Padre Louis Coloma Gottes Hand Gottes Hand. Digitus Dei est hic. (Dieses ist ein Fingerzeig Gottes.) Exodo cap. VIII, v. 19. I. In dem kleinen Dorfe herrschte eine gewisse Unruhe: die Männer kamen vor der Zeit und eilig von der Arbeit nach Hause, legten die Werkzeuge ab und eilten scharenweise in die Schenke des Gevatters Mal-Alma. Auch die Frauen eilten herbei, scharten sich zusammen und gingen mit hochaufgerichtetem Kopf, wie witternde Hunde, auf der Suche nach Nachrichten von der Türe der Schenke bis zu dem verfallenen Häuschen von Juan dem Gesichtslosen. Dort war an einem in die Mauer eingelassenen Ringe ein herrliches schwarzes Füllen angebunden, mit einer Trense im Maul, einem Kappzaum mit doppeltem Zügel, einem Sattel, wie ihn die Kuhhirten brauchen, hinten aufgeschnallt, Pistolen im vorderen Halfter und einer zweiläufigen Flinte an der rechten Seite. Eine Schar von Kindern umringte das hübsche Tier, das ungeduldig die Mähne schüttelte und den Fußboden stampfte, als wollte es sich gewaltsam gegen die Fesseln auflehnen, die es seiner Freiheit beraubten. Neben diesem Füllen stand ein anderes starkes Pferd, das weniger schön, knochig und von jener Art war, wie sie in Andalusien die Viehhändler und Gutsinspektoren reiten, das das Geschirr halb ländlich, halb kriegerisch mit Geduld trug und mit seiner Unbeweglichkeit seinem widerspenstigen Nachbarn als Beispiel dienen konnte. »Lopijillo ist gekommen!« sagten die Männer halb geheimnisvoll, halb furchtsam und erwartungsvoll, und die angsterfüllten Frauen wiederholten diesen Namen und fügten wütend hinzu: »Der Teufel hole ihn! ... Er sei verflucht! Gibt es denn keinen Blitz, der auf ihn herniederfährt?« In dem letzten Hause des Dorfes, von den übrigen durch ein Melonenfeld getrennt, lehnte ein dicker, untersetzter Mann mit seinem derben Rücken gegen einen alten, vor die Türe gepflanzten Feigenbaum, um dessen Stamm sich üppiger Wein rankte, mit jenem spielenden Vertrauen, mit dem ein Kind die Arme um den Hals des Großvaters schlingt. Er schlug mechanisch mit einem dünnen Steckchen auf die Gamaschen aus derber Wolle, als wollte er den Staub herausklopfen, in Wirklichkeit aber, um die schlechte Laune zu verbergen, die sich auf seinen gütigen, fast einfältigen Zügen widerzuspiegeln begann. Auf der Türschwelle stand eine Frau mit heiteren Gesichtszügen und lebhaften Augen. Sie hatte einen Männerhut unter dem Arm und strickte mit einer gewissen fieberhaften Tätigkeit, die deutlich ihre Erregung verriet. »Ich sage dir, du wirst nicht gehen, Juan Antonio!« erklärte sie gereizt. »Dieser Don Juan, zu dem der Titel »Don« so wenig paßt wie die Bischofsmütze zu dir, und dein Gevatter Mal-Alma werden dich ins Verderben bringen. Was geht dich das alles an, koche doch nicht, was du nicht zu essen brauchst.« »Was mich das angeht?« fragte Juan Antonio. »Aber sieh', wenn die Reihe an uns kommt, wirst du dich schon darüber freuen, da mir Don Juan die ganze Meierei versprochen hat, an die mein Anwesen grenzt. Und wie schön steht das Getreide! Jede Ähre so dick wie eine Eiche und jedes Korn wie meine Faust. Du wirst sehen, das bringt uns aus der Not, wenn das Messer uns an der Kehle sitzt.« »Unser Herr Jesus Christus beschütze uns,« rief seine Frau aus. »Denn wenn dieser Don Juan oder Don Mengue es dir versprochen haben, dann geh und mach einen Strich in das Wasser des Brunnens, damit du nicht vergißt, ihn beim Wort zu halten. Denn wenn er auf den Baum geklettert ist, wird er der Leiter einen Fußtritt geben, und hüte dich, daß er nicht aus deiner Haut die Riemen schneidet, mit denen er dich durchhaut. »So willst du seine göttliche Majestät, die da gesagt hat: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, Lügen strafen? Gott, was für ein Unsinn!« »Sieh' Juan, wenn wir Armen nach außen schwitzen, schwitzen die Reichen nach innen. Siehst du denn nicht, daß den meisten der Honig wie Gift schmeckt, und daß sie immer den Blick über die Achseln werfen, weil sie für ihr Hab und Gut fürchten. Und wozu gibt es denn Arme und Reiche, wenn nicht, damit sie sich gegenseitig dazu verhelfen, in den Himmel zu kommen. Die Reichen bezahlen den Eingang mit ihren Almosen, und die Armen mit ihrer Geduld, und wenn irgend ein großer Herr ein Herz von Stein hat, mag er das selbst verantworten, denn es gibt einen Gott, einen Tod, ein Gericht, eine Hölle und eine Seligkeit. Also, Juan, bei den Kreuzesnägeln Christi, geh' du nicht in das Haus dieses Don Juan, wo mir all meine Sünden einfallen, wo sie dir den Kopf mit Dummheiten und das Herz mit Galle füllen. Denke daran, daß du eine Taube warst, als du noch keine andern Reden hörtest als die des Herrn Pfarrei!« »Ich habe dir ja schon gesagt, daß ich zu gehen versprochen habe, Catalina; den Stier faßt man bei seinen Hörnern und den Menschen bei seinen Worten.« »Aber wenn das Wort so ist, daß es dir selbst den Strick um den Hals dreht! Wenn dieses Wort ...« Das übrige erstarb auf Catalinas Lippen, als sie an der Ecke des Hauses ein breiten, plattes Gesicht, dem eines Jagdhundes ähnlich, erscheinen sah, beschattet von buschigem, halb ergrautem Haar, das seine schmale Stirn bedeckte. Der Herangekommene richtete seine schielenden Augen auf die Gruppe, die die Männer und Frauen bildeten, und sagte mit schriller, scharfer Stimme wie die Trompete einer verstimmten Orgel: »Gevatter! Laßt uns gehen, es ist Zeit.« Catalina stellte sich mit einem Sprung vor ihren Gatten und sagte entschlossen: »Dieser kommt mir heute nicht fort, Gevatter Mal-Alma: und nun könnt Ihr wieder gehen, woher Ihr gekommen seid.« Mal-Alma machte zwei Schritte vorwärts, kreuzte die Arme auf den Rücken und sagte ganz ruhig: »Donnerwetter, wie rasch Eure Zunge geht, Gevatterin.« Und indem er auf Juan Antonio zutrat, der unentschlossen seine Gerte in der Hand hielt, setzte er mit der Sicherheit des Schützen hinzu, der den schwachen Punkt zu treffen weiß: »Ihr werdet Euch doch nicht von einer Frau einschüchtern lassen, Gevatter! Seid Ihr aber feig!« »Ich?« rief Antonio stolz aus, der es wie alle schwachen Menschen nicht vertragen konnte, wenn man auf ihre Schwäche anspielt; und indem er Catalina seinen Bolero aus der Hand riß, den diese zurückzuhalten suchte, wandte er sich, ohne ein Wort zu sprechen, dem Dorfe zu. Der arglistige Mal-Alma folgte ihm auf den Fersen und sagte mit Nachdruck zu der guten Frau: »Wenn Ihr fürchtet, daß Euer Mann verloren geht, kann ich Euch ja eine Empfangsbestätigung ausstellen, Gevatterin.« »Ich wünschte nur, daß Ihr Euch nicht mehr hier sehen ließet mit Eurem verräterischen Judasgesicht.« erklärte Catalina wütend. Mal-Alma lächelte sarkastisch und entfernte sich singend: Vierhundert Weiber, Sechshundert Papageien Machen ein Spektakel Wie tausend Teufel. Dieser Refrain brachte Catalina vollends in Harnisch, so daß sie die Türe so heftig zuschlug, daß sich die Katze erschreckt auf das Dach flüchtete, und die Hühner gackernd auseinanderliefen. Der Hahn redete sie auf lateinisch mit einem langegzogenen proptera quoooor an, und indem er zwei Schritte vorwärts machte, blieb er stehen, das eine Bein hochgezogen und mit vorgestrecktem Halse, verrenktem Kopf und glänzenden Augen und sagte: »Caveant consules.« II. Die Nacht brach herein und eine Schar phantastischer Schatten fing an durch das Dorf zu huschen; die Pfarrkinder kamen eines nach dem andern aus der Schenke des Gevatters Mal-Alma, wie die Fledermaus aus ihren schmutzigen Nestern, und verschwanden rasch in dem schwarzen Eingang des Hauses des Don Juan des Gesichtslosen, als fürchteten sie einem Spion zu begegnen. Es waren etwa 50 Männer vereint, in einem engen niedrigen Raum, der erweitert wurde durch eine abgerissene Verkleidung, die ihn vom Pferdestall trennte, und hier, zwischen den Ausdünstungen von Nahrungsmitteln, Zigarrendampf und der Stickluft des in den Ecken faulenden Düngers, zwischen der Furcht vor großen Gefahren und der Hoffnung auf große Ereignisse, bereiteten sie sich vor, Lopijillo, den berühmten Demagogen der Stadt, zu empfangen, den ihnen Don Juan der Gesichtslose, der Hilfsdemagoge des Dorfes, vorstellen sollte. Wichtige Gerüchte gingen um. Es hieß, die Stunde zum entscheidenden Schlag wäre gekommen, Lopijillo führe in seinem Reisesack den Befehl der sozialen Auflösung mit sich und diese Nacht wäre die letzte, in der die Reichen ruhig in ihren Palästen schlafen würden. Der Gevatter Mal-Alma, der Ganymed jener versammelten Väter, hatte inzwischen einen Krug Wein die Runde machen lassen, der die Begeisterung wach hielt, die Angst verscheuchte, die Hoffnung neu belebte und die Beredsamkeit erhöhte. Fecundi calices quem non fecere disertum. (Wen haben volle Kelche nicht beredt gemacht?) Darauf trat durch die Öffnung einer Krippe, die mit dem Hause verbunden war, ein Mann, der kaum den Eindruck eines Menschen machte. Ein Schlapphut mit riesenbreiter Krempe, der bis auf die Augenbrauen herunterhing, bedeckte seine Stirn: darunter eine große Brille mit grünen Gläsern und das Ganze umrahmt von einem schwarzen, struppigen, ungepflegten Bart, aus dem eine breite Stumpfnase hervorlugte, die etwa wie eine Grabschrift das Folgende besagte: »Hier ruht ein Gesicht.« Das war der berühmte Demagoge, der in der Stadt der »Unbekannte« genannt wurde und im Dorfe noch bekannter war unter dem Namen »der Gesichtslose«, weil von einem Gesicht nichts zu sehen war. Er kleidete sich stets bei jedem Wetter in einen übergroßen Mantel, in dessen tiefen Taschen er mechanisch die Hände vergrub, wenn ihm im Eifer jener improvisierten Reden das Wort fehlte, als habe er hier eine Sammlung guter Gedanken verborgen; er pflegte sie dann in fieberhafter Hast wieder herauszuziehen, ohne den flüchtigen Gedanken erhaschen zu können, fand dafür aber endlich jenen derben Fluch, den er ungeschminkt herausbrachte, um seine Periode abzurunden und der Phrase mehr Nachdruck zu verleihen. Hinter ihm trat Lopijillo, der Demagoge aus der Stadt, eine wichtige Persönlichkeit, mit der wir an anderer Stelle unsere Leser bekannt machen werden, in dem Glanze seines revolutionären Ruhmes ein: hinter ihnen eine dritte Persönlichkeit mit Gamaschen und einer Kutscherjoppe: Lopijillos Sekretär, der ein Banner aus feuerroter Leinwand aufpflanzte. Diese drei betraten ein schwankendes Podium, das an der Hinterwand des Klubstalles errichtet war, und im tiefsten Schweigen, das ringsum herrschte, ergriff Lopijillo das Wort und improvisierte eine Rede, die er aus der »Guillotine« – »dem Organ der oberen Zehntausend« – auswendig gelernt hatte. »Der große Moment wäre gekommen. Die Stunde der Gerechtigkeit hätte für die Proletarier und für die Mächtigen geschlagen und die Rollen würden jetzt vertauscht werden. Mit der flammenden Fackel der Zivilisation in der Hand, wäre er (Lopijillo) durch Städte und Dörfer gezogen und hätte sich für das Wohl der Proletarier geopfert; Hunger, Kälte, schlechte Behandlung und alle die Qualen, welche Tyrannei und Inquisition sich ausdenken, um den edlen Kämpen der Volksrechte zu unterdrücken, hätte er erduldet. Aber er würde noch mehr erdulden; noch sei sein Opferdurst nicht gelöscht. Es wäre der Moment gekommen, da das ganze Spanien mit einem Schrei die Bundesrepublik verkünden werde und er bereit wäre, sich von neuem zu opfern und die Kandidatur anzunehmen, wenn es ihnen beliebte, ihn zum Deputierten zu wählen. Dort stende das rote Banner, das er ihnen mit Todesverachtung zu überliefern gekommen war. denn sobald es einmal in Spanien aufgepflanzt wäre, würde man unweigerlich zur Verteilung der Güter schreiten. Die gewalttätigen Reichen hätten jetzt genug genossen. Er hingegen verlange für sich nichts: ihm genüge ein klarer Himmel, ein sanftes, fließendes Bächlein, eine grüne Matte und das Schauspiel der Menschheit, die sich im Schatten seiner phrygischen Mütze umarme. Ein Sturm von Zurufen, Applaus, Brüllen und Füßetrampeln erhob sich in dem Klubstall und beschwor die Schatten jener verständigen Maultierhengste, ihrer ursprünglichen Bewohner, herauf, unter deren Wiehern und Hufschlägen jene Mauern so oft erzittert waren. Jene kriegerischen Zurufe, die ein wenig an die Thermopylen erinnerten, übertönten die Stimme Lopijillos. Er wollte fortfahren und konnte nicht: der Taumel der Begeisterung verwirrte ihn, und die stummen Zornesausbrüche der römischen und griechischen Redner zogen an seinem geistigen Auge vorüber. Mark Anton, der die Toga seines Freundes zerreißt, um dem Senat die Wunden zu zeigen, die er bei der Verteidigung des Vaterlandes erhielt. Perikles, wie er Aspasia im Areopag von Athen umarmte, waren verstummt. So umarmte auch er schweigend das Banner aus roter Leinwand und blieb unbeweglich wie Klopstocks Helden stumm in dem Gedanken an seine Unsterblichkeit, in jene roten Falten gehüllt einem gerupften Huhn in einer Tomatensauce gleichend. Darauf trat Juan der Gesichtslose vor: er wollte sprechen und schlug mit derbem Schlag auf den schwankenden Tisch. Die heilige Begeisterung leuchtete aus seinen Augen, so daß seine grünen Brillengläser zwei venetianischen Fackeln glichen, mit einer Stimme, die sowohl aus seiner Nase wie aus seinen Brillengläsern, oder seinem Busch von Borsten zu kommen schien, die seinen Mund wie Spinnweben den Eingang einer Höhle bedeckten. Er rief: »Bürger! Gekommen ist die Stunde – die Stunde ist gekommen: – bereits ist die Stunde gekommen! – Ich sage nichts. – Nichts sage ich! Ich sage gar nichts! ... Denn es sprach jener flammende Zivilisator... jener flammende Zivilisator hat gesprochen... und mit ihm verglichen bin ich ... ich bin mit ihm vergleichen ... ein, ein –« Und dabei vergrub Don Juan seine beiden Hände in die Taschen auf der Suche nach dem Wort, das ihm entfallen war. zog sie wieder heraus, steckte sie wieder hinein, und als er endlich einen jener energischen Ausrufe gefunden, mit denen er seine Rede ausschmückte, schleuderte er ihn laut brüllend heraus. Das Publikum war überzeugt. Die Begeisterung überschritt alle Grenzen, und nachdem Lopijillo sich wieder erholt hatte, sah er sich gezwungen, mit einer helltönenden großen Kuhglocke Schweigen zu gebieten. Die Ruhe war wiederhergestellt, Lopijillo legte den Plan dar, der für den allgemeinen Aufstand aller guten Patrioten den nächsten Morgen festsetzte. Er erteilte den Anwesenden den Rat. sich des Rathauses zu bemächtigen, Bürgermeister und Räte abzusetzen und an ihrer Stelle durch Abstimmung andere zu ernennen. Nun wurde die Stunde festgesetzt, zu der sie alle auf dem Marktplatz zusammenkommen sollten, es wurde bestimmt, daß sie so viel Flinten mitbringen sollten, als sie auftreiben konnten, und Lopijillo hob die Sitzung auf, um, wie er sagte, in die Stadt zurückzukehren, noch bevor jener Tag des ruhmreichen und bundesgenössischen Glückes anbrechen würde. Der Demokrat wußte sehr wohl, daß der Sturm, sobald der Wind sich einmal erhoben hat, sich ganz von selbst entwickelt. Als Lopijillo sich verabschiedete, hatte die Begeisterung den Sieg über die Klugheit davongetragen. Sie alle begleiteten den berühmten Anführer truppweise bis zum Ausgang des Dorfes. Vor dem Hause Juan Antonios bestieg Lopijillos endlich mit tausend Vorsichtsmaßregeln sein kostbar aufgezäumtes Fohlen, das er drei Tage vorher auf einem großen Gute gestohlen hatte. Er bezwang das ungebändigte Tier, versuchte mit großer Mühe des Rosses Ungestüm zu zügeln und brachte als letzten Abschiedsgruß ein Hoch auf die Freiheit aus. Eine weibliche Stimme, scharf wie ein Messer, beantwortete diesen Ruf aus dem Hause Juan Antonius, und in der Stille der Nacht konnte man ganz deutlich alle Abstufungen der Ironie und der Wut wahrnehmen. »Alter Schwätzer! Wenn die Freiheit leben soll, dann gib nur erst dem Fohlen die Zügel frei!« III. Endlich rückte der ersehnte Tag heran und schon am frühen Morgen scharte sich die Gesellschaft vom Abend vorher rings um das Rathaus und ließ durch unruhige Blicke aus ihren besorgten Gesichtern und geflüsterten Gesprächen jene Erregung erkennen, die das Herz des Menschen befällt, sobald man ein Unternehmen wagt, bei dem man alles auf eine Karte setzt. Gevatter Mal-Alma, der Mephistopheles jener armen Tröpfe, lief, das Feuer schürend, von Hof zu Hof, machte hier glänzende Versprechungen, äußerte da prahlerische Drohungen und dort possenreißerische Gotteslästerungen. Endlich schlug die Kirchenuhr zwölf und zum Erstaunen aller, die nicht in das Geheimnis eingeweiht waren, hörte man plötzlich an Stelle des Angelusläutens ein schrilles Geläut, das an allen Enden des Dorfes Schrecken und Verwirrung hervorrief. Zu derselben Zeit erschien auf der Höhe des Turmes, wie aus einer Schachtel, aus der bei der Berührung der Feder ein Hanswurst hervorspringt, das struppige Gesicht Don Juans des Gesichtslosen, der, eine rote Fahne schwingend, sie neben der Wetterfahne aufpflanzte und mit der ganzen Kraft seiner Lunge schrie: »Es lebe die Bundesrepublik.« Diesen Schrei wiederholten alle Anwesenden auf dem Platze. Aber schon nicht mehr in jener grotesken Weise, wie es am Abend vorher im Klubstall Don Juans erklungen war: auf das Komische war das Tragische gefolgt und die tausend gewaltigen Leidenschaften, die in der Brust des Menschen miteinander kämpfen, bevor er sein Leben aufs Spiel setzt, spiegelten sich schon auf jenen rohen Gesichtern wider und verscheuchten alles Lächerliche, um dem Entsetzen Platz zu machen. Zorn, Wut, Schrecken, Zittern und die entsetzliche Angst, die allen Kämpfen und allen Verbrechen vorangeht, prägten sich auf den Gesichtern aus; und dann beim ersten Schrei und dem ersten Pulverdampf bricht die Raserei völlig aus, um in ihrem ganzen Schrecken jene Wut ausbrechen zu lassen, die den Menschen in einen Blutsumpf stürzt, und ihn, wenn er sich darin die Hände färbt, die düstere Wollust der Grausamkeit und Rache auskosten läßt. Denn die schwarze Hand der Reaktion, wie Lopijillo sagte, hatte auch ihrerseits Maßregeln getroffen und kaum war der aufrührerische Schrei Don Juans des Gesichtlosen von der Höhe des Turmes erklungen, als an den Fenstern des Rathauses die schrecklichen Dreispitze der verschiedenen Zivilgarden erschienen, die die drohenden Mündungen ihrer zweiläufigen Karabiner auf die Menge richteten. »Aus dem Wege!« schrie der Anführer. Und eine geschlossene Salve erstickte diesen Schrei des Aufruhrs zwischen Krachen der Gewehre und dem Wutgeheul der Menge. Die Zivilgarde gab darauf Feuer und jene ewige Tragödie begann, die sich in der Welt abspielt, seitdem Kain seine Hände mit Abels Blut befleckt hatte. Hier kämpften Bruder gegen Bruder, jener nur darauf bedacht, ein Blut zu vergießen, das nur Gewissensbisse zu zeitigen vermochte, indem sie sich, gleich den Beduinen in der Wüste den dünnen Faden trüben Wassers, der durch den Sand sickert, streitig machen, ohne sich der Quelle von Lebenswasser zu erinnern, welche in dem Lustgarten des Himmels sprudelt, der einzigen, die den Durst des menschlichen Herzens zu stillen vermag! Nur einen Zuschauer hatte jenes Drama; denselben, der jenen Unglücklichen die Waffe in die Hand gedrückt hatte und dann im Augenblick verschwand, um in der Stunde des Triumphes von neuem zu erscheinen, wie ein elender Marodeur, der sich nicht früher auf dem Schlachtfelde zeigt, bis er auf den Leichenraub zu rechnen hat. Hier hatte sich Don Juan der Gesichtslose auf die höchste Spitze des Turmes geflüchtet, und trotz des Schutzes in den dicken Mauern, den Ausgang des Kampfes erwartend, noch alle Qualen der Feigheit empfunden; und bleich und zitternd in dem Winkel der kleinen Wendeltreppe zusammengekauert, betastete er bei jeder Salve den ganzen Körper, um sich zu vergewissern, daß er noch unverletzt sei, und von seinen Lippen drang stoßweise jenes Gebet, das im Grunde seines Herzens zurückgeblieben, wie einer Riechbüchse, trotzdem sie auf dem Kehrichthaufen gelegen hat, doch noch ein Rest ihres alten Duftes anhaftet. Inzwischen nahm das Feuer auf dem Kampfplatz kein Ende und schon entfachte der Anblick des vergossenen Blutes die Wut der Raubtiere in Menschengestalt; entfesselte die grenzenlose Wildheit einen Sturm von Gotteslästerung und groben Worten, mit denen die Zungen zur selben Zeit kämpften wie die Hände mit den Waffen. Da wurden plötzlich aus einer der anstoßenden Straßen Kirchengesänge vernommen, die mit wirrem Geschrei durchsetzt waren, und zwischen dem Kampfeslärm, dem Pulverdampf und dem Entsetzen der Kämpfenden bewegte sich eine große Schar weinender und erregter Frauen, die mit brennenden Kerzen in den Händen das Standbild Jesu von Nazareth, des Schutzheiligen des Dorfes, umgaben. Sechs jener Unglücklichen trugen es auf ihren Schultern. Der Heiland stand da, die Dornenkrone auf der majestätischen Stirne, das schöne Antlitz leichenblaß, die ernsten Augen auf die brudermörderischen Kämpfer gerichtet, als wollte von seinen blutleeren Lippen die schreckliche Frage kommen: »Kain, Kain, – was hast du mit deinem Bruder gemacht?« Wie erstarrt blieben alle bei diesem unerwarteten Anblick stehen, und während sie mit der einen Hand die Flinten senkten, entblößten sie mit der anderen mechanisch das Haupt, und aus ihren Augen, aus denen kurz vorher noch die Kampfeswut sprühte, drangen die Tränen der Zärtlichkeit. Die weinende Gruppe, die den Herrn umgab, erinnerte lebhaft an die, welche damals die Frauen von Jerusalem bildeten, und unter denen dieser seine Mutter, jener seine Gattin oder die geliebte Tochter seines Herzens erkannte. Es fehlte nur ein Funke, der die Begeisterung und die Reue in den irregeleiteten Männern entfachte, die als Schuldige vor dem Bilde Jesu zitterten, der ihnen als Richter erschien. Die gotteslästerliche Bosheit des Gevatters Mal-Alma entzündete diesen Funken: man sah, wie dieser Besessene die Flinte mit dämonischem Lächeln anlegte, auf das Bild zielte, einen Schuß abgab und wie der Blitz in einer angrenzenden Gasse verschwand! Jene gotteslästerliche Kugel traf das Herz des Herrn ... traf dasselbe Herz, das unter den Qualen eines schmachvollen Todes jene Worte gesprochen hat: »Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« Darauf erfolgte etwas, was nur schwer schildern läßt: ein tausendfacher Schrei des Entsetzens, der Begeisterung, der Liebe und Furcht, ein Angstschrei, der die Luft zerriß, ertönte gleichzeitig von allen Seiten. Die Männer warfen die Flinten fort und die Frauen die Kerzen, und alle stürmten auf das geheiligte Bild, umarmten es, streckten die Hände danach aus und wollten es alle zugleich umarmen, als wenn jenes göttliche Bild wirkliches Leben atmete, als fürchteten sie, durch jene Kugel den Heiland der Menschheit von neuem hier vor ihren Augen sein Leben aushauchen zu sehen. – Darauf öffneten sich die Pforten des Rathauses: und auch seine bewaffneten Verteidiger mischten sich unter die kurz vorher noch feindliche Menge. Und zwischen begeisterten Rufen und Tränen der Liebe begleiteten sie das Bild Jesu von Nazareth bis nach der Klause am Ausgang des Dorfes, von jener erregten Menschenmenge umringt, die wie eine Schar herrenloser Schafe erschien. Da stürzten zwei Hirten, atemlos und entsetzt, in rasendem Lauf herbei und erzählten, daß sie weiter unten am Wege den Leichnam eines Mannes gesehen hätten. Und jene große Menge, von demselben Vorgefühl getrieben, begab sich sofort dorthin, und erblickte in der Tat am Abhange eines Berges den Leichnam des Gevatters Mal-Alma. Er hatte eine Kugel in der Brust, die sein Herz genau an derselben Stelle durchbohrt hatte wie die Kugel der Flinte das Bild Jesu von Nazareth. Niemand fragte wer? – wie? – wann? – In dem verhängnisvollen Schweigen, das die Zunge bindet, wenn der Mensch deutlich den Fingerzeig Gottes zu sehen glaubt und durch eine Art innerlicher Erkenntnis sich Rechenschaft ablegt von seiner fürchterlichen Nähe, brach ein Schrei aus allen Herzen: »Gottes Gerechtigkeit! Gottes Barmherzigkeit! Gottes Hand!« IV. Ein bleicher Schatten kam inzwischen hinter dem Kirchturm hervor. Es war weder der Genius der Schlachten, der den Rauch des verbrannten Pulvers einatmen wollte, noch ein Vampir, der die Sterbenden sucht, um ihnen das warme Blut auszusaugen. Es war Don Juan der Gesichtslose, der verzweifelt nach dem Schweinestall floh, wo Lopijillo und sein Sekretär, anstatt zur Stadt zurückzukehren, versteckt den Ausgang des Wagnisses abwarteten. Hier kam er keuchend, atemlos an; wie der Bote von Marathon schien er erschöpft umzusinken, aber nicht wie einer, der einen Sieg zu verkünden hat. »Ist alles verloren?« fragten sie ihn. »Alles, nur nicht das Fell!« antwortete Don Juan und vergrub die Hände in den Taschen. Die Maus. Diese Erzählung wurde für König Alfons XIII. geschrieben, als er acht Jahre alt war. Säe in das Herz des Kindes eine Idee, auch wenn es dieselbe noch nicht recht erfaßt; mit bei Zeit wird ihm das Verständnis dafür aufgehen und dann wird sie in seinem Herzen Blüten treiben. Von der Zeit, die zwischen dem Tode des wahnsinnigen Königs und der Thronbesteigung der Königin Mari Castana liegt, ist nur wenig bekannt, und wir finden in den Chroniken darüber nur einen kurzen Bericht. Trotzdem steht fest, daß zu jener Zeit ein König Buby I. lebte, der ein großer Freund der armen Kinder und ein getreuer Beschützer der Mäuse war. Für die ersteren begründete er eine Puppen- und Schaukelpferdfabrik, und es ist erwiesen, daß aus dieser Fabrik die drei weißfüßigen Rappen hervorgingen, die der König Don Bermudo, der Diakonus, den Kindern Hissens I. nach der Schlacht von Bureva schenkte. Der Überlieferung zufolge hat König Buby den Gebrauch von Mausefallen ernstlich untersagt und sehr kluge Gesetze erlassen, die die wildernden Instinkte der Katzen auf ihre Selbstverteidigung beschränken sollten, wofür der Beweis durch die ernsten Zerwürfnisse erbracht wird, die zwischen der Königin Dona Goto oder Gotona, der Witwe des Don Sancho Ordonnez, Königs von Galizien, und der Landvogtei von Ribas del Sil entstanden waren, weil man dort die Gesetze des Königs Buby auf die Katze aus dem Kloster von Pombeyro anzuwenden beliebte, wo jene Königin damals in Zurückgezogenheit lebte. Der Fall war ernst und die Erinnerung daran unauslöschlich, denn mehr als ein Schriftsteller hat darüber berichtet und behauptet, daß die fragliche Katze sich Russef Dateo nannte, während andere sie einfach mit dem Namen Minimi bezeichneten. Jedenfalls steht die Tatsache fest, obgleich weder Vaseo etwas darüber berichtet, noch der Chronist Iriense, und der gute Lucas de Tuy möglicherweise aus Anstandsrücksichten vorgibt, die Angelegenheit ganz vergessen zu haben. König Buby trat die Regierung in seinem siebenten Lebensjahr an unter der Vormundschaft seiner Mutter, einer sehr klugen, gottesfürchtigen Frau, die jeden seiner Schritte leitete und über ihm wachte, wie ein Schutzengel über allen guten Kindern. König Buby war damals ein reizendes Kind, und wenn man ihn an einem Festtage mit seiner goldenen Krone und seinem reich gestickten Königsmantel schmückte, so war das Gold seiner Krone nicht glänzender als seine Locken und der Hermelin seines Mantels nicht weicher als seine Wangen und seine Hände. Er sah aus wie eine Sevresporzellanlampe, die man auf den Thron gesetzt hatte, statt sie auf den Kaminsims zu stellen. Es geschah nun eines Tages, daß dem König, als er seine Suppe aß, ein Zahn zu wackeln anfing. Der ganze Hof geriet in Aufregung, und die Leibärzte erschienen einer nach dem andern. Der Fall war bedenklich, denn alles ließ darauf schließen, daß für Sr. Majestät der Augenblick des Zahnwechsels gekommen war. Die ganze Fakultät wurde einberufen; man telegraphierte an Charcot für den Fall, daß es gefährliche Nervenerregungen geben sollte, und es wurde also beschlossen, Sr. Majestät den Zahn auszuziehen. Die Ärzte wollten den König chloroformieren, und der Präsident der Kammer billigte diesen Vorschlag, da er selbst so empfindlich war, daß es bei ihm sogar jedesmal geschehen mußte, wenn ihm die Haare geschnitten wurden. Aber König Buby war tapfer und mutig und beschloß, der Gefahr trotzig die Stirn zu bieten. Vorher aber wollte er beichten, denn schließlich konnte die Seele ebensogut durch eine Lanzenwunde als durch ein von einem ausgezogenen Zahn entstandenes Loch entfliehen. Man band ihm also einen dunkelroten Seidenfaden um den Zahn und der älteste der Arzte fing mit solcher Geschicklichkeit und Sorgfalt zu ziehen an, daß der König inmitten der Bemühungen aufsprang, und der Zahn, so zart und so weiß und so schön wie eine Perle ohne Fassung, zum Vorschein kam. Ein edler Grande der Wache fing ihn in einer Schüssel auf und präsentierte ihn Ihrer Majestät der Königin. Diese berief sofort den Ministerrat und es wurden die verschiedensten Meinungen laut. Der eine schlug vor, den kleinen Zahn in Gold zu fassen und ihn dem Kronschatz einzuverleiben. Andere waren der Meinung, man sollte ihn einem reichen Geschmeide anfügen und ihn der heiligen Jungfrau, der Schutzpatronin des Königreichs, als Opfergabe darbieten. Zweifellos wurden die höfischen Minister ebenso sehr von dem Wunsche beseelt, der Mutter zu schmeicheln als der Königin einen Dienst zu erweisen. Aber die Königin, die allen Schmeichelreden mißtraute, war eine kluge Frau und eine Anhängerin alter Traditionen. Sie beschloß, der König Buby sollte der Maus Perez einen liebenswürdigen Brief schreiben und in dieser Nacht den Zahn unter sein Kopfkissen legen, wie das stets bei allen Kindern Sitte gewesen war, solange die Welt besteht, ohne daß man sich entsinnen konnte, daß die Maus je vergessen hätte, den Zahn abzuholen und dafür ein kostbares Geschenk zurückzulassen. So machte es einst schon der gerechte Abel und sogar der große Sünder Kain legte seinen ersten Zahn, der gelb und häßlich war, unter das schwarze Fell, das ihm als Kopfkissen diente. Von Adam und Ena weiß man nichts, was niemand befremden kann, da sie als Erwachsene auf die Welt kamen und deshalb natürlich die Zähne nicht mehr wechselten. König Buby war zu erschöpft, den Brief zu schreiben, aber endlich entschloß er sich doch dazu, wenn auch widerstrebend. Dann beschmutzte er sich nicht allein die fünf Finger an jeder Hand, sondern auch die Nasenspitze, das linke Ohr, den rechten Schuh und das ganze Lätzchen von oben bis unten mit Tinte. Er ging an diesem Abend früher wie gewöhnlich zu Bett und befahl, daß im Alkoven sämtliche Lichter und Kandelaber nicht ausgelöscht werden sollten. Dann legte er den Brief mit dem Zahn darin unter das Kopfkissen und setzte sich darauf, fest entschlossen, die Maus Perez zu erwarten, wenn er selbst bis zum Morgengrauen warten sollte. Die Maus Perez ließ auf sich warten und der König vertrieb sich die Zeit damit, daß er die Rede studierte, mit der er sie empfangen wollte. Bald riß Buby die Augen groß auf und kämpfte gegen den Schlaf, der sie zu schließen versuchte. Bald schlossen sie sich ganz; der kleine Körper hüllte sich wohlig in die warmen Decken ein und das Köpfchen sank auf das Kopfkissen, hinter dem Arm versteckt, wie die Vögelchen ihre Köpfchen unter ihren Flügeln verstecken. Bald fühlte er, wie etwas Weiches seine Stirn streifte, mit einem Ruck wachte er auf, und was sah er? Auf seinem Kopfkissen saß eine kleine Maus mit einem Strohhut, einer goldenen Brille, Schuhen aus weichem Leder und einem roten Mantel. König Buby blickte sie sehr erschreckt an, während die Maus Perez, als sie ihn erwacht sah, tief den Hut vor ihm zog und den Kopf nach Art der Höflinge vor ihm verneigte und in dieser ehrerbietigen Stellung darauf wartete, daß Se. Majestät sie anredeten. Aber Se. Majestät sagten nichts, da er seine ganze Rede plötzlich vergessen hatte, und brachte nach langem Denken zögernd die Worte hervor: »Guten Abend!« Worauf die Maus Perez im Tone tiefster Ergebenheit antwortete: »Gebe Gott, daß er für Ew. Majestät gut sein möge.« Und nach diesen kurzen Höflichkeitsbezeigungen waren Buby und die Maus Perez die besten Freunde von der Welt. Es ließ sich keinen Augenblick verkennen, daß diese Maus eine Maus von guter Erziehung war, daran gewöhnt, auf weichen Teppichen zu gehen und mit hochstehenden Persönlichkeiten zu verkehren. Ihre Unterhaltung war abwechslungs- und lehrreich und ihre Gelehrsamkeit bewundernswert. Sie war durch alle Röhren und Keller des Hofes gelaufen und hatte in allen Archiven und Bibliotheken genistet; allein in der Königlichen Akademie Spaniens hatte sie in weniger als einer Woche drei unveröffentlichte Manuskripte verzehrt, die ein berühmter Schriftsteller dort deponiert hatte. Sie sprach auch von ihrer Familie, die nicht sehr zahlreich war: schon zwei verheiratete Töchter, Adelaide und Elvira, und ein erwachsener Sohn Adolf, der die diplomatische Karriere eingeschlagen hatte, und in demselben Schubfach wirkte, in dem der Staatsminister seine geheimen Papiere aufhob. Von ihrer Frau sprach sie weniger und nur vorübergehend. weshalb der kleine König auf die Vermutung kam, es seien hier vielleicht eine Mesalliance oder eheliche Zwistigkeiten im Spiel. Das alles hörte der König erstaunt, nur ab und zu die Hand ausstreckend, um sie zu streicheln. Es war schon spät, und da König Buby, nicht daran dachte, sie zu verabschieden, erklärte die Maus Perez geschickt, ohne gegen die Etikette zu verstoßen, daß sie gezwungen sei, noch in dieser Nacht in die Jocometrezo Nr. 64 zu gehen, um den Zahn eines sehr armen Kindes, namens Gilito, in Empfang zu nehmen. Der Weg sei beschwerlich und gewissermaßen gefahrvoll, da in jener Gegend eine böswillige Katze mit Namen Gaiferos hause. Es gelüstete König Buby, sie auf diesem Gange zu begleiten, und so bat er die Maus Perez inständig, ihm dies zu erlauben. Diese verharrte schweigend und strich sich über den Bart. Die Verantwortung sei sehr groß und außerdem seien sie gezwungen, sich auch in ihrem Haus aufzuhalten, um das Geschenk zu holen, das sie Gilito für seinen Zahn überreichen wollte, sagte sie ihm. Darauf antwortete König Buby, daß er sich sehr geehrt fühlen würde, in einem so hochachtbaren Hause einen Augenblick ausruhen zu dürfen. Die Eitelkeit siegte über die Maus Perez und sie beeilte sich, König Buby eine Tasse Tee anzubieten, um dadurch das Recht zu erwerben, Ketten vor das Tor ihres Hauses legen zu dürfen, was zu jenen Zeiten allen jenen erlaubt war, denen die Ehre zuteil geworden war, einen Monarchen zu bewirten. Die Maus wohnte damals in der Arsenalstraße Nr. 8, in den Souterrainräumen von Carlos Prats, einem großen Stapel Schweizerkäse direkt gegenüber, der für die Familie Perez damals die größte und reichhaltigste Speisekammer war. Außer sich vor Vergnügen sprang König Buby aus dem Bett und begann sich anzuziehen. Plötzlich hüpfte die Maus Perez auf seine Schulter und steckte ihm den Schwanz in die Nase; der König nieste heftig und durch ein Wunder, das sich bis zum heutigen Tage niemand hat erklären können, wurde er durch die Erschütterung des Niesens in die schönste und wunderbarste Maus verwandelt, von der jemals in Feenmärchen berichtet wurde. Sie war glänzend wie Gold und weich wie Seide und hatte grünleuchtende Augen wie dunkel glänzende Smaragden. Perez nahm ihn ohne große Zeremonie bei der Hand und verschwand mit ihm durch ein Loch unterhalb des Bettes, das unter einem Teppich versteckt war. Der Weg war dunkel, feucht und schlüpfrig und sie stießen Schritt für Schritt mit Scharen winziger kleiner Tiere zusammen, die sie tastend bissen. Zuweilen machte Perez an einem Kreuzweg halt und untersuchte das Terrain: und das alles machte den König Buby etwas nervös und übellaunig, da er von der Schnauze bis zur Schwanzspitze ein nervöses Erschauern zu empfinden begann, das ihm wie ein Vorläufer der Furcht erschien. Trotzdem erinnerte er sich: »Daß die Furcht auch bei Klugen begreiflich ist. Daß der Tapfere sie aber zu überwinden trachtet« Und so überwand er und wurde tapfer aus Vernunft. Nur einmal, als er einen fürchterlichen Lärm über seinem Kopfe hörte, der so klang, als ob zehn Omnibusse über ihn wegführen, fragte er die Maus Perez ganz leise, ob hier Don Gaiferos wohne. Perez antwortete ihm, indem er mit dem Schwanz ein verneinendes Zeichen machte, und sie gingen weiter. Bald darauf kamen sie an einen geräumigen Flur, der auf einen breiten, mit Fliesen belegten Keller mündete, in dem eine feuchte, von Käsegeruch durchschwängerte Atmosphäre herrschte. Sie gingen um einen riesengroßen Käsestapel herum und sahen sich plötzlich einer großen Büchse Huntleyscher Cakes gegenüber. Die Maus Perez stellte König Buby ihrer Familie als fremden Touristen vor, der dem Hof einen Besuch abstatten wollte, und die Mäuse empfingen ihn mit vornehmer Courtoisie. Die jungen Fräulein machten ihre Arbeiten mit ihrer Erzieherin Miß Old Cheese, einer englischen, sehr vornehmen Maus, und Frau von Perez stickte, vor einem brennenden Kaminfeuer sitzend, eine kunstvolle griechische Mütze für ihren Gatten. Dem König Buby gefiel dies behagliche Familienbild, das in allen Details jene goldene Mittelstraße verriet, von der jeder Dichter sagt, daß sie am meisten dazu geeignet ist, dieses Leben friedlich und glücklich zu gestalten. Adelaide und Elvira servierten den Tee in schönen Tassen aus Bohnenhülsen und musizierten dann ein wenig. Adelaide sang zur Harfe die Arie des Desdemona mit soviel Geschmack und Gefühl, daß König Buby entzückt war. Adelaide war nicht hübsch, hatte aber ein sehr distinguiertes Wesen und ihr Schwanz glänzte mit einer gewissen melancholischen Koketterie, die zweifellos irgend einen geheimen Schmerz verriet. Elvira hingegen war ausgelassen lustig, ja fast ein wenig gewöhnlich: aber aus ihren Augen leuchtete soviel Energie und Unternehmungslust, daß König Buby, als sie zum Klavier das Lied sang: »Im Hospital des Königs Lag eine fiebernde Maus, Die einer maurischen Katze Ihre Seele empfahl!« eine Spartanerin vor sich zu sehen meinte, die die Hymne der Thermopylen vortrug. Mittlerweile war Adolfo eingetreten, der aus dem Jockeyklub kam, wo er zum großen Leidwesen seiner Eltern Zeit und Geld vergeudete, indem er mit den der deutschen Gesandtschaft attachierten Mäusen Poker spielte. Der lebhafte Verkehr mit diesen Diplomaten hatte ihn übermütig gemacht und dem Vaterhaus entfremdet, und er kannte kein anderes Gesprächsthema mehr als Polo und Lawn Tennis. König Buby hätte seinen Aufenthalt mit Vergnügen verlängert, aber die Maus Perez, die für einen Augenblick verschwunden war. kehrte mit ihrem auf den Schultern geteilten Mantel zurück und benachrichtigte den König respektvoll, daß die Stunde der Trennung geschlagen habe. König Buby machte nun mit großer Anmut Abschiedsverbeugungen, und Mutter Perez drückte ihm in einer Anwandlung spießbürgerlicher Herzlichkeit einen schallenden Kuß auf beide Backen. Adelaide streckte ihm die Pfote entgegen mit einem sentimentalen Augenaufschlag, der zu sagen schien: »Auf Wiedersehen im Himmel.« Elvira gab ihm einen festen Händedruck auf englische Art. Miß Old Cheese machte ihm eine formelle Verbeugung wie zur Zeit der Königin Anna Stuart und verfolgte ihn mit ihrer Schildpattlorgnette, bis sie ihn aus den Augen verlor. Auch Adolfo war sehr gerührt, er begleitete sie bis an die Kellertür und machte Buby zum zweitenmal den Vorschlag, ihn in den Poloklub einzuführen, während er zum drittenmal den Gebrauch des Racketsa J Tate Nummer 12 oder höchstens 12 ½ empfahl. Nummer 13 sei für Mäusehände schon etwas zu schwer. Der kleine König verabschiedete sich von Adolfo, den er sehr elegant fand, dessen Klugheit ihm aber zweifelhaft erschien. Nun traten Buby und Perez ihren beschwerlichen Weg von neuem an und diesmal mit einem Aufwand von Vorsichtsmaßregeln, der den kleinen König in Erstaunen versetzte. Vor ihm her schritt ein Haufen bewaffneter Mäuse, lauter Krieger, deren aufgepflanzte Bajonette mit einer scharfen Spitze hin und wieder in der Dunkelheit aufblitzten. Ihnen folgte ein zweiter Haufen, ebenfalls bis an die Zähne bewaffnet. Die Maus Perez beichtete ihm nun, daß sie sich zu dieser Expedition niemals entschlossen hätte, wenn sie die Person des jungen Monarchen, der sich ihr so sorglos anvertraut hatte, nicht durch jene Eskorte bewaffneter Jäger hätte schützen können. Plötzlich sah König Buby, wie die Garde in einem engen Loch verschwand, aus dem ein schwacher Lichtschimmer drang. Der Augenblick der Gefahr war gekommen, die Maus Perez, deren Schwanzspitze leicht zitterte, zwängte allmählich die Schnauze durch jene gefährliche Öffnung; zwei Schritte zurück entdeckte sie einen ihrer Begleiter, rückte darauf langsam weiter vor, und indem sie König Buby die Hand reichte, schwang sie sich mit der Schnelligkeit eines Pfeiles durch das Loch, durcheilte rasch wie ein Atemzug eine geräumige Küche und verschwand durch ein anderes gegenüberliegendes Loch hinter dem Herd. Mit der Geschwindigkeit, mit der man heutigen Tages die Telegraphenstangen an einem Eisenbahnzug vorüberfliegen sieht, sah König Buby vor seinen Augen in blitzschnellem Flug das Quadrat jener geräumigen Küche vor sich ... Vor einem wärmenden, noch unter der Asche glühenden Feuer schlief der gefürchtete Don Gaiferos, ein riesengroßer Kartäuser-Kater, dessen aufgewirbelter Schnurrbart sich bei jedem Atemzug hob und senkte.... Die unbeweglichen schweigsamen Mäuse, die den Kartäuser fast berührten, behüteten jeden Schritt des Königs Buby, indem sie von dem schlafenden Gaiseros bis zu den Löchern des Eingangs und Ausgangs das gefürchtete römische Dreieck der Schlacht von Ecnomus bildeten. Er war bestürzt und entsetzt. Eine häßliche Alte schlief auf ihrem Stuhl, einen Strickstrumpf auf dem Schoß. Nachdem das Ausgangsloch durchschritten, war die Gefahr überwunden, sie gelangten endlich in das Haus, in dem Gilito wohnte. Alles war Eingang in diesem Landhause und allen Winden zugänglich, und die Mäuse überschwemmten es durch Ritzen. Spalten und Löcher, wie man eine verlassene Stadt bestürmt. König Buby kletterte an dem Bein eines sitzlosen Stuhles, dem einzigen, den es gab, hinauf und konnte von hier aus das ganze Bild übersehen, das Bild eines entsetzlichen Elends, das er nie vor Augen gehabt, und von dem er sich nie eine Vorstellung hätte machen können. Es war dies ein enger, schmutziger Raum, an dem das Dach und der Boden sich an der einen Seite trafen und an der andern auch nicht so weit auseinanderliefen, daß ein Mann aufrecht hätte stehen können. Durch die unzähligen Spalten blies eisig der Wind, der Morgen fing schon an zu dämmern, und unterhalb des Daches hingen große Eiszapfen. Es gab hier keine anderen Möbel als den Stuhl, der König Buby als Beobachtungsturm diente, einen Brotkorb, der von der Decke herunterhing, und in einem Winkel, der Sturm und Regen am wenigsten ausgesetzt war, ein Bett aus Stroh, in dem Gilito und seine Mutter schliefen. Die Maus Perez trat näher, König Buby an der Hand haltend, und als dieser den kleinen Gilito sah, der die erstarrten Händchen aus den Lumpen fest an der Brust der Mutter barg, um hier ein bißchen Wärme zu suchen, schnürte sich ihm das Herz vor Weh und Kummer zusammen und er fing bitter zu weinen an. Er hatte ja etwas Ähnliches noch nie zu sehen bekommen! Wie war es nur möglich, daß er bis jetzt noch nicht gewußt hatte, daß es arme Kinder gibt, die hungerten und froren, und die vor Elend in einer elenden Dachkammer starben? ... Er wollte keine Decke mehr in seinem Bett haben, solange nicht jedes Kind im Königreich drei Flanellhemden und einen warmen Anzug besäße. Verstohlen trocknete auch Maus Perez eine Träne mit der Pfote ab und versuchte den Schmerz König Bubys zu lindern, indem sie ihm die schöne Goldmünze zeigte, die sie für dessen ersten Zahn Gilito unter das Kopfkissen legen wollte. Währenddessen war Gilitos Mutter aufgewacht, und indem sie sich im Bett aufrichtete, blickte sie zärtlich auf das schlafende Kind. Der Tag begann schon zu grauen und zwang sie, sich zu erheben, um sich ihren elenden Tagelohn durch Waschen am Fluß zu verdienen. Sie umschlang Gilito mit ihren Armen und setzte den halbschlafenden Knaben auf die Knie vor ein Bildnis des Jesuskindes von Prag, das über dem Bett an der Wand befestigt war. König Buby und die Maus Perez warfen sich ehrfurchtsvoll auf die Knie, und auch die Garde kniete in einem leeren Korb, in dem sie schweigend verharrte, andächtig nieder. Das Kind fing an zu beten: »Vater unser, der du bist im Himmel!« König Buby war aufs höchste erstaunt, als er das hörte, und sah die Maus Perez mit offenem Munde an. Diese verstand sehr wohl die Verwunderung des jungen Königs und richtet ihre durchdringenden Augen auf ihn, aber er sagte kein Wort. Zweifellos erwartend, daß er etwas sagen würde, traten sie die Rückreise an, und ein? halbe Stunde später betrat Buby mit der Maus Perez seinen Alkoven. Dort steckte sie ihre Schwanzspitze dem König zum zweitenmal in die Nase, Buby nieste darauf wieder heftig und befand sich plötzlich wieder in seinem Bett, in den Armen der Königin, die ihn, wie jeden Morgen, mit einem zärtlichen Kuß weckte. Er glaubte zuerst, daß alles ein Traum gewesen wäre, hob aber rasch das Kopfkissen auf und suchte nach dem Brief für die Maus Perez, den er am Abend vorher dorthin gelegt hatte. Der Brief war verschwunden. Statt dessen entdeckte er ein kostbares Etui mit den Insignien des ersten Ordens, ganz mit Brillanten besetzt, ein herrliches Geschenk, das die großmütige Maus Perez ihm als Ersatz für seinen ersten Zahn gemacht hatte. Aber der kleine König legte das schöne Etui achtlos auf die Bettdecke und verharrte lange grübelnd, den Ellbogen auf das Kopfkissen gestützt. Dann sagte er plötzlich mit dem ernsten, nachdenklichen Ausdruck, den Kinder zuweilen haben, wenn sie nachdenken oder leiden: »Mama – warum beten die armen Kinder dasselbe Gebet wie wir: Vater unser, der du bist im Himmel?« Die Königin antwortete: »Weil Gott auch ihr Vater ist, ebenso wie der deine.« »Dann wären wir ja Brüder«, entgegnete Buby, noch nachdenklicher als zuvor. »Ja, mein Sohn, sie sind deine Brüder.« Die Augen des Kindes strahlten in wundervollem Glanz, und zitternd und mit tränenerstickter Stimme fragte er: »Und warum bin ich König und habe alles und sie sind arm und haben nichts?« Die Königin drückte ihn zärtlich an die Brust, und indem sie ihn auf der Stirn küßte, sagte sie: »Weil du der älteste Bruder bist und König sein wirst ... verstehst du das, Buby? ... Gott hat dir alles gegeben, damit du dafür sorgst, das; deine jungen Brüder nichts entbehren, so weit es in deinen Kräften liegt.« »Das wußte ich nicht.« erwiderte Buby, langsam den Kopf schüttelnd. Und das Geschenk ganz vergessend, begann er wie alle Tage sein Morgengebet, und während des Gebetes war es ihm, als scharten sich alle armen und verlassenen Gilitos aus dem Königreiche um ihn, gleichfalls ihre Händchen zum Gebet erhebend, und als spräche er als ältester Bruder im Namen aller: »Vater unser, der du bist im Himmel!« Und als König Buby schon ein erwachsener Mann und ein großer Krieger war und zu Gott um Gelingen seines Werkes betete und ihm für das Gelungene dankte, sagte er im Namen aller für alle seine Untertanen, ob reich oder arm, ob gut oder schlecht, jedesmal: »Vater unser, der du bist im Himmel!« Und als König Buby in hohem Alter starb und seine gute Seele gen Himmel schwebte, kniete er auch dort nieder und betete wie immer: »Vater unser, der du bist im Himmel!« Während er diese Worte sprach, öffneten ihm tausend und abertausend armer Gilitos, deren König, d. h. deren älterer Bruder er auf Erden gewesen war, weit die Pforten des Himmels. Der blaue Saal In der Biegung, die der Cantabrico zwischen San Sebastian und Tuetaria macht, liegt ein malerisches, kleines Dorf, halb Bauern-, halb Fischerdorf, das den Kopf an einen Bergrücken anlehnt und die Füße bis ans Meer streckt, als wollte es baden. Seit Jahren erhob die Mode diesen lieblichen Ort auf den Schild, und seitdem sieht man dort, ohne daß Ackergerät oder Ruder verschwunden wären oder es seinen gesunden Geruch nach Äpfeln und Seemuscheln eingebüßt hätte, im Sommer den Smoking und die weiße Krawatte. Die eleganten Häuser und Villen öffnen ihre Türen zum größten Teil der aristokratischen Gesellschaft von Madrid. Ursprünglich fehlte dem hübschen, baskischen Bauern der feine Schliff, der ihm aber bald durch die Anwesenheit des Hofes in den Sommermonaten zu eigen wurde. Dann eilen all die mehr oder weniger bedeutenden Metternichs herbei, die hierher von den fremden Nationen geschickt werden; es nisten sich Gesandte ein, es baden Bevollmächtigte, und auf Schritt und Tritt begegnet man blonden, radfahrenden Sekretären und schlanken Offizieren, die mit ihren Angelstöcken die beiden Seiten eines gleichschenkligen Dreiecks bilden. Im August des Jahres 1890 war das aristokratisch-ländliche Dorf ausschließlich von Göttern und Göttinnen des adeligen Olymp besucht, die mehr oder weniger gewichtige Gottheiten des Gothaischen Kalenders repräsentierten, teilweise auch von göttlichen Wesen geringerer Bedeutung, denen es gleich den Titanen nicht vergönnt ist. in den Olymp zu gelangen, weil es ihnen an Größe gebricht. Damals jagten Festlichkeiten. Bälle und Gesellschaften einander, und wie immer bildeten der Klatsch und die Chronique scandaleuze ihr unvermeidliches Gefolge. Und in dieses Wespennest geriet ich Bedauernswerter am 25. August, als der Abend schon längst hereingebrochen war. Es waren dringende Geschäfte, die mich hierher führten, und in dem Hause eines sehr guten Freundes beabsichtigte ich zu übernachten, um am nächsten Morgen in aller Frühe mit einem anderen Freunde, der gleichfalls den Sommer in diesem kleinen Nest verbrachte, nach Deva und Bilboa aufzubrechen. Damals gab es dort noch keine Eisenbahn und die Kirchturmuhr schlug gemächlich die zehnte Stunde, als mein Wagen vor dem geräumigen, in nächster Nähe der Kirche gelegenen Schloß meines Freundes anhielt. Es gibt nichts Melancholischeres als einen Blick auf diesen alten Herrensitz, der durch seine schattige und malerische Umgebung an die Dekoration einer romantischen Oper erinnert ... Ein großer Park von schattigen, dichtbelaubten Bäumen umrahmte im Halbkreis das schwarze Gemäuer der Kirche. Eine Anzahl Bänke, ein dunkler See und ein altes, efeuumschlungenes Steinkreuz. Im Hintergrund das große Schloß mit seinen verfallenen Quadersteinen, seinen schweren, eisenbeschlagenen Balkons, seinen spitzen Türmchen, auf denen der Druck der Jahrhunderte nicht zerstörend lastet, und endlich als Umrahmung des Bildes das erregte phosphorisierende Meer, das sich bis zum Machichaco erstreckt, der den Horizont wie eine halbgeöffnete Türe umschließt. Sobald man aber die geräumige und dunkle Vorhalle und die weite, mit zwei herzoglichen Wappen geschmückte Tür durchschritten hat, wird das Bild vollständig anders ... Ein großer, luftiger Marmorhof, gleich den schönsten in Sevilla, eine Flucht von Salons, die noch immer die Erinnerung an königliche Empfangszeremonien wachrufen; kostbare Gemälde, künstlerische Möbel, Bilder berühmter Ahnen, schweigsame und korrekte Diener, die flink sind, ohne sich zu überstürzen, und alles bedächtig vorbereiten, ohne jemals lustig zu erscheinen, kurz der ganze ernste, nüchterne und reiche Luxus alter Edelsitze vereint mit dem sybaritischen Komfort der Jetztzeit. Meine Ankunft war für alle überraschend, denn die Eile, mit der ich aus San Sebastian floh, hatte mich gehindert, meinen Besuch anzukündigen. Die Herrin des Hauses fand ich auf ihrer Chaiselongue, weil sie sich nicht wohl fühlte, und den Gatten in die Lektüre ausländischer Zeitungen vertieft. Es befanden sich dort gleichfalls die beiden jüngsten Söhne des vornehmen Hauses, während die beiden ältesten, P. und X., an jenem Abend einen Ball beim deutschen Gesandten mitmachten, ein Umstand, der vielleicht die Ursache und den Anfang meines merkwürdigen Abenteuers bildete. Unser frohes und ungestörtes Zusammensein dauerte ungefähr bis zwölf Uhr, und dann zog ich mich in das für mich bestimmte Gemach zurück, um dort die beiden Abwesenden zu erwarten. Da ich sehr früh aufstehen mußte, und sie hieran so gar nicht gewöhnt waren, glaubte ich sie auf andere Weise nicht sehen zu können, ohne ihnen lästig zu fallen. Ich liebte sie aufrichtig, und sie flößten mir beide jenes selbstverständliche Interesse ein, das das reife Alter der Jugend entgegenbringt, wenn es deren langsame, geheimnisvolle und schwierige Entwickelung Schritt für Schritt verfolgt, eine Entwickelung, die aus einer reizvollen Kindheit zu einer einwandsfreien, hoffungsfreudigen Jugend hinüberleitet. Der Gebrauch des elektrischen Lichtes war noch nicht bis in diesen abseits gelegenen Winkel gedrungen, und so begann ich, einmal in meinem Zimmer angelangt, beim Scheine einer riesengroßen Bronzelampe die Gebete des folgenden Morgens zu absolvieren. Mein Zimmer war groß und hoch, mit einem daran grenzenden sehr geräumigen Salon, in den ich zerstreut einen Blick warf, ohne im geringsten zu ahnen, welch seltsame Überraschung meiner zwischen seinen blauen Wänden harrte. Aus meinem Zimmer führte eine große Tür in diesen blauen Salon; sie war weit geöffnet. Im Hintergrund lag, auf den Park hinausgehend, ein Balkon, dessen Türen und Jalousien gleichfalls weit geöffnet waren, um der frischen Nachtluft Zutritt zu gewähren. Dem Balkon gegenüber, ungefähr in der Mitte der Wand, stand ein kostbares Bett aus dem 17. Jahrhundert, mit Holzschnitzereien und vergoldeter Bronze reich verziert. Rechts davon ein Kamin aus schwarzem Marmor und eine versteckte Tapetentür, die in P.s Zimmer führte, das seinerseits wieder durch eine andere kleine Tür mit dem seines Bruders X. verbunden war. Die Vorhänge und Möbelbezüge waren aus hellem Seidenrips mit reichen, samtdurchwirkten Fransen und Quasten und zwischen dem Balkon und dem Bett stand ein Schreibtisch, auf dem die Lampe brannte, bei deren Schein ich das Matutin von St. Bartholomäus las, dessen Fest auf den 24. August fällt. Es war der Gedenktag jener entsetzlichen Bartholomäusnacht, die wunderbarerweise mit der fürchterlichen Vision, die sich meinen Blicken darbieten sollte, in einem seltsamen Zusammenhang stand. Die beiden jungen Leute kamen erst spät zurück, und nachdem ich mein Gebet beendet hatte, fiel es mir ein, jenen blauen Saal, den ich niemals vergessen werde, und sollte ich noch so alt werden, mir einmal naher anzusehen. Es herrschte hier nicht derselbe Luxus wie in den übrigen Teilen des Schlosses, die blaue Tapete war verblaßt und fahl, auch das Blau der Möbel und Vorhänge erschien fast farblos. Aus dem Salon führte eine Tür auf die breite Estrade, die sich um das ganze Schloß zieht, und zwei andere, sehr große Türen lagen einander gegenüber: die eine führte in mein Zimmer und die andere in die Gemächer, welche die Königin Isabella II. bewohnt hatte, so oft sie in dem Schloß Aufenthalt nahm. Jetzt waren sie verschlossen und so eingerichtet, als erwarte man jeden Augenblick den erlauchten Gast. An den Wänden hingen verschiedene Bilder und alte Gemälde, von denen drei meine besondere Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Das erste war ein großes, vollständig nachgedunkeltes Bild: es stellte den schlafenden Jakob dar. Im Vordergrund erblickte man den Patriarchen, reich gekleidet mit einem durch einen Gurt zusammengehaltenen Lederkoller und einem kostbaren gestickten Wams, und der mit den Füßen in der Luft auf dem nackten Felsen schlief wie in einem Federbett. Im Hintergrund sah man eine geheimnisvolle Treppe, auf der pausbackige Engelchen auf- und abstiegen, und auf der letzten Treppenstufe saß ein kleiner Gottvater, der das Auf- und Abklettern der himmlischen Kleinen mit erhobenem Zeigefinger überwachte, als wollte er Ordnung und Schweigen gebieten. Rechts und links von den Gemächern der Königin und dem meinen gegenüber hingen Zwei sehr bemerkenswerte Gemälde. Das zur Rechten, wundervoll in Stil und Zeichnung, stellte einen geschmückten Reiter aus dem sechzehnten Jahrhundert dar; er war goldblond, hatte verschlossene, unsympathische Gesichtszüge, trug ein reich mich Gold gesticktes Wams, einen unauffälligen Kragen und um den Hals eine goldene Kette mit dem Medaillon Karls V., das ihm auf die Brust herunterhing. Das Bild zur Linken verursachte mir ein großes Unbehagen, ohne daß ich gewußt hätte warum; es stellte eine alte, häßliche Dame dar, mit einem Mund, gespalten wie der einer Schlange, in der Tracht der Dominikanerinnen. Sie saß in einem großen, mit dem Dominikanerwappen verzierten Lederstuhl, und ein anderes, in vielerlei Felder eingeteiltes Wappen leuchtete in der roten Ecke des Bildes. Sie hatte eine Schreibfeder in der Hand und ihr zur Seite lagen Papier und Bücher auf einem Tisch. Ich wiederhole, daß diese Dame im ersten Augenblick, da ich ihr Bild bemerkte, einen höchst fatalen Eindruck auf mich gemacht hat. Schon herrschte das tiefste Schweigen im ganzen Palast, und nur im blauen Salon hörte man das gleichmäßige Plätschern der drei Springbrunnen des Parkes. Ich trat einen Augenblick auf den Balkon hinaus. In tiefster Dunkelheit lag der Park vor mir, nur ein schmaler Lichtstrahl drang durch die offene Tür. Weiter unten erhellten zwei Laternen den Eingang zum Schloß. Der laue Abendwind trug den herben Geruch des Meeres herüber, das in weiter Ferne seine eintönige Musik erschallen ließ, und der sternenübersäte Himmel erinnerte mich in seiner düstern Pracht an die schwarzen Samtmäntel der Dolorosen von Sevilla, über den Balkon gelehnt genoß ich eine Weile jene herrliche Nacht; ich dachte mit Unruhe an den Zweck meiner Reise, der nicht ganz ohne Beziehung war zu jenem schrecklichen Verbrechen, das in der ganzen Welt die größte Erregung hervorgerufen hatte. Angst, Zweifel, Hoffnung, Bangen, alle Empfindungen. die in der Seele eines Christen erwachen bei dem Gedanken an die unerwarteten und seltsamen Wege, die Gott Völker und Menschen führt, nahmen mich völlig gefangen. In der Ferne hörte man das Herannahen eines Wagens, und endlich erschienen seine beiden Laternen in der Straße der Vizconte. Er hielt vor dem Portal des Schlosses, heraus sprangen die Brüder in tadelloser Gesellschaftstoilette, die Taschen ihrer Smokings ganz angefüllt mit bunten Bändern und Kotillonscherzen. die sie von dem Ball der deutschen Gesandtschaft mitgebracht hatten. Schwer auf die Seele fiel mir der Kontrast zwischen meinen düsteren Gedanken und jenen beiden jungen Leuten, die den Frohsinn und die Jugend verkörperten, und für die ich eine so innige Zuneigung empfand. Voller Entsetzen sah ich sie lachend und heiter, mit einer rosenfarbenen Binde vor der Augen die furchtbaren Abgründe überschreiten, die mich qualvoll beschäftigten. Nach monatelanger Abwesenheit hatten wir einander von vergangenen und zukünftigen Freunden viel zu berichten und zu erzählen, und so betraten wir drei mein Zimmer, darauf das von P., und installierten uns endlich in dem seines Bruders, das am Ende der Flucht lag. Nachdem dieser sich zurückgezogen hatte, blieb ich noch lange mit seinem Bruder allein, bis eine Stunde Vor Tagesanbruch zur Frühmesse im Kloster von San Francisco gelautet wurde. Dann zog auch mich zurück, um einige Stunden auszuruhen, und durchschritt auf den Fußspitzen P.s Zimmer, der schon fest schlief. Mit der größten Vorsicht öffnete ich die Tapetentür, und als ich im Begriff war, die des blauen Salons zu schließen, erklang dort auf dem gebohnten Fußboden ein starker, kurzer Schlag, schauerlich in der Stille, darnach ein Lärm von etwas, das in die linke Ecke der Gemächer der Königin rollte. In demselben Augenblick warf mich eine unsichtbare Kraft, die mich weder verletzte noch verwundete, und die ich deshalb unkörperlich nennen muß, mit großer Heftigkeit zu Boden ... Ich erhob mich sogleich wieder wie durch den Druck einer Feder und erblickte in der Mitte des Salons etwas Unbeschreibliches... Es war wie eine Säule von blauem Licht, die vom Fußboden bis zur Decke reichte, und die sich mit dem Lärm bewegte und verringerte, bis sie ganz in der Ecke unter dem Bilde der Nonne verschwand. Das Auge der Nonne öffnete und schloß sich auf eine fürchterliche Weise und ihre fleischlose Hand bewegte sich außerhalb des Rahmens von oben nach unten, so daß ich nicht wußte, ob sie mich rief oder sich bekreuzigte... In der anderen Ecke leuchteten die Augen des geputzten Reiters wie zwei glühende Kohlen. Ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und starrte auf das Bild, das zwei Schritte von mir entfernt hing; ich warf mich auf das Bett, kalter Schweiß bedeckte meinen ganzen Körper, und ich versank allmählich aus Angst und Schrecken in eine Art schweren Schlafes, der in eine tiefe Lethargie überging, in der ich von weitem die Glocken des Klosters zu hören glaubte, wie sie die Frühmesse Sankt Bartholomäi einläuteten... das historische Zeichen des Blutbades der Hugenotten ... Als ich erwachte oder zum klaren Bewußtsein zurückkehrte – ich weiß nicht, wie es war – sah ich an der Seite neben meinem Bett den Herrn des Hauses und meinen Freund, der mich nach Deva begleiten sollte: beide blickten mich mit halb lächelnden, halb erschreckten Mienen an ... Die Sonne flutete durch die geöffnete Balkontüre, die Bronzelampe warf noch immer ihren Schein auf den Tisch, und ich lag angekleidet auf dem Bett, so wie ich mich nach der verhängnisvollen Vision darauf geworfen hatte. Mein Freund war mit einer bei ihm ungewöhnlichen Pünktlichkeit zum Rendezvous gekommen, und als ich nichts von mir hören ließ, hatten er und der Hausherr beschlossen, in mein Zimmer zu treten. Ich stotterte die erste beste Entschuldigung und beeilte mich, mich zur Reise bereit zu machen. Als ich den blauen Saal durchschritt, warf ich einen ängstlichen Blick umher, doch fand ich nichts Düsteres oder Schauriges, überall Luft und Sonne, und der frische Morgenwind blähte die Gardinen der Fenster wie die Segel einer Barke. Der Patriarch Jakob schlief nach wie vor: die Engel stiegen furchtlos auf und ab und Gottvater mit seinem erhobenem Zeigefinger schien nichts von Erscheinungen und Gespenster zu wissen. Auf dem eichenen Fußboden war keine Spur irgend eines Schlages zu sehen, in der Ecke nichts von dem kugelförmigen Körper, der zu rollen schien. Wir fuhren in einem Break mit vier Pferden, die mein Freund als bewährter Sportsmann lenkte. Ich war innerlich so beschäftigt, daß er es merken mußte, und begann endlich, dem Drang der Mitteilsamkeit, der alle starken Erregungen zu begleiten pflegt, folgend, ihm meine Geheimnisse anzuvertrauen ... Mein Freund sah mich vorerst an, als zweifelte er an meinem Verstand, und fing dann so herzhaft zu lachen an, daß ich ihm beschämt und ärgerlich antwortete: »Paß auf, daß du uns nicht ins Wasser wirfst, und laß mich in Ruhe mein Gebet sprechen.« Wir fuhren den schönen und gefährlichen Weg, der hier am Meer entlang führt, und der mich stets durch seine malerische Schönheit an die berühmte Corniche zwischen Savona und Bordighera an der Riviera erinnerte. Nachdem mein Freund zu lachen aufgehört hatte, fing ich an, die kleinen Horen des Festes zu beten, dessen Matutinen durch jene unangenehme Überraschung unterbrochen worden waren, und die Reise ging ohne jeden Unfall weiter. Beim Herannahen der Dunkelheit kam ich in Bilboa an und die Nachrichten, die ich hier empfing, zwangen mich, am folgenden Tage mit dem Kurierzug nach Barcelona zu fahren, um den Anschluß an den Expreßzug in Miranda noch zu erreichen. Ich nahm Logis in der Universität von Deusto, und dort war ein schon bejahrten Bruder Koadjutor, ein echter Baske, aus jenem Dorf gebürtig, das mich so sehr interessierte. Mir fiel ein, daß er mir vielleicht Auskunft geben konnte über die Antezedentien des Schlosses und seiner einstigen Bewohner, und das Schicksal wollte, daß dieser selbe Bruder mir am nächsten Morgen das Frühstück brachte. Ich fragte ihn, ob es schon lange her sei, daß er das Dorf verlassen hatte. »Klein war ich, so klein,« sagte er zu mir, und zeigte auf die kupferne Kaffeekanne, die er in der Hand hatte, und die, mit der Größe eines Menschen verglichen, allerdings sehr klein, in Hinblick auf ihren Zweck aber von respektabler Größe war. »Und haben Sie das Schloß manchmal gesehen?« »Tausend und abertausendmal, wenn ich mit anderen Kindern Steine in den Teich warf.« »Und ist dort niemals etwas Außergewöhnliches passiert?« Sein ernstes Gesicht strahlte im Widerschein der Heimatliebe und er antwortete mit Emphase: »Außergewöhnliches?... Alle Jahre, die Gott werden ließ, fand zur Erntezeit die Muttergottesprozession statt... wie schön war die!... Die gnädige Frau mit einer langen Schleppe ging zu Fuß, und allerorten waren Tamburins und Dudelsäcke, und sie trug das Jesuskind in der Prozession zu den Nonnen von Santa Clara... dann kam der Dorfrichter in das Schloß und den Kindern warf man Kuchen und Zwieback zu. Oh, das war schön!« Mir fiel dabei ein, daß die Besitzer jenes Spukschlosses die Begründer und Patrone des Klarissinnenklosters waren und daß sie die Prozession zu eröffnen pflegten, die am Tage Mariä Himmelfahrt, am 15. August, von dort ihren Anfang nimmt. Die letzte Besitzerin, die meinem Freund voranging, war im hohen Alter gestorben, und auf diese Dame spielte der gute Bruder an. Ich sagte darauf zu ihm: »Das wollte ich nicht wissen... erzählen Sie mir, ob in dem Schloß nicht seltsame Dinge, wie Erscheinungen und Gespenster, vorgekommen sind.« »Erscheinungen?... Gespenster... Das wäre ja Spuk.« »Gab es dort irgendwelchen Spuk?« Er legte die Fingerspitzen der rechten Hand zusammen und erklärte, als ob es sich um Mäuse und Wanzen handele: »In dem dunklen Zimmer? Sehr viel.« »In dem dunklen Zimmer? Das wäre der blaue Saal!« Er schloß die Augen einen Augenblick, als dächte er nach, und sagte dann sehr ernst: »Blau... Das kann sein, aber ich weiß es nicht, denn die Nacht war sehr dunkel.« »Und was für Gespenster waren das?« »Die des Judens, der hier starb und dessen Körper der Teufel holte, wobei sein Schwanz in der Türe stecken blieb.« Ich fing wider Willen herzhaft an zu lachen, und der Bruder sagte, indem er mich ansah wie einer, der sehr gut weiß, daß er eine Dummheit redete, der aber trotzdem seines Eindruckes sicher ist, zwischen Ernst und Lachen: »Hochwürden sollten darüber nicht lachen... Der Teufel schleppte den Juden fort... Der Herr Marquis schloß, um ihn zu befreien die Tür, klemmte aber, ohne es zu wollen, den Schwanz des Juden dazwischen... Der Teufel riß den Schwanz ab, der drinnen zu Boden fiel. Dann lief der Schwanz wie eine Schlange und legte sich in eine Ecke des Zimmers... Der Herr Marquis... der arme Mann war steif und starr vor Schreck. Nachher kam nun der Jude und suchte seinen Schwanz und der Teufel kämpfte mit ihm, und es gab einen Streit und ein großes Geschrei, das ist alles!« »Aber wozu kam denn der Jude dorthin?« »Um den Kirchenschatz zu stehlen... und er betrog den Marquis, sagte, er sei ein Christ und versteckte den Schatz in einem Winkel jenes Zimmers, und nun begann der Schwanz zu laufen und zu laufen und legte sich zu den geraubten Kostbarkeiten in den Winkel... Ja, Juden sind geizig...« schloß der Bruder in schulmeisterlichem Ton. Meine Neugierde wurde immer lebhafter, denn jener laufende Schwanz und der in dem Zimmer verwahrte Schatz schienen mir im direkten Zusammenhang zu stehen mit dem Licht und dem Lärm, die ich gleichzeitig wahrgenommen hatte, und die gleichzeitig in demselben geheimnisvollen Winkel des Gemaches verschwanden. Es war mir, als könnte ich in all dem die Spur jener von Irrtümern und Ungeheuerlichkeiten geschwollenen Traditionen finden, wie man sie oft beim niederen Volk antrifft, etwa so wie man in einer Höhle alte künstlerische, mit Rost und Staub bedeckte Gegenstände findet, in denen das Auge des Antiquars unter der Schicht von Schmutz dennoch die künstlerische Arbeit früherer Zeitalter erkennt. Ebenso werden auch unwahrscheinliche Tatsachen, sobald sie aller Irrtümer und Dummheiten entkleidet sind, durch Beweis und unumstößliche Wahrheiten beglaubigt. Diese Reinigungsarbeit nahm ich mir betreffs des Judenschwanzes vor, denn meine Begierde war durch das Wunderbare und Seltsame, das ich mit eigenen Augen gesehen hatte, im höchsten Grade gesteigert. Unglücklicherweise konnte der gute Bruder seine Angaben nicht vervollständigen; ich erkundigte mich nach dem Zeitpunkt jenes seltsamen Vorfalls und er antwortete mir: »Vor tausend und abertausend Jahren.« Ich fragte ihn, ob jene Geschichte sehr bekannt sei, und er antwortete mir mit einer gewichtigsten Bewegung der Arme und der Hand, als spende er urbi et orbi den Segen: »Die kennen sogar die Eingeborenen...« Als Antwort auf meine übrigen Fragen zuckte er nur die Achseln und erwiderte, immer wieder auf die Kaffeekanne zeigend: »Klein, so klein war ich damals.« Ich fragte ihn, ob er im Dorfs jemanden kenne, der genau über jene Geschichte zu berichten imstande sei, und nachdem er einen Augenblick nachgedacht, antwortete er triumphierend: »Aber gewiß! Der Pater L.... der ist der Bruder des Schloßverwalters, sein Vater war Verwalter, sein Großvater Verwalter, alle bis auf Adam zurück waren sie Verwalter und sind alle im Schloß geboren.« Die Erklärung genügte mir; Pater L. war ein sehr ernster und kluger Mann, schon sehr betagt und in seiner Eigenschaft als chronologischer Verwalter, die der gute Bruder bis auf Adam zurückführte, mußte er wohl unterrichtet sein über alles, was sich auf das Schloß bezog. Andererseits befand sich dieser Pater in Loyola, und da war es mir ein leichtes, ihn auf der Rückreise von Barcelona zu sehen, wenn ich meiner Absicht gemäß nach Guipuzcoa zurückkehrte. So geschah es in der Tat, vierzehn Tage später befand ich mich in Loyola auf der Rückreise von Barcelona im Tête-a-tête mit Pate L., den ich einem Verhör unterzog, auf das selbst der aufdringlichste Zeitungsschreiber stolz sein könnte. Ich verheimlichte ihm zunächst mein Abenteuer, das das Gelächter meines Freundes hervorgerufen hatte, und fing an, ihn nach den Spukgeschichten des Schlosses zu befragen, indem ich mich auf das bezog, was mir der Bruder in Deusto berichtet hatte. Der Pater hörte mir sehr aufmerksam zu, und als er die seltsame Geschichte von dem Schwanz, dem Juden und dem Kirchendiebstahl hörte, schüttelte er mit leisem Lächeln den Kopf. »Bruder E.,« erwiderte er mir mit der abgeklärten Ruhe, die ihm eigen, »verwechselt zwei ganz verschiedene Dinge...« »Ich weiß nur, daß im vergangenen oder vorvergangenen Jahrhundert in der Tat in Z. ein sehr bedeutender Kirchendiebstahl stattfand: er wurde von einem Fremden begangen, der wohl ein Jude sein konnte, aber ich weiß nicht, ob er es wirklich war. Er wurde wegen Kirchenschändung zum Tode durch den Galgen verurteilt, was auf das Volk den größten Eindruck machte. Ich setze voraus, daß der Verbrecher keinen Schwanz hatte, und daß er ihn, wenn er ihn hatte, nicht in dieser Welt zurückgelassen haben würde, da er ihm in der anderen Welt fehlen konnte... Aber das alles würde auch mit dem Spuk des Schlosses nichts zu tun haben, wenn nicht im Laufe der Jahre und bei der Überlieferung der Dinge von Generation zu Generation und von Mund zu Mund das Volk so viel verwirren, durcheinanderwerfen und dadurch aus der einfachsten Geschichte oft eine Ungeheuerlichkeit machen würde. Die Legende vom blauen Saal, so wie sie von den Vätern auf die Kinder überliefert wird, lautet wie folgt: »Vor ungefähr dreihundert Jahren, genau kann ich das nicht feststellen, kam ein Ritter, ein hugenottischer Häretiker, in das Schloß. Ich weiß nicht genau, zu wem und zu welchem Zweck.« Ich erschrak, als ich das Wort Hugenotte hörte, weil das seltsame Ereignis mir an dem Jahrestage des berüchtigten Blutbades passiert war. Der Pater fuhr fort, ohne meine Verwirrung zu beachten: »Es muß eine hochgestellte Persönlichkeit gewesen sein, da man ihn in dem blauen Saal, dem besten Zimmer des Schlosses, einquartierte. Der Ritter erkrankte hier tödlich, und soviel Anstrengungen auch von dem Herrn des Hauses, dem Rektor der Stadt und der Geistlichkeit der Umgegend, gemacht wurden – es war alles vergebens ... der Unglückliche starb in seinem unseligen und fluchwürdigen Irrtum, und die Sage berichtet, daß der Teufel ihm Körper und Seele zur Hölle entführte. Niemand im Dorf hat den Körper zu sehen bekommen, noch hat jemals ein Mensch feststellen können, wo seine Knochen geblieben sind. Nach dieser Zeit hörte man nachts im blauen Zimmer fürchterliches Geräusch, und im Volksmund heißt es allgemein, daß es aus der verfluchten Seele des Hugenotten kam, der dort sein trauriges Schicksal beklagte ... Aber ich habe dieses verschlossene Zimmer, trotz seiner vorteilhaften Lage und trotzdem es so bequem und schön ist, nur als Möbelspeicher gekannt. Ich glaube, es ist erst wieder im Jahre 1866 renoviert worden, als Königin Isabella mit der ganzen königlichen Familie dorthin kam, um zum ersten Male im Schloß zu wohnen, bei welcher Gelegenheit es sich, trotz seiner Größe, als zu klein erwies ... Ich bin dessen aber nicht ganz sicher, denn damals wohnte ich weit entfernt von Z.; es war zur Zeit, da man mich in Missionsangelegenheiten nach den Philippinen geschickt hatte.« Ich fragte ihn, welcherart das Geräusch war, das man in dem blauen Zimmer vernahm, und er antwortete mit Bestimmtheit: »Es war, als würfe man eine Billardkugel von der Decke auf den Fußboden und als rolle sie dann in die Ecke des Zimmers, wo der Überlieferung nach das Bett gestanden hat, in dem der Hugenotte seine Seele aushauchte, und aus dem der Teufel seinen Körper hinausschleppte, um ihn der Hölle zu überliefern ...« Ein jäher Schreck befiel mich, denn man hätte keine genauere Beschreibung des Lärms machen können, den ich mit eigenen Ohren vernommen; trotzdem fragte ich aus Furcht, der Pater könne mich auslachen, lächelnd: »Und haben Sie selbst jemals das Geräusch gehört?« »Weder gehört noch gesehen,« antwortete er mir sehr ernst, »aber ich entsinne mich einer Tatsache, die sicherlich damit zusammenhängt, und der ich selbst beigewohnt habe ... Als ich noch ein Kind war – es war um das Jahr 30 – da lebten meine Eltern in der Verwalterwohnung, die damals im unteren Stockwerke des Schlosses gelegen war, in das man durch eine verdeckte Halle zur rechten Hand gelangt. Im Winter aber, wenn die Herrschaft in Madrid war, begaben wir uns oft in die Wohnung im Hauptstock, dem neuen Teil zur Linken. (Ich begriff, daß es die beiden Zimmer waren, welche die Brüder P. und X. bewohnten.) Zwischen diesen beiden Zimmern und dem blauen Salon war ein anderes großes Gemach (das ich bewohnte), welches einen geheimen Ausgang hatte, der zwischen zwei Wänden zur Haupttreppe lief, wo der Ausgang war. (Ich hatte das damals nicht bemerkt.) Also gut. An einem Winterabend betete ich mit meiner Mutter den Rosenkranz, bevor wir uns zur Ruhe legten ... Mein Vater war schon zu Bett ... Es wurde heftig an die Tür geklopft. Meine Mutter, durch die ungewöhnliche Stunde etwas beunruhigt, sagte zu meinem Bruder, der fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war, er sollte vom Balkon aus nachsehen, wer dort wäre. Mein Bruder ergriff eine brennende Kerze – mir ist, als sähe ich ihn noch heute – und trat, um den Weg abzukürzen und auch, weil die übrigen Türen verschlossen waren, durch die Geheimtüre in das neben dem Spukzimmer gelegene Gemach ... Gleich darauf hörten wir verzweifeltes Schreien, meine Mutter eilte herzu und wir alle hinter ihr her, und so traten wir gleichzeitig durch die Geheimtür in das große Zimmer ein. Hier stand mein Bruder mit der brennenden Kerze, mit verzerrtem Gesicht, und die Haare standen ihm zu Berge... Die Türe des blauen Zimmers war geöffnet wie ein schwarzer Schlund und man sah in das dunkle Innere wie in einen Wolfsrachen ... Mein Vater, der aus dem Bett gesprungen war, und uns, in einen Mantel gehüllt, folgte, stürzte auf die Türe des blauen Zimmers zu und schrie: »Aber wer hat sie denn nur öffnen können?« und vergebens bemühte er sich, sie wieder zu schließen; denn man hatte sie geöffnet, ohne den Riegel vorzuschieben und ohne den Schlüssel in das Schlüsselloch zu stecken. Wir Kinder gingen erschreckt zu Bett und weder am nächsten Tage noch je im Leben habe ich von dieser Sache sprechen hören, weder von meinen Eltern, die inzwischen sanft entschlafen sind, noch von meinem Bruder, der vor vielen Jahren nach Amerika auswanderte. –  –  –  –  –   Diese Berichte stachelten meine Neugierde an und befestigten immer mehr meinen Vorsatz, Näheres darüber zu erfahren. Ich ahnte die Legende des blauen Saals schon, wie sie wirklich war, entblößt von all dem Wust von Judenschwänzen, Juwelendiebstählen und anderen Nebendingen, mit denen die Roheit und die Übertreibung der Menschen sie umkleidet hatte. Es blieb mir nur noch zu ergründen, ob die Legende wirklich auf einer historischen Tatsache beruhte, und vor allem fehlte mir die Erkenntnis des Großen, des Entsetzlichen, das beim bloßen Gedanken die Haare sträubt, und worauf ich um nichts in der Welt verzichtet hätte. So war es nicht mehr als natürlich, daß ich in Gedanken noch einmal durchlebte und zu erforschen suchte, was sich im blauen Saal zugetragen hatte, und ob die Ursachen jenes Phänomens natürliche oder unnatürliche waren. Ich fing mit einem begreiflichen Eifer an, Archive zu durchstöbern, Pergamente zu entziffern, alte Handschriften zu deuten und mir die Augen mit der Durchsicht alter genealogischer Stammbäume zu ermüden. Das erste Resultat meiner Nachforschungen war die Überzeugung, daß ich nicht der erste war, der jener Spur folgte; einige dreißig Jahre vorher war der Marquis del Amparo mein Vorgänger, der damals über die authentische Legende eine kleine Geschichte schrieb, die am 21. September 1863 in »La Epoca« veröffentlicht wurde. Der liebenswürdigen Tatkraft des Marquis del Amparo verdanke ich alle Daten. Ich setzte auf dieser Basis die ermüdende Entwirrungsarbeit fort, und allmählich trat die Wahrheit zutage rein und klar wie etwa in einem dichtbelaubten Walde die hundertjährigen Stämme der Bäume, von allen unnützen Schlingpflanzen entblößt, und die Stelle, in der sie ihre Wurzeln schlagen, sichtbar werden. Der erste, durch meine analytische Arbeit gesäuberte Ast war die Geschichte des Judenschwanzes und der Kirchenraub, dessen Ursprung und Fundament sich so erwiesen, wie Pater L. es vermutet hatte. Es war wirklich im Jahre 1686 ein angeblicher Pilger aus dem heiligen Lande, der wahrlich kein Jude war, noch einen Schwanz hatte, hierher gelangt; er war Genuese von Geburt und nannte sich Bartholomäus Casano. Er erbat sich den alten Sitten gemäß Gastfreundschaft im Schloß und der Schloßherr, der edle Don Miguel von Zaraus, gewährte sie ihm bereitwilligst. Aber nachts schlich sich der angebliche Pilger heimlich in die Kirche und stahl die großen reichen Schätze, die hier lagen und auf die er schon seit langen Jahren ein Auge geworfen hatte. Er legte sie in einen Sack und versteckte diesen in einem Winkel des Gemaches, das er in dem Schloß bewohnte, in dem irrigen Glauben, daß kein Mensch die geraubten Gegenstände in diesem vornehmen, christlichen Hause vermuten würde. Man entdeckte aber trotzdem den Diebstahl, faßte den Dieb und zunächst verteidigte ihn Don Miguel, da er sein Gast war, bis man ihn der fürchterlichen Kirchenschändung überführte. Casano wurde wegen Kirchenschändung auf einer Esplanade gehängt, die damals zwischen der Kirche, dem Schloß und der Werft von Sancturu lag, die sich an dessen inneren Seite hinzog. Das alles passierte vierzehn Jahre vor dem Tode des hugenottischen Ritters und während der ganzen Zeit hörte man schon den gespenstischen Lärm in dem blauen Saal. Das ungefähre Zusammentreffen der beiden Ereignisse und der tiefe Eindruck den sie hervorriefen, waren zweifellos schuld daran, daß die Nachwelt alles verworfen darstellte; und so hat wohl auch die große Menge den Lärm und das Licht, die, wie ich selbst gesehen habe, zu gleicher Zeit in demselben Winkel des Sterbezimmers verschwanden, in einen Schwanz verwandelt, der in demselben Winkel wie der Schatz verblieben sein sollte. Alles, selbst das Allerdümmste beruht auf einer positiven Grundlage. Nach und nach trat auch die historische Wahrheit von dem Tode des hugenottischen Ritters klar zutage und entrollte sich fast romanhaft vor unsern Augen ... Im Jahre 1572 waren Don Pedro von Zaraus – ein Verwandter von Guipuzcoa und Kommandant über 4000 Mann bei Kaiser Karl V. – und seine Frau, Donna Maria von Hermani die Besitzer dieses Hauses. Don Pedro von Zaraus hatte in seiner Jugend viel Kriege geführt, ebenso wie Don Juan, sein Vater, der den Kaiser auf fast allen seinen Feldzügen begleitete, sich im hohen Alter auf sein Schloß zurückzog und durch edle Werke seine Jugendsünden wieder wett zu machen suchte; so wurde er ein Schutz für die Seinen, gewann großen Einfluß und wurde von seinen Freunden und der ganzen Bevölkerung von Fuenterrabia bis zum Ebro geachtet. Don Pedro von Zaraus hatte eine Tochter, die sein Entzücken, und einen Sohn, der seine ganze Hoffnung war. Dieser hieß Miguel, jene Mariana. Das häusliche Glück breitete damals seine breiten Schwingen über den edlen Stammsitz Zaraus' aus, und die beiden alten Edelleute sonnten sich in dem Glück ihrer Kinder: Don Miguel rüstete sich zur Hochzeit mit Donna Franziska von Maella; und Donna Mariana hatte die ihrige schon in demselben Jahre 72 gefeiert und zwar mit einem vornehmen englischen Edelmann, Franz Boucker-Barthon, einem direkten Nachkommen von Georg Boucker-Barthon, der Richard Löwenherz 1180 ins heilige Land begleitete. Seine Familie, katholisch und sehr mächtig, war im Jahre 1534, zur Zeit der Regierung Heinrichs VIII., aus England ausgewandert und hatte sich in Zumaya mit königlicher Genehmigung den Stammsitz Izarra erworben, – als gegen Ende der Winterszeit die Verzweiflung in jenes friedliche Heim ihren Einzug hielt. An der kantabrischen Küste tobte das Meer plötzlich so wild und rasend, daß es den Felsen von Humaillaria vollständig bedeckte, und eine Sturmflut, die größte, deren sich die Einwohner dort entsinnen konnten, gegen das Schloß schlug und es von Grund aus umzureißen drohte; sie durchschnitt die beiden Rampen, die damals zu beiden Seiten standen und warf die Schaluppen und was sie sonst auf ihrem Wege aufgesammelt hatte, fast bis zur Höhe der Glocken gegen den Kirchturm. Siebzehn Fischer aus dem Dorf kamen bei dieser Katastrophe um. Sie gehörten alle jener großen Guipuzcoaner Fischergilde an, die sich damals dem Walfischfang widmete. Nach und nach spülte das Meer die Opfer seiner Wut an die Küste: es erschien eine zerschmetterte Schaluppe, wie durch ein Wunder errettet, als einziges Überbleibsel einer Genueser Galeone, die ich weiß nicht aus welchem französischen Hafen nach England hinausgegangen war. Auf ihr waren fünf unglückliche Schiffbrüchige, halb tot vor Hunger und Erschöpfung, und wurden in ein von Pedro del Zaraus gegründetes und von der unendlichen Mildtätigkeit seiner Mutter Donna Maria von Hermani erhaltenes Hospital gebracht. Einer dieser Unglücklichen war ein Jüngling, der im Sterben zu liegen schien und dessen seltsame Sprache, die niemand verstand, Dona Mariana als die ihres Gatten Boucker-Barthon zu erkennen glaubte. Sie ging liebevoll auf den Jüngling zu und fand in ihm wirklich einen vornehmen englischen Ritter, dessen Name der Nachwelt nicht überliefert wurde, da er ihn mit größter Vorsicht verheimlicht hatte. Man konnte aber wohl mit Recht annehmen, daß, er ein Verwandter und ein intimer Freund des strengen Puritaners Sir Amayas Paulet war, des Gesandten von England. Nachdem Don Pedro del Zaraus sich von dem Unglück des edlen Schiffbrüchigen überzeugt hatte, ließ er ihn in sein Schloß bringen, mit der Höflichkeit und der Mildtätigkeit der Spanier damaliger Zeit, und bettete ihn in den blauen Salon, wo ihm die ganze Familie die liebevollste Pflege angedeihen ließ. Nun erzählte der Ritter sein Unglück, indem er berichtete, daß er vor zwei Jahren mit dem Gesandten Sir Amyas Paulet nach Paris gegangen sei; daß ihn bei einem Duell eine Kugel in die Brust getroffen, daß er zur Heilung seiner Wunde mit dem König Heinrich von Navarra nach Pau übergesiedelt und im Begriff gewesen sei, in sein Vaterland zurückzukehren, als der schreckliche Sturm ihn überraschte und im Golf Schiffbruch erleiden ließ. Er erklärte, daß er dem römisch-katholisch-apostolischen Glauben anhinge, und obgleich niemand religiöse Gespräche anregte, so hütete er sich doch wohl, ihnen aus dem Wege zu gehen und schloß immer damit, daß er von allen verlangte, sie sollten um seine schnelle Wiederherstellung zu Gott beten. Aber der Tod war ihm nicht fern, die Schußwunde hatte seine Lunge verletzt und durch das Entsetzen und die Qualen des Schiffbruchs war eine Krankheit entstanden, die wir heute die galoppierende Schwindsucht nennen und die ihn vor den Augen aller dahinraffte, ohne daß er sich dessen bewußt war. Er sprach im Gegenteil auffallend viel von der Rückkehr in sein Vaterland, wo seiner Aussage nach für ihn die schönsten Hoffnungen in Erfüllung gehen sollten. Endlich kam der fürchterliche Augenblick heran, in dem man es für eine Notwendigkeit ansah, ihm mitzuteilen, daß sein Ende herannahe, und er sich darauf vorbereiten müsse, als guter Katholik zu sterben. Diese verhängnisvolle Nachricht übermittelte ihm Boucker-Barthon, und nun spielte sich eine fürchterliche Szene ab. Der unglückliche Ritter sprang, rasend vor Wut, mit übermenschlicher Kraft aus dem Bett und fing an, nach seinem Degen zu schreien, um sich gegen die elenden Pfaffen, die elenden Bartholomäusmörder zu verteidigen, die ihm Gift beigebracht hätten, um ihn langsam zu töten. Auf dieses Geschrei hin lief das ganze Haus herbei, und in ihrer aller Gegenwart erklärte er, indem er noch immer nach seinem Schwert schrie, daß er kein Katholik, sondern ein Hugenotte sei, und daß er seine Religion nur deshalb verheimlicht habe, weil ihm das als Mittel erschienen sei, sich in dem verfluchten Spanien vor den Jesuiten und den Pfaffen zu retten; aber nachdem man ihn verräterisch hingemordet und mit Tee vergiftet habe, eröffne er hiermit allen und einem nach dem andern, daß er die Kugel, die er in der Brust trüge in Paris in der fürchterlichen Bartholomäusnacht bekommen habe, als er das Leben des Admirals Coligny gegen die katholischen Mörder verteidigte, wie er auch jetzt sein Leben gegen alle anwesenden Mörder verteidigen würde, wenn in ihnen durch den Katholizismus nicht der letzte Rest von Ritterlichkeit erstorben wäre und sie ihm einen reichen wollten. Danach befiel ihn eine gräßliche Schwäche, die man, überzeugt, daß er deliriere, dazu benutzte, ihn wieder ins Bett zu bringen. Er hatte dies alles auf englisch gesprochen, so daß nur Boucker-Barthon ihn hatte verstehen können. Dieser bemühte sich vergebens, seine Wut zu beschwichtigen und ermahnte ihn, versöhnt mit seinem Gott, der stets zur Barmherzigkeit geneigt sei, zu sterben. Aber der Sterbende, der schon regungslos dalag, blickte ihn mit erbittertem Haß an und öffnete nur seine Lippen, um die Anwesenden zu verfluchen und Gotteslästerungen gegen den Papst und seine Kirche, die heilige Jungfrau Maria und die heilige Hostie auszustoßen. Diese Nachricht drang wie ein Lauffeuer durch das Dorf und verbreitete Schrecken und Entsetzen bei Männern und Frauen, und das erregte Volk, dessen Phantasie durch den Haß gegen die Protestanten und die jüngste Katastrophe der siebzehn im Meer umgekommenen Schifferleute besonders erhitzt und gereizt war, glaubte so fest wie an das Evangelium, daß das ein Strafe Gottes dafür sei, daß sie den Hugenotten in ihrem Dorf beherbergt hatten, und rasten truppweise in das Schloß, bereit, ihn aus dem Bett zu reißen und in das Meer zu werfen, als Beschwörung gegen neue Stürme und als Entgelt für die Seelen der Schiffbrüchigen. – Don Pedro von Zaraus sah sich gezwungen, in eigener Person den Aufruhr zu beschwichtigen, und das tobende Volk zog sich wütend und murrend zurück und drohte, nach dem Begräbnis, das nicht an geweihter Stelle sein dürfe, dem Leichnam des Hugenotten das anzutun, was ihnen dem Sterbenden anzutun verwehrt wurde. Stundenlang dauerte darauf die Todesqual des Unglücklichen, und erst bei Tagesanbruch hauchte er sein Leben aus, ohne etwas anderes als Gotteslästerungen und Flüche ausgestoßen zu haben. Dem erregten Volk wurde der Tod einen ganzen Tag verheimlicht, um Ausschreitungen zu verhüten. Und erst um Mitternacht trug man den Leichnam mit der größten Verschwiegenheit hinaus und begrub ihn; einige sagen, unterhalb des Balkons am Schloß, dort, wo heute der Park liegt, andere behaupten am Ufer, wieder andere, und diese sind vielleicht am meisten im Recht, daß er in demselben blauen Salon beigesetzt wurde, in dessen dicker Mauer man eine sorgfältig verdeckte Nische angebracht hätte. Darauf verbreitete man, um das Verschwinden des Leichnams zu erklären, das Gerücht, daß der Teufel ihn entführt hätte; das leichtgläubige Volk beeilte sich, diese Auslegung nachzuerzählen, und so wurde die Legende von Generation zu Generation weitererzählt. –  –  –  –  –   Ich atmete endlich einen Augenblick auf. Von allen Schlacken befreit, lag die Legende vor mir und die beglaubigte historische Tatsache sah ich nun klar vor Augen. Es fehlten mir nur noch die Beweise für die fürchterliche Vision im blauen Zimmer, und dieser Gedanke erschreckte und reizte mich zu gleicher Zeit und erregte gewisse Skrupel in mir, da er mir fast tollkühn erschien. Dennoch griff ich ihn immer wieder auf und verwarf ihn ebenso oft wieder, nahm ihn von neuem auf und wies ihn wieder zurück. So machte ich es vom Monat Mai, als ich meine Nachforschungen abschloß, bis zum September, da ich in Cestone Brunnen trinken sollte. Ich fand meine Freunde seit Anfang des Sommers in ihrem Schloß installiert, und schon am 10. September kam ich in den Badeort an, der ungefähr halbe Stunde von Zaraus entfernt liegt. Bald darauf besuchten mich die beiden ältesten Söhne meines Freundes, P. und X., um sich von mir zu verabschieden, bevor sie nach Biarritz gingen. Dies war die Gelegenheit, die ich mir schon lange gewünscht hatte. Nachdem die beiden Brüder fort waren, war die ganze Flucht von Zimmern, vom blauen Salon bis zu X.s Zimmer unbewohnt und so konnte ich nach Herzenslust meine Nachforschungen anstellen, ohne daß ich zu fürchten brauchte, jemanden zu stören. Ich begab mich also eines Morgens nach Zaraus in der Absicht, hier zu schlafen und erst am nächsten Morgen nach Cestone zurückzukehren, sei es als Sieger oder als Besiegter, jedenfalls aber mit der Erklärung des fürchterlichen Geheimnisses. Ich wollte zugleich am hellen Tage jene Zimmer im voraus einer genauen Prüfung unterziehen und meine Vorkehrungen treffen. Ich fing meine Untersuchung im blauen Salon an und fand ihn genau so, wie ich ihn ein Jahr vorher verlassen hatte. Der Patriarch Jakob schlief und die beiden berühmten Bilder schienen auch zu schlafen, nicht ahnend, daß ich mich während meiner Abwesenheit mit ihrer ganzen Ahnenschaft aufs lebhafteste beschäftigt hatte. Ich geriet in Versuchung, der Äbtissin tausend Entschuldigungen zu sagen wegen der schlechten Meinung, die ich mir über sie gebildet hatte. Diese Dame trat erst lange Zeit nach der Hugenottentragödie in Erscheinung und stand in keiner Weise in Verbindung mit dem fürchterlichen Ereignis. Sie hieß Donna Micaela de Aguirre – in ihrem klösterlichen Leben Schwester Micaela vom heiligen Sakrament. Sie war 1603 geboren und starb mit dem Rufe einer Heiligen im 76. Lebensjahr in Valladolid als Priorin eines Klosters der Dominikanerinnen. Was den Ritter des 16. Jahrhunderts anbetrifft, so wich der Bericht über ihn sehr von der Wirklichkeit ab, denn er war kein Geringerer als Don Miguel von Zaraus selbst, der Zuschauer und Mitwirkende des Dramas aus dem blauen Zimmer, der einzige, der um das Geheimnis wußte. So nahm ich auch das Inventar des Hauses auf, wobei ich konstatierte, daß die reiche goldene Kette, die Karl V. auf seinem Bildnis trug, diesem von seinem Großvater Don Juan von Zaraus nach der Schlacht von Mühlberg geschenkt und zum Familiengut gemacht worden war. Ich suchte auch in meinem Zimmer die geheime Tür, von der Pater L. mit mir gesprochen hatte, und fand sie in der Tat hinter einer Chaiselongue versteckt, die dem Kamin gegenüber und dem Bett parallel stand. Der Tag verging rasch in der angenehmen Gesellschaft jener Herren, und je mehr die Nacht herankam, desto mehr bemächtigte sich meiner eine gewisse unruhige Sorge und eine Art Reue, weil ich mir manchmal wie ein Mensch vorkam, der im Begriff steht, sich einer unverzeihlichen Anmaßung schuldig zu machen. Ich zog mich zur gewohnten Stunde in die Betkapelle zurück, betete dort das Kompletorium und erfüllte meine abendlichen geistlichen Pflichten. Ich ging in mein Zimmer und stellte wieder alles so her, wie es im ersten Akt des Dramas gewesen. Weit öffnete ich die Tür des blauen Zimmers, das ganz dunkel war, und auch die Tür meines Balkons und diejenige zu P.s Zimmer. Dann, gewissermaßen um meinen Mut zu beweisen, und als Herausforderung des unsichtbaren Feindes, schob ich kühn die Chaiselongue fort, die den Eingang verdeckte, und öffnete die Tür. Nachdem dies alles geschehen war, setzte ich mich mit einer gewissen nicht erheuchelten Ruhe nieder und fing an, ein Werk über das Leben berühmter Männer von Plutarch zu lesen, das ich mir vorsorglicherweise aus der Bibliothek mitgenommen hatte. Ich wollte mich vollständig frei machen von meiner Zeitepoche und der der Hugenotten und flüchtete mich in eine andere, weiter zurückliegende, damit meine Phantasie in keiner Weise teilhabe an dem, was hier vor sich gehen sollte. Schon begannen die Berichte und Erzählungen, die der gute Plutarch uns von jenem Zeitalter gibt, mich zu fesseln, als eine große Bronzeuhr, die auf dem Kamin stand, mit raschen, metallenen Schlagen Mitternacht verkündete. Ich gestehe, daß mich in dieser klassisch gewordenen Geisterstunde eine Furcht durchzitterte, ähnlich jenem leichten Schauer, wie er uns bisweilen in einem gut temperierten Bade überläuft. Ich blickte trotzdem immer auf den dunklen Eingang des blauen Saales und blieb, den Blick fest darauf geheftet und ohne zu atmen, regungslos da sitzen, bis einige Momente später von neuem in der Kirche langsam und dröhnend die zwölf fürchterlichen Glockenschläge ertönten. Nirgends regte sich etwas, aber von dem Moment an empfand ich etwas Seltsames, das mich verwirrte und nervös machte. Ich habe niemals das Ticken einer Uhr in der Stille der Nacht hören können, ohne an diesen Rhythmus eine gewisse Melodie, fast immer eine vulgäre, zu knüpfen, die sich mir im Ohr festsetzt, meine Aufmerksamkeit ablenkt und mir ins Gehirn dringt; in einem solchen Augenblick hat die Kaminuhr in meinem Gedächtnis mit lastender Schwere eine Erinnerung wachgerufen, die hier schon jahrelang begraben war. Ich habe in meiner Kindheit einst eine Zauberkomödie gesehen: »die Auktion des Teufels«, das Entzücken und die Begeisterung aller Kinder. Der Held war ein gewisser Blasillo, der nach einer Reihe von Abenteuern in eine Situation geriet, ähnlich der, in welcher ich mich jetzt befand. Er befand sich in der Ahnengalerie eines Schlosses; als es zwölf schlug, öffneten plötzlich alle Bilder den Mund und sangen mit monotoner Stimme im Chor: Wenn du es zwölf Von allen Glocken In deinen Ohren Schlagen hörst, Werden die Hexen Aus allen Ecken In diesem Raume Schleichen daher. Dann Blasillo – Mit wütenden Krallen Zerkratzen, zerfleischen Sie dir das Gesicht. Und wie ein Drachen Auf einem Besen Mit dir dann jagen sie Weit durch die Luft. Der arme Blasillo, der gerade so entsetzt ward, wie ich an seiner Stelle gewesen wäre, sagte, indem er sich in seinen Mantel hüllte: »Was hab' ich Armer Doch für Furcht!« Und die Bilder antworteten, seine Gedanken erratend: »Was hat der Arme Doch für Furcht! hi, hi, hi, hi!« Bei den zwölf Schlägen der Kaminuhr trat jenes Konzert mit seinem Schlußreim in mein Gedächtnis und blieb mir mit so quälender Beharrlichkeit im Ohr haften, daß ich mich, fast außer mir vor Erregung und Nervosität, in P.s Zimmer zurückzog, um so doch ein wenig jenem aufdringlichen Ticken zu entfliehen und von dort aus alles zu beobachten, was sich im blauen Saal zutrug. Ich fuhr darauf in meiner Lektüre fort und vermochte nichts dagegen zu tun, daß Blasillos Klagelied »Was hab' ich Armer Doch für Furcht!« noch immer die heidnischen Tugenden Tatos durchklang und daß die tiefsinnigen Beobachtungen des Geschichtsschreibers mit dem Chor von Bildern, die meine Phantasie mit der Dominikanerinnonne und Don Miguel von Zaraus verband, identisch wurden. »Was hat er Ärmster Doch für Furcht! Hi, hi, hi, hi.« Plötzlich ertönten leichte Schritte in meinem Zimmer, die den Fußboden nur zu streifen schienen, und ich erblickte den schönen Foxterrier Back, der anscheinend hier an dem Lieblingsplatz seines abwesenden Herrn weilte. Ich muß gestehen, daß diese unerwartete Gesellschaft mir höchst angenehm war, und so rief ich das Tier, streichelte und liebkoste es und ließ den Hund sich an meiner Seite niederlegen. Eine Stunde verharrte ich so in ängstlicher Erwartung, ohne daß die schreckliche Spannung meiner Nerven nachgelassen hatte, als ein anderes seltsames Geräusch ertönte, von dem ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob es aus dem blauen Saal oder aus einer Ecke meines Zimmers drang. Mein Herzschlag stockte einen Augenblick, und ich warf instinktiv einen Blick auf Back, der hatte sich nicht gerührt, sondern nur schnuppernd den Kopf gehoben. Und bald darauf ertönte das Geräusch in kleinen Pausen wieder, es war wie Zähneknirschen, das in der Stille der Nacht doppelt unheimlich klang ... Ich hielt den Augenblick für gekommen und gestehe meine Schwäche; es war nicht nur ein Erschauern aus Furcht, sondern fast eine völlige Lähmung, die mich überfiel. Trotzdem erhob ich mich, und indem ich mich nach meinem Zimmer wandte, hieß ich Back vorangehen und ermunterte ihn stets mit den Worten: »Such, Back, such!« Back ließ sich das nicht zweimal sagen, ging dicht neben mir her, abwechselnd am Boden und in der Luft schnüffelnd ... Von meinem Zimmer aus sah ich den blauen Saal vor mir, schweigend und dunkel wie die Öffnung einer Höhle, und hörte deutlich das seltsame Geräusch, das mir damals wie das Krachen und Klappern von Knochen im Innern des geheimen Ganges erschienen war. Die Türe hatte sich von selbst geschlossen, und als ich die Hand ausstreckte, um sie zu öffnen, schien mir das verwünschte Ticken der Uhr mit sicherlich nur allzugroßer Berechtigung zuzurufen: »Was hat er Ärmster Doch für Furcht! Hi, hi, hi, hi.« Dennoch öffnete ich sie mit Wucht und entdeckte auf dem Boden hingekauert Toby, den anderen Foxterrier von X., der der intelligenteste und naschhafteste Hund war, den ich jemals im Leben traf. Ich sah, wie er einen schwarzen Gegenstand vor sich herrollte, der so groß war wie meine Handfläche, und den ich zuerst für zwei kleine Hörner hielt, die oben zusammengenommen waren, ähnlich denen, die die Dämonen in Michelangelos »Das Jüngste Gericht« tragen. Ich bückte mich, um den seltsamen Gegenstand aufzuheben, und da kam mir ein übler Geruch entgegen ... Ich stieß mit dem Fuß daran, um ihn in den Kreis des Lichtscheines zu bringen, und erkannte zwei Kalbsfüße, aus denen der Koch wahrscheinlich Sülze gemacht hatte... Ich stieß sie nun mit der Spitze des Fußes vorwärts, um sie über den offenen Balkon hinüberzuwerfen, und Toby schritt neben mir her und gab seiner verlorenen Beute verdrießlich das Geleit... Als sie in den Park fiel und in der Dunkelheit verschwand, blickte der Hund mich an und ich den Hund, und ich glaube, wir fingen beide an zu lachen... Der kleine Pilatus Pilatus aber gedachte dem Volke genug zu tun... und überantwortete Jesum... St. Markus. Kapitel 15, 15. Was für ein hübscher Bursche Gabriel doch war!... Vor dem Spiegel stehend zog er sich einen geraden Scheitel mit einem Hornkamme und gab sich die größte Mühe, sein etwas rötliches Haar, das sich über seiner Stirne wölbte, in jene künstlichen Locken zu legen, mit denen der heidnische Kunstsinn der Griechen die Gestalten des Adonis und Apollo schmückte. Eitles Bemühen: die Natur siegte stets über die Kunst, und jene rebellischen Locken erhoben und kräuselten sich, als wenn sie sich darauf versessen hatten, eine Art Kissen zu bilden, das sich über jene sechzehnjährige Stirne legte, die so glatt war, als hätte niemals eine trübe Erinnerung sie gefurcht, so rein, als hätte auch niemals ein Schatten von Gewissensbissen sie getrübt. Armer Gabriel – wie hübsch er war!.... Wie fröhlich leuchteten seine roten Lippen, als lachten sie die ganze Welt an, gleich als ob sie sich nur öffnen könnten, um den Namen des Bruders oder der Mutter auszusprechen! Wie rein der Blick seiner großen braunen Augen, die sich weit auftaten wie die Pforten eines Tempels, der dahinter sein Allerheiligstes, diese reine unschuldige Seele sehen ließ, die noch keine Dornen an den Blumen, noch keinen Flecken an der Sonnenscheibe entdeckte ... Armer Gabriel ... wie hübsch war er doch! Endlich triumphierte die Natur über die Kunst, und mit einer ungeduldigen Gebärde warf Gabriel den Kamm auf die Marmorplatte seines Tisches; er drehte mit den Händen an den Härchen seines keimenden Schnurrbartes, ... lachte laut auf, machte einen kurzen Sprung und ging zu einer anderen, ebenso wichtigen Arbeit, dem Binden der Krawatte über ... Und was für eine Krawatte! Auf seinem Bette lag jener kostbare Gegenstand, der noch niemals gebraucht war, von feinster, himmelblauer Seide mit kleinen weißen Sternchen. Gabriel ergriff die Krawatte liebevoll, mit Respekt, fast mit Verehrung, und indem er sie um seinen Hals legte, schickte er sich an, den Knoten zu schlingen ... Die Krawatte, die die Farben der Unbefleckten trug und ein Geschenk seiner Mutter war gefiel ihm außerordentlich ... Rasch war der Knoten geschlungen, mit jener Leichtigkeit, jenem unnachahmlichen Schick, der der natürlichen, echten Eleganz die ein Dichter die Eleganz der Grazien nennt, eigen ist. Gabriel betrachtete sich im Spiegel und war zufrieden. Die etwas zurückgebogenen Ecken seines Kragens ließen den männlichen und doch weichen Hals sehen, dessen Weiß durch die blaue Seide seiner Krawatte noch zarter erschien. Wenn mich meine Mutter so sehen könnte, dachte er errötend – ohne zu wissen weshalb – würde sie sagen: Wie schön! ... Und wenn meine Kameraden aus dem Kolleg mich erblickten, würden auch sie sagen: Wie elegant! Und ohne daß seine Eigenliebe ihm damals andere Gedanken suggerierte, noch andere Ideen in ihm erweckte, drehte Gabriel sich auf dem Hacken um und sang, indem er sich die Weste anzog: O Maria, meine Mutter, O Trost der Sterblichen usw. Er war glücklich! ... Er sah sich schon nach Ablegung des Bakkalaureats als Student der Universität, frei in der großen Stadt Sevilla, absoluter Herrscher in einem Hotelzimmer, im Besitz eines Kapitals von fünfundzwanzig Talern, Herr aller phantastischen Jünglingsträume, König aller rosenfarbigen Illusionen, Eroberer aller goldenen Horizonte und frei ... frei vor allen Dingen – um ausgehen zu können, wann ei wollte, und heimzukommen, wann es ihm beliebte! an allen Schaufenstern der Straße stehen zu bleiben, alle Abende Sorbet in einem eleganten Café zu schlürfen, auf dem Wege de las Delicias sich zu Pferde zu tummeln, in einem kleinen Kahn von Triano nach San Juan de Azualfarache zu rudern, den Messen in der Kathedrale, der Parade des Regiments und – ach, unsagbares Glück! – den Stierkämpfen beizuwohnen ... Und Gabriels Wünsche stiegen höher und höher wie der von seinen Ketten befreite Adler, und beschrieben ungeheure Kreise in jener bläulichen Ebene seiner Phantasie, ohne ein verborgenes Darüberhinaus zu vermuten, das den Wahlspruch seiner Unabhängigkeit: »Freiheit ohne Furcht und Genuß ohne Reue«, zerschmettern könnte. Denn die ganze große Zahl von Vergnügungen, dieses uferlose Meer von Genüssen wollte Gabriel hinnehmen, ohne daß sein Verhältnis zu Gott dadurch eine Einbuße erlitt, vor dem er eine heiligere Scheu in seiner Brust zu empfinden glaubte als je; ohne auch nur im geringsten das Mißfallen seiner Mutter zu erregen, deren Glück auch sein Glück war, ohne im geringsten gegen die Ehre seines Namens zu verstoßen, den er selbst so geehrt hatte durch Prädikate der Auszeichnung, durch Prämien für gutes Betragen, durch den Kranz, der nach einstimmiger Wahl die ganzen sechs Jahre, die er im Jesuitenkolleg zugebracht, seine Stirn geschmückt hatte ... Es war unmöglich, daß die Universität den Gabriel, der so oft von den Patres des Kollegs mit dem stolzen Namen eines »Augustus« bezeichnet worden war, in einen »Augustulus« verwandelte. Mit welch tiefer aufrichtiger Dankbarkeit gedachte Gabriel jener guten Patres, die ihn so sehr geliebt und sich seines Seelenheils so angenommen hatten! Wie gut hatte er seine Zeit nach dem von ihnen empfangenen Lehren, zwischen Studien, Andachtsübungen und Zerstreuungen einzuteilen gewußt! Mit welch aufrichtiger Einfachheit sprach er alle Abend kniend vor dem Bilde der Unbefleckten, deren Kongregant er gewesen war und bis zu seinem Tode zu sein hoffte, die Worte: »Siehst du, meine Mutter, wie gut ich bin ... und daß der Pater Velasco sich irrt?« Denn in der Anstalt war ein boshafter Pater, Velasco, der für Gabriel der Schatten war, der die schwarzen Umrisse der Enttäuschungen zeichnet; die Stimme des Sklaven, der dem römischen Triumphator mitten in seinen Triumphen unaufhörlich die Worte zurief »Bedenke, daß du sterblich bist!...« Er rief ihn eines Tages in seiner Eigenschaft als Beichtvater der Anstalt in sein Zimmer und sagte, während er ihm eine Hand auf seine Schulter legte, mit zärtlicher Traurigkeit: »Gabriel ... du bist gut und folgsam ...« Und Gabriels hübsche Stirne erhob sich stolz und bedeckte sich mit jener Purpurröte, die unter Luzifers Stirne erglühte, als er das erstenmal mit sich selbst zufrieden war. Doch Pater Velasco hatte ihm noch mehr zu sagen. »Aber deine Güte,« fuhr er fort, »ist Hochmut und deine Folgsamkeit hinfällig ... Dein Hochmut wird dich in Gefahr bringen und deine Schwäche wird dich darin untergehen lassen!... Fliehe die bösen Feinde, mein Sohn! Denn das Ansehen der Menschen wird dein Verderben sein ... Gabriel, denke an Pontius Pilatus ...« Und dieses Mal senkte Gabriel die gerötete Stirne, die mit jener anderen Purpurröte übergossen war, die einst dem stolzen Engel ins Antlitz stieg, als er seine Gedanken verraten sah. Er biß sich auf die Lippen, bis das Blut hervordrang, und schritt aus Pater Velascos Zimmer mit dem festen Entschluß, niemals dahin zurückzukehren. Der Pater aber folgte ihm überallhin und ging nie an ihm vorüber, ohne ihm zuzuflüstern! »Denke an Pilatus!« Eines Tages gab Gabriel ihm erregt eine schroffe, respektlose Antwort: Pater Velasco aber blickte ihn nur von oben bis unten an und setzte, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Weg fort. Es erschien Gabriel, als hätte er die Augen voller Tränen und er machte zwei Schritte auf ihn zu, um ihn um Verzeihung zu bitten; indessen hielt ihn seine verletzte Eitelkeit doch davon zurück. »Nein ... Donnerwetter.« murmelte er und trat heftig mit dem Fuße auf, »er soll sehen, daß der kleine Pilatus standhaft bleiben kann.« An jenem Abend konnte Gabriel keinen Schlaf finden. Nach und nach wurden die Lichter in den Schlafsälen ausgelöscht. Diese waren jetzt nur noch durch eine einzige kleine Lampe erhellt, bei deren dürftigem Schein er schützend die weißen Flügel des Engels der Scham, der mit einem Finger auf den Lippen Schweigen gebietest, zu unterscheiden glaubte ... Plötzlich hörte er, wie die Türe seines Schlafgemaches vorsichtig geöffnet wurde, er wandte die Augen ab und stellte sich schlafend. Dann sah er, wie ein Schatten sich über ihn beugte, zuerst fühlte er, daß man ihn vorsichtig zudeckte, und daß dann eine Hand das Zeichen des Kreuzes über seiner Stirn machte ... Da öffnete Gabriel halb die Augen und sah Pater Velasco neben sich ... Ein heftiges Schluchzen stieg ihm bis in die Kehle und er wollte aufspringen, niederknien und ihn um Verzeihung bitten. Aber wieder legte sich der Hochmut auf ihn wie eine eiserne Stange, und er schloß die Augen und tat, als ob er schliefe. Pater Velasco entfernte sich seufzend. Seit dieser Zeit nannte der kluge Pater Gabriel nie mehr »kleiner Pilatus«. Diesen seinerseits beschämte wieder die Nähe des Paters und erst an dem Tage, als er die Anstalt für immer verlassen sollte, wagte er sich in sein Zimmer. Pater Velasco empfing ihn mit jener milden und ernsten Freundlichkeit, die sein ganzes Wesen charakterisierte, umarmte ihn zärtlich und übergab ihm zum Andenken eine große Photographie in einem Kuvert, das er zweifellos vorher für ihn zurückgelegt hatte. Gabriel riß das Papier ab, als er das Zimmer kaum verlassen hatte, und erblickte nun eine herrliche Reproduktion des großen Tizianschen Bildes, das Pilatus darstellt, wie er Christum dem gottesmörderischen Volke überantwortet. Unter die Figur des römischen Prokonsuls hatte Pater Velasco die Worte geschrieben: » Ecce homo «. Gabriel empfand eine Zornesaufwallung, die ihm den Blick trübte; er riß die Photographie mitten durch und war im Begriff, sie durch eine geöffnete Balkontüre hinauszuwerfen ... Aber er besann sich, – das Bild enthielt die Züge des Herrn, und das wäre eine Entweihung gewesen. Gabriel sah auf die kostbare goldene Uhr, die ihm seine Großmutter an dem Tage geschenkt hatte, als er das Diplom des Bakkalaureats erhalten hatte, und sah, daß sie halb sechs Uhr zeigte. »Donnerwetter!« rief er erregt aus. Und während er den Hut und den Rohrstock mit dem fein gearbeiteten Stahlrücken ergriff, den er am Abend vorher gekauft hatte, trat er zur Türe und schwang das Stöckchen in der Luft, um seine Biegsamkeit zu prüfen. Mitten auf der Treppe blieb er stehen, schlug sich vor die Stirne und sprang, zwei bis drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe wieder hinauf ... er hatte zwei Dinge vergessen: erstens kleine Münze einzustecken, die er stets für die Armen bei sich trug, und dann sich aus der Perlmutterschale, die am Kopfende seines Bettes hing, mit Weihwasser zu besprengen. Es war der 27. Mai. Gabriel ging wie alle Abend nach der Kathedrale, wo die Blumen des Mai gefeiert wurden, mit welchem poetischen Namen an manchen Orten der feierliche Kultus der unbefleckten Jungfrau während jenes Monats bezeichnet wird, den man vorzugsweise den Monat Maria nennt. Aber bevor Gabriel in die Kathedrale trat, kam er auf den Gedanken, in der Sterpesstraße, jenem herrlichen Garten, auf und ab zu gehen, der ihm lieber war als die verzweigten Wege des Londoner Hyde-Park, des Pariser Bois de Boulogne oder der hängenden Gärten von Babylon. Doch dies war es nicht, was Gabriel zu jenem Sammelpunkt des Lebens und Treibens von Sevilla lockte, nicht das unaufhörliche Getriebe von Menschen, die Tag und Nacht aus allen Querstraßen in die berühmte Straße fluteten, wie das Blut aus allen Adern zum Herzen fließt, noch die frische, duftende Luft, die hier im Sommer durch die Zeltdächer weht, und den Vorübergehenden Schatten gewährt, noch die Verkaufsstellen für Blumen, die sich an allen Ecken befinden und balsamische Düfte verbreiten. Das, was Gabriels Aufmerksamkeit erregte, was ihn am meisten belustigte und ihn die Straße von rechts nach links zu durchkreuzen lockte, das waren – die Schaufenster der Läden; jene ungeheure Schaustellung von allem Überflüssigen – denn das Notwendige braucht man nicht auszustellen – jene glänzenden Reklameschilder, die mit Hilfe des Luxus, der Eitelkeit, ja selbst des Lasters das Portemonnaie bedrohen, nahmen stundenlang Gabriels Aufmerksamkeit in Anspruch, und es verging kein Tag, an dem er nicht all diese Schätze der Industrie und Kunst genoß, die er sich als sein eigenstes Eigentum vorstellte und die hier nur allein zu seinem Vergnügen und seiner Unterhaltung auszuliegen schienen. Tausendmal schon hatte er Geschenke für seine Mutter, seine Schwestern, seine Großmutter, ja selbst für die Dienstmädchen ausgesucht, verworfen und wieder gewählt. An jenem Abend aber fand er in dem Eckladen der Gallegasstraße endlich einen Gegenstand, der ihn zu Ausrufen der Bewunderung und des Entzückens hinriß. Es war eine bewegliche Puppe, durch die der Künstler die Schreckgestalt des schwarzen Mannes, des großen Katers und anderer Hilfsmittel von Müttern und Ammen darstellte, welche die Phantasie der Kinder aufregen; es war ein auf einem Stuhl sitzender Alter mit fürchterlicher Miene, riesigen Brillengläsern und einem unermeßlichen Brustkasten; zwischen seinen gespreizten Beinen hielt er einen Sack voll blonder und brünetter Kinder, die er durch einen versteckten Mechanismus mit einer Riesengabel in seiner Rechten aufspießte, worauf er riesengroß den Mund öffnete und eines nach dem anderen verschluckte, um sie unterhalb des Stuhles wieder von sich zu geben. Gabriel schüttelte sich jedesmal vor Lachen, wenn irgend ein pauspäckiger Bube in dem Rachen der Puppe verschwand. In dem Gedanken an das riesige Vergnügen das dieses Wunderwerk Luis, seinem jüngsten Bruder, bereiten würde, entschloß er sich, in den Laden zu treten und jenes Spielzeug zu jedem Preise, mochte er noch so hoch sein, zu erwerben. Aber in demselben Augenblick legte sich eine Hand auf seine Schulter und eine fröhliche und zugleich rauhe Stimme rief zwischen zwei unverfälschten Flüchen: »Sapperlot, Gabriel!... Du in Sevilla? Teufel nochmal!« Gabriel drehte sich um, rot wie eine Klatschrose, mit zusammengezogenen Augenbrauen und geöffnetem Mund, und sah dicht neben sich den Kopf eines ihn umarmenden Burschen, mit einem Backenbart, einem zurückgesetzten Hut, unter dem das lockig frisierte Haar zum Vorschein kam, und einem Zigarrenstummel zwischen den Zähnen. Dem Gesicht nach schien er ein Zigeuner zu sein. Seine Kleidung ließ auf einen eleganten Herrn schließen und sein ganzes Benehmen war das eines Studenten, die sich an der Universität immatrikulieren lassen und die Kollegien mit einem Fuß im Café und mit einem andern in der Kneipe besuchen. »Hallo, Garcia!« sagte Gabriel endlich mit seinem gewinnenden Lächeln, indem er sich aus jener Umarmung, die ihn zu erdrücken drohte, zu befreien suchte. Aber Garcia dachte an jenes: »Ich liebe dich so wie du mich,« drückte Gabriel zuerst mit großer Freude weiter, gab ihm einen Schlag auf den Rücken und schrie laut: »Was für eine Überraschung, Junge! Potztausend! Aber wann bist du denn gekommen, du Vagabund?« »Seit Anfang dieses Monats bin ich in Sevilla,« erklärte Gabriel, Garcia beide Hände auf die Schulter legend, um zu sehen, ob es ihm gelänge, sich teilweise loszumachen. »Und zum Teufel, was willst du in Sevilla machen?« »Mich prüfen lassen,« erwiderte Gabriel. »Ich habe privatim zu Hause studiert und komme, um im Mai den Vorlesungen bis zum Examen beizuwohnen,« »Sehr schön, Kerl!... Donnerwetter, Gabrielito, wie freue ich mich, dich zu sehen! Aber zum Teufel, wo hast du denn gesteckt, daß man dich bisher nicht zu sehen bekommen hat?« »In der Universität, auf Spaziergängen, zu Hause, auf der Straße und ...« Gabriel wollte ganz unschuldig hinzusetzen in der Kirche, aber ein unverhoffter Hustenanfall schnitt ihm das Wort ab, und leicht errötend fragte er: »Gehst du nicht in die Universität?... Ich habe dich dort niemals gesehen ...« »Bei den letzten Studentenkrawallen war ich im Januar zwei Tage lang da, um zu sehen, ob ich dem Professor, der mich zweimal hat durchfallen lassen, nicht einen Schlag in die Affenschnauze geben könnte.« Gabriel riß die Augen weit auf und beschränkte sich auf die Worte: »Was sagst du da?« ... »Ja, so bin ich ... Im Geldverdienen ist mir manch einer voran, aber in Brutalität kriegt mich keiner unter, und wer es tut, der büßt es mir ... Ach zum Teufel ... wie man's treibt, so geht's ... Sapperlot, man muß zu leben wissen, und hier geht es einem gut, wenn man es versteht! Du wirst sehen« setzte er hinzu, indem er ihn in die Rippen stieß, »du wirst schon sehen, wie ich dich unterweisen werde und wie du dich vergnügst, wenn du erst mit drei oder vier bemoosten Häuptern bekannt wirst ... Was unternimmst du jetzt. Kerl?« Gabriel wurde rot wie eine Tomate, blickte sich überall um, als wolle er die Flucht ergreifen, und sagte: »Pst ... nichts ... es ist Zeit für mich zur Universität ...« »Laß doch die Bücher, wo der Pfeffer wächst!« erwiderte Garcia, ihm den Arm um den Hals legend ... »Komm mit mir nach Tabladas, wir wollen uns die Stiere für morgen ansehen.« »Aber ist denn morgen ein Stierkampf?« fragte Gabriel. »Wo lebst du denn eigentlich. Mensch? Lagartijo und Frascuelo kämpfen, und die Stiere sind aus Saltillo ... Komm, wir wollen nach Tabladas ...« Und bei diesen Worten schleppte er den widerstrebenden Gabriel bis zu dem Platz von San Francisco. »Ich kann nicht. Mensch ... ich kann nicht.« ... sagte Gabriel, sich frei machend, »ich muß studieren ...« »Laß die einfältigen Bücher – zum Kuckuck! Es haben schon genug Justiniane und Triboniane studiert, um ihre Nächsten zu quälen. Warum sind sie nicht an den Pocken umgekommen, solange sie klein waren ... Komm, Kerl, wir wollen gehen. Um acht Uhr sind wir wieder zurück!« Gabriel war es endlich gelungen, sich von seinem Freund loszumachen; im Begriff fortzugehen, sagte er, feuerrot im Gesicht und fast mit Tränen in den Augen: »Ich kann nicht, Mensch, ich kann nicht ... Ich sage dir, daß ich nicht kann!« »Aber, Kerl!« rief Garcia aus und hielt ihn an dem Rockschoß fest. »Fürchtest du, daß dich ein Bösewicht ködern will ... oder hast du etwas dagegen, mit mir zu gehen?« »Nein, nein,« rief Gabriel immer ängstlicher, »wenn du das so auffaßt, zwingst du mich ja geradezu, mit dir zu gehen.« »Natürlich fasse ich das so auf. Wenn man einen Freund so verleugnet. Junge, muß doch ein Grund vorliegen.« »Nun, wenn du glaubst, daß ich dich verleugnen will, wollen wir gehen,« sagte Gabriel mit gesenktem Haupt. Und verstimmt, wütend, ärgerlich auf sich selbst und auf Garcia, folgte er diesem und hielt innerlich eines jener Zwiegespräche, die die Leidenschaft öfter mit der mysteriösen Stimme hält, die sich im Innern des Menschen regt, so deutlich, so unerbittlich, so spöttisch, oft so grausam und stets so berechtigt! ... »Ich werde gehen müssen,« sagte sich Gabriel, »was würde dieser Dummkopf sagen, wenn ich nicht ginge? ... Daß ich eine feige Memme oder ein hochmütiger Mensch bin ...« Und die geheime Stimme antwortete ihm mit einer gewissen Ironie: »Laß den Kerl sagen, was er will, deine gute, heilige Mutter wird sagen, daß du ein tapferer, guter Student bist« »Und außerdem,« fuhr Gabriel fort, indem er den Tauben spielte, »tue ich ja nichts Schlechtes, wenn ich nach Tabladas gehe,« »Nichts,« antwortete die Stimme, »absolut nichts, ... aber im Monat Maria sollst du nicht gehen.« »Ach, der Monat Maria ist nicht obligatorisch ... Und wenn ich an einem Nachmittag fehle, kann ich ja zu Hause die Andacht nachholen.« Gabriel hatte im Grunde recht, und die Stimme schwieg, aber sie schwieg seufzend. Die beiden Freunde wandten sich nun nach dem Platze San Francisco, um sogleich einen Wagen zu besteigen, der sie nach Tabladas führen sollte, der berühmten Wiese, wo die Stiere ausgestellt werden, damit die Interessenten sie einen Tag vorher prüfen können. Gabriel wollte einen geschlossenen Wagen nehmen, aber Garcia zog einen geöffneten, eine sogenannte Viktoria vor, und das schwerfällige Gefährt rollte an der Kathedrale vorüber nach Tabladas. Die große Kirchentüre stand offen, im Hintergrunde sah man zur Linken das große Bild des Gekreuzigten mit einem Purpurmantel, seiner Dornenkrone, seinem Rohr in der Hand und seinem demütig und geduldig gesenkten Haupte ... Gabriel war im Begriff, in frommer Ehrfurcht sein Haupt zu entblößen, als Garcia plötzlich ein lautes Gelächter ausstieß und, auf die Kolossalgestalt des heiligen Petrus deutend, seinem Freunde die bekannte Lüge erzählte, wie Petrus eine alte Frau dadurch getötet hätte, daß er den Schlüssel, den er in der Hand hielt, auf sie fallen ließ. Gabriels Hand blieb in der Luft, ohne daß er sein Haupt entblößte, seine Augen begegneten jenen des Gekreuzigten, und es war gleichsam, als ob jene bleichen Lippen wie im Kolleg der Pater Velasco zu ihm sprächen: »Junger Pilatus ... Denke an Pilatus!« Seitdem aus den spanischen Universitäten der nivellierende Mantel und der mehr oder weniger fettige Dreimaster verschwunden sind, riß auch das Band, das die Studentenschaft zusammengehalten und sie zu einer einheitlichen Körperschaft gemacht hatte. Die Studenten von heute haben keine anderen gemeinsamen Züge als die, welche durch die Gleichheit der Herkunft, der Erziehung oder der Klasse bedingt werden. Heute wie damals gründen sie Verbindungen, die unabhängig von einander sind, deren Einheit nur auf einer jener der oben erwähnten Umstände und nicht auf dem traditionellen Geist der Gemeinschaft begründet ist. Zuweilen eint der revolutionäre Ansteckungsstoff der Zeit diese verschiedenen Geister während der Wirren eines Aufruhrs, oder zur Unterzeichnung eines Protestes, aber auch dann erscheinen sie uneinig und mehr als je durch politische Meinungen, dem fruchtbarsten Keimstoff für hartnäckige Antipathien und eingefleischten Haß, entfremdet. Es gibt aristokratische Studenten, bescheidene Studenten, hergelaufene Studenten. Der vagabondierende Student ist eine Pflanze, die keimt, wächst und ebenso in dem aristokratischen Kasino wie in dem bescheidenen Café und in der gewöhnlichen Schenke wuchert. Zu dem Kreis der vagabondierenden Studenten nun gehört auch Blas Garcia. Er war einer jener Schüler der Themis, die ihre Wirtin nicht bezahlen, die damit anfangen, ihre Bücher verkaufen, und damit enden, daß sie ihren Mantel in das Pfandhaus tragen ... Gassenläufer, Bummler, Hasardspieler, die sich für erfahrene Menschen halten und nicht anderes sind als ruchlose Gesellen. Er war ein Landsmann Gabriels und hatte acht Semester in Sevilla studiert, von denen ihm aber, wie er selbst sagte, nur zwei angerechnet werden konnten. Sein Vater betrieb einen kleinen Tuchhandel im Erdgeschoß des altererbten Hauses von Gabriels Eltern, und daher stammte die Bekanntschaft der beiden. Blas hatte stets zu seinem Nachbar aufgeblickt, indes niemals mit ihm verkehrt; aber die Entfernung von der Heimat verkürzt die Abstände und erweicht die Herzen, und als er seinen Landsmann in der Sierpesstraße traf, umarmte er ihn mit aufrichtiger Zuneigung, bereit, sich als Mentor jenes unerfahrenen Telemach aufzuwerfen, die Taschen jenes vorsichtigen Krösus zu untersuchen und sich mit seiner vornehmen Bekanntschaft zu brüsten. Diese Art Studenten, die stets demokratisch sind, lassen niemals die Gelegenheit vorübergehen, auf die Verbindungen oder Freundschaften anzuspielen, die ihnen einen aristokratischen Anstrich verleihen könnten. Das war auch der Grund, warum Blas einen offenen Wagen wählte. In die Polster zurückgelehnt, blickte er jetzt mit jener hochmütigen und deshalb lächerlichen Miene eines Menschen, der nicht an seinem Platze ist und dies um jeden Preis verbergen möchte, überall um sich, als ob er sagen wollte: »Seht ihr mich denn nicht mit Gabriel Fonseca, dem Sohn des Majoratsherrn, dem Neffen dreier Grafen, dem Vetter zweier Herzöge und dem Patenkind eines Bischofs?« Gabriel hingegen, der trotz seiner Unschuld jene Eitelkeit besaß, die man bei heranwachsenden jungen Menschen häufig findet, lehnte sich in die andere Ecke des Wagens zurück und richtete den Blick in das Innere des Wagens in der Annahme, daß er, da er nicht sah, auch nicht gesehen wurde, nach der Art des Vogels Strauß, der den Kopf unter die Flügel steckt und meint, der Jäger sähe ihn nicht, weil er den Jäger nicht sieht; ein seltsamer Berührungspunkt und nicht der einzige, den man zwischen dem Menschen und dem Strauß findet. Gabriel schämte sich seines Begleiters, nicht so sehr um dessentwillen, was er war, sondern um dessentwillen, was er schien, und befand sich alsbald in dem quälenden Zwiespalt: was wird Blas sagen, und was werden die Leute sagen, wenn sie mich in dieser Gesellschaft sehen? Zum Unglück für den einen, zum Glück für den andern promenierte die elegante Welt noch nicht in den Equipagen am Ufer des Flusses, die Delicias waren noch leer, und die beiden Freunde fuhren nun hier, wo der eine sich zeigen, der andere sich verbergen wollte; sie trafen nur ein paar Gecken zu Pferde und ein paar Mietkutschen, von Krethi und Plethi benützt, die nach den Feldern von Tabladas hinausfuhren, um die Stiere anzusehen, die am folgenden Morgen in den Kampf gehen sollten. In der Bucht, die der Guadalquivir bildet, gleich hinter den Delicias von Argona, beginnen die Tabladasschen Felder, grüne Wiesen, vom Fluß bewässert, von den Orangenbäumen der nahen Obstgärten durchduftet, und durch die obenerwähnte Sitte berühmt geworden. Hier wurden die Stiere zur Schau gestellt, die am nächsten Tage zu kämpfen hatten und hier vom Abend vor dem Kampf bis zur aufgehenden Sonne verblieben, um dann bei Tagesanbruch auf den Platz geführt, das heißt in die Ställe gesperrt zu werden. Hierher eilten die Stierkämpfer mit ihrem Anhang, bei denen der Titel eines Granden von Kastilien mit dem eines Stierkämpfers abwechselt, um die Tiere zu prüfen, über ihre Eigenschaften zu sprechen und ihre Chancen vorauszusagen: die Fußkämpfer, beim Stierkampf kleine Satelliten, die ebensowenig der kleinen Trabanten entbehren: Kaldaunenhändler, Spitzbuben und Landstreicher, die das bunte Bild vervollständigen; Laien, Viehhändler, elegante Rowdies, kleine Zollbeamte aus Macarena, die Stutzer von Triano und die ganze Schar von Menschen, die Freude an Spiel und Tieren haben. Als Gabriel und Garcia Tablados erreichten, bildete ein Wall von Equipagen, Reitern und Fußgängern einen großen Halbkreis, dessen Durchmesser der Fluß war. In der Mitte, in respektvoller Entfernung umringt von Seilen und Viehtreibern zu Fuß und Pferde, standen sieben herrliche Stiere, sechs kampfbereit und einer in Reserve. Die wilden Bestien grasten ruhig, ohne zu ahnen, daß ihre letzte Stunde so nahe wäre. Manchmal hob einer stolz den furchtbaren, mit einer buschigen Mähne versehenen Kopf, heftete die wilden Augen auf die Menge Neugieriger und peitschte sich die Weichen mit dem Schwanz. Das malerische Schauspiel entzückte Gabriel; indem er im Wagen stand, mit beiden Händen auf seinen eleganten Spazierstock gestützt, glitten seine entzückten Blicke von den Stieren zu den Viehtreibern und von diesen zu der Menge, und richtete unaufhörlich Fragen an seinen Freund, die dieser mit der Fähigkeit eines Meisters und mit einer Fertigkeit zu beantworten sich beeilte, wie er sie augenscheinlich in der edlen Wissenschaft der Jurisprudenz nicht besaß. Er erklärte ihm alle ihm noch unbekannten Ausdrücke; er zeigte ihm, ohne zu schwanken, denjenigen Stier, der durch sein kampflustiges Benehmen die meisten Aussichten für ein interessantes Schauspiel bot, und prophezeite, welcher im Kampf versagen würde. Darauf zeigte er ihm einige hervorragende Stierkämpfer, die anwesend waren, und mit denen er, wie er sagte, eng befreundet war und viel im Kaiser-Café und bei dem Andalusier verkehrte. Plötzlich stieß Garcia einen seiner Lieblingsflüche aus und rief, aus dem Wagen springend: »Sapperlot, da ist Desperdicios! ... Ich will ihn holen und dann kann er mit uns nach Sevilla gehen ...« Gabriel machte eine abwehrende Bewegung und wollte Garcia zurückhalten, aber dieser antwortete ihm, wahrend er davoneilte: »Sapperlot! Kerl, Teufel noch einmal! Ja, es ist ja doch Frasquito Mimoz, der Banderillo des Gordito ... Du wirst schon sehen, wenn er herankommt... Du paßt ja gar nicht auf, Mensch, zum Donnerwetter!« Der instinktive Widerwille, den der Name Desperdicios in Gabriel erweckte, wurde teilweise abgeschwächt durch die Nachricht, daß er einer jener Helden war, die er unter dem jubelnden Beifall der Menge, leichtfüßig und in seidene, goldgestickte Gewänder gehüllt, den Platz überschreiten sah. Bei dem Gedanken daran, daß er den Helden in der Nähe sehen, ihm die Hand drücken und mit ihm sprechen würde – o große Macht des Stierkämpferhutes und des Zöpfchens! – schlug sein Herz höher auf. Etwas, das den edlen Stolz des spanischen Adeligen weckte, etwas, das sich mit der Erinnerung an seine Mutter einte und in seiner Seele den Klang der Orgel und den Duft des Weihrauches hervorrief, wurde so mächtig in Gabriel, daß er, ganz überwältigt davon, einen Augenblick daran dachte, sich zu entfernen. Aber wie sollte er nach Sevilla zurückkommen. wenn er jetzt den Wagen verlieh, was würde Blas sagen, wenn er sich auf solche Weise von ihm trennte? Gabriel wehrte sich gegen das, was er seine Schüchternheit und Skrupel nannte, und die Bedenken zurückdrängend, sagte er sich: Aber vielleicht ist es weder eine schwere noch eine leichte Sünde, mit einem Stierkämpfer zu sprechen ... oder ihm die Hand zu drücken, weil er Banderillas beibringt ... Gleich darauf kam Garcia mit einem kleinen Mann von ungefähr dreißig Jahren zurück; dieser trug festanliegende Beinkleider, eine rotwollene Schärpe, ein kurzgeschnittenes graues Jäckchen mit schwarzer Tresse besetzt und einen großen, runden Hut mit breiter und durch hölzerne Pfeile aufgespreizter Krempe. Sein Kinn war glatt rasiert, große Koteletten liefen an seinen beiden Schläfen herab, die beiden Seiten des Hutes verbargen einen geflochtenen Stierkämpferzopf. Im linken Mundwinkel hielt er beständig eine brennende Zigarre, dabei spuckte er stets nach rechts durch seine spärlichen, schmutzigen Zähne. Diese Persönlichkeit war Frasquito Mimoz alias Desperdicios, der ebensogut ein Seeräuber, ein Gehilfe im Schlachthaus oder ein Rekrut der Garnison hätte sein können, denn weit davon entfernt, einer jener Stierkämpfer von Ruf zu sein, für den ihn Garcia ausgab und die stets und überall großartig und freigebig auftreten, war er ein Gehilfe vierten oder fünften Ranges, ein groteskes Zerrbild des ersteren. Im Café und im Kreise von Bewunderern von der Sorte eines Garcia prahlte er mit verblüffenden Lügen über seine Heldentaten, die lediglich nur darin bestanden, daß er die Banderillas denen darreichte, die sie bei den Kämpfen einzustoßen hatten: er selbst betrat niemals die Mitte des Platzes, wenn der Stier nicht angekoppelt war: zuweilen steckte er in die jungen Stiere ein paar befiederte Pfeile, einen in den Unterkiefer, den andern in den Schwanz, und, auf kleinen Dörfern zum Helden geworden, nahm er dann das Tuch und den Stockdegen und griff das Tier an, bis es sich, von den Stichen lebensmüde, das Eisen eintrieb und sich so selbst den Tod gab. während der andere sich für seinen Mörder hielt. Garcia stellte Gabriel den Helden zeremoniell vor. Gabriel lüftete errötend den Hut, streckte ihm die Hand hin und blieb mit geöffnetem Munde vor ihm stehen, denn er wußte nicht, ob er ihn Frasquito oder Mimoz oder schlechtweg Desperdicios oder Herr von Desperdicios nennen sollte. Dieser hingegen legte die Hand flüchtig an den Hut, spuckte zweimal aus, stieg würdevoll in den Wagen und setzte sich mit den Worten: »Zu dienen, mein Freund!« Gabriel ließ sich an seiner Seite nieder, und Garcia richtete sich, so gut es ging, auf dem schmalen Rücksitz ein. Der Kutscher schlug nun den Weg nach Sevilla ein und Desperdicios nahm das Wort, um sein kritisches Urteil über die Stiere und die Stierkämpfer abzugeben – die, nach seiner Ansicht, eine Horde Landstreicher waren, niedliche Toreros, die sich vor den Tieren fürchten und höchstens im Café den Helden herauszukehren verstehen. »Seitdem Cuchares tot ist,« sagte er, »hat man aufgehört, den Zopf zu tragen; das war ein echter Stierkämpfer. Donnerwetter! Aber seine Beine verstand er nicht zu gebrauchen.« Garcia horchte auf, als hörte er einen Orakelspruch und stimmte in seine Rede ein. und Gabriel hörte gleichfalls zu, schwieg aber, denn was sollte er dazu sagen? Der Wagen hielt, als die Nacht schon hereingebrochen war, am Eingang der Ciervesstraße. Die drei steckten die Hand in die Tasche, um den Kutscher zu bezahlen, aber Garcia zog, so emsig er auch suchte, die Hand wieder leer hervor, und Desperdicios kam zu der Überzeugung, nachdem er alle seine Taschen durchsucht hatte, daß er kein kleines Geld hatte. Also bezahlte Gabriel den Kutscher und wollte sich dann zurückziehen; aber Desperdicios, der in bezug auf Noblesse nicht übertroffen werden wollte, schlug ihm auf die Schulter und sagte: »Donnerwetter, wenn Sie schon hier den Kutscher bezahlen, so sollen Sie wenigstens im Café noch ein Glas mit uns trinken ... wir wollen nicht schmarotzen bei Ihnen.« Gabriel wies das zarte Anerbieten errötend zurück, aber Desperdicios beharrte darauf, und Garcia bat ihn inständig, bis Gabriel, gegen seinen Willen, verlegen und mit gesenktem Kopf den beiden Freunden ins Café folgte. Denn was hätte sonst wohl der Herr von Desperdicios gesagt? Das Kaiser-Café lag auf der rechten Seite der Sierpesstraße am Platze San Francisco. Es war zu jener Zeit, von der wir sprechen, ein geräumiges, aber niedriges, mit geschmacklosem, überladenem Luxus ausgestattetes Lokal, ganz übereinstimmend mit seiner gewöhnlichen Kundschaft, Leuten aus den niederen Ständen. Die Aufregung über die Stierkämpfe macht sich in Sevilla schon am Abend vorher geltend und die Anzeigen der Kampfe kann man. ohne auf die Maueranschläge zu sehen, in den Straßen auf allen Gesichtern lesen. Das Café war gepfropft voll; es herrschte dort jene Lebhaftigkeit, jene geräuschvolle Freude, die eine Begleiterin sinnlicher Genüsse ist und sich von der ruhigen Gelassenheit, von dem Lächeln, das die tiefempfundenen reinen Freuden begleitet, so deutlich unterscheidet Gabriel betrat das Café, indem er sowohl Desperdicios verleugnete, der mit prahlerischer Miene zwischen den Tischen umherging und auf den mit weißen Fliesen bedeckten Fußboden mit seinem derben Stock aufstieß, wie auch Blas, der sich auf der Höhe seines Ruhmes dünkte, da er sich zwischen seinem vornehmen Landsmann Gabriel und seinem berühmten Freunde Desperdicios bewegen durfte. Sie wurden von einem Tisch aus, an dem es sich mehrere Studenten vom Schlage Garcias schon bequem gemacht hatten, angerufen und setzten sich zu ihnen. Blas stellte ihnen Gabriel vor als seinen intimen Freund, erwähnte heimlich seinen Reichtum, seine Herkunft und die innige Freundschaft, die ihn mit jener vornehmen Familie verband, die ihm die Obhut über ihren Sprößling anvertraut hatte. Die Studenten empfingen Gabriel mit der derben Fröhlichkeit, die die Leute, denen cs an Zartgefühl fehlt, Herzlichkeit nennen, und unser Held, der durch seine Erziehung, seinen Charakter und sein Temperament allem Niederen und Gewöhnlichen abhold war, fühlte sich hier wie ein Hahn auf einem fremden Hühnerhof, errötete bei jedem Wort und sprach selbst nicht ein einziges. Zwei- bis dreimal hatte Garcia ihn am Rockschoß gezerrt und ihm zugeflüstert: »Donnerwetter, Gabriel! ... Wach mal auf! Teufel noch einmal ... laß deine Feinheit, du bist hier unter Männern!« So zwang sich der arme Gabriel dazu, sich mit seinen Gefährten auf eine Stufe zu stellen, und ließ dadurch die ungeheure Kluft, die sie trennte, nur noch deutlicher erkennen, denn für die Leute vom Schlage Garcias war schon jeder sein, der sich nicht reckte, die Beine von sich streckte und durch Schimpfen und Fluchen seinem Herzen Luft machte. Ein Zwischenfall verschlechterte die Lage des armen Burschen nur noch mehr. Desperdicios nahm kleingeschnittenen Tabak aus einem ledernen Beutel und ließ ihn im Kreise der Freunde von Hand zu Hand gehen. Gabriel überreichte ihn seinem Nachbar und erklärte, daß er nicht rauche. »Was, Donnerwetter, du rauchst nicht?« rief Garcia aus, ihm einen Basiliskenblick zuwerfend. Und nachdem er ihm rasch eine dicke Zigarre gedreht, steckte er sie ihm zwischen die Lippen mit den inhaltsschweren Worten: »Sapperlot ... Ein Mann muß nach Tabak riechen und sich für Pferde interessieren.« Gabriel versengte sich die Nase beim Anzünden, verschluckte den Rauch und fing schließlich an heftig zu husten, wobei er die glühende Asche auf Desperdicios Hand fallen ließ. Dieser stieß einen Fluch aus. Die anderen schüttelten sich vor Lachen, und der Stierkämpfer, der Gabriel wütend ansah, steckte seinen Tabaksbeutel in die Tasche und sagte laut: »Frecher Kiebitz!« Aber ein noch größerer Kummer harrte Gabriel; einer der Studenten zog zwei unanständige Photographien hervor, die er soeben von einem Streichholz- und Zeitungshändler, der sie schamlos feilbot, gekauft hatte, und die Unterhaltung wurde hierauf so zynisch, so ekelhaft, daß Gabriel wohl einsah, wie nötig es wäre, entweder jenen Lumpen Schweigen zu gebieten oder die Gesellschaft zu verlassen. Aber sowohl zu dem einen wie zu dem anderen fehlte ihm die Willenskraft. Er senkte die Augen, schloß die Ohren und erhob in seinem Innern sein Herz zu Gott... Aber er fürchtete den Spott, fürchtete das Gelächter, vielleicht die Frechheit des Possenreißers und rührte sich nicht von seinem Platz. Das Gewissen schlug ihm zwar energisch, gewaltig und drohend, aber Gabriel schloß einen Pakt mit ihm, indem er ängstlich in Gedanken sagte: Später, mein Gott! ... Jetzt – jetzt nicht, damit sie mich nicht auslachen ... Später ... werde ich gehen, aber unbemerkt ... Dieser Kampf Gabriels blieb den Studenten nicht verborgen und sie blickten sich boshaft lächelnd an. Garcia kam ihm zu Hilfe, er sprach mit Desperdicios von den Stierkämpfen. Die Großtuerei und Lügen des Stierkämpfers erregten bald darauf die allgemeine Aufmerksamkeit und Gabriel atmete erleichtert auf. Nach und nach belebte sich die Unterhaltung und die Gesellschaft teilte sich in zwei Parteien, die einen Anhänger von Lagaritjo, die anderen von Courrito Cuchares, mit Desperdicios, dessen Schüler, an der Spitze. »Rafae ist kein guter Stierkämpfer mehr,« schrie Desperdicios. »Rafae ist ein famoser Torero.« schrie sein Gegner noch lauter: »Wann hast du jemals bei Currito zehn Minuten langes Wedeln uns bei Rafae in Cordoba gesehen, bei Triguitos Unfall? ...« »Das sind Faseleien,« entgegnete Desperdicios. »Wenn man mit Stieren kämpfen will, muß man sich nicht an den Schwanz des Stieres stellen. Wer mich nicht gesehen hat vor einem gewaltigen Stier mit dem Stoßdegen in der Hand, wie es in Argecira mit einem Stier von Veraguas der Fall war .... Das war famos! Donnerwetter ... Dreimal warf ich den Mantel über ihn und dann stieß ich ihm den Speer hinein und zog ihn heraus und das Vieh fiel und die Zuschauer jauchzten ... Das nenn' ich Gefahr! ... Man warf mir Hüte zu und Zigarren und Trauben und Stühle und Bretter und ...« »Und als sie nichts mehr zum Werfen hatten ... zog einer eine Pistole heraus und gab einen Schuß ab,« ... unterbrach ihn trocken der Anhänger von Lagartijo. Diese Äußerung wirkte wie ein kaltes Bad auf den Enthusiasmus des Stierkämpfers und rief allgemeines Gelächter hervor. Empört rollte Desperdicios seine Glotzaugen, und sich auf Gabriel, den Schmächtigsten unter ihnen, stürzend, sagte er zu ihm mit der Gebärde wie: na, du kannst dein Testament machen: »Sagen Sie mir mal, mein Bürschchen, habe ich etwas Affiges im Gesicht oder komme ich Ihnen sonstwie lächerlich vor?« Das Lächeln erstarb auf Gabriels Lippen, das Blut drang ihm ins Gesicht und mechanisch wandte er seine Augen Garcia zu; aber unglücklicherweise sprach dieser gerade zwei Schritte davon mit einem Kaffeekellner und so antwortete der arme Bursche stotternd: »Lieber Freund ... ich! .. es lachen doch alle.« Desperdicios zog sich den Hut ins Gesicht, stützte seinen Ellenbogen auf den Tisch und eine Hand in die Hüfte, blickte Gabriel starr an und sagte zu ihm, nach rechts und links ausspuckend: »Wenn auch alle lachen, ich bitte mir aus, daß Sie ernst bleiben! Verstanden?« Gabriels Verwirrung hatte sich bis aufs äußerste gesteigert, und ohne zu wissen, was er antworten oder tun sollte, richtete er einen flehenden Blick auf seinen Freund und rief ängstlich: »Garcia! ... Garcia! ...« Aber noch bevor dieser ihm noch zu Hilfe kommen konnte, änderte Desperdicios seinen Ton und seine Gebärde, legte Gabriel eine Hand auf den Kopf und sagte mit weicher Stimme und grotesker Augenverdrehung: »Ach, liebe Mama... erschrecken Sie nur nicht. Es will einer Ihrem Kinde etwas tun!« Gabriel war in seinen Stuhl zurückgesunken ... er wurde bleich wie Wachs ... dann rot wie eine Granate ... Plötzlich sprang er auf, hochaufgerichtet wie ein wildes Tier und warf dem Stierkämpfer die Tasse ins Gesicht, die er vor sich stehen hatte: »Kanaille!« schrie er. »was denkst du dir?« Und seine Lippen ... jene reinen Lippen, die so oft zu Maria, der Unbefleckten, gebetet hatten, befleckten sich zum erstenmal mit einem unreinen Wort... Darauf folgte ein Augenblick der allgemeinen Verwirrung. Garcia stürzte sofort hinzu: einige Studenten hielten Gabriel zurück, der, vor Wut schnaubend, sich in einen Stuhl fallen ließ und Teller und Tassen gegen den Marmortisch schleuderte ... Desperdicos blieb wie angenagelt auf seinem Stuhl sitzen, bleich wie ein Sterbender. Das Lamm hatte sich in einen Löwen verwandelt und der Kiebitz zeigte die Klauen und den Schnabel eines Adlers. »Ach. das war ja nur Spaß!« sagte er, Gabriel die Hand hinstreckend. Der aber stieß ihn wütend mit der Faust zurück. Da schrie Garcia: »Gabriel! Donnerwetter! Es war ja nichts! Sapperlot! Wir sind alle Freunde!... He, Kellner! Bringen Sie Gläser, Manzanilla und Kuchen. Das ist ein Ärger, der sich mit Wein fortspülen läßt! He, Kerle! Kommt, laßt uns spielen, trinken, lustig sein!« Nach und nach beruhigte sich Gabriel. Der Kellner brachte Pasteten, Gläser, Manzanilla, und alle bemühten sich, den Beleidigten zu beruhigen, der, ohne mit den Wimpern zu zucken, Wein trank, so oft man ihm einschenkte. Das Feuer des Weines stellte den Frieden wieder her; Gabriel trank Desperdicios zu und dieser wieder Gabriel und alle klatschten Beifall und schrien laut, indem einer den andern übertönte. »Spielen wollen wir, spielen!« brüllte Garcia, als die Freude ihren Höhepunkt erreicht hatte ... »Meine Herren, wo können wir ein Spielchen machen?« Sie berieten eifrigst; der Tabaksbeutel Desperdicios machte oft die Runde wie unter den Rothäuten die Friedenspfeife. »Im Hause von Donna Joaquina!« rief eine energische Stimme. Gabriel fragte Garcia leise, wer jene Dame wäre. Dieser schwankte einen Augenblick und sagte einfach: »Es ist eine Witwe, die Gesellschaften gibt ... Du wirst sehen, wie lustig es dort ist...« »Gehen wir,« rief Gabriel. Er erhob sich wie unter dem Einfluß des Weines und der Erregung als erster, warf ein Fünftalerstück auf den Tisch, um die Zeche zu bezahlen, und wandte sich murmelnd zur Türe: »Ich gehe ... ich gehe... und wenn es eine lustige Gesellschaft ist, will ich mitgehen und wenn ich mich auch die ganze Nacht langweilen sollte. Oho, man soll mich nicht noch einmal für einen Schwächling halten ... für einen...« Und vor Wut blieben ihm die Worte im Halse stecken, und um jene gewichtige innere Stimme zum Schweigen zu bringen, sagte er zu sich selbst: darf man denn nicht mit Leuten niederen Standes umgehen, ohne Gott zu beleidigen? Die Gesellschaft machte sich auf den Weg, stieß die Vorübergehenden an, trat in verschiedene Läden und ging wieder heraus, indem sie die Straße mit ihrem Geschrei erfüllte und an schon geschlossene Türen klopfte. Endlich kamen sie in eine kleine Sackgasse und machten halt vor einem verfallenen Häuschen, dessen traditioneller sevillanischer Vorflur mit einem schmutzigen, rot und weiß gestreiften Vorhang verhüllt war. Die Tür öffnete sich wie von selbst, eine Alte hob den Vorhang, und Gabriel konnte dahinter verschiedene buntgekleidete Frauen entdecken, die rauchend im Hofe saßen. Die Alte öffnete die Türe von innen und sagte mit leiser Stimme: »Nur herein, meine Kinder! ...« Und so traten sie ein, alle! ... Alle außer Gabriels Schutzengel, der, das Gesicht mit seinen Flügeln verhüllend, an der Türe stehen blieb. Sevilla, die schöne Andalusierin, die sich im Guadalquivir wäscht und von Orangenbäumen durchduftet ist, ist ein armes, lustiges, vielleicht etwas verrücktes Mädchen, das noch immer nicht vergessen kann, daß es von frommen Eltern abstammt. Selbst in den Tagen, du sie mit halblangem Rock zu den Stierkämpfen geht, mit spitzen Stiefeln, dem Spitzentuch und dem Schildpattkamm, wecken sie Hunderte von Glocken, um sie vor Beginn des Tages zur Messe zu rufen. Wie fröhlich, wie hell klingt das Echo des Weltalls für den, der ruhigen Gewissens den Frieden sucht und auf den liebevollen Klang: Komm, komm! lächelnd erwidert: Ich komme, ich komme!... Wie feierlich, wie erhaben, wie voll von Versprechungen klingt dieser Ruf an das Ohr dessen, der sich losreißt aus der Schlaflosigkeit des Kummers, der seine Tränen trocknet, um jener Stimme zu folgen, die da ruft: Hoffe, hoffe!... Wie schrecklich, wie entsetzlich, wie voll von Drohungen, ein Widerhall des befleckten Gewissens für den, der sich die Ohren zuhält, um nicht zu hören und zu sehen und doch die metallische Stimme hört: fürchte mich! So sollten auch jene feierlichen Klänge in den Ohren dreier Männer widerhallen, die mit dem hereinbrechenden Tage bei dem bleichen Licht der Morgendämmerung um die Ecke eines Sackgäßchens bogen, um schweigend den Weg nach dem Platz der Stierkämpfe einzuschlagen. Der eine war Desperdicios, der zweite Garcia und der dritte Gabriel! ... Aber kein froh lächelnder Gabriel mit der blau und weißen Krawatte, den Farben der Unbefleckten, sondern ein bleicher Gabriel, mit geröteten Augen, kopfhängerisch, mit den Händen in den Hosentaschen und hochgeklapptem Kragen. denn ihn fror, es fror ihn an Körper und Seele. Das fahle Licht der Dämmerung fing schon an seine Leichenfarbe zu verbreiten und überraschte in den einsamen Straßen die Hunde, die in den Kehrichthaufen ihr Futter suchten, und jene fremdartigen Geschöpfe jeden Alters und Geschlechts, Typen, die am Tage unsichtbar sind, die in großen Städten nur zu Nacht aus ihren Spelunken hervorkriechen und sich dann, wie kleine Raubtiere, beim ersten Strahl der Morgensonne wieder dahin zurückziehen. Trotz der frühen Stunde standen die Kuchenbäcker vom Tore de Triana schon in ihren Buden an den Eingängen des Stierkämpferplatzes und verabfolgten beim Schein einer Blechlaterne die herkömmlichen Kuchen und die Gläser mit Anisett an die zahllosen Gruppen von Menschen aus der Umgegend, die herbeiströmten, um dem Einsperren und dem Kampf des Branntweinstieres beizuwohnen. Diese in anderen großen Städten Andalusiens gewöhnliche Sitte ist in Sevilla nicht immer üblich: man hat sich daran gewöhnt, die Einsperrung der Stiere um Mitternacht und bei verschlossenen Türen vorzunehmen, und der traditionelle Stier, Branntweinstier genannt, weil während seines Kampfes, dem jeder beiwohnen kann, der die vier Heller Eintrittsgeld bezahlt, so viel verschwendet und getrunken wird, ist abgeschafft. Der Platz bot in seinem Innern nicht jenen malerischen Anblick, den das Publikum bei den Stierkämpfen durch bunte Farben, Erregung, Luxus, Grazie, Leben und Bewegung zu bieten pflegt. Man sah im Gegenteil eine Menge Männer und Frauen des gemeinsten Pöbels, der alle Plätze vom Amphitheater bis zu den Logen mit jenem fürchterlichen Geschrei erfüllte, das auch am Nachmittag ertönt, das aber jetzt um vieles kreischender und greller erklang. Hunderte von Verkäufern gingen überall herum mit einem kleinen, fettigen, schmutzigen Gefäß und einer grünen Branntweinflasche, die sie mit den Worten anboten: »Wer hält es mit dem Stierkämpfer?« ... Eine bedeutsame Frage, auf welche der Inhalt der Flasche der imstande ist, Mut einzuflößen, jedem eine Antwort erteilt, der sie an die Lippen bringt. Gabriel und seine beiden Begleiter hatten sich einen Sperrsitz dicht hinter den Planken genommen. Ein Branntweinverkäufer kam hier mit seiner grünen Flasche vorbei! Desperdicios rief ihn an und sagte zu seinen Freunden: »He, Kameraden! Wir wollen den Kater töten.« Und als ob der Kater, den sie im Magen hatten, eine Boaschlange wäre, goß jeder von ihnen drei Gläser hinunter, Desperdicios in einem Zuge, Garcia schnitt Gesichter und Gabriel suchte mit geschlossenen Augen die heftige Übelkeit, die dieses Getränk ihm verursachte, zu überwinden, als wolle er damit auch eine innere Herzensangst hinunterwürgen, die ihm die Brust beklemmte. In demselben Augenblick fingen die Guindillas an hin und her zu laufen, um ganz rasch Platz zu schaffen; zugleich wurden die beiden großen Tore weit geöffnet, die, einander gegenüberliegend, den Eingang zur Arena bildeten und von denen das eine unter der Loge des Bürgermeisters und das andere an der Seite der Ställe gelegen war. Tiefstes Schweigen herrschte jetzt und aller Blicke wandten sich auf die Eingangstüre unterhalb der Bürgermeisterloge: zuerst vernahm man ein fernes Geschrei, dann die Schellen der Halter, die aus der Ferne zu hören waren, und zwei Minuten später stürmten die sieben für den Stierkampf bestimmten Stiere, in eine riesige Staubwolke gehüllt, in die Arena, begleitet von Viehtreibern. Picadores und Roués, echt andalusische Typen, die ebensowohl einen französischen Frack anziehen wie ein Schaffell umhängen und die Lanze der Stierkämpfer in die Hand nehmen. Ein Höllenlärm, der durch Schreien, Johlen und Pfeifen aus den oberen Rängen herunterdringt, veranlaßt die Stiere, erschreckt in ihrem wilden Lauf innezuhalten: indem sie die unruhigen Augen überall umherschweifen lassen, nehmen sie plötzlich Reißaus und folgen endlich dem Drängen des Leitstieres und den Schlingen der Viehtreiber, um dann truppweise, von dem Johlen der Menge und dem dichten, aufgewirbelten Staub begleitet, durch die Stalltüre zu verschwinden. Ein einziger Stier, schwarz wie die Nacht, macht am Eingang des Stalles kehrt, kommt in die Arena zurück und stürmt wütend auf die Jacken, Tücher und Fetzen los, die ihm das Publikum mit fürchterlichem Geschrei von der Barriere aus vorhält: endlich pflanzte er sich in der Mitte der Arena auf, den stolzen Kopf erhoben, dreht seine wilden Augen nach allen Seiten, als wolle er sich aus der Bürgermeisterloge würdige Feinde erbitten, um seine Kräfte zu erproben. Die Viehtreiber zu Pferde, mit ihren Wurfspießen in der eisernen Hülse, jagen darauf eilig mit jener Schnelligkeit und Behendigkeit, die sie von den Arabern geerbt haben, einher und beschreiben langgezogene Kreise um das Tier; dann kommen die zu Fuß mit dem Knarren ihrer Lederschlingen und treiben ihn einem Leitstier zu, der rhythmisch seine heisere Schelle erklingen läßt. Darauf ergibt sich der Stier, vernünftiger als die Menschen, jenen Sendboten des Friedens, senkt das Haupt, trottet langsam auf den Leitstier zu und tritt, dicht vor ihm halt machend, in die Ställe, wie ein ungezogenes Kind, das von seiner Mutter nach Hause geführt wird. Hinter ihnen schließt sich das weite Tor und eine Menge von Menschen und Kindern fangen nun an, von allen Seiten über die Schranken in die Arena hinunterzusteigen, mit alten Stierfechtermänteln, Fetzen, Kleidungsstücken, Knütteln und Wurfspießen ausgerüstet. Ein Trompetenstoß erklingt. Die Stalltür öffnet sich, der Branntweinstier stürzt auf den Platz und greift jene menschliche Mauer an, die nach allen Seiten auseinander stiebt, einige hier niederstürzend, andere sich dort aufrichtend, bis sie mit einem einzigen Satz über die Barriere springen, um dort Schutz zu suchen. Eine ganze Stunde dauert dieser Tumult, bei welchem das Umherwälzen auf der Erde mit Faustschlägen, Unzüchtigkeiten und Gotteslästerungen, die Grausamkeit der Menschen mit der Brutalität des wilden Tieres abwechselt, bis das arme Vieh, das schon alt und zum Kampfe nicht mehr geeignet ist, sich an der Barriere niederkauert, um Front gegen seine Feinde zu machen, die mit eisernen Stangen auf ihn losschlagen und ihm aus Lust an der Quälerei die Wurfspieße sogar ins Maul treiben. Ach, wie grausam ist der Mensch: kein König, sondern ein Tyrann aller Tiere! Währenddessen hatte das Getränk, das die Freunde zur Beschwichtigung des Katers geleert, bei allen dreien ganz verschiedene Wirkungen hervorgebracht. Desperdicios schwatzte unaufhörlich und ließ, durch den Alkohol veranlaßt, seinen prahlerischen Neigungen freien Lauf, Garcia war auf eine Bank gesunken, versuchte sich zu erbrechen und zeigte den bejammernswerten Zustand eines regelrecht Betrunkenen, und Gabriel, der unschuldige Gabriel, mit verzerrten Zügen und außer sich, mit aufgeknöpftem Hemd, unter dem ein blaues Stapulier und eine goldene Medaille an einer Kette aus demselben Metall sichtbar wurde, schrie und schlug um sich wie ein vom Delirium Besessener. Plötzlich jagte der Stier, dem der Spieß in der Weiche saß, über den Platz, schnell wie ein Pfeil, um an den Stangen der Barriere dicht neben Gabriel Schutz zu suchen. Der Bürgermeister gab ein Zeichen, und wieder erscholl ein Trompetenstoß, der die Leitstiere herbeirufen sollte, damit sie das unglückliche Tier fortführten, um es endlich von seinen Henkern zu befreien. Da kam ein unvermuteter Zwischenfall, wie er sich so häufig bei Stierkämpfen zuträgt, wo jede Freiheit erlaubt ist, und jede Unverschämtheit und Schamlosigkeit gutgeheißen wird. Drei der Studenten, die in der vergangenen Nacht unsere Helden begleitet hatten, lauerten von ihrem Sperrsitz aus Desperdicios auf, um dem Feinde von Lagartijo einen Streich zu spielen. Sie begannen sofort, nachdem die Treiber mit den Leitstieren auf dem Platz erschienen waren, mit Stöcken auf das Gelände zu schlagen: »Desperdicios soll ihn töten!... Desperdicios soll ihn töten!« Der Schrei irrte mit der Schnelligkeit eines elektrischen Funkens durch den Raum, und schon im nächsten Augenblick schrie alles zu gleicher Zeit und begleitete das Schreien mit Schlägen: »Desperdicios soll ihn töten!... Desperdicios soll ihn töten!« Diese wunderliche Kundgebung erbitterte den Stierkämpfer derartig, daß er schimpfend aus der Arena fliehen wollte und wutentbrannt schrie: »Die Seuche soll ihn töten, Donnerwetter – der Blitz soll niederfahren und ihn treffen! ...« Gabriel schrie auch, schwenkte den Hut und hielt Desperdicios am Ärmel fest; aber dieser riß sich los und brüllte, seinen Arm dem Stier entgegenstreckend, wütend: »So geh du doch, du feige Memme ... Geh, gib ihm den Genickstoß, wenn du den Mut dazu hast!« »Ich eine feige Memme?« schrie Gabriel außer sich. Und schnell wie der Blitz riß er sich die Jacke ab und sprang mit einem Satz in die Arena. Garcia wollte ihn zurückhalten, es gelang ihm aber nur noch, seinen Hut zu fassen, der ihm in der Hand blieb. Taumelnd stürzte er ihm nach: aber es war zu spät. Gabriel stand vor dem Stier und mit ausgebreitetem Rockschoß trat er einen Schritt vor und lockte ihn ... Das Tier senkte den Kopf und zeigte seine blutende Zunge, drängte zurück bis gegen die Barriere, scharrte mit den Füßen, bewegte die Ohren und holte zum Stoß aus ... Plötzlich ertönte ein entsetzlicher Schrei, einer von denen, der durch einen einzigen Mund aus tausend Kehlen zu dringen scheint. Dann sah man Gabriel durch die Luft wirbeln und, das Gesicht nach unten, mit ausgebreiteten Armen schwer und leblos wie ein Mehlsack in die Arena fallen ... –  –  –  –  –   Gabriel öffnete die Augen und sah sich in einem schmalen, dürftigen aber reinlichen Bette. Rechts und links hing ein weißer Vorhang und ein dritter schloß die Vorderseite des Bettes ab, ihn wie in einen Sarg von Leinen einschließend. Gabriel blickte um sich und nahm an der kahlen Wand ein Kreuz aus schwarzem Holz und darunter eine kleine Tafel wahr, auf der mit schwarzen Lettern die Nummer 33 stand. Es schien ihm, als ob er hinter dem Vorhang zur Rechten ein mühsames Atmen und zur Linken von Zeit zu Zeit einen rauhen Husten vernähme. Gabriels Bewegung beim Drehen des Kopfes verursachte ein Krachen des Bettes: bei diesem Geräusch hob sich leise der mittlere Vorhang und er sah mit Erstaunen eine Barmherzige Schwester vor sich. Als die Schwester näher trat, sank sein Kopf in die Kissen, als sähe er eine Erscheinung aus der andern Welt. »Was wünschen Sie?« fragte die fromme Schwester, sich liebevoll über das Bett neigend. »Wo bin ich?« murmelte Gabriel erschreckt. Die Schwester blickte ihn mit einem Ausdruck tiefster Ruhe an und sagte sanft: »In Gottes Haus, mein Bruder.« Gabriel setzte sich mit einem Ruck im Bette auf, und die Nonne am Ärmel fassend, fragte er mit entsetzten Augen: »Im Hospital?« »Aber habe ich denn nicht gesagt, in Gottes Haus, mein Bruder?« entgegnete sie, sich leise entfernend. »Ich im Hospital ... im Hospital.« rief Gabriel erschreckt aus, und Scham und Schreck raubten ihm von neuem die Besinnung. Gabriel befand sich wirklich im Hospital, wohin man ihn auf einer Tragbahre gebracht hatte, ohne seine Persönlichkeit feststellen zu können. Desperdicios war verschwunden; Garcia, betrunken wie ein Stier, war sich des Vorfalles nicht ganz bewußt und hatte sich endlich, als er sich allein auf dem Platz sah, in eine Loge gelegt, wo man ihn beim Beginn des Kampfes schlafend fand. Bei der Ankunft im Hospital hatte Gabriel die Besinnung noch nicht wieder erlangt: ein Arzt untersuchte ihn eingehend, dreht sich dann um und sagte: »Bah ... ein Rausch und ein Sturz! Er soll ruhig seinen Rausch ausschlafen und dann beobachtet werden, denn der Fall könnte schwere Folgen haben.« Gabriels elegante Kleidung, seine zarten Hände und die Vornehmheit, die sich trotz seines bejammernswerten Zustandes in seiner ganzen Persönlichkeit zeigte, bewiesen deutlich, daß er nicht derjenigen Klasse von Menschen angehörte, welche die Hospitäler zu füllen pflegen. Trotzdem legte man ihn in einen gemeinsamen Saal und eine Schwester wurde zu seiner Pflege bestimmt. Als Gabriel von neuem ohnmächtig wurde, hielt die Schwester ihm eine Flasche mit Äther unter die Nase. Darauf öffnete er die Augen, schloß sie aber gleich wieder mit einem tiefen Seufzer. »Nur Mut,« sagte die Schwester, »es ist nichts.« Gabriel verharrte schweigend und lag lange mit geschlossenen Lidern, bleich und unbeweglich wie ein Toter. Plötzlich öffnete er seine schönen Augen, die voller Tränen waren, und sagte mit zitternder Stimme: »Schwester, werde ich sterben? ...« »Nein, mein Bruder.« rief die Nonne bewegt. »Es ist nichts ... Nur der Schrecken, weiter nichts ... Der Doktor hat nur ein paar Tage völliger Ruhe unter ärztlicher Aufsicht verordnet ...« Und wieder schloß Gabriel die Augen und zwei dicke Tränen rannen über seine Wangen und fielen auf das Kissen herab: die Schwester sah, wie er die Lippen bewegte und etwas, was sie nicht erkennen konnte, unter der Decke gegen seine Brust drückte. Sie entfernte sich, als sie ihn ruhig liegen sah, auf den Fußspitzen und ließ ihn allein ... allein in einem Bett im Hospital ... allein mit seiner verlorenen Unschuld ... Darauf zog Gabriel unter der Bettdecke das goldene Medaillon, hervor, das er am Halse trug und küßte es schluchzend. Es war das Medaillon von seiner ersten Kommunion, das seine Mutter eigens für ihn hatte prägen lassen. Auf der einen Seite zeigte es das Bild der unbefleckten Jungfrau, auf der anderen das Datum: 8. Dezember und die Inschrift: » Monstra te esse matrem .« Monstra te esse matrem ,« rief Gabriel, in Tränen ausbrechend. Das Schluchzen, das bittere Schluchzen der Reue, dem die gewährte Verzeihung später eine solche unaussprechliche Linderung verleiht, schnürte ihm die Kehle zu und ihm entfuhr ein schmerzliches »Ach!« Zwei Stunden lang dauerte jener Kummer, bei dem er tausendmal wahnsinnig zu werden fürchtete ... Gott beleidigt ... seine Mutter zur Verzweiflung gebracht ... seinen Namen entehrt... das waren die drei Gedanken, die seine erregte Wirklichkeit mit der Einbildung, das Gewisse mit dem Gefürchteten, das Demütigende mit dem Schrecklichen vermischten, um sein Herz schwer zu belasten, gleich als ob jene drei großen Schranken der Seele: Gott, Familie und Ehre, sich auf ihn stürzten, um jeden Gedanken an Trost und jeden Schein von Hoffnung unter den Trümmern der Sünde, der Undankbarkeit und der Schande zu begraben ... Der erbarmungslose Windstoß der Verzweiflung fuhr trocken und glühend heiß über seine Seele, wie der Samum der Wüste, und flößte ihm teuflische Gedanken ein, die der Arme von sich stieß, indem er das Medaillon der Jungfrau an die Brust drückte, mit der Angst eines Menschen, der sich, schon im Sturz begriffen, ängstlich festklammern will. » Monstra te esse matrem !« rief er aus. » Monsta te esse matrem !« Es geschieht zuweilen während starker Herzensstürme, daß die Phantasie Wellen schlägt und wie eine böse Nereide wächst, daß ein gewöhnlicher Unfall, eine einfache Beobachtung, vielleicht eine unbestimmte Sorge genügen, um dem Gedankengang eine andere Richtung zu geben, um das Gefühl in andere Bahnen zu lenken und die düsteren Schlösser zu stürzen, die jene törichte Feindin der Vernunft, die den Menschen so zu quälen vermag, errichtet hat. Ein Geräusch von Schritten und Stimmen brachte in Gabriel diese Wirkung hervor. Jener Lärm kam näher und näher und setzte wiederholt, in kurzen Zwischenräumen, aus, endlich hörte er ihn zwei Schritte von keinem Bett hinter dem Vorhang und ein einziges Empfinden: Scham, beherrschte Gabriel völlig, alle anderen Gefühle, die in seinem Herzen lebten, zurückdrängend. Er verbarg sein Gesicht in dem Kissen und bedeckte den Kopf mit der Bettdecke, ohne sich zu rühren. Der Vorhang hob sich schließlich, und es trat der Arzt mit einem Assistenten und der Schwester an sein Bett. Das war Gabriels große Sühne! Jenes: Was werden sie sagen – das eitle Phantom der feigen menschlichen Achtung, das ihn Schritt für Schritt auf das traurige Bett eines Hospitales geworfen hatte, erschien in deinen Augen wie eine Strafe und nahm eine so fürchterliche Färbung an, daß der Unglückliche fühlte, wie die glühende Schamröte in seinem Gesicht aufstieg und wie die bitterste Ohnmacht des Kummers sein Herz bedrückte. Er verharrte schweigend in seinem Bett, wagte weder sich zu regen noch zu atmen und hoffte, daß sie, in der Meinung, er schlafe, still vorübergehen würden. Aber der Arzt trat ans Bett, hob den Vorhang auf und dahinter wurde Gabriels Gesicht sichtbar, blaurot, mit gesenkten Augen, aus denen Ströme von Tränen flossen, ein bebendes Bild der Verwirrung, wie sie sich wohl auf den Zügen unserer Ureltern malen mußte, da sie sich ihrer Schuld bewußt wurden. Der Arzt hatte Mitleid mit ihm. Er richtete liebevoll einige Fragen an ihn über sein Befinden, und Gabriel antwortete einsilbig, ohne die Augen zu erheben. Darauf fragte ihn der Assistent nach seinem Namen und seiner Wohnung, um ihn in die Liste aufzunehmen. Diese unerwartete Frage erschreckte Gabriel aufs äußerste; er faltete flehend die Hände und bat, in tiefstem Kummer unaufhörlich weinend, man möchte ihm diese Formalität ersparen und ihn allein und verlassen in irgend einem Winkel sterben lassen, bevor er seinen Namen entehrte, indem man ihn in der Liste eines Hospitales aufnahm, wohin ihn nicht Armut, sondern sein Wahnsinn und sein selbstverschuldetes Elend getrieben. Gerührt legte der Arzt ihm die Hand auf die Stirne, strich ihm liebevoll die roten Locken fort, die sie bedeckten, und sagte zärtlich: »Nun gut, mein lieber jung«r Freund, das ist nicht notwendig. Haben Sie nur Mut und Vertrauen! ... Wenn Sie die Nacht ruhig verbringen und keine inneren Beschwerden fühlen, können Sie morgen in Ihrem Hause schlafen.« Gabriel küßte in einer raschen Aufwallung die Hand, die ihn liebkoste, und bewegt entfernten sich die drei Umstehenden endlich, indem sie den Vorhang sorgfältig niederfallen ließen. Ach, wie deutlich sah nun Gabriel beim hellen Himmelslicht, wohin die Gottesverachtung, die unsinnige Furcht vor der Welt und der Mangel an gesundem Menschenverstand führt! Wie klug und väterlich erschienen ihm jetzt jene Ermahnungen des Paters Velasco und seine Prophezeihungen, die damals seinen Stolz so schwer kränkten. »Junger Pilatus, gedenke des Pilatus!...« Denn wie Pilatus und schlimmer noch als Pilatus hatte er Christum überliefert, weder aus Furcht vor einem wütenden Volk, noch aus Angst vor einem Cäsar, sondern aus Angst vor dem Spott – welche Schmach! – eines verkommenen Jungen Laffen und eines nichtswürdigen Prahlers ... Und um dem derben Spott jener verächtlichen Wesen zu entfliehen, hatte er selbst sich der gerechten Verachtung aller ehrbaren Menschen ausgesetzt, die ihn jetzt in dem geringen Bett eines Hospitals sahen. Noch dazu erwarteten ihn die bitteren Vorwürfe seiner Mutter und der gerechte Tadel aller, die um jenen Vorfall wußten, der ebenso schrecklich wie lächerlich, ebenso schuldvoll wie schändlich war. »Welche Blindheit!« rief Gabriel, sich mit beiden Händen am Kopf fassend, »Welcher Wahnsinn von mir! ... Niemals werden die Meinungen der Menschen übereinstimmen, weil die Leidenschaften die Richtschnur ihres Urteils bilden und die Leidenschaften bei allen verschieden sind ... Und ist es bei der Unmöglichkeit, allen zu gefallen, nicht ein blinder Wahnsinn, eine unsinnige Dummheit, den Beifall der Bösen der Anerkennung der Guten vorzuziehen? Sich der gerechten Verachtung der Vernünftigen auszusetzen, um dem ungerechten Spott verkommener Menschen zu entgehen? Was wird diese so fromme Schwester, was dieser so liebevolle Arzt, was meine Mutter sagen? ... Meine geliebte Mutter, der das Herz bräche, wenn sie um die Schandtaten und die Schamlosigkeiten ihres armen Sohnes wüßte?« Und hier wurde Gabriel von neuem durch Schluchzen unterbrochen, bis er endlich fortfuhr: »Was für eine verächtliche Bosheit, was für eine lächerliche Infamie, um der Achtung der Menschen willen zu sündigen! ... Zu sündigen weder um eines verbotenen Genusses noch um der Erlangung eines verbotenen Vorteils willen, sondern nur aus Furcht vor einem höhnischen Gelächter. Sich zu erdreisten, den Zorn eines Gottes herauszufordern, weil man nicht den Mut hat, dem Spott der Menschen die Stirne zu bieten! ... Als ob der Spott der Menschen nicht das sicherste Pfand für die Gnade des Himmels wäre! Als ob man nicht in dem Augenblick, wo die Welt den Gerechten zurückweist, schon gänzlich Jesus Christus angehörte! ...« Diese Gedanken belebten Gabriels Mut und ließen aus der bitteren Wurzel der Schuld die saftige Frucht der Besserung reifen. Jetzt kehrte er reuig zurück zu jenen guten Vätern, die seine Unschuld gehütet, seinen Fall vorausgesagt und ihm mit liebevoller Fürsorge die Mittel gezeigt hatten, sich wieder zu erheben. Die Jesuiten hatten in Sevilla eine Erziehungsanstalt; aber Gabriel war niemals darin gewesen, wußte auch nicht, ob dort ein ihm bekannter Pater wohnte. »Und was tut das?« sagte er sich mit stets wachsender Erregung. »Rühmen sich denn nicht die Jesuiten, alle dasselbe Herz und dieselben Gedanken zu haben? ... Jedweder von ihnen wird mich liebevoll in seine Arme nehmen und mich mit Klugheit leiten ... Jedweder wird mich mit meinem Gott aussöhnen und mir helfen, meine Mutter zu trösten ... Mutter, Mutter! Meine arme Mutter! Wie wirst du leiden!« Und der arme Bursche fuhr fort zu weinen, in der Einsamkeit zu weinen, aber er sah schon von ferne das Heilmittel, und weit öffnete sich sein Herz der Hoffnung ... Schlaf und Müdigkeit befielen ihn endlich kurz vor Anbruch des Tages; und als die Schwester ihre erste Runde machte, fand sie ihn noch schlafend mit dem Medaillon der unbefleckten Jungfrau in der Hand, zwei große Tränen in den Augen und ein leises Lächeln auf den Lippen. Erst nach Sonnenuntergang verließ Gabriel das Hospital, denn er hatte das dringende Verlangen, sich zu verbergen, wie der Schuldige sich in Dunkel zu hüllen liebt, aus Furcht, daß man seine Gewissensbisse erraten könne. Raschen Schrittes entfernte er sich von dem Orte, wo er angefangen hatte, seine Schuld zu büßen, und wandte sich der Erziehungsanstalt zu, in der er sie ganz zu tilgen hoffte. Aber je mehr er sich der Anstalt näherte, desto langsamer wurde sein Gang, ohne daß er wußte, weshalb; sein Mut schwand, tausend und aber tausend Zweifel erregten sein Gemüt und riefen eine gewisse Unruhe, eine gewisse Bitterkeit in ihm hervor, die seine guten Vorsätze aufsogen wie der Boden der Wüste den Saft einer Pflanze ... Wie listig ist der Geist der Finsternis und mit welch schlauer Verräterei pflegt er das gefährlichste seiner Netze der menschlichen Schwäche und Unbeständigkeit zu legen: das Hinausschieben eines guten Vorsatzes. Es schien Gabriel weder nötig noch klug zu sein, sich ohne Zwang einem fremden Pater anzuvertrauen; schon meinte er, zu Hause seine lange Abwesenheit unter einem nichtigen Vorwand erklären und dort erforschen zu können, ob seine Mutter von dem Abenteuer gehört hätte, um dann später zu beichten, wenn er einen fremden Priester finden würde, dem er seinen Namen nicht zu nennen brauchte. Es gab deren ja so viele in Sevilla und es würde ihm so leicht werden, einen zu finden! Außerdem dachte er, den Schritt immer mehr verlangsamend. daß es bereits spät und die Anstalt geschlossen sei, und es eine Dummheit wäre, zu dieser Zeit noch zu stören. Diese Hoffnung stimmte Gabriel vollständig um, denn sie gewahrte ihm die Möglichkeit, seinen Impuls, der ihn nach der Anstalt zog, mit dem inneren Widerstreben in Einklang zu bringen, das ihn, je näher er dem Hause kam, immer mehr beherrschte. Ein Wagen, der ihm den Weg versperrte, galt ihm als Vorwand, um einen Umweg zu machen; zwei zankende Frauen veranlaßten ihn, sich eine gute Weile aufzuhalten, da er sehen wollte, wer im Streit recht behielte; und trotz alledem befand er sich früher, als er dachte und wünschte, vor der Anstaltstür. Er fand sie weit geöffnet, ein mit Gepäck beladener Dienstmann suchte seine Last an der Ecke wieder in Ordnung zu bringen. Gabriels Füße trieben ihn, er wußte nicht wie, und anstatt in die verdeckte Vorhalle zu treten, schritt er weiter; aber in demselben Augenblick zwang ihn eine jener Episoden, die in den engen Straßen von Sevilla durchaus nichts Seltenes sind, zurückzutreten und im Portal des Hauses Zuflucht zu suchen, wenn er nicht umgerannt werden wollte. Ein Wagen, der an dem einen Ende der Straße einbog, und der Esel eines Wasserträgers, der von der anderen Seite kam, schlossen den mit Gepäck beladenen Dienstmann zwischen sich ein. Im Nu hatte sich ein dicker Menschenknäuel gebildet, aus dem das Geschrei des Kutschers, die Stimme des Eseltreibers und die Flüche des Dienstmannes ertönten. Gabriel wartete ungeduldig auf die Gelegenheit, den Fuß auf die Straße setzen zu können, als ein Greis, durch den Lärm angelockt, an der Tür der Anstalt erschien und bei Gabriels Anblick erfreut ausrief: »Gabriel. Gott sei Dank, daß ich Sie hier sehe! ... Ihre Mutter hatte dem Pater Rektor schon Ihren Besuch angekündigt und wir haben Sie erwartet ... Kommen Sie nur näher – ich will Sie sofort anmelden »Nein, nein, Bruder Bernardo,« rief Gabriel aufs äußerste verwirrt aus. »Es ist schon spät, und ich würde ihn nur stören ..« »Wieso denn spät? – Es ist ja noch nicht einmal acht Uhr ... Er wird mit den Knaben in der Kapelle sein und die Marienlitanei verrichten ... Treten Sie nur ein, Gabriel, ich will ihn sofort benachrichtigen.« Und der gute Bruder Bernardo, der Gabriel noch von der anderen Anstalt her kannte, und der hier das Amt eines Pförtners versah, führte den halb Widerstrebenden in den Empfangssaal. Gabriel setzte sich, unsicher und verwirrt, ohne recht zu wissen, was er tun sollte; das Herz klopfte ihm heftig bei jedem Geräusch, und wiederum war seine Seele von einer Bitterkeit erfüllt, die alle guten Vorsätze zunichte machte ... Da kam ihm der Gedanke, dem Pater Rektor nur einen höflichen Besuch abzustatten und sich so rasch als möglich wieder zu verabschieden. »Es ist so am besten.« sagte er sich endlich, »vielleicht weiß meine Mutter nichts und so kann ihr auch alles verborgen bleiben .. Und was das Beichten anbetrifft ... das mache ich später ab ... ein andermal ...« Der Pater Rektor ließ auf sich warten und die Zeit wurde Gabriel unerträglich lang. Plötzlich schlugen die Töne eines fernen Orchesters an sein Ohr, das einen heiligen Gesang präludierte ... Gabriel zitterte an allen Fibern, als er die ersten Akkorde vernahm, und seine ganze Seele schien in seinen Augen zu liegen, als würde sie durch jene sanften Töne angelockt. Das Orchester wiederholte die ersten Takte und Angst und Bitterkeit schwanden langsam aus Gabriels Seele, wie beim ersten Morgengrauen die dunklen Nachtschatten schwinden. Mehrere Knabenstimmen, rein und silberhell, wie zu einem einzigen Lichtstrahl vereint, sangen darauf: »Kommt, o kommet all, Mit Blumen um die Wette, Mit Blumen für Maria, Die du unsere Mutter bist.« »Die du unsere Mutter bist,« wiederholte Gabriel mit leiser Stimme und ein Schluchzen entrang sich seinen Lippen, während er die Hände gegen die Brust drückte, und sein Herz sich weitete, als ob es brechen wollte. Eine andere einzelne Stimme, klarer und weicher als die anderen, sang darauf: »Deine mächtige Hand Beschütze uns, du liebe Frau, Du mögest immer bei uns sein Auf allen unseren Wegen.« Gabriel konnte nicht länger widerstehen. Seine Angst löst sich in Tränen wie der Sturm in Regen, und indem er das Gesicht mit den Händen bedeckte, fiel er vor der Bank, auf der er gesessen, auf die Knie ... Es war der Gesang der Blumen des Mai, den er so oft vor der Jungfrau gesungen hatte, zur Zeit seines Aufenthalts in der Anstalt, in den Tagen seiner Kindheit, zur Zeit seiner Unschuld! ... Seine Lippen wollten schluchzend jene schönen Worte wiederholen, aber seine Zunge fürchtete sich, sie zu entweihen, und er blieb stumm. Die Kinder wiederholten nun gleichsam, als ob die Unschuld die Reue aufforderte, mit ihr ihre Stimme zu vereinen: »Kommt, o kommet all ... Die du unsere Mutter bist.« »Die du unsere Mutter bist,« wiederholte Gabriel endlich und vergoß Ströme von Tränen. »Die deine Mutter ist,« sprach eine Stimme hinter seinem Rücken, und bevor Gabriel sich umwenden konnte, umschlang ihn Pater Velasco mit beiden Armen und dem innigen Rufe: »Mein lieber, lieber Sohn! ...« »Ach, nennen Sie mich nicht Sohn!« rief Gabriel aus, das vor Scham errötende Gesicht an der Brust dessen bergend, der ihn so väterlich an sich drückte. »Mein lieber Herzenssohn ... aus dem Herzen meines Herzens, das Jesu Christo geweihet ist,« erwiderte Pater Velasco, ihn sanft in das angrenzende Gemach ziehend, indem er sich dicht neben ihn setzte und ihn immer noch umschlungen hielt. »Weine, Gabriel,« sagte er darauf zu ihm. »weine, mein Sohn, denn ich bin hier, um deine Tränen zu trocknen.« Gabriel weinte, weinte unaufhörlich, wie die Reue weint, die die Schuld büßen will; wie die Zerknirschung weint zur Läuterung der Seelen... Aber mit welch aufrichtiger Wonne weinte er an der Brust jenes Freundes! Mit welch heiliger Freude vereinten sich seine Tränen mit denen seines Retters! ... »Und was soll ich jetzt tun, Pater?« fragte er endlich mit erstickter Stimme, nachdem er ihm sein ganzes Mißgeschick erzählt hatte, ohne irgend einen Vorfall zu verschweigen. »Was du jetzt tun sollst?« erwiderte Pater Velasco. »Das, was Sankt Petrus getan hat .. Flevit amare : er weinte bitterlich. Dreimal hat er Christus verleugnet, aus Schwäche gleichwie du; um der Menschen willen wie du ... Und kennst du die Strafe, die ihm sein göttlicher Meister auferlegte? ... Er gab ihm keinen Verweis, machte ihm keinen Vorwurf ... die ganze Strafe, die er ihm auferlegte, bestand darin, daß er seine Liebe dreimal laut verkünden sollte: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe! ... So hast auch du ihn durch deine Sünde verleugnet. Gabriel ... Bekenne dich von neuem öffentlich zu ihm ... Morgen schließt der Monat Maria und wir feiern in der Kapelle die allgemeine Kommunion der Kongreganten ... Du wirst mir bei der Messe dienen und mit dem Skapulier der Unbefleckten am Halse wirst du, allen anderen voran, das Sakrament empfangen.« Gabriel faltete die Hände und senkte den Kopf, als ob die Last von so viel Güte ihn bedrückte. »Erscheint dir die Strafe zu hart, mein Sohn?« »O Vater ... mein Vater,« rief Gabriel schluchzend. »Also gut, mein geliebter Sohn ... Denke nicht mehr an das Vergangene, es sei denn um eine Lehre daraus zu gewinnen ... Und jetzt,« fuhr er, sich erhebend fort, »ruhe dich aus und richte dich zum Abendessen her, das schon im Nebenzimmer für dich bereit steht.« »Aber haben Sie mich denn erwartet, Pater Velasco?« fragte Gabriel überrascht. »Ja,« erwiderte der Pater. »Ich wartete auf dich und wartete auch auf andere .., Die Söhne reicher Eltern sind oft verlorene Söhne ... Deshalb ist die Türe stets geöffnet, damit sie nicht zu warten brauchen, wenn sie anklopfen ... Das Traurige, Gabriel, das Traurige ist, mein Sohn ... daß viele niemals anklopfen.« Darauf faßte Gabriel Mut, schüchtern zu fragen: »Und meine Mutter?« »Deine Mutter,« entgegnete Pater Velasco, »wird nicht strenger sein, als der Herr gewesen ist, ich übernehme es außerdem, diese Angelegenheit mit ihr zu ordnen ... Wann hast du ihr zum letztenmal geschrieben?« »An demselben Tage, an dem mein Mißgeschick anfing.« »Dann ist es wahrscheinlich, daß sie nichts davon weiß. Und dann wollen wir dafür sorgen, daß sie niemals davon erfährt ... Niemand kennt dich hier. Garcia weiß deine genaue Adresse in Sevilla nicht, und nach allem, was du mir erzählt hast, nehme ich an, daß er wohl schweigen wird ... Also nun zum Abendessen, Gabriel, ich werde deine Angelegenheit ordnen.« Darauf rief Pater Velasco einen anderen Pater, damit er Gabriel begleite; er selbst nahm Hut und Mantel und machte sich sofort auf den Weg nach dem Gasthaus. Eine halbe Stunde hernach war er zurück und übergab Gabriel einen Brief seiner Mutter, den diese am Abend vorher geschrieben hatte. Die gute Dame schrieb vollkommen ruhig und trug ihrem Sohne auf, Pater Velasco, der vor einigen Tagen zum Rektor der Anstalt ernannt worden sei, einen Besuch zu machen. »Herrlich,« rief er aus, als Gabriel seine Lektüre beendet hatte. »Somit und mit einem Briefchen von mir sind wir aus aller Verlegenheit ... Und wie gut, daß deine brave Wirtin noch nichts gemerkt hat, denn in Unruhe versetzt durch dein Verschwinden, war sie gerade im Begriff, bei der Polizei Anzeige zu erstatten und an deine Mutter zu schreiben ... Glücklicherweise kam ich noch zur rechten Zeit und konnte sie beruhigen.« Gabriel erfaßte des Paters Hand und drückte sie erregt an die Lippen. Dieser stand auf und sagte mit seltsamer Betonung, indem er die Arme gegen ihn ausstreckte: »Also ... gedenke des heiligen Petrus, liebes Peterchen.« Gabriel warf sich schluchzend in seine Arme. Am folgenden Tag feierte man in der Anstalt das Fest der schönen Liebe. Gabriel beichtete am Morgen beim Pater Velasco und mit dem Skapulier der Unbefleckten am Halse empfing er, allen voran, in der Kindermesse die heilige Kommunion. Nach dem Frühstück verabschiedete er sich von den Patres, um nach Hause zurückzukehren. Pater Velasco begleitete ihn bis zur Türe. Wie am letzten Tage beim Abschied aus dem Kolleg übergab er ihm eine große in einen Umschlag gehüllte Photographie. Sie stellte Sankt Peter in der Halle bei Kaiphas vor und von derselben Hand, die damals unter das Bild des Pilatus geschrieben hatte: Ecce homo , stand dieses Mal unter Sankt Peter: Flevit amare . Gabriel bewahrt sie in einem wunderbaren Rahmen auf; er gedenkt sie seinen Söhnen zu hinterlassen und jedesmal, wenn er sie betrachtet ... weint er still. Männer von ehemals. »Und sie waren groß in ihren Heldentaten und kurz in ihren Berichten.« Am 8. April 1579 machte sich im Feldlager der am Fuße der Mauer von Mastricht und auf beiden Ufern der Maas kampierenden Truppen eine ungewöhnliche Erregung bemerkbar. Deutsche, Burgunder, Irländer, Italiener und Spanier regten sich allerorten in ihren Quartieren mit jener ordnungsmäßigen Geschäftigkeit, die ein gemeinsames Vorgehen und die allgemeine Hingebung an eine Sache beweist. Die leichte Reiterei schleppte Äste und Unkraut von den Ufern des Flusses herbei; einige richteten Faschinen her, mit denen sie die Gräben ausfüllten, andere Schanzkörbe, um die Artillerie zu decken, wieder andere füllten Säcke mit Wolle und Hopfen, um Schanzen herzustellen, andere führten auf ihren von Ochsen gezogenen Lafetten Kanonen heran, welche Bresche in die Mauer schießen sollten, kurz, alles rüstete sich zum Sturm, der nach einer Belagerung von drei Monaten bei Sonnenaufgang des folgenden Tages unternommen werden sollte. Ein Reiter, von mehreren anderen gefolgt, besuchte auf seinem Braunen trabend die verschiedenen Quartiere und leitete und ermunterte alle: er trug keinerlei Waffen, nur einen blauen, mit Marderfell besetzten Überrock, auf dem Kopf eine Mütze aus demselben Material. Es war Alexander Farnese, Herzog von Parma und Piacenza, General-Gouverneur der Niederlande im Namen seiner katholischen Majestät Philipps II., des weisen Königs. Im Hintergrund hoben sich die schwarzen Mauern von Mastricht ab, der unglücklichen Stadt, die damals unter der dreifachen Geißel des Krieges, des Hungers und der Gesetzlosigkeit zu leiden hatte. Die protestantische Besatzung hatte die katholischen Gotteshäuser geplündert, die Heiligenbilder zerstört und einige auf diejenigen Bastionen geschleppt, wo das Gewehrfeuer und die Geschosse der Artillerie am meisten zu fürchten waren. Ein sehr großes und schönes Bild, welches die Jungfrau Maria mit dem Christuskinde im Arm darstellte, hatten sie auf die Batterie gestellt, welche den Laufgräben des katholischen Heeres zunächst lag, und die Soldaten verspotteten, mit den priesterlichen Gewändern geschmückt, die Zeremonien des katholischen Gottesdienstes. Sie trieben ihre Keckheit sogar so weit daß sie, mit dem kirchlichen Schmuck behängt, auf den Zinnen der Mauern hin und her gingen. Eine kirchenschänderische Herausforderung, die im katholischen Lager jenen heiligen Zorn heraufbeschwor, der stets der Vater großer Taten ist: jenen heiligen Zorn, den die feige Gleichgültigkeit unserer Zeit nicht begreift und den sie deshalb als Intoleranz und Fanatismus bezeichnet: jenen heiligen Zorn, den der Geist der Wahrheit mit den Worten rechtfertigt und anempfiehlt: » Irascimini et nolite peccare – ereifert euch, aber sündiget nicht.« Der Trommelschlag, der den katholischen Soldaten die Stunde verkündete, zu der sie sich in ihre Quartiere zurückzuziehen hatten, war bereits verhallt: mit eintretender Dunkelheit traten sie bei einem zweiten Schlag in ihre Zelte, und es war jetzt nicht mehr erlaubt, das Lager zu verlassen, ohne dem Posten das Losungswort des Tages zu geben. Während dieser Zeit bot sich in einem der Quartiere, in dem die berühmten spanischen Regimenter kampierten, ein damals gewöhnliches, heute befremdendes Schauspiel dar, das mehr als einem Rekruten unserer Zeit ein höhnisches Lächeln entlockt haben würde. Auf einem freien Platz, der von einem Kreis von Zelten umringt war, sah man eine dichtgedrängte Soldatenmenge; einige saßen, andere standen. In der Mitte stand ein Mann von kleiner Gestalt und schwächlichem Aussehen auf einem Brett, das über eine Trommel gelegt war; er trug die Soutane der Gesellschaft Jesu, erhob ein Kruzifix, verkündete den gefürchteten Soldaten das göttliche Wort und bereitete sie auf den Tod vor, indem er ihnen den Weg zum Siege zeigte. Und diese Schar kriegerischer Männer von denen viele verwildert und unsäglich roh waren, jene Nacheiferer der Makkabäer, die alle mutig und von denen nur wenige tugendhaft waren, lauschten mit gesenktem Haupt den ernsten Wahrheiten, während mehr als eine Träne über die gefurchten Wangen lief und sich in den grauen Bärten verlor, und mehr als ein Panzerhandschuh an die eiserne Rüstung schlug, unter der ein reuiges Herz klopfte. Denn der hervorstechendste Zug jener Zeit, die von dem einen so gerühmt, und von dem andern so geschmäht wird, war der aufrichtige Glaube, der in der Brust eines jeden lebte, die unerschütterliche Achtung vor dem Priestertum, war eine gefestigte Moral, die noch nicht Gute und Böse durcheinandergeworfen hatte. Deshalb auch wußten diejenigen, die schlecht handelten, daß sie schlecht handelten; sie fürchteten den öffentlichen Tadel, und diese Überzeugung, diese Furcht öffneten dem Schamgefühl die Tür, dem Schamgefühl, das im menschlichen Geist die Demut und Reue erweckt, das Verzeihung erbittet und erlangt und Besserung gewährleistet. Viele Soldaten und Offiziere entfernten sich aus dem Kreis und wandten sich den verschiedenen Zelten zu, die sich von den andern durch den Schmuck eines Kreuzes unterschieden: sie gingen, um den vom Herzog herbeigerufenen Abgesandten der Gesellschaft Jesu die Beichte abzulegen. Ein junger Ritter von stattlichem Aussehen hatte soeben auf einer der beiden Schiffbrücken, die die Verbindung zwischen dem Heer auf beiden Ufern des Flusses herstellte, Wache gehalten. Er trug die kleidsame rotgelbe Uniform eines Infanterie-Regimentes und ließ durch das Fehlen der Rüstung erkennen, daß sein Rang der eines Fähnrichs war. Jung, keck und von lockeren Sitten, hatte er sich verschiedene Ermahnungen der Jesuitenmissionare zugezogen, die ihn dadurch gegen sich eingenommen hatten. Er hielt sich trotzdem bei einer Gruppe von Reitern auf, die, auf Holzblöcken stehend, dem Worte Gottes lauschten. Die Sonne, die für manch einen dieser Helden nicht mehr leuchten sollte, war bereits untergegangen und die Mauern von Mastricht nahmen allmählich das Aussehen einer riesengroßen, schwarzen Fläche an, die sich von der blassen und roten Färbung des Horizonts abhob. Die Protestanten hatten zwei Scheiterhaufen auf der Mauer angezündet, zu beiden Seiten des Muttergottesbildes, das auf dem Mauerkranze zu sehen war. Bei dem rötlichen Feuerschein wurde das heilige Bild, das der abtrünnigen Stadt den Rücken wandte und den Spaniern den göttlichen Sohn zeigte, deutlich sichtbar, als wenn seine Mutter von ihnen den Schutz für den Glauben erflehte, den er am Kreuze so teuer erkauft hatte. Der Jesuit wandte sich der Mauer zu und zeigte mit dem Finger auf das Bild. »Habt ihr den Mut, das loszukaufen?« fragte er einfach. »Tut es, und wir werden zu seinen Füßen für die Einnahme von Mastricht danken.« Als der Fähnrich das hörte, warf er den Panzerhandschuh auf die Erde und rief mit einer Anmaßung, die eher seinem ererbten Hochmut als seiner jugendlichen Keckheit entsprang: »Niemals will ich wieder kastilischen Boden betreten, wenn dieser Juan Fernandez es nicht für leichter hält, ein Bollwerk zu erstürmen, als eine Absolution zu erteilen! ...« Diese Worte kamen dem Jesuiten zu Ohren: er stieg mit erhobenem Kruzifix von der Trommel und wandte sich der Gruppe der Reiter zu. Seine kleine Gestalt schien gewachsen, sein demütiger Ausdruck geschwunden zu sein, und beide machten einer imponierenden Haltung Platz, die etwas Übernatürliches hatte. »Kennt Ihr mich?« rief er dem anmaßenden Fähnrich zu und faßte ihn am Arm. »Ja,« antwortete dieser verwirrt. »Wißt Ihr, daß ich ein Priester bin?« »Ja!« »So kniet zu meinen Füßen nieder und küßt diese Hand, die in Christi Namen segnet und verzeiht.« Und während Juan Fernandez dies sagte, klang seine Stimme so niederschmetternd und gewaltig, daß der Ritter, von ihrer Macht überwältigt, langsam sein Haupt entblößte, das Knie beugte und die Hand küßte, die der Jesuit ihm entgegenstreckte. Alle ringsum verharrten in tiefem Schweigen; der Ritter hatte sich wieder erhoben. Nun warf sich Pater Juan Fernandez zu seinen Füßen nieder und neigte seine Stirn in den Staub. »Ihr habt dem Diener Gottes Genüge getan. Herr Ritter,« sagte er. »Der Mensch ... der geringe Juan Fernandez ist es nicht wert, daß er Euch die Füße küsse ... tretet ihn, Herr Alvar de Mirabal; tretet ihn, denn Ihr tretet doch nur auf eine Hülle von Elend.« Der Ritter brach in Schluchzen aus. Der Trommelschläger gab in demselben Augenblick das zweite Zeichen, der Kreis löste sich und langsam gingen die Soldaten in ihre Zelte zurück. Zwei Stunden darauf herrschte im Lager tiefes Schweigen, das nur zuweilen durch die Rufe der Wachtposten unterbrochen wurde. Darauf trat ein Mann, in einen langen, schwarzen Mantel gehüllt, aus dem Zelt des Paters Juan Fernandez; es war der Fähnrich Alvar de Mirabal, der dem Jesuiten gebeichtet und dann auf seinen Knien geschworen hatte, entweder bei der Bestürmung zu fallen oder das von den Protestanten entweihte Bild der Mutter Gottes zu befreien. Die feindliche Artillerie war früher an der Arbeit als die der katholischen. Kaum graute der Morgen, als eine von dem St.-Peters-Tor abgeschossene Kartätsche fünf Soldaten in den Laufgräben schwer verwundete und den Feldwebel Pello Paez leblos niederstreckte; ihm drang die Kartätschenkugel zwischen die Pickelhaube und das Visier und trat am linken Auge wieder heraus. Er war an jenem Tage das erste Opfer, dem eine Menge anderer folgen sollten. In dem herzoglichen Lager wurde Alarm geblasen und die Krieger eilten in der bereits vorher bestimmten Ordnung auf ihre Posten. Sie hatten sich sechs starke Bastionen in derselben Höhe wie die Verteidiger der Festung erbaut, und darauf achtundvierzig schwere Kanonen verteilt. Sie sollten eine Bresche in das Mittelstück der Mauer schießen, welche das Fort von St. Anton mit dem von St. Peter verband. Eine Mine zog sich von diesen Laufgräben bis zum Grabenrand, lief unterhalb weiter und barg einen enormen Vorrat von Pulver in den unterirdischen Gängen des Tores von San Servasio. Diese Mine sollte gesprengt werden, sobald die Batterien die Mittelmauer durchschlagen haben würden, um so die Aufmerksamkeit der Belagerten zwischen den beiden Breschen zu teilen. Auf das Zeichen der Explosion hin sollten vier Regimenter der spanischen Soldaten durch die Tore von St. Anton und St. Peter, drei wallonische und vier spanische Regimenter durch das Tor von San Servasio angreifen. Der Rest der Truppen sollte außerdem die Ermattung der Feinde abwarten, um auf ein zweites Zeichen denjenigen Teil der Festung zu stürmen, der wegen tieferer Lage und der Trockenheit seiner Gräben leichter mit Sturmleitern genommen werden konnte. Dort haben die Niederländer das Bild der hl. Jungfrau heruntergeholt und wie zum Hohne auf den schmalen Rand gestellt, der unterhalb der Schießscharten des Festungswerks den Gräben des katholischen Heeres gegenüberlag. Darin stand der Fähnrich Alvar de Mirabal ruhig und schweigsam, ein wenig bleich, und erwartete mit schlecht verhehlter Ungeduld das Zeichen zum Angriff. Er hatte seinen Rundschild abgelegt und das Schwert losgegürtet, trug nur noch zwei Pistolen in seinem Gurt und in der einen Hand einen sogenannten flämischen Springstock. An der Zwinge eines solchen Stockes befindet sich ein großes Stück Holz, welches verhindert, daß man zu tief in den Schlamm einsinkt. Er ist gleichzeitig eine Waffe und ein Gerät, um Pfützen und Gräben zu überspringen. Die Beschießung der Mauer hatte lange Zeit in Anspruch genommen, denn die Belagerten eilten rasch herbei, um Ausbesserungen vorzunehmen unter der Leitung eines französischen Ingenieurs Sebastian Tapin und des spanischen Überläufers Manzano, eines Deserteurs, der seine Treulosigkeit später teuer bezahlen mußte, da er durch Spießrutenlaufen seinen Tod fand. Alexander Farnese ritt auf einer kleinen Erhöhung des inneren Lagers auf einem friesischen Pferd, das, den Beginn der Schlacht witternd, sich ungeduldig bäumte; er trug eine vergoldete Rüstung und war umgeben von Don Pedro de Toledo, Carlos von Manzfeldt. Lope de Figuerra und verschiedenen Herren aus dem Lager, die seine Befehle übermittelten und vollzogen. Die Kanonen der Batterien krachten wie das Rollen des Donners; etwa um die Mittagszeit unterschied man im Pulverdampf die auseinanderklaffende Mauer, sah deutlich einen Turm schwanken und sich nach der Seite des Grabens zu neigen. Alexander gab ein Zeichen und Hunderte von Trommeln ertönten zu gleicher Zeit. Darauf herrschte feierliche Stille; die Kanonen verstummten, die Schwerter neigten sich, die Lanzen wurden zur Erde gesenkt, die Fahne, die zwei Welten umfaßte, küßte demütig den Staub, und jene eisengepanzerten Männer, deren Mut stärker war als der Panzer, der sie umhüllte, jene wilden Tiger, die sehnsüchtig darauf warteten, sich auf die Beute stürzen zu können, neigten minutenlang das Knie und erflehten Hilfe vom Herrn der Heerscharen; denn das, sagte Bernhardino von Mendoza, erfordert die Sitte, die die Christen, und besonders die Spanier stets befolgen, bevor sie den Kampf beginnen. Und wieder gab Alexander ein Zeichen und es ertönte zu gleicher Zeit eine schreckliche Salve und eine entsetzliche Explosion, während die Mauer und das Tor von St. Servatius plötzlich verschwanden wie die Dekorationen in einer Zauberkomödie. Die Mine war gesprengt und der Sturm begann. Da erblickte man einen Mann, der von den Laufgräben des katholischen Heeres bis zur Batterie der Burg durch die Luft zu fliegen schien; man sah, wie er einen Augenblick am Rande des Abhanges schwankte, auf dem das Bild der heiligen Jungfrau Maria thronte, wie er sich dann einen heftigen Stoß gab und darauf den Springstock fallen ließ, dessen er sich bedient hatte, um jenen gewaltigen Sprung machen zu können. Er war nun allein, ohne Waffen, unter seinen Füßen ein beträchtlicher Abgrund und über seinem Haupte eine große Zahl von Feinden, die, nachdem sie sich von ihrem Schrecken erholt hatten, ihre Musketen auf ihn richteten. Der Krieger schwankte keinen Augenblick: er ergriff das Bild, das groß und schwer war, ließ sich von der Höhe der Batterie des Festungswalles herunterfallen und erreichte, das Bild krampfhaft umklammernd, die Gräben des Feldlagers. Dann richtete er sich auf, aus mehreren Wunden blutend, und indem er eine Tartsche ergriff und eine Partisane schwang, die er hier verlassen liegen sah, rief er mit donnernder Stimme den Soldaten, die sich wie eine fürchterliche Lawine gegen die Mauern von Mastricht wälzten, ein lautes »Santiago! Jungfrau Maria!« zu. Inzwischen kämpften die Belagerer und die Belagerten an beiden Breschen mit gleichem Mut und gleicher Erbitterung. In der Bresche der Mauer wurde der furchtbare Ansturm der Wallonen, die das Vordertreffen bildeten, durch eine ungemein starke Schutzwehr aus Ketten, zugespitzten Balken, die wie durch Zauber erstanden waren, und einen mit Nägeln und Eisenstücken gefüllten Vorgraben aufgehalten. Endlich wurden sie nach einem großen Gemetzel auf beiden Seiten mit Unterstützung der vier im Rücken angreifenden Regimenter genommen, und es begann ein Kampf auf der Mauerbrüstung, Mann gegen Mann. An der Mauerbresche des St.-Servatius-Tores hatte sich ein harter Kampf entsponnen; die Verteidiger kamen hurtig herbei, um die Bresche auszufüllen, unterstützt von dreitausend Frauen, die, in drei Kolonnen geteilt, Holz und Erde herbeischleppten und auf die Deutschen und die schwarzen Reiter Feuerbrände, Steine und kochendes Wasser schleuderten. Diese ihrerseits füllten den Graben mit Faschinen. Erde und Schutt, der von dem Einsturz des Tores heruntergestoßen war, und bereiteten sich einen Weg zum Angriff. Es gab viel Gefallene auf beiden Seiten, ohne daß einer von beiden zurückwich, die Leichname türmten sich vor der Mauerbresche auf, die den katholischen Soldaten den Zutritt erschwerte und den Protestanten die Verteidigung erleichterte. Der Herzog von Parma befahl darauf dem Rest des Heeres, durch das Tor der Zitadelle anzugreifen; wütend fielen 1500 Mann von der Vorhut darüber her, und es gelang ihnen, den Graben zu nehmen, bevor die Belagerten auch nur einen einzigen Schuß abgegeben konnten. Schon legten die Katholiken Leitern an. Viele erkletterten die Mauer und einem Rittmeister der schwarzen Reiter gelang es sogar, eine blaue Fahne mit dem Christusbilde darauf zu befestigen, ähnlich der, welche Pius V. dem Don Juan d'Austria während der Schlacht von Lepanto gesandt hatte. Zu derselben Zeit wurden diejenigen, die an den beiden Mauerbreschen kämpften, durch den Ruf ermutigt: »Sieg! Santiago! Gewonnen ist das Burgtor!« Da ertönte eine entsetzliche Explosion, stärker als das Krachen von hundert Donnerschlägen, und durch die Luft flogen Menschen, Steine, Waffen, Leitern, Erde, menschliche Glieder, alles in wirrem Durcheinander, und fielen schwer in die Gräben in einer Wolke von Rauch und Staub, die das ganze so schreckliche Schauspiel in schauerliche Dunkelheit hüllte. Die Verteidiger hatten eine Mine, die heimlich unterhalb des Burgtores ohne eine andere Hilfe als die der dreitausend Frauen gelegt war, gesprengt, und so jene glänzende Vorhut vernichtet, die von den Besten des Heeres gebildet wurde. Es starben dort Fabio Farnese, ein Neffe des Herzogs von Parma, der Graf von San Georgio, der Marquis Malaspina, der Graf von Mondeglio, ferner fünfundvierzig hervorragende Hauptleute und mehr als zweitausend Soldaten aller Nationen. Der Sieg war unmöglich geworden und Alexander Farnese befahl an dem Tage die Belagerung aufzugeben. An demselben Tage besuchte Alexander die Quartiere, sprach den Soldaten Mut zu, tröstete die Verwundeten und teilte eine Menge Unterstützungsgelder mit jener Freigebigkeit und Freundlichkeit aus, die er von seinem Vorfahren, Onkel und geliebten Freund Don Juan d'Austria geerbt zu haben schien. In einem versteckten Winkel des spanischen Lagers hatten die Soldaten das von Mirabal gerettete Bild der heiligen Jungfrau Maria auf eine Lafette gestellt, die sie mit einer von den Niederländern eroberten Fahne bedeckt hatten. Alexander fragte, was das bedeute, und darauf erzählte man ihm die Heldentat des Fähnrichs und die Szene, die sich am Abend vorher mit Pater Juan Fernandez abgespielt hatte. »Reicht mir jene Lanze,« sagte der Herzog zu einem Pagen, der hinter einem Reiter herschritt und eine Lanze aus vergoldetem Eisen trug, die zu jener Zeit das Abzeichen der Hauptleute der spanischen Infanterie war. Und sie selbst dem Fähnrich übergebend, sagte er: »Nehmt Sie hin, Herr Alvar von Mirabal, wer solche Heldentaten vollführt, verdient es wohl ein Regiment zu befehligen.« Alexander fragte darauf nach dem Pater Juan Fernandez, aber dieser erschien nicht. Alle hatten ihn gesehen, wie er während der Belagerung, unterstützt von den anderen Priestern, in den Augenblicken höchster Gefahr den Verwundeten und Sterbenden beisprang; später sah man ihn dann noch einmal in dem großen Zelt, das in der Mitte des Lagers für die Verwundeten aufgeschlagen war, bei derselben Arbeit, dann aber hatte ihn niemand mehr gesehen. Nur ein alter Soldat erzählte, daß der Jesuit ihn etwa vor einer halben Stunde ganz eingehend ausgefragt hätte über die genaue Lage des Tores der Zitadelle, wo so viel Verwundete ohne jegliche Hilfe schmachteten: darauf sah er ihn, Schmerzens- und Klagerufe ausstoßend, in das Zelt treten. – – »Seht ihn, seht ihn, – da ist er,« riefen plötzlich viele Stimmen durcheinander. Und diejenigen, welche etwas höher standen, konnten den Pater Don Fernandez sehen, wie er die Gräben des Lagers durchschritt und ganz allein, ruhig, ohne Furcht, unbewaffnet und mit einem um den Hals hängenden Kruzifix auf den Graben des Burgtores zuschritt. Die Niederländer sahen ihn von der Mauer aus herannahen und schossen auf ihn mit einer kleinen Kanone. Der Jesuit aber schritt kaltblütig weiter, ohne seine Schritte zu beschleunigen oder zu hemmen. Die Verteidiger stießen ein Wutgeschrei aus und die Katholiken sahen ihn mit verhaltenem Atem weiterschreiten, denn sie errieten seine heroische Absicht. Als er an den Graben kam, krachte eine Musketensalve und der Jesuit fiel leblos auf den Rand des Grabens, rollte hinunter und blieb unbeweglich auf einem Leichenhaufen liegen. Die Schatten der Nacht breiteten nach und nach ihre dunklen Fittiche über jenes Feld des Unheils, und da konnte man sehen; daß die heldenhafte Seele des Jesuiten ihren schwächlichen Körper nicht verlassen hatte; er erhob vorsichtig den Kopf von dem Kopfkissen von Leichen, auf das er sich gelegt hatte, und horchte aufmerksam, ob sich im Lager der Protestanten irgend etwas rege. Allein es war nichts zu hören, dann richtete er sich schleunigst auf und streckte seine durch das stundenlange unbewegliche Liegen erstarrten Glieder. Er hatte sich tot gestellt, um so den Geschossen zu entgehen. Darauf fing er an, im Dunkeln tappend, jene erstarrten Leichname zu befühlen und sagte mit leiser Stimme: »Mein Bruder, lebst du? ... Ich bin der Pater Fernandez, und komme, um dir die Beichte abzunehmen, damit du deine Seele errettest.« Oft antwortete niemand, dann wieder bewies ein Seufzen, daß noch Leben in dem Körper sei, der qualvoll litt. Dann schritt der Jesuit nach jener Richtung und wiederholte leise seine Frage: ein zweiter Seufzer antwortete und dann schaffte er in der Dunkelheit die Leichen fort, die die Verwundeten bedrückten, und brachte sein Ohr an die Lippen des Sterbenden, hörte sein Sündenbekenntnis, erteilte ihm Absolution und öffnete ihm die Pforten des Himmels. So durcheilte er jenen ganzen Graben von einem Ende bis zum anderen und nahm zweiundvierzig Sterbenden die Beichte ab. Nachdem er seine Aufgabe, die zugleich fürchterlich und erhaben war, beendet hatte, kletterte er, bevor der Tag graute, mühsam an dem Rand des Grabens empor und kehrte blutend, mit Staub bedeckt, zum Tode erschöpft und unfähig, das Kruzifix noch länger hoch zu halten, in das Lager zurück. Die Vorposten an den Gräben empfingen ihn mit Ausrufen der Freude und Begeisterung, die auch dem Herzog von Parma zu Ohren kamen. Dieser stieg in demselben Augenblick zu Pferde, um die Veränderung der Batterien zu besichtigen, welche die zweite Beschießung unternehmen sollten. Er wandte sich um, um den Pater Juan Fernandez persönlich zu empfangen, und sprang von seinem weißen Hengst, als er ihn in einer Gruppe von Offizieren und Soldaten entdeckte, die ihn jubelnd umringten. Alexander Farnese ergriff mit seiner vom Kampfe ermüdeten – jene vom Segen ermüdete Hand und führte sie respektvoll an seine Lippen, dann geleitete er ihn zu seinem eigenen Pferde und sagte zu ihm: »Steigt auf, Pater Juan Fernandez, und begebt Euch in mein Zelt, dort werdet Ihr alles finden, dessen Ihr bedürft.« Und zu dem jungen Kapitän Mirabal gewendet fügte er hinzu: »Haltet ihm die Steigbügel, Alvar von Mirabal, und gesteht, daß es dieses Mal eine größere Heldentat war, eine Absolution zu erteilen, als eine Bastei zu erstürmen.« Der Hirschjäger. Eine der großen Lehren, welche die Heilige Schrift uns gibt, ist diese, daß die göttliche Vorsehung sichtbar und deshalb so wunderbar in großen wie in kleinen Begebenheiten in das menschliche Leben eingreift. Gottes Allmacht wird dort ohne Maske und ohne Schleier in den herrlichsten Farben geschildert. Der Mensch tritt darin nur als gebrechliches Werkzeug in die Erscheinung, das unter Belassung seines freien Willens mit unendlicher Weisheit gelenkt wird, um Gottes anbetungswürdige Absichten auszuführen. Gott ist es. den man in Schlachten triumphieren, den man Städte gründen, Throne stürzen, Reiche vernichten sieht: die Könige sind in seiner Hand die Geißeln seines Zornes, mit denen er andere Könige züchtigt, die Völker Plagen, mit denen er andere Völker straft, die Elemente Diener seiner Gerechtigkeit, die auf seinen Wink das Weltall zerstören. Dagegen sieht man ihn ein andermal die Wiege eines Kindes halten, das auf den Wassern schwimmt: einen Ölzweig in den Schnabel einer Taube stecken, die zur Arche zurückkehrt; den Flug einer Schwalbe lenken, die einen gerechten Mann erblinden lassen soll, und dem Stein eines Hirtenknaben Schwung verleihen, den er zum König seines Volkes ausersehen. Und in dieser Verbindung von großen Taten und kleinen Unfällen, in ungeheuren Katastrophen und unbedeutenden Ereignissen entdeckt der Mensch die wunderbaren Mittel, die eine unendliche Weisheit mit allmächtiger Vorsicht verbindet und verknüpft. Man sieht die heilige Güte, mit der Gott liebevoll das Geschick seiner Kinder leitet, vor Augen; und im Schatten dieser unendlichen Liebe und unter dem Schutze dieser grenzenlosen Macht schläft der Mensch ruhig wie das Kind in der Wiege, über dessen Schlaf die liebende Sorgfalt der Mutter und der Mut des Vaters wachen. Und diese Lehre ist nicht etwa eine rein theoretische verschwundener Zeiten, sondern gilt in vollem Umfang auch für die Jetztzeit. Mag immerhin jenes Zeitalter, in dem Propheten und Patriarchen sich vertraulich mit Gott unterhielten und seine Befehle durch himmlische Sendboten und wunderbare Zeichen erhielten, vorüber sein. Die Wahrheit ist standhafter als die Zeit; sie ist weder dem Alter noch dem Tode unterworfen. Die Zeiten haben sich geändert, die Menschen sind anders geworden; Gott aber bleibt stets derselbe, und von Zeit zu Zeit gefällt es ihm, den Vorhang zu zerreißen, der ihn verbirgt, um den Menschen durch wunderbare Taten zu zeigen, daß dieselbe allmächtige Hand, welche die Begebenheiten und Katastrophen der biblischen Zeiten offenkundig lenkte, dieselbe ist, die, wenn auch verhüllt, sowohl die kleinen Ereignisse wie auch die großen welterschütternden Katastrophen noch heute leitet. Auf diese Weise erkennen wir. daß er dieselbe väterliche Fürsorge, die den Israeliten in der Wüste den Unterhalt verschaffte, auch noch heute für den Hilflosen hat, wenn er sein Vertrauen auf ihn setzt, und daß man heute wie gestern und wie morgen im allen Sprachen das heidnische Wort »Zufall« durch das hundertfach gebenedeite Wort »Vorsehung« ersetzen sollte. Eine derartige Begebenheit werden wir unseren Lesern mit derselben Genauigkeit erzählen, mit der sie uns von einem Missionar der Gesellschaft Jesu berichtet wurde, der sie seinerseits selbst aus dem Munde des hochwürdigsten Herrn Joseph Ignatius Arcige, Erzbischofs von Michoacan, vernommen hat. In jener heißen Zone, die unter dem Namen »Tierra caliente« Mexiko von Osten nach Westen durchzieht, liegt ein Dorf Huacana. ungefähr einige sechzig Millien von Morelia. der Hauptstadt von Michoacan, entfernt. Huacana hat höchsten 5000 Einwohner und ist gleichwohl in jenem am wenigsten bevölkerten Bezirke Mexikos zwanzig Meilen in der Runde das bedeutendste aller Dörfer und Weiler. Eine Menge kleiner Raubtiere, die bei einer mittleren Jahrestemperatur von 25º Celsius in erschreckender Weise sich vermehren, andauernde Hitze, gelbes Fieber, Kropf und andere einheimische Krankheiten halten die Menschen von diesem großartigen, überreichen Landstrich fern, wie von einem verpesteten Paradies, welches zu bewohnen ihnen unmöglich ist. Flora und Fauna sind darin von übergroßem Reichtum und seltener Schönheit: wasserreiche Flüsse durchqueren es: ganze Wälder von Palmen, Platanen und fruchttragenden Bäumen, abwechselnd mit kostbaren Nutzhölzern, unter denen das teure Farbholz überwiegt, bedecken es. Hier findet man jene prachtvoll gefiederten Vögel, um die Wissenschaft und Mode sich streiten, die eine für ihr Studierzimmer, die andere für ihre Launen: hier lebt Wild jeglicher Gattung, vom Hasen bis zum Leoparden: von dem in überreichen Mengen vorhandenen Hirsch bis zum Jaguar oder dem großen amerikanischen Panther mit dem fleckigen Fell und seiner schreckenerregenden, schlauen Wildheit. Und inmitten dieses Überreichtums der Natur ruhen versteckt im Innern dieser ungastlichen Erde, als hätten Gnomen sie hier vergraben, um der menschlichen Habsucht zu spotten, reiche Eisen-, Kupfer- und Silberminen, die auch nicht einmal die langen Krallen des Jonathan, des großen republikanischen Possenreißers, haben herausholen können. Der Müßiggang, der durch die Fruchtbarkeit des Bodens, die klimatischen Verhältnisse und die übergroße Hitze sehr befördert und dadurch zum Teil erklärt wird, ist das Hauptlaster der Eingeborenen, die größtenteils von alten andalusischen und estremadurischen Ansiedlern abstammen. Sie sind trotzdem nicht arglistig wie der größte Teil der indolenten Dorfbewohner, deren Trägheit gewöhnlich dazu dient, um erforderlichen Falles selbst ihren Zorn zu verbergen. Sie sind sogar einfach, gastfrei, edelmütig und so tapfer und kampfbereit, daß die Klauen des Jaguars ihrer Wälder nicht erschrecklicher sind, als die spitzen Säbel oder das maurische Schwert, das sie in ihren Kämpfen mit beispielloser Geschicklichkeit handhaben. Den Säbel führen diese armen Leute wie niemand sonst und sehen darin für sich den größten Ruhm; und wenn es in den blutigen Kämpfen, in denen sie sich die Palme streitig machen, nur ein Arm ist, der unter der Heftigkeit eines Hiebes fällt, so pflegen die Zuschauer mit der größten Kaltblütigkeit zu sagen, indem sie einander dabei spöttisch ansehen: »Ach! Gevatter, die Ziege hat schlecht gestoßen.« Gegen Ende des Jahres 1868 kam der oben erwähnte Erzbischof von Michoacan in das Kirchspiel St. Johann von Huacana. Der hochwürdigste Herr besuchte zum ersten Male diesen Teil seiner Diözese, und die Begeisterung, mit der er von jenen armen Leuten empfangen wurde, grenzte an Fanatismus. In Scharen stiegen Männer und Frauen von den Bergen hernieder; kamen aus den Felsschluchten zu Fuß und zu Pferde, und mit einer Freude, die viel Kindliches und nicht selten etwas Rührendes hatte, eilten sie herbei, um den Erzbischof zu begrüßen. Jeder brachte ihm der Gewohnheit entsprechend ein Geschenk, das im Verhältnis zu seiner Armut einen beträchtlichen Wert hatte. »Da habe ich Euer Bischöflichen Gnaden ein paar Kühe mitgebracht,« meinte der eine. »Und ich bringe ein Ochsengespann,« meinte der andere. »Und ich ein junges Stutenfüllen,« setzte der Dritte hinzu. Der Erzbischof empfing alle mit väterlicher Liebe und Bewunderung für die weitgehende Freigebigkeit, die ein überzeugender Beweis dafür ist, daß Dankbarkeit und Nächstenliebe sich niemals im Herzen verschließen, noch auf hohle Worte beschränken mögen, sondern wie ein Springbrunnen rein und fruchtbar hervorquellen und selbst vor großen Opfern nicht zurückscheuen. Denn jene Gaben repräsentieren große Opfer, die jene armen Leute dem Geistlichen darboten. Aus Mitleid mit soviel Armut wagte er kaum, sie anzunehmen, aber aus Achtung vor soviel Großherzigkeit konnte er sie auch nicht abschlagen, denn sein erleuchteter Geist verstand sehr wohl, daß die zarteste Art und Weise, für eine aufrichtige Ergebenheit zu danken, darin liegt, daß man dankbaren Herzen Tür und Tor öffnet. Aber endlich beschloß er, kostbare Gaben fernerhin nicht mehr anzunehmen, und um jene Armen durch seine Weigerung nicht zu kränken, erbat er sich einige Früchte des Landes. Es kamen darauf ganze Ladungen von Kokosnüssen, Wassermelonen und Früchten aller Art an, so daß ein riesengroßes, eigens dazu bestimmtes Zimmer nicht einmal genügte. Eines Tages befand sich der Erzbischof im Beichtstuhl, um, wie das bei seinen Besuchen üblich war, den Erwachsenen das Sakrament der Buße zu erteilen, da sie sogleich danach die heilige Firmung erhalten sollten. Unter der Menge Pönitenten, die ihn umgaben, erblickte er in den hintersten Reihen einen armen Gelähmten, der ruhig wartete, bis die Reihe an ihn kam. Um ihm die Beschwerde des langen Wartens abzukürzen, rief ihn der Bischof zu sich und begann ihn seiner Gewohnheit gemäß auszufragen. Da der Klerus in dieser Gegend außerordentlich spärlich vertreten ist, ist die Unwissenheit des Volkes in christlichen Dingen ganz besonders groß. »Woher kommst du?« fragte ihn der Erzbischof. »Väterchen,« antwortete der Gelähmte mit jener Vorliebe für Diminutive, die den Amerikanern eigen ist, »von einem Berg, der mehr als fünfzig Meilen von hier liegt.« »Und wie bist du hierher gekommen?« »Auf einem Maulesel, Väterchen!« »Bist du verheiratet oder nicht?« »Ich bin Witwer, Väterchen, mit zwei noch unverheirateten Töchtern.« »Und welches ist dein Beruf?« »Ich bin Jäger, Väterchen!« »Du ein Jäger!« rief der Bischof erstaunt aus, ohne ein Lächeln unterdrücken zu können. »Jawohl, Väterchen,« antwortete der Gelähmte ganz ernst. »Na, was jagst du denn?« »Hirsche, Väterchen!« »Hirsche? Aber Mann, das ist ja ganz unmöglich,« antwortete der Erzbischof, zwischen Ärger und Belustigung schwankend, denn er wußte nicht, ob er es mit einem Dummen oder mit einem Schelm zu tun hatte. Doch seine Zweifel schwanden und die größte Neugier bemächtigte sich seiner Seele, als er sah, wie der Gelähmte die Achseln zuckte und mit der schlichten Überzeugung dessen, der den Schlüssel zu einem Rätsel hat, hinzufügte. »Ich würde es sicher nicht sein, wenn mein Gott-Vater mir nicht dabei zu Hilfe käme.« Den Erzbischof überraschte diese ebenso einfache wie tiefgläubige Antwort, und er bat den Gelähmten, ihm über seine Lebensweise genauer zu berichten. »Sehen Euer Gnaden,« – antwortete der Gelähmte mit derselben einfachen Ruhe, »wie ich schon vorher bemerkte, ich bin Witwer seit vielen Jahren und habe keine weitere Familie als meine beiden Töchter. – Ich verbringe die Tage, die mir der Herr schenkt, auf folgende Weise: Wenn ich mich des Morgens erhebe, spreche ich ein Gebet zu meinem Gott-Vater, dann esse ich, was meine Töchter mir bereitet haben, und dann schleppe ich mich, so gut es eben gehen will, mit meinem Gewehr aufs Feld ... Wenige Schritte von meinem Hause entfernt hält mein Gott-Vater schon für mich den Hirsch bereit, um den ich ihn in meinem Gebete angefleht habe. Ich schieße ihn und dann kommen meine Töchter und tragen ihn nach Hause, und von dem Fleisch und dem Verkauf des Geweihs nähren wir uns schon seit vielen Jahren.« Der Erzbischof war im höchsten Grade erstaunt über das, was der Gelähmte ihm mit seiner unbefangenen Einfachheit in unnachahmlichem Dialekt erzählte, und bat ihn, das Gebet zu wiederholen, in dem er Gott mit dem wahrhaften Vertrauen eines Kindes, das zu seinem Vater spricht, um den Hirsch anflehte. »Das werde ich nicht tun, Väterchen, das werde ich nicht tun!« entgegnete der Gelähmte lebhaft. »Aber weshalb nicht?« »Weil ich mich schäme.« »Aber, mein Sohn, sprichst du dieses Gebet denn nicht zu deinem Gott-Vater?« »Ach ja, Väterchen, aber mein Gott-Vater, sehen Euer Gnaden, das ist etwas ganz anderes.« »Sieh aber, wenn ich dich bitte, es mir zu sagen ... Warum tust du mir dann nicht den Gefallen?« »Väterchen, ... ich will ja gern alles tun, nur das nicht, denn ich schäme mich gar zu sehr.« »Aber ich bitte dich nun gerade darum. Sieh mal, ich würde es so gern hören; du brauchst dich dessen wirklich nicht zu schämen.« »Aber Väterchen, dieses Gebet steht in keinem Buch, noch hat es mich je jemand gelehrt.« »Wie es auch sein möge, du kannst es mir ruhig sagen.« »Also, Väterchen, wenn Euer Gnaden es mir nicht übel nehmen, werde ich es sagen. Wenn ich mich auf die Knie werfe, mitten in meinem Stübchen, sage ich zu meinem Gott-Vater: Ach Gott-Vater! Du hast mir diese beiden Töchter gegeben, und dann hast du mir auch diese Krankheit gegeben, durch die ich am Gehen verhindert bin. Ich muß meine beiden Töchter ernähren, denn sie wollen dir nicht zur Schande leben. Also, mein Vater, stelle mir heute in die Nähe einen Hirsch, den ich schießen kann, damit ich auf diese Weise meiner armen Familie helfe.« Der Erzbischof hörte ihm verwundert zu, gleich als könne der Kirchenfürst von dem unglücklichen Lahmen lernen; und dieser, ohne die Verwunderung des anderen zu beachten, sagte einfach: »So lautet mein Gebet, Väterchen, und wenn ich es gesprochen habe, gehe ich auf das Feld hinaus, in der festen Überzeugung, das zu finden, um was ich Gott gebeten habe, und ich finde es stets. Und in den zwanzig Jahren, in denen ich an dieser Krankheit leide, wurde mir diese Hilfe niemals versagt, denn mein Gott-Vater ist sehr gut! ... sehr gut!« Setzt euch dieses Wunder in Erstaunen? – Zweifelt ihr vielleicht daran in dem Gedanken, daß ihr Gott oft um Wohltaten bittet, die er euch nicht angedeihen läßt? Um Beistand, den er euch vorenthält? Vielleicht kann euch dieser Lahme den Schlüssel zu dem Geheimnis geben. So hört denn, was euch der Erzbischof von Michoacan zu sagen haben wird, leise, aber ganz leise, damit ihr euch nicht zu schämen braucht, daß dieser arme Halbwilde aus den Wäldern von Amerika zu seinem Gott-Vater aus tiefstem Herzen gebetet hat, daß er zu ihm, wie St. Paulus spricht, seine reinen, engelreinen Hände erhoben hat, die so rein waren, daß in den zwanzig Jahren, in denen er an diese: Krankheit gelitten, sein größtes Vergehen das war, daß er einmal einen Hund geprügelt hat, der ihm ein Hirschgeweih zerbissen hatte. Und damit wird in euren Augen das Wunder aufhören, denn es ist kein Wunder, wenn Gott das erfüllt, was er verspricht. Das größte Wunder wäre es, wenn er es zu erfüllen unterließe. Karfreitag. I. Als die Fastenzeit sich ihrem Ende zuneigte, hielt der Frühling in Sevilla mit seinen unvermeidlichen Herolden: Orangenbaumblüten und den unzähligen Fremden, die zu dieser herrlichen Zeit nach Sevilla strömen, seinen Einzug. Die ersteren zieren die Stadt wie der Kranz eine Braut, die letzteren überfallen es wie eine Schar müßiger Spatzen. Jene erfüllen sie mit köstlichen Wohlgerüchen, diese schmähen sie in ungeheuerlichen Reisebeschreibungen als ein phantastisches Spanien, das nur in der Ignoranz oder in der Böswilligkeit dieser Touristen existiert. Die Fastenzeit neigte sich, wie gesagt, ihrem Ende zu und die zahlreichen in Sevilla lebenden frommen Brüderschaften feierten zu Ehren ihrer Schutzheiligen jene Septenen und Novenen, deren Glanz und Herrlichkeit ihr den Namen einer Katholikin par excellence eingetragen haben. Das Quinario Jesu Christi hatte am 1. April seinen Anfang genommen und sollte am Karfreitag enden. Die kleine, am Museumsplatz gelegene Kapelle öffnete ihre Pforten, so weit sie konnte, für ihre Getreuen, die herbeigeströmt waren, um vor dem berühmten Bild niederzuknien, auf dem das Sterben des Erlösers so ergreifend dargestellt war. Es hob sich von der Rückwand des Hintergrundes über einem Altar von einem sternenbesäten schwarzen Samtvorhang wundervoll ab. Seine ausgestreckten Hände boten allen Schutz: seine schon brechenden Augen blickten dennoch voller Güte: seine bleichen Lippen hatten schon das »consummantum est« gesprochen, das den Menschen die Pforten des Himmels erschlicht, und schienen seinen letzten Seufzer auszuhauchen, der wie das ganze Leben dieses Gottmenschen eine seltsame Mischung von Schmerz und Liebe war. Zu Füßen des Kreuzes befand sich das Bild Marias, der Mutter aller Bekümmerten, die ihren geliebten Kindern als Vorbild dient und in ihrer ruhigen Resignation jeden Schmerz lindert, so trostlos, daß er jeden andern Kummer an Herbheit übertrifft, so gewaltig wie das Meer in seiner Tiefe und Bitterkeit. Unterhalb des Chores brannten zwölf dicke Altarkerzen in silbernen Leuchtern: zu Füßen einer jeden kniete ein Anbeter des Allerheiligsten. Einer von ihnen war ein alter Mann von sechzig Jahren; in seiner ganzen Persönlichkeit prägte sich eine Art physischer und moralischer Erschlaffung aus, wie sie Menschen bei großen Schmerzen befällt. Gleichsam als würde sie von der Schwere eines Gedankens heruntergedrückt, lehnte er seine Stirn an eine Wachskerze; seine Augen blieben geschlossen, seine Arme hingen schlaff am Körper herab, von seinen Lippen drangen stoßweise kurze Worte, die etwas zu erflehen schienen mit jener konvulsivischen Energie, die der geläuterte Glaube dem Schmerz einflößt, mit jener entsetzlichen Qual der Seele, deren einziges Linderungsmittel auf der Erde die Tränen sind. Und trotzdem blieben seine Augen trocken wie ein versiegter Quell, sein Körper starr wie ein Gram, der die Seele mit hoffnungsloser Trauer erfüllt. Das Quinario neigte sich seinem Ende zu und der Chor stimmte die Litanei der Jungfrau an. Nun schien der Alte aus seiner Lethargie zu erwachen; er heftete seine Augen auf das Bild der Maria und faltete die Hände über der Brust. »Ora pro nobis« wiederholte er mit der Menge. Nach und nach begannen ihm die erlösenden Tränen über die Wangen zu fließen und seiner Brust entrang sich ein Schluchzen, das ihm die Qual erleichterte. Endlich intonierte der Chor das Consolatrix afflictorum, und ein Tränenstrom entfloß den Augen des Alten, der die Arme dem Altar entgegenstreckte und mit so lauter Stimme, daß jeder ihn hören mußte, ausrief: »Ora pro nobis, .... Ora pro nobis! .... Einzelne Personen wandten überrascht den Kopf, es rührte sich aber niemand. Nur eine alte Dame, die hinter ihm saß, erhob sich, als gehorchte sie einer instinktiven Regung, und setzte sich dann wieder auf ihren kleinen Betschemel. Als das »Quinario« beendet war, war es bereits Abend geworden, die Dame wandte sich der Türe zu und gleich darauf schritt auch der Alte hinaus. Sie machte wie schwankend ein paar Schritte auf ihn zu und blieb schließlich doch noch stehen, zurückgehalten von jenem Zartgefühl, das großen Seelen eigen ist, die, wenn sie Schmerz trösten und lindern wollen, ihn in erster Reihe zu respektieren wissen. Anderseits deutete bei dem Alten nichts auf jene drückende Bedürftigkeit, die durch sofortige Hilfe gelindert werden könnte, seine Trauerkleider waren, obgleich abgetragen, doch durchaus sauber und anständig: seine ganze Haltung und seine Manieren die eines Menschen aus den mittleren Ständen. Die Dame schien trotz ihrer Beweglichkeit schon in vorgeschrittenem Alter zu sein. Sie war schlank und klein, einer jener einfachen und luftigen Spitzenschleier, für den die Launen unserer Damen in dem Hut Ersatz gefunden haben, bedeckte ihre weißen Haare; diese waren in einfacher Weise glatt gekämmt und bildeten an beiden Schläfen zwei jener Puffen, die die Mode zur Zeit der Schildpattkämme eingeführt hatte. An ihrem schwarzen und durchaus einfachen Gewand war nichts Glänzendes, nur an ihrer linken Hand trug sie einen kostbaren Ring, auf dem unter einer Krone das berühmte: »No me ha degado« eingraviert war, das Don Alfonso der Weise dem Wappen seiner treuen Stadt Sevilla als Andenken ihrer Anhänglichkeit eingefügt hat. An dem linken Arm hing einer jener zusammenlegbaren Betschemel, wie die Damen sie in der Kirche zu gebrauchen pflegen, an dem rechten ein kleines Täschchen aus schwarzem Seidenstoff, das man mit dem treffenden Namen »Ridikül« bezeichnet. Der Alte wandte sich langsam der Armasstraße zu, niedergedrückt von der Last seines Kummers. Als er sich zum Gehen wandte, blieb die alte Dame unbeweglich, als kämpfe sie zwischen dem Mitleid, das ihr riet, das Wort an ihn zu richten, und dem Taktgefühl, das sie davon zurückhielt ihn anzusprechen, aus Angst, durch eine indiskrete Frage einen geheim verborgenen Schmerz wieder wach zu rufen. Am folgenden Nachmittag begegneten die beiden Alten sich ebenfalls wieder bei dem Quinario Jesu Christi. Er stumm und unbeweglich wie am Abend zuvor, aber vielleicht noch gedrückter, denn sein Schmerz lastete doch vierundzwanzig Stunden länger auf ihm! Es entschlüpften hin und wieder seinen Lippen abgerissene Worte, die das Ohr der alten Dame trafen, wie Windesstöße, ohne daß sie sie verstehen konnte – deren ganze Bitterkeit sie aber doch erriet. Jene Schmerzensausbrüche waren zweifellos nichts anderes, als eine angstvoll schon unendlich oft ausgesprochene Bitte: ein Flehen, das sie, ohne es zu kennen, zu ihrem eigenen machte, und das sie mit ihren stärksten Gebeten und ihren Tränen unterstützte. Denn die Barmherzigkeit ist niemals ohnmächtig; sie kann immer beten mit dem, der betet, und weinen mit dem, der Tränen vergießt. Beim Schluß des Quinario ging die alte Dame kurz entschlossen hinaus und blieb an der Türe stehen. Gleich darauf erschien der Alte, ein Mädchen von zwölf Jahren im einfachen Trauerkleid näherte sich ihm: »Gehen wir zu Thomas, Großväterchen?« fragte sie den Alten. »Nein, mein Kind,« antwortete er niedergeschlagen. »Wir gehen nach Hause ... Ich kann nicht mehr ... Komm.« Und indem er sich auf des Kindes Arm stützte, schlug er wie am Vorabend den Weg nach der Armasstraße ein. Die Dame folgte ihnen von weitem. Schon war die Stunde gekommen, zu der die Kirchen geschlossen, die Theater geöffnet und die Cafés erleuchtet werden – dann spannt das Böse sein perfides Netz aus und das Gute scheint sich seufzend zurückzuziehen. Die Umgebung der Campanas und die benachbarten Straßen der »Sierpesstraße« füllten sich mit unzähligen Gruppen jener müßigen Menschen, die dem verschwindenden Rauch einer Zigarre nachblicken oder sich in leeren, vielleicht sündhaften Unterhaltungen ergehen, die kostbare Zeit dahinschwinden lassen, die die Engländer Geld nennen und die in den Augen des Christen, der weiter blickt, ein Geschenk göttlicher Gnade ist. Dort bemerkte man jenes Leben und Treiben, das zu dieser Stunde in den Zentren der Residenzen herrscht; hier tändeln Männer und Frauen aneinander vorüber, die einen auf der Suche nach einem unsicheren Verdienst, die anderen nach fernen Vergnügungen, viele nach raffinierten Genüssen – wenige – vielleicht kein einziger – auf der Suche nach Gott, der sich selbst »Allvater« nennt. Niemand beachtete jene traurige Gruppe, die inmitten der Menge einsam daherschritt; der Alte, das Kind geleitend – wie die Erfahrung die Unschuld – das Kind, den Alten stützend, wie die Jugend das müde Alter. Ebensowenig achtete jemand auf jene alte Dame, die ihnen mühsam folgte, ohne anderen Beweggrund als die Barmherzigkeit, ohne andere Hoffnung als die, Tränen trocknen zu dürfen. Nur der Schutzengel zählte ihre Schritte! Nach und nach verließen sie die lärmenden Straßen und kamen durch ruhigere hindurch, bis sie endlich zu dem fast verlassenen Feria-Stadtviertel gelangten. Hier machten sie vor einem ärmlichen Hause halt, das am Ende der Z-Straße gelegen war, und nachdem die beiden eingetreten waren, verriegelte der Alte von innen die Türe der Vorhalle, die auf die Straße führte. Die alte Dame prüfte aufmerksam die Fassade des Hauses und schrieb im Dunkeln tastend die Nummer 69 auf eine kleine Karte. Dann ging sie denselben Weg wieder zurück und schritt mühsam weiter, bis sie endlich an den Triunfo-Platz gelangte. Im Hintergrund hoben sich die turmreichen Wälle der Festung, jenes maurischen Juwels, ab, das sich nur noch mit der Alhambra von Granada vergleichen läßt. Die Dame wandte sich zu dem S.-G.-Banderos-Tor und betrat die historische Stätte der Herrscher von Kastilien. Die Uhr der Kathedrale kündigte gerade die elfte Stunde und die alte gebrechliche Dame, die schon mehr als achtzig Jahre zählte, hatte auf diese Weise ungefähr eine Meile zurückgelegt. II. Das Vorzimmer des Gouverneurs war mit einer großen Schar von Bittstellern gefüllt, deren lächerliche Seiten oft genug von satirischer Feder geschildert worden sind, und die so oft einen Schmerz mit einem Witz abtun, als wollte man eine Karnevalseinladung mit einem Totenschädel schmücken. Der voltairianische Leichtsinn unserer Zeit schreitet lächelnd an den Witwentypen von nicht immer problematischen Obersten vorbei; an den Töchtern unbekannter Intendanten, die vielleicht mehr geehrt werden als diejenigen, die die ganze Welt kennt; an pensionierten Hauptleuten, die vielleicht nicht Generäle wurden, weil sie nicht gegen ihren König und gegen ihr Vaterland den rostigen Degen ziehen wollten ... Ach! nehmt diese zweifellos lächerlichen Karnevalsmasken ab und ihr werdet heimliche Schmerzen, schweigendes Elend, unbelohnte Tugend und vielleicht gar unbestraftes Verbrechen finden ... Dann werdet ihr die häßliche Bitterkeit dieser Satire begreifen, die an ein wundes Herz die Schellen eines Harlekins hängt, dann wird das Lachen auf euren Lippen zu Eis werden und ihr werdet lernen schärfere Beobachter, weniger spottsüchtige Kritiker und barmherzige Christen zu sein. Die Kanzleien sollten in zwei Tagen für die Dauer der Karwoche geschlossen bleiben und alle jene Unglücklichen suchten ängstlich die ersten zu sein, aus Furcht, ihre Anliegen könnten sonst zu lange unberücksichtigt bleiben. Der Generalkapitän war vor zwei Stunden angekommen, um mit dem Gouverneur zu konferieren, und hatte damit die Ungeduld und den Ärger aller Wartenden erregt. Ein sehr dicker, kleiner Portier in hellblauem Rock und goldenen Tressen an Hals- und Ärmelaufschlägen stellte sie der Reihe nach auf und erwiderte ihre Reklamation mit jener Grobheit, die ebenso nach dem Leben gezeichnet ist, wie es zutrifft, daß die unerträglichste aller Tyranneien die der Subalternen ist. Jener Jupiter tonans ging mit komischer Grandezza auf und ab, entsandte nach allen Seiten Strahlen wie Raketen beim Feuerwerk, las eine Zeitung, deren Lektüre er nur unterbrach, um einem neuen Ankömmling eine barsche Antwort zu geben oder eine bissige Bemerkung zu machen gegen einen, der des langen Wartens müde, das Wort an ihn richtete. Zwei Stunden waren seit der Ankunft des Generalkapitän verflossen, als die alte Dame, die unsere Leser von dem Quinario Jesu Christi her kennen, im Vorzimmer erschien. »Der Herr Gouverneur?« fragte sie den Diener. »Ist beschäftigt,« antwortete dieser, ohne die Augen von seiner Zeitung zu erheben. »Bringen Sie ihm diese Karte,« sagte die Dame. »Beschäftigt mit dem Herrn Generalkapitän,« gab der Diener zurück, die Silben auseinander ziehend. »Das tut nichts,« bestand die alte Dame. »Bringen Sie ihm diese Karte.« »Was, das tut nichts?« schrie der Diener, sich auf den Hacken drehend, erstaunt über diese Kühnheit. Und nachdem er die alte Dame, die derartige Ansprüche machte, von unten herauf angesehen hatte, fuhr er wütend fort: »Reden Sie sich ein, daß der Herr Gouverneur Ihretwegen herauskommen und Sie am Arm in sein Bureauzimmer führen wird? Sie sagen, das tut nichts? ... Das ist wirklich noch schöner! ... Setzen Sie sich in jene Ecke, da können Sie noch eine gute Weile warten!« Über die Züge der alten Dame, die weit davon entfernt war, gekränkt zu sein, huschte ein amüsiertes Lächeln. Zweifellos fand sie Gefallen am Studium einzelner Typen und jener grobe Tyrann machte ihr Spaß. »Bringen sie ihm diese Karte,« wiederholte sie trotzdem mit Nachdruck. »Sind Sie denn taub oder spreche ich Griechisch.« »Bringen Sie ihm sofort diese Karte oder ...« Und dabei senkte die gnädige Frau die Stimme so sehr, daß nur der Diener hören konnte, was sie sagte. Eine danebenstehende Frau behauptete gehört zu haben, daß sie ihn mit Gefängnis bedroht, eine andere, daß sie ihm ein Trinkgeld gegeben habe. Sicher ist jedenfalls, daß der Livree tragende Jupiter von seinem Olymp herunterstieg, die Karte ergriff, und ohne ein Wort zu sagen, das Bureau des Gouverneurs betrat. Die Überraschung der Anwesenden stieg aufs äußerste, als sie sahen, daß er in Person das Vorzimmer betrat, gefolgt von dem General. »Aber meine gnädige Frau,« rief er, sich an die alte Dame wendend, aus, warum haben Sie mich das nicht wissen lassen? Ich wäre dann zu Ihnen gekommen, um mich Ihnen ganz zur Verfügung zu stellen! ...« Die alte Dame streckte dem Gouverneur lächelnd die Rechte entgegen und die andere Hand dem Generalkapitän, dann verschwanden die drei hinter dem schweren Vorhang, der die Tür bedeckte. Die Umstehenden blickten sich mit offenem Munde an und erwogen lebhaft die verschiedensten Mutmaßungen. Wer war jene Dame? fragten sich alle. Einige behaupteten, sie wäre ein Kobold; die meisten waren der Ansicht, daß es die Königin Christine wäre, die nach Sevilla gekommen, um die Brüderschaften der Karwoche zu sehen. Diese Version war die annehmbarste und die Hoffnung, daß die beleidigte Königin den groben Diener rettungslos inmitten von San Francisco hängen lassen würde, schwellte jede Brust. »Er muß wie eine zum Trocknen aufgehängte Melone aussehen,« meinte eine Alte bissig. Eine andere fügte jedoch sehr vorsichtig hinzu: »Da muß man aber ein Schiffstau nehmen, ein Strick reißt.« Inzwischen ließ der wegen Majestätsbeleidigung an der Witwe Ferdinands VII. an den Galgen gewünschte Diener sich an einem Fenster des Marstalls blicken und rief: »Den Wagen des Herrn Gouverneurs!« Allem Anschein nach mußte die Angelegenheit der Königin Christine rasch erledigt sein, denn zehn Minuten nach ihrem Eintritt trat sie in Begleitung der beiden Herren wieder aus dem Zimmer heraus. »Morgen ganz früh,« sagte der Gouverneur, »sollen Sie über alle möglichen Einzelheiten unterrichtet sein ... Ich werde persönlich bei Ihnen vorsprechen.« »Ich danke Ihnen,« entgegnete die alte Dame verbindlichst. »Und erwarte Sie bestimmt.« Es wurde dem Gouverneur darauf gemeldet, daß der Wagen bereit stände. Die alte Dame weigerte sich energisch ihn anzunehmen. »Gestatten Sie mir wenigstens,« sagte der Generalkapitän, »daß ich die gnädige Frau begleite?« »Das ist so viel Ehre für mich, daß ich sie gerne annehme,« entgegnete die alte Dame. Und indem sie sich auf den Arm lehnte, den der Generalkapitän ihr bot, schritt sie langsam jene herrliche Treppe des alten Klosters San Pablo hinunter, in dem jetzt die Bureauräume der Regierung untergebracht sind. III. »Was für Nachrichten bringen Sie mir?« fragte die alte Dame den Gouverneur, indem sie sich lebhaft in ihrem mit grünem Seidenrips bezogenen Lehnstuhl aufrichtete. »Viel an Quantität, aber Schlechtes an Qualität,« antwortete dieser, indem er sich niedersetzte. Die alte Dame schob ein Lesepult, auf dem ein deutsches Buch lag, beiseite, ließ in ein Arbeitskörbchen ein angefangenes Strümpfchen fallen, an dem sie während des Lesens gearbeitet hatte, und nahm ihre Brille ab; dann faltete sie die Hände, wie um besser hören zu können, und sagte mit großem Interesse: »Lassen Sie hören! Lassen Sie hören!« »Seit gestern,« hub der Gouverneur an, »habe ich den ganzen polizeilichen Apparat in Bewegung gehalten und das Resultat meiner Bemühungen ist folgendes: Darauf zog er ein mit Notizen beschriebenes Blatt hervor und fing an zu lesen: »Der Bewohner des Hauses Nr. 69 Z-Straße heißt Esteban Rodriguez, ist 62 Jahre alt und lebt im größten Elend. Seine Familie besteht aus der Frau, die seit sieben Jahren gelähmt ist; einer idiotischen Tochter und sechs Enkeln, Kinder einer anderen, vor drei Monaten verstorbenen Tochter, von denen das älteste zwölf und das jüngste vier Jahre alt ist. Über den Aufenthalt des Vaters dieser Kinder ist nichts bekannt. Esteban Rodriguez war dreiundzwanzig Jahre lang Magistratsbeamter, eine Stellung, die er vor drei Jahren durch den Sturz des Ministeriums verlor, und wurde auf Wartegeld gesetzt. Seit der Zeit ist er nach und nach in immer größeres Elend geraten, er schuldet dem Hauswirt 3625 Reales und dieser hat gedroht, ihm die Möbel abzupfänden und ihn aus dem Hause zu werfen, wenn er bis zum fünften dieses Monats 3 Uhr nachmittags die Schuld nicht getilgt hat.« »Morgen ist der fünfte.« rief die alte Dame entsetzt. »Mein Gott ... Morgen ... Am Karfreitag! ...« »Esteban sieht keine Möglichkeit, seine Schulden zu bezahlen,« fuhr der Gouverneur zu lesen fort, »und man weiß, daß der Hauswirt schon Schritte zur Beschlagnahme getan hat. Herr Esteban ist eine durchaus ehrenvolle und vertrauenswürdige Persönlichkeit.« Der Gouverneur legte das Blatt auf den Tisch und die alte Dame rief sehr niedergeschlagen aus: »Jetzt begreife ich alles, wohl hat er Grund zu einer schweren Betrübnis!« ... Die alte Dame war noch kaum allein, als sie die polizeilichen Notizen noch einmal durchlas; dann verharrte sie lange Zeit schweigend. »Unmöglich,« murmelte sie endlich, als gäbe sie sich eine Antwort auf ihre eigenen Gedanken »Unmöglich, daß Gott solche Bitten nicht erhören ... unmöglich, daß die heilige Jungfrau an ihrem Schmerzenstage einen so großen Schmerz nicht lindern sollte ... O wäre ich doch reich! ... könnte ich es doch in ihrem Namen tun!« ... Und wieder verharrte sie schweigend; Tränen entquollen ihren blauen Augen und rollten ihr langsam über die Wangen. »Um drei Uhr nachmittags! Mein Gott!« murmelte sie und erhob die Augen zu einem Kruzifix, das über ihrem Betpult angebracht war. »Um drei Uhr nachmittags, zu der Zeit, da du, mein Heiland, dein Leben ausgehaucht, werden diese armen Unglücklichen auf die Straße gesetzt, ohne Schutz, ohne Hilfe! ... Sechs Kinder! Heilige Jungfrau, sechs Kinder, sechs Engel Gottes, deine Engel! .. Vaterlos, mutterlos, ohne andern Schutz als dieser Alte, der einem Grabesschatten gleicht ... Arme Kinder! .. Schmerzensreiche Mutter der Hilfsbedürftigen, hilf du ihnen, oder gib, daß ich ihnen in deinem Namen helfen kann!« Die alte Dame verbarg ihr Gesicht in den Händen und schluchzte. Dann trat sie an den Schreibtisch und schrieb einen Brief, den sie an Seine Exzellenz Marquis X. X., den Oberbürgermeister von Sevilla, richtete. Unten auf den Umschlag des Briefes setzte sie die Worte: »Äußerst dringend.« Drei Stunden darauf erhielt sie ein amtliches Schreiben vom Bürgermeister; die alte Dame erbrach eiligst den Umschlag und ein freudiger Ausruf entschlüpfte ihren Lippen. Sie fand bereits eine unterzeichnete Berufung in ein Amt und einen sehr herzlichen Brief des Bürgermeisters, der sie ihr übermittelte. Der Name war offen gelassen. Die alte Dame schrieb in die freigelassene Stelle: »für Esteban Rodriguez.« Darauf öffnete sie ein Fach ihres Schreibtisches, das mehrere Geldmünzen und einige Scheine enthielt. Die alte Dame fing an zu zählen; es waren sechs Scheine zu je tausend Reales. »Bis Juni nehme ich nichts mehr ein,« – murmelte sie. – »Aber was tut das? – Mich wird man nicht pfänden.« Darauf ergriff sie die sechs Banknoten und die Berufung der Kanzlei, steckte alles zusammen in ein Kuvert ohne Unterschrift oder Zeichen und schrieb darauf: »Die schmerzensreiche Jungfrau ihrem Getreuen« und darunter den Namen des armen, stellungslosen Beamten. IV. Der Karfreitag war, wie schon erwähnt, der letzte Tag des Quinario und die alte Dame kam früher als gewöhnlich in die Christuskapelle; der Platz des Alten war leer. »Er wird sicher noch kommen,« meinte die alte Dame. »Es ist noch früh.« Aber die Zeit verging unmerklich, das Quinario hatte bereits begonnen und noch immer war der arme Unglückliche noch nicht gekommen. »Was mag geschehen sein?« fragte sich die alte Dame. »Sein Unglück ist gelindert, seine Zukunft gesichert ... Sollte er einer jener vielen sein, die im Kummer zu Gott flehen und in der Freude keinen Dank für ihn haben?« Herannahende Schritte und jenes Flüstern, das in der Kirche hörbar wird, sobald etwas Ungewöhnliches sich ereignet, erregte ihre Aufmerksamkeit. Die Neugierde veranlaßte sie zwar sich umzuwenden: aber die Scheu, die ihr die Heiligkeit des Ortes auferlegte, hielt sie zurück. Endlich erblickte sie zwei Männer, die an ihr vorüberkamen, und in einem Armstuhl eine gelähmte Frau trugen; ihnen folgten sechs ganz kleine, in Trauer gehüllte Kinder. Die beiden Männer setzten den Stuhl der Gelähmten dicht am Chor nieder; einer von ihnen, der ein Dienstmann zu sein schien, entfernte sich wieder aus der Kirche; der andere, der Alte, kniete an seiner gewohnten Stelle zu Füßen der Weihkerze nieder. Er schien sich verjüngt zu haben, obgleich aus seinen Augen Tränen flossen, Tränen der Freude und Dankbarkeit! Denn auch sie haben ihre Tränen! Die Kinder waren rings um die Gelähmte niedergekniet; durch einen glücklichen Zufall kniete das älteste Mädchen neben der alten Dame, die sie aufmerksam beobachtete. »Ist diese Dame deine Mutter?« fragte sie das Kind. »Nein, es ist das Großmütterchen.« »Ist sie krank?« »Sie ist gelähmt, aber heute hat die heilige Jungfrau das Wunder an uns getan, und daher wollte sie, daß wir alle ihr danken.« Die alte Dame fragte nicht mehr, sie zog so tief wie möglich den Schleier herunter und genoß schweigend und allein jenes schöne Bewußtsein, das die Engel heilig nennen; jenen göttlichen Trieb, den Gott den Mächtigen verliehen hat, um sie zur Nächstenliebe zu treiben, und den so viele, ach so viele niemals in ihrem Leben gekostet haben; die Freude, andere glücklich zu machen! Und trotzdem war diese alte Dame nicht reich; sie verteilte fürstliche Almosen und verdankte nur der Güte eines ihrer mächtigen Freunde ihre Wohnung in der Alcansar. Diese Dame, die einst reich gewesen war, lebte jetzt von dem Ertrag ihres gottbegnadeten Talentes. Sie hatte sich selbst gezeichnet, als sie in ein wertvolles Buch die Worte schrieb: »Wissen ist etwas, Genie ist mehr; aber Gutes tun ist mehr als beides und die einzige Überlegenheit, die keine Neider schafft.« Jene alte Dame war die Marquise de Arco Hermoso, Cecilia Böhl von Faber, die in der gebildeten Welt unter dem Schriftstellernamen Fernau Caballero bekannt ist. Die Gottesstreiter. Eine geschichtliche Episode. Seiner Exzellenz Herrn Xavier Lopez de Carritoza y de Giles, Marquis von Cassapavon . I. Geliebter Xavier! Diese Zeilen enthalten einen Bruchteil des Ruhmes Deiner Vorfahren, den ich dem Staub der Jahrhunderte entrissen habe. Vor fünfzehn Jahren hast Du mir geholfen, sie in dem Winkel eines Archivs zu entdecken: und deshalb stelle ich Deinen Namen an die Spitze dieser Veröffentlichung, als Beweis unserer alten Freundschaft, die ewig währen wird, und als Erinnerung an unsere erste Jugend, die nie mehr wiederkehrt. Orduna, 7. Febr. 1886. Luis Coloma M. d. G. J. I. Zu jenen Zeiten der großen Tugenden und der großen Laster, in denen man von gemeinen und verächtlichen Leidenschaften so sehr selten hörte, in denen der »weise König« das Maurentum einzwängte und ihrer Klagen nicht achtete, erscheint in der Geschichte das christliche und ritterliche Jerez als furchtbarer Hüter der Grenze, von Mauern umgeben, mit blutigen Lorbeeren gekrönt, ein Kreuz aufrichtend und es mit einem Banner schützend, auf das die Jahrhunderte und das Blut einen Heldengesang geschrieben haben. Die Zeit bedeckte jene Ruhmestaten mit ihrem majestätischen Staube, und Vergessenheit und Gleichgültigkeit begruben sie, ohne daß eine Grabschrift sie verewigt, oder ein Dichter sie besungen oder ein Geschichtsschreiber unseren Nachkommen überliefert hätte: daß Jerez weniger reich und mächtig – als heldenmütig, treu und edel gewesen sei. Die Zeit rechnete auf die Hilfe der Menschen, um der christlichen Aufrührerin ihren Gürtel aus Zinnen zu entreißen, und die Heldin neigte ohnmächtig das Haupt, vertauschte die Lanze mit dem Spinnrocken, ersetzte den Lorbeer ihrer Söhne durch Weinlaubkronen und sah, vor Scham errötend, daß die Motten ihr Banner zernagten und Goldsäcke ihr treuloses Wappen bedeckten. Die Menschen von heute vergaßen die Helden anderer Zeiten und jener undankbare Landstrich, der dem Reisenden überall Weinschenken weist, vermag ihm weder das Grab Diego Herreras noch die Statue Garzi – Gomez Zarrillos zu zeigen. Mit wie viel mehr Recht als Scipio Rom gegenüber konnten dieser vergeßlichen Mutter ihre ehemaligen Söhne zurufen: »Undankbares Vaterland, du sollst meine Gebeine nicht besitzen!« II. Einstmals stieß dicht an die Tür des »Marmorlejo«, der später der »Königliche« genannt wurde, eine kleine Kapelle, die sich an die Mauern anlehnte wie der Glaube an das Vertrauen. Darinnen wurde ein Bild der gnadenreichen Jungfrau verehrt, und es war der Brauch der alten Ritter, wenn sie zur Schlacht auszogen, sie um ihren Schutz im Streit und ihren Beistand zum Sieg zu bitten; deshalb hieß sie die Kapelle der »Demütig Bittenden«. Denn jene Männer, die so hochmütig über die Erde dahinschritten, blickten hier demütig zum Himmel auf. Die historische Kapelle stand am 11. Juli 1325 geöffnet; in ihrer Umgebung wimmelte es von eisenstarrenden Männern und hier und dort drohend aufgerichteten Haufen von Lanzen und Picken; überall wehten Flaggen und Banner jeglichen Aussehens um eine Standarte aus kostbarem, rotem Gewebe, deren weite Falten schlaff längs des Schaftes herunterhingen, als könne der Wind das Gewicht von so viel Ruhm nicht tragen. Es war dies das Banner von Jerez, ehe Jerez den Mauren in der Schlacht von Satado im harten Kampfe ein anderes Banner entriß. Trübe und dunkel brach für die Jerezer die Nacht jenes Tages herein. Augen, die von der Furcht getrübt sind, schauen niemals Sterne; und kaum je hatte sich ihrer größere Furcht bemächtigt, als nach dem Empfange eines mit eigenem Lebensblut geschriebenen Briefes ihres Ritters, worin er den König Sancho um Hilfe anfleht gegen den Emir al Moumenin von Marokko, der sie belagerte. »Da ihr kastilische Löwen seid, verteidigt euch als solche, bis ich Leute zusammenbringe, um euch zu helfen,« antwortete der Tapfere auf jene blutige Botschaft. Die Leute von Jerez wurden durch das Versprechen ihres Königs mit solchem Mut erfüllt und kämpften so tapfer, daß es keinem Mauren gelang, den Festungswall zu überschreiten. Aber dazumal war die Gefahr eine andere; streitbare Krieger waren nur wenige, die Lebensmittel knapp und kein Versprechen des Königs, das die Hoffnung anfachte oder die Hilfe von Männern, die der Mut aufrechterhielt. Die Mauren diesseits und jenseits des Meeres hatten den Guadalete in einer Anzahl von 70 000 überschritten, ihre Zeltlager von Martelilla bis zum Fluß aufgeschlagen und ihre Trupps dicht an die Tore von Jerez der Edlen gebracht. In dieser Bedrängnis berief der Burgvogt Simon de los Cameros die Großen des Landes, die Edelleute und die Angesehensten des Volkes, die von dem Wunsche nach Rache beseelt waren. Mutig und tollkühn, wollten sie, wenn sie schon nicht siegen konnten, doch als Helden sterben. Ein hoher Ritter, Cosme Damian Davila, mutig im Kampf und tüchtig in maßvollen Reden, sprach also zu ihnen: »Wahr ist es, daß unsere Kräfte zu schwach sind, um die Feinde, die wir da vor uns sehen, zu besiegen; aber wie oft schon haben die christlichen Waffen durch Gottes Schutz auch in geringer Anzahl über unzählige Feinde gesiegt, und deshalb ist es meine Meinung, daß wir den Schutz der allerheiligsten, gnadenreichen Jungfrau anflehen, zum Kampf ausziehen und uns dabei der wilden Füllen bedienen sollen, die die Nachbarn besitzen. Wir werden sie an Stricken aufs Feld hinausziehen, und wenn wir dem Feind nahe sind, ihnen Dornen und Gestrüpp an die Schwänze binden; und wir werden sie alle zu gleicher Zeit anfeuern, denn mit diesem Hilfsmittel richten wir Verwirrung an unter den Mauren, deren Scharen zum Teil in Unordnung geraten werden und so können wir uns auf sie stürzen und den Sieg davontragen.« Davilas vernünftiger Vorschlag fachte neue Hoffnung in den Herzen der Beteiligten an, denn stets läßt der Wunsch Raum für die Hoffnung; und derartig entflammte der Eifer der Spanier, daß Edle und Unedle zu den Waffen griffen und sogar das Volk von Caldo franco sein Handwerkszeug mit der Lanze vertauschte. Schon gewährte der Schatten der Nacht den Kastilianern neue Hilfe, als Simon de los Cameros an die Pforte des Marmorlejo klopfte, gefolgt von vier Burgvögten, den Rittern des hohen Adels und den übrigen Edlen von Jerez. Bei ihrer Ankunft hörte das Murmeln auf, und auf das Waffengeklirr folgte das tiefe Schweigen, das dem Donner vorangeht, wenn die Wolken Funken sprühen. Die Reiter stiegen von den Pferden und die Stolzesten küßten darauf den Staub; die Schwerter neigten sich, die Lanzen glitten zur Erde und jener tapfere Adel, dessen christliche Ergebenheit größer ist als sein ritterlicher Stolz, beugte das eisengepanzerte Knie vor dem Altar, den das Bild der Schutzheiligen, von zwei silbernen Lampen erleuchtet, schmückte: dem Altar, der errichtet war, um Helden von dazumal zu demütigen, und der abgerissen wurde, um Zwerge von heute zu erhöhen. Und welche Wahrheit liegt in dem Versprechen Christi! ... die Demut der einen erfüllt sie mit Ruhm und der Hochmut der andern bedeckt sie mit Schande ... Hier beugte Diego Pavon, der Jüngling, dessen Vorfahren Könige herausforderten, das Knie; hier flehte jener Herrera die Hilfe des Himmels an, der später mit einem Lanzenstich in seinem eigenen Lager den Infanten Abdol-l-melic, den Einäugigen, niederstreckte, und auch Fernau-Nuñez-Davila beugte im Staub seinen Schild, der mit so viel Plättchen geschmückt war, als er den Mauren Halbmonde abgenommen hatte. Hier demütigte jener Alfonso Fernandez von Valdespino, der in der Schlacht am Salado die ruhmreich vergoldete Schärpe gewann, seinen Stolz; hier betete kniend Garci-Perez von Burgos, der sich Rendon und Tarifa nennt: und jener tapfere alte Gutierre Ruiz von Orbanlja weinte wie ein Kind, und waffenlos zog er in den Kampf, weil die Jahre ihm die Last der Waffen zu tragen nicht mehr erlaubten. Hier betete Diego Zurita, hier neigte der Sohn des Perez Ponze des Leon seinen Stolz, der alle Mateo wurde weich, und da Lorenzo Villavicencio nicht hier war, sah die Jungfrau nicht wie sonst den besten Lanzenschwinger im Streite zu ihren Füßen. Die Stunden flohen eilends dahin, aber das Gebet hatte die Hoffnung gefestigt, den Kampfeseifer vergrößert, und die Spanier erhoben sich endlich als noch gefestigtere Christen und noch stolzere Ritter. Alsdann nahm Simon von Camaros aus den Händen des Oberfähnrichs jenes sarazenische Banner, welches das Blut von Vortun de Torres als Stempel trug, und nachdem er es dreimal in den Staub geneigt, rief er mit Löwenstimme: »Heilige Jungfrau, hilf uns!« – – – »Heilige Jungfrau hilf uns!« So widerhallte es von der tapferen kleinen Schar. Und als sie aus der Tür des Marmorlejo heraustraten und die Nacht sie umgab und die Gefahr sie bedrohte, da traf ihr Ohr gleichwie eine Verheißung der Jungfrau das Echo der Stimme von Edelfrauen und Bürgerfrauen, die mit jenem Glauben, der nicht klagt, sondern hofft, zu ihrer Schützerin flehten: »Heilige Jungfrau, hilf ihnen!« III. Schweigend schlugen die Jerezer den Weg nach Vejir ein, um darauf nach Medina zu gehen und den Mauren in den Rücken zu fallen. Vorn marschierte der Burgvogt, dessen Traber als Schabracke ein großes Tigerfell trug, das er einem maurischen Scheich geraubt hatte, es folgte ihm die Reiterei, die die Schar der wilden Füllen führte, welche auf Davilas Rat an der Schlacht teilnehmen sollten, in zwei Flügeln. Die Mauren waren in ihrem Lager dort neben dem Lager von Medina, auf ihren Mut vertrauend oder die Feinde mißachtend, die bereits im Bereich ihrer Assagaie waren. Die Klugheit verlangte, daß der Mut der Unsern sich in Schranken hielt, und sie vermochten sich nur ruhig zu halten bis zum Anbruch der Morgendämmerung, da sie sich breitmachten und den Füllen, wenn auch kein Brombeergesträuch und Dornengestrüpp, so doch Tierhäute anbanden, die sie aus Vorsicht mitgenommen hatten. Die Stadt wurde inzwischen von einigen bewaffneten Männern bewacht, die unter dem Oberbefehl einer edlen und klugen Dame standen, die das Amt eines Burgvogtes versah. Zu ihr flüchteten sich die Frauen und Kinder, welche die kluge Frau in die Häuser sperrte aus Furcht, ihr Klagen und Weinen könnte dem Feind beim Herannahen ihre große Schutzlosigkeit verraten. Stets auf der Hut, die Stadt vor irgend einem Überfall zu schützen, der sie in große Gefahr bringen konnte, hatte die edle Frau sich auf die kleine Burg zurückgezogen, die wie die übrigen Pforten geschützt und verteidigt wurde von dem Tore de Las Anzes, das heute das Sevillator heißt. Ihre Ruhe währte nicht lange: drei Stunden waren seit dem Auszug vergangen, als die Bewaffneten, die, obwohl sie sich immer mehr dem Kampfplatz näherten, doch nicht die Mauerbrüstung verließen. Man hörte das Herannahen einer großen Zahl von Kriegsleuten, die gegen die Brustwehr der Verstärkung aufrückten. Man beschwichtigte die Burgvogtin, welche vergebens solange den Vorfall zu verheimlichen suchte, bis sie Gewißheit hatte: denn schlechte Nachrichten eilen schneller wie der Wind. Jene Schar warf sich im höchsten Schrecken zum Boden und bat weinend, dem Feinde freiwillig das zu übergeben, was er sich mit Gewalt nehmen würde. Aber die heldenmütige Frau sprach ihnen tröstend zu und beruhigte sie. Sie flößte allen ihren eisernen Mut ein; die Gefahr, die Furcht vor dem Tode und die Zaghaftigkeit schwanden dahin und der Ruf des Vaterlandes, stärker und gewaltiger als das rauhe Klirren der stolzen Türkensäbel, breitete für einen Augenblick den großen Schatten von Numancia und Sagunt über Jerez. Danach bestieg jene mutige Frau den Mauerkranz der Burg mit zweien ihrer Diener, die ihr leuchteten: die Nacht war dunkel und dichtes schwarzes Gewölk verschleierte von Zeit zu Zeit das erste abnehmende Mondviertel. In seinem Glanz erblickte man längs der Mauerverstärkung eine dichte Gruppe von Kriegsleuten. deren blitzende Waffen funkelten und drohend klirrten, gleichwie das Gewitter sich durch einen Blitz bemerkbar macht und sich durch einen vorangehenden Donner verkündet. Aber ohne Furcht im Herzen und ohne Zittern in der Stimme rief die vornehme Jerezerin, ohne sich hinter den Zinnen zu verbergen: »Heda! Ihr guten Leute!« »Cordova für Jerez!« erklang die Stimme eines Ritters am Fuße der Mauer. Und zu gleicher Zeit flatterte ein Banner im Winde, das ein Ritter entfaltete, indem er sich in den Steigbügeln hob. Es waren die Männer aus Cordova, die ungerufen ihren Brüdern in Gott für Vaterland und König zu Hilfe kamen. IV. Der Schrecken wandelte sich in Jubel und die Todesfurcht in Siegesgewißheit. Die Tore öffneten sich unter Jauchzen und die Burgvogtin stieg in eigener Person hernieder, um jene Retter zu begrüßen, die die Schutzpatronen ihrer Stadt sandte. Der Ritter Cordoba, der sie befehligte, stieg vom Pferde, um der Burgvogtin seine Ehrerbietung zu beweisen: denn die alte Ritterlichkeit wahrte der Witwenhaube der alten Dame genau denselben Respekt wie den Frauenröcken der jüngeren. Aber kaum hörten die tapferen Cordovaner von dem Schlachtplan, so wiesen sie das Anerbieten, auszuruhen, zurück und erbaten sich einen Führer, der ihnen den Weg weise, denn der Krieg dulde keinen Aufschub: sie durchschreiten das Flüßchen im Trabe des Fußvolks und machen halt auf einem Hügel, von wo aus sie den Feind ausspähen und darauf warten, daß die Unsrigen, die sich drüben am der Seite befanden, ein Zeichen zum Kampfe geben. Plötzlich unterbrach ein drohender Trompetenstoß das verräterische Schweigen und die Spanier stürzen sich mit solcher Wucht und Heftigkeit auf die Mauren, daß der Staub drei Viertelstunden lang die Schatten der Nacht verlängerte. Es flohen die wilden Fohlen, die Felle nach sich ziehend, von denen sie gepeitscht und erschreckt wurden: ihr Entsetzen wuchs mit dem rasenden Lauf und verbreitete eine solche Furcht unter den maurischen Pferden, daß diese das ganze Lager in Unruhe versetzten. »Santiago!« schrien die Unsern und der Maure war – zu spät aus seiner Bestürzung erwachend – nicht imstande, seinen alten Kriegsruf auszustoßen. Bei dem Kampf gewannen die Christen ein derartiges Übergewicht, daß schon sieben Sarazenen ins Gras bissen, bevor Danila die Lanze aus dem Schaft zog. Weiterhin zeigte Herrera seine Tüchtigkeit: bahnte sich gewaltsam einen Weg, und für einen Beinharnisch den man ihm entriß, entriß er den Mauren drei Banner und tausend Seelen. Erschreckt flohen die Mauren planlos in der Richtung nach Jerez und fielen in die Cardoveser Lanzen, von denen sie mit solcher Wucht empfangen wurden, als ob die Sache, für die sie kämpften, nicht eine fremde, sondern ihre eigene war. Dann schlugen sie sich bis Margarigut dem Alten durch, dorthin folgten ihnen Cordoveser und Jerezer, die sich noch nicht kannten, die aber mit gleicher Wut auf sie einhieben. Hier fiel Juan Gaitan, der Sohn, dem noch kaum der Flaum auf der Oberlippe sproß, mit durchbohrter Brust: der Staub der Schlacht wurde das Leichentuch des Ritters, und es fehlte auch nicht an einem, der seiner Mutter die zerbrochene Lanze des Jünglings aufbewahrte: und von seiner Herzensdame einige grüne Schleifen, die das Blut rot gefärbt. Die Wut stieg, je näher der Sieg kam und es floß so viel Blut an jenem Ort, daß es für immer seinen alten Namen fortwischte und ihm die schreckliche Bezeichnung »Matanza« (Blutbad) aufprägte. Aber arglistig, wie die Mauren sind, flohen sie und versteckten sich in einem ausgetrockneten Bach: aber hier erreichten sie die wutentbrannten christlichen Scharen, und hier floß genug Blut, um dem ausgetrockneten Flußbett neue Strömung zu geben, und jene von maurischem Blut getränkte Erde erhielt den Namen »Matanzuela« (kleines Blutbad). Die Nacht eilte erschreckt davon, um bei den anderen Völkern die Kunde von den Waffentaten der Sieger zu verbreiten: als der Tag anbrach, fand er das Banner Ismaels zerrissen, das Kreuz erhoben, und das Lager mit Leichen übersät. welche die größte Lanze, die es auf dem Felde gab, deckten: die des tapferen Lopez de Mendonza, der in seiner Waffenrüstung den Ruhm des Ave Maria erhielt. Und als dort später Cordoveser und Jerezer sich die Treue ewiger Brüderschaft geschworen hatten, legten sie zu Füßen der Jungfrau der Gnade, die von jetzt an die der Hilfe hieß, ein Bündel maurischer Fahnen nieder, bedeckt mit christlichem und sarazenischem Blut, und die Fama schreibt in ihr Buch: die Schlacht der Tierhäute, und die Welt schreit mit hundertfachem Trompetenschall: » Alles erreicht der Mut, wenn der Glaube ihn unterstützt.« Kain. I. An einem schönen Nachmittage im Mai des Jahres 1869 ging ein älterer Mann, der eine Eselin vor sich her trieb, über die Landstraße, die von Jerez nach Puerta de Santa Maria führt. Auf einem gewöhnlichen Packsattel hockte eine Frau reiferen Alters und vergoß bittere Tränen, die sie von Zeit zu Zeit mit dem Zipfel ihres katalanischen Kopftuches trocknete. Der Mann sah noch bekümmerter aus, schritt mit gesenktem Haupte einher, drehte die Peitsche, mit der er die Eselin antrieb, in seinen Händen, und seine heißen Tränen rannen wie eine ätzende Säure in seinen durch Alter und Sorge gebleichten Bart. Darauf hieb er, als wollte er seinen Kummer verbergen, derb auf die Eselin ein und sagte barsch: »Los, alter Esel, es ist keine Prozession!« Das Tier ließ sich einschüchtern, spitzte die Ohren und beschleunigte seine Schritte: bald aber verfiel es wieder in seine alte langsame Gangart, ließ die Ohren hängen und schüttelte von Zeit zu Zeit mit dem Kopf, als nähme es Teil an dem Kummer seiner Herren. So zogen sie lange Zeit schweigend einher, bis der Mann auf ein mit Melonen und Tomaten besetztes Land am Wege wies mit dem müden Tonfall eines Menschen, der einen schweren Kummer dadurch verbergen will, daß er von gleichgültigen Dingen spricht und ausrief: »Wie gut steht in diesem Jahre Juan Pitas Ernte!« Die Frau hob nicht den Kopf, noch sprach sie ein Wort: es war, als hätte nichts für sie Interesse, das nicht in Beziehung zu ihrem Kummer stand. In demselben Augenblick trat ein Mann aus einer mit Gurken bepflanzten Anhöhe und schritt, zwei Körbe mit Tomaten am Arm, über den Graben längst der Landstraße, um unsere Wanderer einzuholen. Es war Juan Pita selbst. »Gott schütze Euch, Herr Miguel, und Eure Begleiterin,« sagte er, sich zu ihnen gesellend. »Holla, Juan,« entgegnete dieser, »gehst du nach Puerto?« »Nein, Herr, ich gehe nach Jerez, um diese Tomaten zu verkaufen, denn diese sind die ersten, die es heuer am Platze gibt.« »Mir geht's nicht so; die in meinem Garten werden nicht früher reif, als bis die Soldaten sie mir aufessen. Und wie verkauft Ihr sie?« »Die, die jetzt noch grün sind, für 20 Quartos, und die reifen für eine Peseta oder ein Ochavo wenigstens.« »Eine Peseta für Tomaten, die sich eher zum Schweinefutter als zur Suppe eignen« ... ... »Was wollt Ihr, Herr Miguel? Mit den diesjährigen Tomaten muß ich mir einen Esel verdienen.« »Bedenkt, daß ein Esel schwer auf dem Gewissen lasten kann.« »Das sind allzu fromme Bedenken, Herr Miguel. Bevor ich Gärtner wurde, war ich Advokat, und da habe ich das Rechnen gelernt.« Und Juan Pita lachte zynisch, hob die linke Hand und schloß die Finger einen nach dem andern, – eine bezeichnende Geste, die überall das bedeutet, was das siebente Gebot verbietet. – »Ist das nicht wahr, Frau Joaquina?« setzte Juan hinzu: »Ihr seid noch schweigsamer als ein Posten und sitzt so majestätisch auf Eurer Eselin wie ein Heiligenbild.« Joaquina drehte den Kopf, und erst jetzt bemerkte Juan, wie bekümmert sie aussah. »Donnerwetter,« stieß er hervor, uns blieb mitten auf dem Wege stehen. »Was fehlt Euch nur, Eure Augen sind ja rot wie die Tomaten in meinem Korb?« Joaquina brach von neuem in Tränen aus, und Miguel verharrte schweigend. »Aber was ist denn passiert, Herr Miguel?« fragte Juan Pita noch einmal. »Was ist nur passiert?« »Was soll's geben?« schluchzte Joaqaina, »sie haben mir meinen Perico, meinen Augapfel, meinen geliebten Sohn unter die Soldaten gesteckt: er mußte heute nach Cadix. »Gott schütze Euch! Davon habe ich nichts gewußt.« rief Juan erschreckt. »Mein Sohn,« fuhr Joaquina weinend fort. – »man möchte es nicht für möglich halten und nicht glauben, was alles auf Gottes weiter Welt vorgeht. So zart wie er ist mein Junge. Das wird sein Tod sein, und ich werde ihn nie wiedersehen.« »Frau, versuche Gott nicht,« verwies Miguel sie barsch, »der Junge ist wohl noch stärker als ein Manchegoer Esel.« Und sich an Juan wendend, fügte er hinzu: »Die Frau hat sich fest eingeredet, daß dem Jungen irgend etwas passiert, und deshalb weint sie und lebt in steter Sorge.« »Schweig, Miguel, schweig,« rief Joaquino »Du weiß sehr wohl, daß es so ist, wie ich es sage. Deine Ruhe ist nur Verstellung. Ach Gott, und was für Kummer wird die Zukunft uns noch bringen,« klagte das unglückliche Weib. »Was wird aus uns armen Alten ohne unseren Perico, den wir so sehr vermissen?« »Sennora Joaquina, so schwarz wie Sie das ansehen, ist das gar nicht,« entgegnete Juan Pita. »Seit Adams Zeiten dienen die Söhne dem Könige und kommen gesund wieder zurück; und inzwischen bleibt Euch ja auch Roque, das ist ja ein Bursche wie ein Baum.« Ein bitteres Lächeln umspielte Miguels Lippen, das seinem Antlitz einen herben Ausdruck verlieh. »Roque,« murmelte er bitter, »den läßt unser Kummer kalt.« – »Das ist der andere Pfeil, den ich im Herzen trage, rief Joquina halb zornig, halb betrübt. »Dein Haß gegen deinen Sohn Roque, deine unfreundliche Art und deine Heftigkeit ihm gegenüber.« »Das ist kein Haß, Joaquina.« erwiderte Miguel ernst, »aber ich bin kein blinder Vater. in diesem Burschen steckt kein guter Kern.« »Mein armer Junge,« seufzte Joaquina, »was würde aus ihm ohne seine Mutter werden, die ihn so sehr liebt und keinen dem anderen vorzieht.« »Das tus ich ebensowenig, aber ich weiß genau, was jedes meiner Kinder wert ist ... Wollt Ihr mir glauben, Juan, daß dieser böse Roque, als er hörte, daß sein Bruder Soldat würde, ihn aus dem Hause gehen ließ, ohne eine Träne zu vergießen und ohne diesen braven Jungen zu begleiten, wie seine Mutter und ich es getan: er blieb sorglos im Garten liegen wie frischer Salat.« »Aber, Mann, sollte er denn vielleicht den Garten ohne Aufsicht lassen?« rief Joaquina. die wie alle Mütter stets eine Entschuldigung für die Vergehen ihrer Söhne fand. »Ach was, er hat es schon oft genug getan, wenn er ins Dorf läuft, um zu spielen oder neue Schurkereien auszuüben ... Ich sage dir, Joaquina, es steckt kein guter Kern in dem Jungen, und er wird uns noch viel Tränen kosten.« Die Mutter schwieg, als wüßte sie sehr wohl, wie recht Miguel mit seiner Behauptung behalten werde: dieser zog ein buntes Tuch aus der Schärpe, nahm den kastilischen Hut ab, tat, als wolle er sich den Schweiß abwischen, und trocknete sich dabei die dicken Tränen, die ihm die Wangen herunterrollten. »Vorwärts, Molinera, vorwärts, ehe die Nacht anbricht,« sagte er, die Eselin antreibend. Inzwischen hatte Pita, dem die unerwünschte Rolle, die er neben den beiden tiefbekümmerten Menschen spielte, unbequem geworden war, und der einsah, daß bei dieser Unterhaltung jeder Zeuge lästig werden mußte, das Schweigen, das auf Miguels Worte folgte, benutzt, um sich zu verabschieden. Er schlug nun den schmalen Fußpfad ein, der ihm den Weg nach Jerez, wo er seine Körbe mit Tomaten zu verkaufen gedachte, um ein ganzes Stück verkürzen sollte. Das betrübte Ehepaar verfolgte schweigend seinen Weg, ohne daß man etwas anderes hörte, als Miguels und Molineras Tritte, die unterdrückten Seufzer Joaquinas, die Schellen des Viehes, das aus den verschiedensten Flecken in den Stall zurückkehrte, und in der Ferne die Stimme Juan Pitas, der mit der Gleichgültigkeit, die ein sorgloser Mensch Bekümmerten entgegen zu bringen pflegt, ein fröhliches Lied vor sich hin sang: »In dem Schlosse eines Königs Liegt 'ne Ratt' im hohen Fieber Der dann eine schwarze Katze Beförderte die Seel' hinüber.« Miguel und Joaquina gingen in ihre traurigen Gedanken versunken, schweigend an den beiden Säulen – die Kreuze genannt – vorüber, die wie zwei Schildwachen am Rande des Weges stehen, und die erste zwischen Jerez und Puerto zurückgelegte Meile bezeichnen. Von hier aus ging ein Weg, den die Eselin, ihrem Instinkt folgend, einschlug, und der sich über einen trockenen Hügel schlängelt, unter dessen wucherndem Gestrüpp hin und wieder Reste von kahlen Mauern sichtbar wurden, als ragten die Knochen eines riesengroßen Skeletts aus dem ausgehöhlten Grabe hervor. Dies ist das Grab, das die Zeit dem Schosse von Sidueñas gegraben hat. Auf dieser Stelle erhob sich ehemals eine mächtige Befestigung mit acht Türmen. Es geht die Sage, daß die kastilische Königin Danna Blanca de Bourbon in diesen Mauern bittere Tränen vergoß. Heute steht dank einer schützenden Hand, welche die Überreste jener historischen Mauern wie in einem Reliquienschrein aufzubewahren verstand, noch einer jener acht Türme des Schlosses von Sidueñas, der Donna Blancas: ein Markstein früherer Zeiten, wie ein Kreuz auf einer Grabstätte. Hoch aufgerichtet wie auf steinernem Sockel steht er verlassen da: keine Blume, die ihn schmückt, kein Efeu, der ihn gleichsam umrankend stützt. In hoheitsvollem Ernst prangt er dort als Wahrzeichen eines Grabes, als letzte Zuflucht einer Königin: seine Spitze mit Wappen bedeckt, und an seiner Front ein Wappenschild, auf dem der kastilische Löwe mit den drei aragonischen Balken unter einer Marquiskrone ruht. Daher stammt der Titel des Marquisgeschlechts der Castillo del Valle de Sidueñas. Jene: nackte kahle Hügel wird von blühenden Gärten eingefaßt wie eine Grabstätte, deren freundliche Umgebung die Schrecken des Todes mildert. In einem dieser Gärten entspringt unter dem Fuße einiger Silberpappeln eine Quelle, die den schönen Namen »das Mitleid« trägt und die verschwenderisch und wohltuend wie ihr Name mit einem ihrer Arme die Gärten zu befruchten sucht, während der andere den Weg nach Puerto de Santa Maria verfolgt. Das Flüßchen hemmt seinen Lauf vor einer einsamen Klause, um die gefallene Majestät zu ehren und beim Anblick der Ruinen, empört über eine solche Vernachlässigung, die der Mensch verschuldet, Tränen zu vergießen, und setzt dann sorgenvoll seinen Weg fort. Die Klause, einsam, verlassen mit ihren zerstörten Mauern, ihrer Kapelle ohne Dach und Tür, ihrem Glockenturm ohne Kreuz, das ihn schmückte, und ohne Glocke, die ihm Sprache gebe, gerät sang- und klanglos in Verfall, sie ist wie ein Altar ohne Allerheiligstes, wie ein Körper ohne Seele, aber imposant wie ein König ohne Krone in der doppelten Majestät einer großen Vergangenheit und unglücklichen Gegenwart. II. Sieben Jahre waren vergangen, seitdem Miguel und Joaquina einen der Gärten gepachtet hatten: der Turm von Donna Blanca diente ihnen dabei als Wohnung. Miquel bearbeitet mit Hilfe seiner beiden Söhne Perico und Roque den Garten und diese verkauften die Früchte und Gemüse auf dem Markt von Jerez de la Frontera. Perico, der ältere, besaß die Ehrlichkeit und Offenherzigkeit, die der Jugend so gut steht. Seine Eltern liebte er bis zur Überschwenglichkeit, wenn Überschwenglichkeit in der heiligen und pflichtgemäßen Kindesliebe, die die Natur fordert und die Dankbarkeit heiligt, überhaupt möglich wäre, und sah sein Glück nur darin, ihre Wünsche zu erfüllen, sie ruhig, zufrieden und glücklich zu wissen Roque hingegen besaß den Egoismus, der im reifen Alter abstoßend wirkt wie ein Laster und in der Jugend erschreckt wie eine Verirrung; jenen Neid, der immer eine Verderbtheit des Herzens und eine Beschränktheit der Fähigkeiten verrät, große Seelen kennen nur eine Rivalität, – und das gab seinem Charakter eine grelle, häßliche Färbung, wie die Galle den Zügen gewisser Kranker. Er war ehrgeizig in dem beschränkten Gesichtskreise seiner Ideen: denn die modernen Revolutionäre, die sich der Armen nur als Werkzeug bedienen, hatten ihm jenes Gleichgewicht geraubt, das die Religion verleiht, und das selbst den Armen Kraft und Hoffnung gibt. Armes, verblendetes Volk, das den Balsam gering achtet, der seine Wunden heilen könnte. Arme Reiche! die den Sturm nicht aufzuhalten vermögen, dessen erste Donnerschläge schon widerhallen, und dessen erster Blitz schon zu zünden und zu zerstören anfängt. Roque hatte wie alle Ehrgeizigen, sei es im Rock, sei es in der Joppe, für seine heimtückischen Pläne keinen andern Vertrauten als seinen Egoismus. Denn das Mißtrauen geht wie ein Spion im Heer mit offenen Augen und mit gespitzten Ohren seiner Mutter, dem Ehrgeiz, voran. Miguels Leben floß in seiner Anmut ruhig dahin und der genügsame Mann teilte seine Liebe zwischen Frau und Kindern. Aber als Perico zwanzig Jahre geworden, wurde jene schöne Harmonie durch eine Unruhe unterbrochen, die so viel Müttern den Schlaf raubt, von einer schwarzen Wolke getrübt, die sich alljährlich zusammengeballt, sowohl über dem Haupte des Reichen wie über dem des Armen: der Aushebung nämlich. Nur was das Geld des einen verhindert, muß die Armut des andern ertragen. – Perico, ein Muster kindlicher Liebe, auf den sich alle Hoffnungen stützten, wurde durch die Bestimmung des Loses von seinem Schicksal ereilt. Vergebens mühte der unglückliche Jüngling sich, Heiterkeit heuchelnd, seine Eltern zu trösten. Aber wer selbst des Trostes bedarf, ist ein schlechter Tröster, und der Schmerz dieser drei Wesen, die sich so innig liebten, bildete eine Fülle ewiger Tränen und erhielt durch die Gleichmütigkeit Roques, der sich um die Sorgen der andern nie kümmerte, nur noch neue Nahrung. Der schwere Kummer machte den unglücklichen Perico nur noch liebevoller und zärtlicher. Sein Bruder hingegen nahm ohne ein Wort der Liebe oder des Trostes die Umarmung des Angeworbenen hin, und als er ihn in Begleitung seiner Eltern verschwinden sah, zuckte er die Achseln und sagte höhnisch: »Vielleicht sehen wir uns mal wieder, wenn du Großvater geworden bist.« Die Eisenbahnstation war damals der Schauplatz von Szenen, bei denen mitleidige Seelen angesichts des unabänderlichen Geschicks in Tränen ausbrechen. Tränen, die die letzte Zuflucht des Mitleids sind, und die, wenn sie auch nicht helfen, doch trösten, weil sie mit dem Trauernden trauern. Jeder Ausgehobene hatte seinen Vater oder seine Mutter, seine Schwester oder Braut bei sich; von allen Seiten ertönten die Klagen der Zurückbleibenden und die Trostessprüche der Fortziehenden; auf der einen Seite Versprechen ewiger Treue, auf der andern Versicherungen ewigen Gedenkens. Als ob nicht hinter der Liebe die Gleichgültigkeit und hinter dem Gedenken das Vergessen stände! Das alles wurde übertönt von dem einen Wort, das jedesmal Tränen entlockte, die dem Herzen entströmen wie der Regen den Wolken, ein Wort, das für alle, die einander lieben, einen herben Klang hat, weil es den traurigen Gedanken an Trennung wachruft, ein Wort des Schmerzes und der Trauer oder der Melancholie, die die Tochter des Schmerzes ist, der Trauer, die niemals weint, sondern nur schweren Herzens seufzt: »Lebe wohl!« Wie viele dieser armen Ausgehobenen riefen es zum letztenmal! In eines Ecke des Wartesaales 3. Klasse sah Perico und hielt die Hände seiner Mutter umklammert, während sie sich die Tränen trocknete, die ihrem bekümmerten Herzen entströmten und ihre welken Wangen vor der Zeit furchten. Vor ihnen stand Miguel, ein Felleisen, das elende Gepäck des Sohnes, in der Hand, und nur von Zeit zu Zeit versagte seine Kraft, und sein Schmerz machte sich Luft in Seufzer und Tränen. Joaquina hatte Perico ein Marienskapulier auf die Brust geheftet, das sich grell von der braunen Flanelljacke abhob, leuchtend wie ein Trost in Sorgen, wie eine Hoffnung in Schmerzen, wie ein Versprechen in der Not, wie eine Zuflucht in der Verzweiflung. »Ach Mutter, sei nicht so traurig, drei Jahre gehen rasch vorüber,« erklärte Perico. sich zu einem Lächeln zwingend, während seine Augen sich mit Tränen füllten. »Drei Jahre, ohne dich zu sehen, und ich soll nicht traurig sein? Wer wird mich indessen trösten, wer wird mir diese Sorge tragen helfen, wer wird mir sagen, daß ich dich wieder holen werde, wie ich dich jetzt fortbringe? Heilige, barmherzige Maria, was wird aus meinem Sohn werden?« »Sie wird ihn schützen; mache dir keine Sorgen, Tränen machen das nicht besser,« entgegnete Miguel. »Ja, ich will ihr vertrauen, ihr ganz vertrauen,« seufzte die Mutter demütig. »Bete fleißig zu ihr, mein Kind, denn sie ist die Stütze der Armen und die Zuflucht der Unglücklichen!« Die Glocke, die das Zeichen zur Abfahrt des Zuges verkündete, ertönte endlich und erfüllte aller Herzen mit den verschiedensten Empfindungen; die Türen öffneten sich, und der Schmerz und die Tränen all dieser Eltern und Kinder, die gleich einer Lawine im Dahineilen immer mehr anwachsen, finden immer wieder neue Nahrung. Schleppend und schnaubend, wie ein müdes Ungeheuer, nähert sich der Zug und macht halt, um neue Lasten in sich aufzunehmen und dann seine mühevolle Reise fortzusetzen. Joaquina sieht ihn herannahen und würde viel drum geben, wäre sie stark genug, ihn aufzuhalten; mit konvulsivischem Schluchzen klammert sie sich an den Arm ihres Sohnes, aber schon ist der Zug zum Abgehen bereit; schon werden die Coupétüren geschlossen, schon ertönt der verhängnisvolle Ruf: »Einsteigen!« Joaquina umarmt ihren Sohn zum letztenmal und glaubt vor Schmerz zu vergehen. »Mein Sohn, mein Sohn, mein geliebter Sohn,« ruft sie, verzweifelnd in Tränen ausbrechend. Miguel weint wie ein Kind, versucht auch, ihn zu umarmen, und schiebt ihm, ohne daß eines der beiden es bemerkt, dreißig Reales in die Rocktasche. Dreißig Reales! Seine ganzen Ersparnisse, die Frucht aller mühseligen Arbeit, die er im Schweiß seines Angesichts verrichtet, und so vieler Entbehrungen. Heilige Elternliebe, die keine Grenzen kennt und dem Kinde freudig alles opfert! Noch ein schriller Pfiff, der die Abfahrt des Zuges verkündet, und Perico reißt sich schweren Herzens von den Eltern los, um rasch einzusteigen, bevor der Zug sich in Bewegung setzt. Joaquina möchte ihn noch ein letztes Mal umarmen, aber zu spät, der Zug fährt davon; ohne zu überlegen, was sie tut, springt sie auf, klammerte sich an das Trittbrett und berührte noch ein letztes Mal die Stirne ihres Sohnes mit ihren Lippen. Dann versagten ihre Kräfte und wie ein lebloser Körper sinkt sie neben den Schienen nieder. Aber was hatte das alles zu bedeuten, sie hatte ihrem geliebten Kinde noch einmal Lebewohl gesagt! III. Roque saß inzwischen auf einem Mühlstein und bemühte sich, einem Pudel, dem er Schwanz und Ohren abgeschnitten hatte, verschiedene Kunststückchen beizubringen. »Da kommt der König«, sagte er zu ihm und hob drohend den Stock. Und der Hund rannte wütend hin und her und bellte. »Dort kommt ein Republikaner.« sagte Roque, den Stock wieder senkend. Und das Tier sprang immer näher, knurrte behaglich und kauerte sich endlich zu seinen Füßen nieder. Das Gesicht des Burschen drückte eine brutale Gleichgültigkeit aus, die ihm, von einem Mangel von Zartgefühl diktiert, die Frechheit wie ein Diadem auf die Stirne setzte, gleichwie das Laster den häßlichen Zynismus im Triumph wie ein Wappen vor sich her trägt. Wer ihn so an die Wand gelehnt dasitzen sah, den Gurt gelockert, den Hut im Nacken und unaufhörlich seinen Hund quälend, der hätte zweifellos in ihm eine gewisse Verwandtschaft mit den vier schmutzigen Männern gefunden, die unweit davon lagerten. Die kümmerten sich den Teufel um die stolzen Ruinen, auf denen sie ruhten, und diskutierten eifrig über die Nichtigkeit der menschlichen Eitelkeit und über die Freuden eines vornehmen Lebens, die wie das Schloß von Sidueñas schließlich doch zu Ende gehen: würdige Söhne einer Epoche, deren Ereignisse den heilsamen Einfluß guter Beispiele abschwächen und in der der Materialismus siegreich mit dem Idealismus kämpft. Joaquina saß im Schatten der Türe, kernte einen Maiskolben aus und lächelte von Zeit zu Zeit über die gespannte Aufmerksamkeit, mit der Roque die Geschicklichkeit des Hundes beobachtete. »Was bist du nur für ein Faulpelz, Junge,« sagte sie endlich. »Wenn du vier Pfoten und einen Schwanz hättest, würdest du überhaupt nicht mehr aufstehen.« »Du hast mich so geboren; das ist deine Schuld,« entgegnete Roque. »Wahr ist's, daß ich dich geboren habe, mein Sohn, aber wenn ich sehe, wie du die Stunden totschlägst, ohne etwas Nützliches zu tun ...« »Es macht mir Spaß,« unterbrach sie der widerspenstige Bursche. »Du mußt selbst wissen, was du zu tun hast,« fuhr die geduldige Mutter fort, »aber ich sage es dir, weil dein Vater sich in der Orangerie fast tot arbeitet, während du herumlungerst und nichts tust ...« »Und wer heißt ihn arbeiten? ... Wer sich zu Tode arbeitet, weiß genau, woran er gestorben ist.« »Wenn der Arme aufhört zu arbeiten, muß er auch aufhören zu essen. Bei uns gibt es genug, die das Geld ausgeben, aber nur einen, der es verdient.« »Wenn er nicht arbeiten will, soll er doch ins Armenhaus gehen, da wird er schon unterhalten werden.« »Schweig, schweig, du verdienst, daß die Hunde dir die Zunge ausreißen, wenn du so von deinem Vater sprichst! ... Das lehrt dich wohl jener widerwärtige Mensch, der dich in die Schenken führt und der noch dich und uns ins Verderben stürzen wird? ... »Ich tue das, wozu ich Lust habe, und du brauchst dich nicht darum zu kümmern, denn ich tue doch nur, was mir paßt.« »Ich kümmere mich aber doch darum, und sogar sehr viel; denn dein ist nicht einmal das Hemd, das du trägst, und willst den großen Herrn spielen.« »Laß mich in Frieden und schweig endlich,« erklärte Roque mit jener geringschätzenden Überlegenheit, die frühreifen Kindern eigen ist. und die allmählich aus den Städten auch ihren Weg aufs Land, gefunden hat. »Geh, Kainsseele, dir werden sie in der Hölle die Messe lesen! Ungeratene Kinder leben schlecht und sterben noch schlechter.« »Also eine Predigt, aber sprich nur zu, denn was bei mir in ein Ohr hineingeht, geht durchs andere wieder heraus,« erklärte Roque. ihr den Rücken zukehrend. Und um seine Mutter zu ärgern, sang er im Fortgehen das Liedchen: »Republikanisch ist die Sonne Republikanisch ist der Mond, Republikanisch meine Wonne, Republikanisch nichts verschont.« Die arme Mutter vollendete ihr Tagewerk, während ihr die Tränen, die der krasse Egoismus ihres Sohnes ihr unaufhörlich entlockte, langsam über die Wangen rannen; und die Erinnerung an den fernen, geliebten Sohn stimmte sie um so trauriger, da sie ihn unwillkürlich mit dem ungeratenen Roque verglich. Er wird zurückkommen, sagte sie sich zuversichtlich; und die leise Hoffnung, die in einem zukünftigen Glück Trost findet, versüßte ihr dennoch die Erinnerung an den Abwesenden. In so düstere Gedanken vertieft, bemerkte Joaquina das Herannahen eines großen hageren Mannes nicht, der den Hügel eiligst erstiegen hatte und der nun dicht vor ihr stehen blieb. »Heil und Verbrüderung!« rief er hochtrabend aus »Um Gottes willen,« rief Joaquina aufspringend, »wie habt Ihr mich erschreckt!« »Bin ich so schrecklich, daß Ihr Euch fürchten müßt?« fragte der Ankömmling. »Wenn es wahr ist, daß durch einen Schrecken der Schlucken besser wird, braucht Ihr nur die Nase herein zu stecken, – dann wäre einem gleich geholfen.« Joaquina übertrieb nicht. Goya würde zweifellos jenen Mann mehr als einmal als Modell gewählt haben; er war der Typus des in einen Gehrock gekleideten Bummlers; jenes freche, gewöhnliche Gesicht, jene schielenden Augen, die das nosce te ipsum der Alten verkörpernd, von Zeit zu Zeit nach einem blicken, wie um sich zu prüfen. Dieser weite, fettige Rock, den er mit der Würde einer römischen Toga trug, jene Krawatte im Grün-rot-weiß der Republik, aber einer so farblosen Republik, daß das Grün der Hoffnung zur Enttäuschung, das Rot der Königswürde zum Ausdruck der Qual und das Weiß der Unschuld zur verlorenen Reinheit geworden; und dann endlich jener keulenartige Knüttel, auf den er sich mit derselben Sicherheit stützte wie ein friedlicher Bürger auf seine bürgerlichen Ehrenrechte: kurzum sein Äußeres entsprach ganz dem eines politischen Parteiführers, der seine Argumente niemals zu beweisen und ihnen nur mit der Faust Geltung zu verschaffen vermag. Von Joaquina wurde er gefürchtet, denn er war der Verführer, der ihrem Sohn gefährliche Ideen einflößte, ihm im Namen des Vaterlandes riet, seinen Eltern das Geld aus dem Beutel zu locken, das dann in seine abgrundtiefen Taschen floß. So ist es nicht weiter zu verwundern, daß Joaquina ein Gesicht machte wie das, welches der heilige Antonius dem Teufel zeigte, als er ihn in der Wüste verführen wollte, und ärgerlich sagte: »Welch böser Wind hat Euch hierher getrieben, mit dieser Krawatte, die der Hunger zusammengeschnürt hat?« »Das Wohl des Vaterlandes!« entgegnete der Politiker pathetisch. »Euer Gnaden ist hier nicht am Platze, sucht Euch lieber andere aus, um sie mit Euren Gütern zu überhäufen.« »Madame,« rief er aus, anscheinend erschreckt, »genug der Spötteleien, sagt mir lieber wo Roque hingegangen ist, denn zu ihm komme ich.« »Roque hat heute das Gemüse auf dem Markt zu verkaufen, er kommt vor Abend nicht nach Hause,« log Joaquina wie ein Diplomat. »Dann werde ich ihn erwarten und wäre es bis zum Morgen.« »Setzt Euch, damit Ihr nicht müde werdet,« entgegne Joaquina und erhob sich ungeduldig, und mit einem Stock trieb sie die verstreuten Hühner zusammen, um sie noch vor der Nacht im Hühnerstall unterzubringen. Indessen spazierte der Politiker vorne vor dem Turm auf und ab, sah sich nach allen Seiten um, neigte den Kopf vor und spähte umher, Roques Rücklehr ungeduldig erwartend. Das Glück wollte, daß seine unsteten Augen auf einer weißen Marmortafel, die die Tür des Turmes schmückte, haften blieben, auf der die Worte standen: »Die Achtung vor dem Ruhme seines Geschlechtes veranlaßten den jetzt lebenden Marquis von Castillo, Seine Exzellenz Don Francisco Ponce de Leon Villavicenieo, zur Restauration dieses historischen Monuments.« »O Eitelkeit der Reichen! wie bist du verächtlich! Man sollte hier keinen Stein auf dem andern lassen,« rief er aus, indem er den Haß und die Verachtung parodierte, mit dem Seneca die rachsüchtige Medea ausrufen läßt: »Medea super est.« Aber sein Zorn wurde besänftigt durch die Stimme Joaquinas, die mit jener Bosheit und Anzüglichkeit, die dem andalusischen Spott eigen ist, vor sich hersang: »Wend' ich den Blick zur Seite, Seh' ich mehr als andere doch: Ich kann mehr als andere Leute, Denn ich sehe schielend noch.« »Ihr wollt mich wohl zur Zielscheibe Eurer Witze machen!« rief der Politiker heftig aus, nachdem er den Sinn des Verses begriffen hatte. »Natürlich weiß ich ganz genau, wo Euch der Schuh drückt; hier kann man auch das Sprichwort anbringen: ›Warum ißt er kein Brot? Weil sie ihm keins geben.‹« »Ach was, weil er nicht will: wenn ich die Dachrinne meines Hauses zustopfe, dann habe ich auch ein Wappenschild,« entgegnete der Kazike. »Aber mir sind die elenden Lumpen, die mich bedecken, eben mehr wert als alle pomphaften Titel der Welt,« setzte er hinzu, sich fester in seinen fettigen Mantel hüllend. »Mit allen Orden und was sonst noch dazu gehört?« fragte die pfiffige Joaquina und zeigte mit der Spitze ihres Stockes auf eine runde Metallplatte, die der Politiker wie ein Kreuz auf der Brust trug. Jene Metallplatte, die eine Medaille vorstellen sollte, war mit blauem Papier beklebt; auf der Vorderseite stand »18. September« und auf der Rückseite »es lebe das souveräne Volk«. Sie hing an einem jener Bänder, die man »Hühnerdarm« nennt, und die lebhaft an den Satz erinnern: »Ich will wohl, aber ich kann nicht,« denn es prangte auf dem schmutzigen Mantel wie das ehrenvolle Kreuz auf der Brust des Veteranen. »Jawohl, Madame, mit allen Orden und was sonst dazu gehört!« rief der Kazike wütend aus. »Diese Medaille ist das dauernde Monument, das die Erinnerung an die Revolution und den Heroismus des Volkes hochhalten wird.« »Na ja,« erwiderte Joaquina schlau, »dann gebt nur acht, daß Ihr Euren Regenschirm nicht vergeßt; denn es braucht nur ein Regenschauer zu kommen, und das ganze Monument ist aufgeweicht.« »Das tut nichts; denn ich bin ja da, um seine Lehren aufrecht zu erhalten.« »Aber dann müßt Ihr schon auf einen Hof gehen, auf dem keine Menschen wohnen, wenn Ihr wollt, daß man Euch zuhört.« »Madame, wo ich spreche, habe ich meine Zuhörer ganz so, wie ich sie mir wünsche.« »Und warum laßt Ihr Euch denn nicht einen andern Rock machen und schickt den ins Armenhaus, damit sie ihn in einen Topf werfen und ihm das Fett auskochen?« Wieder wollte der empörte Kazike eine erregte Antwort geben, aber die Ankunft Roques schnitt ihm das Wort ab; dieser trug einen Korb mit Bohnen, und ein halbes Dutzend Pfauen, die hungrig nach dem Korbe hackten, liefen hinter ihm her. »Roque, mein Freund,« schrie der Kazike, auf ihn zu eilend »die Stunde ist gekommen, da wir rufen dürfen: Es lebe die Republik.« »Glu, glu, glu, glu,« schrien die Pfauen, durch sein Schreien erschreckt. »Gevatter, selbst die Pfauen rufen vivat.« entgegnete Roque, erstaunt, jene Genossen zu finden, die ihm mit Ausnahme des Gefieders als Zweifüßler überraschend ähnlich waren. Als Joaquina bemerkte, daß der Politiker und Roque leise flüsternd hinter dem Turm verschwanden, folgte sie ihnen unbemerkt, verbarg sich zuerst hinter einem Heuhaufen und dann hinter einem Wagen, der wegen eines zerbrochenen Rades nicht mehr gebraucht werden konnte. Bei den ersten Worten des Kaziken fuhr sich Roque entsetzt mit den Händen in das Haar; dann gelang es jenem augenscheinlich, den Jungen zu etwas zu überreden, wogegen er sich sträubte, und der Wind trug die Worte: »Sache des Volkes ... Vaterland ... Despotismus der Reichen ... Verteilung der Güter ..« an Joaquinas Ohr. »Und wenn sie mir mit einem scharfen Schuß zahlen?« erwiderte Roque auf diese Erwägungen. Die arme Mutter überlief es eiskalt, als hätte eine Kugel bereits die Brust ihres Sohnes durchbohrt. Endlich schien Roque den Vorstellungen des Kaziken beizustimmen, denn dieser ergriff seine beiden Hände und rief begeistert: »Daß du aber deine Flinte und die deines Vaters mitbringst.« »Ja,« stimmte Roque zu, und mit gesenktem Haupte und schweigsamer Miene, als beschäftige ihn ein ernster Gedanke, schlug er den Weg zum Obstgarten ein, in dem unter einem schützenden Dach sein Bett stand. Joaquina zögerte nicht lange: sie trat wieder in den Turm und gelangte fast unwillkürlich an die Stelle, wo Miguel seine Flinte aufzuhängen pflegte. Die Flinte war nicht da, und beim Fortgehen hatte Miguel sie nicht gehabt, – folglich hatte Roque sie. Unruhige Neugierde trieb die arme Mutter von einem Ort zum andern, endlich setzte sie sich auf die Schwelle der Türe und verharrte unbeweglich, den Kopf zwischen den Händen vergraben, den Blick starr auf den Boden geheftet. Ihre Phantasie verlor sich immer weiter und quälte das arme Mutterherz unsagbar, das bei all diesen entsetzlichen Vorstellungen ängstlich pochte. Allmählich ging die Sonne unter, es begann zu dämmern und die Sterne wurden sichtbar: und je weiter der Schatten um sich griff, um so größer wurde auch Joaquinas Angst. Miguel kam von der Arbeit und legte sich nach dem Nachtessen zu Bett, ernst und schweigsam wie gewöhnlich. Nun eilte Joaquina in den Garten und schritt schweigend über das Feld auf Roques Hütte zu. Ein Licht erhellte ihren Weg. Molinera schlief auf ihrer Lagerstätte neben dem durchwühlten Futter: Roque saß auf einem Baumstamm und goß Öl, das er aus einem Horn entnahm, auf das Schloß der Flinte, deren Läufe in den Strahlen des Lichtes erglänzten. IV. »Warum bist du um diese Zeit auf, mein Junge?« sagte Joaquina und trat in die Hütte. Roque fuhr erschreckt empor, ließ die beiden Gewehre auf die Erde fallen und entgegnete erregt und erschreckt: »Was kümmert dich das?« »Aber, heilige Jungfrau, sage mir, was bedeutet das?« rief Joaquina entsetzt, mit dem Fuß die beiden Flinten fortschiebend. »Um aller Heiligen willen, geh weg oder du weißt nicht, was geschieht.« »Ich gehe nicht, ich gehe nicht,« rief die unglückliche Mutter und sank auf den Baumstamm, auf dem ihr Sohn vorher gesessen hatte. Roque faßte sie, ohne ein Wort zu sagen, beim Arm und trieb sie mit einem heftigen Stoß weiter. »Schurke ... Schurke,« stöhnte Joaquina, »ich werde deinen Vater rufen.« »Ruf ihn nur, dann habe ich euch beide zugleich.« schrie Roque, ihr mit der Faust drohend. »Jesus, Jesus,« murmelte Joaquina und lief davon, als fliehe sie von einem verpesteten Ort. Miguel schlief schon eine Weile und hörte Joaquinas Nahen nicht. Sie warf sich angekleidet aufs Bett; aber der Schmerz und die Unruhe verscheuchten den Schlaf aus ihren Augen, und so sah sie, von Qualen und Sorgen geängstigt, die ersten Stunden der Nacht langsam dahinschleichen, deren jede eine Falte in ihrer Stirn und eine Wunde in ihrem Herzen zurückließ, und die fürchterlich und entsetzlich waren wie eine Gefahr, die man ahnt, errät und herannahen sieht, ohne sie abwenden zu können. Sie warf sich so heftig in ihrem Bett herum, daß Miguel plötzlich erwachte; sein scharfes Ohr vernahm das Heulen von Roques Dachshund und dann flüchtige Schritte, die sich in der Ferne verloren. »Was hast du nur? Warum liegst du denn nicht einen Augenblick ruhig?« fragte Miguel. Und geduldig kauerte sich die arme Joaquina von neuem in ihrem Bett zusammen; man hätte die wilden Schläge ihres von Angst, Schmerz und höchster Not gequälten Mutterherzens hören können. Bald darauf schlief Miguel wieder ein, und Joaquina stand leise auf und schlich bis zur Türe, dann aber knarrte der Schlüssel im Schloß, und Miguel regte sich wieder in seinen Träumen, und so blieb die Unglückliche in höchster Todesangst wie gebannt an der Türe stehen. Endlich ging sie aufs Feld hinaus, die Nacht war schwarz wie das böse Gewissen, und unsicher und hastig an Bäumen und Pflanzen vorbeitastend, gelangte Joaquina endlich an die Feldhütte ihres Sohnes. Noch hing die kleine Lampe am Nagel; aber ihr spärliches Licht erhellte einen leeren Raum. »Roque, Roque,« rief Joaquina mit leiser, verhaltener Stimme, mit ihren weitgeöffneten Augen entsetzt nach allen Seiten spähend. Niemand antwortete ihr, man hörte nur im Schweigen der Nacht das Fallen eines welken Blattes und das leise Wehen des Windes, der es vor sich hertrieb. »Allmächtige Jungfrau! – wo ist mein Sohn«, mit diesen Worten stürzte sie wie eine Wahnsinnige in den Olivenhain. »Wundertätige Jungfrau, sei du mit ihm und verlasse ihn nicht.« Und wieder schrie sie: »Roque, Roque!« »Roque! Roque!« antwortete das Echo aus dem Olivenhain mit so traurigem Ton, daß es wie eine Klage erscholl. Joaquina rannte bis an die Chaussee und von dort zu den Kreuzen, und immer rief sie ihren Sohn, kehrte in die Feldhütte zurück, eilte von dort in die Klause und gelangte endlich wieder auf den Weg – und immer dasselbe grausige Schweigen, dieselbe drückende Ungewißheit. Bis zum Anbruch des Tages dauerte das ängstliche Suchen der armen Frau, der die Sorge Flügel, die Angst Kraft und die Unruhe Mut verlieh. Endlich hörte sie auf, kehrte zurück in den Turm und warf sich neben Miguel, der noch immer nicht erwacht war, aufs Bett. In ihrem erregten Hirn kam ihr der Gedanke, ihn zu wecken und ihn um Hilfe anzuflehen: aber sei es, daß sie Mitleid mit dem armen Alten hatte, sei es, daß ihre Lippen sich weigerten, den Sohn anzuklagen, sie fand jedenfalls die Kraft, allein zu leiden und zu warten, bis Miguel bei Tagesanbruch an die Arbeit ging. Dann machte sie sich eilends auf den Weg nach Jerez; verschiedene Frauen und Kinder, die erschreckt geflohen waren, begegneten ihr auf dem Weg; einige trugen Matratzen, Bettdecken und andere nützliche Gegenstände. Und dabei wußte die unglückliche Mutter, daß die Truppen sich seit der Vesperstunde mit dem Volk schlugen und daß das Kleingewehrfeuer, das nur während der Nacht aufgehört hatte, bei Tagesanbruch von neuem begann. Man erzählte ihr, daß ein Regiment von Malaga in Cadiz gelandet wäre und jeden Augenblick in den Kampf eingreifen sollte. »Dort ist mein Perico,« schrie die unglückliche Mutter und griff mit den Händen an den Kopf. »Meine Söhne, meine geliebten Kinder! Eines gegen das andere,« rief sie und lief wie eine Wahnsinnige nach Jerez, nachdem sie endlich begriffen hatte, daß Roque auf den Barrikaden kämpfte. Schnell wie der Blitz rannte Joaquina die Anhöhe, den Strand von San Telmo hinan und wandte sich unaufhaltsam dem alten Kreuz, dem Kampfplatze zu. Als sie die Straße von Galvon erreichte, versperrte ihr eine Barrikade den Weg; mehrere Bauern standen darauf, andere schleppten Munition herbei, während wieder andere Steine und Fliesen aufhäuften, die sie soeben aus dem Bürgersteig gerissen hatten, oder das Gewehr anlegten, im Begriff, Feuer zu geben. »Frau, was wollt Ihr hier?« fragte sie einer und schob die unglückliche Mutter, die nur die Worte: »Meine Söhne! Meine Söhne!« herauszubringen vermochte, unsanft beiseite. Darauf wandte Joaquina sich um und suchte auf einem Umweg auf die andere Seite der Barrikade zu gelangen. Die Nachbarn, die durch die halbgeöffneten Fenster und Türen den Verlauf des Kampfes beobachteten, blickten mit Befremden auf jene Frau, die fassungslos, verzweifelt weinend durch die Straßen eilte, ohne sich vor den Kugeln zu fürchten. Sie wußten nicht, wessen eine Mutter fähig ist »Joaquina,« rief plötzlich eine weibliche Stimme, als diese in die Windmühlenstraße einbog. Die unglückliche Frau stand mitten auf dem Damm, wandte ihre erstaunten Augen nach allen Seiten und nahm, nachdem sie vergebens ausgeblickt hatte, ihr verzweifeltes Suchen von neuem auf; aber eine Frau, die aus einem benachbarten Hause trat, hielt sie am Kleide fest und rief: »Um Gottes willen! Was macht Ihr hier, jeden Augenblick kann Euch eine Kugel treffen!« »Meine Söhne,« stammelte Joaquina. Und ohne daß sie ein weiteres Wort hervorbringen konnte, deutete sie mit zitternder Hand nach der Richtung, aus der dumpf und drohend der Lärm des Gewehrfeuers herüberdrang. »Dazu hat man seine Söhne! Dazu hat man seine Söhne!« schrie jene Frau mit der Heftigkeit, die den Kindern des Volkes eigen ist. »Da ist's schon besser, man ertränkt sie oder man stirbt gleich selbst, wenn man sie zur Welt bringt.« Mehrere Nachbarsfrauen liefen zusammen und umringten Joaquina, die bitterlich weinend auf die Steinfliesen gesunken war. »Kommt hierher, liebe Frau,« sagten sie zu ihr, »kommt um Gottes Willen von der Straße.« »Ich habe keine Ruhe, bis ich sie gefunden habe!« seufzte Joaquina. »Die Kugel, die sie trifft, soll mich zuerst durchbohren!« Und wie der Mensch im heftigen Schmerz alle Vernunftgründe vergißt, um sich ganz der Leidenschaft hinzugeben, die ihn hervorgerufen, riß sie sich mit Gewalt aus den Armen, die sie zurückzuhalten suchten. Eine der Frauen besaß in Cerro-Fuerto einen Obstladen, den sie gestern morgen, da der Kampf angefangen, im Stich gelassen hatte. Sie gab Joaquina den Schlüssel und riet ihr von dort, vor den Kugeln geschützt, nach ihren Söhnen auszuspähen. So machte sich das arme Weib auf den Weg, während die Nachbarn in dem mitfühlenden Schmerz, den Mütter für das Unglück anderer Mütter empfinden, bittere Tränen vergossen. Jene elende kleine Bude lag nur zwanzig Schritt von einer Barrikade, die angelehnt an die herrliche Ruinen des Hauses Villapanes die Straße Cerro-Fuerte versperrte: diesseits standen die Soldaten und jenseits die Bauern. Die Türen des Obstladens waren weit geöffnet, das armselige Hausgerät durcheinander geworfen, der Ladentisch zerbrochen und die Heiligenbilder an den Wänden zerrissen; nur ein Bild, – das der heiligen Jungfrau – hing an der Wand, und auf dieses richtete Joaquina einen verzweifelten Blick des Schmerzes, der, so lange christliche Entsagung ihn gefesselt hält, wenn Seufzer und Tränen verstummt sind, die Brust schweigend zusammenschnürt, um wild und gewaltig wie ein Lavastrom hervorzubrechen und alles zu zerstören, was sich ihm in den Weg stellt, wenn gottlose Verzweiflung ihm die Zügel schießen läßt. Joaquina öffnete behutsam die Türe beim Knall der ersten Schüsse, spähte durch die Ritze, und von weitem sah und hörte sie das Getöse des Kampfes, der sich wütend entfachte, sah die Kämpfenden wie phantastische Schatten auf einander losgehen, in eine schwarze Rauchwolke gehüllt, die sich immer mehr verdichtete und dann wie ein schützender Vorhang jenes entsetzliche Schauspiel mitleidig verhüllte. Die Soldaten nahmen endlich die Barrikade, und einige Bauern erwarteten ihr Eindringen ruhig, um dann Brust an Brust mit ihnen zu kämpfen, während andere, feigere flohen, die Waffen, die sie als Empörer kennzeichneten, einfach zurücklassend. Als Joaquina hörte, wie der fürchterliche Kampfeslärm immer näher kam, eilte sie auf die Türe zu und fiel dort ohnmächtig zu Boden. Zwei Schritte von ihr ertönte das Knattern des Gewehrfeuers, das Fluchen der Kämpfenden, das Stöhnen der Verwundeten, das Aufschlagen der zu Boden fallenden Körper: zwei Kugeln zertrümmerten die morsche Türe und blieben in der gegenüberliegenden Wand stecken. »Roque«, schrie plötzlich eine Stimme, mit der Angst eines Menschen, der sich dem Tode nahe weiß. Joaquina sprang blitzschnell auf, totenblaß und steif wie ein aus dem Grabe Auferstandener. »Roque, Roque, schieße nicht,« schrie dieselbe Stimme wieder, noch ängstlicher als zuvor. Fast gleichzeitig krachte ein Schuß: ein lautes Stöhnen, das Aufschlagen eines Körpers und das Sausen einer Klinge wurde hörbar. Joaquina stürzte auf die Tür und öffnete sie weit. »Gott im Himmel!« Perico, ihr geliebter und viel beweinter Sohn, lag leblos am Boden, mit dem Dolch in der Brust und einer Kugel im Herzen. Zu seinen Füßen stand Roque, das rauchende Gewehr noch in seiner Linken, die Rechte befleckt vom warmen Blute seines Bruders ... Als er seine Mutter erblickte, prallte er einen Schritt zurück. Mit der geballten Faust schlug er sich heftig an die Stirn. Ein Blutfleck blieb zurück. »Kain, Kain! Du trägst das Zeichen an der Stirn!« schrie Joaquina mit der fürchterlichen Stimme einer Mutter, die einen Fluch spricht, die den wilden Schmerz empfindet, ihren geliebten Sohn tot – von Bruderhand hingemordet – vor sich zu sehen. Gottergebenheit. I. Diese Geschichte ist keine Erfindung, sondern eine jener lehrreichen Fabeln, die, in dem Herzen des großen Dichters, Volk genannt, entsprungen, dem religiösen Gefühle ihre Entstehung verdanken. Sie sind dem aufmerksamen Beobachter ein genauer Gradmesser für die Wahrheit und Reinheit des religiösen Empfindens in der Seele des Volkes. In allen Kulturstaaten Europas werden heute die Sagen und volkstümlichen Gesänge studiert und gesammelt, als Mittel zum Zweck, um die Eigenart eines jeden Volkes kennen zu lernen. Und dieses in Spanien kaum kultivierte Studium hat trotzdem ergeben, daß wir in dem Volk einen großen religiösen Dichter besitzen, dessen unerschütterlichen Glauben wir wunderbare und doch tiefsinnige Schöpfungen verdanken, die trotz der Verherrlichung seines Glaubens dessen dogmatische Reinheit nicht im geringsten gefährden. Es handelt sich bei dieser Fabel, die uns überliefert wurde, weder um Titiros noch Relibeos. sondern um einen jener ländlichen Dichter, die Herden weißer Lämmer hüten. Er hieß Pellejo und war seines Zeichens Sackträger, d.h. er betrieb ehemals einen kleinen Schmuggelhandel in jenem Gebiet, das sich von Gibraltar bis zu den Gebirgszügen von Ronda erstreckt. II. Vor vielen Jahren durchquerten wir den untern Teil des malerischen Andalusien. Nicht jenes Andalusien, das der Reisende in schwindelnder Eile mit der Eisenbahn durchjagt, ohne etwas anderes als Felsen, Olivenhaine, Weinberge, Salzbergwerke und endlich das Meer flüchtig zu unterscheiden, das sanft den Felsen umspült, auf dem Cadix wie eine weiße Möve ruht. Dieser Teil Andalusiens, der an der Gebirgskette von Ronda beginnt und sich bis zu den Bergen von Gibraltar ausdehnt, ist das Andalusien der von dunklen Pistazien bedeckten, langgestreckten Gebirgszüge, der reichen Felder, der düstern, von Efeu umrankten Eichenwälder, der endlosen Wiesen, auf denen wilde Stierherden weiden, der maurischen Schlösser, jener vergänglichen, von Menschenhänden errichteten Werke, die sich auf hohen Felsen, den unzerstörbaren Werken Gottes, stolz erheben. Eine seltsame zufällige Vereinigung von Schönheit der kultivierten Natur mit der hehren Majestät der Felsen, Wälder und Wasserstürze, von deren Schönheit sich nur der einen Begriff machen kann, der die Gegend zu Pferde bereist, langsam oder schnell, wie es ihm gerade behagt. Bei einem jener Ausflüge diente uns Gevatter Pellejo als Führer. Wir schlugen an einem Novemberabend den Weg nach Algar, einem kleinen Gebirgsdörfchen ein, und ich hüllte mich fest in einen murzischen Mantel, wie ihn die Landleute in Andalusien zu tragen pflegen, während Gevatter Pellejo – ohne jeden anderen Schutz als eine alte geflickte Jacke – die Last seiner 70 Jahre trug. »Wie spät ist es, Gevatter Pellejo?« fragte ich ihn wiederholt, da ich meine Uhr nicht hervorholen konnte. Gevatter Pellejo blickte aufmerksam zu den Sternen empor und entgegnete langsam, ohne Zögern: »Sogleich halb zwei.« »Mir scheint, Eure Uhr ist stehen geblieben,« sagte ich scherzend. »Der Herr, der diese Uhr aufzieht, schläft nicht.« »Aber wißt Ihr denn nicht, es war bereits 12 Uhr, als wir von Mimbral aufbrachen, und inzwischen haben wir mindestens drei Stunden Wegs zurückgelegt.« »Für den, der nichts zu essen hat, hat der Tag 48 Stunden.« erwiderte Gevatter Pellejo. »Um 12 Uhr sind wir aufgebrochen, und jetzt ist es ein Viertel nach eins; dagegen läßt sich nichts sagen. Sehen Sie hier die drei Schwestern?« fragte er, auf das Sternbild des Orion zeigend. »Wenn diese drei über dem Felsen von Tempul stehen, ist die Uhr genau eins, nicht eine Minute mehr oder weniger. Und eine halbe Stunde später fallen die Tränen der hl. Jungfrau auf die Gebirgskette von San Christobal... Sehen Euer Gnaden nur: schon fangen sie an zu fallen.« Und bei diesen Worten wies er mit der Hand auf die Milchstraße, die in der Tat hinter der bezeichneten Gebirgskette zu verschwinden anfing. »Und warum nennt Ihr diese Sterne die Tränen der hl. Jungfrau?« fragte ich ihn neugierig. »Weil Brot Brot heißt und Wein Wein.« entgegnete Gevatter Pellejo einfach. »Diese Sternenstraße ist aus den Tränen entstanden, die die heilige Jungfrau vergossen hat, als sie auf Erden wandelte. Die Engel haben sie gesammelt, und Gott hat sie an das Himmelszelt gesteckt... Deshalb sind sie schön und sind ihrer sehr viele!« Während Gevatter Pellejo die Entstehung des berühmten Sternbildes mit noch größerer Bestimmtheit als Laplace erklärte, kam mir die griechische Mythe ins Gedächtnis, die Rubens durch einen Pinsel unsterblich gemacht und die unzählige Dichter besungen haben. Kann es etwas Schöneres und Poetischeres geben als Gevatter Pellejos Auslegung? Ohne daß sie durch den Pinsel eines Rubens oder die Muse eines Dichters verherrlicht wäre, hat sie ohne Zweifel mehr als ein Herz gerührt, das in Maria die Trösterin der Sünder und aller Unglücklichen erblickt. Nachdem er geendet, fragte ich den alten Sackträger: »Wer hat Euch das erzählt, Gevatter Pellejo?« »Das weiß ja jeder, selbst das kleinste Kind. Das ist wie's Weinen: das lernt man auch nicht und kann's doch. Mir hat das niemand erzählt. Aber meine Frau hat mich oft daran erinnert. Jesus Christus! – Zwölf Jahre ist das nun schon her, und noch heute klingt mir die Stimme in den Ohren ... Ich hatte drei Söhne: auf alle drei fiel das Los. Alle drei mußten sie mit in den maurischen Krieg. Meine Anna hatte keine Tränen mehr, um zu weinen, und keine Kraft mehr, um sich zu bekreuzen ... Ich versuchte meinen Kummer zu verbergen, aber ich hatte ein Weh in mir, das mir keine Ruhe ließ: ich wurde düsterer wie der Schatten eines schwarzen Feigenbaumes ... Und doch, wie traulich war alles, wenn ich heim kam! »Eines Tages sah ich den Pächter des Cortijo de la Horca; er erblickte mich mit Anna schon von weitem und pfiff mir zu. Jener Ton klang mir düsterer als die Glocken der Karwoche ... Ich eilte auf ihn zu, und die Stimme meines Herzens hatte mich nicht getäuscht. Sein Sohn war aus Afrika zurückgekommen und durch ihn wußte er, daß von meinen drei Söhnen der älteste bei der Belagerung von Siera-Bullones gefallen, der zweite meuchlings von einem Mauren in einem Graben getötet war und der dritte, Sebastian, ein lustiger Bursche, der Liebling aller, an der Cholera im Hospital von Algeciras darniederlag. Ich kehrte zu Anna zurück und brachte ihr die Nachricht ... Sie sank zusammen, als wäre der hohe Turm von Tempul auf sie gefallen. Die Augen traten ihr aus den Höhlen, und sie wurde weiß wie ein Blatt Papier. »Wir wollen nach Algeciras, Cristobal!« sagte sie zu mir. »Wir zäumten den Esel und nahmen den Weg nach San Roque, der uns rascher nach Algeciras führte. Die Nacht überfiel uns schon kurz hinter Martelilla. Anna ritt, in ein dickes Tuch gehüllt, auf dem Esel und betete ein Kredo und ein Salve Regina nach dem andern. Ich ging hinterher, scheuchte die Schlangen und Kröten auf und zertrat jedes kriechende Tier, das mir in den Weg kam. Ich war sonst nicht schlecht: ich glaubte an Gott und die heilige Jungfrau und an alles, das man sonst auf der Welt glaubt. Aber jener Schmerz hatte mir die Galle ins Blut getrieben, und selbst der Speichel im Munde schmeckte mir bitter. Plötzlich stolperte der Esel und ließ die Säcke fallen. Ich wurde wütend, wütend wie der Stier, der von der Assel gestochen wird, wie wenn der Fluß, der immer mehr und mehr anschwillt und den ein leichter Sprühregen zum Überlaufen bringt, aus seinen Ufern tritt, wurde ich immer wütender und stieß endlich einen fürchterlichen Fluch aus. Anna sprang vom Esel herunter, als hätte sie die Trompete des Jüngsten Gerichts gehört. Sie stellte sich vor mich hin, bleicher als der Tod, und sagte mit Grabesstimme zu mir: »Schweige, Christobal, schweige; du verdienst, daß Gott dir auch deinen letzten Sohn nimmt.« »Und warum ist Gott gerade mit uns so hart und unerbittlich?« rief ich aus, noch erregter und wütender als zuvor. »Weil wir Sünder sind,« entgegnete sie, und ihre Stimme klang wie die eines Richters, der einen Menschen zum Tode verurteilt. »Siehe,« fügte sie hinzu, die Hand zu den Sternen erhebend, »sieh nur, wieviel Tränen die heilige Jungfrau um unsertwillen vergießt! Zähle sie, wenn du kannst! ... Sie weint und wir sündigen!« Was dann mit mir vorging, weiß ich nicht mehr, aber mir wurde weh ums Herz, und ich blieb zurück, weit zurück, um mit mir allein zu sein. Ich blickte zu jenen gesegneten Sternen empor, und heiße Tränen rannen mir aus den Augen. »Heilige Jungfrau, um mich weinst du!« sagte ich laut, aber ich wußte nicht, was ich sagte! ... »Du gnadenreiche Beschützerin aller Sünder, nimm dieses verirrte Schaf in deine Hut! ... Heilige, barmherzige Mutter, behüte mich mit deinem Mantel! Mutter, die du einen Sohn verloren hast, habe Mitleid mit dem, der drei verloren!« Wir kamen am Morgen in Algeciras an, gingen direkt ins Hospital und fragten nach Sebastian Perez. Wir wurden in die Amtsstube geführt, in der der Sergeant in einem Buche nach dem Namen suchte. »Sebastian Perez,« sagte er, »ist am 25. Mai gekommen und am 1. Juni gegangen.« »Und wohin ist er gegangen?« fragte Anna. »Nach dem Kirchhof, mit den Füßen nach vorne,« entgegnete der Mann. Ich fühlte, wie Anna mir die Nägel in den Arm grub, und wie sie zitterte, als würde sie von heftigem Fieber geschüttelt. »Laß uns auf den Friedhof gehen.« sagte sie. Wir machten uns auf den Weg, aber der Friedhof war schon geschlossen, und der Pförtner wollte nicht mehr öffnen. Anna setzte sich an die Pforte und blickte durch den Spalt, um doch wenigstens von weitem ein Stückchen von der Erde zu erspähen, unter der ihr Kind ruhte. Wir hatten noch 10 Pesetas, und Anna wollte eine Messe lesen lassen zu Ehren der schmerzensreichen Jungfrau. Ich machte mich auf den Weg nach der Sakristei, suchte einen Priester und beichtete ihm unter heißen Tränen. Dann legten wir den siebenstündigen Heimweg zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Als es dunkel wurde, begann mir der Atem auszugehen, und ich sank erschöpft neben einem Brunnen nieder, der zur Tränke des Viehes diente. Anna stieg vom Esel herunter und trat an meine Seite. »Was soll denn jetzt geschehen, Anna,« fragte ich sie, zuerst das Wort ergreifend. Anna hob den Kopf. »Was geschehen soll, das will ich dir sagen. Was uns das Vaterunser lehrt: Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden ....« Ich fing an zu weinen wie ein Weib, und obgleich ich sonst Kraft genug hatte, um ein paar Ochsen mit einer Hand zum Stehen zu bringen, hatte ich doch nicht diese ruhige, mutige Ergebung meiner frommen Frau, die nicht wie ein Weib aus Fleisch und Blut, sondern wie ein Engel des Himmels war. »Cristobal,« sagte sie zu mir, mit einer Stimme, die aus einer anderen Welt zu kommen schien, »es gab einen Menschen, arm wie wir beide, der sich Juan nannte. Er hatte eine Frau und eine Tochter und bebaute fleißig sein kleines Stückchen Land, um die beiden ernähren zu können. Da begannen die Heuschrecken die Felder zu verwüsten, und der unglückliche Juan lebte in steter Furcht, daß diese Plage auch über ihn hereinbrechen würde. Er pilgerte zu dem Christusbild von Mimbral und beschwor den Herrn, vor dem Bilde niederkniend, das Getreide auf den Feldern zur Reife zu bringen. »Herr,« betete er mit gefalteten Händen, »behüte meine Ernte, und das Unglück wird meinen Herd fliehen, beschütze meine Felder, und das Brot wird im Hause deines Dieners nicht fehlen.« Aber der Herr ließ Juans Bitten unerhört und nach der mißratenen Ernte klopfte das Elend an seine Türe. »Was tut das?« sagte er zu seinem Weibe. »Der Herr hat uns die Gesundheit und zwei starke Arme erhalten; er wird unsere Arbeit segnen.« Aber bald darauf brachte eine schwere Krankheit sein Weib an die Schwelle des Grabes.« Da ging Juan wieder fort und flehte zu dem Herrn, der das Leben gibt und nimmt, um Genesung für sein Weib. »Herr,« sagte er, von neuem vor dem Heiligenbild niederknieend, »erhalte ihr das Leben, nimm meinem Kinde nicht die Mutter. Gib ihr die Gesundheit wieder, den Sonnenschein, der die bescheidenen Freuden der Armen verklärt,« Aber auch dieses Mal hörte der Herr seine Bitten nicht, und drei Tage danach starb Juans Weib, einen trauernden Witwer und eine unglückliche Waise zurücklassend. »Ich muß es ertragen.« sagte sich Juan dann. »Der Herr hat mir mein Weib genommen, aber mein Kind hat Er mir gelassen.« Bald darauf zeigte sich bei dem Kinde die Krankheit der Mutter, und verzweifelter als je nahm Juan seine Zuflucht zu dem Herrn. »Herr,« betete er, seine Stirn gegen das Gitter drückend, »rette mein Kind, ich bin alt und verlassen. Was soll ich tun – allein, allein – wie ein Baum ohne Zweige und Früchte!« Das Herz von leiser Hoffnung geschwellt, kehrte Juan in sein Heim zurück. Er näherte sich dem Bett seines Kindes, das regungslos dalag, legte ihm die Hand auf die Stirn, die starr und kalt war, behorchte das Herz, das aufgehört hatte zu schlagen ... Da flehte er als einzige Gnade um ein weißes Totenhemd, machte einen Sarg aus den Brettern seines Bettes und begrub das Kind eigenhändig zu Füßen seiner Mutter. »Ich habe meine Ernte, mein Weib und mein Kind verloren,« seufzte Juan, an seinen einsamen Herd zurückkehrend. »Der Herr will nicht, daß ich von Ihm etwas erflehe, so will ich aufhören, Ihn um etwas zu bitten.« Und täglich wandte er seine Schritte zur Kapelle, kniete demütig vor dem Herrn nieder, faltete geduldig die Hände, neigte voll Ergebung das Haupt, aber bat und erflehte nichts mehr. Dieses Vorbild aller Christen sagte nur: »Herr, hier ist Juan.« Endlich starb Juan und seine fromme Seele kam an die Pforten des Himmels: dort kniete er nieder, um zum letztenmal sein tägliches Gebet zu murmeln: »Herr, hier ist Juan!« und langsam taten sich die Himmelspforten vor ihm auf. Gevatter Pellejo verharrte nach der Beendigung seiner Erzählung in dumpfem Schweigen. Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, ob er weinte. »Und wie ist es Anna ergangen?« fragte ich ihn endlich, um ihn von seinen traurigen Erinnerungen abzulenken. »Anna erging es wie einem alten Pferd, das drei Tage lang das Futter verweigerte,« entgegnete er mir. »Von da an schlich sie mit gebeugtem Haupte umher: ihr Herz war wie erstorben: und ihr schwacher Körper schleppte sich täglich zum Kirchhof hin. Drei Monate später ging sie in die Ewigkeit zu ihren Kindern ein. Ich blieb allein zurück, Herr, allein! ... allein, ohne jede Habe: nur das Notdürftigste war mir geblieben. Ich unterließ das Schmugglerhandwerk, denn man sagt ja, daß vom Schmuggler bis zum Dieb nur ein Schritt sei, und ich glaube, daß das wahr ist. Ich arbeitete, wenn es was zu arbeiten gab, und gab es nichts zu tun, so ließ man mich doch niemals ohne ein Stück Brot von den Höfen gehen. Ich ging mit den Herren zur Wildschweinjagd und kniete jedesmal, wenn ich an der Kapelle vorüber kam, nieder, um zu beten: »Herr, hier ist Pellejo: Herr, ich bin schon 70 Jahre alt: Herr, vergiß nicht meiner!« III. Dies war die Geschichte des armen Spaniers. Die Geschichte Juans ist, wie vorher bemerkt, eine schöne, lehrreiche Fabel, die beweist, wie vornehm ihr Autor, der selbst ein armer Spanier war, die Gottergebenheit auffaßt. Anna und Pellejos Schicksal zeigt ebenfalls, mit welcher Hingebung diese Gottergebenheit zum Ausdruck gelangte. Heute findet man dergleichen nur selten; selbst Gevatter Pellejo war zu der Zeit, da wir ihn kennen lernten, nur noch ein Überbleibsel jener alten spanischen Rasse, die einem Volke des Sozialismus und des Aufruhrs weichen mußte. Wohin ist es mit Spanien gekommen? Welch aufrührerischer Wind hat diesem armen Volk seinen festen Glauben und seine starke Religion zerstört, wie der Orkan den kräftigen Weinstock mit der ihn umrankenden Schlingpflanze? – Ja, es ist eine gottlose Revolution hereingebrochen; die Anhänger des Sozialismus haben den Keim der entsetzlichen Empörung gesät und aus dem Herzen der Spanier jene freudige Gottergebenheit gerissen, die lächelnd sagt: »Dein Wille geschehe«, jene gesegnete Wunschlosigkeit, die nur eine Bitte laut werden läßt: »Unser täglich Brot gib uns heute,« jene achtunggebietende Liebe zur Arbeit, die die treue Schildwache der Tugend ist, und jenen göttlichen Glauben, der alles umfaßt, alles in sich schließt, alles heiligt, alles stärkt. Aber oft bringt das Zusammenwirken mehrerer Ursachen ein und dasselbe Resultat hervor, und wer den Wunsch hat, nicht nur über das Übel zu klagen, sondern es auch zu heben, hat die Pflicht, jede einzelne dieser Ursachen zu bekämpfen und – wenn möglich – auszurotten. Fehlt es bei dem Ausbruch dieser Revolution bloß dem Armen an Gottergebenheit oder auch dem Reichen an Barmherzigkeit? Denn die Gottergebenheit des einen muß in der Barmherzigkeit des andern eine Stütze finden, damit es zwei heilige, von Gott auferlegte Pflichten werden, die die wunderbare Ordnung seiner Vorsehung unterstützen und verschönern. Deshalb merke man sich wohl die Worte eines unserer zeitgenössischen Schriftsteller: »Sobald der Arme die Geduld verliert, die ihm aus der Barmherzigkeit des Reichen zufließt, hat er auch die Hoffnung verloren. Und die Hoffnung verliert er erst dann, wenn er die Kraft des Stärkeren in ihrer ganzen brutalen Größe empfindet.« Ja, wahrlich, woran fehlt es in Spanien in erster Reihe? ... An der Barmherzigkeit des Starken oder an der Gottergebenheit des Schwachen? –  –  –  –  –   Leser, wenn du reich bist, befrage dein Gewissen und lege die Antwort und das Heilmittel kniend vor dem Christusbilde nieder, vor dem einstmals jener demütige arme Spanier immer und immer wieder die Worte wiederholte: »Herr, hier ist Juan!« »Er war ein Heiliger« I In X gibt es einen großen elliptisch geformten Platz, der den Namen: »Salon der Königin« führt. Er ist mit kleinen genuesischen Steinchen gepflastert: breite und bequeme Steinbänke mit eisernen Rückenlehnen umgrenzen seine Biegung, und vier kleine weiße Marmorstatuen auf großen schwarzen Sockeln schmücken die vier Eingänge. Er wird von Orangenbäumen und riesengroßen Palmen mit aufstrebenden Stämmen und schwachen Kronen eingefaßt; in geringen Abständen sprudelt je ein Wasserstrahl in die großen, mit Veilchen geschmückten Marmorbecken, deren Duft mit dem Geruch der Orangenbäume, der Sonnenglut und der frischen Kühle des Wassers die Spaziergänger entzückt und in ihrer Phantasie arabische Minarets, maurische Gewandungen und Erinnerungen an die Alhambra wachruft. Zu diesem prächtigen Bilde formt der blaue andalusische Himmel ein wunderbares Dach, wie ein weißes Segeltuch die eleganten Höfe von Sevilla bedeckt, die sich während der heißen Sommernächte in eine luftige Estrade verwandeln. Am 1. November wurde alljährlich, alten Traditionen entsprechend, im »Salon der Königin« der Einzug des Winters gefeiert. Zwei Militärkapellen spielten abwechselnd von 1 bis 3 Uhr nachmittags: wohltätige Vereine vermieteten eiserne und hölzerne Stühle, und Herren und Damen gingen hier mit jener Steifheit und Feierlichkeit einher, mit der die Vornehmen aus der Provinz, froh der günstigen Gelegenheit, die aus der Fremde überbrachten Toiletten öffentlich zur Schau zu tragen pflegen. Große Volksmengen stauten sich draußen und umringten die Leinwandzelte, in denen die Verkäufer der Winterfrüchte gleichzeitig die Eröffnung des Marktes und das »Allerheiligen«-Fest feiern. In dürftigen Buden lagen süße Gebirgssicheln, schöne Galerosa-Kastanien, weiche Nüsse, Bornoser Quitten, Rondaer Birnen, Malagaer Batates aufgestapelt, die unter der unscheinbaren Hülle ein weiches Innere verbergen und imstande sind, mit der vornehmen Ananas zu wetteifern. Und zwischen diesen Landleuten und Bauern, die alle, sei es en gros , sei es en détail , ihren Handel trieben, streiften Schwärme eleganter Kinder, von Kindermädchen oder Dienern begleitet, mit kleinen Säcken auf dem Rücken umher, um die traditionellen »Allerheiligen« einzukaufen. Der Tumult hatte seinen Höhepunkt aus dem Markt und der Promenade erreicht, als ein Schauder sich der Menschenmenge zu bemächtigen begann, wie es einen Menschen, der in ein lauwarmes Bad steigt, vom Kopf bis zur Zehe durchrieselt. Plötzlich war aus einer Nebenstraße ein Chorknabe aufgetaucht, der ein Kreuz in den Händen hielt, ihm folgte eilends ein Priester mit Chorhemd und brauner Stola, er trug das heilige Öl in einer kleinen Tasche über der Brust. Die Menge wich, von Furcht und Ehrfurcht erfaßt, jäh zurück, um dem düstern Paare Platz zu machen, das rasch durch die Halle schritt, in eine andere Nebenstraße einbog und in dem Flur eines stattlichen Hauses verschwand, hinter sich die Spur des Entsetzens zurücklassend, ähnlich wie ihn ein schreckenerregender Gedanke in einem Gehirn hinterläßt. »Das heilige Öl!« rief das Volk erschreckt. »Die Ölung!« wiederholten scheu die Vornehmen: und der Gedanke, daß ein Christ im Sterben lag. verscheuchte jedes Lächeln, ließ jede Unterhaltung verstummen, denn er erweckte jenes Gefühl egoistischer Frömmigkeit, das die meisten Menschen angesichts eines Unglücks empfinden, dem sie heute entronnen sind, das sie aber schon morgen treffen kann. Trotzdem gewann der Ort rasch wieder ein lustiges Aussehen; die Lebhaftigkeit, die einen Moment gestockt, ergoß sich von neuem wie ein Strom, der sein Bett ausfüllt, und die, welche sich des Lebens freuten, vergaßen den mit dem Tode Ringenden, als dachte jeder von ihnen an die bitteren Worte des Dichters: Lachend erstick' ich den folternden Schmerz; Was kümmert ein Toter das grausame Herz? Inzwischen war der Priester eilig durch den einsamen Vorhof des Hauses geeilt, die Treppe hinaufgestürmt und in ein leeres Vorzimmer gelangt, von wo aus er eilige Schritte, unterdrücktes Schluchzen und hastiges Türzuschlagen vernehmen konnte. Eine Dame im Straßenanzug stürmte mit allen Zeichen des Entsetzens an ihm vorüber: durch die gegenüberliegende Tür verschwand ein Dienstmädchen mit zwei Kindern, im Alter von sechs und acht Jahren, die eben von ihrem Spaziergang zu kommen schienen und sich ängstlich, starr vor Schreck, an den Rockfalten des Mädchens hielten, mit ihren Händchen die klassischen Säckchen von »Allerheiligen« krampfhaft umklammernd. Alles deutete darauf hin, daß sich in diesem Hause einer jener Unglücksfälle ereignet hatte, die plötzlich und schreckenerregend wie der Blitz zu kommen pflegen. Der Priester blieb einen Augenblick im Zimmer stehen, unschlüssig, durch welche der verschiedenen Türen er eintreten sollte. »Hier, hier, Hochwürden!« rief eine leise Stimme. Der Priester wandte sich dorthin, von wo die Stimme kam, und befand sich, nachdem er ein anderes kleines Zimmer durchschritten hatte, in einem Alkoven, aus dem ein starker Ammoniakgeruch ihm entgegendrang. Er überschritt die Türschwelle und sprach die Worte der Heiligen Schrift: » Pax huic domui « Auf diesen Friedensgruß antwortete der grelle Schrei einer alten Frau, um die ein junges weinendes Geschöpf und ein mehr erschreckt als erregt aussehender Mann sich mühten und sie in jenem Augenblick halb ohnmächtig durch eine Ausgangstür in eine andere Kammer zu schleppen versuchten. Im Alkoven lag auf einem Bett ein alter Mann, während neben ihm ein junger Mensch saß, bleich wie der Tod, aber vollständig ruhig. Der Alte lag halb angekleidet ausgestreckt auf der Bettdecke, mit einem totenbleichen, stellenweise dunkelblau unterlaufenen Gesicht, den Körper vollständig auf die linke Seite geneigt; ängstliches Stöhnen entrang sich seinem halbgeöffneten Mund und ein bis zum Ellbogen entblößter Arm zeigte die von einer Lanzette hinterlassene Wunde. In einem auf dem Fußboden stehenden Waschbecken waren Blutstropfen; daneben drei heiße Ziegelsteine, Krüge mit kochendem Wasser, verstreute Senfpflaster und zwischen Büchsen von Coldcrem und kosmetischen Mitteln standen zwei geöffnete Flaschen mit Ammoniak auf einer Waschtoilette, auf der ein Rasiermesser in einem Futteral, frischer Seifenschaum und ein Rasierpinsel unordentlich durcheinander geworfen waren. Auf der gegenüberliegenden Seite lag auf einem Sofa ein Frack von tadellosem Schnitt, auf einer Marmorkonsole das große, gelbweiße Ordensband »Isabella der Katholischen«, und in einem russischen Lederfutteral glänzte der dazu gehörige Orden. Der Priester näherte sich ohne Zögern dem Sterbenden, erfaßte seine Hand und rief ihm ins Ohr: »Don Benito, Don Benito! Hören Sie mich?« Der alte Herr antwortete nicht und gab kein Lebenszeichen von sich. Der Priester hob ihm ein Augenlid und beobachtete seine gläserne Pupille in den tiefen Augenhöhlen: die Sehkraft schien völlig geschwunden. »Höchste Zeit!« murmelte er. Und das Gefäß mit dem heiligen Öl auf den Tisch legend, auf den er hastig zwei Kerzen und ein Kruzifix gestellt hatte, fing er an die Gebete zu sprechen, die der Letzten Ölung vorangehen; das Sakrament, mit dem die Kirche ihre sterbenden Kinder entläßt, mit dem sie sie wäscht und zur großen Reise stärkt, indem sie sie mit dem heiligen Öl, dem Symbol der göttlichen Reinheit, versieht. Der Jüngling lauschte stehend, ohne sich zu regen, bis der Priester den Sterbenden zu salben anfing; er half ihm, ohne seine Gelassenheit dabei einzubüßen, bedeckte die entblößten Füße des Alten, drehte seine Handflächen nach außen und hob seinen Kopf, als die Sinne seines verzerrten Antlitzes gesalbt werden sollten. Als die Zeremonie beendet, näherte der Priester sich dem jungen Manne und fragte ihn, ob der Beichtvater des Sterbenden im Hause wäre. Der Jüngling schüttelte verneinend den Kopf. »Ich werde sogleich hierher zurückkehren,« setzte der Priester hinzu, »um die Gebete für die Seele des Sterbenden zu verrichten. Es wird sich einige Stunden hinziehen.« Der Jüngling nickte wieder schweigend und vergrub sein Gesicht in die Kissen, berührte mit seiner Stirn die Stirn des Alten und legte ihm die Hand aufs Herz, dessen Schläge immer dumpfer und hohler klangen. Der Priester zog sich langsam zurück, ohne daß ihn jemand begleitete. Darauf traten die Alte und das junge Mädchen, der erschreckte Herr und die erschreckte Dame durch verschiedene Türen herein und umringten, sich über ihn neigend, das Bett des Sterbenden. Alle weinten, aber niemand betete. II. Und trotz alledem konnte Don Benito Morales dem Tode entgehen, der zweifellos vor den Tränen jener musterhaften Kinder und jener verzweifelten Gattin zurückwich, und mit seiner knöchernen Hand nur die Hälfte der Beute mit sich nahm. Nur die eine Körperseite Don Benitos erlangte das Leben wieder; die andere blieb seit jenem plötzlichen Anfall völlig gelähmt; und in jenem in Decken und Mäntel gehüllten Gespenst, das vor vierzehn Tagen aus dem Bett gestiegen war, um traurig grübelnd auf einem Polsterstuhl am warmen Ofen zu sitzen, hätte wohl niemand jenen herausgeputzten Alten wieder erkannt, der Stunden und Stunden brauchte, um sich die Perücke aufzusetzen, die Augenbrauen zu schwärzen und den altmodischen Coradinobart zu pflegen. Denn sein Geist, der alles von den Schatten des nahen Todes verdunkelt sah, war völlig gebrochen. Der Tod hielt seine Sense erhoben, ohne sie wieder fortzunehmen, und drohte noch immer, seit er sich zum erstenmal angemeldet hatte. Mehrere medizinische Kapazitäten wurden konsultiert und alle stimmten darin überein, daß ein zweiter Anfall nicht lange auf sich warten lassen würde, daß er ebenso plötzlich kommen würde wie der erste, und daß, nachdem der Tod schon die Hälfte des Weges zurückgelegt hätte, Don Benito zum zweitenmal nicht aus seinen Klauen zu retten sein würde. Dieser fürchterliche Ausspruch versetzte die ganze Familie in die tiefste Trauer. Sie wurde durch eine jener überzärtlichen Empfindungen rein sinnlicher Natur verbunden, die fast heidnisch genannt zu werden verdienen, da ihnen jeder geistige Gehalt fehlt. Dem ersten Arzte war die Aufgabe zuteil geworden, der Familie diese Mitteilung zu machen, die ängstlich dem Ausgang der Konsultation entgegensah. Da war Frau Morales, die kleine Frau Tula, die ihr Schwiegersohn Sancho Ortiz mit seinem unverständlichen andalusischen Akzent und seinem ausgelassenen Humor folgendermaßen charakterisierte. »Meine Schwiegermutter? Ein verzuckerter Pfefferstrauch. Saugt man nur ein wenig daran, ist es der reine Zucker ... Spricht man schlecht von ihr ... da sprüht sie Funken.« Sancho Ortiz, ihr Schwiegersohn, war neckisch wie ein Kind, männlich schön wie ein griechischer Antinous, gewandt wie ein Stierkämpfer, dessen frohes Schwatzen und beispiellose Keckheit ihn zugleich anmutig und aufdringlich, sympathisch und übermütig machten. Und dann seine Frau, die zweite Tochter Donna Tulas, die noch jetzt, obgleich sie schon Mutter von zwei Kindern war, ebenso verliebt in ihren Gatten schien wie am ersten Tage der Ehe, und dadurch den lebenden Beweis bildete, daß die Ehe nicht das Grab der Liebe ist. Neben ihrer Mutter und fest an sie geschmiegt, saß Lolita, die älteste Tochter, eine alte Jungfer, die keine Aussicht hatte, sich noch zu verheiraten, da ihre Mutter aus falsch angebrachter Rücksicht, um dem Kinde Schmerzen zu ersparen, es unterlassen hatte, eine doppelte Zahnreihe in ihrer Kindheit zu beseitigen. In einem weiter abgelegenen Winkel des Zimmers saß mit überschlagenen Beinen, verschränkten Armen und gesenktem Kopfe der ernste, schweigsame Lorenzo, der einzige männliche Sproß der Morales, den wir bereits neben dem Bett seines sterbenden Vaters gesehen haben. Bei dem fürchterlichen Ausspruch, den die Ärzte einstimmig getan hatten, stieß Donna Tula einen gellenden Schrei aus und schalt die Ärzte Schafsköpfe, da sie ihrem Mann nicht helfen konnten, der ihrer Ansicht nach – sie war gewohnt, stets nur das zu sehen, was sie sehen wollte, – nur an einem vorübergehenden Rheumatismus litt. Die Töchter stimmten in ihr Schreien und Weinen ein, aber nicht in die den Ärzten beigelegten Epitheta. Lorenzo stützte seinen Ellbogen auf den Tisch vor sich und vergrub seine bleiche Stirn in den Händen. Sancho Ortiz sprach kein Wort, blickte zur Decke empor und kratzte sich den Kopf. Die empörte und verzweifelte Donna Tula schlug Bäder, Massage und Douchen vor. Ihr war alles recht, wenn sie nur nicht die Hoffnung aufgeben mußte, ihren Benito zu behalten. Der Arzt verabschiedete sich schließlich kühl und ärgerlich, und Sancho sagte, ein Bein über das andere schlagend, mit seiner natürlichen Frische: »Ärgern Sie sich nicht ... Wenn es nachher zu Ende geht, ist vielleicht keine Totenwache da, und stirbt er, wenn man es am wenigstens vermutet, dann ist es schon am richtigsten, den Pfarrer vorher zu benachrichtigen, damit er uns nicht unter den Händen ohne die Sakramente wegstirbt.« Als Donna Benita dies hörte, machte sie ein entsetztes Gesicht und verhüllte ihr Antlitz mit einem Taschentuch: die erschreckte Lolita umarmte ihre schluchzende Mutter. Lorenzo hob die gesenkte Stirn und sah seinen Schwager empört an, während Donna Tulas Augen leuchteten und mit zitterndem Doppelkinn schrie sie: »Schweig, schweig,... du Ketzer! Willst du ihn mir umbringen? Ich weiß wohl, daß du kein Herz hast; du bist nicht von seinem Blut.« Sancho Ortiz erhob sich mit zornbleichen Lippen, nahm seinen Hut und sprach: »Dann sage ich nichts mehr .. Ihr verzeiht ... Meinetwegen soll er sterben, wie er Lust hat –« Donna Tula schwankte zwischen dem Kummer über ihren totkranken Gatten und dem Zorn über die Roheit ihres Schwiegersohnes und die Unwissenheit der Ärzte. Während Benita ihren Gatten verteidigte, stand Lolita ihrer Mutter bei, und der Streit hätte sich noch lange hingezogen, wenn der junge Lorenzo ihm nicht kurzer Hand durch den Vorschlag, so rasch als möglich den berühmten Doktor Don Nicodemedes Peroleges aus Sevilla kommen zu lassen, ein Ende gemacht hätte. Inzwischen war Sancho, nachdem er sich mit seiner Schwiegermutter gezankt hatte, nach dem Klub geeilt und hatte sich ins Lesezimmer gesetzt, wo die täglichen Hofberichte aufzuliegen pflegten. Mehrere ältere Herren näherten sich ihm und fragten ihn voller Anteilnahme nach dem Befinden Don Benitos. »Er ist verloren, vollständig verloren,« erklärte Sancho, ›El Imperial‹ vor sich aufschlagend. »So nimmt Gott mir meinen Schwiegervater, während der Teufel mir meine Schwiegermutter läßt« »Aber ist denn ein neuer Anfall dazu gekommen?« »Noch ein neuer Anfall nach dem, den er heute gehabt hat, meine Herren? Die Ärzte haben heute eine Konsultation gehabt und erklärt, daß ein zweiter Anfall jeden Augenblick zu erwarten und daß er dann verloren ist. »Vielleicht Doktor Nicodemedes?« »Weder Doktor Nicodemedes noch Doktor Nicenades können Tote wieder aufwecken, Herr Roque ... Es wird nichts anderes übrig bleiben, als ihn zu begraben und auf seinen Grabstein folgende portugiesische Inschrift setzen zu lassen: Hier ruht er in dem Grab, dem stillen, Er starb ganz gegen seinen Willen! »Weiß die Familie das schon?« »Natürlich weiß sie es! Und eine Aufregung war in dem Hause, weil ich den Priester holen wollte, daß mir meine Schwiegermutter, wenn ich nicht rasch zur Tür gelaufen wäre, sicher noch die Augen ausgekratzt hätte. Jesus, wie grausam können doch Frauen sein!« »Das glaube ich schon ... da sie sich sehr liebten.« »Aber es ist barbarisch, Don Roque, geradezu barbarisch, wie sie sich lieben. Denn meiner Ansicht nach ist bei so viel Liebe und Zärtlichkeit das erste, daß man den Pfarrer holen geht ... Barbarisch! Wenn einer im Hause einen Schnupfen hat, müssen sich alle ins Bett legen, um zu schwitzen.« »Aber, mein Lieber, sie fürchten, daß der arme Patient erschrickt.« »Und scheint der Schreck Ihnen gering, wenn er plötzlich in die Ewigkeit plumpst?« »Hört, hört,« sagte ein Herr ironisch, der daneben die Zeitung las. »wer hätte in Sanchito einen Neo-Katholiken vermutet?« »Keinen Neo- und keinen anderen Katholiken,« entgegnete Sancho ärgerlich. »Die Neo sind mein Schwiegervater und seine Kaste. Ich bin nichts und kümmere mich auch um nichts. Aber ich habe es gern, wenn die Handlungsweise mit der Überzeugung übereinstimmt. Wenn ein Christ stirbt, so soll man ihm einen Pfarrer holen, und wenn ein Zigeuner stirbt, soll man eine Kuh bringen, damit er sich am Schwanz festhalten und ruhig sterben kann, denn was für den einen sechs sind, ist für den andern ein halbes Dutzend. Aber was ich bei diesen frommen Menschen nicht begreifen kann: sie halten eine Unmenge neuntägiger Andachten, schlagen sich grausam an die Brust, und kommt dann der Tod, dann ängstigen sie sich vor dem Pfarrer ... Zum Donnerwetter ... Wenn sie denn doch glauben, – warum dann nicht auch handeln ... Und wenn sie nicht handeln, was zum Teufel glauben sie dann?!« III. Doktor Nicodemedes Peroleges kehrte, nachdem auch er Don Benito aufgegeben und die Familie schon alle Hoffnung verloren hatte, nach Sevilla zurück: es wurde nun nur noch überlegt, wie man den dünnen Faden, an dem das geliebte Leben hing, am besten verstärken könnte, indem man jede physische Unbequemlichkeit und jede moralische Erregung, die ihn vorzeitig abschneiden könnte, nach Möglichkeit fern hielt. Man verheimlichte dem Kranken die Bedenklichkeit seines Zustandes und hielt ihn in dem Wahn, daß er nur an einem vorübergehenden Rheumatismus leide, den der kommende Frühling und der Brunnen von Ahama vollständig beseitigen würde; und da alle ihm stets ein Lächeln zeigten und von seiner hoffnungsfrohen Zukunft sprachen, gelang es für einige Tage, das niedergedrückte Gemüt des Kranken, der sich nur noch dunkel der entronnenen Gefahr entsinnen konnte, zu beleben. Donna Tula wich nicht einen Augenblick von seiner Seite: sie saß auf einem niedrigen Schemel zu seinen Füßen, scheuchte ihm die Fliegen vom Bett, und indem sie all ihre Anmut und Liebenswürdigkeit aufwandte, erschien sie fast wie eine komische Alte, die sowohl die Rolle der zärtlichen Mutter als auch die der liebevollen Gattin zu spielen hatte. Aber sobald die unglückliche Frau die Schwelle jenes Zimmers, in dem stets eine freundliche Stimmung herrschte, hinter sich hatte, und sich mit ihren Kindern allein wußte, die denselben Kummer empfanden, und dieselbe Komödie spielten, war ihr Schmerz so tief, so aufrichtig und so ergreifend, daß sie wie das Bild der Witwe von Ephesus erschien, die bereit war, sich lebendig auf dem Grabe ihres Gatten verbrennen zu lassen. Wenn man aus der Wohnung des Kranken trat, hätte man glauben können, von einem italienischen Frühling in einen sibirischen Winter versetzt zu sein. Draußen war alles tiefes Schweigen, unterdrückte Tränen, erstickte Seufzer und Vorsichtsmaßregeln, die – weil übertrieben und unnütz – das Lächerliche streiften. Man hatte Stroh auf die Straße legen lassen, damit der Straßenlärm den armen Kranken, der gegen jedes außergewöhnliche Geräusch sehr empfindlich war, nicht belästige; die Glocken seines Hauses hatten ihren Ton verloren, die Türangeln waren frisch geölt und bewegten sich leise in den mit Tuchleisten bekleideten Türspalten. Herrschaft und Dienerschaft gingen im Hause auf Gummischuhen umher, um jedes Geräusch zu vermeiden, und ein Portier, der immer als Schildwache auf dem Hof stehen mußte, veranlaßte alle die Menschen auf den Fußspitzen umherzugehen, die täglich kamen, um ihren Namen auf ein Papier zu schreiben, das über den wahrheitsgetreuen Zustand des Patienten berichtete, der sich der größten Sympathie der ganzen Bevölkerung erfreute. Der Anfall streckte Don Benito in dem Augenblick nieder, da er sich eines bedeutenden Rufes erfreute, von dem niemand sagen konnte, worauf er sich begründete, noch wodurch er ihn verdient hatte, der aber allen, die ihn genießen, zum bequemen Ruhepunkt wird, von dem aus sie ungestraft mit dem Ausdruck der Befriedigung im Gesicht den elenden Sterblichen die Hand reichen und das Wort des Dichters: »Die Freundschaft eines großen Mannes ist ein Geschenk der Götter« für sich in Anspruch zu nehmen scheinen. Don Benito war wirklich der Abkömmling einer jener hervorragenden Männer aus der Provinz, die als Väter des zurückgekommenen Vaterlandes uns mit Wohltaten versorgen und am Ende ihres Lebens der Straße, in der sie sterben, ihren Namen hinterlassen, und in der Redaktion einer Lokalzeitung einen Plutarch finden, der mit Tränen in den Augen ihre Biographie auf eine mit einem Trauerrand versehene Seite der Geschichte niederschreibt. Don Benito war Dekan der Anwaltskammer, war sechsmal Geschworener, zweimal Abgeordneter der Provinz, einmal Stadtverordneter gewesen, Vorsitzender der Wohltätigkeitsvereine und Verteidiger der öffentlichen Ordnung, ein Apostel der Toleranz und gewissenhafter Hüter aller bestehenden Verhältnisse, über die, seiner Ansicht nach, einen dichten Schleier zu breiten die Klugheit gebietet. »Ordnung!« rief jenes Muster eines Bürgers jedesmal, sobald eine Situation ins Schwanken geriet, und da Ordnung immer obenan und Unterordnung unten zu sein pflegt, mußte er naturgemäß, da er es immer mit der Ordnung hielt, auch immer die Führung behalten, und erinnerte so an eine Gliederpuppe, die ins Schwanken gerät, sobald man ihre Stellung ändert. »Toleranz! Nur nicht die Leidenschaft reizen!« rief er verzweifelt aus, wenn die Gottlosigkeit mit der Kirche kämpfte, die Revolution den Thron untergrub und die Staatsdiebe die öffentliche Kasse bestahlen ... und wenn die Kirche den Kampf aufgab, der Thron zusammenstürzte und die Kaste sich bankrott erklärte, eilte der kluge Don Benito herbei, um die entsetzlichen Trümmer zu verhüllen. Nur einmal erhob er Einspruch; nur ein einziges Mal überließ er ein Ereignis der öffentlichen Meinung, ohne einen dichten Schleier darüber zu breiten, ohne vor Entsetzen zu schaudern, obgleich er vor Wut kochte. Als die föderativen Andalusier sich empörten, ihm sein Haus in Brand steckten und ihm seine beiden Weinberge zertraten, ging Don Benito ganz ruhig nach Madrid, dem Mittelpunkt der bürgerlichen Ordnung, bat, flehte, drohte, intrigierte und erreichte endlich, daß sie ihm sein Haus wieder aufbauten, seine Weinberge wieder anpflanzten, ihm drei Verbündete zu Hilfe schickten, und ihn gewissermaßen als Garantie für die etwas düstere Zukunft zum Vizekonsul der Republik Nicaragua ernannten mit der ausdrücklichen Befugnis, bei dem geringsten Anzeichen einer Unruhe auf all seinen Besitzungen die dreifarbige Flagge hissen zu können, die seiner Persönlichkeit die weitgehendste Sicherheit gewährte. Und Don Benito hatte sehr recht, denn seinen Ideen und seiner scharfen Logik widersetzten sich nur zwei Faktoren: die roten und die weißen Demagogen. Und dennoch, seitdem er zu der erhabenen Würde eines Konsuls gelangt war, würde er – und das versicherte er mit der Hand auf der Brust – lieber tausendmal umkommen, als ein Opfer der Roten zu werden, als sich ein einziges Mal den Weißen in die Arme zu werfen. Ach, er kannte sie so gut: er hatte im Jahre 1823 die auf einen Pfahl gebundenen Ohren eines liberalen Buchhändlers vorübertragen sehen, der aus seinem eigenen Besitz von den Royalisten herausgerissen wurde, die sich wie wilde Schakale in der Wüste auf ihn gestürzt hatten! Und wenn Don Benito von diesem traurigen Ereignis sprach, wenn er sich die falschen Zähne ausrenkte, um ein gutturales »A« hervorzubringen, und auf der letzten Silbe der Schakale einen Augenblick zu verweilen, sträubten sich die pomadisierten Haare seiner Perücke, als wollten sie sagen, daß es sich wirklich so verhielt, als wüßten sie noch sehr gut, wie sie sich damals beim Anhören des schimpflichen Spottliedes gesträubt hatten: Pitita, mein Hühnchen, Put, put, put – Hoch die Inquisition In dem Königshut! Und alle waren verblüfft, und alle hörten ihm staunend zu, und er überzeugte sie alle, denn Don Benito war kein Mann der Leidenschaft, sondern der Vernunft; er war nicht berechnend, sondern überzeugt, und besaß jene eingewurzelte Überzeugung, zu der er nach und nach, Schritt für Schritt durch die Lehren der Erfahrung, die Zuchtrute des Unglücks und tiefe Menschen- und Sachkenntnis gelangt war. Schon in seiner Jugend, als er, ohne eine Peseta in der Tasche, noch einer Stütze auf der Welt, vorübergehend in dem Bureau eines Notars beschäftigt war, kündigten seine revolutionären Ideen die sozialistischen Umtriebe an, die heute schon überwiegen. Als er später von einem Onkel, der durch den Verkauf kirchlicher Güter zum Millionär geworden, zum Universalerben ernannt wurde, schlugen seine politischen Ideen eine konservative Richtung ein, während seine religiöse Überzeugung jene umstürzlerische Färbung annahm, die dem Bannfluch der Kirche lachend trotzt. Dazu kam noch, daß die Kirche das Konkordat von 1851 bestätigte, und sich den Ausspruch: »sunt inquietandi« entschlüpfen ließ, der die Taschen jener gotteslästerlichen Diebe füllte, die ihr reuevoll zur Beichte kamen. Dann erwachte in Don Benitos Brust eine zarte und demütige Liebe zum Stellvertreter Christi; er erklärte sich als Paladin der Kirche nach den Vorbildern Konstantins und Karls des Großen, und feierte seine Zugehörigkeit zum Nachfolger von San Pedro: er nahm die päpstliche Bulle, veranlaßte seine Diener zur Teilnahme an der Totenmesse und zum Fasten, ging zu den heiligen Sakramenten, betete den Rosenkranz und verteilte, wenn er Sonntags aus der Messe kam, einen Beutel voll Silbermünzen an die Armen, die ihn scharenweise vor der Tür seines Hauses erwarteten. Bei alledem wußte er aber nicht, wer sein täglicher Beichtvater war. Was fehlte also Don Benito zur Verbreitung seiner Ansichten in dem kleinen Kreise, auf den sich seine bescheidenen Wünsche beschränkten? Vielleicht die Verschwägerung mit einer jener Adelsfamilien, die ihn über die Achsel ansahen und mit spöttischem Lächeln auf die Zeit der Protokolle beim Rechtspraktikanten anspielten. Und nur deshalb verheiratete Don Benito seine Tochter mit Sancho Ortiz de los Pinares, dem Abkömmling eines der ältesten Adelsgeschlechter. Irgend ein Ordensband auf dem gestärkten Hemd erhoffte er, wenn er, peinlich sorgfältig gekleidet, mit seinen 70 Jahren noch hochaufgerichtet die Wachskerze in der Hand an der Prozession des Corpus teilnahm, oder am Gründonnerstag die Kirchen besuchte. Und dann war er endlich für eine Reihe verdienstvoller Handlungen, geschickter Kombinationen und bar erlegter Summen durch die königliche Gnade mit dem Großkreuz Isabella der Katholischen geschmückt worden. Glücklicher Tag! Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zurückzuziehen und seine Enkel lesen zu lehren, wie der Syrakuser Dionysius die Kinder von Korinth, nachdem er Sizilien die Gesetze diktiert hatte. So konnte er sich ins Grab legen lassen mit seinem Ordensband auf der Brust und der Nachwelt zurufen: » Plaudite, cives !« Aber das Schicksal schnitt seinen Absichten eine fürchterliche Grimasse: Don Benito sank drei Tage nach dem Empfang der königlichen Urkunde, die ihn den Exzellenzen einreihte, in demselben Augenblick zu Boden, als er sich Zum erstenmal das stolze gelbweiße Band umhängen wollte, um damit einem Diner bei dem Gouverneur der Provinz beizuwohnen, laut röchelnd, getroffen von dem ersten Peitschenhieb des Todes. Und dabei glaubten die Alten, daß eine Lorbeerkrone die Schläfen vor dem Blitzstrahl schütze. IV. Frau Tulas liebevolles Herz hatte für ihre Familienmitglieder die zärtlichsten Kosenamen erfunden. Don Benito nannte sie Beni, Lolita Li, Lorenzo Renzo und Benita Rita, und als Sancho Ortiz in die Familie kam, und die hohen Wellen schwiegermütterlicher Liebe über ihm zusammenschlugen, wußte sie mit der Geschicklichkeit eines Philologen, der der Stammwurzel eines griechischen Verbs nachforscht, von Sancho auf Sanchito, von Sanchito auf Sanchin und von Sanchin auf ein süßeres Chito abzuleiten. »Jesus, wie widerlich ist diese Frau,« sagte der derbe, kecke Sancho. »Wenn ich sie sprechen höre, ist mir immer, als wenn ich Honig aus einem mit Talg eingeschmierten Schlauch trinke.« Und daher die tiefe Abneigung des Windhundes gegen den Hasen, der eingewurzelte Krieg der Katzen und Mäuse, der Schwiegermütter und Schwiegersöhne. Denn als Sancho eines Sonntags gleich nach seiner Verheiratung bei seinen Schwiegereltern zu Mittag speiste, fragte Frau Tula, als sie ihm die Suppe reichte, mit dem Girren eines Turteltaube: »Chito, Chichito, wünschest du Püree oder Pastete?« Chichito biß sich auf die Lippen, was soviel heißen sollte als Donnerwetter! ... Beherrschte sich aber mit Rücksicht auf seine Flitterwochen und beschränkte sich darauf, kurz zu erwidern: »Machen Sie keine Redensarten, meine Gnädige.« Donna Tula blieb mit offenem Mund und dem großen silbernen Vorlegelöffel in der Hand stehen und erklärte lächelnd: »Aber, mein Sohn, das sind keine Redensarten, das ist Liebe.« »Dann, bitte, lieben Sie mich nicht so sehr.« »Sonderling! Nenn du auch nicht willst, daß man dich liebt, bleibst du für mich doch immer Chito, Chichito.« »Das werden wir sehen,« sagte Sancho mit der kindlichen Erregung eines zehnjährigen Jungen. »Wenn Sie mich noch einmal Chito nennen ...« Und hierbei hielt er einen Augenblick inne, um die kleine, runzlige Dame mit einem Blick zu messen, der mit echt andalusischer Schärfe unendlich viel besagte, und fuhr dann ernsthaft fort: »... nenne ich Sie Frau Cotufa!« (Süßmaul). Donna Cotufa fühlte, wie das pfefferartige Brennen, das sie innerlich empfand, ihr auf die Zunge stieg, und der silberne Vorlegelöffel in ihrer Hand zitterte, als setze sich eine gefährliche Gebirgsbahn in Bewegung. Trotzdem bewies sie mehr Selbstbeherrschung als ihr Schwiegersohn, machte dem Streit ein Ende und biß mit der melancholischen Miene einer beleidigten Dido in eine fleischige Olive. Seit der Zeit blieb Sancho für immer Sancho und Donna Tula für immer Donna Cotufa. Der Spottname gelangte zu Ohren der Dienstboten, drang so in die Stadt und erregte Aufsehen. Kurze Zeit darauf machte ein anderes, technologisches Scharmützel jede Aussöhnung zwischen Donna Tula und ihrem Schwiegersohne unmöglich. Sancho nannte sie mit vollem Munde »Schwiegermutter«, und Donna Tula wies diese Bezeichnung als wenig liebevoll, zu gewöhnlich und nur im Munde der niederen Klasse gebräuchlich, zurück, und bat ihn, sie nur einfach »Mutter« zu nennen. »Nein, meine Liebe.« entgegnete Sancho mit dem Eigensinn eines verzogenen Kindes. »Sie sind meine Schwiegermutter und ich Ihr Schwiegersohn.« »Nein, mein Lieber,« stritt Donna Tula, »ich bin die Mutter deiner Frau, folglich auch deine Mutter.« »Sie sind für mich das, was man auf der ganzen weiten Welt »Schwiegermutter« nennt ... Schon die Evangelien besagen, daß St. Peter eine Schwiegermutter hatte, die sie: »Trösterin der Jungfrauen, hilf uns! Pepetua!« anriefen.« »Sei es, wie es wolle,« sagte Donna Tula pathetisch: »jedenfalls ist es für mich sehr traurig, daß du mich nicht »Mutter« nennen willst.« »Mutter!« rief Sancho bitter, »eine Mutter gibt es nur einmal auf der Welt und meine ruht schon unter der Erde.« »Und bin ich nicht da, um ihre Stelle zu vertreten: du wirst für mich stets mein Sohn und nicht mein Schwiegersohn sein.« Und über die Stäbchen an dem Fächer seiner Frau spielend, als wären sie eine Gitarre, sang Sancho leise vor sich hin: Adam und Eva, diese da Sind wahrhaft glücklich gewesen. Ihnen konnt' keine Schwiegermama Die Werte vom Munde lesen. Drum kündet euch des Sängers Mund Über Adams und Evas Lebensbund: Weil Schwiegereltern sie niemals gequält. Hat nichts ihrem irdischen Glücke gefehlt. Don Benito lachte laut auf, denn ihm gefiel alles an seinem Schwiegersohn, und der Streit blieb unentschieden. Kurze Zeit darauf traf er im Hause seiner Schwiegermutter mehrere fremde Damen: Donna Tula stellte ihn ihnen vor und sagte mit zuckersüßem Lächeln: »Sanchito Ortiz, mein Sohn.« Und Sancho verneigte sich mit andalusischer Grazie, natürlicher Eleganz und sagte, mit dem Daumen auf Donna Cotufa zeigend, indem er den flötenden Ton und das holdselige Lächeln nachmachte: »Tulita Gomez, meine Mutter-Schwiegermutter.« Die Damen lachten laut auf, Donna Tula aber rief beschämt und entrüstet den Familienrat zusammen und machte den Vorschlag, dem unbequemen Schwiegersohn ein für allemal die Pforte ihres Hauses zu verschließen. Aber Don Benito nahm das alles für Scherz, erklärte, daß Sancho, wie jeder heutzutage, seine kleine Eigenheiten hätte, zog mit seiner bekannten Klugheit den üblichen dichten Schleier über jene Affäre, und jetzt war es an Donna Tula, sich zu schämen, und an Sancho, sich halb tot zu lachen. Donna Cotufa blieb stets auf ihrer Hut vor den Stichelreden ihres Schwiegersohnes, den sie mit dem Blick der wilden Katze beobachtete, die sich vor dem im Hause dominierenden Hunde in acht zu nehmen hat. Don Benitos Krankheit hatte dazu beigetragen, die Beziehungen nur noch zu verschlechtern. Es erging Donna Tula und ihren Kindern wie all denen, die ängstlich bemüht sind, einer Gefahr vorzubeugen, und die sich endlich doch an sie gewöhnen und jede Angst verlieren. In dem Bestreben, dem Kranken Vertrauen einzuflößen, gewannen sie das ihrige wieder, und machten Pläne für die Zukunft, als ob die Katastrophe, die sich so drohend angemeldet hatte, in weite Ferne gerückt wäre. Nur Sancho, der Unglücksprophet des Hauses, sah mit jedem Schritt die Gefahr voraus, nicht sowohl aus Interesse für seinen Schwiegervater, als aus Freude daran, seine Schwiegermutter in Wut zu bringen. Sie hatte die Absicht, den Kranken, sobald die kalten Tage vorüber waren, in ihr Landhaus zu überführen, das den Namen »Das Paradies« trug, und eine halbe Meile von X. gelegen war. Als Sancho von diesen Plänen unterrichtet wurde, verzog er das Gesicht und sagte: »Ins Paradies? Hm! Ich glaube eher, daß er in die Hölle kommt.« »Laß mich in Ruh mit deinen Scherzen!« schrie Donna Tula. »Das sind Zigeuner- und Kasernenscherze ... Wenn die Ärzte ihm nicht helfen können, wird Gott unsere Gebete erhören und ein Wunder tun.« »Ja, ja, vertrauen Sie nur auf Gott und kümmern Sie sich um nichts!« »Denn er sorgt für alles; er läßt sogar die Vögel nicht verhungern.« »Deshalb haben sie auch so dicke Waden!« »Du bist unverbesserlich! Sancho! Du hast keine Gottesfurcht, keinen Glauben und kein Vertrauen ... Gott wird uns Benito nicht nehmen, wir brauchen ihn viel zu sehr; ein Mann, der so unentbehrlich, so gut und christlich ...« »Ein Heiliger... das ist kein Zweifel,« entgegnete Sancho. Donna Tula zog sich entrüstet, bitterlich weinend zurück und überließ Sancho den Triumph, sie gekränkt zu haben. Es lag darin etwas von jener Grausamkeit, die den Andalusiern, die jede, selbst die ernsteste Sache zum Gegenstand des Spottes machen, eigen ist. Er dachte daran, Don Benito den Vorschlag zu machen, er möchte während seiner entsetzlichen Krankheit Zerstreuung darin suchen, seinen beiden Enkelkindern das Lesen beizubringen, eine Aufgabe, der er sich vor dem Anfall mit der großväterlichen Liebe und der Eitelkeit eines Gelehrten unterzogen hatte, da er wußte, daß Xenophon die Cyropedia geschrieben, Aristoteles Alexander, Philipps Sohn, das Buchstabieren beigebracht, und daß St. Hieronymus eine wunderbare Epistel »ad Laetam, de institutione filiae« geschrieben hatte. Die Kinder nahmen diesen Gedanken begeistert auf und erinnerten sich mit Vergnügen der Anis- und Mandelkuchen, die der Großvater durch Zauberkünste aus ihren Ohren zu ziehen verstand, wenn sie das »A« richtig aussprachen oder wenigstens nicht mit dem »Z« verwechselten. Denn Don Benito, der in allem sehr konsequent zu sein pflegte, gründete seine Methode auf die größte Nachsicht und Liebe. So wartete der Unglückliche, der sich nicht aus seinem Lehnstuhl erheben konnte, ungeduldig auf seine Enkelkinder; neben ihm stand ein Tisch, auf dem zwei Fibeln und eine Menge Weintrauben lagen, gewissermaßen als Einleitung, um durch kleine Geschenke an die Schüler erfolgreiche Resultate zu erzielen. Neben ihm, zu den Füßen ihres Gatten, saß Frau Tula, der höchste Schiedsrichter im literarischen Streit, in der Haltung eines Uhus, dem Emblem der Wissenschaft, das mit der gelehrten Minerva innig verwachsen. Sobald die Kinder das Zimmer betreten hatten, rissen sie sich von der Hand ihrer Mutter los und flogen wie ein paar Vögelchen auf den Großvater zu, den sie seit dem verhängnisvollen Fest von Allerheiligen nicht wieder zu sehen bekommen hatten. Aber mitten im Zimmer blieben sie stehen, ihre kleinen Füßchen waren wie festgenagelt auf dem Teppich und auf ihren lieblichen Gesichtchen spiegelte sich Schreck und Entsetzen. Statt des eleganten Großvaters, den sie kannten, sahen sie eine Menge Kleider, aus denen unter einer schwarzen Mütze ein leichenartiges Gesicht hervorschaute, mit ungemalten Augenbrauen, einem zahnlosen Mund, einem ungepflegten Schnurrbart, der an den Haarwurzeln weiß, in der Mitte gelb und an den Spitzen noch schwarz war. Don Benito streckte ihnen seine magere, zitternde Hand entgegen und öffnete den Mund, um sie zu rufen; aber die Kinder liefen erschreckt davon und versteckten sich hinter ihrer Mutter. Da empfand der arme Alte, daß im Tiefinnern seines Herzens sich etwas von ihm loslöste, etwas Glückliches und Heiteres wie die Lebenshoffnung, und daß an ihre Stelle etwas anderes trat, etwas Trauriges, Kaltes wie eine offene Gruft. Das Entsetzen der Kinder hatte ihm mit einem Schlage die fürchterliche Veränderung gezeigt, die mit ihm vorgegangen, und hatte ihm offenbart, daß er das Opfer einer gutgemeinten Täuschung geworden. Die erschreckten Engelchen verschmolzen sich in seiner Phantasie mit einem andern Engel, der sich ihm ernst und unerbittlich näherte: dem Engel des Todes. Und nachdem Don Benito das klar geworden, fing er bitterlich an zu weinen. Die erschreckte Frau wollte das wieder gutzumachen versuchen und befahl den Kindern, den Großvater zu umarmen. Aber immer heftiger klammerten die Kinder sich an ihre Mutter, ohne daß Bitten und Drohungen sie dazu bringen konnten. Der kleinste, kaum sechsjährige Knabe schielte schüchtern nach dem Großvater, um gleich darauf wieder sein Gesicht wieder in den Rockfalten seiner Mutter zu verbergen, und sagte: »Wie häßlich ist er ... Mama ... wie häßlich ... er sieht ja aus wie der schwarze Mann.« V. Jener Schlag, den niemand hatte verhindern können und den unschuldige Kinderhände ihm versetzt, verschlimmerte Don Benitos Zustand bedeutend. Am folgenden Tage konnte er sich nicht aus dem Bett erheben, und als seine Kinder gerufen wurden und nacheinander zu ihm eilten, empfing er sie alle schweigend und mit bitteren Tränen. Man schrieb diese übertriebene Empfindlichkeit seinen geschwächten geistigen Kräften zu und wollte ihm wiederum, die Enkelkinder bringen, um zu sehen, ob sie jetzt, besser von der Mutter unterrichtet, die Wunde heilen könnten, die sie ihm so unschuldiger Weise geschlagen hatten. Aber Don Benito wollte sie nicht sehen und blieb den ganzen Tag über in einem apathischen Zustand. Mit der herannahenden Dämmerung, die sich über den Alkoven verbreitete, kam jene tiefe Traurigkeit über den Kranken, die das Sinken der Sonne stets über Leidende und Elende zu bringen pflegt; er seufzte von Zeit zu Zeit tief auf, und Donna Tula saß, in einem Lehnstuhl vergraben, am Fußende des Bettes und ließ weinend die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten. In dem nebenliegenden Zimmer saßen ihre Söhne und wagten nicht, sich dem Vater zu nähern, aus Furcht, ihn durch ihre ununterbrochene Anwesenheit zu erschrecken. Plötzlich drang das schluchzende Weinen des Kranken aus der Stille des Alkovens. Donna Tula sprang auf und fragte, ihn umarmend: »Was fehlt dir, mein Lieber? Was hast du?« »Es geht mir sehr schlecht, Tula«, erklärte Don Benito und seine Tränen flossen reichlicher. Donna Tula sank wortlos über das Bett, und ihren Kopf an die Wangen des Kranken legend, fragte sie ängstlich: »Fühlst du dich schlechter, geliebter Mann? Soll ich jemand rufen?« »Nein, nein, Tula, sie haben mich alle getäuscht. Es geht mir sehr schlecht und man will es mir nicht eingestehen, sie täuschen mich.« »Aber, mein geliebter Beni, sei doch nicht so wunderlich ... Wer sollte dich täuschen wollen? Ich, mein Lieber?... oder deine Söhne? Wenn dir doch nichts fehlt, nichts ... Nichts als die Angst, die dich und uns alle tötet. Siehst du denn nicht, wie ruhig wir alle sind, Liebster? Renzo ist ausgeritten, Li ging zur neuntägigen Andacht ... und die Kinder würden doch nicht spazieren gehen, wenn's ihrem Vater wirklich schlecht ginge, wenn er im Sterben läge. Du siehst doch wohl selbst ein, daß deine Angst ganz unbegründet ist.« Und dies Lügengewebe brachte Frau Tula ohne Stocken hervor: sie machte sogar eine gewaltsame Anstrengung, heiter zu erscheinen und zuletzt noch einen scherzhaften Ton anzustimmen. Don Benito ließ sich nicht überzeugen: »Sie täuschen mich, sie täuschen mich!« rief er, »sie täuschen mich! Denk an die Kinder!« »Über diese kleinen Geschöpfe willst du dir Gedanken machen? Um Gottes willen, mein Beni, sei vernünftig! Sie sahen dich zum ersten Male ohne Perücke und Zähne und haben sich vor dir erschreckt, die armen Kleinen. Ja und außerdem,« fuhr sie fort, ängstlich bemüht, den Kranken von diesem gefährlichen Thema abzubringen, »sind das Kinder ohne die geringste Erziehung, Kinder dieses groben Vaters, die aufwachsen, wie sagt man, wie das Unkraut auf dem Felde. Ich habe schon zu Rita gesagt, du müßtest deshalb ernstlich mit Sancho sprechen ... diese Kinder müßten erzogen werden. Benitin muß von einer Engländerin und Sanchillo von einem Kaplan unterrichtet werden: denn sie in die Schule zu schicken, wäre eine Grausamkeit ... die kleinen Engel! Ich bin ja in diesen Sachen nicht maßgebend, aber was man alles von den Jesuitenpatres hört! Sie werden aus den Kindern die reinen Heiligen machen: sie mögen wohl gut unterrichten, das leugne ich nicht. Aber denke dir, was Maria Perez mir erzählt hat, sie geben ihnen des Morgens nicht einmal ein Kotelett, nur Kaffee mit Milch oder Schokolade! Denke dir das nur! Und dann in erster Reihe die Liebe der Familie, die ihnen abgeht, und alle Zärtlichkeit. Nein, nein, die Anstalt kann gar nicht in Frage kommen. Was meinst du, lieber Mann, du bist ja so ruhig?« Und Donna Tula neigte sich erschreckt über ihren Gatten, dessen Züge sie in der Dunkelheit nicht unterscheiden konnte, sie sah nur seine weitgeöffneten Augen starr auf einen Fleck gerichtet und hörte seine ängstliche, zitternde Stimme: »Tula, ich möchte beichten.« Donna Tula glaubte vor Schreck sterben zu müssen. »Was sagst du, was sagst du? ... Bist du bei Sinnen? Glaubst du, daß du sterben mußt? Jesus, Jesus, was für ein Unsinn!« Und das arme Weib lachte unter Tränen, während Don Benito immer heftiger weinend wiederholte: »Ich möchte beichten!« »Aber mein Beni, was ist dir? Siehst du nicht, wie traurig mich das macht? Denk jetzt nicht an Gott, du hast ja erst vor vierzehn Tagen gebeichtet.« Donna Tula sah darauf, wie sein abgemagertes Gesicht sich in die Kissen zurücklegte, wie seine Augen leuchteten und seine Brust sich unter heftigem Schluchzen hob und senkte; wie ein quälender Kummer tönten die Worte: »Aber gerade deshalb!«, die die unglückliche Frau mit glühenden Lettern in der Luft zu sehen wähnte, ihr in den Ohren. Fieberschauer durchrieselte Frau Tulas Körper, und sie war im Begriff, sich zu setzen, als eine furchtbare Verzweiflung sich des elenden Alten bemächtigte. Und aus seinem Berg von Kissen, den die erschreckte Frau im Dunkeln umarmte, drang ein Ächzen, Stöhnen und Schluchzen. Entsetzt schrie die Unglückliche um Hilfe: die Söhne eilten herbei, holten Licht und liefen sofort zum Arzt, der eilends kam und diesen Zustand für nervös erklärte, verschiedene Medikamente verordnete und vor allen Dingen äußerste Ruhe und das Fernhalten jeder Gemütserregung anempfahl. »Aber das ist in keiner Apotheke zu haben.« erklärte Sancho Ortiz, den Kopf schüttelnd. Donna Tula fand in jener Nacht keinen Schlaf und verbrachte sie, am Bett ihres Gatten sitzend, unruhig, grübelnd, als entwürfe sie einen Kriegsplan gegen die heftige Unbill des Schicksals. Bei Tagesanbruch hatte sie ihren Entschluß bereits gefaßt; Don Benito mußte um jeden Preis von seinen trüben Gedanken abgelenkt werden. Sie nahm sich vor, mit Hilfe ihrer Söhne einen neuen Ärzterat zu berufen und einen von ihnen auszusuchen, der den Kranken beruhigen und ihm die Versicherung geben sollte, daß sein Leben nicht die geringste Gefahr liefe und er nach Ablauf einiger Zeit seine völlige Gesundheit wiedererlangen würde. Nur Benita wagte schüchtern einzuwerfen, daß man diesen Plan nur mit Vorbehalt ausführen und dem Kranken unter keinen Umständen die verlangte Beichte vorenthalten dürfe. Donna Tula war empört, als sie das hörte. »Aber welcher Wahnsinn, Gott im Himmel,« rief sie mit hocherhobenen Händen. »Hörst du denn nicht, daß gerade diese traurigen Gedanken ihn quälen? Oder hast du, wie dein Mann, ein Herz von Stein?« Benita fing an zu weinen, und Donna Tula sank, von physischer Ermüdung und der stets wachen Sorge zu Tode erschöpft, auf ihren Sessel und sagte mit matter Stimme: »Laßt mich ... laßt mich um Gottes willen, und macht mir nicht noch mehr Kummer, denn schwer ist das Kreuz, das ich zu tragen habe.« »Aber, Mama, wenn ...« »Ihr versteht mich nicht,« fuhr Donna Tula seufzend fort. »Bei einem so gewissenhaften Menschen wie deinem Vater nehme ich das ruhig auf mich. Ein so frommer Mann, der gelebt hat wie ein Heiliger und der gestern abend nur deshalb zu beichten verlangte, weil er seine Todesstunde nahe glaubte.« Man berief also die Versammlung, fand nicht ohne Schwierigkeit den Arzt, der sich zu dieser Täuschung verstand, und es war leichter, als man geglaubt, Don Benito zu überzeugen, daß sein Leben nicht in Gefahr schwebte! Ach, nichts glaubt der Mensch so gern, wie das, was seinen Wünschen entspricht, und selbst angesichts der größten Unwahrscheinlichkeit weiß er immer noch mit großem Geschick irgend einen Umstand heranzuziehen, aus dem ihm vielleicht ein Strahl von Hoffnung entgegendämmert. Die Angst des armen Alten legte sich, und es schien, als wäre ihm eine Zentnerlast von der Brust genommen. »Siehst du wohl, mein Beni. Siehst du, mein Geliebter, daß ich dir nichts vorgeredet habe,« sagte Donna Tula zärtlich, die einzig bewegliche Hand des Paralytikers streichelnd. Don Benito weinte und lachte zu gleicher Zeit wie ein ungezogenes Kind, das sich endlich überzeugen läßt. Er umschloß mit seinen zitternden Fingern die beiden Hände seiner Frau und sagte feierlich: »Tula, versprich mir was.« »Was wünschest du, mein Beni,« sagte sie dumpf. Benito wollte sprechen, aber die Erregung schnürte ihm die Kehle zu; er machte zwei- oder dreimal vergebliche Anstrengungen und sagte schließlich unter Tränen: »Daß du mir sagst, wenn meine Stunde gekommen ist ... damit ich nicht ohne die heiligen Sakramente zu sterben brauche.« »Aber, mein Liebster, wie kommst du nur jetzt darauf? Denke nur um Gottes willen nicht daran! Du hast auch nicht die geringste Veranlassung dazu.« »Das weiß ich, aber wenn sie kommt, dann sagst du es mir, nicht wahr?« »Und glaubst du, daß ich dich ohne diesen Trost sterben lassen werde? Weiter fehlte nichts! Was würde man in ganz X. dazu sagen, wenn kein Geringerer als ein Don Benito Morales ein so schlechtes Beispiel gäbe?« »Tula, ich habe Vertrauen zu dir. Ich habe noch viel zu ordnen.« »Viel zu ordnen?« entgegnete Donna Tula mit dem zärtlichen Lächeln einer Mutter, die an ihren kleinen Jungen eine Gewissensfrage richtet. »Das wird was Schönes sein!« Don Benito schloß die Augen, legte den Kopf zurück, und seine Gesichtszüge sahen aus wie rätselhafte Hieroglyphen. »Denn sieh, mein Lieber,« fuhr Donna Tula mit peinlicher Gewissenhaftigkeit fort, »jetzt, wo ich es dir versprochen habe, magst du ruhig sein. Aber versprich du mir auch, daß du dir keine unnützen Gedanken machen wirst. Dazu bin ich da. Seitdem du deinen rheumatischen Anfall gehabt, höre ich alle Tage eine Messe zur trostreichen Jungfrau und habe schon eine Nonne mit der Danksagung und einer feierlichen Veranstaltung beauftragt, der du selbst beiwohnen sollst. Außerdem wird ein Prediger kommen, und an dem Tage wirst du dein Großkreuz mit dem Orden anlegen! Ach, du Schelm... wie du mir das verschwiegen hast, daß du darum eingekommen warst. Wenn ich nur das beizeiten gewußt hätte, dann hättest du für mich den Maria-Luisen-Orden erwirken müssen.« Don Benito fing an zu lachen, das gutmütigste Lachen von der Welt, und gestand mit der Ehrlichkeit eines Kaufmanns: »Der ist viel teurer.« VI. An jenem Vormittag konnte Benita sich entschließen, das Haus ihres Vaters zu verlassen, in das sie jeden Tag nach der Messe ging, und Sancho, dessen Magen unter dem Druck, der auf der ganzen Familie lastete, nicht gelitten hatte, rief seine beiden Kinder und befahl, daß man nicht auf die gnädige Frau warten, sondern die Schokolade servieren sollte; es war bereits neun, und er hatte Hunger. Den Knaben gefiel diese Neuheit der Situation, und der älteste kletterte auf den Stuhl der Mutter und sagte: »Heute bin ich Mama.« Sancho schien dieser Einfall sehr zu gefallen, und damit er die Rolle besser spiele, setzte er ihm Benitas mit Spitzen und rosafarbenen Bändern besetzte Morgenhaube auf. Ach, wie hübsch! Die Kinder kugelten sich vor Lachen, und das kleinste kletterte zu gleicher Zeit auf den Stuhl des Vaters und sagte: »Und ich bin Papa.« »Jawohl.« Sancho legte sogleich die väterliche Würde in seine Hände, band ihm den engen, krausen Kragen der Bluse zusammen und knüpfte ihm als Krawatte ein feines, seidenes Taschentuch um den Hals. »Ausgezeichnet ...« Das wäre alles ganz schön gewesen, wenn es der kleinen improvisierten Mutter nicht in den Sinn gekommen wäre, zu sagen: »Papa, jetzt bist du ich!« »Ja, jetzt bin ich du!« rief Sancho ganz befriedigt aus. Und nun setzte er sich das Mützchen auf, das Benitin abgenommen hatte, band sich das Lätzchen um und drückte sich, soviel er konnte, in eines der hohen engen Stühlchen, auf dem die Kinder sonst zu sitzen pflegten. Ihre Köpfchen reichten kaum bis an den Tisch, und Sancho sah neben ihnen aus wie ein Riese. So nahmen der Vater und die Kinder die Schokolade ein, die ihnen weit besser mundete als sonst, wenn auch die Enden der Krawatte des Vaters und die Haubenbänder der Mutter abwechselnd in die Tasse gerieten. Gleich darauf klang aber trotzdem ein Streit an sein Ohr. Der auf die große Krawatte seines Bruders eifersüchtige Sanchillo schoß die giftigen Pfeile seines Neides auf ihn ab. »Papa hat einen Bart, und du nicht – siehst du, Dummkopf!« sagte er zu ihm. Sancho eilte herbei, um klug die Leidenschaft, die den Kopf des Kleinen erhitzte, im Keime zu ersticken. Er tauchte ein Biskuit in die Tasse Schokolade und malte Benitin einen prächtigen Bart an; er war gestutzt und zierlich. Sanchillo hielt sich für geschlagen, und ohne seinem provisorischen Geschlecht Rechnung zu tragen, verlangte er für sich dieselbe Würde; der entrüstete Benitin widersetzte sich dem aus Anstandsgründen. »Mama hat doch keinen Bart.« »Aber Mutter Tula hat einen.« »Du bist doch nicht Mutter Tula, du bist Mama.« »Und doch!« »Aber nein.« Und um dem Streit ein für allemal ein Ende zu machen, nahm Sancho ein anderes Biskuit und malte seinem Erstgeborenen einen Schnurrbart und kurz geschnittenen Backenbart. Der Jubel hatte seinen Höhepunkt erreicht und richtete sich nun auf andere Dinge. Sancho zeigte seinen Söhnen eine neue Art, die Schokolade zu trinken; es galten dabei dieselben Regeln wie bei malabarischen Spielen. Es wurde die Schokolade von oben herunter gegossen und sollte in der Luft mit dem Mund aufgefangen werden; es war höchst amüsant. »Eins, zwei, drei,« zählte Sancho und klopfte, um das Zeichen zu geben, mit dem Teller auf den Tisch. Die Schokolade floß durch die Luft, beschrieb fallend einen großen Bogen und ergoß sich überall hin, nur nicht in die kleinen Mäulchen, die geöffnet ihrer harrten. Nur Sancho gelang es, die seinige aufzufangen. Die Kinder meinten, das Geheimnis hätte darin bestanden, daß man gleichzeitig mit dem Teller auf den Tisch klopfte: sie taten es daher äußerst kräftig und waren höchst überrascht, als die feinen chinesischen Tellerchen dabei in Scherben gingen. Das kam ihnen höchst drollig vor. In diesem Augenblick trat Benita ins Zimmer, und der Anblick des grotesken Bildes, das jene geliebten Wesen ihren Augen boten, verlieh ihr jenes große Glücksgefühl, das innere Glück des echten Familienlebens, das die Augen langsam mit Tränen füllt, und die Frau in einem Augenblick für allen Verdruß als Gattin und Mutter vollauf entschädigt. Trotzdem meinte sie sofort, in ihrer Würde als Hausmutter entrüstet sein zu müssen, und fing, obgleich sie weder das Weinen noch das Lachen zurückzuhalten vermochte, laut zu schreien an: »Wie fürchterlich! Jesus, um Gottes willen! Wie habt ihr euch zugerichtet... Und der Vater ist der Schlimmste von allen!« Sancho sprang mit einem Satz auf die Füße; ohne sich aus dem engen Kinderstuhl, der ihm an den Lenden klebte, befreien zu können, fiel er vor Benita auf die Knie und sagte: »Verdieb, verdieb, nich wieder tun!« Und auch die Kinder knieten neben dem Vater nieder, hoben ihre mit Schokolade bemalten Wangen zur Mutter und wiederholten im Chor mit ihrem Vater: »Verdieb, verdieb, nich wieder tun!« »Jesus, Jesus,« sagte Benita zwischen Weinen und Lachen, »wie habt ihr euch nur die Blusen verschmiert ... Und meine Haube, ... heilige Jungfrau, wie sieht die aus! Was bist du nur für ein übermütiger Mensch! Mein Gott! Wenn du ihnen solche Dinge vormachst, muß man dich wirklich einsperren!« Als die kleine Gesellschaft hörte, daß der Vater eingesperrt werden sollte, nahm sie jubelnd und springend die Partei der Mutter und schrie: »Ach ja, wir wollen ihn einsperren!« »Mich einsperren?« rief Sancho und sprang wie ein Ball von der Erde auf. » Civis romanus sum! ... Mama werde ich ins Vogelhaus sperren ... ins Vogelhaus!« Und bei diesen Worten hob er Benita auf seine kräftigen Arme und durchlief die ganze Galerie bis zu einem gläsernen Ausbau, in dem Hunderte von Vögeln umherflogen, sangen und nisteten. Die Kinder liefen jubelnd hinterher, auch die beiden Jagdhunde schlossen sich springend dem Zuge an, und die Dienstboten standen an den Fenstern und Türen und wiederholten ein über das andere Mal: »Aber seht nur unsern gnädigen Herrn ... Was ist er für ein Engel ... Und wie lustig und vergnügt kann er sein! ... Gott erhalte ihn so ... Gott segne ihn!« Benita schloß die Augen, um das Glück, sich von den geliebten Armen umschlossen zu fühlen, noch inniger zu genießen, um die Freude, mit der die mit Schokolade beschmierten Kinder um sie herumsprangen, innerlich zu empfinden und die Segenswünsche ihrer treuen Dienstboten, der Zeugen ihres Glückes, besser zu vernehmen. Aber in demselben Augenblick trat ihr das traurige Bild, das das Haus ihres Vaters bot, vor Augen, und der Tropfen Wermut, der bittere Tropfen, den die göttliche Vorsicht stets in die Schale der Glücklichen zu träufeln weiß, um uns an ein höheres Glück zu mahnen, stimmte sie ernst und traurig und ließ sie in Schluchzen ausbrechen. »Was hast du, Kind,« fragte Sancho, sie erschreckt freigebend. Benita legte ihre Lippen an das Ohr ihres Gatten und sagte weinend: »Papa liegt im Sterben, und Mama läßt sich nicht dazu bewegen, den Priester zu holen.« Sancho mußte wieder anfangen zu laufen, denn das kleine Kinder- und Hundevolk folgte ihm auf Schritt und Tritt, und das Vogelhaus betretend, schloß er die Kinder und Hunde dort ein. Ach, mit welchem Vergnügen sahen die beiden Ehegatten, deren Herzen nur für einander schlugen, sich jetzt allein, um sich beide demselben Gedanken, demselben Schmerz hinzugeben, wie sie sich stets demselben Glück hingegeben hatten. Und wie selten kommt das im Leben vor! Denn der Egoismus pflegt stärker zu sein als die Liebe, besonders beim Mann, den die vielfachen Interessen ganz in Anspruch nehmen statt des Herzens, das bestimmt ist, sich eins mit ihm zu fühlen; so entsteht zwischen Ehegatten oftmals jene Disharmonie, die entfremdet, ohne zu trennen, und sie schleppen beide eine Kette, die aus wahrhafter Neigung und aus kleinlichen Verstimmungen zusammengesetzt ist, Verstimmungen, die alle irdischen Leidenschaften entstellen. Benita lehnte sich gegen das Gitter, hinter dem die Kanarienvögel ihre Nester bauten, und erzählte Sancho weinend alles, was im Hause der Mutter vorgegangen. Dieser hörte zu, mit der Mütze seines Sohnes auf dem Kopfe und mit dem vorgebundenen Kinderlätzchen, und prüfte mit der größten Aufmerksamkeit die kleinen Eier der Nester; plötzlich sagte er: »Weißt du, wer der Beichtvater deiner Mutter ist?« »Der Gemeindepfarrer Felix Sanguesa selbst.« Sancho hielt eines der Eier gegen das Licht, wahrscheinlich um zu sehen, ob bald ein Vögelchen ausschlüpfen würde. Benita verharrte schweigend und zeichnete mit dem Fuß Striche in den feinen Staub auf den Fliesen. Rasch entgegnete er darauf: »Dein Vater hat doch wohl sein Testament so gemacht, wie er es beabsichtigte?« »Das weiß ich nicht und ist mir auch ganz gleichgültig,« erwiderte sie achselzuckend. Sancho schien die Anwort nicht gehört zu haben, denn er legte das kleine Ei, das er in der Hand hatte, in einen Winkel und sagte gleichzeitig: »Wie schade! Dieses Ei ist hohl.« Und dann prüfte er mit derselben Aufmerksamkeit die andern, die noch in den Nestern lagen. »Weshalb fragst du nach dem Testament?« sagte Benita endlich. »Weil dein Vater mir das Versprechen gegeben hat, dich wesentlich besser zu stellen und jedem Kind ein beträchtliches Legat zu vermachen.« »Das ist mir sehr gleichgültig,« erwiderte Benita schluchzend. »Mich beschäftigt nur die Sorge um sein Leben und sein Seelenheil.« Sancho überzeugte sich in diesem Augenblick, daß die Eier alle hohl waren, deshalb quetschte er sie alle zusammen und drückte die Schalen tief in das Nest hinein. »Du hast recht,« sagte er endlich. »Nur darum allein muß man sich kümmern, und so will ich denn selbst heute zum Priester gehen.« An jenem Nachmittag unterließ Sancho seinen Spazierritt und begab sich statt dessen in das Pfarrhaus, das zu der Gemeinde seiner Schwiegereltern gehörte. Der Priester war ein großer, magerer, alter Herr mit anscheinend brüsken Manieren. »Sie werden mich nicht kennen,« sagte Sancho zu ihm mit der ihm eigenen Mischung von Offenherzigkeit und Hochmut. »Nein, mein Herr, ich habe nicht das Vergnügen,« entgegnete der Pfarrer. Sancho verneigte sich und sagte mit dem etwas emphatischen Ton eines Menschen, der überzeugt ist, Eindruck zu machen: »Sancho Ortiz de los Pinares.« »Freue mich außerordentlich! Womit kann ich dienen? Befindet sich Don Benito nicht wohl?« »Don Benito wohl?« wiederholte Sancho. den Priester überrascht ansehend. »Nein, ich danke. Außerordentlich gut geht es dem alten Herrn. Lustig war der Tom wie keiner, Als es an das Hängen ging. Lachte, tanzte wie nur einer, Als am Galgen er schon hing.« Und während dieser in scherzhaftem Ton gesprochenen Worte ließ Sancho sich ungeniert nieder und schlug ein Bein über das andere. Jetzt war die Reihe am Priester, sich zu wundern, und er war eben im Begriff, dieser Verwunderung Ausdruck zu geben, als Sancho hinzufügte: »Aber so wissen Sie gar nicht, daß mein Schwiegervater gewissermaßen mit einem Fuß im Grabe steht?« »Aber was erzählen Sie da mir? Ihre eigene Schwiegermutter, Donna Gertrudis, erzählte mir, daß der Anfall vorüber und jede Gefahr gehoben wäre!« »Das hat meine Schwiegermutter gesagt? Unglaublich! Wann hat Sie Ihnen das gesagt?« »Vor etwa drei Tagen. Vorgestern, als sie zur Beichte der christlichen Mütter zu mir kam.« »O, über die christlichen Mütter und die lügnerischen Schwiegermütter! Sie müssen wissen, Hochwürden, daß alles, was meine Schwiegermutter gesagt hat, gelogen ist.« »So?« »Und sie weiß, daß es so ist.« »So, so?« »Und wissen Sie auch, weshalb sie das sagt? Damit es Ihnen ja nicht einfalle, hinzugehen und den Kranken zu besuchen.« »So, so, so!« »Und diesem armen Alten zu sagen, daß er sich auf den Tod vorbereiten soll, weil dieser Anfall wieder kommt, wenn man es am wenigsten erwartet.« »So, so, so, sooo!« Und der Pfarrer klappte das abgenutzte Messingfutteral seiner Brille fortwährend aus und zu, als ob daraus jene bedeutsamen »So« hervorkämen, die wie die Lösungen so vieler Rätsel, die er zu enthüllen hatte, auf seine Lippen traten. Sancho berichtete ihm darauf alles, was seine Frau ihm an jenem Morgen erzählt hatte, und schloß mit der Bitte, seinen Einfluß als Beichtvater und Priester bei Donna Tula geltend zu machen, damit Don Benito mit den heiligen Sakramenten versehen würde. »Diese Frau,« sagte er, »hat sich's nun mal in den Kopf gesetzt, daß ihr Benito bis zum Jüngsten Tag leben soll. Siebzig Jahre alt ist er schon, Hochwürden, und bei siebzig Jahren braucht man zum Sterben keine andere Krankheit als den Tod! Donnerwetter! Von einem ewigen Vater habe ich wohl schon sprechen hören, aber von einem ewigen Schwiegervater höre ich zum erstenmal durch meine Schwiegermutter.« Der Priester fing von neuem an, das Brillenfutteral auf- und zuzuklappen und sagte, Sancho von der Seite ansehend: »Vorausgesetzt, er hätte auch kein Testament gemacht.« »Natürlich hat er das nicht!« rief Sancho lebhaft. Wieder ließ der Priester eines jener bedeutsamen »So«, die dem jungen Mann durch Mark und Bein gingen, seinem aufdringlichen Futteral entschlüpfen. »Das heißt,« erklärte dieser, sich auf die Lippen beißend, »er hat wohl ein Testament gemacht, glaube ich, aber noch bevor ich mich verheiratete. Aber wie das bei einem beschäftigten Manne geht, da bleiben immer kleine Lücken.« »So, so!« »Damit der arme Mann nicht so dahin stirbt.« »Ja, ja, Don Sancho; ich verstehe! Seien Sie unbesorgt, dafür werde ich sorgen. In den 34 Jahren, die ich dieses Kirchspiel habe, habe ich, dank der Sorge ihrer Angehörigen, viele Seelen zur Hölle fahren sehen. Aber noch niemals habe ich gesehen, daß ein Kranker in dem Eindruck stirbt, den das Empfangen der heiligen Sakramente auf ihn gemacht hat.« »Das behaupte ich ja auch, Hochwürden!« »Und ich sage noch mehr, Don Sancho,« unterbrach ihn der Priester ernst. »Ich behaupte, daß eben diese zärtlichen Verwandten, welche die Vernachlässigung der vielleicht heiligsten Pflicht des Christen nicht scheuen, nicht einen Augenblick habe schwanken sehen, wenn es sich darum handelt, dem Kranken in ihrem eigenen Interesse den Todesstoß zu versetzen! Und das sogar bei Leuten, die sich fromm nennen! Hören Sie, was mir vor kurzer Zeit passiert ist. Eine fromme, sehr fromme Dame lebte mit einem reichen, alten, gebrechlichen Bruder zusammen. Sie war der festen Überzeugung, er hätte sein Testament zu ihren Gunsten gemacht. Der Bruder war todkrank, und all meine Bemühungen, mich ihm zu nähern und ihn beichten zu lassen, blieben erfolglos, da die zärtliche Schwester, aus Furcht, meine unverhoffte Anwesenheit könnte ihn erschrecken, dies regelmäßig zu verhindern wußte. Ich bat, flehte, drohte, wie das meine Pflicht war, und erreichte doch nur, daß die fromme Dame mich vor die Tür setzte und mir drohte, mich mit der Polizei aus dem Hause treiben zu lassen, wenn ich mich noch einmal in ihrem Hause sehen ließe. Durch einen seltsamen Zufall erfuhr die Dame, daß das Testament, auf das sie ihre Hoffnungen setzte, noch gar nicht gemacht wäre, und – wissen Sie, was die zärtliche Schwester, die fromme Dame tat, damit ihr die Erbschaft nicht entgehe? Zuerst lief sie verzweifelt zu mir – ich möchte darauf dringen, daß der arme Todkranke sein Testament diktiere, und da ich eine Stunde – nicht länger als eine Stunde, Don Sancho – auf mich warten ließ, beeilte sie sich ihm aus Furcht, ich könnte zu spät kommen, den Todesstoß mit eigener Hand zu versetzen!« »Wie entsetzlich. Und was taten Sie, Hochwürden?« »Ich erfüllte meine Pflicht, Don Sancho, und hielt mich an die Lebensregel, die in allen Fällen anwendbar ist: das Elend des einen zum Heile des andern auszunützen. Ich danke Gott, der sich der Habsucht jener Frau bediente, um eine Seele zu erretten, die er – wenn auch nach hartem Kampf – in Wahrheit rettete. Auf Kosten seiner eigenen Erbschaft konnte jener arme Unglückliche seinen Eingang in den Himmel erkaufen.« Sancho erhob sich bewegt; das schmähliche Benehmen jener Frau erweckte in ihm das Gefühl der Scham über seine Gedanken, denn er erkannte die Niedrigkeit seiner eigenen Handlungsweise erst an der der anderen. Er streckte dem Priester beide Hände entgegen und sagte mit freimütiger Offenheit: »Hochwürden, diese Geschichte hat vielleicht mehr Ähnlichkeit mit dem, was ich beim Überschreiten dieser Schwelle empfand, als Sie glauben. Aber das eine möchte ich noch erklären, daß die verhängnisvolle Liebe meiner Schwiegermutter weder bei ihr noch bei ihren Söhnen in irgend einer Weise durch Erbschaftsaussichten beeinflußt wird. Sie verstehen mich wohl, Hochwürden?« »Gott versteht uns alle, Don Sancho,« erklärte der Geistliche feierlich, sich an der Tür von ihm verabschiedend. Am folgenden Tage blieb Donna Tula wie versteinert in ihrem Sessel und sie verfärbte sich, als eines der Dienstmädchen in Gegenwart von Don Benito den Besuch des Priesters anmeldete. »Wie dumm!« rief sie ungeduldig und erschreckt. »Sagen Sie ihm, ich wäre nicht zu Hause ... ich hätte keine Zeit.« »Er sagt, er müßte die gnädige Frau sofort unbedingt sprechen.« »Was mag er wollen?« fragte Don Benito, nun auch aufmerksam geworden. »Irgend etwas! Eine geschäftliche Konferenz ... die Armen ... Geld« ... entgegnete Donna Tula, immer erregter werdend. »Wie langweilig! Sage ihm, er möchte ins Kabinett treten ... Der Mann ist zu unbequem.« »Aber warum willst du ihn nicht hier eintreten lassen?« sagte Don Benito, in der Hoffnung, eine Aufklärung zu bekommen. »Auf keinen Fall,« rief Donna Tula heftig. »Aber, liebe Frau, es ist doch hier keine Epidemie, er kommt doch von keinem Pestkranken, dem er die Beichte abgenommen hat.« »Nein, wir haben keine Epidemie, Beni. Ich möchte diesen Herren in keiner Weise entgegenkommen; sie mögen sehr gut und sehr fromm ein – aber wenn man ihnen den kleinen Finger gibt, wollen sie die ganze Hand. Lassen Sie ihn immerhin ins Kabinett treten, ich komme sogleich hinunter.« Don Benito zuckte die Achseln und Donna Tula stand nervös und erregt auf, um den Priester zu empfangen. Eine halbe Stunde dauerte ungefähr der Besuch; was während dieser Zeit verhandelt wurde, hat niemand erfahren. Es fiel allgemein auf, daß Donna Tula nicht mehr in die Kirche zum Beichten ging, daß sie in den folgenden Tagen unruhig, nervös und im höchsten Grade verstimmt war, als müßte sie sich, die widerstreitenden Punkte eines schwierigen Problems zu lösen, und daß sie, als am dritten Tage die ganze Familie versammelt war, in besserer Stimmung als bisher ihr mit einer anscheinend echten, aber durchaus fingierten Natürlichkeit einen von ihr entworfenen Plan unterbreitete. Sie wollte den Erzbischof um die Erlaubnis bitten, eine Hauskapelle einrichten zu dürfen, damit ihr Benito bequem der Messe beiwohnen könne; und später, zum heiligen Abend wurde sie ihn dann ersuchen, bei der Christmette mitternachts der ganzen Familie die Kommunion zu reichen. »Wir alle vereint!« sagte sie, süß wie Zucker. »Und auch du, mein Beni, da wirst du der erhebenden Feier beiwohnen.« Don Benito machte eine unwillige Bewegung. »Ach was,« entgegnete Donna Tula, »weshalb immer diese Skrupeln?« »Das sind keine Skrupeln, liebe Frau,« entgegnete Benito. schlecht gelaunt. »Aber mit 70 Jahren und Rheumatismus steht wohl niemand gern um Mitternacht auf, um so etwas mitzumachen.« Donna Tula verharrte einen Augenblick schweigend und sagte endlich in einem sehr demütigen Ton: »Aber, lieber Mann, müßten wir nicht dem Jesuskinde ein Opfer bringen. Diese kleine Unbequemlichkeit!« Sancho, der, ohne mit der Wimper zu zucken, seiner Schwiegermutter zuhörte, murmelte, den Kopf hin und her wiegend, zwischen den Zähnen. »Ta, ta, ta. Dich kenne ich! Seht doch einer diese Donna Cortufa an! Als ob der Tod mit den Händen in den Taschen warten wird, bis sie ihm ein Zeichen gibt ... wenn der heilige Abend vorüber ist, und der Alte hat sich täuschen lassen ...« Und an demselben Abend, als die beiden jungen Ehegatten ihre schlafenden Kinder wie gewöhnlich vor dem Zubettgehen küßten, sagte Sancho sehr ernst zu seiner Frau: »Benita, ich möchte dich um etwas bitten ... versprich es mir bei allem, was dir heilig ist ... bei dem Leben unserer geliebten Kinder: wenn du mich in ähnlicher Lage siehst wie deinen Vater, dann sollst du mich vorbereiten, auch wenn die Gefahr noch so gering ist. Ich will als Christ sterben ... möchte mit dir und unseren Kindern im Himmel vereint sein.« Benita fing an zu weinen, verbarg ihr Gesicht an der Brust ihres Gatten und sagte mit der ihr eigenen Innigkeit: »Ich schwöre es dir. Sancho, ich schwöre es dir ... und verlange von dir denselben Schwur.« Die Tränen stürzten Sancho aus den Augen; er wiederholte mit leiser Stimme: »Ich schwöre es dir!« und die beiden Gatten besiegelten ihr Versprechen, indem sie ihre im Schlaf lächelnden Kinder auf die Stirne küßten. Und nun folgte Benita einer jener Eingebungen, welche die Liebe und das Mitleid der christlichen liebenden Gattin einflößen. Sie umschlang Sancho, als er sich zu ihrem jüngsten Sohn neigen wollte, und unter Tränen lächelnd, sagte sie zu ihm: »Und warum sollten wir bis zu unserer Todesstunde warten? Gleich morgen könnten wir beide zur Beichte gehen ... Es ist schon langer als ein Jahr her, daß du nicht gebeichtet hast ...« Und Sancho, der sich aus dem augenblicklichen Sancho wieder in einen alltäglichen verwandelte, schob seine Frau zärtlich beiseite und sagte: »So, nun seh' ich auch, wo du hinausgewollt hast!« Und dabei fing er an, Purzelbäume durch das Zimmer zu schlagen, mit jener Ausgelassenheit, mit der jugend-fromme Herzen oft aus lauter Übermut leichtfertig mit der Barmherzigkeit Gottes spielen. VII. In der Kathedrale ertönte das Ave-Läuten. ruhig und ernst, wie das Gebet eines reinen Herzens, das seine Stimme zum Höchsten erhebt, unbekümmert um den Lärm und das Getriebe der Stadt. Es entstand eine Pause, eine jener Pausen, bei denen der Herzschlag stockt, ohne daß man weiß, warum, und alle Glocken von X. stimmten plötzlich ein allgemein freudiges, glücktönendes Läuten an, als durchströmte die Luft eine wahre Flut von zitternden, sonoren, harmonischen Tönen, als wären die Engel jauchzend auf die Erde herniedergekommen; volltönende Jubelklänge, die sich von Turm zu Turm verbreiteten, in alle Häuser drangen und in allen Herzen das Echo jener frommen Worte erweckten! »Tota pulchra es Maria et macula originalus non est in te ...« Es war der Vorabend zu dem Fest der Unbefleckten Empfängnis, und jenes Läuten das Präludium, welches dem heiligen Fest voranging. Die Menschen liefen in Scharen durch die Straßen, die mit jener Liebe und mit jener vornehmen Art geschmückt waren, die den Andalusiern eigen ist, und die sich in prächtigen, zum Teil mit kunstvollen Teppichen und kostbaren Tapeten, sowie den einfachsten Perkalvorhängen geschmückten Häusern kundgab. Überall, wohin der Blick schweift, wird er fast geblendet von Tausenden von Gasflammen, die unruhig flackernd ihr bleiches, klares Licht verbreiten, das die Dunkelheit der nahen Nebenstraßen, die Kerzenlichter in den Auslagen von Kuchen- und Mandeltörtchen, grauen Erbsen und Haselnüssen, die bei andalusischen Festen niemals fehlen, nur noch röter und trüber erscheinen läßt. Auch Herrn Benitos Haus war mit jener vornehmen Eleganz ausgestattet, wie sie einer so erlauchten Persönlichkeit ziemt. Dunkelrote Damastvorhänge bedeckten alle Fenster und Balkons und drei große Reihen Lichter hinter tulpenartigen Kristallglocken schmückten die drei Stockwerke des schönen Hauses, über dem Mittelbalkon flatterte stolz das dreifarbige Konsulatsbanner mit den fünf Fransen, als wollte es wie ein Ausrufer den Vorübergehenden die Unantastbarkeit und Eitelkeit des Vizekonsuls von Nicaragua verkünden. Dieser saß, in seinem Lehnstuhl vergraben, wie immer am warmen Ofen, umgeben von Frau und Kindern, die sich allabendlich um ihn zu scharen pflegten. Lorenzo sah dann die Briefe seines Vaters durch, die um diese Zeit einzulaufen pflegten, und las ihm seine Lieblingszeitungen vor. Nach beendeter Lektüre beteten alle ihr Rosenkranzgebet, ausgenommen Lorenzo, der entweder in den Zeitungen weiterlas oder unbeweglich und schweigsam in seinem Lehnsessel verharrte. Sancho kam noch spät aus dem Klub und belebte die Unterhaltung durch seine angeregte Laune, seine kindischen Einfälle und seine dummen Aufschneidereien. Benito, der für seinen Schwiegersohn eine besondere Vorliebe hatte, begrüßte ihn immer freudig, Donna Tula aber immer mißtrauisch, denn sie mußte als Zielscheibe der Witze und Scherze ihres Schwiegersohnes dienen. Donna Tula bemühte sich nach Kräften, das zu verbergen, um dem armen Kranken diese Freude nicht zu rauben, und wartete geduldig auf die Stunde der Rache. An diesem Abend freute sich Don Benito mehr als je auf das Erscheinen seines Schwiegersohnes, denn er war so erfüllt von einer jener eitlen Freuden, wie sie kleine Seelen oft, große Seelen nur selten empfinden, daß er es kaum erwarten konnte, sie auch ihm mitzuteilen. Don Benito hatte einen Brief von Sr. Exzellenz Sennor Don Pedro Lopez, dem Marquis von Campo-Agarra, erhalten. Seine Exzellenz nannte ihn seinen »verehrten Freund«, sprach ihm von den bevorstehenden Wahlen, teilte ihm außerdem unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit den Namen des Ministerial-Kandidaten mit, zu dessen Berufung die Kammer auf Don Benitos tatkräftige Hilfe und allumfassenden Einfluß im ganzen Gebiet rechnen zu können hoffte – die eigenen Worte des Ministers. Und Se. Exzellenz schloß sein Schreiben mit dem Ausdruck aufrichtigster Verehrung und tiefster Hochachtung, und was das Herz des Vizekonsuls von Nicaragua vollständig gefangen nahm, er unterzeichnete kurzweg: Lopez,... genau so, wie es Colon oder Pizzarro, Alba oder Cortez, Richelieu oder Turenne gemacht hätten. Don Benitos schwaches Hirn vermochte dem starken Aroma der ministeriellen Schmeicheleien nicht zu widerstehen, und er fing aus Dankbarkeit und Befriedigung an zu weinen. Und die verderbliche Luft der Eitelkeit blies in einer Sekunde aus der Seele dieses halben Leichnams, der schon die Todessense am Nacken fühlte, all die bitteren Empfindungen der Abhängigkeit, die das Elend des Kranken noch vergrößern, da sie aus seinem Herzen die heilige Geduld verscheuchen: alle die schwarzen Gedanken, die sich in den endlos langen, müßigen Stunden seines gedrückten Herzens bemächtigten und ihn ganze Tage mit gesenktem Haupt, regungslos stumm mit weit geöffneten, starren Augen dasitzen ließen, als ob sein Gewissen eine Last bedrückte, die er nicht abzustreifen wage, und die sein Herz quälte wie der Höllenfels die Schultern Sisyphos'. Don Benito vergaß Krankheit, Ewigkeit und Tod, und hatte nur noch einen lebhaften Wunsch: ein Publikum zu finden, das ihn bewunderte. Und weil ein Rest von Verstand diesen durch den Schlaganfall geschwächten Kopf erhellte, zeigte er den ehrenvollen Brief, aus dem hervorging, daß jener Lopez nicht der Schuhflicker Lopez, noch der Barbier von der nächsten Ecke, noch der Kellner Lopez aus dem Café nebenan, sondern Lopez, ministro de la corona , Lopez, der Begründer der Dynastie Campo-Agarra. Er las das Schreiben Donna Tula, seinen Söhnen und jedem Besucher einzeln vor. Donna Tula war glücklich, Don Benito so zufrieden und heiter zu sehen, und dieser, erfüllt von jenem niederen Gefühl von Dankbarkeit; das den Geschmeichelten vor den Wagen der Schmeichelei spannt, fing mit Lorenzos Hilfe an, seinen Feldzugsplan mit einer Kunst und Meisterschaft zu entwerfen, die seine große Erfahrung und Diskretion in Wahlangelegenheiten bewiesen. Briefe, Besuche, Notizen, Bitten, Drohungen, Belohnungen und Versprechungen, jede Art von List wurde angewendet, um eine Stimme zu gewinnen, und an das alles dachte Don Benito mit überraschender Geistesschärfe bei jedem neuen Namen, den Lorenzo in die Liste eintrug, und fern von der Welt, wußte er von seinem Krankenstuhl aus alle den Wahlen zu Gebote stehenden Hilfsquellen heranzuziehen, etwa wie einst Philipp II. aus einem Winkel seines Escorials die Geschicke der ganzen Welt leitete. Um 10 Uhr trat Sancho ein; die Damen hatten das Rosenkranzgebet beendet, und Benito, der, in seine Wahlpläne vertieft, an jenem Abend nicht teilgenommen hatte, sagte, einen Augenblick in seiner Arbeit innehaltend, befriedigt: »Morgen werden wir fortfahren. Der Erfolg ist sicher ... Es kann sich nur um vierzehn Tage handeln.« Die Unterhaltung wurde darauf allgemein und Don Benito richtete, angeregt und lebhaft wie nie zuvor, das Wort an seinen Schwiegersohn, mit dem lächelnden Gesicht eines Wahlmannes, der im Begriff ist, eine reiche Beute an Stimmen auszunützen. Sancho besaß große Güter, beschäftigte eine Menge Pflanzer und konnte daher in Hinsicht auf die bevorstehenden Wahlen einen weitgehenden Einfluß ausüben. Benito fing an, das Terrain vorzubereiten, die großen Fähigkeiten des Campo-Ugarra ins rechte Licht zu rücken, mit jener eigennützigen Großmut, mit der wir allen denjenigen, die uns hochschätzen und auszeichnen, alle menschlichen Vollkommenheiten zuerkennen, um damit auch den Lobreden, die sie uns angedeihen lassen, den rechten Wert zu geben; diese Beobachtung ist eine alte Wahrheit, die ich, ich weiß nicht wo, gelesen habe. Aber Sancho, der nicht sehr aufgelegt schien, seinen Schwiegervater in seinen politischen Bestrebungen zu unterstützen, beschränkte sich auf die wegwerfende Bemerkung: »Der Marquis von Campo-Ugarra ... Ein schlauer Fuchs! ... Den sollten sie auch lieber zum Grafen von ...« Don Benito schien die Ironie des neuen Titels, mit dem Sancho seinen berühmten Freund zu beehren beliebte, nicht herauszuhören, und antwortete ernst, mit dem hinweisenden Ton seiner besten Zeiten: »Er ist ein kluger Kopf ...! Mir scheint er berufen, eine neue konservative Partei zu begründen, die jeder vernünftige Mensch mit gutem Gewissen unterstützen kann. Findest du das nicht, Sancho?« »Nein,« entgegnete dieser: »ich finde, daß der Hund genau so beißt wie die Hündin; und daß die alten und die neuen Parteien, die Fusionisten, die Sozialisten, die Royalisten und Demagogen alle gleich, alle miteinander verwandt sind ... Diese Namen sind nur Taufnamen; ihr Rufname ist »Schurke«!« Und um der Entrüstung seines Schwiegervaters vorzubeugen, nahm Sancho eine Zeitung und fing an, sich darein zu vertiefen. Don Benito gab Lorenzo, der im Begriff war, ihm energisch zu erwidern, einen Wink und sagte leise zu ihm: »Laß ihn nur! Ich halte ihn fest!« Vielleicht dachte der schlaue Alte an die vielfach besprochene testamentarische Bevorzugung, die auch Sancho in diesen Tagen so lebhaft beschäftigt hatte. Gleich darauf fing dieser laut an zu lachen, und sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlagend, sagte er: »Das ist ausgezeichnet. Du, sieh hier. Lies das deinem Vater vor, das ist großartig!« Lorenzo nahm die Zeitung mit leichtem Widerstreben und las: »Gutes Geschäft. Im Zusammenhang mit dem letzten Eisenbahnunglück, das vor einigen Tagen in San Francisco passierte, verdient folgende Begebenheit erwähnt zu werden. Ein gewisser Herr Starbottle, der in Boston durch seine unaufhörlichen Streitigkeiten mit seiner Schwiegermutter allgemein bekannt war, begleitete diese in einem Coupé erster Klasse. Beim Zusammenstoß der Züge wurde die Schwiegermutter getötet und Herr Starbottle blieb unverletzt. Nachdem der ehrenwerte Starbottle sich von seinem Schreck einigermaßen erholt hatte, hat er von der Eisenbahnverwaltung eine Entschädigung für den Tod seiner Schwiegermutter verlangt. Seine Forderung wurde bewilligt und die Eisenbahnverwaltung zur Zahlung von 5000 Duro an den unglücklichen Schwiegersohn verurteilt. Dies Geschäft wurde allgemein bekannt, und die Redaktion der Morning Post, die diese Notiz brachte, hat seit der Zeit beobachten können, wie unzählige Schwiegersöhne mit ihren Schwiegermüttern auf Reisen gingen.« Kaum hatte Lorenzo zu Ende gelesen, als Sancho sich vor Donna Tula hinstellte, ihr mit der ihm eigenen Grazie den Arm bot, und lebhaft zu ihr sagte: »Mamachen ... komm mit mir nach Kalifornien, vielleicht entgleist der Zug und ich verdiene 5000 Duros.« Don Benito fing laut an zu lachen und Donna Tula sagte, vor Wut schäumend: »Sei nicht so albern, Sancho! ... An einen Hanswurst zahlt die Gesellschaft nichts.« »Komm mit, Mamachen.« fuhr Sancho in bittendem Tone fort, »Papa wird uns ein Billett nach Nicaragua nehmen. Sieh, Mamachen! Komm, wenn sie mir nur 5000 Reales geben, bin ich auch schon zufrieden.« »Laß mich in Ruh!« »Sieh, Mamachen ... du bist hier so überflüssig ... Unter der Bedingung, daß der Zug entgleist gehe ich gern mit dir auf Reisen.« Don Benito lachte aus vollem Halse, so daß sein Lachen fast etwas Krankhaftes bekam; und da Donna Tula ihn so vergnügt sah, wollte sie die Szene noch verlängern: sie erhob sich also rasch, nahm den Arm Sanchos und sagte heiter: »Also gehen wir, mein lieber Schwiegersohn! ... denn wenn der Zug entgleist, wirst du vielleicht getötet und ich bekomme die 5000 Duros.« Das konvulsivische Lachen Don Benitos wandelte sich plötzlich in einen krampfhaften Husten, als habe er sich verschluckt. Unruhig beobachtete Lorenzo ihn, sah, wie sein Gesicht dunkelrot und seine Augen blutunterlaufen wurden. »Schweig.« rief er Sancho zu, der lärmend durch das Zimmer stürmte und seine Schwiegermutter mit sich fortriß. Alle verstummten und eilten erschreckt herbei ... Keuchend warf Don Benito den Kopf, für den er einen Stützpunkt suchte, hinten über: Donna Tula versuchte ihm den Hemdkragen aufzuknöpfen, aber mit überraschender Kraft stieß der Alte sie von sich. Und nun kam ein Augenblick der höchsten Angst und seinen bleichen Lippen entfuhr ein entsetzliches Röcheln, eine Art unterdrücktes Schreien, das lebhaft an den Kampf einer verdammten Seele erinnert, die sich mit aller Macht wehrt und sich vergebens aus dem verfallenen Körper zu befreien sucht, um nicht lebend in die Hände Gottes zu fallen, der sie vor seinen Richterstuhl ruft ... Einen Moment verstummte das Röcheln, und jene unbeschreibliche Angst machte sich in zwei Worten Luft, die sich mühsam losrangen und abgebrochen hervorgestoßen wurden. »Be...ten – Tes...ta...ment!« Dann verdrehte er die Augen; das Röcheln wurde schwächer, wie der Atem eines Sterbenden und sein Gesicht blieb starr und unbeweglich, wie eine Larve. Benita und ihre Schwester stürmten schreiend davon; Lorenzo und Sancho fingen den Leichnam auf und trugen ihn in den Alkoven. Hier war das Bett schon abgedeckt und erwartete schweigend seinen Herrn ... Donna Tula blieb allein, von allen vergessen im Kabinett zurück und verharrte, wie vom Blitz getroffen, auf dem Sessel, auf den sie gefallen war. Blöde und teilnahmlos sah sie, ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, vor ihren Augen die Dienstboten, die Ärzte und die Freunde kommen und gehen. Und endlich betrat ein schwarzer Schatten den Alkoven, um bald darauf wieder zum Vorschein zu kommen: es war der Priester Don Felix Sanguesa. Donna Tula erkannte ihn und gab endlich ein Lebenszeichen von sich: ihre Zähne schlugen aufeinander wie im Fieber. VIII. Die beiden Kerzen, die vor einem Kruzifix auf einer Konsole brannten, beleuchteten das Zimmer nur matt; das Bett mit den ganz zurückgezogenen und am Kopfende zusammengerollten weißen Vorhängen und der großen, steifen Gestalt, die schon die Leichenstarre zeigte, war in tiefes Dunkel gehüllt. Kein Geräusch, kein Seufzen drang aus dem Alkoven: in eine Ecke gekauert, saß Lorenzo mit dem schrecklichen Stempel, den ein tiefer Schmerz einem männlichen und starken Organismus aufzudrücken pflegt. Von draußen drangen leise Schritte herein, die mit ängstlicher Vorsicht kamen und gingen, als lege der Tod, der in den Alkoven eingedrungen war – mit dem Finger an den Lippen allen Schweigen auf. Zuweilen wurde zwischen den halbgeöffneten Vorhängen an der Tür ein gleichgültiges oder unbekanntes Antlitz sichtbar, das mit jenem Gemisch von Neugier und Furcht auf den Toten blickt, mit dem das Volk die Trümmer eines schon gelöschten Brandes oder die Opfer einer Katastrophe betrachtet, die der Gefahr glücklich entronnen sind. In einem der nahe gelegenen Zimmer erklangen dumpfe Hammerschläge; es waren die Angestellten der Begräbniskommission, die den Salon schwarz drapierten und den Katafalk aufstellen, der den Leichnam aufnehmen sollte. Einer von ihnen trat mit der Zigarre hinter dem Ohr und der Mütze im Nacken in den Alkoven und schritt direkt auf das Bett zu. Lorenzo packte ihn zornig am Arm, und der Mann blickte ihn überrascht an und sagte eisig: »Für den Sarg.« Darauf zog er einen Zollstock aus der Tasche, nahm dem Körper Maß und entfernte sich, ohne ein Wort zu sprechen. Lorenzo schritt von der einen Seite auf die andere. Sein Schmerz hatte etwas von der mit Überraschung gepaarten Wut, die sich des wilden Pferdes bemächtigt, das zum erstenmal, ohne sich dagegen wehren zu können, die scharfen Spitzen der Sporen fühlt. Das war sein erster Schmerz! Ein seltsames Paar von befremdlichem Ansehen schnitt Lorenzo den Weg ab ... es war eine Alte und ein Bursche, die ein Bündel trugen. Bei seinem Anblick wechselten sie erschreckt verstohlene Blicke: »Was gibt's!« rief Lorenzo empört. »Wir sind ... wir kommen ...« stotterte die Alte. »Um den Verstorbenen in ein Leichentuch zu packen,« sagte der Junge lieblos. »Hinaus ... ihr Kanaillen!« Die Alte lief eiligst davon: der Bursche blieb noch einen Augenblick stehen, als wollte er sich auf Lorenzo stürzen, zog sich dann langsam zurück und brummte mit drohender Miene: »Warum ruft Ihr uns denn erst?« Lorenzo ging aus dem Alkoven, um seine Mutter zu suchen; er wußte, daß sie mit ihren beiden Töchtern zu Sancho gegangen war. Ein bitteres Lächeln umspielte seine bleichen Lippen; er rief die alte Manuela, seine Amme, und hüllte mit ihrer Hilfe den Leichnam des Vaters in das Leichentuch. Um 12 Uhr brachte man einen Zink- und einen mit Samt ausgeschlagenen Holzsarg, der mit goldenen Fransen verziert war. Lorenzo bettete selbst den Leichnam in den Zinksarg und sah dann, ohne ein Wort zu sprechen, regungslos zu, wie man ihn verlötete. Der Sarg hatte am oberen Ende eine Glasscheibe, durch die das Gesicht des Verstorbenen deutlich zu sehen war. Der Salon war von oben bis unten mit schwarzem Flanell ausgeschlagen, und weil er übermäßig groß war, hatte man, um ihn zu verkleinern, das Tuch ein bis zwei Meter von der Wand entfernt gespannt und die Möbel, Spiegel und Bilder, die sonst den Saal schmückten, in einer Ecke zusammengestellt. Der Katafalk stand in der Mitte des Zimmers mit schwarzem Samt bedeckt und war von mit großen brennenden Wachskerzen versehenen Kandelabern und Leuchtern umgeben; im Hintergrund steht ebenfalls ein mit schwarzem Samt bekleideter Altar, auf dem ein großes, rings mit dunklen Schleiern umhülltes Kruzifix thronte. Lorenzo stand am untern Ende des Katafalks, der durch seine schräge Stellung es ihm ermöglichte, das fahle Gesicht der Leiche, das er durch die Scheibe im Sarg sehr gut sehen konnte, deutlich zu erblicken! ... Also nur das war von seinem Vater geblieben, von seinem Vater, der für ihn alles gewesen! ... Eine Handvoll Fleisch, die sich schon zu zersetzen anfing, und die nicht einmal in den Gesichtszügen jenen imponierenden Ernst zeigte, der den Toten anzuhaften pflegt, denn der Ausdruck des Entsetzens, den er im Sterben hatte, war noch nicht geschwunden, und während das eine Auge fest geschlossen war wie eine Narbe, blieb das andere halb geöffnet und gab gleichsam dem, der es anblickte, einen unheimlichen Wink. Lorenzo schloß die Augen. Die Wut, die ihn anfangs beherrschte, hatte einem großen Angstgefühl Platz gemacht, das ihm die Brust zusammenschnürte und ihn veranlaßte, sich ganz in sich selbst zurückzuziehen, trostsuchend in dem, was er glaubte und hoffte. Aber der mathematische Gelehrte, der hervorragende Schüler der Ingenieurschule – denn Lorenzo war Ingenieur – hatte weder Glauben noch Hoffnung. Er war seit langer Zeit in jene Art von Freisinn geraten, zu der das ausschließliche Studium der Mathematik viele verleitet, die gewohnt, immer zu prüfen und zu berechnen, den Glauben einbüßen und es verächtlich finden, den letzten schweren Schritt zu tun, der in der Erkenntnis besteht, daß es eine Menge Dinge gibt, die für uns unfaßbar sind. Der Stolz war bei dem ernsten Studenten Lorenzo jenes Etwas, durch das in dem Seelenleben eines Skeptikers das Geheimnis seines Skeptizismus gelöst wird. Was ich nicht verstehe, was ich nicht erfassen kann, was ich nicht beherrsche, kann unmöglich existieren: so lautet die Philosophie des Mathematikers, der gewöhnt ist, unbekannte Größen auf bekannte zurückzuführen. Und da die bekannte Größe des Todes nicht auf eine unbekannte zurückgeführt werden konnte, war ein toter Mensch für ihn ein Klumpen Erde, der zur Erde zurückkehrt, ohne irgend welche Spur zurückzulassen ... Und bei dem Gedanken, daß auch sein Vater sich in jenen Klumpen Erde, der wieder zur Erde zurückkehrt, verwandeln sollte, daß auch von ihm nichts anderes übrig blieb als eine Handvoll kriechender Würmer, empfand er die fürchterliche Leere, die seine Theorien in der Seele hinterließen, in ihrem ganzen Schrecken, ihrer ganzen Trostlosigkeit. Er nahm sie – eine nach der anderen – wieder auf, mit dem sehnsüchtigen Verlangen, eine Lösung zu finden, demselben Verlangen, mit dem man in der lybischen Wüste einen Schluck Wasser sucht: und da er nicht gestillt werden konnte, begriff er zum erstenmal, daß, wenn der katholische Glaube auch nicht die Grundfeste aller Tugenden sein könne, er doch der beste Trost sei, das einzige, was in gewissen Lebenslagen unsere Seele zu stärken vermag. Und dann nahm er seine letzte Zufluch: zum Glauben, und Gott mit seinem großen Mitleid verfehlte nicht, ihm die Wege zu weisen. Der unglückliche Jüngling glaubte, in dieser grausamen Angst umkommen zu müssen; ihm war, als ersticke er in der dicken Luft, die durch den Qualm der brennenden Kerzen immer schlechter wurde. Er sprang auf und öffnete das Fenster; die Nachtluft drang herein, und er hörte deutlich die Stimme des Nachtwächters, der die zweite Stunde verkündete, und diesem Ruf. wie in Andalusien üblich, die frommen Worte »Ave Maria« voranschickte. Jene feierlichen Worte riefen Lorenzo das Fest, das gefeiert wurde, ins Gedächtnis zurück, die Freude des Vorabends, der Gedanke an die fleckenlose Jungfrau, die sich immer dem Menschen, wie das vollendetste Bild der Barmherzigkeit, der mütterlichen, süßen, großen, tiefen, unbegrenzten Barmherzigkeit zeigt. Lorenzo stützte seine gesenkte Stirn auf den Rand des Sarkophages und sagte immer und immer wieder all die Gebete her, die er kannte. Wunderlich genug! Dieselben Gebete, die ihm oft trivial, unwahr und sinnlos vorgekommen waren, kamen ihm jetzt im trüben Schein des Unglücks bedeutsam vor und von einer Innerlichkeit, die er an ihnen vorher nie empfunden. Als die alte Manuela Lorenzo, den sie schlafend glaubte, sanft anstieß, und dieser den Kopf hob, fing es bereits an zu tagen. Vergebens suchte die Alte ihn zu überreden, er möge sich niederlegen. Lorenzo weigerte sich energisch und bat nur, man möchte ihm eine Tasse Bouillon bringen. Um 4 Uhr nachmittags, als die Freunde und Bekannten zum Begräbnis kamen und das Haus überfluteten, saß Lorenzo noch immer neben dem Sarkophag. Ein einziges Mal hatte er sich erhoben, als die Begräbniskommission sich auf Donna Tulas Befehl dem Sarg genähert hatte, um ihn mit dem Nicaragua-Orden zu schmücken und ihn auf das Trauertuch zu legen, auf dem der alte Stab des Gemeinderats ruhte sowie der große Orden Isabellas der Katholischen, den er bisher noch nicht getragen hatte. Lorenzo beobachtete das alles aus einer Ecke des Zimmers in heller Wut; ihm kam das alles vor, als wolle man die vergänglichen Gesichtszüge des Verstorbenen mit einer Harlekinlarve bedecken. Mehrere in Trauer gekleidete Herren betraten das Sterbezimmer und Lorenzo flüchtete darauf hinter das Tuch und die aufgespeicherten Möbel. Einige der Herren neigten sich über den Sarg, murmelten ein Gebet und fingen dann an, von gleichgültigen Dingen zu sprechen. Andere beschränkten sich darauf, ihn neugierig zu beobachten, um dann die Achsel zu zucken, mit einer Gleichgültigkeit, die durch die offiziellen Trauerfeierlichkeiten hindurchschimmert; zweimal hörte er ein leises Lachen, und ihm war es, als wäre jenes Lachen durch den Nicaraguaorden hervorgerufen. Bald darauf wurde das Geräusch herannahender Schritte hörbar: es war die Geistlichkeit, die kam, um den Leichnam zu holen. Lorenzo sprang auf wie ein Mensch, der sich gegen einen drohenden Schlag schützen will, und ein nervöses Zittern befiel ihn: er setzte sich auf die Lehne eines Sessels und begann, mechanisch auf den Rahmen eines Bildes an der Erde die hübschen Schachfiguren aufzureihen, die er aus einem Kasten nahm. Der Geistliche intonierte den Totengesang: » De profundis «, der in seiner Monotonie ergreifend wirkt, weil er mit jener Einförmigkeit in den Ohren klingt, die den Gedanken an die Ewigkeit erweckt, die ohne Anfang, ohne Ende und ohne Wechsel ist. Lorenzo lauschte andächtig, ohne einen Ton zu verlieren, und zerbröckelte in seinen Fingern, ohne zu wissen, was er tat, die feinen Elfenbeinfiguren des Schachspiels; er hörte das leise Geräusch des Weihwassers, das man auf den Sarg träufelte, und das Knistern der Soutanen, die sich in Bewegung setzten. Auch einen anderen schrillen Ton vernahm er, wie wenn man eine schwere Last über den Boden schleift, dann den keuchenden Atem von Männern, die eine harte Arbeit verrichten; darauf gleichmäßige Schritte, die an dem schwarzen Tuch des Bodens haften blieben, als trügen sie eine schwere Last; dann tiefe Stille ... Lorenzo hob den Kopf – der Katafalk war leer; ebenso das Zimmer. Jetzt begriff er, daß ihm auch das vergängliche Fleisch nicht mehr geblieben war, und der echte Schmerz, der bis auf das Mark der Knochen dringt, der männliche Schmerz, der die Lippen zusammenpreßt, das Herz bedrückt und die Brust einschnürt, durchdrang sein ganzes Sein und erfüllte sein Herz mit wilder Verzweiflung. Er eilte durch die Galerien, stürzte auf einen kleinen Balkon, der auf den Hof ging und erblickte von hier aus, wenn auch in weiter Ferne, zum letztenmal den Sarg seines Vaters, der von vier Männern getragen wurde. Sancho, der ihn laufen sah und ihm folgte, hielt ihn mit seinen Armen auf, als er fürchtete, daß er sich auf den Hof stürzen würde. Lorenzo aber streckte ihm die geballten Fäuste entgegen und rief mit zusammengepreßten Zähnen: »Sie tragen ihn fort. – ach, sie tragen ihn fort!« Dann verbarg er sein Gesicht an Sanchos Brust und sprach kein Wort mehr. Er ließ sich ohne Widerstreben in seinen Alkoven bringen; dort entkleideten sie ihn, wie ein krankes Kind, und brachten ihn zu Bett. Sancho blieb bei ihm, bis es Abend wurde, und verabschiedete sich dann von ihm. Dabei hielt Lorenzo ihn beim Arm fest und sagte ganz leise: »Sancho, hast du einen Rosenkranz?« Sancho blieb einen Moment sprachlos, legte seine zitternde Hand auf den Kopf seines Schwagers und flüsterte: »Nein ... aber warte ...« Lief dann in das Zimmer seiner Schwägerin, öffnete Schubladen, Schachteln, wickelte Pakete auf, leerte die Taschen und fand endlich in der Ecke einer Kommode einen Rosenkranz aus Perlmutter. Dann eilte er zu Lorenzo in den Alkoven zurück und sagte, sich über sein Bett neigend: »Da nimm!« Dieser stürzte sich förmlich darauf, und als er sich allein im Zimmer wußte, lehnte er den Kopf gegen die Wand und fing an zu weinen wie ein Kind. Es geht einem oft mit gewissen Eindrücken. wie mit manchen Bildern: man muß sie aus einer gewissen Entfernung sehen, um das richtige Urteil darüber zu gewinnen. Drei Tage nach Don Benitos Begräbnis, als der Schwarm trauernder Freunde, die bei derartigen Gelegenheiten die Leidtragenden zu begleiten, zu trösten und zu langweilen pflegen, verschwunden war, richteten Donna Tula und ihre Söhne sich von neuem in ihrem Hause ein und nahmen ihre gewöhnliche Lebensweise auf, und erst jetzt empfanden sie so recht die Leere, die durch diesen herben Verlust entstanden war. Jene langen Stunden der Pflege des Kranken bleiben unausgefüllt; die in seinem Besitz befindlich gewesenen Gegenstände sind überflüssig geworden, die von ihm bevorzugten Plätze leer. Alles das schürte in Donna Tula und ihren Söhnen jene gefährliche fixe Idee, die die erste Stufe zum Wahnsinn bildet und in ihrer grenzenlosen Bitterkeit alle andern Eindrücke verwischt. Diese Auffassung hatte Lorenzo und darum versuchte er, sich durch Ordnen der geschäftlichen Angelegenheiten seines Vaters gewaltsam zu zerstreuen. Nirgends war ein Testament zu finden und damit erklärte sich auch der letzte, ängstliche Schrei des armen Alten: »Testament!« dem man vorher nicht die geringste Bedeutung beigelegt hatte. »Mein geliebter, armer Mann! Mein Einziger!« klagte Donna Tula und vergoß Ströme von Tränen. »Bis zum letzten Atemzug gehörten seine Gedanken uns! Die Sorge um unser Wohl war sein letztes Wort! Mein Geliebter! Mein Herz! Es gab keinen zweiten Vater, keinen zweiten Gatten wie er! Er war ein Heiliger! Er war ein Heiliger!« In allgemeiner Übereinstimmung beschloß die Familie ein Inventar der zahllosen Güter Don Benitos aufzunehmen und den Advokaten der Familie mit der Teilung zu beauftragen. Eines Nachmittags nach dem Essen ging Lorenzo in das Arbeitszimmer seines Vaters, das er seit »Allerheiligen«, dem verhängnisvollen Tage des ersten Anfalls, nicht wieder betreten hatte. Er fand dort alles so, wie er es das letztemal verlassen hatte, in jener grausamen und starren Ordnung, die oft befremdend wirkt, weil wir darin etwas wie paralysiertes Leben zu erkennen glauben. Dort standen im Hintergrund die beiden großen Mahagonischränke, welche die Familienpapiere enthielten: links der eiserne, mit geheimnisvollen Schlössern versehene Schrein, der seinen goldenen Inhalt verbarg und verteidigte; in der Mitte der schwere Tisch mit den doppelten Schubfächern und der große Drehstuhl, der Dreifuß, von dem aus Don Benito so oft seine Dogmen verkündete. Über dem Ledersofa an der andern Wand hing das eingerahmte Wappen von Nicaragua, eine seltsame Heraldik. Auf dem Tische fand Lorenzo die an Don Benito gerichtete Einladung des Gouverneurs für Benito zu dem unglückseligen Bankett von Allerheiligen, in der Schreibmappe einen an demselben Tage angefangenen Brief, in welchem Don Benito einem in Madrid wohnenden Don Narziso Perez drei Schachteln Toledaner Marzipan als Ostergeschenk ankündigte: ferner allerhand andere Gegenstände, darunter eine kleine, aus einem Stein der Bastille geschnittene Büste Voltaires, die Lorenzo seinem Vater einst aus Paris mitgebracht hatte, die Wählerliste, die Don Benito zwanzig Minuten vor seinem Tode seinem Sohne diktiert hatte, in der sicheren Hoffnung, daß er innerhalb der nächsten vierzehn Tage triumphieren würde. Ein schluchzender Seufzer entrang sich Lorenzos Brust; er riß alle Papierschnitzel aus dem neben dem Schreibtisch stehenden Papierkorb und fing an, die Dokumente in beiden Schränken zu prüfen. Es waren dies größtenteils Schuld- und Hypothekenscheine und außerdem Dokumente über den Besitz verschiedener Grundstücke. Ferner fand er das gerichtliche Erkenntnis eines Prozesses, den die direkten Nachkommen jenes Onkels, des Millionärs, gegen Don Benito geführt, weil er als Universalerbe eingesetzt worden war. Lorenzo entsann sich, daß in seiner Kindheit von diesem Prozeß die Rede gewesen war, und daß die gegnerische Partei, eine Witwe mit vier Söhnen durch die Entscheidung zugunsten Don Benitos in tiefstes Elend geraten war. Eine Regung von Neugier trieb ihn, das umfangreiche Protokoll aufzuschlagen; unter einem abseits liegenden Aktenbündel fand er das Originaltestament des Onkels D. Cayetano Morales. Jenes Dokument konnte ihm die große Arbeit des Inventaraufmachens wesentlich erleichtern, denn die Besitztümer Don Benitos waren darin zum größten Teil aufgezählt. Lorenzo machte sich sofort daran, emsig zu lesen und zu notieren, was ihm am wichtigsten schien. Der Nachmittag neigte sich seinem Ende zu, und die dichten grünen Ripsvorhänge, welche die beiden Fenster des Zimmers halb bedeckten, ließen das Licht nur noch spärlich hindurch. Er trat deshalb an eines der beiden Fenster, die auf den großen Garten mündeten und fuhr in seiner Arbeit fort. Bald darauf wurde seine Aufmerksamkeit durch ein von draußen kommendes Geräusch abgelenkt. Die neben der mit Steinbänken besetzten Laube befindliche Tür wurde vorsichtig geöffnet und allmählich wurde Sanchos Kopf sichtbar. Er prüfte sorgsam alle Zugänge und betrat endlich die Laube. Lorenzo konnte nun unter seinem zugeknüpften Paletot ein großes umfangreiches Paket entdecken, in dem sich etwas Lebendiges zu befinden schien. Hinter ihm kamen seine beiden Kinder, Sanchillo und Benitin, in ihren schwarzen Blusen, hohen Stiefelchen und schwarzen kurzen Beinkleidern. Benitin klammerte sich an den Rock seines Vaters; Sanchillo kam mit zwei Fingern im Mund hinterher, und beide Gesichtchen zeigten jenen Ausdruck von Schlauheit und Schreck, wie er Kindern eigen ist, wenn sie dumme Streiche vollführt haben. Sancho setzte sich auf eine der Bänke in der Laube; die Kinder kauerten sich neben ihm nieder und stützten ihre Händchen auf die Füße des Vaters. Nun zog dieser das geheimnisvolle Paket unter dem Mantel hervor. Es war eine Katze, die Lieblingskatze Lolitas, auf die sie die ganze Liebe und Zärtlichkeit ihres 38jährigen altjüngferlichen Herzens übertragen hatte. Das Opfer sträubte sich energisch gegen diesen Übergriff in ihre Katzenrechte, aber Sancho drückte sie mitleidslos zwischen seine Knie, ohne auch nur daran zu denken, sie freizugeben. Er nahm zwei Wallnüsse aus der Tasche und unterzog sich der schwierigen Aufgabe, mit einem Federmesser sie in der Mitte zu öffnen, und höhlte die leeren Schalen vollständig aus, wie winzig kleine Schiffchen, steckte dann auf je ein Pfötchen der Katze eine Wallnußschale und ließ das kleine Tier dann endlich auf den mit kleinen roten und weißen Fliesen ausgelegten Boden der Laube fallen. Die Katze fühlte sich keineswegs behaglich und begann gleich darauf, erschreckt durch den Lärm, den ihre improvisierten Pantöffelchen hervorriefen, tolle Sprünge zu machen; die Kinder lachten ihr glückliches Kinderlachen, das ansteckend wirkt wie das Zwitschern der Vögel, die sich beim Sonnenuntergang begrüßen. Vergebens gebot Sancho ihnen Schweigen, aus Furcht, das Attentat könnte entdeckt werden. Die Kinder lachten immer herzlicher und liefen hinter der Katze her, über einen Weg, der gerade an dem Fenster vorbeiführte, an dem Lorenzo stand. Bei ihrem Anblick lächelte er; es war das erstemal seit dem Tode des Vaters. Er fürchtete, ihre Freude zu stören, wenn sie ihn am Fenster entdecken würden, und anstatt sich zurückzuziehen, legte er rasch das letzte Blatt des Testaments zwischen sein Gesicht und die Fensterscheibe. Darauf stand der Name des Testators Don Cayetano Morales und darunter das Datum, an dem es ausgestellt war. 9. Januar 1846. Lorenzo blickte mechanisch auf jenen Namen, der mit großen runden Lettern geschrieben war, und sah dann, während er es gegen das Licht hielt, die kleinen Umrisse des Papierstempels mit der Jahreszahl der Fabrikation des Papiers 1850 durch die Adresse hindurchschimmern. Lorenzo wurde im ersten Augenblick der fürchterliche Widerspruch, in dem die beiden Daten standen, nicht ganz klar: es war unmöglich, ein Dokument von 1846 auf ein vier Jahre später – 1850 – fabriziertes Papier zu schreiben. Aber plötzlich erhellte ein Lichtstrahl seinen Verstand; mit einem Schlage sah er die Lösung des Rätsels klar vor Augen. Er begriff, daß das Testament falsch war und daß die Entdeckung, welche die göttliche Vorsehung keinem Verbrechen erspart, durch den Widerspruch der beiden Daten herbeigeführt wurde; daß sein Vater ein Betrüger, ein Dieb war, und daß jener ängstliche Schrei, der sich sterbend seinen Lippen entrang, das Geständnis seines Verbrechens, die Knospe einer verspäteten Reue war. Der Schlag war fürchterlicher und stärker als jedes andere Gefühl, und sie alle beherrschend, erhob sich im tiefinnersten seiner Brust ein wilder Haß, eine unerbittliche Wut gegen seine Mutter, gegen die zärtliche Gattin, die den elenden Alten in die Hölle geschickt und ihn jedesmal, wenn er den Wunsch äußerte, seine Schuld zu beichten und sein Verbrechen wieder gutzumachen, daran gehindert hatte. Ach, als Lorenzo seinen Glauben wiedergefunden hatte, der ihm süßen Trost gebracht, führte ihm jener wiedererlangte Glaube das schreckliche Schicksal einer verruchten Seele vor Augen, die er erretten wollte – und wär' es auf Kosten seines eigenen Blutes! Jetzt wollte er von neuem in Gottlosigkeit, wenigstens in Zweifel und Ungewißheit verfallen, die in seinen Augen nicht so trostlos war, weil sie immer einen Schimmer von Hoffnung barg! Aber ein seltsames Wunder, das seinen Zorn erregte, stärkte seinen schwankenden Glauben in jenem Kampfe – nun glaubte er an die Macht, glaubte, ohne daß er glauben wollte, an die Hölle, die er sich in einer Phantasie mit den gewaltigen krassen Farben einer Danteschen Palette ausmalte. Lorenzo schäumte vor Wut und stürmte, sich die Haare raufend, durch das Zimmer. »Unmöglich! ... Unmöglich!« Dann stürzte er auf die Straße und bis um 12 Uhr nachts war er nicht nach Haus gekommen. Die ängstliche Donna Tula sandte Boten nach allen Seiten; niemand konnte ihn finden. Viel später – ungefähr um 1 Uhr – kam Lorenzo schweigend und düster, aber nicht mehr verzweifelt, nach Hause: er betrat seinen Alkoven, ohne auf die Fragen seiner Mutter zu antworten, und schloß sich darin ein. Man kam durch einen seltsamen Zwischenfall dahinter, daß er in jener Nacht drei lange Stunden in dem Hause eines berühmten Missionärs gewesen, der zu der Zeit die Predigten des Aventino hielt. IX. Neun Tage nach Don Benitos Tode lies Donna Tula in einer abgelegenen Kirche eine feierliche Messe für die ewige Seelenruhe des Verstorbenen lesen. Einige sprachen ihre Verwunderung darüber aus, daß diese pomphafte Feier nicht in der Parochie selbst abgehalten wurde. Aber Donna Tula erklärte mit gesenkten Augen und der trübseligen Stimmung, die zu ihrem Kummer paßte, mit dem sanften Girren ihrer Witwen-Turteltaubenstimme: »Das ist sehr einfach. Dieser Priester ist sehr gut und sehr diensteifrig. Aber so gewöhnlich, so aufdringlich, so eigensinnig im Durchsetzen seines Willens, daß ich ihn mir lieber etwas fern halte. Beni sah ihn deshalb nicht gern, und ich habe mich daran gewöhnt, immer so zu handeln, wie mein armer Geliebter. Ich möchte, daß seinen Intentionen entsprochen und sein Wille in allem respektiert wird.« Hier verlor die Mustergattin sich von neuem ins Unendliche, und um sie zu trösten, stimmten die sie umgebenden Freunde im Chor ein Loblied auf den Verewigten an. Donna Tula schloß die Augen und wiederholte ihren alten Refrain: »Er war ein Heiliger! Er war ein Heiliger!« Das Konzert war tadellos, nur Lorenzo»; Stimme nicht ganz rein. Er sah seine Mutter von der Seite an, und ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen. – – –