Willy Seidel Der Gott im Treibhaus Ein Roman von Übermorgen   1925 Buchenau \& Reichert • Verlag München   Seiner allerliebsten, kleinen Hiesche dankbarst überreicht!   »Wir erkannten, daß alles Dasein, also auch die organische Natur, ein Physisches und Metaphysisches in Einem, also Leib und Seele in Einem ist. – Wir überzeugten uns weiter, daß die Hellsichtigkeit und die Fernwirkung heutiger Menschen . . . der schwache Rest sein müsse einer ehemaligen Naturverbundenheit . . . , als diese Kräfte und Gestaltungsfähigkeiten eine so große Rolle spielten, daß daraus Sagen entstanden von zeitlichem und räumlichem Fernwirken, magischem Geschehen, Umwandeln der äußeren Natur von innen her . . . Wir können uns somit denken, daß die schwachen heutigen Kräfte der Telekinese und Teleplastie . . . dürftige Überbleibsel sind einer viel gewaltigeren überindividuellen, natursomnambulen Gestaltungskraft.« (Edgar Dacqué, »Urwelt und Menschheit.«) Sollten diese »schwachen Kräfte« von heute, allmählich von genialer Vorurteilslosigkeit Ein- zelner erkannt und herausgeschält, nicht ebenso auch den Keimgrund bilden für die künftige Wiederkehr einer natur- haft-magischen Epoche, plastischer Schöpferkraft der Idee? Willy Seidel   Erstes Kapitel Das scharfe Hüsteln quälte den alten Mann in der letzten Zeit ziemlich häufig. Es war Rupert schon zur Gewohnheit geworden, immer auf dem Posten zu bleiben. Der Vater hielt keine Dienstboten; das war auch nicht nötig. Alles ging ja mechanisch, und das Wenige, was zu tun übrig blieb, kostete den Sohn geringe Mühe. Eines Abends – (es war im Spätherbst) – hatte der Alte zum erstenmal beim Baden Hilfe verlangt. Rupert trocknete und massierte den ausgemergelten gelben Körper, der von weißem Gekräusel auf Brust und Rücken bedeckt war. Der Alte sah das gebrechliche Bild, das ihm aus den geschliffenen Spiegeln des weißgekachelten Badegemaches vielfältig und in der Verzerrung vorgetäuschter Entfernung vor Augen kam, heute 8 irgendwie gedankenvoll und kritisch an. »Ich habe mich bald ausgehüstelt,« meinte er, »das sieht man. Ich esse heute Abend nichts, aber mach' mir Tee; ein wenig mehr als sonst, von dem Souchong! Ich denke, es ist an der Zeit, daß wir uns einmal über wichtige Dinge unterhalten.« Rupert brachte dem Greis feinwollene, dunkelviolette Pyjamas und seine hochschäftigen Saffianschuhe. Der Alte zog heute noch eine wattierte chinesische Jacke darüber, in deren Ärmeln seine runzligen Finger sich ganz versteckten. Schlürfend bewegte er sich, von Rupert gestützt, durch die überheizten Räume bis in die Bibliothek. Hier nahm er in einem wildledernen Sessel Platz und befahl Dämpfung der Beleuchtung. – So blieb nur noch das indirekte Licht der Decken übrig, in dessen mattem Schimmer die Gegenstände dunkelfarbig verschmolzen. Eine kleine Stehlampe brannte auf dem Tischchen zur Seite des Alten. Nachdem dieser einen neuen Hustenanfall niedergekämpft, ließ er ein langgezogenes, etwas hämisches »so-lala« hören. Wiederholte es in trällernd-harmloser Weise, so als sinke er bewußt um einige Jahrzehnte zurück, in seine warme und fürsorgliche Periode, da es die eigene Mutter noch gab. Rupert wurde gerührt durch dieses murmelnde, abschließende, halb kindliche Gesinge; er fragte: »Nun Vater, Du bist wohl ein wenig müde?« »Müde,« ächzte der Greis, »ist gar kein Wort dafür. Ich war eigentlich nie lebensfähig, trotz meiner Achtzig, und eigentlich nie unternehmungslustig, trotz meiner Erfolge . . .« – Er beugte sich vor; sein scharfes Profil glänzte gelblich im Licht des Lämpchens, seine hervordringenden, blaßblauen Augen schienen schon viel weiter zu sehen, als Rupert ahnen durfte. – »Es scheint, ich imponiere Dir? Es scheint, mein 9 Sohn, mit mir wankt Dein Vorbild zu Grabe? – – Mach' nur dasselbe wie ich, kratze nur zusammen, hamstere, friß mit den Eisenfressern, knechte Dir den Geist unserer Zeit. Du wirst es vielleicht noch weiter bringen als ich, denn jetzt ist alles möglich. Du wirst von mir sagen: ›Der alte Dux, wissen Sie, – der mit dem drahtlosen Beleuchtungspatent – (übrigens mein Vater) – hat auch ganz hübsch angefangen. Ohne seine Vorarbeit wäre ich auch nicht so weit.‹ – Das wirst Du sagen, mein lieber Rupert, und ich werde mich im Grab umdrehen, wie man früher sagte. Denn das Fazit meines Lebens ist ein großer Haufen anrüchigen Mammons; und das Eigentliche? – – Na ja . . .« Er winkte ab und trank mit gierigen Schlucken eine Tasse Tee leer. Rupert war recht erstaunt. »Welches Eigentliche, Vater?« »Um Dir das klar zu machen, laß mich ein paar wichtige Dinge sagen. Zunächst muß ich unterstreichen, daß mein sogenannter von meinem Großvater und Urgroßvater überkommener Erfolg mir in dieser Stunde eine blasse Chimäre ist, denn wem vererbe ich ihn, mein guter Rupert? Ich habe soviel an Zerknirschungen und seelischem Heißhunger hinter mir, daß ich Dir meine Tätigkeit nicht an den Hals wünsche. Natürlich kann sich jeder jetzt Beleuchtung aus der Luft holen, aber was hat man davon? – Ich habe das arrangiert und noch beigetragen zum allgemeinen ›Fortschritt‹. Es stände auch bei mir, noch zwanzig oder dreißig Jahre weiterzuleben. Aber ich bin ausgepumpt von diesen vagen Süchten, ich kann und will nicht mehr. Eigentlich bist Du zu gut, um nichts weiter zu tun, als ein ererbtes Patent auszuschlachten, und ein Heer von Kontrollbeamten zu verköstigen, damit Dir keine dieser billigen Millionen entgeht . . . 10 Nimm, was da ist; doch tue etwas anderes damit. Kaufe Dir einen ganz bestimmten Menschen, den ich nicht kaufen konnte; vielleicht gelingt es Dir. Deiner harrt eine Mission, die unendlich wichtiger ist, als all' diese schnöde Privatbereicherung. Ein Gramm Glück wiegt mehr als Tonnenfrachten von ›Fortschritt‹. – Fortschritt! Fortschritt!« Es war erstaunlich, wie lebendig der Alte wurde. Er schob die langbaumelnden Ärmel zurück und stand auf einmal kerzengerade da. Die Augen hatten etwas Seherhaftes, groß und blaßblau; es schien, als erwache ein Funke in ihnen. Überhaupt war es, als ob eine zweite Physiognomie die gewohnte durchbreche; als ob dahinter irgendetwas Goldenes oder Blaues aufblitze . . . Etwas Gewaltiges, das nur auf einen Wink warte; sieghaft, sturmhaft und neu . . . »Diese Geißel der Menschheit!« krächzte er wie ein Adler im Käfig, dem die Föhnluft wilden Fleischduft zuträgt. Er schlug wie mit halbkahlen Schwingen rasselnd auf die Stuhllehnen; in seinem Halse keuchte es, als habe eine übermächtige Eingebung ihn zu letzter Stunde gepackt und schüttele ihn wie eine morsche Puppe. – »Dieser Fetisch!« schnaubte er. »Was haben wir getan, wir armen Schufte, länger als fünfundsiebzig Jahre? – Wir dumpfen Sklaven? – Unsere Nester gepolstert haben wir für unsere unersättliche Vermehrung! Alles, alles haben wir hinausgejagt, was an Menschlichkeit uns geblieben; Fäulnis und Durchschnitt haben wir gezüchtet und eine Gedankenträgheit, die schlimmer ist als aller Frevel von Gomorrha! – Man hält ein Kästchen, das man aus der Tasche nimmt, in die Luft, und ein Funke blitzt darin auf. – Welch' eine Errungenschaft! – Und so ist alles Vergeudung. Unser Selbst schweißen wir hinein in diese unaufhaltsam tobende 11 Maschine. Auf Kosten unseres Besten schmieren wir dem Moloch die Kinnbacken, damit er leichter frißt und verdaut. – Und ich –« (hier steigerte sich seine Stimme zu schluchzender Fistel) – »ich habe einmal ein Spielzeug gehabt; eine blendende Idee, ein Edelsteinchen von einer Idee. Ich habe es vererbt bekommen von Deinen Vorfahren. Ich habe gern damit gespielt. Es hatte nichts mit dieser Zeit zu tun. Es ist mir aus der Hand geglitten, zwischen die Räder hinein, ich kann es Dir nicht einmal vermachen. Du mußt es Dir suchen.« Er kämpfte nach Luft. »Öffne ein Fenster,« flüsterte er keuchend. Erschrocken sprang Rupert ans Fenster und riß es auf. Der Alte wankte hinter ihm drein und blickte ihm über die Schulter. Sein Atem ging wie der eines Jagdhundes. »Siehst Du,« meinte er, und sein zitternder Finger stach in die kühle Luft, »das ist der ›Fortschritt‹. Das ist nun alles, was uns übrig geblieben ist. Glas, Metall und Menschen: überfüttert, geistlos, massenhaft.« Drunten pulsierte der Verkehr. Die langen Straßenschläuche unter ihren Glasdächern blitzten kalkweiß von elektrischen Sonnen, deren endlose Schnüre sich von hier nach allen Richtungen streckten. Es kam ein Gemurmel herauf, wie wenn man unter der Kuppel eines Tempels sitze und drunten würden fragwürdige Riten zelebriert. Ruckweise vorwärtsstoßend, zu Gruppen geballt, schoben sich die Menschenströme vorüber. Dazwischen krochen, grünliche Raupen, die Trambahnzüge. Der Asphalt blitzte an kahlen Stellen bunt von Farben darübergestreuter Lichtreklame. Wo sie auf Köpfe trafen, geriet der Schwarm in bengalische Beleuchtung und bekam etwas schlüpfrig Entgleitendes, wie ein Traum, der einer unerkennbaren Unzucht zusteuert. Die Hochbahnen 12 kreischten metallen in den Kurven oberhalb der Dächer. Ihr Schall verfing sich in gläsernen Wölbungen, die spinnwebfein vor der dunklen Bläue des Nachthimmels hingen. Das Ohr empfing die Schwingung gewalttätiger Geräusche. Unten bot die Zivilisation sich feil mit unzähligen stereoskopischen Lichtspielbühnen, palastartigen Kabaretts und Bankgebäuden aus spiegelndem Marmor, die sich an Kauf- und Modehäuser drängten in endlosem Wechsel; oben kletterte sie mit Metall und Glas ins Firmament und machte das Leben auch dort zur Hetzjagd. Über dem Allen schwebte der ewige bald auf-, bald abschwellende Ton von Propellern; das unbändige Gesumm der Aeroplane, die wie Leuchtkäfer durch die Himmelsschlucht zogen und auf den Landungsplätzen ein Geknatter vollführten, wie große Schmeißfliegen an Leimruten. »Siehst Du,« wiederholte der Alte, »soweit haben wir es gebracht. Das ist der Fortschritt. Ich glaube nicht, daß noch Wesentliches übrig geblieben ist, was uns zur Bequemlichkeit fehlt. Mein Hüsteln ist mein Privatvergnügen. Daß ich mich daran zugrunde gehen lasse, ist mein freier Wille. Eine halbe Stunde in der Bestrahlungszelle, und ich wäre ausgedörrt-haltbar wie Backobst. Was sollen mir diese Mittelchen zur Lebensverlängerung? Weg damit! Wozu soll ich diesen großen, großen Humbug noch weiter ertragen? – Seit ich das Spielzeug verloren, ist mein Hirn dumpf geworden; der Durchschnitt hat mich angesteckt. Wer würde das einem alten Mann verübeln?« Er packte Rupert plötzlich bei den Schultern und sah ihm lauernd ins Gesicht. Das blaugoldne Blitzen war wieder hinter seiner Maske. – »Sohn,« sprach er sonor und auf einmal kräftig, »Du bist zu gut für die heutige Welt. Ich gebe Dir noch in meinem Testament ein 13 Wörtchen mit, einen Namen . . . Vielleicht rettet er Dich vor dem ›Fortschritt‹ . . .« Von dem immer erstaunteren Rupert zu seinem Sessel zurückgeleitet, verfiel er in Brüten. Er trank noch zwei Tassen Tee und machte einige Ansätze zu reden, doch schien ihn Ermattung überkommen zu haben. So geleitete ihn der Sohn zu Bett und blieb den Gedanken überlassen, die der Alte ihm hingeworfen. So redselig war dieser selten gewesen. Aber in Rupert keimte ein Verdacht auf, daß aus all' der »Sophisterei« (wie er es bei sich nannte) ein Kern herauszuschälen sei, ein strahlender, unverhoffter Kern . . . Der Atem des Alten zersägte die Stille der Wohnung. Kein Laut drang von außen durch die schallsicheren Wände. Rupert fühlte sich auf einmal vereinsamt und machte sich mit Entsetzen klar, daß er zu Unrecht bei sich zu lächeln wage. – Etwas Großes war im Werk. – Das war kein nur redegewandter Greis, dem er heute Abend gelauscht. Es schien ihm, als ob der Vater nur vorerst im allgemeinen an den Schleiern gerückt habe, die er von großen Enthüllungen wegziehen wolle. Die nächsten Nächte würden wohl Ernsteres, Bedeutsameres bringen. Mit einemmal lag für Rupert da drinnen ein zur Unzeit verstummter Prophet, ein ehrwürdiger Freund, dem der bevorstehende Abschied die Zunge gelöst. Eine fieberhafte Trauer bemächtigte sich des jungen Mannes. Worte aus dem Bericht des Alten lösten sich aus seinem Gedächtnis und standen grell vor ihm. Wer war der Mensch, den der Vater hatte kaufen wollen? Was für eine Bewandtnis hatte es mit dem »Edelsteinchen von einer Idee«? Mit einemmal packte ihn der Schauer der Sehnsucht, die er seit seiner Jugend vergraben glaubte. Er selbst, das wurde ihm brennend klar, suchte ja zwischen den 14 Rädern, seit er denken konnte, suchte blind und tastend, und wo lag der Schlüssel versteckt? – Vielleicht dort in jenem gebrechlichen Kopf, dem der Tod schon mit zauderndem Kuß nahen wollte. Und er, Rupert, durfte es um Gottes Willen nicht zulassen, daß jener schied, ohne den Schlüssel zu enthüllen. – Es war keine Krankenwache, die er diese Nacht betrieb. Es war er selbst, der sich belauschte und aus seinem Innersten Kraft hervorsog, jene fremde Sprache wirklich zu verstehen. – Jedes Wort mußte ihm von jetzt ab heilig sein. 15 Zweites Kapitel Rupert Dux fühlte nicht, daß es drei Uhr nachts sei. Die Glashalle des Cafés, von der Ausdehnung eines mäßigen Häuserblocks, wölbte sich, verschleiert von dunstgesättigter Luft, zu ferner Höhe, und die Beleuchtungen blinkten daran wie umnebelte Gestirne. Über dem gleichförmigen Meer von runden, weißen Marmortischen schwebte eine Schicht träg bewegter Köpfe, schwarzer oder blonder. Dazwischen gestreut blinkten die knappen, giftigroten Hüte der letzten Mode. Das ganze Panorama mutete an wie eine Pilzzucht, über die ein lauer Kellerwind strich; die Grenzen verdämmerten im grünen Marmor ferner Wände oder verwischten sich in kolossalen Spiegeln. 16 Rupert trank Kognak aus einem kelchförmigen Glas. Aus einem tuchbespannten Würfel, der vier gähnende Kupfertrichter entfaltete, drang kraft verschmitzter Lautverstärker atemlose Musik, die man von der »Weltzentrale für Unterhaltungskonzert« aussandte. – Dieselben Weisen tobten im gleichen Augenblick in allen europäischen Lokalen. Rupert war, wie stets, auf der Jagd nach Menschen. Er saß reglos, nur seine Augen waren lebendig und huschten über die Profile. Zwar konnte er, nahm er sich als Mittelpunkt, nur den Radius von zehn Köpfen beherrschen, doch genügte dieser Überblick, um ihm die Augen zu schließen. Ein Zug des Ekels trat an seinen empfindlichen Mund. Gerade wollte er gewohnheitsgemäß mit gesenkten Lidern seinen herben Träumen nachhängen, die keinen Namen hatten, da nahm er eine Figur wahr, die ihn aufzublicken zwang. Er ermunterte sich nicht nur deshalb, weil sie auf seinen Tisch zuhielt, sondern auch weil sie von der Umgebung so gründlich verschieden war. Der Mann blickte sich kaum um und setzte sich mit kurzem Kopfnicken an seinen Tisch. Dem erstaunten Kellner gab er ein Glas Milch in Auftrag. – »Wir haben aber nur Büchsensahne, mein Herr,« erklärte das mit breiter Messingnummer gekennzeichnete Geschöpf. – – »Also gut, diese, mit heißem Wasser.« – Rupert sah sich seinen Nachbarn an. Er war ein blonder Hüne von gefälligen Proportionen. Er atmete Freiheit aus. Sein Anzug, seine Wäsche, seine Schuhe – alles zeigte bequeme Eleganz. Wie sich der Hals auf breiten Schultern drehte, die ihr Muskelspiel unter straffem englischem Stoff verrieten, – die Natürlichkeit, mit der ein Knie sich über das andere schlug, – die rotblond schimmernde, kräftige Faust, 17 wie sie die Wange stützte, – alles, alles war Freiheit. – Rupert war so arm, innerlich arm, daß die spürbare Nähe des athletisch unbefangenen Nordländers, der seine Konservensahne da neben ihm schlürfte, ihn wie beklemmendes Phänomen berührte. – Mit plötzlicher Halsdrehung, als habe er seine stumme Empfindung körperlich verspürt, wandte der Fremde ihm das Gesicht zu. Hellblaue, verwegene, sehr kühle Augen. Seine Sprache verriet keinen Anflug des Erlernten, als er zu Rupert sprach: – »Ihnen brennen Fragen auf der Zunge.« Die Kadenzen der Musik verwehten. Die blinkenden Kupfertrichter ergossen bloßes Geräusch, das mit dem Stimmengeschwirr der Tausende verschmolz. Diese Umwandlung vollzog sich, während der Anrede des Mannes, wie eine Erschlaffung des Gehörs bei Rupert, ebenso wie für sein Auge ein Schleier über die Köpfe zu huschen schien. Ihm war, als sei das Dasein eine Liftzelle, nur von ihm und seinem Nachbarn besetzt, und sie sinke ruckähnlich, verwirrend, ein weniges unter die Oberfläche der Dinge. So verblüfft war er. Er stammelte ertappt: »Ja. Ich wundere mich, daß es überhaupt noch Menschen gibt. Daß man doch noch immer gelegentlich einen Menschen sieht, trotzdem man es fast aufgegeben hat.« Er hob die Hände, die von unsichtbarer Kette belastet schienen, zu den Schläfen; durch seine mageren Finger quoll verwahrlostes, dunkles Haar; seine tiefliegenden Augen glühten. Die feingeschnittene Nase zuckte, auf den etwas hervortretenden Wangenknochen entstand leise Röte, als schäme er sich fast, die persönliche Bemerkung des Nordländers mit einer ebensolchen erwidert zu haben. »Sie würden,« fuhr der andere höflich fort – (mit der etwas schleppenden Akzentuierung der Bergvölker) – »auch 18 jetzt noch, am Schluß des zwanzigsten Jahrhunderts, Menschen finden, wenn Sie . . .« – Vorübergehend verstummte er. Dann fuhr er fort: – »Ich meine, Ihr dumpfes Bedürfnis nach ›Anschluß‹ zeigt zum Beispiel, daß Sie ja selbst ein Mensch sind. Als ich kam, saßen Sie hier allein am Tisch. Sie sind der einzige, dem es gelungen war, allein zu bleiben. Das ist doch irgendwie kein Zufall. Ihre Isolierung ist nicht selbstgewählt. Sie ist symbolisch insofern, als Sie den Geist dieser Zeit negieren. Mit großer Heftigkeit negieren Sie ihn, stündlich, minütlich. So prallt das Gefühl der Masse von Ihrem Dunstkreis ab. Ihr Gemüt birst vor Ablehnung, Sie sind eine von Ekel geladene Batterie, und niemand will aus Versehen auf den Knopf drücken. Dies alles wissen Sie selbst nicht. Sie wundern sich; Sie suchen. Anpassen wollen Sie sich; aber Ihr Unterbewußtsein windet sich dabei wie ein leidendes Tier.« Ruperts Hände fielen auf den Tisch zurück. Das Glas klirrte. Er starrte den Mann entgeistert an. »Reden Sie weiter . . . Sie reißen Türen auf . . .« »Als ich hereinkam, blickte ich einmal über die Menge und hatte Sie sofort entdeckt. Es war, als ob alles weggewischt würde, und nur Sie blieben da.« Er blickte Rupert scharf an. »Wir sind einander verwandt. Ich kenne Ihre Merkmale, Ihr Freimaurerzeichen. Und Ihre Atmosphäre ist die meine – Ekel vor dieser Zeit. Magnetisch angezogen kam ich zu Ihnen, und las unter Ihrem Tagesbewußtsein die starken, gelähmt schlummernden Gedanken. Sie wissen ja selber nicht recht, wovor Ihnen eigentlich ekelt. Eine interessante Zeit, denken Sie. Der Völkerbund . . . Keine Kriege mehr seit siebzig Jahren. So oft dies übervölkerte Europa überläuft, öffnet es seine Ventile nach Sibirien und 19 Kanada . . . Triumph über die Materie, in die kleinste Verzweigung des Lebens hinein. Demokratisch alles; kaufmännisch großzügig; weltumspannend . . . Und trotz alledem gefällt Ihnen unsere Zeit nicht. Sie vermissen etwas, das die anderen hier längst, seit drei Generationen, nicht mehr vermissen . . . Alles in Ihnen schreit nach diesem Etwas. Kein Wunder . . . Denn Sie wissen –« – er beugte sich vor und starrte Rupert wieder an – »– wie schmählich benachteiligt die heutige Menschheit ist. Trotz saturierten Daseins. Trotz gefüllter Taschen. Trotz aller Friedenspolster und Genfer Klubräume.« Die Musik, der drahtlose Puls einer soeben in Amerika entstandenen Trivialität, schmetterte zuckende Synkopen über die Menge. Rupert konnte die Stimme des anderen kaum verstehen, aber er las die Worte von dessen sacht bewegten Lippen unheimlich deutlich ab. Die Stimme schien von einem Klang gefärbt, der ihm neu war. Er war sehr bleich. Er hatte das Gefühl, er müsse den anderen zwingen, ihm noch mehr, immer mehr von dieser flüchtigen, neuartigen Herzbeklemmung zu schenken. »Jeder Mensch hat noch seine unausgesprochenen Wünsche,« erwiderte er. »Ja – auch jetzt noch hat jeder Mensch seinen Teil Romantik irgendwo sitzen. Sie ist aber verkümmert wie das Gesicht des Grotten-Olms. Verlohnt sich die Suche?« – Seine Augen starrten wie erblindet in den Raum. Der andere lächelte sehr gütig, wobei ein blauer Funken in seinem Blick zu erwachen schien. Seine Zähne blitzten. Dann fragte er: – »Nicht wahr, darüber ist wohl kein Wort zu verlieren?« Rupert schwieg verwirrt. Dann meinte er: – »Gut. Nehmen Sie es für Literatur. Man ›sucht‹.« 20 »Was Sie da vorbringen,« verwies ihn der nordische Mann milde, »sind fadenscheinige, ins Blut vererbte Requisiten einer verlorenen Hoffnung. Blicken Sie sich um. Schmatzende Tiere, geistlos glotzend. Schädelformen in jeder verkommenen Bildung. Durch die Krücke für alles, die man Technik nennt, verwahrloste Körper. Lebensunfähige Figuren, denen die Allmutter Chemie zum Schattendasein verhalf. – Intelligenz? Nun ja: Verschmitztheit in Raumausnützung, Kleben an Millionen lächerlicher Behelfe. Auch Kellerasseln können das . . . Merken Sie nicht, daß dieser Plebs nur vegetiert? Diese Menschheit, die jede wahre Empfindung träge zerkaut, als Würze im Krippenfutter, und sie entwertet als Schale unter das Lotterpfühl speit? Schon der Atem dieser Menschen verpestet. Und Sie wollen mir weismachen, daß Sie an eine ›versteckte Romantik‹ glauben? – Sie steckt höchstens in Ihnen noch, wenn Sie wirklich diesen naiven Verdacht hegen!« »Aber –,« keuchte Rupert, »Sie entvölkern ja Europa, statt zu helfen! Sie negieren ja dreimal heftiger als ich!« »Ja, das tue ich!« fuhr der Nordländer empor und reckte sich, als wolle er Schwingen spreizen. Rupert mußte an seinen Vater denken, der gleichsam nur noch mit Stümpfen um sich zu schlagen vermocht. Dieser schien flügge und Kind noch freieren Horstes. – »Ja, ich negiere diese Zeit mit aller Wut und weil ich sie so hasse, haßt sie mich auch. Sehen Sie sich dies Gezücht hier an. Es läßt sich von falscher Musik peitschen, von falschen Schlagwörtern umherhetzen, von falschen Gefühlen lenken; Sklaven! Zerreißen könnten sie mich, die Schacher; einstampfen und abtun: aber ich tue ihnen nicht den Gefallen, den Propheten zu spielen. Ein Prophet muß ein Echo haben, aber so ist es als spräche man große 21 Worte in eine Kloake hinein. Der Unterschied ist nur bei diesem gegenseitigen Haß, daß ich frei bin und sie unfrei. Das Herrliche daran, daß sie es nicht wissen. – Sie sprechen, Geld macht frei. Und ihr Umherrutschen auf dem gemarterten Antlitz dieser Erde nennen sie ›Bewegungsfreiheit‹. – Ein Mensch, der durch Wälder gleitet, der Fjorde zu seinen Füßen leuchten sieht durch ewige Jungfräulichkeit von Birkenstämmen, kommt schneller vom Fleck als diese träge Gesellschaft mit ihrem Hundert-Meilen-Tempo. Noch ist ein Adler brausendes Leben, und ein Aeroplan bleibt tote Masse, mechanisch dahingewirbelt. – Immer habe ich abgelehnt, immer und immer wieder. Durch Ablehnung hilft man sich, spart man sich aus. Das bleibt der Protest der nie eroberten Wildheiten hoch im Norden gegen dieses menschenverseuchte, jeder Gedankenfäulnis offenstehende, jede produktive Idee erstickende Europa. Ich bin ein Stück dieses Protestes. Werden Sie wie ich, dann sind Sie frei. – Und wenn Sie frei sind, dann hegen Sie diese Freiheit wie ein köstliches Eigentum und versuchen Sie nicht, sie anderen aufzudrängen. Man kann keinen Schoßhund zur Luchsjagd brauchen . . . . Vielleicht treffen wir uns noch einmal. Vergessen Sie das letzte Wort nicht. Es gibt noch ›Natur‹. Denken Sie es einmal aus, dies Wort, und prüfen Sie Ihr Herz, ob Sie viel davon wissen.« – Er lächelte, doch schien er Rupert beim Abschied nicht anzusehen, sondern über ihn hinwegzublicken in eine unbekannte, von gespensterhaften Gewalten belebte Ferne hinein. Während er davonschritt, schien seine Figur zu schweben, so elastisch trat er auf. – Sein blonder Kopf leuchtete noch lang im Dunst, bis er eine Tür des ausgedehnten Raumes erreicht hatte und darin untertauchte. Rupert vermeinte das Leuchten noch sekundenlang zu bemerken, so wie der Eindruck eines 22 Lichtstrahles im geschloßnen Auge weiterzögert. Doch war es nur das Messing der Türverschalung, das trübe herüberfunkelte. – Der Kellner erschien; wie ein Reptil hatte er sich durch die Tischreihen geschlängelt und heimste mit seiner bleichen Pfote die ausländische Banknote ein, die der Fremde zurückgelassen. Er führte sie an seine trüben Augen und steckte sie mit schattenhaftem Schmunzeln in das Innere seines bordeauxroten Frackes. – Ein schwirrendes, kleines Getöse entstand in seiner Westentasche. Er nahm einen ovalen Gegenstand hervor und versenkte die Zapfen eines kleinen Kontaktes an einer Drahtspule mit gewohnheitsmäßiger Schnelligkeit im kupfernen Tischbein. Hierauf hielt er das ovale Ding ans Ohr und murmelte: »Dux«. – Rupert blickte nach dem Musikpodium hinüber, dort war gleichzeitig das Wort »Dux« aufgeflammt. Er sprang empor. – »Sind Sie das, Herr?« grinste der Kellner matt. »Amüsanten Zufall nenne ich das . . . Sie werden ans Telephon gewünscht.« – Rupert zahlte und rannte, von einer seltsamen Eile vorwärtsgetrieben, dem Ausgang zu. Eine Beklemmung saß ihm ums Herz: seltsame Trauer, vermischt mit brennender Erwartung; als habe er noch in allernächster Zeit ein eingreifendes Erlebnis zu gewärtigen. – Die Telephonzelle schloß sich hinter ihm; das große Murmeln verlosch wie abgehackt, als schließe sich eine pneumatische Tür an einem Käfig voll geräuschvoller Tiere. – Er starrte in den schwarzlackierten Trichter. Dort stand auf der matten Milchglasplatte, zur Handgröße geschrumpft, eine gebeugte Figur, sein Vater, und blickte ihn mit aufgerissenen Augen an. – Er hätte ihn nehmen und ihn in die Tasche stecken mögen, nur um dieser aufgerissenen Augen ledig zu sein. – Etwas wie schlechtes Gewissen regte sich schmerzlich in ihm. Dabei keuchte 23 die vertraute Stimme geisterhaft so laut, als befinde sich der Sprechende unsichtbar neben ihm in der Zelle; so klar, als müsse Rupert jenen Atem stoßweise im Nacken spüren. – »Ich glaube, mein Lieber, daß es an der Zeit ist. Gut, daß ich Dich finde. Komm herüber.« Rupert hängte ein. Das Bild auf der Milchglasplatte erlosch und es war, als ob ein verhauchender Seufzer in der engen Zelle lebendig bleibe. – Er taumelte hinaus. Die große Geräuschwoge überspülte ihn wiederum und das fiebernde Nachtleben. Er nahm einen Hochbahnzug. An dem Fenster schwirrten, wie Kettenglieder aus trübem Kristall, Dachgärten vorüber. Er warf durch die Schächte der Ventilatoren Blicke in Bühnenräume, Billardsäle, Schwimmbäder, Börsenhallen; dies alles flitzte vorüber wie Spielzeug im Traum. An den zehn Stationen, die der Zug anlief, und an denen er ruckweise hielt, elastisch gebremst, drängten sich jedes einzelne Mal Horden wimmelnder Menschen, ein Durcheinander von Kokotten, Bummlern, steinern aufgepflanzten Schutzleuten, erregten Maklern, huschenden Hochstaplern und verschwimmenden, undefinierbaren Gesichtern. – Das Lichtschild seiner Straße flammte auf. Er stürzte hinaus. – Bevor er zum Dach des eigenen Hauses einbog, hatte er eine stählerne Brücke zu überschreiten, zu der die Himmelsluft freien Zugang fand. Sie fuhr, aus den riesigen Nüstern eines Dämons geblasen, keuchend in die Lücke hinein, die von den gläsernen Straßenüberwölbungen frei gelassen wurde. In diesem unendlichen Windhauch war verwischter Sternenglanz und der Schrei eines hohen Vogels. – Rupert zögerte einen Moment, und in seinem Hirn wuchs riesengroß das Wort, das abgenutzt und blechern klirrende Wort, das ihm der Fremde zu guter Letzt auf den Marmortisch hingeworfen; 24 das Wort: »Natur«. Nicht die Buchstaben waren es, die in sein Gedächtnis geheftet waren wie stählerne Nägel, sondern das innerlich ausgefüllte Wort war's, wie ein lebendiges, dunkles, von allen Möglichkeiten trächtig gehendes Ding. – Hier dunstete die Millionenstadt, diese graue Wüste aus schlechtgefeilten und gehämmerten Zweckmäßigkeiten, vom Schweiß sinnlos vergeudeten Lebens, und dort oben spielten wie immer freie Kräfte. – Irgendwo regte sich noch ein Sinn, noch ein Zweck und noch eine Harmonie. Vielleicht hatte sich alles Menschentum geflüchtet und harrte dort oben der Stunde, um neu herniederzusteigen. – Der Schmerz der Gegenwart packte ihn wieder; des Wärters Schritt im Gefängnis dröhnte. Er riß sich los und eilte an die Tür, die zum Liftschacht führte. – Nach einer Minute stand er im Vorplatz der Wohnung. Sie war taghell erleuchtet und totenstill. Der Alte saß ihm zugewendet auf einem Sessel in meditierender Stellung wie ein östliches Bild. – Im Rahmen der Tür hockte er dort hinten und nickte ihm zu. Seine Augen hatten nichts aufgerissen Schreckhaftes mehr. Sie waren sanft verschleiert, und die Dinge spiegelten sich darin, so schien es, wie in einem geruhsamen Teich. – »Komm nur herein,« flüsterte er dem Sohn zu. »Es ist alles schön und gut, denn nun begehe ich das Fest jenes Zustandes, den die Menschen Tod nennen.« 25 Drittes Kapitel Diese Worte des Alten klangen so gelassen und ruhig, mit so selbstverständlicher Gebärde dahingesagt, daß Rupert den Aufschrei, der ihm in die Kehle stieg, unterdrückte. – Es war etwas wie eine hohe Unglaubwürdigkeit in dem Ausspruch, als ob er eigentlich symbolisch gemeint sei. – Zu dem Fest hatte sich der Alte geputzt. Er trug ein dunkelblaues Gewand wie das eines Mandarinen oder Priesters. Auch wenn er meinte, was er sagte, das fühlte man, so würde er fast unmerkbar in diesen Zustand hinüberwandeln, nur vom Rascheln seines Mantels begleitet; würde die Stufe leicht nehmen, mit Grazie ohne Erschöpfung. Denn 26 sie führte ja hinauf und nicht hinunter. Dieser ganze Aufwand; die überall flammende Beleuchtung, die besonders schöne, auf dem Tisch entbreitete Decke, gaben der Handlung häuslich Intimes, und nahmen dem Vorsatz (denn das Ganze glich irgendwie einem Vorsatz) durchaus alles grausig Erzwungene. – Der Alte sah sogar noch frischer aus als gewöhnlich und es war schier unglaublich, mit welch freudiger Anteilnahme an sich selbst er der eigenen Auflösung beiwohnte. In seinen Augen, die wie blasse Aquamarine schimmerten, spiegelten sich schöne Dinge, die jenseits der Grenze lagen. Er leuchtete von innen heraus. Die Seele rüstete sich zum Fest. Sie war wie ein Haus, das kurz vor dem Abschied seiner Gäste alle Räume hell erstrahlen läßt und hier und da ein Fenster öffnet, aus dem man noch die letzten Takte einer Musik vernehmen kann. – Dies alles nahm Rupert mit keinerlei Erstaunen wahr; er war ja vorbereitet auf einen ähnlichen Empfang; nur auf dem Fernsprechbild war es ihm erschienen, als habe der Alte einen Moment gewankt und die Hilflosigkeit dessen gezeigt, der dem Abgrund einen unvorsichtig verfrühten Blick geschenkt. Da hatte er sich noch mitten auf der dünnen Brücke befunden, von der aus man weder rechts noch links schauen darf. Hatte mit aller Willenskraft sich Gleichgewicht bewahrt und war dann mit der Zielbewußtheit eines Gebirgstieres geschritten. – Jetzt, mit Ruperts Eintreffen, war die Brücke überwunden. Noch war das jenseitige Ufer nicht ganz erreicht, aber schon dämmerten die Wäldermassen des Jenseits am Horizonte auf. Je mehr die äußere Sehkraft abnahm, desto schärfer blühte die innere auf. Hinter den blauen Bällen seiner Augen schienen innere Lichter aufzugehen; von innen heraus schienen sie neuen und fremdartigen Glanz 27 aufzusaugen und von sich zu strahlen. – Rupert trat einige Schritte auf ihn zu, aber er vermochte es nicht über sich, ihm wie gewöhnlich die Hand zu schütteln. Denn der Alte behielt seine meditierende Haltung bei und hatte etwas Abweisendes trotz aller freundlichen Worte. Ein quälender Zwiespalt regte sich in Rupert, ob er nicht die Stirn zwischen die dürren Knie des Vaters betten solle, mit einem letzten Versuch ihn von diesem Vorhaben zurückzureißen durch die wilde Anklage: »Du gehst zu früh, du hast mir noch nicht alles gesagt.« – Er unterließ es, denn der Alte gab ihm sofort die Ruhe wieder. Mit seltener Hellhörigkeit hatte sich das Haupt geneigt; es war wie ein ganz leichter Schimmer zwischen den Augenbrauen, als er kopfschüttelnd sprach: – »Du mußt nicht glauben, daß ich mich auch nur um eine Minute zu früh auf den Weg mache. Ich habe Dir nicht umsonst gesagt, daß ich Dir Aufklärung schuldig bin. Was ich an Gütern habe, bekommst Du, aber darüber hinaus bekommst Du ein paar Worte, die Dich verhindern werden, denselben Enttäuschungen nachzulaufen wie ich.« »Ich ahne, was das in der Hauptsache für ein Wort sein wird,« sprach Rupert und setzte sich mit grenzenloser Erleichterung auf den Sessel, der um einige Meter von dem des Alten entfernt stand. Seine Stimme war hell und voll Keckheit, gelassen gemacht durch die Sachlichkeit des Alten. – »Es wird dies alles auf eins hinauslaufen,« – und er sah dabei zum Vater lauernd hinüber, – »nämlich auf das Wörtchen ›Natur‹.« – In dem runzeligen Gesicht drüben blühte ein Lächeln auf, das vorüberwanderte wie Sonnenblitz auf einem Strom in regengrauer Steppe. »Du hast da ein Wort gesprochen, worin sich freilich vieles zusammenfassen läßt. Wer hat es Dir gesagt?« 28 »Kurz bevor Du mich riefst,« berichtete ihm Rupert lebhaft; »ein blonder Mann, den ich im Café traf.« »Du erweckst mein Interesse.« Die Stimme des Alten steigerte sich und wurde hell. Aus dem tiefen Celloklang, mit dem er die Begrüßung geleitet, wurde seine Rede fast zum Staccato auf heller Geigensaite. »Ein blonder Mann! – Wie sah er aus?« »Er war groß und hatte blaue Augen, denen die Deinen jetzt gleichen.« – Rupert suchte nach Worten. – »Es war etwas an ihm, was ich noch nie bei einem Menschen erlebt. Er las meine Gedanken; ein blonder Henker war's, versichere ich Dich, der mit einem einzigen Hieb seines stählernen Gedankenschwertes die Köpfe um uns herum absäbelte. Ja, wahrhaftig; ich hatte nach seiner Rede das Gefühl, als wären wir einsam unter lauter Kopflosigkeiten. Er ließ dem ganzen Zeitgeist keine Krücke mehr, um daran zu humpeln, am Schluß war dieser nur noch ein formloser Rumpf, der sich mit Motorbetrieb fortbewegte. Um es deutlich zu sagen: er öffnete mir die Augen dafür, wie vollkommen scheußlich und nichtssagend das ist, was wir heutzutage Kultur nennen.« »Ein prachtvoller Mann,« schwirrte die Stimme des Alten auf; »ein guter Mann das. Er hat mir vorgearbeitet, dieser Sendbote. Du bist in der richtigen Verfassung. Er gehört auch zu den Seltenen, die . . . Hat er Dir seinen Namen genannt? Er gehört einer Sekte an, verstehst Du; und es gibt ein Oberhaupt dieser Sekte . . .« »Nein, einen Namen hat er nicht genannt, er warf mir nur das Wörtchen ›Natur‹ auf den Tisch und sagte, damit könne man allerhand machen. Es ist merkwürdig, wenn mir jemand anders diesen Rat gab, so kam er mir abgegriffen 29 vor, als könne man nichts damit kaufen. Aber bei ihm hatte er einen Klang wie von Gold.« »Versteht sich, versteht sich,« murmelte der Alte beifällig. »Nun, neugierig bist Du ja schon. Du wirst den Mann auch wohl nicht das letztemal gesehen haben. Nun laß Dir erzählen, daß diese Begegnung keine rein zufällige ist, sondern daß diese Leute die Witterung voneinander in der Nase haben. Denn daß Du nicht schon dieser Sekte angehörst, liegt nur an meiner eigenen unfaßbaren und unverantwortlichen Blindheit.« »Wie das, Vater?« »Also höre!« – Der Alte hob das Gesicht zur Decke. Es war, als ob seine Nüstern leise vibrierten. – »Vor dreißig Jahren; ja, – genau vor dreißig Jahren war es, daß ich auf diesem selben Stuhl saß, mit dem abgestempelten Patent in der Tasche, und mich freute. Ich fingerte an dem Patent, zog es hervor und roch an dem frischen Stempel. Er duftete nach Siegellack, und das kam mir so schön vor, wie das seltenste Rüchlein Arabiens. Ich hatte jahrelang darum gekämpft, und nun hatte ich die Beglaubigung und die offizielle Erlaubnis, Gelder einzuschaufeln, die mir vor der Nase lagen. – Bonaparte hätte sich nicht kindlicher über sein Lentnantspatent freuen können als ich, der ich damals schon an die fünfzig war. Die Macht! – verstehst Du. Ich saß hier im Sessel und streichelte meine Macht . Ich war so vom Amerikanismus und falschen Ideen geblendet, daß ich mir einbildete, auf dem Höhepunkt des Menschentums zu sein. – Ich hielt damals, wie Du Dich wohl erinnerst, eine Horde von Dienstboten, die ich dazu brauchte, um mich gegen unerwarteten Besuch zu schützen. Denn andere Leute waren auch amerikanisch, und ich war sozusagen über 30 Leichen gegangen. Aber diese Leichen hatten noch Ellenbogen übrig, und ich mußte auf allerhand gefaßt sein. – Plötzlich, wie ich so dasitze, spüre ich einen Duft in der Nase, der mich von dem Siegellack ablenkt und mich zwingt, genauer nachzuschnuppern, was das sein könne. Es roch auf einmal in der ganzen Wohnung wie in einem – Treibhaus. Ich hatte zwar nie eines betreten, aber dieser erdige, von Blütendünsten und dem Aroma sprießender Blätter gesättigte Hauch konnte nur solchen Ursprung haben. Ich war mehr als erstaunt. Schon damals zog man jeden erdenkbaren Naturgeruch täuschend auf Flaschen, aber ich besaß kein einziges Parfüm und hatte immer dergleichen gehaßt. (Mit ›Literatur‹ ging es mir ähnlich, weil ich mir einbildete, alles auf Flaschen gezogene sei gefälscht, und Literatur sei von Grund aus gefälschtes Leben.) – Ich stand also auf und guckte durch die Zimmer. Immer rätselhafter wurde mir die Sache. Dann setzte ich mich wieder hin und hatte dann die Vorstellung von Grün, unabweisbar. Berlin sah schon damals aus wie heute, ich war jahrelang nicht hinausgekommen und hatte keinen Baum gesehen. Dieses Grün in meinem Hirn ärgerte mich, es war nicht wegzudenken, es war aufdringlich und besiegte mich wie eine Blendung. – Aus einmal höre ich draußen die Tür aufspringen wie von selber. Ich höre protestierende Ausrufe der Dienstboten, denn der Mann mußte durch mindestens vier Türen gelangen bis zu mir. Im Handumdrehen hatte ich mich selbst wieder in der Hand. Ich war überzeugt, daß es jemand sei, dem ich in der Ausschlachtung der Erfindung zuvorgekommen. – Mit einer gewissen Willenskraft löschte ich das Grün aus, um der nackten Wirklichkeit mit aufgekrempelten Ärmeln zu begegnen. Tatsächlich schien der Mann sich vorwärtszukämpfen. Ja 31 eigentlich war es gar kein Kampf, sondern ein siegreicher Einzug ohne nennenswerte Hindernisse, in dessen Kielwasser alle Proteste hilflos verhallten. – Und nun kommt ein Mann herein, sage ich Dir, ein Mann . . .« – Der Alte schien Rupert anzusehen, und Rupert suchte nach Ausdruck in seinen Augen, jedoch waren sie wie Kristalle voll verhaltenen Feuers, die ihn nicht sahen, sondern von der einen Erinnerung loderten. Die Pupillen waren ganz klein zusammengezogen. Eine visionäre Rückschau war im vollen Gang. – »Der Mann kommt herein und setzt sich einfach auf den Sessel, auf dem Du heute sitzest. Er paßte kaum hinein. Es war ein Koloß von einem Mann. Er war nicht sehr viel größer als Du, dafür aber doppelt so breit. Ohne fett zu sein, besaß er eine derartig massive Wuchtigkeit, daß er an ein Geschöpf der Vorwelt erinnerte. Er war weißblond und hatte ganz tiefliegende Augen, aus denen er mich anfunkelte wie ein Raubtier vom Polarkreis. Vielleicht treffe ich es, wenn ich ihn mit einem gereizten Bären vergleiche. Das Allerfrappierendste an ihm war, daß er gar nicht gereizt war, sondern sich äußerst sanft und gesetzt ausdrückte. Ja, aus diesem Mann kam eine Stimme, wie wenn sich der Wind in geborstenen Telegraphenstangen verfängt; ich habe solchen Ton in früher Kindheit empfunden wie die Rückkehr des geschändeten Baumes zur Erde. So also orgelte die sanfte Stimme aus dem mächtigen Kerl heraus. – Er hatte breite Schultern, und von seinem Hals sah man wenig, da die Kinnbacken, mächtig ausladend, den weitgeschnittenen Hemdkragen fast ausfüllten. Seine Nase war ungeheuer groß und gebogen; an ihrer Seite saß eine mit leichten Härchen bedeckte Warze. Sein Mund war von Flaum beschattet. Er war nicht glatt rasiert, aber wie auf einem steinigen Acker 32 kein Hälmchen gedeihen will, so machte sich auch auf diesem wildgefurchten, roten Gesicht kein Wachstum breit. Nur die Augenbrauen wucherten, als wollten sie es wieder gutmachen, in Büscheln hervor und schwankten vor den höhlenartigen Eingängen, in denen seine Augen umherrollten. – So eine Stirn gibt es auch nicht wieder auf der Welt, wie die dieses phantastischen Athleten. Es war eigentlich eine Arbeiterstirn mit kantigen Jochbeinen; und doch leuchtete Intelligenz von ihr. Sein äußerst dichtes Haar war zurückgestrichen und stand wie eine Mähne um den Schädel und um die enormen Ohren. Die weißblond bewachsenen Pranken umklammerten die Stuhllehnen. Er trug eine Art von Gewand, das man früher einmal, wie ich nachforschte, mit ›Gehrock‹ bezeichnete, und weite Hosen. Die Stiefel bedeckten mehrere Quadratzoll des Teppichs. – So saß er nun da, und ich hatte mit ihm fertig zu werden. Ich konnte nicht einmal sagen: ›Herr, wie kommen Sie hier herein,‹ denn ich hatte es ja selber mit erlebt. Ich blickte ihn nun fragend an, und er saß dort und fixierte mich, in, wie mir schien, empörender Weise. Er war sich augenscheinlich der Verblüffung bewußt, die er hervorrufen müsse; denn etwas wie ein verlorenes Grinsen entstand an seinen Lippen und entblößte Zähne, um die ihn ein Rassepferd beneidet hätte. – Ich steckte mir langsam eine Zigarette an und sagte dann langgezogen: – »Es gibt eine Menge zu erklären für Sie, mein Herr.« – »Stimmt,« sagte die blonde Bestie; und das war für einige Zeit das einzige, was sie von sich gab. Er warf es hin wie gebellt. Ich war amüsiert und bot ihm eine Zigarette an. Er blickte höchst angewidert darauf und lehnte sie ab. Meine Stimmung wurde immer lustiger. – »Ich habe noch nie den Rauch von verkohltem Papier 33 eingeatmet,« sagte er brummig. »Aber wenn Sie mir Gehör schenken, komme ich Ihnen vielleicht geselliger vor.« »Nun, was für einen Vorschlag haben Sie?« »Ich heiße Ole Örvandill,« sagte der Mann. »Ein nordischer Name,« rief ich. »Sehr nordisch,« bestätigte er und geriet in ein beifälliges Kopfschütteln. Ich wartete, bis das Haupt ausgependelt hatte, und sprach: »Ja, bei der Vorstellung wollen wir es aber nicht belassen. Keine Zeit . . .« »Sie werden für meinen Vorschlag Zeit haben. Sie werden lange Jahre für meinen Vorschlag Zeit haben.« – Der Mann blickte mich starr an. Sein Lächeln war wie ausgelöscht. »Nun, wir wollen sehen. Erklären Sie sich.« – Und was nun kam, mein lieber Rupert, war eine seltsame Sache, die ich Dir in kurzen Zügen möglichst deutlich machen will. Der Mann war, wie ich gleich vermutete, natürlich ein Sektierer, so eine Art Naturapostel. – Unsere Zeit, so erklärte er, schien ihm auf völlige Verödung unrettbar hinzusteuern. Er wolle eine Gemeinde gründen, die sich zur Aufgabe mache, das »menschenwürdige Dasein« wieder einzuführen. Er wolle der Natur als solcher und der menschlichen Natur im besonderen zu ihrem Recht zurückverhelfen. Er wurde äußerst gesprächig. – Ich höre noch seine in allen Tonlagen orgelnde Stimme, die länger als eine Stunde das Zimmer füllte. Er gebrauchte Bilder und Vergleiche, die mir im Augenblick absurd vorkamen, die aber später wieder in mir lebendig wurden, wie das Gedächtnis verlorener Landschaften. – Natürlich wollte er Geld. Er wollte es aber als Mittel zu seinem phantastischen Zweck. Er wollte eine 34 unerhörte Propaganda ins Werk setzen. Europa solle die Keimzelle für ein neues Empfinden werden, das, zur Religion angewachsen, die ganze Menschheit überschwemme. Veredelt würde alles daraus hervortauchen. Der Sinn für die verlorenen Urbedürfnisse des Leibes und der Seele würde wieder lebendig sein und mit dem heiteren Glanz des Glückes die Menschheit ergreifen. Sie würde sich ihres Körpers wieder entsinnen und all' jener Empfindungen, die man vor zweihundert Jahren »romantisch« nannte. ›Dutzende von Schlagwörtern gab es seitdem,‹ erklärte er, ›die ein ähnliches Empfinden einzusaugen versuchten, und oft genug hat das Wort ›Romantik‹ von furchtlos gehißten Fahnen geschimmert. Immer wieder sind die Wimpel in den Schmutz gerissen worden. – So oft, daß diese Hoffnung drauf und dran sei, nun endgültig nach langem Ringen ihren schweren Todeskampf zu beschließen. Man habe jedoch, sei auch alles verödet und hoffnungslos, mit ihm selbst, Ole Örvandill, nicht gerechnet. Er sei ein Überbleibsel. Er sei nicht von gestern oder morgen, sondern er sei immer dagewesen und eine lebendige Kraft. Er könne die Fahne schwingen, und er fühle das Zeug in sich.‹ – ›Ob er nichts geschrieben habe,‹ fragte ich so nebenhin. – »Berge von Manuskripten, mein lieber Herr, schlummern aufgehäuft in meiner Stube. Der Tag wird kommen, wo sie entweder vergehen oder auferstehen. Aber ich kann sie jetzt nicht veröffentlichen. Die Weltstadtliteraten, die Geistlosigkeit und der Sensationshunger würden ihnen einen falschen Empfang bereiten. Ich will nicht als Original in die Vergessenheit sinken, sondern als Triumphator wachsen. – Ja, wachsen will ich, wenn ich einmal tot bin, nicht verschwinden. In dreißig Jahren von heute ab, mein verehrter Herr, werde ich auf dem 35 Höhepunkt meiner Kraft stehen. Ich habe die Dauer meines Lebens bemessen, ich kenne mich wie eine Pflanze. Auch eine Pflanze hat einmal ihren Tod. Aber sie setzt noch viele Jahresringe an ohne Erschlaffung und ich habe den Humus zu Hause, der mich erhält. Das ist meine herrliche, unzerstörbare Gewißheit, daß ich nicht auszulöschen bin. Aber wenn Sie mir helfen wollen, die neue Ära heraufzuführen, so greifen Sie zu; werden Sie einer von uns. Wenn unsere Zahl auf hundert angewachsen ist, (– vielleicht ist das in dreißig Jahren der Fall –) so wollen wir hervortreten. Aber ich werde Ihr Geld nur als Mittel benutzen, um diese Hundert möglichst bald zu ermitteln und zusammenzuschließen; dann werden Sie es noch erleben können.« Ich bewegte mich im Stuhl, denn vieles von diesem erhabenen Gefasel, wie ich es damals innerlich nannte, hatte mich doch dunkel angeregt. – Wie ich mich so bewegte, knisterte das Pergamentblatt des Patents in meiner Tasche. – Es hatte mir wiederum bei seinen Worten grün vor den Augen geflimmert. Nun aber, da ich auf einmal das Knistern hörte, wurde ich töricht. – Meine wie ein langsames Rad in Betrieb gesetzte Phantasie stellte ihre Bewegung ein. Nackte Zahlen waren's, woran ich dachte. Mein Egoismus kroch mir ernüchternd ins Hirn zurück. Mein törichter Verstand, mein »Erfolg« zwinkerte mir zu; überall tauchten die Fratzen auf, die wir in unserer Blindheit als »unumgängliche Bequemlichkeit« bezeichnen. Wie würde ich dastehen vor den Leuten, die von mir abhängig waren, wenn ich mich einer lächerlichen Schimäre wie dieser ergäbe? – Und so war es teils Angst vor dem Urteil der Welt, teils eine gewisse Unsicherheit, dem Mann nicht standhalten zu können, die mich trieb, das Gespräch brüsk abzubrechen. Ich 36 spürte auch, daß von diesem unablässigen Wortschwall eine hypnotische Kraft ausging; der Mann war wie eine Batterie, mit einer unerhörten Energie geladen. Er schoß einem seine Sätze in den Kopf wie Leuchtraketen, die im Hirn des Gegenübers versprühend dort nur Unheil und Verwirrung erzeugen mußten. – Ich sagte daher, nachdem er endlich schwieg und wie ein großer schwarzer Dämon, mit seinem noch tiefer geröteten Gesicht, vor mir hockte: – »Es klingt alles sehr schön, aber Sie wollen Geld. Geben Sie mir Rechenschaft über dies Geld?« »Das kann ich nicht! Denn die Posten, die da verrechnet werden müßten, sind namenlos. Entweder Sie glauben mir oder nicht.« »Sie sind ein Phantast.« »Ja,« sagte der Mann aus tiefster Überzeugung heraus und sein mächtiger Brustkorb schien sich weit auszudehnen. »Wenn Phantasten Leute sind, die Phantasie haben, so bin ich im wahrsten Sinne einer; denn Phantasie ist das einzig Schöpferische.« »Es war mir anregend, was Sie mir da erzählten,« meinte ich kühl und geschäftsmäßig. (Ich muß dabei, was Sachlichkeit anbelangt, jeden amerikanischen Geschäftsmann in Schatten gestellt haben.). – »Ich muß aber eine ganze Menge Sicherheiten haben. Reichen Sie mir eins von den Manuskripten ein; einen Verleger will ich vielleicht bezahlen, Herr . . .« ». . . . Ole Örvandill,« sprach der Mann jetzt und erhob sich, »damit Sie auch meinen Namen nicht vergessen! – Denn mein Name wird das Einzige sein, was Sie, auf Ihre Absage hin, von mir wissen werden. – Und jetzt will ich Ihnen noch sagen, daß Sie es mit all Ihrem Geld nicht zuwege bringen 37 werden, meine Adresse ausfindig zu machen. Für unwürdige Einzelne bin ich unauffindbar. – Es mag sein,« sagte er noch, als er schon bei der Tür stand, wie eine schwarze Gewitterwolke im Abziehen, »daß Sie es mit der Zeit bereuen, mir kein blindes Vertrauen geschenkt zu haben. Meine Gemeinde wird auch ohne Sie wachsen und vielleicht später erinnern Sie sich meiner. Denn dann wird etwas geschehen, wie das Aufreißen einer Tür. Ja, mein Herr, durch diese ferne Türritze wird es grün leuchten, und dann werden Sie einen sehr leichten Tod haben. Dann werden Sie dem, der Ihnen nahesteht, nichts Positiveres zu vermachen haben, als meinen Namen. – Aber das wird Sie trösten.« Die Tür klappte wieder zu. Es war noch bei seinem Weggang etwas von dem Duft zu spüren, den ich plötzlich wieder empfand. Ich schickte einen Bedienten nach, wohin er gehe, aber seltsamerweise hatte er sich mit einer Behendigkeit, die ich dem Koloß nie zugetraut hätte, aus dem Staub gemacht. –« Der alte Dux machte eine lange Pause. Rupert hatte fasziniert gelauscht. Der Alte nahm ein zerschlissenes Notizbuch hervor, aus dem er sorgsam mit dürren Fingern eine Seite herausriß und sie Rupert hinüberreichte. Der Name Örvandill stand in großen Lettern darauf geschrieben, und dabei das Datum des damaligen Tages . . . – »Verliere ihn nicht,« sprach der Alte mit dunkler Stimme, »verliere ihn nicht. Ich habe nach diesem Mann seitdem gesucht, ich habe ein Vermögen geopfert, es war vergeblich. Schon einige Monate, nachdem er mich verlassen, merkte ich, daß ich von ihm angesteckt war wie von einer Krankheit. Ja, eine Krankheit nicht eigentlich war's, Rupert, sondern eine Befeuerung des Blutes, das sich nach Erfüllung sehnte. Du kamst damals zur Welt und Deine Mutter starb bei Deiner Geburt. 38 Doch sie ging leicht hinüber, weil ich ihr immer und immer wieder von diesem Mann erzählen mußte. In ihrer letzten Stunde, so sprach sie, fühlte sie Pflanzenduft um sich. Und die Worte des Mannes habe ich seitdem immer wieder durchgedacht, neu gedacht, und sie haben sich in mir festgesetzt wie unauslöschliche Wahrheiten. – So wahr, als in Norwegen Tannenwälder wachsen, so wahr bleibt das, was er gesagt. Aber er hatte mir nichts hingeworfen als die Idee, die große, trächtige Idee. Ich habe sie verlieren müssen, weil ich sie nicht hüten konnte. – Es war zu schmerzlich und enttäuschend, damit arbeiten zu wollen wie mit einer Maschine, an der die wichtigste Schraube fehlt. Ich habe sie mir entgleiten lassen und dumpf über den Verlust hinweggelebt. – Jetzt, wo ich Abschied nehmen will, ist sie mir wieder lebendig geworden und ich weiß, sie ist nicht verloren. Sie ist nur versteckt, wie ich Dir sagte, unter den Rädern des Lebens. Aber wenn es Dir gelingen sollte, diesen Mann zu treffen, dann wirst Du sie auch gleichzeitig wieder finden –.« – Er seufzte und legte den Kopf wieder zurück. – »Wenn es mir doch gelingen wollte, Dir den Weg zu weisen zu ihm!« – Er blieb eine Zeitlang ruhig, wie erstarrt. Sein Gesicht, scharf bestrahlt durch die verschwenderische Beleuchtung, lag wie eine feinmodellierte Maske auf der Rückenlehne des Sessels. – Eine Stille machte sich breit, die nur durch die hastigen kurzen Atemstöße des Alten Leben erhielt. Auf einmal zuckte er zusammen und Rupert sprang empor, da er es für das Ende nahm. Aber die Augen hatten sich geschlossen; ein Lächeln spielte um den Mund und die Finger raschelten auf der Seide des Mantels. – »Bleibe sitzen,« flüsterte der Alte hastig, »bleibe sitzen.« – Eine innere Vision schien ihn mächtig zu überkommen. – »Ein Toreingang.« – Seine Augen 39 gingen wieder auf, die Pupillen waren so zusammengeschrumpft, daß sie kaum nadelkopfgroß erschienen. – »Ein Haus mit einer kleinen Loggia, vier Holzsäulen, abgebröckelte weiße Farbe, grüne Fensterläden, ein mit Fliesen gepflasterter Eingang, eine Schnur mit einem bunten Quastengriff daran . . . Wo ist das, mein Gott? Es gibt solche Häuser ja nicht! Es gab sie vielleicht! . . . Sehr sonnig ist das Bild. Grün ist dabei, eine Mauer auch dahinter, weiß hervorblitzend . . . Eine Gestalt!« – Der Alte wurde verwirrt; er kämpfte nach Worten. »Ja, eine Gestalt, aber er ist es nicht,« ächzte er auf. »Eine weibliche Gestalt,« murmelte er dann. »Jung, seltsam geschnittenes Haar; braunes Gold.« – Er verstummte und sank in sich zusammen. Rupert berührte ihn leicht an der Schulter. – Nach einer Weile vibrierte die Gestalt und die Hände schlossen sich krampfhaft ineinander. – »Der Garten,« murmelte er fast unhörbar; und dann ging ein Ruck durch ihn. Er sank leicht zusammen. Sein Kopf fiel schlummernd auf die rechte Seite. Die Hände öffneten sich, wie ermattet auseinanderfallend, und aus ihnen hervor glitt, – Rupert traute seinen Augen kaum, – ein frisch abgepflücktes Blatt. Ein Pflanzenblatt, am Rande gezackt. – Er nahm es vorsichtig heraus; es schien noch feucht von Tau. – Erstarrt stand er vor dem Entschlafenen. Nach einer langen, langen Pause nahm er das mit dem Namen beschriebene Papier, wickelte das Blatt sorgfältig hinein und steckte es zu sich. Unendlich vorsichtig ergriff er den Greis an Schultern und Kniekehlen und trug ihn als flaumleichte Bürde langsam durch die Räume ins Schlafgemach hinüber. – Erstaunlicherweise war bereits alles sorgfältig hergerichtet. Vier große Kandelaber, mit gelben Kerzen besteckt, brannten an den Ecken des Bettes, das keinen Wäschebezug 40 hatte, sondern mit einer einzelnen grünen Decke belegt war. – Er bettete den alten Mann sorgfältig darauf. Die Augen brauchte er ihm nicht zuzudrücken, da sich die Lider wieder gesenkt hatten und seltsam faltenlos und glatt darüber lagen. Nichts, was sonst dem Tod Entstellendes gibt, war bemerkbar. Es war eine vollkommene ruhige Erlösung, ein Hinübergleiten von einem Zustand in den anderen von einer himmlisch-dämonischen Selbstverständlichkeit. – Nachdem Rupert das Bild, stumm betrachtend, längere Zeit auf sich hatte wirken lassen, ging er langsam zurück und setzte sich wieder nieder. Merkwürdig wenig Trauer verspürte er; eher, wie der Alte sich ausgedrückt, die Heiterkeit eines feierlichen »Festaktes«. Ein Talisman war in seine Tasche gesenkt worden, der ihn der Zukunft gegenüber seltsam erwartungsfreudig stimmte. Mittlerweile gingen seine Gedanken zurück in einen Bereich, den er fast vergessen; in seine Jugend. 41 Viertes Kapitel Da keine Verwandten da waren, die sich zur Trauerfeierlichkeit hätten einstellen können, oblag es Rupert, das letzte Äußerliche zu ordnen. Den Rest des Irdischen, der nach der Verbrennung übrig blieb, setzte er in einer Malachiturne in einem kleinen Mausoleum bei. In der Mitte der winzigen Halle stand sie auf einem schwarzen Marmorsockel. Die Fenster, dünn geschliffene Achatplatten, ließen das Licht in matten Farben gebrochen herein. ›Wenn dereinst‹, so hatte der Alte in seinem Testament geäußert, ›der größte Wunsch Deines Lebens in Erfüllung gehen will, so nimm die Urne mit meiner Asche heraus. In 42 die Urne selbst pflanze dann lebende Rosen und mit der Asche sollst Du den Baum düngen, den Du säen wirst. So kreise ich weiter in Deinen künftigen Auferstehungen, die sich im Schatten dieses Baumes vollziehen sollen.‹ Nachdem Rupert die vielen Kondolenzbesuche, die nun, auch von seiner Erbschaft angelockt, in Scharen erschienen und einen Schauer von Visitenkarten aus aller Herren Länder hinterließen, in leidlicher Haltung abgefertigt hatte, übergab er seine Interessen einstweilen einem vertrauenswürdigen Anwalt und beschloß, für längere Zeit auf Reisen zu gehen. – Er hatte jedoch die Laune, sich das langsamste Verkehrsmittel auszusuchen. Der Flugverkehr hätte ihn in kürzester Zeit nach Aegypten gebracht oder nach dem südlichen Neuseeland, das neuerdings als vorübergehende Erholungsstätte in Mode gekommen war und Kapstadt den Rang abgelaufen hatte. Er nahm jedoch nur einen kleinen Handkoffer mit und gedachte, sich seine jeweiligen Bedürfnisse an Ort und Stelle einzukaufen. – Ein neues Leben begann schon für ihn, als er die Liftzelle in seiner Wohnung hinter sich schloß und die Vorplätze von zehn Stockwerken, mit dem Ticken des Sekundenzeigers, wie flugerklommene Leitersprossen unter sich ließ. Als er auf dem Dach seines Hauses stand, bediente er sich, um weiterzukommen, seiner eigenen Person; unerhört unzeitgemäß war das! – Er schulterte das Köfferchen und ging über das Dach, der stählernen Brücke zu. Von hier aus hatte man bei Tag einen weiten Rundblick. Er passierte die Stelle, wo der Sturm hineingeborsten war in jener Nacht, wie nach einem himmlischen Dammbruch. – Nun funkelte die Himmelsgröße im herbstlichen Blau. Kleine zirpende Melodien durchwebten dies Blau und übertönten das Summen der wie immer unablässig kreisenden Aeroplane, 43 die als stumpfmetallisch glänzender Libellenschwarm den Himmel über Berlin füllten. – Zuweilen, wie wenn ein Fisch, durch den Teich gehetzt, seinen silbern blitzenden Bauch aufleuchten läßt, drehte sich eine dieser Libellen im Sturzflug aus der gebogenen Bahn, um irgendwo an seinen Landungsplatz hinabzuschweben. Es sah aus wie Sternschnuppenfall bei Tag. – Das herbstlich goldene Sonnenlicht lag, ein Pfuhl von Leuchtmasse, kaum bewegt über dem Brodem der Dächer und vereinzelten Turmhäuser, die in ihm untertauchten. Es erstickte beinahe den Tumult, drückte ihn nieder zwischen neblig silberne Straßenzüge. Als ob eine Unmenge unsichtbarer Lerchen quiriliere, so spann sich eine Schicht melodischer kleiner Zirplaute über die Oberfläche dieses goldenen Pfuhls. Triller tröpfelten hernieder, kleine, fragende Musikfetzen. Es war irgendwie einladend schön, und Rupert dachte an die Weite, genau wie in jener Nacht. So wie die Größe der Atmosphäre ihn erschüttert, so umfing ihn jetzt ihre Lieblichkeit mit jenem lenzhaft Keimenden, das im Schoße schöner Herbsttage sich zu regen scheint. Und während er befangen stand, trat ihm ein Bild ins Herz, verschwommen, nie recht erkannt, noch je erblickt, und so von Süße durchpulst, daß er es kaum ertragen konnte. Es war ein Traumgesicht, das im Moment der Selbstvergessenheit öfters schon Einkehr bei ihm gehalten. Es erquickte ihn mit dem Schönsten, das es gab. Es war unnennbar, – eine Ausgeburt von Pflanzengiften vielleicht, denen er sich zuweilen aus Melancholie ergeben. – War es die im Blute weiterflüsternde Mutter, die er nie von Angesicht gesehen? War es ein inbrünstiger Wunsch dieser Mutter, in seine Seele eingebrannt während ihrer Schwangerschaft? Und der sich nun, wie nach einem Feuerschreck auf der Haut die Flamme zutage tritt, ihm im Blute regte? – Er wußte es nicht. – Aber dieses verschwommene Bild, diese zaudernde Lieblichkeit, die sich ab und zu an sein Innerstes schmiegte, ohne sich zu enthüllen, war ihm nachgegangen in geisterhafter Kameradschaft und trat nun auf einmal mit der tiefen Bläue der unendlichen Luftspanne als Akkord in sein Wesen ein. Es war wie eine fragende Klangfigur, die der Auflösung harrte; der Seligkeit des Dur-Schlusses nach einer alle Moll-Tiefen durchwühlenden Fuge. Mit krampfhafter Anstrengung versuchte er sich dieser Lieblichkeit anzuschmiegen und sie zu erfassen, auf daß sie ihm Rede stehe. Sie entwich jedoch wieder sprunghaft zum Horizont. – Mit einemmal kam ihm der Ausdruck seines Vaters zurück, im Augenblick, wo dieser zwischen gefalteten Händen das Pflanzenblatt verspürt. Er hatte noch mehr gesehen, sein Vater. Er war dort gewesen, wo jenes Wesen leibte und lebte. Für Sekunden war er dort gewesen und hatte ihm stammelnde Botschaft übermittelt. – Rupert riß das Papier heraus aus der Tasche, wo des Vaters Vision in fliegender Schrift aufgezeichnet unter jenem Namen stand. Alles baute sich auf; es war wie mit Händen zu greifen, es fehlte nur die Richtung noch. Aber irgendwas wie Gewißheit trieb ihn, weiterzusuchen. Nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge bis ans äußerste Meer, so könnte ich doch nicht (– er betete eine selbstgewählte Paraphrase –) mir selbst entgehen. Überall folgte ich mir, ich könnte mich nicht abschütteln. Ebensowenig könnte ich diese milde, verstohlene Begleitung abschütteln, die Teil hat an meinem Wesenskern. Es ist so ungeheuer gleichgültig, wohin ich mich wende. Das Fatum weiß zu gut, wohin es mich führt. Die 45 dunkle Bestimmung des Talismans . . . Sie reißt mich zum Ziel. Er bestieg einen Hochbahnzug. – Nach minutenlangem Vorbeischwirren von Brandmauern und sonnendurchleuchteten Hallen war er im äußersten Ring von Berlin angelangt und verspürte, daß der Zug einen etwas längeren Aufenthalt nahm. Er las die Stationsbezeichnung: »Potsdam«, das ein kürzlich einverleibtes Viertel der Riesenstadt war. – Die Rechteckigkeit kilometerlang aufgereihter Häuserfronten asphaltierter Alleen, war einer gewissen Unregelmäßigkeit des Bildes gewichen. Die Landschaft war abrasiert, zu Bauplätzen parzelliert, oder von den Backsteinbauten weitgedehnter Fabriken geschändet. Die Ufer der kleinen Seen, wo es ehedem die Havellandschaft gegeben, waren umsäumt von Schornsteinen. Schwarzgelbe Rauchklumpen zerquollen in der silbrig blauen Luft. Der Horizont starrte, wie das Fell eines verkohlten Igels, von den Nadeln unzähliger Entgasungsröhren aus Stein oder Metall. Wo, wie Rupert aus älteren Büchern entnommen, gepflegte Buchen- und Eichenwälder sich gedehnt hatten in geschonter Ursprünglichkeit, da dehnte sich jetzt eine Wüste, vom Abfall gefräßiger Maschinen, von Gebirgen aufgekratzten Lehms und schmutzigbunter Schlackenhaufen durchzogen. So wie das Meer zur Ebbe einen Streifen Unrats als Abklatsch des Gischtes hinterläßt, so hatte das monströse Berlin seine Wellen ins Gesicht der Landschaft gepeitscht und den Schmutz der schmarotzenden oder hastenden Millionen hinausgestoßen. Darin erblühte nun neues Scheinleben geschäftiger Bazillen, die den Abfall noch einmal verdauten. Das waren die Verwertungsanstalten mit ihren unzähligen Baggern, nach Metall forschenden magnetischen Saugern, die wie 46 Schlachtfeldhyänen sich gütlich taten und Geräusch zischender Wölkchen in die Höhe stießen. Ein abgegraster Teller war's ehemalig trächtigen Lebens, heiterer Tradition, heimlicher Stilstrenge und Gemütlichkeit; nun aber verödet und niedergewalzt von dem gefährlichen Koloß, dem es einst seine erste Stärke gegeben. Hier am wahren Zentrum Europas, an der Hauptvene, war nichts mehr zu bewundern. Aus allen Weltenden zusammengeströmter Kredit hatte hier eine große Münzwerkstatt geschaffen, deren ewiges Klappern den lebenden Puls nachäffte, der hier ehemals geschlagen. Was war von dem Städtchen Potsdam noch übrig? Zerquetscht und erwürgt von hohen Kontorhäusern, lechzte letzte Lieblichkeit nach Luft. – Friderizianische Bauten, von der Sonne abgesperrt, führten ein absterbendes Kellerdasein. Der Exerzierplatz des Schloßhofes, die stilvollen Trakte selbst lagen im tödlichen Schatten bereits einer Berechnung, die sie früher oder später der erbarmungslosen Platzgier von Spekulanten überliefern mußte. – Hier war noch Sanssouci . . . aber entgöttert. Es war ein Friedhof. Wie schimmlige Gedenksteine lagen diese Rokokobauten zwischen den wuchernden Betonstrukturen von gestern verstreut, und hatten keinen Sinn und keine Seele mehr. Die Seen, nun zu Tümpeln erniedrigt, schillerten von Erdöl. Ein Geruch chemischer Gase war in der Luft. – Die Menschheit war die gleiche gehetzte wie im Zentrum; die einzige Erholung für das Auge war vielleicht eine größere Geschwungenheit der Straßenlinien, und die allgemein herrschende Achtstöckigkeit der Bauten, die nichts mehr so Überragendes an sich hatten. Auch gab es die Möglichkeit, auf der Straße zu wandeln, ohne sich auf Asphaltinseln flüchten zu müssen, und hier und da, o große Gnade, den Versuch eines kümmerlichen Gärtchens. 47 Nachdem Rupert das Bild von der erhöhten Plattform, auf der der Zug gebremst, in sich aufgenommen, stieg er die eiserne kurze Wendeltreppe zur Straße hinunter und wandelte zu Fuß. Bei einem neuen, prunkhaften Hotel, quer gegenüber, gab er seinen Koffer ab und belegte ein Zimmer. Er hatte für heute keine Lust mehr, weiter zu fahren. Er hatte durchaus vor, sich treiben zu lassen. Er wollte den Übergang aus der brausenden Stadt, die sein Leben bisher gewesen, zu freiem Land, nach dem seine Seele dürstete, nicht zu plötzlich gestalten. Er bummelte, mit dieser unendlichen Sehnsucht im Herzen, etwas zu erleben, was ihn zum Ziel weisen könne, halb traumbefangen dahin. Nach einer halben Stunde war er in einen Teil Potsdams gelangt, der ihm noch ein wenig, wenn auch ganz schattenhaft, von seinem alten Charakter aufzuweisen schien. Die Leute hatten hier ruhigere Gesichter. Die Läden, überfüllt, enthielten schwatzende Gruppen sorgloserer Menschen. Aus wohlhabenden kleineren Häusern kamen vereinzelte Musikgeräusche, kam das Kreischen von Kindern. Postboten tauchten auf (– eine Einrichtung, die man in Berlin selbst nicht mehr kannte); kurz, alles nahm ein gemächlicheres Tempo an und schien sich seinem traumbefangenen Zustand mehr und mehr anzupassen. Auch schienen ihm die Menschen nicht mehr so häßlich hier, wie im Inneren der Weltstadt. Er sah gutgekleidete Leute, deren gepflegtes Äußere und milder Ausdruck ihm behagen wollten. Er sah Matronen mit Einkaufstaschen und nackte Beine spröderer, gesünderer Kinder. Ein kleiner Hauch von Gesundheit lag wie ein Abglanz der soeben verblassenden Sonne auf den Gesichtern. War es die Tatsache, daß hier an der äußersten Peripherie die geschändete Natur noch kleinen Einspruch 48 wagte in das so grausam verbaute und vergitterte Dasein dieser Menschen? Auf den Straßen begannen überall die Bogenlampen aufzuflammen. Mit leisem Zischen entfachten sich die Lichterschnüre. Zweites künstliches Tageslicht überschwemmte nun die gestillten Massen. – Die Menschen wandelten in Gruppen verstreut; zuweilen auch gab es nur die Fronten der ältlichen Häuser, die, wie gepeinigt, im Bogenlicht zusammenschrumpften, als entblößten sie sich ungern ein zweites Mal. Tingeltangel schickten ihre Geräusche aus Nah und Fern. Zuweilen sah man rot aufflammende Glasscheiben und weiß gepudertes Fleisch. Das gesittete Potsdam kroch zur Ruhe. Fenster verdunkelten sich, schlossen dies zweite Tageslicht aus, ließen heimliches Leben vermuten. Und nun in dem Zwielicht, das von der letzten Abendglut und den elektrischen Sonnen geschaffen ward, erlebte Rupert das Wunder. Es war, als ob sein Inneres plötzlich künstlich erhellt würde wie diese Gassen. Aber was ihm auf diesen Licht gedünkt, kam ihm auf einmal schal vor; denn die Landschaft seiner Seele wurde von einem derartigen Glanz überschwemmt, daß sie aufjauchzte. Er geriet in ein völliges Außersichsein, denn alles, was in ihm war, schien hervorgezogen und in den Strudel des Geschehnisses geraten, das an ihm vorbeizog. Dies Geschehnis war eine Gestalt, und war ein Antlitz. Das Antlitz sah er zunächst nicht. Die Gestalt kam die Straße herab, ganz allein, und ging schnell und fast lautlos, mit vollendet elastischer Bewegung, die ihm sofort auffiel, als sie sich noch in einer ziemlichen Entfernung von ihm befand. – Der Rhythmus ihrer Schritte näherte sich, und mit jedem Schritt näherte sich auch das Schicksal, das wie 49 Herzbeklemmung zu wachsen schien. – Als sie ganz nah bei ihm war, hörte er sanftes Klirren einer Korallenkette. Die grelle Beleuchtung entschleierte sie völlig. – Es genügte, die nackten Arme, Schultern und Hals zu sehen, um ihm die Vorstellung völliger Nacktheit zu gewähren; denn ihr Kleid aus mausgrauem Samt war enganliegend und verriet jede Linie des Leibes. Es endete eine Handbreit unter den Knien. Die Strümpfe waren lichtgrau, ob aus Seide, konnte er nicht erkennen; doch schien ein Glanz von Haut hindurchzuschimmern. Die kleinen Füße steckten in ausgeschnittenen kurzhackigen Schuhen aus schmiegsamem Leder. Die Arme pendelten, dem Takt des Ganges folgend, gefällig und ungeziert. – Die Schnur der Bogenlampen, unter denen sie dahinschritt, hauchte zarte Schatten in die Gruben ihrer Schlüsselbeine; und über den Ansatz der Brust. Aber ihr Kopf war gesenkt. – Nur als sie an ihm vorbeikam, hob sie das Gesicht auf einmal, als werfe sie es zurück, und schenkte ihm einen Blick. Mit dieser Kopfbewegung schien sich das Haar aus ihrer Stirn nach hinten zu betten. Es war äußerst dicht und fiel knapp über die Ohren, glatt an Gesicht und Nacken abgeschnitten. Es war eine flaumleichte, wellige, seidige Kappe aus Haar, und ganz aus braunem Gold. – Die Stirn leuchtete wie Alabaster, wie das sanfte Milchglas einer Öllampe. Ihre Haut war von hellster Elfenbeintönung; jedoch die Stirn war noch um einen Grad heller wie die Haut des Leibes. Zart verblaßte Sommersprossen umgaben den Ansatz einer kurzgeschwungenen Nase mit empfindlichen Nüstern. Dunkle Brauen bekrönten lange, dichte, seidige Wimpern, aus denen das azurne Licht zweier unvergeßlicher Augen brach. – Diese Augen glühten von innen heraus, still, sanft, von Seele gesättigt, wie Edelsteine, die innen 50 geschliffen sind. Ihr Leuchten wurde vertieft durch die dunklen Wimpern, und leichte Schatten unter ihnen, wie sie oft bei blauäugigen Brünetten auftreten. Der Mund war kurz mit voller Unterlippe, und markanter Einbuchtung der Oberlippe. Er zeigte ein zartes, wie eingemeißeltes Lächeln, als glitten unfaßbare, glückliche Gedanken über die alabasterne Stirn. Das Kinn war rund und kraftvoll, der Hals schön geschwungen und frei. Nie war dieser Hals verhüllt gewesen, das fühlte man. Sie sah ihn an und ließ ihre Blicke sekundenlang in den seinen ruhen. Es war, als ob sie ihm ein Stück dieses Blickes zurücklasse, denn sie wandte die Augen nicht sofort ab, sondern behielt sie offen ohne Senken der Lider. Langsam drehte sie sie beiseite, und unbeirrt schritt sie weiter. Rupert stand da und zitterte. Ihm war, als ob ein Füllhorn an ihm vorbeigetragen werde vom Spitzenherold eines phantastischen Festzuges, der nun folgen müsse; aber kein Prunk folgte und kein Tumult, sondern nur das öde Licht der zischenden Bogenflammen. Wie über eine Kluft streckte er die Arme aus und ließ sie fallen. Wie gelähmt starrte er auf den Punkt in der Luft, wo sie verschwunden war. Unfähig, etwas Bestimmtes zu denken, überrumpelt, außer sich und wie beraubt. Dann eilte er ihr nach, jedoch konnte er sie nirgends mehr erblicken. – Ziellos irrte er noch längere Zeit umher, dann, da er die Einsamkeit, die ihn plötzlich wie ein Abgrund verschlingen wollte, unmöglich ertragen konnte, taumelte er willenlos in ein Nachtlokal hinein. 51 Fünftes Kapitel. Rupert trat in eines der typischen Lokale, die weinrot ausgepolsterte Sammetecken, grüne Marmortische und Spiegel enthalten. Irgendwo in die Wand eingelassen, gab es diskrete Radiomusik. Die Beleuchtung war indirekt; sie schlug einem durch Spiegelreflexe wie rote Lohe entgegen. Er bemerkte flüchtig, daß die hintere Ecke von Leuten besetzt war, die er zu kennen schien. Animiertes Gespräch brandete von dort herüber. ›Ich muß mich jedoch zuvor‹, dachte er bei sich, ›in eine gewisse Stimmung bringen, ehe ich da mitmachen kann.‹ Das Erlebnis saß wie ein süßer Schmerz in seiner Brust. 52 Er verkroch sich in eine Nische und bestellte sich das Unverfälschteste, was es hier gab; er zahlte dafür, daß er das Beste bekam. Es war ein herber russischer Schnaps, fünfzig Jahre abgelagert. Mit der Erkenntnis, daß ihm ein Wunder widerfahren sei, brauste ihm nach dem Genuß des ersten Schluckes Wolgawind mit Gesangsfetzen durchs Hirn. Er schloß die Augen. Irgendwo, fern, gab es Freiheit und einen maßlos prunkvollen Sonnenuntergang, eine Orgie von rotem Gold, die, ungestört durch die Menschheit, zu Rüste gehen durfte. Aus diesen Träumereien wurde er jedoch aufgestört. Eine schrille, etwas überschnappende Stimme jenes anderen Tisches rief seinen Namen. Er war entdeckt. Mit einem gezwungenen Lächeln kam er langsam hinüber und schloß sich der Gesellschaft an. Vor Zeiten, das hatte er gelesen, hatte es einmal etwas gegeben wie ein »böhmisches« Berlin. Jedoch diese Bohémiens waren nicht mehr die von 1900, oder gar vom Schlag jener naiven Zeitverprasser, wie Murger sie schildert und wie sie ihm aus Lithographien, weiß behost und spitzbärtig, Lockenhaar im Nacken, zulächeln mochten. Eine gründliche Wandlung hatte diese Sorte Menschen erfahren, denn sie zehrten von den allerschalsten Resten, die eine sorglosere Zeit zurückgelassen. Sie hatten alle Stadien der Lebenskunst an den Fußsohlen abgelaufen und saßen nun da, halb zerbröckelte Kreaturen ohne Sinn, mit viel Ansprüchen und viel Geschrei. Die Herren trugen das übliche Kleid von Durchschnittsbürgern oder gefielen sich in russischer Studentenaufmachung. Die Frauen behängten sich mit seidenen Trikotkleidern, aus einem Stück geschnitten, in lautesten Batikfarben gehalten. Ein Kind war auch da, man kann sagen, die Karikatur eines Kindes –: eine blutlose Vierzehnjährige mit gestutztem 53 Haar und grauem, fleckigem Samtkleid. Oh, ein graues Samtkleid . . . erschüttert wandte er die Blicke weg. Sie alle waren auf einer Runde durch Berlin begriffen. Zwischendurch waren sie hier gelandet auf ihrer pfadlos alkoholischen Irrfahrt. Es war ein großer, feister Östlicher da, der einem kleinen kümmerlichen Östlichen Lebenskunst lehrte. Seine zerbissene Zigarre wanderte dabei von einem Mundwinkel in den anderen. Der Kleine meckerte dankbar, beide hatten sie ihre Lider geschlossen, denn es handelte sich um Dinge, die man wohl mit murmelndem Gusto, aber nicht in lautem ehrlichem Baß vorbringen durfte. Ein neunzehnjähriger Mensch mit einem puppenhaften Lockenkopf, mit kindlicher Stirn und sehr niedlich, wehrte sich in kreischender Fistel gegen die robusten Angriffe Katinkas, einer männlichen Frau. Ein dürrer Kunstphotograph gab Berufsgeheimnisse vor einem Trio halbnackter Mädchen preis, die mit kognakheißen Gesichtern ihrer Phantasie Zügel schießen ließen. Man zerknabberte Gesprächsbrocken und fragwürdige Einfälle wie ranzige Nüsse. Mitten unter diesen saß das Kind im Samtkleid und blickte drein wie eine verzeichnete Madonna. Dies Milieu war der Nährboden, in dem Revueschlager, Libretti, kurz, der »Sketch«, (in der Gegenwart waren sowohl Opern wie Dramen auf das Niveau des »Sketch« zusammengeschrumpft) – wie muntere Bazillen gediehen. Es war der schillernde Brodem, der in den Schächten von Turmhäusern, unter schmutzigem Glas, gedeihen konnte. Und Rupert traute seinen Ohren nicht, als er ein Wort auffing, das wie ein Spielball hin und her geworfen wurde; das Wort »Natur«. Ja, in der Tat: diese Menschen, die seit ihrer frühesten Jugend noch nie in die Lage gekommen waren, Natur zu empfinden, für die 54 der Anblick eines Baumes ein Schreck sein mußte, die nur das von der Natur zu kosten bekamen, was ihnen sehr zum Überdruß und unausmerzbar am eigenen Leibe dann und wann widerfuhr; – diese Menschen nahmen den Mund voll und erhoben die »Natur« zum Gesprächsthema, soweit man von Gespräch überhaupt reden konnte. »Natürliches Empfinden« stand jetzt auf der Liste, und dabei kam ganz von selbst, wie es ja nicht anders ging, das geschlechtliche Erlebnis aufs Tapet. War es doch das einzige, was jeder durchzuhecheln ein Recht verspürte. »Wir wollen einmal,« rief Katinka mit ihrer belegten Männerstimme, »nach der Reihe erzählen, wann jeder von uns seine Unschuld verloren hat.« »Wann man zum erstenmal solche Regungen verspürte . . .?« sagte der kleine kümmerliche Östliche. »Darüber wußten vielleicht noch unsere Voreltern Bescheid; bei uns gab es keinen Übergang. Wir wurden wissend geboren.« Seine Deckelaugen vibrierten. Sein Zeigefinger fuhr langsam an der Nase herab, die er schnuppernd seinem Glas näherte. »Ganz richtig,« meinte Katinka, »wir haben als Säuglinge schon Gefühle definieren können.« »Im Ernst gesprochen,« mischte sich jetzt der große, feiste Östliche ins Gespräch; er war ein Grnndstücksspekulant und hatte für »Künstler« ein Herz, »Ihr seid alle degeneriert. Ich bin auf ganz normale Weise drallen Dienstmädchen zum Opfer gefallen, als ich ein zaghafter Knabe von neuneinhalb war. – Dja.« »Natürlich,« schrie jetzt alles durcheinander, »Sie sind normal, lieber Friedenthal; dies sieht man Ihnen an. Alles ist normal an Ihnen.« »Dralle Dienstboten . . . Was meint er mit ›drall‹?« sang 55 der Lockenkopf mit einer Mädchenstimme. »Was ist drall? Sicher etwas Scheußliches.« »Halte den Schnabel,« fuhr Katinka ihn an. »Du hast keine Ahnung, wie man sich handfest benimmt. Geh bei Friedenthal in die Lehre, als Versuchskaninchen. Dann wirst Du normal, trotz allen Gestrampels.« »Aber ich will doch nur auf ganz zarte Weise lieb gehabt werden,« verteidigte sich der Lockenkopf erschrocken und flüchtete sich in eine Ecke. »Ihr seid alle so roh und grob, pfui.« Er sog an einem Halm. »Nun das erste Erlebnis, das erste Erlebnis,« schrien sie und klatschten in die Hände. »Herr Friedenthal hat uns seines angedeutet, nun kommt die Kritik.« »Ich leide an meiner Tante,« flüsterte der kleine Reporter. Alles war eine Weile stumm. »Nein, auch Sie leiden an einem Verdrängungskomplex, auch Ihnen haben die Drallen gefehlt,« wurde er berichtigt. – »Wie ist es denn bei Ihnen, Katinka?« Diese klemmte ihr Einglas ins Auge und lächelte ihr langgezogenes mulmiges Lächeln. »Na,« sagte sie, »erstes Erlebnis . . . Jedenfalls kein Mann.« Sie nahm ihr Einglas wieder heraus und sagte dann langgezogen: »Allenfalls noch . . .« Wieder herrschte Schweigen am Tisch. »Ich bin noch unschuldig,« sagte auf einmal die Vierzehnjährige irgendwie beunruhigt. »Ich bleibe es. Ihr könnt nichts machen. Das alles ist meine Note.« Sie legte sich mit ihren mageren Armen über den Tisch und schlief ein. »Das gute Kind,« sagte Katinka. Alle blickten gerührt drein. »Laßt sie in Ruhe, sie hat recht. Hoch die Note!« Und nun, nachdem dieses Thema nicht recht anklingen wollte, fügte 56 der Lockenkopf noch zu guter Letzt hinzu: »Ich habe einmal ein Fliegenpärchen belauscht. – Das vergesse ich nie.« Große Heiterkeit entstand am Tisch. Man trank weiter. Das Gespräch drehte sich um andere Dinge und Rupert saß da und tat so, als ob er sich beteilige. Innerlich war er gar nicht hier. Ein müder Zug war an seinen empfindlichen Mund getreten. Jener alte eingemeißelte Zug hoffnungslosen Angewidertseins. War es der Mühe wert, diesen Menschen gegenüber mit irgend etwas, und sei es auch etwas Starkem, aufzutrumpfen? Sie hatten immerhin ein Wort in seinen Gedankenfluß geworfen und nun kam es darin stets wieder zum Vorschein; im alkoholisch befeuerten Strom seiner Vorstellung ward es sichtbar wie etwas Blitzendes, das sich nicht wegdenken ließ und zu kostbar war, um wegzuschwimmen. Es war das Wort »Natur«. Mit einemmal räusperte er sich und sagte. »Kinder, Ihr redet schon längst über etwas anderes; aber Ihr habt mich gar nicht nach meinem ersten Erlebnis gefragt. Es waren weder Dienstboten noch Fliegen, noch auch . . .« – er machte eine Pause – »bis jetzt Frauen, sondern es war eine ganz andere Geschichte. Ihr redet da von Natur und gebraucht dies Wort, als ob Ihr Bescheid wüßtet. Ihr seid ja von einer grenzenlosen Ahnungslosigkeit, eigentlich kindlich.« Er blickte sich fröhlich um. »Furchtbar kindlich seid Ihr und dabei ein bißchen unappetitlich; nehmt es mir nicht übel. Aber ich bin in einer mitteilsamen Stimmung und das muß man mir zugute halten. Ich bin heute abend umgekrempelt worden wie ein alter Handschuh und trage nun das Futter nach außen. Ihr kennt mich ja alle nicht. Ihr habt Euch eingebildet, ich gehöre zu Euch, weil es mir jahrelang hindurch ein gewisses Behagen machte, Eure kümmerlichen 57 Zickzacksprünge zu beobachten. Ihr seid alle Heuschrecken, denen man ein Sprungbein ausgerupft hat. Nun hüpft Ihr ewig im Kreise herum.« Er lehnte sich zurück. Seine Augen wurden träumerisch. Er dachte an den blonden Hünen, der neben ihm seine Sahne geschlürft. Er sah wie in einer Gloriole von Grün seinen Vater sitzen und zurückdeutend lächeln. »Ich möchte Euch ja gern helfen und ich werde es vielleicht.« Er redete wie von Schlaf befangen. »Was hat er, was will er, was meint er?« »Ihr seid es vielleicht noch irgendwie wert, umgekrempelt zu werden, aber der Schlüssel . . . das sind Dinge, nach denen ich jetzt ganz privatim auf der Suche bin. Einstweilen bestellt Euch noch eine Runde Schnaps, aber von dem guten alten Wotka, und laßt meinen Vater leben. Ihr habt ihn nicht gekannt. Aber Ihr könnt ihn gefahrlos leben lassen.« Die Gläser wurden gebracht. Erwartungsvolle Stille herrschte. Das Kind im Samtkleid zuckte zusammen und setzte sich aufrecht, als ob es in der Schule sei. Die Hände parallel auf die Kniee gelegt und die Augen weit aufgerissen, als zeige man ihm ein Bilderbuch. »Hört einmal, ich bin der Natur ziemlich nahe gewesen; das war auch, bevor ich mein erstes geschlechtliches Erlebnis hatte. Aber dieses selbst hat nichts mit der Natur zu tun. Erinnert Ihr Euch, wie ein Baum aussieht?« »Ja, richtig; wie sieht eigentlich ein Baum aus?« »Nun, ich will es Euch erklären. Ein Baum ist etwas Prachtvolles; das ist der Selbstzweck, und wenn es Herbst wird, wie jetzt, sieht man schon die Knospen, wenn die alten Blätter gefallen sind. Ihr habt weder frische noch welke Blätter gesehen, Ihr Asphaltgeschöpfe. – Damit, daß Ihr so ungefähr wißt, was ein Baum ist, habt Ihr die Natur in der 58 Tasche und könnt Literatur darüber machen. Ich habe einmal lebende Bäume gesehen und bin darunter gesessen und das war nicht in meinem früheren Leben, das war, so gewiß ich hier sitze, vor meinem vierzehnten Jahr, und ich habe Landschaften in der Seele. Ich habe auch in Teichen gebadet. Nicht wie Ihr in angewärmtem Leitungswasser. – Ich nehme an, Ihr badet regelmäßig.« »Der kleine Schmeichler,« bemerkte Katinka mit Grabesstimme. »Wie fein er beobachtet. Gebt acht, wir bekommen noch eine ganze Breitseite. Um des Wotkas willen sei Dir verziehen. Dein alter Herr ist sicher ein seltener Mensch gewesen.« – Man fühlte eine Bewegung von Amüsiertheit. Der feiste Grundstückspekulant empfand sogar einen schattenhaften Humor bei der Ansprache Ruperts und beschloß, ihm seine Freundschaft anzutragen. Rupert fuhr fort: »Ich war ein aufgeweckter kleiner Kerl. Über einem Käfer konnte ich mich stundenlang verlieren. Damals erzählte ich allen Leuten, wie schön Käfer seien. Weil die Leute lachten, behielt ich das für mich. Die Leute sagten, Maschinen seien das einzig Wahre. Als ich die erste elektrische Lokomotive sah, dachte ich auch, die Leute hätten Recht. Sie kam mir wie ein Tier vor und mit der Natur verwandt. Sie bewegte sich so tierisch, sie pustete so natürlich. Wenn sie bremste oder davonlief, so meinte ich immer, sie müsse auf meinen Pfiff anhalten und zu mir zurückkommen. Mit der Zeit, da mir die Tiere fehlten, bevölkerte sich meine Phantasie mit beweglichen Maschinen, die alle eine Physiognomie bekamen. Allmählich schlüpfte mir die Natur aus der Hand und ließ ihren Abklatsch zurück. Nun war auf einmal das Eisen für mich lebendig geworden. 59 Das war der Moment, wo diese Zeit mich auffraß. – Ich stand einmal, ich mochte zwölf Jahre zählen, in der großen Zentralhalle der Untergrundbahn. – Es hatte sich damals eine Explosion ereignet, die den Betrieb für eine halbe Stunde stillegte; ich wußte nichts davon. Ich war auf der Plattform zurückgelassen und verloren worden. Ich kam hinter ein Signalhäuschen zu stehen, und als die Halle sich geleert hatte, befand ich mich plötzlich ohne mein Zutun ganz allein. Einen Ausweg gab es nicht, da auch die Liftschächte, in denen ich an die Oberfläche hätte steigen können, automatisch abgestellt waren. – Ich lief herum und fand keinen Menschen. Ich war allein in der ungeheuren weißgekachelten Halle: – vor mir die zwei Schienenstränge, die sich in ihrem Bett blitzend dahinwanden und um mich herum das Surren und Ticken unsichtbarer Apparate. – Jahrelange Erfahrung hatte mich gelehrt, daß ein Zug dem anderen mit höchstens fünf Minuten Pause auf den Fersen war. Nun aber war weit längere Zeit verronnen, und kein Zug kam. Die Schienen waren noch heiß von der Kette der Züge, die unmittelbar vorher darüber gebraust. Nun lagen sie seltsam erstarrt und ich merkte, wie nach dem Aufhören des großen Pulses alles in tote Kälte versank. Es war ein ungewöhnlicher Moment, ein fragwürdiger Stillstand im Weltgeschehen wie übler Zauber, und je länger dieser Bann anhielt, desto größer wurde meine Aufregung. Konnte man das denn, daß man in dieses ungeheure Geschehen eine Pause hineinwarf? – War der Untergang nahe? – Die gleißenden Geleiseschlangen verloren sich in den Schluchten der beiden Tunnels. Rote und grüne Signallichter brannten dort wie ominöse Sterne. Sie glichen farbigen Pupillen in erblindeten Augenhöhlen. – Ich fühlte meinen Puls verlangsamt. Es war, als ob diese ganze 60 Masse von weißen Kacheln, blinkendem Messing und stumpfem Eisen heranwüchse und mich langsam zerdrücke. So winzig war ich ja in dieser ungeheuren Halle. Ob das eine Falle war, die man mir gelegt? Ob man diesen ganzen Aufwand machte, um mich zu Tode zu ängstigen und damit gemächlich umzubringen? War ich das, der dem elektrischen Antriebwagen Kosenamen gegeben, wie einem folgsamen Hund? – Nein, das war blind, blechern, stählern davongebraust, ohne mich zu fragen. Ich stand einer grenzenlos zerquetschenden Macht gegenüber, die ich nicht aufhalten konnte und die mein armes Herz herumjagte, wie einen Blutfinken im stählernen Käfig. – Und ich fürchtete mich immer mehr, denn ich wußte nun, daß nach dieser Angst keine größere vorstellbar sei. Meine Schreie verhallten, es gab nicht einmal ein Echo in diesem riesigen Keller. Kleines Gepiepse war's, und als Antwort kam nur immer das Ticken von Automaten. O, wie ersehnte ich einen einzigen Menschen, und sei es auch nur ein kleiner Streckenarbeiter! Niemand war zu sehen. Sollte ich hier wirklich zugrunde gehen? Noch weitere zehn Minuten größter Qual rannen ins Nichts hinab. Ich saß zusammengekauert auf einer Steingutbank und wagte nicht aufzublicken. Der Weltuntergang sollte mich gerüstet finden. – Ich steckte meinen Kopf zwischen die Ärmel, wie ein Strauß den seinen in den Sand. Da begann ein laues Lüftchen zu wehen. Nun ist es aus, dachte ich. – Die roten und grünen Pupillen in den Tunnels wanderten hin und her, als rollten dort bösartige Augenbälle. Porzellanfeines Sieden entstand in den Drähten im Geleisebett. Von fern schwoll ein Geräusch heran wie zusammenstürzendes Poltern. Ganze Straßenzüge lagen oben sicher 61 schon in Trümmern. Ich ächzte abgrundtief und riß die Augen auf. Das Poltern dauerte an. Bei Gott! – Es war ja alles nicht wahr, es war ja nur ein gräßlicher Albdruck. Das Lüftchen verstärkte sich zu kühlem Strom, und die Pupillen dort hinten, die bösartigen, erloschen. Und endlich wußte ich es, mit der Sieghaftigkeit dreimal zurückgeschenkten Daseins, die Menschen kamen wieder, der Zug, der Zug war nahe. Während er hereinbrach, eine unwiderstehliche Macht, an deren Wogen ich mich sättigte wie an etwas ganz Neuem, Herrlichem, brach die maßlos angeschwollene Spannung in meinem Innern. Mein Geschlecht meldete sich wie ein Schmerz. Erlösende Tränen und wilde Freude durchschüttelten mich. – Einem Dammbruch gleich brauste der Zug heran, doppelt so lang wie die früheren, und vollgepfropft von erregt gestikulierenden Menschen. – – Von diesem Erlebnis ab hatte mich diese Zeit in Bann. Ich konnte ihr nicht mehr entgehen. Die Begeisterung über die endliche Erlösung war zu stark. Der Moment ist in meinem Hirn eingegraben, wie das Zufallen einer stählernen Tür. Ich war ganz eingefangen und Stück dieser Zeit. Alles, was nicht mit ihr zusammenhing, versank für mich ins Wesenlose. Ich hatte meine Maschine wieder, und ich wußte mit der Gläubigkeit eines Kindes, daß ich gepfiffen hatte, und sie war zu mir gekommen. Sie ließ mich nicht im Stich. – Ich dachte noch lange Zeit, daß ich die Ursache dieser Erlösung gewesen sei. In meinen verstiegenen Träumen kam es mir vor, als habe ich dadurch, daß ich mich allein in der ungeheuren Halle mit verzweifeltem Willen dem Weltuntergang entgegensetzte, alles ins Normale zurückgelenkt. – Später wurde ich eines besseren belehrt, doch all' das blieb mir unvergeßlich, und reifte mich von heut auf 62 morgen. Ich soll damals ein Nervenfieber bekommen haben und eine Gedächtnisstörung; aber es war einfach nur ein Raub der Zeit, der an mir geschah. Ich war auch seitdem nicht kindlich mehr, sondern besinnlich und verfiel keiner Frau, seit ich denken konnte. Ich hatte eine große Kühle in mir, als ob ich noch an den Resten jenes großen Erschreckens litte, und es nicht über mich bringen könnte, zarten Empfindungen Raum zu geben.« Er schwieg und blickte versonnen vor sich hin. Am Tisch rührte sich für eine zeitlang nichts, da man das Gefühl hatte, er sei noch nicht ganz zu Ende. »Heute,« fügte er endlich bei, »heute erst ist das Eis gebrochen.« – Er hatte wie im Traum geredet, aus dem er jetzt zu erwachen schien. Er blickte sich um. Wo war er? Er las höflich-amüsiertes Erstaunen in den Gesichtern. Haben mich diese Menschen denn überhaupt verstanden? Habe ich ihnen nicht etwas vorgeworfen, das zu gut ist für sie? Er stand plötzlich auf und verabschiedete sich etwas zeremoniell. Noch bevor er an der Drehtür war, hörte er die mühsam zurückgehaltene Heiterkeit jener Runde sich prustend Bahn brechen nach einem Aufschrei Katinkas, dem ein Gemecker jeder Tonfärbung folgte. – Nur das bleiche Kind saß noch da wie eine steife Puppe, die Hände auf den Knien, und blickte ihm mit großen, verblüfften, blaßblauen Augen unbeweglich nach. 63 Sechstes Kapitel Rupert plante und verwarf die erdenkbarsten Methoden, wie er des erstaunlichen Mädchens habhaft werden könne. – Das Erlebnis hatte sich ihm in der Nacht, die er im Hotel verbrachte, kristallisiert zu etwas Urbedeutsamem, das sein Leben bestimmen werde. – Er fühlte sich mit geisterhafter Kette an das seltsame Geschöpf geschmiedet. War sie auch in einigen Schritten Entfernung an ihm vorbeigegangen, so vermeinte er doch die Berührung ihrer Haut zu spüren. Gewöhnlich verwischen sich Erinnerungsbilder, besonders spät abends, wenn sie bei ungewisser Beleuchtung erlebt werden und von des Nachtlebens grellen Bildern übertönt. 64 Diesmal schien es jedoch, als setze sich die Erscheinung gegen alles durch, als tauche sie in ihrem lichtgrauen Kleid hervor, und das Bunte und Absurde sinke darüber in den Schatten. Er hatte sich beraubt gefühlt, als sei ein Stück seiner selbst hinweggetragen worden auf goldener Schüssel. Er hatte es nicht verwehrt, doch nun fühlte er sich unvollkommen, bis er sich selbst und die ihn so hold bestohlen, wieder zurückerhalten. Sie war so unendlich verschieden von allem, was er je gesehen. Ihn reizte nicht bloß diese Verschiedenheit, sondern er fühlte mehr, – eine erhabene Wesensfremdheit. Der Tag brach an. Es war leichter Frühnebel draußen. Die Sehnsucht war wie eine Qual, die ihn vorwärtsstieß. Die Menschen bewegten sich noch vereinzelt. Er suchte wieder den Bezirk auf, wo er sie gesehen, in der Vermutung, sie müsse in jener Gegend zu Hause sein. So trieb er sich mehrere Stunden herum. Die Zukunft lag hinter geheimnisvollem Gitter. Drinnen ging süßes, unerforschtes Leben um, ihm mehr als geschwisterlich zugeneigt; – doch noch taub für seinen Ruf. Ob sie sich des seltsamen Augenblicks, da sie ihre Blicke in seine getaucht, erinnern würde? – Da sie eine Brücke zwischen ihnen schlug, die wie irrisierende Membran zerriß? – Und doch konnte man auf dem Regenbogen zueinander gelangen, denn man war für einander bestimmt . . . Wie kann man nur, dachte Rupert, so durchaus ausgefüllt sein von einem anderen Menschen, ohne mit ihm gesprochen zu haben? Daß sie sich nicht trafen, war jetzt bloß ein Zufall, gewiß, denn sie mußten sich ja treffen, früher oder später, magnetisch angezogen von den unaussprechlichen Verwandtschaften, die er in allen Fibern hatte pulsen gefühlt. 65 Nun war die Sonne da und das Herbstblau. Es konnte selbst diese dürren, häßlichen Bauten, die man sah, vergolden. Da: – aus dem Strom der Passanten löste sie sich, ein dunkles Fleckchen von anderen; – sie war's . Er wußte es, bevor er sie noch erkannt. Nun entpuppte sie sich deutlicher. Der schwingende Schritt, die schwingenden Arme. In der einen Hand trug sie eine Handtasche aus Schlangenhaut. Sie trug dasselbe Kleid, hatte nichts gegen die Kühle übergeworfen, sondern es schien, als sei sie abgehärtet gegen jede Temperatur. Er blieb nicht stehen, sondern ging ihr langsam entgegen, wobei er angestrengt an ihr vorbeiblickte. Tausend Möglichkeiten der Anknüpfung schossen ihm durch den Kopf und in der Angst, etwas Passendes zu finden, fiel ihm allerhand ein, was er im selben Moment als banal und lächerlich beiseite schob. Ja, je näher sie kam, desto mehr verwirrte er sich in diesen innerlich gestammelten Worten, und der Schreck darüber, nichts bieten zu können, ließ ihm auf einmal wieder die Hände kalt werden und sein Benehmen linkisch. Es ist ja auch zu seltsam, ging es ihm stockend durchs Hirn, daß ich die ganzen Stunden über mir noch nicht einmal zurechtgelegt habe, was ich sage und wie die Wirkung auf sie sein wird. Als sie nun wirklich an ihm vorbeischritt, sah sie einen blassen Menschen dort stehen, der sie mit aufgerissenen Augen anstarrte, und dessen Lippen sich leise rührten. Eigentlich hätte sie lächeln müssen, denn es war zu deutlich über seine ganze Person geschrieben, was er vorhatte und nicht fertigbrachte. – Aber in der sanften Ebenmäßigkeit ihrer Züge rührte sich nichts. Sie sah ihn wieder an aus diesen klaren Augen, mit unendlicher Ruhe und Ungetrübtheit; 66 sah ihn fast nachdenklich an, aber nicht so lang, als er hoffte. Dann blickte sie wieder geradeaus mit derselben Miene wie gestern abend und ging weiter. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Er glaubte, eine lächerliche Figur gemacht zu haben. Dieser Schmerz saß um so tiefer, weil er es als so grenzenlos unnötig empfand, gerade vor ihr abschreckend zu wirken. Der Rest seiner selbst wurde dort hinweggetragen. Dort steckte er selbst; dort nahm sie ihn mit in ihrem Handtäschchen aus Schlangenhaut und ließ sein leeres Abbild zurück. Ihr gehörte er, und sie wußte es nicht. Sie pflückte ihn im Vorbeigehen ganz gedankenlos, und merkte es nicht einmal. Die Enttäuschung gab ihm Mut. Er machte sich auf und verfolgte sie. Er bemühte sich sogar, den Takt ihrer Schritte den seinen anzupassen, und während er das tat, kopierte er unbewußt den leichtbeschwingten Gang, sodaß er sich auf einmal der Jugend seines eigenen Körpers bewußt wurde. Nie war er in letzter Zeit so geschritten. Träg geschlichen war er. Sie hatte durch ihren bloßen Anblick neue Lebenskraft in ihn geschleudert, die sich nun auswirkte. Wäre sie gelaufen, er wäre mitgelaufen. Sie hielt vorläufig nirgends an, dann ging sie in ein Geschäft hinein. Dort konnte er nach ihrem Weggang ihren Namen erfahren. Wußte er einmal den Namen, so konnte er sie einkreisen und festnageln. Doch der Donner schlage ein, dies war kein Geschäft, sondern ein automatischer Betrieb, wie es deren unzählige in Berlin gab. Tausend kleine Tagesbedürfnisse und Leckereien standen hinter Glasscheiben und spazierten gegen Einwurf von Geld selbsttätig heraus. Um etwas zu tun, machte er ihr allerhand nach. Mit der 67 Zeit hatte er ein ganz ansehnliches Paket von italienischem Salat erworben. Er blieb nämlich an derselben Scheibe stehen und blickte fortwährend zu ihr hinüber, während er, ohne nachzudenken, Geldstück auf Geldstück hineinschob. Sie ging wieder hinaus. Eine Gelegenheit, ihren Namen zu erfahren, gab es hier nicht. – Nun würde sie wohl nach Hause gehen. Bemerkte sie, daß er folgte? Es schien ihm einmal, als sei ein flüchtiges Erstaunen in ihre Augen getreten bei einer vorübergehenden Verkehrsstockung, als er zu nahe an sie herangeriet. Ihm war, als gingen die Schultern leicht in die Höhe, mit anheimstellendem Zucken, als straffe sich ihr Rücken; sie blickte sich nicht um, jedoch er hatte das unangenehme Gefühl, daß sie auf eine verzwickt feinhörige Weise seinen Schritt von dem der Passanten unterscheiden könne. Sie bog plötzlich um Ecken, ging wieder geradeaus, machte einen kleinen Spaziergang an Schaufenstern vorbei, blieb jedoch nirgends stehen und beschrieb eine richtige Schleife; das konnte nur ihrer Absicht zuzuschreiben sein, ihn irrezuführen. Auf einmal gerieten sie in eine stille Seitenstraße voller Kontorhäuser. Man sah überhaupt nichts weiter wie Bureaugebäude. Er war enttäuscht. Sollte sie in einer dieser häßlichen Backsteinstrukturen hausen? – Sie ging eine Weile schnurgerade. – Auf einmal lief ihm ein kleines Kind zwischen die Beine, von einem Hund gefolgt. Als er wieder aufblickte, war die Straße leer. Er sah fünf oder sechs verschiedene Toreingänge, die sich alle ähnelten, wie ein Ei dem anderen. Er merkte sich eine Nummernserie, blickte in jeden hinein, aber sie waren alle nach hinten verschlossen und dunkel. Immerhin hatte er 68 den Fuchsbau des Mädchens abgegrenzt und beschloß, am Nachmittag wiederum zur Stelle zu sein. Der Nachmittag verstrich ergebnislos. Die Nacht war schlimm. Er überlegte, ob er sich betrinken oder früh schlafen gehen sollte. Er wählte das Letztere. Aber es war nicht das Richtige, denn er tat bis zum Morgen kaum ein Auge zu. Die schnurgerade Straße mit den Kontorgebäuden war vollkommen menschenleer. Trotz seines scharfen Aufpassens brachte sie es doch fertig, plötzlich wieder vorhanden zu sein, ohne daß er wußte, wo sie aufgetaucht war. Hatte sie etwa gelauert? Dies anzunehmen, hätte ihm schmeicheln müssen . . . Sie benahm sich durchaus nicht drollig bei der Überrumpelung. Es war fast, als trete eine kleine Falte des Mißmuts in die alabasterne Stirn; und wieder ging die stumme, ach, so beherrschte Jagd los. Sie wählte diesmal einen anderen Weg. Wieder hatte sie die vertrackte Angewohnheit sich nirgendswo aufzuhalten. Es schien, als nehme ihr Blick ein ganzes Schaufenster auf einmal mit und sie zerlege seinen Inhalt beim Weiterschreiten in Gedanken und werfe ihn achselzuckend über die Schulter. Das gab ihr zu all ihrem sonstigen Wesen noch etwas besonders Entrücktes, als gehöre sie weder dieser Zeit, noch diesen Häusern, noch diesen Menschen an, sondern treibe einsam durch sie hindurch als Wesen höherer Gattung. Sie mußte wieder bei einer Straßenbiegung halten, da eine Reihe von Automobilen und die nachfolgende Trambahn vorbeigelassen wurden. Dann setzte sie mit einem Antilopensprung über die Schienen und lief noch eine Weile, bis sie auf dem sicheren Trottoir stand. Die prächtige Bewegung, mit der sie mehr schwebte als rannte, befestigte seine 69 Überzeugung, daß sie sich sehr viel im Freien aufhalten mußte, und daß dieser elastische Lauf ihre liebste Fortbewegung sei. Auch er rannte nun, ihm war alles gleichgültig geworden. Als er dicht hinter ihr war, die gerade in ihren gemessenen Gang zurückverfallen, holte er tief Atem. Dieser Teil der Straße war fast leer. Da rief er mit erhobener Stimme das schmetternde Wort »Halt!« – Sie hielt, wie vom Blitz getroffen, und drehte sich um. Das Täschchen war ihr fast aus der Hand geglitten; der Mund stand halbgeöffnet, über ihre ganze Figur war ein einziges Fragezeichen geschrieben. Da stand sie, da hatte er sie, jetzt half es nichts mehr. Er zog den Hut und sagte mit blassem Lächeln: »Entschuldigen Sie, mein Fräulein; – dies war aber auch die einzige Möglichkeit, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich Ihnen schon seit vorgestern wie ein Schatten folge.« »So? – Und was bezwecken Sie damit?« »Garnichts Schlimmes. Aber es mußte sein. – Ich muß Ihre Bekanntschaft machen.« Sie blitzte ihn böse an und wollte weitergehen. »Ja, – zweifeln Sie etwa daran?« rief er fassungslos. – Nun, sie hatte Humor. Sie zögerte und wandte ihm ein erstauntes Gesicht zu. Sie fächelte. »Sie haben mich wirklich erschreckt,« sagte sie. Ihr Lächeln und ihre Stimme machten ihn jetzt, wo es am allerwenigsten am Platze schien, wieder stumm. So urvertraut und urbekannt war ihm beides. – Ja, das war der dunkle Kamerad in ihm, der ihn geplagt wie süßes Erbteil der Geburt . . . Er hatte nicht gewußt was Lächeln ist, bis er dieses sah. – Nun verfiel er wie alle Leute, die plötzlich von der Verwirklichung eines Lebenswunsches sturzbachartig 70 überschwemmt werden, in ein unaufhaltsames, fast zusammenhangloses Reden. Sie schnitt es ihm mitten durch mit beherrschender Geste und sprach in die Stille hinein, die noch von verstümmelten Sätzen bebte: »Ich kann wirklich nicht folgen, ich denke nicht schnell genug für Sie. Bitte erklären Sie mir noch einmal langsam und vernünftig, was Ihr Anliegen ist. Wir können ja ein Stückchen zusammengehen.« – Sie blickte ihn von der Seite an, und wieder trat die kleine Falte zwischen ihre Brauen. Ihre Wimpern hatten sich gesenkt; sie blickte gleichmütig vor sich hin. Man mußte ihr nur alles richtig erklären, dann war es nicht so schlimm. »Vergessen Sie alles, was ich vorzubringen versuchte,« sprach er nach einer Pause vollkommen ruhig. »Ich bin ein wenig einsam gewesen in letzter Zeit, und habe an Verkehrsformen eingebüßt. Ich denke, Kauz der ich bin, es müßte alle Welt interessieren, was mir so durch den Kopf schießt.« »Nun, alle Welt . . .« Sie lächelte. »Daß Sie aber gerade auf mich verfallen, ist seltsam. Sie haben doch sicher ein mächtig großes Publikum für Ihre Beichten, und können mich entbehren.« Hier war er auf der Höhe. Sie gab ihm ja die Erklärung geradezu in den Mund. »Es ist eine Marotte von mir,« sagte er stolz, »mir mein Publikum auszusuchen. Es muß mir gewachsen sein, mir wenigstens ähneln. Als ich Sie sah, hatte ich sofort das Gefühl, man könne für meinen Vortrag den ganzen Saal ausräumen, unbeschadet der Wirkung; Bedingung sei nur, daß Sie blieben. – Das wäre mein Erfolg.« »Mein Gott,« seufzte sie. »Wie kommen Sie nur auf so ausgesuchte Schmeicheleien? Ich nehme doch an, nicht wahr, 710 ich darf mich geschmeichelt fühlen? Wenigstens Sie sind überzeugt davon?« »Vollkommen überzeugt,« bestätigte er. »Ich kann Ihnen versichern, daß ich mich nicht, wie Sie annehmen, aus Langeweile vor Ihnen auskrame; es hat schon seine äußerst gewichtigen Gründe.« – Gute Laune erwärmte sein Herz. Dieses Eingehen und Hinüberspielen in das Scherzhafte war ihm wiederum ein Wunder. Die Erinnerung an jene Kreaturen, unter denen er am vorgestrigen Abend gewesen, stieg ihm in die Kehle wie ein bitterer Geschmack. Er würgte ihn hinunter. Nichts war mehr vorhanden davon: – In einer Atmosphäre ursprünglichster Reinheit schritt er dahin. Ihm war, als trete er keinen Asphalt, als schwebe er, als sei dies alles um sie beide so unendlich belanglos. »Und was,« meinte sie und sah ihn plötzlich wieder voll treuherziger Klarheit an, »wären diese äußerst gewichtigen Gründe?« Er stockte. Die Frage kam so kindlich und doch so verständnisvoll von ihren Lippen, daß er sich Gewalt antun mußte sie nicht mit großen Worten einzuschüchtern. »Es hat,« meinte er mühsam, »mit meiner innersten Überzeugung zu tun, daß wir uns . . .« »Daß wir uns?« »Nun, ganz gut vertragen würden.« »Menschen, die es ehrlich miteinander meinen, vertragen sich gewöhnlich.« »Abgesehen vom Ehrlichen. Es gibt Grade des Vertragens. Das, was ich meine, ist schon ein wenig mehr als Gedankenaustausch.« 72 »Sie sprechen so geheimnisvoll.« »Können Sie sich vorstellen, daß man sich so gut miteinander verträgt, daß man überhaupt kaum miteinander zu reden braucht?« »Das stimmt,« sagte sie mit einemmal mit leuchtendem Begreifen. »Denken Sie, wie sonderbar ist das! Mehr als wir gesprochen haben, brauchten wir jetzt gar nicht zu reden. Wenn wir so miteinander gehen, so genügt das. – Sie sind sicher ein guter Mensch.« »Das bin ich,« meinte er mit Biederkeit. »Aber auch dies hat seine Gründe. Ich wurde deshalb gut, weil Sie mir nicht davonliefen. Sie haben sicher einen Instinkt für Menschen. Weil Ihr Instinkt immer Recht hat, so bin ich auch gut.« »Aber Sie stellen es ja auf den Kopf. Sie setzen bei mir Instinkt voraus. Den habe ich vielleicht nicht.« »Doch, doch, viel mehr wie Sie glauben. – Sie haben alles.« Hierauf herrschte wieder eine Weile Schweigen zwischen den beiden. Sie lächelte versonnen vor sich hin, dann war sie auf einmal ernst. So kam und ging das Lächeln auf ihrem ungemein beweglichen Gesicht, das der empfindlichste Spiegel von Seele war. Er merkte, daß er bis jetzt überhaupt noch keine Menschengesichter gesehen hatte, sondern nur Masken. Sie waren am Eingang ihrer Straße angelangt. »Hier wohne ich,« sagte sie, »aber Sie dürfen nicht mitkommen, denn mit meinem Oheim ist nicht gut Kirschen essen. Es würde ihn in maßloses Erstaunen versetzen, daß jemand mich angesprochen hat.« »Aber das könnte doch recht häufig vorkommen,« fragte er erstaunt. 73 »Das kommt auch vor,« lächelte sie. »Aber er weiß es nicht, und wenn er's wüßte, würde er nie auf die Idee kommen, daß ich geantwortet hätte. Er hat mich nämlich mit so viel Formeln gepanzert, mit so viel Ermahnungen bepackt und so viel Kreuze über mir geschlagen, daß ich mir schon fast wie eine Hexe vorkomme, vor der alles Reißaus nehmen muß.« – Sie sah ihn mit weit offnen Augen an. Es war plötzlich ein Rätsel in ihnen. – »Es gibt da Dinge . . .« fügte sie hinzu. – ». . . Aber . . .« sie lachte hell auf – »lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen. Ich plaudere gern mit Ihnen, und wir können uns ja wieder treffen. Es ist mir, als dürfte ich das mit Ihnen, als versagten hier seine Formeln. Vielleicht stellt es sich auch heraus, daß er nichts dagegen hat. Nur dürfen wir nichts überstürzen. Auf Wiedersehen.« Sie reichte ihm die Hand und schritt so energisch aus, daß er ihr nicht zu folgen wagte. Er stand von den widersprechendsten Gedanken überfallen noch eine Weile da und starrte ihr nach. Sie bog in einen der Toreingänge ein und diesmal merkte er sich das Tor. Doch er trat nicht näher. Es war ihm, als habe sie ihm gesagt: »bis hierher und nicht weiter;« und als sei es eine Art Aufdringlichkeit, wenn er seine Neugier überhandnehmen lasse. Schwer in Gedanken ging er zurück. Was hatte es für eine Bewandtnis mit diesem »Oheim«? Es war sicher ein alter Mann, der sich voll Eifersucht an das Liebste klammerte, was ihm vielleicht im Leben verblieben war, und der seinen Einfluß jahrelang ungestört und ungehemmt auf sie hatte walten lassen können. – Nichts durfte hier gewaltsam gemacht werden. Erst mußte er all die Fäden überblicken. Zerreißen durfte er nichts, nur heranpirschen durfte er 74 sich, und ihr Stück nach Stück die Wissenschaft herauslocken. Seine Ungeduld ging zur Rüste. – Nur eine große, stille Neugierde saß in ihm, die auf den Tag der Enthüllung, dieses Tages sicher, behutsam harren müsse. Er stand etwas Rätselvollem und doch unendlich Vertrautem gegenüber. Ihm war, als müsse er dies alles so vorsichtig behandeln wie sich selber. Er kannte sich, und kannte sich doch wieder nicht. – Aber diese Widersprüche hatten das Gesicht der Heimat. 75 Siebentes Kapitel Zwei Tage sah Rupert nichts von dem Mädchen. Am Morgen des dritten Tages wurde er plötzlich geweckt durch ein metallisches Geräusch. Das Knirschen seines Messingbettes, das er gerade mit einem Sprung verlassen hatte, tönte ihm noch im Ohr. Er stand auf dem Teppich und rieb sich die Augen. Er war im Hotelzimmer. Die Uhr zeigte auf sieben. Noch war es halb finster. Draußen lag dicker Nebel, von vereinzelten Lichtern durchstochen. Ein grauer Hauch der Frühe erfüllte das Zimmer mit totem Licht. Die Gegenstände waren schwach erkennbar. Was hatte ihn geweckt? Wie kam er dazu, im Schlafe aus 76 dem Bett zu springen? – Er setzte sich auf einen Stuhl. Unabweisbar, alles in ihm ausfüllend wie Gegenwart eines Dauerfiebers, dessen man sich am Morgen wieder bewußt wird und das nicht nur Körper, sondern auch das ganze Wesen durchtränkt, trat das Mädchen vor sein inneres Gesicht. – Sie war da. Sie hatte ihn aus dem Schlafe geschüttelt. – Sie hatte gerufen, wollte ihm etwas mitteilen; das war klar. – Denn kaum daß das Tagesbewußtsein ihm wiedergekehrt war, war ihr Antlitz allbeherrschend in den Vordergrund getreten. Sie hatte gesagt: »Auf Wiedersehen;« heute sollte es sich ereignen. Er stand dem rätselhaften Ereignis, das ihm ein leises Grauen verursachte, ratlos gegenüber. Sein Verstand lächelte diese Deutung nieder, aber sein Herz sprach ein brünstiges »Ja«. Er kleidete sich an, frühstückte und ging dann durch die schon von einigen Passanten und dahinklirrenden Trambahnen belebte Stadt langsam der bekannten Straße zu. Dort war die Ecke, dort mußte er einbiegen, von dort würde er sie zuerst sehen, wenn sie heraustrat. Auf dem Wege sagte er sich noch unzählige Male, er laufe einer Schimäre nach; es sei lächerlich, auf eine bloße Vermutung, die er höchstens metaphysisch begründen könne, so fest zu bauen. Als er an die Ecke kam, prallte er mit ihr zusammen. Er war unsicher. Er war überzeugt, sie werde einen erstaunten Ausruf tun, ihm durch Zufall zu dieser unmöglichen Stunde zu begegnen. Zweifellos hatte sie etwas Eiliges vorgehabt, und nun drängte er ihr seine Gesellschaft auf. Aber sie zeigte keine Spur von Verwirrung. Sie reichte ihm einfach die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen für Ihre Pünktlichkeit.« Rätsel über Rätsel. Konnte man das denn einfach 77 hinnehmen? Unendliche Fragen drängten sich ihm auf die Zunge . . . Sie fuhr jedoch schnell und leicht fort: »– Ich habe mich diesen Vormittag für Sie frei gemacht; ich hatte Lust, mich einmal etwas gründlicher mit Ihnen zu unterhalten. Der Oheim braut an seinem Werk, da merkt er's nicht, wenn ich länger fortbleibe. Ich bin ja ohnehin immer da, wenn er mich nötig hat.« »Sie haben es weit in der Gedankenübertragung gebracht,« bestätigte Rupert sinnend. »Sonst wäre es nicht möglich, daß Sie Leute im Schlafe am Kragen packen und aus dem Bett hinausbefördern.« »Wir scheinen aufeinander abgestimmt zu sein,« lachte sie. »Ich habe heute früh, ungefähr um sieben Uhr, einfach den Wunsch gehabt, mit Ihnen für ein paar Stunden durchzubrennen. Sonderbar, daß mir gar nicht der Gedanke kam, Sie könnten taub für diese Botschaft sein.« Diese Selbstverständlichkeit erzeugte ihm ein Gefühl süßen Grauens vor dem Übermaß des Zusammenklangs an Empfindung. Zweifellos hatte sie Kräfte, von denen sie nichts wußte, und sie spielte damit wie ein Kind, das nichts anderes kennt. Sie setzte dieselben Kräfte ganz naiv bei ihm voraus und wunderte sich nicht im leisesten, daß sie zufällig nicht danebentraf. Oder sollte sie, dachte er ganz berauscht, erkannt haben, daß ich im weiten, weiten Umkreis der Einzige bin, der empfindlich genug ist, um als »Empfänger« für solche Botschaft zu dienen? Sie trug heute ein nilgrünes Kleid aus schwerer gewirkter Seide, das denselben Schnitt hatte, wie jenes mausgraue aus Samt. – Er hatte seinen dicken Ulster übergezogen. »Frieren Sie nicht?« fragte er fassungslos. Arme und Schultern waren wie damals nackt, aber ihm war, als könne 78 diese Haut nie frösteln. Sie war nicht einmal von der Kühle gerötet. Sie schimmerte in stumpfem Weiß, makellos rein, wie bachüberronnenes Perlmutter. Dabei schien es, als ob dies ganze Wesen von innen heraus vibriere vom sanften, mächtigen Puls einer unvorstellbaren Gesundheit. Kälte hatte ihr nichts an. Sie war gefeit wie ein Steppentier. »Es ist frisch,« sprach sie, »aber ich habe das gern. Sehen Sie, in genau dreiviertel Stunden wird der Nebel verschwunden sein, und dann haben wir wieder trockene Sonne. Ich habe mich noch nie vor Kälte gefürchtet, höchstens vor geschlossenen Räumen. Die konnte ich nie vertragen. Ich reiße jedes Fenster auf. Ich fühle oft, ich gehöre nicht zwischen Mauern.« »Ja, und im Winter? – wenn es wirklich kalt wird?« warf er ein. Sie waren unterdessen weitergeschritten und hatten die Gegend durchquert, wo ehemals der »Neue Garten« und die Parklandschaften der Monarchenzeit sich gedehnt hatten. »Es muß schon wirklich Stein und Bein frieren,« sagte sie, »um mich zu veranlassen, mehr anzuziehen. – Höchstens gibt es noch eine Flausjacke. Dann aber gehe ich nicht mehr; dann renne ich. So bleibt man warm.« – Ihr Atem verwehte wie unfaßbarer silbriger Dampf in der Luft. Das Blau vertiefte sich, der Tag badete beide mit hellem Gold. Ihre Schatten waren noch lang. Es war kaum acht Uhr geworden, als sie die Strandpromenade am Jungfernsee erreichten. – Die Sonne meinte es barmherzig mit diesem Gewässer. Sie entlockte ihm schüchterne Farben, wie in seiner Frühzeit. Und im Gefunkel, das gesprenkelte Wellchen warfen, vergaß man den Anblick endloser schmutziger Inseln aus zerpulverter Kohle und der 79 Petroleumspritzer auf der ganzen Oberfläche. – Mehrere Morgen im Umkreis dehnte sich hier eine geschorene Wiese, von wellblechbedeckten Hangars umrandet. Dies war der Landungsplatz für die Verkehrsflugzeuge, deren eine ganze Reihe noch auf der Wiese hockte und auf das Aufstiegsignal wartete. »Nun, was wollen wir machen?« fragte das Mädchen und sah ihn unternehmungslustig an. »Ich glaube, wir spazieren ein wenig in die Mark hinein. Die nächste Station ist Lindow, da läßt es sich rudern. Da gibt es auch noch Wälder und Schilf.« Der Führer dieses Flugzeugs machte sich gerade am Propeller zu schaffen; er begann zu schnurren. Sie ereilten es in großen Sprüngen. Kaum hatten sie darin Platz genommen, als sie nach kurzem Anlauf im steilen Winkel aufschwebten. Die Fabriken, der Jungfernsee, der Flugplatz, Potsdam, und am Schluß Berlin ballten sich zu übersichtlichem Knäuel, der sich in der Tiefe farbenbunt verdichtete. Sie waren bereits fünfhundert Meter hoch, kaum daß man sich's versah, und Groß-Berlin lag unter ihnen wie ein Fleck schmutziggrauer Ölfarbe; wie ein waschechter Makel, den keine Macht der Welt vom Antlitz der Erde löschen könne. Die hingesprenkelten rötlichen und schwarzen Tupfer hörten geraume Zeit nicht auf. Die Geräusche waren längst in der Luft verbrodelt und erreichten sie nur mehr als fernes Sieden. Da und dort lockte die Sonne schneidend scharfe Funken aus Kanälen oder gläsernen Dächern. – Nach drei weiteren Minuten begann die sanfte Parzellierung von Feldern sich langsam aus dem Grunde zu entfalten. Moosige Flecken entstanden darauf. Es begann das »freie Land«. War es in Wirklichkeit »frei«? Bei näherer Betrachtung sah es aus, als habe man tauglitzernde Spinnennetze darüber gebreitet. 80 Das war die Unzahl von Schienensträngen, die es auch hier noch durchfurchte. Aber diese verschwanden allmählich; das moosige Grün, das sattere Braun behielten die Oberhand, und rings am Horizont, zinnschimmernde Pfützen, zeigten sich die Uckermärkischen Seen. Das Flugzeug hielt auf eine dieser Lachen zu, an deren einem Ende wie Würfelzucker ein Städtchen lag, und begann sich zu senken. Der Fall des Apparates bremste und fing sich in kurzem, schrägem Gleitflug. Plötzlich saß er auf einer glattgeschorenen Wiese auf. So mild und behutsam ließ er sich nieder, daß beide nicht einmal das Empfinden endgültiger Landung deutlich verspürten. Man war einfach da; man war hingepustet worden aus Berlin, wie eine Flaumfeder. Sie verschmähte seine Hilfe beim Aussteigen. Sie stand bereits draußen und reichte ihm die Hand hinein. Er bezahlte den Führer, und dann gingen sie ans Seeufer. – Trotz seiner Nähe war der Ausflugsort heute menschenleer. Sie setzte sich im Boot ans Steuer, und er ruderte. Es war auf einmal fast warm geworden. Seinen Ulster hatte er ausgezogen. – Es herrschte Kirchenstille auf dem Wasser, und er vernahm etwas, was er seit unzähligen Jahren nicht mehr vernommen: – knarzendes Geschrei von Vögeln. Ein Möwenschwarm umkreiste in der Ferne ein Badehaus. Das gegenseitige Ufer war von stiller Monotonie schwarzgrüner Föhrenwälder gesäumt, aus deren kahlen Stämmen die Sonne rötlichen Schimmer lockte; deren pinienhafte Wipfel scharfgezackt gegen das Kristallblau des Herbsthimmels standen. Diese Föhrenwälder, in ihrer wimmelnden Gesamtheit, hatten etwas majestätisch Makelloses. Er ruderte weiter, ihm war, als fahre er traumerfüllter Stille entgegen. Eine kleine Bucht öffnete sich wie ein Tor. Durch 81 das Schilf, das sie versperrte, wand sich ein Wasserpfad, von früheren Rudern geöffnet. Diesem folgte er. – Sie glitten ganz in das Schilf hinein. Das Mädchen saß reglos wie ein Bild am Steuer, und ließ sich hineintragen in den raschelnden Tempel. Die Wirrnis schlanker Blätter regte sich und flüsterte. Ja, es war wie erstaunt anschwellendes Raunen darin, als Rupert mit seiner kostbaren Fracht hindurchglitt. Die spitzen Blätter schwankten und bebten, obwohl kein Wind zu spüren war. Wäre nicht der leise Wellenschlag am Boot gewesen, so hätte man vermeinen können, sie neigten sich in Begrüßung..– Er ließ die Ruder ins Boot zurückgleiten und sagte: »Hier lasset uns Zelte bauen.« »Es ist immer schön hier,« sagte sie und warf die Haare nach hinten. »Ich kenne diesen See. Wie Sie sehen, kennt man auch mich.« »Wie meinen Sie das?« fragte er erstaunt. »Nun, machen Sie doch die Augen auf. Haben Sie schon jemals gesehen, daß ein Wasserhuhn der Menschen Nähe standhält – statt schon in großer Entfernung Reißaus zu nehmen?« Das Wunder ereignete sich vor seinen Augen. Die Vögel, die man sonst nur durch ein Fernglas als schwarze Punkte betrachten kann, schaukelten geruhsam auf dem Wasser. Sie hielten die Köpfe in possierlicher Einmütigkeit dem Boot zugewandt. Das Mädchen neigte sich und schob ihren nackten Arm halb ins Wasser, während sie langsamen Lockton ausstieß. – Die Gruppe der Wasserhühner verwirrte sich; sie schwammen wie erregt durcheinander, noch immer am Platze schaukelnd. – Endlich, mit plötzlichem Entschluß, hob sich die Schar; sauste prasselnd ins Schilf. 82 »Man kennt Sie hier noch nicht;« meinte sie bedauernd. »Sonst wären sie wohl herangekommen.« Schwingenknattern erhob sich über ihnen; eine große Lachmöwe saß neben ihr auf dem Rand des Hecks. Rupert wagte sich nicht zu rühren. Sein Atem ging gepreßt. Langsam näherte sie ihre Hand mit beweglichen Fingern, die auf der Seide ihrer geschlossenen Schenkel entlang krochen, dem Tier. Dann auf einmal verloren sich ihre Fingerspitzen in dem weißen Flaum. Sie kraulte der Möwe den Kopf mit unendlicher Schnelligkeit. – Zwischen Rupert und ihr, hin und her, zuckten die glänzend schwarzen, gelbgeringten Augen, von Zweifeln gepeinigt. Der Vogel entfaltete die Schwingen, schloß sie wieder und dann, als habe er sich zum Entschluß durchgerungen, saß er in der entbreiteten Handfläche des Mädchens. – Dieses hob ihn mit sakraler Geste in die Höhe, um ihm einen Schwung zu geben; das Tier hatte genug Gegendruck in der Luft, und strich zaudernd ab. – Rupert fand keine Worte. Das Mädchen sah ihn fast feindlich an. Dann trat ein spitzbübisches Lächeln an ihren Mund. – »Ich glaube Ihnen gern, daß Sie so etwas zum erstenmal sehen. Aber ich wundere mich gar nicht mehr darüber. Diese Tiere kennen mich. Auch mit fremden Tieren geht es mir so. Ich könnte einem Löwen einen Nasenstüber geben. Er würde sich bedanken. Es ist mir so, als müsse dies so sein.« »Aber nur bei Ihnen,« rief Rupert leidenschaftlich, »muß das so sein.« »Nur bei mir,« wiederholte sie sinnend. »Unser Freund hat mir eine ›empfehlende Erinnerung‹ mitgegeben. Das ist doch wohl der Ausdruck von den anderen?« 83 »Ja, das sagt man so. Aber was meinen Sie mit ›anderen‹?« »Euch,« sprach sie mit plötzlicher Schärfe. »Ein Zufall, daß Sie vielleicht . . .« Er blickte atemlos auf ihre Lippen. ». . . nicht ganz zu diesen gehören, wie?« »Sie haben Recht. Sonst wäre es Ihnen ja auch gar nicht gelungen, mich kennenzulernen.« »Aber nun sagen Sie mir, wer er ist, den Sie mit ›Unser Freund‹ betiteln. Sie sprechen in Symbolen, scheint mir.« »Unser Freund,« sagte sie nach einigem Nachdenken und sah ihn schwärmerisch an –: »Unser Freund hat keinen Titel; deshalb nenne ich keinen Namen. Ich könnte auch keinen nennen. Ich könnte Ihn mit vielen Titeln belegen, mit einem prunkhaften Schwanz von Namen wie einen indischen Fürsten. Aber das leidet Er nicht. Er ist eben ›Unser Freund‹; und damit hat es ein Ende.« – Sie sann nach und plötzlich wurde sie lebhaft und sprach schneller: – »Er lebt bei uns, wissen Sie. Aber Er hat es nicht gern, wenn man viel Wesens von Ihm macht und eigentlich hätte ich auch gar nicht von Ihm reden dürfen; es ist mir nur so herausgefahren. Sie haben etwas an sich, das mich an Ihn erinnert. Er guckt einen so ähnlich an wie Sie. Wenigstens kommt es mir so vor. – Aber was rede ich für einen Unsinn.« – Sie stand plötzlich auf, als sei sie ungeduldig mit sich selbst geworden. Das Boot schwankte bedenklich. – »Rudern Sie weiter,« sprach sie plötzlich hoheitsvoll. »Was brauche ich mich zu verplappern. Sie haben sich in mein Vertrauen gedrängt.« Er hielt inne, zu Tode erschrocken. – »Aber ich bitte Sie, wie soll ich dazu kommen, Ihnen Dinge abzupressen, die 84 Ihnen heilig sind. Ich bin ja so dankbar, daß Sie mich in Ihrer Gesellschaft dulden.« – Er wurde pathetisch. – »Wirklich, Sie tun mir hier großes Unrecht.« Sie stand hoch aufgerichtet, und blickte ihn klar und lange an. »Ja,« sagte sie endlich, »ich habe mir allein etwas vorzuwerfen. Verzeihen Sie mir.« »Sie müssen sich doch auch sagen,« rief Rupert, der nun die halbe Oberhand spürte, »daß mich diese Dinge höchst verblüffen. Ich müßte ein Idiot sein, wenn ich dazu schwiege. Sie nehmen mich hier hinaus, zu Ihren dressierten Möwen und Wasserhühnern, machen sich bei den Tieren beliebt und ich soll ruhig dabeisitzen und das selbstverständlich finden? – Ich selbst habe es noch nicht einmal fertiggebracht, eine Maus an mich zu fesseln.« »Das Leichteste von der Welt,« sagte sie fast entrüstet. »Überhaupt, man stellt sich alles so verwickelt vor. Freilich, man muß in der richtigen Schule sein. Wenn Sie vernünftig sind und mich nicht zu oft befragen, dann erleben Sie noch dies oder das. Ich bin schon sehr unvorsichtig gewesen, ich hoffe, daß das mir gut bekommt.« »Ist Ihr Oheim denn so ein Tyrann?« »Ich sagte Ihnen schon bei unserer ersten Begegnung, daß er eigenartig ist. – Das ist aber sein gutes Recht,« fügte sie hinzu. »Er darf eigenartig sein. Sehen Sie, ich weiß, er hat mich sehr lieb, und deshalb ist er zuweilen brummig.« »Er traut Ihnen nicht ganz?« Sie erwiderte diese Unterbrechung mit einem unerwartet klaren Blick, ohne jede Befangenheit:– »Er möchte mich nicht gerade einsperren, wissen Sie. Aber im Hause will er mich behalten und im Garten, und auf keinen Fall will er die 85 Leine zu locker lassen. Ich werde wohl einen Sturm zu bestehen haben, wenn ich heute heimkomme. Er kann sehr laut sein.« »Nun gut; Sie wissen ja, wie man ihn behandelt.« »Er kennt mich,« sagte sie schlicht, »und ich kenne ihn. Andere Leute fürchten sich vor ihm; er sei ungeschlacht, sagen sie. Wenn er so dahockt und vor sich hinbrütet, kann er Fremden Furcht einjagen.« »Nun, ein schrullenhafter, alter Mann, ein Gelehrter.« »Ein alter Mann . . .?!« echote sie, sehr erstaunt. »Er war noch nie alt! – Er sieht jetzt noch genau so aus wie damals, als ich zum erstenmal einen Begriff von ihm bekam: rotes Gesicht, ganz dicke, blonde Brauen; Brauen verstehen Sie, wie Baumflechten im Urwald. Zottig-blondes Haar. Er hat die schönsten Augen der Welt. Er kann mich durchschauen wie Glas. Da bleibt kein Fäserchen, was ihm entgeht. Eines nur kann ich ihm nicht abgewöhnen; einen furchtbaren, ganz, ganz altmodischen schwarzen Rock.« Rupert lauschte betroffen auf. Eine Erinnerung, ein Gespräch: sein Vater vorgebeugt im Lehnstuhl mit den Händen in der Luft, die etwas zu modellieren sich mühten . . . Er riß seine Brieftasche hervor. – »Warten Sie, warten Sie,« rief er aufgeregt. Sie setzte sich nieder mit plötzlichem Ruck. Das Boot geriet ins Schwanken. Sie stützte das Kinn auf die Hände. »Heißt Ihr Onkel,« fragte er langsam, bevor er seine Brieftasche aufklappte, »etwa . . . Örvandill?« Ihre Lippen teilten sich, ihre Arme fielen zu beiden Seiten herab, ihre Schultern zogen sich wie im Frost zusammen. – »Ja, so heißt er,« rief sie plötzlich schrill, beinahe klagend. Es war wie ein Möwenschrei. – »Aber das weiß niemand 86 auf der weiten Welt. Das ist sein eigentlicher, sein geheimer Name. Sagen Sie mir um Gottes willen, wie kommen Sie dazu, ihn zu kennen?« Er nahm das Notizbuchblatt hervor und entfaltete es. »Ole Örvandill,« las er . . . Der Mann, den zu suchen sein Vater ein Vermögen geopfert; der Mann, dem er dreißig Jahre unablässig auf der Spur gewesen, dieser Mann also war es, bei dem das Mädchen wohnte. – Erfüllung über Erfüllung. – Und er nahm das Pflanzenblatt, das noch nicht ganz eingetrocknet war, bedachtsam heraus und hielt es ihr mit zitternden Fingern hin. »Hier. Dies stammt von ihm.« Sie rührte sich nicht und starrte darauf, als fürchte sie sich davor. – »Ja,« sagte sie endlich fröstelnd, »es stammt von ihm.« »Und von welcher Pflanze?« »Von unserer Verbena im Treibhaus. Verbena ist auch mein Name . . . Wenn Sie,« fuhr sie nach einer Pause fort, »mit diesen beiden Dingen zu ihm kommen, ist es möglich, daß er Ihnen nicht die Tür weist. Ich werde dafür sorgen . . . Nun lassen Sie mich rudern, denn wir müssen zurück, unverzüglich zurück. – Reden Sie heute nicht mehr mit mir.« Sie wechselten auf dem Heimweg wenig Worte. Er teilte ihr noch mit, wo er wohnte. »Sie werden von uns hören,« sagte sie beim Abschied. »Sehr bald.« 87 Achtes Kapitel Auf welche Weise Rupert die nächsten Tage ausfüllte, war ihm selber unklar. Er hatte natürlich sofort im Adreß- und Telephonbuch nach diesem Herrn Örvandill gesucht, aber Verbena hatte es besser gewußt. Er stand nirgends. Eines Morgens rührte sich sein Bett-Telephon. Er fuhr aus leichtem Schlaf empor. Da drinnen im Mahagonikästchen mußte der Geheimnisvolle stecken. Den Hörer am Ohr, grasten seine Augen begierig die Milchglasplatte ab. Aber seltsam, wo von Rechts wegen der Kopf des Gelehrten sich zeigen mußte, war nur eine goldigleuchtende, konturenlose 88 Wolke, die sich träge bewegte. Ein großes, rollendes Organ traf sein Ohr, wie das Geräusch eines fernen Erdrutsches. »Rupert Dux dort?« »Derselbe.« »Junger Mann, kommen Sie um zwei Uhr zum Essen.« »Gut. – Doch wohin und zu wem?« »Haben recht,« lachte es blechern im Apparat, »Sie kennen mein Aushängeschild nicht: ›Sebaldus Schuster, em. Professor der Pflanzenbiologie‹ . . . Wo meine Nichte wohnt, das wissen Sie ja. Sie gehen durch den Toreingang in das Gartenhaus.« »Mit Dankbarkeit werde ich mir erlauben . . .« Die Stimme lachte blecherner. – »Bezweifle ich keinen Moment. Auf Wiedersehen.« Als der letzte rollende Ton drinnen verhallte, schien es, als singe ein zartes Echo irgendwo »Auf Wiedersehen«. – Rupert hängte ein. Sich umzuziehen empfand er als unnötig. Er hatte zuerst daran gedacht, das Ungetüm mit dem Schwarz eines Besuchsanzuges umgänglich zu stimmen; aber er beschloß von vornherein so etwas wie ahnungslose Formlosigkeit obwalten zu lassen. Dadurch paßte er sich wohl am ehesten dem Charakter des Mannes an, soweit dieser ihm noch nach der Schilderung seines Vaters im Gedächtnis lebendig war. Pünktlich war er zur Stelle und durchschritt den dunklen Toreingang des Vorderhauses. Er riß die Tür zum Hinterhof auf: da lag vor ihm, von Sonne vergoldet, die Vision des sterbenden, alten Dux. – Hier war der von Fliesen belegte Weg. Dort blitzte das Weiß der Gartenmauer durch das Grün perennierender Büsche. Es machte das alles einen ganz sommerlichen Eindruck, weil keine Verfärbung des 89 Laubes erfolgen konnte. Es gab nur Efeu, Buchsbaum, Stechäpfel und Oleander. Da hing die Klingelschnur mit der Quaste unter dem von abgebröckelten Holzsäulchen flankierten Portikus. Er zog daran. Sie erhob ein wüstes Scheppern in allen Tonarten, das langsam in den fernsten Zimmern abzusterben schien. Man hörte den alten Örvandill nicht gehen. Man spürte aber, daß er sich nahte, an einer erdbebenhaften Erschütterung des Bodens. Gegenstände klirrten rhythmisch in der Eingangshalle. Endlich wurde die Tür aufgerissen und wie ein schwarzer Koloß von lichtem Flachsgold gekrönt, stand der Besitzer des Hauses vor ihm. Das einzig Einladende, was er an sich hatte, war eine einschaufelnde Bewegung seiner mit lichten Härchen besetzten Pranke, die eine Aufforderung zum Näherkommen bedeuten mußte. Im übrigen blickte er unwirsch, dieser herkulische Einsiedler. Wenn jemals in einem Blick Mißtrauen, Kälte und Überlegenheit gelegen, so war es in dem seinen. Die in Höhlen glimmenden blauen Augen hatten etwas durchaus tierhaftes, wie die eines im Lager gestellten Bären. Der mächtige Unterkiefer stand etwas vorgeschoben. Er war von einem ausladenden Maß, dessen sich der fossile Heidelberger nicht hätte zu schämen brauchen. – Das Gesicht war von allen Abstufungen der Röte überzogen. Zerplatzte Äderchen schimmerten karminrot an den Wangenknochen und am Kinn. Darunter herrschte gleichmäßiges Rosa, doch war die Haut zerrissen wie alte Lindenborke. Erstaunlicherweise aber machte der Mann keineswegs einen greisenhaften Eindruck, sondern die Schilderung des alten Dux traf in allen Punkten auf ihn zu. Er schien seit all der Zeit derselbe geblieben zu sein. Rupert hatte einen winterlich weißen Scheitel erwartet, 90 jedoch dieses schimmernde Flachsblond hätte auch einem jungen Springinsfeld zum Schmuck gereicht. Außer einem tief aus dem Orkus seines mächtigen Brustkorbes herausgeholten Räuspern ließ der Professor nichts vernehmen. Ohne sich darum zu kümmern, wo Rupert sich seines Mantels und Hutes entledigte, ging er ihm voran. Zaghaft folgte der Jüngling. Die mächtigen Schultern bürsteten drei Vorhänge bei Seite, und endlich schien man im Sanktum zu sein, denn hier fand sich so etwas wie eine Gelehrtenstube, die auch bequeme Sitzgelegenheit bot. Der Alte wedelte wieder mit der mächtigen Flosse, was diesmal bedeuten sollte: »Nehmen Sie Platz,« – und hockte sich auf einen weitgeschweiften Strohstnhl, der vor einem Möbel stand, das einem Schreibtisch ähnlich sah. Angeschnittene Gänsekiele lagen zerschlissen und tintenbefleckt auf der Platte. Ein vorsintflutliches Tintenfaß aus schwärzlichem Silber stand neben einer ebensolchen Streusandbüchse. Unendliche Stapel, Berge und Türme von Manuskriptblättern waren wie eine Außenwand auf diesem Schreibtisch aufgebaut. – In einer anderen Ecke des Zimmers hatte der Professor offenbar ein Nest der Besinnlichkeit für sich geschaffen, denn dort stand ein sehr bequemer Klubsessel in einem Verließ aus vollgepackten Bücherbrettern. Hier konnte er völlig verschwinden. Kleine Auslugstellen erlaubten ihm immer noch einen Überblick über das Zimmer, ohne daß er selbst gesehen zu werden brauchte. Soweit Rupert jetzt schon bemerkt hatte, war das Haus unendlich altmodisch und anheimelnd. Er kam überhaupt aus dem Erstaunen nicht heraus, darüber, daß sich so etwas wie dieses Haus aus Napoleons Zeiten unbeschädigt bis jetzt, ins Jahr neunzehnhundertfünfundneunzig hinübergerettet 91 hatte. Alles zeigte, bis auf wenige englische Möbel, Empirecharakter. Die Fenster waren hoch und schmal. Die Tapete war einmal hellblau gewesen und jetzt zu farblosem Grau verblaßt. Eine lange Reihe photographischer Landschaften aus dem hohen Norden zog sich auf einem Sims an der Decke entlang. Petroleumlampen mit Behältern aus altem Meißen, die vielleicht schon vor hundertfünfzig Jahren ihr mildes Licht über Bakkarat-Tische verbreitet, standen auf dem Kaminsims. Es war das erstemal, daß Rupert eine Petroleumlampe sah. Verbena demonstrierte ihm später den Gebrauch des Gegenstandes. Er amüsierte sich wie ein Kind. An den Wänden, zwischen den Bücherborden, staken geschwungene Messingleuchter mit dicken, fast zur Formlosigkeit geschmolzenen Kerzenstümpfen. Eine Bastmatte bedeckte den Fußboden. All' dies hatte Rupert Zeit mit einem langen Rundblick in sich aufzunehmen, denn der Alte beschäftigte sich noch eine gute Weile damit, zu räuspern und ihn dumpf brütend anzustarren. Endlich hob sich die mächtige Hand und fiel, zur Faust geballt, auf die Tischplatte nieder, so daß die Manuskripttürme bedenklich ins Wackeln kamen und man einen Bergsturz von Büchern befürchtete. »Den Teufel,« sagte der hohle Donner, »Sie sind also der Sohn jenes Dux. Sie könnten der Sohn von irgendwem sein, das wäre ganz gleich. Sie wären kaum aus diesem Hause gekommen, wie Sie hereingekommen wären, wenn Sie nicht zufällig eine Einführung vorzuweisen gehabt hätten. Und Sie haben das Glück, daß diese Einlaßkarte bei mir steckt. Das ist noch wenigen passiert. Sonst wäre keiner, der das Weibchen angesprochen hätte, unbeschädigt entkommen. Ja, . . . so ist das nun.« – Enormes Geräusper folgte. Es 92 war, als rede der Alte innerlich weiter, es klang wie das Rollen eines abziehenden Gewitters, das sich in den Tiefen seiner Lungen verlor. – »Das Weibchen,« fuhr er auf einmal fort, nachdem er das Kinn zwischen die vatermörderhaften Aufschläge seines formlosen Gehrockes gepreßt, »ist von mir sonst so ziemlich gefeit worden gegen Überfälle wie den Ihren. – Sie hat bis jetzt alle Hände voll damit zu tun gehabt, Leute wie Sie in die Flucht zu schlagen; doch ist es immer glatt gegangen. Ich habe ihr eine Schutzhaut übergezogen, verstehen Sie.« Er lachte satanisch und ungehobelt auf. – »Daran verbrennt man sich gewöhnlich die Finger. Ich habe sie präpariert, denn sie gehört mir.« Hier wagte Rupert zum erstenmal eine Bemerkung. – »Entschuldigen Sie,« sagte er bescheiden, »ich habe mich Ihrer Fräulein Nichte in aller Form und höflich genähert. Ein kleiner Hinweis hätte mir vollauf genügt. Im Gegenteil war aber von vornherein schon eine gewisse Freundschaftlichkeit da.« »Was Freundschaftlichkeit,« fuhr der Grobian ihn an. »Ein Trick war das von Ihnen. Ziehen ein vermaledeites Notizbuch aus der Tasche und ein Pflanzenblatt, das mir Ihr Vater auf ganz vertrackte Art abgeluchst . . . Natürlich was tut das gute Kind . . . Sie muß klein beigeben.« »Auch diesmal«, sagte Rupert in demselben Tonfall, »irren Sie; das hat sie erst zu sehen bekommen, als ich ganz zufällig ihrem Gespräch entnahm, daß sie mir zu Ihrer Bekanntschaft verhelfen könne. Denn ich muß Ihnen etwas sagen« – und er ging mit dem erhobenen Zeigefinger auf den Professor zu, – »ich war auf der Suche nach Ihnen, genau wie mein Vater dreißig Jahre lang auf der Suche nach Ihnen war, und mir wäre jede Gelegenheit recht gewesen, 93 um Sie aufzustöbern. Diesmal,« rief er begeistert, »bin ich am Ziel. So schnell habe ich mir's nicht träumen lassen.« Die Erregung nahm ihm fast den Atem. Der Professor grollte: »Mäßigen Sie sich. Schöpfen Sie Luft. Sammeln Sie sich.« Rupert wankte zurück in seinen Stuhl und seufzte: – »Mir ist alles noch so verworren und dunkel, aber ich habe das Gefühl, alles Heil der Welt hängt davon ab, daß wir uns vertragen.« Eine seltsame Wandlung ging in dem Professor vor. – »So,« meinte er trocken und sachlich; »meinen Sie. Erstens ist es gar nicht ausgemacht, daß irgend etwas davon abhängt, und zweitens meine ich es ja nicht grob mit Ihnen, sondern habe ein gewisses Interesse für Sie.« – Im Bestreben, mildere Töne anzuschlagen, war ihm sein Organ wieder hinderlich. Es war seltsam, daß es ihm überhaupt nicht gelingen wollte, sanft zu reden. – »Ich will Ihnen,« fuhr er fort, »nicht verhehlen, daß das Weibchen sich für Sie verwendet hat. – Diese Tatsache legt es mir zur Pflicht auf, Sie näher in Augenschein zu nehmen. Alles übrige ist verschollener Hokuspokus.« »Ja, aber, Herr Professor, Sie waren doch damals bei meinem Vater und ersuchten ihn um Unterstützung für Ihre Bewegung, für Ihr herrliches Projekt!« »Mein herrliches Vorhaben, junger Freund, besteht nach wie vor weiter. Ihr Vater war der Sache nicht gewachsen. Vielleicht war ich unbekümmert genug, das Kind mit dem Bade auszuschütten; aber wir ausgepichten Idealisten sind leicht verletzt. So rannte ich denn davon und verduftete.« »Was hat sich mein Vater,« beschwor ihn Rupert, »Mühe gegeben, Sie zu finden.« 94 »Hat er das? So. Hat er das?« sprach der Professor sinnend und drückte sein Kinn so tief in den Westenausschnitt, daß es fast doppelt wurde. Er saß gebeugt da. Sein Löwenhaupt senkte sich. Minuten vergingen. Plötzlich richtete er sich wieder auf und sagte singend wie zu sich selber – es wurde ein dumpfes Gröhlen daraus: – »Hoho, es ist nicht leicht, mich festzunageln. Wem ich mich einmal versage, der spürt es, dem reiße ich die Seele fetzenweise heraus, denn ich habe viel Angelhaken auszuwerfen und ich halte jeden an der Leine, auf den ich es abgesehen habe. Auch Ihr Vater, Verehrter, spürte den Angelhaken des Menschenfischers. Er hat sich losgerissen, aber mit blutenden Kiemen. So ein Fisch macht es ja noch eine Weile, aber es gehen dabei Schuppen und Substanz verloren. Ich habe ihm schon den richtigen Köder gezeigt, und wäre er mir damals richtig gefolgt, so wären wir beide am Werk gewesen, Angeln auszuwerfen und wir hätten uns jung gehalten. Statt dessen hat er das öde Spiel des Geldverdienens weitergetrieben. Damals, vor dreißig Jahren, brauchte ich etwas von jenem Geld. Jetzt bin ich weiter, Verehrter. Ich habe die Dinge durchschaut. Geld ist nicht vonnöten, ich brauche kein Geld. Ich hatte es auch damals bald genug eingesehen.« Rupert sah ihn starr an. Er fühlte sich von der großen Woge dieser unheimlichen Persönlichkeit mitgerissen und fortgespült. »Herr Professor,« rief er dann fast empört und öffnete beide Hände: »aber das ist es ja gerade, was ich Ihnen anzubieten habe! Ich komme ja zu Ihnen um Ihnen das Zehn-, das Zwanzigfache zu geben, als mein Vater damals geopfert hätte. Ich bin ja sonst durchaus arm.« Örvandill schnalzte mit der Zunge; sein Ausdruck gewann 95 etwas Listiges. – »Ich denke, ich habe mich klar genug ausgedrückt,« wiederholte er. – »Ihr Geld, weg damit, ich brauche es nicht. Sie haben Unrecht, wenn Sie sich als arm bezeichnen. Ich will etwas äußerst Wichtiges, das ist Ihre Seele, denn ich habe bereits herausgefunden, daß Ihr Vater Ihnen Seele vermacht hat. Bei ihm war sie aufgebraucht und brüchig. Ein ganz verstaubter und papierner Artikel. Bei Ihnen ist sie jung und schwänzelt noch wie eine Kaulquappe. Geben Sie sie mir zur Züchtung und zur Entwicklung, denn den nötigen Enthusiasmus scheinen Sie zu haben. Ich bilde mir ein,« – und er stand plötzlich auf, so daß das ganze Haus zu erzittern schien und ging wie eine drohende Wolke auf Rupert zu, – »ich bilde mir nämlich ein, Sie haben bereits einen Begriff davon, was ich will.« – Er legte seine beiden Pranken auf Ruperts Schultern und bohrte seine hellen Bärenaugen in den klaren, dunklen Blick des Jünglings. – »Nun, lassen Sie die Furcht vor mir doch endlich einmal fahren.« Rupert wankte einen Augenblick unter der Wucht dieser heftigen Suggestion. »Die Furcht fahren lassen, sage ich.« – Rupert sank zurück; sein Blick ward gläsern. – »Sehen Sie, jetzt haben Sie keine Furcht mehr, oder doch?« »Furcht? – Das hatte ich nie.« »Sehen Sie, ich bin ein guter Mensch.« – Dröhnend: »Bin ich das?« »Ja,« stammelte Rupert. »So ist's recht,« sprach der Professor wieder mit abgedämpfter Stimme und wanderte wuchtig im Zimmer umher. »Ich kann nun einmal nichts für mein Organ. Es ist zu stark für diese Zeit. Sehen Sie,« sagte er mit großartiger Verschmitztheit und deutete mit dem Daumen nach seinen 96 Manuskripten, »genau so wie ich spreche, schreibe ich. Keulenschläge sind das auf Papier! – Aber die Zeit, die Zeit . . .« summte er . . . »Na gut, wir lassen die Zeit. Irgend etwas ist am Werk, das spüre ich. Das Weibchen hat Sie getroffen. In diesem Hause geht etwas um. – Nun, es kann alles schön werden.« 97 Neuntes Kapitel Mit einemmal erschien das »Weibchen«, wie der Professor sie mit Vorliebe zu nennen schien, im Rahmen der Tür und bat beide zum Essen hinüber. – Rupert hatte schon zwischendurch ein Klappern und Hinundherhuschen im Hause vernommen und nun begriff er, daß sie anscheinend ganz allein für den Professor sorgte. Aber man sah diesem Geschöpf nie eine Ermüdung an. Sie trug keine Spur der häuslichen Arbeit an sich. Sie stand dort in ihrem glatten, dunkelgrünen Seidenkleid, als ob sie soeben ihr Zimmer verlassen habe. Sie lächelte ganz kurz bei der Begrüßung Ruperts, dann jedoch nahmen 98 ihre Augen einen ernsten, fast grübelnden Ausdruck an, den sie das ganze Mittagessen über zur Schau tragen sollte. Das zum großen Teil aus vegetarischen Dingen bestehende Mahl wurde in der Hauptsache schweigend eingenommen. Der runde Tisch war nicht groß und bot für vier Menschen Plätze. Rupert kam so nahe an Verbena zu sitzen, wie bisher noch nie. Im Flugzeug hatte eine hölzerne Scheidewand bis zur Schulterhöhe sie getrennt. Hier aber geschah es, daß ihr Fuß manchmal den seinen streifte oder daß sie, wenn sie hinausging, mit der Hüfte seine Schulter berührte. – Er hatte noch nie etwas so Beschwingtes erlebt, wie dieses Mädchen. Sie tat keinen Griff zu viel. Sie schien von einem seltsamen Spürsinn besessen, der ihr die kürzesten Wege und Handgriffe ermöglichte. Man hörte sie kaum, wenn sie ging. Sie behielt auch innerhalb des Hauses diesen ganz leicht in den Knien federnden Schritt bei, den er außen schon bei ihr bewundert hatte. Sie verlegte ihr Hauptgewicht anscheinend auf die vorderen Sohlenballen der Füße, doch kam kein Tänzeln dabei heraus, sondern ein rhythmischer Gang von ungemeiner Geschmeidigkeit. – Sie räumte ab und brachte neue Speisen. Er fand alles recht schmackhaft, da es, wie er im Lauf der spärlichen Unterhaltung erfuhr, mit Sorgfalt auf Kohlenfeuer zubereitet war und nicht mit Hilfe von Gas oder Elektrizität. Am Schlusse gab es eine Schüssel bergehoch aufgetürmten frischen Obstes. Dieses alles war eine Sensation für den guten Rupert. Er hatte, so wahr ihm Gott helfe, noch nie rohes Obst zu Gesicht bekommen. Auch war ihm der Geschmack frischen Gemüses recht interessant gewesen. Diese Leute lebten lukullisch. Er gab seiner Meinung Ausdruck und erntete ein Meckern des Professors. 99 »Sie ärmster Zeitgenosse,« sprach er, mit vollen Backen kauend. »Riechen Sie doch an diesem Rosenkohl. Sie armer, an Konserven gereifter Mensch.« »Aber Ole,« rief Verbena, »Du mußt ihm Verschiedenes zugute halten. Er hat doch keine Ahnung.« Der Alte räusperte sich dröhnend und blickte in der Folgezeit leicht verschmitzt drein. Derlei angriffslustige Neckereien erlaubte sich Örvandill während dieses Mahles noch öfters. Verbena preßte die Lippen zusammen und sah Rupert klar und – wie ihm schien – ohne bestimmten Ausdruck an. Vielleicht erwartete sie von ihm, daß er sich selber helfe, aber sie rührte keinen Finger. – Er war restlos den Späßchen dieses athletischen Scherzboldes ausgeliefert. Das für ihn Beklemmende war, daß der Professor eigentlichen Humor, wenigstens was Rupert darunter verstand, nicht zu besitzen schien. Seine Laune mästete sich an derben Kontrasten und wuchs. Doch gleichzeitig wuchs auch ein gewisser Grimm in seinem Ausdruck, so daß man nie wußte, ob sein Gemüt im Augenblick friedlich sei, oder ob er wieder zu neuen Schlägen aushole. Im allgemeinen war all' dieses keine allzu ermunternde Begrüßung für den Gast. Mit jedem Atemzug, den Rupert aus der Richtung Verbenas holte, war neue Beruhigung und neue Kraft, doch sie saß so seltsam unbeteiligt da und ließ ihre Blicke fast kalt über den Tisch spielen. Zuweilen hielt sie für längere Zeit die Wimpern niedergeschlagen und ließ ihn Rätsel raten, was hinter ihrer schöngewölbten weißen Stirn vor sich gehen mochte. – Mit einemmal kam Rupert zu der Erkenntnis, daß die Gegenwart des Professors ihr irgendeinen Zwang aufzuerlegen schien, denn sie war wie verwandelt. Es war 100 etwas willenlos Mechanisches, in der Gebärde, mit der sie aß, zuhörte, sich im Stuhl zurechtrückte und kurze einsilbige Antworten gab. ›Fast wie ein Zwang,‹ kam ihm gegen Schluß vor. Sie unterlag einem unausgesprochenen Bann, den die hurtigen Bärenaugen des Alten um sie spannen. Es war etwas wie bramarbasierendes Pochen auf Besitz in dessen Gehaben. Wenn er sich in den Schultern drehte, daß die Fäden in seinem alten Gehrock krachten, wenn er Atem holte, daß die Falten auf seiner Weste spurlos verschwanden und zögernd wiederkehrten, so war's, als ob ein machtbewußter Nomadenfürst sich an einer lebenden Beute weide, für die seine Ratschläge bereits Befehl seien. Er konnte offenbar mit diesem Geschöpf tun, was er wollte; die ungeheure Gedankenenergie, die er ausstrahlte, blendete sie. Auch Rupert fühlte dies Ungemütliche an dem Mann heraus, als seien sowohl er wie Verbena Drahtpuppen, die dieser wunderliche Regisseur zu seinem eigensten Vergnügen agieren lasse. Dies lag nicht eigentlich in den Worten, sondern mehr in der Art, wie er sie behandelte und wie er bedient wurde. Kurz gesagt, Rupert fühlte, daß nach der morgendlichen Bekanntschaft mit Ole Örvandill von dessen Seite vorerst kein weiterer Schritt erfolge, um diese Bekanntschaft in ein Gleis milderer freundschaftlicher Aussprache überzuleiten. Es war etwas unfaßbar Entgleitendes, etwas Versagendes im Benehmen des Professors. Rupert beschloß, betroffen und nachdenklich, nun auch seinerseits nicht besonders herzlich zu erscheinen. – Er hätte gewünscht, daß Verbena auf seine begeisterte Zustimmung hin, was dessen Lebenswerk betraf, nicht gar so unzugänglich geblieben wäre. Geduld war jetzt die Hauptsache. – Er sah Verbena an. Ein 101 etwas scheuer Blick aus den großen blauen Augen ruhte gerade auf ihm, dann senkte sich die dunkle Wimpernseide schnell wie ein Vorhang, der nach der Vorstellung geschlossen wird. – Das Mahl war nun auch zu Ende, und sie stand, auf ein großes Geräusper Örvandills hin, das wie eine Schlußfanfare im Zimmer wiederhallte, unerwartet plötzlich wie erlöst auf. Bei dieser schnellen Bewegung entglitt ihr die Serviette. Wie ein Wiesel bückte sie sich, um sie aufzuheben, aber Rupert war noch schneller gewesen. Er geriet mit dem Kopf an ihre kleinen festen Brüste und hatte das Gefühl von einer nie berührten Kühle, unter deren Schutz leidenschaftliche Wärme verstohlen pulsiere. Dieser Eindruck war blitzschnell. Sein Kopf schien ganz umhüllt von einem Hauch, wie er von sommerlichen Kleewiesen wallen mag. Seine Hand, die die Serviette ergriff, war vorübergehend kraftlos. Er verstand sich selbst nicht. Es war, als ob der Kontakt mit diesem jungen Leibe etwas Lähmendes habe, als sei man einer elektrischen Leitung zu nahe gekommen und habe einen Stoß davon empfunden. Gleichzeitig durchbrauste es ihn wieder, wie nächtlich damals nach der ersten Begegnung und er erkannte, daß er diesem Geschöpf mit Leib und Seele verfallen sei. Der Professor ließ seine listigen Blicke hinter den buschigen Brauen herüberspielen und brummte etwas wie einen Singsang, während die breiten Kuppen seiner Finger einen schnellen Takt auf dem Tischtuch trommelten. – Verbena hatte sich längst aufgerichtet. Dort, wo Ruperts Kopf sie getroffen, war etwas wie eine sanfte, rosige Spur auf ihrer weißen Haut zurückgeblieben. Sie war hinausgegangen, noch ehe er sich ganz wieder aufgesetzt, und blieb draußen. Der Professor erhob sich und reichte ihm die Hand hinüber. 102 »Wir pflegen nach Tisch eine Stunde zu schlummern,« sprach er unvermittelt. »Da Sie wohl noch nicht ins Hotel zurückkehren wollen, auch sonst nichts Dringendes vorhaben, so kann ich Ihnen ein Zimmer anweisen.« Es blieb Rupert nichts übrig, als ihm zu folgen, während er die altmodische knarrende Eichentreppe hinaufstieg. Im oberen Stockwerk, dessen Korridor genau wie der untere mit breiten hellen Fliesen belegt war, öffnete der Professor eine Tür und ließ ihn in ein ziemlich kahles Gemach eintreten. Eine Decke lag dort auf einem von Wachstuch überzogenen Sopha. »Hier verdauen Sie,« sprach er fast befehlshaberisch. Dann nickte er ihm kurz zu und ging, etwas Unverständliches brummelnd, wieder hinunter. Rupert war ärgerlich. Er hatte sich auf eine »Plauderei in gemütlichem Kreis« gefreut, und nun verfügte man einfach über ihn und stellte ihn gleichsam hier oben kalt. – Es war ungeheizt im Zimmer. Er legte sich hin, wickelte sich in die wollene Decke und versuchte die Augen zu schließen. »Ich habe zu verdauen, gut,« meinte er, ohne zu merken, daß er schon halb dieser Suggestion von Ruhe unterlag. Eine Zeitlang mochte er so gelegen sein und die Unlustgefühle verloren sich. War er nicht unter einem Dach mit ihr? – Auf einmal kam ihm die strenge Spärlichkeit des Zimmers trotz Kälte und mangelnden Komforts fast gemütlich vor, aber an schlafen war nicht zu denken. Es war so seltsam still. Leute, die wie er, ununterbrochenen Lärm gewohnt sind, Tag und Nacht vorbeiströmenden, haben es schwer, wenn sie ihn vermissen. – Das große Geräusch all' der vergangenen Jahre war nicht mehr da. – Eine Kulisse schien vorgeschoben. Hinter ihr war noch etwas wie ein unerleuchteter 103 Raum, der für ihn noch nirgendwohin zu führen schien. Daß Verbena sanft leuchtend darin umging, war ihm wohl ein Trost, aber wohin führte das alles? Das große Geräusch fehlte . . . Er verspürte diesen Mangel wie leichte Atemnot. Er konnte nicht liegen, stand auf und ging ans Fenster. Er öffnete es und beugte sich hinaus. Er blickte von der hinteren Seite des Hauses in einen ziemlich geräumigen Garten hinein. Bäume von einem Alter und einem Stammumfang, den er nicht für möglich gehalten, erhoben sich in regelmäßigen Abständen vor der weißen Mauer, die sich hier fortsetzte und den ganzen Garten umschloß. Durch die Kahlheit der Zweige konnte man sie noch in der Entfernung schimmern sehen. Sie war sehr hoch. Von den umgebenden Häusern konnte man jetzt wohl hineinblicken, doch war dies wohl schwer möglich, wenn die Bäume vollbelaubt waren. Auch gab es wenige Fenster an den Hinterfronten dieser Kontorhäuser; größtenteils nur Lichtluken für die Liftanlagen. Sie hatten alle gläserne Kuppeln auf den Dächern, was die Beleuchtung durch die breiten Fenster von der Straße zur Genüge zu ergänzen schien. Also war dieses altertümliche Haus mit seinem Garten ein Unikum, das sich wie durch Zufall inmitten der gefräßigen Bauten und Brandmauern erhalten hatte. Was ihm jetzt weiter auffiel, war ein langgestrecktes flaches Gebäude, das am hintersten Ende des Gartens lag. Er strengte die Augen an. Dies mußte ein Gewächshaus sein. Offenbar waren Reste alter Mauern verwendet worden, denn das Fundament machte einen recht verwitterten Eindruck. Bedeckt war es von einem flachen, abgestuften Dach aus dicken, flaschengrünen Glasplatten. Für ein Gewächshaus schien es bedeutend hoch. Er berechnete die Höhe mit vier Metern. Es 104 trug gar nichts Auffälliges an sich, war so geschickt in die Ecke der Mauer hineingebaut, daß es auf den ersten Blick sich von dieser schwer unterscheiden ließ und sich nur durch das gelegentliche Aufblitzen der Glasbedachung verriet, wenn der Beobachter seine Stelle wechselte. Es lag so recht im Wesen dieses schrullenhaften Mannes, daß er ein Treibhaus besaß. Vielleicht bestritt er einen Teil seines Lebensunterhaltes mit dem Verkauf von Orchideen oder dergleichen. Rupert freute sich im stillen, ein Thema entdeckt zu haben, das dem Alten sicherlich am Herzen lag. Vielleicht würde er etwas gemütlicher werden, wenn man ein Interesse an dieser Beschäftigung wenigstens heuchelte. Er wußte nicht, wie lange er am Fenster geweilt hatte. War es für ihn ja auch fast schwer, Empfindung für Zeitspannen aufzubringen in dieser vollkommenen Stille. Es war seltsam, wie durchdringend diese Stille war. – Sie durchtränkte das ganze Haus und den Garten. War es nicht, als hätten alle Uhren auf diesem Erdenfleck aufgehört zu schlagen? – Von Geräuschen, die man unbedingt hätte hören müssen, kamen keine Wellen herüber. Es stimmte ja, die Straße war still, aber trotzdem war das Leben dieser Zeit von so heftigem Fieber erfüllt, daß man ihm nirgends entgehen konnte. Auf dem See, ja dort hat diese Stille geherrscht, aber das war hinlänglich weit im offenen Land. – Hier war sie ihm unverständlich. Die Gedanken, die sich unablässig in seinem Hirn abhaspelten, gerieten in ruhigere Bahnen und starben nacheinander milde dahin. So war ihm der Kopf leicht benommen. – Er schritt dem Sopha zu und wollte sich hinlegen, als er auf einmal ein Geräusch hörte. Es klang, als sei es tief unter ihm im Keller. Es war eine tiefe Stimme und eine helle. Der Professor mit Verbena, wer anders 105 konnte das sein. Er lauschte angestrengt, konnte aber nur den Klang der Stimmen unterscheiden. So hatte der Alte ihm also etwas vorgeflunkert, als er sein Mittagsschläfchen aufs Tapet brachte. Rupert hatte plötzlich das Gefühl, als gehe das Gespräch ihn selber an. Es war ihm unmöglich, ruhig liegen zu bleiben. Er fühlte sich, wenn es um Verbena ging, jedem Verbrechen, selbst dem des unbefugten Lauschens, gewachsen . . . So leise er nur konnte, schlich er in den Vorplatz. Die Fliesen verrieten ihn nicht; auf der Treppe mußte er unendlich vorsichtig sein, denn die alten Eichenbretter begannen unbarmherzig zu knirschen. Stufe nach Stufe stieg er hinab und erkannte, Atem holend, als er unten war, daß das Gespräch im Studierzimmer des Professors stattfand. – Da er überzeugt war, daß in diesem Hause alles hellhörig sei, so hatte er sich mit einem Vorwand gewappnet, falls man sein Heruntersteigen vernommen habe. – Merkwürdigerweise nahm das Gespräch ohne Pause seinen Fortgang und er stellte sich an die Tür und lauschte. 106 Zehntes Kapitel Der Alte schien gerade einen längeren Satz zu beenden, denn an Ruperts Ohr dröhnten noch die Worte: – ». . . und davon kann natürlich unter keinen Umständen die Rede sein!!« »Du bist ein Egoist, Ole.« Man hörte den schweren Schritt des Alten in erregtem Rhythmus das Zimmer durchqueren. Rupert dachte einen Herzschlag lang, er komme auf die Tür zu, und mit einem schnellen Sprung brachte er sich auf dem Treppenabsatz in Sicherheit. Die erste Stufe quietschte auf, in die plötzlich einfallende Stille hinein. Er hielt schon alles für verloren, doch da nichts weiter geschah, stahl er sich wieder heran. 107 »So,« machte auf einmal die Stimme des Alten. »Ich bin also ein Egoist. So sehen Egoisten aus. Mein Lebenswerk ist ja ausschließlich für mich, wie? All diese Summe von Arbeit dort, an der haben wohl nur ich und ein paar belanglose Käuze unser Privatgefallen? – Oh, Verbena, wie bist Du blind.« »Ja, dann komm doch einmal damit zum Vorschein und breite es der Masse hin. Soll ich denn nie erleben, daß Dein Name auf allen Gassen erklingt? Daß das große Menschenwürdige wieder einzieht in das Dasein dieser unsauberen Vielzuvielen da draußen?« Der Professor gab ein kleines meckerndes Gelächter von sich. – »Du bist kaum zur Welt gekommen, Du gutes Kind, und fürchtest, etwas ›nicht mehr zu erleben‹. Beruhige Dich, Du wirst es erleben.« »Wann aber, wann!!« rief sie klagend. »Wenn ich verbraucht bin.« »Du verbraucht? Habe ich mich verbraucht? Ist nicht die doppelte Zeitspanne Deines Lebens mir wie gestern? Ich bin jetzt siebzig, aber sieht man mir das an? Wo habe ich ein graues Haar? Wie kannst Du in all Deiner aufkeimenden Lebenskraft eine solche Närrin sein, das Wort ›verbraucht‹ in den Mund zu nehmen? Was weißt Du von ›verbraucht‹? Was weiß Er davon?« »Nein . . . Er . . . Du hast Recht.« »Kann Er's abwarten?« schnaubte der Professor. »Er kann es.« »Kannst Du es also abwarten? Und wenn Er nicht älter wird, wirst Du deshalb älter?« »Nein.« – Eine Pause entstand. – Dieses Frage- und Antwortspiel peinigte Rupert als ein Ausdruck des großen 108 brennenden Rätsels, das er überall in diesem Hause spürte. – Auf einmal hob sich Verbenas Stimme wiederum. Sie klang wie ein wundervoller Strich auf einer Cellosaite, der bis zum Ende des Satzes sanft auf- und abschwellend durchgehalten ward. – »Aber der Neue, Ole, der kann es nicht abwarten. Sieh einmal, der Arme ist ja doch mit all dem Schmutz von draußen aufgewachsen. Er verbraucht sich mit jedem Blick, jeder Bewegung, jedem Gedanken und wer weiß, wie lange das Öllämpchen noch flackert. Es brennt rasch, verlischt einmal vor all zu vielem Ruß und darin bist Du ein ganz gewaltiger Egoist, daß Du mit diesem Lämpchen nicht haushälterisch umgehst, sondern es für Deine ideenschwangeren Nächte verbrauchen willst. Du saugst es nur aus, Ole. Du läßt Dir von diesem dort Deine Werkstatt beleuchten, so lang es eben geht, und dadurch bleibst Du jung. Ich bin hinter Deine Schliche gekommen. Du nimmst Dir die Menschen her, wie jemand, der sich Lampen vom Sims herunterlangt und solang sie lustig prasseln und brennen, behagt es Dir. Du sparst dadurch an Deinem Räubergehirn. Du mußt nicht immer nur nehmen und nehmen. Du hast allzuviel errafft und blühst dabei rosig in ungebrochener Kraft. Aber unser neuer Gast ist mir zu gut dafür. Gib ihn mir wenigstens zur Hälfte.« Es schien dem lauschenden Rupert, als wandle hinter dem Schlüsselloch ein Schimmer von Grün vorüber. War das jenes Grün, das, nach den Worten des sterbenden Vaters, dereinst aus einer Türritze schimmern sollte? – Oder war es nur der Widerschein ihres Kleides? Ihre Rede war kaum beendet, als der Alte ein abgrundtiefes Ächzen ausstieß. Es war jedoch nicht das Ächzen eines Sisyphus, der eine gewaltige Arbeit am Ende seinen Händen wieder unaufhaltsam 109 entgleiten fühlt, sondern das eines Atlas', der allzuviel auf seine Schultern genommen und nun diese Last ins richtige Gleichgewicht zu schütteln sich müht. »Von allen Ansprüchen, die auf mich einstürmen,« erfolgte hierauf seine heisere Stimme, »ist der heutige mir ein besonders schmerzlicher. Woher hast Du diese Ausdrücke und Worte, mein Kind. Du rückst auf mich los, verbissen in trotziger Weiblichkeit, und machst mir meine Lebensbedürfnisse streitig. Habe ich Dir je etwas vorenthalten? Was gehen Dich die Männer an, die Du mir bringst? Und Du unterliegst einer riesigen Täuschung.« »Unmöglich,« schrie sie auf, »diesmal täusche ich mich nicht.« »Ja, einer ganz unverantwortlichen Selbsttäuschung unterliegst Du hilflos. Das tust Du; das tust Du. – Setze Dich.« – Man hörte das Knirschen eines Sessels. – »Bleibe ruhig sitzen und blicke mir ins Auge. – So. – Schärfer. – – Sprich, hast Du Dich getäuscht?« – Der Sessel knirschte zwei-, dreimal; – dann kam die geschwächte Stimme Verbenas wie ein Hauch: »Ja, Ole.« »Gut, stehe auf.« – Man hörte ein leises Rascheln. Eine Minute verrann, dann sagte er: – »Du bist nun ganz wach, wie?« Die erstaunte Antwort kam, wie aus weiter Ferne: »Ich war nie wacher als jetzt.« »Also, wir sprachen davon, daß Du Dir einbildest, Du könntest mir in dieses Werk pfuschen.« »Bist Du verrückt?« »Wir sprachen davon, daß Du diesen Rupert Dux für Dich beanspruchst?« »Ich? Diesen harmlosen jungen Menschen? Oh nein, Ole, 110 nie und nimmer, er ist mir nicht gesund genug. Weder sein Geist, noch sein Körper sind mir gesund genug.« »Das wollte ich hören,« erwiderte der Alte mit einer gewissen satten Befriedigung in der Stimme. »Aber Ole, habe ich denn jemals etwas anderes gesagt?« »Nein, nein, aber Du machtest Ausflüchte. Vermutlich schämst Du Dich. Ist das so?« »Vor wem denn? Vor mir selber?« – Ihre Stimme klang ratlos und hoch wie die eines Kindes. »Auch. Aber in der Hauptsache vor Unserm Freund.« »Vor Unserem Freund« wiederholte sie monoton. »Du wirst hinübergehen und Ihn um Rat fragen. – Er wird Dir sagen: ›Ich bin rein, Du bist rein, und dies ist unsere grüne Zweisamkeit‹.« – Ihr Atem schien heftig zu gehen. – »Was wird Er Dir sagen?« wiederholte der Alte scharf, fast drohend. »Ich bin rein . . .« wiederholte sie stockend, mit einer Betonung, wie wenn ein verschlafener Vogel zirpt, »Du bist rein, und dies ist . . .« »Nun?« ». . . unsere grüne Zweisamkeit.« – Eine Stille folgte. – Dies seltsame Gespräch, das Rupert Wort für Wort in sich sog, erschütterte ihn wie Fremdes, gewaltsam Überrumpelndes, und zugleich magisch Spannendes. – Er konnte sich von nichts, was er hörte, einen klaren Begriff machen, doch das begriff er, hier ging etwas Unerhörtes vor . . . Ein Geheimnis blühte in diesem Hause, das er um jeden Preis enträtseln mußte. – Er fühlte sich als Eindringling in diese Sphäre, die ihm mit vielen Masken entgegenstarrte. Dies ganze Haus war wie eine Kulisse; – dieser vom Lärm verschonte Fleck mitten ins tobende Leben hineingestreut, wie 111 der Zirkel eines Adepten; – dieses Treibhaus da hinten im Garten, das er entdeckt, und dieses seltsame wie in Runen verklingende Gespräch! Irgend etwas geschah hier mit dem Mädchen, ob es zu ihrem Heil war oder zu ihrem Schaden, war ihm noch völlig unklar. Offenbar war er selbst das Objekt, das, in den Strudel zweier Interessen geraten, hin und her geschleudert ward von zweien sich entgegenstehenden Kräften. Wiederum war der Begriff »Unser Freund« aufgetaucht und hatte ihn tief verwirrt. – Wer war dieser rätselhafte Dritte? Wer war diese Macht, an die sie beide appellierten, die sein Widersacher war, die ihm entgegenarbeitete, die das Mädchen nicht zur völligen Hingabe ihrer Seele an ihn gelangen ließ? – Hier war der Kern der ganzen dunklen Angelegenheit, er mußte ihn herausschälen oder darüber zu Grunde gehen, denn er begriff, hier war nicht nur Verbena für ihn im Spiel, sondern auch er selbst. Nur durch die Bekanntschaft des Dritten gewappnet, konnte er es wagen, dem Alten wirksam entgegenzutreten. Drinnen war eine derartig lange Pause eingetreten, daß es für ihn gewagt erschien, noch länger vor der Tür zu stehen. Eilig schlüpfte er zurück, nun hinauf über die Treppe, und schloß leise die Tür seines Zimmers. Unmöglich war es ihm, sich wieder hinzulegen. Ein Tumult von Gedanken durchtobte ihn. Er ging ans Fenster und fuhr fast zurück. – Unten ging Verbena quer durch den Garten. Scheu ging er an den Vorhang und spähte durch den Spalt. Ihm war, als könne sie jeden Augenblick das Haupt wenden und ihn da stehen sehen. Es war auf einmal wieder diese unerklärliche Angst vor der Hellsichtigkeit dieses Geschöpfes, die ihn damals aus der Entfernung durch ihren bloßen Wunsch 112 aus dem Schlaf zu rütteln vermocht. Blickte sie plötzlich auf mit dem Zurückwerfen ihrer braungoldenen Haare, so würde sie ihn im Vorhangspalt stehen sehen, bleich, fassungslos und in all seinen Begierden nackt vor ihrem ruhig prüfenden Blick. Das durfte nicht sein. Trotzdem hielt er aus, wankte nicht vom Fenster. Sie war an das Treibhaus gelangt, beugte sich etwas und erschloß eine niedrige Tür aus rostigem Eisenblech. Sie mußte sich ziemlich tief bücken, um hindurch zu gelangen. Diese Tür öffnete sich wie ein kleiner Schlund, der die hohe Gestalt verschlang, und schloß sich wieder. – Die Füllung war so in die Mauer eingefügt, daß man sie auf den ersten Blick übersah. Mit einemmal wußte Rupert, daß dort hinten das Hauptgeschehnis, der Hintergrund und Kern des seltsamen Gespräches begraben liege. – Dies genügte ihm. Er ging auf das Sopha zurück und streckte sich aus. Er mußte sich dabei beeilen, denn er hörte den schweren stampfenden Schritt des Professors im selben Augenblick auf der Treppe. Der Schritt näherte sich wie das Schicksal und die Tür wurde aufgerissen. Der mächtige schwarze Gehrock füllte sie fast ganz aus. »Gut geschlafen, junger Freund?« kam es murmelnd aus dem tiefen Brustkasten, mit einer, wie ihm schien, etwas erzwungenen Vergnügtheit. Die hellen Bärenaugen musterten ihn verschmitzt und fast etwas bedenklich. – »Ja, es geht doch nichts über ein Mittagsschläfchen. Nach Tisch die Glieder schlaff und dem Magen Ruhe gönnen, das ist das Wahre. Das ist auch,« und die Pranke fuhr dröhnend auf den Brustkasten mit bekräftigendem Schlag, »das Geheimnis meiner unverwüstlichen Gesundheit. – Unverwüstlichen Gesundheit!« wiederholte er mit breitem Grinsen, als koste 113 er das Wort aus. »Nun ist ja der Nachmittag zur Hälfte vorüber. Demnächst, wenn Sie nichts dagegen haben und Sie bleiben noch länger hier, werde ich Sie wieder zu mir bitten. Die Hauptsache war mir heute die Bekanntschaft. – Sind Sie stets erreichbar?« Rupert fühlte ein Bedürfnis, dieser kolossalen Sicherheit gegenüber ein wenig einzulenken und nicht so zu erscheinen, als sei er auf den ersten Griff zu haben. – »Ich denke wohl,« und er sah dabei dem Alten auf den dritten Westenknopf, »daß ich mich für Sie, Herr Örvandill, stets freimachen kann, wenn es nötig ist.« Der Professor fing diese Phrase auf und behandelte sie, als sei sie ein Zelluloidball, den er zwischen seinen beiden Pranken hin und her zu werfen schien. – »Frei machen,« wiederholte er. »Ja –« sprach er mit pastoralem Ton . . . »freimachen, das müssen Sie sich. Frei zu sein ist die Hauptsache. Anders kommen wir nicht zusammen.« Er geleitete Rupert hinunter. Unten im Vorplatz stand, als sei sie, sein Fortgehen ahnend, blitzschnell zurückgekehrt, Verbena und bot ihm den Abschied. Ihre Hand war dabei seltsam kühl und schlaff, und ihre Augen schienen durch ihn hindurchzublicken, als sei er Glas. Ihr Benehmen war ihm völlig unverständlich. 114 Elftes Kapitel Die nächsten Tage verliefen ihm unter Grübeleien, die ihm kein Resultat bringen wollten. – Er hatte dem Professor seine Telephonnummer im Zentrum gegeben. – Ihm war, als müsse er sich auf das Folgende irgendwie vorbereiten, als gehe es zu einem rituellen Fest. Das Beste zur Sammlung erschien ihm seine eigene Wohnung. Stieß er doch hier überall auf lebendige Erinnerungen an seinen Vater und ihm war, als ob ihn dessen Geist umschwebe. – Im Traum war ihm einmal, als öffne sich eine Tür; sein Vater erscheine im Spalt vor einem Hintergrund von funkelndem Grün und nicke ihm hochbefriedigt zu, wobei er eine 115 halbheranwinkende, und sodann gütig anheimstellende Bewegung mache. Es war sonderbar, daß Rupert, der seinen Vater nur im nüchternsten Alltagskleid gesehen, von jenem phantastischen Aufputz eine so lebendige Vorstellung bewahrt hatte, daß er ihn nun im Traum stets vogelbunt sah, meistens laubfarbig und sehr festlich. Auch hatte der Alte gar nichts Verfallenes mehr in dieser Maske des Traumes, sondern bewegte sich schier rebellisch jung vor einem Hintergrund, in dem strotzendes Leben sich regte. Rupert erwachte von diesem Traum seltsam gekräftigt. All' dies schien ihm wie Vorbereitung auf die große Aussprache, die der Professor ihm verheißen. Nach etwa vier Tagen rührte sich das Telephon. Diesmal sah er die Silhouette dieses ungeschlachten Kopfes. Zuweilen, wenn er sich seitwärts drehte, sprang die Nase mächtig und gezackt hervor. »Kommen Sie und bringen Sie für ein paar Wochen Ihre Sachen mit,« sprach der Professor; und es war wie orgelndes Windsausen in Telegraphenstangen, das aus dem Mahagonibehälter kam. Mit der schnellsten Verbindung gelangte Rupert hinaus und als er diesmal den fliesenbelegten Gang dem kleinen Portikus zu entlangschritt, war ihm, als gelange er in die eigenste Heimat seines Selbst. Es war nicht Verbena allein, auf deren Anblick er sich freute, es war irgendwie ihre Atmosphäre, die ihn wieder in den Bann zog, und er überließ sich mit Bewußtsein dieser Gedankenverführung wenn er dabei auch in sein Verderben rennen sollte. Sie war nicht sichtbar, als er im Hause eintraf. Seinen Koffer gebot ihm der Professor in das ihm schon bekannte Zimmer oben hinaufzutragen, dann solle er herunterkommen. 116 – Er tat es und war nun im Studierzimmer mit dem Gelehrten allein, der in jenem aus Büchern gebauten Verließ hockte und ihn, wie er alsbald spürte, durch die Ritzen scharf betrachtete. – Noch nie hatte Rupert so das Gefühl gehabt, daß er sich in den Zwinger eines Löwen begebe, wie diesmal. Der Professor war für ihn unsichtbar. Er hockte versteckt wie ein orakelnder Priester, den man nicht aufstöbern noch aus dem Konzept bringen durfte. – Das Rüchlein einer verbrannten Pflanze, penetrant, süß beklemmend und ihm unbekannt, schwängerte den Raum. Es war ein Aroma, das den Geist zugleich beruhigte und schärfte, wie er bald genug merkte. »Alles Heil, junger Mann,« traf ihn die Stimme. »In der Ecke neben der Tür liegt ein Mantel, den ich Sie umzulegen bitte; es ist die Tracht unserer Gemeinde.« Rupert sah einen dunkelgrünen Mantel von der Form eines Beduinen-Burnusses. Er war aus Seide und mit Pflanzenornamenten bestickt. Er zog ihn an, er paßte ihm wie angegossen. Die Ärmel waren bauschig und lang. Ärmel waren es nicht eigentlich, sondern da das Gewand aus einem Stück geschnitten war, kamen die Arme aus Schlitzen hervor und hoben rechts und links zwei Falten in die Höhe, die Flügeln glichen. Obwohl das Ganze verzweifelt nach einer Maskerade aussah, so kam ihm doch keinen Augenblick ein Gedanke, der die Weihe des Momentes hätte stören können. Er trat in die Mitte des Raumes, und gleichzeitig kam auch der Professor aus seinem Verließ heraus. Er trug dasselbe Gewand, das jedoch zum Unterschied von dem seinen golddurchwebte Ränder zeigte und eine dunkle Smaragdschließe von ungewöhnlicher Schönheit. Sehr eigentümlich sah dieser Mann in dieser Tracht aus. – Er glich einem alten 117 Barden. Er war wie aus einem nordischen Mythus herausgestellt und in irgendeine östliche Beleuchtung gerückt durch diese kostbare Bekleidung. – An den Füßen trug er hellgelbe lederne Sandalen. Er legte Rupert seine beiden Hände auf die Schultern und blickte ihn durchdringend an. Rupert fühlte sich zunächst von diesem Blicke nicht getroffen und erwiderte ihn mit freimütiger Gemächlichkeit, doch allmählich schien das große rötliche Gesicht da vor ihm zu verschwimmen und das Bild einer Landschaft zeigte sich auf der Tafel seines Hirns. – Eine unendliche wohlige Schlaffheit überrieselte seinen Körper. Wie er auf einen Stuhl geriet, wußte er nicht. – Der Professor half ihm, sich setzen. – Es war eine seltsame Landschaft. Sie zeigte die sprunghaftesten und bizarrsten Formen. Es war mächtig-primitives Leben darin, wie auf schwimmender Insel in tropischem Sumpf, der ganze Horizonte füllte. – Irgendwo, das dünkte ihm, bewegten sich steile Reptil-Häupter wie in Bewegung geratene fleischige Stengel von unerhörtem Ausmaß. Sie hatten etwas Lüsternes, teils einzeln, teils zu Gruppen verschlungen. – Der Professor legte ihm die mächtigen großen Handflächen, die sein Gesicht fast bedeckten, über die Augen, und er spürte den Geruch von Humus. Die Handflächen wurden weggezogen wie ein Vorhang. – Da sah er wieder das alte Bild der Stube und den Mann, der einige Schritte von ihm entfernt am Schreibtisch Platz genommen hatte und ihn mit einem langsamen Grinsen betrachtete. »Na, junger Freund,« sprach Örvandill, »wir haben da gerade einen kleinen Ausflug gemacht, wie?« »Wohin war das, um Gottes willen; wohin?« »Nun, das war nur eine kleine Gedankenprojektion aus der Frühzeit der Welt. Sehen Sie, ich habe eine lebhafte 118 Phantasie, und habe Ihnen ein Bildchen vermittelt. Doch lassen wir das beiseite; derartige Spaziergänge können wir uns später öfter leisten. – Nun hören Sie mir zu, ich will Ihnen eines sagen. Wenn es überhaupt Sinn haben soll, daß wir uns kennen gelernt, so ist dies in bezug auf die Zeitperiode, die die Menschheit augenblicklich durchmacht. Unsre Zeit ist nicht schön, das geben Sie mir zu, wie? – Ich glaube, es ist noch nie, seitdem die Menschheit diese Erde bevölkert, in allen Wellen und Phasen ihrer Entwicklung, ihrer Vertierungen und Vervollkommnungen eine ähnliche Abwärtskurve dagewesen, wie heute. – Wir können uns ausmalen, daß große Kulturen erklettert und wieder zu Staub wurden. Dies ewige Gemengsel, dies Hinüberfluten des Barbarischen in das Kultivierte, ist kaum durchschaubar mehr. Ich lobe mir das Barbarische, es ist mir das Ferment; eigentliches Menschentum ist barbarisch. Und so haben die Germanen eine Zeit gehabt, wo sie als Ferment dienten; diese ganzen Hunderte von Jahren hindurch; wo die anderen sie ausgeplündert, ausgesogen haben. Soll man von den spanischen Fledermäusen reden, die sich an der Gurgel des blonden Recken verbissen? Hat sich nicht ein Popanz auf ihren Leibern gütlich getan und einen Troß romanischer Blutsauger auf sie losgelassen? – Mein Gott ja, die guten Germanen sind angezapft worden. Mark haben sie hergeben müssen und immer wieder neues Mark. Sie sind ein bißchen schwerfällig geblieben, aber sie haben sich stets regeneriert und sich heute zu einem Zehntel wohl noch rein erhalten. – Sehen Sie, da oben auf der Landkarte, wo dieses spitze Zulaufen der Länder nach dem Nordpol herrscht, wo diese gotischen Länder sind mit ihren Kirchtürmen von Tannen, da sitzt noch das blonde Überbleibsel, das 119 Unverfälschte. Aber hier, auf dem Kontinent, ist alles verseucht. Hier herrscht nun das Resultat konturenloser Blutmischung, aus Osten, Süden und Westen. Hier herrscht nun das vergorene Ferment, und es ist nicht mehr genießbar. Alle Landesgrenzen stehen offen, und bis sich dies Durcheinander läutern kann, bedarf es noch unendlicher geistiger Durchschüttelung. Die Deutschen waren immer voran in der Spekulation, nun sind sie mir, den Teufel auch, um einen Sprung zu weit gediehen. Dies hemmungslose Durcheinanderzüchten hat sie gänzlich ausgeleert. – Wo gibt es noch einen Menschen, der rein an Rasse wäre? Sehr viel lobenswerte Eigenschaften mögen da durcheinander spielen, aber sehen Sie einmal, wo ist da noch eine runde Persönlichkeit, voll von dem aggressiven Humor jener Blondheit, jener durchaus naiven Unbeholfenheit, wie sie unsere Größten in besten Stunden zur Schau zu tragen vermochten? Es gibt keine Großen mehr. Es gibt nicht einmal mehr relative Größen. Wir haben es mit unserer Spekulation so weit gebracht, daß wir die Amerikaner an Amerikanismus nunmehr überflügeln und eine schauderhafte Gleichförmigkeit in dieser vielrassigen und darum rasselosen Physiognomie erzeugten. Wir sind die Ersten jetzt auf dieser Welt. Zweifellos; denn also sprechen unsre Häuptlinge in Berlin. Die Ersten! Ich bitte Sie! Und worin sind wir die Ersten? In einer Leere, Kälte, Verschmitztheit, verstandesmäßigen Knebelung niedurchschauter »Naturgesetze«; in einer derart tödlichen und verwüstenden Mechanisierung des Menschendaseins, daß sie tiefstehender unvorstellbar ist.« Rupert atmete tief auf. Dieser Mann schlug mit jedem Wort einen goldenen Nagel ein. –»Schön ist diese Zeit,« fuhr der 120 Professor fort, »weiß Gott. Setzen Sie mir irgendeinen aus dem unendlichen Geschmeiß hierher, und er wird mich ermorden wollen. Diese Leute, unter denen Sie aufgewachsen sind, hätscheln und pflegen ja diesen Zeitgeist. Eigentlich eine falsche Benennung ›Zeitgeist‹; denn es ist nicht einmal Geist zu spüren. Es sind Gewohnheiten, schändlicher und nüchternster Natur, denen sich ein heutiges Lebewesen verschrieben hat. Geben Sie mir das zu?« Ruperts Augen blitzten begeistert. – »Nun, so sind Sie mein Mann,« sprach der Professor und stand auf. Er ging von nun ab langsam in der Stube umher in seinem wallenden Burnus und schleuderte die Worte kurz und bellend hervor. – »Ich bin noch einer von dort oben, ich stamme aus norwegischem Bauernstamm und wir haben es im Blute bewahrt, zwischen einigen Sturzbächen, kahlen Klüften und schwarzen Tannen. Wir haben das Gebot im Blute weiter gepflegt und ich habe mich als einen Propheten gefühlt, seit ich denken kann. Ich bin der erste aus meiner Sippe, der in den Pestherd des jetzigen Europa hinunterverschlagen wurde. Als Knabe schon, sage ich Ihnen, spürte ich das. Ich war von jeher ein Mensch und werde immer mehr zum Menschen. Und ich habe die Empfindung, daß ich nicht allein stehe. Schon von früh auf suchte ich Gesinnungsgenossen. Bis zu meinem vierzigsten Lebensjahr sammelte ich Menschen, wie ein anderer kostbare Steine. Menschen sind aber ein so rarer Artikel, daß ich mir jahrelang keines Fortschrittes bewußt war. Sie strömten mir nicht in hellen Haufen zu. Ich mußte sie aufstöbern und dann erst aufwecken. Bei manchen verrannte ich mich, da ich um jeden Preis Erfolg haben wollte, und kam nicht weiter; es war mir dann, als 121 ob mir ein Glied abgehackt würde. – Bei anderen wieder entdeckte ich jene sprunghafte Bereitschaft des Unterbewußtseins. Sie haben mich nicht vergessen; sie haben sich mir anvertraut. Ich bin ihr Führer geworden. Langsam geht diese Sache, langsam. Aber mein Leben hat noch nicht einmal seinen Höhepunkt erreicht, trotz meiner siebzig. Ich befinde mich noch immer in aufsteigender Linie. Ich habe mit diesen Leuten korrespondiert, sie haben mich hier besucht. Ich stehe mit ihnen in Verbindung und es ist mir ein Leichtes, sie zu zitieren, wann ich will. Bevor ich Sie fand, waren es achtundneunzig. Sie erinnern sich, daß Ihr Vater Ihnen erzählte, daß ich zu ihm gekommen sei und gesagt habe, ich will das Hundert vollmachen in dreißig Jahren. Bei Ihrem Vater war es mir wie eine Krankheit, daß ich ihn verstockt fand. Ich konnte damals gegen den vertrackten Geist seines rationalen Denkens nichts ausrichten und holte mir blutige Schrammen. Aber der Funke hat in ihm weitergeglommen und seine Seele war Zunder, der langsam brannte, aber allmählich in Glut geriet wie ein schleichender Brand im Torfmoor. Er ist darüber gestorben, ohne daß eine helle Flamme daraus schlagen durfte; er erstickte im beizenden Rauch seiner verkohlenden Entsagungen. – Sehen Sie, wenn Ihr Vater damals reif gewesen wäre, so wäre er damals schon der Neunundneunzigste geworden. Aber er wurde erst reif, als es zu spät war. Eine Stunde vor seinem Tode gehörte er uns. Er konnte nicht mehr aufgenommen werden, es war zu spät. So war es ganz natürlich, daß Sie nach der Erbschaft, die er Ihnen ließ, die Stelle einnahmen. Sie sind nun selbst dieser Neunundneunzigste geworden. Und wenn wir zusammen noch einen Einzigen 122 finden, dann haben wir das volle Hundert, dann können wir hervortreten. Schon Ihr Vater wäre reif für uns gewesen, denn im letzten Augenblick bewies er die Gabe . Wissen Sie, wie das vor sich ging? Ein schußähnliches Geräusch geschah in der Vorhalle, und ein Riß an der Klingelschnur. Ich ging hinaus und machte auf. Da sah ich den alten Dux draußen stehen. Er blickte mich mit den Augen an, die auch Sie jetzt haben, und machte eine Bewegung, als wolle er mich über etwas verständigen. – Er trug ein frisch gebrochenes Pflanzenblatt in der Hand, und die stets streng verschloss'ne Tür des Treibhauses stand offen.« »Wann war das?« fragte Rupert zitternd. »Etwa am ersten November.« »Am ersten November!!« »Ja; an diesem Tage,« bestätigte der Professor. – Rupert schlug die Hände vors Gesicht. »Es stimmt.« »Aber,« fuhr der Professor in ablenkendem Tone fort, »ich habe Ihnen da etwas erzählt, was bei den Mitgliedern unserer Gemeinde gar nichts Verblüffendes, ja eigentlich etwas Selbstverständliches ist. Je bewußter wir uns der Natur nähern, desto klarer werden auch die materiellen Wirkungen unsrer Wünsche. Das ist keine Zauberei, mein lieber, junger Freund, sondern einfach Gestaltungsvermögen, das wir gemeinschaftlich in uns geweckt haben. Wer gibt dem Zugvogel die Richtung? – Wer weiß um die Biene Bescheid? Wer um die Traumvision des Jagdhundes? – Glauben Sie, der menschlichen Natur ist das fremd? »Nein,« wiederholte er mit dem vollsten Orgelton tiefster Überzeugung. »Das ist das Fundament unserer Natur. Es ist nur verbaut worden und verkleistert und zerstört. Reißt 123 man aber das ganze Gebäude, das jahrhundertalte ›Verstandesgebäude‹ nieder, so kommt dies leuchtende Formungsvermögen wieder zum Vorschein. Denken Sie nicht,« sprach er ungeheuer bedeutsam, »daß ich fasele. Nicht bloß die achtundneunzig Leute wären mir Beweis. Nein, ich habe ein Experiment gemacht an einem einzigen Menschen. Ich habe diesen Menschen so von Grund auf studiert, beobachtet und in der richtigen Atmosphäre gezüchtet, daß mir keine Zweifel bleiben an dieser Urkraft, die in uns steckt und die außer uns wenigen Leuten alle so jämmerlich verloren haben.« »Es muß dies,« rief Rupert aus, »ein ganz außergewöhnlicher, wunderbarer Mensch geworden sein. – Wer ist es? – Wo kann man ihn treffen?« »Es ist ein Mädchen,« – sagte der Professor still. – »Es ist Verbena.« »Das habe ich in allen Fibern gespürt,« bestätigte Rupert fliegenden Atems. – »Das erstemal, da sie ich sah, spürte ich das.« »Nichts Verwunderliches,« sprach der Professor fast geschäftsmäßig und unwirsch. »Ich wollte Ihnen nur ein Beispiel nennen; weiter nichts.« Es war seltsam zu sehen, daß ihn ein Schatten von Unmut sekundenlang entstellte. »Sie haben reichste Auswahl an Leuten, an die Sie sich halten können. An dem Weibchen lassen Sie mir mein Privatvergnügen.« Rupert starrte ihn verständnislos an. »Das Weibchen,« sagte der Professor noch schärfer, »ist eine Sache für sich. Natürlich verstehen einander alle Sekten-Mitglieder. Ich verstehe ja, daß Sie sich mit Feuereifer auf das Nächsterreichbare stürzen; aber es wird nicht lange dauern, 124 dann werden Ihnen solche Beweise in reicher Auswahl zur Verfügung stehen und der eine wird den andern verdunkeln oder aufheben in der Wirkung. So etwas wie Verbena gibt es noch da und dort, und ich will, da ich Sie hier mit in unseren Bund aufgenommen habe, auch nicht mit Möglichkeiten geizen; aber es bedarf einer langen Schulung.« Rupert biß sich auf die Lippen und schwieg. Es hieß vorsichtig sein. Man durfte den alten Löwen nicht reizen oder kopfscheu machen, er hatte noch zu viele Trümpfe. Eine Weile herrschte Schweigen zwischen beiden. Dann sagte der Professor rasch wie etwas auswendig Gelerntes, tausendmal Erprobtes, das sich ihm als unumstößliche Wahrheit eingeprägt; sagte es wie einen Katechismusvers, den ein dumpfes Gehirn bereits mechanisch wiederholt als eingestempelte Formel: – »Wir haben auch eine Bibel, mein Lieber. Diese Bibel brauchte nicht mit Worten abgefaßt zu werden. Sie besteht aus einem einzigen Wort und es heißt ›Pflanze‹. Daraus können Sie alles ableiten. Die Pflanze ist das absolut harmonisch Unbewußte, das Triebhafte, das Selbstverständliche. – Sie erfüllt einen Kreislauf, der unausdenkbar rund verläuft. – Sie nährt und vermehrt sich nach leicht überschaubaren Gesetzen. – Sie will nichts, als sich selbst; sie ist das hemmungsloseste Ego, das sich gleichzeitig hemmungslos vergeudet. Sie erzeugt nur Wesen, die vollkommen sind wie sie selbst. – So ist der Baum das Gesetz an sich. Wir müssen werden wie Bäume, mein Lieber, dann sind wir vollkommen. Deshalb ist auch Grün unsere Farbe, weil wir das Pflanzenhafte zum Gesetz nehmen. Und wenn wir in unsere Eigenschaften und Bedürfnisse diese vollkommene Harmonie bringen, so sind auch wir vollkommen. Höher organisiert, wie wir sind, entfalten wir dann Kräfte, die ungleich 125 intensiver sind als irgend etwas Mechanisches, oder durch Erfahrung mühsam Errungenes.« »Ich sah,« murmelte Rupert in eine schwangere Pause hinein, »ein Treibhaus in Ihrem Garten.« Örvandill blickte rasch auf. Seine Brauen traten zusammen. Seine Augen wurden wieder kalt und berechnend und zögernd sagte er: – »Nach dem, was ich Ihnen sagte, kann es Sie weiter nicht wundernehmen, daß mir die Zucht von Pflanzen Freude macht. Es ist eine Marotte, es wäre eigentlich nicht nötig. Dieses Treibhaus, mein lieber Freund, hat weiter nichts Interessantes. Daß der alte Dux, Ihr Vater, einen kleinen Diebstahl dort verübte, – (Sie wissen schon bei welcher Gelegenheit) – war nichts aus dem Rahmen Fallendes. Es war lediglich sein Bedürfnis, einen Beweis in der Hand zu haben. Und den,« – hier lächelte er ungeheuer listig – »hatte er ja auch in Händen: für mich, und für Sie.« Es schoß Rupert mit einemmal der quälende Gedanke durch den Kopf: ›Aber hier vermengt sich ja alles! – Neben abgründigen Wahrheiten werden hier Unmöglichkeiten aufgeworfen; Dinge, die sich in die gewohnte Logik meiner Gedanken kaum einfügen wollen; aber an die ich doch glauben muß, um glücklich zu sein!!‹ – Es war ein Gemisch in ihm von tiefer Freude und der Empfindung, daß ihm immer wieder diese logischen Gedanken wie kleine Dämonen kalten Wind der Wirklichkeit ins Genick blasen wollten. – »Helfen Sie mir,« rief er plötzlich außer sich, – »helfen Sie mir; es ist zu viel auf einmal, mein Kopf zerspringt.« Der Professor beobachtete ihn eine Weile mit seinem erhaben listigen Ausdruck, als weide er sich an der mystischen Qual, in die er den armen Rupert gestürzt; dann aber stand er mit einem tiefen Atemzug von seinem Stuhle auf und trat auf 126 ihn zu. – Er legte ihm wieder seine großen Handflächen auf Stirn und Augen und mit einemmal kam jene süße, wohlige Erschlaffung wieder in Ruperts Nerven. Sein ganzer Körper versank in dem lauen Bad besinnungslosen Glaubens. – Wieder dämmerte ihm, aber diesmal nur ganz flüchtig, jene geisterhafte Landschaft vor dem inneren Blick auf, jener von schachtelhalmgefiederten Bäumen starrende Horizont verschollener Fruchtbarkeit. Örvandill hob die Hand und strich ihm an der Brust entlang. Nun war er wieder munter und wach, ohne auch die leiseste Spur eines Zweifels mehr zu spüren. Fast betroffen blickte er auf. »Sagen Sie mir jetzt,« sprach Örvandill und ließ die Augen nicht von den seinen, »wo lebten Sie, bevor Sie zu mir kamen?« Rupert wühlte in seinem Gedächtnis. – Tausend Formen drängten sich darin. Ganz verschwommen bewegten sich Maschinen, Menschenmassen. Aber das Bild zog vorüber wie auf einer undeutlich beleuchteten Leinwandfläche und verlosch. – »Wo lebten Sie?« fragte der Professor dringend und ließ die Augen nicht von den seinen. Rupert schüttelte langsam den Kopf. – Mit einemmal kam ihm die Klarheit über die früheren Jahre wieder, doch war dies alles nur sichtbar wie von hoher Warte, so als brächte er ein Opernglas verkehrt ans Auge. So weggeschwommen war das alles, so entfernt, so belanglos, wenngleich auch in der Winzigkeit erkennbar. Ihm war, als sitze er gesichert hinter einer Mauer, vollkommen gesichert in der Wärme, die ein gütiges, machtvolles Herz verstrahle, und als sei draußen nichts als Frost und schmutziger Nebel. Dies alles ging ihn nun nichts mehr an. Er fühlte sich gefeit. »Sind Sie bereit?« fragte der Professor. »So stehen Sie 127 auf.« – Rupert stand auf. – »Ich ernenne Sie,« sprach Örvandill – »zu meinem Freund und Gehilfen. Sie werden mir beim Werke helfen und meine Manuskripte sichten. Ich werde Sie dann und wann zum Schreiben benötigen, denn, obwohl ich viel geschrieben, ist meine Hand doch ungelenk. Sie werden von heute ab einige Zeit bei mir wohnen und Ihr Herz prüfen, ob Sie dieser großen Aufgabe gewachsen sind. Zu gehen wird Ihnen freistehen, aber ich weiß es jetzt schon und prophezeie Ihnen, es wird Ihnen nicht leicht fallen.« 128 Zwölftes Kapitel Das Leben des Professors und Verbenas hatte nichts Erzwungenes an sich, wie Rupert im Laufe der nächsten Tage zu beobachten überreich Gelegenheit fand. – Es war nichts von »Natur-Aposteltum« in ihrem Dasein zu entdecken. – Es geschah wohl, daß der Professor vor dem Frühstück, ungefähr um sechs Uhr morgens, wenn noch die Schatten der stumpfesten Morgendämmerung den Garten verhüllten, ungefähr dreißig Mal in unbekleidetem Zustand eine Kreislinie um den ganzen Garten herum im Laufschritt beschrieb. Es hatte etwas Ansteckendes. Einmal hörte er, daß Ruperts Fenster klirrte und rief ihm zu, er solle doch herunterkommen, auch nackt. – Rupert tat's und trabte hinter dem 129 Siebzigjährigen. Zuerst wurde er ein wenig atemlos dabei, doch das zweite und dritte Mal ging es bereits besser. Auch kam er in Schweiß, so daß ihm die eisige Kälte sofort Bedenken machte, sobald er aufhörte, sich zu bewegen. Er schlüpfte, so rasch er konnte, ins Zimmer zurück und rieb sich mit aller Macht den Körper warm. – In dieser völligen Erhitzung stürzte er sich in seine Kleider und war bereits unten im Studierzimmer, wo der Professor, oder war es Verbena? – bereits eine Tasse starken Kaffees bereitgestellt hatte. – »Reiner Absud aus den Kernen von Sträuchern,« hatte der Professor unwirsch zugegeben. »Sie werden das noch verlernen; aber immerhin, Sie fallen damit auch nicht ganz aus dem Rahmen.« Wenn der Professor sich angezogen hatte, – (er trug schon in der Frühe seinen lächerlichen Gehrock) – so geschah es wohl, daß Rupert ihn vom Fenster des Studierzimmers durch den Garten wandeln sah und im Treibhaus verschwinden. – Hilfe während der Hantierungen bei den Pflanzen hatte er schroff abgelehnt. – »Ich züchte da einige sehr empfindliche Kreuzungen,« hatte er einmal gesagt. »Da pfuscht man mir leicht in wohlgemeinter Weise hinein. Ich lasse Sie ja dies oder jenes einmal sehen.« Rupert hatte mit der Vermutung Recht gehabt, daß der Alte unter anderem Orchideen zog. Auf dem Eßtisch oder im Studierzimmer fanden sich bisweilen Blumen vor, die den Häuptern von Fabeltieren glichen. Hier gähnte ein violetter Gaumen mit schwefelgelber Zunge; dort schnappten winzige bizarre Rachen wie nach Insekten, die es nicht gab. Nur einmal war eine staubige Winterfliege in eine dieser farbenleuchtenden Fallen gestürzt und surrte sich da mit klebrigem Ton zu Tode: – eine deutsche Winterfliege, deren Fatum 130 es war, in den Tropen zu enden. Verbena hatte die Tragödie entdeckt und wurde ganz nachdenklich darüber. Der Professor schrieb einen Aphorismus. Sei dem wie es wolle, es kamen manchmal seltsame Dinge aus diesem Treibhaus hervor. Der Professor hielt sie in den Schoßfalten seines blanken, jedoch stets sauberen Großvaterrockes versteckt, ehe er sie zögernd preisgab. Bisweilen konnte er sich mit einer Lupe oder einem Mikroskop in einer Ecke seiner Studierstube nicht satt daran zupfen und basteln. – »Vor einer Orchidee,« meinte er zwischendurch, »sieht Eure ganze Technik aus wie kindliches Stümperspiel.« »›Eure . . .‹!« echote Rupert verletzt. »Nun gut, die Technik von ›denen da draußen‹. Sind Sie nicht so kitzlig, junger Mann. Dafür ist noch Zeit, wenn Sie einmal ganz zu uns gehören.« – Dies machte die Bemerkung nicht besser, aber es half nichts. Äußerlich betrachtet, wie schon gesagt, war in dem Zusammenleben der beiden weiter nichts Auffälliges zu bemerken, außer, daß es ganz ungewöhnlich still und wortkarg zwischen ihnen herging. Ob das vor Ruperts Eintreffen auch so gewesen sei, konnte er nicht entscheiden. Mit der Zeit jedoch wollte es ihm immer deutlicher so vorkommen, als habe er selbst mit dieser Wortkargheit und dieser oft beklemmenden Stille wider seinen Willen etwas zu tun. Verbena behandelte ihn mit gleichmäßiger Freundlichkeit, die jedoch auf jener etwas sarkastischen Stufe stehengeblieben war, die sie ihm bei ihren ersten Zusammenkünften gezeigt. In den ersten Tagen tröstete sich Rupert, daß das Mädchen, das ihn ständig beobachtete, später ein größeres Zutrauen zu ihm schöpfen und ihn plötzlich mit einer ganz unerwarteten Offenheit beglücken werde. – Er kam besser über dies 131 Warten hinweg, wenn er sich mit Feuereifer in die Manuskripte des Professors vertiefte, die er auf Orthographie und Periodenbau durchzusehen hatte. Merkwürdigerweise schrieb nämlich der Alte bei weitem nicht so flüssig, wie er sprach. Es war, als stürmten die Gedanken seiner knorrigen Hand weit voraus, wenn er den vorsintflutlichen Gänsekiel zwischen den Fingern zückte. Es schien überhaupt ein Wunder, daß es ihm gelang, ein klares Wort hinzumalen, so zerbrechlich machte sich dieser Federkiel in der blondbewachsenen Bauernfaust. Oft war es eine mühsame Entzifferung, die Rupert betreiben mußte, und es ging ihm selber zu langsam. »Haben Sie schon bald vor, die Sachen in Druck zu geben?« fragte er. »Die Zeit kann bald reif sein,« sagte der Alte, »dann kommt eines nach dem andern.« »Erlauben Sie, daß ich eine klare Abschrift davon anfertige?« erbot sich Rupert. »Ich lege es vertrauensvoll in Ihre Hände, aber werfen Sie meine Blätter nicht weg.« »Da sei Gott davor,« meinte Rupert erschrocken. Er hatte immer das Gefühl gehabt, daß es sich um Dinge handle, die von einem späteren Geschlecht als Reliquie gehütet werden würden. Während des Abschreibens und Umstellens der Worte, während orthographischen und stilistischen Feilens verlor er sich immer tiefer in das labyrinthische Dunkel dieser ungeheuer trächtigen Gedankenwelt. – Zwanzig Seiten konnte er pfadlos irren im geil wuchernden Gestrüpp dieser unerhörten Ideen und schier verzweifeln, dann auf einmal glühte etwas auf, wie der magische Knäuel, von dem sich der Ariadne-Faden abspulen ließ. Da ordnete sich auf einmal dieser 132 Urwald, bekam Gesicht, Maß und Straße. Schnurgerade Pfade taten sich auf wie Schneisen im Forst, die zu sonnenfunkelnder Lichtung führten. Der große Gedanke, der alles dies auf den ersten Blick wirre Geschreibsel zu großem Schrifttum umschuf und erhellte, so daß es vor ihm lag wie ein Stück Bekennerliteratur, war immer wieder derselbe. – Er hieß »Rückkehr zur Natur«. – Es war jetzt bereits unsägliche Zeit her, daß ein gewisser Rousseau diesen selben Gedanken in sein Wimpel geschrieben hatte. Aber jener war der Ritter einer Romantik gewesen, die gegen die von Ästhetengeschwätz betriebenen Windmühlen ihrer Zeit vergebens anrannte. Ein Außenseiter der Salons, ein Zurückgesetzter, der sich selbst verfehmt hatte und nun den Verzweiflungssprung in eine billige Philosophie tat, die ihrerseits sofort wieder Modesache wurde und in die Salons zurückkehrte. – Jener hatte gegen die Verflachung von Kulturideen gekämpft mit den Mitteln eben dieser Kultur. – Örvandill jedoch, in welchem er seine, vielleicht zehnte, Auferstehung erlebte, kämpfte nicht gegen die »Kultur«. Sein eigenstes Geschöpf, diese Verbena, war ja gerade ihrer Ursprünglichkeit halber höchste Kultur, denn ihre Empfindungen waren grundecht. – Nein, Örvandill hatte mit eigenen Mitteln gegen die »Zivilisation« den Krieg erklärt, die gar nichts mit Kultur zu tun hatte. – In derselben Zeit, da Rousseau eiferte, konnte ein König, der die Spitze einer Kultur darstellte, in dessen Atmosphäre die »Salons« blühten, zwölf Rebhühner auf einen Sitz vertilgen und noch nicht einmal satt werden. Auch Örvandill konnte das. Rupert hatte gesehen, daß er einem maßlos animalischen Appetit fröhnen konnte. Was der Alte bekämpfte, war gerade das Gegenteil dieses gesunden Appetits, also auch das 133 Gegenteil der menschenwürdigen Kultur. Er bekämpfte die Schleckerei, die Vergiftung des Körpers und der Seele, die Verweichlichung und die ertötenden Bequemlichkeiten seiner Periode. Er bekämpfte alle Fortbewegung mit mechanischen Mitteln. – Er war unendlich radikal. So radikal, daß es dem Schüler oft graute, wenn er sich vorstellte, wie diese Ideen in die Wirklichkeit umgesetzt sich auswirken müßten. – Dieser Athlet warf alles über den Haufen, schuf seine neue Ästhetik, seine Ethik und die Inbrunst, mit der er sich vertrat, war lodernder als der Fanatismus eines Luther. Auch dem sanften Heiligen Franz, der mit den Vögeln sich besprach, glich er nicht. Sanftmut war ihm überhaupt fern. Die Vögel mochten wohl zu ihm kommen und zu Verbena, aber das hatte andere Gründe. Er verstand ihre Bedürfnisse und durchschaute ihre Sinne, besonders jene verborgenen, die dem Menschen abhanden gekommen sind. Sie kamen blind zu ihm, von einer tastenden Verwandtschaft erfaßt und herangeholt. – Der Heilige Franz hingegen hatte sich freundlich hingestellt, mit der Zunge geschnalzt und Saatkörner, die er mit Gotteswort weihte, umhergestreut. Das war nicht die Art Örvandills. – Wo andere lockten, knallte er wie ein Fuhrknecht mit der Peitsche; denn auch so kam Bewegung in die Geschöpfe Gottes. Was Rupert abschrieb, waren Bekenntnisse vieler Menschen. Diese Menschen waren sich alle ähnlich darin, daß sie abseitsliegende und wunderbare Erlebnisse kannten und hervorzurufen verstanden. – Jede dieser Selbstbiographien enthielt eine kleine Vorrede, gleichsam eine Verbeugung vor dem Geist, der sie auf den richtigen Weg gewiesen. Jeder hatte je nach Bedürfnis und Laune jedes Jahr einen Beitrag hinzugesteuert. Jeder dieser Beiträge war von Örvandills 134 unleserlicher Klaue ausgiebig kommentiert. – Das Abschreiben beschränkte sich demnach auf die Kommentare, denn unter den eingesandten Berichten gab es viele leserliche. Skandinavische und englische lagen in Massen vor. – Die ersteren übersetzte Verbena, während die englischen Rupert verdeutschte. Täglich kam sie ins Studierzimmer und holte sich ein paar Texte und dies war auch in der Hauptsache der Moment, wo Rupert ihr einiges sagen konnte; denn tagsüber entwickelte sie eine merkwürdige Scheu. Da nun Tag um Tag verging, wuchs die Spannung in Ruperts Seele. Er sah sie zu den Mahlzeiten, sie ging auch wohl einigemal mit ihm zusammen aus. Sie scherzte und plauderte zwanglos, aber in ihm war so ein ausschließliches Bedürfnis nach mehr, daß ihm ein solches Zusammensein weh tat. – Er sah sie vollerblüht neben sich, in der Wärme ihrer reifen Jugend, und doch war ihm, als sei sie durch eine Scheidewand von ihm getrennt. Streifte sie ihn flüchtig, wie damals beim Mittagessen, so empfand er es immer deutlicher wie einen elektrischen Schlag, der ihm durch den ganzen Körper ging. – Und diese übergroße Empfindlichkeit seiner Nerven lähmte ihn wiederum, so daß er sich scheute, eine solche Berührung absichtlich herbeizuführen. – Mit der Zeit steigerte sich die Leidenschaft zum Paroxysmus. Wenn sie ihn einmal küssen würde, das empfand er, würde er sofort die Besinnung verlieren. – Dies Geschöpf war so stark, und ihm war, als nähre sie sich von ihm, um ihn immer schwächer zurückzulassen. Sie sog ihm das Mark aus den Knochen, aber sie schien es nicht zu spüren. Sie gab ihm auch nicht die geringste Handhabe zu einer Intimität, die über das Maß des Gewohnten hinausging. Dabei schien ihm, als werde sie immer lieblicher und sein ganzes Sein 135 war so von ihrem Glanze durchsättigt und durchsonnt, daß es die Schatten, die sie unwillkürlich darauf warf, mit einem gedankenlosen Wort, oder einem gleichgültigen Blick, wie Reif empfand. Er litt, doch dies Leiden war Bedürfnis insofern, als er mit ihm auch die Ursache genoß. Dies Leiden war produktiv im höchsten Grade. Diese Spannung war schöpferisch. – Noch nie war sein Geist so beweglich gewesen, noch nie war er sich des eigenen Körpers so bewußt gewesen. Diese stete Sprunghaftigkeit, dies Auf-der-Lauer-Liegen bei allem, was sie sagte oder was sie tat, schärfte all' seine Sinne. Wohl wurde er nicht behäbig vor Gesundheit, aber er litt auch keinen Schaden, er magerte nicht ab. Seine Augen wurden nicht hohl, seine Hände nicht zittrig. Ihm war, als weile er auf steiler Höhe in der beizenden Luft der Firne, wo ein Eiswind die Wangen peitscht, bis sie glühen. – Dieses Glühen war das Fieber eines Gesundheitsprozesses. Diese Entnervung war ein Geschenk. Er wußte es damals noch nicht und haderte mit sich. Er wollte hassen und konnte nicht hassen. Er lag schlaflos, er schluchzte und er tobte. Aber er kam nicht um dabei, denn er wußte, daß er am nächsten Morgen wieder Seite an Seite mit ihr sitzen oder gehen durfte, daß sie ihm nicht entzogen sei. Dies eine jedoch fühlte er mit schreckhafter Deutlichkeit: – wenn er sich dies Glück zerstöre durch unvorsichtiges Benehmen, so könne er die Trennung nicht überleben. Es war ja auch klar, daß Verbena diese Spannung nicht fühlen wollte; daß sie sie fühlen mußte, war kein Zweifel. Aber es war, als sitze sie außerhalb und betrachte sein Gehaben als ein Schauspiel, voll freundlichen Interesses; sie schien jedoch die ungeheure Kraft aufzubringen, um der 136 Spannung spielerisch zu begegnen und sie dadurch lächelnd zu entkräften. Denn so oft sie in seiner körperlichen Nähe war, empfing er plötzlich diese wohlige Ruhe, diese innere anschmiegende Schlaffheit, als sei er ein anspruchsvolles Kind, dessen tobende Wünsche wie durch Mutterhand geglättet werden. – Natürlich war keine Rede davon, daß irgendwelche mütterlichen Gefühle hier vorhanden waren. Sie standen sich gleichwertig gegenüber. – Äußerlich betrachtet, war sie genau so hochgewachsen als er; das sah man aber nur, wenn sie sich voll aufrichtete. Sonst vergaß man es, da ihre rhythmische Beweglichkeit den Gedanken an Größe gar nicht ins Bewußtsein gelangen ließ. – So stand sie all' dem Tumult kühl gegenüber; und je öfter sie ihm ihre Gegenwart versagte, desto sprunghafter wuchs die Spannung bei ihm. Am Schluß bestand sein ganzes Dasein aus diesen grellen Kontrasten zwischen hoffnungsarmer Verzweiflung und süßem Gesättigtsein. Wie lange er diesem Zustand noch gewachsen sein würde, wußte er nicht. Eines Tages geschah es, daß sie länger als gewöhnlich mit ihm plauderte und daß er sich an dem großen Projekt in Feuer geredet hatte. Sie sah ihn an mit Augen voll so ehrlicher Bewunderung, daß er dieses Aufleuchten auf sich selbst bezog. Daß diese Bewunderung mehr dem Inhalt seiner Erklärung gegolten, spürte er nicht. – Er ließ alles fallen und taumelte auf sie zu. Sie richtete sich auf, so daß die kleinen Brüste sich im anliegenden Kleide strafften, und blickte geradewegs auf seine Stirn. – Mit ausgebreiteten Armen sank er an ihr nieder. Seine Hände wanderten langsam die knappe Linie ihrer Hüften hinab bis zu den Knien. Diese Berührung durchdrang ihn wie ein plötzlicher Regenfall aufgedörrte Wüstenpflanzen. – Er erschauerte bis ins 137 innerste Mark. Schon das Gefühl ihrer Haut war Erquickung, war sie doch durch den dünnen Stoff des Kleides kaum von ihm geschieden. – Kurz dauerte diese Szene, unheimlich kurz. Er schlug mit der Stirn an ihre Knie. Sie rührte sich nicht. Sie stand wie eine Birke, windgeschützt, und blickte mit plötzlichem Staunen auf ihn herab, mit einem Ausdruck völliger Ratlosigkeit und holder Verwirrtheit, zugleich aber auch beginnenden Unmuts. – Er merkte nichts. Er stammelte nur atemlos dieses große erlöste »Du«. Die Saite war überspannt, sie barst. – Da war ein Mißklang; er blickte auf, der Halt wurde ihm entzogen. – Sie trat einige Schritte von ihm zurück, und unter gesenkten Lidern hervor sah er die sanfte Bewegung ihrer Beine, deren Linie wie ein Akkord war. Dann aber wurde sein Blick scheu und glitt höher zu ihrem gesenkten Gesicht, auf dessen runder weißer Stirn die gefürchtete Falte nistete. – Die Augen sahen ihn an in flammender Bläue, die Hände waren leicht nach vorwärts gestreckt, als wehrten sie ihn ab. Sein »Du« war nicht erwidert worden. Die unnennbare Einheit und Verschmelzung, die er blitzartig vermeint, war entwertet. So beraubt war er sich noch nie zuvor erschienen: – ein Fortgestoßener, der das blinkende Almosen, das der Reiche schon in der Luft geschwenkt, nicht haschen durfte. – Es war keine Verhöhnung, die ihm widerfuhr; es war weit Schlimmeres, etwas wie verständnislose Trauer über seine Fassungslosigkeit; und dann schüttelte sie leise den Kopf und verschwand. Kaum hörte er die Tür klappen. – Diesmal hatte sie viel fortgenommen. Hatte den ganzen Rest sich noch geholt aus goldener Schüssel. – Langsam erhob er sich von der Bastmatte, seine Knie waren kraftlos. Was soll nun werden, dachte er wirr. Leer, sinnlos und inhaltslos starrte ihn alles 138 an. All' dieses, was da auf dem Tisch lag, schien ihm ohne Bedeutung; das ganze große Projekt eine Farce, und Örvandill selbst . . . Der Professor? Und ohne, daß er's wollte, stieg ihm ein Gedanke ins Hirn. Ein unabweisbarer Gedanke, der mit der Schärfe eines Scheinwerfers über das Dunkel seiner Seele tastete. Was hatte ihm dieser doch gesagt bei der ersten langen Aussprache? Hatte er nicht gesagt: – das Weibchen ist mein Geschöpf! – und etwas von einem kleinen Experiment gesprochen, seinem Privatgefallen? Seinem Studienobjekt? – Hier mußte er einsetzen. Nicht Verbena war's, die sich ihm versagte, nein, Örvandill versagte sie ihm. Der Einfluß dieses Mannes war's, der diese ewig sich erneuende Scheidewand errichtete. Dieser Mann hatte im selben Moment, als Rupert lechzende Arme ausstreckte, sein Veto eingelegt. – Wie das zugegangen, war ihm nur dumpf klar. Daran war kein Zweifel: es bestand eine telepathische Verbindung zwischen den beiden, so daß sie sich auch, wenn es not tat, auf Entfernungen verständigten. War Verbena stark genug gewesen, Rupert mit ihrem bloßen Wunsch aus dem Schlafe zu rütteln, um wieviel mehr mußten des Professors innere Ohren gegellt haben, als diese leidenschaftliche Attacke auf sein liebstes Eigentum vor sich ging? – Aber hatte er ein Recht dazu, dieses junge Geschöpf so zu knebeln? Ein Siebzigjähriger? – Was hatte er vor? War es nicht in seinem Sinne, daß sie ihrer Bestimmung folge? War dieser blühende Körper etwas, was man in den Käfig setzen durfte? – und sei dieser Käfig auch nur aus unausgesprochenen Befehlen errichtet? – War diese wundervolle, traumhaft keimende, unerschlossene Seele eine Sache, die man in die Tasche eines lächerlichen Gehrockes stecken durfte? – Und 139 je tiefer Rupert sich in diese Vorstellung hineingrübelte, desto mehr wuchs in ihm die Empörung. Er wußte genau, daß die Gegenwart des Mannes, sein persönlicher Anblick, wieder Macht über ihn ausüben würde, der er nicht gewachsen sei. Fühlte er sich stark genug, um dieser Macht auf die Dauer standzuhalten? – Wer steifte ihm den Nacken? Wo nahm er die Kraft her? – Alles, alles mußte er aus sich selber schöpfen, denn die, die ein Stück von ihm war, leugnete die Verwandtschaft und ließ ihn im Stich. Nach langer Überlegung schien ihm das beste, ruhig abzuwarten. Er konnte sich ja danach richten, wie Verbena sich beim Abendmahl benehmen werde. Es verlief wie immer. Nichts war ihr anzumerken. Sie verriet nichts. – Darüber war in ihm eine jubelnde Dankbarkeit. So war für ihn noch nicht alles verloren. – Zuweilen glaubte er zu bemerken, daß der Professor eine etwas grimmigere Miene zeigte; doch ob er sich täuschte oder nicht, ward ihm nicht klar. 140 Dreizehntes Kapitel Seitdem Rupert das Gespräch zwischen Verbena und dem Alten belauscht, war er vollkommen überzeugt von der Anwesenheit eines dritten Mitbewohners des Hauses. Zwar wohnte dieser offenbar nicht im Hause selbst, sondern war dort hinten im Treibhaus untergebracht worden. Ob der Aufenthalt dieses Menschen, den sie »Unser Freund« nannten, dortselbst ein freiwilliger war, oder ob er durch irgendeinen Zwang festgehalten wurde, gab reichlichen Stoff zu quälenden Vermutungen. – Um einem Gegner zu begegnen, muß man sich mindestens eine schwache Vorstellung von seinem Wesen machen können. Rupert konnte sich unmöglich darauf verlassen, durch das bloße Gewicht der 141 eigenen Persönlichkeit diesem verschmitzt versteckten Rivalen wirksam die Spitze zu bieten. – Verbena hatte es allzu deutlich abgelehnt, ihn mit jenem zusammenzubringen. Nach dem leidenschaftlichen Auftritt, der so kläglich für ihn im Sande verlief, lauerte er mehrere Tage schon von der allerersten Frühe an, oder wann sich sonst eine Gelegenheit bot, auf den Anblick des Unsichtbaren. Nie wollte es ihm gelingen, Augen auf ihn zu legen. Hörte er ein Geräusch im Garten, wenn dieser ganz in Nebel ertrunken unter seinem Fenster lag, so konnte es geschehen, daß er katzenhaft leise hinunterschlüpfte und spionierte. Von einem Gang in die Stadt brachte er eine Blendlaterne mit stark verschärfter Linse mit, die mit ihrem Strahl vom Fenster aus jedes dunkle Gartenstückchen blitzartig abtastete. Hier mußte der Teufel irgendwie im Spiele sein, denn alles war umsonst. Mitten in der Nacht, in der samtenen Schwärze des Hauses, schlich er zum Fenster und vermeinte dort drüben ein unfaßbar feines Glühen unter dem flaschengrünen Glasdach zu entdecken. – Ein sanftes Phosphoreszieren, das die ganze Linie des Treibhausfirstes aus dem Schatten zu heben schien. Er strengte die Augen an. – Wellen und Kreise schwammen herzu und verlöschten dies Bild, dessen stille Rune wohl nur durch die Einbildung auf seine Netzhaut gezaubert blieb. Er wollte etwas sehen, und darum sah er es scheinbar auch. – Dann und wann glaubte er im Schacht der Finsternis Fußspuren aufblinken zu sehen in der Richtung der kleinen Tür dort hinten. Es waren die Spuren nackter, schmaler Füße . . . War es die Erinnerung an die Füße der Geliebten, die so leicht durchs Haus huschten, und deren Abbild, aus seinem sehnsüchtigen Gedächtnis geholt, dort unten unirdisch aufglänzte? Phantastereien waren das. Seine 142 Einbildung spielte mit ihm. Seitdem sie ihn zurückgewiesen damals, war es, als sei ein Loch in seiner Brust, das mit Trostbildern gefüllt werden müsse, um nicht allzustark zu schmerzen. Inzwischen wuchs das Rätsel dort drinnen im Treibhaus und nahm für ihn tolle Formen an. Da er nicht den geringsten Anhaltspunkt für das Aussehen jenes Mannes hatte, so erschuf seine Phantasie ihn sich neu, und er konnte nicht umhin, ihn dem Professor ähnelnd auszustatten. Da er sich der großen Abhängigkeit Verbenas von Örvandill bewußt war, so übernahm der Fremde dessen Eigenschaften und spielte damit verruchte und gefährliche Spiele im Traumleben Ruperts. Er sah sie ihm ausgeliefert. Es war ein Tumult von Farben, drinnen dunkles Grün beherrschend strotzte. Es waren keine deutlichen Bilder, aber das Verlangen rief in ihm das Zerrbild eines von Kraushaar bedeckten alten Satyrs hinter diesem Grün hervor, und darunter spielerischen Glanz blasser Glieder. Visionen von tobender Zuchtlosigkeit hetzten seinen Puls. – Er fuhr empor und starrte in die Schwärze des Zimmers. Sein Verlangen überdauerte das geschaute Bild und malte es ins Kleinste aus. Wie auspeitschendes Gift durchdrang ihn die Möglichkeit solcher Verwirklichung; und der Krampf einer Wollust, die in ihrer Tiefe und Unersättlichkeit unmöglich überboten werden konnte, schüttelte ihn und schwächte ihn in fruchtlosen Ekstasen. In seinem Hirn verschmolz Örvandill mit dem Fremden auf seltsame Weise. Gestand er dem Fremden das Dasein zu, so schien ihm letzten Endes doch nur Örvandill übrigzubleiben, an den er sich halten könne. Notgedrungen lenkte sich der allmählich wachsende Strom eines trüben Neides 143 gegen Örvandill, und er sah ihn nicht mehr mit denselben Augen an wie sonst. – Der Professor schien nichts zu bemerken. Seine Laune war von einer grimmigen Heiterkeit. Es geschah, daß er Verbena vor Ruperts Augen mit seiner Pranke liebkoste, ja sie auch einmal in seine gorillahaften Arme nahm und darin schaukeln ließ wie zwischen Urwaldranken. Sie stieß hohe, vor Vergnügen melodisch kreischende Vogellaute aus, während er dies tat; ein anderes Mal, als er sie auf den Schultern trug, schlang sie die schlanken, graubestrumpften Beine rittlings um den Nacken des Bären. Rupert wandte die Augen ab und ging hinaus, kalt vor Neid, aber machtlos. Eines Nachts hatte er wieder vermeint, ein Geräusch zu hören, und spähte aus dem Fenster. Während er die Finsternis mit den Augen zu durchbohren sich mühte, kam ihm in äußerster Verzweiflung eine Idee. Er schlich sich hinunter, die Blendlaterne in der Tasche. Er tastete sich nach der Tür des Treibhauses und prüfte, was er bei Tage nie zu tun gewagt hätte, mit Hilfe des fadendünnen Lichtstrahles die Beschaffenheit des Schlosses. Es schien nicht kompliziert zu sein. Am nächsten Tag besorgte er sich Wachs und machte in der nächsten Nacht einen Abdruck, nach welchem er einen Schlüssel fertigen ließ. Diesen Schlüssel trug er ständig bei sich. Sein Warten sollte endlich belohnt werden. Es war einer der blauesten Tage, die der Spätnovember dieses selten schönen Jahres brachte. Die Sonne funkelte auf dem Treibhausdach und warf Reflexe in sein Fenster. Sie malte einen bebenden Kringel an die Wand oberhalb seines Waschtisches. – Er stand soeben davor und rieb sich ab, als ihn dieser Kringel bei einem unwillkürlichen Heben des Kopfes 144 blendete. Er drehte sich um und erkannte die Ursache. – Das große Funkeln dort drüben, das nur ein paar Minuten verweilte und langsam vorüberwanderte, schien wie eine Lösung, ein Wink. Halb mechanisch ging er zum Fenster und sah Verbena, wie sie dort drüben in der Tür verschwand, die sich mit leisem, rostigem Knirschen hinter ihr schloß. Auf der noch vom Nachtnebel feuchten Erde, seitwärts des mit Fliesen belegten Pfades, saßen ihre Fußspuren leise eingedrückt wie Modellierformen: sie war nacktfüßig gewesen. – Nun hieß es handeln. Zunächst mußte er feststellen, wo der Professor sich befand. Er ging hinunter. – Der Alte hatte gefrühstückt und saß in Ruperts Arbeiten vertieft am Schreibtisch. Er blickte kaum auf. Zuweilen sandte er einen stechenden Blick durch die Fransen seiner zottigen Brauen hindurch nach dem jungen Mann. – Rupert mußte feststellen, ob der Professor von seinem Sitz aus jenes Türchen bemerken konnte. Nach einem langwierigen Manöver überzeugte er sich, daß die Ecke des Fensterrahmens sich gerade vor die bewußte Stelle schob. Indem er sich sitzend dachte, war es klar, daß Örvandill nichts bemerken würde, wenn Rupert sich dort am Türchen zu schaffen mache. – Es hieß den Alten aber noch für alle Fälle abzulenken und zu beschäftigen, daß er nicht durch tückischen Zufall zufällig aufstehe. Deshalb verwies Rupert ihn auf einige frisch eingelaufene Briefe, die er selbst noch kaum überflogen hatte, als auf besonders interessante Dokumente und gab ihm zu verstehen, er könne doch an einem Kommentar, der vollkommen unleserlich ausgefallen sei, den Sinn herausstellen, bevor er selbst weiterarbeite. – Der Alte verstand sich mit krächzendem Geräusper zu dieser Arbeit, und Rupert ging hinaus, wobei er die Tür nicht allzuleise schloß. 145 Er machte noch eine kleine akustische Komödie, indem er die Treppenstufen zum Knirschen brachte und dann lautlos über das Geländer zurückturnte. – Die Strecke, auf der Örvandill ihn bemerken konnte, mußte laufend zurückgelegt werden, und er durfte keine Spur hinterlassen, da die zurückkehrende Verbena solche sofort bemerken würde. Er mußte sich also auf dem Fliesenpfad halten. – Er hatte seine Segeltuchschuhe mit Gummisohlen angezogen, also hörte man nichts. Mit einem tiefen Atemzug sprang er wie ein Schnelläufer über die gefährliche Strecke hinweg. Er hatte genau ausgerechnet, wann der Alte ihn, blieb er sitzen, nicht mehr bemerken könne. Er gönnte sich deshalb Zeit und handelte zielbewußt und nicht überstürzt. – Das knirschende Tor konnte ihm zum Verderben werden, wie er schon damals erkannt, deshalb ölte er die verrosteten Scharniere mit möglichster Schnelligkeit ein und versuchte dann den Schlüssel. – Unendlich vorsichtig drehte er ihn um und das Türchen sprang auf. Ein einziges kleines Quietschen entstand, das ihm das Blut in den Adern gefrieren machte. Es war wie der spitze Aufschrei eines tückischen Kobolds, der sein Vorhaben vereiteln wollte. Es half aber nichts, hinein mußte er. – Er schloß die Tür wiederum so leise als möglich. Der kleine Dämon quietschte wiederum, aber diesmal kürzer, als werde ihm der Hals umgedreht. – Er war drinnen. Es war ein kleiner Vorbau, den er zunächst betrat, mit Zement unterlegt. Eine der üblichen Gasanlagen, die man für diese Zwecke gebraucht, befand sich hier. Der Alte hatte also offenbar seinen Pflanzen mehr Komfort angedeihen lassen als sich selbst. Das Vorräumchen bestand aus dicken Wänden verschimmelter Ziegeln und im Hintergrund war es durch die Gartenwand abgeschlossen, an der noch, von der Feuchtigkeit halb zerstört, alter 146 Kalkbewurf hing. – Nach dem eigentlichen Treibhaus führte ein Türchen, durch das man nur geduckt schleichen konnte. – Rupert spähte um die Ecke und huschte hinein. Feuchter Dunst quoll ihm entgegen und beklemmte seine Brust. Kurzes Asthma befiel ihn, er glaubte sich einer Ohnmacht nahe. Aber er überwand diesen Schwindel und spähte in die grüne Dämmerung hinein. Bald genug entdeckte er, daß der Teil des Treibhauses, den er sah, unmöglich die ganze Länge des Gebäudes in Anspruch nehmen könne. Auch Verbena war nirgends zu entdecken. Es mußte demnach ein hinterer Teil vorhanden sein und nun hieß es, sich mit möglichster Vorsicht heranzupirschen. Dies fiel ihm ziemlich leicht, da der Alte hier nur großblättrige Gewächse züchtete. In der Mitte war ein breiter Humusstreifen gelegt, der ein Dickicht auf dem Rücken trug. – Legt man sich hier, dachte Rupert, auf den Rücken und schließt die Augen halb, so kann man sich wohl einbilden, man ruhe auf weichem Grunde tropischen Regensumpfes, und über einem spiele die smaragdene Wasseroberfläche, wenn fallende Blüten oder verweste Zweige auf ihrer empfindlichen Haut Kreise zum zerrieselnden Aufkeimen und Verlöschen bringen. Die einzige Sorge, keine Fußspuren zu hinterlassen, hielt Rupert davon ab, in dieses verlockende Dickicht einzutreten und sich solchen Vorstellungen hinzugeben. – Es war verzaubert hier. Zuweilen gab es Ausblicke, die ganz vergessen ließen, wo man sich befand. Die Blätter schlossen sich zu wimmelnden Hintergründen. Die Raumausnutzung war so vollkommen, daß man sich im Urwald verloren wähnte. – Mit einemmal schrak Rupert zusammen und lauschte. Er hatte ein seltsames, von Entfernung ersticktes Geräusch gehört, das dem Trillern eines Vogels glich. Geräusche gab es übergenug in dieser sprossenden Miniaturwelt. Überall klangen Tropfen, sickerten von gebeugten Blättern, die sich raschelnd wieder streckten; jedoch in all dieser Tropfenmusik, diesem versteckt schwirrenden Leben, auseinander drängender Keime, hatte der Laut etwas besonderes. Auf einmal wußte er's: es war Verbenas Stimme gewesen, wie hinter einer Mauer von Grün erstickt. – Schritt nach Schritt wagte er sich weiter. Hier geriet er an eine gläserne Zwischenwand; sie war so von grünem Schimmel übersponnen, daß sie nur mattes Licht hindurchließ. Die Symmetrie in der Anlage der vorderen Treibhaushalle schien hier aufgehoben. Was er sah, war ein regelloses Durcheinander saftreicher Schäfte, hochgetürmter Wedel, schlanker Stämme. Klettersträucher mit purpurnen Blattstielen und herzförmigen Blättern wanden sich vielrankig um Dracaenen, die erstarrten Springbrunnen glichen: – diese schleuderten smaragdene Garben spitzer Blätter zwischen Ziersträucher, Schraubenbäume und goldbesternte Mimosen. Ein schweres Duftgemenge verlor sich unter den lastenden Blätterschichten. Die Dolden der Porzellanblume rieben sich kosend an der karminroten Wange strotzender Hibiskuskelche. Gelbblättriger Jasmin und Heliotrop hauchten ihren Duft vereint aus.– Ruperts Blicke kletterten langsam in die Höhe. Dort über der edlen Form der Passiflora begann das Reich der Orchideen. Was dort herabpendelte wie erstarrter Formenstrom aus unerschöpflichem Füllhorn und wie das traumbefang'ne Spiel duftbetäubter Schmetterlinge im Dampfe hing, war unvorstellbar mannigfach. Das ganze Glasdach war unterwoben von den Nestern der phantastischen Schmarotzer, die ihre Blätterbüschel herabwimpeln ließen und mit steil geschwungenen Blütenkaskaden in das derber geformte Dickicht 148 tauchten. Der ganze Himmel, so weit man ihn sehen konnte, diese Zweihandbreit Himmel, waren ein einziges Gewebe lechzender Kelche vom Aussehn zerfranster Mäuler oder lauernder Tropenspinnen, deren türkis- oder blutfarbene Greiforgane vor Lebensgier leise vibrierten. – Es war ein toller Traum; es war eine Orgie; in dieser ganzen geil verknoteten, still blühenden und duftatmenden Pflanzenwelt herrschte die Stummheit jener ganz frühen Schöpfertage, da all' dies noch in heiterem Selbstzweck wuchern durfte, ohne von abschätzenden Menschenaugen vergewaltigt, von hamsternden Hirnen eingeschachtelt, mit Namen belegt und abgetan zu werden. Es war schwer, sich vorwärtszukämpfen, denn ein Kampf mußte Ruperts Schleichen genannt werden. –Tausend grüne Finger stießen nach ihm. Tausend Ranken, haarig, klebrig und zäh, wehrten sich und wollten einzeln erobert sein. Es war in diesem üppigen Wachstum etwas Ausschließendes, das sich drohend wider ihn erhob. Er war der Eindringling. Jedes Blättchen wußte darum und gab es tuschelnd dem anderen weiter. – Bog er eine Ranke zurück, so schnellte in einiger Entfernung eine zweite empor, die Blüten hochstellte wie empörte Natternhäupter. – Aber Ruperts Wille trieb ihn weiter. Er lag auf der Brust und kroch auf den Knien. Endlich gelang ihm der Blick in das Sanktum, das von dieser erbosten Pflanzenmauer gehütet schien. – Er sah die Oberfläche eines Teiches. Es war ein von dunklem Porphyr umrahmtes Becken fahlgrünen Wassers. Zwei Stufen führten hinein, und dieser Teich warf einen Widerschein zurück, der ihn blendete. Er war ein so vollkommener Spiegel, daß das Pflanzengewebe des Himmels sich, in unendliche Ferne verdämmernd, fast ohne Übergang fortzusetzen schien. Und in dieser Tiefe 149 blühte, mit stiller Gebärde und verhaltenen Lebens voll ein nackter Mädchenleib, der regungslos vor dem Hintergrunde breiter, dunkler Blätter stand. Es mochte die ganz tiefe Bronzefarbe des Grüns sein, die diesen Leib in so unirdischem Weiß erscheinen ließ. Ihre Haut zeigte den satten Perlmutterschimmer des Kerns im Elefantenzahn. Er hatte noch nie eine so vollkommene Bildung gesehen. Sie hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und blickte mit herabgesenkten Wimpern ins Wasser. – Ob sie ihr Spiegelbild betrachtete, blieb ungewiß. Es war nicht die geringste Spur eitlen Gehabens an ihr. Sie stand dort wie gottgewollt, Pflanze unter Pflanzen, Form unter Formen. – Nun regte sie sich und stieg langsam ins Wasser hinab. Es ging ihr zu halber Höhe der Schenkel. Mit einem Male beugte sie sich mit entbreiteten Armen nieder und ließ sich hineingleiten. – Sie drehte sich und spielte das behagliche Spiel eines edlen Tieres, das sich kühlen und bewegen will. Hob sie sich halb aus dem Wasser, so rannen die Perlen von ihren knappen Brüsten und aus dem goldbraunen Flimmern der Achselhöhlen und des Schoßes wie feinzerstäubtes Silber hernieder. – Sie schüttelte das kurze, dichte Haar, dessen seidige Kappe das Naß umhersprühte. Sie wand und tummelte sich dort, und jede Bewegung beschämte in ihrer Vollkommenheit die nächste. – Nach einer Weile schien sie genug zu haben. Ihr Gesichtsausdruck war voll tiefen Friedens; ihre Stirnhaut glatt wie die Schale des Straußeneies. Keine Gedanken, die mit ihrem täglichen Dasein zusammenhingen, schienen darunter zu leben. Es war die Glücksempfindung völlig triebhaften Genusses, die sie beseelte. – Ihm war als nehme sie ein Bad der Jugend; als feie sie sich in der weihevollen Stunde wiederum gegen alles, was sie dort draußen 150 erwarten werde. Dann stieg sie elastisch heraus – perlenüberronnen der kraftatmende straffe Leib, wie ein Gebilde aus Dampf und Silber. Eine Wolke von Vanilleduft trieb über Rupert hin, als seien irgendwo hinten neue keimende Dolden aufgebrochen und hauchten ihre Seelen herüber. – In seinem Kopf brauste es. Dies war ein Übermaß. – Wie verschwommen, wie durch einen ganz leisen Schleier schillernden Wassers hindurch, wie er im Urwald aus regenzerweinten Lavatrümmern rinnt, sah er ihre Regung. Ihre weißleuchtende Gestalt bewegte sich dort still; – war es ein selbstvergessener Tanz, der sie beseelte? – Oder war es das Nachklingen jener gewichtslosen Wasserfreude, die ihren Körper dort rhythmisch bewegte? – Plötzlich hielt sie an und senkte sich in die Knie, den Rücken ihm zugewandt. – Es war dies an einer Stelle, wo eine runde Öffnung im Grün sichtbar war. Er hörte plötzlich ihre Stimme, die leise sprach. Es waren kleine melodisch fragende Sätze; die Worte verstand er nicht. Nach jedem dieser Sätze machte sie eine Pause, schüttelte Wasser aus ihren Haaren und streckte den Kopf vor, als ob ihr nichts entgehen dürfe. Sie sprach mit jemandem, das war klar, aber die Antwort schien so geflüstert, daß sie sich in nichts von der tröpfelnden Stille unterschied. – Sie schien jedoch durch die Antwort befriedigt zu sein, denn sie nickte mehrmals mit dem Kopf und lachte klingend vor sich hin. Dort hinten also, dort hinten steckte der Dritte. – Rupert beschloß, sich nicht zu rühren, bis er das Geheimnis ganz durchforscht. Über kurz oder lang mußte der Rätselhafte ja zum Vorschein kommen, mußte er ein Stück seines Körpers oder seines Kopfes entblößen. Weiter vorzurücken erlaubte Rupert die Vorsicht nicht. Sie hätte ihn unfehlbar entdeckt. Ein einziges 151 Bergbananenblatt war die Scheidewand zwischen ihm und dem Wasser und schwankte, von seinem mühsam zurückgehaltenen Atem getroffen, bedenklich auf und ab. Und während er mit jeder Sekunde zitternd erwartete, daß dort eine Begegnung erfolge, die das ganze Mysterium enthüllen müsse, geschah plötzlich etwas Furchtbares. Etwas wie eine große Klammer schloß sich langsam und sicher um seinen Nacken. War dies, so kam ihm im Augenblick ein magischer Schreck, die Rache einer eifersüchtigen Pflanze, durch üblen Zauber zu tierischem Leben erweckt? Er wollte den Kopf wenden, es gelang ihm nicht mehr. Er sah mit halbem Blick vier breite Finger, mit rötlichen Härchen besetzt, und indem er sich dem quälenden Zwang zu entwinden suchte, zerbarst der Stiel des Bananenblattes, und Verbena, durch das klatschende Geräusch seines Niederfalls aufgeschreckt, fuhr herum und erblickte ihn. – Ihre weitaufgerissenen Augen schienen von der nun erweiterten Pupille fast schwarzblau. Sie versteckte sich nicht. Sie blickte ihn nur an. – Einen einzigen tiefen Atemzug tat sie, aber anstatt zu verschwinden mit einem Aufschrei, wie es wohl jedes Mädchen getan hätte, schritt sie langsam mit gefurchter Stirn und reglos herniederhängenden Armen ganz an das Wasserbecken heran und starrte zu ihm hinüber. Ihr ganzer Körper trotzte. Sie warf ihm ihre blanke Nacktheit wie einen Schlag ins Gesicht. Es war eine erhabene, sieghafte Schamlosigkeit und gleichzeitig unerhörte Schönheit in dieser unwillkürlichen Ansage des Kampfes. »Ole,« schrie sie auf, mit dem Schrei eines Raubvogels –: »Du kommst zur rechten Zeit!« Rupert schwang sich krampfhaft herum; die Faust 152 Örvandills im Nacken lockerte sich nicht. – Mit aller Spannkraft bewegte er sich ruckartig und stand ihm endlich gegenüber. Des Professors schwarzer Gehrock sperrte wie ein höllischer Vorhang alles Leben hinter ihm ab. – Sein Gesicht war lachsrot. Seine Augen hatten sich schier noch tiefer in den Höhlen versteckt als gewöhnlich. Es waren völlige Bärenaugen, schier bis zur Bewußtlosigkeit gereizt. – Rupert erkannte, daß es nicht gut um ihn selber bestellt sei, wenn er nicht die Flucht ergreife, denn er hätte mit demselben Erfolg einer Naturgewalt gegenübertreten können. Er wäre zerschmettert worden ohne viel Aufhebens, mit der mechanischen Selbstverständlichkeit eines Dampfhammers. Er schlüpfte an der Seite des Tobenden vorbei, dem ein heiseres, halbersticktes Ächzen in der Kehle stecken blieb, und schlug sich besinnungslos durch das Dickicht. Er lief Spießruten. Das ganze Treibhaus schien in Aufruhr. – Als er im Vorraum war, hörte er den mächtigen Schritt Örvandills hinter sich herstapfen, jedoch war es nicht der Schritt eines Läufers, sondern er erkannte, daß dieser wieder halbwegs zur Vernunft gekommen sein müsse. Rupert atmete tief die grausame Kälte ein, die seine Lungen draußen mit feinen Nadeln zerprickelte, und blieb dann ruhig stehen. Jetzt, fühlte er, könne er es auf eine Aussprache ankommen lassen. – Eine furchtbare Pause verging. Endlich öffnete sich die Tür und der Professor trat gebückt heraus. Er ging nicht sofort auf ihn zu, sondern blieb vor der Tür stehen mit einem Ausdruck schlaffer Trauer. Es war ein mächtiger Vorwurf über seine ganze Gestalt geschrieben. Der Kopf hatte sich tief zwischen die breiten Schultern gesenkt. Er blickte von unten herauf. Seine Lippen bewegten sich, dann reckte er sich plötzlich auf und sprach: 153 »Ich hindere Sie nicht, gehen Sie.« Rupert rührte sich nicht vom Fleck. Er wollte vorstürzen, Entschuldigungen stammeln, aber irgend etwas im Benehmen Örvandills hielt ihn ab. – »Gehen Sie,« rief dieser wie eine Posaune. Rupert ging langsam, stieg die Treppe zu seinem Zimmer hinauf und sammelte mit toten Augen seine Habseligkeiten in den Koffer. 154 Vierzehntes Kapitel So geriet denn Rupert mit demselben Handkoffer, mit dem er die Welt hatte erobern wollen, in seine eigene Wohnung zurück. Nach dem Aufstieg von unerhörter Schnelligkeit, der ihn schon mitten in die leuchtende Erfüllung geführt, kam nun dieser Sturz, der in schauerlicher Folgerichtigkeit ihn in einer entsprechenden Tiefe landen ließ. Ihn erhielt der Gedanke aufrecht, alles sei nur Bestandteil eines Traumes gewesen, dessen spielerische Laune ihm Entzücken und Entsetzen zugleich vermittelt, als sei es wieder gutzumachen irgendwie, als blase der klare Tag diese sündhaft schöne Verirrung seiner Phantasie mit gelassener Nüchternheit hinweg.– Die 155 ganze Szene, wie sie ihm jetzt vorschwebte, hatte durchaus Traumcharakter, – etwas Unwirkliches, dabei Tröstliches. Um so verwirrender kam die Erkenntnis, daß sie durchaus reale Folgen gezeitigt. Ihm war zu Mute wie einem, der im Traum einen Mord verübt und nun nach dem Erwachen von kettenrasselnden Gesetzeshütern verhaftet werden soll. Er kann auch nur immer das eine sagen: »Aber meine Herren, waren Sie denn wirklich zugegen?« – und sie stehen da und berufen sich auf ein Nichts. Dies war hinlänglich trostlos. Wie forsch er damals ausgesegelt war! Kapstadt hatte es sein sollen oder Neuseeland; und nun war er in der Peripherie Groß-Berlins bei einem ganz ungewöhnlich tollen, anachronistischen Abenteuer hängen geblieben. – Nach ein paar Tagen ward ihm so, als habe er allen Grund, über sich selber zu lachen. Dies ging ja doch alles nicht mit rechten Dingen zu! – Solche Menschen gab es ja nicht! Man denke sich: ein schwarzer Gehrock und ein Mädchen, das nackt in Treibhäusern rhythmische Gymnastik treibt . . . Und jenes »Projekt«? – Etwas ungeheuer Großes dämmerte vor ihm auf, wie eine von Regen halb gelöschte Gebirgslandschaft. Er konnte es nicht mehr greifen, es konnte nah sein und doch unendlich fern. Die größten Gedankensprünge waren nötig, um in jene schroff emporstarrende, pfadlose Wunderlandschaft zu kommen. In seiner Brust tief drinnen sang eine Stimme wie ein Kind im Schachte eines Ziehbrunnens. Diese Stimme klagte und wenn er sie hörte, tat ihm das Herz weh. Man mußte sie übertäuben, es ging nicht anders. – Mit Leuten über sein Erlebnis zu sprechen, und standen sie ihm auch noch so nahe, war ihm unmöglich. Er konnte es nicht einmal formulieren, 156 und wenn sie ihn auch verständen, so würde eine große Welle von sarkastischem Gelächter ihn davonschwemmen. – Nein, dies Erlebnis forderte Ausdrücke, nach denen sein Alltagsbewußtsein stets vergeblich suchen würde. Nur flüstern konnte man es in Stunden gänzlichsten Alleinseins, absolutester Versenkung. – Er suchte das kleine Mausoleum auf, wo die Urne mit der Asche seines Vaters stand, und schloß sich darin ein. Er starrte auf den Knopf des Urnendeckels, dessen Politur im matten Licht der Achatfenster schimmerte, in der Absicht, eine Wirkung wie die des Kristallsehens zu erzielen. Aber die Wirkung blieb aus. – Sein Vater regte hier keine Schwingen. Die Luft stockte hier; sterile Leere webte zwischen den Marmorquadern. Wenn er eine Botschaft wollte, überhaupt für möglich hielt, so konnte sie sich hier nicht erweisen. Vollkommen erschöpft von vergeblicher Konzentration verließ er das Grabmal. Die Nächte waren das Schlimmste. Man konnte sie betäuben; wohl, doch alle Ausschweifungen führten zu ihm selbst zurück, als ob er einen kreisförmigen Schneckengang durchirre, an dessen Ende ein halbblinder Spiegel ihm seine eigene Gestalt entgegenführe, und stets um einen Grad verwüsteter und ärmer. So gab er es auf, die Stimme im Brunnen betäuben zu wollen und blieb zu Hause. – Hier wurde er von der Erinnerung durch die Zimmer gejagt. Das Ungelöste des ganzen Problems schmerzte wie eine Wunde, die sich nicht schließen will. Hier half nur eine tiefe Gläubigkeit und die Überzeugung, daß die Wurzeln des Produktiven den Zustand überdauern, den man Tod nennt. – Und stieß nicht seine Lebenswurzel an die seines Vaters und aller vorhergehenden Geschlechter? Es mußte noch ein Kontakt zu finden sein, dachte er inbrünstig. – Aber es kam keine Botschaft. 157 Es war, als sei eine Tür endgültig zugefallen, als sei der grüne Blitz im Spalt für immer für ihn erloschen. In seiner Ratlosigkeit durchwühlte er die Hinterlassenschaft des alten Dux nach Medikamenten und stieß auf ein Fläschchen, das den Saft von indischem Hanf, in Weingeist gelöst, enthielt. Die Dosierung war genau vermerkt. Er stellte die Beleuchtung der Zimmer wiederum so her, wie sie damals in der Sterbestunde gewesen, und vergaß auch nicht die Kandelaber am Bett zu entzünden. Er rief mit Gewalt jenen Zustand zurück, als könne er dadurch der Zeit etwas ablisten. Er braute sich Tee und nahm im Lauf zweier Stunden zwanzig Tropfen zu sich. Das Sehfeld wurde innerlich geschärft. Er saß vollkommen ruhig, jedoch schien ihm; als rücke alles um ihn näher herzu, so daß er das kleinste Fleckchen auf der Damastbespannung der Wände und im Nebenzimmer jedes Muster auf der grünen Decke des Bettes haarfein zu erkennen glaubte. – Das tröpfelnde Wachs in den Kandelabern, so weit von ihm entfernt, fiel für sein überempfindliches Trommelfell mit deutlichem Ticken in die Lichtmanschetten. – Nun war er vorbereitet, falls eine Botschaft kommen sollte. – Er betete mit aller Kraft, deren er fähig war. Wenn es dem Alten wirklich gelungen war, damals sein Abbild in jenen Garten zu schicken und durch geschlossene Glaswände hindurchzubrechen, so war die Veränderung, die er Tod nannte, kein allzugroßes Hindernis für das Hinüberreichen einer Botschaft aus jener Sphäre. Ruperts Herz klopfte bedrängt. Das Pflanzengift rumorte in seinem Blute. Plötzlich fuhr er empor, als habe ihn jemand an der Schulter berührt. Er sah zunächst nichts, nur schienen die Zimmer 158 sehr in die Länge und Breite gewachsen, so daß sie Sälen glichen. – Ganz in der Ferne hörte er Schritte; oder war es noch immer dieses Fallen der Wachstropfen? Tuck, tuck, tuck, tönte es von dort. – Jemand machte sich an dem Bett zu schaffen, wo die Lichter brannten. Eine gebeugte Gestalt. Sie drehte sich um und blickte über die Schulter hinweg mit verschmitztem Ausdruck zu ihm hinüber. Es gab da keinen Zweifel, das war der Vater. – Mit weitaufgerissenen Augen durchquerte Rupert das Zimmer. Es war ihm, als trete er in Wolle oder als schwebe er. So sehr war das Empfinden seines Körpers abgestorben. Nun aber winkte der alte Dux ab, mit einer Gebärde, als wolle er sagen: »Bemühe Dich nicht!« – »Vater!« schrie Rupert auf. »Ich habe ihn gefunden, ihn, Örvandill!« Der Alte schien einen Moment zu zögern. Er strich soeben die Decke glatt; nun drehte er sich völlig um und sagte mit einer Stimme wie über Meilen hinweg: »So steht es ja auch im Programm; wie?« »Aber, Vater,« rief Rupert mit äußerstem Stimmaufwand. »Er hat mich von sich gewiesen! Er hat mich abgeschnitten! Hilf mir!« Der Alte lächelte etwas schief, fast listig. »Du hast ihn gefunden, so wirst Du ihn wiederfinden. – Kennt man ihn, so kennt man ihn, und dabei bleibt's.« »Und Verbena?« »Das sind Lappalien!« äußerte der alte Dux. »Wer hängt sich an so etwas?« »Lappalien . . .« stammelte Rupert. »Sie ist ein Stück von mir!« »Ein Stück von ihm . . .« sprach die Stimme höhnisch, als unterhalte sie sich mit einem Dritten. – Der alte Dux hatte 159 sich wieder umgedreht und schüttelte dabei den Kopf. Ein Brümmeln war dabei vernehmbar, als amüsiere sich der Geist. – Eine schauerliche Erkenntnis überfiel Rupert: – er hatte es ja hier gar nicht mit dem Vater zu tun, sondern mit einem von ihm selbst künstlich gezüchteten Phantom. Er hatte sich mit äußerster Willenskraft dies Gespenst dort geschaffen. Es hatte ihm den Gefallen getan, sich zu zeigen; aber es war nur leere Schale. Es fehlte aller Sinn in jenem Gefasel. Nun bettete sich das Ding langsam auf das Bett, mit einer Art befriedigten Lächelns. Es war ein schauderhaftes Lächeln; – das Phantom äffte alles nach, was der Alte in seiner Sterbestunde getan; doch clownhaft-skurril. Rupert fühlte es wie eine kalte Hand im Nacken, und fiel ächzend auf seinen Stuhl zurück, denn das Gespenst, das still dort lag zwischen den intensiv flammenden Kerzen, die kein Lufthauch traf, ließ das Lächeln erstarren; es ward sardonisch und fand den Übergang ohne weiteres in die Grimasse des Todes. – So lag es da und sank langsam in die Decke hinein, fiel sichtbar in sich zusammen. – Dieser grauenvolle Vorgang brachte Rupert dazu, die Hände vors Gesicht zu schlagen. Aber als seien seine Handflächen gläsern geworden, sah er immer diesen Vorgang vor sich, sechs- bis achtmal wiederholt, und im Übermaß seines Entsetzens sprach er laut, mit aller Kraft der tiefsten Sehnsucht, den Namen Verbenas aus. – Kam auch sie? – Wenn sie kam, so durfte es kein Schattentheater werden, kein fragwürdiges, schlimmes Marionettenspiel. – War das Gift stark genug, um auch sie zu entstellen? Es schien nicht so. – Sie ward dort sichtbar auf dem Bett. Der Alte lag nicht mehr darauf. Es war wie eine schlimme Täuschung gewesen. Aber dafür formte sich etwas an seiner 160 Stelle, als ob das Kerzenlicht sich leuchtend balle und Formen gewinne: – langgestreckte, runde Glieder, die zum Körper wurden. – Auf einmal sah er sie dort liegen. Sie hatte sich halb aufgestützt, ihr goldbraunes Haar flimmerte. Das eine Knie ausgestellt, so ruhte sie dort, und ihr Lächeln blühte kühl und verheißungsvoll in dem sinnenden Gesicht auf. – »Verbena,« murmelte er. Es war eine unendliche Erlösung, sie dort an Stelle jener fürchterlichen Puppe zu sehen. Es war der Triumph süßen Lebens auf der Stätte der Verwesung. Und wieder wollte er sich erheben und zu ihr hinübergehen, ganz trunken von Glück. Ihre Arme breiteten sich langsam aus. Er sah die feinen Finger spielen, die knappen Brüste von einem tiefen Atemzug zitternd gehoben . . . Sein ganzes Wesen war ausgefüllt von dieser vollkommenen Schönheit, deren Perlmutterglanz ihn in sich aufnahm und ihn durchtränkte, wie das silbrige Licht eines frühen Morgens . . . Seine aufgepeitschten Sinne trieben ihm Purpurwellen durchs Hirn . . . Aber nun empfand er, daß er gelähmt war. Er konnte sich nicht vom Platze rühren. Wütende Anstrengungen machte er, um zu ihr hinüberzugehen, und immer verlockender erschien sie ihm, wie ein Edelstein, der immer neue Fazetten erblitzen läßt. Seine wütende Qual war vergebens. Er rang mit dem Wunsch. Sie schüttelte langsam die goldbraune Kappe ihres Haares. Sie dehnte sich und ließ ihre Schönheit wechselnd vor ihm erstehen. – Da auf einmal verdunkelte die purpurne Welle vollständig sein Bewußtsein und er sprang, wie vom Schlag getroffen, in die Höhe. Seine Hände waren kalt und naß; noch trieb der Giftrausch sein Blut hämmernd durch die Schläfen. Alles war wie sonst, nichts hatte sich ereignet. 161 – Die Zimmer waren zusammengeschrumpft zur gewöhnlichen Größe. Das Bett dort hinten war so, wie er es hergerichtet, und die letzten Kerzenstümpfe zuckten im flüssigen Wachs. Ein Schleier von bläulichem Qualm hing unter der Zimmerdecke, und durch die Vorhangspalten blickte der blaugraue Wintertag herein. – Ein würgender Schmerz überkam ihn. Er legte den Kopf zwischen die Arme und schluchzte so heftig wie noch nie zuvor in seinem Leben, bis dies Schluchzen in den Schlaf einer traumlosen Ermattung überging. Als er erwachte, fiel sein Blick auf das Fläschchen, aus dem er sich dieses Erlebnis gestohlen. Er ergriff es und zerschmetterte es an der Wand. Die Halluzination, die sich vor ihm mit so schreckhafter Deutlichkeit abgespielt, gab ihm tief zu denken. Wie in solch gesteigertem Zustand stärkste Wahrheiten lebendig werden, so schien es ihm, habe sich auch hier ein unabweisliches, grausiges Gesetz gerührt und sich in sinnfälligste Symbole gekleidet: Das Gesetz der Auflösung des Individuums; der Vernichtung der Persönlichkeit zu Gunsten des beseelenden Gedankens, der allem Naturgeschehen zugrunde liegt. – Der alte Dux war unwiederbringlich tot. Er konnte nicht beschworen werden. Tat man es dennoch, so beschwor man eine Larve; so stahl sich diese Larve den Anschein des Lebens aus der Verwesung und sank wieder spurlos darin unter. – Aber man konnte das Leben beschwören, das es noch gab, das siegreich atmende Leben, dessen Zirkel zwar bemessen war, wie der einer Pflanze, das aber sich behaupten und dem Tode die Zähne zeigen durfte: – Das war die Unsterblichkeit des Organischen, die in der Gestalt eines jungfräulich-unerschloß'nen Leibes den Thron keck erklommen und sich's 162 darin wohl sein ließ; – die das sardonische Feixen des Vergänglichen zunichte gemacht durch das warme, fruchtbar Lächeln der Lebensbejahung. Und von diesem durfte Rupert nicht abgeschnitten werden, ohne selbst zugrunde zu gehen. Monate schleppten sich dahin. – Leben konnte er's nicht nennen und auch nicht sterben. – Sein Körper war widerstandsfähig; aber er fühlte, wie sein Geist, mehr und mehr vom Erdboden abgeschnitten, verkümmerte. – An Stelle elastischen Lebens trat stumpfes Brüten über den Verlust.– Dies Brüten fruchtete ihm nichts. Alles erschien ihm bedeutungslos. Nächtelang irrte er umher und blickte den Menschen ins Gesicht. Eine Frau nach der anderen trieb über seinen Weg, doch keine vermochte ihn zu reizen. Alle Diskussionen erschienen ihm farblos und überflüssig. Und mit dem alten Örvandill war's ein Ringen gewesen, ein gemeinschaftliches Erstürmen von Lebenshöhen. Nun tummelte er sich wieder mitten unter den Zwergen, die so eifrig an der Oberfläche zu basteln verstanden und deren Tun und Treiben, das sie ›Zeitgeist‹ betitelten, ein Rasseln mit tauben Nüssen war. – Schweren Herzens entschloß er sich endlich einen Brief zu schreiben voller Selbstanklage, und doch war der Brief von dem Bewußtsein getragen, daß er imstande sei, die Verantwortung für das Damalige voll auf sich zu nehmen. – Er wolle, wenn sie ihn ablehnten, auch keiner der ihren sein in dem Sinne, wie sie das auffaßten. Er wolle nur von ihnen geduldet werden und beisteuern helfen, damit das große Werk keine Verzögerung erleide. Dieser Teil des Briefes war an beide gerichtet. Er hatte jedes Wort an Örvandill abgewogen. – Aber in einem Brief, den er an Verbena selbst beifügte in geschlossenem Umschlag, stand ein fassungsloser Aufschrei, aus dem seine Eifersucht auf den 163 Alten deutlich zu erkennen war. Eine Woche lang überlegte er sich, ob er den Brief abschicken solle. Endlich tat er's und hatte ihn nach einigen Stunden bereits wieder uneröffnet in Händen. Inzwischen war es Anfang März geworden. – Nach einem ganzen Nachmittag, den er allein im Kahn auf dem See bei Lindow verbrachte, schien es ihm das beste, sich auszulöschen. – Er war wiederum allein zu Hause. Sein Weiterleben kam ihm so verfehlt und überflüssig vor, daß, nachdem alle Hoffnung auf Verständigung vergebens schien, der Entschluß ihm nicht das kleinste schwermütige Bedenken mehr kostete. – Ein letztes Mal noch wollte er versuchen, sie zu sehen. War auch dieser Versuch vergebens, so war alles, was er empfunden, Täuschung und Unfug; so gab es kein Gesetz mehr in dem mystischen Zusammenhang zweier Menschenwesen, sondern nur launischen Zufall, unberechenbar wie das Zusammentreffen von Regentropfen, die zu Hagelkörnern verschmelzen. – Er ordnete alles, was ihm zur Ausübung der selbstgewählten Todesart zustatten kommen konnte, und fuhr dann noch einmal nach der Station »Potsdam« hinaus. Ihm war, als sei er vor tausend Jahren einmal hier gewesen, als gehe er auf dem Friedhofe spazieren und lege hier und da einen Strauß nieder an Stätten, wo teure Tote schliefen. Jede Ecke, an der er geharrt, bei der Verfolgung der Seltsamen einmal gezögert; jeder Schritt, den er damals getan, wurde wiederholt. Einen ganzen Vormittag stand er reglos am Eingang der Seitenstraße mit den Kontorhäusern. Wie ein Nachtwandler ging er einher. Sein Herz schwoll und kostete dieses herbe, süße »Du« bis zur Neige aus.. Er sah sie nicht, irgendwie war ihm, als könne er sie auch 164 nicht sehen, als passe dies nicht recht mit der monatelangen Resignation zusammen; als habe er eine Stufe überwunden, und als würde der Anblick ihn wieder zurückreißen zu neuer Qual. – Vielleicht war es gut so, daß er sie nicht sah. So blieb ihm noch die schöne Erinnerung, die ihm bis in die letzte Minute hinein folgen würde. Sein Tod würde ein Untertauchen sein im Grün, vor dem sie sich so hold bewegt. Und um den herben Stoß der ernüchternden Tatsächlichkeit einer Begegnung zu vermeiden, entschloß er sich zurückzufahren. Zu Hause rang er die Hände, daß ihn die Finger schmerzten. Den Mut, umzukehren, brachte er nicht auf. Und doch war die Wunde da, die offene, die konnte nur mit ihrem Lächeln geschlossen werden. – Er verfiel auf den letzten Ausweg. Er wollte sie ans Telephon rufen lassen und dort auf dem Fernbild, bevor sie ihn erkenne, wollte er noch einmal ihre stillen Züge trinken und dann den Tod erwarten. – Beim Amt wurde ihm der Bescheid, »Professor Sebaldus Schuster« habe eine geheime Rufnummer. Mit viel Überredung gelang es ihm, diese zu erfahren. Unter dem Vorwand, es handle sich um eine Bestellung, in der ein Irrtum untergelaufen sei, verlangte er sie zu sprechen. Die Milchglasplatte blieb dunkel. Auf einmal war es, als ob ein sanftes grünes Licht darin aufblitze. Er hatte sein eigenes Antlitz unkenntlich gemacht, damit sie über den Sprecher zunächst im Unklaren sein solle. Ihre Züge begannen sich abzuzeichnen, fein und scharf. Sie trug das grüne Kleid; ihre Haut leuchtete, als empfange sie Licht von oben her. Etwas wie Mondsilber lag darauf. – Er murmelte einige unverständliche Sätze, und das Gesicht sah ihn voll unendlicher Ruhe und aufmerksam an. Sie sah ihm geradewegs 165 in die Augen, obwohl sie, entsprechend seiner Vorbereitung, in unerkannte Ferne blickte. – Jede Sekunde war kostbar. Er sättigte sich an den reinen Zügen; dann sah er, wie die kleine Falte zwischen ihre Brauen trat und wie sie mit ungeduldiger Bewegung des Halses, um besser lauschen zu können, den Kopf ins Profil drehte. Plötzlich war alles wie weggewischt und schwarz auf der Glastafel, sie hatte eingehängt. Mit heißen Augen trat er zurück und hielt krampfhaft dies Bild in seinem Gedächtnis fest. Die Methode, die er sich ausgedacht, war der Hungertod. Er wußte um ein Präparat, das nagendes Hungergefühl und jeden Schmerz hob und vollkommen auslöschte, so daß der physische Verfall eine langsam fortschreitende Ermattung mit sich brachte und immer längere Schlafperioden, bis der letzte endgültige Schlaf ein Erwachen vor dem Ausklang hintanhielt. – Er legte sich nicht auf das Bett des Vaters, denn ihm war, als ob die Vision noch darin brüte und es verpeste. Er richtete sich die Ottomane im Arbeitszimmer her, versah sich mit einigen Büchern, die er leicht zur Hand haben würde, und deren abstrakte Gedankenfolge ihm kein Interesse an der Umwelt wachzurufen versprach; – stellte eine Wasserkaraffe neben sich und jenes Präparat, und bettete sich, nach reiflicher Überlegung alles Nötigen und nach Erledigung der schriftlichen Bestimmungen, ruhevoll darauf. Er blickte starr zur Decke und zwang seinen Körper zu vollständiger Passivität. Nach Verlauf von vier Tagen hatte eine gewisse Müdigkeit sich seiner schon bemächtigt und eine Unlust, sich zu bewegen. Es kostete ihn keine Überwindung mehr, ruhig zu liegen. Die Fenster hatte er verschlossen und die schweren Portièren ließen keine Helle hindurch. Künstliches Licht flammte 166 ununterbrochen seit der Minute, da er sich hingelegt. So sah er keinen Wechsel mehr von Tag und Nacht, sondern eine ewige Gleichheit in der Umgebung. – An der Tür hatte er außen ein Schild angebracht, daß er verreist sei, so daß er keine Störung zu befürchten brauchte. Zum Überfluß hatte er die Klingel mit Watte erstickt. Das einzig Lebende im Hause war der Chronometer unter der Glasglocke, der dort mit einem Aufblitzen von gelbem Messing wie unablässiger Puls vibrierte. Die Zeit schien stillzustehen. – Es war nur ein großes Sausen in seinen Ohren und um ihn herum. Ganz vereinzelt, in großen Pausen, klangen irgendwelche Geräusche durch die schallsicheren Wände; doch mit der Zeit verlernte er es, darauf zu achten. Er war im Mittelpunkt eines großen, weichen Wirbels von Stille, der ihn langsam und unnachsichtlich hinunterzog. Dann würde sich die Tiefe oben über ihm schließen. Er konnte kein zarteres und schöneres Dahingleiten in das Nichts erhoffen. Sein Leben, das vergangene, vor jenem entscheidenden Schicksalsmoment, wollte sich von Zeit zu Zeit mit leiser Klage rühren; wie Bettler, die Einlaß heischen, kamen vertraute Gedanken seiner Jugendzeit und pochten ans Tor. Aber er hatte sich verriegelt, und so verklang ihr unablässiges Rufen. – Das Schwerste war zu überwinden; – das war jene enge, schwindelnde Brücke, über den Abgrund gespannt. Noch mußte er taumeln wie ein Seiltänzer, der mit unendlicher Vorsicht die Schritte wählen muß. – Rechts und links gab es noch Ausblicke, die entsetzten; aber wandte man den Blick geradeaus, so war man gefeit; denn dort blauten schon die Wäldermassen des Jenseits. – Dort am fernen Ufer würde ihn jemand erwarten, das wußte er; vorgebeugt 167 würde ihn ein Greis an seine Brust ziehn, wenn er den letzten entscheidenden Schritt wage; und dieser Greis müsse souverän dort herrschen. – Es war nicht jene Larve, die er zu ihm gesandt und die ihn wie eine Ausgeburt der Hölle geschreckt; nein, das werde er selber sein, der alte Dux; in einem geschäftigen Frieden würde er weben, leise mit seinem seidenen Mantel rascheln und dort zu Hause sein, wo auf sein Geheiß die Quellen sprudelten. Er würde bei den »Wurzeln« und dorthin vorgedrungen sein, wo das Wort Natur seinen eigentlichsten Sinn offenbarte. – Vielleicht auch war am anderen Ufer der Schlaf zu Hause, der immerwährende Schlaf, der die vollkommene Stille ist. Das Nichts, das ihn erwartete, würde kein absolutes sein. Seine Leere würde trächtig sein, denn über den Wassern hatte von je der Geist geschwebt. Die Zeitrechnung war ihm abhanden gekommen. Er fühlte sich kaum mehr. Er sah an seinem Körper herab, wie an etwas Fremdem, was nicht zu ihm gehörte. Seine Finger waren ihm entfremdet, seine Knie. – Noch hob und senkte sich die Brust; noch lief das Uhrwerk. Aber bald überwand die Reibung die Bewegung, und alles geriet unmerklich ins Stocken. So lag er da, taub, blind, schon aufgegeben; und hier geschah es, daß das Seil über dem Abgrund plötzlich ins Schwanken kam, so stark, daß er jeden Halt zu verlieren wähnte. Jemand hatte an dem Seil gezerrt, rhythmisch daran gezupft, als ob man ihn zurückrufe. So empfand er. – Mit einer ungeheuren Anstrengung wandte seine Seele sich um auf dem schwankenden Pfad und blickte zurück ins Dasein: schon trüben Auges und wider Willen; denn dort hinten stand eine Gestalt, die nicht der Vater war. Eine 168 Gestalt, die seiner Umgebung angehörte, mit seinem eigenen, noch atmenden Körper verwandt, und die zu denken gab. Er zuckte zusammen und riß die Augen auf. – Mitten im Zimmer stand Verbena . Plötzlich herausgerissen, an die Oberfläche gespült, vom nackten Wind der Wirklichkeit umpfiffen, krampfte er den Leib, um sich aufzusetzen, denn er glaubte nicht dem, was er sah. – Doch schon war sie bei ihm und legte ihre Arme über seine Knie, die er willenlos wieder fallen ließ, als strecke er sich in lauem Bad. – Sie legte ihre Hand auf seine Stirn. Alles war geglättet. Und mit diesem letzten Anblick ihrer lieblich andringenden Gestalt, der perlmutternen Haut, die so nahe seinem Antlitz atmete, der durchdringenden Augen, die so forschend in den Grund der seinen spähten, sank er in tiefe Ohnmacht. – Es war die Ohnmacht der Genesung, in der neue Kräfte sich leise regten. – Und als nach einer Ewigkeit diese Ohnmacht sich behob, traf sein erster Blick wieder ihre Brust und ihre Schultern. Ihr Antlitz war weggewandt im Profil und hatte einen grübelnden Ausdruck. Als sie merkte, daß er erwacht sei, schob sie ihm eine Tasse mit Kraftbrühe hin, die sie inzwischen beschafft. Zu matt, um die Tasse an die Lippen zu führen, ward er von ihr unterstützt. – Sie hob seinen Kopf mit der einen Hand und speiste ihn mit der anderen; und als dies vorüber war, sank sie mit dem Gesicht auf das seine und blieb eine Weile regungslos so liegen. – Sie schenkte ihm alles zurück, was sie ihm genommen, und noch viel mehr dazu. – Sie überschüttete ihn mit ihrer Nähe und ihrer Berührung. – Er sog sich voll an dieser Gnade und sie wich nicht, bis er sich erheben konnte. 169 Fünfzehntes Kapitel »Du hast mir verziehen?« »Ich habe Dir nie gezürnt. Warum hätte ich Dir zürnen sollen? Du hast mich so gesehen, wie Du mich immer siehst; ein Gewand ist nichts. Ich bin immer dieselbe.« »Und Ole?« »Ich habe ihm zugesprochen, es ist alles gut.« »Verbena!!« »Ja, ich will versuchen, Dir eine Freundin zu sein. Aber bestürme mich nicht; ich kann Dir nie ganz gehören.« »Also doch Ole!« »Nein, nicht dieser.« Er stand auf und sah sie mit Augen an, die vor Ratlosigkeit 170 flackerten. – »Dann ist es der Dritte, von dem Du immer sprichst. Wer ist dieser Dritte?« »O, Rupert, frage jetzt nicht. Du wirst ihn kennenlernen. Aber so lange Er da ist, kann ich Dir nicht ganz gehören. Was Er sagt, muß ich tun. Er war sehr erzürnt, als Du mir nachschlichest. Wärest Du Hand in Hand mit mir hineingegangen, Er hätte vielleicht eine ruhige Miene gezeigt; so aber hat Er mir eine schlimme Stunde gemacht, und Ole und Er haben mich mit Worten gepeitscht, daß ich fast krank wurde. Ole verlangte, ich solle Unseren Freund um Entschuldigung bitten; und Er wollte mir kaum verzeihen. Nun aber hat Er sich beruhigt, und Du wirst Ihn kennen lernen.« – Rupert hielt es für das Klügste, keine weiteren Fragen zu stellen. Dieses Rätsel mußte sich lösen. »Nun gut,« sagte er, »ich will Ihn Dir nicht rauben.« »Das könntest Du auch nicht,« meinte sie und reckte sich hoch auf. »Ich kenne Ihn so lange ich denken kann; Er ist der Gespiele meiner Kindheit. Er wird nie versuchen uns auseinander zu bringen, dessen bin ich sicher, aber Rupert, Du mußt warten. Es ist schwer, furchtbar schwer, etwas allein zu tun. Ich habe Ihn bis jetzt immer befragt, Er war mein Orakel. Nun tue ich etwas auf eigene Faust, und ich weiß nicht, ob es recht ist, ich habe nur das Gefühl, daß ich mich nicht irre.« »Nie hast Du Dich weniger geirrt,« atmete er auf und umschlang sie. Seine Hände trafen und umfaßten sich auf ihrem Rücken. Er preßte ihre elastische Brust an die seine und sie hing kaum merkbar atmend mit zurückgelegtem Kopf in seinen Armen und sah ihn durch halbgeschlossene Lider an. Plötzlich fühlte er, wie die Luft ihre Brust mit einem Ruck ausdehnte, als wolle sie das freiwillige, neuartige 171 Gefängnis sprengen. Ihr ganzer Leib straffte sich, sie riß sich mit einer fast jähen Bewegung los. – Zum erstenmal sah er eine Glut auf ihrem Antlitz erwachen. Ja, ihre Wangen und ihr Kinn, sogar noch ihr Hals schienen sanft zu glühen. Trotz und Hohen traten in ihre Haltung: jene abweisende Angriffsstellung, mit der sie ihm im Treibhaus ihre kühle Nacktheit ins Gesicht geschleudert. »Für dies, Rupert, bleibt uns noch genug Zeit. Ich setze Gewalt gegen Gewalt.« – Ihre Lippen schürzten sich unmerklich, es war ein leises Heben der Mundwinkel, hatte jedoch nichts mit Lächeln zu tun. – »Sieh einmal,« fuhr sie etwas sanfter fort und legte ihm ihren kräftigen, mattweißen Arm um die Schulter, »wenn Du der bist, den ich mir ausgemalt, und wenn Du mir gönnst, was ich nun einmal haben muß, nämlich die Freundschaft des Anderen, dann werde ich mich Dir vielleicht nicht versagen. Aber ich muß dies alles erst erfahren und wissen. Weißt Du denn, wer ich bin? Du kannst diesen Dritten, den Du für Deinen Gegner hältst und den Du naturgemäß als Beeinträchtigung empfindest, nicht so aus der Welt schaffen, denn Er ist ein Stück von mir, Er hat mich so gemacht, wie ich jetzt vor Dir stehe. Er ist das Vollkommene und ich muß Dir lange, lange Nachmittage erzählen, wer Er ist. Du kannst Ihn nicht über die Achsel werfen, Rupert, Er ist zu stark und zu mächtig. Er würde wiederkommen in tausend Verkleidungen, Du wärst Ihm nicht gewachsen, und bevor Du Ihn nicht durch und durch erkannt hast, hast Du auch mich nicht erkannt. Er ist nötig für uns beide.« Rupert, der wieder auf den Sessel gesunken war, noch stark geschwächt von seiner freiwilligen Entbehrung und dieser Gemütserregung, blickte sie ratlos an und ergriff dann ihre 172 Hand, die er langsam küßte. Die kühle Haut linderte den heißen Unmut der Enttäuschung, die ihn überkommen wollte, und sanft drehte er diese Hand herum, so daß sein Gesicht nun in ihrem Handteller ruhte. Er preßte es hinein und war auf einmal ganz ruhig. – »Ich glaube Dir,« flüsterte er. »Du mußt mir schon glauben,« fuhr sie gleichmütig fort. »Mit Gewalt läßt sich gar nichts ausrichten, denn ich kann mich Ihm ebensowenig entziehen wie Du. Nun aber stärke Dich, ich fahre jetzt zurück und erwarte Dich bei uns. Bleibe sitzen und zerbrich Dir über nichts den Kopf, morgen kommst Du dann und ich werde Dir alles erklären.« – Sie beugte sich nieder und küßte ihn auf die Stirn. Während sie ihn mit beiden Händen an den Schläfen herabfuhr bis auf die Schulter, empfand er fast augenblicklich eine wohlige Mattigkeit, wie die Wiederkehr einer großen Genesung für Leib und Seele. Er sah sie noch langsam hinausgehen mit jenem lautlosen, elastischen Gang; aber daß sich die Tür schloß, hörte er nicht mehr. Er verfiel in einen Schlaf, als tauche er in gleichmäßig grünem Dämmerlicht unter, wie es in nie betretenen Waldesgründen herrscht. Er erwachte. Er rieb sich die Stirn und blickte sich erstaunt um. Er wollte dem Schmerze lauschen, der in seiner Brust so unerträglich geschrien hatte wie ein Kind im Brunnenschacht; doch es war still. Alles war zugeschüttet, und auf dem Schutt dieser trüben Stunden war neues Leben erblüht, ein Hain von Knospen. – Durch die ganze Wohnung war ein leiser Duft verstreut, wie er an ganz warmen Herbsttagen oder im Vorfrühling ans der Erde quillt: der Duft modernden Laubes, aus dem ungebärdig lichtgrüne Keime brechen; die große 173 Gewißheit, die der März mit sich bringt. – Er wurde sich eines mächtigen Hungergefühls bewußt und leitete diese Wiederkehr zum Leben mit einem Frühstück ein, dessen Reichhaltigkeit ihn selbst in Erstaunen setzte. Dabei ging ihm fortwährend das Rätsel im Kopf herum: wie in aller Welt hatte sie diesen Zustand ahnen können, und wie war sie in die Wohnung eingedrungen? – Dies mußte die erste Frage sein, die er an sie richtete. Da sein neuer Aufenthalt beim Professor nunmehr ein dauernder zu werden versprach, gab er einen mannshohen Schrankkoffer auf, der alles zum Dasein Notwendige enthielt. – Die Wohnung hatte er nicht gekündigt, da er im Zentrum festen Fuß behalten wollte; dies konnte ihm bei dem »Großen Werk« zustatten kommen. – Als er sich noch in der Wohnung umblickte, zeigte sie ihm ein ungastliches Gesicht. Er hatte zu viel gelitten unter diesen Gegenständen, die ihm vertraut und nun doch verhaßt waren. Wie einer, der Türen endgültig hinter sich schließt, eines völlig neuen Lebens gewärtig, so ließ er alles zurück ohne Bedauern. Fremd war ihm diese üppige Bequemlichkeit der Sessel, dieser raffinierte Luxus, diese Sammlung kleiner handlicher Bequemlichkeiten; es gab auch nichts, was in das Bild passen mochte, das ihm von seinem neuen Aufenthalt vorschwebte. Er trat in eine reine, strenge Kühle ein, in einen Tempelbezirk, über dessen Mauern nichts vom täglichen Dasein dringen durfte. Es war eine Welt gänzlich anderer Voraussetzungen, und er mußte sie sich ganz zu eigen machen, ganz in ihr aufgehen. Gegen Mittag fuhr er hinaus. – Genau wie bei seinem 174 ersten Kommen hörte er den mächtigen Schritt des Professors im Vorplatz. Dieser stand schwarz, fast bedrohlich im Rahmen der Tür des kleinen Portikus, die er ganz auszufüllen schien. – Aber Rupert täuschte sich, wenn er mürrischen Grimm, ja auch nur schlechte Laune erwartete. Das große, zerfurchte Gesicht mit der Hakennase trug einen fast bekümmerten Ausdruck. Er hatte schier etwas Mitleidiges in der Bewegung, wie er den Gast diesmal begrüßte. Seine Augen schienen glanzlos und schielten in der Runde umher, als suchten sie einen Anhaltspunkt. Er bat Rupert sogleich in sein Studierzimmer und hieß ihn sich setzen. Nach einem enormen Geräusper, das mehrere Minuten füllte, sprach er plötzlich mit einer Stimme, die zuerst zerborsten klang, dann aber langsam wieder etwas von ihrem alten Brustton zeigte: »So hat das Weibchen Sie also noch gerade rechtzeitig erwischt, was?« – Da Rupert ihn fragend ansah, fuhr er fort: – »Sie können mir ruhig die Schuld geben, junger Mann.« »Ja, aber sagen Sie mir,« fragte Rupert eindringlich, »wie ist das möglich gewesen?« »Nun, wie war es möglich, daß Sie ins Treibhaus gelangten?« setzte der Alte dagegen mit breiter Stimme. »Ja, aber meinen Zustand, wie konnten Sie den erraten?« »Nun, das schlägt in ein Kapitel, das Ihnen nicht mehr fremd sein müßte. Glauben Sie denn, Ihr Vater war der Einzige, dem es gelungen ist auf Entfernung zu empfinden? Bei Ihnen war es sogar noch einfacher. Der telephonische Anruf . . . O, glauben Sie nicht, man hätte Ihre Stimme nicht erkannt. Man ist feinhörig hier.« – Er hieb mit der Faust auf den Tisch; etwas wie das alte Feuer schien wie 175 ein kleiner Funke in seinen Augen zu erwachen. »Sie riefen und riefen, unablässig riefen Sie. Wir waren es hier schon fast müde, Ihre Stimme zu hören. Uns beiden gellten die Ohren davon, dem Weibchen und mir. Das begreifen Sie nicht, was? O, wir hören eine Fliege laufen, und es klingt wie ein durchgehendes Pferd für uns, wenn wir Lust haben . . . Irgend etwas zwischen Ihnen und dem Weibchen war naturgewollt. Das begriff ich, und deshalb ließ ich ihr die Zügel locker.« »Also Sie,« schrie Rupert ihn fast an, »sind derjenige, von dessen Behagen es abhängig war, daß sie zu mir kam.« »Regen Sie sich nicht auf.« »Aber welche Ansprüche können Sie denn noch an dieses Mädchen stellen?« Der Alte bekam einen roten Kopf. Er schluckte mehrmals hinunter als ob er etwas sagen wolle, jedoch wurde nur ein heftiges Geräusper daraus. – »Sie nehmen sich viel heraus, aber ich bin das ja gewohnt. Es ist ja nicht das erstemal,« sagte er endlich rasselnd und mächtig. »Ihre Logik ist vortrefflich. Ein alter Esel, denken Sie, der nun einmal das junge Fleisch um sich herum nicht missen will. – – Das stimmt soweit, das ist Ihre Logik und sie hat Berechtigung. Aber mein Lieber, wenn ich Ihnen auch etwas Kostbares abtrete, und das muß ich ja mit der Zeit, so ist es immer freiwillig von mir. Man braucht kein alter Esel zu sein, um das Junge zu schätzen. Aber das steht auf einem Blatt für sich. Da ich mein Leben auf hundertzwanzig taxiere, so habe ich die Hälfte knapp davon überschritten.« Rupert saß da, von widersprechendsten Empfindungen hin und her geworfen. Seine Hände fuhren ratlos an den Stuhllehnen entlang. 176 »Da ereifert man sich,« fuhr der Alte fort. »Es liegt doch nicht alles so auf der Hand wie Sie glauben. Daß Sie hier sitzen anstatt sich drüben in der Stadt auf so klägliche Weise das Lebenslicht auszupusten, verdanken Sie mir, denn ich war es, der dem Weibchen erlaubte zu gehen. Ich hätte es ihr verweigern können, und dann?« »Aber sie wollte es doch,« stammelte Rupert. »Sie hätte zehnmal wollen mögen, noch bin ich da. Glauben Sie mir, ein Augenblinzeln genügt. Ihr seid törichte Kinder, aber da ich Euch durchschaue, gefallt Ihr mir. Ich habe Sie mit einbezogen in meinen Kreis. So experimentiere ich mit Ihnen, wie ich mit Verbena Studien treibe, doch lassen Sie sich das nicht anfechten. Sie werden es ebensowenig merken wie sie. Ich will Euch nicht schaden.« Rupert sank zusammen. Er hatte keine Erwiderung. Er sah sich wieder einer Macht gegenüber, die er nur halb verstehen konnte und die nur dann wirksam zu bekämpfen war, wenn sie ihm eine Handhabe bot. Der Alte hatte ihm brüsk diese Handhabe entzogen. Er war ihm auf Gnade und Ungnade verfallen. – »Also Sie waren es, der sie schickte,« murmelte er. »Nicht schickte, junger Freund, der ihr die Freiheit ließ, zu tun, was sie sollte.« Rupert atmete auf. Dann fragte er, nicht ohne Schärfe: »Aber der Dritte? – – Dort im Treibhaus?« – »Ja, ja, der Dritte!« – Der Alte lehnte sich zurück. Er glich auf einmal einem alten norwegischen Bauern, der zur Winternacht am Kamin eine Erzählung abzuspinnen sich anschickt. »Ich werde Ihnen jetzt einen großen Vertrauensbeweis geben und werde Ihnen berichten, was es mit diesem Dritten für 177 eine Bewandtnis hat. Aber eins müssen Sie mir zuvor versprechen, daß Sie das Weibchen nicht darüber aufklären, was ich Ihnen soeben erzähle. – – Vor neunzehn Jahren wurde ein einsamer Gebirgshof in der Gegend von Tromsö im nördlichen Norwegen von einem Bergsturz überschüttet. Die beiden Kinder, die zu diesem Hof gehörten, ein Knabe und ein Mädchen, kamen aus Zufall mit dem Leben davon. Der zehnjährige Knabe hatte damals seine erst ein paar Monate alte Schwester auf die Alm genommen, da die Eltern im Hause zu tun hatten. Man fand die beiden Kinder nach dem Felssturz, der seine Trümmer weit und breit umherschleuderte, noch zwischen den zersprengten Gesteinsmassen sitzen, der Knabe hielt die Kleine krampfhaft zwischen die Knie gedrückt. – Er hätte sie fast erdrosselt, so groß war sein Schreck und sein Bestreben, sie mit seinem Leben zu schützen. – Die Katastrophe hatte einen kurzen Luftwirbel erzeugt, der mehrere Meilen weit entfernt in abgelegenen Tälern als Donnerschlag erwachte. Man zerbrach sich zunächst den Kopf, woher das wüste Geräusch stamme, das plötzlich in der klaren Luft dahergewandert kam wie ein böser Albdruck. Nur eine Atemstockung lang währte es. – Dann berechnete man, daß, nach Art solcher Geräuschwellen, in der unberührten Natur sich eine der vielen unbeachteten Katastrophen vollzogen haben mußte, und mehr aus Neugier machten sich ein paar Leute, darunter ich, auf den Weg. Der Bergrutsch hatte den Lauf eines Gletscherwassers abgelenkt, das nun kurz hinter dem Hof wie ein Geysir in die Höhe fuhr und einen neuen reißenden Bach erzeugte, durch den wir uns erst zu kämpfen hatten. – Eine Mauer war aus Zufall noch übrig, sonst war der ganze nicht sehr 178 geräumige Hof buchstäblich verschwunden. Eine einzige Ziege schrie kläglich mit zerquetschtem Bein aus den Trümmern hervor. – Der Knabe, der entgeistert irgendwo in einer Mulde hockte, gab keinen Laut von sich und starrte uns nur großäugig an. Der plötzliche Donnerschlag mußte ihn verwirrt haben. – Als er uns sah, ließ er einen weißen Gegenstand fallen, den wir nicht gleich erkannten, und rannte davon. Es war vergebens, ihn halten zu wollen. Wir pfiffen und riefen, doch er war bereits im Walde verschwunden und man hat bis zu dieser Stunde nichts mehr von ihm gehört. Als die Ziege ihr klägliches Geschrei plötzlich einstellte, wurde uns klar, daß noch ein leises Wimmern zurückblieb Es kam von dem Gegenstand, den der Knabe hatte fallen lassen. – Es war ein vollständig ermattetes kleines Mädchen. Seinem Benehmen nach mußte es bereits mehrere Tage ohne Nahrung sein. Wir mußten uns beeilen, es zu retten. In den Trümmern, die wir durchforschten, fand sich gottlob etwas Käse und im Euter der Ziege, die noch gerade am Leben war, Milch genug, um das kleine Wesen zur Not zu sättigen. Ich nahm es mit und behielt es. Wie jene Leute hießen, ist belanglos. Ich habe das Mädchen adoptiert und seitdem trägt es meinen Namen. Sie war so gänzlich entwurzelt. Verwandte gab es nicht. Mehr aus Mitleid sorgte ich zunächst für das Kind; dann aber, als es sich zu entwickeln begann, nahm ich seine außergewöhnliche Schönheit und ihre Begabung wahr. Ich hatte mich schon damals, wie Sie wissen, intensiv mit unserem Projekt beschäftigt, und so beschloß ich denn, die günstige Gelegenheit nicht zu versäumen und diesen Menschen, über den ich durch Zufall Vollmacht besaß, so aufwachsen zu lassen, wie es das gottgewollte Erbteil des Menschen ist. – 179 Sie hat nichts von dieser Zeit gespürt, nichts von all dieser verwüstenden Häßlichkeit. Sie ist mein Geschöpf, in meiner Atmosphäre gediehen, ein Stück von mir ganz und gar. Eine Pflanze aus meinem Treibhaus, wenn Sie so wollen. Ich bin ihr Gärtner gewesen und habe ein so herrliches Wachstum gezeugt, wie es wohl nie vorher emporblühen durfte. Sie ist die vollkommene Unschuld. Sie ist stark, rücksichtslos, liebevoll, verschwenderisch und geizig, alles in einem; sie ist die Natur selbst, denn sie kennt nichts anderes als das Walten ihrer Gesetze. Natürlich war es nicht leicht für mich, das Weibchen zu hüten, doch sie war so gewöhnt an mich und ist es noch, daß ihre Gedanken die meinen sind und daß ich in ihrer Seele lese wie in dem klarsten Spiegel. Aber wie der Mensch der Urzeit sich Mythen und Symbole schuf, um sich das Walten der Natur begrifflich zu machen, so mußte auch ich in dieses jungfräuliche Menschentum Mythen streuen, an denen sie zur wahren Einheit mit der Natur gelangen konnte, wie auf goldener Leiter, deren Sprossen aus handfesten Begriffen bestehen. – Mein ältester Mythus ist der ›Dritte‹, ist ›Unser Freund‹. Setzen Sie einen Menschen der Frühzeit in die unberührte Welt, so erschafft seine Phantasie sich Dämonen, die seines Leibes sein müssen, um für ihn begrifflich zu sein. So auch erzählte ich schon der Fünfjährigen von jenem guten Geist, und da ihre nachschaffende Phantasie sich nicht beruhigte, sondern sich selbst schöpferisch betätigte und eine Frage der andern folgen ließ, so gestaltete ich für sie, mehr zum Spaße für mich, jedoch zur notwendigen Freude für die junge Seele, ein Geschöpf. – Und was war der natürlichere Aufenthalt für dieses Geschöpf, als der unter Pflanzen? Sie hatte 180 mich immer in das Treibhaus begleitet und ihre rege Findigkeit hatte dort Unendliches entdeckt, was mir selbst wie neues Wunder erschien. Ich hatte wahrgenommen, daß sie, wenn ich ihr vorschwärmte, einen starren Blick bekam und daß ihr Geist auf Wanderschaft ging, durchaus nur eingelenkt in Bahnen, die ich ihr mit zufälligen Worten vorgezeichnet. – Ein Blick von mir genügte, um sie zum willenlosesten Werkzeug meiner eigenen Phantasie umzuschaffen. Sie lebte in meinen Worten. Alle Begriffe, die ich ihr vortrug, wurden lebende Wesen, die sie vor sich sah, und so konnte es nicht ausbleiben, daß sie den Gerüchten über jenen guten Geist, der in ihrer Nähe stehe, der ihr bester Freund sei, der dort im Treibhaus hause, das willigste Ohr lieh. – So, mein junger Freund, entsteht eine Religion. Eines Tages kam sie atemlos zu mir. Sie habe ihn gesehen. – Ich forschte. Noch war ihre Beschreibung lückenhaft, die Worte mangelten ihr. Mit einem Blick und einer leisen Berührung schläferte ich sie ein und brachte ihr in diesem Zustand hellsichtigen Halbschlummers neue Begriffe bei. – Ich beschrieb ihr den Geist. Ich hatte meine vertrackte Freude daran. Ich machte aus diesem Pflanzengott ein Idol. Er war wie Pan, der sich aus der Stille arkadischer Wälder gebar. Und als sie erwachte, ging sie wieder zu ihm hinein. Diesmal hatte sie ihn deutlicher gesehen. Das Natursymbol hatte sich verdichtet zu leiblicher Plastik. Alles hatte sie gesehen, was ich ihr beschrieb, und diesmal hatte sie auch des längeren mit ihm geplaudert und er hatte ihr Antwort gegeben. Freilich war das alles Echo ihrer eigenen Seele, das sie ihm in den Mund legte, und mündete letzten Endes in meinem Hirn. Aber je mehr ich ihn formte und je mehr sie mir von ihm erzählte, desto froher ward ich um ihren 181 Glauben, denn das gute grüne Gespenst da drinnen entwickelte sich mehr und mehr zu ihrem Schutzgeist, und die Ratschläge, die er ihr gab, glichen, hätte sie mich gefragt, zum Verwechseln den meinen. – Sie empfand diese Vorstellung schließlich als eine festumrissene Persönlichkeit, die neben uns lebte, durch meine Macht im Treibhaus festgehalten und verzaubert. Ich hütete mich natürlich, sie jemals aufzuklären, ich ging selbst hinein und brachte ihr Berichte mit. Ich führte die kleine Komödie heiter und folgerichtig durch. – Dies fiel mir um so leichter, als ich selbst eine derartige Verwandtschaft zu all diesem Pflanzlichen spürte, so daß ich mir vorstellen kann, daß es zur Personifikation nur ein ganz geringer und angenehmer Schritt ist. Der Geist wollte Spielraum. Er hatte das Verbena zu verstehen gegeben, wie sie mir bedeutsam erklärte. – So ließ ich da drinnen eine kleine Wildnis erblühen, legte einen Teich an und schuf für ihn selbst eine Art Nische, in der er sitzt, wenn sie ihn ruft. – So stehen die Dinge und ich habe es auf diese Weise verstanden, ihr alles zu ersetzen, was ein junges Weib ihres Alters zu brauchen wähnt. Sie entbehrt nichts. – Auf so zarte Weise erschöpft sich der Drang ihres Geschlechtes in der Vorstellung dieses Phantoms, daß sie sich der wahren und auf der Hand liegenden Bestimmung ihres Körpers bis jetzt noch nicht klar geworden ist. Der Drang nach Vereinigung war blind und setzte sich ins Gefühl der allgemeinen Umschlingung und Verwandtschaft mit all dem stummen Leben dort drinnen um. – Ja, in ihren stillen Ekstasen ward sie ganz zum Weib, ohne es jedoch im eigentlichen Sinne zu sein. Ich staunte oft über das verzehrende Glück, das sie beseelte. Sie gab sich dieser Traumgestalt hin. Sie verlor sich ganz an sie und ihre frohlockenden 182 Worte verrieten, wie glühend sie dies alles erlebt und daß es für sie eine Wirklichkeit war, von der sie sich selbst keinen Begriff machen konnte; denn ihr Verstand war ausgeschaltet, ihr Gefühl loderte wie eine reine Flamme. Und so erlebte sie die Hingabe unendlich stärker als die selbstquälerische und sterile Glut jener Frauen, die als ›Bräute Christi‹ altern . . . Dies alles müssen Sie wissen. Um was ich Sie nun bitten möchte, rauben Sie ihr diese Vorstellung nicht. Ich kann Ihnen ja verraten, daß der einzige Weg für Sie, jemals eine maßgebende Rolle bei ihr zu spielen, der einer allmählichen Vertauschung ist. Überstürzen Sie nichts, sie wird langsam, langsam an Ihre Seite treten, und das Phantom dort hinten wird für sie verblassen. – Aber reißen Sie sie nicht roh heraus aus diesem so liebevoll gezüchteten Traumleben; Sie würden es bereuen, denn dann würden Sie sie verlieren. Geben Sie ihr nach, lassen Sie die eigene Phantasie spielen, freuen Sie sich der harmlosen und fruchtbaren Idee. Je mehr Sie ihr darin zugute halten, desto schneller werden Sie selbst Ihren Platz finden.« Rupert stand langsam auf und reichte dem Professor die Hand. – »Wenn es auch lange dauert,« sagte er, »ich werde es versuchen und es muß mir gelingen.« 183 Sechzehntes Kapitel Es war gegen Ende April, ein vorzeitig warmer Tag. – Die Sonne brütete auf der Mauer des Treibhauses und auf dem fliesenbelegten Pfad, und Rupert saß im Garten und wartete auf Verbena. – Sie kam jetzt heraus aus der kleinen Tür, mit Ranken bekränzt, die sich ihr durchs goldbraune Haar schlangen, und sanft gegen ihren Rücken schlugen, während sie auf ihn zuschritt. – Dann ließ sie sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf dem Sand nieder, lehnte sich langsam zurück und lag endlich langgestreckt auf dem Rücken. – Ihr ganzer Körper sog Wärme ein. Ihre Haut glitzerte vom Schweiß der Pflanzen, vom 184 saftdurchschwängerten Humus des Treibhauses. Es war, als atme sie noch jenen Duft aus allen Poren. – Das Kleid war wie zufällig über sie gestreift, als habe jemand im Vorbeigehen aus Eifersucht dieses Stück gewirkter Seide über ihre unbändige und schlanke Nacktheit fallen lassen. Und trotzdem sie das Bein (sie trug keine Strümpfe, sondern nur Sandalen an den Füßen) in zwangloser Ruhestellung hob, sah er den Schimmer ihrer Haut gelassen an, wie man sich an dem Spiel eines schönen Tieres erfreut, an der Harmonie seiner Regung. All ihre Bewegungen waren von einer derart unbewußten Unschuld und Selbstverständlichkeit, daß er mit der Zeit, nun er sie stündlich um sich haben durfte, schier vergaß, sie als etwas Neues und Unerhörtes zu empfinden. Sie blickte ihn blinzelnd an mit selbstvergessenem Lächeln, als träume sie einer schönen Stunde nach. »Erzähle mir doch etwas von Deinem Freund da drinnen,« bat er plötzlich. Sie richtete sich in den Hocksitz auf. Das Schulterstück des Kleides glitt ihr halb über die jungen Brüste hinab; sie achtete dessen nicht. – »Du hast zwar versprochen,« erwiderte sie, »mich nicht nach Ihm zu fragen, aber ich fühle, ich kann Dir alles über Ihn erzählen. Als Du mich damals belauscht hast, so sagte ich Dir schon, hatte ich schwere Mühe, Ihn zu beruhigen, denn er hat das ältere Anrecht auf mich, und wie das gekommen ist, das kann ich Dir mit meinen armen Worten auch schwer erklären. Er muß schon dagewesen sein, bevor ich denken konnte. Er soll auf einem Felsblock geritten haben, so erzählt Ole, und den Felsblock daran verhindert haben, mich zu zerschmettern, als ich winzig klein war. Ole meint, er habe es deutlich gesehen, wie Er grün auf den Felstrümmern getanzt habe, 185 ungefähr wie ein Sonnenkringel auf dem Waldboden, und Ihn dahin gelockt haben, wo ich lag. Er ist mein guter Geist und mein ältester Freund, das kannst Du glauben, frage nur Ole. Nun muß ich Dir aber auch sagen, daß ich noch gar nicht so lange weiß, wie Er aussieht. Er hat mich immer geschützt, bis ich vielleicht vierzehn wurde, und da in einer Nacht, als ich es nicht mehr im Bette aushalten konnte, es war im Juni und es war warm, lief ich im Hause umher und hatte nichts am Leibe. – Mein Haar reichte mir damals bis unter die Knie, und ich konnte mich darin vollständig einwickeln. Ich hatte mächtig lange Haare, flocht sie mir oft zu Zöpfen und sie peitschten meine Waden, wenn ich lief. – Irgend jemand muß mich im Schlafe daran gezupft haben, denn ich stand plötzlich auf und hatte das Gefühl, ich müsse Lärm machen, müsse Gesellschaft haben, ich tastete um mich herum und fand niemanden. – Ole schlief unten und schnarchte wie ein Sägewerk. Ich wollte ihn nicht wecken. Aber mir war plötzlich recht elend und einsam zumute. Ich wollte jemanden umschlingen, von jemanden lieb gehabt werden und so rannte ich Treppauf, Treppab, rutschte über das Geländer hinab und trieb ein wüstes Unwesen im Hause ganz allein für mich. – Und auf einmal fürchtete ich mich, aber die Furcht war nicht groß genug, um Ole zu wecken. So blickte ich aus dem Fenster, es war schwarze Nacht und mit einemmal fühlte ich, daß jemand meinen Leib berührte. Ich fuhr zusammen und schrie auf – Niemand war da, es war eine Efeuranke gewesen und sie kam mir so lebendig vor. Sollte das die Gesellschaft sein, die ich heute Nacht bekommen würde? Es raschelte draußen; die Blätter tuschelten tausendzüngig und doch schien es windstill zu sein. Dann kam 186 eine Maus und pfiff, sie fürchtete sich nicht im geringsten vor mir. Ich breitete meine Handfläche aus auf dem Boden, sie kam näher und spazierte mir den Arm hinauf. Denke Dir, ich habe mich nie vor Mäusen gefürchtet, ich finde es lächerlich, wenn man sie unrein nennt, kein Geschöpf ist unrein. Die Maus kletterte bedachtsam an meinem Zopf wieder herab wie ein Seemann von der Raa. Ich ließ den Zopf schwingen, sie plumpste mit einem kleinen erbosten Quietschen zurück, aber sie rannte nicht davon, sondern tummelte sich in meiner Nähe. Zuweilen setzte sie sich auf und sah mich ernsthaft an. Mäuse können so ernsthaft sein. Es geschah noch mitten in dieser Nacht und ich fühlte, daß ich nicht mehr einsam sei. Falter kamen herein. Aber anstatt um die Lampe zu schwirren, setzten sie sich auf meine Stirn und ließen sich mit den Fingern davontragen, und ich fühlte auf einmal, daß ich von lauter lebendigen Dingen umgeben sei und dies Gefühl war genau so, als ob mich jemand ganz fest in seine Arme nähme. – Dann kletterte ich, wie ich war, aus dem Fenster herab in die dunkle Nacht hinein. Du kannst Dir vorstellen, was ich im Garten alles erlebte. Wir hatten damals einen großen Hund, auf dem ritt ich ein wenig spazieren und dann geriet ich zum erstenmal ins Treibhaus, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen. – Ole hatte es nicht abgeschlossen und ich versteckte mich die ganze Nacht darin. Mir war, als ob es gar nicht finster war, ich konnte alles sehen. – Ich sah nur eine leichte Dämmerung, sonst war alles deutlich. Und ich hörte und ich sah die Pflanzen wachsen. – Du wirst lachen darüber, aber so ist es. Ich verstand alles bis ins kleinste hinein, wie es lebte und sich bewegte. – Andere Menschen sehen das nicht, 187 habe ich mir sagen lassen, auch Du nicht, Du kannst es nur glauben, ich weiß es aber. Nach jener ersten Nacht erzählte ich Ole, was mir begegnet sei und wie glücklich ich war, daß ich überhaupt keiner Gesellschaft bedürfe, da sich alles mir so lebendig zeige. Und hier erzählte er mir zum ersten Male, wie das zuging. – Er erzählte mir von Unserem Freund, der bei uns lebe, und dem ich diese Gesellschaft zu verdanken habe. Er stecke hinter dem allen, und ich quälte Ole unablässig, bis er Ihn mir genau beschrieb. Du hast gute Augen, sagte er, aber Dein Blick wird sich noch schärfen, Verbena, und wenn Du so gut siehst wie ich, dann wirst Du Ihn auch erkennen, denn ich sehe Ihn vor mir, wie ich Dich sehe, da ist gar kein Unterschied. – Wie kommt es denn, daß Er bei uns lebt, fragte ich und war sehr wißbegierig. – Ich habe Ihn damals mitgenommen, als ich Dich fand, denn irgendwie gehörte Er zu Dir, erwiderte er, und ich habe Ihn dieser Welt nicht gegönnt. Er ist ungeheuer weise, obwohl Er noch sehr jung ist, oder vielmehr jung aussieht, denn Seine Jugend ist ewig, Er ist alterslos. Man hat Ihm zu verschiedenen Zeiten verschiedene Namen gegeben, aber es war noch niemandem gelungen, Ihn in Fesseln zu legen. Mir gelang es. Ich nahm Ihn mit, steckte Ihn sozusagen in meine Tasche und verbannte Ihn ins Treibhaus, da entbehrt Er nichts. – Ja, aber Ole, wer ist es denn? – Mein Weibchen, sagte er, das ist eine schwere Frage, die zu beantworten hat sich schon mancher den Kopf zerbrochen. Man kann immer nur neue Namen für Ihn erfinden, lassen wir's dabei, geben wir Ihm keinen Namen, nennen wir Ihn »Unseren Freund,« denn dies hat seine tiefe Berechtigung. Er gehört uns, und zwar uns beiden ganz zu eigen und außer uns gibt es nur ein paar Dutzend Leute, 188 die von Ihm wissen, denen Er sich gezeigt hat. Jedenfalls gehst Du nicht fehl, wenn Du Ihn Dir als einen Jüngling vorstellst, der Dein Spielgefährte ist. Er ist Mittelding zwischen Knabe und Jüngling. Ein wenig beschaulich veranlagt, aber trotzdem auf Seine Weise äußerst geschäftig. – Mit diesen Worten hat mir Ole damals einen ganz bestimmten Begriff in den Kopf gesetzt. Er hatte mich so von aller Welt abgeschnitten gehalten, daß ich mir gar nicht recht vorstellen konnte, wie ein Jüngling aussieht, ich wußte auch nicht, welches Kostüm ich Ihm geben sollte, deshalb dachte ich Ihn mir so ungefähr wie Ole, wenn er um sechs Uhr morgens durch den Garten galoppiert. Hast Du ihn gesehen? Noch heute beschämt er jedes Rennpferd. Aber natürlich um einige fünfzig Jahre jünger! Ein rechtes Bild konnte ich mir nicht machen, aber jedenfalls war es ein hübsches Bild, was ich mir da erschuf. Ich habe immerfort in Gedanken an Ihm herummodelliert, und am Schluß hatte ich den Begriff ganz fertig im Kopf. Es mag auch sein, daß jene wachsende Verschärfung meines Gesichtes alledem zugrunde lag, denn als ich Ihn wirklich sah, entsprach Er ganz der Vorstellung, die ich von Ihm hatte. Ole meinte, es passe Ihm nicht, daß er im Garten und im Hause umhervagiere; er sagte mir, er habe Ihn ins Treibhaus gesperrt, und da bleibt Er jetzt, und das sei von jetzt ab mein Tummelplatz und Seiner. – Wenn wir also etwas miteinander auszumachen hätten, so möge ich mich dahin verfügen. Er hat es ihm ja auch sehr gemütlich dort gemacht, das siehst Du ja. Er ist ja auch kein Mensch wie Du und ich, sondern in seinen Bedürfnissen eigentlich eine Pflanze, nur sein Verstand leuchtet siebenfach stärker als all' unser armer, schwacher Verstand. 189 Ich war unsagbar glücklich. Ich hatte einen Geist gespürt, der sich zunächst noch zu verstecken liebte. Aber allmählich trat Er immer deutlicher aus dem Gewirr der Blätter hervor. Sein Leib ist wunderschön, und ich weiß nicht recht, ob Er sich bekleidet oder nicht. Manchmal scheint es mir, als sei Er ganz umhüllt von Blättern, und drapiere sie um Brust und Hüften. Der Widerschein von sonnendurchleuchteten Blättern ist stets um Ihn. Sein Haar sieht aus wie jene hellgrüne Flechte, die von alten Bäumen hängt. Seine Augen sind grün, so grün wie ein tiefes Wasser, auf dessen Grund Algen wachsen und verirrte Sonnenfunken spielen. – Er hat immer etwas besinnlich Listiges um den Mund. Wenn ich mir's überlege, sieht Er mir so ähnlich, als könne Er mein Bruder sein. Wenn ich mich im Spiegel sehe, so hat Er dieselbe Nase und dieselbe Stirn. Zuweilen dünkt mich, Er sei blond, ganz von blonden Haaren bedeckt wie ein Tier. Dann schimmert Er goldig, und Seine Haut ist braun wie Herbstlaub. – Wenn Er spricht, so tönt es eigentümlich, wie das Geräusch von leise sprudelndem Wasser. Seine Sprache ist nicht die unsere, und doch verstehe ich jedes Wort . . . Der Sinn Seiner Sätze äußert sich langsam, aus dem Tonfall, möchte ich sagen. Es gibt kein Geräusch der Natur, was Seiner Sprache fremd ist. Oft muß man sich besinnen, was Er meint, aber der Sinn leuchtet am Schluß still und schlicht daraus hervor. – Er weiß alles, Er weiß um mich so Bescheid, wie ich selber nicht. Ich befrage Ihn darum über alles, was mit mir, mit meiner Seele und meinem Körper vor sich geht, und Er erklärt es mir, und dann bin ich glücklich für Wochen. Rupert, ich bin so froh, daß ich diesen Freund habe. Ole hat mir immer wieder gesagt, wie sehr ich mich auf Ihn verlassen könne. Mein Blut wäre auch das Seine, behauptet er, 190 und wenn ich mich an Ihn halte, so werde ich überall sofort wissen, was geschieht, ob die Triebe und Leidenschaften und Gedanken anderer Menschen echt oder falsch sind. Ob etwas mit dem Verstand gesagt wird, oder mit dem Herzen, und Dich mochte mein stiller Freund zuerst nicht leiden, da Du Dich eingeschlichen hattest und wirre Gedanken, die von draußen kamen, zu Ihm hineintrugst. Dann aber hat Er mir gesagt, es sei doch etwas in Dir, und ich könne es ja versuchen mit Dir. Vielleicht ließe sich an Dir manches verbessern. Du seist noch nicht hoffnungslos verdorben, und Deine Empfindungen seien noch echt, und als Du so sehr traurig warst, da hat Er mir's erzählt und zu Dir geschickt. Du hast es also Ihm zu verdanken, daß ich wieder mit Dir zusammen bin.« Die Sonne brütete. – Dunkelblaue Fliegen zogen durch die Luft, blieben zuweilen stehen und jagten sich in tollem Spiel. – Von den Fliesen kam die Hitze zurückgeprallt, der Himmel flammte in einem Blau, das wie eine Glocke aus Kristall über den Garten gestülpt schien. – Ein einziger Vogel zwitscherte eintönig. – Die alten Linden breiteten ihre mächtigen Kronen wie ein grünes Zelttuch über den Weg zum Hause. Alles, was jenseits der Mauer war, war vom Grün abgesperrt, sie saßen in einer geschützten Heimlichkeit, die etwas Traumhaftes hatte. Ganz fern im Hause hörte man das krächzende Räuspern Örvandills herüberklingen, von den Blättern erstickt, und Rupert blickte versonnen und ganz befangen über sie hin. Sie wußte ihre Worte so lieblich zu setzen, daß ihm das Bild jenes guten Geistes selbst ganz plastisch in die Phantasie eingeprägt war. Vielleicht saß er wirklich dort drinnen, meinte er nachdenklich zu sich. Aber er gönnt sie mir. – Er lächelte. Es gab wohl keine sanfteren Fesseln auf dieser Welt, aber 191 keine schwerer zu lösenden. Er mußte warten, warten, dann fiel sie ihm wie eine reife Frucht in den Schoß. Sie guckte ihn blinzelnd an, einen Stengel zwischen den Zähnen, an dem sie nachdenklich kaute. 192 Siebzehntes Kapitel Die Nacht zum ersten Mai war es, die endlich die Erfüllung brachte. – Sie begann mit schweren Atemstößen voller Lindenblütenduft, die sie durchs ganze Haus atmete. – Etwas Drängendes und Pochendes war im Anzug, etwas, was den Schlaf raubte. Es mochte gegen ein Uhr nachts sein, da legte Rupert das Buch weg, in dem er gelesen hatte. Er lag im Nachtanzug auf der zum Bett hergerichteten Ottomane, aber für heute gab es keine Ruhe. – Die Kerze flackerte unaufhörlich und schloß man das Fenster, so war es zu schwül. – Er hauchte sie aus. – Aber die Geräusche gingen weiter um und wuchsen. Mit einemmal unterschied er ein Tappen von Schritten, 193 wie das leise Klatschen nackter Sohlen auf den Fliesen draußen im Korridor. – Es ließ ihn nicht in Ruhe, wer anders konnte es sein als Verbena? Noch hatte sie sich ihm versagt und dies unruhige Wandern, dies von Zweifeln und Wünschen zögernd angetriebene, brachte auch die Unruhe in ihm zum unaufhaltsamen Durchbruch. – Er stand auf und machte leise die Tür auf. Der Korridor lag leer, nur von einem flackernden ungewissen Licht erhellt, das von dem Windlicht an der Mitte des Treppengeländers kam. – Lautlos ging er zum Treppenhaus. – Dort auf halber Höhe stand sie und spähte zu ihm hinauf. Sie trug grüne Pyjamas und hatte mit ihrem über dem Nacken abgeschnittenen Haar, wie sie so spähend dort stand, etwas knabenhaftes. – Die eine Hand hatte sie in die Hüfte gestemmt, die andere lag auf dem Treppengeländer, als halte sie sich daran fest. Ihr Kopf sank immer tiefer in den Nacken zurück, ihre Augen waren groß und leuchtend. – Und doch fehlte für ihn irgend ein Ausdruck darin, es war fast als ob sie schlafwandele. Er setzte sich auf die oberste Treppenstufe und sprach plaudernd hinunter: »Geht es Dir auch so wie mir? – Ich kann heute Nacht nicht schlafen.« Sie fuhr sich mit der Hand langsam über die Stirn und nach einer Pause erwiderte sie: »Treppauf, treppab; mir ist zumute wie damals.« »Als Du vierzehn warst, und die Efeuranken nach Dir griffen?« »Genau so, Rupert, ganz genau so. Zuerst wollte ich ins Treibhaus laufen; aber heute ist das grüne Licht nicht da, und dann weiß ich nicht, ob ich Ihn stören soll. Ich will Ihn nicht überfallen, denn ich weiß selber nicht, was mit mir ist.« 194 Er ging ihr zwei Treppenstufen entgegen. – »Vielleicht wolltest Du zu mir,« sagte er leise, kaum hörbar. »Zu Dir?« kam ein langsames, unendlich verblüfftes Flüstern zurück. »Was sollten wir uns wohl zu sagen haben mitten in der Nacht? Aber Du hast Recht, es ist zu zweit heute besser, wie allein.« Sie setzte sich resolut auf den unteren Treppenabsatz und lehnte den Rücken gegen das Geländer. »Stören wir Ole nicht, wenn wir hier sprechen?« fuhr er fort, noch immer leise. »Ole schläft nicht,« wiederholte sie, »ich habe nachgesehen. Er sitzt auf, was er sonst nie tut. Ich spür's in allen Gliedern, daß heute etwas geschieht, Rupert, es ist eine halbe Angst dabei, und auch eine leise Freude. Komm näher zu mir!« Er setzte sich neben sie. Nur durch den dünnen Stoff ihrer Nachtkleider getrennt verspürten beide die Berührung und Ruperts fiebernde Haut schmiegte sich an die Kühle ihres Schenkels. »Wie seltsam,« dachte er wieder, »daß sie immer so kühl ist.« Das Treppenhaus ließ ihre Stimmen hohl erklingen. Einmal lachte sie auf, scheinbar ohne Grund, und dann wandte sie sich mit einer plötzlichen Bewegung zu ihm und sah ihn mit hochgezogenen Brauen an. Ein leichtes Kräuseln lief über ihre Stirn, wie Wellenringe vom Fall einer Flaumfeder auf stille Wasserfläche, kaum sichtbar. Hinter dieser Stirn entstanden lauter ungelöste Fragen. – Sie begriff sich selber nicht, sie begriff die Stunde nicht und daß es ihr so wohl tat, neben ihm zu sitzen. Sie wurde still und glücklich, aber sehr nachdenklich dabei, und diesmal wagte er es zum zweiten Male. – Es war wiederum dieser unwiderstehliche Zwang, der ihn mit großer Gewalt im Nacken faßte und zu ihr hin 195 schleuderte. – Das erstemal hatte sie ihn mit keusch geschlossenen Knien jäh zurückgestoßen in sein Nichts. Heute erbebte sie und der kühle Körper hing willenlos in seiner keuchenden Umarmung. – Ihre weitaufgerissenen Augen verloren die Fragen nicht. Sie starrte ihn unablässig an, ohne die langen Wimpern zu senken. Sie preßte ihm ihren Schoß entgegen mit einer plötzlichen wilden Bewegung; dann aber straffte sie sich, und als sie ihm aus den Armen schlüpfte, fühlte er ihre Muskeln hart werden vom Entschluß. – Sie lief nicht sofort weg. Ihre Lippen trugen sogar ein leichtverzerrtes Lächeln. Sie stand noch eine Weile vor ihm, ganz still, nur ihre Brust bebte leise vom verhaltenen Atem, dann beugte sie sich blitzschnell nieder, gab ihm einen kühlen Kuß, der an seiner Stirn herabglitt wie ein fallendes Lindenblatt, und war mit einem Sprung auf der Mitte des unteren Treppenabsatzes. – Sie sprang wie eine Katze, mit weichem Niederfallen auf die Sohlenballen. Die Treppe quietschte und knarzte nicht einmal. Dort unten sah sie sich noch einmal um, schüttelte ratlos den Kopf, blickte wild vor Beklemmung nach dem Zimmer Oles hinüber, dann in der Richtung nach dem Garten, dann wieder zu Rupert hinauf. – Sie konnte dies nicht allein ins Werk setzen, das fühlte man. Es war zuviel für sie, sie mußte sich Rat holen. »Warum gehst Du?« fragte er leise. Er tat seiner Stimme Gewalt an, damit sie nicht zittere und sie erschrecke. »Ich kann nicht bleiben,« sagte sie mit einemmal gequält und stockend. »Noch hat Er Teil an mir, und wird es immer haben. Ohne Ihn darf ich dies nicht tun. Ich muß Ihn fragen.« –Ihre Augen nahmen einen schwärmerischen Glanz an. – »Siehst Du, dort hinten im Treibhaus sitzt Er jetzt und ist einsam. Glaubst Du, auch Ihn dürstet nicht nach 196 Gesellschaft? Ich muß hinüberhuschen und Seine Miene sehen, und wenn Seine Miene gut ist, dann komme ich vielleicht wieder zurück. Rupert, geh auf Dein Zimmer zurück.« Langsam und bedächtig, als trete sie einen schweren Gang an, schritt sie die letzten Stufen hinab. Er sah die schlanke Gestalt verschwinden unter leisem Knirschen der Seide, die sich an ihren Hüften spannte. – So ging sie nacktfüßig, die Arme von sich gestreckt, als schreite sie einer rituellen Tanz-Prozession voran . . . – Sie nahm nicht den Weg durch die Haustür. Sie öffnete die Innentür nach dem Speisezimmer, dessen Fenster breit offen standen, und schwang sich hinaus. – Gegen das fahle Licht, das diese unruhige, von einem Halbmond schwach erhellte Nacht erzeugte, sah er ihre Silhouette geschmeidig über das Fenstersims gleiten. Den Sprung nach draußen hörte er nicht mehr. Sie war wie weggeblasen und von der samtenen Schwärze verschluckt. ›Geh in Dein Zimmer‹, hatte sie gesagt. Nein, er konnte es nicht. Ihm grauste vor dem kahlen Zimmer und der Qual der Erwartung darin. Keinen Moment konnte er in dieser Nacht allein sein. – So ging er, so geräuschvoll es ihm glücken wollte, hinab, als suche er Gesellschaft, schloß die Tür zum Speisezimmer mit einem rücksichtslosen Krach, und, als ob es ihn gelüste, noch in der Nacht zu arbeiten, trat er unbefangen in das Studierzimmer des alten Örvandill ein. – Er setzte die kleine Komödie noch fort, indem er erschreckt zurücktrat, als er den Alten am Schreibtisch vorfand. Örvandill hatte eine grüne Lampe auf dem Tisch und trug einen schwarzen Augenschirm, der ihm das Aussehen eines geschäftigen Antiquars oder Käfersammlers verlieh. Dieser oval zulaufende Augenschutz warf einen Schlagschatten über das halbe Gesicht. – Als Rupert eintrat, band Örvandill 197 die Schleife am Hinterkopf los und nahm den Schirm herab. Er entblößte dadurch ein Gesicht, das seltsam verändert schien. Es war eine merkwürdige Milde darin, die von seinem sonst grimmigen Ausdruck eigentümlich abstach. Wie es seine Gewohnheit war, räusperte er sich anhaltend und sprach dann: – »Können auch nicht schlafen, was? Mir liegt's heute in den Gliedern, als passiere noch etwas. So voll von Ideen ist die Nacht.« Das Fenster stand weit offen. Er blickte in die Schwärze hinein und ein warmer Atemstoß aus den blühenden Linden wurde herübergetragen. Jetzt vernahm Rupert auch ein leises unablässiges Surren, das von schwirrenden, hochzeitlich erregten Insekten herzustammen schien. Zuweilen krachte es an der Lampe, und ein Käfer war zu ihnen hereingedrungen, ausgespien von der Nacht wie ein kleines Geschoß. »Ja, ja,« sagte Örvandill bedächtig und streichelte sich die Hautfalte unter dem Kinn. »Der erste Mai ist auch noch heute derselbe. Mir wird heute etwas weggenommen; diesmal komme ich nicht ungerupft davon.« »Wie meinen Sie das?« »Warten Sie es ab,« sprach Örvandill und sah ihn trübe an. Über seine blauen vergrabenen Augen lag es wie ein Schleier. »Es kommt für mich auch einmal der Augenblick, wo ich meine Jahrzehnte spüre. Ich kann ja nicht ewig hier sitzen und allein von dem prassen, was ich mir gezüchtet. Es gibt noch andere . . . Käfer, die zufahren wollen.« – Nach diesen rätselhaften Worten räusperte er sich wieder und blickte, leise mit dem Kopf nickend, durch das Fenster. – »Übrigens,« sagte er plötzlich mit einem scharfen Blick, »mir ist so, als sei das Weibchen unterwegs. Haben Sie sie gesehen?« 198 Rupert deutete mit der Hand hinaus. »Sie ist draußen.« »Es geschieht ihr etwas,« murmelte Örvandill, »es ist nicht alles in Ordnung, ich spür's, ich spür's. – Hörten Sie nichts?« – Ein leiser klagender Laut war in der Nacht entstanden und wieder versunken. »Ein Vogelschrei,« meinte Rupert. »Ja,« sagte Örvandill mit dumpfer Stimme, »wie ein Vogelschrei.« – Plötzlich stand er auf und ging erregt im Zimmer umher. – »Das ertrage ich nicht,« sprach er. – »Die Geister, die ich rief, werde ich nicht los, so heißt es doch, wie? – Das Phantom da hinten beginnt mir selbst auf die Nerven zu fallen. Es wird mir zu deutlich.« Eine Stille verging und dann auf einmal hörte man ein Geräusch am Fenster. Verbenas Hände erschienen auf dem Sims, dann tauchte ihr goldbrauner Kopf ins Lampenlicht und mit einem Satz war sie im Zimmer. – Der Alte stürzte auf sie zu. »Was hast Du, mein Kind, was ist Dir?« Sie lag zusammengekrümmt zu seinen Füßen und ein wildes Schluchzen schüttelte sie auf und nieder. – »Ole,« würgte sie hervor, »um Gottes willen, was soll ich machen, was soll ich machen?« Der Professor richtete sie auf und nahm sie auf den Schoß wie ein kleines Kind. – Sie bohrte ihren Kopf unter seine Achsel und warf dann einen Blick nach Rupert. Örvandill streichelte sie mit seiner großen Handfläche und ihr Schluchzen zuckte weiter, doch lautloser. Des Alten Miene verfinsterte sich; er blickte drohend auf und sprach zu Rupert, in jedem Wort ein Klirren wie von fallendem Metall: »Was haben Sie gemacht?« »Ich?« 199 »Ja, Sie haben da etwas angerichtet! – Haben Sie ihr etwas erzählt? – Haben Sie sie beraubt?« »Ich schwöre Ihnen, ich habe ihr nichts erzählt, gar nichts.« Der Professor sah ihn an, jede Falte in seinem Gesicht zuckte, dann kehrte Ruhe wieder. – »Gehen Sie jetzt,« sprach er gemessen. – Rupert ging zögernd hinaus. Er konnte sich nicht versagen, draußen vor der Tür zu harren, denn das Gespräch, was jetzt einsetzte, ließ ihm den Puls fast stocken. Es war ein mystischer Schreck, der ihn faßte. »Was ist Dir, Verbena?« fragte der Alte mit sanftem Orgelton. » Er ist nicht mehr da ,« schrie sie plötzlich gellend auf. – »Er ist nicht mehr da.« – Eine Pause entstand, dann sprach der Alte: »Du irrst, mein Kind, Er ist immer da, ich werde Ihn Dir wieder zeigen.« »Wirst Du das, Ole?« fragte sie, flüsternd, ungläubig: »kannst Du das?« Was Örvandill erwiderte, hörte Rupert nicht mehr, denn er fühlte, er habe sich nicht einzudrängen in dieses rätselhafte Geschehen. Er hatte aber auch die Gewißheit, daß dies alles erst der Beginn eines solchen sein müsse. Ihm blieb nichts übrig, als zu warten, und er tat es mit Zähneknirschen. – Er saß in seinem Zimmer, es war dunkel. Der leichte Wind rauschte und von unten drang der Akkord der dunklen und hellen Stimme zu ihm hinauf. Was sie sprachen, verstand er nicht. Nur hörte er das dumpfe Grollen unablässiger Beruhigung, mit der Ole das fiebernde Mädchen umspülte. Dann auf einmal hörte das Gespräch auf. Es war still. Drunten wurde die Tür geöffnet. Ein schwerer, stapfender Schritt kam die Treppe hinauf. Nun hieß es sich wappnen 200 gegen ein Gespräch, daß er führen müsse. Sein Puls jagte, wie sollte er's ihm erklären, glaubte ihm der Alte? – Mußte er nun Rede stehen, daß er das Kind um eine Illusion ärmer gemacht habe? Daß er es ausgeplündert habe in der Berechnung, sie müsse ihm zufallen wie eine reife Frucht? – Der tappende Schritt näherte sich seiner Tür. Auf einmal riß der Alte sie auf. Seine Gestalt war gebeugt. Er kam nicht als grollender Zeus, er kam wie ein Bittsteller. Er blickte ihn von unten herauf durch die Fransen seiner zottigen Brauen an, wie ein Bär im Wundbett. »Kommen Sie,« sprach er endlich mit zerborstener Stimme. »Ihre Stunde ist gekommen.« – Rupert trat hinaus. Sie gingen wieder ins Studierzimmer zurück. Da saß Verbena. Er hatte sie noch nie so bleich gesehen. Perlblaß ihr Gesicht, saphirblau die Augen. – Der Professor winkte mit dem Kopf, sie stand auf. Der Alte ging voran, nachdem er sich zuvor mit einer Zündholzschachtel versehen. Der Fliesenweg im Garten leuchtete weiß. Sie schritten, ohne sich zu berühren, hinter ihm drein. An der Tür zum Treibhaus angelangt, rasselte er erklecklich mit dem Schlüsselbund und öffnete sie mit tiefem Aufseufzen. »Geht voran, Kinder,« sagte er, »in den Vorraum.« – Beide traten ein. Er drehte einen Gashahn auf, der die Röhren in das Innere speiste, und verschwand dann im Treibhaus. »Was tut er, Verbena?« flüsterte Rupert. – Eine süße Bedrängnis saß ihm ums Herz, als sei er ein Knabe und harre der Bescherung. »Er will Ihn beschwören,« sagte sie mit singender Stimme, »und Du sollst Zeuge sein.« »Kann ich Ihn denn sehen?« 201 »Heute kannst Du Ihn sehen, Rupert.« – Nach einer Weile beklommenen Schweigens hörten sie drinnen den Alten rufen. Er hatte so etwas wie eine kleine Illumination am Teiche gemacht. Ein paar Gasflämmchen brannten aus den Löchern einer Röhre. – Das Licht, das dadurch entstand, warf einen bläulichen Schimmer über das Wasser und erhellte diesen Teil so weit, daß man auf gut zehn Schritte zu sehen vermochte. Der Widerschein verstärkte die Beleuchtung. – Beide traten hintereinander zögernd durch die Bresche, die von den zurückgezogenen Ranken gebildet war, herzu. Der Alte sah unheimlich aus. Die Schlagschatten hüpften über sein großes Gesicht und um seine ungeheure Hakennase. Seine Schultern schienen schwarz in der Dunkelheit zu zerfließen, nur seine mächtigen Hände waren vorgestreckt. Er stand nahe jener Nische, vor der Verbena damals ihr Gebet verrichtet, und befahl dann mit knurrender Stimme: »Entkleide Dich!« Nichts glich der Selbstverständlichkeit, mit der Verbena dem Befehl folgte. Ihre Augen hingen unablässig an denen Oles. – »Komm heran, Verbena,« sagte die tiefe Stimme. – Sie streckte die Hände von sich und rührte langsam die schlanken Beine, Schritt nach Schritt, bis sie dicht vor ihm stand. Er legte ihr die Hände auf die Schultern und schob sein gewaltiges Profil an ihr leidenschaftliches Gesicht. »Du hast gesagt, Er ist nicht mehr da.« – Jede Silbe betonend: »Ich aber sage Dir, Er ist da, und immer hier gewesen.« Ihre Lippen bebten. Sie formte ein ersticktes »aber . . .« Er fuhr fort: »Du irrst, Er wartet auf Dich. Hörst Du mich?« »Ja,« sprach sie singend, »ich höre Dich, Ole.« 202 »Du wirst Ihn sehen, in einer Minute wirst Du Ihn sehen, verstehst Du?« »Ja, Ole.« »In der Nische wird Er sein; und Du wirst zu Ihm sprechen: ›Ich bin rein, Du bist rein, und dies ist unsere grüne Zweisamkeit.‹ – Wiederhole es.« Sie wiederholte die Worte wie einen eingelernten Singsang. Ihre Lider waren herabgesunken. Sie war völlig in seinem Bann. Der Alte nahm die Hände herab. Sie blieb reglos stehen. Dann sagte er, als ob niemand im Raum wäre: – »Gehen Sie in die Nische.« Rupert tat es. Als der Alte wie ein befriedigter Regisseur die Szene geordnet und sich überzeugt hatte, daß nun nichts mehr fehlgehen könne, legte er wieder die Hände auf die Schultern des Mädchens und fragte: »Hörst Du mich?« »Ja.« »So öffne die Augen.« – Sie tat es. – »Wo bist Du?« »Ich? – Im Treibhaus.« »Du bist vorhin hier gewesen?« »Ja.« »Bist Du seitdem fortgewesen?« »Nein.« »Wo ist Dein Freund?« Sie drehte sich langsam um und blickte starr in die Nische. »Dort. – Wie immer.« »Sieht Er anders aus als gewöhnlich?« Sie trat langsam heran, kniete dann nieder und spähte hinein. Ihr Atem streichelte Ruperts Gesicht wie der Anhauch von Lindenblüten. Ihre Augen schwammen klar und groß in den seinen. – »Nein, Ole,« sagte sie. »Er ist wie immer.« 203 »Du darfst heute ganz bei Ihm bleiben,« sprach Örvandill. »Ihr gehört jetzt einander ganz und gar.« – Sie blickte sich zögernd nach ihm um, als begriffe sie nicht, doch dann kam ein ungeheuer seliger Ausdruck in ihre Züge. – Der Alte blickte noch eine Weile stumm herüber, dann hörte man, wie er sich langsam auf den Rückweg machte. Die Ranken klatschten um die Schultern, es war, als ob er sich mühsam Bahn breche. Dann war er verschwunden und es herrschte Stille, die tropfende Stille der Schöpfung. Als der Tag graute, verließ Rupert das Treibhaus. – Sie lag in blumenhaftem Schlummer zwischen den Farnwedeln, die sie beschirmten. – Er ging in sein Zimmer zurück und kleidete sich langsam an. Ein Puls, so mächtig, voll und gesund, als habe er vom Elixir des Lebens getrunken, durchströmte seine Glieder. Er sah sein Gesicht im Spiegel; er erkannte sich kaum mehr. – Beim Frühstück erwartete ihn der Alte. Etwas wie ein Lächeln umzuckte seinen Mund. »Von nun an, Freund Rupert, bist Du einer der unseren,« begann er nach dem üblichen enormen Geräusper. »Aber fürchten Sie nicht . . .« – Der Alte verbesserte ihn fast grimmig: »Aber fürchtest Du nicht . . .« »Daß sie zu Tode erschrocken sein wird, wenn sie aus dem Traumleben zur Wirklichkeit zurückkehrt?« »Nein, ich kenne das große Gesetz. Sie wird staunen, aber dies Staunen wird Glück sein. Ihr Verstand ist derartig mit dem neuen Geschenk verschmolzen, daß sie den Verlust nicht schmerzlich empfinden wird.« »Aber wird sie nicht fragen und deuteln?« »Nichts dergleichen. Der Geist ist in Dich hineingeschlüpft, Rupert, Du bist von jetzt ab ›Unser Freund‹, und dazu 204 kann man Dir gratulieren.« – Er blickte eine Weile versonnen vor sich hin. – »Ich habe Dir das größte Geschenk gemacht, das ich zu vergeben habe,« sagte er mit einemmal mit heiserer und entstellter Stimme. »Ich habe mein Alter bis jetzt hinausgezogen. Ich hatte das Leben um mich, nun muß ich abtreten an Dich, was mich jung erhielt. Ich tue es ungern, aber das Gesetz ist größer.« Eine ungeheure Rührung quoll in Ruperts Seele empor. – »Alter Ole,« sagte er, »wir werden Dich nie allein lassen.« Die Tür ging auf und Verbena trat in ihrem einfachen Tageskleid herein. Sie ging langsam auf den Tisch zu und sah erst den Alten und dann Rupert an. In ihrem Gesicht lag ein ungeheures Erstaunen. Immer wieder, wenn sie den Kopf senkte, wurden ihre Augen wie magnetisch zu Rupert hingelenkt. Plötzlich erschienen zwei große Tropfen unter ihren Wimpern und fielen auf das Tischtuch. »Eine unruhige Nacht heute,« sprach der Alte plötzlich und blinzelte listig. »Ich glaube von uns Dreien hat heute keiner so recht schlafen können, wie? Hast Du geschlafen, Verbena?« Sie krauste die Stirn, als ob ihr die Antwort Nachdenken koste. – »Ich habe wohl geschlafen,« sagte sie zögernd, »aber ich habe lebhaft geträumt, Ole.« »Hoffentlich einen schönen Traum?« meinte er behaglich. »Mehr als schön,« sagte sie plötzlich mit einem tiefen Atemzug und erstrahlte. »Mehr als nur schön.« – Sie blickte langsam zu Rupert hinüber, und ihr Gesicht schien plötzlich in die tiefste Purpurfarbe getaucht. 205 Achtzehntes Kapitel Ole verfiel sichtlich. Es zeigte sich schon nach wenigen Tagen. Er wurde immer schweigsamer und brütete vor sich hin. – Mit einemmal war er, dessen Jugendlichkeit einen Vierzigjährigen beschämt hätte, siebzig Jahre alt geworden und zeigte es in erschreckender Weise. – Seinem robusten Körper konnte man bei diesem plötzlichen Nachlassen keine Schuld geben. So mußte es etwas Psychisches sein, was ihn so deprimierte und an ihm fraß. Allen Fragen, die kummervoll an ihn gerichtet wurden, setzte er ein abwehrendes Händeschwenken entgegen. »Reißt einmal die Tür zum Treibhaus mitten im 206 Winter auf, und schlagt das Dach ein. – So ähnlich ist mir zumute . . . Ein zertrümmertes Treibhaus.« Mittlerweile hatte er noch lustige Einfälle, in denen er der Alte sein konnte. Aber wenn die beiden in tiefem Glück des Ineinanderaufgehens ihre Zärtlichkeit nicht vor ihm versteckten, so schenkte er ihnen ganz unvermutet einen schiefen Blick und sein Mund entstellte sich durch ein hämisches Senken der Winkel. – »Treibt es nur vor meiner Nase,« polterte er los. – Verbena sah ihn ganz groß und erschrocken an, dann plötzlich traten ihr Tränen in die Augen. »Aber Ole,« sang sie gedehnt, »habe ich mich Dir denn entzogen? Gehöre ich nicht Dir ganz wie früher? Hast Du denn je etwas vermißt, was ich Dir nicht zu schenken bereit gewesen wäre??« Dem Alten erstarb das Wort: »Nein, aber jetzt,« – auf der Zunge. Er verschluckte es, er brachte nur ein Murmeln hervor. –Was half es, dies alles zu erklären, man hatte ihm sein liebstes Spielzeug weggenommen, und er mußte sich damit begnügen, zuzusehen, wie ein anderer, ein Junger, sich damit vor ihm brüstete . . . Das Geheimnis und die Bewandtnis, die es um ihn hatte, war nämlich die, daß er genau so jung wie Rupert war, wenigstens empfand er das so, und seine ganze Empfindung gab ihm Recht. Demnach war ihm etwas geraubt worden, und je mehr sie sich um ihn kümmerte, je liebevoller sie war, desto schwerer empfand er den Verlust. Pflege, kam ihm vor, war alles, was sie ihm bieten wollte. Einmal vollbrachte sie eine rührende Tat. – In der Absicht, ihn aufzuheitern, wollte sie vor ihm tanzen. Sie trat plötzlich ins Zimmer mit entbreiteten Armen, nackt wie das Innere einer Perlenmuschel, und bewegte sich rhythmisch durch 207 das lampenerhellte Gemach. – Ole blieb stumm sitzen, es war nicht ersichtlich, ob er diesem Tanz Beachtung schenkte. Sie gab ihr Bestes und dann trat sie auf ihn zu und beugte sich ins Knie, wobei sie ihm in die Augen spähte. – Doch seine Augen waren geschlossen, er sah oder wollte sie nicht sehen. Sie erhob sich und schmiegte sich zwischen seine Knie mit derselben Gebärde wie sie es getan, seit sie denken konnte, doch er blieb unbeweglich. – Sein Atmen war hörbar. Mit einem kleinen Aufseufzen strich sie ihm mit der Hand über den Kopf, doch plötzlich reckte er sich steif auf, umfaßte ihre Hüften mit seinen breiten Handflächen und schob sie von sich. Seine Augen schienen stechend und schlau: die alten Bärenaugen. »Du bist ein verschwenderisches Ding,« sagte er. »Ole?« »Ich habe Dich zwar gelehrt, Dich zu verschenken an alles Lebende, aber ich habe Dich nicht gelehrt, Dich zu vergeuden.« »Ich verstehe Dich nicht.« »Lassen wir das,« murmelte er. »Siehst Du nicht, daß ich alt bin?« »Du und alt!« »Merkst Du nicht, daß ich müde bin?« »Aber Ole, das große Werk! Du hast doch neulich erst davon gesprochen, daß Du Dich auf der Höhe des Lebens fühlst.« – Sie fuhr sich mit der Hand an die Stirn, als ob da drinnen alles schmerze. – Dies war zu schwer zu begreifen. Sie war ratlos, von etwas Altvertrautem fortgestoßen und ernüchtert; lieber Gewohnheiten entblättert; irgendetwas in ihrem Dasein wankte und stürzte klirrend in ihr zusammen. – Sie kauerte sich nieder und schluchzte fassungslos in 208 ihren Schoß hinein. Die Tränen fielen glitzernd auf ihre schöngewölbten Knie herab und sickerten an den Innenseiten nieder. – Er war wieder in Brüten verfallen und betrachtete sie dumpf, als gehöre sie nicht zu ihm. Dies war neu und unerhört brutal. Sie empfand es als einen Schlag, unter dem sie sich duckte. »Hei!« schrie er plötzlich auf und trommelte sich mit den Fäusten vor die Brust. – Dann stand er auf und ging, als sei nichts passiert, die Hände in den Taschen, im Zimmer umher. Es war sogar, als ob ihm ein Liedchen pfeifend zwischen den gespitzten Lippen entstehe. – »Natürlich sind das alles Dummheiten, mein gutes Kind, Du hast ja ganz Recht, das große Werk und wir gehören zusammen wie früher. Es hat sich nichts, gar nichts geändert.« – Er blieb stehen und blickte auf ihren Rücken hinab, auf die zarten Schatten der weichen Wirbel und der leise bebenden Schulterblätter. Da hockte sie nun hier, das Weibchen, und begriff nichts. – »Laß es gut sein, steh auf. Ich bin ganz der Alte, verstehst Du.« Sie war mit einem Sprung auf den Füßen und hing an seinem Hals. »Wirklich, ganz der alte Ole?« stammelte sie. So breitspurig er sich auch hingestellt, hier kam ihn wieder eine Schwäche an und er setzte sich nieder. Sie blieb befriedigt an seinem Hals hängen und schmiegte sich an seine Brust. »Du mußt nicht denken, daß ich auf Dich böse bin, oder daß ich mich verändert habe. Ich verändere mich nie. Das wäre genau so, als ob die Linden da draußen anfangen wollten Luftwurzeln zu treiben oder sonst eine Tollheit zu machen. – Gerade des großen Werkes wegen habe ich Sorgen. Ich 209 habe den Aberglauben, daß es nicht vonstatten geht, bevor der Hundertste sich gefunden hat, und dieser Hundertste läßt auf sich warten.« »Ist das alles?« Verbena bog sich zurück und sah ihn durchdringend und klar an, »wirklich alles?« »Jawohl,« sprach er mit steinernem Gesicht. »Aber Ole, das kann doch jeden Tag sich ereignen, jeden beliebigen Tag. Suchst Du denn?« »Ich kann doch nicht auf den Markt gehen, ich kann doch nicht in dieser Schmutzpresse Inserate abfassen. Es ist das Gesetz für alle Mitglieder unseres geheimen Bundes, daß sie sich von selbst zueinander finden müssen, anders ist es nicht echt. Auch Rupert hat sich von selbst zu uns gefunden.« »Aber Du könntest doch dem Zufall unter die Arme greifen.« »Nein, das geht nicht, ich müßte sonst befürchten, daß einer dieser unwürdigen Rasselosen sich herzudrängt, sich in unsere Sprache und unsere Gebärden kleidet, und den grünen Mantel zum Spott macht.« »Wenn das aber der Fall ist, Ole, dann wundert es mich, daß Du erst seit einer Woche so traurig bist, dann hättest Du doch längst geknickt und enttäuscht sein müssen. Das wäre mir nicht verborgen geblieben. Also muß etwas anderes dahinter stecken. Du traust uns nicht, mir und Rupert.« – Er sah sie dunkel grübelnd an. »Ihm ja, denn er nahm sich, was ihm gebührt, und nahm es sich oft vor meiner Nase.« »Also mir glaubst Du nicht,« schrie sie klagend auf und schüttelte ihn so fest, wie sie konnte, an den Schultern. »Das habe ich nicht verdient.« – Ihre kurzen Haare flogen 210 umher, ihre Augen blitzten, ihre scharfen, porzellanweißen Zähne gruben sich in die volle dunkelrote Unterlippe, wie ins Fleisch einer Frucht. »Deiner Seele glaube ich,« sagte er schlicht. »Doch das Gesetz ist stärker als Du; Dein Körper . . .« »Hier hast Du mich,« schrie sie atemlos auf, »nimm Dir alles, es gehört ja alles Dir.« Das Steinerne in seinem Gesicht wich, als werde es langsam hinweggewischt. Er küßte sie auf die Stirn und sprach: – »Ich danke Dir für das große Geschenk, aber ich nehme es nicht an. Ich danke Dir,« wiederholte er noch einmal, »nun weiß ich, daß ich Dir glauben kann. Geh jetzt zu ihm . . . Du hast nichts zu verbergen. – Zuerst dachte ich,« hier suchte er nach Worten, »ich wäre gewaltsam ausgeschieden worden; nun aber,« er stand wieder auf und reckte die Arme, daß die Nähte des alten Gehrockes heftig krachten,– »scheide ich mich freiwillig aus.« Sie blickte ihn noch eine Weile nachdenklich an, dann trat ein spitzbübischer Ausdruck an ihren Mund, und sie lief mit klingendem Auflachen hinaus. Seit dieser Aussprache zeigte sich Ole ziemlich als der alte. Bald aber mußten es beide wieder erleben, daß sein Wesen etwas immer Zerstreuteres bekam und er, je mehr sich der Mai dem Juni zuneigte, Stimmungen unterworfen schien, die an Mißmut grenzten. Sie schienen unausrottbar und er verfiel der Marotte, sich für Stunden einzuschließen ohne ersichtlichen Grund. Drinnen hielt er lange Gespräche mit sich selber und als sie einmal durch das Schlüsselloch spähten, bemerkten sie, daß er den grünen Mantel trug. – In dem langen Fluß dieser halb geflüsterten Monologe tauchten ab und zu Worte auf, herausgeschleuderte, schier gebellte Worte, die 211 man verstehen konnte, – »Nicht lange mehr, nicht lange mehr,« rief er einmal und stampfte auf, daß alles im Zimmer ins Schwanken kam.– »Ich fühl's, Du kommst.«. – Auch schloß er sich lange Nachmittage, zuweilen nächtens auch, im Treibhaus ein. Was er dort drinnen machte, blieb unklar. Jedenfalls bekam er Anfälle von grimmiger Entschlossenheit, wie ein Nekromant nach geglückter Beschwörung, und eines Morgens im Juni lag ein Brief auf dem Frühstückstisch. – Es war ein einfaches großes Konvert aus Überseepapier und trug eine schwedische Marke. Sie waren früher unten wie er, deshalb erschraken sie fast, als er in der Tür stehen blieb ohne Morgengruß. – Sie blickten ihn erstaunt an. Seine Augen waren sprungbereit auf diesen Briefumschlag gerichtet. Mit einer unheimlichen Behendigkeit, in drei Schritten, war er am Tisch, setzte sich und nahm ihn zur Hand. – Er öffnete ihn nicht. Er blickte starr darauf. Einmal fuhr sein großer Finger nachdenklich an den Buchstaben der Adresse entlang, dann legte er den Brief an die Stirn und blieb unbeweglich sitzen. Sie rührten sich nicht. »Skaal!!« brüllte er plötzlich auf, »Skaal!! – Er ist von ihm, Kinder. Der Hundertste ist da, der Hundertste!!« »Bist Du sicher? –« Rupert war erstarrt. Der Schreck über diese Begeisterung war ihm in die Glieder gefahren, dann aber fühlte er, wie bedeutungsvoll die Stunde war. – Oles innerer Blick hatte den Brief durchspäht, bevor er ihn geöffnet. Ein unendlich gläubiges, schier ekstatisches Lächeln verklärte Örvandills große Züge, als er das Konvert zu Rupert hinüberschleuderte. »Lest ihn selber, Kinder.« – Sie rissen das Kouvert auf. 212 Der Brief war in einer großzügigen und energischen Handschrift geschrieben. Rupert verstand nicht schwedisch, so war es Verbena, die ihn entzifferte. – Der Brief war kurz, er lautete: »Ich habe die Gabe erlangt. – Von heute ab trete ich dem Bunde bei. – Gib mir zu tun. – Ich komme übermorgen. – Wir kennen einander, Du und ich. – Die Zeit ist reif. Axel Thorstein.«       Der Fremde hatte die Stunde seiner Ankunft nicht gemeldet. – So geschah es, daß Rupert nicht zu Hause war, als er eintraf. Er kam von einem Gang in die Stadt zurück, wie er ihn selten, höchstens einmal wöchentlich, und meistens zur Beschaffung von Büchern, unternahm. – Schon als er in den Hausflur trat, hörte er die Stimme Thorsteins im Arbeitszimmer und ihm war, als habe er diese Stimme schon einmal gehört. – Er öffnete die Tür und sah mit einem plötzlich erkalteten Herzen, daß jener Fremde und Verbena sich umschlungen hielten. – Er sah nur den Rücken des Fremden, und die Eifersucht krallte sich wie eine blutgierige Fledermaus um seine Kehle, daß er kaum zu atmen vermochte. – Und die Schwingen dieses fremden Tieres ›Eifersucht‹, das hier keine Stätte hatte, hauchten ihm kalten Wind ins Genick, wie die Zugluft aus einem modrigen Verließ. – Mit verschleierten Augen sah er Ole an, der in behaglicher Ruhe wie immer am Schreibtisch saß und zu den beiden hinüberblickte. Er haßte ihn in diesem Moment. – Gerade wollte er sich mit einem Sprung auf den Rücken des anderen stürzen, um ihn zu Boden zu reißen, da drehte der Mann seinen Kopf langsam zurück. Mit einem Male wußte er's, dieser war niemand anderes als der Nordländer , den er in der Sterbenacht seines Vaters im Café getroffen, und dessen 213 Worte damals zum erstenmal die Pforten seiner Seele aufgerissen hatten. – Dies war der blonde Henker, dessen scharfer Säbelhieb die heutige Menschheit in Gedanken köpfte, wie ein Knabe mit der Gerte Unkraut zerpeitscht; der in den Plebs hinabgestiegen war, spreizbeinig dastand, unverrückbar, frei und gesund. Und dieser selbe Mann durfte ergreifen, was ihm beliebte, hatte sich Verbenas bemächtigt, sowie er sich damals seiner, Ruperts, bemächtigte. – Dies alles war ihm klar im Geist; doch das durfte nicht sein, dies durfte er sich nicht bieten lassen. »Ah,« sprach jetzt Axel Thorstein, drehte sich gänzlich herum und ließ Verbena stehen. »Hier ist ja mein Freund. Fühlte ich's doch schon damals bei unserem Gespräch, als der Platz an Ihrem Tisch, der einzige Platz unter Tausenden, für mich freigeblieben war, wir würden uns wiedersehen und noch manches miteinander auszudreschen haben. Ich habe mich nicht getäuscht.« »Nein,« sagte Rupert kalt, »Sie haben sich nicht getäuscht. Wir haben etwas miteinander auszudreschen, wie Sie so witzig sagen. Sie sind ein wenig plötzlich mit Ihrer Herzlichkeit. Ihr stürmischer Geist läßt sich nicht zügeln.« Axel Thorstein zog die Brauen hoch und fragte gedämpft: »Nun, was bedeutet das?« – Und in die Stille hinein, die von Ruperts fliegendem Atem erfüllt war, in der ihre Blicke sich kreuzten wie Klingen, schlug auf einmal der alte Ole am Schreibtisch ein dröhnendes Lachen auf, das in einem keuchenden Geräusper unterging; er meinte es so herzlich, daß er einen mohnblumroten Kopf bekam und nach Luft ringen mußte. Rupert blickte ihn ratlos an, denn auch Verbena lachte, kaum daß der Alte begann sich zu verschnaufen. Endlich ließ sich Ole zu der Erklärung herbei: 214 »Wir sind eine Familiengruppe, was, Rupert? – wie sie sich schöner nicht malen läßt.« – Es schien Rupert auf einmal, als sei der Alte gerührt, denn er zog ein enormes Taschentuch hervor, von der Ausdehnung eines mäßigen Handtuches, und schneuzte sich mit grellen Trompetenstößen. »Rupert,« sprach Verbena klar, »Axel Thorstein ist der zehnjährige Knabe, der mich damals zwischen seinen Knien gehalten und mich dann fallen ließ, der Arme. Er war etwas erschreckt damals, nicht wahr? – Er sprang in die Wälder und verscholl. Jetzt haben wir ihn wieder. Er ist mein Bruder.« Der alte Örvandill stand wuchtig auf, als schicke er sich zu einer Predigt an, denn er hob beide Arme mit einer Geste, als wolle er die Worte Verbenas ausklingen lassen, wie die letzten Akkorde des Sanktus in einer Messe, um dann selber das Pastorale beizusteuern. – Es schien, als ob er die Gruppe segnen wolle. »Ja,« sprach er endlich mit einem Würgen und Schlucken in der Kehle, »es stimmt. Und außerdem stimmt es auch mit unserem großen Projekt. Dies kann nun ruhig in die Wege geleitet werden. Die Betriebsamkeit hat unser Thorstein dazu, denn er ist zu allem auch der Hundertste.« Ein Schweigen, das von Erschütterung durchbebt und von unendlichen Plänen schwanger war, senkte sich bedeutsam über die vier Menschen. 215 Neunzehntes Kapitel Ole erhob sich plötzlich und sagte zu Rupert und Verbena: – »Geht jetzt hinaus und kommt in fünf Stunden zurück. Und wenn Ihr wiederkommt, so geht nicht ins Speisezimmer, sondern kommt unverzüglich zu mir hierher.« Die beiden sahen sich etwas erstaunt an, taten aber wie er sie hieß, und der Alte entwickelte während der nächsten Stunden mit Thorstein zusammen eine ungeheure Geschäftigkeit, die sogar soweit ausartete, daß er sich mit diesem in die Stadt begab, was eine Sensation hervorrief. – Er wirkte mit seinem blonden Haupt und seinem altmodischen Rock grotesk und rührend zugleich. Besonders frappant war der Gegensatz zu dem mit sportlicher Knappheit und Eleganz 216 gekleideten Thorstein, der Arm in Arm und einträchtig mit ihm wandelte. Sie machten verschiedene Bestellungen und kehrten dann wieder ins Haus zurück. Ununterbrochen schrillte von dann ab die Glocke. Unendliche Pakete, in denen es klirrte wie von Glas, wurden abgegeben. – Die beiden waren in Hemdsärmeln und arbeiteten buchstäblich im Schweiße ihres Angesichtes. Mit zwei großen Körben bewaffnet, verschwanden sie eine Zeitlang im Treibhaus und kamen dann, schier keuchend unter der Last, zurück. – Alles mußte stimmen heute Abend und heute Nacht, es mußte eine unerhörte und eine einzigartige Feier werden. – Der Himmel war noch klar, aber die Luft, besonders wo sie sich unter den alten Bäumen verfing, war schwül und drückend. Alle Türen und Fenster im Hause standen geöffnet, so daß es drinnen erträglich war. Als Verbena mit Rupert zurückkam, nahmen sie nichts von all' den Vorbereitungen wahr, denn man hatte mit Absicht alles Packpapier weggeräumt. Das einzige, was ihnen auffiel, war die festliche Beleuchtung des ganzen Hauses. Statt eines Windlichtes auf der Treppe brannten zehn Kerzen und auch die Zimmer waren in eine Flut von goldigem Glanz vieler Kerzen getaucht. Im Studierzimmer allein brannten deren zwanzig. Als sie dort eintraten, standen Örvandill und Thorstein vollständig nach dem Ritus gekleidet, in grünseidenen Burnussen, in der Mitte des Raumes und begrüßten sie mit einer Freundlichkeit, in der ein Gemisch von Würde und Schalkhaftigkeit lag. Vor dem kleinen Kabinett hingen noch zwei Burnusse, und sie wurden angewiesen, sich hinter der Büchermauer umzukleiden und alles, was an das tägliche Dasein erinnerte, auf ihre Zimmer zu bringen. 217 Als sie sich nun wieder drunten versammelt hatten, war eine große Feierlichkeit darin, wie der Alte sich hoch aufreckte und sprach: »Folgt mir einer hinter dem anderen. Du, Axel, kommst zuletzt, Du bildest das Schlußglied der Kette.« So bewegte sich der kleine Zug mit Würde, in der doch gewissermaßen ein verhaltener Humor steckte, auf die Tür zum Eßzimmer zu. Mit großer Gebärde schlug der Alte beide Flügel der Tür zurück, und was sich ihnen zeigte, war ein wirrer Hain von Blüten und Blattgewächsen, so daß sie sich fast im Treibhaus zu befinden meinten. Die Decke war mit Lianen überzogen und mit Orchideendolden, die man in ihren durchbrochenen Tontöpfen mit herübergetragen hatte. Die schneeweiße, wie mit Blutstropfen bespritzte einer besonders üppig geratenen Form hing fast bis zur Kopfeshöhe hinab. In die Ecken des Zimmers waren Farne und großblättrige Pflanzen verteilt, und überall zwischen ihnen flimmerten die goldigen Zungen unzähliger Kerzen. Ein schwerer Duft erfüllte den Raum, der nicht nur der Blüten halber etwas Berauschendes hatte, denn in der Mitte der damastbezogenen Tafel stand ein enormes Gefäß aus kunstvoll ganz dünn geschliffenem Malachit, dessen Aroma aus unaufhörlich siedenden Perlen an die Oberfläche der Flüssigkeit schlüpfte und sich den Blütendünsten mitteilte. Selbst Verbena erstaunte über den Reichtum, den der Alte zutage gefördert. Alles auf dem Tisch war feinst geschliffenes Kristall, oder altertümlich gearbeitetes, etwas schwärzliches Silber. Der Alte lud seine Gäste zeremoniell ein, Platz zu nehmen. Jeder hatte ein edelgeformtes kelchförmiges Glas vor sich. Örvandill ergriff hierauf einen Schöpflöffel an einem Elfenbeingriff und schenkte aus. »Ich wollte die Aufnahme unseres Hundertsten schlichter 218 gestalten,« sprach er, »auch habe ich seit undenklichen Zeiten kein alkoholisches Getränk mehr zu mir genommen, aber schließlich hatte Axel recht, wenn er darauf bestand, daß es nicht ohne ein Weihegetränk vor sich gehen dürfe. Die Zusammensetzung dieses Getränkes ist alter Schwedenpunsch, fünfzigjähriger Champagner, ein gleichaltriger Kognak und mehrere Flaschen mit Zitrone angesäuerten, spritzigen Moselweins. Axel hatte das Rezept aus einer alten Chronik, wo man den Trank das ›Steckenpferd des Homogalakto‹ nannte, einstmals entnommen und zur günstigen Stunde geriet ihm die Zusammensetzung. Die Entzifferung jener alten Schrift war nicht leicht und er sagt, es sei so etwas wie die Auffindung des Steins der Weisen gewesen, als er zum erstenmal den wahren Geschmack auf der Zunge spürte. Es gelang uns, die Bestandteile des Getränkes durch rücksichtslose Benutzung der heutigen technischen Hilfsmittel in dieser unerhört kurzen Zeit zusammenzubringen; darum, meine Kinder, tut Euch heute eine Güte an.« Verbena hatte ihre Nase schnuppernd in das Glas gesenkt. Es war das erste Mal in ihrem jungen Leben, daß sie etwas Feuriges zu genießen bekam. »Wir wollen,« fuhr Ole fort, »diesen Moment zu keiner Stunde tosender Ausgelassenheit werden lassen, nichts soll sich in die Stimmung einschleichen, was unseren Geist erniedrigt und unseren Leib profaniert. Es soll lediglich dadurch, daß wir dieses köstliche und ungewöhnliche Gemisch schlürfen, die Bereitschaft unseres Geistes für das Kommende geschärft und geschmeidig werden, denn das Kommende ist unsere Kriegserklärung an diese ganze Zeit, in der zu leben wir das Schicksal haben. Ja, ich nenne es Schicksal, denn ich kann wohl sagen,« sprach er mit großem Brustton, »daß 219 wir, ohne Überhebung, erlesen sind. Wir wissen es besser, denn wir haben die Berührung mit der Natur und die Einheit mit der Natur nie geleugnet. Dieses gute Kind dort, die schon vom Duft ihres Glases verklärte Augen bekommen, ist rein wie ein Kristall und erdgeboren. Mein Freund Rupert hat die Schlacken abgeworfen und die ganze Empfänglichkeit seines Gemüts leuchtet ihm aus gierigen Augen. Mein lieber Axel ist ganz eine Ausgeburt jener nördlichen Berghalden und ewigen Urwälder, die man nicht zerstören kann. Ich selber habe die Natur in der Tasche, und ich bin der große Trommler, trotzdem meine Emsigkeit mehr eine geistige Betriebsamkeit war, als eine Propaganda mit Fanfaren.« »Skaal! Örvandill,« rief Axel und hob das Glas. Die Kelche stießen an, es gab einen klaren, durchdringenden Ton, wie den Weckruf aus einer silbernen Trompete. Es war ein nachzitternder Klang, der das ganze Haus melodisch durchdröhnte. Jeder nahm einen Schluck und aller Augen hingen an dem kantigen Gesicht, das im Kerzenlicht den seltsamsten huschenden Beleuchtungen ausgesetzt war. »Wir haben vorhin,« fuhr Örvandill fort, »auf telegrafischem Wege alle Beteiligten verständigt. Der Gläserklang, der sich heute abend noch erheben wird, wird in aller Ohren erwachen wie sommerlicher Akkord, sie werden auflauschen, jene Frauen und Männer, die wir zu uns zählen. Und morgen beginnen wir die große Arbeit. Wie ein Gewitter, das sich nach einer Woche von Dürre plötzlich befruchtend entlädt, so soll nach diesen Jahrzehnten geistiger Sehnsucht und Verschmachtung der Herzen unsere Botschaft über diese verkommene stumpfe Menschheit hinrollen und sie in die Höhe reißen.« – Es war seltsam, daß, wie zur Bekräftigung der letzten 220 Worte, durch die geöffneten Fenster aus der schwülen Stille der Nacht ein ganz fernes, kaum vernehmbares Murren tönte. Das Glasdach des Treibhauses draußen ward geisterhaft kurz von einem ganz schwachen Phosphorschein überrieselt. Vielleicht war es aber auch nur Augentäuschung. – »Ich habe mit Axel,« fuhr der Alte fort, »bereits das aktive Programm entworfen. Es war uns beiden klar. Wir haben, wiewohl wir unerkannt nebeneinander lebten, dennoch eine wundervolle Harmonie unserer Ideen, jeder ganz für sich, erzeugt, und so bedurfte es nur eines flüchtigen Rührens an gewisse Begriffe, um uns wie von selber in den großen Gedankenstrudel, den sie erschufen, gemeinsam niedertauchen zu lassen. Wie die Blasen des Champagners, so stiegen Schwärme von Ideen in unsere Hirne empor. Die Köpfe brausten uns davon. Jeder dachte dem anderen voraus und es ergab sich für mich wie ein Schlag, daß Axel der geborene Organisator ist. Ihm überlasse ich die praktische Gestaltung meines Lebenswerkes. Er kennt die Spiegel dieser Zeit und wird sie auszunutzen wissen. Und als seinen flammendsten und wirkungsvollsten Redner, den er vorzuschieben hat, schlage ich Rupert vor.« »Aber Du selbst, Ole,« riefen alle wie aus einem Munde. »Ich selber,« lächelte er zurück, »nun ja, zu alt fühle ich mich keineswegs, aber zu ungeschickt. Ich mache, wie man wohl sagt, keine gute Figur, doch lassen wir das beiseite. Eure Lungen können sich unbeschadet dem Dunst menschenüberfüllter Säle aussetzen, besonders Du, Rupert, hast noch genug Gegengift in Deinem Körper, um der Volksbegeisterung wirksam zu trotzen. Solltet Ihr dennoch zusammenbrechen unter den Anstrengungen, die das Werk an Euch stellt, so kommt zu mir, ich bin eine Art Wunderdoktor. Es gibt keinen 221 Arzt der Welt, der es mit mir aufnehmen kann. Ich garantiere mir selbst ein ganz gewaltiges Alter, und solange ich lebe, garantiere ich es Euch auch. Dann habt Ihr ohne weiteres den Schlüssel in der Hand, um alt zu werden, nur bleibt in meinem Kreise und findet Euch immer wieder zu mir zurück.« Die Gläser fuhren in die Höhe, der Klang durchdröhnte das Haus. Diesmal heller, klarer, da die Hälfte des Trankes schon um die lächelnden Herzen saß. »Nun laßt mich kurz noch schildern, was unserer nun harrt. Verleger und Presse werden im Laufe von wenigen Wochen Millionen von Druckschriften über Europa schleudern. Eine Brandungswelle dieser Papierflut wird sich am Gestade von Amerika brechen und es hinlänglich überschwemmen und auch dort die Begeisterung wachrufen. Das Material für diese Broschüren liegt in meinem Studierzimmer. Rupert kennt es zum Teil und ihm verdanke ich die bessere Fassung und die dichterische Durchglühung meiner unbeholfenen Vortragsart. Ich gab den Leib her und er ließ den Puls darin rhythmisch erwachen. Ich danke Dir, mein Sohn.« Ein Lüftchen fächelte ins Zimmer, die Kerzenzungen gerieten in leises Flackern und der Alte ergriff von neuem den Schöpflöffel, um die Gläser nachzufüllen. Während er das tat, vermeinte man wieder jenes kurze Murren zu hören, doch störte es niemanden, man achtete nicht darauf. Es klang nur so, als sei es ein Widerhall des seligen Rauschens, das in den Hirnen erwacht war und wie versteckte Quellen klang. Nachdem alle stehend einen neuen Schluck genommen, entwickelte Örvandill seine Ideen. »Wenn dieser Regen von Broschüren niedergegangen ist, erläßt Axel Inserate in allen Zeitungen, gleichzeitig werden 222 sich die Mitglieder unseres Bundes vollzählig hier in Potsdam zusammengefunden haben. Hier wird das Hauptquartier sein. Jeder ist zu zwanzig Vorträgen verpachtet, die in den zwanzig bedeutendsten Städten Europas gehalten werden. Wir wollen unsere Ideen unablässig einhämmern, einer nach dem anderen von uns wird die Tribüne ersteigen und alle Mittel modernster Technik werden diese Vorträge überall dort hörbar machen, wo eine Möglichkeit des Verständnisses gewittert wird. – Und wofür das Verständnis? Für die folgenden gewaltigen Notwendigkeiten: Absage an die Massenindustrie und wieder Einführung ehrlichen Handwerkertums: Ventilierung der übervölkerten Gebiete dieser Erde, und gerechte und zweckmäßige Verteilung ihrer nutzbaren Oberfläche unter der gesamten Menschheit, ohne Berücksichtigung privater Interessen. Also jede Nation erhält Koloniengebiet, das ihr am passendsten zugängig ist, gerecht verteilt nach klimatischen Zonen. Wenn dieser große Punkt geregelt ist, nicht nach Willkür oder Habgier, sondern rein auf Zahlen und Bedürfnisse gegründet, so wird die Menschheit in ausdenkbaren Zeiten nie von neuen Kriegen geplagt werden und sich auf das Zehnfache vermehren können, ohne daß der eine dem anderen in die Quere kommt. Die ewig wachen Raubtierinstinkte werden dadurch gebändigt sein und erlöschen. Eine jede Nation erhält dann ihren Platz ohne die Notwendigkeit gegenseitiger Vermischung, Grenzgebiete werden geläutert, fremde Bruchstücke ausgemerzt, alle Rassen können sich rein und nach ihrer Berufung entwickeln und das Beste, was sie zu geben haben werden, soll in der Pflege des Menschentums seinen Ausdruck finden und im Bestreben zur Rückkehr zur Natur. – Ganz von selber werden dann jene Produkte falscher Lebensführung, jene tausenderlei 223 Behelfe zum Dasein, die es doch nur entwürdigen, in Wegfall kommen. Freiheit der Produktion für den einzelnen, das ist das Resultat großzügiger Massenfreiheit. Dieser widerlichen Anhäufungen von niedrigen Interessen aller Art, Städte genannt, sollen verschwinden; gleichmäßig über das Land soll das Besitztum der Menschen sich verbreiten. Nicht billigen Kommunismus predige ich hier, sondern Verschönerung des Daseins für das Individuum. Nicht Ameisen sind wir, sondern jeder von uns ist eine Welt für sich. Nur darin sollen wir uns alle finden, daß wir rückläufig alle die verlorenen Gaben in uns wieder erwachen lassen, die wir in der unbegreiflichen Hohlheit unseres »zivilisierten« Daseins mißachtet und zur Unkenntlichkeit entstellt haben. Wir Vier, die wir hier um den Tisch sitzen, wir haben diese Gaben noch. Ließen wir uns verkümmern und mit uns das Häuflein jener Auserwählten, gäben wir nach, so wäre es schlimm bestellt, so würde Menschentum zur Phantasterei und die Dichtung früherer Zeiten zu absurdem Unterhaltungstoff, der sein Ende im Kehricht des scheußlichsten Alltags finden müßte. Ich weiß, was uns entgegensteht: ein Wall von stupider Selbstsucht, Borniertheit und Mammon; – aber glaubt mir, wenn der zündende Funke einmal aufgeglommen ist, so ist der Zunder, in dem er weiterfressen kann sehr groß. In wenigen Monaten wird es Tausende von Propheten geben, in wenigen Jahren Zehntausende. Die Zeit ist krank; sie weiß es nur nicht. Wir fahren rauh in die Wunden hinein, dann wird sie es spüren und aufschreien!« Es waren nicht nur die Dünste des Weines, die die begeisterten Augen des Alten so erhaben erscheinen ließen. Es schien, als ob der grüne Talar seine Gestalt nicht bloß verbreitere, sondern 224 sie auch erhöhe. Alles Lächerliche, Klotzige und Verbissene war aus der Kontur dieses Antlitzes gewichen. Das weißblonde Haar hing in wirren Zotteln halb über die zerfurchte Stirn, die Augen glühten blau und die Schultern erschienen nicht plump und bärenhaft mehr, sondern wie von einer unsichtbaren Last befreit, schlanker und beweglicher. Mit einemmal merkte Rupert die unendliche Ähnlichkeit des Glanzes, der aus den Augen des Nordländers Thorstein loderte, mit denen Oles. Sie waren beide von gleichem Stamm, von engster Genossenschaft. Nur war bei dem Jungen all das gefälliger, umgänglicher, was sich beim Alten in derber Form geäußert. Es war eine Verwandtschaft, fast enger und bindender noch als Blutsverwandtschaft, mußte er denken. – Und sich zu diesen schönen Menschen zählen zu dürfen, war ihm ein beklemmender Gedanke, ein blendender Vorzug. Verbena auch dünkte ihm schöner als je. Ihre Wangen waren vom Wein gerötet und in dem Hin-und-Wider des begeistert einsetzenden Gesprächs, das nun folgte, erklang ihr Lachen silbern und hemmungslos. Der kleine Rausch, der sie erhitzte, machte sie gesprächig und er erstaunte, mit welcher Leichtigkeit und Flüssigkeit des Ausdrucks sie sprechen konnte. Und während diese Wolke von Heiterkeit, sich überstürzenden Sätzen, Gelächterkaskaden über dem damastenen Tischtuch auf und ab wogte, während bekannte Menschen beschworen wurden und lächelnde Gesichter in die Runde schoben, aus Worten so plastisch geformt, daß man ihre Züge zu erkennen, ihre Hände zu greifen glaubte, – geschah ein zweiter Windstoß. – Der erste hatte die Kerzen kaum unmerklich zum Flackern gebracht, dieser zweite jedoch fuhr mit einem Aufrauschen der Bäume schier gewaltsam herein und es war, 225 als ob er eine Lücke in die Wolke blase. – Die goldenen Kerzenzungen legten sich auf die Seite, als seien sie müde geworden. Ein Schatten durchhuschte den Raum, vom Aufblaken begleitet. Die Blütendolde schwankte hin und her und alle schwiegen. Ein Klirren war im Hause entstanden, mehrere Fenster hatten sich bewegt. »Es ist Zeit,« sagte Örvandill, »daß man überall schließt.« Rupert und Verbena gingen hinaus und löschten die Kerzen, die im Treppenhaus brannten, bedachtsam aus, so daß das ganze Haus bis auf das Speisezimmer verdunkelt war. In diesem selbst ließ man die Fenster geöffnet. Nach dieser Sicherheitsmaßregel brauste die Stimmung wieder ungezügelt empor. Noch war das Malachitgefäß kaum bis zur Hälfte geleert, aber die ungewohnte Stärke der Bowle entzündete jetzt bereits die Lebensgeister auf das höchste. Sie drückten sich gegenseitig Bruderküsse auf die Wangen und es war possierlich, wie sie einen Reigen um den Tisch vollführten, Örvandill an der Spitze. – Axel sang, vom tiefen Baß des Alten unterstützt, ein schwedisches Trinklied in gemessener Betonung; – die grünen Talare wallten beim Schreiten, das in eine Art Tanz ausartete. Sie sprachen jetzt fast alle gleichzeitig, jeder wußte, was der andere im Sinne hatte, so gemeinsam dachten sie. Es passierte, daß sie selbzweit oder -dritt ein Sätzchen wie im Akkord von sich gaben, daß ein lustiger Einfall ihnen gleichzeitig ein Gelächter verursachte, noch bevor er vollständig geboren war. Und während sie sich in der Folge umfaßt hielten, während Rupert und Verbena sich selig in den Armen lagen und die beiden wetterfesten Kumpane auf der anderen Seite sich in 226 norwegischer Zunge in die Gesichter sangen, geschah etwas Seltsames und Schreckhaftes. Ein einziger kurzer Windstoß, der dritte diesmal und der kräftigste, griff wie mit gespenstischen Fingern durch die weitoffenen Fenster hinein und drückte sämtliche Kerzen auf einmal aus. – Alle schrien lustig auf: »Licht, Licht, Fenster zu!!« – Aber dieser Schrei erstarb ihnen auf der Zunge. – – Es war, als ob ein zur Weißglut erhitztes Beil, von einer Dämonenfaust geschwungen, dessen wirbelnde Kreisbewegung in der Atmosphäre eine rieselnde Schlangenspur hinterließ, draußen niederfahre, und etwas in Stücke hacke. Was, wußte man im ersten Augenblick nicht, da alle zu betäubt waren, um klare Gedanken zu fassen. Doch als dann ein dumpf dröhnendes Geprassel einsetzte, das die ganze Luft meilenweit zerspaltete, begleitet von einem scheußlichen Klirren berstenden Glases, schrie Verbena auf: »Das Treibhaus! « Nach diesem irren Aufschrei blieb es stumm. Rupert fühlte, wie sie in seiner Umklammerung zu erstarren schien, als ob plötzlich Kälte sie krampfhaft durchzittere. Örvandill gab einen leisen ächzenden Laut von sich. Axel schwieg. Dann sagte er mit eintöniger Stimme: »Genau der Schlag wie damals, als der Grüne auf dem Felsen geritten kam . . .« Wie um sie von diesem Bann zu erlösen, ward es auf einmal kühl im Zimmer, ernüchternd kühl. – Es war gut, daß man sich in den nächsten Minuten kaum verstehen konnte, denn ein Wolkenbruch, vom Getöse des Laubes draußen und vom Knirschen der schweren Äste begleitet, schob sich wie eine Mauer von Geräusch unwiderstehlich herzu. Auf einmal glühte ein Flämmchen in Axels Hand auf; er schloß 227 die Fenster und zündete die Kerzen wieder an. – Sie saßen schweigend bis es wieder im Raum aussah wie vorhin, nur waren die Gesichter jetzt verstört. Verbena war tiefblaß und der Alte hockte gebeugt da, den Kopf tief über das Glas geneigt. »Gut,« sagte Axel mit leichter Stimme und füllte sein Glas als ob nichts passiert sei, »daß einer von uns noch kaltes Blut bewahrt hat, deshalb hast Du mich ja auch zum Organisator ernannt, Ole. Es ist ganz seltsam, daß dieser Blitz uns Vier nicht erwischt hat, aber mach' mir nur kein Wesens aus Deinem Treibhaus. Von nun ab hat ja auch Deine kleine Liebhaberei keinen Sinn mehr.« »Du hast Recht,« sagte Ole nach einer Pause und reckte sich wieder auf. »Ganz Recht hast Du, Axel. Dies alles ist begraben und eigentlich konnten wir uns keinen schöneren Auftakt zu unserem Werk ausmalen. Die Natur selber hat dreingeschlagen, aber es war ein ›Ja‹ und kein ›Nein.‹ Etwas kräftig war ja dieses ›Ja‹, aber wir wollen es uns in den Ohren nachdröhnen lassen und uns freuen. Kinder, es ist noch ein Rest da und dieser Rest sei dem Blitz geweiht. Habe ich nicht vorempfunden, was passieren würde, als ich von einem Gewitter sprach nach dieser dürren Zeit?« 228 Zwanzigstes Kapitel Kaum eine Woche mochte vergangen sein, da liefen in vielen Hotels Groß-Berlins und besonders Potsdams drahtlose Zimmerbestellungen ein. Wie ein Schwarm fremder Zugvögel kamen die Besteller nach. Es waren merkwürdige Menschen, die überall Aufsehen erregten. Aus allen Teilen der Welt kamen sie, doch zu keinem offenen Kongreß, und zu keinem merkbaren Zweck. Den listigsten Reportern, die auf das Phänomen aufmerksam wurden, gelang es nicht, hinter ihr Vorhaben zu kommen. Da kein einziger bekannter Politiker sich unter ihnen befand, noch irgend jemand, der der hiesigen Polizei als Zwischenträger bekannt war, so gewann das Problem an 229 Undurchsichtigkeit. – Die Leute gingen nicht in Gruppen; sie begrüßten sich, ohne die Hüte zu lüften, mit Kopfnicken, wo sie sich trafen; höchstens, daß sich einmal zwei oder drei zusammenfanden und dann einen gemeinsamen Ausflug machten, der sie an unbelauschte Orte führen konnte. Blond überwog bei ihnen, sonst waren noch einige Südamerikaner darunter, auch zwei oder drei Chinesen, die es den Spürhunden durch die Unbeweglichst ihrer glatten Masken doppelt schwer machten, hinter ihre Schliche zu kommen. Soviel jedoch hatte man bald herausgefunden, daß die Fäden im Hause des Professors Sebaldus Schuster zusammenlaufen mußten. Er ließ öffentlich, um etwaige Erregungen niederzuschlagen, in den gelesensten Tageszeitungen verkünden, es handle sich um einen zwanglosen, rein wissenschaftlichen Kongreß, es sei den Leuten nur daran gelegen, Fühlung miteinander zu bekommen. Die Polizei hatte keine Handhabe und so lief sich das Mundwerk der schwach aufgerührten öffentlichen Meinung bald genug lahm. Durch die äußerste Unaufdringlichkeit, mit der diese Leute sich dem allgemeinen Bilde des Verkehrs angliederten, wurde noch zum Versickern des Interesses beigetragen. Im Hause Örvandills ging es jedoch lebhaft zu. Man kam zu verschiedenen Tagesstunden, aber man blieb. Sämtliche Räume waren erfüllt von begeistert redenden, gestikulierenden Leuten. Eine Druckerei im Zentrum hatte einen unerhörten Auftrag für Broschüren entgegengenommen. Eine gewaltige Anzahlung von einer unbekannten Quelle lag bereits vor und speiste die Betriebsamkeit der Rotationsmaschinen. Wie man wissen wollte, handelte es sich um Pamphlete außergewöhnlich verstiegener und absurder Natur. Man begriff 230 nur nicht, warum sie in solchen Massen angefertigt wurden. Zu öffentlicher Besprechung kam es noch nicht, da die Setzer strikten Auftrag hatten, nichts herauszugeben. So tauchten nur Bruchstücke auf, aus denen man weder Kopf noch Schwanz machen konnte. In den Cafés wurde darüber gemunkelt; doch dies war nur einer der vielen Schwatzstoffe, wie sie der hetzende Alltag herzuschwemmte. Mit der Zeit hatte Örvandill alle Mitglieder des Bundes bei sich begrüßt und mit bestimmten Instruktionen versehen. Jeder hatte sein Material und seine bestimmte Vortragsroute vorgezeichnet, jeder nahm den Auftrag mit der innigsten Begeisterung entgegen. Schon waren einige abgetröpfelt, um an Ort und Stelle die entscheidende Order abzuwarten und die maßgebende Presse der Welt zu bearbeiten, denn die Artikelserien sollten gleichzeitig überall auftauchen im gleichen Wortlaut und zum mindesten einem Viertel der gesamten Menschheit an einem bestimmten Tage vor die Augen kommen. Das Werk, das große Werk gedieh und reifte mit einer geradezu unheimlichen Präzision. Nunmehr hatte sich der Letzte aus dem Hause entfernt. Viele saßen in Berlin, etwa dreißig, und der Rest an den übrigen Zivilisationszentren Europas und Amerikas. Es war im Juli. Die Sonne strahlte schon eine Woche aus wolkenlosem Himmel. – Die Luft war trocken, und Örvandill saß mit seinen ›Kindern‹, wie er sie nannte, im Garten. – Die Hitze setzte allen zu. Sie erhielten ein einsilbiges Gespräch aufrecht. – Verbena schien am allerwenigsten zu leiden, denn kein einziges Tröpfchen zeigte sich auf ihrer elfenbeinweißen Haut. Ihr Körper war trocken und kühl. Sie trug 231 einen kurzen, ärmellosen Chiton, hoch über den Knien gerafft, und das ruhevolle Spiel ihrer schlanken Glieder leuchtete in der Sonne, so oft sie sich rührte. – Örvandill blickte mit glückverlorenem Lächeln auf das Mädchen. Sie empfand ihn nicht als fünftes Rad am Wagen, das wußte er. Sie zog ihn mit hinein in ihr Glück, und sie zeigte ihm mit einer Unbefangenheit ihren Körper, wie sie es den anderen Gästen und Fremden gegenüber nie getan. Denn etwas wie Bewußtheit war in ihr erwacht, seit ihr Traumfreund sich in einen Menschen von Fleisch und Blut gewandelt, an den sie sich klammern durfte. Mit der Zeit erblühten rosige Flecken auf dem Gesicht des alten Bären. Mit seinem rohseidenen Taschentuch verhängte er sich, wie er sagte, die Sonne, wiewohl der grüne Schatten der Lindenbäume ihn zur Genüge schützte. »Willst Du schlafen, Ole?« fragte Verbena, die kreuzbeinig vor ihm hockte. »Ja, laßt mich eine Weile allein, Kinder. Ich sammle Kräfte für das Werk.« – Sie sprang auf und huschte davon. Rupert folgte ihr, und so jagten sie sich eine Weile umher. Der Alte schnaufte tief auf, nahm das Tuch herab und blinzelte ein wenig nach den huschenden Gestalten; dann hob er die Augen in das durchsonnte Blätterdach und starrte geradewegs in die Höhe. Ein Fleck leeren, von weißer Glut durchzitterten Himmels hing gerade über seinem Gesicht, in einer Lücke zwischen den Ästen. Und dort sah er hinein; wie hypnotisiert starrte er in die flammende, weißblaue Glut, die von schwarzen Pünktchen durchwimmelt war. Es war ein Mückenschwarm, der dort zwischen den Blättern tanzte. Tiefste brütende Nachmittagsstummheit sank über den Garten. Verbena und Rupert waren im Hause. Da hörten sie 232 auf einmal einen gurgelnden, röchelnden Schrei und fuhren zusammen. – Sie blickten aufgeschreckt hinaus. Örvandill hatte sich erhoben und stand dort auf der Wiese, den Kopf gebeugt und beide Hände wie abwehrend in die Luft gestreckt; dann lief er wie ein Betrunkener im Zickzack taumelnd auf das Haus zu. – In dieser plötzlichen, seltsamen Verwandlung seines Wesens lag etwas wie ein böses Omen, das einem den Puls stocken machte . . . – Sie eilten ihm entgegen mit hastigen Fragen, was ihm passiert sei. Er jedoch immer noch abwinkend, als ob er Furchtbares geschaut, machte sich von ihnen los und stürzte ins Studierzimmer. Sie wollten ihm nacheilen, er hatte jedoch die Tür hinter sich verschlossen. Drinnen hörten sie ein dumpfes Poltern, wie wenn er plötzlich in die Knie gesunken sei. »Ole,« schrie Verbena, »was ist mit Dir? Was hast Du? Antworte uns doch, Ole!!« Sie rüttelte mit Leibeskräften an der Klinke. Nur ein dumpfes Stöhnen antwortete ihr. »Was soll ich tun, Rupert? Er hat etwas erlebt! Er hat etwas Furchtbares erlebt!! Ich muß ihm beispringen! Du mußt ihm auch helfen!!« Und ihren vereinten Kräften gelang es zum Schluß, die schwere Eichentür zu sprengen. Sie stürzten hinein und blieben erstarrt stehen. Als Örvandill im Garten gesessen hatte, war sein Haar blond gewesen wie immer. Nun saß dort auf der Matte, die Finger voller Baststreifen, die er herausgekratzt in ohnmächtiger Verzweiflung, ein alter, bebender Mensch, den Kopf voll weißer Zotteln, der sie mit glanzlosen Augen anstierte und dessen Unterkiefer sich in einer mahlenden Bewegung bewegte, wie der eines alten Weibes. Sie hoben ihn auf den Stuhl. Sie dachten zunächst an einen 233 Schlaganfall, denn er bot ganz das Bild. Er stürzte ein Glas Wasser hinunter, röchelte noch eine Weile und reckte sich dann langsam in dem Sitz auf. Waren seine Augen früher scharf geschliffene, glitzernd blaue Diamanten gewesen, so glichen sie jetzt toten Glasscherben. Kein Funke lebte in ihnen. Er blickte sie an und sagte auf einmal: »Laßt mich sitzen, geht weg.« »Wir gehen nicht weg,« sagte Rupert scharf und bestimmt, »wir müssen Dir helfen. Was wankst Du, Ole! – Du kannst doch nicht versagen, jetzt wo Du der Brennpunkt der großen Bewegung bist, wo alle auf Dich schauen, wo die Erfüllung Deines Lebenswerkes bevorsteht.« Örvandill sah ihn stumpf an, dann flüsterte er: »Ja, ja.« Und als ob er nicht verstanden habe, wiederholte er mechanisch: »Das große Werk, wie?« »Ja,« riefen beide, »unser gemeinsames Lebenswerk!« – Örvandill blickte sich mit nickendem Kopf um, wie ein Bär im Käfig, der von einer Pranke auf die andere fällt. »Ich weiß es gut,« sagte er auf einmal mit zusammenhängenden vernehmbaren Worten, »ich weiß gut, wovon Ihr sprecht, aber das große Werk, damit hat es noch Zeit . . . Ja, Kinder, damit hat es noch Zeit. Es wird vielleicht keine Woche mehr dauern, dann wird etwas geschehen, das mich, das Euch, das uns alle für dieses unser Dasein vielleicht kaltstellen wird und überflüssig machen . . . Soeben, als ich im Garten saß und Ihr von mir gegangen ward, habe ich das Furchtbare gesehen. Buchstäblich gesehn, nein, erlebt – ich spürte es am eigenen Leibe. – Es war, als ob ein schleichender Erstickungstod mich anspringe von hinten, ein katzenartig leiser, unnennbar grausiger, rettungsloser, qualvoller Tod. – Ich habe diesen Tod eine Sekunde 234 lang erlebt und davon bin ich jetzt geworden, wie Ihr mich vor Euch seht. Ich, für den es keinen Tod gibt , für den der Tod nur lichtvoller Übergang war, schmerzloses Hinüberwechseln in eine andere Daseinsform! – Ich wurde abgewürgt da draußen, und meine Seele versuchte sich kreischend loszureißen von dem Körper, der ihr so wüst die Türe ins Gesicht schlug.« Die jungen Leute umfaßten sich und wichen vor ihm zurück mit weitgeöffneten Augen. »Axel,« brüllte er auf mit plötzlicher Vehemenz, »wo steckt Axel?« Sie gingen beide ihn suchen. Er saß in einer Ecke des Gartens, auf eine Rasenbank gestreckt und schlief. – »Axel,« sagte Verbena zitternd, »Ole spricht irre.« – Axel setzte sich heftig auf. »Axel, komm ins Haus. – Wir haben bis jetzt immer gewußt, was er meint; aber heute redet er in Rätseln. Erschrick nicht, wenn Du ihn siehst.« Aufs höchste betroffen kam Thorstein mit. Der Alte saß wie vorhin im Stuhl und blickte ihnen mit leichenhaft starrer Miene entgegen. Axel zuckte zusammen, als er das schneeweiße Haar sah. Nichts wollte von seinen Lippen kommen, so erschüttert war er. »So,« meinte jetzt Örvandill, »jetzt habe ich Euch Drei; und Ihr bleibt bei mir, wie?« »Wir wollen Dich nie verlassen, wir Vier gehören zusammen,« sagte Thorstein mit klarer, ruhiger Stimme. »Dann ist es gut. – Also hört: »Wann das Geschehnis eintreten wird, kann ich nicht auf den Tag berechnen, aber die ganzen Umstände sprechen dafür, daß es vielleicht schon in ein bis zwei Wochen seinen 235 Ablauf nehmen kann, und ich kann Dir nur raten, Axel, ruf sie alle aus Berlin weg, schlag' jeden Auftrag nieder, den ich Dir gab; ich bin ein alter, verstiegener Mensch, ich habe nicht mit diesem Schauderhaften gerechnet, das uns allen einen Strich durch die Rechnung macht.« Axel beugte sich vor und sah ihm tief in die Augen, wie ein Arzt, der einen Irren nachdenklich anblickt, um den Schlüssel zu seinen Reden zu finden. »Ja, Axel, schau mir nur auf den Grund, Du siehst nichts darin, als Trümmer. Ich weiß es besser, glaube mir.« Axel lehnte sich zurück und nickte langsam mit dem Kopf. – »Ich muß Dir glauben, Örvandill, Du siehst weiter als ich.« »Ich sitze im Garten,« wiederholte der Alte, »ich sehe in den Himmel und zunächst denke ich, daß es Mücken seien, diese schwarzen Pünktchen, wißt Ihr, die schwarzen kleinen Pünktchen . . . und dann auf einmal bemerke ich, daß sie nur so klein sind, weil sie ungeheuer weit hoch droben tanzen . . . Die Entfernung macht sie so klein!! – Was ich zunächst für einen Mückenschwarm hielt, war mehr als das. – Das war der grausame Untergang alles Lebenden in einem Areal, größer als ganz Berlin und seine Umgebung zusammengenommen . . . Ich sah mit geschärften Augen, als ob meine Augen zu Fernglaslinsen geworden seien . . . Es war der letzte Typ der fliegenden Mordwaffe! Und diese gepanzerten Vögel kreisten hoch im Blau mit einer entnervenden spiraligen Gleichförmigkeit, wie Geier über einem Kadaver; und der Kadaver war Berlin. – Ich sah, daß jede dieser kreisenden Maschinen Bomben niedertröpfeln ließ, mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks. So weit ich sehen konnte, war der Himmel voll von diesem Geziefer. Und dann sah ich, als ob 236 meine Augen durch alles hindurchblicken könnten, die glasüberdachten Straßenzüge, wie von einem Turm aus vor mir liegen. Ich hörte ein gleichmäßiges Knallen, genau das Geräusch, das neulich der Blitz machte, als er das Treibhaus zerschmetterte, aber wiederholt und in die Ferne fortgepflanzt wie tausendfaches Echo, immer denselben einschlagenden, scherbenspritzenden Knall; und dann war es aus. – Was mir noch im Gedächtnis nachbebt, was mir in jeder Fiber des Leibes zittert, das ist der Schrei . . . – Der Schrei . . .« wiederholte er und sank in sich zusammen. Plötzlich fuhren seine Hände ausmalend in die Luft, als wollte er etwas Unnennbares begreifbar machen. – »Wißt Ihr, das war kein einzelner Todesschrei, den ich da hörte, es war ein zusammenfließendes Murmeln von Millionen nach Luft ringender Menschen. Es spülte zu mir hinauf, dieses Murmeln. Es war ein Ächzen allüberall . . . – Das Gas dehnte sich wie ein Schleier am Boden fort und sickerte in die Straßen und in die Häuser hinein. Jeder Winkel, jede Ritze, alles wurde von ihm durchtränkt und immer weiter und unaufhaltsam tickend wie der Sekundenzeiger knallten die Bomben. Das Gas war durchsichtig. Kinder, es war unnennbar grausig. Habt Ihr einmal über ein Kornfeld geblickt um die Mittagszeit, wenn die erwärmte Luft darüber zittert und den Horizont in Wellen versetzt? So war es mit diesem Gase beschaffen. – Man sah es nicht. Man sah nur die Häuserfronten wellig wanken, man sah alle Konturen wie im Wasser schwanken, und die Menschheit darunter wie ersäufte Ratten, zuckend hingebreitet, klumpenweise über den Asphalt gestreut, zu verzweifelten Knäueln geballt, sich gegenseitig die Kleider herunterreißend! . . . Und dieser Blick, dieser 237 gemeinsame Blick!! – Es ist unausdenkbar, was ich erlebte. Alles stand still wie abgehackt. Die ganze Welt war voller Menschen, die groteske Gebärden machten, Gliedmaßen in die Höhe warfen, in den unglaublichsten Verrenkungen erstarrten. Fabriksirenen pfiffen, da niemand sie stoppte . . . Wildgegewordene Lokomotiven durchrasten das Chaos, entgleisende Trambahnwagen zerschmetterten sich an Häuserfronten. Da und dort kräuselte sich Rauch empor, von Kurzschlüssen hervorgerufen . . . Und ich stand und blickte noch hinunter in diesen Höllenpfuhl und merkte plötzlich, wie die welligzitternde Substanz zu mir heraufschwoll. Ich hielt mir Mund und Nase zu, aber es kam keine Rettung. Ein paar vereinzelte Aeroplane noch schossen steil von den Dächern empor in die lebenspendende Luft. Einige, deren Führer schon halbbetäubt waren, überschlugen sich und rasselten nieder wie todwunde Vögel. – Ich wollte hinweg, ich wollte hinaus in die Höhe. Aber wohin mich wenden? Jeder Schritt nach unten hätte mich demselben Tode ausgeliefert. Ich tat noch einen letzten Schrei, einen Ruf an das Leben, an all meine zerstörte und gescheiterte Hoffnung, und dann fühlte ich, wie ich hinabsank, ruckweise in den erdrosselnden Sumpf aus Gift hinein . . . Wir wollten es anders machen!! – Wir wollten diese Menschheit nicht zerstören, nicht hinwegraffen wie Ratten!! – Wir meinten es gut mit ihr! – Der Zehnte noch war es wert, gebessert zu werden und erhoben zum Menschentum! – Aber sie haben sich das Äußerste geschaffen, und müssen nun auch am Äußersten zugrunde gehen. – Meine Kinder, ein Krieg steht bevor und dieser Krieg dauert nicht länger als einen Tag. Diese ganzen Millionen um uns herum sind unrettbar verloren. – Ich weiß es, ich weiß es.« 238 Verbena stand auf und ging zu ihm hinüber. In ihrer Stimme war kein Klang. – »Ja, aber dann müssen wir doch retten, warnen, alles in Bewegung setzen . . .« Axel sprach klar: – »Was nützt das, glaubst Du, daß Dir auch ein Einziger folgen würde? ›Woher weißt Du das?‹ würden sie fragen, mich, Dich, Rupert oder Örvandill. ›Woher wißt Ihr das?‹ Und was haben wir dagegen zu setzen? Unsere Gewißheit.« »›Ein Sonnenstich‹ würden sie höhnen,« sprach Örvandill. »So nennt man es doch, wenn ein alter Mann plötzlich in der Hitze irre redet?« Die Wahrheit dieses Ausspruches ließ die Drei verstummen. »Ja,« sprach Örvandill, »uns ist die Gabe gegeben, und die anderen haben sie nicht, und ihrer ist das Los.« »Was bleibt uns denn jetzt noch übrig?« fragte Rupert. »Was uns übrig bleibt? – Ihr seid jung, – Ihr findet einen anderen Acker vor.«   Die Prophezeiung Örvandills wurde noch am selben Tage in der Geheimsprache des Bundes den Mitgliedern, die sich in Berlin und außerhalb befanden, übermittelt. Weit entfernt, sie für Phantasterei zu halten, brachen alle ihre Zelte ab und reisten dorthin, woher sie gekommen waren. Der Prophet selber aber und seine drei Freunde verließen schon am nächsten Morgen das seltsame Haus und nahmen nur mit, was ihnen teuer war. Ihr Bestimmungsort waren die Finnischen Wälder. – Axel weilte nicht immer bei ihnen, sondern blieb im hohen Norden, wo er Anhänger sammelnd, umherzog. – Die Schriften des Meisters hatten sie in 239 eine feuersichere Kassette gepackt und sie am Ort, den sie erwählten, wohl verschlossen aufbewahrt. – Dieser Ort wurde später eine Wallfahrtsstätte. – Es war eine geräumige Blockhütte an einem der tausend Seen, auf einen felsigen Vorsprung gebaut inmitten uralten Waldbestandes, und auch dies ist in Schriften niedergelegt, wie dort ihr Leben verlief. Das Gesicht des alten Örvandill traf ein, in noch kürzerer Zeit als sie vermuteten. Eine formelle Kriegserklärung war nicht vorausgegangen; es war ein tückischer Überfall der Nationen aufeinander, ein Aufbäumen der Bestie im größten Stil, wie es die Welt noch nicht erlebt. – Die eingeklemmten, übervölkerten, übersättigten Landstriche der Alten Welt waren von einer Atmosphäre geladen durch einen fünfundsiebzigjährigen Frieden, die sich zu plötzlicher Explosion langsam aber unrettbar verdichtet hatte. Mit den raffiniertesten Vernichtungsmitteln fielen sich die Völker an. Die wenigen Zeitungsnachrichten, die ihnen durch Zufall in die Hände fielen, bestätigten Wort für Wort die schauerliche Wahrheit. – Berlin war noch unbetretbar. – In den unterirdischen Gelassen der Turmhäuser, ja selbst auf den Straßen noch, lauerte der Gastod. Ein süßlicher Geruch verpestete ganz Norddeutschland: das waren die herübergewehten Miasmen aus diesem Massengrabe. Man hatte fernphotographisch vieles aufgenommen; die Wahrheit spottete jeder Beschreibung. – Örvandill erlebte es nicht mehr, daß seine Ideen Fuß faßten. Doch war man ihm bereits auf der Spur, als er seinen Abschied nahm, und dieser Abschied war ein seltsamer. 240 Es war eine Wiese in der Nähe des Blockhauses, auf der Verbenas weizenblonde, starke Kinder ihre Spiele zu treiben pflegten. – Der Großvater, so nannten sie ihn, war zu ihnen hinübergekommen, habe wie immer gescherzt, und dann erzählten sie mit weitaufgerissenen, sprühendblauen Augen, sie hätten genau gesehen, er habe sich in einen Baum verwandelt. Rupert und Verbena verwiesen sie, aber, von den Kindern fast gewaltsam gezogen, schritten sie hinaus bis in die Nähe der bezeichneten Stelle. – Der Alte hatte in der letzten Zeit ein moosgrünes Gewand getragen, sein weißes Haar hatte sich gelichtet und einen stumpfen Schimmer bekommen. – Sie sahen ihn deutlich am Felsen sitzen vor einem Busch; und es war ihnen, als ob er leise mit dem Kopf nicke. – Langsam traten sie näher und sahen sich erstaunt an, wie diese Augentäuschung möglich gewesen sei: dies war in der Tat nicht Örvandill, sondern ein kurzer, gekrümmter, von Moos bedeckter Baumstrunk, der dort zwischen den Felsen wuchs. – Von seinem oberen Ende spielten bleiche Baumflechten im sommerlichen Wind, und die Bewegung, die er ihnen vorgetäuscht, war die leise Neigung neuer grüner Sprossen, die aus den rissigen Ästen gebrochen waren und in siegreicher Smaragdfarbe schwankten. Doch seltsam; seit diesem Nachmittag war Örvandill verschollen und nirgends zu finden. – Tagelang suchten sie ihn umsonst, er war bewußt oder aus Zufall in einen See gestürzt, wie es deren viele im Umkreis gab. – So war die Erzählung der Kinder das Letzte, was ihnen von ihm im Gedächtnis haftete, und war schon lebendiger Mythus, noch bevor sie seinen Heimgang betrauerten.   Ende.