abnehmen und von jetzunder an Sie zu Dir sagen.« Er nahm den Hut ab und machte einen Kratzfuß, freilich mit einer Miene, welche den Baron noch mehr als eine offene Unhöflichkeit ärgern mußte. Dieser Letztere aber hielt es für besser, so zu thun, als ob er den Sarkasmus gar nicht bemerkt habe. »Schön! Wenn Du Verstand annimmst, werden wir bald einig werden.« »Das hoff ich gern. Daher sag ich Ihnen auch gleich, daß ich für den Spiegeln hier keinen Pfennig zahlen werd.« »Wirst aber doch zahlen müssen. Ich habe Dich ja auch ganz in der Hand.« »So?« »Ja. Ich ziehe Dir den Betrag an den fünfhundert Mark ab, welche ich Dir versprochen habe.« »So ziehe ich auch ab.« »Was denn?« »Ich selber. Ich ziehe ab! Adieu!« Er wendete sich wieder nach der Thür. Der Baron schritt ihm schnell nach und hielt ihn fest. »Ich habe gesagt, daß Du bleibst! Du hast mir Rede und Antwort zu stehen.« Der Alte kratzte sich in possierlicher Verlegenheit hinter dem Ohre. »Herrgottsakra! Sind aberst Sie ein gestrengern Herrn! Da werd ich wohl nicht lang der Parkaufseher bleiben. Das bin ich nicht gewohnt. Davon thun mir ja die Augen weh!« »Es wird Dir vielleicht noch mehr wehe thun, wenn Du Dich ungehorsam zeigst. Also, ich wünsche zu erfahren, wo sich die einstige Bertha Hiller jetzt mit ihrem Sohne befindet! Heraus damit!« Der Sepp nahm jetzt den Bergstock und den Hut zwischen die Kniee, sie dort festhaltend, und kratzte sich mit allen beiden Händen im Haare. »Verdimmi, verdammt, wie dera Nachtwächtern immer sagen that! Jetzt bin ich schön anilaufen!« »Wieso angelaufen?« »Weilst mich nach dera Sachen fragst – – sappernloten, jetzund sag ich auch schon wiedern Du zu meinem gnädigen Herrn! Ich mein nämlich,, daßt ich mich in einer schauderhaftigen Verlegenheit befind, weil ich was sagen soll, was ich halt gar nicht weiß.« »Wie? Du willst jetzt die Adresse der beiden Personen nicht wissen?« »Ich weiß sie nicht.« »Und heut am Tage hast Du sie gewußt?« »Ja, sehr genau.« »So mußt Du sie doch auch jetzt noch wissen!« »Eigentlich, ja. Aberst ich habs vergessen.« »Mensch, mach keinen Schwindel!« »Das ist kein Schwindel! Herr Baronen, Sie wissen halt gar nicht, was ich für ein so gar zart und empfindlich Gedächtnissen hab. Wann das nur ein ganz klein Bisle über was derschrickt, so ists gleich ganz ausi mit ihm. Das ist mir schon sehr oft so gangen. Ich hab mal sogar ein ganzes Jahr lang meinen eignen Namen nicht mehr wußt, weil mein Gedächtnissen über eine Fliegen verschrocken ist, die mich bissen hat. Ich hab mich nicht und nicht und nicht auf den Wurzelsepp besinnen konnt, bis ich mich endlich nachhero mal im Spiegel anschaut hab. Nachhero hab ichs wiedern wußt, wer ich bin. Und so ists auch heut. Mein Gedächtnissen ist verschrocken, und nun kann ich mich auf die beiden Leutln absolutemang nicht mehr besinnen.« Er sagte das so demüthig, so treuherzig. Der Baron aber ballte die Fäuste. »Mensch, ich sollte Dich prügeln!« knirrschte er. »Na, mir ists auch recht. Versuchens halt mal, obs die Adreß herausitrommeln können!« Der Baron stampfte mit dem Fuße, wendete sich ab, schritt einige Male hin und her und blieb dann wieder vor ihm stehen. Er zwang sich zur Ruhe. »Worüber ist denn dieses so ungemein zarte und empfindliche Gedächtniß erschrocken?« »Ueber das Geldl, was ich da hier für denen Spiegeln zahlen soll.« »Ach so! Konnte es mir denken! Hm! Wenn ich es mir recht überlege, so muß ich vielleicht doch den Hausmeister die Schuld zum größern Theile zumessen.« »Nur zum größern Theile?« Dabei blinzelte ihn der Alte listig an. »Na, sagen wir also ganz!« »Schön! Das laß ich mir gefallen.« »Du hast also nichts zu bezahlen.« »Jetzt kann ich nun wiedern meines Lebens froh werden. Jetzund bin ich wiedern gesund.« »Ist auch Dein Gedächtniß wieder gesund?« »Ja, grad jetzt eben kehrts wiedern zurück.« »Das freut mich. Also, wie ist die Adresse?« Der Alte kratzte sich abermals mit beiden Händen, indem er Hut und Stock zwischen die Kniee einklemmte. »Ich hoffe doch nicht,« fügte der Baron rasch zu seiner Frage hinzu, »daß Dir das Gedächtniß schon wieder abhanden kommt!« »O nein, nein, nein! Grad jetzund ists ganz richtig da. Es ist noch niemals so gesund und so stark gewest, wie grad in diesem Augenblick. Das merk ich sehr, weils grad die Hauptsach festhalten hat.« »Diese Hauptsache ist doch die Adresse, welche Du mir versprochen hast!« »O nein. Die Hauptsach sind die fünfhundert Markln, die Sie mir versprochen haben!« »Ach so! Höre, alter Spitzbube, Du hast eigentlich die besten Anlagen für den Galgen!« »Ach? Das hab ich gar nicht wußt! Zum Galgen? Nun, weil wir so gut zusammenpasse», könntens nachhero an mir aufihangen werden!« Der Baron fuhr einen Schritt auf ihn zu; aber er sah ein, daß ihm das Aufbrausen nichts nützen könne. Er hatte nur dieselbe Grobheit zurückerhalten, welche er vorher ausgegeben hatte. »Bleibens halt nur ruhig!« warnte der Sepp. »Wann ich mich, noch mehr aufireg, so kann mir mein Gedächtnisserl schnell wiedern abhanden kommen, und sodann verdien ich mir das schöne Geldl nicht.« »Ganz recht! Also sag mir lieber schnell die Adresse, welche ich wissen will; dann hole ich Dir das Geld!« »Ich bitt Ihnen recht sehr schön, mir lieberst das Geldl recht schnell zu holen. Nachhero sollens gleich das Richtige derfahren!« Der Baron schlug mit der geballten Faust auf den Tisch und stieß einen Fluch aus. Der Sepp hielt sich die Ohren zu, indem er den Erschrockenen spielte, und klagte: »O weh! Wanns noch mal so geht, so ist mein Gedächtnisserl zum Teuxel! Am Besten ists, wann ich davon geh. Ich seh nun doch eini, daß hier keine Geschäften zu machen sind!« »Halt, Du bleibst!« gebot der Baron. »Ich gehe, um das Geld zu holen.« Er ging wirklich, um seine Tochter aufzusuchen, in deren Besitz er eine bedeutende Summe niedergelegt hatte, damit sie die zur Einrichtung des Schlosses nothwendigen laufenden Ausgaben bestreiten könne. Der Sepp blieb in ehrerbietiger Haltung an der Thür stehen, obgleich er sich jetzt allein befand. Aber er drehte sich die Schnurrbartspitzen aus und brummte dabei höchst vergnügt: »Jetzund, Sepp, mach die Taschen auf! Es kommt ein Geldl geflogen! Und nachhero mußt klug sein und gescheidt!« Als der Baron in den Speisesaal kam, hatte sich der Professor der Musik bereits wieder in sein Zimmer zurückgezogen. Anton lehnte mit Asta am geöffneten Instrumente, und Milda saß am Tische, in einer Modenzeitung nach Mustern suchend. Die beiden jungen Leute dort am Pianino machten sich gar kein Gewissen daraus, die Dame des Hauses so allein zu lassen. Diese Isolirung seiner Tochter war dem Baron sehr gelegen. Er lud sie ein, ihn einmal nach ihrem Zimmer zu begleiten, da er mit ihr zu sprechen habe. Dort angekommen, theilte er ihr mit, daß er sofort fünfhundert Mark baar brauche, und sie zählte ihm, ohne zu fragen, die Summe in Goldstücken vor und fragte sodann, ob sie heut Abend noch auf seine Gesellschaft zu rechnen habe. »Schwerlich,« antwortete er »Ich habe soeben eine Meldung erhalten, welche mich veranlaßt, mich zurückzuziehen, um der Angelegenheit, welche große Wichtigkeit für mich besitzt, einiges Nachdenken zu widmen.« »So bin ich leider ganz allein.« »Wieso? Hast Du nicht Asta und den Sänger?« »Nein, sondern diese Beiden haben nur sich.« »Willst Du etwa sagen, daß sie Wohlgefallen an einander finden?« »Es hat allen Anschein.« »Ah, das wäre mir lieb!« »Asta giebt sich höchst auffällig Mühe, ihn zu gewinnen.« »Sie thut ganz recht daran und arbeitet mir grad in die Hände.« »Wieso. Mir ist Ihre Annäherung unangenehm.« »Weil Du meine Ab- und Ansichten nicht kennst. Dieser Anton Warschauer wird sehr protegirt. Es hat mich keine kleine Anstrengung gekostet, es so weit zu bringen, daß er Gast in Steinegg wurde. Er bildet von jetzt an, so zu sagen, ein Glied unserer Familie. Das ist von Vortheil für uns, denn diejenigen Personen, welche sich für ihn interessiren, werden uns dadurch zur Dankbarkeit verpflichtet.« Sie blickte ihn befremdet an. »Ich kenne Deine gesellschaftliche Stellung nicht genau, Vater, da Du es für gerathen gehalten hast, mich in Isolirung aufwachsen zu lassen. Aber bedarfst Du denn der – Protection eines Sängers?« Er fühlte gar wohl den Vorwurf, welcher in ihren Worten lag. »Die seinige nicht, sondern diejenige der hochgestellten Personen, welche ihm eine Zukunft bieten. Und wenn Asta seine Liebe gewinnt, so kann mir das nur erwünscht sein. Sie fesselt ihn an uns, da sie Deine Freundin ist.« Milda zuckte leise die seine Schulter. »Freundin?« fragte sie gedehnt. »Ich gestehe Dir offen, daß ich keine übergroße Zuneigung für sie empfinde.« »Was? Du machst mir eine Mittheilung, welche mich außerordentlich überrascht. Ihr habt ja stets als Freundinnen mit einander verkehrt.« »Aber nur aus dem einfachen Grunde, weil sie die einzige junge Dame ist, mit welcher Du mir zu verkehren erlaubtest.« »Was ist an ihr unsimpathisch?« »Sie hat kein Herz, kein Gemüth, ist berechnend und – was ich erst jetzt in Erfahrung gebracht habe – eine Kokette, welche mir offen erklärt, daß es der schönste Zweck des Lebens sei, das Leben zu genießen.« »Da hat sie sehr Recht!« Milda blickte ihn fast erschrocken an. »Wenn Du das sagst, Vater, so ist Deine Weltanschauung keine sehr ernste!« »Pah! Lerne das Leben kennen, so wirst Du eben so denken wie ich!« »Und Asta spricht nicht etwa im Allgemeinen vom Genusse des Lebens, sondern sie meint damit ganz specielle Freuden.« »Hm! Raffinirt sie etwa?« »Ja. Sie will – geliebt sein.« »Verdenkst Du ihr das?« »Sehr! Sie trachtet nämlich nicht nach der Liebe eines Einzigen.« »Verteufelt! Dann entwickelt sie sich zu einer Salondame, welche eine Zukunft hat.« »Um Gotteswillen, Vater!« »Du thust ja ganz entsetzt! Eine Dame muß ihre Schönheit zu benützen, mit ihren Reizen zu wuchern wissen. Gerade in diplomatischen Kreisen, zu denen ich doch auch gehöre, werden durch Damen die größten Trümpfe ausgespielt.« Sie wendete sich halb ab, und wie in zweifelndem Tone wiederholte sie feine Worte: »Zu denen auch Du gehörst? Bitte, Vater, wie kommt es, daß ich niemals Deinen Namen nennen hörte?« Er nagte einige Secunden lang die Unterlippe mit den Zähnen und antwortete dann: »Weil gerade die besten und brauchbarsten Kräfte zur Lösung jener schwierigen Aufgaben verwendet worden, an denen nur ganz in der Stille, ganz im Geheimnisse gearbeitet werden kann. Auch Dir ist eine dieser Aufgaben bestimmt.« »Mir? Ich bitte Dich! Ich werde niemals eine Diplomatin sein!« »Das sollst Du auch nicht. Die Damen, welche wir brauchen, sollen nicht selbst Diplomatinnen sein, sondern uns Diplomaten als Werkzeuge dienen.« Sie streckte wie im Abscheu die Hände vor. »Als Werkzeug? Die Damen sollen sich Euch also zur Verfügung stellen?« »Ja, und zwar mit allen ihren körperlichen und geistigen Eigenschaften, mit ihrer Schönheit, ihren Reizen, ihren seelischen Vorzügen! Grad aus diesem Grunde bist Du in tiefster Einsamkeit erzogen worden. Du bist schön, interessant, was noch viel besser ist als schön, ein unverdorbenes Gemüth. Wenn ich Dich in die betreffenden Kreise einführe, werden sich Vieler Augen auf Dich richten, und ich werde Dir diejenigen Herren bezeichnen, von denen ich wünsche, daß sie sich an Dich fesseln lassen.« »Mein Gott Das verlangst Du von mir!« »Ich muß es verlangen!« »Daß ich mit den heiligsten Gefühlen des Herzens spiele, mit meinen eigenen und mit fremden Gefühlen?« »Pah! Du bist noch Kind. Sprechen wir über dieses Thema, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Asta ist Dir in dieser Beziehung weit überlegen, und darum wünsche ich, daß Du Dich aufs Innigste ihr anschließest. Wenn sie jetzt den Sänger zu fesseln sucht, so lasse ich ihr Zeit und Gelegenheit dazu. Störe sie nicht dabei, sondern ziehe Dich lieber zurück. So wäre es zum Beispiel jetzt gerathen, nicht wieder zu ihnen zurückzukehren. Kannst Du Dich nicht allein beschäftigen?« »Ganz gut. Wenn Du es wünschest, so will ich mich hier fügen, denn Du magst Deine wohl erwogenen Absichten dabei haben, die ich aber weder mit dem Verstande noch mit dem Herzen begreifen kann. Ich könnte ja, um sie nicht zu stören, einen kleinen Spaziergang machen.« »Bei Abend?« . »O nur herunter in die Stadt, zu einer Bekannten.« »Ah, so hast Du hier Bekanntschaft geschlossen, hier in dem Städtchen? Wer ist denn die Dame, mit welcher die Schloßherrin von Steinegg verkehrt?« »Eine Frau Holberg. Sie ist Bürgermeisterswittwe und eine Frau von wahrer Herzensbildung.« »Hat sie Familie?« »Nein, weder Kinder noch Verwandte.« »Nun, so kann sie ungefähr die Stellung einer Gesellschafterin zu Dir einnehmen, und ich will nichts dagegen haben, wenn Du sie zuweilen besuchst oder bei Dir siehst.« »Ihr Rath ist mir grad jetzt sehr oft von größtem Vortheil gewesen. Schade, daß grad Asta sie nicht gut leiden mag. Sie hat sie heut am Morgen gradezu beleidigt.« »So! Und das willst Du jetzt wieder gut machen?« »Das ist meine Absicht.« »So hoffe ich, daß dies in einer Weise geschieht, durch welche Asta nicht etwa blosgestellt wird.« »Gewiß. Das Quiproquo wird gar nicht erwähnt. Wenn ich mit der Dame spreche, so fühlt sie sich reichlich entschädigt. Sie ist trotz ihrer reichen Kenntnisse und ihrer hohen Bildung so sehr anspruchslos.« »Dann besuche sie; aber laß Dich durch einen Diener dann abholen.« »Das ist nicht nöthig. Sie begleitet mich bei der Heimkehr stets bis herauf an das Schloß.« Er ging nach seinem Zimmer, wo der Sepp noch immer still an der Thür stand. Er zählte die Goldstücke auf dem Tische auf und sagte dann: »Hier liegt das Geld. Jetzt also die Mittheilung!« Der Alte schüttelte den Kopf. »Ich glaub halt nicht, daß ich da mitmach!« »Du siehst doch das Geld liegen!« »Ja, aberst ich fühls noch nicht in meiner Taschen. Erst wann es da drinnen steckt sicher und gewiß, nachhero werd ich reden.« »Das ist eine Beleidigung. Glaubst Du, daß ich Dich betrügen werde!« »Ich glaub, daß man ein großes Brot und eine kleine Wursten wohl essen kann, daß aber ein kleines Brod und eine große Wursten zusammen noch gar viel bessern schmecken.« »So greif zu!« Der Sepp trat an den Tisch und zog seinen alten Beutel. Er zählte die fünfundzwanzig Zwanzigmarkstücken bedächtig hinein, band ihn langsam zu und steckte ihn in die Tasche. »So, jetzund ist das Geldl einisperrt; nun gehörts mir. Jetzt kann mirs Niemand nehmen.« »Nun red aber auch!« »Sehr gern. Ich werd sogar noch vielmehr thun, als ich versprochen hab. Ich werd nicht nur die Adressen sagen, sondern ich werd Ihnen sogar Ihren Sohn zeigen, Herr Baronen.« »Zeigen! Ist denn das möglich?« »Dann, wanns unmöglich wär, würd ich es doch wohl nicht sagen.« »Allerdings. Aber wann willst Du ihn mir zeigen?« »Noch heut Abend, weil er da auf Besuch hier in Steinegg ist.« Der Baron konnte seine Ueberraschung nicht bemeistern. Vielleicht fühlte er nicht nur Ueberraschung, sondern sogar Besorgniß, denn er fragte: »Er ist auf Besuch hier? So wohnt er also nicht beständig hier?« »Nein. Er wird morgen früh schon wiedern von hier fortgehen.« »Was ist er denn?« »Schulmeistern. Er hat in Regensburg einen Dienst gehabt.« Der Baron beachtete dieses »gehabt« nicht, bemerkte also nicht, daß der Sepp nicht von der Gegenwart, sondern von der Vergangenheit sprach. »In Regensburg. Da sind wohl auch seine Eltern?« »Wahrscheinlich, denn er ist dort ja erzogen worden.« »Und bei wem ist er hier auf Besuch?« »Bei einer Frau Holberg, welche – – –« »Welche Bürgermeisterswittwe ist etwa?« fiel der Baron gleich ein. »Ja. Kennens etwan die bereits?« »Nein. Aber was will er denn bei der?« »Ich hab doch sagt, daß er bei ihr auf Besuch ist. Sie haben sich mal drüben in Hohenwald troffen, und weil er grad Zeit habt hat, hat er sie herübern begleitet und ist noch ein Wenig da blieben.« »So, so! Welch ein Zufall! Ich kaufe dieses Schloß und finde da den – – diesen, na, wie heißt er denn wohl? Welchen Namen führt er?« »Max Walthern.« »Das stimmt.« »Na, ich werd doch nix sagen, was nachhero nicht stimmen thät!« »Du sprachst aber, als ich nach seinen Eltern fragte, in einem ungewissen Tone. Natürlich kennst Du die Adresse derselben?« »Ich weiß nur, wo er ist. Von ihm wird man das Alles sogleich derfahren können. Ich werd also jetzund zu dera Frau Bürgermeistrin gehen und ihn fragen.« Er wendete sich um, als ob er eilfertig gehen wolle; aber das lag nicht in der Absicht des Barons, welcher ihn zurück hielt. »Bleib! Wie kannst Du denken, daß Du so Etwas unternehmen kannst!« »Na, warum dann nicht.« »Was würde die Bürgermeistrin denken, wenn Du am Abende zu ihr kämst, Du ein Fremder – –« »Na, ich weiß, wo sie wohnt!« »So! Aber genügt denn das? Die ganze Sache wäre ja gleich verrathen!« »Das glaub ich halt nimmer!« »Freilich. Man würde Dich fragen, warum Du Dich erkundigst, und ich traue Dir zwar Pfiffigkeit zu, aber nicht die Festigkeit, welche dazu gehört, sich nicht aushorchen zu lassen.« »Ja, wie wollen wirs aberst derfahren? Er reist morgen bereits wiedern ab.« »Ich gehe selbst.« »Himmelsakra! Das kann nimmer sein!« »Viel eher, als daß Du hingehst.« »Aberst was soll die Bürgermeistrin denken, wann Sie kommen und nach ihm fragen? Das muß ihr ja auffallen!« »Das laß nur meine Sorge sein. Meine Tochter ist oft bei ihr. Sie geht auch jetzt wieder hin, und ich werde sie begleiten. Auf diese Weise sehe und spreche ich diesen Lehrer und erfahre Alles, Alles von ihm, was ich nur wissen will, ohne daß er eine Ahnung hat, wer ich eigentlich bin.« »Ja, wanns so ist, so mag es wohl gehen.« »Wo ist die Wohnung?« »Vom Schloß hinab und in die Straße hinein das letzte Haus rechts eh' man an den Marktplatz kommt. Habens nachhero noch was zu fragen?« »Nein. Ich werde jetzt Befehl geben, Dir eine Stube – – – hm, ich bin gar nicht vorbereitet gewesen, daß Du heut schon kommst.« »Na, darüber brauchens sich denen Kopf nicht zu zerbrechen. Ich gehe Hinabi in den Gasthof oder zu einem Bekannten, wo ich in dieser Nacht schlafen darf.« »Das ist mir angenehm. Aber ich hoffe, daß Du verschwiegen bist!« »Ich red grad so viel wie ein Karpfenfischen im Wassern drin.« »Aber wenn man Dich fragt, aus welchem Grunde Du die Anstellung bei mir erhalten hast? Was wirst Du da antworten?« »Da giebts gar Vielerlei, was ich sagen kann. Am Besten wirds halt sein, wann ich sag, ich hab den Dienst erhalten, weil wir verwandt mit nander sind. Ich bin dem Baron sein Vettern von Seiten seines Oheims her.« »Bist Du toll! Ich glaube gar, Du würdest so Etwas sagen!« »Warum nicht? Ists etwan eine Schand für mich, wann ich Ihnen Ihr lieber Cousin sein thät?« »Für Dich keine Schande, für mich aber keine Ehre. Nein, Du mußt einen anderen Grund angeben. Sag, Du seiest mir von der Behörde Deines Heimathsortes empfohlen worden.« »Ja, das ist auch eine gute Ausreden. An dieselbe hab ich halt gar nicht denkt. Also morgen soll ich meinen Dienst beginnen? Wann aberst dann? Um welche Zeiten?« »Komm, wann Du denkst. Ich bin am ganzen Vormittag zu Hause.« »Das ist sehr schön. Aberst nun hab ich noch eine Frage, auf die ich mich sehr freu, Herr Baronen.« Es spielte dabei ein recht eigenthümliches Lächeln um seinen starken, weißen Schnurrbart. »Nun, welche ist es?« »Wann ich Parkinspector werd, so – – –« »Parkinspector?« fiel der Baron ein. »Der Titel, welchen Du Dir giebst, wird ja immer vornehmer!« »Ja, ich avancire mich halt selberst!« »Parkaufseher!« »So! Auch gut! Aberst wann ich der werd, so muß ich doch auch eine Uniformen tragen?« »Natürlich.« »Wie wird die ausschauen?« »Das werd ich mir überlegen.« »Wann sichs erst überlegen wollen, so ists also noch unbestimmt, und so können Sie's mir ja wohl nach Gefallen machen.« »Ach so! Du hast Wünsche?« »Eine goldne Dressen möcht ich haben und auch goldne Knöpfen mit einer schönen Kronen darauf, die ich mit Kreiden und Thonen putzen thu!« »Mensch, bist Du eitel?« »Nein, aberst ich will einen Staat machen, daß dera Herrn Baronen seine Freud und Ehren an mir hat. Darum will ich auch einen Bounapartenhuten mit einem rothen Federbuschen daraufi haben.« »Willst Du nicht auch Schellen und Klingeln daran?« »Nein, sondern aber noch einen Schleppsäbeln, der richtig rasseln thut und eine Doppelflinten und einer blauen Patronentaschen mit Sporen an denen Schuhen.« »Sporen an den Schuhen! Also nicht einmal an den Stiefeln!« »Nein. Meine Schuhen hier behalt ich. Die trag ich nun bereits an die vierzehn Jahren und sind also auch über zwanzig Flecken drauf geflickt. Die passen mir gar schön. Sie sind derb und dauerhaft, und weils so gar hübsch auf und nieder schlappen, kann ichs auch gleich als Pantofferln tragen. Das ist nicht bei jeden Schuhen so bequem.« »Ich muß sagen, daß Dein Geschmack ein sehr eigenthümlicher ist. Hoffentlich wirst Du den Anzug tragen, den ich für Dich fertigen lasse.« »Ja, wann er nobeln ist und auch aloganten, dann zieh ich ihn schon an. Ich bin ein sakrischer Kerlen in dieser Beziehungen und hab immer viel auf mein äußeres Exteriören geben. Wann dera Mensch hübsch fein geht, so macht er gleich einen schönen Eindrucken auf die Leutln!« »Das sieht man ja bereits schon jetzt ganz deutlich an Dir. Zunächst aber hat es mit der Livrée für Dich keine große Eile. Vielleicht wirst Du in meinem Auftrag eine Reise machen, für welche ich Dir zunächst einen Civilanzug besorge.« »Wohin?« »Nach Regensburg, um Dich nach den Verhältnissen und den Verwandten dieses Max Walther genau zu erkundigen. Ich muß Dir einmal mein Vertrauen schenken, und so will ich keinen Andern damit beauftragen.« »Wollens ihn etwan als Sohn anerkennen?« »Das kann mir im ganzen Leben nicht einfallen.« »So! Ich, wann ich einen Sohn hätt, ich wär auch ganz gewiß sein Vatern; aberst mich geht diese Geschichten nix weitern an. Jetzund nun werd ich mich dem Herrn Baronen empfehlen und will nur wünschen, daß dera gnädigen Herrn mit mir zufrieden sein mag. Sag gute Nacht und gute Besserungen!« Bei diesen Worten war er zur Thür hinaus. Sein letztes Wort war eigentlich für den Baron eine Beleidigung; dieser nahm es aber nicht so. Er glaubte, der Alte habe es aus alter Gewohnheit oder ohne alle Ueberlegung gesagt. Er begab sich nach dem Zimmer seiner Tochter, um dieser mitzutheilen, daß er sie begleiten werde. Dort erfuhr er, daß sie bereits fort sei. Nun war es unmöglich, ihr sofort zu folgen. Es schien gerathener zu sein, später zu gehen. Es konnte dann die Ausrede gemacht werden, daß er sie habe abholen wollen, da sie allein sei. Aus diesem Grunde wartete er fast noch eine Stunde. Die Bürgermeisterin hatte ihren Sohn sofort in ihre Stube geführt und dem Mädchen den Auftrag ertheilt, für das Abendbrot zu sorgen. Wie glücklich fühlte sie sich, den so lang Ersehnten nun endlich, endlich bei sich zu sehen! Und mit welch zärtlicher Sorgfalt bediente sie ihn und sah darauf, daß er es recht bequem habe. Er sollte die Liebe, welche er vermißt hatte, nun in reichlichstem Maße finden, zumal er ja bald gezwungen war, für längere Zeit die Heimath zu verlassen. Dann saßen sie Hand in Hand neben einander auf dem Sopha. »Wie wird sich mein Mädchen wundern,« sagte sie, »wenn sie erfährt, daß Du mein Sohn bist! Es hält mich hier ja Jedermann für kinderlos.« »Mutter,« bat er, »halte mit dieser Mittheilung noch zurück! Ich bin ja ebenso glücklich, wenn auch die Leute nicht wissen, wer ich Dir bin!« »Wie, verleugnen soll ich Dich? Das kann mir nicht einfallen! Das wäre ja eine neue und noch größere Versündigung an Dir als vorher!« »Aber bedenke Deinen Ruf!« »Mein Ruf wird wohl kaum darunter leiden. Und ich glaube auch nicht, daß ich nun, da ich Dich besitze, für immer hier wohnen werde. Nein, nein, ich verleugne Dich nicht. Ich wollte, ich könnte Dir noch viele und größere Opfer bringen.« Bald wurde das Mahl aufgetragen, und dabei warf das Mädchen allerdings ganz verwunderte Blicke auf die Beiden, welche sich Du nannten und so liebevoll mit einander waren. »Der Sepp ist noch nicht da,« meinte die Mutter. »Ich denke wir warten mit dem Essen auf ihn?« »Sehr gern. Ueberhaupt läßt mich das Glück gar nicht an das Essen denken.« »Sag es aufrichtig, ob es Dir recht ist, daß sich der Alte mit zu uns setzt. Ich thue so gern nach Deinem Willen.« »So soll er allerdings bei uns sein.« »Recht so! Wir haben ja grad ihm zu verdanken, daß wir uns wiedergefunden haben.« »Und überdies darfst Du nicht denken, daß ich den Wurzelsepp mißachte. Er ist ein ungewöhnlicher Mensch, und ich habe die Beobachtung gemacht, daß er sogar heimlich mit dem Könige verkehrt. Ich will keineswegs behaupten, daß er das nicht sei, was er zu sein scheint; aber er hat Bekanntschaften und Verbindungen, welche ihm Derjenige, der ihn nur nach der Kleidung beurtheilt, sicherlich nicht zutrauen wird. Uebrigens rechne ich ihn nicht nur zu meinen Bekannten, sondern er ist sogar ein Verbündeter von mir.« »So verfolgst Du Zwecke, wobei er Dir behilflich ist?« »Ja. Ich bin einem Verbrechen auf der Spur, und er steht mir bei, den Thäter zu entlarven. Er ist ein schlauer aber auch ebenso treuer und zuverlässiger Patron.« Sie warteten noch einige Zeit, aber der Sepp wollte sich nicht einstellen. An seiner Stelle kam zur freudigen Ueberraschung Milda von Alberg. Da die Bürgermeisterin eine einfache bürgerliche Wirthschaft führte, so war von einer Anmeldung durch Dienerschaft keine Rede. Milda klopfte also nur an die Thür und trat dann ein. Mutter und Sohn erhoben sich vom Sopha, auf welchem sie noch immer gesessen hatten. Es war ein ganz eigenthümlicher Augenblick. Die Bürgermeisterin fühlte sich im ersten Moment einigermaßen verlegen, nun da sie Max in Wirklichkeit als ihren Sohn vorstellen sollte. Dann, als sie sprechen wollte, fiel ihr mit einem Male die außerordentliche Ähnlichkeit dieser Beiden auf. Wer Max und Milda erblickte, ohne sie zu kennen, mußte sie unbedingt für Geschwister halten. Und die Beiden standen auch einander mit ganz eigenartigen Empfindungen gegenüber. Sie hatten einander noch nie gesehen, und doch war es Beiden, als müßten sie sich fragen, wo sie einander bereits schon begegnet seien. Max verbeugte sich höflich, und das schöne, junge Mädchen beantwortete seinen stummen Gruß mit einer ähnlichen Verneigung. Die Wangen Beider waren roth geworden. Da endlich hatte sich die Bürgermeisterin gefaßt. Sie begann beherzt: »Ich konnte gnädiges Fräulein heut nicht mehr erwarten, bin aber nur um so mehr erfreut und erlaube mir, Ihnen meinen Sohn vorzustellen – Max Walther, welcher einen anderen als meinen jetzigen Namen trägt. Milda, Baronesse von Alberg, die neue Herrin des hiesigen Schlosses.« Die Verbeugungen wurden wiederholt, und Milda bemerkte dabei in ihrer Aufrichtigkeit: »Ich danke Ihnen recht herzlich. Ich hatte bisher keine Ahnung, daß Sie so glücklich seien, einen Sohn zu besitzen.« »O, die Wahrheit zu sagen, ich wußte ja selbst noch nicht, ob ich ihn noch besaß.« »Wie? Ist das möglich!« Max sah, daß seine Mutter antworten wollte. Er wünschte um ihretwillen, daß sie nicht allzu aufrichtig sein möge, und fiel also schnell ein: »Ich bin nämlich ein verlorener Sohn gewesen, da ich der Mama als kleiner Knabe während einer Reise abhanden kam. Es wurde nach voller Angst nach mir geforscht, leider vergebens. Erst heut sind wir so glücklich, uns endlich wiedergefunden zu haben.« »Mein Himmel! Das ist ja ein wirklicher Roman! Ich denke, so Etwas kann in unserer nüchternen Welt gar nicht mehr vorkommen! Was müssen Sie gelitten haben, Sie ärmste Freundin! Ich kann mir das denken und freue mich um so mehr, Ihren Kummer gestillt zu sehen. Aber warum haben Sie mir denselben nicht mitgetheilt?« Sie hatte voll innigstem Mitgefühles die Bürgermeisterin umarmt. »Mama wollte nicht von ihrem Kummer sprechen,« antwortete Walther, »weil dadurch die Wunde, welche ja niemals heil geworden war, immer schmerzlicher geworden wäre.« »Aber ein still getragener Schmerz ist ja viel schrecklicher als ein Leid, welches durch Theilnahme gemildert wird. Ich möchte Ihnen wirklich zürnen, daß Sie gegen mich so verschwiegen gewesen sind. Nicht einmal erfahren habe ich, daß der selige Bürgermeister Ihr zweiter Mann gewesen ist.« »Er war ja der erste!« entfuhr es der Frau. »Mutter!« warnte Max. »Der erste?« fragte Milda verwundert. »Und Herr Walther heißt nicht Holberg?« »Weil man, als ich von fremden Menschen gefunden wurde, meinen Namen ja nicht kannte,« erklärte der vorsichtige Lehrer. Seine Mutter aber schüttelte den Kopf, reichte ihm die Hand hin und sagte: »Ich danke Dir, Max! Du willst mir Hilfe bringen, welche aber keine Hilfe ist. Du sagst die reine Wahrheit, welche aber dennoch eine Unwahrheit ist. Warum soll ich nicht den Muth haben, das Richtige zu sagen, da mich kein Vorwurf treffen kann? Gnädiges Fräulein, ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich nicht weiß, wer der Vater meines Sohnes ist.« Zunächst war das der jungen Dame gar nicht faßbar. Dann breitete sich eine glühende Röthe über ihr Gesicht. Sie fühlte das und erröthete darüber noch tiefer, in der Besorgniß, die Frau, welcher sie eine so aufrichtige Hochachtung zollte, beleidigen zu können. Darum ergriff sie schnell die beiden Hände derselben und sagte: »Ich besitze keine Erfahrung, Frau Bürgermeisterin, aber ich ahne doch, daß Sie viel, sehr viel gelitten haben müssen. Der liebe Gott mag sie von nun an desto glücklicher sein lassen.« In ihrer tiefen Theilnahme küßte sie die viel geprüfte Frau auf die Stirn. Dadurch wurde die Letztere so gerührt, daß sie es nicht über das Herz bringen konnte, das gute, liebe Mädchen in Ungewißheit zu lassen. Sie begann, zu erzählen. Sie entschuldigte sich nicht. Sie klagte sich selbst an, so daß Max öfters ein Wort der Verteidigung für sie einwerfen mußte. Aber dennoch fiel alle, alle Schuld auf den herz- und gewissenlosen Betrüger, welcher sich nicht gescheut hatte, ein solches Verbrechen an einem reinen, und vertrauensvollen Mädchenherzen zu begehen. Milda war ganz sprachlos vor Entsetzen. Es war ihr unmöglich, daß es solche Menschen geben könne. Sie wollte es nicht glauben, bis die Bürgermeisterin jenen Brief herbeibrachte, welchen sie als letztes Lebenszeichen von dem Betrüger empfangen hatte. Weder Max noch die Baronesse waren im Stande, die von Thränen so vielfach verwischten Schriftzüge zu lesen. Als aber die Bürgermeisterin die Zeilen, aus denen ein so grausamer, ordinärer und giftiger Hohn sprach, vorgelesen, faltete Milda die Hände und rief unter strömenden Thränen: »Mein Himmel! So eine Sprache! Und Sie sind nicht vor Herzeleid gestorben!« »Ich war gelähmt, nicht am Körper, sondern am Geiste, an der Seele, am Herzen. Mein damaliger Zustand läßt sich nicht beschreiben. Er ist nur zu vergleichen mit einem fürchterlichen Traume, in welchem man moralisch niemals zur Verantwortung gezogen werden kann. Max, was hast Du?« Sie hatte gehört, daß seine Zähne laut zusammenknirschten. Sein Gesicht war leichenblaß, und seine Augen glühten. »Herr Walther, was ist Ihnen?« fragte auch Milda voller Angst. »Nichts, nichts,« antwortete er tonlos und mit Anstrengung. »Und Du hast ihm vergeben?« »Ja, mein Sohn.« »So bist Du ein Engel, ich aber bin ein schwacher Mensch und vermag es nicht, mich zu einer so himmlischen Milde empor zu schwingen. Ich habe Dich heut gebeten ihn zu vergessen und nicht nach ihm zu forschen. Jetzt aber, nachdem ich seinen Brief gehört habe, dieses Machwerk eines satanischen Menschenherzens, jetzt werde ich alle Minen springen lassen, um zu erfahren, ob und wo er noch lebt. Und wehe ihm, wenn ich ihn finde!« Man hörte die Gelenke seiner Finger knacken, so ballte er die Hände zusammen. »Um Gottes willen, was würdest Du thun?« »Das weiß ich noch nicht. Ich bin vor Grimm und Abscheu völlig fassungslos. »Und ich,« sagte Milda, »ich weiß, was ich thun würde, wenn ich ein Mann wäre!« Auch ihre Augen leuchteten in edlem Zorne. »Was würden Sie thun?« »Ich würde ihn fordern und dann niederschießen.« »An meiner Stelle? Wenn Sie, wie ich, sein Sohn wären?« fragte Max. »Sein Sohn! O Gott, ja, da wären Sie ja ein Vatermörder! Nein, nein, das ist unmöglich! Aber sollte er denn seine Strafe nicht finden?« »Freilich soll er sie finden,« erklang es hinter ihnen. »Dafür werden Zwei sorgen, die ihn nicht entkommen lassen, nämlich dera Herrgott und dera Wurzelsepp.« Als sie sich nach der Thür umdrehten, stand der alte Sepp unter derselben. Er hatte angeklopft, ohne von ihnen gehört zu werden, und war sodann eingetreten. Er zog seinen Hut und schwenkte ihn vor Milda tief auf den Boden herab. »Grüß Gott und guten Abend auch, gnädige Madmoisellen Baronessen! Verzeihens, daß ich stört hab! Ich hab schon fein richtig aniklopft, aberst es hats halt gar Niemand hören wollt. Darum bin ich halt hereinistiegen, und wann ich Sie verschrocken hab, so ists doch nicht bös meint gewest.« Sie fühlte sich allerdings einigermaßen befremdet, diesen so ärmlich gekleideten Menschen hier im Hause der Bürgermeisterin zu sehen. Zwar hatte diese ihr bereits am Morgen erklärt, daß sie nach Hohenwald gerufen worden sei, und jedenfalls war dieser Mann der Bote gewesen. Warum aber befand er sich nun am Abend noch bei ihr? Sie hatte zu wenig Weltgewandtheit, als daß sie sich hätte vorstellen können. Darum las er ihr ihre Gedanken vom Gesichte ab. Er nickte ihr freundlich zu, blinzelte sie in seiner eigenartigen Weise vertraulich an und fragte: »Nicht wahr, Sie wissen halt gar nicht, wie so ein alter Schlingerlschlangerl es wagen kann, sich hier schauen zu lassen? Na, wanns denen Sepp erst mal kennen lernt haben, so werdens ihm auch so ein klein Wengerl gut sein wie die andern Leutln, denn brav sinds halt von Herzensgrund; das schaut man Ihnen ganz gut an, und ein brav Gemüth braucht sich vor dem Sepp nicht zu fürchten.« Als er ihr nun nochmals mit seiner urwüchsigen und gewinnenden Freundlichkeit zunickte, fühlte sie sich doch für diesen originellen Kauz gefangen genommen und antwortete: »Nun, Furcht hab ich nicht grad vor Ihnen. Ich dachte nur eben an die ungewöhnliche Art und Weise, in welcher Sie heut am frühen Morgen Ihre Erkundigungen nach meinem – – –« »Pst! Still!« unterbrach er sie warnend. »Wissens, das ist halt ein groß Geheimnissen, und da seins so gut und thuns mir denen Gefallen, Niemand nix davon zu verzählen!« »Aber hoffentlich erfahre ich noch, warum Sie mich so angelegentlich nach dem – – –« »Pst, pst! Nennens jetzt keinen Namen! Natürlich werdens Alles derfahren, und zwar wohl noch viel ehern, als Sies denken. Dera Sepp hat bei Allem, was er thut, seinen guten Grund. Aberst die Andre, die heut mit bei Ihnen war, die schickens halt ja recht bald nach Haus. Die ist Ihnen gar nix nutz. Die hat ein Aug so kalt wie Eis und doch so heiß wie ein glühend Eisen. An Der kann man sich derfrieren odern auch verbrennen, ganz wie sie es anfangt, denn ein Herzen und Gemüthen hats ja nicht. Das wollt ich Ihnen noch sagen, und nun bitt schön, nix für ungut!« »Ja, bitte, nehmen Sie ihm seine Aufrichtigkeit nicht übel,« bat auch die Bürgermeisterin. »Er ist die bravste und treuste Seele, die ich kenne. Er heißt eigentlich Josef Brendel, und weil er ein Wurzelsucher ist, so wird er gewöhnlich kurzweg der Wurzelsepp genannt. Er wandert allüberall umher und ist daher im ganzen Land bekannt. Ihm allein habe ich es zu verdanken, daß ich meinen guten Max hier endlich gefunden habe.« »Ihm? Diesem braven Manne?« fragte Milda. »Nun, Wurzelsepp, damit haben Sie sich meine Theilnahme und Freundschaft gewonnen. Hier nehmen Sie meine Hand. Wenn Sie einmal einen Wunsch haben, welchen ich Ihnen erfüllen kann, so kommen Sie zu mir. Ich werde Ihnen denselben gern erfüllen.« Er ergriff mit seinen groben, braunen Fingern ihr kleines, weißes Händchen, zog dasselbe an seinen Schnurrbart, drückte einen leisen, vorsichtigen Kuß darauf und antwortete »Ja, einen Wünschen, den hab ich allbereits schon jetzunder auf dem Herzen.« »So? Wie lautet er?« »Wanns mirs nicht übel nehmen, werd ich ihn sagen.« »Nun, ich nehme es Ihnen nicht übel.« »Dann schön! Ich hab halt einen gar braven Bekannten, dem ich ein so liebs und herzigs Weiberl wünsch. Thuns mir doch den Gefallen und habens ihn ein klein Wengerl lieb, wann ich Ihnen denselbigen mal bringen thu. Er ist eine so gar sehr gute und auch treue Haut!« Eine solche Bitte hatte sie nun freilich nicht erwartet. Aus einem solchen Munde und in dieser treuherzigen Weise vorgebracht, konnte dieselbe aber ganz und gar nicht beleidigen. Damm antwortete Milda, allerdings unter einem leichten Erröthen: »Hat er Ihnen denn den Auftrag dazu gegeben?« »O nein. Er kennt Sie doch halt gar nicht.« »Warum aber empfehlen Sie ihn mir da?« »Weils Beide so gar prächtig zusammenpassen.« »Ach so? Wer ist er denn?« »O weh! Das wollens nun schon gleich wissen? Da werd ich gleich morgen zu ihm laufen und ihn fragen, wer er ist. Ich hab mir schon bereits fast meinen ganzen Kopf ausnander dacht, um zu derfahren, zu welcher Sorten er eigentlich gehört, habs aberst niemals derfahren konnt. Jetzt aber werd ich ihm recht tapfern aufs Kamisolen rucken, und da wird er mir seinen ganzen Lebenslaufen und Steckbriefen verzählen müssen. Dann sollens halt die Auskünften Verfahren, die ich erhalten werd.« »Und einen so Unbekannten schlagen Sie mir vor? Ist das nicht ein klein Wenig unvorsichtig gehandelt?« »Nein, denn wann mir auch das Andre unbekannt ist, so kenn ich doch seinen Charaktern, und ich kann Ihnen eine Garantieen bieten, mit ders halt sehr zufrieden sein können.« »So? Welche Garantie wäre das?« »Mich selberst. Da schauns mich nur mal an! Bin ich nicht ein Kerlen, auf den man sich verlassen kann?«. Er stellte sich in possierlich militärische Positur vor sie hin. Das machte bei seinem äußern Habitus den Eindruck, daß sie Alle lachen mußten. »Ja, eine solche lebendige Garantie würde ich schon annehmen,« antwortete Milda, »wenn ich sie stets in den Händen hätte.« »Das habens doch!« »O nein. Ich habe ja gehört, daß Sie stets im Lande herumziehen.« »Das hat aufihalten. Von heut an bleib ich für stets und allezeit hier in Steinegg, denn ich bin hier ein Beamtern worden. Das müssens mir ja gleich an meiner Haltung anschaun. Die ist eine sehr gewichtige worden. Nicht?« »Welche wichtige Stelle werden Sie denn bekleiden?« »Ich bin Parkaufseher worden auf dem Schloß droben.« »Bei meinem Vater?« fragte sie erstaunt. »Ja freilich. Ich war droben bei ihm und komm so eben von ihm herab.« »So waren Sie wohl Derjenige, welcher während des Essens angemeldet wurde?« »Ja, das bin ich gewest.« »Und Sie haben als hilfsbedürftiger Mann um diese Anstellung gebeten?« »Hilfsbedürftig?« lachte er. »Dera Wurzelsepp bedarf keiner Unterstützung. Der kann sich bereits zu einer jeden Zeit schon selbern helfen. Nein. Dera Herr Baronen hat mir den Dienst freiwillig angeboten.« »So, so! Nun, so werden wir uns also öfters sehen, und ich freue mich, daß Ihnen für Ihre alten Tage eine Stellung geboten ist, welche Sie der Nahrungssorgen enthebt.« Er nickte ironisch lächelnd mit dem Kopfe. »Ja, schön ists schon, wann man sich nicht um sein Brod zu sorgen braucht. In dera Beziehungen ist der Sepp überhaupten ein kluger Kerlen. Er läßt halt immer andre Leut für ihn sorgen. Da schauns zum Beispielen heut Abend, da ist dera Tisch hier bei dera Frau Bürgermeistrin für mich deckt. Darum wollen wir auch nicht lang warten und liebern richtig zugreifen.« Er setzte sich an den Tisch. Die Andern folgten ihm. Mutter und Sohn fühlten keinen Hunger. Sie hatten zu sehr mit ihren Herzensgefühlen zu thun, als daß sie zu sehr an den Magen hätten denken können. Milda wurde zwar auch eingeladen, dankte aber, da sie bereits soupirt hatte. So war der Sepp der Einzige, welcher zugriff, und er that das in einer Weise, welche der freundlichen Wirthin alle Ehre machte. Er betheiligte sich nicht an dem Gespräche, welches sich natürlich, um das endliche Zusammenfinden der so lange Zeit von einander Getrennten drehte. Nun, als er endlich fertig war und die Rede wieder auf jenen geheimnißvollen Curt von Walther kam und Milda ganz der Ansicht war, daß aus allen Kräften nach demselben geforscht werden müsse, nahm er wieder das Wort: »Wissens, meine Herrschafteln, da gebens sich halt nur keine Mühe. Sie werden ihn doch nicht finden.« »Wenn alle Nachforschungen vergeblich sind, so muß man irgend einen geübten Geheimpolizisten engagiren,« erklärte Milda. »Ja, das denk ich halt schon auch. Das ist der richtige Weg zum Ziele. Und grad ich kenn so einen geheimen Polizeiern, der denen Kerlen ganz sichern finden wird.« »So? Wo ist der Mann?« »Hier in Steinegg.« »Hier?« fragte die Bürgermeisterin. »Da kenne ich keinen. Unsere Polizeibeamten sind zwar recht würdige und diensteifrige Leute, aber das Geschick eines guten Detective besitzt keiner von ihnen. Uebrigens sind sie ja für hier verpflichtet und also an den Ort gebunden. Sie können nicht fort.« »O, Der, den ich meint hab, der kann fort.« »Nun, wer wäre das?« »Dera Wurzelsepp.« »Ah, also Du wieder!« »Ja. Ich mach eine Wetten, daß ich denen Urian herbeischaff, sobald Sie nur wollen.« »Schneiden Sie nicht auf, Sepp!« warnte Max. »Aufischneiden? Fallt mir nicht ein! Ich weiß schon, was ich sag.« »So? Wirklich? Wenn ich nun aber auf die angebotene Wette eingehe?« »So soll michs sehr gefreun.« »Ich würde sie gewinnen.« »Nein, sondern ich thät das Geldl einistecken. Und weil ich immerst ein paar Markerln brauchen thu, so hätt ichs freilich gern, daß dera Herrn Lehrern mit wetten thät. Aberst ich denk mir halt, daß er sichs nicht trauen wird!« Dabei blinzelte er listig den ihm gegenübersitzenden Lehrer an. Dieser hielt die Sache natürlich für einen Scherz und zögerte nicht, auf denselben einzugehen: »Ich getrau es mir schon. Wie hoch wollen wir denn wetten, Sepp?« »So hoch als Sie halt wollen.« »Höre, kannst Du denn auch das Geld setzen?« »So viel wie ein Schulmeistern einistecken hat, so viel hat dera Sepp allemal auch im Sack.« »Reicher Kerl! Sagen wir also zehn Mark. Ich will Sie nicht unglücklich machen. Sie sind es doch jedenfalls, der verlieren muß.« »Meinens? Nun, ich will auf die zehn Markerln einigehen, denn wann ich mehr setzen thät, so sollts mich dauern, wann Sie das schöne Geldl verlieren thäten. Denn das sag ich Ihnen: Die Wetten gilt bei mir, und wann ich einmal gewinn, so steck ich auch das Geldl ein, und wanns mein allerbesten Freunden zahlen müßt.« »So bin ich auch. Also die zehn Mark bekämen Sie auf keinen Fall zurück.« »Schön! Also heraufi mit dem Beutel!« Er zog seinen alten Beutel und nahm ein Goldstück von zwanzig Mark heraus, steckte aber dagegen die zehn Mark ein, welche Walther auf den Tisch legte. »So, das ist zusammen zwanzig Markerln. Nun kann es losgehen.« »Ja, mein lieber Sepp,« lachte der Lehrer. »Also Du hast Dich anheischig gemacht, den Gesuchten herbeizuschaffen, sobald wir nur wollen?« »Ja, und ich bleib dabei.« »So verlange ich, daß Du ihn noch heut Abend hier herein in die Stube citirst.« Sepp stellte sich erschrocken. »Donnerwettern! Das wär freilich schlimm!« »Ja, daran hast Du nicht gedacht. Du hast jedenfalls gemeint, daß ich Dir eine Frist von einigen Wochen gebe.« »Freilich! Aber Wissens, Herr Lehrern, einmal sagens Du und einmal Sie zu mir. Da wird man ganz irr im Kopf. Wanns mir Alle zusammen einen Gefallen thun wollen, so nennens mich nur Du. Das ist mir das Liebst, und ich werd trotzdem Sie sagen, außer wann ich mich mal versprech, was bei mir freilich zuweilen passiren thut. Und was nun die Wetten betrifft, so mag sie immer gelten.« »Nein, das hieße den Scherz zu weit treiben. Du mußt doch verlieren.« »Ich? Na, wanns das denken, so tret ich erst recht nicht zurück. Ich will meine zehn Markerln gewinnen und werd also den Herrn Walthern noch heut herbeischaffen.« Er sagte das in einem so zuversichtlichen Tone, daß die Andern nicht wußten, ob er Ernst oder Spaß mache. Er lachte ihnen ins Gesicht und meinte: »Ja, ja, da schauens mich an und Wissens halt nicht, worans mit mir sind. O, dera Sepp ist ein so gar Schlauer! Hat er der Frau Bürgermeistrin den Sohn bracht, so wird er ihr auch wohl noch seinen Vatern bringen können. Laßt mir nur noch ein Wenig Zeiten. Nachhero werd ich da meinen Zauberstab nehmen« – – er deutete nach seinen Alpenstock – »und mit demselbigen auf den Tisch schlagen. Und sobald ich das thu, wird dera Mann hier vor Ihnen stehen.« Diese Wendung hatte zur Folge, daß seine Worte nun ohne allen Zweifel für scherzhaft galten. Es wurde nicht weiter davon gesprochen, und auch er selbst war still; doch lauschte er aufmerksam, ob sich nicht die Schritte eines Nahenden hören lassen möchten. Später wurde die Bürgermeisterin für kurze Zeit von dem Dienstmädchen nach der Küche gerufen, und grad da klopfte es an die Thür. Sofort griff der Sepp nach seinem Stocke, schlug damit auf den Tisch und sagte: »Jetzund kommt er. Hereini!« Die Thür öffnete sich, und der Baron trat ein. Aller Augen waren natürlich nach der Thür gerichtet gewesen, natürlich in der Gewißheit, daß es sich nur um einen Scherz handle. Als Milda ihren Vater erblickte, stand sie überrascht vom Stuhle auf. »Du, Vater! Du?« »Ja, mein Kind,« antwortete er. »Ich war mit meiner Beschäftigung zu Ende, und da mir einfiel, daß Du so ganz allein gegangen warst, so glaubte ich. Dir einen Gefallen zu thun, wenn ich käme, um Dich abzuholen.« »Das ist ja sehr schön!« meinte sie erfreut »An solche Aufmerksamkeiten ist man hier gar nicht gewöhnt. Wenn Du aber erlaubst, verweilen wir noch eine Viertelstunde hier. Ich muß Dir doch die Frau Bürgermeisterin vorstellen.« »Wo ist sie?« »In der Küche. Doch wird sie nicht lange auf sich warten lassen. Erlaube mir zunächst, Dir Herrn Lehrer Walther vorzustellen, und hier ist noch Einer, welcher behauptet, bei Dir gewesen zu sein. Du mußt ihn also bereits kennen.« Walther hatte sich beim Eintritt des Barons natürlich erhoben. Als sein Name genannt wurde, verbeugte er sich respectvoll. Der Blick des Barons ruhte eigenthümlich forschend auf ihm und wendete sich dann finster nach dem Sepp. »Du hier? Ich denke. Du willst nach dem Gasthofe!« »Ich wollt schon erst; aberst die Frau Bürgermeistrin ist eine gute Bekannte von mir, und da hat sie mich beten, bei ihr zu bleiben.« »So!« erklang es gedehnt und ärgerlich. »Hm!« Milda kannte ihren Vater. Er hatte sich noch nicht gesetzt, und so befürchtete sie, daß des Sepp Anwesenheit ihn veranlassen werde, augenblicklich wieder fort zu gehen. Darum lenkte sie seine Aufmerksamkeit auf den Lehrer: »Herr Walther ist heut auch Gast der Frau Bürgermeistrin, lieber Vater. Wir haben uns sehr gut unterhalten. Willst Du nicht für einige Augenblicke Platz nehmen?« »Wenn Herr Walther gestattet, ja.« Er sagte das in sehr reservirtem Tone und verneigte sich dabei mit nicht ganz zu verbergender Ironie. Walther erwiderte seinerseits die Verbeugung, und da der Eine hüben und der Andre drüben am Tische stand, so kamen dadurch ihre Köpfe einander nahe. Milda stieß einen leisen Schrei aus. Ihr Auge war auf die beiden Physiognomien gefallen. »Was hast Du?« fragte ihr Vater. »Welch eine – – –!« »Aehnlichkeit!« hatte sie sagen wollen, hielt aber das Wort zurück und richtete den Blick auf den Wurzelsepp, welcher noch seitwärts stand, den Alpenstock in den Händen. Sie war leichenblaß geworden. »Nun?« wiederholte ihr Vater. »Nichts,« antwortete sie. »Ich stieß mich an den Tisch.« Er setzte sich nieder, winkte Walthern, dasselbe zu thun, und sagte in jenem protectionellen Tone, in welchem Hochstehende mit Untergeordneten zu sprechen pflegen: »Meine Tochter sagt mir, daß Sie Lehrer sind. Darf ich fragen, wo Sie amtiren?« »Drüben in Hohenwald, Herr Baron.« Auch Walcher fixirte sein Gegenüber. Das Gesicht desselben machte einen ganz eigenartigen, unbeschreiblichen Eindruck auf ihn. Es war ihm, als ob dieser Mann ihm bereits einmal irgend ein Unglück, ein Unheil gebracht haben müsse. »In Hohenwald!« erklang es im Tone des Erstaunens. »Ich denke, Sie sind in Re– – –« Er hielt inne und richtete den Blick forschend nach dem Sepp hinüber. Er hatte sich zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen lassen. Er durfte ja nicht wissen lassen, daß er bereits mit Jemand über den Lehrer gesprochen habe. Dieser fragte: »Bitte, was wollten der Herr Baron sagen?« »Nichts, mein Bester. Es war ein Irrthum. Ich glaubte, Ihnen kürzlich zufälliger Weise begegnet zu sein, in Linz an der Donau. Aber ich bemerke, daß ich mich irre. Der Herr war hochblond, und Sie sind ja brünett.« Milda hatte sich noch nicht wieder gesetzt und auch ihre Gesichtsfarbe noch nicht wieder erhalten. Ihr Auge war starr und angstvoll auf das Gesicht ihres Vaters gerichtet. Sie wich von ihm zurück, langsam, Zoll um Zoll, als ob eine fürchterliche, entsetzliche Ahnung in ihr empordämmere. »Menschen sehen sich ähnlich,« bemerkte der Lehrer. »Auch ich habe bereits die Erfahrung gemacht, daß Personen, welche nach Namen, Geburtsort und Verhältnissen nicht verschiedener sein konnten, persönlich sich sehr ähnlich waren.« »Ja,« stieß Milda hervor. »Ich mache soeben ganz dieselbe Erfahrung.« Sie sagte das in einem Tone, welcher ihrem Vater auffiel. Er wart einen befremdeten Blick auf sie und fragte: »Jetzt? Wieso?« »Herr Walther besitzt eine ganz außerordentliche Aehnlichkeit mit Dir.« »So? Jedenfalls eben auch nur ein Spiel des launigen Zufalles.« »Grad so, als ob Du sein Vater seist.« »Das wollen wir bleiben lassen!« Er sagte das in fast zornigem Tone. Walthern fiel das auf. Er sah den Sprecher an und blickte dann in Mildas Gesicht. Erst jetzt bemerkte er, daß dasselbe leichenblaß war. Er erkannte ebenso den entsetzten, angstvollen Ausdruck ihres Auges. Und als er nun den Blick auf den alten Sepp richtete, sah er, daß dieser den Baron auf eine Weise fixirte, in welcher Haß, Verachtung und Triumph zu gleicher Zeit lagen. Nun kam auch ihm ein Gedanke, unter welchem er fast sichtlich zusammen schreckte. Er griff langsam, fast zitternd nach dem Tische, auf welchem das Zwanzigmarkstück noch lag, hob dasselbe empor und fragte: »Sepp, ist die Wette etwa schon gewonnen?« »Jawohl!« nickte der Alte. Milda schlug die Hände vor das Gesicht und sank mit einem Wehelaute auf den Stuhl. »Ist keine Täuschung vorhanden?« erkundigte sich Walther mit bebender Stimme. »Nein. Das Geldl ist mein.« Das Verhalten der Drei mußte dem Baron auffallen. »Was ists?« fragte er. »Warum erschrickst Du denn, Milda?« Sie antwortete nicht und hielt ihr Gesicht verhüllt. »Nun, darf ich es erfahren?« wiederholte er in strengem Tone. Es war ihm keinesweges sehr wohl zu Muthe. Anstatt seiner Tochter antwortete der Lehrer: »Gestatten Sie, Herr Baron, daß ich Ihnen Auskunft ertheile, und zwar in Form einer Frage.« Als vorhin das Essen begonnen hatte, hatte die Bürgermeisterin jenen verhängnißvollen Brief hinüber auf ein Nebentischchen gelegt. Walther stand auf, holte ihn herbei, legte ihn vor dem Baron hin und fragte: »Ist Ihnen vielleicht diese Handschrift bekannt?« Der Gefragte warf einen ganz flüchtigen Blick auf die Zeilen und antwortete stolz: »Nein. Es scheint auf dieses Papier geregnet zu haben.« »Ja, und zwar, tausende, Millionen von Thränen. Bitte, gnädiger Herr, betrachten Sie sich die Worte gütigst einmal genauer!« Der Baron erhob den Kopf mit einem plötzlichen, schnellen Rucke, so wie man es zu machen pflegt, wenn man etwas Unerwartetes zu hören bekommt. »Warum?« fragte er. »Ich glaube, diese Zeilen werden Ihr größtes Interesse erregen.« »Pah! Welche fremde Correspondenz könnte den Baron von Alberg interessiren!« Er schob mit stolzer Bewegung den Brief von sich ab. Da nahm Milda ihre Hände vom Gesicht fort, stand auf und sagte, allerdings mit tonloser Stimme: »Ich ersuche Dich dennoch, zu versuchen ob Du diese Zeilen zu lesen vermagst.« »Du auch! Beim Teufel! Was machst Du für ein Gesicht? Wie kommst Du mir vor?« Er sprang auch auf. »Ich muß darauf bestehen, daß Du diesen Brief liesest!« »Das klingt ja gar wie ein Befehl!« »Nein; ich befehle Dir nichts. Aber diese Zeilen werden Dich vielleicht sehr, sehr interessiren.« »So!« Er blickte von einem Gesicht nach dem anderen. »Ich weiß gar nicht, was das zu bedeuten haben soll! Welche Mienen macht man da! Warum will man mich bewegen, einen fremden Brief zu lesen?« »Er betrifft Deine Person!« »Die meinige? Ah! Das wäre ja ein eigenthümlicher Zufall! Jedenfalls ein Geschäftsbrief. Laß also einmal sehen!« Er griff wieder nach dem Papiere und versuchte, die verwischten Zeilen zu enträthseln. Walthers und Milda's Augen hingen unverwandt an seinem Gesichte. Der Sepp hustete leise wie Einer, der da zu verstehen geben will, daß jetzt der entscheidende Augenblick gekommen sei. Es machte dem Baron sichtlich Mühe, die Wörter zu entziffern. Bei. einigen wenigen gelang es ihm. Der Zusammenhang that das seinige. Der Leser ließ die Hand mit dem Papiere sinken und starrte dann erst seine Tochter, dann Walthern an. Er machte ein Gesicht wie Einer, der eine Ohrfeige erhalten hat und doch nicht weiß, von wem. »Nun, kennst Du diese Handschrift?« fragte seine Tochter. Er nahm sich zusammen. »Nein,« antwortete er kopfschüttelnd. »Ich dächte aber doch. Du müßtest sie genau kennen, genauer, als ein jeder Andere.« »Warum denn?« »Weil Du es sein sollst, der diesen Brief geschrieben hat.« Er machte eine sehr gut gelungene Geberde des Erstaunens. »Ich? Diesen Brief? Wann denn?« »Vor ungefähr etwas über zwanzig Jahren.« »Wer sagt das?« »Dein Gewissen wird es Dir sagen.« Da warf er den Brief aus der Hand, machte eine gebieterisch« Armbewegung und sagte: »Ich scheine mich hier in einem Hause zu befinden, in welchem geistig Gestörte unter einer schlechten ärztlichen Controle gehalten werden. Du wirst es augenblicklich mit mir verlassen. Komm!« »Nicht eher, als bis sich dieses Räthsel gelöst hat. Bitte, Vater, sage mir, ob Du der Verfasser dieses Briefes bist!« »Ich sage Dir allen Ernstes, daß ich diese Handschrift nicht kenne, ebenso wenig wie den Inhalt, und verlange, daß Du mich sofort begleitest.« »Ist Dir auch der Name Curt von Walther nicht bekannt?« »Habe ihn noch nie gehört!« »Und hast Du nie die Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht, welche Bertha Hiller hieß?« »Habe nicht die Ehre gehabt. Aber wozu diese so räthselhaften Fragen?« »Herr Walther hier, ist der Sohn eines Mannes, welcher sich Curt von Walther genannt hat, um ein braves, junges Mädchen zu betrügen. Er hat eigentlich ganz anders geheißen.« Der Baron hatte sich jetzt vollständig wieder gefaßt. Er sagte, höhnisch lächelnd: »Das ist ja ein recht interessantes Geschichtchen. Nur begreife ich nicht, weshalb es gerade mir erzählt wird.« »Weil Du jener Curt von Walther gewesen sein sollst.« »Ich? Welch eine Verrücktheit! Wer hat sich denn diesen Unsinn ausgedacht?« »Einer, der glaubt, es ganz gewiß zu wissen. Also, Vater, sei aufrichtig! Befreie mich von dieser entsetzlichen Seelenangst. Sage mir auf Gott und Dein Gewissen, ob Du wirklich jener junge Mann nicht gewesen bist!« »Nein, ich war es nicht! Ich habe gar nicht nöthig, mich ausfragen zu lassen. Wie kommt ein Baron von Alberg dazu, mit einer solchen Schmutzigkeit in Verbindung gebracht zu werden! Ich bereue nun allerdings meine Aufmerksamkeit, Dich von hier abholen zu wollen, und fordere Dich allen Ernstes auf, mir augenblicklich zu folgen.« Er griff nach seinem Hute und fuhr erschrocken zusammen, denn der Sepp hatte mit dem Alpenstocke auf den Tisch geschlagen. Der Alte zeigte nach der Thüre, welche in die Küche führte und durch welche soeben die Bürgermeisterin hereintrat. »Da kommt halt noch Eine, die ein Wörtle mit drein reden möcht. Laufens also jetzt noch nicht so gar schnell und eilig fort!« »Was giebts?« fragte die Bürgermeisterin, indem sie näher trat. »Ah, ein Herr!« »Mein Vater,« erklärte Milda. »Er kam, um mich abzuholen und Sie kennen zu lernen.« »Eine werthgeschätzte Ehre für mich! Ich heiße Sie von Herzen willkommen, Herr Baron!« Dieser hatte halb abgewendet dagestanden. Jetzt war er gezwungen, sich umzudrehen. Ihr Auge fiel auf sein von der Lampe hell beschienenes Gesicht. Sie trat zurück und wanke. »Was – was – – was sehe ich!« Sie mußte sich an dem Nebentisch anhalten, und der Sepp trat schnell herbei, um sie zu stützen. »Nun, Vater!« sagte Milda. »Kennst Du diese Dame?« »Curt! Curt von Walther!« rief die Bürgermeisterin im Tone des Entsetzens. »Also doch!« hauchte Milda. »Also Sie erkennen ihn, Frau Holberg?« »Ja, augenblicklich!« antwortete die Gefragte. »Da ist ja die Narbe, Und dieses Gesicht würde ich noch nach tausend Jahren wiedererkennen, und wenn es noch so sehr gealtert haben sollte!« »Vater, Du hörst es! Sprich!« Er hatte keine Ahnung gehabt, daß seine einstige Geliebte und die Bürgermeisterin identisch seien. Darum war er bei ihrem Anblicke geradezu erschrocken oder vielmehr consternirt. Er sah ein, daß er aller seiner Selbstbeherrschung bedürfe, um sich sowohl zu verstellen als auch herauszulügen. An dieser unglückseligen Ueberraschung war nur allein der Wurzelsepp schuld. Er warf demselben einen wüthenden Blick zu, fuhr sich dann mit den Händen nach dem Schnurrbart, drehte die Spitzen desselben in legerer Weise und antwortete: »Vorerst wollte es mir scheinen, als ob ich mich ärgern müsse. Jetzt aber erkenne ich mit aller Klarheit und Deutlichkeit, daß ich es mit dupirten oder mystificirten Leuten zu thun habe. Ich will mich also in die gegebenen Umstände fügen und meine Antwort nicht verweigern. Frau Bürgermeisterin, Sie irren sich in mir!« Sie schüttelte den Kopf. »O nein! Von einem Irrthum kann hier keine Rede sein. Eher könnte ich mich in mir selber täuschen, als in Ihnen. Sie sind Curt von Walther.« »Aber ich versichere Ihnen, daß ich diesen Namen noch niemals gehört habe!« »Vater,« fragte Milda, »kannst Du darauf Dein Ehrenwort geben?« »Ohne Bedenken! Es waltet hier jedenfalls eine jener Aehnlichkeiten ob, von denen wir vorhin sprachen.« »Bitte, nehmen Sie Ihr Ehrenwort zurück!« rief die Bürgermeisterin, indem sie die Arme gegen ihn ausstreckte. »Haben Sie einst mich verrathen und verlassen, so handeln Sie wenigstens in Gegenwart Ihrer Tochter nicht ehrlos! Ich will gleich sterben, wenn Sie nicht jener Curt von Walther sind! Die Narbe ist ein sicheres Kennzeichen. Aber sie ist gar nicht nöthig. Ich kenne jeden Ihrer Züge, und außerdem müssen Sie am Mittelfinger der linken Hand auf dem ersten Glieds ein kleines, rothes Mal besitzen.« »Das hat er; das hat er!« rief Milda. »Vater, ich bitte Dich um Gotteswillen, gieb der Wahrheit die Ehre! Bedenke, was auf dem Spiele steht!« Er ließ seinen stolz höhnischen Blick langsam von Gesicht zu Gesicht schweifen und antwortete: »Pah, ich bin der Betreffende nicht. Aber selbst wenn ich er wäre, was sollte da jetzt auf dem Spiele stehen?« »Ich? Ich selbst!« antwortete sie. »Du? Sprich deutlicher!« »Du würdest mich, Deine Tochter verlieren!« Er lachte kurz und heiser auf. Sich nach allen Seiten umblickend, antwortete er: »Ich suche eben nur nach den Coulissen, denn jedenfalls befinde ich mich auf irgend einer Bühne, wo man im Begriff steht, ein verrücktes Hirngespinnst in Scene zu setzen. Ich und Dich verlieren! Pah!« »Gewiß, gewiß!« rief sie. »Und abermals Pah! Ich bin Dein Vater. Vergiß dies nicht. Jetzt folgst Du mir endlich. Ich warte keinen Augenblick länger.« Er drehte sich nach der Thüre um. Er konnte nicht hinaus. Walther hatte sich mit einigen raschen Schritten vor dieselbe gestellt. »Fort, junger Mann! Ich will gehen!« »Bitte, bleiben Sie noch!« antwortete der Lehrer. »Wir sind noch nicht fertig!« »Hoffentlich habe ich zu bestimmen, ob ich fertig bin oder nicht!« drohte der Baron. »Nein,« antwortete Walther ernst. »Ich habe bisher geschwiegen; nun aber bin allein ich es, welcher hier zu bestimmen hat.« »Oho! Wenn Sie nicht Raum geben, brauche ich Gewalt.« »Das können Sie versuchen! Ich habe mit Ihnen zu sprechen, und Sie werden mir gehorchen und hier bleiben, so lange es mir gefällt!« Er sagte das ohne alle Aufregung, in größter Ruhe. Der Baron maß ihn mit verachtungsvollem Blicke und antwortete: »Schulmeister, Du bist wahnsinnig. Zurück!« Er gab ihm einen Stoß; dieser hatte aber gerade denselben Erfolg, als ob er gegen eine eherne Statue gerichtet gewesen sei: Walther wankte um kein Haar breit. Aber nun ergriff er den Baron hüben und drüben bei den Armen, preßte ihm dieselben an den Leib, hob ihn empor, trug ihn über die Stube hinüber und setzte ihn dort in der Ecke auf einen Stuhl nieder. Er hatte dabei eine solche Körperkraft entwickelt, daß der Baron kein Glied zu rühren vermocht hatte, sondern jetzt laut aufstöhnte. »So!« sagte der junge Mann. »Hier bleiben Sie sitzen. Ich bin noch jung, aber ich verstehe keinen Spaß, besonders wenn ich es mit Schurken zu thun habe.« »Mensch!« rief der Baron. »Was wagen Sie! Sie haben sich an mir vergriffen!« »Sie zwingen mich dazu.« »Sie nennen mich einen Schurken!« »Wohl mit Recht. Uebrigens, falls ich mich irre, so bin ich bereit, Ihnen alle Satisfaction zu geben, welche Sie sich nur wünschen können.« »Ich versichere Sie aber, daß Sie sich irren!« »Beweisen Sie das!« »Das ist ja ganz die verkehrte Welt! Habe ich denn zu beweisen, daß ich unschuldig bin? Oder haben Sie mich meiner Schuld zu überführen?« »Wohl, das können wir!« »Da bin ich doch neugierig, wie Sie dies anfangen werden!« Er hatte nämlich noch keine Ahnung davon, daß der Sepp ihn verrathen werde. Er glaubte bis jetzt, daß dieser unvorsichtig oder wenigstens nicht unterrichtet genug gewesen sei. Er hatte ihm fünfhundert Mark bezahlt und ihn als Parkhüter angestellt. Darum erschien es ihm als ganz sicher, daß der Alte schweigen werde. Wenn dies der Fall war, welche Beweise konnte man dann gegen ihn vorbringen? Die Aehnlichkeit? Die Narbe? Das Mal? Pah! Das konnte Alles Zufall sein! Auf keinen Fall aber sollte es ihm einfallen, ein Geständniß auszusprechen. Nur der Sepp mußte schweigen! »Sie werden es sogleich sehen!« erklärte der Lehrer. »Sepp, willst Du die Wahrheit sagen?« »Natürlich werd ich keine Lügen machen,« erklärte der Alte. »Wer ist dieser Herr?« »Der? Na, das wißt Ihr ja Alle auch! Er ist dera Herr Baronen von Alberg.« »Das hatte ich nicht gemeint. Ich meinte, ob dieser Herr früher einmal einen anderen Namen getragen hat als jetzt.« »Ob er ihn grade tragen hat, auf denen Armen oder auch im Rucksack, das weiß ich nicht; aberst Herr Curt von Walther hat er sich mal nannt.« »Schuft!« rief der Baron. »Du!« antwortete der Alte. »Sag kein solch Wort zu mir! Du weißts, wie's droben dem Hausverwalter ergangen ist. Wannst mich nochmals schimpfen thust, so kann auch hier ein Spiegeln zerbrochen werden, denn ich nehm Dich sofort beim Schlaffitchen und werf Dich hinein.« Dennoch erklärte der Baron: »Er lügt! Woher will er es wissen?« Da trat der alte Sepp vor ihn, legte ihm die Hand schwer auf die Achsel und sagte: »So! Woher ichs wissen soll? Hasts mir nicht etwan selber sagt?« »Nein.« »Hast nicht in dera Schankwirthschaften Hohenwald mir fünfhundert Markerln versprochen, damit ich Dir sagen soll, wo die Bertha Hillern wohnt und ihr Sohn, der Max Walthern?« »Nein.« »Hast mir denn nicht dafür die Anstellung geben als Parkaufsehern?« »Nein.« »Und hast mich wohl auch nicht nach Regensburg schicken wollt, damit ich nach denen Verwandten des Lehrers Walther suchen soll?« »Abermals nein! Du bist ein Lügner!« »So! Da hast die Quittung für dies Wörtle, Du Hallodri, Du!« Er gab dem Baron eine gewaltige Ohrfeige. Niemand hinderte ihn daran. Der Baron wollte aufspringen, wurde aber von dem Alten fest niedergehalten. Dieser sagte: »Weißt, Du bist ein Kerlen, der kein Gewissen hat, keine Ehren und kein Gefühl. Mit Dir muß man ganz anderst reden. Ich weiß ganz genau den Ton, den man bei Dir anschlagen muß. Das werd ich jetzunder thun. Paß auf, wie ich es machen werd! Hier, mit meiner Linken halt ich Dich beim Schlippserl am Hals, und mit dera Rechten hol ich aus. Ich werd Dich fragen, und sobaldst eine Lügen sagst, bekommst eine Ohrfeigen. Nachhero werden wir sehr bald die Wahrheit derfahren. Odern hat Jemand was dagegen?« Er blickte sich nach den Andern um. Niemand antwortete. Selbst Milda hatte kein Wort, um für ihren Vater zu bitten. Sie hatte niemals die richtige kindliche Liebe für ihn gefühlt. Heute hatte er erklärt, daß er sie nur als sein Werkzeug gebrauchen wolle; das hatte den Riß noch tiefer gemacht, und nun die Entdeckung seiner an der Bürgermeisterin begangenen Schändlichkeit hatte den letzten Rest ihrer Zuneigung getödtet. Sie fühlte einen förmlichen Abscheu vor ihm. Wenn er seine That eingestanden hätte, hätte sie ihm verziehen. Sein höhnisches Leugnen aber empörte sie, und jetzt hatte sie die Empfindung, als wenn die Ohrfeigen, welche ihm angedroht wurden, das einzige Mittel seien, ihn zum Geständniß zu bringen. »Also,« begann der Alte. »Sag, bist dera Curt von Walther gewest?« Der Gefragte antwortete nicht. Er versuchte, sich von der Eisenfaust des Wurzelsepp zu befreien, mußte aber diesen Versuch sofort aufgeben, denn der Alte drehte ihm das »Schlippserl« so zusammen, daß er fast keinen Athem bekam. »Nun, gieb Antwort! Ich hab keine Zeit.« Die Situation war eine verteufelte. Der Baron erkannte, daß es am Besten sei, sich zu ergeben. Er sagte sich, daß er ja keinerlei Verpflichtungen auf sich zu nehmen brauche. Darum antwortete er jetzt: »Laß mich los, Mensch! Ich will Euch den Gefallen thun und die mir zugedachte Rolle mit Euch spielen.« »So? Willst? Nun, das ist das Allerbeste, wast thun kannst. So will ich Dir Luft lassen. Aber nun sag auch, obst dera Kerlen gewest bist!« Er nahm die Faust von dem Baron. Dieser erhob sich vom Stuhle, holte tief Athem und antwortete: »Ich sehe keinen Grund ein, es zu leugnen: Ich habe einmal den betreffenden Namen getragen. Es handelte sich um ein hübsches Mädchen. Welchem jungen Manne überkommt dabei nicht eine romantische Idee!« Da stand Milda von ihrem Stuhle auf. War sie vorher bleich gewesen, so war ihr Aussehen jetzt ein geisterhaftes zu nennen. »Du gestehst also ein,« fragte sie, »daß Bertha Hiller Deine Verlobte war?« »Ja.« »Und daß Max Walther Dein Sohn ist?« »Nein.« »So widersprichst Du Dir selbst. Wenn sie die Mutter ist, so muß er Dein Sohn sein.« »Das sagst Du, weil Du die Welt nicht kennst,« lachte er höhnisch. »Wer kann mir beweisen, daß er wirklich mein Sohn ist? Wenn meine Verlobte ein Kind bekommt, wer kann behaupten, daß ich der Vater sein muß?« Der Eindruck, welchen diese Worte machten, war ein ungeheurer. Die Bürgermeisterin stieß einen Schrei aus und glitt zu Boden. »Mutter, meine Mutter!« rief Max und sprang zu ihr hin. Der Sepp griff nach seinem Stocke und rief: »Soll ich den Hallunken derschlagen, den elendigen?« »Still!« gebot Milda, welche mit beiden Händen nach ihrem Herzen gegriffen hatte, als ob sie dort die Empfindung eines Schmerzes habe. Und nahe zu ihrem Vater herantretend, fragte sie: »Du willst ihn nicht als Deinen Sohn anerkennen?« »Ah!« lachte er. »Wünschest Du es vielleicht?« »Ja, um meinet-, Deinet- und seinetwillen.« »So! Mir aber kann es nicht einfallen. Ein Bastard in meiner Familie – –« »Schweig!« donnerte sie ihm entgegen, so laut und streng ihre sanfte Stimme es zuließ. »Also, willst Du ihm Deinen Namen verweigern?« »Ja.« »Dieser Entschluß steht unerschütterlich fest?« »Unerschütterlich.« Da tat sie von ihm zurück, zeigte nach der Thüre und erklärte: »So sind wir fertig mit einander. Herr Baron von Alberg, ich bin Ihre Tochter nicht. Max Walther ist mein Bruder. Wir müssen denselben Namen tragen. Darf er den meinigen nicht tragen, so nehm ich den seinigen an. Ich werde die dazu nöthigen Schritte bereits morgen thun. Sie können gehen, Herr Baron! Wir haben nichts mehr mit einander zu schaffen!« Sie stand da wie eine Rachegöttin. Ihre Augen flammten; ihre Wangen hatten sich wieder geröthet, und zwischen ihren halb geöffneten Lippen schimmerten die kleinen Zähnchen weiß und glänzend hervor. Das hatte er nicht erwartet. Er stand einige Augenblicke stumm. Dann aber schlug er eine laute Lache auf und fragte: »Gehört das auch mit zu Deiner Rolle?« »Ja. Und ich werde diese Rolle energisch bis zu Ende spielen.« »Wenn ich es erlaube!« »Ich gehorche nur meinem Gewissen!« »Und mir jedenfalls nicht weniger. Das muß ich mir sehr erbitten! Du kannst wohl auf die höchst alberne Idee kommen, auf mich und meinen Namen zu verzichten. Nun aber fragt es sich, was ich für eine Ansicht habe. Bekanntlich hat der Vater gewisse Rechte, und diese werde ich natürlich in Ausführung bringen. Nimm Deinen Hut und komm.« Sie wendete sich ab und antwortete: »Sie werden allein gehen müssen.« »Ich befehle es Dir!« »Sie haben mir nichts mehr zu befehlen.« »Mädchen, soll ich Gewalt brauchen!« rief er in höchstem Zorne. »Dagegen würde ich Beschützer finden.« »Soll ich Dich verstoßen, soll ich – –« »Das ists ja, was ich wünsche,« fiel sie ein. »Und Dich enterben?« Sie hatte sich so gestellt, daß sie ihn nicht mehr sah; bei seiner letzten Frage aber drehte sie sich rasch zu ihm um: »Enterben? Davon kann nicht die Rede sein. Sie, Herr Baron, haben keinen Gulden Vermögen besessen. Was wir besitzen, ist von meiner Mutter, einer Baronesse von Sendingen, eingebracht worden. Das Alles fällt mir am Tage meiner Mündigwerdung zu, und Sie sind bis dahin nur der Nutznießer. Von dem Tage meiner Mündigkeit an, besitzen Sie keinen Deut mehr und sind allein auf meinen guten Willen angewiesen. Wenn ich mich jetzt von Ihnen lossage, so dürfen Sie ja nicht glauben, daß ich auch auf mein Eigenthum verzichte. Während ich mich bisher nicht im Geringsten um dasselbe bekümmert habe, werde ich ihm von heut an meine vollste Aufmerksamkeit widmen. Ich trenne mich zwar von Ihnen, nicht aber von meinem Besitze. Ich werde auch fernerhin hier auf Schloß Steinegg wohnen und bereits morgen einen erfahrenen Rechtsanwalt kommen lassen, welcher darüber zu wachen hat, daß der ehrlose Baron von Alberg mich nicht um einen Gulden meines Vermögens bringe. Das sei Ihnen noch gesagt, und nun können Sie gehen!« Sie stand so stolz und hoch aufgerichtet vor ihm, daß er vor ihr zurücktrat. Er starrte sie an. Es war ihm, als ob er träume. »Was – fällt – – Dir ein!« stieß er hervor. »Ich glaube. Du bist nicht bei Sinnen! Wann hättest Du jemals gewagt, in diesem Tone mit mir zu sprechen!« »Ja,« antwortete sie, »ich bin ein mildes, furchtsames Geschöpf gewesen. Das Leben hatte mich langsam gereift. Was ich aber heut Abend erfahren und gefühlt habe, das hat aus dem nachgebenden, unselbstständigen Wesen plötzlich ein, selbstbewußtes, willensstarkes Weib gemacht. Du hast mich erzogen, um mit meiner Person einen teuflischen Schacher zu treiben. Du hattest heut sogar die Stirn, mir dies zu sagen. Das hätte ich Dir noch vergeben können. Daß Du aber Deinen eigenen Sohn, Dein eigenes Fleisch und Blut verleugnest, daß Du kein Wort, kein einziges Wort hast, um Dir Verzeihung von einem Wesen zu erbitten, welches auf Deine Schuld hin so entsetzlich leiden mußte, daß Du im Gegentheile nur Hohn für Beide hast und die Ohrfeige eines alten Wurzelhändlers ruhig einsteckst. Du der Baron – – ah, mir graut! Mir wird schlimm! Gehen Sie, gehen Sie, Baron! Und wenn noch ein Rest von Ehrgefühl in Ihrem Innern verborgen sein sollte, so zeigen Sie dies dadurch, daß Sie morgen früh Schloß Steinegg verlassen. Ich kann und mag nicht mit Ihnen unter einem Dache wohnen.« Da legte er die Arme über der Brust zusammen, zuckte die Achseln und sagte: »Phantasien eines unreifen Kindes! Für Alles, was Du soeben gethan hast, wirst Du Deine Strafe erhalten, welche ich Dir unnachsichlich dictiren werde. Jetzt nun sage ich kein Wort mehr. Du wirst mit mir nach Hause gehen. Weigerst Du Dich, so gebrauche ich mein Recht.« »Ihr Recht?« nahm da Max Walther das Wort. »Hören Sie, Herr Baron, ehe Sie das thun, habe auch ich ein Wort mit Ihnen zu sprechen. Zunächst möchte ich mich gegen die Ansicht verwahren, daß ich mich sehne, Ihren Namen zu tragen. Er ist der Name eines Schurken, und ich hätte ihn nicht angenommen, selbst wenn Sie bereit gewesen wären, ihn mit Millionen auf mich zu übertragen. Mein Name ist Walther. Ich habe ihn mit Ehren getragen und werde dieses auch ferner thun. Was ich von Ihnen denke, wissen Sie. Ich habe mich nach meiner Mutter gesehnt, nach Ihnen niemals. Das ist das Eine, was ich Ihnen sagen will. Das Andere aber ist eine Warnung. Fräulein Milda hat erklärt, daß sie nichts mehr von Ihnen wissen will, und Sie werden sich nach dieser Erklärung richten. Sie haben keine Rechte mehr auf Ihre Tochter – – –« »Oho! Wer behauptet das?« »Ich!« »Das ist auch was Rechtes!« »Es ist ein ehrlicher Mensch, wenn auch nur ein armer Dorfschulmeister. Nicht der Vater allein steht über dem Kinde. Es giebt eine Behörde, welche darüber zu wachen hat, daß der Vater nicht nur seine Rechte genießt, sondern auch seine Pflichten erfüllt. An diese Behörde wird sich Fräulein Milda wenden. Mit Ihnen also hat sie nichts mehr zu thun!« »Wie klug Sie sprechen! Bis jetzt hat sich meine Tochter noch nicht an diese Behörde gewendet, und ich hab also Gewalt über sie. Diese Gewalt werde ich auf alle Fälle in Anwendung bringen. Wenn sie nicht jetzt sofort mit mir geht, werde ich sie durch die Dienerschaft holen lassen!« »Das können Sie versuchen. Wir werden es in aller Ruhe abwarten.« »Ich werde es nicht nur versuchen, sondern in Wirklichkeit thun!« »In Gottes Namen! Jetzt aber machen Sie sich von dannen! Sie sind wirklich ein Mensch, vor dem es Einen grauen kann. Wenn es Viele Ihres Gleichens auf Erden geben sollte, so möchte man es sehr bedauern, ein Bewohner unsers Planeten geworden zu sein.« Er wendete sich ab. Jetzt stellte sich noch der alte Sepp zwischen dem Baron und die Thür: »Ein kleines Bisserl könnens noch warten, eh's fortgehen, Herr Baronen. Ich wollts halt nur noch fragen, ob ich Sie nun auch noch morgen am ganzen Vormittag antreffen werde?« »Mach Dich auf die Seite! Mit Dir hab ich gar nichts zu sprechen!« »Aberst ich mit Dir! Also soll ich den Dienst noch antreten oder nicht?« »Wenn Du Dich erblicken lässest, so lasse ich Dich mit Hunden fort hetzen!« »So also nicht! Aber Sie haben mich engagirt mit fünfhundert Mark. Das macht für dera Monat einundvierzig Mark sechsundsechzig Pfennige. Zwanzig habens mir bereits geben. Wann ich also nicht antreten soll, so bekomm ich den ersten Monat bezahlt, hab ich also noch einundzwanzig Mark und sechsundsechzig zu fordern!« »Mensch, Du schnappst über!« »Wanns das nochmal sagen, so schnapp ich nicht über, sondern ich schnapp zu. Was nachhero von Ihnen noch übrig bleiben wird, das ist höchstens noch der Henkerl vom Rock und ein Fetzen von denen Hosentragern! Wollens zahlen oder nicht? Ich werd Sie verklagen, denn ich bin in meinem Recht!« »Hier, armseliger Verräther! Da bin ich Dich los!« Er zog das Portemonnaie, griff hinein und warf ihm das Geld hin in die Stube. »Schön!« lachte der Sepp. »Wannst wiedern so einen Parkwächtern brauchst, so komm nur zu dem Sepp: der macht da gar so gern mit! Nun aberst sind auch wir Beid fertig, und wannst nicht gleich verschwindest, so blas ich Dich hinausi! Da ist die Thüren, ergebenster Herr Baronen!« Er machte die Thür so weit wie möglich auf. Der Baron wendete sich in die Stube zurück, drohte mit der Faust und rief: »Wir sind noch nicht mit einander fertig. Was an diesem Abende hier geschehen ist, das muß ausgeglichen werden. Wir sehen uns wieder!« Er ging fort. Der Sepp machte die Thür wieder zu, bückte sich und las das Geld zusammen. »Fünfundzwanzig Mark! Das ist nobel!« lachte er. »Und da die zwanzig auf dem Tisch. Wie steht es, Herr Lehrern? Wer hat gewonnen?« »Du natürlich!« »Und wem gehört da das Geldl?« »Ebenso Dir!« »Das denk ich auch. Nun aberst meines halt nicht etwan, daß ichs nicht einistecken thu. So ein armen Schelmen, wie dera Wurzelseppen ist, der ist froh, wann er mal auf eine so leichte Art und Weisen zu einem Goldfüchserl kommen thut.« »Ich mag es auch gar nicht wieder haben. Nimm es in Gottes Namen.« »Na freilich ja. Sie haben eine reiche Muttern und eine noch reichere Schwestern. Von denen könnens sich das Geldl wiedergeben lassen.« Er zog den Beutel und steckte das Geld sehr sorgfältig und mit einem Schmunzeln hinein, welches gar nicht wohlgefälliger sein konnte. Dann setzte er sich an den Tisch. Es war noch gar nicht abgetragen worden. Darum lagen noch die Reste des Abendmahles da. »Jetzt hab ich mich mit dem Baronen so gar sehr gewaltig übernommen, daß ich bereits schon wiedern Hunger hab. Ich werd mir noch eine Hälft von denen marinerirten Heringen nehmen und ein paar backene Pflaumerln dazu. Das ist süß und salzig und stellt denen Magen wiedern her, wann man sich geärgert hat.« Er begann zu essen und hatte für die Andern weder Augen noch Ohren. Sie nahmen es ihm auch gar nicht übel. Er war ein guter Esser, keineswegs aber ein Vielfraß. Daß er jetzt wieder zu speisen begann, hatte seinen Grund nicht in einem neu erwachten Hunger, sondern in einer sehr guten Absicht. Der Alte war nämlich weit über seine Bildung hinaus zartfühlend und rücksichtsvoll. Er wußte, daß es jetzt Gefühlsergüsse geben werde, und er wollte sich eine Beschäftigung machen, bei welcher er so thun könne, als ob er gar nichts davon bemerke. Dazu paßte aber das Essen am Allerbesten, und darum beschäftigte er sich mit seinem halben Heringe und den Backpflaumen so angelegentlich, als ob Leben und Seligkeit davon abhingen. Die Andern beobachteten zunächst ein minutenlanges Stillschweigen. Die Bürgermeisterin saß angegriffen im Sopha und hielt das Gesicht in die Hände. Walther schritt langsam auf und ab, und Milda hatte sich in die andere Ecke des Sophas niedergelassen und das Köpfchen in die Hand gestemmt. Endlich brach die Bürgermeisterin das Schweigen: »Max, das war er!« Sie holte dabei tief, tief Athem, als ob sie ihre Seele erleichtern müsse. »Das war er!« wiederholte er seufzend. »Ein Vater, welcher anstatt Reuethränen nur die schändlichsten Verleumdungen hat. Sepp, wie hast Du denn ein solches Arrangement mit ihm treffen können?« »Das kann ich spätern auch derzählen. Jetzundern hab ich einen zu großen Hungern.« »Hast Du denn gewußt, daß er hierher kommen werde?« »Ja freilich!« »So konntest Du Deine Wette allerdings sehr leicht riskiren.« »Thun Ihnen die zehn Markerln weh?« »O nein. Sie sind das Allerwenigste, was ich dabei verloren habe. Am Meisten hat Diejenige verloren, mit welcher Du gar nicht gewettet hast.« Er trat zu der Baronesse. Ihre Augen waren trocken und heiß, und ihr Busen ging langsam aber tief. Es war ein warmer, milder, liebeleuchtender Blick; welchen er in ihr bleiches Angesicht warf. Sie hob die Augen zu ihm auf. Ihr Blick belebte sich an dem seinigen. Das Herz wollte ihm überfließen, und doch wußte er nicht, was er sagen und wie er sie anreden solle. »Baronesse!« erklang, es halblaut und ungewiß. Da stahl sich ein leises Lächeln auf ihr Gesicht. »Baronesse? Hast Du kein anderes Wort für mich, mein guter Max?« Da kniete er vor ihr nieder, nahm ihre Hände in die seinigen, blickte mit glückstrahlenden Augen zu ihr empor und flüsterte: »Milda! Schwester!« »Mein Bruder! Mein armer, guter Bruder!« Sie bog sich herab, schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn auf die Stirn. »Wie viel hast Du heut verloren!« klagte er. »Nicht mehr als Du, nicht mehr!« »Und doch so entsetzlich viel – den Vater!« »Der mir nie ein wahrer Vater gewesen ist!« »Dir durfte er doch einer sein!« »Er durfte aber that es nicht. Es war mir bis heut so Manches unklar. Ich lebte still und ohne Aufmerksamkeit hin. Heut bin ich so plötzlich erleuchtet worden und nun sehe ich hell. Ich glaube, meine liebe, liebe Mutter, welche ganz plötzlich starb, ist auch nicht glücklich gewesen. Doch weg mit solchen Gedanken. Habe ich viel verloren, so habe ich auch viel, ja mehr noch gefunden, einen – – Bruder, Gott einen Bruder!« Sie sprach das Wort erst leise, dann aber stärker wie ein Jubel aus. »Und ich fand eine Mutter und eine Schwester! An einem einzigen Tage! Ist das nicht des Glückes gar zu viel?« »Nein. Der Mensch kann nie zu sehr glücklich sein, und Euch Beiden ist dieses Glück ja recht gern zu gönnen. Aber sag, mein lieber Max, willst Du wirklich auf den Namen, welcher Dir gehört, verzichten?« »Unbedingt!« »Dann verzichte ich auch!« »Bei Dir ist dies nicht gut möglich. Ich habe einen andern. Du aber nicht. Und hast Du wirklich die Absicht, Dich von Deinem – – Vater völlig loszusagen?« »Ja. Ich kann es nicht beschreiben, was ich gegen ihn empfinde. Mein Entschluß mag ganz gegen die menschliche oder weibliche Natur sein, und doch ist er nicht natürlich, sondern sehr tief in meiner Empfindung begründet. Es ist nicht Haß, was ich gegen den bisherigen Vater fühle.« »Aber Verachtung?« »Auch nicht, sondern etwas noch Schlimmeres.« »Was könnte noch schlimmer sein als Verachtung, liebe Schwester?« »Ekel!« »Ja, ja, das ist das aller negativste Gefühl, dessen der Mensch fähig ist. Herrgott! Eine Tochter, welcher vor dem Vater ekelt! Es ist entsetzlich! Er wird alle Mittel in Bewegung setzen, um zu verhindern, daß Du Dein Vorhaben ausführst.« »Es wird ihm nichts nützen. Ich fühle, daß ich stark genug bin, es mit ihm aufzunehmen. Und selbst wenn ich nicht stark genug wäre, so hätte ich doch einen starken Helfer, auf welchen ich mich verlassen kann.« »Wer ist das?« »Du bist es. Der Bruder wird doch seiner Schwester beistehen, Max!« »Mit allen Kräften!« »So komm, und setze Dich her zu uns! Wir wollen überlegen, welche Schritte ich zu thun habe.« Er mußte zwischen Mutter und Schwester Platz nehmen, und nun entwickelte sich eine jener Scenen, für deren wahrheitstreue Schilderung der Pinsel keine Farben und die Feder keine Wörter hat. Jedes suchte die Andern in Liebeserweisungen zu überbieten. Die Zeit verging. Sepp saß noch immer am Tische. Der halbe ›marinerirte‹ Hering war längst mit den Backpflaumen verschwunden, und Anderes war gefolgt. Er hatte gegessen und gekaut und geschluckt, bis gar nichts mehr vorhanden war. Dann aber gab es auch keine weitere Beschäftigung und keinen Vorwand mehr, die Anderen nicht zu beachten. Er schaute nach der Uhr. »Himmelsakra!« entfuhr es ihm. »Was giebts, Sepp?« fragte Max. »Es ist schon weit über Mitternachten.« »Unmöglich!« meinte Milda, indem sie sich vom Sopha erhob. »Da muß ich heim!« »Ja, Schwesterherz, kannst Du denn heim?« »Warum nicht? Die Dienerschaft darf nicht schlafen gehen, bevor ich komme.« »Das glaube ich gar wohl. Aber hast Du Dich nicht vor Deinem Va – – vor dem Baron zu fürchten? »Nein. Früher hätte ich mich gefürchtet. Heut bin ich eine ganz Andere geworden. Es wird ganz gewiß noch eine Scene geben, denn er wird auf mich warten; aber ich habe keine Bangigkeit.« »Das brauchens auch nicht,« erklärte der Sepp. »Ich werd Sie heimführen und mich unten aufstellen. Wann er Ihnen was thun will, so brauchens nur das Fenstern aufi zu machen und mich zu rufen. Dann komm ich hinaufrannt und hau ihn durch.« Das klang so zuversichtlich, daß Max laut auflachend fragte: »Wie willst Du denn hinaufkommen, wenn des Nachts zugeschlossen ist.« »Na, da wirft mir die gnädigen Baronessen halt das Hausschlüsserl herab.« »Ja, ein solcher Herrensitz hat ein ›Hausschlüsserl‹. O, Sepp, Sepp! Aber meinst Du denn wirklich, daß ich es Dir überlasse, meine Schwester zu begleiten?« »Sie wollens wohl auch noch mit?« »Natürlich!« »Na, so laufen wir Beid hintern ihr her!« »Nein, nicht doch. Bleib Du nur in Gottes Namen hier! Es wird wohl zureichen, wenn ich bei ihr bin.« »Na, meinswegen. Ich hab heut Abend so gar sehr viel gessen, daß ich so wie so nicht gut mehr laufen kann. Am Besten ists, ich streck mich ins Bett und überleg, warum der Hering solchen Dursten macht.« Die Bürgermeisterin verstand den Wink. Darum sagte sie: »Ich werde Dir noch eine Flasche Bier aus dem Keller holen lassen. Nicht, lieber Sepp?« »Lieber Sepp! Herjesses, da könnt man vor Freuden gleich zwei Flasche trinken anstatt nur einer. So eine Liebschaften widerfährt Unsereinen nicht alle Tagen! Und damit ichs auch sichern bekomm, werd ich liebern gleich selbern in denen Kellern hinabi steigen.« Er ging hinaus und kam dann mit dem Bier grad recht zurück, um sich von Milda verabschieden zu können. Arm in Arm gingen die Beiden, sie und Max, dem Schlosse zu. Sie sprachen nicht; aber das gute Mädchen schmiegte sich innig an seine Seite. Es war ihr wirklich in seiner Nähe ein Gefühl von Sicherheit überkommen, wie sie es bisher gar nicht gekannt hatte. Und er fühlte ein Glück und eine Seligkeit im Innern, als ob er das Anrecht einer Himmelsseligkeit erhalten habe. Erst als sie so weit empor gekommen waren, daß sie die noch erleuchteten Fenster des stattlichen Bauwerkes erglänzen sahen, wechselten sie einige Worte. »Vielleicht vermuthet der Sepp nicht ganz mit Unrecht, daß Dir Unangenehmes vom Baron droht,« meinte Max. »In welcher Weise könnte ich Dich da unterstützen?« »In keiner. Herein kannst Du ja nicht.« »So möcht es mir bange um Dich werden.« »O, hab keine Sorge! Ich bin stark!« »So halte Dich wacker, meine liebe, liebe Schwester! Und wann sehen wir uns wieder?« »Morgen früh, bevor Du zurückkehrst nach Hohenwald. Du kommst zu mir, und ich begleite Euch ein Stück.« »Was wird der Baron sagen, wenn er mich im Schloß erblickt!« »Er wird sich in meinen Willen fügen müssen. Jetzt gute Nacht, lieber Max!« »Schlaf recht, recht wohl, meine Milda!« Sie umarmten sich und gaben sich den ersten Kuß auf den Mund. Beide errötheten, blickten einander an und ließen dann ein leises, verlegenes Lachen hören. »Warum lachst Du Max?« fragte sie. »Hm! Warum Du?« »Antworte zuerst!« »Dieser Kuß! So ein Schwesterkuß ist doch auch ein eigen Ding. Es war fast, als ob ich eine Geliebte geküßt hätte.« »Ah! Weißt Du, wie das ist?« »Ich kann es mir vielleicht denken.« »So! Weißt Du, mir kannst Du es anvertrauen, und eine Schwester hat doch wohl auch das Recht, darnach zu fragen – – – liebst Du, Max?« Es dauerte doch eine Weile, ehe er antwortete. »Nein.« »Das ist schade!« »Warum?« »Ich hätte so gern die Vertraute gemacht. Es muß einzig sein, die Beschützerin, der Engel zweier Liebenden zu sein. Weißt Du, Max, wenn einmal Deine Stunde schlägt, so mußt Du es mir sofort mittheilen, und dann halten wir es möglichst lang geheim! »Ganz recht! Das heißt nämlich, wir plaudern es möglichst bald aus!« »Nein, nein! Ich will ja die Vertraute sein. So lange Du im Hohenwald noch bist, werde ich sehr oft hinüberkommen.« »Du wirst mich damit sehr beglücken. Aber nun erlaube mir auch, Deine Frage an Dich selbst zu richten, beste Milda.« »Wegen – wegen – – der Liebe?« »Ja; oder hat der Bruder nicht dasselbe Recht wie die Schwester?« »Nicht ganz, weil eine Schwester viel besser zum Schutzengel taugt als ein Bruder. Aber ich kann Dich beruhigen. Ich habe da noch keines Schutzes bedurft, und vielleicht grad darum machte mich Dein Kuß fast verlegen. Du bist der erste Fremde, der meinen Mund berührt.« »Fremde? Ah!« »Verzeih! Wir waren uns allerdings bisher fremd. Und nun müssen wir aber scheiden. Dort erscheint der Hausmeister unter dem Portale. Er wird sich über mein so langes Ausbleiben wundern.« »Das glaube ich. Und wir – wollen wir uns auch noch einmal wundern, Milda?« »Worüber?« »Ueber einen Geschwisterkuß!« »Bist Du ein so sehr zärtlicher Bruder?« »Ja, weil ich eine gar so liebe Schwester habe.« »Dann hier!« Sie bot ihm die Lippen abermals zum Kusse dar; dann trennten sie sich. Als Milda in das Portal trat, wagte der Hausmeister die Bemerkung: »Der gnädige Herr Baron sind schon längst wieder zurückgekehrt.« »Warte mit solchen Mittheilungen, bis ich Dich frage!« Das klang so energisch und zurückweisend, wie er es von dieser zarten, freundlichen Natur noch nie gehört hatte. Er fuhr förmlich vor Schreck zurück. »Na,« brummte er. »Ein schöner Tag! Ohrfeigen von einem Landstreicher! Den zerbrochenen Spiegel bezahlen, wie vorhin der Baron sagte! Und nun auch noch von der Baronesse angeschnauzt! Den Tag muß ich roth, grün und blau im Kalender anstreichen!« Droben am Corridoreingange saß ein wartender Diener. Er erhob sich respectvoll und meldete: »Der Herr Baron wünscht das gnädige Fräulein jetzt noch auf seinem Zimmer zu sprechen.« Er griff schon nach der dorthin führenden Thür, um sie zu öffnen. »Ich bin heut nicht mehr zu sprechen!« antwortete sie kurz und hart. Sofort sprang er nach der andern Thür, welche zu ihren Gemächern führte. Als sie dort eingetreten war, ging er, den Bescheid der Baronesse seinem Herrn zu melden. Dieser ließ sichs nicht merken, daß er darüber erzürnt war, fluchte aber desto kräftiger in sich hinein. Jetzt wurde unten das Hauptportal verschlossen, und die Lichter verlöschten in den Corridoren. Bald schien Alles zur Ruhe gegangen zu sein – schien aber nur. Ein Schatten huschte leise und vorsichtig aus dem rechten Flügel nach dem linken hinüber. Und das hatte folgenden Grund: Anton und Asta hatten sich sehr gut unterhalten. Ihnen war es recht lieb, daß Niemand sich um sie bekümmerte und daß sowohl der Baron als auch Milda sich entfernt hatten. Später fiel es ihnen aber doch auf, daß sie so allein gelassen wurden, und auf eine in dieser Beziehung an den Diener gerichteten Frage erfuhren sie, daß sowohl der Baron als auch dessen Tochter nach der Stadt gegangen seien. »So sind wir also allein, ganz allein,« sagte Anton. »Nur auf uns angewiesen. Das ist Ihnen natürlich höchst unlieb!« »Woraus schließen Sie das?« »Ich vermuthe es nur.« »Aber ohne allen Grund. Ich bin so gern mit Ihnen allein, gnädiges Fräulein.« »Ganz wie es im Liede heißt,« lächelte sie verführerisch: »Ich bin so gern, so gern allein. Ist es Ihnen bekannt?« »Sehr wohl. Es ist eins der ersten Lieder, welche der Professor mich singen lehrte, so einfach und so herzinnig.« »Ich habe diese Melodie wirklich lieb, und den Text ebenso. Ach, wenn Sie es doch einmal singen wollten!« »Singen, wenn ich mich mit Ihnen allein befinde?« »Warum da nicht?« »Wie kann ich singen, wenn alle Gedanken nur bei Ihnen sind!« »Schmeichler!« sagte sie, ihm mit der Hand einen leichten Schlag versetzend. Dabei aber blieb ihre Hand sehr wohl berechnet auf der seinigen liegen, »Eben deshalb sollen Sie dieses Lied singen – nur für mich allein, leise und innig, dabei nur an mich denken. Wollen Sie? Ich werde Sie begleiten.« Sie näherte ihr Gesicht dem seinigen und brannte ihren Blick in seine Augen. »Nur mit Widerstreben,« antwortete er. »Sie sind es aber uns Beiden schuldig. Denken Sie, daß es auffallen muß, wenn wir uns so lange Zeit still und beschäftigungslos bei einander befinden. Wenn wir singen, kann man aber nichts vermuthen.« »Was soll man vermuthen?« fragte er leise und vertraulich. »Soll ich Ihnen das wirklich sagen?« »Ich bitte sehr darum!« »Man wird vermuthen, daß – – ah pah! Warum solche Erklärungen! Singen wir. Bitte!« Sie setzte sich an das Instrument. Er hatte eigentlich keine Lust zum Singen und trat darum nur zögernd an ihre Seite. »Also nur für mich, nur für mich!« bat sie. »Denken Sie sich, ich sei Diejenige, bei welcher Sie so gern allein sind. Ich will gern hören, ob Sie bei dem Gedanken an mich mit der rechten Innigkeit zu singen verstehen.« Sie blickte dabei so verführerisch zu ihm auf, daß es ihn heiß überlief. Dann ließ sie die Hände über die Tasten gleiten. Der volle Arm blickte weiß und bloß bis an den Ellbogen aus dem Spitzenärmel. Er brauchte nur den Blick zu senken, so fand er Halt an dem üppig vollen Busen, welcher den Stoff des Kleides zu zersprengen drohte. Er fühlte, daß er jetzt im Stande sei, mit der von ihm erwarteten Innigkeit zu singen. »Nun, noch drei Takte,« nickte sie. »Jetzt!« Er begann mit unterdrückter, schmelzender Stimme: »Ich bin so gern, so gern allein,       Daheim in meiner stillen Klause. Wie klingt es doch dem Herzen wohl,        Das liebe, traute Wort ›zu Hause!‹ O, nirgends auf der weiten Welt        Fühl ich so frei mich von Beschwerden. Ein braves Weib, ein herzig Kind,       Das ist mein Himmel auf der Erden. Gewandert bin ich hin und her        Und mußte oft dem Schmerz mich fügen. Den Freudenbecher setzt ich an;        Ich trank ihn aus in vollen Zügen, Doch immer zog es mich zurück,        Zurück zu meinem heimschen Heerde. Ein braves Weib, ein herzig Kind,        Das ist mein Himmel auf der Erde. All Abends, wenn der Tag zur Ruh       Und ich mich leg zum Schlummer nieder, Dann bete ich zum Herrn der Welt;       Es schließen sich die Augenlider. Ich halte beide Hände fromm       Zu dem, der einstens sprach sein Werde: Du guter Gott, erhalte doch       Mir meinen Himmel auf der Erde!« Er hatte mit so unterdrückter Stimme gesungen, daß man es wohl kaum draußen auf dem Corridor oder im Nebenzimmer deutlich hätte vernehmen können. Dies gab seinem Vortrage scheinbar die Seele, welche ihm fehlte. Als die letzten Töne verklungen waren, nahm Asta die Hände von den Tasten und sagte: »Herrlich Diese Stimme und dieser Vortrag! Wie soll ich Ihnen danken!« »Fühlen Sie wirklich das Bedürfniß des Dankes?« »Gewiß, gewiß! Sagen Sie mir Etwas!« Sie hob das Gesicht zu ihm empor und blickte ihn aus halb verhüllten Augen an, verheißungsvoll und verlockend. Aus ihrem leicht geöffneten Munde glänzten die breiten, aber tadellos glänzenden Zähne zwischen den rothen, üppigen Lippen hervor. Er wagte es: »Ich wüßte einen Dank!« Er näherte sein Gesicht dem ihrigen. »Welchen?« Sie wich nicht zurück. »Darf ich ihn mir selbst nehmen?« »Wenn Sie es können!« »O, leicht, nämlich so!« Er legte seine Lippen auf ihren Mund. Sie hielt den Druck für einen Augenblick aus, schien ihn sogar zu erwidern, zog dann aber ihre Lippen schnell zurück und zürnte: »Welche Kühnheit! Herr Warschauer, wie können Sie sich das erlauben!« Ihr Gesicht zeigte aber weniger Zorn, als aus ihrem Tone zu hören war. »Sie selbst erlaubten es ja!« antwortete er. »Konnte ich ahnen, was Sie wollten!« »Ja, denn Sie wissen, daß ich Wildschütz gewesen bin, und seit jener Zeit gelüstet mich stets nach Verbotenem.« »Also nicht nach Erlaubtem?« »Nein.« Da lachte sie silbern auf und meinte: »So giebt es ja ein sehr einfaches Mittel, sich vor Ihren Küssen sicher zu stellen!« »Das möchte ich kennen lernen.« »Man braucht es Ihnen nur zu erlauben, dann schweigen Ihre Wünsche.« »O, Ihnen gegenüber niemals.« »Also wäre ich völlig schutzlos in Ihre Hand gegeben, Sie – – Wilderer!« »Oder umgekehrt, ich in die Ihrige. ›Halb zog sie ihn, halb sank er hin, da wars um ihn geschehn.‹ So, wie in diesen Göthe'schen Strophen ist es mir, wenn ich Ihnen in die Augen blicke.« Anton hatte während seines Aufenthaltes in Wien gar wohl gelernt, sich auszudrücken. Asta schlug ihm ein Schnippchen und kicherte vertraulich: »Was für Gefährlichkeiten könnten meine armen Augen für Sie haben!« »Die allergrößten. Ich kann in ihren Tiefen ertrinken. Diese blauen, strahlenden, lockenden Sterne, tief und gefährlich wie die blauen Wasser eines Sees! Wer hineinschaut, der kann nie, nie wieder heraus.« »Wie poetisch! Wem haben Sie dieses Bild abgelauscht?« »Keinem!« »Nicht? Und doch ergehen sich unter hundert Dichtern wohl neunzig in diesem Vergleich. Hören Sie:« Und sie trillerte leise: »O du himmelblauer See – – –! Kennen Sie das?« »Nein.« »Schade! Es ist auch nur ein einfaches Alpenlied, aber doch so – – ah, trauen Sie mir zu, daß ich es Ihnen vorsingen kann?« »Gewiß!« »Ich habe keine Stimme.« »Nach Ihrer Sprache haben Sie einen Halbsopran. Und wenn dieser nicht hinter Ihren andern Vorzügen zurückbleibt, so besitzen Sie eine kostbare Stimme.« »Welch eine Täuschung! Ich schrille wie eine Clarinette!? »Das möchte ich bezweifeln. Bitte, bitte, singen Sie es doch! Ja?« »Wohl auch nur für Sie allein?« »Das möchte ich mir ausbedingen.« »Nun wohl, es soll nur Ihnen gelten. Aber ich bin so beengt; ich muß die Stimme befreien.« Dabei zog sie die Granatbroche aus dem Kragen. Dieser gab sich vorn auseinander und »ihre Stimme war frei,« wie sie gesagt hatte, aber auch noch etwas Anderes. Die obern Knöpfe des Kleides waren nicht zu. Als nun die Broche entfernt worden war, gab der leichte Stoff dem Drucke ihrer vollen Formen nach, und Anton, welcher seitwärts hart hinter ihr stand, vermochte nun einen Blick herab zu werfen, welcher von dem vollen Halse abglitt um noch tiefer zu dringen, dahin, wo ein Einblick eigentlich verboten sein sollte. Er fühlte sich wie berauscht. Er ahnte nicht, daß hier eine klare Absicht vor lag, daß dieses Mädchen ihm die Augenweide mit voller Berechnung bot. Sie hatte ja nur aus dem Grunde zu singen gewünscht, um einen Grund zu haben, die einengende Broche entfernen zu können. »Also, soll ich beginnen?« fragte sie. Auch diese Frage geschah aus Berechnung, denn durch dieselbe erhielt sie Gelegenheit, zu ihm aufblicken zu können. Sie bemerkte seinen flimmernden Blick und seine gerötheten Wangen und wußte nun, daß ihre List gelungen sei. Er nickte nur. Es war ihm, als wenn er statt aller Worte nur Küsse geben solle. Er war ja noch viel, viel zu befangen, um den Raffinerieen einer berechnenden Kokette mit kaltem Blute Stand halten zu können. Eigentlich hatte er ihr keine gute Stimme zugetraut; darum fühlte er sich auf das Angenehmste enttäuscht, als sie jetzt mit leiser, vibrirender und recht angenehmer Stimme begann: »Zwischen Felsen, die voll Schnee, Liegt a himmelblauer See, Und wer in den See schaut 'nein, Sieht das höchste Glück tief drein.       O Du himmelblauer See,        Du stillst mein Herzleid nit,       Stillst nit mein Weh! Und beim See im Mondesstrahl Sitzt und singt a Nachtigall. Und wers hört, dös G'sang, wie's hellt, Meint, voll Freuden sei die Welt.       O du Gesang so hold beim See,       Du stillst mein Herzleid nit,       Stillst nit mein Weh! Aus der Hütte hint' beim See, Guckt a Dirnderl, weiß wie Schnee, Weiß wie Schnee und roth wie Blut; Ob dös Dirnderl mir ist gut?       O du himmelblauer See,       Aus ist das Herzeleid,       Aus ist das Weh!« Es war eine etwas feste aber doch recht klangvolle Stimme, mit welcher sie dieses anspruchslose Lied sang. Sie ließ die hinein gehörenden Jodler fort und gab nur die Melodie. Dabei sang sie mit einem Ausdrucke, welcher des Guten zu viel that, aber bei Anton die beabsichtigte Wirkung mehr als vollauf hervorbrachte. Es ist für einen jungen, lebensfrischen und feurigen Mann gewiß schwierig, gleichgiltig zu bleiben, wenn er hinter oder neben einer ebenso jungen Dame steht, welche mit verführerisch ausgewirkten Formen am Klaviere sitzt und sich alle Mühe giebt, durch den bestrickenden Klang ihrer Stimme den Eindruck ihrer Reize noch zu erhöhen. Nach dem letzten Tone stand sie schnell auf, so daß sie hart vor ihm zu stehen kam. »So! Nun fällen Sie Ihr Urtheil!« sagte sie. Ihr Athem fächelte seine Wange. Dieser Hauch hatte etwas gelind Aromatisches. Wäre Anton ein Kenner gewesen, so hätte er sofort erkannt, daß die Dame geröstete Kaffeebohnen gekaut hatte, was man doch nur thut, um einen üblen Athem zu maskiren. In seinem Rausche aber war es ihm, als ob dieser Hauch ihre Seele sei, welche zu ihm überfluthe, um nun die seinige hinüber zu locken auf Nimmer-, Nimmerwiederkehr. Es giebt wirklich einen Rausch, welcher mit dem Worte ›schönheitstrunken‹ characterisirt werden kann, und in diesem Rausche war Anton befangen. Er stammelte beinahe, als er antwortete: »Ich soll mein Urtheil fällen über Ihren Gesang, gnädiges Fräulein? Ich bin kein Gelehrter. Was ich weiß, das habe ich mir erst in der letzten Zeit aneignen können. Da habe ich auch von jenen wunderbaren Wesen gehört, welche, im Wasser schwimmend, den Schiffer durch die Schönheit ihrer Gestalt und den verlockenden Ton ihrer Stimme so berauschten, daß er sich ohne Bedenken in die Fluthen warf – – –« »Sie meinen die Sirenen?« »Ja. Ihrem Zauber sollen nach der Sage Tausende verfallen sein, und nur ein Einziger entkam ihnen. Er verklebte seinen Gefährten die Ohren mit Wachs, damit sie die Stimme der Sirenen nicht hören konnten. Er aber wollte sie hören, und um da diesen verführerischen Wesen nicht zum Opfer zu fallen, ließ er sich mit festen Stricken an den Mast binden. Er ist der Einzige gewesen, der sie singen hörte, ohne verloren zu sein. Sie legte ihm die Hand schmeichelnd auf den Arm und fragte: »Und warum erwähnen Sie diese sagenhaften Wesen?« »Weil ich Ihnen sagen soll, welchen Eindruck Ihr Gesang auf mich gemacht hat. Sie haben gesungen wie eine Sirene, und da Sie auch viel, viel reizender sind als jene Wesen gewesen sein können, so können Sie sich denken, welchen Eindruck Sie auf mich gemacht haben. Ich befinde mich unter einem Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann, obgleich ich sehr wohl weiß, wie gefährlich er für mich ist.« »Sie sind ein Schmeichler, ein großer, großer Schmeichler! Wie könnte ich Ihnen jemals gefährlich werden!« »Dadurch, daß Sie Gefühle und Wünsche in mir erwecken, für welche sich keine Erhörung hoffen läßt.« »Welche Wünsche wären das?« »Sie sind alle zusammen zu fassen in das eine, einzige Verlangen nach – Gegenliebe.« »Gegenliebe?« lachte sie. »Dann müßte ja vor allen Dingen Liebe vorhanden sein!« Sie trat ihm noch um einen halben Schritt näher, so daß ihr Körper sich leicht an den seinigen schmiegte. Die Wärme, welche von ihren vollen, weichen Formen zu ihm überstrahlte, durchfluthete ihn wie eine magnetische Gewalt, welcher er nicht zu widerstehen vermochte. Er, ein armer Gebirgler, ein früherer Wilddieb, und sie, die Tochter einer adeligen Familie – er dachte gar wohl daran; aber ihre Augen brannten ihm verlangend entgegen; zwischen Hoffen und Zagen hob er langsam den Arm und legte ihn um ihren Leib, erst leise, wie um zu versuchen, ob sie vor dieser Berührung zornig zurückweichen werde, dann aber fester und immer fester. Sie machte nicht die leiseste Bewegung des Widerstandes; darum wagte er es, sie an sich zu ziehen. Ihr Körper folgte dem Drucke seines Armes; ihr Busen schmiegte sich an seine Brust, und ihr Kopf legte sich willig auf seine Achsel. »Asta!« flüsterte er, glühend vor Freude. »Anton!« antwortete sie, tief aufseufzend. »Was thun Sie mit mir!« »Ich liebe, liebe, liebe Sie!« antwortete er, indem er nun auch den andern Arm um sie schlang und sie nun fest, fest an sich drückte. »Und Sie, Asta?« »Niemals hat ein Mann mich so berühren dürfen. Ich weiß nicht, warum ich es von Ihnen dulde!« »Warum von mir! Darf ich mir die Antwort auf diese Frage suchen, Asta?«»Werden Sie dieselbe finden?« »Ich vermuthe es und würde unendlich glücklich sein, wenn meine Vermuthung sich als Wahrheit erweisen dürste.« »Nun, so vermuthen Sie einmal!« forderte sie ihn lächelnd auf. »Es ist die Liebe, welche Ihnen gebietet, mich nicht so wie Andre von sich zu weisen.« »Die Liebe? Meinen Sie? Ich habe dieses Gefühl noch niemals kennen gelernt und weiß also auch nicht, ob das, was ich empfinde, Liebe ist.« »So wollte ich, ich könnte erfahren, was und wie Sie jetzt empfinden.« »Das können Sie nicht erfahren, denn es ist mir ganz unmöglich, es zu beschreiben.« »O bitte, machen Sie wenigstens den Versuch, es zu beschreiben!« »Auch der Versuch ist unmöglich.« »O nein. Fragen Sie nur Ihr Herz! Es wird Ihnen Antwort geben. Oder, Asta, soll ich es nicht lieber fragen?« Er beugte sein Gesicht so weit zu ihr nieder, daß er mit seiner Wange fast die ihrige berührte. »Ja, fragen Sie!« »Nun, was sagt Ihr Herz jetzt in diesem Augenblicke? Räth es Ihnen vielleicht, sich mir zu entziehen.« Er drückte sie so fest an sich, wie man es sonst bei einer Dame, welche man erst so kurze Zeit lang kennt, nicht zu wagen pflegt. Sie hielt diesen Druck ohne Widerstreben aus und antwortete: »O nein; von einem solchen Rath empfinde ich nichts, gar nichts. Ich fühle vielmehr, daß – – –« Sie hielt inne und barg mit gut gespielter, mädchenhafter Verschämtheit ihr Gesicht an seiner Brust. »Bitte, bitte, sprechen Sie weiter!« flüsterte er zärtlich. »Was fühlen Sie?« Sie erhob den Kopf ein Wenig und antwortete mit der naiven Befangenheit eines Backfisches: »Ich fühle daß – daß – – daß es so süß, so entzückend hier bei Ihnen ist.« »Herrlich, herrlich!« jubelte er mit fast zu lauter Stimme. »Und was sagt Ihr Herz jetzt?« Er hielt ihren Kopf mit der linken Hand fest, damit sie ihm nicht entschlüpfen möge, und küßte sie auf den Mund. Sie gab sich aber gar nicht die Mühe, ihm ihre Lippen zu entziehen, ja er fühlte sogar einen leisen Gegendruck. Sie antwortete nicht. Sie schloß die Augen und behielt den Kopf ganz in derselben Lage, so daß es ihm leicht wurde, den Kuß mehrere Male zu wiederholen. »Asta,« fragte er, »ist das Ihre Antwort?« »Ja,« hauchte sie. »So darf ich Sie küssen?« »Muß ich Ihnen das nun erst noch sagen?« »Nein, nein! Welch ein Glück, welch eine Seligkeit! Sie lieben mich! Sie lieben mich!« Und sie fast zu sehr an sich pressend, gab er ihr nun Kuß um Kuß. Sie duldete es. Ja, sie schlang sogar ihre Arme jetzt auch um ihn und gab sich seinen Liebkosungen ohne alles Widerstreben hin. Da ließen sich Schritte hören. Die Beiden fuhren schnell auseinander. Er nahm ein Notenblatt in die Hand, und sie setzte sich vor die Claviatur und griff einige leise Accorde, als ob sie Beide eben im Begriffe ständen, einen Vortrag zu beginnen. Ein Diener trat ein, um sich zu erkundigen, ob die Herrschaften vielleicht einen Befehl für ihn hätten. Er erhielt den Bescheid, daß er nicht gebraucht werde, und wurde nach dem Baron und Milda gefragt. Er berichtete, daß Beide nach der Stadt gegangen und noch nicht wieder zurückgekehrt seien, und entfernte sich dann wieder. »Eigentlich eine Rücksichtslosigkeit gegen uns,« meinte Asta. »Man läßt doch nicht die Gäste allein, ohne sich vorher zu entschuldigen!« »Diese Rücksichtslosigkeit ist mir außerordentlich willkommen, denn sie bietet uns ja Gelegenheit, allein und unbelauscht zu sein.« »Jetzt nun nicht mehr. Nachdem wir erfahren haben, daß wir allein sein werden, dürfen wir nicht länger beisammen bleiben. Das würde der Dienerschaft auffallen. Diese Leute sind ja stets geneigt, sich Romane zu bilden, welche nur auf ihren vagen Vermuthungen beruhen. Man muß vermeiden, ihnen Gelegenheit dazu zu geben.« »Sie mögen Recht haben; aber was mache ich mir aus den Gedanken dieser Menschen!« »O bitte! Ein Herr braucht da vielleicht weniger Rücksicht zu nehmen als eine Dame. Ich mag auf keinen Fall der Dienerschaft Veranlassung zu irgend welchen Vermuthungen geben und werde mich also jetzt zurückziehen müssen.« »Wie schade, wie jammerschade!« »Liegt Ihnen denn gar so viel an meiner Nähe?« »Wie können Sie diese Frage aussprechen! Muß einem Menschen nicht Alles, Alles an seinem Glücke liegen, Asta?« »Ja. Aber haben Sie noch nicht gehört, daß das größte Glück der Liebe in dem Geheimnisse liegt, in welches sie sich so gern zu hüllen pflegt? Wir können uns ja sehen und sprechen, ohne daß es Andere bemerken.« »Wo?« »O, überall.« »Und wann?« »Zu jeder Zeit.« »Auch heut?« »Heut? Heut haben wir uns ja hier gesprochen!« »Aber wie lange! Nur so kurze Zeit. Es sind ja nur so wenige Minuten gewesen.« »Und doch wissen wir Alles, grad so, als ob wir seit Ewigkeiten beisammen gewesen wären. Nicht?« Sie war wieder von ihrem Stuhle aufgestanden und legte bei der letzteren Frage ihre Arme um seinen Leib. Zu ihm aufblickend, bot sie ihm den Mund zum Kusse, ein Wunsch, welchen er natürlich sofort und auch sehr vollständig erfüllte. Anstatt durch diese widerstandslose Hingabe sich warnen zu lassen, fühlte er sich von derselben in der Weise hingerissen, daß er ihr entgegnete: »Was sollen wir wissen? Nichts wissen wir, ganz und gar nichts. Wir haben uns ja kaum sagen können, daß wir uns lieb haben. Und was giebt es außer diesem nicht Alles noch zu sagen und zu besprechen! Asta, meine herrliche, süße Asta, wir müssen uns heute noch sehen! Ich lasse Sie nicht eher von hier fort, als bis Sie mir die Erfüllung dieses Wunsches versprochen haben!« »Ungestümer!« zürnte sie in scherzhaftem Tone. »Sie verlangen gar zu viel!« »Der Liebe ist nichts zu viel, sondern Alles zu wenig!« »Haben Sie denn nicht bereits genug geküßt?« »Nein. Und wenn ich Ihnen Tausend und Millionen Küsse gegeben hätte, so wäre es nicht genug, denn ich möchte an Ihren Lippen hangen in alle Ewigkeit. Bitte, bitte! Der Abend ist noch so lang und wir haben noch so viel Zeit, uns zu treffen.« »Ist denn Ihre Liebe gar so groß?« »Groß? Dieser Ausdruck sagt viel, viel zu wenig. Sie ist nicht groß, sondern unendlich.« »Sie machen mir fast Angst. Dazu ist sie so glühend, so – unbescheiden!« »Es liegt ja im Wesen der Liebe, daß sie unbescheiden sein muß. Sie Wünscht, sie verlangt, sie will erhört sein, sie will genießen. Und das kann sie nicht, wenn sie sich allein befindet. Oder haben Sie es noch nicht gehört: Die Liebe ist nicht gern allein, Es müssen immer Zweie sein!« »Aber Sie sehen doch ein, daß für heute die Erfüllung Ihres Wunsches eine Unmöglichkeit ist!« Sie sagte das freilich nicht in abweisendem Tone, sondern in einer Art und Weise, aus welcher er erkennen mußte, daß sie wohl selber auch wünschte, wieder mit ihm zusammen zu treffen. Darum wurde ihm der Einwand leicht: »Von einer Unmöglichkeit kann keine Rede sein. Es. kommt ja nur auf Ihren guten Willen an. Und wenn Sie mich wirklich lieben, so dürfen Sie nicht so grausam sein, mir die Erfüllung dieser ersten Bitte zu versagen.« »Also appelliren Sie an mein gutes Herz?« »Ja, und ich hoffe, daß es diese Appellation gelten lassen werde.« »Wohl gern. Aber sagen Sie, wo und wann wir uns treffen wollen! Wir sind ja zu beobachtet.« »So gehen wir fort, hinaus, in den Park.« »Gerade dies würde am Allermeisten auffallen, da man uns ja gehen sehen muß.« »So warten wir, bis man uns nicht mehr sehen kann!« »Also bis sich die Anderen zur Ruhe begeben haben? Ist Ihre Liebe denn wirklich so begehrlich, daß sie sich nicht einmal scheut, den Schlaf zu opfern?« »Nur den Schlaf? Asta, Ihnen könnte ich noch viel, viel mehr opfern – Alles, Alles! Und hier ist ja nicht von einem Opfer die Rede. Es ist ja das Glück, welches uns erwartet, der Himmel, die Seligkeit.« »Nun, wenn wir uns erst so spät sehen wollen, so ist es ja gar nicht nothwendig, das Schloß zu verlassen. Wir können uns da recht gut im Innern desselben treffen.« »Ausgezeichnet! Aber wo?« »Machen Sie einen Vorschlag.« »Ich nicht. Befehlen Sie selbst.« »Nun, ich möchte mich nicht allzu weit von meiner Wohnung entfernen, dieselbe womöglich nicht einmal verlassen.« »Desto lieber mir! Soll ich also zu Ihnen kommen?« »Ja, wenn Ihnen der Weg nicht zu weit ist.« Dabei lächelte sie ihn so schelmisch lockend an, daß er nach einigen abermaligen heißen Küssen antwortete: »Wie könnte er mir zu weit sein! Um Sie zu sehen, würde ich bis an das Ende der Welt gehen.« »Nun, eine solche Anstrengung verlange ich nicht von Ihnen. Kommen Sie also zu mir. Ich wohne natürlich drüben in der Damenabtheilung. Sie werden die zweite Thür des Corridors rechts nur angelehnt finden.« »Und wann?« »Sobald Milda mit dem Baron nach Hause gekommen ist und Alle schlafen gegangen sind.« Diese Abmachung wurde noch mit einigen Küssen besiegelt, welche das üppige Mädchen nicht empfing, sondern gab. Dann trennten sie sich. Anton ging von da an ruhelos in seinem Zimmer auf und ab. Er konnte den Augenblick des Stelldicheins kaum erwarten. Er dachte nicht an Leni; er stellte also auch nicht einen Vergleich an zwischen dieser und der koketten Aristokratin. Er befand sich überhaupt gar nicht in der Lage zu Vergleichen, denn sein Denkvermögen war absorbirt von dem einzigen Gedanken an die zärtlichen Stunden, welche ihn erwarteten. Er war überzeugt, daß Asta ihn wirklich liebe. Oder mußte sie ihn nicht lieben, wahr und heiß, da sie sich ihm so ganz ohne alle Gegenwehr zu Eigen gab? Daß eine Baronesse ihm ihr Herz geschenkt hatte, eine Baronesse, welche ein Jeder nur ihrer Schönheit allein wegen gern errungen hätte, das machte ihn förmlich betrunken. Durch diese Bekanntschaft, diese Liebe stieg er ja gleich eine ganze Reihe von Stufen empor aus der Armuth und Niedrigkeit zur Höhe und zum Reichthume. Leider wurde seine Geduld auf eine harte Probe gestellt, da Milda so spät von der Bürgermeisterin zurückkehrte. Dann aber, als tiefe Ruhe und Stille im Schlosse herrschte, schlich er sich leise und vorsichtig zu seiner Sirene. Das war der Schatten, welcher über den Corridor gehuscht war. Die Ruhe, welche soeben erwähnt wurde, war eine nur scheinbare, denn außer, den beiden Liebenden schliefen noch zwei Andere nicht: der Baron und Milda. Der Erstere war zu aufgeregt durch die Scene, welche er bei seiner einstigen Geliebten erlebt hatte. Er war blamirt worden in einem fast unmöglichen Grade. Seine Tochter hatte sich von ihm losgesagt und ihm sogar das Schloß verboten. Was war da zu thun? Bitten und gute Worte geben? Unmöglich! In diesem Falle hätte er unbedingt Max Walther als seinen Sohn anerkennen müssen, und das fiel ihm auf keinen Fall ein. Er nahm sich also vor, streng aufzutreten und auf seine Rechte nicht zu verzichten. Aber über das Wie war er sich nicht klar, und das Nachdenken darüber ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Und Milda konnte ebenso wenig schlafen wie er. Der Gedanke, den Vater aufgeben zu müssen, machte sie unglücklich, trotzdem sie sich niemals mit kindlicher Innigkeit hatte an ihn schließen können. Die Trauer darüber wurde freilich reichlich aufgewogen durch den beglückenden Gedanken an Max. Einen Bruder gefunden zu haben, und zwar einen solchen, dessen Persönlichkeit ihr sofort eine herzinnige Zuneigung abgezwungen hatte, das war ja ein höchst beseligendes Gefühl! Und ganz natürlich gedachte sie dabei auch seiner Mutter, welche so viel gelitten hatte. Sie fühlte sich so glücklich bei dem Gedanken, dieser Frau Ersatz bieten zu können für die leidvolle Vergangenheit. Sie wollte ihr eine Tochter, eine liebevolle Tochter sein; sie war ja doch seit den ersten Jahren ihres Lebens eine mutterlose Waise gewesen. Sie häkelte das Medaillon, welches sie an einer goldenen Kette am Halse trug, los und öffnete es. Die goldene Kapsel enthielt das Miniaturporträt der Verstorbenen. Sie betrachtete es mit liebevollem, feuchtem Blicke, wie sie es schon tausend-, tausendmal betrachtet hatte. Es waren so milde, freundliche Züge; aber diese Freundlichkeit war keine glückstrahlende, sondern eine trübe, wohl nur augenblickliche. Es sprach aus diesem Angesichte so viel Enttäuschung und schmerzliche Entsagung, daß der Beschauer sofort zur herzlichsten Theilnahme veranlaßt wurde. »Meine Mutter, meine liebe, liebe, arme, gute Mutter!« flüsterte Milda. »Erst jetzt verstehe ich den herben, wehmüthigen Zug, den selbst Dein mildes Lächeln nicht verbergen kann. Du hast viel und still gelitten. Das begreife ich nun Du bist längst erlöst; aber wenn Dein Geist jetzt bei mir weilt, so wirst Du begreifen, was ich heute empfunden habe. Es ist so schwer, so sehr schwer, auf den Vater verzichten zu müssen. Weile immerfort bei mir und hilf es mir tragen!« Sie preßte das Bild an ihre Lippen. Als sie es dann an seine Stelle wieder zurück stecken wollte, mochte sie es an einem Punkte, welchen sie bisher noch nicht so fest berührt hatte, etwas energischer als gewöhnlich drücken, denn es ließ sich ein leises Knacken hören. In dem Gedanken, das Medaillon beschädigt zu haben, zog sie es schnell wieder hervor, und siehe da, es hatte sich auf der hinteren Seite geöffnet, da, wo Milda niemals eine Möglichkeit der Oeffnung vermuthet hatte. Ganz überrascht hielt sie diese Seite dem Lichte näher. Steckte auch hier Etwas darin? Vielleicht ein zweites Bild? Nein. Sie erblickte kleine, kaum erkennbare Schriftzüge. Es lag ein kleiner, zusammengefalteter Zettel darin, aus dem allerdünnsten und feinsten Papier bestehend. Trotz der Kleinheit des Raumes, welchen er in der einen Medaillonhälfte eingenommen hatte, besaß er doch, als Milda ihn auseinander gefaltet hatte, die Größe des sechzehnten Theiles eines Schreibebogens. Die Schrift war wegen ihrer außerordentlichen Enge und Kleinheit für das bloße Auge kaum zu lesen. Doch besaß Milda ein niedliches Mikroscop. Sie war eine große Blumenliebhaberin und hatte sich dieses Vergrößerungsglas angeschafft, um selbst die kleinste Blüthe in allen ihren Theilen untersuchen zu können. »Wem gelten diese Zeilen?« fragte sie sich. »Mir oder einem Anderen? Im letzten Falle habe ich nicht das Recht, sie zu lesen. Aber Mama hat das Medaillon für mich bestimmt, also darf ich wohl ohne Bedenken die Schrift untersuchen.« Sie nahm das Mikroscop hervor und setzte es von Wort zu Wort auf das Papier. Auf diese Weise gelang es ihr, Folgendes zu lesen: »Meine süße Milda, mein herziges Töchterchen! Mit vieler Mühe habe ich diese Zeilen für Dich fixirt. Wenn Du sie liesest, werde ich wohl längst nicht mehr auf dieser Erde weilen. Es ist ein Vermächtniß, welches ich Dir hinterlasse. Ich habe viel gelitten, wohl unverschuldet; eine einzige Schuld nur habe ich auf dem Herzen liegen, und ich wage es, sie mit hinüber in das Jenseits zu nehmen, in der sicheren Erwartung, daß Du sie an meiner Stelle tilgen werdest. Ich muß Dir das Herzeleid anthun. Dir zu sagen, daß Dein Vater kein Ehrenmann ist. Du wirst vielleicht, wenn Du diese Zeilen liesest, genug Seelenfestigkeit besitzen, von dieser Mittheilung nicht niedergeschmettert zu werden. Er hat gesündigt, und ich war so schwach, um Deinetwillen und aus Furcht vor ihm darüber zu schweigen. Sobald Du mündig bist, aber nicht eher, sollst Du mein Bekenntniß lesen, denn vorher kannst Du ja keine Disposition über Dein Vermögen treffen. Es gilt, unrechtes Gut zurück zu erstatten. Vielleicht lebt dann Emilie von Sendingen noch, die oder deren Kinder ich vergeblich gesucht habe – heimlich, da Dein Vater nichts davon wissen darf. Gehe am Tage Deiner Mündigerklärung in die kleine Bibliothek, welche ich Dir hinterlasse, und nimm das –« Von diesem Worte an hatten die Zeilen aus irgend einem Grunde ihre Deutlichkeit verloren. Die Züge waren vergilbt und selbst durch das Mikroscop nicht mehr mit Deutlichkeit zu erkennen. Stundenlang noch saß Milda, aber nicht ein einziges Wort mehr brachte sie heraus. Ihre Mutter hatte sich von dieser Stelle an vielleicht einer anderen Tinte bedient, welche nicht die Güte der vorherigen besaß. Endlich, nach langer, vergeblicher Anstrengung, ließ sie von dem fruchtlosen Versuche ab. Sie legte Papier und Mikroscop fort, stand vom Stuhle auf und schritt erregt in dem Zimmer hin und her. »Meine Ahnung!« flüsterte sie. »Sie ist nicht glücklich gewesen. Sie ist gestorben, mit einer Schuld auf dem Gewissen – um meinetwillen! O Gott, die Arme, Arme! Und welche Schuld ist es? Sie spricht von der Zurückerstattung unrechten Gutes – an diese Emilie von Sendingen! Ist diese Letzter beraubt worden? Und von wem? Vom Vater?« Dieser Gedanke quälte sie entsetzlich. Ruhelos wanderte sie auf und ab. »Und erst, wenn ich mündig bin, soll ich es erfahren! So lange Zeit soll ich auch mitschuldig sein? Unmöglich! Was soll ich in der Bibliothek? Noch sind alle Bücher, welche Mama hinterlassen hat, vorhanden. Nein, nein, so lange Zeit warte ich nicht!« Sie machte eine höchst energische Handbewegung. »Fremdes Gut soll ich besitzen? Eine Diebin soll ich sein? Nein, nein, nein! Aber ich kann doch nicht weiter lesen! Ich weiß ja nicht, was ich machen soll! Freilich glaube ich, gehört zu haben, daß es chemische Mittel giebt, alte Schriftzüge lesbar zu machen. Das muß ich thun, das muß ich versuchen, und zwar sehr bald! Aber an wen wende ich mich da? Wem darf ich mich mittheilen, wem kann ich in dieser so discreten Angelegenheit mein Vertrauen schenken? Ah! Habe ich nicht einen Bruder? Habe ich nicht Max? Dem werde ich Alles sagen, und er wird mir behilflich sein, die Schrift zu enträthseln.« Sie legte den Zettel wieder zusammen und that ihn in das Medaillon zurück. Ueber dem nutzlosen Versuche, die Zeilen zu entziffern, war eine sehr lange Zeit vergangen. Die kurze Sommernacht war vorüber und der Morgen brach an. Milda löschte das Licht aus und die Helle, welche der junge Tag verbreitete, war hinreichend, alle Gegenstände, welche sich im Zimmer befanden, deutlich zu erkennen. Sollte sie jetzt nun schlafen gehen? Nein, sie fühlte kein Bedürfniß dazu. Sie war zu aufgeregt, als daß sie zu schlummern vermocht hätte. Sie wollte Beruhigung in der reinen, erfrischenden Morgenluft finden und verließ das Zimmer, um sich hinab in den Park zu begeben. Die dicken Läufer, welche auf dem Korridor lagen, dämpften ihre Schritte, zumal sie leise auftrat, um keinen Schläfer in der Ruhe zu stören. Der Corridor hatte ein breites Fenster, welches genügend Licht hereintreten ließ. Milda hatte fast die Thür erreicht, welche in Asta's Zimmer führte, als dieselbe geöffnet wurde. Sie blieb überrascht stehen. Sie konnte nicht gesehen werden, da die Thür nach derjenigen Seite aufgeschoben wurde, in welcher sie sich befand. Die zwei Sprechenden befanden sich unter dem Eingange des Zimmers und wurden von der Thür verdeckt. Zwei waren es, denn zuerst flüsterte die eine Stimme: »Leb wohl, mein süßes, süßes Mädchen!« Und dann antwortete die andere: »Leb wohl. Geliebter, leb wohl!« »Welche Seligkeiten habe ich bei Dir gefunden!« »Nein, sondern welche Seligkeiten hast Du mir gebracht! Komm, noch einen Kuß!« »Noch tausend, tausend!« »Dazu haben wir leider nicht die Zeit.« Das Geräusch mehrerer Küsse ließ sich hören; dann sagte die zweite Stimme: »So, nun ists genug!« »Nein, noch drei – zwei – nur noch einen!« »Hier! – aber nun geh auch! Es ist ja ganz hell auf dem Corridor!« »Und wann sehen wir uns wieder?« »Nach dem Frühstücke im Park.« Er ging, ohne sich umzublicken. Milda erkannte den Sänger. Er hatte den Schlafrock an und trug seine Stiefeletten in der Hand. Ohne sich zuvor zu überlegen, ob es gerathen sei, sich sehen zu lassen, trat sie rasch zwei – drei Schritte vor. Sie stand vor Asta, welche, die Thür noch in der Hand, dem Geliebten nachblickte, welcher soeben hinter der leise geöffneten Corridorthür stand. Die überraschte Liebhaberin hatte ein weißes, dünnes Nachtgewand an. Sie erschrak sichtlich, als sie Milda bemerkte. »Du – Du – Du!« stotterte sie. »Asta!« hauchte die Freundin, fast noch erschrockener als die Andere. »Du schläfst nicht!« »Nein! Und Du –« »Auch ich konnte nicht schlafen.« »Das läßt sich erklären, wenn man sich in solcher Gesellschaft befindet.« »Gesellschaft? Wie meinst Du das?« »Nun, – Warschauer!« »Ah, Du hast ihn gesehen?« »Nicht nur gesehen, sondern auch gehört habe ich Euch.« »So hast Du also – gelauscht! Höre, das ist in den Kreisen, zu denen wir gehören, streng verpöhnt!« Sie sagte das in einem so scharfen und verweisenden Tone, als ob nicht sie es sei, welche sich im Unrecht befand. »Ich kam nicht, um zu horchen,« antwortete Milda zurückweisend. »Ich wollte soeben hinab in den Park als Ihr die Thür öffnetet, und wurde somit Zeugin Eures Gespräches.« »So! Hoffentlich bist Du nicht eifersüchtig!« »Nein. Auf eine so zweifelhafte Errungenschaft kann ich unmöglich eifersüchtig sein.« »Zweifelhaft? Es ist stets ein Glück, einen hervorragenden, begabten Mann zu erobern.« »Auch wenn man diese Eroberung mit dem Verluste der Ehre bezahlt?« »Was fällt Dir ein! Ueberlegst Du Dir nicht, daß diese Worte eine Beleidigung gegen mich enthalten?« »Und überlegst Du Dir nicht, daß es eine Beleidigung ist, die Gastfreundlichkeit eines anständigen Hauses zu solchen – – Unerlaubtheiten zu benutzen?« Milda war wirklich seit gestern Abend eine ganz Andere geworden. Vorher wäre es ihr unmöglich gewesen, mit der selbstständigen und nicht wenig tyrannischen Freundin in diesem Tone zu sprechen. Asta fühlte sich auch wirklich davon betroffen. »Willst Du mir etwa verbieten, mit einem Herrn, welcher mich anbetet, zu verkehren?« fragte sie leise, aber in zornigem Tone. »Nein.« »Nun, so schweige!« Sie wollte sich beleidigt in das Zimmer zurückziehen, aber Milda ergriff die Thür und hielt sie noch einige Augenblicke offen. »Schweigen kann ich nur dann,« antwortete sie, »wenn dieser Verkehr, falls er hier bei mir stattfindet, zu einer anderen Zeit und in anderer Toilette vorgenommen wird. Blicke Dich an! So, wie Du hier stehst, kann sich nur eine Frau vor ihrem Manne sehen lassen.« »Pah! Was verstehst Du davon! Du bist ja ein Kind. Oder willst Du mir etwa verbieten, dem Sänger die Erlaubniß zu ferneren Besuchen zu ertheilen?« »Wenn Du meinst, daß es sich mit Deiner Ehre verträgt, so mag er Dich besuchen, wann und wie es ihm beliebt, nur aber nicht hier bei mir. Ich kann nicht wünschen, daß vielleicht Einer der Dienerschaft einen meiner Gäste bemerkt, welcher mit den Stiefeln in der Hand und im Schlafrocke des Nachts seine liebenswürdigen Visiten macht.« Sie wollte sich umdrehen, um sich zu entfernen. Jetzt aber wurde nun sie von Asta festgehalten. »Heißt das etwa,« fragte diese, »daß Du mir die Gastfreundschaft aufsagst?« »So unhöflich bin ich nicht. Nur bitte ich, zu bedenken, daß Du mir Rücksichten schuldig bist!« »Pah, Rücksichten! Rücksichten ist nur der Gastgeber seinem Gaste schuldig. Ich erkläre Dir, daß ich den Besuch meines jetzigen Geliebten noch sehr oft erwarte.« »In dieser Weise und zu dieser Zeit?« »Ja.« »So werde ich ihm sagen, daß sich dies mit meinen Ansichten nicht verträgt.« Asta's Augen leuchteten zornig auf. »Ihm willst Du es sagen, ihm?« zischte sie. »Ja.« »Weißt Du, wie Du mich dadurch blamirst?« »Ich habe Dir meinen Wunsch mitgetheilt und bei Dir kein Verständniß für denselben gefunden. Ich bin also, falls ich nicht Eins von Euch Beiden fortweisen will, gezwungen, mich an ihn zu wenden.« »So, so also ists gemeint! Das ist mir noch niemals geboten worden, und nun von Dir, von meiner Freundin!« »Als Freundin mußt Du doppelte Rücksicht hegen.« »Wieder diese alberne Rücksicht! Ich sage Dir, daß Du mit Herrn Warschauer nicht zu sprechen brauchst, denn ich werde Steinegg noch heute verlassen!« Sie blickte forschend in Milda's Gesicht. Sie glaubte, zu gewinnen, falls sie diesen Trumpf ausspiele. Doch die junge Schloßherrin antwortete ruhig: »So brauchst Du mir nur zu sagen, zu welcher Zeit ich Dir die Equipage, welche Dich nach dem Bahnhofe bringt, zur Verfügung stellen soll.« Asta blickte sie ganz betreten an. Das hatte sie nun freilich nicht erwartet. Ihr Trumpf war überstochen worden. »Ists wahr, ists wahr?« stieß sie hervor. »Du lässest mich gehen?« »Ja, gern. Es ist ja Dein Wille, und Du weißt ja, daß ich denselben stets befolgt habe.« »Und überlegst Du Dir auch, was dann kommen wird?« »Ich erwarte es in Ruhe.« »Ich werde nie, nie wiederkommen!« »Das thut mir leid; aber ich muß es eben so gut wie möglich ertragen.« »Ich werde Dich nie wieder kennen!« »Vielleicht habe ich dann doch einmal das Glück, eine andere Freundin kennen zu lernen.« »Und ich werde – ja, ganz gewiß, ich werde den Sänger und den Professor gleich mit mir von hier fortnehmen!« »Dann reisest Du ja in liebenswürdiger Gesellschaft. Das freut mich um Deinetwillen.« So erstaunt wie jetzt war Asta noch nie in ihrem Leben gewesen. Sie kannte die sonst so unselbstständige Freundin gar nicht mehr. Darum fuhr sie in einem Tone, als ob sie es gar nicht fassen könne, fort: »Aber, um aller Welt willen, was fällt Dir ein! Du bist ja ganz wie ausgewechselt! Bedenke doch, was Dein Vater sagen wird!« »Der wird wohl schweigen.« »Im Gegentheil. Du wirst eine außerordentliche Scene mit ihm haben.« »Ich fürchte diese Scene nicht.« »Wir sind ja auf seine Veranlassung hier. Wir sollen hier bleiben. Was wird er sagen, wenn er erfährt, daß Du uns fortweisest!« »Das habe ich nicht gethan. Du gehst aus eigenem Antriebe, und ich stelle mich Dir nicht hindernd in den Weg. Das ist Alles.« »Und doch ist es ganz dasselbe, als ob Du uns von hier fortjagtest!« »Nun, so entschließt er sich jedenfalls, Euch zu begleiten. Uebrigens haben wir diesem leidigen Thema bereits schon zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Lust zum Spaziergange ist mir verleidet. Ich gehe wieder nach meinem Zimmer.« »Ach, jetzt gestehst Du indirect ein, daß Du gar nicht beabsichtigtest, nach dem Park zu gehen. Du warst nur hier, um uns zu belauschen. Welch eine Gemeinheit von Dir!« Sie sagte das im Tone tiefster Indignation. »Glaube, was Dir beliebt,« antwortete Milda kalt. »Aber wirf mir keine Gemeinheit vor. Du sprichst sonst aus Deinem eigenen Spiegel!« Sie schob jetzt die Thür zu und ging, nach ihrem Zimmer zurückkehrend. Dort öffnete sie das Fenster und setzte sich an dasselbe, mit trüben Augen hinausschauend in die Landschaft, von deren frischen Angesicht soeben der Wind den dünnen Nebelschleier fortblies. Also nicht nur den Vater hatte sie verloren sondern auch die Freundin. Standen ihr außerdem noch andere Verluste bevor, etwa solche, die sich auf ihr Vermögen, ihren Reichthum bezogen? Jedenfalls. Das ließ sich ja aus dem Zettel schließen, welcher das Vermächtniß ihrer Mutter enthielt. So saß sie in Gedanken versunken. Sie beachtete es nicht, daß die Sonne sich erhoben hatte und allmählig höher stieg. Sie beachtete es auch nicht, daß das Leben im Innern des Schlosses erwachte und daß sich Schritte hören ließen. Nach und nach wurden ihre Lider müd und fielen über die Augen. Ihr Athem ging leiser und leiser; ihr Köpfchen sank seitwärts nieder – – sie schlummerte ein. Aber nicht lange war ihr dieses Vergessen des augenblicklichen Kummers beschieden. Sie wurde von dem Geräusch erweckt, welches durch das Oeffnen der Thür verursacht wurde. Sie erhob schnell den Kopf. Ein Diener stand am Eingange. »Verzeihung, gnädiges Fräulein! Ich soll nachschauen, ob Sie bereits wach sind.« »Wer befahl es?« »Der Herr Baron.« Bereits hatte sie den Befehl auf ihren Lippen, daß sie nicht zu sprechen sei, aber sie stieß doch auf einen Grund, diesen Entschluß zu ändern. »Sagen Sie ihm, daß ich wach und zu sprechen bin!« befahl sie. Doch blieb sie, als der Diener sich entfernt hatte, ruhig auf ihrem Stuhle sitzen. Auch als dann nach wenigen Minuten ihr Vater eintrat, machte sie keine Miene, sich zu erheben. Er warf einen finstern, forschenden Blick in ihr bleiches, übernächtigtes Gesicht und sagte, ohne ihr einen guten Morgen zu wünschen: »Kannst Du mich nicht begrüßen?« Sie blickte durch das Fenster und antwortete, ohne ihr Auge auf ihn zu »Ich glaube, gehört zu haben, daß es stets der Eintretende ist, welcher zu grüßen hat.« »Auch wenn dieser Eintretende der Vater ist?« »Dann vielleicht nicht.« »Nun – – –« »Dieser angenommene Fall kann bei mir nicht stattfinden. Ich habe Ihnen bereits gestern mitgetheilt, daß ich keinen Vater mehr habe. Ich bin Waise.« Er trat schnell näher zu ihr heran. »Hoffentlich fällt es Dir nicht ein, diese unsinnige Faxe weiter zu spielen!« »Sie mag unsinnig sein oder nicht, so gebe ich sie nicht auf. Es ist schade, darüber auch nur ein einziges Wort zu verlieren. Vermuthlich sind Sie in einer rein finanziellen Angelegenheit zu mir gekommen?« »Nein. Ich komme als Vater, welcher zu befehlen hat. Ich verlange unbedingt, daß – – –« Er hielt inne. Sie war langsam aufgestanden, hatte sich zu ihm herumgewendet und richtete nun ihr Auge mit einem so ernsten, hoheitsvollen Blick auf ihn, daß er verstummte. »Herr Baron,« sagte sie langsam und jedes Wort schwer betonend, »wollen Sie die Frau Bürgermeisterin Holberg zur Baronin von Alberg machen?« »Alle Teufel! Das fällt mir nicht ein!« rief er aus. »Wollen Sie den Lehrer Max Walther als Ihren Sohn anerkennen?« »Daß ich albern wäre! Ueberhaupt verbitte ich mir solche Fragen. Ich muß am Besten wissen, was ich zu thun habe, und am Allerwenigsten kannst Du es sein, von der ich mir – – –« »Und noch eine Frage!« fiel sie ihm in die Rede, indem sie an das Schreiben ihrer Mutter dachte, welches sie im Medaillon bei sich trug. »Wollen Sie mir sagen, ob Sie eine Dame Namens Emilie von Sindingen kennen?« Er wechselte die Farbe und trat um einen Schritt zurück. »Nun?« fragte sie, als er zögerte, ihr eine Antwort zu ertheilen.« »Nein,« antwortete er, »ich kenne sie nicht.« »Und haben Sie sie auch nicht gekannt?« »Nein.« »Ich merke, daß Sie zu Allem, was ich Ihnen vorzuwerfen habe, nun auch noch die offenbare Lüge fügen! Ach!« Sie that den letzten Ausruf in der Weise, wie man sich von irgend etwas ganz Verächtlichem abwendet. Dadurch wurde seine Verlegenheit in Zorn verwandelt. »Höre,« sagte er in drohendem Tone, »ich sage Dir jetzt allen Ernstes, daß das Theater endlich aus sein muß. Ich habe keine Lust, mich von Dir als Hanswurst behandeln zu lassen!« »Das thue ich auch nicht. Wären Sie nur Hanswurst, so könnte ich Sie doch wenigstens bemitleiden. Sie spielen aber die undankbare und moralisch abstoßende Rolle des Intriguanten. Sie sind der Mephisto, dessen Anblick einem jeden Guten zuwider ist. Und da Sie gesonnen sind, diese Rolle nicht aufzugeben, so kann unmöglich der Vorhang fallen. Der letzte Act ist ja noch nicht zu Ende.« »Er wird bald zu Ende gehen, noch heut oder bereits noch heut Morgen.« »Zu Ende? O, er hat noch gar nicht begonnen, sondern er wird erst in dem Augenblicke beginnen, an welchem Sie sich auf jene Emilie von Sendingen besonnen haben.« »Donnerwetter! Wer kann sich auf jeden Namen besinnen, den man während eines viel bewegten Lebens vielleicht einmal gehört hat!« »Vielleicht? Und nur einmal?« »Mehrmals gewiß nicht, denn sonst könnte ich mich besinnen. Mein Gedächtnis gehört ja nicht zu den allerschlechtesten. Uebrigens, wie kommst Du dazu, mich nach diesem Frauenzimmer zu fragen?« »Um über sie Auskunft von Ihnen zu erhalten.« »Thut mir leid!« lachte er höhnisch. »Ich kann da beim besten Willen nicht dienen.« »Besinnen Sie sich gefälligst!« »Wird ganz ohne Erfolg sein.« Sie standen sich nicht wie Vater und Tochter gegenüber, sondern wie feindliche Diplomaten, welche auf der Bühne sich anstrengen, einander an Klugheit und Finesse zu überbieten. »Nun,« sagte Milda mit Nachdruck, »wenn es Ihnen unmöglich ist, sich auf die Person zu besinnen, so wird es Ihnen vielleicht leichter, mir Auskunft zu geben, in welchen Verhältnissen sich diese Dame befunden hat.« »Schwerlich! Uebrigens, welche Art von Verhältnissen meinst Du da?« »Die pekuniären natürlich.« Er zog die Brauen hoch empor. In seinem Gesicht stand die Frage geschrieben, welche auszusprechen, er sich allerdings sehr hütete: »Weiß sie vielleicht mehr, als ich ahnen kann?« Laut sagte er hingegen: »Es versteht sich ganz von selbst, daß mir auch diese sehr unbekannt sind.« »Das ist mir wirklich unbegreiflich, denn die Dame hat durch Sie ganz bedeutende Verluste erlitten.« »Himmeldonnerwetter!« rief er aus. »Was fällt Dir ein!« Es war ihm anzusehen, daß der Hieb, welchen er jetzt erhalten hatte, sehr gut saß. »Mir fällt nichts ein,« antwortete sie. »Ich handle überhaupt nicht nach einem blosen Einfalle, sondern ich spreche aus Ueberlegung und Berechnung.« »Das ist außerordentlich zu bezweifeln!« »Ich werde es Ihnen sofort beweisen, daß ich aus Berechnung handle. Ich berechne mir nämlich soeben im stillen, wie groß die Summe ist, welche ich dieser Emilie von Sendingen zurückzuzahlen haben werde. Ich will ihr natürlich ihren Verlust ersetzen.« »Welche Dummheit!« rief er unüberlegt aus. »So eine riesige Summe.« Da erhob sie rasch und stolz den Kopf. »Ah, jetzt haben Sie sich gefangen! Jetzt haben Sie zugegeben, daß Sie von diesem Gelde wissen!« Er antwortete nicht sofort. Er war wüthend über sich selbst, daß er sich hatte übertölpeln lassen. Er zog sein Taschentuch, strich sich mit demselben über das Gesicht und antwortete dann: »Natürlich sagte ich das nur aus Ironie!« »Lüge! Die Ironie bedient sich einer ganz andern Betonung, Herr Baron. Ich erwarte, daß Sie mir jetzt Ihre Geständnisse machen.« »Geständnisse? Der Vater der Tochter? Das wird ja immer toller! Und damit ist nun auch meine Geduld zu Ende. Ich habe mir während dieser Nacht überlegt, daß es ein Fehler war, Dich so allein und ohne gesellschaftlichen Halt hierher nach Steinegg zu schicken. Ich werde diesen Fehler wieder gut machen, indem ich Dich wieder mit nach Wien nehme. Die Einrichtung dieses Schlosses werde ich einer geeigneteren Kraft übertragen. Mache Dich bereit, mit dem Mittagszuge abzureisen.« Sie schüttelte lächelnd das schöne Köpfchen. »Geben Sie sich keiner Täuschung hin, Herr Baron,« antwortete sie. »Ich lasse mir nie im Leben wieder einen Befehl von Ihnen geben. Sie werden also ohne mich abreisen müssen, dennoch aber nicht ohne passende Gesellschaft sein, denn Asta wird Sie begleiten, und voraussichtlich wird auch der Professor mit seinem Schüler sich Ihnen anschließen. »Wie? Was?« fragte er. »Die wollen reisen?« »Von Asta weiß und von den beiden Anderen vermuthe ich es.« »Warum?« »Weil ich es nicht dulden kann, daß Ihr berühmter Sänger die liebenswürdige Baronesse des Nachts im Schlafrock und in den Strümpfen besucht. Ich habe Beide überrascht.« »Ah! Also ein Rendezvous!« »Ja, von der niedrigsten Art.« »Mädchen! Was fällt Dir ein! Das ists ja grad, was ich gewünscht habe!« »Das glaube ich Ihnen, ich aber wünsche es nicht.« »Oho!« Er sagte dieses Wort wie eine Drohung. Darum trat sie vom Fenster hinweg einen Schritt auf ihn zu, hob den Kopf stolz höher und antwortete: »Und hoffentlich gilt hier mein Wunsch mehr als der Ihrige. Das Schloß ist in meinem Namen gekauft und auf denselben eingetragen. Ich bin die Besitzerin. Ich habe zu befehlen, ich und kein Anderer. Sie haben als Vater die Nutznießung meines Vermögens, soweit ich die Zinsen nicht selbst bedarf, und da ich dieses Vermögen von jetzt an nicht mehr als das meinige betrachte sondern als das Eigenthum jener Emilie von Sendingen, so werden wir unser Budget so tief wie möglich stellen. Ich werde, wie ich Ihnen bereits sagte, mich einem Rechtsgelehrten anvertrauen, so daß ich dessen, der sich meinen Vater nannte, vollständig entbehren kann. Reisen Sie also heut ab. Und da ich Ihnen gestern eine Summe geben mußte, so vermuthe ich, daß Sie kein Baargeld bei sich führen. Ich werde Ihnen aushelfen. Welche Summe brauchen Sie?« »Aus – hel – – fen!« stieß er sylbenweise hervor. »Das klingt ja sehr gut! Die Tochter will dem Vater aushelfen – aushelfen! Dummes Ding, ich werde Dir jetzt zeigen, wer hier zu gebieten hat! Dort steht die Cassete. Ich werde Dir gleich den Muth nehmen, welchen Du mir wohl nur darum zeigst, weil Du im Besitz der Casse bist. Sie gehört mir. Ich nehme sie in Beschlag.« Er trat an den Tisch, auf welchem die eiserne Schatulle lag, und wollte sie an sich nehmen; aber sie kam ihm mit einigen schnellen Schritten zuvor, legte die Hand darauf und sagte: »Halt! Das Geld ist mein, oder vielmehr, es gehört mir nicht, und ich muß es für die rechtmäßige Besitzerin verwalten. Lassen Sie also davon ab!« »Was! Ich soll nicht – – –« »Nein,« unterbrach sie ihn energisch, die Hand abwehrend gegen ihn ausstreckend. »O doch! Ich werde Dir zeigen, ob es hier einen Herrn oder eine Herrin giebt!« Er faßte ihren Arm. Da richtete sie sich zu ihrer ganzen Höhe auf und fragte: »Wollen Sie mit einer Dame ringen?« »Ja, wenn ich gezwungen werde!« »Dann gut! Ich werde aber – – – ah, Gott sei dank, es kommt Hilfe! Ich höre es.« Draußen auf dem Korridore wurden nämlich streitende Stimmen laut. »Zurück!« hörte man den Diener sagen. »Der Herr ist bei dem gnädigen Fräulein.« »Der? Der Herr Baron wohl?« fragte eine kräftige Stimme, in welcher Milda sofort diejenige des alten Wurzelsepp erkannt hatte. »Natürlich!« »Nun, da muß ich halt erst recht hinein!« »Nein, Sie bleiben hier!« »Du, mach mir keine Wippchen, sonsten machst Du mit meinem Alpenstock Bekanntschaft. Dich werd ich wohl fragen, ob ich dahin gehen darf, wohin ich gehen will!« »Mensch! Bist Du verrückt! Ohne Anmeldung darf überhaupt Niemand hinein.« »Das weiß ich schon auch. Aberst anmelden werd ich mich schon selberst dazu brauch ich keinen Faullenzern, der nur den ganzen Tag dasteht und das Mustern von dera Tapeten anklotzt. Mach Platz!« »Nein! Zurück!« »Was? Angreifen thust mich auch, mich, den Wurzelsepp! Du, da blas ich Dich gleich in denen Wind! So, da fliegst fort! Wünsch glückliche Reisen!« Man hörte, daß ein Mensch sehr kräftig weit fortgeschleudert wurde und gegen die Wand flog; dann wurde die Thür geöffnet und der Sepp trat ein. »Grüß Gott, und guten Morgen auch, Fräulein Baronessen!« sagte er, indem er die Thür hinter sich rasch wieder zuzog. »Nehmens es nicht übeln, daß ich selberst aufimacht hab!« »Nein, mein guter Sepp,« antwortete sie sehr freundlich. »Du kommst grad zur rechten Zeit.« »Wieder mal?« Es ist doch zum Verteuxeli, daß dera Sepp allemalen grad zur richtigen Zeiten kommt. Brauchst mich wohl?« »Ja.« »So sag nur, wozu! Was soll ich thun?« Er merkte es gar nicht, daß er sie vor Freude, so freundlich empfangen zu werden, duzte. Der Baron war nicht etwa zurückgetreten. Milda hatte sich beim Eintreten des Sepps von dem Tische entfernt, und das hatte er benutzt, sich der Schatulle zu bemächtigen. Er stand jetzt da, sie mit beiden Händen festhaltend. »Man will mich bestehlen,« antwortete sie. »Himmelsakra! Wer ist denn dera Kerlen, der das wagen will?« »Dieser Mann hier.« »Dera Baronen? Er will wohl da denen Kasten mausen?« »Ja. Es ist meine Casse.« »Und das willst nicht dulden?« »Nein. Er wollte Gewalt anwenden und sogar mit mir ringen. Da bist glücklicher Weise Du dazwischen gekommen.« »Na, so soll gleich das Theatern beginnen. Wart nur den einzigen Augenblick. Ich will mir nur erst die Händen frei machen.« Er legte Rucksack, Hut und Alpenstock weg und schritt dann breitspurig auf den Baron zu. Dieser wußte augenblicklich gar nicht, was er machen sollte. Die Situation war eine so ungewöhnliche, ja gradezu unglaubliche. Er that zunächst nichts weiter, als daß er den Sepp zornig anblickte. »Was machst für Augen?« sagte dieser. »Denkst wohl, daß man sich davor fürchten soll? Da kennst denen Wurzelseppen schlecht. Gleich thust den Kasten wiederum her auf den Tisch!« »Kerl!« donnerte der Baron. »Soll ich Dich festnehmen und auspeitschen lassen!« »Durch wen etwa»? Ich möcht wohl denen Krötenfrosch sehen, der es wagen wollt, seine Pratschen nach dem Sepp auszustrecken! Legst das Kasterl weg odern soll ich Dir helfen!« »Himmeldonnerwetter! Ich bin der Herr hier! »Ja, und ich bin dera neue Parkaufsehern, und wannt nicht gleich gehorchst, so sollst merken, wast für einen wackern Diener Du verengagerirt hast. Vorwärts gleich!« Er faßte die Casse mit an, schob sie dem Baron mit Gewalt an den Leib und zog sie dann ebenso schnell und kräftig wieder an sich. Dadurch entriß er sie dem Baron, setzte sie auf den Tisch, stellte sich vor denselben und sagte: »So! Da liegt sie hier! Und wer sie haben will, der mag versuchen, ob er die Festung wohl derstürmen kann.« Der Baron eilte zur Thür und zog die Glocke. Sogleich trat der Diener ein. »Schaff diesen Kerl hinaus! Er wird wegen Hausfriedensbruch arretirt.« Milda stand lächelnd still dabei. Der Sepp hatte ihr mit den Augen zugezwinkert, und das beruhigte sie. Der Diener trat auf den Alten zu, ergriff ihn am Aermel und sagte: »Vorwärts! Hinaus!« Er wollte ihn fortziehen. »Ja«, vorwärts und hinausi!« antwortete der Sepp, und im nächsten Augenblick flog der Diener zu der Thür, welche er offen gelassen, hatte, hinaus. Der Baron stieß vor Wuth einen Fluch aus und rief dem Diener, welcher sich schnell aufgerafft hatte und wieder hereinkam, zu: »Windbeutel! Hast keine Kraft! Hol Dir schnell Hilfe!« Der Diener eilte fort. Der Vater wendete sich zur Tochter: »Das ist eine Blamage, welche ich Dir nie vergessen werde. Ich werde Dir einen Stubenarrest dictiren, welcher so lange währt, bis Du mich weinend um Verzeihung bittest!« »Die Blamage haben Sie sich selbst bereitet,« entgegnete sie. »Der Stubenarrest existirt wohl nur in Ihrer Einbildung, und eine Bitte um Verzeihung erwarte ich von Ihnen.« »Das wird sich sogleich finden!« »Ja,« nickte der Sepp. »Das wird sich sogleich finden. Ich bin halt nur neugierig, was für eine Hilfen dera Diener bringen wird. Ich freu mich schon daraufi. Je Mehrere ich herausi werfen muß, desto liebern ist es mir. Und wann ich nachhero einmal warm worden bin, dann fliegt auch dera Herr Baronen mit durch das Atmosphärerl. Ach, Der kommt mit! Na, das kann mich gefreuen! Der kennt mich schon.« Der Diener war nämlich zunächst auf den Hausmeister gestoßen und brachte ihn mit. »Da steht das Subject,« sagte er. »Also zugegriffen!« Er kam herein. Der Hausmeister folgte ihm, aber langsam. »Du,« rief ihm der Sepp warnend entgegen, »schau hier an die Wand! Da hängt auch ein gar schöner Spiegeln. Willst hereinifliegen?« Der Angeredete betrachtete sich den Alten, welcher mit ausgespreizten Beinen und vorgestreckten Fäusten die Beiden erwartete, und warf dann einen bedenklich fragenden Blick auf den Baron. »Nun, vorwärt«!« befahl dieser. »Gnädiger Herr, dieser Mensch ist sehr rücksichtslos. Ihn anzufassen ist wirklich gefährlich.« »Ah, Du fürchtest Dich?« »Nein, aber ich bin Familienvater – – –!« »Du, das hast Du sehr schön sagt, daßt Vatern bist von dera Familien! Wannst mich angreifst, so mach ich alle Deine Kindern zum Wittwer! Nun komm heran!« »Beim Himmel, die Kerls fürchten sich!« rief der Baron. »Jetzt frag ich, ob Ihr gehorchen wollt oder ob ich Euch zum Teufel jagen soll.« Der Diener fühlte sich auch nicht wohl. Er war durch die Bedenklichkeit des Hausmeisters eingeschüchtert worden, und der Sepp hatte wirklich das Aussehen, als ob er bereit sei, es mit zehn Personen aufzunehmen. »Also, wollen wir?« fragte der Diener. »Ja, wenn wir müssen!« antwortete der Hausmeister. Sie kamen langsam auf den Sepp zu. »Schön!« sagte dieser. »Jetzt kanns beginnen. Aberst sagt mir nur auch, durch welches Fenstern ich Euch werfen soll, durchs erste oder zweite. Mir ists ganz huschischnuppi, und so mach ichs also ganz, wie es Euch gefallen thut.« Das schüchterte sie wieder ein. Sie blieben vor ihm stehen, ohne ihn anzufassen. Milda machte ihrer Verlegenheit ein Ende, indem sie ihnen erklärte: »Dieser Mann ist mir willkommen. Ihr habt Euch zu hüten, Euch an ihm zu vergreifen. Geht hinaus!« Das war Erlösung! Sie waren hinaus, ehe der Baron ein einziges Wort der Entgegnung hatte sagen können. Er wollte seinem Grimme Ausdruck geben, als die Thür abermals geöffnet wurde. Max Walther trat mit seiner Mutter ein. Beide blieben an der Thür stehen. »Na,« lachte der Sepp, »da sind sie nun. Ich bin ihnen nur voranlaufen, um hier zu sagen, daß sie gleich kommen werden.« Walther merkte auf den ersten Blick, daß es hier eine Differenz gegeben habe. Er sagte zu Milda: »Ich sah draußen die Dienerschaft in Erregung. Man achtete gar nicht auf uns. Und hier – – –? Bedarfst Du vielleicht meines Rathes, liebe Schwester?« Der Baron war vor innerer Aufregung ganz leichenblaß geworden. »Meine Tochter bedarf keines andern Rathes als des meinigen!« rief er. »Wer hat Ihnen überhaupt die Erlaubniß gegeben, hierher zu kommen?« »Die Herrin dieses Schlosses,« antwortete der Lehrer, ohne den Sprecher nur eines einzigen Blickes zu würdigen. »Liebe Milda, sag also, ob ich Dir hier dienen kann!« Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Willkommen, mein guter Max! Der Baron wollte eine Gewalt über mich ausüben, zu welcher er kein Recht hat. – Er beabsichtigte, sich hier meiner Kasse zu bemächtigen, und hat mir unter Anderem mit Stubenarrest gedroht, welcher so lange dauern soll, bis ich ihn unter Thränen um Verzeihung bitte.« »So? Hm!« machte es Walther, indem er geringschätzig die Achsel zuckte. »Dieser Mann verkennt die Situation so vollständig, daß ich ihn über dieselbe aufklären muß.« »Ich verbitte mir jedes Wort!« gebot der Baron. »Ich bin nicht der Mann, von einem Dorfschulmeister Aufklärung zu brauchen!« »Mir aber scheint es doch so! Ich sage Ihnen, Baron von Alberg, wenn Sie heut mit dem Mittagszuge nicht Steinegg verlassen, so reise ich morgen nach Wien und sorge dafür, daß Ihr früheres Handeln in den hervorragenden Blättern der Hauptstadt veröffentlicht werde. Es liegt in Ihrem eigenen Interesse, auf diese meine Weisung einzugehen. Sie haben nicht die mindeste Hoffnung, daß ich diesen Entschluß ändern werde, ebenso wie es ganz unmöglich ist, daß ich jemals meine Ansicht, welche ich über Sie hege, ändern kann. Wenn Sie klug sein wollen, so verlassen Sie dieses Zimmer!« »Was! Das bieten Sie mir?« »Ja,« antwortete schnell der Sepp. »Und weils halt so steht, so wirds mir eine große Freuden und eine hochgeschätzte Ehren sein. Dich hinausi zu schmeißen, wannst Dich nicht soforten von dannen machst. Also verschwind jetzunder nur, sonst helf ich nach!« Er trat auf den Baron zu. »Verflucht!« knirrschte dieser. »Hier geschieht geradezu das Unmögliche! Es fällt mir nicht ein, gegen die rohe Gewalt anzukämpfen; aber die Behörde wird Euch belehren, wer hier zu befehlen hat.« »Wer? Dazu brauchen wir die Behörd schon gar nimmer nicht. Hier hat Niemand zu befehlen als dera Wurzelseppen alleini. Und daßts weißt: Ich werd da bleiben und aufipassen, obst zu Mittagen mit dera Eisenbahnen von dannen fährst. Wannsts nicht machst, so fahr ich auch gleich mit nach dem Wien hinein, und dort werd ich denen Leutln sagen, wast für ein Schubiaken bist. Und nun sei so gut, und mach die Thür zu, aberst fein von draußen!« Er hatte gar nicht nöthig gehabt, diese Weisung auszusprechen, denn der Baron befand sich schon unter der Thür. Draußen im Corridor stand die Dienerschaft. Die Leute steckten die Köpfe zusammen und wichen zwar höflich vor ihm zurück, blickten ihm aber nicht etwa mit sehr ehrerbietigen Augen nach. Als er an Asta's Thür vorüber wollte, wurde dieselbe aufgestoßen. Sie war überhaupt nur angelehnt gewesen, denn die Bewohnerin des Zimmers hatte gelauscht. »Herr Baron, bitte!« sagte sie. Er trat ein. Sie zog die Thür hinter ihm zu und nöthigte ihn auf einen Stuhl. »Es scheinen hier ganz unbegreifliche Dinge vorzugehen,« sagte sie. »Ja, unbegreifliche, da haben Sie Recht.« »Und mit Ihrer Erlaubniß »Nein, gewiß nicht.« »Und dennoch dulden Sie es?« Er fuhr sich mit dem Tuche über die schwitzende Stirn und antwortete zögernd: »Ich kenne meine Tochter gar nicht mehr!« »Ich auch nicht. Sie ist gegen mich von einer Rücksichtslosigkeit gewesen, welche eigentlich mehr als beleidigend war.« »Ich weiß es.« »Ah! Sie hat davon gesprochen?« »Ja.« Sie erröthete doch ein Wenig. »Ich hatte mit Herrn Warschauer gestern einen Morgenspaziergang für heut verabredet, und er kam in der Frühe hier auf den Corridor, um ganz discret zu horchen, ob ich bereits erwacht sei. Zufälliger Weise trat ich gerade an diesem Augenblick aus meiner Thür. Wir sahen uns und wechselten einige Worte. Milda kam dazu. Natürlich zog sich der Herr sofort zurück. Ihre Tochter aber wagte es, mich in einer Weise zur Rede zu stellen, daß ich mich veranlaßt sehe, heute abzureisen.« Sie erwartete, daß er sie sofort in seinen Schutz nehmen und bitten werde, hier zu bleiben; aber zu ihrem Erstaunen antwortete er nur: »Ja, es ist wirklich ein Teufel in sie gefahren.« »Hm! Was für einer?« »Wenn ich das wüßte!« »Und zwar seit gestern Abend erst. Sie muß gestern in der Stadt irgend Etwas erlebt haben, was diesen Eindruck auf sie und diese schnelle Aenderung in ihrem Wesen hervorgebracht hat.« »Das vermuthe ich auch.« »Sie vermuthen es nur? Ich habe geglaubt, daß Sie sich bei ihr befanden. Mag es sein, was da wolle! Ich bin so beleidigt, daß ich auf Ihre mir sonst so werthvolle Gastfreundschaft verzichten muß. Ich kann nicht in diesem Hause mehr bleiben.« »Ich glaube es Ihnen und gebe Ihnen ganz Recht.« »Wie? Das ist Alles?« »Was verlangen Sie mehr?« »Sie geben mir Recht und nehmen mich nicht in Ihren Schutz? Wie soll ich das begreifen!« »Erklären Sie es sich sehr einfach durch die Verlegenheit, in welcher ich mich befinde.« »Sie kann keine große sein. Darf ich nach ihr fragen?« Diese Frage kam ihm höchst ungelegen, aber glücklicher Weise fiel ihm ein, was er gestern über das erste Zusammentreffen zwischen Asta und der Bürgermeisterin gehört hatte; darum antwortete er: »Diese Verlegenheit habe ich zum großen Theile Ihnen zu verdanken, beste Asta.« »Mir? Das ist mir unerklärlich.« »Sie haben diese sogenannte Bürgermeisterin durch Ihre Mißachtung beleidigt.« »Was mache ich mir daraus!« »Sie, ja! Aber ich habe mir Etwas daraus zu machen.« »Wieso? Ich kann mir doch unmöglich denken, daß diese Frau eine Person ist, auf welche Sie irgend eine Rücksicht zu nehmen haben, oder Sie ihr verpflichtet sind.« »Und doch ist es so.« »Ah! Unbegreiflich!« »Sie hat bedeutende Verbindungen in der Hauptstadt.« »Diese Frau? Das darf ich doch wohl bezweifeln!« »Ich wünschte auch, es war so. Aber Sie wissen ja, daß es gewisse Agenten und Agentinnen giebt, auf welche sogar Leute von hervorragender Stellung Rücksicht nehmen müssen.« »Und so eine ist sie?« »Ja. Ich habe soeben eine Nachricht von ihr erhalten, welche mich veranlaßt, heute nach Wien zurückzukehren.« »Sonderbar! Schon Milda sprach davon, daß Sie mich wohl begleiten würden.« »Weil sie die Nachricht bereits kannte, welche ich erst jetzt empfangen habe.« »Und Sie reisen wirklich?« »Ja. Und Sie?« »Jedenfalls; aber – – nicht allein.« Sie sagte das mit ausdrücklicher Betonung. »Nicht allein? Meinen Sie meine Begleitung?« »O nein. Ich glaube, daß Herr Warschauer sich mir anschließen werde.« »Der?« fragte der Baron fast erschrocken. »Das wäre mir sehr unlieb.« »Warum?« »Weil – hm, Sie wissen ja, welche Absichten ich mit ihm verfolge. Ich wollte das Verdienst besitzen, daß er sich bei mir zum Sänger ausgebildet habe.« »Das kann ja trotzdem noch geschehen. Muß es denn gerade hier in Steinegg sein? Steinegg ist ja nicht Ihre einzige Besitzung.« »Da haben Sie ja Recht. Ich werde sofort zu ihm gehen, um mit ihm zu sprechen.« »Nein; überlassen Sie das mir, Herr Baron. Ich schmeichle mir, mehr Einfluß auf ihn zu haben, als Sie. Ich sah ihn vor einigen Minuten vor meinen Fenstern vorbei gehen. Er befindet sich im Garten. Da werde ich ihn aufsuchen.« »Und Sie glauben, ihn zu überreden, mit uns zu gehen?« »Jedenfalls.« »Aber dieser Professor!« »O, der macht mir keine Sorgen! Der läuft dahin, wo der Sänger hingeht. Er will ganz allein den Ruhm haben, seine Ausbildung vollendet zu haben. Also gehen Sie getrost nach Ihrem Zimmer. Ich werde Ihnen nachher Nachricht bringen.« Der Baron ging. Als er auf den Corridor trat, kam der Sepp gerade aus Milda's Zimmer. Er hatte bemerkt, daß zwischen ihr, dem Lehrer und der Bürgermeisterin ein Gespräch angeknüpft worden war, bei welchem seine Anwesenheit nur störend wirken konnte, und so hatte er sich in seiner Bescheidenheit für einige Zeit entfernen zu müssen geglaubt. Er wollte still an den Dienern vorübergehen, ohne ihnen Beachtung zu schenken; aber Einer von ihnen sagte dem Andern halblaut: »Ein verfluchter Strolch!« Da blieb der Sepp vor ihm stehen, sah ihn mit funkelnden Augen an, holte zum Schlage aus und fragte: »Meinst mich?« »O nein!« antwortete der Mann sehr schnell. Da trat ihm der Sepp noch um einen Schritt näher und sagte: »Entwedern hast Dich gemeint odern mich; einen Andern keineswegs. Wannst eine Ohrwatschen haben willst, daß Dir dera Kopf so breit wird wie ein Kuchenbret, wann sollst mich meint haben. Also red schnell: Wer ist dera verfluchtge Strolchen?« »Du nicht.« »Aber wer sonst? Herausi damit!« Er hielt die Hand noch immer erhoben. Wenn er zuschlug, so mußte das eine gewaltige Ohrfeige geben. »Ich bins,« antwortete der Diener kleinlaut. »Du also!« lachte der Sepp. »Na, hast auch Recht. Dir steht mans ja gleich sofort an, daßt ein Strolchen bist. Aberst zu sagen brauchsts doch Niemand. Vielleichten gäbs doch Einen, ders nicht gleich glauben thät, und das wär ein Unrechten, wie es Dir gar nicht größern geschehen könnt.« Er ging. Der Diener wurde von seinen Kameraden natürlich ausgelacht, hielt ihnen aber vor daß sie ganz dieselbe Furcht wie er gezeigt hätten. Und da hatte er Recht. Der Sepp ging hinunter in den Blumengarten. Dort strich er langsam zwischen den duftenden Beeten hin und näherte sich dabei einer Laube, welche so dicht mit Blättern bewachsen war, daß man von außen nicht in das Innere blicken konnte. Er trat hinein. Ein Herr saß da, den er nicht sogleich erkannte. Er füllte ja mit seiner Gestalt den Eingang so, daß er das Innere verfinsterte. Er wich einen Schritt zurück und sagte: »Vertorium! Da ist schon eine Einquartirungen da. Bitt schön um Verzeihungen!« Er wollte fort, warf aber doch vorher noch einen scharfen Blick hinein und blieb dann ganz erstaunt halten. »Alle guten Geistern – – –! Wer ist das?« Es war der Anton. Dieser hatte den Sepp sofort erkannt und hoffte schon, daß dieser ihn nicht erkennen werde. Darum hatte er nicht geantwortet. »Hab ich die Augen verwechselt?« fuhr der Sepp fort. »Ist das nicht dera Krikelantonen?« Jetzt war dieser gezwungen, zu antworten: »Ja, der bin ich.« »So! Wannst der bist, so brauch ich ja nicht auszureißen. Mach Platz da auf dera Holzbanken, und grüß Dich Gott!« »Grüß Gott!« antwortete der Anton verdrießlich, indem er zurückte und dem Alten die Hand gab. »Ja, wie redest denn heut? Hast wohl gar einen Borstbesen verschluckt? So verschling die Magd auch noch gleich, nachher kann sie Dir die Seel auskehren und auswischen, daß sie wieder saubern wird.« »Meinst, daß meine Seele schmutzig ist?« »Weiß nicht. Aberst Dein Gesichten ist lang nicht mehr so hell, wie es frühern war. Was hast auf dem Herzen?« »Nichts.« »Ist Dir was Unguts widerfahren?« »Auch nicht. »Aberst eine recht schlechte Launen hast!« »Die Seelenstimmungen lassen sich nicht commandiren.« Da erst betrachtete der Sepp sich seinen Bekannten genauer. Dann schlug er sich mit der Hand auf das Bein, daß es laut klatschte und rief: »Die Seelenstimmungen lassen sich nicht commandiren! Na, Anton, wie redest denn eigentlich! Das klingt ja grad, als obst ein Regierungsrathen worden wärst! Hast wohl Deine Sprach vertauscht?« »Man kann sich doch wohl auch einmal eines andern Dialectes bedienen!« »Himmelsakra! Schwatzt dieser Kerlen jetzunder nobel! Und was hast da für ein Gewandl an! Schaust ja aus wie ein feiner Stadtherren!« »Der bin ich auch.« »So! Hat denn das Geschäft so viel Geld bracht?« »Ja.« »Sappermenten! Da werd ich auch in den nächsten Tagen ein Tabuletkramer!« »Nun, mit diesem war kein so großer Ueberschuß zu machen. Es gab da bei allem Verdienste, welches doch nur ein bescheidenes war, zuweilen auch einmal eine Unterbilanz.« »Unterbilanz! Donnerstag! Bring mir nicht solche Brocken! Die kann ich nicht verdauen und nicht vertragen. Red lieberst, wie Dir dera Schnabeln ans Maul wachsen ist! Oder hast Deine Muttersprachen schon gar verlernt? Da könntst mir sehr leid thun!« »Ich verkehre jetzt in feiner Gesellschaft, da habe ich mich auch einer andern Ausdrucksweise zu befleißigen.« »Ausdrucksweise zu befleißigen! Was das für ein unverständiger Klumpatschen ist! Jetzt redest mit dem Sepp, und der verlangt keine Ausdrucksweisen, sondern die alte treue Red, die frühern habt hast. Mit denen feinen Wörterln, die man mit dera Zungen zerquetschen muß, fangst bei mir nix an. Also das Tabuletkramergeschäft hast nicht gemeint?« »Nein. Ich hab jetzt halt ein andres, ein viel besseres.« »So! Und was ist denn das für eins?« »Ich fang Dirndln.« »Dirndln! So! Bringt das viel eini?« »Sehr viel, denn ich fang halt blos reiche.« »Und beißens denn auch an?« »O, gern.« »Auf den Krikelanton?« »Ja; aberst der bin ich nicht mehr.« »Was bist dann?« »Ein Kavalier.« »So, also auch ein Kaviller! Schau, zu was mans bringen kann, wann man die Heimathen vergißt und Die, welche Einen da lieb habt haben. Wo wohnst denn nun jetzunder?« »Das geht Niemand nix an.« »Hast Recht! Aberst was treibst hier in Steinegg?« »Ich bin auf Besuch hier.« »Wohl bei dem Nachtwächtern?« »Hm! Beim Baron.« »Schneid nicht aufi!« »Wannsts nicht glaubst, so frag. Ich hab hier im Schloß zwei Zimmern, in denen ich wohn.« »Na, wanns so ist, da kannst Dir wohl sehr viel drauf einbilden?« »Allemal! Oder hast Du etwan schon mal bei einem Baronen wohnt?« »O bei noch größeren Herren! Wanns weitern nix ist! Ich hab schon beim König wohnt. Und wannst Dirndln fangst, so willst wohl auch hier eine fangen? »Ja, freilich.« »Wohl gar die Fräulein Milda?« »Nein, sondern eine viel bessere und schönere. Sie hat auch einen schöneren Namen – – Asta.« »Sapristi! Die also?« »Ja. Kennst sie? Hast sie schon sehen?« »Wills meinen!« »Nun also! Was sagst dazu, daß ich sie fangen hab?« »Na, hör Mal, obst sie auch hast!« »Fest, sehr fest.« »Der Krikelanton eine Baronessen!« »Es ist aberst doch so!« »Wanns ist, so gratulir ich Dir! Kannst stolz sein, sehr stolz! Wohnst bei einem Baronen und hast eine Baronessen fangen! Aberst den Baronen hab ich soeben zur Thüren hinausschmissen, und die Baronessin wird aus Haus jagt!« »Lügner!« brauste der Anton auf. »Du, so kommst mir nicht! Wer den Wurzelseppen einen Lügnern schimpft, der kann sehr leicht einige Ohrwatschen heimtragen!« »Dera Krikelanton nicht!« »Der bist ja nicht mehr! Jetzt bist ein Stadtherr, ein feiner, und da hast eine Kopfnüssen drin, ehe Du Dichs nur versiehst. Ich hab die Wahrheiten sagt. Der Baron muß fort und die Asta auch.« »So weiß ich noch nix davon. Ich hab ja erst in dieser Nacht mit sprochen.« »So! Sprichst also in dera Nacht mit ihr!« »Ja, weißt, das ist die beste Zeit dazu.« »Da umärmelst und küßt sie wohl auch?« »Freilich.« »So mußt das freilich in dera Nacht thun, damitst nicht siehst, wast küssen thust. Bist ein Schöner worden, ein sehr schöner! Und den hat meine brave Leni so lieb habt!« »Laß mich mit dieser aus! Sie, die – – Sängerin!« »Nun, was bist denn Du, he?« »Mehr als sie!« »Ein Pflastertreter bist, der denen Mädels nachlauft! Nicht mal Tabuletkramer bist mehr! Auf meine Leni schimpfst! Etwan weils eine Sängrin ist? Na, wann Du mal so kommen könntst, wie sie schon kommen ist. Du Lodrian!« »Meinst, wann ich ein Sänger war?« »Ja.« »O Jegerl! Da brauch ich nur zu wollen!« »Bild Dir nur nix eini! Du hättst das Geschicken, Sänger zu sein! Dein Kehlen ist wie ein alter Spritzenschlauch. Was Du singst, dabei kann man vor Angst die Diphterithissen bekommen. Ich kenn es ja, denn ich habs hört.» »Du, mach mich nicht schlecht!« »Und Du, mach mir meine Leni nicht schlecht!« »Ja, weißt noch, was wir uns zum Abschied sungen haben?« »Weiß schon.« »Das war schön, und dabei bleibts.« »Hab nix dagegen. Aber spiel Dich nur nicht etwan als einen so gar Klugen aufi! Ich weiß doch, was ich von Dir denken soll. Ein hübscher Kerlen bist zwar, das ist wahr. Aberst wannst das jetzunder anwendst, um Dirndln zu fangen, so kannst mich nur sehr derbarmen. Dann bist ganz der richtige Lumpazi worden. Und daßt die Baronessen Asta fangen hast, das glaub ich schon gar nicht. Sie taugt zwar nix, aberst an denen Krikelanton wirds sich doch nicht wegwerfen.« Der Anton erhob sich langsam von seinem Platze und sagte im Töne der Ueberlegenheit: »Das meinst wirklich?« »Ja, das mein ich halt.« »Soll ich Dirs beweisen?« »Das kannst nicht.« »Oho! Da schau mal hinaus in den Garten! Wer kommt da? Wer ist Die?« Sepp folgte der Aufforderung. »Sappermenten! Das ist ja grad die Asta.« »Ja. Und willst sehen, daß sie wirklich meine Liebste ist?« »Da, wär ich freilich neubegierig.« »Sollsts gleich sehen. Aberst blicken lassen darfst Dich jetzt nicht vor ihr, sonst störst uns.« »Werds mir merken.« »So paß auf.« Er trat aus der Laube. Asta war in einem Seitenwege verschwunden. Er bog nach derselben Seite ein. Sepp, der ihn nun nicht mehr sehen konnte, ließ den Kopf hängen. »Leni, meine arme Leni!« seufzte er. »Und diesen Kerlen hast heut noch lieb! Was wirst sagen, wannsts hören thust! Ich thät so gern sterben, gleich hier auf dera Stell, wann ich Dir diesen Schmerzen dersparen könnt!« Er wischte sich die alten Augen und wartete. Bald kam der Anton mit Asta wieder in Sicht. Sie gingen Arm in Arm. Bald umschlang er sie und zog sie an sich. Sie ließ es geschehen, und als er sie küßte, gab sie ihm freiwillig seinen Kuß zurück. Dann führte er sie wieder nach einem der Seitenwege. Der alte Wurzelhändler ballte die Faust. »Jetzt, wann ich könnt, möcht ich ihn derschlagen! Doch wärs eine gar große Dummheiten, denn er ists gar nicht werth, daß ich ihn nur berühr. Ich will lieber gehn.« Er stand auf und entfernte sich langsam. Grad als er nach dem Eingang lenkte, traten die Beiden hinter einem Bosquet hervor. Sie hielten sich eng umschlungen. » Fi donc ! Der alte Stromer!« sagte sie, als sie ihn erblickte. »Fort, aus seiner Nähe! Er stinkt!« Anton ließ sich von ihr fortführen, ohne auch nur dem Alten einen Blick der Entschuldigung zuzuwerfen. Sepp blieb stehen und schaute ihnen nach. »Stromer!« sagte er. »Ich stink! Ja, ja, so sind diese Feinen! Und dera Anton hat kein Wort sagt, kein einziges! Wann Jemand zu mir sagt hätt, daß er stinken thät, so hätts bei mir eine Ohrfeigen setzt, neun Centnern schwer! Er ist verloren, ganz, und gar verloren, das ist nun sichern und gewiß. Leni, Leni! Geb der liebe Herrgottle, daß Dirs Herz nicht bricht!« Er schritt langsam dem Schlosse zu. Nach einiger Zeit kam er wieder heraus, den alten Hut auf und den Bergstock in der Hand. Er hatte diese drei Gegenstände oben geholt, ohne ein Wort weiter zu sagen, als daß er beim Mittagszuge aufpassen werde, ob der Baron auch wirklich abfahre. Milda hatte unterdessen dem Bruder erzählt, daß sie während der Nacht den geheimnißvollen Zettel im Medaillon gefunden habe, und ihm denselben auch vorgelegt. Mit ihrer Erlaubniß und mit Hilfe des Mikroskopes hatte er ihn gelesen, allerdings auch nur bis zu der betreffenden Stelle, von welcher an die Tinte so verbleicht war. Trotz aller Mühe gelang es ihm nicht, auch nur ein einziges, weiteres Wort zu entziffern. »Schade, schade!« sagte er. »Jetzt kommt gewiß grad die Hauptsache, und da kann man nicht weiter.« »Auch ich bedaure das. Aber ich habe gehört, daß es Mittel gäbe, solche verblichene Tinte wieder zu erneuern.« »Die giebt es allerdings.« »Und sind sie Dir vielleicht bekannt?« »Mehrere. Man muß dabei sehr versichtig sein, da es auf die Art der Dinte ankommt, mit welcher die verblichenen Worte geschrieben sind. Es gehört ein Wenig Chemie dazu, um das Richtige zu treffen.« »Und besitzest Du diese Kenntnisse. Max?« »Ich bin kein Chemiker. Dichtkunst und Chemie sind nicht Schwestern, welche sich lieben. Aber dennoch getraue ich mir, diese Schrift leserlich zu machen. Mit einer Abkochung von Galläpfeln und klar geschnittenen weißen Zwiebeln kann man jede verblichene Galläpfeltinte wieder so leserlich machen, wie sie vorher gewesen ist. Nur muß man sich in Acht nehmen, das Original nicht zu verderben.« »Wenn Du das thun wolltest?« »Gern. Da müßtest Du mir aber diesen Zettel anvertrauen.« »Ohne Bedenken. Nimm ihn also mit. Aber wird es lange dauern, ehe ich ihn wieder erhalte?« »Nein, höchstens drei Tage. Dann bringe ich ihn Dir wieder. Aber, Milda, weißt Du auch, was Du unternimmst?« Sein Auge war dabei mit mildernstem Blick auf sie gerichtet. »Ja,« nickte sie. »Jetzt bist Du reich. Du kannst nicht wissen, was dieser Zettel weiter enthält. Hast Du ihn einmal zu Ende gelesen, so hast Du auch die Verpflichtung, nach ihm zu handeln.« »Die habe ich jetzt schon.« »Aber bedenke, daß der Inhalt Dein ganzes Vermögen auf das Spiel setzen kann.« »Ich würde es hingeben, wenn ich kein Recht habe, es zu besitzen.« »Weißt Du auch, was dies bedeutet? Du kennst die Armuth nicht!« »Max, ich werde niemals arm sein. Ich habe jetzt Dich und Deine Mutter, welche auch die meinige sein soll. Bei Euch finde ich die Liebe, welche ich noch nie gefunden habe. Ich bleibe reich und glücklich, selbst wenn ich Alles, Alles hergeben muß.« Da legte er den Arm um sie und zog sie innig an sich. »Gott segne Dich, mein liebes Schwesterherz!« sagte er, sie auf die Stirn küssend. »Du hast Recht. Du wirst niemals arm sein. Dein gutes Herz und Dein edler Sinn, das sind Reichthümer, welche Dir nicht genommen werden können: Und für mich sollte es beglückend sein, wenn ich für Dich sorgen dürfte. Jetzt aber kommt! Ihr wollt mich eine Strecke weit begleiten, und wenn ich zur rechten Zeit in Hohenwald ankommen will, so habe ich mich nun zu beeilen.« – – Siebentes Capitel. Seelenstimmen Um die Mittagszeit stellte sich der Sepp auf dem Bahnhofe ein. Er stellte sich so, daß er Alles sehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Da bemerkte er, daß eine Equipage vier Personen vom Schlosse brachte, den Baron, Asta, Anton und den Professor. Ein leichter Wagen folgte mit dem Gepäck. Es wurden die Billets gelöst und dann gaben die Herrschaften das Gepäck auf. Die Wagen kehrten zurück. Jetzt war der Sepp überzeugt, daß der Baron wirklich abreisen werde. Was sollte der Alte die Ankunft und Wiederabfahrt des Zuges abwarten? Das hatte keinen Zweck mehr. Er wollte nach Hohenwald, und da sich der Himmel mit dunklen Wolken zu umziehen begann, welche wohl gar ein Gewitter erwarten ließen, so trollte er sich eiligst von dannen, um noch vor Ausbruch des Regens sein Ziel zu erreichen. Erst eine halbe Stunde später kam der Zug. Er hatte hier längere Zeit zu halten; darum beeilten sich die auf ihn wartenden Passagiere gar nicht zu sehr mit dem Einsteigen. Unter den Ausgestiegenen befand sich ein junger Mann, welcher nicht sehr viel über zwanzig Jahren zählen mochte. Er war hoch und schlank gebaut, brünett und besaß ein aristokratisch gezeichnetes Gesicht, dem man es ansah, daß der Jüngling sich viel mit Denken beschäftige. Dieses Gesicht war jetzt tief gebräunt, als ob eine südliche Sonne ihre Spuren auf demselben zurückgelassen habe. Er trug einen einfachen, dunklen Reiseanzug, einen breitkrämpigen Hut und einen kleinen Tornister auf dem Rücken. Der Stock in der Hand war eine Palme, wie man sie in Italien zu kaufen bekommt. Er hatte sich zuerst auf dem Perron umgesehen und schlenderte nun langsam nach dem Wartezimmer erster und zweiter Classe. Eben als er dort eintreten wollte, wurde die Thür geöffnet und – der Baron kam heraus. Das Auge dieses Letzteren fiel auf den jungen Mann, und bei dem Anblicke desselben ließ er erschrocken den Regenschirm fallen, welchen er in der Hand trug. »Rudolf!« stammelte er. Der Fremde, welcher sich höflich gebückt hatte, um dem älteren Manne den Schirm aufzuheben, reichte ihm denselben dar und sagte im Tone des Erstaunens: »Kennen Sie mich?« »Sandau!« stieß der Baron abermals hervor, ohne diese Frage zu beachten. »Das ist mein Name.« »Alle tausend Teufel! Du hast Dich verdammt gut conservirt, oder –« Er hielt inne, machte ein ganz unbeschreibliches Gesicht, schlug sich mit der Hand an die Stirn und fuhr dann fort: »Wo denke ich hin! Welch eine Täuschung! Wie können Sie der sein, für den ich Sie hielt! Sie zählen vielleicht wenig über zwanzig!« »Dreiundzwanzig.« »Der, welchen ich meine, müßte heute mehr als doppelt so alt sein. Aber bitte, wie heißen Sie?« »Rudolf Sandau.« »So, so! Ist allerdings ein ganz auffälliger Irrthum, eine Verwechslung!« Sein Blick war fast feindselig forschend auf den Jüngling gerichtet. Dieser antwortete in höflicher Entgegnung: »Eine Verwechslung kann nicht vorliegen.« »O doch!« »Sie kennen ja meinen Namen!« Ueber das Gesicht des Barons zuckte es wie verhaltener Zorn. Er antwortete: »Heißen Sie denn wirklich so?« »Ja, Rudolf Sandau.« »Nun, so bleibt es dennoch eine Verwechslung. Ich habe Sie für Ihren Vater gehalten, den ich zum letzten Male erblickte, als er noch in Ihrem Alter stand. Sein Bild ist fest in meinem Gedächtnisse geblieben und so ist es gar kein Wunder, wenn ich jetzt nicht an die Jahre dachte, welche seit jener Zeit verflossen sind. Aber, um ganz sicher zu gehen, bitte, was war Ihr Vater?« »Er war Feldmesser.« Das eine Auge des Barons kniff sich zusammen. Sein Blick ruhte auf Rudolf grad so, wie das Auge eines Criminalisten sich auf den Verbrecher richtet. »Feldmesser? Geometer also? Das kann doch nicht sein. In diesem Falle müßte ich mich doch geirrt haben. War er nicht Officier?« »Nein. Er ist als Feldmesser gestorben.« »So! Hm! Wo?« »Drüben im fernen Westen.« »Ah, so!« nickte der Baron jetzt lebhaft. »Also in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. So ist er todt?« »Seit langer, langer Zeit.« »Haben Sie Geschwister?« »Nein. Ich bin das einzige Kind.« »Lebt Ihre Mutter noch?« »Ja, mein Herr.« »Wo?« »In Eichenfeld.« »Kenne ich nicht. Habe diesen Namen noch nie gehört.« »Eichenfeld ist ein kleines Städtchen jenseits der bayrischen Grenze. Wenn man von Steinegg nach Hohenwald geht, biegt man auf halbem Wege links ab. Es liegt oben auf dem Kamme des Gebirges.« »So, so! Ich hoffe, daß Ihr Vater Vermögen hinterlassen hat?« »Ja.« »Ist es bedeutend?« »Es ist hinreichend für Mutter und mich.« »Und was sind Sie?« »Ich bin Schüler der polytechnischen Schule zu München.« In diesem Augenblicke läutete es zum zweiten Male. Das schien dem Baron gelegen zu kommen. Er hatte genug erfahren und wollte sich nun schnell losreißen, um über sich keine Auskunft geben zu müssen. Nur zwei Fragen noch hatte er: »Natürlich wissen Sie, was für eine Geborene Ihre Mutter ist? Wie war ihr Mädchenname?« »Emilie Sendingen.« »Nicht ›von‹ Sendingen?« »Nein. Sie war bürgerlich.« »Aber Ihr Vater war ein ›von‹ Sandau?« »Auch nicht. Vater war ebensowenig von Adel wie Mutter.« »So! Hm! Da habe ich mich wirklich geirrt, wirklich. Das ist aber menschlich und kommt oft vor. Bitte sehr um Entschuldigung!« Er tippste an die Krämpe seines Hutes und eilte nach dem Coupee, in welches die drei Andern bereits eingestiegen waren. Rudolf Sandau blickte ihm befremdet nach. Er hatte sich ausfragen lassen, wie auf dem Einwohneramte und nicht Gelegenheit gehabt, selbst eine Frage zu thun. Wer war dieser sonderbare Mann? Aristokratisch sah er aus. Rudolf ging zu einem der Bahnbeamten, welcher ganz in der Nähe gestanden hatte. »Haben Sie sich den Herrn betrachtet, mit welchen ich jetzt sprach?« »Sehr wohl.« »Kannten Sie ihn?« »Nein. Ich habe ihn noch nie gesehen.« »Jedenfalls aber ist er aus dieser Gegend?« »Das bezweifle ich sehr. Ich bin hier geboren und kenne die meisten Leute im weiten Umkreise. So einen Herrn, wenn er hier wohnte, würde ich unbedingt kennen, aber ich wiederhole, daß ich ihn noch niemals gesehen habe.« Dieselbe Auskunft erhielt der Frager auch noch von einigen anderen Personen, an welche er sich wandte. Der Baron war eben zum ersten Male hier in Steinegg, und da er nicht per Bahn, sondern per Wagen und zwar von Bayern herüber gekommen war, so konnte auf dem Bahnhof keine Auskunft über ihn erlangt werden. Rudolf Sandau trat in das Wartezimmer, um ein Glas Bier zu trinken. Er hatte der drohenden Wolkenbildung gar keine Beachtung geschenkt. Als er sein Bier ausgetrunken hatte, war der Bahnzug längst fort, und nun brach auch er auf, um hinüber nach Eichenfeld, seiner jetzigen Heimath, zu gelangen. Er mußte da durch Steinegg gehen. Erst als er dieses passirt hatte und droben am Schlosse vorüberschritt bot sich ihm eine freiere Aussicht, und nun er da stehen blieb, um eine kurze Umschau zu halten, bemerkte er erst die cumulirenden Wolkenballen, welche sich fast zusehends höher und höher thürmten. »O weh! Das giebt ganz sicher ein Gewitter!« sagte er sich. »Aber wie lange wird es noch dauern, ehe es ausbricht? Soll ich wieder hinunter in die Stadt, um dort abzuwarten, bis es vorüber ist, oder habe ich noch Zeit, bis nach Eichenfeld zu kommen?« Er prüfte noch einmal den Horizont bedächtig und meinte dann couragirt: »Pah! Diese herrliche Ueberraschung, wenn Mutter mich so unerwartet erblicken wird! Ich mag sie keine Minute zu lang auf diese Freude warten lassen. Und ein Bischen Regen – wer fürchtet sich vor ihm? Vorwärts also! Ich beeile mich.« Er schritt rüstig und schneller als bisher vorwärts. Er hatte die Hauptsache nicht beachtet, nämlich die Richtung des Windes. Dieser kam von Osten her und trieb die Wolken westwärts nach den Bergen zu. Dort, im Gebirge, mußten sie sich entladen, weil sie nicht weiter konnten. Der nach Hohenwald führende Fahrweg ging meist durch dichten Forst. Aus diesem Grunde bemerkte der Wanderer nicht, daß sich bald ein tüchtiger Wind erhoben hatte, welcher sich draußen im Freien gar zum Sturme steigerte. Nach einiger Zeit führte ein langsam ansteigender Fahrweg links ab nach Eichenfeld, dem Ziele Sandau's. Dieser kannte die Gegend. Er wußte einen Fußweg, welcher zwar steiler, aber auch viel schneller zur Höhe stieg, um sich dann kurz vor Eichenfeld wieder mit dem Ersteren zu vereinigen. Er schlug den Letzteren ein. Je höher er kam, desto mehr konnte der Wind sich geltend machen. Schon grollte der Donner in der Ferne und Blitze zuckten über das Haupt des Berges hin. »Es wird eher Ernst, als ich dachte,« sagte er zu sich und verdoppelte seine Schritte. Hier an der Nordseite des Berges standen die Bäume nicht so dicht, und darum wurden die nun fallenden Regentropfen bemerkbar. Sie fielen dick, schwer und prasselnd in die Zweige. Ein fürchterlicher, lang andauernder Donnerschlag folgte einem grellen, blendenden Aufleuchten des Blitzes und dann brach das Wetter los. Nicht Wasser war es, was fiel, sondern es waren Schloßen, meist mehr als erbsengroß. Jetzt war guter Rath theuer. Sandau hatte erst die Hälfte des Weges zurückgelegt. Es war wie finstere Nacht geworden. Blitz folgte auf Blitz und Donnerschlag auf Donnerschlag. Der junge Mann blieb einige Augenblicke lang überlegend stehen. Ein neuer Blitzschlag, dem ein entsetzliches, knatterndes Krachen folgte, verbreitete einen sehr bemerkbaren schwefeligen Geruch und gab den Gedanken des Wanderes eine schleunige Richtung. »Das ist ein sehr schweres Gewitter! Ich muß nach Schutz suchen. Da, links droben, giebt es in dem Felsen eine Vertiefung, grad zureichend, daß ein Mensch sich bequem darinnen verbergen kann. Schnell hin zu ihr!« Er stürmte unter den Bäumen hin, die er vor Dunkelheit kaum zu unterscheiden vermochte. Er sah dabei nur vor sich, weder rechts noch links. Da war es ihm, als ob er eine menschliche Stimme gehört habe. Er blieb stehen und lauschte. Wieder erklang es wie ein Ruf aus weiblichem Munde. »Ist Jemand da?« rief er sehr laut. »Ja! Hier, Hier!« Es klang von links herüber. Er rannte dem Schalle nach. Da erblickte er unter einer hohen Buche, deren Gipfel alle anderen Bäume hoch überragte, eine weibliche Gestalt. Er sprang hinzu und faßte, ohne sie erst genauer zu betrachten, bei der Hand und zog sie mit sich fort. »Um Gotteswillen! Sie stehen ja unter dem höchsten Baume der ganzen Gegend, das ist doch grad so, als ob Sie einen Blitzableiter in die Hände nehmen!« Sie folgte ihm ohne Widerstreben. Kaum waren sie fünfzehn bis zwanzig Schritte von dem Baume entfernt, so schienen sie mitten in prasselnden Flammen zu stehen und es that einen Schlag, unter welchem die Erde erzitterte. Das Mädchen schrie laut auf und sank vor Schreck zu Boden. Auch Rudolf blieb stehen. Er war geblendet und hatte das Gefühl, als ob er die Füße nicht bewegen könne. Stücke und Splitter von Aesten und Zweigen flatterten um sie herum. Er beugte sich über die an der Erde Liegende, daß sie von diesen gefährlichen Geschossen nicht getroffen werden möge. Dann wendete er sich zurück. »Mein Gott!« rief er aus. »Sehen Sie, daß der Blitz in die Buche geschlagen hat, unter welcher sie standen! Jetzt, jetzt wären Sie eine Leiche!« Sie erhob das bleiche Gesicht und sah nach dem Baume. Er war auseinander gerissen. Die Theile lagen am Boden und Splitter weit umher. »Mein Himmel! Sie haben mich gerettet!« sagte sie, die Hände vor das Gesicht schlagend. »Aber es regnet! Es gießt ja förmlich. Hier können wir nicht bleiben! Kommen Sie schnell.« Er ergriff sie abermals bei der Hand, zog sie vom Boden auf und eilte mit ihr fort. Sie sah nicht, wohin er sie führte. Felsen thürmten sich vor ihnen auf, zwischen denen sie hindurchrannten; dann gab es einen freien Platz, welcher von fast gar keinem Baum bestanden war, an drei Seiten von Felsen umgeben und nach Westen steil in die Tiefe abstürzend. »Kommen Sie! Hier links. Da hinein! Bücken Sie sich, damit Sie sich der Regenfluth nicht lange aussetzen, denn noch sind wir nicht sehr naß.« Es gab da eine Aushöhlung in dem Steine, vielleicht fünf Fuß hoch, vier Fuß breit und ebenso tief wie hoch. Sie bückte sich, kroch hinein und setzte sich da nieder. Der Regen konnte sie hier nicht mehr treffen. Sie war sicher. Aber die Blitze zuckten draußen nach allen Richtungen und der Schall des Donners schien durch die Felsen verstärkt zu werden. Das war gräßlich. Ihr Retter war nicht mit herein gekommen. Wo befand er sich? Sie beugte sich vor und blickte hinaus. Neben dem Loche hatte sich ungefähr vier Ellen über dem Boden ein Brombeerstrauch in eine schmale Ritze geklammert und ließ seine dichten, blätterreichen Ranken von da herunterfallen. Da drinnen, im stacheligen Gedorn, stand Rudolf Sandau. Es war klar, daß er da nicht den gewünschten Schutz vor dem Regen fand. »Warum bleiben Sie draußen?« fragte sie. »Weil ich hier einen Regenschirm gefunden habe.« »Er hat aber so viele Löcher, daß Sie vollständig naß werden!« Der Schreck war überwunden und nun, da sie sich in Sicherheit befand, klang es bereits wie Scherz aus ihren Worten. »Ich muß es darauf ankommen lassen,« antwortete er. »Nein, das kann ich nicht zugeben. Kommen Sie mit herein!« »Das ist unmöglich.« »Ich sehe keine Unmöglichkeit.« »Es ist ja nicht Platz für Zwei.« »So rücken wir zusammen, da giebt es Raum genug.« »Danke! Ich darf Sie nicht belästigen.« Das klang so bestimmt, daß sie sich wirklich abweisen ließ und ihren vorigen Sitz einnahm. Bald aber schien sich die Macht des Regens zu verdoppeln. Schloßen fielen nicht mehr. Die Insassin der kleinen Höhle sah förmliche Regenbäche vor dem Eingange derselben vorrüberrauschen. Da bog sie sich wieder vor und sagte in energischer Weise: »Kommen Sie herein oder nicht?« »Nein.« »So mag auch ich nicht trocken bleiben. Entweder Beide geschützt oder gar Keins.« Im nächsten Augenblick stand sie draußen neben ihm. »Um Himmelswillen, Fräulein! In einer Minute sind Sie naß wie ein Fisch!« warnte er dringend. »Das will ich ja. Ich bleibe hier, außer Sie gehen mit hinein.« »Aber –« »Kein Aber! Ich befehle es. Kommen Sie!« Jetzt ergriff sie seine Hand und zog ihn herbei. »Nun, wenn Sie befehlen, so folge ich,« lachte er. »Aber wenn Ihnen ein Duett in zu enger Harmonie gesetzt ist, so bedenken Sie dann gütigst, daß nicht ich der Componist gewesen bin!« »Bitte, ohne weitere Entschuldigung!« Schon saß sie wieder drin, sich so weit wie möglich zur Seite drängend. Er nahm seinen Ranzen ab, kroch hinein und bat: »Wollen Sie sich nicht dieses Möbels als Fauteuil bedienen, Fräulein?« »Danke! Hier sind Alle gleich. Sitzen Sie an der Erde, so ich auch.« »Sie sind eine ganz entsetzlich energische Dame. Ist Ihr Herr Papa vielleicht Generalfeldmarschall oder Spritzenführer bei der Feuerwehr?« »Keines von Beiden. Ich bin sonst gar nicht so sehr willenskräftig. Aber da Sie nicht zugegeben haben, daß mich die Flamme des Blitzes verzehrte, so will ich nun auch nicht gestatten, daß Sie auf festem Erdboden ertrinken. Also kommen Sie hier neben mich.« Er hatte nur am Eingange Platz genommen. »Ich werde Sie sehr beengen.« »Sie arger Widerstreber! Sehen Sie denn nicht, daß ich gern beengt sein will?« »Nicht eher, als bis abermals ein wirklicher ernster Befehl erfolgt.« »Nun wohl, so gebiete ich es Ihnen mit dem größten Nachdrucke!« »Dann muß ich freilich gehorchen.« Er rückte hinter und versuchte, neben ihr Platz zu finden. Es ging, aber wie! Sie saßen so eng neben einander, daß Beide die Arme nicht zu bewegen vermochten. Eine Weile hielt Rudolf das aus; als er aber dann fühlte, wie beschwerlich es auch ihr werden mochte, sagte er: »Sie erkennen hoffentlich, daß nicht für zwei Personen voller Platz vorhanden ist?« »O doch!« »Gewiß nicht. Ich werde also Ihnen allein die Stelle überlassen.« »Dann thue ich dasselbe wie vorhin: Ich gehe auch wieder hinaus! Sie bleiben ganz bestimmt hier!« Er blieb, antwortete aber nicht. Als er aber dann doch merkte, wie gepreßt sie Athem holte, sagte er: »Sie wollen eine absolute Unmöglichkeit zur Möglichkeit machen. Soll ich partout sitzen bleiben, so müssen wir unbedingt ein anderes Arrangement treffen.« »Bitte welches.« »Ich fürchte sehr, daß Sie nicht auf dasselbe eingehen werden.« »Ich gehe auf Alles ein, was unsere Lage zu erleichtern vermag.« »Gut. Aber bitte, wenn ich einen Vorschlag mache, so mache ich ihn nur unter dem Drange dieser unangenehmen Umstände. Wie wir hier sitzen, so füllen zwei Körper und vier Arme die ganze Breite aus. Wenn ich aber einen Arm um Sie legen darf, und Sie legen einen um mich, so brauchen wir weit weniger Raum und sitzen in Folge dessen viel bequemer.« Sie antwortete nicht. Er lauschte wohl eine Minute lang. Als sie auch da noch schwieg, fragte er: »Nicht wahr, nun habe ich Sie beleidigt?« »O nein!« »Aber mein Vorschlag war so kühn, daß er beinahe an Beleidigung grenzte?« Sie antwortete nicht gleich; dann aber meinte sie in einem heitren Tone, welchem man allerdings einen leisen Zwang anhören konnte: »Sie haben Recht. Wir wissen nicht, wie lange Zeit dieser Regen anhält, und warum sollen wir auch gerade so lange eine qualvolle Stellung beibehalten. Wir befinden uns unter Ausnahmezuständen und dürfen also wohl eine Ausnahme machen.« »Sie gehen also auf meinen Vorschlag ein?« »Ja.« Aber dieses Ja klang doch noch ein Wenig zaghaft und bedenklich. »Sie können mir getrost vertrauen, Fräulein.« versicherte er. »Bitte, Ihren Arm!« Er bog sich ein Wenig vor und fühlte dann, daß sie den Arm langsam und leise um seinen Leib legte. »Immer fester, bitte! Ich bin nicht empfindlich für so geringe Schmerzen. Und nun gestatten auch Sie es mir!« Als er seinen Arm jetzt um sie legte, fühlte er doch, daß ein schreckhaftes, widerstrebendes Zittern durch ihren Körper ging. So saßen sie nun neben einander, still und unbeweglich wie Statuen. Das war fast noch schlimmer und unbequemer als vorhin. Er hörte wiederholt einen leisen Seufzer, den sie nicht zu unterdrücken vermochte. »Sie fühlen sich noch immer unbequem, nicht wahr?« fragte er. »Wir haben uns in nichts gebessert.« »Daran sind wir selbst nur schuld. Wir haben die zwei Arme entfernt, wagen aber nicht, einander näher zu rücken. Haben Sie einen Bruder, mein Fräulein?« »Nein – – doch ja!« Diese Antwort befremdete ihn zwar; aber er machte keine Bemerkung darüber. Sie war bisher nicht gewöhnt gewesen, auf diese Frage mit Ja zu antworten, denn sie hatte ja erst gestern einen Bruder gefunden. Die junge Dame war nämlich keine Andere als – Milda von Alberg. »Nun, wenn Sie einen Bruder haben, so wissen Sie auch, daß die Schwester sich nicht vor ihm zu scheuen braucht. Denken Sie einmal, Ihr Bruder säß an meiner Stelle hier neben Ihnen. Würden Sie sich dann so separat und abweisend verhalten?« »Vielleicht nicht,« gestand sie. »Nun, Sie haben befohlen, daß ich neben Ihnen sitzen soll; Sie müssen also auch die Consequenzen dieses Befehles mit Fassung tragen. Bitte!« Sie rückte ihm wirklich ein Wenig näher. »So! Lehnen Sie sich getrost fest an mich, und legen Sie Ihren Kopf auf meine Achsel, so wie Sie es bei einem Bruder ohne alle Scheu thun würden. Bitte, bitte!« »Aber wenn – wenn – wenn –« stockte sie. »Ich möchte kein Wenn und Aber hören.« »Wenn – wenn Sie es mir nun übel nehmen?« warf sie in scherzendem Tone ein. »Sie erkennen wohl selbst, daß es eine Unmöglichkeit ist. Wir sehen uns heut zum ersten Male, oder vielmehr, wir haben uns noch gar nicht einmal gesehen, da das in dieser Gewittersnacht beinahe unmöglich ist. Vielleicht werden wir uns auch nie wiedersehen. Also ist gar kein Grund vorhanden, wegen irgend eines unmotivirbaren Bedenkens die Unbequemlichkeit noch länger zu ertragen.« »Ich mag Ihnen nicht widerstreiten und will Ihnen mein Vertrauen schenken. Ist es so recht?« Sie rückte jetzt ganz eng an ihn heran und lehnte auch das Köpfchen an seine Achsel. »Ja, so ists recht, Fräulein. Ich danke Ihnen.« Sie saßen jetzt so eng wie möglich an einander – zwei einander vollständig fremde Personen, sich mit den Armen umschlungen haltend und fast Brust an Brust. Das Gewitter hatte den festen Stamm der Buche zerrissen, hier aber zwei widerstrebende Menschenkinder vereinigt. Es donnerte, blitzte und regnete noch immer ohne Unterlaß. War es draußen unter den Bäumen und zwischen den Felsen dunkel, so war es hier in der kleinen Höhle noch viel finsterer. Sie konnten sich wirklich nicht sehen, und wenn ja einmal ein vorüberzuckender Blitz sein grelles Licht hereinwarf, so war das nur für einen so kurzen Augenblick, daß es nicht hinreichte. Ueberdies wäre es ja unhöflich gewesen, dem sich ihm anvertrauenden Mädchen in einem solchen Augenblicke in das Gesicht zu sehen. Und doch! Obgleich er noch keinen ihrer Züge kannte, hatte er doch die Ueberzeugung, daß sie schön sei. Ja, er begann bereits, als sie jetzt so still und wortlos neben einander saßen, sich ihr Bild in Gedanken auszumalen. Da ihre Körper einander berührten, fühlten sie bald die Wärme derselben. Es war Rudolf, als ob ein heilkräftiger Strom von ihr zu ihm überfluthe. Er hatte ein Gefühl, wie er es in seinem ganzen Leben noch nie empfunden hatte. Es gab kein Wort, dasselbe zu bezeichnen, und keine Sprache, es zu beschreiben. So hatten sie fast eine Stunde gesessen, sie an ihn gelehnt und er sich ohne Bewegung haltend, um ja nicht ihr Vertrauen zu verscherzen. Endlich wurde ihr das Schweigen zur Qual. Sie fragte: »Nicht wahr, ich falle Ihnen schwer?« »Nein, o nein. Ich wollte, ich hätte endlos solche Last zu tragen.« Das hatte er nicht sagen wollen. Die Worte waren ihm ohne Controle entschlüpft. Sie schwieg, und er nahm dies als ein Zeichen ihrer Mißbilligung. »Zürnen Sie mir?« fragte er. »Wie könnte ich!« »Es wär leicht möglich, meine Worte falsch zu deuten.« »Ja. Leider meinen die Herren, bei jeder, aber auch bei jeder Gelegenheit galant gegen uns sein zu müssen!« »Es war keine Galanterie. Ich sprach es aus der Seele.« »So halten Sie mich für eine Last, welche – welche man nicht fortzuwerfen braucht?« »Für eine Last, welche man ewig tragen möchte.« »Ohne mich zu kennen! Ohne mich gesehen zu haben?« »Ja.« »Das ist kühn!« »Vielleicht nicht. Ich habe nur die Umrisse Ihrer Gestalt gesehen; aber es ist mir, als ob ich Ihr Gesicht mit aller Genauheit zeichnen könne.« »Das ist freilich unmöglich.« »Es giebt Philosophen, welche sagen, daß die Seele nicht immer der körperlichen Augen bedürfe, um Etwas deutlich zu erkennen.« »Leider bin ich kein Philosoph,« sagte sie heiter. Es soll sogar erwiesen sein, daß Seelen sich suchen und finden, bevor die Körper etwas davon wissen.« »Das ist Metaphysik, von der ich auch nichts verstehe. Ich möchte aber wirklich wissen, welch ein Bild Sie sich von mir machen. Wollen Sie es mir einmal beschreiben?« »Der Seltsamkeit wegen, ja.« »Nun, Länge und Gestalt lassen wir unerörtert, da Sie Beides ja fühlen – – –« »O, nicht so genau. Ich halte Sie, aber ich fühle Sie kaum. Was ich fühle, das ist so ätherisch leicht, daß ich befürchte, es verschwindet mir im Augenblick.« »O bitte, hoffen Sie das nicht. Ich bin leider gezwungen, Ihre Geduld noch lange in Anspruch zu nehmen. Aber nun bitte, sagen Sie mir, welche Farbe mein Haar hat!« »Sehr dunkelbraun, fast schwarz.« »Das stimmt. Die Augen?« »Groß, schwarz, mit langen aber nicht gar zu dichten Wimpern. Die Brauen find fast ein Bischen zu hoch gewölbt.« »Wie genau! sie haben mich gesehen!« »Nein, wirklich nicht!« »Die Nase?« »Klein, nicht grad, aber auch nur mit einer ganz geringen, kaum bemerkbaren Biegung.« »Auch das ist wahr. Der Mund?« »Gewölbt, mit etwas vorstrebender Mitte. Die untere Lippe ist voller als die obere.« »Sie erschrecken mich wirklich. Sie sind doch der wirkliche Geisterseher. Sie beschreiben mich ganz genau. Ich mag nichts mehr hören. Höchstens möchte ich Sie fragen, welchem Stande ich wohl angehöre.« »Diese Antwort ist ungeheuer schwer zu geben. Meine Beschreibung war das Ergebniß eines gewissen instinctartigen Ahnungsvermögens. Um Ihnen aber zu sagen, welches Standes Sie sind, dazu gehört mehr. Da muß man Menschenkenner sein. Ich bin das nicht. In meinem Alter kann man es noch nicht sein. Aber fast bin ich versucht, Sie für die älteste Tochter eines höheren Forstbeamten zu halten.« »Wie kommen Sie auf diesen Gedanken? Besonders zu der Ansicht, daß ich eine älteste Tochter sei?« »Zunächst haben Sie mir so viel Energie und festen Willen gezeigt, wie man ihn eben nur bei ältesten Töchtern findet, welche die Herrschaft über die Jüngeren führen. Und sodann haben Sie so – hm, was denn nur? Ich finde den richtigen Ausdruck nicht. Ihre Stimme hat bei aller Energie einen so zarten, sanften, weichen Klang, daß ich Sie mir gar nicht ohne irgend welche Wesen denken kann, denen Sie täglich recht viel Liebes und Gutes erweisen – also wohl Geschwister.« »Hm! Die älteste Tochter! Welches Alter geben Sie mir da?« »Immer höchstens achtzehn.« »So! Und warum soll ich eine Försterstochter sein?« »Weil ich Sie mitten im Walde traf, allein, ohne alle Begleitung.« »So haben Sie sich freilich in nichts weniger als in Allem geirrt.« »Wirklich?« »Ja. Ich bin blond. Man sagt sogar, daß mein Haar einen etwas röthlichen Schein besitze. Meine Nase ist ein spitzer Kiekindiwelt, und die Augen sind blaugrau. Alt bin ich – – hm, soll ich Ihnen wirklich die Wahrheit sagen?« »Wenn es Ihnen keine Schmerzen macht, ja.« »Zweiunddreißig.« »Sollte man es denken!« »Ja. Geschwister, nämlich jüngere habe ich nicht, aber wohl ältere, welche verheirathet sind, so daß ich sogar Tante bin. Gefällt Ihnen das?« »Es kann nichts nützen, wenn ich es mir verbitte.« »Da haben Sie Recht, denn ich würde trotz Ihres Einspruches doch eine alte Tante bleiben. Und da ich einmal so sehr aufrichtig war, Ihnen dieses Alles zu sagen, so kann ich Ihnen schließlich auch gestehen, daß ich nicht die Tochter eines Forstbeamten bin.« »Ich hätte aber darauf wetten wollen, daß ich richtig gerathen habe.« »Leider ist das nicht der Fall. Ich habe weder Vater noch Mutter mehr und bin ein ganz, ganz armes – – Kind, hätte ich beinahe gesagt, muß aber der Wahrheit gemäß gestehen, eine ganz, ganz blutarme Tante.« »Sie scherzen. Ob Sie wohlhabend oder gar reich sind, darüber habe ich freilich nicht nachgedacht; aber daß Sie die Tochter eines wohlsituirten Hauses sein würden, das war mir über alle Gewißheit erhaben.« »Da haben Sie sich eben getäuscht. Ich bin – – soll ich auch hier aufrichtig sein?« »Ich bitte darum.« »Ich bin – – eine arme, alte Nähterin.« »Ich werde mir doch gestatten, dies zu bezweifeln.« »Warum wollen Sie es nicht glauben?« »Weil Ihre Ausdrucksweise eine solche ist, wie man sie nur in gebildeten Kreisen gewöhnt ist.« Die sonst so ernste, bedächtige und zurückhaltende Milda war in diesem Augenblicke in einer Stimmung, wie sie eine solche noch niemals an sich beobachtet hatte. So neckisch und zum Scherz aufgelegt wie jetzt, hatte sie sich noch nie gefühlt. Die Situation, in welcher sie sich befand, war eine ganz außergewöhnliche; es war eigentlich ein Wagniß, einem so fremden Manne, in dessen Armen sie eigentlich lag, einen so leichten Ton hören zu lassen. Aber es lag in seinem Austreten etwas so Vertrauenerweckendes, daß sie nicht die mindeste Sorge fühlte, er werde diese Situation ausnützen. Sie verfolgte den Scherz weiter, indem sie ihm antwortete: »Wenn ich mich nicht so ausdrücke wie die Tochter eines gewöhnlichen Arbeiters, so ist eben daran nur der Umstand schuld, daß ich eine Nähterin bin.« »Das begreife ich nicht.« »Und doch ist es so leicht zu begreifen. Wir Nähterinnen kommen ja mit gebildeten Damen und feinen Familien sehr oft in Berührung, und da ist es gar kein Wunder, wenn irgend ein Ausdruck, irgend eine Redensart oder so etwas Aehnliches, gemerkt und dann später in Anwendung gebracht wird. Wir verfeinern uns, ohne daß wir es selbst merken.« Sie lachte dabei so goldig hell auf, daß er in dieses wohlklingende Lachen einstimmen mußte. Doch meinte er: »Ihre Art und Weise verräth aber gar nichts Angelerntes. Es ist ganz so und klingt auch ganz so, als ob es Ihnen so angeboren oder wenigstens anerzogen sei.« »Meinen. Sie? Nun, das beweist doch nur, daß ich sehr gut aufgepaßt habe, also daß ich eine ganz leidliche Nachahmerin bin. Aber nun seien Sie auch noch einmal aufrichtig, und sagen Sie mir, wie ich Sie zu nennen habe!« »Meinen Namen soll ich Ihnen nennen? Warum? Wollen wir ihn nicht lieber in Geheimniß gehüllt bleiben lassen?« »Nein, dafür bin ich nicht. Es ist ein so beengendes Gefühl, mit Jemandem zu sprechen, ohne seinen Namen zu kennen.« »Mich kann das nicht beengen.« »So tragen Sie also kein Verlangen, den meinigen zu erfahren?« »Nein.« »Aber Sie müssen mich doch nennen! Es muß doch irgend ein Wort vorhanden sein, mit welchem Sie mich bezeichnen können!« »Das ist ja auch da. Ich nenne Sie sehr einfach ›mein Fräulein‹ »der auch, wenn Sie es mir erlauben, ›liebes Tantchen‹. Sie haben ja gesagt, daß Sie Tante sind.« »Aber Sie wissen doch wohl, daß keine Dame sich gern Tante nennen läßt, bevor sie wenigstens ihr fünfzigstes Jahr erreicht hat.« »So nenne ich Sie also Fräulein.« »Und ich Sie ›mein Herr‹? Das ist so unbequem, Sagen Sie mir also doch lieber Ihren Namen!« »Eigentlich sollte ich es wohl thun; aber Sie kennen doch wohl die Strophen: »Heilig achten wir die Geister, Aber Namen sind uns Dunst; Würdig ehren wir die Meister, Aber frei ist unsre Kunst.« Lassen Sie also den Namen verschwiegen bleiben!« »Daraus schließe ich, daß Sie ein Künstler sind.« »Ich will erst einer werden.« »Hm! Darum haben Sie noch keinen Namen und können mir ihn also nicht sagen!« »So ist es leider.« »Nun, so will ich von meiner Bitte abstehen; aber Sie werden nun auch auf keinen Fall erfahren, wie ich mich nenne.« »Ich wünsche gar nicht, es zu erfahren. Unsere Begegnung hat einen so romantischen Anstrich, daß ich meine, je mehr wir uns gegenseitig in das Geheimniß hüllen, desto hübscher wird die Erinnerung an dieses Zusammentreffen sein.« »Jetzt werden Sie gar poetisch. Sind Sie etwa Dichter?« »Nein.« »Maler?« »Auch nicht. Der Pinsel ist nicht meine Waffe.« »Und dennoch Künstler! Also vielleicht Schauspieler oder Sänger?« »Keins von Beiden.« »Was für Künstler giebt es doch noch? Reit-, Fecht- oder Turnkünstler?« »Das ist Kunst niederen Ranges.« »Hm! Baukunst! Sind Sie Architekt?« »Ich will es werden.« »So habe ich es endlich getroffen. Aber wenn Sie es erst werden wollen, so sind Sie noch jung, vielleicht gar noch Schüler. Seien Sie aufrichtig!« »Giebt es nicht auch alte Schüler?« »Gar wohl; der Mensch bleibt ja immer Schüler, da er bis an das Ende seiner Tage zu lernen hat, und – – Himmel!« Sie fuhr erschrocken zusammen und schmiegte sich ganz unwillkürlich fester an ihn. Es hatte einen entsetzlichen Donnerschlag gethan, und der Blitz, welcher am Eingange der kleinen Höhle vorübergezuckt war, hatte einem großen Feuerball geglichen. Der Fremde hatte, als sie sich enger an ihn legte, seinen Arm fester um sie geschlungen, auch ohne Absicht, nur in dem unbewußten Gefühle, daß sie Schutz bei ihm suche. So saßen sie eine ganze Weile still und eng an einander geschmiegt. Wie es bei solchen Donnerschlägen häufig vorzukommen pflegt, schien das Gewitter mit dem letzten Blitze seine Macht erschöpft zu haben. Es regnete nicht mehr; nur einzelne Tropfen fielen noch, und der Himmel heiterte sich schnell auf. Es wurde licht, so daß die Gesichtszüge der Beiden recht gut zu erkennen waren. Daran aber dachten sie nicht. Sie blickten sich jetzt gar nicht an. Beide waren in Gedanken tief versunken. Er fühlte sich ganz eigenartig erregt. Eine »arme, alte Tante« an seiner Seite! O weh! Und doch war es ihm, als ob er darüber recht sehr glücklich sein könne. Es ging von ihr ein seelisches Fluidum aus, dessen Wirkung er sich nicht entziehen konnte. Er mußte es auf sich einwirken lassen und hatte eine Empfindung, als ob es für ihn nichts Besseres zu wünschen gebe, als daß er stets, stets an der Seite dieser »alten Tante« verweilen dürfe. Und sie, diese Tante – sie fühlte keineswegs die bedächtigen Regungen so einer bejahrten Muhme. Es ging eine wohlthuende, beglückende Wärme durch ihr Herz, fast ähnlich so, wie als sie ihren Bruder erlaubt hatte, sie zum ersten Male zu küssen. Sie hätte ihr Köpfchen immer und immer an der Schulter dieses Mannes liegen lassen und immer, immer so wie jetzt seinen Arm um sich fühlen mögen – – – seinen Arm um sich fühlen! Das brachte sie zum Bewußtsein ihrer augenblicklichen Lage. Sie schrak auf. Er fühlte das und zuckte auch zusammen. Sich aus seinem Sinnen aufraffend, lockerte er den Arm, mit welchem er sie umschlungen hielt, und sie nahm ihren Kopf von seiner Achsel weg. Dabei trafen sich ihre Blicke. »Ach!« sagte er. »Was Sie für eine alte, uralte Tante sind!« »Nicht wahr!« antwortete sie unter einem halblauten Lachen, was ziemlich verlegen klang. »Und blond sind Sie auch!« »Nicht ganz!« »Freilich. Sie sagten ja, daß Ihr Haar einen röthlichen Schein besitze. Das ist also nicht ganz blond. Ich erschrecke übrigens auf das Heftigste.« »Warum? Sie machen mir Angst. Was ist denn passirt?« »Der Blitz muß meine Augen geblendet haben.« »Herrgott! Ists möglich?« fragte sie, jetzt wirklich erschrocken. »Ja, denn ich sehe Sie als eine sehr dunkle Brünette, während Sie doch eine Blondine mit rothem Haare sind.« »Ach so!« meinte sie erleichtert. »Nun, ich gestehe, daß ich gescherzt habe.« »Auch in Beziehung auf die Tante?« »Ja.« »Und in Beziehung auf die Arbeitersfamilie, aus welcher Sie stammen?« »Da wohl kaum.« »O doch. Bitte, geben Sie mir doch einmal Ihr kleines Hündchen da! Sie tragen hier einen Ring mit einem Diamanten, welchen ich auf wenigstens tausend Mark schätzen muß. Die Arbeitersfamilie muß also eine sehr wohlhabende sein.« »Deswegen nicht. Ich habe meine Ersparnisse in diesem Ringe angelegt.« »Auf eine so unproductive Weise, welche keine Zinsen bringt? Das thut eine arme Nähterin niemals. Nein, nein, Sie haben mich in jeder Beziehung getäuscht. Sie sind etwas ganz Anderes, als wofür Sie sich ausgegeben haben. Sie sind – – –« Er hielt inne und sah ihr mit so leuchtendem Blicke in die Augen, daß sie ihre langen, weichen Wimpern senkte. »Nun?« fragte sie leise. »Sie sind gar keine Tante, gar kein Mädchen, gar keine Dame – –« »Etwas muß ich aber doch wohl sein.« »Natürlich. Sie sind gar kein menschliches, gar kein irdisches Wesen sondern eine Fee, welche aus der Höhe hernieder gestiegen ist.« »O,« lachte sie fröhlich auf, »das ist ja recht sehr interessant für mich!« »Für mich noch viel mehr.« »Das bezweifle ich.« »Und doch ist es wahr. Haben Sie bereits einmal von so einer Fee gelesen?« »Nein.« »Ach! Wirklich nicht? Sie scherzen!« »Ich sage die Wahrheit. Wir Feen können ja gar nicht lesen. Bei wem sollten wir es gelernt haben?« »Ach so! Ganz richtig! Nun, wenn Sie es noch nicht gelesen und gehört haben, so muß ich es Ihnen sagen, daß eine Fee stets nur in der Absicht, einen Sterblichen glücklich zu machen, vom Himmel steigt.« »Und darum meinen Sie wohl jetzt, daß ich ganz dieselbe Absicht haben werde?« »Ja. Ich bin vollständig überzeugt, daß Sie einen Sterblichen unendlich glücklich machen werden.« Er sagte dies im Tone so inniger Ueberzeugung, daß sie verschämt vor sich niederblickte. Er ergriff lind und leise ihr Händchen und fragte: »Habe ich nicht Recht, Fräulein?« »Nein.« »O gewiß. So wie ich Sie da vor mir sehe, machen Sie ganz den Eindruck auf mich, daß Sie geschaffen seien, einem Manne das höchste Glück der Erde zu gewähren. Verzeihen Sie, wenn meine Worte einen etwas kühnen Klang haben; aber ich kann nicht anders; ich muß meine Ueberzeugung aussprechen.« Sie blickte noch immer vor sich nieder. Sie befürchtete, daß er beim ersten Augenaufschlage das warme Licht ihres Blickes bemerken und auf sich deuten und beziehen werde. »Zürnen Sie mir?« fragte er in besorgtem Tone. »O nein,« hauchte sie. »Aber der Regen hat aufgehört. Wollen wir nicht gehen?« »Müssen Sie fort? Müssen Sie?« »Ja; man erwartet mich.« »So darf ich Sie nicht bitten, noch einige Minuten zu verweilen.« Er kroch aus dem Loche heraus und sie folgte ihm. Es fiel auch nicht ein einziger Tropfen mehr. Nur wenn der Windhauch durch die Zweige fuhr, warf er aus denselben die nassen Perlen zur Erde herab. Die Wolken hatten sich zertheilt, und die Sonne schien warm und strahlend auf die vom Gewitter erfrischte Erde nieder. Alles athmete neue Kraft und Erquickung. Als jetzt Milda im Freien stand, von hellem Lichte der Sonne überfluthet, glich sie der Rose, welche im Gewitter das Haupt senkte, es aber nun wieder erhebt, um ihren Duft in die Lüfte zu verbreiten. Er mußte sich wirklich zwingen, sein Auge von dem süßen Bilde zu wenden, um seinen Cavalierspflichten zu genügen. Er zog sein Taschentuch und stäubte sie ab. Scherzend nahm sie es ihm dann aus der Hand, um auch ihn von dem Staube der Höhle zu befreien. Er wollte dagegen Einspruch erheben, mußte es aber doch dulden. »Und nun,« sagte sie, »geht es wohl an ein Scheiden. Nicht wahr?« »Ich weiß nicht, welche Richtung Sie einzuschlagen haben,« antwortete er. »Das weiß ich leider selber nicht.« »Wie? Ist das möglich?« »Ja. Ich hatte mich verirrt, als Sie mich trafen.« »Woher kamen Sie?« Sie deutete von der Höhe in das Thal hinab, wo man die Gebäude von Hohenwald liegen sah. »Ich war da unten in dem Dorfe, nicht allein sondern mit einer lieben, mütterlichen Freundin. Auf dem Rückwege hatte sie an einem alten Waldhüter einige Fragen zu richten. Sie begab sich nach seiner Hütte, und ich ging inzwischen langsam weiter. Ein Weg führte von der Straße ab. Ich glaubte, er werde parallel mit derselben gehen, und folgte ihm. Leider hatte ich mich geirrt. Als ich dies bemerkte, verließ ich ihn und kam dann immer weiter von meiner ursprünglichen Richtung ab. Ich wurde immer ängstlicher, und meine Besorgniß erreichte den höchsten Grad, als ich mich hier oben befand und das Gewitter losbrach. Sie sind mein Retter gewesen. Ohne Sie lebte ich nicht mehr.« Sie blickte ihm dabei mit warmer Dankbarkeit in die Augen. Es war, als ob eine innere, drängende Stimme ihm zurufe: »Umarme sie! Sie duldet es.« Aber er that es doch nicht. Er wendete sich halb ab und blickte eine Weile lang in das Thal hinunter. Sie fand da Zeit, sein Gesicht zu betrachten. Er hatte in der Höhle den Hut abgenommen und hielt denselben in der Hand. Sein Kopf war ein wirklicher Antiniuskopf mit kaum zu bändigendem Lockenhaar. Das Gesicht von einem so edlen, reinen Schnitte, daß man hätte schwören mögen, dieser Jüngling sei keines ordinären Gedankens, keiner gewöhnlichen Handlung fähig. Jetzt drehte er sich wieder zu ihr um. »Fräulein, ich habe doch einen Fehler begangen, ob ich es für gerathen hielt, uns unsere Namen zu verschweigen. Wollen Sie mir den Ihrigen nennen?« Da kam ein launiges Widerstreben über sie. »Nein. Nun ist es hell geworden. Was wir uns da drin im Dunkel der Höhle nicht sagen durften, darüber müssen wir nun erst recht schweigen.« »Und wenn ich nun nur Ihren Vornamen wissen möchte.« »Warum wünschen Sie das?« »Ich weiß, daß ich sehr, sehr oft an Sie denken werde. Und da muß man den Namen wissen, welchen man mit einer so liebenswürdigen Erinnerung in Verbindung zu bringen hat.« »Ich verstehe das nicht; aber ich will mich nicht sträuben, vorausgesetzt daß ich auch Ihren Vornamen erfahre.« »Ich heiße Rudolf.« »Danke!« Sie machte ihm eine naive Verbeugung. »Nicht wahr, ein häßlicher Name?« »Nicht ganz so häßlich, wie der Träger desselben.« »O weh! Habe ich solche Ungnade vor Ihren Augen gefunden?« »Ungnade nicht. Sie wählen da grad den allerschlimmsten Ausdruck.« »Und nun bitte, Ihr Name?« »Milda.« »Milda,« wiederholte er, indem sein Auge mit leuchtendem Blicke an ihrer Gestalt herniederglitt. »Nicht wahr, ein häßlicher Name?« fragte sie mit denselben Worten, welche er vorher in Anwendung gebracht hatte. »O nein, sondern ein sehr lieber und guter, aber noch lange nicht so lieb und gut wie die Trägerin desselben.« »Ich verbitte mir alle Complimente!« »Ich beabsichtige nicht, eine Schmeichelei auszusprechen. Oder sehe ich vielleicht aus wie ein Mensch, welcher anders spricht, als er denkt?« »Nein. Das will ich Ihnen gern in aller Aufrichtigkeit gestehen.« »Dann müssen Sie mir auch glauben, wenn ich Ihnen sage, daß Ihr Name derjenige ist, welcher am Allerbesten für Sie paßt, weil er Ihr Wesen auf das Treffendste bezeichnet.« »So meinen Sie, daß ich einen sehr milden Character, ein sehr weiches Gemüth besitze?« »Das ist meine Ueberzeugung.« »O wie irren Sie sich!« »Irren? Auf keinen Fall.« »Auf jeden Fall! Oder bin ich etwa gar so weich und mild gegen Sie gewesen?« »Ja.« »Wie? Habe ich nicht in einem sehr befehlshaberischen Tone zu Ihnen gesprochen, als Sie hier im Regen stehen bleiben wollten?« »Das ist ja eben auch nur ein Beweis Ihres guten Gemüthes!« »Sie verstehen freilich, die Thatsachen in ganz wahrheitswidriger Weise zu beleuchten.« »Ich vertheidige im Gegentheile die Wahrheit. Oder war es nicht eine ganz ungewöhnliche Milde und Nachgiebigkeit, als Sie mir erlaubten, meinen Arm um Sie zu legen?« Sie erröthete. »Ich gehorchte nur den zwingenden Umständen.« »So! Unter anderen Umständen würde dies mir also nicht erlaubt gewesen sein?« »Nein.« Da trat er ihr um einen Schritt näher und fragte in leisem, vibrirendem Tone: »Und wenn ich nun jetzt noch einmal meinen Arm um Sie legen möchte? Wenn ich nun jetzt den innigen Wunsch hätte, Ihr Köpfchen noch einmal so meiner Schulter zu fühlen wie vorhin?« Sie hob ihren Blick fragend zu seinem Auge empor. Aber es lag nicht die mindeste Spur von Befremdung, oder gar Zorn in demselben. Und ihre Stimme klang auch ganz lieb und freundlich, als Sie fragte: »Warum könnten Sie dies wünschen?« Er schüttelte langsam den Kopf. »Ihre Frage beweist mir, daß mein Wunsch ein recht unmotivirter war. Ich stehe also von demselben ab.« Es flog dabei trübe wie eine Wolke über sein schönes, gebräuntes Gesicht. »Vielleicht ist nicht Ihr Wunsch, sondern meine Frage unbegreiflich,« antwortete sie. »Ja, bei Gott, das ist sie!« »Oder sind Sie gewöhnt, mit Damen in diesem Tone zu verkehren.« »O nein, nein, gewiß nicht! Ich kann Ihnen mit dem besten Gewissen mein Wort geben, daß mein Arm noch niemals ein Mädchen anders berührt hat, als es die kälteste Höflichkeit mit sich bringt. Hier aber ist es anders. Hier – – –« Er sprach nicht weiter. Als sie auch schweigend vor sich niederblickte, ergriff er ihre Hand und fuhr fort: »Ich möchte Ihnen ja gern erklären, warum ich diesen Wunsch ausgesprochen habe. Aber für solche seelische Vorgänge giebt es ja gar keine bezeichnenden Worte. Als wir vorhin beisammen saßen, da war es mir, als ob der Himmel mir eine recht große Gnade erwiesen habe. Und doch konnte ich ihm nicht dafür dankbar sein, weil ja Alles eben nur eine Folge der zwingenden Umstände war, welche Sie auch erwähnen. Jetzt nun schweigt der Donner, und die Blitze ruhen. Das Wetter hat ausgetobt, und Sie bedürfen des Schutzes nicht mehr. Wenn Sie trotzdem noch einen Augenblick, nur einen einzigen Augenblick lang in meinem Arme ruhen wollten, so würde mich das unendlich glücklich machen. Das Vertrauen, welches Sie mir damit erwiesen, würde dann kein erzwungenes, sondern ein freiwilliges sein.« Sie blickte hell, freundlich und verständnißvoll zu ihm auf. »Ist Ihnen so viel an meinem Vertrauen gelegen, Herr – Herr Rudolf?« »Ja.« »Aber Sie kennen mich ja nicht!« »Das Gräschen, welches mit seiner winzigen Spitze die dunkle Scholle durchbricht, kennt die Sonne auch nicht und hat sie noch nie gesehen; dennoch ist ihm an ihrem Strahle, ohne welchen es nicht leben kann, so unendlich viel gelegen. Wollen Sie mir vertrauen, Fräulein Milda?« Ihr Blick senkte sich zur Erde und »Ja,« hauchte sie mit bebenden Lippen. Da legte er den Arm um sie, wie derselbe vorhin um ihr gelegen hatte. Und bewußt oder unbewußt, sie wußte es selbst nicht, neigte sich ihr Kopf an seine Schulter. Es durchzuckte ihn eine nie geahnte Seligkeit. »Milda!« Er bog sein Gesicht zu ihr nieder. Sie erhob das ihrige. Ihre Augen flammten für einen Augenblick in einander. Sie wußte es selbst nicht, wie es kam, aber es entfuhr sein Name ihren Lippen: »Rudolf!« Kaum aber war es geschehen, so flog die tiefste Röthe der Scham über ihr Gesicht. In ihrer großen Verlegenheit wollte sie sich ihm entziehen. Er hielt sie fester, als er wohl selbst beabsichtigte. Sie nahm die andere Hand zur Hilfe, um sich seinem Arme zu entwinden, und glitt von ihm ab. Die Folge war, daß nun ihr Arm um seinen Leib zu liegen kam. Dies verdoppelte ihre Verlegenheit. Es war ihr, als flögen große Feuerbällen vor ihr hin und her, so sehr trieb ihr die Scham das Blut nach dem Kopfe. »Milda, Milda, meine Sonne, meine Fee!« So hörte sie ihn sprechen. Sehen konnte sie ihn nicht, denn sie hielt die Augen geschlossen. Es war ihr, als ob sie in den Erdboden sinken werde, wenn ihr Blick den seinigen treffe. »Warum schweigen Sie?« fragte er. »Sind Sie mir so gar sehr zornig?« »Nein,« erklang es kaum hörbar. »Danke, danke! Du süßes, Du herrliches, Du entzückendes Wesen!« Sie fühlte seine Lippen auf ihrem Munde. Da ließ sie wie im höchsten Schrecke die Arme sinken. Ihr Blut wallte mit Macht aus dem Kopfe nach dem Herzen zurück. Sie war leichenblaß geworden. Er sah es und nahm den Arm von ihr fort. Einen Schritt zurücktretend, blickte er ihr in das farblose Angesicht. »Milda, was ist Ihnen?« Anstatt der Antwort schlug sie die Hände vor das Gesicht. »Was ist Ihnen?« fragte er dringend. Sie antwortete nicht. »Bitte, bitte! Entfernen Sie die Hände von Ihrem Angesichte! Es wird mir so bang, wenn Sie nicht sprechen!« Da ließ sie die Hände langsam fallen. »Was haben Sie gethan!« hauchte sie, ohne ihn anzublicken. »Zürnen Sie?« »Ja – – nein – – – o ja doch!« »So verzeihen Sie! Ich wollte Sie nicht beleidigen. Ich weiß selbst nicht, wie das so gekommen ist.« Es war ein ganz eigenthümlicher, tiefer Blick, welcher ihn jetzt aus ihrem Auge traf. Dann sagte sie: »Sie haben mir mein Leben erhalten, und jetzt nun haben Sie – – mein Gott! Ich sollte eigentlich sagen: Wir sind quitt – – –« »O, das sind wir ja längst! Ich habe nichts, gar nichts von Ihnen zu fordern. Was ich für Sie that, war ja eine Folge des einfachsten Zufalles. Ein jeder Andere hätte es auch gethan. Es hat mich weder eine Anstrengung noch ein Opfer gekostet. Ich muß Ihnen im Gegentheile meinen herzlichsten Dank sagen, daß Sie meine Hilfe angenommen haben, und ich wollte ich könnte noch viel, viel mehr für Sie thun!« »Das ist freilich unmöglich.« »Warum?« »Wir werden einander nicht wiedersehen.« »Meinen Sie? Sollte das Schicksal mir wirklich das Glück versagen, Ihnen wieder zu begegnen, Fräulein Milda?« »Vielleicht nicht; aber wir würden uns wohl kaum erkennen.« »O, glauben Sie das nicht! Ich würde Sie unter Millionen heraus suchen.« »Sie würden vielleicht mich erkennen aber mich doch unter diesen Millionen stehen lassen.« »Ganz gewiß nicht.« »Ganz gewiß!« behauptete sie ernst. »Warum? Giebt es einen triftigen Grund?« »Wohl mehrere.« »Ich kenne keinen einzigen.« »So kenne ich sie.« »Darf ich dieselben erfahren?« »Nein. Sie haben mich Ihre Fee genannt. Nun wohl, bleiben Sie bei dem Glauben, daß ich eines jener geheimnißvollen, überirdischen Wesen sei, nach deren Ursprung der Mensch vergeblich fragt.« »So soll auch ich nicht nach dem Ihrigen fragen?« »Nein.« »Und wenn ich in diesem mich weigere!« Sie blickte lächelnd zu ihm auf. »Sie werden sich nicht weigern.« »Diese Meinung dürfte Sie täuschen.« »Gewiß nicht. Sie werden mir einen so dringenden Wunsch nicht versagen.« »Selbst wenn es mich eine so große Selbstüberwindung kostet?« »Selbst dann, denn dadurch beweisen Sie mir, daß Sie meiner Achtung Werth sind.« Sie sah, daß er mit sich kämpfte. Es wollte ihrem Herzen ja selbst auch wehe thun; aber sie glaubte, nicht anders handeln zu können. »Also Sie verbieten mir, mich nach Ihnen zu erkundigen?« fragte er langsam und im gedrückten Tone. »Ja.« »Und wenn ich Sie zufälliger Weise wiedersehe, soll ich Sie nicht kennen?« »Das ist es, was ich mir von Ihnen erbitte.« »Melusine, also Melusine!« »Ja, es ist ganz so, wie in der Sage von der schönen Melusine. Es war verboten, nach ihrem Ursprunge zu fragen, und als Raimund von Lusignar dennoch seine Wißbegierde nicht mehr zu zügeln vermochte, da entschwand sie ihm.« »Aber Sie entschwinden mir doch bereits jetzt!« »Desto besser für Sie, für uns Beide. Also, wollen Sie mir das Versprechen geben, meine Bitte zu erfüllen?« Sie hielt ihm ihr kleines, weißes Händchen hin. Es schwebte dabei zwar ein Lächeln um ihre Lippen, aber es war eben auch nur ein erzwungenes, entsagendes Lächeln. Er blickte auf ihre Hand und dann in ihr Gesicht und antwortete: »Sie wissen nicht, was Sie von mir verlangen.« »Vielleicht weiß ich es ebenso gut wie Sie!« »Nein, nein; Sie wissen es nicht, sonst würden Sie es nicht verlangen. Ich habe vorhin von dem Grase und der Sonne gesprochen. Verlangen Sie, der Halm solle auf die Sonne verzichten, so verlangen Sie, daß er sterben soll.« »Nein! Er würde, wenn er nicht verzichtete, vielleicht um so eher sterben, denn er müßte in ihrer Gluth verwelken.« »Aber dieser Tod wäre beneidenswerth.« »Keine Todesart ist beneidenswerth! Wollen wir uns mit Sophismen bekämpfen? Bitte, bitte, sagen Sie mir, daß Sie thun werden, was ich von Ihnen erwarte!« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als ob er das Bedürfnis habe, sich den Schweiß von derselben zu wischen. »Je mehr und länger ich Sie anblicke, Fräulein Milda, desto mehr erkenne ich, wie schwer, ja vielleicht unmöglich es sein wird, Ihnen zu gehorchen.« »Soll ich Sie für einen Ehrenmann halten oder nicht?« Sie sagte das in einem Tone, welcher um so strenger war, als er aus so weichen, freundlichen Lippen erklang. Rudolf machte eine Bewegung der Ueberraschung. Sein Blick leuchtete befremdet auf, und seine Brauen zogen sich leicht zusammen. »Hoffentlich bin ich kein Lump!« antwortete er. »Das bin ich überzeugt. Nur aus diesem Grunde konnte ich meine Bitte aussprechen.« »Nun wohl, dann sei sie Ihnen gewährt.« Er machte dabei eine kühle Verbeugung und setzte den Hut, welchen er bisher in der Hand behalten hatte, auf den Kopf. Sie bemerkte das mit mißbilligendem Kopfschütteln und sagte: »Nicht so! Wir wollen nicht im Zorne von einander scheiden.« »Ich zürne Ihnen nicht.« »Aber Ihr Gefühl ist in diesem Augenblicke ein bitteres. Wir treffen uns, ohne uns zu kennen, und scheiden nun, ohne uns zu kennen. Was ist da weiter Ungewöhnliches daran? Ist das nicht so der Welt Lauf.« »Ja; aber das Scheiden ist weniger angenehm als das Finden und Begegnen.« »Nun, eine Begegnung zwischen uns Beiden ist ja doch nicht ausgeschlossen.« »Aber kennen dürfen wir uns nicht.« »Wenigstens Sie mich nicht. Ich muß Sie kennen; ich muß mich Ihrer erinnern; ich darf Sie nicht vergessen, denn Sie haben mir das Leben gerettet, und ich schulde Ihnen einen immerwährenden Dank.« »Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß von einem Dank keine Rede sein kann.« »Ich muß dennoch darauf bestehen, daß ich Verpflichtungen gegen Sie habe, daran mich kein Mensch, selbst Sie nicht, entbinden kann. Aus diesem Grunde ist es mir freilich nothwendig, Ihren Namen zu erfahren.« Er zuckte anstatt der Antwort mit der Achsel. »Wollen Sie mir ihn verweigern?« »Ja.« »Selbst wenn ich Sie recht herzlich bitte.« »Selbst dann.« »Aber merken Sie nicht, daß dies sehr unhöflich von Ihnen ist?« »Unter Umständen ist sogar eine Unhöflichkeit zu entschuldigen.« »Niemals, zumal wenn sie gegen eine Dame gerichtet ist. Ich will Ihnen dankbar sein, und ich muß Ihnen dankbar sein, und darum ist es unbedingt nöthig, daß ich weiß, wer Sie sind!« Sie stampfte dabei mit dem kleinen Füßchen auf den Boden. Sie war beinahe in Rage gerathen. Er bemerkte dies mit einem heiteren Lächeln und antwortete: »Bemerken Sie nicht, daß die Waffen, mit denen wir kämpfen, höchst ungleich sind? Weil Sie eine Dame sind, soll und muß ich Ihnen gehorchen, während ich nicht erfahren darf, wer Sie sind.« »Ich habe Sie erst gebeten, und dann, nachdem dies ohne Erfolg blieb, sah ich mich gezwungen, an Ihre Höflichkeit zu apelliren. Ich befehle Ihnen jetzt wirklich allen Ernstes, mir Ihren Namen zu nennen!« Sie that freilich, als ob dieser Befehl halb ein scherzhafter sei; aber es war ihr doch anzusehen, daß sie es mit demselben ganz ernst meine. »Wenn Sie in diesem Commandotone mit mir verkehren, so muß ich gehorchen,« sagte er. »Schön! Also Ihr Name?« »Lohengrin.« Sie blickte fragend zu ihm auf. »Lohengrin? So heißen Sie wirklich?« »So ist mein Name.« »Hm! Verzeihen Sie! Ich vergaß, daß man zuweilen heut noch dem Kinde einen Namen giebt, welche der früheren Geschichte oder Sage angehört. Freilich habe ich noch keinen Herrn gekannt, welcher diesen Namen getragen hat. Es ist Ihr Familienname?« »Nein.« »Aber doch auch nicht Ihr Vorname, denn Sie nannten sich vorhin ja Rudolf.« »Es ist mein Pseudonym.« »Ach so! Aber ich will doch nicht Ihr Pseudonym, sondern Ihren wirklichen Namen wissen!« »Ganz so, wie ich gern den Ihrigen erfahren möchte. Ich nenne mich Lohengrin, ganz so, wie Sie sich Melusine nannten.« »Ah! Sie sind also rachsüchtig!« »Ja. Und paßt Lohengrin nicht ebenso gut auf mich wie Melusine auf Sie? Lohengrin hatte auch verboten,, nach seiner Herkunft zu forschen, und als Elsa von Brabant dies dennoch that, rief er seinen Schwan und zog mit demselben von dannen.« »Das ist häßlich, sehr häßlich von Ihnen!« »Aber dennoch gerecht, sehr gerecht. Sie haben selbst gesagt, daß wir uns fanden, ohne uns zu kennen, und daß wir also auch scheiden werden, ohne uns kennen gelernt zu haben.« »Und so erfüllen Sie mir meinen Wunsch nicht?« »Nein, außer ich erfahre auch Ihren Namen.« »Nein!« »So bleibt auch der meinige unerwähnt.« Jetzt machte sie ein ernstlich, zorniges Gesicht. »Ich werde ihn doch erfahren!« sagte sie. »Das dürfte Ihnen schwer werden. Wir scheiden ja von einander.« »So gehe ich Ihnen nach!« »So führe ich Sie irre!« lachte er, innerlich erfreut über Ihren Eifer. »Und dennoch folge ich Ihnen!« Sie schlug zur Bekräftigung das eine Händchen in das andere. »Das ist für Sie unmöglich. Sie könnten ja gar nicht so weit gehen.« »Wohnen Sie weit von hier?« »Ja.« »Also nicht in dieser Gegend?« »O nein, sondern viele, viele Tagereisen von hier. Verstehen Sie italienisch?« »Nein.« »So bitte, sehen Sie einmal her!« Er zog ein großes, gesiegeltes und gestempeltes Papier aus der Tasche, öffnete es und hielt es ihr hin, seinen in großer Schrift darauf stehenden Namen sorgfältig mit den Fingern bedeckend. Sie warf einen forschenden Blick darauf. »So sind Sie ein Italiener?« »Ja.« »Und sprechen das Deutsche so ausgezeichnet!« »Ich verkehrte in Rom sehr viel mit Deutschen. Sie sehen also, liebes Fräulein, daß Sie mir Ihren Namen ohne Gefahr nennen können. Ich kehre nach Italien zurück.« »Desto mehr muß ich ihn verschweigen. Zeigen Sie einmal den Paß her!« »O nein! Verschweigen Sie Ihren Namen, so sollen Sie den meinigen nicht lesen.« Jetzt ballte sie ihr kleines Händchen zur Faust. Die sanfte Milda befand sich in einer Aufregung, wie sie ihr ganz und gar unbekannt war. »Also nicht?« stieß sie hervor. »Nein.« »Gut! Dann gehe ich! Leben Sie wohl, Sie Herr – Herr – Herr Lohengrin!« Sie wendete sich scharf um und eilte von dannen. Er rief ihr grüßend nach: »Adieu, Fräulein – Fräulein Melusine!« Sie verschwand um die Ecke des Felsens. Er that einen Schritt vorwärts, als ob er ihr folgen wolle, hielt aber den Fuß sogleich wieder an. »Nein,« sagte er. »Wenn ich sie richtig beurtheile, so kommt sie wieder zurück. Es ist ja nur ihr gutes Herz, welches ihr diesen Streich spielt. Welch ein schönes, liebes Mädchen!« Er wartete, und bald zeigte es sich, daß er sich nicht getäuscht hatte. Er war nach ganz vorn getreten, dahin, wo der Felsen steil zur Tiefe fiel, und that ganz so, als ob er in das Anschauen der unten in dem Thale sich ausbreitenden Landschaft ganz vertieft sei. Da hörte er leichte Schritte, doch verrieth er durch keine Bewegung, daß er dieselben gehört habe. »Herr – Rudolf!« erklang es leise hinter ihm. Er antwortete nicht. »Herr Rudolf!« Jetzt drehte er sich um. Sie stand vor ihm, in ihrer Verlegenheit im ganzen Gesichte glühend. »Ah, Sie, Fräulein! Ich glaubte, Sie seien fort.« »Ich beabsichtigte es auch; aber ich kann doch unmöglich allein gehen.« »Warum nicht?« »Weil ich den Weg nicht weiß. Ich habe mich ja verirrt.« »Ach so! Daran habe ich nicht gedacht.« »Werden aber Sie mir den Weg beschreiben können? Sie als Italiener sind ja hier ebenso fremd wie ich.« »Ebenso? Also sind auch Sie nicht von hier?« »Nein.« »Hm! Nun, so bitte ich, mir zu sagen, wohin Sie wollen.« »Ich muß nach – –« »Steinegg,« hatte sie sagen wollen. Aber bevor sie den Namen aussprach, fiel ihr ein, daß sie dadurch ihren Wohnort verrathen würde. Sie dachte daran, daß sie ja »Hohenwald«, sagen könne. Von dort aus führte die Straße nach Steinegg, und wenn sie dieselbe nicht verließ, so konnte sie sich nicht wieder verirren. Darum fuhr sie fort: »Ich will hinab nach Hohenwald.« »Haben Sie dort Verwandte?« Das war ja keine Unwahrheit, denn sie hatte den Bruder dort. Rudolf bückte ihr forschend in das Gesicht, drohte ihr mit dem Zeigefinger und sagte: »Fräulein, Fräulein! Ich fühle beinahe Lust, Ihnen nicht zu glauben.« »Warum? Ich sage ja die Wahrheit. Ich will wirklich nach Hohenwald.« »Und vorhin sagten Sie, Sie seien in Hohenwald gewesen, mit einer lieben, mütterlichen Freundin und hätten sich dann auf dem Rückwege verirrt.« »Hätte ich das Wort Rückweg wirklich gebraucht? Das glaube ich nicht.« »Aehnlich aber klang es.« »So legen nur Sie meinen Worten diese falsche Bedeutung bei.« »Mag sein. Wenn Sie hier hinabblicken, so sehen Sie Hohenwald da unten liegen. Sie haben also da rechts den Berg hinabzusteigen, immer unter Bäumen weg, und kommen dann auf die Straße, welche nach dem Orte führt. Wenn Sie links in dieselbe einbiegen, können Sie gar nicht fehlen. Nach rechts hin aber würden Sie nach Steinegg kommen.« »Ich danke Ihnen! Aber ob ich die Straße auch wirklich finden werde?« »Ganz gewiß, wenn Sie immer gradeaus gehen, den Berg hinab.« Sie blickte so ziemlich rathlos vor sich hin. »Ich habe dennoch Sorge. Wissen Sie, ich bin noch niemals allein im Walde gewesen. Ich kann die gerade Richtung nicht einhalten. Die vielen Bäume machen mich irr. Ich laufe ganz gewiß im Kreise herum, so daß ich früher oder später wohl gar erst bei Nacht, wieder hier ankomme. Ich habe so Angst.« Er nickte bedächtig vor sich hin. »Ja, da werde ich Sie bitten müssen, einige Zeit hier zu verziehen.« »Ich soll warten? Warum?« »Weil ich jetzt gehen werde, um Ihnen einen Führer zu senden. Bis dieser kommt, werden Sie also hier warten müssen.« »So ganz allein!« »Leider ist Niemand da.« »Hier mitten im Walde!« »O, das darf Sie nicht beängstigen. Sie befinden sich hier ja nicht in den Abruzzen oder im Bakonyerwald, wo es selbst heut noch Raubgesindel geben soll. Sie können inzwischen die Schönheit der Gegend genießen.« Sie blickte verlegen in das Thal hinab und dann ihm in das Gesicht. Dasselbe war so ruhig und unbewegt, als ob er bei dieser Angelegenheit gar nicht mehr betheiligt sei. »Aber bitte,« begann sie wieder, »Sie wollten doch wohl auch durch den Wald.« »Ja, da hinüber!« Er zeigte hinter sich. »Und wo wollen Sie den Führer holen?« »Natürlich unten in Hohenwald. Ich schicke Ihnen denselben herauf. Er kann Sie gar nicht verfehlen, denn dieser Felsen hier bietet einen ganz sichern Anhaltspunkt.« Wieder schwieg sie eine Weile, blickte ihn verstohlen an und sagte endlich: »Aber wenn Sie nach Hohenwald, hinab wollen, um dort den Führer zu holen, so könnte ich doch lieber gleich mit Ihnen gehen.« Er that, als ob er über diese Worte sehr überrascht sei. »Mit mir?« Sie scherzen!« »O nein! Es ist mein Ernst.« »Aber Sie sind ja soeben in einem solchen Zorne von mir gegangen, daß es ganz unmöglich ist, daß ich Sie begleite.« Da lachte sie hell und melodisch auf. »In einem solchen Zorne! O, das hat bei mir nichts zu bedeuten. Das war ja gar kein eigentlicher Zorn. Das war nur so ein Bischen Eigensinn. Und nun werden Sie wohl erkennen, daß ich keine solche weiche, gutherzige Milda bin, wie Sie vorher geglaubt haben.« »Ja,« lächelte er, »man muß sich freilich sehr hüten, Sie in Harnisch zu bringen. Mir scheint doch, daß mit Ihnen nicht gut Kirschen essen sei!« Das war ihr wieder nicht recht. Eine so falsche Ansicht sollte er denn doch nicht von ihr haben. Darum fiel sie schnell und eifrig ein: »So schlimm, wie Sie es machen, ist es nun freilich nicht. Sie könnten es immerhin versuchen, eine Maaß Kirschen mit mir zu verspeisen. Wenigstens dürfen Sie mir zutrauen, daß Ihr Leben nicht in Gefahr kommt, falls Sie die Güte haben wollen, mich aus dieser Baumwildniß in geordnete Zustände zu bringen.« »Wenn Sie das versichern, so will ich es einmal wagen.« »Thun Sie das! Zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen mittheilen, daß Sie gar nicht ganz mit bis nach Hohenwald zu gehen brauchen. Es ist vollständig genügend, wenn Sie mich nach der Fahrstraße bringen. Dann finde ich mich schon selbst zurecht.« »Wieder in die Wildniß hinein!« »Nein, denn ich werde die Straße nicht abermals verlassen.« »So werde ich mich Ihnen sehr gern zur Verfügung stellen.« Er holte sein Ränzchen, welches noch in der Höhle lag, aus derselben und schnallte es sich auf den Rücken, ergriff den Stock und forderte sie durch eine Verbeugung auf, ihm zu folgen. Als sie nun hinter ihm herschritt und Gelegenheit hatte, seine Bewegungen zu beobachten, konnte sie nicht umhin, zu bemerken, wie gewandt und elegant dieselben waren. Erst führte der Weg noch eben dahin, bald aber senkte er sich steil hinab. »Hier gilt es, vorsichtig zu sein,« warnte Rudolf. »Der Boden ist vom Regen naß und schlüpfrig. Wollen Sie mir nicht lieber Ihren Arm geben, Fräulein?« »Ich danke,« wehrte sie ab. Sie hatte das aber sehr bald zu bereuen, denn sie glitt aus, und wenn es ihr nicht gelungen wäre, noch rechtzeitig einen Baumstamm zu erfassen, so wäre sie gewiß gestürzt. Rudolf fragte jetzt gar nicht. Er ergriff ihre Hand, zog ihren Arm in den seinen und führte sie nun sicher weiter. Er hätte den Fußweg benutzen können, auf welchem er vorhin herauf gekommen war, doch unterließ er dies absichtlich. Je unbequemer das Gehen war, desto mehr mußte das schöne Mädchen sich auf ihn verlassen, und es war ihm eine Seligkeit, zu fühlen, wie fest und nachhaltig sie sich auf seinen Arm stützte. Aber das ging endlich doch zu Ende. Sie erreichten die Straße, und Rudolf erklärte abermals: »Rechts nach Steinegg und links nach Hohenwald. Diese letztere Richtung müssen Sie also einschlagen.« »Ich danke Ihnen. Und wie gehen nun Sie?« »Ich kehre zur Höhe zurück, von welcher wir gekommen sind, und verfolge meine Richtung dann weiter.« »Darf ich nicht wenigstens erfahren, welches Ihr nächstes Ziel ist?« »Nein. Elsa von Brabant darf nicht erfahren, wohin ihr Lohengrin sich wendet.« Sie standen vor einander, auf einsamer Waldstraße. Beide glaubten, daß dieses Scheiden wohl ein Abschied für das Leben sei. Milda blickte still zu Boden, und er ergriff mit seinem Blicke die liebliche Gesammtheit ihrer Gesichtszüge. »Wenn Freunde aus einander gehn So sagen sie: Auf Wiedersehn! Das ist ein Dichterwort, welches auf uns wohl keine Anwendung findet, Fräulein Milda. Darum bitte ich Sie herzlich, mich noch einmal freundlich anzublicken. Ich möchte mir Ihre Züge gern für mein Leben lang einprägen und dieses freundliche Bild mit hinaus nehmen in die Zukunft, welche sich mir jedenfalls ernster gestaltet als Ihnen.« Sie erhob ihr Auge zu ihm. Es strahlte ihm warm, aber nicht hell entgegen. Es glänzte feucht, wie unter einer tiefen, wehmüthigen Rührung. »Auch ich werde sie nicht vergessen,« sagte sie. »Es war ein unerwartetes Treffen und schnelles Scheiden; aber es giebt Bilder, welche sich der Seele unaussprechlich einprägen, obgleich man sie nur einen Augenblick lang sah.« »So ist das Ihrige!« »Nehmen Sie meinen innigsten Dank für den großen Dienst, welchen Sie mir leisteten. Ich kann Ihnen denselben leider nicht vergelten, da Sie sich weigern, mir Ihren Namen zu sagen.« »Daran sind nur allein Sie schuld. Der Dank aber gehört Ihnen. Ich nehme eine Erinnerung von hier mit fort, welche nur mit mir selbst aufhören und sterben wird. Leben Sie wohl!« Sie hatte ihm ihre Hand entgegengestreckt. Er ergriff dieselbe. Sein Auge leuchtete so innig traurig auf sie nieder; seine Lippen bebten; sie bemerkte das. »Gott behüte Sie!« flüsterte sie, zog ihre Hand aus der seinen und wendete sich ab. Sie war bereits mehrere Schritte gegangen, langsam und zögernd. »Melusine!« erklang es hinter ihr. Sie blieb stehen und drehte sich um. Er kam auf sie zu. Sie abermals bei der Hand, bei allen beiden Händen fassend, sagte er: »Wenn die Fee scheidet, so soll sie als Fee scheiden, beglückend, damit der Augenblick des Abschiedes seinen Glanz hinein in das spätere lichtlose Leben werfe. Darf ich?« Er hatte sie an sich gezogen und bog den Kopf zu ihr hernieder. »Was?« flüsterte sie erglühend. »Den letzten Kuß in meinem Leben!« Er schlang die Arme um sie und küßte sie, ohne daß sie sich dagegen sträubte. Sie befand sich wie in einem seligen Traume, aber der Traum weckte selbst sie auf. »Genug, genug!« bat sie. »Und nun ade!« »Ade, meine Fee, meine Sonne, ade!« Sie ging fort, jetzt rascher als vorher, nach Hohenwald zu. Er blieb stehen und blickte ihr nach, bis sie verschwunden war. »Soll ich ihr nach?« fragte er sich. »Soll ich forschen, wer sie ist? Nein! Sie will es nicht, und das ist Ehrensache für mich. Will Gott, daß ich sie wiedersehe, so wird er es schicken. Sein Wille mag geschehen.« Er suchte den bereits erwähnten Fußpfad auf und stieg langsam, langsam wieder den Berg hinan. Wie schnell war es vorher gegangen, als er denselben Weg gefolgt war, um dem Gewitter zu entgehen. Und nun war es ihm zu Muthe, als ob er eine schwere, schwere Last zu tragen habe. Die Füße wollten gar nicht vorwärts gehen. Wenn er geglaubt hatte, daß Milda wirklich nach Hohenwald gehen werde, so hatte er sich geirrt. Sie ging nur so weit, bis sie hinter einer Straßenkrümmung seinem Auge verschwunden war und trat dann unter die Bäume. Sie wollte sehen, ob er ihr folgen werde. Sie schlich sich im Schutze der Bäume zurück und bemerkte, daß er es ehrlich gemeint habe. Er entfernte sich in der von ihm angegebenen Richtung, und nun konnte sie umkehren, um nach Steinegg zu gehen. Sie kam gar nicht weit, so wurde sie angerufen, und zwar von dem Wurzelsepp. Dieser hatte, wie bereits erwähnt, von dem Bahnhofe zu Steinegg nach Hohenwald gewollt, doch war er unterwegs zu der Ueberzeugung gekommen, daß das Gewitter eher losbrechen werde, als er das Ziel erreichte. Darum hatte er sich nach der Waldhüterhütte gewendet und dort ein Unterkommen gefunden. Kurz vor Ausbruch des Gewitters war die Bürgermeisterin dort angekommen und hatte erzählt, daß Milda auf der Straße auf sie warte. Der Sepp war nun eiligst nach derselben gelaufen, um das Mädchen herbei zu holen, hatte aber vergeblich gesucht. Er hatte annehmen müssen, daß die junge Schloßherrin sich beeilt habe, nach Steinegg zu kommen, und kehrte also nach der Hütte zurück. Dort wurde das Ende des Gewitters abgewartet und dann führte der Sepp mit dem alten Waldwärter die Bürgermeisterin nach der Straße und eine ziemliche Strecke weit auf derselben fort. Als sie dann zurückkehrten, hörten sie seitwärts Stimmen im Walde. »Na,« meinte der Wärter, »wer jetzund hier im Walde ist, der hat halt das Gewittern mit durchmachen mußt und wird ausschaun wie eine badete Maus. Wollen also doch mal schaun, wer das sein wird.« »Du, halt! Das ist ja doch wohl eine Frauenzimmernstimmen. Nicht?« »Ja, das klingt grad so, so fein.« »Und – sacra! Diese Stimmen kenn ich schon! Das ist dera Milda ihre Stimmen. Sie redet mit Einen. O Jerum! Die hat also noch im Wald steckt, bei dem Gewittern. Komm daher hinter die Bäumen. Wollen schaun, mit welcher Gesellschaften sie kommt.« Sie versteckten sich, und einige Augenblicke später trat Milda mit Rudolf auf die Straße hervor. »Du, kennst Den?« flüsterte der Wärter. »Ja,« antwortete der Sepp. »Es ist dera Frau Sandauen in Eichenfeld droben ihr Sohn, ein sehr braver Kerlen.« »Aberst die Beiden sind halt gar nicht naß.« »Eben! Wie kommt denn das? Sie haben irgendwo steckt, wo dera Regen nicht hinkommt hat, vielleichten – –« »Pst! Halts Maul jetzunder! Ich glaub halt gar, die nehmen sich noch beim Schopfi und Kopfi!« »Wohl nicht!« »O geh! Die Gesichterln schaun ganz so aus! Und – da siehsts! Jetzunder hat er sie bereits bei denen Händen!« »Ja, aberst sie geht fort! Schau!« »Und er, bleibt stehen. Wie barmherzig er ihr nachblickt. Horch! Er will halt gar eine Apfelsinen von ihr haben!« »Dummkopf! Melusine hat er sagt. Hast von dera noch nix hört? Das ist eine schöne Frauen gewiß, welche halb Fisch und halb Madame gewest ist, und nachhero – Donnerwettern!« »Na, da hasts!« »Jetzt habens sich geschmatzt!« »O Jerum! Wenn das Unsereinem auch mal so passiren thät!« »Du hättst wohl auch das richtige Geschicken daderzu! Schau, jetzt gehens von einander!« »Ja, er den Berg hinauf und sie nach rechts. Aberst sie thut nur so. Sie kommt sichern wieder retour, und da will ich mich sehen lassen. Mach Dich also fort in Deine Hütten. Du wirst nicht mehr braucht.« »Ja, wann dera Gaul seine Arbeiten than hat, so erhält er die Peitsch auf den Leib. Jetzt willst wohl die Baronessen heimiführen?« »Vielleichten.« »Und ihr auch ein Busserl geben?« »Halt den Schnabeln, sonst geb ich Dir was drauf! Uebrigens, wannsts einem einzigen Menschen sagst, daßt sie hier sehen hast mit dem Rudolf Sandauen, so hau ich Dir eine Ohrwatschen herab, daß die Fetzen fliegen sollen wie die Dachschindeln. Das muß ein sehr großes Geheimnissen bleiben. Verstehst?« »Ja. Schweig nur Du selberst auch. Und nun leb wohl, Sepp! Wannst wiedern mal zu mir kommst, so bring mir für einen Pfennigen Stecknadeln mit.« »Wozu willst denn diese haben?« »Bei meinen Ledernhosen hier ist die Nath aufigangen; die muß ich zustecken.« »Mit Stecknadeln?« »Ja freilich.« »Das mußt doch eigentlich zuflicken!« »Fallt mir nicht eini! Eine Nähnadeln mit dem Zwirnen kostet drei Pfennigen. Für einen Pfennigen aber bekomm ich gar fünf Stecknadeln, mit denen kann ich die größte Nath zustecken. Und wann die Luft ein Wengerl durchgeht, so ist das nur gesund. Die Haut kann gar nicht Luft genug bekommen. Also vergiß es nicht, und leb nun wohl?« Der alte Mann, bei welchem vor zwanzig Jahren Max Walther von seiner Mutter zurückgelassen worden war, entfernte sich, und der Sepp wartete, bis Milda kam. Er ließ sie vorüber gehen und trat dann unter den Bäumen hervor. »Verteuxeli!« rief er. »Das ist ja die Fräulein Baronessen. Wo kommens denn jetzunder her? Von Hohenwalden?« Sie hatte sich zu ihm umgedreht. »Nein. Ich hatte mich verlaufen.« »Bei dem Wetter? So habens das Gewittern wohl gar im Wald derlebt?« »Ja.« »Und sind doch gar nicht naß worden!« »Ich traf einen Herrn, welcher mich unter den Schutz eines Felsens brachte, eben als der Blitz in einen Baum schlug, unter welchem ich eine Sekunde vorher gestanden hatte.« »Verteuxeli! Wer wird sich unter einen Baumen stellen, wann dera Blitz hineinschlagen will!« »Wo kommst Du jetzt her?« »Vom Waldwärter, der seine Hütten da drinnen hat.« »Jetzt eben?« »Ja.« »So hast Du Dich vor ungefähr fünf Minuten noch nicht hier befunden?« Sie war in Sorge, daß er sie mit Rudolf belauscht habe. »Vor fünf Minuten? Da war ich hinter denen Bäumen.« Er deute nach dem tiefen Wald zurück. Seine Worte enthielten freilich keine Lüge, da er wirklich hinter den Bäumen gesteckt hatte. »Und wo willst Du jetzt hin?« »Allüberall! Mir ists, halt ganz gleich, wohin meine Beine mich tragen. Einen Bissen Brod und ein Lager find ich überall.« »So kannst Du mir einen großen Gefallen thun. Willst Du?« »Gern. Für Sie lauf ich durch zehn eisernen Thüren, wanns Jemand aufischlossen hat.« »Der Herr, welcher mich beschützt hat, wollte mir nicht sagen, wer er sei. Er ist ein Italiener und hier zur Höhe hinauf. Getraust Du Dich, ihn zu finden?« »Wann er nicht davonflogen ist, werd ich ihn wohl gut einholen.« »So folge ihm schleunigst nach, und bringe mir Nachricht, was Du von oder auch über ihn erfahren hast!« »Das ist nicht so gar sehr leicht. Weiß er denn etwa, wer die Fräulein Baronessen gewest sind?« »Nein. Wir haben uns Beide in das tiefste Geheimnissen gehüllt.« »Und dera Sepp soll Euch nun wiedern aus dem Geheimnissen herausiwickeln?« »Mich nicht. Er darf auf keinen Fall erfahren, wer ich bin. Also schnell, damit er keinen zu großen Vorsprung erhält.« »Dann mach ich die größern Nachsprungen und hol ihn dennerst noch ein. Grüß Gott, Fräulein!« Er schwenkte den Hut und bog in den Weg ein, um Rudolf zu folgen. »Das ist nun eine feine Sachen!« kicherte er vor sich hin. »Er kennt sie nicht, und sie ihn nicht. Dera Sepp kennt aberst alle Beiden. Nun wird er von ihm nach ihr und von ihr nach ihm ausgefragt werden, und Keins soll aberst wissen, wer dera Andere ist. Sepp, Sepp, wannt nicht einen gar so guten Kopf auf dem Hals hättst, so wär er schon längst entzwei gangen. Denn was die Menschheiten Alles von dem Sepp verlangt, daß ist halt gar nimmer nicht ausizusagen.« Jetzt nun aber griff er aus. Seine Schritte waren langsam aber weit und ausgiebig, wie diejenigen eines erfahrenen Bergsteigers. Trotz seines Alters kam er schneller vorwärts, als Rudolf, welcher es erst so eilig gehabt hatte, zu seiner Mutter zu kommen, nun aber nur langsam lies, um das erlebte Abenteuer zu überdenken. Als der Alte den Jüngling erreichte, that er natürlich so, als ob er über diese Begegnung ganz überrascht sei. »Hollah da vorn!« rief er. »Lauf halt ein Wengerl langsam, daßt mich auch mitnehmen kannst, wannst aufi gehst!« Rudolf wandte sich um und erkannte ihn. »Sepp, Wurzelsepp!« antwortete er, sichtlich über diese Begegnung erfreut. »Woher, altes Haus?« »Von da unten.« Er deutete nach rückwärts. »Und wohin?« »Hinaufi.« Er deutete vorwärts. »Etwa nach Eichenfeld?« »Ja. Wo sollt ich sonsten hinwollen? Dieser Weg führt ja nach keinem andern Ort.« »So gehen wir mit einander.« »Ist mir lieb. Zu Zweien kommt man halt viel schneller vorwärts, als wenn man ganz allein gehen muß. Das Gespräch vertreibt die Zeit und macht die Beine behender.« »Hast Recht. Bist kürzlich wohl schon einmal oben gewesen?« »Seit langer Zeit nicht wieder.« »So kannst Du mir wohl auch keine Nachricht über meine Mutter geben?« »Nein. Hab halt nix über sie vernommen.« »Ich auch seit ewiger Zeit nicht. Ich war in Italien.« »Das hab ich wohl wußt. Hast den großen Preis gewonnen und konntest dafür nach dem Italien gehen, um noch mehr zu lernen.« »Mutter hat mir zwar wiederholt geschrieben. Aber ich befinde mich seit vier Wochen auf der Heimreise und habe ihr keinen Ort angeben können, an welchem mich ein Brief von ihr treffen könnte. Darum hat sie mir nicht schreiben können. Ich befinde mich in Sorge um sie.« »Sorge? Die brauchst um die gute Frau Sandau nicht zu haben. Die befindet sich gewiß wohlauf.« »Will es hoffen.« »Also bist Du seit langer Zeit gar nicht wieder in dieser Gegend gewesen?« »Nein. Aberst seit einigen Tagen war ich drunten in Hohenwald.« »Wirklich? Ah, das freut mich sehr,« sagte der junge Mann schnell. »So, das gefreut Dich. Warum?« »Weil Du mir da vielleicht eine Auskunft ertheilen kannst.« »Dazu bin ich schon gern bereit, wann es mir möglich ist.« »Du kennst doch alle Bewohner des Ortes?« »Natürlich. Wen sollt dera Sepp nicht kennen.« »Ist vielleicht bei irgend wem jetzt ein fremder Besuch?« »Ja. Beim Müllerhelm.« »Wer ist da?« »Ein fremder Doctor und nachhero noch ein Andrer, der kommen ist, um denen Combyx zu suchen.« »Haben diese beiden Herren Familie?« »Der Eine ist ledig; der Andere hat vielleicht eine Frauen und auch Kindern.« »Hat er sie mit?« »Nein; er ist ganz solo da.« »Solo? Höre, Du drückst Dich doch recht gelehrt aus!« »Na, warum denn nicht? Unsereiner kann auch mal was lernen.« »Aber die Auskunft, welche Du mir ertheilst, genügt mir nicht. Ich suche nämlich – – –« »Na, was denn?« »Eine – – Person.« »Eine Personen kannst sehr bald finden. Greif nur zu! Ich bin doch auch eine.« »Ich meine eine weibliche.« »Damit hats erst recht keine Noth. Wann wir noch eine Viertelstund so fort laufen, werden wir wohl einer begegnen.« »Ich spreche von einer ganz bestimmten Person, von einer Dame.« »Sapperment! Von einer Dame! Und da soll dera Sepp Rath schaffen?« »Ja, denn Du bist der Allerweltsvetter, welcher einen Jeden kennt.« »Aber von einer Damen weiß ich nix.« »Vielleicht macht der Ausdruck ›Dame‹ Dich irr. Ich meine nämlich ein junges Mädchen, welches in Hohenwald bei irgend Jemandem auf Besuch sein muß.« »Da irrst Dich. In Hohenwald giebts jetzunder keinen solchen Besuch.« »Besinne Dich!« »Ich brauch mich nicht zu besinnen, denn ich weiß es auch ohne das genau. Wannst vielleicht denen Namen kennen thätst. »Sie heißt Milda.« »Und weiter?« »Den Familiennamen hat sie mir leider nicht sagen wollen.« »Da ist dera Gaul freilich nur von vorn beschlagen, wenn die hinteren Eisen fehlen.« »Vielleicht kannst Du die Dame doch noch ausfindig machen. Sie muß Dir doch begegnet sein. Wo kommst Du her?« »Von Steinegg.« »Dann freilich nicht, denn sie ist nach Hohenwald.« »Ich komm vielleichten schon heut wiedern da hinab. Kannst mir nix von ihr herzählen. Nachhero weiß ich vielleicht, wie ich es anfangen muß, um sie zu derwischen.« »Ja, Du sollst erfahren, was ich von ihr weiß.« Er erzählte ihm nun im Vorwärtsschreiten sein heut erlebtes Abenteuer, natürlich nur so weit, wie er es für nöthig hielt. »Hm!« brummte der Sepp, als Rudolf geendet hatte. »Am Besten wirds halt sein, wannt nicht weiter an sie denkst.« »Warum meinst Du das?« »Mir scheints, als ob sie den Teuxel im Leib haben thät. Das muß ein fixirtes Frauenzimmern sein. Sagt Dir nicht mal ihre Heimath und denen Namen, obgleich Du ihr das Leben gerettet hast. Ich möcht nix von ihr wissen.« »Du irrst Dich. Die Dame besitzt ein ganz ausgezeichnetes Herz.« »Und wohl auch ein hübsches Gesichterl?« »Sie ist allerdings sehr schön.« »Da hat man es! Wann so ein Dirndl die Nase abwärts hat und das Maul quer drunter, nachhero ist sie gleich schöni und hat auch ein gutes Herz. Zu meiner Zeit, damals, als ich noch jung war und ein sakrischer Bub, da ists doch ganz anderst gewest. Da haben wir viel mehr Ansprüchen macht. Wann da Eine hat für schöni gelten wollen, so hats Backen haben mußt wie die Fliegenpilzen, Zähnen wie die Perlen, Lippen wie die Leberwürsten, Augen wie ein Spitzbub, und tanzen häts können mußt wie eine Spindel am Rad. Jetzunder aberst ist das Alles ganz anderst worden. Jetzt ist halt eine Jede sogleich ein Bild von Schönheit, wanns nur nicht bucklig ist und nicht lahm oder taub. Geh nur weg! Ihr könnt mir gestohlen werden mit sammt Euren Dirndln. Warum hab ich nicht heirathet? Warum bin ich ledig blieben, he?« »Nun, weshalb?« »Weils selbst dazumalen Keine geben hat, die hübsch genug gewest ist für denen Wurzelsepp. Und jetzunder ists nun gar gefehlt.« »Ja,« lachte Rudolf, »jetzt möchtest Du nun wohl heirathen, bekommst aber Keine.« »Ich? Keine bekommen? Mehr als Du! Laß Dir erst den Schnurrbarten wachsen, bevor Du so was sagst! Bist noch kaum aus dem Ei und willst so gesetzte Leutln, wie ich eins bin, zum Narren machen. Das sieht Eine und ist auch sofort verliebt in sie. Scham Dich doch für einige Groschen! Wie alt ists denn wohl gewest, dieses Dirndl?« »Achtzehn.« »Nun, das ist noch nicht zu alt. Da kanns halt wohl warten, bis Du's wieder funden hast.« »Das soll wohl nicht sehr lange währen. Ich verlasse mich da ganz auf Dich.« »So! Ja, was die gelehrten Herren nicht selberst fertig bringen können, das soll dera Sepp machen. Was aber hat er davon?« »Du sollst Dich nicht umsonst bemühen.« »Schau, das klingt nicht übel. Was giebst mir wohl, wann ich das Dirndl find?« »Wie viel verlangst Du?« »Giebst zwanzig Mark?« Da blieb Rudolf stehen, schüttelte den Kopf und antwortete: »Sepp, Du weißt, daß ich nicht so viel übrig habe.« »So giebst zehn.« »Die könnte ich vielleicht zusammenbringen. Aber wie ich Dich kenne, machst es mir auch einstweilen umsonst. Später kann ich Dir dankbar sein. Du hast mir bereits größere Gefallen gethan, als der ist, um welchen ich Dich jetzt bitte.« »Meinst? Na, das soll eine Reden sein. Ja, ich kenn Dich bereits, seit Du mit dera Muttern von dem Amerika herüberkommen bist. Du warst stets ein braves Buberl und wirst auch ein braver Mann werden. Aber laß Dich warnen, Rudolferl, laß Dich warnen!« »Wovor?« »Vor denen Teufeln, die aus den Augen eines hübschen Dirndls schauen. Wann man zu denen hineinblickt, dann ist die Teufelei sofort fertig. Ein verliebter Bursch ist nur ein halber Bursch. Und grad Du mußt nüchtern sein, denn Du brauchst den ganzen Kopf, um zu werden, wast werden willst.« »Verliebt? Das bin ich nun freilich nicht.« »So? Was sonst?« »Ich interessire mich für die Dame.« »Ach? Und bist nicht verliebt? Höre mal, wann man sich einmal verinteressirt, nachhero ists mit dera Liebe auch gleich da. Ich hab mich auch mal für Eine verinteressirt, und da zahlt mein altes Herz noch heutigen Tags die Interessen, obgleich es das Kapital doch gar nicht bekommen hat. Ich will Dir den Gefallen erweisen und nach dem Dirndl forschen; aber wann ichs nicht find, so mußt halt thun, als obsts gar nie gesehen hättst. Das sind so kleine Abenteuern, die ein Jeder mal derlebt. Deshalb aberst darf man nicht sogleich bis unters Dach hinaufi in Brand gerathen. Verzähl mir jetzunder lieber, wie es Dir drin in dem Italien ergangen ist.« »Nach Verhältnissen gut. Ich habe tüchtig studirt und gearbeitet und auch Bekanntschaften geschlossen, welche mir später von Vortheil sein können, und – – aber, da fällt mir bei dem Worte Bekanntschaft eine Begegnung ein, welche ich heut in Steinegg hatte. Ich vermuthe, daß Du auch dort bekannt bist?« »So wie hier.« »Dennoch aber werde ich mich vergeblich an Dich wenden, denn der betreffende Herr schien fremd in Steinegg zu sein.« Er erzählte sein Zusammentreffen mit dem Baron von Alberg. Der Sepp sagte zunächst gar nichts dazu. Er schritt in Gedanken neben dem jungen Manne her. Endlich erkundigte er sich: »Er hat also Deinen Namen sagt?« »Meinen Vor- und Zunamen.« »Und auch nach dem Vatern fragt und von diesem Verschiedenes wußt? Hm! Hast Dir denen Mann genau anschaut?« »Ja.« »Giebts nix, woran man ihn vielleichten erkennen könnt?« »O doch. Während er mich fragte, schob er den Hut zurück. Da erblickte ich eine Narbe auf seiner linken Stirn.« »So! War er allein?« »Zwei Herren und eine Dame waren bei ihm. Ich frug nach ihm, konnte aber keine Auskunft erhalten.« »Und sodann hat er Dich fragt, obtst von Adel bist oder bürgerlich. Er muß doch einen Grund habt haben.« »Jedenfalls. Aber adelig sind wir nicht.« »Auch niemals gewest?« »Nein.« »So weiß ich nicht, was dera fremde Herr schwatzt hat. Aber wir werdens schon noch derfahren.« »Das bezweifle ich sehr.« »Ich nicht. Weißt, wann ich derfahr, wer das Dirndl ist, mit der Du vorhin sprochen hast, so werd ich wohl auch ausfindig machen können, wer dera Herr gewest ist. Vielleichten hab ich bereits gar eine Ahnungen davon.« »Wirklich? Kennst Du ihn?« »Gesehen hab ich ihn; aberst weitern kann ich gar nix sagen. Er wohnt nicht in Steinegg, doch werd ich schon die Auskunften finden, welche Du von mir verlangen thust. Und jetzt nun schau, da ist dera Wald zu End, und dort liegt Eichenfeld. Nun wirst Deine Muttern sogleich zu sehen bekommen.« Das Städtchen war nicht groß, aber es lag recht nett und sauber auf der Höhe, überragt von einem Felsen, welcher in gewaltigen Stufen zur Höhe stieg, umgeben von Wald und fruchttragenden Feldern. Einen befremdenden Eindruck machte die Kirche. Der Thurm war in Folge eines zündenden Blitzes in Feuer aufgegangen und bis zur Hälfte niedergebrannt. Das Feuer datirte nicht aus neuster Zeit, dennoch war der Thurm aus gewissen Gründen noch nicht wieder aufgebaut worden. Als die Beiden sich der Stadt näherten, begegneten ihnen Leute, welche den Jüngling mit respektvoller Freundlichkeit grüßten, aber doch etwas eigenartig Scheues gegen ihn zeigten. Noch hatten sie die ersten Häuser nicht erreicht, so kam ihnen eine vierschrötige Gestalt entgegen, ein Landwirth, welcher nach seinen Aeckern sehen wollte. Als er sie erblickte, blieb er stehen und nahm die Meerschaumpfeife aus dem Munde. »Was!« sagte er. »Ists wahr? Da kommt dera Sandauer Rudolfen?« »Ja,« antwortete Rudolf, »ich bin es. Oder kennen Sie mich nicht mehr, Nachbar?« »O, ich kenn den Herrn Studenten schon; aberst ein Wundern ists, daßt er seinen Nachbarn noch kennen thut.« »Warum sollte ich das nicht?« fragte der junge Mann erstaunt. »Weils halt von dera Heimathen gar nix mehr wissen wollt haben.« »Wer sagt das denn?« »Keiner hats sagt, aber Alle wissens. Warum antwortens denn nicht, wenn man Ihnen so viele und dringliche Briefen schreibt?« »Von solchen Briefen weiß ich gar nichts.« »Ja, weils dieselbigen gar nicht angenommen haben. Sie sind halt alle mitnander wieder retur hier ankommen, und indessen liegt die arme Muttern daheim und – – –« »Meine Mutter?« unterbrach ihn Rudolf. »Was ist mit ihr?« »Na, wissens das nicht?« »Nein, kein Wort. Schnell, schnell! Was ist mit ihr? Was fehlt ihr?« »Ja, wanns das wirklich noch nicht wissen, so muß ichs halt schon derzählen.« Er zog ein Streichholz heraus, strich es an der Hose an und steckte sich die ausgegangene Pfeife wieder in Brand. Dann begann er: »Also das war – – ja, meiner Seel, am Samstag sinds bereits vier Wochen gewest, und ich hat grad meine neuen Stiefeln vom Schustern bekommen. Also am Samstag vor vier Wochen so um die Mittagsstund war ich im Hof und hat grad die Sauen füttert – – –« »Bitte, bitte, machen Sie etwas schneller, Herr Nachbar!« drängte Rudolf. »Nur Zeit, nur Zeit, junger Mann! Wann man die Sauen füttert, darf man sich nicht übereilen, denn sonst würgens das Futter schnell hinunter und legen keinen Speck und Fetten an. Gut Ding will Weile haben. Also am Samstagen vor vier Wochen – ich weiß noch ganz genau, daß ich am Morgen den alten Kirschbaum im Garten umsägt hatt, weil er nicht mehr tragen wollt, und dera Schreiner hat mir elf Mark für den Stamm zahlt, elf Mark, gleich so, wie er im Garten lag, nämlich nicht der Schreiner, sondern der Stamm. Nachhero war es so um die Mittagszeit, und meine Frauen hat grad die Suppen angerichtet gehabt, da ist dera Briefträgern kommen und hat mir einen Brief bracht von meinem Schwagern Binzens droben in Reinsbergen, und da – – –« »Um Gotteswillen,« fiel Rudolf ein. »Spannen Sie mich doch nicht auf die Folter! Was ist denn eigentlich geschehen?« »Was? Ich werd Sie auf die Foltern spannen? Fallt mir gar nicht eini! Und was geschehen ist, das werdens sogleich derfahren, denn bevor ich noch meinen Brief aufmacht hab, hat dera Briefträgern mir sagt, daß er dera Frau Sandauen auch einen bracht hat, und die hat ihn aufschnitten und sich beim Lesen so still auf den Stuhl setzt, als obs todt gewest wäre, und –« »Herrgott! Nachbar, schnell, schnell! Ist meine Mutter krank?« »Krank? So wartens nur ruhig ab, bis ich es richtig verzählt haben werd. Also, sie hat sich so still auf denen Stuhl – – –« »Halt! Nicht weiter! rief Rudolf, indem er den Mann beim Arme faßte. »Jetzt sagen Sie mir vor allen Dingen, ob meine Mutter krank ist!« »Krank? Na, natürlich ist sie krank!« »Was fehlt ihr?« »Das sollens sogleich hören, denn als sie sich so auf denen Stuhl niedersetzt hat, so – – –« »Was ihr fehlt, will ich wissen!« schrie ihn Rudolf an. »Herjesses! Nehmens sich nur eine Zeit! Dera Schlag hat sie troffen.« »Mein Gott, mein Gott! Lebt sie denn noch?« »Na, starben ists noch nicht, und – – –« »Gott sei Dank! Ich muß fort. Sepp, komm nach. Ich habe keine Zeit.« Er sprang von dannen. »Na,« brummte der Mann, indem er sich den Tabak fest stopfte, »nun hat er auf einmal keine Zeit, und vorher hat er sich gar nicht um sie kümmert!« »Er hat ja gar nix davon wußt!« entschuldigte der Sepp seinen jungen Freund. »Es ist ihm aberst doch schrieben worden!« »Er hat die Briefe gar nicht erhalten.« »So? Warum denn nicht?« »Weil er auf dera Reisen unterwegs gewest ist.« »So hätt er sollen daheim bleiben!« »Ists denn schlimm?« »Schlimm ists. Nämlich sie hat sich auf den Stuhl setzt und gar nix sagt. Dera Briefträgern ist gangen und hat mir meinen Briefen bracht. Kaum aber ist er hinaus gewest, so ist der Knecht hereini kommen und hat sagt, daß der Schlag die Frau Sandau troffen hat. Sie hat nicht reden konnt und auch nicht sich bewegen.« »Du, mein guter Gott! Warum denn?« »Vor Schreck.« »Diese gute, brave, liebe Frauen! Worüber ist sie denn so verschrocken?« »Weil sie kein Geld mehr empfängt. Dera Bankier, von dem sie alle Vierteljahren ihr Geld erhalten hat, der hat einen großen Bankerotten macht, und nun erhält sie all ihr Lebtag keinen einzigen Heller mehr.« »Also darüber, darüber ist sie so verschrocken. Und nicht sprechen hats konnt und auch nicht sich bewegen?« »In dera ersten Zeit. Nachhero aber ists besser worden. Jetzunder kanns bereits wieder langsam reden und auch die beiden Arme bewegen. Kein Mensch ist bei ihr gewest, und so sind halt die Nachbarn zusammentreten und haben sie gewartet und pflegt, wie sichs gehört. Vielleichten wirds wiedern so gesund wie vorher; aberst mit dem Studium ists nun aus bei ihrem Buben.« »Weil das Geld nun fehlt?« »Jawohl. Sie hat jetzund auf ein Vierteljahren für ihn zahlen sollt, aberst doch nix empfangen. Sie hat für sich keinen Pfennig mehr, für ihn nun aberst gar nix. Sie hat von ihren Sachen was verkaufen wollt, aberst das haben wir Nachbarn nicht zugeben. Jetzt nun ist dera Student angekommen, und nun mag er halt für sie sorgen. Wer weiß, ob die Frau im Leben wieder einen Pfennig verdienen kann. Sie hat denen Mäderls das Stricken und Nähen lehrt. Davon und von dera kleinen Pension hats lebt. Beides ist nun vorbei, und so mag nun der Bub sehen, was er anfangt, um nun durch die Welt zu kommen. Wir Nachbarn werden zwar unsera Händen auch nicht abziehen von dera Frauen, welche unsern Kindern Gutes lehrt hat; aberst ihn studiren lassen, bis er fertig ist, das können wir doch nicht.« »So wird sich ein Anderer finden, ders thut,« sagte der Sepp. »Ein Andrer? Den möcht ich sehen!« »Wirst ihn schon bald sehen. Paß nur aufi!« Er eilte fort, in die erste Straße des säubern Städtchens hinein und dann nach einer Seitengasse, wo das Häuschen lag, in welcher Frau Sandau zur Miethe wohnte. Sie war vor langen Jahren hierher gekommen, aus Amerika, wie die Leute wußten. Von dort bezog sie als Pension die Zinsen eines kleinen Kapitales, welches dort für sie angelegt worden war, und beschäftigte sich zu ihrem weiteren Fortkommen damit, daß sie den jungen Schulmädchen Unterricht in den weiblichen Handarbeiten ertheilte. Mit dem Ertrage dieses Unterrichtes und jener Pension hatte sie es fertig gebracht, ihrem Sohne die polytechnische Schule zu München besuchen zu lassen. Er war ein hochbegabter und fleißiger Schüler, hatte bedeutende Fortschritte gemacht und sich sogar durch eine Preisarbeit die Mittel errungen, in Italien seine Studien fortsetzen zu können. Frau Sandau war ein stilles, sehr anspruchsloses Wesen. Man merkte ihr wohl an, daß sie in früheren Zeiten ganz andere Ansprüche an das Leben gemacht hatte, doch zeigte sie in ihrer gegenwärtigen Lage ein immer heiteres Zufriedensein. Welche Opfer, Anstrengungen und Entbehrungen sie sich auferlegte, um ihrem Sohne eine Zukunft zu bieten, das wußte freilich nur sie allein. Sie wohnte eine Treppe hoch, in einem Stübchen, an welches die Schlafstube stieß. In der Letzteren lag sie jetzt. Sepp war sehr oft bei ihr gewesen. Er verkehrte ja vorzugsweise gern mit Leuten, welche mit den Sorgen und Nöthen des Lebens zu kämpfen hatten. Zu ihnen kam er stets als tröstender Berather und war bei ihnen wohlgelitten und willkommen. Diese Frau Sandau hatte er ganz besonders in sein Herz geschlossen, und darum hatte ihn jetzt die Kunde von dem Unglücke, welches ihr zugestoßen war, doppelt tief getroffen. Er stieg leise und langsam die Treppe hinan und öffnete die Thür. Das Stübchen glänzte trotz seiner alten, einfachen Möbels vor Reinlichkeit. Es befand sich Niemand in demselben. Aber aus dem Nebenzimmer, dessen Thür geöffnet war, ertönten Stimmen. Sepp trat hinzu. Frau Sandau lag im Bett, bleich und abgezehrt, aber leuchtenden Angesichtes, da sie nun den heiß ersehnten Sohn endlich wieder bei sich hatte. Sie erblickte den alten Freund zuerst. »Der Wurzelsepp, da ist er,« sagte sie mit langsamer, ein Wenig lallender aber deutlich verständlicher Stimme. »Ja, da bin ich,« antwortete er, an das Bett tretend, an welchem Rudolf kniete, die eine Hand der Mutter in der seinigen haltend. »Wann ich wußt hätt, daß Sie krank sind, so wär ich allbereits schon längst mal kommen. Ich habs aberst soeben erst derfahren.« »Rudolf sagte es mir. Setzen Sie sich, lieber Freund. Es freut mich, daß Sie kommen. Ich stehe im Begriffe, meinem Sohne eine Mittheilung zu machen, von welcher ich haben möchte, daß Sie dieselbige auch hören. Sie sind ein zwar einfacher aber sehr erfahrener Mann und können ihm rathend zur Seite stehen, wenn ich ihm nicht mehr zu rathen vermag.« »Mutter!« bat Rudolf mit schmerzlichem Tone. »Wanns ihm nimmer rathen können?« meinte auch der Sepp. »Na, wills Gott, so lebens halt noch lange Jahren. Hat sich die Sprach wiederfunden, so werdens auch bald wiederum laufen und hantieren lernen. Nur frohen Muth müssens haben. Das ist die Hauptsachen.« »Ich hoffe zwar auch, daß sich meine Krankheit zum Bessern wenden werde, aber der Schlag pflegt sich gern zu wiederholen; das kommt ganz plötzlich und unerwartet, und darum möchte ich mein Haus bestellen.« »Wollens etwan gar ein Testamenten machen?« versuchte der Sepp, zu scherzen. »Nein, ein Testament im gewöhnlichen Sinne nicht. Ich besitze kein Vermögen. Ich bin leider jetzt ärmer noch als vorher. Ich kann meinem Sohne nichts hinterlassen als meinen Segen, die wenigen armen Gegenstände, welche ich besitze, und einen Namen, welchen er – – von einem Flecken zu reinigen hat.« »Ich? Unsern Namen?« fragte Rudolf erschrocken. »Ja. Ich habe bisher geschwiegen. Ich wollte keinen bittern Tropfen in den so schon leeren Kelch Deiner Jugendfreuden fallen lassen. Jetzt aber, wo mich möglicher Weise der Tod an jedem Augenblick ereilen kann, muß ich endlich sprechen.« »Nein, Mutter, schweige! Hast Du eine Erinnerung, welche Dich aufregt, so schweige jetzt noch darüber, bis Du Dich mehr erholt hast. Jetzt aber ist es Dir gefährlich.« »Ich habe diese Gefahr mit meiner Pflicht ganz genau abgewogen und dabei gefunden, daß es besser sei, wenn ich Dir meine Mittheilungen mache. Du brauchst überdies nicht zu befürchten, daß ich mich übermäßig aufrege. Der Gegenstand, über welchen ich mit Dir zu sprechen habe, ist mir niemals aus dem Sinne gekommen, und ich bin also genugsam mit ihm vertraut. Auch werde ich Dir keine ausführlichen Mittheilungen machen, sondern Dir nur so viel sagen, wie nöthig ist, damit Du im Falle meines Todes die Documente und Aufzeichnungen, welche Du dann finden wirst, zu gebrauchen verstehst. Setze Dir einen Stuhl zu mir, und höre mich an!« »Aber, meine beste Mutter! Warum das denn grad so im ersten Augenblicke meiner Ankunft!« »Ich habe diese Ankunft so heiß ersehnt und erwartet, daß ich nun, da sie erfolgt ist, keinen Augenblick länger warten möchte. Rede mir also nicht darein, sondern thue mir meinen Willen!« Er zog sich einen Stuhl in ihre unmittelbare Nähe und wartete, daß sie beginnen werde. Sein Auge war mit angstvoller Besorgniß auf sie gerichtet, nicht wegen der Mittheilungen, die er erwartete, sondern aus Angst, daß dieselben ihr schaden möchten. Er liebte seine Mutter aus vollster Seele. Sie war ihm sein Alles gewesen, und es hatte kein anderes Wesen gegeben, welchem er irgend einen Dank schuldete. Sie blickte sinnend vor sich hin. Endlich, wie nach einer gewissen Ueberwindung, begann sie: »Ich habe Dich um Deine Verzeihung zu bitten, mein lieber Rudolf, daß ich Dir eine nicht ganz unwichtige Mittheilung bisher vorenthalten habe. Du wirst aber später meine Gründe begreifen und zu würdigen wissen. Du heißest nämlich nicht Sandau, sondern Rudolf ›von‹ Sandau. Du bist adelig.« Er fuhr vom Stuhle empor. »Mutter, ists wahr?« »Ja.« »Ah! Der Herr heut auf dem Bahnhofe!« »Was meinest Du?« »Ich wurde gefragt, ob ich adelig sei.« »Das wäre ja wunderbar! Von wem?« »Von einem fremden Herrn, welcher keine Zeit fand oder überhaupt nicht die Absicht hatte, mir seinen Namen zu nennen.« »Hast Du nicht nach ihm gefragt?« »Es konnte mir Niemand Auskunft ertheilen.« »Bitte, erzähle es mir.« Er berichtete ihr das Vorkommniß, so wie er es bereits dem Sepp erzählt hatte, und beschrieb auch die Person des Barons möglichst genau. Der Wurzelhändler verhielt sich schweigsam dazu. Seine Mutter hörte ihm aufmerksam zu und versank, als er geendet hatte, in tiefes Nachsinnen. Dann sagte sie: »Ich weiß nicht, wer dieser Mann gewesen sein mag. Ich habe keine Ahnung. Aber ein Bekannter Deines Vaters muß er gewesen sein. Du siehst dem Letzteren außerordentlich ähnlich, und dieser Fremde ist, als er Dich erblickte, so lebhaft an ihn erinnert worden, daß er seinen Namen ausgerufen hatte, welcher übrigens auch der Deinige ist, denn Dein Vater hieß ebenso wie Du Rudolf!« »Ich werde nach diesem Manne forschen.« »Thue das, mein Sohn. Freilich glaube ich nicht, daß Du ihn finden wirst.« »Der Sepp will mir helfen.« »So? Dann wäre es vielleicht möglich.« In diesen Worten sprach sich so einfach und doch so deutlich das Vertrauen aus, welches der Alte besaß. Man war es eben von ihm gewohnt, daß er Rath und Hilfe wußte, wenn kein Anderer zu rathen und zu helfen vermochte. »Ja,« nickte er. »Ich werd denen Kerlen schon finden. Aberst jetzunder sprechen wir nicht von ihm. Lassens sich nicht stören.« »Sie haben Recht. Ich habe Wichtigeres zu sagen. Ich muß nämlich hinzufügen, lieber Rudolf, daß auch ich von Adel war, als Dein Vater mich kennen lernte. Mein Mädchenname war Emilie ›von‹ Sandingen.« »Aber warum hast Du mir das niemals gesagt, Mutter?« »Du solltest einestheils Dich auf Deine eigene Kraft verlassen und nicht auf das kleine Wörtchen, welches, wenn es vor einem Namen steht, den Menschen träge und doch anspruchsvoll zu machen pflegt. Und sodann hätte ich Dir sagen müssen, warum ich dieses Wörtchen abgelegt habe, und das wollte ich mir und Dir ersparen.« Sie schwieg für einige Augenblicke, um ihrem angegriffenen Denkvermögen Ruhe zu gönnen, und fuhr dann fort: »Also nicht einen ausführlichen Bericht will ich Dir geben, sondern ich beabsichtige nur eine kurze Mittheilung, damit Du später begreifst, was Du erfahren wirst. Ich war eltern- und vermögenslos und wurde mit einer nahen Verwandten, welche auch eine Sendingen war, von einer reichen Tante erzogen. Ich lernte Deinen Vater kennen und lieben. Die Tante billigte diese Liebe, bis ganz plötzlich eine Aenderung in dieser Gesinnung eintrat. Sie verbot mir den Verkehr mit Deinem Vater und bedrohte mich im Falle des Ungehorsams mit Enterbung. Was hättest Du an meiner Stelle gethan?« »Auf das Erbe verzichtet.« »Ich that es. Ich verließ die Tante und wurde die Gattin, die glückliche Gattin Deines Vaters. Leider aber währte dieses Glück nur kurze Zeit. Eines Tages – Gott, welch ein schrecklicher Tag – kehrte Dein Vater nicht vom Spaziergange zurück, und an seiner Stelle kam die Nachricht, daß er – arretirt worden sei, arretirt eines gemeinen, schimpflichen Verbrechens wegen.« »Himmeldonnerwettern!« rief der Sepp. »Ists möglich!« fuhr Rudolf auf. »Mein Vater ein gemeiner Verbrecher!« »Sei ruhig, mein Sohn! Auch ich erzähle in Ruhe. Ich darf mich nicht aufregen. Ich darf jene qualvollen, entsetzlichen Tage nicht schildern. Ich war dem Wahnsinne nahe und von aller Welt verlassen. Der Schein war gegen Deinen Vater. Man brachte sogar Beweise, obgleich er betheuerte, nicht das Geringste zu wissen – er wurde verurtheilt. Er hat mir später gesagt, daß er den Tod vorgezogen hätte, aber aus Rücksicht auf mich sein Leben geschont habe.« »Glaubtest Du an seine Unschuld, Mutter?« »So fest wie an meine eigene. Und noch heut schwöre ich tausend Eide, daß er das Opfer einer schandbaren Intrigue geworden ist.« »Ach, wenn wir dieselbe aufdecken könnten!« »Das ist mein letzter, großer Wunsch auf Erden. Dein armer, unschuldiger Vater überstand eine lange, schwere Gefängnißstrafe. Nach seiner Entlassung wollte kein Mensch etwas von ihm wissen. Leute, welche sich früher seine besten Freunde genannt hatten, spuckten nun vor ihm aus; selbst aus seiner Familie wurde er gestoßen.« »Schrecklich!« »Unsere damalige Lage ist gar nicht zu beschreiben. Du warst während der Gefangenschaft des Vaters geboren worden, und da wir von Jedermann verstoßen wurden, so war es uns fast unmöglich, nur das trockene Brod zu erwerben. Wie oft habe ich damals an den Tod gedacht, wie oft! Da, in der größten Noth, wurden uns baare tausend Thaler zugesandt, mit dem Rathe, nach Amerika zu gehen. Die Sendung war mit den Worten, ›ein verborgener Freund‹ unterschrieben, aber Dein Vater kannte ebensowenig wie ich die Handschrift. Wir folgten dem Rathe. Er erschien uns als der Beste, welcher uns gegeben werden konnte.« »Drüben wurde der Vater Kaufmann?« »Nein. Ich habe Dir dies bisher so gesagt, um nicht gezwungen zu sein, Dir weitere Mittheilungen zu machen. Er trat in ein Privatdedectivechorps, ein Beruf, für welchen er nach Talent und Ausbildung ganz ausgezeichnet paßte. Aber bereits nach einem Jahre wurde er ein Opfer dieses Berufes. Im Begriff, einen höchst gefährlichen Verbrecher zu ergreifen, wurde er von demselben niedergeschossen.« »Arme, arme Mutter!« »Wohl war ich eine arme, arme Frau. Von den tausend Thalern war nichts mehr vorhanden, und nun war ich auf meiner Hände Arbeit angewiesen. Wohl war ich noch jung, und in Amerika ist es besonders für eine Deutsche nicht schwer, sich zu verehelichen; aber ich konnte nur einmal lieben, und mein Leben sollte von nun an nur Dir, meinem Kinde gewidmet sein. Ich wies alle Anträge, welche mir gemacht wurden, zurück und ernährte mich schlecht und recht durch Aufträge, welche ich von der Besitzerin eines Stickereigeschäftes erhielt. Dort, in dem Laden, lernte ich ganz zufälliger Weise eine Dame kennen, die Frau eines reichen Kaufmannes, in dessen Geschäft jener Einbruch verübt worden war, dessen Urheber Deinen Vater erschossen hatte. Diese Dame empfand Sympathie für mich und stellte mich ihrem Manne vor, welcher mir darauf ein kleines Kapitälchen aussetzte, dessen Zinsen ich bis an meinen Tod genießen sollte.« »Wie viel war das, liebe Mutter? Sage es mir heut aufrichtig?« »Warum das?« »Weil ich heut nun klar sehen möchte. Du bist mir diese Offenheit schuldig.« »Nun wohl; es waren tausend Dollars zu vier Prozent.« »Mein Gott! Das sind jährlich zweihundert Mark, welche Du erhieltest. Und davon hast Du die Ausgaben bestritten, welche ich verursachte!« »Ich verdiente ja nebenbei noch Manches!« »Aber wieviel! Wie hast Du es angefangen, um ausreichen zu können!« ES war ein entsagungsvolles und doch frohbefriedigtes Lächeln, welches um ihr bleiches Gesicht spielte und es verklärte. »Nun ja,« sagte sie, »es ist sehr oft recht schmal zugegangen, und ich hätte zuweilen noch ein Wenig mehr gegessen, wenn ich mehr gehabt hätte. Aber das fühlt und merkt man gar nicht, wenn es wegen eines guten Kindes geschieht.« »Also gehungert, heimlich gehungert sogar!« rief er erschrocken aus. »Und ich habe das nicht gewußt, habe Ausgaben gemacht, welche nicht unbedingt nöthig waren, habe sogar zuweilen Bier getrunken und eine Cigarre geraucht! Mutter, Mutter, warum hast Du has gethan! Warum bist Du nicht eher aufrichtig gewesen! Ich hätte ein Handwerk gelernt und wäre bereits seit einigen Jahren im Stande gewesen, Dich von meinem Gesellenlohn zu unterstützen!« Ihr Auge ruhte mit leuchtendem Blicke auf ihm. »Du, ein Handwerker! Ein Sandau ein Schuhmacher oder Schneider! Lieber wäre ich gestorben!« »Sag lieber verhungert!« »O, so schlimm ist es nie gewesen. Es hat immer gute Leute gegeben, welche mir Etwas zufließen ließen, worauf ich nicht gerechnet hatte. Laß mich lieber fortfahren. Da ich die Erlaubniß hatte, die Pension auch im Auslande zu verzehren, zog ich es vor, nach der Heimath zurückzukehren. Ich fühlte die Pflicht, Alles, Alles zu versuchen, um die Unschuld meines verstorbenen Mannes zu beweisen – ich habe vergebens gehofft, es thun zu können. Ich wurde überall abgewiesen, von seinen Verwandten und von den meinigen. Jene Cousine, mit welcher ich bei der Tante erzogen worden war, hatte sich inzwischen verheirathet und war gestorben, wie ich erfuhr. Man antwortete mir nicht einmal auf die Erkundigungen, welche ich einziehen wollte. Ich zog hierher, nach dem kleinen Gebirgsstädtchen. Hier konnte ich hoffen, trotz meiner armseligen Mittel leben zu können. Ich wollte Dich zu einem tüchtigen Manne erziehen, und dann solltest Du es in die Hand nehmen, das Andenken Deines Vaters von jenem Makel zu befreien.« »Das werde ich, das werde ich sicher!« »Gott gebe es! Die Anstrengungen und Entbehrungen überstiegen nach und nach doch meine Kräfte. Ich fühlte mich schwach und matt werden. Da kam der Brief aus Hamburg, welcher mir statt des erwarteten Geldes die Nachricht brachte, daß ich nichts mehr bekommen werde. Es war bereits ein jeder Pfennig angerechnet gewesen. Ich erschrak so, daß ich in Ohnmacht fiel. Als ich erwachte, konnte ich nicht sprechen und hatte auch die Fähigkeit der Bewegung verloren.« »Und ich war nicht da!« schluchzte Rudolf. »Du fehltest mir, aber die Nachbarn haben mich nicht verlassen. Ich ließ einige Briefe an Dich richten. Sie kamen mit dem Bemerken zurück, daß der Adressat nicht mehr aufzufinden sei. Ich errieth, daß Du zu mir unterwegs seist.« »Ich Thor schrieb Dir nichts von meiner Absicht, denn ich wollte Dich überraschen. Und nun bin ich da, aber – – –« Er hielt inne und zog unwillkürlich das Portemonnaie aus der Tasche. Seine Mutter blickte mit trübem Lächeln zu ihm herüber und sagte: »Beunruhige Dich jetzt nicht so sehr! Gott wird helfen.« »Ja, Gott hilft gewiß; aber wir Menschen dürfen nicht von ihm Hilfe erwarten, indem wir die Hände in den Schooß legen. Mit dem Fortbesuche der Bauakademie ist es nun aus – – –« »Mein Himmel! Daß dies so kommen muß!« seufzte sie auf. »Beruhige Dich, Mutter! Ich verzichte nicht für immer. Geld hast Du natürlich nicht mehr?« »Leider nein.« »Und mein ganzes Vermögen besteht noch aus nur wenigen Mark. Mein Aufenthalt in Italien hat Alles aufgezehrt, und ich thörichter Mann glaubte, bei Dir neue Mittel zu finden. Aber das soll mich nicht bedrücken. Giebt es hier vielleicht einen Bau?« »An der Obergasse wird ein neues Haus gebaut.« »Das trifft sich gut. Ich werde gleich nachher hingehen und um Arbeit bitten. Ich erhalte ganz gewiß welche, und wenn ich den Handlanger machen sollte!« »Rudolf!« rief sie erschrocken. »Andre Arbeit bekomme ich hier nicht, liebe Mutter. Von einer Verwendung meiner Kenntnisse und geistigen Fähigkeiten kann hier keine Rede sein. Aber es ist doch für den Anfang ein Verdienst, und wenn Du so lange Jahre im Stillen für mich gehungert hast, so werde ich nun wohl auch einmal für Dich arbeiten können. Eine Schande ist das nicht.« »Und ich gebe es nicht zu!« »Was willst Du dagegen thun?« lächelte er. »Es muß doch andere Beschäftigung für Dich geben, Rudolf!« »Augenblicklich nicht. Und wir brauchen doch sofort Brot. Nein, liebe Mutter, glaube nicht, daß Du mich in meinem Entschlusse wankend machen kannst. Ich trage Ziegeln und Kalk für die Maurer!« »Himmelsakra! Da hat dera Sepp doch wohl auch ein Wort mit drein zu reden!« ließ sich jetzt der Alte vernehmen. »Du?« fragte Rudolf. »Mein guter Sepp, gieb Dir keine Mühe! Sie würde vergeblich sein.« »Oho! Wann sich dera Wurzelsepp mal eine Mühen giebt, nachhero ist sie halt nicht vergeblich. Aberst hier braucht er sich gar keine zu geben. Die Sach ist so einfach und leicht wie das Wasserntrinken.« »Da irrst Du Dich.« »Meinst? Nun, da gefreut es mich gar sehr, daß ich Dir beweisen kann, daß ich Recht hab. Du wirst wissen, daß ich allüberall herum komm und auch an allen Orten Bekannte hab, alte und junge, gute und böse, arme und reiche. Da giebts wohl gar Manchen, der dem alten Sepp einen Auftrag ertheilt, den er einem Andern nicht anvertrauen will, und der Alte ists, ders auch nach Kräften und Gewissen fertig macht. Nun schau, so einen Auftrag hab ich auch an Euch.« »So? Was wäre das für einer?« »Da giebts halt einen reichen Mann, der hat mal einen Fehlern begangen, so ganz im Stillen, und darum will er ihn auch im Stillen wiedern gut machen. Er hat mir eine kleine Summen geben und den Auftrag dazu, mich nach Jemand umzusehen, der das Geldl brauchen kann und auch werth ist, es zu bekommen. Ich habe mich lange Zeit vergebens nach einem Solchen umgeschaut: jetzt aberst ist er gefunden. Du bists, Rudolf.« Der junge Mann stand langsam von seinem Stuhle auf und trat erstaunt näher. »Sepp, das klingt ja sonderbar!« »Aberst es ist ganz wahr.« »Du sollst das Geld verschenken?« »Ja.« »Also ein Almosen!« »Halts Maulen! Dera Mann, von dem ichs hab, giebt keinem Bettlern und Lumpazi einen Pfennig. Er hat mir sagt, daß es eine – eine – eine – – verteuxeli, wie heißt doch nur gleich das Worten!« »Unterstützung?« »Nein.« »Ists ein Fremdwort?« »Ja, und ein langes zwar. Vorn klingts wie Stiefel und hinten wie dumm.« »Ah, ein Stipendium wohl?« »Ja, so ists, ein Stipendilum. Also so ein Stipendilum solls sein für einen braven Burschen, der es würdig ist. Nun, bists etwan nicht?« »Das vermag ich nicht zu entscheiden.« »So entscheide ich es. Du bekommsts.« »Aber von einem Unbekannten kann ich doch kein Geld annehmen.« »Sapperloten! Bin ich ein Unbekannter?« »Es ist ja nicht von Dir.« »Was gehts Dich an!« »Hm! Wenn es ein Darlehn wäre, ja, dann könnte man sich eher beruhigen.« »Na, so beruhige Dich, und halts Maulen! Wanntsts als Darlehn annehmen willst, so ists mir auch recht. Kannst mirs ja spätern, wannsts übrig hast, wiedergeben. Ich komm indessen aller drei Tagen und hol mir die Zinsen und Prozerenten.« »Das würde auf den Termin nicht viel ergeben. Vermuthlich ists nur ein geringer Betrag.« »Ja, eine Millionen ists freilich nicht.« »Wie viel also?« »Fünfhundert Markeln um den Sohn zu schaffen und fünfundvierzig Markeln für denen alten Parkaufsehern.« »Was meinst Du da? Ich verstehe Dich nicht.« »Das ist auch nicht nochwendig. Wann ich türkisch sprech, so red ichs für mich, aberst nicht für Dich. Also willsts odern nicht?« Mutter und Sohn blickten sich fragend an. »Sepp, Sie treiben keinen Scherz?« fragte sie. »Soll mich dera Herrgott behüten!« »Und das Geld ist wirklich von einem unbekannten Wohlthäter?« »Von einem Mann, ders gut geben kann und der Euch noch dankbar ist, wann Ihrs von ihm nehmt. Ich thäts Euch gar nicht anbieten, wann ichs nicht mit meinem Gewissen ausmachen könnt.« Die Mutterliebe, die Sorge für den Sohn siegte. »Rudolf, Hilfe in der Noth. Das reicht ja lange, lange hin, und inzwischen kannst Du bessere Beschäftigung finden, vielleicht sogar Deine Studien fortsetzen.« »Das Letztere nicht, liebe Mutter. Dazu ist es doch zu wenig. Aber dieses Geld würde mir eine willkommene Brücke über die jetzige Kalamität bieten. Du meinst also, daß ich es annehmen soll?« »Verträgt es sich mit Deiner Ehre?« »Ja, denn ich nehme es nur als Darlehn an.« »Gott sei Dank!« seufzte sie wie von einem schweren Alp befreit. »Nimm es! Und Sie, mein lieber Sepp, sind wirklich stets und immer ein Helfer in der Noth. Sie haben schon viel, viel mehr Sorgen gelindert als mancher Millionär. Wir danken Ihnen von ganzem Herzen!« »Bitt schön, bitt gar schöni! An mir ist gar nix weitern als ein alter Wurzelkramer. Was ich thu, das thu ich halt im Auftrag von andera Leut, und da verdien ich keine Ehr und auch keinen Ruhm. Also soll ich das Geldl nun hierhier auf die Bettzudecken zählen?« »Ja, bitte,« antwortete Rudolf. »Ich werde Dir dann den Schuldschein in giltiger Form ausstellen. Ich zahle fünf Prozent.« »Du, machs halt nicht gar zu dick! Dera Herr, von welchem das Geldl ist, nimmt blos nur drei Prozenten. Und wannt etwan nicht zufrieden bist damit, so steck ichs wiedern ein und lauf Dir davon. Willst, drei?« »Ja.« »Schön! Nun werd ich das feuernfeste Geldschrank aufimachen. Schau her, mein Bub!« Er zog seinen alten Lederbeutel heraus, machte ihn auf und nahm mehrere kleine Papierpacketchen heraus, welche er eins nach dem andern öffnete, um die Goldstücke auf das Bett zu legen. Er hatte die Zwanzigmarkstücke, welche ihm der Baron von Alberg hatte geben müssen, in kleine Stücke Zeitungspapier eingeschlagen. Er zählte sie in jener bedächtig sichern Weise vor, welche Leuten eigen ist, welche nicht oft mit größeren Beträgen zu thun haben, und meinte dann, als die glänzenden Füchse in Reih und Glied neben einander lagen: »So! Hast auch nachzählt? Fünfhundertfünfundvierzig Markln. Stimmts?« »Ja.« »So stecks eini, und giebs nicht gleich wiedern ausi!« »Hab keine Sorge, Sepp. Mit diesem Gelde wird sehr sparsam umgegangen werden. Hier aber vor allen Dingen nimm meine Hand. Ich weiß nicht, in welcher Weise ich Dir danken soll.« »Soll ich Dirs sagen?« »Ja, bitte!« »Behalt da Deine brave Muttern lieb und sorg dafür, daß sie nicht mehr zu hungern braucht und daß sie ihre Freuden an Dir derlebt!« »Das soll ein Wort sein! Nichts verspreche ich Dir so gern als das, Sepp. Hier hast Du meine Hand darauf.« Sie schüttelten sich herzlich die Hände und die kranke Frau weinte vor Freude laut. »Nun werde ich den Schuldschein aufsetzen,« sagte Rudolf. »Papier habe ich in meinem Ränzchen mitgebracht.« »Weißt, das brauchst nicht gleich heut zu machen. Ich komm schon mal wiedern; da kann ich mir das Papiererl mitnehmen.« »Nein. In solchen Sachen muß die peinlichste Ordnung sein. Hier das Geld und da die Quittung.« »Na, wannst mal so willst, so verquitterirs meintwegen. Ich kann warten.« Der junge Mann ging in die Stube, um das Document zu schreiben, und der Sepp blieb indessen bei der Kranken, welche in ihren mageren Händen die Goldstücke funkeln ließ. Man sah es ihr an, wie glücklich sie sich fühlte und daß der Besuch des Sohnes und des Alten, sowie der Besitz des Geldes die beste Medicin für ihr Leiden sei. Sepp suchte die Zeitungspapiere zusammen, in denen das Geld eingeschlagen gewesen war. Er hatte das in Steinegg bei der Bürgermeisterin verpackt, bevor er zu Bett gegangen war. Sein Blick fiel auf einige fett gedruckte Zeilen. Das Papier war dem Steinegger Localblatte entnommen. Sepp hatte sich nicht darum gekümmert, was darauf stand. Jetzt aber traf sein Blick die in die Augen fallenden Buchstaben. Er pflegte sich gewöhnlich so zu stellen, als ob er nicht lesen könne, aber er verstand das Lesen doch sehr gut. Sein Blick leuchtete auf und um seinen dichten, grauen Schnurrbart zuckte ein sehr vergnügtes Lächeln. Eben trat Rudolf herein und zeigte ihm das fertig gestellte Document vor. »Lies mal selberst,« sagte der Alte. »Oder weißt Du halt nicht, daß ich nicht lesen kann?« Rudolf las es vor und fragte dann, ob Sepp damit zufrieden sei. »Jawohl,« antwortete der Gefragte. »Freilich ists richtig. Mein Name steht da als derjenige, von dem Du das Geldl hast; das stimmt. Aberst das Documenterl werd ich Dem geben, von dem das Geldl herstammt.« »Dürfen wir denn nicht seinen Namen erfahren?« »Ja, wannst ihn wissen willst, so kann ich ihn Dir schon sagen.« »Ach schön! Also wer ist es?« »Der Herr Corumbus, ders Amerika derfunden hat. Er hat die Markstuckerln drüben liegen sehen und mit herüber bracht. So, nun weißts ganz genau.« »Schlingel!« »Ja, so muß man halt antworten, wenn man so fragt wird. Aber wann ich Dir eine so sehr schöne Auskünften ertheil, so kannst mir nun auch einen Gefallen erweisen.« »Wenn ich kann, so soll es sehr gern geschehen.« »Das wirst schon können, denn Du bist ja ein studirter Mann von der Akamedia. Hast doch das Lesen gelernt?« »Freilich.« »Nun, da auf dem Zettel, worinnen das Geldl steckt hat, steht ein Name, den ich nicht heraufi bringen kann. Heißt das nicht Steinegg?« »Ja,« antwortete Rudolf, nachdem er einen Blick auf den Zettel geworfen hatte. »So! Was ist denn da von dem Steinegg zu lesen? Sei doch so gut und lies es mir mal vor.« Nun erst nahm Rudolf den Zettel in die Hand und betrachtete sich die Annonce genauer. Sein Gesicht belebte sich. »Woher hast Du dieses Stück Papier?« fragte er. »Aus dem Steinegger Anzeiger hab ichs gerissen.« »War es der neue?« »Dera gestrige.« »Ah, das hat großes Interesse für mich!« »So lies es also doch endlich vor!« »Ja, gleich! Hört! › Als Rathgeber und Dirigent bei der vollständigen Neueinrichtung der Räume des hiesigen Schlosses wird ein Herr gesucht, welcher umfassende Kenntnisse der einschlagenden Producte des Kunstgewerbes besitzt. Sollte der Betreffende Architect sein, so könnten ihm auch einige projectirte Bauarbeiten übertragen werden. Restectanten wollen sich baldigst bei der gegenwärtigen Besitzerin des Schlosses melden.‹« »Himmelsakra!« rief der Sepp. »Jetzunder möcht ich auf dera polytechnischen Schulen gewest sein. Da thät ich mich gleich melden!« »Um abgewiesen zu werden!« meinte Rudolf. »Ich? Im ganzen Leben nicht. Ich hab grad auf dem Schloß gar große Connexionen.« »Wen denn?« »Die Herrin selberst.« »Wirklich? Wie bist Du denn mit dieser Dame bekannt geworden?« »Dadurch, daß ich ihr einen Gefallen derwiesen hab, wies einen größeren gar nicht geben kann. Wann ich Einen wüßt, der sich da melden wollt, und er wär ein Bekannter von mir, so thät ich ihn empfehlen und sofort würd er angenommen, er und kein Anderer, das ist gewiß.« Er sagte dies im Tone so fester Ueberzeugung, daß Rudolf sofort begeistert rief: »Nun, hier steht ja Einer! Herrgott, wenn ich da engagirt werden könnte! Das wäre ja nicht nur Hilfe in der Noth, sondern sogar ein Glück, wie ich es kaum zu hoffen wagen kann. Ich bin zwar noch jung, aber die Schloßherrin sollte gewiß mit mir zufrieden sein.« Der Sepp that, als ob er ganz erstaunt sei, schlug dann die Hände schallend zusammen und lachte fröhlich: »Du, ah, Du! Da red ich von einem Dingsda und dera Dingsda steht schon im Dingsda vor dem Dingsda! An Dich hab ich doch gar nicht dacht! Ja, Du bist der Richtige! Dich thät ich sogleich empfehlen und Dich thät die Baronessen ganz gewiß sogleich verengageriren. Willst, Rudolf, sag, willst?« Da wurde das Gesicht des jungen Mannes ernster. »Ich bin zu sanguinisch gewesen,« sagte er. »Ich muß mich prüfen und kenne auch die Verhältnisse in Steinegg nicht. Ueberdies werden sich bereits genug Reflectanten gemeldet haben. Wer ist denn eigentlich diese Schloßherrin?« Der alte, kluge, ehrliche Sepp zog ein undefinirbares, verschlagenes Gesicht und antwortete: »Hast vielleicht schon mal den Namen Alberg hört?« »Nein, nie.« »Und Deine Muttern wohl auch nicht?« Die Kranke antwortete ebenso verneinend wie ihr Sohn. Sie hatte keine Ahnung davon, daß dieser Name mit ihrem traurigen Schicksale in so naher Beziehung stand. Der Sepp aber wußte nun, daß er die erbetene Auskunft ertheilen könne, und so gab er sie: »Die Schloßherrin ist halt eine Baronessen von Alberg, weißt, so eine lange, hagere, alte Jungfern, die keinen Mann bekommen hat und auch keinen bekommen wird. Nun, da sie keine Familie besitzt, hat sie nix zu thun und giebt sich aus langer Weilen mit Dingen ab, die eigentlich nur der Baumeistern und Künstlern machen soll.« »So! Also eine alte Jungfer. Hat sie denn auch die Eigenthümlichkeiten, durch welche solche ältere, ledig gebliebene Damen sich auszeichnen?« »Nun, eine Grillige und Zanksüchtige ist sie freilich nicht. Es läßt sich halt ganz gut mit ihr verkommen, und wannst zu ihr gehst, so wirst bald schaun, daß sie besser ist, als sie aussieht.« »So ist sie wohl recht häßlich?« »Freilich. Sie hat ein lahmes Bein und auch ein hübsches Kröpferl am Hals, eine Warzen auf dera Nasen und ein Wenig schielen thut sie auch. Sonst aberst ist sie ganz hübsch im Gesicht. Und was das Gemüth betrifft, so kann ich Dir sagen, daß sie ein sehr gutes besitzt.« »Hm! Du meinst also, daß ich es einmal versuchen soll?« »Ja, das mein' ich gern. Weißt, ich werd Dich bei ihr anmelden.« Rudolf ließ seinen Blick langsam über den Alten gleiten, lächelte ein Wenig und fragte: »Denkst Du, daß mir dies von Nutzen sein werde?« »Ich denke es. Du schaust mich freilich an, wie Einen, dessen Empfehlung nur schaden kann; aberst da hast Dich gewaltig geirrt. Wann ich auch keinen Frack anhabe und keine Glaçeehandschuhen, aberst es giebt doch Leuten, bei denen mein Wort was gilt. Also entscheide Dich! Willst Dich mit melden?« Rudolf blickte seine Mutter fragend an. Sie nickte ihm zu und sagte in aufmunterndem Tone: »Schaden kann es Dir auf keinen Fall. Ist bereits Jemand engagirt oder traut sie Dir nicht die nöthigen Kenntnisse zu, nun, so ist das bei Deiner Jugend ja keine Schande für Dich. Du kannst Dir dann wenigstens sagen, daß Du nicht versäumt hast, Deine Pflicht zu thun.« »Du hast Recht, liebe Mutter. Ich werde also nach Steinegg gehen, und zwar morgen schon. Weißt Du, Sepp, zu welcher Zeit die Dame zu sprechen ist?« »Für mich zu jeder Zeit. Und wann ich ihr sag, daßt kommen willst, so wirst auch Du nicht sehr lange bei ihr antischamberiren müssen.« »Antischamberiren? Höre, Sepp, Du ergehst Dich da doch in recht vornehmen Ausdrücken!« »Wunderst Dich wohl drüber? Ja, dera Sepp hat auch seine Meriten. Er kommt mit vornehmen Leutln auch zusammen und weiß dererlei Sache den richtigen Namen zu ertheilen. Also, ich will Dir sagen, daß ich noch nicht genau weiß, wann ich mit ihr reden werd, ob heut noch oder erst morgen am Vormittag. Aberst wann ich morgen bis zum Mittag nicht wiedern bei Dir west bin, so ist das ein Zeichen von mir, daßt kommen sollst. Dann machst Dich also auf die Beinen und gehst hinab nach Steinegg. Brauchst nur dem Diener zu sagen, daßt zu ihr willst, nachhero wird er Dich in ihre Stuben führen. Jetzund aberst muß ich schaun, daß ich weiter komme.« »Hast Du heut noch so nothwendig?« »Wills meinen! Es giebt halt gar keinen Tag, an welchem dera Sepp nicht nothwendig hätt. Wo dera Sepp fehlt, da geht Alles schief, und wann er kommt, so ist er immer Derjenige, auf welchen man wartet hat.« Er erhob sich vom Stuhle und griff nach seinen sieben Sachen. »Also die Schuldverschreibung hast Du,« meinte Rudolf. »Heb sie gut auf und verlier sie nicht.« »Werd sie schon sicher verwahren. Ich muß sie ja doch dem Herrn geben, von welchem das Geldl kommen ist. Also lebt jetzunder wohl und behüt Euch Gott!« Er gab Beiden die Hand und ging. »Ein eigenthümlicher, wunderbarer Mann,« sagte die Mutter. »Es ist wirklich so, wie er sagt. Wohin er kommt, da bringt er Sonnenschein. Es ist wirklich, als ob es seine Lebensaufgabe sei, seinen Nebenmenschen die ihnen auferlegte Last zu erleichtern. Wer mag wohl der reiche Herr sein, welcher ihm dieses Geld anvertraut hat?« »Errathen läßt sich das nicht. Jedenfalls kommt die Zeit, in welcher wir es erfahren.« Der Sepp aber sagte, als er das Städtchen hinter sich hatte, lachend zu sich selbst: »Jetzund werdens neugierig sein, von wem ich das Geldl bekommen hab. Ein reicher Mann ists freilich, und ein Baronen dazu. Aberst dera Zweck, zu dem ichs erhalten hab, ist freilich ein ganz anderer. Was der Rudolfen für ein ehrliches und sorgfältiges Gemüth besitzt! Einen Schein mußt ich nehmen! Was soll der mir nützen? Hab ich etwan das Geldl verborgt? Nein, sondern ich habs ihm schenkt, und so werd ich gleich Alles verquittiren.« Er zog das Papier aus der Tasche, zerriß es in viele kleine Stücke und streute dieselben in alle Windrichtungen aus. Dann setzte er seinen Weg wieder fort. Es war derselbe, den er gekommen war. Als er unten auf der Straße anlangte, welche rechts nach Steinegg und links nach Hohenwald führte, blieb er sinnend stehen. »Was thu ich? Wo geh ich hin? Nach Steinegg zu dera Baronessen, um den Rudolfen anzumelden, oder nach Hohenwald zum Herrn Lehrern? Das Letztere wird notwendiger sein, denn dera Lehrern wird bald unter das Wehr gehen wollen, um das Versteck wieder zu besuchen. Und da muß dera Sepp mit dabei sein. Also schwenk ich nach links. Morgen in der Früh ists auch noch Zeit, mit dera Milda zu reden.« Und indem er langsam nach dem Dorfe schlenderte, lachte er vergnügt vor sich hin: »Die Milda eine alte Jungfern! Wann er wüßt, daß er die Baronessen allbereits küßt hat! Na, die werden sich anschauen, wann er morgen zu ihr kommt! Ich möcht da das Mäusle sein, welches heimlich Alles mit anhören kann.« Als er an das Gut des Eschenbauers kam, in welchem der Lehrer wohnte, begegnete er diesem Letzteren an der Treppe. Walther war im Begriff, fort zu gehen. »Sepp, Du?« sagte er. »Hast Du vielleicht etwas Wichtiges?« »Nein. Ich wollt nur fragen, wann wir wieder unters Wehr kriechen werden.« »Vielleicht bereits heut Abend. Aergerlich ists, daß wir den Schlüssel zum Schrank nicht haben. Wir sind also gezwungen, den Letzteren aufzusprengen.« »Hm! Vielleicht ist dera Schlüssel zu erhalten. Dera Silberbauern hat ihn doch wohl in dera Taschen habt, als er in das Rad fallen ist. Vielleicht steckt er noch jetzund drin. Soll ich mal nachschauen?« »Wie willst Du das anfangen?« »Die Sach ist nimmer so schwer, wie sie ausschaut. Ich geh halt in die Stuben, in der dera Silberbauern liegt. Da wird wohl auch das Kleidstück hangen, was er anhabt hat, und da schau ich in die Taschen.« »Das sieht man doch!« »O nein, denn ich thus nur dann, wann Niemand zugegen ist.« »Nun, so versuch es einmal. Ich muß jetzt zu der Balzerbäuerin. Der Arzt, welcher beim König ist, hat nach mir geschickt. Ich soll zugegen sein, wenn der Feuerbalzer operirt wird.«. »Sapperment! Wann wird das sein?« »Jetzt. Der Doctor aus der Stadt ist dabei und auch ein Herr vom Gericht.« »Wann ich doch auch mit dabei sein könnt!« »Ich glaube, daß es Dich interessirt. Wir wollen es versuchen. Du kannst ja auch später zum Silberbauer gehen. Hoffentlich haben die Herren nichts dagegen, daß Du mit anwesend bist.« So schloß der Sepp sich also dem Lehrer an. Als sie an die frühere Flachsdörre kamen, waren die genannten drei Herren eben auch erst eingetroffen. Die alte Balzerbäuerin, welche natürlich vorher benachrichtigt worden war, hatte dafür gesorgt, daß ihr Sohn sich zu Hause befand. Ebenso war sie besorgt gewesen, ihrer Stube ein einigermaßen leidliches Aussehen zu geben. Die Fenster waren gewaschen und geputzt, so daß das Tageslicht voll hereindringen konnte, und aller Schmutz hatte für heute einer mühsam hergestellten Reinlichkeit weichen müssen. Als die Beiden eintraten, fragte der Gerichtsassessor, welcher den Wurzelsepp nicht kannte, was dieser hier wolle. »Er heißt Joseph Brendel,« antwortete der Lehrer, »wird gewöhnlich Wurzelsepp genannt und weiß so viel von dem Feuerbalzer und dem Silberbauer, daß er gern dabei sein möchte, wenn der Erstere den Gebrauch der Sinne und der Sprache wieder erlangt. Es steht zu erwarten, daß er dann im Stande sein werde, sehr wichtige Aussagen zu machen.« »So mag er bleiben.« Der Feuerbalzer verhielt sich trotz der Anwesenheit so vieler Personen völlig theilnahmlos. Nur als der Assessor einige Fragen an ihn richtete, um sich von seinem geistigen Zustande zu überzeugen, blickte er ihn blöd-ängstlich an und antwortete in klagendem Tone: »Nimms hin, nimms hin! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!« Der Assessor nickte den beiden Aerzten stumm zu. Er war bereits von ihnen über Alles unterrichtet worden und gab durch dieses Nicken zu verstehen, daß er ihre Ansichten theile. Nun sollte die wichtige Operation beginnen. Die Feuerbalzerin mußte sich entfernen. Am Liebsten hätte man auch ihre kranke Schwiegertochter aus der Stube gewiesen; das ging aber nicht an. Der Patient wurde auf einen Stuhl gewiesen und auf demselben festgebunden, was er sich unter ängstlichem Wimmern gefallen ließ. Dann wurde er chloroformirt, was seine Schwierigkeiten hatte, da er in seiner geistigen Umnachtung ja nicht zu zählen vermochte. Die Aerzte mußten da alle Vorsicht anwenden, ihm ja nicht zu viel des betäubenden Stoffes einathmen zu lassen. Als er sich unempfindlich zeigte, wurde diejenige Stelle seiner Hirnschaale, deren Berührung ihm Schmerzen zu verursachen pflegte, von den Haaren befreit und dann griff der Medicinalrath zum Messerchen, um die Kopfhaut zu entfernen. Die zum Trepaniren erforderlichen Instrumente standen bereit. Als die Haut zurückgeschlagen war, ließ der Arzt einen Ruf der Verwunderung hören. »Wir brauchen nicht zu trepaniren,« sagte er. »Sehen Sie her, Herr College! Hier ist die verletzte Stelle. Es ist in Wirklichkeit so, wie ich vermuthete. Die Hirnschaale ist hier durch einen schweren Hieb eingedrückt worden. Man sieht trotz der Jahre, welche indessen vergangen sind, die scharfe Umschreibung der Wunde noch sehr genau. Der Gegenstand, mit welchem der Schlag ausgeführt worden ist, scheint ein Hammer gewesen zu sein, ein Hammer mit einem ganz genau quadratischen Kopf. Ich werde einmal messen.« Er legte ein kleines, silbernes Stäbchen, welches dem angegebenen Zwecke diente, auf die verletzte Stelle und sagte dann: »Drei Centimeter und vier Millimeter im Quadrat hat die Wunde. Merken wir uns das sehr genau. Das eingeschlagene Knochenstück hängt an einer Seite noch mit der Schädeldecke zusammen, während es mit der entgegengesetzten Seite nach einwärts gebogen ist und also auf das Gehirn drückte. Dieser Druck ist die einzige Veranlassung der geistigen Umnachtung des Patienten. Sobald derselbe beseitigt ist, wird, wie zu erwarten steht, Balzer den Gebrauch seiner Geisteskräfte wieder voll im Besitz haben. Und glücklicher Weise ist die Sache so sehr leicht. Wir brauchen nur die eingeschlagene Knochenstelle zu heben, mit der Haut zu bedecken und dann zu verbinden. Die Heilung wird in verhältnißmäßig kurzer Zeit erfolgen.« So, wie er gesagt hatte, geschah es auch. Der Knochen wurde aus dem Hirn emporgezogen, mit der abgelösten Kopfhaut bedeckt und dann durch eine aufgelegte Metallplatte, welche bereit gehalten worden war, geschützt. Darüber kam ein Verband. Die Operation war als eine so sehr leichte in wenigen Secunden vorüber. Jetzt nun waren alle Anwesenden darauf gespannt, wie der Patient sich im Augenblicke des Erwachens verhalten werde. Da mußte es sich zeigen, ob es klug gewesen war, daß ein Gerichtsbeamter sich mit hatte einfinden müssen. Die Herren nahmen Platz, so gut es ihnen möglich war, und ließen den Patienten nicht aus den Augen. Er saß noch immer angebunden auf dem Stuhle. Es wäre wohl unvorsichtig gewesen, ihn bereits jetzt schon loszubinden. So verging eine ziemlich lange Zeit, bevor er sich zu regen begann. Endlich öffnete er die Augen, blickte einige Secunden lang gerade vor sich hin und schloß sie dann wieder. Dabei stieß er einen tiefen, tiefen Seufzer aus, als ob er nach einer schweren Bedrückung jetzt wieder Erleichterung fühle. Seine Brust bewegte sich sichtbar unter tiefen Athemzügen. »Binden wir ihn los!« sagte der Medicinalrath. »Ich glaube, daß wir es risciren können.« Die Bande wurden dem Kranken abgenommen. Ein leises, befriedigtes Lächeln ging über sein Gesicht. »Sehen Sie,« flüsterte der Rath, »daß sein Geist zurückkehrt? So lächelt kein Irrer. In diesem Lächeln liegt ein Bewußtsein, dessen er vorher entbehrte. Ich möchte wetten, daß er ganz vernünftig zu sprechen beginnen wird.« Es zeigte sich, daß der erfahrene Mann Recht hatte. In kurzer Zeit öffnete Balzer die Augen abermals, blickte zunächst wie träumend vor sich hin und sah sich dann im Kreise um. Er erblickte die Anwesenden, fuhr sich mit der Hand nach dem Kopfe und sagte: »Mein Kopf! Er hat mich also doch derb mit dem Hammer troffen.« »Wer?« fragte der Assessor. Balzer richtete sein Auge auf den Sprecher. Er schien erst jetzt in Wirklichkeit von den Anwesenden Notiz zu nehmen. »Ja, wer ist denn da?« fragte er. »Wer sind diese fremden Leutln, die da bei uns sitzen?« »Wundern Sie sich nicht,« antwortete der Medicinalrath. »Ich bin der Arzt, der Sie verbunden hat. Der Hieb, den Sie auf den Kopf erhalten haben, ist ein sehr gefährlicher gewesen.« »Weil er so tüchtig ausholt hat.« »Wer?« Der Gefragte öffnete bereits den Mund, um zu antworten, besann sich aber eines Anderen. Seine Frau, welche in der Ecke lag, hatte mit angstvoller Spannung das Resultat der Operation erwartet. Jetzt, als sie ihren Mann plötzlich in verständiger Weise sprechen hörte, fühlte sie sich auf das Tiefste ergriffen. Es war ihr zwar verboten worden, sich bemerkbar zu machen, aber sie vermochte es nicht, sich zu beherrschen. Sie schluchzte vernehmlich. »Wer weint denn da?« fragte Balzer. Die Herren hatten sich nämlich so gestellt, daß er seine Frau nicht sehen konnte. »Es ist eine Person, die Sie nichts angeht,« antwortete der Assessor. »Aber, wo bin ich denn eigentlich?« Er blickte sich ganz erstaunt um. »Kennen Sie diesen Ort?« »Nein.« »Sind Sie noch nie hier gewesen?« »Hm! Ich weiß es nicht genau. Es scheint fast grad so, wie die untere Stub in dera Flachsbrechereien. Aberst da wohnt doch kein Mensch. Ich bin gar nicht daheim, ich bin bei fremden Leutln.« »Allerdings. Sie wissen also nicht, was geschehen ist?« »Was soll geschehen sein?« »Hm! Aber wer Sie sind, das wissen Sie?« »Na,« lachte der Kranke, »ich werd halt doch wissen, wer ich bin!« »Nun, wer?« »Dera Balzerbauer in Hohenwald.« »Richtig! Sie kennen also alle Bewohner dieses Dorfes?« »Natürlich alle.« »Auch den Silberbauer?« »Ja. Ich bin doch erst gestern mit ihm in dera Stadt gewest.« »Was haben Sie da gemacht?« »Im Amt waren wir. Er hat mir eine Hypothek auszahlt.« Es war klar, daß er von dem langjährigen Zeitraume, welcher seitdem vergangen war, gar nichts wußte. Der Assessor ging auf diese Anschauung sofort ein und fragte weiter: »Wie viel betrug die Hypothek?« »Fünftausend Thalern.« »In welcher Münzart haben Sie dieselben ausgehändigt bekommen?« »In lauter Goldfuchserln. Nur ein einziges Kassenbilleterl war dabei.« »Wie hoch im Werthe?« »Fünfhundert Thaler.« »Kennen Sie vielleicht die Nummer desselben?« »Ei wohl! Bei so einem großen Papiererl schaut man sich die Nummer schon sehr genau an. Freilich, wie sie aussprachen wird, das weiß ich nicht, aber es waren erst drei Neuner; nachher kamen drei Dreier und zuletzt noch eine Nullen.« »Also 9993330 – neun Millionen neunhundertdreiundneunzig Tausend und dreihundertdreißig?« »Wird schon so sein.« »Und wo haben Sie das Geld?« »Droben in meiner guten Stuben ists. Da liegts im Kasten drin.« »Es ist also noch da?« »Wohin solls sein? Aberst, warum fragens mich denn so aus? Wer sinds eigentlich? Und nun will ich wissen, wo ich bin!« »Sie befinden sich bei Leuten, welche es sehr gut mit Ihnen meinen. Wir sind hier allerdings im Parterreraume der Flachsbrecherei.« »Aberst da seh ich doch einen Tisch und den Stuhl, den Schemel und andre Sachen. Wohnt denn Jemand hier, ohne daß ich es weiß?« »Ja, und wer das ist, das werden Sie nachher erfahren. Jetzt bitte ich Sie, mir vor allen Dingen meine Fragen zu beantworten.« Das Gesicht Balzers nahm jetzt einen mißtrauischen Ausdruck an. Er heftete den Blick scharf auf den Assessor, betrachtete ihn genau und sagte: »Ich kenne Sie halt gar nicht. Was habens mich denn eigentlich zu fragen?« »Ich möchte Verschiedenes von Ihnen wissen und will Ihnen aufrichtig sagen, daß ich eine amtliche Person bin. Ich bin am Gericht angestellt.« »Sapperlot! Was hab ich denn mit dem Gericht zu schaffen? Was soll ich than haben?« »Nichts sollen Sie gethan haben. Ein Anderer ist einer strafbaren That beschuldigt, und ich denke, daß Sie als Zeuge gegen ihn werden auftreten können.« »Als Zeuge? Ich weiß von nix und Niemand was.« »Das wollen wir erst sehen. Sagen Sie mir zunächst, ob Sie vielleicht einen Schmerz am Kopfe fühlen!« »Ja, den fühle ich schon.« Er griff mit beiden Händen nach dem Kopfe und fuhr erstaunt fort: »Ich hab ein Tuch am Kopfe? Ich bin verbunden worden? Warum hat man das than?« »Weil Sie verwundet worden sind, lebensgefährlich verwundet. Es ist Ihnen der Schädel zerschmettert worden. Sie haben ein Loch in demselben.« »Ach so! Jetzt begreif ich halt die ganze Sachen. Das Gericht ist da, um zu derfahren, wer mich so schlagen hat?« »Ja. Hoffentlich werden Sie mir diese Frage beantworten können?« Er blickte still vor sich nieder. Man sah es ihm an, daß er mit sich zu Rathe ging, ob er aufrichtig sein solle oder nicht. Der Silberbauer war sein Spielkumpan gewesen, und da er gar nichts von Dem, was geschehen und daß inzwischen Jahre verflossen waren, wußte, so hielt er es für gerathen, nichts zu gestehen. »Ja, ich werd schon antworten,« sagte er. »Aber ich weiß halt nicht, ob ich das wissen werd, was Sie von mir derfahren wollen.« »Ich möchte zuerst wissen, ob Sie im vollständigen Gebrauche Ihres Denkvermögens sind.« »Warum soll ich das nimmer sein? Ich werd doch halt noch denken können.« »Und Sie verstehen also meine Fragen sehr genau und wissen, was Sie auf dieselben antworten?« »Ja, das weiß ich Alles ganz genau.« »Nun gut! So sagen Sie mir, wo Sie gestern Abend gewesen sind.« »Beim Silberbauern.« »Waren Sie allein dort, oder befand sich außerdem noch Jemand bei ihm?« »Dera Schulmeister und auch dera Heimannbauer.« Der Letztgenannte war längst gestorben. Der Lehrer, der hier gemeint war, hatte indessen seine Stelle mehrmals gewechselt, und da er damals bereits ziemlich alt gewesen war, so ließ sich fast mit Gewißheit erwarten, daß auch er nicht mehr lebe. »Was haben Sie dort gemacht?« fragte der Beamte weiter. »Was sollen wir macht haben. Gesprochen haben wir und einen Tabaken dabei raucht.« »Sonst haben Sie weiter nichts gemacht?« »Nein. Wir haben sprachen von der Politiken, von Krieg und Frieden, von unsern Aeckern und von Allem, was im Dorf so vorkommt.« »So! Haben Sie denn vielleicht ein kleines Spielchen gemacht?« »Nein, spielt – haben – wir – – nicht.« Diese Antwort wurde nur zögernd gegeben. Es war ihm anzumerken, daß er jetzt nicht die Wahrheit gesprochen habe. »Besinnen Sie sich ganz genau! Es kommt sehr viel darauf an, ob Sie gespielt haben oder nicht.« »Es ist nicht spielt worden. Wer spielen will; der geht ins Wirtshaus. Daheim bei sich aberst spielt hier bei uns Keiner.« »So! Und wann gingen Sie nach Hause?« »Die Stund weiß ich nicht mehr genau.« »Was haben Sie zu Hause gemacht? Besinnen Sie sich ganz genau!« »Was ich macht hab? Hm! Das weiß ich freilich nicht mehr. Es muß Einer in meiner Stuben gewest sein und mich schlagen haben. Davon hab ich den Verstand verloren.« »Sie scheinen es also nicht zu wissen, wer es gewesen ist?« »Nein. Ich weiß es nicht.« »Und was sich dann weiter in dieser Nacht ereignet hat, das wissen Sie auch nicht?« »Nein, gar nix.« »Bitte, besinnen Sie sich! Es sind Dinge vorgekommen, von denen Sie, trotzdem Sie besinnungslos waren, doch wenigstens eine Ahnung haben können. Selbst der Ohnmächtige ist befähigt, gewisse Eindrücke zu empfangen, welche sich seinem Gedächtnisse wenigstens dunkel einprägen.« »Das ist bei mir nicht geschehen. Ich weiß ganz und gar nix. Ich weiß nur, daß ich träumt hab, bis ich jetzunder aufwacht bin.« »Was haben Sie geträumt?« »Allerlei. Es war ein schlechter, ein sehr böser Traum, bei welchem ich eine recht große Aengsten ausstanden hab. Jetzund bin ich froh, daß ich wieder aufiwacht bin, und daß nix wahr ist, was ich träumt hab.« »Können Sie mir über diesen Traum Etwas sagen?« »Ja. Es wollt mich Einer dermorden, und ich hab ihm gute Worten geben, daß ers nicht thun soll. Nachhero haben die Leuteln Alle denkt, daß ich verrückt sei; aberst ich bins nicht gewest. Ich hab nur gar nicht denken konnt. Ich hab mir alle Mühen geben, zu sinnen und zu reden wie andre Menschen auch, aberst ich habs halt nicht zu Stande bracht, denn es ist eine große Last auf meinem Kopf gelegen, die ich nicht herunterbracht hab. Auch hat mir träumt, daß ich ganz arm bin und daß ich gar großen Hunger hab immerfort. Die Muttern ist eine große Lumpin worden und die Frau ganz krank. Den Leuteln, denen ich begegnet bin, haben mich angeschaut wie einen Verrückten, und ich hab einen Feind habt, der uns Alle hat unglücklich machen wollen.« »Wußten Sie, wer dieser Feind sei?« »Nein. Ich hab den Kopf sehr angestrengt, es zu derfahren; aberst das ist ganz vergeblich gewest.« »War es nicht der Silberbauer?« »Das weiß ich nicht.« Er sagte das so zögernd und bedenklich, daß man leicht vermuthen konnte, er habe auch jetzt wider besseres Wissen gesprochen. Der Assessor schüttelte den Kopf; dennoch aber begriff er als Psycholog recht wohl, warum der Balzer nicht aufrichtig antwortete. Er mußte Schritt um Schritt vorgehen, um das noch nicht erstarkte Hirn des Kranken zu schonen. »Das Geld, welches Ihnen gestern der Silberbauer ausgezahlt hat, befindet sich also noch in Ihrem Besitze?« fragte er weiter. »Natürlich. Wer sollte es sonst haben.« »Wo liegt es? Denken Sie genau nach!« »Im Kasten, droben in dera guten Stuben.« »So! Hm! Stehen Sie doch einmal auf, und blicken Sie durch das Fenster. Was liegt rechts da oben?« Balzer schaute nach der angegebenen Richtung und antwortete: »Das ist unsere Kirchen. Warum fragens halt so?« »Und blicken Sie nun links da hinüber. Kennen Sie dieses Haus?« Balzer folgte der Weisung des Beamten. Sein Blick fiel auf das Gut, welches auf der Stelle seines abgebrannten stand. Es war interessant, zu sehen, welch ein Erstaunen sich in seinen Zügen ausdrückte. Er öffnete die Augen weit und trat einen Schritt vor dem Fenster retour, den Blick auf die ihm fremden Gebäude gerichtet. »Ja, was ist denn das?« fragte er. »Hab ich denn noch jetzund den Traum?« »Nein, Sie wachen. Kennen Sie das Gebäude denn nicht?« »Ich habs im Traum gesehen, aber ich konnt nicht wissen, wems gehört. Himmelsacra! Das steht ja grad da, wo mein Gut stehen muß! Das ist doch eine Zaubereien!« »Es ist die Wirklichkeit, Balzer. Sie sind doch wohl überzeugt, daß Sie sich in Hohenwald befinden?« »Freilich! Ich kenne ja alle die Häusern, welche von hier aus zu sehen sind. Aberst das meinige ist fort. Wo ists hin?« »Es ist abgebrannt.« »Ab – brannt – wärs?« Er sprach die Frage nur silbenweise aus. Seine Augen wurden stier, und sein Gesicht nahm einen starren Ausdruck an. Seine Brust athmete schnell und schnappend, als ob ihm die Brust ausgehen wolle. »Abbrannt wärs! Das hat mir auch bereits so träumt. Es hat mir lange Zeit um die Nasen gerochen wie lauter Brand. Aberst der Traum kann doch nicht Wahrheit sein! Wann mein Gut heut in dera Nacht verbrannt ist, kann doch nicht bereits heut ein neues dastehen!« »Beruhigen Sie sich, Balzer! Sie haben jetzt allerdings Etwas zu erfahren, was Sie sehr betrüben wird; aber es wird nur kurze Zeit vergehen, so ist das Leid in Freude umgewandelt. Treten Sie doch einmal her an den Spiegel, und schauen Sie hinein!« Auf einem Mauervorsprunge lehnte ein Stückchen Glas von einem zerbrochenen Spiegel. Balzer nahm es in die Hand und sah hinein. Er fuhr zurück, stieß einen Ruf des Schreckens aus, blickte wieder hinein, fuhr abermals zurück, kurz, er war in diesem Augenblicke das leibhafte Bild des unglückseligsten Erstaunens. »Jesus Maria!« rief er. »Wie schau ich da aus! Das kann doch ich nicht sein!« Er blickte die Anwesenden rathlos an. Dann erst fiel sein Blick zum ersten Male auf seine eigene äußere Erscheinung. Das Blut wich ihm aus den Wangen. Er wollte sprechen, brachte aber kein Wort hervor. Er schluckte und schluckte, vergebens, es wollte ihm keine Silbe über die Lippen. Der Medicinalrath trat zu ihm, ergriff seine Hand, um nach dem Pulse zu fühlen, und sagte: »Beruhigen Sie sich, Balzer! Es ist nicht so schlimm, wie Sie denken.« »Nicht – so – schlimm?« stieß der Bauer jetzt hervor. »Wie schau ich aus! Barfuß, mit solch einer zerrissenen Kleidung! Nicht gewaschen und auch nicht gekämmt! Und mein Gesicht ist so alt, als ob seit gestern zwanzig Jahren vergangen wären. Das kann ich nicht – – –« Er hielt inne, griff mit der Hand an die Stirn, stieß einen schrillen Schrei aus und sank auf den alten Stuhl zurück. Da trat der Sepp herbei, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Balzerbauer, laß Dichs halt nicht so angreifen! Der Herrgott hats geben und hats auch nommen. Wann er will, kannst Du es auch wieder erhalten.« Der Bauer blickte zu ihm auf. »Diese Stimm ist mir bekannt,« sagte er, »und das Gesicht auch. Du bist halt dera Wurzelseppen, aberst auch viel älter, alst sein kannst. O, ich weiß, ich weiß! Ich hab nicht träumt. Es ist Alles wahr; es ist Alles wirklich geschehen, was ich für einen Traum halten hab. Ists nicht so, Sepp? Sag mir die Wahrheit!« »Die will ich Dir schon sagen. Du hast Recht; es ist kein Traum gewest. Dein Gut ist abbrannt, und nun wohnst hier mit Deiner Frauen und der alten Muttern.« »Hier, im Flachshaus wohn ich? Herrgott! Bin ich denn der Armenhäusler? Bin ich denn ein Hungerleidern worden?« »Es ist ja Alles verbrannt, und dera Eschenbauer hat das Gut für sich neu aufibaut.« »Wann – wann ist das Feuer gewest?« »Vor langen Jahren.« Der Bauer vergrub sein Gesicht in die beiden Hände und blieb eine lange Weile still. Der Medicinalrath winkte den Andern, ihn nicht zu stören. Aus der Ecke, in welcher sich das Lager der Frau befand, erklang ein herzbrechendes Schluchzen. Der Bauer hob den Kopf und fragte: »Wer weint da? Wann ich hier wohne, so muß es Eins von den Meinigen sein.« »Wenn Sie mir versprechen wollen, möglichst ruhig zu bleiben, so sollen Sie es erfahren,« antwortete der Arzt. »O, ich werde ruhig sein, ganz ruhig!« »So schauen Sie hin! Kennen Sie diese Frau?« Die Andern traten zurück, so daß der Bauer nun das Lager sehen konnte. Ein hohläugiges Gesicht blickte ihm von dorther unter Thränen entgegen. »Wer, wer ist das?« fragte er. »Die hab ich noch gar nie, niemals sehen.« Das ging der Kranken wie ein glühendes Eisen durch das Herz. »Balzer! Frieder!« schluchzte sie, ihn bei seinem Familien- und auch Vornamen nennend. »Mich willst Du nicht kennen, mich!« Er horchte auf. »Welch eine Stimm ist das? Das ist die Stimm von meiner Frauen! Aberst die kanns ja gar nicht sein! Kathrin', Kathrin', bists denn wirklich, odern bists nicht?« »Ich bins, ja ich bins.« Da that er die wenigen Schritte zu ihr hin. Er wollte sprechen, aber da öffnete sich die Thür, und die alte Balzerin, seine Mutter, trat ein. »Ich kanns nicht länger aushalten,« sagte sie. »Ich hab ihn reden hört. Er kann sprechen; er kann denken. Wenn da fremde Menschen dabei sind, so darf seine Muttern wohl auch mit hereinikommen.« Er hatte sich zu ihr umgedreht und sie wie eine Fremde angestarrt. Jetzt aber rief er aus: »Was? Wer bist? Meine Muttern bist? Meine Muttern willst sein?« »Ja, die bin ich. Kennst mich denn nimmer?« Da breitete er die Arme aus, als ob er in der Luft nach einem festen Halt suche. »O Gott,« stöhnte er. »Mir wird ganz schlimm. Es ist ganz dunkel vor denen Augen. Ich kann nix sehen. Ich fall um.« Der Arzt wollte ihn halten; aber seine Mutter war noch schneller gewesen. Sie hatte den Wankenden in ihren Armen aufgefangen. »Er stirbt, er stirbt!« schrie sie auf. »Nein, er stirbt nicht,« tröstete der Medicinalrath. »Das, was er jetzt gesehen und gehört hat, ist zu stark gewesen für seine schwache Geisteskraft. Er ist ohnmächtig geworden und wird in einen tiefen Schlaf fallen, aus welchem er hoffentlich gestärkt erwachen wird. Wir werden uns entfernen; aber ich komme heute noch einige Male wieder, um nach ihm zu sehen. Legen Sie ihn hier nieder, neben seine Frau, und beobachten Sie gegen Jedermann einstweilen noch das tiefste Schweigen. Es soll noch Niemand wissen, was hier vorgegangen und gesprochen worden ist.« Der Ohnmächtige wurde zu seiner Frau auf das elende Lager gebettet, und dann entfernten sich die Herren, nachdem sie der alten Bäuerin reichlich Geld zurückgelassen hatten, um die jetzt so nothwendigen Ausgaben bestreiten zu können. Der Sepp stieg mit dem Lehrer in das obere Stockwerk zu dem Finkenheiner. Beide wollten gern im Hause bleiben, um beim Erwachen Balzers sofort bei der Hand zu sein. Die beiden Aerzte aber gingen mit dem Assessor nach dem Gasthofe, wo der Letztere sich eine Stube geben lassen wollte. Er hatte die Absicht, das Dorf nicht eher zu verlassen, als bis die Balzer'sche Angelegenheit in Ordnung gebracht worden sei. Der Arzt aus der Stadt blieb bei ihm; der Medicinalrath ging nach der Mühle, versprach aber, baldigst wieder zu kommen. Der Lehrer hatte versprochen, falls der Bauer erwachen werde, sofort zu schicken. Die Zeit bis zum Anbruche des Abends verging. Da kehrte der Medicinalrath aus der Mühle zurück, und bald darauf kam auch vom Lehrer die Botschaft, daß der Kranke aus seinem Schlafe erwacht sei. Die Herren machten sich sogleich nach der Flachsbreche auf. Als sie dort anlangten, saß der Balzer am Bette seiner Frau. Der Finkenheiner hatte seine Stühle hergeborgt, daß man sich wenigstens setzen konnte. Das Auge des aus geistiger Nacht Erwachten war verhältnismäßig klar und frei von innerer Trübung. Er gab den Herren in demüthiger Freundlichkeit die Hand und antwortete auf die Frage des Medicinalrathes nach seinem Befinden: »Dera Kopf thut mir weh, da wo ich den Schlag erhalten hab. Sonst aberst fühl ich gar nix von einer Krankheiten.« »Das ist sehr gut. Ich hoffe, daß Sie recht bald vollständig gesund sein werden. Die Hauptsache ist, zu wissen, ob Ihnen das Denken und Sprechen allzu viele Anstrengung bereitet.« »Gar keine. Es ist mir, als ob ich aus einer Gefangenschaft frei worden bin. Es druckt und zuckt noch ein klein Wenig, grad so, als ob ich einen Rausch habt hätt, aberst klar bin ich im Kopf. Ich weiß Alles genau, was ich sag und thu.« »Auch das, was geschehen ist?« »Ja. Die Frau und die Muttern haben mir Alles verzählt und derklärt. Ich weiß nun, wie es steht und was damals geschehen ist.« »So werden Sie hoffentlich meine Fragen jetzt wahrheitsgetreuer beantworten als vorher,« bemerkte der Assessor, indem er warnend den Finger hob. »Hab ich was sagt, was nicht wahr ist?« fragte der Bauer in unsichrem Tone. »Ja, in Beziehung auf den Silberbauer.« »Da habens Recht! Es war mir noch dumm und trüb im Kopf, und ich hab nicht wußt, was ich dem Silberbauer Alles zu danken hab. Darum hab ich dacht, daß ich nicht Alles derzählen darf. Jetzund aberst werd ichs sagen. Dieser Mensch ist ein Teufel. Er hat mich unglücklich macht, weil er mich zum Spiel verführt hat. Er hat mich bestohlen und dermorden wollen und mir nachher sogar das Haus über dem Kopf anbrannt.« »Davon sind Sie überzeugt?« »Ja, obgleich ichs nicht genau beweisen kann.« »Vielleicht finden wir den Beweis, wenn Sie uns aufrichtig erzählen. Haben Sie sich an jenem unglückseligen Abende, an welchem Sie sich bei dem Silberbauer befanden, wirklich nur mit einander unterhalten. Haben Sie nichts Anderes gemacht?« »Freilich haben wir nicht nur blos sprachen und derzählt, sondern wir haben auch spielt.« »Karten? Was für ein Spiel?« »Ich weiß nicht, wie's nannt wird, dieses Spiel. Es werden vier Zündhölzern auf den Tisch legt und das Geldl rechts und links dazu. Nachhero legt Einer die Karten auf, für sich und die Andern. Es ist ein Spiel, bei welchem man gar viel verlieren kann.« »Aha! Ich kenne es. Sie hatten es wohl schon sehr oft betrieben?« »Ja. Erst hab ich gar nicht wüßt, daß es unrecht war, und nachhero, als ich derfuhr, daß es verboten ist, da hat mich dera Spielteufel bereits zu fest in den Krallen habt. Ich hatt schon zu viel verloren und wollt Alles wieder gewinnen. Darum hab ich nicht aufihört. Und grad an jenem Abend hab ich einen großen Gewinn machen wollt, denn ich hatt fünftausend Thalern, mit denen ich das Glück vielleicht derzwingen konnt.« »So haben Sie wohl sehr hoch gespielt?« »Ja, sehr hoch und auch heimlich. Es hats gar Niemand wußt, daß wir bei dem Silberbauern waren, denn wir sind zu ihm durch das Fenstern einistiegen. Und eben so heimlich sind wir auch wiedern fort. Meine Frau und meine Muttern haben meint, daß ich das Geldl in die gute Stuben than hab. Aber dera Kasten, den ich dort einischließen that, war leer. Das Geldl hat dera Silberbauern gleich mit zu sich nommen. Dann hab ich mich zu ihm schlichen und wir haben beisammen sessen und spielt, vier Personen. Dera Silberbauern hat die Bank gehalten und gar viel gewonnen, bis ich sehen hab, daß er falsch spielt. Da hab ich mich an seine Stell setzt und die Bank übernommen. Von diesem Augenblick an hat sich das Blatt umidreht. Ich hab gewonnen und wieder gewonnen, bis die beiden Andern keinen Pfennig mehr habt haben. Da hat nur noch dera Silberbauern weiter mit mir spielt. Er ist aller Minuten fortgangen, um abermals Geld zu holen, und es war noch lange nicht Mitternachten, da hat er gar nix zu setzen hab. Ich hatt zu meinen fünf wohl noch viertausend Thalern gewonnen. Dera Silberbauern hat mir einen Sack borgt, in welchem ich das viele Geldl nach Haus schleppt Hab. Unterwegs hab ich mir vorgenommen, nun aufzuhalten und gar nie Wiedern zu spielen.« »Das ist so einer von den guten Vorsätzen, mit denen der Weg zur Hölle gepflastert ist.« »Ja, das hab ich gar bald merkt, denn kaum waren drei Minuten vergangen, so saßen wir wieder bei nander und spielten.« »Wer? Doch nicht der Silberbauer mit?« »Freilich grad der. Ich hatt mich leise hinaufi schlichen und das Licht anbrannt. Da saß ich und zählt das Geldl. Dabei hört ich, daß Einer mit Sand nach dem Fenster warf, und als ich hinaus schaut hab, da ists dera Silberbauern gewest. Er hat sagt, ich soll ihn heimlich zu mir lassen, weil er mir was Guts zu sagen hat. Ich bin also hinab gangen und hab ihm leis die Thür geöffnet. Droben dann hat er mir sagt, daß er nicht schlafen kann, weil er so viel verloren hat, und daß er kommen sei, um nochmals zu spielen. Er hat Alles wieder gewinnen oder noch mehr verlieren wollt.« »Ich denke, er hat kein Geld mehr gehabt?« »Damit ist er freilich zu End gewest. Aber er bot mir an, die untera Mühlen gegen zweitausend Thalern zu setzen. Da hat mich dera Spielteufel, abermals bei den Haaren dergriffen, und ich hab also mitmacht. Wir haben das Fenstern verhängt und die Thür verschlossen und kein lautes Wort sprochen, grad als ob wir ein Verbrechen ausführen wollten.« »Schrecklich! Und der Erfolg?« »Gleich bei dera ersten Tour hab ich gewonnen. Er hat Alles schon vorbereitet habt und mir ein Wechselpapieren geben, was er mit dera Mühlen einlösen wollt. Dann hat er die obera Mühlen verspielt und mir noch ein Papier geben. Sein Angesicht ist weiß wie Kreiden gewest, und seine Augen haben blitzt wie beim Satanas. Dann aber hat er mir den letzten Vorschlag macht. Alles, was ich gewonnen hab und auch meine fünftausend Thalern soll ich gegen sein großes Gut setzen und gegen Alles, was er hat. Er hats derzwingen wollen.« »Und Sie sind darauf eingegangen?« »Ja, ich hab nicht änderst konnt. Ich bin von dem großen Gewinn ganz wie betrunken gewest. Ich hab das ganze Geldl und auch seine beiden Papieren einsetzt und er dagegen einen dritten Wechselbrief, welcher so hoch lautete, wie sein Gut im Werth wesen ist. Das war ein Spiel, wie es wohl selten macht wird. Nur eine einzige Minut hat es dauert, und dann bin ich dera Gewinner gewest.« »Das war wirklich ein fast beispielloses Glück, natürlich davon abgesehen, daß es ein verbotenes war. Wie hat sich der Silberbauer verhalten?« »Er ist natürlich nun arm wie ein Bettlern gewest. Zunächst hat er still dagesessen und mich immer grad anstarrt. Dann ist er aufstanden und in dera Stuben hin und her laufen. Endlich hat er sagt, daß er es nicht gelten lassen kann. Ich Hab ihm die drei Papieren heraus geben sollt. Das hab ich freilich nicht wollt, sondern sie eilig in meine Taschen steckt. Da ist er zornig worden, hat mich bei dera Brust ergriffen und zu Boden gedrückt. Ich habs ihm da gleich anschaut, daß er mich dermorden will. Der Blick ist so grausam gewest und so fest, daß kein Zweifel vorhanden sein konnt.« »Schrieen Sie um Hilfe?« »Nein. Die Kehle war mir vor Schreck zu. Ich hab mich wehren wollt; aberst er ist mir zu stark gewest. Er hat dabei einen Hammern aus dera Taschen nommen und damit ausholt, um mir den Kopf zu zerschlagen. Jetzt, in diesem Augenblick, hab ich rufen könnt.« »Um Hilfe?« »Nein. Ich bin so in Angst gewest, daß ich nur ihn um Gnade beten hab.« »Können Sie sich der Worte erinnern, welche Sie da gesprochen haben?« »Ja. Ich weiß sie noch ganz gut. Ich hör sie noch jetzund klingen, wie sie damals mir aus dem Mund hervorkamen.« »Nicht wahr, Sie riefen: Nimms hin, nimms hin! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!« »Wie? Was? Sie wissen die Worten so genau, die ich sagt hab! Woher können Sie dieselbige wissen?« »Von Ihnen selbst. Sie haben diese Worte während der vergangenen Jahre unzählige Male wiederholt. Aber erzählen Sie weiter.« »Ich kann ja weiter nix verzählen. Ich hab nur noch sehen, daß er den Hammern auf mich schwang. Von nun an weiß ich nur noch, daß ich vorhin hier in dera Stuben wie aus einem bösen Traum aufwacht bin. Alles Andre aber ist mir unbekannt.« »So ist es erwiesen, daß der Silberbauer Sie hat ermorden wollen. Natürlich hat er das ganze Geld und auch seine Wechsel an sich genommen und ist damit heimlich fortgegangen. Um aber alle Spuren seiner That auf das Sicherste zu vernichten, hat er Ihr Gut angebrannt.« »Ja, so ists ganz gewiß.« »Aber, wie es ihm beweisen? Er wird natürlich sagen, daß Sie geisteskrank sind, daß Sie sich das Alles ausgesonnen haben. Ich bin überzeugt, daß er der Mordbrenner und Dieb ist; aber wenn wir nicht noch schlagendere Beweise bringen, so befürchte ich, daß er doch freigesprochen wird.« Da sagte der Sepp, welcher natürlich auch mit zugegen war: »Schlagendera Beweise? Die sind da.« »Ah! Wo?« »Hier stehen sie: Ich und dera Herrn Lehrern. Wir haben den Hammern funden und auch den Kassenschein mit denen genauen Nummern, die dera Balzer vorhin sagt hat.« Diese Worte machten natürlich einen ganz bedeutenden Eindruck auf die Andern. Der Sepp wurde aufgefordert, sich deutlicher zu erklären. Er erzählte von jenem Abende, an welchem er den Silberbauer im Garten getroffen und auch den Hammer gesehen hatte. Und dann berichtete der Lehrer von seiner und Sepps Beobachtung bei und unter dem Mühlenwehre. Diese Mittheilungen wurden schließlich mit größter Genugthuung aufgenommen. »Jetzund kommts an den Tag!« rief die alte Balzerbäuerin. »Dera Herrgott ist gerecht. Er hilft, wann Niemand die Hilf erwartet. Und dera Engel, den er uns sendet hat, das ist dera Herr Lehrern. Als ich ihn zum ersten Mal troffen und sehen hab, da ists mir gleich in meinem Herzen und in dera ganzen Seel so gewest, als ob er ein Mann sei, dem ich viel zu danken hab. Und heut ists nun in Erfüllung gangen. Herr Lehrern, was Sie an mir und uns than haben, das werden wir nimmer vergessen!« Sie ergriff seine Hand und führte dieselbe an ihre Lippen. Er entzog sie ihr schnell und entgegnete: »Nicht mir haben Sie das Alles zu verdanken, sondern Ihrem Sohne, welcher uns auf die Spur seines Feindes führte. Uebrigens steht hier der Sepp, der noch viel mehr gethan hat als ich.« »Sie haben sich Beide allerdings große Verdienste um diese arme Familie erworben,« sagte der Assessor. »Es war so außerordentlich wichtig, daß Sie dem Verstecke Ihre ganze Aufmerksamkeit zuwendeten. Das müssen wir auch jetzt thun. Wir dürfen nicht säumen. Brechen wir sofort auf, um den Inhalt der Kammer, welche sich unter dem Wasser befindet, zu untersuchen.« Das geschah. Die fünf Männer versahen sich mit zwei Laternen und Hammer und Zange, um den Schrank öffnen zu können. Dann verließen sie die Flachsbreche, um sich nach dem Wehr zu begeben. Bei Balzers ließen sie die strenge Weisung zurück, daß über Alles das strengste Stillschweigen zu beobachten sei. Als sie an dem Silbergute vorüberkamen, sagte der Assessor, auf das Gebäude zeigend: »Also dort wohnt dieser Mann. Wäre es nicht vielleicht gerathen, uns vor allen Dingen seiner Person zu versichern?« »O, den haben wir sicher!« antwortete der Medicinalrath. »Ist sein Zustand so bedenklich, daß er uns auf keinen Fall entkommen kann?« »Er liegt bewußtlos im Bette, vollständig betäubt. Der Arm ist ihm ausgerissen worden. Urtheilen Sie selbst, ob er im Stande sein kann, sich dem strafenden Arm der Gerechtigkeit zu entziehen.« »Wenn es so ist, dann haben wir ihn freilich sicher. Dennoch werde ich ihm von heute an einen Wächter geben, der ihn keinen Augenblick verlassen darf.« Aber selbst der erfahrenste und klügste Mensch und Arzt kann sich täuschen. Der Silberbauer war allerdings noch nicht aus seiner Betäubung erwacht, aber am Nachmittage bemerkte sein Sohn, daß das Gesicht des Vaters wieder Farbe bekommen habe. Der Kranke athmete ruhig und regelmäßig, und es schien, als ob der Zustand der Betäubung in einen natürlichen Schlummer übergegangen sei. Von da an machte sich der Silberfritz in der Stube, in welcher sein Vater lag, möglichst viel zu schaffen, sagte aber Niemand etwas davon. Er wollte zugegen sein, wenn der Verunglückte erwachte. Es ließ sich ja mit Gewißheit erwarten, daß dann Worte fallen würden, welche kein Fremder hören durfte. Als die Dämmerung hereinbrach, brannte der Silberfritz ein Licht an, und als er es auf den Tisch setzte, war es ihm, als ob der Vater sich bewegt habe. Vielleicht war der Schein des Lichtes dem Schlafenden zwischen den gesenkten Wimpern hindurch in das Auge gedrungen und hatte zur Beschleunigung des Erwachens beigetragen. »Vater!« sagte Fritz, indem er zum Bette trat. Der Schlafende bewegte die Lippen leise, und die Augenlider begannen zu zucken. »Vater, schläfst noch oder kannst mich hören?« Da schlug der Bauer die Augen auf, hielt sie starr auf den Sohn gerichtet, schloß sie wieder und antwortete: »Ich bin müd.« »Müd bist? Und hast doch mehrere Tage lang stets geschlafen!« »Ich? So lang?« »Ja, seit Du in das Mühlrad fallen bist.« Da riß es dem Kranken die Augen förmlich unnatürlich auf. Er starrte den Sohn an und fragte: »Ich, ins Mühlrad fallen?« »Ja. Weißts wohl gar nicht?« Der Silberbauer zog den gesunden Arm unter der Bettdecke hervor. Jedenfalls hatte er auch den anderen hervorziehen wollen, denn es ging wie ein gewaltiger Schreck über sein Gesicht. »Alle Teufeln! Was ist das? Hat mich etwan dera Schlag troffen? Ich kann den linken Arm nicht mehr bewegen!« »Das glaub ich gar wohl! Du hast den Arm ja gar nimmer mehr.« »Was? Ich hätt den Arm nicht mehr? Bist etwan toll? Wo sollt er hin sein!« »Greif doch mal hin!« Der Bauer fühlte mit der rechten Hand nach der linken Seite. Dann stieß er einen halblauten Weheruf aus. »Alle Teufeln! Er ist fort, wirklich fort! Und dera Kopf brummt mir wie eine Baßgeigen. Jetzt weiß ich freilich, was geschehen ist. Ich war im Wehr, und nachhero – – –« Er unterbrach sich. Von dem Wehre durfte doch kein Mensch etwas wissen. »Sprich doch weiter!« sagte der Sohn. »Nix ist zu sprechen. Ich besinn mich, daß ich ausglitten bin und in das Rad hinabstürzt. Dann war es aus mit meiner Besinnung. Es ist eine ganz verdammte Geschichten. Also das Rad hat mir den Arm weggenommen!« »Ja, grad wie damals dem Finkenheiner.« »Schweig! Den darfst mir nicht nennen! Aberst wie kommt es, daß ich gar keinen Schmerz dran hab.« »Dera Doctor hat sagt, daß dies zuweilen vorkommen ist. Wann Einem ein Glied ausdreht wird, so ists nicht so schlimm, als wanns ihm abschnitten wird. Das Blut kann nicht heraus bei Dir.« Der Alte lag eine Weile still und fragte dann: »Ist indessen was passirt bei uns?« »Ja. Die Martha ist fort, ganz und gar verschwunden.« »Laß sie! Ich mein anders Sachen. Ist Niemand kommen, um mich zu sehen?« »Ja, oft.« »Wer?« »Die Bauern hier, die ich aberst nicht hereinilassen hab. Dann kamen Zwei. Der Eine sah gar vornehm aus, fast wie Einer vom Gericht oder von der Regierung.« »Donnerwettern! Weiß man, wie es kommen ist, daß ich in das Rad fallen bin?« »Nein.« »Und – und – – weißt nicht, ob eine Frauen hier im Dorf ist, eine fremde Frauen?« »Ich weiß nix davon.« »Die etwan auf Besuch ist beim Finkenheiner?« »Jetzund redest ja selber von ihm.« »Wann ich das thu, so ists etwas ganz Anderes, als wann Einer unberufen von ihm beginnt.« »Was für einen Besuch soll dieser Hungerleider bekommen!« »Hm! Und doch – doch – – ist sie da! Ich hab sie erkannt, ganz genau erkannt. Und zwei Männern dort am Wehr, die wohl Alles sehen hatten.« Er hatte das mehr zu sich selbst gesagt. »Wen meinst?« fragte der Sohn. »Das geht Dich nix an. Weiß Jemand, daß ich jetzund wiedern bei mir bin?« »Nein.« »So schweig auch noch. Niemand darf es wissen. Ich werd jetzund einmal fortgehen.« »Wohin?« »Hinaus aufs Feld. Weiter hast nix zu fragen.« »Bist geschossen im Kopfe! Hinaus aufs Feld willst, in diesem Zustand hier?« »Ja, ich muß.« »Das ist unmöglich! Du liegst ja krank auf den Tod. Du kannst gar nicht aus dem Bett heraus.« »Da kennst den Silberbauern schlecht. Was der will, das kann er auch. Wann mein Arm nicht blutet hat und wann er mir nicht wehe thut, so ist die Sach gar nicht schlimm. Er ist weg, und ein Krüppel werd ich bleiben; dennoch aber bin und bleib ich Derjenige, der ich gewest bin. Ich werd Dir gleich zeigen, wie gut ich aus dem Bett heraus kann.« Er richtete sich mit Hilfe seines einen Armes empor. Sein Sohn aber schob ihn sofort wieder nieder und sagte: »Liegen bleibst! Ich gebs nicht zu, daßt aufistehst, Nachhero, wannst stirbst, bin ichs, der die Vorwürfen bekommt.« »Was fallt Dir ein!« zürnte der Alte. »Denkst wohl, weil ich nur noch einen Arm hab, so brauchst mir nicht mehr zu gehorchen? Da irrst Dich aberst gewaltig. Ich muß aufi.« »Und ich duld es nicht!« Sein Gesicht bewies, daß er wirklich fest gewillt sei, seinen Vater am Aufstehen zu hindern. Dieser lachte einen Augenblick lang grimmig vor sich hin und sagte dann mit unterdrückter Stimme: »Wirst mich schon aufistehen und gehen lassen, wann ich Dir nur Eins sag. Weißt, wann ich nicht jetzund gleich was thu, was Niemand wissen darf, so kommen die Schandarmen und schaffen mich ins Zuchthaus. Alles, Alles wird uns nommen, und dann bist ein Bettlern und ein Lump, größer noch als dera Finkenheiner.« Der Silberfritz erschrack. »Ists wahr, Vater?« fragte er. »Ja. Läßt mich also aufi?« »Hast was than, was verboten ist?« »Dummkopf! Hab ich nicht täglich than, was verboten ist? So was kann mich nicht in Angst bringen. Ein Verbrechen ists, was ich than hab, ein großes, um reich zu werden und Dir ein tüchtig Stück Geld zu hinterlassen. Aus Lieb zu Dir hab ichs than. Und wann ich jetzund nicht sogleich fortgehen kann, so kommt die Sach gewiß an den Tag. Willst mich auch nun noch zurückhalten?« »Wanns so ist, so muß ich Dich freilich gehen lassen.« »Oder soll ich mich dem Gericht freiwillig stellen? Wannsts meinst, so thu ichs,« höhnte der Alte. »Bist des Teufels!« »Nun gut! So steh ich jetzund aufi. Du magst mir helfen, das Gewandl anzuthun. Nachher wirst aufpassen, damit Niemand es sehen kann, daß ich fortgeh. Wann ich wiederkomm, so leg ich mich ins Bett, und kein Mensch weiß, daß ich fortgewest bin.« »Aber wirsts auch aushalten?« »Bin ich ein altes Weiberl?« »Es kann Dir unterwegs was passiren. Es wird am Besten sein, daß ich mitgeh.« »Ach so! Willst wohl sehen, was ich vorhab? Das schlag Dir aus dem Sinn. Meine Wege sind nicht für die Augen eines Andern. Schweig jetzund überhaupt, und kleid mich mit an.« Er stand auf. Der Silberbauer besaß wirklich eine wahre Elephanternatur. Er bewegte sich mit einer Leichtigkeit, als ob ihm nicht das mindeste körperliche Leid widerfahren sei. In kurzer Zeit stand er angekleidet vor dem Sohne. »Nun, schau ich aus wie Einer, dem unterwegs was geschehen kann? Meinst, daß ein Wind mich umzustoßen vermag?« fragte er. »Ja, kräftig genug schaust wohl aus. Aberst es fragt sich halt, wie lange es währen wird.« »So lange ich will. Jetzund steckst mir noch die kleine Laternen in die Taschen und ein Feuerzeug dazu. Den Jagdsack kannst mir auch umihängen. Ich werd Dir was mitbringen, worüber Du große Freud haben wirst.« »Was mags sein?« »Geld, sehr viel Geld.« Die Augen des Silberfritz erglänzten lüstern. Geld war ihm Alles. Für Geld gab er Alles hin, die Ehre und selbst auch – den Vater. »Hasts wo irgend versteckt habt?« fragte er. »Ja. Wann ichs jetzund nicht hol, wirds mir wegnommen und es kommt an den Tag, woher ich es nommen hab. Ich bring es Dir und Du wirsts irgendwo anders verstecken. Denn gefunden darfs auch hier im Haus nicht werden.« »So geh, so geh schnell! Wann es so ist, so darf ich Dich freilich nicht zurückhalten. Lauf, daßt fortkommst und mach geschwind, daßt wiedernkehrst!« Jetzt, da es sich um Geld handelte, fragte er nicht mehr, ob sich der fast tödtlich verwundete Vater durch diesen unvorsichtigen, verwegenen Ausgang den Tod holen könne. Er wollte das Geld sehen, den glitzernden, blinkenden Mammon. Alles Andere war ihm sehr gleichgiltig. Sein Vater fühlte das gar wohl, aber es war ihm eben recht. Anstatt dem Sohn zu zürnen, freute er sich, daß dieser auch in dieser Hinsicht dem Vater so sehr ähnlich geworden war. »Schau,« sagte er lachend, »was das Geldl für eine Wirkung hervorbringt. Jetzund thätst mich sogar nach Amerika hinüberlassen, wann es Dir ein Geldl einbringen thät!« »Zehnmal um die ganze Welt herum!« »So ists recht. Schau, das Geld ist die einzige wahre Macht und Gewalt, die es auf Erden giebt. Wem das fehlt, der ist nix und der gilt nix. Wer es aberst hat, dem gehorchens eben Alle, die Großen und die Kleinen, die Alten und die Jungen, die Gescheidten und die Dummen und auch die – Schönen und die Häßlichen. Das Letztere magst Dir gut merken, weilst noch jung bist und doch mal eine Frau nehmen mußt. Nun geh jetzund voran und schau zu, daß mir die Gesindeleut aus dem Wege gehen! Es darf mich Niemand sehen. Hier oben schließt zu und nach einer Stund und einer halben bist draußen am Gartenthor, um mich zu erwarten, damit ich ebenso heimlich wieder hereinkommen kann!« Er hatte die Laterne nebst Zündhölzern eingesteckt und den Jagdsack umgehängt bekommen. Beide verließen die Stube. Der Sohn ging voran und ertheilte den im Wege Stehenden Befehle, durch welche sie entfernt wurden. Auf diese Weise gelangte der Silberbauer unbemerkt in den Garten und – wohl auch aus demselben hinaus? Nein. Anna, die reuig zurückgekehrte Frau des Finkenheiner, war den ganzen Tag in der Wohnung des Letzteren gewesen. Sie scheute sich, von Jemand gesehen zu werden. Jetzt aber, da es dunkel geworden war, verließ sie die Wohnung, um nach der Mühle zu gehen. Dort befand sich das Liesbetherl, um der alten Barbara in der Wirthschaft, welche bald nun ihre eigene werden sollte, zu helfen. Die Mutter wollte die Tochter abholen und nach Hause begleiten. Sie schlug den Weg ein, welcher an den Gärten vorüberführte. Im Dorfe wäre sie ja gesehen und vielleicht sogar erkannt worden. Beim Garten des Silberbauers angekommen, blieb sie stehen und blickte über den Zaun hinüber. Dort befand sich der Mann, welcher schuld an ihrer Verirrung, an ihrem Unglücke war. Eine tiefe, tiefe Bitterkeit erfüllte sie, ein fast grimmiger Haß gegen den Menschen, der ihr Verführer gewesen war. Wie mild und freundlich war sie von ihrem braven, armen, unglücklichen Manne aufgenommen worden! Die Barmherzigkeit des Letzteren ließ ihr ihren Fehler und die Schlechtigkeit des Silberbauern in trübster Beleuchtung erscheinen. Sie war gekommen, sich an dem Verführer zu rächen. Sie fürchtete ihn nicht. Sie hätte sich sogar wohl auch nicht gescheut, auf einen persönlichen Kampf mit ihm einzugehen. Da hörte sie Schritte, welche sich leise dem Gartenthore näherten. Wer kam da? Warum trat er so leise auf? Wollte er nicht gehört werden? In diesem Falle ging der Betreffende wohl auf verbotenen Wegen. Sie drängte sich nahe an den Zaun heran und bog sich nieder, um nicht bemerkt zu werden. Kaum drei Schritte entfernt von ihr wurde das Thor geöffnet, und – – der Silberbauer trat heraus. War das möglich! Er, der so schwer Verwundete, dessen Leben nur an einem Haare hing, hier im Freien? Und doch war eine Täuschung gar nicht möglich. Seine hohe, breite Gestalt mußte für einige Secunden stehen bleiben, um das Gitterthor wieder zu schließen, und da hatte sie Zeit, sich zu überzeugen, daß er es wirklich sei. Sie gab sich gar keine Mühe, nach einer Erklärung zu suchen. Sie ahnte, daß er irgend etwas Böses, etwas Unheimliches vorhabe, und da war sie sofort und fest entschlossen, ihn zu beobachten. Darum folgte sie ihm auf dem Fuße. Von Zeit zu Zeit stehen bleibend, um zu lauschen, ging er hinter dem Dorfe hinab und dann rechts über die Wiesen nach dem Wasser zu. Sie huschte unhörbar hinter ihm her, stehend bleibend, wenn er den Schritt anhielt, und dann wieder gehend, wenn er weiter ging. Was wollte er dort, in der Gegend der Mühle? das fragte sie sich. Er hatte sich ja bereits am Abende, an welchem er verunglückte, dort herumgeschlichen. So ging es weiter und weiter, durch das Gebüsch, bis hin zum Wehre. Dort blieb er lauschend stehen. Er horchte längere Zeit auf, um sich zu überzeugen, daß er sich ja ganz allein hier befinde. Sie hatte sich auf den Boden niedergekauert, kaum zehn Schritte weit von ihm. Er sah sie nicht. Dann endlich trat er hin zu dem Busche, welcher den freien Raum maskirte, der sich zwischen dem Gemäuer des Wehres und dem Wasserbogen befand, welcher von dem Ersteren herabschoß. Ein Zündholz leuchtete auf. Sie sah bei dem Scheine desselben ganz deutlich, daß eine kleine Laterne an der Erde stand, deren Lämpchen der Silberbauer anbrannte. Ebenso deutlich sah sie, daß er dann sich tief niederbückte, um unter den Zweigen des Busches hinweg zu kriechen und dann zu verschwinden. Dieses Verschwinden war ihr völlig unbegreiflich. Sie, als einfache Frau konnte sich nicht sagen, daß hinter dem Wehre ein wasserfreier Raum sein müsse. Aber sie stellte gar keine Betrachtungen an. Sie eilte sofort dahin, wo er verschwunden war, bückte sich nieder und blickte unter den grünen Zweigen hindurch. Da sah sie ihn mit dem Laternchen langsam zwischen der Wehrmauer und der Wasserfluth dahinschreiten. Er machte eine Thüre auf und war dann nicht mehr zu sehen. Rasch entschlossen folgte sie ihm. Sie fragte nicht, ob die Passage hier mit Gefahren verknüpft sei. Sie wollte sehen und wissen, was er da drin zu thun habe, und da konnte kein Bedenken sie zurückhalten. Zwar war es jetzt dunkel in der kühlen, von Wasserdunst geschwängerten Passage; aber sie hatte ja vorhin beim Scheine seiner Laterne gesehen, wie man gehen müsse, um nicht in den Strom zu gerathen. Sie hielt sich so weit rechts wie möglich, eng an die Mauer, tappte sich langsam und vorsichtig an derselben hin und erreichte so die offene Thüre. Langsam schob sie den Kopf vor, um hinein zu blicken. Der Silberbauer hatte den Jagdsack abgenommen und auf die früher bereits erwähnte Bank gelegt. Er stand vor dem offenen Kästchen und hatte den werthvollen Thalerschein in der Hand. Ihn betrachtend, murmelte er Worte vor sich hin, welche die Lauscherin wegen des Wasserrauschens nicht zu hören vermochte. Dann legte er den Schein in den Kasten, bückte sich nieder und hob den Hammer auf. Auch ihn betrachtete er und zwar mit einer Art grimmigen Behagens. Seine Lippen bewegten sich. Sie hätte viel darum gegeben, wenn sie die Worte, welche er sprach, hätte verstehen können. Jetzt warf er den Hammer weg, in denselben Kasten hinein, und zog einen Schlüssel aus der Tasche. Er trat zum Schranke, um denselben zu öffnen. Es ging nicht rasch. In dieser feuchten Athmosphäre rostete das Schloß natürlich sehr leicht, und es war also schwer zu öffnen. Nur unter großer Anstrengung gelang es ihm, mit seinem einen Arme den Schlüssel im Schlosse zu drehen. Knarrend und kreischend that sich die Thüre auf. Die Lauscherin sah, daß der Schrank aus mehreren Abtheilungen bestand. In der unteren stand ein länglich viereckiger Kasten, an welchem sich ein großes Hängeschloß befand. Die beiden anderen Abtheilungen, welche nicht dieselbe Größe besaßen, waren mit Cigarrenkistchen angefüllt. Jedenfalls aber befanden sich keine Cigarren in denselben, denn sie wären in der hier herrschenden Feuchtigkeit binnen kürzester Zeit verdorben. Der Müller hob zunächst den Kasten hervor und auf die Bank. Dann zog er einen Schlüssel aus der Tasche, um das Hängeschloß zu öffnen. Als ihm dies gelungen war und der Kasten geöffnet vor ihm stand, ruhte sein Blick mit gierigem Ausdrucke auf dem Inhalte desselben. Dann begann er, diesen Inhalt in den Jagdsack zu stecken. Die Frau sah deutlich, daß es lauter Goldrollen waren. Es dauerte eine geraume Zeit, bevor der Kasten leer war. Dann nahm er einige der Cigarrenkistchen her und schüttete den Inhalt derselben, welcher in Briefen und anderen Scripturen zu bestehen schien, auch in den Sack. Sodann nahm er den bereits erwähnten Hammer und den Fünfhundertthalerschein, um Beides auch mit hinein zu thun. Jetzt schien er fertig zu sein, denn er schloß den Schrank wieder zu und lud sich den Sack auf die Schulter, was ihm, da er nur noch den einen Arm besaß, nicht leicht wurde. Dann drehte er sich um, um zu gehen. Bis jetzt hatte die Frau an der Ecke der Thüre gestanden; jetzt aber trat sie hervor. Der Schein der Laterne fiel auf sie. Er sah sie und stieß einen lauten Schrei aus. Er war geisterbleich geworden. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Die Hand sank ihm herab, und da er mit derselben den Sack unterstützt hatte, so fiel dieser ihm vom Rücken herab und auf die Erde nieder. »Anna!« schrie er auf. »Silberbauer! Was treibst hier im Verborgenen?« Er stützte sich mit der Hand an die Wand. »Bists wirklich?« stöhnte er auf. »Wohl bin ich es!« »Ich hab glaubt, daßt todt seist!« »Wenns auf Dich ankommen wär, so wär ich schon längst todt, verbrannt und begraben unter den Ruinen des Schlosses, welches Ihr angesteckt habt.« »Das ist nicht wahr.« »Es ist wahr. Willsts leugnen?« »Ich muß es leugnen, denn es ist eine Lügen.« »Aberst ich weiß es genau.« »Wie kannst das wissen! Hasts etwan sehen?« »Ich hab es nicht sehen; aberst ich hab einen Zeugen.« »Wen?« »Barko, den Zigeuner.« »Der lebt nicht mehr.« »Weilt ihn ermordet hast.« »Das ist abermals eine Lügen!« »Natürlich mußt Du es leugnen, sonst kommst als Raubmörder und Mordbrenner an den Galgen. Ist nicht ein Künstler bei Dir gewest, Signor Bandolini mit Namen, der sich hier sehen lassen will?« »Wohl war er bei mir.« »Nun, der heißt eigentlich Jeschko und ist auch ein Zigeuner. Kennst vielleicht diesen Namen?« »Meinst etwan den Barko seinen Brüdern?« »Ja.« »Alle Teufeln! Drum hab ich nicht wußt, warum dera Kerl mir so bekannt vorkommen ist!« »Die Krankheit hat sein Gesicht entstellt. Er ist mit mir hierher gekommen. Er will keine Vorstellungen geben, sondern mir nur behilflich sein, mich an Dir zu rächen!« Der Bauer ließ seine Augen wie rathlos in dem kleinen Räume umher schweifen. Dann blieben sie an Anna's Gestalt haften. »Also rächen willst Dich,« sagte er. »Wie willst das aberst wohl anfangen?« »Indem ich Dich anzeig.« »Das wirst nicht fertig bringen.« »Warum nicht? Ich brauch ja nur aufs Gericht zu gehen und das zu erzählen, was ich von Dir weiß.« Ein höhnisches Lächeln glitt über sein Gesicht. »Du, das wirst bleiben lassen! Denn wannt von mir erzählst, so mußt auch von Dir reden, von dem Ehebruch, von Deiner Schand und daßt mit mir davonlaufen bist.« »Warum sollt ich das nicht erzählen?« »Weil das keine Frau thut.« »Ich werde es dennoch thun. Alle Welt weiß es bereits, Jedermann hier im Ort. Und höher als alle Bedenken gilt mir die Rache. Du bist mein Verführer, mein Teufel gewest. Du hast mich verachtet und elend gemacht. Ich habe Dir meinen guten Ruf, meine Ehre, mein Glück, Alles, Alles geopfert, und dafür hast Du mich elendiglich betrogen, mich von Dir gestoßen. Mir gilt es gleich, ob die Leut hier Alles erfahren, was sie noch nicht wissen, wenn nur Du die Straf bekommst.« Ihre Augen glühten voller Haß ihm entgegen. Er mußte an diesem Blicke erkennen, daß sie wirklich gewillt sei, alle Rücksicht ans ihre Person bei Seite zu lassen, nur um sich zu rächen. Dennoch aber gab er die Hoffnung nicht auf, sie eines Anderen zu bereden. Sie war ja Mutter. Darum sagte er: »Jetzunder ist diese alte Sache bereits längst vergessen, und kein Mensch spricht mehr von ihr. Willst sie etwan wieder aufwärmen, Deinen Kindern zur Schand!« »Den Namen meiner Kindern rufst vergeblich an, Silberbauer. Sie sind so brav und gut, daß mir die Augen übergehen, sobald ich nur an sie denk, vor Reue und vor Gram, aberst auch vor Grimm und Zorn gegen Dich. Solche Kindern hab ich damals verlassen können! Und warum? Weilst mich beredet hast und verführt mit schönen Worten. Grad der Gedank an meine Kindern macht mich unerbittlich in meiner Rach. Das laß Dir sagt sein!« »So! Willst wohl allhier bei ihnen bleiben?« »Ja.« »Beim Finkenheiner?« »Bei ihm.« Er lachte laut auf. »So kannst mit ihm hungern und betteln!« »Das bin ich gewöhnt. Seitst mich um mein Geld bracht hast, hab ich gar oft hungern und auch betteln mußt. Aberst jetzund brauchst da um mich gar keine Angst zu haben. Dera Herrgott wird helfen.« »Meinswegen! Aberst dera Finkenheiner wird Dich hinaus werfen!« »Meinst? Da irrst Dich gar sehr. Ich hab bereits mit ihm sprochen.« »So! Hast wohl gute Worte geben, dem Lump?« »Es hat gar keiner guten Worten bedurft. Er hat mir verziehen und mich zu Gnaden angenommen. Und grad das hat mich zur Erkenntniß bracht, was für einen guten, herzlieben Mann ich so elend macht hab. Das schreit doppelt laut nach Vergeltung.« »Nun, wannsts so willst, so hab ich auch halt nix dagegen. Mach also, wast willst.« Aber sein Gesicht zeigte gar nicht die Gleichgiltigkeit, welche in seinen Worten lag. Seine Augen glühten fieberhaft, unheimlich auf. Sie sah es, aber sie fürchtete sich nicht. »Ja, das werd ich freilich machen. Morgen um diese Zeit steckst bereits im Gefängniß.« Es zuckte in seinem Gesicht wie von einem neuen Gedanken, welcher ihm jetzt gekommen war. »Weißt,« sagte er, »Du darfst nicht denken, daß ich mich vor Dir und Deiner Drohung fürcht. Dera Silberbauern braucht vor keinem Menschen eine Angst zu haben. Aberst ich denk jetzund halt daran, daß ich Dich mal lieb habt hab, und daßt freilich meinetwegen in Noth kommen bist. Das möcht ich halt wieder gut machen an Dir.« Sie lehnte sich an den Thürrand, zuckte verächtlich mit der Achsel und antwortete: »Meinst etwan, daßt das wirklich wiedern gut machen kannst?« »Warum nicht?« »Kannst mir meine Ehr wiedergeben, meine Jugend, mein Glück?« »Jung kann ich Dich freilich nicht wiedern machen, aberst doch glücklich.« »Wie denn? Womit?« »Durch Geld.« »Ah! Geld also willst mir geben?« »Ja. Der Heiner ist ein armer Schelm. Er kann Dich nicht dernähren. Ich aberst werd Dir so viel geben, daßt ein Geschäft beginnen kannst, einen Handel, einen kleinen Verkaufsladen.« »So! Schau, wie barmherzig Du bist! Wie viel willst mir denn geben?« »Sag, wie vielst verlangst!« »Das kann ich nicht. Ich werd lieber hören, wie vielst an mich wenden willst.« »Weißt, ich werd ein Uebriges thun und Dir hundert Mark geben. Damit kannst sehr leicht schon was beginnen.« Sie benagte ihre Lippen mit den Zähnen, um den Grimm über dieses Angebot zu verbeißen. Dann fragte sie: »Was meinst wohl, was ich mit diesen hundert Mark beginnen könnt?« »Einen Handel mit Butter, Eiern und Grünzeug. Kaufst Dir ein Handwagerl für fünfzig Mark, und die andern Fünfzig legst im Einkauf an. Wannst sodann täglich zur Stadt fährst und die Sachen da verkaufst, so kannst ein sehr gutes Geschäften machen.« »Ach so! Ich fahr mit dem Wagerl hin und her, im Sturm und Regen, Wind und Wettern, Hitz und Kälte! Und dera Silberbauern, der mich elend macht hat und die dreitausend Gulden verschlungen, die ich für die Mühl damals bekommen hab, der sitzt fein daheim am Ofen, laßt sichs gut sein und klimpert mit denen Goldstuckerln! Also mit hundert Mark ist all mein Elend gut bezahlt?« »So will ich zulegen und Dir fünfzig mehr geben, daßt nur erkennst, wie gut ichs mit Dir mein!« »Ja, gut hasts stets mit mir meint; das ist wahr!« »Machst also nun mit?« »Soll ich Dir wirklich auf diese Fragen eine Antworten geben?« »Freilich! Deswegen hab ich doch fragt.« »Nun, so sollst sie auch haben!« Sie trat auf ihn zu. Ihr Blick bohrte sich in sein Auge, und mit zornbebender Stimme fuhr sie fort: »Weißt, mit Geld kannst das, wast verbrochen hast, nimmer wieder gut machen. Mit hundert Markerln nicht, mit tausend und mit Millionen nicht. Ich mag kein Geld. Rache will ich, Rache! Bestraft mußt werden! An den Galgen odern auf das Schaffot muß dera Silberbauer! Nur das ists, was mich zufrieden machen kann. Weitern verlang ich nix. Wann Du Deine Strafe funden hast, dann bin ich zufrieden. Dann will ich nicht hinschauen, wann die Leut mit denen Fingern auf mich zeigen. Und übrigens bleib ich nicht hier. Ich geh in ein fremdes Land, und da will ich die Ueberzeugung mit hinnehmen, daß Dir Deine Sünden auch den richtigen Lohn bracht haben.« »Wirst Dich wohl vorher noch bedenken, ehe Du das thust.« »Ich hab mich bereits bedacht. Und Dich kenn ich gar zu genau. Jetzund bietest mir das Geldl; aberst ich würd es gar nimmer lang besitzen. Bevor ich eine Hand umidreht hätt, wär ich ganz plötzlich todt. Es ist ja immer Deine Art und Weis gewest, daß Leuten, welche Dir im Weg waren, ganz plötzlich storben sind.« »So! Meinst also, daß ich sie dermordet hab?« »Ja.« »Und daß ich Dich auch dermorden würde?« »Das glaub ich sichern und gewiß. Wann ich todt wär, könnt ich ja nimmer von Dir reden.« Da stieß er ein trotz des Wasserrauschens schallendes Hohngelächter aus und sagte: »Schau, wast für ein kluges Weibsbild bist! Wann ich Dich todt machen wollt, so müßt es doch so geschehen, daß kein Mensch was davon wissen kann. Und wo und wann könnts da besser passen, als jetzund und hier, an dem Ort, von welchem Keiner eine Ahnung hat! Bist in dem Löwen seine Höhlen gangen, so magst auch sehen, wie Du wiedern heraus kommst!« Er that zwei Schritte nach der Thüre, stellte sich unter dieselbe und stieß die Frau in das Innere des Raumes zurück. »So!« lachte er. »Jetzund bist in meinen Händen. Nun geh zum Gericht und zeig den Silberbauern doch mal an!« War es seine Meinung gewesen, daß die Frau sich jetzt vor ihm fürchten werde, so hatte er sich geirrt. Sie hatte natürlich nicht geglaubt, daß er sie so schnell angreifen werde. Ueberrascht war sie von ihm geworden, aber Angst hatte sie dennoch nicht vor ihm. »Jetzund bist wohl Herr über mich?« fragte sie. »Ja. Du bist in meiner Gewalt.« »Kannst das beweisen?« »Ja, indem ich Dich derwürg oder niederschlag.« »Nun, das kannst mal versuchen!« Sie blickte ihm muthig entgegen und schob die Laterne mit dem Fuße so zur Seite, daß er nicht zu dem Lichte gelangen konnte, ohne an ihr vorüber zu gehen. »Meinst, daß ichs nicht thue?« »Ich glaub es schon. Aberst ringen wirst doch mit mir müssen. Ich hab zwei Arme und Du nur noch einen. Verbunden bist auch an der Wund, die Du hast. Das reiß ich Dir sogleich aufi. Werden wohl sehen, wer das Uebergewicht erhält. Du oder ich!« Er sah gar wohl ein, daß sie Recht hatte. Auf einen Kampf mit ihr konnte er es kaum ankommen lassen. Aber er war dennoch nicht verlegen. »Ich brauch mich mit Dir gar nicht zu raufen,« sagte er. »Ich brauch nur zu gehen und die Thür zu schließen. Da steckst hier drin und mußt elend verhungern und verschmachten.« »So! Ja, Du bist ein sehr Kluger! Geh nur immer und schließ mich eini! Ich hab gar nix dagegen. Ich werd Dich gar nicht hindern, fortzugehen. Aberst ich komm gar bald hinter Dir her!« »Meinst, daßt von innen aufimachen kannst?« »Jawohl.« »Das möcht ich wohl sehen!« »Ich kann es Dir ja sagen. Schau, Licht hab ich da, und hier in dem Sack steckt ein Hammer. Mit dem zerschlag ich die Thür; dann bin ich draußen.« »Den Sack werd ich Dir wohl hier lassen! Den nehm ich schon mit!« Aber der Sack lag neben der Bank, da, wo die muthige Frau stand. Sie setzte den Fuß darauf und entgegnete: »Versuch es doch einmal! Wer ihn haben will, der mag herkommen und sich bücken, um ihn weg zu nehmen.« »Teufelsweib!« knirrschte er. »Nicht wahr, jetzt siehst eini, daß es nicht so leicht ist wie früher und damals, die Arme zu betrügen? Willst raufen mit mir?« Er sah ein, daß es unmöglich war, sie anders als durch einen direkten Angriff unschädlich zu machen. Er brauchte sie nur anzufassen und hinaus in das Wasser zu stoßen. Sie mußte von der tosenden Fluth fortgerissen und getödtet werden. »Ja!« schrie er wüthend. »Ich rauf mit Dir!« Er sprang auf sie ein, um sie bei der Kehle zu erfassen. Sie machte eine schnelle Seitenbewegung, so daß es ihm nur gelang, sie beim Arme zu ergreifen. Da riß sie sich los und versetzte ihm einen Stoß, daß er an den Schrank taumelte. »Da hasts!« rief sie. »Jetzunder werd ich Dich einischließen, anstatt Du mich!« Sie wollte hinauseilen. Gelang es ihr, ihre Drohung wahr zu machen, so war es um ihn geschehen. Darum that er einen schnellen Sprung nach ihr, und es gelang ihm, sie zu erfassen und zurückzureißen. »So! Geh doch hinaus! Schließ mich doch eini!« höhnte er, indem er sie zurückschleuderte. »Du bists, die verspielen wird.« Er erhob die geballte Faust zum Schlage. Sie aber sprang blitzschnell auf ihn ein und stieß ihm ihre beiden Fäuste so an den Leib, daß er taumelte, und dann niederstürzte. Sie warf sich sofort auf ihn, und nun begann ein stilles, wortloses, aber angestrengtes Ringen zwischen dem schwachen, aber muthigen Weibe und dem riesenstarken, doch einarmigen Manne. Mit ihren blitzschnellen Bewegungen war sie ihm, mit seinen kraftvollen Faustgriffen aber er ihr überlegen. Es war ihm gelungen, sie bei der Gurgel zu fassen. Er druckte ihr dieselbe zu. Sie wehrte sich in der Verzweiflung des Todes. Zwar kratzte sie mit ihren Nägeln sein Gesicht tief auf, aber er ließ sie nicht wieder los. Er wußte, daß sie ihn nur leicht verwunden könne, während sie, wenn er nur die Faust fest zusammendrückte, in wenigen Augenblicken eine Leiche sein mußte. Sie machte noch eine letzte, convulsivische Anstrengung, sich zu befreien – vergeblich! »Kratz nur, Teufelskatze!« brüllte er. »Wirst im Leben nicht mehr kratzen! Heut ists das letzte Mal! In die Höll mit Dir!« »Noch nicht sogleich!« ertönte eine Stimme am Eingange. Eine Gestalt schnellte herbei, bog sich über ihn nieder und riß seinen Arm von der Frau zurück. Der Silberbauer war so erschrocken, daß er vergaß, sich zu bewegen. Er starrte wie abwesend in das Gesicht des unerwarteten Ankömmlings, der gerade noch im letzten Moment gekommen war, um die Frau vom Tode zu retten. »Was?« stammelte der Bauer. »Dera Schulmeistern!« »Ja, ich bin es,« sagte der junge Mann. »Mensch, findest Du denn gar eine solche Lust am Morden!« Anna hatte sich mühsam aufgerafft. Sie lehnte matt am Schranke, hielt die Hände an den Hals und rang nach Athem. Der Silberbauer war auch schnell aufgestanden. Er beachtete nichts und sah nichts als nur den Lehrer. »Verdammter Hallunk!« rief er. »Was willst hier; was hast hier zu suchen!« »Dich, Mörder, suche ich.« »Was hast mit mir zu schaffen?« »Arretiren werde ich Dich, und zwar mit viel mehr Grund, als Du mich am ersten Tage arretiren wolltest.« »Du bist dumm im Kopf. Diese Stuben hab ich für mich baut; sie gehört mir. Pack Dich hinaus, sonst fliegst von selberst hinaus!« Er zeigte mit der Hand gebieterisch nach der Thüre. Ganz selbstverständlich folgte sein Auge dabei derselben Richtung. Er ließ den ausgestreckten Arm sinken. »Alle Teufeln!« rief er aus. »Auch dera Wurzelsepp! Verfluchtger Kerl, was hast hier zu suchen?« »Den Fünfhundertthalerschein, dent noch vom Feuerbalzer da liegen hast,« antwortete der Alte, indem er näher trat. »Oho! Du redest wohl im Traume?« »Nein. Hier in denen Kasten hat er legen, und da unten dera Hammer, mit demt den Balzer hast derschlagen wollen. »Ich versteh Dich gar nimmer!« »Und das Geldl, wast vom Thalmüllern holt hast, die fremden Goldstuckerln aus dera Türkeien, sind wohl auch da?« Der Bauer hielt sich mit der Hand am Schranke fest. Er fühlte eine plötzliche große Schwäche. Und jetzt trat auch der Assessor ein. Er hatte eine Laterne in der Hand. Der Lehrer und der Sepp waren vorangegangen, um die Herren zu überzeugen, daß man ganz ohne alle Gefahr sich unter das Wasser des Wehres begeben könne. »Wer ist das?« entfuhr es dem Silberbauer. »Dieser Herr ist der Staatsanwalt,« antwortete der Lehrer. »Ihre Rolle ist ausgespielt.« Es ging wie ein Krampf über das Gesicht des Bauers. Er konnte nicht begreifen, woher diese Leute kamen, wie sie in den Besitz seines so tief bewahrten Geheimnisses gekommen seien. Aber Eins begriff er: Sie waren da. Es war Alles verrathen. Für ihn gab es keine Rettung als nur allein in der Flucht. Gelang es ihm, jetzt zu entkommen, so war es trotz seines Körperzustandes doch vielleicht möglich, der Strafe zu entgehen. Hier war seine Rolle ausgespielt, darin hatte der Lehrer Recht, aber als Gefangener wollte er sich nicht durch das Dorf führen lassen. »Eure Rolle aberst spiel ich nicht mit!« schrie er wüthend auf. Er sprang auf den Assessor ein und stieß ihn, der auf diesen blitzschnellen Angriff nicht vorbereitet war, zur Seite. Dadurch wurde der Eingang frei und er schoß hinaus. Aber indem er sich nach links wendete, um zwischen Mauer und Wasser hinauszueilen, sah er zwei Männer stehen, deren einer auch eine Laterne in der Hand hatte – die beiden Aerzte. Sollte er mit ihnen kämpfen? Dazu gab es keine Zeit, denn da mußte er im nächsten Augenblicke von hinten ergriffen werden. Wohin also sich retten! Es gab nur einen Weg, hinein in die tosende Wasserfluth, welche vom Wehre herniederschoß. Der Assessor hatte sich augenblicklich wieder zusammengerafft und nach dem Ausgange gewendet. Schon streckte er seine Hand aus, um den Silberbauer zu ergreifen, da that dieser den verwegenen Sprung und verschwand in den abstürzenden Wogen. »Herrgott!« rief der Assessor erschrocken. »Das ist ja der sichre Tod!« »Was? Wo ist der Flüchtling?« fragte hinter ihm der Lehrer, welcher, weil er sich im Innern des Raumes befand, nichts gesehen hatte. »Hier hinein ins Wasser.« »Er soll uns trotzdem nicht entkommen!« Der junge Mann warf den Rock ab und zog sich gedankenschnell die Stiefeln aus. »Um Gotteswillen! Sie wollen ihm doch nicht etwa nach?« rief der Beamte. »Warum nicht? Es ist nicht so gefährlich, wie es scheint. Haben müssen wir ihn. Ich muß ihn retten. Er darf nicht ertrinken. Seine Aussagen sind uns zu kostbar. Eilen Sie wieder zurück, hinaus, um mir nöthigen Falls zu helfen!« Ein Sprung und die Wasser schlugen über ihm zusammen. »Tüchtiger Kerl!« rief der alte Sepp. »Schnell hinaus, schnell, schnell! Sonst ersaufens sehr leicht alle Beiden!« Die drei Herren eilten so schnell, wie das Terrain es gestattete, zwischen der Mauer und dem Wasser hin und krochen unter dem Busche wieder hinaus. Der Sepp folgte. Die Frau aber blieb allein zurück. Draußen war es dunkel. Die eine Laterne, welche der Medicinalrath in der Hand hatte, konnte nichts nützen. Er setzte sie nieder. Das Wasser hatte, vom Wehre zur Tiefe stürzend, sich ein tiefes Loch ausgehöhlt, in welchem es schäumende, kochende Strudel bildete. Dann aber floß es wieder ruhig zwischen den Ufern dahin. »Was jetzt thun? Man sieht ja nichts!« sagte der Assessor. »Ich bin überzeugt, daß Beide verloren sind.« »Vielleicht dera Herr Lehrern doch nicht,« antwortete der Sepp. »Ich habs sehen, daß er ein sehr guter Schwimmer ist.« »Aber in diesen zischenden, drehenden Wassern! Und wenn er den Bauer wirklich durch Zufall ergreift und dieser hängt sich an ihn, so ist er doch verloren.« »Nun, hier könnens alle Beide nimmer sein. Sie sind mit dem Wasser fort. Wir müssen weiter hinab.« Er eilte fort und die Andern folgten. Dann, als sie eine Strecke zurückgelegt hatten, blieb der Alte stehen und rief: »Herr Lehrern!« Er erhielt keine Antwort. »Herr Lehrern! Walther! Max! Max!« In seiner Angst um den jungen Mann, den er so herzlich lieb hatte, nannte er ihn beim Vornamen. Er erhielt auch jetzt keine Antwort. »Verteuxeli! Da ist halt doch das Unglück passirt. Wann er versoffen ist, so werd ich all mein Lebtagen nimmer wieder froh! Max, Max! Hörst denn den alten Seppen nicht mehr!« Da antwortete in unmittelbarster Nähe die lachende Stimme des Lehrers: »Natürlich höre ich Dich. Du schreist ja laut genug!« »Herr Jerum! Da ist er! Aberst Mensch, warum gebens halt nicht gleich erst die Antworten?« »Weil ich den Mund voll Wasser hatte. Es ist wirklich nicht ganz ungefährlich, einen Sprung in einen so rasenden Strudel zu thun, besonders bei Nacht.« Er kam herbei. »Gott sei Dank!« sagte der Assessor aufathmend. »So leben Sie doch wenigstens noch. Der Bauer ist natürlich ertrunken.« »Das ist möglich. Wenigstens bewegt er sich nicht mehr.« »Wie? Was? Wissen Sie, wo er sich befindet?« »Natürlich. Er liegt keine zehn Schritte von hier am Ufer.« »So hat ihn das Wasser ausgestoßen?« »O nein. Vom Ausstoßen ist hier keine Rede. Als ich in den Strudel sprang, fühlte ich einen festen Gegenstand, an welchen ich beim Emportauchen stieß und griff zu. Ich hielt ihn auch fest, als ich noch einige Male zur Tiefe zurückgerissen wurde, und es gelang mir, mit ihm den Fluthen zu entkommen. Es war des Silberbauers Arm, den ich ergriffen hatte. Ich schwamm mit ihm an's Ufer und da rief auch bereits der Sepp nach mir. Bitte, kommen Sie!« Er führte die Herren nach der Stelle, an welcher er den Bauer liegen gelassen hatte. »Hier liegt er, neben diesem Busch.« »So werd ich gleich untersuchen, ob noch Leben in ihm ist,« sagte der Medicinalrath. Er bückte sich nieder, fragte aber in verwundertem Tone: »Wo soll er liegen? Hier?« »Ja. Gleich neben dem Busch.« »Er ist nicht da.« »Unmöglich!« Er bückte sich auch nieder und suchte. Die Anderen suchten mit – vergeblich. Der Silberbauer war verschwunden. »Ist er etwa in das Wasser zurückgefallen?« meinte der Assessor. »Nein. Der Busch steht wenigstens eine Elle vom Ufer entfernt. Bitte, warten Sie einen Augenblick, meine Herren!« Er eilte fort, um die Laterne zu holen, welche der Medicinalrath am Wehre niedergesetzt hatte. Als er dieselbe brachte, leuchtete er nach allen Seiten im Grase umher. »Er ist fort, entflohen,« sagte er. »Der Mensch ist gar nicht besinnungslos gewesen. Er hat sich nur so gestellt und sich von mir aus dem Wasser schaffen lassen, um dann zu entfliehen. Hier sehen Sie die Spur im hohen Grase. Er ist nach dem Mühlgraben hinauf. Folgen wir schnell.« Da das Gras hier eine ziemliche Höhe besaß, so war es leicht, der Spur zu folgen. Sie führte nach dem schmalen Steg, welcher über den Mühlgraben ging und verlor sich dann auf festem Boden. »Er wird doch nicht etwa wieder unter's Wehr sein!« meinte der Medicinalrath. »Das kann ihm nicht eingefallen sein,« antwortete der Lehrer. »Das hieße ja, sich widerstandslos unseren Händen überliefern. Nein. Jedenfalls ist er so schnell wie möglich nach Hause – –« »Um sich dort von uns fangen zu lassen? Nein.« »Gewiß nicht! Er ist nur nach Hause, um seinem Sohne zu sagen, was geschehen ist und wo dieser ihn zu suchen habe. Denn es versteht sich ganz von selbst, daß der Silberfritz seinen flüchtigen Vater mit Geld und anderer Kleidung und Wäsche versehen muß.« »Das müssen wir verhindern!« sagte der Assessor. »Also schnell in das Dorf! Das Versteck aber dürfen wir auch nicht unbewacht lassen. Die beiden Herren Aerzte mögen hier bleiben, bis wir wiederkommen. Sepp mag nach dem Gasthofe eilen. Ich habe in der Vorahnung, daß ich sie brauchen werde, zwei Gensdarme dorthin bestellt. Vielleicht sind sie bereits da. Ist das der Fall, so mögen sie schleunigst nach dem Silbergute kommen. Sie aber, Herr Lehrer, führen mich jetzt nach demselben. Ich kenne den Weg nicht genau und es handelt sich darum, so schnell wie möglich hin zu gelangen.« Diese Disposition wurde rasch ausgeführt, aber es war doch bereits eine wichtige Zeit vergangen. Der Lehrer hatte mit seiner Vermuthung das Richtige getroffen. Der Bauer war zwar zunächst ziemlich betäubt gewesen, als er von dem Wasser herumgewirbelt wurde. Kluger Weise hatte er sich den Wogen widerstandslos überlassen. Da war er von Walther ergriffen und an das Ufer geschafft worden. Er hörte den Sepp rufen. Der Lehrer entfernte sich die wenigen Schritte. Sofort kroch der Bauer leise am Boden hin, richtete sich erst dann auf, als er gewiß war, nicht gesehen zu werden, und eilte dann davon, über den Mühlensteg hinüber und dein Dorfe zu. Natürlich schlug er die Richtung nach seinem Garten ein. Am hintern Thore desselben stand sein Sohn. »Kommst endlich!« sagte dieser. »Es sind längst mehr als anderthalbe Stunden vergangen. Sappermenten! Bist ja ganz naß!« »Ja. Ich komm aus dem Wassern und –« »Und hast gar keinen Athem! Was ist geschehen?« »Ein großes Unglücken. Ich bring nix mit und bin derwischt worden. Die Polizei will mich fangen. Ich muß fliehen.« »Alle Teufel! Bist gescheidt!« »Hör, ich hab keine Zeit, Dir Alles zu derzählen. Vielleicht kommens gleich hinter mir her und sind schon in einer Minuten da. Der Lehrer ist auch dabei, dera Hallunk. Ich brauch Geld und ein ander Gewand und auch Wäsch. Brings schnell herausi! Dann werd ich Dir auch Alles derzählen und derklären.« »Hierher soll ichs bringen?« fragte Fritz, jetzt vor Schreck nun selbst athemlos. »Nein. Da ists zu gefährlich. Ich geh hinüber an unser Roggenfeld. An der unteren Eck desselben wirst mich finden.« »Aberst wann sie indessen kommen und lassen mich nicht fort?« »So steig ich hinauf zur Höh und versteck mich in's Felsenloch. Da findest mich gewiß.« »Aberst wannst drin steckst, so sieht man Dich doch am Tag.« »Da steck ich im Gebüsch und Du brauchst nur zu rufen.« »Donnerwettern! Ich bin ganz außer mir vor Schreck! Du auf dera Flucht! Ists denn gar so gefährlich?« »Ja. Es kostet mich den Kopf, wanns mich derwischen.« »Aberst das Gut! Was wird mit dem Gut?« »Das ist Dein. Verstehst? Und da man dabei auch auf Alles gefaßt sein muß, wannst mich etwan hier nicht findest, so bin ich fort und nach Scheibenbad zum Thalmüllern. Der ist mein Spezial und weiß Alles. Der muß mir forthelfen. Horch, da hör ich Schritten! Also fort! Komm an's Roggenfeld!« Er huschte fort. Sein Sohn blieb stehen und lauschte. Es war nichts zu hören. Die Angst hatte den Bauer getäuscht. Fritz ging durch den Garten in das Haus und in die Stube seines Vaters. Er befand sich in außerordentlicher Aufregung. Der Silberbauer auf der Flucht! War das möglich? Das verwirrte ihm fast die Gedanken. Die Hauptsache war, den Vater mit Geld, einem Anzuge und trockener Wäsche zu versorgen. Soviel sah er bei all seiner Aufregung ein. Darum raffte er zusammen, was er dazu brauchte, nahm Geld aus dem Pulte und kehrte in fieberhafter Eile nach dem Garten zurück, um sich nach dem Roggenfelde zu begeben. Aber er hatte die Hälfte des Gartens noch nicht durchschritten, so kamen ihm zwei Männer entgegen – der Assessor und der Lehrer. »Guten Abend!« grüßte der Erster«. »Wohin, mein Bester?« »Wer hat da zu fragen?« antwortete der Silberfritz trotzig. »Wer ist da? Wer derlaubt es sich, durch den Garten zu gehen?« »Das können Sie sofort erfahren. Wer sind Sie?« »Das geht halt Niemand nix an!« »Es ist der Sohn des Bauers,« erklärte der Lehrer. »So? Wo wollen Sie hin? Und was haben Sie da in den Armen? Ah, einen Anzug, wie es scheint. Darf ich fragen, für wen er bestimmt ist?« »Das braucht Keiner zu wissen!« »Bitte, sprechen Sie höflicher zu uns! Ich bin Gerichtsbeamter und komme, mich nach Ihrem Vater zu erkundigen. Wo ist er?« »Der? Wo soll er sein? Er ist ja krank! Droben im Bett liegt er. Das versteht sich ja ganz von selberst.« »Wollen Sie uns einmal zu ihm führen?« »Wanns zu ihm wollen, meinswegen.« »Und was wollten Sie mit diesen Kleidungsstücken?« »Auch das müssens wissen? Ich hatt sie heut im Garten in die Sonn aufhängt. Nun ists Nacht, und ich hol sie wieder in's Haus.« »Es schien aber, als ob Sie damit fort wollten, zum Garten hinaus?« »Fallt mir nicht eini! Ich hab nur sehen wollt, ob die Thür noch offen ist. Die muß des Nachts zugeschlossen werden.« »Nun, sie ist noch offen. Haben Sie den Schlüssel mit?« »Nein.« »So werde ich selbst dafür sorgen, daß sie nachher verschlossen wird.« »Sie? Was haben denn Sie hier im Silbergut zu befehlen?« »Darüber werden Sie recht bald aufgeklärt werden. Kommen Sie nur!« Als sie durch die Hinterthür in das Haus traten, brachte zu gleicher Zeit der Sepp, welcher also sehr schnell gelaufen war, die beiden Gensdarme und auch den Finkenheiner zur vorderen Thür herein. »Da bin ich schon, Herr Assessor,« sagte er. »Und weil ich mir denkt habt, daß wir leicht Leuteln brauchen, die den Wächter machen müssen, so hab ich auch den Heiner mitbracht, weil er mir begegnen that.« »Einen besseren Wächter giebt es allerdings nicht, als den Heiner,« erklärte Walther leise dem Beamten. »Es ist nämlich der Spezialfeind der ganzen silbernen Gesellschaft.« Der Assessor nickte zustimmend und befahl dann den Gensdarmen: »Einer von Ihnen bleibt hier im Flur postirt, um dafür zu sorgen, daß kein Bewohner dieses Hauses dasselbe ohne meine Erlaubniß verläßt. Der Andre folgt uns jetzt! Also führen Sie uns zu Ihrem Vater!« Diese Aufforderung war an den Silberfritz gerichtet. Dieser antwortete: »Der ist halt oben in seiner Stuben. Kommens also mit.« Sie stiegen hinauf. Eine Lampe brannte dort. Natürlich war das Bett leer. »Nun, wo ist er denn?« fragte der Assessor. »Ja, wo ist er?« rief der Sohn, sich ganz erstaunt stellend. »Er muß doch da im Bett liegen!« »Aber wie Sie sehen, ist er fort!« »Wie kann er fort sein! Er ist ja krank, ohne Arm! Er hat stets dagelegen ohne Verstand!« »Wir werden ihn wohl finden. Zunächst erlauben Sie mir einmal, die Gegenstände anzusehen, welche Sie jetzt aus dem Garten geholt haben. Ah! Ein Paar Stiefel! Haben die auch mit unten gehängt?« »Ja.« »Ein neuwaschenes Hemde und ebensolche Strümpfe. Warum mußten auch diese Gegenstände an die Luft gehängt werden?« »Weil Alles feucht worden war.« »So! Seit wann hing das Alles unten?« »Am ganzen Tag.« Der Assessor entfernte sich für kurze Zeit, um unten beim Gesinde nachzufragen. Als er dann zurückkehrte, sagte er: »Es hat nicht ein einziger dieser Gegenstände im Garten gehangen. Sie haben mich belogen. Ich fordere Sie auf, mir die Wahrheit zu sagen.« »Die hab ich sagt. Wer anders spricht, der ist ein Lügner!« »Nun, so will ich Ihnen sagen, daß Sie diese Gegenstände für Ihren Vater bestimmt haben. Wo befindet er sich?« »Weiß ichs!« »Ja, Sie wissen es!« »Ich weiß nix davon, daß ichs weiß.« »Nun, ich kann Sie nicht zwingen, mir zu sagen, was Sie nicht sagen wollen, aber Sie veranlassen mich durch Ihre Unwahrheiten, strenger mit Ihnen zu verfahren, als ich beabsichtigte. Sie sind hiermit arretirt!« Der Silberfritz fuhr zurück, als ob er einen Schlag erhalten hätte. »Was? Verarretirt soll ich sein!« rief er. »Ich, dera Silberfritz, dessen Vatern der Herr von ganz Hohenwald ist!« »Von dieser Herrschaft weiß ich nichts. Sie bleiben einstweilen hier. Sie dürfen diese Stube ohne meine Erlaubniß nicht verlassen. Der geringste Versuch, gegen meinen Befehl zu handeln, würde mich veranlassen, Sie in Fesseln zu legen. Jetzt wollen wir nach Ihrem Vater suchen.« Fritz wurde jetzt eingeschlossen. Draußen bemerkte der Lehrer zu dem Assessor: »Ich bin überzeugt, daß die Durchsuchung des Hauses zu keinem Resultate führt. Der Sohn wollte aus dem Garten hinaus, um seinem Vater die Sachen zu bringen. Der Bauer befindet sich also im Freien.« »Aber wo? Ich bin übrigens ganz und gar Ihrer Meinung.« »Jedenfalls gar nicht weit vom Garten entfernt.« »Meinen Sie, daß ich ihn draußen suchen lasse?« »Nein. Dadurch würde er uns sicher entgehen. Die Beiden haben jedenfalls einen Ort verabredet. Wir kennen denselben nicht. Durch unser Suchen würden wir ihn nur auf uns und auf die ihm drohende Gefahr aufmerksam machen. Meiner Ansicht nach haben wir auch einen großen Fehler begangen.« »Nicht daß ich wüßte!« »Wir hätten den Silberfritz nicht stören, sondern ihm heimlich nachschleichen sollen. Er hätte uns ganz gewiß zu seinem Vater geführt.« »Allerdings. Sie müssen aber berücksichtigen, daß er uns auch sogleich bemerkte, als wir ihn sahen. Es war also unmöglich, ihm heimlich zu folgen. Uebrigens habe ich alle Hoffnung, den Bauer doch zu ergreifen. Wenn sein Sohn nicht kommt, um ihm verabredeter Maßen die Sachen zu bringen, so wird er sich jedenfalls herbeischleichen, um den Grund dieser Zögerung zu erfahren. Ich werde dafür sorgen, daß er da ergriffen wird.« Es war freilich so, wie der Lehrer gesagt hatte: die sorgfältigste Durchsuchung des ganzen Gutes bewies nur, daß der Bauer sich nicht in demselben befand. Die sämmtlichen Gesindepersonen wurden bis auf Weiteres eingeschlossen. Der zweite Gensd'arm postirte sich in den Garten, um mit dem alten Sepp und dem Finkenheiner den Silberbauer festzuhalten, falls dieser sollte herbei geschlichen kommen. Sodann kehrte der Assessor mit dem Lehrer wieder nach dem Wehre zurück. Das Versteck mußte durchsucht werden. Nach dem dortigen Befunde mußte der Beamte sein Verhalten gegen die Bewohner des Silberhofes einrichten. Als die Beiden am Wasser anlangten, fanden sie die beiden Aerzte am Ufer sitzen, und zwar in Gesellschaft der Frau des Finkenheiners, welcher es in dem Verstecke zu einsam geworden war, die sich aber auch nicht hatte entfernen wollen, bevor sie vernommen worden war. Nach der Mittheilung, daß der Flüchtling noch nicht ergriffen worden sei, begaben sich die vier Herren nebst der Frau hinein in das Versteck. Der Assessor kannte Anna nicht persönlich, aber der Lehrer hatte ihn unterwegs, so weit er es vermochte, über ihre Person und ihre Verhältnisse aufgeklärt. Darum wendete er sich zunächst, bevor er den Raum und dessen Inhalt untersuchte, an sie: »Wie kommt es, daß wir Sie mit dem Silberbauer hier überraschten?« »Ich wollte nach der Mühl, und er ging vor mir her. Ich sah ihn ein Licht anbrennen, dann verschwand er unter dem Wasser. Ich bin ihm folgt, und als er mich sah, wollt er mich todt machen. Da haben wir mit nander gerungen. Und wann dera Herr Lehrern nicht kommen wär, so lebt ich jetzund nicht mehr. »Vielleicht muß ich Sie noch heut ersuchen, mir einige Auskunft über den Silberbauer zu ertheilen. Dazu ist aber später Zeit. Sagen Sie uns zunächst, was Sie hier erlauscht und beobachtet haben!« Sie erzählte es. Als sie geendet hatte, nahm der Beamte den Jagdsack her und öffnete ihn. »Wirklich, hier ist ein Hammer,« sagte er. »Das ist an und für sich gar keine verdächtige Erscheinung. Wer sich so ein heimliches Versteck herrichtet, kann ein solches Werkzeug oft brauchen. Warum aber dieses Versteck und warum hat er den Hammer in Sicherheit bringen wellen?« Er betrachtete den Letzteren genau. »Hm! Der Kopf hat drei Centimeter und einige Millimeter ins Geviert. So gaben Sie die Kopfwunde des Feuerbalzers an, Herr Medicinalrath.« »Ich habe das Maß einstecken,« antwortete der Genannte. »Bitte, zeigen Sie!«. Er erhielt den Hammer und zog das silberne Stäbchen hervor. Das Maß stimmte ganz genau. Nun hielt er den Hammer ganz nahe an das Licht der Laterne, um ihn ganz genau zu betrachten. »Eigentümlich,« sagte er, »daß dieses Eisen nicht so verrostet ist, wie man es bei der Feuchtigkeit dieses Raumes erwarten sollte. Ich werde die Kopffläche, mit welcher der Hieb ausgeführt sein müßte, einmal ganz genau untersuchen. Vielleicht ist noch eine Spur von Blut aufzufinden. Und, Gott sei Dank, verstehen wir jetzt ganz sicher, Menschenblut vom Blute eines andern Geschöpfes zu unterscheiden.« »Ja, wickeln wir dieses Werkzeug sehr sorgfältig ein! Es kann für uns von großer Wichtigkeit werden. Nun weiter!« Er suchte im Sacke weiter nach, zog die Cigarrenkästchen und dabei auch den Kassenschein heraus. »Welch eine Nummer!« rief er aus. »Es ist wirklich 9,993,330, also derselbe Schein, welcher dem Feuerbalzer geraubt wurde. Ich will hören, wie der Silberbauer nach seiner Ergreifung das Vorhandensein dieses Papieres in seinem Verstecke erklären wird.« Er öffnete die Cigarrenkästchen und fand, daß der Inhalt derselben aus Briefen und schriftlichen Anweisungen befand, zu deren näherer Untersuchung jetzt nicht Zeit war. Dann wurden auch einige der Geldrollen untersucht. Sie enthielten lauter türkische Goldstücke von der Prägung eines und desselben Jahres. Zum Oeffnen des Schrankes fehlte der Schlüssel. Der Silberbauer hatte ihn einstecken. Der Hammer hätte zwar zum gewaltsamen Oeffnen dienen können, allein da an ihm nach Blutspuren gesucht werden sollte, so mußte man darauf verzichten. Es war im Dorfe kein Schlosser vorhanden. Aber der Schmied verstand sich auch so leidlich auf Schlosserei und pflegte Schlösser durch Nachschlüssel zu öffnen, falls irgend ein Bewohner des Dorfes einmal einen Schlüssel verlegt oder verloren hatte. Der Lehrer erbot sich also, nach dem Dorfe zu eilen, um ihn zu holen, und erhielt gern die Erlaubniß hierzu. Anna, welche sich hier nicht erblicken lassen wollte, fragte, ob sie sich nicht entfernen dürfe, da der Schmied sie sogleich erkennen werde. Der Assessor gestattete es ihr unter der Bedingung, daß sie für ihn zu haben sei, sobald er ihrer Aussage bedürfe. Sie ging nach der Mühle, um, was ihre ursprüngliche Absicht gewesen war, ihr Liesbetherl abzuholen. Dort erzählte sie natürlich, was geschehen war, und der Müller hatte nichts Eiligeres, zu thun, als nach dem Wehre zu gehen. Er kam gerade mit dem Lehrer und dem Schmiede dort an, blieb aber draußen stehen, um sich nicht aufdringlich zu zeigen und in Folge dessen zurückgewiesen zu werden. Der Schmied war höchlichst verwundert, zu sehen, daß sich unter dem Wasser des Wehres eine so geheimnißvolle Kammer befand. Er öffnete mit Hilfe seines Dietrichs den Schrank mit Leichtigkeit, erhielt seine Bezahlung und durfte dann gehen, wurde aber angewiesen, jetzt noch zu keinem Menschen von dem zu sprechen, was er hier gesehen hatte. Der Assessor öffnete nun ein Kästchen nach dem andern. Sie alle enthielten Geld in verschiedenen Sorten mehrerer südlicher Länder, außerdem Uhren, Ringe, und andere Gold- und Geschmeidesachen. »Wie das Lager eines Pfandleihers,« sagte der Medicinalrath. »Oder vielmehr wie der geheime Schatz eines Einbrechers,« antwortete der Assessor. »Jeder Gegenstand ist mit einer Nummer versehen und in jedem Kästchen liegen Blätter mit Bemerkungen über die verschiedenen Nummern. Hören Sie zum Beispiel.« Er nahm ein Blatt und las vor: »Nummer Elf. Ein goldener Ring mit Rubin, in der Pußta Kobro der reichen Bäuerin Emzcvary abgenommen. »Nummer Vierzehn. Busennadel des Weinhändlers Terecky. Wollte schießen, kam aber nicht dazu.« »Was sagen Sie zu solchen Aufzeichnungen, meine Herren?« Auf diese Frage des Assessors antwortete der Medicinalrath kopfschüttelnd: »Das klingt ganz so, als ob wir es hier mit einem neuen Räuberhauptmann Schobri zu thun hätten.« »Ja. Und ich bin der Ansicht, daß er in früheren Jahren dieses verbotene Geschäft betrieben hat. Jedenfalls werden die Papiere, welche hier zu finden sind, Aufschluß darüber geben. Natürlich können wir alle diese Gegenstände nicht hier lasten. Ich werde sie in Verwahrung nehmen und nach dem Silberhofe schaffen lassen, wo ich für diese Nacht mein Hauptquartier aufschlagen werde. Es versteht sich ganz von selbst, daß ich nicht eher Hohenwald verlasse, ja, nicht eher schlafen gehe, als bis ich Einsicht in sämmtliche Papiere und Effecten genommen habe. Leider habe ich Niemand, der mir die Sachen fortschaffen könnte.« »Draußen steht der Müller,« bemerkte der Lehrer. »Der wird sehr gern bereit dazu sein.« Als der Genannte befragt, wurde, gab er seine Zustimmung. Er ging nach der nahen Mühle und brachte Peter, seinen alten Esel, herbei. In den zwei Körben, welche dieser rechts und links trug, fanden alle vorgefundenem Gegenstände Platz. So setzte sich der Zug in Bewegung. Selbst der Medicinalrath ging nicht nach der Mühle, wo er doch sein Quartier hatte, sondern er begab sich mit dem Collegen noch einmal zum Feuerbalzer. Dieser lag in einem gelinden Wundfieber, eine ganz natürliche aber unbedenkliche Folge der Operation, welche heute an ihm vorgenommen worden war. Seine Mutter wollte gern erfahren, was sich indessen ereignet hatte, bekam aber nichts zu hören. Als der Assessor mit dem Lehrer und dem Müller am Garten des Silberhofes anlangten, erfuhren sie, daß der Bauer sich nicht hatte sehen lassen. Vielleicht hatte er sich doch möglichst nahe herangeschlichen und da bemerkt, daß er abgelauert werden solle. So geheim man den ganzen Vorgang gehalten hatte, er war doch ruchbar geworden. Draußen vor dem Silbergute standen viele Neugierige, die aber freilich nichts zu hören bekamen. Nur den im Hausflur postirten Gensdarmen sahen sie, wenn sie aus der Entfernung durch die Hausthüre blickten, falls diese einmal geöffnet wurde. Wenn ja einmal einem dieser Neugierigen die Zeit zu lang wurde und er sich entfernte, so trat gleich wieder ein Neuangekommener an seine Stelle. »Die Polizei ist beim Silberbauer!« so sagte man. Das war aber auch Alles, was man wußte. Dennoch war das für die hiesigen Verhältnisse ziemlich viel und die Bauern hüteten sich gar wohl, schlafen zu gehen. Sie gingen vielmehr in das Wirthshaus und waren entschlossen, das Bett nicht eher aufzusuchen, als bis sie eine sichere Nachricht mit nach Hause nehmen konnten. Da saßen sie nun und ließen ihren Gedanken und Vermuthungen freien Lauf. Und Derjenige, welcher eigentlich von ihnen allen der Unterrichtetste hätte sein sollen, der Wächter, der saß bei ihnen und wußte ebenso wenig wie sie. »Höre, Wächtern,« sagte Einer, »wer ist denn eigentlich die Polizeien hier im Ort?« »Na, wer wirds halt sein! Ich bins!« »So! Nun, so sag doch halt mal, was heut im Silberhof vorgenommen wird!« »Das weiß ich freilich nicht.« »So solltst Dich schämen! Es darf kein Mensch hinein und heraus. Der Schandarm steht drin und hält die Wach und Du weißt nix davon. Geh doch mal hin und bekümmere Dich um Dein Amt!« »Das ist sehr bald sagt!« »Und auch sehr bald than!« »Ja, fangt nur mal mit denen Schandarmen an! Ich geh nicht ehern hin, als bis ich drei Schnapsen trunken hab oder vier oder fünf.« »Dann hast wohl Muth?« »Den hab ich auch jetzt schon. Aberst wann ich ein Branntweinerl trunken hab, dann bekomm ich scharfe Augen und eine beredte Zungen.« »So trink!« »Kann ich denn?« »Nun, warum sollst nicht können?« »Weil ich kein Geldl hab und dera Wirth pumpt mir nimmer.« »So zahl ichs.« »Das ist was Anderes. Da kann ich schon trinken.« Als er sich dann Muth angetrunken hatte, setzte er seine Soldatenmütze auf und begab sich nach dem Silberhof. Erst war sein Gang gravitätisch, seine Haltung selbstbewußt. Aber je näher er seinem Ziele kam, desto mehr sank er zusammen und desto kleiner und langsamer wurden seine Schritte. Dort standen die Leute und starrten das Haus an. »Stehts noch immer wie vorhin oder hat sich inzwischen was Neues begeben?« fragte er. »Niemand hat was sehen oder bemerkt,« wurde ihm geantwortet. »Aberst Du mußts doch besser wissen als die Leutln hier! Du bist ja die Polizeien!« »Ja, weißt, das verstehst halt nicht. Ich bin nämlich der Kriminale. Wanns was Wichtigs giebt, einen Raubmorden oder einen Verrath ins Vaterland hinein, da muß ich dabei sein. Jedoch bei Verbrechen, die nicht wichtig sind für die Paragraphen, da bin ich nicht nöthig, da incommanderirt man mich nicht gern.« »Aberst dennoch mußt wissen, was vorgeht.« »Ja, eigentlich muß man mirs melden!« »Schau! Man sagt Dir nix! Das ist eine Beleidigungen für Dich. Willst Du's dulden.« »Nein. Zu dulden brauch ich's nicht.« »So geh doch mal hinein und stell die Leutln ordentlich zur Red. Oder hast kein Herz? Hast vielleicht Angsten?« »Ich Angsten? Ich weiß gar nicht, was Angsten ist. Ich hab mich nicht mal vor meinem Vatern fürchtet, als ich noch ein kleiner Bub gewest bin. Wann er mich hat hauen wollt, hab ich ihn gleich so anbrüllt, daß er keinen Schlag than hat.« »Ja, aus Angsten hast brüllt!« »Schweig! Und damitst siehst, daß ich ein Herzen und Kuraschi hab geh ich jetzund hinein.« Er marschirte auf die Hausthüre zu und trat dort ein. »Was wollen Sie?« fragte der Gensdarm. »Ich bin dera Wächtern und Polizist hier vom Ort und wollt fragen, ob ich nicht auch mitmachen kann.« »Was wollen Sie denn mitmachen?« »Alles, was es hier zu thun giebt.« »Schön! Wenn ich wüßte, daß Sie Ihre Pflicht gewissenhaft erfüllen werden, so würde ich Ihnen den schwierigsten Posten anweisen.« Das schmeichelte dem Wächter. Das erhob seine Seele. »O,« sagte er, »ich werd meine Pflicht thun und wanns mein Leben kosten thät.« »Gut, so will ich Ihnen mein Vertrauen schenken. Sind Sie im Gasthofe bekannt?« »Freilich.« »So marschiren Sie jetzt gradewegs hin. Sie setzen sich in irgend eine Ecke, reden mit keinem Menschen ein Wort und passen genau auf alle Leute auf, welche dort ein- und ausgehen. Es wird höchst wahrscheinlich ein berüchtigter Verbrecher dort einkehren. Den arretiren Sie sofort. Verstanden?« »Verstanden hab ichs schon. Aberst wie schaut denn dieser Verbrechern eigentlich aus?« »Das wissen Sie nicht?« »Ich hab ihn doch noch niemals sehen.« »Das ist auch gar nicht nothwendig. Wenn Sie ein Polizist sind, so müssen Sie auch wissen, wie ein Verbrecher aussieht.« »Ach so! Ja, das weiß ich freilich ganz genau. Mir soll schon Keiner entgehen!« »Also gut! Eilen Sie also ins Wirthshaus, und sobald er kommt, fassen Sie ihn und bringen ihn mir hierher!« »Schön! Sie werden bald derfahren, daß ich ihn erwischt hab.« Er ging. Als er sich unter der Thür noch einmal umdrehte, sah er noch, daß durch die Hinterthür der Assessor mit dem Lehrer und dem Müller hereinkam. Der Letztere führte seinen Esel am Zügel. Sofort eilte der Polizist zu dem Gensdarm zurück und fragte leise: »Ist vielleicht der Lehrern verarretirt?« »Unsinn!« »Aber der Herr Assessorn macht doch denen Staatsanwalten. Und wo der ist, da wird stets Einer verarretirt.« »Nun ja. Sie sehen doch, daß der Esel arretirt worden ist.« »Verteuxeli! Das hab ich mir doch denken könnt. Na, ich werd meinen Gefangenen auch bald bringen.« Jetzt ging er. Als er die draußen Stehenden erreichte, wurde er gefragt, was er erfahren habe. »Das sind heimliche Amtsgeheimnissen,« sagte er. »Wir von dera Polizeien dürfen halt nix verrathen.« Er eilte weiter. Im Wirthshause angekommen, suchte er sofort einen Winkel auf und ließ die Thür nicht aus dem Auge. Er gab auch auf keine Frage eine Antwort. Er hielt sich ganz genau an seine Instruction. Leider aber wollte Niemand kommen, der nach seiner Ansicht das Aussehen eines berüchtigten Verbrechers hatte. Der Assessor ließ alle Gegenstände in dasjenige Zimmer des Silberhofes bringen, welches er für sich ausgewählt hatte. Dann konnte der Müller nach der Mühle zurückkehren. Der Lehrer aber erfreute sich des Vorzuges, zum Bleiben eingeladen zu werden. »Ihren Bemühungen ist es zum größten Theile zu verdanken, daß wir hinter die Thaten des Silberbauers gekommen sind,« sagte der Beamte. »Es wäre mir lieb, wenn ich heut noch weiter auf Ihren Beistand rechnen könnte. Es giebt so viel zu lesen. Wollen Sie helfen?« »Sehr gern.« »So kommen Sie mit herauf.« Nun begannen die Beiden zu arbeiten. Es war noch lange nicht Mitternacht, so sahen die Neugierigen, daß der Wagen des Silberbauers vor dem Thore hielt. Der Knecht saß auf dem Bocke. Ein Gensdarm stieg ein und vor ihm – der Silberfritz. Der Letztere war an den Händen gefesselt. Diese Nachricht lief im Verlaufe von zwei Minuten durch das ganze Dorf. Später wurde die alte Feuerbalzerin geholt. Sie blieb eine lange Zeit bei dem Assessor. Als sie wieder heraus kam, sollte sie den Leuten erzählen, aber sie entzog sich den neugierigen Fragern, indem sie sich schnell entfernte. Sodann sah man den Finkenheiner kommen und nach fast einer Stunde wieder gehen. Auch er gab den Fragern keine Auskunft. Gleich nach seinem Verschwinden kam eine verhüllte Frauengestalt das Dorf herauf, huschte an den Neugierigen vorüber und trat in das Silbergut. Niemand hatte sie erkannt. Es war die Frau des Finkenheiner. Sie wurde von dem Gensdarm nach dem Zimmer des Assessors gewiesen. Dieser empfing sie freundlich und wies ihr einen Stuhl an. Der Lehrer saß an der anderen Seite des Tisches, um Notizen festzustellen. Nachdem der Assessor sich entschuldigt hatte, daß er sie zu so später Stunde noch bemühe, fragte er, ob er erwarten dürfe, daß sie seine Fragen nach bestem Wissen beantworten werde. »Ich werde gern Alles sagen, was ich weiß, und nicht das Mindeste verheimlichen,« erklärte sie. »Sorgen Sie nicht, daß ich Sie mehr als ganz nothwendig ist, belästigen werde. Ich habe Sie nicht rufen lassen, um mich über Ihre persönlichen Verhältnisse zu unterrichten. Dennoch aber wird es unvermeidlich sein, auch diese zuweilen zu berühren. Sie verließen damals Ihre Heimath in Gesellschaft des Silberbauers?« »Ja,« antwortete sie erröthend. »Damals aber wurde er noch nicht mit diesem Beinamen genannt.« »Wie weit kamen Sie mit ihm?« »Zunächst bis Wien, wo ich meinem Manne schrieb und wartete, von ihm meine Papiere zu erhalten. Er that Alles nach meinem Willen. Wir sind nicht katholisch und wurden wegen böswilliger Verlassung meinerseits schnell geschieden. Dann ging ich mit Klaus nach Ungarn, wo er plötzlich verschwand, und zwar mit den dreitausend Gulden, welche mir gehörten.« »Das stimmt. Er hat sie gebucht. Dieser Mann hat nämlich über seine Schurkereien höchst gewissenhaft Buch geführt. Bitte, was thaten Sie in Ihrer nun jedenfalls sehr bedrängten Lage?« »Ich vermiethete mich, hatte aber traurige Zeit, da ich nicht ungarisch verstand und nur einen einzigen Anzug besaß. Klaus hatte mir Alles gestohlen, und mir nur das gelassen, was ich auf dem Leibe trug. Ich diente bei verschiedenen Herrschaften, versuchte manches Andere, alles ohne Glück und Erfolg, bis ich in Presburg eine liebe Herrschaft fand, bei der ich nun Jahre lang verblieb. Es war eine Wittwe, eine Baronin von Gulijan, welche in der Moldau und Wallachei bedeutende Besitzungen hatte. Ihr Lieblingssitz war ein Schloß in der Nähe von Slatina, wohin ich ihr folgte. Zu dem Schlosse gehörten zwei Mühlen. Auf einem Spaziergange betrat ich die eine derselben. Denken Sie sich meinen Schreck, als ich den Müller erblickte – Klaus war es.« Der Assessor warf einen teilnehmenden Blick zu ihr hinüber. »Es ist leicht begreiflich, daß Sie im höchsten Grade überrascht gewesen sind. Was that aber er?« »Er that ganz fremd gegen mich.« »Der Schurke!« »Ich aber sah deutlich, daß er mich erkannte, denn er zuckte im ersten Augenblick förmlich zusammen.« »Sind Sie öfters mit ihm zusammengekommen?« »Nur allzu oft. Gleich an diesem ersten Male kam er mir, als ich ging, heimlich nach. Er leugnete gar nicht, es zu sein, obgleich er einen anderen Namen trug. Aber er verlangte von mir, daß ich ihn nicht kennen solle.« »Und Sie? Was antworteten Sie?« »Ich versprach ihm, ihn nicht zu kennen. Dieses Versprechen wurde mir sehr leicht. Ich verachtete ihn. Aber ich verlangte natürlich auch mein Eigenthum zurück. Er versprach mir, es mir nach und nach zurückzuerstatten, wenn ich ihm verspräche, seiner Frau nicht mitzutheilen, was ich von ihm wisse.« »Er hatte also indessen geheirathet?« »Nein, sondern er war bereits verheirathet gewesen, als er mich durch das Versprechen der Ehe verlockte, ihm zu folgen.« »Sollte man das für möglich halten?« »O, er war ein schrecklicher Mensch und ist es auch noch heut. Er hatte bereits hier gewohnt, als Knappe in der unteren Mühle, und war dann in die Fremde gegangen, an die untere Donau. Dort hatte er die Tochter eines sehr reichen Müllers verführt und dadurch das Jawort ihres Vaters erhalten, aber keinen Pfennig Mitgift. Darum war er unter dem Vorwande einer Geschäftsreise zu uns zurückgekehrt, um mich zu verführen und mein Geld in seine Hand zu bekommen. Als er es hatte, verließ er mich. Er hatte es für unmöglich gehalten, daß ich ihn finden würde. Von jetzt an beginnt eine Zeit, deren Erlebnisse ich für Erfindung einer müssigen Phantasie halten würde, wenn es nicht meine eigenen Erlebnisse wären. Der Silberbauer tritt da als ein wahrer Satan auf, er und der andere Müller, ein Kumpan und Helfershelfer von ihm, Namens Keller, dessen Aufenthaltsort ich leider trotz aller meiner Bemühungen nicht habe ausfindig machen können.« »Ist er fort von dort?« »Ja. Er verschwand mit Klaus zu gleicher Zeit, nachdem Beide Thaten verübt hatten, deren jede einzelne sie ins Zuchthaus hätte bringen müssen.« Der Lehrer war aufmerksam geworden. »Verzeihung!« sagte er. »Haben Sie keine Ahnung, wohin dieser Keller sich gewendet hat?« »Nein, aber vermuthlich doch auch nach Deutschland, da er auch ein Deutscher war.« »Können Sie mir seine Person beschreiben?« »Schwarz, stark und kräftig mit rohen Zügen. Sein Benehmen war noch roher als sein Gesicht. Er war ein würdiger Spießgeselle Klausens.« »Hatte er Familie?« »Seine Frau und Klausens Frau waren Schwestern. Beide starben. Klaus hatte zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, Keller aber nur eins, nämlich eine Tochter.« »Wie hieß diese?« »Pauline. Sie wurde von ihrer Mutter und in Folge dessen von allen Anderen Paula genannt.« »Wunderbar, daß Sie diesen Mann nicht gefunden haben, da Sie doch Klaus fanden.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Daß er hier in der Nähe wohnt, nur wenige Stunden von hier. Er ists, von welchem Klaus die türkischen Goldstücke gekauft hat.« »Der Thalmüller?« rief der Assessor erstaunt. »Ja. Seine Tochter heißt Paula und der Fex, von welchem ich Ihnen vorhin erzählte, ist höchst wahrscheinlich kein Anderer als jener geraubte kleine Baron Curty von Gulijan, welcher in den Aufzeichnungen Clausens so oft erwähnt wird.« »Ah! Wenn das wäre! Wenn sich das bewahrheitete!« »Ich möchte wetten, daß es so ist!« »Und ich,« sagte Anna, »könnte vieles, vieles opfern, wenn ich jenen Keller wirklich wiedersähe.« »Sie sollen den Thalmüller sehen,« sagte der Assessor. »Dann werden wir ja erfahren, ob er derjenige ist, den Sie meinen. Also Sie sagen, daß die beiden Menschen so Strafbares verübt haben. Dürfen wir es erfahren?« »Ich bin ja hier, um es zu erzählen.« »Nun wohl, ich gestehe Ihnen gern, daß ich ganz Ohr bin.« Und nun begann Anna zu erzählen, Thaten, welche sie belauscht, deren Zeugin sie gewesen, geheimnißvolle Ereignisse, schier unglaublich und doch in Wirklichkeit geschehen. Die beiden Hörer lauschten. Ihre gespannte Aufmerksamkeit ermüdete nicht, denn was sie hörten, war so ungewöhnlich, so hochinteressant, daß eine Ermüdung ganz unmöglich war. Als sie geendet hatte, sprang der Assessor von seinem Stuhle auf, schritt ganz erregt im Zimmer auf und ab und dictirte dann folgende Depesche an die Adresse des Fex nach München: »Komm mit dem nächsten Zuge sofort nach Scheibenbad, doch laß Dich von keinem Bewohner der Mühle sehen. Es ist außerordentlich Wichtiges im Werke. Dein Wurzelsepp.« Der Sepp befand sich unten in der Gesindestube bei den Dienstleuten. Diese Letzteren befanden sich natürlich auch in größter Aufregung. Der Alte hatte die Aufgabe, sie möglichst zu beruhigen. Er wurde jetzt hinaufgerufen. »Sepp, Sie müssen mir sogleich nach der Stadt laufen,« sagte der Assessor. »Gern. Ich werd halt fliegen, wanns so nothwendig ist.« »Es ist nothwendig. Es handelt sich um eine Depesche, welche aufgegeben werden muß.« »Na, das werd ich schon versorgen.« »Können Sie lesen?« »Nein.« »Gar nichts?« »Gedruckts buchstabir ich schon ein Wengerl, wann die Buchstaben so groß find wie meine Tabakspfeifen.« »Nun,« lächelte der Beamte pfiffig, »so darf ich Ihnen das Telegramm anvertrauen, ohne eine Verletzung des Amtsgeheimnisses befürchten zu müssen. Es soll nämlich ganz geheim bleiben. Nur ich allein darf es wissen. Hier ist es.« Er gab das Blatt dem Alten in die Hände. Dieser warf einen Blick darauf. »Verteuxeli! Ists möglich?« rief er aus. »Was denn?« »Dera Fex soll kommen, nach Scheibenbad!« »Woher wissen Sie das?« »Hier stehts ja doch schrieben! Und gar mein eigener Nam darunter.« »Bewahre!« »Nicht? Sapperloten, ich sehs ja hier!« »Aber Sie irren sich!« »Fallt mir gar nicht ein! Ich werd doch lesen können, Herr Assessor«!« »Ich denke, Sie können nur Gedrucktes lesen und auch das nur dann, wenn die Buchstaben die Größe Ihrer Tabakspfeife besitzen!« Der Alte kratzte sich hinter dem Ohre. »Hm! Ja,« brummte er. »Aber wissens, Herr Assessor», das ist auch grad schrieben wie gedruckt!« »Und Sie lügen wie gedruckt!« »Donnerwettern! Das hat mir noch Keiner sagt!« »So sage ich es.« »Na, von Ihnen muß ichs mir halt gefallen lassen. Und – hm, ja, Wissens, zuweilen, wann mein Aug recht scharf ist und die Luft recht rein und durchsichtig, de kann ich auch schon mal Geschriebenes lesen, besonders wanns mich betrifft und so einen guten Freund von mir, wie dera Fex es ist.« »Verstehe schon! Sie find ein alter Schlaupelz. Aber glücklicher Weise ein herzlieber und seelensguter Kerl.« »Das denkens? Wirklich denkens das? Das kann mich gefreun! Und Unrecht habens nicht damit. Warum aber habens denn meinen Namen darunter gesetzt?« »Weil er nicht wissen darf, wer ihn eigentlich ruft. Auch denke ich mir, daß Ihr Name ihn herbeiziehen werde.« »Versteht sich, daß er kommt! Aberst da muß ich doch auch hin!« »Das ist nicht absolut nöthig.« »O doch! Wann dera Wurzelsepp dem Fex telegraphiren thut, so ist er auch dabei, wann dera Bub kommt. Hergottl, hab ich da nothwendig! Jetzunder nach dera Stadt, in dera Früh nach Steinegg, und nachhero nach Scheibenbad hinüber!« »Nun, die letztere Tour können Sie mit mir machen. Ich werde fahren.« »Natürlich thut dera Sepp da mit. Fahren thut er schon gern, besonderst wann er die Pferd und den Wagen nicht zu bezahlen hat. Also werd ich mich jetzt sofort auf die Schuhen machen. Wer aberst zahlt das Geldl für die Depesch?« »Ich natürlich. Hier!« Der Sepp erhielt das Geld und trabte von dannen. Als die Frau sich später entfernte, wurde der Künstler, Signor Landolin, aus dem Gasthofe geholt. Auch er blieb lange Zeit im Silberhofe. Zuschauer gab es nun doch nicht mehr vor dem Gute. Es war zu spät geworden. Aber am andern Morgen gab es große Augen und noch viel größere Verwunderung, als die Leute erfuhren, daß der Feuerbalzer den Verstand wieder erhalten habe und vom Amte aufgefordert worden sei, seine Wohnung im Silberhofe aufzuschlagen. Der Silberfritz saß im Gefängnisse, und sein Vater war entflohen und wurde von der Polizei gesucht. Am frühen Morgen machte sich der Sepp auf den Weg nach Steinegg hinüber. Er hatte während der Nacht nicht geschlafen. Das war ihm aber sehr gleichgiltig. Selbst wenn er zwei Tage und Nächte lang des Schlafes entbehren mußte, so störte ihn das gar nicht. Er befand sich bei ausgezeichneter Laune. Alle seine Angelegenheiten liefen nach seinem Gefallen. Heut sollte er sogar den Fex sehen und sprechen! Kein Mensch war froher als er. Und nun gar den prächtigen Streich, welchen er zu spielen jetzt im Begriffe stand! Er blieb, als er das Schloß erblickte, stehen und stieß einen Jodler aus, welcher von den bewaldeten Bergwänden schallend zurückgeworfen wurde. Als er die breite Freitreppe emporstieg, begegnete er, dem Herrn Hausmeister. »Donnerwetter! Schon wieder dieser Kerl!« dachte dieser. Sepp aber war ganz in Freundlichkeit aufgelöst. »Herr Hausmeistern, wünsch schönsten, gutsten Morgen!« sagte er. »Ist das Fräulein Baronessen bereits aus den Federn heraus?« »Aus denen Federn heraus? Aber bitte, bitte! Gnädiges Fräulein haben sehr gut geruht und befinden sich längst schon munter.« »Und wo ist sie?« »Auf ihrem Zimmer.« »Schön? Da werde ich zu ihr gehen. Da, halt mir mal die Sachen!« Ehe der Hausmeister es sich versah, hatte er ihm den Rucksack auf die Achsel geworfen, den Bergstock in die Hand gedrückt, den alten, zerrissenes Hut auf den Kopf gestülpt und stieg dann eiligst die Stufen weiter empor. »Verrücktes Thier!« zürnte der auf sein Amt stolze Mann. »Mir diese Lumpen aufzuhängen! Ich werfe sie auf – auf – – Nein; das darf ich nicht. Ich müßte gewärtig sein, der Kerl giebt mir wieder Ohrfeigen. Ich werde diese ekelhaften Sachen fein, säuberlich im Vorzimmer ablegen.« Das that er auch. Der alte Sepp hatte es verstanden, sich in gewaltigen Respect zu setzen. Eine gute Ohrfeige hat oft mehr Erfolg als die feinste und höflichste Redensart. Der Alte fand zufälliger Weise weder einen Diener noch eine Zofe, sich anmelden zu lassen. Darum klopfte er leise an die Thür, machte eine Lücke auf, steckte die Nase und den grauen Schnurrbart hinein und sagte: »Grüß Gott! Ists halt gefällig, einzutreten?« Milda saß am Fenster, ihr Skizzenbuch und den Bleistift in der Hand. Sie schien gezeichnet zu haben, eine Lieblingsbeschäftigung von ihr, zu welcher sie ein ausgesprochenes Talent besaß. Sie war bei der Anrede ein klein Wenig erschrocken, da sie vorher ganz in ihre Zeichnung versenkt gewesen war. Als sie aber den Schnurrbart und die scharfe Nase erblickte, nickte sie ihm lächelnd zu. »Du, Sepp! Schon wieder!« »Schon! Na, ist das ein Wort! Und mir ists halt grad so, als ob ich eine ganze Ewigkeiten nicht hier gewesen wär.« »Machs nicht so schlimm!« »Nein, fallt mir gar nicht ein! Es ist von selberst schlimm; da brauch ichs nicht erst schlimm zu machen.« »Hast schon gefrühstückt?« »Ja.« »Was?« »Einen Schnaps.« »O weh! Dort auf dem Tische steht das meinige. Willsts essen, so kann ich einstweilen meinen Kopf fertig machen.« »Na, auf den Tod bin ich grad nicht verhungert, aberst essen kann ich halt immer. Die Kaninchen, die Tauben und dera Wurzelsepp, die haben immer Appetit. Wohl bekomms auch, und dank schön!« Er zog sich den Stuhl an den Tisch, setzte sich und begann, die feinen, delicat belegten Brödchen zu verspeisen. Er that, als sei er nur in diese Arbeit vertieft, verwendete aber doch kein Auge von ihr. Ihr zartes, reines Profil kam ihm, als sie so über ihr Skizzenbuch gebeugt da saß, mit Eifer zeichnend, so daß die Wangen glühten, schöner als je war. »Hast wohl etwas besonderes heut?« fragte sie, ohne aufzublicken.« »Ja freilich.« »Was?« »Verschiedenes. Jetzund ist grad dera Rheinlachsen dran.« »Rheinlachs? Wieso?« »Weil ich ihn eß.« »Ach, Du meinst das Brödchen mit Lachs belegt? Ich meinte den Grund Deines Besuches.« »Ja, da hab ichs falsch verstanden. Wann ich essen thu, dann denk ich immer nur an das, was ich vor dem Schnabel hab. Aberst meinen Grund hab ich freilich, daß ich herkommen bin.« »Und den werde ich wohl erfahren?« »Kann möglich sein. Will nur erst noch dieses runde, kleine Napfkücherl probiren.« »Napfkücherl? Das ist ein Maccaronitörtchen.« »Schau, ein Törtchen! So, so! Törtchen! Das klingt schön, ganz so wohlschmeckend! Beißt man denn da so kleine Bisserln abi oder steckt mans gleich ganz in denen Schnabel hinein?« »Nach Belieben.« »Nun, so mags ganz verschwinden. Je weniger Arbeit desto größer die Freud! Verdimmi, verdammi! Dieses Törtchen ist nicht übel. Zwar für meine Tobakszungen ists wohl ein Bisserl zu fein, aberst süß ists doch wie ein Busserl. So, jetzund bin ich fertig, und nun kann ich alleweil Red und Antwort stehen.« Er war vom Stuhle aufgestanden und trat ihr langsam näher. Es war nicht seine Weise, an der Thür stehen zu bleiben. Wer sich seine Herzlichkeit nicht gefallen lassen wollte, nun, zu dem kam er eben nicht wieder. »Gleich, gleich!« sagte sie. Sie hob das Skizzenbuch empor und hielt es etwas von sich ab, um die Wirkung zu taxiren. Da konnte auch der Sepp sehen, was sie gezeichnet hatte. Es war ein männlicher Kopf. »Himmelsakra!« rief er aus. Er hatte nämlich Rudolf Sandau's Züge erkannt, und da war ihm der unvorsichtige Ausruf entschlüpft. »Was ists? Worüber erschrickst Du?« fragte sie, indem sie sich zu ihm umdrehte. Er konnte ihr doch nicht die Wahrheit sagen, und in dem Augenblicke fiel ihm aber auch nichts ein. In seiner Verlegenheit kratzte er sich am Beine und antwortete: »Ja, wissen», da hab ich mich unterwegs auf einen Baumstammen setzt, um auszuruhen, und da ist mir halt so ein schwarzes, großes Roßameiserl unter die Hosen krochen, und das zwickt mich nun in Einem fort.« Sie erröthete doch ein Wenig. »Aber, Sepp!« »Was denn!« »Das erzählt man doch nicht!« »Warum nicht? Wenn Sie mich fragen, warum ich schrei, so muß ichs doch sagen! Oder darf man von denen Ameisen nix derzählen? Ich kann doch nicht Lügen machen und sagen, daß mir ein Alephant hineinkrochen ist, wanns nur ein Ameiserl ist.« »Da hast Du freilich Recht,« lachte sie. »Schau doch einmal her. Hier habe ich einen Kopf zeichnet. Wie gefällt er Dir?« Er stellte sich rechts und stellte sich links, neigte den Kopf erst auf die eine dann auf. die andere Seite, zog die Brauen hoch empor, machte erst das rechte und dann, als er dieses wieder geöffnet hatte, das linke Auge zu, strich sich den Bart, räusperte sich und sagte dann: »Wie der Kopf mir gefallt? Hm! Gar nicht.« »Wie?« fragte sie erstaunt. »Gar nicht,« wiederholte er. »Warum denn nicht?« »Weils gar keinen solchen geben kann.« »Woher weißt Du das?« »Das sehe ich schon, so ein bildsauberer Bub kommt im Leben gar nicht vor. Das ist nur ein Kopf aus dera Phantasie. Oder wärs von einem Bub wirklich abmalt?« Sie wechselte doch die Farbe ein Wenig. »Nein,« antwortete sie; »es ist allerdings ein Phantasiestück.« »Hab ichs nicht gleich sagt! Ja, dera Sepp, der versteht sich schon auf die Porträten.« »Also er gefällt Dir wirklich nicht?« »Eben weils nur nach dera Einbildungskunsten ist. Wärs aberst ein Conterfei, nachhero könnt es mir freilich gefallen. So ein Bub! Verteuxeli! Grad so hab ich ausgeschaut damals, als ich noch jung gewest bin.« Sie lachte hell auf. »Grad so?« »Ja. Vielleicht noch was hübscher.« »Und vorhin sagtest Du, es könne in Wirklichkeit gar keinen so hübschen Kopf geben!« »Jetzund, in dera neuen Zeiten. Früher aberst waren hübsche Buben viel häufiger als heut. Seit aberst die hübschesten von damals nicht heirathet haben, ists mit dera männlichen Schönheit ganz alle worden.« »Ach so! Du bist ja unverheirathet.« »Ja, und das ist mein Glück.« »Warum?« »Wann ich verheirathet wär, das wär meiner Frau ihr Glück.« »Du bist unverbesserlich. Also jetzt bin ich mit dem Phantasiekopf fertig. Nun können wir von Deiner Angelegenheit sprechen, in welcher Du gekommen bist.« »Es ist nicht meine sondern die Ihrige.« »Wieso?« »Ich hab hört, daß Sie eine Annoncen in die Zeitung setzt haben, von wegen Einem, der Ihnen helfen soll, daß Schloß herrichten.« »Ja.« »Haben sich welche meldet?« »Mehrere. Ich habe aber noch keine Entscheidung getroffen.« »Das ist sehr gut. Ich weiß nämlich Einen, und zwar einen gar Braven.« »So! Du willst mir ihn wohl empfehlen?« »Ja, das will ich wohl, wenn Sie mirs nicht übeln nehmen wollen.« »Uebel kann ich es Dir doch unmöglich nehmen. Aber ich muß Dir dabei eine Bemerkung machen, welche auch Du nicht übel nehmen darfst.« »Ihnen übel nehmen? Eher fällt dera Mond vom Himmel herab.« »Ich thue Dir sehr gern einen Gefallen, wenn Du auf dem Gebiete bleibst auf welchem Du zu Hause bist; aber weiter darfst Du nicht gehen. Hier handelt es sich um ein Feld, von welchem Du nichts verstehst, und da kann Deine Empfehlung wohl nichts gelten.« »Oho! Dieses Feld versteh ich gar wohl!« »Das Baufach – das Kunsthandwerk?« »Nein, das geht mich nix an. Aberst ich mein' halt das Feld dera Wohlthätigkeit. Ich weiß, daß dera Mann, den ich meinen thu, sein Fach versteht, denn er hat halt die besten Censuren und auch bereits einen Preis errungen. Und es thät ihn so glücklich machen, wann er die Stell bekommen könnt. Darum wollt ich ihn empfehlen. Er brauchts so nothwendig, und er verdients auch gut, denn er ist so brav.« »So? Wer ists?« »Ein armer Schluckern. Sein Vatern ist drüben in Amerika storben, und seine Muttern hat sich nicht satt gessen, um den Sohn auf die Schul zu bringen. Sie hat eine kleine Pension gehabt, und die ist nun verloren, weil dero Kerl, ders zahlen soll, bankerott worden ist. Nun hat dera Sohn keine Stell, kein Verdienst und kein Brod. Die Muttern hat der Schlag troffen vor Schreck. Sie hat sich nicht bewegen und auch nicht reden konnt. Das ist ein Kreuz und Elend. Und doch sind die beiden Leutle seelensgut. Ich, wann ich dera Herrgott wär, ich gäb dem Buben gleich den größten Kirchendom zu bauen, damit er leben kann und seine Muttern pflegen, die er so sehr lieb hat.« Milda blickte still vor sich hin. Sepps Worte verfehlten den beabsichtigten Eindruck nicht. »Wie alt ist er?« fragte sie. »Das weiß ich nicht so genau – – nicht gar zu alt und nicht gar zu jung.« »Der Name?« »Sandau.« »Wo wohnt er?« »Gar nicht weit von hier, nämlich da droben in Eichenfeld.« »Hm! DK Mutter gelähmt vor Schreck! Und Du sagst, daß er seine Sache verstehe?« »Freilich! Er hat doch vom König einen Preis erhalten.« »Warum hat er sich da nicht bei mir gemeldet?« »Weil ers nicht wußt hat. Erst gestern hab ichs lesen, und von mir hat ers derfahren. Ich hab ihm sogleich gerathen, sich mit zu bewerben. Aber dera Bub ist eine bescheidene Seel. Ich hab nun so in ihn hineinsprechen müssen, bevor er sich dazu entschlossen hat.« »Das gefällt mir. Wirklich große Männer sind stets bescheiden. So will er mir also schreiben?« »Nein, das hab ich ihm abgerathen. Ich hab ihm sagt, daß ich nach Steinegg gehen will, um es dera gnädigen Baronessen zu sagen, und heut am Nachmittag soll er nachhero selberst kommen.« Sie drohte ihm mit dem Finger. »Höre Sepp, solche Dispositionen darfst Du ohne meine Einwilligung eigentlich nicht treffen.« »Das hab ich mir auch schon denkt; aberst ich hatt doch keine Zeit, erst lang zu fragen. Leicht wär da ein anderer dazwischen kommen und von Ihnen angagerirt worden.« »Kennst Du denn die Familie?« »Seit langer Zeit. Wann das nicht dera Fall wär, so könnt mirs gar nicht einfallen, ihn zu empfehlen. Seine Muttern ist eine Frau wie – wie – na, grad wie die Frau Bürgermeisterin. Und er ist zu was Besserm geboren als zum Hungerleiden. Ich bitt gar schön, daß es eine Freud und Lust, eine Wonne ist, Jemand auf den Weg zu bringen, das müssens halt bedenken, gnädige Baronessen.« »Nun, er mag kommen. Einen Dummkopf werde ich freilich nicht engagiren; aber meine Ansprüche steigen auch nicht zu hoch. Es sollte mich freuen, wenn er im Stande ist, sie zu befriedigen. Ich könnte Dir dann einen Gefällen erweisen und würde eine Familie kennen lernen, die ich leicht ihrer Sorge zu entheben vermag.« »Das hab ich mir denkt. Jetzt weiß ich nun ganz gewiß, daß er angenommen wird, und da geb ich gleich im Voraus meine Hand und sag einen großen Dank. Vergelte Gott!« Er ging. Sie stand am Fenster und sah ihn über den Schloßhof schreiten. Sie blickte ihm nach, so lange Sie ihn zu sehen vermochte. Welch ein eigenthümlicher Mensch! War er denn wirklich dazu bestimmt, die Vorsehung für so viele Menschen zu spielen! Dann fiel ihr Auge wieder auf die Zeichnung. Sie hatte den Kopf aus dem Gedächtnisse wiedergegeben; aber er war dennoch so ausgezeichnet getroffen, als ob das Original ihr dazu gesessen hatte. Sie betrachtete diese Züge mit liebevollen Blicken. Hätte sie sich dabei im Spiegel sehen können, so wäre sie entweder über sich erschrocken oder über sich erröthet. Endlich steckte sie das Porträt weg und griff zu Aufzeichnungen, Büchern und Plänen, um sich auf die Unterredung mit den Künstlern, welche sich gemeldet hatten, vorzubereiten. Darüber verging der Vormittag. Sie war gewöhnt, nach dem Diner einen kurzen Ausgang zu unternehmen. Sie ging hinab in den Garten und dann in den Park. Dabei gelangte sie an die Straße, die denselben durchschnitt und grab hier eine scharfe Biegung machte. Im Begriff, über die Straße hinüber zu schreiten, hörte sie Schritte. Ohne sich zu fragen warum, blieb sie stehen. Der Nahende bog um die Krümmung und sah sie. Auch er blieb stehen. Sie standen sich gegenüber, kaum zehn Schritte entfernt – Rudolf Sandau war es. Er zog grüßend den Hut. Sie erglühte bis in den Nacken herab. »Fräulein!« stammelte er. »Sie!« stieß sie hervor. Er trat langsam, zögernd näher. Sie hob den Fuß, um zu gehen, setzte ihn aber wieder nieder. »Was thun Sie hier?« fragte sie. »Ich habe in Steinegg zu thun.« »Wirklich?« »Ja.« »Unser Widersehen ist also ein rein zufälliges?« »Gewiß. Oder denken Sie, daß – – –« Er sprach den Satz nicht aus. »Ich habe vorgezogen, zunächst gar nichts zu denken,« antwortete sie. »Es freut mich aber, zu hören, daß nur der Zufall Sie nach Steinegg führt. Unser gestriges Zusammentreffen war die Improvisation eines neckischen Waldgeistes, und Improvisationen dürfen nicht von langer Dauer sein, sonst verlieren sie ihren Werth. Leben Sie wohl!« Sie schritt vollends über die Straße hinüber und verschwand hinter den dort stehenden Büschen. Er hatte gar nicht Zeit gehabt, seinen Hut zum Abschiede zu ziehen. Er nahm ihn erst jetzt ab, zog das Taschentuch und wischte sich die Stirn ab. Sein Gesicht war sehr bleich geworden. Er preßte die Hand auf das Herz, setzte den Hut wieder auf und ging weiter, doch nein, er kehrte um, bückte sich da, wo sie gestanden hatte, nieder und hob einige Körnchen des Sandes auf, welchen ihr Fuß berührt hatte. Er riß ein Blatt aus der Brieftasche, legte es in Couvertform zusammen und that den Sand hinein. Erst nun, nachdem er die Brieftasche wieder eingesteckt hatte, setzte er seinen Weg fort, aber langsam, recht langsam, als ob er an einer Last zu tragen habe. Und Milda? Wenn sie das gesehen hätte? Nun, sie hatte es gesehen. Sie war zwar hinter den Büschen verschwunden, da aber nicht weiter gegangen sondern stehen geblieben. Sich umwendend sah sie, daß sie ihn beobachten konnte, ohne von ihm gesehen zu werden. Sie sah also, was er that. Sie blickte ihm nach, bis er unten, wo die Straße nach der Stadt zu steiler abfiel, verschwand. Nun war er fort, und sie trat wieder auf die offene Straße heraus. Aber sie ging nicht über dieselbe zurück, sondern – sonderbarer Weise – schritt sie zu der Stelle, auf welcher er gestanden hatte. Die Spur seines Fußes war noch dort zu sehen. Sie bückte sich, nahm einige Fingerspitzen des Sandes auf und verbarg die feinen Körnchen in das Innere ihres Handschuhes. »Sand!« flüsterte sie dabei. »Das Zeichen der Vergänglichkeit. Der Sand verrinnt. Diese Körner aber sollen mir nicht verrinnen! Ein Italiener! Wir werden uns nie wiedersehen. Addio!« Sie kehrte nach dem Schlosse zurück und that ganz dasselbe, was ersuch gethan hatte: Sie that die Sandkörner in ein Couvert, schrieb das Datum auf dasselbe und hob es dann in einem Fache ihres Schreibtisches auf. Sie war damit kaum fertig, so trat die Zofe ein und meldete Herrn Sandau, welcher die gnädige Baronesse zu sprechen wünsche. »Bitte eintreten!« Die Zofe gehorchte dem Befehle. Sandau nahm Zutritt, und sie machte hinter ihm die Thüre zu. Es war ganz unmöglich, die Gesichter der beiden Erstaunten, welche sich abermals so unerwartet gegenüber standen, zu beschreiben. Er vergaß ganz, sich zu verbeugen. Auf seinem Gesichte wechselten Blässe und Röthe. Und sie stand ganz unbeweglich, das Auge mit stummer, verwunderter Sprache groß auf ihn gerichtet. »Was ist das!« sagte sie. »Man hat mir Herrn Sandau gemeldet!« »Der bin ich,« antwortete er, die vergessene Verbeugung jetzt nachholend. »Aus – – Eichenfeld?« »Ja.« »Aber, ich denke, Sie sind Italiener!« »Ein kleines, leicht erklärliches Mißverständnis. Ich komme aus Italien.« »Ach! Also ein – Deutscher!« »Und Sie – –? Pardon! Ich hatte gebeten, mich der Baronesse von Alberg zu melden.« »Da sind Sie am richtigen Orte. Ich bin die Genannte.« Sie sah seine Schläfe erglühen und sein Auge dunkler werden. Seine Lippen zitterten. »Das – das konnte ich nicht wissen!« sagte er, fast leise, wie zu sich selbst, so daß sie es kaum vernehmen konnte. Und lauter fügte er hinzu: »Verzeihung, gnädiges Fräulein! Das ist eine Komödie der Irrungen, zu der ich die Veranlassung wirklich nicht habe geben wollen. Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen empfehle!« Er verneigte sich und öffnete hinter sich die Thür, um sich zurückzuziehen. »Herr Sandau!« rief sie in bittendem Tone »Gnädiges Fräulein!« »Bleiben Sie noch!« Er zog die Thüre wieder zu. »Wer hätte das gedacht! Also Sie sind kein Ausländer?« »Und Sie keine Försterstochter!« antwortete er mit mattem Lächeln. »Verzeihen Sie den Scherz! Oder würden Sie ihn leichter verzeihen, wenn ich wirklich die alte Tante wär, für welche ich mich ausgab?« »Ich habe nichts zu verzeihen. Sie sagten ganz richtig, daß unser Zusammentreffen die Improvisation eines neckischen Waldgeistes sei, und daß eine Improvisation ihren Werth verliere, wenn man ihr eine längere Dauer verleihe.« »O bitte, das ist jetzt ganz anders. Jetzt ist von keiner Episode die Rede. Jetzt stehen wir uns in geschäftlicher Angelegenheit gegenüber, und solche Sachen pflege ich so wenig wie möglich poetisch zu behandeln. Bitte, nehmen Sie also Platz!« Sie deutete auf einen Sessel. Er aber schüttelte leise den Kopf und entgegnete: »Ich möchte mir die Möglichkeit, mich im spätern Leben frei von jeder geschäftlichen Beimischung der Fee zu erinnern, welche mir im Wald erschien, nicht rauben. Bitte, erlauben Sie mir gütigst, meine Bewerbung zurück zu ziehen!« »Nein, das erlaube ich Ihnen nicht,« antwortete sie in bestimmtem Tone. »Ziehen Sie dieselbe aus geschäftlichen Gründen zurück, so kann ich Ihnen nicht zürnen. Sind aber die Gründe persönlicher Natur, so liegt darin eine Minderschätzung, vielleicht sogar eine Beleidigung für mich.« »Das beabsichtige ich nun freilich keinesfalls!« »Ich hoffe das. Nehmen wir an, daß wir die beiden menschlichen Wesen, welche durch das Gewitter zusammengeführt wurden, gar nicht kennen, so giebt es nicht das mindeste Hinderniß, uns über die Veranlassung Ihres gegenwärtigen Besuches in aller Ruhe zu unterhalten. Also bitte, nehmen Sie doch Platz!« Sie setzte sich. Waren es ihre Worte oder war es das gewinnende Lächeln, welches ihm von ihr entgegenstrahlte, er fühlte sich besiegt. Er setzte sich. »Also, Herr Sandau,« begann sie, »ich nehme an, Sie wissen, daß der sogenannte Wurzelsepp heut bei mir gewesen ist, um von Ihnen zu sprechen?« »Ich weiß es, muß aber bemerken, daß nicht ich die eigentliche Veranlassung bin, daß Sie durch ihn incommodirt wurden.« »O, dieser brave, originelle Alte incommodirt mich niemals!« »Ich hätte Ihnen schreiben können; er aber drang darauf, mich in seinen Willen zu fügen.« »Ja, so ist er.« »Als ich einwilligte, hatte ich natürlich keine Ahnung, wer diese Baronesse von Alberg sei. Der Sepp beschrieb sie mir als eine sehr häßliche alte Jungfer.« »Und Sie nannte er einen Herrn, der nicht gar zu alt und auch nicht gar zu jung sei.« »Dieser Intriguant!« »Das ist er, aber im besten Sinne und in der besten Absicht, außer –« Sie hielt inne. Sie wurde blutroth. Erst jetzt dachte sie daran, daß sie dem Sepp den Kopf gezeigt hatte. Er kannte Sandau. Er hatte also gewußt, daß es sein Portrait sei. Sie fühlte eine unendliche Verlegenheit, wie noch nie in ihrem Leben. Es war ihr, als ob sie gegen den Alten einen unversöhnlichen Zorn fassen müsse, und doch sah sie im Geiste seine guten, treuen Augen leuchten. Sie brachte es zu keinem Zorne. Aber sie nahm sich vor, ihn gehörig auszuschelten. »Außer – – – fragte Rudolf. »Ich glaube, es giebt in der Ehrlichkeit dieses Mannes kein Außer, keine Ausnahme.« »So kennen Sie ihn genau?« »So genau, als ob er mein Vater sei.« »Ich habe ihn erst vor Kurzem zum ersten Male gesehen.« »So erlauben Sie mir die Versicherung, daß Niemand sich zu schämen braucht, in der Nähe dieses Mannes gesehen zu werden. Er ist arm, aber ein ganz außerordentlicher Mensch. Wäre er reich oder hoch geboren, so wäre es ihm wohl nicht schwer gefallen, sich einen Weg zu den höchsten Gesellschaftspositionen zu ebnen. Es ist ein so ziemlich offnes Geheimniß, daß er mit sehr hohen Personen verkehrt. Er ist, wie in der Oper, der alte Ueberall und Nirgends, und wo er hinkommt, da thaut das Eis, die Wolken theilen sich, und die Sonne beginnt, die ersehnten Strahlen wieder herab zu senden.« »Das ist ja eine sehr beredte Lobpreisung des guten Alten! Und ich glaube sehr gern, daß er sie verdient. Ich habe ja bereits selbst ein ganz eclatantes Beispiel erlebt, daß er wirklich den Sonnenschein bringt, von welchem Sie sprechen. Also er ist es gewesen, der Sie auf meine Annonce aufmerksam gemacht hat? Nun, so wünsche ich, daß das von gutem Erfolg sein möge.« »Und ich,« sagte er in bescheidenem Tone, »fühle mich zur Erfüllung dieses Wunsches viel zu schwach. Ich habe ihm gesagt, daß ich zu jung, zu wenig erfahren bin, um Ihren Ansprüchen zu genügen.« »Er erwähnte aber Ihre guten Zeugnisse und den Preis, welchen Sie sich bereits erworben haben.« »Was will das sagen. Vielleicht hat er auch von meinen persönlichen Verhältnissen gesprochen?« »Ein klein Wenig.« »Dachte es mir!« sagte er erröthend. »Bitte, Sie dürfen ihm nicht zürnen. Er sprach von Ihrer kranken Mutter und von dem Verluste, der Sie betroffen hat.« »Das konnte er lieber unterlassen. Dieser Schlag hat mich ebenso schwer wie unerwartet getroffen.« Er blickte trüb vor sich nieder. Als er dann den Blick erhob, sah er ihr Auge so warm und theilnehmend herüber leuchten, daß es ihm ganz absichtslos von den Lippen klang: »Gestern, als ich Sie im Walde traf, hielt ich mich für zwar nicht wohlhabend aber für den Sohn einer Mutter, welche eine recht auskömmliche Pension bezog. Diese ist plötzlich verloren gegangen, und der Schreck darüber hat die Mutter an Körper und Sprache, gelähmt. Die Pension hat, wie ich da so spät erfuhr, eine so winzige Höhe gehabt, daß sie nicht ausreichen könnte, einen einzelnen Menschen nur mit dem trockenen Brode zu versorgen. Dennoch hat die Mutter mich zur Akademie geschickt. Sie hat Unterricht ertheilt, in einer so kleinen Stadt, wie Eichenfeld ist – was kann sie sich damit verdient haben. Jetzt weiß ich, daß sie gehungert, ja, wörtlich muß es genommen werden, gehungert hat. Nun liegt sie krank darnieder. Von einer vorläufigen Fortsetzung meiner Studien ist natürlich keine Rede. Ich muß verdienen, um leben zu können. Schon nahm ich mir vor, Arbeit bei einem Neubaue zu suchen, sollte es auch nur als Handlanger sein; da kam der Sepp und sagte mir von ihrer Annonce.« »Sie sollen die Anstellung haben, Herr Sandau!« erklärte sie ihm, indem die Freude, ihm helfen zu können, auf ihrem Gesichte strahlte. »Bitte!« wehrte er ab. »Dieser rasche Entschluß macht Ihrem Herzen alle Ehre, gnädiges Fräulein; aber ich kann ihm nicht zustimmen. Sie kennen mich noch nicht.« »O, ich kenne Sie!« »Nein. Höchstens können Sie aus meinen Worten auf meine Seeleneigenschaften schließen; aber ob ich der Aufgabe, welche hier zu lösen ist, gewachsen bin, das wissen Sie nicht. Dazu gehört eine kaltblütige, objective Prüfung.« »Aber ich bin ja überzeugt, daß Sie alle meine Ansprüche befriedigen werden!« »Das spricht die Stimme Ihres Herzens; ich aber möchte nun und nimmer eine Anstellung als Almosen empfangen. Der Verstand, welcher sich nicht von der Stimme des Herzens beschmeicheln und bestechen läßt, muß Ihnen sagen, daß ich das Salair, welches Sie mir zahlen, in Wirklichkeit auch verdiene. Also bitte, prüfen Sie, bevor Sie sich entschließen!« »Aber wie soll ich Sie prüfen? Ich kann Sie doch nicht examiniren. Ich besitze ja gar nicht die Erfahrungen und Kenntnisse, welche zur Ausführung meiner Pläne nothwendig sind. Eben grad darum wollte ich mir einen Herrn, der das mir Fehlende besitzt, als Beirath engagiren. Ich muß einen Jeden, ob nun Sie es sind oder ein Anderer es ist, auf Treu und Glauben nehmen und kann nur am Erfolge sehen, ob ich mich dabei irrte oder nicht. Ich kann bei der Wahl nur darnach gehen, ob der Betreffende mein subjectives Vertrauen besitzt. Ob er es auch verdient, das kann sich doch nur später zeigen. Und da Sie nun ganz auf mich den Eindruck machen, daß ich mit Ihnen zufrieden sein werde, so sehe ich gar nicht ein, warum ich mich auch noch mit andern Bewerbern quälen soll.« Er war ihrer Darlegung mit Aufmerksamkeit gefolgt, und er antwortete aufrichtig: »Ihre Worte wirken überzeugend. Ich als Fachmann, wenn auch sehr junger, begreife freilich, daß Sie mehr instinctiv wählen können als in Folge genauer Abschätzung. Ich würde also sagen: Gut, versuchen Sie es mit mir! Aber als gewissenhafter Mann kann ich diese Worte nicht aussprechen, ehe ich weiß, welche Leistungen von mir erwartet werden.« »Das sollen Sie sofort erfahren. Ich werde Sie durch das Schloß führen. Es soll eine vollständig neue Ausstattung erhalten und zwar nach den Angaben, welche Sie dem Meubleur und Anderen darüber machen werden. Außerdem beabsichtige ich, mehrere bauliche Veränderungen, vielleicht auch die Anfügung eines Neubaues, vornehmen zu lassen. Davon verstehe ich gar nichts; da muß ich mich ganz auf Sie verlassen. Das ist sehr viel und doch auch sehr wenig. Getrauen Sie sich nun, mein Alliirter zu werden?« Er stand von seinem Sitze auf. Seine Brust erweiterte sich; er holte tief, tief Athem, und über sein Gesicht breitete es sich wie eine wonnevolle, friedliche Sicherheit. »Sie haben Recht,« sagte er. »Es ist sehr viel und doch auch sehr wenig, was Sie von mir verlangen. Das Viel soll mich nicht abschrecken, und das Wenig soll mit solcher Treue gethan werden, als ob es sich um Großes handle.« »Sie schlagen also ein?« Sie streckte ihm ihr kleines Händchen entgegen. »Nein, noch nicht. Bitte, lassen Sie mich erst die Baulichkeiten sehen. Ich habe hier eine doppelte Aufgabe. Ich will mir nicht nur ihre Befriedigung, Ihren Beifall erwerben, obgleich mir das am Höchsten steht. Es ist das die erste praktische Aufgabe meines Lebens. Ob und wie ich sie löse, das wird auf meine Zukunft von gestaltendem Einflüsse sein. Ich darf sie also nicht leichtsinnig übernehmen, sondern ich muß mich ernstlich prüfen, ob ich ihr auch wirklich gewachsen bin.« »Das ist wohl mehr als pflichttreu gedacht!« »Sie halten mich für einen Pedanten? Der bin ich glücklicher Weise nicht, und, Gott sei Dank, die Noth treibt mich ja doch nicht dazu, nur um leben zu können, eine Arbeit zu übernehmen, welche meine Kräfte übersteigt.« Sie blickte ihn fragend an. »Ich denke, Sie haben Alles verloren!« »Ja, gestern, als ich heimkehrte, war ich sehr, sehr arm. Aber der Sepp kam als Retter. Ein edler Menschenfreund hat ihm eine Summe anvertraut zu dem Zwecke, einen strebsamen jungen Mann damit zu unterstützen. Er bot mir das Geld an, und da meine kranke Mutter mir zuredete, so nahm ich es an, natürlich unter der Bedingung, daß ich es später mit Zinsen zurückzahlen werde.« Ueber Milda's Gesicht flog ein feines Lächeln. »Hat er den Namen dieses Menschenfreundes genannt?« fragte sie. »Nein. Es soll ein Geheimniß bleiben.« »Dann möchte ich Sie doch zu gern bitten, einmal ganz gegen alle Erlaubniß neugierig sein zu dürfen!« »Seien Sie es immerhin!« »Ohne daß Sie mir zürnen?« »Gewiß zürne ich nicht.« »So bitte, sagen Sie mir aufrichtig, wie hoch die Summe war!« Er antwortete unbedenklich, indem er ihr den Betrag nannte. Jeden andern Frager hätte er abgewiesen; diesem Mädchen gegenüber aber gab es kein Bedenken. Er war felsenfest überzeugt, daß ihre Absicht keine gewöhnliche sei. »Dachte es mir!« nickte sie lächelnd. »Also der Menschenfreund soll verschwiegen bleiben? Ich kenne ihn sehr genau.« »Das wäre ein ganz eigenthümlicher Zufall.« »Zufall, ja, aber kein ganz besonders seltener. Soll ich Ihnen den Namen nennen?« »Bitte, nein. Ich bin gern discret, und wenn der betreffende Herr wünscht, daß ich ihn nicht kennen soll, so möchte ich seinen Willen achten.« »O, der betreffende Herr weiß gar wohl, daß er nicht lange Zeit verborgen bleiben kann. Auch bin ich vollständig überzeugt, daß er es mit der Discretion nicht gar sehr peinlich nimmt. Es ist nämlich – sei es heraus gesagt – kein Anderer als der Wurzelsepp selbst.« »Der – –!« rief Rudolf. »Er selbst – –!« »Ja, ganz gewiß.« »Haben Sie genügende Veranlassung, dies anzunehmen?« »Ich weiß ganz genau, daß er erst vorgestern und gestern dieses Geld verdient und ausgezahlt erhalten hat, nämlich von meinem Vater, ganz genau dieselbe Summe. Da haben Sie es. Es ist nicht der mindeste Zweifel möglich, daß er es Ihnen gegeben hat. Ja, ich bin sogar überzeugt daß er es Ihnen mit dem stillen Vorbehalt geliehen hat, es Ihnen zu schenken.« »Das – das meinen Sie!« »Ja, das meine ich. O, dieser alte Sepp ist ein Prachtmensch. Ich habe ihn lieb, obgleich er mich – – –« Sie schwieg erröthend. Und als er sie fragend anblickte fuhr sie fort: »Er hat mir heut einen Streich gespielt, den ich ihm eigentlich sehr übel nehmen sollte; aber wer kann ihm bös sein! Ich werde ihn zwar bestrafen, aber das wird mir ganz gewiß selbst weher thun als ihm. Und nun, bitte, wollen wir unsere Wanderung durch das Schloß beginnen.« Sie führte ihn durch alle Räume des Schlosses. In einem jeden Zimmer sprach sie die Wünsche und Ansichten aus, welche dasselbe betrafen. Er hörte ihr in stiller Bewunderung zu. Sie entwickelte nicht nur eine Herzens- sondern auch eine Geistesbildung, welche sein Staunen erregte. Eine junge Dame, welche eine solche Fülle gediegenen Wissens besaß, hatte ganz gewiß keine Zeit gehabt, sich mit den Nichtigkeiten und Zerstreuungen der sogenannten vornehmen Welt zu befassen. Sie hatte voller Ernst, Eifer und Ausdauer an sich selbst gearbeitet. Er hatte noch niemals, außer seiner Mutter, eine Dame kennen gelernt, welche ihm imponirt hätte. Bei Milda war das der Fall, und er wurde sich dessen mit wahrer Wonne bewußt. Sie wieder war ganz entzückt von der stillen, verständnißvollen Ruhe, mit welcher er ihren Auseinandersetzungen lauschte. Sie fühlte, daß ein jedes ihrer Worte einen Werth, einen bestimmten Werth für ihn habe, und obgleich er vorläufig nur einnahm und nichts ausgab, so wurde sie sich doch bewußt, daß er ihr überlegen sei. Dann schritt sie mit ihm um das äußere Schloß herum und erklärte ihm mit liebenswürdigem Eifer, welche Veränderungen und Neugestaltungen sie da anzubringen wünsche. Jetzt endlich waren sie fertig, und da sagte sie in freundlich schmollendem Tone: »Nun aber haben Sie noch gar nichts gesagt. Ich habe gesprochen, und Sie hüllten sich in geheimnißvolles Schweigen. Jetzt werden Sie mir eine Censur ertheilen, die ich mir durch meine Plauderhaftigkeit zugezogen habe. Bitte, fällen Sie kein strenges Urtheil. Ich bin eine Dame und das ist bekanntlich der bedeutendste Milderungsgrund, den man kennt.« »Plauderhaft?« antwortete er kopfschüttelnd. »Ich bin überzeugt, daß Sie das grade Gegentheil von plauderhaft sind.« »Vielleicht haben Sie Recht. Ich bin nicht sehr mittheilsam.« »Und ich meine, daß Sie jetzt so ausführlich sprachen, weil Sie von Ihrem Gegenstande begeistert sind.« »Einestheils, und anderntheils giebt es Menschen, aber nur sehr selten, in deren Nähe man sich gezwungen fühlt, sein innerstes rücksichtslos und aufrichtig zu erschließen. Zu diesen Menschen gehören Sie.« Es durchschauerte ihn wonnig bei diesen Worten des schönen Wesens. Er erröthete. Sie sah es und fügte schnell hinzu: »Aber eine Rüge, eine schwere Rüge muß ich Ihnen ertheilen. Ich kann sie Ihnen unmöglich ersparen, Herr Sandau! Hoffentlich werden Sie dieselbe in geduldiger Ergebung über sich ergehen lassen?« »Ganz gewiß.« »Ich muß eben Ihre große Zurückhaltung tadeln. Sie haben zu Allem, was ich sagte, nicht ein einziges Mal eine Meinung geäußert.« »Wollen Sie mich als einen voreiligen, oberflächlichen Wicht kennen lernen?« »O nein, nur dies nicht! Jetzt aber darf ich hoffentlich hören, was Sie zu dem Allem sagen?« »Ich bitte noch um einige Geduld. Sie kennen die Verhältnisse und haben über dieselben nachgedacht. Darum können Sie eine bestimmte Meinung besitzen. Das ist jedoch bei mir nicht der Fall. Die Eindrücke, welche ich hier empfing, sind vollständig neue. Wollte ich Ihnen bereits jetzt eine Ansicht sagen, so würde es nur eine oberflächliche, eine werthlose sein können. Ein jedes Ihrer Worte ist von besonderem Werth und Gehalt. Soll ich mich an der Sache und auch an mir selbst versündigen, indem ich mich in die Gefahr begebe, von Ihnen für flüchtig gehalten zu werden?« »Sie nehmen aber die Sache viel zu ernst!« »Nein, ich behandle sie als Fachmann. Sie sollen meine Ansicht hören, ein förmlich fachliches Gutachten, einen festen Entwurf, den wir besprechen werden, um ihn gemeinsam weiter auszubauen. Darum bitte ich, mir einen oder zwei Tage Zeit zu lassen. Dann werde ich Ihnen das Schloß zeigen, wie ich es mir nach Innen und Außen vollendet denke, und dann sollen Sie entscheiden, ob Sie sich meines Rathes bedienen oder eine bessere, gediegenere Kraft engagiren wollen.« »Besser? Gediegener?« fragte sie sinnend. »Ich bin überzeugt, daß ich gut gewählt habe, und diese Wahl werde ich wohl nicht widerrufen. Grad Ihre Zurückhaltung beweist mir, daß Sie mein Vertrauen verdienen.« »Herzlichsten Dank! Eins muß noch erwähnt werden, gnädiges Fräulein. Haben Sie auch daran gedacht, daß ich nothwendig wissen muß, welche Mittel uns zur Verfügung stehen?« »Natürlich, Herr Sandau.« »Daß Sie mir also einen Einblick in diejenigen Ihrer Verhältnisse gestatten müssen, in welche man gewöhnlich fremde Zungen nicht zu dringen erlaubt?« »Dazu bin ich ganz gern bereit. Ich bin reich und kann über mein Eigenthum frei verfügen, so – – – lange es mein Eigenthum ist.« Diese letzteren Worte setzte sie zögernd hinzu. »Wie? Hätten Sie Gründe, anzunehmen, daß es fremde Ansprüche darauf giebt?« »Vielleicht. Es ist möglich, daß ich einmal mit Ihnen über diesen Gegenstand spreche, um mir Ihren Rath zu erbitten. Ihnen und meinem Bruder kann ich da voll vertrauen.« Wie wohl thaten ihm diese Worte. Er wollte eine Antwort geben, doch kam er nicht dazu, denn nach der Straße deutend, in deren Nähe sie eben jetzt standen, sagte sie: » Lupus in fabula! Kaum hatte man von dem Herrn gesprochen, so kommt er auch.« Walther bog nämlich nach dem Schlosse ein. Als Sandau's Blick auf ihn fiel, fragte er ganz verwundert: »Wie? Dieser Herr ist Ihr Bruder?« »Ja. Und sogar ein sehr lieber.« »So täuschen mich entweder meine Augen, oder es giebt da eine gradezu verblüffende Aehnlichkeit.« »Wieso?« »Dieser Herr sieht einem sehr lieben Bekannten von mir so ungeheuer ähnlich, daß – – –« Er wurde unterbrochen. Walther bemerkte erst jetzt die Beiden. Er blieb voller Ueberraschung stehen und rief: »Was! Wunder über Wunder! Ist's möglich? Sandau! Rudolf! Du hier.« »Max! Also wirklich Du!« »Nun, hoffentlich bin ich kein Anderer als eben ich! Oder soll ich die zweifelhafte Ehre haben, einen Doppelgänger zu besitzen?« »Du siehst mich wirklich erstaunt. Ich vermuthe Dich natürlich in Regensburg, nicht aber hier.« »Du würdest wissen, wo ich zu suchen bin, wenn Du nicht der Post Veranlassung gegeben hättest, mir meine Briefe zurückzusenden. Hast Du Italien endlich quittirt?« »Nothgedrungen. Das Stipendium hörte auf.« Die Beiden schüttelten sich die Hände auf das Herzlichste. »Also die Herren kennen sich bereits?« fragte Milda. »Das ist ja ein sehr freudiges Ereigniß für mich!« »Freilich kennen wir uns,« lachte Walther. Eines schönen Tages kam ich auf den Einfall, mir München zu besehen. Leider aber reichte meine Erfahrung nicht aus, zu berechnen, welche Börse man haben muß, um so eine Residenz kennen zu lernen – – –« »Max!« fiel Sandau bittend ein. »Pah! Dem Verdienste seine Kronen! Laß Dir also sagen, daß ich nach vier Tagen fremd und mit leerer Tasche in München stand, liebe Milda. Da schickte das gütige Geschick einen braven Polytechnikus die Straße herab. Ich fiel ihn an und bat um etwas Feuer. Er gab es mir, und wir wanderten miteinander weiter, natürlich direct in einen Bierkeller. Ich gestand, daß ich insolvent sei, und er zahlte. Er nahm mich mit zu sich, versah mich mit neuer Munition, zeigte mir die Münchener Welt und ihre Herrlichkeiten, ohne aber von mir zu verlangen, daß ich ihn dafür anbete, führte mich bei meiner Abreise sogar noch bis an das von ihm bezahlte Coupee und wartete geduldig und ohne Murren auf die sehr langsam und sehr unbeträchtlich einlaufenden Ratenzahlungen seines Schuldners, welcher jetzt vor Dir steht, um Dir zu sagen, daß es keinen besseren Kameraden giebt als besagten Polytechnikus, welcher den nach der Sahara klingenden Namen Sandau führt.« Alle Drei lachten fröhlich, und Milda erklärte ihrem Bruder: »Besagter Polytechnikus hat soeben die Aufgabe erhalten, uns Steinegg zu verschönern.« »Du, Rudolf, hast Dich gemeldet?« fragte Walther hoch erfreut. »Ja, oder vielmehr der Wurzelsepp hat es für mich gethan.« »Ueberall hat dieser Schutzgeist die Hand im Spiele! Aber laß Dir lagen, daß ich ganz glücklich bin. Dich von Milda gewählt zu sehen.« »Noch bin ich nicht gewählt!« »O gewiß!« erklärte die Baronesse. »Aber er hat noch nicht zugesagt.« »So thue ich es an seiner Stelle. Abgemacht und pasta! Aber lieber Rudolf, ich lese es Dir vom Angesichte, daß Dir unser geschwisterliches Verhältniß ein versiegeltes Räthsel ist!« »Das gestehe ich aufrichtig.« »Ich werde es Dir erklären. Milda wird es uns erlauben, mit hinein zu gehen. Ich muß mich setzen; ich bin außerordentlich müde von der anstrengenden Menschenjagd, welche wir so erfolglos unternommen haben.« »Eine Menschenjagd?« fragte die Baronesse. »Ja. Habt Ihr noch nicht gehört, daß der alte entflohene Silberbauer gesucht wird?« »Kein Wort.« »So kommt! Ich muß es Euch erzählen.« Dann saßen sie im Salon beisammen in eifriger, animirter Unterhaltung. Walther erzählte dem Freunde, wie er die Mutter und obendrein eine Schwester gefunden habe, und dann berichtete er von den gestrigen Vorkommnissen in Hohenwald. Heute früh waren sämmtliche Bewohner des Ortes aufgeboten worden, unter Anführung der Polizei nach dem Flüchtlinge zu fahnden. Die ganze Umgebung war durchstreift worden, Wald und Feld, Berg und Thal, doch vergebens. Es war nicht die kleinste Spur von ihm entdeckt worden. Es war für Milda mehr als ein Vergnügen, bei den jungen Männern zu verweilen. Einander in jeder Beziehung ebenbürtig, entwickelten sie eine Fülle von Kenntnissen und Anschauungen, welche das Gespräch wie Brillantfeuer herüber und hinüber leuchten ließ. Der vorher so zurückhaltende Sandau wurde gesprächig. Jede seiner Mienen verrieth, wie glücklich er sich fühlte, und wenn er begeistert und begeisternd über einen Gegenstand sprach, da dachte Milda mit stillem Erröthen daran, daß dieser beredte Mund gestern ihre Lippen im Kusse berührt habe. So verging die Zeit außerordentlich schnell. Es wurde dunkel, und Sandau mußte aufbrechen. Zwar wurde er aufgefordert, doch noch zu bleiben, aber er hatte ganz Recht, seine kranke Mutter nicht länger auf sich warten zu lassen. »Wir haben halbe Strecke einen Weg,« sagte Walther. »Ich gehe also mit. Milda wird mich entschuldigen.« Dann, als sie von der Schloßherrin freundlich entlassen und zur baldigen Wiederkehr aufgefordert waren, schritten sie schweigend neben einander her, die Straße entlang. Sandau hatte mit dem Eindrucke zu thun, den Milda auf ihn gemacht hatte. Darum war er so still. Aber das Schicksal des Freundes beschäftigte ihn ebenso sehr. Endlich fragte er: »Erkläre mir nur Eins, lieber Max: Was konnte Dich veranlassen, Regensburg mit diesem traurigen Gebirgsdorfe zu vertauschen?« »Kannst Du die Antwort nicht selbst finden?« »Nein Ich begreife die Sache einfach nicht.« »Ich wurde von jener guten, bösen Macht getrieben, welche an so vielem Glück und Unglück schuld zu sein pflegt.« »Alle Teufel, Du bist verliebt?« »Jetzt nicht mehr.« »Ah! Geheilt!» »Für immer!« »Glaub's nicht! Ein Mensch, der so veranlagt ist, wie Du, der wirft seine Liebe nicht so mir nichts Dir nichts auf den Schutthaufen. Sie bleibt in ihm. Sie schläft. Und wenn sie dann einmal wieder erwacht, so ist sie stärker und gewaltiger als je zuvor.« »Sprichst Du aus Erfahrung?» »Nein.« »So darfst Du überhaupt nicht urtheilen.« »Pah! Man hat Augen, um zu beobachten. Aber wie konnte die Liebe Dich zu diesem Wechsel des Wohnortes und der Stellung bewegen? Aber, ich will Dir ja nicht lästig fallen. Verzeihe!« »Du incommodirst mich gar nicht. Ich denke und spreche jetzt in aller Ruhe über diese Angelegenheit, und da Du Dich gern an den Erlebnissen und Erfahrungen Anderer bildest, so sei Dir gesagt, daß ich in Regensburg ein in Hohenwald wohnendes Mädchen kennen lernte.« »So, ah so! Schön!« »Natürlich! Jeder hält die Seinige für einen Engel.« »Hm! Wenn sie Dich gefesselt hat, so muß sie mehr als nur schön gewesen sein.« »Du vermuthest ganz richtig. Ich glaube, ich habe sie mehr als Psycholog, denn als Mensch, also mit dem Herzen geliebt. Dieser Engel war auch ein Wenig ein Teufel.« »Also nicht nur schön, sondern auch interessant. Dachte es mir!« »Um Dir mit einem einzigen Strich die Situation zu zeichnen, will ich Dir nur sagen, daß sie die Tochter dieses Silberbauers war, den wir heut vergeblich gesucht haben.« »Max!« rief Sandau erschrocken. »Nicht wahr, das hat Pointe? Laß es Dir erzählen!« Er erzählte in einfachen und scheinbar kalten, objektiven Worten sein Zusammentreffen mit der schönen Silbermartha. Er war noch nicht fertig, als sie die Stelle erreichten, an welcher der Fahrweg links nach Eichenfeld durch den Forst emporführte. »Ich gehe noch eine Strecke mit Dir,« sagte er und lenkte mit dem Freunde in den betreffenden Weg ein, um seine Erzählung zu Ende zu führen. Als er dann fertig war, fragte Sandau: »Und wo befindet sie sich jetzt?« »Ich weiß es nicht.« »Du denkst also, vollständig mit dieser Liebe gebrochen zu haben?« »Ich denke es.« »Selbsttäuschung!« »Meinst Du?« »Ja. Ich bin überzeugt, daß sie Dich wahrhaft liebt. Und, lege einmal die Hand auf das Herz, und sage mir aufrichtig, kommt Dir nicht zuweilen der Gedanke, daß Du zu hart mit ihr warst, daß sie den unverschuldeten Umstand, keine Mutter gehabt zu haben, büßen muß?« Walther antwortete nicht sofort. Darum fügte Sandau hinzu: »Ich wiederhole, was ich bereits sagte: Deine Liebe schläft. Sie wird stärker und gewaltiger erwachen, als sie vorher gewesen ist.« »Soll ich aufrichtig sein, so habe ich es mir auch zuweilen als möglich gedacht.« »Nicht wahr! Du als Psycholog kannst diesen Gedanken nicht als unmöglich verwerfen. Deine Liebe zu der üppigen Herzlosen ist eine sinnlichpsychologische gewesen. Du hast sie zurückgedrängt. Aus der Tiefe des Herzens wird sie geläutert hervorbrechen und – – – horch!« Er blieb lauschend stehen. »Was ists?« fragte Walther. »Sollte ich mich getäuscht haben? Es war mir, als ob ich eine menschliche Stimme hörte, wie um Hilfe rufend.« »Ich hörte nichts.« »Und doch! Horch! Da wieder!« Jetzt hörte auch Walther den Ton. Es war ein lang gezogener klagender Laut. »Wie von dem sterbenden Knaben in Erlkönigs Umarmung.« bemerkte Sandau. »Aus welcher Richtung kam es?« »Das ist hier kaum zu bestimmen, da mitten im Walde.« Wieder und nach einer kurzen Pause abermals erklang der zitternde, durchdringende Laut. Ich möchte behaupten, daß es da von rechts her kommt,« sagte Walther. »Dieser Ansicht bin ich jetzt auch.« »Was thun wir? Folgen wir dem Rufe?« »Natürlich. Wer weiß, welches arme, hilflose Wesen sich hier verirrt hat.« »Ich war erst ein einziges Mal hier oben und könnte mich in dieser Dunkelheit nicht zurecht finden. Bist Du besser bekannt?« »Ja. Ich war erst gestern hier, während des Gewitters, als ich Deine Schwester kennen lernte.« »Ah! Sie nannte Dich ihren Retter; Du aber fielst sogleich mit etwas Anderem ein. Ihr habt also darüber geschwiegen. Hoffentlich erfahre ich, auf welche Weise Ihr Euch kennen lerntet.« »Gelegentlich werde ich es Euch erzählen. Horch, da ruft es wieder.« »Es ist wirklich da rechts drin. Dort giebt es im Felsen eine Art von Höhle, in welcher man eine leidliche Unterkunft finden kann. Eigentlich sollten wir antworten. Ich will rufen.« »Halt! Rufe nicht!« warnte Walther, indem er ihn beim Arme ergriff. »Unterkunft kann man dort finden? Das bringt mich auf einen Gedanken, auf eine Vermuthung. Ach, wenn sie sich bewahrheitete!« »Woran denkst Du da?« »An den entflohenen Silberbauer.« »Das wär kühn!« »O nein. Er kennt wohl diese Höhlung und hat seinen Sohn herauf bestellt. Am Tage hat er sich in einem unzugänglichen Dickicht versteckt, und nun am Abende sucht er die bequeme Höhle auf.« »Der würde doch nicht rufen!« »Denke an das Wundfieber!« »Hat er ja gar nicht gehabt! Uebrigens ist es gradezu unbegreiflich, daß ein Mensch eine solche Verwundung überstehen und dann noch, nach dem Wehre laufen und schließlich unter solchen Umständen entfliehen kann.« »Er hat eine Pferdenatur. Aber denk an seine gestrige Anstrengung, an das kalte Bad und auch daran, daß er bis jetzt die nassen Kleider auf dem Leibe hatte. Da ist das Auftreten des Fiebers nicht nur erklärlich, sondern das Ausbleiben desselben wäre gradezu ein Wunder. Aber schweigen wir jetzt! Es ruft nicht mehr, sondern es stöhnt und wimmert, ganz in der Nähe.« »Die Höhle ist kaum noch dreißig Schritte von hier entfernt.« »So wollen wir alles Geräusch vermeiden und uns leise anschleichen.« Sie hatten schon längst den gebahnten Weg verlassen und waren, den Rufen folgend, nach rechter Hand unter den Bäumen vorgedrungen. Es war unter dem dichten Laubdach vollständig finster, so daß Beide sich führen und mit den freien Händen sich von Baum zu Baum tasten mußten. So kam es, daß sie nur sehr langsam Terrain gewonnen hatten. Jetzt hörte auch das Wimmern auf, doch ließ sich eine sprechende Stimme in Sätzen vernehmen, deren einzelne Worte wegen der noch zu großen Entfernung nicht verstanden werden konnten. Nun ragte es in schwarzer Schwere vor ihnen empor. Das war der Felsen, in welchem sich das Loch befand, und als sie um die Ecke desselben bogen, konnten sie auch die Worte verstehen, welche unter hörbarem Zähneklappern ausgesprochen wurden. »Wer soll ich sein?« erklang es. »Dera Silberbauern soll ich sein? Hundsfott, das ist eine Lüg, eine miserable Lüg! Willst sie gleich widerrufen! Wannsts nicht sofort widerrufst, schlag ich Dich gleich zu Boden!« Die beiden jungen Männer standen lauschend neben einander. »Er ist es!« flüsterte Walther. »Er redet von sich selbst.« »Könnte es nicht auch vielleicht ein Anderer sein?« »Nein. Ich kenne seine Stimme. Sie ist zwar verändert, weil er im Fieber spricht, aber dennoch zu erkennen. Horch!« Der Bauer sprach jetzt weiter: »Wie sagst? Was soll ich than haben? Und eine Kisten mit Gold geraubt? Wer sagt das? Wer hat das derfunden? Wer hats sich aussonnen? Die Anna? Die? Was die sagt, das gilt nix, gar nix! Die will mich nur in's Gefängniß bringen. Hoho! Seht Ihrs, wie das Schloß brennen thut? Wie das Feuern bis hinaufi zum Himmeln steigt? Wer hats anbrannt? Dera Silberbauern und dera Thalmüllern? Wer das sagt, den bring ich um, gleich um! Was das für eine Hitz wirft und für eine Gluth, so ein Feuern, wanns ganze Schloß brennt! Und doch frierts mich, als obs im Wintern wär bei lauter Eis und Schnee. Gebt mir ein Bett! Macht Feuern im Ofen, und kocht mir einen Grog! Wer soll das aushalten bei solcher Kälten! Hört Ihrs nicht, wies mir die Zähne zusammenklappert?« Die Beiden hörten deutlich, daß ihm die Zähne auf einander schlugen. »Schrecklich!« flüsterte Sandau. »Das ist Gottes Strafe!« »Du hast ganz richtig vermuthet. Sein Körper ist doch nicht stark genug gewesen für das Alles. Er hat das Fieber bekommen. Was ist zu thun?« »Man muß sich natürlich seiner Person versichern.« »Aber wie? Wir Beide etwa allein?« »Nein, das mag ich nicht wagen.« »Er ist allerdings sehr stark?« »Unter gewöhnlichen Umständen fürchte ich ihn nicht. Ich habe es ihm ja bewiesen. Aber jetzt? Ein Mensch, und zumal ein solcher, ist im Fieber zehnmal so stark als sonst. Er hat zwar nur einen Arm; aber wenn die Wuth über ihn kommt, so sind wir ihm wohl kaum gewachsen. Was wollen wir mit ihm anfangen, hier im Walde, in dieser Finsterniß!« »Es ist am Besten, wir lassen ihn hier liegen und gehen, um Leute herbei zu holen.« »Und wenn wir kommen, ist er fort!« »Denkst Du?« »Ja. Kann man wissen, was ihm während des Fiebers für Gedanken kommen?« »Aber uns hierher zu ihm setzen, das können wir doch auch nicht!« »Nein. Einer geht, um Hilfe zu holen, und der Andere bleibt hier, ohne es ihm merken zu lassen.« »Das ist eine gewagte Sache.« »Allerdings, aber es muß eben riscirt werden. Da Du hier im Walde mehr zu Hause bist als ich, so ists am Besten, Du gehst; ich würde die Richtung verlieren. Auch bin ich stärker als Du. Falls es ja zum Ringen mit ihm kommen sollte, habe ich mehr Hoffnung als Du, mit ihm fertig zu werden.« »Suche das lieber zu vermeiden!« »So lange es möglich ist, jawohl! Wenn er sich aber entfernen will, so muß ich ihn doch festhalten!« »Du könntest ihm ja auch unbemerkt folgen!« »In dieser Dunkelheit. Das ist unmöglich. Auch weiß man ja nicht, welche Richtung er einschlagen würde. Kämst Du dann, so wäre ich mit ihm nicht zu finden.« »So schau zu, wie Du mit ihm verkommst! Aber wen soll ich holen?« »Lauf so schnell wie möglich nach Hohenwald. Aber ich weiß nicht, ob Du die Leute dort kennst. Der Eschenbauer, bei welchem ich wohne, wäre der sicherste Mann. Er ist still und überlegsam. Da würde kein Geräusch gemacht.« »Zufälliger Weise kenne ich ihn. Er wohnt am Ende des Dorfes, wo früher das Gut des Feuerbalzers gestanden hat.« »Ja. Er mag sofort anspannen und den Knecht mitbringen, auch etliche Stricke, um nöthigenfalls den Silberbauer zu fesseln, und Stroh, oder sonst etwas weiches, daß er unterwegs nicht allzu hart liegt. Getragen kann er natürlich nicht werden. Nur per Wagen ist sein Transport möglich.« »Gut! Aber mir ists angst um Dich.« »Mache Dir ja nicht allzu große Sorge. Ich bin kaltblütig und stark. Das ist die Hauptsache. Und wie lange wird es dauern, so bist Du wieder hier. Ein Wenig über eine Viertelstunde brauchst Du hin, ebenso lang her und gleichfalls so lange zum Anspannen, macht also in Summa ungefähr drei Viertelstunden. So lange vermag ich ihn auf alle Fälle zu halten.« »Hoffentlich geht es nicht schlimmer, als Du denkst. Also ich gehe jetzt. Halte Dich gut, Max!« Sandau verschwand im Dunkel der Nacht. Walther setzte sich ganz in der Nähe des Felsenloches nieder. Welch ein Unterschied! Gestern hatte er mit Milda in der Höhlung Schutz gegen das Unwetter gefunden. Wie selig hatte da sein Her? geschlagen! Wie reizend war ihm da das Loch vorgekommen! Und jetzt! In finsterer Nacht neben einem verfehmten Verbrecher, der in wilden Phantasien lag! Hoffentlich blieb er still in dem Verstecke liegen. Der Bauer schien jetzt ganz bewegungslos zu sein. Er ächzte und stöhnte halblaut vor sich hin, und während der Pausen war das Klappern der Zähne zu hören. Dann schrie er plötzlich laut auf: »Fort mit Dir! Wer bist denn eigentlich? Was grinsest mich an und fletschest mir die Zähnen! Was, mein Weib willst sein? Was soll ich haben? Dich zu Tod geärgert? Wannst das mir nochmals sagst, so hau ich Dir den Stock in's Gesicht, viel mehr und viel stärkern als damals, wo Du noch lebtest! Sei froh, daßt todt bist! Du siehsts halt nicht, daß sie Deinen Mann im Wald suchen, um ihn zu fangen.« Dann begann das Wimmern wieder: Es war entsetzlich unheimlich in der Nähe dieses Mannes. So wie bisher, phantasierte er fort. Bald vertheidigte er sich laut und zornig gegen unhörbare Anklagen; dann stöhnte er zum Erbarmen. Das Fieber schien ihn förmlich empor zu werfen. So verging eine Viertelstunde und noch eine. Walther hörte die Hohenwalder Thurmuhr schlagen, wie wenn man mit einem Hammer auf einen alten, zerbrochenen Kessel schlägt. Diese Töne paßten ganz zu der Unheimlichkeit der gegenwärtigen Situation. Bereits begann er, in Gedanken die Minuten zu zählen. Bald mußte Sandau zurückkehren. Da stieß der Müller abermals einen Schrei aus. »Hilfe, Hilfe! Seht Ihr sie nicht? Das ist die Anna, die mich ins Mühlrad werfen will! Der Arm soll weg, grad wie beim Heiner!« Der Hilferuf wurde leiser und leiser, bis er endlich aufhörte. Dann begann der Phantasierende von Neuem in trotzigem Tone: »Wer kommt da? Wer lauft da hinter mir her? Dera Schullehrern, der Fratz! Was hat der zu lauschen und zu horchen! Was will er derfahren! Etwan von mir was? Nix, gar nix soll er derfahren. Liebern geh ich fort. Ich bleib nimmer hier, wo der Kerlen ist!« Es raschelte in dem Loche. Der Silberbauer kam heraus gekrochen. Er richtete sich mit seinem einen Arme mühsam am Felsen auf. Er taumelte dabei hin und her, und die Kinnbacken schlugen ihm gegen einander. »Brrr! Wie kalt!« stöhnte er. »Wo steckt er denn, dera Lehrern? Ich seh ihn doch gar nimmer! Vielleicht ist bessern, ich leg mich wiedern zu Bett. Aber dann, wann er kommt, dann hat er mich auch gleich fest. Nein, ich werd hier auf ihn warten.« Er stand da, krumm ungefähr wie ein Orang-Utang steht, wenn er sich aufgerichtet hat. Walther saß keine vier Schritte entfernt von ihm und konnte ihn trotz der Dunkelheit ziemlich deutlich sehen, da es hier keine Baumwipfeln gab, durch welche der Sternenhimmel verhüllt werden konnte. »Jetzund fangens wieder an!« zürnte der Bauer. »Seid dera neue Lehrern da ist, singens in dera Schulen lauter dumme Liedern, an die kein Mensch glauben thut. Horch, was singens jetzunder? Ich hörs schon, ich hörs ganz gut. Auch die Melodien kann ich auswendig. Sie klingt so!« Trotz seines Zähneklapperns sang er halblaut: »Ueb immer Treu und Redlichkeit Bis an Dein kühles Grab Und weiche keinen Finger breit Von Gottes Wegen ab!« Es schnitt dem Lauscher in die Seele, diese Worte in solcher Weise aus diesem Munde zu hören. Es war wirklich eine Selbstqual, die sich des Silberbauers bemächtigt hatte. »O, die Redseligkeiten!« lachte er höhnisch auf. »Wer ist redlich, wer?« Er horchte auf und fragte dann mit lauter, weithin schallender Stimme: »Wer hat da sprochen? Wer hat da fragt? Antwortet Keiner? Ah, es ist Niemand da, und ich hab doch glaubt, daß Jemand mich fragt hat. Nein, es hat kein Mensch sprochen. Ich bin allein, ganz allein. Und es ist still hier in dera Stuben. Aberst macht nur das Fenstern zu, damit ich das Gesing nimmer hör! Das halt ich nicht aus. Da muß ich allemal mitsingen.« Und er krächzte mit zitternder Stimme: Des Nachbars Kunz war bis ans Grab Ein rechter Höllenbrand. Er pflügte seinem Nachbar ab Und stahl ihm vieles Land. Nun pflügt er als ein Feuermann Auf seines Nachbars Flur–- Nix ist wahr, nix! Wers Land stohlen hat, der hats Land, und Niemand kanns ihm nehmen. Und wers Geld stohlen hat, der – – – So, wer wollt mir's nehmen, wer? Wer will unters Wehr kommen und mir den Schrank aufmachen? Ich möcht den sehen, ders wagen wollt!« Das rief er mit lauter, drohender Stimme. Dann aber fügte er wie erschrocken hinzu: »Pst, still! Sie kommen doch! Ich hör schon ihre Schritten! Aberst mich sollens halt nicht derwischen. Mich sollens nicht finden. Ich geh ihnen aus dem Wege.« Und er machte wirklich Anstalt, sich von der Höhe zu entfernen. Er tappte sich mit der Hand langsam am Felsen fort, Schritt für Schritt, auf Walthern zu. Dieser huschte zur Seite, um nicht von ihm bemerkt zu werden. So schritt der Fiebernde bis zur Ecke des Felsens. Dort blieb er horchend stehen. »Ja,« sagte er, »sie kommen. Ich muß noch weitern fort, viel weitern. Sehen darf mich Keiner hier am Wehr, sonst denkens gleich sofort, daß ich da was versteckt hab.« Er raffte sich zusammen, um in den Wald hinein zu schreiten. Da konnte der Bauer ihm entgehen. Darum trat er rasch einige Schritte vor und stellte sich zwischen den Bauer und den ersten Bäumen. Der Silberbauer bemerkte ihn sofort. Aber anstatt zu erschrecken und zu fliehen, wie Walther erwartet hatte, richtete der Kranke sich hoch auf und fragte: »Wer bist und was willst hier?« Dem Lehrer kam ein listiger Gedanke. Er antwortete im Dialecte der hiesigen Gegend: »Wer ich bin? Kennst mich wohl nicht.« »Nein, Dich kenn ich nicht.« »Ich Dich auch nicht. Sag, wert bist und wast hier thun willst!« »Geht Dich das was an?« »Nein, aberst Du hast doch auch mich so fragt!« »Das kann ich auch.« »So will ichs Dir sagen, wannst mich nicht verrathen willst.« »Ich verrath Keinen.« »Weißt denn auch, wot jetzund bist?« »Wohl werd ichs wissen: Da im Wald.« Es schien, daß von dem Augenblicke an, an welchem der Silberbauer den Lehrer gesehen hatte, das Fieber von ihm gewichen sei. Er sprach wie im vollständigen Bewußtsein. »Nun, schau!« sagte Walther in vertraulichem Tone. »Ich bin ein armer Teufeln und hab nix für den Ofen daheim. Da bin ich in den Wald gangen, um mir ein Holz zu holen.« »Ach so! Ein Dieb bist also, ein Spitzbuben!« »Das brauchst nicht gleich derowegen zu sagen.« »Nein, und dennoch ists wahr.« »So willst mich wohl verrathen?« »Verrathen? Fallt mir gar nimmer ein! Einen Dieb verrath ich nimmer. Ich bin ja selberst auch einer.« »Machst wohl einen Spaß?« »Nein. Wannst mirs aufrichtig sagt hast, daßt Holz stehlen willst, so kann ich auch so offen reden. Laß Dich nur nicht derwischen. Und hör nicht darauf, wanns in dera Schulen singen. Hörsts? Sie beginnen bereits schon wiedern!« Walthern beim Arme ergreifend, sang er leise: »Dann wirst Du wie auf grünen Aun' Durchs Erdenleben gehn. Dann kannst Du ohne Furcht und Graun Dem Tod ins Auge sehn.« Er war also doch nicht bei voller Besinnung. Ergreifend war die Scene für den Lehrer auch dadurch, daß er erfuhr, welchen Eindruck dieses Lied gemacht habe. Er hatte es mit seinen Schulkindern eingeübt. Die Buben und Mädchen sangen es jetzt auf der Straße. Der Silberbauer hatte es gehört und war von ihm so tief getroffen worden, daß ihm Töne und Worte jetzt durch den umnachteten Geist klangen. »Kennsts auch schon, das Lied?« fragte der Bauer. »Ja.« »Es taugt nix! Kannsts nur schnell vergessen. Also Holz stehlen willst? Laß Dich nur nicht derwischen! Ich aberst verrath Dich nicht. Bist etwan schon lange im Wald?« »Ja.« »Hast Niemand sehen?« »O doch.« »Wohl gar viele Leutln?« »Sehr viele.« »Was habens denn im Wald gewollt? Habens vielleicht gar Einen sucht?« »Fast schien es so.« »Etwan den Silberbauern?« »Ja, den glaub ich.« »Nun, habens ihn funden?« »Nein.« »Schau, den werdens auch nimmer finden. Er hat seinen Sohn bestellt, den Silberfritzen. Der bringt ihm ein großes Geldl und ein anderes Gewandl, und sodann verschwindet dera Silberbauern ganz hinweg aus dero Gegend. Kannsts ihnen sagen, daß sie sich keine Mühen geben sollen. Sie bekommen ihn doch nicht. Und der, der ihn am Liebsten gern haben möcht, dera neue Schulmeistern, der bekommt ihn auch nicht. Kennst ihn wohl vielleichten?« »Ja.« »Hasts wohl auch schon hört, daß er mit dem Silberbauern rauft hat?« »Auch das weiß ich.« »Und wer ist dem Andern über gewest?« »Ja, wenn ich das wissen thät!« »Nun, so will ichs Dir sagen. Dera Silberbauern hat den Lehrern zur Erd worfen und fast zu Tod schlagen. Das kannst auch denken, denn dera Bauern ist ein großer, starker Kerlen und dera Lehrern so eine kleine Kröten, fast so klein wie Du und auch so einen Huten hat er aufi und –« Er hielt plötzlich inne und trat einen Schritt zurück. »Was hast? Sprich doch weitern!« sagte Walther, welcher ahnte, daß die Scene jetzt eine ganz andere Wendung bekommen werde. »Ja, wer bist denn eigentlich? Das hast mir halt noch gar nicht sagt.« »Du mir auch noch nicht, wer Du bist.« »Das brauchst auch nicht zu wissen.« »Warum fragst da, wer ich bin?« »Weil ichs wissen muß. Weißt, ich traue Dir nicht. Du bist –« Er trat schnell heran, ergriff den Lehrer am Arme und brachte sein Gesicht ganz nahe an dasjenige Walthers. Er erkannte ihn, denn er fuhr zurück und rief: »Himmelsakra! Spion, verfluchter! Willst mich fangen! Da hasts!« Er holte zu einem fürchterlichen Hiebe aus. Walther war auf seiner Hut gewesen und trat rasch zur Seite. Der Bauer stürzte von der Wucht seines eigenen Schlages zu Boden, raffte sich aber augenblicklich auf und faßte den Lehrer bei der Brust. »Fangen willst mich! Ja, das glaub ich gar wohl. Aberst Du hast nicht mich, sondern ich hab Dich. Und nun sollst sehen, was ich mit Dir thu.« Er hielt den Lehrer mit eiserner Faust gepackt und streckte den Arm so weit und gerade aus, daß Walther ihn gar nicht zu fassen vermochte. Auf diese Weise versuchte er, ihn mit sich fort zu zerren, dahin, wo der Felsen stell zur Tiefe abfiel. »Da mußt hinunter, da hinab!« knirschte er, indem er immer weiter nach dem Abgrund avancirte. Es gab für Walthern kein anderes Mittel, von dem grimmigen Gegner loszukommen, als sich seiner Beine gegen denselben zu bedienen. Er versetzte dem Bauer einen kräftigen Fußtritt in die Weichen. Da ließ der Wüthende los. »Treten hast mich, treten mit dem Fuß! Und da kommen auch die Andern, die am Wehre mit Dir waren. Aberst ehe sie da sind, mußt Du todt sein, ganz todt, ganz!« Er schlug mit der Faust und trat mit den Füßen blind auf den Lehrer ein. Dabei schrie er: »Schau, wie das Schloß brennt! Ich solls anzündet haben. Aberst es ist nicht wahr. Ich will nur Dich hineinwerfen in die Flammen! Und den Heiner soll ich hinabworfen haben in das Rad. Das ist auch eine Lüge. Doch Du sollst hinab. Du sollst auch nur einen Arm haben, grad so wie er und ich!« Seine Hiebe fielen hageldick und gedankenschnell. Das Fieber war wieder über ihn gekommen, aber während der Phantasieen hielt er doch den Gedanken fest, den Lehrer vor sich zu haben. Dieser konnte nichts Anderes thun, als die Hiebe seines Gegners pariren. Angreifend zu verfahren, dazu kam er gar nicht. Und trotz des Fiebers verfolgte der Wüthende ganz seine vorige Absicht Walthern an den Abgrund zu drängen. Sie näherten sich demselben immer mehr. Die Gefahr wurde größer und immer größer. Da machte Walther eine Seitenwendung, huschte unter dem Arme des Gegners hinweg, faßte ihn von hinten beim Kragen, drückte ihm das Knie in den Rücken und warf ihn zu Boden. Aber der Silberbauer hatte ihn noch im Fallen auch gepackt und riß ihn mit zu Boden. Jetzt begann ein entsetzliches Ringen. Walther hatte seine beiden Arme und war dem Bauer an Gewandtheit überlegen. Dem Letzteren aber gab das Fieber eine Vervielfältigung seiner Kräfte. Er biß um sich wie ein wildes Thier. Walcher ergriff ihn mit einer Hand bei der Gurgel und mit der andern beim Arme und hielt ihn so fest. Der Bauer versuchte, sich unter ihm aufzubäumen – vergeblich. Walther spannte seine Muskeln und Flechsen auf das Stärkste an. Lange freilich konnte er es nicht aushalten«, das fühlte er gar wohl. Da hörte er das Knarren eines Wagens. »Rudolf, Rudolf,« rief er. »Ja, ja!« antwortete es. »Komm, komm!« »Gleich, gleich bin ich dort!« »Jetzt kommens! Jetzt wollens mich haben. Aber sie sollen mich nicht derwischen!« schrie der Bauer. »Erst dermord ich Dich und dann auch sie. Hinein müßt Ihr ins Feuern! Hinein, wo das Schloß brennt, alle alle!« Er machte eine Anstrengung, wie nur ein Wahnsinniger oder Fieberkranker sie machen kann. Walther preßte die Zähne zusammen und – hielt aus. Sie lagen jetzt ganz nahe am Rande des Abgrundes. Erhielt der Bauer nur einen kurzen Augenblick die Oberhand, so konnte der junge, muthige Mann verloren sein. Da ließen sich eilige Schritte hören, welche trotz der Dunkelheit und der Bäume schnell näher kamen. Dahinter erschienen die Lichter mehrerer Laternen. »Max, wo bist Du?« rief Sandau. »Hier, hier.« »Kämpft Ihr vielleicht?« »Ja. Greif zu. Aber stürzt um Gotteswillen nicht hinab.« Der Silberbauer brüllte wie ein Stier, welchem in der Arena die Spitzen der Lanzen in das Fleisch gedrungen sind. »Sie kommen; sie kommen! Hinab in die Höll mit ihnen! Hinab!« Er zog seinen Leib zusammen und schnellte ihn wieder aus. Es war eine fürchterliche Kraftanstrengung, aber er vermochte doch nicht den Lehrer von sich abzuschütteln. Doch diese Bewegung hatte Beide noch näher an den Abgrund gebracht. »Rudolf, schnell! Um Gotteswillen!« rief Walther, der sich nicht loszumachen vermochte. »Da bin ich!« Bei diesen Worten warf Sandau sich nieder, ergriff den Silberbauer beim Haare und zog ihn und mit ihm den auf ihm liegenden Lehrer von der gefährlichen Stelle fort. Und nun war auch der Eschenbauer mit seinem Knechte da. Beide hatten Laternen. Sie sahen die drei Ringenden, setzten die Laternen zu Boden und warfen sich auf den Bauer, welcher vor Wuth schäumte und trotz seines kranken Zustandes einem auf das Schiffsdeck gezogenen Haifisch glich, welchem die Kraft genommen ist, der aber doch mit einem Bisse seines Rachens oder einem Schlag seines Schwanzes noch zu verletzen oder gar zu tödten vermag. »Stricke, nehmt Stricke!« rief Walther. Der Knecht hatte mehrere derselben mitgebracht, sie aber zu Boden geworfen, als er den Bauer faßte. Er holte sie herbei, und nun banden die Drei dem sich wüthend Wehrenden zunächst die Füße zusammen, damit er mit ihnen nicht gefährlich zu verletzen vermochte. Unter bedeutender Anstrengung wurde ihm dann auch der Arm an den Leib gefesselt. Er lag nun bewegungslos da. Der Schaum stand ihm vor dem Munde, und seine Brust athmete unter keuchendem Röcheln. »Ihr Hunde!« stieß er dazwischen hervor. »Ihr Mörder! Was wollt Ihr mit mir! Wißt Ihr, wer ich bin? Meint Ihr etwan, ich sei dera Silberbauern? Der bin ich nicht. Ich bin dera Baron von Gulijan. Versteht Ihr mich! Ihr wollt mich nur fesseln, daß mein Weib verbrennen soll, daß ich sie nicht aus dem Feuer holen kann. Bringt den Silberbauern herbei und den Thalmüllern, und werft sie hinein! Die haben das Schloß verbrannt. Ich aber bin unschuldig!« »Herrgott! Er ist verrückt worden!« sagte der Eschenbauer. »O nein,« antwortete der Lehrer. »Er fiebert und sagt dabei Dinge, welche in Wirklichkeit passirt sind.« »Aber Max, wie siehst Du aus!« sagte Sandau. Beim Scheine der beiden Laternen bemerkte Walther, daß fast sein ganzer Anzug zerfetzt war. »Das ist noch zu tragen,« meinte er. »Aber wenn Ihr einige Minuten später gekommen wärt, so hättet Ihr mich höchst wahrscheinlich nicht mehr hier gefunden. Ich wäre mit ihm in den Abgrund gestürzt.« . »Wie ist denn das gekommen? Erzähle doch!« »Später. Jetzt fehlt es mir an Athem. Wollen ihn nach dem Wagen schaffen, damit er unter Obdach kommt. Man muß Alles thun, um ihn am Leben zu erhalten. Wäre das nicht, so hätte ich mich nicht in so große Gefahr zu begeben gebraucht. Ich hätte ihn einfach erwürgt. Aber seine Geständnisse sind von großem Werthe.« Der Wagen hielt auf der Waldstraße. Der Bauer wurde nach demselben getragen und in das Heu gelegt, welches fürsorglicher Weise mitgebracht worden war. Dann wurde er extra noch angebunden. Bei einem solchen Menschen mußte man alle möglichen Vorsichtsmaßregeln in Anwendung bringen. Jetzt nun, als der Wagen sich heimwärts in Bewegung setzte, erzählte Walther, wie er in den Kampf mit dem Fiebernden gekommen war. Dabei sprach er natürlich nicht laut, und auch die daran sich knüpfenden Bemerkungen wurden so leise ausgesprochen, daß der Silberbauer sie nicht zu hören vermochte. Er befand sich jetzt ruhig, wie es schien, in einem Zustande der Erschöpfung nach der vorangegangenen körperlichen Anstrengung. Nur leise, jammernde Laute stieß er zuweilen aus. Wie Walther jetzt erfuhr, hatte der Eschenbauer dafür gesorgt, daß Niemand von dem Zwecke dieser nächtlichen Fuhre Etwas erfahren hatte. Selbst seiner Frau hatte er es verschwiegen und dem Knechte es erst unterwegs gesagt, wohin er fahren solle. Dennoch blieb es nicht verschwiegen, denn als sie jetzt das Dorf erreichten und grad am Gasthofe vorüber wollten, bekam der Silberbauer einen neuen Fieberanfall. Der Umstand, daß er mit Gewalt verhindert wurde, seine Glieder zu bewegen, vergrößerte die Wuth, welche sich seiner bemächtigte. Er schrie überlaut, so daß es durch das ganze Dorf zu hören war: »Wo bin ich? Warum hat man mich anbunden? Was will man von mir? Denkt man etwan, daß ich ein Dieb oder ein Mördern bin? Hält man mich für denen Silberbauern? Das kann ich nicht dulden. Ich bin ein ganz Anderer. Ich bin ein Baronen und werd meine Leuten zusammenrufen. Hilfe, Hilfe, Hilfe!« Diesen Ruf wiederholte er so oft und stieß ihn in so durchdringendem Tone aus, daß sofort alle Gäste aus dem Gasthofe gestürzt kamen und den, Wagen umringten. Nun war es nicht mehr zu verschweigen. Es erhob sich ein allgemeines Halloh, so daß auch noch andere Leute herbei kamen und den Wagen bis zum Silbergute begleiteten. Diese Begleitung wuchs von Schritt zu Schritt immer mehr an. »Sie bringen den Silberbauern. Dera Herr Lehrern hat ihn fangen draußen im Wald!« ging es von Mund zu Mund, von Haus zu Haus. Und in anerkennender Weise wurden Bemerkungen laut wie: »Ja, dera Herr Lehrern, das ist halt Einer, ein gar Feiner! Er hats dem Silberbauern gleich in der ersten Stund an den Kopf sagt, daß der sich vor ihm in Acht zu nehmen hat! So Einen haben wir hier gar noch nicht habt. Der weiß halt, was er will, und wer ihm zuwider thut, der kanns nicht lange treiben.« Das größte Aufsehen erregte die Ankunft des Bauers natürlich bei seinem Gesinde. Die Leute sprachen kein Wort. Sie flüsterten nur leise mit einander und warfen scheue, ehrfurchtsvolle Blicke auf den Lehrer, der das aber gar nicht zu bemerken schien. Der Kranke wurde nach derselben Stube gebracht, in welcher er vorher gelegen hatte. Dann schickte man auf Anordnung des Lehrers sofort nach der Mühle zum Medicinalrathe. Auch der stellvertretende Ortsvorsteher wurde geholt, um Veranstaltung zu treffen, daß bis auf Weiteres ein Wachtdienst angeordnet werde. Man durfte den Gefangenen nicht abermals entwischen lassen. Er hatte sich ohne Widerstreben entkleiden lassen und lag ganz ruhig in seinem Bette, die Augen starr nach der Decke gerichtet. Nur wenn ihn der Schüttelfrost überfiel, jammerte er kläglich. Da kam der Balzerbauer herein, welcher, wie bereits erwähnt, seine Wohnung im Silberhofe aufgeschlagen hatte. Er wollte sich den Gefangenen auch einmal ansehen. Als er sich über das Gesicht desselben beugte, fiel der Blick des Silberbauers auf ihn. Sofort nahmen die Züge desselben den Ausdruck der grimmigsten Wuth an. »Wer bist? Was willst hier bei mir?« schrie er auf. »Pack Dich von hinnen! Meinst etwan, ich hab Dich derschlagen?« »Ja, Du warst es!« antwortete Balzer, welcher sich im Besitze seiner Verstandeskräfte befand. »Ich? Das ist nicht wahr!« »Ja, mit dem Hammern!« »Nein. Ich hab niemals einen Hammern habt.« »Aberst sie haben ihn bei Dir funden und auch den Fünfhundertthalerschein, dent von damals noch aufhoben hast.« »Das ist abermals eine Lügen, eine ganz niederträchtige Lügen! Geh fort, sonst thu ich, was mir damals nicht gelungen ist: Ich schlag Dich todt. Fort, fort!« Er bäumte sich im Bette auf und holte mit der geballten Faust zum Schlage aus. Balzer mußte sich sogleich entfernen, damit die Aufregung den Zustand des Kranken nicht verschlimmere. Als der Medicinalrath kam, lag der Letztere wieder im Fieberfroste. Der Arzt untersuchte ihn sorgfältig, schüttelte den Kopf und sagte leise zu Walther: »Wenn er das übersteht, so habe ich einen solchen Fall noch gar nicht erlebt. Ich werde ein fieberstillendes Mittel verschreiben. Das ist zunächst Alles, was ich thun kann. Dringend muß ich aber anordnen, daß der Patient keinen Augenblick allein gelassen werde. Es müssen stets einige starke Männer anwesend sein, die ihn bei einem Anfalle von Fieberwuth bezwingen können. Auch muß Alles entfernt werden, womit er dann sich oder Andern gefährlich werden könnte. Hoffentlich kehrt der Herr Assessor noch heut aus Scheibenbad zurück. Ich halte es für das Gerathenste, den Silberbauer in die Gefangenenabtheilung eines Krankenhauses unterzubringen. Der von ihm erwähnte Assessor war, wie bereits erwähnt, heut nach Scheibenbad zu dem Thalmüller. Der Wurzelsepp hatte ihn begleiten dürfen. Der Weg war natürlich per Wagen zurückgelegt worden. Sie waren natürlich nicht bei der Mühle vorgefahren, sondern in einem Gasthofe der Stadt abgestiegen. »Ich möchte,« sagte der Assessor, »dem Müller nicht sofort merken zu lassen, daß ich ein Gerichtsbeamter bin. Ich kehre zunächst als Gast bei ihm ein und werde es auf irgend eine Weise einzurichten suchen, daß ich mit ihm zufälliger Weise zu sprechen komme. Wo aber werden wir den Fex treffen?« »Auf dem Bahnhofe, wann sein Zug kommt.« Der Assessor nahm den Fahrplan herbei, warf einen prüfenden Blick auf denselben und sagte: »Wenn er den nach Empfang der Depesche zunächst abgehenden Zug benutzt hat, kann er bereits hier sein, denn derselbe ist vor drei Viertelstunden angekommen.« »So weiß ich, wo er zu finden ist.« »Wo?« »Am Zigeunergrab.« »Was ist das?« »Ein Heidengrab in der Nähe der Thalmühlen. Was es mit demselbigen für eine Bewandtnissen hat, wird er Ihnen wohl selbst derzählen. Er weiß das viel bessern als ich. Soll ich hingehen und ihn aufsuchen?« »Ja. Unterdessen kann ich meine Collegen hier unterrichten. Ohne vorherige Meldung habe ich hier in diesem Bezirke natürlich keine amtliche Gewalt.« Der Sepp hatte Recht gehabt. Der Fex hatte sich, als er die Depesche gelesen hatte, sofort nach dem Bahnhofe begeben. Er konnte zwar nicht begreifen, was sein alter Freund von ihm wollte, sagte sich aber, daß die Veranlassung zu dem Telegramme jedenfalls eine genug wichtige sein werde. Er saß zunächst allein in seinem Coupée. Wer ihn früher gesehen hatte, hätte jetzt in ihm wohl kaum den einstigen, mit wahren Lumpen bekleideten Fährmann wieder erkannt. Er trug einen sehr eleganten Anzug. Der eigenartige Chic, welcher ihm angeboren war, hatte während seines Aufenthaltes in der Residenz eine schnelle Ausbildung erhalten. Das lang gelockte, blonde Haar, welches er auch jetzt noch trug, stand gar gut zu dem schön geschnittenen, noch immer von der Sonne gebräunten Gesichte. Das Ebenmaß seiner Glieder wurde durch den modernen Anzug ganz besonders hervorgehoben und wurde in seiner Wirkung vergrößert durch die Gewandtheit und Sicherheit seiner Bewegungen, welche keineswegs verrathen ließen, daß er seine bisherige Lebenszeit in einer Art von Sklaverei zugebracht habe. Nachdem einige Stationen zurückgelegt worden waren, öffnete der Schaffner das Coupée und fragte, ob es vielleicht unangenehm sei, wenn eine Dame mit Platz nehme. »Ich kann es nicht verwehren,« antwortete der Fex in der halb vornehmen, halb leichten Art und Weise, welche er sich in letzter Zeit angeeignet hatte. Ein kleiner Handkoffer wurde hereingethan, und sodann stieg die betreffende Dame ein. Der Fex erkannte sie sofort, da sie mit ihrem Vater und ihrer Schwester in der dem Thalmüller gehörigen Villa gewohnt hatte und vielleicht auch jetzt noch wohnte. Sie grüßte höflich, machte es sich bequem und erklärte, nachdem der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte: »Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie meine Bitte nicht abschläglich beschieden haben. Ich komme aus München und will nach Scheibenbad.« »Ich ebenso,« antwortete er, indem er sich leicht verneigte und dabei ein leises Lächeln nicht verbergen konnte. Seine Reisegefährtin war nämlich Franza von Stauffen, die dicke Dichterin, welche damals dem Krikelanton behilflich gewesen war, seinen Verfolgern zu entkommen. Sie trug ein weitpauschiges, grasgrünes Kleid, einen grellrothen Ueberwurf und einen hellblauen Amazonenhut mit schwefelgelber Feder. In ihrer Hand ruhte der bekannte, mit einem Knauftintenfasse versehene Schirm, und an einem rosafarbenen Riemen hing die theure Mappe an ihrer linken Seite. Es war ihr auf die weiteste Entfernung anzusehen, daß sie irgend eine Art von Bekanntschaft mit der edlen Dichtkunst geschlossen habe. »Leider verlangte ich ein Damencoupée,« fuhr sie fort. »Leider?« fiel er in befremdetem Tone ein. »Ja, leider. Eine gebildete Dame sollte sich nie in ein Frauencoupée setzen. Entweder hocken die Insassinnen stolz und wortlos in ihren Ecken, gönnen einander kein freundliches Wort und mustern einander mit verstohlen sein sollenden und dennoch sehr gut an den Mann gebrachten verächtlichen Blicken, oder sie geben sich im graden Gegentheile einer überlebhaften Unterhaltung hin, welche eigentlich nur den Namen Schnatterei verdient und den einzigen Zweck verfolgt, dem lieben Nächsten das letzte Zipfelchen seiner Ehre vollends abzuzwicken. Geben Sie das zu?« »Ich kann es wenigstens nicht bestreiten, da ich noch niemals das Vergnügen gehabt habe, in einem Damencoupée zu reisen.« »Ach so! Ich vergaß. Das ist Ihnen doch verboten, da Sie ein Herr sind. Ich fahre in Folge dessen viel lieber mit Herren. Man unterhält sich da viel besser. Es ist da Alles solider und kräftiger. Es geht ein feiner Cigarettenduft durch das Coupée, und wenn dann gar einer der Herren einen leichten Pferdegeruch an sich hat, so ist das der sicherste Beweis, daß er ein Kavalier ist. Diese Herren sind in Allem bewandert und erfahren, in jeder Kunst und Wissenschaft au fait , und darum fühlt man sich bei ihnen tausendmal wohler als im Damencoupée. Leider ging ich heut einmal von meiner Gewohnheit ab, was ich aber sofort zu bereuen hatte.« »Sie fuhren also nicht angenehm?« »Ganz und gar nicht. In der einen. Ecke saß eine dicke Dame mit einem Mopse, welcher fast noch dicker war als sie. Sie hatte das liebe Vieh mit Eau de Cologne eingeschmiert, und zwar in einer Weise, daß das Fell naß glänzte und das ganze Coupée darnach stank. Ich kann nämlich diese Parfüms nicht leiden. Nur wer einen schlecht riechenden Schweiß hat, hat Veranlassung sich zu parfümiren. Treffe ich also eine Dame, welche sich irgendeines Wohlgeruches bedient, so bin ich stets gleich überzeugt, daß sie eigentlich eine übelduftende Persönlichkeit ist. Meinen Sie nicht auch?« »Ich gestehe aufrichtig, daß ich es leider bisher unterlassen habe, eine Dame genau anzuriechen.« »Das müssen Sie in Zukunft immer thun. Sie werden dann einsehen, daß ich Recht habe. Also weiter! In der andern Ecke saß eine lange, hagere Vogelscheuche. Sie hatte eine so lange Nase, daß man an der Spitze derselben leicht eine electrische Beleuchtung hätte anbringen können. Sie schlief und schnarchte laut dazu.« »O weh!« »Ah, Sie können das Schnarchen auch nicht leiden?« »Nein.« »Ganz mein Fall. Ich erkenne überhaupt, daß wir im höchsten Grade mit einander harmoniren. Doch wissen Sie, ein richtiges Schnarchen, welches ungefähr so klingt wie ein Strumpfwirkerstuhl, das ist noch zu ertragen, denn da liegt Kraft und Energie darin, also etwas sehr lobenswerthes. Diese Dame aber schnarchte ganz anders. Sie öffnete den Mund so weit, daß ihr das falsche Gebiß herausfallen wollte, zog die Luft mit einem entsetzlichen ›Chchchchchchchchchch‹ ein, blieb dann plötzlich stecken, schnappte nach Athem, klappte den Mund erschrocken zu und stieß die Luft mit einem brausenden ›Pwww‹ wieder von sich. Das machte mich ungeheuer nervös. Erst dachte man, sie werde ersticken, und dann glaubte man, sie müsse zerplatzen, und das wiederholte sich mit jedem Athemzuge.« »Sehr fatal!« »Nicht wahr? Ja, Sie und ich, wir Beide sind einander höchst sympathisch.« »Wenigstens schnarche ich nicht.« »Und ich dufte nicht.« »Gab es nicht noch eine dritte interessante Ecke in diesem unglückseligen Coupée?« »Leider ja. Darin saß ein Backfischchen. Das liebe Seelchen mochte in ihrem Leben die Mama zum ersten Male verlassen haben. Sie weinte ohne Unterlaß. Ihre Ecke schien der Entspringungsort des Rheines oder der Donau zu sein. Und das Weinen kann ich nicht vertragen. Es wird mir da so weich im Magen, als ob ich an seiner Stelle zehn Tafeln Watte im Leibe hätte. Und Sie geben wohl zu, daß dies kein sehr angenehmes Gefühl sein kann?« »Ganz gern. Und in der vierten Ecke saßen wohl Sie selbst?« »Ja. Weitere Passagiere gab es nicht.« »Ich bedaure Sie!« »Ja, Sie besitzen ein ausgezeichnet gutes Herz. Das sieht man Ihnen sofort an. Ich fühlte mich in dieser Gesellschaft ganz unheimlich und sann natürlich auf Abhilfe. Ich wendete mich zunächst an den Backfisch, indem ich eine theilnehmende Frage aussprach. Aber meiner Absicht grad entgegengesetzt, heulte die Kleine nun noch mehr. Erst waren die Thränen erbsengroß gewesen, jetzt nahmen sie sofort die Größe einer Haselnuß an. Ich bat sie nun, sich zu beruhigen und ja nicht so fortzuweinen; da wurden die Tropfen wallnußdick. Hätte ich noch ein einziges Wörtchen gesagt, so hätte sie Kegelkugeln geweint und wäre in zwei Minuten ganz in Wasser zerflossen gewesen. Ich wendete mich also von ihr ab und an die Dame mit dem Mopse. Kaum aber hatte ich den Mund geöffnet, so bellte mich das Vieh wüthend an und zeterte in allen möglichen Sprachen und Mundarten des Thierreiches.« »O weh!« »Und wissen Sie, wie die Dicke ihren Mops vertheidigte oder vielmehr entschuldigte?« »Nun?« »Sie sagte zu mir: Lassen Sie ihn! Er thut Ihnen nichts. Er kennt Sie nicht, denn Sie sind ihm noch nicht vorgestellt worden. Ist das nicht impertinent?« »Mehr als das!« lachte der Fex. »Nach diesem Mißerfolge wendete ich mich an die Schnarcherin. Ich richtete eine höfliche Frage an sie. Sie starrte mich erstaunt an und sagte mir frank und frei in das Gesicht, daß ich sie in Ruhe lassen solle.« »Das war ja gradezu grob!« »Natürlich! Aber es gab mir die Veranlassung, meinerseits auch grob mit ihr zu sein. Ich sagte ihr also, daß sie nicht so gewaltig schnarchen solle. Da wurde sie freilich gesprächig, und wie! Sie behauptete, ich hätte das Rollen des Zuges, das Pfeifen und Stöhnen der Maschine mit ihren leisen Athemzügen verwechselt, und gab mir den guten Rath, meine Ohren besser in Ordnung zu halten. Im nächsten Augenblicke schnarchte sie weiter, entsetzlicher noch als vorher. So hatte ich vor mir ein duftendes, ein schnarchendes und ein in Schmerzen zerfließendes Wesen. Das war nicht auszuhalten, und ich bat den Schaffner um ein anderes Coupée. Ich bin herzlich froh, daß er mich zu Ihnen plazirt hat, und hoffe, daß wir uns vertragen werden.« »Ich werde mich bemühen, artig zu sein, mein Fräulein.« »Ah, Sie wissen, daß ich unverheirathet bin?« »Man sieht es Ihnen an. Sie haben das Duftige einer Blüthe, die noch nie berührt wurde.« Sie merkte nicht die kleine Ironie, welche er um seine Lippen spielen ließ. »Ah! Sie sind poetisch? Eine Blüthe, welche noch nie berührt, noch von keinem Wurm verzehrt wurde! Bitte, beschäftigen Sie sich mit Literatur, mein Herr?« »Sehr gern.« »Ich ebenso. Ja, ich kann sogar sagen, daß die Literatur eigentlich mein Fach ist. Ich bin nämlich Dichterin.« Sie verbeugte sich gegen ihn, und darum antwortete er unter einer eben solchen Verbeugung: »Und ich Musiker.« »Ah! Also Künstler! Das ist ja recht schön! Nun interessire ich mich noch einmal so stark für Sie, denn ich finde in Ihnen vielleicht ein Wesen, welches ich seit einiger Zeit vergeblich gesucht habe.« »Darf ich fragen, welch ein Wesen Sie meinen?« »Ja, ein Modell.« »Ah, ein Modell! Höchst interessant!« Er sagte das sehr ernsthaft, mußte sich aber alle Mühe geben, das Lachen zu verbeißen. »Ja, und ich muß Ihnen die Sache erklären. Ich will nämlich eine Künstlernovelle schreiben.« »Das ist reizend. Hoffentlich wird man sie recht bald lesen können?« »Wenn ich erst meine Modells beisammen habe, werde ich das Manuskript beginnen. Ich brauche dazu natürlich alle Arten von Künstler, Dichter, Musici, Bildhauer, Sänger, Schauspieler, Kunstreiter, Seiltänzer, Akrobaten und Andere. Sie sind das gradezu wunderbare Modell eines Musikkünstlers. Erlauben Sie mir, Ihre Gestalt mit in meine Novelle zu verflechten?« »Ja.« »Wie liebenswürdig! Zum Küssen!« »Natürlich mache ich die Bedingung, daß meine Gestalt dabei keinen Schaden erleidet.« »O nein. Ich meine natürlich nur eine ideelle Gestalt.« »Gewiß, denn diejenige, in welcher Sie mich hier sehen, würde sich zum, ›Verflechten‹ nicht gut eignen.« »Bitte, welches ist Ihr Instrument?« »Die Violine.« »Ah, grad wie beim Fex!« »Fex? Wer ist das« »Das wissen Sie nicht? Es ist doch in allen Musik- und Kunstzeitungen, von ihm geschrieben worden.« Und nun begann sie, von jenem Concerte zu sprechen, in welchem der Fex vor dem König aufgetreten war. »Haben Sie ihn auch gehört?« fragte er. »Leider nein. Ich wollte das Concert besuchen, wurde aber daran verhindert. Gesehen aber habe ich ihn einige Male. Er hat mich übergefahren, und ich hatte auch Gelegenheit, ihn als Held Campeador zu bewundern.« Sie erzählte, daß sie ihn damals belauscht habe, als er wegen der Paula mit dem Fingerlfranz gekämpft hatte. »So werde ich mir ihn ansehen.« »Wann, mein Herr?« »Jetzt, wenn ich nach Scheibenbad komme.« »Das ist unmöglich. Sie finden ihn nicht mehr dort. Er ist da, von woher Sie kommen, nämlich in München.« »So müßte man ihn doch kennen!« »Er scheint sehr verborgen zu leben. Es hat mir Niemand seine Adresse sagen können, obgleich ich mich bei Vielen erkundigte.« »Hatten Sie eine bestimmte Veranlassung zu dieser Erkundigung?« »Ja. Ich wollte ihn besuchen.« »Ah, wirklich! Auf welche Veranlassung hin?« »Wegen meiner Künstlernovelle. Grad ihn wollte ich zum Modell haben. Grad ihn wollte ich als Typus eines jungen Violinvirtuosen schildern. Leider aber habe ich ihn nicht finden können.« »Die Polizei muß seine Adresse doch kennen?« »Nein, auch nicht. Ich war dort.« »Hm! Welchen Namen haben Sie denn genannt? »Natürlich den Namen Fex.« »Heißt der junge Mann wirklich so?« »Ja, das weiß ich auch nicht. Er wurde allgemein nur so genannt.« »Aber das Wort Fex scheint mir doch wohl eine Art Beiname zu sein.« »Das wäre freilich möglich. Und in diesem Falle ist es gar nicht zu verwundern, daß ich ihn nicht gefunden habe.« »Da ich in München wohne, würde es mir vielleicht leichter als Ihnen werden, seine Wohnung zu erfragen. Ich bin dann gern bereit, Sie von derselben zu benachrichtigen.« »Sehr verbunden, mein Herr! Aber ich weiß wirklich nicht, ob dies nun noch nöthig sein wird. Ich habe ja jetzt ein anderes Modell.« »Mich!« lächelte er. »Ja.« »Nun, vielleicht wäre die künstlerische Gestalt dieses Fex viel geeigneter für Ihre schönen Zwecke als die meinige. Und Schaden kann es ja keineswegs bringen, wenn Sie seine Adresse erfahren.« »Gewiß nicht. Sie wollen also wirklich die Güte haben, mich zu benachrichtigen?« Da hielt der Zug. ›Station Scheibenbad!‹ meldeten die Schaffner. »Sehr gern, wie ich Ihnen bereits versicherte, antwortete er ihr. »Bitte, darf ich Ihnen Ihren Koffer hinausreichen?« Die Thür des Coupées wurde geöffnet. Die Dichterin stieg aus. Er reichte ihr den Koffer nach und folgte dann selbst. »Wenn Sie mir schreiben wollen, muß ich Sie doch nothwendiger Weise in den Besitz meiner Karte setzen,« sagte sie. »Bitte, hier!« Sie zog ein feines Visitenkartentäschchen und gab ihm ein Kärtchen, worauf der Name ›Franza von Stauffen, epische Dichterin‹ zu lesen war. Er zog auch seine Tasche und reichte ihr seine Karte dar. »Bitte, hier die meinige, gnädiges Fräulein. Ergebensten Dank für die hochinteressante Unterhaltung!« Er zog den Hut, grüßte ehrerbietigst und entfernte sich schnell. Sie warf natürlich einen Blick auf seine Karte. »Der Fex« stand hier in seiner, lateinischer Schrift. Weiter nichts. »Der Fex!« rief sie aus. »Er war es selbst! Welch ein Abenteuer! Ganz wie gemacht für meine Novelle! Ich muß ihm nach!« Sie eilte, so schnell es ihre dicke Leibesbeschaffenheit gestattete, über den Perron dahin, nach der Ecke des Stationsgebäudes. Da sah sie ihn noch gehen, dem Städtchen entgegen. Sie war vom Laufen ganz athemlos. »Fex, Fex!« rief sie. Er that, als ob er es nicht höre. »Fex! Herr Fex!« schrie sie nun so laut wie möglich. Jetzt drehte er sich um. »Halt! Warten Sie, warten Sie!« Sie wollte weiter, wurde aber am Arme ergriffen. Ein Bahnbeamter war ihr nachgeeilt. »Haben Sie einen Koffer stehen lassen, gnädiges Fräulein?« fragte er. »Ja, er mag stehen bleiben!« antwortete sie, indem sie forteilen wollte. »Das geht nicht. Wenn Sie ihn nicht mitnehmen wollen, müssen Sie ihn in Verwahrung geben.« »Ich habe keine Zeit! Sehen Sie denn nicht, daß er nicht warten kann, daß er die Geduld verliert. Wahrhaftig! Da geht er!« Der Fex zog den Hut, verbeugte sich von Weitem auf das Höflichste gegen sie und setzte dann seinen Weg fort. »Da haben Sie es!« rief sie zornig. »Nun ist er fort, dahin, dahin, und wer weiß, wann ich ihn wieder treffe!« »Das thut mir leid, meine Gnädige! Aber es ist nicht erlaubt, Effecten unbeaufsichtigt auf dem Perron stehen zu lassen. Einerseits stehen sie uns da im Wege, und andererseits können sie sehr leicht gestohlen werden.« »Was ists da weiter! Sie können mir auch gestohlen werden, Sie selbst mit allen Effecten mitsammt dem ganzen Perron und dem Bahnhofe dazu!« »Bitte, Fräulein! Ich thue meine Pflicht, und da haben Sie kein Recht zu Unhöflichkeiten!« »Aber mein Modell läuft davon! Das muß ich mir gefallen lassen! Nicht?« »Ihr Modell? Sind Sie Schneiderin?« Sie blickte ihn vor Zorn starr an und rief dann: »Was sagen Sie? Mein Modell! Ob ich eine Schneiderin sei?« »Nun ja. Nur als Schneiderin oder Putzmacherin können Sie ein Modell haben.« »Etwa als Künstlerin nicht?« Jetzt war er es, der sie erstaunt forschend anblickte. »Ah!« sagte er. »Sie sind eine Künstlerin?« »Sehen Sie mir das nicht an?« »Hm! Ich gestehe in aller Aufrichtigkeit, daß ich mir eine Künstlerin ganz anders vorgestellt habe.« »Wissen Sie, daß diese Aufrichtigkeit eine Beleidigung für mich ist?« »Dann bitte ich um Entschuldigung!« »Und wie haben Sie sich denn eigentlich eine Künstlerin vorgestellt, wenn ich fragen darf?« »Nicht – – – gar so dick,« entfuhr es ihm. »Welch eine Malitiösität! Sie sind ein Ungeheuer! Wissen Sie das!« »Bis jetzt habe ich das freilich noch nicht gewußt. Aber mag es sein, wie es will. Mögen Sie eine Künstlerin, und mag ich wirklich so ein Ungeheuer sein, Effecten dürfen in keinem Falle hier auf dem Perron stehen bleiben, und ich ersuche Sie allen Ernstes, über Ihren Koffer zu verfügen!« »Und wenn ich es nun grad nicht thue?« »So wird er confiscirt, und Sie haben außer dem Aufbewahrungsgelde auch noch Strafe zu bezahlen.« »Strafe? Das fällt mir nicht ein: Da nehme ich ihn doch lieber weg. Mein Modell ist nun einmal fort, und es ist mir unmöglich, dem Herrn nachzulaufen, um ihn noch einzuholen.« Sie kehrte zornig zu ihrem Gepäckstücke zurück, um dasselbe einem Kofferträger zu übergeben, der es ihr nach ihrer Wohnung schaffen sollte. Dem Fex war dieses kleine, possierliche Intermezzo sehr willkommen gewesen; denn ohne dasselbe wäre ihm die Dicke wirklich nachgelaufen und hätte ihn nicht sogleich aus dem Garne gelassen. Nachdem er ihr nochmals von Weitem sein Abschiedscompliment gemacht hatte, war er fortgegangen, nicht durch die Stadt, sondern hinter derselben weg, ganz denselben Weg, auf welchem damals die Leni mit dem Wurzelsepp zusammengetroffen war und dann die bekannte Scene mit dem Fingerlfranz gehabt hatte. Dieser Weg bog dann am Ende der Stadt in den Fahrweg ein, welcher zur Mühle führte. Aber mich diesen Letzteren vermied der Fex. Er ging vielmehr quer über die Wiesen nach dem Flusse hinüber und verfolgte das Ufer desselben abwärts, um nach der Fähre zu gelangen. Er that das. um von der Mühle aus ja nicht bemerkt zu werden. Nach einiger Zeit erreichte er den Ort, an welchem er den bedeutendsten Theil seiner Sclavenzeit verlebt hatte. Links vor ihm lag die Höhe mit dem Zigeunergrab, von welchem wohl auch jetzt noch kein Mensch ahnte, daß es leer sei, und rechts war die Fähre an das Ufer gekettet. Kein Mensch befand sich bei derselben. Beim Anblicke dieser Gegend und der alten Fähre trat die Vergangenheit vor sein geistiges Auge. Er gedachte der leidensvollen Jahre, welche nun glücklicher Weise verschwunden waren, und des lieben, schönen Wesens, durch dessen Theilnahme ihm die vergangene Nacht wie durch einen mild strahlenden Stern erleuchtet worden war – an Paula. Er lehnte sich an einen Baum. Es war derselbe, an welchem damals die Leni lehnte, als er ihr sein Gedicht vorgelesen hatte: »Als Alle mich vergessen hatten In meines Unglücks dunkler Nacht, Stand ich in meines Königs Schatten, Mein König hat an mich gedacht! Unwillkürlich griff er in die Tasche, zog sein Portefeuille hervor und nahm einen Brief heraus, der letzte, welchen er erst jüngst von Paula erhalten hatte. Sie war ihrem Versprechen nachgekommen: Sie hatte ihm geantwortet, so oft er einige Zeilen an sie gerichtet hatte. Er faltete das Blatt auseinander und las die letzten Sätze des Briefes: »Besser ist es nicht geworden, seit Du fort bist. Der Vater hat zwar durch den neuen Badearzt Hoffnung erhalten, von seiner Lähmung geheilt zu werden, aber das hat in seinem Charakter keine Aenderung hervorgebracht. Er ist zornig auf Dich und mich. Er meint noch immer, daß ich die Frau des Fingerlfranz werden müsse, und läßt mir keine Ruh. Da habe ich in meiner Bedrängniß keinen Menschen, der mir Trost und Muth zuspricht. Du fehlst mir gar sehr, mein lieber Fex. Dennoch bleibe ich stark und widerstehe Allem, obgleich der Franz mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Wenn das nicht anders wird, so verlasse ich die Mühle und gehe in die weite Welt. Einen Dienst werde ich wohl finden, und wenn ich da meine Pflichten brav erfülle, so habe ich wenigstens vor Denen Ruhe, gegen die ich mich jetzt nur so schwer vertheidigen kann.« Er faltete den Brief zusammen und steckte ihn wieder ein. »Armes Kind!« sagte er. »Das muß freilich anders werden. Vielleicht kennt der Sepp Deine Lage und weiß, wie da zu helfen ist. Vielleicht hat er mir grad deshalb telegraphirt. Wer weiß, was er für Absichten hat. Es ist möglich, daß die Hilfe viel näher ist, als wir denken. Er wurde durch nahende Schritte in seinen Gedanken gestört. Er trat hinter dieselben Sträucher, hinter denen er damals mit dem Wurzelsepp gesteckt hatte, um den Fingerlfranz im Fuchseisen zu fangen. »Wenn man den Teufel an die Wand malt, so kommt er,« sagt ein altes Sprüchwort. Der Nahende war kein Anderer als der soeben Erwähnte, der Fingerlfranz. Er trat, ohne den Fex zu bemerken, an die Fähre, blickte sich um und stieß, als er keinen Fährmann bemerkte, einen scharfen Pfiff aus. Dieser wurde aus einiger Entfernung beantwortet, und bald kam ein zerlumpter Kerl dahergeschlendert, welchen der Fex nicht kannte. Er hatte ihn noch niemals gesehen. »Wo steckst denn eigentlich!« zürnte Franz. »Wann man Dich braucht, so bist nicht da.« »Nun, ich bin doch hier!« antwortete der Mann in mürrischer Weise. »Nachdem ich Dich erst rufen mußt. Wannst so fortmachst, wirst nimmer lang mehr Fährmann sein!« »Das ist auch kein Unglück. Was hab ich für ein Geldl für die Ueberfahrt? Zwei Pfennigen zahlt die Personen. Wann es Abend ist, so hab ich zwanzig oder dreißig, wann es hoch kommt, und davon soll ich leben!« »Ja. bessern ists, Du gehst wiederum betteln durch das Land! Da war dera Fex schon ein anderer Kerlen. Der stand stets auf seinem Posten.« Der Fährmann, welchen der Müller, wie es leicht zu erkennen war, unter den Bettlern ausgesucht hatte, warf einen höhnischen Blick auf den Franz und antwortete: »So willst mir wohl ihn als Muster hinstellen?« »Ja. Kannst Dich nach ihm richten.« »So warst wohl gar sein guter Freund?« »Er ist mir stets gehorsam gewest, und wannst so bist wie er, werd ich mit Dir ebenso zufrieden sein, wie ichs mit ihm gewest bin.« »Schön! So werd ich mich nach ihm richten!« »Das wird zu Deinem Vortheile sein.« »Aberst nicht zu dem Deinigen!« »Warum nicht? Was schaust mich so von dera Seiten an?« »Wann ich so gegen Dich sein soll wie dera Fexen, so kannst gar viele Prügeln bekommen.« »Prügeln? Ich?« fragte der Franz, indem er sich höchst erstaunt stellte. »Meinst, daß ich mich von Dir prügeln lasse?« »Ja, wannst gegen mich so bist wie gegen dem Fex. Der hat doch gar wacker mit Dir rauft.« »Wer sagt das!« »Alle Leutln wissen es.« »Nun ja, ich bin mal mit ihm zusammen gerathen, da im Wald, aberst da hat er seine Schläg so wacker erhalten, daß er gleich davon laufen ist.« »Oder bist Du das nicht gewest, der davon laufen that?« »Ich? Da kennst mich schlecht! Schau mich doch mal an! Seh ich etwan aus wie Einer, der vor dem Fexen ausreißen thut?« »Ja, groß und stark schaust aus; das ist schon sehr wahr; aberst mancher Goliathen ist von einem kleinen Daviden besiegt worden. Warum hast denn eigentlich nach mir pfiffen?« »Weil ich hinüber will.« »Ach so! Warum?« Er sprach diese Frage aus, indem er ein sehr pfiffiges Gesicht dazu machte. Der Fingerlfranz schien das übel zu deuten, denn er antwortete: »Was hast Dich darnach zu erkundigen? Dich gehts doch nichts an, warum ich hinüber will!« »Meinst? Vielleicht doch!« »Wieso?« »Weil es Leuteln giebt, denen es gar nicht lieb ist, wannst hinüber kommst.« »Und wer sind Diejenigen?« »Wohl die, welche Du suchst.« »Himmelsakra! Sollst mich wohl gar nicht hinüber lassen?« »O, das hat man mir zwar nicht verboten, aberst ich soll Dir einen Weg zeigen, auf dem Du nicht dahin kommst, wo sich diejenigen Personen befinden.« »Das hab ich mir doch gleich denkt. Ich weiß auch schon bereits, went meinst.« »Das wirst wohl nicht wissen.« »Ganz gut weiß ich es. Es ist die Paula.« »Die Paula?« fragte der Fährmann mit gut gespieltem Erstaunen. »Wie kommst grad auf diese zu sprechen?« »Weil sie es ist, die ich such.« »Ach so! Aberst ich hab sie nicht meint.« »Mach keine Lüg, Kerl! Hast sie etwan heut noch gar nicht sehen?« »Nein.« »Das ist nicht wahr. Sie ist über das Wassern und da in den Wald hinein.« »Wer Dir das sagt hat, der hat Dich auch sehr falsch berichtet.« »Dera Müllern selbst hats mir sagt, und der Knecht hat dabei standen, alst sie hinüberbracht hast. Willsts nun noch leugnen.« »Nun, wannsts so genau weißt, so will ich es gestehen. Und wannst nicht geizig bist, kannst auch noch was Anderes derfahren.« »Was?« »Wo sie ist.« »Weißt Du das auch?« »Ja.« »Nun, was Du weißt, das weiß ich schon auch. Da brauch ich nicht erst in die Taschen zu greifen, um Dir ein Geldl zu zahlen.« »Da wirst Dich wohl sehr irren. Die Paula hats wußt, daßt nach dera Mühlen kommst, heut grad so wie alle Tagen grad um diese Zeit. Da ist sie fortgangen, wie sie stets fortgeht, wann Du kommst. Nun hat sie sich denkt, daßt ihr nachlaufen wirst. Darum hat sie mir sagt, wohin sie geht, und ich soll Dir, wannst etwan auch fragen thätst, eine ganz andera Richtungen angeben.« »Himmelsakra! Wirst das thun?« »Ja freilich!« »Das will ich mir verbitten!« »Du kannst Dir gar nix verbitten. Die Paula ist die junge Herrin, der ich zu gehorchen hab.« »Und ich werd ihr Mann; folglich hast mir noch mehr zu gehorchen.« »Der bist noch gar nicht, und bevor Du er sein wirst, bin ich längst nicht mehr hier. Warum bist so geizig. Wer einen Gefallen erwiesen haben will, der muß den Beutel in dera Hand haben.« »Du bist ein Lump. Verstehst mich!« »Es giebt manchen Lump, der kein armer Fährmann ist, sondern ein reicher Kerlen. Also steig ein! Ich werd Dich für die drei Pfennigen hinüberfahren. Dann wirst ja schauen, obst die Paula findest.« Er schritt näher zum Ufer hin. »Halt!« sagte der Fingerlfranz. »Wieviel willst haben, wannsts mir sagst?« »Giebst eine Mark?« »Nein. Für eine Mark ists mir zu theuer. Ich geb Dir eine halbe.« »Das ist mir zu billig. Für eine halbe Mark verrath ich meine Herrin nicht.« »So hast die ganze. Hier! Aberst Du mußts auch genau wissen. Wann ich die Paula nicht find, so schlag ich Dir die Mark vom Fell herunter.« Der Fährmann steckte das Geld lachend ein und sagte: »Vielleichten ist mein ganzes Fell nicht eine Mark mehr werth. Weißt, die Paula sagte mir, daß sie nach der Quell gehen will; Dir aberst soll ich sagen, daß sie bei denen Eichkatzerln sei.« »Gut! So werd ich sie finden. Heut soll sie mit mir Verlobung halten. Fahr mich über!« Die Beiden stiegen ein und stießen vom Ufer ab. Die Stelle, an welcher Paula bei den Eichhörnchen zu sitzen pflegte, lag oberhalb des Fahrplatzes, während der von dem Fährmanne angegebene Ort unterhalb desselben lag. Dort gab es ein junges Tannendickicht, unter dessen eng verschlungenen Zweigen ein Wässerchen aus dem Boden drang, um nach kurzem Laufe sich in den Fluß zu ergießen. Der Fex kannte diese Stelle sehr genau. Er hatte den Quell in Steine gefaßt und daneben eine Rasenbank errichtet. Wie oft hatte er mit der schönen Müllerstochter dort gesessen, um mit ihr von tausend Dingen zu reden, Dingen, welche an und für sich außerordentlich gleichgiltig waren, durch ihren Mund aber und durch den Klang ihrer Stimme für ihn eine außerordentliche Wichtigkeit erhielten. Dort also befand sich Paula jetzt. Vielleicht hatte sie den einsamen, trauten Ort nur aufgesucht, um an den Jugendgespielen zu denken, welchen sie so fern von sich wähnte. Und nun sollte diese Einsamkeit durch denjenigen Menschen, welcher ihr der allerverhaßtetste war, gestört werden! »Wart, Franz, ich mache Dir einen Strich durch die Rechnung!« lächelte der Fex vor sich hin. »Die Verlobung, welche Du feiern willst, soll nicht zu Stande kommen, ohne daß ich mich dabei als Zeuge einfinde.« Er konnte von seinem Standorte deutlich bemerken, daß der Franz aus der Fähre sprang und sich dann langsam entfernte. Der Fährmann aber kehrte nach dem diesseitigen Ufer zurück. Der Fex verließ sein Versteck, ging eine kurze Strecke zurück und that, als ob er erst jetzt hier ankomme. Der Fährmann sah ihn langsam herbeischlendern, zog seinen alten Hut, grüßte höflich und fragte: »Wohin will dera Herr gehen? Vielleicht nach dera Mühlen? Die liegt da drüben.« Er zeigte mit der Hand nach der Mühle. »Ueberfahren will ich,« antwortete der Fex. »Wohin wollens dann? Sie sind doch wohl ein Spaziergängern aus dera Stadt. Ueber dem Wassern drüben aberst habens gar lang zu laufen, bevor Sie an einen Ort kommen.« »Ich will nur da im Walde spazieren und komme bald zurück. Da fahr ich wieder herüber.« Er sprang in den Fahrkahn und hielt dem Kerl einen Fünfzigpfenniger hin, bei dessen Anblick der Fährmann ihm schnell nachsprang um zu den Rudern zu greifen. Drüben angekommen, ging der Fex erst eine kurze Strecke gradaus, um dem Fährmann nicht wissen zu lassen, daß er dem Fingerlfranz folge; dann aber, als er nicht mehr gesehen wurde, lenkte er nach links ein. Der Boden war sehr moosig und weich, so daß die Schritte keinen Schall verursachten. Dabei spähte der Fex vorsichtig grad aus und nach den beiden Seiten hin, um von dem Franz ja nicht etwa bemerkt zu werden. Er befand sich jetzt bereits in der Nähe der Quelle. Es waren keine sprechenden Stimmen zu vernehmen. Entweder hatte der Franz die Müllerstochter gar nicht dort gefunden, oder er stand noch versteckt vor ihr, um sie zu beobachten. Das war für den Fex Veranlassung, seine Vorsicht zu verdoppeln. Er ging also ganz leise und nur langsam weiter, und richtig – da lag der Franz hinter einem dichten Strauche am Boden und blickte zwischen den Zweigen desselben hindurch. Der Strauch stand zwischen jungen Tannen ganz nahe an der Quelle. Befand sich Paula dort, so konnte der Fingerlfranz sie ganz deutlich sehen, denn die Entfernung zwischen ihm und ihr betrug nicht zehn Schritte. Dem Fex fiel es gar nicht ein, sich ihm noch weiter zu nähern. Er schlug vielmehr einen kurzen Bogen und versteckte sich so zwischen den Bäumen, daß er ihn und auch die Quelle im Auge hatte. Ja, dort auf der Bank saß Paula. Sie hatte ein beschriebenes Papier in der Hand und las. Neben ihr auf der Bank lagen noch mehrere solche Papiere und auch die zu denselben gehörigen Couverte. »Meine Briefe!« flüsterte der Fex. »Sie liest meine Briefe! Die Gute! Also sie denkt an mich. Wie freut und wie beglückt mich das!« Da sah er, daß der Franz leise, leise den Busch verließ. Er kroch um denselben herum. Es war ganz klar, was er beabsichtigte: Er wollte sich zu Paula schleichen, um zu sehen, was für Briefe sie so heimlich lese. »Soll ich das dulden?« fragte sich der Fex. Eigentlich hätte er es wohl verhüten sollen. Aber er kannte Paula und wußte, daß sie starke Nerven besitze, daß sie vor dem plötzlichen Erscheinen des Franz nicht erschrecken werde. »Und,« sagte sich der Fex, »wenn er erfährt, daß diese Briefe von mir sind, so wird er sich schauderhaft ärgern. Das ist eine größere Strafe für ihn als alles Andere. Ich will ihm also nicht hinderlich sein.« Er blieb also ruhig an seinem Orte und sah, daß der Franz, als er hinter dem Busche hervor gekrochen war, sich in aufrechte Stellung emporrichtete und leise, leise und sehr langsam sich der Bank von hinten näherte. Paula war so in ihre Lectüre vertieft, daß ihr das fast unhörbare Geräusch entging, welches die Füße des Schleichers hinter ihr hervorbringen mußten. Jetzt hatte er die Bank erreicht. Er erhob den Arm, ergriff erst den einen und dann auch den andern der neben ihr liegenden Briefe und nahm dieselben an sich. Sodann kehrte er ebenso leise zurück, wie er sich herangeschlichen hatte. Er kauerte sich wieder hinter dem Strauche nieder und begann, die Briefe zu lesen. Der Fex konnte das Gesicht des Lesenden ganz deutlich sehen. Er bemerkte, wie grimmig sich dasselbe verzog, als die Augen auf die Unterschrift fielen. Es war wirklich eine Qual, die der Franz durchkostete, indem er den warm geschriebenen Zeilen folgte. Aus jedem Worte war ja eine innige Liebe, zu erkennen, welche ebenso innige Erhörung gefunden hatte. Jetzt war er fertig. Er wollte die Briefe zusammenballen, that dies aber nicht, um das dadurch nothwendiger Weise hervorgebrachte Geräusch zu vermeiden, sondern legte sie neben sich hin. Aber er erhob den Arm, ballte die Faust und drohte mit derselben nach Paula hin. Diese hatte ihren Brief längst zu Ende gelesen. Sie ließ die Hand, in welcher sie denselben hielt, sinken und blickte mit glücklichem Lächeln vor sich hin. Dann wollte sie den Brief neben sich legen, um einen andern zu nehmen. Jetzt bemerkte sie, daß die zwei verschwunden seien. Sie fuhr von der Bank auf und blickte sich besorgt um. Nur die Couverte waren noch da, die Briefe aber verschwunden. Hatte ein Lufthauch sie von der Bank geweht? Wohl nicht. Hier im Waldesdickicht rührte sich kein Lüftchen, und die Briefe hätten gar nicht weit wegfliegen können. Oder waren sie herab in die Quelle geweht und von dem Wasser mit fortgenommen worden? Schwerlich! Das hätte sie ja sehen müssen, denn sie saß ja so, daß der Quell vor ihren Füßen vorüberfloß. Dennoch schickte sie sich an, dem Wasser zu folgen, um nach den vermißten Briefen zu suchen. Da trat der Fingerlfranz hinter dem Versteck hervor. Er hatte jetzt die beiden Briefe in seine Tasche verborgen und that, als ob er eben erst herbeikomme. Er machte eine Bewegung des Erstaunens und sagte: »Alle Teuxel! Wen derblick ich hier! Die Paula! Wer hätt das denken konnt!« Sie hatte ihm den Rücken zugewendet und drehte sich schnell zu ihm um. Sie war keineswegs erschrocken. Nur die Zeichen eines außerordentlichen Mißmuthes ließen sich in ihrem schönen Angesicht erkennen. Sie antwortete kein Wort. Sie wendete sich nach der Bank, nahm die Papiere, welche noch dort lagen, weg und ging, weiter, um ihre vorige Absicht, die verlorenen Briefe zu suchen, auszuführen. »Wo willst hin?« fragte er. Sie antwortete auch jetzt nicht. Da eilte er mit einigen raschen Schritten herbei und stellte sich vor sie hin, so daß sie nicht weiter konnte. »Hast mich etwan gar nicht sehen und auch gar nicht hört?« fragte er. Sie wich vor ihm zurück, verbarg die Papiere in ihre Tasche und antwortete: »Ich hab Dich gar wohl sehen und auch hört. Weitern kanns nix geben. Geh mir aus dem Weg!« »Wo willst denn hin?« »Das brauchst nicht zu wissen!« »Meinst? Führst ja eine gar sehr strenge Sprachen mit mir!« »Lieber war es mir, wann ich gar nicht mehr mit Dir zu reden braucht!« »Das sagst doch nur im Scherz! Wirst wohl noch recht lange mit mir sprechen!« »Das glaub ich nicht!« »O, ich denk, daßt mit mir reden wirst, so lange wir leben. Mann und Weib müssen doch mit nander sprechen. Oder nicht?« »Laß diese dummen Reden sein! Meine Meinung kennst genau, und wannst mir dennoch nachlaufst, so hast eben gar keine Ehren im Leib und bist ein Lumpazi vom Kopf herab bis zu denen Füßen herunter.« Er lachte laut und höhnisch auf. »Das sagst nur so! Weißt, ein Dirndl muß sich erst ein Wengerl spreizen und dem Buben zuwider stellen. Das weiß man schon. Und je mehr sie zornig thut, desto liebern hat sie ihn. Weilst nun gegen mich so gar sehr feindselig thust, so ist das ein sicheres Zeichen, daßt mir gut bist. Wannst gescheidt sein willst, so giebst das zu und sagst mir endlich die Wahrheiten!« Er trat einen Schritt auf sie zu. Sie wich abermals zurück, streckte die Arme abwehrend gegen ihn aus und rief: »Bleib von mir! Die Wahrheit hab ich Dir schon oft sagt und will sie auch jetzund nochmals sagen! Du bist mir noch viel mehr zuwider als die Sünden. Ich kann Dich nicht leiden; ich kann Dich nicht ausstehn. Wann ich Dich seh, so kommst mir vor wie ein Gestank, der nicht zu ertragen ist! Also mach Dich nur fort von hier! Ich kann Dich nicht gebrauchen!« »So! Also das soll die Wahrheiten sein? Wann ichs nun nicht glaub?« »So ists mir auch egal. Die Leutle wissens doch, wie ich mit Dir steh!« »Egal? O, so gleichgiltig kanns Dir doch nicht sein, denn wann ich es nicht glaub, daß ich Dir so zuwider bin, so muß ich doch denken, daßt mich lieb hast. Und wann ich das denk, so werd ich mich auch darnach verhalten.« Er überflog ihre jugendlich volle Gestalt mit lüsternen Blicken. Sie bemerkte dies grauend und drohte: »Wannst mir etwan zu nahe kommen willst, so kann leicht was geschehen, woran Du gar nimmer dacht hast.« »So! Was könnt das denn sein?« »Das wirst sehen! Ich hab Dir verboten, mir nachzulaufen.« »Bin ich Dir etwan nachlaufen?« »Ja!« »Da denkst freilich falsch. Als ich nach dera Fähren kommen bin, hat der Fährmann mir sagt, daßt auch in den Wald gangen bist, zu denen Eichkatzerln, und weil ich Dich nicht stören wollt, so hab ich mich grad nach dera entgegengesetzten Richtung gewendet und bin hierher gangen. Kann ich dafür, daßt nun da bist und nicht dort?« »Wann das wahr ist, wannst mich wirklich nicht stören willst, so beweis es auch und geh wieder fort!« »Das werd ich freilich nicht thun. So dumm darfst mich nicht kaufen. Ich hab Dich funden, ganz gegen alles Erwarten. Das ist mir dera Beweis, daß ich Dich finden soll, daß wir zusammengehören.« »Niemals!« »Kannst Dich noch so sehr sträuben. Wanns das Schicksal will, so mußt gehorchen. Und wannst einen Andern hättest, es würde doch nix draus. Liegt Dir etwan dera Fex im Sinn?« »Das geht Dich nix an!« »Freilich gehts mich nix an! Das denkst halt Du. Ich aberst denk ganz anderst. Was treibst Dich da in dera Einsamkeiten herum und fangst Grillen? Was hast da für Papieren in dera Taschen einisteckt? Zeigs doch mal her!« »Du bist der Allerletzte, dem ichs zeigen thät!« »Laß Dich nicht auslachen! Wann ich will, mußts mir doch zeigen. Ich bin stärker als Du.« »Ich werd mich wehren!« »Denkst wohl, es geht allemalen so, wie es damals war, als dera Fex dazu kam? Der Kerl ist nicht mehr da! Wer soll Dir helfen?« »Dera Fährmann. Ich ruf ihn um Hilf herbei.« »Meinst, daß ers hört?« »Ja. Er ist nicht weit von hier.« »Schau, wie klug Du bist! Dera Fährmann wird nicht kommen. Er weiß, daß ich bei Dir bin.« Sie erschrak und fragte in gedrücktem Tone: »Er hat Dir doch sagt, daß ich wo anders sei!« »Nein. Ich hab ihm eine Markl geben, und dafür hat er mir sagt, wot bist. Nun schau, wie Du Dich auf ihn verlassen kannst! Also willst mir die Zetterln zeigen, die sich da in Deiner Taschen befinden?« »Nein,« antwortete sie in entschiedenem Tone, indem sie die Hand fest auf die Tasche preßte. »Nun,« lachte er, »es ist auch gar nicht nöthig, daß ich Dich zwing. Ich weiß doch, daß es Liebesbriefen sind, die dera Fex schrieben hat.« Sie erglühte am ganzen Gesicht. »Willsts leugnen?« fragte er. »Nein. Du bists nicht Werth, daß ich Deinetwegen eine Lügen sag. Dera Fex hat mir die Briefen schrieben; aberst lesen wirst sie nicht.« »Ich werd sie lesen und Dein Vatern auch.« »Keiner von Euch Beiden!« »Oho! Ich zeig sie ihm!« »Wie willst sie bekommen?« »Ich hab sie ja schon!« »Lügner!« »Da! Hier sind sie!« Er zog die beiden Briefe aus der Tasche und hob die Hand mit ihnen empor. Paula schrie erschrocken auf. Wie war er zu den Briefen gekommen? Sie konnte es nicht begreifen. Vielleicht waren sie es gar nicht. Vielleicht wollte er sie täuschen. Er hatte zufälliger Weise Papiere in der Tasche gehabt. »Meinst, daß ich mich von Dir betrügen lasse?« sagte sie in kaltem Tone. »Wer weiß, was für Briefen Du da in dera Hand hältst.« »Die vom Fexen.« »Das ist nicht wahr.« »Nicht? So laß mal sehen, was darübersteht!« Er las die Ueber- und dann auch die Unterschriften der beiden Briefe, nachher sogar noch einige Zeilen des Inhaltes. »Nun, glaubsts jetzunder endlich?« lachte er. »Sie sinds; sie sinds! Wo hast sie her?« »Das weißt nicht; das ist ein Geheimnissen. Aberst ich will es Dir derklären. Alst so still da auf dera Bank saßest und in den Brief schautest, bin ich herbeischlichen und hab diese beiden wegnommen.« »Ach, so ists gewest! Gestohlen hast sie mir! Jetzt wirst sie mir wiedergeben!« »Das fallt mir nicht ein! Deinem Vatern werd ich sie geben, aberst nicht Dir.« »Sie gehören mir!« »Nein. Der Vatern ist dera Vormunden. Der muß sie lesen!« »Er soll sie doch nicht haben!« Sie trat blitzschnell auf ihn zu und griff nach den Briefen; aber er war ebenso schnell wie sie. Er hob die Hand, in welcher er die Briefe hielt, noch höher empor und sagte: »Nimm sie doch; nimm sie doch!« »Her damit, Spitzbub!« Sie hing sich mit ihrem ganzen Gewicht an seinen Arm, um denselben herabzuziehen; es gelang ihr nicht, denn der Fingerlfranz war stark genug, diese Last zu tragen. »Machst Dir eine vergebliche Mühen,« sagte er. »Ich kann mirs denken, wie gern Du diese Briefen wiedern haben möchtest. So, auf diese Art und Weisen bekommst sie aberst nicht. Damit Du siehst, daß ich nicht Dein Feind bin, will ichs Dir sagen, daß ich bereit bin, sie Dir zurückzugeben – – –« »So bitte, gieb sie her!« bat sie schnell. »Nein, so nicht, so nicht!« lachte er. »Solche Sachen giebt man nicht umsonsten aus dera Hand. Güte gegen Güte und Liebe gegen Liebe. Wann ich freundlich bin und Dir die Briefen wieder zurückgeb, so kannst auch mir dafür eine Lieb derweisen.« »Welche?« »Du giebst mir für einen jeden der beiden Briefe zehn Busserln.« »Nein, nie!« schrie sie auf, schnell wieder von ihm zurückweichend. »Besinn Dich vorerst, ehe Du antwortest! Ich will diese zwanzig Busserln auch nicht sogleich haben, sondern hübsch fein einzeln, einen nach dem andern. Wir sitzen hier mit nander auf dera Banken und nehmen nander beim Kopf. Da giebst mir die Küssen, und damit Du siehst, daß ich ein guter Kerlen bin und nix behalten will, die Briefen nicht und auch sogar die Busserln nicht, so geb ich Dir alle zwanzig wiedern zuruck.« »Machst mit?« »Du bist ein Ungeheuer!« »Oho! Wannst mir meine Gutheit so vergelten willst, so kann ichs auch anderst machen. Ich kann mir die Busserln nehmen, ohne daß ich Dir die Briefen wiedergeb. Also frag ich Dich jetzund zum letzten Male; Willst gutwillig?« »Nein. Behalt die Briefen, und zeig sie auch dem Vatern; ich hab gar nix dagegen. Aber ehe ich mich von Dir anrühren lasse, so sterb ich lieber!« »So wollen wir doch gleich mal sehen, obst wirklich sterben wirst.« Er steckte die Briefe schnell in die Tasche und ergriff Paula, ehe sie es sich versah, bei beiden Armen. »Laß mich!« schrie sie auf. »Nein, ich laß Dich nicht! Du bist mein!« »So spuck ich Dich an!« »Immer thu es nur! Wirst schon aufhören! »Ich beiß und kratz Dich!« Während sie in ihrer Angst diese Drohungen aussprach, versuchte sie, sich ihm zu entwinden. Es war vergeblich. Er hielt sie fest und zog sie mit Gewalt an sich. »Hilfe, Hilfe!« rief sie aus. »O Fex, wärst doch Du wieder da!« »Der?« lachte der Franz. »Dem fallts nicht ein, jetzt herbei zu kommen. Jetzunder wirst meine Braut sein, und wannst ihm einen Brief schickst, so kannst ihm mit schreiben.« »Das ist nicht nöthig,« erklang es da neben ihm. »Mit dem Briefe wäre es zu umständlich. Ich komme lieber gleich selber dann, wann ich gebraucht werde.« Der Fex war herbeigesprungen. Der Fingerlfranz ließ vor Ueberraschung seine Hände von dem Mädchen und starrte den jungen Mann mit ungläubigen, Augen an. »Dera Fex! Donnerwettern, wirklich ists dera Fex!« stieß er hervor. »Fex, mein Fex, mein lieber, lieber Fex!« rief Paula jubelnd und warf sich an seine Brust. »Ja, ich bin es, Paula,« antwortete er in beruhigendem Tone. »Wenn die Noth am größten, ist die Hilf am nächsten. Jetzt brauchst keine Angst mehr zu haben.« Er drückte sie innig an sein Herz. »Alle tausend Teufeln!« fluchte der Franz. »Wie kommst daher, verdammter Kerl!« Da schob der Fex das Mädchen lind von sich ab und wendete sich an den Burschen: »Bitte, bedienen Sie sich anderer Ausdrücke, sonst nehme ich Sie in einen Sprachunterricht, welcher sehr guten Erfolg haben soll, obgleich er außerordentlich kurz sein wird! Ich bin keineswegs gewöhnt, in solchen Worten mit mir sprechen zu lassen.« Diese Worte verfehlten ihren Eindruck nicht. Der Franz wußte, daß der Fex sich nicht vor ihm fürchtete. Er hatte zunächst im Augenblicke der Überraschung nur dem Gesichte des jungen Musikers Aufmerksamkeit geschenkt; jetzt aber fiel sein Blick auch auf die Gestalt desselben. Der Fex machte in seiner gegenwärtigen Kleidung einen ganz anderen Eindruck als früher. Aus seiner Miene sprach und aus seinen Worten klang eine Sicherheit, welche imponirte. »Soll ich den Fexen etwan einen gnädigen Herrn nennen?« höhnte der Franz, indem er versuchte, den Eindruck zu verbergen, welchen der Genannte auf ihn machte. »Das ist nicht nöthig. Sie haben mich ebenso mit Sie anzureden, wie ich das mit Ihnen thue, und sich dabei derjenigen Höflichkeit zu befleißigen, welche ich von Ihnen verlangen kann und auch wirklich allen Ernstes verlange. Ihre Gegenwart ist hier, wie Sie bemerken werden, höchst überflüssig. Ich erwarte bestimmt, daß Sie sich sofort entfernen, verlange aber vorher die beiden Briefe zurück.« Der Franz hätte sich in Wirklichkeit am Allerliebsten entfernt; aber er schämte sich doch, sich in dieser Weise fortweisen zu lassen. Und was die Briefe betraf, so betrachtete er sie als eine Errungenschaft, welche er auf keinen Fall wieder zurückgeben wollte. »Briefe?« fragte er. »Was für Briefe sollen das wohl sein?« »Die, welche Sie hier von der Bank genommen haben.« »Davon weiß ich nix!« »Er hat es mir selbst gesagt und gestanden,« erklärte Paula dem Geliebten. »Das war nur ein Gespaß,« wendete der Franz ein, »Ich wollt sie foppen, und sie hats glaubt.« »Lügen Sie nicht!« antwortete der Fex. »Ich habe es gesehen, daß Sie sich hinter diesem Busche hervor nach der Bank schlichen und die Briefe wegnahmen. Ich verlange sie zurück!« »So! Also auch sehen hats dera Fex! Nun so will ichs halt nimmer leugnen; aberst heraus geb ich sie nicht!« »Und ich verlange sie! Sie haben nicht das mindeste Recht, sich unsere Correspondenz anzueignen.« »Die Correspondenz! Was dera Fex jetzund für ein vornehmer Herr worden ist! Er schreibt gar keine Briefen, sondern Correspondenzen! Da muß man doch einen gewaltigen Respecten erhalten. Und stohlen soll ich sie haben? Diesen Ausdrucken muß ich mir verbitten. Ich bin auch gewohnt, grad so wie dera Fexen, daß man höflich mit mir redet. Ein Spitzbuben bin ich nicht.« »Ich weiß keinen andern Namen für einen Menschen, welcher sich das Eigenthum anderer Leute ohne deren Erlaubniß heimlich aneignet. Sie sind ein Dieb!« »Oho! Lassens das Wort weg, sonst werd ich zeigen, daß ich es nicht dulden kann! Die Paula ist meine Braut; ihr Vatern hat sie mir versprochen. Ich hab ein großes Recht, nachzuschauen, von wem sie etwan solche Liebesbriefen bekommt.« »Nun wohl,« lachte der Fex. »Ich hab keine Lust und auch keine Zeit, mit Ihnen darüber zu streiten, ob Sie dieses Recht besitzen. Jetzt nun haben Sie nachgeschaut; Sie wissen, von wem die Briefe sind; Sie haben dieselben sogar gelesen, und nun können sie Ihnen ja gar nichts mehr nützen. Sie werden also die Güte haben, sie uns zurückzugeben.« Er hatte das mit ironischer Höflichkeit gesagt. »Nein, ich geb sie nicht zurück; ich behalt sie,« erklärte der Franz. Da leuchtete der Blick des Fex wie ein glühender Funken auf. »Und ich verlange sie, augenblicklich!« sagte er. »Hol sie Dir doch, Kerl,« höhnte der Fingerlfranz. »Kannst gleich den Zahlaus erhalten für damals mit!« »Schön! Her damit!« Wie es so schnell kam, das konnte Paula gar nicht sagen; es ging so gedankenrasch, daß sie es sich gar nicht zu erklären vermochte; der Fingerlfranz lag am Boden, von einem fürchterlichen Hieb wie ein Klotz niedergestreckt; er bewegte sich zunächst gar nicht, und da war auch schon die Hand des Fex in seiner Tasche und zog die beiden Briefe daraus hervor. »Hier, Paula, sind sie,« sagte er in so ruhigem Tone, als ob gar nichts geschehen sei. »Stecke sie ein; sie sind Dein Eigenthum.« Während sie dieselben in ihrer Tasche verbarg, raffte sich der Franz vom Boden auf. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen; seine Zähne knirschten; er schnappte nach Luft und zitterte am ganzen Körper. »Hund!« stieß er pfeifend hervor. »Das sollst büßen! Hast mich anfallen, hast mich derschlagen wollen. Nun üb ich Nothwehr und derschlag Dich!« Er drang auf den Fex ein. Dieser führte einen Gegenhieb, so schnell, daß gar nicht zu sehen war, wohin er den Gegner eigentlich traf. Es klang dumpf und hohl, und sodann stürzte der Franz abermals hin wie ein Sack. Seine Augen schlossen sich; keines seiner Glieder bewegte sich, aber seine Brust hob und senkte sich krampfhaft, als ob er am Ersticken sei. »Um Gotteswillen!« schrie Paula auf. »Er stirbt sogleich!« »Nein! Dieses Unkraut hat ein zähes Leben. Das ist durch zwei Hiebe nicht todt zu machen,« antwortete der Fex. »Du siehst es aber ja!« »Beruhige Dich! Es war ein Boxhieb auf den Magen. Nun schnappt er eine Weile nach Luft. Indessen können wir gehen. Hat er Lust, so mag er dann nachkommen und sich den dritten Hieb holen. Bitte, gieb mir Deine Hand, mein liebes Kind.« Er ergriff sie bei der Hand und führte sie fort. Sie blickte sich wiederholt und voller Angst um. »Wenn er uns nachkommt und unerwartet über Dich herfällt!« warnte sie zitternd. Für sich hatte sie vorhin nicht gezittert; für den Geliebten aber bangte ihr. »Hab keine Sorge! Der bleibt noch für einige Minuten unfähig zu einem Angriffe auf mich. Ehe er die Fähigkeit dazu erlangt, befinden wir uns in Sicherheit.« »Ist das wahr?« »Gewiß. Du kannst es glauben.« Er sagte das im Tone solcher Ueberzeugung, daß sie die Sorge fallen ließ. Die Gegenwart trat ja in ihre Rechte. Ihren Blick mit inniger und dankbarer Liebe zu seinem Gesicht erhebend, sagte sie: »Abermals bist mein Retter gewest, lieber Fex! Und das ist fast für eine Unmöglichkeiten anzuschaun. Wer könnt denken, daßt hier bei uns bist. Wann bist kommen?« »Vorhin mit dem Zuge.« »Auf Besuch wohl?« »Ja,« lächelte er. »Bei wem?« »Bei Dir natürlich. Oder giebt es hier noch andere Personen, zu denen ich eine Besuchsreise unternehmen könnte?« »Vielleicht den Musikdirectorn in dera Stadt drinnen.« »Oh, der ist vor mir sicher! Wollte ich ihn besuchen, so würde ich riskiren, von ihm gar nicht wieder fortgelassen zu werden.« »Also zu mir hast wollt! Aberst leider mußt mich nur heimlich sehen. In dera Mühlen darfst Dich nicht blicken lassen.« »So ist Dein Vater noch immer so streng?« »Noch strenger als vorher.« »Vielleicht muß ich ihn dennoch besuchen.« »Nein, das wirst nicht thun. Es kann jetzt ja zu gar nix führen.« »Freilich. Aber ich muß aufrichtig sein und Dir gestehen, daß ich eigentlich nicht aus freiem Antriebe komme. Ich erhielt eine Depesche von dem Wurzelsepp, welcher mich für heut hierher rief.« »Von dem? Heut? Hierher? Was mag der von Dir wollen?« »Ich weiß es nicht, werde es aber wohl erfahren.« »Etwas Nothwendiges muß es sein, sonst hätt er nicht telegraphirt.« »Das sage ich mir auch. Wo mag er sich jetzt befinden? Ist er vielleicht in den letzten Tagen hier in der Gegend gewesen?« »Ich hab ihn nicht sehen.« »So war er auch nicht da, denn Dich hätte er ganz sicher aufgesucht. Da sind wir am Flusse. Wir fahren über.« »Nun schnell, bevor dera Fingerlfranz kommt!« Die Beiden winkten, und der Fährmann kam herüber, um sie abzuholen. Er wunderte sich nicht wenig, den ihm unbekannten vornehmen Herrn bei der Müllerstochter zu sehen. Zugleich freute er sich auf die reichliche Bezahlung, welche er jetzt zu erhalten hoffte. Da aber hatte er sich geirrt. Als der Fex drüben ausgestiegen war, wendete er sich mit strenger Miene an ihn: »Bekommen werden Sie für dieses Mal nichts, Sie sind ein schlechter Mensch. Sie verrathen die Tochter Ihres Herrn für einige Groschen an einen gewaltthätigen und ebenso ehrlosen Kerl wie Sie selbst sind. Schämen Sie sich!« Er wollte mit Paula weiter gehen, hin nach dem Zigeunergrabe, da hörten sie links vom Wiesenwege her eine Stimme rufen: »Fex, Fex! Lauf doch nicht davon. Ich weiß sonst nicht, wo ich Dich zu suchen hab!« Es war der Wurzelsepp. Die Beiden gingen ihm natürlich entgegen. »So hat meine Depeschen Dich also richtig troffen,« sagte der Alte. »Das ist schön; das ist gut! Nun ist die Sach in Ordnung! Aberst schau, stell Dich doch mal so grad vor mir her!« Er faßte seinen jungen Freund bei den beiden Armen und gab ihm die beabsichtigte Haltung. Er überflog ihn mit scharfem Blicke vom Kopfe bis zu den Füßen herab, nickte befriedigt vor sich hin, drehte die eine Spitze seines Schnurrbartes und fuhr fort: »Weißt, das ist fast gar nimmer auszuhalten.« »Was?« »Wast für ein hübscher Kerlen bist.« »Unsinn!« lachte der Fex, indem er sofort eine andere Stellung annahm. »Nein, das ist kein Unsinn, sondern die reine Wahrheiten! Du bist fast ein so accurater Kerlen, wie ich dazumalen war, als ich in Deinem Alter stand. Mir liefen die Dirndln ebenso gleich nach, grad wie jetzt Dir.« »Woher weißt Du, daß sie das thun?« »Meinst, ich hab keine Augen? Da steht ja gleich Eine. Kaum bist hier ankommen und aus dem Coupée stiegen, so hast schon Eine bei Dir. Ja, so ists halt in dera Jugend!« »Wir trafen uns zufällig.« »Soll ich das glauben?« Er musterte die Beiden mit einem seiner bekannten freundlich pfiffigen Blicke. »Ja. Ich ging hierher, weil ich überzeugt war, Dich hier zu finden, und hörte von dem Fährmanne, daß Paula im Walde sei. Natürlich suchte ich sie sofort auf.« »Und das hat er gar recht macht,« fuhr Paula fort. »Wenn er nicht kommen wär, so hätt ich einen schlechten Stand mit denen Fingerlfranzen.« »Mit dem wiederum? Wie ist das kommen?« Paula erzählte es ihm und belobte dabei den Geliebten in solcher Weise, daß dieser sehr oft Einspruch erheben mußte, um nicht gar als ein halber Gott beschrieben zu werden. Dabei vermochte sie kaum, ihre bewundernden Blicke von ihm zu wenden. Sie fühlte sich unendlich glücklich, ihn so stattlich, zu seinem großen Vortheile verändert, vor sich zu sehen. »Nun wird er zum Vatern gehen und ihm Alles berichten,« schloß sie ihre Erzählung. »Und da hast wohl gar eine große Angst?« »Eine Angsten grad nicht. Dera Vatern darf mich nicht zwingen, ihn zu heirathen; das weiß ich ja gewiß; aberst ein schlimmes Wesen giebts doch gewiß. Ich bekomm Scheltworts und böse Reden vom Morgen bis zum Abend, sogar wann fremde Leuten dabei zugegen sind.« »Das könntest doch wohl anderst machen.« »Wieso?« »Wannst weggehen wolltst von dera Thalmühlen. Dann wär der ganze Aergern vorüber.« »Ja, das hab ich auch schon denkt. Ich bin wie ein Garnix daheim. Alles schimpfirt auf mich hinein. Wann das so fortgeht, und ich derfahr einen Ort, wo es einen guten Dienst giebt, den ich derfüllen kann, nachhero bin ich sogleich bereit, die Thalmühlen zu verlassen.« »Was für ein Dienst soll das aberst sein?« »Das weiß ich nicht.« Da bemerkte der Fex: »Als gewöhnliches Dienstmädchen in eine gewöhnliche Familie einzutreten, davon würde ich Dir auf alle Fälle abrathen.« »Ja,« lächelte der Sepp, »dera Fex will gar hoch hinaus, mit sich und auch mit seiner Paula!« »Das bin ich mir schuldig. Ich werde in München nachschauen, ob sich eine passende Stellung finden läßt.« »Soweit brauchen wir gar nimmer zu gehen. Eine passende Stellung findet sich auch hier in dera Umgegend.« »Schwerlich!« »Wirsts wohl besser wissen wollen als dera Wurzelseppen?« »Nun, weißt Du vielleicht eine?« »Ja, eine ganz gute.« »Wo?« »Das willst auch schon gleich wissen? Ja, wo irgend was braucht wird, ein Rath oder eine Hilfen, da ist dera Sepp immer Derjenige, welcher bereit ist, beizustehen. Weißt, Fex, ich kenn eine vornehme Dame, die ist noch jung und so gut wie die Liebe selbst; ich weiß zwar nicht, ob sie ein Mädchen braucht, aberst wann ichs ihr sag, so nimmt sie die Paula sogleich zu sich.« »Wer ist das?« »Das ist eine Baronessen Milda von Alberg, die vor kurzer Zeiten drüben in Steinegg das Schloß kauft hat.« »Kennst Du sie?« »Grad so, als ob sie meine Großmuttern wär.« »Aber wenn Du nicht weißt, ob sie Jemanden braucht, so ist uns nicht geholfen.« »Ich hab ja sagt, daß sie die Paula zu sich nehmen wird, wann ich mit ihr sprech. In so einem großem Schloß ist gar viel Platz, und da werden Leutln braucht zu jeder Zeit. Und wer weiß, wie bald die Paula Veranlassung hat, fortzugehen! Das kann gar vielleicht schon heut kommen.« »Wie? Schon heut? Hast Du eine bestimmte Veranlassung, dies anzunehmen?« »So brauchst nicht gleich zu fragen. Ich hab nur meint, daß der Mensch niemals am Morgen weiß, was am Abend geschehen ist. Und nun sind wir hier am Zigeunergrab. Gehen wir hinaufi? Ich hab mit Dir zu reden.« »Weshalb mich herbestellt hast?« »Ja.« »Darfs die Paula auch hören?« »Jetzunder noch nicht.« »Es ist doch nix Schlimmes?« fragte das Mädchen ahnungsvoll. »Wer wird gleich so denken!« antwortete der Sepp. »Wann Männer über ein Geschäft reden wollen ohne die Frauen, da braucht man doch nicht sofort zu denken, daß ein Unglück dabei ist!« »Betrifft es meinen Vater?« »Jetzund soll ich Dir auch schon bereits verrathen, wens betrifft! Ja, das Weibsvolk ist voller Neugierden wie das Meer voller Heringen! Ich will Dir nur sagen, daß es denen Fex betrifft. Bist nun zufrieden, Paula?« »Ja, wanns etwas Gutes ist.« »Nun, Du kannst Dirs denken, daß ich dem Fexen lieber ein Gutes bring als ein Böses.« »So soll ich nach Hause gehen?« »Ja, geh nach der Mühlen, mein Dirndl. Vielleichten kommen wir bald nach.« Es lag eine eigenthümliche Rührung in dem Tone des Alten, Und sein gutes, treues Auge ruhte mit feuchtem, theilnahmsvollem Blicke auf dem schönen Mädchen. Paula bemerkte dies. Sie ergriff die Hand des Alten und sagte: »Sepp, Du bringst was Böses für mich!« »Schweig! Wie kannst so was denken!« »Ich hör und seh Dirs an!« »Ja, Du wirst so eine feine Menschenkennerin sein, die Einem gleich an dera Nasenspitzen anschaut, was man auf dem Herzen hat!« »Bei Dir braucht man das nicht zu sein. Komm mal her, Sepp. Schau mir mal grad und ehrlich in die Augen!« Er that, was sie wollte. »Nun, da blick ich Dir ins Gesicht. Nun sag mir, wast von mir willst.« »Sag mir jetzt einmal, ohne den Blick von mir zu wenden, die Wahrheit. Bringst wirklich nix Böses für mich?« Das war dem alten, ehrlichen Manne denn doch zu viel. Eine Lüge sagen und dabei dem Belogenen aufrichtig in das Auge schallen, das vermochte er freilich nicht. Er wurde ganz verlegen. Um diese Verlegenheit zu verbergen, that er, als ob er zornig sei und rief in unwilligem Tone aus: »Dirndl, laß mich aus! So ein junges Dingerl wie Du braucht nicht in denen Männern ihre Geschäftsgeheimnissen zu schauen.« »Das will ich auch gar nicht. Ich will nur eine kurze Antwort auf meine Frage. Bitte, bitte, lieber Sepp! Spann mich doch nicht so auf die Folter!« Sie sah ihn angstvoll flehend an. Der Fex nahm sich ihrer an und bat den Alten: »Sepp, thu ihrs doch zu Liebe! Es ist viel besser, etwas Unangenehmes genau zu wissen, als daß man es nur ahnt und es sich in Folge dessen viel schrecklicher ausmalt, als es wirklich ist.« »Ja, da hast freilich Recht, Fex. Und darum will ich also ehrlich sein. Aber wirst auch sehr derschrecken, Paula?« Sie erbleichte. »Ists denn gar so schlimm?« »Nun, gut ists freilich nicht. Wannst mir versprichst, jetzund noch darüber zu schweigen, so will ich Dirs so weit sagen, wie ich darf.« »Ich schweig. Hier meine Hand!« »Schweigst gegen Alle? Auch gegen Deinen Vatern?« »Ja. Ihn betriffts wohl?« »Ja. Er hat was than, was im Gesetz verboten ist, und das wird heut vielleicht an den Tag kommen.« Sie legte die kleinen Händchen zusammen. Ihre Augen standen sofort voller Thränen. »Was ists, was er than hat?« »Das darf ich noch nicht sagen.« »Ein Vergehen nur oder ein Verbrechen gar?« »Es wird leider wohl ein Verbrechen sein.« »O Herr Gott! Ein Verbrechen! Das hab ich dacht!« Sie hatte gar nicht beabsichtigt, dieses Geständniß auszusprechen. Nun es aber ihren Lippen entflohen war, konnte sie es nicht wieder zurücknehmen. Sie erschrak darüber noch mehr als über das, was sie von dem Sepp erfahren hatte. »Wie?« fragte dieser erstaunt. »Das hast Du Dir bereits dacht?« »Ja,« gab sie mit gesunkener Stimme zu. »Warum?« »Das weiß ich nicht.« »Aberst das mußt Du doch wissen.« »Nein, ich kann es nicht in Worte fassen.« »Hast Du denn was darüber sehen oder hört oder derfahren?« »Nein, aberst wann ich den Vatern anschaut hab, so ist mir immer ein Grauen überkommen, so ists mir immer gewest, als ob er was gar Schweres auf dem Herzen hat. Und er thut in Allem so heimlich, und sein ganzes Leben und Wesen ist so, daß man sich vor ihm fürchten muß.« »Das ist freilich wahr. Ich glaubs Dir gar wohl, daßt kein Vertrauen zu ihm haben kannst.« Da ergriff sie seine beiden Hände und sagte in flehendem Tone: »Nun wird er wohl seine Straf erhalten?« »Wann die Sach genau an den Tag kommt, so kann die Straf nicht abgewendet werden.« »Und da kommt die Polizeien in das Haus?« »Freilich wohl.« Da schlug sie die Hände vor das Gesicht und brach in ein erschütterndes Schluchzen aus. »Machst Du es nicht schlimmer, als es ist, Sepp?« fragte der Fex, indem er dem Alten einen halb zornigen, halb warnenden Blick zuwarf. »Ich machs nicht schlimmer. Und bös darfst mir auch nicht sein, Fex. Es ist besser, die Paula weiß es vorher, als daß es ohne Erwarten über sie hereinbricht und sie desto härter trifft.« »O Fex! Fex!« jammerte sie. »Fasse Dich, Paula!« bat er. »Ich bin ja bei Dir!« »Ja, jetzt bist bei mir, aber wie lange!« »Immer, stets! Auf mich kannst rechnen!« »Nein. Wir dürfen nix mehr von einander wissen!« »Wie? Was sagst da?« fragte er betroffen. »Ich bin die Tochter eines Verbrechers.« »Aber Du hast doch nix than!« »Das ändert nix an dera Sachen. Die Sünden der Väter werden straft an denen Kindern bis in das dritte und vierte Glied. Wann ich zehnmal unschuldig bin, so werden doch die Leut mit denen Fingern auf mich zeigen und dabei sagen: Das ist die Tochtern von dem Thalmüllern! Wie kannst da noch was von mir wissen wollen!« »Du armes, liebes, gutes Mädchen! Wirf doch diese Sorge von Dir! Sie ist ganz nichtig und grundlos. Dein Vater mag sein, wer er will und mag than haben, was es sei. Du bist doch die Paula, meine gute, reine Paula! Du bist mein Engel gewest und mein Licht und meine Sonne allezeit, und wast mir gewest bist, das wirst mir sein und, bleiben, so lang ich leb auf dera Welt!« »Hörsts Paula! Ihm kannsts glauben! Er ist wahr und treu wie Gold!« sagte der Sepp. Sie schüttelte leise den Kopf, reichte Beiden die Hand und schluchzte: »Ihr meints jetzund gut mit mir und wollt mich trösten; aberst es wird ganz anderst kommen. Und dann liegt dera Fluch auf mir, den der Vatern auf sich geladen hat. Ich will gehen. Lebt wohl, alle Beid!« »Nein, so darfst nicht gehen!« bat der Fex. »Schau mich an, Paula! Ich Hab Dich lieb, lieber noch als mein Leben und als Alles. Mag geschehen sein und noch geschehen, was da wolle, ich bleib Derjenige, der ich bin. Auf mich kannst Dich verlassen. Ich will lieber auf Alles verzichten und Alles von mir werfen, wenn ich nur Dich glücklich seh. Wirst mir das glauben?« ' Sie hob den thränenschweren Blick zu ihm empor. »Das sagst nur jetzunder, weil Dir sonst Dein gutes Herz wehe thut, wannst mich weinen siehst.« »Nein, ich sags nicht nur, sondern ich fühl es auch, und was ich heut fühl, das werd ich fühlen immer fort und zu aller Zeit. Willst mir vertrauen?« »O Gott, wann ich das dürft!« Es war ein Blick voller Jammer und Herzeleid, den sie auf ihn warf. »Du darfst! Wozu und für wen war ich denn da, wenn nicht für Dich. Und wofür hätt der liebe Herrgott uns die Lieb ins Herz geben, wann sie nicht dazu wär, daß sie uns nicht nur in der Freud, sondern auch im Leid vereinigen sollt! Nein, trockne Deine Thränen! Ich weiß, daßt mehr Furcht vor Deinem Vatern hast als Liebe zu ihm. Wann er die Folgen seiner Thaten zu tragen hat, so wirds Dich mit treffen, ins tiefe Herz hinein, weilst doch sein Kind bist, aber zur Verzweiflung kanns Dich nicht treiben. Du hast noch Anderes zu thun, als um einen Vater zu jammern, der Dir niemals ein Vater gewesen ist. Du hast den Fex, der ohne Dich nicht glücklich sein kann, der ohne Dich gar nicht leben möchte. Daran mußt denken, Paula! Für mich mußt Dich erhalten! Und wann heut eine Wolke kommt, aus welcher ein Wetter auf Euer Haus niederfällt, so kann sie doch nicht immer bleiben; sie muß vergehen, und nachher giebts wieder Sonnenschein.« Da schlang sie die Arme um ihn, legte ihr Köpfchen an seine Schultern und flüsterte: »O Fex, wie lieb und gut Du zu sprechen vermagst. Das kann ich doch nimmer Alles glauben!« »Du kannsts und sollsts glauben!« »Wie glücklich ich war, als ich Dich heut derblickte! Ich hätt mit Keiner tauscht in dera weiten, weiten Welt. Und nun soll Alles, Alles ganz vorüber sein!« »Wer hat das sagt? Wer kann das auch nur denken? Komm, meine Paula! Wein jetzt nimmer! Sei stark und still! Was auch geschehen mag, so bin ich bei Dir!« »Und auch ich!« sagte der Sepp. »Vielleicht ists gar nicht so schlimm, wie wir meinen. Und wann sie Dir den Vatern nehmen, der es schon längst vergessen hat, so lange wie er Dich kennt, und Der Dir ein guter und treuer Vatern sein will bis an sein selig End, wannsts ihm nur derlauben willst. Also halt den Kopf hoch, Dirndl! Trockne die Thränen, und verlaß Dich auf die beiden Männern; welche jetzunder da bei Dir stehen und es so gut und treu mit Dir meinen. Geh jetzunder heim und was auch kommen mag, Du darfsts glauben, wir werden sorgen, daß es nicht zu Deinem Unglück werden kann. Geh also, geh!« Seinem Zureden gelang es, sie wenigstens äußerlich zu beruhigen. Es lag eben Etwas in seinem Wesen, dem Niemand zu widerstehen vermochte. Sie gab Beiden die Hände und ging fort, der Mühle entgegen. Die Beiden aber stiegen nach dem Hügel des Zigeunergrabes hinauf. Oben angekommen, sagte der Fex: »Sepp, heute bin ich gar nicht mit Dir zufrieden.« »Warum?« »Weilst dera Paula einen so großen Schreck bereitet hast.« »Ich hab Dir meine Entschuldigung bereits sagt. Es war besser, sie vorzubereiten.« »Nun, Du magst Recht haben, und so will ich Dir nicht zürnen. Aber handelt es sich denn in Wirklichkeit um ein Verbrechen ihres Vaters?« »Ja. Und das Verbrechen ist viel größer, als ich es ihr hab ahnen lassen.« »O wehe! Was hat er than?« »Es bezieht sich auf Dich.« »Wirklich? Du, Sepp, wann es sich auf mich bezieht und die Paula muß darunter leiden, so wollen wir es lieber sein lassen.« »Das ist nicht möglich. Er hat auch noch Anderes than.« »Der Unglückselige!« »Und er hat einen Mitschuldigen, der bereits von dera Polizei verfolgt wird. Und wann dies auch nicht der Fall wäre, wenn man es rückgängig machen oder gar ganz verschweigen könnte, so dürfte man doch Deinetwegen nicht schweigen, denn es handelt sich um Deine Abstammung.« »Weißt Du das genau?« »Ja. Weißt Du, wer meine Eltern sind?« »Ich glaub, es zu wissen.« »Leben sie noch?« »Nein.« »So Verzicht ich auf Alles, wann nur die Paula nicht betrübt wird.« »Auch wann Dein Vatern ein reicher und vornehmer Mann gewest ist?« »Ja.« »Wohl gar ein Baronen?« »Auch dann. Paula's Seelenruhe und ihr Glück ist mir mehr werth als das Bewußtsein, das Kind eines vornehmen Mannes zu sein.« »Das ist edel aber dumm!« »Pah! Nenne es, wie Du willst. Ich werde auf alle Fälle meinen Weg machen, und ich will das, was ich einst sein werde, lieber aus eigener Kraft geworden sein, als dadurch, daß ich Diejenige betrübe, welche ich über Alles liebe.« Der alte Sepp kaute eine ganze Weile an seinem Bart herum. Er war von dem Edelmuthe seines Freundes außerordentlich gerührt, wollte es sich aber nicht merken lassen und führte nun das letzte Argument gegen ihn in den Kampf. »Weißt noch damals, daßt Dich an dem Thalmüllern rächen wolltest?« . »Das weiß ich wohl.« »Und nun bist auf einmal bei ganz anderer Gesinnung!« »Weil ich jetzt erkannt habe, daß die Rache nicht nur den Vater, sondern, auch die Tochter und also auch mich treffen würde.« »Na, Fex, ich will Dir aufrichtig sagen, daß ich Dir nicht Unrecht geben kann; aberst an dera Sach ist nun nix mehr zu ändern. Sie muß ihren Gang gehen.« »Wirklich?« »Ja. Da schau mal nach dera Mühlen hin. Wen siehst da sitzen?« Man konnte, wie bereits früher erwähnt, von hier oben die ganze Mühle überblicken. Der Fex war bis jetzt so mit dem Gegenstande ihres Gespräches beschäftigt gewesen, daß er für Anderes kein Auge gehabt hatte. Auf die an ihn ergangene Aufforderung richtete er den Blick nach der Mühle. Vor derselben, im Vorgärtchen, saßen zwei Männer an einem und demselben Tisch. »Ists möglich?« sagte der Fex. »Dort sitzt ja gar der Müller im Garten!« »Ja, auch ich erkenn ihn am Gesicht. Er darf also nun die Stub verlassen.« »Weil es jetzt Sommer ist. Als ich von hier fortging, war es noch Frühling.« »Aberst kann er heraus laufen?« »Nein. Du siehst ja, daß er auf einem Fahrstuhle sitzt. Paula hat mir von einem neuen Badearzt geschrieben, welcher behauptet hat, ihn herstellen zu können.« »So mag dera Arzt nur rasch machen. Dann kann dera Müllern, wann er kurirt worden ist, seinen ersten Weg gleich ins Zuchthaus thun.« »Sepp! Sprich nicht so!« »Es ist aberst so!« »Ich hoffe doch, daß es sich noch ändern läßt. Was in meiner Macht liegt, dieses Unglück von Paula zu wenden, das soll geschehen.« »Es kann nix dagegen geschehen, denn dera Herr Assessor ist bereits da.« »Ein Assessor? Ein Gerichtsbeamter? Wo ist er?« »Dera Herr ist es, welcher mit dem Müllern am Tisch sitzt. Er macht den Staatsanwalt.« »Alle Wetter! Der Staatsanwalt bereits bei ihm! Und Beide an einem Tische!« »Ja. Diese Herren vom Gericht sind gar kluge Leute. Sie wissens so einzurichten, daß sie das, was sie hören wollen, ganz gut derfahren, ohne daß sie darnach fragen. Schau! Jetzunder kommt die Paula an ihnen vorüber, und ihr Vater ruft sie.« »Und da unten kommt der Fingerlfranz von dera Fähre. Er läuft wie ein Schnellläufer. Und was für ein Gesicht er macht. Er wird auch nach der Mühle gehen.« »Natürlich! Nun wird er die Paula bei ihrem Vatern anklagen; aber dera Herr Assessor wird sie in seinen Schutz nehmen.« »Hat Der bereits von ihr gehört?« »Von ihr und Dir.« »Bist nicht klug! Warum hast plaudern müssen!« »Weil dera Herr Assessorn Alles wissen mußt und nun er es weiß, wird er in dera Sach ganz anders vorgehen, mit weit mehr Schonung als es sonst geschehen wär. Die Sach liegt so, daß dera Müllern eigentlich ganz kurz vom Gensd'arm weggeholt werden müßt. Aberst weil ich ihm Alles derzählt hab, hat er eine Theilnahme empfunden und sich vorgenommen, humaner zu sein, als er es zu sein braucht.« »Nach Dem, was ich bereits von Dir gehört habe, muß ich natürlich gespannt sein, noch mehr zu erfahren.« »Sollst es auch derfahren. Dazu bin ich ja da, und deshalb hat Dir der Herr Assessorn telegraphiren lassen.« »Nicht Du?« »Nein. Er hat meinen Namen darunter setzt; sonst hab ich mit dera Depeschen nix zu schaffen. Jetzunder aber werd ich Dir Alles berichten.« Sie setzten sich auf die bereits mehrfach erwähnte Bank, welche neben dem Grabhügel stand, und der alte Sepp erzählte, was in Hohenwald geschehen sei, natürlich nur so weit, als die dortigen Ereignisse die Verhältnisse des Fex näher berührten. Diesen Letztern hörte er aufmerksam zu. Die jugendliche Röthe wich mehr und mehr aus seinem Gesichte, welches letztere je länger desto mehr den Ausdruck der größten Spannung annahm. Als der Alte geendet hatte, sprang der junge Mann von seinem Sitze auf. »Um Gotteswillen,« sagte er, »das ist freilich ganz anders, als ich es gedacht habe! Ich habe geglaubt, ein von Zigeunern geraubtes Kind zu sein. Ich habe gemeint, daß in diesem Raube das ganze gegen meine Eltern gerichtete Verbrechen bestehe. Und nun erfahre ich, daß noch weit Schrecklicheres geschehen sei!« »Nicht wahr? Jetzunder magst nun wohl keine Nachsicht mehr üben?« »Man hat das Schloß angebrannt!« »Die Beiden, dera Thalmüllern mit dem Silberbauern.« »Das Geld geraubt!« »Es ist dasselbe gewest, welches Du bei dem Müllern im Kasten sehen hast.« »Und meine Mutter getödtet! O Mutter, Mutter, meine Mutter!« Er faltete die Hände wie betend in einander und richtete das Auge zum Himmel empor. »Nun,« fragte der Sepp, »willst denen beiden Mordbrennern das Alles vergeben?« »Nein, und abermals nein!« »Dort sitzt Einer von ihnen. Soll der dort in der Sonnen, die ihn so warm bescheint, sitzen bleiben und die Frucht seiner Verbrechen genießen, Fex?« »Nein. Die Gerechtigkeit mag ihn treffen!« »So ists recht! Auge um Auge und Zahn um Zahn. So stehts in dera Schrift geschrieben, und das ist dem Herrgott sein Gesetz. Wer da sündigt, den muß die Straf ereilen.« »Aber Paula, meine arme, arme Paula!« Er ging auf der kleinen Höhe auf und ab, hin und her. Er war voll heiligen Zornes gegen die beiden Männer, die so schwere Verbrechen gegen ihn begangen hatten, und doch liebte er die Tochter des Einen mit solcher Innigkeit, daß er gern, sehr gern ihrem Vater verziehen hätte, wenn nur die Verbrechen nicht gar so schwere gewesen wären und der andere Verbrecher dann nicht auch straflos hätte ausgehen müssen. Da kam ihm in dieser inneren Bedrängniß ein Gedanke, von welchem, wenn er der richtige war, Rettung zu erwarten war. »Aber, bin ich denn auch wirklich in jenem Schlosse geboren? Bin ich das Kind, von welchem hier die Rede ist?« »Wer solls denn sonst sein?« »Wer sonst? Jeder Andere kann es sein! Von mir ist es ja noch gar nicht mit unumstößlicher Sicherheit erwiesen.« »Was fängst da an, zu schwatzen!« »Das ist kein Schwatzen. Selbst meine Papiere beweisen noch nichts.« »Welche Papiere meinst denn?« »Die, welche wir dem Müller mit der Photographie aus dem Stuhle genommen haben.« »Nun, diese Photographieen war doch richtig das Bildniß Deiner Muttern?« »Ja. Ich erkannte sie sofort.« »Schau, da müssen doch auch die anderen Papieren Dir gehören!« »Das steht nicht so fest, wie Du meinst.« »Ja, wenn wir doch nur Einen funden hätten, der es lesen kann.« »So lange ich mich auf Dich verließ und gar zu sehr in meine Studien versunken war, fand sich allerdings Niemand; aber als Du fort warst und ich nicht gar so viel mehr zu arbeiten und zu üben brauchte, begann ich, selbst zu suchen.« »Hast Einen funden?« »Ja. Es kam ganz zufälliger Weise ein Rosenölhändler nach München, um sich die dortigen Kunstschätze anzusehen. Mit ihm traf ich zusammen. Er wohnte in Sofia und war in sämmtlichen Sprachen der Türkei und der Donauländer bewandert. Er verstand die Documente zu lesen und hat sie mir übersetzt.« »Sappermenten! Das ist gut! Nun sag mir aberst auch, was für Papiere es gewest sind!« »Der Geburtsschein eines walachischen Edelmannes Namens Samo von Gulijan; der Geburtsschein seiner Frau, einer geborenen Etelka von Toregg, und der Geburtsschein ihres Sohnes, welcher Curty, also Curty von Gulijan getauft wurde. Dabei lag auch der Trauschein der beiden Eltern.« »Himmelsakra! So ist ja Alles gut!« »Noch nicht. Du bist dera Curty von Gulijan.« »Beweise es!« »Du hast ja die Papieren!« »Ich hab sie dem Müller gestohlen!« »Auf rechtmäßige Weise!« »Wie wollte ich das beweisen? Wenn der Müller sich irgend eine Geschichte darüber aussinnt, wie diese Papiere in seine Hände kamen, so haben sie für mich nicht den mindesten Werth.« »Da sollte doch gleich dera Teuxeln dreinschlagen! Das will ich mir verbitten! Etwas aussinnen darf er sich nicht!« »Verbiete es ihm. Es wird nichts helfen.« »Oho!« »Und mir macht es das Herz leichter. Paula soll meinetwegen nicht unglücklich werden.« »Ganz richtig! Unglücklich werden soll sie nicht. Aberst Du sollst was werden, nämlich derjenige Curty von Gulijan, von welchem wir sprochen haben. Und ich werd dafür sorgen, daßts auch wirst.« »Gieb Dir keine Mühe.« »Papperlapappen! Ich geb mir Mühe! Jetzunder wirst hier sitzen bleiben.« Der Alte nahm den Sack und den Bergstock auf, welche Beide er auf den Rasen gelegt hatte. »Wo willst Du hin?« »Zum Herrn Assessorn. Du aberst bleibst hier sitzen und passest fein aufi, wann ich Dir das Zeichen geb. Nachhero kommst mir nach.« »Welches Zeichen?« »Ich schwenk mit dem Hut, aberst so, daß dera Thalmüllern es nicht bemerken kann.« »Bleib lieber da, und laß den Assessor mit dem Müller thun, was ihm beliebt!« »Fallt mir nicht eini! Ich hab vor wenigen Tagen aus einem Schulmeistern den Sohn eines Barons macht; da werd ich wohl mich aus einem dummen Geigenfexen den Curty von Gulijan machen können. Was dera Sepp will, das thut er, und was er thut, das kann er. Also hier wartest, und gehst nicht fort. Und wann ich mit dem Hut schwenk, so kommst zu uns hin. Kannst ja so thun, als obst ganz zufällig kämst.« Der Alte war ganz Flamme. Er eilte davon. – Nachdem der Assessor, wie er zu dem Sepp gesagt hatte, die betreffenden hiesigen amtlichen Personen aufgesucht und sich mit ihnen verständigt hatte, war er nach der Mühle herausspaziert. Er hatte eigentlich noch keinen festen Plan darüber, wie er sich dem Müller unauffällig nähern wolle. Er vertraute dem Zufalle, und dieser war ihm wirklich günstig. Als er die Mühle erreichte, saß der Müller auf einem Fahrstuhle vor dem erwähnten Tische im kleinen Vorgärtchen. Er hatte, wie gewöhnlich die Peitsche in der Hand. Er betrachtete den langsam und mit der unbefangenen Miene eines Spaziergängers herbeitretenden Assessor und erwiederte dessen Gruß in seiner unfreundlichen Weise, die ihm zur zweiten Gewohnheit geworden war. »Erlauben Sie, bei Ihnen Platz zu nehmen?« fragte der Beamte. »Dort ist ja auch Platz,« antwortete der Gefragte, indem er nach einem andern Tische deutete. »Ich ziehe es vor, mich zu unterhalten.« »Ich nicht.« »Nun, so können wir ja auch still neben einander sitzen,« lächelte der Assessor. »Das Stillsein geht noch besser, wann wir an verschiedenen Tischen sitzen.« Der Beamte ließ sich aber nicht irre machen. Er zog sich einen Stuhl so an den Tisch, daß er dem Müller gegenüber saß, und sagte: »Hier ist doch wohl eine Restauration?« »Die ist freilich hier.« »Was kann man da zu trinken bekommen?« »Allerlei. Fragens nur die Leut.« »Wo befinden diese sich?« »Drinnen in dera Mühlen.« »Hm! Wollen Sie nicht die Güte haben, irgend Jemand herauszurufen?« Da schwang der Müller die Peitsche, klatschte einige Male laut mit derselben und antwortete: »Lassens mich aus, Herr! Ich hab Ihnen schon bereits sagt, daß ich keine Unterhaltungen und Redereien haben will.« »Nun, Sie sollen Ihren Willen haben. Aber vorher bitte ich, mir gefälligst zu sagen, wer Sie sind.« »Das geht Sie gar nix an.« »Vielleicht doch. Ich will mich nämlich bei dem Thalmüller nach Etwas erkundigen.« »Das könnens schon thun; mich aber lassens halt nun in Ruh!« Es war ein eigenartiges Lächeln, welches über die Züge des jungen Beamten glitt. Trotz des Empfanges, welcher ihm geworden war, getraute er sich, recht gut mit diesem Manne fertig zu werden. Natürlich wußte er, wen er vor sich hatte. Der Müller war ihm vom Sepp so genau beschrieben worden, daß ein Irrthum gar nicht möglich war, und zudem war der hier vor ihm sitzende Mann an den Füßen gelähmt, so wie der Thalmüller; er mußte es also sein. Der Assessor brannte sich eine Cigarre an, die er nun in einer Weise rauchte, als ob seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Thätigkeit gerichtet sei. So verging eine ziemliche Zeit. Da trat eine Magd unter die Thür. Der Assessor winkte ihr, und sie kam näher. »Haben Sie Bier, mein Fräulein?« fragte er sie in höflichem Tone. »Ja freilich haben wir eins,« antwortete sie, indem sie versuchte, einen Knix zu machen. Trotzdem ihr dieses Compliment vollständig mißlang, lachte ihr ganzes Gesicht vor Vergnügen über die Höflichkeit, mit welcher sie angeredet worden war. »So bitte, bringen Sie mir ein Glas!« Sie knixte wieder, freilich nur mit dem einen Beine und auf dieser einen Seite, und eilte dann in das Innere der Mühle, um den erhaltenen Befehl zu vollziehen. »Alberne Drine!« brummte der Müller leise, aber doch so, daß der Assessor es hören mußte. Der Letztere aber that dennoch so, als ob er die Worte nicht vernommen habe; aber als die Magd ihm dann das Bier brachte, fragte er sie: »Bitte, mein Fräulein, können Sie mir wohl sagen, ob der Besitzer dieser Mühle jetzt zu sprechen ist?« Sie blickte ganz verwundert erst auf ihn, dann auf seinen Gegenüber und antwortete: »Meinens etwan den Müllern?« »Ja.« »Na, da sitzt er doch!« Dabei deutete sie auf den Müller und machte ein Gesicht, dem man es sehr deutlich anmerken konnte, daß sie die an sie gerichtete Frage nicht begreifen könne. »Danke!« sagte der Assessor höflich zu ihr, und als sie sich dann entfernt hatte, wendete er sich lächelnd an seinen Gegenüber. »Sie scheinen sehr gern Versteckens zu spielen, und da auch ich ein großer Freund dieses allerliebsten Spieles bin, so freut es mich außerordentlich, Ihnen zeigen zu können, daß ich in demselben nicht unbewandert bin. Also, machen wir weiter so fort, wie wir begonnen haben! Nur glaube ich nicht, daß Sie es lange mit mir aushalten werden.« Diese letzteren Worte hatte der Assessor aus psychologischen Gründen gesagt. Der Müller war ihm als ein Hartkopf beschrieben worden, was durch das jetzige Verhalten auch bereits genugsam beschrieben worden war. Der Assessor that nun, als ob er ihm überlegen sei, um ihn zum Widerspruch heraus zu fordern. Hatte er ihn erst einmal zum Sprechen gebracht, so mußte sich alles Andere ganz von selbst entwickeln. Diese Berechnung zeigte sich auch sofort als richtig, denn der Müller zog ein höhnisches Gesicht und antwortete: »Ich möcht wohl Den sehen, mit dem ichs nicht aushalten thät. Oder haltens sich vielleichten für gar so sehr klug und gescheidt?« »Ja,« antwortete der Assessor in sehr ernstem Tone. »Na, so schauens freilich nicht aus!« »Das ist ja möglich. Gewöhnlich sehen die Leute ganz anders aus, als sie sind. Ich habe wohl ein dummes Gesicht, bin aber nicht dumm. Sie hingegen haben eine außerordentlich kluge Physiognomie, und da läßt sich vermuthen, daß Sie das Pulver wohl auch nicht erfunden haben werden.« Da schlug der Müller mit der Faust zornig auf den Tisch und rief: »Himmelsappermenten! Das ist eine Grobheiten, die ich mir nicht gefallen zu lassen brauch!« »Nun, so lassen Sie es sich nicht gefallen! Nur bin ich neugierig, zu sehen, wie Sie das anfangen werden.« »Ich laß Sie hinauswerfen!« »Ich bin ja schon draußen. Wir sitzen doch im Freien!« »Ich hab meint, daß ich Sie fortjagen laß!« »Ach so! Was thue ich da mit Ihnen? Sie haben mich doch auch beleidigt, indem Sie sagten, daß ich nicht gescheidt aussehe.« »Da hab ich nur die Wahrheit sagt.« »Und ich auch. Uebrigens kann ich nicht begreifen, daß Sie sich verleugnen, wenn ich nach dem Müller frage. Das thut man doch blos nur dann, wenn man keine gerechte Sache hat.« »Donnerwettern! Wie meinens das? In wiefern soll ich keine gerechte Sach haben? Heraus damit! Ich wills wissen!« »Ich habe nicht einen bestimmten Gegenstand gemeint, sondern ganz im Allgemeinen gesprochen!« »Das will ich mir verbitten! Hier wird nicht im Allgemeinen sprochen. Verstanden! Und wenn ich nicht gleich sag, daß ich dera Müllern bin, so kann ich das, und ich hab meinen Grund dazu. Ich brauch nicht für einen Jeden dazusitzen, der herbei kommt und mit mir reden will.« »Ach so! So ist also mit Ihnen kein Geschäft zu machen?« Dieses Wort brachte die beabsichtigte Wirkung hervor. Das Gesicht des Müllers legte sich in freundlichere Falten, und er fragte: »Ein Geschäft? Wegen einem Geschäft sinds halt kommen? Was ists denn für eins?« »Haben Sie nicht Lust, einen sehr guten Getreidekauf zu machen?« »Warum nicht? Frucht kauf ich immer, und wanns denen Preis darnach stellen, so zahl ich auch sogleich baar. Ists Roggen?« »Nein.« »Weizen oder Gersten oder auch ein Hafer?« »Auch nicht.« »Sappermenten! Ein Anderes kanns doch wohl gar nicht sein.« »Vielleicht doch!« »So sagens doch grad heraus!« »Danke! Erst wollten Sie nicht mit mir reden, und nun ist mir die Lust vergangen, mit Ihnen zu sprechen.« Er legte sich bequem an die Lehne seines Stuhles zurück und zog an seiner Cigarre. Der Müller betrachtete ihn mit forschendem Blicke, hustete einige Male vor sich und sagte: »Machens doch keine Sperrenzereien! Sinds etwan ein Getreidehändlern?« »Nein.« »Oder Agent?« »Auch nicht. Sprechen wir nicht weiter von dieser Angelegenheit. Ich wollte Ihnen ein sehr vorteilhaftes Angebot machen. Sie haben mich abstoßend behandelt, und so ist es gut und abgemacht. Ich zwinge mich Keinem auf.« »Da sinds aberst sehr schief gewickelt! Ein Geschäfts- und Handelsmann darf nicht so übelnehmisch sein, sonst macht er einen schlechten Handel.« »Pah! Das brauche ich nicht zu befürchten. Meine Waare ist gut, und meine Preise sind sehr niedrig! Da weiß ich, daß ich das Getreide los werde. Uebrigens kam ich nur hierher, um Sie persönlich kennen zu lernen. Vielleicht machen wir später einmal ein Geschäft. Zu dem gegenwärtigen brauche ich Sie nicht. Ich habe einen Mann, der ist Besitzer von zwei Mühlen. Wenn er sie auch nicht selbst im Gange, sondern in Pacht gegeben hat, so wird er doch, wenn er die Preise erfährt und die Waare sieht, mir dieselbe sofort abnehmen.« »So? Wer ist denn dieser Mann?« »Er heißt Claus. Ich glaube nicht, daß Sie ihn kennen.« Er sagte das im unbefangensten Tone. Der Müller horchte auf und fragte: »Meinens etwan den Conrad Clausen drüben in Hohenwald?« »Ja.« »Also den Silberbauern? Den, den!« »Ja, ich glaube, daß er in der dortigen Gegend bei diesem Namen genannt wird.« »Den kennens also?« »Sogar sehr gut.« »Woher denn?« »Schon seit langer, langer Zeit, als ich noch im Auslande war. Er hatte in der Nähe meines Wohnortes eine Mühle gepachtet.« »Wo ist das gewest?« »In Slatina.« Es war, als ob eine Natter den Müller gestochen habe. Er fuhr so hoch empor, wie seine kranken Beine es ihm erlaubten. »Was? Sie sind von da unten her?« »Ja.« »So! Da habens wohl auch alle Leuteln kannt, welche dort wohnen?« »Nein. Zur Zeit, als der Silberbauer sich in jener Gegend befand, war ich ein halbwüchsiges Bürschchen und kam nur zur Ferienzeit nach Hause. Da versteht es sich ganz von selbst, daß der Kreis meiner Bekannten dort kein sehr großer gewesen ist.« »Aberst beim Claus sinds wohl oft in seiner Mühlen gewest?« »Sehr oft.« »Und hats nicht noch eine zweite Mühlen dort in der Nähe geben?« »Vielleicht. Ich kenne sie nicht. Ich bin nicht hingekommen. Uebrigens unter uns gesagt, muß Claus damals ein ganz eigenthümliches Leben geführt haben.« Er hatte sich vorgebeugt und sagte diese Worte in vertraulichem Flüstertone. Des Müllers Augen waren weit geöffnet. Man sah es ihm an, wie hochinteressant ihm dieses Gesprächsthema sei. Er zwang sich aber zu einem möglichst gleichgiltigen Tone, als er antwortete: »Was weiß ich davon!« »Nichts? Ich denke, Sie kennen das?« »Warum soll ichs kennen?« »Weil Sie ein Vertrauter des Silberbauers sind.« »Ich? Das kann Niemand einfallen. Warum denkens denn eigentlich, daß ich ein Vertrauter von ihm bin?« »Weil Sie wissen, daß es dort in seiner Nähe noch eine zweite Mühle gegeben hat. Ich vermuthe, daß Sie das von ihm erfahren haben, denn hier giebt es keinen Menschen, der in jener Gegend gewesen ist.« »Ja, das ist richtig. Ich bin Müller, und dera Claus ist Müller. Wir haben uns Mal troffen, und da hat er mir von dem Ort verzählt, an welchem er früher wohnt hat. Da sprach er von dera zweiten Mühlen. So hab ichs also von ihm derfahren. Aberst sagens doch mal, warum Sie denken, daß dera Silberbauern damals so ein absonderliches Leben führt hat?« »Ich habe so meine Gedanken darüber.« »Die man wohl nicht derfahren darf?« »Was könnte es Ihnen nützen!« »Nix. Das ist freilich war. Aberst ich verinteressire mich gar sehr für denen Silberbauern, und da hätt ich gar gern was von seinen früheren Zeiten derfahren.« »Das gebe ich sehr gern zu. Sie sind Geschäftskollegen, und bei solchen ist es ja von Vortheil, wenn sie sich gegenseitig kennen. Aber ich weiß nun nicht, ob ich von diesen Sachen sprechen darf.« »Warum nicht? Ists denn was so gar sehr Schlimmes?« »Hm! Ich weiß nicht.« Der Assessor machte bei diesen Worten ein sehr bedenkliches Gesicht. Das hatte die Wirkung, daß der Müller noch begieriger wurde, zu erfahren, was dieser fremde Mann von dem Silberbauer wußte. »Was machens denn für ein Gesichten?« fragte er. »Das schaut ja ganz so aus, als obs sich von bösen Angelegenheiten handele.« »Vielleicht!« »Donnerwettern! Dera Silberbauern wird doch nix Böses thun! So wie ich ihn kennen lernt hab, ist er ein braver Mann.« »Jetzt vielleicht.« »Aberst früher wohl nicht?« »Wie es scheint, nein.« »Hörens, da betrachtens ihn wohl von dera falschen Seiten!« »O nein! Haben Sie nicht vielleicht einmal von einer gewissen Frau Weise gehört?« »Nein. Die kenne ich nicht.« »Ihr Mann war auch Müller; er wohnt in Hohenwald und wird der Finkenheiner genannt.« »Hm, den Mann seinen Namen hab ich freilich schon einmal hört; aberst die Frauen kenn ich nicht.« »Auch ihr Schicksal nicht?« »Nein.« Es war ihm anzusehen, daß er die Unwahrheit sagte: »Sie soll eine Liebschaft mit dem Silberbauer gehabt haben,« fuhr der Assessor fort. »So! Das ists! Nun, wanns weiter nix Schlimmes von ihm wissen, so ists ja gar nicht so bös. Eine Liebschaften hat Jeder mal.« »Aber nicht mit der Frau eines Anderen!« »Warum nicht? Das soll auch vorkommen.« »Er hat sie entführt.« »Sappermenten! Das kommt ja nur in Theatern oder in denen Romanen vor!« »Auch im Leben, wie dieses Beispiel so deutlich beweist.« »Nun, wann sie mit ihm davonlaufen ist, so hat sie allein die Dummheiten begangen.« »Aber sie hat ihr Geld mitgenommen, um welches er sie dann betrogen hat.« »Obs wahr ist!« »Sehr! Es ist sogar erwiesen.« »Nun, so hat er sichs wohl blos nur borgt. Er mags ihr zurückgeben; er kann das, denn ich hab hört, daß er reich ist.« »Ja, reich ist er. Er soll nämlich zwei große Kasten voll türkischer Goldstücke besitzen.« Da wechselte der Müller die Farbe. »Was!« rief er stockend. »Zwei große – Kasten mit – türkischen Goldstuckerln!« »Ja, so munkelt man.« »Woher soll er die haben?« »Von Slatina mitgebracht, wenigstens den einen Kasten. Den anderen soll er sich erst vor kurzer Zeit geholt haben.« »Alle Teufeln! Ist er da wiedern in Slatina gewest?« »Nein. Er soll diesen Kasten bei einem Bekannten geholt haben, welcher mit ihm – – ah, da fällt mir etwas ein! Daran habe ich gar nicht gedacht, als ich vorhin – –« Er hielt inne und that, als ob er über Etwas nachdenke. »Was ists?« fragte der Müller angelegentlich. »Eine kleine Vergeßlichkeit.« »Welche denn? So sagens es doch!« Er sagte das in einem sehr dringlichen Tone. Der Assessor antwortete: »Sie fragten vorhin nach einer zweiten Mühle. Ich konnte mich nicht besinnen. Jetzt aber, da von dem Geldkasten die Rede ist, fällt es mir wieder ein. Ja, es hat noch eine Mühle gegeben, und der Pächter derselben ist nicht nur Freund, sondern auch der Verbündete des Silberbauers gewesen. Sie haben ein Schloß angebrannt. »Tod und Hölle!« rief der Müller, vor Schreck fast überlaut. »Und dabei alles Geld geraubt, welches sich in der Kasse befand.« »Da sinds ja gradezu Mordbrennern gewest!« »Allerdings. Den Raub haben sie getheilt und sind dann fortgezogen.« »Wohin?« Es war, als ob die Augen des Müllers aus ihren Höhlen treten wollten. »Der Silberbauer natürlich nach Hohenwald.« »Und der Andere?« »Das weiß man nicht.« »Aberst dera Silberbauern wird es wissen.« »Höchst wahrscheinlich. Aber sagen wird er es jedenfalls nicht.« »Warum denn nicht?« »Weil dann die Sache erwiesen wäre. Er wird natürlich leugnen, und so kann man ihm also nichts beweisen.« Der Müller holte tief Athem. Er nahm die Peitsche in die Hand und schwippfte leise mit ihr hin und her. Da aber kam ihm ein Gedanke, der ihn sehr zu erschrecken schien. »Woher weiß man denn das eigentlich?« fragte er. »Das kann ich auch nicht sagen.« »Aberst Sie wissens doch, und da müssens natürlich wissen, von wem Sie es derfahren haben.« »Das weiß ich freilich, und woher der es hat, das wird er auch wissen, Jeder erzählt es; aber Keiner sagt, von wem er es hat. Wissen Sie, solche Sachen liegen, so zu sagen, in der Luft. Es ist erwiesen; man weiß es, man spricht auch davon, und der Betreffende hat nicht die mindeste Ahnung.« »Das sollte er wissen; das sollte er hören; das sollte man ihm sagen!« »Er wird es schon noch zur richtigen Zeit erfahren. Wenn ein Gewitter in der Luft schwebt, so geht es in den meisten Fällen auch nieder. Und so wird auch das Wetter, welches über dem Silberbauer schwebt, sich entladen. Er muß aller Augenblicke es erfahren, daß ein Gerichts- oder Polizeibeamter von der Sache erfährt, und dann bricht es los, und er wird arretirt.« »Himmelsacra! Aberst es ist jedenfalls nur eine Redereien, eine Verleumdungen, die sich irgend Einer, der ihm nicht gut ist, ausdenkt hat.« »Das glaube ich nicht. Solche Sachen sinnt man sich nicht aus. Das ist zu gefährlich für den Verleumder. Uebrigens ist eine Zeugin da, die wohl im Stande sein würde, gegen ihn auszusagen.« »Wer ist diejenige?« »Die Frau des Finkenheiner.« Es verging eine Weile. Der Müller hatte den Mund offen und blickte ihn starr an. Dann sagte er, mehrere Pausen machend: »Die – die ist – wiederum hier! Das kann sie doch gar nimmer wagen!« »Warum nicht?« »Sie kann ja ihrem Manne gar nicht unter die Augen treten!« »O, der hat sich mit ihr ausgesöhnt. Er hat ihr vergeben!« »Dann hat er keinen Charactern!« »Grad weil er einen sehr guten Character hat, ist ihr vergeben worden. Sie ist die Verführte, sie hat gebüßt und viel erduldet, und vor allen Dingen, sie ist die Mutter seiner Kinder. Das hat ihn bewogen, ihr zu vergeben.« »Aberst die Schand, die Schand vor denen andern Leuten! Die Alle wissen ja, daß sie ihrem Manne davonlaufen ist.« »Das wird sie wohl ruhig tragen! Und wer eine große Rach im Herzen trägt, der macht sich aus einigen Blicken der Verachtung und Geringschätzung nicht viel oder auch gar nichts.« »Was giebts da für eine Rach im Herzen?« »Natürlich gegen den Silberbauer. Seit sie da ist, forscht sie nach dem anderen Müller. Sie will ihn entdecken, und dann, wenn sie ihn gefunden hat, wird es bei dem Silberbauer wohl einen sehr großen Krach geben.« Der Müller ließ die Peitsche fallen. Er war ganz sprachlos vor Schreck. Dann trommelte er mit den Fingern seiner rechten Hand auf der Tischkante blickte in das Weite, weil er sich nicht getraute, den Assessor gerade anzusehen, und sagte endlich: »Wer hätt das denken sollen! Weiß sie denn also nicht, wo dera Andre sich befindet?« Der Assessor that, als ob er gleichgiltig vor sich niederblickte, hielt aber den verstohlenen Blick scharf auf das Gesicht des Müllers gerichtet, in welchem sich Schuld und Angst in der deutlichsten Weise aussprachen. Er antwortete wie so eben hin: »Die Frage ist wohl eine überflüssige. Würde sie nach ihm suchen, wenn sie seinen Aufenthalt wüßte?« »Freilich nicht. Sie muß also meinen, daß er in dera Nähe von Hohenwald wohnt?« »Ja, sie scheint Veranlassung zu haben, das zu glauben.« »Wiefern?« »Weil der Silberbauer eine große Dummheit begangen hat. Er ist so unvorsichtig gewesen, vor einigen Tagen diesen anderen Müller aufzusuchen.« »Donnerwetter! Woher weiß man das?« »Er hat am Abend desselben Tages einen Kasten voll türkischer Pfundstücke gebracht, lauter Gold.« »Das hat man sehen?« »Ja. Darum rede ich von einer Dummheit, die er begangen hat.« »Ja, das ist freilich eine Dummheiten,« rief der Müller im grimmigsten Tone, »eine verdammte Dummheiten, wie er sie größer gar nicht machen könnt hat!« »Na,« lächelte der Beamte, »erbosen und erzürnen Sie sich doch nicht so darüber! Ihnen geht ja die Geschichte gar nichts an!« Der Müller bemühte sich, sofort einen anderen, einen gleichgiltigeren Ton anzuschlagen: »Da habens halt Recht! Man soll sich über die Unvorsichtigkeiten der andern Leuten gar nicht ärgern!« »Freuen vielmehr muß man sich darüber, falls durch so eine Unvorsichtigkeit ein Verbrechen an das Tageslicht kommt. Aber, wenn der Silberbauer früh fortgefahren und gegen Abend schon wieder mit dem Gelde zurückgekommen ist, so versteht es sich ganz von selbst, daß der andere Müller in der Nähe von Hohenwald wohnen muß.« »Das ist freilich richtig. Die Frau des Finkenheiner wird wohl den Namen desselbigen wissen?« »Vermuthlich!« »Und Sie, wissen Sie ihn auch?« »In diesem Falle müßte ich mit dieser Frau auf einem sehr vertrauten Fuße stehen.« »Nun, Sie könnten dieselbige ja kennen, da Sie aus dera Gegend von Slatina sind.« »Ich habe mich nicht um sie gekümmert.« »Nun, sie mag suchen. Und wenn sie ihn auffindet, so wird es ihr wohl schwer werden, die That zu beweisen. Ist sie denn dabei gewest?« »Ich glaube nicht.« »So mag sie nur den Mund halten!« »Das ist ihr freilich anzurathen, wenigstens in Beziehung auf den Raub der Goldstücke. Das Andere wird sie aber wohl beweisen können.« »Was? Giebts noch ein Anderes?« »Freilich! Es ist nämlich damals ein Knabe verschwunden, der Sohn des Barons von Gulijan, und –« »Himmelsternenpech!« rief der Müller, von seinem Stuhle auffahrend aber sogleich wieder niedersinkend. »Warum erschrecken Sie?« »Ich –? Bin ich denn verschrocken?« »Es sah ganz so aus.« »Hören Sie, da irrens sich gewaltig!« »Hm! Sie sprangen ja förmlich in die Höhe!« »Aberst nicht vor Schreck. Ich möcht wissen, warum ich darüber verschrecken sollt! Mich geht diese Angelegenheiten ja gar nix an. Sie ist aberst so gar interessant, daß ich mich grad so hineindenk, als ob ich dabei gewest wär.« »Ach so! Ja, mir ist sie auch so hochinteressant, und ich bin sehr begierig, zu erfahren, wie das enden wird!« »Also ein Bub ist verschwunden? Der Sohn von einem Baronen! Wer weiß, wohin er ist. Wann ist er denn fort?« »Am Abende, an welchem das Schloß niederbrannte.« »O, weh! Da wird er mit verbrannt sein! Schade um den armen Buben!« »Nein. Verbrannt ist er nicht, sondern entführt ist er worden.« »Alle Teufel! Das weiß man so genau?« »Ja. Man kennt sogar Denjenigen, der ihn geraubt und mit sich fortgenommen hat.« »So! Auch das ist bereits an das Tageslicht kommen! Darüber hab ich meine Freud.« »Das macht Ihrem guten Herzen alle Ehre.« »Ich glaubs freilich noch gar nicht, daß eine Entführung geschehen ist.« »Das ist bereits erwiesen und über allen Zweifel erhaben.« »Und es kommt aberst auch nur in denen Romanen und Theaterstucken vor, sonst nicht. Ich hab mal so ein Theater sehen, wo Eine entführt worden war. Preziosa heißt das Stuck und Zigeuner warens, die das Kind mit fortnommen hatten.« »Zigeuner sind es hier auch gewesen.« »Ists wahr?« »Ja. Der Kerl hat Barko geheißen. Sie sehen also, daß man bereits seinen Namen kennt.« »Ists – – wahr – –! Barko – – oh!« Er stieß das mit zitternder Stimme hervor. »Ja. Dieser Barko hatte einen Bruder, Namens Jeschko, dessen Frau, Mylla geheißen, die Amme dieses Knaben wahr. Haben Sie diese drei Namen oder wenigstens einen davon, vielleicht bereits einmal gehört?« »Nein, nein,« antwortete der Müller in aller Eile. »Wo sollte ich so was hört haben?« »Nun, vielleicht aus dem Munde des Silberbauers, mit dem Sie ja bekannt sind.« »Der wird sich hüten, mir so was zu sagen. Was geht mich dera Zigeunern an! Und was hat dera Silberbauern mit dera Entführungen zu schaffen! Nix, gar nix.« »Sehr viel sogar, wie es scheint. Das muß wahr sein, denn Jeschko sagt es.« »Dera Zigeunern?« »Ja, den ich soeben genannt habe, dessen Frau die Amme des entführten Knaben war.« »Wann hat er das sagt?« »Vor Kurzem, in Hohenwald.« »Was! Ist er etwan dorten?« »Ja, er ist mit der Frau des Finkenheiner dort angekommen. Sie wollen dem Silberbauer an den Kragen; aber bevor sie gegen ihn auftreten, wollen sie erst den andern Müller suchen.« »Warum diesen wohl?« »Weil bei ihm sich der geraubte Knabe befinden soll.« Das war zu viel für den Müller. Er war nicht leicht aus der Contenance zu bringen, und er hatte auch gelernt, sich zu beherrschen. Das aber, was er jetzt erfuhr, ging über die Kraft seiner Selbstbeherrschung. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte, und schrie: »So eine verdammte Gesellschaften! Was fallt ihnen ein. Wann sie mir kommen, so – –« Er hielt erschrocken inne. »Was haben Sie?« fragte der Assessor in freundschaftlich verwundertem Tone. »Von wem sprechen Sie denn?« »Von – von – von,« stotterte der Müller. »Von diesen schlechten Kerls, welche denen braven Buben geraubt haben.« »Die sollen Ihnen kommen? Kommen sie denn hierher zu Ihnen? Ich begreife Sie nicht!« »Was giebts da zu begreifen,« versuchte er, sich draus zu reden. »Sehens nicht, daß ich ganz und gar verbost bin auf diese Bande? Ich könnt das Volk gleich hier auf dera Stell derschlagen, aus Zorn, daß sie das gute Buberl stohlen haben. Ein jeder gute Mensch muß da einen Grimm bekommen!« »Ach, so war es gemeint. Sie thaten aber grad so, als ob Sie der Müller seien, der gesucht wird.« Der Thalmüller wurde kreideweiß im Gesicht. »Ich? Ich?« fragte er. »Ja. Ihre Worte klangen ganz genau so.« »Das habens falsch vernommen.« »So, mag sein. Uebrigens wird es wohl nicht sehr lange dauern, so ist der Mann entdeckt. Man braucht seinen Namen gar nicht zu kennen. Die Amme Mylla ist bei ihm gewesen und bei ihm gestorben. Das ist Anhalt genug. Hier bei uns zu Lande giebt es so wenig Zigeunergräber, daß so ein Hügel sehr bald erfragt und gefunden wird.« Das Auge des Müllers schweifte sofort angstvoll hinüber nach dem Zigeunergrab. Er wollte Etwas sagen, schwieg aber, da er grad eben jetzt in diesem Augenblicke den Fingerlfranz daher kommen sah. »Schweigens jetzund,« bat er. »Der da kommt, der braucht von dieser Sach nix zu hören.« »Wer ist er?« »Der Fingerlfranz, der reichste Bub in dera ganzen Gegend, der meine Tochtern heirathen wird.« »Und warum soll er nichts wissen?« »Nur so!« »Haben Sie einen besonderen Grund?« »Nein, gar nicht. Aberst er kennt denen Silberbauern auch. Er hat sogar zuweilen ein Geschäften mit ihm und braucht nix zu wissen, was man von ihm derzählt.« »Ganz, wie Sie wünschen. Mich geht die Sache übrigens gar nichts an. Ich kann mich über alles Andre ebenso gut unterhalten. Sehen wir also davon ab. Ich hätte gar nichts gesagt, wenn Sie nicht so begierig gewesen wären. Etwas darüber zu erfahren.« »O, ganz schweigen wollen wir noch nicht darüber. Ich möcht Sie noch um was fragen, aberst nicht, wann dera Franz dabei sitzt. Gehens vielleichten schon bald fort?« »Ja, wenn ich mein Bier ausgetrunken habe.« »Das ist zu bald. Sie sind ja bereits herunter auf die Neige. Sie müssen sich halt noch ein andres geben lassen.« »Was habe ich davon! Ich muß fort.« »Ich kauf Ihnen auch das Getreiden ab!« »Das bekommt nun ein Anderer. Ich bin ein eigenartiger Mann. Wer mir einmal etwas abschlägt, der bekommt eben nichts.« »Meinetwegen! Aberst ein Bier müssens noch trinken. Sie brauchens auch gar nicht zu zahlen. Ich bitt gar schön!« »Sehen Sie, mein Bester, jetzt bitten Sie, und vorhin wollten Sie gar nicht mit mir sprechen.« »Ja, wer kann wissen, wovon nachhero das Gesprächen handelt. Also still; da ist dera Fingerlfranz bereits.« Der Genannte war indessen langsam herangekommen. Er machte ein grimmiges Gesicht und that den Mund kaum auf, als er grüßte. Den Assessor schien er gar nicht zu sehen. »Grüß Gott, Franz!« erwiderte der Müller die mürrische Anrede. »Was hast im Kopf? Machst ja ein Gesichten, als hättst Fischthranen verschluckt.« »Hasts errathen!« »Fischthranen? Wie meinsts?« »Hab jetzt keine Zeit!« »Oho! Zeit ists immer!« »Aberst man muß alleine sein!« Er warf dabei einen forschenden Blick auf den Assessor. Der Müller verstand ihn und antwortete: »Setz Dich nur immer her. Vor dem Herrn brauchst Dich nicht zu scheuen. Er ist ein guter Freund von mir.« »Ists wahr?« fragte der Franz den Beamten, indem er ihn erstaunt betrachtete. Der Gefragte lächelte ironisch und antwortete: »Meinen Sie, daß der Thalmüller Ihnen eine Unwahrheit sagt?« »Nein, ihm glaub ich schon. Er ist ja dera Schwiegervatern.« »Nun gut,« meinte der Müller. »So sag auch, was jetzund bereits so in dera Früh fressen hast!« »Fressen hab ich nix, aberst fressen werd ich ihn schon noch.« Er schlug sich dabei mit der geballten Faust auf die Brust, um seinen Worten Nachdruck zu geben, und setzte sich nieder. »Wen denn wohl?« »Den, den ich im Wald troffen hab.« »Wo?« »Bei dera Paula.« »Die ist in den Wald gangen, das weiß ich schon und es war Einer bei ihr? Wer dann?« »Kannsts denken!« »Nein, denken kann ichs nicht.« »Nun, Der, der allemalen bei ihr ist, wann ich komm, um mit ihr zu sprechen.« Der Müller schüttelte verwundert den Kopf. »Ich versteh Dich freilich nicht. Wer soll heut bei ihr sein! Einer, sagst Du? Also ein Bursch? Der, an den ich dabei denken möcht, der ist doch nicht hier.« »So? Wo soll er etwan sein?« fragte der Fingerlfranz in höhnischem Tone. »In München ist er.« »Ja, in München! Das denkst freilich, aberst da hast Dich schon verrechnet. Da ist er; bei dera Paula ist er, bereits am frühen Morgen.« »Dera Fex?« fragte der Müller im Tone des höchsten Erstaunens. »Ja, dera Fexen.« »Du hast Dich irrt!« »Ich mich irrt? Meinst, ich hab keine Augen und Ohren?« »Hast einen Andern sehen und ihn für deren Fex gehalten.« »So! Kann ich einen Andern für ihn halten, wann ich mit ihm reden thu?« »Donnerwettern! Mit ihm sprochen hast!« »Ja, und mit ihm auch rauft.« »Bist toll! Was will er da?« »Weißts ja eben auch so genau wie ich. In den Wald kommt er, um mit dera Paula zu reden.« »Du, das denkst blos nur! Vom München her macht Keiner ein Stelldichein, um ein Dirndl so früh im Wald zu treffen.« »Ist aberst doch so.« »Wie solls die Paula wissen, daß er kommt?« »Das kannst Dir wohl nicht denken? Diesera Lump weiß schon, wie er das einzurichten hat. Einen Briefen schreibt er ihr, und da stehts drin, wo sie ihn sehen kann. Nun weißts.« »Einen Briefen? Du, das machst mir nimmer weiß! Das ist nicht zu glauben.« »So glaubs nicht! Hab nix dagegen, wannst Dich von dem Dirndl und denen Buben für den Narren halten und auslachen lassen willst.« »Hör, Franz, so kommst mir nicht. Von der Paula laß ich mich nicht verlachen. Was ists mit dem Briefen? Ist was Wahres dran?« »Natürlich! Mehrere sogar hats bereits, und schreiben thuts ihm auch wieder!« »Das müßt ich doch auch wissen.« »So! Dera Briefträgern wird Dir den Wischen wohl gleich unter die Nasen halten, wann die Paula zu ihm sagt hat, daß er heimlich thun soll.« »Kreuzbataillon! Red richtig heraus! Kannsts beweisen?« »Ja.« »Wie denn?« »Ich hab einen in dera Hand habt und denselbigen auch lesen. Und nachhero, als ich ihr sagt hab, daß es ein Unrechten ist, von dem Lumpazi Briefen zu empfangen, da ist er selberst dazu kommen. Er war im Wald.« »So zeig her den Briefen.« »Ja, hab ich ihn!« lachte er grimmig. »Natürlich? Wirst ihn ihr doch nicht etwan wiedergeben haben!« »Nein, aberst dera Fexen hat ihn mir wiederum abnommen.« »Und das hast Dir gefallen lassen?« »Muß ich nicht? Ehe ich es denkt hab, hat er mich mit dera Faust auf den Magen schlagen, daß ich zusammenbrochen bin wie ein Baumklotz. Die Gedanken waren sogleich fort; ich hab nix mehr sehen und hört, und als ich dann aufiwacht bin, so waren sie fort, dera Fexen, die Paula und auch die Briefen.« Der Müller vermochte sich noch immer nicht hinein zu denken, daß der Fex da sei und – was ihm am Allerärgerlichsten war – mit seiner Tochter gesprochen habe. »Soll ichs glauben, soll ich!« rief er aus. »Machs, wie Du willst!« »Was will er hier! Was für eine Absichten hat er, hierher zu kommen.« »Das magst Dir selberst zusammenreimen, wannsts nicht sogleich verstehen kannst!« Natürlich will er weiter nix, als mit dera Paula reden, um sie mir abspännstig zu machen.« »Wann er das denkt, so soll ihn dera Teuxeln reiten! Das duld ich nicht.« »Und ich auch nicht.« »So! Nicht dulden willst«, und doch hast Dich abermals niederschlagen lassen. Du, so ein großer und gewaltiger Kerlen!« »Sei still! Mich brauchst darob nicht auszulachen. Dera allerstärkste Goliathen muß klein zugeben, wann ein kleiner Lump von hinterrucks an ihn kommt. Ich hab nicht dafür konnt, daß ich ein ehrlicher Raufer bin, der dem Gegner in das Angesichten schauen thut. Und nachhero, als ich aufiwacht bin und nun zuhauen wollt, ist er fort gewest.« »Wohin?« »Weiß ichs!« »Na, das Dirndl wird wohl bald nach Haus kommen. Da mag sie sich gefaßt machen. Ich werd ihr zeigen, wo Barthel seinen Mosten holt.« »So thu es auch, und sag es nicht nur!« »Oho! Meinst, daß ich mich vor meiner Tochter fürchten thu?« »Das könnt ich freilich denken!« »Schweig! Willst mich beleidigen!« »Ich sag nur die Wahrheiten! Es ist doch bereits schon die Verlobung festsetzt gewest, und Du hast Dich bereden lassen. Dein Wort zu brechen!« »Daran war dera König schuld.« »Der ist jetzund nicht mehr hier, also kannsts nun zeigen, daßt der Herr im Haus bist. Allzu lang wart ich nimmer mehr. Wannst denkst, daß ich mich an dera Nasen herumiführen laß, da hast Dich geirrt!« »Das weißt ja, daß ichs ehrlich meinen thu mit Dir!« »Was hilft mir die Meinung, wann die That auf sich warten laßt! Ich kann ein jedes Dirndl bekommen, was ich nur haben will. Ich brauch nicht hinter Einer herzulaufen, die mir immer nur versprochen wird, ohne daß ich sie bekommen thu. Ich hab das Warten satt. Wann binnen heut und vierzehn Tagen nicht das Verlöbnissen ist, so seh ich von dera Sachen ab, und Du wirst schauen, was für ein Weiberl ich mir dann nehme!« Der Müller wollte zornig auffahren, besann sich aber eines Bessern und antwortete in beruhigendem Tone: »Gut, ich werd Dir zeigen, daß ich Wort halten kann. Sie wird Deine Frau, und kein Anderer soll sie bekommen.« »Wann ichs glauben könnt!« »Ich geb Dir ja mein Wort darauf.« »Das hast mir bereits schon vielmal geben, und wann ich mich darauf verlassen hab, so bin ich der Betrogene gewest. Jetzunder nun ists Zeit. Schau, da kommt sie gegangen. Nun red gleich mal ein Wort mit ihr in meiner Gegenwart. Ich will sehen, ob sie Widerstand leistet.« »Das soll sie nur wagen.« Er bückte sich nach der Peitsche. Der Fingerlfranz kam ihm zur Hilfe, hob sie auf und gab sie ihm. Er freute sich innerlich, den Zorn des Müllers angefacht zu haben; er hielt es für möglich, daß der Vater der Tochter die Peitsche zu fühlen geben werde, und das wäre ganz nach seinem Willen gewesen. Der Assessor hatte sich während des Gespräches der Beiden vollständig schweigend verhalten. Jetzt betrachtete er das langsam näher kommende Mädchen. Der Wurzelsepp hatte von ihr gesprochen und sie ihm auch beschrieben; aber der Assessor sah, daß die Beschreibung weit hinter der Wirklichkeit zurückblieb. Paula war ein Bild lieblicher, keuscher, unberührter Schönheit. Der Ernst, welcher in Folge des Gespräches mit dem Sepp und dem Fex über ihrem Gesicht ausgebreitet lag und ihre sonst so blühenden Wangen bleich gemacht hatte, erhöhte nur diese Schönheit anstatt dieselbe zu beeinträchtigen. So kam sie langsam näher. Sie that, als ob sie vorübergehen wolle, ohne die drei Männer zu bemerken. Da aber rief ihr Vater: »Paula, hast keine Augen?« Sie blieb stehen und erhob den Blick, sagte aber nichts und that auch keinen. Schritt herbei. »Nun, kannst nicht herkommen?« Sie trat näher und fragte leise: »Was soll ich?« »Sprich laut, wannst mit mir redest! Wo bist jetzund gewest?« »Im Wald.« »Was hast da than?« »Das wird Dir Der hier wohl bereits sagt haben.« Sie deutete dabei auf den Franz. »Jawohl hat er mirs sagt!« »Das konnt ich mir denken. Ein Angeber und Verräther kann deren Mund niemals halten.« »Schweig! Es ist seine Pflicht, es zu sagen, und ich bin ihm dankbar dafür, daß er mir die Augen öffnet hat. Du hast Dich mit dem Fexen heut im Wald bestellt gehabt!« »Nein.« »Willst mich belügen.« »Ich sag die Wahrheit.« Sie blickte ihn mit verschleierten Augen an, aber ihre Stimme klang voll und fest. »Und es ist doch eine Lügen. Ich weiß es. Wannst die Wahrheiten nicht sagen kannst, so hab ich hier die Peitschen; die wird Dich schon gesprächig machen.« Er schwang die Peitsche drohend. Sie blickte ihm grad und ernst in das Auge und erklärte trotz seiner Worte: »Ich hab den Fex nicht bestellt. Ich hab gar nicht wußt, daß er zugegen ist, und bin ganz verstaunt gewest, als er vor mir stand. Das muß dera Franz bestätigen, wann er die Wahrheiten sagen will.« »Aberst Du hast doch einen Briefen habt von dem Fexen!« »Das ist freilich wahr.« »Sogar mehrere!« »Ja.« »Er hat Dir also schrieben?« »Viermal.« »Und Du hast ihm antwortet?« »Dreimal.« Sie gab diese Antworten in furchtlosem Tone, fast geschäftsmäßig, wie Einer, dem es ganz gleich ist, was nun erfolgen werde. »Das hast ohne meine Erlaubnissen than und es wird nicht noch mal geschehen. Und damit Dir diese sauberen Gedanken aus dem Kopf kommen, so wirst mir jetzund die Briefen geben.« Sie antwortete nicht und bewegte sich nicht. »Nun, her damit!« befahl er in barschem Tone. »Diese Briefen sind mein. Keiner als ich allein hat das Recht, sie zu lesen.« Da flackerte das Licht seiner Augen drohend auf. Er schwang die Peitsche und fragte: »Auch Dein Vater nicht?« »Nein, so nicht. Er hätte wohl das Recht, zu wissen, was dera Fex mir schreibt, und was ich ihm antworte, nämlich wann er zu mir wäre, wie ein Vatern zu seiner Tochtern sein muß. Da er aberst ein Tyrannen ist und mich mit aller Gewalt zwingen will, einen Hallodri zu heirathen, so bin auch ich von meiner Pflicht entbunden. Er will, was er will, und ich thu, was ich thu!« Sie wollte sich abwenden und fortgehen. Da rief der Müller: »Ists so gemeint. Nun, ich werd Dir jetzund mal zeigen, daß Du thust, was ich will. Also her mit denen Briefen!« Er streckte die linke Hand nach den Briefen aus und schwippte mit der Rechten die Peitsche in einer Weise, aus welcher zu ersehen war, daß er zuzuschlagen beabsichtige. Sie drehte sich wieder herum und fragte: »Und wann ich sie Dir nicht geb, was wirst dann mit mir thun?« »Das wirst gleich fühlen!« »Willst mich etwan schlagen, hier vor diesem Herrn und auch vor dem Fingerlfranz?« »Ja, das werde ich thun, und zwar allsogleich!« antwortete er so, daß man ihm den Ernst seiner Drohung anhörte. Da schritt sie auf ihn zu, ganz nahe an ihn heran, legte ihm die Hand auf die Achsel, warf dabei einen halben Blick auf den Assessor und antwortete: »Du, Vater, mach das nicht! Schlag Deine Tochter nicht. Du könntest ihre Liebe wohl sehr brauchen, wann Alles Dich haßt und verachtet.« »Was!« fuhr er auf. »Was sagst? Was meinst da zu mir!« Da beugte sie sich an sein Ohr und flüsterte: »Die Polizei streckt bereits die Hand nach Dir aus! Denk an den Fex! Der ist deswegen da!« Da war es ihm, als hätte ihn der Schlag gerührt. Der Schreck öffnete ihm die Hand, so daß die Peitsche ihm entfiel. Er starrte sie an und starrte ihr nach, als, sie sich jetzt von ihm wendete und langsam nach der Thür schritt. »Nun, Müllern, so schlag doch zu!« rief der Franz, höhnisch lachend. Der Müller antwortete ihm nicht. Sein Auge hing mit dem Ausdrucke des Entsetzens an der Gestalt seiner Tochter, bis dieselbe hinter der Thür verschwunden war. »Nun, schlagen kannst also nicht, und reden aber auch nicht mehr, wie es scheint.« Der Müller drehte sich zu ihm um. Sein Blick war beinahe ein gläserner zu nennen. »Hasts hört, Franz?« fragte er tonlos. Er dachte gar nicht daran, daß seine Tochter so leise gesprochen hatte, daß es unmöglich außer ihm ein Anderer gehört haben konnte. »Freilich Hab ichs hört! Es klang gar schön!« »Was! Wirklich hört hasts?« »Ja. Alle werden Dich verachten.« »Ach das. Und hast auch das vernommen, was sie mir ins Ohr sagt hat?« »Nein. Das war so leise und nur allein für Dich gemeint.« »Ah, das ist gut!« entfuhr es dem Alten. »Gut? Warum? Willst nun wohl mit ihr aus einer Karten gegen mich spielen?« »Nein, ich halt mein Wort!« »Das hab ich jetzund gar deutlich sehen. Hast sie schlagen wollen, und sie ist davon gangen, ohne daßt ihr ein einzig Wort noch sagt hast.« »Das hat seinen guten Grund. Sie hat mir da was sagt, was – was – was – –« »Nun, was! Sags doch heraus.« »Nein, so nicht. Wart ein Wenig! Ich hab über was nachzudenken.« Er starrte vor sich hin. Erst hatte der Assessor, den er allerdings für einen Geschäftsmann hielt, ihm so bedenklich, ja gradezu erschreckliche Mittheilungen gemacht. Man suchte nach ihm und nach dem Fex. Man hatte das Gold gesehen, welches der Silberbauer von ihm geholt hatte. Jetzt war der Fex persönlich da, und Paula sprach von der Polizei. Er erkannte, daß eine große, fürchterliche Gefahr ihm nahe. Wie war dieselbe abzuwenden? Nur dadurch, daß er den Silberbauern warnte. Gestand dieser nichts, so konnte, seiner Meinung nach, kein Mensch ihm Etwas beweisen. »Nun,« sagte der Franz, »bist bald fertig mit dem Gedanken? Oder soll ich Dir mit helfen?« »Ja, kannst mir mit helfen, wannst willst.« »So sag, was es betrifft.« »Komm mit herein in meine Stuben!« »Kannst nicht hier auch davon sprechen?« »Nein, ich wills doch nicht thun. Weißt, ich werd jetzund die Paula zwingen, es Dir zu versprechen, daß sie Deine Frauen wird, und da müssen wir allein mit ihr sein.« Da sagte der Assessor schnell: »O bitte, ich will Sie nicht stören. Machen Sie diese Angelegenheit immerhin hier aus!« Er stand auf und that, als ob er sich entfernen wolle, was aber natürlich ganz und gar nicht in seiner Absicht lag. »Nein, nein!« fiel der Müller ein. »Bleibens nur da! Ich komm gleich wiederum heraus! Sie wissen ja, daß ich noch was Nothwendigs mit Ihnen zu reden hab!« »Aber ich hab keine Zeit!« »Wartens nur fünf Minuten! Ich werd sehr schnell machen. Komm, Franz, fahr mich hinein!« »Ja, jetzund muß ich auch noch den Stier machen, der den Wagen schiebt. Na, wann die Paula der Preis ist, so thue ich Alles.« Er drehte den Stuhlwagen, auf welchem der Müller saß, herum und schob ihn nach dem Hause. »Hm!« flüsterte der Assessor, indem ein befriedigtes Lächeln über sein Gesicht glitt. »Fahrt nur zu! Was der Alte will, das kann ich mir wohl denken; aber ich will eine Barrière über den Weg legen.« Er stand auf und entfernte sich, langsam und schlendernd, als ob er nur einige wenige Schritte thun wolle, um sich die Zeit zu vertreiben. Aber als er von den Fenstern aus nicht mehr gesehen werden konnte, wurden seine Schritte desto rascher. An der Villa vorübereilend, kam er nach einem Buschwerke, welches seitwärts des nach der Stadt führenden Fahrweges lag. Er trat in dasselbe hinein. Dort standen zwei Gensdarme verborgen, welche er dahin beordert hatte. »Meine Herren,« sagte er, »ich vermuthe, daß der Müller den Fingerlfranz mit einer Botschaft nach Hohenwald senden will. Halten Sie diesen Mann an, und bringen Sie ihn auf alle Fälle für so lange in Sicherheit, bis er uns keinen Schaden mehr machen kann.« »Sehr wohl, Herr Assessor!« antwortete der Eine, ein militärisches Honneur machend. »Es steht zu erwarten, daß die Botschaft nicht eine mündliche, sondern eine schriftliche ist. Suchen Sie also den Franz nach einem Briefe aus. Ich werde wohl den Wurzelsepp senden, mir diesen Brief zu holen, da ich nicht weiß, ob ich selbst kommen kann. Alles muß ohne Geräusch und exact gehen. Das ists, was ich Ihnen zu sagen habe.« Er kehrte nach seinem Tische zurück und nahm an demselben Platz, ohne daß von irgend Jemand beachtet worden war, daß er sich entfernt gehabt hatte. Der scharfsinnige Mann hatte in seiner Vermuthung das Richtige getroffen. Der Fingerlfranz mußte den Müller in dessen Stube fahren. Dort angekommen, war er überzeugt, daß nun Paula gerufen werde. Aber dem war nicht so. »Schieb mich schnell an denen Tisch,« sagte der Müller, »und gieb mir Feder, Tinte und Papieren hier aus dem Kasten!« »Willst etwan schreiben?« »Ja.« »Wohl gleich den Heirathscontracten?« »Nein. Mach jetzund keinen Scherz! Mir ists sehr ernst zu Muthe.« »Mir auch, denn eine Verlobung ist keine Kleinigkeiten. Soll ich die Paula rufen?« »Wart noch!« Er legte sich das Papier zurecht, blickte einen Augenblick lang finster vor sich hin und wendete sich dann an Franz: »Du sag mal, ob ich mich auf Dich verlassen kann!« »Natürlich! Warum fragst?« »Weilst mir einen Gefallen erweisen sollst, von dem Niemand was wissen darf.« »Sehr gern; aber erweise mir vorher den Gefallen, die Paula rufen zu lassen, um ihr zu sagen, daß sie endlich und unbedingt einzuwilligen hat.« »Das kommt auch noch – – –« »Nein, das muß vorher kommen!« »Still! Erst das Allernothwendigste. Jetzt sollst mir einen Weg machen. Wannst die Botschaft, die ich Dir anvertraue, richtig ausführst, so ist heut Abend die Versprechung zwischen Dir und dera Paula.« »Ists wahr?« »Mein Wort und mein Schwur darauf!« »Und wann sie nicht will?« »So mach ich in Deiner und ihrer Gegenwart das Testament. Ich enterbe sie, und Du bekommst Alles.« »Donnerwetter! Darauf gehe ich gern ein!« »Das kannst freilich gut! Arm mag sie wohl nicht werden, und darum wird sie Ja sagen, wann sie derkennt, daß ich Ernst mach.« »Schön, sehr gut! Wo willst mich hinsenden?« »Nach Hohenwald. Kennst Du dort denen Silberbauern?« »Natürlich werd ich den kennen!« »Ihm sollst den Briefen bringen, den ich jetzund schreib. Aberst kein Mensch darf es wissen, weder heut, noch in späterer Zeit.« »Ists denn gar ein so großes Geheimnissen?« »Freilich!« »Aberst ich darf es derfahren?« »Nein.« »Sappermenten! Das paßt mir nicht! Ich soll es machen und darf doch nix davon wissen! Und da soll ich Dein Schwiegersohn werden und soll auch glauben, daßt Vertrauen hast zu mir!« Der Müller fühlte sich in die Enge getrieben. Der Franz durfte natürlich keine Ahnung von dem Inhalte des Briefes haben. Ebenso wenig aber durfte er ihn zornig werden lassen. Darum griff er nach dem einzigen Mittel, welches ihm blieb: »Könntest schon Recht haben, wann sichs nur blos um mich handelte: aberst das Geheimnissen ist nicht mein Eigenthum, sondern dasjenige des Silberbauers. Du siehst also, daß ich jetzt nix sagen darf. Aberst in einigen Tagen wirst Alles derfahren. Das versprech ich Dir.« »Auf diese Weis will ichs mir gefallen lassen.« »Das denk ich auch. Aber, weißt, die Sach darf keinen Aufschub derleiden. Du nimmst den Briefen, gehst heim, sattelst ein Pferd und reitest immer Trab und Galoppen. So schnell bringst mir auch die Antworten wieder.« »So bin ich heut doch ein richtiger Staffetenreitern!« »Ja, das bist.« »So sollt ich eigentlich gar nicht erst heimgehen.« »Warum?« »Weil da die Zeit versäumt wird. Während Du schreibst, kann ich mir ja Deinen Schimmel oder Fuchsen satteln lassen.« »Nein, das geht halt nicht. Das würde draußen Der bemerken.« »Dera Fremde? Darf ers nicht wissen?« »Nicht ahnen darf ers. Er ists ja, von dem ichs derfahren hab. Er ist ein Fruchtreisender, weißt. Er hat ein großes Geschäften vor, welches lieber ich mit dem Silberbauern machen will. Darum sollst so schnell fort. Es ist ein sehr schönes Geldl dabei zu verdienen.« »Ah, ists so! Ja, ein Schlaukopfen bist alleweil und immer gewest. Also schreib. Ich werd reiten, daß die Straß zerbricht.« Der Müller tauchte die Feder ein und schrieb: »Mit großem Schreck habe ich erfahren, daß die Anna mit dem Jeschko nach Hohenwald gekommen ist. Es ist Alles verrathen, daß wir das Schloß angebrannt und Mitschuldige an der Entführung des Fex sind. Das Geld, welches Du von mir geholt hast, ist gesehen worden. Ich schreibe Dir das in aller Eile. Richte Dich darnach, und nimm Dich in Acht. Wirst Du ja arretirt, so gestehe nichts. Ich werde auch nichts gestehen, kein Wort, und sollte ich auf das Schaffot kommen. Gotthold Keller, Thalmüller.« Er steckte diesen Brief in das Couvert und begnügte sich nicht, das Letztere einfach durch den Gummirand zu verschließen, sondern er siegelte es noch extra zu. »So,« sagte er, dem Franz den Brief gebend. »Nun lauf, wast laufen kannst, nach Haus, und sodann reitest, daß die Funken fliegen. Du verlangst eine Antworten. Und wann die gut ausfallt, so bekommst sodann noch heut die Paula zur verlobten Braut.« »Ists gewiß?« »Ja, sie oder die Erbschaft.« »So schlag eini! Topp!« »Topp! Aberst daßt mir denen Brief nicht etwan unterwegs aufimachst! Dera Silberbauern thät das sehen, und dann macht er den Handel nicht mit.« »Ich werd doch meinem Schwiegervatern nicht das Schreiben aufibrechen! Was denkst von mir!« »Schon gut! Also lauf! Nimm mich aber erst wieder mit hinaus.« »Willst wirklich wieder zu dem Fremden?« »Natürlich! Weißt, ich muß ihn so lang wie möglich zurückhalten, daß er das Geschäft versäumt.« »Das kann ich mir gar wohl denken. Ja, ein richtiger Diplomaten bist! So komm! Ich werd Dich schieben.« Kaum hatte der Assessor seinen Platz wieder eingenommen, so kam der Wurzelsepp vom Zigeunergrabe daher. Dies war dem Ersteren sehr recht. »Gut, daß Sie kommen, Sepp,« sagte er. »Ich werde Ihnen einen kleinen Auftrag geben.« »Werd Alles machen, was ich machen soll.« »Wenn Sie ihn ausgeführt haben, dann müssen Sie nach dem Fex suchen. Er ist schon da, wie ich erfahren habe.« »Ja, da ist er freilich. Ich hab ihn schon.« »Ah! Wo?« »Dort steht er auf dem Zigeunergrab. Sobald ich ihm ein Zeichen geb, wird er kommen.« »Das ist sehr gut. Sie bleiben nachher mit hier bei mir. Wenn ich Ihnen winke, geben Sie das Zeichen, aber ohne daß der Müller es bemerkt.« »Wills schon machen. Und wie lautet dera Auftrag, den ich jetzund bekommen soll?« »Sie gehen da rechts um die Villa. Sie sehen ein Gebüsch, abseits des Weges. Dort stecken zwei Gensdarmen, welche dem Fingerlfranz höchstwahrscheinlich einen Brief abnehmen werden. Den bringen Sie mir her, lassen aber dem Müller nichts merken.« »Schön! Soll ausgerichtet werden!« Er fand die beiden Gensdarmen und gesellte sich zu ihnen. Bereits nach kurzer Zeit kam der Fingerlfranz. Die Gensdarmen wollten aus dem Gebüsch hervortreten; aber der Sepp sagte: »Bleibens nur da! Wann er Sie derblickt, lauft er vielleicht davon; ich aberst werd ihn herbei rufen.« »Wird er kommen?« »Das versteht sich. Zu dem Sepp kommt er allemal, wann der ihn ruft.« Jetzt war der Franz parallel mit dem Gebüsch. Der Sepp trat aus demselben hervor: »Hallo!« rief er. »Fingerlfranz, hast einen Augenblicken Zeit?« »Ah, dera Sepp! Nein!« lautete die Antwort. »Nur einen Augenblick!« »Keinen halben!« Er lief immer weiter. »Hab Dir was zu zeigen!« »Mag nix sehen!« »So! Nun, so lauf davon, wannst von dera Paula nix sehen willst.« Das half. Franz blieb stehen. »Was sagst?« fragte er. »Von dera Paula ists, wast mir zeigen willst?« »Ja.« Er kam langsam näher. »Was ists denn?« »Komm nur, und schau!« »Aberst ich habs eilig!« »So lauf schnell und zieh nicht so wie ein Schneck!« Der Franz war zu neugierig, als daß er sich hätte weigern sollen. Freilich, als er die Gensdarmen erblickte, war er nicht auf das Freudigste überrascht. »Sapperment! Da steht ja die Polizeien!« sagte er im Tone der Enttäuschung. »Ja, das ists, was ich Dir zeigen wollt.« »Das ist aber nix von dera Paula!« »O doch! Es hängt mit dera Mühlen und mit dem Müller zusammen und betrifft also auch die Tochter desselbigen.« »So laß mich aus! Ich muß fort!« Er wendete sich zum Gehen. Da aber ergriff der eine Sicherheitsbeamte seinen Arm und sagte: »Bleiben Sie noch, Franz. Wir haben eine Kleinigkeit mit Ihnen zu reden.« »So! Aberst ich hab keine Zeiten. Ich muß fort.« »Wohl nach Hohenwald?« »Wer sagt das?« »Ich! Zu dem Silberbauer? Nicht?« Er machte ein sehr verblüfftes Gesicht und fragte: »Wer hat das sagt?« »Das weiß man, ohne daß es Einem gesagt zu werden braucht.« »So! Nun warum fragens denn eigentlich?« »Weil wir wissen wollen, ob der Müller Ihnen einen Brief anvertraut hat.« »Einen Briefen? Ich weiß nix davon.« »Franz, sagen Sie keine Unwahrheit!« »Ich sag, was richtig ist!« »Es ist nicht allemal Das, was man für richtig hielt, auch wahr. Also, Sie haben in Wirklichkeit keinen Brief?« »Nein.« »Auch keine Botschaft von dem Thalmüller auszurichten?« »Ich weiß von keiner was.« »So zwingen Sie uns, Sie auszusuchen.« »Alle Teufeln! Haltens mich etwan für einen Spitzbuben?« »Nein. Sie sind ein ehrlicher Mann. In diesem Augenblicke aber haben Sie dem Müller zu Liebe die Unwahrheit gesagt, und das kann sehr große Unannehmlichkeiten für Sie haben.« »Was! Unannehmlichkeiten! Wie meinens dieses Wort?« Er war erschrocken, denn trotz seiner kräftigen Gestalt besaß er nur eine arme Portion wirklichen Muthes. »Wir müssen Sie arretiren.« »Herjesses! Und etwan einistecken?« »Ja.« »Aberst warum?« »Weil der Thalmüller sich mit Dingen abgiebt, welche durch das Gesetz verboten sind. Indem Sie seinen Hehler machen, werden Sie sein Mitschuldiger.« »Sappermenten! Ich hab nicht glaubt, daß ich was Böses thu!« »Hätten Sie gedacht, daß Sie etwas Erlaubtes vornehmen, so brauchten Sie nicht zu leugnen.« »Es handelt sich ja nur um ein Geschäften!« »Aber um ein verbotenes.« »Nein. Es soll Frucht kauft werden.« »Ah, das hat der Müller Ihnen also weiß gemacht! Jetzt frage ich zum letzten Male: Haben Sie einen Brief?« »Hm! Und wann ichs nicht gestehen thu, da suchens mir die Taschen aus?« »Allerdings.« »Nun, da will ichs sagen. Ich hab einen.« »An den Silberbauer in Hohenwald?« »An denselbigen.« »Geben Sie ihn heraus!« »So! Herausgeben soll ich ihn also! Habens denn auch das Recht, ihn zu verlangen?« »Das versteht sich. Weigern Sie sich, so bringe ich Sie in's Gefängniß.« »Nein, nein, dahin mag ich nicht! Liebern geb ich ihn her. Da ist er.« Er langte in die Tasche und gab das Schreiben her. Es hatte die Adresse: ›Herrn Konrad Klaus in Hohenwald.‹ Es war also der gesuchte Brief. »Sie sollten ihn also nach Hohenthal schaffen und eine Antwort mitbringen?« erkundigte sich der Gensdarm weiter, um sicher zu gehen. »Ja, und reiten sollt ich, damit ich bald wieder hier sein könnt.« »So! Nun, mein Lieber, Sie haben sich da zum Vermittler einer sehr sträflichen Absicht hergegeben. Sie sind eigentlich selbst strafbar.« »Donnerwettern! Davon hab ich gar keine Ahnungen habt!« »Das können Sie nicht beweisen?« »Fragens doch denen Müllern selberst! Ich hab keine Ahnungen von Dem, was da im Briefen steht! Der Müllern hat mich belogen, wie es scheint. Dem will ichs aberst schonst gedenken! Er thut wie ein Heiliger gegen mich und als ob ers sehr gut mit mir meinen thät, und nun bringt er mich in so einen Verdachten.« »Ja. Unannehmlichkeiten werden Sie freilich haben. Wir müssen uns Ihrer Person versichern.« »Was! Ich hab doch den Brief hergeben!« »Allerdings. Aber wir müssen uns vergewissern, daß Sie nicht dennoch nach Hohenwald gehen.« »Das fallt mir nun schon gar nicht ein.« »Ich will es Ihnen glauben, habe aber mich nach meiner Instruction zu richten. Doch will ich das so rücksichtsvoll wie möglich thun. Ich will Sie nicht in das Gericht schaffen. Wir gehen in den Gasthof des Scatmatsches und trinken da ein Glas Bier. Da merkt kein Mensch, daß Sie mein Arrestirter sind. Hier mein College wird mich später benachrichtigen, wenn ich Ihnen die Freiheit wiedergeben kann.« »So mags eher gehen. Das will ich mir gefallen lassen. Dera Thalmüllern kann mir stohlen werden. Den schau ich schon gar nie wiedern in's falsche Angesichten.« So raisonnirend ging er mit dem Gensdarm ab, während der College des Letzteren auf seinem Posten blieb. Der Sepp aber steckte den verhängnißvollen Brief in die Tasche und kehrte zu dem Assessor zurück. Dieser hatte, als der Fingerlfranz den Müller wiederbrachte und sich dann schleunigst entfernte, eingesehen, daß seine Vermuthung eine richtige gewesen sei. Er freute sich im Stillen, den Müller in seiner eigenen Schlinge gefangen zu haben, denn er konnte erwarten, daß der Brief irgend ein Geständniß enthalte, während der Untersuchungsrichter wohl große Mühe gehabt haben würde, ihn zu einem solchen zu bringen. Der Müller saß eine kleine Weile schweigend in seinem Rollstuhle. Er wollte wieder vom Silberbauer anfangen, und doch sollte das nicht sehr auffällig geschehen. Der Assessor sagte auch nichts, um dem Alten seine Absicht nicht etwa zu erleichtern. Endlich begann dieser: »Was habens denn eigentlich zu meiner Tochtern denkt?« »Daß sie ein sehr hübsches Mädchen ist.« »Das hab ich nicht meint, sondern daß sie mir so ungehorsam ist?« »Dazu kann ich als Fremder gar nichts sagen. Aber ich habe die Ansicht, daß man ein Kind nicht zur Heirath zwingen muß.« »Sinds etwan auch bereits verheirathet?« »Nein.« »So könnens auch nix sagen. So was muß nur dera Vatern verstehen. So ein Dirndl weiß den Teuxel, wie man glücklich wird!« »Streiten wir nicht darüber!« »Ja, ich könnts beweisen. Denkens mal grad an den Silberbauern. Der hat auch einen Sohn und eine Tochter. Kennens die?« Er war froh, jetzt seinen Gegenstand wieder ergriffen zu haben. »Ja, ich kenne sie Beide,« antwortete der Assessor. »Sie sollen in Slatina geboren sein?« »Ich weiß es auch nicht anderst. Der Bub ist ein Blitzkerl, und die Martha macht ein bildsauberes Dirndl. Da sollt mirs um diese Beiden leid thun, daß dera Vatern ein Verbrechen begangen hat.« »Vielleicht wissen Beide auch davon.« »Das glaube ich nicht. Welcher Vatern, der ein Spitzbub ist, wirds seinen Kindern sagen!« »So!« lächelte der Assessor. »Sie also würden es Ihren Kindern verschweigen?« »Himmelsakra! Was fragens so! Meinens etwan, daß ich einer bin?« »O nein, gar nicht. Ich wollte nur Ihre Behauptung mit einem Beispiele belegen.« »So! Natürlich würd ichs meiner Paula gar nicht merken lassen; das versteht sich ja von selberst. Aberst – – da kommt dera Wurzelsepp! Ist der auch wiederum mal hier in dera Gegend, der Lump?« Der Sepp kam langsam herbei spaziert, zog den alten Hut und grüßte, als ob er erst jetzt hier ankäme: »Gott grüß die Herren! Wie gehts, Thalmüllern? Ist die Paula gesund, und hats bereits Hochzeit macht mit dem Fingerlfranz?« »Wannst so dumm fragen willst, kannst nur gleich wiedern gehen!« antwortete der Müller zornig. »Ich komm ja eben erst. Hast den großen Topf noch mit denen Fröschen und Kröten?« »Halts Maul, Lumpazi, sonst antwort ich Dir mit dera Peitschen!« »Na, hast Du aberst eine schlechten Launen heut am Tage! Da möcht man sich doch lieberst gar nicht mit hersetzen.« »Hasts auch nicht nöthig. Es sind noch andere Tischen da.« »Ja, doch am liebsten sitz ich bei Dir. Also, mit Verlaubnissen!« Er machte Anstalt, sich an den Tisch zu setzen. »Halt, nicht hierher!« gebot der Müller. »Wannst auch vor mir keinen Respecten hast, so siehst doch, daß ein fremder Herren dasitzt!« »Ein fremder? O, den Herrn kenn ich bereits bessern als Du! Der wird mirs schon gern verlauben, mich zu Euch zu setzen.« »Ist wahr?« fragte der Müller den Assessor in verwundertem Tone. »Ja,« antwortete dieser. »Ich habe den Wurzelsepp bereits mehrere Male gesehen und gar nichts dagegen, daß er sich her zu uns setzt.« »Na, so kann ichs nicht ändern. Aberst was wir zu sprechen hatten, das braucht doch kein Anderer zu hören, und dera Sepp am Allerwenigsten.« »Warum? Es sind doch keine Geheimnisse, welche wir verhandeln.« »Freilich nicht.« »Und uns geht die Sache gar nichts an. Oder vielleicht doch Ihnen?« »Beileibe nicht! Was denkens von mir!« Dem Müller war es außerordentlich unlieb, daß sich der alte Wurzelhändler hatte hinsetzen dürfen. Er konnte nun den Fremden nicht nach dem Silberbauer ausfragen. Und wie nun, wenn der Sepp anfing zu plaudern, z. B. von dem Zigeunergrabe? Dann war es ja gleich verrathen, wo der andere Müller wohne, welcher vergebens gesucht worden war. Dieser Gedanke versetzte den Thalmüller in förmliche Angst. Der schlaue Sepp zog, indem er sich setzte, ganz unbemerkt den Brief aus der Tasche, ließ seinen Hut wie aus Versehen fallen, bückte sich, um ihn aufzuheben, und legte dabei dem Assessor den Brief auf die Kniee, ohne daß der Müller es sehen konnte. Dann begann er sofort ein Gespräch, um die Aufmerksamkeit des Müllers auf sich zu lenken. Der Assessor bemerkte die Absicht, zog sein Messer hervor, schnitt das Couvert auf, nahm den Brief hervor, las ihn und steckte ihn wieder in den Umschlag; das geschah Alles unter dem Tische und ohne daß der Müller eine Ahnung davon hatte, daß sein Brief sich jetzt noch so sehr in seiner Nähe befand. »Ja,« meinte der Sepp im Laufe des Gespräches, als er bemerkte, daß der Assessor fertig sei, »hier in dera Thalmühlen kehr ich halt allemalen sehr gern ein. Jetzund fehlt mir freilich dera Fex ein Wenig. Ich hab immer gar zu gern ein klein Wengerl mit ihm plaudert. Weißts nicht, wie es ihm geht?« »Wie solls ihm gehen? Ferien hat er und lauft in der Welt herum, immer hinter denen Dirndeln her,« antwortete der Müller zornig. »Hinter den Dirndeln? Das glaub ich nicht. Dera Fex ist ein gar solidera Kerl!« »Ja, das hab ich heut wieder sehen! Hier im Wald ist er gewest, und dera Paula ist er nachlaufen. Wann ich ihn derwisch, so kann er sich gefaßt machen!« »Was! Hier ist er? Das ist schön! Das kann mich gefreuen! Da muß ich ihn nachhero aufsuchen!« »Kannst auch gleich jetzunder gehen! Ich brauch Dich hier nicht.« Das war ein Wink mit dem Zaunspfahl; der Sepp aber that, als habe er ihn gar nicht verstanden. Er antwortete: »Nein, erst muß ich was ausruhen. Weißt, Müllern, ich hab heut bereits einen sehr guten Weg macht. Da bin ich müde. Im Alter wollen halt die Knochen nimmer so gehorchen wie in dera Jugend, wo man gleich am Liebsten alle Tagen durchs ganze Vaterland Bayern einen Walzer oder Galoppen tanzen thät.« »Ja, so geht mirs auch. Wo aberst kommst denn heut schon her, weilst gar so müd bist?« »Droben von Hohenwald her.« Das war dem Müller sehr recht. Da konnte er sich doch erkundigen. Das geschah auch sofort, indem er fragte: »Bist blos durch den Ort gangen oder einen Tag da blieben?« Der Assessor warf dem Sepp einen warnenden Blick zu, damit derselbe keinen Fehler machen solle. Der Alte bemerkte diesen Blick, lächelte in seiner eigenartigen Weise, drehte lustig die Spitzen seines Schnauzbartes empor und antwortete: »Einen Tag nur? Nein, mehrere Tagen bin ich da gewest.« »So! Giebts nix Neues droben?« »Gar viel.« »Nun, was denn? Verzähl einmal!« »Du verinteressirst Dich wohl für das alte Dorf, Thalmüllern?« »Ein Wenig.« »So! Nun das Neueste ist dera neue Schullehrern, der da ist.« »Wird auch was Rechtes sein! Was für eine Sorten dahin kommt, das weiß man.« »Ja, aberst grad dieser ist ein gewaltig tüchtiger Kerlen.« »Meinst? Nun, was wird er änderst werden als dera Schreibknecht von dem Silberbauern!« »Da hast Dich schon geirrt. Er hat gleich am ersten Tag dem Silberbauern und dem Silberfritzen den Meister zeigt. Er hat sie alle Beiden zu Boden rauft.« »Das ist nicht wahr!« »Pah! Alle Welt weiß es, denn das halbe Dorf ist dabei gewest.« »So muß es ein Riesen Goliath sein.« »Nein; er ist nicht groß, aberst ein tüchtiger Kerlen. Er hat dem Silberbauern gleich ins Gesicht sagt, daß dieser ihm nix zu befehlen hat und daß er ihm zeigen werde, was ein Lehrern zu bedeuten hat. Er hat Wort gehalten, und wanns so fort geht, so bringt er denen Silberbauern aus dem Silberhof heraus und – – « »Unsinn!« rief der Müller. »Und dafür ins Zuchthausen hinein!« fuhr der Sepp ruhig fort. »Bist wohl nicht gescheidt im Kopf!« »Gescheidter als Du!« »Dera Silberbauern ins Zuchthaus!« »Freilich! Sein Sohn, dera Silberfritzen befindet sich schon bereits im Gefängniß.« Jetzt wurde der Müller blaß wie eine Wand. »Ists wahr?« fragte er. »Ja. Ich selbst habs sehen, als er fortschafft worden ist.« »Warum denn?« »Weil er seinen Vatern holfen hat, auszureißen.« »Auszureißen? Ich versteh Dich halt nicht!« »Kennst denn das Wort nicht mehr? Es heißt halt so viel wie entfliehen. Dera Silberbauer hat die Flucht dergriffen.« Der Müller hielt sich an den Seitenlehnen seines Stuhles an. »Die Flucht dergriffen!« stieß er hervor. »Warum denn? Wer die Flucht dergreift, muß doch gefangen gewest sein.« »Das ist er ja auch.« »Sepp, was fallt Dir ein! Was machst da für einen dummen Scherzen!« »Ich verzähl nur die Wahrheiten, denn ich bin ja mit dabei gewest und hab Alles mit macht und mit sehen.« »Warum habens ihn denn fangt?« »Weil er dem Feuerbalzern sein Haus anbrannt hat und den Balzer selbst hat derschlagen wollen. Das ist nun an den Tag kommen. Und sodann soll er auch in dera Türkeien mehrere Verbrechen verübt haben.« »Mein Himmel! So ist er nicht daheim? So ist er auf dera Flucht?«^ Ihm war es darum zu thun, daß nun der Fingerlfranz den Brief nicht abgeben konnte. »Ja, auf dera Flucht befindet er sich.« »Und Niemand weiß, wohin?« »Wissen thut mans nicht, aberst denken kann man es sich.« »So! Was meinst?« »Deshalb eigentlich komm ich zu Dir. Ich will Dich warnen, weil ich ein guter Freund von Dir bin. Man hat nämlich dacht, daß er zu Dir gehen werd.« In diesem Augenblicke dachte der Müller, daß dies vom Silberbauern sehr klug gehandelt sein würde, laut aber sagte er: »Wer das denkt, der ist ein großer Dummkopf!« »Warum?« »Was wollt dera Silberbauer bei mir?« »Nun, Ihr seid doch immer die besten Freunde mit nander gewest.« »Das denkst nur, weil wir einige Malen einen kleinen Handel mit nander habt haben.« »Aberst wohl lange nicht mehr?« »Viele Jahren nicht. Ich hab denen Silberbauern wohl an die fünf Jahren nicht mehr sehen.« »Hm! Jetzund bist Du es, der einen Spaßen macht!« »Ich? Wieso?« »Weilst sagst, daß er Dir in so vielen Jahren nicht mehr vor die Augen kommen ist.« »Das ist auch wahr.« »So! Denk mal nach! Vielleicht besinnst Du Dich doch noch anderst.« »Das ist nicht möglich.« »Er ist doch vor nur einigen Tagen bei Dir wesen.« »Nein.« »O doch. Er hat bei Dir einen Kasten holt. Er war mit dem Fuhrwerk da.« Jetzt war es dem Müller, als ob Jemand ihm mit dem Stocke einen Hieb über den Kopf herüber gegeben hätte. Sollte er leugnen oder nicht? Er hatte einmal Nein gesagt und mußte nun auch dabei bleiben. Er antwortete also: »Da hat man Dich wohl falsch berichtet.« »Nein. Man hat mir die Wahrheiten sagt.« »Oho! Wer denn?« »Dera Silberbauern selbest.« »So hat er einen Scherz macht.« »Ich möcht halt wissen, aus welchem Grund er sagen sollt, er sei bei Dir gewest, wann es nicht wahr sein thät.« »Er muß doch einen solchen Grund haben.« »Ich bin aberst doch selberst mit ihm fahren. Ich bin da draußen auf dera Waldschänk aufstiegen. Ja, ich weiß sogar, was er bei Dir holt hat.« »So! Was denn, he?« Diese Frage kam vollständig klanglos hervor. Der Müller sah aus, als ob er im nächsten Augenblick in die Ohnmacht fallen werde. »Was denn? Das fragst auch noch! Geld hat er holt, viel Geld!« »Das ist nicht wahr!« »Oho! Ich habs sehen. Lauter Goldstückerln aus dera Türkeien sinds gewest.« »Oh, oh – – – ah!« stöhnte der Müller. »Was ists? Was hast?« fragte der Alte im Tone der Besorgniß. »Nix ists, gar nix! Meine Füßen thaten mir ganz plötzlich weh! Weißt, wann die Gicht so mal plötzlich kommt, da ists gar nimmer auszuhalten.« »Ja, diese Gichten kennt man sehr genau. Man glaubt gar nimmer wie schnell sie kommen kann. Sie ist allemalen da, wenn mans gar nicht denkt hat. Und dann macht sie gar große Schmerzen. Wie viel hat Dir dera Silberbauern denn für das viele Gold geben?« »Ich weiß ja gar nix davon!« »Sei still! Er hats mir doch sagt!« »Laß mich aus! Es ist nicht wahr!« »O doch! Dreißigtausend Markln hat er Dir geben, und sechstausend hat er verdient.« »Wa – wa – wa – was!« stotterte der Müller. »Ich begreif – – Dich gar nimmer.« »Thu nur nicht so! Wirst mich halt schon ganz gut begreifen. Du weißt ja, daß ich Recht hab.« Da nahm der Müller seine ganze Kraft zusammen, um zu leugnen. Er rief im zornigsten Tone: »Jetzund willst mich wohl gar mit dem Silberbauern seinem Thun und Treiben zusammenbringen? Das ist eine Schlechtigkeiten von Dir, eine große Schlechtigkeiten, die Dir gar niemals vergeben werden kann. Ich hab denkt, daßt ein so großer Freunden von mir bist, und nun seh ich, daß ich Dich zu meinen allergrößten Feinden rechnen muß!« »Reg Dich nicht aufi, Thalmüllern!« warnte der alte Sepp. »Ich bin noch heut ein gutern Freund von Dir, und darum ists von Dir nicht recht, daßt mir so eine Lügen vormachen willst. Ich weiß doch ganz genau, daß das wahr ist, was ich von Dir sage.« »Eine Lügen ists, weiter nix! Du hast sie Dir aussonnen, um mir Schaden zu machen!« fuhr er grimmig auf. »Ich hab mir nix aussonnen. Was ich weiß, das weiß ich von dem Silberbauern.« »So hat der Dich belogen.« »Das glaub ich nicht. Ich hab doch die vielen Goldstückeln mit meinen eigenen Augen sehen.« »Das mag meinswegen wahr sein; aberst von mir sind sie nicht gewest!« »So! Und geschrieben hast ihm wohl auch nicht, daß er sie holen soll?« »Nein, nein, nein!« »Er sagts aber doch!« »Das ist eine teuflische Lügen!« »So! Nun, den Briefen hab ich ja auch lesen. Verstehst mich gut?« »Was, Du hättst einen Brief lesen von mir!« »Ja. Du hast ihm schrieben, daß Du nimmer sicher bist, weil die Papieren und die Photographieen weg ist aus Deinem Stuhl. Er soll kommen und das Geldl holen; Du willst ihm einen Profiten davon geben.« Der Müller bot einen gradezu unbeschreiblichen Anblick. Das Blut trat ihm in das Gesicht, so daß dieses dunkelroth wurde. »Diesen – Brief – hab ich – nicht schrieben!« stammelte er. Ich weiß – – nix davon – gar nix – kein Wort!« »Und wohl auch davon weißt nix, daß er Dir eine telegraphische Depeschen schickt hat, in welcher stand, daß er morgen kommen will, um 11 Uhr Vormittags?« Das war denn doch zu viel! Der Müller wollte antworten, konnte aber nicht. Die Sprache versagte ihm. Er schluckte und schluckte, brachte aber nichts hervor als einige unarticulirte Laute. »Nun, so gieb doch eine Antworten!« sagte der Sepp. »Ich – ich – – kann nicht!« »Ja, das glaub ich gar wohl. Wenn man hört, daß solche Beweisen gegen Einem vorliegen, so kann es Einem schon die Sprachen nehmen. Aberst Du hast ja Zeit. Versammle Dich nur. Ich kann ja warten!« Der Müller zitterte am ganzen Körper. Seine Lippen bebten. Man hörte seine Zähne gegen einander schlagen. Er blickte mit blutunterlaufenen Augen bald rechts und bald nach links, als ob er von daher Hilfe erwartete. Er sah ein, daß er doch Etwas sagen müsse; darum stammelte er mit heiserer Stimme: »Warum thust mir das an! Warum verzählst da solche Sachen!« »Weil Du selberst von ihnen anfangt hast.« »Das ist nicht wahr!« »Oho! Hast mich nicht nach Hohenwald fragt und nach dem Silberbauern?« »Weil ich nicht denkt hab, daßt nun von solchen Dingen reden wirst. Schau doch mal diesen Herrn da an! Wie der mich anblickt! Grad als ob ich ein großer Verbrechern wär!« »O, daran sind meine Worten nimmer schuld. Dieser Herr weiß allbereits auch ohne mich, was er von Dir zu halten hat.« Der Assessor hatte bisher diesem Gespräche ruhig zugehört, denn er bemerkte, daß der alte, kluge Sepp ganz logisch vorging. Jetzt nun, bei den letzten Worten desselben, mußte er befürchten, daß der Wurzelhändler verrathen werde, daß er, nämlich der Assessor, ein Gerichtsbeamter sei, und das durfte noch nicht geschehen. Darum fiel der Letztere ein: »Ich habe allerdings bereits Einiges über Sie gehört, Thalmüller. Aber was jetzt der Sepp sagt, das erfüllt mich doch mit größter Entrüstung.« »Nicht wahr!« stimmte der Müller bei. »Ja, man muß ganz entrüstet sein bei denen Schlechtigkeiten, die er sagt.« »So habe ich es freilich nicht gemeint, sondern ich wollte sagen, daß ich entrüstet bin gegen Sie.« »Gegen mich? Das kann mich groß verwundern!« »So! Auch noch!« »Ja. Ich hab ihm doch gar nix than!« »Dem Sepp mögen Sie allerdings nichts gethan haben; aber das, was er von Ihnen erzählt, das ist jedenfalls wahr.« »Nein. Es ist die größte Lügen!« »Pah! Man sieht es Ihnen doch an! Uebrigens mache ich Sie aufmerksam auf die Bemerkung, welche ich Ihnen beim Beginne unseres Gespräches gemacht habe. Wir spielen Versteckens, und ich sagte Ihnen, daß Sie das mit mir nicht aushalten würden. Jetzt sehen Sie ein, daß ich Recht hatte. Wir sprachen von dem zweiten Slatinaer Müller, und Sie thaten, als ob Sie den Mann gar nicht kannten. Nun aber sind Sie es selber!« »Nein, nein! Der bin ich nicht.« »Ach so! Sie sind also wirklich niemals in jene Gegend gekommen?« »Nein.« »Sind wohl niemals aus Bayern fortgewesen?« »Nein.« »Hören Sie, das ist eine offenbare Lüge. Es wird sehr leicht nachzuweisen sein, wo Sie sich früher befunden haben!« Jetzt meinte der Müller, daß er doch anders auftreten müsse. Er sagte also: »Und wann ich fortgereist wäre, was geht es Ihnen an!« »Jetzt freilich nichts. Aber wenn ich nun die Gerichte benachrichte, daß jener Müller, welcher gesucht wird, gefunden worden sei?« »So ist das eine Sach, mit welcher Sie gar nix zu thun haben. Man wird Sie abweisen.« »Das glaube ich schwerlich. Man wird Sie arretiren, und dann ists um Sie geschehen. Man wird Ihnen nachweisen können, daß Sie in Slatina gewesen sind.« »Das kann Keiner.« Jetzt gab der Assessor dem Sepp einen Wink. Dieser stand auf, trat bei Seite, so daß der Müller es nicht bemerken konnte, und gab dem Fex das besprochene Zeichen. »Wie kommt es dann, daß Sie mit Personen verkehren, welche aus jener Gegend stammten?« fragte der Assessor. »Das hab ich nicht than. Ich weiß keine.« »Besinnen Sie sich!« »Ich brauch gar nicht nachzudenken; ich weiß keine. Das ist sichern und gewiß.« »So! Also ist die Amme Mylla nicht hier bei Ihnen gewesen?« »Nein.« »Und es giebt wohl auch kein Zigeunergrab hier in der Nähe?« »Da giebts wohl eins. Aberst Diejenige, welche darinnen liegt, die hab ich nicht kannt.« »So, so! Aber ihren Sohn haben Sie gekannt?« »Ja, den hab ich zu mir nommen und ihn bei mir erzogen.« »Diese Erziehung soll eine sehr eigenartige gewesen sein. Sie wissen also ganz genau, daß er der Sohn jener Todten ist, welche da oben vergraben liegt?« »Ja.« »Er hatte keine andern Eltern? Vielleicht war sie nur seine Amme.« »Nein, sie ist seine Mutter gewest. Sappermenten! Da kommt er ja gleich selberst. Fast kennt man ihn nicht!« Er hatte zwar den Fex kommen sehen, ihn aber für einen ganz Andern gehalten. Er war ja gewohnt gewesen, seinen Fährmann nur barfuß und in zerlumpten Kleidern zu erblicken. Nun aber, als der Fex ganz herangetreten war, erkannte er ihn. Der Letztere verbeugte sich gegen den Assessor und setzte sich sodann auf den vierten Stuhl, welcher an dem Tische stand. »Also Sie kennen diesen jungen Herrn?« fragte der Assessor den Müller. »Natürlich! Das ist ja dera Fexen, von welchem wir reden.« »Und dem Sie so zornig sind, weil er mit Ihrer Tochter gesprochen hat!« »Ja, das muß ich mir verbitten! So Etwas kann ich nicht dulden. Von München herbei kommen, um der Paula den Kopf zu verdrehen, dazu geb ich mein Dirndl nicht her! Hörst, Fex! Wannst Dich nochmals derblicken läßt, so – – –« »Schweigen Sie!« Es waren nur diese beiden Worte, welche ihm der Fex zurief. Aber es lag in dem Tone, in welchem sie gesprochen wurden, und in dem Blicke, welchen der junge Mann ihm dabei zuwarf, eine Gewalt, welche dem Müller sofort den Mund schloß. Er fuhr zurück, betrachtete den Fex mit einem Blicke, in welchem Zorn, Haß und doch auch Furcht mit einander stritten, und sagte dann: »Na, na! Man wird doch mit Dir reden dürfen!« »Aber in einem andern Tone! Ich habe aufgehört, Ihr Sclave and Sündenbock zu sein!« »Was? Sclave und Sündenbock! Hab ich Dich nicht erzogen, Dir Nahrung geben und Dich kleidet und stets gut behandelt?« »Ich danke! Darüber wollen wir gar nicht sprechen. Sie haben wohl über die Angelegenheit bereits mit ihm verhandelt, Herr Assessor?« Der Gefragte nickte. Er hatte eigentlich eine hörbare Antwort geben wollen, aber das Wort war ihm zwischen den Lippen stecken geblieben, als er die Wirkung sah, welche der Titel, welchen der Fex ausgesprochen hatte, auf den Müller machte. Dieser war erst erbleicht, daß sein Gesicht ausgesehen hatte wie dasjenige eines Todten; dann aber schoß ihm das Blut gegen den Kopf, so daß sein Gesicht glühend roth wurde. »Assessor!« stammelte er. »Ist das wahr? Ein Assessor sinds?« »Ja,« nickte ihm der Beamte zu. »Also kein Getraidehändler! Warum habens das nicht vorher sagt!« »Eben weil wir mit einander Versteckens spielen wollten. Jetzt werden Sie nun wohl einsehen, daß Sie verloren haben.« Da bäumte sich der Müller förmlich auf. Er schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch und schrie: »Jetzunder ists aus! Nun ists alle! Es muß ein End haben! Ich duld das nicht. Was wollens von mir? Was habens hier zu suchen! Machens sogleich, daß Sie fortkommen, Sie und auch hier diese beiden andern Lumpen!« »Bitte, Müller, sprechen Sie in einem andern Ton zu uns!« warnte der Assessor. »Ich erkläre Ihnen hiermit, daß ich kraft meines Amtes bei Ihnen bin, um mich über gewisse frühere Geschichten zu informiren. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich ein ehrerbietiges Verhalten und wahrheitstreue Antworten von Ihnen verlange, widrigenfalls ich diejenigen Maßregeln ergreifen werde, welche ich für geeignet halte, Sie in die Schranken zurückzuweisen, die Ihnen nach den vorliegenden Verhältnissen gezogen werden müssen.« Diese im ernstesten Amtstone vorgebrachten Worte versäumten nicht, ihre Wirkung zu thun, aber nur einen Augenblick. Zunächst ließ der Müller seinen Kopf hintenüber sinken. Er schnappte nach Lust. Es ging dann aber sofort ein eigenthümliches Leuchten über sein Gesicht, und er sagte in ruhigem aber höhnischem Tone: »So! Also ein Herr Assessorn sinds also, und ein Verhör wollens anstellen mit mir?« »Ja.« »Hier, am Biertisch?« »Es beliebt mir, diesen Ort zu wählen.« »Vor denen beiden Menschen hier?« »Ja, denn ich brauche ihre Aussagen.« »Aberst ich brauch sie nicht. Und zu einer solchen Puppenkomödie giebt sich dera Thalmüllern doch nimmer her!« »Sie werden sich wohl fügen müssen!« »So? Wer will mich zwingen?« »Ich!« »Oho! Sind Sie denn auch dera richtige Kerlen dazu?« »Ich denke es. Uebrigens kann ich Ihnen ja meine Legitimation und Vollmacht vorzeigen.« »Diesen Wisch lassens mir gern in dera Taschen stecken! Mit ihm erreichens bei mir gar nix! Da könnt ein jeder Lump kommen, einen Wisch vorzeigen, den er funden oder stohlen hat, und sagen, ich bin dera Herr Assessoren, und Du mußt Dich von mir verhören lassen! Nein, da kennens denen Thalmüllern schlecht, mein guter, fremder Mann. Der macht da nicht mit!« »So!« lächelte der Beamte. »Welche Legitimation verlangen Sie denn von mir?« »Gar keine! Mit Ihnen hab ich nix zu thun, gar nix. Wir sind mit nander fertig. Sie sind gleich mit Lügen zu mir kommen, und mit solchen Leuten hab ich keinen Verkehr. Wann ein Herr von unserm Gericht hier oder einer von dera Polizeien kommt, den ich kennen thu, so weiß ich, daß ich zu gehorchen hab. Sie aberst machen mir keine Wippchen vor. Ich werd mich in meine Stuben fahren lassen. Sie können dann Ihre Suppen mit nander weiter kochen.« Er griff zu der bekannten Klarinette, welche an seinem Rohrstuhle hing, und blies hinein. Sofort trat eine Magd aus der Thür und blickte fragend zu ihm her. »Fahr mich hinein!« gebot er ihr. Sie kam her. Der Assessor zog ein kleines Pfeifchen aus der Tasche und gab damit ein kurzes, schrilles Zeichen. Dann wendete er sich an die Magd: »Sie können wieder gehen. Der Müller wird sich von einer andern Person bedienen lassen!« Die Magd wollte sich entfernen. »Bleibst gleich, alberne Dirn!« schrie der Müller sie an. »Wer ist dera Herr hier in dera Mühlen? Wem hast zu gehorchen!« Sie wollte wirklich den Stuhl ergreifen, um den Befehl ihres Dienstherrn auszuführen; aber da deutete der Assessor auf den eiligst herbeikommenden Gensdarm, welchem das Signal gegolten hatte und sagte ihr: »Hier kommt die Bedienung des Müllers. Treten Sie also ab!« Als sie den Gensdarm erblickte, erschrak sie und machte sich schleunigst aus dem Staube. »Jetzt sehen Sie einen Polizeibeamten, den Sie kennen,« sagte der Assessor zum Müller. »Ich habe Ihnen Ihren Willen gethan und bin überzeugt, daß Sie nun gehorchen werden. Thun Sie das nicht, so verschlimmern Sie Ihre Lage.« »Alle tausend Teufeln! Soll ich etwan gar verarretirt werden!« »Das wird ganz auf Ihr Verhalten und auf das Ergebniß der kurzen Unterredung ankommen, welche ich nun noch mit Ihnen zu führen beabsichtige.« »Wollens mich etwan weitern ausfragen?« »Ja.« »So erhaltens freilich keine Antwort, keine einzige!« »Schön! Sie zwingen mich also, Sie sofort nach einem Orte bringen zu lassen, an welchem man Sie zwingen kann, Antwort zu geben.« Er gab dem Gensdarm einen Wink. Dieser ergriff den Rollstuhl, drehte denselben vom Tische ab und that, als ob er nun den Müller fortfahren wolle, der Stadt entgegen. »Halt, halt!« schrie dieser. »Was soll hier vorgehen! Wohin soll ich bracht werden.« »Ins Gefängniß,« antwortete der Assessor. »Als Verarretirter? Als Verbrecher?« »Natürlich!« »Gleich so? Hier auf meinem Stuhl? Ohne daß ich vorher erst noch mal hinein in die Mühlen gehen kann?« »So wie Sie da sitzen, werden Sie fortgebracht. Vorwärts also! Fort mit ihm!« Der Gensdarm setzte sich mit dem Rollstuhle in Bewegung. »Halt!« schrie da der Müller. »Das geht nicht! Ich hab vorher erst noch die Mühlen und das Geschäft in Ordnung zu bringen.« »Schweigen Sie!« warnte ihn der Gensdarm. »Sonst lege ich Ihnen Fesseln und auch einen Knebel an!« »Dableiben, dableiben! Ich will ja antworten!« Er sah also doch ein, daß der Widerstand ihm nur schädlich sei. »Gut! Bringen Sie ihn noch einmal her,« gebot der Assessor. »Ich will versuchen, ob sich mit ihm sprechen läßt. Wenn nicht, so wird er fortgeschafft, und dann helfen aber alle weiteren Bitten nichts mehr.« Es war ein wirklich widriger Anblick, welchen der Müller bot, als er nun wieder an dem Tische saß. Blutroth im Gesicht, schnaufte er vor Aufregung wie ein Thier. Es war zum ersten Male in seinem Leben, daß sein gewaltthätiger Character bezwungen wurde, sich den heiligen Normen des Gesetzes zu beugen. »Also, machen wir es kurz,« begann der Assessor. »Waren Sie früher einmal in Slatina?« »Nein.« »Haben Sie mit dem sogenannten Silberbauer in Geschäftsverkehr gestanden?« »Ja.« »Ihm türkisches Gold verkauft?« »Nein.« »Ihm auch keinen darauf bezüglichen Brief geschrieben.« »Das ist mir nicht einfallen.« »Auch keine Depesche von ihm erhalten, welche sich auf dieses Geschäft bezog?« »Nein. Ich hab ein solches Geschäft gar nicht machen konnt, weil ich niemalen ein türkisches Geld sehen oder gar in meiner Hand habt habe.« »So! Nun sehen Sie sich doch einmal dieses Telegramm an, welches für Sie aufgegeben worden ist!« »Er zog seine Brieftasche hervor und nahm zwei Papiere aus derselben. Das eine zeigte er ihm hin. Es enthielt den Zettel, welchen damals der Knecht des Silberbauers auf das Telegraphenamt getragen und vorher dem Lehrer Walther gezeigt hatte. Der Assessor hatte sich denselben von dem Telegraphenamte zum Zwecke des Beweises ausgebeten: Der Müller las die Worte, schüttelte den Kopf und sagte: »Das kenn ich nicht. So eine Depeschen hab ich niemals erhalten.« »Und diesen Brief? Kennen Sie ihn?« Er zeigte ihm das zweite Papier hin. Es war der Brief, welchen der Müller an den Silberbauer gesandt hatte und der von dem Sepp und dem Lehrer an dem Wasser in der Brieftasche des Letzteren gefunden worden war. Bei der Nachforschung in der Schlafstube des Silberbauers war die Brieftasche sammt ihrem Inhalte gefunden worden. Der Müller erschrak, als er seine eigenen Zeilen erblickte. Er griff schnell mit beiden Händen darnach; aber der Assessor war noch schneller als er und zog den Brief wieder zurück. »Nun, wer hat das geschrieben?« fragte er. »Das weiß ich nicht.« »Ist es nicht Ihre Hand?« »Es ist ähnlich, aberst von mir ists nicht.« »Und der Silberbauer ist auch nicht bei Ihnen gewesen?« »Nein.« »Machen Sie sich doch nicht so lächerlich. So ein Leugnen ist nicht nur frech sondern auch gradezu kindisch. Ich brauche nur den ersten besten Ihrer Dienstboten zu rufen und zu fragen, so werde ich sofort eine bejahende Antwort erhalten.« »So ists eine Lügen!« »Gut! Ist Ihnen eine Baronin von Gulijan bekannt gewesen?« »Nein.« »Zwei Zigeuner, Namens Jeschko und Barko?« »Auch nicht.« »So haben Sie also nicht das Schloß bei Slatina in Brand gesetzt?« »Ist mir nicht einfallen. Ich weiß halt gar nicht, warums mir solche dummen Fragen vorlegen.« »Nun, wer dumm ist, das wird sich später finden. Ich muß Sie aber ersuchen, sich solcher beleidigender Ausdrücke zu enthalten, sonst bin ich gezwungen, meine Maßregeln darnach zu ergreifen. Von einer Entführung des kleinen Barons von Gulijan wissen Sie auch nichts?« »Nein.« »Und doch haben Sie eingestanden, daß Sie sowohl das Schloß angebrannt haben als auch bei dem Kindesraube betheiligt gewesen sind!« »Ich? Das ist mir nicht im Schlaf in den Sinn kommen!« »Sogar schriftlich haben Sie es eingestanden.« »So! Na, da weiß ich nicht, was ich halt denken oder sagen soll! Wann soll ich es denn einstanden haben?« »Heut!« »Das ist lächerlich! Zeigens mir doch mal die Schrift, worinnen das steht!« »Hier ist sie.« Er hielt ihm den Brief hin, welcher dem Fingerlfranz abgenommen worden war. Als die Augen des Müllers auf diese Zeilen fielen, vergrößerten sie sich geradezu zum Erschrecken. Dann schloß er sie und lag unbeweglich in seinem Stuhle. »Nun, was sagen Sie dazu?« Er antwortete nicht. »Sprechen Sie!« Als er auch jetzt weder antwortete noch sich bewegte, erhielt er von dem hinter ihm stehenden Gensdarmen einen kräftigen Stoß. Jetzt schlug er die Augen auf. Ihr Ausdruck war nicht, wie man hätte meinen sollen, derjenige des Schreckens, des Entsetzens, sondern der Wuth, des maßlosen Grimmes. Man hörte deutlich seine Zähne auf einander knirschen. »Werden Sie nun antworten?« forderte der Assessor ihn auf. »Kennen Sie diesen Brief?« »Nein.« »Aber der Fingerlfranz behauptet, daß Sie ihn geschrieben haben!« »Der Lump! Der Lügnern!« »Er hat ja dabei gestanden, als Sie schrieben!« »Das soll er mir beweisen!« »Er wird es sogar beschwören müssen.« »Wenn er es thut, so leistet er einen Meineid.« »Es ist doch sonderbar, daß grad Sie der Unschuldige sind, während alle Andern, in deren Händen Beweise gegen Sie sich vorgefunden haben, die Verbrecher sein müssen. Diese Art und Weise, Thatsachen, welche klar und unwiderstreitbar vorliegen, zu ihrem Nutzen umzudrehen, wird Sie zu dem beabsichtigten Ziele nicht führen.« »Ich kann nix sagen, was nicht wahr ist!« »Pah! Ein offenes Geständniß würde Ihnen nur nützlich sein, während dieses heimtückische Leugnen uns veranlassen wird, die ganze Strenge des Gesetzes gegen Sie in Anwendung zu bringen. Also Sie widerrufen keine Ihrer jetzigen Aussagen?« »Nein. Was ich sagt hab, dabei bleibt es.« »Gut, so werde ich Sie jetzt nach Ihrer Stube bringen lassen. Sie bleiben dort unter der Aufsicht dieses Herrn Gensdarmen und dürfen mit keinem Menschen verkehren. »Oho! Ich hab meinen Leuten ganz nothwendige Befehle zu ertheilen!« »Sorgen Sie sich nicht! Ihre Mühle wird nicht einstürzen, wenn Sie auch einstweilen isolirt werden. Jetzt fort mit ihm!« Der Gensdarm fuhr ihn in die Stube. Als die Bewohner der Mühle das sahen und sodann auch noch erfuhren, daß keiner von ihnen mit ihm reden dürfe, erregte das natürlich einen ganz gewaltigen Schreck. Der Thalmüller arretirt! Das war ja entsetzlich! Im Stillen aber gönnten Alle es ihm, und nur die Eine, gegen welche er in letzter Zeit am Härtesten gewesen war, saß weinend in ihrem Stübchen – Paula. Er war ja trotz alledem und alledem ihr Vater. Nun saßen die Drei draußen am Tisch bei einander, der Assessor, Sepp und der Fex. Der Erstere betrachtete den Letzteren mit unverholener, freundschaftlicher Theilnahme. »Der Sepp hatte Ihnen wohl bereits Alles erzählt?« fragte er ihn. »Das, was er selbst wußte, hat er mir gesagt, ja.« »Ihre Schicksale sind so hoch interessante, besonders auch für mich in meiner gegenwärtigen Eigenschaft, daß sie mein höchstes Interesse erwecken müssen. Leider habe ich in meiner Depesche eine große Unterlassungssünde begangen. Ich hätte Sie ersuchen sollen, die Photographie und die Papiere, welche Sie sich damals aus dem Stuhle des Müllers angeeignet haben, mitzubringen.« »Werden Sie gebraucht?« »Es wäre für mich von Vortheil, sie zu sehen.« »Ich habe sie mit.« »Wirklich? Ach, das ist sehr gut!« »Ich konnte mir, als ich das Telegramm erhielt, natürlich nichts anders denken, als daß der Zweck meiner jetzigen Anwesenheit hier in Beziehung zu dem Müller stehe, und darum steckte ich diese Sachen zu mir.« »Wollen Sie mir erlauben, sie zu sehen?« »Gern natürlich.« Er gab sie dem Assessor hin. Dieser betrachtete zunächst die Photographie. »Eine sehr schöne Frau!« sagte er. »Und die Aehnlichkeit mit Ihnen ist eine so frappante, daß man sofort auf die Vermuthung kommt, daß Sie mit dieser Dame in nächster Verwandtschaft stehen müssen. Und nun auch die Papiere!« Er nahm eins nach dem andern vor. An der Art und Weise, wie er aufmerksam die Zeilen der Reihe nach überblickte, ersah der Fex, daß er den Inhalt wirklich las. »Wie, Sie verstehen diese Sprache, Herr Assessor?« fragte er erstaunt. »Zufälliger Weise,« lächelte der Beamte. »Das hat seinen Grund darin, daß ich nicht Gerichtsbeamter bleiben, sondern mich der diplomatischen Laufbahn widmen will. Da ich mein Augenmerk dabei ganz besonders auf den Osten richte, so habe ich mich sehr eingehend mit den dortigen Sprachen beschäftigt. Das hier ist rumänisch oder, wie man es auch nennt, walachisch. Er las die Papiere durch und bezeichnete sie dann einzeln: »Geburtsschein des Baron Samo von Gulijan. Geburtsschein der Baronesse Etelka von Töregg. Der Taufschein dieser Beiden. Und nun noch der Geburtsschein ihres Sohnes Curty von Gulijan. Der wären also Sie.« »Wer kann das behaupten oder wohl gar beweisen?« »Ich hoffe, diesen Beweis führen zu können. Der Thalmüller wird nicht ewig leugnen können, und den Silberbauer werden wir wohl wieder ergreifen. Dann wird es nicht unmöglich sein, die Beweise Ihrer Abstammung zu erhalten.« »Wenn ich nur wüßte, was die fünf fremden Worte bedeuten, welche da auf dem Rücken des Geburtsscheines, welchen Sie für den meinigen halten, stehen.« Der Assessor hatte diese Worte noch gar nicht gesehen. Er drehte das Document um. Da stand in lateinischen Buchstaben geschrieben: »de man ke rar es.« Er betrachtete längere Zeit kopfschüttelnd diese Worte, schüttelte dann den Kopf und sagte: »Das begreife ich nicht. Sie haben natürlich bereits Sprachkenner gefragt?« »Ja, aber keiner hat es entziffern können. Nicht einmal, zu welcher Sprache die Worte gehören, konnte errathen werden.« »Hm! Das könnte ich auch nicht sagen. Diese Worte – oder sind es nur Sylben?« »Wohl auch möglich.« Der Assessor studirte weiter, gelangte aber zu keinem Ergebnisse. »Ich kann die Sylben zusammensetzen nach allen Weisen, so ergiebt es kein mir bekanntes Wort. Und doch möchte ich behaupten, daß sie sehr wichtig sind, daß sie sich auf Sie und auf diese Legitimationspapiere beziehen, mit einem Worte, daß sie die Lösung irgend eines wichtigen Geheimnisses enthalten.« »Ein Geheimnissen ists, um das es sich handelt,« meinte der Sepp, indem er sich seine Pfeife stopfte. »Wollen mal darüber nachdenken. Vielleichten finden wirs.« »Du, Sepp?« lachte der Fex. »Warum nicht?« »Dazu gehört ein größerer Schriftgelehrter, als Du bist.« »Pst! Mach mir meine Pferden nicht scheu! Hast noch nicht den Spruch hört? Was kein Verstand der Verständigen sieht, Das merket in Einfalt ein kindlich Gemüth. Man braucht eine Sach nicht grad aus dem Fundamenten zu verstehen, um über sie nachdenken zu können. Sind etwan die Herren Astronomen schon mal auf dem Monden oder auf dera Sonnen herumispaziert.« »Freilich nicht.« »Und doch schreibens ganze große Büchern über die Beiden. Also ists auch mit mir. Wann ich so ins Nachdenken komm, so sag ich mir Folgendes: Wann es ein Geheimnissen ist, darf es da Jeder lesen, Herr Assessorn?« »Nein.« »Schön! Wanns nicht Jeder lesen soll, wird mans da so herschreiben, daß es gleich zu lesen ist?« »Schwerlich.« »Also muß es wohl anderst gelesen werden, als wie mans gewöhnlich liest. Jetzunder buchstabierens mal los! Vielleichten muß es in die falsche Quere gelesen werden. Versuchens das Ding doch mal von hinten nach vorn!« »Der Gedanke ist nicht übel, Sepp. Es ist überhaupt verwunderlich, day ich nicht auch schon darauf gekommen bin. Also von hinten nach vorn würden die fünf Sylben heißen: »Es rar ke man de.« und da könnte bei der richtigen Zusammenstellung sich – – –« Er hielt inne. Seine Züge nahmen den Ausdruck größerer Spannung an; dann lachte er befriedigt auf und rief: »Der Sepp hat Recht! Ja, er ist der Klügste von uns gewesen.« »Nicht wahr!« schmunzelte der Alte. »Ja das ist mein Lebtage stets so gewest: Ich war immerst dera Gescheidteste von allen Andern. Also troffen hab ichs?« »Ja. Es ist türkisch. Aus den fünf Sylben werden zwei Worte, welche »Esrar kemande« gelesen werden müssen.« »Gott sei Dank!« rief der Fex. »Jetzt endlich ist Hoffnung hinter die Sache zu kommen. Aber bitte, können Sie diese beiden Worte übersetzen?« »Das ist sehr leicht. Esrar heißt nämlich Geheimniß. Sie sehen, daß wir ganz richtig vermutheten, als wir glaubten, daß es sich um ein Geheimniß handeln werde.« »Und Kemande ?« »Eigentlich heißt dieses Wort nur keman , das ist Geige. Das de ist Suffix und bezeichnet das Umstandswort des Ortes »in«. Kemande heißt also wörtlich: »in der Geige«. Die Uebersetzung würde also vollständig lauten: Das Geheimniß ist in der Geige zu finden oder in der Geige zu lösen.« »Fex, Fex, hasts hört? Hasts verstanden?« jubelte der Sepp. »In dera Geigen steckt der ganze Pudel! Da hinein müssen wir schauen!« »Aber was für eine Geige mag gemeint sein?« fragte der Assessor. »Darüber giebt es wohl keinen Zweifel,« antwortete der Fex. »Die Zigeunerin hat mir eine alte Violine hinterlassen. Sie ist es wohl gewesen, welche die Worte hierher geschrieben hat oder hat herschreiben lassen.« »Aber, besitzen Sie diese Violine noch?« »Ja. Ich brauche sie selten, da ich jetzt eine weit bessere habe; doch würde jene ich um keinen Preis verkaufen. Sie ist ein theueres Andenken an dunkle, trübe Zeit.« »Und wo haben Sie die Geige?« »In München, in meiner Wohnung.« »Ach, wenn wir sie hier hätten!« »Meinen Sie, daß uns das von Vortheil sein könne?« »Ja, ich meine es nicht nur, sondern ich bin sogar überzeugt davon.« »Schön! Sehr schön!« sagte der Sepp. »Weißt, was ich thu, Fex?« »Was?« »Ich fahr mit dem nächsten Zuge nach München und hol die Violinen herbei.« »Hm!« »Soll ich, Herr Assessor?« »Ich hätte das Instrument allerdings sehr gern hier. Wer weiß, welchen Nutzen es uns machen würde. Aber Sie würden erst spät am Abende zurückkommen. »So weiß ich einen bessern Rath,« sagte der Fex. »Wenn ich nur wüßte, wenn der nächste Zug aus München abgeht. Sofort zog der Assessor seinen Fahrplan hervor, um nachzusehen. »In anderthalb Stunden,« antwortete er. »So telegraphiere ich.« »Richtig, sehr richtig! Das ist das Allerbeste. Sie bemerken dazu die Buchstaben D. H. P. , das heißt, dringendes Telegramm, und Eilboten bezahlt. Dann wird es sofort expedirt, und der Bote, welcher die Violine bringen soll, kann mit dem nächsten Zuge zurechtkommen. Wollen Sie?« »Ja. Ich werde sofort schreiben. Sepp, Du läufst schnell nach der Stadt und giebst die Depesche auf.« »Ja, ich renn, daß ich die Schuhen verlier!« »Und,« fragte der Assessor, »wissen Sie, Sepp, wohin der Gensdarm den Fingerlfranz gebracht hat? Ich hatte noch keine Zeit, darnach zu fragen.« »Das weiß ich allbereits, nämlich zum Matthes in denen Gasthofen.« »So gehen Sie auf dem Rückweg mit da hinein und geben dem Gensdarmen einen Zettel, den ich Ihnen schreiben werde. Er mag den Franz nun frei lassen. Seine Sistirung kann uns ja nichts mehr nützen.« Im Verlaufe einer Minute war der Alte unterwegs. Er rannte wirklich so rasch, wie er vielleicht in seinem Leben noch nicht gelaufen war. »Was werden wir indessen beginnen?« fragte der Fex. »Ich habe beim Müller auszusuchen, kann aber nicht eher damit anfangen, als bis der zweite Gensdarm da ist. Sie müssen es sich schon gefallen lassen, sich die Zeit mit mir zu vertreiben.« »Gern. Natürlich wird der Müller eingezogen?« »Das versteht sich ganz von selbst.« »Ins hiesige Gefängniß?« »Nein. Ich nehme ihn mit mir. Es wird dadurch die Untersuchung vereinfacht. Dieser Mensch ist ein so hartgesottener Sünder, wie ich noch keinen kennen gelernt habe. Ich meine, daß es sehr schwer sein wird, ihn zum Geständniß zu bringen.« »Ich wüßte ein Mittel.« »So? Welches?« »Der Schreck, das Entsetzen.« »Das ist freilich ein Mittel, welches bereits so manchem Untersuchungsrichter und Polizisten zu Hilfe gekommen ist. Aber woher es nehmen?« »Aus dem Zigeunergrab.« »Wieso?« »Er muß meine Amme sehen.« »Brrr! Das Gerippe? Sie meinen, es auszugraben? Es würde nicht anders wirken als wie jedes andere Gerippe auch. Er weiß doch nicht, daß es das ihrige ist. Und selbst wenn er das wüßte, zweifle ich an dem Erfolge, ganz abgesehen davon, daß die Exhumirung einer Leiche eine Sache ist, welche nur unter gewissen Umständen und bedeutenden Formalitäten gestattet wird.« »Hm! Von einem Gerippe ist keine Rede.« »Wovon sonst?« »Ich werde es Ihnen zeigen. Erlauben Sie mir einige Augenblicke!« Er ging nach der Mühle und kam bald darauf mit zwei grauen Leinwandhosen und eben solchen Jacken zurück. Diese Kleidungsstücke hatte er sich von den Knappen geliehen. »Bitte, wollen Sie mich begleiten, Herr Assessor!« »Sie haben sich ja ausgerüstet wie zu irgend einer geheimnißvollen Partie!« »Das wird es auch. Wir steigen in die Unterwelt.« »Sie scherzen!« »Nein. Ich will Ihnen jetzt noch nicht sagen, was ich Ihnen zeigen will. Ich möchte sehen, welchen Eindruck es auf Einen macht, der dabei ganz unbetheiligt ist.« Er führte ihn nach dem Zigeunergrabe. Sie kamen an Ort und Stelle. Er deutete auf einen Busch und sagte: »Dieser Strauch war damals nicht so groß wie jetzt, aber auch ich war klein genug, mich dennoch hinter ihm zu verstecken. Da sah ich zu, als der Müller die Amme ermordete.« »Herrgott! Ists wahr?« »Ja. Hier auf der Stelle, an welcher sie in die Erde gescharrt wurde, erwürgte er sie.« »Ach! Nun wird mir einiges Dunkle klar! Er hatte freilich Veranlassung, sie unschädlich zu machen. Aber ist die Leiche nicht untersucht worden?« »Nur ganz oberflächlich. Sie war ja eine Zigeunerin, eine Heidin.« »Und Sie sagten nichts.« »Ich war kaum einige Wochen über neun Jahr alt. Ich fürchtete mich entsetzlich vor dem Mörder und hütete mich wohl, ein Wort zu sagen.« »Und so hat er keine Ahnung davon, daß Sie Zeuge dieser schaudervollen That gewesen sind?« »Jetzt doch. Ich habe es ihm gesagt. Er wollte seine Tochter zwingen, den Fingerlfranz zu heirathen, und ich wußte kein anderes Mittel, mich ihrer mit Erfolg anzunehmen, als daß ich ihm drohte, den Mord zur Anzeige zu bringen, falls er auf diese Heirath bestehe. »Und was that er?« »Die Verlobung unterblieb. Mich aber wollte er dann ermorden lassen.« »Sind Sie des Teufels! Auch Sie ermorden! Und zwar ermorden lassen? Also durch einen Andern! Durch wen?« »Durch den Fingerlfranz. Es ist ihm aber nicht gut bekommen.« Und lachend erzählte er das Ereigniß jenes Abends, an welchem der Fingerlfranz so fürchterliche Prügel bekommen hatte. Der Assessor aber blieb sehr ernst dabei. »Anstiftung zum Mord seitens des Müllers und Mordversuch seitens des Fingerlfranz!« sagte er. »Ich werde den Franz auch festnehmen lassen.« »Das liegt nicht in meiner Absicht, Herr Assessor.« »Aber in der meinigen. Dieser Mensch ist ein gefährliches Subject; das hat, er hier bewiesen. Sie haben seine Rache stets zu befürchten, und da muß es ihm gezeigt und bewiesen werden, daß der Rachsüchtige seine schlimme Leidenschaft zu zügeln habe, wenn er nicht mit den Gesetzen in Conflict gerathen will. Aber wollen wir nicht unsern Gang antreten. Die Oberwelt nehmen wir später in Augenschein.« »Ja, kommen Sie!« Er führte ihn hinab, räumte die Steine weg und fand unter denselben die Holzthür. Es war Alles noch ganz genau so, wie er es verlassen hatte. Kein fremdes Auge hatte in das Geheimniß dringen können. Er öffnete die Thür und sagte: »Hier hinunter müssen wir. Wir ziehen diese Hosen über, legen die Röcke ab und fahren dafür in die Jacken.« »Ich bin begierig, was Sie mir zu zeigen haben,« sagte der Assessor, indem er die genannten Kleidungsstücke anlegte. »Ahnen Sie es nicht?« »Ich würde vermuthen, daß Sie mir die Ueberreste der Amme zeigen wollen; aber das ist doch nicht möglich.« »Warum?« »Weil dieser Stollen senkrecht hinabgeht und das Grab also viel höher liegt. Es liegt bereits höher, als wir uns jetzt befinden; zu ihm kann also dieser verborgene Gang nicht führen. Ueberhaupt, wer gräbt einen Stollen in einen Sarg hinein.« »Nun, Sie werden ja sehen, wohin wir kommen.« Sie ließen ihre Röcke und Hüte hier außen liegen. Es war kaum zu befürchten, daß ein Dieb herbeikommen und grad diese versteckte Stelle aufsuchen werde. Nun stiegen sie hinab, der Fex voran und der Assessor hinter ihm. Unten angekommen, stieß der Erstere die Kiste bei Seite und zog den Letzteren mit sich hinein. Die Hölzer, deren er sich früher bedient hatte und die noch in der Mauernische lagen, waren jedenfalls feucht. Der Fex aber hatte frische mit herab genommen. Er machte die Lattenthür auf und brannte die Lampe an. Jetzt schaute der Assessor sich um. »Ein unterirdisches Versteck mit zwei Abteilungen,« sagte er erstaunt. »Hier dringt sogar das Wasser des Flusses herein. Wie haben Sie diesen Ort entdeckt?« »Das werde ich Ihnen später erzählen. Jetzt muß ich Ihnen vorher das zeigen, was Sie sehen sollen. Kommen Sie wieder in die andere Abtheilung zurück, in welche wir zuerst eingestiegen sind!« Er nahm die Lampe in die Hand und trat mit dem Beamten hinaus. »Erschrecken Sie leicht?« fragte er. »Nein.« »So brauche ich Sie nicht zu warnen.« »Ists etwas so Entsetzliches, was ich sehen werde?« »Nein; aber es gehören dennoch andere als Damennerven dazu. Also jetzt!« Er nahm das Tuch hinweg, welches die Leiche verhüllte und hielt die Lampe so, daß das Licht derselben voll und hell auf die Erstere fiel. Der Assessor stieß doch einen Ruf, wenn auch nicht des Schreckens, so doch des Erstaunens aus.« »Ach! Also doch eine Leiche! Aber nicht diejenige Ihrer Amme?« »Und doch ist sie es.« »Die muß ja viel höher liegen! Wie kommt sie hier herab?« Der Fex erklärte es ihm: Er erzählte es ihm, wie er dazu gekommen war, diese unterirdische Felsenspalte zu entdecken. Das selbst der König bereits hier gewesen sei, verschwieg er ihm jetzt noch. Ganz als ob sie schlafe, lag die Südana in dem Kasten. Es war, als ob die langen Wimpern nur halb geschlossen seien und im Erwachen leise zuckten. In den gebräunten Wangen schienen noch Ströme warmen Blutes zu pulsiren. Wer nicht wußte, daß er vor einer Leiche stehe, konnte leicht denken, daß die Schläferin im nächsten Augenblicke sich bewegen werde. Diese Täuschung wurde noch vervollständigt durch die seltene Fülle dunkler Haare, welche wie ein Schleier den Leib der Todten umflossen und die Gestalt bis herunter zu den Füßen einhüllten. Dem Assessor war es ganz eigenartig zu Muthe. Er konnte für das Gefühl, welches, ohne eine Furcht zu sein, ihm dennoch kalt prickelnd durch die Nerven lief, keine passende Bezeichnung finden. »Wunderbar!« sagte er. »So etwas konnte ich freilich nicht erwarten. Also ermordet ist sie worden, die treue Dienerin ihres Herrn! Ach, wenn man das noch jetzt nachweisen könnte! Wenn die Zeichen der Erdrosselung noch jetzt zu entdecken wären!« »Wohl schwerlich!« »Auch ich glaube es nicht.« »Nun aber die Hauptsache. Was glauben Sie, wie der Müller sich benehmen würde, wenn er ganz plötzlich vor diese Leiche gestellt würde?« »Gewisses läßt sich da nicht sagen, doch glaube ich, daß sich ein fürchterliches Entsetzen seiner bemächtigen würde. Sie haben ganz recht gethan, mich hier herab zu führen. Der Müller muß vor sein Opfer gestellt werden, und zwar noch heut!« »Ist das möglich?« »Unter diesen Umständen, ja. Ich eile sofort in die Stadt, um mich mit den Herren der betreffenden Behörde zu besprechen.« »So soll der Müller hier herab? Das wird schwer gehen, weil er gelähmt ist.« »Nein, die Leiche muß hinauf.« »Durch den engen Gang?« »Den erweitern wir. Es müssen Arbeiter her. Uebrigens wird das keine großen und langen Schwierigkeiten machen. Drei, vier Männer können in zwei Stunden fertig sein.« »Und was geschieht nachher mit der Leiche?« »Darüber kann ich jetzt nicht entscheiden. Jedenfalls erhält sie in geweihter Erde einen Ruheplatz. Bitte, kommen Sie! Ich möchte keinen Augenblick versäumen.« Oben angekommen, vertauschten sie die leinenen Sachen mit den ihrigen und schlossen den Gang. Dann begaben sie sich nach der Mühle. Der Wurzelsepp war indessen bereits wieder zurück und hatte auch den Gensdarm mitgebracht. Dieser erhielt ebenso seine Instruction wie sein beim Müller in dessen Stube befindlicher College, dann begab der Assessor sich nach der Stadt. Der Sepp hatte sich wieder vor die Mühle an den Tisch gesetzt, rauchte seine alte Pfeife und trank ein Bier dazu. Der Fex aber hatte nun eine schwere Pflicht zu erfüllen: Er mußte zu Paula gehen, um sie möglichst zu beruhigen. Sie hatte sich eingeschlossen und wollte Niemand zu sich lassen; als er aber seinen Namen nannte, öffnete sie ihm die Thür. Sie schien vollständig in Schmerz und Thränen aufgelöst zu sein und machte, als er eintrat, eine Bewegung, als ob sie sich in seine Arme werfen wolle, blieb aber auf halbem Wege stehen und ließ die Arme sinken. Dann hob sie dieselben wieder, verbarg ihr Gesicht in den Händen, legte den Kopf an die Wand und brach in ein herzbrechendes Schluchzen aus. Er zog die Thür hinter sich zu, trat zu ihr, legte ihr die Hand leise auf die Schulter und sagte in bittendem Tone: »Paula, willst mich wohl nimmer anschauen?« Es war, als ob sie eine Antwort geben wolle, aber das Schluchzen erstickte ihre Worte. »Magst nun wohl gar nix mehr von mir wissen?« Er wartete auf eine Antwort von ihr – vergebens. Ihr ganzer Körper erbebte unter der Gewalt des Schmerzes, der heut über sie gekommen war. Da legte er den Arm um sie und zog sie an sich. Sie ließ es willenlos geschehen. Sie duldete es auch, daß er ihren Kopf an sein Herz bettete; aber weinte fort und brachte kein Wort hervor. Da überkam auch ihn eine bittere, große Traurigkeit. Er war es ja, um dessen willen das Unglück heute über Diejenige, welche er über Alles liebte, gekommen war; er gab sich die Schuld, obgleich er daran unschuldig war. Hätte er dieses gewaltige Herzeleid nicht von ihr wenden können, fragte er sich. Nein, lautete, die Antwort. Ihr Vater war dem Arme der göttlichen Gerechtigkeit verfallen, und wann er von demjenigen der menschlichen ergriffen wurde, das war bis heut nur eine Frage der Zeit gewesen. Mit diesem Gedanken beruhigte sich der Fex. Freilich machte ihm der gewaltige, wortlose Schmerz der Geliebten schwere Sorge. Wenn er sie nur erst wieder zum Sprechen hätte! Er zog sie zu sich auf einen Stuhl, nahm sie auf den Schooß, schlang beide Arme um sie und flüsterte ihr in innigstem und teilnahmsvollstem Tone zu: »Meine liebe, liebe Paula, Du darfst es Dir nicht zu sehr zu Herzen nehmen! Alle, alle wissen ja, daß Du unschuldig bist und mit den Thaten Deines Vaters nichts zu thun hast.« »Aber er ist ja mein Vater!« stieß sie unter herzbrechendem Schluchzen hervor. »Seine Schuld fällt also auch auf mich.« »Nein. Kein Mensch kann so unbillig denken, einem Kinde die Handlungen des Vaters entgelten zu lassen. Bedenke, daß ich es bin, der hier am Meisten in Betracht kommt. Und grad ich weiß es am Allerbesten, wie rein und schuldlos Du bist. Ich möchte denjenigen sehen, der es wagen wollte. Dir eine Kränkung oder gar Beleidigung zuzufügen.« Da blickte sie ihm mit einem trostlos zwischen Thränen hervorbrechenden Ausdruck an und antwortete: »Du, ja, Du hast den guten Willen. Dein gutes Herz rechnet mir die Sünden meines Vaters nicht an. Aber Andere denken nicht so edel und gerecht wie Du. Der Schatten von dem, was mein Vater that, fällt auf mich. Mein Leben wird von jetzt an so dunkel und traurig sein, daß ich mir lieber den Tod als ein längeres Dasein wünschen möchte.« »Um Gotteswillen, was sind das für Gedanken?« rief er erschrocken. »Gedanken, welche sich auf den Willen Gottes gründen,« antwortete sie. »Nein, nein, und tausendmal nein! Gott will nicht, daß der Gerechte mit dem Ungerechten leide!« »Hast Du nicht gehört, daß er die Sünden der Väter heimsuchen will, bis in das dritte und vierte Glied der Nachkommen?« »Und hast Du nicht gehört, daß es einen Erlöser giebt, der alle Sünde tragen will, der die Mühevollen und Schwerbelasteten einladet, zu ihm zu kommen? Kennst Du nicht den guten Hirten, welcher selbst das verlorene Schaf auf seine Schultern nimmt, um es zur Heerde zurück zu tragen? Und Du bist es ja gar nicht, die verloren ist. Der Schmerz, der gewaltige Schreck über das, was Du erfahren mußtest, haben Dir das Vertrauen genommen und den Lebensmuth geraubt. Wenn einige Tage vergangen sind, wirst Du Trost und neuen Muth finden.« »Nie, niemals wieder!« »Das darfst Du nicht sagen. Diese Kleingläubigkeit ist eine Sünde, deren Du Dich nicht schuldig machen darfst.« »Das sagst Du, weil Du mich lieb hast. Wie aber werden die Andern, sprechen?« »Es wird nur sehr Wenige geben, welche Dich mit dem belasten wollen, was Dein Vater auf seinem Gewissen liegen hat. Und die das thun, sind nicht werth, daß Du sie beachtest. Jeder brav denkende Mensch wird Dir sein volles Mitgefühl widmen.« »Das ist ja grad das Schreckliche! Vor diesem Mitgefühle fürchte ich mich, vor den Blicken, welche in stolzer Barmherzigkeit schwelgen, indem sie auf mir ruhen. Und noch weiß ich nicht einmal genau, welcher Thaten sich mein Vater schuldig gemacht hat.« »Er leugnet Alles.« »Vielleicht ist er doch unschuldig.« »Nein, er ist schuldig. Indem ich Dir dies sage, scheine ich grausam zu sein; aber das ist nicht der Fall, denn ich bin Dir diese Aufrichtigkeit schuldig. Es würde doppelt und zehnfach grausamer von mir sein, wenn ich Dich jetzt täuschte, indem ich Dir Hoffnungen machte, welche doch nicht in Erfüllung gehen können.« »Mein Gott, wie traurig! Nicht einmal eine armselige Hoffnung darf ich hegen!« »Ich muß sie Dir leider nehmen, und darüber wirst Du mir sehr bös sein.« Sie sah lange Zeit vor sich nieder. Dann hob sie den thränenverschleierten Blick zu ihm empor, reichte ihm die Hand und antwortete: »Nein, lieber Freund, bös kann ich Dir nicht sein. Der Patient muß vielmehr dem Arzte für die Medizin danken, selbst wenn dieselbe noch so bitter sein sollte. Du hast Recht. Du darfst mir keine Unwahrheit sagen. Der Trost, welchen ich dadurch bekäme, würde sich später in eine desto schwerere Traurigkeit verwandeln. Ich will die bittere Arzenei schnell und bis auf den letzten Tropfen trinken. Sage mir also Alles! Was hat mein Vater gethan?« Er zögerte eine ganze Weile. Erst als sie ihre Aufforderung wiederholte, antwortete er: »Das ist mir jetzt noch unmöglich, meine liebe Paula. Ich weiß ja selbst noch nicht Alles, was man ihm zur Last legen wird.« »O, Du weißt es. Ich sehe es Dir deutlich an! Du bist ja gar nicht im Stande, mich zu belügen. Und wenn Dein Mund es versucht, mich zu täuschen, so spricht doch Dein Auge die Wahrheit. Fex, mein lieber, guter Fex, sage mir Alles, was Du weißt. Alles! Ich bitte Dich darum.« Sie ergriff seine beiden Hände und blickte ihm flehend in das Gesicht. Er konnte diesem Blicke nicht widerstehen, und doch widerstrebte es ihm, ihr einen solchen Schmerz zu bereiten. Er rang mit sich selbst. Er sah ein, daß es besser sei, aufrichtig mit ihr zu sprechen, als sie im Unklaren zu lassen. In diesem letzteren Falle mußte sie später doch Alles hören, und dann war der Eindruck, der die Kunde auf sie machen mußte, jedenfalls ein viel unglücklicherer als jetzt, wo er ihr mit der nöthigen Schonung die Mittheilung machen konnte. Sie bemerkte natürlich seine Unschlüssigkeit und bat dringend: »Bitte, sprich! Verschweige mir ja nichts.« »Paula, ich kann es kaum! Es fällt mir ja gar zu schwer.« »So bedenke, daß das, was ich aus. Deinem Munde erfahre, vielleicht leichter für mich zu tragen ist, als was Fremde mir sagen!« »Du hast Recht; das sehe ich ein. Und doch wollen mir die Worte nicht über die Lippen.« »Ist's denn gar, gar so schlimm?« »Leider, mein armes Kind.« »Wessen klagt man ihn an?« »Der schwersten Verbrechen, welche es giebt.« »Herrgott! Das schlimmste Verbrechen ist ja der Mord. Schon vorhin bei dem Zigeunergrabe fielen Reden, welche mich dieses Schlimmste erwarten lassen. Ist mein Vater wirklich ein – – ein – – ein Mörder?« Sie brachte dieses Wort kaum über die Lippen und blickte nun den jungen Mann mit einem angstvollen Ausdrucke an, als ob Leben und Tod von seiner Antwort abhängig sei» »Sprich! Rede doch um Gottes Willen!« drängte sie, als er immer noch zögerte. Er zog sie an sich, drückte ihr Köpfchen an seine Brust und sagte leise, als ob er sich fürchte, die Worte laut auszusprechen: »Du armes Mädchen, Deine Vermuthung ist leider nicht falsch.« Da fuhr sie von seinem Schooße empor, stieß einen lauten Wehschrei aus und schlug die Hände vor das Gesicht. »O Gott, o Gott! Also doch! Ein Mörder, ein Mörder! Der Himmel erbarme sich über ihn und über mich! Ists wahr? Ists wirklich wahr?« »Leider, leider!« »Wen soll er getödtet haben, wen?« »Zwei Personen, welche mir sehr nahe standen, nämlich meine Mutter und – – –« »Deine – – Deine Mut – – Mutter!« unterbrach sie ihn in einem Tone, in welchem die größte Seelenpein erklang. »Ja, meine Mutter und auch meine Amme.« »Unmöglich! Unmöglich!« »Nein, es ist wirklich; es ist wahr.« »Fex, Fex, Du mußt Dich irren! Es kann ja gar nicht wahr sein!« Sie hatte die Hände vom Gesicht genommen, aus welchem alles Blut gewichen war, und starrte ihn mit großen, großen Augen an. Er wollte schweigen. Bei ihrem Anblicke bereute er, offen gewesen zu sein. Aber sie erfaßte ihn bei den beiden Schultern, schüttelte ihn und rief: »Ich verlange die Wahrheit, die volle, reine Wahrheit! Täusche mich nicht! Denke, Du ständest vor einem Priester, vor einem Richter, vor Gott selbst, der Dir in das Herz blickt und Alles ebenso gut weiß wie Du selbst. Du sollst und darfst mir nichts verschweigen. Ich schwöre Dir, daß ich nie wieder ein Wort mit Dir spreche, wenn Du mir jetzt nicht die ganze Wahrheit sagst. Also rede! Hat er wirklich Deine Mutter gemordet?« »Ja, er und der Silberbauer.« »Ah, ah! Also er nicht allein!« »Bedenke, daß das keine Entschuldigung für ihn ist!« »Ja, ja. Das Wort entfuhr mir nur so in meiner Herzensangst. O Gott, o Gott! Also ist es doch wahr! Und er gesteht es nicht ein?« »Er leugnet es.« »Sind Zeugen da?« »Es scheint, daß der Assessor es ihm beweisen kann.« »Ist es lange her?« »Fast so lange, als ich alt bin.« »So ists vielleicht verjährt!« »Der Mord verjährt niemals.« »So wird es wenigstens schwer sein, ihn zu überführen. Aber auch das ist ja kein Trost für mich, wenn er doch der Mörder ist. Ob Zeugen da sind oder nicht, ob er bestraft werden kann oder nicht, das bleibt sich gleich; ich bin doch auf jeden Fall die Tochter eines Mörders.« »Ja. Ich sage es aber sehr schwer und sehr ungern; aber ich muß Dir doch mittheilen, daß ich selbst gezwungen sein werde, als Zeuge gegen ihn aufzutreten.« »Du! Du selbst?« »Ja. Ich war zugegen, als er die Amme ermordete, da drüben, wo sie begraben liegt.« »Du, Fex, Du warst selbst mit dabei?« »Ja. Entsinnst Du Dich nicht dessen, was wir Dir vorhin am Zigeunergrabe sagten? Ich lag hinter dem Busche. Ich war ein kleiner Knabe und habe keinem Menschen Etwas davon gesagt, aus großer Angst vor Deinem Vater.« »Und selbst mir nicht, auch mir nicht!« »Konnte ich Dir diesen Schmerz bereiten? Dir hatte ich ja mein Leben zu verdanken.« »Mir? Ich hätte Dir das Leben gerettet? Ich weiß kein Wort davon.« »Du hast es gethan, ohne eine Ahnung davon zu haben. Dein Vater trachtete auch mir nach dem Leben. Er wollte mich tödten; das weiß ich ganz gewiß. Aber Du zeigtest eine so große Anhänglichkeit gegen mich, daß er es Deinetwegen unterließ. Ich wußte, daß ich in steter Todesgefahr schwebte.« »Wie schrecklich, wie entsetzlich! Und Du hast mich lieb gehabt, hast so viel für mich ertragen und erduldet!« »Je größer meine Angst vor Deinem Vater war, desto größer wurde meine Liebe zu Dir!« »Zur Tochter des Mörders! Fex, Fex, ich habe geglaubt, einmal recht, recht glücklich sein zu können. Das war ein Traum; das war Täuschung; das ist nun nicht mehr möglich. Der Fluch heftet sich an meine Fersen. Ich muß verschwinden, dahin, wo Niemand mich kennt. Und Du wirst Deine lichten Pfade wandeln, und kein Strahl davon wird auf meine dunklen Wege fallen. Ich bin die Tochter eines Mörders, eines Mörders, eines Mörders.« Sie schritt händeringend in dem Stübchen hin und her und stieß die letzten Worte in einem so jammervollen Tone hervor, daß es dem jungen Mann durch Herz und Seele schnitt. Er sprang von seinem Stuhle auf, ergriff sie beim Arme und sagte: »Paula, sprich nicht so, nicht so! Das kann ich nicht erhören. Es ist mir, als ob ich sterben müsse, wenn ich Dich so trostlos sehe. Bedenke, daß ich Alles gerade so tief und innig mit empfinde, wie Du es fühlst. Du hast von mir Aufrichtigkeit verlangt. Soll ich es bereuen. Dir diesen Wunsch erfüllt zu haben?« Da faßte sie sich. Sie zwang sich zur äußerlichen Ruhe. Die Hand fest auf das stürmisch klopfende Herz pressend, seufzte sie: »Du hast Recht. Was nützt der Jammer und das Klagen. Es ist nichts mehr ungeschehen zu machen, und das Unglück muß, muß ja doch ertragen werden. Ich will mich also beherrschen, damit ich im Stande bin, auch das Uebrige zu hören, was Du mir zu sagen hast.« »Was das betrifft, so wirst Du freilich nichts mehr hören.« »Warum?« »Weil – weil ich Dir – nichts mehr zu sagen habe,« antwortete er stockend und in einem hörbar unsichern Tone. Sie blickte ihn forschend, fast streng an. »Jetzt sagst Du mir abermals die Wahrheit nicht, Fex!« Er senkte den Blick, behauptete aber dennoch: »Du weißt ja nun Alles.« »Nein. Ich sehe es Dir an, daß noch mehr gegen meinen Vater vorliegt. Und selbst wenn ich es Dir nicht anmerkte, könnte ich es doch mit Sicherheit errathen. Warum hat er die Beiden getödtet? Nur um sie zu ermorden? Nein. Er muß eine verbrecherische Absicht gehabt haben, eine Absicht, zu deren Erreichung der Mord nur das Mittel war. Und das Alles weißt Du genau. Ich verlange, daß Du es mir sagst. Vermuthe ich richtig oder nicht?« Ihr Blick ruhte dabei so scharf forschend auf ihm, daß es ihm unmöglich war, aus liebevoller Rücksicht auf ihren Seelenzustand ihr eine Unwahrheit zu sagen. »Ja,« antwortete er. »Deine Vermuthung ist freilich richtig.« »Ich wußte es. Also warum hat er Deine Mutter ermordet?« »Um sie zu berauben.« »Zu berauben!« wiederholte sie tonlos. »Also nicht nur ein Mörder, sondern sogar ein Räuber, ein Raubmörder ist er! Es ist mir, als ob der Himmel über mir zusammenbrechen wolle.« »So wollen wir doch jetzt nicht weiter über diesen Gegenstand sprechen. Später, wenn Du gefaßter bist, kannst Du ja Alles erfahren.« »Nein. Ich habe vorhin gesagt, daß ich die Arznei ganz, bis auf den letzten Tropfen austrinken will. Ich mag sie nicht schluckweise zu mir nehmen. Also weiter! Warum tödtete er Deine Amme?« »Weil sie wußte, was er gethan hatte. Sie war eine Zeugin gegen ihn, die er aus dem Wege schaffen mußte.« »Deshalb also, deshalb! Und Du warst bei diesem Morde zugegen, und er leugnet trotzdem?« »Ja. Vielleicht glaubt er, sich durch das Leugnen retten zu können.« »Oder, ich wiederhole es, obgleich Du mir da bereits wiedersprochen hast – vielleicht hat er es doch nicht gethan!« »ES ist kein Zweifel möglich. Ich habe es ganz deutlich gesehen.« »Aber Du warst ein kleiner Knabe, noch unzurechnungsfähig.« »Meine, Augen waren dennoch scharf, doppelt geschärft von dem Schrecke unter welchem mein ganzer Leib erzitterte.« »Wird aber Dein Zeugniß gelten?« »Warum nicht?« »Ich habe noch nicht gehört, daß man auf die Worte eines so kleinen Kindes hin einen Menschen zum Tode verurtheilt. Und zudem sind seit jener – Zeit fast sechzehn Jahre vergangen.« »Du magst Recht haben. Ich kann darüber keine Auskunft ertheilen und wünsche um Deinetwillen herzlich gern, daß meine Aussage gar nichts gelten möge.« »Auch das läßt sich nicht erwarten. Daß sie gar nichts gelten werde, ist nicht denkbar. Die Richter werden sie vielmehr sehr beachten; aber den Vater zu überführen, dazu reicht sie nicht aus. Und giebt es denn in Beziehung auf die Ermordung Deiner Mutter Zeugen, welche ihm die That beweisen können?« »Ich weiß es nicht. Die Amme ist todt, und sein Mitschuldiger, der Silberbauer hat die Flucht ergriffen.« »Dieser wird, selbst wenn man ihn wieder ergreift, sich hüten, ein Geständniß abzulegen und sich dadurch selbst mit in Strafe zu bringen. Es scheint also doch, daß der Vater Recht hat, wenn er meint, daß das Leugnen ihm Nutzen bringen werde.« »Mag es ihm gelingen. Ich gönne es ihm um Deinetwillen, wie ich bereits bemerkt habe.« Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, holte tief und schwer Athem und entgegnete: »Du verstehst mich falsch. Meinst Du, daß ich meinen Vater entschuldigen will?« »Das ist doch natürlich.« »Natürlich wohl, aber nicht gerecht.« »Jedes Kind hat das Recht, den Vater zu vertheidigen, selbst wenn dieser gefehlt hat.« »Meinst Du? Ich habe den Vater niemals so geliebt, wie eine Tochter ihren Vater lieben sollte; aber selbst wenn ich ihm mit der zärtlichsten Zuneigung zugethan gewesen wäre, muß mir der Wille Gottes höher stehen, als die Rücksicht auf den Vater. Keine Liebe zu irgend einem Menschen könnte mich vermögen, gegen die Stimme meines Gewissens zu handeln. Hat mein Vater gesündigt, so muß ich ihn verurtheilen, ganz gleich, ob ich ihn liebe oder nicht. Und ich werde es nicht dulden, daß er durch Lügen die Schuld noch erhöht, welche jetzt bereits auf ihm lastet.« »Willst Du damit sagen, daß Du beabsichtigst, ihn zu einem offenen Geständnisse aufzufordern?« »Ja.« »Das wird vergeblich sein.« »Wahrscheinlich. Aber es ist meine Pflicht, den Versuch zu machen, Wo befindet er sich?« »In seiner Stube.« »Allein?« »Nein. Es sind zwei Gensdarmen bei ihm.« »Vor ihnen darf ich mich nicht scheuen. Nur fragt es sich, ob sie mir erlauben werden, zu ihm zu kommen.« »Sie haben freilich den strengen Befehl, ihn mit keinem Bewohner der Mühle verkehren zu lassen. Aber sie wissen, wie sehr betheiligt ich bei dieser Angelegenheit bin, und werden Dir auf meine Befürwortung hin vielleicht die Erlaubniß geben.« »So bitte, komm, geh mit hinab!« Sie wendete sich zum Gehen. Er hielt sie noch zurück und sagte in besorgtem Tone: »Unterlaß es lieber noch, Paula! Du bist bereits entsetzlich aufgeregt. Zu Dem, was Du vor hast, gehört eine Stärke, welche Du in diesem Augenblicke wohl kaum besitzest.« Jetzt ging doch ein Lächeln, wenn auch ein sehr mattes, über ihr jugendlich schönes Gesicht. »Meinst Du auch, daß nur die Männer stark sein können?« fragte sie. »Nein, das meine ich nicht. Es giebt ja Lagen, in denen selbst der stärkste Mann sich schwach fühlen kann, und die Deinige, in welcher Du Dich selbst befindest, scheint eine solche zu sein.« »Ich habe gehört, daß oft dann, wenn es den Männern an Stärke gebricht, die Frauen eine Kraft zeigen, welche man ihnen nicht zugemuthet hat. Du wirst sehen, daß ich nur Dir gezeigt habe, wie mich die Kunde von den Verbrechen meines Vaters erschüttert hat. Dieser aber nicht, und auch kein fremder Mensch, soll bemerken, daß ich in's tiefste Leben hinein getroffen bin. Also komm mit hinab!« Sie schritt voran, und er folgte ihr. Ihre Haltung war aufrecht, fast stolz, und ihr Gang sicher. Dieses junge, unerfahrene Mädchen hatte in den wenigen Augenblicken eine Schule durchgemacht, zu welcher Andere lange Jahre gebrauchen. Sie war in dieser kurzen Zeit zu der Erkenntniß gelangt, daß sie in Beziehung sowohl auf ihr inneres, als auch auf ihr äußerliches Leben von jetzt an nur auf sich selbst angewiesen sein werde. Und eigenthümlich war es auch, daß sie im Verlaufe ihres Gespräches mit dem Fex hochdeutsch gesprochen und sich nicht ihres ländlichen Dialectes bedient hatte. Es ist das keineswegs ein psychologisches Räthsel, welches nicht gelöst werden kann. Wenn fremde, bisher unbekannte Gewalten die Seele bewegen, ist es nur ganz selbstverständlich, daß auch die Sprache eine andere wird. Als sie die. Thür zu der Stube des Müllers öffneten, sahen sie diesen auf seinem Rollstuhle am Tische sitzen. Er hielt die Augen geschlossen, als ob er schlafe. Das war nur Verstellung. Er wollte ungestört über seine Lage und den Ausweg aus derselben nachdenken. Auch lag es ganz in seinem Character, die beiden anwesenden Gensdarmen keines Blickes zu würdigen. Der Eine derselben kam auf die beiden Eintretenden zu und fragte nach ihrem Begehr. »Darf ich vielleicht einmal mit meinem Vater sprechen?« erkundigte sich Paula. »Nein, Fräulein.« »Warum nicht?« »Ihr Vater darf überhaupt jetzt mit keinem Menschen verkehren. Es liegt das ganz, in der Natur der Sache.« »Aber ich verspreche Ihnen, daß ich kein Wort zu ihm sagen werde, was ich nicht zu ihm sagen darf.« »Darauf kann ich leider nicht eingehen.« »Aber ich werde mein Versprechen sehr gern und ganz genau halten!« »Das können Sie nicht. Sie wissen ja gar nicht, was Sie sagen dürfen und was nicht. Und der Gefangene würde dieses Gespräch ganz gewiß nur zu Mittheilungen oder Winken benutzen, die wir unmöglich gestatten dürfen.« Jetzt warf sie einen Blick auf den Fex, ihn stumm bittend, sich ihrer und ihres Wunsches anzunehmen. Der junge Mann wandte sich in flüsterndem Tone an den Gensdarmen: »Sie können es ihr getrost erlauben. Ihre Absicht ist nur vorteilhaft für den Verlauf der betreffenden Untersuchung.« »Inwiefern?« »Sie will ihren Vater auffordern, ein offenes Geständniß abzulegen.« Der Polizeibeamte zuckte die Achsel und antwortete: »Wer giebt mir Garantie?« »Ich.« »Sie sind nicht Beamter.« »Aber es liegt in meinem Interesse, daß nichts Störendes sich ereigne.« »Das mag sein; aber ich kann das Risico doch nicht übernehmen. Selbst wenn sie die beste Absicht hat, kann ihr Vater das Gespräch zu einer Bemerkung benützen, welche schädigend in den Verlauf des Criminalprocesses einwirkt. Uebrigens ist der hartköpfige Alte nicht der Mann, welcher sich durch eine einfache Bitte seiner Tochter bewegen läßt, die Rettungsgedanken aufzugeben, mit denen er sich ganz sicher noch trägt.« »Sie schlagen uns also die Bitte ab?« »Nur ungern, aber doch ganz bestimmt. Meine Instruction ist so streng und gemessen, daß ich mich durch nichts bewegen lassen kann, gegen dieselbe zu handeln.« »So müssen wir uns leider zurückziehen.« »Ich ersuche Sie allerdings darum. Ich habe eigentlich bereits gegen die mir ertheilten Befehle verstoßen, indem ich Sie hier eintreten ließ. Ich darf keinen Menschen zu meinem Gefangenen hereinlassen.« Der Fex nahm Paula bei der Hand und entfernte sich mit ihr. Gerade als sie aus der Thür traten, kam der Assessor zur Hausthür herein. »Wie?« sagte er erstaunt. »Sie waren drin beim Müller?« Seine Stirn legte sich dabei in Falten. »Wir wollten zu ihm,« erklärte der Fex,»sind aber von den Gensdarmen zurückgewiesen worden.« Die Stirn des Gerichtsbeamten glättete sich wieder, und er bemerkte: »Mein Befehl, welcher sehr streng ist, lautete allerdings, daß kein Mensch Zutritt nehmen dürfe, am allerwenigsten ein Bewohner dieses Hauses. Darf ich fragen, was Sie bei Ihrem Vater wollten?« Diese Frage war an Paula gerichtet. An ihrer Stelle erklärte der Fex, welche Absicht das Mädchen verfolgt hätte. Der Assessor blickte eine Weile sinnend vor sich nieder, dann antwortete er: »Sie verfolgen zwar einen sehr lobenswerthen Zweck, allerdings, ich habe nicht die mindeste Hoffnung, daß Sie ihn erreichen werden. Ihr Vater ist ein hartgesottener Character. Bei ihm wirken gute Worte gerade so wie hohle Gummibälle, welche von der Mauer abprallen, an welche man sie wirst.« »Wollen wir es nicht wenigstens einmal versuchen?« fragte das Mädchen schüchtern. »Sie haben wirklich nicht die Absicht, irgend eine Ungehörigkeit zu begehen?« »Nein. Ich würde dadurch ja die Mitschuldige meines Vaters werden, und dazu habe ich freilich keine Lust.« »Nun gut, so soll Ihre Bitte erfüllt werden, aber weniger in der Hoffnung, daß Ihr Zweck erreicht wird, sondern nur aus Rücksicht auf die Theilnahme, welche ich Ihrer Person widme. Kommen Sie also mit herein!« Er öffnete die Stubenthür, damit Paula eintreten möge, und da er den Fex nicht hinderte, so nahm auch dieser mit Zutritt. Der Assessor schritt auf den Müller zu, welcher noch ebenso regungslos und mit geschlossenen Augen dasaß wie vorhin und sagte: »Müller, schlafen Sie?« Es erfolgte keine Antwort. »Kellermann!« rief nun der Beamte den Müller bei dessen Namen. Auch das hatte ganz denselben Mißerfolg. »Ihre Tochter ist da. Sie will mit Ihnen reden.« Der Gefangene bewegte sich noch immer nicht und behielt auch die Augen geschlossen. Da gab der Assessor Paula einen Wink und trat zurück. Das Mädchen ging hin zu ihrem Vater. Ihre Schritte waren leise, aber fest und sicher. Ihr Gesicht war todesbleich und ohne bewegte Mienen. »Vater!« sagte sie. Trotzdem sie nur dieses eine Wort gesprochen hatte, hörte man doch, daß ihre Stimme zitterte. Der Angeredete aber that noch immer, als ob er nichts höre. »Vater, ich bin da, die Paula!« Keine Antwort. »Vater,« rief sie nun mit laut erhobener Stimme, »hörst mich nicht oder willst mich blos nicht hören?« Und als auch jetzt keine Antwort erfolgte, so fuhr sie fort: »Meinst etwan, ich soll denken, daßt schlaft oder nicht beim Bewußtsein bist? Gegen mich brauchst Dich nicht zu verstellen. Ich will mit Dir reden, und wannst mich nicht hören willst, so kann ich ja gehen. Aberst denk nur nicht, daß ich dann wiederkomm. Wann ich jetzund von Dir gehe, ohne daßt mich anhört hast, so bekommst mich im ganzen Leben nimmer wieder zu sehen.« Da machte er eine leise Bewegung, ohne jedoch die Augen zu öffnen. »Also, sag, obst mich hörst.« »Ja,« antworte er leise. »So mach auch die Augen auf!« Jetzt hob er langsam die Lider empor. Sein Blick glitt blitzschnell, so daß es kaum bemerkt werden konnte, im Zimmer umher und blieb dann an der Tochter haften. Wäre dieselbe unerwartet vor ihn hingetreten, vielleicht hätte er dann seine Verlegenheit für den ersten Moment nicht bemeistern können; jetzt aber, wo er bereits seit einigen Minuten wußte, daß sie mit ihm sprechen wolle, zeigte sein Auge ganz die gewöhnliche kalte, gefühllose Strenge und Festigkeit. Er that, als ob er keine der anderen Personen sehe, und hielt das Auge nur auf Paula gerichtet. »Was willst?« fragte er kurz. »Hast jetzund schlafen, Vatern?« »Nein.« »Warum machst die Augen zu?« »Weil ich keinen Menschen anschauen mag, der mich beleidigt, ohne daß ichs ihm verwehren kann.« »So fürchtest Dich?« »Was fallt Dir ein, alberne Kröten Du! Vor wem soll ich mich fürchten?« »Oder hast Dich schämt?« »Das ist eine noch viel dümmere Fragen als die vorhergehende. Dera Thalmüllern hat gar keinen Grund, sich vor irgend einem Menschen zu schameriren!« »So kannst auch die Augen offen behalten.« »So? Meinst? Ich schau keinen Menschen an, der es nicht werth ist, daß dera Thalmüllern ihn anschaut. Gegen Diejenigen vom Gericht und von dera Polizeien darf ich mein Hausrecht nicht anwenden, sonst hätt ich sie allbereits schon längst hinauswerfen lassen. Und weil ich es dulden muß, daß sie sich herstellen und mich anstaunen wie die Kuh das neue Scheunenthor, so hab ich kein anderes Mittel, mich gegen sie zu wehren, als daß ich die Augen zumachen thu. Auf diese Weis bekomm ich sie doch nicht zu sehen.« »Und meinst wirklich, daßt ein Recht hast, gegen sie zornig zu sein?« Er that, als ob er über diese Frage außerordentlich erstaunt sei. »Natürlich hab ich das Recht.« »So bist wohl unschuldig?« »Dirndl, frag nicht so dumm!« »Ich frag weder klug noch dumm. Ich bin Deine Tochtern, und als solche muß ich doch wohl wissen, was ich von Dir zu denken hab.« »Und das weißt wohl jetzund noch gar nicht?« fragte er in höhnischem Tone. »Nein.« »Sodann bist mir auch eine gar schöne Tochtern! Ich dank auch für so ein Kind! Eine richtige und brave Tochtern muß Stein und Bein schwören können, daß ihr Vätern unschuldig ist.« »Aberst wann sie da nun gar einen Meineiden schwört?« »Woher weißts, daß es einer ist?« »Ich kanns mir denken.« »So! Also hältst mich für schuldig?« »Ja.« Sie blickte ihm dabei fest und scharf in die Augen. Um nicht seinen Blick senken zu müssen, heuchelte er einen Zorn, den er gar nicht empfand, denn es war vielmehr der Schreck, in welchen ihn ihre Antwort versetzte. Er schlug mit der Faust auf die Armlehne seines Stuhles und rief: »Jetzt marsch sofort hinaus aus dera Stuben hier! Gleich und sofort! Ists nicht genug, daß fremde Leut sich Lügen aussinnen, die sie mir an denen Kopf werfen? Muß auch noch mein eigenes Kind so schlecht gegen mich sein!« Sie ließ sich durch diese Worte keineswegs bewegen, ihr Verhalten zu ändern. Den Blick noch immer fest auf ihn gerichtet, antwortete sie ihm: »Kannst in aller Ruhe mit mir sprechen. Dera Zorn ist hier schlecht angewendet. Du siehst ja, daß auch ich ruhig bin.« »Ja, das sehe ich schon! Und das ist auch wohl eine gar große Ehren für Dich? Wanns dem Vatern so gemacht wird wie mir, so kann ein richtiges Kind nicht ruhig bleiben. Ich, wann man meinen Vätern so beschuldigen thät wie mich, ich thät Alles zerschmeißen und würf die ganze Gesellschaften zum Haus hinaus. Odern hasts vielleicht noch gar nicht hört, was ich Alles begangen haben soll?« »Habs gar wohl vernommen.« »Von wem denn?« »Vom Fex.« »So! Vom Fex also! Ja, das kann ich ihm schon zutrauen. Anstatt daß er mir dankbar ist dafür, daß ich ihn zu mir nommen und füttert hab diese langen Jahre hindurch, geht er zu Dir, um mich schlecht zu machen und Dich gegen mich aufzuhetzen. Aberst dera Lohn wird ihm schon noch werden. Wann ich erst bewiesen hab, daß ich unschuldig bin, dann werd ich ihn einsperren lassen, ihn, verstanden? Er ist schuld daran, daß ich heut die Polizeien in meinem Haus sehen muß. Das hast von dera Freundschaft, die Du stets gegen ihn habt hast. Jetzunder will er mich unglücklich machen. Ein Mördern soll ich sein! Denk Dirs nur!« »Und das bist nicht?« »Nein.« »Wirklich nicht?« »Dirndl, wie kommst mir vor! Wann ich Dir sag, daß ich unschuldig bin, so mußts glauben, grad als obs ein König oder ein Kaiser sagt hätt!« »O, wie gern wollt ichs glauben, wie gern! Vatern, Du bist nicht immer so zu mir gewest, wies hätt sein können, und darum bin ich Dir auch lieber fern blieben. Aber mein Vatern bist doch, und ich bin Dein Kind. Wir Zwei gehören zusammen. Zu Dir muß ich mehr halten als zu einem Andern, und wann ich ihn noch so lieb hätt. Darum hat mich das, was man von Dir sagt, bis tief ins Leben hinein troffen. Es ist grad so, als ob ich den Mord soll ausführt haben. Wir wollen grad und ehrlich mit nander sein. Schau, wannst auch schuldig bist, mein Vatern bleibst doch, aberst sagen mußt mirs aufrichtig, wie es steht. Hasts than, so gesteh es ein. Du wirst die Straf erhalten, ich aber werd mich dem König zu Füßen werfen und ihn bitten, daß er Dich nicht tödten läßt. Wannst nachhero im – im – im Gefängnissen bist, so werd ich kommen und Dich besuchen, daß Dir es nicht gar so schwer fallen mag. Und beten werd ich für Dich, und – und – und – –« Sie konnte nicht weiter, denn die hervorbrechenden Thränen erstickten ihre Stimme. Der Müller sah finster vor sich nieder. Er fühlte sich von dem Schmerze seines Kindes nicht im Geringsten berührt. Er war vielmehr ergrimmt über Paula's Verhalten. Seiner Meinung nach hätte sie ihn mit allen Kräften und gegen alle Wahrheit in Schutz nehmen und vertheidigen sollen. Darum blickte er, als er nun den Kopf wieder hob, sie finster an und herrschte ihr entgegen: »Schweig! Was redest da für Dingen, die gar keinen Sinn und keinen Verstand haben! Dera König soll mich nicht tödten lassen? Ich möcht wissen, weshalb ich getödtet werden sollte! Und ins Gefängnissen soll ich kommen? Wer das sagt, der ist ein Wahnsinniger. Nun will ich wissen, obst den Verstand verloren hast oder nicht.« »Es ist allerdings ganz darnach, den Verstand zu verlieren!« schluchzte sie. »Das war bei Dir gar kein Wunder, weilst niemals viel davon habt hast. Nach mir bist da gar nicht gerathen.« »Vater, Vater, spotte nicht! Versündige Dich nicht auch noch an mir mit dem Hohne, der mir in die Seele schneidet!« »Das ist kein Hohn, sondern es ist der Zorn darüber, daßt mich für schuldig halten kannst.« »Muß ich denn nicht?« »Nein. Wer zwingt Dich dazu?« »Das, was man von Dir sagt hat.« »Willst also dem Fexen mehr glauben als mir. Deinem Vatern?« »Er hat mir noch niemals eine Unwahrheiten sagt.« »So! Aberst ich hab Dich wohl gar sehr oft und viel belogen?« Und als sie auf diese Frage nicht gleich eine Antwort fand, welche ihn nicht beleidigen konnte, fuhr er fort: »Wannst so gegen mich denkst, so brauchst gar nicht zu mir zu kommen. Was willst da bei mir? Du machst die Sach nur noch schlimmer für mich, denn wer Dich so dumm reden hört, der muß denken, daß ich wirklich das bin, wofür mich die Polizeien ausschreien will. Dazu brauch ich Dich nicht. Wannst nicht auf der meinigen Seite stehen willst, so bleib lieberst ganz weg. Ich kann mich schon allein vertheidigen. Und nachhero, wanns mich wieder frei haben lassen müssen, dann mag ich Dich auch nimmer sehen. Ich weiß nun schon: Ich hab mal eine Tochter habt; jetzt aber hab ich sie nicht mehr.« Er hatte sich bemüht, einen gefühlvollen Ton anzuschlagen, und obgleich ihm dies nicht gelungen war, fühlte Paula sich doch von seinen Worten unendlich ergriffen. Sie trat ganz zu ihm heran, ergriff seine Rechte und sagte: »Vater, lieber Vater, solche Worten mag ich nicht hören. Ich bin Deine Tochtern; ich will sie sein und auch bleiben. Ich will mit Dir leiden und dulden. Aberst ich muß auch wissen, woran ich mit Dir bin. Ich thät mein Leben geben, wann ich sagen könnt, daßt wirklich unschuldig bist.« »Du glaubsts ja nicht.« »Ich glaubs doch, ja, ich will es glauben, wannst es mir richtig sagst.« »Ich habs Dir ja sagt! Odern war das vielleicht nicht richtig?« »Nein.« »So! Jetzund möcht ich es wissen, wie man es sagen muß, damit es richtig ist.« »Wannst mir die wirkliche Wahrheiten sagst, so mußt mich auch dabei anschauen können.« »Hab ich das nicht?« »Nein, nicht so, wie es sein muß. Vater, ich bitt Dich, schau mir grad, ganz grad in die Augen.« Er erhob den Blick zu ihrem Gesicht empor. Er gab sich alle Mühe, diesem Blicke die nöthige Festigkeit und Unbefangenheit zu verleihen, aber es gelang ihm doch nicht ganz. »Grad mir ins Aug mußt schauen!« »Das thu ich doch! Was willst eigentlich von mir! Meinst, daß ich Narrenspossen mit mir spielen laß?« »Nein. Jetzund schaust mich also fest an, und nun sagst mir grad hinein in mein Gesicht, was ich Dich frag. Bist ein Mördern, oder bist unschuldig? Sags!« »Ich bin unschuldig,« antwortete er. »Hast also nicht die Mutter des Fex ermordet?« »Nein.« »Auch seine Amme nicht?« »Von dera Ammen weiß ich kein Wort!« »Das ist die Zigeunerin, welche da drüben am Wasser begraben liegt.« »Ist mir gar nicht einfallen, sie zu dermorden.« »So bist also wirklich, wirklich unschuldig?« Es klang eine ungeheure Angst aus dem Tone, in welchem diese Frage nun wiederholt ausgesprochen wurde. »Ja, freilich bin ich unschuldig.« »Kannsts wohl auch beschwören?« »Ja.« »So schwör einmal!« »Madel, mach kein Theatern mit mir. Wannst meinst, daßt mich ins Gebet nehmen kannst wie ein Criminaler, so hast Dich geirrt! Jetzund soll ich auch noch einen Schwur ablegen?« »Ja, das sollst auch! Und wannst es thust, so werd ich Dir Alles glauben, und hernach soll mich kein Mensch mehr von dera Ueberzeugung abbringen, daß man Dich unrechtmäßiger Weise beschuldigt hat.« »So! Wanns so ist, so kann ichs freilich mit gutem Gewissen thun. Also hör mir mal zu, Paula! Hier hast meine Hand. Ich schwör Dir mit allen Eiden, die es nur geben kann, in Deine Hand hinein, daß –« »Halt!« befahl da der Assessor, indem er rasch näher trat. »So weit kann ich meine Erlaubniß nicht ausdehnen. Nur allein die von Gott eingesetzte Obrigkeit hat das Recht, einen Schwur zu verlangen. Derjenige aber, welchen Sie von Ihrem Vater fordern, Fräulein, würde eine große Sünde gegen Gottes Gebote sein. Und dabei will ich gar nicht entscheiden, ob dieser Schwur nicht vielleicht gar ein entsetzlicher Meineid wäre.« »Meineid!« rief der Müller. »Wer das zu sagen wagt, der ist ein Schur –« Er hielt inne bei dem drohenden Blicke, den der Assessor auf ihn warf. Dann fuhr der Letztere, gegen Paula gerichtet, fort: »Ich habe Ihnen Ihren Wunsch erfüllt, und es ist eingetroffen, was ich Ihnen vorhersagte. Ihr Besuch hier hat nun sein Ende erreicht. Sie können an die Unschuld Ihres Vaters glauben; es fällt mir nicht ein, Sie darin zu stören. Wir aber haben die Pflicht, nicht nach dem Glauben, nach Vermuthungen, sondern nach den Thatsachen zu richten. Es bleibt Ihnen unbenommen, jetzt von ihm Abschied zu nehmen.« »Abschied? Schon? Nehmens ihn mit fort?« »Ja. Er ist natürlich mein Gefangener.« »Aberst er ist doch unschuldig! Habens denn nicht hört, daß er hat schwören wollen?« »Darnach kann ich mich nicht richten.« »Wo schaffens ihn dann hin?« »Das wird Ihnen noch mitgetheilt werden. Ich bitte Sie, sich und uns diesen Augenblick nicht schwerer zu machen, als es unbedingt nöthig ist.« Es war unmöglich, in diesem Augenblicke den Ausdruck ihres Gesichtes zu beschreiben. Sie sah wie eine Todte aus, als sie sich jetzt ihrem Vater wieder zuwendete. Dieser aber war keineswegs so todesbleich wie sie. Ihm war das Blut in das Gesicht gestiegen, und seine Augen blitzten voll Haß und Zorn auf, als er dem Assessor zurief: »Also fortgeschafft soll ich wirklich werden? Nun gut! Ich kann mich nicht dagegen wehren; aberst wissen will ich, wohin ich transportirt werden soll.« »Dahin, wo die Untersuchung gegen Sie geführt werden soll. Ich bin Ihnen keineswegs Rechenschaft schuldig. Verkürzen Sie sich die Zeit, welche ich Ihnen zur Verabschiedung von Ihrer Tochter gewähre, nicht durch unnütze Fragen!« »So, also nicht wie ein Mensch werd ich behandelt, sondern wie eine Waar', die man hin und her schleppen kann, wie man will! Ich muß mit, das seh ich wohl. Doch vorher muß ich mein Haus und Geschäft in Ordnung bringen. Und Wäsch und Kleidern und Geld und Essen muß ich mir einpacken lassen. Dazu will ich Zeit haben!« »Sie verreisen nicht in ein Seebad, Müller. Für das, was Sie brauchen, wird die Behörde sorgen. Und was Ihr Haus und Geschäft betrifft, so werde ich thun, was meine Pflicht von mir fordert. Sie haben noch eine einzige Minute Zeit. Wollen Sie Ihrer Tochter Ade sagen oder nicht?« »Nein. Ich nehme keinen Abschied von ihr! Ich werd, wanns mich heut fortschaffen, morgen oder übermorgen bereits wieder da sein.« »Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihre Abwesenheit, selbst wenn sich Ihre Unschuld herausstellen sollte, Monate lang währen kann.« »Das wollen wir sehen! Das laß ich mir nicht gefallen! Ich weiß schon, was ich thu, wanns mich nicht schnell wieder frei lassen. Und anspannt wird! Ich laß mich nicht durch den Ort schleppen wie einen Mordspitzbuben! Fahren will ich in der neuen Kaleschen. Ich bin dera Thalmüllern und kann das machen!« »Sie stellen meine Geduld auf eine harte Probe. Vielleicht führen Sie bereits sehr bald eine ganz andere Sprache. Uebrigens ist die Zeit nun abgelaufen. Bitte, Fräulein!« Er deutete in höflicher Weise nach der Thür. Anstatt diesem Winke zu folgen, ergriff Paula nochmals beide Hände ihres Vaters und fragte abermals: »Also Du hast mich nicht belogen? Du bist wirklich unschuldig?« »Laß mich nun endlich mal aus mit denen Erkundigungen! Was ich sagt hab, das hab ich sagt!« »So will ichs glauben. Und ich hoff auch so wie Du, daßt gar bald wiederkommen wirst. Ich werd mich schon fleißig derkundigen und Dir gern Alles, bringen, wast brauchen kannst und was man Dir derlaubt. Und nun behüt Dich Gott, lieber Vatern! Vergiß nimmer, daßt eine Tochtern hast, die an Dich denken wird an jedem Augenblick!« Ihre Thränen flossen. Sie beugte sich über ihn, als ob sie ihm einen Abschiedskuß geben wolle. Da aber schob er sie schnell von sich fort und antwortete: »An mich wirst denken? Ja, das kennt man schon! An denen Fex wirst hangen, wann ich nimmer da bin. Was aber mit dem Vatern geschieht, das wird Dir wenig Sorg bereiten. Mir machst da gar nichts weiß, und –« Er unterbrach sich, denn die Thüre wurde aufgerissen und der Fingerlfranz stürmte herein. »Ists wahr, Müller?« rief er hastig. »Ists wirklich wahr?« »Was?« »Daßt arretirt bist? Daßt fortschafft werden sollst?« »Ja.« »So! Also ists doch wahr! Und auch ich bin verarrctirt worden Deinetwegen, und den Brief hat man mir abnommen, und ins Unglück hättst mich beinahe bracht! Das hat man davon, wann man sich mit einem Schuften und Schurken abgiebt. Ich hab mir zwar schon längst denkt, daßt kein Guter bist, aber so schlimm, wie es ist, hab ichs mir doch nicht ausmalt. Jetzt nun komm ich, um Dir zu sagen, daß unsere Freundschaft vorüber ist. Mit einem Zuchthäuslern mag ich nichts zu thun haben. Hasts hört und verstanden?« Dieses Hereindringen in die Stube und diese Auslassung trotz der Gegenwart der anderen Anwesenden war so roh und kam dem Müller so unerwartet, daß er zunächst kein Wort der Entgegnung fand. Der Assessor hatte es in seiner Macht, den Menschen fort zu weisen; aber er mochte vielleicht denken, daß einige Worte fallen würden, welche für ihn als Untersuchungsrichter von Nutzen sein könnten, und darum verhielt er sich zunächst schweigsam. »Nun, was starrst mich an?« fuhr der Fingerlfranz fort, zu dem Müller gewendet. »Hasts hört, was ich Dir sagte, oder soll ichs noch einmal sagen?« »Ah! Ah! Oh!« stieß der Angeredete hervor. Er fand vor Grimm gar keine richtigen Worte. »Also seufzen thust! Nun ja, das kannst schon billig haben. Ich hab auch seufzen mögen, als ich vorhin verarretirt worden bin, weilst mich belogen hast.« »Belogen?« fragte jetzt der Müller. »Davon weiß ich halt gar nix.« »Nicht? Hast mich nicht mit einem Briefen zu dem Silberbauern senden wollen wegen einem Geschäft? Und weils kein Geschäft gewest ist, sondern ein Verbrechen, so hat mich dera Schandarm mitnommen.« »Was sagst, was!« »Ich habs deutlich genug sagt!« »Zum Silberbauern hätt ich Dich schicken wollt?« »Ja. Willsts wohl gar leugnen?« »Ja, leugnen muß ichs, denn es ist gar nicht wahr. Das hast Dir nur selberst aussonnen.« »Was! Ich mir aussonnen! Thalmüllern, was fallt Dir ein! Daßt ein schlechter Kerlen bist, das weiß alle Welt; aberst daßt eine so gar große Lügen machen kannst, das geht schon über alle Begriffen!« »Ich, Lügen machen? Wer ist dera Lügner? Du bists. Du allein!« »Oho! Soll ich Dir diese Beleidigung gleich etwan ins Gesicht hinein schlagen? Jetzund willst wohl gar sagen, daß ich selberst den Brief schrieben hätt?« »Ja, das sag ich. Odern hast Dir ihn von einem Anderen schreiben lassen. Ich aberst weiß gar nix von ihm!« Da riß der Franz seinen Mund weit auf, blickte mit dem Ausdrucke des dümmsten Erstaunens im Kreise umher und sagte: »Sollt man so was denken! Und Dem sein Schwiegersohn hab ich werden sollen. Aber ich sag es ja, daß ich sein Dirndl gar nicht hab haben wollen. Die Dirn ist sogar für denen Fex noch viel zu schlecht. Sie steckt mit ihrem Vatern unter einer Decken und muß mit ihm sogleich verarretirt werden!« Das war dem Fex zu viel. Zwar ärgerte er sich nicht über die unsinnigen Reden des rohen Menschen, aber er kam doch von seiner früheren Absicht zurück, keinen Strafantrag gegen ihn zu stellen. Darum sagte er jetzt zu ihm in scheinbar freundlichem Tone: »So! Also sie ist noch zu schlecht für mich? Und erst heut Morgen noch hast sie zwingen wollen, freundlich mit Dir zu sein.« »Das war nur ein Gespaß. Ich mag sie gar nimmer. Ihr Vatern gehört ins Zuchthaus hinein und sie auch.« »Und Du? Wohin gehörst Du?« »Wie meinst das? Warum fragst so?« »Ich glaube nämlich, daß auch Du in dasselbe Haus gehörst.« »Ich? Höre, Fex, wannst etwan meinst, daßt mit mir so einem albernen Spaßen kommen kannst, so kommst an den Unrechten! Ich möcht Den sehen, der mir was Unrechts nachzusagen vermag.« »Nun, da schau Dir ihn an! Hier steht er; ich bins selberst.« »Du? Was fallt Dir ein! Was könnst von mir wissen?« »Ich weiß, daß dera Mord mit dem Zuchthaus bestraft wird.« »Das weiß ich auch, aberst es geht mich doch gar nix an.« »Gar viel geht Dichs an! Oder hasts vielleichten bereits vergessen, daßt mich hast dermorden wollen?« Der Fingerlfranz machte das erstaunteste Gesicht, welches ihm möglich war, und antwortete: »Ich? Dich? Das hast wohl träumt?« »Dann hättst wohl auch nur träumt von denen Hieben, die Du damals von mir erhalten hast?« »Wo?« »Drüben an dera Fähre, als Du Dich mit denen Händen im Fuchseisen fangen hattst.« »Ach so! Daran hab ich schon gar nimmer dacht. Ja, ich möcht wissen, wers damals war, der sich den albernen Witz macht hat. Ich wollt mich überfahren, und da lag ein Fuchseisen, ohne daß ichs wußt hab.« »O nein! Ueberfahren hast Dich nicht wollt, sondern mich hast dermorden wollen. Das weiß ich ganz genau.« »Jetzund weiß ich gar nicht, ob ich auch richtig hört hab. Wie könnt es mir denn einfallen, Dich zu dermorden!« »Weil ich Dir bei dera Paula im Weg gewest bin.« »Das ist nicht wahr. Ich mag sie doch gar nicht.« »Das sagst nun jetzt erst. Aber das war auch nicht dera einzige Grund. Die Hauptsach ist gewest, daßt mir die Brieftasch hast abnehmen wollen.« »Die Brieftasch? Keinen Buchstaben weiß ich davon!« »Nicht? So dauerst mich sehr, daßt so ein gar schlechtes Gedächtnissen hast. Dera Müller hat sie Dir ja sehr genau beschrieben. Und Du bist auch drüben an dera Fähr gewest und hast nach ihr sucht, sie aber nicht funden. Dann als ich von dem Concert kommen bin, hat Dir dera Müller sagt, daß ich sie in dera Taschen hab, und dann bist zu mir schlichen, um sie mir abzunehmen und mich in das Wassern zu werfen. Versuchs doch mal, obsts leugnen kannst! Nicht nur der Fingerlfranz allein, sondern auch der Müller war ebenso darüber erstaunt und erschrocken, daß der Fex Alles so genau wußte. Dem Müller versagte geradezu die Sprache. Es war auch wirklich zu viel, was heut auf ihn eindrang. Der Franz starrte dem Fex in das Gesicht. Er wußte zunächst nicht, was er sagen solle; dann aber entfuhr es ihm: »Wer hat Dir das Alles verrathen?« »Weißts nicht?« »Nein.« »So kannsts Dir doch aber denken!« Das war sehr schlau angefangen. Der Fex beabsichtigte, den Fingerlfranz gegen den Müller aufzubringen und ihm, der ja kein sehr gescheidter Kerl war, ein unvorsichtiges Geständniß zu entlocken. Der Franz ging auch sogleich in die Falle, denn er antwortete, indem er nach dem Müller blickte: »Das könnt nur ein Einziger sein.« »Meinst?« »Ja, denn nur dieser Einzige hats wußt. Hat ers bereits verrathen und einstanden?« »Könnt ichs sonst so genau wissen?« »Das ist wahr; das ist wahr!« rief der Franz. »Aberst das hat man davon, wenn man einen solchen Freunden hat! Erst stiftet er es an, und nachhero will ers von sich herab schieben und auf mich herüber. Müller, Müller, was bist doch für ein gar so großer Schuft!« »Ich?« antwortete der Genannte. »Halts Maul! Was hab ich Dir etwa than? Nix, gar nix!« »So? Verrathen hast mich!« »Das ist eine Lügen!« »Oho! Nur Du allein hasts wußt, und wanns nun auch Andere wissen, so hasts verrathen!« »Kein Wort!« »Schweig! Und ich kanns mir denken, daßt nun Alles auf mich schoben hast. Und doch bist Du es west, der den Anschlag macht hat, den Fex zu dermorden.« Da war das verhängnißvolle Wort heraus. Alle waren still, nur Paula ließ einen halb unterdrückten Schrei hören. Was jetzt der Fingerlfranz sagte, das war gewiß keine Lüge. Und wenn ihr Vater den Fex hatte ermorden wollen, so war er auch der anderen Verbrechen fähig, deren er angeklagt war. Sie sah also ein, daß sie seiner Versicherung keinen Glauben schenken dürfe. Ihr Glaube zu ihm verschwand mit einem Male wieder. Auch der Müller war bei der so offen und direct ihm ins Gesicht geschleuderten Anklage verstummt. Doch durfte er sie unmöglich auf sich ruhen lassen. Darum brach er auf das Heftigste los: »Willst gleich still sein. Du armseliger Hallunken Du! Was soll ich than haben? Ich soll Dich anstiftet haben, den Fex umzubringen? Denk nur mal genau nach! Da wirst Dich gleich derinnern, daß Du Dirs selber außsonnen hast.« »Das ist eine Lügen!« »Nein. Ich hab Dich sogar sehr verwarnt, es nicht zu thun!« »Oho! Du hast mir versprochen, wann ich ihn umbring, so soll gleich Hernachen die Hochzeiten sein. Warum sollt ich ihn dermorden wollen? Wegen der Paula etwa?« »Ja.« »Oho! Das machst Niemandem weiß.« »Es ist doch wahr, und ein Jeder, der nachdenken kann, wirds glauben.« »Nein, sondern wer nur ein Wenig nachdenken will, der wird gleich finden, daß die Paula ihren Verdacht doch gleich auf mich worfen hätt, und dann hätt sie mich erst recht nicht mocht.« »Das ist eine Ausred, an die kein Mensch glauben wird.« »Wann ich weiter sprech, wird man mir schon glauben. Dir war die Brieftaschen verschwunden mit denen Papieren drinnen. Der Fex hat sie habt, und das war für Dich so gefährlich. Darum hab ich ihn dermorden und Dir die Brieftaschen bringen sollen.« »Wer das glaubt, der ist noch viel dümmer als Du selber.« »Red nicht von dera Dummheit anderer Leut! Wie klug Du selber bist, das beweist eben jetzt, wot als Gefangener hier verarretirt worden bist. Ich aberst bin frei. Und wann Du im Zuchthaus Wolle spinnen mußt, werd ich mit dem reichsten Dirndl im Land die Hochzeit machen!« Das war dem Müller denn doch zu viel. Dieser Hohn brachte ihn so in Harnisch, daß er die nöthige Vorsicht vergaß und augenblicklich erwiderte: »Daran ist nicht zu denken. Wann ich einmal ins Zuchthaus soll, so wirst auch Du keine Hochzeit ausrichten. Dafür werd ich sorgen.« »Wie wolltst das wohl anfangen?« »Das kannst Dir nicht denken?« »Nein.« »So will ichs Dir sagen: Du mußt auch mit hinein, um Wolle zu spinnen.« »Fallt mir nicht ein!« »Ja, wann man Dich erst fragen thät, so würds Dir wohl freilich nicht einfallen. Aberst Du wirst eben gar nicht fragt, denn ich mach die Anzeig gegen Dich. Ich klag Dich an!« »Das kannst meinetwegen thun, aberst kein Mensch wird darauf hören!« Er stand da, siegesgewiß lächelnd und sah hochmüthig zu dem in seinem Rollstuhle sitzenden Müller hernieder. Dieser Letztere aber blickte höhnisch lächelnd zu ihm empor und antwortete: »Dir zu Gefallen werd ichs nun gleich sagen, wie es gewest ist. Ich gesteh ein, daßt hinüber zu der Fähr gangen bist, um den Fex umzubringen.« »Aberst Du hasts anstiftet.« »Nein, Du selbst. Ich hab Dich sogar warnt.« »Darauf hab ich gar keine Antwort.« Da trat der Assessor zu ihm heran und sagte in sehr ernstem Tom. »Ich werde mir aber dennoch eine Antwort ausbitten müssen.« »Sie? Was hab ich mit Ihnen zu thun?« »Wenig wohl, desto mehr aber ich mit Ihnen.« »Sie haben nur mit dem Müller zu schaffen, mit mir aberst gar nix. Behüt Gott!« Bei den Worten des Beamten war ihm plötzlich ein großes Licht aufgegangen, daß er sich in außerordentlicher Unvorsichtigkeit in die Höhle des Löwen gewagt habe. Es kam nun darauf an, aus derselben so schnell wie möglich zu entkommen, und darum wendete er sich bei den letzten beiden Worten nach der Thür, um zu gehen. Aber schon hatten ihm die beiden Gensdarmen den Weg verlegt, und der Assessor befahl: »Bleiben Sie noch! Sie sind mir einige Antworten schuldig.« Franzens Gesicht war bleich geworden. Er war trotz seiner großen, breiten Gestalt gar nicht etwa ein Held, und jetzt sah man es ihm an, daß sein Herz begann, ihm in die Strümpfe zu sinken. Gar nicht mehr in dem frühern selbstbewußten sondern vielmehr in sehr höflichem Tone antwortete er: »Wanns mich was fragen wollen, so will ich wohl gern antworten; aberst ich hab gar nicht lange Zeit, sondern ich muß schnell wiederum fort. Darum bitt ich gar schön, mich nicht lange aufzuhalten.« »Wird sich finden! Also Sie' behaupten, von dem Müller veranlaßt worden zu sein, den Fex zu ermorden?« »Ja.« »Um ihm die Brieftasche abzunehmen?« »Ja.« »Sind Sie auf dieses Ansinnen eingegangen?« Diese Frage hatte Franz freilich nicht erwartet. Sie verblüffte ihn so, daß er gar keine Antwort fand. »Nun, bitte!« »Ja,« stammelte der Gefragte, »eingegangen darauf bin ich schon.« »Mit dem festen Willen, es zu thun?« »O nein. Ich hab dem Fex gar nix thun wollen. Das könnens mir glauben.« »Aber dennoch sind Sie zu der Fähre gegangen, sogar zweimal.« »Nur zum Schein.« »Ach so! Also haben Sie die Fähre zunächst nur zum Schein durchsucht?« »Ja,« nickte der Franz, ganz froh, daß der Beamte so schnell auf seine Ausrede einging. In seinem beschränkten Geiste bemerkte er gar nicht, daß er damit nur an die Leimruthe geführt werden solle. »Und dann später sind Sie auch nur zum Schein nach der Fähre geschlichen?« »Freilich, freilich!« »Und sind nur zum Schein in dieselbe gestiegen?« »Ja, nur zum Schein!« »Das war ja aber nun gar kein Schein mehr, sondern es war die Wirklichkeit!» »Wie so! Ich habs doch thun müssen, damit dera Müllern denken sollt, daß ich den Fex wirklich dermorden will.« »Der Müller war gelähmt und konnte seine Stube nicht verlassen, um Sie zu beobachten. Sie hatten, wenn Sie ihn wirklich täuschen wollten, blos nöthig, sich für kurze Zeit zu entfernen und dann bei der Rückkehr ihm zu sagen, daß Ihre Absicht nicht ausführbar gewesen sei.« »Ganz recht. Das wollte ich auch.« »Warum aber sind Sie denn da in Wirklichkeit nach der Fähre gegangen?« Der Fingerlfranz machte ein förmliches Schafsgesicht. Er begann einzusehen, daß er mit aller Gemütlichkeit in eine Falle gekrochen sei, aus welcher zu entschlüpfen ihm wohl kaum gelingen werde. »Warum? Hm! Ja! Darum!« brummte er. »Können Sie mir keine deutlichere Antwort geben?« »Ich kanns doch gar nicht deutlicher sagen.« »So! Also Sie geben zu, die Fähre nach der Brieftasche durchsucht zu haben?« »Ja.« »Und dann später haben Sie sich wieder ganz leise hingeschlichen und sind hineingestiegen?« »Ganz hinein nicht, denn ich bin mit denen Händen gleich im Fuchseisen hängen blieben.« »Aber wenn dieses Fuchseisen nicht da gelegen hätte, wären Sie doch wohl ganz in die Fähre gestiegen. Das ist doch von so einem couragirten Manne, wie Sie sind, zu erwarten.« Ein couragirter Mann genannt zu werden, das schmeichelte dem Franz gewaltig. Darum nickte er freundlich zustimmend mit dem Kopfe und antwortete ohne alles Bedenken: »Natürlich wär ich ganz hineinstiegen. Ich werd mich doch vor dem Fexen nicht fürchten!« »Ganz richtig, nämlich für den, der das auch wirklich glaubt.« »Glaubens es etwan nicht?« »Nein.« »Warum denn nicht?« »Weil der Fex Ihnen bereits! einmal gezeigt hatte, daß er stärker ist als Sie.« »Oho! Das war nur ein Zufall.« »Schwerlich. Ich bin doch der Ansicht, daß Sie ihn fürchten müssen.« »Fallt mir nicht ein! Das hab ich ja auch wohl bewiesen.« »So? Wann denn?« »Eben grad an jenem Abend hab ichs genau bewiesen.« »Hm!« lächelte der schlaue Assessor ungläubig. »Wie wollen Sie es uns wohl beweisen, daß Sie es da bewiesen haben?« »Das ist doch sehr leicht! Ich bin in die Fähre stiegen, obgleich ich dacht hab, daß dera Fex darinnen liegt.« »So? Ist das wahr?« »Ja. Freilich ist ers nicht west, sondern es war nur eine Decken die so zusammenlegt war, daß man denken mußt, es sei ein Mensch!« »Das haben Sie für den Fex gehalten?« »Natürlich!« »Und da hatten Sie wirklich einen solchen Muth, daß Sie allen Ernstes beabsichtigten, ihn zu überfallen?« »Ja. Ich hat mit dera Hand nach ihm langt, ihn bei dera Gurgeln faßt, und mit dem ersten Griff war es aus mit ihm gewest, und nachhero –« Er hielt inne, durch alle die Gesichter aufmerksam gemacht, welche mit dem gespanntesten Ausdruck auf ihn gerichtet waren. »Bitte, fahren Sie fort!« forderte der Assessor ihn auf, noch immer freundlich lächelnd. »Himmeldonnerwettern!« »Was? Warum fluchen Sie?« »Weil ich glaub, ich hab, hab, hab – – – »Nun, was haben Sie?« »Ich hab mich verschnappt!« Es kam ihm jetzt die riesige Erleuchtung, daß der Assessor ihn an der Angel ganz leise und sanft auf das trockene Land gezogen habe. Er hatte, ohne es zu ahnen, das allerschönste Geständniß abgelegt. Darüber war er nun so consternirt, daß er ganz offen gestand, sich verschnappt zu haben. Und dabei machte er ein Gesicht, wie kein Maler das Conterfei eines Dummkopfes besser hätte liefern können. »Ja,« nickte der Beamte ihm freundlich zu, »verschnappt haben Sie sich allerdings.« »Das ist eine ganz verfluchtige Geschichten!« »Freilich. Es kann sehr leicht recht unangenehme Folgen für Sie haben.« »Das mag ich freilich nicht hoffen!« »Nun, wir werden ja sehen. Da Sie ein so freiwilliges Geständniß abgelegt haben, so steht zu erwarten, daß die Richter die möglichste Milde walten lassen. Ihre Strafe wird allerdings nicht die härteste sein. Es ist immer vortheilhafter, man zeigt sich geständig, als daß man durch Verstocktheit und Lügenhaftigkeit die Richter veranlaßt, zum höchsten Strafmaße zu greifen.« Das Gesicht, welches der Fingerlfranz jetzt machte, war gar nicht zu beschreiben. Er schlang und schlang, als ob er irgend einen Gegenstand im Halse stecken habe. Er schnappte nach Luft und schien keine zu bekommen. Dann riß er sich den Hut, welchen er bisher nicht abgenommen hatte, vom Kopfe, um sich die Schweißperlen mit dem Aermel seiner Joppe von der Stirn zu trocknen, und dann endlich brachte er die kurze Frage hervor: »Strafe? Strafe?« »Natürlich!« »Das ist doch nur ein Gespaß!« »O nein. Ich pflege in solchen Angelegenheiten niemals zu scherzen. Uebrigens muß ich bemerken, daß ich mich in amtlicher Eigenschaft hier befinde. In dieser Eigenschaft habe ich auch meine Fragen an Sie gerichtet.« »Himmelsakra! Sie sind doch dabei so ganz und gar freundlich gewest!« »Das ist so meine Art und Weise.« »Grad so, als ob wir alte Bekannten und gute Freunden wären!« »Gute Freunde weniger, aber Bekannte, ja, die sind wir. Wir haben uns bereits vorhin gesehen, und außerdem habe ich mir von Ihnen erzählen lassen. Sie sehen nun wohl ein, warum ich gefragt habe?« »Hm! Ich weiß nicht, ob ich Recht haben werde.« »Womit?« »Mit der Meinung, daß am End gar Ihre Fragen ein Verhör gewest sind?« »Ja, das waren sie allerdings, ein richtiges amtliches Verhör, bei welchem freilich der Protokollant gefehlt hat.« »Alle tausend Teufeln! So gilt wohl gar Alles, was ich sagt hab?« »Natürlich!« »Na, wann ich das so vorher wüßt hätt!« »So hätten Sie hoffentlich ebenso aufrichtig gesprochen!« »Den Teuxel auch! Das wär mir gar nicht in denen Sinn kommen. Man soll sich nicht in Gefahr begeben, und das hätt ich vorhin beinahe gethan.« Jetzt lächelte der Assessor nicht nur freundlich, sondern beinahe herzlich. »Meinen Sie? Sie sind also der Ansicht, daß Ihnen eine Gefahr gedroht habe, wohl verstanden, blos gedroht?« »Ja. Aberst ich bin doch klug gewest. Ich hab nix sagt.« »O, ich meine daß Sie im Gegentheile ein sehr umfassendes Geständniß abgelegt haben.« »So? Dann habens wohl gar viel mehr hört, als ich wirklich sagt hab?« »Nein. Das, was Sie gestanden haben, genügt so vollständig, daß man sich gar nicht das Geringste dazu zu denken braucht.« »Das denk ich nicht. Was ich sagt hab, das ist gar nix Unrechtes gewest. Was soll ich denn einstanden haben? Sagens mir doch mal das Abrechen, das ich einräumt hab?« »Mordversuch.« »Donnerwetter! Das ist nicht wahr!« »Bitte! Sie sind von dem Müller angewiesen worden, den Fex zu ermorden, und dann stiegen Sie in die Fähre, indem Sie glaubten, daß der Fex darinnen liege. Wollen Sie das jetzt leugnen?« »Nein. Aberst ich hab ja gar nix than, gar nix begangen!« »Weil der Fex nicht da war. Hätte er im Schlafe so da gelegen, wie die alte Decke, die Sie für ihn hielten, so hätten Sie ihn mit der Faust bei der Gurgel genommen und mit einem einzigen Griffe erwürgt.« »Oho! Woher Wissens das?« »Sie selbst haben es uns erzählt und es also eingestanden.« »Wann denn?« »Vorhin, als Sie uns erzählten, daß Sie sich vor dem Fex nicht gefürchtet haben. Die Herren, welche hier stehen, haben Wort für Wort mit angehört und können es beschwören.« Da fuhr sich der Franz mit beiden Händen nach dem Kopfe, raufte sich in den Haaren und rief: »Na, wer hat das denkt, daß ich so ein riesiger Schafskopfen sein kann! Bin ich so ganz ohne alles Bewußtsein in eine Patsche hineinstiegen aus der ich mich nur schnell wieder heraus machen kann!« »Das wird so schnell, wie Sie es meinen, wohl nicht gehen.« »Oho! Wer nix than hat, kann auch nicht bestraft werden.« »Hier ist bereits der Versuch strafbar. Und Sie haben sich eines sehr vollendeten Versuches schuldig gemacht.« Der Franz kam noch immer nicht aus seiner Fassungslosigkeit heraus. »Was?« fragte er. »Wer soll das begreifen! Ein vollendeter Versuch? Wanns nur ein Versuch ist, kanns doch nicht vollendet sein!« »Das Verbrechen freilich nicht, aber der Versuch ist vollendet.« »Und das wird auch bestraft?« »Natürlich!« »Nein, das ist gar nicht so natürlich! Wann ich versuch, ins Wirthshaus zu gehen, um ein Bier zu trinken, und ich gehe aberst gar nicht hinein, so hab ich auch nix zu zahlen.« »Dieser Vergleich hinkt an verschiedenen Stellen. Aber ich habe Ihnen zu Ihrer Beruhigung ja bereits mitgetheilt, daß man in Anbetracht Ihres offenen Geständnisses zu dem möglichst niedrigen Strafmaße greifen werde.« »Der Teuxel mag dies offene Geständniß holen! Wann ich nicht so offen und so geständig gewest wär, so hätt ich nun keine Straf zu zahlen!« »Zahlen? Damit wird es wohl nicht abgemacht sein,« lächelte der Assessor. »Nicht? Na, auspfänden laß ich mich nicht. Da zahl ich lieberst gleich. Wanns nur nicht gar zu viel ist.« »Die Kosten werden Sie wohl zahlen müssen. Das Andere aber, nämlich die eigentliche Strafe, kann nicht mit Geld abgemacht werden.« »Was, nicht mit Geld?« »Nein.« Da warf der Franz seinen Hut in die Stube, trat zornig darauf und rief: »Jetzt seh ich, was man davon hat! Ich glaub gar, daß ich nun brummen muß!« »Was nennen Sie brummen?« »Im Loch sitzen.« »So! Das werden Sie freilich.« »Tod und Teufel! Jetzund wirds mir fast zu arg. Wie lange denn? Doch nicht etwan länger als einen Tag oder zwei? Denn mehr hab ich keine Zeit übrig. Und da wollen wir auch gar keine großen Sachen machen, sondern ich geh gleich heut, um es abzusitzen. Je schneller man anfängt, desto rascher wird man fertig.« »Das ist nicht möglich. Eine richtige, actenmäßige Untersuchung muß geführt werden, und ich muß Ihnen auch sagen, daß Sie mit zwei Tagen nicht wegkommen können.« »Wie? Nicht? Wohl gar eine ganze Woche?« »Mehr.« »Noch mehr? Da bleibt mir gleich dera ganze Verstand stille stehen! So was ist doch gar nimmer möglich!« »Mordversuch ist eine schlimme Sache. Er wird natürlich sehr streng bestraft.« »So sagens doch gleich, wie groß meine Bestrafung sein wird!« »Das kann ich nicht sagen.« »Nicht? Sie sind aberst doch Einer von dem Gericht. Sie müssen doch die Gesetze kennen!« »Das freilich. Aber ich kann nicht vorher wissen, welches Strafmaß bei Ihnen in Anwendung kommen wird. Der Mord wird mit dem Tode bestraft.« »Das geht mich nix an, denn ich hab Keinen dermordet.« »Wird ein Verbrechen, welches mit dem Tode bestraft wird, nur versucht, so wird dieser Versuch mindestens mit drei Jahren Zuchthaus bestraft, mindestens.« Jetzt stand der Franz ganz steif, so bewegungslos wie eine Bildsäule. Die Worte des Assessors hatten ihn wie ein Keulenschlag getroffen. Erst nach einiger Zeit begann er sich zu regen. Er fuhr wie aus einem Traume empor, strich sich mit der Hand über die Stirn, als ob er seine Gedanken sammeln müsse, und sagte in beinahe leisem Tone: »Was Sie da sagt haben, das ist doch nicht wahr!« »Es ist wahr.« »Drei Jahre Zuchthaus?« »Mindestens.« »Herrgott! Weniger kann ich also gar nicht bekommen?« »Keinen Tag, keine Stunde, ja sogar keine Minute weniger.« »Aber wohl gar mehr?« »Möglicher Weise!« »Das – das – – das kann ich mir aberst doch gar nicht denken! Ich hab ja gar nix than!« »Sie haben es thun wollen. Uebrigens habe ich nicht sagen wollen, daß Sie die Ihnen zufallende Strafe auch völlig abbüßen müssen. Die Gnade des Königs kann Ihnen einen Theil derselben schenken.« »So! So! Und wanns mir das sagen, so meinens wohl, mir einen Trost sagt zu haben? Wann ich einmal so lang im Zuchthaus sein muß, ein Jahr oder zwei Jahren, so kann ich das dritte Jahr auch noch dort bleiben. Du mein Himmel! Ich weiß halt gar nicht, ob ich leb, ob ich todt bin! Wer hätt so was dacht! Und die Schand! Dera Fingerlfranz drei Jahren oder gar noch länger in das Zuchthaus! Das mir so was passiren könnt, das hab ich all mein Lebtag nicht für möglich halten. Und wer ist – – –« Er hielt inne. Er hatte seine Worte wie nur im Traume, wie abwesend gesagt. Jetzt aber, als er die unterbrochene Frage aussprechen wollte, kam Leben und Bewegung in ihn. Er reckte sich plötzlich empor; seine Augen erhielten das frühere Feuer, und in sein erbleichtes Gesicht kehrte die entschwundene Röthe zurück. Und als er jetzt fortfuhr, wurde seine Stimme immer stärker und sein Ton immer drohender: »Und wer ist Schuld daran? Wer hat mich dazu verführt? Wer hat mir die Paula als Lohn dafür versprochen? Dera Thalmüller, der Schuft. Soll ihm das so gelungen ausgehen? Nein, nein, nein! Wann ich einmal drei Jahren sitzen muß, so mögens auch gleich viere werden, und für das vierte werd ich jetzt den Müller durchhauen, daß ihm die Seel im Leibe schreien soll?« Er stürzte sich auf den Genannten, um seine ausgesprochene Drohung wahr zu machen. Aber schnell stand der Fex hinter ihn, ergriff ihn und riß ihn zurück. »Laß mich!« schrie der Franz. »Was gehts Dich an, wann ich noch, ein Jahr länger brummen will! Dir kanns nur lieb sein, wann ich dem Müllern ein Andenken geb, das er niemals wiedern verlieren kann.« »Machen Sie keine Dummheiten!« warnte der Assessor. »Dummheiten hab ich macht; aber was ich jetzt thun will, das, ist keine Dummheiten, sondern so was Kluges, daß alle Leuteln mich dafür loben werden!« Er wollte sich von dem Fex losringen; da aber nun auch die beiden Gensdarme mit zugriffen, gelang es ihm nicht. Aber er schäumte vor Wuth. Die Erkenntniß, welcher Bestrafung er entgegengehe, war wie etwas ganz Unglaubhaftes über ihn gekommen, und anstatt offen einzugestehen, daß die Schuld nur an ihm selbst liege, warf er dieselbe auf seinen Verbündeten. Dieser, nämlich der Thalmüller, hatte, seit der Assessor das eigentümliche Verhör mit dem Fingerlfranz begonnen hatte, sich ganz schweigsam verhalten. Er hätte es von Herzen gern gesehen, wenn der Franz bestraft würde. Und bei diesen Gedanken vergaß er ganz, sich zu überlegen, daß diese Strafe ihn selbst auch mit treffen müsse. Jetzt nun, als er sich außer Gefahr sah, von dem Franz maltraitirt zu werden, rief er diesem höhnisch zu: »Nun kannst zufrieden sein! Mich hast einen Zuchthäusler nannt, und Du kommst selbst hinein. Das ist Dir zu gönnen. Warum hast vorhin auf mich schimpfiret!« »Schweig!« brüllte der zornige Franz. »Wann ich drei Jahre drinnen bin, so wirst Du so lang gefangen sein, wie Du lebst. Vielleicht kommst gar auf das Schaffoten, denn verdient hasts wohl mehr als nur einmal!« »Kennen Sie vielleicht eine That, durch welche er diese Strafe verdient hat?« fragte ihn da der Assessor schnell. »Nein.« »So schweigen Sie!« »Oho! Wann ich auch nix weiß, so ists doch sicher und gewiß, daß er gar Vieles auf dem Gewissen hat, womit er den Tod verdienen thät!« »Das geht Sie nichts an! Es wird sehr vortheilhaft für Sie sein, wenn Sie sich nur mit Dem beschäftigen, was Sie auf Ihrem eigenen Gewissen haben!« Dieser strenge Ton war so verschieden von seiner vorhin gezeigten Freundlichkeit, daß der Franz ihn ganz betroffen anblickte und sodann weiter raisonnirte: »An Dem, was ich than hab, ist nur er allein schuld. Aberst die Vergeltung wird auch ihn noch treffen. Jetzt nun will ich wissen, wann ich auf's Gericht zum Verhör zu kommen hab!« »Das sollen Sie sogleich erfahren, denn ich muß Sie ersuchen, sich vorläufig sogleich einmal hin zu verfügen.« »Ja, das werd ich thun. Ich mag gar nicht eher nach Haus gehen und meinem Vatern vor die Augen treten, als bis ich genau weiß, woran ich bin. Also geh ich jetzt sogleich.« Er machte in gemüthlichster Unbefangenheit einige Schritte nach der Thür zu, um sich zu entfernen. »Warten Sie noch einen Augenblick,« gebot der Assessor. »Warum? Habens mich vielleicht noch um was zu fragen?« »Nein. Aber Sie wissen doch gar nicht, zu wem Sie sich beim Gericht zu verfügen haben.« »Ja, das ist freilich wahr. Seins also mal so gut, es mir zu sagen!« »Das reicht nicht aus. Ich werde Ihnen einen der Herren Gensdarmen Mit geben, welcher den betreffenden Herrn zu benachrichtigen hat. Wenn ich das nicht thue, werden Sie einfach abgewiesen, und das werden Sie in Ihrem eigenen Interesse doch nicht wollen.« »Nein. Je schneller, desto besser. Der Schandarm mag also mitgehen.« Der Assessor riß ein Blatt aus seinem Notizbuche, schrieb einige Zeilen darauf und übergab es dann dem Gensdarm, diesem zugleich leise zuflüsternd: »Er ist natürlich arretirt und wird sofort in eine Zelle für Untersuchungsgefangene isolirt. Aber behandeln Sie ihn unterwegs sehr vorsichtig, denn er ist gewaltthätig. Besser ists, er ahnt nicht eher Etwas, als bis er sich hinter Schloß und Riegel befindet.« Sodann entfernte sich der Gensdarm mit dem Franz, welcher nicht ahnte, daß er sein väterliches Gut nicht so bald wiedersehen werde. Der alte Müller aber hatte den Assessor durchschaut. Er sagte, hämisch grinsend: »Da läuft er hin, der alberne Kerlen! Er denkt, er braucht nur zu fragen und kann nachhero gleich wieder gehen. Dem sein Gesicht möcht ich sehen, wann er sogleich in das Loch einisperrt wird!« Da antwortete ihm der Assessor in seinem ernstesten Tone: »Schämen Sie sich, Müller! Die Schadenfreude, welche Sie jetzt zeigen, ist eine wahrhaft teuflische.« »Warum sollt ich mich denn nicht freuen? Er hat ja gar auch mich ins Unglück bringen wollen, als er sagte, ich hätt es anstiftet, daß er den Fex dermorden solle.« »Da hat er die Wahrheit gesagt.« »Das ist nicht wahr.« »Leugnen Sie es nicht! Wir wissen es ganz genau.« »Da möcht ich wissen, woher es ein Mensch wissen soll!« »Es ist gar nicht nöthig, daß ich Ihnen antworte; aber um Ihren Uebermuth doch ein Wenig zu dämpfen, will ich Ihnen sagen, daß Sie belauscht worden sind.« Der Müller erschrak, antwortete aber dennoch in zuversichtlichem Tone: »Wer das sagt hat, der hat gelogen. Ich hab gar kein Wort über diese Sach mit dem Franz sprochen. Ich hab gar nicht wußt, daß er dem Fex ans Leben wollt hat. Und wanns auch wirklich so war, wie Sie's sagen, wann ich dera Anstifter war, so hätt ich es doch wohl than, wo und wann kein Anderer es hören kann.« »Leider sind Sie nicht so vorsichtig gewesen. Sie haben sich mit dem Fingerlfranz hier in dieser Stube befunden und dabei sogar so laut gesprochen, daß man draußen ein jedes Wort hören konnte. Einige Männer haben am Laden gestanden und durch die Spalten und Astlöcher hereingeblickt. Sie haben Alles gehört und gesehen. Wäre dieser glückliche Umstand nicht gewesen, so hätte der Fex sich in der Fähre befunden und wäre in Wirklichkeit ermordet worden.« »Donnerwetter!« entfuhr es dem Müller. »Sie sehen also, daß wir Zeugen haben. Ein Leugnen wird Ihnen gar nichts nützen und im Gegentheile Ihre Lage nur verschlimmern. Uebrigens wollen wir jetzt diesen Laden schließen. Man kann von draußen herein sehen, und es braucht kein Neugieriger zu bemerken, daß die Polizei sich hier befindet.« Er trat selbst an das Fenster, um den Laden zuzumachen. Der Gensdarm kam schnell herbei, um zu helfen, und erhielt dabei die ganz leise Weisung: »Sorgen Sie dafür, daß er nicht bemerken kann, was jetzt am Zigeunergrabe vorgeht. Er darf keine Ahnung davon haben.« Dann verließ der Assessor mit dem Fex und Paula die Stube, um sich hinaus zu begeben, wo eben eine Gerichtscommission mit mehreren Arbeitern angekommen war, um die Leiche der Zigeunerin aus der Höhle emporzuholen. Der Fex blieb mit Paula für einige Augenblicke im Flur stehen. »Glaubst Du noch, daß er unschuldig sei?« fragte er sie. »Nein, nun nicht mehr. Es wurde mir bereits vorher sehr schwer, es zu glauben.« »Wenn Du Dich doch in den Gedanken finden könntest, daß er des Schmerzes gar nicht werth ist, den er Dir bereitet.« Sie blickte still vor sich nieder und antwortete dann in traurigem Tone: »Vielleicht finde ich mich darein. Ich fühle ein Grauen gegen den Vater, seit ich jetzt bei ihm gewesen bin. Der Assessor hatte ganz Recht, als er ihn teuflisch nannte.« »So suche die verlorene Ruhe wieder zu gewinnen. Es sind schwere Tage, welchen Du entgegen gehst; der heutige ist der allerschwerste; aber es wird auch die Zeit kommen, in welcher diese Last von Deinem Herzen genommen wird. Darf ich Dich heut noch einmal in Deinem Stübchen aufsuchen?« »Ja, komm! Andere dürfen nicht zu mir. Ich schäme mich, irgend Jemandem in das Gesicht zu sehen.« »Kind, das ist falsch. Wenn Du Dich so verhältst, können Leute, welche Dich nicht kennen, sehr leicht auf den Gedanken kommen, daß Du bei Dem, was Dein Vater gethan hat, nicht ganz unbetheiligt seist.« »Das möge Gott verhüten!« antwortete sie erschrocken. »Wohin gehest Du jetzt?« »Hinüber nach dem Zigeunergrabe. Sodann muß ich einmal nach der Stadt, und nachher komme ich zu Dir.« Sie stieg empor, um sich in ihrem Stübchen einzuschließen und nun den Thränen, die sie vergießen konnte, ohne gesehen zu werden, freien Lauf zu lassen. Er ging nach dem Grabe, wo der Assessor mit den Herren der Commission seiner warteten. Es war ein Amtmann, ein Protocollant und der Gerichtsarzt. Der Fex stieg mit diesen Dreien hinab zu der Leiche, die auf sie ganz denselben Eindruck wie auf den Assessor vorhin machte. Sodann begannen die Erdarbeiter ihr Werk. Bereits nach kurzer Zeit mußte der Zug aus München eintreffen. Aus diesem Grunde begab der Fex sich nach der Stadt und da nach dem Bahnhofe, um zu sehen, ob ein Bote mit der Violine aussteigen werde. Die Depesche hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Als der Zug anhielt, stieg ein Dienstmann aus einem Coupée dritter Classe. Er hatte einen Geigenkasten in der Hand und blickte suchend nach allen Seiten um. Der Fex ging auf ihn zu und fragte: »Sie kommen aus München?« »Ja. Ich habe diese Violine hier an einen Herrn abzugeben.« »Er wird Fex genannt und hat nach dem Instrumente telegraphirt?« »Ja.« »Der bin ich selbst.« »So! Nun ich kann Ihnen die Geige nicht eher geben, als bis Sie sich legitimirt haben.« »Ganz recht. Aber welche Art von Legitimation verlangen Sie?« »Ich habe das Telegramm mit erhalten. Wenn Sie mir den Wortlaut desselben sagen können, sind Sie natürlich der Herr, dem ich die Violine bringen soll.« »So will ich ihn Ihnen sagen.« Da der Fex noch ganz genau wußte, wie telegraphirt worden war, so fiel es ihm nicht schwer, sich zu legitimiren, und er erhielt das Instrument. Der Dienstmann wollte mit dem nächsten Zuge, welcher in kurzer Zeit hier durchkam, wieder zurückkehren, und blieb also gleich auf dem Bahnhofe. Der Fex aber machte sich schnell auf den Weg nach der Mühle. Er war natürlich außerordentlich begierig, zu erfahren, worin das Geheimniß der Geige bestehen werde. Als er dort ankam, saß der Assessor, seiner wartend, mit dem Wurzelsepp in dem Gärtchen, und er gesellte sich zu ihnen. »Also Esrar Kemande – das Geheimniß in der Geige,« sagte der Assessor. »Jetzt wollen wir schnell dazu thun, den Schleier dieses Geheimnisses zu lösen.« Die Violine wurde aus dem Kasten genommen und von allen Seiten befühlt, beklopft und betrachtet. Es zeigte sich gar nichts Auffälliges. Nun versuchten die Drei, durch die Schalllöcher in das Innere zu blicken; aber da, wohin ihre Blicke zu reichen vermochten, war nichts zu bemerken. »Wir müssen sie aufsprengen,« meinte der Assessor. »Oder ist sie etwa so werthvoll, daß Sie das lieber unterlassen wollen?« »Die Violine ist nicht schlecht,« antwortete der Fex. »Sie würde noch besser, vielleicht sogar ausgezeichnet sein, eine prächtige Zigeunergeige, wenn ihr Ton nicht etwas Störendes an sich hätte, was sich durch Worte nicht genau beschreiben läßt.« »Vielleicht ist grad daran das betreffende Geheimniß schuld.« »Möglich. Ich habe oft darüber nachgedacht, woran der Fehler liegen mag, mir diese Frage aber nicht beantworten können. Doch, ob werthvoll oder nicht, die Ergründung des Geheimnisses ist uns jedenfalls noch werthvoller. Ich mache sie auf.« Er zog sein Messer hervor und versuchte, den Boden von der Umwand zu lösen, ohne aber das Holz des Ersteren zu zersprengen. Natürlich mußten vorher Steg, Saiten und Saitenhalter entfernt werden. Es gelang, und nun zeigte sich ein schmal zusammengeschlagenes Papier, welches mit Leim an den hintern Theil der Umwand, da wo der Saitenhalter am Knopfe hängt, befestigt war. »Hier haben wir es, das Geheimniß!« rief der Fex. »Jetzt werden wir es lösen können.« Dieses Papier war unbeschrieben und bildete einen Umschlag, in welchem mehrere zarte, dünne, eng beschriebene Bogen steckten. Der Fex faltete die letzteren auseinander. Die Schrift war so deutlich, als sei sie erst gestern aus der Feder geflossen, aber sie bestand aus fremden Buchstaben, welche er nicht verstand. Darum reichte er die Bogen dem Assessor hinüber. »Rumänisch,« sagte dieser, als er den ersten Blick darauf geworfen hatte. »Und das verstehen Sie?« »Wenigstens so, daß ich es leidlich zu lesen vermag.« »Dann bitte, übersetzen Sie es schnell!« »Nur gemach, gemach, mein lieber Freund! Zunächst will ich es einmal überblicken.« Er überflog die Seiten und begann dann, leise zu lesen, anstatt zu übersetzen. Der Fex brannte vor Begierde, den Inhalt kennen zu lernen, ebenso der alte Wurzelsepp; Beide aber hielten es für nicht höflich, den bereits einmal ausgesprochenen Wunsch nochmals zu wiederholen. Sie thaten das Einzige, was sie thun konnten: Sie beobachteten den Gesichtsausdruck des Assessors. Demselben sah man es an, daß der Inhalt ein außerordentlich interessanter sein müsse. Die Spannung, welche sich in seinen Zügen ausdrückte, wuchs von Seite zu Seile, ja fast von Zeile zu Zeile. Endlich faltete er die Papiere zusammen. »Nun, welches ist der Inhalt?« fragte der Fex. »Er enthält eine Beichte.« »Ah! Von wem?« »Von Ihrer Amme. Sie ist mit Ihnen von einem fürchterlichen Wetter überrascht worden und hat sich krank gefühlt. Da hat sie Schutz im Hause eines griechisch-katholischen Popen gesucht, und dort ist eine Krankheit zum Ausbruche gekommen, deren Keime wohl längst verborgen in ihr gelegen hatten. Unter dem Gedanken, vielleicht sterben zu müssen, hat sie diesem Manne ihre Beichte abgelegt, und zwar unter der Bedingung, daß er sie Wort für Wort niederschreiben solle. Im Falle ihres Todes solle er sich des Knaben annehmen und nach den beiden Müllern Kellermann und Claus forschen, im Falle ihrer Genesung ihr aber die Blätter geben, da sie dann die Nachforschung selbst vornehmen wolle.« »Und was hat sie gebeichtet?« »Hm! Ich bin überzeugt, daß Sie ganz außerordentlich auf den Inhalt dieser Zeilen gespannt sein müssen – – –« »Natürlich!« »Auch gebe ich zu, daß dieselben Ihr unbestrittenes Eigenthum sind, aber dennoch möchte ich Sie bitten, noch ein klein Wenig Geduld zu haben.« »Warum?« »Weil ich mich über den Inhalt erst mit meinem Collegen, dem Amtmanne, berathen möchte. Auch möchte ich, bevor ich Ihnen die betreffenden Mittheilungen mache, den Thalmüller nochmals ins Verhör nehmen.« »Und wie lange soll ich warten?« »Nur kurze Zeit, höchst wahrscheinlich nicht länger als bis morgen.« »Nun, so lange kann ich mich wohl noch gedulden.« »Ich danke Ihnen!« »Aberst ich,« fiel da der alte Sepp ein. »Darf auch ich noch nix derfahren?« »Sie?« lachte der Assessor. »Sie haben ja gar kein Recht auf dieses Geheimniß.« »Ich? Kein Recht? Himmelsakra! Dera Wurzelsepp hat ein Recht auf Alles!« »Soll ich Ihnen etwa erzählen, was ich dem rechtmäßigen Besitzer dieses Beichtstückes vorenthalte?« »Ich sag ihm ja nix wieder!« »Nun, wenn Sie es nicht in der Absicht erfahren wollen, darüber zu sprechen, so brauchen Sie es auch noch nicht zu wissen.« »So! Schön, sehr schön! Das ist ja sehr gut! Das gefallt mir ganz ausgezeichnet. Wann nachhero Sie mal von mir was derfahren wollen, werd ichs auch so einem Popen beichten, damit Sie nix davon hören.« »So lasse ich es mir ebenso gefallen, wie Sie jetzt gezwungen sind, sich in meinen Willen zu fügen.« »Ja, aber hörens, Herr Assessor«, wann wir nix derfahren sollen, so hätten wir gar nicht nöthig gehabt, die alte Vigolinen zu zerbrechen. Na, ich will nicht räsonniren. Mir kann Alles Recht sein. Aberst verlangt nur nicht etwan von mir mal eine Neuigkeiten! Da sollt Ihr auch warten müssen, bis es mir beliebt.« Der Assessor lachte den Alten, der doch nur so that, als ob er zornig sei, gehörig aus und entfernte sich dann in der Richtung nach dem Zigeunergrabe zu, bei welchem sich der Amtmann befand, mit dem er sich bald in ein tiefes, angelegentliches Gespräch vertiefte. Die Grabearbeiten schritten nur sehr langsam vorwärts. Der felsige Boden leistete mehr Widerstand, als man vermuthet hatte, und so verging ein guter Theil des Nachmittags, ohne daß die Arbeiter bis hinab in den Raum gelangten, in welchem sich die Leiche befand. Um diese Zeit möglichst gut zu benutzen, begab der Fex sich wieder zu Paula. Der alte Sepp aber saß im Vorgärtchen an seinem Tische und trank ein Bier nach dem anderen. Dann, als es gar nicht mehr weit zum Abende war, kam der Assessor wieder herbei und schickte den Sepp, den Fex zu holen. Als dieser dem Rufe Folge geleistet hatte, erklärte ihm der Beamte: »Auch mein College ist ganz meiner Ansicht, daß Sie bis morgen warten möchten. Wir wünschen vorher noch die Aussage des Thalmüllers zu vernehmen.« »So habe ich also bis morgen hier zu bleiben?« »Nicht hier. Sie werden mir in den nächsten Tagen als die Hauptperson, um welche es sich handelt, so nöthig sein, daß ich Sie in meiner Nähe haben möchte. Haben Sie Zeit?« »Zu diesem Zwecke ganz bestimmt.« »So wäre es mir sehr lieb, wenn Sie für diese Tage Ihren Aufenthalt in Hohenwald nehmen wollten. Sie könnten ja in dem Gute des Silberbauers wohnen.« »Ich richte mich natürlich ganz nach Ihren Wünschen, Herr Assessor.« »Schön! Höchst wahrscheinlich komme ich heut noch nicht von hier fort. Sie aber möchte ich bereits heut dort in Hohenthal wissen. Ich werde Ihnen meinen Wagen zur Verfügung stellen, und der Sepp kann Ihnen bei der Fahrt Gesellschaft leisten. Wollen Sie?« »Ja. Haben Sie vielleicht einen triftigen Grund, mich von hier zu entfernen?« »Sie zu entfernen nicht, aber Sie dort in Hohenwald zu wissen. Sie können dort nämlich heut bereits einige Vorstudien zu Dem machen, was Sie morgen erfahren werden. Der Sepp mag Sie zu dem Finkenheiner führen, dessen Frau ja in Slatina bei Ihren Eltern gewesen ist. Sollte heute dort Etwas passirt sein, wovon Sie meinen, daß es zu wissen mir nöthig oder nützlich sein werde, so bitte ich, mir zu telegraphiren. Ich werde hier in der Mühle wohnen.« »Wann wird die Leiche an die Oberwelt gelangen?« »Vielleicht noch heute, Sie werden sie übrigens wiedersehen, denn ich nehme sie mit. Also begeben Sie sich nach der Stadt, um anspannen zu lassen. In drei Stunden können Sie oben in Hohenwald sein.« »Was wird einstweilen, bevor ich für sie zu sorgen vermag, mit Paula geschehen? »Um diese braucht es Ihnen nicht bange zu sein. Ich werde sie gern unter meine Obhut nehmen. Die Mühle wird von Gerichtswegen einen Verwalter bekommen, dem sie sich ja außerordentlich nützlich machen kann. Falls heute in Hohenwald Etwas geschehen sollte, adressire ich Sie besonders an den Lehrer Walther, zu dem ich ein großes Vertrauen habe. Und noch eine Warnung: Verplaudern Sie sich nicht, wenn Sie dem fremden Herrn begegnen, welcher jetzt in der dortigen Mühle wohnt.« »Warum nicht verplaudern?« »Weil er unerkannt sein will.« »Wer ist er?« »Ein Bekannter auch von Ihnen, nämlich unser – – – König.« »Sappermenten! Das hätt ich ihm ja auch sagen konnt!« zürnte der alte Sepp. »Hier soll ich nix hören und auch nix reden. Es wird Zeit sein, daß wir uns auf den Weg machen. Komm, Fex, wir wollen suchen, so bald wie möglich zu unserm Wagen zu kommen.« Bereits in kurzer Zeit waren die beiden Freunde per Kutsche nach Hohenwald unterwegs. Ihre Unterhaltung drehte sich natürlich um die heutigen Erlebnisse, und sodann schilderte der Sepp dem Fex die Personen, mit denen er in Hohenwald wahrscheinlich zusammentreffen würde. Und da er besonders an die Frau des Finkenheiner adressirt war, so theilte der Alte ihm Alles mit, was er von derselben und ihren Schicksalen wußte. So war, als sie am Abende in Hohenwald eintrafen, der Fex bereits, über Alles orientirt, was zu wissen ihm nothwendig war. Am Eingange des Dorfes ließ der Alte halten und sagte: »Ich fahr gleich nach dera Mühlen. Du weißt schon zu wem. Der muß sogleich derfahren, was in der Thalmühlen geschehen ist. Du aberst kannst schon hier aussteigen. Da rechts liegt die Flachsbrechen, in welcher dera Finkenheiner oben wohnt. Nachhero, wannst von dort fortgehst, kann er Dich nach dem Silbergute führen, wo Du allemalen gleich eine Stuben bekommst. Ich werd Dich noch heute dort aufsuchen.« Der Fex folgte diesem Rathe. Er stieg aus und schritt auf die Flachsbreche zu. In dem untern Raume derselben war es heute dunkel, da die Balzerbauersfamilie jetzt ja in dem Silbergute wohnte. Er fand nur mit Mühe den Weg, und ging die steile, alte Treppe empor. Dann tastete er sich bis zur Thür und klopfte an. Eine weibliche Stimme antwortete, und dann trat er ein. Es war nur der Elephantenhanns mit seiner Mutter daheim, da der Heiner mit der Tochter sich noch in der Mühle befand. Heute brannte eine kleine Stehlampe auf dem Tische, deren kleiner Schein nicht ganz bis nach der Thür hin reichte. Das Gesicht des Eintretenden war also nicht deutlich zu erkennen. »Guten Abend,« grüßte er. Der Hanns dankte mit denselben Worten; seine Mutter hatte auch bereits den Mund geöffnet, vergaß aber die Antwort. Sie hob schnell den Kopf, horchte auf, als ob ihr etwas Auffälliges in das Gehör gedrungen sei, und blickte scharf nach dem Eintretenden hin. »Nicht wahr, hier wohnt der Finkenheiner?« fragte dieser. »Ja,« antwortete Hanns. »Ist er zu Hause?« »Nein. Aber vielleicht dauert es nicht lange, bis er kommt.« »So möcht ich sehr gern auf ihn warten, wenn Sie es mir erlauben wollen.« »Sehr gern,« antwortete jetzt sie. Sie kam dabei langsam, ganz langsam näher, nach der Thür zu und machte dabei ein Gesicht, als ob alle ihre Sinne in Thätigkeit, und zwar in ganz ungewöhnlicher, scharfer Thätigkeit seien. »Bitte, wollen Sie sich setzen?« fügte sie hinzu, indem sie auf einen an der Wand stehenden Stuhl deutete. Dieser stand im Scheine des Lichtes. Darum richtete der Fex, der das eigentümliche Gebahren der Frau gar wohl bemerkt hatte, es so ein, daß er, ihr den Rücken zukehrend, den Stuhl in den Schatten rückte und dann erst sich auf denselben niederließ. Trotzdem er nun im Halbdunkel saß, sahen Mutter und Sohn doch deutlich, daß er vornehm gekleidet sei und sie also keinen gewöhnlichen Dorfbewohner vor sich hatten. »Kommen Sie vielleicht, eine Bestellung bei meinem Manne zu machen?« fragte die Frau. »Nein. Meine Absicht ist nur, bei ihm eine Erkundigung einzuziehen.« »Kennen Sie ihn schon?« »Nein. Ich war noch niemals hier. Ein Bekannter von mir, der Wurzelsepp, hat mich hergeschickt.« »So ist es, als ob Sie uns bereits ganz gut kennten. Die Bekannten dieses Mannes sind alle gut Freund unter einander.« »Das habe auch ich bereits bemerkt. In Ihrer Familie muß er schon seit langen Jahren verkehrt sein. Er hat mir so sehr viel von Ihnen erzählt.« Sie erröthete ein Wenig bei dem Gedanken, daß der Alte wohl auch von ihrem früheren Vergehen geplaudert haben könne. Dieser Gedanke trug die Schuld, daß sie nicht sogleich antwortete; aber sie hielt den Kopf lauschend zu ihm herüber geneigt wie allemal, wenn er seit seinem Eintreten gesprochen hatte. Das benutzte er, indem er fragte: »Sie sind doch jedenfalls die Frau des Finkenheiners?« »Ja,« antwortete sie, noch tiefer erröthend als vorher. »Fällt Ihnen vielleicht an mir Etwas auf?« »Warum denken Sie das?« »Weil Sie mich so eigenartig betrachten und so scharf herüberhorchen, wenn ich spreche.« »Sie haben es errathen, mein Herr. Ihre Stimme ist's, die mir auffällt.« »Hat das vielleicht einen Grund?« »Ja freilich hat es einen. Ihre Stimme hat nämlich ganz genau den Klang einer anderen, welche ich vor vielen Jahren täglich hörte.« »Das ist nichts Auffälliges. Stimmen sind sich häufig sehr ähnlich.« »So sehr aber nicht. Es ist nicht nur die Stimme allein, sondern auch die Art und Weise der Betonung und der eigenartige Wohlklang, der sich nicht verkennen läßt.« »Wer war die Person, an welche Sie dadurch erinnert werden?« »Ein Baron, bei dessen Frau ich diente.« »Nun, so ist die Ähnlichkeit eben nur ein ganz gewöhnlicher Zufall.« »Das glaube ich auch, denn die Familie wohnte sehr weit von hier, drunten in der Walachei.« »So! Wie war der Name derselben?« »Gulijan.« »Ah! Das Stammschloß derselben lag bei Slatina?« Die Frau fuhr zunächst zusammen, als ob sie erschrocken sei. Dann aber fragte sie schnell in freudigem Tone: »Wie? Sie kennen diese Familie?« »Ich hörte von ihr sprechen.« »Von wem?« »Von dem Wurzelsepp.« »So ist es erklärlich. Der hat von meinem Manne Einiges über diese Familie gehört.« Da zog der Fex seine Brieftasche hervor und nahm aus derselben die Photographie seiner Mutter, welche er damals mit den Papieren aus dem Stuhle des Thalmüllers entwendet hatte. »O,« sagte er, »der alte Sepp kennt diese Familie nicht nur vom Hörensagen, sondern auch aus eigener Anschauung.« »Das ist unmöglich. Er hat niemals ein Glied derselben gesehen.« »In Person freilich nicht, aber im Bilde.« »Das bezweifle ich. Es ist mir nicht bewußt, daß irgend ein solches Bild existirt.« »Auch keine Photographie?« »Auch die nicht, denn es ist Alles damals bei dem großen Schloßbrande mit zerstört worden.« »Das bezweifle ich. Wollen Sie vielleicht einmal einen Blick auf diese Photographie werfen?« Er gab das Bild auf den Tisch, ohne aber sein Gesicht so nahe zu bringen, daß es deutlich erkannt werden konnte. Die Frau nahm es von dort auf und hielt es an das Licht. Kaum hatte sie ihren Blick darauf gerichtet, so stieß sie einen lauten Schrei der freudigsten Ueberraschung aus. »Baronin Etelka! Das ist sie; das ist sie, meine liebe, liebe, gute Herrin! Ja, ja, das ist sie! Es ist gar kein Zweifel möglich! Herr, wie kommen Sie zu dieser Photographie?« »Auf eine etwas geheimnißvolle Weise, von welcher ich Ihnen erzählen muß.« Er trat bei diesen Worten an den Tisch, wie um das Bild wieder an sich zu nehmen, in Wirklichkeit aber in der Absicht, das Licht nun auf sein Gesicht fallen zu lassen. Und warum diese Prozedur? Aus einem sehr guten und lobenswerthen Grunde. Aus allem Bisherigen mußte er annehmen, daß er der Sohn jenes Barons von Gulijan sei. Und dennoch war er nicht im Stande, dies bis zur Evidenz zu beweisen. Die Papiere, welche er besaß, waren zwar die Papiere jenes Kindes, aber ob er identisch mit diesem Kinde sei, das war noch zu beweisen. Darum war er heut, als er aufgefordert worden war, diese Frau aufzusuchen, auf den Gedanken gekommen, einmal an ihr zu prüfen, ob er seinem Vater oder seiner Mutter ähnlich sei. Diese Prüfung war von einem vollständigen Erfolge begleitet, denn kaum fiel das Licht auf sein Gesicht, so schrie die Frau laut auf: »Herrgott! Ists möglich! Baron Samo Gulijan!« Das war der Name seines Vaters, für welchen er also von ihr gehalten wurde. Es durchrieselte ihn ein Gefühl glücklicher Befriedigung. Er war jenem Baron zum Verwechseln ähnlich. Das konnte als ein Glied in der Kette jener Beweise gelten, welche er zu führen hatte. Doch blieb er kalt und ruhig und fragte im Tone des Erstaunens: »Meinen Sie mich?« »Ja, Sie! Es ist doch kein Anderer hier!« »Aber so heiße ich ja nicht!« »Nicht? Sie wären nicht Baron Samo Guli – – –« Sie hielt inne, schlug sich mit der Hand an die Stirn und fuhr sodann fort: »Ja, richtig! Woran habe ich da gedacht! Der Baron ist ja todt! Der können Sie gar nicht sein! Aber welch eine Aehnlichkeit! Das grenzt geradezu an das Wunderbare.« »Auch das wird das Spiel eines blosen Zufalles sein.« »Nein, nein; das kann ich nicht glauben.« »Und doch müssen Sie es glauben. Ich kann ja doch nicht ein Mann sein, von welchem Sie sagen, daß er seit langer Zeit todt ist.« »Das ist richtig. Er würde jetzt fast über noch einmal so alt sein, als Sie zu sein scheinen. Und schon damals, als ich ihn kannte, war er älter als Sie. Er trug einen Bart.« »Nun sehen Sie, ich kann doch unmöglich eine Person sein, welche über noch einmal so alt als ich ist.« »Aber diese Ähnlichkeit! Die Gestalt, das Gesicht, das Haar, die Augen und sogar auch die Stimme!« »Zufall!« »Das kann ich mir nicht denken, Herrgott! Da fällt mir der kleine Curti ein!« »Wer ist das?« »Das Söhnchen meiner Herrschaft, welches ganz plötzlich verschwand und niemals wiedergefunden wurde.« »Haben Sie den Knaben gekannt?« »Freilich, freilich! Wie oft habe ich ihn hier auf meinen Armen getragen, wenn die Südana, die Amme, einmal verhindert war es zu thun.« »Und niemals hat sich eine Spur von ihm finden lassen?« Sie zauderte mit ihrer Antwort. Sie schien gewissermaßen verlegen zu sein. Endlich antwortete sie: »Er selbst ist nicht wiedergefunden worden; aber Spuren hätte man wohl entdecken können, wenn man an die richtigen Personen gedacht hätte. Erst kürzlich sprach ich mit – – – ah, Sie sagen, daß Sie den alten Sepp kennen. Jetzt, jetzt geht mir ein Licht auf. Er hat Sie zu uns geschickt, vielleicht gar nicht zu meinem Manne, sondern zu mir. Er erzählte von einem jungen Manne, welcher Fex genannt wird. Kennen Sie diesen vielleicht?« »Freilich kenne ich ihn. Ich bin es selbst.« »Selbst, selbst sind Sie es? O mein Gott! Wenn doch meine Ahnung mich nicht täuschen wollte! Sagen, o sagen Sie mir, haben Sie Ihre Eltern noch? Ist Ihre Abstammung klar und widerspruchslos erwiesen?« Sie kam um den Tisch herum zu ihm und hielt die Lampe, welche sie ergriffen hatte, so, daß seine ganze Gestalt beleuchtet wurde. »Leider nein,« antwortete er. »Ich habe keine Eltern, ich kenne sie nicht. Und über meiner Abstammung schwebt ein Dunkel, welches ich bisher nicht zu lichten vermochte.« »So sind Sie es; so sind Sie es, der junge Herr, der Baron Curty von Gulijan!« Sie rief das förmlich jauchzend aus und ergriff seine beiden Hände, um dieselben an ihre Lippen zu ziehen. Er aber wehrte ihr ab. Er entzog ihr seine Hände und warnte: »Nicht so sanguinisch! Wie wollen Sie die Wahrheit dessen, was Sie sagen, beweisen? Ich bin Ihnen ja ein vollständig fremder und unbekannter Mensch!« »Fremd und unbekannt? Nein, o nein! Sie sind mir so bekannt, als ob wir uns seit Jahren nicht ein einziges Mal getrennt hätten.« »Das ist freilich eine Behauptung, welcher gegenüber ich ganz wehrlos stehe. Meine einzige Waffe besteht in der Versicherung, daß ich Sie nicht kenne; also können auch Sie mir nicht besonders nahe gestanden haben.« »Diese Entgegnung ist hinfällig. Ich bin bereit, es Ihnen zu beweisen.« »Nun, so beweisen Sie!« »Erstens spricht die Stimme meines Herzens für Sie.« »Das gilt bei dem Juristen, auf den es ja in diesem Falle ankommt, gar nichts.« »Sodann habe ich Sie sofort erkannt.« »Verkannt, wollen Sie sagen?« »Nein, nicht versondern erkannt. Gleich als Sie Ihre ersten Worte sprachen, fiel mir die Aehnlichkeit mit der Stimme und Ausdrucksweise Ihres Vaters auf. Und sodann die übrigen Ähnlichkeiten, welche auch so frappant sind, daß sie nur eine Folge engster Verwandtschaft sein können.« »Das sind keine genügenden Beweise.« »Sodann hat mir doch der Sepp von Ihnen erzählt.« »Soll etwa das Etwas gelten?« »Nein, aber es läßt doch vermuthen, daß auch Sie sich für Denjenigen halten müssen, für den ich Sie halte! Und nun gar das Bild Ihrer Mutter! Wie käme dasselbige in Ihre Hände, wenn Sie nicht ihr Sohn wären?« »Vielleicht bin ich nur ein Verwandter von ihr.« »Nein. Von diesen ist keiner abhanden gekommen. Was wird Jeschko sagen, wenn er Sie erblickt? Er wird alle möglichen Eide schwören wollen, daß Sie der junge Baron von Gulijan sind.« »Ich habe von ihm gehört und werde mit ihm sprechen. Haben Sie seine Frau gekannt?« »Natürlich habe ich sie gekannt. Sie war ja jene Amme, welche ich vorhin erwähnte. Sie hieß Mylla.« »Wann starb sie?« »Von ihrem Tode weiß ich nichts. Sie war ganz plötzlich verschwunden und ist niemals wieder gesehen worden.« »Sie werden sie sehen.« »Was? Wie? Sie lebt noch?« »Nein, sie ist todt. Aber ihr Körper hat sich so gut erhalten, daß sie das Aussehen einer Schläferin besitzt.« »Und wo befindet sie sich?« »Jetzt drunten in Scheibenbad; aber vielleicht schon morgen wird man den Körper hierher bringen, um in der Untersuchungssache gegen den Müller Kellermann – – –« »Kellermann!« rief sie aus. »Ein Müller! Ists Derjenige, welcher mit dem Silberbauer in der Gegend von Slatina war?« »Derselbe.« »Der befindet sich in Untersuchung?« »Ja; ich komme soeben von ihm und war dabei, als er gefangen genommen wurde.« »Gott sei Dank! Endlich, endlich beginnen meine Wünsche sich zu erfüllen! Nach diesen Menschen habe ich gesucht lange, lange Jahre, und stets vergeblich. Hat er denn hier auch Verbrechen begangen? Denn wegen seiner in der Walachei verübten Thaten wird man ihn hier doch wohl nicht festgenommen haben.« »Wegen derselben auch. Aber er hat auch hier gemordet, nämlich die Südana.« »Ihre Amme?« »Ja. Ich selbst habe es gesehen.« »So hat sie ihn gesucht, ganz so wie ich, und ihn zu ihrem Verderben gefunden. Möge ihn die Strafe so hart treffen, wie er sie verdient. Nachsicht gegen diesen Menschen wäre eine Sünde, wie es kaum eine so große sonst noch geben kann. Auch ich bin bereit, gegen ihn zu zeugen. Ich werde gleich morgen nach Scheibenbad gehen, um mich beim dortigen Gericht zu melden.« »Das haben Sie nicht nöthig. Er wird morgen hierher transportirt, weil die Untersuchung von unserer Behörde geführt werden soll.« »Desto besser. Wie entsetzt wird er sein, wenn er mich erblickt, welche er längst verschollen oder gar todt wähnt! Er wird grad so entsetzt sein, wie der Silberbauer, welcher vor Schreck über mein Erscheinen in das Mühlenrad gestürzt ist.« »Der Sepp hat mir davon erzählt. Wie schade, daß es diesem Menschen gelungen ist, zu entkommen!« »Uns ist er entkommen. Vor Gottes Auge und Gottes Hand aber vermag er nicht zu entfliehen. Beide werden ihn finden, ja sie haben ihn vielleicht bereits gefunden. Bei den Verletzungen, die er davongetragen hat, ist es geradezu unmöglich, daß er das Leben eines Flüchtlings zu führen vermag. Vielleicht ist er bereits hinter irgend einem Busch oder an einem anderen einsamen Ort zusammengebrochen, wo er unter Fiebergluth mit dem Tode ringt. Horch! Es kommt Jemand. Das ist mein Mann. Ich kenne ihn am Schritte.« Sie hatte Recht; der Finkenheiner trat ein. Noch unter der Thür rief er in frohlockendem Tone: »Anna, weißt, was passirt ist?« »Nein!« »Sie haben ihn.« »Wen?« »Den – ah, da ist ein Besuch? Den kenn ich gar nicht. Willkommen auch!« Er streckte dem Fex seine eine Hand entgegen. Dieser ergriff sie, schüttelte sie herzlich und antwortete: »Danke sehr! Ich habe bereits so viel Gutes von dem Finkenheiner gehört, daß ich mich aufrichtig und recht herzlich freue, Sie endlich einmal kennen zu lernen.« »So? Wer hat sich denn da den unnützigen Spaß macht, von mir ein Aufhebens zu machen, woran gar keine Wahrheit ist?« »Der Wurzelsepp.« »Ja der! Der ist mein Spezial, und sein Maulwerk geht den ganzen Tag wie bei einer alten Jungfrauen die Kaffeemühlen. Wer weiß, was er Ihnen verzählt hat. Aber darf ich wohl auch derfahren, wer Sie sind?« »Ja, das darfst erfahren,« antwortete seine Frau an des Fex Stelle; »aberst von mir sollsts hören. Denk Dir nur mal, das ist der junge Herr Baron von Gulijan.« »Bist des Teuxels?« »Nein.« »Bei demt dient hast in dera Walacheien?« »Ja.« »Aberst dera junge Baronen ist ja verloren gangen!« »Jetzund nun hat er sich wiederfunden. Er wills zwar selberst nicht ganz glauben, daß ers ist, aber wir wollen die Beweisen schon recht hübsch zusammenkriegen. Auch den Kellermann Müller haben wir nun endlich funden, und wann der Silberbauer noch entdeckt werden könnt, so wäre das – – –« »Halloh!« rief der Heiner. »Was hast da zu plauschen! Hast denn vorhin nicht hört, was ich sagt hab?« »Wann denn?« »Grad als ich zur Thüren hereinikommen bin.« »Nix hast sagt, gar nix.« »Oho! Ich habs grad laut genug gerufen.« »Rufen wollen hasts, aberst als Du hier den jungen Herrn verblickt hast, da ists Dir gleich im Maul stecken blieben.« »Ach so; ja, das ist wahr. Aberst die Hauptsach hab ich doch herausgeschreit, nämlich daß sie ihn haben.« »Doch nicht etwan gar den Silberbauern?« »Natürlich den und keinen Andern.« »Hallelujah! Jetzt ist auch dieser Wünschen noch derfüllt. Wer hätt dacht, daß es so schnell geschehen thät, nachdem ich ihn erst kurz zuvor aussprochen g'habt. Aberst wo hat er denn steckt?« »Droben in dera Felsenhöhlen.« »Und wer hat ihn derwischt?« »Wer? Auch das brauchst nicht zu fragen, denn die Antworten versteht sich ganz von selberst. Seit der da ist, so ists ein ganz ander Leben worden, Sonnenschein anstatt Regen, Segen statt Fluch und Sattheit an Stelle von Hunger und Durst.« »Meinst wohl den Herrn Lehrern?« »Freilich. Was der einmal will, das thut er auch, und was er anfaßt, das hat Sinn, Verstand und Schick. Er ist mit dem jungen Sandau aus Eichenfeld im Wald gewest, wo sie ihn haben schreien hört. Da haben sie den Eschenbauern mit seinem Wagen holt und den Silberbauern aufiladen. Nun liegt er wieder in seiner Kammer, und soeben ist dera Doctor von ihm fort, und zwei Wächter sitzen bei ihm, denn er hat das Wundfieber und kann gar leicht ausbrechen wollen.« Die Nachricht, welche der Heiner gebracht hatte, hatte ihn so sehr in Beschlag genommen gehabt, daß er eigentlich gar nicht darüber nachgedacht hatte, daß es beinahe ein Wunder sei, den verschollenen Baron von Gulijan bei sich zu sehen. Und als nun jetzt dieser Gedanke bei ihm in's Bewußtsein trat, war es zu spät, denn der Fex hatte bereits den Hut ergriffen und fragte: »Bitte, gehen Sie heut zeitig zur Ruhe?« »Nein, heut wohl nicht. Warum fragens?« »Weil ich gar zu gern noch mehr mit Ihnen sprechen möchte und doch jetzt für einige Zeit fort muß.« »So kommens nur getrost wieder! Wir werden gar gern warten.« »Schön. Wie geht man, um nach dem Silberhofe zu kommen?« »Dahin wollens wohl gar?« »Ja, ich muß den Silberbauer einmal sehen und dann sogleich seinetwegen ein Telegramm absenden.« »So werd ich Sie lieber führen. Das ist gar viel besser, als wann ich Ihnen den Weg beschreiben thue, und Sie finden ihn in dera Dunkelheiten dennerst nicht.« »Ja, führ den Herrn,« stimmte seine Frau bei. »Und auch einen Boten zum Telegraphen mußt ihm versorgen. Sodann aber bringst mir ihn ja wiederum mit her. Es sind gar sehr wichtige Dingen, die wir mitsammen zu besprechen haben. Ich wollt, ich könnt dabei sein, wann dera Silberbauern ihn derblickt. Ich möcht wetten, daß es diesem grad so gehen wird wie mir: er wird ihn für den Herrn Baronen Samo von Gulijan halten. Das ist heut ein gar großer Tag, ein Tag, den ich so bald nicht wieder vergessen werd. Wer weiß, was da Alles noch passiren kann! Denn wann dera Herrgott einmal seine Thaten geschehen läßt, so kommt gleich gar viel zusammen. Also geht nun jetzt, und laßt mich nicht gar zu lange auf Euch warten!« Die beiden Männer verließen die Flachsbreche und begaben sich nach dem Silbergute, vor dessen Einfahrt noch immer verschiedene Leute standen, welche neugierig waren, zu erfahren, was heut vielleicht noch geschehen werde. »Dera Finkenheiner mit einem Fremden!« hörte man sie sagen. »Wer mag das sein?« In dieser abgelegenen Gegend war das Erscheinen eines Unbekannten eben eine Seltenheit, zumal so spät am Abende und das man mit einem solchen Ereignisse sofort in nähere Beziehung brachte. In dem Hause war es ungewöhnlich still, gar nicht wie früher, als die lauten, befehlenden Stimmen des Silberbauers und seines Sohnes das Gesinde immer außer Athem gehalten hatte. Es hatte sich der Dienstboten ein heilsamer Schreck bemächtigt. Sie verrichteten ihre Arbeiten jetzt in möglichster Ruhe, gar nicht mit der lauten, polternden Hast wie früher. Das hatte seinen Grund nichts nur in dem wohlverdienten Schicksale, welches über ihren Herrn hereingebrochen war, sondern auch in dem Umstände, daß sich der Balzerbauer jetzt hier befand und die Leitung des Gutes übernommen hatte. Vielleicht war es ein Wagniß zu nennen, daß der Assessor einen Menschen, der bisher für einen Wahnsinnigen gehalten worden war, die Aufsicht über die Bewirthschaftung eines so großen Heimwesens anvertraut hatte. Aber einestheils hatte er dies nur nach einer eingehenden Besprechung mit dem Medicinalrathe gethan, und anderntheils war es ihm eine wirkliche Herzensangelegenheit gewesen, den armen Feuerbalzer, welcher durch den Silberbauer so viel gelitten hatte, diese Genugthuung zu verschaffen. Und eine große Genugthuung war es freilich, ganz besonders für die Feuerbalzerin, die alte Frau, welche so lange Jahre hindurch gehungert und gekümmert hatte und wegen ihrer großen Armuth von den Leuten verachtet worden war. Sie fühlte sich jetzt wieder als eine Frau, welche ein gewichtiges Wort zu reden hatte. Da sie mehr als arm an Kleidern war, so hatte sie sich einstweilen aus dem Vorrath, welchen Martha zurückgelassen hatte, einiges für sich Passende ausgesucht. Nun konnte sie sich auch in dieser Beziehung sehen lassen, und – – sie ließ sich sehen. Mit dem großen Schlüsselbunde am Schürzenbande ging sie durch alle Räume, um das Reich, dessen Negierung ihr nun anvertraut worden war, kennen zu lernen, und wehe der Magd, welche sich bei irgend einer Ungehörigkeit ertappen ließ! Die Alte nahm sich der Wirtschaft mit einem Eifer und einer Pflichttreue an, als ob der Silberhof jetzt ihr Eigenthum sei. »Und wer kanns wissen, wie es noch wird!« sagte sie zu ihrem Sohne. »Dera Silberbauer hat uns Alles nommen; er muß es uns nun auch wiedergeben. Und woher sollen wirs erhalten? Doch vom Silberhof! Vielleichten kommts gar noch so weit, daß dera verruckte Feuerbalzer ein Silberbauern wird. Es giebt einen Herrgott und eine Gerechtigkeiten. Und nachdem wir so viel und auch so lang gelitten haben, kann man es uns gönnen, daß es uns nun auch wiederum mal wohl gehen mag.« Als der Fex mit dem Finkenheiner oben in die Schlafstube trat, in welcher der Silberbauer lag, befand sich der Lehrer da und mit ihm noch einige Männer, denen die Bewachung des Fieberkranken anvertraut war. Dieser Letztere hielt die Augen geschlossen, als ob er schlafe, doch befand sich sein Geist nicht in einem Zustande der Ruhe. Die Lippen bewegten sich unaufhörlich, und ein leises Flüstern und Murmeln deutete an, daß er sich trotz seiner äußeren Bewegungslosigkeit innerlich mit allerhand Phantastereien beschäftige. Der Lehrer gab den Eintretenden einen Wink, ruhig zu sein; deshalb sagte der Finkenheiner leise zu ihm, auf Fex deutend: »Wer mag dieser wohl sein?« Der Lehrer warf einen prüfenden Blick auf den Fex und antwortete lächelnd: »Ich weiß es nicht, deshalb muß ich Sie bitten, mir seinen Namen zu nennen.« »Es ist dera Fex, von dems wohl bereits gehört haben.« »Ah, das ist eine Ueberraschung, obgleich ich weiß, daß der Herr Assessor nach München hat telegraphiren lassen, um ihn für heut nach Scheibenbad zu rufen. Willkommen, Herr – Herr – – ja, wie habe ich Sie denn eigentlich zu nennen?« wandte der Lehrer sich an Fex. Er reichte, indem er diese Frage aussprach, dem angehenden Violinvirtuosen die Hand, welche dieser lebhaft schüttelte. »Der Heiner hat ja soeben meinen Namen genannt,« antwortete der Fex. »Aber Sie müssen doch einen andern haben. Sie können doch unmöglich Fex heißen!« »Bevor ich das Recht erlangt habe, meinen wirklichen Namen zu führen, mögen Sie mich immerhin so nennen. Ich bin an ihn gewöhnt, und darum hat er nichts Fremdartiges oder wohl gar Unangenehmes für mich.« »Ja,« meinte der Heiner, indem er eine sehr bedeutungsvolle Miene zeigte, »wanns seinen wirklichen Namen wüßten, Herr Lehrern, da thätens sich wohl gar gewaltig verwundern. Er ist nämlich – –« »Pst!« unterbrach ihn der Fex. »Davon wollen wir jetzt nicht sprechen.« »Warum nicht? Sie sind dera junge Herr Baronen, und da wird man es doch wohl auch sagen dürfen.« »Noch fehlen die Beweise.« »Oho! Die werden mir bald zusammensuchen. Und ich hab halt die Meinung, daß Fex nicht so schön klingt wie gnädiger Herr, junger Baronen.« »Baron?« fragte der Lehrer. »Ich habe eine Ahnung, welchen Namen Sie meinen. Der Wurzelsepp hat mir einige Andeutungen gegeben. Ich kenne Sie bereits sehr gut, wenn auch noch nicht persönlich aber doch vom Hörensagen, und es sollte mich von ganzem Herzen freuen, wenn Sie sehr bald die Berechtigung erhielten, den Namen zu führen, auf den Sie ein heiliges Anrecht haben. Da Sie hier in Hohenwald sind, vermuthe ich, daß der Herr Assessor auch mit angekommen ist. Warum ist er nicht zu sehen?« »Er wird erst morgen zurückkehren und hat mich vorausgesandt, damit ich mich einstweilen über die hiesigen Verhältnisse orientiren möge.« »Das ist recht. Ich stelle mich Ihnen zur Verfügung. Wie ist es in der Thalmühle gegangen?« »Der Müller ist gefangen und wird morgen hier eingeliefert werden. Der Assessor beauftragte mich, ihm zu telegraphiren, wenn sich hier etwas Wichtiges ereignet haben sollte, und da ich hörte, daß es gelungen sei, den – – –« »Den Silberbauer zu ergreifen,« fiel der Lehrer ein, »so müssen wir natürlich sofort eine Depesche absenden. Das versteht sich ganz von selbst, und ich werde das besorgen. Sie kamen, um den Silberbauer zu sehen? Kennen Sie ihn vielleicht bereits?« »Ich habe ihn bereits einmal in der Thalmühle gesehen, aber so flüchtig, daß ich mich nicht mehr auf sein Gesicht besinnen kann. Jetzt weiß ich, daß ich mit diesem Menschen eine ganz bedeutende Rechnung auszugleichen habe, und will mir sein Gesicht doch einmal genau betrachten.« Er trat zu dem Bette. Da lag der Mann, der ihn im Vereine mit dem Thalmüller um Alles, Alles gebracht hatte! Es waren eigenartige Gefühle, welche bei dem Anblicke des Verbrechers den Fex bewegten. Er beugte sich tiefer und tiefer zu dem Silberbauer nieder, um zu sehen, ob vielleicht ein Wort des im Fieber Flüsternden deutlich zu verstehen sei. Und wirklich, da hörte er: »Still! Still! Das darf nimmer verrathen werden. Was? Was sagst? Ich war es gewest? Ich?« Einem augenblicklichen Impulse folgend, hielt der Fex seinen Mund nahe an das Ohr des Phantasirenden und sagte: »Ja, Du bists gewest. Du und kein Anderer.« Der Kranke öffnete die Augen nicht; auch seine Lippen bewegten sich nicht; aber sein Gesicht nahm einen Ausdruck an, als ob er nachdenke, als ob er auf Etwas lausche. Dann fragte er, nicht mehr im Flüstertone, sondern so laut, daß die Anwesenden es alle hören konnten: »Wer spricht denn da? Das ist wieder eine andere Stimme. Sag werst bist?« »Kennst mich denn nicht?« »Dich? Ja, wann ich Dich doch sehen könnt! Wo bist denn eigentlich?« »Hier. Schau nur her!« Wieder vergingen einige Secunden. Der Silberbauer zog die Brauen empor. Er horchte; das war ihm anzusehen. Dann antwortete er: »Ich schau ja hin, aberst sehen kann ich Dich nicht. Warum versteckst Dich denn? Hast wohl eine Angst vor mir?« »O nein, sondern Du mußt Dich vor mir fürchten!« »Ich? Vor Dir? Das ist nicht wahr. Dera Silberbauern fürchtet sich vor keinem Menschen. Er schlägt Den todt, der ihm was thun will. Darum nimm Dich wohl in Acht vor mir! Bist Du etwa Einer aus Hohenwald?« »Nein.« »Das ist gut. Die suchen mich. Die wollen mich fangen. Aberst ich geh zum Thalmüllern; der versteckt mich und giebt mir Geld, daß ich weiterkommen kann. Oder bist wo anderst her? Kennst mich denn?« »Ja, Dich und alle Deine Verbrechen.« »Das ist nicht wahr. Meine Verbrechen? Was ich than hab, das weiß kein Mensch. Und diejenigen, die es wissen, die sind nicht da. Also sag, woher Du bist!« »Aus Slatina.« Die Wirkung, welche dieses Wort hervorbrachte, war eine außerordentliche. Sein Mund öffnete sich weit und seine Augen auch. Aber sein Blick war stier und ausdruckslos. Es war klar, daß er trotz der geöffneten Augen gar nichts sah. Aber auf seinem Gesichte lag der Ausdruck eines großen Schreckes, den man fast Entsetzen nennen konnte. »Vorsicht, Vorsicht!« flüsterte der Lehrer dem Fex warnend zu. »Es wird ihm nichts schaden,« meinte der Letztere leise. »Vielleicht entlocke ich ihm ein Geständniß, eins seiner Geheimnisse.« »Oder regen Sie ihn so auf, daß er zu toben beginnt. Das müssen wir vermeiden.« »Pah, ich werde es doch wagen. Warum soll ich zarte Rücksicht auf die Gesundheit eines solchen Menschen nehmen.« Der Lehrer wollte noch eine warnende Bemerkung machen, aber er kam nicht dazu, denn jetzt löste sich der starre Schreck von den Zügen des Silberbauers, und er sagte in der hastigen Art und Weise wie man in der Angst Jemandem Etwas zuraunt: »Pst, pst! Sprich leise, ganz leise! Von dort darf Niemand was derfahren. Also in Slatina bist bekannt?« »Ich bin dort zu Haus.« »Kennst auch die Mühlen dort?« »Ja.« »Und auch die beiden Müllern damals?« »Ganz genau.« »Wie habens denn geheißen?« »Claus und Kellermann.« »Himmelsakra! Ja, Du weißt die Namen, aberst weißt Du nix, gar nix!« »O, ich weiß Alles.« »Nein, nein, nein!« Das erste ›Nein‹ sprach er leise, das zweite lauter, und das dritte rief er förmlich aus. Dann murmelte er heimlich vor sich hin und fragte schließlich wieder vernehmlich: »Hast auch den Baronen kannt?« »Grad so gut wie Du.« »Und auch seine Frauen?« »Ja.« »Eine schöne Frauen, eine sehr schöne, nicht wahr?« »Hat sie Dir denn gefallen?« »Gefallen? Was fragst so albern. Ich bin ganz verruckt gewest in sie, ganz wahnsinnig verliebt. Warst etwan dabei, als ichs ihr sagt hab?« »Nein.« »Das ist gut, denn was sie mir antwortet hat, das darf Keiner wissen. Einen Mördern hat sie mich nannt; denk Dir, einen Mördern! Und ich bins doch nicht allein gewest.« »Sondern der Thalmüller auch?« »Ja. Und wann Zwei was mitsammen than haben, so ist doch nicht einer allein schuld daran. Ich hab vor ihr kniet. Hasts sehen?« »Nein.« »Das ist gut, denn sie hat mich anspuckt, und nachhero, als ich aufisprungen bin, um sie anzufassen und zu umarmen, da hat sie mich mit dera Faust ins Gesichten schlagen und dann laut um Hilf geruft. Und da ist die Anna kommen, die Anna. Kennst sie?« »Nein.« »Dem Finkenheiner sein Weib. Da hab ich fliehen mußt, damit sie mich nicht sehen sollt. Aberst die Rach ist nachhero gleich kommen. Hast vielleichten sehen, wie lieb sie ihren Buben hat?« »Nein, gar nicht.« »Das ist schade, jammerschade. Wannsts sehen hättest, so könntst auch wissen, welch ein Jammer es nachhero war, als dera Bub dann so plötzlich verschwunden war. Das war die Rach. Und sodann unten am Fluß, als sie mich da traf. Hasts vielleicht sehen, wie sie da vor mir niederkniet ist?« »Nein, ich war nicht dabei.« »Ja, da hat sie vor mir kniet, wie ich erst vor ihr, und mich himmelhoch beten, ihr doch den Buben wieder zu geben.« »Hat sie es denn gewußt, daß Du es gewesen warst?« »Wußt hat sie es, und denken hat sie sichs konnt; aberst mir was zu beweisen, das war ihr nicht möglich. O, dera Silberbauern ist ein gar kluger Mann gewest! Und noch heut ist er so gescheidt, das kein Mensch was mit ihm anfangen kann! Hättst sie hören sollen, wie sie wimmert und jammert hat. Alles soll vergeben und vergessen sein, und kein Mensch soll was derfahren, wann ich ihr nur den Buben wiedergeb.« »Warum hasts nicht gethan?« »Werd mich wohl hüten! Was hätt ich davon? Gar nix, gar nix! Und Geld hat sie mir geben wollt, viel Geld, sehr viel. Ich hab gar nicht wüßt, daß sie so viel hat. Sie hat mirs selbst sagt, daß gestern welches ankommen ist und bei ihr liegt in dera Schlafstuben. Ich solls haben. Alles, Alles; nur den Buben, den Curty soll ich ihr wiedergeben. War das nicht dumm von ihr; ganz dumm?« »Warum?« »Weil wir uns das Geld doch holt haben, und sie hat den Buben nicht bekommen. Ich hätt ihn ihr auch gar nicht geben können, denn ich hab ja nicht wüßt, wohin dera Barko, der Zigeunern mit ihm ist. Und nachhero das schöne Feuer. Wie hats knistert und brannt, und wie ists emporstiegen, himmelhoch! Und kein Mensch hats wußt, wie es entstanden ist. Und die Baronin hat sich wehrt wie eine Katz und mir das Gesicht zerkrallt und um Hilf gerufen. Da ist die Anna an die Thür kommen und hat fragt, was es ist und ob sie hereinkommen soll. Und ich hab eine Frauenstimmen nachgeahmt und ihr mit ›Nein‹ antwortet. Und sie hätt auch nicht herein könnt, denn wir hatten die Thür von innen verschlossen; ich und dera Thalmüllern. Und die Baronin hat weiter nicht rufen könnt, denn wir hatten sie anbunden und ihr ein Tuch in den Mund steckt. Dann, als wir das Geld durchs Fenster schafft hatten, haben wir das Bett anbrannt. Was sie da für Augen macht hat, so voller Angst und Entsetzen! O, es ist gar schön, so eine Rach, wann Einen Eine anspuckt hat und nix von Einem wissen will, weil man nur ein Müllern ist, und sie eine reiche und vornehme Baronin! Kannst Du Dir so eine Rach denken?« Der Fex vermochte nicht zu antworten. Er zitterte vor Entsetzen und klammerte sich an das Bett, um nicht umzusinken. Seine Brust athmete schwer. Er befand sich in einer Aufregung wie noch niemals in seinem ganzen Leben. Also eines solchen Todes war seine Mutter gestorben! Welch ein schreckliches Ende! Gefesselt war sie worden, und dann hatte man Feuer angelegt. Verbrannt, bei lebendigem Leibe verbrannt! Er hätte gradauf schreien mögen vor Entsetzen, und doch war es grad dieses Entsetzen, welches ihm die Sprache raubte. Auch die anderen Anwesenden waren auf das Tiefste ergriffen von Dem, was sie gehört hatten. Eines solchen Verbrechens hatte doch Keiner den Silberbauer für fähig gehalten. Dieser aber lag bewegungslos in seinem Bette, lächelte befriedigt vor sich hin und hielt das eine Ohr aufwärts, als ob er eine Antwort erwarte. Und als keine erfolgte, fuhr er fort: »Aberst nachhero hab ich derfahren, wo dera Bub sich befindet. Weißt vielleicht auch?« Der Fex antwortete nicht. Darum phantasirte der Bauer weiter: »Ja, Du sagst nix, weilst nix weißt. Ich aber kanns Dir sagen, wannsts nicht verrathen willst. Drunten beim Thalmüllern ist er. Dera Fex ist der Baronen Curty. Aberst er wird es niemals wissen. Er ist dera Fex und bleibt dera Fex. Das ist auch ein Theil von meiner Rach. Was – was – was schreist?« Jetzt endlich löste sich das Entsetzen des jungen Mannes von der beklemmten Brust. Er stieß einen lauten, unarticulirten Schrei aus, einen Schrei, als ob er sich in Lebensgefahr befinde. Dieser Schrei bewirkte, daß der Bauer aus seinem Phantasiren erwachte. Er kam zu sich und öffnete die Augen. Sein jetzt selbst bewußter Blick fiel auf den Fex, welcher noch immer vornüber gebeugt am Bette stand. Sofort nahmen seine Züge einen ganz anderen Ausdruck an. »Tausend Teufel!« rief er laut aus. »Mörder! Elender Mörder!« schrie der Fex. »Der Baron! Der Baron! Er lebt!« erklang es fast wimmernd aus dem Munde des Silberbauern. »Du hast sie ermordet, verbrannt! Du bist ein Teufel, ein Satan!« »Nein, er lebt nicht; er ist ja todt! Es ist sein Geist, sein Geist! Hu – hu – hu!« Er brüllte wie in entsetzlicher Todesangst auf und versuchte, aus dem Bette zu springen. Da er angebunden war, gelang es ihm aber nicht. »Fort, fort!« zitterte er. »Ich sterbe! Ich ersticke!« Er bäumte sich mit aller Macht unter seinen Banden auf; dann fiel er zurück. Seine Glieder streckten sich, und sein Gesicht nahm den Ausdruck des Todes an. Dann lag er still. »Er stirbt, er stirbt!« rief der Lehrer, schnell an das Bett tretend. »Mag er sterben!« antwortete! der Fex, vor Grimm die Fäuste ballend. Sein Tod ist schnell und leicht; er hat einen anderen verdient. Mag der ewige Richter dort oben nach seiner Gerechtigkeit mit ihm verfahren!« Achtes Capitel. Zweimal gerettet. Ueber den Bergen drüben, auf böhmischer Seite, liegt das Dorf Slowitz zwischen den Ausläufern des Gebirges. Meist aus kleinen, armen Häuslerswohnungen bestehend, besitzt es nur drei Bauerngüter, deren größtes dem reichen Kery gehört, mit welchem sich an Wohlstand in der Umgegend Keiner zu messen vermag. So reich er ist, so geizig und hartherzig ist er auch. Er kennt nur ein Vergnügen – sein Geld zu zählen, und er hat nur eine Leidenschaft, der er aber nur heimlich fröhnt – das Spiel. Wenn er hinein nach Pilsen kommt, so giebt es in dem Einkehrhause, vor welchem er auszuspannen pflegt, ein kleines Hinterzimmerchen, in welchem er nach dem Essen seine Cumpane erwartet. Dann gehen die Karten herüber und hinüber, und die Guldenzettel wechseln ihre Besitzer. Daß er aber auch daheim in seinem Dorfe heimlich spielt, das wissen nur Wenige, und diese verrathen es nicht. In seinem Hause ist er ein Tyrann. Sein Weib, eine stille, harmlose Frau, der man es ansieht, daß sie ein hübsches Mädchen gewesen sein muß, hat keinen Willen. Ebenso tyrannisirt er auch seine Tochter Gisela, nur daß diese dies nicht so ruhig über sich ergehen läßt wie ihre Mutter. Körperlich und auch geistig ist sie das echte Kind ihrer Eltern. Ihr Vater ist vor Jahren ein gar stattlicher Bursch gewesen. Die kräftige Gestalt hat sie von ihm, die weibliche Schönheit von ihrer Mutter. Und wenn sie von der Letzteren das tiefe Gemüth geerbt hat, so bekam sie dazu vom Vater ein gut Theil Energie und Characterstärke. Freilich hat sie bisher noch keine Gelegenheit gehabt, dieselbe dem Vater gegenüber in einer Weise zu zeigen, daß er gemerkt hätte, wie sehr sie seine Tochter sei. Es war Sonntag. Die Bewohner des Dorfes waren aus der Kirche zurückgekehrt, und überall in den Häusern setzte man sich zu Tische. So auch beim Bauer Kery. Bei ihm durfte das Gesinde nicht mit der Herrschaft essen. Für die Dienstboten stand in der hinteren Ecke ein besonderer Tisch, und für sie wurde auch besonders gekocht. Er hätte es für eine Schande gehalten, dasselbe Gericht vor sich zu sehen wie die Dienstleute. Schon standen Alle an ihren Plätzen, und nur der Bauer fehlte noch. Das war so seine Gepflogenheit. Er ließ auf sich warten, denn er hatte gehört, daß dies vornehm sei. Wenn er aber dann in die Stube trat und seinen Platz am Tische einnahm, so verlangte er, daß Keiner fehle. Wehe Dem oder Derjenigen, die sich eine Versäumniß zu schulden kommen ließ! Und leider war dies heut der Fall. Am Gesindetische stand ein Stuhl leer. Mutter und Tochter hatten den Herrentisch in Ordnung gebracht und erwarteten nun den Herrn des Hauses. Da bemerkte die Erstere den besorgten Blick, welchen die Letztere nach dem Gesindetische warf. »Was giebt es noch?« fragte sie. »Der Ludwig ist noch nicht da.« »Wirklich! Ist er denn noch nicht wieder heim?« »Ich weiß es nicht. Ich werde gleich einmal nachsehen.« Eben wollte sie fort; da trat der Bauer ein. Ohne Jemandem einen Blick zu gönnen, schritt er auf den Tisch zu, stellte sich an seinen Platz, faltete die Hände und gebot: »Wir wollen beten!« Alle wußten, was jetzt kommen werde. Er pflegte erst nach der Aufforderung zum Gebete sich zu überzeugen, daß Alle anwesend seien. So auch jetzt. Er musterte mit einem schnellen Blicke den Gesindetisch und rief, anstatt das Gebet zu beginnen: »Donnerwetter! Wo bleibt der Ludwig?« Niemand antwortete. »Nun! Habt Ihr keine Mäuler oder keine Ohren? Ich frage, wo der Ludwig bleibt!« In diesem Augenblicke hörte man das Räderrollen eines Wagens, welcher in den Hof einfuhr. »Da kommt er erst,« sagte eine der Mägde, welche couragirt genug war, das Schweigen zu brechen. »Erst jetzt also!« zürnte der Bauer. »Er hätte schon vor einer Stunde hier sein sollen. Nun hat er erst die Pferde zu versorgen. Es wird gegessen und wenn nichts übrig bleibt, so kann er nichts bekommen. Wollen beten!« Die Hände wurden abermals gefaltet und dann recitirte er in leierndem Tone, dem man es anmerkte, daß er sich bei den Worten eigentlich gar nichts dachte: »Wir danken Gott für seine Gaben, Die wir von ihm empfangen haben, Und bitten unsern lieben Herrn, Er wolle uns hinfort mehr bescheer'n.                         Amen.« »Gesegnete Mahlzeit!« erklangen die Stimmen der Knechte und Mägde im Baß, Tenor, Alt und Discant. Dann hörte man nichts mehr als das Klappern der Teller und das Klirren der Messer, Gabeln und Löffel. Es wurde während des Essens kein Wort gesprochen. Höchstens durfte man einmal ein heimliches Flüstern wagen; aber auch das war gefährlich, denn die Augen des Bauern waren scharf und er sah es als eine Mißachtung seiner Autorität, ja fast als eine Beleidigung an, wenn Jemand beim Essen zu reden wagte. Die Gesindepersonen warfen verstohlene Blicke nach dem Fenster, welches in den Hof führte. Sie waren um den Knecht besorgt, welcher sich verspätet hatte. Die Bäuerin schien gleichgiltig zu sein, aber die Tochter konnte eine gewisse Unruhe nicht ganz bemeistern. Sie aß, als ob es ihr nicht schmecke. Ihr Gesicht war noch etwas mehr geröthet als gewöhnlich und ihr Blick hing mit bangem Ausdrucke an der Thür. Da wurde dieselbe geöffnet, aber nicht der säumige Knecht trat ein, sondern eine ältliche Frau. Sie war ärmlich, aber sehr sauber gekleidet und von hoher Gestalt, die jedoch gebeugt erschien, weniger vom Alter, als vielmehr von der Noth und Sorge des Lebens. »Grüß Gott die Herrschaft, und gesegnete Mahlzeit!« sagte sie. »Grüß Gott!« dankten Mutter und Tochter, freilich in gedämpftem Tone. Vom Gesinde wagte Niemand den Gruß zu erwidern. »Was braucht Ihr zu antworten!« fuhr der Bauer auf. »Ihr wißt, daß ich das beim Essen nicht leiden mag. Guckt in die Schüssel und haltet die Mäuler!« Die Frau blieb an der Thür stehen und Niemand wagte es, sie zum Sitzen einzuladen. Sie blickte nach dem Gesindetische hin und da nahm ihr bleiches, hageres Gesicht den Ausdruck der Besorgniß an. Der Bauer aß sehr schnell. War er fertig, so pflegte er den Löffel so laut wegzulegen, daß Alle es hörten. Das war eine Aufforderung, sich nun zu beeilen. Zuweilen kam es vor, daß er dann ein Wort sprach oder irgend eine Bemerkung machte. So auch heute. Er drehte sich nach der Frau herum und fragte: »Was will Sie denn schon wieder?« »Ich will zu meinem Ludwig,« antwortete sie in bescheidenem Tone. »Der ist nicht da, wie Sie sieht.« »Wo ist er denn?« »Das weiß der Teufel! Wenn das öfters vorkommt, so jage ich ihn fort.« »Das werden Sie nicht thun, Herr Kery!« rief die Frau erschrocken. Sie war nämlich die Mutter des säumigen Knechtes. »Natürlich werde ich es thun! Oder meint Sie etwa, daß ich keinen anderen Knecht bekomme?« »Ich habe geglaubt, daß Sie zufrieden mit ihm sind!« »Seine Sache macht er gut, das ist richtig. Da könnten sich die Anderen ein Beispiel an ihm nehmen. Aber er hat einige Mucken, die ich ganz und gar nicht vertragen kann.« »Sie erschrecken, mich, Herr Kery!« »Ja, Sie hat auch Veranlassung zum Erschrecken, denn Sie trägt auch die Schuld!« »Aber ich weiß von nichts.« »So! Das sagt Sie mir auch noch? Ich möchte wetten, daß ich sagen kann, weshalb Sie heut wieder kommt!« Die Frau senkte die Augen. »Nun, da hat mans! Sie kann mich ja schon nicht grad ansehen. Sie war erst vor vierzehn Tagen hier. Was hat Sie denn heute schon wieder da zu schaffen?« »Ich – ich – ich habe mit dem Ludwig zu reden.« »Von was denn?« »Von von – ich wollte –« Sie stockte. »Geld!« fiel er ein. »Nicht wahr, er soll schon wieder Geld schaffen?« Der strenge Ton, in welchem er das sagte, ermuthigte sie keineswegs, ihm eine offene Antwort zu geben. »Nun, kann Sie etwa nicht reden?« »Ja, ich brauche etwas,« preßte sie hervor. »So, so! Also habe ich es errathen. Ich möchte nur wissen, wozu Sie so oft Geld braucht!« »Das letzte Mal war es für Abgaben; heute ist es für Zins.« »Und wofür wird es morgen sein? Denn es wird gar nicht lange dauern, so ist Sie schon wieder da. Sie ist der Blutegel, der sich an Ihren Sohn hängt und ihn aussaugt, so lange es Etwas zu saugen giebt. Und er ist auch so dumm, Ihr Alles zu geben, jeden Kreuzer seines sauer erworbenen Lohnes. Das ist die eine Mucke von ihm, die ich nicht leiden kann. Wozu soll das führen! Bei mir muß ein Knecht tüchtig arbeiten, aber er bekommt auch einen tüchtigen Lohn. Da verlange ich Sparsamkeit, daß es die Kerls zu Etwas bringen. Schau Sie dorthin an den Tisch. Sie alle, die dort sitzen, haben ihren Lohn bei mir stehen. Ihr Sohn aber hat kein Guthaben. Er hat sich Alles geben lassen, und Sie trägt es heim. Wozu? Für Zins und Abgaben? Das mache Sie mir nicht weiß. Sie lebt wohl gern ein Bischen gut. Und da Sie nicht viel verdient, so muß der Sohn herhalten. So wird es sein!« Der Frau traten die Thränen in die Augen. Sie konnte oder mochte auf diese Anklage keine Antwort geben. »Vater!« sagte Gisela leise in bittendem Tone. »Was?« fuhr er auf. »Was willst Du?« »Sei nicht so hart.« »Hart? Ich? Was verstehst Du! Schweig! Ueberhaupt verbitte ich mir jede Einrede! Ich leide es nicht, daß ein Knecht von mir einen solchen Anhang hat, durch den er zur Liederlichkeit verführt wird. Und was treibt dieser Ludwig außerdem? Bücher liest er, Bücher! Es ist zum Todtlachen oder zum Todtärgern. Er borgt sie sich. Bücher über die Landwirthschaft. Als ob er Verwalter oder Inspector werden oder gar sich selber ein Rittergut kaufen wolle. Er mag die Mistgabel in die Hand nehmen, aber kein Buch! Hat er denn daheim auch gelesen?« »Sehr viel,« antwortete die Frau. »Es ist das immer sein größtes Vergnügen gewesen.« »Vergnügen? Ich danke! Für einen jeden verständigen Mann ist das Lesen eine Anstrengung. Das muß man den geistlichen Herren und den Schulmeistern überlassen.« »Er wollte gern einer werden; aber ich war ja eine arme Wittfrau. Da mußte er dienen, bis er zum Militär kam.« »Nun, er hat es doch bis zum Unteroffizier gebracht. Warum ist er nicht bei der Uniform geblieben?« »Das weiß ich nicht. Ich habe mich auch darüber gewundert. Er hätte später eine schöne Anstellung haben können. Aber er sagt es mir nicht, warum er wieder zu Ihnen hierher gegangen ist.« »Nun, ein tüchtiger Knecht ist ein eben solcher Kerl wie ein Steueraufseher oder ein Gensdarm. Nur sparen muß er, sparen. Ihr Sohn aber bringt es zu nichts, wenn das so fort geht. Ich werde ihn einmal gehörig in's Gebet nehmen. Und dazu kommen noch andere Unzuträglichkeiten. Er wird saumselig. Heut hab ich ihn mit dem Wagen nach der Stadt geschickt. Er konnte schon um Elf hier sein, und nun hat er beim Essen gefehlt. Ich glaube gar, er hat ein Buch mitgenommen und unterwegs gelesen, wobei die Pferde eingeschlafen sind.« Er hätte vielleicht fortgefahren, aber da trat der Knecht endlich herein. Er war von hoher, kräftiger Gestalt und hatte ein ausgesprochen militärisches Aussehen. Der dunkle Bart und die schwarzen Augen standen ihm recht gut zu den gesunden, rothen Wangen. Zu verwundern war es, daß er den ziemlich schmutzigen Werktagsanzug anhatte, während die anderen Dienstpersonen ihre Sonntagshabits trugen. »Gesegnete Mahlzeit!« grüßte er, indem er nach dem Tisch hinschreiten wollte. Seine Mutter hatte sich vor Verlegenheit vorn bei der Thür eng an die Wand gedrückt, und darum hatte er sie noch nicht gesehen. »Nun!« rief ihm der Bauer in lang gezogenem Tone zu. Der Knecht blieb stehen und blickte ihn fragend an. »Woher?« »Aus der Stadt.« »Das weiß ich! Warum so spät?« »Es ging nicht rascher.« »Und im Alltagshabit!« »Ich habe das gute angehabt.« »Warum hasts sogleich wieder ausgezogen?« »Weil es schmutzig geworden war.« »Das hier ist aber noch dreckiger!« »Kann nicht dafür!« Er hatte schnell und exact geantwortet, wie er es vom Militär her gewohnt war. Jetzt wendete er sich wieder nach dem Tische, wo man ihm seine Portion übrig gelassen hatte. »Alle Teufel, bist Du kurz angebunden!« rief der Bauer. »Das ist auch eine Mucke, die ich mir verbitten muß. Schau Dich doch einmal um! Siehst Du denn nicht, daß Du Besuch hast?« Da drehte Ludwig sich um. Als er seine Mutter erblickte, heiterte sich sein ernstes Gesicht schnell auf. Er eilte auf sie zu, ergriff sie bei der Hand und rief: »Das ist recht, daßt kommst, meine liebe Mutter. Ich hab dort mein Essen stehen. Wannst einen Appetiten hast, so setzt Dich herbei und iß!« Jetzt sprach er seinen Dialect, welcher bewies, daß er von jenseits der bayrischen Grenze herstamme. »Ich dank Dir schön, Ludwig,« antwortete sie. »Es ist doch das Deinige Essen.« »Aberst ich hab gar keinen Appetiten und Hungern! Und Du hast an die drei Stunden laufen mußt. Komm nur herbei, und laß es Dir wohl schmecken!« Der Bauer hatte nicht einmal der Frau erlaubt, sich zu setzen, und jetzt wurde sie von dem Knechte gar zum Tisch geführt! »Du, hör mal, Ludwig, wer ist denn eigentlich hier Herr im Hause?« fragte Kery. »Du oder ich?« »Natürlich Sie!« »Dann bin ich es auch allein, der zu bestimmen hat, wer sich hier niedersetzen und essen soll.« »Nun ja, im Hause sind Sie der Herr, aber über meine Portion bin ich der Herr. Mit ihr kann ich machen, was ich will.« »So! Das ist Deine Ansicht aber nicht die meinige. Wenn mein Knecht nicht ißt, gehört sein Essen mir. Und wenn Du es verschenken willst, so giebt Dir das noch kein Recht, eine Person, die nicht hier herein gehört, am Tische niedersetzen zu lassen.« Ueber das Gesicht des Knechtes zuckte ein ganz kurzes, ironisches Lächeln. Er war der Einzige, der sich vor dem Bauer nicht fürchtete. Er wußte auch ganz genau, daß dieser ihn nicht gern verlieren würde, denn er arbeitete für Zwei und that auch außerdem mehr, als man eigentlich von ihm verlangen konnte. Weshalb, das wußte nur er allein. Er antwortete: »Eine Person? Wen meinen Sie?« »Deine Mutter natürlich!« »Ach so! Nun für mich ist sie keine Person, sondern meine Mutter. Und wenn ich meiner Mutter, der ich seit meiner Geburt Alles verdanke, nicht einmal mein Essen geben darf, dann suche ich mir einen andern Herrn, der das vierte Gebot genauer kennt als Sie! Komm Mutter, setz Dich her!« »Ludwig!« flüsterte sie voller Liebe und zugleich auch voller Bangigkeit. »Komm nur! Setz Dich!« antwortete er ihr, indem er sie zum Tische schob und sie liebreich auf den Stuhl niederdrückte. Alle die Andern waren erschrocken. Sie waren überzeugt, daß der Bauer jetzt ganz gewaltig losdonnern werde. Dieser war auch allerdings von seinem Sitze empor gefahren. »Was! Das sagst Du mir!« rief er. »Weißt Du nicht, daß ich Dein Herr bin!« »Aber bevor Sie mein Herr wurden, war diese Frau meine Mutter!« »Ich werde Dir kündigen!« »Mir recht. Ich kann gleich heut noch gehen. Meines Bleibens ist so wie so nicht länger hier!« »Ah! Fort willst Du?« »Ja.« »Warum?« »Ich hab auch meinen Grund.« »Was fällt Dir ein! Bekommst Du etwa nicht genug Lohn?« »Das ists nicht, was ich meine.« »Was denn?« »Reden wir nicht davon!« »Reden wir grad davon! Ich bin der Herr und will wissen, warum Du nicht länger hier bleiben willst.« »Zu was soll die Rederei nützen! Sie wollen mir doch kündigen, und da ist es ja ganz gleichgiltig, warum auch ich fort will.« »Nein, mir ist das nicht gleichgiltig. Ich verlange, daß Du es mir sagst.« »Nun gut. Ich kann den Stephan nicht leiden.« Die Andern alle hatten mit größter Spannung zugehört. Aus dem Verhalten des Bauers war zu ersehen, daß es ihm mit der Kündigung keineswegs Ernst sei. Er bekam in seinem ganzen Leben keinen so pflichttreuen Knecht wieder. Das wußte er gar wohl. Jetzt, bei der Antwort Ludwigs hätte ein aufmerksamer Beobachter sehen können, daß Gisela die Farbe wechselte. Der Bauer machte eine Bewegung des Erstaunens und fragte schnell: »Was geht Dich der Stephan an?« »Mich? Nun freilich, mich gar nichts.« »Warum erwähnst Du ihn da?« »Das werden Sie wohl wissen.« Jetzt hustete der Bauer verlegen. Er räusperte sich einige Male und erkundigte sich sodann: »Von wem hast Du es erfahren?« »Von ihm selbst.« »Wann?« »Vorhin. Unterwegs, auf der Straße.« »Kann der sein Maul nicht halten. Ich werde ihm den Kopf zurecht setzen. Ob Du bleibst oder nicht, darüber reden wir noch. Deine Mutter mag essen. Wir Andern aber sind fertig und wollen beten.« Niemand außer Ludwig hätte ihm zugetraut, daß er in dieser Weise über ein solches Zerwürfniß hinweggehen werde. Sie hatten eher geglaubt, daß er den Knecht sofort fortschicken werde. Er aber faltete seine Hände und betete grad wie vorhin: »Wir danken Gott für seine Gaben, Die wir von ihm empfangen haben, Und bitten unsern lieben Herrn, Er wolle uns hinfort mehr bescheer'n.                         Amen.« Es kümmerte den Kery-Bauer nicht, daß dieses Gebet sich nur nach beendigtem Essen eigne. Er betete es auch beim Beginne desselben. Und weshalb? Die Zeile, daß Gott noch mehr bescheeren möge, gefiel ihm ausnehmend, und darum betete er es lieber zwei- anstatt nur einmal. Nun entfernten sie sich Alle, und nur Ludwig blieb mit seiner Mutter zurück. »Daran bin ich schuld!« seufzte sie! »Laß es Dich nicht anfechten,« tröstete er. »Es ist nicht so schlimm, wie Du denkst.« »O doch! Er sprach, ehe Du kamst, von mehreren Mucken, die Du hast.« »So? Und welche sind denn das?« »Das Bücherlesen.« »Das kann er freilich nicht leiden, mir aberst ists halt das liebste Vergnügen. Wann ich da was lern, so ists mir lieber, als wann ich mich ins Wirthshaus setzen und Schnaps trinken und Karten spielen soll. Und die andera Mucken? Welche ists?« »Daßt mir immer Geld giebst.« »Ja, auch das sieht er nicht gern. Ich soll meinen Lohn bei ihm stehen lassen, der weiß es nicht, was es heißt, arm zu sein. Aberst iß nun jetzund vorerst, sonsten wird es kalt!« »Nein, das ist das Deinige. Ich nehm es nicht!« wehrte sie ab. »Ich hab aberst wirklich keinen Hungern!« »Geh, das sagst blos mir zu lieb. In den Deinigen Jahren und bei dera Deinigen schweren Arbeiten kann man an jedem Augenblicken essen. Im Alter braucht man nimmer so viel, und ich hab mir ja eine Brodrinden einisteckt.« Sie klopfte lächelnd an ihre Tasche, konnte es aber doch nicht verhüten, daß ihr Blick sehnsüchtig nach dem Teller und der Schüssel schweifte. »Eine Brodrinden von daheim etwan?« fragte Ludwig. »Von dem Selbstbackenen?« »Ja.« »Zeig mirs doch mal!« Sie zog wirklich eine harte, trockene, schwarze Brodrinde hervor. Er griff schnell darnach, nahm sie ihr aus der Hand und sagte: »Schau, wie schön das ist! Ich hab mich schon bereits lang sehnt nach einem Stückle Brod, wast selberst backen hast. Das mußt mir schenken, und ich thu mir eine gar große Güten und Deliciositäten daran. Hier liegt von unserem Brod. Das ist auch weicher und weißer und besser für Dich. Da kannst Dir ein Stuck abschneiden und mitnehmen.« »Mitnehmen? Was denkst von mir!« »Meinst, daß es ein Diebstahl sei? O nein! Von diesem Brod kann ich essen, so viel wie mir beliebt. Dazu liegts da. Und wann ich nix davon esse, so kann ichs Dir schenken. Und nun hier das Essen. Dera Bauer ist ein sehr Geiziger, doch auf ein kräftig Essen fürs Gesind, da hält er. Das muß man sagen. Das ist ein Rauchfleisch, ein Geselchtes mit dicken Maccaroninudeln. Das hast daheim nicht so oft. Also lang zu und iß. Ich nehm mir Deine Brodrind dafür.« »Meinst wirklich, das ich soll?« »Natürlich! Also greif zu!« »Aberst wann dera Bauer wiederum kommt! Ich fürcht mich so gar vor ihm.« »Ich nicht. Auch kommt er nicht wieder. Es kommt jetzund gar Niemand hereini. Die Knecht und Mägd sind im Stall; die Gisela wird hinaufi nach ihrer Stuben sein und die Bäurin schaut sich in dera Milchkammer um. Sie wissen, daß Du hier sitzest und issest, und darum kommens nicht. Sie wollen Dich nicht stören.« Wußte er wirklich so genau, wo sie Alle sich befanden? In Beziehung auf Gisela hatte er sich freilich geirrt. Er saß mit seiner Mutter an der Wand und dachte gar nicht an das kleine Fensterchen, welches grad über seinem Kopfe hinaus in die Küche führte. Dieses Fensterchen war offen, und draußen stand Gisela und konnte jedes Wort hören. Die Beiden sprachen nicht gar zu leise, da sie glaubten, ganz allein und unbeobachtet zu sein. Die arme, alte Frau begann zu essen. Man sah es ihr an, wie gut es ihr schmeckte, und ihr Sohn wußte es am Besten, daß so ein Gericht eine große Seltenheit für sie sei. Er schien überhaupt gewußt zu haben, daß und weshalb sie heut kommen werde, denn er sagte: »Ich hab mir schon denkt, daßt auf mich hast warten mußt, doch konnt ich wirklich nicht ehern kommen. Ich hatt eine Abhaltung unterwegs.« »Eine schlimme oder eine gute?« »Es war eine gute. Ich hab überhaupten erst heut früh derfahren, daß ich nach dera Stadt mußt. Sonst wär ich daheim gewest, alst kommen bist.« »Das war gut gewest, denn da hätte der Bauern mich nicht so anschnauzen konnt.« »Wars denn gar so schlimm?« »Freilich wohl. Ich bin erst in den Hof gangen und hab nach Dir sucht. Und als ich Dich da nicht sehen hab, bin ich hereini in die Stub gangen. Da hat er mir eine Predigt macht, daß ich mich hab schämen müssen vor allen Leuten.« »Das soll er bleiben lassen. Was ich mir verdien, das gehört mir. Mit diesem Geldl kann ich machen, was mir beliebt. Und auch an dera Thüren hast stehen müssen! Hat denn Niemand sagt, daßt Dich setzen sollst?« »Nein. Die Frauen oder auch die Tochtern hätts mir wohl gern derlaubt; das hab ich ihnen gar gut anschauen konnt. Sie haben sichs aber nicht traut. Er hat schon sehr darüber schimpft, daß sie mir dankten, als ich grüßt hab.« »So ist er. Aberst es ist dennoch mit ihm auszukommen. Man muß nur auch beißen, wann er die Zähnen zeigt. So ein reicher Bauer hat gar keine Ahnung davon, wie es uns armen Leutln zu Muth ist, wann die Noth vor dera Thür steht, und es ist kein Geldl da. Also den Briefen hab ich erhalten. Die Schwestern hat ihn schrieben.« »Hast ihn auch lesen? Weißt, was drinnen steht?« »Natürlich werd ich ihn lesen haben. Ich werd doch einen Briefen, den Ihr mir sendet, nicht verschlossen liegen lassen.« »Du weißt gar nicht, wie schwer mir das Herz gewest ist unterwegs. Vor vierzehn Tagen hast mir acht Gulden geben, damit ich die Steuern zahlen kann, und nun hab ich Dir abermals schreiben mußt, weil dera Jud mir keine Ruhen läßt. Er will mir die Kuh nehmen, wann ich den Zins nicht zahlen kann.« »Ich bin freilich gar sehr verschrocken, als ichs lesen hab. Ich hab doch nicht wußt, daß ihr die Kuh borgt habt. Ich hab immer denkt, daß sie umtauscht ist gegen die vorige.« »So hab ich Dir sagt, aber es ist nicht wahr gewest. Die Vorige ist uns storben. Ich hab es Dir verschwiegen, um Dir die Sorg zu ersparen. Nun aberst mußts doch derfahren. Und ich weiß gar nicht mal, obst noch ein paar Gulden hast!« Er nickte einige Male sehr ernst mit dem Kopfe vor sich hin und antwortete dann: »Ein Schweres ists für mich, freilich, aberst was ich thun kann, das thu ich gern. Schau, wir sind Drei, Du, die Schwestern und ich. Du versorgst mit dera Schwestern das kleine Heimwesen, was Euch grad so dernährt, daß Ihr nicht verhungern könnt. Ich aberst kann mich satt essen hier im Dienst. Das Häusle und das Kühle soll mal dera Schwestern gehören, wann sie einen Mann nimmt. Ich mag nix davon. Ich hab meine kräftigen Händen und kann schon was für mich schaffen. Und weil Ihr das Unglück hattet, daß die Kuh starben ist und Ihr seid dem Juden in die Hand fallen, so muß ich schon sehen, wie ich Euch heraus helfen kann.« »Das kannst leider nimmer. In seinen Händen bleiben wir doch. Denn die Kuh können wir nicht bezahlen. Wann wir nur die Zinsen zusammenbrächten.« »Was hat sie denn kostet?« »Es ist ein kleins Kühle. Fünfzig Thalern, hundertfünfzig Mark. Für uns ists ein großes Capital.« »Und wie viel Zinsen zahlt Ihr da?« »Dreißig Mark sind wir schon schuldig.« »So schnell! Der Kerl sollt eigentlich anzeigt werden. Er ist ein Wucherer und Gurgelabschneider!« »Ich wollt gar gern nix sagen, wann ich nur die Zinsen zusammenbrächt, sonst muß ich Zinseszinsen geben. Aberst dreißig Mark, die zusammenzubringen, das ist gar nimmer möglich.« »Geholfen aber muß doch werden.« »Das sagst? Du? Das klingt ja grad, als obt bereits wüßtest, woher die Hilf kommen wird!« »Freilich weiß ichs,« lächelte er. »So sags schnell! Gott, jetzund will mir das Herz leicht werden.« »Ja, meine liebe, gute Muttern, laß es Dir leicht werden. Ein Geldl hab ich schon.« »Wirklich? Wirklich?« »Ja, und zwar ein großes Geldl.« »O Himmel! Doch nicht etwan gar gleich die ganzen dreißig Mark!« »Nein, dreißig sinds nicht.« »Siehst, habs mir denkt!« »Meinst weniger? O nein, es ist mehr.« »Mehr?« fragte sie, indem sie schnell das Messer und die Gabel aus der Hand legte. »Ja, es ist mehr.« »Wie viel, wie viel?« fragte sie in fast jauchzendem Tone. »Rath es mal!« »Das kann ich nicht. Aberst woher willsts denn eigentlich haben?« »Weißts nicht, was meine Uhr kostet, die ich mir damals als Preis erschossen hab?« »Fünfzig Mark hast sagt. Aberst Ludwig, ich bitt Dich! Du hast sie doch nicht gar etwan verkauft?« »Nein, jedoch versetzt hab ich sie heut in dera Stadt. Zum Sonntag macht dera Pfandleiher eigentlich keine Geschäften, doch als ich ihm sagt hab, daß es für meine Muttern ist, so hat ers mir zu Gefallen than. Auch ein Pfandleihern kann ein Herz haben.« »Versetzt, versetzt! Die Uhr hast versetzt!« klagte sie, die Hände zusammenschlagend. »Die Uhr, auf welche Du so stolz gewest bist.« »Ich bekomm sie ja wieder!« »Nie, nie! So was ist schwer wieder zu bekommen. Versetzt ists gar bald, doch das Einlösen geht langsam.« »O, der Mann ist sehr freundlich gewest. Ich kann langsam abzahlen und brauch nur ganz wenig Zinsen zu geben.« »Aberst die Schand, die Schand! Wer da weiß, daßt eine Uhr hast, und nun ist sie fort, was wird der denken?« »Was der denkt, das ist mir gleichgiltiger als das, was dera Jud macht, wannst ihn nicht bezahlen kannst.« »Wieviel hast denn erhalten?« »Vierzig Mark.« »Vierzig – vierzig Mark! Und ich brauch gar nur dreißig!« »Nein, Du brauchst mehr.« »Dreißig, keinen Pfennig mehr.« »O doch. Willst denn dem Juden seine Zinsen noch weiter zahlen? Du mußt die Kuh kaufen. Du mußt sie bezahlen!« »Ja, das kannst leicht sagen. Aberst mit denen Zinsen sinds zusammen hundertachtzig Mark. Wo sollen die herzunehmen sein?« »Wo? Hm! Wann man ein Wenig gut nachdenken thät, so wär vielleichten gar ein Weg zu finden.« »Welcher denn? Hör mal, Ludwig, Dich kenn ich. Ich bin Deine Muttern und hab Dein Gesicht studirt. Wannst so lächelst wie grad jetzund in diesem Augenblick, so hast allemal einen großen Schelmen im Nacken sitzen. Herrgott!! Am End weißt gar bereits einen solchen Weg!« »Meinst wirklich?« »Wann wir nicht blos die Zinsen, sondern gleich das ganze Capitalen suhlen könnten, was für eine Sorgen wär ich da los! Ich lebt gleich noch mal so lang!« »Ja, meine arme Muttern, es ist Dir freilich anzuschaun, daßt Dich in letzter Zeit sehr absorgt hast. Da muß Hilf und Rath schafft werden.« »Meinst, daß es möglich ist?« »Ja, ich weiß bereits Einen, der ein Geldl für Dich hat.« »Wirklich, wirklich? Wer ists? Sags schnell, wers ist, und ob er viele Zinsen nimmt!« »Gar keine.« »So ists wohl ein sehr guter Freund von Dir?« »Nein, sondern von Dir. Er mag nicht nur keine Zinsen haben, sondern er schenkt Dir gleich das ganze Capitalen.« »Wast sagst!« rief sie im höchsten Erstaunen. »Ja, so ists.« »So sags doch endlich, wie er heißt!« »Ludwig heißt er.« »Lud – – so heißt doch Du!« »Ja, und ich bins doch auch.« »Du! Du! Du selberst hättst so ein gar großes Geldl?« »Ja, freilich!« nickte er. »Das sagst doch nur im Spaß!« »Nein, sondern im Ernst. Weißt, ich wills Dir verzählen. Kennst doch denen alten Wurzelseppen?« »Natürlich kenn ich den.« »Der hat mich zuweilen aufsucht, als ich in München beim Militär stand. Ich bin nicht gern in die Restaurationen und Tanzsälen laufen und hab lieber daheim sessen und ein gutes Buch lesen. Auch hab ich zuweilen für denen Hauptmann was schrieben, um mir ein Geldl zu verdienen. Das hat dera Sepp merkt und sich darüber freut. Er hat fragt, ob ich auch wohl Noten schreiben könnt, und ich hab sagt, noch nicht, aberst ich möchts wohl bald lernen. Da hat er mir Violinennoten bracht. Die hab ich erst abmalt, langsam, dann aberst ists immer schneller gangen. Die sind für Einen gewest, der hat einen gar wunderbaren Namen gehabt. Fex hat er geheißen. Der Sepp hat mir das Geldl bracht, und es war stets viel mehr, als ich denkt hab. Sodann hat er mir auch andere Sachen bracht, Manuscripten von einem Schriftstellern. Dadurch hab ich mir was verdient und es mir zurücklegt. Jetzunder wollt ich mir ein neues Gewandl kaufen und Wasch und noch mehr; aberst da die Kuh bezahlt werden muß, so ist das nothwendiger. Soll ichs holen?« »Ludwig, Ludwig,« jubelte die Mutter, »was bist für ein guter, braver Bub!« »Schweig, Muttern! Ich bin gar nicht braver, als ich sein muß.« »Und das willst wirklich hergeben?« »Ja, ganz gern.« »Und wie viel ists?« »Grad, als ob ichs wußt hätt, wie vielst brauchst. Hundertundvierzig Mark hab ich mir derschrieben, und vierzig Mark hab ich für die Uhr. Das macht grad hundertachtzig.« »Aberst nachhero hast gar nix mehr!« »Ich brauch jetzt nix. Und bald ist das Vierteljahr um; da bekomm ich wieder Lohn. Soll ichs holen?« »Obsts holen sollst! Ja, ja, und doch auch wiederum nein, nein! Mir ist damit geholfen, aber es thut mir doch in der Seelen weh, wannst das schöne Geldl so hergeben sollst, nachdemsts so schwer verdient hast und Dich freut, daßt Dir was dafür kaufen kannst.« »Wann Du damit die Sorg los wirst, hab ich eine noch viel größere Freuden. Also ich lauf, ich hols!« Er stand von seinem Stuhle auf. »Hasts denn hier im Haus?« »Natürlich. In meiner Stuben ists, in dera Truhen, im Nebenkästchen in einem ledernen Beutel – hm, da fallt mir ein, daß ich vorhin den Schlüssel hab stecken lassen. Das schadet aberst nix. Es giebt keinen Spitzbuben hier im Haus. Ich geh also und bin gleich wieder hier, liebs Mutterle.« »Ja, geh, mein Sohn! Ich wills annehmen, und dera Herrgott wird Dirs lohnen. Jetzund ist das Leid zu End, und nun erst schmeckt mir auch dies Essen. Komm her, Bub, ich muß Dir einen Kuß geben! Verdient hast ihn sehr.« Während sie sich umarmten, huschte Gisela vom Fenster weg und zur Küche hinaus. Als dann Ludwig hinauskam und zur Treppe hinauf wollte, kam sie scheinbar von oben herab. »Du bist es Ludwig,« sagte sie. »Ist Deine Mutter noch da?« »Ja, drinnen in der Stube.« »So hast Du leider keine Zeit.« »Hast Du eine Arbeit für mich?« »Eine Arbeit nicht, aber einen kleinen Weg, nur eine Minute.« »Das kann ich ja thun.« »Wirklich? Aber Du wirst dann Deiner Mutter fehlen!« »Die hat Zeit. Wohin soll ich gehen?« »Nur hinunter zum Sternbauer. Da sollst Du fragen, ob die Fredi schnell einmal zu mir kommen kann. Es ist sehr nothwendig, sonst würde ich Dich nicht von Deiner Mutter wegnehmen. Und Dich schicke ich doch am liebsten. Das weißt Du ja.« Er erröthete unter dem freundlichen Blicke, welcher ihn aus dem Auge des schönen Mädchens traf. »Ich gehe schon!« sagte er. Ich wills nur erst der Mutter mittheilen.« Er öffnete die Stubenthür und rief hinein: »Ich werd gleich erst mal einen Weg schickt, bin aberst in zwei Minuten wieder da!« Dann eilte er fort, ganz glücklich darüber, Gisela einen Privatgefallen thun zu können. Kaum aber war er fort, so huschte sie nach ihrem Stübchen, schloß die Kommode auf, machte ihr darin befindliches Portemonnaie auf und nahm aus demselben so viel, wie sie gerade erwischte. Dann eilte sie weiter nach der Kammer Ludwigs. Er bewohnte dieselbe ganz allein, ein Vorzug, welchen der Bauer ihm eingeräumt hatte als Beweis, daß er mit ihm zufrieden sei. Der Schlüssel steckte an. Die Truhe stand neben dem Bette. Auch sie war unverschlossen, wie Gisela ja unten erlauscht hatte. Sie öffnete und sah das sogenannte Bei- oder Nebenkästchen, welches er erwähnt hatte. Als sie den Deckel desselben aufschlug, erblickte sie den Lederbeutel. Schnell prakticirte sie ihr Geld zu dem seinigen und machte Kästchen und Truhe wieder zu. »Das ist er werth, und noch viel mehr als das!« sagte sie zu sich, froh aufathmend, daß ihr der Streich gelungen war. »Wenn er wüßte, daß ich ihn belauscht habe! Ich mußte ihn fortschicken, um hier herein zu können, bevor er das Geld holte. Ich weiß ganz genau, daß Sternbauers Fredi heut gar nicht zu Hause ist. Und nun schnell wieder fort und hinab in die Küche! Ich muß wissen, was er dazu sagt, daß sein Spargeld so gewachsen ist.« Da sie so eilig gewesen war, hatte sie sich in seiner Kammer nicht umgesehen. Erst jetzt fiel ihr Blick auf seinen Sonntagsanzug, welchen er heute in der Stadt angehabt hatte. Die einzelnen Stücke desselben waren breit aufgehängt, und sie fühlte, daß der Anzug durch und durch, von oben bis unten naß war. »Was ist da geschehen?« fragte sie sich, beinahe erschrocken. »Ist er etwa gar in's Wasser gestürzt? Das muß ich erfahren. Er ist sonst so pünktlich, und daß er heute so spät zurückkam, das muß einen ganz besonderen Grund haben. Vielleicht erwähnt er gegen seine Mutter Etwas davon.« Sie ging hinab, und als sie ihn kommen sah, that sie, als ob sie eben aus der Hausthür treten wolle. »Die Fredi ist gar nicht da,« berichtete er. »Sie kommt erst am Abend nach Hause. Dann aber will ihre Mutter sie sofort hersenden!« »Dann ists zu spät. Aber ich danke Dir, Ludwig.« Sie that, als ob sie fortgehe, nach dem Garten zu, und er eilte hinauf nach seiner Kammer. Das benutzte sie, um sofort unbemerkt in die Küche zurückzukehren. Er kam so schnell von oben herab, daß anzunehmen war, er habe oben den Beutel gar nicht geöffnet. »Da bin ich wieder,« sagte er im Eintreten. »Ist Dir die Zeit lang worden?« »Nein. Wo bist west?« »Für die Gisela hab ich fortgehen mußt. Dann aberst hab ich gleich den Beutel holt. Hier ist er. Und nun wollen wir mal aufzählen.« Er streifte den Beutel auf den Tisch, daß es klang und klirrte. »Horch!« sagte er. »Hasts hört? Es ist auch Gold darinnen.« »Das hör ich nicht. Unsereins lernt gar nicht kennen, wie das Gold klingen thut. Das wissen nur so reiche Leutln, wie Du eins bist.« »Ja, heut bin ich reich!« »Und morgen bist wieder arm! Das ist wahr, mein armer Bub. Wollen doch nachdenken, ob die Hilf nicht auch auf andera Weisen möglich ist!« »Nein. Nix wird nachdacht! Aufzählt wird. Und dann laufst, wast laufen kannst, zum Juden. Aber niemalen wieder darfst was kaufen, ohne es mir vorher zu sagen!« »Ja, das will ich Dir gern versprechen!« »Schön. Jetzund ist der Beutel offen, und nun wirds ausgeschüttet. Horch mal, wie das klingen wird!« Sie saßen wie zwei Kinder an dem Tische. Sie ganz glücklich, so schnell und unerwartet Hilfe gefunden zu haben, und doch auch betrübt darüber, ihren Sohn seiner Ersparnisse berauben zu müssen. Er aber schüttete den Inhalt des Beutels mit jenem selbstbefriedigten Gesichtsausdrucke aus, den man bei Leuten zu beobachten pflegt, welche das Bewußtsein hegen, tüchtige Kerls zu sein. »Hörsts, hörsts?« fragte er, als die Geldstücke auf den Tisch rollten. »Ja. Es klingt gar schön.« »Schöner noch als eine Geigen oder eine Ziehharmonika. Und wie viel!« »Hundertachtzig Markeln!« »Ja, hundertundacht – – – –« Er hielt inne. Sein Blick war ungefähr abschätzend über das Geld geflogen und blieb nun befremdet aus demselben haften. »Was hast?« fragte seine Mutter. »Fehlt etwan was?« »Fehlen? Nein, fehlen thut nix, gar nix. Ich weiß gar nicht, was ich denken soll.« »Wast denken sollst? Ja, was sollst denn denken? Du machst ja ein Gesicht wie – wie – wie – hör, da wirds mir ganz angst und bang dabei.« »Mir auch fast! Hm – hm – – hm!« »Was hast denn zu brummen? Was ist denn geschehen?« »Was geschehen ist? Das begreif ich nicht. Meine Zwanzigmarkstuckerln haben Junge bekommen.« »Wast sagst!« »Ja, wirklich. Ich hab noch gar nicht zählt, und doch seh ich es genau. Hundertundvierzig Mark waren darinnen. Dabei waren fünf Zwanzigmarkerln, zwei Zehnmarkerln, und das Andere war Papieren und Silber. Jetzund aber seh ich hier sieben Zwanzigmarkerln und fünf Zehnmarkerln, ohne das Silber, was auch geheckt worden. Wer kann das begreifen?« »Ich nicht.« »Ich auch nicht.« »Ja, wer soll es dann begreifen, wann Du selbst es nicht begreifst.« »Das weiß ich nicht.« »Ich weiß es noch viel weniger. Vielleicht hast mehr gehabt als nur hundertvierzig Mark.« »Mehr? O nein! Das kommt bei mir gar nie vor, daß ich mehr hab, als ich denk.« »Aberst wie soll es hineinkommen sein!« »Wenn ich das wüßt, da wär ich ein gescheidter Kerlen. Es ist ein Wunder. Ich muß doch mal zählen.« Als er nun genau nachzählte, stellte es sich heraus, daß er gegen neunzig Mark mehr hatte. Er schüttelte den Kopf und blickte seine Mutter an, und sie schüttelte den Kopf und schaute ihn an. So sahen sie sich eine ganze Weile kopfschüttelnd an und machten dabei keineswegs sehr geistreiche Gesichter. »Ludwig!« seufzte sie. »Mutter!« antwortete er. »Ists denn wirklich wahr, daßt nicht so viel habt hast?« »Gewiß und wahrhaftig.« »Kannst Dich aber doch irren!« »Nein. Wann man eine gewisse Summe so lange Zeit besitzt, so ist kein Irrthum möglich. Und als ich Euern Brief bekam, hab ichs wieder zählt, obgleich es nicht nöthig war, und mir sagt, daß dies für eine Kuh nicht ausreichen werde. Darum hab ich dann die Uhr in dera Stadt versetzt. Und bevor ich fortfuhr von hier, hab ich nochmal nach dem Gelde sehen. Es ist indessen mehr worden.« »Am hellen, lichten Tag?« »Ja.« »Wunderbar!« »Warum soll es grad am Tag wunderbar sein?« »Wanns des Nachts wär, so könnt man sichs derklären.« »So? Inwiefern denn wohl?« »Eine gute Fee könnts bracht haben. Die kommen nur des Nachts, niemals aberst am Tage.« »Weißt das so genau?« »Ja, ganz genau.« »Hast etwan eine sehen, die zu Dir kommen ist?« »Nein. Zu mir ist noch keine kommen. Aberst hört hab ich sehr viel davon.« »Das sind Märchen. Es giebt gar keine Feen.« Die Mutter machte ein sehr erschrockenes Gesicht, hob warnend den Finger empor und sagte: »Du, wast da redest, das ist eine Sünden! Das darf man nicht; das ist verboten!« »Meinst? Wo ists denn verboten?« »Das weiß ich freilich nicht. Aber dennoch ists eine Sünden, wenn man nicht glaubt, daß es so gute Wesen giebt, die denen Menschen zuweilen eine Lieb erweisen und ihm ein Glück bringen.« »Ja, solche Wesen giebts. Das find die heiligen Engel. Aberst von denen Feen steht in dera heiligen Schrift nix schrieben.« »Das ist auch nicht nothwendig. Weißt, als ich mal hier war und auch des Abends hier blieben bin, da hat die Gisela aus einem schönen Buch mehrere Gedichten vorgelesen. Das war des Abends, als dera Bauer ins Wirthshaus gangen ist. Und da war auch eins dabei, in dem von den Feen die Red gewest ist. Also muß es doch welche geben, wann die Dichter solcherlei Gedichten über sie machen.« »Das ist das Buch, welches da oben über dera Thür liegt. Ich kenn das Gedichten auch noch. Aberst da steht gar nicht darinnen, daß es wirkliche Feen giebt.« »O doch. Ich habs mir ganz gut merkt.« »So werd ichs Dir gleich mal bringen.« »Aberst wann dera Bauer dazu kommt!« »Was könnt der dagegen sagen? Er kommt auch gar nicht. Wann er zu Mittag gessen hat, so schlaft er allemal bis dahin, wann dera Kaffee trunken wird. Der wird uns also gar nicht stören.« Er ging zur Thür, nahm das betreffende Buch von dem über derselben befindlichen Bret herab, kam mit ihm zurück und schlug das Gedicht auf. »Hier ists,« sagte er. »Die Bäurin liests auch gern, besonders wann mal was passirt ist, was Frohes, was sie sich nicht anders derklären kann als dadurch, daß es gute Geistern giebt, die an denen braven Menschen ein Wohlgefallen haben. Sollsts gleich hören.« Er las vor: »Es giebt so wunderliebliche Geschichten, Die bald von Engeln, bald von Feen berichten,       In deren Schutz wir Menschenkinder steh'n. Man möchte gern den Worten Glauben schenken Und tief in ihren Zauber sich versenken,       Denn Gottes Odem fühlt man daraus weh'n. So ists in meiner Kindheit mir ergangen, In welcher oft ich mit erregten Wangen        Auf derlei Erzählungen gelauscht. Dann hat der Traum die magischen Gestalten In stiller Nacht mir lebend vorgehalten,       Und ihre Flügel haben mich umrauscht. Fragt auch der Zweifler, obs im Erdenleben Wohl könne körperlose Wesen geben,       Die für die Sinne unerreichbar sind, Und glaub an Gottes unerforschlich Walten       Wie ichs vertrauensvoll geglaubt als Kind.« Als er nun das Buch schloß, um es an seinen Platz zurückzustellen, sagte seine Mutter: »Siehsts, daß auch dera Dichter glauben will, daß es welche giebt! Wer soll Dir das Geldl bracht haben, wannsts wirklich nicht vorher schon habt hast? Ein Mensch nicht.« »Hm, ja! Ein Mensch am End nicht. Es giebt genug Menschen, die Einem das Geld stehlen, aberst so im Stillen und in aller Heimlichkeiten es hineinlegen, das thut wohl sehr selten Einer.« »Also ists eine Fee. Oder hast gar vielleichten einen Heckepfennig dabei!« »Die giebts nicht.« »Gar wohl giebts welche!« »Nein. Das ist Aberglauben.« »Das ist kein Aberglauben. Ich hab mal bei einem Bauern dient, der hat einen Heckethalern habt. Alle Morgen hat dieser Thalern einen andern heckt, den dera Bauer herausnommen hat, um ihn auszugeben. Mal aber hat er den falschen ergriffen, nämlich den Heckethalern, und ihn einem Fremden auszahlt. Dann ists freilich zu End gewest.« »Wer hat Dir das weiß macht?« »Niemand. Dera Bauern hats uns von selbst derzählt.« »So hat er sich einen Spaßen macht.« »Der? O, der ist gar kein so gespaßiger Kerlen gewest.« »Nun, so wollt ich, daß ich auch mal so einen Heckethalern finden thät. Ich würd mich gar sehr in Acht nehmen, ihn wegzugeben.« »Vielleicht hast einen drinnen.« »Glaubs nicht. Weißt, es muß hier irgend ein Irrthum vorhanden sein, auf den ich mich schon besinnen werd. Die Hauptsach ist, daß ich Dir das Geldl, was Du brauchst, geben kann und dennoch neunzig Markerln im Beutel behalt. Hier, nimms!« Er schob ihr das Geld hin. »Ja, ists denn nun wirklich Dein Ernst, daßts mir geben willsts?« Sie wußte gar wohl, daß er nicht scherzte, aber es dünkte ihr doch noch immer fremd, von ihm eine solche Summe anzunehmen. »Freilich ists mein vollständiger Ernsten,« antwortete er. »Und ich soll zugreifen?« »Schnell, sonst nehm ichs wieder fort!« Da griff sie freilich zu. Strahlenden Gesichtes nahm sie die Goldstücke und Papiere und band sie fest in die Ecke ihres Schnupftuches ein, welches Letztere sie tief hinter ihr Mieder versenkte. »Nun brauchsts blos nur zu verlieren; sodann ists weg,« warnte er. »Ja, werde ichs verlieren!« nickte sie lachend. »Für Unsereinen ist so ein Geldl doch ein wahrer Reichthumen. Da paßt man schon gut auf, daß es Einem nicht abhanden kommt.« »Jammerschad ists, daß ichs nicht selberst auszahlen kann.« »Warum?« »Ich thät dem Juden auch noch was dazu geben.« »Was?« »Nun, eine schöne Ermahnungen und nachhero vielleichten auch einige tüchtige Ohrwatscheln, wenn er grob werden wollt.« »Das kann uns nix nutzen. Zahlt muß es doch werden, und das Uebrige ist überflüssig. Ich werd ihn gleich auf dem Ruckweg aufisuchen, damit er es noch heut bekommt, und ich werd die Sorgen los.« »So willst etwan schon heut fort?« »Freilich. Wann sonsten?« »Es ist heut ein Festtagen. Könntest doch hier bleiben.« »Nein; das thu ich nicht. Hasts ja sehen, daß dera Bauern mir nicht mal derlaubt hat, mich niederzusetzen, nachdem ich altes Weib so einen langen Weg laufen war.« »Ja, es ist so. Man muß sich aberst nur nix draus machen.« »Das bring ich nicht fertig. Und wo sollt ich denn bleiben?« »Wo? Das brauchst gar nicht zu fragen. Erst gehen wir ein Wenig hinaus aufs Feld und auf die Wies spazieren, und dann gehen wir ins Wirthshaus, wo ein Tanz abgehalten wird.« »Tanz? Willst wohl auch tanzen?« »Nein. Aberst, obgleich ich hier noch nie auf denen Tanzboden kommen bin, so würd ich heut gern einmal hin gehen, weil meine Muttern da ist und weil ich heut ein Glas Bier zahlen kann.« »Ja, das kannst freilich zahlen, weilst neunzig Markeln funden hast. Das ist wahr. Und doch kann ich nicht mitthun.« »Warum?« »Ich kann doch nicht so spät am Abend heimkehren.« »Das sollst auch gar nicht. Du bleibst vielmehr in der Nacht auch hier.« »Da möcht ich denen Bauern hören, wann ers derfährt!« »Der darf gar nix sagen. Wast issest und auch trinkst, das zahl ja ich, und schlafen wirst in meiner Kammern.« »Und Du?« »Ich steig hinaufi aufs Heustadel. Da werd ich schlafen wie ein Baronen oder gar wie ein Prinz und König.« »Und wird er nicht zanken, wann er hört, daß ich in Deiner Kammer schlaf?« »Verdorium! Ich würd ihm schon antworten! Wann meine Muttern bei mir auf Besuch ist, kann sie sich in mein Bett legen, und wer das nicht dulden will, der mag sich nach einem andern Knecht umischaun. Ich bin ein armer Kerlen, aberst meine Muttern laß ich mir nicht schimpfiren und beleidigen. Das kannst mir glauben!« »So fürchtest Dich wohl gar nicht vor ihm?« »Nein.« »Aberst alle Andern fürchten sich.« »Das sind mir auch die rechten Kerls! Und wann ich mich nicht vor ihm fürchten thu, so hab ich meinen Grund dazu.« »Was ist das für einer?« »Das kann ich nicht sagen.« »Nicht? Warum nicht?« »Weil es ein Geheimnissen ist.« »Was, Du hast ein Geheimnissen vor Deiner Muttern? Ich hab meint, daßt stets ganz aufrichtig gegen mich gewest bist.« »Das war ich und bins auch noch. Aberst es giebt Sachen, die man selbst dem nächsten Menschen nicht anvertrauen darf.« »Ists denn so gar was Wichtigs?« »Freilich.« »Wohl gar was Verbotenes?« »Ja.« »Herrgottle! Wer sollt das denken!« »Ich hab mirs auch nicht dacht und es gar nicht glauben wollt, als ichs derfahren hab. Aberst wahr ists dennoch. Und wann ich reden wollt, so könnt ich dem Bauern einen gar großen Schaden machen.« »Das weiß er wohl auch?« »Freilich weiß er es, und daher laßt er sich von mir eher ein Wort gefallen, als von einem Andern. Das hast ja vorhin hört.« »So behalt das Geheimnissen ja für Dich!« »Natürlich! Es fallt mir gar nicht ein, ihn in Schaden zu bringen. Da thät mir die brave Bäurin viel zu leid.« »Ja, die ist brav und gut, und die Töchtern wohl auch?« »Die Gisela? O, wann ich die anschau, so möcht ich gleich glauben, was ich vorhin nicht hab glauben wollt.« »Daß es Feen giebt?« »Ja. Weißt, die ist ein Engel.« Als er das sagte, glänzte sein Gesicht. Die Mutter bemerkte es und fragte: »Sie ist wohl auch gegen Dich gar gut?« »Gegen Alle.« »Ach so! Wann ich Dein Gesicht anschau, so ist mirs jetzt ganz so gewest, als ob sie ganz besonders gegen Dich ein Engel sei. Und das sollt mir um Dich leid thun.« »Warum?« fragte er im Tone der Verwunderung. »Um Dich und auch um – – –« Sie schwieg und blickte ihn dabei verstohlen forschend an. »Warum redest nicht weiter?« fragte er. »Weil ich nicht weiß, ob ich darf.« »Wer soll Dirs verbieten?« »Du.« »Ich? Das fallt mir gar nicht ein. Also, um wen wär Dirs noch leid? Um mich und auch noch um – – –?« »Um die Theres.« »Ach so! Habs mir doch beinahe denkt, daßt die bringen wirst!« »Und ich habs wußt, daß ich sie nicht bringen soll!« »Freilich wohl. Es kann nix nutzen.« »O, es könnt schon was nutzen, wannst nur wollst!« »Nein. Sie mag thun was sie will, aberst an mich braucht sie nicht zu denken.« »Da kann ich Dich weder verstehen noch begreifen. Was hast gegen sie?« »Gar nix, o gar nix.« »So eine junge Wittwen!« »Jung ist sie freilich,« nickte er. »Und auch ganz hübsch!« »Man könnt sie wohl gar schön nennen.« »Und reich.« »Ja, sie hat das größte Gut daheim in unserm Dorf.« »Und Dich will sie haben, partoutemang nur Dich!« »Das ists eben, was sie sich aus dem Kopf schlagen soll.« »Ludwig, was bist doch für ein unbegreiflicher Kerlen! Tausend Andere thäten zugreifen! Wer die Theres kennt, der leckt alle Fingern nach ihr.« »Nicht ein Jeder.« »O, doch Alle!« »Nein, denn ich kenn sie auch, und es fallt mir doch nicht ein, nur einen einzigen Finger nach ihr zu lecken.« »Könntest aberst doch ein großes Glück mit ihr machen!« »Meinst?« »Ja. Oder ist sie etwan nicht brav?« »Brav ist sie auch. Ich weiß ganz gut, daß Derjenige, der sie zur Frauen bekommt, dem Himmel danken kann.« »Nun, warum magst sie also nicht?« »Weil ich sie nicht lieb haben kann.« Seine Mutter machte ein außerordentlich erstauntes Gesicht. »Nicht lieb haben kannst sie? Ist denn so was möglich, Ludwig?« »Ich sags ja, folglich ists möglich.« »Das kann ich gar nicht glauben. So ein Dirndl oder so eine Wittwen muß ein Jeder lieb haben, der sie anschaut.« »Dagegen mag ich nicht streiten. Vielleichten hätt ich sie auch lieb gewonnen, wann – wann – – wann – –« Jetzt war er es, welcher stockte. »Warum redest nicht weiter?« fragte sie. »Weils auch nix nutzen thät.« »So hast also wohl noch ein anderes Geheimnissen vor mir?« »Hm! Ja, vielleicht ists auch ein Geheimnissen.« »Und ich darfs nicht derfahren?« »Sagen könnt ichs Dir schon, denn Du bist ja meine Muttern. Aberst anderst kannsts doch auch nicht machen.« »Wer weiß das! Ich bin eine arme und einfache Frauen, doch einen guten Rath könnt ich doch vielleicht finden.« »Ein Rath kann da gar nix ändern.« »Vielleichten doch. Oder ist die Sach gar eine so schlimme?« Er schüttelte den Kopf, strich sich mit der Hand über die Stirn und antwortete: »Schlimm? O nein. Wem thuts was, wenn ein armer Bauernknechten einen Wunsch hat, der ihm niemals erfüllt werden kann! Keinem Menschen!« Sein Gesicht war dabei so trüb geworden, daß sie in besorgtem Tone fragte: »Was hast? Einen Wunsch, der Dir nicht derfüllt werden kann? Geh her! Jetzunder sagst mir gleich, welch ein Wunsch dies ist!« »Warum und wozu? Du brauchsts doch nicht auch mit zu tragen!« »Nicht? Was denkst von mir! Du sagst, ich sei Deine Muttern. Nun, weißt etwan nicht, daß eine Muttern Alles gern mit ihren Kindern theilt, Freud und Leid, Glück und Unglück. Du thust, als obst mich so sehr als Muttern achtest, und nun Du eine Sorg oder so was auf dem Herzen hast, willsts mir nicht sagen. Ist das recht von Dir? Denkst etwan, daß ich mich darüber freuen kann?« Er schwieg eine kleine Weile. Dann sagte er: »Recht hast, und weils blos mich betrifft, so kann ichs Dir schon sagen. Ich hab vorhin meint, daß ich dera Theres wohl schon gut sein könnt, wann – – wann es nicht bereits eine Andere gäb, die ich lieb hab.« Diese Worte kamen nur langsam und zögernd hervor. Seine Mutter blickte ihm einige Secunden lang erstaunt in das Gesicht, schlug dann die Hände zusammen und rief: »Was? Ists wahr?« »Freilich.« »Einer Andern bist bereits gut?« »Schrei doch nicht so! Wannsts so laut rufst, so kann mans im ganzen Dorf hören.« »Das ist vor lauter Verstaunen, daß ich so schrei. Wer hätt das denkt! Ich nicht.« »Ja,« lächelte er. »Wer Dich jetzund anschaut, der sieht Dirs auch ganz deutlich an, daßt Dirs gar nicht dacht hast.« »Nicht wahr! Ich mach da wohl ein sehr dummes Gesichten?« »Klug siehst jetzund allerdings nicht aus.« »Hab auch Grund dazu! Also gut bist Einer! Ists ein Dirndl oder eine Wittwen?« »Ein Dirndl natürlich.« »Und wer?« »Das willst auch nun gleich wissen?« »Kannst Dirs doch denken!« »Freilich hab ichs mir denkt, daßt nachher Alles derfahren willst, wann ich Dir nur erst ein Wort davon sagt hab.« »Ludwig, was bist für ein Bub! Eine Muttern wird doch fragen dürfen, wer es ist, wann sie hört, daß ihr Sohn eine Liebsten hat!« »Da irrst Dich freilich. Eine Liebsten hab ich nicht.« »Und bist doch Einer gut? Wer soll das begreifen? Ich freilich nicht!« »Weißt denn, ob sie mich auch leiden mag?« Bei dieser Frage hob sie den Blick so voller Verwunderung zu ihm empor, daß er beinahe in ein lautes Lachen ausgebrochen wäre. »Dich leiden?« fragte sie. »Nun möcht ich doch mal das Dirndl sehen, welches Dich nicht leiden könnt, wannst ihm gut bist! So ein Kerlen wie Du! Ein Unteroffizieren gewesen und eine Figuren wie ein General! Dazu gut und arbeitsam und auch Einer, der seine Arbeit kennen thut wie kein Andrer! Nein, wast da redest, darüber muß ich mich schier verwundern! Ein Dirndl, welches meinem Ludwig nicht gut ist, wanns ihn derblickt, die hat gar kein Herz im Leib und keine Augen im Kopf!« Bei diesen Worten streichelte sie ihm die Wange und blickte in stolzer Mutterliebe zu ihm empor. »Ja,« lachte er, »das sagst Du, und ich weiß auch gar wohl, warum.« »Nun, warum?« »Weil halt eine jede Muttern in ihren Buben verliebt ist und nachhero denkt, daß auch jedes Dirndl sich sogleich in ihn verschameriren muß.« »Nein, das denk ich schon nicht.« »Hasts aber doch sagt!« »Habs aber nicht ganz so meint, wie ichs sagt hab. Ich hab nur denkt, weilst sagst, ob sie Dich auch leiden mag, daßt schon ein Kerlen bist, den man leiden kann.« »Wollen uns nicht darum zanken. Aberst ein Dirndl, wanns reich ist, nimmt sich schon in Acht, sich in so einen armen Teuxel, wie ich bin, zu verlieben. Weißt!« »Ach so! Sie ist reich?« »Leider!« »Wohl sehr?« »Gar sehr.« »O weh!« »Ja, hörst, daßt nun gleich Ach und auch Wehe schreist!« »Nun, so schlimm wirds doch wohl nicht sein. Es hat schon gar mancher Bub ein reiches Dirndl gefreit.« »Aberst nicht ein Jeder bekommt eine Reiche.« »Du könntest eine bekommen, wannt nur wolltst – die Theres. Und wer weiß, ob die Deinige so reich ist wie sie.« »Viel, viel reicher.« »Und so hübsch!« »Viel, viel schöner!« »Aber auch brav und gut?« »Wie keine Zweite.« »Du, da ist sie doch gar ein Engel!« »Fast möcht ichs sagen.« »Kennst sie wohl bereits seit einer Zeit?« »Seit lange schon. Bereits noch bevor ich zum Militair mußt, hab ich sie kannt.« »Und sie auch lieb habt?« »Ja.« »Und ich hab nix davon wußt, gar nix!« »Weißt, solche Sachen hängt man nicht an die große Glocken und thut sie auch nicht mit Kanonen in die Welt hinein schießen.« »Aberst dera Muttern kann mans sagen. Und nun weiß ich auch, was mir ahnt.« »So! Was ahnt Dir denn?« »Daß ich nun weiß, warumt nicht beim Militair blieben bist.« »Ja, das kannst nun leicht derrathen.« »Du hättest eine gar schöne Anstellungen haben konnt; aberst das Dirndl hat Dir im Sinn legen, und da bist lieberst vom Militair fortgangen und wiederum Knecht worden. Ists so oder nicht?« »Es ist schon so.« »Was bist da für ein dummes Kraxerl gewest! Hast Deine Zukunft aufgeben wegen eines Maderls, von dert nicht mal wußt hast, obs Dich auch leiden kann.« »Magst Recht haben; doch weißt, wann man Einer so recht von Herzen gut ist, so fragt man nicht nach so einem Opfer. Man ist nur glücklich, wann man bei ihr sein kann.« Da blickte sie ganz verwundert zu ihm auf. »Bei ihr sein kann? Wast sagst! So bist wohl jetzund bei ihr?« »Ja.« »Ist sie hier im Dorf?« »Das kannst Dir denken.« »O Jerum! Eine Hiesige ists, eine Böhmin, eine Oesterreichsche!« »Da derschrickst wohl gar?« »Freilich! Ich habs mir nie anderst denken konnt, als daßt mal eine ächte Bayerin heirathen wirst!« »So hast wohl meint, daß die in Oesterreich nix taugen?« »Das hab ich nicht denkt, ich hab überhaupt noch gar keinen Vergleich macht. Ich bin eine Bayerin und hab mir auch nur eine Bayerin als Schwiegertochter denken konnt.« »So kannst Dich wohl gar nicht an den andern Gedanken gewöhnen?« »Warum nicht, wann sie brav und gut und lieb ist.« »Nun, brauchst Dich gar nicht an ihr zu gewöhnen, denn bekommen werd ich sie doch auf keinen Fall.« »So weißts wohl genau, daß sie Dich nicht mag?« »Ja.« »Hast sie fragt?« »Nein.« »So bist ein gar talketer Bub! Hast noch gar nicht mit ihr sprochen und weißt doch, daß sie nix von Dir wissen will!« »Um das zu wissen, braucht man sie doch nicht zu fragen. Das sieht man ohnedies.« »So ist sie wohl gar verächtlich gegen Dich?« »Nein. Sie geht mir aus dem Weg. Wann sie zu mir wär wie zu denen anderen Knechten, so wollt ich meinen, daß ich ihr nicht grad zuwider wär, sondern nur gleichgiltig; aberst sie geht mir aus dem Weg.« »Das denkst vielleicht blos.« »O nein. Wann ein anderer Knecht mit ihr redet, so schaut sie ihn ruhig an und hört ihm zu. Und wann ich ihr was zu sagen hab, so blickt sie an dera Schürzen nieder und schaut, so bald wie möglich von mir fortzukommen. Da hasts: Sie kann mich nicht dersehen.« Seine Mutter schüttelte den Kopf, lächelte ein Wenig und fragte dann: »Bist wohl ein großer Menschenkenner?« »Ich? Ich bin kein Gelehrter.« »Das merk ich bald!« »So! Was redest da? Was hast für einen Ton? Was lachst mich an?« »Weilst so ein ganz besonderbar gescheidter Kerlen bist. Verstanden?« »Jetzund willst mich wohl gar vexiren?« »Nein. Weißt, das Dirndl hat Dich lieb!« »Mach nur Deinen Spott!« »Fallt mir gar nicht ein!« »Woher willst wissen, daß sie mich lieb hat?« »Weil ich selberst ein Dirndl gewest bin, und ein bildsauberes dazu. Das kannst an Dir merken. Die Buben und Jungburschen haben mich auch anschaut und sind hinter mir nachlaufen. Wann Einer mit mir sprochen hat, so hab ich ihm grad ins Auge blickt und da meine ruhige Antwort geben. Aberst nachhero, als der Rechte kommen ist, Dein Vatern nämlich, den hab ich nicht grad anschauen konnt.« »Warum nicht?« »Das weiß ich nicht; ich hab die Augen nicht zu ihm emporbringen konnt. Das Blut ist mir in die Wangen stiegen; das Herz hat mir klopft, und wann ich ihm eine Antworten geben hab, so ist meine Stimmen so leise und zittrig gewest, als ob ich mich gar sehr vor ihm fürchten thät.« »Was! Ist das wahr? Wirklich wahr?« »Ja. Und so ists fast bei einem jeden Dirndl, wanns in dera Still Einen lieb hat.« »Wann ich das so glauben könnt!« »Glaubst etwan, daß Deine alte Muttern Dich belügen werd?« »Nein. Grad so, wie Dus beschreibst, so ists mit dem Dirndl, das ich meinen thu. Sie schaut nicht zu mir auf, und ihre Wangen bekommen eine andera Farben, und wanns mir ja antworten muß, so klingts so ganz anderst als gewöhnlich.« »Da hasts! Sie hat Dich lieb!« »Und das kann aberst doch nicht sein. Ich bin so lange Jahren mit ihr beisammen, daß ich es doch wohl ein einziges Mal hätt merken müssen, daß sie mir gut ist.« »Was? So lange Zeit bist mit ihr beisammen? Wirklich beisammen? Ludwig, soll ichs etwan derrathen, wer das Dirndl ist?« »Das ist nun leicht.« »Ja. Beim Kery-Bauer hast von Jugend auf dient, bist zum Militair kommen bist. Und alst von München zuruckkamst, bist sofort wieder zu ihm gangen. Ich hab mir den Grund gar nicht denken konnt. Jetzund aber weiß ich ihn: Die Gisela hat Dirs anthan. Wegen ihr bist vom Militair fortgangen, und wegen ihr hast auf das schöne Fortkommen verzichtet. Hab ichs derrathen oder nicht?« »Wirst schon Recht haben,« gestand er. »Also doch, doch, doch! Wer hätt das denken könnt!« »Wars denn so was ganz Unmögliches?« »Ja! Daßt Deine Augen zu Der, grad zu ihr aufschlagen könntst!« »Meine Augen? O, die nicht! Ich weiß, daß meine Liebe eine vergebliche ist. Aberst kann ich gegen mein Herz?« »Nein, dagegen kann kein Mensch. Das weiß ich am Allerbesten. Ich konnt als blutarmes Dirndl auch eine reiche Heirath machen und habs doch nicht than, weil ich Deinen Vatern lieb gehabt hab, trotzdem er ein armer Schluckerl war. Ich kanns gar gut begreifen, daßt die Gisela lieb hast, denn sie ist ein Dirndl, wies kein zweites giebt. Wann sie arm wär, so sollts mich von Herzen gefreun, und ich wollt gar stolz sein auf so eine Schwiegertochtern. Nun sie aberst so eine gar Reiche ist, so kannst mir leid thun, Du und auch die Theres, die es so gar ehrlich mit mir meint.« »Sie thut mir auch leid, doch kann ich nicht dafür, daß ich bereits eine Andre lieb hab.« »Kannst Dir diese Andere denn nicht aus dem Sinn schlagen?« »Nein; das ist ganz unmöglich. Und wann ichs könnt, so thät ichs doch nicht. Schau, Muttern, die Lieb ist halt ein gar wundersames Ding. Ich weiß, daß die Gisela nun und nimmer mein Weib werden kann, und doch mag ich nicht von ihr fort, und doch bleib ich hier, obgleich ichs bei einem andern Bauern weit besser hätt. Wann ich sie sehen und ihre Stimm hören kann, so bin ich zufrieden und glücklich.« »Meinst wohl, daß es auch so bleibt?« »Warum nicht?« »Jetzund ist sie ledig. Wann nun oberst ein Freier kommt und nimmt sie fort von hier?« »Das geschieht nicht.« »Da wirst Dich sehr täuschen, denn so ein Mäderl wie sie bleibt nicht ledig.« »Ja, sie wird heirathen, aber fortgehen kann sie nicht. Sie ist das einzige Kind und muß also hier bleiben. Ihr Mann wird das Gut übernehmen, und ich bleib auch da bei ihr.« »So willst gar niemals heirathen?« »Niemals!« »Ludewig! Das wirst mir doch nicht anthun!« »Mutter, ich mag keine Andere!« »Ja, ja, so ist die Lieb, wanns nämlich die richtige ist! Die opfert sich auf und fragt nix nach sich selbst. Doch sag mir mal, obst auch hier bleiben wirst, wann Dir ihr Mann nicht gefällt?« »Ich denk, daß sie Einen nehmen wird, mit dem ich es aushalten kann.« »Hör, ich möcht fast weinen, und doch ists mir ganz so, als ob ich auch lachen muß. Wannt nämlich dabei stehst und zuschauen mußt, daß ihr Mann sie beim Kopf nimmt und in seine Arme und ihr ein Busserl nach dem andern giebt, so wirsts wohl – – –« »Donnerwettern!« unterbrach er sie. »Den Kerlen möcht ich zerreißen!« »Schau, schau! Jetzund gehst gleich in die Luft vor Grimm!« »Ja, weißt, daran hab ich noch gar nicht denkt!« »Woran denn? Wann sie einen Mann hat, nachhero muß sie doch gut und zärtlich mit ihm sein!« »Das thät ich nicht dulden!« »Was wolltst dagegen machen?« »Ich thät – – – ja, was thät ich denn da nur gleich!« »Nix, gar nix könntst machen. Eine Faust in dera Taschen thätst machen, und das wär Alles, wast Dir derlauben könntst. Wannt etwan etwas sagen wolltst, so würdst auslacht und aus dem Haus jagt.« »Recht hast, Mutter, ganz Recht. Alle tausend Teuxeln. Wann ich mir vorstell, daß ein Anderer die Gisela herzen und küssen darf, so möcht ich zerspringen und zerplatzen vor Zorn!« »Nun, so ists doch am Besten, wannst so bald wie möglich fortgehst von hier.« »Das fallt mir zu schwer.« »Aber mal mußt doch fort. Wie leicht und schnell kanns geschehen, daß ein Freier kommt!« »Meinst? Es kommt ja bereits heut einer.« »Ists wahr?« »Ja.« »So redst wohl nur im Scherz?« »O nein. Er hats mir selber sagt.« »Und sie weiß es?« »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sie hat vorhin nicht so ausschaut, als obs einen Freier erwarten thät.« »Ists denn Einer, demt sie gönnen kannst?« »Dem gar nimmer! Und seit ich mir jetzt denken muß, daß Derjenige sie umarmen und küssen darf, so gönne ich sie gar Keinem auf dera Welt.« »Wer ists denn?« »Derjenige, den ich derwähnt hab, als ich vorhin mit dem Bauer redete. Hasts nicht hört, daß ich sagt hab, ich könne mich mit dem Stephan nicht vertragen?« »Hört hab ichs wohl, aber nicht wußt hab ich, wen und wast meintest.« »Der Kerl heißt Stephan Osec und wohnt nicht weit von hier auf einem Dorf. Sein Vater ist dort dera reichste Bauer, ein stolzer und hochmüthiger Geldprotz. Der Bub ist noch hochmüthiger, aberst dabei so dumm, daß es Einem derbarmen kann.« »Ist er hübsch?« »Wie eine Vogelscheuch. Aberst Geld muß doch wiederum zu Geld, und so mögens die Alten verabredet haben, daß die Jungen ein Paar werden.« »Jerum! Da sollt die Gisela mir leid thun!« »Mir auch, wanns sich zwingen ließ.« »Meinst, daß sie ihn mag?« »Das kann ich nimmer für möglich halten.« »Sie wird wohl dennoch gehorchen müssen.« »Möglich, denn dera Bauer hat einen gar harten Kopf. Und doch ists nicht ganz unwahrscheinlich, daß sie ihm widerstrebt.« »Das wird ihr nix helfen.« »Wer weiß. Ich hab sie nur als mild und gut und gar sanft kennen lernt. Doch wann ich sie zuweilen so im Stillen anschau und sie merkt es nicht, so ists mir, als ob sie doch auch ein Wenig nach dem Vatern gerathen sei. Wann er hart mit ihr ist, so zuckt es um ihre Mundwinkeln, und in ihren Augen blitzt es heimlich auf.« »Dann zankt sie wohl mit ihm?« »Nein, sie bleibt still. Es scheint mir, daß sie es nicht für der Mühen werth hält, wegen einer Kleinigkeiten dem Vatern zu widerstehen. Aberst wann es sich mal um was Großes und Wichtiges handelt, um ihr Lebensglück, so ahne ich, daß sie es zum ersten Male zeigt, daß sie auch einen Willen hat.« »Nachhero wirds schlimm. Wenn zwei solche zusammen gerathen, da fliegen die Funken!« »Mögen sie fliegen! Ich werd sie löschen.« »Obsts vermagst.« »Ich hoffe es.« »Du, als armer Knecht? Was könntest dem reichen und stolzen Kery-Bauern zu gebieten haben!« »Nix, gar nix. Aberst ein klein Wenig wird er doch auf mich hören müssen.« »Wohl von wegen dem Geheimniß, von dem vorhin sprachen hast?« »Ja.« »Wann ich dasselbige doch derfahren könnt!« »Vielleicht später mal. Jetzund aber muß ichs für mich behalten. Nun haben wir die schöne Zeit verschwatzt, und ich muß doch noch arbeiten. Kannst mitkommen. Ich muß in den Stall, um die Pferd zu füttern, mit denen ich in dera Stadt gewest bin. Nachhero, wann ich da fertig bin, ist der Kaffee bereit und dann gehen wir hinaus auf das Feld spazieren.« »Darfst denn fort? Wirds dera Bauer auch derlauben?« »Ich frag ihn gar nicht. Ich werd fortgehen, sobald ich meine Arbeit macht hab. Heut ist kein Werktag. Und wenn ich am Abend meine Pferden wiederum besorgen thu, so hab ich meine Pflicht than. Komm!« Sie verließen Beide jetzt die Stube, ohne zu ahnen, daß sie grad von Derjenigen belauscht worden seien, von welcher so vorzugsweise die Rede gewesen war. Diese, nämlich Gisela, stand jetzt mitten in der Küche, und wer sie jetzt in diesem Augenblicke gesehen hätte, der hätte vielleicht nicht gewußt, was er von ihr denken solle. Sie hielt die Hände gefaltet und blickte mit verklärtem Ausdrucke nach oben. »Er liebt mich; er liebt mich!« flüsterte sie. »Und ich habs doch nicht geahnt. Er war stets so still und so kalt, so ernst und so zurückhaltend. Und diesen Stephan Osec hat man mir zugedacht, den zechischen, hinterlistigen Menschen! Ja, Ludwig hat Recht. Wenn der Vater mir diesen Verhaßten aufzwingen will, so wird er zum ersten Male im Leben erfahren, daß ich die Erbin seines unbeugsamen Characters und seines festen Willens bin. Wo mag die Mutter sein? Ich muß ihr gleich mittheilen, was ich jetzt erfahren habe.« Sie eilte hinaus, um die Genannte zu suchen. Dieselbe pflegte um diese Zeit, nach dem Mittagsessen, die Milch- und andern Wirthschaftsräume zu besuchen. Da aber war sie heut nicht mehr zu finden, denn als sie in der Kammer, in welcher die Milchgefäße standen, gewesen war, hatte der Bauer die Thür geöffnet und ihr in seiner gewöhnlichen, rauhen Weise gesagt: »Laß jetzt die Milch sein! Ich habe mit Dir zu reden.« »Ists nothwendig?« »Ja. Komm herauf in meine Stube.« »Magst Du nicht vorher Dein Mittagsschläfchen halten?« »Nein; heut hab ich keine Zeit dazu.« Nun war sie ihm gefolgt, theils verwundert, theils aber auch beängstigt von seiner Mittheilung, daß er Etwas mit ihr zu reden habe. Er pflegte stets höchst selbstständig zu handeln. Er war der absolute Beherrscher des Hauses, und es fiel ihm nicht ein, die Meinung eines Andern zu berücksichtigen. Eine Besprechung im Vertrauen, wie sie zwischen Eheleuten so häufig sind, hatte seit langen Jahren auf dem Kery-Hofe nicht stattgefunden. Daher wußte die Bäuerin sogleich, daß es sich um eine außergewöhnliche, wichtige Angelegenheit handeln müsse. Als Beide oben in der Stube des Bauers ankamen, setzte er sich auf einen Stuhl, schob der Bäuerin einen zweiten hin und sagte: »Setz Dich. Was ich Dir zu sagen habe, das ist nicht sogleich abgemacht.« Sie folgte dieser Aufforderung und hielt nun voller Spannung den Blick auf die strengen Züge ihres Mannes gerichtet. Dieser schien nicht recht zu wissen, wie er beginnen solle. Er räusperte sich einige Male und fragte sodann in unsicherem Tone: »Bist Du gesund?« Sie blickte ihn ganz erstaunt an und zögerte mit der Antwort. »Nun, hast Du mich verstanden? Ich will wissen, ob Du gesund bist?« »Aber warum denn? Natürlich bin ich gesund!« antwortete sie. »Das glaube ich nicht.« »So? Welchen Grund hättest Du denn, anzunehmen, daß ich krank bin?« »Ich habe Dich oft Husten hören.« »Mich? Ich weiß von keinem husten etwas!« »Du siehst jetzt immer so blaß aus!« »Ich? Und Andre sagen mir, daß ich von Woche zu Woche röther werde!« »Grad das beängstigt mich. Diese Röthe ist ein Zeichen von Blutandrang nach dem Kopfe. Dich kann sehr leicht einmal der Schlag rühren, so daß Du ganz plötzlich todt bist.« »Herrgott!« rief sie erschrocken. »Was fällt Dir ein! Wie kannst Du so reden! Ich bin in meinem Leben noch nie krank gewesen.« »Das ist nicht gut!« »Wie? Nicht gut? Ich begreife Dich nicht!« »Leute, welche nie krank sind, sterben am schnellsten!« »Dann ständest Du ja ganz in derselben Gefahr! Auch Dich habe ich noch nicht krank gesehen.« »Das ists ja, was mir Sorgen macht. Ich fühle schon seit längerer Zeit, ohne daß ich davon gesprochen habe, daß ich nicht mehr der Alte, der Frühere bin. Es geht bergab mit mir.« »Mein Gott! Das sagst Du nicht!« »Ich sage es Dir jetzt, im Vertrauen, ohne daß Andre es zu wissen brauchen. Es wird mir oft ganz schwindlig. Es braust mir in den Ohren. Die Beine werden schwer, und aus den Armen sind die Kräfte fort.« »Du greifst aber heut grad noch so zu wie früher!« »Scheinbar. Ich strenge mich über meine Kräfte an, um mir nichts merken zu lassen. Das schadet mir aber; das greift mir meine Nerven so sehr an, daß ich nachher des Nachts nicht schlafen kann. Das darf nicht so fortgehen. Ich muß mich schonen und Du Dich auch. Das sind wir uns selbst und unserer Tochter schuldig.« »Aber ich fühle mich wirklich noch ganz so rüstig wie früher und allezeit.« »Täuschung! Das muß ich verstehen. Wenn ich so fortfahre wie bisher, gehe ich zu Grunde. Ich brauche Einen, der mir die Arbeit abnimmt.« »Da hast Du den Ludewig.« »Der ist ein tüchtiger Knecht, ja: aber das genügt mir nicht. Einem Knecht kann ich nicht Alles anvertrauen. Ich brauche einen Mann, der zu befehlen versteht. Ein Knecht kann das nicht.« »Meinst Du etwa einen Verwalter oder Inspector?« »Nein. Mein Gut kann sich freilich mit manchem Rittergute messen, aber die Inspector- und Verwalterfaxen sind nicht nach meinem Gusto. Es fällt mir nicht ein, so einen Kerl zu besolden. Dazu bin ich ein zu guter Geschäftsmann und kenne meinen Vortheil. Nein. Ich will Einen hernehmen, der mir meine Arbeit ganz und gar abnimmt, ohne daß ich ihm nur einen einzigen Kreuzer zu bezahlen brauche.« »Das ist eine verwunderliche Absicht.« »Wieso?« »Du wirst keinen solchen Menschen finden.« »Das sagst Du, weil Du es nicht verstehst. Ihr Frauen denkt ja überhaupt zu kurz. Wenn wir einen Sohn hätten, brauchten wir ihm doch keinen Lohn zu zahlen.« »Ja, ein Sohn! Das ist was ganz Anderes!« »Das ist grade das, was ich meine. Ich will einen Sohn haben.« »Einen – – Sohn – – –?« fragte sie ganz gedehnt. »Ja. Du verstehst mich immer noch nicht. Einen wirklichen Sohn kann ich freilich nicht haben; aber weil ich eine Tochter besitze, wird es mir leicht werden, einen Schwiegersohn zu finden, dem ich meine jetzigen Obliegenheiten auf die Schulter legen kann. Was machst Du denn für ein Gesicht?« Er hatte gar wohl Veranlassung, diese Frage auszusprechen, denn die Bäuerin hatte die Hände zusammengeschlagen, dafür aber den Mund desto weiter geöffnet. Sie machte ein Gesicht, als ob ihr etwas ganz und gar Unbegreifliches widerfahren sei. »Nun, antworte! Was sagst Du dazu?« gebot der Bauer. »Einen – Schwieger – – sohn! Gisela soll heirathen?« »Ja.« »Will sie denn?« »Dumme Frage! Ob sie will oder nicht, das geht doch mich nichts an. Hier fragt es sich doch nur, ob ich will! Und ich will! Verstanden!« »Aber, Mann, wie kommst Du denn so plötzlich auf diesen Gedanken?« »Plötzlich ganz und gar nicht. Ich habe mich im Gegentheile schon seit langer Zeit mit ihm beschäftigt, seit so langer Zeit und auch so oft, daß ich mich bereits nach einem Schwiegersohn umgesehen habe.« »Um Gotteswillen!« »Was? Ich glaube gar, Du erschrickst!« »Du hast wohl gar schon einen gefunden?« »Ich glaube Du kennst mich so, daß ich nicht eher von Etwas spreche, als bis ich die Sache bereits fest und fertig habe. Ja, der Schwiegersohn ist da.« »Mein Gott! Und ich weiß nichts davon!« Sie sagte das in vorwurfsvollem Tone. Er aber meinte sehr ruhig; »Du? Was brauchtest Du davon zu wissen? Es war genug, daß ich mich nach einen umsah.« »Ich bin aber doch die Mutter!« »Das geb ich freilich zu. Doch ich bin der Vater und der Herr im Hause, der über solche Dinge ganz allein zu bestimmen hat.« Die Bäuerin hatte es nur höchst selten gewagt, eins ihrer Rechte geltend zu machen oder gar ihrem Manne zu widersprechen. Jetzt aber hielt sie die Angelegenheit für wichtig genug, zu bemerken: »Du weißt, daß ich nichts dagegen habe, daß Du der Herr im Hause bist – – –« »Möchte auch wissen, was Du dagegen haben wolltest!« fiel er ihr in die Rede. »Aber jetzt, wo es sich um die Verheirathung meiner Tochter handelt,« fuhr die Frau fort, »mußt doch zugeben, daß Gisela mein Kind ebenso gut ist, wie das Deinige.« »Wer leugnet das?« »Du nicht? Nun, so wirst Du mir auch dieselben Rechte einräumen, welche Du beanspruchst.« Er ließ ein sarkastisches Lächeln sehen und antwortete in beinahe scherzendem Tone: »Was Du da sagst! Ganz dieselben Rechte? Da irrst Du Dich doch! Der Vater ist doch ein ganz anderer Kerl als die Mutter. Deinen Segen kannst Du geben; das ist Dir erlaubt. Dieses Recht hast Du, weiter aber keins. Den Schwiegersohn habe ich zu bestimmen.« »Auch wenn er mir nicht paßt?« »Auch dann.« »Und ich soll mit ihm leben?« »Du? Wer sagt das?« lachte er auf. »Seine Frau hat mit ihm zu leben.« »Ich aber auch. Denn ich denke, daß ich nicht nach der Hochzeit meiner Tochter aus dem Hause gejagt werde.« »Natürlich! Zusammenwohnen werden wir mit ihm. Das ist aber auch Alles. Zu befehlen hat er nichts, sondern nur zu arbeiten. Herr meines Hauses bleibe ich nach wie vor.« »Und Du sagst Dir nicht, wie schwer es ist, mit einem Menschen, den man nicht leiden kann, unter einem Dache zu wohnen?« »Weißt Du denn bereits, daß Du ihn nicht ausstehen kannst?« »Nein. Ich kenne ihn noch gar nicht.« »So rede also nicht in den Wind und nicht so dummes Zeug!« »Wer ists denn?« »Du wirst Dich wundern, was für einen prächtigen Kerl ich mir ausgesucht habe. Er ist vor allen Dingen reich – – –« »Das kann ich mir denken!« »Natürlich! Ein Lump kommt mir nicht ins Haus. Sodann ist er der Sohn eines guten Freundes von mir, und endlich, was ich sehr hoch anschlage, ist er stets gewöhnt gewesen, seinem Vater unbedingt zu gehorchen. Wir bekommen also einen Schwiegersohn, welcher es niemals wagen wird, mir zu widersprechen.« »Dir? Dir allein? Mir darf er wohl widersprechen?« »Pah! Du wirst so wenig mit ihm zu thun haben, daß es gar nicht darauf ankommt, ob Ihr einerlei Meinung seid oder nicht.« »Ich weiß wohl, daß ich da nichts zählen werde. Aber wer ists denn?« »Der Stephan Osec!« Als sie diesen Namen hörte, fuhr sie erschrocken von ihrem Stuhle auf. »Der Osec! Der, der!« »Ja, dieser!« Sie starrte ihn an. Das Blut war aus den Wangen gewichen. Schnell aber kehrte es zurück. Ihre Miene wurde eine beruhigtere; sie setzte sich wieder nieder und sagte: »Das war fast albern von mir!« »Was?« »Daß ich mich so erschrecken ließ.« »Was meinst Du damit? Ich weiß nicht, was Du sagen willst.« »Du hast doch nur Spaß gemacht.« »Spaß? Ich? Wie kommst Du auf diesen Gedanken? Bin ich denn ein solcher Harlekin, daß Du glauben kannst, ich mach dann sogar dann Dummheiten, wenn es sich um die Verheirathung meiner Tochter handelt?« Da erbleichte sie abermals. »Also hast Du im Ernst gesprochen?« »Natürlich.« »Das ist aber doch unmöglich!« Da zog er seine Stirn in Falten. »Set nicht albern! Warum sollte das denn unmöglich sein?« »Der Osec und unsere Gisela! So Etwas ist gar nicht möglich!« »Oho! Hast Du vielleicht Etwas dagegen?« »Etwas nur? Nein, Alles, Alles habe ich dagegen! Der bekommt meine Tochter nun und nimmermehr!« Jetzt stieß er ein höhnisches Gelächter aus und fragte dabei: »Wie willst Du das anfangen?« »Ich willige nicht ein!« »Das brauchst Du gar nicht, denn Du wirst von keinem Menschen gefragt.« Da stand sie langsam von ihrem Stuhle auf, es lag auf ihrem sonst so milden Angesichte ein Ausdruck, den er noch niemals bemerkt hatte. »Du lachst mich höhnisch aus,« sagte sie. »Ich kann nichts dagegen machen. Lache also weiter! Aber meine Tochter bekommt der Osec im ganzen Leben nicht!« »So? Ach?« »Ja. Ich bin Dir unterthan gewesen seit dem ersten Tage unserer Ehe bis heut. Ich hab mich biegen und schmiegen müssen oft wie ein Wurm, um nicht ertreten zu werden. Ich hatte mich in Dein Gesicht und Deine Gestalt vergafft. Du warst Derjenige, vor dem sich die anderen Burschen fürchteten, und deshalb war ich unverständiges Ding stolz darauf, Deine Braut zu sein. Das habe ich nachher büßen müssen – – –« »Ah, büßen!« fuhr er auf. »Ja. Du bist mein Tyrann geworden, und ich war Deine Sclavin bis heut. Aber ich will nicht darüber klagen und mich nicht beschweren, denn ich trage die Schuld daran. Ich konnte jeden Andern bekommen und war so dumm, nur Dich zu wollen. Ich werde auch in Zukunft Deine Sclavin bleiben; aber in einem Punkte habe ich auch meinen Willen: Mein Kind lasse ich mir nicht unglücklich machen, so unglücklich wie ich selbst bin. Selbst eine Löwin vertheidigt ihre Jungen, und da – – –« »Papperlapapp!« rief er lachend. »Eine Löwin! Das ist ein wunderbarer Vergleich. Wo hast Du ihn denn einmal gehört? Du, die ängstliche Maus, jetzt plötzlich eine Löwin! Das klingt geradezu toll!« »Mag es toll klingen. Ich werde meine Tochter zu vertheidigen wissen. Wenn Du diesen Gedanken nicht freigiebst, so – – –« »Still! Kein Wort weiter!« Auch er war aufgestanden und schlug, während er diese Worte sprach mit der Faust auf den Tisch, daß dieser in allen seinen Fugen krachte. Die Frau zuckte angstvoll zusammen und schwieg. »Schau,« fuhr er fort, »wie Du gehorchst! Und das ist Dein Glück! Eine solche Sprache laß ich mir nicht gefallen. Offenen Widerspruch? Das fehlte noch! Wenn Ihr Frauen mit List gegen den Mann conspirirt, so läßt man es sich gefallen, denn dazu seid Ihr geboren, und man achtet es nicht; aber in dieser Weise gegen mich aufzutreten, das ist mir zu stark. Das unterlaß, wenn Du nicht Etwas erleben willst, was sonst nur ungezogene Mädchen in der Schule erleben, nämlich eine Tracht Prügel zu bekommen. Ich will Dir ja erlauben, vorzubringen, was Du gegen den Osec hast; aber das ist auch Alles. Ein weiteres Recht kann ich Dir nicht einräumen. Ein solches Auftreten aber wie jetzt, das unterlasse ja! Ich warne Dich! Also warum paßt er Dir nicht?« »Ich mag keinen Osec im Hause haben. Jedermann weiß, daß Vater und Sohn sich ihr Vermögen nur auf unrechte Weise erworben haben.« »Das ist leere Klatscherei.« »Nein. Sie sind Pascher.« »Beweise es!« »Die Polizei wird es ihnen schon noch beweisen!« »Darauf kannst Du lange warten. Wenn Du nichts weiter gegen sie hast, so kannst Du lieber schweigen.« »Er ist zu alt.« »Unsinn! Ein Mann ist nie zu alt für eine Frau. Ihr Weiber müßt erfahrene Männer haben, die es verstehen, Euch straff in den Zügeln zu halten.« »Er ist der häßlichste Kerl im ganzen Lande!« »Das ist nur vortheilhaft für Gisela. Er wird es dankbar anzuerkennen wissen, daß er eine schöne Frau bekommt. Er wird sie auf seinen Händen tragen.« »Er gilt für dumm; aber er ist es nicht. Er ist heimtückisch und hinterlistig und zu allen Schlechtigkeiten fähig!« »Das ist Verleumdung.« »Nein; es ist wahr!« »Schweig! Was ich sage, das hast Du zu glauben!« donnerte er. »Und Gisela kann ihn nicht ersehen!« »Ach, das weißt Du so gewiß?« »Ja.« »Hast Du sie etwa schon gefragt, ob sie ihn haben will?« »Das ist nicht nöthig. Es ist genug von ihm gesprochen worden, daß ich wissen kann, was sie von ihm denkt.« »Was sie von ihm denkt, das kann hier gar nicht in Betracht kommen. Die Sache ist abgemacht und kann nicht zurückgenommen werden.« »Um Gotteswillen! So hast Du mit den Osecs schon gesprochen?« »Natürlich! Ich habe Dir ja bereits gesagt, daß die Angelegenheit vollständig abgemacht ist. Nachher, zur Kaffeezeit, werden Beide kommen.« »Vater und Sohn? Zu uns?« »Ja, und auch die Mutter mit. Du freust Dich doch auf sie?« »Freuen! Freuen soll ich mich!« »Nun, Du kannst mit der Alten einen schönen, interessanten Klatsch beginnen. Das ist ja Euer größtes Vergnügen. Natürlich wirst Du Alles auftragen, was Du vermagst, denn es ist die Brautschau.« »Brautschau! Mein Himmel! Und das ist ausgemacht worden, ohne mir ein Wort zu sagen!« »Das war nicht nöthig.« »Aber ich brauchte es doch nicht erst im letzten Augenblicke zu erfahren!« »Pah! Je später ich Dirs sagte, desto besser, denn je früher Du es erfahren hättest, desto eher hätte die Lamentation begonnen.« »Für Das, was Du da sagst, finde ich keine Worte. Wenn Du das Glück Deines Kindes so verschacherst, so mag es auf Dein Gewissen zu liegen kommen. Aber mir es bis zu diesem Augenblicke zu verschweigen, das ist die reine Hinterlist und Heimtücke!« »Was?« brüllte er auf. »Hinterlist und Heimtücke! Das sagst Du mir, mir, mir! Ah, ich habe Dich gewarnt. Hier, schau zu, wie die Heimtücke zu fühlen ist!« Er holte aus und versetzte ihr einen Faustschlag, daß sie niederstürzte. »Und merke es Dir,« fügte er hinzu, »wenn Du Dir gegen die Osecs durch ein Wort oder auch nur einen Blick merken lässest, daß der Besuch Dir nicht angenehm ist, so schlage ich Dich vor ihren Augen so lange, bis Du den Stephan gradezu bittest, die Gisela zu heirathen! Das ist mein letztes Wort.« Er verließ die Stube und stieg die Treppe hinab. Unten im Hausflur angekommen, warf er ganz zufällig einen Blick zur Thür hinaus, und da bemerkte er einen Menschen, welcher sich mit langsamen Schritten dem Gute näherte. Sogleich trat er zur Thür hinaus, um denselben zu erwarten. Der Kerl schien einer jener Slavonier zu sein, wie sie als Drahtbinder und Blechhändler allüberall herumziehen. Er hatte enge Hosen an, einen kurzen Mantel übergeworfen und ein schmalkrämpiges Hütchen auf. Er trug eine Anzahl Töpfe, Tiegel, Reibeisen, Mausefallen und anderes Draht- und Blechgeschirr auf dem Rücken. Seine Haare hingen wirr und lang bis auf die Schultern herab, und sein Aussehen war so schmutzig und verwildert, daß man sich leicht vor ihm fürchten konnte. Als er den Bauer erblickte, kam er schneller herbei, griff an seinen Hut und grüßte in dem zechisch-slowenischen Idiome: »Dobry den pane Kery! Tesi ma, ze se s wami sbledam – guten Tag, Herr Kery! Es freut mich, Ihnen zu begegnen!« Dabei suchten seine Augen verstohlen nach rechts und links, ob er vielleicht von noch irgend Jemand bemerkt werde. »Halts Maul, Usko!« antwortete der Bauer unwirrsch, »Du weißt, daß ich Deine fremde Schlabberei nicht verstehe.« »Ich habe gegrüßt,« meinte der Slowak nun in geläufigem Deutsch. »So rede deutsch, Kerl!« »Haben Sie keine Arbeit für mich? Töpfe oder Schüsseln einzustricken, Herr?« »Mach keinen Unsinn! Wir sind allein. Es hört uns Niemand. Also können wir sprechen. Aber mach die Sache kurz. Wo ist Zerno?« »Noch auf der Suche, Herr.« »Bringst Du Nachricht?« »Ja, eine sehr gute. Morgen grad um Mitternacht dürfen Sie kommen.« »Schön! Das paßt sehr gut, denn morgen bekomme auch ich neue Waare. Da können wir gleich umtauschen. Wann wird Zerno kommen?« »Noch heut Abend. Darf ich bei Ihnen übernachten?« »Ja. Kannst im Heu schlafen. Aber jetzt am Tage ist es mir lieb, wenn Du mein Gut noch meidest.« »So werde ich gehen und am Abend wiederkommen. Bohu was poraucim; do opet wideni – Gott befohlen: auf Wiedersehen!« »Willst Du schweigen mit Deinem fremden Geschwätz!« »Es ist besser, die Leute denken, ich kann nicht gut Deutsch, Adieu, Herr!« Er machte sich von dannen, und der Bauer trat wieder in das Haus. Grad in diesem Augenblicke kamen Ludwig, der Knecht, und seine Mutter aus der Wohnstube. »Nun, seid Ihr fertig mit Klatschen?« fragte Kery. »Wollen Sie mir verbieten, mich mit meiner Mutter zu unterhalten?« antwortete Ludwig. »Schau Du lieber nach den Pferden!« »Das werde ich wohl thun.« »Und sorge dafür, daß Platz für zwei Fremde ist! Wir bekommen Besuch.« »Weiß schon. Die Osecs kommen zu Dreien angefahren.« »Haben sie es Dir wirklich gesagt?« »Wüßte ich es sonst?« »Wie kommen sie dazu, Dir das mitzutheilen, he?« »Vielleicht ists besser, wenn Sie sie selber fragen.« »Kerl, wenn Dein Herr fragt, hast Du zu antworten! Was hast Du mit ihnen zu schwatzen! Nur deshalb bist Du so spät zurückgekommen. Ich werde Dich unter ein strenges Kommando nehmen müssen.« »Je strenger es ist, desto lieber ists mir. Als Unterofficier liebe ich die Strenge. Komm, Mutter!« Er nahm seine Mutter bei der Hand und ging nach dem Stalle. Der Bauer blieb zornig stehen, hatte aber seinen besondern Grund den Knecht nicht gegen sich aufzubringen. Als jetzt Gisela mit verklärtem Gesicht aus der Küche trat, verfinsterte sich das seinige noch viel mehr. »Was ziehst für einen Fratz?« fragte er. »Du machst doch ein Gericht, als ob Du die ganzen Lottogewinne verschluckt hättest!« Früher war sie auf eine solche Anrede still davon gegangen, jetzt aber blieb sie vor ihm stehen und antwortete: »Ich hab freilich einen sehr großen Gewinn gemacht.« »So? Welchen denn?« »Den allergrößten.« »Schwatz nicht in Räthseln!« »Nein. Den Gewinn wirst Du wohl heut noch erfahren. Wo ist die Mutter?« »Droben in meiner Stube. Kannst hinaufgehen und ihr jammern helfen.« Ihr Gesicht nahm schnell einen besorgten Ausdruck an. »Was ist mit ihr?« fragte sie. »Frag sie selber! Dann wirst Du zugleich Etwas erfahren, was Dir große Freude machen wird.« »Diese Freude wird nicht groß sein,« sagte sie, ihm ruhig und voll in das Gesicht blickend. »Hör nur erst, was es ist!« »Das ist nicht nöthig. Ueber so einen Bräutigam werde' ich nicht vor Freude närrisch.« »Bräutigam? Wen meinst Du?« »Den hübschen Osec. Da hast Du ein Meisterstück gemacht, Vater!« »So? Woher weißt Du denn überhaupt davon?« »Welche Frage! Ich als Braut werde es doch wissen, daß der Bräutigam kommt! Was denkst Du denn von mir! Ich bin ganz entzückt über diesen Besuch.« Sie machte ihrem Vater einen Knix und eilte fort, zur Treppe hinauf. Sie hatte in ungewöhnlicher Freundlichkeit gesprochen. Er wurde dadurch förmlich verblüfft. »Habe ich denn recht gehört?« fragte er sich. »Ironie war das nicht. Dazu war ihr Gesicht zu aufrichtig, und das würde sie auch nie wagen. Aber wirklich und aufrichtig kann ihre Freude doch auch nicht sein, denn das ist ja rein unmöglich.« Er sann noch einige Augenblicke über ihr Verhalten nach, konnte sich aber dasselbe nicht anders erklären als: »Es geht manchmal ganz verkehrt zu in der Welt, und grad das, was man am Allerwenigsten denkt, geschieht am Leichtesten. Sollte sie heimlich in den Stephan verliebt sein? Man hat ja oft das Beispiel, daß sich das schönste und gescheidteste Mädchen in den albernsten und häßlichsten Kerl verlieht. Wäre das der Fall, so wollte ich gern damit zufrieden sein. Werden sehen, werden schon sehen!« Er ging nach dem Garten, von welchem aus die Straße zu überblicken war, auf welcher der erwartete Besuch herbeikommen mußte. Indessen war Gisela oben bei ihrer Mutter eingetreten. Diese saß auf dem Stuhle, das Gesicht in die Hände gelegt, und weinte bitterlich. »Mutter, meine liebe Mutter, Du weinst!« rief sie. »Warum denn?« Sollte die Mutter der Tochter sagen, wie roh sie vom Vater behandelt worden sei? Nein. »Warum ich weine?« antwortete sie. »Ach, Gisela, wenn Du es wüßtest!« »Ists gar so schlimm?« »Das Allerschlimmste, was es nur geben kann.« Die Tochter betrachtete die Mutter genauer. Der Hieb, den die Letztere erhalten hatte, hatte eine Spur zurückgelassen, welche Gisela jetzt bemerkte. »Um Gotteswillen! Der Vater hat Dich geschlagen!« entfuhr es ihr. »Nein, Kind! Wie kannst Du so Etwas nur denken!« »Nur denken? Meinst Du, wir Alle wüßten es nicht, daß er Dich zuweilen mißhandelt?« »Was? Wie? Ihr wißt es?« »Ja, Mutter. Ich habe es Dir noch nicht gesagt, um Dich nicht zu betrüben. Jetzt aber, da ich es ganz genau an Deiner Wange sehe, kann ich es nicht mehr verschweigen. Nicht wahr, er hat Dich geschlagen?« »Er war zornig, sonst hätte er es nicht gethan, mein Kind.« »Also doch! Meine Mutter geschlagen. Mein lieber Gott! Und zwar meinetwegen!« »Warum vermuthest Du das?« »Ich weiß es. Du hast ihm widersprochen. Du hast es nicht dulden wollen.« »Was denn?« »Daß ich den Osec nehmen soll.« »Wie! Du weißt es bereits?« »Ja. Ludwig erzählte es seiner Mutter, und ich belauschte es. Die Osecs haben es ihm gesagt, daß sie kommen werden, zur Versprechung wohl bereits.« Die Bäurin trocknete ihre Thränen, blickte die Tochter verwundert an und sagte: »Und das sagst Du so lachenden Muthes!« »Ist dieser Stephan es denn werth, daß ich seinetwegen nur eine einzige Thräne vergieße?« »Nein, gewiß nicht!« »Nun, so laß mich also lachen!« »Aber, Kind, ich begreife Dich nicht! Ich habe dem Vater widersprochen, bis er mich sogar schlug. Ich habe es für ein gräßliches Unglück angesehen, und Du lachst!« »Weil es mir wirklich lächerlich ist, zu denken, daß ich diesen Menschen heirathen soll.« »Aber dem Vater ist es Ernst, wirklicher und wahrhaftiger Ernst!« »Das glaube ich wohl.« »Und er wird Dich zwingen, einzuwilligen!« »Das glaube ich nicht.« »Höre, Gisela, Du weißt, daß er es nicht duldet, ihm zu widersprechen.« »Und ich werde ihm doch widersprechen.« »So wird es so lange entsetzliche Scenen geben, bis er Dich zwingt, Ja zu sagen.« Jetzt nun nahmen die Züge Gisela's einen ernsten Ausdruck an. Sie antwortete: »Ja werde ich nicht sagen, nun und nimmermehr. Ich würde mich eher in das Wasser stürzen, als mich von diesem Menschen anders berühren lassen als wie Einen ein Jeder berühren darf.« »Aber der Vater wird Dich zwingen! Ich wiederhole es.« »Nein, und abermals nein, und tausendmal nein! Es wird keine Scenen geben. Darauf kannst Du Dich verlassen. Ich werde mich mit dem Vater gar nicht zanken. Ich bin ihm bis heut in Allem gehorsam gewesen; hier in diesem Falle würde der Gehorsam der reine Selbstmord sein.« »Was willst Du denn aber thun?« »Das weiß ich noch nicht genau. Ich will es mir noch überlegen. Nur das weiß ich, daß ich mich nicht zanken werde. Mit offenem Widerstand kommt man beim Vater nicht aus. Ich muß erst mit meinem Verbündeten reden.« »Hast Du einen solchen?« »Ja.« »Wer könnte das sein?« »Ludwig.« »Der? Dein Verbündeter?« »Ja, ohne daß er es weiß. Ich hörte, daß er zu seiner Mutter sagte, er werde es nicht dulden, daß der Osec mich bekomme. Und ich glaube, er weiß ein Mittel, den Vater von seinem Vorhaben abzubringen.« »Welches wäre das?« »Das weiß ich selbst noch nicht, werde es aber hoffentlich recht bald erfahren. Komm also herab, Mutter. Wir wollen den Kaffee fertig machen. Und dann, wenn die Osec kommen, sind wir so freundlich gegen sie, daß der Vater ganz irr werden muß an uns!« »Kind, ich möchte schon jetzt ganz irr an Dir werden. Du bist ja wie ganz umgewechselt!« »Das bin ich auch. Dieser Stephan soll sich verrechnet haben.« »Vielleicht bist Du es, die sich verrechnet!« »Nein, nein. Es ist doch ganz unmöglich, daß ich ihn heirathe, denn – denn – – –« »Denn – – Nun, was denn?« »Denn ich weiß bereits einen Andern.« »Was? Wie? Hast Du etwa einen Schatz, ohne daß ich es ahne?« »Nein.« »Aber Du redest doch von einem Andern!« »Ja freilich. Er ist mein Schatz nicht, aber ich habe ihn unendlich lieb und er mich auch. Du siehst also, daß der Osec heut umsonst kommt.« Da schlug die Mutter die Hände zusammen, schüttelte den Kopf und sagte staunend: »Mädchen, Du bist wirklich ganz plötzlich eine vollständig Andere geworden. Ich kenne Dich gar nicht mehr!« »Das glaube ich wohl. Wenn ich nicht ich selber wäre, würde ich mich auch nicht mehr kennen.« »So sag mir doch, wer der Andere ist!« »Willst Du es wirklich wissen?« meinte das schöne Mädchen in schäkerndem Tone. »Natürlich!« »Es ist kein Reicher.« »O weh! Da giebts der Vater im ganzen Leben nicht zu.« »Darüber mache ich mir jetzt noch keine Sorgen. Wenn er auch kein Vermögen besitzt, so ist er doch hübsch, brav und arbeitsam. Weißt Du, ich will es Dir sagen!« Und die Mutter umarmend, näherte sie dem Ohre derselben ihre Lippen und flüsterte: »Der Ludewig ists.« »Mädchen!« fuhr die Bäuerin auf. »Du erschrickst wohl gar?« »Natürlich.« »Bist Du gegen ihn?« »Davon ist keine Rede. Seine Armuth ist bei mir kein Hinderniß, aber der Vater, der Vater!« »Den fürchte ich nicht mehr, seit ich weiß, daß Ludewig mich lieb hat.« »Er hat es Dir aber doch noch nicht gesagt, wie Du vorhin sprachst!« »Wir haben freilich noch kein Wort darüber gesprochen. Aber ich hörte es, als er seiner Mutter erzählte, wie lieb er mich habe. Er weiß, daß er mich niemals bekommen kann und hat doch meinetwegen so lange Zeit bei uns gedient. Er hätte sich beim Militär eine Anstellung erdienen können, ist aber lieber wieder zu uns gekommen, um nur in meiner Nähe sein zu können. Ist das nicht schön von ihm?« »Wenn er das Deinetwegen gethan hat, so muß er Dich freilich sehr, sehr lieb haben.« »Nur meinetwegen. Mutter, meine gute Mutter, bist Du bös, daß ich ihn so lieb habe?« Sie schlang die Arme um die Bäuerin und legte ihr Köpfchen an deren Herz. »Nein, mein Kind! Wie könnte ich Dir bös sein. Ists denn ein Wunder, daß er Dich lieb hat und Du ihn wieder? Er ist als armer Junge von der Schule weg zu uns gekommen. Damals warst Du noch ein kleines Mädchen, und er hat Dir bereits in jener Zeit so viel Gutes gethan.« »Ja, ich habs gewußt, daß ich ihm herzlich gut bin; aber ich habe nicht gedacht, daß er mich wieder liebt. Wäre er reich, so würde der Vater nicht dagegen sein. Und auch Dir wäre ein Reicher vielleicht lieber.« »Nein, mein Kind. Wenn ich für Dich wählen sollte und die Wahl zwischen einem Reichen und einem Armen hätte, denen Du gleich gut wärst, so würde ich mich für den Letzteren entscheiden.« »Ist das wahr?« »Ganz gewiß. O, ich habe auch alle Ursache dazu!« »Wegen des Vaters?« »Ja. Er war der Reichste im Ort und darum auch allen Andern voran. Das gefiel mir. Wäre er nicht reich gewesen, so hätte er mehr Bescheidenheit gezeigt und mir dummen Dinge nicht so gut gefallen. Ludwig ist ein tüchtiger Oberknecht und wird ein ebenso tüchtiger Landwirth werden. Du wirst von heut an mit dem Vater viel zu kämpfen haben. Wie Du Dich dabei verhalten willst, das weiß ich freilich nicht, aber ich weiß desto gewisser, daß ich Dir aus allen Kräften beistehen werde. Doch jetzt haben wir keine Zeit, über diese Sachen zu sprechen. Wir müssen in die Küche. Komm, Gisela, komm! Später sind wir ungestörter als jetzt.« Als sie in die Küche kamen, fanden sie Ludwig dort, welcher seine durchnäßten Kleider an den heißen Ofen aufhängen wollte, und um die Erlaubniß bat, dies thun zu dürfen. »Wie sind sie denn so naß geworden?« fragte die Bäurin. »Ich sprang in das Wasser.« »Warum?« »Die Osecs werden nachher kommen; diese können es vielleicht besser erzählen als ich.« Weiter brachten sie nichts aus ihm heraus. Als der Kaffee dampfend auf den beiden Tischen stand, versammelten sich Herrschaft und Gesinde wieder in der Wohnstube. Ludwig hatte seine Mutter nicht mitgebracht, um sie nicht abermals der beleidigenden Behandlung des Kery-Bauers auszusetzen. Da hörte man eine Peitsche knallen und sodann das Rollen eines Wagens, welcher draußen vor der Thür hielt. »Holla!« rief eine laute, scharfe Stimme. »Ist Niemand da, uns zu empfangen.« »Rasch hinaus zu den Pferden!« befahl der Bauer. »Die Osecs sinds.« Ludwig sprang auf, um hinaus zu eilen. »Halt!« gebot Kery. »Du nicht. Du heut zum Festtag mit Deinen Lumpen auf dem Leib! Was sollte da der Besuch denken! Es ist eine Schande, daß Du hier in der Stube sitzest. Mach, daß Du Deinen Kaffee trinkst, und scheere Dich dann zum Teufel!« Die andern Knechte eilten fort, um Pferde und Wagen zu besorgen. Der Bauer ging natürlich auch hinaus, um die Angekommenen zu begrüßen. Er brachte sie herein. Die beiden Osecs, Vater und Sohn, waren einander außerordentlich ähnlich, zumal sie ganz dieselbe Kleidung trugen, wie sie in jener Gegend gebräuchlich ist – schwarze, enge Lederhosen mit hohen Schaftstiefeln darüber, rothe Sammetwesten mit blinkenden Metallknöpfen und eine kurze Jacke ohne Schöße. Beide waren lang und hager; Beide hatten dünne, scharfe Gesichtszüge und die Haut voll großfleckiger, häßlicher Sommersprossen. Das Haar des Jungen war semmelblond und struppig, das des Alten grau und ganz kurz verschnitten. Beide hatten dieselbe Physiognomie, das Gesicht des Fuchses, welcher sich Mühe giebt, ungefährlich zu erscheinen. Dabei war das Auftreten des Sohnes ein außerordentlich dummdreistes. Häßlich, sehr häßlich waren Leide. Das konnte gar nicht geleugnet werden. »Da ist unser Besuch,« sagte der Kerybauer. »Meine Frauen heißen Euch willkommen.« »Wers glaubt!« lachte der alte Osec. »Warum wollen Sie es nicht glauben?« fragte Gisela im munteren Tone. »So angesehene Leute sieht man nur zu gern kommen.« »Wettermädel, Du gefällst mir! Komm, gieb mir Deine Hand!« Sie streckte sie ihm entgegen. Er drückte sie ihr und schob sie dann seinem Sohne zu. »Siehst Du auch den gern kommen?« »Natürlich! Ein Junger ist Einem allemal lieber als ein Alter.« »Glaubs! Wenn er Dir wirklich lieber ist, so gieb ihm keine Hand, sondern einen Kuß!« »Den kann er ganz gern haben.« Sie hob wirklich das hübsche Gesichtchen zu dem langen Burschen empor. Dieser war schnell bereit, diesen so unerwarteten Genuß in Empfang zu nehmen, und bückte sich nieder. Mit gespitztem Munde und halb geöffneten Lippen wollte er sie küssen. Da aber hob sie blitzschnell die Hand und schob ihm Etwas in den Mund. »Da ist der Kuß!« lachte sie. Er fuhr zurück, starrte sie überrascht und enttäuscht an, kaute, sprudelte und spuckte dann den Gegenstand aus. »Pfui Teuxel!« rief er. »Was war das?« »Dreierlei. Schmeckt es nicht?« fragte sie. »Wie verflucht. Für so einen Kuß muß ich danken!« »Ist nicht nothwendig. Es war Butter, Pfeffer und Petroleum. Ich hab mir einen Vorrath gemacht davon. Vielleicht bekommst Du später wieder Appetit.« Die Knechte und Mägde lachten, daß es schallte. »Was habt Ihr zu feixen!« zürnte der Kery-Bauer. »Und Dir, Mädchen, sage ich, daß ich mir so dumme Witze gegen einen geladenen Gast verbitte!« »Laß sie; laß sie nur!« beruhigte ihn der alte Osec. »Was sich liebt, das neckt sich. Das ist eine alte Sache. Du mußt es doch auch wissen, denn Du bist ja auch mal jung gewesen.« »Aber solche Küsse haben wir uns damals doch nicht geben lassen!« »Andre Zeiten, andre Sitten! Vielleicht ist jetzt Pfeffer und Petroleum an der Mode. Aber da sehe ich ja den Ludwig. Grüß Dich Gott, Bursche! Hast auch die Kleidung umgewechselt?« Er reichte ihm die Hand. »Was geht Dich Dem seine Kleidung an!« sagte der Hausherr zornig. »Soeben habe ich ihn ausgezankt, daß er sich an einem Festtag Nachmittags, an welchem man noch dazu so liebe Gäste bekommt, in dieser Kleidage herzusetzen wagt.« »Was? Ausgezankt ist er worden? Das hat er nicht verdient.« »So? Warum denn?« »Das wirst Du wohl wissen.« »Ich weiß gar nichts.« »Hat er nichts erzählt?« »Kein Wort. Diesem Kerl möchte man eine jede Silbe abkaufen.« »Das ist nicht nöthig,« fiel da Ludewig ein. »Wenn es nöthig und am rechten Platze und in der richtigen Zeit ist, weiß ich schon auch zu reden; aber schwatzen ist freilich nicht meine Angewohnheit. Hätte ich von der Sache erzählt, so wäre es herausgekommen, als ob ich mich rühmen wollte.« »Wenn Du nicht schwatzhaft bist, warum schwatzest Du da jetzt?« »Weil es an der Zeit war.« »Das finde ich nicht. Und rühmen? Ich möchte wissen, wessen Du Dich rühmen könntest.« »Zanke nicht! Er hat Recht!« erklärte der alte Osec. »Wenn er nicht gewesen wäre, ständen wir Beide nicht hier.« »Warum?« »Weil wir da ersoffen wären.« »Unsinn! Ersoffen!« »Freilich. Er sprang uns nach und holte uns Beide heraus.« »Wo? Und wie sollte das geschehen sein?« »Wir fuhren die beiden neuen Füchse zum ersten Male aus. Das sind zwei höllische Bestien. Sie gingen uns durch.« »Euch? Hahahaha! Das konnte mir wohl nicht passiren!« »Vielleicht noch leichter als uns! Kurz und gut, sie gingen uns durch. Es war uns geradezu unmöglich, sie zu halten. Sie rannten in Carrière dem Flusse zu. Alles, was wir thun konnten, war, sie nach der Brücke zu bringen. Aber das verschlimmerte die Sache. Sie rissen das Geländer fort und stürzten mit dem Rollwägelchen, in welchem wir saßen, in das tiefe Wasser hinab.« »Donnerwetter! Das ist ja geradezu lebensgefährlich!« rief Kery. »Ja, schön war es freilich nicht.« »Was habt Ihr denn da gemacht?« »Nichts? Was wollten wir machen? Wir waren ja vor Entsetzen ganz und gar starr. Ich weiß nur, daß ich, als der Wagen gegen das Geländer flog, aus demselben hinab und in das Wasser geschleudert wurde.« »Und ich auch,« fügte der Junge bei. »Der Vater rechts und ich links.« »Da ist's geradezu ein Wunder, daß Ihr lebendig hier steht!« »Ja, das ist richtig. Und dieses Wunder hat Euer Ludewig vollbracht. Er kam auf seinem Wagen aus der Stadt, uns entgegen. Er sah vom Weiten die ganze Geschichte und trieb seine Pferde an, um schnell herbeizukommen. Als er den Fluß erreichte, hielt er an, sprang aus seinem Wagen heraus und direct in das Wasser hinein. Das heißt, gesehen habe ich das nicht, denn ich war bereits dreiviertel todt. Ich bin kein Schwimmer, denn ich hab all mein Lebtage zu viel Knochen gehabt, welche gleich untergehen. Ich schluckte also riesig Wasser und verschwand rasch in der Tiefe. Natürlich verlor ich den Verstand. Als ich ihn wiederfand, lag ich am Ufer und mein Junge da neben mir. Bei ihm aber war der Verstand noch nicht wieder da.« »Vielleicht kommt er später noch, in einigen Wochen oder Monaten,« bemerkte Gisela. »Schweig, Mädchen!« zürnte ihr Vater. »Das ist doch eine ganz verfluchte Geschichte gewesen! Da stand das Leben auf dem Spiele!« »Nicht blos auf dem Spiele, sondern es hing nur noch an einem einzigen dünnen Faden,« antwortete der alte Osec. »Der Ludewig hat uns die Haut so lange geklopft und gerieben, bis wir wieder lebendig geworden sind.« »Und die Pferde? Die sind doch jedenfalls ersoffen?« »Ein Wunder wäre es nicht, dort in der tiefen, reißenden Stelle. Aber zum größten Glücke war es ein ganz leichter Wagen. Die Thiere haben sich oben erhalten, bis der Ludewig uns Beide am Ufer hatte. Sodann ist er wieder hineingesprungen, und es ist ihm gelungen, auch noch das Gespann herauszuwürgen.« »Drum, drum also war er so naß und dreckig geworden! Kerl, konntest Du das nicht sagen!« Dieser letztere Zuruf war an Ludewig gerichtet. Dieser antwortete in sehr gleichmütigem Tone: »Wenn ich nicht gleich in so patziger Weise empfangen worden wäre, hätte ich es vielleicht erzählt. So aber verging mir jede Lust dazu.« »Du hast ja zweien Menschen und dazu auch zweien Pferden das Leben gerettet. Du wirst die Rettungsmedaille bekommen.« »Für die Menschen oder für die Pferde?« »Natürlich für uns, für uns!« erklärte Osec, der Vater, in bestimmtem Tone. »Du mußt ein ganz verteufelter Schwimmer sein!« »Ich schwimme leidlich.« »So hast Du nicht solche Knochen wie wir. Es mag für einen Schwimmer nicht schwer sein, eine solche That zu vollbringen, aber ich werde Dich dennoch belohnen.« »Ist nicht nöthig. Danke!« »Pah! Es soll mir Keiner nachsagen können, daß ich mich, meinen Jungen und zwei Pferde habe umsonst retten lassen. Ich wollte Dich gleich belohnen, aber Du machtest mir gar zu schnell von dannen. Hier, nimm, Ludewig!« Er zog den Beutel, griff hinein und gab dem Knecht zwei Zettel in die Hand. Das that er in einer Weise und mit einer Miene, als ob er ein Königreich verschenke. Ludewig betrachtete die beiden Zettel und sagte: »Herr Osec, das kann ich nicht annehmen!« »Warum nicht?« »Es ist zu viel.« »Wie? Zu viel? Sollte ich mich vergriffen haben?« »Jedenfalls.« »Was habe ich Dir gegeben?« »Zwei ganze, volle Guldenzettel.« »So habe ich mich doch nicht vergriffen.« »Wirklich? Zwei Gulden wollten Sie mir geben?« »Ja.« »Die kann ich nicht annehmen. Es ist wirklich zu viel.« »Närrischer Kerl! Behalte es doch! Ich kann es ja geben. Ich bin der Mann dazu!« »Und dennoch. Ich bitte, es wieder zurück zu nehmen!« »Nein, das thue ich nicht. Alles zurückzunehmen, dazu bin ich viel zu nobel. Dem Verdienste seine Krone! Wenn es Dir wirklich zu viel ist, so gieb mir den einen Gulden wieder und behalte den anderen.« »Auch das kann ich nicht.« »Warum aber denn?« »Weil auch das noch zu viel ist.« »Du bist mir ein ganz unbegreiflicher Mensch. Ich kann den Gulden ganz leicht verschmerzen. Das kannst Du mir glauben!« »Möglich! Aber es verträgt sich mit meinem Gewissen nicht.« »Nun, wenn Dein Gewissen dabei ins Spiel kommt, so muß ich Dir freilich den Willen thun. Ich bin bekanntlich ein guter Christ und werde mich also hüten, jemals Etwas zu thun, wodurch ein Anderer mit seinem Gewissen in Conflict gerathen könnte. Aber Deinen Lohn mußt Du auf alle Fälle haben. Wenn Dir ein Gulden zu viel ist, so gieb die beiden Zettel her.« Ludewig that dies. Der Geizige steckte sie ein, suchte dann eine lange Zeit in seinem kleinen Silbergelde herum, gab ihm Etwas davon und sagte: »So, das kannst Du wohl mit gutem Gewissen annehmen.« »Nein, auch das nicht.« »Warum?« »Es sind doch fünfzig Kreuzer!« »Ja, ein halber Gulden.« »Das ist noch zu viel.« »So behalte dreißig und gieb zwanzig heraus.« »Immer noch zu viel.« »Wie viel willst Du denn? Zwanzig?« »Nein.« »Donnerwetter! Wie viel denn?« »Gar nichts.« »Mensch, ich begreife Dich wirklich nicht, ganz und gar nicht! So Etwas macht man doch nicht ganz und gar umsonst!« »Ich habe nichts zu verlangen. Ich habe es freiwillig gethan.« »Und ich bezahle Dich freiwillig, obgleich Du nichts zu verlangen hast!« »Ich nehme lieber gar nichts, als daß –« Er hielt inne. »Was denn? Was willst Du sagen?« »Das wissen Sie nicht?« »Nein.« »Wirklich und wirklich nicht?« »Wie kann ich es wissen? Hältst Du mich etwa für allwissend?« »Nein, aber dennoch können Sie recht gut wissen, was ich meine. Ich will lieber gar nichts nehmen, als mich mit zwei lumpigen Gulden beleidigen lassen!« »Oho! Pfeifst Du so!« fuhr Osec auf. »Ja, so pfeife ich, und so würde ein Jeder pfeifen, welcher Ehre im Leibe hat.« »Tu willst wohl gar mehr als zwei Gulden.« »Nein. Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich gar nichts zu verlangen habe.« »Ich gebe es Dir dennoch!« »Sie dürfen es nicht so geben, daß die Gabe eine Beleidigung für mich ist.« »Mensch, was fällt Dir ein! Ein Knecht muß froh sein, zwei Gulden zu erhalten!« »So! Wieviel habe denn ich Ihnen gegeben?« »Du? Mir? Gar nichts!« »Sie irren sich. Ihre Pferde waren neu. Wieviel haben Sie dafür bezahlt?« »Achthundert Gulden.« »Nun, diese achthundert Gulden wären verloren gewesen, wenn ich die Pferde nicht herausgeschafft hätte. Und für diese achthundert Gulden geben Sie mir zwei! Und da rechne ich noch gar nicht, wieviel Ihr Leben werth ist und dasjenige Ihres Sohnes. Hätte ich das gewußt, so hätte ich die Pferde gerettet, weil mir die Thiere leid thaten, Sie aber hätte ich ruhig ersaufen lassen.« »Mensch, Du wirst grob!« »Nein, sondern ich sage Ihnen nur meine Meinung, Herr Osec. Hätten Sie mir die Hand gedrückt und gar kein Geld angeboten, so hätte ich mich gefreut. Aber mich mit zwei Gulden abfinden, für zwei Menschenleben, zwei Pferde und einen Wagen, welcher zertrümmert und zu Schanden geworden wäre, mit zwei Gulden, welche nicht einmal ausreichen, mir meinen Anzug wieder herstellen zu lassen, das ist lumpig! So Etwas thut man aber am Allerwenigsten dann, wenn man auf die Brautschau geht, um die einzige Tochter eines steinreichen Mannes zu angeln. Sie sind der reiche Herr Osec, aber nebenbei sind Sie auch ein Geizkragen und Filz ohne Gleichen. Wehe dem Mädchen, welches einen solchen Schwiegervater bekommt!« Alle, Alle hatten sich darüber geärgert, daß der geizige Mensch seinen Lebensretter mit so einer Bagatelle abfinden wollte. Darum war diesem Keiner, selbst nicht sein eigener, sonst so strenger Herr, in die Rede gefallen. Und als dieselbe nun einen so unerwartet kräftigen Ausgang nahm, war es zu spät, dies zu verhindern und ihn zu unterbrechen. Als er die letzten Worte gesprochen hatte, ging er schnell hinaus. Noch bevor er die Thür schloß, vernahm er einen zornigen Ausruf der beiden Osecs. Dies ärgerte ihn aber keineswegs, sondern machte ihm nur Vergnügen. Er hatte seiner Mutter gesagt, daß sie in dem hinteren Garten auf ihn warten solle. Sie war aber nicht zu sehen. Vielleicht hatte sie geglaubt, daß er nicht so schnell zurückkehren werde. Er setzte sich also auf eine von Sträuchern umgebene Bank und verfiel in ein trübes Nachdenken. Das Gespräch mit seiner Mutter hatte ihm über seine Liebe, seine Hoffnungen und Befürchtungen die Augen geöffnet. Er hielt es noch jetzt, obgleich seine Mutter das Gegentheil behauptet hatte, für unmöglich, daß das reiche, schöne Mädchen seine Liebe erwidern könne. Daher sah er mit dem heutigen Tage einen Wendepunkt seines Lebens nahe getreten. Und das war jedenfalls nicht eine Wende zum Guten, zum Glücke. Wurde Gisela gezwungen, den jungen Osec zu heirathen, so war seines Bleibens nicht länger. Ließ sie sich aber nicht zwingen, so gab es dennoch keine Hoffnung für ihn, glücklich zu werden. Auch dann war es für ihn am Besten, fortzugehen und nur seiner Mutter und seiner armen Schwester zu leben. Ueberall zeigte sich der Himmel trübe und sein Horizont bewölkt. Würde es einmal einen Lichtstrahl geben, dem es gelänge, diese Wolken zu durchbrechen? Wohl kaum! So saß er eine längere Zeit, ohne von irgend Jemand gestört zu werden. Da fiel sein umflorter Blick zufälliger Weise nach dem Eingange des Gartens, und da gewahrte er Gisela, welche hereintrat, gefolgt von dem jungen Osec. Beide kamen nach der Richtung, in welcher die Bank stand, auf der er saß. Sollte er sich von ihnen sehen lassen? Nein! Aber fortgehen konnte er auch nicht, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Es gab nur den einen Ausweg, sich hinter die Sträucher zu stellen, bis sie vorüber waren. Er that dies so schnell wie möglich. Sie kamen näher. Er hörte des Mädchens helle, fröhliche, neckische und des Burschen scharfe Stimme. »Du weißt also, weshalb wir kommen?« fragte der Letztere. »Ja,« antwortete sie. »So brauche ich es Dir nicht zu sagen?« »Nein. Das hast Du nicht nöthig.« »Und was sagst Du? Werden wir umsonst gekommen sein?« »Gewiß nicht.« »Gott sei Dank! So wird also der Handel gelingen?« »Auf alle Fälle. Sie ist ja gar nicht theuer,« antwortete sie, sich zur Erde bückend, um eine Blume zu pflücken und dieselbe an ihren schönen, vollen Busen zu stecken. »Sie ist gar nicht zu theuer?« fragte er gedehnt und im Tone der Befremdung. »Gewiß nicht. Der Vater wird doch von Euch nicht mehr verlangen, als von anderen Leuten. Zwei oder drei Gulden.« »Für wen denn?« »Das fragst Du noch?« »Freilich! Ich muß doch wissen, von was Du redest!« »Nun, doch davon, wovon auch Du sprichst.« »Das kann doch gar nicht sein!« »So begreife ich Dich nicht. Du hast mich doch gefragt, ob ich wisse, weshalb Ihr heute zu uns gekommen seid.« »Das habe ich gefragt, aber Du scheinst es nicht zu wissen.« »O, sehr genau!« »Nun, weshalb?« »Wegen der jungen Ziege, die Ihr kaufen und mitnehmen wollt.« »Ziege? Wann wäre denn von einer Ziege die Rede gewesen!« »Also nicht?« »Nein. Wir werden doch nicht Beide zu Wagen herüberkommen, um eine Ziege zu kaufen! Wir haben selbst mehrere.« »Ach so! Da habe ich freilich falsch verstanden. Also kommt Ihr zum Besuch?« »Ja und auch nein. Unser Besuch hat einen ganz besonderen Zweck.« »Das ist schön, sehr schön.« »Meinst Du?« »Ja. Ich liebe die Menschen, welche einen Zweck haben, nämlich wenn es ein guter ist.« »Der unserige ist ein sehr guter.« »So wünsche ich, daß Ihr ihn erreichen mögt.« »Ich weiß, daß wir ihn erreichen. Darum ist meine Mutter nicht gleich mit gekommen. Sie wird erst später kommen und da gleich die Verwandtschaft mitbringen.« »Die Verwandtschaft? Wollt Ihr vielleicht ein Erbe eintreiben und unter einander vertheilen?« »O nein, das ist es nicht. Es giebt ein Familienfest.« »Wohl gar eine Kindtaufe?« »Auch nicht.« »Hochzeit?« »Beinahe.« »Das verstehe ich nicht.« »Beinahe Hochzeit! Was heißt das?« »Sage Du es lieber! Mir fällt das Rathen schwer. Weißt Du, ich habe in der Schule gar nicht viel gelernt.« »Du stehst mir aber gar nicht darnach aus!« »Schadet nichts. Es ist besser, man sieht klüger aus, als man ist.« »Da hast Du freilich Recht. Also will ich es Dir sagen. Eine beinahe Hochzeit, das ist ein Verspruch, eine Verlobung.« »Ach so! Also einen Verspruch wollt Ihr halten. Das ist sehr interessant. Wer soll denn verlobt werden? Etwa gar Du?« »Ja.« Sie waren an der Bank stehen geblieben. Gisela machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte: »Du willst Dich verloben? Das ist gar kein übler Witz von Dir.« »Wieso?« »Weil ich weiß, daß Du Dich nur im Scherz verloben kannst. Im Ernst bringst Du das doch nicht fertig.« »Nicht im Ernste? Warum denn nicht?« »Weil Du nichts, gar nichts hast, was dazu gehört.« »So! Nun sag doch einmal, was das ist!« »Zunächst bist Du zu dumm?« Sie sagte das mit solchem Ernste, daß er einen Schritt zurückwich. »Gisela! Jetzt machst Du den Scherz!« »O nein. Ich meine es im Ernste.« »Ists wahr? Also ich bin zu – zu dumm?« »Ja, zu dumm zur Verlobung.« »Bist Du bei Trost!« »Sehr bin ich bei Trost. Wer sich verloben will, muß doch eine Geliebte haben!« Sie blickte ihn von der Seite forschend an, und als er nicht antwortete, fragte sie: »Hast Du eine?« »Ja.« »Eine wirkliche Geliebte? Verstehe wohl, eine wirkliche Geliebte, mit welcher Du gesprochen hast und die Dir auch gesagt hat, daß sie Dich haben will?« »Nein, so eine habe ich freilich nicht.« »Nun, siehst Du, wie dumm Du bist! Du hast nicht einmal das, was man zur Verlobung am Allernothwendigsten braucht, eine Geliebte.« »Die brauche ich nicht.« »So! Du verheirathest Dich wohl mit – mit – der Ziege, die wir zu verkaufen haben?« »Spotte nicht. Ein rechter und richtiger Bursch läßt die Eltern für sich wählen.« »Das wäre mir ein Bursch! Den Kerl möcht ich nicht haben. Ein Bursch muß einen eigenen Willen und eine Schneid besitzen, dann ist man ihm gut, dann hat man Vertrauen zu ihm. Aber Einer, der sich bevatern und bemuttern läßt, der hat bei uns Mädchens kein Glück. Ich wenigstens möcht keinen solchen!« »Wirklich nicht?« fragte er, beinahe erschrocken. »Nein. Schau, ich bin ein Mädchen und kein Bube, aber meinen freien Willen habe ich doch. Ich will auch, wenn ich einmal heirathe, für mich selbst wählen. Sollte ich Einen nehmen sollen, den mein Vater für mich ausgesucht hat, so würde ich ihn grad darum nicht nehmen, selbst wenn ich ihn ganz gut leiden könnte.« Er stand still vor ihr und blickte sie forschend an. Sein schon ohnedies häßliches Gesicht wurde noch abstoßender gemacht durch einen Zug von Heimtücke und Hinterlist, welcher jetzt in demselben zu bemerken war. Er mochte ahnen, daß sie diese Worte nur sage, um ihm die Gelegenheit zu der beabsichtigten Liebeserklärung abzuschneiden, und sann nun nach, wie er sich am Besten zu diesem klugen Schachzuge verhalten solle. »So willensstark wärst Du?« sagte er. »Ich bin keineswegs sehr energisch. Aber man heirathet aus Liebe, und wer nicht nach Liebe fragt und nach Liebe strebt, kann auch keine erhalten. Einen Menschen, der mich durch seinen Vater von meinem Vater begehrt, den mag ich nicht, denn er achtet und liebt mich nicht. Er behandelt mich wie eine Waare, wie ein willenloses Thier, welches man kaufen kann. Und ein Bursche, welcher mir schon als Mädchen keinen Willen zutraut oder vielmehr keinen Willen läßt, wie mag der mich erst später behandeln, wenn ich erst einmal seine Frau geworden bin!« Er sah sehr wohl ein, wie Recht sie hatte. Darum fragte er: »Also wenn zum Beispiel ich Dich haben wollte und ich schickte meinen Vater zu dem Deinigen, um Dich von ihm zu fordern, und beide Väter wären einverstanden, was thätest Du in diesem Falle?« »Das, was ich soeben gesagt habe: Ich möchte Dich nicht.« »Und wenn Dein Vater Dich zwingen wollte!« »Ich würde mich nicht zwingen lassen.« »So! Aber weißt Du, ein Vater hat Gewalt und Recht über die Tochter!« »Nur so viel, wie ihm das Gesetz einräumt. Zur Heirath kann er mich nicht zwingen. Ich würde mich an das Gericht wenden und den Schutz desselben finden.« »Donnerwetter!« »Warum fluchst Du?« »Hm! Davon nachher! Aber Dein Vater könnte Dich enterben!« »Das möchte er thun. Ich fände sogleich eine Stelle oder einen Mann, mit dem ich glücklich sein kann. Aber wir sind von unserem Thema abgekommen. Ich habe gesagt. Du seiest zu dumm zum Heirathen. Das ist noch nicht Alles, denn Du bist auch zu häßlich dazu.« »Bist Du des Teufels!« »Nein, ganz und gar nicht. Ich sage die Wahrheit. Oder hast Du Dich noch niemals im Spiegel betrachtet?« »Sehr oft.«