Gustav Wied Pastor Sörensen \& Co. Der leibhaftigen Bosheit Opus III I Und wir hier in der Stadt, die wir so rein sind! Die Stadt Söby liegt im Fürstentum Flachland und ist die grösste Stadt auf der Insel Sejrö. Woher diese Insel ihren Namen bekommen hat, weiss man nicht mit Bestimmtheit. Vielleicht von den vielen siegreichen Kämpfen (Sejr = Sieg), die sie der Überlieferung zufolge in einer grauen Vorzeit mit ihren Nachbarn geführt haben soll. Aus der Jetztzeit stammt der Name auf alle Fälle nicht ... Flachland ist ein schönes Land: Hügel und Täler wechseln malerisch mit Wäldern, Heiden, kleinen Bächen und kornreichen Fluren ab. Mitten im Lande liegt eine ungeheure Anhöhe, »der Mondberg« genannt, 465 Fuss über der Meeresfläche. Hier oben sollen im Altertum Siegesfeuer angezündet worden sein, wenn die Flachländer eine Schlacht gewonnen und einen Feind zum Krebsgang gezwungen hatten. Heutzutage wird die Anhöhe benutzt, um sich dort zu zanken und zum Abbrennen von Johannisfeuern. Man hat vom Gipfel des Hügels eine imponierende Aussicht auf sechsundfünfzig Gotteshäuser, vier Irrenhäuser und fünf Zuchthäuser. Ein Wald erstreckt sich hinter dem andern, in bunter Abwechslung mit meilenweiten Heiden, wogenden Kornfeldern, Molkereigenossenschaften, Konsumvereinen, Schweineschlachtereien, Prämienhengsten, Städten und Dörfern, und weit hinten am Horizont schimmert das ewig wechselnde, weichende und wogende Meer. Sejrö war in entschwundenen Zeiten, ehe das Reich noch geeint war, ein selbständiges Bistum, das mit seiner Sippschaft auf den benachbarten Inseln in unaufhörlichem Handgemenge lag. Denn die Flachländer hatten nie Frieden halten können. Und können es, was das anbetrifft, auch jetzt noch nicht. Bald sind es politische, bald religiöse, bald literarische, bald eheliche Streitigkeiten, die das Land verheeren. Die Einwohner leben hauptsächlich von Ackerbau, Viehzucht, Fischerei und Kassenbetrug. An der Spitze gehen die Minister. Die Regierungsform ist beschränkt monarchisch. Die Verfassung ist frei. Vor dem Gesetz sind alle gleich. Aber die ausübende Macht liegt bei der ewig wechselnden, weichenden und wogenden Mehrzahl, die jedoch immer stark national gefärbt ist, und deren erblicher Wahlspruch lautet: Alles für das Vaterland oder: Après nous le déluge. Dies nennt man Parlamentarismus .   Es war einer dieser seltenen Sommer, die für eine kurze Stunde den Menschen den ewigen Göttern versöhnlich gegenüberstellen – einer von diesen klaren, wonnevollen Sommern mit Sonne über den Dächern und hin und wieder einem milden und fruchtbaren Regenschauer ... Zollkontrolleur Knagsted stand im Schatten der Bärenapotheke an der Ecke des Kirchenplatzes und der Süderstrasse und keuchte vor Wärme. Den Hut hielt er in der Hand, und er fuhr sich unermüdlich mit dem Taschentuch über das Gesicht ... Es war an einem Sonntagvormittag während der Kirchzeit. Söby lag öde und leer da. Die Hälfte der Bevölkerung hörte Pastor Sörensen. Die andere Hälfte kochte das Mittagessen ... Knagsteds Hand mit dem Taschentuch sank plötzlich von seinem Gesicht herab; er kniff blinzelnd die Augen zusammen und starrte die Strasse hinauf. Zwei splitternackte Kinder, ein Junge und ein Mädchen, von fünf bis sechs Jahren, kamen mitten auf dem sonnenhellen Bürgersteig dahergewandert: »Aber liebster Himmel, das sind ja Erich und Else!« Die Kinder plauderten und lachten, so dass es in der öden Süderstrasse schallte. Die Sonne fiel herab auf ihre goldig-braunen Leiber, die sich wie Bernstein schimmernd von den grauen Häusermauern abhoben. Von Zeit zu Zeit blieben sie stehen und zeigten eifrig in ein Ladenfenster hinein. Dann wanderten sie getrost wieder von dannen. Der Junge war schlank und fein, das Mädchen drall und rundlich. Beide hatten sie blondes, lockiges Haar, das ihnen bis auf die Schultern reichte. Sie kamen näher und näher. Jetzt waren sie ganz oben auf dem Platz, gerade vor der Kirche. Knagsted zog sich unwillkürlich tiefer in den Schatten der Apotheke zurück, um nicht zu stören. Denn zuweilen tanzten die Kinder geradezu vor Lebensfreude über die Fliesen hin. Bald machte der Junge, bald das Mädchen einen kleinen wonnevollen Sprung vorwärts, so dass die Sandalen an ihren nackten Füssen klatschten. Dann schritten sie wieder gesetzt weiter, bis sich plötzlich abermals ein neuer kleiner Freudensprung auslöste. Und dann lachten sie in die Luft hinaus und riefen: »Mirja! Mirja!« »Tja–a ...!« schallte die heisere Antwort oben vorn Dache herab. Es war ihr Spielkamerad, eine kleine, schwarzgraue Dohle, die ihnen getreulich folgte, von Haus zu Haus flatternd. »Mirja! Bist du da?« »Tja–a ...« schrie der Vogel. Aber im selben Augenblick setzten die Kirchenglocken mit einem Dröhnen ein, und Mirja floh entsetzt zurück, denselben Weg, den sie gekommen war. Man sah sie als kleinen, dunklen Punkt hinter dem Schornstein der Bierbrauerei verschwinden. »So ... nun ist Mirja nach Hause geflogen ...« sagte das Mädchen. »Sie ist bange vor den Glocken geworden ...« stellte der Junge fest. Und dann ergoss sich die Gemeinde über sie ... Gleich einem schwarzen Strom kam sie aus der Kirche gewälzt, die Gesichter bleich vor Eifer, mit den goldschnittigen Gesangbüchern, die in der Sonne blitzten. Die Kinder drückten sich eingeschüchtert gegen Konditor Halgrens Haustür. Ihre Augen wurden ganz rund aus Angst vor allen den fremden Menschen. »Gott!« sagte die kleine Konsulin Wäver, geborene Birk, und zeigte. »Sehen Sie doch bloss mal, Frau Blom! Die nackten Rangen des Malers!« »Aber das ist denn doch ...!« sagte Frau Blom. »Unmoralisch!« sagte Bürgermeisterin Rosenbaum, auf Grund ihrer dürren Magerkeit »die Bettlade« genannt. » Mitten auf dem Kirchenplatz!« »Zur Kirch zeit!« » Splitter nackend!« » Öffentliches Ärgernis!« ertönte es ringsumher. Und Fräulein Plockros, die Klavierlehrerin, Schuldfrei hiess sie, griff die kleine Else mit ihren harten Klavierfingern in den Arm und sagte: »Was für Eltern ihr doch habt!« Das Mädchen brach in Weinen aus. Der Junge schlang beschützend seine Arme um sie: »Geh weg ...!« sagte er zu der Plockros. Aber die Plockros blieb stehen, und das Gedränge wurde immer grösser ... Bis plötzlich eine Mannsperson die Menge beiseite puffte und sich einen Weg zu den Kindern bahnte. »Onkel Zöllner! Onkel Zöllner!« riefen sie und stürzten auf ihn zu. Jetzt weinte auch Erich. »Nun, nun!« tröstete Knagsted. »Nun, nun! ... Kommt ihr nur mit mir, dann gehen wir nach Hause.« Und er schob von neuem den Haufen beiseite und schritt aufrecht und rothaarig mit seinen beiden Pilgrimen die Strasse hinab ... Aber die Gemeinde bekreuzigte sich und lachte hämisch hinter seinem Rücken. Und die »Bettlade« sagte: »Häh,« sagte sie, »das konnte man sich ja denken, nach den Verhältnissen, in denen er mit seiner Haushälterin lebt!« »Verhältnisse ...?« fragte Konsulin Wäver. »Ja, wissen Sie das nicht ...« begann die Klavierlehrerin Plockros ... Und dann machte man sich daran, das Privatleben des Zöllners zu lüften. – – Die »Malers-Villa« lag südlich von der Stadt in einem grossen Garten, der mit einem schmalen Landstreif bis an den Sund hinabging. Das Grundstück hatte früher einer wunderlichen alten, menschenscheuen Dame, einem Fräulein Alfrede Schönheiter gehört, von der die merkwürdigsten Sachen im Umlauf waren. Sie starb vor ungefähr drei Jahren, und die Villa hatte seitdem leer gestanden. Niemand konnte darin wohnen. Das Fräulein »spukte«. Sowohl Konsul Wäver als auch Eisenkrämer O. W. Fredriksen hatten sie selbst dadrinnen rumoren hören ... Aber dann kamen an einem sonnenhellen Frühlingsmorgen der Maler Frank Neumann und seine Frau nach der Stadt geradelt, hörten von dem Hause erzählen, kauften es und zogen hinein. Und augenblicklich verhielt sich Fräulein Alfrede ruhig unter ihrem Grabhügel oben auf dem Friedhof. Der Spuk hatte ein Ende ... »Hack – hack!« krächzte Rikke Elster tief aus ihrer ausgedörrten Brust heraus, während sie sich über die Brücke vorlehnte; »hack, hack. Hab' ich es nicht immer gesagt! Es waren die Ratten!« Eine von Fräulein Schönheiters Passionen waren nämlich Ratten gewesen. Den ganzen Rattenbestand der Nachbarschaft wusste sie durch ein eigenartiges Pfeifen zwischen ihren goldplombierten Vorderzähnen an sich zu locken. Die Tiere kamen aus allen Löchern und Winkeln gewimmelt. Sie fütterte sie des Morgens und des Abends, sie huschten zärtlich um sie herum, sobald sie sich auf dem Hofe blicken liess. »Ist man gut gegen Tiere,« sagte sie, »so werden sie liebenswürdig! ... Ist man gut gegen Menschen, so werden sie unverschämt!« Dann starb sie. Der Maler zog ein. Und die Ratten wurden landflüchtig. Aber jetzt fing die Stadt an, Lärm zu schlagen und zu zetern, weil das Grundstück an einen Fremden übergegangen war: »Und, Gott steh' mir bei! für einen wahren Katzendreck hat er es bekommen, Herr Konsul!« sagte der Eisenkrämer O. W. und rollte seine Gumminase viermal in der Hand herum. »Aber Sie sind doch selbst herumgegangen und haben erzählt, dass die Schönheiter spukte ...« sagte der Konsul, ein steifer, »englischer«, im übrigen sehr beherrschter Herr. »Das haben Sie ja auch getan!« »Freilich, denn ich hatte meine Gründe.« »Die hatt' ich, verdammt und verflucht, auch! ... Glauben Sie vielleicht an die Spukgeschichte?« »Nei–ein!« »Ich auch nich! Ich wartete bloss darauf, dass das Grundstück fallen sollt'.« »Hatten Sie denn daran gedacht, es zu kaufen?« fragte der Konsul mit dunkelroten Ohren. »Aber natürlich!« »Ja, ich auch!« »Sie Gauner!« »Sie Fuchs!« Und die beiden Herren stürzten zornbebend die Strasse hinab, ein jeder nach seiner Seite. »Hack – hack!« krächzte Rikke Elster abermals. Zwei Grandanois zanken sich um einen Knochen, und dann kommt da ein Windspiel und schnappt ihn ihnen weg! Die Villa Schönheiter, oder wie sie jetzt hiess: die Malers-Villa war nach italienischem Muster auf allen Seiten von einer drei Ellen hohen, weissgekalkten Feldsteinmauer, oben mit auf die Kante gestellten Glasscherben, umgeben. In der Mauer war ein breites, schmiedeeisernes Einfahrtstor angebracht, das unter normalen Verhältnissen einen bequemen Einblick in den Garten hätte gewähren können. Aber so menschenfeindlich war die alte Schönheiter gewesen, dass sie innerhalb des Tors, in einer Entfernung von zehn bis zwölf Ellen, eine Art Windschirm hatte pflanzen lassen, eine dicke Hecke von Ligustrum, vermischt mit Goldregen und Flieder, so dass die Söbigenser, selbst wenn sie auf den Zehen standen, nichts weiter von der Herrlichkeit sehen konnten als die Spitze einer wimpelgeschmückten Flaggenstange ... Als Frank Neumann das Grundstück in Besitz nahm, hatte man im stillen auf eine Veränderung gehofft. Aber man wurde enttäuscht. Der Windschirm blieb stehen. Das einzige Neue, was geschah, war, dass am Ende des Gartens eine kleine Tür in die Mauer eingelassen wurde. Und diese Tür war fast immer verschlossen. Aber da geriet Söby abermals in Feuer und Flammen. Und über Kaffeekannen, Teetöpfen und Whiskyflaschen wurde den lieben langen Tag über alle die Scheusslichkeiten gezischelt und getuschelt, die natürlicherweise hinter dieser unverschämten Hecke vor sich gingen: »Sie gehen dadrinnen nackend herum, Herr Konsul!« sagte O. W. und rollte die Nase, »splitternackend wie Adam und Eva nach der Sündflut!« »Ich weiss es!« sagte der Konsul. »Die Schwester von Barbier Saaby dient dadraussen als Stubenmädchen.« »Sie baden zusammen,« sagte Makler Blom, »die ganze Sippschaft auf einmal in puris naturalibim! Ich hab' es von meinem Boot aus gesehen!« »Frau Neumann sitzt nackend am Klavier!« sagte die Bürgermeisterin. » Das wollen Sie doch wohl nicht behaupten, Frau Rosenbaum!« »Bei Gottes leibhaftigem Sohn, Frau Wäver: Und die Gäste haben auch nichts an; die alte Frau Neumann auch nicht ... Und die Kinder, Frau Wäver, die Kinder! Hanne, die vierzehn Jahre ist, und Hother, der sechzehn ist!« Vor Frau Wävers Augen schwamm alles in Rot: »Sechzehn! Das allergefährlichste Alter für einen jungen Menschen! Das weiss ich von meinem Frejlif!« Und Fräulein Schuldfrei Plockros, die Klavierlehrerin, setzte die Kaffeetasse mit einem Knalle nieder. Die ganze Stube drehte sich im Kreis um sie herum: Sie sah sich ohne Futteral auf dem Podium des Musikvereins sitzen und den nackten Oberlehrer Lauritzen zu Schumanns »Zwei Grenadiere« begleiten ...!   Knagsted und seine beiden kleinen Freunde waren durch die Süderstrasse gekommen und gingen nun den Vibyweg hinab, an der Mauer entlang, die den Garten des Malers umschloss. Die Kinder hatten das Gleichgewicht völlig wiedergewonnen und plauderten lebensfroh durcheinander: Ihr Vater sei aus, um zu malen, erzählten sie, ihre Mutter sei zu Hause; und zu Mittag gäbe es Kückenbraten und rote Grütze ... Grossmutter Neumann hätte einen neuen Sonnenmantel bekommen; Hother und Hanne hätten neue Sandalen bekommen; und das Stubenmädchen Olga hätte heute morgen Vaters Mundtasse entzwei gemacht ... »Da ist Mirja!« sagte Else dann auf einmal. »Wo?« »Da oben im Baum!« »Mirja! Mirja!« rief Erich. »Tja-a ...!« Im selben Augenblick wurde die Tür in der Gartenmauer geöffnet, und die alte Frau Neumann kam heraus, gefolgt von Hother und Hanne, die ebenso nackend waren wie die Kleinen. »Aber Erich und Else, wo seid ihr nur einmal gewesen?« fragte die alte Dame und drohte scherzend. »Wollt ihr wohl machen, dass ihr in den Garten hineinkommt,« wandte sie sich dann an die beiden andern. »Seid ihr verrückt, euch in diesem Kostüm auf offener Landstrasse sehen zu lassen!« Hother und Hanne zogen sich an die Türöffnung zurück. »Lieber Herr Knagsted, wo haben Sie nur die Kinder gefunden?« »Oben auf dem Kirchenplatz.« »Hat sie denn jemand gesehen?« »Alle Pastor Sörensens Schafe, ja.« »Du lieber Himmel, was sagten die denn?« »Sie bähten.« »Wir wollten bloss hin und Vater entgegengehen ...« begann Erich, »und da läuteten die Glocken, und da kamen auf einmal so viele schwarze Damen ...« »Bum, bum!« sagte Else und ahmte die Glockenschläge nach, indem sie den Kopf hin und her wiegte. »Und da wurde Mirja bange und flog nach Hause ...« Frau Neumann erhob drohend die Hand: »Ihr wisst doch, dass ihr nicht aus dem Garten herausgehen dürft! Wie könnt ihr da auf den Einfall kommen, das zu tun?« Else starrte sie interessiert an: »Wie schnurrig es immer in Grossmutters Hals macht, wenn sie spricht ...« sagte sie. Und Erich schlang einschmeichelnd den Arm um das Knie der alten Dame. »Küss mich, Ohchen!« sagte er. »Und dann sei wieder gut!« Frau Neumann hob ihn zu sich empor und gab ihm einen Kuss. Aber Knagsted fühlte sich gleichsam ein wenig überflüssig in dieser Familierei; und sein Junggesellenherz verhärtete sich; er wurde menschenfeindlich. Die alte Dame setzte den Jungen nieder. »Was sagten sie eigentlich ... die Damen da oben auf dem Kirchenplatz, Herr Zollkontrolleur?« »Was sie sagten ...« knurrte Knagsted, »sie sprachen davon, die Rangen mit Benzin zu begiessen und sie abzubrennen.« Frau Neumann sah lächelnd auf die Kinder nieder; ihre Augen wurden warm und tief: »Ach, du lieber Gott, die unschuldigen, kleinen, nackten Würmer ... ich finde, sie sind so schön anzusehen!« »Das kommt, weil Sie ein unmoralisches Frauenzimmer sind!« brummte Knagsted. »Warum gehen Sie nicht selbst nackend?« Die alte Frau lachte laut: »Aber lieber Freund!« »Adieu!« Knagsted grüsste und nahm den Hut tief ab. »Meine Ehrbarkeit verbietet mir, länger hier zu stehen.« Frau Neumann lachte wieder ... »Aber Ihnen ist das natürlich einerlei,« fuhr der Zöllner fort. »Sie haben Ihr Königreich ja dadrinnen!« Er machte mit dem Kopf eine Bewegung nach dem Garten hin. »Ja, mein Königreich!« lächelte die alte Dame. »Wollen Sie nicht ein wenig hereinkommen und sich abkühlen?« – Nein, das wollte er nicht! »Man pflegt danke zu sagen ... Warum sind Sie plötzlich so unwirsch?« »Weil ich alt bin und grau und satt von Tagen!« »Sie sind doch sieben Jahre jünger als ich.« »Es kommt nicht so sehr auf die Jahre an als auf den Leichtsinn ... Adieu!« »Adieu! Adieu! ... Was macht Jochum?« »Dem geht es gut ... Er ist ja ein Tier!« »Jochum« war der Hund des Zollkontrolleurs. »Wer kommt zuerst nach dem Spielplatz!« rief Hother plötzlich; es langweilte ihn, länger da zu stehen und zu warten. »Mirja! Mirja!« rief er. »Bist du da?« »Tja–a ...!« schrie die Dohle. Und alle vier Kinder stürzten von dannen durch den Garten, gefolgt von dem Vogel. »Mirja! Mirja!« »Tja–a! Tja–a!« Man konnte die fröhlichen Rufe der Kinder und die klatschenden Flügelschläge der Dohle bis auf den Weg hinaus hören. Knagsted blieb stehen und sah sich sehnsuchtsvoll um: – Ob er am Ende nicht doch ...? Aber die alte muntere Dame war wie die Prinzessin im Märchen in ihr Königreich gegangen und hatte die Tür hinter sich zugeschlossen.   »Sind da heute keine Betrügereien?« »Ich will einmal nachsehen ...« P.A. Birk sass im Lehnstuhl auf dem Fenstertritt an dem Fenster nach dem Kirchenplatz hinaus; und seine Haushälterin, Fräulein Solberg, sass auf einem steiflehnigen Stuhl dicht unter ihm. P.A. war schwerhörig; und seine Augen waren dumm. So kurzsichtig war er, dass er mit einem Operngucker essen musste, mit einem dickhäutigen, altmodischen Einspännergucker, den er vor das linke Auge hielt. Er glich einer Miniatur-Kanone. Selbst zu lesen, davon war keine Rede; das musste die Solberg besorgen. Aber man geniesst die Unglücksfälle in den Zeitungen auch am gründlichsten zu zweien. »Na! Wird's denn bald!« P. A. klopfte ungeduldig mit der Kanone auf das Fensterbrett. »Ich muss doch wohl so viel Zeit haben, dass ich es finden kann ...« Das Fräulein raschelte wütend mit der Zeitung: »Ja, hier ist eine ...« »Wie heisst die Überschrift?« »Betrügerischer Verwalter ...« »Lesen Sie!« Die Solberg begann. Sie konnte ohne Brille. Was Birk als persönliche Beleidigung auffasste. »Betrügerischer Verwalter ...« las sie. »Grönby, Montag; von dem Spezialkorrespondenten des Söbyer Tagblattes ... Der Verwalter der Arbeiter ...« »Ha, ha, ha! Das ist ihnen gesund, diesen verdammten Sozialdemokraten! ... Weiter!« »... der Arbeiter-Konsumbäckerei, Sören Hansen, hat heute seinen Abschied erhalten, nachdem sich herausgestellt hat, dass er sich umfassende Betrügereien hat zuschulden kommen lassen ...« »Wieviel?« »Davon steht da nichts.« »Hm ...! Dann kriegen wir das wohl morgen.« »Nein; denn hier steht: Die Sache wird jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach gütlich geordnet werden ...« »Was soll es dann überhaupt in der Zeitung! ... Ist da sonst noch was?« »Der betrügerische Schutzmann. Brödkjöb, Montag; von dem Spezialkorrespondenten des Söbyer Tagblattes ... Die Polizei hat noch keine Spur von dem geflüchteten Betrüger, Schutzmann Wisberg. Ausser verschiedenen Geschäftsleuten hat Wisberg auch die Versicherungsgesellschaft ›Hand in Hand‹ betrogen.« »Ha, ha, ha! ... Weiter.« »... die ihm das Einkassieren kleinerer Summen übertragen hatte.« »›Kleinerer Summen‹ ... ha! Das ist auch was Rechtes!« Fräulein Solberg fuhr fort: »Das falsche Zweikronenstück ...« »Haben sie den nun beim Kanthaken gekriegt? Ha, ha, ha!« »... Tumlestrup, Montag; von dem Spezialkorrespondenten des ...« »Überschlagen Sie das nur, das schreiben sie ja alle!« »Söbyer Tagblattes ... Das Zweikronenstück, das neulich auf der hiesigen Bahnstation eingezahlt und von dem Personal für falsch gehalten wurde, ist zur Untersuchung an die Nationalbank eingesandt worden ...« » Lauter, Solberg! Sie müssen offenbar bald eine Brille haben!« »Ich lese nicht mit den Augen!« »Womit lesen Sie denn sonst?« »Mit dem Mund!« »Weiter!« »Die Bank erklärte, das Geldstück wäre ganz echt.« » Was wäre es?« »... ganz echt, steht da; aber in hohem Grad abgegriffen.« »Schafsköpfe! Haben sie auf den Eisenbahnen jetzt auch nicht mal mehr Augen im Kopf!« schäumte Birk. »Steht da denn nichts von den dreihundert Fischern, die dadrüben in Russland bei dem Sturm ins Meer getrieben sind?« »Ja ...« (und es lag ein Unterstrom von Schadenfreude in der Stimme des Fräuleins, als sie fortfuhr): »sie sind alle gerettet.« Birk griff in die Gardine und schüttelte sie: »Der Deubel soll diesen Petersen frikassieren! Wozu setzt er es denn in seine elende Dreckschleuder, wenn es am Tag darauf doch nichts als Lügenkram ist!« »Es ist doch ein Glück, dass die armen Menschen gerettet sind, Kaufmann, sollt' ich meinen.« »Nein, nicht wenn man nun einmal darauf gefasst war, dass sie ertrinken sollten ... Sind da keine Bankrotte?« »Ja ... Holzschuhmacher Sören Hansen in Blaaby.« »Keiner hier in der Stadt?« »Nein ...« »Auch nicht Bankdirektor Konsul Hagbart Wäver?« »Aber mein Gott, Kaufmann, Ihr eigener Schwiegersohn!« »Was schert das mich! ...« Der Kaufmann wandte sein Gesicht dem Fenster zu, setzte die Kanone vor das Sehauge und sah in den Spion: »Da kommen dieser verrückte Maler und seine Frau angeradelt!« meldete er. Das Fräulein liess die Zeitung fallen und stürzte ans Fenster: Frank Neumann und Frau radelten vorüber. Beide in weissem Flanell und mit Sandalen. »Ha!« grunzte P. A., »breite, flache Sommerzehen natürlich! ... Ob sie auch wohl keine Hosen an hat?« »Birk, ich bitte Sie, sehen Sie zu Ihren Worten!« sagte die Solberg und breitete die Hand flach aus. »Da kommt Halgrens Laufjunge mit einem Korb voll Konditorkuchen,« meldete sie dann. »Für wen die wohl sind?« »Küster Möller feiert heute ja Jubiläum ...« brummte P. A. »Das ist ja auch wahr! Hm, dann werden sie wohl für ihn sein ...« »Da kommt der Zollkontrolleur!« Birk zog sich unwillkürlich in seinen Stuhl zurück: »Kommt er hier herein?« »N–nein ... ja–a! ... Nun biegt er in den Torweg ein!« »Hm! Diese Zollschnauze!« »Er ist ja doch Ihr guter Freund, Kaufmann ...« »Haben Sie vielleicht Freunde?« »Ja, weiss Gott, die hab ich allerdings!« »Diese ... ›Unschuld‹, oder wie heisst sie doch gleich ... die Plockros, das Klavierskelett, am Ende, wie?« »Sie fordern sie doch selbst oft auf zu spielen, Kaufmann ...« »Ja, bloss um ihr Gequatsch nicht anhören zu müssen ... Da ist er!« An die Tür nach der Diele hinaus wurde geklopft, Knagsted trat ein: »Darf Jochum mitkommen?« fragte er. »Nein! Das wissen Sie recht gut. Wir haben schon Hundewirtschaft genug mit der Solberg.« »Dann mach nur, dass du nach Hause kommst, Jochum!« befahl Knagsted zur Tür hinaus, »falls du es nicht vorziehen solltest, auf der Matte zu sitzen und zu warten.« Fräulein Solberg ging nach der Tür, die ins Esszimmer führte. »Es ist unrecht, Kaufmann, dass Sie immer so gegen die Tiere sind!« Knagsted nickte ihr sanft lächelnd zu: »Dafür ist der Kaufmann ja aber um so freundlicher gegen Menschen, Fräulein!« »Was sagt Ihr da?« fragte Birk von seinem Fenstertritt herab. »Ihr müsst lauter sprechen! ... »Da geht Pastor Sörensen,« fuhr er fort und sah wieder in den Spion; »er ist im Ornat und mit der Exkramentenschachtel ... Wer jetzt wohl sterben soll?« »Sakramentenschachtel ...!« verbesserte Knagsted, »Sie kriegen noch mal Wasser und Brot, Kaufmann, für Ihre unvernünftige Ausdrucksweise.« »Ja, er ist fürchterlich,« klagte die Solberg. »Ich bin manchmal kurz davor, in den Boden zu sinken, wenn hier Besuch ist und er so was sagt ... namentlich, wenn es junge Leute sind! Und dann nimmt er die Zähne aus dem Mund und legt sie vor sich auf den Tisch, vor den Augen von allen Damen!« »Ich kann ja doch sonst nicht kauen!« murmelte A. P. »Sie nehmen sie aber auch heraus, wenn Sie gar nicht essen, Kaufmann!« Birk murrte und fing an, mit seinen falschen Zähnen herumzuwirtschaften: »Das tu' ich, damit ihr ein wenig schneller verschwindet, ha, ha, ha!« sagte er. Die Solberg fegte mit einem empörten Uf! durch das Esszimmer hinaus. »Eine prächtige Dame ...« nickte Knagsted ihr nach und nahm Platz auf dem Stuhl des Fräuleins. »Was sagen Sie?« »Eine prächtige Dame – Ihre Haushälterin!« »So–o? Inwiefern?« »Ja ... zum Beispiel was das Herz anbelangt!« »Sie hat die Hundesucht ...!« »Na ja, irgendwo müssen ältere Jungfrauen ihre Liebe ja anbringen ... Hat sie augenblicklich Pensionäre?« »Drei!« »Und wo halten die sich auf?« »In ihrem Zimmer.« »Beissen sie sich nicht?« »Ja, es dröhnt nur so! Sind Sie den Malersleuten begegnet?« »Freilich! Sie fuhren mir auf der Strasse vorüber.« »Sie sind ja mit ihnen befreundet?« »Ja, das bin ich.« »Wo kriegt er all das Geld her?« »Na–a – hat er denn so gar viel? Seine Frau hatte ja übrigens Vermögen ... und dann verkauft er doch hin und wieder auch mal ein Bild ...« »Wer will den Kitsch wohl kaufen?« »Ich zum Beispiel hab' eins gekauft.« »Ja, Sie, das rechne ich nicht mit ... Gehen Sie auch nackend, wenn Sie so draussen zu Besuch sind?« »Splitter, ja! Sie sollten es auch mal versuchen, Kaufmann; es ist gut gegen Gicht ... Sie und die Solberg, hier unten im Garten, wie?« »Ha, ha, ha!« Ein Automobil tutete unten auf dem Kirchenplatz, stampfte an dem Fenster vorüber und hielt vor dem Torweg. »Die Konsulin ...« sagte Knagsted. P. A. wurde blau von den Wangen bis über die Nasenwurzeln hinauf. »Von mir haben sie nichts zu erwarten,« sagte er, »und wenn sie auch direkt in die Hölle reinfahren!« »Warum sollten sie auch in die Hölle hineinfahren?« »Weil sie es tun! ... Und da sehen Sie selbst, nicht mal, dass sie reinkommt und ihrem elenden Vater guten Tag sagt!« »Da ist sie,« sagte Knagsted. Der Kaufmann richtete die Kanone auf die Tür, die nach der Diele führte. Die Konsulin tänzelte herein. Es wehte und flatterte um sie her von Spitzen und Bändern und Enden. Sie hatte einen Hut auf wie ein Storchennest mit lebenden Jungen. »Ah, du hast Besuch von Herrn Knagsted ...« sang sie und lächelte süss nach rechts und nach links; »nun, dann leidest du ja keine Not! ... Guten Tag, Herr Zollkontrolleur ... Guten Tag, lieber Papa ... Ich soll von Hause grüssen ... Nein, das ist ja wahr,« (hier lachte sie kindlich schallend) »Hagbart und Frejlif sind ja zu den Regatten in Gammelköbing! ... Wie geht es dir denn, Papa? Gut? ... Wollen die Herren bei dem prachtvollen Wetter nicht eine kleine Spazierfahrt machen?« »Nein, wir wollen nicht ...!« brummte der Kaufmann. »Wir haben keine Lust, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden.« »Bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden ...!« lachte sie. »Es kommt schliesslich noch so weit, dass du dir selbst einen Vierzig-Pferde-Kraft-Wagen kaufst, Papa! ... Fürchten Sie sich auch davor, im Automobil zu fahren, Herr Knagsted?« »Im Gegenteil, gnädige Frau ... ich ruiniere mich im Automobilfahren.« »Das tun auch noch andere ...« brummte der Kaufmann. Die Konsulin überhörte es. »Hagbart hat gestern den ersten Preis bekommen, telegraphiert er!« »Er sollte lieber für sein Geschäft sorgen!« In das Lächeln der jungen Frau kam Scheidewasser: »Er hat ja Prokurist Svendsen!« sagte sie. »Es kommt nicht so sehr darauf an, sich selbst abzurackern, als das von andern besorgen zu lassen, sagt Hagbart! ... Ist die Solberg zu Hause?« »Ja, sie ist draussen in der Küche.« »Wie viele Hunde hat sie heute gerettet ?« »Drei ...« Die Konsulin lachte ohne Zusatz: »Die Solberg ist brillant ...! Ich wollte gern das Rezept von ihren kleinen Makronen haben; Hagbart liebt sie ... Willst du nicht eine Fahrt durch den Visbyer Wald machen, Papa?« »Nein! Das hab' ich dir ja doch gesagt!« »Herr Knagsted auch nicht?« »Danke, gnädige Frau, aber ich habe noch gar nicht mit Ihrem Vater gesprochen ... Ich bin eben erst gekommen.« Die Konsulin reichte ihm die Hand. »Wie liebenswürdig von Ihnen, an Papa zu denken!« Sie hüpfte hin und küsste die unrasierte Wange des Alten: »Adieu, kleiner P. A. ... Lass dir's gut gehen! ... Hu! Aber Vater!« sagte sie und fuhr zurück. Der Kaufmann hatte verstohlen sein Gebiss herausgenommen. Es lag da grinsend vor ihm auf dem Tisch. »Ha, ha, ha!« lachte er. »Ich hab' mal in London in dem Fenster eines Trödlerladens einen ganzen Teller voll falscher Zähne liegen sehen ...« »Pfui, Vater! Jetzt geh' ich!« Und damit walzte die Dame durch das Esszimmer, während die Spitzen, Bänder und Enden sie umflatterten. Ein Duft von Maiglöckchen blieb im Zimmer zurück. »Reissen Sie das Fenster auf, Zöllner!« sagte der Kaufmann. »Es riecht hier!« sagte er und brachte die Zähne wieder an ihrem Platz an. Der »alte« Paul Aron Birk bewohnte selbst das Erdgeschoss neben dem Laden in dem Hofmannschen Kaufmannshaus am Kirchenplatz. Er war erst fünfundsechzig Jahre alt, aber seine Kurzsichtigkeit und zunehmende Gicht hatten ihn vor fünf Jahren gezwungen, das Geschäft (Kohlen, Korn und Häute) an seinen Schwiegersohn, den finnischen Konsul und Bankdirektor Hagbart Wäver abzutreten, der zu jener Zeit schon sieben Jahre sein Kompagnon gewesen war. Der Konsul war der Sohn eines reichen Kornhauses in der Hauptstadt. Das Haus war während der Verlobungszeit des jungen Paares zusammengestürzt und zwar mit einem Getöse, das man in weitem Umkreise vernahm; der alte Birk wollte, dass die Verlobung sofort aufgelöst würde. Aber die Tochter wollte nun einmal ihren grossen und flotten Bräutigam haben, und die Hochzeit hatte mit viel Pomp und allerlei rituellem Hokuspokus stattgefunden. Fünf Jahre war Hagbart Weingrosshändler in der Hauptstadt, dann machte er Bankrott und wurde nun in die Firma P. A. Birk als Kompagnon aufgenommen, damit der Schwiegervater ihn unter Aufsicht haben konnte. Und seitdem war auch nicht ein Tag friedlich zwischen ihnen zu Ende gegangen. Die Luft wurde gelb vor ihren Augen, wenn sie nur im Zimmer zusammen waren ... Das junge Paar hatte die Wohnung im ersten Stockwerk bewohnt, bis der Konsul Bankdirektor und alleiniger Inhaber der Firma wurde. Da baute er sich eine Villa (das »Palais« nannte P. A. sie) vor der Stadt nach Norden zu; und die Wohnung im ersten Stockwerk wurde zu Kontoren eingerichtet. Der Laden im Erdgeschoss wurde vermietet. Wieder und wieder hatten der Konsul und seine Frau versucht, den alten P. A. zu bewegen, aus dem Haus am Kirchenplatz auszuziehen und in einer entlegeneren Gasse Wohnung zu nehmen. Aber erfolglos. Birk wollte sterben, wo er bald ein halbes Jahrhundert gelebt hatte. (Er hatte als Ladenlehrling angefangen und sich mit der Tochter aus dem Geschäft verheiratet.) Und es trugen sich seiner Ansicht nach die wahnsinnigsten Dinge zu. Aber sein Privatvermögen (eine runde halbe Million, sagte man) hatte er weder in der Bank des Schwiegersohns noch in dessen Geschäft angelegt, sondern in sicheren Papieren ... Und nun sass er dort also in seinem Stuhl, mehr und mehr von der Gicht und seinem schwachen Gesicht geplagt und schwelgte förmlich im voraus in dem Ruin, der, wie er meinte, aus » des Konsuls « amerikanischen Milliardärmucken entstehen musste.   Draussen vor der Haustür lärmte das Automobil der Konsulin. Der alte Birk »kanonierte« ingrimmig in seinen Spion hinein. »Lustkutter und Automobil, wie, Zöllner, heh!« sagte er. »Er glaubt wohl, dass er ein ganzer Rattenfänger ist, ›der Konsul‹!« »Das ist er auch nach flachländischen Begriffen,« nickte Knagsted. »Alle Menschen sagen, dass er ein ausserordentlich tüchtiger Mann ist.« »Ein Jahrmarktsgaukler ist er!« murmelte der Kaufmann. »Ein Taschenspieler! Ein Augenverblender, genau so wie sein Bankrottspieler von Vater! ... Aber ich werd' mich schon hüten, ihm wieder aus der Patsche zu helfen ... Prost Mahlzeit! Er kann selbst sehen, wie er da herauskommt. Er wird noch im Zuchthaus am Spinnrocken enden, dann hat er wenigstens den Verdienst.« »Aber Kaufmann!« P. A. beugte sich zu Knagsted nieder; sein Sehauge blitzte: »Das Geschäft kann nicht abwerfen, was er gebraucht,« fauchte er. » Das kann es nicht , verstehen Sie! Ich sollte es doch wohl kennen! Und wo kriegt er das Geld her? ... Aber ich rühre keinen Finger, das sag' ich Ihnen!« »Dann hat er ja doch auch sein Gehalt in der Bank ...« meinte Knagsted. »Hahaha! sein Gehalt in der Bank! Die Bank wird ihm schon den Hals brechen ... Aber sie stecken ihn sicher eines schönen Tages ein, und dann wasche ich meine Hände!« »Aber Kaufmann, Kaufmann!« sagte Knagsted wieder und schüttelte den Kopf. Es entstand eine Pause ... Durch das geöffnete Fenster hörte man das Stöhnen des Automobils. Dann tutete es zur Abfahrt und setzte sich in Bewegung. Die Konsulin winkte holdselig lächelnd, als sie vorübersauste: »Adieu! Adieu!« » Halt's Maul!« murmelte der Kaufmann und schlug das Fenster zu.   Wie lächerlich es auch klingen mag: Zollkontrolleur Knagsted war verliebt ... Das Unglück geschah, als er aus der Hauptstadt nach Söby zog. Der Gegenstand war siebzehn Jahre alt; er war fünfmal zehn und ein wenig darüber. Aber er sah so aus, als sei er nur einige vierzig ... Früher hatte er nämlich sein unregelmässiges rotes Haar und seinen Bart wachsen lassen, wie es wollte. Jetzt trat er hingegen gestutzt, geputzt, rasiert und frisiert auf. Ausserdem war er grauhaarig geworden. Was ihm stand. Nur diese unglückseligen »Onkel-Büschel«, die ihm aus Nase und Ohren herauswuchsen! Aber die konnten ja im Zaum gehalten werden. Und sie wurden im Zaum gehalten. Ausserdem hatte er angefangen, seine Nägel zu polieren, so dass sie wie zehn Wasserlachen bei Mondschein glänzten. »Ehre der Liebe!« nickte er sich selbst im Spiegel zu, während er davorstand und sich jung machte. »Ehre der Liebe!« Er war also, Zöllner Knagsted, wie es in der Chronik von Gammelköbing aufgezeichnet steht, alldort eine Reihe von Jahren Zollkontrolleur gewesen. Als aber sein Freund und Jonathan, Konsul Mörch, nach den grossen Jagdgefilden abging, und ihm unvermutet einen Haufen Geld hinterliess, legte er spornstreichs sein Amt nieder und zog als freier Mann in die Hauptstadt ... damit möglicherweise das helfen könne. Aber es half nicht. Das grosse Lampenfieber des Lebens sass ihm nach wie vor im Blut. Gleich dem Schuhmacher von Jerusalem war er seit seiner frühesten Jugend von Ort zu Ort gezogen. Nie aber hatte er den Frieden gefunden, der, wie es heisst, über allen Verstand hohnlächelt ... Sass er in Blaaby, so meinte er, Grönby sei das allein Seligmachende; und zog er dann nach Grönby, so winkte ihm Rodby... Und als er dann plötzlich und unerwartet ein reicher Erbe geworden war, glaubte er, das Glück zusammen mit der Freiheit zu finden und liess sich in der Hauptstadt nieder, dem Nabel der Welt, dem Ziel und der Sehnsucht aller flachländischen Männer und Frauen ... Aber auch das sollte nur eine Enttäuschung für ihn werden, und zwar die grösste. Denn nun war da ja nichts mehr. Und er stand deswegen auf dem Sprung, sich von neuem nach Blaaby einzuschiffen und den Kreislauf wieder von vorne zu beginnen, als er an drei aufeinanderfolgenden Tagen und in drei verschiedenen Zeitungen auf den Namen Söby stiess! Söby ... die heilige Stadt seiner Kindheit, seiner Schulzeit Eldorado, seiner Jugendsiege oder -niederlagen »Jemen oder glückliches Arabien«! Söby ... das er aus der ganzen Fülle seiner gläubigen Knabenseele geliebt hatte ... das er aber immer geflohen war, und das er nicht wiedersehen wollte , weil die Zeit der Kindheit und Jugend das versunkene Atlantis ist, das verlorene Paradies, der entschwundene Traum der Menschheit, wohin man nicht zurückkehren kann ... Und also zog er gen Söby , baute sich dort ein Haus, pflanzte sich einen Garten ... und fühlte sich ärmer und friedloser denn je zuvor.   Abildtorpegaard hiess das väterliche Gut Knagsteds ... »der Hof mit den vielen Äpfeln«. Es lag eine Meile nördlich von Söby ... Gleich am selben Morgen, als Knagsted in die Stadt gekommen war, nahm er einen Landauer, brachte sich selbst und Jochum im Fond an und rollte auf der breiten, blumenumränderten Landstrasse dahin ... Aber die Landstrasse war schmäler geworden, und die Blumen waren verblasst. Der Zöllner sagte: »Jochum,« sagte er, »hierauf hätten wir uns gewiss nicht einlassen sollen!« Aber Jochums Schwanz wedelte seelenvergnügt; seine Ohren waren halb in die Höhe gezogen, seine Augen spähten wachsam ringsumher ... denn er lebte in der Gegenwart und pfiff auf Vergangenheit und Zukunft. Oben vom Hügel, vor Post-Peters Hause, sah man auf die zum Gut gehörigen Felder hinab. »Wie heisst das Gut dort?« fragte Knagsted. »Abildtorpegaard ...« nickte der Kutscher. »Sind da so viele Äpfel?« »Gewesen!« sagte der Kutscher. »Aber die Bäume sind gefällt.« »Jochum, hörst du: Die Bäume sind gefällt!« »Wau!« sagte Jochum. (Eine Kröte strich am Weg vorüber.) ... »Was schert mich das!« »Wer wohnt auf dem Gut?« fragte Knagsted. »Gutsbesitzer Meincke.« »Ist der ein tüchtiger Mann?« »Ja ... Das sagen sie ja.« »Ist er verheiratet?« »Ja.« »Sind da Kinder?« »Ja ... zwei Töchter.« Und dann rollten sie weiter ... Der Wagen fuhr über eine schmale, weissangestrichene Brücke, die Abildtorpebrücke. Und gleich zur Rechten führte eine Allee von breitkronigen und hochstämmigen Pappeln nach dem Hause hinauf. Aber die meisten von den Bäumen waren jetzt weg; und junge schattenlose Stecklinge waren an ihre Stelle gepflanzt. »Wollen wir da hinauf?« fragte der Kutscher. »Nein!« sagte Knagsted schnell. »Fahren Sie aussen herum!« »Jawohl! ...« Und der Landauer fuhr die Dorfstrasse entlang, an dem Garten des Gutshauses vorüber. Die ehemals so reichtragenden Obstbäume waren verschwunden. Die Steige waren umgelegt. Die Flaggenstange war versetzt. »Dadrinnen lief ich als kleiner Junge in unschuldsreinen Hosen und Matrosenkragen ...« sagte Knagsted. Aber Jochum hörte ihn nicht: Auf der Gartenmauer sass eine Katze und schleckte Sonnenschein. »Wohin nu?« fragte der Kutscher. »Den Kirchweg hinauf ... Wir halten vor der Kirche.« »Jawohl ...« Am Kirchweg entlang lagen noch die alten Bekannten: Floh-Heinrichs Haus, Weber-Marens Hütte und die Häuser von Rademacher Rasmus und Ole Stöds. Aber sie waren alle kleiner geworden. Und die einst so gewaltige, weissgetünchte Kirche mit ihrem turmhohen Dach lag klein und ducknackig hinter der niedrigen Mauer ... Knagsted und Jochum gingen durch die Pforte nach dem Familienbegräbnis, wo die beiden kleinen Geschwister, Olga und Axel, nun bald vierzig Jahre »geruht« hatten, wie es heisst. Dichtes Unkraut wucherte auf dem Grabe, die Marmorplatte war gesprungen und die Buchstaben waren kaum mehr zu lesen. Und plötzlich erhob Jochum ein Hinterbein und machte sich daran, seine Notdurft an der Buchsbaumhecke zu verrichten. Da schnitt der Zöllner eine Grimasse und lachte gezwungen. »Das ist recht!« sagte er, »piss du nur zu! Das Leben gehört dem Lebenden! ...« Draussen am Wege war der Kutscher vom Wagen gestiegen und hatte sich eine Zigarre angezündet. Der Rauch ringelte sich munter über seinem Kopf in der Luft. Die Totengräberfrau, eine lange, blasse Person, mürrisch und unzugänglich, weil sie so viele Begräbnisse mit angesehen hatte, kam aus dem gegenüberliegenden Hause. »Wen fährst du da, Niels Peter?« fragte sie. »Das weiss ich nich! ... Er ist heute morgen mit dem Zug gekommen und wohnt im Hotel.« »Denn is das wohl einer von diese Probenreiters. ... Heda! Sie da!« rief sie wütend über die Mauer hinüber. »Wissen Sie denn nich, dass man keine Hunde mit auf den Kirchhof nehmen darf?« Die mürrische Erscheinung der Frau wirkte belebend auf Knagsted. Er richtete sich kampfbereit auf und ging zu ihr hinaus: »Wessen Grabstätte ist das da mit den beiden Namen?« fragte er sanft. »Das hat einem von den früheren Besitzern von Abildtorpegaard gehört.« »Und wie hiess denn der?« »Das weiss ich nich mehr; da sind so viele gewesen ... Aber wissen Sie denn nich, dass man keine Hunde mit auf den Friedhof nehmen darf?« »Das Grab sieht ziemlich vernachlässigt aus, liebe Frau: ..« fuhr der Zöllner fort. »Die Mietszeit ist zum Herbst abgelaufen ...« »Welche Mietszeit, meine Zuckerpuppe?« »Die Mietszeit für das Grab, natürlich!« fauchte die Frau. »Glauben Sie vielleicht, dass dem Toten die Erde in alle Ewigkeit gehört?« »Nein, genau dasselbe habe ich vorhin zu Jochum gesagt ...« Die Frau trat einen Schritt zurück: »Jochum ...? Heisst der Hund Jochum?« Knagsted ergriff das eine Schürzenband der Madame: »Das ist kein Hund, meine Liebe,« sagte er sanft. »Das ist mein Sohn.« Sie entriss ihm das Band: »Ihr Sohn ...!« Der Kutscher löschte still seine Zigarre aus und rettete sich auf den Bock. »Mein Sohn, ja ...« nickte der Zöllner geheimnisvoll. »Mein unehelicher, verstehen Sie, natürlich ... Ich hab' ihn mit einem Foxterrier bekommen ... Sagen Sie das aber keinem Menschen!« Die Madame fiel hintenüber gegen die Mauer des Hauses. »Mensch! ...« sagte sie und die Finger standen ihr steif auseinander vor Entsetzen. Knagsted aber stieg neubelebt mit dem Sohn in den Wagen und fuhr nach Söby zurück. »Hack, hack!« krächzte Rikke Elster und stakte sich mit Hilfe der Krücke besser auf die Bank hinauf. »Sie ist vorgestern von ihm weggelaufen zu dem Förster in Vestermark ... Ich weiss es von der Roll-Maren.« »Gott, und so himmlisch, wie er predigt, Pastor Sörensen!« Madame Svendsen presste keuchend ihre beiden Hände gegen ihren ungeheuren Busen. Rikke pikste sie kichernd mit dem Mittelfinger in die schwellende Fülle. »Du solltest ein Schnürleib tragen, Marthe!« »Ne,« sagte Marthe, »denn würd' ich ja ganz und gar ersticken.« Die beiden Freundinnen sassen beim Nachmittagskaffee in »Svendsens Schaukel- und Wirtshaus-Garten« unter einem Stück Segeltuch, das zwischen vier Stöcken ausgespannt war und Laube spielte. An den Stöcken hinauf kletterten düsterer Efeu und muntere Prahlbohnen. Der Garten war von der Grösse eines gutgewachsenen Kaninchenhofes, und die Schaukel hing für den Augenblick leer herab. Aber sie war lebhaft gemalt, in Rot, Gelb und Grün. »Was hat es denn auf sich mit der Pastorin?« fragte Marthe und legte fürsorglich die Brust aus den Händen auf die Tischplatte nieder. Rikke steckte ihren Vogelkopf ganz dicht an das Ohr der Freundin: »Er hat sie verführt ...« »Wer? Der Förster?« »Ne, der Pastor, bei Gott !« »Ja, aber der is doch ihr Mann! « »Ja, aber er hat sie verführt, als er selbst noch Pastor studierte und sie nich mehr als dreizehn – vierzehn Jahr alt war.« »Der Pastor? Unser Pastor Sörensen? Nie in alle Ewigkeit!« Rikke strich sich beteuernd mit einem Finger über die Kehle: »Bei dem lebendigen Jesus!« sagte sie. »Du kannst den lebendigen Teufel bitten, dass er zuschlägt! ... Roll-Maren hat es mit eigne Ohren gehört, wie sie es ihn einen Tag draussen in' Garten ins Gesicht geworfen hat.« »Madame Svendsen ...?« ertönte plötzlich eine heisere Übergangsstimme durch die offene Tür, die zu der Schenkstube führte. »Is Madame Svendsen da?« »Ja–a ...« schrie Marthe wütend zurück. »Was is denn los?« Kellner Bernhard erschien auf der Schwelle. Er war dem Aussehen nach ein Kind, ein rotwangiger, gutgewachsener Zwerg mit kleinen, dicken Händen und einem ganz winzig kleinen, blonden Schnurrbart. Er war neunzehn Jahre alt und hätte inwendig in Madame Svendsen stehen können, wenn sie hohl gewesen wäre. »Kann Hundertundelf einen Schnaps auf Pump kriegen?« fragte er. »Wieviel hat er auf der Kreide?« »Eine Krone und fünfundzwanzig.« »Nein ... dann geht es nich.« Drinnen im Lokal ertönte ein Schlürfen schwerer Füsse über den Estrich. Hundertundelf erschien hinter Bernhard. »Ach, was?« bat er. »Ich bin ja so bedürftig.« »Erst bezahlen Sie, was angeschrieben steht!« »Nächste Woche soll das Geld hier auf dem Tisch liegen.« »Ja, das kennen wir; damit kommen Sie bei uns nich weit!« » Ach, was ... Ich bin so bedürftig ...« »Nein, sage ich.« »Dann geht er bloss nach drüben in den ›Nagel‹ ...« meinte Bernhard. »Das is die Sache von denen da drüben!« »Ach, liebe Madame Svendsen ... Ich bin so bedürftig ...« Die Madame schlug mit der Faust auf den Brettertisch: »Nein, zum Deubel auch, ich hab' es doch gesagt! Und Sie wissen recht gut, Therkildsen, dass meine Brust keine Aufregung vertragen kann ... Schmeiss ihn raus, Bernhard!« Rikke Elster legte eine sanfte Hand auf die Schulter der Freundin. (Die böse Welt wollte wissen, dass Rikke und Hundertundelf, wenn die Sonne sank, ein Auge aufeinander würfen.) »Marthe,« bat sie beweglich, »erbarm' dich über ihn in Jesu Namen, wenn der Mensch nu wirklich durstig is!« Marthe schüttelte sie von sich ab. »Willst du vielleicht bezahlen, was er hat ankreiden lassen?« »Hack, hack ...!« krächzte die Elster verlegen. »Ja, da siehst du selbst ... Schmeiss ihn raus, Bernhard!« Hundertundelf stand demütig und krummgebeugt, gleichsam abwartend, dass die Madam andern Sinnes werden sollte ... Sein Kopf wackelte vor Alter und Trunk, und die Knie hinter den dünn geschlissenen Beinkleidern kehrten sich anrufend nach innen. An den Füssen hatte er Gummizugstiefel ohne Gummizüge. Den verbeulten Hut knüllte er nervös zwischen den Fingern. Sein Haar war weissgrün und bedauerlich dünn. Und aus seinem zahnlosen Mund sickerten über sein Kinn drei parallele Streifen dunkelbrauner Tabakjauche ... daher der Name Hundertundelf. Seit dem Unglück im Winter, als der Treibriemen draussen in Olsens Quetschmaschine ihn zwei, drei Mal von oben nach unten kehrte, war er nicht einmal mehr sein täglich Brot wert und lebte von der Barmherzigkeit christlicher Menschen ... »Dann geh man, Grossvater! ...« sagte Kellner Bernhard still und drehte den Alten nach der Stube herum in der Richtung auf die Tür zu, die nach der Strasse führte. Bernhard war ein Enkel von Hundertundelf. Daher der grosse Kredit. Aber nun hatte also Madam Svendsen die Geduld verloren: »Schmeiss ihn raus, Bernhard!« Und Bernhard gehorchte der ihm von Gott eingesetzten Obrigkeit.   Svendsens Café und Wirtshausgarten« trug im Volksmunde den Namen »Das kalte Bein«, sintemal sein Begründer, der selige Svendsen, ein hölzernes Bein gehabt hatte ... Vom Garten hatte man Aussicht auf die Strasse und ein kleines Stück von der Vestermarker Landstrasse. Und sass man in der Schaukel, während eine kräftige Person gut anzog, so konnte man von dem höchsten Punkt über die niedrigen Häuser am »Tor« hinweg und vorbei an dem Schornstein des Maschinenhauses von Olsens Schotterfabrik bis weit ins Land hinein sehen. Den Lärm und das Gedröhn des Quetschwerks vernahm man deutlich. Es war wie das Getöse von rollenden Kanonen: »Hol' der Teufel diesen Olsen!« sagten die Gäste, wenn sie bei ihrem guten Bier sassen. Aber Olsen und sein Quetschwerk liessen sich nicht aus der Fassung bringen ... Rikke Elster machte plötzlich einen langen Hals: »Da kommt er mit ihr!« Marthe fuhr mit einem Schwupp in die Höhe: »Wer?« »Der Pastor! Er is in Vestermark gewesen und hat die Frau geholt ... Und die Gemeinde is auch mit dabei! ... Da sind zwei Wagen!« Madam Svendsen stemmte die Hände gegen die Tischplatte und erhob sich, um besser zu sehen: »Herr du meines Lebens ...!« sagte sie. Die Wagen rollten näher heran: In dem ersten, einem Jagdwagen, sassen auf dem hinteren Sitz Pastor Sörensen und Frau; und auf dem Bock bei dem Kutscher schwamm ein quabbeliger Bauer mit einer Zigarre im Munde. In dem zweiten Wagen, einem Kremser, waren ein Dutzend steifer, dunkelgekleideter Männer und Frauen. Sie sprachen nicht, starrten nur gerade vor sich hin und in die Luft hinaus. Der Pastor ragte lang und drohend neben seiner Frau auf. Er hatte seinen Arm gleichsam als Stütze hinter ihren Rücken gelegt. Die Augen der Pastorin waren geschlossen. Sie hielt sich unbeweglich; ihr kleines, feines Junge-Mädchen-Gesicht war bleich und starr. Aber ihr Hut mit dem gewaltigen Rand und den weissen, wogenden Straussenfedern winkte und wehte. »Er hält sie fest!« meldete Rikke. »Kannst du wohl sehen, er hält sie fest, wie die Polizei einen Dieb.« »Sie hat ja auch seine Ehre gestohlen!« nickte Marthe pathetisch. Der Wagen bog von dem Landwege in die Strasse ein. Das Dröhnen der Schotterfabrik ertrank für einen Augenblick in dem Gerummel der Räder auf dem Pflaster. Plötzlich machte die Pastorin eine Bewegung, als wolle sie sich aus dem Fuhrwerk herausstürzen. Aber ihr Mann packte sie und verhinderte sie daran. Sie setzte sich zur Wehr, wollte hinaus, wollte fort. Sie rangen. Der Hut der Pastorin wurde abgerissen und fiel auf die Strasse. Dann verschwand der Wagen um die Ecke. »Der Hut!« schrie Madam Svendsen unwillkürlich. »Der Hut!« rief Rikke Elster. »Der Hut, Leute! Der Hut!« Der Kremser machte halt. Ein Bauer plumpste herunter und sammelte den Hut auf, betrachtete ihn genau, schüttelte ihn, so dass der Staub flog, und kletterte dann mit seiner Beute wieder hinauf. Niemand im Wagen hatte ein Wort gesprochen, sie hielten sich nur noch steifer ... Dann bog auch der Kremser um die Ecke. »Ich muss nach dem Pfarrhause hinauf!« sagte Rikke und steckte geschwind die Krücke unter den linken Arm. »Du kommst doch wohl wieder hierher zurück, wenn du sie gesehen hast?« »Natürlich ...!« Und Rikke stängelte sich eiligst zum Garten hinaus und weiter in der Richtung auf das Pfarrhaus zu. Gutsbesitzer August Meincke war an einem Landmanns-Sonnabend, als Knagsted noch im Söbyer Hotel wohnte, in dem Restaurant direkt auf ihn zugegangen und hatte gesagt: »Guten Tag, Verehrtester! Stammen Sie nicht von unserm Grund und Boden? ... Ich bin Gutsbesitzer Meincke aus Abildtorpegaard.« »Ja ...« sagte der Zöllner ein wenig befangen, »daher stamme ich allerdings.« »Warum sind Sie dann noch nicht bei uns gewesen, um uns zu begrüssen?« »Hm ... ja ... ich habe wohl auf eine Veranlassung gewartet. »Eine Veranlassung ...? Es ist doch, weiss Gott, Veranlassung genug, dass es das Heim Ihrer Kindheit ist.« »Hm ... ja ... allerdings ...« »Sind Sie denn so formell?« »Ach nein ...« lachte Knagsted, »doch wohl nicht.« »Nein, das würde auch gar nicht zu dem passen, was ich sonst von Ihnen gehört habe ... Wie zum Beispiel das von da oben auf dem Kirchhof.« »So – die Geschichte kennen Sie?« »Die kennt die ganze Gegend! ... Wollen wir dann sagen, dass Sie morgen, Sonntag, in acht Tagen zu uns hinauskommen? Wir essen um zwölf Uhr zu Mittag; wir sind Bauern.« »Vielen Dank! ...« nickte Knagsted, »ich komme gern ... Man kann ja ebenso gut hineinspringen wie kriechen.« » Was kann man?« »Ach, ich meine, eine Lustpartie wird es ja gerade nicht?« »Das ist doch des Teufels!« »Ja, wissen Sie, Herr Gutsbesitzer, so seine alte Liebe nach dreissig Jahren wiederzusehen ...« Der Gutsbesitzer starrte ihn wild an; seine Glatze errötete. »Reden Sie von meiner Frau?« »Nein, nein ... ich habe ja nicht die Ehre, Ihre Frau Gemahlin zu kennen ... Nein, ich meine das Gut ... die Stuben ... den Garten ... das Ganze ...« »Sind Sie Sentimentaliker?« »Ja, an der Schwachheit leiden wir wohl alle ... mehr oder weniger ...« »Weiss Gott! Aber Sie sollen sehen, es wird schon gehen ... c'est le premier pas qui coûte, wie der Deutsche sagt ... Sollen wir Ihnen denn einen Wagen schicken?« »Nein, danke, ich gehe am liebsten! oder auch ich radle.« »Sie sollen ja so ein verteufeltes Fahrrad haben ... Nun, also auf Wiedersehen!« »Danke, danke!« Der Gutsbesitzer, der bereits auf das Nebenzimmer zuging, wandte sich wieder um: »Was mochten Sie als Kind am liebsten?« fragte er. »Was ich am liebsten mochte?« »Ja, ich meine zu Mittag?« »Kerbelsuppe!« »Die sollen Sie haben ... Und als Nachtisch?« »Pfannkuchen!« »Ja, aber was für Fleisch?« »Aal in Karry.« »Verdeubleter Geschmack: Kerbelsuppe. Aal in Karry und Pfannkuchen! ... Was meinen Sie, dass Catrine zu dem Menü sagen wird! ... Na ja, Sie sollen es haben!« »Meincke!« wurde aus dem Nebenzimmer gerufen, wo die Landleute sich aufhielten. »Wo bleiben Sie nur einmal?« »Jetzt komme ich ...! Sie sollen sehen, es wird schon gehen ...« wandte er sich an den Zöllner. »Wir wollen so recht gut gegen Sie sein ... Haben Sie übrigens nicht Lust, schon Sonnabend zu kommen? Wir haben ein Fremdenzimmer ... Sie wissen ja, das grüne nach dem Garten hinaus.« »Grosser Gott, ist das noch grün ... Nein, lassen Sie mich lieber bis zum Sonntag warten ... so für den Anfang.« »Wie Sie wollen ... Na, jetzt muss ich wohl zu meinen Kollegen hinein! ... Ihren ›Sohn‹ bringen Sie doch mit? ...« »Ja, gern. Er wird doch nicht aufgefressen? ...« »Nei–ein ...« Der Gutsbesitzer drückte dem Zöllner die Hand zum Abschied, so dass sie noch eine gute Stunde nachher weh tat. »Jochum,« sagte Knagsted, als er später auf sein Zimmer hinaufkam, »morgen in acht Tagen müssen wir die Ohren steif halten.« Auf dem Hügel vor Post-Peters Haus sass sie auf einem Steinhaufen. Als der Zöllner bis dahin gelangte, erhob sie sich und knickste: »Guten Tag ... Sind Sie nicht Herr Zollkontrolleur Knagsted?« »Ja, leider ...« »Ich bin Line Meincke ... Vater sagte, ich sollte Ihnen entgegengehen.« »Das war reizend von Ihnen, Fräulein Meincke ...« Sie lächelte: »Ach Gott, Sie sagen Sie und Fräulein ...« »Wollen wir uns lieber duzen und bei Vornamen nennen?« »Hm ... ja ... das heisst ... ich ...« »Nein, auf keinen Fall! Soll ich du zu Ihnen sagen, so müssen Sie auch du zu mir sagen.« »Wenn ich es kann ...« »Das kommt mit der Übung. Sie werden schon sehen.« Er schob seinen Arm unter den ihren. »Warum ist deine Schwester nicht mitgekommen?« »Sie ist von Hause, um die Wirtschaft zu lernen.« »Wie alt ist sie?« »Neunzehn Jahre ... Und ich bin siebzehn.« »Wie heisst sie?« »Mine ... Und Mutter heisst Trine ...Trine, Mine, Line! Das ist, als wenn man die Flöte spielte ... nicht?« Sie hielt die Hände vor den Mund und bewegte die Finger. Der Zöllner lachte. »Ist sie ebenso lieb wie du?« » Viel lieber und viel besser . Ich kann manchmal sehr naseweis und heftig sein ... Aber nun wollen wir nicht mehr von mir reden ... Wo ist Jochum?« »Er war schon ausgegangen, ehe ich aufgestanden war.« »Hat er denn Erlaubnis zu tun, was er will?« »Absolut!« »Der kann wohl lachen! ...« Sie schritt taktfest neben ihm her, rank und blond. Ihr Gesicht war zart und ein wenig blass; die Augen graublau und energisch; der Mund schmal und geschlossen mit starkroten Lippen. In dem Herzen des Zöllners stieg eine feine kleine Freude auf. Es waren offenbar ganz prächtige Menschen, diese Besitzer seines väterlichen Gutes, dass sie daran gedacht hatten, ihm den Einzug zu erleichtern, indem sie ihm ihren allerliebsten kleinen Backfisch entgegensandten! Er sah zu ihr hinab: »Lachst du niemals?« Sie lächelte, so dass die Zähne schimmerten: »Aber natürlich, weiss Gott, ich lache ...!« »Und dann bist du so stumm.« »Ich bin sonst sehr beredt, wissen Sie ... weisst du.« »Nein?« »Ja, weisst du, was Vater immer sagt?« »Nein ...?« »Ich danke dir, mein Gott, dass Line nicht mehr als einen Mund hat!« »Ist es so schlimm?« »Ja, warte nur, bis ich angefangen habe!« »Darauf freue ich mich schon jetzt!« Sie sah schelmisch zu ihm auf: »Die leibhaftige Bosheit ...!« lachte sie. » Aber ...!« sagte Knagsted unwillkürlich. Sie errötete: »Ja, Mutter hat eine Jugendfreundin in Gammelköbing, und die hat erzählt, dass ...« sie hielt inne und ergriff seine Hand, »du wirst doch nicht böse?« »Nein ...« lächelte Knagsted. »Ganz und gar nicht ... Und was erzählte denn diese ... Jugendfreundin?« »Sieh ... du bist doch böse ... Ich konnte es an dem Ton hören, in dem du ›Jugendfreundin‹ sagtest.« »Ei, ei! Die kleine Dame gibt sich also auch damit ab, zu ›hören‹! ... Nun, aber was sagte denn die Freundin?« »Sie sagte, du wärest so unzugänglich und so ... ironisch.« »›Ironisch‹, nun ... Hat sie denn sonst nichts gesagt?« »Ja ... sie sagte, du wärest ein Frauenhasser!« »Ho, ho! So ein Biest!« »Aber das sind Sie ja gar nicht ...« »Na, und ob!« »Und dass Sie uns Frauen nicht mit zu den Menschen rechneten ...« »Das tu' ich auch nicht.« »Bist du denn wirklich ein Frauenhasser ...?« Die Kleine wandte interessiert das Gesicht zu ihm empor. »Und warum denn?« »Weil ich euch so schrecklich gern habe!« »Ist das aber ein Grund ...« sagte sie mit einem so enttäuschten Gesicht, dass sich Knagsted stark versucht fühlte, sie zu küssen. Er beherrschte sich jedoch. Sie gingen nun eine Weile stumm nebeneinander her; dann sagte sie plötzlich: »Wo ist Jochum hingegangen?« »In die Kirche .« »In die Kirche?!« »Ja – das tut er jeden Sonntag.« »Ach was! ... Und Ihr Rad haben Sie ... hast du auch nicht mit ...« »Nein, das sollen Sie ... das sollst du ein andermal zu sehen bekommen ... radelst du?« »Ja ...« »Dann wollen wir einige Ausflüge zusammen machen?« »Ja! Mit unserm Frühstück in der Tasche!« »Und Schokolade ...!« Sie waren über die Abildtorpebrücke gelangt und bogen in die Allee ein. Da stand Gutsbesitzer Meincke und wartete. Neben ihm sass auf einem »kupierten« Schwanz ein alter, braungefleckter Hühnerhund. »Na, da seid ihr ja endlich!« sagte der Gutsbesitzer. »Grossartig, wie euch das Mundwerk gegangen ist! ... Ja, reden, das versteht sie!« Line fuhr auf ihn ein: »Ach, neck' mich doch nicht gleich wieder!« Er nahm ihren Kopf zwischen beide Hände und küsste sie auf die Stirn. »Langaufgeschossenes, verhätscheltes Frauenzimmer!« sagte er. Der Hund sprang an ihr in die Höhe. Sie wehrte ihn ab: »Aber Pardautz! Aber Pardautz!« »Pardautz?« fragte Knagsted. »Das ist doch ein sonderbarer Name für einen Jagdhund.« »Ja, so haben ihn die Kinder genannt, als er noch ganz klein war und kopfüber in alle Gräben tründelte; und dann hat er den Namen behalten ... Im übrigen heisst er Hektor.« Line schob ihren Arm unter den des Vaters und zog ihn mit sich: »Komm jetzt!« sagte sie. »Mutter wartet!« Knagsted folgte ihnen solo ... Und in ihm stieg die Erinnerung an einen Sommerabend vor vierzig Jahren auf, wo ihm hierauf dieser selben Stelle etwas Ähnliches begegnet war: Eine Familie aus Söby, ein Bankdirektor mit Frau und Kindern war auf dem Gut zu Besuch. Knagsted war lange glühend verliebt in die älteste Tochter gewesen, die zwölf Jahre alt war und Sophie hiess. Man gab der Familie das Geleite auf dem Heimweg. Er und die Geliebte hatten sich absichtlich ein wenig hinter den andern verkrümelt. Er hatte still seinen Arm in den ihren geschoben, und sie liess es geschehen. Sein Herz hatte selig gepocht ... Draussen über den Feldern ging die Sonne unter, die Lerchen hingen in der goldenen Luft; er erinnerte sich noch ihres Gesangs und spürte wie in einem Vorüberstreifen den süssen Duft der Kleeblüten ... Ein zweischneidiges Schwert hätte er sich in dem Augenblick quer durch den Leib jagen können ... in die Brust hinein und durch den Rücken wieder hinaus! ... falls Sophie es verlangt hätte, so schrecklich liebte er sie ...! Aber plötzlich hatte ihr Vater, der elende Bankdirektor (er wurde dann auch wegen Bankbetrügereien eingesteckt) sich umgewendet und gerufen. Und sie hatte schonungslos ihren Arm aus dem des Ritters gezogen, war zu ihrem Vater hingelaufen und hatte sich während des ganzen übrigen Weges zu ihm gehalten. Knagsted lachte laut: Und bei Gott in seinem höchsten Himmel, wenn er nicht in diesem Augenblick etwas von demselben dumpfen Trübsinn jenes Abends in sein einsames Herz herabfallen fühlte! »Worüber grinsen Sie?« fragte der Gutsbesitzer. » Ach, mir fiel etwas ein, was sich hier in der Allee vor vierzig Jahren zugetragen hat.« »Etwas Gemeines?« »Nein, nein,« lachte Knagsted. »Aber Vater ...!« sagte Line. »Was denn?« »Ach – hm ...« »Vor vierzig Jahren!« wiederholte das junge Mädchen mit einem Ausdruck in den Augen, als habe sie nie eine so enorme Zahl nennen hören. »Wie alt bist du denn jetzt?« »Hundertunddreiundsechzig!« »Ach was ...!« Sie lief hin und rüttelte ihn am Arm. Und sie blieb bei ihm. Und der Trübsinn verflüchtigte sich ... Oben auf der steinernen Treppe vor dem Wohnhause stand Frau Meincke, jugendlich und lebensfroh trotz ihrer zweiundvierzig Jahre: »Guten Tag, Herr Knagsted, und willkommen!« »Ja, so also siebt er aus, ›die leibhaftige Bosheit‹!« stellte ihn der Gutsbesitzer vor. »Aber Adolf! ...« »Ach, Line hat ihm das sicher schon erzählt ... nicht wahr, Line?« Line wandte ihm den Rücken zu und tat so, als höre sie nichts. »Nicht wahr, Line?« wiederholte Meincke und drehte sie zu sich herum, »sieh mir in die Augen!« »Ja ...« flüsterte Line und versteckte das Gesicht, »natürlich ...« »Ich danke dir, Gott, dass ...« »Vater!« »Ja, das hat sie auch erzählt ...« lachte Knagsted. »Nun ... ja, das ist ein mildernder Umstand!« Sie gingen auf die Diele hinein: Wie war die klein geworden! Und der pompöse Treppenaufgang nach dem Boden, wie war der schmal und niedrig geworden ... »Das ›schwarze Loch‹?« fragte Knagsted plötzlich eifrig, »existiert das ›schwarze Loch‹ noch?« Er ging schnell in den Hintergrund links und öffnete eine Tür: »Hier ist der ›Stiefelgang‹!« sagte er. »Und hier ist das ›Loch‹!« Er öffnete eine Tapetentür zu einem völlig dunklen Raum unter der Treppe: »Huh!« schauderte er. »Hier habe ich manch eine lange Stunde gesessen und verwünscht, dass ich geboren war!« »Line und Mine haben da auch gesessen,« nickte der Gutsbesitzer. »Und Pardautz ... Aber Line natürlich am meisten.« »Pfui ...! Schafskopf ...!« »Aber Line ...!« beschwichtigte die Mutter. » Ja, warum muss er mich auch immer foppen ...!« Ihre Augen sprühten Funken. »Ach,« bat Knagsted, »wollen Sie mich nicht wieder ein bisschen dahinein stecken?« »Mit dem grössten Vergnügen!« lachte Meincke geschäftig, puffte den Zöllner in den Verschlag und schlug die Tür zu. »Wie lange wünschen Sie ...« »Nein, hört jetzt aber einmal!« eiferte Frau Meincke und öffnete die Tür. »Die Kerbelsuppe wird kalt; sie steht schon auf dem Tisch.« Knagsted sass bereits platt auf dem kahlen Fussboden. »Warum gönnen Sie mir es nicht, ein wenig in Erinnerungen zu verweilen, Frau Meincke ...« Line stürzte lachend herbei und half ihm auf. »Du bist famos!« sagte sie, »und amüsant! ... Wenn wir gegessen haben, will ich dir das ganze Haus zeigen.« »Habt ihr schon Brüderschaft gemacht?« fragte die Mutter. »Selbstverständlich!« antwortete Knagsted und bot ihr den Arm. »Ich bin ja nur ein paar Jahre älter als die junge Dame.« Und dann begab man sich zu der Kerbelsuppe und den andern Leibgerichten ... Der Kaffee wurde im Wohnzimmer getrunken. In diesem ungeheuren Raum, der einst der grösste in der Welt gewesen war und der, wie sich jetzt herausstellte, nur zwölf Ellen in der Länge und acht in der Breite mass ... »Ja, sehen Sie, nun möchten meine Frau und ich ja gern ein Stündchen Nachmittagsschlaf halten,« sagte der Gutsbesitzer. »Aber Männchen!« »Ja, er muss sich wirklich an die Sitten des Hauses gewöhnen, liebe Trine ... Vielleicht möchten Sie auch schlafen, Zollkontrolleur? Sie können sich in meinem Zimmer auf die Chaiselongue legen.« »Nein ... Line und ich wollen auf Entdeckungsreisen gehen.« Line klatschte in die Hände: »Ja, ja!« sagte sie dann und zerrte an ihm. »Komm!« Und sie gingen zusammen vom Keller bis zum Boden ... rund durch den Garten, die Ställe, die Scheune, die Wagenremise, das Hühnerhaus, die Entenbucht ... »Da geschah dies , und da geschah das ,« berichtete Knagsted. Sie schmiegte sich an ihn. »Erzähle noch etwas!« bat sie. Und er erzählte und erzählte ... Das ganze goldene Bilderbuch seiner Kindes- und Jugendzeit schlug er vor ihr auf. Und immer war er der Anführer bei allen Spielen und Bubenstreichen gewesen. »Du bist gewiss ein Mordsbengel gewesen!« »Ja, das kannst du glauben! ... Aber ich konnte mich auch in einen Winkel verstecken und dasitzen und weinen ...« Sie lachte laut: »Nein,« sagte sie, »auf den Leim kriechen wir nicht! Das sagst du bloss, um dich interessant zu machen.« »Aber Fräulein Naseweis ...!« Knagsted hob einen mahnenden Zeigefinger in die Höhe. Sie schlug danach: »Der ist ja schief!« sagte sie; »der imponiert mir nicht! ... Und dann hast du ja doch selbst zu Mutter gesagt, wir wären gleichalterig. Schafskopf! Dann darf ich doch wohl sagen, was ich will ... Komm nun!« Und sie zog ihn mit sich zu fortgesetzten Entdeckungen. – Puh! dachte der Zöllner und folgte ihr. – Auf was hast du dich eingelassen, Hans Peter Ernst! ... Aber bezaubernd ist das Mädel! So verlief Knagsteds erster Besuch in dem Heim seiner Kindheit.   Pastor Michael Sörensen war vor vier Jahren als zweiter Prediger an der Zionskirche nach Söby gekommen. Er brachte eine blutjunge Frau und eine Tochter von fünf bis sechs Monaten mit. Er selbst war hoch in den Dreissigern ... Gleich, als er seine Antrittspredigt hielt, lagen alle Damen der Stadt ihm zu Füssen: »Welch Charakter !« sagten sie; »welche Verkündigung ! Welche Tiefe!« Und Fräulein Schuld frei Plockros, »das Spielskelett«, erklärte dem Adjunkt Lauritzen ekstatisch, Pastor Sörensens Stimme zu lauschen, das sei, »als streiche man über dunkelblauen Samt«! Begreifen konnte aber keine von den Damen, was er doch nur mit seinem kleinen Putzaffen von Frau wollte! Er, der eine starke und ausgereifte Frau an seiner Seite hätte haben müssen, die ihm eine Geburtshelferin bei seinen Bestrebungen hätte sein können ... Alvilda hiess sie, die Pfarrersfrau, und war die jüngste und vierte Tochter jenes italienischblütigen Zauberkünstlers, Alexius Magei, der plötzlich eines Abends in der Hauptstadt tot umfiel, von einem Herzschlag getroffen, mitten vor den Augen des Publikums, gerade, als er ein weichgekochtes Ei quer durch den Kopf eines hohen, grauen Zylinders hindurchschlagen sollte. Der Vorhang war augenblicklich herabgelassen, und die Zuschauer hatten eifrig geklatscht und gerufen: »Bis! Bis! Da capo!« Aber der Mann hatte sich gar nicht hervorrufen lassen. Die Vorstellung war für seine Person unwiderruflich vorbei. Und da sass nun also die Witwe ohne Versorger und mit vier minderjährigen kleinen Mädchen ... Dann war die Familie herzugetreten. Alexius hatte zwei recht gut gestellte Brüder, und Frau Magei eine solide verheiratete Schwester. Diese einigten sich nach einigen Erörterungen dahin, die Kinder unter sich zu teilen, so dass die Mutter selbst nur das älteste behielt. Ausserdem wurde durch Zusammenschiessen ein kleines Zwirn- und Garngeschäft errichtet, in dem nun die Witwe und die Vaterlose sich vom Morgen bis zum Abend abarbeiteten, um das bisschen Häckerling zu verdienen. Wir lassen sie arbeiten ... Alvilda, die damals acht Jahre alt war, fiel durch das Los dem Oheim Louis zu, einem rundlichen und vermöglichen, aber infolge der italienischen Abstammung zuweilen etwas unbeherrschten Werkführer im Norderteil der Hauptstadt. Und da, wie sich die Werkführerin, eine prächtige Frau, ausdrückte, keine eigengemachten Kinder im Hause waren, wurde die Pflegetochter bald der Verzug der Eltern wie auch der wechselnden Pensionäre. Frau Louis vermietete nämlich ein möbliertes Zimmer – »mit oder ohne volle Beköstigung«, wie auf einem Lappen Papier an der Haustür stand. Und so geschah es denn, dass Michael eines schönen Tages als Pensionär einrückte, um nach dem Willen der Götter sein und Alvildas Schicksal zu vollziehen ... Cand. phil. Michael Sörensen war der Sohn eines zur inneren Mission gehörenden Pfarrers im Westen der Halbinsel und hatte sich einige Jahre durch Privatstunden ernährt. War dann aber plötzlich vom Geiste getrieben, den Beruf seines Vaters aufzunehmen. Und er wäre der reizendste Mensch, sagte Frau Magei, er hielt seine Speisezeiten inne und besuchte seine Vorlesungen, ginge nie in Lokale, sondern sässe des Abends über seiner Bibel und hülfe Alvilda bei ihren Schularbeiten und nähme sie an Sonn- und Festtagen mit in die Kirche oder in die Natur ... Und dann wurde er Cand. theol. und sollte nun nach der Halbinsel heimreisen, um dem Vater beizustehen, das Himmelreich zu beengeln. Aber am Tage vor der Abreise geschah es dann, dass er seine Wirtsleute um eine geheime Unterredung bat. Und allda kam es denn ans Tageslicht, dass er und Alvilda schon über ein Jahr, wie er es nannte, verlobt gewesen waren. Bei dieser Mitteilung stieg das Italienerblut dem Werkführer unbeherrscht zu Kopf, er hämmerte einen kräftigen Faustschlag auf den Tisch und nannte den Kandidaten »eine christliche Drangtonne«! Als sich aber Michael ehrenhafterweise die Hand des Mädchens erbat, um sich mit ihr zu verheiraten, sobald er ins Amt kam ... und Frau Magei sich ihm alsdann um den Hals warf und vor Rührung weinte, bei dem Gedanken, die Mutter einer Pastorin zu werden, da endete das Ganze gut und verträglich. Man leerte eine Flasche Portwein, und das Paar erhielt den begehrten Segen. Alvilda war zu jener Zeit eben fünfzehn Jahre alt geworden und zu Ostern eingesegnet ... Aber am selben Abend nach der Verlobungsfeier trug sich ferner zu, dass Frau Louis, eine halbe Stunde nachdem sich die Familie zur Ruhe begeben hatte, davon erwachte, dass jemand ganz sachte die Tür nach dem Vorplatz hinaus öffnete. »Bist du es, Vilde?« fragte sie. Keine Antwort. Und als sie verwundert ein Streichholz anzündete, sah sie, dass Alvildas Bett leer war. Die Steppdecke war zurückgeschlagen und das Mädel war weg ... Schnell zündete sie ein Licht an und lief auf den Vorplatz hinaus. Der Portwein konnte sich ja auf den Magen des Kindes geschlagen haben! Da draussen stand Alvilda gegen die Wand gelehnt, mit Angst in den Augen und wie im Fieber bebend. »Ist es der Magen, liebe Vilde?« »Nein ...« »Ja, aber warum bist du denn aufgestanden?« Vilde brach in Weinen aus: »Ich soll zu Michael kommen und ihm Adieu sagen ...« Frau Magei lächelte: Wie das Kind ihn doch liebte! »Bewahre, das sollst du nicht, liebe Vilde,« tröstete sie und ergriff ihre Hand. »Er reist ja erst morgen ... Komm du lieber mit mir.« Aber Alvilda entriss ihr die Hand: »Er hat selbst gesagt ... dass ich kommen sollte!« schluchzte sie. »Aber du und Vater, ihr dürftet nichts davon wissen ...« Frau Magei war es, als drehe sich die Weltordnung plötzlich rund herum; als springe irgendwo in der Maschinerie ein Rad ... Aber sie nahm sich schnell wieder zusammen, packte Vilde hart bei der Schulter und drehte sie gleichsam in die Schlafstubentür hinein: »Hör auf mit dieser Heulerei!« flüsterte sie. »Weck deinen Vater nicht auf! Du weisst, wie er aufbrausen kann! ... Und mach, dass du ins Bett kommst!« Alvilda kroch schleunigst unter die Steppdecke. »Und ich bitte mir aus, dass du sofort einschläfst!« Und das Mädel klappte gehorsam die Augen zu ... Resolut warf Frau Magei einen Rock über und ging mit dem Licht in der Hand auf den Vorplatz hinaus, an die Tür des Logierenden: »Sörensen,« rief sie; und sie pfiff in diesem Augenblick auf die ganze priesterliche Würde. »Mach auf!« sagte sie. »Sofort! Ich muss mit dir reden.« Gleich darauf tat sich die Tür auf, und der Kandidat stand vor ihr, gelb und eckig im Gesicht wie eine Leiche. »Mensch!« sagte Frau Magei und sank gegen den Türpfosten. »Dann hatte Magei also doch recht mit seiner Drangtonne?« Und nun folgte eine Szene, deren sich Frau Magei, ihrer eigenen Aussage nach, bis weit über die andere Seite des Grabes erinnern würde. Der Kandidat rutschte zu ihren Füssen an der Erde umher, hob die gefalteten Hände zu ihr empor und beichtete: Über ein Jahr lang, erzählte er, hatte er in einem Verhältnis zu Alvilda gestanden. Er hatte unablässig gegen seine sündige Begierde gekämpft, hatte aber nicht widerstehen können. Und dann eines Tages, als sie zusammen im Walde waren, da war es geschehen. – »Treten Sie auf mich!« flehte er. »Zerschmettern Sie mir den Kopf! Ich bin unwürdig, auf Erden zu leben! Holen Sie die Polizei, dass ich meine Strafe erleiden kann! Werfen Sie mich in den Rinnstein, dass mich die Menschen bespeien können!« Aber aller Zorn und aller Groll waren von Frau Magei abgeglitten, als sie da stand und Zeugin dieser tiefen Reue war. Ihr Herz war von Mitleid erfüllt, die Tränen tropften auf ihre Nachtjacke herab, und ein Mal über das andere wiederholte sie: »Na, na, lieber Sörensen! Na, na, lieber Sörensen! Es kann ja noch alles gut werden! Du willst sie ja heiraten ! Du willst sie ja heiraten! Steh doch auf, so steh doch auf! ...« Und er stand auf und wurde ruhiger. Und sie half ihm aus den Kleidern und ins Bett. »Schlaf jetzt,« sagte sie, »und bete zu dem lieben Gott!« Und der Kandidat tat, wie sie befahl ... – – Zwei Jahre später fand Michaels und Alvildas Hochzeit statt. Aber am Tage vor der Trauung pochte es demütig an die Tür des Bräutigams im Missionshotel, wo er wohnte. Und als er öffnete, stand die Braut draussen auf dem Gang Hand in Hand mit einem kleinen, bleichen und äusserst unansehnlichen Manne, einem Apothekerlehrling. Sie waren gekommen, um Michael zu bitten, Alvilda von ihrem Eheversprechen zu lösen. Denn sie liebte den kleinen Apotheker so schrecklich ... Michael aber verhielt sich kühl und abweisend. Da warf sich Alvilda auf die Knie und schrie wild: »Ich will mich nicht mit dir verheiraten!« schrie sie. »Ich will nicht! Ich will nicht!« Man hörte das Schreien in dem ganzen Hotel. Und nach und nach füllte sich das Zimmer mit schwarzgekleideten Männern und Frauen mit harten Augen. Und sie nahmen Partei für den Pfarrer. Alvilda aber schlang die Arme um den Geliebten, klammerte sich an ihn und küsste ihn ohn' Unterlass, so dass die harten Augen böse wurden und sie von ihm rissen ... – Als sie wieder zu sich kam, lag sie müde und angegriffen auf dem Bett im Zimmer, während Michael über sie gebeugt stand und redete: – Es sei Gottes Wille, sagte er, dass sie einander ehelichen sollten! Es würde ein Verbrechen sein, sich zu trennen. Sie gehörten für ewig zusammen; denn sie waren ja schon Mann und Frau vor dem Thron des Ewigen! – Aber sie liebe ihren kleinen Apotheker ja doch so unsagbar ... Das Antlitz des Pfarrers wurde starr und bleich: – Hatten sie und er vielleicht dasselbe miteinander vorgehabt ... wie ... wie ...? – Nein, nein! Dazu war er viel zu lieb und fein! – Und sie hatte ihm, dem andern, auch nicht davon erzählt, dass ... – Nein, nein, denn das könne sie nicht ... Michaels Antlitz erhellte sich verklärt. Er ergriff ihre Hand und küsste sie, voll Dankbarkeit gegen die Vorsehung: »Da siehst du Gottes Willen!« sagte er. Sie schloss die Augen müde und nickte Ja ... Und am nächsten Tage wurden sie getraut. Im ersten Jahr wohnte das Ehepaar in dem väterlichen Pfarrhause bei Michaels Eltern, wo der Sohn Kaplan war. Dies Jahr war wie eine ununterbrochene Qual für die junge Frau, denn ihr Mann stand völlig unter der Herrschaft der Alten, und alle drei verlangten sie unter Drohungen vom ewigen Feuer und Schwefel, dass Alvilda der Welt mit ihrem Fleische entsagen und Honig aus den Kräutern des Himmelreichs saugen solle. Ja, der Schwiegervater betete sogar öffentlich von der Kanzel herab für die Erlösung ihrer irregeleiteten Seele: – Das Leben müsse ertötet werden, sagte er. »Denn der Tod ist das Leben, und das Leben ist der Tod und zwei mal zwei sind fünf!« Und als sie ihr Kind geboren hatte, nahm man es ihr weg, unter dem Vorwand, dass es nur dann in dem Herrn gedeihen könne, wenn es von einer wahrhaft christlichen Frau mit gläubiger Milch aufgesäugt würde ... Da aber verliess Alvilda heimlich das Pfarrhaus und suchte Zuflucht in der Hauptstadt bei ihrer verheirateten Schwester, Rose Höberg. Von hier aus schrieb sie an den Kaplan, dass sie nie und nimmer zu ihm zurückkehren würde, solange er sich auf der Halbinsel aufhielt. Und Michael, der sie noch immer liebte, bewarb sich um eine andere Pfarre ... So kamen sie nach Söby; aber der Kampf zwischen ihnen hörte nicht auf. Als Pfarrer und Seelsorger musste er ja nämlich versuchen, sie unter das Hauptgebot seiner Religion: Entsagung des Fleisches, zu zwingen. Und er, der selbst ihre Sinne wachgerufen hatte, hielt es nun für seine Pflicht, sie zu ertöten. Zu dem Zweck setzte er sie auf Ration: »Denn uns beiden geziemt es, zu sühnen, was wir verbrochen haben.« Und er setzte deswegen ein für allemal den Mittwoch an, als am besten geeignet für das, was er »das Opfer des Vergessens« nannte. Den Mittwoch, der von Gott so fürsorgsvoll mitten in der Woche, gleich weit entfernt von den Vorbereitungen des Sonnabends und der Verkündigung des Sonntags angebracht ist. Und näherte sie sich ihm zum Beispiel des Montags in Begierde, so wies er sie schroff zurück, selbst wenn auch er noch so brennend auf dem nachbarlichen Lager an ihrer Seite lag. Denn entweder ist man Christ, oder man ist es nicht. Und er war es. – – Und dann traf sie Gudmund Treschau, den bestallten Don Juan der Gegend, Förster unter Kammerherr Löwenfeldt, Löwenholm. Ein grosses und prachtvolles Männchen mit einem mächtigen Bart, der ihm auf die Brust hinabfloss. Kraft seiner männlichen Insignien besass er eine unbeschränkte Macht über das andere Geschlecht. Wen er haben wollte , bekam er. Demütig legten sich die Frauen vor ihm platt auf den Bauch, sich dem Zentrum der Erde nähernd, wie die Hühner vor dem Hahn: »Hier liegen wir, Sire, s'il vous plaît ...!« glucksten sie. Es war an einem Nachmittag im Januar mit Schlittenbahn und leisem Schneefall. Es hatte zu dämmern begonnen. Alvilda wanderte heimwärts der Stadt zu, von einem ihrer Spaziergänge auf der Vestermarker Landstrasse heimkehrend. Weich und weiss sickerte der Schnee auf sie herab. Ihr war erwartungsvoll zumute. Es war Mittwoch. Da ertönte Glockenklang und Schellengeklingel. Ein Schlitten ward sichtbar und glitt vorüber: – Der Förster! Sobald er sie erkannte, hielt er das Pferd an. »Aber gehen Sie denn da so allein, liebe Frau Pastorin? Darf ich nicht die Ehre haben, Sie nach Hause zu befördern? Es ist ja schon fast dunkel ...« Er schlug die Bärenfelldecke zurück und sprang aus dem Schlitten: »Bitte schön!« sagte er. »Setzen Sie sich hinein. Ich stelle mich hinten auf.« »Nein, nein ...« flehte Alvilda. Aber er lächelte nur: »Sie können dieses hier umbinden; sonst könnten Sie frieren.« Er entledigte sich seines Pelzes und zog ihn ihr an. »Nein, nein ...« flehte Alvilda wieder. Aber er nahm sie in seine Arme und brachte sie im Schlitten unter. Er selbst setzte sich auf den Kutschersitz. »Nun machen wir erst eine flotte kleine Fahrt auf die Landstrasse hinaus,« lächelte er. »Wir kommen immer noch früh genug zu Sr. Hoch würden zurück.« Und er wendete Pferd und Schlitten um und fuhr nach dem Vestermarker Walde zurück ... Alvilda schloss die Augen und kroch tiefer in den Pelz zurück. Der war noch warm von seinem Körper. Und es war Mittwoch.   Ein paar Stunden später sass Frau Alvilda bleich und klein in Zollkontrolleur Knagsteds Wohnstube. Ihr dunkelblondes Haar hing ihr in nassen Strähnen in das Gesicht. Der Zöllner ging langsam vor ihr auf und nieder. Das Lampenlicht fiel gedämpft durch den roten Papierschirm. Und die Pastorin erzählte: – Sie hatte einen ihrer gewohnten Nachmittagsspaziergänge nach dem Marientaler Weg hinaus gemacht, berichtete sie. – Und dann war sie plötzlich von einem heftigen Unwohlsein befallen. Sie war nach dem nächsten Hause geeilt, um Schutz zu suchen, war aber in eine Schneewehe gesunken und ohnmächtig geworden. Als sie wieder so weit zu sich gekommen war, dass ihre Beine sie tragen konnten, hatte sie sich auf den Heimweg gemacht. Aber hier gerade vor der Villa des Zöllners war sie wieder elend geworden ... – Das sind ja alles ausgestunkene Lügen, was du mir da vorfaselst, kleine Frau! dachte Knagsted. »Aber jetzt, glaube ich, bin ich so weit erholt, dass ich nach Hause kommen kann,« schloss Alvilda. »Gestatten Frau Pastorin, dass ich Sie begleite ...?« »Nein, ich danke, Herr Zollkontrolleur, das tut wirklich nicht nötig ...« »Ja, wenn ich nicht neben Ihnen hergehen darf, dann trolle ich hinterdrein. Allein lass' ich Sie nicht gehen.« »Wie liebenswürdig Sie doch sind!« lächelte sie. »Und nun habe ich Sie obendrein fast eine Stunde mit meinem Gejammer aufgehalten.« »Ja, eine gute Stunde!« lächelte der Zöllner zurück (Die Dame war höchstens zwanzig Minuten im Zimmer gewesen.) Alvilda stand einen Augenblick da und sah nieder. Dann fiel sie ihm plötzlich um den Hals: »Wie lieb Sie sind!« sagte sie. »Und wie süss Sie sind!« sagte er. »Wollen wir nun gehen? ...« Als sie in die Nähe des Pfarrhauses gelangt waren, kam ihnen Pastor Sörensen aus der Nebenstrasse entgegen. Der Zöllner fühlte, wie sie gleichsam kleiner wurde, als sie ihn erblickte. Aber dann raffte sie sich auf. Im selben Augenblicke sauste ein Schlitten an ihnen vorüber. Es war der Förster. »Guten Abend! Guten Abend!« rief er. »Noch so spät draussen!« »Wie schnell der Mensch doch fährt!« sagte Alvilda. »Wer war das?« »Kannten Sie ihn nicht ...« sagte Knagsted. Jetzt stand Pastor Sörensen vor ihnen: » Aber Alvilda, Kind, wo bist du nur einmal gewesen?« Er vergass ganz, den Zöllner zu begrüssen: »Wie du mich doch geängstigt hast!« Sein Gesicht war bleich und leidend. Der Rock war schief zugeknöpft. Und die roten, unbehandschuhten Hände hielt er ihr gefaltet entgegen. »Ihre Frau ist krank, Herr Pastor.« »Krank ...? Aber wo ist sie doch nur den ganzen Nachmittag gewesen?« Alvilda wollte antworten, aber Knagsted kam ihr zuvor: »Bei mir ...« sagte er. »Ich fand sie am Wegesrande draussen vor meinem Hause sitzen, und da half ich ihr in die Stube hinein ... Ich konnte Ihnen keine Nachricht zukommen lassen ... meine Haushälterin war aus ... und ein Telephon habe ich nicht ... Aber wollen wir Ihre Frau nicht lieber nach Hause bringen; ich glaube, es ist das Beste für sie, wenn sie so schnell wie möglich zur Ruhe kommt ...« Langsam führten die beiden Herren die Kranke nach dem Pfarrhause. Alvilda ging schwerfällig und prächtig schwankend zwischen ihnen ... Dies Ereignis fand also im Januar statt. Jetzt war Sommer. Und heute hatte der Pastor seine Ehehälfte persönlich aus der Försterei in Vestermark abholen müssen. Ein eifriges Mitglied der Gemeinde hatte sie da hineinschlüpfen sehen und ihm einen Eilboten geschickt.   Acht Tage später verliess Alvilda zum zweiten Male ihren Mann und suchte von neuem Zuflucht bei ihrer Schwester in der Hauptstadt. Fräulein Mine Meincke war vor einem halben Jahr als ausgelernte kleine Hausfrau nach Abildtorpegaard zurückgekehrt und ging nun Frau Trine in Küche und Keller zur Hand. Sie war ein völliger Gegensatz zu der Schwester: klein, rundlich, dunkeläugig, harmonisch. Knagsted war – »Gott steh mir bei!« wie Nasen-Fredriksen sagte – im Begriff, sich auch in sie zu verlieben. Doch wusste Line mittels ihrer beständig schillernden Chamäleonslaune in seinem Herzen die Tête zu behalten. Sie war jetzt achtzehn Jahre alt, Mine zwanzig. Sonntag für Sonntag stellte sich der Zöllner draussen auf dem Gut ein. »Dass du dich nicht unterstehst, nächsten Sonntag auszubleiben, Zöllner!« sagten die Mädels, wenn sie am Abend wetteiferten, ihm draussen auf der Diele in den Überzieher hineinzuhelfen. »Dass du dich nicht unterstehst, dich zu drücken!« Und der Zöllner kam ... Zuweilen machten sie lange Radelfahrten zusammen in der Umgegend, mit dem Frühstück in der Tasche ... und mit Essschokolade. Die Mädels besassen zusammen nur ein Rad. In der Regel legte Line Beschlag darauf; und wenn Knagsted so hin und wieder einmal durchsetzte, dass jetzt die Reihe, mit ihm zu fahren, an Mine sei, konnte die andere so rasend werden, dass sie mit den Füssen stampfte und davonlief und für den ganzen Rest des Sonntags kein Wort mehr sprach. Bis zum Abend also, wo sie sich wie gewöhnlich auf der Diele zum Abschied einstellte. Da konnte sie Knagsted einen wehmütig ersterbenden Blick zusenden und fragen: »Du kommst doch nächsten Sonntag wieder, Zöllner?« »Ja, aber Line,« versuchte dann Mine, »wenn nun der Zöllner mehr Lust hat, andere von seinen Freunden zu besuchen, so ...« »Das ist mir ganz schnuppe!« brauste die andere abermals auf. »Das kann er ja am Montag tun!« Aber dann besann sie sich, streckte die Hand aus und sagte mit ihrer weichsten und einschmeichelndsten Stimme: »Niemand hat ihn ja doch so lieb wie wir ... Nicht wahr, Zöllner; du kommst nächsten Sonntag? Womit sollen Mine und ich sonst wohl den ganzen Tag hinbringen ...« Und der Zöllner drückte ihre ausgestreckte Hand und kam ... Aber er sagte ja freilich bei der Heimkehr zu Jochum: »Jochum,« sagte er, »du musst nicht lachen; aber dies hier ist eine lächerliche Geschichte!«   Jeden Sonntag stellte sich Line todsicher bei dem Steinhaufen vor Post-Peters Haus ein, entweder allein oder in Gesellschaft der Schwester. »Hier traf ich dich zum erstenmal, Zöllner!« sagte sie und schob ihren Arm in den seinen. Der linke Arm gehörte ihr, der rechte der Schwester. Und die Freude wollte kein Ende nehmen, wenn sie lachend und plaudernd zusammen die Allee hinauf marschierten: »Da ist er! Da ist er!« riefen die Mädels und rissen die Dielentür auf. Herr und Frau Meincke kamen heraus und hiessen ihn willkommen: »Wenn er auch, weiss Gott, nicht unseretwegen kommt, Mutter!« lachte der Gutsbesitzer. »Er kommt nur der Mädel wegen. Die denken kaum mehr an ihre alten Eltern!« Da liess Line den Arm des Zöllners sinken, fiel dem Vater um den Hals und überschüttete ihn mit Küssen und Liebkosungen. »Na, na, na! Aber Line! Line! ...« »Schafskopf! Schafskopf! Schafskopf!« rief sie bei jedem Kuss, den sie gab. »Du weisst ja doch recht gut, dass es niemand mit dir aufnehmen kann!« Aber dann war die Reihe, eifersüchtig zu werden, an Knagsted. Ein brennender Stich fuhr ihm durch das Herz, während er gleichzeitig ganz verzagt murmelte: »Jochum, Jochum! Du Beichtvater meiner Seele und einziger Vertrauter, sag dies zu niemand, damit die Welt nicht umkommt vor Lachen!«   Auf den beiden letzten Radfahrten war Line, wie zufällig, in den Weg eingebogen, der nach Storgaarden führt. Und ebenso zufällig hatte der Sohn des Besitzers, der junge Christian Werner, entweder im Garten oder auf einem der Felder gestanden. Und man hatte gegrüsst ... Und dann eines Abends auf einem Sommermarkt in den »Söbyer Anlagen«, wozu Knagsted seine beiden kleinen Freundinnen eingeladen hatte, trafen sie – wahrscheinlich auch ganz zufällig – selbigen Christian Werner. Er grüsste ehrerbietig. Und sie gingen zusammen weiter. Aber die Unterhaltung wollte nicht so recht wieder in Fluss kommen. Man wanderte schweigend unter den bunten Lampions in den Gängen umher. Plötzlich blieb dann Line stehen und sah Knagsted förmlich wütend ins Gesicht: »Schafskopf!« sagte sie. »Hast du deine Sprache verloren?« Da riss dem Zöllner die Geduld. Ohne dem Mädel zu antworten, wandte er sich an Werner, sah nach der Uhr und sagte: »Ach, Herr Werner, wollen Sie sich nicht, bitte, der Mädels annehmen und sie nach Hause begleiten? Ich habe Frank Neumann versprochen, um acht dabei ihm zu sein, und es fehlen nur noch zehn Minuten ... Guten Abend!« Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, nahm er den Hut ab und ging ... Kaum hatte er den Rücken gewandt, als sich ein Arm unter den seinen schob. »Zöllner ...« bat Lines Stimme, ach so demütig. Er aber schleuderte den Arm von sich: »Nein!« sagte er. »Jetzt will ich, verdammt und verflucht, nicht mehr!« Und daheim in seinen Stuben ging seine Haushälterin umher und war eifersüchtig. Herr du meines Lebens, was kann ein älterer Herr sich einbrocken ... wenn er jung ist!   Am nächsten Sonntag sass Line auf ihrem Wächterposten vor Post-Peters Haus. Als sie Knagsted unten auf dem Söbyer Wege sah, stand sie auf und ging ihm langsam entgegen. Das Gesicht hielt sie auf die Brust gesenkt, versteckt: »Zöllner ...« bat sie, als sie vor ihm stand. »Zöllner ...« Im selben Augenblick platzten sie beide in ein schallendes Gelächter los ... »Aber wollen wir es nicht doch lieber aufgeben, Altersgenossen zu sein?« fragte Knagsted. »Nein, nein! Ich verspreche dir ...! Ich will ganz gewiss ...! Ich ...« »Ja, aber du kannst nun doch einmal nicht, kleines Menschenkind!« »Ja, ja! Jetzt sollst du nur sehen!« »Wollen wir dann nicht doch lieber wenigstens Sie zueinander sagen?« schlug der Zöllner vor. »Nein, nein ... Jetzt musst du nicht mehr böse sein ...« (Sie sah ihn so flehend an.) »Aber du bist ja heute gar nicht rasiert?« »Nein ...« »Das steht dir nicht.« »Nicht?« »Und deine Nägel hast du auch nicht geputzt!« »Nein; ich habe beschlossen, so wie der alte Kaufmann Birk, die Zähne auf den Tisch zu legen.« »Die Zähne? Hast du denn falsche Zähne?« »Ja ... Willst du sie mal sehen?« » Nein ,« schrie sie ganz entsetzt und zog sich zurück. Nach einer Weile näherte sie sich wieder und fragte, – und es kam gleichsam ein kleines neugieriges Aufblitzen in ihre Augen: »Bist du eifersüchtig auf Christian Werner?« »Eifersüchtig ...! Bist du verrückt!« »Ja, denn Vater ist doch manchmal eifersüchtig auf dich; da kannst du doch wohl auch eifersüchtig auf Christian Werner sein?« – Kluger, kleiner Racker! dachte Knagsted. Laut aber sagte er: »Nein ... aber ich bin neidisch auf ihn.« »Neidisch ...! Warum denn das?« »Weil er die paar Jahre jünger ist als ich.« »Aber das ist es ja doch gar nicht,« lächelte sie unschuldig. »Denn du bist doch der allerjüngste, den ich jemals getroffen habe.« Es ging wie ein Schaudern durch den Zöllner. Es fror ihn und er litt: – Wo in aller Welt hat doch das Kind nur diese Gedanken her! dachte er. – Achtzehn Jahre ist sie alt! Sage und schreibe achtzehn kleine, kurze Jahre! ... Selbstredend bin ich eifersüchtig auf Christian Werner – den Laffen ... Aber dann schob sie zärtlich den Arm unter den seinen und lachend und plaudernd gingen sie weiter ... Grönbäksgade 114 Hauptstadt W. Lieber Michael! Ja, nun sitze ich also hier bei meiner Schwester und schreibe Dir; sie und ihr Mann sind sehr freundlich gegen mich und haben mir angeboten, in ihrem Heim zu bleiben, bis ich einen Entschluss in bezug auf meine Zukunft gefasst habe. Sie wussten ja nicht, dass ich kam und waren daher sehr erstaunt, als sie mich plötzlich in die Tür treten sahen; aber als ich ihnen das Ganze erzählte, und dass es mir unmöglich sei, länger an Deiner Seite zu leben, und ihnen das Ganze mit Treschau und all das erklärte, da hielten sie mit mir und sagten, ich habe recht gehandelt, indem ich meiner Wege ging, und darüber habe ich mich gefreut. Du musst ja auch selbst zugeben, lieber Michael, es war ein grosses Missverständnis, dass wir beide uns jemals heirateten, so wie Du allmählich geworden bist, bei meinem warmen Temperament; ich mache Dir keine Vorwürfe, aber Du hättest mich nicht zwingen sollen, Dich zu heiraten, wir haben nie zusammengepasst, und Du bist schuld daran, dass ich meinen Jugendgeliebten nicht bekommen habe. Man soll sich nur dem hingeben, den man wirklich liebt, aber dann soll man es auch tun, und ich liebte damals wirklich meinen kleinen Apotheker und nicht Dich, und ich liebe ihn auch noch ! Wo in der Welt er sein mag, weiss ich nicht; und er hat mich wahrscheinlich wohl auch vergessen. Mein Schwager sagt, dass Du mir etwas Bestimmtes im Monat aussetzen musst, aber darin hat er wohl kaum recht, da der Bruch von meiner Seite ist, aber wenn Du es trotzdem willst , so nehme ich es mit Dank an, da es ja für den Anfang schwere Zeiten für mich werden und meiner Schwester und meines Schwagers Gehälter am Metropole ja nicht gross sind. Kinder haben sie auch; vielleicht lasse ich mich selbst da engagieren; irgend etwas muss man ja anfangen, und ich habe ja eine gute Figur und eine nette kleine Stimme. Antworte mir nun, bitte, auf diesen Brief, lieber Michael, und teile mir Deinen Entschluss mit, ob wir uns scheiden lassen wollen, oder was Du meinst; natürlich werde ich, falls Du es wünschst, Deinen Namen nicht mehr tragen, sondern mich Frau Magei nennen, was sich ja auch auf einem Plakat besser ausnehmen wird. Wie geht es der kleinen Rigmor, dem kleinen Wurm? Gib ihr einen Kuss von mir, und sorge gut für sie; sie wird Dir ja auch zugesprochen werden, da ihre Mutter die Ehe gebrochen hat; ich hätte Dich lieben können, Michael, ja, wirklich, aber Du warst ja so kalt wie Eis geworden, und ich habe Liebe nötig. Ich verstehe es so gut, dass Du diesen Augenblick sehr böse auf mich bist, als Ehemann und als Geistlicher, ach, aber ich sage, und das werde ich auch vor Gottes Richterstuhl sagen, Du hättest mich nicht zwingen sollen, mich mit Dir zu verheiraten, wenn Du so bist, wie Du bist; alles, was Du sonst gegen mich verbrochen hast, auch damals, als ich noch ein reines Kind war, das habe ich Dir ja längst vergeben, darauf kannst Du Dich verlassen, denn das kann ja gerade gegen den Kummer aufgehen, den ich Dir später bereitet habe. Aber antworte mir jetzt bald auf diesen meinen Brief, hörst Du! Mit freundlichem Gruss an Dich und einem Kuss für Rigmor Deine Dich immer liebende Alvilda Sörensen geb. Magei. PS. Nachschrift. Meine Kleider und andere Kleinigkeiten kannst Du in den grossen Korbkoffer packen und mir hierherschicken. Ich werde den Koffer gerne nach Empfang zurücksenden, da er Dir ja gehört. Grüsse Knagsted, wenn Du ihn siehst, das ist ein prächtiger Mann. Grönbäksgade 114 Hauptstadt W. Lieber Herr Zollkontrolleur Knagsted! Sie wundern sich gewiss sehr, einen Brief von Unterzeichneter zu bekommen; aber da Sie immer so lieb gegen mich gewesen sind, will ich Ihnen nun doch erzählen, dass ich hier bei meiner Schwester und meinem Schwager Höberg sitze und es den Umständen nach ganz gut habe. Sind Sie böse auf mich? Finden Sie, dass das, was ich getan habe, schrecklich ist? Meinen Mann betrogen und von meinem Kinde weggelaufen; es ist gewiss schrecklich, aber ich konnte es nicht aushalten, länger bei Michael zu sein; er nahm mir alle Freude weg, und jetzt, wo das mit dem andern angefangen hatte, fand ich, dass ich kein Recht mehr hatte, da in Söby herumzugehen und Pfarrersfrau und Mutter meiner Tochter zu sein; für sie ist es viel besser jetzt, wo ich weg bin; meine Gedanken waren mit so viel anderem beschäftigt. Ich habe jetzt zweimal an Michael geschrieben, ob er sich von mir scheiden lassen und mir jeden Monat eine feste Summe aussetzen will, bis ich etwas anderes angefangen habe, aber er hat noch nicht geantwortet; können Sie ihn nicht dazu bewegen? Er braucht mir ja gar nichts zu geben, da ich ihn betrogen habe und nicht umgekehrt; und doch, ja, trotzdem hat er es gewissermassen getan, denn er hätte mich nie zwingen sollen, ihn zu heiraten, denn da war nämlich ein anderer, lieber Herr Knagsted, und hätte ich den damals gekriegt, dann wäre jetzt gewiss alles anders gewesen. In der Stadt reden sie gewiss hässlich von mir, wie? Mit den Damen hab' ich nie so recht gekonnt; die Herren sind nun einmal nicht so hart in ihrem Urteil; wenn Sie Rigmor auf der Strasse treffen, dann reden Sie sie von mir an und geben Sie ihr einen Kuss und seien Sie so lieb, mir auf einer Postkarte zu erzählen, wie es ihr geht. Wissen Sie wohl noch, wie lieb Sie an dem schlimmen Abend im Winter gegen mich waren? Ich konnte es Ihren Augen ansehen, dass Sie die ganze Wahrheit wussten; aber Sie sagten es nicht, und ebenso, als wir ihm nachher begegneten, da schwiegen Sie auch; das vergesse ich Ihnen nie, nie! Mit herzlichem Gruss Ihre dankbare Alvilda Sörensen geb. Magei. PS. Ich denke stark daran, in einen Zirkus zu gehen und Kunstreiterin zu werden; was sagen Sie dazu? Ich habe ja seinerzeit viel mit Treschau geritten. Grönbäksgade 114 Hauptstadt W. Herrn Pastor Michael Sörensen Söby. Dieses schreibe ich Ihnen, Herr Pastor, ohne meiner Schwester Alvilda Wissen. Sie hat mir erzählt, dass sie Ihnen jetzt dreimal geschrieben hat, ohne eine Antwort zu bekommen. Darf ich fragen, was das zu bedeuten hat? Hat sie sich gegen Sie versündigt, und das leugne ich nicht, so haben auch Sie sich, weiss Gott, entschuldigen Sie! zuerst und am grausamsten gegen sie versündigt, als sie noch ein unmündiges Kind war! Und sollten Sie Ihre Aufführung damals ganz vergessen haben, so seien Sie hierdurch höflichst daran erinnert. – Und, bedenken Sie, Herr Pastor, dass, was Sie sich damals meiner Schwester gegenüber erlaubten, das würde in den Augen aller rechtlich denkenden Menschen eine Todsünde genannt werden, wenn sie es zu wissen bekämen. Und nicht nur das, sondern es würde noch heutigen Tags, wenn es ans Tageslicht käme, Ihnen an Talar und Priesterkragen und Ehre gehen. Nun dürfen Sie diesen Brief keinen Erpresserbrief nennen, denn ich fordere nichts nach der Richtung hin für Alvilda; was sie sich jetzt gegen Sie hat zuschulden kommen lassen, kann wohl gegen das aufgehen, was Sie seinerzeit ihr angetan haben. Und doch ist sie viel mehr zu entschuldigen, denn Sie waren damals ein erwachsener Mensch und studierten obendrein Pastor ! Ich schreibe also nicht, um meiner Schwester Geld zu verschaffen, denn Höberg und ich können ihr wohl noch gratis Aufenthalt geben, bis sie selbst etwas verdienen kann. Nein, ich schreibe Ihnen nur, um Sie zu bitten, auf ihre Schreiben zu antworten und ihr Ihre Entschlüsse in bezug auf die Zukunft mitzuteilen. Und hiermit erkläre ich Ihnen, dass, wenn sie Ende dieser Woche keine Antwort von Ihnen erhalten hat, ich für nichts einstehe. Nun wissen Sie das! Mit Hochachtung Ihre ergebene Rose Höberg geb. Magei. Es ist ganz selbstverständlich, dass dies ein Geheimnis zwischen uns bleibt. Knagsted kam eines Vormittags auf seinem Rad aus der Stadt gejagt und fuhr den Vibyer Weg entlang. Die Sonne schien. Es hatte in der Nacht geregnet. Die Luft war frisch und leicht. »Flieger ohoj ...!« wurde hinter ihm gerufen. Frank Neumann glitt neben ihm dahin. »Wohin geht die Reise?« »Ach, nur so ein bisschen die Landstrasse entlang.« »Haben Sie nicht Lust, mit hineinzukommen und den ›Sportsaal‹ zu sehen? Jetzt ist er fertig.« »Gern!« »Sie können auch mit uns frühstücken.« »Famos!« »Das ist doch eine prachtvolle Maschine, die Sie haben,« sagte der Maler. »Halten Sie es selbst so rein und fein?« »Nein, das tut Thorwald.« Der Maler sah den Zöllner auf einmal erstaunt an: »Aber wie sehen Sie nur einmal aus? Sollen Ihr Haar und Ihr Bart so weiter wachsen?« »Ja.« »Aber warum denn nur? Sie sehen ja zwanzig Jahre älter aus.« »Das will ich ja auch gerade,« sagte Knagsted kurz. »Wie geht es mit dem Bild von den Damen im ›Kalten Knochen‹?« fragte er dann. »Ausgezeichnet.« »Ist es bald fertig?« »In vierzehn Tagen, ja.« »Freue mich darauf, es zu sehen ...« Sie waren jetzt an die kleine Tür in der Mauer gelangt, die zu der Malers-Villa führte. Neumann sprang flott ab, während Knagsted vorsichtig bremsen musste, ehe er herunterkrabbelte: »Wer doch jung wäre wie Sie!« sagte er. »Sonnenbad!« lachte der andere und schlug seine weisse Flanelljacke zurück. Er war nackend unter der Jacke. Seine Haut leuchtete bronzegelb. Der Zöllner sah ihn bewundernd an: »Was sagt Frau Svendsen zu dem Kostüm?« »Ich halte den Rock zugeknöpft.« »Das ist wirklich unrecht gegen sie.« »Sie ist guter Hoffnung.« »Frau Svendsen ...!« »Ja.« »Unmöglich – bei dem Fett.« »Es ist aber so. Sie hat es mir selbst erzählt.« »Von wem?« »Von Bernhard, dem kleinen Kellner.« »Unsinn.« »Das sagt sie ... Sie wollen sich heiraten.« »Hören Sie jetzt auf! Madam Svendsen und Bernhard! Er könnte ja in ihr logieren!« »Sie wollen sich heiraten!« »Will sich Rikke Elster dann nicht auch mit Hundertundelf verheiraten?«   Als die Herren glücklich hinter die Mauer gelangt waren, zog der Maler die Jacke ganz aus. Seine Beinkleider wurden nur von den Hüften getragen. An den nackten Füssen hatte er Sandalen. »Puh!« sagte er, »dass Sie das aushalten können, Zöllner, in all diesen Futteralen und mit all dem Haar!« Auf dem untersten Rasenplatz zwischen den Birken ging die junge Frau Neumann umher und begoss Leinwand, die auf der Bleiche lag. Sie trug einen langen, lose sitzenden Sonnenmantel. Das blonde Haar lag wie eine Krone aus Flechten um ihren Kopf ... Eine Schwarzdrossel lief in kleinen unterbrochenen Vorstössen über den Kiesweg, stieg darauf mit einem trillernden Schrei in die Höhe und verschwand zwischen den Büschen. Vom Spielplatz her ertönten Erichs und Elses Stimmen: »Mirja! Mirja!« Und oben von der Blumenrabatte vor dem Hause kam wie in Wellen ein süsser Duft von Rosen herab ... »Da geht Sonja ...« flüsterte der Maler, »ist sie nicht schön?« »Ja–a,« brummte der Zöllner, »aber sie hat einen so affektierten Namen! Alle Frauenzimmer sollten Mette heissen.« »Oder ›Thorwald‹,« schlug der Maler vor und blinzelte verschmitzt. »Thorwald ist auch gut ...« nickte Knagsted ruhig. (»Thorwald« war der Name von des Zöllners treuer Haushälterin. Sie hiess eigentlich Helia-Hevalda; aber wer vermag solche Worte über seine Lippen zu bringen? Deswegen hatte Knagsted sie umgetauft.) Neumann schlich sich hinter seine Frau und legte einen Arm um ihre Taille. Sie wandte sich lächelnd nach ihm um: »Guten Tag, Maler ...!« sagte sie und bot ihm den Mund zum Kuss. Knagsted faltete die Hände und trat näher: »Ich auch ...?« bat er demütig. Sonja lachte: »Gern ...! Aber Sie können ja nicht ankommen.« Der Zöllner war fast einen Kopf kleiner als das Ehepaar Neumann. »Und sich zu mir herabbeugen will die Dame wohl nicht?« »Nein ... ach nein! Und dann all das Haar und der Bart, den Sie sich zugelegt haben!« »Holen Sie sich eine Bank, Zöllner!« riet der Maler. Knagsted holte die nächste Gartenbank, stieg hinauf und küsste von hier aus Frau Sonja mitten auf den Mund ... »Mehr ...!« bat er. »Nein, wissen Sie was ...!« und bei dem Sprung stiess sie gegen eine der Birken, so dass die Tropfen von dem Nachtregen auf sie herabrieselten. »Grossartig!« sagte der Maler und zog schnell die Beinkleider aus. »Brausebad! Komm, Sonja!« Sie zögerte. »Genierst du dich? ...« »Nein! ...« und schnell entschlossen warf sie den Sonnenmantel ab und lief zu ihrem Mann hin. Ihr Körper war goldbraun wie der seine ... Und lachend gingen sie nun von Baum zu Baum und liessen die Regentropfen auf sich herabrieseln. Der Maler schlang die Arme um sie: »Darf ich mir für über Nacht einen Platz auf Ihrem Jungfrauenlager reservieren, Frauchen?« fragte er. »Aber Frank!« Sie riss schnell den Sonnenmantel, der auf dem Rasen lag, in die Höhe, warf ihn über und lief dem Hause zu. »Gott, wie gut ihr es habt ...!« brummte der Zöllner. »Das ist ja grässlich anzusehen!«   Der Sportsaal war ein grosser, hoher, weissgetünchter Saal, in den das Licht durch gelbfarbige Fensterscheiben hineinströmte, die selbst bei trübem Wetter einen goldigen Sonnenschimmer über den Baum gössen. Unmittelbar über den Fenstern, an allen Wänden war ein ellenhoher a-fresco-Fries in schwarzer Silhouette gemalt, der einen Zug von nackenden, spielenden und tanzenden Kindern darstellte, die, anmutig und graziös, bald ernsthaft beschäftigt dahinschritten, allerlei Instrumente spielend, sich bald ausgelassen zwischen einer Schar wilder Tiere des Waldes und der Ebene herumtummelten: zwischen Tigern, Löwen, Elefanten, Straussen, Störchen und Schwänen, die entweder vor kleine blumengeschmückte Wagen gespannt waren, oder auf denen die Kinder kühn ritten, sie ohne Zügel und Zäume lenkend. Langbeinige Reiher und zierliche Flamingos schritten gravitätisch Seite an Seite, lustige Affen sprangen Bock und zogen einander am Schwanz, breitbäuchige Kröten sahen stumpfsinnig zu, und Schlangen, Nattern und Ottern spielten munter mit ihren gespaltenen Zungen ... Namentlich aber hatte doch der Künstler die Kinder darstellen wollen, die nackten unbekümmerten Menschenkinder, die furchtlos und voll festlicher Hoffnung der unbekannten Ferne entgegenziehen ... Der sonnenfrohe Triumphzug des Lebens, der Vollkommenheit entgegen! Knagsted war mitten im Saal stehengeblieben. »Maler!« sagte er, von Bewunderung ergriffen. »Dies ist ja ein Meisterwerk!« »Zöllner!« lächelte der Mann zurück, »leider is es nur eine Kopie.« »Wer hat denn das Original zu Werke gebracht?« »Karl Wilhelm Diefenbach.« »Wer ist das?« »Ein deutscher Maler, der in Landflüchtigkeit getrieben ist und auf Capri wohnt.« »In Landflüchtigkeit ...! Was hat er denn getan?« Frank Neumann zuckte trübselig die Achseln. »Er war Sonnenanbeter, so wie ich.« »Deswegen kann man doch nicht in Landflüchtigkeit getrieben werden?« »Er wurde es aber ...« »Von der Polizei?« »Nein ... von den Priestern. Er und seine Frau und Kinder gingen nackend in ihrem Garten herum, so wie ich und die meinen, da riefen die Herren ›eine Bewegung‹ gegen ihn ins Leben, schikanierten ihn auf alle Weise, verleumdeten ihn, verfolgten und quälten ihn ... und schliesslich gelang es ihnen, ihn aus dem Lande zu vertreiben.« »Unglaublich!« sagte Knagsted. »Wo in Deutschland hat sich das zugetragen?« »In Bayern.« »Das konnte ich mir ja denken ...« nickte der Zöllner, »so etwas ist nur unter Katholiken möglich.« Der Maler lächelte: »Meinen Sie ...?« Er legte dem Zollkontrolleur eine Hand auf die Schulter und zog die Stirn in Zornesfalten: »Jetzt will ich Ihnen doch erzählen, was unser eigener hochehrwürdiger Pastor Sörensen sich neulich erlaubt hat,« sagte er dann. »Hother und Hanne hatten eine Wanderung draussen im Vestermarker Walde gemacht und badeten dort im Sund. Der Pastor kommt zufällig vorüber und sieht sie. Da ruft er Hother aus dem Wasser heraus und hält ihm eine Jüngstegerichtspredigt über das ›Unmoralische‹, dass zwei so grosse Kinder verschiedenen Geschlechts zusammen badeten.« »Hm ... Und was sagte denn Hother dazu?« »Nichts; er verstand es nicht. Er weiss ja nicht, was ›unmoralisch‹ ist. Hier im Hause hat er das Wort nie gehört ... Aber die Folge von des Pastors Schmutzigkeit war, dass der Junge sich am nächsten Tage weigerte, zusammen mit uns zu baden.« »Hm ...« »Da nahm ich ihn denn vor und erklärte ihm, der Pfarrer sei in diesem Punkte geistesschwach, unzurechnungsfähig, und der Junge habe sich nur an die Vorschriften zu halten, die seine Mutter und ich ihm gäben; und das versprach er denn auch. Aber es ist etwas so wunderlich Scheues, Zurückhaltendes in sein ganzes Benehmen gekommen, etwas Unsicheres; er, der früher so frisch und natürlich war ...« Der Maler ballte plötzlich die Hände und streckte sie drohend in die Luft empor: »Und das alles habe ich dem Teufels-Pastor zu verdanken!« sagte er. »So ein Schwein!« »Na, na ...!« »Ja, Schwein! Hierher zu kommen – die Phantasie meines prächtigen, gesunden Jungen mit seiner schleimigen Rede zu verderben!« »Der Pfarrer hat ja doch nur in bester Absicht gehandelt, lieber Freund ...« »Das ist ja gerade das Unglück; sonst hätte ich ihm ja nur einfach eine Tracht Prügel geben können. Jetzt stehe ich machtlos da.« »Haben Sie gar nicht mit ihm über die Sache geredet?« Der Maler sah zur Seite: »Nein,« sagte er gleichsam geniert, »denn dann kam ja diese Geschichte mit seiner Frau und Förster Treschau, ihre Flucht und ... und da fand ich ... da dachte ich ... Aber bei passender Gelegenheit will ich ihm schon die Leviten lesen!« brauste er wieder los. »Und wie ich es ihm im Grunde gönne, dass ihm die Frau weggelaufen ist!« Knagsted sah lächelnd auf: »Nein, das tun Sie wahrhaftig nicht, lieber Malersmann!« »Weiss Gott, das tu' ich! Denn der Pastor ist natürlich ein liederlicher Ekel, und hat sie nie in Ruhe lassen können!« »Dann hätte sie sich ja nicht an den Förster zu wenden brauchen ...« »Ja; denn der ist doch höchstwahrscheinlich ein Mensch ... der andere kann nur ein perverser Affe sein.« Der Maler wandte sich ab; und wie um die Unterhaltung abzubrechen, nahm er ein Buch von dem zunächst stehenden Tisch: »Hier sollen Sie einmal sehen, Zöllner,« sagte er, »hier ist das Original, nach dem ich den Fries gemalt habe.« Es war: Carl Wilhelm Diefenbach Per Aspera Ad Astra Capri 1907. Knagsted nahm das Buch und öffnete es: »Entzückend!« sagte er. »Wunderbar! ... Sagen Sie mir,« fragte er dann nach einer Weile und kniff das eine Auge verschmitzt zusammen. »Glauben Sie, lieber Neumann, dass Sie sich ebenso für den Mann begeistert hätten, wenn er hier in Flachland geboren wäre?« »Ja natürlich! Warum nicht?« »Hm,« lächelte der Zöllner, »ich weiss es im Grunde selbst nicht. Aber hierzulande pflegt man das ja nicht zu tun.« Die Frühstücksglocke hatte geschellt. Alle waren im Esszimmer versammelt. Selbst die Dohle Mirja war zugegen. Sie sass neben ihrem Fressen auf der steinernen Treppe vor der offenen Flügeltür nach dem Garten hinaus ... »Ist das der Bräutigam?« fragte Knagsted und zeigte auf einen fremden Knaben, der zwischen die Kinder des Hauses am untersten Ende des Tisches placiert war. Hanne errötete, kicherte und versteckte ihr Gesicht. »Ja, das ist Knud ...« lächelte Frau Sonja, »er und Hanne gehen in dieselbe Klasse und helfen einander bei den Schularbeiten ...« »Das heisst, Knud hilft Hanne!« sagte Erich. »Er ist ja auch ein Junge ...!« nickte die kleine Else. Hother sagte nichts, lächelte nur abwesend, wenn einer der Erwachsenen ihn ansah. Seine Gedanken schienen anderswo beschäftigt zu sein. Seine Augen waren traurig und müde. Alle Kinder trugen Anzüge aus Kadettenleinen und Sandalen. Nur Knud war »sittlicher« gekleidet, er trug Schuhe und Strümpfe. Man war an das Ende der Mahlzeit gelangt. Die Erwachsenen tranken Kaffee, die Kinder Milch und Kakao. »Sagen Sie mir doch, Herr Knagsted,« fragte die alte Frau Neumann, »warum sieht man Sie und Jochum eigentlich nie zusammen?« »Weil wir in einem freien Verhältnis leben, liebe gnädige Frau,« sagte der Zöllner. »Wir genieren einander nicht gern; und ausserdem hat Jochum so viele Freunde.« »Sagen wir lieber Freundinnen !« lachte der Maler. »Ich sehe ihn oft, wenn ich des Morgens ausfahre, draussen vor der Tür seiner Geliebten sitzen; und wenn ich nach Hause fahre, sitzt er da noch.« »Ja,« nickte Knagsted, »er ist eine treue Natur so wie sein hoher Namensvetter.« »Wer ist denn das?« »Darf ich nicht sagen ... Aber er ist verstorben.« Frank Neumann lachte: »Hat er seinen Namen von ...?« »Ja ... Aber das haben Sie gesagt, mein Herr, nicht ich.« »Zöllner! Zöllner!« drohte Frau Sonja, »hüten Sie Ihre Zunge.« »Das tu' ich ja gerade ...« sagte der Zöllner. Frau Sonja wandte sich lachend an die Kinder, die miteinander plaudernd dagesessen hatten: »Seid ihr fertig?« fragte sie. »Es fehlen nur noch zehn Minuten. Macht, dass ihr fortkommt!« Hother, Hanne und Knud standen schnell vom Tische auf. Mit einem »Gesegnete Mahlzeit« eilten sie zur Tür hinaus und die Gartentreppe hinab. »Mirja! Mirja! Willst du mit?« rief Hanne. »Tja–a ...« gurgelte die Dohle auf dem Boden ihrer Schüssel. Die Kinder sprangen auf ihre Räder und jagten durch den Garten davon. Die grossen gingen in die Lateinschule und hatten gerade so viel Zeit, um in der Mittagspause nach Hause zu kommen. Erich und Else dahingegen waren noch in der »Vorbereitungsklasse«, und heute hatten sie obendrein frei, da »das Fräulein« krank war. »Mirja! Mirja! Kommst du?« ertönte Hannes Stimme aus der Ferne. »Tja–a ...!« schrie der Vogel, der beschäftigt war, Fleisch von einem Knochen zu nagen, von dem er sich ungern trennte. Aber dann nahm er schnell entschlossen den Knochen in den Schnabel und flog den Kindern nach. »Das ist ein schwülstiger Vogel!« sagte Erich und sah ihm bewundernd nach. »Onkel Zöllner,« sagte er dann, »weisst du, was das Fräulein gestern in der Stunde erzählt hat?« »Nein ...?« »Sie hat uns erzählt, in alten Zeiten hätten die Menschen geglaubt, der Mond und die Sterne wären Löcher im Himmel, durch die das Feuer durchschiene!« »Ja, aber verhält es sich denn nicht so?« fragte Knagsted höchst unschuldig. »Nein!« Der Junge sah imponierend wichtig aus. »Es sind ja doch Himmelskörper, die rund im Äther herumschweben! ... Sie sind in alten Zeiten doch schrecklich dumm gewesen!« Else war auf den Schoss des Zöllners gekrochen: »Was für schnurrige Haarbüschel da aus deinen Ohren rausgucken, Onkel Zöllner!« »Darin wische ich meine Federn aus, wenn ich schreibe.« »Solche hat Vater gar nich!« »Nein ... aber Vater ist ja auch nur ein Maler!« »Macht jetzt, dass ihr auf den Spielplatz kommt, Kinder ...!« nickte Frau Sonja. »Dürfen wir die Kleider abwerfen, dann können wir viel besser spielen.« »Ja ... aber lasst euch von Olga helfen.« Erich lief zu der Mutter hin: »Wollen wir uns nicht erst küssen, Sonja?« fragte er. »Ja gern! ...« Frau Sonja hob ihn zu sich hinauf und küsste ihn. »Miro, miro, miro ...« winselte Knagsted, »warum haben Sie mich nicht vorhin draussen im Garten auch so in die Höhe gehoben ... miro, miro, miro ...!« (Dies war Erichs kleine private Art zu weinen, wenn etwas nicht nach seinem Willen ging.) Der Junge liess sich schnell von dem Schosse der Mutter gleiten und trat mit geballten Händen vor Knagsted hin: »Willst du dich lustig über mich machen?« »Miro, miro, miro ...« winselte Knagsted. »Hilf mir, Else ...!« kommandierte Erich. Und die Kinder fuhren auf den Zöllner los und droschen auf ihn ein, so dass er fliehen musste. »Miro, miro, miro ...« weinte er, »ich sag' es an Thorwald, wenn ich nach Hause komme, dass ihr mich geschlagen habt ...!« Die Rangen lachten, so dass ihre kleinen Bäuche hüpften und ihre Mausezähne blitzten ... »Und Sie wollen mir einbilden, dass Sie keine Kinder leiden können ...« sagte die alte Dame. »Ja, ich kann sie nicht ausstehen ...« beteuerte Knagsted.   Am 5. August um siebeneinhalb Uhr morgens rollt Jahr für Jahr der vornehmste Landauer der Stadt (der mit den Gummirädern und den Schellen) vor die Tür des jeweiligen Vogelkönigs, um ihn nach dem Festplatz der »Vogelschussgesellschaft von Söby und Umgegend« abzuholen. Im Wagen sitzt der vieljährige Präsident der Gesellschaft, Schornsteinfegermeister Svarte, in Frack, weissem Schlips, Zylinder und rauchfarbenen Handschuhen. Se. Majestät der Vogelkönig, ebenfalls in Gala, und mit der Königskette um den Hals, nimmt Platz an seiner Seite. Auf dem Kirchenplatz schliesst sich eine Reihe von Kremsern dem Landauer an. Dies sind die Schützen. Und mit einem Hornorchester an der Spitze setzt sich der Zug unter heftigen Klängen des Liedes: »Flachland, schönste Flur und Wiese ...« in Bewegung, die Landstrasse entlang bis an den Schiesspavillon im Westermarker Walde. Es war im vergangenen Jahr der Vorschlag gemacht worden, den Vogelkönig im Automobil abholen zu lassen (die Stadt hat deren drei). Aber dieser Vorschlag war glatt abgelehnt mit allen Stimmen gegen die des Antragenden, die dem pietätlosen Redakteur des radikalen Blattes gehörte. Auf dem Schützenplatz angelangt, ballert man von neun bis elfeinhalb auf einen geborstenen Papagei los, der auf einer hohen Stange sitzt und spinatgrün in der Morgensonne leuchtet. Um zwölf Uhr wird Frühstück gegessen, gratis und ohne Damen, weswegen die Beteiligung in der Regel überwältigend ist. Um zwei Uhr wird wieder losgeballert. Um siebeneinviertel Uhr wird das Mittagessen eingenommen: Suppe, Fisch, Braten und Kuchen; 2 Kr. 50 das Kuvert; Bier und Wein nicht einbegriffen. An dieser Mahlzeit nehmen Frauen und konfirmierte Kinder beiderlei Geschlechts teil. Darauf Tanz im Saal bis zwei Uhr ... Der Tag des Vogelschiessens war einer der vornehmsten Festtage für Söby. Oder vielmehr: war es gewesen. Es galt nämlich nicht mehr für »fein«, Mitglied des Vereins zu sein. Die Honoratioren hatten sich zurückgezogen. Was wahrscheinlich einer der Gründe war, weswegen sich die übriggebliebenen Mitglieder um so besser amüsierten ... Nur einer von den grössten Steuerzahlern der Stadt war durch alle Jahre hindurch treu geblieben: der alte Kaufmann P. A. Birk. Wie auch das Wetter sein mochte, und selbst wenn ihn die Gicht noch so sehr plagte, stellte er sich mit Kanone und Haushälterin ein, jedenfalls zum Mittagessen. Er war das einzige Ehrenmitglied der Gesellschaft und sass als solches am oberen Tischende neben dem Präsidenten. In seiner frühsten Jugend hatte P. A. Birk an den beiden letzten Kriegen Flachlands teilgenommen, an dem sogenannten glücklichen und dem weniger glücklichen. Der letztere war indessen bei ihm völlig in Vergessenheit geraten; und indem er sich nur des ersten erinnerte, konnte er, während er bei Suppe, Fisch und Braten sass, plötzlich und spontan in eine Kriegs- und Vaterlandshymne aus jenen glorreichen Tagen ausbrechen. Die Stimme hatte er gewissermassen verloren, aber die Begeisterung hatte sich erhalten. Er stimmte mit einem unartikulierten Gebrüll an, das plötzlich jedes Gespräch ringsumher verstummen machte. Aber wenn die Brüder sich besonnen und die Melodie und den Sinn aufgefasst hatten, nahmen sie das Stichwort auf und setzten den Gesang mit Feurigkeit fort. Und da verklärte sich das Bullenbeissergesicht des alten P. A. wunderbar. Er griff nach seinem Gucker, seinem Löffel, Messer oder Gabel, und während er mit diesem Gerät wild den Takt schlug, leuchtete sein Seh-Auge kriegerisch bei dem Gedanken an die stolze Vergangenheit seines Geburtslandes. Und nie kam es einem der Brüder in den Sinn, eine Anspielung auf jene weniger siegreiche Angelegenheit zu machen, oder auch nur zu lächeln. Vielleicht fand man, dass es Unrecht gegen den Alten gewesen wäre – oder vielleicht hatte man selbst auch wirklich in diesem Augenblick dies böse Geschehnis gänzlich vergessen ... Suppe, Fisch, Braten und Kuchen kann ja zuweilen gleichsam ein Balsam für die Seele sein. Denn die Götter schlagen wohl, aber sie spenden wahrlich auch Heilung.   Heute war das zweihundertjährige Fest der Schützengesellschaft ... Man sass beim Frühstück: Schüssel mit Gesalzenem und Geräuchertem, Brot und Butter, Käse, Bier, Schnaps und Kaffee. Der lange, hufeisenförmige Tisch durch den ganzen Saal war gedrängt besetzt mit hungernden Schützenbrüdern. Rings umher, von den weissgetünchten Wänden leuchteten die gemalten Scheiben herab, die eine Illustration zu der Geschichte Söbys in den zween verflossenen Jahrhunderten bildeten. Der diesjährige Vogelkönig, Schneidermeister Bügel, setzte sich bleich nieder, nachdem er an den kürzlich verstorbenen Landesvater, Jochum den Achtzehnten, erinnert und ein warmes Hoch auf den jungen hoffnungsvollen Fürsten Jochum den Neunzehnten ausgebracht hatte. Ein neunfältiges Hurra mit Fanfare und Hörnern auf dem Balkon und dem dumpfen Dröhnen der »Katzenköpfe« auf dem Schiessplatz versetzte Gläser, Herzen und die gemalten Scheiben in Vibration. Worauf man von neuem Kraft aus der Schüssel mit Gesalzenem und Geräuchertem suchte. Darauf brachte der Präsident ein Hoch auf die Gesellschaft aus, deren Geburtstag man feierte – und Uhrmacher Winge liess die Frauen leben. Dies war der ernstere Teil des Festes. Bald darauf wurde unter Gekicher und Gepuff mit den Ellenbogen von Seiten der Älteren und Erfahrenen ein Lied mit dem vielverheissenden Titel »Ins Schwarze zu treffen« verteilt. Die Hörner rasten die Melodie einmal durch; die Brüder schüttelten sich vor Lachen und stimmten an. Das Lied war alt und wohlbekannt und erfreute alle durch sein Gewimmel von erotischen Andeutungen und geschlechtlichen Anspielungen auf Kugeln, Pulver und Ladestöcke. Und es erregte einen Tornado von Jubel. Selbst die Hörner auf dem Balkon klatschten, während Uhrmacher Winge so lachte, dass man ihm den Rücken klopfen musste, und Drechsler Eriksen »Dcabo« rief. »Das ist das schweinemässigste Produkt, das ich jemals schwarz auf weiss gesehen habe!« flüsterte Frank Neumann empört Zöllner Knagsted zu. »Ich stehe auf und erhebe Widerspruch!« Der Zöllner packte ihn beim Arm: »Sind Sie verrückt, Mensch; das Ganze ist ja doch Scherz!« »Scherz ...! Und das sind dieselben Menschen, die sich ›Fürsprecher des Altars, des Thrones und der Ehe‹ nennen! Sie, die bei den Vigiliaversammlungen das grosse Wort führen und Adressen gegen die ›unsittliche‹ Literatur aufsetzen!« »Ja, aber lieber Maler!« sagte Knagsted kopfschüttelnd über soviel Unverstand, »dann ist es ja Ernst !« »Das ist ein verteufelt drolliges Lied, Kunstmaler ... das heisst, wenn keine Damen dabei sind!« rief Bäckermeister Krummback, der ihnen gegenübersass. »Ich finde es grundgemein!« entfuhr es dem Maler. Krummback lachte, so dass es schallte: »Grundgemein! Hört ihr, was er sagt!« schrie er. »Und dabei rennt er selbst mit Frau und Kindern splitternackend herum! ... Da kann er 'ne Prämie aufnehmen!«   Um ein Uhr ging man wieder auf den Papagei los, und um sechseinhalb fiel die Brustplatte: Gerbermeister Igel war der Zweihundertjährige Vogelkönig geworden durch Schmiedemeister Jensens Schuss ... Die Wagen rollten vor, die Damen stellten sich zum Mittagessen ein. Die Frau des radikalen Redakteurs kam demonstrativ im Automobil angefahren. Das grösste Aufsehen aber erregte Michaela von Löwenfeldt, die mit Förster Treschau in der Löwenholmer Kutsche gefahren kam. Dass sie das wagten , so bald nach der Geschichte mit der Pastorin Sörensen! Dass sich der Kammerherr darin fand! Dass das Fräulein sich nicht schämte ! Das Fräulein aber schritt ruhig lächelnd am Arm des Försters durch den ganzen summenden Schwarm. Und dann war sie obendrein in weissem Atlas und er in Frack und weisser Weste – wie ein Brautpaar ! »Hack, hack!« krächzte Rikke Elster, die vornean in der Schar der Zuschauer draussen auf dem Rasenplatz stand. »Hat das Schloss nun wieder angefangen, in den Wald zu rennen ...!« Die Gewinne wurden verteilt. Die Königskette wurde Schneidermeister Bügel abgenommen und Gerbermeister Igel um den Hals gehängt. Fanfare und Katzenköpfe! Die Hörner bestiegen von neuem den Balkon, worauf man unter den ohrenbetäubenden Klängen von des Hochseligen Jochum des Achtzehnten Honneurmarsch um die hufeisenförmige Tafel im Festsaal Platz nahm ... Rechts von dem Präsidenten sass der neue Vogelkönig, links der entthronte. An seiner Seite wiederum das Ehrenmitglied P. A. Birk mit Kanone, Haushälterin und Zähnen, die letzteren in der hinteren Rocktasche. Dann folgten, wie es sich gerade traf, die gewöhnlichen Mitglieder mit Weib und Kind. Der Förster und Fräulein von Löwenfeldt sassen ein wenig isoliert an der Innenseite des Hufeisens; es war, als wagten die übrigen Gäste nicht, sich ihnen zu nähern. Mochte es nun Ehrerbietung oder Indignation sein ... Mitten während der Suppe (klar mit Fleischklössen) erhob sich der Präsident Svarte und hielt eine seiner bekannten Reden auf das regierende Fürstenhaus. Svarte hatte im Laufe der Jahre so viele Reden gehalten, dass es schien, als denke er nicht mehr dabei; wenigstens nicht über das, was er sagte. Die Worte bubbelten und surrten aus ihm heraus wie Wasser aus einem kochenden Teekessel. Es war, als sei er nur auf das Ende bedacht. Er fuhr über Stock und Stein ohne Kommata, Punkte und Semikolons, bis er sich plötzlich unerwartet mit einem Plumps niedersetzte und völlig entleert aussah. »Meine lieben Brüder und Schwestern,« sagte er, »darf ich Sie bitten, ein Glas mit mir zu trinken und ein Hoch auf unsern teuren jungen Fürsten Jochum den Neunzehnten und Familie auszubringen sein hoher Vater ist kürzlich gestorben daher ist der Sohn auf den Thron gekommen er lebe!« Plumps! Und dann sass er. Hurra und Fanfare im Saal. Kanonensalut draussen. Im selben Augenblick erhob sich der Präsident von neuem: »Gestatten Sie mir den Vorschlag,« sagte er, »dass wir in Anlass des zweihundertjährigen Geburtstags des Vereins vorschlagen, unserm geliebten Herrscher folgendes Telegramm zu senden: Die Vogelschiessgesellschaft von Söby und Umgegend, die heute ihr zweihundertjähriges Jubiläum feiert, sendet Eurer Fürstlichen Hoheit untertänigen Gruss und Huldigung mit dem Wunsche einer langen und glücklichen Regierungszeit. Alleruntertänigst Daniel Svarte Präsident.« Dieser Vorschlag wurde mit Jubel angenommen. Und stehend sang man die Nationalhymne: »Fürst Jochum stand am hohen Mast ...« Das heisst nur den ersten Vers; denn man konnte die andern nicht ... Dann erhob sich der Vogelkönig: »Schwestern und Brüder: Ein Hoch auf unser geliebtes Vaterland! Ehrlich währt am längsten! Es lebe!« »Hurrah–ah!« Weh stolz auf Kodans Woge Blutroter Flachlandsbrog ...! stimmte P. A. an. Dann kam der Fisch (gekochte Schollen mit Petersiliensauce). Exkönig Bügel redete auf die Frauen: »des Heimes Zier und grösster Gewinn«! Spärlich in Flachland Blumen wir finden, Bleich ist die Farbe und schwach nur ihr Duft ... Dann kam der Braten (Lamm mit runden Bratkartoffeln). Der Präsident erhob sich von neuem und liess den abgehenden (hopp hopp über Stock und Stein) Vogelkönig leben (Plumps!). Worauf der abgehende Vogelkönig den Präsidenten und den neuen Vogelkönig leben liess. Welch letzterer dann wiederum die Vogelschiessgesellschaft und ihren verehrten Ehrengast, Herrn Kaufmann P. A. Birk, leben liess. (Das Dessert bestand aus Himbeeren mit Sahnerand.) Darauf erhob sich der alte P. A. Birk. Auf die Schulter seiner Haushälterin gestützt, und die Kanone vor dem Seh-Auge, äusserte er folgendes – und auch er legte keinen Wert auf kleinliche Interpunktion –: »Schwestern und Brüder,« sagte er. »Als in den Krieg ich zog, da wollt mein Mädchen mit ... Möchten die Zeiten bald wiederkehren, wo unsere stolzen Jungen wieder in den Krieg ziehen möchten die Siegespalme unsere Fahne und so weiter umwogen, möchte die Bevölkerung sich erheben und bis zum letzten Mann kämpfen denn alle Flachlands Mädchen die bauen nun auf mich und vielen Dank euch allen weil ihr auf mein Wohl eure Gläser geleert habt und so weiter!« Präsident Svarte erhob sich jetzt zum drittenmal und sah gedankenleerer denn je aus: »Noch ein Hoch möchte ich ausbringen,« sagte er, »ein Hoch auf unser altes Ehrenmitglied Kaufmann P. A. Birk, der gewaltig viel dazu beigetragen hat, dass Söby zu der Grossstadt geworden ist, die es geworden ist möge Kaufmann Birk lange leben und lassen Sie uns (surre, surre) seine treue Haushälterin Fräulein Solberg mit einschliessen sie leidet ja freilich an der Hundekrankheit (heulendes Gelächter), aber du lieber Gott dann leiden wir andern wohl an was anderm sie mögen lange leben und nun möchte ich gleich allen meinen lieben Brüdern und Schwestern ein herzliches Gesegnete Mahlzeit zurufen der Kaffee und die Zigarren werden auf der Verangda serviert Gesegnete Mahlzeit alle miteinander und einen Dank an den Wirt weil er sein Bestes in bezug auf das Essen getan hat ...« Hier wurde dem Redner ein Telegramm in die Hand gesteckt. Er öffnete es und sagte bewegt: »Antwort von unserm lieben hochgeliebten Fürsten!« Alle erhoben sich. Der Präsident verlas das Telegramm: Bringe der Vogelschiessgesellschaft von Söby und Umgegend meinen herzlichsten Dank und Gruss dar. Jochum Rex. Hurrarufe und Jubel. Der Redner steckt das Telegramm in seine Brieftasche und fährt fort: »Wo bin ich doch stehengeblieben ...? Ach das ist ja wahr beim Wirt... Hallo wo sind Sie denn Ferdinandsen? Wir wollen gern Gesegnete Mahlzeit sagen ...« Der Wirt erscheint bescheiden in der Tür zum Anrichtezimmer. »Vielen Dank, Ferdinandsen Sie sind ein tüchtiger Mann wenn nur alle Leute so tüchtig in ihrem Fach wären und dann noch einmal alle zusammen Gesegnete Mahlzeit der Kaffee steht auf der Verangda rechts denn links zieht es!« Plumps! und wieder in die Höhe und auf die Veranda hinaus ... Dadraussen sass man so satt und geborgen an dem warmen Sommerabend und starrte über die dampfenden Wiesen hinüber nach der besten aller Geburtsstädte, deren Gaslaternen friedlich am Horizont leuchteten und lächelten ... Dadraussen sassen auch Förster Treschau und Michaela von Löwenfeldt allein und isoliert ... Aber die übrige Gesellschaft bildete eine grosse, lachende Gruppe: »Man hat es weiss Gott gut in dem kleinen Flachland!« sagte Bäckermeister Krummback und schenkte Kognak in die Gläser. »Freilich hat man es gut!« nickte Zöllner Knagsted. »Prost, Herr Krummback!« »Prost, Prost, Herr Zollkontrolleur! Wir pfeifen auf das Ganze!« rief der Bäcker lebensfroh. »Wollen wir den Maler nicht mitnehmen, wenn er es vertragen kann, ha, ha, ha!«   Um neuneinhalb Uhr begann der Tanz mit einer Festpolonäse dreimal den Saal herum. Darauf freier und gesetzloser Tanz je nach dem Temperament und den Fähigkeiten der einzelnen. Die Jugend, die ungeduldig draussen unter den Bäumen gewartet hatte, während die Väter assen, stürzte jetzt zu allen Türen herein. Der Saal war bald ein wirbelnder, stampfender und schwitzender Menschenknäuel. Selbst die Älteren schonten sich nicht. Die beiden gewichtigsten Frauen der Stadt, Frau Uhrmacher Winge und Frau Schmiedemeister Kastbjerg, waren sogar die Ersten in den Reihen. Zweihundert Pfund lebendes Gewicht wogen sie; aber das Gesetz der Schwere existierte nicht für sie. Sie gaben sich willenlos dem Tanze hin und liessen der Sache ihren Lauf; mochte geschehen, was da wollte! »Mutter, Mutter!« schrie der Uhrmacher, »denk doch an dein Asthma!« »Das vergisst man, Topelius!« schrie die Frau zurück, und ihr Gesicht sah aus wie die Sonne, wenn sie an einem Oktoberabend im Westen versinkt ... Auf den Stuhlreihen an den Wänden entlang sassen die Matronen und die unabgesetzten reifenden Mädchen. Je zu zweien sassen sie da und steckten die Köpfe zusammen und flüsterten: »Ja, was sagen Sie denn zu der Pastorin Sörensen, Frau Henriksen!« Frau Henriksen meinte, man müsse seine Leidenschaften beherrschen. »Ja, wo würd' die Menschheit sonst wohl hingleiten!« sagte Fräulein Carlsen (Alter siebenunddreissig). »Und dann Fräulein von Löwenfeldt, die wieder mit dem Förster zusammengelaufen is!« »Das hat sie von dem Vater, dem Kammerherrn; der ... nein !« »Lange wird die Sache wohl nicht dauern, der Förster muss ja jede Woche 'ne neue haben!« »Ja, wissen Sie, was mein Mann erzählt, was er im Hotel gesagt haben soll ...?« »Nein, was sagt er?« »Ich kann es gar nich wiedererzählen!« »Ach was! Erzählen Sie doch!« »Er sagt ... es war an einem Abend, als sie L'hombre spielten und von Verheiratetsein sprachen, und warum der Förster noch immer ledig wäre ... Nein, ich kann es wirklich nich!« »Natürlich können Sie es erzählen, Frau Lorenzen ...!«   In den Nebenräumen hatten die ernsteren Männer sich bei ihrem Grog und andern Getränken niedergelassen. Sie setzten Könige ein und setzten Kaiser ab, regierten den Stadtrat und ernannten Regierungen. »Zum Teufel auch!« fluchte Drechsler Mogensen, »zum Teufel auch, dass sie in Frankreich das Königreich nicht schon längst wieder eingeführt haben! Die Republikaner bemogeln den Staat, dass es man so 'ne Art hat!« »Is es hierzulande vielleicht besser?« fragte Elektriker Petersen, der Sozialdemokrat war. »Was sagen Sie dazu, Mogensen, was? is es hierzulande vielleicht besser?« »Unterseeboote?« rief einer. »Und Ridikülgewehre, Ridikülgewehre!« schrie ein anderer ... Schlachtermeister Asmundsen und Manufakturhändler Bork beteiligten sich nicht an der Debatte. Sie standen in einer Türöffnung und lugten in den Saal hinein, wo man Lancier tanzte: »So, Asmundsen!« sagte Bork. »Nu man drauf los!« Und er versetzte dem Schlachter einen Puff in den Rücken, so dass Asmundsen mitten in die Quadrille hineinfuhr, wo er geistesschwach herum polkte und dann wieder aus dem Saal stürzte. »Da is die dicke Frau Winge, Asmundsen! Auf die los! Auf die los!« flüsterte Bork. Und wieder flog der Schlachtermeister zwischen die Paare, die lachten und schrien und sich nach allen Seiten zerstreuten. Asmundsen war grabesernst während seines Vorgehens; Bork aber lehnte, blau vor Lachen, an einem Türpfosten: »Seht doch den Schlachter! Seht doch bloss mal den Schlachter!« rief er; »kommt doch her! kommt doch her!« Ein Dutzend gesetzte Bürger eilten herbei: Sie kannten Asmundsen, wenn seine Berserkerwut über ihn kam. Es war zum Umkommen! Aber es steckte an. Und wie betrunkene Faune stürzte sich plötzlich die ganze Kohorte mitten in den Lancier hinein, schlang die Arme um die Damen und richtete ein »Chaos« an, wie Bäckermeister Krummback sich ausdrückte. »Galopas! Galopas!« schrie Bork. Und die Hörner auf dem Balkon gingen in einen prickelnden Champagnergalopp über. Alle lachten, riefen, schrien, heulten, drängten und wollten vorwärts; aber man kam nicht vom Fleck. Das Ganze war in einen grossen, zusammengefilzten und trippelnden Hexensabbat verwandelt. Und im Zentrum, mitten unter dem Kronleuchter, dessen acht flammende Petroleumlampen vor Erregung kochten, stand die dicke Frau Uhrmacher Winge, Rosalie hiess sie, sowie die Bürgermeisterin, von allen Seiten gedrückt und eingeklemmt. Sie lachte, so dass sie bibberte: »Topelius, Topelius!« schrie sie. »Rette mich! Rette mich! Ich ersticke ...« Und den Förster hatten sie in ihrer Lebensfreude vergessen, ebenso Fräulein von Löwenfeldt. Sie waren beide verschwunden, ohne dass jemand es bemerkt hatte. Und man machte sich auch nichts daraus!   Um drei Uhr morgens endete das Fest. Knagsted und Frank Neumann schritten der Stadt zu. Zu Wagen und zu Fuss zogen muntere Scharen an ihnen vorüber. Man sang, lachte und jubelte. Die Morgendämmerung schimmerte goldiggelb im Osten über dem Walde. »Maler!« sagte der Zöllner, »muss man nicht doch, trotz allem, im tiefsten Innern seines Herzens diese grossen, muntern und naiven Kinder lieben?« »Ja,« nickte der Maler, »zugestanden!« II September ... Südlich von der Scheune nach der Allee zu stand die Dreschmaschine und brummte. Spreu und Staub flogen rings in der Luft und legten sich auf die Kleider der Arbeiter, klebten sich an ihre schweissigen Hände und Gesichter, so dass sie geschäftigen unterirdischen Geistern glichen, die ins Tageslicht hinaufgekrabbelt waren. Und sie sprachen nicht, arbeiteten nur in stetigem Schweigen, während ein Wagen nach dem andern vom Felde gerollt kam, abgeladen wurde und wieder fortrollte. Es ging mit Windeseile zurück mit dem leeren Wagen durch die Allee. Der Wiesbaum hüpfte und tanzte gegen den Boden des Wagens, und der Kutscher war nahe daran, von seinem Brett herunterzufallen, denn der Weg war tief von dem vielen Fahren und von Löchern und Wasserlachen. Acht Tage lang hatte es geregnet, dann war schönes Wetter geworden, mit Sonne und Wind. Und nun musste mit aller Macht gearbeitet werden, damit die Ernte beendet war, ehe der liebe Gott wieder anderer Laune wurde ... Auf dem schmalen Fusspfad an den Alleebäumen entlang kam Zollkontrolleur Knagsted auf seinem Rad daherbalanciert. Draussen auf der Landstrasse hatte er den Rauch gesehen und das Brummen der Lokomobile gehört, und hatte ihn die Lust angewandelt, auch diese Kindheitserinnerung aufzufrischen. »Zum Teufel auch!« rief Gutsbesitzer Meincke vergnügt. »Da haben wir ja das Zollamt an einem Werkeltag!« Und er sprang über den Graben, der den Dreschplatz abschnitt, grau und bestaubt wie die andern Unterirdischen: »Ja, hier arbeiten wir!« sagte er. »Wollen Sie eine Aktie nehmen? Wir können sehr gut noch einen Mann gebrauchen, der oben beim Hockensetzen in Empfang nimmt.« »Tauge nicht dazu,« entgegnete Knagsted. »Guten Tag, Herr Gutsbesitzer! Bin zu steif in den Hängen geworden ... Na, wie steht's denn?« »Grossartig! Wenn sich das Wetter nur halten will; sagen wir: noch drei Tage, dann sind wir fertig.« »Und der Regen?« »Ach, der hat keinen Schaden angerichtet! ... Sie bleiben doch zu Tische?« »Danke für die freundliche Einladung.« »Ja, die Mädels sind leider nicht zu Hause; sie sind drüben auf Storgaarden bei Werners; da wird Geburtstag gefeiert ... Aber zum Kuckuck auch! Wie sehen Sie nur einmal aus mit all dem Haar und dem Bart? Sie gleichen ja einem Heuhaufen!« »Hm,« nickte Knagsted, »so geht es: Lässt man das Haar wachsen, so murren die Kahlköpfigen; und geht man forsch zu, so knurren die, so mit einem Herzfehler behaftet sind!« »Danke für das Kompliment!« lachte der Gutsbesitzer. Er hatte, wie gesagt, eine sehr hohe Stirn. Ein Kornfuder kam von der Allee her auf den Platz geschwankt. Meincke sah nach der Uhr. »Es ist wohl noch Zeit, das da vor Tische durch die Maschine gehen zu lassen, Jens?« »Wieviel ist die Uhr?« tönte es von dem Fuder herunter. »Es fehlen noch zwanzig Minuten!« »Ja. Dann wird es schon gehen!« Der Gutsbesitzer wandte sich um: »Kommen Sie, Zöllner, wir wollen hineingehen und uns ein wenig zurechtmachen. Darauf legen die Frauenzimmer ja Wert ...« Als sie den Hofplatz erreicht hatten, kamen Mine und Line in Hut und Jacke aus der Haustür. »Was, ... seid ihr noch nicht fort?« »Aber?« rief Mine froh überrascht, »da ist ja der Zöllner! Dann bleiben wir zu Hause.« »Nein! Das tut ihr nicht!« schalt der Gutsbesitzer. »Ja, das tun wir doch!« sagte Line. »Habt ihr denn nicht versprochen, zu kommen?« »Ja ... Aber wenn der Zöllner hier ist!« »Ich will viel lieber mit euren Eltern allein sein ...« lächelte Knagsted. »Das ist ja nicht dein Ernst!« »Wohl ist das sein Ernst! Macht nun, dass ihr wegkommt, sonst kommt ihr zu spät.« »Ja, wenn ihr uns gern los sein wollt ...« »Freilich wollen wir euch los sein! Adieu ... und grüsst da drüben!« »Adieu!« rief Line. »Aber wir wollen es euch schon heimzahlen!« Sie flüsterte Mine ein paar Worte ins Ohr. »Ja–ah ...« lachte Mine. »Hurra!« Und dann verschwanden sie lachend und winkend um die Ecke des Wohnhauses ... »Gott weiss, was sie nun ausgeheckt haben ...« sagte Meincke. »Aber zu spät kommen sie doch; jetzt pfeift es zwölf Uhr. Die Frauenzimmer können doch auch nie die Zeit innehalten. Sie hatten versprochen, präzise zu Tische zu sein ...« Die Lokomobile pfiff gellend. Der Lärm der Dreschmaschine legte sich nach und nach, bis er ganz erstarb. Die Erntearbeiter kamen in ihren Holzschuhen klappernd über den gepflasterten Hof. Es war Essenszeit. Erbsen und Schweinefleisch; hinterher Pfannkuchen. Draussen in der Leutestube gab es dieselben Gerichte. Nur waren die Pfannkuchen ein wenig dicker ... »Und stellen Sie sich vor,« erzählte der Gutsbesitzer, der mitten in einer Geschichte war, »da sagt der Apotheker, ich müsste zu Pastor Sörensen gehen! ... Zu Pastor Sörensen ! frage ich, handelt der denn mit Arsenik! ... Haben Sie je so was gehört: Pastor Sörensen soll mir Erlaubnis erteilen, Arsenik für Ratten zu legen!« »Gingen Sie denn zu ihm?« »Nein, das tat ich, weiss Gott, nicht! Ich kann den Kerl nicht ausstehen; er sieht so eingeklemmt aus.« »Aber Meincke!« »Mag gern sein, Mutter! Aber so sieht er aus. Und ich kann es so gut verstehen, dass die Frau ihm weggelaufen ist.« »Sie soll ja Kunstreiterin geworden sein ...?« »Und reist durch Land und Reich mit dem Baron ... Haben Sie auch davon gehört, Knagsted?« »Nein ...« sagte der Zöllner. »Aber was wurde denn aus dem Arsenik?« »Ach, ich fragte den Apotheker, was ich bei dem Pastor sollte ... Ich sollte zu ihm hingehen mit einem Schreibebrief, dass ich vorsichtig mit dem Gift umgehen und weder mich selbst noch Frau, Kind, Knecht, Magd, Gesinde oder Vieh vergiften wolle. Das sollte ich eigenhändig unterschreiben mit Hand und Siegel und drei Fingern in die Höhe. Und dann sollte der Pfarrer hinterher bezeugen, dass ich würdig sei, Arsenik zu bekommen ... Ich glaube, verdammt und verflucht, dass sie alle vom Satan besessen sind! Wäre es noch der Bürgermeister gewesen oder der Landrat oder Tierarzt Nannestad ... aber der Pastor !« »Das muss ja eine alte Verordnung sein,« meinte Knagsted, »aus der Zeit, wo man der Meinung war, dass der Pastor seine Pfarrkinder am besten kenne.« »Ja, aber die Zeit ist, weiss Gott, längst vorüber! ... Und dann kommt dieser Pastor Sörensen und hält mich mitten auf der Strasse an und fragt, warum meine Töchter nicht konfirmiert worden wären? Was schert ihn das? ... Und wie wir unsern Heiligabend feiern! ... Mit Gänsebraten und Apfelkuchen, Herr Pastor, sagte ich ... und Tannenbaum und Punsch und Trunkenheit und Hallo nach alter Nordländer Weise. Und wenn der Herr Pastor mittrinken will, soll er herzlich willkommen sein!« »Du bist wirklich ein bisschen zu hart, Adolf ...« »Nein, das bin ich nicht, Mutter ...! Warum sollen die Geistlichen das Vorrecht haben, unverschämt zu sein? Wenn ich herumrennen und meine Nase in anderer Leute Angelegenheiten stecken wollt', dann würd' ich schön einen auf den Schnabel bekommen ... Haben Sie wohl übrigens darauf geachtet, Zöllner, wie merkwürdig viele Geistliche, Hochschulvorsteher und bäurische Politiker Ähnlichkeit mit kastrierten Füchsen haben?« »N–nein, das ist mir gerade nicht aufgefallen ...« »Ja; und ich glaube, das kommt daher, weil sie alle mit einem schlechten Gewissen umhergehen: ihre mageren Handlungen entsprechen ja nicht ihren fetten Worten.« »Und die Ratten?« fragte Knagsted. »Die Ratten? Was für Ratten?« »Denen Sie Arsenik geben wollten; was machen die?« »Die befinden sich vorzüglich! ... Ich gehe mit dem Gedanken um, den ersten Pastor zu kaufen, der hier in der Gegend stirbt, und ihn ihnen vorzusetzen; dann werden sie sich schon verziehen.« »Du hast ein gottloses Mundwerk, Meincke!« »So, meinst du?« Frau Meincke schüttelte den Kopf. »Und solche Reden führt er auch, wenn die Mädels es hören.« »Ja, ha–ha! Die sollen lernen, sich zu verteidigen! ... Noch einen Pfannkuchen, Zöllner?« »Ja, bitte ...« »Du, Mutter, ich glaube, ich erzähle dem Zöllner die Geschichte, wie wir geheiratet haben?« »Nein, ach nein! ...« »Ist sie amüsant?« »Kolossal!« »Dann her damit!« »Ach nein, Adolf; das darfst du nicht ...« »Na ja ... wie du willst ... Sie ist so schrecklich schämig geworden.« »Aber es gibt doch auch wirklich Dinge ... nicht wahr, Zöllner?« »Freilich, liebe Frau Trine ... Ich habe auch Geheimnisse, die ich ungern verraten sehen würde.« Der Gutsbesitzer lachte hinterlistig: »Ja, zum Beispiel das mit ›Thorwald‹ ...« »Das ist wirklich kein Geheimnis ...« erwiderte Knagsted lachend. »Wollen wir dann Gesegnete Mahlzeit sagen!« meinte der Gutsbesitzer und brach in ein so schallendes Gelächter aus, dass die Leute in der Gesindestube mitlachten und sagten: So wie der Herr kann doch keiner lachen ... Um vier Uhr bekamen die Erntearbeiter Vesperbrot, und die Herrschaft Kaffee ... Knagsted hatte einen Gang durch den Garten und auf die Felder hinaus gemacht. Seine sentimentale Seele hatte so recht geschwelgt in dem heiligen Land der Erinnerungen, in dem er jeden Baum, jeden Graben, jede Wagenspur kannte ... Jetzt sass man um den Kaffeetisch im Wohnzimmer. »Dort am Fenster stand Mutters Fenstertritt mit ihrem Nähtisch,« erklärte der Zöllner. »Und ich entsinne mich noch ...« »Still!« sagte der Gutsbesitzer und lauschte. »Was ist das für ein Raunen draussen auf der Diele?« Im selben Augenblick wurde an die Tür gepocht. Ein junger Mann trat ein, verneigte sich stumm und stellte sich aufrecht an den Türpfosten rechts. Der Mensch war nahe daran, vor unterdrücktem Lachen zu ersticken. Sein Gesicht war krebsrot, und er biss sich verzweifelt in die Lippe, um nicht loszuplatzen. »Wer sind Sie? Was wollen Sie?« Meincke drehte sich auf dem Stuhl herum und seine Frau erhob sich ängstlich. Es konnte nämlich auch so aussehen, als wenn der Bursche an der Tür im Begriff sei, in Weinen auszubrechen ... Dann klopfte es wieder. Ein junges Mädchen trat ein, machte einen Knicks und stellte sich links von der Tür auf. »Was zum Kuckuck ...« Wieder klopfte es. Ein neuer Mann erschien, verneigte sich und nahm Platz neben Nummer eins. Dann kam abermals ein Mädchen. Und dann wieder ein Mann. Und so ging es abwechselnd weiter. Vierzehn Personen im ganzen. Aber als Nummer zwölf den Kopf hereinsteckte (es war Mine), gerieten sie alle in Verwirrung, die zur Linken wie die zur Rechten, und sie knickten zusammen, mit einem vielfarbigen Gelächter, hell und ausgelassen von Seiten der Mädchen, mehr brummend und beherrscht von Seiten der Kavaliere. Schliesslich erschienen Christian Werner und Line. Sie kamen auf ein mal. Das Lachen der andern hatte ihnen ihr Entree verdorben. »Schafsköpfe!« sagte Line. »Ihr solltet doch nicht lachen!« Aber sie lachten nur noch lauter, und sie stimmte selbst mit ein: »Könnt ihr sehen, dass wir euch einen Streich gespielt haben, Zöllner!« »Ja, Line hat sich das Ganze ausgedacht!« Sie redeten alle durcheinander: »Wir sind in dem grossen Kremser gekommen!« »Der hält drüben am Wege!« »Wir haben uns auf die Diele heraufgeschlichen!« »Gott, wie bange waren wir, dass uns jemand hören würde!« »Line hat Pardautz in den Holzschuppen eingeschlossen, damit er nicht bellen sollte!« »Ihr Galgenstricke! Ihr Galgenstricke!« lachte der Gutsbesitzer. »Aber nun sollt ihr Kaffee haben ...! Tassen und Kuchen her, Mutter!« »Ja, die Jugend muss mir aber helfen!« »Kommt!« rief Line. »Wir wollen alle vierzehn in die Küche hinausgehen und Kaffee machen!« »Ja–h–h ...!« »Nein, nein, nein! Niemand weiter als meine eigenen beiden!« Frau Meincke und ihre Töchter gingen, und es trat ein wenig mehr Ruhe ein ... »Sag mir doch nur einmal, Christian,« fragte der Gutsbesitzer, »wie kannst du eigentlich heute von Hause fort, wo ihr doch bei der Ernte seid?« »Ich habe frei, weil mein Geburtstag ist.« »Das ist ja auch wahr: Gratuliere!« »Er wird dreiundzwanzig Jahre alt.« »Und Vater hat ihn zu Ehren des Tages zum Unterverwalter ernannt!« erzählte eine der Schwestern. »Gratuliere abermals, mein Junge!« sagte Meincke und drückte ihm die Hand. »Ja, so ein Bursche wie du fehlt uns hier auf dem Gut. Mutter hat nur Mädchen rausgerückt.« »Darüber können Sie sich freuen, Herr Gutsbesitzer,« meinte eine der jungen Damen. »Jungens sind so eingebildet!« »Und doch könnt ihr nicht ohne sie fertig werden, ha, ha, ha! ... Stellt euch nun mal alle in einer Reihe auf, damit ich erfahren kann, wie ihr heisst! ... Christian, willst du die wilden Tiere vorstellen ... Paarweise sollt ihr stehen ... Ja, einzelne von euch kenne ich freilich.« Die ganze Gesellschaft stellte sich auf, Christian Werner nannte die Namen, und Meincke streichelte den jungen Mädchen die Wangen: »Ach ja,« sagte er. »Wie war es doch schön in dem Alter, du lieber Gott!« »Hört, hört!« brummte der Zöllner ... Und dann kamen die vierzehn Tassen Kaffee und drei gehäufte Schüsseln mit Kuchen. »Steckt euch die Taschen voll, Kinder!« riet der Gutsbesitzer. »Es ist angenehm, Vorrat auf der Reise zu haben!« »Siehst du wohl, Zöllner,« fragte Line, die an Knagsted herangetreten war, »dass wir doch zu dir zurück kamen, obwohl du uns weggejagt hattest.« »Ja, das war hübsch von euch ...« nickte der Zöllner und ergriff ihre Hand. »Line,« rief Meincke, und er lachte, so dass es gluckste. »Findest du nicht auch, dass der Zöllner Ähnlichkeit mit einem Heuschober hat, mit all dem Haar und Bart?« »Ja!« lachte sie zurück, »so sieht er, weiss Gott, aus!« Knagsted stand auf und breitete die Arme aus: »Willst du mal in den Schober rauf?« »Nein, nein,« schrie sie und zog sich wie in Angst zurück. »Aber Line ...« beschwichtigte Frau Meincke. »Ja ... ich ... ich weiss nicht ... Verzeih, lieber Zöllner ...« sagte sie und kehrte zu ihm zurück. »Aber du sahst wirklich so gierig aus.« »Ja, nimm du dich nur in acht,« lächelte er, »es ist gefährlich, sich mit mir einzulassen!« »Ich glaube wirklich, du bist gefährlich geworden , ja ... ach lass dir doch das Haar und den Bart wieder abnehmen ...?« bat sie einschmeichelnd, »so kenne ich dich gar nicht.« »Nein,« lächelte der Zöllner. »Davon kann keine Rede sein! Bedenke, wie es dem seligen Simson bei einer ähnlichen Gelegenheit erging ...« Als der Kaffee getrunken und der Kuchen verzehrt oder in die Tasche gesteckt war, setzte sich die Jugend wieder in den Kremser, der inzwischen vor der Tür vorgefahren war. Sie sassen zu Sechsen auf den beiden langen Bänken und zwei bei dem Kutscher, paarweise dicht nebeneinander ... »Gott soll mich bewahren!« sagte der Gutsbesitzer, als das Fuhrwerk vom Hof herabfuhr. »Nicht wahr, Mutter!« »Ja, Meincke!« nickte Frau Trine. »Das war dazumals!« Der Zöllner, der hinter ihnen stand, nickte ebenfalls und sagte: »Ja, das ist der Fluch einer glücklichen Jugend, dass man sie nie vergessen kann!«   Am Abend, nach beendeter Mahlzeit, sassen die drei »Alten« im Wohnzimmer um den ovalen Tisch unter der Hängelampe und spielten Whist mit einem Blinden. Pardautz lag in seinem Korb am Ofen und schlief. Das Gesinde war zur Ruhe gegangen; es war herrlich still im Hause ... »Sie geben, Zöllner ... Mutter mischt.« »Sagen Sie mir doch, Zöllner, warum haben Sie eigentlich nie geheiratet?« fragte Frau Meincke. »Hm, ja ... warum, warum und warum, liebe Frau Trine ... Warum ist Pardautz keine Kommode geworden?« »Ein süsses kleines Weibchen am Tisch und im Bett ist im Grunde gar nicht zu verachten,« meinte der Gutsbesitzer und strich seiner Frau zärtlich über das Haar. »Und wenn ich sieben hätte,« sagte Knagsted, »ich könnt' es nicht aushalten! ... Und dann hat die Sache ja auch den Haken, dass eine Frau nicht jünger wird.« »Jünger ...?« fragte Frau Trine. »Ja, allmählich, während der Mann älter wird, meine ich ... so zum Beispiel, dass sie, wenn er achtzig würde, zehn wäre.« Der Gutsbesitzer nickte. »Das hat was für sich ...!« »Und ausserdem,« endete Knagsted, »wenn man auf die Dauer Gentleman sein will, muss man unverheiratet bleiben. Die Frau zieht hinab.« »Ha, ha, ha!« lachte Meincke. »Grand!« »Sagst du nun schon wieder Grand, Meincke! Du pfuscherst!« »Ich möchte dich doch darauf aufmerksam machen, dass Knagsted gegeben hat ...« »Dann pfuschert der auch! Sehr ritterlich, das muss ich sagen!« Frau Meincke spielte mit dem Blinden ... »Übrigens träumte ich neulich nachts, ich hätte mich verheiratet,« fuhr Knagsted fort. »Nun,« fragte Frau Trine interessiert, »mit wem denn?« »Ja, das weiss ich nicht ... Aber stellen Sie sich doch das vor: sie verlangte, mit am Tische zu essen ! ... Aber dann wachte ich, Gott sei Dank, auf!« »Ha, ha, ha!« lachte Meincke abermals. »Kannst du Cœ-Ass stechen, Mutter?« »Hast du das auch! Du hast doch auch alles! Nein, das kann ich natürlich nicht stechen! ... Mit bei Tische essen?« wandte sie sich an den Zöllner. »Meinen Sie, dass eine Frau nicht mit bei Tische essen soll?« »Hm, ja, das soll sie ja nun einmal – leider! Und das ist der Grund, warum ich mich nie verheiratet habe. Das ist der einzige Punkt, wo ich es mit den Bauern halte: die lassen sich von der Madam aufwarten ... und sie kann dann hinterher in der Küche essen.« »Ach was! Das meinen Sie ja alles gar nicht so!« »Wahrhaftig meint er das so, Katrine! ... Treff-Ass, Dame, Bube, Zehn, Neun ... kleiner Schlemm! Warum hast du auch den König vorhin abgeworfen!« Frau Trine warf die Karten hin: »Banditen!« sagte sie. »Ihr seid ein Paar wahre Banditen!« Meincke lachte und braute sich einen frischen Whisky: »Du solltest auch ein Glas trinken, Mutter.« »Nein ... aber gib mir eine Zigarette.« »Ha, ha, ha! Nun kommt Leben in die Alte!« Der Gutsbesitzer holte die Zigaretten aus seinem Zimmer. Knagsted strich ein Streichholz an. »Sie können also doch galant sein?« »Grosser Gott, ja! Wissen Sie, wie ich einmal eine Dame behandelte, die ich in einem Konzert traf?« »Nein ...?« »Es war bei Beethovens neunter Symphonie im Konzertpalais, damals, als ich in der Hauptstadt wohnte.« »A–h, Beethovens Neunte!« sagte Frau Trine träumerisch. »Hier drüben hören wir ja nie Musik.« »Nun, was taten Sie der Dame an?« fragte Meincke. »Ja,« fuhr Knagsted fort. »Ich hab' es ja nun mal so an mir, dass ich mich wütend an Leuten sehen kann ... Und da sass denn eine Dame, eine von diesen langen, mageren, mit einer Stangenlorgnette, nur ein paar Plätze von mir entfernt ... sie erinnerte übrigens an die Bürgermeisterin Rosenbaum ...« »Der Baum der Erkenntnis von Gift und Galle!« lachte der Gutsbesitzer. »Ihr seid selbst ja auch nicht um ein Haar besser!« meinte Frau Trine. »Bewahre sind wir so ... Weiter, Zöllner!« »... Auf die hatte ich also schon lange ein Auge geworfen,« fuhr der Zöllner fort. »Jedesmal, wenn etwas so recht Schönes kam, seufzte sie und stöhnte, als wenn sie siamesische Zwillinge bekommen sollte, und störte uns anderen ganz die Andacht ... Und da auf einmal fühle ich, wie mich etwas so schrecklich am Halse sticht; und als ich zugreife, krieg' ich einen mächtigen Floh gefasst ... Der kam natürlich von ihr!« »Aber wenn sie doch drei Plätze von Ihnen entfernt sass!« wandte Frau Meincke ein. »Er kam aber doch von ihr; ich konnt' es an dem Biss merken; das Vieh war ganz ausgehungert, denn bei ihr war nichts zu holen gewesen ... Und wissen Sie, was ich dann tat?« »Ja–h, ja–h,« der Gutsbesitzer schüttelte sich vor Lachen. »Aber erzählen Sie nur!« »... Ich stand auf ... es war mitten während des Engelschors ... schlich mich hinter die Dame und liess ihr das Tier auf ihren Rücken herunterfallen. Sie war natürlich ausgeschnitten, das Ungetüm! Und nach einer Weile hätten Sie nur sehen sollen, wie sie drauflos juckte ...! Ich habe nie etwas unternommen, was mir eine so tiefe, seelische Befriedigung gewährt hat, kann ich Ihnen versichern!« »Ha, ha, ha!« lachte Meincke. »Sie sind ja boshaft,« sagte Frau Trine. »Ja,« nickte der Zöllner, »nach schwachen Kräften ... Sie hätten nur sehen sollen, wie sie auf dem Stuhle herumwippte ... Und dabei war sie so geschnürt, dass sie nicht an den Tatort gelangen konnte. Sie klopfte sich mit der Stangenlorgnette und versuchte, sie hinter das Korsett hinunterzubohren, sie focht mit den Armen in der Luft herum und hörte kein Wort von der Musik. Schliesslich wurde sie wahnsinnig ... Und nun soll sie, wie man sagt, in einer Irrenanstalt herumgehen und glauben, dass sie die Direktrice eines Flohtheaters ist; und darüber freue ich mich, denn dann sind wir sie doch los!« »Ha, ha, ha!« lachte der Gutsbesitzer. »Was sagst du dazu, Mutter?« Als man draussen auf der Diele stand, um sich zu verabschieden, fragte Frau Meincke: »Sagen Sie mir doch, Herr Knagsted, hören Sie eigentlich nie etwas von Ihrem Freund, Oberlehrer Clausen in Gammelköbing?« »Selten; er ist heilig geworden; und hat nun keine Zeit mehr, sich mit Kleinigkeiten abzugeben.« »Geht es ihm denn aber sonst gut?« »Ausgezeichnet!« »Ja,« nickte der Gutsbesitzer tiefsinnig. »Einige sammeln Briefmarken, andere glauben an Jesus Christus. Es kommt nur darauf an, dass man ein Steckenpferd hat! ... Was ist eigentlich das Ihre, Zöllner?« »Ich sammle also Kommas ... Und Sie?« »Magenbinden ... das heisst von Zigarren!« »Und die gnädige Frau?« Frau Trine lächelte geniert: »Ich sammle leere Konservendosen,« sagte sie. »Ach, die kann man in der Wirtschaft zu so vielerlei gebrauchen!« »Ja,« nickte der Gutsbesitzer und gähnte laut. »Ein jeder wird selig in seiner Dose! ... Gute Nacht, Zöllner! Kommen Sie recht bald wieder.« Als Knagsted nach Hause in seine Wohnstube kam, fand er auf dem Schreibtisch folgende zwei Briefe: Gammelköbing, Sept. 19.. Saget das Gute und nicht das Böse, auf dass Ihr lebet. Amos 5, 14. Lieber Knagsted! Nein, mir gefällt der Ton in Deinen Briefen nicht. Er ist Deiner nicht würdig. Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich will Dir sagen, wer du bist! Dies zu begründen, würde zu weitläufig in einem Briefe werden, aber es muss genügen, wenn ich Dir sage, dass ich nun seit mehreren Jahren täglich die Heilige Schrift studiert habe, und deswegen habe ich ein Gefühl, als finge ich an, ein wenig zu ahnen von – der Wahrheit des Daseins. Und mit dieser Wahrheit haben Deine Briefe nicht viel zu schaffen, weil sie sich nur mit Menschen und Dingen beschäftigen, so wie diese zu sein scheinen, aufgefasst mit Deinen betrügerischen körperlichen Sinnen, und so dargestellt, haben sie, vom biblischen Standpunkt aus gesehen, nichts mit den wirklichen Verhältnissen zu schaffen und sind daher ohne Interesse. Du wirst mir wahrscheinlich widersprechen, was ich Dir nicht verdenken kann; aber ich kann es nicht auf mich nehmen, eine Diskussion hierüber anzufangen; auch würde eine solche zu keinem Resultat führen. Lies die Bibel, lieber Knagsted, so wie ich es getan habe. Benutze eine Stunde täglich dazu, und in einem halben Jahr hast Du vielleicht das Buch durchgelesen – ohne ein Wort zu verstehen. Daran sollst Du Dich indessen nicht kehren, denn nun kommt die Freude an dem Buch und – dann können wir miteinander reden. Bedarfst Du eines geistigen Führers, so wende Dich an Pastor Michael Sörensen, der ein ernster und rechtgläubiger Mann ist; ich habe ihn ein paarmal hier in der Stadt gehört und habe viel Erbauung davon gehabt. Älter und klüger zu werden, sei ein Fluch, schreibst Du. Ach nein! Dem Altern schenke ich keinen Gedanken, – vielleicht, weil ich mich in den letzten Jahren jünger fühle – und klüger zu werden, ist ein Segen, wenn man darunter versteht, weiser zu werden. Wenn das Mysterium des Lebens einem allmählich aufgeht, wenn unser Bewusstsein allmählich zu der Klarheit gelangt, dass es eine Ordnung in dem »Wirrwarr des Lebens«, wie Du es nennst, gibt, ja, dass es überhaupt gar keinen Wirrwarr gibt, ausgenommen den, an den man selbst glaubt, und den man sich denkt, so wird man weiser und glücklicher werden. Dein Clausen.   Gammelköbing, 14. Sept. 19.. Guter Herr Zollkontrolleur Knagsted Söby. In aller Höflichkeit schreibe ich diese Zeilen, um Sie, Herr Knagsted, anzuflehen, ob Sie mir nicht wieder ein wenig helfen wollen, jetzt, wo ich aus dem Hospital herausgekommen bin, und nichts in der Welt habe, es ist so schlecht um mich bestellt. Sie erinnern sich vielleicht, Herr Knagsted, dass ich meinen Arm in Kanada verloren habe, und dann eines Tages, ja, das ist ein ganzes kleines Abenteuer; erlaubte ich mir eines Donnerstags abends an Bord des Dampfers Flora, Kapitän Mikkelsen, zu gehen, denn ich schlussfolgerte so, wenn du deinen Arm unter englischem Territorium verloren hast, hätte ich auch das Recht, mich im Lande aufzuhalten; aber das ging nicht, denn Geld hatte ich nicht; als wir mitten draussen auf der Nordsee waren, Freitag nachmittag, setzte er mich in ein Boot und fuhr mich nach dem englischen Dampfer Zero mit Kohlen für Gammelköbing von Hull. Sie können mir glauben, Herr Knagsted, da stand ich, wie ein geschlagener Mann, und sah die Flora nach England zu segeln, ja das war nett. Nu war ich unter lauter Engländern, der Zimmermann ausgenommen, der Kapitän an Bord der Zero, Kapitän Frenche, war ungeheuer freundlich und lachte mich tüchtig aus wegen meines Abenteuers. Aber Kapitän Mikkelsen sagte, er wollte keine Erstattung für die Reise haben, und Kapitän Frenche ebenso; aber als wir an das Bollwerk in Gammelköbing kamen, musste ich doch vor die Polizei, aber bekam gleich Erlaubnis zu gehen, als sie meine Papiere gesehen hatten, ein grosses Glück war es, dass ich mit denen an Bord der Zero sprechen konnte. Ich sende Ihnen hier, Herr Knagsted, ein Bild von der Hauptstadt in Kanada, wo ich meinen Arm verlor, vielleicht wird Sie das interessieren ... Dies ist alles, was ich erlebt habe, seit ich Ihnen schrieb, Herr Knagsted, und nun komme ich mit der Bitte zu Ihnen, Sie wollten mir freundlichst in meiner Armut helfen. In der Hoffnung und mit der Bitte darum zeichne ich Mit der tiefsten Achtung Christian B. Smit Arbeitsanstalt Gammelköbing. P.S. Ich will doch nicht unterlassen mitzuteilen, dass ich Herrn Oberlehrer Clausen aufgesucht habe; er fragte mich, ob ich zu der Gemeinde gehörte und Christ wäre, aber da ich hierauf auf Treu und Glauben nein antworten musste, hiess er mich gehen.   Jochum, der Hunde-Jochum, Knagsteds »Sohn«, hatte seinen Roman. Er war in Afrika gezeugt und auf dem Atlantischen Ozean zur Welt gebracht. Frau Rose Höberg, die Schwester der entflohenen Frau Alvilda, die dem Zöllner das Tier geschenkt, hatte auf einer Sommerferienreise seine grauweisse Mutter von einem halbnackten Araberjungen in der Rue de la France in Algier gekauft. Und der Zoologe Oberlehrer Hansen an der Söbyer Lateinschule behauptete, der Hund stamme von einem Wüstenfuchs und einem Foxterrier. Obendrein hatte er seine Behauptung durch ein koloriertes Bild von einem kleinen, gelben, spitzschnäuzigen afrikanischen Fuchs erhärtet, der das ausgesprochene Porträt von einem von Jochums allernächsten Stammverwandten zu sein schien ... Knagsted sass an einem schönen Sommerabend und rauchte seine Zigarre auf einer Rasenbank unten am Teich in seinem Garten und sah den Goldfischen zu, die träge an der Oberfläche des Wassers rund herum schwammen. Auf der Bank neben ihm lag Jochum, die Ohren wachsam gespitzt. »Kannst du die Goldfische sehen, Jochum,« sagte der Zöllner, der mitten in einer seiner philosophischen und lehrreichen Unterhaltungen mit dem Sohn begriffen war, »kannst du die Goldfische da unten im Wasser sehen, mein Junge? Sie schwimmen da herum und glauben, dass der Goldfisch das vornehmste auf der Welt ist ... Und du glaubst, dass Bastarde von Wüstenfüchsen und Foxterriers Nummer eins sind. Siehst du, deswegen seid ihr, du und die Goldfische, ganz ausserordentlich glückliche und beneidenswer...« Jochum hatte den Kopf erhoben, der Wutbüschel über seiner Schwanzwurzel sträubte sich, und der Zorn gurgelte hohl in seinem Halse, denn drüben in dem Villengarten auf der gegenüberliegenden Seite des Weges fing der Dachshund der Bürgermeisterin Rosenbaum an zu bellen. Auch Knagsteds Zornbüschel sträubte sich. Der sass auf seinem Kopf. »Das ist recht, Jochum,« sagte er, »schilt du nur aus! Das ist ein grässlicher Köter. Er hat Ähnlichkeit mit seiner Herrin.« Jochum stürzte von der Bank herab und fuhr auf das Staket los. Und nun begann ein geistesschwaches Rasen zwischen den Tieren. Sie zeigten die Zähne und schimpften, so dass es in allen Villen widerhallte. Dann tat sich eine Tür auf und eine zärtliche, honigbelegte Frauenstimme sagte: »Dobsy, Dobsy; komm, mein Junge! Was willst du dich doch um den grässlichen Köter scheren, er gleicht ja seinem Herrn!« Dobsy schwieg; die Tür wurde zugeschlagen, und nach einer Weile kam Jochum siegesbewusst zurückgewandert und hüpfte wieder auf die Rasenbank hinauf. Die Zornbüschel legten sich. Hund und Herr versanken von neuem in Träumereien ... Dann ertönten Schritte auf dem Kieswege hinter den Fliederbüschen. Es war »Thorwald«, die Haushälterin des Zöllners. Knagsted lächelte und betrachtete sie mit Wohlbehagen. Sie mochte wohl fünf-, sechsundzwanzig Jahre alt sein, dabei geputzt, zierlich und wohlgebildet. Kurz: appetitlich in jeder Hinsicht. »Na, lieber Thorwald,« fragte der Zöllner freundlich, »was willst du denn?« Sie war einige Schritte von der Bank entfernt stehengeblieben: »Maler Neumanns Hausmädchen ist hier,« sagte sie, »sie sollte den Herrn bitten, so schnell wie möglich nach der Villa zu kommen; da ist ein Unglück geschehen.« Knagsted erhob sich jäh: »Ein Unglück? Was für ein Unglück?« Thorwald brach in Tränen aus: »Da ist Olga selbst ...« Und das Hausmädchen Olga kam langsam aus dem Kiesweg gegangen. »Herr Zollkontrolleur möchten doch, bitte, sofort kommen,« flehte sie; ihre Stimme bebte, und Tränen strömten über ihre Wangen. »Ach Gott, ach Gott,« schluchzte sie, »wer hätte das auch gedacht? Wir hörten einen Knall, und als wir dann in sein Zimmer kamen ...« »In wessen? In wessen Zimmer?« »In Hothers ...« »War er tot?« »Ja, ja, ja ... der prächtige Junge, der prächtige Junge ...!« Und die Mädchen weinten um die Wette ...   Knagsted setzte sich augenblicklich auf sein Rad und fuhr, so schnell er treten konnte, durch die Stadt und nach der Villa hinaus ... Die kleine Pforte in der Gartenmauer nach dem Vibyerwege stand offen. Olga hatte vergessen, sie zu schliessen. Der Zöllner sprang von seinem Rad und lief fast durch den Garten, in dem die Septemberblumen festlich in Rot und Gelb leuchteten, und wo Stare und Drosseln in den Ebereschen kämpften. Auf der Gartentreppe stand Frank Neumann: »Zöllner, Zöllner!« sagte er und reichte ihm in seiner Seelennot beide Hände. »Olga hat es Ihnen wohl erzählt ...?« Knagsted ergriff seine Hände: »Lieber Freund, wie ist dies doch nur einmal zugegangen ...« »Gehen Sie zu Sonja hinein; sie ist ganz ausser sich ... und ich kann nicht ... ich ... Dann will ich später ...« »Ist er tot?« »Ach ja, ja ... Der Doktor ist hier gewesen ... Gott sei Dank, er ist sofort tot gewesen ... Ach, aber gehen Sie zu Sonja hinein ...« Knagsted ging durch das Esszimmer, wo der Mittagstisch gedeckt stand, und in die Wohnstube. Dort sass auf dem Ecksofa unter dem Bilde von Rikke Elster und Madam Svendsen, die plaudernd und lachend in der Laube bei »dem kalten Bein« Kaffee tranken, die alte Frau Neumann und strich unaufhörlich mit einer zitternden Hand über Sonjas Haar: »Liebe Sonja, liebe Sonja ...« wiederholte sie, »so komm doch zu dir ...« Aber Frau Sonja hörte sie nicht. Sie lag auf den Knien vor der alten Dame, den Kopf in ihrem Schoss und weinte schreiend, heiser, ununterbrochen, ohne Aufhören, als habe sie keinen Willen mehr: »Ich verstehe es nicht,« jammerte sie. »Hother, Hother, ich verstehe es nicht ... Wie konntest du das tun, wie konntest du das tun ... So lieb wie wir dich doch alle hatten ...« Und abermals setzte das Weinen und das Schreien ein. Die alte Frau sah hilflos zu Knagsted auf: »Versuchen Sie, mit ihr zu reden,« bat sie. »Frank hat es versucht ... und ich habe es versucht ... Sonja, liebe Sonja ...!« Knagsted setzte sich auf das Sofa und ergriff eine von Frau Sonjas Händen. Im selben Augenblick hörte man vom Garten her Elses fröhliche Stimme: »Mirja! Mirja!« »Tja –a ...!« Frau Sonja fuhr in die Höhe: »Ich will sie nicht sehen! Ich will die andern nicht sehen! Ich ertrage es nicht ...!« »Nein, nein ... Komm, wir wollen in mein Zimmer gehen ...« Und die alte Frau legte einen Arm um die Taille der Schwiegertochter und führte sie mit sich fort durch das Boudoir und in ihr Schlafzimmer hinein ... »Mirja! Mirja!« »Tja–a ...!« »Still, kleine Else ...« ertönte Frank Neumanns Stimme draussen von der Treppe her. »Mutter hat Kopfschmerzen und ... Hother ist krank.« Knagsted ging zu ihm hinaus. Else stand vor dem Vater und sah ihn aufmerksam an: »Du bist wohl auch krank ...?« sagte sie. »Ja ... ein wenig ...« »Küss mich ...?« bat sie und streckte die Arme aus. Er hob sie zu sich empor und küsste sie. »Du auch, Onkel Zöllner ...« Knagsted küsste sie. Sie schlang die Arme um seinen Hals und brach in Tränen aus. »Aber Else, was hast du nur?« »Ich weiss es nicht ...« schluchzte sie. »Aber ich kann es nicht lassen ...« Erich kam mit seinem Reifen angetründelt. Er hatte ein Buch unterm Arm und pfiff aus Leibeskräften. Als er die Dohle erblickte, die sich auf den Rand der offenstehenden Gartentür gesetzt hatte, rief er: »Mirja, Mirja! Guten Tag, Jungfer Mirja! Da bin ich.« »Tja–a ...!« schrie der Vogel zurück. Der Maler ging zu ihm hinab und nahm ihm still den Reifen aus der Hand. »Denk dran, dass du heute nicht zu grossen Lärm machst, lieber Erich ... Mutter und Hother sind krank.« »Ja ...« sagte der Junge. »Siehst du darum so weiss im Gesicht aus?« »Ja ...« Neumann streichelte ihm die Wange. »Ach Zöllner,« sagte er dann. »Was soll ich mit den Kindern machen? Ich kann es ihnen nicht jetzt gleich sagen ... ich ...« »Ist Hanne zu Hause?« fragte Knagsted. »Nein ... sie ist noch nicht aus der Schule gekommen.« »Da kommt sie!« sagte Erich und zeigte auf die Tür in der Mauer, wo Hanne, gefolgt von Knud, eben zum Vorschein kam. Sie lachten und lärmten und begleiteten einander wieder und wieder abwechselnd und konnten sich nicht trennen. Bis Knud endlich hinausschlüpfte und die Tür hinter sich zuschlug. Hanne kam den Gartensteig hinaufgetanzt. Ihre Knie schlugen gegen die Schultasche. Es klang wie Trommelschläge, und dazu summte sie ein paar Verszeilen, die Frau Sonja zu singen pflegte, wenn Neumann in die Umgegend auszog, um zu malen: Wittewittewit, mein Mann flog weg! Wittewittewit, wo flog er hin? »Ist Hother schon da?« rief sie dann. »Guten Tag, Onkel Zöllner!« Knagsted nahm ihr die Tasche ab und sagte so ruhig wie möglich: »Hör einmal, liebe Hanne, du bist ja ein verständiges Mädchen; kannst du nun wohl gleich Erich und Else mitnehmen und zu mir nach Hause gehen und Thorwald sagen, dass sie euch etwas zu essen geben soll, und dass ihr den Nachmittag da bleiben solltet.« »Ja, aber meine Schularbeiten?« »Darüber können wir später reden.« Das Mädchen sah zu ihm auf: »Warum steht Vater mit dem Rücken hierher und sagt kein Wort?« »Sollen wir den ganzen Nachmittag bei dir bleiben?« fragte Else und ihr Gesicht strahlte. »Ja.« »Bis heute abend?« »Bis heute abend, ja; und über Nacht auch.« »Das wird aber fein!« »Und dürfen wir Mirja mitnehmen?« fragte Erich. »Ja.« Hanne war an den Vater herangetreten: »Warum drehst du uns fortwährend den Rücken zu?« Neumann beugte sich schnell über sie hinab und küsste sie: »Geh jetzt, mein liebes Kind ...« sagte er, »... geh jetzt!« »Ja, aber Vater ... du hast geweint ...« »Hother ist krank, liebe Hanne ... sehr krank,« erklärte Knagsted, »quäle deinen Vater jetzt nicht mehr, sondern nimm die beiden Kleinen und gehe, wie ich dir gesagt habe ... Ich komme euch bald nach.« Hanne blieb noch einen Augenblick stehen und sah den Vater an. Die Tränen drängten sich unter ihren Augenlidern hervor: »Dann kommt, Erich und Else ... Ist es gefährlich mit Hother?« »Nein ... ja ... ja ... wir wissen es noch nicht,« sagte Knagsted. »Aber geh jetzt, liebes Kind.« Und Hanne nahm die Kinder an die Hand und ging langsam mit ihnen durch den Garten. »Mirja! Mirja! komm! Du sollst mit!« rief Erich. »Tja–a!« schrie der Vogel entzückt und flatterte hinter ihnen drein ... Lieber Vater und liebe Mutter! Ihr müsst mir nicht böse sein, wenn Ihr dies lest und erfahren habt, was ich getan habe. Ich weiss ja recht gut, dass es Euch sehr weh tun wird, dass ich mir selbst das Leben nehme, aber ich kann es nicht länger aushalten, zu leben. Jetzt will ich Euch erzählen, was mir fehlt, damit Ihr es wissen könnt, und warum ich mich erschiesse. Der Grund ist, dass ich nicht der reine, gute Junge bin, wie Ihr immer glaubt. Ich habe einen schmutzigen Gedankengang, aber das wisst Ihr nicht, denn ich habe in der letzten Zeit sehr gekämpft, um meinen wahren Inhalt zu verbergen. Aber dann war es kürzlich im Sommer, als ich einmal auf den Spielplatz kam, und Hanne da in der Schaukel sass, ohne Kleider, wie sie es ja immer zu tun pflegt, so wie die Kleinen auch, und sich schaukelte. Sie sah mich nicht, und ich wollte auch gleich wieder weggehen, denn es passt sich ja nicht, so etwas anzusehen, so gross und erwachsen wie ich bin; aber ich blieb doch stehen, ich konnte nicht gehen, und sie schaukelte höher und höher und streckte ihre Beine gerade in die Luft zu dem blauen Himmel empor, und dann, nach einer Weile sprang sie herunter und fing an, mit den Kleinen zu spielen; und ich ging fort, an das Wasser hinab und weit hinaus auf das Feld, und daher kam ich an jenem Sonntag zu spät zu Tisch, Ihr wisst das wohl noch. Aber da fehlte mir nichts, das war erst, als ich auf mein Zimmer kam und meine Schularbeiten machen sollte, da fing es an; und ich konnte gar nicht die Buchstaben in den Büchern sehen, sondern ich sah fortwährend nur Hannes weisse Beine gegen den blauen Himmel; und wenn ich die Augen schloss, sah ich sie auch, und auch noch, als ich das Licht auslöschte; und den ganzen Abend, und als wir unten beim Essen waren und hinterher in der Wohnstube, sah ich sie in der Ecke über dem Sofa und auf den Gardinen und an der Decke; und weisst Du nicht noch, Mutter, dass Du mich fragtest, warum ich so blass wäre, als ich zu Bett gehen sollte; das war, weil ich Angst davor hatte, allein zu sein. Und ganz richtig als ich ins Bett kam und das Licht ausgelöscht hatte, da sah ich die Beine wieder, und das ist immer ärger geworden, mit jedem Tag, der vergangen ist, und ich konnte es beinah nicht aushalten, Hanne zu sehen, weil ich fand, dass es ihre Schuld sei, und schliesslich habe ich sie beinah gehasst. Und jetzt ist es über einen Monat her, und es ist nicht besser geworden, und ich kann es nicht aushalten, so ein Schwein zu sein in meinen Gedanken, und darum will ich nicht länger leben, um Euch nicht noch mehr Kummer zu machen. Lebt nun alle miteinander wohl, Ihr und Erich und Else, und denkt nicht mehr an mich, denn ich bin es nicht wert. Euer Sohn Hother. Ihr sagt Hanne natürlich nicht, dass ich sie gehasst habe, und dass es beinah ihre Schuld ist, dass ich sterbe, denn sie kann ja nichts dafür, dass sie ein Mädchen ist.   Knagsteds Hand sank mit dem Brief in seinen Schoss nieder ... Er und der Maler hielten sich im Atelier auf, der Zöllner sass auf dem Diwan und Neumann ging rastlos im Zimmer auf und nieder. Alle Wände hingen voll von Studien und fertigen Bildern, grosse und kleine, auf denen die Kinder spielten und nackend herumsprangen. Und die fröhliche und frische Lebensauffassung des Malers hatte gleichsam einen sonnenhellen Festglanz über sie alle ausgegossen ... Neumann nahm den Brief aus der Hand des Zöllners: »Haben Sie wohl beachtet,« fragte er, »dass er mit keinem Wort Pastor Sörensen erwähnt?« »Pastor Sörensen ...?« »Ja; und ich finde, dass allein dieser kleine Zug davon zeugt, welch ein prächtiger Charakter Hother war.« »Pastor Sörensen ...?« wiederholte Knagsted. »Was hat der damit zu tun?« »Ja, ich bin der Ansicht, dass er mit seinen schmutzigen Phantasien meinen Jungen in den Tod gejagt hat. Er hatte nämlich in letzter Zeit angefangen, Hother aufzusuchen und ihm Reden zu halten.« Der Zöllner schüttelte still den Kopf. »Lieber Neumann, ich muss wiederholen, was ich schon neulich gesagt habe, als wir über diese Sache redeten: der Pfarrer hat in der besten Absicht gehandelt.« »Dann ist das eine schmutzige Absicht und eine perverse Absicht; und ich habe mir das auch vorgenommen, ihm das zu sagen!« »Das sollten Sie nicht tun, lieber Freund; er wird Sie gar nicht verstehen ... Er hat ja nur die Vorschriften seiner Religion befolgt.« Der Maler blieb jäh vor dem Freund stehen: »Die Vorschriften seiner Religion ...« wiederholte er erregt. »Das ist es ja gerade! Wäre Jesus verheiratet oder auch nur ein klein wenig normal verliebt gewesen, dann würde das Leben für uns andere weit leichter gewesen sein, aber statt dessen umgab er sich immer nur mit männlichen Wesen.« »Maler, Maler ...!« sagte Knagsted warnend. Aber Neumann liess sich nicht zügeln: »Es ist vom christlichen Standpunkt geradezu ›vornehm‹ nicht zu wissen, dass es mehr als ein Geschlecht gibt!« fuhr er fort. »Und eine Todsünde ist es, einander nackend zu sehen. Versuchen Sie es einmal: fragen Sie jeden beliebigen Geistlichen, ob er seine Frau nackend gesehen hat, – er wird entsetzt nein sagen und sich bekreuzigen! Alle Heuchelei hat ihren Ursprung in den Religionen!« Knagsted packte den Maler sanft beim Arm und zog ihn auf den Diwan neben sich: »Seien Sie jetzt ruhig, lieber Freund,« sagte er, »seien Sie jetzt ruhig ... Ich verstehe ja, dass dies schreckliche Unglück ...« Aber Neumann sprang wieder auf. Und indem er seine geballte Faust in die Luft emporstreckte, jammerte er: »Was soll ich mit dem Pastor machen, was soll ich mit dem Pastor machen! Wenn man sich vorstellt, dass er nicht nur meinen prächtigen Sohn gemordet, sondern auch uns andern das ganze Leben und die ganze Zukunft zerstört hat! Sonja wird nie wieder ein Mensch nach diesem ... Hother war ihr Lieblingskind, ihre Hoffnung, ihr Stolz ...!« Hilflos, ratlos sass der Zöllner auf dem Diwan vor ihm: »Die Zeit heilt alle Wunden, Maler,« begann er in seiner Ratlosigkeit. »Und dann haben Sie ja doch auch noch Ihre Kunst ...« »Von mir ist hier gar nicht die Rede,« sagte der Maler hart. »Ich bin ja nur Hothers Vater ... Aber Sonja, Sonja ... die arme, arme, liebe Sonja ...!« Im selben Augenblick wurde an die Ateliertür geklopft: »Wer ist da?« fragte Knagsted ängstlich. Das Stubenmädchen Olga kam herein: »Pastor Sörensen fragt, ob die Herrschaften zu sprechen wären ...« Der Maler sprang auf sie zu: » Wer , sagen Sie?« »Pastor Sörensen ...« wiederholte das Mädchen und zog sich erschreckt einen Schritt zurück. » Der Pastor ...!?« Es klang wie ein Schrei, und hätte nicht Knagsted im selben Augenblick seine Hände fest in die Schultern des Malers gekrallt und ihn mit aller Gewalt zurückgehalten, so wäre Frank Neumann wahrscheinlich auf die Diele hinausgestürzt und hätte den Pfarrer niedergeschlagen. »Lassen Sie mich los!« schrie er. »Lassen Sie mich los!« »Aber Neumann, Neumann, liebster Freund, so kommen Sie doch zu sich ...! Sagen Sie dem Herrn Pastor,« wandte sich Knagsted darauf an das Mädchen, das bleich vor Schrecken dastand, »sagen Sie dem Herrn Pastor, dass die Herrschaft nicht empfängt, und dass er sich nicht wieder hierher bemühen möchte; ich werde ihn in den allernächsten Tagen aufsuchen ...« Olga ging. Noch immer hielt Knagsted den Maler fest. Aber als die Haustür ins Schloss gefallen war, lösten sich seine Arme, und Frank Neumann sank schlaff auf den Diwan nieder ... Die Septembersonne fiel durch das schräge Atelierfenster und schien auf das grosse Bild vom Sund, auf dem die Kinder jubelnd umhersprangen, so dass das Wasser um sie aufspritzte ... Die Augen des Malers waren geschlossen, den Kopf hielt er auf die Brust gesenkt: »Und wissen Sie, Zöllner ...« begann er (seine Stimme klang leise und angestrengt, fast als drängten sich die Worte gegen seinen Willen hervor). »Wissen Sie, dass dieser Pfarrer seinerzeit seine Frau verführt hat, als sie noch nicht vierzehn Jahre alt war ... und dass er mit ihr als seiner Geliebten zusammen gelebt hat, bis ihre Eltern es entdeckten ...?« »Was in aller Welt erzählen Sie da, Mensch ...?« fragte Knagsted. »Ja ...« nickte der Maler. »Und woher wissen Sie das? Wer hat es Ihnen erzählt?« Frank Neumann schwieg einen Augenblick. »Ich weiss es ...« sagte er dann. »Frau Alvilda?« fragte Knagsted. »Die ihm weggelaufen ist?« »Ja.« »Hat sie selber es Ihnen erzählt?« »Nein.« »Wer denn?« Wieder schwieg der Maler. Aber dann kam es ausweichend, gleichsam verlegen. »Rikke Elster ... während ich sie malte ...« »Und woher weiss sie es?« »Von der Rollfrau Marie, die selbst gehört hat, wie die Pastorin es dem Mann ins Gesicht schleuderte.« »Aber lieber Neumann, zwei solche Klatschmäuler ...« Der Maler erhob den Kopf: »Ich habe es damals auch nicht geglaubt,« sagte er. »Aber jetzt glaube ich es; ich weiss nicht warum, aber jetzt glaube ich es.« »Weil Sie es glauben wollen .« »Mag sein; aber ich glaube es also ...« »Armer unglücklicher Mann ...« sagte Knagsted unwillkürlich. Aber er dachte dabei an Pastor Sörensen.   Und als er am Abend nach Hause gekommen war und mit seinem Whisky in seinem Zimmer sass, nachdem die kleinen Malerkinder oben im Fremdenzimmer zur Ruhe gebracht waren, sagte er zu seinem vierbeinigen Beichtvater und Vertrauten: »Jochum,« sagte er, »unser lieber kleiner Freund, Hother Neumann, ist heute gestorben. Und höre nun gut zu, Jochum, und verstehe es, wenn du kannst: Er hat sich selbst das Leben genommen, weil ein Pfarrer zu ihm gesagt hat, dass es gegen die Gebote der Religion und die Vorschriften der Moral verstosse, dass Mann und Frau zuweilen Gefallen daran finden, einander nackend zu sehen. Aber derselbe Pfarrer, lieber Jochum ... hörst du! ... derselbe Pfarrer hat seinerzeit ein vierzehnjähriges Mädchen verführt und sie zu seiner Geliebten gemacht ... Lirum, larum, Löffelstiel! Ich hab' jetzt über fünfzig lange Jahre gelebt, und noch hab' ich auch nicht einen Deut von dem ganzen Hopphei verstanden! Du vielleicht? Nein? Nicht wahr? Und weisst du warum? Weil keiner von uns beiden ein Christ ist, so wie zum Beispiel Pastor Sörensen, die Bürgermeisterin Rosenbaum und Oberlehrer Clausen! Die verstehen es nämlich von Anfang bis zu Ende ... und noch viel weiter.« »Und doch, lieber Jochum,« endete Knagsted und starrte träumerisch in sein Whiskyglas, »und doch lieben wir diese grosse, schöne, sinnlose, schreckliche Welt ...! Lirum, larum, Löffelstiel!« »Lesen Sie!« kommandierte P.A. Birk. Und Fräulein Solberg las: »... Die beiden Brüder, die sich am elften vorigen Monats eines Fahrrads im Lundegaarder Gehege bemächtigten, haben jetzt ihr Urteil erhalten. Es lautet auf Wasser und Brot bezw. zwei mal fünf und fünf Tage; aber sie sind bedingt begnadigt, so dass die Strafe ...« Der Kaufmann schlug mit der Kanone auf die Stuhllehne: »›Bedingt begnadigt‹ ...!« höhnte er. »Was soll dieser Humbug! Wenn ihr Urteil gesprochen ist, dann sollen sie auch bestraft werden! Das Land wimmelt ja schliesslich von ›bedingten‹ Zuchthauskandidaten! ... Weiter! Aber was anderes, hiervon will ich nichts mehr hören.« Das Fräulein las: »... Von einem Brandplatz in Söderup wurde im April ein kupferner Kessel gestohlen, und der Verdacht ...« »Zum Teufel auch mit dem Dreck von Kessel! ... Ist da nichts mit Geld ?« Die Solberg suchte und fand: »... Obergerichtsanwalt Sören Lassen und Bureauvorsteher Fritz Meyer haben jeder hundertundzwanzig Tage Gefängnis bekommen für Betrug ...« Plötzlich liess sie die Zeitung sinken: »Ich kann es nicht begreifen, Kaufmann, dass Sie sich was daraus machen, von all dem Kummer und Elend zu hören ... Und dass die Zeitungen es schreiben mögen! ... Darin sollte nichts weiter stehen, als was gut und erfreulich ist.« »Sie sind vielleicht der Ansicht, dass das Ganze bloss Geld, Räucherwerk und Mürbebratenduft sein sollte ...? Wer, meinen Sie, würde sich daran kehren, das zu lesen? he!« »Es kommt doch, bei Gott, einzig und allein auf die Güte zwischen den Menschen an, Herr Birk.« »So –? Ach! ...« »Ja, das mag der Ewige wissen ... darum ... darum leben wir hier auf Erden ...« P.A. machte eine abwehrende Bewegung mit den Händen: »Nunsens!« sagte er. »Quatsch! ... Lassen Sie mal die Unglücksfälle hören. Steht da nichts dergleichen?« Das Fräulein knüllte erregt das Blatt zusammen: »Nein, da sind keine. Und nun gehe ich raus und koche das Mittagessen.« »Nicht so klysterisch, liebe Solberg! ... Erst will ich die Todesfälle haben!« »Dann müssen Sie sich Martin kommen lassen, dass er sie Ihnen vorliest; ich tu' es nicht.« Sie griff sich an den Kopf. »Ich kann es nicht aushalten,« sagte sie. »Die ganze Nacht lieg' ich da und träum' von all dem Grässlichen, was ich hier vorlesen muss. Ich fahr' aus dem Schlaf in die Höhe und schrei'. Sie müssen das nicht von mir verlangen, Kaufmann. Ich seh' die schrecklichsten Dinge vor mir mit Wasser und Brot und Rad und Galgen und dem heiligen Abendmahl ...! Das können Sie nicht von mir verlangen ...!« Hier seufzte sie klaftertief auf und fragte dann in ganz demselben düster-klagenden Ton: »Wünschen Sie grünen Kohl mit durchgewachsenem Speck ... und Pfannkuchen?« »Nein, Apfelkuchen !« sagte P.A. mit verbissener Wut. »Holen Sie aber erst Martin!« »Wollen Sie denn wirklich nicht mit zu des Konsuls Geburtstag?« »Nein, ich geh' nicht zu Bankrotteurfesten; dann würd' er das später bloss benutzen, um Profit daraus zu ziehen.« »Sie sind ein grausamer Vater ...! Nun sitzt Zollkontrolleurs Jochum wieder draussen auf dem Hof und schnüffelt nach Diana rum,« endete sie. »Ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm ...« »Was meinen Sie damit? »Liegt nicht der Zöllner selbst in Bigamie mit seiner Haushälterin?« »Wie können Sie bloss solche Worte über die Lippen bringen, Kaufmann!« Die Solberg sauste auf die Essstubentür zu. »Erst holen Sie Martin!« ertönte es von P.A. Das Fräulein machte kehrt und ging in den Laden, der noch immer in direkter Verbindung mit P.A. Birks Wohnung stand. Einen Augenblick später kehrte sie mit Martin zurück. Er war Krämerlehrling, sechzehn- bis siebzehnjährig, langaufgeschossen, ducknackig, mager, weisshaarig, hellblauäugig mit grossen, von Heringslake glühenden Händen. Voll Ehrfurcht drückte er sich seitlings in die Stube hinein. Die Beinkleider reichten ihm nur bis an die Knöchel; die Holzschuhe hatte er auf der Diele ausgezogen und die Strümpfe waren aus dicker, grauer Wolle mit weissen Fersen und Zehen. »Ist das Martin?« fragte P.A. barsch und richtete die Kanone auf ihn. »Jawohl ...!« »Geben Sie ihm die Zeitung, Solberg, setzen Sie ihn auf den Stuhl und zeigen Sie ihm die Todesfälle.« Martin wurde angebracht wie befohlen und fing an zu lesen. Seine Stimme klang angenehm in Peter Arons Ohren, denn sie hatte des Kaufmanns eigenen ländlichen Klang nach Feld und Heide. P.A. schätzte diesen Burschen sehr, er durchlebte in ihm noch einmal seine eigene Jugend, und er wünschte oft, dass er sein Erbe und Nachfolger gewesen wäre statt dieses Pfaues von Tochter, mit der ihn Gott gesegnet hatte. »Abwesenden Verwandten und Freunden hierdurch die Mitteilung,« las Martin, »dass es Gott dem Allmächtigen gefallen bat, gestern abend sieben Uhr ...«   Fräulein Solberg war in die Küche hinausgesaust, wo sie die Köchin Johanne bei der Bereitung des Kohls und der Apfelkuchen anstellte. Darauf stürzte sie in ihr Zimmer und kam gleich darauf in Hut, Mantel und Handschuhen zurück. Auf den Fersen folgte ihr der gottserbärmlichste Hühnerhund der Welt, den sie an einem Band führte. Er kroch förmlich hinter ihr drein in seiner eingeschüchterten Demut, mager, schmutzig und mit bangen, um Gnade flehenden Augen. Es war eine Hündin und obendrein »läufisch«. »Hu!« sagte Johanne, »dass sich Fräulein mit all dem Hundepack abgeben wollen!« Die Solberg überhörte die Äusserung. »Ich habe mich nach dem Besitzer erkundigt,« sagte sie. »Er gehört Ziegelbrenner Svane. Das Tier heisst Diana. Ich laufe vor Tische schnell mit ihm rüber.« »Solange es Menschen gibt, die Not leiden,« meinte Johanne, »sag' ich, der Teufel kann für die Tiere sorgen! ... Kusch –!« wehrte sie den Hund ab und schlug mit den Armen um sich, so dass Diana vor Angst unter den Küchentisch kroch. »Aber Johanne, haben Sie denn kein Herz!« »Kusch!« sagte das Mädchen nochmals, »ich will das Gespenst nich in meine Küche haben!« Und das Tier taumelte kopfüber die Treppe hinab auf den Hof hinaus und zog die Solberg hinter sich her. Aber da draussen sass Jochum ...   »Nr. 241,« stand in dem Hundebuch des Fräuleins zu lesen, »braungefleckter Hühnerhund (Rüde), zugelaufen 27.9.; Besitzer Ziegelbrenner Sören Svane, Kniestr. 12, – zurückgeliefert 29.9.«   Die Häuser in der Kniestrasse waren einstöckig, schief und aus Fachwerk. Sie lagen dicht nebeneinander zärtlich wie in einem fröhlichen Rausch und sahen verschmitzt selig aus mit ihren kleinen, schelmisch blitzenden Fensterscheiben. Aber es war Lüge. Drinnen herrschten Armut, Kummer, Not, Schwamm und Elend ... Eine gichtbrüchige Treppe ohne Geländer führte zu Nr. 12 hinauf, wo Ziegelbrenner Svane wohnte. Die Tür war eine Halbtür, deren oberer Teil offen stand, so dass man auf einen Vorplatz hineinsah, der nicht viel geräumiger war wie eine gute Packkiste, die auf die hohe Kante gestellt ist. Links auf dem Vorplatz führte eine Tür zu dem einzigen Wohnraum der Wohnung. »Wer ist da ...?« fragte eine mürrische Frauenstimme, als die Solberg anklopfte und öffnete. Zwei halbnackte Rangen, ein Junge und ein Mädchen, krabbelten dadrinnen auf dem Fussboden herum und spielten Pferd. Auf einer Ruhebank unter dem Fenster sass Madam Svane und gab einem Säugling männlichen Geschlechts die Brust. »Ist der Mann zu Hause?« fragte die Solberg. »Willst du wohl machen, dass du weg kommst!« sagte sie dann und schlug nach Jochum, der auf Diana eindrang und anzüglich wurde. Die Kinder auf dem Fussboden stellten ihr Spiel ein: »Da is Jane ...« sagte der Junge. »Mit 'ner fremden Dame ...« sagte das Mädchen. »Ist der Mann zu Hause?« fragte die Solberg abermals. »Hier bin ich mit seinem Hund, der zugelaufen ist.« Ein Streif Sonne fiel im selben Augenblick durch das Fenster. Das Kind an der Brust griff lächelnd danach. »Zu Hause ...?« schluchzte Madam Svane. »Wissen Fräulein denn nich, dass er durchgebrannt is?« »Durchgebrannt?« »Ja ... nach Hamburg mit Marie Sönnichsen ... Donnerstag kam eine Postkarte von ihnen mit Bismarck darauf: Nu könnt' ich mir man an die Nase fassen.« Die Tränen trieben der Frau über das Gesicht. Eine davon fiel warm und schwer auf die Stirn des Säuglings. Gleich vergass das Kind die Sonne und brach in ein lautes Gebrüll aus. Die Mutter achtete nicht darauf. »Geradezu von Ihnen weggelaufen?« fragte die Solberg, bis in ihre Jungfrauenseele erschüttert. »Und dann komme ich hier noch mit seinem Hund!« »Ja, den können Fräulein man wieder mitnehmen. ... Hier is nichts nich zu essen für Menschen und erst recht nichts für Tiere.« Von Frau und Kindern weggelaufen! »Ja, wenn man wenigstens nicht mit ihm verheiratet gewesen wär'!« schluchzte die Frau. »Das dürfen Sie doch nicht sagen, Madam ...« »Ja, das sag ' ich! ... Denn hätt' man doch wenigstens einen Beitrag vom Armenwesen gekriegt ... Wir hatten ja die zwei, eh' wir uns verheirateten; aber da wollt ' er ja heiraten, das wär' leichter für ihn; das Gesetz kümmert sich ja bloss um die Unehelichen ...« »Hm ...!« sagte die Solberg. »Aber so steh doch still, Hund!« schalt sie und zog an der Schnur. Diana hatte offenbar den Wunsch, sich mit Jochum einzulassen. Madam Svane wiederholte: »Ja, so is das Gesetz nu mal ...« »Unmöglich, Madam Svane.« »So is das Gesetz, ja!« »Aber das heisst ja geradezu eine Prämie aussetzen für ...« »Ja! Und darum hätt' man sich auch nie darauf einlassen sollen, sich zu verheiraten ...« »So! Da hat der Hund sich losgerissen! Diana! Diana!« Das Fräulein stürzte auf die Strasse hinaus. Aber Diana verschwand im selben Augenblick oben um die Ecke bei Holzhändlers, stark von Jochum bedrängt. »Dann müssen wir Diana wohl sich selbst überlassen ...« sagte die Solberg mit einem Seufzer. »Hatten Sie denn überhaupt die Mittel, sich einen Hund zu halten?« fragte sie, als sie wieder hereinkam. »Ja, Sören ... der war rein wie doll, auf Jagd zu gehen ...« »Haben Sie mir nicht neulich erzählt, dass Zollkontrolleur Knagsted Sie wiederholt unterstützt hätte?« »Ja, Sören! Der schrieb an alle möglichen Menschen, um Geld für seine Sonntagsschwofereien zu bekommen ... Er sagt', er ging in die Kirche. Auf einem solchen Ausflug hat er auch Marie Sönnichsen getroffen ... Und nu sitzen wir da und müssen es ausbaden.« Die Solberg stand einen Augenblick da und blinzelte mit den Augen, in die etwas Feuchtes hineingeraten war. Dann holte sie das Portemonnaie aus der Tasche und fischte eine Krone heraus: »Ich interessiere mich ja sonst meistens für Tiere,« sagte sie. »Jeder hat ja so sein Steckenpferd ... Aber ... hier ... Und dann sehe ich mich mal wieder nach Ihnen um, denn wenn die Obrigkeit sich Ihrer nicht annehmen will, dann müssen wir andern es ja tun.« Madam Svane griff gierig nach dem Geldstück und spuckte darauf: »Vielen Dank!« sagte sie. »Und Glück und Segen!« Das Fräulein ging auf die Tür zu: »Ja, aus dem Hund machen Sie sich dann wohl nichts mehr?« »Nein; wir sind schon so genug ... Aber wenn Fräulein was dazu tun könnt', dass das Gesetz verändert wird, so dass sich nich jede Dirne über 'ne verheiratete Frau lustig machen kann, wenn sie einen auf der Strasse trifft, denn ... Bedankt euch auch bei der Dame, Kinder!« »Danke ...« sagten die Rangen unten an der Erde. Der Säugling hatte sich in Schlaf geschrien. Die Solberg verabschiedete sich und ging ... Als sie in das Kaufmannshaus zurückkam, standen beide Hunde da. Und Jochum hatte seinen Willen gekriegt. Und dann brach Bankdirektor Konsul Hagbart Wävers fünfzigster Geburtstag an ... Vorher aber geschah etwas, das berichtet werden muss. Das Korn war in die Scheuer gefahren. Die Stoppelfelder lagen gelb und schimmernd da. Die Dreschmaschinen brummten fern und nah. Es war herrlich, den Ulmensteig entlang zu gehen, der quer durch die Löwenholmer Felder führte. Er schlängelte sich über Hügel und durch Täler und durch mit Röhricht bestandene Sümpfe. Und in seiner ganzen Länge war er zu beiden Seiten mit hochstämmigen Ulmen eingefasst, deren rauhes Laub jetzt in dem hereinbrechenden Herbst gelblichbraun in der Sonne schimmerte ... Knagsted kam eines Vormittags des Weges, sein Rad vor sich her schiebend. Er hatte eine Morgenfahrt in den Löwenholmer Wald gemacht und befand sich jetzt auf dem Heimwege. Ringsumher auf den Wiesen und den abgeernteten Feldern weideten die rotbunten Kühe des Gutes frei und unangepflöckt, nur bewacht von einem kleinen lebensfrohen Hirtenjungen, der zum Himmel hinaufsang und ungezähmt mit einer alten gichtbrüchigen Peitsche knallte ... Aber plötzlich ertönte ein gellender Frauenschrei. Und als der Zöllner eiligst um eine Ecke des Weges bog, sah er die Bürgermeisterin Rosenbaum voller Entsetzen über die Felder daherfliegen, verfolgt von Löwenholms grossem Preisstier, der auf irgendeine Weise aus dem Stall ausgebrochen war. Hinter dem Stier her lief der Hirtenjunge, rufend, schreiend, knallend. Eine Sekunde lang zuckte der Gedanke durch Knagsteds Gehirn: Möge er sie nur ruhig aufspiessen! Aber schon im nächsten Augenblick stellte er sein Rad hin und stürzte davon, um der Dame Beistand zu leisten. Da sah er sie plötzlich haltmachen, sich schnell vornüber beugen, Kleid und Röcke über den Kopf schlagen, die Beinkleider abstreifen und ihr pfriemenförmiges nacktes Hinterteil dem Feind entgegenstrecken. Knagsted blieb stehen: – Gott du Allmächtiger! Wohl hatte er in seiner Kindheit die Knechte und Mägde von Abildtorpegaard erzählen hören, dass dies das beste Mittel sei, einen wütenden Stier zu lähmen; nie aber hatte er sich vorgestellt, dass dies Manöver in Wirklichkeit ausgeführt werden könne. – Und nun stand die Bürgermeisterin da. – Gott du Allmächtiger! Da sieht er den Stier plötzlich mitten in seinem Lauf innehalten, erstarrt, hypnotisiert, die Beine nach allen Seiten ausgestreckt, mit blutunterlaufenen Augen, von diesem Anblick geblendet ... Im selben Augenblick springt der Hirtenjunge herzu, ergreift das Tau, das von dem Nasenring herabhängt, und ruft mit lauter Stimme: »Nu können Frau Bürgermeisterin gern fallen lassen! Nu hab' ich ihm!« Worauf er die Bestie resolut umwendet und mit ihr nach dem Hofe zurückzieht ... Knagsted war diskret hinter einen Busch geschlüpft. Und von hier aus sah er »die Bettlade« eiligst ihre Kleider ordnen und in schnellem Lauf der Stadt zueilen ... Dies war der Bericht.   Herr Zollkontrolleur Knagsted wird gebeten Frau Bürgermeister Rosenbaum zu Tische zu führen. Der Zöllner hatte im Wohnzimmer der Konsulin die Karte vor die Nase gehalten: »Sie wissen ja doch, dass ich die Person nicht ausstehen kann!« »Ja ... Und sie kann Sie auch nicht leiden!« hatte die Konsulin lachend geantwortet und war zwischen den Gästen verschwunden.   In dem grossen, weisslackierten Speisesaal war für fünfzig gedeckt; ein Gast für ein jedes der entschwundenen Jahre des Konsuls. Er selbst sass oben an der Tafel, gross, elegant, unnahbar, englisch, die Priorin des adeligen Fräuleinklosters, Emely von der Seele, an seiner Seite. Kammerherr Löwenfeldt führte die Konsulin. Bürgermeister Rosenbaum (ein ganz winzig kleiner Mann) seine Tochter Michaela; Folketingsabgeordneter Hansen Hochrippe (in Veranlassung des Tages aus der Hauptstadt verschrieben) Frau Etatsrat Abrahamson, Lykkesgrave usw. usw. ... Das grösste Aufsehen in der Gesellschaft erregte jedoch Förster Treschau. Er war noch nie dort im Hause gewesen: Sollte wirklich etwas an den Gerüchten sein ...! Der Konsul erhob sein Glas und liess den Blick über die Versammlung gleiten: »Meine Damen und Herren, ich heisse Sie willkommen!« Vor jedem Kuvert lag ein Halbkreis von sechs prachtvollen Orchideen, direkt aus der Hauptstadt eingetroffen, zusammen mit dem Folketingsabgeordneten. Man sagte, sie hätten eine Krone das Stück gekostet. Drei fünfzehnarmige elektrische Kronen leuchteten auf den Tisch herab. Und an der Wand entlang sassen zahlreiche Lampetten. Die Bürgermeisterin war in karmesinrotem Atlas mit schwarzen Spitzen um Brust und Hals, um das Knochengerüst zu verbergen. »Was sagen Sie dazu!« flüsterte sie Knagsted zu. »Der Förster!« »Ja, was soll der?« brummte der Zöllner mit dem Zornbüschel auf ganzer Höhe. »Dass er hier verkehrt !« »Warum sollte er das nicht tun, wenn er eingeladen wird? Es ist ja ein sehr nettes Haus. Frau Bürgermeister verkehren hier ja auch!« »Hm!« sagte die Dame und wandte sich an ihren Nachbar, Stiftspropst Wedel ... »... Abrahamson ...?« fragte der Folketingsabgeordnete seine Tischdame (er hatte einen kleidsamen Dialekt), »Abrahamson ... war das dieser – Kasper, der dichtete?« »Ja,« nickte die Etatsrätin gemessen, » Per war es.« »Und wie geht es denn zu, dass sich gnädige Frau hier in der Gegend niedergelassen haben?« »Wir haben Lykkesgabe (deutsch Glücksgabe) von einem Onkel meines Mannes geerbt.« »Dann war das ja ein Gut, das seinem Namen entsprach!« »Wir stellten den verstorbenen Onkel meines Mannes sehr hoch, Herr Hansen!« »Hm, ja ... natürlich! ... Haben Sie Kinder?« »Ja, einen Sohn, der das Gut verwaltet.« »Ist es ein grosses Gut?« »Fünfhundert Tonnen Land ...« »Ja, meins ist nur siebzig gross ... Wollen wir den Wein einmal kosten? Prost! War mir ein Vergnügen, Frau Etatsrätins Bekanntschaft zu machen.« Hansen Hochrippe leerte sein Glas bis auf den Boden. Die Etatsrätin nippte an dem ihren.   Sechs schwarzgekleidete Mädchen mit weissen Mützen warteten auf. Ihre roten Pfoten waren in weisse baumwollene Handschuhe gesteckt. Und diese zuweilen wieder in die Sauce. Die Speisenfolge lautete auf zehn Gänge und acht Arten Wein. »Ich liebe Schildkrötensuppe!« sagte die Stiftspröpstin Wedel zu Kreisarzt Claudius. »Die spendierten die Kinder uns zur goldenen Hochzeit.« »Ja,« nickte der Kreisarzt, der während der Mahlzeit am liebsten schwieg, »die schmeckt auch gut ...« Eisenhändler O.W. Fredriksen, Mitglied des Stadtrats, rollte die Nase und meinte, gegen eine kräftige, flachländische Rindfleischbrühe käme doch nichts an. Obergerichtsrat Ivar Petersen aber (der Topf benamset, weil er nur mit einem Ohr ausgestattet war) hatte einmal in Berlin Känguruhschwanzsuppe gegessen, nur um sie zu kosten , erzählte er Frau Makler Blom; »und die schmeckte, versichere ich Ihnen, delikat!« » Känguruhschwanzsuppe ...!« wiederholte die Maklerin angewidert. »Ja, dadraussen« (sie meinte ausserhalb Flachlands) »essen sie ja auch Froschschenkel und geröstete Schnecken.« Ja, Schnecken hatte die Konsulin einmal in Paris bekommen, aber sie hatte sie nicht herunterschlucken können ... »Nicht wahr, Hagbart?« rief sie ihrem Mann zu. »Ich konnte doch die gebratenen Schnecken nicht herunterbringen?« »Nein!« lachte der Konsul mit seinem Automatenlachen (es war, als werde ein Zehnörestück in ihn hineingesteckt, und dann lachte er trocken und holzig: ha, ha, ha! ohne dass sich eine Muskel in seinem Gesicht bewegte). »Das war ein Anblick, meine Frau zu sehen!« wandte er sich an die Priorin. »Aber versuchen wollte sie es ja doch einmal!« »Gittigitt ...!« sagte die Priorin.   Hansen Hochrippe unterhielt von neuem die Etatsrätin Abrahamson: » Ich habe auch einmal gedichtet ...« sagte er. »So? ...« »Nämlich eine Komödie ... die hiess, wissen Sie, ›Des Königs Handschuh‹ und spielte in der Ritterzeit. Ich habe selbst mitgespielt ... es war in dem alten Theater in Grönby ... vor vierzig Jahren ... Frau Etatsrätin erinnern sich dessen wohl nicht mehr? Sie hat sonst Aufsehen gemacht.« »Das will ich schon glauben,« sagte die Etatsrätin. »Aber ich erinnere mich dessen nicht ...« »Ja, denn dem Alter nach könnten Sie sie gesehen haben ... Wir sind wohl ungefähr gleich alt?« sagte der Folketingsabgeordnete und schenkte sich das dritte Glas Sherry zur Suppe ein. Er fing schon an zu glühen ... Er war kein Kostverächter, wenn andere traktierten. Für gewöhnlich, wenn er selbst bezahlen sollte, begnügte er sich mit einem Diner für 1 Krone 25 und einer halben Flasche Dünnbier.   Zollkontrolleur Knagsted sass still da und lächelte. Line Meincke hatte den gleichalterigen Sohn und das einzige Kind des Hauses als Tischherrn. Er machte ihr stürmisch den Hof; lag halb über sie hingelehnt und redete auf sie ein. Line hatte sich so weit wie möglich auf ihren Stuhl zurückgezogen und sah hilflos aus. »Frejlif ...!« rief die Konsulin mahnend über den Tisch herüber. Der Sohn richtete sich auf und schwieg; aber nur für einen Augenblick, dann legte er wieder los. »Das Versuchskaninchen« hiess er im Volksmunde, weil er zu früh zur Welt gekommen war und die ersten acht Wochen seines Lebens in einer Terrine mit lauwarmer Milch hatte zubringen müssen. Er war aus diesem Grunde niemals fertig geworden, hatte keine »Form« bekommen, sah so aus, als wenn er in einem Aquarium gemacht wäre, glich einem rachitischen Frosch, mager, flachgedrückt, mit langen, schlackerigen Armen und Beinen, breitem Mund und vorstehenden Augen. Dessenungeachtet hielt er sich selbst für einen Herzensknicker, war geckenhaft gekleidet, pomadisiert, soigniert und zudringlich. Unbegabt war er jedoch nicht; im Gegenteil. Er konnte oft boshafte und treffende Bemerkungen machen. Leider litt er aber an epileptischen Anfällen, was bewirkte, dass er oft lange Zeit schlaff und willenlos daliegen konnte ... Line sandte dem Zöllner einen verzweifelten Blick zu. »Prost!« nickte Knagsted zurück, um sie zu trösten und erhob sein Glas. »Prost! Prost! Herr Zollkontrolleur!« lachte der junge Wäver geschmeichelt. »Trinken Sie dem Zollkontrolleur doch einmal zu, Fräulein Meincke!« sagte er und legte eine Hand auf ihren entblössten Arm. Line schauderte und entriss ihm den Arm. Seine Finger waren kalt und dabei feucht wie nasse Handschuhe. »Prost!« sagte der Zöllner abermals. Und dann tranken sie alle drei.   Stiftspropst Wedel hielt die Speisenfolge eine halbe Elle von sich ab: »Fischfilet à la Orly ...« las er. »Herr Stiftspropst essen gern gut?« fragte Fräulein von Löwenfeldt. »Ja, kommen Sie nur erst in mein Alter, liebes gnädiges Fräulein!« nickte er zurück. Aber das gnädige Fräulein hörte ihn nicht. Ihre grossen, dunklen Augen glitten beständig forschend zu dem Förster hinüber, der seine Tischdame, Frau Obergerichtsrat Ivar Petersen, eifrig unterhielt; und die lachte und lachte: er war auch zu amüsant.   »Ja,« erzählte Hansen Hochrippe und leerte das zweite Glas Mosel zum Fisch, »ich bin zweimal bei den beiden hochseligen verstorbenen Fürsten zur Tafel befohlen, wissen Sie; und das muss ich sagen, es ging ohne alle Spur von Firlefanzereien zu, ganz bürgerlich ... Sind Frau Etatsrat bei Hof gewesen?« »Ja, als mein Mann noch lebte ...« »Hm ... ja, auf allerlei Vergnügungen muss man natürlich verzichten, wenn man als Witwe zurückbleibt ... Ha, ha, ha!« lachte er plötzlich. »Sehen Sie doch mal bloss, wie fein die Stubenmädchen vom Konsul sind, mit Fausthandschuhen! Die hatten sie nicht mal bei Hof an ... Noch ein Glas Wein?« »Nein, ich danke, ich danke ...!« Die Etatsrätin hielt ihre Hand schirmend über das Glas, aber der Folketingsabgeordnete schenkte trotzdem freigebig drauflos, so dass der Wein über die weissen Finger der Dame floss. »Ha, ha, ha!« lachte er, »den sollen Sie, weiss Gott, haben!« Die Bürgermeisterin Rosenbaum sass da und spielte mit einer von den Blumen auf dem Tisch. »Sagen Sie mir doch, Herr Zollkontrolleur,« versuchte sie von neuem eine Annäherung, »was bedeutet eigentlich das Wort Orchidee?« Der Zöllner zuckte zusammen: »Das kann ich Ihnen nicht sagen, Frau Bürgermeister!« »Wissen Sie es nicht?« »Ja ... aber ich kann es Ihnen nicht sagen.« Beleidigt wandte sie sich an ihren Nachbar zur Rechten: »Würden Sie vielleicht die Güte haben, Herr Stiftspropst?« »Was soll ich?« »Mir sagen, was das Wort Orchidee bedeutet.« Der alte Herr errötete bis unter sein weisses Haar: »Es ist ein griechisches Wort ...« sagte er. »Ja, aber was bedeutet es?« »Das ... das kann ich nicht sagen ...« Im selben Augenblick kam eine von den Baumwollbehandschuhten zum zweitenmal mit dem Fisch. Hansen Hochrippe und das Versuchskaninchen waren die einzigen, die sich bedienten.   Fräulein von Löwenfeldt hatte endlich den Blick des Försters gefangen und hielt ihn fest. Er erhob sein Glas und trank ihr zu. »Der Förster will Ihnen zutrinken, Herr Bürgermeister ...!« sagte sie und wandte das Gesicht ab. Nach dem Fisch kam Rinderfilet mit Bearnaise. Das Schwatzen und Lärmen steigerte sich ... ebenso die Temperatur.   »Konsul!« rief der Kammerherr und erhob das Champagnerglas. »Sie trinken auch Louis Roederer extra Dry, wie ich sehe!« »Selbstredend, Herr Kammerherr ...! Gestatten Sie ...?« »Ist mir eine Ehre ...!« Sie leerten die Gläser. »Ah–h!« nickte der Kammerherr. »Süperb! Der einzige, den man überhaupt trinken kann!«   Hansen Hochrippe erhob sich (ein wenig rot und schwankend), um das Wohl des Geburtstagskindes auszubringen. »Diese Bauern drängen sich doch auch überall vor!« murmelte der Stiftspropst. Er hatte sich auch auf eine Rede vorbereitet. Der Folketingsabgeordnete begründete sein Candatio dahin, dass Konsul Wäver ein Mann sei, der an der Spitze der Bewegung gehe (dies spielte auf des Konsuls Übergang von der stockkonservativen Partei zu der gemässigten Linken an) ... ein Mann, der an der Spitze der Bewegung gehe also, und ein Mann, der der Stadt Grossstadtschwung verleihe durch seine Persönlichkeit, sein Geschäftstalent, seine Bank, seine noble Wohnung, seine reiche Geselligkeit, seine üppige Geselligkeit... und er schloss seine Rede mit den Worten: »Früher mussten wir Bauern immer mitgebrachtes Butterbrot in einer kleinen Stube vor dem Kontor des Kaufmanns essen; jetzt werden wir an die Festtafel gesetzt und zusammen mit anderen Honoratioren bewirtet! Das ist die neue Bewegung, und an der nimmt Konsul Wäver als Erster mit teil; und dafür spreche ich ihm meinen Dank aus! ... Herr Bankdirektor, Konsul und Kaufmann Hagbart Wäver lebe hoch!« Als die Hurrarufe verstummt waren, legte sich für eine Sekunde eine Totenstille über die Versammlung. Aber dann sagte die Konsulin ... sie sagte es nicht gerade laut, aber bei dem allgemeinen Schweigen klang es weit durch den Saal: »Ich wollte eigentlich Tafelmusik haben!« sagte sie. »Nein, nein!« »Ja, doch!« »Nein, dann hätte man ja sein eigenes Wort nicht hören können!« ertönte es ringsumher. Und die Unterhaltung stieg von neuem ausgelöst zur Decke empor. »Haben Sie gehört, dass ein Zirkus in die Stadt kommt?« »Ist es der des Barons?« »Ja.« »Haben Sie aber auch gehört, wer mit dabei ist?« »Nein ...« »Alvilda Magei!« »Wer ist denn das?« »Frau Sörensen ...! Die Pastorin ...! Sie ist ja Kunstreiterin geworden.« »Was Sie sagen , Fredriksen!« »Ja ... Ihr Vater ist auch so was gewesen.« »Haben Sie das auch schon gehört, Herr Stiftspropst?« »Nein, das wusste ich wirklich nicht ...« »Und Fräulein von Löwenfeldt auch nicht?« »Nein ...« »Ah, englischer Sellerie mit Mark!« »Das war ja ein förmlicher Stierkampf, ha, ha, ha!« »Ist das wirklich wahr, Herr Kammerherr?« »Auf Ehre! ... Der Hirtenjunge hat das Ganze mit angesehen; und er hat es dem Futtermeister erzählt.« »Gott! ...« »Wie tragen die Malersleute dadraussen den Selbstmord des Sohnes?« »Weltfrieden! Weltfrieden! Ich pfeife auf den Weltfrieden!« »Ein Land muss doch seine Selbständigkeit verteidigen!« »Die erste Pflicht der Frau ist, wohlgestaltet zu sein, Herr Gutsbesitzer; zum Teufel auch mit den Kleidern!« »Rebhühner! Jetzt gibt es Rebhühner!« »Ja, ich habe auch einmal gedichtet ... es war eine Komödie ... ›Des Königs Handschuh‹ hiess es ... und ich bin selbst darin aufgetreten ... Haben Frau Etatsrätin nicht davon gehört ...?« »Wollen Sie mir nicht, bitte, sagen, was Orchidee bedeutet, Herr Stiftspropst?« »Ich wage es, nicht, Frau Bürgermeisterin ... ich wage es nicht ...!« »Frejlif! Du musst Fräulein Meincke nicht belästigen!« »Und stellen Sie sich vor, er nennt sie Thorwald!« »Und wir hier in der Stadt, die wir so rein sind!« »Dass sich der alte Birk in diese Hundewirtschaft der Solberg finden will!« » Haben Sie nie geliebt ?« »Ja, mordsmässig!« »Sie sind allerliebst, die beiden kleinen Fräulein Meincke.« »Es ist ein Nierenpräparat, Frau Stiftspröpstin.« »Eine Dame geht nur bis an den Gürtel; und dann fängt sie wieder bei den Knien an ... Gott mag wissen, wie sie es anstellt, Kinder zu kriegen!« »Aber sehen Sie doch mal Hansen Hochrippe! Was hat er nur einmal! Ist er betrunken? Er ist ganz grün im Gesicht!« »Strassburger Gänseleberpastete in Aspik ... Was ist Aspik eigentlich ...?« »Das arme Fräulein von Löwenfeldt! Erst die Pastorin und jetzt die Konsulin!« »So eine Schlemmerei!« »Waren da Austern in der Sauce?« »Ein blindes Huhn kann auch einen Hahn finden!« »Trinken Sie keinen Champagner, Herr Bürgermeister?« »Aber sehen Sie doch nur den Folketingsabgeordneten! Ich glaube, er muss sich übergeben!« »Aber du grosser Gott, so ein Skandal!« »Ja, da haben Sie, weiss Gott, recht!« Kammerherr Löwenfeldt schlug an sein Glas, erhob sich und brachte ein Wohl auf seine »schöne Tischdame, die ewig junge Konsulin, die Gattin, die Mutter, die gastfreie Wirtin« aus ... Nach einer Weile bat Obergerichtsrat Ivar Petersen die Gesellschaft, ein Glas auf den Sohn zu leeren, auf »die junge Hoffnung, den bisherigen einzigen Zukunftsträger des Familiennamens«. Dann kamen die Fausthandschuhe mit dem Dessert: Omelette surprise, Trauben, Nüsse, kandierte Früchte, Schokolade und Konfitüren ... Sherry, Madeira, Portwein ... Noch ehe der Kaffee getrunken war, taten sich die Flügeltüren zum Gartensaal auf; der Tanz sollte beginnen. Zwei Violinen, eine Flöte und ein Klavier arbeiteten aus Leibeskräften drauflos ... Line Meincke war dem jungen Wäver glücklich entronnen und sass nun da und plauderte und lachte zusammen mit der Schwester und Christian Werner, die bei Tische nebeneinander gesessen hatten. Da stand das Versuchskaninchen plötzlich wieder vor ihr: »Gnädiges Fräulein!« sagte er und legte ihren Arm in den seinen, »wir wollen den Ball eröffnen!« »Ich habe Christian Werner versprochen, mit ihm zu tanzen,« entgegnete sie schnell. »Man tanzt den ersten Tanz mit seinem Tischherrn. Werner muss mit Ihrer Schwester tanzen ...« Line entzog ihm ihren Arm: »Ich bin müde ... ich möchte lieber warten ...« Aber er fing sie ein und beugte sein Gesicht dicht über das ihre. Line stiess einen Schrei aus und rang, um sich zu befreien. »Aber Frejlif! Wie benimmst du dich einmal gegen die junge Dame!« Die Konsulin war herbeigeeilt. Sie kannte die Unbeherrschtheit des Sohnes von den Klagen der Mädchen. Der Junge wandte sich nach ihr um. Seine Froschaugen funkelten boshaft: »Kümmere du dich um deinen Förster!« sagte er und zog mit Line in den Ballsaal ab. Die Jugend schloss sich an, Paar auf Paar, durch den ganzen Saal. Christian des Siebzehnten Honneurmarsch wurde gespielt. »Und hier steht des Hauses schöne Wirtin so einsam und allein ...!« sagte Hansen Hochrippe; er kam blass und schweisstriefend von der Diele herein. »Könnten Sie mir nicht eine gute, starke Tasse Kaffee verschaffen, Frau Konsul?« »Ja, ja ... ich will sofort ...!« und die Konsulin eilte durch die Zimmer. »Da ist der Folketingsabgeordnete ... Da ist Hansen Hochrippe ... Dann ist er also doch damit fertig geworden!« flüsterte man ringsumher in den verschiedenen Gruppen. »Ja, wir fanden ihn draussen im W.C.; er lag auf den Knien und ... rin in die Kumme!« belehrte O. W. Fredriksen. »Wir wollten, dass er sich ein wenig auf die Chaiselongue legen oder nach Hause fahren sollte ... Aber – glauben Sie wohl, dass der Mann das wollte!« »Und einen Kunjak!« rief der Folketingsabgeordnete der entfliehenden Frau Wäver nach. »Einen Kunjak zum Kaffee, liebe Frau Konsul!« Elegant, stilvoll, englisch kam der Konsul aus dem Herrenzimmer gegangen. Er hielt vier Karten fächerförmig in der ausgestreckten Hand: »L'hombre?« fragte er. »Whist? Bridge?« Aus dem Gartensaal schallten taktfeste Klaviertöne. Jetzt tanzte man dort Polka. Gleich in der Tür sass die Bürgermeisterin, umringt von fünf bis sechs Damen. Sie ragte zwischen ihnen auf wie die Stange einer Plat de menage und krallte die Augen in die Tanzenden, während sie vorüberkamen. »Na,« sagte sie. »So haben sie sich doch endlich gefunden!« Die Damen folgten ihrem Blick. Förster Treschau und Fräulein von Löwenfeldt hatten ihr Interesse erregt. Stumm glitten sie über das Parkett hin. Ein schönes Paar, gross und schlank, wie füreinander geschaffen. Sie lag hingebend in seinen Armen, den Kopf leicht zurückgelehnt, bleich, die Augen halb geschlossen, während der lange Buschmannbart des Försters gleichsam liebkosend über ihren entblössten Hals hin und her strich. »Nein!« sagte die Bürgermeisterin. »Dies ist denn doch ...!« »Und sehen Sie nur die Konsulin!« flüsterte Frau Obergerichtsrat Petersen. »Sehen Sie doch die Konsulin!« »Dass sie sich nicht beherrschen kann!« sagte die Maklerin Blom. Frau Wäver stand in der Tür zum Wohnzimmer, wie hypnotisiert von dem tanzenden Paar. »Mutter!« rief Frejlif, der mit dem jüngsten Fräulein Blom vorüberraste. »Mutter!« rief er und lachte quäkend. »Bist du in Trance verfallen?« Die Konsulin machte hastig kehrt und verschwand. Hansen Hochrippe hatte sich mit seinem Kaffee und Kognak im Boudoir installiert. Jetzt war er wieder ganz Herr seiner selbst. Die Farbe auf seinen Wangen war wiedergekehrt. »Adel, Geistlichkeit, Bürger und Bauer!« lachte er verschmitzt, während er auf Kammerherr Löwenfeldt, Stiftspropst Wedel, Bierbrauer Sandberg und sich selbst zeigte. »Früher wäret ihr es ... jetzt sind wir es!« »Politik ist Schwindel!« sagte der Stiftspropst, »ich habe nie Lust gehabt, mich mit Politik zu befassen.« »Wenn der Bauersmann zu Ehren kommt, weiss er nicht mehr, was ihm geziemt und frommt!« zitierte Löwenfeldt mit dunkelrotem Kopf. »Ja, das weiss er wohl, Kammerherr, das weiss er sehr wohl,« wieherte Hochrippe. »Er lässt euch reden, und dann handelt er inzwischen!« »Handelt, ja! Aber wohl kaum zum Vorteil für andere als sich selbst!« »Wart ihr etwa die reine Aufopferung, als ihr am Steuer sasset?« »Wird hier über Politik geredet?« fragte der Konsul, der ruhig und lächelnd aus dem Salon kam. »Das ist eigentlich verboten!« Hansen Hochrippe erhob sich: »Ja,« lachte er, »Sie haben recht, Konsul! Es ist auch amüsanter, die kleinen Mädchen dadrinnen mal rumzuschwenken!« Aber als er an die Tür gelangt war, wandte er sich um: »Aber wenn wir Sie nun auch erst aus dem Landesting herausgeworfen haben, lieber Kammerherr, was dann? He?« Der Kammerherr wusste in seiner Not nichts anderes zu antworten, als sein Zitat von vorhin zu wiederholen: »Wenn der Bauersmann zu Ehren kommt,« rief er, »weiss er nicht, was ihm geziemt und frommt!« »Politik ist Schwindel,« sagte der Stiftspropst. Nur Bierbrauer Sandberg, der sich bisher dick und stumm verhalten hatte (er war Mitglied des Stadtrats), kam mit etwas wirklich positiv Neuem zum Vorschein: » Ja, ja !« sagte er, und sein Ton klang so, als wolle er durch diese seine Äusserung nicht nur sich, sondern auch die ganze Menschheit zugleich beruhigen. »Ja, ja, aber Bier wollen, weiss Gott, alle Parteien haben ...!«   Am L'hombretisch im Herrenzimmer sassen Eisenhändler Fredriksen, Makler Blom, Obergerichtsrat Ivar Petersen und Rektor Freitag. Es wurde Whisky und Sodawasser gereicht. Die weissbemützten Stubenmädchen hatten die Fausthandschuhe ausgezogen. Niemand wusste warum. »Ja, man sagt so viel!« meinte der Makler. »Die Gerüchte sind ja nun schon seit Jahren im Umlauf,« sagte der Eisenhändler. »Und man gibt doch nicht solche Gesellschaften, wenn man aus dem letzten Loch pfeift.« »So–o?« nickte der »Topf« zweifelnd. – »Und dann der Schwiegervater, der sich nie hier im Hause blicken lässt.« Der Rektor rückte den Kneifer zurecht: »Der alte Birk ist in diesem Punkt monoman! ... Sie spielen aus, Obergerichtsrat!« Und dann spielte man eine Weile schweigend. »Und dieser Hansen Hochrippe, was soll der hier eigentlich?« begann dann Blom. »Er hat ja mit den Banken dadrinnen im Reichstag zu tun ... Und dann hiess es ja, er würde mit einem Ritterkreuz für das Geburtstagskind kommen.« »Ist ihm aber gar nicht eingefallen!« »Ne – diese Bauern haben eine feine Nase gekriegt, jetzt nach dem Krach mit dem Minister.« »Ach, Unsinn, Petersen! Sie wollen doch nicht sagen ...« »Ja, weiss Gott, will ich das sagen ...! Hansen Hochrippe war gestern bei mir, um ...« »Nun, wie geht das Spiel, meine Herren?« Konsul Wäver erschien in der Tür, lachend und zutrauenerweckend. Er war ein vorzüglicher Wirt. Ging von einem Salon in den andern; liess hier ein Wort und dort ein Wort fallen; unterhielt die Damen, klopfte die Herren kordial auf die Schulter, verschaffte den jungen Mädchen Tänzer; alles ruhig, würdig, stilvoll, englisch. »Bekommen Sie auch Whisky, meine Herren?« »Ja, danke, danke!« Er stand eine Weile da und sah dem Spiel zu, dann ging er zu den Nächsten.   Im Gartensaal wurde »gesteppt«. Das »Versuchskaninchen« sprang an der Spitze mit dem jüngsten Fräulein Blom, die sich williger zeigte als Line. Er war im Esssaal gewesen und hatte eine grosse Handvoll Orchideen gesammelt, und nun flogen alle die jungen, Achtzehn- bis Neunzehnjährigen herum, mit dieser seltsamen Blume geschmückt. »Schneller! Schneller!« rief der junge Wäver und hampelte und zappelte mit den schlackerigen Armen und Beinen. »Schneller! Schneller!« Und das Tempo wurde beschleunigt. Hansen Hochrippe stand wie gebannt da und sah zu. »Phänomenal, wie er kann , der junge Wäver!« Aber die Konsulin rief: »Frejlif, Frejlif! denke an deine Zufälle!«   Knagsted kam an der Gruppe der Bürgermeisterin vorüber und hörte sie eine giftige Bemerkung über den verstorbenen Hother Neumann machen, den sie beschuldigte, sich das Leben genommen zu haben, weil er bei Unzucht mit einem Schulkameraden ertappt worden war: »Aber daran sind die Eltern ja selbst schuld,« endete sie, »mit all ihrem Sonnengebade!« Der Zöllner blieb stehen. Sein Zornesbüschel sprühte Funken. Er hatte die grösste Lust zuzuschlagen ... Im selben Augenblick, als sie ihn erblickte, ging die Bürgermeisterin in einen andern Ton über und fragte katzenfreundlich: »Sie tanzen nicht, Herr Zollkontrolleur?« »Nein,« sagte Knagsted, »ich leide an Plätschern im Herzbeutel, Frau Bürgermeister.« »An Plätschern im ...« lächelte sie unsicher. »... im Herzbeutel, ja!« wiederholte er. »Das ist eine Krankheit, die bei älteren Stieren recht allgemein ist.« Die Bürgermeisterin rückte unruhig auf ihrem Sitz hin und her: Hatte er ...? Du grosser Gott! Und wollte er ...? Hier mitten in der Gesellschaft ... Aber der Zöllner begnügte sich damit, ihr verschmitzt zuzulächeln und zu sagen: »Und dann können sie ja doch nicht tanzen ...« Als sie in ihrer Bestürzung nichts hierauf erwiderte, fügte er grimmig hinzu: »Nicht wahr, das können die Stiere doch nicht?« »Nein, nein!« sagte sie. »Nein, nein!« Er sah ihr lächelnd in die Augen: »To–re–a–dor, ver–tei–dige dich ...!« sang er aus »Carmen«. Und dann drehte er sich auf dem Absatz um und ging. »Ungezogener Mensch ...!« fauchte die Bürgermeisterin ihm nach. Und ihre Leibwache gab ihr recht ... freute sich aber in ihrem Herzen. Die Geschichte von dem Stier war schon längst in der ganzen Stadt ausposaunt. »Und dann rennt der alte Affe da mit diesen beiden langen Dirnen aus Abildtorpegaard herum!« endete die Bürgermeisterin logisch.   In der Ecke bei der Musik entstand grosser Lärm und lautes Gelächter; man klatschte in die Hände und rief Bravo. Hansen Hochrippe hatte dort eine Schar junger Damen und Herren um sich versammelt und deklamierte ein Trinklied aus »Des Königs Handschuh«. »Das hab' ich selbst gedichtet!« rief er seelenvergnügt. »Das hab' ich vor vierzig Jahren selbst gedichtet!« Bravo! Bravo! lange lebe das Folketing!   Die Musik setzte wieder ein. Der Tanz wurde freier, zügelloser, der Lärm immer lauter. Christian Werner hatte sich vor einer korpulenten, üppig strotzenden Gutsbesitzersfrau, einer Nachbarin von Storgaarden, verbeugt. Aber sie hatte ihm einen Korb gegeben. Jetzt kam er ganz geschlagen zurück. »Bist du verrückt, Werner, die aufzufordern?« sagte der junge Wäver und packte ihn beim Rockaufschlag. »Kannst du denn nicht sehen, dass sie zum Platzen voll von Jungen ist?« »Aber Frejlif! ...« kicherte das jüngste Fräulein Blom. Das Versuchskaninchen schlang die Arme um sie und zappelte mit ihr in den Saal hinein: »Küss mich ...!« flüsterte er. Und sie hielt ihm bereitwillig die Wange hin. Ihre Mutter hatte gesagt, sie sollte ein wenig freundlich gegen den jungen Wäver sein. Es wäre wirklich unrecht, dass ihn immer alle so aufzögen ...   Um zwölf Uhr wurde ein leichtes Souper serviert. Um zwei Uhr brach man auf. Die drei Automobile der Stadt waren in unaufhörlicher Wirksamkeit ... »Du musst dafür sorgen, dass Treschau mit uns fährt!« »Ja, aber liebste, beste Michaela ...« »Er soll mit uns fahren!« Der Kammerherr sah unglücklich aus. Aber das Verhältnis zwischen ihm und der Tochter war nun einmal der Art, dass er sich ihrem Willen beugen musste. Dann schloss sie ihrerseits auch einmal die Augen, wenn es nötig war. »Und er soll auf dem Bock sitzen!« Das Fräulein hatte den Förster und die Konsulin einen flüchtigen Händedruck hinter einer Portiere wechseln sehen. »Förster!« rief der Kammerherr. »Jawohl, Herr Kammerherr ...« »Sie fahren mit uns!« »Sehr gütig ... aber ...« »Ich habe noch etwas mit Ihnen zu besprechen.« »Ja ... ja ... Aber da ist sonst Platz für mich in Gutsbesitzer Werners Wagen, und mein Fuhrwerk steht in Storeholt.« »Das können Sie morgen abholen.« »Ja ... ja ... wenn Herr Kammerherr befehlen ...«   Fräulein von Löwenfeldt sass bereits im Landauer, als die Herren herunterkamen. Der Kammerherr setzte sich zu ihr und zog die Tür zu: »Sie ... Sie können sich neben den Kutscher setzen, Treschau ...« stammelte er. »Der Platz hier drinnen ist so beengt.« Aber dies war dem Förster denn doch zuviel. Mit einem raschen Griff öffnete er die Wagentür und stieg ein: »Herr Kammerherr wollten ja mit mir sprechen ...« sagte er. Und dann setzte sich die Kutsche in Bewegung.   »Schläfst du, Theodor?« »Nein ...« Die Bürgermeisterin wandte sich nach ihrem Mann um, der winzig klein und zusammengesunken in der von ihr am weitesten entfernten Ecke sass. Das Automobil schaukelte dahin, der Stadt zu. Es war dunkel. Die Laternen der Villenstrasse waren ausgelöscht. Das Fuhrwerk machte einen Plumps auf seinen Gummireifen in ein Loch hinein und sprang wieder heraus. »Du solltest doch wirklich für bessere Pflasterung sorgen, Theodor!« »Damit habe ich nichts zu tun!« »Bist du denn nicht Bürgermeister?« »Nein, das bist du ...« Es entstand eine längere Pause. »Weisst du, was das Wort Orchidee bedeutet?« fragte Frau Rosenbaum dann. »Nein ...« »Hast du denn nicht Griechisch gelernt?« »Ja, ... aber ich habe es wieder vergessen ... Weisst du es denn?« »Ja ...« »Na, das muss ich sagen!« »Ja, du sagtest aber doch eben, dass du es nicht wüsstest!« »Freilich ... ich meinte, dass eine Dame ...« »Stell dir vor,« unterbrach sie ihn voller Empörung, »plötzlich fragt mich dieser unerzogene Kerl ...« »Wer?« »Dieser Knagsted natürlich! Du hast doch gesehen, dass ich ihn zu Tische hatte!« »Nun, und was hat er getan ...« »Er fragt mich, ob ich wüsste, was das Wort Orchidee bedeutet ...« »Nun?« »Und ich sage natürlich in meiner Unschuld nein.« »Hm!« »Und da erzählt er es mir!« »Ja ... mein Gott ...« » Mein Gott ...!?« »Ja, ich meine ... eine alte verheiratete Frau ...!« »Einer fremden Dame! « »Du brauchst ja nicht danach hinzuhören ...« » Hinzuhören! ? Wenn der Mensch es mir gerade ins Gesicht sagt!« »Tja ...« Pause. »Soviel ich gesehen habe, sprachst du gar nicht mit dem Folketingsabgeordneten?« »Nein, worüber sollte ich wohl mit ihm sprechen?« » Seine Partei ist aber doch am Ruder!« »Ja, was soll mir das nützen?« »Du bleibst dir doch auch immer gleich, Theodor!« Abermalige Pause. Das Automobil war durch die Stadt gelangt. Und erst, als es sich der Bürgermeisterwohnung näherte, erhob Frau Rosenbaum abermals ihre Stimme, indem sie zum Fenster hinaufzeigte: »Und da ist Licht bei ihm!« »Licht ...?« fragte der Bürgermeister. Er war in ein angenehmes Schweigen versunken. »Ja ... Da sitzt natürlich sein ›Thorwald‹ auf und erwartet ihn!« »Das ist ja sehr hübsch von ihr ... Du gehst immer zu Bett, wenn ich im Klub bin.« »Du willst mich doch wohl nicht mit der vergleichen!« »Nein, nein, nein! So, da wären wir gottlob zu Hause!« Als das Ehepaar sich entkleidet hatte und im Begriff war, die Nachtgewänder anzulegen, sagte die Bürgermeisterin: »Du, Theodor, du musst mit niemand über diese Geschichte mit den Orchideen reden; es ist besser, wenn sie je eher, je lieber in Vergessenheit gerät ... Und das ist ja auch für den Zollkontrolleur das beste.« »Wie du willst ... Gute Nacht!« »Gute Nacht, lieber Theodor! ... Ich will das Licht schon auslöschen.«   Nach einer Weile ertönten draussen auf dem Wege Schritte. Es war der Zöllner Knagsted. Er zog es vor, aus Gesellschaften nach Hause zu gehen ... »das Gequatsche wegtraben« nannte er es. »Hast du die Anschlagzettel noch nicht gesehen?« »Nein; ich rühre mich ja in dieser Zeit ungern, wie du weisst. Sind sie schon angekleistert?« »Ja; und da steht sie mit grossen, roten Buchstaben: Mademoiselle Magei als Gast! « »Und das ist die Pastorin?« »Das ist die Pastorin, ja,« nickte die Elster, »so hat ihr Vater geheissen. Und Pastor Sörensen und die Tochter sind, soviel ich weiss, heut morgen ausgeritzt, um sie nicht von Angesicht zu Angesicht zu sehen, wie er selbst sagt.« Madam Svendsen, oder wie sie jetzt hiess, aber nie genannt wurde: Madam Terkildsen, faltete die Hände über ihrem ungeheuren Bauch (sie war hochschwanger) und sagte: »Wie ich ihm das gönne, diesem Pastor Sörensen; er war ja geradezu unverschämt, als ich und Terkildsen bei ihm waren, um das Aufgebot zu bestellen.« »Hast du ihm nich seine eigene Geschichte mit der Frau unter die Nase gerieben, als Alvilda unter Kriminell war?« »Ne ... man soll ja Achtung vor der Geistlichkeit haben ...« »Ja, und das machen sie sich zunutze.« Die Damen sassen in einer Ecke des Schenklokals »Das kalte Bein«. Es war jetzt zu herbstlich, um sich im Garten aufzuhalten. Der lag leer und öde da. Die Schaukel war heruntergenommen und weggelegt. Die Prahlbohnen an der Laube waren verwelkt ... »Morgen wird das Zelt aufgeschlagen,« fuhr Rikke fort. »Und Freitag ist Premiere. Was der Baron für einen Besuch kriegt! All die teuren Plätze sind schon bei Buchhändler Ingerslev ausverkauft, sagen sie.« »Kannst du mir nich den Strumpf geben, der da auf dem Tisch liegt, Rikke ...« Rikke hinkte hin und holte den Strumpf: »Ist der für Bernhard? Ne, was für Puppenfüsse, hack, hack ...« Madam Svendsen hatte also ihren Pikkolo geheiratet. Sie war gut vierzig Jahre alt; er neunzehn und ein halbes. Auf irgendeine Weise war sie schwanger geworden, halte ihren Kellner als Vater des Kindes angegeben und ihn geheiratet. Diese Ehe hatte Eisenhändler Fredriksen und Bierbrauer Sandberg je zweitausend Kronen gekostet. Aber der Pikkolo ging nach wie vor klein, klug und fürsorglich im Geschäft umher; und es war keine weitere Veränderung in dem Verhältnis zwischen ihm und seiner Herrin zu merken, als dass sie du zueinander sagten und sie ihn Terkildsen nannte. Machte jemand einen Witz über die Ehe, so lächelte er nur. »Das ist doch wahrhaftig Vielweiberei, Bernhard,« grinsten die Gäste. »Du solltest einen Teil von ihr zu Schrebergärten vermieten!« Aber Bernhard liess sie grinsen. Das hatte wohl einmal ein Ende. Er sass solide und geborgen als Wirt im Lokal. Und viele beneideten ihn ... »Wie geht es mit Hundertundelf?« fragte die Elster. Madam Marthe sandte ihr einen wütenden Blick zu: »Gut ... Glaubst du, dass ich ihn sonst hier behielte?« »Trinkt er noch immer ebenso schlimm?« »Was schert dich das? Geht dir dadurch was ab?« »Ne ...« Es war Madam Svendsens wunder Punkt, dass ihr Knirps von Mann es durchgesetzt hatte, den Grossvater zu sich ins Haus zu nehmen. Dem Alten war eine kleine Hinterkammer eingeräumt, und er erhielt Kost und Reinlichkeit, wofür er Hof und Strasse fegen, tünchen, malen und nach besten Kräften Tischlerarbeit verrichten musste. Und Hundertundelf war rührend dankbar. Man erzählte sogar, er habe in seiner Freude versucht, das Trinken nachzulassen. Aber das ging wohl über sein Vermögen ... »Wie ist eigentlich das Geburtstagsfest neulich bei Konsuls verlaufen?« fragte Marthe. »Hm–ja!« krächzte die Elster. »Er, dieser Reichstagsabgeordnete, den sie aus der Hauptstadt hatten herübertransportieren lassen, soll sich ja fürchterlich besoffen haben. Man erzählt, vier Mann hätten ihn in den Wagen tragen und nach dem Hotel fahren müssen ... Acht Stubenmädchen hatten sie zum Aufwarten, mit Handschuhen!« » Acht ...!« »Sie sagen, zur Belustigung für die Herren.« »Ja, wenn die Mannsleute erst was in den Gläsern haben, denn ... Sie könnten sich ja übrigens an ihre eigenen halten!« »Nein, das is nich Mode in den Kreisen ...« Rikke schielte zu der Freundin hinüber. »Eisenhändler Fredriksen und Bierbrauer Sandberg waren auch da.« »So?« Marthe sah ganz uninteressiert aus. Der Pfeil hatte seine Wirkung verfehlt. »Er soll ja den Kammerherrn und den Bürgermeister und den Stiftspropst beleidigt haben.« »Wer?« »Er, der Reichstagsabgeordnete.« »Ja, jetzt regieren die Bauern nun einmal; und wozu sollten sie sonst auch wohl ihre Macht gebrauchen. Die Grossen haben sie ja ihrer Zeit genug kujoniert.« »Hm – ja! Hack, hack! Die Geschichte mit der Bürgermeisterin und dem Stier vom Kammerherrn hast du doch gehört?« »Ja, ha, ha, ha! Dass er ihr ein Horn reingejagt hat!« »Und sie quer durch die ganze Stadt und auf den Markt getragen hat! Hack, hack!« »Ich mein', ich hab' gehört, der Förster wär' dagewesen?« »Ja, nu is die Konsulin ja nach ihm aus.« »Was sagt sie denn dazu, ›Michaela‹!« »Ja und die Pastorin, die nu herkommt!« »Die werden sich wohl in die Haare geraten!« »Hack, hack! Ja, das werden sie wohl tun!« Marthe konnte im innersten Innern ihres Fleisches ihre liebe Freundin eigentlich gar nicht ausstehen. Aber es war ihr auch nicht möglich, ohne sie fertig zu werden. Rikke wusste immer so viele herrliche Neuigkeiten ... Die Tür nach dem Hof wurde geräuschlos ein wenig geöffnet. Hundertundelf guckte herein, die Priemjauche floss ihm dreisträngig über das Kinn herab: »Ist Bernhard hier?« fragte er. »Nein!« sagte die Madam kurz. »Na...« Die Tür schloss sich lautlos wieder. Hundertundelf verschwand. Rikke sah ihm nach: »War das ein gut gewachsener Kerl, seinerzeit!« sagte sie. »Das musst du ja wissen!« höhnte die Freundin. Die Fabrikpfeifen pfiffen zwölf. »Jo–se–fi–ne!« rief die Madam. »Ja–h ...« schrie es aus der Küche heraus. »Die Uhr is zwölf!« »Das weiss ich selbst!« »Denn muss ich wohl machen, dass ich wegkomm...!« versuchte die Elster zaghaft, in der Hoffnung, dass eine Einladung zum Mittagessen erfolgen würde. »Ja, das musst du wohl ... Solltest du Terkildsen zufällig sehen, dann sag ihm, er sollt' sich sputen; nu kommen die Gäste, die hier Mittag essen.« Rikke nahm die Krücke unter den Arm und stakte sich enttäuscht durch das Lokal von dannen: »Adieu!« »Adieu! ... Und vergiss auch nich das mit Terkildsen!« Marthe wandte nicht einmal die Spitze ihrer Nase nach der Freundin um. »Die fette Sau ...!« murmelte die Elster und schlug die Glastür klirrend hinter sich zu.   Vor dem Zelt hingen zwei milchweisse, elektrische Kuppeln. Die schwankten im Oktobersturm und schimmerten matt; drohten zuweilen ganz zu ersterben, nahmen sich aber dann mit einem Aufflackern zusammen und kehrten ins Leben zurück ... Das Publikum strömte herein. Das Haus war ausverkauft. Selbst Madam Svendsen war in ihrem ganzen Umfang erschienen. Gross und schwanger sass sie in der ersten Reihe mitten vor dem Eingang. Und so neckisch hatten die Götter – oder Buchhändler Ingerslev? – es eingerichtet, dass zu ihren beiden Seiten rechts Eisenhändler Fredriksen und links Bierbrauer Sandberg sassen. Im übrigen war die »ganze Stadt« anwesend, um ihre ehemalige Pastorin zu Pferde auftreten zu sehen. Den Skandal wollte man sich doch nicht entgehen lassen. So ein Unterhaltungsstoff! Selbst der alte P.A. Birk mit Kanone und Haushälterin hatte sich eingefunden ... »Du grosser Gott!« sagte die Maklerin Blom. »Du grosser Gott!« »Dass der Bürgermeister das nicht verboten hat!« sagte die Konsulin Wäver. »Mein Mann wollte es verbieten!« erklärte Bürgermeisterin Rosenbaum. » Aber er konnte es nicht. Es gibt keinen Paragraphen!« »Nein!« sagte die Spiel-Plockros, »etwas so Undenkbares ist noch nie vorgesehen worden!« Die Musik stimmte an. Horn und Trommel. Die erste Nummer war der Baron-Direktor, der die Hohe Schule ritt. Lang, klapperdürr – eine Knochensammlung in schwarz und weiss – sass er bleich und gepudert auf seinem kostbaren Ross. Aber er ritt vorzüglich. Sass wie eine Statue im Sattel und leitete den Tanz des Pferdes durch unsichtbare Bewegungen von Hand und Knie. »Bravo! Bravo!« wurde gerufen. »Bravo! Bravo!« ... Und man klatschte. Und er beugte vornehm den adeligen Rassekopf, während er mit der spielenden Reitpeitsche unter dem brausenden Beifall des Publikums sein Pferd in die Knie zwang. Die nächste Nummer: » Der beflügelte Reiter « wurde von den beiden weltberühmten Clowns, Gustav und Leopold, ausgeführt. Leopold trug, an den Schultern befestigt, zween weisse, silberschimmernde Pappflügel. Er kletterte auf Gustavs Rücken und ritt feierlich mehrmals in der Manege herum, während er mit grosser Fingergeschicklichkeit seines Lehrmeisters (und vieler anderer) Tricks und Volten nachahmte. – Bis schliesslich Gustav des Spiels überdrüssig wurde und hinten ausschlug, so dass Leopold abfiel und die Flügel brach ... Wir lassen ihn liegen ... Die dritte Nummer waren einige japanische Jongleure (in Vejle geboren), die sich selbst wie auch das Publikum zu langweilen schienen ... Man wartete ungeduldig auf den Clou des Abends: Die Flucht der Sylphide . Geritten von Mademoiselle Magei als Gast. So gespannt war man auf die Begebenheit, dass Nummer vier, zwei ältere Damen und ein jüngerer Herr am Trapez, beinahe ausgezischt wären. Endlich war der Augenblick da. Es wurde totenstill in der Versammlung. Die Musik spielte einen träumerischen, ruhigen Walzer. Der Vorhang vor dem Künstlereingang wurde zurückgezogen, und die Pastorin ritt herein, in fleischfarbigem Trikot und paillettenbesetzten Florröcken, auf einem milchweissen Passgänger unbestimmbaren Alters. Sie stand auf einem breiten, goldgestickten Sattel und hielt sich krampfhaft fest an einem Paar stark verschossener Purpurzügel. Keine Hand rührte sich unter den Zuschauern, stumm sassen sie da, boshaft, abwartend ... Mademoiselle Magei neigte grüssend den Kopf und lächelte hilflos, als flehe sie um Schonung. Das Haar, das hell champagnergelb gefärbt war, umwogte zwanglos die entblössten Schultern; und um ihre Stirn lag ein Kranz von rosa Stoffrosen. Gemalt und geschminkt war sie zum Übermass. Aber so rührend sah sie aus in ihrer Verzagtheit, dass die männlichen Zuschauer ringsumher auf ihren Plätzen gern applaudiert und Bravo gerufen hätten, wenn sie es vor ihren Bräuten und Frauen gewagt hätten. »Und sie hat in unsern Stuben verkehrt!« flüsterte die Bürgermeisterin. »Sie hat sehr verloren!« bemerkte die Plockros mit Wonne. »Still!« sagte die Konsulin. »Jetzt soll sie tanzen!« Die Musik wurde lebhafter. Der Baron trat vor und knallte mit seiner langen Peitsche. Es klang wie Pistolenschüsse. Der Milchweisse ging in einen hinkenden, gichtschwachen Galopp über. Und Frau Alvilda Sörensen, geb. Magei, hub an zu tanzen ... Unter den Zuschauern aber war ein Mann, der halbverborgen auf einer der hintersten Reihen gesessen hatte, der stand auf und schlich hinaus. Es war der Zollkontrolleur Knagsted ... Und doch sollte Mademoiselle noch über blumengeschmückte Girlanden und durch brennende Tonnenreifen springen ... um dann schliesslich von dem Jockei Monsieur Alfredo eingefangen zu werden. Der Baron-Direktor stand in Vormittagsanzug da: grossgewürfelte Joppe, gelbe Reithosen, Sportsmütze, langschäftige Stiefel, und »rührte« den Milchweissen, der unter anderen Altersbeschwerden auch an Kolik litt. Sein bleiches Rassegesicht sah jetzt in dem grämlichen Morgenlicht weniger adelig aus: Die Nase hing herab, der Schnurrbart war ungepflegt, die Augen hatten einen matten Blick, die Wangen waren beutelig, und der Teint scheckig ... Draussen vor dem Zelt wimmelte die Jugend von Söby. War irgendwo in der Segeltuchwand eine Spalte, so entstand ein Kampf darum. Die Rangen schlugen darauflos, als gelte es das Leben, sie prügelten einander mit Holzschuhen, und warfen sich gegenseitig in den Schmutz. Die, so da männlichen Geschlechts waren, gebrauchten dabei ihr Mundwerk, die weiblichen Geschlechts spuckten und kreischten... Knagsted steckte seinen buschigen Kopf zur Zeltöffnung herein: »Guten Morgen, Herr Baron! Schon bei der Arbeit!« »Guten Morgen, Herr Zollkontrolleur. Das liebe Brot! Das liebe Brot! ... Mich deucht, ich habe Sie gestern abend bei der Premiere gar nicht gesehen?« »Freilich, freilich! Aber hier waren ja so viele.« »Ja, die kleine Magei zieht gottlob. Drei vollbesetzte Häuser in jeder Stadt; und dann wieder weiter in die nächste.« »Ein aufreibendes Leben, Herr Baron.« »Chacun à son goût; dies ist nun einmal das meine!« »Herr Baron würden wohl nicht die Güte haben, mir zu sagen, wo Frau ... wo Fräulein Magei wohnt?« »Kennen Sie sie?« (Der Direktor hatte offiziell keine Ahnung von dem früheren Namen und der gesellschaftlichen Stellung seiner Primadonna.) »Ja, ich ...« begann der Zöllner. »Die Dame wohnt bei Maurer Andreasen in der Sögade.« »Ach so, da! Vielen Dank ... Ja, ich wollte sie gern begrüssen und ihr für gestern abend danken.« »Das wird sie erfreuen ... Dergleichen Aufmerksamkeiten erfreuen die Künstler stets.« »Darf ich auch dem Herrn Baron danken? Ein vorzüglicher Schulritt!« »Bitte, bitte! Man kommt leider allmählich zu Jahren.« »Davon merkt man nichts.« »Zu liebenswürdig, Herr Zollkontrolleur! ... Die kleine Magei wird übrigens diesen Augenblick wohl hier anwesend sein. Es war mir, als hätte ich vorhin unten in den Ställen einen Schimmer von ihr gesehen. Durch den Vorhang dort, please, und dann links; das ist das Ankleidezimmer der Damen.« »Glauben Herr Baron, dass ...« »Ja natürlich; am Vormittag ist da kein Grund, sich zu genieren.« Der Direktor nahm die Arbeit wieder auf, knallte mit der Peitsche, so dass der Milchweisse mit einem Sprung vorwärtsstürzte, der ihm eine momentane Auslösung seines Magenklemmens verschaffte ... Knagsted ging durch das Zelt. Als er den Vorhang zu dem Künstlereingang zur Seite zog, schlug ihm ein süsslich-saurer Duft von Pferdemist entgegen. Sofort wurde er sentimental und entsann sich des Pferdestalls seiner Jugend daheim in Abildtorpegaard... Links hingen ein paar zusammengeheftete Decken, zerlöchert und zerrissen. Hierauf war ein gedrucktes Plakat mit dem Wort: Damenzimmer angebracht. Gerade gegenüber auf einem ähnlichen Vorhang las man das Wort: Herrenzimmer . Der Zöllner blieb stehen. Er hörte Stimmen von der Damenseite her. Die eine war die eines Mannes. Durch einen Riss in dem Vorhang konnte man den Raum übersehen, der ein kleines Zelt für sich bildete. Aber das Dach war flach, und ein Dreieck des Segels war da oben zurückgeschlagen, so dass das Tageslicht Zutritt erhielt. Dadrinnen standen ein Tisch und ein paar Stühle, sonst bestand das Mobiliar nur aus Koffern und Kisten. Auf einem der Stühle sass Mademoiselle Magei im Mantel und mit einem mächtigen Federhut. Ihr Gesicht schimmerte blass und klein unter der mächtigen Hutkrempe. Das Champagnerhaar hing ihr wie zwei grosse Gardinen um die Ohren. Vor ihr, einige Schritte entfernt, stand eine völlig nackte Mannsperson und manövrierte mit ein paar Hanteln. Er wandte dem Zöllner den Rücken zu, schwenkte von Zeit zu Zeit gymnastisch die Arme hin und her, sank, während er eins, zwei! zählte, in die Knie und richtete sich wieder auf. Er war jung und ausserordentlich wohlgestaltet. » Glaubst du ?« fragte die Magei und sah ernsthaft fragend von ihrer Näharbeit auf. (Sie stopfte ein Loch an der Wade der fleischfarbenen Trikots von gestern abend.) »Ja,« nickte er, »ich habe einmal mit meiner eigenen Mutter gesprochen.« »Hast du sie auch gesehen ?« »Ja, ganz deutlich! ... Zuerst zeigte sich oben unter der Decke gleichsam eine kleine, mattleuchtende Feuerkugel ... Sie wuchs und wuchs und nahm nach und nach die Form einer menschlichen Gestalt an, die wie Phosphor schimmerte ...« »Konntest du erkennen, dass es deine Mutter war?« »Ja, ganz deutlich.« »Sagte sie etwas?« »Ja ... Alfred! Alfred! Alfred! sagte sie dreimal langsam hintereinander, und dann verschwand sie ... Ich konnte ihre Stimme deutlich erkennen!« »Und da wurdest du gläubig?« »Ja, wie konnte ich wohl anders!« »Nein ... Ach, willst du mir nicht einmal die Schere geben, die da auf dem Tisch liegt?« Der Mann wandte sich um, nahm die Schere und reichte sie ihr. Die Hanteln hatte er mit einem Plumps fallen lassen. Er trat dicht an sie heran, legte behutsam und zärtlich den einen nackten Arm um ihre Schulter. Sie strich ihre Wange gegen den Arm. »Du solltest einmal zu so einer Seance mitkommen, Alvilda,« sagte er. »Das ist furchtbar interessant.« Sie sah wieder zu ihm auf und nickte: »Das will ich tun; da du es so gern willst ...« Und ihre Augen waren, während sie sprach, so glücklich und zuversichtlich, dass alles Mitleid, das der Zöllner seit der Vorstellung gestern abend mit ihr gehabt hatte, durch das Loch im Dache Reissaus nahm ...   »Nun, haben Sie das Fräulein getroffen?« Knagsted zögerte einen Augenblick mit der Antwort. »Nein,« sagte er dann, »die Dame hatte Besuch ... ich wollte nicht stören.« »War es Monsieur Alfredo?« »Ich kenne ihn nicht.« »Aber Sie haben ihn doch gestern abend gesehen ... Der Jockei, der die Sylphide fing?« »Ach so ... ja, der war es!« Der Direktor lächelte väterlich: »Ja, sie sind gute Freunde, die beiden hübschen jungen Menschenkinder,« nickte er. »Und ich begünstige die Verbindung ... ginge eine von ihnen, würde nämlich der andere folgen ...« das Lächeln wurde zynisch, welterfahren – widerlich, »wenigstens vorläufig noch eine Weile. Man kennt ja den Rummel, he, he!« Der Zöllner holte eine Visitenkarte heraus: »Ich weiss nicht, ob ich den Herrn Direktor bitten darf, Fräulein Magei dies zu geben und ihr zu sagen, dass ich mir erlauben werde, sie heute nachmittag um vier Uhr in ihrer Wohnung aufzusuchen?« »Ja, gern, ja, gern ... Haben wir die Ehre, den Herrn Zollkontrolleur heute abend hier zu sehen?« »Ja, natürlich!« »Auf Wiedersehen!« Draussen vor dem Zelt prügelten sich die Söbyer Jungen noch immer um die Löcher und Risse in dem Segeltuch, während die elektrischen Kuppeln an ihren Schnüren melancholisch im Winde klirrten. Die Gardinen in Knagsteds Wohnstube waren vorgezogen; die Lampen waren angezündet. Das Feuer prasselte im Ofen; und auf dem Rost war »eine Idee« Räucherpulver gelegt ... »Thorwald« kam mit dem Fünf-Uhr-Tee. »Aber Guten Tag, Thorwald!« grüsste Mademoiselle Magei wiedererkennend und klopfte das Mädchen auf den Arm. »Es ist doch gut, dass es noch einige treue Menschen gibt.« Thorwald errötete, stellte das Teebrett hin, zeigte ihre weissen, frischen Bauernzähne in einem verlegenen Lächeln und eilte wieder hinaus. Alvilda sah ihr nach: »Sie ist allerliebst ...!« sagte sie. »Sie haben sie jetzt schon ganz lange gehabt, Herr Knagsted?« »So lange, wie ich hier in der Stadt wohne ... Wollen gnädige Frau mir die Ehre erweisen, den Tee einzuschenken?« »Gern ...! Wie gemütlich es doch hier ist! Gut, dass wir nicht bei mir geblieben sind ... Wann haben Sie meine kleine Rigmor zuletzt gesehen?« »Das ist nicht länger als zwei Tage her.« »Und sie war gesund?« »Ja! und froh und munter!« »Sprechen Sie mit ihr von mir?« »Nein–n ... nicht mehr.« »Es ist gewiss auch richtiger, es zu unterlassen.« »Entbehren Sie sie?« »Nun, – das will ich eigentlich nicht sagen; was kann das nützen? Jetzt habe ich ja auf sie verzichtet, und ich weiss, dass sie es gut hat ...« Mademoiselle sass schlank und mädchenhaft in die Sofaecke zurückgelehnt da. Sie trug ein einfaches, dunkelblaues Strassenkleid und sah reizend und damenhaft aus. Aber da war ja dies kanariengelbe Champagnerhaar und dies gemalte und gepuderte Gesicht! »Sie sehen mein Haar an?« lachte sie. »Ja,« lächelte Knagsted, »es geht damit wohl wie mit Elfenbein; es wird gelber mit den Jahren ... Ihr eigenes kleidete Sie besser.« »Hm ja, vielleicht. Aber das sah man nicht. Und da hatte der Direktor den Einfall, dass ich es färben sollte ... Etwas muss man ja fürs Geschäft tun! ... Noch ein Tässchen Tee?« »Ja, bitte! ... Wollen gnädige Frau rauchen?« »Haben Sie Zigaretten?« »Selbstredend ...!« »Dann rauche ich gern!« Die Unterhaltung war ein wenig gezwungen. Knagsted wusste nicht recht, welchen Ton er anschlagen sollte. Auch die Dame war unsicher. Jetzt erhob sie sich und ging im Zimmer umher: »Das ist doch ein reizendes Bild, das Sie da haben, Herr Knagsted ... Ich kenne es noch so gut!« Es war ein Gemälde von Frank Neumann, ein Porträt von den Kindern, die nackend am Strande sassen und einen »Garten« in den Sand gepflanzt hatten ... »Wie traurig mit dem ältesten Sohn, ... der starb!« sagte Frau Alvilda dann. »Ja ...« »Was kann nur der Grund gewesen sein?« »Nun ... Überspanntheit, denke ich ... Er war ja im Pubertätsalter.« »Was ist Pubertätsalter ...?« »Die Übergangsjahre ...« »Ach so! ... Ja, ich habe geweint, als ich es hörte. ... Wissen Sie vielleicht, ob Michael dort im Hause verkehrt?« »Michael ...? Ihr, wenn ich mich so ausdrücken darf: Ex-Mann?« Frau Alvilda lachte: »Mein ›Ex-Mann‹, ja!« »Nein, sicher nicht! ...« »Also nicht ... Ja, denn ich habe erzählen hören, dass er den Jungen beeinflusst haben soll ...« Sie wandte sich plötzlich eifrig an Knagsted. »Ach, er ist ein gefährlicher Mensch, Michael!« sagte sie. »Es ist nichts Böses in ihm; im Gegenteil! Aber er glaubt, dass er der einzige ist, der die Wahrheit gepachtet hat, der einzige, der das Recht hat, der einzige, der Bescheid weiss. Und wer sich ihm nicht beugen will, den zerbricht er ... falls man nicht davonläuft, so wie ich ... Sie wissen doch, dass er mich gezwungen hat, ihn zu heiraten?« »Nein, das weiss ich nicht.« »Ja! ... Und zwar, obwohl da ein anderer war, den ich liebte ...« Sie setzte sich wieder aufs Sofa und ergriff eine von Knagsteds Händen. »Stellen Sie sich vor, dass wir, der andere und ich, Hand in Hand zu Michael gegangen kamen und vor ihm nieder knieten und ihn baten, mich freizugeben, weil wir uns so unsagbar liebten ... Aber Michael sagte nein!« Knagsted streichelte beruhigend ihre Hand. »Er hat Sie wohl selbst sehr geliebt ...« »Vielleicht ... Aber das war es nicht allein ... Ja, ich kann es Ihnen wohl gern sagen: Er hatte mich verführt, als ich noch ein Kind war, und nun sagte er, es sei Gottes Wille, dass wir uns heirateten; wir sündigten wider den Heiligen Geist, wenn wir es nicht täten ... Ach, es ist so leicht, ein junges Mädchen in seine Gewalt zu bekommen, namentlich für einen Theologen; ich glaubte ja jedes Wort, das er sagte ... Und als wir dann verheiratet waren, fing er an, mir Askese zu predigen ... er und Askese ! Er, der mich selbst gelehrt hatte ... Aber dann lief ich davon, wie Sie ja wissen ... Ach, aber ich bin so fest, so felsenfest davon überzeugt, dass, wenn er mich meinen kleinen Apotheker hätte heiraten lassen, ich ein ganz anderer und besserer Mensch geworden wäre ...!« Die Tränen rollten ihr an den Wangen herab und bildeten Rinnen im Puder. » Ach, Zöllner, Zöllner!« sagte sie, »wie glücklich wäre ich geworden, wenn ich damals meinen kleinen Apotheker gekriegt hätte!« »So, er war also Apotheker?« »Ja ...« schluchzte sie. »Und wie hiess er?« fragte der Zöllner. »Bloss Nikolajsen ... Ivar Nikolajsen ... Wo in aller Welt glauben Sie, dass er nun wohl sein mag?« »Er wird wohl in seiner Apotheke sitzen ...« Frau Alvilda trocknete vorsichtig Augen und Wangen. »Ja, das tut er wohl ... Kennen Sie etwas vom Spiritismus, Zöllner?« fragte sie dann. »Nein, nicht das geringste.« »Glauben Sie, dass es Humbug ist?« »Nun – wohl nicht mehr als so vieles andere.« »Ich kenne einen, der daran glaubt ... und er will mich bekehren.« »Lassen Sie sich getrost von ihm bekehren, liebe Frau Alvilda! ... Das, worauf es hier im Leben ankommt, ist ja nämlich, dass man etwas hat, woran man glaubt.« Sie wurde wieder eifrig: »Ja, nicht wahr! Das sagt er auch! ... Und er hat mit seiner verstorbenen Mutter geredet!« »Nach ihrem Tode?« »Ja!« »Nun, dann ist da ja gar kein Grund, sich noch lange zu bedenken!« sagte der Zöllner sehr bestimmt. »Nein! Nicht wahr? ... Ach, ich freue mich so dass Sie das auch sagen; denn Sie sind der klügste Mann, den ich gekannt habe, und so gut! ... Aber warum haben Sie Ihr Haar und Ihren Bart wachsen lassen? Sie waren früher viel hübscher ...« »Meinen Sie? Ach, das ist so eine Art Schutzmittel.« »Aber wogegen doch nur?« »Im Grunde gegen mich selbst.« Sie lachte laut: »Ha, ha, ha! Ich glaubte, es wäre ›Thorwalds‹ wegen!« »Ach nein,« lachte der Zöllner zurück. »Wir haben uns längst dahin geeinigt, dass wir nicht voreinander bange sind.« Und dann lachten sie beide, und der Ton war gefunden ... Thorwald hatte das Teegeschirr herausgeholt. Der Zöllner und Mademoiselle sassen nebeneinander auf dem Sofa. »Ist es nicht ein wenig ... sonderbar für Sie, hier in der Stadt aufzutreten?« »Ja ... Konnten Sie mir das gestern abend nicht ansehen?« »Nein! Sie sahen ganz unverzagt und fröhlich aus.« » Wirklich ! Ach, das ist schön! ... Haben Sie den Jockei beachtet, der mich fing?« »War das ... der ›Spiritist‹?« Sie nickte plötzlich tief ernsthaft. »Ach, er ist ein so prächtiger Mensch! ...« sagte sie. »Und schön ...!« fügte Knagsted hinzu. »Ja ... Ich bin so glücklich, dass er bei der Gesellschaft ist.« »Das will ich wohl glauben!« »Ach was!« Sie schlug den Zöllner auf den Arm. »Natürlich bin ich in ihn verliebt und ... und all dergleichen. Aber wir können auch miteinander sprechen ; er ist ein gebildeter Mensch, so wie ich ... Die andern ... Ach, sagen Sie mir doch, ist es wahr, dass Treschau jetzt der Konsulin den Hof macht?« »Das weiss ich wirklich nicht ...« »Sie sind immer so vorsichtig; aber das ist gewiss klug ... Soll ich Ihnen etwas erzählen? Damals, als Treschau und ich gute Freunde waren, drohte Fräulein von Löwenfeldt dadraussen, ihn zu erschiessen!« »Nein, wirklich!« »Ja! Sie wäre wie ein Panther, sagte er ... Sie können sich keine Vorstellung davon machen, wie sie ihn liebt. Es existieren buchstäblich keine anderen Männer für sie auf der Welt. Was für Szenen zwischen ihnen stattgefunden haben! Einmal hat sie die Pistole in der Hand gehabt und auf ihn gezielt; das hat er mir selbst erzählt; aber dann schlug er gegen ihren Arm, so dass der Schuss in die Luft ging ... Wie herrlich muss es sein, so geliebt zu werden! ... Ich weine immer nur ...« (sie lächelte) »und tröste mich.« »Aber du lieber Gott,« nickte Knagsted, »das ist doch auch das einzig Vernünftige.« »Meinen Sie? Ich sollte meinen, das lässt auf Leichtsinn schliessen ...« Sie lehnte sich fast geniert nach dem Zöllner hinüber und zupfte an seinem Rockaufschlag: »Aber wenn dann so ein schöner Mann kommt und sagt, dass er einen anbetet ... und man es seinen Augen ansehen kann, dass es wahr ist ...« »Dann betet man natürlich wieder an!« ergänzte Knagsted. »Ja! Nicht wahr? Wie?« lachte sie. »Selbst wenn man nun alt wird, und da keine mehr sind, die sich was aus einem machen?« »Hm – ja ... dann muss man dafür sorgen, dass man etwas hat; womit man sich trösten kann ... zum Beispiel: Spiritismus.« Frau Magei legte den Kopf auf die Seite und sah zu dem Zöllner hinüber: »Machen Sie sich auch lustig über mich?« »Bewahre!« versicherte Knagsted. »Warum in aller Welt sollte ich mich wohl lustig machen?« »Ja, aber Sie selbst ?« fragte sie dann. »Womit würden Sie sich ›trösten‹?« »Ich bin ja ein Mann!« »Aber wenn Sie nun achtzig Jahre alt werden?« »Das verhüte Gott!« »Ja, aber wenn Sie trotzdem so alt werden?« »Ja–a, dann fange ich am Ende wieder an, mit Zinnsoldaten zu spielen ... Jungens kommen immer durch die Welt ... Für euch Mädels ist es weit schlimmer; ihr seid geistiger veranlagt!« Frau Magei seufzte tief: »Ja, machen Sie sich nur lustig!« sagte sie. »Aber es ist wirklich schwer für Mädchen ... Nun, kommt Zeit, kommt Rat!« lachte sie dann. »Vorläufig habe ich keinen Grund zur Klage ... Sie können sich keinen Begriff davon machen, wie bezaubernd er in seiner Verliebtheit ist! So zärtlich und fein ... und dabei doch leidenschaftlich ...!« Sie erhob sich. »Aber jetzt muss ich gehen. Die Uhr ist sieben; und um acht Uhr fangen wir an ... Sie kommen doch heute abend wieder hin? Ach ja, bitte!« flehte sie, als sie etwas wie ein Zögern in dem Blick des Zöllners gewahrte. »Bitte? Dann ist doch wenigstens ein Mensch, der mich mit guten Augen ansieht ...?« Knagsted nickte: »Ich werde kommen!« Sie fiel ihm um den Hals und küsste ihn: »Danke! Danke! Danke! ... Aber, puh–h, dass Sie sich doch den Bart nicht abschneiden! Es ist gerade so, als wenn man einen Staubwedel küsst!« Und sie nieste ...   Natürlich erschien Knagsted seinem Versprechen gemäss an den beiden letzten Vorstellungsabenden. Aber jetzt sass er in einer der ersten Reihen und leitete das Beifallklatschen, wenn der Künstlervorhang zurückglitt und Mademoiselle Magei in ihrem Florgewand auf dem Koliker hereingewumpt kam ...   Am Montag morgen war das Zelt verschwunden, und am Montag nachmittag kehrte Pastor Sörensen mit der kleinen Rigmor nach Söby zurück.   Aus Hanne Neumanns Tagebuch. Zum erstenmal Feindschaft zwischen † und mir. † hatte in der Stadt etwas davon gehört, dass ich mit Svend gegangen wäre. Ich kann mir recht gut denken, woher das gekommen ist; als ich eines Abends mit Agnes und »Löschpapier« gegangen war, hatte ich gesagt (damit Agnes glauben sollte, dass ich und † uns erzürnt hätten), Svend und ich wären dreimal um die Hintergärten herumgegangen. Und das hat dann Agnes zu – gesagt, denn »Löschpapier« gibt weder Nass noch Trocken von sich. Ausserdem hatten sie erzählt, ich hätte Kai Augen zugeworfen und umgekehrt. (Wer die Klatscherei gemacht hat, weiss ich auch, denn das stammt von Olga.) Und dann bin ich so unvorsichtig gewesen, Agnes zuviel davon zu erzählen, wie † und ich gute Freunde geworden wären; und alles, was ich gesagt hatte, das hat sie wieder an – ausgeplaudert. Dass das – teilweise unangenehm war wegen seines Freundes (sie sind seit Hothers Tode wie ein Paar rote Kühe) und teils ärgerlich, kann ich sehr gut verstehen; – hat es dann an † gesagt, † ist rot und blass geworden und hat gesagt: »Auf Hanne hätte ich Häuser gebaut«! Zwei Tage später bekam ich das Ganze von dem »Reserveleutnant« zu wissen, von diesem blondlockigen Knirps, dem alle ihre Herzen ausschütten. Ach,wie fatal mir das ist! Freitag: Das zwischen mir und † soll aufgehoben und vorbei sein, haben Olga und ich in der Singstunde beschlossen.   Jetzt ist es bis heute gut gegangen, nach dem Brief, den ich ihm geschickt habe, haben wir uns nicht einmal angesehen. Dann bekam ich etwas zu wissen, was mich sehr ärgert. Olga hat es mir erzählt; sie sagte, † ginge mit Agnes, die meine beste Freundin ist !   Wie schnurrig! An meinem Magen und unter meinen Armen fangen Haare an zu wachsen, ich erzählte es heute morgen in der Geographiestunde an Olga, sie sagte, bei ihr wäre es ebenso, sie sagte, das bedeutete, dass man erwachsen würde; das ist doch sonderbar. Und dann kommt Blut da unten, und das tut weh; aber Mutter sagt, das hat nichts zu bedeuten.   Heute habe ich Olga und † zusammen gesehen. Darum also war sie so erpicht darauf, dass ich es aufheben sollte. Ich bin zum Binden wütend; könnt' ich ihnen doch etwas antun! Ich hasse Olga und ich sage es an –, das kann ihr nichts schaden; er ist viel zu gut für sie .   Heute machen † und ich wieder einen Spaziergang auf dem Vibyer Wege. Er bat um Verzeihung. Aber ich habe ihm nicht verziehen .   Was haben wir für einen Spass in der Schule gehabt! In »Lummers« zoologischer Stunde heute vormittag war Olga einmal unten auf dem Hof gewesen; aber sie stellte sich an und sagte, ihr würde schlecht, denn amüsant kann der Racker ja sein; aber »Lummer« sagte, sie dürfe nicht wieder raus. Da machte sie ihr Gesicht mit Kreide weiss und steckte sich ein paar Kirschen in den Mund, kaute sie, stiess einen Schrei aus und spuckte sie an den Fussboden. Alle wir andern schrien: Olga ist krank, sie bricht Blut und ist leichenblass! »Aber mein Gott, Kind, dann geh doch lieber nach Hause,« sagt »Lummer«. Und dann durfte sie gehen. Wir andern lachten, so dass ich mir die Hosen nassmachte, selbst das »Löschblatt« konnt' nicht an sich halten. Sonntag. Es ist etwas Trauriges geschehen: Zum Frühstück kam Erich aus dem Garten und trug Mirja an dem einen Bein; sie war tot, irgend jemand hatte sie totgeschossen und über die Gartenmauer geworfen. Ach, wie haben wir doch alle geweint! Heute nachmittag haben wir sie unten auf dem Farnenhügel in einem Zigarrenkasten begraben, der ganz mit weissen Astern und Grün angefüllt war. Das Kindermädchen Marie war Pastor, sie hatte Vaters Havelock um und einen Matrosenkragen von Erich. Sie redete so schön, dass wir wieder weinten. Friede sei mit deinem Staub steht mitten in einem reizenden Kranz, zu dem die Kinder das Grün gesammelt haben und den ich gebunden habe. Es war nur gut, dass Sonntag war, denn da hatten wir keine Schule.   Ich will nichts mehr mit † zu tun haben, nein, ich will nicht mehr; er grinste, als ich ihm von Mirjas Begräbnis erzählte. Und gestern abend hab' ich ihn mit Agnes gesehen. Jetzt hasse ich Agnes auch.   Olgas Onkel ist gestorben. Darüber ärgere ich mich, einesteils, weil nun kein Ball zu ihrem Geburtstag ist, und dann, weil sie nun einige Tage frei bekommt, dadurch wird sie so eingebildet.   Das »Löschblatt« und der »Reserveleutnant« haben sich scheinbar gefunden. Sie gingen heute abend und ströpten unten am Hafen herum. Na, mir kann es ja schnuppe sein! Den 4. Wieder mit † ausgesöhnt. Er hat schwören müssen. Um sieben nickte er mir vom Barbier Jakobsen zu. Ich hatte ihm befohlen, sich die Haare schneiden zu lassen, er sah schon ganz weibisch aus. Heute abend um sechs gingen † und † Mutter vorbei. Ich stand hinter der Eingangspforte und hatte sie gesehen, tat aber ganz unbefangen. Ich begegnete jedoch dem Blick der Mutter und machte einen Knix. † nahm den Hut ab; es steht ihm wirklich mit dem kurzen Haar. Hinter ihnen her kam Onkel Zöllner, er drohte mir mit dem Finger, und ich wurde rot und lief weg. Er ist wirklich süss!   Heute Agnes und – zusammen gesehen. Das gönne ich Fräulein Olga!   Ich habe lange nicht in mein Tagebuch geschrieben. Es hat hier unter meiner Sprungfedermatratze gelegen. Ich bin krank gewesen und habe Fieber gehabt, aber jetzt ist es besser. Vater sagt, er freue sich eigentlich über meine Krankheit, denn Mutter geht ja immer herum und denkt an Hother, und das ist auch wirklich wahr. Heute ist Agnes zu Besuch bei mir gewesen; als Mutter hinausgegangen war, erzählte sie, jetzt wären Olga und † so gute Freunde, dass sie sogar gelacht hätten, als der Arzt gesagt hätte, ich schwebe in Lebensgefahr. Agnes selbst hat Olga – weggenommen, sagt sie. Freundinnen sind wirklich Pack!   Im Sportsaal lärmten die Kinder. Die Tür zum Atelier stand offen, und von Zeit zu Zeit kamen bald Erich, bald Else rot und warm vom Spiel hereingestürmt und zerrten den Vater am Malkittel, damit er kommen und sehen sollte, was für ein Kunststück sie jetzt ausfindig gemacht hätten. Und Neumann stand geduldig auf und folgte ihnen. Stand eine Weile da und sah sich die »Kunst« an, klatschte den Auftretenden Beifall und schlich dann zurück an seine Arbeit. – – Er hatte in einem Skizzenbuch geblättert und ein Motiv gefunden, das zu malen ihn reizte. Er hatte eine Leinwand in einem Blendrahmen auf die Staffelei unter das elektrische Licht gestellt, und sass nun da und zeichnete die Skizze mit einem Kohlenstift auf die Leinwand... Es war ein drolliges Motiv. Und er lächelte vor sich hin, als er sich der Situation erinnerte: Eines Abends, einmal im Sommer hatten er, Sonja und Hother unten auf der Bank unter den Linden bei der Kegelbahn hinter dem Spielplatz der Kinder gesessen. Die Sonne war zur Ruhe gegangen, die Dämmerung brach herein, alles war still. Auch Sonja, er und der Junge hatten lange stumm dagesessen. Da hörten sie auf einmal ein feines kleines Knistern und Pusseln zwischen den Büschen hinter ihnen. Unwillkürlich hatte er Hothers Hand ergriffen und »Still!...« gesagt. Nach einer Weile kam ein Stachelschwein auf dem Kieswege zum Vorschein, sah sich vorsichtig mit seinen leuchtenden Stecknadelknopfaugen um, schnüffelte, prustete, drehte sich ein paarmal rund herum und eilte weiter. Dann kam noch ein Stachelschwein, wahrscheinlich die Madam. Auch sie prustete, aber lange nicht so männlich. Dann kamen eins... zwei... drei... vier Junge hintereinander dahergezottelt, nicht grösser als eine gute geballte Faust... Vater hatte die Kegelbahn erreicht und war auf das Brett hinaufgeampelt. Mutter hinterdrein, ebenso drei von den Jungen. Aber das vierte, das kleinste, konnte nicht hinaufgelangen und stiess schwache, jammervolle Klagelaute aus. Die ganze Karawane machte halt. Vater stiess ein missbilligendes Grunzen aus: Verdammt und verflucht mit diesen Gören! Die warmherzige Mutter liess sich jedoch augenblicklich vom Brett herunterplumpsen, dort, wo sie stand, huschte geschwind zu dem Ausgangspunkt zurück und half dem Kleinen, indem sie es mit der Schnauze in das Hinterteil stiess. »Hu–it ...!« platzten Sonja und Hother gleichzeitig los. »Still doch!« warnte der Maler. Die Stachelschweinmutter drehte scheu den Kopf herum und lauschte. Als aber alles ruhig blieb, huschte sie an ihren vorherigen Platz zurück, und der Zug setzte sich von neuem in Bewegung. Er glich einer Reihe kleiner in Mäntel gehüllter Verschworener, die der entscheidenden Versammlung entgegeneilten. Man hörte das leichte Kratzen der hundertundzwanzig schnellen Klauen gegen das Brett der Kegelbahn. Aber nach und nach verlor sich das Geräusch, und die Familie verschwand in der zunehmenden Dämmerung ... Ja, das wollte er malen! Die ganze Abendstimmung sollte mit auf das Bild. Und er selbst, Sonja und Hother sollten auf der weissen Bank unter den Linden sitzen und mit verhaltenem Atem nach den Tieren ausspähen ... Er hatte sicher eine Skizze von Hother, die er benutzen konnte! Wieder begann er im Buche zu blättern und wieder lächelte er. Da war die Zeichnung vom Marktplatz! Ein Kriegsinvalide, verkommen und versoffen, mit einem hölzernen Bein und einer eisernen Hand, stand da und leierte auf seinem Kasten eine schmachtende Melodie aus dem »Karneval von Venedig« herunter. Auf dem Bürgersteig sass ein riesenhafter Bernhardiner mit Leckaugen und weit aufgesperrtem Maul und weinte jammervoll im Takt zu der Musik; je höher die Töne stiegen, um so lauter heulte der Hund. Aber rings um das Tier herum tanzten in Scharen eine Menge lachender kleiner Kinder, entzückt, jubelnd, ausgelassen vor Freude ... Auch diese Skizze sollte in Öl ausgeführt werden; die Farben würden das Bild noch lebendiger machen. Und dann dies hier: Vor einem niedrigen, offenstehenden Kellerfenster sass eine rotbunte Katze, steif, hypnotisiert, völlig versunken, nur die äusserste Spitze des Schwanzes lebte. Drinnen auf dem Fensterbrett standen zwei Vogelbauer. In dem einen sass in einem Ring ein grosser, giftgrüner, aufgeregter Papagei, in dem andern ein kleiner, jämmerlicher, zerzauster Kanarienvogel. Dem Papagei standen die Federn wild um den Kopf, er war wütend, man konnte förmlich hören, wie er schalt und schimpfte: Lumpenpack! Aas! Schafskopf! Schurke! Während der Kanarienvogel in der entferntesten Ecke seines Bauers auf einer Stange sass, zusammengekrochen, leer im Gehirn, vernichtet, flach vor Todesangst ... Ha, ha, ha! Ja, dies Bild sollte auch gemalt werden! Aber bald, bald! Er musste sich beeilen! Denn wenn sie jetzt nach Italien zogen, kamen ja so viele andere Vorwürfe ... »Vater ...« »Ja ...« Else kam aus dem Sportsaal gelaufen. Sie trug einen bequemen Turnanzug: Beinkleider, Matrosenbluse und Leinwandschuhe. »Kommst du jetzt, Vater?« »Ja, aber ich ...« »Du hast uns versprochen, zu kommen; es nützt dir nicht, wenn du auch mogeln willst.« »Ihr spielt ja so ausgezeichnet.« »Wir spielen viel besser, wenn du mit dabei bist!« Neumann erhob sich: »Plagegeist!« »Kommt er?« tönte Hannes Stimme durch die Tür. »Ja – ja!« Else zog ein Paar Turnschuhe unter dem Diwan hervor. »Wirf den Rock ab!« sagte sie. »Und mach deine Hosentaschen leer. Hier sind deine Schuhe.« Der Maler warf lustig Rock und Weste ab, leerte die Taschen und wechselte das Schuhzeug. »Nun,« fragte er, »ist es so gut?« »Nimm auch den Kragen ab!« Er nahm Kragen und Schlips ab, dann kauerte er nieder: »Willst du reiten?« Ihre Augen strahlten: »Ja!« und sie kletterte auf seinen Rücken und setzte sich zurecht, ein kleines dickes Bein auf jeder Seite seines Halses. »Ist Mutter heute abend wieder bei Pastor Sörensen?« fragte sie. Ein nervöses Zucken huschte über Frank Neumanns Gesicht. »Ja, das ist sie wohl ... Warum?« »Hm ... dann können wir mehr Spass machen!« Er seufzte. Aber dann stiess sie ihn mit den Beinen gegen die Brust: »Hüh!« sagte sie. Und der Maler galoppierte mit ihr in den Sportsaal hinein ... Hier waren die elektrischen Lampen angezündet: der Raum war hell und warm, und oben unter der weissen Decke zogen Diefenbachs schöne Kindergestalten auf ihrem Siegeszuge dahin: Per aspera ad astra ... »Wir wollen fangen spielen!« rief Hanne. Sie, Knud und Erich ritten, ebenfalls in Turnanzügen, oben auf dem obersten Balken des Kletterapparats. Der Maler warf Else auf die Sprungmatratze ab und enterte die Strickleiter wie eine Katze. Aber im selben Augenblick, als er oben war, rutschten die Kinder an Stangen und Tauen herunter. Und nun begann eine wilde Jagd rund um den Saal herum. »Hoppla!« rief Neumann und setzte über das »Pferd« hinweg. »Hoppla!« riefen die Kinder und suchten ihm das Kunststück nachzumachen. Aber Erich kam nicht weiter als bis auf den Schwanz des Tieres hinauf, da hing er und heulte: miro, miro, miro! Else kugelte sich vor Lachen auf der Matratze herum. Plötzlich blieb Hanne mitten im Spiel stehen und sagte ängstlich: »Da ist Mutter ...!« Frau Neumann erschien in der Ateliertür, in Trauerkleidung und vergrämt: »Was für einen Lärm ihr doch macht ...« sagte sie und presste die Augen zu, als blende sie das Licht in dem weissen Raum. Verlegen und scheu standen die Kinder da. »Wir glaubten, du wärest nicht zu Hause,« entschuldigte sich der Maler. »Und die Kleinen müssen ja doch Bewegung haben, jetzt, wo sie nicht im Freien sein können ...« »Ja, brauchen sie denn aber so zu lärmen ...?« »Sonst amüsieren sie sich ja nicht ...« lächelte er. »Nein ... sonst amüsieren sie sich wohl nicht...« Frau Sonja sprach, als seien ihre Gedanken meilenweit weg. »Wir wollen essen,« sagte sie dann. »Geht hinauf und macht euch zurecht, Kinder.« Hanne nahm Erich und Else an die Hand: »Darf Knud nicht mit essen, Mutter ...?« fragte sie. Frau Neumann sah den fremden Knaben abweisend an: »Meinetwegen gern ...« Scheu schlichen die Kinder an ihr vorüber und hinaus ... Der Maler war im Begriff, die Lampen im Saal auszulöschen. Diefenbachs fröhliche Friese schwanden mehr und mehr in die Finsternis hinein ... »Hanne ist wirklich zu alt, um mit dem Jungen herumzurennen und zu tollen!« sagte Frau Neumann. Der Maler trat an sie heran und wollte einen Arm um ihre Taille legen, aber sie machte sich frei. »Sonja!« sagte er sanft, fast flehend, »siehst du denn nicht, Sonja, dass deine Kinder auf dem besten Wege sind, bange vor dir zu werden ...?« Sie wandte sich unwillig um und schickte sich an zu gehen: »Sie haben dich ja!« Aber da brausten der Mann und der Zorn in ihm auf: »Ja, wenn du nur an die Toten denkst, muss ich mich wohl der Lebenden annehmen!« sagte er hart. Aber Frau Sonja war schon halbwegs im Atelier und antwortete nicht ... Nach dem Abendessen sassen der Maler, seine Frau und die alte Frau Neumann um den Tisch im Wohnzimmer; die Damen mit ihren Handarbeiten auf dem Ecksofa unter dem Gemälde aus dem »Kalten Bein«; Neumann an der Aussenseite des Tisches mit einem Buch. Lange war kein Wort geredet. Da klingelte die Haustürglocke. Frau Sonja zuckte zusammen: »Wer das nur sein kann ...« »Es ist wohl der Zollkontrolleur ...« meinte die alte Dame und sah nach ihrer Uhr. »Die Uhr ist neun.« »Ja, und es ist Donnerstag,« sagte der Maler. Nach einer Weile ging die Tür auf und Knagsted erschien, klein, vierschrötig und zottig: »Fröhlichen Donnerstag!« grüsste er. »Danke, gleichfalls!« nickte Neumann. »Präzise wie ein Turmwächter!« lächelte die alte Dame. »Guten Abend ...« sagte Frau Sonja. Der Zöllner nahm Platz am Tisch: »Was lesen Sie denn da, Maler?« »Victor Hugo: Les misérables ...« »Auf französisch?« »Nein, nur auf flachländisch, mein Herr!« »Wenn ich Dichter wäre,« sagte Knagsted, »dann ging ich hin und erhängte mich ... Das steht ja nämlich alles in diesem wunderbaren Buche ...! Ich begreife nicht, dass jemand noch den Mut hat, die Feder aufs Papier zu setzen, nachdem dies Buch geschrieben ist!« »Mein Gott,« zitierte der Maler lachend, »›ich beuge mich vor van Dyck; aber ein jeder hat doch seine Vorzüge!‹« Frau Sonja legte die Arbeit zusammen und erhob sich: »Ja, entschuldigen Sie, Herr Knagsted, dass ich mich zurückziehe, aber ich bin ein wenig müde ... kommst du mit, Mutter?« Sonjas Bett war seit Hothers Tod in das Schlafzimmer der alten Frau Neumann gestellt. »Ja,« sagte die alte Dame bereitwillig, »gern, liebe Sonja; mir tut es auch gut, zur Ruhe zu kommen ... Gute Nacht, ihr Buben!« lächelte sie und stellte sich unbekümmert »Ihr wollt wohl noch euren Whisky haben?« »Ja, ... willst du, bitte, Olga sagen, dass sie ihn ins Atelier bringt?« »Das will ich tun ...« Sie reichte den Herren die Hand. »Nochmals Gute Nacht!« Frau Sonja aber senkte den Kopf zu einem stummen Gruss und ging ... Knagsted und der Maler drehten langsam die Gesichter nach ihr um ...   Im Atelier. Der Zollkontrolleur stand an dem Tisch vor dem Diwan und schenkte sich selbst einen Whisky ein. Neumann sass an der Staffelei und zeichnete an der Abendstimmung auf der Kegelbahn. »Sie müssen nicht zu strenge mit Ihrer Frau sein, Maler ...« sagte Knagsted. »Strenge? Ich bin nicht strenge; im Gegenteil! ... Aber dass Sonja damit enden würde, sich den ›Heiligen‹ anzuschliessen ...! Sonja !« » Sie haben ja Ihre Kunst, um ...« »Und sie hat doch ihre Kinder ... ihre lebenden Kinder!« »Ja ... Wollen Sie sich nicht einen Whisky zurechtmachen?« Neumann legte den Kohlestift hin und trat an den Tisch: »Als Hanne krank war,« sagte er, »war da wirklich ein Augenblick, wo ich hoffte, dass Sonja sich Zusammennehmen und wieder ein Mensch werden würde. Sie war so fürsorglich und liebevoll und gut; wachte selbst des Nachts bei dem Kinde ... Aber jetzt ist das alles wieder vorbei. Mindestens dreimal die Woche rennt sie zur ›Erbauung‹ bei diesen Unheilstifter, diesen Pastor Sörensen ... Und wenn man dann denkt, dass er Hother gemordet hat!« endete er. »Wann geht ihr nach Italien?« fragte der Zöllner, um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. »Ich kann sie nicht dazu bringen, einen Entschluss zu fassen ... Sie kann Hothers Grab nicht verlassen, jetzt, wo der Winter naht, sagt sie ... und wo er da so allein liegen und frieren soll ... Hysterie!« »Aber ihr reist doch?« Der Maler setzte sich auf den Diwan neben Knagsted. »Ja, wir reisen wohl ... Wissen Sie, was ich glaube, warum sie die Reise hinausschiebt?« fragte er dann. »Nein ...« »Weil sie bange ist, dass wir auf der Reise wieder ein gemeinsames Schlafzimmer haben werden!« »Ach, Unsinn! Ihr, die ihr so glücklich miteinander wart!« »Ja, nicht wahr! Ach, wie schön, wie schön wir es doch hatten ... Aber nun hat sie sich mir schon über zwei Monate ferngehalten und bei Mutter geschlafen ... Und sie sehnt sich nach mir, ich kann es ihren Augen ansehen; aber sie wagt nicht, ihrer Sehnsucht nachzugeben ... wagt es nicht, aus Angst vor Pastor Sörensen! « »Nein, wissen Sie was, lieber Neumann ...!« »Wagt es nicht, aus Angst vor Pastor Sörensen!« wiederholte der Maler sehr bestimmt. »Sie hat es mir selbst direkt gesagt.« »Hm ...« »Sie reden von ›geistiger Ehe‹, von ›Seelenharmonie‹ ... und mehr solchen Quatsch.« Er erhob sich und streckte die Arme gleichsam umfangend in die Luft aus: »Wenn man sich das vorstellt, Sonja , dieser lebensfrohe, warme, natürliche, liebe Mensch!« Und die Hand schwer auf Knagsteds Schulter legend, sagte er: »Zöllner, ich will Ihnen etwas erzählen: ›Religion‹ ist der höchste Egoismus! Wenn man sich selbst nur in die eingebildete Ewigkeit hinüberrettet, dann mag der Teufel alle uns andern holen! ... Ah! ich sehne mich nach ihr,« fuhr er fort, »ich liebe sie, ich liebe sie, wie an dem ersten Tag, als wir zusammen waren! Will ich sie aber an mein Herz nehmen, so stösst sie mich von sich, und will ich mit ihr reden, so kommt sie mit Bibelstellen und frommen Zitaten angestiegen ... Mit Steinen statt mit Brot!« Knagsted sass eine Weile schweigend da, dann fragte er: »Und was sagt Ihre Mutter, die kluge Dame dazu?« »Sie sagt, ich soll ihr Zeit lassen ... Ich müsse bedenken, welche Erschütterung Sonjas Nervensystem durchgemacht hat ... Vorläufig müsse ich sie als Kranke betrachten ...« »Und wie denkt sie über Se. Hochehrwürden, Pastor Sörensen?« »Sie ist der Ansicht, dass sein Einfluss nur vorübergehend sein wird ... dass Sonja eine viel zu gesunde und lebenskräftige Natur ist, um ...« »Nun ja, da sehen Sie! Und sie ist natürlich auch der Ansicht, dass Sie reisen sollen?« »Ja.« »Will sie mitkommen?« »Ja, das will sie! Und wenn wir erst in andere Verhältnisse und andere Umgebungen und andere Luft kommen, sagt sie, so wird sich Sonja nach und nach zusammennehmen, den Pastor und seine Lehren abschütteln und zu Mann und Kindern zurückkehren ...« Knagsted nickte: »Ja ...! Ja ...!« Der Maler ergriff seine Hand: » Glauben Sie das wirklich, Zöllner? ... Haben Sie tausend, tausend Dank!« »Und wo in Italien wollen Sie sich denn niederlassen?« fragte Knagsted. »Irgendwo in der Umgegend von Neapel, hatte ich gedacht; drüben auf der andern Seite des Golfes. Ach, da ist es so schön! Da etablieren wir dann die Kinder mit Grossmutter und einer Lehrerin, und dann machen Sonja und ich Studienreisen durch ganz Italien!« Das Antlitz des Malers leuchtete und seine eben noch so betrübten Augen strahlten. »Darf ich mitkommen?« fragte der Zöllner. »Ja! Wenn Sie das wollten! Wollen Sie uns nachkommen und uns besuchen?« »Ja, da können Sie Gift drauf nehmen, das will ich! Ich habe mir schon immer gewünscht, Italien in guter Gesellschaft zu sehen.« »Können Sie Italienisch?« »Nein, keinen Deut! Können Sie es?« »Nein, aber das lernt man schnell.« »Zu welcher Zeit soll ich am liebsten kommen? Wann ist es da am schönsten?« »Im März – April ... Im Frühling.« »Gut, dann komme ich im Frühling! Und dann bekomme ich Erlaubnis, Sonja zu küssen, wenn sie gross und schön und sonnengebräunt auf dem Bahnhof steht und mich empfängt?« »Soviel Sie wollen!« lachte der Maler. »Prost und auf Wiedersehen!« »Prost und auf Wiedersehen!« nickte Knagsted. Und sie leerten beide ihre Gläser bis auf den Grund ...   Drei Wochen später ging die Familie Neumann in Landflüchtigkeit nach Italien. Die Malers-Villa stand leer. Madam Svendsen, übergeheiratet Terkildsen, hatte einen Jungen zur Welt gebracht. Die Mutter lag in ihrem und des seligen Svendsen breitem Ehebett, das mitten in dem hinter der Schenkstube gelegenen Schlafzimmer angebracht war. Neben dem Bett stand die Wiege mit der Frucht. Und in eine Ecke unter die Fenster verkroch sich bescheiden eine kleine eiserne Kinderbettstelle. Darin verbrachte der Ehegatte Bernhard seine kärglichen Nächte ... Rikke Elster machte ihren Wochenbesuch. »Ja,« erklärte sie düster, »er lag mit dem Gesicht pardautz im Schmutz des Weges, den schönen Bart ganz mit Blut besudelt.« »Wer hat ihn gefunden?« »Der Waldhüter Jörgensen ...« »Und er hat sich selbst erschossen, steht in der Zeitung ...« »Ja, das steht da, hack – hack! – Aber den Teufel auch hat er das getan! Warum sollt' er sich wohl erschiessen?« »Fehlschuss, natürlich!« meinte Marthe. »Da steht ja so oft, dass sich einer mit Fehlschuss erschiesst.« »Ein Forstmensch, ha, ha!« hohnlachte Rikke, »ne, bild' mir das nich ein! Ne, das hat, weiss Gott, Fräulein Michaela getan; da will ich Gift auf nehmen ... Sie haben ja auch ihren Handschuh ein paar Ellen weiter weg, zwischen den Bäumen gefunden!« »Das kann ja auch ein Liebespfand gewesen sein,« schlug Marthe vor. (Sie widersprach der Freundin grundsätzlich.) »Leute aus den Kreisen, die haben es immer so mit Liebespfändern!« »Glaubst du, dass er es denn weggeschmissen hätt'? Warum hätt' er es denn wegschmeissen sollen? Ne, denn hätt' er es sich wohl an 'ner Schnur auf die blosse Brust gehängt!« »Ja–a ... Aber im Verhör is sie doch nich gewesen.« »Der Kammerherr is gut Freund mit dem Bürgermeister und dem Landrat, – du verstehst wohl!« »Ja, aber warum sollt' sie ihn denn erschossen haben!« fuhr Madam Svendsen beharrlich fort. »Ich begreife nicht, warum sie ihn erschossen haben sollt'.« »Natürlich weil er mit allen möglichen andern Frauenzimmern rannt' – mit hoch und niedrig ...« Die Frucht in der Wiege fing an zu quäken. »Jos–e–fi–ne!« rief die Madam. Das Mädchen steckte den Kopf – einen ungekämmten Kopf mit wildwachsenden Locken – durch die Schenkstubentür: »Was wollen Sie?« »Nimm Brüderchens Flasche und mach sie warm; er is hungrig!« Josefine riss die Flasche aus der Wiege und verschwand. Das Fräulein glitt zur Seite, man sah das Gesicht des Kindes. »Was für 'ne schnurrige Nase das Kind hat! ...« sagte Rikke. »So–o?« Die Nase des Kleinen war dick, rot und schwammig. Und jetzt, wo er wach war, rollte er sie mit seiner hohlen Hand rund im Gesicht herum. Nun, das tun ja so viele Kinder, ohne dass ihre Mütter deswegen just mit Eisenhändler O. W. Fredriksen in Berührung gekommen zu sein brauchen ... »Wann soll er getauft werden?« fragte Rikke. »Wenn ich wieder auf bin.« »Hast du seinen Namen schon bestimmt?« »Ja–a ... er soll Bernhard heissen nach seinem Vater.« »Äks ...!« sagte die Elster, sie hatte etwas verkehrt in den Hals bekommen ... Josefine kam mit der gewärmten Flasche herein. Marthe steckte den Saugpfropf in den Mund und kostete die Milch: »Du solltst hingehen und dich kämmen, Josefine!« sagte sie. Josefine warf den Kopf in den Nacken, so dass die Locken auf ihren Nadeln bebten: »Terkildsen findet, dass es mir so steht!« sagte sie. Im selben Augenblick ertönte die Türglocke, und sie stürzte hinaus. Marthe steckte dem Jungen den Saugpfropfen in den Mund; der schwieg sofort und schluckte gierig. »Du hast noch immer selbst keine Milch?« fragte die Elster. »Ne–e ... Der Doktor sagt, ich wär' zu dick.« »Reichlich zu Jahren bist du ja auch schon!« »Es gibt doch Frauen, die noch viel älter sind!« »Ja, natürlich, ja ... Aber die lassen sich auch nich mit Männern ein.« »Wie gern sie es auch möchten!« ergänzte Marthe. Rikke krächzte wütend, schwieg aber ... Die Sache mit Förster Treschau, der durch einen Fehlschuss ums Leben gekommen war, hatte sich vor acht bis zehn Tagen zugetragen. Die seltsamsten Gerüchte summten in dieser Veranlassung durch die Stadt. Alle hatten von seinen Liebeleien gewusst. Und sein Verhältnis zu Michaela von Löwenfeldt hatte seit Jahren den Unterhaltungsstoff für Söby und Umgegend gebildet. Hierzu kam nun noch der Damenhandschuh, der in der Nähe der Leiche gefunden war. Fräulein von Löwenfeldt und der Förster gingen häufig zusammen auf Jagd. Aber an dem Nachmittag, als er starb, waren er und »Rinaldo« allein im Hochwald gewesen. Das konnte Holzschuhmacher Niels wie auch die Schweden-Marie bezeugen. Sie hatten ihn begrüsst, und er hatte fröhlich wiedergegrüsst und nach Rinaldo gepfiffen ... Aber dann, eine gute Stunde später, als es schon angefangen hatte zu dämmern, hatte Waldhüter Jörgensen ihn gefunden. Er lag quer über dem Mosederwege, mausetot und mit einer Schusswunde hinter dem rechten Ohr. Seine Büchse war leer; neben ihm lagen zwei Hasen und im Gestrüpp, ein wenig weiterhin, ein Rehbock. Das Ganze sah ziemlich selbstverständlich aus: Er war gestrauchelt, der Schuss war losgegangen und hatte ihn hinter das Ohr getroffen; die Kugel war ins Gehirn gedrungen und er war sofort tot gewesen. Aber dann war da ja dieser Damenhandschuh! Und dass er Fräulein Michaela gehörte, das hatte sie selbst eingeräumt, als man ihn ihr gezeigt hatte. – Entweder müsse sie ihn einmal verloren haben, als sie auf der Jagd war, meinte sie, – oder auch, Treschau hatte ihn ihr weggenommen. (Hier errötete sie.) Er verfolgte sie ja mit seiner wahnsinnigen Verliebtheit... Nun, sie war aber wohl nicht die einzige! Sein Herz war scheinbar sehr geräumig gewesen! ... Den Handschuh hatte sie übrigens nicht vermisst, ehe sie ihn sah. Sie hatte ja so viele Handschuhe. Diese Erklärung gab das Fräulein kalt und ruhig ab. Ausgenommen also, als sie des Försters Verliebtheit erwähnte. Der Kammerherr war an dem Tage, als das Unglück passierte, auf einer Treibjagd in der Nachbarschaft gewesen. Und Michaela selbst hatte mit Kopfschmerzen zu Bett gelegen. Nur am Nachmittag hatte sie sich eine halbe Stunde unten bei ihren Hunden aufgehalten. Als sie von dort heraufkam, hatte sie ein Antifebrinpulver genommen und war wieder zu Bett gegangen. So verhielt sich die Sache. Aber da war ja dieser Handschuh ...!   »Und nun liegt er, Treschau, unter dem Rasen ...« sagte die Elster; sie und Madam Svendsen waren wieder auf das jähe Ende des Försters zurückgekommen. » Aber wäre das irgendeine andere als Michaela gewesen, die in die Sache emballiert gewesen wär', denn hätten wir allerlei erleben können!« »Ja–a ...« nickte Marthe, »die Grossen wissen sich immer um die Ecke zu drücken! ... Hat sie noch all ihre Hunde?« »Ja, die hat sie noch ... vierzehn sagen sie. Was muss sie ja auch haben, um sich die Zeit zu vertreiben ... Und in allen Grössen ...!« »Sie sollt' lieber was Vernünftiges vornehmen!« »Das braucht sie nich. Sie kriegt ja das Gut. Sie is einziges Kind.« »Wer das glaubt! ...« entgegnete Marthe pfiffig. »Ja, das heisst ›eheliches‹; die unehelichen spielen ja keine Rolle nich, hack, hack!« krächzte die Elster. »Da kommt dein Mann!« Bernhard war aus der Schenkstube hereingekommen. »Schuster Hansen, Marthe,« fragte er geschäftig, »wie steht es mit Schuster Hansen, können wir ihm noch Kredit geben?« »Wieviel hat er schon stehen?« »Elf Kronen und vierzig ... Nu is er dadraussen und bestellt für sich und zwei Bekannte ...« »Ja–a, schreib du man an; der is ganz sicher. Wir haben ja auch was bei ihm stehen.« Die Elster zeigte auf die Genossenschaftsfrucht, die selig, mit geschlossenen Augen dalag und aus der Flasche lutschte. »Ein prächtiges Kind, Terkildsen!« sagte sie. »Ja, prächtig! ...« nickte Terkildsen. »Dann kreid' ich also für den Schuster an?« fragte er seine Frau. »Kreid' du man an!« antwortete sie. »Was macht Hundertundelf?« Bernhards kleiner Körper richtete sich straff auf. »Immer hast du was gegen Grossvater!« Marthes Gesicht schwoll an: »Er soll sich doch wohl nützlich machen für Kost und Logis!« » Das kannst du mir ruhig überlassen!« Bernhard drehte sich rund herum wie ein Kreisel und ging. »Dieser kleine Spirrfix,« höhnte die Madam hinter ihm drein. »Jo–se–fi–ne!« Das Mädchen steckte die Locken herein: »Was wollen Sie ... Da sind Gäste!« »Was macht Hundertundelf?« »Der schläft – er war ja wieder knallduhn. Terkildsen sagt, er soll sich amesieren, solange die Madam zu Bett liegt.« Und weg war sie. Madam Svendsen schlug wütend mit der Hand auf das Deckbett: »Man muss wohl sehen, dass man aus den Federn kommt!« sagte sie. Und da fiel Rikke eine Bosheit ein. Sie lag auf der Hand, aber merkwürdigerweise war sie ihr bisher nicht in den Sinn gekommen: »Sind Josefine und Terkildsen nich so ungefähr gleich alt?« fragte sie ganz unschuldig. Aber ihre kleinen rotgeränderten Elsteraugen leuchteten vor Bosheit wie Phosphor.   Michaela von Löwenfeldts Hunde: Freja . Grand Flachlandnois, blaugrau mit weisser Brust, weissen Socken und weisser Schwanzspitze. Hündin. Schön, angenehm, liebenswürdig, aber ein wenig indolent; vielleicht dumm. Steht in intimem Liebesverhältnis zu unten erwähntem Hektor ; gibt sich ihm aber scheinbar mehr hin, um ihm ein Vergnügen zu bereiten, als um ein tieferes Bedürfnis bei sich selbst zu befriedigen. Ist allem Anschein nach unfruchtbar, da sich bis dato nie Früchte dieser Verbindung eingestellt haben. Kann an Winterabenden stundenlang vor dem flackernden Kaminfeuer in des gnädigen Fräuleins Kabinett sitzen, tiefsinnig in die Flammen starren und interessant aussehen, was häufig mit weniger begabten weiblichen Existenzen der Fall sein soll. Ist von Eltern mit einem bedeutenden Stammbaum gefallen. Was vielleicht hinreichend die obenerwähnten hervorragenden Eigenschaften erklärt. Mit diesem Hunde lässt Fräulein Michaela sich photographieren, wenn sie in Strassentoilette ist. Hektor. Gordonsetter. Vetter zweiten Grades von Sr. Hoheit Fürst Jochums XVIII. zwei berühmten Leibhunden gleicher Rasse. Schöner Haarwuchs und guter Behang, aber mit einem leider nicht ganz reinen Schwanz. Ist in den Flegeljahren und wirft daher infolge seiner unbeherrschten Bewegungen oft Ständer, Vasen, Nippesgegenstände und Blumentöpfe um; läuft trotz Verwarnungen und Püffen quer über frisch gesäte Rasenplätze und Blumenbeete. Wurde nach einer stürmischen, jugendbrausenden, alle Rücksichten beiseitesetzenden Werbung der oben erwähnten Freja monopolisierter Liebhaber. Doch, wie bereits erwähnt, ohne Folgen. Liegt in beständigem Guerillakrieg mit unten erwähntem Jakob Hansen . Ist im übrigen gutmütig und unbezwingbar lebensfroh, obwohl er der Prügelknabe des Hofes ist und oft von dem Fräulein, seiner Herrin, ohne triftigen Grund gezüchtigt wird. Dies mag als Beispiel dafür dienen, wie hoch ein natürlicher, gesunder und bereitwillig befriedigter Liebesdrang eine männliche Natur über die vielfachen Scherereien und Widerwärtigkeiten des Lebens hinwegtragen kann. Darum: Ehre den Frauen! Mit Hektor lässt sich das gnädige Fräulein im Reitkleid photographieren.   Diana . Glatthaariger Hühnerhund. Schwarz ohne Abzeichen. Von hervorragend liebenswertem Gemüt und mit einem fruchtbaren Trieb, Mutter zu werden. Kaum hat man ihr einen Wurf junger Hunde ertränkt, als sie auch schon wieder auf irgendeine mystische Weise mit dem nächsten belastet ist. Schläft viel, ist ein wenig träge, macht aber doch regelmässig einsame Wanderungen in Feld und Wald, auf welchen Ausflügen, wie man meint, das Unglück geschieht. Wird zusammen mit dem gnädigen Fräulein photographiert, wenn diese im Jagdkostüm ist.   Jakob Hansen. Schwarzer Schnurpudel. Exzentrisch an Seele und Leib. Nie in Ruhe. Heftig, schnell zum Zorn geneigt, stolz mit einem Anflug von Hochmut. Entschlossen. Treu gegen Freunde. Unversöhnlich gegen Feinde. Dabei hinterlistig, feige, diebisch, sinnlich, naseweis, kurz, etwas von einer Künstlernatur. Von Söby auf das Schloss gekommen, weil er sich in der Stadt durch seine erotischen Exzesse unmöglich gemacht hatte. Sprang einmal durch ein Fenster in der Stiftspropstwohnung, wo die Stiftspröpstin mit ihrem Schosshund, einem russischen Mops, sass, den Jakob in den »Anlagen« getroffen und in den er sich ohne Ziel und Grenzen verliebt hatte, obwohl er nur einem Branntweinbrenner gehörte. Sollte einmal aufgehängt und ein paarmal erschossen werden, kam aber alle Male mit dem Leben davon. Lief dann dem Branntweinbrenner fort und logierte sich in dem vornehmsten Hotel des Städtchens ein, angezogen von dem reichlichen Abfall, hauptsächlich jedoch wohl von dem neckischen Foxterrier des Wirts. Wurde hier eines Abends um die Zeit des Martinstages von seiner jetzigen Besitzerin gesehen, die sich von seinem Namen und seiner Spiritualität angezogen fühlte und ihn für eine Gans und zwei Stiegen Eier kaufte. Wurde in der Nacht gebunden nach Löwenholm geführt und am Morgen losgelassen und kräftig gefüttert. Worauf er sich augenblicklich in alle auf dem Hofe anwesenden Hündinnen verliebte, wie er auch im Laufe der zunächst folgenden Tage und Nächte zahlreiche illegitime Verbindungen in der Umgegend einging. Duldet ungern Vertreter seines eigenen Geschlechts in seiner unmittelbaren Nähe, weswegen, wie bereits oben erwähnt, beständig Scharmützel zwischen ihm und dem Gordonsetter Hektor stattfinden, während er jedoch gleichzeitig klug genug ist, eine Art bewaffneten Neutralitätsbündnisses mit Prinz (siehe unten), Fräulein Michaelas Lieblingshund, zu schliessen. Treibt im übrigen seine Antipathie gegen Nebenbuhler so weit, dass er sogar einen finsteren Groll gegen Familien hegt, die Hunde männlichen Geschlechts halten. – Kann, wenn er guter Laune ist, reizende Kunststücke machen, wie »sitzen«, über Spazierstöcke springen und mit geschlagenem Zucker auf der Nase gehen. Führt diese Kunststücke auch aus, wenn er durchaus dazu gezwungen wird, tut es dann aber mit einem bösen Ausdruck in den Augen und verlässt in der Regel das Haus unmittelbar nach der Vorstellung, um mehrere Tage fortzubleiben. Verachtet schäbig gekleidete Personen und untergeordnetere Dienstboten. Betrachtet überhaupt das Gut als sein Privateigentum, weswegen er sich stets, wenn er in die Zimmer hinaufkommt, auf die weichsten Sofas und die bestgepolsterten Lehnstühle legt. Ist seiner Besitzerin und ihren bevorzugten Gästen gegenüber reichlich wedelnd, kritisiert sie aber scharf und treffend hinter ihrem Rücken. Woher er seinen etwas plebejischen Namen hat, ist ein Rätsel, da er in der Regel in seinem ganzen Auftreten an einen Hofchef oder einen ersten Lordkammerherrn erinnert. Ist wahrscheinlich ein Kind der Liebe. Das Freiluftprodukt eines Stammherrn und einer Zirkusprimadonna. Lajla . Dackel. Hündin. Ein kindlicher Körper, der eine grundverdrehte Seele umschliesst. Gehört zu einer uralten Familie, deren Mitglieder sich beständig untereinander verheiratet haben. Ist infolgedessen ein heuchlerischer, unreinlicher, kataleptischer Kopraphag und geheimen Lastern ergeben. Kurz: ein weiblicher Heliogabal, der mit relativem Schweigen übergangen werden muss. Sascha . Russischer Windhund. Mager, krankhaft, poetisch. Weiss mit blaugrauen Flecken. In Schweden geboren. Prüde und ablehnend den Hunden des andern Geschlechts gegenüber, betrachtet sie aber mit durchdringenden Blicken, sobald sie sich unbeachtet glaubt. Leidet an einer Hundekrankheit und erinnert überhaupt an eine ältere Gouvernante. Der Prinz . Terrier. Auf einem Schloss zwischen den Bergen in der Gegend von Edinburg geboren. Hat etwas von der ernsthaften Majestät und unerschütterlichen Beherrschtheit eines Hochschotten an sich. Daher der Name. Treu, gut, hochherzig. Höflich, würdig und gehorsam ohne Spur von kriechender Untertänigkeit Vorgesetzten gegenüber. Freundlich und entgegenkommend in seinem Verhältnis zu Untergebenen ohne eine Spur von der so unschmackhaften süsssauren Herablassung, die leider so oft Personen von Rang eigen ist. Ist kein Freund von vielen Worten, äussert aber nachdrücklich seine Ansicht, wenn er das zweckmässig findet. Ist Fräulein Michaelas Lieblingshund und weiss es, lässt es sich aber nicht merken. Hat keine Liebschaften auf dem Schloss, da er der korrekten Auffassung huldigt, dass man sein Heim respektieren soll. Hat jedoch versucht, Freja zu seiner legitimen Gattin zu machen, doch sass ihm das Ziel zu hoch. Hält sich deswegen in dem nahegelegenen Dorf ein paar Dämchen, die er hin und wieder auf ein paar kurze Stunden mit seinem Besuch beehrt. Wandert nach einer solchen Visite langsam durch den Wald zurück, in tiefe Gedanken versunken, und von Zeit zu Zeit sein königliches Haupt schüttelnd über die sonderbaren Funktionen, die ein Wesen hier auf Erden auszuführen hat, um seine Gesundheit einigermassen ungeschädigt zu bewahren. Verbringt darauf den Rest des Tages ein wenig matt in einem Lehnstuhl von passender Weichheit, wo er zu einem Knäuel zusammengerollt liegt und ein paar Pfund graumelierten Wollgarns gleicht, das in Unordnung geraten ist. Wird zusammen mit dem gnädigen Fräulein photographiert, wenn sie in Gesellschaftstoilette ist.   Dies sind Michaela von Löwenfeldts Hunde, ihr täglicher Verkehr und ihr hauptsächlicher Zeitvertreib. Doch ist zu bemerken, dass sie ein paar Tage nach Förster Treschaus traurigem Ende den Hühnerhund Diana eigenhändig erschoss und nie wieder auf Jagd ging. Das Motiv unbekannt. Konsul Wävers Automobil kam mit voller Fahrt durch die Süderstrasse gesaust, von einem erstklassigen Chauffeur gefahren, und machte genau vor dem Torweg des Geschäftshauses auf dem Kirchenplatz halt. »Da sind die Konsulin und Frejlif!« meldete Fräulein Solberg vom Fenster aus. »Hm!« brummte der Kaufmann. »Was ist denn jetzt wieder los!« Die Tür nach der Diele flog auf, ohne dass angeklopft war. P. A. setzte den Gucker vor das Seh-Auge. Ja; es war seine Tochter mit Sohn. Die kleine Frau lief mit Bändern und Enden, die sie wie Wimpel umflatterten, hin und ergriff die Hand des Alten: »Ach, Papa, Papa!« sagte sie, und sie war blass und verstört. »Ach, Papa, Papa!« »Na, haben sie ihn nun gefasst?« fragte der Kaufmann. »Er war wohl vorbereitet, denn er hatte in den letzten zehn Jahren an nichts anderes gedacht.« Der junge Wäver war kerzengrade in der Tür stehengeblieben. Er war in Reitkostüm: grossgewürfelter Schinkenhose, dunkelblauer Jacke, gelben Stiefeln und Sportmütze. Auch er war bleich, und er glich mehr denn je einem rachitischen Frosch. Die Konsulin sank vor P. A.s Stuhl auf die Knie: »Papa, Papa,« wiederholte sie. »Du musst helfen, du musst helfen!« » Ist er eingesteckt?« fragte der Alte; er war keinen Augenblick darüber im Zweifel, dass es sich um die Geldangelegenheiten des Schwiegersohns handelte. »Der Kaufmann sollte sich schämen!« liess sich die Solberg vernehmen. »Ich frage, ob er eingesteckt ist ?« wiederholte der Alte. »Nein, nein, nein ...« schluchzte die Konsulin. »Wie grausam du bist!« »Was ist denn los?« »Es ist etwas mit der Bank ...« »Hab' ich mir's doch gedacht ...! Wieviel?« »Das weiss ich nicht ... Das weiss man noch nicht ... Aber Hagbart bat mich, zu dir zu fahren und dich um Hilfe zu bitten ... Das Ganze liesse sich noch ordnen.« »Nicht mit einem Schilling helfe ich!« sagte P. A. sehr bestimmt. »Nicht mit einem roten Heller. Die Sache ist bodenlos! ... Hat er Geld gestohlen ?« »Er hat spekuliert ...« sagte die Konsulin. »Ach, was weiss ich! Ich verstehe mich ja nicht darauf! Du musst mir helfen!« »Ist die Revision dagewesen?« »Ja, sie kam plötzlich heute morgen: Rechtsanwalt Petersen, Eisenhändler Fredriksen und Brauer Sandberg ... Es ist ein ganzes Komplott, sagt Hagbart ... Aber wenn du nur helfen willst, wird die Sache nicht angezeigt ... Sonst wird Hagbart verhaftet ...!« »Aber ich will nicht, fahr du nur nach Hause und grüss' ihn und sag' ihm das!« »Ach, Papa, Papa ...!« Die Konsulin wandte sich schluchzend nach ihrem Sohn um, der noch immer regungslos auf demselben Fleck stand. »Frejlif,« sagte sie, »so komm doch her und bitte deinen Grossvater, dass er deinen armen Eltern eine helfende Hand reicht.« Der junge Wäver rührte sich nicht: »Ich hab' dir ja gesagt, ehe wir fuhren, dass es nichts nützen könne; Grossvater hat sein Geld viel zu lieb.« P. A. nickte dem Enkel anerkennend zu. »Ganz recht, mein Junge. Ich habe mein Geld viel zu lieb, um es ins Wasser zu werfen ... Wäre es wenigstens noch reines Wasser gewesen,« endete er. Die Konsulin war nun ganz in Tränen aufgelöst. Fräulein Solberg tröstete und streichelte sie und führte sie zu einem Stuhl. Auf dem Kirchenplatz hörte man das Fauchen des Automobils. »Du willst wohl auch nicht für die Summe bürgen, Grossvater,« fragte Frejlif plötzlich, »und der Bank das Geld in Raten zurückzahlen?« Der Alte richtete sich unwillkürlich auf, hielt die Kanone vors Auge und sah fast wohlwollend zu dem jungen Mann hinüber: »Bürgen?« wiederholte er. »Verstehst du dich auf die Sachen? Du bist also nicht ganz so töricht, wie du dich kleidest ... Nein, ich will auch nicht bürgen, lieber Frejlif ... Weisst du vielleicht auch, wie gross die Summe ist?« »Drei- bis vierhunderttausend Kronen.« »Und da sind Fälschungen mit im Spiel?« »Das wusste man noch nicht ...« Die Konsulin hörte auf zu weinen und starrte den Sohn verwundert an: Woher kannte er alle diese Einzelheiten? Sie fasste eine neue, schwache Hoffnung: »Hilf uns, Papa ...« bat sie. »Wenn nicht um Hagbarts und meinetwillen, so doch um Frejlifs willen; er kann das Ganze vielleicht wieder in die Wege leiten ...?« »Helfen Sie ihnen doch, Kaufmann ...« sagte die Solberg. »Helfen Sie Ihren Kindern doch ...« Aber nun wurde P.A. wütend. Dass diese kurzsichtigen Frauenzimmer ihren Schnabel nicht halten konnten! »Helfen!« höhnte er, »damit mein Geld zur Hölle gehen soll, wie? Nein ! Mag dieser Schlappschwanz von Konsul liegen, wie er sich gebettet hat! Meiner Tochter und ihres Jungen will ich mich schon annehmen, wenn es erst so weit ist.« »Ja, aber der Skandal ...« versuchte die Solberg. »Ich pfeife auf den Skandal. Ich habe die Bank ja nicht bemogelt ... Sehen Sie wohl, es war gut, dass ich nicht auf das Diner gegangen bin!« »Ich halte es mit Grossvater,« sagte der junge Wäver ruhig; er stand noch immer auf demselben Platz; es war, als wage er nicht, sich vom Fleck zu rühren. »Ich halte es mit Grossvater: es hiesse ja, unser Geld zwecklos wegwerfen.« Der Kaufmann hüpfte auf dem Stuhle in die Höhe: »Du bist ja ein ganz verteufelter Junge,« platzte er los. »Sagst du ›unser‹ Geld, he, he!« »Ja; soll ich etwa Grossvater nicht einmal beerben?« »Ja–a ...« »Aber dein eigener Papa, Frejlif ...« flehte die Konsulin, deren Hoffnung sich wieder zerschlagen hatte. »Denke doch an deinen eigenen Papa! An all die Schande, die über ihn und über uns kommen wird.« »Ja, und über die ganze Familie!« fügte die Solberg hinzu. »Über die alte, geachtete Familie.« Frejlif trat ein paar Schritte vor, als wolle er antworten ... Plötzlich aber griff er mit seinen langen Armen in die Luft hinein, schnappte ein paarmal nach Atem und stürzte zu Boden. Er hatte einen seiner epileptischen Anfälle bekommen ...   Ringsumher in der Stadt zischelte und tuschelte man über die Wäversche Angelegenheit. Aber noch war nichts geschehen. Wohl hielt sich der Konsul zu Hause in seiner Villa, aber das Geschäft auf dem Kirchenplatz war noch immer offen, und in der Bank ging alles seinen gewohnten Gang.   Am Tage nach dem vergeblichen Besuch der Konsulin sass Fräulein Solberg wieder an ihrem Fenster. »Da ist unser Folketingsabgeordneter,« meldete sie. »Wer ...« entfuhr es dem Kaufmann mit einem Ruck. »Jetzt biegt er in den Torweg ein ...« » Wer , sage ich.« »Unser Folketingsabgeordneter.« »Da soll mich denn doch ... Haben sie den nun herübergelotst?« Es klopfte. Hansen Hochrippe trat ein. »Guten Tag, Kaufmann Birk ...« »Hm ...« »Ja, Sie wundern sich wohl, mich zu sehen?« »Nein ...« »Na, ha, ha, ha. Um so besser. Guten Tag, Fräulein Solberg.« Hochrippe drückte P.A. und der Solberg die Hände ... Dann entstand eine kleine Pause. »Hm, ja ... ich möchte gern mit Ihnen reden, Herr Birk ...« begann er. »Reden Sie nur frisch von der Leber weg ... Vor der Solberg habe ich keine Geheimnisse.« Das Fräulein erhob sich. »Ja, aber wenn der Herr Folketingsabgeordnete meint ...« »Unsinn,« rief P.A. aus. »Sie bleiben hier!« Hansen Hochrippe sah sich ein wenig unangenehm berührt um; ihm war nicht ganz behaglich bei der Mission, auf die er sich eingelassen hatte. »Ja, Sie wissen wohl, Herr Birk, weswegen ich komme?« »Nein ...« »Hm, ja ... Es geschieht ja in Anlass Ihres Herrn Schwiegersohns ...« »Was soll der?« Der Folketingsabgeordnete wiegte sich hilflos hin und her: dass der Alte so hart sein könnte, hatte er sich doch nicht vorgestellt. »Hm, ja ...« begann er von neuem, »sehen Sie, es handelt sich ja um diese Bankgeschichte ...« »Die geht mich gar nichts an,« erwiderte P.A. »Ich habe meiner Tochter und ihrem Sohn gesagt, dass sie mich gar nichts angeht. Und dann geht sie mich also nichts an ...« »Es liesse sich doch am Ende eine Übereinkunft treffen ...« versuchte der Abgeordnete. »Dann wenden Sie sich an den Konsul ... Ich hab' nichts mit seinen Geldschwindeleien zu schaffen.« »Kaufmann, Sie sollten doch wirklich ...« begann Fräulein Solberg. »Sie hält das Maul, bis Sie gefragt wird!« Hansen Hochrippe erhob sich und trat an P.A.s Stuhl. »Ich verstehe sehr gut, dass Sie erbittert auf Ihren Schwiegersohn sind,« sagte er und stellte sich in Tingstellung auf, um eine längere Rede zu halten, »ich verstehe das nur zu gut ... Und dass Sie nichts für ihn tun wollen, verstehe ich zur Not auch ... Aber denken Sie doch an Ihre Tochter und deren armen Sohn, denen Sie viel Kummer und Not ersparen können, wenn Sie der übervorteilten Gläu...« »Sie meinen sich selbst und die anderen Aktionäre – wie?« »Hm, ja ... der Bank gegenüber, meine ich.« »Frejlif hält aber mit mir!« feuerte P.A. triumphierend ab. »Frejlif ... Wer ist Frejlif?« »Mein Enkel; er ist klüger, als er aussieht, will ich Ihnen sagen; und er hält mit mir: Grossvater soll unser Geld nicht zum Fenster hinauswerfen, sagte er.« »Ja, das hat er gesagt ...« bekräftigte die Solberg kopfschüttelnd. »Der arme junge Mensch, er ist ja nicht so ganz richtig ... so ganz richtig ... und nun liegt er krank dadrüben in der Villa ...« seufzte der Mann des Gesetzes mitfühlend. »Der Arzt ist ernstlich um ihn besorgt ... Und nun hat seine liebe kleine Mutter auch noch die Sorge zu all dem andern ...« Hansen Hochrippe legte eine Hand auf den Arm des alten P.A. »Diese traurige Geschichte hat einen tieferen Sinn, als Sie glauben, lieber Freund,« fuhr er fort und seine Stimme wurde schwer vertraulich. »Nicht nur Ihre arme Tochter, ihr Mann und ihr Sohn werden dadurch getroffen ...« »Sondern auch ihr Aktionäre ...« brummte der Kaufmann. Der Folketingsabgeordnete tat jedoch, als habe er nichts gehört, und fuhr fort: »Sondern auch die ganze Regierungspartei als solche!« sagte er. »Sollen wir nun schon wieder einen von diesen trübseligen Bankkrachs mit all seinem Staub und Schmutz erleben ... Wir können alle diese Stösse nicht aushalten; das Zutrauen wird erschüttert ... Der Grundstoss mit dem Minister war wirklich mehr als hinreichend ...« Er beugte sich dicht über den Alten. »Ich bin höheren Orts ermächtigt, Ihnen eine dekorative Gratifikation anzubieten, falls Sie uns behilflich sein wollen, diese Sache so lautlos wie möglich aus der Welt zu schaffen ...« Der Kaufmann entwand sich der überredenden Faust, die auf seinem Arm lag: »Ja, ich will aber nicht,« und er schlug auf die Fensterbank. »Ich will euch eure Kastanien nicht aus dem Feuer holen! Warum soll ich eigentlich den Verlust tragen? Lasst die Schafsköpfe von Garanten und Revisoren selbst für ihre Schlafsucht leiden. Warum habt ihr nicht rechtzeitig aufgepasst? ... Die ›Regierungspartei‹, he! Ja, das ist wirklich eine nette Regierungspartei, die sich nicht selbst regieren kann! Ihr glaubt wirklich, ihr könnt mich belauern, indem ihr mir einen von euren Bimmelbammel-Orden anbietet? Bild't euch das man bloss nich ein! Mein Geld kriegt ihr nich, wieviele ›Gratifikationen‹ ihr mir auch anbietet. Kehren Sie man mit dem Bescheid zu den Herren zurück, Herr Folketingsabgeordneter! Und denn Adieu – und grüssen Sie die ganze Klerisei von mir! ... Machen Sie ihm auf, Solberg! Und dann lassen Sie mich in Zukunft in Frieden!« Als Fräulein Solberg zurückkam, nachdem sie den Mann des Gesetzes hinausgelassen hatte, streckte sie ihrem Brotherrn die gefalteten Hände entgegen und sagte: »Kaufmann, Kaufmann!« sagte sie. »Bedenken Sie doch, dass dies die Leute sind, die die Macht in Händen haben ...« »He!« grunzte P. A. »Was zum Kuckuck können sie mir wohl anhaben, wenn ich mein Geld in Sicherheit hab'? Eine andere Sache war' es gewesen, wenn sie es mir abgeluchst hätten!« Und er hielt die Kanone vor das Seh-Auge und guckte nach dem Reichsboten aus, der bei der Zionbrücke um die Ecke verschwand. »Ha, ha, ha!« gluckste der Alte voller Wonne, »mir deucht, er sieht nu ein gut Teil kleiner aus wie erst, als er kam!«   So musste denn also Bankdirektor, Konsul Hagbart Wäver in die Untersuchungshaft wandern ... Sowohl Bürgermeister Rosenbaum als auch Stiftspropst Wedel waren bei dem alten P. A. Birk gewesen; aber der Kaufmann hatte gleich zu Anfang der Seance die Zähne auf den Tisch gelegt, und die Herren hatten ihn unverrichteter Sache verlassen müssen. Und dann musste man ja die höchsteigene Person des Konsuls mit Beschlag belegen. »Hack, hack,« krächzte Rikke Elster, als die Sache ruchbar wurde, »da ging dem Pfau sein Schwanz perdü!« Vierhunderttausend Kronen von den Mitteln der Bank waren vermöbelt. Da waren falsche Wechsel mit P.A.s Akzept. Und da war eine doppelte Buchführung: eine für den Chef und eine für die Revision. Die Villa stand zum Verkauf angekündigt, und das Geschäft am Kirchenplatz wurde für Rechnung der Gläubiger von Prokurist Sörensen verwaltet. Kein Band, keine Spitze hatte die Konsulin mitnehmen dürfen, als sie die hohen Zimmer des »Palais« verliess und mit ihrem kranken Sohn in ein paar kleine Hinterzimmer im Kaufmannshause zog. Die Solberg vergass fast die sämtlichen herrenlosen Hunde des Städtchens über all diesem Elend: Da trippelte Frau Wäver bleich und vergrämt herum. Nicht einmal das Gerücht von Förster Treschaus Tode und Fräulein Michaelas Handschuh machte einen Eindruck auf sie. Da lag Frejlif schlaff und zusammengekrochen in seinem Bett und konnte nach seinem letzten Anfall gar nicht wieder zu Kräften kommen. Er sprach nicht, rührte sich nicht. Die Nahrung musste man ihm löffelweise hineinzwingen. Kaum dass er zu schlucken vermochte. Und da sass der Konsul selbst im Stadtgefängnis über seine verpfuschten Papiere gebeugt, und wartete auf seine Strafe ... Fräulein Solberg machte ein Zeichen des Kreuzes und fror unter ihrer jungfräulichen Haut bei dem Gedanken an diese nervenerschütternden Dekorationsveränderungen des Lebens. Der alte P.A. Birk hielt sich aufrecht, erstaunlich aufrecht! Als man ihm die Wechsel des Schwiegersohns präsentierte (sechs an der Zahl), hielt er die Kanone vor das Auge, betrachtete sorgfältig die blauen Papierlappen und sagte nur das eine, allerdings sehr bedeutungsvolle Wort: »Falsch!« Worauf er seine Tochter rufen liess und noch ein Wort sagte, nämlich: »Scheidung!« Und dann endlich, nach einer Pause, noch ein drittes Wort: »Namenveränderung!« Und es geschah, wie er gesagt hatte. Die Konsulin liess sich scheiden und nahm ihren Mädchennamen wieder an. Den Titel aber behielt sie.   Endlich ward das Urteil gesprochen. Es lautete auf vier Jahre Zuchthaus für Betrügereien und Fälschungen, wie für strafbaren Umgang mit anvertrauten Mitteln ... Und in einer frühen Morgenstunde rutschte Konsul Hagbart Wäver, das ehemalige Licht und die Fackel von Söby, mit der Eisenbahn nach einem der geräumigen Zuchthäuser Flachlands ab, um sich zu bessern ...   Am selben Abend in der Dämmerstunde pochte es an die Tür der Konsulin und Fräulein Solberg erschien: »Pastor Sörensen wollte die gnädige Frau gern begrüssen ...« Frejlif war in eine Art dumpfen Schlafs versunken; die Lampe leuchtete hinter ihrem Schirm, und in der Sofaecke sass die Konsulin und dachte ... Der Pastor glitt hinein. Die Solberg glitt hinaus. Still und bereitwillig setzte sich der Pastor auf das Sofa an die Seite der Konsulin, ergriff eine ihrer kleinen, kalten Hände und sprach: »Jagen Sie mich nicht fort,« sagte er. »Weisen Sie mich nicht von sich. Ich sitze hier als Gottes Gesandter ... Ein schwerer Sturm ist über Ihr Leben hingegangen. Den mit des Allmächtigen Beistand zu verscheuchen, bin ich gekommen. Werfen Sie alle Ihre Sorge auf den Herrn und auf ihn allein. Und die Sonne seiner Gnade wird wieder goldenen Frieden in Ihr Herz giessen ...« Also sprach er. Und während die Konsulin voller Dankbarkeit Sörensen ihre kleine, arme, geprüfte Hand behalten liess, lehnte sie ihren Kopf an seine Brust und weinte stille Tränen der Befreiung ... So sassen sie wohl ungefähr dreiviertel Stunden unter gegenseitiger geistiger Beeinflussung. Und als sich der Pfarrer endlich erhob, um zu gehen, bat sie ihn, bald wiederzukommen. Was er auch versprach. Und auch tat ... Abend für Abend verbrachten sie nun zusammen auf dem Sofa, Hand in Hand, tief und ernsthaft über dieses Leben und über das auf der andern Seite redend. Und es war, als flössen mit jedemmal immer mehr und mehr Kalorien Kraft von seiner Kraft in ihre Schwachheit über und füllten sie mit Kräften, der Zukunft leichter entgegenzusehen. Und das ist es, worauf es ankommt. Schluss Abermals fand der Lenz sich ein. Die Lerchen sangen, die Menschen begingen Dummheiten. Gottes Sonne leuchtete vom Himmel herab und der Teufel säte sein Unkraut unter den Weizen ... Line Meincke und Zöllner Knagsted sassen an einem Sonntag vormittag im Wohnzimmer auf Abildtorpegaard. Sie waren allein. Frau Trine und Mine waren in der Küche. Der Gutsbesitzer sass bei der Wochenabrechnung in seinem Zimmer, und in seinem Korb am Ofen lag der ewig schlummernde Pardautz und schlief. »Nun musst du nicht böse werden, Zöllner,« sagte Line, »aber ich habe einen Schritt hinter deinem Rücken getan.« »Dafür bist du ja eine Frau ...« nickte der Zöllner. »Und was für ein Schritt ist es denn?« »Ja, siehst du ... Du bist so sonderbar gewesen, finde ich, seit du dir Haar und Bart hast wachsen lassen ... Ich kann gar nicht aus dir und deinem Charakter klug werden, und wie du eigentlich inwendig bist ... Du selbst sagst ja nie was ...« »Hm ...« brummte Knagsted. »Was geht das alles dich eigentlich an?« »Hm, ja ... da hast du wohl recht ... Aber da ich es nun doch trotzdem gern wissen wollte, ... so kam ich auf den Einfall, einige Ausschnitte deiner Briefe an einen Graphologen zu schicken.« »Nun, das muss ich sagen!« »... und gestern, als ich in Söby war, hab' ich die Antwort bekommen.« »Und was sagt er denn? kann er auch nicht aus mir klug werden?« »Ach ja! Nun sollst du hören ...« Line zog einen Brief aus der Tasche: »Sieh hier.« ... Sie zeigte ihm den Umschlag: Fräulein Karen Malund Söby. Poste restante. »Ha, ha. Gnädiges Fräulein sind schlau gewesen!« Sie lächelte! »Es sollte ja ein Geheimnis sein.« »Natürlich ... Und wie meint denn er, dieser Tintendeuter, dass ich inwendig aussehe?« »Nicht gut!« lachte Line. »Nein, das will ich gern glauben ... Lass einmal hören!« Und sie zog den Brief heraus und las: Graphologisches Institut Siriusstrasse 42 Hauptstadt F. 3. 5. 19.. Fräulein Karen Malund! Hiermit Ihrem Wunsche gemäss eine kurze graphologische Probedeutung nach eingesandter Handschrift, die gleichzeitig zurückgesandt wird. »Was hat das Pläsier gekostet?« fragte Knagsted. »Eine Krone in Briefmarken.« »Na ... das war billig! Aber nur weiter! Ich bin mörderisch gespannt.« Und sie las: ... Indem ich hoffe, dass Sie die Analyse zutreffend finden mögen, darf ich wohl auf Ihre freundliche Empfehlung hoffen. Spezialität ... »Sandtorte!« ergänzte Knagsted. »Nein, sei jetzt still, Zöllner!« ... Spezialität: Schriftexpertise. Siehe hierüber »Die Hellebarde« Nr. 61 und 62. Ergebenst P. Salling. »Er ist also Fachmann?« »Ja, natürlich ist er Fachmann!« Line drehte das Papier um und las weiter. ... Der Schreiber hat Tendenz zu Schlaffheit ... Der Zöllner nickte beifällig: »Das fangt ja recht vielversprechend an!« ... geringe Festigkeit, wenig Energie und Willenskraft ... »Ho, ho!« ... Galgenhumor, der oft, in eine eigenartige, an sich selbst verzagende Melancholie und verzweifelte Selbstironie übergeht ... »Hat man je so was gehört!« ... Übertreibt, ist flüchtig, ohne tiefere dauernde Gefühle oder festen Halt in sich selbst ... »Habe ich gar keine, wenn ich mich so ausdrücken darf, gesellschafterhaltende Instinkte?« »Keine!« »So ein Halunke! ... Ich meine mich natürlich selbst!« ... Dabei verschlagen und spitzfindig, setzte Line ihre Lektüre fort, ... kraftlos und ohne Idealität oder Begeisterung. Lose moralische Grundsätze, gleichgültig, wankelmütig und unberechenbar. P. Salling. »Das war eine grausame Salbe!« sagte Knagsted. Line liess das Papier sinken und sah ihm inquisitorisch in die Augen: »Stimmt das, Zöllner?« »Ja.« »Alles?« » Alles , ja!« »Auch, dass du verschlagen und spitzfindig bist?« »Ja! ... Darum habe ich ja Haar und Bart wachsen lassen ... um es zu verbergen.« Sie lachte: »Die leibhaftige Bosheit!« sagte sie. »Die leibhaftige Bosheit durch und durch, ja!« Aber dann ergriff er ihre Hand, und indem sein Gesicht eine betrübte Maske anlegte, sagte er mit tiefer und trauriger Stimme: »Es ist schrecklich, kleine Line, dass du mich nun so aus- und inwendig kennst ... Jetzt muss ja natürlich alles zwischen uns aus sein ...! Aber willst du mir eins versprechen?« »Und das wäre?« »Ja: Da nun für mich alle Hoffnung auf deine Hand aus ist ... ganz abgesehen von der Konkurrenz mit Christian Werner ...« Sie entzog ihm ihre Hand: »Ach was!« »... so möchte ich dich bitten, dies unangenehme Testimonium deiner Schwester nicht zu zeigen, da dann ja doch die Möglichkeit vorhanden wäre, dass ich bei ihr ...« Line errötete: »Das kann ich dir nicht versprechen ... denn ich habe es ihr ja schon gezeigt.« »So, du hast es ihr schon gezeigt ... Und du, die du immer so verschwiegen und diskret bist.« »Ach was!« sagte Line abermals. »Schafskopf!« und dann fuhr sie mit geballten Fäusten über ihn her. Knagsted zog sich ängstlich zurück. »Rühr mich nicht an!« sagte er, »um Himmelswillen, rühr mich nicht an, sonst stehe ich für nichts ein, bedenke, meine losen moralischen Grundsätze! ... Darf ich mir die Frage erlauben: Haben das gnädige Fräulein den Herren Eltern auch das Papier gezeigt?« Sie zögerte ein wenig: »Ja ...« »Und vielleicht auch Herrn Christian Werner?« »Ja ...« Knagsted eilte auf die Diele hinaus und nahm seinen Hut und Stock. »Dann bin ich ja völlig unmöglich hier im Hause,« sagte er. » Adieu! Willst du sie alle von mir grüssen!« »Aber Zöllner! ... Zöllner!« Sie lief ihm nach und fing ihn ein: »Bist du verrückt, Zöllner?« Im selben Augenblick kam Christian Werner zur Haustür herein. Er war zu Tisch eingeladen. Knagsted schlang die Arme um Line und küsste sie nachdrücklich dreimal hintereinander mitten auf den Mund. »Schmeckt gut!« sagte er dann und schob sie dem geliebten Gegenstand hin. »Besten Dank! ... Nun können Sie fortsetzen!« »Ach was ...!« fauchte das Mädel zum dritten Male und entfloh durch die Wohnstube. Christian Werner stand dunkelrot und sprachlos da ... Aber in ihrem Korb am Ofen erwachte Pardautz und sagte: »Wau! Zum Teufel auch, was geht hier eigentlich vor sich!« »Pass!« »Pass!« »Pass! ... Sollen wir nun schon wieder Trumpf spielen! Dass heute abend auch kein vernünftiges Spiel zustandekommen kann ... Sie machen à tout, Zöllner!« Die jungen Leute waren am Nachmittag nach Storeholt hinübergegangen. Die Alten sassen, so wie es jetzt ungefähr jeden Sonntag Sitte geworden war, bei Karten und Whisky am Tisch unter der Hängelampe. In ihrem Korb am Ofen schlief Pardautz. Draussen schien der Mond ... Man führte trotz des Whistes eine tiefsinnige Unterhaltung. »Ja,« sagte Knagsted, »es ist schrecklich, alt zu werden ... keine Hoffnung hat man mehr, keine Sehnsucht, keine Träume. Und hat man sie, muss man ihnen den Garaus machen ... Man wird so müde, so müde, dies ewige Aufstehen und wieder zu Bette gehen ... gerade heute morgen habe ich es ausgerechnet: zwanzigtausendundfünfundsiebzigmal ausser den Schalttagen! Und zu welchem Nutzen und Frommen? Nur um diese eine trübselige, graue Wahrheit zu konstatieren, dass zwei mal zwei ewig und unveränderlich, solange die Welt steht, vier bleiben werden! ... Nein, Jugend, Jugend , das ist das einzige, was dem Leben Wert verleiht.« »Nun,« meinte der Gutsbesitzer, »wenn man sonst nur einigermassen gesund ist und seine Geistesfähigkeiten bewahrt, so ...« »Sagten Sie Geistesfähigkeiten ?« unterbrach ihn der Zöllner. »Das ist ja das Allerschlimmste, was einem geschehen kann, das macht ja die Pein nur noch ärger!« »Wollen Sie denn lieber Idiot werden?« fragte Frau Meincke lachend. »Absolut!« nickte Knagsted, »wenn man sich vorstellt, dass man da sitzt und sich selbst Millimeter für Millimeter absterben sieht ... so raffiniert ist es ja nämlich eingerichtet. Nein, dann möcht' ich doch lieber um eine flotte kleine Gehirnerweichung bitten ... Wissen Sie, dass ich angefangen habe, an einer Komödie zu schreiben? Sie soll heissen: Die sogenannte beste Alterskomödie. Lustspiel in fünf Akten mit einem Nachspiel!« »Sind Sie unter die Dichter gegangen?« »Ja, du lieber Gott, wozu soll man denn sonst greifen?« »Ha, ha, ha!« lachte der Gutsbesitzer, »ich kaufe sonst keine Bücher, aber das muss ich haben! ... Steht es so schlimm um Sie?« »Ja, furchtbar, furchtbar!« nickte der Zöllner. »Lieber Kehrichtfahrer von zwanzig als Zollkontrolleur von fünfzig! ... Ach, so an einem Sommermorgen herumzugehen und die Kehrichteimer auszuschütten ...« fuhr er träumerisch fort, »... und mit den Mädchen zu schäkern ... daran zu denken, dass ein Feierabend kommt ... des Sonntags in den Wald zu fahren ... zu Tanz zu gehen ...« »Treff ist ausgespielt, lieber Knagsted ... Haben Sie kein Treff?« »Ja–a!« »Warum spielen Sie dann Coeur aus?« Knagsted verbesserte schnell den Fehler: »Verzeihen Sie, Frau Meincke!« Der Gutsbesitzer gewann und amüsierte sich: »Ha, ha, ha! fünf Trick ... du gibst, Mutter ...« Frau Trine nahm die Karten und fing an zu geben. »Jetzt müssen Sie sich aber wirklich zusammennehmen, lieber Partner!« sagte sie zu Knagsted. Und nach einer Weile fügte sie hinzu: »Soll ich Ihnen sagen, warum Sie sich so verlassen fühlen, Zöllner? Weil Sie weder verheiratet sind noch Kinder haben.« »Glauben Sie das?« »Ja! ... Fragen Sie nur meinen Mann.« »Ich hab' es, weiss Gott, brillant!« nickte Meincke. »Da ist nur eins ...« »Und was ist das?« fragte Frau Trine. Er sah sie schelmisch an: »Ich wage es nicht zu sagen.« »Ja, sag' es man frisch von der Leber weg!« » Darf ich?« »Ja, nur zu.« »Hm – ja ...« begann er zögernd, »da ist ja das ...« »Na?« »... da ist ja das, dass du meiner Ansicht nach im Bett nicht munter genug bist!« Frau Meincke liess die Karten mit einem Plumps fallen: »Aber Adolf!« Knagsted verbarg schleunigst das Gesicht hinter seinen ausgespreizten Fingern. »Ja,« sagte der Gutsbesitzer eifrig, »ich meine, weiss Gott, was ich sage! Und darin begeht ihr Frauen oft einen grossen Fehler ... Es soll jedesmal wie ein Fest sein!« fuhr er feurig fort. »Mit flammenden Augen und wehender Miene soll man sich begegnen!« »Hallo!« lachte Knagsted. Aber Meincke fuhr fort: »Dies hier mit der ›gegenseitigen Abneigung‹ ist der dollste Blödsinn. Ist die andere Sache in Ordnung, so ist keine Rede von Abneigung!« Knagsted packte ihn bei der Brust und schüttelte ihn: »Sie predigen ja das Evangelium des Fleisches, Gutsbesitzer!« »Ja, weiss Gott, predige ich das Evangelium des Fleisches! Sehen Sie sich doch mal die Griechen an, ob die nicht ein verhältnismässig glückliches Volk waren, weil sie in erster Linie dem Fleische gaben, was des Fleisches war!« »Und gelehrt sind Sie auch!« sagte der Zöllner. »Ja,« lachte Meincke. »Man studiert doch sein Konversationslexikon ... Aber hab' ich nicht recht, Zöllner?« »Selbstredend!« »Da kannst du selbst hören, Mutter ... Aber es ist ja nun mal nicht fein, es zu sagen.« Frau Meincke legte lächelnd eine Hand auf den Arm ihres Mannes: »Wollen wir nun nicht lieber von was anderm reden, lieber Adolf?« »Nein!« »Grand!« sagte Knagsted, um der Hausfrau zu Hilfe zu kommen. »Ja, sagen Sie nur Grand!« brauste der Gutsbesitzer auf. »Aber Mutter ist früher in dem Punkt viel radikaler gewesen als ich selbst.« »Aber Adolf, bist du jetzt ganz von Sinn und Verstand?« Meincke wandte sich nach Knagsted um: »Sehen Sie, Zöllner, jetzt sollen Sie einmal hören: Unsere beiden Mädels sind unehelich geboren.« »Jetzt geh' ich hinaus, Adolf!« »Geh in Frieden!« nickte der Gutsbesitzer. »Und kehre mit dem Apfelkuchen zurück, den wir ja haben sollen ... Dann kann ich dem Zöllner inzwischen die Geschichte ja erzählen!« »Er ist verrückt!« sagte Frau Trine lachend, winkte mit der Hand zum Abschied und ging auf die Essstubentür zu. »Keinen Augenblick länger will ich ihm zuhören, das können Sie mir glauben!« sagte sie. Der Gutsbesitzer warf ihr eine Kusshand nach. »Sie ist die prächtigste Frau von der Welt ...« lachte er. »Wenn ich bloss zwei von der Art hätt'! Ja, sehen Sie, Zöllner,« begann er dann, »ich meine nun, alle natürlichen Menschen müssen dieselbe Ansicht haben wie ich; und haben sie die nicht, so sind sie eben nicht natürlich, sondern entweder Heuchler oder impotent.« »Herr Gutsbesitzer wollen einen Vortrag halten?« fragte Knagsted und legte die Karten hin. »Ja.« »Gut; ich bin ganz Ohr.« Und Meincke begann: »Beide Mädels sind also, wie gesagt, unehelich,« begann er. »... Als wir jung waren, die Madame und ich, waren wir uns nämlich darüber einig, dass dies mit der Verheiratung ganz unnötig sei, wenn man sich nur lieb hätte.« »Aber wenn ihr nun aufgehört hättet, euch lieb zu haben?« »Dann wollten wir uns trauen lassen und jeder seiner Wege gehen.« »Aber wenn Sie nun plötzlich infolge irgendeines Unglücksfalles gestorben wären?« »Ich hatte mein Testament zu Trines und der eventuellen Kinder Gunsten gemacht! ... Aber jetzt müssen Sie mich lieber nicht unterbrechen ... wenn es Ihnen möglich ist ...« »Ich werde es versuchen ...« Und der Gutsbesitzer begann von neuem: »... Aber während meine Frau dann in den Wochen liegt, nachdem sie Line bekommen hatte, da hatte mein hoher Schwiegervater auf irgendeine Weise herausgeschnüffelt, dass da etwas Ungesetzmässiges bei unserer Verbindung war ... Ich glaube, er wollte einen Stammbaum machen ... und da er uns ausserdem Geld zur Aussteuer gegeben hatte, verlangte er plötzlich unsern Trauschein zu sehen, widrigenfalls würde er uns bei der Polizei wegen Betrug anmelden ... Ich will Ihnen seine Briefe zeigen ... die habe ich aufbewahrt!« Meincke ging in sein Zimmer und kehrte mit einigen Papieren zurück. »Hier ist Nummer eins,« sagte er und las: »Herrn Adolf Meincke Abildtorpegaard, Söby. Freitag, den 24. wird Euer im Sommer 1893 gegen mich verübter Betrug der Polizei angezeigt, falls ich nicht bis dahin eine vollgültige Bescheinigung erhalte, dass Sie gesetzmässig mit Katrine getraut sind. P. Hammer. Hier ist Nummer zwei. Ein Telegramm: Meincke Abildtorpegaard Söby. Anzeige geschieht Freitag ohne Rücksicht auf Ausflüchte und vorgeschlagenen Hinausschub. Hammer. Und dann Nummer drei: Herrn Adolf Meincke Abildtorpegaard Söby. Sie werden mein heute morgen abgesandtes Telegramm, das keiner näheren Erklärung bedarf, erhalten haben. Es ist mir bekannt, dass man einen Königsbrief Erlaubnis zu sofortiger Heirat ohne vorheriges Aufgebot. ohne andere Formalitäten als Zahlung der Gebühren erhalten kann. Meine Frau und meine Kinder sind von Ihrem Benehmen unterrichtet. Was auch geschehen mag, Sie und Katrine werden für mich stets gemeine Betrüger sein und meine nächsten Angehörigen müssen den Grund zu meinem Vorgehen kennen. P. Hammer. Was sagen Sie zu dem kalten Gruss, Zöllner?« Knagsted schüttelte den Kopf: »Das war stramm, das muss ich sagen! Wie haben Sie es dann nur einmal angestellt, um Ihre Familie glauben zu machen, dass Sie verheiratet wären?« »Ich liess in ein paar Zeitungen in der Hauptstadt mitteilen, dass unter heutigem Datum Gutsbesitzer Adolf Meincke und Fräulein Katrine Hammer auf dem Rathaus bürgerlich getraut seien.« »Hm ... sehr pfiffig! Aber wenn nun eine von Ihren Töchtern auf den Einfall käme, etwas Ähnliches zu unternehmen, was würden Sie dann tun?« Der Gutsbesitzer besann sich einen Augenblick. »Das weiss ich wirklich nicht,« sagte er dann. »Unsere Theorien eilen unserer Praxis ja immer um dreissig Kilometer voran ... Aber die Sache so anfassen wie der alte Hammer, das täte ich auf keinen Fall. Bedenken Sie doch, dass wir in ›jugendlichem Idealismus‹ handelten, wie es heisst. Wir wollten der Welt zeigen, dass man, auch ohne verheiratet zu sein, zusammenbleiben kann ... Aber das, was mich bei dem Auftreten des alten Windbeutels am meisten ärgerte, und mich übrigens bis dato noch ärgert,« fuhr Meincke aufgebracht fort, »ist, dass er selbst der ruchloseste Ehemann war! Er füllte das Haus mit seinen Geliebten und verschwendete sein Geld an Weiber und im Spiel, so dass seine Frau und Kinder schliesslich kaum noch das tägliche Brot hatten!« »Von den Toten soll man nur Gutes sprechen, lieber Gutsbesitzer ...« »Phrasen, lieber Zöllner, Phrasen! Gegen die Lebenden soll man gut sein und ihnen was vorlügen, wenn es erforderlich ist; die Toten nehmen, weiss Gott, keinen Schaden an der Wahrheit ...« »Aber nun weiter mit der Geschichte Ihrer Ehe!« Der Gutsbesitzer legte die Papiere zusammen und steckte sie in die Tasche. »Trine hat diese Schreibebriefe nie zu lesen bekommen,« sagte er, »wozu sollte sie sie auch sehen; es hätte ihr nur weh getan ... Nun, ich habe dann einen Königsbrief gelöst und dem Alten geschrieben, die Sache mit dem Pastor könne er in die Wege leiten, denn jetzt rührte ich keinen Finger mehr ... Hauptsächlich des Pastors wegen erzähle ich Ihnen diese Geschichte, denn das war ein Gemütsmensch ... er hatte übrigens Ähnlichkeit mit unserm eigenen Pastor Sörensen: lang, mager und eingeklemmt! ... Na, Schwiegervater arrangiert es also in der Weise – des ›Skandals‹ halber, natürlich, ha, ha, ha! dass wir an demselben Tage getraut werden sollten, an dem die kleine Line getauft wurde. Der Pfarrer sollte hierher auf das Gut zu uns kommen und das Kind taufen ..., das ›krank‹ sei, he! und uns hinterher zusammenschmieden. Und er kommt denn auch, und das Kind wird getauft. Und als das Stubenmädchen mit ihr zu Mine und dem Kindermädchen in die Essstube gegangen war, macht sich denn der Pastor daran, uns zu trauen. Meine Frau war nämlich nach der Entbindung noch nicht wieder aufgestanden. Ich sitze kerzengrade auf einem Stuhl neben dem Bett und halte die Hand der Madame in der meinen. Ab und zu durchzuckt es uns vor Lachen, aber wir nehmen uns ja zusammen. Er fragte, ob wir uns haben wollten, und hielt eine Rede und was sonst noch dazu gehört. Und dann erklärte er uns schliesslich für rechtmässige Eheleute. In der Essstube ahnten sie nicht das Allergeringste. Aber stellen Sie sich vor, Zöllner, als wir dann glaubten, dass alles vorbei sei, fängt der Kerl, Gott steh' mir bei, mit lauter Stimme zu singen an: Es ist so lieblich, vereint zu sein ...! Aber das muss ich sagen, da sank ich in die Knie und barg mein Gesicht in dem Federbett meiner Frau, und sie kehrte dem Pastor den Rücken zu und stopfte sich ein halbes Bettuch in den Mund! ... Aber nun kommt das Beste: Als er gehen will, frage ich ihn draussen auf der Diele, was ich ihm schuldig bin? Nichts, sagt er, aber ... Ja, nun muss ich Ihnen erst erzählen, dass ich damals ein Exemplar von Boccaccios Dekamerone mit ganz ausserordentlich herrlichen französischen Illustrationen besass ... ich habe es später, als die Mädels heranwuchsen, verschenkt ... Und wissen Sie, was der Kerl dann sagte: Er will kein Geld haben, sagte er, aber er habe gehört, dass ich eine so amüsante Ausgabe von Boccaccio besässe, und da wollte er fragen, ob er die nicht einmal leihen dürfe! « »Das ist nicht wahr!« sagte Knagsted. »Das – ist – nicht – wahr!« »Bei meiner Seelen Seligkeit!« nickte der Gutsbesitzer. »Und er kriegte sie natürlich. Es wäre ja Unrecht gewesen, ihm das Vergnügen nicht zu gönnen.« »Aber Sie amüsieren sich doch auch über Boccaccio, Gutsbesitzer!« beeilte Knagsted sich zu erwidern ... »Freilich ...! Aber ich gestehe es ein! Ich gestehe es ein! Ich schleich' mich nicht durch Nebengassen mit dem Buch unterm Rock, lieber Freund! Sehen Sie, das ist der Unterschied. Ich schäme mich nicht, weil da kein Grund ist, sich zu schämen. Aber das tun die andern. Und dann erschleichen sich Pastor Sörensen und Kompanie trotzdem den Genuss, in den Boccaccio hineinzugucken! ... Grosser Gott im Himmel!« fuhr Meincke fort und streckte die Hände zur Decke empor, »lasst uns doch natürliche Menschen sein; mehr verlangen wir ja gar nicht! Meiner Meinung nach ist der Erfinder des Feigenblattes die gemeinste Person, die je gelebt hat!« endete er. »Und die ganze Misere stammt ausschliesslich daher, dass ›unser lieber gekreuzigter Erlöser‹, wie mein Konfirmationspfarrer ihn nannte, nicht verheiratet war!« Knagsted sah überrascht auf: »Sagen Sie das auch?« »Sie etwa auch?« »Nein, ich befasse mich nicht mit Religionsphilosophie ... Nein, – aber Frank Neumann, der Maler ...« »Dann gibt es also noch einen vernünftigen Menschen ... Herein!« Es hatte an die Essstubentür geklopft. Sie wurde vorsichtig geöffnet, und Frau Katrine erschien auf der Schwelle mit dem Apfelkuchen auf einem Teebrett. »Nun?« fragte sie lächelnd, »seid ihr nun damit fertig geworden, die Welt zu reformieren?« »Ja,« nickte der Gutsbesitzer, »wenigstens für heute.« »Glaubt ihr, dass das nützt?« »Nein ... nicht mehr in diesem Jahrhundert. Aber wir bekommen doch Luft!« Und dann machte man sich daran, Apfelkuchen zu essen ... »Sagen Sie mir doch, Zöllner,« fragte Frau Trine, »ist es wirklich wahr, dass Pastor Sörensen sich um die Konsulin Wäver ... oder Birk, wie sie ja jetzt heisst, bewirbt?« »Weiss ich nicht ...« sagte Knagsted. »Das wäre doch allerliebst von ihm,« meinte der Gutsbesitzer. »Es soll ja so schwer für einen Reichen sein, in das Himmelreich zu kommen; dann könnte er ihr ja dabei behilflich sein!« »Pfui, Adolf, du mit deinen Witzen!« lachte Frau Trine. »Die arme Frau!« seufzte sie dann mitfühlend, »ich wollte ihr von Herzen wünschen, dass es sich so verhielte; wenn sie ihn nämlich wirklich lieb hat. Sie hat viel durchgemacht. Und jetzt, seit der Sohn tot ist, muss sie sich ja sehr allein fühlen! ...« Meincke füllte sich ein neues Stück Apfelkuchen auf und schob Knagsted die Schale hinüber: »Essen Sie, Zöllner!« Und der Zöllner ass. »Sagen Sie doch,« begann Meincke plötzlich, »haben Sie den Himmelsbrief gesehen, den Line über Sie bekommen hat, von einem Graphologen oder wie so ein Kerl heisst?« »Ja ...« nickte Knagsted. »Der ist gut, wie?« »Ja ... und wahr!« Frau Trine sah lächelnd zu ihm auf: »So für gewöhnlich merkt man sonst nicht viel davon ...« »Nein ... aber das hat seinen Grund ausschliesslich in meiner phänomenalen Selbstbeherrschung.« »Ja,« lachte der Gutsbesitzer, »hätten wir Sie nicht, dann stünde es schlimm um die Weltordnung! ...« Nach einer Weile sagte Knagsted »Gute Nacht« und trollte nach Hause. Draussen schien der Mond. Als der Zöllner halbwegs durch die Allee gekommen war, hörte er draussen von der Landstrasse her die jungen Leute, die von Storgaarden zurückkehrten, plaudern und lachen. Und bald darauf sah er sie, Line und Mine, Christian Werner und seine beiden Schwestern Arm in Arm in die Allee einbiegen. Sie tanzten förmlich in dem Mondlicht dahin, während ihre Lachsalven von Zeit zu Zeit wie Fanfaren unter den Kronen der Bäume schallten. Knagsted blieb einen Augenblick stehen und lauschte ... Dann sprang er plötzlich über den Graben und ging in einem grossen Bogen über das Feld. »Zöllner! Zöllner!« hörte er Line rufen. Sie hatte ihn erkannt. Aber er kümmerte sich nicht darum.   Zwei Briefe. Neapel Via Manzoni 48 Mai 19 .. Lieber Knagsted! Ich muss wiederholen: Dass Sie nicht kamen und uns hier unten besuchten, wie Sie versprochen hatten, verzeihen wir Ihnen niemals. Erich bat mich vorhin, als er hereinkam, und mich hier sitzen und schreiben sah, Ihnen zu sagen, dass er Sie gehörig durchdreschen wolle, wenn er Sie sähe. Er meint ja, dass er das fertigbringt. Er hat nämlich von den Jungen hier in der Nachbarschaft einige italienische Boxergriffe gelernt. Überhaupt blühen und gedeihen die Kinder hier in diesem herrlichen Klima. Sie sind fast nie im Hause ausser des Nachts und in den wenigen Unterrichtsstunden bei Fräulein Krogh. Das ist eine ausgezeichnete junge Dame; die Kinder lieben sie und hängen an ihr. Ich bin damit beschäftigt, ein Bild von ihnen zu malen, auf dem sie in einer Reihe unter einer Glyzinie auf einer alten steinernen Bank an der Mauer in unserm Garten sitzen. Von Mutter soll ich Sie grüssen. Sie ist ganz unentbehrlich unter den jetzigen traurigen Verhältnissen. Aber unter uns, ich glaube, dass die liebe alte Dame still umhergeht und sich nach ihrem lieben alten Flachland sehnt. Doch bleiben wir aller Wahrscheinlichkeit nach noch ein Jahr hier. Was sollen wir zu Hause? Ich glaube, das würde die Sache nur noch verschlimmern. Auf Capri bin ich noch nicht gewesen, daher kann ich Sie noch nicht von Diefenbach grüssen. Ich sehne mich übrigens danach, ihn zu sehen und mit ihm zu sprechen. Und dann soll er so amüsant wohnen; den ganzen Kinderfries aus dem Sportsaal hat er ja draussen an sein Haus gemalt. Mit der Sprache geht es recht gut. Erich und Else sind natürlich am tüchtigsten im Sprechen. Sie sollten sie nur hören, wenn sie sich mit den Kindern in der Villa nebenan zanken, man könnte Lachkrämpfe davon bekommen. Diese beiden kleinen hellblauäugigen und dann die funkensprühenden schwarzen. Aber gleich heftig können beide Farben sein! Hier ist es in dieser Zeit wundervoll, lieber, alter Freund! Und ich wollte, Sie wären hier und könnten des Abends mit mir oben auf dem Dach bei einem Glas Wein sitzen und altklug reden und den Mond eine »Obstleiter« draussen über dem Golf bilden sehen, während der Vesuv eine Zigarette raucht und die Stadt da unten von Musik, Gesang – und Automobilhupen brodelt. Aber Sonja? fragen Sie. Ach, Zöllner, Zöllner, was soll daraus werden! Ich gehe jeden Vormittag und jeden Nachmittag nach der Klinik. Neulich versuchte ich, die kleine Else mitzunehmen, aber sobald Sonja sie sah, schrie sie: »Nimm sie weg! Nimm das Kind weg!« Else brach in lautes Weinen aus, und ich musste sofort gehen, um ihre Mutter zu besuchen. Sie sind so bange vor ihr, dass sie zittern, wenn nur ihr Name genannt wird. Sonst hat Sonja es in gewisser Weise ganz gut. Sie macht ihre Spaziergänge im Park und schläft des Nachts verhältnismässig gut. Aber mit jemand sprechen will sie nicht. Sie haben keinen Begriff davon, wie schrecklich es für mich ist, dort neben ihr zu sitzen, stumm und scheinbar vollständig teilnahmlos, wie sie ist. Ich darf ihre Hand in der meinen halten, und so sitzen wir stundenlang. Aber am Donnertag hatte ich doch die Freude, dass sie, als ich mich erhob, um zu gehen, meine Hand fester umschloss, wie um mich zurückzuhalten. Sie sagte nichts, starrte nur unverwandt vor sich hin; aber ich schien ihr also doch nicht ganz gleichgültig zu sein. Das war mir eine solche Freude, dass ich noch eine halbe Stunde bei ihr sitzen blieb, obgleich zu Hause ein Modell auf mich wartete. Sie sehen also, dass ich trotz allem arbeite. Ja, dann habe ich diesmal nichts weiter zu erzählen. Schreiben Sie recht bald wieder. Ihre Briefe werden immer mit grosser Ungeduld erwartet. Jetzt wird es wohl allmählich schön daheim im Villengarten? Hanne lässt Sie bitten, eine neue Monatsrose auf Mirjas Grab zu pflanzen, falls die alte im Winter ausgegangen sein sollte. Ach, lieber kleiner, alter Zöllner, entsinnen Sie sich wohl noch des Tages im vorigen Sommer, als Sonja und ich eine Regendusche unter den Birken nahmen, und Sie auf eine Bank steigen mussten, um sie küssen zu können? Wie anders ist doch seitdem alles geworden! Die herzlichsten Grüsse von uns allen in Casa bianca! Ihr getreuer Freund Frank Neumann. 15. Mai 19.. Spiritistentempel Kopernikusweg 16 Hauptstadt N. Lieber Herr Zollkontrolleur Knagsted! Sie wundern sich gewiss, einen Brief von mir mit obiger Adresse zu bekommen; aber ich bin nun schon seit dem ersten April hier gewesen. Mein Verlobter ist nämlich als Inspektor hier am Tempel fest angestellt, und sobald die gesetzmässige Frist abgelaufen ist, heiraten wir. Bis dahin wohne ich bei meiner Schwester Höbergs, die prächtig sind. Von Kunstreiterei ist also keine Rede mehr, da wir beide durch den Spiritismus den Weg zu Gott gefunden haben; doch dies wäre vielleicht für uns nicht hinreichend gewesen, um unsern Erwerb beim Zirkus aufzugeben; aber stellen Sie sich meine Freude vor, als eines Abends nach einer Vorstellung in Blaaby mein Verlobter wieder versuchte, mich in Trance zu bringen, er hatte es früher wiederholt, bald auf diese, bald auf jene Weise versucht, aber es war ihm nie gelungen. Und nun können Sie ja über mich lachen, aber erst brachte ich einen Kleiderschrank von hundertundzwanzig Pfund zum Tanzen, und dann setzte ich Alfred in Verbindung mit dem italienischen Freiheitshelden Garibaldi, ob es daher kam, dass ich selbst italienisches Blut in mir habe, weiss ich nicht, und wir fielen beide auf die Knie und dankten Gott für seine grosse Gnade. Ach, Sie wissen nicht, lieber Herr Knagsted, wie froh und ruhig ich jetzt bin; mein früheres Leben liegt wie ein böser Traum vor mir, aber auch den will ich bald vergessen und nur für die Zukunft leben und für alles Gute, was ich ausrichten kann, indem ich die Lebenden mit den Toten in Verbindung bringe; das ist ein Segen, den nur der fühlt, der Kraft dazu hat. Denken Sie nur, Alfred hat durch mich mit seinem Vater gesprochen, ist das nicht ein seliger Gedanke, der einen erheben kann? Lieber Herr Knagsted, wollen Sie nicht, wenn Sie einmal in die Hauptstadt kommen, hier nach dem Tempel herauskommen und einer Sitzung mit mir als Medium beiwohnen? Wir halten hier jeden Donnerstag eine Versammlung ab, und Sie können mir glauben, es ist stimmungsvoll mit Musik und Dunkelheit. Aber das frühere Medium, das ich ganz distanziert habe, ist natürlich wütend auf mich, und sie sucht, mich bei dem Präsidenten und den andern schlecht zu machen, weil ich nicht verheiratet bin, aber die nehmen keine Rücksicht darauf, weil sie nie ein so vorzügliches Medium gehabt haben wie mich, und wir wollen ja heiraten, sobald ich frei bin. Ist es wahr, was meine Schwester Höberg erzählt, dass sie gehört hat, dass Michael sich mit Frau Konsul Wäver verheiraten will? Ich will es schon glauben, denn er hat das Geld immer sehr geliebt; ja man kann ihn wohl beinah geizig nennen, wenn ich an die Qual denke, die ich immer hatte, wenn ich Wirtschaftsgeld haben musste. Wie es der kleinen Rigmor wohl ergehen wird, wenn sie eine Stiefmutter bekommt? Ich fand immer, dass die Konsulin eine sehr nette Dame war, so wenn man mit ihr spricht, und nun ist ihr Sohn ja tot; er war eklig, mir wurde immer ganz schlimm, wenn er in die Stube kam, oder wenn ich ihm auf der Strasse begegnete. Gott weiss, wie die Konsulin Michael aushalten wird, wenn sie erst verheiratet sind, ich konnte es ja nicht; aber das war vielleicht meine Schuld, man soll nie den Nächsten schlecht machen; was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem eigenen Auge, Gott, wie wahr das ist! Lieber Herr Knagsted, haben Sie noch vielen Dank für den reizenden Nachmittag, den ich im Herbst bei Ihnen zubrachte, der war reizend; Sie sind einer von den besten Menschen, die ich gekannt habe, und Sie waren mir ein grosser Trost damals in meiner Verirrung, aber nun ist die, Gott sei gelobt, vorbei, Amen. Nun werden Sie natürlich wieder über mich lächeln, aber wissen Sie, in jeder Stadt, durch die wir mit dem Baron gekommen sind, bin ich in die Apotheke gegangen, um zu sehen, ob mein kleiner Apotheker nicht da wäre, aber er war nicht da, vielleicht ist er tot, und das ist beinahe gut, denn er hätte am Ende wieder Unruhe in mein Leben gebracht. Aber ich möchte gern wissen, wo er liegt, um einen Kranz auf sein kleines Grab zu legen. Darüber lachen Sie doch nicht? Denn ich finde selbst, dass das so schön ist, und das ist doch eine Art Treue bei mir, wovon ich sonst nicht allzuviel hatte. Ja, gegen ihn bin ich immer treu gewesen, und ich will es in Gedanken immer bleiben, bis wir einstmals im Reiche der Geister aufeinander stossen, wo nicht auf körperliche Weise zur Ehe genommen wird! Und nun, lieber Herr Knagsted, wenn Sie nun in die Hauptstadt kommen, dann gehen Sie nicht an unserer Tempeltür am Kopernikuswege vorüber, denn das würde sehr schmerzen Ihre mit dem herzlichsten Dank für alle erwiesene Güte ergebene Alvilda Magei-Löwing. Ist »Thorwald« noch bei Ihnen, die liebe, gute Person, dann grüssen Sie sie von mir. Sie haben sich doch wohl scheren lassen? ha, ha, ha! Die Sonne sank hinter die nebligen Hügel im Westen. Am Himmel da segelten Sommerwolken und auf dem Sund Lustkutter. Eine Möwe schoss blitzschnell nieder, um einen Stichling zu ergattern. Eine Kuh brüllte. Eine Ziege meckerte. Ein Kind lachte. Ein Paar Liebende küssten sich ... usw. usw. und alldergleichen. Kurz: es war ein herrlicher Abend zu Anfang Juni ... Die Gardinen vor Zollkontrolleur Knagsteds Wohnstubenfenster waren zugezogen und die Lampe angezündet. Er selbst sass an seinem Schreibtisch und arbeitete an dem fünften Akt seines Lustspiels: »Die Tragödie des sogenannten besten Alters« ... Die Uhr war acht Uhr zweiundvierzig. Jochum, der wider seine Gewohnheit zu Hause war, lag zusammengerollt, aber mit wachsamen Ohren, auf seiner Decke an der Tür nach dem Vorplatz hinaus. Die Decke war gestickt; ein Geschenk von Line Meincke. Auf himmelblauem Grund standen mit goldenen Sternenbuchstaben die Worte Cave canem ... Die Haustürglocke schellte. Jochums Zornbüschel sträubte sich. »Wuff ...!« sagte er unten in seinem Halse. »Still ...!« gebot der Zöllner. »Thorwald« kam eilfertig herein: »Da sind drei Herren ...« » Drei ...!« sagte Knagsted. »Das ist ja eine Menge! Kennst du sie?« »Ja, es sind Pastor Sörensen, Eisenhändler Fredriksen und Brauer Sandberg .. Sie wünschen mit dem Herrn zu sprechen.« »Lass sie hereinkommen ...« Der Zöllner erhob sich und wühlte den »Heuschober« auf. Auch Jochum kam auf die Beine. Thorwald riss die Tür auf: »Bitte schön!« Pastor Sörensen, gefolgt von den beiden Stadträten, trat ein und grüsste. »Spielen Sie denn Winter bei diesem herrlichen Sommerwetter!« sagte der Pastor. »Das ist doch wahrhaftig fast ein Jammer!« Knagsted ging umher und drückte den Herren die Hand. »Ja, ich kann nur bei Lampenlicht arbeiten,« erklärte er. »Aber nun will ich ...« Er blies die Lampe aus. »Wuff ...!« sagte es in Jochums Hals. Er glaubte natürlich, dass es jetzt »Prügel« setzte. »Kusch! Leg' dich!« kommandierte der Zöllner und zog die Gardinen zurück. Jochum legte sich auf seine Decke. Vorher hatte er jedoch forschend die Hosen der Herren beschnüffelt. Die des Pastors waren schwarz, die der Räte lebhafter. »Eine Zigarre gefällig, meine Herren?« »Sehr gütig ...« Knagsted bot Hirschsprungs »Imperial«, seine Lieblingszigarre, an. Man setzte sie in Brand, und es entstand eine Pause. »Ein Whisky gefällig?« »Danke, nein, danke ...!« Der Pfarrer antwortete. Und dann wagten die anderen ja nicht, Ja zu sagen. Der Zöllner sah nach der Uhr. »Ja, verzeihen Sie,« sagte er, ging an die Tür und drückte auf einen elektrischen Knopf, »aber ich pflege meinen Abendwhisky immer um diese Zeit zu trinken.« Thorwald erschien. »Whisky und Sodawasser,« nickte Knagsted, »und ... und Himbeersaft ...! Nettes kleines Mädchen, wie?« fragte er, als Thorwald wieder hinaus war. Der Pastor runzelte die Brauen. Die Räte knurrten. Pause. Auf seiner Decke lag Jochum. Die Ohren hielt er beständig auf halb, und der Zornbüschel stieg und fiel, stieg und fiel. »Herrliches Wetter!« sagte der Zöllner und zeigte nach dem Fenster. »Herrliches Wetter!« »Schön! Schön!« sagte der Pastor. Und die Begleiter nickten. Neue Pause ... Dann kam die Haushälterin mit den Getränken herein. Knagsted mischte sich einen Whisky. Die anderen bedienten sich mit Himbeersaft. »Ihr Wohl, meine Herren, und Willkommen!« Man trank. Der Brauer und der Eisenhändler schnitten fürchterliche Grimassen, nachdem sie das Zeugs hinuntergeschluckt hatten. Abermalige Pause ... Endlich raffte sich der Pfarrer energisch auf, richtete den Rücken kerzengrade und sprach: »Ja,« sagte er, »wir kommen hier ja im Namen der Gemeinde, Herr Zollkontrolleur ...« »Man hat doch wohl nicht die Absicht, mich zu wählen ...?« fragte Knagsted lächelnd. Der Brauer gab einen Laut von sich, und der Eisenhändler rollte die Nase. »Nein! Nein!« sagte der Pastor schnell. »Nein ... die Absicht haben wir nicht ... keineswegs ... Obwohl es gewiss der Gemeinde zu grosser Freude gereichen würde, wenn wir Sie zu den Unsern zählen könnten ... Sie sind im Besitze so vieler hervorragender Eigenschaften, Herr Kontrolleur ...« »Sehr gütig ...!« »... Eins aber tut not: der Glaube! Der Glaube, der uns andere in Freude und Zuversicht vereint.« »Ja, den habe ich freilich nicht ...« bedauerte Knagsted. »Sind die Herren vielleicht gekommen, um einen Beitrag zu irgendeinem Zweck von mir einzusammeln – dann äussern Sie sich nur ganz offen; wir können ja immer darüber reden ...« »Ja, wir wissen, dass Sie auch nach der Richtung hin willig sind, Herr Kontrolleur, wie in so vieler anderer Beziehung,« nickte der Pastor mild. »Aber auch das ist nicht der Grund, weswegen wir uns hier eingefunden haben ...« »Ja, verzeihen Sie, aber ich darf mir ja nicht schmeicheln, dass die Herren einzig und allein, um mir eine Visite abzustatten, mir die Ehre erweisen; folglich ...« Auch des Zöllners Zornbüschel fing an, sich zu sträuben. Und er musste sich ein frisches Glas Whisky bereiten, damit seine phänomenale Selbstbeherrschung nicht ins Schwanken geriet. Der Brauer und der Eisenkrämer schielten missmutig nach seinem Glas ... »Ja, sehen Sie, Herr Zollkontrolleur,« startete darauf der Pfarrer zum zweitenmal, »wir sind von der Gemeinde hierher gesandt ...« »Von der Gemeinde? So–o?« »Hm ... ja, ja, wie soll ich mich ausdrücken, um nicht zu verletzen ... Sie – hm ... Sie haben schon lange hier in der Stadt Ärgernis erregt ... Jetzt ist es gesagt!« »Ich,« fragte Knagsted wirklich überrascht, »ich, der ich so still und zurückgezogen von allem lebe ... Sind Sie es etwa, Fredriksen,« wandte er sich plötzlich nach O.W. um, »der Ärgernis an mir nimmt?« »Ö–ö–ö!« grunzte der Eisenhändler überrumpelt und fuhr sich an seine Nase. »Oder etwa Sie, Sandberg?« »Es handelt sich um die ganze Gemeinde ...« murmelte der Brauer. »Ja,« ergriff der Pastor das Wort, »Herr Sandberg hat recht ... wir alle , alle nehmen Anstoss. Und die Sache ist die, dass wir drei, Herr Eisenhändler Fredriksen, Herr Brauereibesitzer Sandberg und ich, im Namen der Gemeinde ausgesandt sind, um Sie in Liebe zu bitten, Ihr Leben zu wandeln.« »Mein Leben – zu – wandeln ...?« wiederholte der Zöllner. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Pastor. Ganz und gar nicht!« Pastor Sörensen schoss plötzlich in seiner vollen Höhe vom Stuhl auf: »Sie leben in einem unmoralischen Verhältnis zu Ihrer Haushälterin, Herr Zollkontrolleur ... Jetzt ist es gesagt!« »Wuff ...!« ertönte es unterirdisch von der Cavecanem-Decke. »Halt's Maul, Jochum! ... ›In unmoralischem Verhältnis‹,« fragte Knagsted dann, völlig ruhig, indem er sich jedoch gleichzeitig einen neuen Whisky mischte, »was soll das eigentlich heissen, Herr Pastor? Erklären Sie mir das. Ich habe diesen Begriff nie so recht verstehen können. Natürlich ist das mein Fehler, aber ...« »Ja,« begann der Pastor, »ich – hm ...« Der Zöllner sah ihn unschuldig an: »Meinen Sie, weil ich zuweilen Holz mit ihr zusammen säge?« »Holz – sägen ...?« »Ja; und wir rollen auch zusammen ... Ich habe eine Maschinenrolle im Keller ... der Motion halber, wissen Sie. Ich halte ja nur ein Mädchen, folglich ... Andere halten mehr ... Wer ist übrigens Mitglied des Gemeinderats?« »Das sind also wir drei Herren hier,« antwortete der Pastor (er war ein wenig verwirrt), »und Rechtsanwalt Ivar Petersen ... sowie die Damen Bürgermeisterin Rosenbaum, Konsulin Wä ... Birk , Maklerin Blom und Postmeisterin Hansen.« »Das ist ja ein ganzer kleiner Lancier!« lächelte Knagsted. »Wollen die Herren sich nicht ein frisches Glas Limonade zurechtmachen?« »Nein, danke, danke ...« Der Eisenhändler und der Brauer hatten allmählich ein Gefühl, als würden die Stühle so wunderlich warm unter ihnen. »Nun,« fuhr der Zöllner fort, »wovon sprachen wir doch eben ...? Ja: Man nimmt also Ärgernis daran, dass ich mit meiner Haushälterin Holz säge und rolle?« Der Pastor sprang entrüstet auf: »Herr Zollkontrolleur,« sagte er, »dies ist Ernst!« »Ja, ja, ja, ja!« nickte Knagsted. »(Halt's Maul, Jochum!) ... Mein Gott, als Ernst fasse ich es ebenfalls auf ... Fahren Sie also fort, Herr Pastor! Wollen Sie nicht gefälligst Platz nehmen?« Der Pastor setzte sich. »Ja,« begann er, »hm – wir ... meinen also ... die Stadt findet, dass ... der Gemeinderat findet, dass er Sie in Liebe daran erinnern muss, Herr Kontrolleur, dass ein Mensch sein Leben nicht für sich allein lebt ... man lebt es auch, wenn ich mich so ausdrücken darf, zum Beispiel für andere, für, was die Welt die Gesellschaft nennt, das Allgemeine ... aber was wir, die wir mehr in Christo denken, die Gemeinde nennen ... Sie soll des Nachts aufsitzen und auf Sie warten!« platzte er plötzlich los. Die Räte fuhren auf ihren Sitzen in die Höhe, und Knagsted fragte überrascht: » Wer !?' »Ihre Haushälterin ... Wie heisst sie doch gleich?« »Thorwald ...« Der Pastor machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand: »Ach, Unsinn ...!« sagte er ärgerlich. »Schon allein das , dass Sie so unpassenderweise Spott mit der heiligen Taufe treiben, muss Kummer bei allen ernsten Frauen und Männern erregen!« »Sie wollen doch nicht etwa verlangen, Herr Pastor, dass ich herumgehen und sie Helia-Heralda rufen soll, so wie sie getauft ist?« »Dann nennen Sie sie bei ihrem Nachnamen!« »Macken?« »Ja, nennen Sie sie Mamsell Macken ... oder Fräulein Macken, wenn Sie wollen.« »Ja, wenn das die Gemeinde beruhigen kann, so ... Ist das das ganze, weswegen sich die Herren hierher bemüht haben?« »Nein, wahrlich nicht!« sagte der Pfarrer, der sich wieder erhoben hatte. (Er war ja daran gewöhnt, fast immer stehend zu reden.) »Sie sollen Beischlaf mit dieser Frau betreiben!« donnerte er unbeherrscht. Auch Knagsted erhob sich: »Mit dem grössten Vergnügen! ...!« er verneigte sich. »Aber jetzt muss ich die Herren bitten, mich zu entschuldigen,« fuhr er höflich fort. »Ich muss arbeiten. Es ist schon spät geworden, und ...« »Erlauben Sie mir ...« versuchte der Pastor. »Nein!« unterbrach ihn der Zöllner scharf, und sein Zornbüschel stand wie die Stacheln an einem Kaktus in die Höhe. »Jetzt erlaube ich nicht das Geringste mehr! ... Adieu, meine Herren und vielen Dank für den Besuch! Sollten Sie einmal wieder vorüberkommen, so ... Und nun noch ein Wort: Wenn eine von den lieben Gemeinderatsdamen ... das Wort ist ein wenig schwer auszusprechen ... wenn eine von diesen Damen behindert sein sollte, so mache ich den Vorschlag, dass man sie durch die Witwe Eikke Elster ersetzt.« »Was erlauben Sie sich zu sagen, Herr Zollkontrolleur,« brauste der Pfarrer abermals auf. »Ja,« sagte Knagsted, »Sie haben recht, Herr Pastor: Ich bin bald der einzige Mensch hierzulande, der sich erlaubt, die Wahrheit zu sagen!« Der Eisenhändler und der Brauer erhoben sich rot und verlegen ... Da aber ging der Zorn des Zöllners plötzlich in menschenfreundliche Munterkeit über: »Übrigens, meine Herren,« lächelte er, »mir fällt eben ein, wenn Sie bleiben wollten, könnten wir ja einen Bridge spielen?« Aber die Herren wollten nicht bleiben. Sie verabschiedeten sich hastig und gingen in den warmen Sommerabend hinaus, wo sich die Liebenden küssten, und der Mond und die ewigen Sterne lachten ...   Am nächsten Morgen lag mit der ersten Post der folgende Brief auf Pastor Sörensens Teebrett: Sr. Hochehrwürden Herrn Pastor Michael Sörensen hierselbst. Du meines Fleisches wonnevolle Freundin, Du meines Sehnens stolzer Morgentraum! Hab' Dank für jede goldig schwere Frucht Vom duftend wollustvollen Lebensbaum, Die du mir aufgehängt in meinem Herzensraum! Dies dichtete ich über Nacht und sende es Ihnen anbei mit einem freundlichen Gruss von Thorwald und Ihrem hochachtungsvoll ergebenen H. P. E. Knagsted.