Gustav Wied Die Väter haben Herlinge gegessen Georg Brandes in Bewunderung und Freundschaft Man füttere seine Karauschen und mache seinen Whisky stärker Auftakt Grausamer Isidor, weshalb saßest Du die ganze Zeit bei Mutter und plaudertest mit ihr? Merktest Du nicht, daß ich die ganze Zeit vom Fenster aus zu Dir hinüberblickte und immer bleicher wurde, nur vor Sehnsucht, wie eine kleine, kranke Blume, die nach der Sonne verlangt? Ich liebe Dich, Vetter Isidor, ich liebe Dich, daß ich schreien könnte! Weißt Du, was ich des Abends tue, wenn ich ins Bett komme? Ich nehme das Taschentuch, das Du neulich draußen im Entré verlorest und nicht wiederfinden konntest und lege es über mein Gesicht und träume von Dir bis ich einschlafe, es riecht so wundervoll nach Deinem Parfüm, und nun habe ich mir beim Kolonialwarenhändler Ingerslev selbst eine Flasche Violette Russe gekauft. Ach, kleiner süßer, lieber Vetter Isidor, wenn Du zu uns auf Besuch kommst, dann ist es als ob die Sonne schiene, und ich könnte ruhig die ganze Zeit auf einem Schemel zu Deinen Füßen sitzen und Dich ansehen, ohne müde zu werden; aber das darf ich ja nicht, da Du verheiratet bist. Die Mädels machen sich über mich lustig, weil ich so gern von Dir sprechen möchte, aber nun nenne ich Deinen Namen nie mehr und wenn ich es gar nicht lassen kann, dann gehe ich in eine Ecke und spreche ganz leise vor mich hin: »Isidor, ich liebe Dich!« Und manchmal, wenn Türk und ich unten in meinem Häuschen sind, dann spreche ich laut von Dir, und ich glaube, Türk versteht mich, denn er sieht mir betrübt in die Augen, und dann weine ich, und er leckt mich über das Gesicht; was mache ich mir daraus, ob ich Bandwürmer bekomme; ich würde gerne krank werden und sterben, denn dann würden Dir die andern wohl mein Tagebuch senden, und Du würdest mit Liebe an Deine kleine S. denken, deren Herz gebrochen ist. Aber um eines will ich Dich bitten, Isidor, und das ist, daß Du kein ulkiges Bild von mir zeichnest mit brennendem Herzen oder so etwas darauf, wie Du es immer tust, denn ich liebe Dich so treu, glaube mir, daß man sich darüber nicht lustig machen darf, und kannst Du es nicht lassen, mich zu zeichnen, Isidor, willst Du mir dann vor Gottes Angesicht geloben, es nicht den Schwestern zu zeigen? Ach wie gerne möchte ich doch richtig krank werden, denn dann würde Dir Rositta wohl erlauben, an meinem Bett zu sitzen und meine Hand zu halten, wenn ich sterben müßte, denn darauf kannst Du Dich verlassen, wenn Rositta krank würde und stürbe, und Du Dich dann mit mir verheiratest, dann würde ich Euren Kindern wohl eine gute Mutter sein und ich würde alle Tage mit ihnen auf den Kirchhof gehen und ihnen von ihr erzählen; aber unsere höchsten Wünsche werden ja hier in dieser traurigen Welt niemals erfüllt. Leb' wohl, süßer, kleiner, geliebter Vetter Isidor, nun wollen ich und Türk ein bißchen unten im Strandwald spazieren gehen. Dein bis in den Tod S. Es ist wahr, als Du gegangen warst, legte Mutter die Karten, um zu sehen, ob ich den bekäme, den ich auf der ganzen Welt am liebsten hätte; aber ich bekam ihn nicht. Du kannst mir's glauben, ich habe was geweint! Natürlich hatte es Mutter auf meine Bitte getan, denn sie weiß natürlich gar nichts.   Es war auf dem Rittergute Havslundegaard an einem Spätnachmittag im September. Die vier Schwestern standen oben im großen Schlafzimmer der Gnädigen im ersten Stock hinter den Gardinen verborgen und lugten hinaus: »Er kann es nicht! Er tut es nicht!« sagte Anna, die gegen ihre Gewohnheit Feuer und Flamme war. »Doch, paß' auf, er tut es!« nickte Charlotte. »Ja, aber er kann es doch nicht ... Mutters wegen!« »Pah!« pustete Frederikke. »Was glaubst du, macht der sich daraus.« Aber die kleine fünfzehnjährige Sophie, die jüngste, die im Gegensatz zu ihren schlanken blonden Schwestern schwarzhaarig und dunkel war, trat bleich vor Zorn einen Schritt ins Zimmer zurück; ihre Hände waren geballt, und ihre braunen Augen funkelten. »Tut er das,« sagte sie, »so betrachte ich ihn nicht mehr als meinen Vater!« »Ha! das wird er wohl ertragen können!« lachte Frederikke. In diesem Augenblick ertönte es atemlos von Charlotte: »Da ist der Wagen!« Und die Mädchen stürzten wieder an die Fenster... Aber es war nur ein Arbeitswagen, der auf dem gepflasterten Wege zwischen dem Vorwerk und dem Burghof daherrumpelte. »Weiß eine von euch, wo Mutter steckt?« fragte Sophie dann. »Sie hat sich wohl in die Kapelle eingeschlossen.« »Daß sie das Leben aushalten kann!« »Sie kann es, weil sie eine Heldin ist!« »Sie lebt für uns Kinder!« »... Aber da drüben steht sie ja!« rief Frederikke plötzlich. »Wo? Wo?« ertönte es von den andern. »Hinter der Gardine in der Plättstube.« »Ja, wahrhaftig! ... Laßt das – nicht so herüberstarren! ... Ja, es wäre Sünde, wenn sie entdeckte, daß wir sie gesehen haben!« Die Augen der kleinen Sophie flammten. »Ich könnte Vater totschlagen,« sagte sie. Frederikke deutete eifrig mit dem Finger hinaus: »Und seht mal, da steht Olga hinter den Fliederbüschen!« »Und Ane hat die Brauhaustür angelehnt!« ergänzte Anna. »Und seht mal, den Gärtner der schleicht drüben unter den Akazienbäumen umher!« »Und da kommen die drei Alten aus dem Asyl!« »Die haben keine Angst!« »Nein, denn die halten es mit Mutter!« »Das tut wohl der ganze Hof!« nickte Sophie. Im selben Augenblick erklang das Knallen einer Peitsche und das Stampfen von Pferdehufen. »Da ist der Wagen!« Die Mädchen standen einen Augenblick in atemloser Spannung. »Bei Gott im Himmel, sie sitzt da!« entfuhr es dann Anna. »Und im Landauer! In Mutters eigenem Wagen!« ergänzte Charlotte. »Und er ist herabgelassen!« erklang es entrüstet von Frederikke. Aber die kleine Sophie sprang außer sich auf einen Stuhl: »Ich reiße das Fenster auf,« sagte sie, ihre Lippen bebten, und die Stimme war belegt von nicht mehr einzudämmendem Weinen. »Ich reiße das Fenster auf und rufe ihr nach: Hündin !« »Aber bist du denn verrückt, Mädel!« Anna riß die Schwester vom Stuhl herunter und vom Fenster fort, dessen Flügel sie schon geöffnet und zurückgestoßen hatte, daß sie klirrend gegen die Mauer flogen. »Du weißt doch, daß Mutter das nachher bloß ausbaden muß!« Sophie riß sich los und wollte wieder vorstürzen, und als sie von den andern zurückgehalten wurde, da warf sie sich mit dem Gesicht nach unten vor ihnen auf den Fußboden und brach in ein hysterisches Schluchzen aus. Der Landauer hatte indessen das Hauptportal erreicht, und der Kutscher knallte wieder laut mit der Peitsche. Auf dem Rücksitz des Wagens saß »die Hündin« aufgetakelt und ausstaffiert, einen federgeschmückten Hut mit Rosen und flatternden Bändern auf dem Kopf. Die kleinen, stechenden, schwarzen Augen in dem recht hübschen Gesicht fuhren unablässig an den Fenstern und Türen des Hauptgebäudes hin und her, während die dicken behandschuhten Finger nervös an den Spitzen des übertrieben eleganten Umhanges zupften und ihre fetten, sackigen Wangen röter und röter wurden. So saß sie ein paar Minuten und wartete, immer erregter infolge der Situation. Das war wieder einer seiner gewöhnlichen närrischen Einfälle, daß sie hier vorrollen und ihn abholen sollte, während er hätte zum Wirtschaftsgebäude fahren und sie mitnehmen müssen. Hier saß sie, allen Leuten auf dem Gut zum Gelächter ...! Und es sähe ihm ähnlich, wenn er selbst hinter dem Fenster stünde und sie auslachte! In ihrer Erregung kam es ihr vor, als höre sie es ringsum aus den halbdunklen Ecken und Winkeln des Gebäudes murmeln und kichern. Und plötzlich entdeckte sie auf der Bank dort vor dem »Asyl« die drei Alten, die eifrig gestikulierend die Köpfe zusammensteckten und flüsterten. Satan auch, daß sie nicht kurz und bündig nein gesagt hatte, als er vorschlug, daß der Wagen mit ihr hierauf fahren solle ...! Die Sonne war allmählich hinter den Linden im Park versunken. Die Schatten auf dem Hofplatz wurden länger und länger. Das große rote Gebäude, das jetzt im Abenddämmer einen fast blauschwarzen Ton bekam, lag wie ausgestorben. Nicht ein Laut war zu hören, nur hin und wieder ertönte ein leises klagendes Pfeifen von den offenstehenden Fenstern im ersten Stock, das vom Zugwind schwach hin und her bewegt wurde ... Ein Flug Saatkrähen und Raben ließ sich krächzend und lärmend auf dem Turmdach nieder. Das Frauenzimmer im Wagen fuhr zusammen und richtete seinen derben Körper auf: »Lars, der Herr hat uns gewiß nicht gehört. Knall' noch 'mal mit der Peitsche!« Der Kutscher rührte sich nicht. Da stieß sie in rasender Wut mit dem Absatz gegen den Wagenboden, daß es schallte: »Kann Er nicht hören, Er Schafskopf, wenn man mit ihm redet! Noch 'mal knallen, sag' ich!« Aber ohne sich zu rühren und ohne Ordre zu parieren brummte der Kutscher träge und widerwillig, als koste es ihm eine Überwindung, den Mund zu öffnen: »Immer sachte, Mamsellchen Hellmer; der Herr zeigt sich schon, wenn es ihm paßt ...«   Bald darauf wurde die Tür geöffnet, und der Gutsbesitzer Herr Niels Uldahl-Ege, trat heraus. Er war ein kleiner, magerer Mann, mit wohlgepflegtem weißem Haar und Bart; hübsch und fein anzusehen, aber mit ein paar großen wasserblauen, unzuverlässigen Augen. »Ist das eine Art, mich hier den ganzen Hof zum Gelächter sitzen und warten zu lassen!« keifte das Frauenzimmer im Wagen augenblicklich los. Er blinzelte nervös mit den Augen: »Na na, Mathilde, du sitzest ja ganz gut ... und ich komme ja schon. Hast du auch den Koffer nicht vergessen?« »Nein, der steht bei Lars.« Uldahl sah sich schnell und scheu um. Dann stieg er in den Wagen und setzte sich neben seine Dame. Er nahm dort nicht viel Raum ein. Plötzlich packte ihn die Mamsell hart am Arm. »Sieh mal, sieh mal,« sagte sie und deutete zu den Fenstern der Plättstube im östlichen Flügel hinüber – »da drüben steht deine Frau! Grüße sie!« Es blitzte im Blick des Gutsbesitzers böse auf, und er nahm tief und zermoniell seinen Hut ab. Gleichzeitig bekam er einen seiner kleinen pikanten Einfälle: Die liebe Familie sollte noch mehr gedemütigt werden; die Töchter hatte er doch noch so einigermaßen unter der Fuchtel. »Anna!« rief er zum Fenster des eisten Stockes empor. »Anna und ihr andern Mädels, kommt herunter und sagt hübsch Adieu zu Vater und der guten Mamsell Hellmer!« Die Mamsell lachte höhnisch. »Hach, die werden sich schön hüten!« Niels Uldahls Gesicht wurde dunkelrot. »Anna!« brüllte er dann, außerstande sich zu beherrschen, »komm' augenblicklich herunter und bring' deine Schwestern mit!« Aber jetzt drehte der Kutscher sich halb auf dem Sitz um, erhob die Peitsche und sagte mit seiner bedächtigen Stimme: »Mit Verlaub, gnädiger Herr, die Fräuleins sind gewiß weggegangen – spazieren.« »So–e? Hast du sie gesehen?« »Ja ...« »Wo sind sie hingegangen?« »Sie sind vor einem halben Stündchen nach dem Strandwalde zu gegangen.« Uldahl wußte, daß Lars log; aber er war froh, daß er die Sache nicht weiter zu verfolgen brauchte. »Das hättest du ja gleich sagen können, du Schafskopf! ... Fahr' los! ... zur Station ... Aber ein bißchen fix!« Lars zog die Zügel an und der Wagen schwenkte vor der Tür ab. Als sie an der Bank vor dem »Asyl« vorüberfuhren, schielte Mamsell Hellmer hinüber um zu sehen, ob die Alten aufstehen und grüßen würden. Aber sie waren verschwunden. Die Bank stand leer. Da räkelte sie sich in dem weichen Landauer bequem zurück. »Jetzt hätten wir nur noch Vergnügen vor uns!« Auch Niels Uldahl lehnte sich erleichtert gegen die Wagenpolster: »Jetzt wollen wir heraus und uns einmal gründlich amüsieren, Mathildchen!« »Hündin!« erklang es da plötzlich über den Hofplatz wie ein Schrei von einer lauten und gellenden Mädchenstimme – »jetzt fährt Gutsbesitzer Uldahl-Ege fort mit seiner ...« Ein Fenster wurde klirrend zugeschlagen. Es klang, als würde die Stimme gleichsam von dem Ton abgehackt.   Es war, als ob man auf Havslundegaard zu neuem Leben erwachte, wenn der Gutsbesitzer verreist war. Sogar die drei Alten drüben im »Asyl« wurden gleichsam jünger und sicherer. Sie gingen gerader über den Hofplatz, wenn sie zu den Mahlzeiten in die Herrschaftsküche mußten. Und sie lugten nicht scheu und gedrückt zum Turmzimmer im Parterre hinüber, wo der »Brotherr« residierte. Nicht daß er ihnen etwa irgendwie zu nahe gekommen wäre; im Gegenteil, er gab ihnen alles, was ihre alten Herzen begehrten: Essen, Kleidung, Obdach und Brennholz. Aber es ging eine böse und schwere Luft von ihm aus. Mamsell Ingwersen behauptete, daß ihr Asthma sich verschlimmere, wenn der Herr zu Hause wäre. Sie sagte, seine Nähe sei zu fühlen, wie wenn im Sommer ein Gewitter unten hinter dem Strandwald läge und brütete, ehe es losbräche; man wüßte nie, was daraus werden könne. – Aber war er dann vom Hofe abwesend, nur für einen Nachmittag in die Stadt gefahren, gleich war auch der Druck gehoben und das Asthma besser. Mamsell Ingwersen war 80 Jahre und hatte der Familie Uldahl seit ihrem achten Jahre gedient. Sie hatte die ganze Weltgeschichte erlebt, sagte sie; hatte als Gänsemädchen bei dem Vater des Staatsrats auf Egesborg begonnen und als Kammerjungfer der Staatsrätin geendigt. Und saß jetzt als Stiftsdame auf Havslunde. Infolge dieses ihres Alters und ihrer Carrière war Mamsell Ingwersen natürlich aus eigener Machtvollkommenheit die vornehmste im Asyl. Hinter ihr an Jahren und Rang kam gleich Mamsell Rottböl. Sie war nur 70 Jahre alt und hatte vier Kinder gehabt, die alle gestorben waren. Da hat man sich eben auch das versucht, sagte sie. Sie hatte sich und die Kinder mit Nähen ernährt. Von den Vätern sah sie nämlich nie etwas nach den Katastrophen. Aber sie nähte und nähte. Der »Nähfinger« an ihrer linken Hand war noch ganz schwarz und voller schwarzer Pünktchen von der Nadel. Und die Kinder hatte sie aufgezogen und wollte gerade ein wenig Freude und anderen Nutzen von ihnen haben. Aber da gingen sie hin und starben, eines nach dem anderen, ehe sie noch ihr zwanzigstes Jahr erreicht hatten. Mamsell Rottböl wurde ein bißchen dumm im Kopf von diesen häufigen Todesfällen und sollte ins Armenhaus. Aber da ersparte ihr die brave Frau Uhldahl diese Schmach und gab ihr einen Platz im Asyl. Am niedrigsten im Range stand Madame Lurvadt. Sie war 65 und war standesamtlich verheiratet gewesen; worauf sie sich bei gewissen Wortwechseln mit der Rottböl etwas einbildete. Im übrigen hatte sie keinen besonderen Grund auf ihre Ehe zu pochen. Sie war auf den Hof gekommen, um im Garten zu arbeiten, aber da ihr Mann sie schließlich mit Schlägen traktierte und dann auf den Boden warf, während er selbst mit seinen unzüchtigen Weibsleuten im Erdgeschoß rumorte, so hatte Frau Uldahl in ihrer Herzensgüte sich ihrer angenommen und dem Tyrannen verboten, wieder seinen Fuß auf die Schwelle von Havslunde zu setzen. Die drei Damen waren also die ehrwürdigen Bewohnerinnen des Asyls.   »Ingwersen! Seid Ihr zu Bett?« Es wurde angeklopft, die Tür öffnete sich und Frederikke steckte ihren blondlockigen Kopf hinein. Die Asylstube sah um diese Abendstunde seltsam geheimnisvoll aus, groß und nur von einer kleinen Lampe mit niedrigem Fuß erhellt, die auf einem Tisch in der Ecke bei den Fenstern stand. Der erste Eindruck, den der Raum machte, war, daß er zur Leichenstube »bezogen« worden sei. Die weißen Gardinen vor den Fenstern, die weißen Mauern, die weiße Decke und die weißen Betten. Und dann im Halbdunkel inmitten all dieses Weißen die drei dunkelgekleideten Weibchen auf ihren weichen lautlosen Filzschuhen herumwackelnd. »Ich sollte fragen, ob ihr Lust hättet, mit uns anderen Kaffee zu trinken?« »Ja, aber, Herrje, Frederikchen, wir wollten ja eben schlafen gehen ...!« ertönte es erschreckt von der Ingwersen. »Ja, wir wollten eben schlafen gehen, Frederikchen«, ... repetierte die Rottböl. Sie hatten alle drei die Hauben abgenommen und saßen jetzt jede auf einem Stuhl mit den Haarnadeln im Munde und flochten die »Rattenschwänzchen« für die Nacht. Aber Madame Lurvadt, das junge Blut, brachte geschwind ihre Kopfbekleidung wieder an der richtigen Stelle an, stopfte die Flechten in die Höhe und sagte: »Können wir so gehen?« »Ja gewiß könnt ihr! Beeilt euch nur! Dann laufe ich hinüber und sage, daß ihr kommt ...« Der Wahrheit die Ehre – die Alten hatten seit dem Abendessen auf diese Einladung gewartet. Es pflegte stets drüben im Herrschaftsflügel eine Kaffeefête stattzufinden, wenn der Herr verreist war ... Aber zuletzt hatten sie die Hoffnung für diesen Tag ganz aufgegeben; und ohne sich einander mitzuteilen, hatten sie alle drei denselben Gedanken gehabt: daß die Fräuleins es natürlich nicht fertig brächten, heute eine Fête zu geben, nach dem Tort, der ihrer Mutter angetan worden war, daß Mamsell Hellmer ihnen allen vor der Nase im Wagen der Frau vorgefahren kam ... Und nun war doch Fräulein Frederikke gekommen und hatte sie eingeladen! Fröhlich und eilig hatten sie die Hauben aufgesetzt, die Tücher über die Köpfe gezogen und das Blendlaternchen angezündet. »Lurvadt, puste!« kommandierte die Ingwersen. Und die Lurvadt pustete die Lampe aus, sie hatte am meisten Atem. Und mit Pantinen über den Filzschuhen balancierten nun »die Asyle« im Gänsemarsch über den dunklen Hofplatz. Die Ingwersen mit der Blendlaterne an der Tête. Diese Kaffeefêten, mit denen die Abreise des Gutsherrn gefeiert wurde, fanden in der Küche statt. Zehn Stühle wurden um den großen, weißgescheuerten Mitteltisch aufgestellt, einer an jedem Ende und vier an jeder Seite. Man hatte seinen bestimmten Platz: Frau Uldahl saß am oberen Tischende; dann kamen die »Fräuleins« und die Mädchen mit den Alten in ihrer Mitte, und ganz unten saß, als einziger Herr, Türk auf seiner Bank neben Fräulein Sophie. – Zwei große Messingkaffeekannen und Schalen mit selbstbereitetem Gebäck aus den Blechdosen in der Speisekammer gingen die Reihe herum. Und wenn die erste Tasse geleert war, steckten die Fräuleins ihre Pfeifen an, und das Vergnügen ging los. Sobald die »Asyle« heute Abend in die Küche kamen, sahen sie, daß für die Frau kein Stuhl bereitgestellt worden war. »Mutter hat Kopfschmerzen,« sagte Anna. »Wir sollten grüßen,« fügte Charlotte hinzu. Doch die übrigen Stühle standen auf ihren Plätzen. Die große Hängelampe über dem Tisch leuchtete mit festlichem Glanz. Die Tassen waren herumgestellt; und von den ockergelben Wänden strahlten die blanken Kupfergeräte. »Lurvadt, puste!« sagte die Ingwersen. Und die Lurvadt pustete gehorsam die Handlaterne aus. Die Köchin Ane kam vom Herd mit den gefüllten Kaffeekannen. »Da!« sagte sie. »Bitte schön! Hier ist das Labsal!« Aber doch dachten sie alle dasselbe, daß gewiß heute Abend aus dem Vergnügen nicht viel werden würde, da Frau Line nicht hier war ... »Wollen wir uns jetzt heransetzen?« Charlotte faßte Mamsell Ingwersen unter und führte sie zu Tisch. Die anderen folgten schweigend nach. Der Kaffee wurde eingeschenkt und das Backwerk herumgereicht. »Sophie! Du vergißt ja an Türk!« sagte Anna. Aber Sophie blieb unbeweglich sitzen. Ihre Augen waren rot vom Weinen, und die Muskeln um ihre Lippen bebten. Die Alten schielten hilflos zu ihr hinüber ... Da stand Frederikke auf und lief zu Türk, der in seinem Korb hinter dem Herde lag – er war ein großer weiß- und braungefleckter Bernhardinerhund mit ein paar tief melancholischen Augen. »Sieh' an, hier liegt der Pascha und macht sich breit!« sagte sie. »Schämt er sich nicht? Alle Damen sind schon zu Tisch gegangen!« Türk hob den Kopf, sah sie mit einem ersterbenden Blick an und leckte ihr die Hand. »Ja, schon gut,« lachte sie und rüttelte ihn am Ohr. »Aber komm jetzt!« Das Geflecht des Korbes knackte und krachte unter den schwänzelnden Bewegungen des Hundes, aber aufstehen tat er nicht. »Willst du aufstehen, du Schlafmütze, sonst werf' ich dich heraus! Du sollst doch an den Tisch und Kaffee kriegen!« Wieder schrie und knackte der Korb; aber Türk blieb wo er war. »Er ist doch nicht etwa krank?« tönte es von der Ingwersen. Das Fräulein legte sachverständlich eine Hand auf die Schnauze des Tieres ... sie war kalt und feucht, wie es sich für eine Hundeschnauze gehörte. »Nee, der ist bloß faul ... Ach, Ane, du bist so kräftig, komm und wirf ihn heraus.« Ane kam eilends herbei und packte zu ... Türk machte sich gleichsam schwer und sandte ihr einen vorwurfsvollen trostlosen Blick zu. Aber sie stieß nur immer drauf los und brachte den Korb auf die Schmalseite. Der Hund machte einen Satz nach vorn, um nicht herauszukugeln und gleichzeitig hörte man einen rasselnden und gellenden Laut, der ihm sozusagen über den Fußboden nachhüpfte. Die Köchin ließ den Korb los und schlug die Händen zusammen: »Ach, so liegt die Sache!« sagte sie. »Er ist wieder auf Liebschaft ausgewesen!« Die ganze Gesellschaft brach in ein Gelächter aus. Selbst Fräulein Sophie lachte. »Aber Hund ...!« sagte sie. Türk stand vollständig gelähmt mitten im Zimmer. Den Kopf verbarg er fast zwischen den Vorderpfoten und der Schwanz hing beschämt zu Boden ... Und an diesem Schwanz baumelte, mit einem Stück Bindfaden festgebunden eine alte, gichtbrüchige und zerbeulte Blechkasserolle – an diesem Orte ein Symbol der Ausschweifung und des Leichtsinns. »Pfui–i! So ein scheußlicher, alter Bummler!« sagte Frederikke mit erhobenem Zeigefinger. Und all die andern Frauen sagten ebenfalls: Pfui–ii! Aber bald darauf saß der Verbrecher auf seiner Bank am Tischende neben Fräulein Sophie und schlabberte schuldlos: holöp holöp! Kaffee und Backwerk hinunter, was in einem Spülnapf auf einem Stück Wachstuch vor ihm serviert wurde. Die Fräuleins zündeten ihre Pfeifen an und das Plaudern und Scherzen begann. Und plötzlich ergriff Fräulein Frederikke die Kasserolle, die obdachlos an der Erde zu ihren Füßen lag. »So eine müßte man Vater anbinden«, sagte sie, und setzte den Gegenstand schallend auf den Tisch inmitten des Kaffeeservice. 6.10. Weshalb bist Du solange nicht hier gewesen, Isidor? Ich sah, daß Post-Ole heute einen Brief von dir an Mutter hatte; was habt Ihr Euch beide zu schreiben? Etwa über das Entsetzliche von Vater mit Mamsell Hellmer? Ja, die arme, arme Mutter, wäre ich an ihrer Stelle, so würde ich mich scheiden lassen und mit uns allen meiner Wege gehen; aber das will sie nicht, und ich finde sie faßt das Ganze allzu ruhig auf; aber das kommt wohl daher, weil sie es gewöhnt ist. Ach, wenn ich sehe, wie Ihr, Du und das »Reseda« miteinander lebt, und wie gut Du gegen Paul und Jürgen bist, so finde ich, daß mein ganzes Leben verfehlt ist, weil ich keine richtige Kindheit gehabt habe. Anna und Charlotte sagen, sie können sich noch auf die Zeit besinnen, da Vater und Mutter gut Freund waren, aber das kann ich nicht; und wenn ich nicht Dich hätte, an den ich denken könnte, Vetter Isidor, und dann Türk, und dann Mutter natürlich und die Schwestern. Aber vor allem doch Dich! Dann machte ich mir gar nichts aus dem Leben. Ich weiß sehr wohl, es ist eine Sünde gegen Mutter, so zu denken; aber da es niemand weiß, so tut es ja nichts. Meinetwegen könnten sie alle miteinander sterben, Isidor , alle miteinander, nur Du nicht! Das ist mein voller Ernst, bei Gott! Und weißt Du, was mir eingefallen ist? Es ist mir eingefallen, das Schöne in unserem Verhältnis ist gerade, daß ich Dich nicht bekommen kann, daß Du nicht die geringste Ahnung davon hast, wie unsäglich, unfaßbar heiß ich Dich liebe! Es ist, als ob ich Dir näher käme, gerade, weil ich Dir so fern stehe; aber das kann gewiß nur ein Weib verstehen. Dein bis in den Tod S. Du weißt nicht, wo das Stück Radiergummi geblieben ist, das auf Deinem Schreibzeug lag; es hängt an einer schwarzseidenen Schnur auf meiner Brust. Vorgeschichte Frau auf Havslundegaard war schon einmal verheiratet gewesen. Mamsell Ingwersen berichtet, daß Niels Uldahl, als er nun vor gut zwanzig Jahren durch das Dorf Husum drüben westlich im Lande gefahren kam, wo er bei einem gleichgesinnten Großgrundbesitzer drei Tage lang zur Jagd usw. geweilt hatte, im Vorbeirollen ein großes, blondes Weib mit bloßen Armen und vollem Busen im Kruggarten herumgehen und Obst pflücken sah. Sie war köstlich anzusehen, üppig und rund wie die Äpfel, die sie sammelte. Ihr feines regelmäßiges Gesicht und goldblondes Haar leuchtete in der Sonne. Und es lag in ihren Bewegungen, wenn sie langsam die Arme erhob und die Früchte über ihrem Kopf brach, eine eigenartige, ruhige, fast faule Anmut. Ein rieselndes Behagen durchzuckte Niels Uldahl. »Wer ist das?« fragte er den Kutscher. »Das ist Madame Reimers, die Frau des Krugwirts.« »Kehr um und fahre ins Haus!« Und während der Kutscher Ordre parierte, sprach der Herr für sich: »Der Stoffel von Krugwirt, was zum Teufel soll der mit dem prachtvollen Frauenzimmer!« Acht Tage und Nächte wohnte Niels Uldahl im Krug von Husum. Und als er am Abend des neunten Tages fortfuhr, saß Lina Reimers neben ihm. Die wildesten Gerüchte über diese Affäre liefen um. Aber endlich befestigte sich die Version, daß Uldahl dem Krugwirt die Frau für bare zehntausend Kronen abgekauft hätte. – Und als der Exgemahl nach einem halben Jahre den Krug verkaufte und nach Amerika reiste, war man fest davon überzeugt, daß die Sache sich so verhielt. Und so hat Reimers mit der Sage nichts mehr zu schaffen ... Um diese Zeit, also vor reichlichen zwanzig Jahren, lebten und regierten noch der alte Staatsrat und seine ausländische Frau auf dem Stammsitz des Geschlechtes, Egesborg. Der Sohn Franz, der Jüngste, hatte Kragholm und Niels hockte auf einem kleineren Hofe, Thorsminde, da er ja als der Älteste den Hauptbesitz übernehmen sollte, wenn die Eltern starben – Hier auf Thorsminde etablierte Niels sofort Madame Reimers als seine Gattin zur rasenden Erbitterung der Familie. Aber daraus machten die Liebenden sich wenig. Sie erzeugten mitsammen zwei Töchter, und Niels schrieb, sobald er nur den Fuß vor die Tür gesetzt hatte, die glühendsten Briefe an seine Line. Und als die gesetzliche Frist nach der Scheidung verstrichen war, verheiratete er sich standesamtlich mit ihr. Und nun geschah es, daß Madame Lina Reimers, die bisher von der Familie geradezu verleugnet, da sie endlich auf Egesborg als Frau Niels Uldahl präsentiert wurde, gleich alle für sich gewann, durch ihre Schönheit, ihre Sanftmut und ihr seltsames, großes naives Herz, das kein Falsch kannte. – Das waren die glücklichsten Jahre in Lines und Niels' Zusammenleben. Uldahl, dessen langer Junggesellenstand eine ununterbrochene Orgie von Trunk, Spiel und Weibern gewesen war, hielt sich zu Hause und freute sich seiner Frau. Und mit ihr war Ordnung und Sparsamkeit ins Haus gekommen. Keine wilden Zechgelage mehr, wo der Wein floß und die Geldscheine flogen, und die erschreckten Dienstmädchen spät nachts bleich hinter den abgeschlossenen Kammertüren saßen. – Jetzt waren Poker und Bakkarat vom L'hombre abgelöst worden, wobei die Verlustlisten freilich auch mehrere Ellen lang sein konnten, das aber doch nie so weit ausartete, daß man »Kopf oder Schrift« um einen Prämienstier oder eine Haushälterin spielte. Die Spieltische waren ins Wohnzimmer hineingebracht worden, und dort saß in der Sofaecke die stattliche Frau des Hauses und ließ ihre klaren blauen Augen vom Strickzeug oder Nähzeug zu den Herren bei den Punschgläsern hinüberwandern und ermahnte zum Frieden und zur Versöhnung, wenn sie zuweilen zusammengerieten und auf die grünüberzogenen Mahagonitische schlugen, daß die Jetons in die Höhe flogen. »Na, na, Heine, Gutsbesitzerchen, schonen Sie die Möbel! ...« Und Gutsbesitzer Heine sprang vom Stuhl auf, bog seinen klobigen Körper zum Sofa hinüber und sagte: »Meine Gnädige ... alles für die Damen!« Und das Spiel wurde in Ruhe fortgesetzt, bis zur nächsten Explosion. Um elf Uhr zog sich die Hausfrau zurück, während die Herren Spalier bildeten und sich verneigten. Und wenn sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, fiel es nicht einem von ihnen ein, ein saftiges Wort vorzubringen, obwohl sie ihr alle in Gedanken weiterfolgten – bis auf ihr Lager. Nur der Ehemann konnte zuweilen irgend eine obscöne Bemerkung fallen lassen im schadenfrohen Triumph darüber, daß sie gerade seine Bettgenossin war. Aber da schlug Gutsbesitzer Heine wieder auf den Tisch: »Halt's Maul, Uldahl!« Und Gutsbesitzer Torsen und Kammerjunker Frölich bekamen womöglich noch rötere Köpfe und Hälse, wie vorher, und sagten: »Du bist ein Schwein, Niels!« – – – Aber geradezu rührend wurde das Wesen dieser halbgezähmten Bären, wenn spät nachts ihre Wagen vor der Tür vorfuhren; sie schalten die Kutscher aus, weil die Wagenräder zu stark auf den Pflastersteinen lärmten und weil die Pferde stampften und unruhig waren. Und draußen im Entree, das auf Thorsminde unmittelbar an das Schlafzimmer stieß, schlichen sie herum und sprachen flüsternd miteinander und stolperten über ihre eigenen schwankenden Beine, um Frau Line nicht zu wecken ... »da drinnen«. Und ihre Augen waren voller Sehnsucht und Cognac, wenn sie auf die geschlossene Schlafzimmertür blickten... Denn das war das Merkwürdige bei Frau Uldahl, daß sie trotz ihrer blonden Ruhe und ihrer ganzen keuschen, ein wenig lässigen Erscheinung gerade auf die Sinne dieser Männer eine stark erotische Wirkung übte. Sie sahen in ihr wahrscheinlich den Typus jenes reinen, weißen Weibes, vor dem sie einst im ersten furchtsamen Erwachen ihrer Mannheit im Traume gekniet hatten. Und nun sahen sie plötzlich nach einem Leben in Brunst und Enttäuschung den Gegenstand der Träume leibhaftig vor ihren Augen wandeln. Daher wohl zugleich ihr Respekt und ihr Begehren. – Auch Niels Uldahl hegte selbst in den Jahren, in denen er am wildesten und bösartigsten gegen seine Gattin raste, immer noch einen gewissen mystischen Respekt vor ihr ... einen Respekt freilich, der ihn reizte und aufregte, und die verbissene Raffiniertheit seiner Bösartigkeit noch erhöhte. Aber in der Zeit auf Thorsminde ging alles noch ruhig und gut. Und als das Paar später nach dem Tode des Staatsrats und seiner Frau nach Havslundegaard übersiedelte, lebte es auch hier in den ersten Jahren einigermaßen verträglich. Frau Line gebar ihrem Manne im ganzen sieben Töchter, von denen die drei ältesten in zartester Jugend starben, während die anderen allmählich zu blühenden und blondlockigen jungen Weibchen heranwuchsen, wie es einst ihre Mutter gewesen, als Niels Uldahl sie am Morgen der Zeiten im Apfelgarten des Husumer Kruges gesehen hatte. Nur Fräulein Sophie war, wie gesagt, dunkelhaarig und braunäugig. Mamsell Ingwersen sagte, daß sie ihrer Großmutter, der Staatsrätin gliche, die ja »irgendwo da unten in der Wärme« geboren worden war.   Es gab im Park von Havslunde, wo dieser sich bis auf ungefähr dreihundert Ellen zum Strande hinunterdehnte, eine große halbkreisförmige Lichtung, genannt der »Baderasen«. – Wenn man oben auf der hohen Steintreppe des Gartensaales stand und über die Brücke des Burggrabens blickte, dann sah man die Lichtung bei sonnigem Wetter wie einen goldgrünen Teppich am Ende der langen Lindenallee liegen. Und hinter dem Teppich wieder lag ein schmaler Streifen leuchtenden weißen Sandes, und dann kam die Bucht mit ihren blaugrauen Wogen ... Hier hinunter verlegte Frau Line an Sommervormittagen nach dem Frühstück ihre ganze Kinderstube mit deren Inventar von Ammen, Kinderwagen, Wiegen, Kindern und Spielzeug. Es war ein Gewimmel wie von einer Völkerwanderung, wenn der Zug durch die Lindenallee ging. Und wenn man hier unten auf dem Rasen sein Lager aufschlug, wurde der Laut von Stimmen, Gelächter und Tumult weit über die Wasser der Bucht hinausgetragen ... Auf einer hochlehnigen weißgestrichenen Sprossenbank, die im Laufe der Zeit von den Mädels »Platz der Gnädigen« genannt wurde, saßen dann Frau Line und Mamsell Rottböl mit einem Stapel Kinderzeug zwischen sich und nähten, stopften und besserten aus, während die Kindermädchen und die größeren Kinder im Sonnenschein spielten und die Ammen im Schatten unter den Bäumen mit den Wiegen beschäftigt waren. Denn es kam vor, daß man auf Havslunde in diesen Jahren zwei Säuglinge auf einmal zu versehen hatte, eines fast nur reichliche neun Monate älter als das andere ... Wenn Frau Uldahl hier auf ihrer Bank in der Mitte ihrer Kinder saß, umgeben vom sicheren und schirmenden Schutz des Parkes und Gutes, so war sie vollständig zufrieden und glücklich. Und in solchen Stunden empfand sie, wie in ihr eine tiefe Dankbarkeit emporwuchs gegen den Mann, der sie all dessen hatte teilhaftig werden lassen, der sie, gerade sie, zur Begleiterin seines Lebens erwählt und treu zu ihr gehalten hatte in den Jahren, als alle gegen sie standen und offen und im Verborgenen daran gearbeitet hatten, ihn von ihr fortzuziehen... Und wenn sie ihm deshalb ohne irgend eine Art von Weigerung ihre Arme öffnete und sich seinen heißen und ungezähmten Sinnen bereitwillig zu überlassen schien, so geschah es für sie eher, um eine Dankesschuld abzutragen, als etwa gerade deswegen, weil ihr Blut in vollem Einklang mit dem seinen flammte und siedete. Und noch aus einem anderen Grunde war sie ihm stets gefällig und gehorsam, obwohl seine erotischen Ansprüche an sie im Laufe der Jahre sich in immer seltsamerer und seltsamerer Weise äußerten. Sie sah nämlich ein, jetzt, da sie ihn so tief kennen gelernt hatte, daß, wenn sie sich in diesem Punkte seinem Willen nicht blindlings beugte, die scheinbar so gleichmäßige und friedliche Harmonie ihres Zusammenlebens zerstört sein würde. Deshalb zwang sie sich und war ihm gehorsam, auch wenn ihre unverdorbene und keusche Natur sich immer wieder in schamhaftem Protest erhob.   Es lag in der Lichtung, auf der Grenze zwischen Rasen und Strand ein Badehaus. Die Tür lag nach dem Meere zu und von einem weißgestrichenen Mast über ihr wehte ein langer danebrogsfarbener Wimpel. In diesem Badehause lebten und wohnten die Kinder, als sie älter wurden, fast den ganzen Sommertag. Sie kleideten sich im Hause an und aus, lagen und dehnten sich am Ufer und ließen sich von der Sonne durchglühen, wateten hinaus und duckten sich in den Wogen, kamen, leuchtend vor Nässe, wieder zurück, kugelten sich im Sande und ließen sich gegenseitig damit bewerfen, daß ihre behenden Körperchen aussahen, als wären sie gepudert, wenn sie wieder in das Wasser hinausplätscherten ... Dies war Kinderspiel in Tag und Sonne. Aber ringsum in der Gegend schlich das Gerücht umher, daß, wenn die Nacht hereinbrach und nur der Mond über dem Wasser der Bucht leuchtete, am Ufer hier unten zwei andere weiße und nackte Menschenkinder »spielten« – der Herr auf Havslundegaard und seine gehorsame Frau.   Da trat vor ungefähr 15 Jahren jenes Ereignis ein, das mit einem Schlage und für immer eine Mauer zwischen den Eheleuten errichtete. Viele nannten Frau Uldahls Benehmen damals geradezu töricht und sinnlos, denn, Herrgott, wir leben doch nun einmal in der Welt! – Aber sie handelte wie sie handelte, weil sie infolge ihrer unkomplizierten und gradlinigen Natur nicht anders konnte. Es war ein Maientag mit Sonne und singenden Lerchen. Niels Uldahl hatte beim Frühstück im Namen der Kinder die Lehrerin scherzhaft ersucht, ihnen des herrlichen Wetters wegen den Unterricht zu erlassen. Dies war gnädigst bewilligt worden, und Frau Line war mit der kleinen damals 5–6 jährigen Anna in den Strandwald hinabgegangen, um Anemonen zu pflücken. Aber nach einer halben Stunde kommt das Kind ganz verstört vor Weinen und Verzweiflung in die Küche gelaufen und erzählt, Mutter wäre unten im Tannenwalde umgefallen und könne nicht aufstehen und wolle nicht antworten. Aber als sie eiligst hinunterliefen, die Mamsell und die beiden Stubenmädchen, nachdem sie erst den Diener Jürgen auf die Suche nach dem Hausherrn geschickt hatten, trafen sie auf dem Fußwege über die eingefriedigte Wiese Frau Uldahl, die langsam dem Hof zuschritt. Die Hände hielt sie fest gegen den Unterleib gepreßt, und nur Schritt für Schritt schleppte sie sich vorwärts ... Sie war damals hochschwanger mit ihrer jüngsten Tochter Sophie. »Aber gnädige Frau! Sind die gnädige Frau krank geworden?« »Ja ..« Und behutsam führten sie Line heim und brachten sie zu Bett. Und während sie noch um sie herumliefen und sich mühten, stand plötzlich Niels Uldahl bleich und aufgeregt in der Tür des Krankenzimmers: »Was ist hier los?« »Die Gnädige ist krank geworden ...« »Na–a, das ist wohl nicht so schlimm ... ich werde läuten, wenn wir euch brauchen ...« »Ja, aber, gnädiger Herr ...« Er stampfte wütend mit dem Fuß auf. »Hinaus, sage ich!« Und die Weiber schlichen ab ... Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, trat Niels zum Bett. »Verzeih', daß ich heftig wurde: aber die Frauenzimmer haben mich gereizt ...« Frau Line antwortete nicht. Da lächelte er dumm, riß sich zusammen und sagte entschlossen und verwegen: »Ist das nun etwas, was man sich so zu Herzen nimmt ... was Teufel, das bißchen Kuß an einem Frühjahrstage! Hi, hi! Du weißt doch, du und ich, wir leben so miteinander, daß keiner ernstlich zwischen uns kommen kann.« Sie blickte verwirrt zu ihm empor. »Ja, Niels, ja ...« sagte sie, »aber ich möchte lieber warten und ein andermal mit dir sprechen ... Ich bin so müde.« »Hum'. Dann ist es wahrhaftig deine eigene Schuld. Du hättest es ja ruhig und gemütlich nehmen können, als die Bagatelle, die es ist. Nicht? Meinst du nicht auch, daß es deine eigene Schuld ist?« »Gewiß ... aber laß mich jetzt ein wenig allein, Niels.« »Wie du willst.« Er ging bis dicht vor das Bett und beugte sich über sie. »Wir beide, die wir so gut miteinander leben, wie niemand anders ...« flüsterte er zärtlich und faßte sie um. Sie entzog sich ihm scheu und hastig; ihre Augen weiteten sich angstvoll. »Hä!« lachte er böse, »hi, hi! Ja, du bist in der Tat eine nette Mimose. Und es steht dir gut, nach alledem, was zwischen uns vorgegangen ist ... Aber das ist für dich schlimmer als für mich!« Und er verließ das Zimmer und warf die Tür hinter sich zu ... Als er fort war, schloß Frau Uldahl die Augen und lag still da. Ab und zu glitt gleichsam ein Schauer von Schmerz über ihr Gesicht, denn die Gedanken ließen ihr keine Ruhe ... Es war die »Bagatelle« geschehen, daß sie auf ihrem Spazierweg unten im Strandwalde Niels auf einem Grabenrande zwischen den Tannen sitzend gesehen hatte in heißer Umarmung mit der Lehrerin der Kinder. Und im selben Augenblick war Frau Line zu Boden gesunken, wie in die Kniee gezwungen von einer großen grausamen Hand, die ihr die Stahlfinger um das Herz gepreßt hatte ... Aber es war nicht gerade der Umstand, daß Niels ein anderes Weib geliebkost hatte, der ihr das tiefste Weh verursachte, denn sie hatte lange genug gelebt, um zu begreifen, daß die Männer ohne Skrupel soviel Gunst und Huld annehmen, wie sie kriegen können. Nein, was ihr die bitterste Qual verursachte, war, daß sie sich in all diesen Jahren vergeblich seinen kranken Sinnen hingegeben hatte. Das hatte sie jetzt, als sie ihn nun plötzlich und unvorbereitet eine andere, eine neue begehren sah, mit einem so starren Entsetzen ergriffen, daß sie einen Augenblick geglaubt und gehofft hatte, es sei ihr Tod ..... Den Kindern zuliebe und dem Heim zuliebe hatte sie sich geopfert. Und weil sie wußte, daß er krank war. Und weil er sie wirklich einmal geliebt hatte, was seine Briefe bewiesen, und weil sie jetzt Mitleid mit ihm empfand. Und weil er sie damals zu seiner Gattin gemacht hatte. Und weil, und weil, und weil ...! All dies kreiste in ihrem Gehirn; und alles miteinander lief unweigerlich auf diesen einen entsetzlichen Gedanken hinaus: daß nun alles vergebens war ...! Es klopfte an die Tür und die Mamsell trat ein: »Wie geht es der gnädigen Frau?« »Ja, danke ... es geht schon besser ...« »Sollen wir Buttermilchsuppe oder Fleischbrühe mit Milch zum Vorgericht geben, gnädige Frau ...?«   Reichlich 14 Tage lang hielt sich Niels Uldahl vom Krankenzimmer seiner Frau fern. Aber jeden Morgen gab der Diener Jürgen seine Karte an der Tür ab und erkundigte sich nach dem Befinden der Gnädigen. – Zuletzt lag ein ganzer kleiner Stapel von Visitenkarten auf ihrem Toilettentisch: Niels Uldahl-Ege Havslundegaard Da endlich, mitten in der dritten Woche, eines Vormittags zur vorschriftsmäßigen Besuchszeit stellte sich der Herr Gutsbesitzer selbst ein. Er war in schwarzem Rock, hellen Beinkleidern und Lackstiefeln (jedoch ohne Handschuhe und Hut). Und er traktierte seine Frau mit der ausgesuchtesten Höflichkeit. Bezeugte ihr seine Freude darüber, daß sie sich wieder wohl befände und sprach die Hoffnung aus, sie bald unten in den Wohnzimmern zu sehen. Über die Lehrerin und den Tannenwald fiel kein Wort. Und nach Verlauf einer halben Stunde zog er sich höflichst zurück, um nicht zu »fatiguieren« ... Aber am Abend desselben Tages, als alle zur Ruhe gekommen waren, drang er berauscht und lärmend in das Schlafzimmer ein und verlangte sein eheliches Recht. Und Frau Line mußte ihm drohen, Hilfe herbeizuläuten, ehe sie ihn wieder hinausbugsieren konnte. Noch ein paar Mal versuchte er sich seine alte Macht über sie zu erzwingen. Das erste Mal dadurch, daß er bettelte und weinte und sich auf die Kniee warf und bereute und Buße und Besserung und ewige und unverbrüchliche Treue gelobte: Sie wäre doch seine einzige und wirkliche Liebe! – das zweite Mal dadurch, daß er in trunkener Raserei Hand an sie legte und sie zu Boden schlug und schrie, er wollte sie nackt aus dem Hofe zu dem »Bauerngesindel« zurückjagen, von dem sie gekommen sei. Aber Frau Line blieb unbeugsam. Und sie ließ ihr Bett aus dem bisherigen gemeinsamen Schlafzimmer hinaus und in einen Raum neben der Kinderstube tragen. Welches Manöver er augenblicklich damit beantwortete, völlig aus dem ersten Stock auszurücken und sich als Märtyrer in zwei kleinen Räumen im Parterre-Geschoß des Turmes zu etablieren ...   Es waren fürchterliche Jahre, die jetzt folgten. Und hätte Frau Uldahl nicht diese fast reflektionslose Ergebung in ihr Schicksal gehabt, deren entschiedenes Gepräge ihr Leben in guten wie in bösen Tagen zeigte, so hätte sie diese Zeit wohl auch kaum überstehen können ohne Schaden an ihrer Seele zu nehmen. Aber nun war es im Gegenteil, als ob sie mit dem Unglück wüchse, größer, umfangreicher, überlegener würde. Ja, es entwickelte sich sogar bei ihr allmählich eine Art melancholischen Humors, der sie die Ereignisse von oben herunter ansehen ließ, und der in den wunderbaren Tagen bei ihr erwacht war, als ihres Mannes chevalereske Visitenkarten sich auf ihrem Toilettentisch aufhäuften. Lächelnd, aber durch Tränen betrachtete sie das Leben und seine Erscheinungen, weise und naiv zugleich wie »das Volk«, dem sie entstammte ... Aber wie dieses Volk nicht recht leben und gedeihen kann, ohne etwas zu haben, dem es im Glauben und in Träumen sein Haupt zuneigen kann, so hatte auch sie ihre Chimäre zu Trost und Erquickung in schweren Stunden – nämlich die so verkannte und so verachtete Kunst des Kartenlegens. Sie hatte diese segensreiche Zuflucht schon als Kind kennen gelernt, da sie nach dem Tode ihrer Eltern in das Haus ihrer Großmutter kam, einer zu jener Zeit berühmten alten Frau, die allerdings selbstverständlich an Gott und seinen leibhaftigen Gegensatz glaubte, die aber doch stets in kritischen Augenblicken – in ihren eigenen sowie in denen anderer – ihre Zweifel bekam und deshalb nach den Karten als den einzigen Allwissenden und Unfehlbaren griff ... Indessen hatte Frau Line in den ersten glücklichen Jahren ihrer Ehe so gut wie alle Religionsübung an den Nagel gehängt – das Glück hat bekanntlich keine Narkose nötig. Aber als die Sorgen und die Enttäuschung und das Schisma kamen, flüchtete sie aufs neue zu ihrem Gott zurück, um Kraft und Heilung zu finden. Und Stunde für Stunde konnte sie nun mit ihren Karten dasitzen und durch sie die Gewißheit und Sicherheit erlangen, die mehr wert ist als aller Verstand. Denn war ihr die Prophezeihung beim ersten Mal nicht günstig, so legte sie sich die Karten immer wieder, bis das Resultat schließlich der Erwartung entsprach. Und war ihr das Glück unweigerlich abhold, so hatte sie ja als einen letzten Balsam aller Briefe Niels aus den guten Jahren ... Sie hatte sich eine Art »Kapelle« in der kreisrunden Turmkammer des ersten Stockes eingerichtet. Und da saß sie dann hinter Schloß und Riegel und befragte ihre Karten und las alte Liebesbriefe. Und gleichzeitig lag ihr Mann in dem unmittelbar darunterliegenden Turmzimmer und schlief den nächtlichen Rausch aus, den ihm sein Martyrium immer häufiger auferlegte ... So fanden sie beide Ruhe.   Joachim Uldahl-Ege hieß der einzige lebende Bruder des Staatsrats. Er war um diese Zeit 70 Jahre alt, Junggeselle und besaß den Hof Groß-Ravnsholt, ein paar Meilen südlich von Havslunde. Er war ein kleiner, vierschrötiger Baumstamm mit schneeweißem Haar und Bart und einer Stimme so tief und donnernd, daß die Kinder sich versteckten, wenn sie sie hörten. Außerdem war er lahm und stützte sich wo er ging und stand auf einen dicken Elfenbeinstab, der seine vollen fünf Pfund wog und aus einem einzigen Zahn geschnitten war. Dieser Stab war schuld an einem unheilbaren Bruch zwischen Niels und dem Onkel. Er war nämlich ein Familienkleinod, das sich vom Urgroßvater Uldahl, dem großen ostindischen Kaufmann, der ihn von einer Reise mit heimgebracht, in gerader Linie vererbt hatte. Aber dann hatte der Staatsrat ihn einmal in einer Partie Billard an Joachim verloren. Darauf hatte Niels bei einem Besuch auf Ravnsholt nach dem Tode des Staatsrat sich des Kleinods bemächtigt und es mit nach Hause genommen, mit der Behauptung, der Vater hätte kein Recht gehabt, sich davon zu trennen. Aber Joachim hatte sich am folgenden Tage mit dem Gerichtsvollzieher wieder eingefunden und hatte sich den Stock aushändigen lassen. Diese Demütigung war es, die ihm Niels nie hatte verzeihen können ... Joachim Uldahl war in den letzten Jahren nicht über die Grenzen seines Besitzes hinausgekommen. »Denn was ging das übrige ihn an«. Aber eines schönen Tages hielt er in seinem niedrigen Jagdwagen vor der Steintreppe von Havslundegaard. Er saß in der Mitte des letzten breiten Sitzes, vorn übergeneigt, sich auf den erwähnten Stab stützend und aus einer silberbeschlagenen Meerschaumpfeife dampfend, die das Bildnis Seiner Majestät Christian VIII. auf dem Deckel trug. Während der Wagen über die Brücke in den Burghof rumpelte, zeigte sich Niels' Antlitz hinter einem der Turmfenster im Parterregeschoß, verschwand aber sofort wieder. Jürgen, der Diener, kam hinaus. »Ist der Herr zu Hause?« Jürgen, der strenge Ordre hatte, Niels stets zu verleugnen, machte ein idiotisches Gesicht und sagte: »Die gnädige Frau kommt schon ...« »Hilf mir herunter!« Der Diener half und Joachim taperte die Treppe hinauf. Im Entree kam ihm Frau Line entgegen. Sie war kaum vor einer Woche aufgestanden, nachdem sie die kleine Sophie zur Welt gebracht, und sie war bleich und schlank und schöner als jemals: »Willkommen, Onkel Joachim ...« Der Alte sah sie bewundernd von oben bis unten an. Auch sein Herz hatte sie sich sofort bei ihrer ersten Begegnung zu Füßen gelegt. »Na,« sagte er, als die Musterung zu Ende war, »Sie hat also gekalbt?« Frau Uldahl errötete. »Wie ging es ... ohne Tierarzt?« »Ja–e, danke ...« »Freilich, Sie hat ja Übung!« Nachdem Jürgen dem Alten beim Ablegen geholfen hatte, ging die Herrschaft ins Wohnzimmer. »Wo ist Niels?« Die Hausfrau blickte verlegen zu Boden. »Könnt ihr euch nicht mehr vertragen?« »Nein,« ertönte es leise. »Nee, ich habe davon gehört; deshalb komme ich. Bist du bockbeinig geworden? Das sieht dir übrigens gar nicht ähnlich.« Frau Line wußte nicht, was sie antworten sollte. »Nein das ... ja das ...« stotterte sie. »Nee, natürlich ist es Niels, der Lümmel! Aber Kinder bekommt ihr doch; manchmal müßt ihr also einig sein.« »Das ist später gekommen, Onkel, das ...« »Hat er andere Weiber? Das ist es wohl?« »Ja – e ...« Frau Line mochte eigentlich dieses Ja nicht sagen; denn das mit den anderen, das war ja gar nicht die Hauptursache, aber ... »Ja, das sieht uns ähnlich!« nickte der Alte. »Wir haben niemals ruhig einen Unterrock sehen können, wir Leute von Egesborg ... aber wenn er eine Frau wie dich bekommen hat, dann müßte ihn doch der Teufel holen, daß er sich dann nicht an dich halten kann. Wo steckt er denn, die Bestie?« »Ach, Onkel, das nützt nichts ...« »Ich bin deswegen herübergekommen!« »Ja, aber ...« »Wo ist er? Ist er vielleicht ganz und gar davongerannt?« »Nein, er...« »Na?« »Ach, Onkel Joachim, ich bitte dich ... ich kenne ihn ... und die Menschen sind ja nun einmal wie sie eben sind ...« »Zum Donnerwetter nein, das sind sie nicht! Wo hast du ihn? Na?« »Er hat sich in den Turm eingeschlossen.« »Ich soll doch nicht etwa noch mehr Treppen herauf?« »Nein, es ist hier draußen am Entree ... Aber er macht dir nicht auf, Onkel.« »Das wollen wir doch sehen! ... Ist sie aus dem Hause, die Schulmamsell?« »Ja ...« »Habt ihr eine neue bekommen?« »Ja ...« »Liegt er auch bei der?« Frau Uldahl errötete, mußte aber auch lächeln: »Aber, Onkel ...!« Joachim stolperte eifrig ins Entree hinaus und zur Turmtür. Frau Line blieb in der Wohnstube. »Niels!« rief der Alte, und seine Stimme brach sich schallend an Decken und Wänden. – »Ich will mit dir reden, Niels ...!« und als keine Antwort kam, stieß er hitzig die Zwinge seines Stabes gegen die Türfüllung. »Hörst du nicht, Junge! Denkst du, ich bin hier herübergekommen, um mich zum Narren halten zu lassen?« Frau Line zeigte sich in der Wohnstubentür. »Er macht nicht auf«, sagte sie, »und wenn du den Hof anstecktest.« Aber jetzt stieg die Wut dem Alten wie mit einem Stempelschlage zu Kopf. Er stieß den Stab gegen die Fußbodenfliesen, daß er in die Höhe sprang und ihm beinahe aus der Hand gefallen wäre. »Dann gehe ich hinaus und schlage die Fenster ein,« sagte er, »denn sehen will ich ihn, hol' mich der Teufel!« Aber Frau Line legte ihm flehend eine Hand auf den Arm. »Ach nein, Onkel Joachim, das müssen wir nachher bloß ausbaden, ich und die Kinder ...« Der Alte hielt inne. »Ist er denn ganz und gar von Sinnen, der Niels drinnen?« »Er hat begonnen zu ...« »Zu was?« »... zu trinken ...« Der Onkel stieß wieder den Stab hart auf den Fußboden. »Ach so! ... Hör' mal, mein Kind, zieht euch jetzt an, du und die Rangen, und fahrt mit mir nach Ravnsholt und bleibt gleich da; dann hole ich morgen die Lehrerin und eure andern Siebensachen ... Du bist zu gut für dieses Leben hier!« Frau Uldahl lächelte: »Was meinst du, würde Madame Henriksen sagen,« fragte sie. »Was geht es sie an? Der Hof gehört doch wohl mir ... noch!« »Und dann habe ich auch Angst, daß du es selbst bereuen würdest, wenn du uns gezählt hättest.« »Meinst du,« murmelte er, »kann schon möglich sein, Schockscheffel, aber dann wäret ihr da!« Er humpelte im Zimmer auf und ab. »Kümmert er sich um das Gut?« »Ja–e, das tut er wohl ... Mich hat er ja nie in seine Angelegenheiten eingeweiht« »Es heißt, daß er spielt.« »Wohl nicht mehr als sonst.« »Bekommst du, was du brauchst?« »Ja.« »Paß auf, er muß auch von Havslunde absocken wie er von Egesborg absocken mußte.« »Dafür konnte er doch nichts, Onkel ...« »Gewiß konnte er dafür! Es hat keiner Vertrauen zu ihm! Er macht pleite, wie all die andern Besitzer von Havslunde ... Möchte er sich nur dann auch aufhängen ... Du willst also nicht mit nach Ravnsholt?« Wieder lächelte Frau Line: »Nein, danke, Onkel Joachim; eine Frau muß sein, wo ihr Mann ist ... ich bin auch die einzige vor der er zuguterletzt doch noch ein wenig Respekt hat.« »Wohl bekomm's! ... Ja, dann fahre ich wieder los mit meinem blauen Dunst! ... Adieu!« »Möchtest du nicht eine Erfrischung haben, Onkel?« »Nein, ich will keine, ich esse nirgends anders als zu Hause ... Adieu!« »Hast du nicht Lust, die Kinder zu sehen?« »Die heulen ja, wenn ich mich bloß zeige.« »Aa–ach, nein, jetzt sind sie größer und verständiger geworden.« Sie ging ins Entree und rief die Treppe hinauf nach den Kindern. Sie sollten runter kommen! Die ganze Schar kam denn auch dort oben angewimmelt, und steckte die blondlockigen Köpfchen durch die Sprossen. Aber als sie den Alten erblickten, dessen Stimme sie durch das Haus poltern gekört hatten, ergriffen sie augenblicklich die Flucht zurück in die Kinderstube. »Hö!« lachte Joachim und blickte ihnen lange nach – »es wäre wahrhaftig ein allerliebster Tanz geworden, wenn ich die mit nach Ravnsholt gekriegt hätte! Du bist sehr klug, Linechen! ... Kriege ich einen Abschiedsschmatz?« fragte er dann. Und Frau Line, die fand, daß er arg behandelt worden war, überließ ihm ihren roten Mund, auf den er einen kräftigen Kuß anbrachte. Dann steckte er seinen Christian VIII. an und fuhr ab ... Nur noch zweimal in diesen 15 Jahren kam Onkel Joachim nach Havslunde; aber bei keiner dieser Gelegenheiten gelang es ihm, seinen Neffen zu sprechen. Dagegen gewöhnten sich die Mädchen allmählich an ihn und besuchten ihn ab und zu auf Ravnsholt, wo er ihnen dann lange Lobreden über ihre Mutter hielt, während er ihnen gleichzeitig anvertraute, daß ihr Vater ein Windbeutel sei, und erschossen werden müßte. Dies wurde indessen Niels hinterbracht und er legte sein Veto gegen die Besuche ein. Aber er war ja so oft vom Hofe abwesend ... Schon eine Reihe von Jahren hindurch hatte Gutsbesitzer Uldahl den Posten eines Gemeinderatsvorstehers der Kommune von Havslunde bekleidet. Seine Regierungsform war absolut despotisch. Und die übrigen Mitglieder des Rates, Bauern und kleine Landwirte, beugten sich willig vor ihm, da er seinen Posten stets zu ihrem und des Kirchspiels Vorteil versah. Schließlich überließen sie ihm in ihrer klugen Nachgiebigkeit die gesamte Korrespondenz und Rechnungsführung, so daß Uldahl zuletzt der einzige in der Versammlung war, der mit ihren Angelegenheiten vollkommen à jour war. Aber da kam der Bruch mit Frau Line und Niels, darauf folgendes Martyrium im Turm ... Er fand sich nun plötzlich nicht mehr zu den Gemeinderatssitzungen ein. Die Briefe und Anfragen des Gemeinderats ließ er unbeantwortet. Und als sich einige Mitglieder einmal bei ihm einstellten, um eine Erklärung von ihm zu verlangen, ließ er sie draußen im Entree stehen, ohne die Tür auch nur einen Spalt breit zu öffnen, daß sie doch wenigstens hatten sehen können, ob noch Leben in ihm war. Das Resultat dieses Vorgehens war selbstverständlich, daß man sich bei der nächsten Gemeinderats-Sitzung einen andern Vorsitzenden wählte. Aber Niels war immer noch im Besitz der Bücher und Rechnungen. Geschlagene zwei Monate versuchte man, diese Dinge in Güte von ihm herauszubekommen. Aber er gab ständig kein Lebenszeichen. Da verlor man die Geduld und reichte eine Klage beim Landratsamt ein, das ihn für verpflichtet erklärte, bei einer Geldstrafe von zehn Kronen pro Tag sämtliche das Kirchspiel betreffenden Bücher und Papiere auszuliefern. Hierauf antwortete Niels ausnahmsweise, er würde die Sachen abliefern, wenn es ihm konveniere. Worauf das Amt sagen ließ, wenn »das Betreffende« nicht innerhalb 24 Stunden in den Besitz des Gemeinderats gelangt sei, so würde das gefällte Urteil rückwirkende Kraft bekommen bis zu dem Tage, an dem der neue Vorsitzende gewählt worden war. Auf dieses Ultimatum gab Niels gar keine Antwort. – Und erst nachdem ein reichlicher Monat verstrichen, sandte er die kriminellen Bücher und Dokumente aus dem Hause, begleitet von der fälligen Geldstrafe, zierlich auf Tage, Stunden, Minuten und Sekunden ausgerechnet und betragend 965 Kronen und 56 Oere ... So war Niels Uldahl-Ege in seinem privaten wie in seinem öffentlichen Leben, und so blieb er bis die Zeit der Gnade und der große Umschlag gekommen war. Und doch wurde er nichtsdestoweniger nach ein paar Jahren in den dänischen Reichstag gewählt. Natürlich hatte er sich in die Reihen der Opposition gestellt. Nicht aus Überzeugung, denn er hatte keine, sondern teils weil seine Standesgenossen sich allmählich von ihm zurückgezogen hatten, und teils weil er infolge seines ganzen Naturells opponieren mußte. Er gehörte zu der Sorte von »Charakteren«, die in einem gegebenen Augenblick nicht vor der Behauptung zurückweichen, daß der Schnee schwarz sei. Er wurde also gewählt. Und was seine Wahl möglich machte, daß er gerade um die Zeit in das politische Leben eintrat, als die Bauern noch nicht zum vollen Bewußtsein ihrer Macht und Gewalt erwacht waren, und es deshalb für besonders fein hielten, von einem Gutsbesitzer im Reichstage vertreten zu werden – auch wenn sie ihn unter sich für verrückt hielten. Seine Wahlversammlungen ringsum in den Krügen und Vereinshäusern der Stadt gestalteten sich zu einem wahren Triumphzug, wo er mit Hurrarufen und Händeklatschen begrüßt wurde, sogar von seinen ehemaligen Kollegen im Gemeinderat – denn ein Mundwerk hatte er! Und als er am Wahltage selbst seine Herablassung so weit trieb, daß er seine Erntewagen, fünfzehn an der Zahl, anspannen ließ, sie mit bequemen Strohsitzen und Bier und Branntwein ausstattete, sich selbst als Kutscher auf dem vordersten Sitz anbrachte, und so in seinem Kreise herumfuhr und Wähler aufsammelte, da empfing er sogar von der Sozialdemokratie Huldigungen als ein wahrer Demagoge; bekam im Rausche der Begeisterung ihre Stimmen und stand bei der Wahlhandlung als Triumphator über den Kandidaten der Rechten da, der mitsamt seinem spärlichen Anhange nur auf seinen konservativen Fleischbeinen angegangen kam. So siegte wie immer, früher wie später, auch bei dieser Wahl der Idealismus in der dänischen Politik. – Und heute am 27. September, war Herr Niels mit seiner Ökonomieverwalterin, Mamsell Mathilde, nach der Hauptstadt gereist, um sich nach den Sommerferien wieder zur Eröffnung des Reichstages, dem bekannten ersten Montag des Oktobers, einzufinden. Roman Die Spat-Marie, Maren Ohrwurm und Johanne Leg-Dich-Hin oder Leichen-Johanne, hatten den Birnenmarkt in Kvaerkeby besucht und wanderten nun auf dem Heimweg die Landstraße entlang. Sie plauderten und lachten und kicherten, daß es über die Felder schallte. Besonders Johanne war bei Humor; sie tanzte zuweilen und sang und stieß mit den Beinen die Röcke in die Höhe, daß die beiden anderen sich fast totlachen wollten; sie hatte einen guten Zug aus dem Kruge getan. – In jedem Dorfe, durch das sie kamen, stürzten die Hunde infolge des Spektakels kläffend aus Türen und Toren, und Knechte und Frauenzimmer riefen die drei Madames an und trieben Allotria mit ihnen. Aber die Weiber klatschten sich nur gemütlich auf den Hintern und gingen weiter. – Die Spat-Marie war klein, vierschrötig und lahm. Maren Ohrwurm lang und geduckt; die Leichen-Johanne groß, starkknochig und von männlichem Aussehen, mit einem merkwürdig feinen, von Trunk und anderen Genüssen verwüstetem Rassegesicht. – Alle trugen sie einen Korb mit den Markteinkäufen am Arm. Die Staatshüte mit den bunten Blumen saßen ihnen schief auf den Köpfen, und die Kleider hatten sie aus Sparsamkeitsrücksichten um die Taille hochgebündelt, so daß die geflickten Unterröcke, die wollenen Strümpfe und Schmierlederschuhe zu sehen waren ... Es war wohl reichlich zehn Uhr abends, aber der Vollmond schien: und Johanne hatte eine Flasche Kirschbranntwein für 35 Oere gekauft, an der sie sich gütlich taten. Nun waren sie ein bißchen zur Ruhe gekommen, und sie gingen und plauderten sachlich-eingehend über Spat-Maries Tochter Alexandra, die Mißgeburt. »Sie ist kein Mensch«! behauptete Johanne. » Was ist sie nicht? Was ist sie dann ?« fragte die Mutter. »Sie ist so was, was man ein Monstrum nennt,« erklärte die andere sachverständig, »so was, was Gott einem in seinem Zorn schickt.« Und Maren Ohrwurm ergänzte: »Sie kann ja weder sehen noch hören, noch gehen, noch kriechen, nein, nichts kann sie!« »Nein,« gab Marie zu, »das kann sie nicht. Aber sie hat das ganze Sinnenleben im Gefühl, ja. Ihr solltet sehen, wie sie mich und ihren Vater kennt, sobald wir nur in die Stube treten.« »Vater,« grinste Maren, »sagtest du Vater? Von dem spürt ihr wohl alle beide, du und sie, nicht so besonders viel!« »Na dann also den, den sie eben ihren Vater nennt, zum Satan, Dummkopf du!« knurrte Marie wütend. Aber jetzt ergriff Johanne das Wort; sie und Maren waren im tiefsten Innern neidisch auf die Freundin, die dieses merkwürdige Kind besaß, mit dem sie manchen schönen Groschen verdiente. »Und dann ist sie ja nicht einmal ein richtiges Frauenzimmer, nicht mal das,« sagte sie. »Die Hebamme wußte ja garnicht, ob's ein Junge oder ein Mädchen wäre.« »Sie heißt doch Schwerenot Alexandra, soviel ich weiß,« sagte Marie. »Sie hätte eben so gut Nikodemus getauft werden können!« grinte Maren. Und Johanne bestätigte ihre Behauptung: »Ja, sie ist ganz genau das, was man ein Monstrum nennt.« Aber plötzlich machte sie ein paar steife Sprünge die Landstraße hinunter, die Leichen-Johanne, und drehte sich um und schwenkte die Arme: »Wollen wir den Most probieren?« fragte sie dann und holte die Schnapsflasche hervor. Die andern schielten scheu zu ihr hinüber: Bekam sie etwa ihren Anfall ...? Aber sie kosteten doch vom Branntwein, alle drei, und gingen weiter ... Das Fähnchen auf dem Turm von Havslundegaard zeigte sich dunkel über den Bäumen. Drolligerweise saß der Hahn einmal mitten im Mond. Darüber grienten die Weiber ganz schrecklich, bis Maren Ohrwurm sagte: »Ist sie nach Hause gekommen, die Helmer?« »Nee, noch nicht,« sagte Johanne, und die Spat-Marie lachte böse. »So hat er uns andere zu unserer Zeit nicht traktiert!« »Nee, wir sind hübsch an der Erde geblieben, ja.« »Und Kinder kriegt sie auch keine davon!« »Es heißt, er hat ihr so einen Entschuldigungs-Apparat gegeben, wie man es nennt, der verhindert es,« erklärte Maren. Johanne fuchtelte zornig mit einer Hand in der Luft umher: »So einen hätte er getrost einem anderen Menschen auch spendieren können, dann wären wir davon verschont geblieben.« »Man hat sie wohl damals nicht gekannt,« meinte Marie. »Nee, vielleicht nicht... Die Welt geht ja vorwärts.« Aber Maren Ohrwurm, die kinderlos war, griente vergnügt und sagte: »Ja ich habe keinen gebraucht... also!« »Nee, der Deubel schützt ja die Seinen!« seufzte Johanne. Da blieb die Spat-Marie plötzlich stehen und, die kleinen feuchten Augen zum Mond erhoben, sagte sie, und es kam tief aus ihrem Mutterherzen: »Wißt ihr was, Maren und Johanne,« sagte sie, »der Herrgott hatte so gewiß und wahrhaftig getrost die beiden anderen behalten können ... Aber für Alexandra werde ich nie aufhören, ihm in seinem blauen Himmel zu danken!« »Amen und Halleluja!« äffte Johanne ihr nach und machte von neuem ein paar Tanzschritte. »Will eine von euch nochmal kosten?« Die Frauen nickten; und die Schnapsflasche kam zum Vorschein und wurde geleert. »Du hast wohl ein Marktgeschenk für Alexandra mitgenommen?« fragte Maren, als man sich wieder in Trab gesetzt hatte. »Gewiß habe ich eins, natürlich. Seht bloß. Es ist eine Mühle.« Marie holte eine kleine Holzmühle aus dem Korbe und blies die Flügel an, daß sie schnurrten. »Die kann ihr doch keinen Spaß machen.« »Und ob! Doch, da kannst du Gift drauf nehmen! Sie kann es fühlen, ja, wenn die Mühle geht. Sie hat schon mal so eine gehabt. Sie pustet sie an und hält sie sich vors Gesicht; und dann grient sie, daß es nur so gluckst.« »Und was hast du für die andern?« »Nichts! ... Die können ja sehen und hören und herumspringen; was, Teufel, sollen die dann mit Spielzeug! ... Aber wir sollen gut sein gegen die, gegen die der Herrgott böse gewesen ist, steht in der Bibel.« Maren Ohrwurm borgte sich die Mühle und pustete drauf los, daß sie wild herumschnurrte. »Seht nur, wie sie saust!« sagte sie entzückt. Aber die Leichen-Johanne, die sich bisher schweigend verhalten hatte, riß ihr plötzlich den Apparat aus der Hand. »Jetzt will ich es versuchen,« sagte ste. Und sie blähte die Wangen auf und blies, daß ihr die Funken aus den Augen sprühten; und während die Mühlenflügel auf ihrer Achse kreischten, stand sie da und wiegte sich in den Hüften und wackelte mit dem Kopf. »Schnurre–lurre–lurre!« sagte sie und lächelte närrisch. »Schnurre–lurre–lurre! – Schenk' sie mir, Marie!« »Was?« »Laß' sie mich behalten. Das ist, als ob man Branntwein trinkt.« »Nein, das fällt mir nicht ein, mein Puttchen!« sagte Marie und stopfte die Mühle schleunigst wieder in den Korb: »Denkst du, ich möchte Alexandra betrügen?« Bald darauf erreichten sie die Hauptstraße von Havslunde. Alle Türen waren geschlossen und alle Fenster dunkel. Es war nun gut elf Uhr. Die drei Freundinnen gingen still die Straße entlang. Hier wollten sie keinen Hallo machen, denn hier waren sie bekannt. Aber als sie zum Gartengraben von Havslundegaard kamen, griff Johanne sich plötzlich an den Kopf und sagte: »Merkwürdig, wie verschieden doch Geschwister sein können.« Marie und Maren zuckten zusammen. Sie wußten wohl, worauf Johanne anspielte; aber sie mochten nicht, daß darüber geredet würde. Das ganze Kirchspiel wußte, daß zwischen dem Gutsbesitzer und Johanne etwas gewesen war, und sie selbst sagte es ja auch ganz deutlich; aber deshalb mußte sie sich gerade hüten, auf die Verwandtschaft zu pochen ... Die beiden anderen hatten ja auch ... aber sie waren doch nicht mit ihm verwandt ... »Hört ihr nicht, was ich sage,« wiederholte Johanne, ärgerlich über ihr Schweigen und ihre Stimme erklang laut und gellend. – »Ich sage, daß Geschwister merkwürdig verschieden sein können.« Marie packte sie am Arm und wollte sie mit sich fortziehen. »Ja doch, ja doch,« flüsterte sie hastig, »wir hören es ja! Aber über so was halt man das Maul ... Komm jetzt, Johanne.« Aber Johanne riß sich los und rief, daß es durch die stille mondhelle Luft schallte: »Hat vielleicht eine von euch bei ihrem eigenen Bruder gelegen? ... Das Unglück ist hinter ihm her! das Unglück ist hinter ihm her!« fuhr sie fort und drohte zum Hofe hinüber. – »Aber er erhängt sich nicht, oder erschießt sich wie die andern, die Havslunde besessen haben. Eher wird er heilig, der Schuft! ... Vater unser, der du bist im Himmel ...« Sie faltete die Hände und schrie vor Lachen. »Ich rücke jetzt aus,« sagte die Ohrwurm, »denn jetzt kriegt sie ihren Anfall.« »Nein, Maren, Maren, wir müssen doch bleiben, wir können es doch nicht vor Gott verantworten, sie allein zu lassen.« »Teufel auch ...!« sagte Maren und lief was sie konnte, eine Nebenstraße entlang. »Maren, aber Marn ...!« Johanne hatte ganz richtig ihren Anfall bekommen. Sie hob zierlich die Röcke in die Höhe und begann ein munteres Liedchen zu singen und tanzte dazu. Ihre Augen leuchteten im Mondschein; sie war lauter Lächeln und Freude: das Leben erschien ihr wonnig: Mein stilles, sanftes Veilchen, Mein Rosenblümelein, Wart' auch ein kleines Weilchen – Im Lenz, dann bin ich dein! Spat-Marie stand hilflos da und sah zu. Bald mußte sie über Johannes sonderbaren Tanz lachen, und bald weinte sie. Denn was sollte sie mit ihr anfangen, jetzt, da sie allein waren? Da machte sie plötzlich kehrt und humpelte davon, so schnell ihre anderthalb Beine sie von der Stelle tragen konnten ... Und Johanne setzte still ihren einsamen Tanz in der hellen Mondnacht fort, bis sie endlich umstürzte und liegen blieb.   »Fräulein Sophies Haus« lag unten im Elmengebüsch am Fuß der großen Kiefern, deren nackte rostrote Stämme und wild zerzauste Kronen hoch über die anderen Bäume des Parkes emporragten. Und die Ewigkeit sang darin. Das Haus war aus alten Bretterresten zusammengezimmert und vollständig von Kletterrosen und wildem Jasmin überwuchert. Die Wohnung bestand aus einem Vorzimmer, das zugleich als Küche benutzt wurde, und einem Salon, vier Ellen lang und drei Ellen breit. Und man konnte nicht grade darin stehen. Sophie und ihr »unechter Vetter«, der Amtsrichter Isidor Seemann, lagen auf den Fellteppichen unter den Fenstern und sprachen tiefsinnig mit einander; das »liebte« Fräulein Sophie. Auf der Schwelle des Vorzimmers saß Türk. – Der Amtsrichter war ein 35jähriger breitschultriger Mann von heller Hautfarbe und scheinbar ruhig und gleichmütig. »Ja, siehst du, Cousinchen«, sagte er, »bei Geschlechtern wie den unseren, die die Wonne und Trauer und Herrlichkeit der ganzen Welt genossen haben, bleibt zuletzt nur die Sorge übrig. Und davon kann kein Geschlecht leben, und so welkt es und fault und stirbt.« »Man pflegt doch zu sterben, ehe man fault,« erwiderte sie. »Nein, die Geschlechter nicht, Kleine.« »Weißt du, was ich glaube, Vetter Isidor? Ich glaube, du sagst all dies über dich nur, um dich interessant zu machen ... so gesund und kräftig wie du aussiehst.« »Ich bin ein übertünchtes Grab ...« lächelte er, zugleich wohl wissend, daß es etwas pervers war, hier zu liegen und in dieser Weise mit einem Kinde zu sprechen. »Und all die lustigen Bilder, die du zeichnest,« fuhr sie fort. Er machte seine Stimme tief und dunkel: »Ja, ich müßte auch weit eher immer nur Leichen zeichnen.« Sie lachte: »Ja, das solltest du wirklich tun!« »Ich habe es versucht,« nickte er, »aber die werden auch »lustig!« Er richtete sich auf dem Ellbogen auf. »Sieh, nun z. B. das Bild, das ich von euch zeichnete, als du mir von deines Vaters Ausfahrt mit Mamsell Helmer neulich erzählt hattest. Ich fand die Geschichte wirklich sehr traurig. Du hattest Tränen in den Augen, als du es mir erzähltest. Und ich empfand das tiefste Mitleid mit euch allen ... Aber wie wurde dann das Bild? Selbst deine Mutter mußte lachen, als sie es sah.« »Ja, aber das war auch wirklich drollig, Vetter Isidor! All' die Gesichter rings in Fenstern und Türen ... Und Vater, der aussah wie ein altes Streichholz ... Und Mamsell Helmer, die aus Blutwürsten gemacht war ... Und Mutter, die mit zwei langen tristen Tränen dastand, die ihr bis auf die Brust hinabhingen. Ja weißt du – das war lustig! ... Und ich wünschte, du wohntest hier auf Havslunde, dann würde es viel leichter für uns werden.« »Sage das nicht, Kindchen!« Sie blickte ihn verwundert an. »Warum nicht?« »Weil ich für gewöhnlich so unglaublich mürrisch bin ... Ich will dir nämlich was anvertrauen, Sophiechen: diejenigen, die traurige Bilder machen, die sind vergnügt im Umgang; aber diejenigen, die lustige machen, mit denen zu tun zu haben ist fürchterlich traurig ... denn nur so findet die göttliche Gerechtigkeit ihre Vervollkommnung.« Fräulein Sophie seufzte tief auf. »Gott, wie meine Bilder dann lustig werden würden,« sagte sie, »wenn ich zeichnen könnte!« »Bist du denn so bitterlich betrübt?« »Schrecklich!« lächelte sie, und die Tränen traten ihr dabei in die Augen. »Und morgen kommt noch dazu Mamsell Helmer zurück ... Und denk' dir nur, Vater hat an den Verwalter geschrieben, daß Lars wieder mit Mutters Wagen auf die Station kommen und sie abholen soll.« »Ja – e, Sophiechen, ... aber wenn deine Mutter selbst die Sache so ruhig nimmt, dann ...« »Ach–ch, es steckt keine Indignation in Mutter! Und auch nicht in den Schwestern! Die haben keine Energie! Ich bin die einzige hier, an der wirklich etwas daran ist! Ich gleiche der Großmutter, sagt die Ingwersen; die prügelte den Großvater; die Ingwersen und der Diener mußten sie auseinanderbringen. Das war eine Frau!« »Ja aber, kannst du nun nicht hingehen und den Verwalter prügeln ...?« »Jetzt hältst du mich zum Narren, Vetter Isidor ...« »Nein, nein, nein ...« »Du nimmst mich niemals ernst!« »Doch, doch, doch!« Sophie erhob sich eifrig: »Ich habe es Lars verboten, mit dem Wagen herunter zu fahren; aber er tut's natürlich doch. Wenn hier nur ein richtiger Mann auf dem Hofe wäre, der Vater ordentlich Bescheid sagen würde. Vater ist feige, weißt du; er ist eine richtige Memme! Ich habe es ja gesehen, wie er davonschleicht, wenn Mutter endlich einmal wütend wird und ihm Bescheid sagt. Sie könnte ihn schon im Zaum halten, wenn sie nur wollte!« »Ja, aber kannst du nun nicht ...« »Nein, ich kann es nicht. Ich habe es ja versucht, aber zuletzt muß ich doch bloß weinen, weil ich ein Mädel bin, und weil mir das Ganze hier so schrecklich traurig vorkommt. Ach, wie könnten wir es doch hier auf Havslunde gut haben; aber da geht der alte scheußliche Kerl hin und verdirbt uns alles.« Die Tränen strömten ihr die Wangen hinab. Sie sprangen ihr geradezu aus den Augen, so hastig und plötzlich kamen sie. »Was ... ist ... ein Pleitehof?« fragte sie gleichzeitig. »Ja, nun heule ich natürlich wieder«, versuchte sie dann zu lachen. »Aber war ist ein Pleitehof?« »Ein Pleitehof, Sophiechen ...? Das ist ein Hof, auf dem man des Morgens hofft, mittags fürchtet und abends sich betrinkt, Selbstmord begeht oder Christ wird.« »Hä, hä,« lachte sie seltsam forciert, indem ihr die Tränen immer weiter über die Wangen rannen. »Ich pfeife auf das Ganze.« Isidor, der sich gleichfalls erhoben hatte, wollte einen Arm um sie schlingen, aber sie zog sich scheu zurück. »Geh', zeichne mich, Vetter,« sagte sie, »damit die Heulerei ein Ende nimmt!« »Ja, aber ich soll dich doch ernsthaft nehmen, sagst du.« »Nein, nein, nein! ... zeichne du nur!« Er streckte den Arm nach ihr aus. »Erst einen Kuß ...« »Aber, Isidor...!« sagte sie tief vorwurfsvoll und errötete bis unter das Haar. »Verzeih' ...« bat er reuig, »aber du hast so allerliebst ausgesehen.« »Zeichne!« kommandierte sie. »Ja!« Und er nahm sein Skizzenbuch hervor und zeichnete ein Bild von ihr, wie sie mitten im Burghof von Havslunde stand, einer Fontaine gleich, der das Wasser aus Nase, Mund und Ohren brauste, daß ihr Kleid, ihre Strümpfe, ihre Schuhe, der ganze Hofplatz, der Park, der Garten – der ganze Besitz – vor Nässe trieften ... Aber mitten in dem ganzen Tränenmeer schwamm Niels Uldahl herum mit einer Badewanne an den Schwanz gebunden. Und in der Badewanne saß Mamsell Helmer, einen aufgespannten Regenschirm über sich haltend.... Im »Asyl« war große Diskussion anläßlich Isidor Seemanns Besuch ... Es war um die Schlafenszeit. Die Alten saßen jede auf dem Stuhl vor ihrem Bett und kleideten sich aus. Dort auf der Kommode vor den Fenstern brannte die Lampe. »Nein,« sagte Mamsell Ingwersen bestimmt, »Fräulein Natalia war es. Ja, die war's, die älteste Tochter des Staatsrats, die den geheiratet hat, den Bankier in Paris.« »So,« nickte die Rottböl zutunlich, »ja, Sie müssen es ja wissen, Ingwersen, denn Sie sind doch selber ihre Mutter.« Die Ingwersen wurde puterrot bis auf ihren alten Hals hinab. »Was sagen Sie da, Mensch?« »Ja, sind Sie nicht die Mutter von Fräulein Natalia?« »Quatsch! Sie sollten lieber einfach Ihr Mundwerk halten, ja, ehe Sie solchen Unsinn vorbringen.« Die Rottböl, die einen ihrer schlimmen Tage hatte, nickte: »Ja, Sie haben gut reden. Sie haben Ihre fünf Sinne!« nickte sie. »Aber das ist kein Spaß, die ganze Zeit hier zu sitzen und stille zu schweigen, wenn ihr andern schwatzt.« »Doch, wenn man weiter nichts zu reden hat als Quatsch, dann schweigt man!« Die Ingwersen saß nun in ihrem rotgestreiften wollenen Unterrock und bloßen Armen da und sah kriegerisch aus. »Aber das war doch nicht der Vater von Isidor, der Bankier?« ertönte es von der Lurvadt, die sich eine lange Leinenbinde um ihr linkes Bein schnurrte. »Nein,« sagte die Ingwersen, »der war es nicht, denn Natalie hatte den Isidor schon, ehe sie den Bankier kriegte ... Ich habe die ganze Weltgeschichte erlebt.« »Da hab' ich ihn!« lächelte die Rottböl entzückt. Es war ein Floh, nach dem sie lange auf ihrem Körper herumgejagt hatte. »Ja, denn sie bekam ihn durch den Zeichenlehrer Jakobäußen,« fuhr die Lurvadt fort. »Ja,« berichtete die Ingwersen, »und sie bekam ihn während sie mit dem Gutsbesitzer Brandt verlobt war, dem, der später Juliane Sehested aus Börglum heiratete.« »Ich kann mich nicht in all den Familiengeschichten zurechtfinden!« sagte die Rottböl mißvergnügt. Sie hatte, während sie dem Gespräch angespannt lauschte, ihr Tuch umgebunden, das sie nachts um den Kopf trug. Die Enden des Knotens standen ihr vorn von der Stirn ab wie zwei kleine Hörner. Die Ingwersen ließ sich von ihrem Geschwätz nicht stören, sondern fuhr fort: »Und Rositta, Isidors Frau, sie ist eine Tochter von Fräulein Bettina, der jüngsten Tochter des Staatsrats, die den – den Polacken, den Grafen drüben aus Rußland, heiratete.« »Da sieht man Gottes Finger!« ertönte es von der Rottböl. Aber die Lurvadt fragte: »Aber, Ingwersen, wie hat nun Isidor Seemann heißen können, wenn sein Vater Jakobäussen hieß und Zeichenlehrer war?« »Weil der Staatsrat den Jungen von Egesborg wegschickte und ihn von dem Gutsbesitzer Seemann drüben auf Fünen adoptieren ließ, der mit einer weitläufigen Cousine des Staatsrats verheiratet war!« erklärte die Ingwersen und zog ihre Schlafsocken an. Die Rottböl bekam plötzlich einen lichten Augenblick und fragte voller Lebhaftigkeit: »War Fräulein Natalia Isidors Mutter?« »Ja, bei Gott im Himmel, sie war es,« sagte die Ingwersen fanatisch. »Dann begreife ich es wieder nicht ...!« erklärte die Rottböl. »Aber wo hat Isidor denn Rositta erwischt?« fragte die Lurvadt. »Draußen bei mir,« sagte die Ingwersen kurz. »Und jetzt wollen wir endlich zu Bett gehen.« Aber die Rottböl lächelte glücklich in die Luft hinaus und wiederholte: draußen bei mir ... mit einem seligen Ausdruck in ihren kleinen irrsinnigen Augen. Sie hatte die Manie, sich in manche Worte zu verlieben und sie immerfort zu wiederholen, sie auf den Kopf zu stellen und mit ihnen zu jonglieren. »So,« murmelte die Ingwersen wütend, »das können wir uns nun bis Neujahr anhören!« Aber die Lurvadt fragte unverdrossen: »Wissen Sie was davon, Ingwersen, daß Rosittas Mutter sich den Hals brach?« »Ja gewiß tat sie das.« »Wo hat sie ihn denn gebrochen?« »In so'n Ort, den sie Schweiz nennen.« »Was wollte sie da?« »Sie war mit dem Kammerdiener des Polacken dort hinuntergelaufen.« »Drau–raußen bei mir ...« ertönte es von der Rottböl. »Hat er ihn ihr gebrochen?« fragte die Lurvadt. »Nein, sie ist von einer Aussicht heruntergefallen.« »Ist sie gestorben?« »Können Sie sich vielleicht den Hals brechen, ohne zu sterben?« »Was wollte sie dort oben auf der Aussicht mit dem Kammerdiener?« »Sie wollte ihn wohl lieben ... Sie wollen ja in unserer Familie alle miteinander lieben ! ... Aber löschen Sie nun die Lampe aus, daß wir zur Ruhe kommen können!« Die Ingwersen stand auf und kroch in ihr Bett. Sie war in kurzem Hemde, grauer Unterjacke, Nachtmütze und langen schwarzen Wollsocken. Die Rottböl lag schon unter ihrer Bettdecke. Man sah weiter nichts von ihr als ihre lebhaften Augen und die kleinen Hörner des Nachttaschentuches. Draußen bei mir ...! flüsterte sie und rückte sich wohlbehaglich zurecht. »Drau–rau–außen bei mir.« »Lurvadt, puste!« kommandierte die Ingwersen wütend. Und die Lurvadt humpelte auf ihrem umwickelten Bein zur Kommode und löschte die Lampe aus. Dann krabbelte auch sie in die Klappe. »Aber sagen Sie mal, Ingwersen,« fragte sie bald darauf, »warum erbte Niels hier nicht Egesborg, als der Staatsrat starb?« »Weil der Polack und der Bankier ihm nicht ihr Geld anvertrauen wollten ...! Und jetzt wird geschlafen! Gute Nacht! Und schlaft gut, alle beide!« »Danke, gleichfalls,« sagte die Lurvadt. Aber die Rottböl hörte nichts. Sie lag in fröhliche Erinnerungen vertieft und summte ihr gewöhnliches Abendlied, das sie ihren Kindern vorgesummt, als diese noch klein und am Leben waren. Rase nur, Welle, und schäume, Sturm, magst tosen und schrei'n, In meiner Kinder Träume Dringt Ihr mir nimmermehr ein! »Draußen bei mir ...!« kicherte sie bald darauf glückselig und schlief ein. Mamsell Helmer hatte vom Verwalter Anders Jensen-Homo einen Stuhl geschenkt bekommen, einen Liegestuhl aus Mahagoni mit grasgrünem Plüsch überzogen und mit einer gestickten Rosenguirlande in der Mitte. Aber jedesmal, wenn der Verwalter sich später von der Dame benachteiligt fühlte, bemächtigte er sich des Geschenkes und versteckte es an den unglaublichsten Stellen, bis es einen schönen Tages, wenn das Paar sich wieder vertragen hatte, von neuem in ihrem Zimmer auftauchte. Dieses Manöver wiederholte sich einmal über das andere zum ungeteilten Vergnügen des Hofes. Und auch jetzt, als die Mamsell von ihrem Kopenhagener Ausflug zurückkehrte, sah sie, als sie ihr Zimmer betrat, daß der Stuhl fehlte. Sie hatte sich ja wohl diese Möglichkeit gedacht, hatte aber doch bis zum letzten Augenblick gehofft, daß der Verwalter endlich zur Vernunft gekommen wäre. »Hum!« sagte sie, »ist der Mensch nun doch hier drin gewesen!« Ihre Vertraute, die Leuteköchin Sörine, die mit dem Koffer vom Wagen draußen kam, konnte ein boshaftes Grienen nicht unterdrücken. »Hä, ja! er holte den Schmied und ließ die Tür aufbrechen!« »Der Schafskopf,« sagte die Mamsell. »Ob der nie zu Verstand kommen wird! ... Ist sonst was passiert?« »Nee.« »Die Frau ist nicht hier unten gewesen und hat geschnüffelt?« »Nee.« »Und die Mädels?« »Nee ...« Sörine hatte begonnen rings um ihre Herrschaft herumzugehen und sie von oben bis unten bewundernd zu mustern, und jetzt entfuhr es ihr: »Wie sieht die Mamsell doch schön aus in den Sachen!« »Ja ... Und jetzt soll das Schuften wieder losgehen.« Sörine schnüffelte in der Luft umher. »Und wie die Mamsell bloß riecht!« »Ja, .. Aber geh' nun an deine Arbeit; ich komme, wenn ich die Kleider gewechselt habe.« Sörine ging. Es war sechs Uhr. Bald Abendbrotzeit. Mamsell Helmer begann sich des Reisestaates zu entledigen. Sie nahm langsam, gleichsam widerstrebend, Stück für Stück von ihrem Körper ab, bis sie vollständig nackt dastand – groß, prachtvoll und blendend weiß. Sie schnüffelte in der Luft umher, wie vorher Sörine. All das Parfüm, mit dem er sie immer begoß ... Und nun sollte man hier umhergehen und nach Molken und Torfqualm riechen! Sie ordnete die Sachen sorgfältig und legte sie fort. Dann nahm sie ein Hemd aus grobem Flachsleinen und die andern Alltagskleider hervor ... Da klopfte es plötzlich hart an die Tür. »Hier wird niemand hereingelassen!« sagte sie, aber erschrocken war sie nicht. Die Tür wurde geöffnet und der Verwalter zeigte sich, groß, breitschultrig und schwarzbärtig. »Was willst du? Warte draußen, bis ich ein paar Kleider auf dem Leibe habe!« Aber er trat ganz ein, und den Schlüssel drehte er hinter sich im Schloß um. »Hach,« lachte sie höhnisch und begann ruhig ihr Hemd anzuziehen. Es entstand eine Pause. Sie blickten einander an wie zwei Katzen; selbst ihre Zähne konnte man sehen – und die großen roten Fäuste des Verwalters krümmten sich. Dann ging er dicht auf sie zu. Sie stand jetzt in Strümpfen und Unterrock. »Willst du schlagen?« fragte sie und hieb nach seinem Arm, der sich erhoben hatte. Er ließ den Arm sinken. »Nee ..« »Was willst du dann? ich glaubte, wir waren über alles im reinen? Was sollen die Narreteien mit dem Stuhl? Du machst uns beide zum Gelächter für die ganze Gegend. Ich bin doch nicht mehr deine Braut, darüber wurden wir ja gleich einig, als ich mit dem andern anfing: dir kann es also gleich sein, was ich tue, nicht? So hatten wir es doch ausgemacht, nicht?« »Aber daß du so mir vor der Nase mit ihm wegreistest, ohne mir etwas zu sagen!« »Was geht es dich an, was ich tue? Darf ich nicht machen was ich will? Hätte ich etwas gesagt, dann hättest du dich bloß verrückt angestellt.« Er stand mürbe und gedrückt vor ihr: »Und daß er mich so aus dem Ort schickte an dem Tage, sagte er. »Der ganze Hof hat gegrient, als ich nach Hause kam.« Sie lachte laut auf bei dem Gedanken. »Du hättest ja mitlachen können! Wenn wir keine Brautleute mehr sind!« »Daran glaubt doch keiner ...« »Das ist doch zum Donnerwetter dein Fehler! Nimm dir so lange eine Beischläferin und stopfe ihnen den Mund!« »Das ist nicht dem Ernst, Mathilde ...« Sie lachte und warf sich ihm plötzlich schwer an den Hals. »Nein, natürlich ist es nicht mein Ernst,« sagte sie und strich mit einer Hand an seinem Körper entlang. »Aber weshalb kannst du dich nun nicht vernünftig betragen. Herrgott, das Gerecke von Gutsbesitzer!« lachte sie roh. »Der kann wahrhaftig keinen Schaden anrichten! Und an dich denke ich doch immer! ... Und jetzt, wo er fort ist, kannst du ja kommen, so oft du willst, weißt du.« Er preßte sie an sich, daß er sie fast vom Boden aufhob. Aber sie machte sich los. »Geh' jetzt,« sagte sie, »und komm heute Abend wieder.« Er ging gehorsam zur Tür. Aber da packte sie ihn beim Arm. »Sieh her, Anders ...!« Sie nahm zwei Hundertkronenscheine aus ihrem Portemonaie. »Sieh her, was ich diesmal gekapert habe! Bringe sie auf die Sparkasse zu den anderen.« Sie zog eine Komodenschublade auf und holte ein Bankbuch hervor. Der Verwalter hatte schleunigst die Geldscheine ergriffen. Sein Gesicht bekam einen merkwürdig gierigen Ausdruck. »Jetzt sind es gerade viertausend und fünfhundert!« sagte er. »Ja, und wenn er nun zu Weihnachten nach Hause kommt, dann kündige ich zum Mai: das pflegt zu helfen.« Er wurde wieder unruhig. »Wollen wir uns nicht mit dem begnügen, was wir haben, Mathilde...?« »Unsinn! Wir müssen es doch wenigstens bis auf fünftausend bringen!« Er antwortete nicht, sondern stand und arbeitete nervös an der Türklinke herum, da er die Tür nicht aufbekommen konnte. »Du hast wohl vergessen, daß du den Schlüssel umgedreht hast,« neckte sie. »Wolltest du mich ermorden?« Er murmelte etwas Unverständliches und ging. »Den Stuhl!« rief sie ihm nach. »Vergiß nicht den Stuhl mitzubringen!« »Ja ...« ertönte es von draußen. »Wo hast du ihn denn? ... Na?« »Auf dem Heuboden.« ... Sie lachte, daß die Fensterscheiben sangen ... »Daß du deine fünf Sinne nicht beisammen halten kannst, Anders!« Frau Karen Uldahl, verheiratet mit Niels Uldahls jüngerem Bruder Franz, war das einzige Mitglied der Familie, dessen Herz der Frau Line verschlossen blieb ... Frau Karen war ein langes bleiches, glatthaariges Geschöpf von recht hübschem Gesicht, aber von hartem und kaltem Charakter. – Und ihre Ehe mit Franz sollte sie keineswegs sanfter stimmen. Die Ingwersen erzählte, daß der alte Staatsrat sie zuerst zur Tierbändigerin seines ältesten Sohnes ausersehen hatte. Aber als Niels von der Absicht seines Vaters hörte, erklärte er kurz und gut, er hätte sich nie etwas daraus gemacht, Entengerippe zu knabbern. Dann wurde das Mädchen auf Franz' Conto hinübertransportiert, der im ganzen ein frommeres und zugänglicheres Gemüt hatte, und der außerdem gerade damals matt und abgearbeitet von einer seiner berühmten Exkursionen nach Hause gekehrt und deshalb vollkommen widerstandsunfähig war. »Verheiratest du dich mit Karen Heinemann, so will ich dir noch einmal verzeihen,« sagte der Staatsrat zu ihm. »Heiratest du sie nicht, dann magst du, hol' mich der Teufel, sehen, wie du fertig wirst.« Und Franz, der groß und fett und erloschen auf einem Stuhl drinnen im Kontor auf Egesborg saß, nickte schlapp zu allem, was der Alte sagte und schrieb darauf nach Diktat ein einigermaßen glühendes Bewerbungsschreiben an die Dame. Und einen Monat darauf waren sie Eheleute und erhielten als Brautgeschenk eine Verschreibung auf das Gut Kragholm. »Jetzt mußt du dich um Franz bekümmern,« sagte der Staatsrat zur Braut, »ich habe wahrhaftig genug mit den andern zu tun.« Und Frau Karen zeigte sich im Laufe der Jahre dieser ihrer Mission gewachsen. Mit Franz Uldahls eigenartigen und berühmten Exzessen verhielt es sich folgendermaßen: Er konnte sich jahrelang, wie das hantierlichste und friedlichste Wesen betragen, das fröhlich und umgänglich seine Landmannsarbeit tat. Aber dann eines schönen Tages fuhr der Teufel in ihn, und er verließ Hof und Heim und trieb sich mit allerhand Pack und Auswurf beiderlei Geschlechts im Lande umher und kam erst nach ein oder zwei Monaten nach Hause geschlichen, fast ohne Kleider auf dem Leibe und in einem geistigen und körperlichen Zustande, der ihn auf lange Zeit zu jeder menschlichen Beschäftigung unfähig machte. – Man fand ihn gewöhnlich morgens steifgefroren auf einem Grabenrande in der Nähe des Hofes sitzen oder halbtot unten zwischen den Heuschobern liegen. Und er wurde dann in sein Bett hineingetragen und gewaschen und gereinigt und geputzt und gepflegt, bis er nach Verlauf vieler Wochen wieder so weit restituiert war, daß er sich unter Menschen zeigen konnte. – In der Zwischenzeit ergoß sich ein Strom unbezahlter Rechnungen aus allen Schenken und Kneipen des Landes über Egesborg. Der Staatsrat bezahlte sie die ersten Male pflichtschuldigst. Als aber nach einer solchen Tournee sogar Forderungen aus ganz entfernten Gegenden wie Holstein, Lauenburg und Dittmarschen einliefen, riß dem alten Herrn die Geduld und er schwur seinen Lieblingseid und sagte: Will er heraus, dann soll er, hole mich Seine schwarze Majestät, auch heraus kommen. Worauf er den Sohn auf einem Frachtdampfer nach Tasmania oder van Dimensland schickte. Aber nach sieben Monaten retournierte Franz wieder zum väterlichen Hof, von Heimweh erfüllt, nackt bis zum Gürtel. Diese Spritztour kostete dem Staatsrat runde 8000 Kronen und er spekulierte von nun an nur darauf, die Verantwortung von sich abzuwälzen und den Sohn energisch zu verheiraten. Was also endlich geglückt war.   Frau Franz Uldahls Haß auf Frau Line schrieb sich zunächst und vornehmlich daher, daß es ihr geglückt war, Niels dermaßen an sich zu fesseln und zu binden, daß er sie zu seiner Gattin und dadurch, was alle damals vermuteten, zur Herrscherin des Familiengutes machte, während Karen selbst sich damit begnügen mußte, auf einem Filialgut zu residieren. Und dazu kam noch ferner, daß Frau Line, sobald sie den Schwiegereltern vorgestellt worden war, diese völlig für sich gewann und die andere von dem Platz verdrängte, den sie bisher unbestritten als vertraute Ratgeberin und Vermittlerin zwischen den beiden Alten eingenommen hatte. Der Staatsrat und seine Frau hatten nämlich seit undenkbaren Zeiten in einer Art von bewaffneter Neutralität gelebt, hervorgerufen von seiner Schürzenjägerei und ihrer Kreolinnen-Eifersucht. (Sie war in Spanisch-Amerika geboren.) Sie wohnten in der ganzen letzten Hälfte ihrer Ehe jeder in einer besonderen Etage des Hauptgebäudes auf Egesborg, wie Niels und Line jetzt auf Havslundegaard. Und die Reichsarchiveuse Ingwersen berichtete, daß die beiden, wenn sie sich zufällig auf Treppen und Gängen trafen, sich geradezu die Zunge zeigen und aufeinander losfahren konnten, daß sie und der Diener herzueilen und sie trennen und jeden hinter seine Tür transportieren mußten ... Statt nun als Friedensstifterin zu wirken, hatte Frau Karen, sobald sie festen Fuß auf Egesborg gefaßt, im Gegenteil ihren Vorteil darin gesehen, diese beiden jähzornigen alten Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Einschmeichelnd und katzenfreundlich, wie sie sein konnte, wußte sie sich bei ihnen lieb Kind zu machen, tadelte ihn, wenn sie mit ihr sprach und umgekehrt. Und sie brachte es zuletzt dahin, daß die beiden es nicht einmal ertragen konnten, einander nennen zu hören. Und gleichzeitig ließ sie sich von ihnen beiden Geschenke und Bestechungsgelder für ihre aufopfernde und uneigennützige Handlungsweise aufdrängen. Aber da kam Frau Line und verdarb ihr diese einbringenden Transaktionen vollständig. Sie wandte nämlich in ihrer naiven Gradlinigkeit eine ganz entgegengesetzte Methode den Schwiegereltern gegenüber an, indem sie milde und sanftmütig alles tat, um eine Versöhnung zwischen ihnen zustande zu bringen. Und es glückte ihr wirklich auch zum Teil, indem die Alten allerdings stets für sich wohnen blieben, aber doch in ihren letzten Lebensjahren einander passieren konnten, ohne hörbar zu zischen und die Mahlzeiten gemeinsam einnehmen konnten, ohne einander Eierschalen und Heringsgräten an den Kopf zu werfen. Aber ein Übergewicht hatte Frau Karen über Frau Line. Sie blieb kinderlos und konnte so besser über ihre Zeit disponieren und von Hause fern sein, und als der alte Staatsrat krank wurde und sterben mußte, konnte sie sich deshalb völlig für ihn opfern, wie es heißt. Sie fuhr augenblicklich nach Egesborg und blieb bei ihm und pflegte ihn so sorglich, daß sie, als er endlich heimgegangen war, ein Papier mit seiner Unterschrift vorzeigen konnte, des Inhalts, daß er ihr und Franz die 75 000 Kronen, die von ihm als zweite Hypothek auf ihrem Hofe standen, gutgeschrieben hatte. Die Staatsrätin überlebte ihren Mann nur ein halbes Jahr. Auch ihre letzten Stunden wurden von Frau Karens geschäftigen Händen gelindert. Und der Ingwersen zufolge war die alte Dame kaum in ihren Laken kalt geworden, als die sorgliche Schwiegertochter ihre Schubfächer und Behälter mit großer Aufmerksamkeit und reicher Ausbeute zu ordnen begann ... Beim Begräbnis der Staatsrätin fanden sich die beiden ausländischen Schwager im eigenen und in ihrer Kinder Namen ein. Und schon eine Stunde nachdem die Schollen auf den Sarg gefallen, stand die Luft um das Trauergefolge herum in Flammen. Niels wollte sich, als der Älteste, nun in den Besitz des Stammgutes setzen. »Nicht ehe du uns unser Erbteil ausgezahlt hast!« sagten die anderen. »Wollt ihr mich ruinieren?« schrie Niels. Und der Bankier sprach französisch, der Graf polnisch, Niels und Frau Karen dänisch, und es war keine Einigung zu erzielen. Franz und Frau Line gingen jeder aus seiner Tür ihrer Wege hinab in den Garten, wo sie sich begegneten und sehr friedlich miteinander sprachen. Das Ende des ganzen Erbschaftskrawalls war, daß Egesborg verkauft wurde und die vier Erben jeder mit einer reichlichen halben Million in der Tasche heimwärts zogen. Worauf Niels Thorsminde verkaufte und Havslundegaard erwarb, das einige hundert Tonnen Land größer war. Das Gut war ein sogenannter Pleitehof. Die beiden letzten Besitzer hatten aus Mangel an Subsistenzmitteln Selbstmord begangen. Aber Niels hatte ja Geld genug und ließ einen Turm auf den Hauptflügel setzen – nun hatte er doch etwas, wovon er herabspringen konnte, sagte man in der Umgegend. Und hier in Havslunde hinein zog also Niels Uldahl mit seiner Frau und seinen Kindern; während er gleichzeitig auf das Kräftigste verbot, daß in seiner Umgebung jemals das Wort Egesborg genannt würde – – umsomehr, als der Hof von einem steinreichen Bauern und Pferdehändler namens Sören Knudsen gekauft worden war. Es schnitt Frau Karen in das sensible Herz, zu sehen, wie ausgezeichnet Niels und Line stets miteinander auskamen; denn sie selbst lebte Jahr für Jahr in einer peinlichen Unsicherheit mit ihrem Franz. Man konnte sich nie auf ihn verlassen. Mitten im Besten, wenn er dick und gutmütig Vertrauen einzuflößen begann, rückte er aus. Er hatte in der Zeit seiner Ehe schon an die sechs bis sieben Blitztournéen unternommen; und zwar nicht nur in seinem Vaterlande, sondern auch in den Bruderreichen Norwegen und Schweden. Und jedesmal war er miserabel zurückgekehrt, beschämt, schlapp, stumpf und mittellos. Er glich, wenn er von diesen Lustreisen zurückkehrte, einem großen, alten, betrübten Affen, der, von seinen Ursehnsüchten getrieben, aus dem Käfig ausgebrochen, aber im Gebrauch der Freiheit ungeübt, zum Gefängnis, den Ketten, – und dem Futter zurückgekehrt war. Aber klug wie sie war, faßte Frau Karen diese kleinen Unregelmäßigkeiten auf die einzig richtige Weise auf. Sie schalt nicht, spektakelte nicht, sondern kleidete sich in Halbtrauer, nahm eine sanfte und leidende Maske an, und erklärte, es solle die vornehmste Aufgabe ihres Lebens sein, die schwere Prüfung zu erleichtern, die auf die Schultern ihres geliebten Mannes gelegt worden war. – Und allmählich glückte es ihr wirklich auch, sie in dem Grade zu erleichtern, daß sie ihn milde und liebevoll der Verwaltung des Hofes und des Vermögens enthob und auf ein spärliches Taschengeld setzte. Da kam der Bruch zwischen Niels und Line. Mit Jubel im Herzen legte Frau Karen jetzt Ganztrauer an und erklärte mit betauten Augen, dieses Unglück sei ihr weit schwerer zu tragen, als ihr eigenes, denn sie hätte ihren Schwager und ihre Schwägerin stets geliebt und zu ihnen aufgeblickt infolge ihres musterhaften Zusammenlebens. Es war für sie wie ein Stern in der Wüste des Lebens gewesen. Und sie ließ anspannen und fuhr vier Meilen nach Havslundegaard, um zu trösten. Aber sie kehrte pfauchend zurück. Frau Line hatte sich nicht gezeigt. »Die Herrschaft ist krank,« hatte der Diener Jürgen gesagt. Und diese Krankheit hatte die Freundschaft zwischen den Schwägerinnen noch mehr befestigt.... 12. 11. »Uff, ich bin so wütend heute, lieber Isidor, daß ich Kopfschmerzen und Übelkeit habe. Und weißt du weshalb? Weil Vater wieder Mutter einen Brief gesandt hat, in dem er sie »Hochgeehrte Frau Line Uldahl« nennt, und er »Sie« zu ihr sagt und »wenn die gnädige Frau die Güte haben wollen!« Er ist ein richtiger alter Affe, ja; und ich glaube durchaus nicht, daß du Recht hast mit dem, was du Donnerstag behauptetest, als wir unser reizendes Gespräch im Kabinett hatten, daß er ein unglücklicher Mensch ist. Er ist böse, ja, das ist er. Und wichtigtuerisch und geziert, und ich an Mutters Stelle würde ihm seine Briefe ungeöffnet zurückschicken. Aber kannst Du Dir denken, sie lächelt bloß darüber und sagt: »Ach du lieber Gott, wenn ihm das Spaß macht!« Und die Schwestern lachen mit. Aber ich bin immer nahe daran, eine Fontaine zu fabrizieren, wie Du es nennst, bloß aus Wut, denn ich finde, es ist geradezu einer Frau unwürdig, sich so behandeln zu lassen. Weißt Du, wozu ich die größte Lust hätte, Vetter Isidor? Ich hätte die größte Lust nach Kopenhagen zu reisen und in den Reichstag hinauf zu gehen, und eine lange Rede über Vater zu halten; aber vielleicht sind sie alle miteinander solche Duckmäuser da oben, und dann nützte es ja nichts. Du hast wohl schon in den Blättern gelesen, wie er da drinnen gelobt und in die Wolken gehoben wird? Und bei Gott im Himmel, willst du mir glauben, daß Mutter jedesmal hier umhergeht und stolz darauf ist, bei Gott ! Es ist nun wahr, daß etwas niedriges und hundeartiges an uns Frauen ist, bloß weil es nun ihr Mann ist, da findet sie gleich, daß es großartig ist, obwohl sie sehr gut weiß, daß es ihm mit keinem Wort von alle dem Ernst ist, was er da über die Bauern von sich gibt; er haßt sie geradezu, das habe ich doch so oft gehört. Du hast es ja selbst gehört, wenn er hier zu Hause bei den Mittagsgesellschaften losbullerte. Ich möchte mich beinahe brechen! Aber ich bin ja auch nur ein feiges Weib; statt mich zu erheben und allen Gästen zu erzählen, wie erbärmlich und niedrig er ist; und willst Du mir glauben, daß Mutter am wütendsten sein würde, wenn ich es täte? So sind wir erbärmlichen schwachen Frauen und ich kann es sehr wohl begreifen, daß Ihr, Du und andere richtige Männer, uns oft tief verachten müßt. Ach, wie wünschte ich doch, daß ich so ein Weib wäre wie Charlotte Corday oder die Jungfrau von Orleans, denn dann würde ich Euch etwas anderes zeigen! Und willst Du mir glauben, Vetter Isidor, wenn ich Dir sage, inwendig bin ich so eine; aber wenn ich dann handeln soll, dann werde ich bloß kalt am ganzen Leibe und schwitze und kann nicht; aber ich habe oft, oftmals geträumt, daß ich so ein stolzes Weib wäre, nicht wenn ich schlafe, weißt Du, sondern wenn ich mit Türk spazieren gehe oder unten in meinem Hause sitze oder draußen im Walde liege! Und da sage ich Vater ordentlich Bescheid und er bereut sein ganzes schlechtes Betragen und jagt Mamsell Helmer und die anderen garstigen Frauenzimmer fort und bereut das Ganze und wird mit Mutter wieder gut Freund; und wir gewinnen ihn alle miteinander so furchtbar lieb, daß es ein großes Glück für uns wird, hier auf Havslundegaard dem schönsten Hofe auf der ganzen Welt, zu leben. Ach, kleiner, guter, süßer, lieber Vetter Isidor, wenn man doch immer träumen könnte, denn man wird so schrecklich traurig, wenn man erwacht und daran denken muß, wie es in Wirklichkeit ist. Ich wünschte beinahe, ich wäre wie die arme Mamsell Rottböl! Aber nun will ich für heute schließen und verzeih', daß ich soviel von mir gesprochen habe. Dein bis in den Tod S. Kannst Du Dir denken, daß gestern das reizendste isländische Pferdchen angekommen ist, von Vater? Es ist so zottig an den Beinen, daß es aussieht, als ob es Hosen anhatte. Es ist furchtbar süß! Die Mädels sind entzückt und haben es schon »Michel« genannt. Aber ich rühre es nicht an, natürlich, ich nehme keine Bestechungen an! Denn weißt Du, weshalb er es schickt? Natürlich weil er jetzt bald zu Weihnachten nach Hause kommt. Ich kenne ihn!   Isidor Seemann war also (dem Abendgespräch der »Asyle« zufolge) ein Sohn von Natalia Uldahl und dem Zeichen- und Turnlehrer am Gymnasium der Nachbarstadt, Hans Jacobaeussen. Die Verbindung wurde auf einem Bürger-Vereinsball geschlossen. Aber als das Resultat sichtbar wurde, ging der alte Staatsrat in das Schulgebäude und prügelte angesichts sämtlicher Schüler Herrn Jacobaeussen mit seinem Stock durch. Und es endigte damit, daß der tüchtige Gymnastiker seinen Koffer packen und verschwinden mußte, während der Staatsrat zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Nachdem sie bezahlt war, ging dieser selbe energische Greis zu dem damaligen offiziellen Verlobten des Fräuleins, dem Gutsbesitzer Ole Brandt auf Svendstrup und bewog ihn quand meme unter dem Versprechen augenblicklicher Scheidung dazu, sich mit dem Mädchen trauen zu lassen. Worauf Ole und Natalie einander im Eßzimmer zu Egesborg ehelichten und sich unmittelbar darauf im Kontor scheiden ließen. Vier Monate später brachte Frau Brandt einen jungen Jacobaeussen zur Welt, und nachdem der Staatsrat den Knaben einer kinderlosen Halbkousine von sich geschenkt hatte, die mit dem Besitzer eines kleineren Gutes, Seemann auf Maglegaard bei Faaborg, verheiratet war, machte er selbst mit Frau und Töchtern eine zweimonatliche Erholungsreise nach der Riviera ... Hier an dieser märchenhaften Küste wurde Fräulein Natalia mit einem jüdischen Bankier aus Paris verheiratet. Und Fräulein Bettina wurde an demselben Orte von einem polnischen Grafen heimgeführt. Nach welchen Erfolgen Staatsrats erleichterten Herzens heimkehrten. Natalia starb ein paar Jahre darauf den Strohtod in ihrem Palais in den Champs Elysees, einen ehelich geborenen Sohn hinterlassend, während Bettina, nachdem sie die Tochter Rositta zur Welt gebracht, wie schon die Ingwersen erzählt hatte, von einer Aussicht in der Schweiz herabfiel, wo sie sich auf einer Vergnügungsreise mit dem Kammerdiener ihres Mannes aufgehalten, und den Hals brach. Und jetzt waren Staatsrats also nur noch die beiden Söhne geblieben. Was vielleicht auch vollauf genug sein konnte. Der kleine Isidor war während all dieser Begebenheiten von Seemann adoptiert worden und wuchs auf dem stillen und friedlichen fünenschen Hof auf. Als er Student geworden und in der Hauptstadt weiter studieren mußte, verkauften die Pflegeeltern den Hof und gingen mit ihm; so unentbehrlich war er ihnen geworden. Und nachdem er später seine juristischen Beamtenprüfungen bestanden hatte und als Vorsteher im Bureau des Landratsamtes des Kreises von Havslunde und Söby angestellt worden war, zogen sie mit ihm auch hier hinüber... Aber da geschah es, daß Isidor einst bei einem Besuch auf Havslundegaard seine polnische Cousine Rositta traf. Die beiden Verwandten fanden sofort viel Gefallen aneinander, besonders weil sie stundenlang zusammensitzen und schweigen und doch tiefe Freude an ihrer Gesellschaft empfinden konnten. Deshalb beschlossen sie nach ein paar stummen Begegnungen sich nicht mehr zu trennen, verheirateten sich und bauten ein Haus nach ihren Köpfen, nämlich so, daß jeder von ihnen seine eigene Wohnung bekam und nur das Speisezimmer gemeinsam war. – Und nun waren sie neun Jahre verheiratet mit einer Ausbeute von zwei Söhnen von acht beziehungsweise sechs Jahren.... Anfangs war der alten Frau Seemann bei der Verlobung und Heirat des Sohnes garnicht wohl zu Mute gewesen. Sie glaubte, er würde seine Eltern vergessen und seine Frau wäre seiner nicht würdig; aus welchem Grunde sie viele Tränen des Kummers vergoß. Aber als sie allmählich Frau Rositta genauer kennen lernte, und entdeckte, welch liebenswürdiges und vernünftiges Frauchen sie war, freute sie sich in ihrem Herzen und schloß dankbar die Schwiegertochter in ihre abendlichen Gebete ein: Dank, lieber Herrgott, sagte sie, daß du uns zwei kinderlosen alten Menschen jetzt zwei Kinder gegeben hast, und entschuldige, daß ich mit dir ins Gericht gegangen bin ... Und als sie später auf dieselbe bequeme Façon sogar Großmutter wurde, weinte sie bitterlich vor Freude. »Ja, du hast nun immer das Wasser schnell bei der Hand gehabt, Mutter!« sagte der alte Seemann. »Aber das ist nun dein Vergnügen!« Und die Frau lachte und packte ihn um beide Schultern und rüttelte ihn nachdrücklich: »Du bist ein reguläres Stück Holz, Vater!« »Was sagst du, Mutter?« Herr Seemann genoß außer seinem gleichmäßigen Gemüt auch das Glück, mit den Jahren tüchtig schwerhörig geworden zu sein. »Ich sage, daß du ein reguläres Stück Holz bist!« »So, das sagst du ... Ja einer muß es doch sein!..« Die Alten hatten stets das Junggesellen-Zimmer des Sohnes unberührt stehen. Im Winter sogar geheizt. Und jeden Tag, wenn der »Herr Amtsrichter« sein Bureau verließ, besuchte er sie. Er und Frau Seemann saßen dann gewöhnlich auf einem Ecksofa im »Zimmer« und sprachen »von früher«. Vater Seemann dagegen nahm selten an diesen Plauderstunden teil. Er hielt sich mit seinen Zeitungen in der Wohnstube nebenan auf. Aber alle Augenblicke mußte Frau Seemann vom Sofa auf und zu ihm hinein und fragen, wenn es sich um irgend etwas aus der Vergangenheit handelte, womit die beiden anderen nicht zurechtkommen konnten. Sie schrie ihm dann in das gute Ohr: »Hör' mal, Vater, war es Niels Hansen, der unsere Droschke kaufte? Du weißt schon ... oder war es Rasmus Paulsen?« Der Alte lugte mit seinen kleinen Tränensack-Augen schelmisch über die Brille hervor: »Redet Ihr jetzt von der Droschke, Mutter?« sagte er. »Ja Ihr habt viel zu tun! Rasmus Paulsen hat sie gekauft ... Ihr Frauenzimmer könnt auch nichts behalten!« Dann tauchte er wieder in den Zeitungen unter, und die Frau ging zum Sofa zurück ... So wurde in der Familie Seemann die Kontinuität des Lebens gewahrt. Isidor hatte zu Hause in seiner Mappe manch eine muntere Illustration zu diesem Repetitions-Kursus. – –   Onkel Joachim war krank. Die Familie auf Havslundegaard hatte keine direkte Mitteilung darüber erhalten. Das Gerücht war nur durch den Post-Ole zu ihnen gedrungen. Aber an dem Tage, als sie es erfuhren, bat Frau Line ihre Mädchen, hinüberzufahren und nach dem Patienten zu sehen. »Onkel ist sehr krank,« sagte sie, »es ist Gefahr im Verzuge. Ich habe es in den Karten gesehen.« »Willst du nicht selbst mit, Mutter?« »Nein, Sophiechen, das wißt ihr, ich bleibe am liebsten zu Hause ... und besonders in solchem Sturm.« »Mutter, du solltest einmal deine Karten befragen, ob es dir gut tut, immer zu Hause zu sitzen und aufzuquellen.« Fräulein Frederikke sagte diese Worte. Frau Line schlug lächelnd nach ihr. »Pfui, du schlechtes Mädel, die eigene Mutter zum Narren zu machen!« »Ja, aber Frederikke hat recht,« sagte Anna, »du sitzest allzuviel still, Mutter!« »Mutter sieht bald aus wie Madame Naerup,« nickte Charlotte. Madame Naerup war die unförmliche Geburtshelferin des Kirchspiels.) »Mutter ist wunderschön,« sagte Fräulein Sophie und blickte Frau Line verliebt an. »Mutter sieht aus wie eine Königin-Witwe.« »Mit Doppelkinn!« ergänzte Frederikke und verzog sich aus der Schußlinie ... Aber richtig war es, daß in den letzten Jahren etwas Breites und Matronenhaftes über Frau Line Uldahl gekommen war. Ihre lange bewahrte mädchenhafte Schlankheit war verschwunden. Aber schön war sie wie immer mit ihrem aschblonden Haar und der schwarzen Samthaube. Und sie bewegte ihren Körper mit einer Haltung und einem ruhigen Anstande, daß alle anderen Frauen, die in ihre Nähe kamen, klein und unbedeutend aussahen. »Kommst du nicht mit, Mutter?« »Nein, Sophiechen ... und es ist auch kein Platz.« »Doch, ich kann ja auf dem Bock sitzen!« »Nein, da kommt Türk hin, sonst geht er den ganzen Nachmittag hier herum und heult. – Dann telephoniere ich also nach Ravnsholt und frage, ob Onkel euch haben will ...« Und das tat sie. Und Joachim antwortete persönlich von seinem Bett aus, daß er sich freue, den »Vierklee« zu sehen. So ganz des Todes war er also nicht, wenn auch seine Stimme etwas weniger polternd geklungen hatte, als sonst.   Die Fahrt nach Ravnsholt ging in dem kleinen Char-à-banc vor sich. Seit Mamsell Helmers Kopenhagener Reise benutzte keine von den Damen des Hofes gutwillig den Landauer. Und die alte geschlossene Karosse, das »Fliegenspind« benannt, aus der Zeit des Staatsrats, war zu schwer für die Wege. Die Fräuleins saßen hinten im Wagen in Shawls und Pelzwerk gehüllt, denn der Wind hatte sich zu einem halben Sturm erhoben. Und vorn auf dem Bock saß Türk, der groß und mächtig hoch über den Kopf des Kutschers emporragte. Es wurde während der Fahrt nicht viel gesprochen; man hatte genug zu tun, die Shawls zusammenzuhalten. Nur ab und zu, wenn der Wind besonders bösartig war, wandte Lars sich von seinem Vordersitz um und rief: »Friert ihr, Fräuleins?« Worauf regelmäßig eines der jungen Mädchen heulte: »Nei–ei–ein ...!«   Vor dem »Familienhause« standen Spat-Marie und Maren Ohrwurm und flogen im Winde. »Da sind die vom Hofe!« sagte Marie, »sieh mal den Türk!« Sie und Maren hatten das Mädchen Alexandra im Schutze des Giebels umhergetragen. Der Wechselbalg sollte möglichst alle Tage ein paar Mal an die Luft, wie das Wetter auch sei, hatte der Doktor gesagt, und jetzt saß es in seinem Stuhl in Decken und Tücher gehüllt. Man sah weiter nichts von ihm als ihr fürchterliches Untergesicht, dessen verlängerte Kieferpartie einer Schweineschnauze glich. »Taa–ach...!« grüßten die Frauen demütig, als der Wagen vorüberrollte, aber bald darauf fügte die Spat-Marie leise hinzu: »Einer herauf, der andere herunter! Da fahren die und da sitzt sie!« Die Fräuleins erwiderten den Gruß mit freundlichem Nicken. Aber als der Wagen ein Stück vom Hause entfernt war, ertönte es plötzlich von Frederikke: »Wem von uns sieht sie wohl am meisten ähnlich?« Da brachen alle vier in ein merkwürdig forciertes Gelächter aus; und Fräulein Sophie sagte schnell: »Wir sagen Mutter nichts davon, daß wir sie gesehen haben!« Und dann verschwand das Haus hinter dem Mühlenhügel. Als der Char-à-banc ein Stück auf die Landstraße hinausgekommen war, wandte Lars sich plötzlich um: »Da kommen Hofjägermeisters, Fräuleins!« Und unmittelbar darauf hielten zwei Reiter, ein Herr und eine Dame, gefolgt von einer Meute kläffender Hunde ihre Pferde an, jeder auf einer Seite des Fahrzeuges Posten fassend, das gleichfalls stehen blieb. Es waren ganz richtig Hofjägermeisters, Palle Uldahl auf Hvidgaard und Frau. Er war ein blonder Riese mit einem gewaltigen Vollbart, der ihm bis tief auf die Brust hinabreichte. Sie groß, schlank, fast mager, mit sprühendem schwarzem Haar und kleinen goldlackbraunen sehnsüchtigen Augen. Dazu hatte sie sich stark geschminkt und ihre Lippen waren schmal und blutrot. Fräulein Sophie hatte einmal von ihr gesagt, daß sie »schicksalsschwanger« aussehe. »Was Teufel, Mädels, seid ihr auch in dem Wetter draußen?« rief der Hofjägermeister. »Wir konnten euch an Türk erkennen«! lachte seine Frau. Die Fräuleins kamen aus den Shawls hervor. »Guten Tag, Onkel Palle! Guten Tag, Tante Mona! Ja, wir sind es wirklich!« »Guten Tag, guten Tag, Göhren!« Der Hofjägermeister schwenkte die Hand, »wollt Ihr nach Ravnsholt? ... Willst du stehen!« donnerte er in demselben Augenblick dem Pferde zu und zog die Zügel an, daß das Tier sich aufbäumte. – »Wir sind vorhin der Kragholmer Kutsche begegnet mit Frau Karen. Sie fuhr, als hätte sie Feuer im Hintern!« »Ist Tante Karen auch ...?« »Ja–h! Alle Testamentsjäger sind auf dem Kriegspfade. Aber der Alte will uns nicht vor Augen sehen ... Das ist doch ein verfluchter Wind! ... Aber so haltet doch das Maul, Hunde ...! Er hat seine Tür zugeschlossen, der Ohm Joachim, und Madame Pompadour geborene Henriksen als Wachtposten draußen aufgestellt. Wir sind nicht hereingekommen und ihr andern werdet es auch nicht!« »Doch, Onkel hat selbst ...« begann Fräulein Anna. Aber ehe sie ausgesprochen hatte, unternahm der Hofjägermeister einen plötzlichen Choc gegen die Hunde, die kläffend und bellend um den Wagen herumjagten, wo ihnen Türk vom Bock aus mit seinem Tonnenbaß sekundierte. »Das Wetter soll in euch hineinfahren!« donnerte er und schlug mit seiner Reitpeitsche zwischen die Tiere, daß sie sich heulend nach allen Seiten zerstreuten. »Man kann ja keinen Ton hören! ... Komm jetzt, Mona! Der Bart fliegt mir davon!« rief er dann weiter, als in demselben Augenblick ein Windstoß ihn zu zerfetzen begann. »Hier ist es nicht zum Aushalten ...! Adieu, Mädels! und viel Glück! Ja wir sehen euch wohl nicht auf Hvidgaard, ehe wir sterben? Aber da gibt's nichts zu holen, denn wir fressen alles auf! ... Komm jetzt, Mona!« Es war der Hofjägermeisterin unmöglich gewesen, ihr Pferd zur Ruhe zu bringen. Der Sturm und die Hunde machten es nervös, und es hatte getanzt und gestampft und geprustet, daß ihr Reitanzug ganz von weißen Schaumspritzern besät war. – Jetzt schwenkte sie lächelnd die Hand zum Abschied und setzte im Galopp ihrem Manne nach, gefolgt von der kläffenden und lärmenden Meute. »Adieu, adieu! Und grüßt mir die wunderschöne Frau Line!« Fräulein Sophie blickte ihr nach. »Tante Mona ist nun eben großartig,« sagte sie entschieden, – »und da mögt ihr andern sagen, was ihr wollt!« »Ja aber, Herrgott, Mädel,« lachte Frederikke, »wir haben ja keinen Ton gesagt!« Es kam ein brüllender Windstoß, und die Fräuleins verschwanden hinter ihren Shawls.... Bald darauf lugte Fräulein Sophie wieder hervor. »Da liegt Egesborg,« sagte sie und deutete über die Felder auf ein großes weißes viereckiges Gebäude, zu dem eine Allee alter verwitterter und halb eingegangener Eichbäume führte. »Ja,« sagte Anna, die den Hof zur Zeit der Großeltern besucht hatte, »da war's wundervoll! Was für Stuben! Und welch' eine Aussicht von den Gesellschaftsräumen im ersten Stock!« »Und jetzt wohnen wir auf einem Pleitehof!« sagte Fräulein Charlotte. »Ja, wir sind eben alle dem Herrgott eine Pleite schuldig!« sagte Fräulein Frederikke. Aber Fräulein Sophie verkroch sich in ihren Shawl und seufzte. Als der Char-à-banc auf den Ravnsholter Boden einrollte, fuhr ein geschlossener Wagen an ihnen vorbei, der gerade das Gut verließ. »Das war der Kragholmer!« meldete Lars vom Bock her. »Ich habe die Frau drin gesehen.« Madame Henriksen (vom Hofjägermeister die Pompadour genannt) hieß die große, schweigsame Bauerfrau, die gegen 30 Jahre lang Onkel Joachims Haushälterin gewesen war. Sie war zum Hofe gekommen, als sie 25 bis 26 Jahre alt war, hatte ihm das Haus zur vollen Zufriedenheit geführt und hin und wieder ein Kind mit ihm bekommen, im ganzen vier. Aber sie waren alle kurz nach der Geburt gestorben und zwei von ihnen waren ebenso scheußliche und unheimliche Mißgeburten gewesen wie Niels Uldahls und Spat-Maries Alexandra. Aber Madame Henriksen selbst hatte aus der Zeit ihrer Ehe drei wohlgebaute Söhne, drei schweigsame, zuverlässige und arbeitsame Menschen wie die Mutter. Jetzt dienten sie alle auf Ravnsholt in verschiedenen Stellungen, aßen und schliefen zusammen mit anderen Knechten und standen mit dem Hut in der Hand, wenn sie mit dem Gutsbesitzer sprachen. Aber er konnte sie gut leiden und zeichnete sie in mancherlei Art aus, ihrer selbst sowie ihrer Mutter wegen. – – – – Als der Wagen mit Türk und den jungen Damen vor der Haupttreppe Halt machte, kam Madame Henriksen in der Tür zum Vorschein. »Aber, mein Gott und Vater, seht den Hund an!« sagte sie und vergaß vollständig, die Damen zu begrüßen. »Hat er bei dem Wetter während des ganzen Weges da oben gesessen?« »Ja.« »Das ist Sünde von euch ...!« »Ach, er ist ja gut angezogen!« »Wie geht es mit Onkel?« »Ja–a–e, ...! Aber laßt doch den Hund hinunter und ins Warme kommen.« »Madame Henriksen denkt gar nicht an uns andere!« lachte Frederikke. »Na–e, die Menschen helfen sich schon!« Fräulein Sophie pfiff Türk von seinem Sitz herunter. »Das Kontor ist geheizt, wenn ihn das Fräulein da hinein bringen will ...« »Dürfen wir anderen auch mitkommen?« »Ja, bitte...« Madame Henriksen öffnete die Tür zum Kontor. – Es war ein kahler, großer Raum mit sandbestreutem Fußboden, einfachen Holzmöbeln und einem kleinen, schmierigen Wachstuch-Sofa; in einer Ecke bullerte ein eiserner Ofen. Vor dem Fenster hing nur eine Quergardine. »Wie geht's Onkel?« fragte Fräulein Anna. »Naa–a–e ....« »Dürfen wir zu ihm hinein?« »Ja, die Fräuleins sind doch bestellt... Aber jetzt will ich den Kaffee holen. Und der Hund kann eine Schüssel Milch bekommen.« »Der will viel lieber Kaffee haben, Madame Henriksen!« Die Augen der Madame wuchsen: »Trinkt er Kaffee?« »Ja ...« lachte Sophie. »Und dann soll ich vom Herrn Gutsbesitzer grüßen, und da auf dem Brett ständen Zigarren!« »Danke ...« Plötzlich rundeten sich die Augen der Frau infolge eines neuen geistesverwirrenden Gedankens: » Raucht er vielleicht auch, der Hund?« Die Mädchen brachen in ein Gelächter aus. »Nein, nein, nein!« »Ja man konnte es ja nicht wissen, wenn ihr anderen es tut ... aber das nimmt ein schlimmes Ende mit dem Rauchen – Tabak ist was für Männer!« »Vaters Schwestern rauchten ja auch...« meinte Frederikke. »Ja aber, was hat es da auch für ein Ende genommen!« sagte die Pompadour. »Aber jetzt gehe ich hinaus nach dem Kaffee.« Als der Kaffee getrunken war, führte Madame Henriksen die jungen Damen durch zwei eiskalte saalartige Wohnstuben, wo die sparsamen Mahagoni-Möbel steif an den Wänden standen, und wo man auf schmalen »Läufern« im Gänsemarsch vorwärts balancieren mußte. Fräulein Charlotte faßte Mut und fragte: »Weshalb wurden die Kragholmer und die von Hvidgaard nicht zu Onkel hineingelassen, Madame Henriksen?« »Weil der Herr Gutsbesitzer sie nicht sehen wollte,« hieß es kurz. »Und die Fräuleins müssen auch lieber nicht so lange drinnen bleiben; der Herr Gutsbesitzer verträgt es nicht.« Von den Wohnstuben gelangte man durch das Speisezimmer in einen langen düsteren Korridor mit vielen Türen hinaus. Auf einer Bastmatte vor einer von ihnen lag Rinaldo, Onkel Joachims alter Hühnerhund. Er war so alt, daß man keinen Laut hörte, wenn er kläffte. »Hier müssen wir hinein,« sagte die Henriksen und strich dem Hund liebkosend über den Rücken, ehe sie die Tür öffnete. »Aber die Fräuleins müssen über ihn hinwegsteigen, denn er kann sich nicht rühren.« Rinaldo erhob den Kopf, als er den Besuch spürte und markierte ein Kläffen, indem er ein paar Mal den Rachen öffnete und schloß; dann sank er wieder zurück; und die Damen kletterten über ihn hinweg ... Drinnen in seinem Schlafzimmer saß Onkel Joachim halbaufgerichtet in seinem Bett, von vielen Kissen gestützt. Sein derber Körper war fürchterlich abgemagert und zeichnete sich knochig und eckig unter dem Hemde ab. Das Gesicht war graugelb, und das weiße Kopf- und Barthaar zottig und ungekämmt. Die vier Schwestern blieben erschrocken dicht an der Tür stehen, während unwillkürlich eine nach der Hand der anderen tastete. Joachim blickte blinzelnd zu ihnen hinüber; seine Augen waren sozusagen ausgeblichen. »Ist das der Vierklee ...?« fragte er. »Ja ...« »Ho, ho,« lachte er hohl, »das bedeutet Glück ...! Kommt näher, Mädels!« Seine Stimme hatte doch noch einen Teil ihres alten Klanges bewahrt. Die Mädchen näherten sich, doch ständig zu einem Klumpen zusammengedrückt. »Seid ihr alle miteinander da? Ich sehe so schlecht.« »Ja, wir sind alle hier...« Anna sprach: »Wie geht es dir, Onkel?« »Danke scheen! Faul!« sagte der Alte. »Kommt ganz hierher!« Die jungen Mädchen glitten zum Bett hin. Joachim streckte die Hand aus und erwischte eine von ihnen. »Wer ist das?« »Sophie ...« »Ich glaube, du heulst, Mädel? Sehe ich aus, als ob ich sterben müßte?« »Ja,« sagte Sophie und brach in lautes Schluchzen aus. Er schleuderte gleichsam zornig ihre Hand von sich ... In diesem Augenblick begann ein Telephon-Apparat zu läuten, der auf dem Tisch neben dem Bett stand. »Henriksen!« sagte der Alte polternd, »frage, was los ist.« Die Pompadour, die lautlos im Zimmer herumgepusselt hatte, hielt den Hörer ans Ohr. »Jawohl, ja ... jaa ... ich werde den Herrn Gutsbesitzer gleich fragen! – Kaufmann Nielsen erkundigt sich, ob wir die Rapskuchen holen können.« »Nein,« sagte der Alte, »morgen müssen wir Rüben einfahren ...« »Der Herr Gutsbesitzer würden ihm einen Gefallen tun, sagte er ...« »Soo–e? Sagen Sie, daß wir Freitag kommen werden! ... Und läuten Sie ab.« »Ja....« »Wer ist das nun?« fragte er und packte eines der anderen Mädels. »Frederikke....« »Heulst du auch?« »Nee ... Du wirst schon wieder gesund werden, Onkel.« »Quatsch! Natürlich werde ich es nicht! ... Gib mir 'nen Kuß!« Frederikke beugte sich hinab und küßte ihn. »Das bleibt wohl der letzte Schmatz unter diesem König!« murmelte er. »Jetzt müssen die Fräuleins gehen ...« sagte Madame Henriksen ruhig, aber bestimmt. »Der Herr Doktor hat gesagt, der Herr Gutsbesitzer dürfen nicht zu viel reden!« Die Mädchen verzogen sich nach der Tür hin: »Adieu, Onkel Joachim ... und gute Besserung ...« »Adieu, Mädels! Ihr erbt jede 30 000 Kronen von mir ... das wolltet Ihr doch bloß wissen? Aber Ihr gebt eurem Windbeutel von Vater keinen Pfennig davon ab, wenn er jetzt bald pleite macht! Hört Ihr?« »Ja ...« sagte Anna erschreckt. »Und hört noch einen Augenblick zu ...« fuhr der Alte fort, und es legte sich ein böses und triumphierendes Lächeln um seinen Mund, »bestellt ihm von mir, daß es gar keinen Zweck hätte, wenn er nach dem Elfenbeinstock herumschnuppert, den nehme ich mit mir in den Sarg, hä!«   Als die jungen Damen wieder gut verpackt auf ihren Plätzen im Char-à-banc saßen, fragte Fräulein Charlotte: »Was fehlt Onkel eigentlich, Madame Henriksen?« »Sie nennen es Leberkrebs!« »Meint der Doktor, daß es gefährlich ist?« »Das meint er wohl, ...« und Türk, der wieder auf dem Bock thronte, einen Blick zuwerfend, fügte die Madame hinzu: »Nur gut, daß der Wind sich ein bißchen gelegt hat ... des Hundes wegen!«   Hofjägermeister Palle Uldahl war ein Vetter des Staatsrates. Die Familie hatte während zweier Generationen auf ihren Plantagen zu St. Croix in der guten alten Zeit ein bedeutendes Vermögen verdient. Palle war bei den Verwandten seiner Mutter in Dänemark erzogen worden; und als er 18–20 Jahre alt war, verkaufte der Vater, Jacob Reinhold, der inzwischen Witwer geworden war, seine Besitzungen, zog in die Heimat zurück, und kaufte auf Niels Uldahls Rat das Rittergut Hvidgaard, ein paar Meilen nördlich von Havslundegaard gelegen. »Es wäre schön, daß die Familie sich konzentriere,« meinte Niels, »das stärke sie und verleihe ihr einen Halt gegen die überhandnehmende Bauernmacht.« Aber nach einem Jahre gerieten er und Jacob Reinhold wegen einer Riesendame auf dem Markte der Stadt in Streitigkeiten und verfeindeten sich auf Lebenszeit. Palle, der inzwischen die Landwirtschaft erlernt hatte, kam nun als eine Art Ober-Inspektor nach Hause auf Hvidgaard. Eine Reihe von Jahren hindurch ging es ausgezeichnet, denn Vater und Sohn hatten einander sehr lieb und waren stets vortrefflich miteinander ausgekommen. Aber da kam einmal eine Kunstreitergesellschaft in die nächste Provinzstadt. Alle Uldahls der Umgegend fanden sich zur Premiere ein. Auch Vater und Sohn von Hvidgaard. Aber von dieser Abendstunde an war es mit dem Frieden zwischen ihnen auch für immer vorbei.   Mona Lisa hieß sie auf dem Programm. Und sie war ein Teufel von einer Schulreiterin, schlank und katzenhaft geschmeidig in ihren fleischfarbenen Trikots. Sprühend schwarzhaarig, und mit gelbbraunen Salamanderaugen. Und vor allem konnte sie, wenn das Pferd zum Sortie über die Barrière setzte, während sie auf seinem Rücken lag, einen Schrei ausstoßen, daß die männlichen Zuschauer mit den Beinen zappelten; als wollten sie ihr nachsetzen ... Auch die beiden Uldahls aus Hvidgaard zappelten, aber sie beherrschten sich, indem sie einander scheu anblickten, ohne zu sprechen. – Aber am nächsten Abend waren sie wieder im Zirkus und am nächsten wieder, solange die Gesellschaft in der Stadt Vorstellungen gab. Doch saßen sie nicht mehr wie am ersten Abend nebeneinander. Und sie fuhren nicht mehr zusammen hin und zurück. Sie wichen einander aus und schielten sich böse an. Und so geschah es, dem Bericht der Ingwersen zufolge, daß, als die Kunstreiter ihr Auftreten abgeschlossen und sich eingeschifft hatten, um in andere Gegenden zu ziehen, Palle Uldahl, sobald das Schiff ein Stück in den Fjord hinaus gelangt war, plötzlich aus der Kajüte auftauchte und auf Mona Lisa zuschritt und sie bat, seine Frau zu werden. Und ehe sie noch antworten konnte, sahen sie den alten Jacob Reinhold draußen auf Achterdeck stehen und sie beide anstarren, kreideweiß im Gesicht ... und ringsum auf Deck sahen Niels von Havslundegaard, Franz von Kragholm und der alte Joachim von Ravnsholt aus ihren einzelnen Verstecken hervor ... Da brach Mona in ein dröhnendes Gelächter aus und fiel Palle um den Hals. – Ein halbes Jahr darauf starb Jacob Reinhold, und die beiden jungen Leute hielten ihren Einzug auf Hvidgaard... Aber Kinder bekamen sie keine, denn: auf der Landstraße wächst kein Gras, sagt die alte Mamsell Ingwersen. Hvidgaard war ein Idyll ... ein viereckiges einstöckiges Gebäude, weiß getüncht mit rotem Ziegeldach und von Gräben mit weißen Brücken und weißen Schwänen, umflossen. Auf dem kiesbestreuten Hofplatz eine weißgetünchte Fontaine und bunte Pfauen, die Räder schlugen ... Und Hof und Garten und Park warm geborgen zwischen hohen, waldbestandenen Hügeln. Der Wind konnte in den Wäldern oben auf den Hügelkämmen entlang heulen und brummen, unten, an den Wegen des Gartens und in den Zimmern des Hofes herrschte die stillste Ruhe ... Das heißt zu Jacob Reinholds Zeiten. Denn mit Frau Mona hielten auch der Sturm und die Unruhe ihren Einzug auf Hvidgaard, – und das Idyll flog in die Geschichte hinüber. Sie sauste nämlich wie ein Gewitter durch das Haus. Wände wurden eingerissen, Türen und Fenster wurden versetzt, Decken wurden gehoben und Fußböden wurden gesenkt. Und als sie im Hause fertig gerast hatte, ging sie auf den Garten und den Park los. Sie wollte Atemraum haben, sagte sie, und sie ließ die stolzesten Bäume fällen, wenn sie ihren Plänen im Wege standen. Ja, vor ihren Wohnstubenfenstern ließ sie sogar den Wald umhauen und den Hügel durchschneiden, daß der Ostwind jetzt glückselig durch den Garten strich, die Rosen abfraß und in die Kachelöfen fuhr, daß sie rauchten. Aber sie ließ die Rosen ausgraben und die Schornsteine verlängern, wodurch sie die Schönheit des Gartens und des Gebäudes zerstörte. » Was kümmert uns das ,« sagte sie, »wenn wir nur Luft kriegen.« Und um Gesellschaft zu haben, wenn ihr Mann vom Hofe abwesend war, begann sie Hunde zu sammeln. Sie brachte es so weit, daß sie zu gleicher Zeit vierzehn besaß, alle von verschiedener Rasse. Vom Grand Danois, groß wie ein Füllen angefangen, bis herunter zum Bologneser, nicht größer, als eine ausgewachsene Ratte. Frau Monas Wiege hatte in einem vierten Stock eines Kopenhagener Hinterhauses gestanden; und sie war Eline Mortensen getauft worden. Aber nun hieß sie Frau Hofjägermeister Uldahl und regierte uneingeschränkt über ihren Riesen von Mann, der sich nie die Möglichkeit vorgestellt hatte, die Freuden bei einem Weibe zu genießen, die sie ihm bot. – Ihr Körper war wie lebendiges Feuer, wenn er ihn suchte. Sie schlug um ihn zusammen wie Flammen. Und er ließ sich mit Wonne verzehren. »Wenn ich nun deinen Vater geheiratet hätte ...?« fragte sie ihn einmal während einer solchen Feuersbrunst. Und ohne Zögern antwortete er: »Dann wäre ich dein Geliebter geworden!« Worauf er wieder in den Flammen verschwand.   Jens Oluf Rasmussen, Küster und Vorsänger an der Schule von Havslunde, stand eines Tages kurz vor Weihnachten draußen im Schulflur und seine Frau kam aus einer Tür, die zur Wohnung führte. Als sie ihn sah, schlug sie entsetzt die Hände zusammen: »Aber was tust du nur da, Jens Oluf!« Er wandte sich schnell um. »Was hast du hier zu suchen?« »Ach, Jens Oluf, Jens Oluf ...!« »Geh' deiner Wege, Oline!« »Ich glaube, du stehst hier und bespeist das Essen der Kinder, Jens Oluf ... O Gott, o Gott, was soll das nur mit dir werden!« Er ging auf sie zu, die Hände wie zum Schlage erhoben. »Jetzt gehst du, Oline! Oder ist stehe nicht für mich!« Aber dann bekam er einen Hustenanfall und sank zusammengedrückt und vornübergebeugt auf eine Bank. Die Frau lief zu ihm und stützte ihm den Kopf mit den Händen. Drinnen im Schulzimmer lärmten die Kinder. »Jens, Jens, das kann doch nicht weiter gehen.« Sie dachte nur an die fürchterliche Entdeckung, die sie gemacht hatte. Den Tumult der Kinder hörte sie nicht... Der Hustenanfall war überstanden. Der Kranke schloß die Augen und lehnte sich kraftlos gegen die Wand. Große schwere Schweißtropfen glitten ihm über das Gesicht. Seine Frau nahm ihr Taschentuch hervor und trocknete sie ab. »Soll ich den Kindern nicht frei geben, Jens, und dich zu Bett bringen?« »Nein, ... übermorgen bekommen sie ja Weihnachtsferien ...« Er öffnete langsam die Augen, die von dunklen Ringen umgeben, tief in ihren Höhlen lagen, und der Blick schien aus weiter, weiter Entfernung hervorzuwachsen, aus meilenweiter Entfernung, müde, demütig, gequält und gehetzt ... »Ich weiß bald keinen Ausweg mehr, Oline!« »Ja aber wie konntest du das nur tun?« »Ich könnte noch etwas viel Schlimmeres tun, wenn das über mich kommt ...« »Was für Frühstückspäckchen hast du bespieen?« »Es sind wohl die drei, die da offen stehen ...« »Dann nehme ich sie mit hinein ... Du kannst ja dann den Kindern sagen, daß sie in die Küche hinaus kommen und sich etwas anderes geben lassen können ... Ich sage ihnen dann, daß der Hund damit weg gelaufen ist.« »Ja ...« Die Frau erhob sich und ging zum Fensterbrett, wo viele Stapel kleiner Frühstückspäckchen lagen. Sie nahm die drei obersten, deren Papier gelockert war. Dann wandte sie sich um. Der Kranke war wieder gegen die Wand zurückgesunken. Im Schulzimmer war der Lärm gewachsen. Die Kinder riefen, schrieen, lachten und trampelten. »Soll ich sie nicht lieber für heute frei lassen, Jens, damit du ein wenig Ruhe bekommst?« »Nein ...!« sagte der Küster reizbar, stand mit einem Ruck auf und ging zu den Kindern hinein. Im selben Augenblick, als er sich in der Tür zeigte, verstummte drinnen jeder Laut.   Jens Oluf Rasmussen war ebenso wie die Leichen-Johanne ein wilder Schößling des Uldahl'schen Stammes. Aber Jens war ein Sohn von Niels. Die Überlieferung erzählt, daß dieser eines Tages in seinen besten Jahren von Thorsminde auf den Hof Ramus Olufsens, den Kleinhof, ein Pachtgut von Egesborg, geritten kam. »Ist deine Frau zu Hause?« fragte er. »Ja,« sagte Rasmus Olufsen mit der Mütze in der Hand. »Sie ist oben in der Stube.« »Willst du so lange mein Pferd halten ... Ich muß mit ihr sprechen.« »Ja,« sagte Rasmus Olufsen. Zwanzig Minuten später ritt Herr Niels wieder fort, und neun Monate darauf wurde Jens geboren. Er war Rasmus Olufsens und dessen Gattin erstes und einziges Kind, und er wurde ein kränkliches Kind, merkwürdig nervös und eingeschüchtert; aber sehr tüchtig in der Schule, weshalb man ihn später auf ein Seminar brachte, wo er gut vorwärts kam. Und nach ein paar Hilfslehrerstellen rings in der Umgegend wurde er infolge der Aufforderung der Gemeindemitglieder hier an der Schule von Havslunde angestellt. Nun war er wieder zu Kräften gekommen, und schön und stattlich sah er aus mit seiner aufrechten Gestalt und seinem langen Vollbart. Und da er ein mildes und liebevolles Gemüt hatte, war er bei Kindern und Erwachsenen wohlgelitten. In der Kirche ertönte seine schöne Stimme lauter als alle anderen. Die Mädchen sahen ihn mit milden Blicken an. Und endlich heiratete er eine wohlhabende Landwirtstochter aus dem benachbarten Kirchspiel... Aber da brach ein halbes Jahr später die Krankheit aus. Es war die Brustkrankheit. Er hustete hohl und siechte dahin. Es war, als wenn ihn tausend Nadeln in den Lungen stächen, sagte er. Sein Gesicht wurde klein und gelblich-blaß hinter dem Bart. Und seine Augen wurden böse. Denn er, der früher sanft und milde und von trällernder Seminaristen-Fröhlichkeit erfüllt gewesen war, begann allmählich das Leben und was dem Leben angehörte zu hassen. Er war erst 27 Jahre alt, fühlte sich aber schon in dem Maße, wie die Krankheit vorschritt, bitter und verdrossen wie ein Greis, der den Anblick heranwachsender und fröhlicher Jugend nicht ertragen kann. In der Schule, wo er einst seiner verständnisvollen Munterkeit wegen von den Kindern geliebt und vergöttert worden war, saß er jetzt schweigend und hart da und paßte sorgsam auf, ob er eine Übertretung gewahrte, um dann mit Schadenfreude über den Sünder herzufallen. Und am liebsten suchte er sich die Rotwangigen und Lebensstrotzenden zum Opfer aus. »Bist du ein großer Junge?« konnte er fragen, und das Lächeln um seinen schmalen Mund wurde lüstern und raubtierartig. »Nein, jetzt werde ich dir zeigen, wie man groß wird!« und mit seinen mageren Fingern packte er den Verbrecher bei den feinen Schläfenhärchen und zerrte ihn daran in die Höhe. »Wachse, wachse!« sagte er und zerrte ihn immer mehr und mehr in die Höhe, bis der arme Sünder zuletzt auf den Spitzen seiner verzweifelten kleinen Zehen balancierte: »So ist es, wenn man wächst, mein Junge!« sagte er. »So ist es, wenn man groß wird! ... Und jetzt kannst du heruntergehen und fröhlich sein!« Und er schickte den kleinen Burschen fort mit einem Fußtritt, daß er taumelte.... So war Jens Oluf Rasmussen geworden. Und heute hatte also seine Frau entdeckt, daß er in seinem krankhaften Haß auf Leben und Gesundheit heimlich seine Krankheitskeime auf das mitgebrachte Essen der Schulkinder spie.   Auch für die Herrschaft auf Havslundegaard gestaltete sich das Weihnachtsfest trübe. Denn am ersten Weihnachtstage nachmittags 3 Uhr fand der Futtermeister Voldby, als er auf den Heuboden hinauf kam, um eine Portion Heu für das Vieh herauszuholen, den Verwalter Jensen tot an einem Hahnenbalken hängen – und er hatte wohl vorher den Versuch gemacht, sich in der Pferdeschwemme zu ertränken, denn seine Sachen waren naß und schmutzig bis mitten auf die Brust hinab. »Na, so mußte das enden ...!« sagte Voldby und begann bedächtig den Strick mit seinem Taschenmesser zu durchschneiden... »Jacobsen!« rief er in den Stall hinab, wo der Eleve umherging und das Heu rings in die Krippen verteilte ... »Jacobsen! ... Der Verwalter hat sich hier oben erhängt!« »Was hat er?« sagte Jacobsen und ließ den Arm voll Heu, mit dem er gestanden hatte, pardautz zu Boden fallen. Jacobsen war ein großer, derbgebauter Pächtersohn von 17–18 Jahren. Und er war zum ersten Male unter Fremden. Voldby puffte sich mit der Leiche herum, um sie auf die Arme nehmen zu können. »Ja, das hat er und er ist schon kalt ... Willst du ihn auffangen?« »Nein!« »Quatsch! Stell' dich nun gerade dahin, wo er herunterfallen muß, dann laß ich ihn so langsam gleiten. Na, wird's bald!« Die gespreizten Beine des Toten zeigten sich schon in der Öffnung, Jacobsen war weiß wie ein Laken geworden und bebte am ganzen Leibe. »Ich getraue mich's nicht, Voldby ...« »Quatsch! Fass jetzt an ...! Hast du angefaßt?« »Ja –.« »Ja, jetzt kommt er!« Der schwere Körper des Verwalters glitt langsam durch das Loch, steif wie ein Balken. »Ich getraue mich's nicht, ich getraue mich's nicht..!« stöhnte der Eleve. »Bist du verrückt, Lümmel? Willst du festhalten! Ich habe doch losgelassen!« Die Leiche begann plötzlich rasch über das glatte Heu hinzusausen, und indem sie dem Knaben, dem sie zu schwer war, wuchtig in die Arme fiel, drang aus ihrem Halse ein Ton, der bis dahin abgesperrten Luft: Bä–uw! rülpste sie ihm gerade ins Gesicht. Aber da ließ der Eleve, wild vor Angst, den Toten los und stürzte heulend wie ein mondsüchtiger Hund zum Stall hinaus. »Das verwinde ich nie...!« schrie er – »Das verwinde ich nie! Dazu hätte mich Voldby nicht zwingen sollen! Das verwinde ich nie!« Und während er auf den Hofplatz und über die Felder hinausflüchtete, schwenkte er irrsinnig die Arme über seinem Kopf herum und herum, wie zwei Mühlenflügel... Schon mehrere Tage, bevor der Gutsbesitzer zu den Weihnachtsferien vom Reichstage heimkehrte, war eine eigenartige Unruhe über den Verwalter Jensen gekommen. Er umschlich und umlauerte Mamsell Helmer, und sie hatte keine Ruhe vor ihm. Ein paar Mal hatte er sogar Hand an sie gelegt und sie hatte Hilfe herbeirufen müssen, um ihn aus ihrem Zimmer herauszubekommen. »Ich tue einem von uns etwas an!« drohte er ihr draußen vor dem Fenster stehend, »wenn du dich von ihm anrühren läßt!« Aber sie lachte ihm ins Gesicht: »Du wirst dich schön hüten, denke ich!« Da kam der Weihnachtsabend. Niels Uldahl hatte es mit Gewalt durchsetzen wollen, daß Mamsell Helmer in das Herrschaftsgebäude eingeladen werden und mit der Familie essen solle. Aber Frau Line hatte in ihrer ruhigen und gleichmütigen Art, die jede Diskussion abschnitt, gesagt, in diesem Falle müßten er und die Dame das Nachtmahl allein einnehmen, denn sie und die Mädchen würden dann in ihren Zimmern essen. Hierüber war Niels dermaßen wütend geworden, daß er sich den ganzen Tag garnicht gezeigt hatte. Und als um 7 Uhr zu Tisch gerufen wurde, zog er demonstrativ den Überrock an, setzte den Hut auf und ging ins Wirtschaftsgebäude hinab, wo er den ganzen Abend verbrachte – und die Nacht dazu. Aber morgens hatte ihm der Verwalter im Vorwerk aufgepaßt und sein Leben mit einem Totschläger bedroht. Und wäre der rasende Mensch nicht von den Knechten des Hofes übermannt worden, so hätte er wohl auch seinen Vorsatz ausgeführt. Nun schlugen sie ihn auf das Steinpflaster nieder, schleppten ihn in seine Kammer hinüber und schlossen die Tür ab. Aber im Laufe des Vormittags war er also ausgebrochen. Und nun lag er friedlich und still unter einer Pferdedecke drüben in der Tenne ...   Am Abend desselben Tages ... Oben in Frau Lines großem Schlafzimmer, das zum Teil als Salon möbliert war, saß sie mit den Töchtern. Sie flüchteten stets in schweren Zeiten hier hinauf, denn sie fühlten sich hier sicherer als unten in den Wohnräumen, wo der Vater plötzlich einbrechen und darauf los schwatzen und tun konnte, als ob nichts geschehen sei, um dann bald darauf wieder brummend zu verschwinden, wenn er merkte, daß seine Worte keinen Widerhall fanden. Fräulein Anna saß wie gewöhnlich und las, oder tat als ob sie läse. Meist döste sie über dem Buche mit halbgeschlossenen Augen. Fräulein Charlotte und Fräulein Frederikke saßen mit ihren Pfeifen bei einer Partie Schach. Frau Uldahl legte sich die Karten, und Fräulein Sophie lag so lang sie war auf dem Teppich mit Türk als Kopfkissen. Auf dem Hofe herrschte Totenstille. Es war zwischen neun und zehn Uhr. Auf dem Tisch unter der Hängelampe stand eine Schale mit Backwerk und Pfeffernüssen. Plötzlich schob Frau Line ein wenig ungeduldig ihre Karten zusammen. »Jetzt wollen wir zu Bett, Kinder!« »Wie spät ist es?« fragte Sophie, ohne sich zu rühren. »Ein Viertel auf zehn.« »Was meinst du, Mutter, wird die heute für eine Nacht haben?« Unter »die« verstanden die Damen im Herrschaftsgebäude stets Mamsell Helmer. »Ach, der ist es gewiß ganz gleich!« meinte Charlotte, das Gesicht über das Schachbrett gebeugt. » Ziehe! « sagte Frederikke eifrig, »du bist am Zug!« Dann entstand eine Pause. Man hörte, wie irgendwo weit entfernt eine Tür im Hause hart zugeschlagen wurde. Es war Niels Uldahl, der nach Wein in den Keller ging. Er hatte wieder begonnen kräftig zu trinken, wenn er zu Hause war. »Glaubst du, Mutter, daß Vater unglücklich ist?« fragte Fräulein Sophie plötzlich. »Unglücklich ... Sophiechen?« »Ja, ich meine, ob er so immer herumgeht und betrübt ist?« »Ne ... wie kommst du darauf?« »Ach, nichts ...« Frau Line erhob sich und ging zu ihrer ältesten Tochter. »Jetzt müssen wir zu Bett, Ännchen.« »Ja ...« sagte Anna, ohne die Augen vom Buche zu erheben. »Mutter, weißt du, ob der Eleve Jacobsen nach Hause gekommen ist?« fragte Sophie. »Nein ... Aber er wird wohl gekommen sein ... Jetzt öffne ich ein Fenster, Kinder, des Tabakrauchs wegen.« Fräulein Sophie, die sich gleichfalls erhoben hatte, stellte sich neben die Mutter an das offene Fenster... Es war dasselbe Fenster, von dem aus die Schwestern ihren Vater mit seiner Geliebten hatten fortfahren sehen. ... Der Mond und die Sterne leuchteten auf den weißen Gutshof hinab, wo der Schnee in zusammengeschaufelten Haufen lag. Unten vom Stall her ertönte das Stampfen eines Pferdes; und in weiter Ferne, im Park, schrie eine Eule. Fräulein Sophie zuckte schaudernd zusammen, Frau Line schlang einen Arm um sie. »Friert dich? Wollen wir zumachen?« »Nein ... Sieh, wie schön der Hof aussieht!« »Ja ...« »Mutter, woran denkst du... in diesem Augenblick?« Frau Lina lächelte: »An Zubettgehen und Schlafen.« »Und weißt du, Mutter, woran ich denke?« »Nein ...?« »Ich denke daran, daß, wenn nun plötzlich ein ganz fremder Mann dort unten über den Hof käme, dann wüßte er gar nichts davon, daß Verwalter Jensen unten in der Scheune läge und sich erhängt hatte ...« »Schach!« erklang es in diesem Augenblick triumphierend aus Frederikkes Mund. »Und matt! ... Du bist auch matt!« »Wichtigtuerin!« sagte Charlotte und fuhr auf und setzte sich der Schwester auf den Schoß. »Kleine Wichtigtuerin,« sagte sie und begann die Schwester zu liebkosen. Und dann zogen sie die Kuchenschale zu sich heran und begannen von den Pfeffernüssen zu essen, indem sie sich die Nüsse gegenseitig in den Mund steckten und ihn dann mit einem Kuß verschlossen. »Puh«, murmelte Fräulein Anna, »es ist scheußlich, euch beiden zuzusehen ...«   Drüben im »Asyl« steckten die drei Alten schon längst in den Federn. Ihre Weihnachtsgeschenke hatten sie auf den Stühlen vor den Betten angebracht. Nur Mamsell Rottböl hielt das vornehmste getreulich im Arm. Es war eine große schön angezogene Puppe, die sie von den Fräuleins erhalten und Nikoline getauft hatte nach ihrer vor fünfundzwanzig Jahren verstorbenen jüngsten Tochter ...   Die große Uhr im Eßzimmer schlug Zwölf ... Türk, der auf der Matte vor Fräulein Sophies Tür lag, kläffte im Schlaf. Er hatte schwach den Laut knirschender Fußtritte auf dem Schnee draußen im Garten vernommen. Es war die Leuteköchin Sörine, die vom Weihnachtsbesuch bei ihren Eltern kam. – Neben ihr ging der Eleve Jacobsen. Sie hatte ihn unten im Strandwalde aufgefunden, wo er frierend und verzweifelnd umhergestreift war. Und jetzt nahm sie den Knaben mit heim in ihr Bett, um ihn zu trösten und zu wärmen ...   Frau Karen Uldahl von Kragholm war zu Weihnachtsbesuch in der Villa Seemann und knabberte Makronen hinunter und trank Madeira. Frau Rositta stand im Profil vor dem Fenster und fädelte eine Nähnadel ein. »Aber süßestes Kindchen,« sagte Frau Karen überrascht, »du bist ja schwanger!« Rositta wurde blutrot. »Kann man das sehen?« fragte sie, und sank schnell auf den Stuhl vor dem Nähtisch nieder. »Ja, jetzt als du dort gegen das Licht standest ... Ich dachte übrigens, daß wäre ein überstandenes Stadium bei euch.« »Das haben wir auch selbst geglaubt, Tante Karen.« »Wie weit bist du damit?« Die Tante sah äußerst interessiert aus. »Im fünften Monat.« »Bist du ärgerlich darüber?« »Naa–aa ... das hat ja keinen Zweck.« »Ne–e, du bist immer ein kleiner Philosoph gewesen.« Frau Karens Augen wurden neugierig und leuchtend. »Höre mal, liebes Kind,« sagte sie und bog sich vertraulich zur Nichte hinüber. »Ist es wahr, daß das mit einem gewissen ... ä... Gefühl der Wollust verbunden ist ... wenn man ein Kind bekommt.« Rositta errötete wieder. »Aber Tante Karen ...!« »Ja, das habe ich nämlich gehört ... Ich bin ja nie selbst in dieser Situation gewesen ... Aber ich habe darüber gelesen.« Rositta beugte das Haupt ohne zu antworten. Frau Karen warf ihr von der Seite einen scharfen Blick zu und fuhr darauf ganz unvermittelt fort: »Fahrt Ihr Freitag nach Havslunde?« »Ja ... Isidor ... ich fahre nicht mit.« »Kannst du es begreifen, mein Kind, daß sie so schnell nach dem Selbstmord eine Gesellschaft geben?« »Naa–aa ....« »Das ist natürlich Line, die der Welt zeigen will...« »Nein, das ist doch gewiß Onkel Niels ...« »Vielleicht. Aber dann könnte sie sich doch diesem Ärgernis widersetzen.« »Das ist gewiß nicht so leicht ...« »Ach, wenn sie wollte! Aber sie geht da herum und gefällt sich in der Rolle der Unterdrückten ... Sie ist eine schlechte Frau für Niels; er müßte ganz anders genommen werden.« Frau Rositta lächelte unschuldig; aber ganz tief in ihren Augen kam und verschwand ein Lichtpunkt, nicht größer als eine Nadelspitze. »Ja,« sagte sie ruhig, »er hätte Tante Karen haben müssen.« Nun war Frau Uldahl am Erröten; und ihre Augen flammten böse. Aber da Rositta stets gleichmäßig unschuldig und nichtsahnend aussah, wurde sie wieder ruhig und begnügte sich damit, zu sagen: »Ja, vielleicht ... ich habe mich wenigstens einer Aufgabe gewachsen gezeigt, die vollauf so schwer war, wie die ihre ... Na,« fügte sie dann hinzu, »Franz hat in den letzten Jahren wahrlich keinen Grund zur Klage gegeben. Ich bin mit meinem Lose durchaus zufrieden ... jetzt; und es vergeht nicht ein Tag, an dem Franz mir nicht dankbar wäre!« »Ich habe Onkel Franz so lieb ...« sagte Frau Rositta milde. »Ja, er ist wirklich auch ein wirklich herzensguter Mensch ... ein Mann wird schließlich immer das, was seine Frau aus ihm macht! Nun haben wir bald Silberhochzeit.« »Ja freilich ... im April?« »Ja, und die ganze Familie soll sich zu dieser Feier versammeln, die Heinemanns und die Uldahls.« »Das wird ja nett ...« »Ja, Franz und ich wir freuen uns sehr darauf ... Es fällt gerade auf einen Sonntag. Wir gehen also zunächst in die Kirche, und danken Gott, und am Abend findet dann ein Diner auf Kragholm statt.« »So!« »Ja, du und dein Mann, ihr bekommt natürlich auch eine Einladung.« »Ja–e, danke ...« » A propos , Resedachen ...« »So darfst du mich nicht nennen!« rief die kleine Frau heftig. »Aber Herrgott, dein Mann tut es doch ...!« »Ja, gerade deshalb! Kein Anderer darf es! Ich will es nicht!« Sie war ganz bleich geworden vor Erregung. »Na, na, sei nur wieder gut ...!« sagte Frau Karen verblüfft. »Aber was ich sagen wollte,« fuhr sie dann fort, »weißt du, ob Isidor etwas mit Onkel Joachims Geschäften zu tun hat? Man erzählt es sich.« Rositta war wieder ruhig geworden. »So–e« sagte sie. »Ja ich bin in die geschäftlichen Angelegenheiten meines Mannes nicht eingeweiht.« »Ist er zu Hause?« »Nein, er ist im Bureau.« »Hör' mal, könntest du mir nicht unter der Hand Gewißheit verschaffen?« »Nein, Tante Karen, das kann ich nicht ... Isidor würde glauben, daß ich wahnsinnig geworden sei.« »Ist es denn wahr, daß ihr niemals miteinander sprecht?« »Naa–aa, das ist vielleicht ein bißchen übertrieben. Aber doch niemals über derartige Sachen; die interessieren uns nicht groß.« »Das muß doch fürchterlich sein.« Frau Rositta lachte still. »Meinst du ...?« Aber Frau Karen, die in ihre Gedanken vertieft war, fuhr fort: »Seid Ihr drüben gewesen du und dein Mann?« »Wo?« »Auf Ravnsholt ... jetzt, wo er sterben soll?« »Wir kennen ihn fast gar nicht.« »Wenn dein Mann sein Testamentsvollstrecker ist!« »Ja ...« »Ist er es denn?« »Das weiß ich wirklich nicht Tante Karen.« Frau Uldahl stieß zornig die Zähne in eine neue Makrone, daß diese mit einem Knacks zerbrach. »Du bist ganz unmöglich, Rosittachen! Du lebst ja gar nicht in dieser Welt.« »Naa–aa, ... doch ... ein wenig ...« »Die Mädels von Havslunde kamen doch zu ihm hinein, als sie da waren.« »Soo–oo, kamen sie hinein ...?« »Worüber mögen die wohl gesprochen haben?« »Das weiß ich nicht ... Ich weiß nicht einmal, daß sie dagewesen sind.« »So, nicht ... Ja, ich hatte auch immer ein wenig im Sinn, herüber zu fahren, es ist ja Franzens leiblicher Onkel ... aber man drängt sich ja ungern auf; es könnte so leicht mißverstanden werden.« »Sollte es ...?« »Ja–e, das könnte es ... und gesetzt, man käme nicht hinein! Die von Hvidgaard galoppierten eines Tages hinüber. Aber sie, die Pompadour, wie Palle sie nennt, wies sie ab.« »So-e ...« »Aber ich gönne es ihnen.« »Ja, Tante, du gönnst es ihnen wohl ...« »Ja, das weiß Gott, das tue ich. Was wollten sie da! ... Hat dein Mann etwas davon erzählt, liebes Kind, daß Joachim ein Testament gemacht hat?« »Nein ...« »Ja, denn du weißt wohl, daß er und die Pompadour lange Jahre hindurch wie Mann und Frau gelebt haben! Und dann hat sie doch die drei langen Bauernlümmel von Söhnen, die sich auf dem Hofe herumtreiben.« »Sie sollen so tüchtig sein ...« »Ja, als Kuhjungen! ... Aber er vermacht ihnen wohl jedem ein paar tausend Kronen, die Mutter hat ihm ja treu gedient – nach jeder Richtung hin.« Ja, sie hat wohl den ganzen großen Haushalt geleitet ...« »Dazu hatte er sie auch ... Und Niels bekommt Ravnsholt nicht. Er und Joachim können einander nicht ausstehen, seit der lächerlichen Geschichte mit dem Stock ... Aber das habe ich ja Franz immer zum Vorwurf gemacht, daß er es nicht verstanden hat, sich daran zu halten ... und nun ist es ja bald zu spät!« Frau Karen löste die Hutbänder, nippte an ihrem Madeira und verpustete sich. Und Frau Rositta betrachtete sie verstohlen von der Seite, halb unwillig und halb neugierig, indem sie sich im tiefsten Innern darüber wunderte, wie verschieden die Menschen trotz alledem sein können. ... »Hast du etwas davon gehört mein Kind, daß Niels Egesborg zurückkaufen will, wenn er Joachim beerbt?« »Nein ...« »Ach–ch, mit dir ist es ja ganz unmöglich zu reden!« Bald darauf nahm Frau Karen Abschied. Als sie draußen auf der Straße war, sprach sie für sich: Die liebe Rositte – natürlich – sie kann ja wirklich sehr süß sein, aber sie ist und bleibt doch ein kleines Dummchen ...!   Am Freitag zwischen Weihnachten und Neujahr fand also ein Familiendiner auf Havslunde statt ... Die Gesellschaft saß um den Tisch in dem großen Speisesaal. Niels Uldahl schlug an sein Glas und erhob sich. Es wurde totenstill. »Meine Damen und Herren! begann er, darf ich Ihnen in meiner Gattin und in meinem eigenen Namen einen herzlichen Dank dafür darbringen, daß Sie uns die Freude gemacht haben, sich hier heute Abend einzufinden. Leider können wir nicht so oft wie wir es gern möchten, Ihre auserwählte Gesellschaft genießen. Ich lebe ja, wie Sie wissen, einen großen Teil des Jahres in einer Art freiwilliger Verbannung, indem ich gemeinsam mit einer Anzahl anderer gleich- und ungleichgesinnter Berufsgenossen im Rate des Landes sitze und an dem Tauwerk spinne und an den Plänen niete, die unser kleines Staatswesen in Fluß halten ... Aber, meine Damen und Herren, wie ehrenvoll und begehrt diese Tätigkeit auch ist, so bedenke ich mich trotzdem nicht, die Hausväter zehnfach glücklicher zu preisen, die das Jahr hindurch im Schoße ihrer Familie verweilen können, wie zum Beispiel mein lieber Bruder Franz! ... Und wenn ich mich nun deshalb an dich, meine heißgeliebte Gattin wende, so geschieht es, um dir einen ...« »Vater ... du darfst nicht! ... Wie kannst du nur! ... Du darfst nicht.« Fräulein Sophie war von ihrem Platz aufgesprungen und stand leichenblaß mit leuchtenden tränenerfüllten Augen da und fuchtelte ganz außer sich mit den gegen den Vater vorgestreckten Armen. »Du darfst nicht ...! Ich will es nicht haben. Du darfst nicht!« wiederholte sie. Frau Line lief eiligst zu ihr: »Aber Sophie ... Sophiechen ...!« »Er darf nicht, Mutter! ... Sage es ihm! ... Wie kann er es nur fertig kriegen!« »Ja, ja, ich werde es schon sagen, ich werde es schon sagen ... Aber komm du jetzt mit mir!« Und sie schlang einen Arm um die Tochter und führte sie hinaus ... Niels Uldahl hatte seine Nichte Mona zu Tisch. Er hatte sich, sobald Fräulein Sophie aufzuschreien begann, mit einem bedauernden Achselzucken gesetzt und eine lebhafte Konversation mit seiner Tischdame begonnen. Aber seine Augen ruhten kalt und hart auf der Tür, aus der Frau Line hinausgegangen war. Und als es ihm zu lange dauerte, bis sie sich wieder zeigte, rief er laut über den Tisch: »Ach, Anna, willst du nicht hinaufgehen und nachsehen, wo deine Mutter bleibt; man verläßt seine Gäste nicht in dieser Weise!« »Vater ...«, erklang es flehend von Charlotte und Frederikke. Aber er tat, als höre er es nicht und fügte hinzu: »Sage, sie soll sofort kommen!« Und Fräulein Anna erhob sich und ging ... Bald darauf trat Frau Uldahl ruhig und beherrscht ein: »Verzeihung ...!« lächelte sie, indem sie Platz nahm. Im selben Augenblick stand Niels auf. »Ja, meine Damen und Herren,« fuhr er fort, als ob nichts geschehen wäre, ich wollte Sie also bitten, ein Glas auf das Heim zu leeren! Und an dich, meine liebe Gattin, will ich einen herzlichen Dank richten für das, was du durch lange Jahre speziell für das Heim hier auf Havslundegaard gewesen bist! Sowie außerdem einen Dank für ...« »Niels, Niels ...!« erklang es mahnend von Franz Uldahl. Aber Niels verstärkte seine Stimme, um ihn zu überschreien: »... einen Dank für die Liebe zu ihrem Vater, die du stets unsern Kindern einzuimpfen verstanden hast! ... Ein Hoch also auf das Heim, repräsentiert durch Frau Line Uldahl-Ege geborene Sörensen!« Alle Gäste erhoben sich, und Frau Line hob ihnen lächelnd, aber etwas bleich ihr Glas entgegen. Worauf sie sich ruhig zu den Mädchen wandte, die abwartend am Büffet standen: »Ja, Olga und Marie, jetzt könnt Ihr ruhig weiter servieren, ...« »Satansweib!« murmelte der Hofjäger Palle bewundernd, »wo hat sie die Welt her!«   Im Gartensaal und in den anstoßenden Wohnstuben wurde der Kaffee serviert. Alle Kronen und Lampetten waren angezündet und ringsum von den Wänden starrten die gemalten Porträts der Vorfahren über die Versammlung hin: Oluf Uldahl, der Begründer des Geschlechts; und Mathias Uldahl, der Egesborg gekauft und aufgebaut hatte; und der Staatsrat und die Staatsrätin, und Fräulein Natalia und Fräulein Bettina, jung und schön in tief ausgeschnittenen Kleidern und mit kostbarem Schmuck an Hals und Armen ... Aber am schönsten von allen Bildern war doch das lebensgroße Gedicht auf Frau Line, das an der Mittelwand des Gartensaales hing. – Ihr Mann hatte sie im Morgen der Zeiten von dem ersten Maler des Landes malen lassen. Und sie stand dort auf der Leinwand, wie Niels Uldahl sie zum ersten Male an jenem Vormittag im Kruggarten zu Husum gesehen hatte, groß und üppig unter einem schwer beladenen Apfelbaum und pflückte Früchte ... die Früchte, die ihr die Erkenntnis von Gut und Böse bringen sollten. Ihr seines regelmäßiges Gesicht und goldblondes Haar leuchteten in der Sonne; und der Maler hatte in ihre dunkelblauen Augen die ganze spröde Sehnsucht nach dem »Glück« hineingelegt, die die Jugendjahre zu so einem zauberisch-lügenhaft-verheißungsvollen Sommernachtstraum macht. ... »Ist das die Gnädige?« fragte Müller Hammer, einer von Niels Uldahls Reichstagswählern; er stand und starrte das Bild entzückt an. »Ja, das ist die Gnädige,« ... sagte Isidor Seemann, der daneben stand. »Ja, die Zeit vergeht, und die Flügel sausen!« nickte der Müller. »Wollen wir hineingehen und einen Kognak hinter die Binde gießen, Amtsrichter?«   Vom Post-Ole erfuhr man am Morgen nach dem Schmause auf Havslundegaard die traurige Kunde, daß es nun geradezu contant faul mit dem Herrn Gutsbesitzer auf Ravnsholt stände – wenn er nicht schon tot sei. Niels setzte sich augenblicklich mit Kragholm und Hvidgaard telephonisch in Verbindung, und die drei Verwandten beschlossen, gemeinsam zum Onkel hinüber zu fahren und Isidor Seemann mitzunehmen, um wenn es nötig wäre, juristische Hilfe bei der Hand zu haben. Im Laufe des Vormittags trafen sich die vier Herren deshalb wieder auf Havslundegaard. Und nach einem kräftigen Frühstück fuhren sie im Landauer der Gnädigen davon. Alle vier waren im Pelz und mit Fellmützen bekleidet, und hatten die Pelzkragen um die Ohren hochgeschlagen. Es war klares Frostwetter; die Felder und Chausseen waren weiß vom frischgefallenen Schnee. Anfangs schwatzte man munter drauf los, lachte und erzählte schlüpfrige Geschichten. Aber allmählich »benahm« sie die Kälte und das Frühstück, und sie wurden schweigsam und nickten schläfrig, jeder in eine Ecke des Wagens gebohrt. Und zuletzt schliefen sie alle mit Ausnahme des Amtsrichters. Er war vollständig wach und unterhielt sich damit, die Gesichter seiner Verwandten zu studieren, jetzt, da der Schlaf sie bloßgelegt hatte. Franz Uldahls rotes, fettes Gesicht hatte nämlich nicht einmal jetzt, da er schlummerte, den merkwürdig geheimnisvollen, verschmitzten Ausdruck verloren, der es in den letzten Jahren immer mehr geprägt hatte. Es war, als sei er schwanger mit einem Wissen, das jeden Augenblick drohte, ihn in lautes Gelächter ausbrechen zu lassen: »Ha, ha–a! Seht Ihr! Das hättet ihr gewiß nicht von mir gedacht!« Er gab sich augenscheinlich die größte Mühe, diese seine Lustigkeit zu zügeln, aber so ganz glückte es ihm nie. Sie drängte und drängte sich vor und hatte deshalb schließlich seinem dicken, gutmütigen Sonnenblumen-Gesicht den Ausdruck gegeben, als ob er permanent dem Bersten nahe sei, was Frau Karen oft mitten im besten, wenn sie zu Hause auf Kragholm in den Stuben saßen, ärgerlich ausrufen ließ: »Aber Franz, was amüsiert dich denn so unglaublich! Es ist doch nicht zum Aushalten, diese grienende Fuchs-Physiognomie zu sehen!« Da erlosch Franz' Gesicht augenblicklich, die Züge erschlafften und erstarben gleichsam: »Es ist nichts, Karenchen,« sagte er, »Aber gar nichts!« Doch gleich darauf sprang wieder ein Lachmuskel vor, und dann noch einer und dann noch einer ... und bald strahlte er wiederum in derselben geheimnisvollen und kitzelnden, inneren Heiterkeit. Selbst wenn er schlief, bewahrte sein Gesicht in der Regel einen gewissen übermütigen Ausdruck. Frau Karen hatte das Phänomen einmal beobachtet, als er beim Mittagskaffee eingeschlafen war. Die Zigarre hatte er verloren, und die Arme hingen ihm schlapp herab, aber die Runzeln in den Augenwinkeln arbeiteten, und die Mundwinkel waren in ständiger Bewegung. Unheimlich war Frau Karen nicht zu Mute geworden, denn dazu war kein Grund vorhanden, so seelenvergnügt sah das Gesicht des Mannes aus. Aber sie war wütend und unsicher geworden. Sie hatte sich jahrelang eingebildet, ihn von Grund auf zu kennen und lange Zeit hindurch hatte sein Betragen auch nicht zu der leisesten Beunruhigung Anlaß gegeben ... Aber jetzt, was konnte das sein, womit er sich in seinen Gedanken trug, der Bursche! Und plötzlich packte sie der verwirrende Gedanke: Sollte er etwa nachts auch im Bett so neben ihr liegen und grienen? Und gleich in derselben Nacht hatte sie heimlich ein Streichholz angezündet und sich über ihn gebeugt. Und siehe, da lag er ausgestreckt auf dem Rücken, die Bettdecke unter dem Kinn hochgezogen und das große honnette Gesicht erstrahlte in der verborgensten unterseeischen Wonne! Gerade so lag er auch jetzt in seiner Wagenecke: die Augenfächer gingen und das Lächeln spielte; er wäre beinahe vor Lachen erstickt, bis er plötzlich von einem herzlichen: Hoo, ho, ho–o! erlöst wurde und erwachte. Der Amtsrichter bog sich lachend zu ihm hinüber: »Onkel, worüber hast du dich eigentlich die ganze Zeit so köstlich amüsiert?« Franz sah ihn verdutzt an. »Über nichts, mein Junge, über ganz und gar nichts,« murmelte er. »Ich habe doch nicht etwa was gesagt?« »Doch, Onkel, du hast einmal etwas von Austern gesagt!« Der Alte wurde flammendrot: »Nichts verraten ...« flüsterte er hastig, als Niels und Palle sich in dem Augenblick zu rühren begannen. Der Hofjägermeister gähnte: »Wie weit sind wir?« »Am Krug von Hejredal ...« »Ich mache mir den Teufel was aus der ganzen Erbschaft,« sagte plötzlich Niels, »aber den Stock will ich, schockschwerenot, haben!« »Pah ... pah ..!« blies Franz. »Was für einen Stock?« fragte Palle, der die Geschichte vergessen hatte. »Urgroßvaters ... den der alte Bandit, der Joachim, Vater seiner Zeit gestohlen hat.« »Er hat ihn gewonnen! ... beim Billard, berichtigte Franz. »Gewonnen! Gewonnen ... Man hat nicht das Recht, solche Sachen zu verspielen ... Was, Isidor?« »O, doch ...« »Ein altes Erbstück, das in gerader Linie weitergehen soll! Ne, Donnerwetter, das Recht hat man nicht!« »Du hast ja gesehen, daß der Gerichtsvollzieher ...« begann Franz. Niels' Augen blitzten. »Halt's Maul«, sagte er. »Der Stock gehört mir, und das wußte der alte Esel sehr wohl, deshalb ließ er ihn nie aus den Händen ... Halt 'mal einen Augenblick, Lars!« Lars zog die Zügel an; man zündete sich eine Zigarre an; und das Geschwätz wurde fortgesetzt. Man begann über Joachims Testament zu plaudern. Wie er wohl das Vermögen verteilt haben mochte? Die Pompadour und ihre drei Lümmel waren natürlich reichlich bedacht worden. Aber es war ja genug da. Man veranschlagte den Nachlaß des Alten auf gut dreimalhunderttausend Kronen ohne Hof und beweglichem Besitz. »Aber hier sitzen wir und faseln,« rief plötzlich der Hofjägermeister. »Du bist ja sein juridischer Beirat, Isidor.« »Nein, ... das ist Rechtsanwalt Bock.« »Der Bauernfänger!« brummte Niels in ständiger Erregung. »Das war doch der Schlimmste, dem er in die Klauen geraten konnte!« Sie schwatzten weiter über den Hof, die Besatzung und den Betrieb. Wenn Niels Ravnsholt bekäme, so würde er es gleich wieder verkaufen; er brauchte Bargeld, sagte er. Aber an einen Bauern verkaufte er nicht! Scheußlich, zu sehen, wie die Bauernstoffel angefangen hatten, sich rings auf den Herrenhöfen breit zu machen. Kaum ein Tag verging, ohne daß man in der Zeitung las, wie jetzt irgend ein Nielsen oder Petersen oder Jensen irgend ein altes Gut gekauft hätte. »Oder ein Knudsen!« ergänzte Palle boshaft und deutete über die Felder auf das hohe weiße Hauptgebäude von Egesborg, an dem sie eben vorbeikamen. Es lag stolz und vornehm ohne Türme und Krimskrams, gardiert von seinen gewaltigen hundertjährigen Eichenalleen, breit und stattlich wie ein Symbol des soliden Reichtums entschwundener Zeiten. »Bauerngesindel!« murmelte Niels, ohne zum Hof hinüberzublicken. »Die Sache ist die,« nickte Franz tiefsinnig, »daß wir wurmstichig sind, Bruder Niels, und die anderen gesund. Wir sind Zerstreuer, und die andern sind Sammler, Voilà tout! « »Ja, wir sind in Wahrheit die Auserwählten!« lachte der Hofjägermeister. »Das glauben wenigstens die anderen, bis sie selbst in der Patsche sitzen! Denn es wird ihnen einst gehen wie uns. Die Väter haben Herlinge gegessen, und der Kinder Zähne sind stumpf worden, ha, ha ...! Aber vorläufig sind sie also noch Väter!« »Ach, ich hätte mir schon durchgeholfen, wenn ich hätte auf Egesborg sitzen bleiben können!« sagte Niels hitzig. »Und Onkel Joachims Elfenbeinstock gehabt hätte!« murmelte Franz. »Ja, die Geschichte kennen wir!« Isidor Seemann, der sich ständig schweigend verhielt, betrachtete heimlich wieder die Gesichter seiner Verwandten. Niels' Antlitz, das vorhin während des Schlafes einen schlaffen und müden, fast gequälten Ausdruck gehabt, sah jetzt, da er wach und erregt war, ganz lebhaft aus; und die großen wasserblauen unzuverlässigen Augen leuchteten böse. Palles Gesicht dagegen bewahrte hinter seinem gewaltigen Bart so ziemlich denselben Ausdruck gutmütiger und brutaler Kraft, ob er schlief oder wachte. Er glich dem Wilden im dänischen Wappen, angekleidet, soigniert und in Lebensgröße. Und Franz, die listige Seele, saß stets, auch wenn er tiefsinnige Dinge sagte, und kämpfte seinen ewigen Kampf mit jener geheimnisvollen und unfaßlichen, unterseeischen Lachlust ... Kutscher Lars meldete vom Bock: »Da kommt Probst Langkilde und Rechtsanwalt Bauer!« »Ho! Hallo! Macht ein bißchen Stop,« rief der Hofjägermeister, als die Fahrzeuge aneinander vorbei rollten. Aber der Probst und der Rechtsanwalt saßen so tief in ihren Pelzen vergraben, daß sie weder sahen noch hörten. »Paßt auf, da werden Gaunerstreiche ausgeheckt,« sagte Niels, »da das Gesetz und die Propheten unterwegs sind ... Fahr' zu, Lars! Als der Landauer vor dem Hauptgebäude von Ravnsholt hielt, kam gegen die Gewohnheit nur ein Dienstmädchen in der Tür zum Vorschein. »Wie geht es dem Herrn Gutsbesitzer,« fragte Niels. »Er ist ... er ist tot,« stammelte das Mädchen und fing an zu weinen. »Ist er tot?« »Ja ... er starb ... eben ... vor einer Stunde..« »Wo ist Madame Henriksen?« »Sie bat mich ... zu sehen ... daß ich die Herren ... wieder wegbrächte ...« Niels wurde puterrot. »Sagen Sie, wir wollen mit ihr sprechen!« »Ja ...« »Wir gehen ins Kontor.« »Ja ...« Das Mädchen verschwand eiligst. »Ich glaube, das Weib ist verrückt,« polterte Niels, als man in das Kontor gekommen war. »Will sie die Familie zum Haus hinausjagen?« »Na, na, Niels,« ermahnte Franz, »fang' nun nicht gleich wieder an Krawall zu machen!« Der Amtsrichter war ans Fenster getreten und blickte über den öden winterlichen Hofplatz hinaus, der weiß war von frischgefallenem Schnee ... »Jetzt kommt sie ...!« sagte der Hofjägermeister. Im Entree ertönten Schritte von vielen schweren Füßen, und die Tür wurde bedächtig geöffnet. Es war die Pompadour mit ihren drei Söhnen. »Teufel, was mag die mit denen vorhaben?« dachte Niels und warf ihnen einen finsteren Blick zu. »Guten Tag ...« grüßte die Pompadour ruhig »und willkommen auf Ravnsholt!« Die Söhne sagten nichts; blieben jedoch wie eine Leibwache hinter der Mutter stehen. Es waren große, wohlgebaute Männer mit strengen ernsthaften Gesichtern. Ihr Rücken war ein wenig arbeitsgebeugt. Die Herren grüßten; und es herrschte für einen Augenblick Schweigen, während man sich gleichsam maß. Dann begann Niels unsicher: »Ja, Madame Henriksen, wir kommen nun also zu spät ...« »Ja, zu spät kommt Ihr wohl ..« sagte die Pompadour. »Wir wollten Onkel begrüßen ...« »So, Ihr wolltet ihn begrüßen ...?« Es lag über der Bauerfrau, wie sie da vor den Großgrundbesitzern stand, eine eigene bissige Wachsamkeit. Sie stand fest, wo sie stand, das fühlte man, und ließ sich nicht vom Fleck bringen. »Na, er war ja ein alter Mann!« versuchte Niels in einem leichteren Ton. »Ja, das war er freilich ...« klang es seelenruhig. »Wollen Sie sich nicht setzen, Madame Henriksen ...?« »Danke, ich stehe ganz gut so ...« Jetzt verlor Niels die Geduld und ging gerade aufs Ziel los. »Können Sie, Madame Henriksen, sich wohl denken, welche testamentarischen Dispositionen mein Onkel hinterlassen hat?« fragte er geschäftsmäßig. »Das könnte wohl sein ...« sagte die Madame. »Ja, Madame Henriksen, Sie sind ja durch lange Jahre die einzige Vertraute des Verstorbenen gewesen .. Und ich kann im Namen sämtlicher anwesenden Erben versichern, daß es von unserer Seite nicht an Erkenntlichkeit für Ihre treuen Dienste fehlen soll.« Franz und Palle nickten beistimmend. »Danke,« sagte die Pompadour, ohne eine Miene zu verziehen, »aber wir helfen uns schon allein durch ...« Niels wäre beinahe auf sie losgefahren, beherrschte sich jedoch. »Ja, mein Onkel hat wahrscheinlich Sie und ... und ... die Ihrigen bedacht,« nickte er kurz. »Na aber, um uns an das Naheligendere zu halten ... mein Bruder und ich werden schon in bezug auf das Begräbnis alles Erforderliche veranlassen, wenn Sie, gute Henriksen, für diesen Tag die Bewirtung hier übernehmen wollen. Es wird sich wahrscheinlich ein ganzer Haufen guter Menschen einfinden, die dem Dahingeschiedenen die letzte Ehre erweisen wollen ... Er war ja allgemein beliebt. Aber Sie können ja so viel Hilfskräfte heranziehen, wie Sie brauchen; geknausert wird nicht, verstehen Sie ... Hat mein Onkel den Wunsch nach einem bestimmten Prediger geäußert?« Die Pompadour stand ruhig und unangefochten und hörte sich Niels Uldahls lange Rede an. Aber ihre Söhne schielten scheu zueinander hinüber und bewegten die Füße nervös hin und her. Und endlich fuhr es Hans, dem Ältesten, heraus: »Du kannst es ja schließlich auch gleich sagen, Mutter..« »Was gibt es zu sagen?« fuhr Niels rasend auf; er hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, daß hinter der mürrischen und abweisenden Haltung der Frau etwas Drohendes läge; und nun war seine Selbstbeherrschung zu Ende. – »Was gibt es zu sagen?« wiederholte er, als keiner sogleich antwortete. »Was habt Ihr für heimtückische Streiche begangen? Verflucht nochmal! Es sollte mich nicht wundern, wenn Ihr den alten Lumpen dadrinnen zu allem Möglichen herumgekriegt hättet!« Palle packte ihn hart beim Arm. »Aber, Onkel, bedenke doch in welchem Hause du dich befindest!« »Laß mich los, Junge!« »Lieber Onkel Niels ...« versuchte der Amtsrichter. »Halt den Mund! ich brauche keinen Vormund!« Er war ganz außer sich und fuhr im Zimmer hin und her und fuchtelte mit den Armen. Da ging Franz still zu der Frau hin und fragte fast freundlich: »Na, was haben Sie uns zu sagen, Madamchen, damit die Sache ein Ende hat?« Die Pompadour wandte sich zögernd und ratlos zu den Söhnen um. Jetzt, da es heraus sollte, war es doch nicht so leicht. Aber die Söhne nickten alle drei kurz und bestimmt, und Hans, der Älteste, wiederholte: »Ja, sag' es nur Mutter; sie müssen es ja doch erfahren ...« Doch noch einen Augenblick zögerte sie. Es war auch eine mächtige Nachricht, die sie zu überbringen hatte; ihr schwindelte fast bei dem Gedanken an die Wirkung. »Was ich zu sagen habe ist,« begann sie dann langsam, »daß der Herr Gutsbesitzer sich heute Vormittag mit mir verheiratet hat...« Nun war es heraus, und jetzt erlangte sie ihre alte Sicherheit wieder. »Jetzt gehört also Ravnsholt mir und meinen Jungens, und wir werden schon selbst für das Begräbnis und alles was noch sonst zu tun ist, sorgen!« »So ein Satansstreich,« fuhr es Franz überrascht heraus. Und die Hände des Hofjägermeisters ballten sich unwillkürlich: freilich war man auf allerhand gefaßt gewesen, aber dies war doch zu gemein von dem Alten. Niels stand einen Augenblick vollständig gelähmt; aber dann stürzte er plötzlich wild vor Wut auf Isidor Seemann los und schrie ihm ins Gesicht: »Steh' nicht da wie ein Stück Vieh! Weshalb denkst du, haben wir dich mitgenommen? Sag' doch dem Weib und ihrem Hurengezücht Bescheid! ... Aber du freust dich natürlich für sie! Du mit deinem Zeichenlehrer von Vater!« »Niels, aber Niels ...!« ertönte es von neuem von Franz. Aber Isidor sagte ruhig: »Da ist gar nichts zu sagen, Onkel Niels; wir haben ja vorhin den Probst und den Rechtsanwalt getroffen; es ist alles also wahrscheinlich rechtsmäßig in Ordnung gebracht.« »Ja,« nickte Hans, der Älteste, »alles ist, wie es sich gehört, es hat also kein anderer hier auf Ravnsholt was zu sagen als wir.« »Aber der Herr Gutsbesitzer hat doch für jedes der Fräuleins dreißig Tausend sicher gestellt...« fügte Jeppe, der Zweitälteste, besänftigend hinzu. »Und wenn Ihr noch irgend etwas von Möbeln oder so haben wollt, dann werden wir uns auch nicht widersetzen ...« schloß Anders, der Jüngste. Die beiden andern Brüder nickten bestätigend: und Madame Henriksen sagte: »Nein, solange Ihr nichts Unbilliges verlangt.« Alle waren sie gewissermaßen verlegen und beschämt über das unerwartete Glück, das ihnen widerfahren. Nie hatte sie zu denken gewagt, daß dies geschehen könne; und sie begriffen den Zorn und Gram der Uldahls so gut ... aber nun das Wunderbare einmal geschehen war, würden sie schon ihr Recht zu verteidigen wissen. Aber Niels fuhr auf: Also der alte Halunke wollte ihn mit einem Gnadenpfennig für seine Töchter abspeisen? In alle Ewigkeit würden sie keine Erlaubnis bekommen, ihn anzunehmen. Er wäre wohl Herr in seinem Hause und hätte die Macht zu verhindern, daß seine Mädels Almosen empfingen. Noch war er Gott sei Dank imstande, sie zu füttern ... »Den Wagen bestellen!« kommandierte er plötzlich. »Nicht eine Sekunde länger bleibe ich in dieser Schindelbude! Bestell' den Wagen, Isidor! Wir wollen machen, daß wir fortkommen!« Franz und Palle meinten dasselbe: Was sollten sie länger hierbleiben, da war ja nichts zu machen. Aber jetzt erwachte die Hausmutter in der Pompadour. »Wollt Ihr nicht einen Bissen Brot und einen Tropfen haben, ehe Ihr wegfahrt?« fragte sie. »Es ist doch ein langer Weg ... und den Pferden tut es doch auch gut, sich ein bißchen zu verschnaufen.« Niels antwortete nicht. Seine Augen hatten begonnen, forschend in den Ecken des Bureaus umherzuwandern. Plötzlich war ihm wieder der Elfenbeinstock, das Familienkleinod, eingefallen. Und wenn er das ganze Haus auf den Kopf stellen sollte, er wollte ihn mitnehmen. »Wo ist der Stock, den mein Onkel beim Gehen zu benutzen pflegte?« fragte er brüsk. Madame Henriksens Augen bekamen einen scheuen Ausdruck. »Das weiß niemand.« sagte sie. »In den Monaten, in denen der Herr Gutsbesitzer krank lag, hat ihn keiner gesehen.« »Quatsch! Ich gehe nicht aus dem Hause, bis ich ihn habe.« Und Niels stürzte ins Entree hinaus und suchte und suchte, und als er den Stock dort nicht fand, brach er in die Wohnstuben ein, wo die »Läufer« schmale Pfade von Tür zu Tür bildeten. Er guckte hinter Schränke und Sofas, in alle Ecken und Winkel. Madame Henriksen war hinter ihm her gelaufen, damit er kein Unheil anrichte; und sie hätte ihn am liebsten zurückgehalten, wenn es ihr möglich gewesen wäre. »Wenn wir den Stock finden, so werden wir ihn dem Herrn Gutsbesitzer schon herüberschicken!« wiederholte sie immer wieder, während sie weiter vordrangen. »Finden wir den Stock, so werden wir ihn dem Herrn Gutsbesitzer schon herüberschicken, denn es ist ja ganz recht und billig, daß ihn der Herr Gutsbesitzer jetzt bekommt.« Aber Niels achtete nicht auf ihre Worte. Er lärmte weiter. Der Stock mußte gefunden werden! Das fehlte bloß noch, daß sie ihn auch darum betrogen. Er durchsuchte das Gartenzimmer und das Eßzimmer und die anstoßenden Stuben, da war er nicht. Und er kam in den halbdunklen Flur hinaus, wo der alte Rinaldo vor Joachims Tür lag. Der Hund hob den Kopf und kläffte. Aber es war kein Laut zu hören. Die Pompadour stellte sich schnell vor die Tür: »Nein nein,« sagte sie, »da können der Herr Gutsbesitzer nicht hinein, da liegt doch die Leiche!« Niels packte sie am Arm, um sie wegzuzerren; aber sie war stärker als er, so daß sie gleichsam mit einander rangen. »Verfluchtes Weib!« zischte er, und erhob die Hand zum Schlage. Aber sie stieß ihn hart vor die Brust, daß er zurücktaumelte. Und im selben Augenblick entschlüpfte sie ihm und lief durch die Stuben davon. Er schlug hastig mit der Hand auf die Türklinke, um zu öffnen. Aber die Tür war verschlossen. Der Schlüssel hatte draußen gesteckt; und die Pompadour hatte ihn heimlich umgedreht und mitgenommen ... Da begann Niels Uldahl in unbändiger Raserei mit Händen und Füßen auf die Tür loszuhämmern, daß es durch das Haus dröhnte... Gleich darauf kamen die anderen herzugelaufen und hielten ihn fest.   Der Landauer rollte heimwärts auf Havslunde zu. Die vier Herren saßen wieder in ihre Pelze gehüllt. – Nachdem man Niels Uldahl fast mit Gewalt auf seinen Platz im Wagen niedergedrückt, hatte er erst geschimpft und geflucht und getobt. Dann war er plötzlich umgeschlagen und hatte begonnen zu jammern und zu klagen, daß er ein vollständig ruinierter Mann sei, jetzt, da er so schändlich um das Erbe von Ravnsholt betrogen wäre. Aber als Franz und Palle sofort interessiert die Ohren gespitzt, hatte er plötzlich geschwiegen, und es war kein Wort mehr aus ihm herauszubringen. Nun saß er und schlief oder er tat, als ob er schliefe. Und bald darauf waren auch die andern Herren eingeschlummert. Ihre Augen schlossen sich und ihre Köpfe folgten willenlos wackelnd den Bewegungen des Fuhrwerks. Nur der Amtsrichter hielt sich wie auf der Hinfahrt vollkommen wach. Er zündete sich eine Zigarre an und starrte gedankenvoll über die schneebedeckten Felder hinaus. Aber plötzlich wurde er in seinem Träumen von einem leisen zischenden, sprudelnden Laut gestört. Es war der Kragholmer, der vom Lachen überwunden wurde ...   Heute ist Vater also endlich zu seinem reizenden Reichstag zurückgereist. Weißt du, was Charlotte, Frederikke und ich taten, Isidor, als er aus dem Hof hinausfuhr? Wir faßten einander bei den Händen und liefen draußen im Entree im Kreise herum, bis wir alle drei in einem Haufen übereinander fielen und lagen und lachten, daß wir garnicht mehr auf konnten. Ach, aber es ist doch trotzdem so traurig, daß Kinder ihrem eigenen Vater gegenüber so fühlen müssen! Und es ist gar nicht wahr, was Vater den Leuten einbilden will, daß Mutter schuld daran hat, daß wir ihn hassen, denn gerade sie geht immer umher und ermahnt uns, freundlich gegen ihn zu sein; und die Mädels geben sich auch Mühe, es zu tun, aber ich nicht! Und wenn er auf seinen bloßen Knieen angerutscht käme und mich bäte, ich täte es nicht! Es mag schon sein, daß ich hysterisch bin, wie Anna sagt, aber ich würde vor Scham vergehen, wenn ich vor jemandem katzbuckeln sollte, den ich hasse, und ich hasse Vater; er hat mein ganzes Leben zerstört, denn so wie er Mutter behandelt. Ich versichere Dir, Vetter Isidor, ich hätte ihn töten können, als er neulich seine widerwärtige Rede hielt; hätte ich einen Revolver gehabt, so hätte ich ihn niedergeschossen, wie ein schädliches Gewürm! Er »unglücklich«, wie Du mit Deinem guten Herzen sagst. Nein, er ist schlecht, schlecht, schlecht! sonst kann man so etwas nicht tun. Und weißt Du was, Vetter Isidor, nun werde ich Dir etwas Ernsthaftes sagen, was ich niemand anders anvertraut habe, aber dieses traurige Verhältnis zwischen Vater und Mutter hat es bewirkt, daß ich nicht mehr an Gott glaube! Das ist fürchterlich, nicht? Und ich bin auch selbst so schrecklich unglücklich darüber, aber ich kann nicht. Ich sagte es neulich der Ingwersen, denn sie ist auch die einzige, der ich mich anvertraut habe, und sie sagte, das wäre eine der sieben Todsünden, für die es niemals Vergebung gibt! Pah, was ich mir daraus mache, erwiderte ich ihr, dann werde ich eben verdammt! Aber die Sache ist ja trotzdem die, Vetter Isidor, daß ich doch Angst habe. Und zwar besonders abends, wenn ich ins Bett gekommen bin und kein Abendgebet bete; dann höre ich so viele seltsame Laute, die bei mir im Zimmer umher pusseln, und die Luft bewegt sich, es schleichen welche herum und schleppen ihre Gewänder auf dem Fußboden nach sich, und dann denke ich, jetzt kommt es, da ist es! Und dann bohre ich mich tief unter der Bettdecke ein, und liege da und merke, wie die Geister mein Bett erfassen und es hin und her schaukeln; und dann bin ich so entsetzt, daß ich die Hände falte und doch mein Abendgebet bete, und das hilft gewöhnlich; aber Donnerstag Abend mußte ich es dreimal beten, ehe das Bett stillstand; und dann sehe ich den Verwalter Jensen draußen in der Scheune hängen und Mamsell Helmer, die dasteht und über ihn grient, und die entsetzliche Alexandra der Spat-Marie, die ja meine Schwester sein soll! Ach, Isidor, Du darfst nicht böse auf mich werden und glauben, daß meine Liebe zu Dir nicht echt ist, aber wie sehr wünsche ich doch manchmal, daß ich an einem Herzschlag oder einem Blutpfropf sterben könnte, denn dann wäre doch das Ganze vorbei. Aber jetzt ruft mich Frederikke, und ich muß schnell schließen, denn wir wollen hinaus und mit Mikkel rutschen, Du weißt schon, das kleine isländische Pferd, das Vater uns geschenkt hat, es zieht den Schlitten den Hügel hinauf und dann rutschen wir herunter, das ist so lustig. Natürlich habe ich mich lumpig betragen, und bin jetzt ebenso entzückt über Mikkel wie die Schwestern: aber nicht wenn der alte Kerl zu Hause ist! Leb wohl! In Eile! Bis in den Tod Deine S. Weißt Du, was mein Tagebuch für eine Aufschrift hat? Da steht: Zerstreute Blätter an I. S. oder dem, den ich am heißesten auf der Welt liebe, von ihm zu lesen nach meinem Tode S. U.-E. Schon am Tage nach Onkel Joachims Tode war Niels Uldahl nach Kopenhagen zurückgereist, nachdem er zuvor in einem rasenden Schreiben dem Erbschaftsgericht mitgeteilt hatte, daß seine Töchter das ihnen zugedachte Erbe nicht anzutreten wünschten. – Und beim Begräbnis des Alten war die Familie einzig von Isidor Seemann repräsentiert worden. Auf Kragholm, erzählte man sich, hatte Frau Karen ihren Mann eingeschlossen, damit sein gutes Herz nicht mit ihm davonliefe. Und auf Hvidgaard hatte die Herrschaft vollauf mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun. Denn trotzdem Frau Mona nun mit ihrem Palle gut an die zwölf Jahre verheiratet gewesen, war sie doch noch immer nicht zur Ruhe gekommen. Das Zigeunerblut prickelte ihr in den Adern, und kein Tag ging zu Ende, an dem sie nicht mindestens zehnmal daran dachte, von der ganzen bürgerlichen Herrlichkeit zu fliehen und ihr altes vogelfreies Gewerbe wieder aufzunehmen. Aber noch saß sie fest. Es band sie so vieles: das reizende Heim, der prachtvolle Mann, Pferde, Wagen, Kutscher, Diener, Gold und Ehre. Und trotzdem, trotzdem! Es wurde immer schlimmer für sie, dieses Gefängnisleben auszuhalten. Nun war sie fünfunddreißig Jahre; in kurzer Zeit, dann würde sie eine alte Frau sein! Dieser Gedanken konnten sie wild und unbändig machen. Der Firnis glitt von ihr ab, und sie konnte inmitten des weißen stillen Hofes stehen wie das Mädel aus dem Kopenhagener Hinterhause und einen Strom gellender Schimpfworte ihrem friedliebenden Mann nachsenden, der in solchen Stunden am liebsten die Flucht ergriff in die Wälder hinein, oder über die Felder ... Und wenn er sich nach Stunden wieder zeigte, dann warf sie sich ihm reuig an die Brust und bat und bettelte um Versöhnung, um Vergebung. Und er nahm sie in seine starken Arme. Und sie vergaßen alle Streitigkeiten ... Aber immer wieder kam die Sehnsucht nach dem freien und ungebundenen Leben früherer Zeiten in ihr zum Durchbruch. »Palle« konnte sie bitten und sich auf seinen Schoß einschmeichelnd ducken, »Pallemännchen, hör' mich nun an, und sage Ja ... Laß uns den ganzen Kram hier verkaufen, einen Zirkus erster Klasse einrichten und in der Welt umherreisen. Mona Lisa ist noch nicht vergessen. Glaub mir's, wir werden Geld verdienen! ... Und wenn wir dann Gicht und Podagra kriegen, dann können wir ja Hvidgaard zurückkaufen und bis ans Ende unserer Tage hier im Rollstuhl herumfahren, dann haben wir doch wenigstens gelebt!« Aber »der wilde Mann« schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein, nein, Monachen, das geht nicht; darauf verstehe ich mich nicht ... und ich will dich auch am liebsten für mich selbst behalten. – Aber nun will ich dir etwas sagen, mein Kind; jetzt baue ich dir eine Reitbahn hier unten hinter der Meierei, du weißt unter den großen Ulmen an der Straße. Und dann kaufe ich dir ein paar richtige Araber: dann kannst du so toll reiten und dich vergnügen wie es dir paßt!« Sie fiel ihm entzückt um den Hals: »Ha, aber das Publikum?« fragte sie dann. »Wo bekommen wir das Publikum her? Ich kann nicht ohne Publikum arbeiten.« »Das Publikum ...?« sagte er und klatschte sich auf den Schenkel, »das Publikum ... das bin ich! Palle Uldahl, der Einzige auf Hvidgaard! Denkst du, ich werde andern Leuten das Vergnügen gönnen!« Und die Reitbahn wurde gebaut und die Pferde wurden gekauft, und Mona Lisa begann von neuem, heiß vor Eifer, sich im Schulreiten und in der Pferdedressur zu üben. Ihre Kommandorufe und ihr Feldgeschrei erklangen weit über die Landstraße hin, daß die Bauern sich bekreuzigten, wenn sie vorbeifuhren. Und sehr lange begnügt sich Palle nicht mit der Rolle eines Zuschauers: Frau Monas Begeisterung riß ihn mit sich fort, er wurde ihr Schüler und lernte Kunst- und Schulreiten, und sie jagten Seite an Seite im wildesten Parforce-Rennen in der Manege umher, wo die Stallknechte mit Stangen und Reiserhürden standen, über die die Pferde hinwegsetzten, daß die Sägespäne hochflogen. Es waren zwei prachtvolle, schwarze Hengste, die sie ritten, Castor und Pollux, feine schlanke und nervöse Geschöpfe, wie Mona Lissa selbst, und wenn die Tiere davonjagten, mit fliegenden Mähnen und prustenden Nasenlöchern, aufgeregt bis zur Wildheit und zitternd vor Ungeduld, dann konnte Frau Mona, von einem so süßen Rausch ergriffen werden, daß sie vergaß, wer und wo sie war, sich hintenüber auf den Rücken des Pferdes warf und den Schrei ausstieß, der einst in ihren Zirkustagen den Zuschauern das Blut wie Feuerbäche durch die Adern gejagt hatte. Und dann hielt Palle Uldahl sein Pferd an in atemlosen Entzücken. »Mona, Mona!« schrie er, und eine Angst durchzuckte sein Herz, eine Angst davor, daß es einmal ein schlimmes Ende nehmen würde. Aber Mona lachte und peitschte auf die Weichen der Pferde los: »Hai! – Hoppla, Castor! ... Hu – iii!« Und Castor setzte in einem Sprunge mit ihr durch das Tor und in den Stall hinein, der durch einen Anbau mit der Manege in Verbindung gebracht worden war ... Aber gegenüber in dem entgegengesetzten Giebel waren ein paar Bade- und Ankleidezimmer mit teppichbelegten Fußböden und weichen Lotterbänken eingerichtet worden. Hierhin zog sich die Herrschaft nach beendeter Vorstellung zurück, nahm ein Bad und kleidete sich um, während die Reitknechte draußen in den Ställen die dampfenden Pferde abrieben – und allerhand Witze zum besten gaben. So verstrichen ein paar Jahre. Und als Mann und Frau an einem Wintertage nackt dastanden und sich in einem der Ankleideräume frottierten, da kam Mona Lisa wieder auf ihre fixe Idee zurück. »Jetzt können wir doch Hvidgaard verkaufen, Pallemännchen,« sagte sie, »und einen Zirkus errichten, denn jetzt bist du ebenso tüchtig wie ich!« Aber Palle schüttelte wieder den Kopf: »Nein, Monachen, das geht nicht, ich passe nicht dazu. Dies hier ist etwas anderes, nur zu unserm Vergnügen, aber so in der Welt herumstreifen und sich zu zeigen ... Nein, nein!« Und er schlang die Arme um sie und drückte sie an sich. »Aber beeil' dich, daß du ein bißchen schnell in die Kleider kommst,« sagte er, »dann sollst du einmal sehen. Der russische Schlitten, den ich für dich bestellt habe, ist heute morgen gekommen und steht drüben in der Wagen-Remise.« »Ist er angekommen? Und das sagst du erst jetzt!« Den »russischen Schlitten« hatte Frau Mona in einem ausländischen Blatte abgebildet gesehen und mächtige Lust darauf bekommen. Und gleich hatte ihr Mann sich einen aus Petersburg verschrieben. Dieser Schlitten hatte nur einen hohen, schmalen Sitz, auf langen, dünnen Kufen und war nur von einer Person zu benutzen. Aber gerade dies hatte ihr gefallen: man denke sich Castor und Pollux vor ein solches Gefährt zu spannen und dann unter Peitschengeknall und Glockenklang davon zu fahren, daß der Wind einem um die Ohren pfiff. Und nun stand der Schlitten da, rot lackiert und strahlend mit einem großen Eisbärfell auf dem Sitzleder und zwei hohen, vergoldeten Laternen-Standern hinter dem Schirmnetz! Wie ein Märchen mußte es sein in diesem Schlitten in einer mondlichten Nacht über die weißen Landstraßen dahinzurasen, wenn der Schnee unter den Hufen der Pferde schrie und die Sterne vor Kälte lachten! Und Abend für Abend ließ nun Frau Mona den Winter hindurch den Schlitten anspannen und fuhr dann mit Masten und Bändern und klingelndem Glockenspiel über die Zugbrücke fort, während der Schimmer der hohen Standlaternen in dem blankgestriegelten Körper der Pferde unter dem wogenden Schlittennetz spielte. Und rings um sie herum kläffte und raste die ganze Hundemeute, warf einander um, biß sich, raufte sich und bellte drauf los ... Hektor, Freya, Herkules, Sonja, Chasseur ... und jagte dann im Galopp dem Schlitten nach, über die öden Wege. Es war wie König Waldemars wilde Jagd, die allen Frieden auf Weg und Steg zu Schanden machte. Und ehrliche Nachtwanderer flüchteten entsetzt in den Chausseegraben hinunter, wenn diese Vision näher kam. Und da standen sie dann bis an den Bauch im Schnee und starrten ihr nach und konnten nicht wieder zu Atem kommen. »Das Teufelsding!« murmelten sie. »Das Teufelsding von Kunstreiterfrau! Sie wird sich noch einmal um den Hals jagen!« Und sie krabbelten mühsam aus dem Schnee hervor, während der Zug weiterraste ... Es war Fastnachts-Sonntag. Ganz Havslundegaard hatte sich durch Wochen auf diesen Tag gefreut. Fräulein Frederikke hatte nämlich ein Kostümfest unten auf der vereisten Bucht vor dem Baderasen arrangiert und an alle Bewohner des Kirchspiels waren Einladungen ergangen. Schon um acht Uhr morgens war Frederikke aus dem Bett und am Fenster, um nach dem Wetter zu sehen. Es war stiller Nebelfrost mit Reif über allen Bäumen und Sträuchern. Sie fuhr schleunigst mit den Füßen in die Pantoffeln und lief im Nachthemd auf den Flur hinaus zu Fräulein Sophies abgeschlossener Tür, vor der Türk als Wachtposten lag. »Schläfst du, Sophie?« »Ja ...« ertönte es mürrisch. »Es wird das schönste Wetter!« »Wie spät ist es?« »Acht!« Hierauf erfolgte keine Antwort, nur ein Brummen. Da schlug Frederikke wütend gegen die Tür und stieß mit dem Fuß nach Türk: »Großes Beast, liegt hier und macht sich breit! ...« und lief eiligst an Annas Tür vorbei zu Charlotte hinein. »Es ist das schönste Wetter, Charlotte, und ganz, ganz still ...!« Charlotte richtete sich hastig auf: »Wie spät ist es?« »Acht ...« »Dann ist es noch zu früh zum Aufstehen ... komm lieber her und leg' dich ein bißchen zu mir!« Frederikke errötete: »Nein, nicht mehr ... das will ich nicht mehr ..« Charlottes Augen blitzten: »Dann sage ich es Mutter, daß du dich mit dem Eleven Jacobsen herumtreibst und mit ihm eine Liebschaft hast!« »Pah! Was denkst du, mache ich mir daraus!« Die andere schlug augenblicklich um: »Komm ...?« bat sie demütig und streckte die Arme aus: »Nein, sag' ich doch!« Und Frederikke stürzte zu dem Zimmer hinaus ...   Es war drei Uhr. Die Sonne war schon längst durchgebrochen und hatte den Nebel in die Flucht gejagt. Das Kostümfest war in vollem Gange ... Sonnabend Abend hatte der Eleve Jacobsen mit ein paar Knechten eine große Eisbahn unten auf der Bucht gefegt und gegossen, und sie lag jetzt stahlblank und leuchtend da. Flaggen und Wimpeln, dazwischen Tannen-Girlanden wehten von langen Stangen. Die Gartenbänke waren aufgestellt und von einer aus Zementtonnen und Wagenböden errichteten Estrade herab tuteten vier Horn-Musici. Im Badezelt bereitete die Köchin Anne Kaffee; Fräulein Anna und das Stubenmädchen Olga gingen als Kuchenmädchen verkleidet, mit ungeheuren Henkelkörben am Joch über den Schultern, umher und verkauften gratis Pfannkuchen. Die Preise stiegen schnell und fabelhaft, denn Olga hatte den Einfall gehabt, daß der zuerst bewirtet werden solle, der die höchste Geldsumme nennen könnte. 500 und 50 000 Milionen Kronen für eine Tasse Kaffee mit Gebäck war ein reiner Spottpreis, und man überbot einander ständig; es machte den Gästen Spaß in diesen ungeheuren Zahlen zu schwelgen, sie wurden schwindlig davon und fühlten sich ein einziges Mal als Matadore, was die Stimmung hob ... Mit der »Kostümierung« dagegen war es so eine Sache; man machte sich nicht gern in Gegenwart der Herrschaft »zum Affen«. Eigentlich hatte nur die kleine Minka, die Tochter des Jägermeisters vom Moorhofe, so richtig Ordre pariert. Sie hatte das alte Bauerngewand ihrer Großmutter angezogen, eine Bindehaube mit Nackenansatz aus Goldbändern, flaschengrünem Rock und schwarze Taille mit buntem Schultertuch, und sie sah entzückend aus: das gelbblonde Haar stand kraus um Stirn und Wangen, der Mund lächelte und die Augen lachten. Und dazu war sie erst 18 Jahre und hatte das appetitlichste, dralle Körperchen, man hätte geradezu um ihn herumgehen und ihn küssen mögen. Ein Duft von Erotik ging von ihr aus, daß alle Knechte ganz toll danach waren, in ihre Nähe zu kommen. Aber mitten im besten, wenn sie scharwenzelten und sich wendeten und drehten, kam Charlotte, die Männerkleidung trug und hinten auf dem kleinen vom Isländer Mikkel gezogenen Einspänner-Schlitten stand, schnappte sie ihnen vor der Nase fort und verschwand über die schneebedeckte Eisdecke der Bucht. »Jetzt fährt Charlotte wieder mit Minka davon!« lächelte Frau Line, die vom Lande aus zusah. »Ja, davon kriegen sie jedenfalls keine Kinder!« sagte der Stallknecht, der alte Jens Schwerenot oder Schwerenot-Jens, wie ihn die übrigen Diener nannten. Die umherstehenden Frauen und Mädchen kreischten vor Lachen und Frau Line lachte munter mit. Sie hatte sich auf die inständigen Bitten der Töchter mit Pelzmantel, Strohhut und Sonnenschirm kostümiert. Sie ging umher und sprach mit Frauen und Kindern, und wo sie sich zeigte, keimten Lächeln und Freude; so geradezu und »gemein« konnte sie ihre Worte wählen ... Jetzt entstand plötzlich ein fürchterlicher Lärm und Wirrwarr, mit Heulen und Schreien und Flucht nach allen Seiten. Es war Frau Mona von Hvidgaard, die im Russenschlitten und mit der ganzen Hundekoppel hinter sich her aus der Lindenallee angefahren kam. Sie knallte mit der Peitsche, daß die Pferde sich bäumten und die Hunde torkelten. »Guten Tag, Kinder! Na, wie amüsiert ihr euch?« »Tante Mona, Tante Mona!« rief Sophie und lief zum Schlitten hin. Aber Tante Mona hielt nicht an. Sie schwenkte das Fahrzeug ein paarmal auf dem Platz herum und rief zurück: »Ich muß zum Mittagessen daheim sein! Ich wollte nur sehen, wie es bei euch steht!« Dann dirigierte sie Castor und Pollux wieder die Lindenallee entlang. »Adieu, adieu!« rief sie, schwenkte die Peitsche und verschwand. Die Hunde stürzten ihr nach ... Die Gartenfrau Hansine ging auf Frau Line zu und verneigte sich vor ihr. Ihr altes Gesicht strahlte aus allen Runzeln. »Nein da lob' ich mir doch unsere eigene Frau,« sagte sie – »sie, die andere ist doch ein merkwürdiger Wildling!« »Das is ja noch 'ne Jungsche, Hansinechen,« lächelte Frau Uldahl zurück. Und um jedem weiteren Gerede über die Frau aus Hvidgaard vorzubeugen, fragte sie: »Haben Sie schon Kaffee bekommen, Hansine?« »Gewiß, vielen Dank ...« »Was haben Sie dafür bezahlen müssen?« »Hi– ja –e,« lachte die Alte, »man ist noch mit 200 Millionen davongekommen, hi, hi!« »Das war billig! Wollen Sie noch eine Tasse haben, Hansine?« »Ja ... An Geld fehlt es ja heute nicht!« Und Hansine wackelte vergnügt zur Köchin Anne im Badezelt. »Zehntausend Millionen Kronen und drei Kronen und achtzig Oere, Anne!« sagte sie grinsend und bekam die fünfte Tasse Kaffee ausgehändigt. Die Jugend ließ sich kaum Zeit zum Essen. Man lief Schlittschuh, schlitterte auf der Schlitterbahn, schnurrte im Eiskarussell herum, spielte Topfschlagen und warf die »Katze aus der Tonne«. Es war zuweilen ein Lärmen, Rufen und Spektakeln auf dem Festplatz, als ob die ganze Welt dort Freiquartier hielt, und dann fuhr noch dazu Fräulein Charlotte hin und wieder mit ihrem Schlitten in dem ganzen Tumult hinein. »Nehmt sie! Packt sie!« riefen die Knechte und jagten, mit den Fäusten nach der kleinen Moor-Minka. Aber Charlotte hieb auf Mikkel ein, und die Mädchen verschwanden wieder über das Eis hin ... Da ertönte von neuem Peitschengeknall und Glockengeläut von der Lindenallee her. Man glaubte, es sei die tolle Frau Mona, die zurückkehrte. Aber dann stellte es sich heraus, daß es Kutscher Lars war, der die drei Alten aus dem Asyl in die Sonne fuhr. Er schwenkte mit dem Breitschlitten direkt auf die Musik zu, daß die Schimmel tanzten. »Nein aber, das sind ja die ›Asyle‹,« sagte Fräulein Sophie und lief mit den Schlittschuhen an den Füßen vom Eis herauf. Sie war im Radelanzug, mit Pumphosen und rot und blau gestreifter Jacke. Auf dem Kopf trug sie eine schottische Mütze, die ihr tief im Nacken saß und das Haar verbarg. »Wollt Ihr auch eine Runde machen?« fragte sie und deutete auf das Eiskarussell, wo die Schlitten der Kinder wild an langen Stricken sausten. »I, Gott soll uns beschützen und bewahren, Sophiechen!« sagte die Ingwersen. »Dann würde wohl von keinem von uns was übrig bleiben.« Die Rottböl saß still-glückselig mit »Nikoline« auf dem Schoß. Die Sonne wärmte Gesicht und Hände der Alten, und die Puppe, die halb lag, kehrte wohlbehaglich das Weiße aus ihren Augen. »Wollt Ihr nicht unseren Kaffee kosten?« fragte Frau Line und winkte die Kuchenfrauen heran. »Ja–aah ...!« nickte die Lurvadt mit vernaschten Augen ... »Nein, wir wollen nicht!« sagte die Ingwersen, »ich friere am See! Fahr' zu, Lars!« »Ja, aber, einen Pfannkuchen?« rief Fräulein Anna, »einen Pfannkuchen!« Und als der Schlitten sich in diesem Augenblick in Bewegung setzte, schleuderte sie einen Pfannkuchen mitten unter die Alten. Und man sah sofort sechs gierige Hände sich eiligst vorstrecken, um ihn zu kapern .... »Ja, so müßte man es haben!« sagte Marie Ohrwurm zur Spat-Marie und deutete auf die Alten. »Ja, die haben's, weiß Gott, wie Königinnen!« nickte Marie. »Und dabei gehören sie nicht einmal zur Familie ,« murmelte die Leichen-Johanne, »obwohl, – übrigens – wer kann's wissen ... –« Alle drei Madames waren im Sonntagsstaat und hatten sich ein paar extra Zeugblumen und Bandenden auf die Kapotthüte genäht, um das Fest zu akzentuieren. Die Spat-Marie humpelte mit ihrer Alexandra umher, die in einem gichtbrüchigen Kinderwagen mit Gummirädern steckte. Das Mädchen war in Kissen und Shawls verpackt und nur ihren entsetzlichen Schweinsrüssel sah man unaufhörlich Backwerk hinunterknabbern. Wenn der eine Pfannkuchen verzehrt war, heulte sie und schlug um sich, bis sie den nächsten bekam. Die Mutter riß buchstäblich den umstehenden Kindern das Weißbrot aus den Händen, um es in die Tochter hinein zu stopfen. So ging es auch gewöhnlich zu Hause mit dem Essen. Die beiden kleinen Brüder Alexandras, Anders und Niels-Peter, und die Juliane der Leichen-Johanne hielten sich deshalb heute klüglich außer Schußweite. Die Spat-Marie, die Frau Line schon lange mit großen Augen verfolgt hatte, drehte ihr nun den Wagen mit der Tochter resolut in den Weg. »... Ta–aach,« grüßte sie katzenfreundlich, »ja wir müssen doch auch die Gnädige begrüßen!« Fräulein Sophie, die immer mit den Schlittschuhen an den Füßen herumstolperte, wollte die Mutter mit sich fortziehen, aber Frau Uldahl blieb stehen. »Guten Tag, Marie!« sagte sie freundlich, vermied es jedoch, das Monstrum im Wagen anzusehen, »wie geht's uns?« »Ja, danke, gnädigstes Frauchen,« schmunzelte die andere, »wie es kleinen Leuten gehen kann ... der Winter ist ja hart.« Alexandra begann böse zu grunzen. Der Wecken, mit dem sie saß, war beinahe aufgefressen. Sie zischte und brummte beim Essen wie ein Tier und der Speichel floß ihr aus den Mundwinkeln. Auch Maren und Johanne hatten sich genähert. Und die Gesichter der Umstehenden Frauenzimmer wurden fuchsspitz und aufmerksam: Jetzt gab es einen Jux! Aber Fräulein Sophie zerrte Frau Line hart am Mantel. »Du mußt kommen, Mutter,« sagte sie nervös, »gleich! Ich kann es nicht länger aushalten auf den Schlittschuhen zu stehen.« Und da Alexandra in demselben Moment ernstlich loszuheulen begann, nickte Frau Uldahl zum Abschied und ging mit der Tochter fort. »Hä, hä,« grinste die Leichen-Johanne böse, »für uns hat sie nicht Courage genug ... die Gnädige!« Und die Gesichter der anderen Proletarierfrauen sahen enttäuscht aus. Draußen auf der Eisbahn spielte die Jugend Haschen. Man lachte und lärmte, daß es bis weit auf das Land hinauf zu hören war. Hier oben stand die alte Leuteköchin Sörine und sah gehässig aus. Das Gelächter des Eleven Jacobsen übertönte nämlich laut das aller anderen; er hatte schon längst die Affaire mit dem Selbstmord des Verwalters Jensen vergessen. Und seit Sörine sich am Abend des Weihnachtstages so mütterlich seiner angenommen, war Leben und Bewegung in seinen schweren, safterfüllten Körper gekommen. Und nun fuhr er draußen auf dem Eise herum und grabschte nach den Mädchen, daß seine ältliche Lehrmeisterin vor Eifersucht aus der Haut fahren wollte. Besonders war es scheußlich anzusehen, wie er und Fräulein Frederikke sich mitsammen amüsieren konnten. Sie liefen mit gekreuzten Armen rings um die Bahn herum, begegneten sich und trennten sich und jagten einander nach und stolperten und lagen und krabbelten umher, daß sie fast vor Lachen erstickten. Na, Fräulein Frederikke mochte übrigens der Teufel holen, denn zwischen denen konnte ja nie von etwas Ernstlichem die Rede sein! Die anderen Mädels – daß er sich mit denen abgab, konnte Sörine nicht vertragen. Und sie hatte schon mehrmals beschlossen, ihrer Wege zu laufen, um dem Anblick all des Ärgernisses zu entgehen, aber sie konnte sich nicht dazu bewegen; sie konnte nicht vom Fleck, obwohl die Eifersucht sie biß, wie ein böser Wurm. Und dabei habe ich ihn erst lebendig gemacht, dachte sie und ballte die Fäuste unter dem Shawl, den sie um den Kopf geworfen hatte. Er hatte weder ein noch aus gewußt, als ich ihn erwischte! Und plötzlich spie sie zähneknirschend auf das Eis aus, während sie gleichzeitig laut heulte bei dem Gedanken daran, daß es nun wahrscheinlich mit Jacobsen gehen würde, wie es vor ein paar Jahren mit einem anderen Jungen und unbeholfenen Mann gegangen war, dessen sie sich angenommen hatte: er hatte sie schließlich »eine alte Zicke« genannt und dann mit einem der Meierei-Mädchen angebandelt. »O Gott, o Gott!« schluchzte sie völlig unbeherrscht. »Immer sind es die jungen kahlen Mädels, die uns Älteren das Brot vom Munde nehmen! Und hier mit Jacobsen handelte ich doch aus dem pursten Mitleid, damit der Junge nicht allein auf seinem dunklen Lager liegen sollte, als der Schafskopf von Verwalter sich erhängt hatte und ihm in die Arme gefallen war ...! Ach Gott, o hu–u, kleiner, süßer, himmlischer Jacobsen, wie kannst du das übers Herz bringen, wie kannst du das übers Herz bringen ...!« »Was stehst du da und siehst so bunt im Gesicht aus?« fragte der Schwerenot-Jens, der vorbeikam. Sörine zog den Shawl fester um den Kopf. »Was geht's dich an?« »Nee ... Gott bewahre! ... ist es der, der Jacobäus draußen, der dir das Wasser hochtreibt? ... »Stoß du lieber den Zapfen in die Tonne und laß die Jugend sich amüsieren!« »Wie du und Johanne!« »Wie ich und Johanne! Ja ... du und ich, wir haben, Schwerenot, gekriegt, was uns zu unserer Zeit zukam; laß jetzt die anderen ein bißchen 'ran!« Sörine wandte sich um und antwortete nicht. Und der alte Schwerenot-Jens zockelte weiter; er mußte heim und nach den Pferden sehen ... Er hatte sich seiner Zeit vom Gutsbesitzer dazu kaufen lassen, die Leichen-Johanne zu heiraten, als sie schwanger geworden war und beide hatten freie Wohnung im Familienhause erhalten. Aber Jens verbrachte seine Tage meist im Pferdestall, oben auf dem Hofe und seine Nächte in einem Raum neben der Tenne. Fragte man ihn, weshalb er nie bei seiner Frau wäre, dann sagte er, indem er beide Hände in gleicher Höhe mit den Ohren erhob und schüttelte: »Nein, nein, nein, lieber Freund; da hab' ich, Schwerenot, nichts zu suchen!« Er gab Johanne getreulich die Hälfte seines Lohnes; aber das Kapital, die fünf Hundertkronen-Scheine, die er dafür bekommen, daß er sie geheiratet hatte, die versteckte er und zog auf den verborgensten Stellen damit umher ... Nur an Sonn- und Feiertagen nahm er sie zur Betrachtung hervor ... »Gehst du hinauf, Mutter?« »Ja, Sophiechen, ich fang an zu frieren.« »Aber du kommst doch wieder hinunter, Mutter, wenn die bunten Lampen angezündet werden?« »Ja, aber natürlich! Ich muß mir doch die Pracht ansehen!« Fräulein Sophie wandte ihr Gesicht ab und sah auf das Eis hinaus. »Warum wohl Vetter Isidor nicht mit den Jungens hinausgekommen ist, wie er es Mittwoch versprochen hatte ...« Frau Line betrachtete sie lächelnd: »Rositta ist ja nicht recht wohl, weißt du ...« Draußen auf dem Eise spazierte Fräulein Frederikke immer noch mit dem Eleven Jacobsen umher und Charlotte und Minka fuhren lachend im Schlitten vorbei. »Du hältst dich immer so allein, Sophiechen,« sagte Frau Uldahl und streichelte der Tochter die Wangen. »Du weißt ja, Mutter, daß es mir so am liebsten ist ...« sagte Sophie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Die Sonne war untergegangen und die Dunkelheit brach an. Ein paar Knechte hatten sich Pechfackeln zurecht gemacht, die sie anzündeten und mit denen sie über das Eis jagten. »Jacobsen ...?« flüsterte die Köchin Sörine, als der Eleve hinaufkam, um die bunten Lampen aus dem Badezelt zu holen. Sie hatte sich nicht von der Stelle gerührt, wo sie stand; und ihr Gesicht war blau vor Weinen und Kälte. »Jacobsen ...? Kleiner, guter Jacobsen ...?« Aber der Eleve hörte sie nicht. Er ging und pfiff ...   In der Villa Seemann freute man sich nicht auf das Kind, das eintreffen sollte. »Den Schnitzer« hatte man es getauft, mit einem Versuch, die Sache humoristisch aufzufassen. Und Isidor hatte eine Zeichnung des Kindes gemacht, wie es auf einem Katheder stand, klein, altklug und mit einer Brille auf der Nase und seinen zerknirschten Eltern Vorwürfe darüber machte, daß sie es geschaffen hatten ... Aber Frau Rositta ging still und umfangreich in den Stuben umher, während Isidor reuig um sie herumpusselte. Auch diese Situation hatte der Amtsrichter verewigt. Aber das half eben so wenig ... Es sollte auch nicht zur Erhebung der Gemüter beitragen, daß die Laune der alten Frau Seemann in letzter Zeit unter den Nullpunkt gesunken war. Aus dem Grunde konnte niemand klug werden; und wenn man sie fragte, antwortete sie unweigerlich: »Das weiß ich nicht ... ich bin nur so betrübt.« Aber da endlich eines Tages bei einem von Isidors gewöhnlichen Besuchen, machte die alte Dame ihrem Herzen Luft ... Sie saß auf ihrem »Gedenkplatz« auf dem Ecksofa. Frau Seemanns Kinn zitterte nervös und ihre Augen waren tränenbetaut. »Aber was ist denn los, Torachen,« fragte Isidor und ergriff ihre Hand, »sag' es mir doch jetzt.« Und da kam unter heftigem Schluchzen: »Es ist Vater ...!« »Und was tut er?« »Er läßt mich so viel allein sitzen ...« »Ja aber, es würde doch furchtbar unpassend sein, wenn Thora mit ihm in den Klub ginge, der ist doch nur für Männer.« »Ja, das weiß ich wohl ... und keiner freut sich, weiß Gott, mehr darüber als ich, daß das alte Wurm ihm beigetreten ist.« »Na, ja aber ...« »... aber ich kann es nicht aushalten, allein zu sitzen, das weiß er sehr wohl ... und das sagte Frau Willemoes auch, als sie gestern hier war, daß das ein großes Unrecht von ihm sei ... und da sagte ich es ihm, als er nach Hause kam, daß sie das gesagt hätte ... und da sagte er, daß er sie kopfüber die Treppe hinunter werfen wolle, wenn sie das nächste Mal käme; denn sie solle nicht herumgehen und Eheleute untereinander verhetzen, sagte er.« »Und glaubst du, Thorachen, daß er es tut?« Frau Seemann wurde rot und hitzig. »Nein, mein Junge,« nickte sie, »da kennst du deinen Vater schlecht! Er ist wirklich ein allzu nobler und feiner Charakter, als daß ihm so etwas einfallen könnte.« Isidor mordete ein Lächeln. »Na aber, dann brauchst du dir's doch nicht zu Herzen zu nehmen, Frauchen!« »Nein,« seufzte sie, als sie merkte, daß sie geschlagen war, »nein, das ist es auch nicht so sehr ...« Auch Isidor seufzte: »Was ist es dann ...?« Die alte Dame starrte in Gedanken versunken vor sich hin; ihre Hände lagen nun in ihrem Schoß und die Daumen wälzten sich in nervöser und rasender Eile umeinander: »Es ist meine Seligkeitshoffnung ...« entfuhr es ihr. »Aber Herrgott, Mütterchen,« lachte der Amtsrichter und streichelte ihr die Wange. »Du kannst dir doch denken, daß Petrus entzückt sein wird, wenn er dich sieht! ... Na, bist du es, Thora Seemann, wird er sagen und die Arme ausbreiten: komm' doch her, dann werde ich dich direkt vor Gottes Thron tragen!« Die alte Frau lächelte, während ihr noch die Tränen über die Wangen liefen: »Ja, wenn du Petrus wärst, Isidorchen, dann hätte es keine Not ...« »Ich will dir gern eine Empfehlung mitgeben!« »Pfui, mit so etwas spaßt man nicht!« »Nein, es ist auch wirklich mein voller Ernst! Du, die du so süß und liebenswürdig bist, solltest du nicht geradewegs in den Himmel kommen, dann kommt keiner hinein.« Frau Thora schüttelte still den Kopf. »Nein,« sagte sie, »ich bin oft böse und ungerecht gegen Vater und euch andere ... Aber das ist es auch nicht,« fügte sie trostlos hinzu, »denn das kann man ja mit Beten gut machen ...« Ihre Daumen begannen wieder wild zu sausen, und indem sie völlig an sich verzweifelnd ihre Stirn gegen die Schulter des Sohnes lehnte, sagte sie schluchzend: »Ich kann nicht an Jesu unbefleckte Geburt glauben, Isidorchen ... und nur durch den Sohn kommt man zum Vater!« Der Amtsrichter mußte sich derb in die Lippen beißen, um nicht zu lachen. Endlich war es also der alten Dame geglückt, ihn ordentlich an die Wand zu drücken! Und er empfand die tiefste Bewunderung vor ihrer Schlauheit, während er gleichzeitig das innigste Mitleid mit ihr hatte, denn sie litt ja unter all dieser Denkerei. Und dann lächelte er wieder. Solange er zurückdenken konnte, war nämlich dieser stille Kampf zwischen ihnen geführt worden, wer von ihnen beiden die Oberhand gewinnen würde. Sobald Frau Thora einen neuen Grund gefunden hatte, zu trauern und Tränen zu vergießen, hatte Isidor sofort versucht, ihr nachzuweisen, daß kein Grund dazu vorläge; und sie hatte sich scheinbar trösten lassen. Aber im tiefsten Innern war sie ärgerlich darüber, daß er stets den Sieg davontragen mußte. Und sie dachte sich subtilere und subtilere Ursachen aus. Sie mußte weinen, sonst machte das Leben keinen Spaß. Aber sie verlangte andererseits auch, daß man sie tröste. Wenn Isidor die Treppe zur Wohnung der Eltern hinaufging, dachte er stets mit einer gewissen Beklemmung: Gott weiß, was sich die kleine Thora jetzt wieder für Spitzfindigkeiten ausgedacht hat! Aber bisher hatte er doch, wie gesagt, das Glück gehabt, sie immer durch Beweise zu überzeugen, was auch im Augenblick bewirken konnte, daß ihr leichter und lichter zu Mute wurde. Aber wenn sie dann wieder allein geblieben war, reagierte sie ärgerlich auf seine Dialektik und spintisierte und spintisierte, um doch endlich und unabweislich einmal den Sohn matt setzen zu können und einen Trumpf auszuspielen, den er nicht auszustechen vermochte. Und das war ihr also heute endlich geglückt: Auf die unbefleckte Empfängnis konnte er nichts wiedergeben. Am allerwenigsten mit dem jetzigen Zustand seiner Rositta in mente . Er nahm deshalb in seiner Bedrängnis die Zuflucht zu einem Witz. »Herrgott, Thorachen,« sagte er und streichelte ihr wieder die Wange, »hat der Herrgott all das andere machen können, dann hat er doch wohl auch ein kleines Kind machen können!« Aber die alte Dame wollte ihn nicht so um die Sache herumkommen lassen, jetzt, da sie ihn endlich in der Zwickmühle hatte. »Wie ist das Leben doch fürchterlich,« jammerte sie, »keinen hat man, mit dem man sprechen und keinen, der einem helfen kann!« »Aber Mütterchen ...!« »Ja aber, so tröste mich doch, Junge!« sagte sie plötzlich hart und wütend. »Du pflegst ja sonst immer damit zu prahlen, daß du mich trösten kannst!« »Na, aber Frau ...!« rief der Amtsrichter überrascht, »jetzt wird sie ja unartig!« Und im selben Augenblick warf sich die alte Frau reuig an seiner Brust, verbarg wiederum das Gesicht an seine Schulter und schluchzte: »Ja, ja, ja ... ich bin böse, das weiß ich wohl ... aber das liegt daran, daß ich krank bin vom vielen Alleinsitzen ...!« Jetzt war man wieder beim Ausgangspunkt ... Aber Frau Seemann, die das bei Zeiten entdeckte, fuhr fort: »Und dann glaube ich auch, Isidor, es kommt zum großen Teil davon, daß ich zu der fürchterlichen Familie gehöre ...« »Meinst du die Familie deines Mannes?« »Nein!« sagte sie hitzig, »ich meine die Uldahls , natürlich!« (Niels Uldahl erschien Frau Thora so ungefähr wie Ritter Blaubart in eigener Person.) »Es ist doch eine angesehene und feine Familie,« meinte Isidor. »Ja, das will ich meinen, mit dem Niels!« »Würdest du vielleicht lieber eine geborene Sörensen sein?« »I, Gott bewahre!« »Na, ja aber ... Und dann ist es doch auch die Schuld der Uldahls, daß du mich bekommen hast!« Frau Seemanns Gesicht wurde ein breites lichtes Lächeln. »Ja, Gott segne den Staatsrat dafür!« sagte sie. »Du mein Sonnenkind!« In diesem Augenblick hörte man, daß die Entreetür geöffnet wurde und im Vorzimmer ertönten Schritte. Frau Seemann trocknete schnell die Augen und putzte sich die Nase. »Das ist Vater,« sagte sie, »er darf nicht sehen, daß ich geweint habe; es wäre eine Sünde gegen ihn ...!« und sie begann unmotiviert zu lachen und zu schwatzen. »Sieh' mal her, Isidor, jetzt habe ich die Bilder gefunden, von denen wir gestern sprachen ...!« Sie lief eiligst ins Wohnzimmer und kam mit einer Pappschachtel voll alter Photographien zurück, die sie mit nervöser Hast auf dem Tisch vor dem Sofa auszubreiten begann. »Wir sagen Vater kein Wort!« flüsterte sie. »Wir sagen Vater kein Wort!« Der alte Seemann trat ein. »Na, wir sind wohl sehr beschäftigt,« nickte er und seine Sack-Äuglein lachten vergnügt. »Guten Tag, Isidor! Guten Tag, Mutter! ... Was glaubt Ihr wohl steht draußen im Entree für Euch?« Die Tür glitt leise auf, und die beiden kleinen Jungen des Amtsrichters, Paul und Jürgen, zeigten sich. »Großvater hat uns mitgenommen ... er sagte, wir müßten ...!« entschuldigten sie ihre unangemeldete Ankunft und blickten zum Vater hin. »Aber das sind ja die Kinder!« sagte Frau Seemann, lief zu ihnen und küßte und umarmte sie. »Das war allerdings eine Überraschung.« Paul, der älteste der Knaben, war schlank und dunkelhaarig, mit feinem, blassem Gesicht und großen, »denkenden« Augen. Jürgen, der jüngste, war dick, fast viereckig, blondlockig und gassenbubenhaft. Der alte Seemann warf seiner Frau einen scheuen, forschenden Blick zu, er hatte ein böses Gewissen, weil er sie allein ließ, – aber er liebte seinen Klub. »Wie geht's Mutter?« »Gut, Vater!« »Ja, das kann ich mir ungefähr denken, wenn Isidor bei dir ist ...« lächelte er erleichtert. Und dann nahm er seine Zeitung, ging ins Wohnzimmer, setzte sich in seinen Stuhl am Fenster und begann zu lesen. Er begann aus der Vorderseite des Blattes mit Titel und Datum und schloß auf der Rückseite mit Redakteur und Buchdrucker. Die Knaben standen schweigend und wohlerzogen am Tisch, wo Vater und Großmutter saßen und die alten Photographien durchsahen. »Könnt Ihr sehen, wer das ist?« sagte der Amtsrichter und zeigte ein Bild. »Das ist Großmutter,« sagte Paul sachverständig. »Das sieht nicht recht nach einer Großmutter aus!« meinte Jürgen. »Nein, es ist auch viele, viele Jahre her, daß sie photographiert wurde, mein Junge; aber hier sind ja zwei gleiche Bilder, Thora! Kann ich eins davon bekommen?« »Ja, bitte, Isidorchen. ... Sind es zwei? Das habe ich gar nicht gewußt.« Der Amtsrichter steckte die Photographie in sein Portefeuille ... Die Knaben verhielten sich ständig schweigend und diszipliniert, Paul selbstverständlich, Jürgen mit mehr Überwindung. »Wie geht es eurer Mutter?« fragte die alte Dame. »Gut!« sagte Paul. »Sie hat solchen großen Bauch bekommen,« sagte Jürgen. »So?« lachte Frau Seemann. »Ja, mit 'nem kleinen Bruder drin!« Die alte Dame lachte laut; und der Amtsrichter lächelte: »Na, Jürgen Strolch, nur nicht zu beredt!« »Nein!« sagte der Knabe und kniff den Mund zusammen. »Wollt Ihr jeder eine Apfelsine haben, Jungens?« Die Kinder sahen zum Vater hinüber, und als er zustimmend nickte, sagten sie: »Ja ... danke ...« »Das sind doch die zwei süßesten Bälge, die man sich denken kann,« lächelte die alte Frau. »Willemoessens Kinder waren gestern hier, die waren so naseweiß und unartig, daß es ein Greuel war.« »Ja–e– ...« sagte der Amtsrichter, »und dabei erleben Willmoes wahrscheinlich im Laufe der Jahre mehr Freude an ihnen, als ich an meinen.« »Dürfen wir die Apfelsinen essen?« fragte Jürgen. »Nein, steckt sie ein, jetzt wollen wir nach Hause ... Und geht hinein und sagt Adieu zum Großvater« Der alte Seemann saß in seine Zeitung vertieft; er sah und hörte die Kinder nicht und als der Vater ins Zimmer trat, standen sie noch schweigend und wohlerzogen vor ihm. »Habt Ihr Adieu gesagt?« »Großvater liest!« sagt Paul. »Und da darf man nicht stören!« sagte Jürgen ... Er hatte die kribbelnste Lust gefühlt, einen Finger durch die Zeitung zu stecken und Buh–h! zu rufen! Aber er hatte gelernt, sich zu beherrschen. Als der Amtsrichter nach Hause kam und das Porträt vornahm, das er von seiner Mutter bekommen hatte, bemerkte er, daß auf der Rückseite einige Verse standen, die er selbst vor dreiundzwanzig Jahren gedichtet und niedergeschrieben hatte. Und er setzte sich sofort an seinen Schreibtisch und verfaßte folgenden Brief, mit dem er Paul zur Großmutter laufen ließ: Teure Geliebte! Sieh' her, was auf dem Bilde stand, das Du mir vorhin gabst: Die Stimme, die in mir den Kinderwillen Das Gut' und Böse unterscheiden lehrte Vor langer Zeit, – wie segn' ich sie im Stillen – Dir, Mütterlein, die Stimme ja gehörte! Und mußt Du einst, des Erdenwanderns müde, Den Weg zu Gott, in Deine Heimat lenken – Aus Deinem Namen quillt mir warmer Friede Und immer, immer werd' ich sein gedenken! I. Seemann. Und dies sage ich noch nach dreiundzwanzig Jahren. Du wirst daraus ersehen, welch' herrliche und prächtige kleine Thora-Mutter Du bist und stets warst Deinem Sohn Isidor Seemann. Als die alte Dame dies zu Ende gelesen hatte, weinte sie lange und mit heftig schnurrenden Daumen. Aber diesmal vor Freude. ... Präzis mit dem Glockenschlage acht bekam der Amtsrichter Seemann seinen Morgenkaffee in seine Privatwohnung gebracht. Wenn er Kaffee getrunken hatte, steckte er sich eine Pfeife an, setzte sich in eine Sofaecke und »dachte«. Von neun bis zehn Uhr machte er einen Morgenspaziergang, nachdem er erst die Karauschen unten im Gartenteich gefüttert hatte. Von zehn bis zwölf Uhr arbeitete er im Landratsamt unten in der Stadt. Um ein Viertel auf Eins frühstückte er zu Hause. (Solo.) Von Eins bis Drei war er wieder im Bureau. Dann aß er mit der Familie zusammen Mittag; trank Kaffee, rauchte eine Zigarre, machte einen Nachmittags-Spaziergang, kam um sechseinhalb Uhr zurück, las, zeichnete und »dachte« in seinem eigenen Zimmer, bis die Uhr neun schlug und die Kinder zu Bett gebracht waren. Dann tranken er und seine Frau Tee im Eßzimmer, worauf sie lasen, rauchten und im Wohnzimmer miteinander schwiegen, bis die Uhr auf dem Schreibtisch in der Ecke elf schlug. Dann standen sie auf, sagten einander gute Nacht und gingen jeder in sein Schlafzimmer mit dem Wunsch eines ebenso angenehmen Beisammenseins am folgenden Tage und alle übrigen Tage, bis an ihr Lebensende ...   Die hohe Stehlampe auf dem Mitteltisch im Wohnzimmer war angezündet. Klein und dickbäuchig saß Frau Rositta in ihrem Zimmer und nähte Kinderzeug für den »Schnitzer«. Das Zimmer war gemütlich ausgestattet mit Teppichen auf dem Fußboden, alten Mahagoni-Möbeln und alten Kupferstichen. Auf dem Tisch neben dem Nähkasten stand ein Veilchenstrauß, der das Zimmer mit seinem Frühlingsduft erfüllte. Die Kinder waren zur Ruhe gebracht; alles im Hause war still ... Da schlug die Uhr auf dem Schreibtisch neun. Die kleine Frau hob den Kopf. Türen wurden geöffnet und geschlossen. Es war Isidor, der mit Pfeife und Whisky aus seiner Privatwohnung kam. Heute Abend hatte der Amtsrichter den Tee in seinem Zimmer eingenommen, was öfters vorkam. Als er an Rosittas Stuhl vorbeikam, strich er ihr sanft über die Wange; und sie blickte von ihrem Nähzeug auf und nickte. Worauf er sich auf seinen gewöhnlichen Platz am Tischende setzte, ein Buch vornahm und zu lesen begann. Und die Stille breitete sich von neuem aus. Man hörte nur das Ticken der Uhr und den schwachen, heiseren Ton des Fadens, wenn Rositta ihn durch die Leinwand zog ... Da krachte plötzlich ein Stück Kohle im Kachelofen, daß die Stücke gegen die Ofentür rasselten. »Na ...!« sagte der Amtsrichter. »Ja–e ...!« lächelte Rositta, fast entschuldigend. Worauf sie hartnäckig weiter schwiegen, unverbrüchlich, eifrig, bis die Uhr elf schlug und man sich erhob, um jeder in sein Zimmer zu gehen ... Aber heute Abend legte Frau Rositta, statt sofort Gute Nacht zu sagen, ihre Arme um den Hals des Gemahls, lächelte still und sagte: »Nun ging also der Tag zu Ende, Isidor! Wieviel aus demselben Teig meinst du, haben wir noch zu erwarten?« »Viele,« sagte er, »ungeheuer viele!« »Das ist aber schade ...« »Ja–e, aber da ist nichts zu machen! Und dann haben wir es doch eigentlich ganz nett!« »Ja-e ...« »Gute Nacht, Resedachen ... Möchtest du nicht meinen Whisky probieren?« »Nein, nein, danke, danke ... noch nicht!« »Na–e, dann steht es ja noch nicht ganz verzweifelt mit dir!« Frau Rositta streckte den Arm in den ihres Mannes und sie begannen im Zimmer auf und ab zu gehen. »Weißt du noch,« fragte sie, »wie du mir das Trinken abgewöhntest?« »Ja!« »Und nun willst du es mir wieder angewöhnen?« »Ja–e ... ich habe nämlich in der Zwischenzeit eingesehen, daß es trotzdem das allein Seligmachende ist.« Sie blieb stehen und blickte lächelnd zu ihm auf: »Wir sind eigentlich ein paar nette – Pflanzen hätte ich beinahe gesagt!« »Ja, von uns kann man was lernen!« Sie begannen wieder umherzugehen. »Das liegt auch an dem schrecklichen Klima, in dem wir leben, Isidor!« »Glaubst du, Kleine?« »Ja, wenn die Sonne etwas mehr schiene und wir nicht all den Wind und den Pantsch hätten, dann würden die Menschen viel vergnügter sein.« Der Amtsrichter schüttelte den Kopf: »Ich glaube, das liegt tiefer ...« sagte er. »Ich glaube, das menschliche Geschlecht ist zu alt geworden ...! Weißt du noch, der triste Mann, den wir unten in Monte Carlo sahen? Er spielte und spielte aus reiner Melancholie; und als er alles verspielt hatte, ging er und erhängte sich an einer der Palmen ... Und er war noch dazu aus Sizilien, wo es Sonne und Wärme gibt!« Sie lächelte wieder. – »Wie gut wir doch immer einander zu trösten verstehen, Isidor!« »Wir gehören ja auch alle beide zu dem lebensfrohen Geschlecht Uldahl-Ege, Kleine ...! Aber es ist doch unglaublich, wie redselig wir werden, wenn wir zu Bett sollen! Es ist gleich einhalbzwölf!« »Bloß noch ein bißchen?« bat sie und zog ihn mit sich. Und sie begannen wieder auf und ab zu wandern. »Weißt du, was Jürgen heute Abend sagte, als er ausgekleidet wurde?« »Der Strolch, der redet so viel! Das hat er gewiß von dir ...! Na, was sagte er also?« »Er sagte, ich sollte ihm einen Ballon kaufen; und dann wollten er und ich damit auffliegen, ›ganz so hoch, wie wir nur könnten‹; und wenn wir dann nicht mehr höher kommen könnten, sagte er, dann sollten wir ein Loch in die Welt schlagen und aus ihr herausfliegen.« »Heiliger Bonifacius, Reseda, der Junge ist ja Religionsstifter!« »Und als ich ihn fragte, was denn da wäre, sagte er: da liegen all' die Weihnachtsgeschenke, die ich im nächsten Jahre kriegen werde! ... Und du hättest seine Augen sehen sollen, Isidor! ... Wie ist es doch schade, daß aus Kindern Erwachsene werden müssen.« »Ja, man müßte sie am Tage der Konfirmation erwürgen, dafür bin ich immer gewesen ...! Aber, Kleine, hast du es übrigens als Kind dort unten in Polen so besonders gut gehabt?« »Nein ...« ertönte es sanft. »Und die Mädchen auf Havslunde ... glaubst du, daß sie über ihre Kindheit besonders entzückt gewesen sind?« »Nein ... aber deshalb soll man auch immer gut gegen Kinder sein!« »Vielleicht ...? Ich bin nun etwas mißtrauisch gegen alle kategorischen Imperative geworden ... Aber jetzt will ich, hol' mich der Teufel, zu Bett gehen! Ein verteufeltes Mundwerk hast du doch! Hätte ich das geahnt, hätte ich dich nicht genommen!« »Jetzt gehe ich, Isidor, ..« lächelte sie, »Gute Nacht!« »Gute Nacht, Kleine, willst du nicht meinen Whisky kosten?« »Nein, ich will nicht ... doch, eigentlich, dann schlafe ich schneller ein!« Und sie nahm sein Glas und leerte es beinahe ... Über den »Schnitzer« sprachen sie nicht!   Drinnen über dem Arbeitstisch des Amtsrichters hingen ein paar Kopieen der üppigen, schönen und lebenslustigen Porträts von Fräulein Natalia und Fräulein Bettina im Gartensaal von Havslundegaard ... Als Isidor aus der Wohnstube in sein Zimmer trat, nickte er ihnen gemütlich zu: »Die Mütter trinken Champagner,« sagte er, »und die Kinder werden schwachköpfig. ... Und nur Gott, der Allwissende, kann sagen, was die Kindeskinder für ein Ende nehmen werden!« Dann bereitete er sich einen frischen Whisky und begann sich auszukleiden. »Die Sache ist die,« sagte er, »daß man einen akzeptablen Gott haben müßte, dem man wieder verfallen könnte, Resedachen!« Im Arbeitszimmer und Schlafzimmer waren Lampen und Lichter angezündet. Isidor ging während des Auskleidens zwischen den Stuben hin und her. Manchmal machte er ein paar Tanzschritte und summte dazu. Dies war seine gemütlichste Stunde. Er fühlte sich hier in seiner Einsamkeit Angesicht zu Angesicht mit dem Leben selbst und jenseits aller »Kultur« und konventioneller Rücksichten. Der Amtsrichter Seemann litt nämlich an einer peinlichen Krankheit, einer Art galgenhumoristischen Veitstanzes, den zu verbergen ihn viel Mühe kostete, wenn er mit andern Menschen zusammen war. Besonders hatte Musik einen unheilvollen Einfluß auf ihn; und er litt die fürchterlichsten Qualen, wenn er im Bureau saß und ein Leierkasten draußen auf der Straße zu spielen begann, während gleichzeitig ein achtbarer Mann an seinem Pult stand und »ernsthafte« Sachen mit ihm verhandelte ... Tschimdadera und Tschimdadera und Tschimdadera –da–da–a ...! begann es da in Isidor zu trällern und zu wogen; und er empfand die kribbelnste Lust, den Achtbaren um den Leib zu fassen und mit ihm herumzuwalzen –. Weshalb das bißchen wahnsinnige Dasein so feierlich nehmen! Aber er bezwang sich natürlich und verhandelte weiter. Und der Achtbare ging auf die Straße hinaus, am Leierkasten vorüber und lobte den Amtsrichter bei anderen Achtbaren und nannte ihn einen selten ruhigen, besonnenen und ernsthaften Mann ... Ha, ha, ha, hi–i–i ...! Isidor ergriff plötzlich ein Lineal vom Tisch; und indem er es als Gitarre benutzte, begann er im Zimmer umherzuwalzen, während er laut zu einer selbstkomponierten Melodie sang: »Ach, wie ist das Leben doch reich ... plum, plum! (schlug er auf das Lineal) und schön – plum – plum! – und tief – plum, plum! – und ach, wo auf Erden lebt wohl mein Vater, Jacobäus, daß ich ihm für mein Dasein danken kann! – Mein Vater Jacobäus, jener geschickte Gymnastiker, der mich auf einem Klub-Ball erzeugte – plum, plum! – Mitten zwischen den Lancieren und der Française – mich erzeugte mit dem stolzen Fräulein Natalia von Havslunde, die mit einem Gutsbesitzer verlobt war, einen Bankier heiratete und am Leberkrebs starb – plum, plum! – in ihrem Palais in den Champs Elysees ...? Denn du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, heißt es, und deinen Gott fürchten und dein – plum, plum – Vaterland lieben!« Er warf die »Gitarre« fort, nahm eine Spieldose aus der Schublade des Tisches hervor und zog sie auf, und als sie mit einem Marsch einsetzte, begann er mit martialischen Schritten und würdiger Haltung zwischen den Möbeln umher zu stolzieren, nur mit blaugestreiften, seidenen Unterhosen und einem hochroten Fez angetan, den er einmal auf einer Reise nach Spanien von einem wunderschönen Mädchen in Alicante als Morgengabe erhalten hatte, einem wunderschönen und gottesfürchtigen Mädchen, das den Fez einem Türken gestohlen hatte, den sie trotz der Gebote des Korans sternhagelbetrunken gemacht und ausgeplündert hatte; denn sie war eine eifrige Christin und über ihrem gastfreien Bett hing der leidende Erlöser ... Isidor ergriff wieder das Lineal; und während die Spieldose einen einschmeichelnden Pas de deux ableierte, spielte und sang er mit ihr um die Wette: »O, Miranda du – plum, plum! – Unvergeßliche! – Unsere Muttersprache ist wunderbar, sie hat einen so milden Klang; und du sprachst spanisch und ich sprach dänisch, aber wir verstanden einander wie es nur ein Mann und ein – plum, plum! – Weib können! – O Miranda, mit den braunen Gliedern und dem heißen Schoß! – O Miranda Madonna, mit dem roten Munde, der nach Knoblauch stank! – Wie ist das Leben doch reich – plum, plum! – und schön – plum, plum! – und göttlich sinnlos! – Und nun habe ich meiner Frau einen »Schnitzer« verschafft, obwohl es, Gott weiß, schon genug – plum; plum!! – Uldahls auf der Welt gibt!« Er warf das Lineal fort und bereitete sich den dritten Whisky. »Prosit«, sagte er, und trat vor das Porträt seiner Mutter hin. »Prosit, Madame Jacobäussen! Jetzt kann ich der Wahrheit starr ins Auge sehen! Das Leben ist ein Tingeltangel, gedichtet und in Szene gesetzt von jenem großen, trunkenen Faun, der irgendwo wohl salviert außerhalb des Ganzen sitzt und die Fäden in seiner Hand hält ... Die Priester nennen ihn Gott! Prosit!« Und er nahm eine Flasche Opium aus seinem Schreibtischfach und goß einige Tropfen daraus in seinen Whisky, um besser einzuschlafen ... Aber am nächsten Vormittag Punkt zehn Uhr saß der Amtsrichter Seemann auf seinem Bureaustuhl und flößte seinen Mitbürgern Achtung ein. Paul und Jürgen durften rings im ganzen Garten frei umherspielen und sich tummeln, wo sie wollten. Nur in dem oberen Teil in unmittelbarer Nähe des Hauses durften sie nicht kommen. Und besonders dann nicht, wenn der Vater zu Hause war. »Der Herr Amtsrichter muß Ruhe haben!« sagte Jürgen. Aber im übrigen stand Isidor mit seinen Nachkommen auf dem allervortrefflichsten Fuß.   Es war an einem Sonntag-Vormittag, Anfang April. Die Sonne leuchtete, Bäume und Büsche dachten daran, auszuschlagen, und der Ostwind pfiff böse. Draußen auf der Steintreppe vor dem Hause stand der Amtsrichter im dicken Winterrock und freute sich über das Frühjahr. In der Hand hielt er ein abgeschnittenes Stück Weißbrot, mit dem er zu den Karauschen hinunter wollte. Jürgen kam derb und vierschrötig aus der Haustür und pflanzte sich neben den Vater auf: »Darf ich mit dir spazieren gehen?« Isidor blickte zu ihm hinunter und gewann es nicht über sich, nein zu sagen. »Ja, du darfst.« Der Junge machte eine Verbeugung, wie man sich ungefähr die Verbeugung eines Hauklotzes vorstellen würde. »Danke!« »Aber du darfst auf dem ganzen Wege keinen Mucs reden.« »Nein!« »Und du darfst mich nicht an der Hand halten.« »Nein!« »Willst du nicht einen Überrock anziehen?« »Ne–ee!« sagte der Junge verächtlich, »das ist doch bloß was für alte Männer.« Und sie gingen zusammen durch den Garten. Kaum waren sie zehn Schritt gegangen, als Jürgens Finger sich heimlich in des Vaters Hand schmuggelte. »Haben wir nicht abgemacht, daß du mich nicht an der Hand halten sollst?« »Doch ...« lachte der Knabe verlegen und zog schnell seine Finger zurück. »Ich hatte eben dran vergessen ...« »Also!« Auf dem Abfallshaufen hinter der Nußhecke stand Paul, die Arme über der Brust gekreuzt und starrte fanatisch über den Karauschenteich hin. »Was tust du?« fragte Isidor. Der Knabe sah ihn nicht an, sondern starrte unverwandt über den Teich: »Ich bin Napoleon I., der auf den Alpen steht und über den atlantischen Ozean blickt!« sagte er. Isidor griff an seinen Hut. »Gestatten Ew. Majestät, daß ich die Kar ... die Delphine füttere?« Paul winkte gnädig mit der Hand. »Bitte, mein Herr,« sagte er.   Als der Amtsrichter und Jürgen mit dem Füttern der Fische fertig waren, gingen sie aus dem Garten hinaus und bogen am Kreiskrankenhause vorbei und in die »Anlagen« der Stadt ein. Hier drinnen schossen Tulpen und Osterlilien zu Haufen hervor, und der Ostwind war beißend ... »Frierst du nicht, Jürgen?« »Nein, es ist doch Sommer!« Jürgen hatte schon längst wieder seine Hand in der des Vaters untergebracht. Aber seinen Mund hatte er doch bisher hübsch gehalten. Jetzt kam der endlich in Gang, und indem der Knabe seine linke Hand ballte und damit durch die Luft hieb, wie zum Angriff, fragte er: »Willst du glauben Vater, daß ich Karl Petersen klein kriegen kann.« Der Amtsrichter zuckte bei der Störung zusammen. »Ich glaube, wir hatten abgemacht, daß nicht gesprochen werden sollte,« sagte er dann. »Ja ...!« nickte der Knabe, »aber wenn du innen so wärst wie ich, dann könntest du gewiß auch nicht so lange stillschweigen.« Sie kamen den Weg am See entlang. Jürgen warf einen mißbilligenden Blick auf das schmutziggraue Wasser. »Dumm, daß hier keine Walfische sind!« sagte er. Isidor antwortete nicht. Bald darauf begegneten sie einer Dame, die der Knabe grüßte. »Das war mein Reserve-Fräulein aus dem Kindergarten,« erklärte er. Und der Amtsrichter, dem es schien, daß es Sünde sei, ihn noch länger zu knebeln, fragte entgegenkommend: »Wie heißt sie?« »Sie heißt Frau Mathiesen ... Darf ich weiter sprechen?« Und als der Vater zustimmend nickte, stand während der Stunde, die der Spaziergang dauerte, der Mund des kleinen Kerls nicht still ...   Als sie den Garten der Villa wieder erreicht hatten, kamen Paul und der erwähnte Karl Petersen ihnen aus einem Busch entgegengesprungen. »Steht, oder Ihr seid des Todes!« Die beiden Jungens hatten einen Kranz von Federn um den Kopf. Ihre Gesichter waren rot und blau tätowiert, und in Nasen und Ohren trugen sie Ringe, die aus dem Verschlußdraht von Selterflaschen hergestellt waren. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet mit Bogen, Pfeilen, Spießen und Lanzen. Und Paul trug als Zeichen seiner höheren Abstammung ein altes Katzenfell auf der linken Schulter. Jürgen verstummte vor Bewunderung mitten in einem Satz. »Ich bin ein junger Indianerhäuptling aus dem Inkastamm,« erklärte Paul, und setzte Isidor seine Lanze auf die Brust. »Karl Petersen ist mein Waffenträger. Und wir sind draußen auf Rekognoszierung mit der Ordre von meinem Vater, dem Leichenfresser, jeden niederzustechen, der den Feldruf nicht gibt!« »Und wie lautet der?« fragte der Amtsrichter in Angst. »Die neun Wasser!« »Die neun Wasser!« wiederholten die beiden überrumpelten schnell. »Die neun Wasser, passiert!« sagte Paul und ließ die Lanze sinken. Aber im selben Augenblick hielt er einen Finger in die Höhe und lauschte gespannt. »Pst!« sagte er. »Hört Ihr das scharfe Pfeifen? Die Irokesen sind jenseits des großen Sees vorgerückt! Schnell, deckt euch!« Und er und Karl Petersen sanken hinter dem Busch in die Kniee und zogen die anderen mit sich. »Sie haben das Ufer erreicht!« fuhr Paul fort, bleich vor Gemütsbewegung. »Hört Ihr das leichte Rasseln in den Binsen? Wenn der Auerochse sie anführt, dann sind wir verloren!« »Langschnauze!« sagte der Waffenträger Petersen erregt. »Der weiße Mann steht auf.« Paul zielte mit seinem Bogen auf den Amtsrichter, dem die Kniee angefangen hatten, müde zu werden. »Rühr' dich nicht, oder ich schieße!« sagte er. Isidor sank unwillkürlich wieder in die Kniee. »Gnade ...?« bat er, »Gnade für einen älteren Herrn? Könnt Ihr den jungen Mann hier nicht brauchen? Ich schenke ihn euch!« »Ach, ja, nicht wahr, Paul?« bat Jürgen, bebend vor Kampfeseifer. Paul Langschnauze wechselte ein paar Worte in der Inkasprache mit seinem Waffenträger. » Radamaly suopis sek !« sagte er. »Wir brauchen einen Bluthund.« Jürgen senkte augenblicklich die Schnauze zu Boden und schäumte wild. »Vorwärts,« kommandierte Langschnauze, »mein Vater, der Leichenfresser, will in den Sümpfen nördlich der großen Seen mit uns zusammentreffen!« Und fort schlüpften die Indianer zwischen den Büschen. Bald hörte man nur das Kläffen des Bluthundes aus der Ferne ... Grüngelb vor Neid wanderte der Amtsrichter einsam dem Hause zu.   Auf Groß-Ravnsholt ging alles denselben soliden Gang wie zu Lebzeiten Joachim Uldahls. Die Pompadour, die wahrend der Krankheit des Gutsbesitzers das Oberkommando geführt, stand auch weiter der Verwaltung vor und ihre Söhne gehorchten ihr, ohne zu mucksen. Aber sie behandelte sie mit größerem Respekt. Und man erzählte sich, daß sie sogar beim Rechtsanwalt Bock gewesen war und sich erkundigt hatte, ob es nicht möglich sei, daß die »Jungens« den Namen Uldahl annehmen könnten. Und da sich dies nicht machen ließ, war sie wütend und ließ sich auch stets Henriksen nennen ... Sie war wie früher die erste, die morgens aufstand, Feuer machte zum Frühstück, die Dienstboten weckte und die Arbeit in Gang brachte. Aber mittags präsidierte sie im herrschaftlichen Eßzimmer gegenüber den Söhnen, die ins Hauptgebäude hinaufgezogen waren, wo sie jeder ihr Zimmer bekommen hatten und »drin« aßen ... Onkel Joachim hatte sich nicht allein mit der Pompadour verheiratet, sondern er hatte sie auch, um seine Familie gründlich zu ärgern, testamentarisch zu seiner Universalerbin eingesetzt, mit Ausnahme einiger kleiner Legate und der hundertundzwanzigtausend Kronen, die er für die Mädchen auf Havslundegaard bestimmt hatte. Aber, obwohl Madame Henriksen also dem Namen nach und in Wirklichkeit auf dem Gut Nummer Eins war, hielt man doch stillschweigend unter sich ihren ältesten Sohn Hans für den gegenwärtigen und zukünftigen Herrn auf Ravnsholt. Mit ihm beriet sich die Mutter auch immer über den Betrieb des Hofes und die übrigen Geschäfte. Auch die beiden jüngeren Brüder, Jeppe und Anders, hatten ihn von Kindheit an als das natürliche Oberhaupt der Familie betrachtet. Nicht gerade weil er der Tüchtigste war, denn die anderen gaben ihm in dieser Beziehung nichts nach, sondern weil er nun einmal der Älteste war. Und außerdem waren die drei Brüder mit ihrer Mutter darin einig, daß Jeppe und Anders, sobald sich die Gelegenheit bot, jeder einen passenden Landsitz haben sollten wie Hans. Sie konnten ja doch nicht auf die Dauer alle hier auf Ravnsholt umhergehen und übereinander stolpern ... Aber vorläufig ging es also in der guten alten Weise. Und sie arbeiteten nicht allein jetzt wie früher mitsammen, sondern sie studierten auch ferner gemeinsam. Sie waren als Knaben nur in die Dorfschule gegangen und hatten deshalb seit sie erwachsen waren, emsig gestrebt, das Versäumte nachzuholen. Und sie saßen nun alle Abend nach beendigtem Nachtmahl unter der Hängelampe im Bureau und lasen und schrieben und rechneten und belehrten und halfen einander. Und in der Ecke hinter dem Geldschrank saß Madame Henriksen in dem alten Lehnstuhl des Gutsbesitzers und hörte andächtig bewundernd zu. Aber da kam die Geschichte mit Minka vom Moor. Schon mehrere Jahre vor Joachim Uldahls Tod war Hans mit einem Mädchen namens Marie Sejfert gut Freund gewesen und hatte ein paar Kinder mit ihr bekommen. Sie war die Tochter eines Holzschuhmachers im Dorfe und »nähte« zu Hause bei ihren Eltern. Hans hatte immer die Absicht gehabt, sie zu heiraten, hatte aber nicht gewagt, mit dem Gutsbesitzer darüber zu sprechen. Und die Pompadour hatte ihm auch eifrig abgeraten, da man nie wissen konnte, wie der alte Herr sich zu der Sache stellen würde. »Warte du lieber, bis der Gutsbesitzer eingebuddelt ist,« sagte sie. »Das kann unter keinen Umständen mehr so gefährlich lange dauern; und ein paar Groschen fallen nachher wohl ab; und dann bist du dein eigener Herr.« Und Hans sah das Richtige dieses Raisonnements ein und wartete ... Aber dann geschah ja das Unerwartete, die Heirat und Standeserhöhung der Mutter. Schon am Tage nach dem Begräbnis, bei dem ihr sehr viel Respekt und Teilnahme erwiesen worden war, nahm sie den Sohn beiseite und sagte: »Hast du was Entscheidendes mit Marie Sejfert abgemacht?« Hans blickte vor sich hin: »... »Nee ...« »Hast du noch Absichten auf sie?« »... Nee ...« »Ja, die Sache ist doch jetzt anders geworden.« »... Ja – e ...« »Und du brauchst dich jetzt nicht mit der ersten besten zu begnügen!« »... Nee ...« »Wie willst du dich losmachen?« Hans starrte ständig zu Boden und sagte: »... Ihr Vater möchte gern einen kleinen Holzschuhhandel drüben in Rynkeby aufmachen ...« Madame Henriksen sandte ihrem klugen Sohn einen bewundernden Blick zu: »Na,« sagte sie – »Ja, da wird sich wohl ein Ausweg finden lassen ... Wie viel muß er 'reinstecken?« »Siebenhundert Kronen ...« »Ja – e, das ist doch ein Geld ...« »Ja – e ... aber Jeppe und Anders brauchen nicht ihre Nasen dazwischen zu stecken ...« »Nee ...« sagte die Pompadour. »Natürlich nicht!« Und vierzehn Tage später zog die Holzschuh-Familie samt der Tochter und deren Kindern nach Rynkeby, fünf gehörige Meilen von dem Hofe und Gute Ravnsholt entfernt ...   Aber worüber Hans Henriksen nicht mit seiner Mutter sprach, das war die wahnsinnige Leidenschaft, die ihn ergriffen hatte, die kleine Teufelsrange Minka vom Moor zu besitzen, zu pressen und zu drücken. Er hatte nie vorher ein solches Gefühl verspürt. Er war ganz krank vor Begierde nach ihr. Er hatte sie jetzt am letzten Neujahrstage bei einer Dilettanten-Vorstellung im Vereinshause gesehen. Sie stand als »Königin der Nacht« in einem Tableau. Und nachher hatte sie mit den jungen Leuten getanzt und gedalbert, die ganz wild hinter ihr her waren. Für Hans Henriksen hatte sie weder einen Blick noch ein Wort gehabt. Aber seine begierigen Augen hatten sie überall hin verfolgt. Und, die Fäuste in den Hosentaschen geballt, hatte er geschworen, daß sie sein werden müsse, und sollte er ihr auch in einer dunklen Nacht auflauern und sie vergewaltigen! An Minka, die ja die Tochter eines betitelten und wohlhabenden Mannes war, konnte indessen ein ältlicher Bauernknecht nicht so leicht herankommen. Aber sobald Hans Gutsbesitzerssohn geworden war, spannte er eines Tages an und fuhr ganz insgeheim zum Moorhofe, um einen Stier zu besichtigen, der in der Zeitung zum Verkauf ausgeboten worden war. Er wurde vom Jägermeister und dessen Frau ganz besonders ehrerbietig aufgenommen. Aber von Minka sah er nichts; und nach ihr fragen wollte er nicht. Da sicherte er sich das Vorkaufsrecht auf den Stier und fuhr wieder nach Hause. Das nächste Mal, als er nach dem Moor-Hof fuhr, war es gerade an dem Fastnachtssonntag, als Minka zum Kostümfest nach Havslundegaard mußte. Und er kam an, als sie im Begriff war, in den Wagen zu steigen. Also ging die Sache mit dem Stier auch diesmal nicht glatt. Und als er sich zum dritten Mal einfand, erzählten die Eltern äußerst stolz, daß Fräulein Charlotte von Havslundegaard Minka am vorhergehenden Tage zu einem längeren Besuch abgeholt hatte. Nun glaubte Hans den Stierhandel nicht gut mehr in die Länge ziehen zu können, und dieser Handel wurde deshalb abgeschlossen. Aber die Begierde nach Minka saß ihm ständig wie ein Krebsschaden in der Brust und fraß und nagte und ließ ihm keinen Frieden. Er spannte also nach Verlauf einer Woche wieder an. Fuhr aber diesmal nach Havslunde. Hans hatte mit Natanael Larsen, dem neuen Verwalter des Hofes, zusammen gedient. Und als Vorwand für den Besuch gab er an, die Konstruktion einer Reihen-Sämaschine besichtigen zu wollen, die er sich vielleicht auch anschaffen würde. ... Sie saßen im Zimmer des Verwalters und plauderten miteinander. Lars war ein großer, starkknochiger Kerl von schmieriger und gelblicher Gesichtsfarbe, mit ein Paar stechenden, schamlosen, gelbbraunen Augen von der Sorte, unter deren Blick den Frauenzimmern die Kniee zittern. Er war Predigersohn, aber von »unechter« Geburt, da er aus der Verbindung eines unglücklichen geistlichen Erotomanen und einer Lehrerin namens Ingeborg Larsen abstammte. Den Namen Natanael hatte ihm die Mutter in Anbetracht seiner theologischen Herkunft gegeben ... Es war das erste Mal nach der Erbgeschichte, daß Hans und Natanael miteinander plauderten. »Ja, nun hast du, Schwerenot, den Vogel abgeschossen, Henriksen!« sagte der Verwalter. »Teufel auch, daß man bloß eine Lehrerin zur Mutter gehabt hat, und keine Haushälterin, ha, ha!« Mamsell Helmer kam herbei mit einer Flasche Bier und einem Bissen Brot. Sie blieb abwartend vor dem Tisch stehen. Larsen sah sie höhnisch von oben bis unten an. »Ja, danke, Mamsell,« sagte er dann knurrend, »essen können wir allein! ... Die alte Kruke!« fuhr er fort, als die Mamsell zornsprühend das Zimmer verlassen hatte. »Gut, daß sie zum Mai weg muß, dann wird man doch ihre Zudringlichkeit los! ... Kannst du dir denken,« griente er, »daß sie sich in einer Nacht, gleich nachdem ich hier auf den Hof gekommen war, hol' mich der Teufel, bei mir in der Kammer einfindet und tut, als ob sie nachtwandelte! ... Ha, ha! Aber du kannst glauben, ich hab' sie ein bißchen fix geweckt mit der Wasserkanne da! ... Sie ist nicht mein Typus mit all dem Fleisch; meine soll sich schlängeln können, weißt du!« »Dann haßt sie dich wohl,« fragte Hans. »Ja, mit Dampf! ... Und ich habe auch all den Mausereien einen Riegel vorgeschoben, an die sie noch aus der Zeit des vorigen Selbstmörders her gewöhnt war. ... daß man so närrisch nach einem Frauenzimmer werden kann, das habe ich nie begreifen können!« fuhr der Verwalter fort – »Herrgott, man kann ja damit zu 'ner anderen hingehen! – Gott weiß übrigens, was die beiden Kumpane zusammen dem Gutsbesitzer gekostet haben!« »Ist er nicht mehr gut Freund mit ihr?« »Nee ... und nun steht doch in den Zeitungen, daß er bald Minister werden soll, da muß er ja vorher ausmisten! ... Denn Minister mit Liebsten hat man doch nicht gesehen, hi, hi! ... Aber wir wollen wohl hinüber und uns die Sämaschine ansehen ...« Als sie schräg durch die Scheune gingen, trafen sie Fräulein Sophie, mit einer Salonpistole in der Hand und von Türk gefolgt. Sie zuckte vor Unbehagen zusammen, als sie den Verwalter sah. Und Türk wies die Zähne und knurrte. »Guten Tag, Hans Henriksen,« sagte das Fräulein freundlich und blieb vor ihm stehen. »Wie geht es Ihnen?« Hans errötete. Er hatte seit Onkel Joachims Tod keinen von der Familie Uldahl gesehen. »Wie geht es dem alten Rinaldo?« fragte das Fräulein und strich Türk beruhigend über den Rücken, um den gemeinen Augen des Verwalters zu entgehen, die sie umspielten. »Rinaldo ist tot, Fräulein ... Wir haben ihn an demselben Tage erschossen, an dem der Gutsbesitzer begraben wurde.« »Können Sie es nicht mit Türk ebenso machen, wenn ich einmal sterbe, Hans Henriksen?« »Fräulein denken doch wohl nicht so bald daran?« »Man kann's nicht wissen,« lachte sie. Der Verwalter drängte sich vor. »Hat Fräulein Ratten geschossen?« fragte er und deutete auf die Büchse. Sophie tat, als ob sie ihn nicht hörte. »Ihr habt wohl nicht Urgroßvaters Elfenbeinstab gefunden?« fragte sie Hans. – »Vater fabelt in seinen Briefen beständig davon.« »Nein, wir haben ihn nicht gefunden ... Ich glaube, der Herr Gutsbesitzer hat ihn mit ins Grab genommen.« Sophie lachte: »Das könnte ihm ähnlich sehen! – – – Na, adieu, Hans Henriksen; und grüßen Sie Ihre Mutter! ...« »Hochnäsige Bande!« sagte Verwalter Larsen und sah dem Fräulein wütend nach, als es weiter ging, scheinbar ohne seine Gegenwart bemerkt zu haben. »Ich finde eher, daß sie traurig aussieht ...« meinte Hans. »Hä, ja!« grinste Nataniel, »sie braucht ein bißchen ... (hier machte er eine obscöne Gebärde) ... Du solltest dich an sie heranmachen, jetzt, wo du selbst ein großes Tier geworden bist!« fuhr er fort –. »Ich sah ihre Beine neulich, als sie über einen Balken in der Tenne fiel ... M – m – m – m! FF ! Was sagst du!« »Wir wollten die Sämaschine besichtigen,« sagte Hans Henriksen kurz. »Ja ... die steht hier drüben im Wagenschuppen ... Du hast dich wohl jetzt in Watte gewickelt, hi, hi!« Als sie mit der Besichtigung der Maschine fertig waren und der Wagen wieder angespannt stand, deutete der Verwalter auf den Eleven Jacobsen, der gerade aus dem Kuhstall kam. »Kennst du den Hänfling?« fragte er. »Nein ...« »Das ist ein reiner Amor! Der nimmt uns allen andern die Luft weg!« »So – o– e ...« »Ja ... Und selbst unser Fräulein Frederikke ist verrückt nach ihm. Aber er sieht kaum mehr nach ihr hin, seit diese Moor-Minka hier zu Besuch ist.« Die Zügel zuckten unwillkürlich in Hans Henriksens Hand, daß die Pferde tanzten. »Hoa – hoa, so, so ...!« beruhigte er sie. »Aber sie ist doch wirklich ein appetitliches Futterpäckchen,« fuhr der Verwalter fort und schmatzte. »Die möchte ich wahrhaftig lieber bei mir im Bett haben als einen Floh! ... Kennst du sie?« »Nein!« sagte Hans, und das Blut stieg ihm zu Kopf. »Du etwa?« »Nee ...!« »Dann solltest du nicht so frei über sie sprechen, find' ich.« »Na – e, Teufel, Teufel!« höhnte der andere. »Wenn sie hier herumrennt und mit unserm Fräulein Charlotte eine Liebschaft hat, dann verdient sie es, zum Donnerwetter, nicht besser!« »Liebschaft ...?« »Ja, gewiß Liebschaft. Sie schlafen zusammen, und sie fahren zusammen aus, und sie baden zusammen ... Das sieht doch ein Blinder! Aber es ist doch eine Sünde und Schande für uns Mannsleute, denn wir möchten doch auch gern ein bißchen von diesem süßen, süßen, süßen Siehstduwohl haben!« Er wand wollüstig seinen langen mageren Körper. »Ha – ha. Wie?« Aber Hans Henriksen sagte plötzlich Adieu und sprang auf den Wagen. Er konnte kaum seine Lust bändigen, dem Verwalter mit seinem Peitschenstiel mitten in die gelbe Fratze zu schlagen. »Adieu!« wiederholte er und erhob zugleich die Peitsche wie zum Gruß. »Aber du hältst ja den Schaft nach oben, Mensch!« lachte der Andere. »Was Teufel, ist mit dir los, daß du plötzlich so eilig hast! Reitet dich der Satan?« Hans gab den Pferden die Zügel, ohne zu antworten. Aber hinter seinem Rücken hörte er Natanaels böses Kichern ... Eine Meile von Havslunde traf Hans Henriksen Franz Uldahl aus Kragholm. Er kam breit und zufrieden auf seinem dicken Paßgänger angeritten. »Guten Tag, guten Tag!« rief der Kragholmer und nickte dem jungen Mann freundlich zu. Herr Franz war ja im Augenblick nicht unter Frau Karens Kontrolle und da ging das Herz mit ihm durch.   Das ist ja das Entsetzliche, Isidor, daß ich nie über das sprechen kann, was mich am meisten erfüllt. Als Du gestern hier wärest, wollte ich Dir etwas sagen und Dich um Rat fragen, aber ich konnte es nicht über meine Lippen bringen, es saß mir wie ein dicker Klumpen im Halse. Aber nun will ich es schreiben, dann bekommst Du es einst zu lesen, und dann wirst Du an Deine kleine Freundin denken, wenn sie einst tot ist. Es ist der neue Verwalter, Isidor, der mir solche Angst einjagt! Und hauptsächlich über ihn wollte ich mit Dir sprechen. Wenn ich ihn nur sehe, muß ich zittern; es sind seine Augen! Ich weiß nicht, wie ich es Dir erklären soll; aber es ist, als stünde man ganz nackt da, wenn er einen ansieht! Er kann noch so höflich und freundlich sein, aber man ist doch immer nahe daran, zu schreien: »Ach sehen Sie mich nicht mit den Augen an!« Und dann hat er auch so ein scheußliches schmutziges Lächeln! Die Schwestern und die Mädchen hier sagen dasselbe, aber sie werden nur wütend auf ihn und nicht ängstlich wie ich. Frederikke sagte neulich, sie schlüge Larsen nochmal eines Tages mitten ins Gesicht; aber ich habe meist Lust, vor ihm davonzulaufen und mich vor ihm zu verstecken. Und trotzdem, Isidor, und das ist das Fürchterliche und das Herbwürdigende für mich, ich fühle auch das Verlangen, mich ihm um den Hals zu werfen und laut aufzuschreien: »Hier bin ich, mache mit mir, was Du willst und laß mich dann zufrieden!« Und glaubst Du, mehrere Male bin ich nahe daran gewesen, es zu tun! Aber wenn ich es nun tue, Isidor, wenn ich es nun tue, was dann? Ja, dann muß ich mich selbst nachher umbringen, denn die Schande kann ich nicht überleben! Und einer von der Familie muß ja hier auf Havslunde sterben, sagt Mamsell Ingwersen, wie die beiden vorigen Besitzer. Da laß es nur mich sein, die ich die Unglücklichste bin. Aber jetzt höre nur: ich fiel neulich, als ich unten in der Dreschtenne herumlief und mit Türk spielte, und als ich aufstehen wollte, stand der Verwalter plötzlich über mich gebeugt und berührte mich, um mir zu helfen, und seine Augen, ach, hättest Du nur seine Augen gesehen! Ich wäre beinahe ohnmächtig geworden, als ich seine Hände an meinem Körper fühlte, und wäre Türk nicht in diesem Augenblick dazugesprungen und hätte ihn weggerissen, so weiß ich nicht, was geschehen wäre, denn, Isidor, Isidor, es ist entsetzlich, was ich Dir jetzt sage, aber es ist wahr! Ich lag und wünschte, daß er mich so richtig in seine Arme schließen und an sich pressen möchte. Aber Gott sei Dank, daß Türk ihn fortriß, denn da sprang ich auf und flüchtete. Aber ist es nicht entsetzlich, Vetter Isidor, daß der Mensch eine solche geheime Macht über mich erlangt hat, daß ich fast an weiter nichts denken kann, als an ihn? Ich sehe ihn überall und träume von ihm des Nachts, ach, wie ist das doch fürchterlich! Und mit niemand kann ich sprechen, und niemand mich anvertrauen, denn was würdet Ihr von mir denken, wenn ich Euch all das Garstige erzählte, mit dem ich mich in Gedanken herumtrage! Und da gibt es noch viel mehr, als das mit dem Verwalter' denn Frederikke läuft umher und gibt sich Stelldicheins mit dem Eleven Jacobsen, und Charlotte und Minka vom Moor sind »Liebesleute«, sagt das Stubenmädchen Olga; und Anna, ja, mit Anna steht es fast am schlimmsten. Und es ist schrecklich, es zu sagen, aber ich habe entdeckt, daß sie sich manchmal in die Speisekammer schleicht und von dem Wirtschafts-Madeira trinkt. Und dann schließt sie sich ein und liegt viele Stunden auf ihrem Bett und schläft! Wie traurig bin ich doch darüber, daß Mutter in eine solche alte verdorbene Familie hineingeraten ist, sie, die es hätte so schön haben können unter den gesunden und forschen Menschen, von denen sie herkommt; aber gut ist es doch, daß sie gewiß von alledem garnichts sieht, sie glaubt, daß alles ist, wie es sein soll, und wenn sie mit der Wirtschaft fertig ist, sitzt sie mit ihren Karten und mit Vaters alten Briefen aus der Zeit, als er und sie noch einander liebten. Ich bin die Einzige, die sieht, wie schlecht es um uns alle steht; aber das ist wohl so eine Bürde, die mir Gott auferlegt hat, weil ich nicht mehr an ihn glaube; ach, Isidor, Isidor, Du mußt mir helfen, sonst weiß ich nicht, was daraus werden soll!            Dein bis in den Tod                      S. Isidor, wenn Du das nächste Mal herkommst, dann küsse mich nur ruhig; aber Du mußt mich nicht vorher danach fragen – denn dann sage ich bloß: Nein.                     Deine                        S. Jeder, der die häuslichen Verhältnisse auf Kragholm einigermaßen kannte, mußte sich wundern, wenn er sah, wie Franz Uldahl im Laufe der Jahre stets an Fülle und Umfang zugenommen hatte. Man wußte, daß Frau Karen ein streng ökonomisches Regiment führte; und die Dienstboten klagten stets über das Essen. Aber sie schlug ihre Klagen mit dem Hinweis darauf nieder, daß die Herrschaft keineswegs üppiger lebe. Und das Taschengeld, das sie ihrem Mann überließ, konnte ihn nicht fett machen. Das reichte gerade zu Tabak und Zahnpulver aus. Und trotzdem wurde er runder und vergnügter mit jedem Jahre, das verstrich. Das Lächeln wich ihm nicht von Lippen und Augen; und des Nachts lag er und gluckerte mit seinem unterseeischen Gelächter, das nun in ein kondensiertes Kichern ausgeartet war, dessen Stärke Frau Karen veranlassen konnte, ihn mit einer wütenden Klaue am Nachthemd zu packen und zu zerren, bis er erwachte und sich ärgerlich aufrichtete. »Worüber liegst du denn da und lachst, Franz! Eine scheußliche Gewohnheit, die du dir zugelegt hast. Mir kommt kein Schlaf in die Augen!« »Lachen? Ich lache doch nicht.« »Was sind es dann für Laute, die du hervorbringst?« »Das muß mein Asthma sein,« brummte er. »Das ist immer am schlimmsten, wenn ich ins Bett komme.« Onkel Franz hatte nämlich begonnen, an Atemnot zu leiden, behauptete er, und er machte deshalb täglich lange Spazierritte, wie das Wetter auch war, um frische Luft und Bewegung zu haben. Er ritt gewöhnlich um einhalb zwei Uhr, unmittelbar nach dem Mittagskaffee, fort und konnte dann an die vier, fünf Stunden wegbleiben. Zweimal wöchentlich, Mittwoch und Sonnabend, fuhr er in die Stadt zu irgend etwas, was er »landwirtschaftliche Sitzungen« nannte und wovon er erst spät nachts heimkehrte. Und Frau Karen machte ihm niemals Vorwürfe deswegen, da dies jetzt seine einzige Form der Ausschweifung war. In den letzten zehn Jahren hatte er den Kreisbezirk nicht mehr verlassen; ein paar mit seiner Frau unternommene Reisen in die Hauptstadt ausgenommen ... Und nun sollten sie also bald Silberhochzeit feiern ... Es liegt ein Krug, der Herritslev-Krug heißt er, gut zwei Meilen von Kragholm entfernt und ungefähr in der Mitte zwischen Hvidgaard und Groß-Ravnsborg. Der Krug gehörte damals einer Witwe, Sidsel Christoffersen, die ihres vortrefflichen Essens wegen weit und breit berühmt war ... Als der Hofjägermeister Palle und seine Mona eines Nachmittags dort vorbeiritten, kam es dem Hofjägermeister vor, als sehe er einen Schimmer von Franz' strahlendem Antlitz, während sie die Fenster passierten. »Mona!« sagte er und hielt das Pferd an – »Hast du den Kragholmer gesehen! Paß auf, Madame Christoffersen mästet ihn, hol' mich der Teufel! Wir müssen hinein!« Und sie brachten schleunigst ihre Pferde in den Stall und gingen in die Krugstube. Und ganz richtig, sie fanden Franz Uldahl drinnen! Aber er saß friedfertig an dem gescheuerten Tannenholztisch und genoß eine Tasse Kaffee mit einem Stück Weißbrot von der Nacht. Aber davon soll man ja nicht besonders viel Talg auf den Leib kriegen. Der Tag der Silberhochzeit rückte heran. Es waren an die fünfzig Einladungen ergangen, und da mehrere der Gäste von weit herkommen sollten, waren alle Fremdenzimmer auf Kragholm instand gebracht worden. Frau Karen hatte beschlossen, diesen Meilenstein in einer Weise zu feiern, welche der Welt einen gehörigen Eindruck davon geben konnte, ein wie glückliches Zusammenleben sie und Franz trotz alledem in diesen – ach, allzu schnell verronnenen – fünfundzwanzig Jahren geführt hatten. – Zehn Tage vor der Festlichkeit fuhr das Brautpaar nach Kopenhagen, um einzukaufen. Nichts sollte gespart werden. Karen goß gleichsam Geld aus. Eine große Kiste nach der andern, bis zum Deckel mit Delikatessen angefüllt, traf in Kragholm ein. Und als alles wohl besorgt war, setzten Mann und Frau sich getrost in den Zug, der sie heimwärts führte. Aber da geschah es in der Nähe von Samsö, daß Frau Karen mit ihrem Franz sprechen wollte und er nirgends zu finden war. Sie suchte auf dem ganzen Schiff herum und fragte und fragte, aber er war nicht da. Er hatte sie in Kallundborg getreulich an Bord geleitet und auf einem Sofa in der Damenkajüte angebracht. Aber seit dem Augenblick an war jede Spur von ihm verwischt ... Nach Kragholm heimgekehrt, wartete und wartete die Braut. Aber der Traute kam nicht. Und es waren nur noch drei Tage bis zum Fest. Da vergoß Frau Karen, wohl zum ersten Mal in ihrem Leben, aufrichtige Tränen, und zwischen zwei ungeheuren Füllhörnern sitzend, depeschierte sie an die Gäste, die Uldahls und die Heinemanns, daß sie nicht kommen möchten, das Fest sei aufgegeben, Franz' Atemnot hätte sich verschlimmert. Aber die Delikatessenkisten ließ sie nach Kopenhagen zurückgehen, da die Sachen, Gott sei Dank, auf Jahresrechnung genommen waren. Dies war der unwiderruflich letzte Ausflug des Kragholmer Mannes. Und als er vierzehn Tage später von irgend wo unten aus Hinterpommern her retournierte und in einer Abendstunde in einem Heuschober vor der Scheune aufgefunden und zu Bett gebracht wurde, verhuzelt, kleinmütig und schlapp, war das Lächeln völlig aus seinem Gesicht verschwunden und seine Augen waren wie die des Hundes Türk zu Tode betrübt. »Wie konntest du das tun, Franz?« fragte seine tiefgekränkte Gattin. »Möw, möw ...« brummelte Franz und kroch tiefer unter die Decke. »Laß mich zufrieden!« Aber Frau Karen nusselte und pusselte nach Frauenart um ihn herum, pökelte ihn in schmerzlich-vorwurfsvolle Sorgfalt ein und ließ ihm keine Ruhe. Während sie doch gleichzeitig die Freude hatte, zu konstatieren, daß er seinen mystischen Lachanfällen nicht mehr nachgab, weder bei Tag noch bei Nacht. Und sie faßte im Herzen die Hoffnung, daß der Gedanke an diesen Silberhochzeits-Possen seine verborgene Munterkeit hervorgerufen hätte, und daß er jetzt für immer geheilt sei ... Aber als Franz Uldahl drei Wochen später die Folgen seiner Hochzeitsreise überwunden hatte, nahm er seine Spazierritte von neuem auf und gewann allmählich seine ehemalige Fülle wieder. Und in einer Nacht wurde Frau Karen dadurch aus ihrem Schlummer geweckt, daß er wieder lag und kicherte, listiger als je zuvor. Und da soll sie zum zweiten Male wahrhafte Tränen vergossen haben. Während niemals irgend jemand bei der Frau auf Kragholm Rat und Hilfe gesucht hatte, war Frau Line auf Havslundegaard dagegen gleichsam ein Engel des Trostes und Friedens für die ganze Gegend. Alle Kranken und Schmerzbeladenen kamen mit ihren Sorgen zu ihr. Und sie tat was sie vermochte, um zu erfreuen und zu lindern. Madame Oline Rasmussen, die Frau des brustkranken Küsters stand weinend in der Havslunder Küche. »Steht es denn so ganz und gar schlimm mit dem Mann?« fragte die Köchin Anne teilnehmend. »Och Gott, och Gott, ja, es steht so ganz, ganz faul mit ihm ...« schluchzte Oline »und nun haben eben Jens Oluf und ich gedacht, daß wir die Gnädige bitten möchten, herüberzusehen, wenn sie will.« »Sie hat doch ja gesagt ...« sagte Anne. Aber zugleich warf sie der Küsterfrau einen forschenden Blick zu; denn es hatte sich ja im Kirchspiel so manches über Oline und den neuen Hilfslehrer herumgesprochen. Und außerdem wußte ja ein jeder, daß Jens Rasmussen Niels Uldahls Sohn war. Es war also merkwürdig, daß die Frau eingewilligt hatte, mitzugehen; aber sie war ja gutmütig bis zur Dämlichkeit. »Da kommt die Gnädige,« sagte Anne laut, und lauschte an der Tür des Anrichteflurs. Die Gutsherrin trat bald darauf ein; und die Küsterfrau brach von neuem in Weinen aus. Aber ehe Frau Line noch ein Wort des Trostes hatte vorbringen können, wurde die Tür zum Hofe aufgerissen und Minka vom Moor kam hereingesaust, verfolgt von Fräulein Charlotte. Beide lachten und lärmten sie, daß es in der Küche widerhallte. »Hilfe, Hilfe!« rief Minka und wollte bei Frau Line Schutz suchen. »Halte sie an! Halte sie an!« schrie Charlotte und suchte die Freundin zu fassen. Aber da erblickten sie gleichzeitig die weinende Oline und blieben verlegen stehen. Die Köchin Anne warf Minka einen scharfen Blick zu. Der ganze Hof war empört darüber, daß das »Bauernmädel« hier herumsprang und tat als ob es zu Hause wäre. »Komm nun, Olinchen,« sagte Frau Uldahl und nickte den Mädchen zum Abschied zu. Die Küsterfrau streckt der Gnädigen dankbar die gefalteten Hände entgegen. »So ein Glück für Jens,« sagte sie, »so ein Glück für Jens.« Und dann gingen sie. Aber kaum hatte die Tür sich hinter ihnen geschlossen, als die beiden jungen Mädchen ihr Spiel wieder begannen. Als Madame Rasmussen und Frau Uldahl den Garten vor der Küsterwohnung erreicht hatten, kam ihnen ein kleines dreizehn- bis vierzehnjähriges Mädchen entgegengestürzt. »Er ist aus seinem Bett aufgestanden,« erzählte sie, bleich vor Schrecken. »Rasmussen ist aus dem Bett aufgestanden, weil der Hilfslehrer drinnen in der Schulstube gesungen hat.« Und sie deutete zum Hause hinauf, wo das abgezehrte Gesicht des Küsters einen Augenblick hinter einem Fenster des Schlafzimmers zu sehen war. Oline stieß einen Schrei aus und stürzte über die hellgrünen Rasenstücke und frisch gesäten Beete davon. Frau Uldahl versuchte das aufgeschreckte Mädchen zu beruhigen, das angefangen hatte zu weinen. »Na na, Ingermariechen,« sagte sie und liebkoste das Kind. »Na na, jetzt sind wir doch hier.« Aber das Mädchen weinte und schwatzte und ließ sich nicht trösten. »Ich sollte ja bei ihm bleiben,« berichtete sie unter schnaubendem Weinen – »während die Madame nach der Gnädigen zum Gut hinauflief ... Aber da fing Andersen ... drinnen in der Schulstube, ... an zu singen ... und da wollte ... Rasmussen hinein und ihn unterkriegen, sagte er ... und da bekam ich solche Angst, solche Angst ...« »Ja, aber jetzt komm nur mit, Ingermariechen, dann ...« »Nein,« sagte das Mädchen entsetzt, »das nicht um die Welt! Jetzt renn' ich nach Hause!« Und fort flüchtete sie durch das Gartentor und die Straße entlang ... Frau Uldahl ging in die gute Stube der Küsterwohnung und setzte sich hin, um zu warten. Drinnen war es rein und zierlich. Auf den giftgrünen Plüschmöbeln lagen weiße gehäkelte Decken. In den Fensterrahmen standen wohlgepflegte Blumen. Die hellroten Knospen eines Rosenbäumchens strömten einen feinen Duft aus. ... Frau Line lächelte still und gedachte eines ähnlichen Zimmers, das sie selbst einmal in Ordnung gehalten und behütet hatte vor langen, langen Jahren im Krug zu Husum ... Aber dann war Niels gekommen und hatte sie in etwas anderes hineingezogen ... und nun wußte sie nicht mehr, ob sie sich nach ihrer entschwundenen Jugend zurücksehnte oder ob es nur der Gedanke an jene sorglosen Tage war, der ihr Herz mit stiller Sehnsucht erfüllte ... Das erschrockene Gesicht der Küsterfrau kam in der Tür des Schlafzimmers zum Vorschein. »Wenn die gnädige Frau jetzt kommen könnten? Jetzt ist er ruhig geworden.« Frau Uldahl erhob sich und folgte ihr. Auch im Schlafzimmer war alles adrett und sauber. Und die Sonne leuchtete warm zwischen den weißen spitzenbesetzten Gardinen. In dem zunächststehenden der Ehebetten saß Jens Oluf halb aufgerichtet, von vielen Kissen gestützt. Seine tiefliegenden, dunkelumrandeten Augen waren geschlossen; sein Gesicht war gelblichfahl und eingefallen; und sein reiches Kopf- und Barthaar war gleichsam verwelkt, abgefallen, große kahle Flecken hinterlassend. Aber beinahe den peinlichen Eindruck machte es, daß diesem sterbenden Menschen unter dem zierlich umgebogenen Hemdkragen ein schreiend grellroter Schlips umgebunden worden war. Oline, die Frau Uldahls verwunderten Blick bemerkte, flüsterte gleichsam entschuldigend: »Ja er wollte doch für die gnädige Frau geputzt werden ... und Widerstand hat bei ihm keinen Zweck ... Hier ist die gnädige Frau, Jens Oluf!« sagte sie dann und ging zu ihrem Manne hin und legte ihm ihre Hand auf den Arm. Der Kranke schlug langsam die Augen auf und sah Frau Line an mit einem Blick, der erst allmählich zu erwachen schien, so verschleiert war er von Müdigkeit und Unmut. »Dank ... dafür, daß ... die gnädige Frau gekommen ist«, nickte er angestrengt und mit Unterbrechungen. »Das ist meine letzte Hoffnung ... denn die Gnädige, die selbst soviel durchgemacht hat ... und sich immer mild und gut gehalten hat ... Sie müssen doch ... einem armen Stümper wie mir einen guten Rat geben können ... mit dem sich's sterben läßt.« Frau Line setzt sich still auf den Stuhl vor sein Bett und ergriff seine Hand; ließ sie aber wieder los, da sie kalt und feucht war ... und nahm sie wieder, da sie meinte, es wäre Sünde, wenn er etwas merkte. »Und was drückt uns denn, Jens Rasmussen?« fragte sie und bog sich zu ihm hinüber. Der Küster lag kurze Zeit, ohne zu antworten; dann sagte er, und in der Tiefe seiner dunkeln Augen leuchtet' ein Flimmern: »Es ist die Wut ...!« sagte er. »Und auf wen sind Sie denn so wütend?« Seine Augen flammten stärker, und er riß seine Hand aus der ihren. »Auf euch alle, die ihr gesund und warm seid!« »Jens Oluf ...« bat Oline, die an seinem Kopfende stand, »rege dich nun nicht wieder auf ...« Aber er achtete nicht auf sie und fuhr fort: »Und ich bin wütend auf die Sonne, die scheint,« sagte er, »und auf die Vögel, die singen! Ich bin wütend auf die Jugend, die auf den blumenbedeckten Feldern spielt. Und ich bin wütend auf das Frühjahr, das gerade jetzt draußen zu knospen beginnt!« »Jens Oluf ... Jens Oluf ...« »... Weshalb starb ich nicht, als es noch Winter war!« fuhr er fort. »Weshalb grub man mich nicht in den Schnee ein! Weshalb soll ich hier liegen und hinsiechen und verfaulen, wenn das andere keimt und wächst!« Frau Line wollte sprechen. Aber er ließ sie nicht zu Worte kommen. Er erhob seine mageren knochigen Hände, wie um sie zu beschwören: »Was habe ich nur verbrochen, daß ich diesem Ungemach anheimgefallen bin,« fuhr er in seiner gekünstelten Buchsprache fort, »Was habe ich verbrochen? Was ist mein Vergehen? Kann ich dafür, daß meine Mutter mich in unreiner Brunst zeugte? Sagt es mir, daß ich um Vergebung beten kann. Laßt mich leben, daß ich doch Buße tun kann! Ich bin jung, und man betrügt mich um meine Jugend ... Man betrügt mich um mein Leben ... man hält mich erbärmlich zum Narren! ... Sonnengold und blauen Himmel und grüne Wälder zeigte man mir und sagte: sieh, dies ist das Leben, all dies gebe ich dir! ... Und als ich dann niederkniete und zugreifen und meine Hände mit aller Herrlichkeit der Welt füllen wollte, da war es nur Staub und Erde und Asche und Lüge ...!« Seine Arme fielen schlapp herab und er sank röchelnd in die Kissen zurück. »Jens Oluf, Jens Oluf«, ... schluchzte Oline. Und Frau Line saß ratlos da. Da ertönten plötzlich Fußtritte draußen auf dem Gartenwege, und ein großer junger Mann ging trällernd an den Fenstern vorüber. Er war barhäuptig, und sein rotblondes Haar flammte in der Sonne. Der Küster fuhr mit einem Ruck in die Höhe: »Da ist er wieder! Da ist er wieder!« schrie er und wollte aus dem Bett. »Judas! Judas!« Und die Gnädige und seine Frau mußten mit ihm kämpfen, um ihn zurückzuhalten. Als der Küster wieder ruhiger geworden war, versuchte Frau Line, mit ihm zu reden. Milde und stille begann sie und sagte ihm viel gute und beschwichtigende Worte über ihre eigene ruhige Art das Lebens und seine Schickungen zu tragen. Bis er plötzlich müde und hoffnungslos seine Augen zu ihr aufschlug und wie mit einem Schrei sagte: » Das nützt nichts! Das nützt nichts! Die Menschen wohnen zu weit von einander!«   Am Sonnabend den 4. Mai starb Jens Oluf Rasmussen. Und am selben Tage wurde in der Villa Seemann das erwartete Kind geboren ... Es war eine schwere Geburt gewesen, ... und als das Kind endlich zur Welt kam, zeigte es sich, daß es ein armes mißgestaltetes kleines Wesen war, ein Knabe mit einer fürchterlichen Hasenscharte und einem unförmlichen, aufgequollenen Kopf. Frau Närup hatte es sogleich aus dem Wege geschafft, ohne es Rositta zu präsentieren. Und hatte darauf zu Isidor geschickt, der sich auf den Wunsch seiner Frau im Amtsbureau aufgehalten hatte. Schon draußen auf der Steintreppe vor dem Hause kam ihm die Hebamme entgegen. Ihr fettes Gesicht war bleich und bewegt. »Es ist doch nichts mit der Patientin los?« fragte Isidor ängstlich. »Nein, der gnädigen Frau geht es ganz gut ... das Kind ist es ...« »Was ist mit ihm?« »Es ist ...« »Ist es tot geboren?« »Nein, leider! hätte ich beinahe gesagt, aber nun können der Herr Amtsrichter ja selbst sehen ... Und der Herr Amtsrichter müssen sich zusammennehmen ...! Ich habe den Kleinen ins Fremdenzimmer hinaufgebracht, ohne ihn der gnädigen Frau zu zeigen ... Schrecklich, daß solche Kinder in die Welt gesetzt werden können!« Im selben Augenblick, als Isidor das Neugeborene sah, sagte er sich: »Das Kind darf nicht leben!« Und er wandte sich fast in Entsetzen von ihm ab. Er hatte einmal als von der Alexandra der Spa-Marie die Rede war, mit Frau Rositta darüber gesprochen, daß solche unglücklichen Geschöpfe gleich bei der Geburt aus der Zahl der Lebenden gestrichen werden müßten: und sie waren beide vollständig einig gewesen. Nun sollte er also seine Theorie in die Praxis übertragen. Aber er mußte selbstverständlich allein handeln. Er konnte keinen Mitwisser gebrauchen. Wieder blickte er auf das Kind hinab, das in seinem Korbbett vor ihm lag, und wieder durchzuckte ihn ein Schauder. Der geschwollene und unförmliche Kopf des Knaben hing kraftlos auf die eine Schulter herab. Der Hals war zu schwach, ihn zu tragen. Aber was dem Kinde vor allen Dingen seinen ganzen grauenerregenden Charakter gab, war, daß Mund und Nase in eins verliefen und eine große klaffende Hasenscharte bildeten, einen langen blutroten Riß, der sich fast über das ganze Gesicht von Ohr zu Ohr erstreckte. Und über diesem Riß, über ein Paar große, triste Augen wölbte sich eine hohe, ausgebuchtete Stirn, die von tiefen gedankenschweren Runzeln durchfurcht war, als ob dieser erbärmliche letzte kleine Schößling am Uldahlschen Stamme schon vor der Geburt alle Bitternisse des Geschlechts gekannt habe ... Isidor richtete sich auf. Sein Beschluß war unwiderruflich: Nicht einen Tag sollte dieses arme mißhandelte Wesen zu Ende leben dürfen. Und er begann ruhig und ohne Schwanken die Sache zu überdenken. Das Stubenmädchen sollte nachts bei dem Knaben wachen. Isidor selbst wollte sich im Wohnzimmer aufhalten. Und bevor das Mädchen zur Ruhe ging, wollte er sich irgendwie die Gelegenheit verschaffen, dem Kinde eine kräftige Dosis der Opiumtropfen zu geben, die er in seinem Schreibtisch stehen hatte ... Hinter den herabgelassenen Gardinen im Schlafzimmer lag Frau Rositta bleich und erschöpft. Aber als Isidor kam, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, nickte sie ihm lächelnd zu und streckte ihm eine Hand entgegen. »Nun wäre das also überstanden, Isidorchen!« sagte sie in ihrer stillen humorvollen Weise. »Hast du den ›Schnitzer‹ gesehen?« Der Amtsrichter erwiderte ihr Lächeln und setzte sich auf den Bettrand. »Ja, ich habe ihn gesehen. Er sieht etwas schwächlich aus.« »So, sieht er schwächlich aus, der kleine Kerl? Dann lief Frau Närup wohl deshalb mit ihm davon, ehe ich ihn zu sehen bekam.« »Naa–e, nee, das glaub' ich nicht ... Sie meinte wohl nur, daß du Ruhe brauchtest.« »Ja, ich bin auch müde ... Sieht er nett aus, der Junge?« »Sehr nett, ja ... Und wie geht's dir? War es schlimm?« »Nun ist es ja überstanden ...« wiederholte Frau Rositta und schloß die Augen bei dem Gedanken. Der Amtsrichter ergriff ihre Hand und küßte sie: »Tapfere kleine Frau ...!« sagte er. »Aber schlaf jetzt und laß das Denken! Tue, als ob das alles dich nichts angeht!« »Ja ... sag' mir nur, wen ihr als Wache für den Jungen bestellt habt.« »Vorläufig hat ihn also Frau Närup. Aber Elise soll heute Nacht bei ihm bleiben. Ich lege mich in der Wohnstube auf dem Sofa hin. Karl und Jürgen bleiben bei den Seemanns, wo du sie heute morgen hingeschickt hast, während du mich ins Bureau jagtest ... Adieu ... und möchtest du nun so entzückend liebenswürdig sein, deinen Mund zu halten.« Als die Hebamme gegen neun Uhr abends Mutter und Kind für die Nacht versorgt hatte und nach Hause gegangen war, rief Isidor das Hausmädchen und bat sie, einen Brief zur Post zu tragen. Und während sie nun fort war, ging er selbst zu dem Kinde hinauf und gab ihm Opium. Und als das Mädchen zurückkehrte, sagte er zu ihr: »Sie bleiben also heute Nacht bei dem Jungen, Elise. Sollte er sich besonders unruhig zeigen, dann kommen Sie herunter und rufen mich. Kommen Sie aber nicht herein, klopfen Sie nur leise an die Tür, daß wir die gnädige Frau nicht wecken.« Und nachdem er Rositta gute Nacht gesagt, legte er sich völlig angekleidet auf das Sofa. Die Tür im Schlafzimmer ließ er angelehnt. Im Wohnzimmer brannte eine Nachtlampe. Aber er konnte nicht einschlafen; lag und starrte mit weit geöffneten Augen in den Raum hinaus. Nun sollte er also zum ersten Male in seinem Leben eine wirkliche Tat vollführen. Er war geradezu stolz darauf und fühlte sich so einigermaßen als Bahnbrecher; dachte sogar einen Augenblick daran, das Ereignis zu notieren und das betreffende Blatt aufzuheben, damit die Nachwelt erfahren könne, daß er, Isidor Seemann, aus dem Geschlechte Uldahl seinen Zeitgenossen vorausgewesen war; denn es war ihm nämlich klar, daß die Zeit kommen würde, da das Gesetz einfach verlangte, das, was er heute heimlich begehen mußte. »Isidor ...« ertönte es aus dem Schlafzimmer. Der Amtsrichter war mit einem Satz vom Sofa auf und drinnen bei seiner Frau: »Was gibt es denn, mein Kind?« fragte er hastig und merkte, daß er nervöser war, als er geglaubt hatte. »Ach, willst du mir nicht ein wenig zu trinken geben.« Er reichte ihr das Wasserglas und sie trank begierig. »Danke,« sagte sie. »Es war beinahe eine Sünde von mir, dich zu wecken; aber ich war so durstig ... Hast du geschlafen?« »Ja ...«sagte er schnell. »Du hast doch kein Fieber?« »Nein, gar nicht ... Weißt du, ob der Junge schläft?« »Er wird wohl schlafen; es ist ja ganz ruhig oben.« »Du möchtest dich wohl nicht an die Tür schleichen und horchen ...? Elise ist ja nicht gewöhnt, Kinder zu warten.« »Gewiß, das werd' ich ... Aber leg' du dich nun wieder hin und denke an weiter nichts als an Schlafen.« »Du bist so gut, Isidor ...« »Das bin ich. Ich bin einer der besten Menschen seit der Sündflut!« Als Rositte wieder in Schlaf gefallen war, schlich er sich wieder ins Wohnzimmer zurück und zog die Tür hinter sich zu. Er fühlte sich immer nervöser, hatte die Empfindung, daß die Zeit sich unnütz lange hinzöge, lag und lauschte angestrengt, ob das Mädchen nicht die Treppen hinunterkäme und ihn riefe. Aber alles im Hause blieb ruhig. Da fiel er allmählich in einen Halbschlummer und schlief zuletzt ganz ein. Bis er auf einmal sah, wie die Tür des Schlafzimmers langsam aufglitt und das Neugeborene sein fürchterliches Gesicht hineinsteckte und ihn mit großen anklagenden Augen ansah. Und gleichzeitig ertönte ein stilles Klopfen, als ob schwache Finger gegen eine Fensterscheibe pochten ... Isidor fuhr auf und sah sich erschreckt um. Dann wiederholte sich das Klopfen, er wurde völlig wach und lief eiligst zur Entreetür und öffnete. Draußen stand das Hausmädchen, bleich und zitternd »Was gibt es, Elise?« »Der Junge ist krank ... Er kann kaum atmen ...« Isidor stand einen Augenblick unschlüssig. Aber dann hatte er sich entschieden: »Laufen Sie sofort in die Stadt zum Arzt«, befahl er, »und bitten Sie ihn, gleich zu kommen. Ist Dr. Larsen nicht zu Hause, so holen Sie einen anderen ... Aber gehen Sie durch die Küche und führen Sie auch den Arzt dort durch, daß die gnädige Frau nichts hört.« Oben im Fremdenzimmer lag das Kind. Der Amtsrichter stand über ihm gebeugt. Das Gesicht des Knaben war noch fürchterlicher anzusehen, jetzt, wo er mit dem Tode rang. Die Augen waren geschlossen und die Hände krampfhaft geballt. Abel er atmete noch; schwach und mit einem seltsam pfeifenden Laut holte er Luft. Es hörte sich an, wie der Jammer eines armen zu Tode getroffenen kleinen Vogels, der nicht vom Leben lassen wollte ... Und dazu dieser klaffende blutrote Riß! Isidor wurde immer erregter, während die Minuten verstrichen und der Knabe weiter lebte. Gesetzt nun, daß der Arzt käme und mit seinen Wiederbelebungsversuchen und seinen Bädern begönne, daß das ganze Haus in Aufruhr käme, und Rositta erwachte und den Grund der Unruhe erfahren wollte ...! Es war dem Amtsrichter, als ob sich ihm ein Nebel über die Augen legte. Tastend griff er mit den Händen in die Luft. Und plötzlich, ohne vorher einen Entschluß gefaßt zu haben, holte er ein Kissen von dem zunächststehenden Bett und preßte es hart um das Gesicht seines Sohnes. Nach einer Viertelstunde kam Elise mit dem Arzt. Er ging sofort zu dem Lager des Knaben und beugte sich untersuchend über ihn. »Ist er tot, Doktor?« fragte Isidor vollständig ruhig. »Ja,« sagte der Doktor, »und gut, daß es so ist!« Darauf wandte er sich zum Amtsrichter und fuhr eindringlich und ernsthaft fort, als ob er lange und sorgsam über diese Sache nachgedacht habe: »Und meiner Meinung nach müßte es geradezu gesetzlich befohlen werden, daß solche kleinen unglücklichen Geschöpfe nicht leben dürften ... Aber diese Anschauung können Sie als Jurist und Gerichtsbeamter natürlich nicht teilen, Herr Amtsrichter?« »Nein ...!« sagte Isidor. Im Laufe der Nacht, als Isidor Seemann wieder im Halbschlummer auf dem Sofa in der Wohnstube lag, träumte er, daß er rastlos draußen in seinem Garten umherwandere. Hin und her ging er, auf den Wegen und über die Rasenflächen. Er wollte fort, flüchten, er wußte nicht wovor. Da ertönte plötzlich hinter einem Busch ein stilles, vergnügtes Lachen, ein seltsam schwaches fast wollustiges leises Kichern, daß er sich vor Unbehagen schüttelte. Er möchte am liebsten wieder wegschleichen, nicht sehen, was sich hinter dem Busch verbirgt, am liebsten sein Leben in Unwissenheit zu Ende leben. Aber er kann nicht flüchten, er wird vorwärts und auf die Stelle zugetrieben. Und als er die Zweige zur Seite biegt, sieht er seinen neugeborenen Sohn und die entsetzliche Alexandra der Spat-Marie dort auf dem Rasen in der heißesten Umarmung vor sich liegen. Eiligst zieht er sein Skizzenbuch aus der Tasche und beginnt zu zeichnen. Das ist roh, Isidor! Das ist roh! ruft es ihm von allen Seiten entgegen. Aber er antwortet: »Es ist nicht roher als das Leben selbst!« Und ruhig zeichnet er weiter ... – Niels Uldahl war wieder auf Havslunde ... Kurz nach Schluß des Reichstags im April hatte Frau Line folgendes aus Kopenhagen datiertes Schreiben erhalten: Frau Line Uldahl-Ege Havslundegaard. Ich reise an einem der nächsten Tage ins Ausland und komme erst Anfang Mai wieder nach Havslundegaard. Falls Sie über irgend etwas im Zweifel sein sollten, können Sie an meinen Verwalter Larsen sich wenden, der über alles in Frage Kommende schriftliche Instruktionen erhalten hat. Uhldahl-Ege Dieser Ukas wurde im Hauptflügel wie im Asyl mit allgemeinem Jubel aufgenommen; und es gab gleich am Abend eine extraordinäre Kaffeefète. »Der alte Kerl getraut sich nicht nach Hause, ehe Mamsell Helmer gezogen ist,« sagte Fräulein Frederikke. Und das Mädchen hatte Recht. Niels Uldahl wagte nicht, sich auf Havslunde zu zeigen, solange Mathilde Helmer noch dort umherging. Sie hatte ihn den Winter hindurch mit Briefen bombardiert, die abwechselnd drohten und klagten, weil ihr im doppelten Sinne »gekündigt« worden war. Aber Niels hatte seine gute, alte Methode angewandt und jede Zuschrift unbeantwortet gelassen. Also am ersten Mai zog die Mamsell ab. Und so zehn, zwölf Tage später kehrte Niels Uldahl zurück. Er wurde vom Kutscher Lars auf der Station abgeholt und begab sich direkt in sein Turmzimmer, ohne Frau oder Kinder zu begrüßen. Das war um zwei Uhr. Um fünf Uhr kam das Stubenmädchen Olga und pochte furchtsam an seine Tür: »Das Mittagessen ist angerichtet, Herr Gutsbesitzer ...« meldete sie. Keine Antwort. Sie versuchte es noch einmal; aber mit demselben Resultat ... Und auch beim Abendessen zeigte er sich nicht. Aber als Frau und Töchter später im Wohnzimmer um die Lampe saßen, hörten sie ihn ins Entree kommen den Überrock anziehen, den Hut nehmen und das Haus verlassen. Und später, als alle zur Ruhe gegangen, und er von seinem Ausfluge zurückgekehrt war, begann er in den unteren Zimmern herumzuwandern, Türen zu öffnen und zu schließen, in die Küche hinaus- und in den Keller hinab- und wieder zurückzugehen, daß Türk oben im Schlafzimmer-Korridor alle Augenblicke zur Treppe lief und rasend kläffte. Dieses Rumoren wiederholte sich nun Nacht für Nacht. Aber allmählich gewöhnte man sich daran, wie man im Laufe der Jahre gelernt hatte, sich an die vielen anderen Absonderlichkeiten des Hausherrn zu gewöhnen. Und selbst Türk ließ sich nicht mehr stören ... Aber Niels vermied sorgfältig jeden Verkehr mit seiner Familie. Seine Mahlzeiten servierte man ihm auf einem Tablett, das auf einen Tisch vor seiner Tür gestellt wurde. Und zuweilen aß er davon, zuweilen nicht. Es konnten ganze Tage verstreichen, an denen er kein Essen zu sich nahm. Und dann schlief er wahrscheinlich schwer und tierisch den Rausch aus, in dem er wieder begonnen hatte, Ruhe zu suchen. Wenigstens konnte man zuweilen sein Schnarchen bis weit auf den Hof hinaus hören. »Was mag wohl Vater wider den Strich gegangen sein?« fragte Frau Line. »Ach er hat wohl ein Teil Geld verspielt!« sagte Fräulein Charlotte. Aber im übrigen ließen ihn die Damen leben, wie er wollte, einigermaßen zufrieden, solange er sich nur in Ruhe und für sich hielt. Denn schlimmer war es für sie, wenn es ihm plötzlich einfiel, aus seiner Winterhöhle hervorzusteigen und den Hausvater zu spielen. Dies geschah hauptsächlich, wenn Besuch da war. Die Entreetür konnte dann plötzlich aufgehen und »der Mann« ins Wohnzimmer treten. Lächelnd und scherzend, als hätte er seine liebe Familie vor einem Augenblick verlassen und kehrte jetzt zurück. – – – – Bei einer solchen Gelegenheit traf er zum ersten Male mit Minka vom Moor zusammen. Sie hatte ihn auf alle mögliche Weise zu vermeiden gewußt, in ihrem Herzen vor Schreck bebend, wegen all der Geschichten, die Fräulein Charlotte von ihm erzählt hatte. Aber als Niels jetzt resolut auf sie zuging und liebenswürdig und gewinnend, wie er es gegen Fremde sein konnte, ihr seine Freude darüber bezeugte, daß ein so hübsches und frisches junges Mädchen seinen Töchtern Gesellschaft leisten wollte, fühlte sie sich nicht nur im höchsten Grade geschmeichelt, sondern schlug augenblicklich um und war ganz entzückt von dem seinen alten Herrn. Und abends oben in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer sagte sie entrüstet zu Fräulein Charlotte: »Es ist ja gar nicht wahr, all das, was ihr mir über euern Vater erzählt habt. Er ist ja der süßeste, alte Mann, den man sich denken kann und es ist wirklich eine Schande, wie Ihr ihn behandelt!« »Meinst du?« fragte Charlotte trocken. »Ja ... Und deine Mutter und ihr Mädels habt Schuld, daß das Verhältnis hier auf Havslunde ist, wie es ist!« Charlotte lächelte nachsichtig, wie man über ein liebes Kind lächelt, das »mitredet«, breitete die Arme nach ihr aus und sagte: »Du bist entzückend von Kopf bis Fuß! Küß mich!« Aber Minka wich ihr schnippisch aus: »Laß' mich zufrieden!« Worauf sie sich in maulendem Schweigen auskleideten. Die Sache war die, daß Minka ihres intimen Freundschaftsverhältnisses zu Fräulein Uldahl überdrüssig geworden war. Es hatte nämlich, wahrscheinlich durch dieses Verhältnis hervorgerufen und genährt, ein eigenes neugieriges Interesse für das andere Geschlecht in ihr zu erwachen begonnen; ein Interesse, das es ihr, wenn sie mit Männern zusammen kam, unmöglich machte, sich zu beherrschen. Es kam eine Unruhe und Nervosität über ihre ganze rundliche Person, die sie noch anziehender machten. Und es amüsierte sie, die Begierde der Männer unzweideutig in ihren Augen aufblitzen zu sehen. Immer wieder hatten aus diesem Grunde Szenen zwischen den beiden Mädchen stattgefunden mit all den Tränen, Vorwürfen und Kündigungen eines regulären Liebesverhältnisses. Aber bisher hatten doch diese Scharmützel stets mit Frieden und Versöhnung geendigt. Gleich am nächsten Vormittag nach seiner ersten Begegnung mit der Moor-Minka hatte Niels Uldahl sich am Frühstückstisch eingefunden. Und trotz der abweisenden Haltung und der mürrischen Mienen von Frau Line und ihren Töchtern hatten sein munteres Geschwätz und seine verliebten Blicke die kleine Minka zu so herzlichem Lachen und so übermütigem Benehmen veranlaßt, daß Fräulein Charlotte bleich vor Zorn und Eifersucht sie plötzlich beim Arm gepackt und gesagt hatte: »Wie stellst du dich an! Komm her, ich will mit dir reden!« Aber Niels hatte sich scherzend Minkas anderen Armes bemächtigt und war mit ihr losgezogen. »Nein, kommen Sie lieber mit mir, Fräuleinchen!« sagte er. Und dann waren er und sie laut lachend ins Entree hinaus und von da ins Turmzimmer gelaufen, wo sie die Tür hinter sich zugeriegelt hatten ... Aber nach einer Viertelstunde war das Moor-Mädchen wieder herausgestürzt, mit rotem Kopf und zerzausten: Haar. Niels hatte sich hinter der verschlossenen Tür an ihr vergreifen wollen.   Der Sommer war gekommen. Der Park stand grün. Und auf dem großen Rasen vor dem Gartensaal blühten die Rosen ... Post-Ole kam an seinem Stock über den Burghof angetappert. Er schritt heute rascher aus als sonst. Der Schweiß rollte ihm in großen Tropfen über die Nase. Mitten im Hofe begegnete er Frau Line und Fräulein Sophie, die unten gewesen und die Hühner gefüttert hatten. »Die gnädige Frau wissen es wohl?« fragte Ole mit der Mütze in der Hand, aber ohne erst guten Tag zu sagen. »Nein ...« sagte Frau Uldahl lächelnd; sie kannte Post-Oles Weltereignisse aus Erfahrung. – »Was ist denn geschehen, Ole? Hat des Predigers Braune ein Bein zerbrochen?« Fräulein Sophie lachte. Aber Ole sagte gekränkt: »Nicht das ich wüßte! ... Aber im übrigen ist der Mann auf Kragholm gestern Abend um elf Uhr gestorben.« »Onkel Franz! « sagte Fräulein Sophie überrascht. »Ja, Franz, ja ...« nickte Ole, der ruhig begonnen hatte, die für das Gut bestimmten Postsachen aus seiner Tasche herauszusuchen. – »Er stand und wollte gerade zu Bett gehen, und da plautzte er um und war auch gleich tot ... Hier sind drei Briefe für den Herrn und einer für Frederikke und dann die Zeitungen.« Von wem haben Sie das gehört, Ole?« fragte Frau Line. »Drin in der Stadt haben sie's erzählt ... Ist Post mitzunehmen?« »Nein ...« »Na, dann adieu!« »Wollen Sie nicht herein, Ole, und Ihren Kaffee trinken?« »Nein, habe keine Zeit ...« Und beleidigt tappelte der Alte fort. Die Posttasche schlug ihm zornig gegen die Hüfte. Frau Line ging ins Haus und in den Flur. Sie legte die Zeitungen und Briefe des Gutsbesitzers auf den Tisch vor der Turmtür und wollte wieder gehen. Aber dann wandte sie sich resolut um und klopfte an: »Niels ...?« Keine Antwort. »Niels, ... dein Bruder auf Kragholm ist tot ...« Aber als noch immer keine Antwort erfolgte, ging sie wieder in den Hof hinab, wo Fräulein Sophie stand und wartete. »Er hat dir natürlich nicht aufgemacht, Mutter?« »Nein ...« Die Augen des jungen Mädchens blitzten. »Wenn er doch gestorben wäre!« sagte sie. »Aber Sophie ...« »Ja, das sage ich! Dann könnten wir andern doch in Frieden leben.« Der Verwalter Larsen kam unten von der Scheune her. Als das Fräulein ihn erblickte, wandte es sich schroff um und ging zum Asyl hinüber: »Ich gehe zu den Alten ...« Frau Uldahl winkte dem Verwalter: »Ist der Herr zu Hause, Larsen?« »Nein, der Herr Gutsbesitzer ist heute morgen früh nach Kragholm geritten, wegen einer telephonischen Mitteilung, die er erhalten hat.« Frau Line zögerte: sollte sie von dem Todesfall erzählen oder nicht. Auch sie empfand ein eigentümliches Unbehagen in der Nähe des Verwalters; aber in ihrer Hilflosigkeit sagte sie: »Mein Schwager ist plötzlich gestorben ...« »Ach, Hergott, ist er gestorben ... Ja, die Witwe wird keine Not leiden ...« »Nein ...« Frau Line ging um den Giebel herum und in den Park, wo die Mädchen sich aufhielten. In einer Hängematte lag Fräulein Anna und döste. »Onkel Franz ist gestern Abend gestorben, Ännchen ..« »Soo–oo? Woran ist der gestorben?« »Wohl am Herzschlag ...« »So; er war ja auch so dick geworden ...« Fräulein Charlotte, Fräulein Frederikke und Minka vom Moor gingen auf dem Rasen und spielten Croquet. »Hier ist wieder ein Brief für dich, Friedchen ...« Frederikke griff eilig nach dem Brief und steckte ihn in die Tasche. Charlotte pfiff. »Hu–it!« sagte sie. »Kümmer dich um deine Sachen, Mädel!« pfauchte Frederikke. »Onkel Franz ist gestern abend gestorben, Friedchen..« sagte Frau Line dann. »Ist Onkel Franz ...! Dann wird Tante Karen doch entzückt sein!« »Was sagst du, Mutter?« fragte Charlotte, die wieder völlig vom Spiel in Anspruch genommen war. »Du bist am Schlag, Minka!« Und Minka schlug nach ihrer Kugel, daß Frau Uldahl springen mußte, damit sie ihr nicht auf die Füße flog. Die Mädchen brachen in ein Gelächter aus. Und noch lachend wiederholte Charlotte die Frage: »Was hast du von Onkel Franz erzählt, Mutter?« »Er ist gestern Abend um elf Uhr plötzlich gestorben ...« »Ih, aber Gott bewahre! ... Weiß es der alte Kerl?« »Ja, er ist hinübergeritten ...« »Gott sei Dank, dann sind wir ihn doch für heute los! ... Jetzt bist du dran, Frederikke.« Und Frederikke stellte sich auf, um sorgfältig zu zielen und lancierte ihre Kugel flott durch den Mittelbogen ... So wurde die Botschaft von Franz Uldahls Tod auf Havslundegaard aufgenommen. Nur Mamsell Ingwersen sagte im Asyl zu Fräulein Sophie: »Gott nehme ihn in gnädige Obhut, Sophiechen! Franz ist immer der beste der Kinder von Egesborg gewesen ...«   Auf Kragholm. An demselben Tage. Mittags ... In dem grünen Fremdenzimmer lag Franz Uldahl unter einem großen, weißen Laken; das Zimmer war zur Silberhochzeit hergerichtet worden und roch noch schwach nach Kalk und Anstrich. Die Gardinen waren vorgezogen. Draußen im Garten zwitscherten die Vögel. Zwei Frauen in mittleren Jahren stehen plaudernd am Kopfende des Bettes. Sie haben den Hausherrn gewaschen und »angekleidet« und wollen jetzt nach Hause zum Mittagessen. »Ja,« sagt die größte von ihnen, ein Weib mit einer gewaltigen Adlernase und scharfen Augen, – »gleich als die Gnädige gestern abend nach mir schickte und wir ihn aus dem Schlafzimmer hier hereinschafften, sah er im Gesicht aus wie die meisten Leichen.« Die kleinste der Frauen, vierschrötig und milde anzusehen, hob die Decke vom Gesicht des Toten. »Und jetzt liegt er ständig und grient ...« sagte sie. »Ob er wohl so weiter grienen wird, bis er fault?« Die erste warf einen kundigen Blick auf Onkel Franz, der rotwangig und lächelnd, wie in einem munteren Traum, dalag. »Es scheint, Schockscheffel, so!« sagte sie. »Jetzt sieht es aus, als ob er das Kichern gar nicht mehr zurückhalten könnte.« Die andere verjagte pietätvoll eine Fliege, die um die Nasenflügel der Leiche summte. »Wer ist denn drinnen bei der gnädigen Frau?« Der, der verrückte Gutsbesitzer von Havslundegaard und der Hofjägermeister von Hvidgaard und dann der Amtsrichter aus der Stadt drin ... Er gehört ja auch gewissermaßen zur Familie.« »Ob es für die etwas zu holen gibt?« »Nee, sie hat wohl schon dafür gesorgt, daß ihr alles zugeschrieben wird, so wie ich den Geizkragen kenne.« Die vierschrötige Frau legte die Decke wieder auf das Gesicht des Toten, während die Lange fortfuhr: »Weißt du, was ich glaube, worüber er liegt und grient, Jensine?« »Nein ...?« fragte die andere neugierig. »Ich glaube, daß er die Frau mit dem Körperlichen betrogen hat.« »Meinst du ...?« »Ja ... Er hat sich wohl ein paar Beischläferinnen gehalten, die sich jetzt melden und mit ihm vergnügt sind.« »Ja–e,« nickte die Vierschrötige – »die Uldahlschen haben ja immer eine verzehrende Sucht nach dem weiblichen Geschlecht gehabt ... Es heißt, daß das vom Staatsrat herkäme, der soll drei Eier gehabt haben, heißt es. Aber das ist wohl gelogen.« »Nein, das ist wahrhaftig ganz richtig!« beteuerte die Lange, »denn die Schmiede-Maren hat mir's selbst erzählt, und sie war mit auf Egesborg und hat ihn waschen geholfen ... Na, jetzt wollen wir nur sehen, daß wir uns zu Hause schleppen, damit wir unsern Bissen Essen beizeiten fertig kriegen!« Und die Frauen gingen. Und um den Toten herum herrschte Schweigen ... Ein Sonnenstrahl schlüpfte zwischen den Gardinen herein und fiel funkelnd auf die Decke des Bettes, die sich einen Augenblick zu bewegen schien, als ob Franz Uldahl in seiner Einsamkeit endlich seiner Lachlust Luft machte. Aber keiner erhielt jemals eine Erklärung dafür, weshalb dieser absonderliche Mann während seiner ganzen ihm aufgezwungenen Ehe herumgegangen war und sich so königlich amüsiert hatte. Denn Frau Karen behauptete hartnäckig, es sei Lüge und boshafter Tratsch, was man sich später von ein paar umfangreichen Briefschaften erzählte, die sie kurz nach der Bestattung des Gemahls erhalten haben sollte. Die eine Zuschrift, sagte man, kam von dem Wirt des Hotels in der Stadt, in der die »landwirtschaftlichen Sitzungen« abgehalten worden waren; und die andere war von Madame Kristoffersen im Kruge von Herritslev, wo Palle den Onkel beim Genuß von Kaffee und Weißbrot überrascht hatte. Und beide Schreiben enthielten, wie man behauptete, ellenlange spezifizierte Rechnungen über einige fette Extramahlzeiten, die Franz Uldahl – infolge des ökonomischen Sinnes seiner Frau – sich genötigt gesehen hatte, fast während seiner ganzen Ehe einzunehmen. Die Forderung des Hotels lautete auf 8773 Kronen und 66 Öre; die des Kruges auf 3455 Kronen und 15 Öre. Was zusammen macht: 12 228 Kronen und 81 Öre ... Aber Frau Karen ließ auf das Grab ihres Mannes in Gold prägen: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen der Name des Herrn sei gelobt! Worauf sie Kragholm zum Verkauf ausschrieb und ihre Anstalten traf, in die Hauptstadt überzusiedeln, um der Trauer und den Erinnerungen zu entfliehen.   Der Sommer war also gekommen. Das Heu stand in Schobern. Die Herren Gesetzgeber rasselten von Krug zu Krug und sprachen verheißungsvoll zu ihren Wählern. Eine Flut voll Lüge und Faselei stand hoch über dem Lande ... Aber der Reichstagsabgeordnete Gutsbesitzer Uldahl-Ege saß auch ferner in seinem Turmzimmer auf Havslundegaard angenagelt. Und doch war er jetzt dem »Glück« näher als jemals. Die Zeitungen erörterten eingehend und fast täglich seine Aussichten, bei einem der damals häufigen Ministerwechsel auf einen der Sessel hinauf zu rücken. Niels Uldahl hatte es nämlich im Laufe der Jahre verstanden, sich politisch geltend zu machen, denn er besaß Selbstvertrauen und Mundwerk und hatte deshalb schon verschiedene Vertrauensposten bekleidet. In der verflossenen Periode war er sogar zum Vorsitzenden des Finanzausschusses gewählt worden; und stand so augenblicklich nach außen hin im Zenith seines Ansehens ... Aber nach innen, zu Hause auf seinem Hof ... Ja es schien keinerlei Einfluß auf Herrn Uldahl-Eges Privatleben zu haben, daß er in kürzerer oder längerer Zeit vielleicht zu einer der höchsten Würden des Landes emporsteige. Er hauste im Gegenteil diesen Sommer noch – weniger zurückhaltend auf Havslunde, als jemals. Nach einem neuen vergeblichen Attentat auf die kleine Moor-Minka, welche zur Folge gehabt, daß sie zu ihren Eltern nach Hause flüchten mußte, hatte er sich mit einem Meiereimädchen des Hofes eingelassen. Und gemeinsam mit ihr und einem riesenhaften Schmied unten aus dem Dorfe feierte er wilde nächtliche Orgien in seiner Festung im Herrschaftsflügel oder in der Kemenate der Dirne (die sie mit sechs anderen teilte), im Wirtschaftsgebäude. Und am Tage schlief er dann seinen Rausch aus, taub gegen jede Annäherung seiner Umgebung ... Einmal über das andere hatte das Wahlkomite ihm vergebliche Aufforderungen gesandt, er solle wie die übrigen Abgeordneten zu den vorschriftsmäßigen Wahlversammlungen ausziehen. Und als sich die Herren endlich in einer Deputation einfanden, um ihn zur Vernunft zu bringen, wandte er seine alte Taktik an und ließ sie unerbittlich vor seiner verschlossenen Turmtür stehen. Und Frau Line mußte schließlich eingreifen und ihnen erklären, daß der Herr Gutsbesitzer krank sei, während sie gleichzeitig listig einlud, einen Bissen Brot und ein Glas Bier im Eßzimmer einzunehmen. Was man selbstverständlich nicht verschmähte. Aber als die Männer später nach beendeter Fütterung abzogen, erhob der älteste Bauer unter ihnen seine Stimme und sagte: »Dat nächste Mal stimmen wi för eenen, der tau uns hürt. Heww' ick recht, Lud'?« Die andern Bauern nickten hierzu ein einträchtiges: Ja! Und hiermit war Niels Uldahls politisches Todesurteil gefällt.   Eines Vormittags Anfang Juli rollte ein Char à banc vor das Portal von Havslundegaard. Im Wagen saßen zwei Herren in Zivilkleidung und zwei Herren, die mit Uniformmützen geschmückt waren. Es waren der Amtsrichter Seemann, ein Polizeibeamter und ein paar Chefs des Kreditvereins. Frau Line ging ihnen mit bleichen Wangen im Entree entgegen. In der Tür zum Wohnzimmer sah man die blassen Gesichter der Mädchen. Niels zeigte sich nicht. »Aber Isidor,« stotterte Frau Uldahl, »was bedeutet denn dies?« Der Amtsrichter ergriff mitfühlend ihre ausgestreckte Hand und behielt sie in der seinen: »Nur keine Angst,« sagte er, »das wird sich schon alles wieder einrenken lassen, wenn wir erst mit Onkel Niels gesprochen haben ... Ist er zu Hause?« »Ja, aber du weißt doch ...« »Wir wollen und müssen mit ihm reden, Tante; es ist durchaus notwendig.« »Ja – ja ...« sagte Frau Line verwirrt, »ich will gleich versuchen ...« Aber ehe sie noch die Turmtür erreicht hatte, schob Fräulein Sophie die Schwestern zur Seite und kam aus dem Wohnzimmer heraus. »Nein, laß mich,« sagte sie aufgeregt. – »Geh du lieber in die Stube zu den anderen, Mutter. Du kannst solche Gemütsbewegungen nicht vertragen.« Und sie legte einen Arm um Frau Uldahl und führte sie ins Wohnzimmer zurück und schloß die Tür. Darauf wandte sie sich zu dem Amtsrichter. Ihre Lippen bebten und ihre Augen flammten: »Was wollt ihr hier?« fragte sie. Isidor stand verwirrt: »Wir ... ja« »Ja, was soll ich denn Vater sagen, was wollt ihr?« »Sage, daß Leute vom Kreditverein da sind, dann weiß er Bescheid.« Das Fräulein ging zur Turmtür und klopfte an: »Vater, hier sind Leute vom Kreditverein, die dich sprechen wollen!« Aber sie bekam keine Antwort. Da klopfte sie wieder und härter: »Vater, hörst du nicht! Du mußt aufmachen.« Und sich dem Vetter wieder zuwendend, sagte sie und ihr Antlitz war weiß und kalt: »... Er ist betrunken! Das ist er jetzt alle Tage! Und er hört es nicht! Er macht nicht auf!« »Sollen wir nun Bankerott machen, wie all die andern, die Havslunde besessen haben? ... Und dabei hilfst du!« »Nein, nein, Sophiechen! Das wird sich schon ordnen lassen, wenn wir erst mit dem Gutsbesitzer gesprochen haben.« Aber sie überhörte seine Worte, so erregt war sie. Sie ging dicht auf ihn zu, so dicht, daß er unwillkürlich einen Schritt retirierte: »Wo ist dein Skizzenbuch, lieber Freund?« fragte sie und lachte höhnisch. »Ich sehe ja keine Spur von deinem Skizzenbuch! Willst du denn das hier nicht zeichnen? Das müßte doch amüsant sein.« »Nein, aber liebes Kind, du bist ja ...« »Ja, was willst du denn hier?« »Ich habe dir doch gesagt, daß wir vom Kreditverein kommen ... Dein Vater hat seine Zinsen für die beiden letzten Termine nicht bezahlt ... Und er antwortet nicht auf die Briefe, die man ihm sendet ...« Fräulein Sophie unterbrach ihn: »Und gerade du mußt herauskommen, um uns das zu erzählen,« sagte sie. »Gerade du mußt es sein, der uns von Havslunde jagt, statt, daß du alles tätest, was in deiner Macht steht, um es zu hindern! ... O, Isidor, Isidor, an wen auf der ganzen weiten Welt soll ich jetzt glauben ...?« Und indem sie die Hände vors Gesicht schlug, brach sie in krampfhaftes Weinen aus, das sie vergeblich zu dämpfen suchte lind flüchtete ins Wohnzimmer zurück. Die Tür blieb hinter ihr offen stehen. Der Amtsrichter sah sich hilflos und gequält um. Die andern Herren hatten sich diskret auf die Steintreppe vor dem Hause zurückgezogen. Durch die offene Tür der Wohnstube hörte Isidor Fräulein Sophies Schluchzen und Frau Lines Beschwichtigungen: »Na, na, Sophiechen, na, na ... Sei nun ein ruhiges und vernünftiges Kind ...« »Ja aber, wenn sie uns nun von Havslunde fortjagen, Mutter ... wenn sie uns nun von Havslunde fortjagen ...!« »Nein, nein, das tun sie ganz bestimmt nicht ... Vater hat ja Geld genug ... Vater ist ja ein reicher Mann, sagen alle Menschen ...« Isidor stand einen Augenblick unentschlossen da. Es war, als würde sein ganzes Wesen gelähmt vor Kummer und Mitgefühl, nicht nur mit diesen seinen Verwandten hier, sondern mit dem ganzen großen Menschenhaufen der Erde ... Dann riß er sich plötzlich mit Gewalt aus seinen Gedanken und ging zur Turmtür und klopfte an: »Onkel Niels,« rief er. – »Ich bin's, Isidor Seemann. ... Du mußt aufmachen. Ich will mit dir über das Geld für den Kreditverein reden ... Es kann ja noch alles geordnet werden.« Und als es ihm vorkam, als höre er ein sachtes Herumpusseln hinter der Tür, ein stilles Scheuern, als ob ein Riegel zurückgeschoben würde, wiederholte er das Klopfen lauter und kräftiger und nannte von neuem seinen Namen und seinen Auftrag. In diesem Augenblick wurde die Tür schnell geöffnet, und er erblickte wie in einer Vision Niels Uldahls verschwiemeltes, von weißem Haar und Bart umrahmtes Gesicht. »Rede mit meiner Frau! Die Geschichte hier geht mich nichts an!« »Ja aber, Onkel Niels, deine Frau ist ja gar nicht vertraut mit diesen ...« Aber ehe Isidor aussprechen konnte, wurde die Tür wieder zugeschlagen und der Riegel vorgeschoben ...   Es stellte sich bei der eingehenden Untersuchung des Kreditvereins heraus, daß Niels Uldahl ein so gut wie ruinierter Mann war. Sein ganzes großes Vermögen war im Sande zerronnen. Was er damit gemacht hatte, konnte niemand begreifen. Das einzige sichtbare Resultat des Geldes war der Turm, den er in seiner Eitelkeit hatte an das Haus anmauern lassen ... Aber unter vier Augen erzählte man sich, daß er das Vermögen der Familie im Spiel und mit Frauen vergeudet hatte. Unter anderem hieß es, ein damaliger Thronerbe und jetziger Monarch, der eine Zeitlang seiner Spielleidenschaft wegen berühmt gewesen, habe ihn in einer Nacht um ungefähr hunderttausend Kronen geplündert haben, die Niels am folgenden Tage prompt auszahlen ließ. Man ist ja nach jeder Richtung hin Gentleman! Und ferner behauptete man, daß eine jüngere leichtlebige Schauspielerin der Hauptstadt bei außergewöhnlichen Gelegenheiten auf ihrem stark frequentierten Busen einen berauschend kostbaren Schmuck trüge, den der Herr von Havslunde ihr nach einer ebenso berauschenden Nacht als Morgengabe überreicht haben sollte ... Solche und zahlreiche Gerüchte kursierten. Aber Nils Uldahl selbst gab keinerlei Aufklärung. Er schloß seine Turmtür zu und ließ Frau Line und Isidor Seemann die Schwierigkeiten ordnen. An dem Tage, an dem die Geschäfte mit dem Kreditverein soweit in Ordnung waren, daß man die Situation überschauen konnte, sagte der Amtsrichter zu Frau Uldahl: »Darf ich dir einen Rat geben, Tante Line?« »Ja gern, lieber Freund ...« Der Amtsrichter zögerte einen Augenblick gleichsam unsicher. Dann sagte er: »Du solltest Onkel Niels für unmündig erklären lassen, Tante; es sind Gründe genug vorhanden.« Aber ohne sich auch nur eine Sekunde zu bedenken, antwortete Frau Uldahl ein entschiedenes: »Nein! ... Das Geld gehört den Uldahls,« sagte sie, »und der Hof gehört den Uldahls. Und er darf mit seinem Eigentum machen, was er will.« »Der Hof gehört nicht mehr ihm, sondern dem Kreditverein,« wandte Isidor ein. »Über den hat er also keine Verfügung mehr ... Aber wer bürgt dir dafür, daß er nicht auch das Geld verschwendet, das noch übrig bleibt?« Frau Line blieb hartnäckig bei ihrer Ansicht: »Das Geld gehört ihm!« wiederholte sie. »Ausschließlich ihm. Ich brachte ihm nichts. Und die Mädchen haben ja jetzt in Zukunft ihr Erbteil von Onkel Joachim. Sie leiden also keine Not.« »Ja aber, nehmen wir an, Tante, daß er sich dermaßen beträgt, daß der Kreditverein sich genötigt sieht, euch zu ersuchen, Havslunde zu verlassen? Jetzt sitzt ihr hier. Und bei vernünftiger Ökonomie könntet ihr vielleicht für immer hier sitzen bleiben. Der Hof wird gut betrieben und kann wahrscheinlich im Laufe der Jahre wieder in die Hände der Familie übergehen. Aber ich bin allerdings durchaus der Ansicht, es wäre rätlich, daß du ...« »Nein, Isidorchen, nein, ich tue es nicht! Ich will nicht auch die Schande über sein Haupt bringen. Und auch wenn man ihn jetzt unter Kuratel stellte, wie du sagst, es hätte gar keinen Zweck. Wenn er käme und mich um Geld bäte, würde ich es ihm doch geben, denn es ist und bleibt doch seines, wie man es auch wendet und dreht.« »Ja aber, Tante,« fuhr der Amtsrichter eindringlich fort, »wenn du nun auch selbst so stark bist, um tragen zu können, was auch geschieht, so mußt du doch bedenken, was es deinen Kindern für Kummer bereiten würde, den Ort hier verlassen zu müssen, den sie so sehr lieben.« »Ihr Vater mußte Egesborg vor ihnen verlassen,« sagte Frau Line. »Und, du hast es doch selbst gesagt, es ist ja keine Rede davon, daß wir von Havslunde fortziehen müssen.« »Nein, allerdings vorläufig nicht ... aber es kann soweit kommen ... Und was glaubst du, würde aus Sophie werden, wenn sie von diesem Ort hier fort müßte? Stell' sie dir vor, gezwungen in einer Stadtwohnung zu leben, oder nur irgend wo anders als gerade in Havslunde! Ich fürchte, Tante, sie würde es nicht überstehen, mit dem seltsamen Gemüt, das sie hat.« Frau Uldahl zögerte eine Weile, ehe sie antwortete; darauf sagte sie still und warm, als würden die Worte tief in ihrem einfältigen Herzen geboren ... und sie ergriff eine der Hände des Amtsrichters und streichelte sie, während sie sprach. »Danke, Isidorchen,« sagte sie, »daß du so liebevoll an die Kinder und mich denkst ... aber jetzt ist es Niels, der Rücksicht braucht, jetzt, da alles um ihn zusammengestürzt ist. Und ich kann nicht mithelfen, den Mann noch mehr zu demütigen, der einst liebevoll und feinfühlig mir gegenüber war ... Ja, das war er, lieber Freund! Denke an all das, was er seiner Zeit von seiner reichen und angesehenen Familie erdulden mußte, weil er nicht von mir lassen wollte! Und nun sollte ich ihm damit lohnen, daß ich ihn tiefer verwunde, als es irgend ein anderer vermag. Nein, lieber Isidor, ich sage absolut nein! Die Mädchen und ich, wir helfen uns schon, wie es auch geht; jetzt muß an ihn gedacht werden. Er leidet schon genug unter dem, was geschehen ist. Ich kenne ihn. Er ist in seiner Weise stolz und ehrgeizig ... Und gut und liebevoll ist er auch ... Doch, das ist er! ... oder vielleicht eher, war er! Du solltest nur seine Briefe an mich lesen aus den ersten Jahren, als wir noch auf Thorsminde wohnten! Wer wie ich die Zeiten mit Niels zusammen erlebt hat, kann jetzt nicht mithelfen, dem sinkenden Schiff einen Stoß zu versetzen ... Mag geschehen, was da wolle!« Isidor zuckte lächelnd die Achseln ... beugte sich jedoch auch unwillkürlich herab und küßte Frau Lines Hand ... Die Verhältnisse auf Havslunde waren vorläufig so geordnet worden, daß der Kreditverein den Hof unter der Leitung des Verwalters Larsen weiterführte, während die Familie Uldahl im Hauptflügel wohnen bleiben und eine kleine jährliche Apanage ausgezahlt erhalten solle ... Am Abend desselben Tages, an dem dies Arrangement getroffen und Isidor Seemann nach Hause gefahren war, saßen Frau Line und ihre Töchter nach dem Tee im Wohnzimmer. Die Lampe war angezündet; aber keiner begann etwas. Jeder war in seine eigenen tristen Gedanken vertieft. Auf seinem Teppich in der Ecke am Kamin lag Türk und schlief. Seine tiefen Atemzüge waren der einzige Laut, den man vernahm ... Plötzlich erhob sich Frau Line. »Ich gehe hinüber und hole Vater,« sagte sie, ohne zu den Töchtern hinüberzublicken. »Es ist Sünde daß er heute abend allein drüben im Turm sitzen soll.« »Mutter ...!« ertönte es schnell und angsterfüllt von Fräulein Sophie. Aber Frau Uldahl tat als hörte sie es nicht und verließ das Zimmer. »Brr!« sagte Fräulein Charlotte verächtlich und ließ ihre Hände an ihren schlanken Hüften hinuntergleiten. »Daß Mutter sich in dem Grade erniedrigen kann!« »Wollen wir in unsere Zimmer hinaufgehen?« schlug Frederikke vor. »Nein,« sagte Sophie bestimmt. »Dann bleibt Mutter ja allein mit ihm.« Fräulein Anna, die Älteste, sagte nichts. Sie lag mit dem Nacken gegen die Stuhllehne und starrte in die Luft hinaus. »Ich finde, es ist das Niedrigste, was ich je erlebt habe,« begann Frederikke wieder, »sich einzuschließen, und Mutter, die gar keinen Begriff von solchen Geschäften hat, das Ganze allein abwickeln zu lassen.« »Das sieht den tapfern Männern ähnlich!« sagte Charlotte kurz. »Merkwürdig, daß er nicht geradezu abgereist ist.« »Er hat wohl kein Geld gehabt ...« meinte Frederikke. Und Sophie, die klein und bleich in ihrem Stuhl zusammenkroch, fragte: »Sind wir jetzt arm?« Aber Anna sagte immer noch nichts. Es sah aus, als ginge sie die Sache ganz und gar nichts an. Sie hatte die Augen geschlossen und wiegte langsam den Kopf über der Stuhllehne hin und her. »Anna ...?« »Ja ...« »Schläfst du?« »Nee ...« »Hörtest du, daß Mutter hinüber ging, um den alten Kerl zu holen?« »Ja – e ... (Der Kopf wiegte sich unablässig, und die Augen blieben geschlossen) ... das hab' ich wohl gehört.« Frederikke hatte gefragt. Und jetzt sagte Charlotte als Antwort auf Sophies Frage: »Nein, arm sind wir nicht. Wir haben doch Onkel Joachims Geld; und das kann Vater nicht anrühren, sagt dein himmlischer Isidor.« Fräulein Sophie verkroch sich noch tiefer in den Stuhl und sandte der Schwester einen kranken Blick zu. Wie konnte sie es nur über sich gewinnen, so boshaft zu sein. Aber Fräulein Frederikke, die nicht gehört hatte, wovon die beiden anderen sprachen, lachte still vor sich hin und sagte: »Euer Vater, der Windbeutel! ...! Wißt ihr noch, so hat ihn Onkel Joachim genannt, als wir das letzte Mal auf Ravnsholt waren.« »Ja, er war ein kluger Mann!« nickte Fräulein Charlotte – Ach Anna ,« rief sie dann ärgerlich – »kannst du den Kopf nicht stille halten! Ich werde ganz seekrank, wenn ich dich ansehe!« Anna richtete sich auf. Aber nur für einen Augenblick. Dann stützte sie die Ellbogen auf die Tischplatte und ließ den Kopf in die Hände sinken. »Sie ist betrunken,« sagte Charlotte hart und gefühllos. »Jetzt trinkt sie Brennspiritus!« »Was sagst du da, Mädel ...!« murmelte Anna, aber ohne sich zu rühren. Fräulein Sophie sah mit einem fast entsetzten Blick auf. Die Tränen standen ihr in den Augen, und sie wäre am liebsten bis an den Rand der Erde geflüchtet und hätte sich hinab und von alle dem fortgleiten lassen ... Es entstand jetzt eine längere Pause; bis Fräulein Frederikke fragte, und zwar mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt: »Hast du gehört, Charlotte, daß die Moor-Minka sich mit Hans Henriksen von Ravnsholt verheiraten wird?« Das Blut fuhr Charlotte wie mit einem Stempelschlage in die Wangen. »Wer sagt das?« »Die Mädchen ...« »So, ich dachte es wäre Eleve Jacobsen ... oder einer von deinen Handlungsreisenden, die es dir zugetragen hätten.« Jetzt war Frederikke an der Reihe zu erröten. »Mich friert ...« sagte Fräulein Sophie und schüttelte sich. »Ich finde es hier so kalt ...« Fräulein Anna hatte wieder begonnen den Kopf hin und her zu wiegen. Niemand sprach mehr ... So saßen die vier Schwestern und warteten auf ihre Eltern.   Türk erhob lauschend sein großes, schwermütiges Gesicht und knurrte. Fräulein Sophie lief zu ihm: »Willst du schweigen!« sagte sie und umspannte seine Schnauze mit ihren Händen. »Laß ihn nur!« sagte Frederikke. »Nein, er darf nicht ... Mutters wegen!« Es ertönten Schritte draußen im Entree. Und Niels und Frau Line traten ein. In demselben Augenblick fuhr Türk von seinem Lager auf und erhob ein schallendes Gekläff. »Halt's Maul!« sagte Sophie außer sich vor Nervosität und gab dem Hunde einen Fußtritt, daß er jammernd auf seinen Teppich zurückkroch. Aber seine Augen folgten ständig jeder Bewegung des Gutsbesitzers. Er konnte den Anblick des Hausherrn nicht ertragen, und als Niels ihn versuchsweise streichelte, um sich einzuschmeicheln, schnappte das Tier gierig nach seiner Hand. »Ach, Sophiechen ...« bat Frau Line, »meinst du nicht, daß es das beste wäre, Türk auszusperren? Er ist so unruhig.« Sophie erhob sich: »Komm, Türk ...!« Und der Hund kroch fast zur Türe hinaus. Niels Uldahl war mitten im Zimmer stehen geblieben. Er sah so innig schuldbeladen und bejammernswert aus. All seine ehemalige Größe und Verwegenheit schienen ihn verlassen zu haben, jetzt, da er zum ersten Male Angesicht zu Angesicht denen gegenüber gestellt war, die er so schändlich verraten hatte. Er tastete mit den Händen umher und wand den Körper, als wüßte er weder, was er sagen, noch was er tun solle. Und dann hatte er sich so wahnsinnig jungburschenhaft zu der Situation kostümiert: helle Beinkleider, bunte Weste und braune, kurze Sammetjacke. Seine Hilflosigkeit wirkte ansteckend auf Frau Line, die flehend zu ihren Töchtern umherblickte, ob sie denn nicht Erbarmen haben wollten. Aber Charlotte und Frederikke saßen schweigend und unzugänglich auf ihren Stühlen. Und Fräulein Anna hatte beim Kommen der Eltern nicht einmal den Kopf aus den Händen erhoben. Von hier war keine Rettung zu holen ... Als deshalb Fräulein Sophie wieder ins Zimmer trat, machte Niels in seiner Qual einen verlegen-verzweifelten Versuch über den toten Punkt fortzukommen. Er ging forsch auf sie zu, legte einen Arm um ihre Taille und fragte flott und keck: »Na, mein Kind, hast du nun das scheußliche Tier expediert?« »Ja ...« flüsterte Sophie und verzog sich aus seiner Nähe, um seine Berührung zu vermeiden. Aber als er sich in diesem Augenblick lächelnd über sie beugte, um ihr einen väterlichen Kuß auf die Stirn zu drücken, und sie sein rotes, aufgedunsenes Gesicht sah und seinen stinkenden Spiritusatem roch, wurde sie von einem solchen Schrecken und Ekel ergriffen, daß ihr der Boden gleichsam unter den Füßen fortglitt, und sie wäre umgestürzt, wenn nicht Frau Line und Fräulein Frederikke herzugeeilt wären und sie aufgefangen und fortgebracht hatten. Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, erhob sich auch Fräulein Charlotte und verließ das Zimmer ... Und nun war also Niels Uldahl allein mit Fräulein Anna zurückgeblieben, die sich wiederum gegen die Stuhllehne gebeugt hatte und langsam und unaufhörlich den Kopf wiegte, hin und her und hin und her ...   Es verhielt sich richtig, wie Fräulein Frederikke gesagt hatte: Minka vom Moor sollte Hans von Ravnsholt heiraten. Sobald es nämlich ruchbar wurde, daß sie von Havslunde zurückgekehrt war, war Hans Henriksen augenblicklich nach Moorhof hinübergefahren, um zu freien. Er wurde von den Eltern, die den Grund seiner häufigen Besuche geahnt hatten, freundlich aufgenommen. Und als Minka dieses große gutgewachsene Stück Mann ein paarmal richtig angesehen hatte, dessen brennende Augen an ihr hingen, wo sie auch ging und stand, huschte sie ihm eines Tages, als er wieder schweigsam und bettelnd in ihrem Zimmer saß, plötzlich auf den Schoß, kuschelte sich an ihn und sagte: »So nimm mich doch, du alter Bär!« Er hatte geweint und geheult, außer sich vor Entzücken darüber, sie endlich in seinen Armen zu halten. Er hatte sie dermaßen an sich gedrückt, und in seiner Freude so mit ihr herumgewirtschaftet, daß sie ganz wirre und ängstlich geworden war, aber trotzdem in der höchsten Wonne und Qual gerufen hatte: »Mehr! Mehr ...!« Und noch am selben Abend, ehe er heimwärts zog, hatten sie ein glühendes Hochzeitsfest unten im duftenden, frischgemähten Heu auf der Wiese gefeiert, während die Elfennebel tanzten und die Frösche quakten ... »Charlotte, Charlotte!« schrieb Minka am folgenden Tage in einem Brief an ihre ehemalige Freundin, »Charlotte! Charlotte! Nimm dir einen Mann, Mädel! Versuche es! Bei Gott im Himmel, du wirst es nicht bereuen! Deine kleine, im siebenten Himmel schwebende Freundin Minka Thorsen.« Da die Moor-Minka das einzige Kind war, und der Jägermeister Thorsen für sehr wohlhabend galt, fand die Partie nur Beifall bei Madame Henriksen – obwohl das Mädchen reichliche 25 Jahre jünger war, als sein Bräutigam. Eines Tages nach dem Mittagessen ließ die Madame deshalb anspannen und fuhr zu Besuch bei ihren neuen Verwandten. Hans mußte zu Hause bleiben. Die Pompadour sah am besten, wenn sie allein war. Und wie eine Königin thronte Madame Henriksen eine Stunde später auf dem vornehmsten Sofa des Moorhofes, umhuldigt und bekomplimentiert vom Jägermeister nebst Frau. Nach dem Willkomms-Kaffee wurde sie draußen und drinnen herumgeführt. Ihre kundigen Augen schätzten Inventar und Viehstand bis auf den Achtel Öre ab; und sie fand alles außerordentlich gut. Der Moorhof mit Ravnsholt zusammen, kalkulierte sie, würde im Laufe der Zeit ihren ältesten Sohn zu einem der angesehensten Männer der Gegend machen. Und plötzlich sagte sie: »Wißt ihr, daß Hans gestern zum Vorsitzenden des Gemeinderats gewählt worden ist?« Nein, das wußten die Schwiegereltern nicht. Ja, das wäre er. Mit fünf Stimmen gegen zwei und die beiden hatten sogar nur füreinander gestimmt. »Ha, ha, ha!« lachte der Jägermeister und schlug sich auf die Schenkel. Thorsen war ein großer dickblütiger und lärmender Bauersmann, der seinen Titel bekommen hatte, weil seine Frau eine Halbkusine des Ministers der Landwirtschaft war. Während des ganzen Besuches von Madame Henriksen hatte Minka sich wie ein junges Kätzchen um die Schwiegermutter herumgeschlängelt. Aber die Madame hatte sich in ihrem schwarzen Merinokleide steif und stramm gehalten und sie abtaxiert. Beide hatten auf den ersten Blick eingesehen, daß sie nie zusammen passen würden. Die Pompadour fand »das Mädel« zu »fein« und »das Mädel« fand die Pompadour zu grob. Das mußte mit einem Kampfe endigen. Aber alle beide beruhigten sich vorläufig damit, daß sie ja Hans auf ihrer Seite hätten ... »Ja, Sie wissen wohl, Thorsen, daß mein Sohn Jeppe im Begriff ist, Kragholm von Franzens Witwe zu kaufen,« fragte die Pompadour plötzlich, als man mitten beim Abschiedstee war und über die Viehpreise sprach. »Ja, ich hörte es neulich draußen in der Stadt ... Jetzt fehlt Ihnen bald nur noch Havslunde, ha, ha!« Madame Henriksen richtete sich in dem Merinokleide auf. »Kommt Zeit, kommt Rat,« sagte sie ... »Mit Niels drüben geht es ja tüchtig abwärts ... Seine Mädels und er können sich glücklich preisen mit den Hundertundzwanzigtausend, die sie von Joachim bekommen haben.« »Ja, und die kann Niels wohl nicht anrühren?« »Nein, dafür ist gesorgt worden. Die stehen beim Obervormundschafts-Gericht zu viereinhalb. Er versuchte ja in seiner wahnsinnigen Wut darüber, daß wir den Hof bekamen, den Töchtern die Annahme der Erbschaft zu verbieten ... Aber jetzt muß er noch froh darüber sein.« »Wie ist es doch traurig mit solchen Verhältnissen,« seufzte Frau Thorsen, eine lange magere und triste Dame, die Privatlehrerin gewesen war, als Thorsen sie in seiner Mannheit pflückte ... eine feine und zarte Blüte. Nun war sie geknickt – aber also Jägermeisterin. »Wie ist es doch traurig ...!« sagte sie. »Unsere Minka war ja eine Zeitlang im Winter drüben eingeladen, aber ... ach, Minkachen, geh' doch ins Kabinett, nicht alles, was wir Älteren sagen, ist für die Ohren eines jungen und unschuldigen Mädchens bestimmt ...« »O–och ...!« murrte Minka und blieb, wo sie war. Aber da traf sie ein Blick von ihrer Schwiegermutter, der sie unwillkürlich veranlaßte, aufzustehen und davon zu schleichen. Die dünnen, graugesprenkelten Haare der Pompadour waren in der Mitte gescheitelt und glatt hinter den Ohren herabgekämmt, wo sie sich zu einem kleinen charakterfesten Knoten sammelten. Und eine mildernde Kopfbedeckung trug sie nicht. Der Schädel war in all seinen respekteinflößenden Linien zu sehen. Als Minka gegangen war, begann Frau Thorsen in ihrer tristen Weise sich über Niels Uldahls Attentate auf ihre Tochter zu verbreiten ... Aber der Jägermeister brach in ein lärmendes Gelächter aus: »Ha, ha, ha!« lachte er! »Ja, was Teufel ...!« »Ja, du lachst, Thorsen ...« sagte die Hausfrau und fuhr darauf mit ihrem Trauergesang über die Verhältnisse auf Havslundegaard fort, die für die ganze Umgegend eine Quelle ständigen Ärgernisses bildeten. Aber jetzt schlug Madame Henriksen drein: »Weshalb schickten Sie denn Ihre Tochter herüber?« fragte sie scharf. »Sie wußten das alles ja vorher!« Frau Thorsen brach schnell ab. Das Gespräch nahm eine andere Wendung. Bald darauf nahm man Abschied und die Pompadour bestieg den Wagen ... Als Minka draußen auf der Steintreppe der Schwiegermutter ihre kleine weiße Hand zum Abschied reichte und sie bat, Hans zu grüßen, beantwortete sie ihren Gruß nicht, sondern starrte ein paar Sekunden schweigend auf die Hand des jungen Mädchens und sagte dann: »Die Frau eines Landmanns muß rote Hände haben!« und schleuderte gleichsam die Hand von sich. Aber das gibt sich wohl!« Und dann fuhr sie. »Unerzogenes Weib!« sagte Minka und spie hinter dem Wagen her. Mamsell Ingwersen hatte sich glattweg geweigert, das Asylzimmer zu verlassen. Es war mit ihrem Asthma seit mehreren Monaten schlecht gegangen. Jetzt hatte sich diese Krankheit freilich in der schönen, lauen Sommerluft gebessert. Aber nun hatte sie Nierengries in den Beinen bekommen, sagte sie. Und wenn die Rottböl und die Lurvadt in den Park hinausgingen, um sich zu sonnen, blieb die Ingwersen ständig auf ihrem Stuhl sitzen und schimpfte sich in langen Monologen aus. Solange sich die beiden anderen dagegen bei ihr im Zimmer befanden, wurden sie von ihr unablässig und ärgerlich aufgefordert, hinauszugehen und ihre Jugend zu genießen. Sie wäre am allerliebsten allein! Aber kaum waren sie fort, als die Ingwersen sich in düstere Grübeleien über den menschlichen Egoismus und ihre eigene Verlassenheit erging ... Fräulein Sophie steckte den Kopf zum offenstehenden Fenster des Asyls hinein. Einen Augenblick später erschienen Türks markierte Gesichtszüge neben ihr. Er hatte die Vorderpfoten auf das Fensterbrett gelegt. Das Fräulein schlang einen Arm um seinen Hals. So standen sie da. »Ingwersen,« sagte das Fräulein, »unten auf dem Baderasen gibt's Schokolade!« »Was geht's mich an ...« knurrte die Ingwersen. Aber ohne zu antworten krabbelte Sophie durch das Fenster und Türk sprang hinterher: »Ih du mein Herr und Schöpfer!« schrie die Ingwersen, als sie die beiden erblickte. Und während sie widerstandslos vor Entsetzen dasaß, staffierte das Fräulein sie mit Hut und »Mantille« aus, vertauschte ihre »Babuschen« mit Lederschuhen, hob sie vom Stuhl auf, schob ihren Arm unter den der Alten und sagte dann: »Jetzt gehen wir!« »Wir kommen im Leben nicht vorwärts ...« jammerte die Ingwersen zwischen Lachen und Weinen. »Natürlich kommen wir vorwärts!« sagte das Fräulein, »und wenn Sie müde werden, Ingwersen, dann lassen wir Sie auf Türk reiten. Kommen Sie!« Und Schritt für Schritt zockelten sie vorwärts über den Hof und in den Park hinein ... Der »Hausherr« war vom frühen Morgen ab aus dem Hofe geritten. Unten auf dem Baderasen war vor dem »Platz der Gnädigen« der Schokoladentisch aufgestellt. Die Tassen und Kannen leuchteten im Sonnenschein. – Die jungen Damen waren im Bade gewesen, und ihre bunten Badeanzüge lagen zum Trocknen auf dem Rasen und streckten Arme und Beine aus. »Da kommen sie!« sagte Frederikke und deutete zur Lindenalle hinauf, wo Sophie und die Ingwersen eben auftauchten. »Ich wußte es,« nickte die Lurvadt. »Die Ingwersen will bloß, daß man recht viel Umstände mit ihr macht! Ihre Beine sind lange nicht so schlimm wie meine!« Frau Line saß schweigend da und blickte zu Jungfer Rottböl hinüber, die sich dort in der Nähe des Badezeltes mit ihren Puppen zu schaffen machte. Die Mamsell hatte seit Weihnachten noch drei Kinder bekommen und besaß nun vier, wie im Lenz ihrer Jugend. Aber am liebsten hatte sie die Weihnachtspuppe Nikoline, welche die größte war, und die sie, ihrer Behauptung zufolge, mit Onkel Joachim aus Ravnsholt sechs Tage nach dessen Tode bekommen hatte. Er hätte sie besucht, in derselben Nacht, in der er begraben wurde, erzählte sie; und Nikoline lag schon am nächsten Morgen fix und fertig und angezogen neben ihr im Bett. – Gott ist groß! Die Rottböl trug die Kinder ins Zelt hinein und wieder hinaus, ging mit ihnen spazieren, fuhr sie in Fräulein Sophies altem Puppenwagen umher, trällerte ihnen etwas vor, wenn sie nicht schlafen wollten, nahm sie auf und ließ sie kleine notwendige Geschäfte hinter den Büschen verrichten, stopfte sie wieder in den Wagen und fuhr weiter, während sie ab und zu laut und gellend ein paar Zeilen ihres Lieblingsliedes anstimmte vom Land der Träume, dem lichten, das nichts Böses oder Schlechtes erreichen konnte ... »Rottböl!« rief Frau Uldahl, »jetzt gibt's Schokolade!« Und die Mamsell kam angerollt mit allen vier Rangen im Wagen zusammengepackt, den sie neben sich und dicht an die Bank stellte. »Sie schlafen ...« flüsterte sie, und erhob beschwichtigend den schwarzpunktierten »Nähfinger«. »Jetzt schlafen sie ...!« Aber plötzlich begann sie jämmerlich zu weinen. »Was gibt's denn nur, Rottbölchen?« fragte Frau Line. Die Rottböl deutete verzweifelt zur Lurvadt hinüber. »Sie hat ...« winselte sie, »sie hat ... den ›Großen‹ .. genommen ... den ... ich ... so gern ... haben wollte ...!« »Bitte schön,« sagte die Lurvadt, und reichte ihr den »Großen« Wecken, von dem nur ein Happen abgebissen war – »Hier ist er. Und jetzt schweig' stille!« Als die Mahlzeit beendet war, fingen die Köchin Anne, das Stubenmädchen Olga und die vier Fräuleins an, »zwei Freier für eine Witwe« zu spielen. Aber dessen wurden sie schnell überdrüssig, wahrscheinlich, weil kein »Freier« da war, und begannen dann einander mit den halbnassen Badeanzügen zu bombardieren, die sie zusammen ballten und nach einander schleuderten. Und die Kleidungsstücke lösten sich auf ihrem Wege durch die Luft auf und glichen klobigen Ballonfiguren, die manchmal zusammenstießen und mit einem nassen, klatschenden Laut zur Erde fielen, während die Mädchen herzueilten, um sie wieder aufzuraffen und sich herumtummelten und rauften und purzelten und lachten (namentlich die Köchin Anne.) daß es zwischen den Bäumen und weit über das Wasser hin widerhallte ... »Ja, Sie wissen wohl, Ingwersen, daß Niels den Hof dem Kreditverein übergeben mußte?« fragte Frau Line, die eine Weile schweigend dagesessen und dem Spiel der Jugend zugesehen hatte. Die Lurvadt ging und deckte den Tisch ab und tat die Sachen in die Körbe. »Ja ...« nickte die Ingwersen und ihre cholerischen Äuglein glänzten. »Und jetzt will wohl die drüben, Karen, Kragholm an einen von Madame Henriksens Jungens verkaufen ...! Der Name Uldahl geht vor die Hunde, ja wohl ...! Was glauben die gnädige Frau, würde der Herr Staatsrat dazu gesagt haben!« »Niels ist gewiß auch nach Kragholm gefahren, um es ihr auszureden, Ingwersen ...« »Hä! Was geht es ihn an. Er hätte lieber vor seiner eigenen Tür kehren sollen, als noch Zeit war.« Frau Line schwieg und wandte sich wieder zu den Mädchen um. »Ja, aber wir sitzen doch hier, Ingwersen ...« versuchte sie. »Ja, – e ... so lange es dauert,« nickte die Alte. »Aber ich lasse mich nicht hier heraussetzen, wie von Egesborg ...! Nicht, ehe man mich heraus trägt.« Frau Uldahl beugte sich beruhigend zu ihr: »Wir bleiben hier, Ingwersen,« sagte sie. »Natürlich bleiben wir hier!« Die Rottböl war mit ihrem Puppenwagen zum Zelt zurückgetrippelt. Sie stand und blickte über die Bucht hin, die grünlich in der Sonne spielte. Ihr Gesicht wurde immer fröhlicher, als ob sie an etwas ganz besonders Vergnügliches dächte. »Rododendron ...!« flüsterte sie dann mit einem lichten Lächeln. »Roden–loden–doden–dendron ...« (Sie hatte vor ein paar Tagen gehört, daß eines der jungen Mädchen dieses Wort gebrauchte) ... Und dann begann sie emsig und eilig flache Steinchen vom Strande aufzuheben und im Wasser Kreise zu werfen. Bis sie plötzlich mitten in dem Vergnügen innehielt und anfing, bitterlich zu weinen: »Eine Mutter muß nur an ihre Kinder denken.« Und plötzlich war es ihr eingefallen, daß sie schon lange, gewiß schon an die hundert Jahre, völlig an die ihren vergessen hatte! Und sie lief eiligst zum Badezelt, holte die Puppen, eine nach der andern, aus dem Wagen hervor, küßte sie heftig, knöpfte sich die Taille auf und legte sie an die Brust. »Trinkt man ...!« sagte sie und lächelte wieder und war glücklich ...   »Lurvadt, hilf mir auf!« Die Lurvadt gehorchte ... Aber als sie sich in Bewegung setzen wollten, zeigte es sich, daß die Beine der Ingwersen den Dienst versagten. Sie sank mit einem Stöhnen auf der Bank um und erklärte kategorisch, daß sie hier sterben wolle, und daß es ein Schuftenstreich sondergleichen gewesen wäre, daß Fräulein Sophie sie hier heruntergezottelt hätte! Die Mädchen kamen herzugelaufen, rot und warm vom Spiel. »Was gibt's denn, Ingwersen?« fragte Fräulein Frederikke. »Was es gibt?« keifte die Alte, und wand sich vor Schmerzen, »das ist mein Nierengries, selbstverständlich!« »Es heißt Ameisenkribbeln, Ingwersen!« korrigierte Charlotte. »Du hast Ameisenkribbeln in den Beinen!« »Ja, das ist die Gicht,« sagte die Lurvadt, »das habe ich ihr schon hundertmal erzählt.« »Es ist ganz gleichgültig, was es ist,« erklärte die Ingwersen. »Aber ich rühre mich nicht vom Fleck. Hier will ich sitzen und sterben. Am liebsten wäre es mir, wenn ihr alle miteinander eure Wege ginget und mich in Frieden krepieren ließet, weiter wünsche ich nichts.« »Na, na, kleine Ingwersen ...« tröstete Frau Line, »wenn du meinst, daß du das Gehen nicht aushältst, dann wird die Köchin Anne dich gewiß gern tragen; sie ist so stark.« »Ich nehm' sie wie 'ne Feder!« sagte Anne. Die Ingwersen wurde puterrot. »Tragen ...!« wiederholte sie – »Mich tragen! Solange ich lebe nicht. Was wollte Sophie auch mit mir hier unten! Ich habe es doch gesagt! Ich alter gichtbrüchiger Mensch, der nie hätte sein Bette verlassen sollen.« Fräulein Sophie war äußerst unglücklich. Und sie standen alle und sahen hilflos aus ... Da sagte plötzlich Fräulein Frederikke: »Jetzt hole ich einen Wagen!« und flog davon, dem Hofe zu. Alle sahen ihr lange nach und dachten: Was mag das wohl für ein Wagen sein ...? Und Fräulein Sophie empfand es wie einen Stich ins Herz, als sie daran denken mußte, daß Niels Uldahl um seine Töchter so recht zu kränken und zu ärgern, seinem Zechkumpan, dem Schmied, sowohl »Mikkel« wie das kleine Fuhrwerk überlassen hatte, das er den Mädchen zu Weihnachten geschenkt hatte. Eines Morgens, als sie in den Stall hinabkamen, waren Pferd und Wagen fort gewesen. Und der Schwerenot-Jens hatte erzählt, daß der Schmied nachts damit weggefahren wäre, da der Hausherr beides im Sechsundsechzig an ihn verloren hätte. Und das kleine Fräulein fühlte wieder die ganze Schwere der erdrückenden Misere auf sich herabsinken, in der die Familie lebte, und die sie auf einen Augenblick so ziemlich zu vergessen vermocht hatte, während sie und die Schwestern sich draußen auf dem Rasen tummelten. Aber dann brach sie plötzlich mit Frau Line und den anderen in ein lautes Gelächter aus, als sie Frederikke sah, die mit dem großen, rotgestrichenen Spielwagen angezogen kam, in dem sie als Kinder einander zu fahren pflegten. Die Ingwersen machte Sperenzchen und schlug mit den Armen um sich. Aber zuletzt wurde sie doch im Wagen untergebracht. Und die Mädels rollten mit ihr durch den Park davon. Die Rottböl hatte es heimlich fertig gebracht, alle ihre vier Mädels ringsum in das Fuhrwerk hineinzustopfen. Nun konnten sie auch das Vergnügen mitnehmen!   So verstrich der Vormittag ... Aber abends, als es zu dämmern begonnen hatte, kam Fräulein Frederikke weinend und jammernd in Frau Lines Zimmer, wo sie sich vor der Mutter zu Boden warf und erzählte, von Klagen und Schluchzen unterbrochen. Ihr Haar war in Unordnung, ihre Kleider waren beschmutzt und zerrissen; und ihr ganzer Körper bebte vor Weinen und Erregung. »Was ist denn nur geschehen, Friedchen?« fragte Frau Line bestürzt. »Was ist denn nur geschehen? Na, na, na, sprich jetzt ein wenig ruhiger. Ich kann nicht verstehen, was du sagst.« Und Fräulein Frederikke begann etwas beherrschter wieder zu erzählen ... Es war der Eleve Jacobsen, der ... sie hatte ihn unten in der Nähe von Fräulein Sophies Haus getroffen ... und dann wären sie miteinander spazieren gegangen ... und sie hätte an gar nichts gedacht .. und dann wären sie ins Haus hineingegangen ... und plötzlich hätte Jacobsen sie gepackt und hätte sie küssen wollen, .. aber sie hätte sich verteidigt ... und dann hätte er sie auf eins der Felle auf den Fußboden geworfen ... und ... und ihr sein Taschentuch in den Mund gestopft, damit sie nicht schreien könne ... und sie wäre fast ohnmächtig geworden ... und dann hätte er ihr die Kleider vom Leibe gerissen ... und sie vergewaltigt ... und ... und als sie wieder zu sich gekommen sei, wäre er fort gewesen ... aber das Taschentuch hätte er vergessen, und hier sei es ... Frau Line saß bleich und schweigend und hörte die Erzählung der Tochter mit an. Ihre Hand, die anfangs sanft und beruhigend über Frederikkes Haar gestrichen, hielt allmählich während der Bericht fortschritt, inne; und jetzt lag sie unbeweglich, auf die Schulter des jungen Mädchens hinabgeglitten. Und sie fand kein Wort der Erwiderung auf die Klage ihres Kindes. Frederikke blickte hastig auf ... »Du glaubst mir nicht, Mutter?« fragte sie; und ihre Augen waren flackernd und unzuverlässig wie es die des Vaters zuweilen waren. – »Du glaubst mir nicht, Mutter?« wiederholte sie. Frau Uldahl nahm sich zusammen. »Doch, doch,« sagte sie hastig – »freilich glaube ich dir, Fridchen ...! Aber komm nun mit in dein Zimmer und gehe zu Bett. Dann sprechen wir morgen weiter über die Sache. Du bist jetzt allzu nervös. Du kannst leicht krank werden.« Frederikke erhob sich gehorsam. »Hier ist sein Taschentuch,« sagte sie dann mit einer merkwürdig trockenen und eifrigen Stimme und holte das Taschentuch hervor. »Darauf mußt du gut achten, Mutter, denn das ist doch ein Beweis, wenn er leugnen will ...« Als das Fräulein ausgekleidet und zur Ruh gebracht worden war, nahm Frau Line ihre Sachen mit sich fort. Sie waren zerrissen und beschmutzt wie von groben und hastigen Händen. – – – Eleve Jacobsen stand kerzengrade in der Wohnstubentür und weinte wie ein Kind. Die Tränen strömten dem großen Kerl über die Wangen, und er rang in Verzweiflung seine arbeitsroten Hände ... »Ich habe es nicht getan!« sagte er – »Ich habe das Fräulein auch nicht angerührt ... Ich lief meiner Wege, ehe etwas daraus wurde ... Ich kriegte solchen Schreck davor, was geschehen könnte, daß ich die Tür aufriß und aus dem Hause und direkt in meine Kammer lief ... Die gnädige Frau können selbst den Verwalter Larsen fragen, denn er sagte gerade: Hast du Feuer im Hintern, Jacobsen? Unten in der Scheune, als ich an ihm vorbeirannte ... Aber ich sagte bloß: was geht es Sie an, Larsen! und rannte weiter ... Die gnädige Frau müssen mir glauben, so wahr ein Gott lebt! Ich habe mich stets dagegen gewehrt, wenn das Fräulein zärtlich tat und sich an mich herandrückte ... Sie hat mich heute abend mit in Sophies Haus gezerrt, als wir uns trafen ... Sie sagte, sie wollte mir drinnen etwas zeigen ... Und dann legte sie sich auf mich und verlangte mit aller Gewalt, daß ich sie küsse ... aber da kriegte ich solchen Schreck, daß ich meiner Wege lief ... Die gnädige Frau kann selbst Sörine und die anderen Mädels unten im Vorwerk fragen, ob ich mich nicht immer an die gehalten habe, wenn's mal sein mußt ... Sie sind alle miteinander hinter mir her, aber dafür kann ich doch nichts ... Und wenn ich dann wütend auf sie war, dann ging ich mit dem Fräulein ... Aber angerührt hab' ich sie nicht ... Das hab' ich nicht ... Das wird viel eher einer von all den Handlungsreisenden sein, an die das Fräulein immer schreibt, und von denen sie Briefe kriegt ... Sie lügt mir was auf den Hals, wenn sie sagt, daß ich sie ins Unglück gebracht habe ... Und ich begreife nicht, weshalb sie mir was zu Leide tun will ... So eine feine Dame ... Und dann mit mir, der ich doch weiter nichts bin als einer vom Gesinde!« Die Tränen stürzten dem Jungen aus den Augen, und er schnaubte und stöhnte und suchte gleichzeitig an sich herum, um sein Taschentuch zu finden, aber es war nicht da. Frau Uldahl reichte ihm unwillkürlich das Tuch, das Frederikke ihr gegeben hatte. »Bitte,« sagte sie, »suchen Sie das? »Danke ...« sagte er; und ohne in seinem Zustande völliger Vernichtung die leiseste Verwunderung darüber zu spüren, daß die Gnädige sein Taschentuch hatte, begann er augenblicklich sich die Nase zu schneuzen und die Augen zu trocknen. Worauf er das Tuch fortwährend herum und herum wirbelte, bis ein trockenes verzweifeltes Klümpchen daraus wurde, das er in den zusammengepreßten Händen vor sich herhielt. »Glauben die gnädige Frau mir nicht ...?« fragte er dann, und seine treuherzigen Augen bettelten um Zutrauen. »Doch ...« nickte Frau Line. »Ich glaube Ihnen ..« »Kann ich dann gehen ...?« »Ja ...« »Ja, dann also gute Nacht, gnädige Frau ... und Dank!« »Gute Nacht ..« Frau Uldahl hatte sofort, als der Eleve ins Wohnzimmer eingetreten war, gesehen, daß er an dem Verbrechen unschuldig war, dessen ihn ihre Tochter beschuldigt hatte. Sie ahnte es schon während sie noch saß und auf Frederikkes Klagen lauschte; sie waren so voll gellend falscher Töne, aber als sie später ihre beschmutzte und zerrissene Wäsche sah, zweifelte sie von neuem und sandte das Stubenmädchen Olga in die Scheune hinab und ließ den Eleven Jacobsen auffordern heraufzukommen. Doch kaum hatte sie ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen, als der Zweifel wieder schwand ... Der Tochter gegenüber war sie unsicher gewesen, wie sie es stets den Kindern und Niels gegenüber war, weil sie sich im tiefsten Sinne nicht mit ihnen verwandt fühlte, sie nicht begriff, das Gefühl hatte, daß sie feiner und vornehmer wären. Aber hier, einem ihresgleichen gegenüber gestellt, einem Menschen, der aus derselben Wurzel entsprossen war, wie sie selbst, einer ehrlichen, unkomplizierten, »unkultivierten« Seele, deren Wege gradlinig waren und deren Wesen keine Verstellung kannte ... hier ergriff sie augenblicklich und instinktmäßig seine Partei. Und rücksichtsvoll und gedämpft hatte sie ihm gesagt, wessen er beschuldigt war, daß sie es jedoch nicht glaube. Und jetzt war also der Eleve gegangen, und Frau Line saß allein mit ihren wirren Gedanken ... Dann erhob sie sich entschlossen, machte sich auf der Tischdecke unter der Hängelampe Platz, holte ihre Karten hervor und legte einen »Stern« ...   Niels Uldahl war diesmal fünf Tage und fünf Nächte von Havslunde fort, ohne daß jemand wußte, wo er sich aufhielt ... oder sich etwa Mühe gab, es zu erfahren. Man empfand nur wie immer seine Abwesenheit als Erleichterung ... Da endlich am Morgen des sechsten Tages kam eine telephonische Mitteilung, daß er spät in der verflossenen Nacht auf Hvidgaard angekommen sei und dort ein paar Tage zu bleiben beabsichtige. »Aber,« sagte der Hofjägermeister, der selbst am Telephon war (und Frau Line, die mit ihm sprach, konnte das tiefe Lachen hören, das in ihm gluckste) »aber liebe gnädige Frau, Sie müssen weiß Gott schleunigst ein paar Anzüge und etwas Wäsche herüberschicken, da sich der Herr Gutsbesitzer offengestanden in einer miserablen Verfassung befindet! Können Sie nicht die Mädels damit senden? Wir haben sie so lange nicht gesehen.« Aber die Mädchen sagten entschieden: Nein. Frau Uldahl mußte also, so schwer es ihr auch fiel, den Verwalter Larsen ersuchen, Kutscher Lars herüberfahren zu lassen. »Kutscher Lars wäre beschäftigt,« sagte der Verwalter brüsk. Seit der Kreditverein Larsen die Leitung des Gutes in die Hände gegeben hatte, fühlte er sich nämlich als Alleinherrscher. Und außerdem war er mit Rachedurst und Galle geladen, weil er trotz seines katzenfreundlichen Herumschleichens um die Fräuleins keinen Zutritt zum Hauptflügel hatte erhalten können. – Aber er würde, hol' ihn der Teufel, eine der Kröten noch einmal unterkriegen, schwor er. Kutscher Lars sei beschäftigt, erwiderte er also der Gnädigen, und hätte mehr zu tun als Spazierritte zu machen! Da wandte Frau Line sich an den Futtermeister Voldby, der augenblicklich, hauptsächlich damit Lars »die Platze« kriegte, den Eleven Jacobsen auf einem der Kutschpferde davonschickte. Das andere benutzte Niels selbst ... Über die Affaire in Fräulein Sophies Haus wurde zwischen der Hausfrau und dem Eleven kein Wort weiter gewechselt. Und Frederikke hatte auf die eindringlichen Vorstellungen ihrer Mutter hin ihre Anklage gegen ihn zurückgenommen. Aber mit der Wahrheit wollte sie nicht herausrücken. Sie behauptete, sie sei krank gewesen und hätte deshalb nicht gewußt, was sie täte oder sagte. Eine ähnliche Erklärung seines Falles gab auch Niels ab, als er in der erwähnten Nachtstunde plötzlich Herrn Palle und Frau Mona aus ihrem süßesten Schlummer weckte, indem er mit der Schnur seiner Reitpeitsche auf ihr Schlafzimmerfenster loshieb. Der Hofjägermeister taumelte halb wach aus dem Bett und hob die Rouleaus ein wenig zur Seite. »Was, Satan ...!« sagte er, und aller Schlaf war wie weggeblasen. »Was bei allen Teufeln ist das hier ...! Mona, komm, sieh nur!« Frau Mona kam herzu. »Das ist die Statue des Kommandanten aus Don Juan!« sagte sie und brach in ein Gelächter aus. Das Fenster, an dem sie standen, lag nach dem Garten. Und draußen auf dem weißen Kieswege hielt mitten im Mondschein ein Pferd mit seinem Reiter. Der Reiter saß steif und starr im Sattel, und die Reitpeitsche hielt er vor sich her wie einen Kommandostab. »Du, Mona ...« sagte der Hofjägermeister dann, und das Lachen überwältigte auch ihn, »das ist meiner Seel' der Reichstag von Havslunde! Und er hat sich steif getrunken! Wo ist dein Kodak?« Er riß das Fenster auf: »Bist du es, Onkel Niels?« »Ja ...« sagte die Statue heiser und rauh. »Wie spät ist es Kinder, in dieser verwünschten Nacht?« Mona bekam einen neuen Lachanfall. »Du mußt hinausgehen, und sehen, daß du ihn hereinbekommst, Palle.« »Ja ... ja ...!« Der Hofjägermeister machte, daß er in die Kleider kam. Aber er mußte, um in den Garten zu gelangen, erst den Hof passieren. Es ging also nicht so schnell. »Palle kommt sofort, Onkel Niels ...« sagte Frau Mona, während sie eilig die notwendigsten Kleidungsstücke anlegte. Aber Onkel Niels gab keine Antwort ... Bald darauf erhob sich Palles Kopf über dem Fensterbrett. »Mona ...?« flüsterte er, »Mona ...?« »Ja ...« »Jetzt schlafen sie, der Teufel frikassier' mich!« »Wer?« »Niels und das Pferd!« »Aber nein!« »Doch, sieh ...« Und er deutete auf die Statue, die müde und erschöpft zusammengesunken war. Der Kopf des Pferdes hatte sich auf seine Vorderfüße hinabgesenkt und die Zügel hingen ihm lose um den Hals. Auch der Kommandant hatte den Kopf gebeugt; seine Arme hingen ihm schlaff herab, und der Stab war ihm aus der Hand geglitten ... »Ach, Herrgott, der alte Don Quixote,« sagte Frau Mona mitfühlend, »Nimm ihn doch, Palle, ehe er herab plumpst.« Und Palle hob lachend den Onkel aus dem Sattel und trug ihn hinein. Niels murmelte eine ganze Menge vom Herrgott und Egesborg, während der Hofjägermeister ihn davonschleppte. ... vom Herrgott und Egesborg und Onkel Joachims Elfenbeinstab ... Was Frau Mona in ihrer »Knechtschaft«, wie sie ihre Ehe in bitteren Stunden nannte, am meisten quälte, war, das nichts »geschah«. Sie verlangte Ereignisse, und hier verrann ein Tag wie der andere. Und mit jedem Tage fühlte sie sich ein Jahr älter, behauptete sie ... Sie verfiel deshalb auf die eigenartigsten und unvernünftigsten Dinge, um ihren Drang nach Erlebnissen zu befriedigen. Aber sie tat sich doch vornehmlich nur gütlich, wenn Palle vom Hofe fort war; denn sie hegte einen stillen Respekt vor seinen Kräften. Ein paarmal war sie in ihrer Unbändigkeit mit Messern und anderen Mordinstrumenten auf ihn losgegangen. Aber der Hofjägermeister hatte sie mit seinen Eisenhänden um die Handgelenke gepackt und sie in die Kniee gezwungen, daß sie mit kalten Umschlägen um die Arme zu Bett gehen mußte. Und da lag sie dann und bereute und bat um Verzeihung, bis er sich gerührt und gutmütig auf den Bettrand setzte und sie tröstete und scherzte und lachte. Worauf sie wieder für eine Zeitlang allen Streit und alle Zwistigkeiten vergaßen und in den Nächten miteinander in Taifunen von Liebe davonsausten, die sie allmählich wie leblos nebeneinander liegen ließen ... »Pallemännchen ...« konnte Mona dann jammern, indem sie matt ihre Finger durch seinen Wildenbart gleiten ließ, »Pallemannchen ... Du bist groß in deiner Liebe, mächtig, überwältigend ... aber du liebst nur meinen Körper.« »Ja ... und du meinen ...« murmelte Palle schachmatt und schlief ein ... Aber während diese tropischen Nächte alles Lebensgewürz waren, was Palle verlangte – und er hatte ja außerdem in den Zwischenakten seinen Hof und seine Landwirtschaft, die ihn interessierten! – so wollte Mona ihre Tage voll »Auftritte« und »Erlebnisse« haben. Und wenn nichts »geschah«, suchte sie selbst durch ihre Worte und Handlungen Sensation und Spannung hervorzurufen. »Palle,« fragte sie zum Beispiel einmal plötzlich, »weißt du, daß ich dich bestehle?« »Ja, um mein Mark!« lachte Palle und kniff sie schelmisch in das Ohr. »Nein, um dein Geld,« nickte sie ernsthaft. »Soo – oo? Bitte schön, stiehl nur immer zu, es bleibt ja in der Familie.« »Ja, vergiß also nicht, daß du es mir erlaubt hast?« »Nein, nein! ... Und wozu willst du das Geld verwenden?« »Mit dem Geld will ich ausrücken ... Allein, da du ja nicht mit willst.« »Du kommst schon wieder zurück, Monachen ... Du kannst mich nicht entbehren! ... Aber ich habe übrigens gerade daran gedacht,« fuhr er fort, »daß wir bald zusammen eine kleine Reise machen wollten.« Sie stürzte ihm an den Hals: »Palle! Ich liebe dich! Du bist der beste aller Menschen! Wo wollen wir hin?« »Nach Berlin.« »Palle ...!« rief sie entzückt, »Und nach Paris?« »Meinetwegen, ja!« Nun brach sie vor Freude in Tränen aus: »Ach Palle, Palle, daß ich jemals schlecht gegen dich sein kann!« Und sie reisten auf einen Monat fort. Wohnten in Hotels, aßen an der table d'hôte, gingen in Läden, Theater, Varietés. Und keine Wolke verdüsterte in diesen wonnigen Wochen Frau Monas »schicksalsschwangere« Augen. Sie lachte übermütig und glücklich und behauptete, jetzt könne sie sehr wohl ein ganzes Jahr auf Hvidgaard leben, ohne »böse« zu werden ... Aber kaum näherte der Zug sich wieder der heimatlichen Eisenbahnstation, als sie bleich und schweigsam wurde. Und als der Landauer mit ihr und Palle vor der Treppe des Hofes hielt, ballte sie die Hände und flüsterte vor sich hin: »Wie ich diesen Hof hasse ...!« Und bald begann von neuem der alte Kriegszustand. Es war Mona unmöglich, längere Zeit hintereinander ihr Gemüt zu bändigen ... ... Eines Tages, als Palle wie gewöhnlich in Feld und Wald hinausgeflüchtet war, um seine Ruhe zu haben, ließ sie in ihrer Raserei vier der Hunde auf die Schwäne im Wallgraben los. Das wurde ein Naumacium sondergleichen! Die Hunde kläfften, die Schwäne zischten, die Wellen spritzten in Strahlen über das Ufer, und das Wasser troff von Haaren und Federn. – Frau Mona stand auf der Brücke und leitete die Schlacht. »Faßt sie! Faßt sie!« rief sie, »Hektor! Herkules! Sonja! Chasseur! Heissa, hoppla, los auf die Uldahls, meine Tiere!« (Es fiel ihr plötzlich ein, die Schwäne mit diesem Gattungsnamen zu belegen) ... »Los auf die Uldahls! Könnt ihr den großen fetten dort sehen! Das ist Palle! Faßt ihn! Zerreißt ihn, zerfetzt ihn, beißt ihn! Er hält uns alle miteinander hier eingesperrt..! Das war recht, Hektor! Das war recht! Ha – a, ha, ha!« (Sie klatschte in die Hände und warf sich in Extase gegen das Brückengeländer) ... »Ha, ha, ha!« schrie sie – »so war's gut, so war's gut!« Hektor hatte seine Kiefern in den Hals des Schwanes geschlagen. Und jetzt stürzten alle vier Hunde sich wie rasend auf den Vogel, rissen und zerrten an ihm und bissen ihn tot; während die übrige Schwanenschar schreiend flüchtete, und mit ihren gestutzten Flügeln ins Wasser schlug, daß es schäumte ... Als der Hofjägermeister nach Hause kam, lag Mona reuevoll zu Bett. Und er vergab ihr wie gewöhnlich, in einem großen Versöhnungsfest. Und am nächsten Tage aßen sie einträchtiglich Schwanenbraten zu Mittag. Dann ließ sie die Hunde erschießen. Eines Tages, kurze Zeit, nachdem Palle auf eine Woche verreist war, ließ sie in ihrer Einsamkeit alle Hunde erschießen. Sie sagte, es solle eine Art Pönitenz sein. Wenn man gesündigt hätte, sagte sie, solle man das Liebste opfern, was man besäße. Und sie hieß den Gärtner auf dem Wege, der vom Meere zum Walde führte, eine »Bußallee« anlegen. Der Weg war mit Ebereschen bepflanzt. Und zwischen diesen mußte er Grabhügel über den toten Tieren aufwerfen, sieben Hügel auf jeder Seite. Auf den Hügeln wurden Denksteine mit den Namen der Hunde angebracht. Und volle vierzehn Tage ging sie alle Morgen in Trauerkleidern und unter Tränen und schmückte die Gräber mit Grün und Blumen ... Nachher konnten Gras und Unkraut dort wachsen, so viel sie wollten.   Palle Uldahl hatte die Unsitte, sein Geld – Silber, Gold und Scheine – lose in den Taschen umher zu tragen. Und er wußte nie – denn das hätte sich für einen Mann in seiner Stellung nicht gepaßt – wieviel Geld er gerade bei sich trug. Es konnten zuweilen Hunderte von Kronen sein. Wurde es ihm zuviel, daß ihm die Taschen zu voll waren, dann leerte er diese in die Schubladen seines Schreibtisches, die er zuweilen abschloß, zuweilen nicht. Gleich im Anfang ihrer Ehe hatte Frau Mona ihm das Ungebührliche dieser Lüderlichkeit vorgehalten. Aber er hatte sich nichts sagen lassen wollen. Ihm selbst erschien nämlich die Façon besonders grandseigneurmäßig. »Du machst deine Umgebung zu Verbrechern,« sagte sie. Aber er lachte sie aus. Und wie um sie zu necken, leerte er nun auch ständig seine Taschen und warf das Geld neben sich auf den Tisch, wenn er sich zum Lesen oder Schreiben hinsetzte, oder sich zum Mittagsschlaf hinlegte ... Und vergaß es dann, wenn er das Zimmer verließ ... Da kam ihr eines Tages der Gedanke, zu versuchen, ob er wirklich nichts merke, wenn etwas von dem Gelde verschwände, und sie begann, so oft sich die Gelegenheit bot, hier ein Kronenstück und da ein Kronenstück zu nehmen. Anfangs hatte sie die Absicht gehabt, ihm alles wiederzugeben, wenn sie eine größere Summe gesammelt hatte, nur um ihm zu zeigen, welcher Versuchung er die Leute im Hause durch seine Tollheit aussetze. Aber allmählich in dem Maße wie der Betrag, den sie sich aneignete, immer größer wurde, während gleichzeitig ihre Sehnsucht nach dem früheren freien und ungebundenen Leben immer wuchs und wuchs, beschloß sie, dieses Geld zum eigenen Bedarf aufzuheben ... um sich damit zu »befreien«, sagte sie. Sie faßte keinen festen Entschluß, wann die Befreiung stattfinden solle, auch nicht darüber, wie groß die Summe sein müsse, ehe ihr Plan ausgeführt wurde; sie stahl und stahl und sammelte und sammelte nur. Das wurde für sie eine Art Sport. Und sie begnügte sich nicht mehr mit den zufälligen kleinen Summen, die sie so im Laufe des Tages in die Hände bekommen konnte. Sie beraubte nachts heimlich die Taschen ihres Mannes. Und als er einmal gegen seine Gewohnheit sein Schreibtischfach abgeschlossen hatte, probierte sie, während er im Felde war, alle ihre Schlüssel an dem Schloß, bis sie einen passenden fand. Und sie wurde immer eifriger in ihrer Sammelmanie, so daß zuletzt die Spannung bei diesen Diebstählen ihr beinahe »Sensation« genug war. Nur in einzelnen unbeschäftigten Augenblicken konnte sie noch in vage Träumereien von der »Freiheit« versinken, die sie einmal mit Hilfe dieses – Spargeldes – genießen wollte. Ihr Gewissen beschwichtigte sie schnell. Sie hatte ihn gewarnt. Und da er nicht auf ihre Warnung hören wollte, war sie doch wenigstens die Nächste, um davon zu profitieren. Eleve Jacobsen kam erst gegen elf Uhr mit den Kleidern des Gutsbesitzers nach Hvidgaard, Niels Uldahl zeigte sich also erst, als das Gong zum Frühstück rief. Frau Mona ging ihm lächelnd entgegen und hieß, ihn willkommen; und er verbeugte sich kavaliermäßig und küßte ihr die Hand. Aber der Hofjägermeister kluckerte vor Lachen: »Wie hast du geschlafen, Onkel?« Niels flackernde Pupillen zogen sich zornig zusammen. Aber in der nächsten Sekunde hatte er seinen Entschluß gefaßt und antwortete lachend: »Wie ein Stein, mein Junge!« Und, indem er sich wieder zu Mona wandte, sagte er: »Ja, gnädige Frau, entschuldigen Sie mein reglementswidriges Erscheinen heute nacht.« Der Hofjägermeister kluckerte lauter. »Wo kamst du eigentlich her, Onkel?« »Ja, das weiß ich offen gestanden nicht, lieber Palle! ... Ich begann Donnerstag abend drüben bei Heine auf Mattrup. Und dann am Freitag ritten er und ich nach Sölund zu Mackeprang ... und am Sonnabend fuhren wir alle drei nach Hareskov zu Fröhlich und ... ja dann weiß ich, Schwerenot, nichts mehr!« »Ihr seid, meiner Seel' ein paar Kraftkerle,« lachte Palle. »Aber warum, zum Teufel, kamet ihr nicht auch nach Hvidgaard zu mir?« Niels Uldahl starrte hypnotisch vor sich hin. »Ich glaube auch, wir waren auf dem Wege,« sagte er – »Aber dann verlor ich die anderen ...« »Ja, ihr Männer lebt doch!« ertönte es mit einem Seufzer von Frau Mona. »Tante Line meinte am Telephon, du seiest nach Kragholm geritten?« fragte der Hofjägermeister. Niels Augen blickten wieder zornig. »Das war ich auch ... ich wollte hinüber, um Karen zu verbieten, ihren Hof dem Bauernlümmel Jeppe Henriksen zu verkaufen.« »Ja aber der Handel ist doch perfekt geworden, Onkel!« »Das weiß ich wohl! Aber ich sagte ihr, daß sie den Kauf wieder rückgängig machen müsse ... Ich bin doch wohl das Oberhaupt der Familie und habe den Namen zu schützen!« Der Hofjägermeister brach in ein Gelächter aus: »Und Karen gehorchte wohl?« »Nein, Schwerenot, das tat sie nicht! Sie ersuchte mich, vor meiner Tür zu kehren ... Und da schalt ich ihr den Buckel voll und ritt nach Mattrup.« »Weshalb willst du dich auch in diese Dinge mischen, Onkel?« fragte Mona. Niels schlug mit der Faust auf den Tisch. »Weil ich nicht will, daß das Bauerngesindel hier herumrennt und auf unseren Gütern den Herrn spielt!« »Ach, ach, Onkelchen,« lachte Palle, »den Weg gehen doch alle unsere Höfe einmal! ... Und darauf müßtest du übrigens stolz sein,« fügte er neckend hinzu. »Du der du Bauernfreund bist!« »Hol's der Teufel, fällt mir nicht ein!« »Ja, sie sind es doch aber, die dich in den Reichstag gewählt haben! ... Und du schmiertest ihnen doch auch seiner Zeit dick Honig um den Mund!« »... Da ich sie als Stimmvieh brauchte, ja! Aber jetzt sind sie mir zu hochnäsig geworden. ... Ich habe auch mein Mandat niedergelegt. Der Teufel besorge noch länger die Geschäfte dieser Kanaillen!« »Sie können sich auch allein helfen ... leider!« sagte Palle und seufzte dazu. »Du hast also dein Mandat niedergelegt, Onkel? Aber was wird dann aus der Ministerwürde?« »Zeitungsquatsch,« schimpfte Niels. »Und glaubst du, daß ich mich jetzt drin in Kopenhagen zeigen möchte wo man mich unter Vormundschaft gestellt hat!« Der Hofjägermeister war im Begriff zu fragen wo das Vermögen des Onkels eigentlich geblieben wäre und ob die Geschichte von der königlichen Hoheit wahr sei ... Aber er nahm sich noch zusammen und schwieg. Es entstand jetzt eine etwas peinliche Pause, bis Frau Mona fragte: »Hast du nicht Lust, Onkel, nach dem Frühstück Palle und mich drüben in der Reitbahn üben zu sehen? Glaube nur, wir sind tüchtig geworden!« »Gewiß,« sagte Niels; und seine Augen glitzerten bei dem Gedanken. Worauf man weiter über Pferde und Pferdedressur plauderte ...   »Willst du nicht selbst ein bißchen herumreiten?« fragte Frau Mona, als sie in der Manege stand. »Nein, danke, mein Kind, ich habe vorläufig genug geritten!« »Ja, dann komm, Pallemann, damit wir uns umziehen können.« Und sie schob ihren Arm unter den des Hofjägermeisters und zog mit ihm los ... Niels Uldahl war nun in dem großen weißgestrichenen Raum allein zurückgelassen. Der Tagesschimmer fiel, von den Baumkronen draußen grünlich gedampft, durch die Glasscheiben des Daches. Aus dem offenstehenden Stalltor hörte man das Stampfen und Prusten der Pferde, und aus den Ankleidezimmern im Giebel erklang das muntere Gelächter des Hofjägermeisters und Monas. Aber Niels erfaßte nichts von alledem. Jetzt, da er ohne Publikum war, überfiel ihn plötzlich die Müdigkeit nach den anstrengenden Strapazen der vielen Tage und Nächte. Er schwankte zu einem Stuhl, der in der Ecke stand, sank auf ihm nieder, stöhnte ein paarmal schwer und schlief mit laut dröhnendem Schnarchen ein ... und träumte einen seiner gewöhnlichen Träume: ... Im Zimmer vor seinem Bett wimmelte es von Weibern. Sie tanzten und wanden und drehten sich um ihn und ihre weißen Glieder leuchteten wie im Schimmer eines unsichtbaren Feuers ... »Nimm uns in deine Arme, Niels Uldahl!« baten sie. »Nein,« sagte er, »ich bin müde und alt! Ich muß schlafen!« Und sie lachten höhnisch auf und verschwanden ... Aber bald darauf sah er sie wieder aus allen Halbdunkeln Winkeln des Raumes herausströmen. Und sie schleppten diesmal große schwere Balken herbei, die sie unter Lachen und Plaudern kreuzweise über sein Bett legten. Sie arbeiteten und schleppten, und ihre Körper krümmten sich in bösartigem Eifer, während sie eine kippelnde und wackelnde Pyramide von Balken über ihm aufstapelten, höher und höher bis unter die gewölbte Decke der Turmstube ... »Nimm uns in deine Arme, Niels Uldahl!« »Nein,« sagte er. Da lachten sie von neuem wild und drohend: »Er taugt nichts mehr!« sagten sie. »Laßt ihn sterben!« Und plötzlich sah er Minka vom Moor sich von den andern loslösen und durch das Zimmer laufen. Und mit ihren beiden weißen Händchen stieß sie an den untersten Balken, den, der das ganze Gebäude trug ... und im selben Augenblick stürzte die Pyramide in einem krachenden und polternden Chaos über ihm zusammen ... Und da erwachte er, geweckt vom Ton seines eigenen Schnarchens. »Du hast wohl ein Nickerchen gemacht, Onkel!« Niels Uldahl erhob sich verwirrt. »Ja ... aber jetzt bin ich wieder völlig munter!« lächelte er galant und verneigte sich vor Frau Mona, die vor ihm stand mit der Schleppe ihres Reitkleides über dem Arm und im Begriff, ihre Handschuhe zuzuknöpfen. »Ich werde gleich ...!« fuhr er fort und ergriff eifrig ihre Hand, um ihr zu helfen. »Wie prachtvoll sehen Sie doch aus!« sagte er und seine Augen leuchteten, »Palle kann freilich froh sein!« »Das bin ich auch!« nickte der Hofjägermeister. Er stand mit gespreizten Beinen mitten in der Manege in seinen hohen Lackstiefeln und mit der Reitpeitsche unter dem Arm. Die strammanliegenden Lederhosen zeigten schamlos seine kräftigen Beine und noch etwas mehr. »Natürlich freue ich mich über die Dame!« sagte er. »Uff, ihr Männer,« lachte Frau Mona und gab Niels einen koketten Klaps auf die eine Wange. Das Mädel in ihr begann zu erwachen, jetzt, da sie im Begriff war, »aufzutreten«. »Wissen Sie noch, Onkel, den ersten Abend, als Sie mich sahen?« fragte sie, »an dem Abend, als sämtliche Uldahls auf den Zirkusbänken herumsaßen und gegeneinander die Zähne fletschten?« »Ob ich es weiß,« erwiderte er ihr Lachen, »großartig! Großartig sahen Sie aus ...! Mona Lisa ...!« sagte er dann und seine Augen verschlangen sie. »Und als Sie sich hintenüber aufs Pferd warfen und schrieen und über der Barriere verschwanden ... Prachtvoll! ... Wir waren nachher allemiteinander rein toll. Ich hätte gern zehntausend Kronen für Sie gegeben in dieser Nacht!« Sie schlug ihm wieder auf die Wange: »Aber jetzt bin ich wohl im Preise gesunken?« »Nein, gestiegen! Gestiegen! sind Sie; wie die edle Traube.« »Da sind die Pferde!« meldete der Hofjägermeister trocken. Er hatte im Bewußtsein seines Sultanrechtes lächelnd gestanden und Niels betrachtet, dessen Alter und Müdigkeit völlig verschwunden schienen, und der auf seinen etwas steifen Beinen trippelnd um Frau Mona herumvoltigiert war, einem brünstigen Hahn gleich, lächerlich bis ins Mark ... Mona ließ die Schleppe vom Arm gleiten: »Jetzt gilt es!« sagte sie und wurde mit einem Male ernsthaft. »Henrik, hilf mir!« Der Reitknecht beugte sich und streckte eine Hand aus. Und sie stellte ihren Fuß darauf und schwang sich in den Sattel. »Schulritt!« sagte sie und ließ die Reitpeitsche liebkosend an Castors Halse entlang gleiten. »Well Mylady!« verneigte sich Palle, der neulich zum vierten Male »Die drei Musketiere« gelesen hatte. Und die Vorstellung begann ... Die Pferde tanzten und wichen einander aus, eins nach rechts und eins nach links, rundum, rundum, in den zierlichsten Walzerschritten. Mona trillerte den Takt dazu in Ermangelung der Musik. Sie hantierte die Zügel wie ein Meister der Mandoline seine Saiten. Der leiseste Druck ihrer Finger »gab Widerhall« in dem Tier unter ihr. Und so fein empfindlich war Castor durch ihre Dressur geworden, daß es aussah, als gehorche er nur seiner eigenen graziösen Laune, wenn er, seinen schweren Körper rhythmisch wiegend, gleichsam spielend über den Belag der Manege hinglitt. Der Hofjägermeister und sein Pollux folgten klobig hinterher. Zuletzt zogen sie sich völlig vom Spiel zurück und Palle ritt neben Niels Uldahl. »Sieh, sieh!« flüsterte er entzückt. »Ist sie nicht pompös!« Mona hatte die Augen geschlossen, und ein wollüstiges, Lächeln lag um ihren Mund, während sie langsam und wie im Traum ihren Körper hin und her wiegen ließ, im Takt mit den Bewegungen des Pferdes. Aber plötzlich stieß sie ihr Kampfgeschrei vom Zirkus, ihr schmetterndes: Häi, hopla! aus und im selben Augenblick sauste die Peitsche auf und ab, auf und ab, quer über die Brust des Tieres. Castor schien erst gleichsam zu stutzen; dann schüttelte er protestierend den Kopf, bäumte sich, prustete, biß in den Zaum, stürzte darauf mit einem Sprung vorwärts und fuhr in wildem und wahnsinnigem Carriere in der Manege herum. Es sah aus, als habe die Reiterin die Herrschaft über ihr Pferd verloren. »Mona! Mona!« schrie der Hofjägermeister in Angst. Auch Niels Uldahl schrie, aber unartikuliert und ohne selbst etwas davon zu wissen. Und der Reitknecht sprang herzu, wie um das rasende Tier zu packen ... Aber Frau Mona winkte abwehrend mit der Hand und ließ wieder die Peitschenschläge über Castors Hals herabsausen. »Häi, hopla! Hä – i hopla! Hä – i hopla! Hä – i – i – i!« rief sie und warf sich in Extase hintenüber auf das Kreuz des Pferdes ... Der Hut glitt ihr vom Kopf, ihr Haar löste sich, die Peitsche warf sie fort: »Hä-i, hopla, Castor! Hä-i! Hä–i hä-i!« ... Sie glaubte sich in einem menschenerfüllten Zirkus ... Das Orchester schwieg, und sie hörte das erwartungsvolle Stöhnen des Publikums, jetzt, wo sie ihren berühmten Trick ausführen sollte, den Trick, dem sie es zu verdanken hatte, daß Mona-Lisas Name mit zollhohen Buchstaben auf den Plakatsäulen ganz Europas geleuchtet hatte. »Hä-i, hopla!« jubelte sie und griff fester in die Zügel, um dem Pferde den letzten stolzen Sprung über die Barriere durch das Tor und in den Stall zu erleichtern.. während der Beifall hinter ihr her knistern würde, wie das Rasen eines Hagelwetters gegen die Scheiben eines Glasdachs ... Aber im nächsten Augenblick lag sie auf dem Belag der Manege, das Hirn an einem der Pfosten des Stalltors zerschmettert. Blind und sinnlos von dem wilden Lauf, von den Schlägen und Schreien, war Castor über Frau Monas Hut gestolpert und hatte sie aus dem Sattel und gegen den Rand des Pfostens geschleudert. So befreite der Tod Mona Lisa, das Weib mit den starken Sinnen und dem friedlosen Herzen. Die Sonne schien, die Vögel sangen und die Blumen dufteten ... Großvater Seemann und seine Gattin Thora waren zu Besuch bei Isidors und saßen fröhlich und zufrieden unten auf der Bank am Karauschenteich. Rositta und die Knaben lagen daneben in einem Heuschober, und der Amtsrichter stand und bröckelte Weißbrot ins Wasser hinab für die Karauschen ... »Nein, sieh doch Vater, die Fische, sieh doch!« rief die alte Frau eifrig wie ein Kind. »Ja, ich seh' sie schon, Mutter!« »Wie reizend ist es doch hier im Garten, Rosittachen! »Ja, nicht wahr, Großmutter.« »Ja, ja, wie herrlich ist es doch hier!« Die alte Frau Seemann kannte nichts Wonnigeres als bei ihrem geliebten Sohn »zu Besuch zu kommen«. »Nein, sieh doch den Großen da!« fuhr sie fort und deutete zum Wasser hinab. »Das ist Gorm der Alte,« erklärte der Amtsrichter. »Und der andere, der da kommt, ist seine Frau, Thyra Dannebod.« »Ha, ha!... Haben alle Fische Namen?« »Nein, nur die Größten.« Jürgen hatte sich still vom Heuschober erhoben und war neben den Vater hingeschlichen. »Darf ich jetzt ein bißchen ...?« bat er. Isidor überließ ihm die Semmelscheibe. »Danke!« sagte der Knabe und lächelte glückselig. Es wimmelte von großen und kleinen Karauschen unter der Oberfläche des Wassers. Sie drängten sich untereinander und quetschten sich vor, schnappten einander die Krumen vom Munde weg und verschwanden schleunigst mit dem Raube auf dem Grunde des Wassers. Auch Paul hatte sich erhoben und stand jetzt neben dem Bruder. »Sieh mal, Großmutter,« sagte er und ergriff ihre Hand, »da ist das Bleichgesicht ... und da ist das »Unterwasserboot« ... und da ist »Maria Magdalena«, siehst du, was sie für ein frommes Gesicht macht?« »Solche Namen für Karauschen, Paulchen!« sagte die alte Frau unwillig. »Das sind keine Karauschen, es sind Delphine!« erwiderte der Knabe. »Das sagt Vater selbst, und er hat ihnen Namen gegeben ... Und die da, die reine hübsche, heißt »die unbefleckte Empfängnis«. »Was tut er ...?« »Wann wird sie begraben, die Mona?« fragte plötzlich der alte Seemann, der in Gedanken versunken war. Augenblicklich begannen Frau Thoras Daumen zu schnurren. »Ach ja ...« seufzte sie, »der Tod ... der Tod ..!« »Am Donnerstag,« sagte Isidor. »Du gehst wohl mit?« fragte der alte Herr. »Ja.« »Ja, für mich ist das nun nichts mehr, solche Dummheiten mitzumachen!« brummte der Alte, schon bei dem Gedanken wütend, daß es möglicherweise jemand einfallen könnte, ihn dazu aufzufordern. »Man steht da und sammelt Gicht!« »Nein, natürlich mußt du zu Hause bleiben,« nickte der Amtsrichter. »Ich werde einen Gruß von dir überbringen.« »Aber einen Kranz müssen wir doch senden, Vater!« meinte Frau Thora. »Ja, das müssen wir allerdings ...« »Ja, das müssen wir!« »Ach nein, Mutter, sieh doch die beiden da, wie süß sie sind!« Jürgen warf den Rest seines Brotes in den Teich hinab und begann ein paar bunten Schmetterlingen nachlaufen, die sich umeinander tummelnd über den Rasen hinflogen. Aber ehe er sie erreichte, flatterten sie empor und verschwanden. »Er hat sie nicht gekriegt!« notierte Paul zufrieden. Frau Thoras Daumen waren noch in Bewegung. »Einen schrecklichen Tod hat sie gehabt ... die Mona,« sagte sie, »ich kann nachts nicht einschlafen, wenn ich daran denke.« »Was sagst du, Mutter?« »Ich sage, daß ich nicht einschlafen kann, weil ich an Monas Tod denke!« Der alte Seemann schielte wütend: »Mutter muß immer denken !« »Ja, denkt nur, Rositta und Isidor, Vater denkt nie!« »Nee, was sollen die Narrenspossen!« »Ja aber, wenn man es nun nicht lassen kann?« »Unsinn, gewiß kann man's!... Wer kauft dein Heu, Isidor?« Der Amtsrichter lächelte: »Der Gartenarbeiter bekommt es für das Mähen.« »Du bist nobel, das muß ich sagen! Der Schober da ist wohl seine fünf Kronen wert.« »Und Kinder sind keine,« fuhr Frau Thora fort. Sie verließ ungern ein trauriges Thema. »Tut es dir nicht leid, Rosittchen, daß du das Letzte nicht behalten durftest?« Rositta legte ihre Hand auf die der Schwiegermutter, auch, um die Daumen zur Ruhe zu bringen. »Ach nein, Großmutter, ich habe ja die andern beiden.« »Ja ...« nickte die alte Frau »und man muß sich ja vor Gottes Willen beugen ...« »Willst du nicht rauchen, Vater?« fragte der Amtsrichter. »Ja, Dank, mein Junge, aber eine Pfeife!« »Ja, ich werde gleich eine holen ...« Und Isidor schritt dem Hause zu ... Paul und Jürgen hatten begonnen, Pferd zu spielen. Jürgen hatte einen Zügel um den einen Arm bekommen und wieherte und stampfte ungeduldig, während Paul tief ernst mit ihm abzog, um ihn auf die Weide zu führen. Bald darauf tauchte auch der Waffenträger Petersen wie aus der Erde geschossen auf. Und die drei Knaben begannen Tierschau zu spielen ... Frau Rositta nahm auf der Bank zwischen den Schwiegereltern Platz. Sie faßte alle beide unter und kuschelte sich behaglich zurecht. »Wunderschön, was wir im Sommer für Sonne haben,« sagte sie. »Nicht wahr, Großvater? Das ist etwas für uns beiden Alten.« »Ja, mein Kind! ... Kannst du nicht auch sehen, wie Mutter sich erholt hat? Sie sieht bald wieder wie ein junges Mädchen aus!« »Das tut sie!« nickte Rositta. »Sie sieht viel jünger aus als ich.« Frau Thora patschte ihr vergnügt auf die Hand: »Wie kannst du nur so etwas sagen, Rositta! Das ist doch gar nicht dein Ernst!« »Gewiß ist es mein Ernst,« »Ja, wahrhaftig, es ist ihr Ernst!« beteuerte der Alte. »Oo-och, ihr Faselhänse ...« lachte Frau Thora geschmeichelt. Auch der alte Seemann lachte. Er wußte schon wie man's macht, trotz seiner siebzig Jahre. »Ist das Kaufmann Bruns neue Villa, das Haus drüben?« fragte er dann. »Ja.« »Es ist sehr nett; aber ich kann keine schwarzen Dächer leiden; sie müssen rot sein.« »Ja, du mußt nun alles rot haben, Vater!« Die Sack-Äuglein des alten Herrn zogen sich verschmitzt zusammen. Gerade den Satz hatte er erwartet: »Weil es mich an deine Wangen erinnert, Mutter!« »Nein, jetzt treibst du's meiner Treu zu bunt mit deinen Komplimenten,« sagte Frau Thora. »Rück' ein bißchen beiseite, daß ich ihn kneifen kann, das alte Ungeheuer, das da sitzt und mich mitten ins Gesicht hinein zum Besten hält!« Und sie beugte sich über die Schwiegertochter vor und kniff ihren Mann in das eine Bein. »Au, au!« schrie er. »Nein, laß das, laß das, Mutter! Ich bin immer noch kitzlich!« »Ja, willst du dich dann zusammennehmen, du altes Scheusal?« »Ja, ja! Ich will es nicht wieder tun!« »Sieh, wie hübsch er ist, wenn er lacht!« flüsterte Frau Thora Rositta ins Ohr. »Darf ich sagen, daß du es gesagt hast, sonst denkt er bloß, ich sage es, um ihm zu schmeicheln.« Und ohne die Antwort der Schwiegertochter abzuwarten, sagte sie laut: »Rositta sagt, du bist so hübsch, wenn du lachst, Vater!« »Ja, Rositta hat immer einen guten Geschmack gehabt,« nickte der Alte. »Ich doch auch!« »Ja, deshalb hast du mich wohl genommen?« »Nein, wie eingebildet er ist! Das alte Ungeheuer! Ich muß ihn mir wieder langen!« Und sie begann wieder darauf loszukneifen. »Na, hier geht es wohl lustig zu,« lächelte der Amtsrichter, der in diesem Augenblick mit der Pfeife aus dem Hause kam. »Ja, Vater macht sich so wichtig!« »Ja, unglaublich,« fügte Rositta hinzu. »Quatsch, Mädels!« lachte der Alte. »Gib mir Feuer auf den Schornstein, Isidor, damit ich die ausräuchern kann.« Und als die Pfeife angezündet war, sandte er eine mächtige Rauchwolke zwischen die Damen, aber sie lachten nur über ihn und erklärten, daß sie angeraucht seien. Da quetschte sich auch Isidor auf die Bank. Und man plauderte weiter. Und die Sonne leuchtete, die Vögel sangen und die Blumen dufteten. Und dort auf dem Rasen spielten die andern Kinder..   Das Hausmädchen Anna kam und meldete: »Es ist eine Frau oben, die absolut mit dem Herrn Amtsrichter sprechen will.« »Kennen Sie sie?« »Ja; es ist Johanne aus dem Familienhause von Havslundegaard draußen.« »Die Leichen-Johanne?« Das Hausmädchen errötete. »Ja-e ... Aber da kommt sie! Und ich sagte sogar, sie solle warten, bis ich zurückkäme.« »Ach –!« sagte Isidor ärgerlich. »Sehen Sie, daß Sie sie wieder weg bringen, Anna! Sagen Sie, hier wäre Besuch.« Aber die Leichen-Johanne war nicht von heute. Sie stieß das Hausmädchen beiseite und ging vorwärts. Ihr Gang war unsicher, und ihr Gesicht glühte. »Sie ist ja betrunken ...!« sagte Frau Thora und kroch näher an ihre Schwiegertochter heran. »Vater, sie ist betrunken!« »So, ist sie das, mein Kind,« nickte der alte Seemann und suchte seine Brille hervor. Isidor hatte sich erhoben, und die Kinder kamen neugierig angelaufen. »Was wollen Sie nun wieder hier, Johanne?« fragte der Amtsrichter hart. »Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie Nachricht bekommen, wenn die Sache geordnet ist.« Johanne war stehen geblieben, als sie die vielen Menschen sah. »Aber das Geld ...« murmelte sie. »Ja, ich habe noch nicht mit Jens gesprochen ... Sie werden schon Bescheid erhalten, sobald die Sache in Ordnung ist,« wiederholte Isidor, »Aber gehen Sie jetzt, ich habe heute keine Zeit, mit Ihnen zu sprechen.« »Aber das Geld ... Es gehört mir ebenso gut ...« »Jawohl, ja! Aber gehen Sie jetzt, hören Sie!« Die Leichen-Johanne stand einen Augenblick und starrte stumpf vor sich hin. Dann machte sie plötzlich kehrt und taumelte fort. Der Amtsrichter ging wieder zur Bank und setzte sich. »Na, heute war sie doch ziemlich zugänglich ...« sagte er. »Ist das nicht die, mit der Niels Uldahl ein ...« begann der alte Seemann laut. »Pst, Großvater, die Kinder ...,« sagte Frau Rositta. Und dann schwiegen sie alle eine Weile und starrten der Leichen-Johanne nach. Die Stimmung war so merkwürdig matt geworden. Frau Thoras Daumen hatten wieder begonnen zu schnurren. »Der Niels, der Niels ...!« seufzte sie. »Wie ist die Welt doch voll trauriger Dinge!« »So, jetzt muß Mutter wieder denken!« murrte der alte Seemann und begann an seiner Pfeife darauf loszusaugen, daß sie schnarrte.   Zuerst hatten die anderen Frauen im Familienhause, die Spat-Marie und Maren Ohrwurm es Johanne eingeredet, daß sie absolut die Auszahlung der Hälfte des Geldes verlangen müsse, das ihr Mann seiner Zeit von Niels Uldahl bekommen hatte, um sie zu heiraten. Sie behaupteten, Johannes Ehre verlange das geradezu. Und es war ihnen allmählich gelungen, sie dermaßen aufzuhetzen, daß Johanne und Schwerenot-Jens sogar schon ein paarmal wegen dieser Geschichte Hand aneinander gelegt hatten. Aber noch war Jens im Besitz der fünfhundert Kronen. Und er beabsichtigte sie bis zu seinem letzten Blutstropfen zu verteidigen, sagte er. Denn wenn ihm etwas auf der Welt von rechtswegen zukäme, so wären es wohl, Schwerenot, die sauren Groschen, die er sich dadurch erworben, daß er sich mit dem Stück Schweinsvieh von einem Frauenzimmer hatte zusammenschmieden lassen! Die Sache war nämlich die, daß Jens auf seine alten Tage, nun sein Magen nichts mehr vertragen konnte, fanatischer Temperenzler geworden war. Er sah gar nicht mehr nach der Richtung hin, wo ein Schnaps stand. Was er in seiner Jugend vertrunken und verhurt haben mochte, lieber Himmel, das ging nur ihn und seinen Gott etwas an. Jetzt vertrug er nicht einmal den Geruch von Spiritus oder Frauenzimmern. Man kam doch wohl in die Jahre, um sich zu bessern! Anders mit Johanne. In dem Maße, wie die Jahre verstrichen, trank sie derber und derber und hielt es mit den ärgsten Louis des Kirchspiels. Und wenn sie einmal nüchtern war, dann wurde sie krank und mußte liegen und sich übergeben. Selbst die Spat-Marie nahm ein Ärgernis an ihrer Lebensführung und schlug ein Kreuz, über sich und Alexandra, wenn sie Johanne nebenan mit ihren Kerlen rumoren hörte. Marie hatte sogar einmal ihren Mann hineingeschickt, um den Spektakel zu rügen. Aber als er drinnen blieb, der Schubjack, und an dem Halloh teilnahm, war sie nach einer halben Stunde, als alles so merkwürdig ruhig geworden war, selbst vor eines der Fenster geschlichen, um den Walplatz durch ein Loch in dem Vorhangsfetzen zu sondieren, das ihr wohlbekannt war. Und den Anblick, der sich ihr da offenbart hatte, konnte sie nie vergessen, und wenn sie Neunzig alt würde. Die Gäste waren verschwunden und ihr eigener hoher Herr mit ihnen. Aber inmitten des Zimmers lag die Leichen-Johanne splitterfasernackt mit einer leeren Branntweinflasche zwischen den Knieen. Einen Pfropfen hatte die Flasche nicht, den hatte man in die Johanne gesteckt ..., » so wahr ein Gott im Himmel lebt !« Und in einer Ecke des Zimmers saß die kleine Juliane auf einem Schemel und schlief ... Marie hatte augenblicklich Maren Ohrwurm und noch drei, vier andere Nachbarsfrauen geholt, damit sie sich an dem Anblick ergötzen könnten. Und nachdem sie gemeinsam eine Weile lang Gott den Herrn gepriesen und gelobt hatten dafür, daß sie nicht wären wie diese, gingen sie hinein und steckten Johanne ins Bett und nahmen Juliane mit ... »Denn man ist ja doch 'n Christenmensch!« Worauf die Spat-Marie eiligst zum Hofe geflogen war, um Jens Schwerenot die Bredouille als Aller-Allererste berichten zu können ... Aber Jens hatte gottergeben geantwortet: »Was Satan, geht mich das an!« Er schickte pünktlich jeden Sonnabend Abend die Hälfte seines Wochenlohns zu Frau und Kind hin, also brauchte niemand zu ihm zu kommen und deswegen groß Wirtschaft zu machen! Aber allmählich, als die Zeit verstrich und die Leichen-Johanne völlig untauglich zu regelmäßiger Arbeit wurde, fraß der Gedanke an die fünfhundert unberührten Kronen sich immer tiefer in sie ein. Sie wurde besessen von diesem Gelde. Des Nachts träumte sie davon, und am Tage schnüffelte sie danach umher. Sie wollte es in die Finger kriegen und mußte es in die Finger kriegen. Wozu sie es eigentlich verwenden wollte, war ihr nicht ganz klar. Vielleicht um sich dafür geradewegs in die Hölle hinein zu saufen, da es doch auf Erden für sie keine Freude mehr gab. Und vielleicht schwebte ihr auch in ihrem benebelten Zustande so etwas wie eine leise, leise Hoffnung vor, daß das Geld sie in irgend einer Weise »retten« könne. Sie hatte einmal in einer Zeitung von einem Trinkerasyl gelesen, wo man Heilung finden und dem Genuß starker Getränke und anderer Unflätigkeiten abschwören lernen könne. Und es erschien ihr später jedesmal, sobald die Deliriumsangst sich einfand, als das große Ziel ihres Lebens, in ein solches Asyl zu kommen ... Aber sie wollte bezahlen, und sich nicht auf Gemeindekosten da hineinwerfen lassen! Sie, die aus einer so feinen Familie stammte ...! Mit diesen und allerhand andern verwirrten Gedanken jonglierte das Gehirn der Leichen-Johanne Tag und Nacht. Und sie quälte und plagte den Mann bald mit Bitten und bald mit Drohungen, er solle ihr doch wenigstens ein paar hundert Kronen von seinem Schatz überlassen, nur einhundert! Und als sich Jens stets gleich unerschütterlich abweisend zeigte, wuchs allmählich in ihr ein wilder und unversöhnlicher Haß gegen ihn empor. Und sie ging umher und lauerte auf eine Gelegenheit, ihm mit Gewalt fortzunehmen, was er nicht gutwillig herausrücken wollte. ... Er, der doch wußte – denn sie hatte es ihm unter strömenden Tränen gesagt, daß dieses Geld sie retten und wieder einen achtbaren und anständigen Menschen aus ihr machen konnte ... Da ging Schwerenot-Jens an einem Donnerstag Vormittag und mistete unten im Pferdestall und sang dazu. Dieses Singen war ihm im Laufe der Jahre zur Gewohnheit geworden, aber er hatte selbst keine Ahnung, daß er einen Laut von sich gab: Pflanzt auf das Grab weiße Li-hi-lien mir, Schweb' ich aus dem tosenden Leben hier Ein in reine Himmelsgefilde ... Fräulein Sophie kam aus der Futtertenne, wie gewöhnlich mit Türk auf den Fersen. Sie blieb auf der Schwelle stehen und lauschte lächelnd dem Gesange. Jens' Stimme knirschte und kreischte um die Wette mit der Schubkarre, die er vor sich herschob. ... Und wenn ich ruhe im Sa–harge mein, Schmücket mich zart mit dem bräutlichen Lein, Und dem Myrtenkränzlein so milde! Tradralla, Hidia (setzte er mächtig ein) Hidalla, hida, So ein Mingmang, so ein Klingklang So ein Halla, Hidia! Und er schrie diesen Rundreim dermaßen wahnsinnig falsch heraus, daß Türk anfing zu kläffen, und Fräulein Sophie in ein Gelächter ausbrach. »I, aber Herrgott steht sie da, lütt Sophiechen,« sagte Jens dann und starrte sie und den Hund erstaunt an. »Ich habe wahrhaftig, gar nicht gespürt, daß du gekommen bist. Wie die kleinen Zehchen doch schleichen können!« »Sie sind wohl heute vergnügt, Jens?« »Vergnügt? Nein, ich bin, hol' mich der Teufel, nicht vergnügt, die Zeiten sind vorbei.« »Ja aber, Jens, Sie gingen doch und sangen, daß man es bis in die Scheune hinaus hören konnte.« »Sang ich? Ich? Nein, Schwerenot, die Zeiten sind jetzt nicht zum Singen. Das ist die Schubkarre gewesen; die muß wieder geschmiert werden.« »Hidalla, hida ...« begann Fräulein zu trällern, um das Gedächtnis des Alten aufzufrischen ... Aber im selben Augenblick wurde die Tür zum Stalle aufgerissen, und die Leichen-Johanne wackelte halb betrunken hinein. »Ich muß ein bißchen Geld haben, Jens!« sagte sie ohne Gruß und Einleitung. Jens erhob die Schaufel, die er in der Hand hielt, gleichsam zur Verteidigung. »Habe ich dir nicht gesagt, daß ich dein Gerenne hier auf dem Hof nicht haben will ... Und das Geld, das dir zukommt, hast du am Sonnabend gekriegt.« »Das habe ich aufgebraucht. He-he!« grinste sie. »Vertrunken, ja!« »Ja-e ... Aber jetzt will ich noch einen Schnaps haben, denn heute ist mein Geburtstag.« Jens ließ die Schaufel sinken. »Hast du Geburtstag, Johanne ...?« fragte er fast milde. »Ja ... und ich werde Besuch kriegen, ja Besuch! ... (sie verneigte sich tief.) Hat man nicht auch das Vergnügen, dich zu sehen, hehe?« »Nein nein, nein nein!« sagte er entsetzt. »Das ist, mir, zum Kuckuck, auch ganz egal,« lachte sie auf. »Wenn ich bloß das Geld kriege. Her damit!« »Ich habe erst Sonnabend welches ...« Sie rückte ihm drohend zu Leibe. Und als er wieder Miene machte, die Schaufel gegen sie zu erheben, packte Johanne diese mit beiden Händen um den Schaft. So standen sie sich haßerfüllt von Angesicht zu Angesicht gegenüber. »Du hörst doch, daß ich heute Geburtstag habe,« sagte sie. »Was, Satan, hat es dann für einen Zweck, wenn du von Sonnabend redest.« »Ich habe keines ...« wiederholte er eigensinnig. »So, du hast keines?« äffte sie ihm nach, »du wühlst ja in den ganzen Fünfhundert herum, die du von Bruder Niels kriegtest, um mich zu nehmen. Wo sind die?« Jens warf einen erschrockenen Blick nach der Futtertenne, aber das Fräulein war fort. Die Tür hatte sie nur angelehnt, so schnell war sie geflüchtet. »Na na, Johannechen, na na, ...« begann er friedfertig zu beruhigen. Er hatte plötzlich vor dem Ausdruck ihrer Augen Angst bekommen. Und sie war ja auch so viel jünger und kräftiger als er. So oft sie beide miteinander gerungen, hatte er immer die ärgste Wichse gekriegt. – »Na na,« sagte er, »na na ... kannst du dich mit einem Fünfgroschenstück redressieren, dann wird man schon einen Ausweg finden, um es anzuschaffen, weil du doch Geburtstag hast ... aber mehr kann ich, Schwerenot, auch nicht entbehren.« Johanne sandte ihm einen forschenden Blick zu. Sie standen noch beide da und hielten die Schaufel um klammert. »Ja ja,« sagte sie. »So gib mir das, aber ein bißchen fix, denn ich habe Eile!« »Ich hole es gleich ... Es liegt drinnen in meiner Kiste in der Kammer. Aber du brauchst nicht mitzugehen.« Er ließ den Schaft der Schaufel los und ging schnell zur Tür seines Verschlages. Die Leichen-Johanne blieb mit der Schaufel in der Hand stehen und sah sich benebelt und starr um: Alle Pferde waren draußen. Nur in der großen Herrschaftshürde standen die Kutschpferde. Sie hatten neugierig die Köpfe umgedreht und starrten zu ihr hinüber. »Was, Teufel, glotzt ihr so?« sagte sie wütend. »Könnt ihr euch nicht um eure Sachen kümmern?« und in ihrer trunkenen Unzurechnungsfähigkeit schleuderte sie die Schaufel, die sie in der Hand hielt, unter sie, daß sie sich bäumten und hinten ausschlugen. »He–he,« griente sie vergnügt. Dann wandte sie sich ungeduldig um. »Jens, wo bleibst du?« Und als der Mann weder antwortete noch sich zeigte, schwankte sie auf Zehenspitzen zur Kammertür und lugte hinein. Jens lag auf dem Steinfußboden drinnen auf den Knieen und wühlte und wühlte in seiner Kleiderkiste Er hatte sich vor acht Tagen endlich bequemt, den Anblick der fünfhundert baren Kronen zu entbehren und sie in die Sparkasse eingezahlt; da standen sich sicherer, jetzt, da Johanne begonnen hatte, so begierig nach ihnen umherzuschleichen. Und nun sah sie, daß er gerade im Begriff war, das Buch auf dem Boden der Kiste zu verbergen. Als das besorgt war, kramte er seine Geldbörse hervor. Und Johanne konnte es sehen, er hatte Ein- und Zweikronenstücke darin, daß es ihm Mühe machte, das Kleingeld für die fünfzig Öre zusammenzusuchen, mit denen er sie abspeisen wollte. »Der Satan!« murmelte sie, und das Blut schoß ihr siedend zu Kopf. »Der geizige Satan!« Jens mußte gehört haben, daß sie sich rührte, denn er wandte das Gesicht halb um, und rief zu ihr hinaus: »Ich komme gleich, Johanne, es sind die letzten Pfennige, die ich habe, es dauert also ein Weilchen, bis ich sie zusammensuche.« Aber jetzt konnte Johanne sich nicht mehr halten. Sie riß die Tür auf und stürzte hinein. Und ehe Jens sich erheben konnte, hatte sie ihn mit beiden Händen im Nacken gepackt und hieb in wilder Raserei seinen Kopf auf und ab gegen den Rand der Kiste. »So, es ist das letzte, was du hast?« zischte sie. »Ja, ich will dich lehren! Ich will dich lehren!« Und sie fuhr fort, bald seinen Kopf und bald seinen Hals gegen den Kistenrand zu hämmern. »Und willst du jetzt gleich die fünfhundert Kronen herausrücken, die du bekamst, um mich zu nehmen!« schrie sie. »Willst du! Willst du! Hast du die vorhin im Buch weggesteckt? Was? Hast du die weggesteckt? Wirst du nun vielleicht bald dein Maul rühren? Wirst du? Ich lasse dich nicht los, bis du es gesagt hast!« Und sie hämmerte immer weiter darauf los ... Bis Jens endlich keinen Widerstand mehr leistete. Und da er auch nicht antwortete, machte sie ihre Finger von ihm los und ließ ihn frei: »Kannst du jetzt vielleicht den Mund aufkriegen,« sagte sie. Aber er sank schlaff und leblos auf den Fußboden vor ihr zusammen. Sie achtete nicht darauf. Schnell ergriff sie die lederne Börse, die ihm aus der Hand gefallen war und steckte sie in die Tasche. »Jetzt gehört es mir,« sagte sie. »Und jetzt nehme ich auch das Bankbuch! He–he! Von jetzt ab wirst du also bei anderen Leuten betteln müssen!« Und sie suchte das Sparkassenbuch hervor und stopfte es unter ihre Taille: »Na, möchtest du nicht aufstehen!« Sie stieß mit dem Fuß nach ihm. Aber Jens sank nur noch mehr zusammen. Da durchzuckte sie plötzlich ein eiskalter Stoß, und es war, als ob der Nebel aus ihrem Gehirn weggefegt würde. War er tot? Hatte sie ihn erschlagen? Das hatte sie doch eigentlich nicht gewollt. Sie beugte sich hastig über ihn, packte ihn bei der Schulter und wandte sein Gesicht nach oben: es war schwarzblau und blutig, und seine Augen waren halb aus den Höhlen getreten. Sie ließ ihn wieder los und machte ein paar Schritte, wie um zu flüchten. Aber im nächsten Augenblick blieb sie wieder stehen. Ob seit vorhin jemand in den Stall gekommen war Sie machte die Tür ein wenig auf und sah sich um: Nein, er war immer noch leer ... Da beugte sie sich wieder über Jens herab, und indem sie ihn auf ihren Armen emporhob, lief sie fast mit ihm aus der Kammer, durch den Mittelgang und zur Herrschaftshürde, wo sie ihn mit dem Aufgebot all ihrer Kräfte zwischen die Kutschpferde schleuderte ... Dann flüchtete sie. Aber ehe sie den Stall verließ, war sie wieder in der Kammer und legte Börse und Sparkassenbuch in die Kiste zurück. Jetzt, da er tot war, würde sie ja alles auf gesetzmäßige Weise bekommen ... Und das andere könnte zur Entdeckung führen! Nur ein Zweikronenstück steckte sie ein. Sie hatte doch Geburtstag.   Die Hochzeit Hans Henriksens und der kleinen Minka war mit großer und schwerer Bauernpracht auf dem Moorhof gefeiert worden. Das Fest dauerte drei Tage; und am Abend des dritten Tages zog das Brautpaar nach Ravnsholt. Aber damit war auch die Freude aus; denn am achten Tage darauf kam Frau Minka in einer späten Abendstunde in das väterliche Heim zurückspaziert und erklärte kategorisch, daß keine Macht des Himmels oder der Erde sie jemals wieder bewegen würde, mit der alten Madame Henriksen unter einem Dach zu leben. »Ich habe mich nicht mit Hans verheiratet, um Dienstmädchen bei seiner Mutter zu werden!« sagte sie Die Jägermeisterin, die allein zu Hause war, rang verzweifelt die Hände: »Süßestes Minkachen, süßestes Minkachen! Denke doch an den Skandal ...!« »Das ist mir gleichgültig,« pfauchte die Tochter. »Ja aber, hast du denn deinen Mann nicht lieb?« »Doch ... aber er ist ein Dummkopf, der sich von der Alten regieren läßt.« Ein Wagen saust in rasender Eile vor die Tür. Hans war seiner Frau nachgesetzt. Er kam ins Zimmer hineingestürzt mit dem Überrock an, dem Hut auf und der Peitsche in der Hand. Sein braves Gesicht war leichenblaß und sein ganzer großer, derber Körper bebte: »Minka ...« stotterte er, »Minkachen ...« Und er sank vor ihr in die Kniee, die Hände um den Peitschenstiel gefaltet. Minka brach bei dem Anblick in ein glockenhelles Gelächter aus. »Ach, Mutter,« bat sie, »laß uns ein bißchen allein ...« Frau Thorsen verschwand wie der Wind. Das Moor-Mädchen ging nun stille hin und nahm ihrem Mann den Hut vom Kopf und die Peitsche aus der Hand. Und ständig lachte sie; sie hatte von ihrem Vater eine gute Portion Lachlust geerbt. »So, Hans, steh auf,« gluckerte sie, »daß wir vernünftig miteinander reden können. Du siehst ganz wahnsinnig komisch aus, wie du da liegst.« Hans ruckelte auf und stellte sich kleinmütig vor sie hin, wie ein Knabe, der um Verzeihung bittet. »Es ist wohl auch das Beste, hi–hi!« sagte sie, »es ist wohl auch das Beste, daß du den Überrock abnimmst ... sonst kannst du mich nicht richtig umarmen.« Er riß und zerrte am Rock, bekam ihn endlich ab und warf ihn auf den Fußboden. »Darf ich ...? Darf ich ...? Du bist also nicht böse auf mich ...?« »Doch bin ich böse ... denn du bist ein Schafskopf! ... Na, na, na ...!« Hans hatte sie auf seine Arme genommen, und wahrend sie dort lag, wie ein kleines Kind, preßte er sie an sich und küßte ihre Augen, ihre Wangen und ihren Mund, immer wieder, als wolle er niemals aufhören: »Minka! Minka! Minka, du weißt nicht, wie toll ich nach dir bin.« Die Tränen stürzten ihm aus den Augen, und er schluchzte und klagte wie ein Mensch, der von einem drohenden Unglück gerettet worden ist, der sich aber nach dem Schrecken noch nicht recht erholt hat. Und Minka lag bleich und stille und gab sich der Stärke seiner Liebkosungen hin. Ab und zu durchlief sie ein wollüstiger Schauder, und dann lächelte sie und bat: »Mehr! Mehr! ...« Und er küßte sie wieder und wieder und wieder ... »Minka, Minka ... Du bist so fein und weich!« Sie schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte: »Du mußt heute Nacht hier bleiben ...« Verwirrt erhob er den Kopf und starrte auf sie hinab. »Kommst du denn nicht mit nach Ravnsholt ...?« »Nein ... aber laß mich los! Es kommt jemand!« Es war der Jägermeister, der von einem Besuch auf einem Nachbarhof zurückkehrte. Seine Frau hatte ihn nicht kommen gehört, er trat also unbekümmert ins Zimmer ein. »Na, hier steht ihr und liebt euch!« lachte er polternd, »Und die Pferde überlaßt ihr sich selbst! Ihr seid ein paar nette Vögel!« »Wir bleiben heute Nacht hier ...!« sagte Minka schnell. Damit war die Sache in Ordnung. »Ihr sollt willkommen sein, Kinder! ... Aber das ist doch kein Grund, die Pferde draußen stehen zu lassen. Ha, ha!« »Nein, ...« lächelte Minka und spielte die Schüchterne. »Wir ... äh ... wir ... ach Hans geh hinaus und spanne die Pferde aus!« unterbrach sie sich dann lachend. »Und nimm dein Überzeug mit.« Hans sammelte seine Sachen und taumelte hinaus »Ihr leidet wohl noch immer unter der Wärme, was?« lachte der Jägermeister und sah ihm nach. »Ach ja, wer noch frisch gebackenes Weißbrot schlingen könnte, ha, ha! Unsereinem ist der Kuchen ein bißchen trocken geworden!« Frau Minka ging zum Vater, stellte sich dicht vor ihm auf und blickte ihm entschlossen in die Augen: »Ich bin von Ravnsholt ausgerückt!« sagte sie ruhig und ohne mit der Wimper zu zucken. »Und Hans ist herübergekommen, um mich zurück zu holen; deshalb hielt der Wagen draußen ... aber ich setze meine Füße nicht mehr über die Schwelle dieses Hofes! Verstehst du mich?« Die Arme des Jägermeisters sanken schlaff herab und sein fettes Gesicht bekam einen erstaunten Ausdruck. »Aber Mädel ... Was sagst du da?« »Ha, das hab ich gesagt!« »Weiß es deine Mutter?« »Ja.« »Ja aber, in des Allgerechten, Allmächtigen hochgepriesenen Namen,« brauste er endlich auf, »weshalb bist du denn weggerannt, Mädel? Ihr liebt euch ja viel toller, als zwei gewöhnliche Turteltauben, das hab' ich ja eben gesehen.« Minka wär um ein Haar wieder in ein Gelächter ausgebrochen. Wie grundlächerlich waren die Männer doch in ihrem Zorn und in ihrer Freude ...! Aber sie bezwang ihre Munterkeit und sagte mit einer wohlkonstruierten Andeutung von Weinen in der Stimme: »Hast du ... hast du deine Tochter ... zum Dienstmädchen erzogen?« »Nein, hol' mich der Teufel, das hab' ich nicht!« »Ja aber dazu wollen sie mich drüben auf Ravnsholt machen.« »Wer?« »Die Pompadour!« »Und was sagt dein Mann?« »Der ist eine Schlafmütze ...« »Ja aber, du liebst ihn doch, Mädel!« »Ich liebe ihn, ja ... und ich kann gar nicht ohne ihn leben ... Und deshalb mußt du ihn hierher herüberziehen lassen und ihm den Moorhof in Pacht geben ...« Jetzt war die Reihe zu lachen am Jägermeister, und er hielt nicht damit zurück. »Ha, ha, ha!« platzte er heraus und schlug sich auf die Schenkel, daß es klatschte. »Dann sollten deine Mutter und ich vielleicht zur Pompadour ziehen?« Aber Minka warf sich ihm nun an den Hals und ließ ernstlich den Tränen freien Lauf; jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Und sie begann zu jammern und zu klagen und sich hysterisch zu stellen und zu schreien, wenn ihre Eltern sie zwingen würden, nach Ravnsholt zurückzukehren, so würde es keine paar Tage mehr dauern, bis sie von ihrem Tode hörten, und sie trüge sogar ein Kindchen unter ihrem Herzen! Zuletzt fiel sie in Ohnmacht und wurde auf ein Bett im Fremdenzimmer getragen. Drinnen kam sie wieder zu sich und verlangte jetzt mit lauter Stimme und flatternden Armen, die Eltern sollten ihrer Wege gehen, sie könne niemand anders um sich ertragen als ihren Mann. Und als die beiden Alten resigniert abgesockt waren, sprang sie aus dem Bett, lief hin und schloß die Tür, warf sich Hans um den Hals, weinte, lachte und schrie und drückte sich an ihn, völlig aus Rand und Band ... Aber bald darauf wurde alles still. »Jetzt schläft sie ...« flüsterte die Jägermeisterin, die mit ihrem Mann vor der Tür stand und lauschte. »Jawohl ...!« murmelte der Jägermeister und wandte das Gesicht ab. »Lachst du in einem solchen Augenblick, Thorsen!« sagte seine Frau empört. »Nein, Gott soll mich beschützen und bewahren, Frau! ... Aber jetzt wollen wir die jungen Leute in Ruhe lassen!« Und er zog sie vorsichtig mit sich fort ... Als Hans Henriksen am nächsten Morgen früh auf Ravnsholt einrollte, stand seine Mutter auf der Treppe vor dem Hauptportal, streng und unabweisbar wie ein Schicksal. Er duckte sich unter ihrem Blick und beeilte sich, die Pferde auszuspannen und sie in den Stall zu führen. Aber als er zurückkam, um die Peitsche an ihrem Platz im Entree anzuhängen, stand die Pompadour noch da: »Ich habe etwas mit dir zu besprechen,« sagte sie ruhig und ging ins Kontor. Hans folgte ihr. »Wenn jetzt etwa Minka herhalten soll,« dachte er und ballte die Hände in den Hosentaschen, »dann werde ich ihr schon eine Antwort geben!« Aber Madame Henriksen erwähnte die Schwiegertochter gar nicht. Sie setzte sich schweigend und verschlossen in Onkel Joachims Lehnstuhl hinter dem Geldschrank. Der Sohn nahm auf dem Sofa Platz ... Alle Töne des Hofbetriebes waren in der Stille deutlich zu hören. »Rückst du nun bald mit der Sprache heraus!« fuhr Hans plötzlich auf, so nervös wurde er davon, daß er hier sitzen und warten mußte, was nun eigentlich käme. Die Pompadour tat als ob sie seine Erregung nicht bemerkte. »Gestern Abend, nachdem du fortgefahren warst, waren ein paar Männer hier –«, begann sie bedächtig. »Sie wollten gerne gleich mit dir sprechen. Aber ich sagte du seiest über Land, und sie könnten dich erst im Laufe des Vormittags sprechen.« Hans warf der Mutter einen lauernden Blick zu: Was sollte das nun heißen? Weshalb redete sie nicht gleich geradezu von Minka. »Was wollten sie von mir,« fragte er. »Das wirst du wohl erfahren, wenn sie sich jetzt einfinden.« »Wer war es?« »Es waren der Ortsschulze und der Müller und ein paar andere von Niels Havslundes Wahlkommission.« »Ja, er hat ja sein Mandat niedergelegt ...« »Das hat er wohl, ja ...?« Neue Pause, in der die beiden leeren Blickes vor sich hinstarrten. »Haben sie dir nicht auseinander gesetzt, was sie wollten?« fragte Hans dann. »Ja–e ... aber es ist nicht meine Art, mich in Anderer Angelegenheit zu mischen.« »Nein, für gewöhnlich nicht!« erklang es scharf. Um was handelte es sich also?« »Ja, sie kommen wohl bald, dann hörst du es ja selbst.« Hans erhob sich schroff ... »Ja, dann gehe ich hinaus und sehe nach den Leuten. Sie haben doch alle ihre Arbeit gekriegt?« »Ja, das haben ich und Anders vor ein paar Stunden besorgt,« lächelte die Pompadour böse. »Man konnte ja nicht wissen, wann es dir beliebte, zurückzukommen.« Hans schlug mit der Faust auf den Tisch. Nun waren sie endlich da, wo er hin wollte. »Minka ist meine Frau!« sagte er, »und wenn du sie vom Hofe jagst, dann muß ich wohl ...« Aber die Mutter unterbrach ihn, ständig gleich ruhig. »Sie wollten übrigens, der Ortsschulze und der Müller und die anderen,« begann sie, als ob sie seine zornigen Worte garnicht gehört hätte. – »Sie wollten sich übrigens erkundigen, ob du bereit wärest, dich jetzt bei der Ersatzwahl für Niels Havslunde zu stellen ... Sie wollten jetzt lieber einen aus unserem Stand drinnen haben. Und sie meinten, sie könnten für deine Wahl garantieren, da du ein so großes Ansehen hier in der Gegend genössest, sagten sie, und so tüchtig wärest.« Hans hatte sich wieder gesetzt. Er war ganz bleich geworden vor Überraschung. »Das kann ich mir nicht übernehmen ...« murmelte er. »Da hab' ich kein Verständnis für ...« »Das müssen die anderen doch wohl glauben, da sie zu dir kommen!« meinte die Pompadour. »Ja–e, das müssen sie wohl ... Und was meinst du, Mutter?« Sie warf ihm von der Seite einen scharfen Blick zu: »Hä ...! Fragst du danach, was ich sage ...?« »Das habe ich ja immer getan!« »Ach, jawohl, natürlich! ... Ja, dann meine ich, daß du das Anerbieten annehmen und Dankeschön sagen solltest. Es ist doch immer eine Art Weg, wie man zu Ehren kommt, und ein Stolz für dich und uns andere ... Ein Mensch kann viel ausrichten, wenn er sich's nur vornimmt. Sieh mal an, wie sein du als Vorsitzender vom Gemeinderat deine Sache machst; und da hast du auch gedacht, du könntest es dir nicht übernehmen. Denkst du, wir hätten hier gesessen, wo wir jetzt sitzen, wenn ich es alle Minute mit der Angst gekriegt hätte?« Ehe Hans antworten konnte, kam Anders, der jüngste der Söhne, schnell vom Entree herein. »Na, da seid ihr!« sagte er. »Der Ortsschulze und der Müller und die anderen sind durch den Garten hereingekommen und wollen mit dir reden, Hans.« »Ich werde sie gleich holen ...« sagte die Pompadour und stand auf. Und indem sie an Hans vorüberging, fügte sie hinzu: »Denke jetzt an das, was ich dir geraten habe!« Als die Mutter aus der Tür war, fragte Anders hastig, und er errötete dabei: »Hast du nun, Minka gefunden?« Hans blickte ihn zornig an: »Ja, sie war auf dem Moorhof, natürlich: wo sollte sie sonst sein.« Anders' Augen strahlten vor Freude. »Ach, Gott sei Dank!« sagte er. Darauf fuhr er fort: »Ich hätte mich gestern Abend aufgemacht und hätte euch gesucht, aber Mutter wollte es nicht.« »Was hätte das auch für einen Zweck gehabt! ...« murmelte Hans und wandte ihm den Rücken ... Jetzt kam Madame Henriksen mit den Männern. Und gleich darauf verließen sie und Anders die Stube. Hans sah ihnen lange nach, als sich die Tür schloß. Aber als die Deputation Ravnsholt wieder verließ, hatte Hans Henriksen das Versprechen abgegeben, sich bei der bevorstehenden Ersatzwahl als Reichstagsabgeordneter für Niels Uldahl zu stellen. Mit Instruktionen aus dem Hauptquartier ausgerüstet, begann Hans Henriksen jetzt Wahlversammlungen abzuhalten. Anfangs ging es ein bißchen ungeschickt, aber bald lernte er den Kniff und die Phrasen und konnte, die Parole mit der nötigen Routine herausschleudern. Da er außerdem ein wohlbegabter Mann war und die Zuhörer sich überdies freuten, einen ihresgleichen auf der Rednertribüne zu sehen, so gelang es ihm bald, bei ihnen Gehör zu finden. Und schon bei der vierten Versammlung konnte der Sieg als gesichert gelten ... Was auch viel dazu beitrug, die Stimmung bei den Bauern zu erhöhen, war, daß Madame Henriksen sich meist bei den Sitzungen einfand. Dem Ortsschulzen gebührte die Ehre, diesen wirksamen Trick ausgeheckt zu haben. Er brachte die Pompadour auf einen in die Augen fallenden Platz oben in der Nähe der Tribüne an. Und wenn sie da saß, gerade und stattlich, und ihre klugen Augen über die Versammlung hinwandern ließ, so erblickte man in ihr gleichsam ein Symbol der wachsenden Machtfülle des Bauernstandes ... Was hatte nicht dieses ruhige und bedächtige Weib durchzusetzen vermocht! Als arme Witwe mit drei unversorgten Kindern war sie auf Ravnsholt eingezogen, ganz einfach als Dienstbote! Und nun saß sie nicht allein als frank und freie Besitzerin des Hofes und all seiner Herrlichkeiten da, sondern auch die Kinder hatte sie verstanden vorwärtszubringen. Hans, ihren Ältesten, hatte sie mit dem einzigen Kinde des wohlhabenden Jägermeisters Thorsen verheiratet. Jeppe, den zweiten hatte sie auf Kragholm untergebracht. Und man versicherte sich's untereinander, daß sie schon für ihren jüngsten Sohn Anders Havslundegaard im Auge habe, wenn jetzt Niels Uldahl in nicht allzulanger Zeit abdanken müsse. Drei Söhne und einen Herrensitz für jeden, das war, als ob man von den starken Rittersfrauen des Mittelalters hörte. Und die Bauern rieben sich die Hände und grienten breit: He, he! So würden alle die »Gutsbesitzer« im ganzen Lande allmählich von ihren Erbsitzen heruntergefegt werden, und »wi sülwst« an ihrer Stelle hinaufklettern! ... »Lang lebe unser neuer Reichtagskandidat!« riefen sie, »der Mann aus unserer Mitte!« Und eines Tages schlug dann der Ortsschulze geradezu vor, daß man auch Madame Henriksen ein Hurra spendieren solle. ... »Indem ich,« motivierte er diesen Vorschlag, »gleichsam in diesem einen Weibe, die, trotzdem sie sich durch ihre eigene Tüchtigkeit und Klugheit das Recht verschafft hat, einen seinen und vornehmen Namen zu tragen, es doch vorgezogen hat, wie wir andern ihren eigenen schlichten Bauernnamen zu behalten, ... und das ist es, was man im höchsten Sinne Bauernkultur nennen kann, daß man sich seines einfältigen Namens nicht schämt! ... Also, was ich sagen wollte: indem ich also gleichsam in ihr alle die starken und tüchtigen Frauen des freien und fortgeschrittenen Bauernstandes einbegreifen will, möchte ich die Versammlung bitten, mit mir ein Hoch auszubringen auf die Mutter unseres Reichstagskandidaten, Madame Henriksen, die Hofbesitzerin auf Ravnsholt und Kragholm ... und wir können, weiß Gott, auch gleich Havslundegaard mitnehmen, soviel ich gehört habe! ... Sie lebe hoch!« Und die Hurrarufe dröhnten um die Pompadour herum, deren Gesicht ein wenig bleicher wurde, die aber im übrigen die Huldigung des Volkes entgegennahm, ohne eine Miene zu verziehen. Nur hatte sie sich, sobald der Ortsschulze seine Rede begann, erhoben. Geschah es nun, um ihm eine Ehre zu erzeigen, oder damit die Anwesenden sie besser sehen konnten ... –   So oft es sich in dieser vielbeschäftigten Zeit tun ließ, fuhr Hans Henriksen nach dem Moor-Hofe und blieb die Nacht über bei seiner Frau. Nichts konnte nämlich die kleine Frau Minka von ihrem einmal gefaßten Entschluß abbringen, jemals wieder ihre Füße über die Schwelle von Ravnsholt zu setzen. Und was Madame Henriksen anlangte, so schien sie die Schwiegertochter völlig aus ihrem Bewußtsein gestrichen zu haben. Es war, als hatte die Heirat des Sohnes niemals stattgefunden. Hans hatte ein paarmal versucht, die Mutter zu einer Aussprache über diese Angelegenheit zu bewegen; er fand die Situation peinlich und lächerlich. Aber sie hatte ihm den Rücken gewandt und hartnäckig geschwiegen. Und als er hitzig und laut geworden war, und sie hatte zwingen wollen, war sie ruhig von ihrem Platz aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen ... Da lernte endlich auch Hans über diesen Punkt zu schweigen. Und nun war es auf Ravnsholt, als wären die Tage nie gewesen, da zwei Frauenwillen dort einen gewitterschwülen Kampf auf Leben und Tod kämpften. Die Privatzimmer, die für die Eheleute hergerichtet worden waren, standen abgeschlossen da. Minka vom Moor war ausgelöscht. Keiner nannte mehr ihren Namen. Ausgenommen Anders, der jüngste. Er konnte zuweilen fragen, während das Blut ihm in die Wangen schoß: »Wie geht es Minka?« »Gut!« sagte Hans kurz und begann von etwas anderem zu sprechen. Dann kam der Wahltag, und Hans Henriksen siegte wie vorauszusehen war, mit großer Majorität. Nacht. In der Villa Seemann. Frau Rositta war zum Abendbesuch bei ihrem Mann. Sie lagen nebeneinander in seinem Bett. Und auf dem Nachttisch vor ihnen befanden sich zwei kräftige Whiskys. Es war dunkel im Zimmer; aber die Tür zum Arbeitsraum des Amtsrichters war angelehnt. Und drinnen waren alle Lichter angezündet. Ein Fenster stand offen, und draußen lag der Garten schweigend und still in theaterhaftem Mondlicht ... Isidor atmete tief und wachte dadurch auf. Vorsichtig machte er seinen Arm frei, lichtete sich auf und streckte die Hand nach seinem Whiskyglase aus. »Was tust du?« fragte Rositta noch halb schlafend. »Ich trinke,« sagte er. Rositta lachte: »Ja, wir sind ein paar nette Eltern!« »Außerordentlich nett!« bestätigte er. »Haben wir nicht gesunde, hübsche und fröhliche Kinder bekommen ... Prosit!« »Prosit!« lachte sie wieder und ergriff ihr Glas und stieß mit ihm an. »Die Menschen müßten nur des Nachts leben,« sagte Isidor und blickte zum Fenster, »und dazu müßte immer Mondschein sein!« »Ja!« nickte sie. »Wollen wir ein bißchen im Garten spazieren gehen?« »Gerne, meine Geliebte!« »Willst du wirklich?« »Gerne, meine Reseda! Alles, was du willst, will ich auch ... zu dieser Stunde.« »Ja, aber, bedenke, daß du ›Obrigkeitsperson‹ bist!« »Nicht nachts ...!« Rositta lachte ausgelassen, wahrscheinlich von Whisky ein wenig beeinflußt. Sie steckte die Füße in die Pantoffeln und warf ihren Schlafrock über, den, in dem sie gekommen war. Isidor zog Morgenschuhe an und legte einen langen, hellen Staubmantel um. »Ich muß erst hinüber und nach den Kindern sehen,« sagte Rositta dann. Aber er antwortete: »Die Kinder ruhen in Abrahams Schoß, meine Reseda; laß sie dort ruhen ... Die Nacht ist die Zeit der Eltern!« Und er schlang den Arm um ihre Taille und zog sie mit sich durch das Entree und in den Garten hinaus ... Die Luft war lau und vom Duft der betauten Rosen, erfüllt. Isidor und Rositta gingen zum Teich hinab. » Jetzt hatten wir etwas Brot für die Fische haben müssen ...!« sagte sie. »Das haben wir! Sieh her ...« er zeigte ihr ein Stück Brot, das er aus seiner Rocktasche nahm. »Ich gehe zuweilen allein hier herunter, wenn ich nicht einschlafen kann.« Unten vor dem Teich zerbröckelten sie das Brot und warfen es hinaus. Und die Fische schössen durch das schwarze Wasser hervor und leuchteten wie Silberblitze im Mondschein. »Wie schön das ist!« sagte Rositta. »Ja,« nickte er. »Man füttere seine Karauschen und mache seinen Whisky stärker, Resedachen ... und lasse dann den Herrgott für den Rest sorgen.« So sprach in der schönen Hochsommernacht der Herr Vertreter der Jurisprudenz Isidor Severin Seemann, Amtsrichter in den Gerichtsbezirken Havslunde und Söby. Auf Havslundegaard Auch die kleine Sophie Uhldahl konnte nicht schlafen. Lange hatte sie gelegen und auf die mondhelle Gardine gestarrt und dem Toben des Vaters und des Schmiedes in dem nachtstillen Hause gelauscht. Und wenn sie ab und zu von Müdigkeit überwältigt, die Augen schloß, sah sie die fürchterlichsten Gesichte ... Plötzlich sprang sie aus dem Bett, zog Beinkleider und Strümpfe an, zündete die Lampe an, setzte sich hin und schrieb in ihr Tagebuch, das sie aus einem verschlossenen Kommodenschubfach hervorholte: Liebes, gutes Isidorchen! (schrieb sie) Es ist so lange her, seit ich mit Dir gesprochen habe, und jetzt ist es Nacht, und Du liegst wahrscheinlich in Deinem Bett und schläfst sicher und gut, wie alle guten und rechtschaffenen Menschen. Aber ich kann nicht schlafen, denn ich muß an so viel Entsetzliches denken. Ein fürchterliches Geheimnis lastet auf meiner Seele, außer all dem Traurigen mit Vater, Mutter und den Schwestern. Aber jetzt kann ich es nicht länger allein tragen. Wenn Du in diesem Augenblick hier wärest, glaube ich, ich erzähle Dir das Ganze, so sehr quälend ist es für mich, etwas mit mir herumzutragen, von dem niemand anders etwas weiß; und jetzt will ich es schreiben, denn wenn ich es Dir schreibe, ist es, als wenn Du neben mir säßest und mich anhörtest. Es ist Johanne, weißt Du, die man die Leichen-Johanne nennt, und von der es heißt, daß sie Vaters Schwester sei, und die doch ein Kind mit ihm hat. Sie hat den Schwerenot-Jens totgeschlagen, Isidor. Ist das nicht entsetzlich? Du warst ja selbst hier draußen, um zu untersuchen, nachdem es geschehen war; und ihr glaubtet alle, daß er selbst durch einen unglücklichen Zufall unter die Pferde geraten war. Aber Johanne hat ihn da hineingeworfen! Ich stand hinter der Tür zur Futtertenne und sah alles mit an! Sie kam aus seiner Kammer und trug ihn auf den Armen; was sie drinnen gemacht hatten, weiß ich nicht; ich hörte nur, daß sie ihn um etwas Geld bat, das er ihr nicht geben wollte, und da schrie sie laut, und dann wurde alles stille; aber als sie ihn aus der Kammer trug, sah er schon aus, als ob er tot wäre, vielleicht hat sie ihn erwürgt; und dann trug sie ihn dorthin, hinter die Kutschpferde und warf ihn unter sie! Und dann lief sie ihrer Wege und ich auch. Es war, als ob etwas innen in meinem Kopf herunterfiel, und ich rannte durch den Kuhstall und den Schweinestall und in die Scheune, wo ich mich im Heu verbarg und lag und schrie und sang und weinte und ganz ohne Sinn und Verstand war, bis der Verwalter Larsen plötzlich neben mir saß und mich tröstete und mich fragte, was denn los wäre und mich küssen wollte; aber ich schlug ihn mitten ins Gesicht und entkam ihm und aus der Scheune; ich weiß gar nicht, wo Türk geblieben war; und bei Gott, Isidor, da war ich so weit, daß ich meiner Wege laufen wollte, weit in die Welt hinaus oder zur Bucht am Baderasen, um mich ins Wasser zu werfen und zu sterben, fort von all dem Entsetzlichen, das es auf Erden gibt; denn, lieber, lieber Isidor, Du weißt nicht, was ich, die ich doch so jung bin, schon alles habe durchmachen müssen! Bei Gott, ich wünschte, daß ich bald stürbe, oder richtig krank würde und hohes Fieber bekäme, daß ich gar kein Bewußtsein hätte, denn jetzt kommt das allerschlimmste, Isidor, jetzt kommt das allerschlimmste! Zuerst sah ich es nur nachts im Schlaf, aber jetzt kommt es auch am Tage, mitten im besten, wenn ich sitze oder gehe, und an gar nichts denke. Es ist etwas mit einer großen Gestalt, einem Riesen, oder einem Gott, der sich vor mir zeigt; er packt mit seinen langen Armen eine ganze Schar Menschen auf einmal und wirft sie unter eine Koppel gewaltiger Pferde, die sie zertreten und zertrampeln, und ich höre, wie sie ihnen die Hufe ins Fleisch quetschen, und die Knochen krachen, und es ertönen Schreie und Bitten, und ich schließe die Augen und weiß sehr wohl, daß ich mir das nur einbilde, aber ich kann es trotzdem so deutlich sehen und hören, und ich stopfe mir die Finger in die Ohren und schreie mit, aber das hilft nichts; und nachts habe ich mir zwei kleine Kugeln aus Mutters Nähwachs gemacht, die ich in die Ohren stopfe, und auf jede dieser Kugeln, habe ich drei Kreuzchen eingeritzt, für den Vater, den Sohn und den heiligen Geist ... Das Dröhnen der Flurtür, die zugeschlagen wurde, drang durch das Haus. Fräulein Sophie erhob sich schnell und lief ans Fenster. Und sie sah im Mondschein ihren Vater und seinen Busenfreund, den Schmied, Arm in Arm durch den Burghof taumeln, barhäuptig und in Hemdsärmeln ...   Der Schmied und Niels Uldahl hatten seit neun Uhr bei ihrem Trunk und Geschwätz gesessen. Sie tranken jetzt am liebsten klaren Branntwein, das andere kratzte nicht. Niels saß und prahlte mit all den Frauenzimmern, die er gehabt und mit all dem Geld, das sie ihn gekostet hatten. Dann hatte er angefangen über das Stammgut und über den Elfenbeinstab zu jammern. Und wenn er den Grad des Rausches erreicht hatte, weinte er und schwor, wenn der Stab sich in gerader Linie fortgeerbt hätte, dann säße er, Niels, noch reich und angesehen auf dem väterlichen Hofe; denn der Stab wäre es, dem die Familie Uldahl alle ihre einstige Ehre und Macht verdankte. Es wäre etwas Heiliges an dem Stabe. Er sei von Gott gesegnet und den Engeln ein Wohlgefallen. Das hätte der alte selige Bandit Joachim herausgewittert, und deshalb hätte er das Kleinod dem Staatsrat abgeluchst. Und jetzt hätte er noch dazu den Stab mit sich ins Grab genommen. Die Pompadour hätte Ordre erhalten, ihn ihm in den Sarg zu legen. Denn Joachim haßte Niels mit einem grausamen Haß: »Teufel nochmal! Und weißt du weshalb, Schmied? ... He, he! Weißt du weshalb?« Der Schmied schüttelte stumpf den Kopf; die Sache interessierte ihn nicht. Er hatte wohl schon an die hundertmal von Egesborg und dem dämlichen Stock gehört. »Weil ich ihm einmal ein wundervolles Mädel weggenommen habe. He!« fuhr Niels fort. »Joachim konnte nichts Rechtes mit ihr aufstellen; und da kam sie zu mir! Denn in der Richtung, he! da hatte ich, hol' mich der Henker, den famosesten Elfenbeinstab.« Der Schmied platschte in ein brüllendes Gelächter aus. Die Geschichte hatte er noch nicht gehört! Aber er hielt ebenso plötzlich mit seinem Gelächter inne und fragte: »Wollen wir nun unser Spielchen machen, Gutsbesitzer?« Niels sagte ja. Und die Karten wurden hervorgeholt. Das Paar setzte sich in Hemdsärmeln hin und spielte eine Stunde lang Sechsundsechzig, lachte und fluchte und schlug auf den Tisch, daß es weitum im Hofe zu hören war. Niels verlor wie gewöhnlich; und darüber ärgerte er sich zuletzt: »Wo zum Teufel, bleibt Rikke heute abend?« fragte er plötzlich und warf die Karten fort. »Wir wollen herunter gehen und sie ausfindig machen,« schlug der Schmied zutunlich vor und stopfte den Gewinn in die Tasche. Niels taumelte vom Stuhl in die Höhe: »Das ist ein Gedanke, Schmied! Wir gehen herunter und sehen nach den Mädels!« Und sie faßten einander unter und schwankten plaudernd und grinsend hinab, durch den Hof ... Der Mond der Hochsommernacht erhellte ihren Weg. Und hinter der Gardine in ihrem Schlafzimmer stand Fräulein Sophie und sah ihnen nach ... Als sie das Vorwerk erreicht hatten, blieb Niels Uldahl plötzlich stehen, erhob eine Hand zum sternenfunkelnden Himmel und sprach aus der Tiefe der Seele heraus: »Die menschliche Brunst, Schmied, erhebt sich wie ein Obelisk über der Erde in ewiger Sehnsucht nach dem Ring des Saturn!« Ja–e ...« sagte der Schmied und guckte andachtsvoll zu denselben ewigen Sternen empor. »Aber wir müssen uns ja unter Gottes Willen zu beugen wissen, Gutsbesitzer ...« Drüben in der großen gemeinsamen Kammer der Meierei-Mädchen hinter dem Brauhause war es hell wie am Tage: der Mond hing dick und rund gerade vor den gardinenlosen Fenstern ... Aus den sechs Bettverschlägen ringsum, die an den Wänden entlang gezimmert waren, hörte man Schnarchen und Prusten und stilles Geflüster. Die Wärme und der Dampf im Raum waren erstickend. Da ertönten stolpernde Schritte und brummendes Gerede im Brauhausflur draußen. Die Tür wurde aufgestoßen, und Niels und der Schmied taumelten hinein: »Guten Abend, Mädels!« ertönte die Stimme des Schmiedes. »Könnt ihr wohl ein paar zuverlässige Leute brauchen?« »Du rührst Rikke nicht an, Schmied!« zischte Niels plötzlich aufgeregt und packte den Freund an der Brust. »Nein, nein, ...!« sagte der Schmied verdutzt und schüttelte ihn ab. »Ruhig, ruhig! ... In was für einem Bett liegt sie?« »In dem letzten rechts ...« »Dann nehme ich ganz einfach eine von denen links, Gutsbesitzer!« Es war bisher in den Betten ringsum mäuschenstill gewesen. Alles Schnarchen und Pusten war erstorben. Man hörte nur hie und da ein leises erschrockenes Aufschreien oder ein mühsam unterdrücktes Kichern. Aber als der Schmied in dem ihm zunächststehenden Bett links herumzuwühlen begann, wuchs plötzlich ein großer nackter Kerl daraus hervor: »Was, Satan, willst du hier, du Schmiedetrampel!« donnerte er. »Möchtest du nicht deine beschissenen Finger weglassen!« Im selben Augenblick richtete sich in jedem Bett ein Kerl auf, und in einigen waren es zwei: »Heraus mit euch!« brüllte einer. »Pst, der Gutsbesitzer ist dabei!« flüsterte eine erschrockene Mädchenstimme. »Ich pfeife ihm etwas! ... Er kann sich an seine eigenen halten! ... Er ist nicht mehr Gutsbesitzer als wir!« ertönte es von allen Seiten ringsum; und ein paar der Kerle machten Miene aus den Betten zu springen. Aber die Mädchen hielten sie schreiend und weinend gepackt. Die Kammer war erfüllt von Weinen, Fluchen und Rufen. Der Schmied gab ihnen auf ihre Reden gründlichen Bescheid. Während alledem war die ganze Zeit über ein schwaches halbersticktes Jammern aus dem nächsten Bett rechts. Niels Uldahl beugte sich über das Bett. »Rikke ...« flüsterte er und suchte zwischen den Kissen umher. »Sieh zu, daß du deine Kleider ein bißchen fix auf den Leib kriegst, Rikke ... dann gehen wir zu mir hinauf.« Plötzlich bekam er eine kleine bebende Hand zu fassen, die sich wieder loszureißen versuchte. »Wer ist das?« fragte Niels. »Ich bin's ...« weinte die Stimme. »Was für eine ich?« »Liesbeth ... das neue Gänsemädchen ...« »Wo ist Rikke?« »Ich ... weiß ... nicht ...« schluchzte das Kind. »Die liegt drüben beim Verwalter Larsen!« rief dann eine rohe Männerstimme im Bett nebenan. »Da rennt sie jede Nacht hinüber, wenn sie nicht bei dir drüben ist!« sagte ein anderer. »Geh' du herüber und hol' sie, Niels Bankerott,« griente ein dritter. »Jetzt macht aber, daß ihr den Hintern in die Hand nehmt, und ein bißchen fix,« schrie ein Vierter und begann quer über seine Dame hinwegzukrabbeln, »sonst werden wir ihn euch illuminieren!« Ein donnerndes Gelächter erhob sich von allen Betten, schallendes Männerlachen und gellendes Weibergekreisch. »Komm, Gutsbesitzer ...« flüsterte der Schmied inmitten des Lärmes. »Hier gibt's heute abend für uns keinen Bissen.« Aber Niels hörte ihn nicht. Er stand und dachte daran, zum Gänsemädchen hinabzukriechen. Sie fühlte sich so lind und warm an ... Da packte ihn der Freund am Arm und riß ihn mit sich. Und das Gelächter staute sich in der Tür hinter ihnen.   Oben im Burghof entdeckte der Schmied eine Lampe, die hinter dem weißen Stück Vorhang an einem der Fenster des »Asyls« brannte. Mit Mamsell Ingwersen war es in den letzten acht Tagen ziemlich schlecht gegangen. Sie hatte Fieber und Atemnot gehabt; deshalb hatte Frau Line befohlen daß die Lampe des Nachts brennen solle. Der Schmied blieb stehen und deutete auf das Fenster: »Wollen wir den Alten 'ne Visite machen, Gutsbesitzer?« »Was könnte uns das für Spaß machen,« brummte Niels, dessen Gedanken noch bei den intakten Formen des Gänsemädchens weilten. »Bloß ihre Angst observieren!« meinte der Schmied lustig. »Die haben gewiß in den letzten hundert Jahren nachts keine Mannsperson gesehen!« »He, he!« griente Niels, der an dem Spaß Geschmack zu finden begann. »Wir tun ihnen natürlich nichts,« lockte der Schmied weiter, »wir schleichen nur zu ihnen hinein und gehen im Zimmer umher, ohne einen Ton zu reden.« »Wir wollen die Stiefel ausziehen ...« flüsterte Niels, als sie in den Flur gekommen waren. Er war jetzt ebenso eifrig dabei wie der andere ... Im Asylzimmer schliefen die Rottböl und die Lurvadt sänftiglich. Aber die Ingwersen lag mit weit aufgerissenen Augen und starrte vor sich hin. Sie hatte kürzlich einen scheußlichen Anfall gehabt, und das Fieber kroch in ihrem Gehirn umher. Sie hörte zornig zu, wie prachtvoll die andern prusteten und klagte Gott an ... Aber auf einmal sieht sie, wie die Tür zum Flur aufgeht und zwei Gespenster hineingleiten. Sie waren schwarz unten und weiß oben und hatten Menschenköpfe .. Die Ingwersen faßte sich ans Herz und wollte rufen, konnte aber nicht ... Die Gespenster begannen auf dem Fußboden umherzuschweben, rundum, rundum. Manchmal schien es der Ingwersen, als ob es nur zwei wären, aber manchmal wuchsen sie und brachen in der Mitte durch, und es wurden vier, sechs, acht aus ihnen, das ganze Zimmer war angefüllt: Es waren alle die früheren Besitzer von Havslundegaard, alle, die sich erhängt und ertränkt und erschossen hatten ...! Das Bett der Ingwersen begann sich hin und her zu wiegen ... Die Decke drehte sich, die Wände sanken, und aus der Lampe auf der Kommode wurde ein gewaltiger flammender Scheiterhaufen. »Lurvadt!« Endlich hatte sie Atem genug bekommen, um zu schreien. Eines der Gespenster hatte sich über sie gebeugt. »Lurvadt!« Die Lurvadt erhob sich halb in den Kissen. »Was ist denn?« fragte sie mürrisch (und es kam ihr in ihrem halbwachen Zustande vor, als sähe sie zwei Gestalten aus der Tür verschwinden; sie vergaß es jedoch augenblicklich wieder, da sonst alles in der Stube war wie immer). »Was ist denn, Ingwersen?« fragte sie. »Willst du etwas von mir?« Aber da sie keine Antwort bekam, plumpte sie wieder in die Kissen zurück und schlief sofort ein ... Die Ingwersen konnte nicht antworten. Sie hörte die Fragen der Lurvadt und sah die Gespenster entschweben, aber nicht einen Laut vermochte sie über ihre Lippen zu bringen. Sie kämpfte und kämpfte und spannte all ihre Kräfte an, um nur ein einziges hörbares Wort hervorzubringen ... Ihr Gesicht wurde ganz blau vor Anstrengung ... Große schwarze Wolken wälzten sich vor ihren Augen empor ... Polternde Wagen lärmten durch das Zimmer ... Und draußen ertönten immerwährend Schreie von Menschen, die sich rauften: »Jesus, sei mir armen Sünder gnädig!« Da ertönte auf einmal ein kreischender, schneidender Schrei, der auf ihr Trommelfell einhieb, daß es gesprengt wurde ... und alles wurde still auf ewig. »Rottböl, Rottböl, die Ingwersen stirbt!« Die Lurvadt war infolge des Schreies aufgetaumelt und stand jetzt hilflos wackelnd vor dem Bett der Kranken. »Rottböl, Rottböl, die Ingwersen stirbt!« wieder holte sie und tastete verwirrt auf der Kommode nach dem Wasserglase umher, daß es umfiel und das Wasser ihr über die nackten Füße floß. »Rottböl, Rottböl, die Ingwersen stirbt!« rief sie immer weiter. Die Rottböl hatte ihr sanftes Gesichtchen aus den Kissen erhoben, die Zipfel des Taschentuches, das sie sich nachts umband, standen ihr wie zwei kleine Hörner von ihrer Stirn ab: »Fehlt dir was, Nicoline?« fragte sie, als sie das Rieseln des Wassers hörte und holte die Weihnachtspuppe hervor, die stets ausgekleidet neben ihr im Bett lag. »Mutter hilft gleich! ...« Und sie hielt mit beiden Händen die Puppe über den Bettrand ab, indem sie ihre Zunge gegen die Zähne preßte und einen zischelnden Laut hervorbrachte: »Tffff ...!« sagte sie, »so, so, so ...! Jetz schlafen wir schön wieder ein ...!« Und mit der Puppe im Arm legte sie sich ins Bett zurück, während sie beruhigend ihr Lieblingslied vom sturmfreien Land der Träume summte ... Bei den alten Seemanns. »Schläfst du, Vater?« »Off ...! Was ist denn, Mutter?« »Schläfst du?« »Nee ...« »Mußt du nicht auf?« »Ich bin auf gewesen ...« »Ich habe nichts davon gehört ...« »Ich bin doch aufgewesen.« »Jetzt weiß ich, was du mir zu meinem Geburtstag schenken sollst.« »Hm ...?« »Du sollst mir sechs neue Hemden schenken.« »Du läßt dir ja sonst nicht gern nützliche Dinge schenken ... zu festlichen Gelegenheiten.« »Nein,... und dann eine Flasche Esbouquet«. »Hm ...« »Und einen Karton feines Briefpapier.« »Hast du sonst noch ein paar Bagetellen? ... Und wollen wir jetzt nicht schlafen?« »Ja du hast gut reden, sobald du dich nur hinlegst, schläfst du ein.« »Du brauchst ja bloß nicht zu denken ... Gute Nacht!«. Das Schlafzimmer der alten Seemanns lag nach Norden zu. Vom Mond sahen sie also nicht viel. Aber sie hatten eine kleine Nachtlampe brennen. Die Betten standen nicht mehr nebeneinander, wie in den saftreichen Zeiten der Jugend, sondern waren beide an derselben Wand angebracht, und zwischen ihnen stand eine massive Truhe. Auf der Truhe stand die Lampe, und in ihrem unsicheren Lichtschein sah man auf dem weißen Kopfkissen im Bett rechts Frau Thoras feines Gesichtchen von einer spitzengeschmückten Nachthaube eingerahmt ... und im Bett links Großvater Seemanns hohen Kahlkopf und buschigen Bart. Die Stutzuhr auf dem Spiegelkonsol im Wohnzimmer schlug. Die alte Frau zählte die Schläge. »Zwölf,« sagte sie klagend. »Nun ist es zwölf Uhr, Vater; und ich habe noch kein Auge geschlossen.« »Oeff ...!« ertönte es von dem andern Kopfkissen. »Du sagst doch selbst, daß du nicht gehört hast, wie ich vorhin auf war!« Frau Thora schwieg beleidigt. Aber bald darauf begann sie wieder. »Die Weißkohlsuppe heute mittag war der Marie wirklich gelungen!« sagte sie. »Hm ...! Die Kartoffeln waren roh!« »Ach, kein Gedanke; wir haben nur neue bekommen, die hätten noch ganz gut ein Weilchen kochen können.« »Ja, das sage ich doch.« »Nein, du sagtest, sie waren roh; und das ist Sünde gegen Marie, die sonst so tüchtig ist ... Du bist heute spät vom Klub nach Hause gekommen. Isidor saß und wartete, um dich zu begrüßen.« »Wir konnten nicht mit dem Domino fertig werden.. Lassen ist so langsam.« »Wer hat denn gewonnen?« »Ich natürlich ... sieben Partieen.« »Ja, du legst sie bald alle miteinander rein, dort ... (Frau Thora gähnte laut) ... Jetzt, glaube ich, fange ich an schläfrig zu werden ... Gute Nacht, Vater! ... Was sind es doch für süße Kinder, Isidors ... so aufmerksam gegen uns Alte.« »Ja, sie sind sehr süß ... Gute Nacht ... und schlaf gut!« »Danke gleichfalls ... Ja, jetzt glaube ich, kann ich, Gott sei Dank (die Frau gähnte wieder) ... Am besten hat man es doch im Bett,« sagte sie. »Frederiksen war heute mittag hier mit der Gasrechnung.« »Hm ... » Wie viel?« »Elf Kronen.« »Ist das nicht viel?« »Nein, wir haben zweimal geplättet.« »Hast du bezahlt?« »Ja ... Vergiß nicht, daß du bei mir Schulden hast ... Und fünfzig Öre für den Riester auf den Gummischuh ... (Sie gähnte zum dritten Male.) Ach ja, ja, ja!« sagte sie.« Weißt du, was mir so oft leid tut, Vater? Daß ich dich nicht dazu bewegen kann, mit mir das Abendgebet zu sprechen.« »Ich bin zu alt zu solchen Narreteien!« brummte er und wandte sich demonstrativ um. »Gute Nacht!« In der Mitte von Frau Thoras Deckbett zeigten sich einige schwache unterirdische Wellenbewegungen: ihre Daumen fingen an sich zu drehen. Aber die Bewegung erstarb doch ohne kulminiert zu haben. Der Schlaf übermannte sie ... Im Familienhaus. Bis gut gegen zwei Uhr war es bei der Leichen-Johanne still gewesen. Aber da erwachte die kleine Juliane, die das Bett mit der Mutter teilte, dadurch, daß diese sie plötzlich bei der Brust packte und sagte: »Da sind sie!« und im selben Augenblick mitten im Zimmer stand. Juliane, die mit den Anfällen Bescheid wußte, sprang auch aus dem Bett, lief zur Mutter und ergriff deren Hand. »Da sind sie! Hörst du? Sie kommen näher!« stieß Johanne in ihrer Angst hervor. Aber die Kleine streichelte ihr beruhigend die Hand: »Nein, nein, gewiß nicht, Mutter ...« sagte sie sanft, »komm, jetzt gehen wir ein bißchen; das hilft ja immer.« Und Mutter und Tochter begannen im Zimmer auf und ab zu wandern. »Schließ' die Augen Mutter. Ich werde dich schon führen.« Die Leichen-Johanne drückte die Augen fest zu. Und Juliane führte sie behutsam im Zimmer auf und ab. »Schneller! Schneller!« Durch die niedrigen Fenster mit den kleinen Scheiben sah man über die Felder hinaus, die im weißen Mondnebel dalagen. Hie und da ragte ein Baum und ein Hausdach hervor. »Schneller! Schneller, Juliane! Sonst kann ich sie hören!« »Ja ja, ...« sagte die Kleine und beschleunigte ihren Schritt, so gut es sich in dem engen Zimmer tun ließ ... Als nach dem Tode des Schwerenot-Jens alle seine Angelegenheiten geordnet waren, hatte man Johanne sein Bargeld, sein Sparkassenbuch und die Kiste mit seinem Hab und Gut ausgeliefert. Man hatte ihr »oben« vorgeschlagen, das Buch in Verwahrung zu nehmen und ihr allmählich nur je eine kleine Summe auszuzahlen. Aber da hatte Johanne gerast und sich wie toll angestellt; man hatte sich deshalb damit begnügt, die fünfhundert Kronen zu teilen, von denen die Hälfte für Juliane sichergestellt wurde, während man den Rest der Mutter übergab. Und sie war seitdem nicht mehr nüchtern geworden. Der Gedanke daran, in ein Trinkerasyl zu kommen und sich zum Menschen machen zu lassen, war schon längst verdunstet und vergessen. Die Leichen-Johanne hatte keinen anderen Gedanken, als sich mit betäubenden Getränken zu füllen. Sobald sie einen Rausch ausgeschlafen hatte, begann sie mit einem frischen. Sie konnte die Erinnerung an Jens und sein Ende nicht ertragen, obwohl kein Mensch gegen sie Verdacht geschöpft hatte. »Schneller! Schneller, Juliane!« »Ja, ja ... Wollen wir nicht unsere Holzpantinen anziehen, Mutter, wie immer, dann hörst du nicht so gut!« »Ja! Wo sind die?« Das Kind suchte seine und der Mutter Holzschuhe hervor. Und jetzt begannen sie beide im Zimmer auf und ab zu lärmen, daß der Spektakel im ganzen Hause widerhallte. Johannes Stube lag in der Mitte ... »Jetzt ist die drin wieder nicht richtig,« murmelte Spat-Marie, die in dem nördlichen Zimmer wohnte – »nie kann man seine Nachtruhe in Frieden haben!« Und Maren Ohrwurm im südlichen Zimmer zog das Deckbett höher über den Kopf und fluchte im Schlaf. Aber drinnen bei der Leichen-Johanne trabten sie immer weiter ... »Höre! Höre! Juliane! Jetzt sind sie gerade hier draußen.« »Trample, Mutter, trample!« sagte die Kleine und setzte selbst die Füße so fest auf, daß ihr die mageren Kniee schmerzten. Sie hatte längst entdeckt, daß es keinen Zweck hatte, die Mutter zur Vernunft bringen zu wollen; man mußte auf ihre Ideen eingehen, wenn man sie einigermaßen in der Gewalt behalten wollte. »Trample, trample!« wiederholte Johanne. Und sie trampelten jetzt beide los, daß die Spat-Marie an die Wand zu donnern begann. Johanne drückte die Hand ihrer Tochter, daß das Kind beinahe aufschrie. »Höre!« flüsterte sie starr vor Angst. »Das ist nur Marie hier nebenan, Mutter.« Und sie trabten weiter ... An dem Tage, an dem die Leichen-Johanne ihren Mann unter die Pferde geworfen hatte, und durch die Tür zur Dunggrube geflüchtet war, hatte der Schweinehirt, Rasmus Reptholt gerade alle Ferkelchen, wohl an die fünfzig Stück, hinausgelassen. Johanne war mitten unter sie gestürzt und war umgefallen, hatte sich verwirrt erhoben und war wieder gefallen, während die Ferkel in ihrem Schrecken kreischend und schreiend über sie hinweggelaufen waren und auf ihrem Leibe und ihrem Gesicht herumgetrampelt hatten. Doch das hatte weniger zu besagen, da sie ungesehen entschlüpft war. Aber mitten in der Nacht nach dem Begräbnis ihres Mannes, als sie sich einen kräftigen Rausch angetrunken hatte, um schlafen zu können, war sie plötzlich dadurch aufgewacht, daß das Zimmer gesteckt voll kleiner Ferkel war. Sie saßen nebeneinander auf ihren Hintern, so viel das Zimmer nur fassen konnte, und glotzten sie mit ihren kleinen, bösen, rotgeränderten Augen an, bis sie Juliane dazu bewegen hatten, aus dem Bett zu krabbeln und die Tiere mit dem Besen wegzujagen. Aber die ganze Nacht hindurch bis zum hellen Morgen hatte Johanne das Scharren und Grunzen der Tiere rings um das Haus hören können ... Und dieses Grunzen und Scharren war es, was die Leichen-Johanne jetzt immer zu hören glaubte, wenn die Anfälle sich meldeten. Ins Zimmer hinein wagten die Kanaillen sich nicht mehr, da ein unschuldiges Kind drinnen schlief. Aber jetzt sannen sie darauf, das Haus umzuwerfen. Jens sollte gerächt werden. Und Johanne hörte sie zu Tausenden angestiegen kommen und mit ihren Schnauzen in der Erde graben und wühlen. Jede einzige Nacht hörte sie es. Es kamen immer mehr hinzu. Nun waren es gewiß bald über eine Million! Und heute Nacht würde es geschehen. Heute Nacht würden sie kommen und ihr Haus über ihrem sündigen Kopf umwerfen. »Da sind sie! Da sind sie, Juliane! Höre! höre!« »Nein, nein, Mutter, es fährt nur ein Wagen vorbei ..« Aber Johanne riß ihre Hand aus den Fingern der Tochter und stürzte ans Fenster. »Sieh, sieh!« flüsterte sie, und die Haare auf ihrem Kopf froren ihr vor Schrecken, denn sie sah draußen im Mondschein einen ungeheuren Halbkreis schwarzer, weißer und bunter Schweine anrücken. Sie wühlten die Erde auf, Schnauze an Schnauze, ihre bösen Äuglein leuchteten wie Feuer und ihr Grunzen erfüllte die Luft mit einem bösartigen Laut, wie das brummende Schwingen eines Rades. Jetzt würde es geschehen. Jetzt war der Augenblick gekommen! In einer Minute würden sie das Haus umringt und den Grundstein umgeworfen haben; die Mauern würden einstürzen, und die Tiere ihr mit ihren stinkenden Füßen über Gesicht und Glieder stampfen wie an jenem Tage auf dem Dunghaufen von Havslundegaard. »Schließ die Augen, Mutter! Schließ die Augen!« Aber ehe die Tochter es verhindern konnte, stürzte die Leichen-Johanne zur Tür, riß sie auf und lief hinaus. Die Holzschuhe schleuderte sie von sich. Und indem sie das Hemde um die nackten Beine zusammenzog, krümmte sie sich vornüber, um all ihre Kraft zu sammeln, und setzte in einem langen Sprunge quer über die Schweine fort und in den Mondnebel hinein ... Auf Hvidgaard. Es war fünf Uhr. Die Sonne war seit einer Stunde zum Vorschein gekommen ... Die Knechte kamen, noch geduckt vom Schlaf, langsam unten aus dem Vorwerk angetrabt, um ihr erstes Frühstück in der Gesindestube herunter zu schlingen. ... Die Schwäne platschten schon im Wallgraben umher. Und um die Fontäne im Burghofe spazierten die Pfauen und schlugen Räder und stießen ihre mißtönigen Schreie aus ... »Haltet's Maul,« sagte ein Kerl im Vorbeigehen, dem noch die gewöhnliche Morgenverstimmung in den Gliedern steckte, und stieß mit dem Fuß wütend einen Stein mitten unter sie ... Auf seinem einsamen Lager in dem großen nach dem Garten zu gelegenen Schlafzimmer lag Hofjägermeister Palle und schlummerte. Der Sonnenschimmer auf den Fensterscheiben hatte nicht vermocht, ihn zu wecken, auch nicht der Laut des erwachenden Hofes. Spät war er nämlich zur Ruhe gegangen, und Stunde auf Stunde hatten Entbehrung und Sehnsucht ihn wach gehalten. Erst gegen Morgen hatte der Schlaf sich seiner erbarmt – wie es heißt. Aber dann träumte er ... Und immer wieder träumte er denselben bittersüßen Traum von seiner Gattin Mona: Sie lag neben ihm, die Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen, und ihr Körper brannte an dem seinen ... Aber wenn er sie dann an sich ziehen wollte, um sie ganz zu umarmen, entschwand sie ihm und er erwachte beschämt und war einsam wie zuvor ... So glitten seine Witwer-Nächte dahin. – – – Alvilda hieß eines der Hausmädchen auf dem Hofe, ein großes und kräftiges Weibsbild von zwanzig und einigen Jahren ... Palle und Mona hatten sich oft darüber amüsiert, wie entzückt das Mädchen die männliche Schönheit ihres Brotherrn angaffte. Sie konnte mitten in ihrer Arbeit am Mittagstisch innehalten, um ihn anzuglotzen, lahm vor Ehrfurcht. Er war ihr eine Offenbarung, eine Gottheit, vor der sie einen bebenden Drang empfand, sich zu demütigen; in tiefster Untertänigkeit hätte sie sich an sein Lager führen lassen, um nach beendigtem Opferfeste knieend seinen Fuß auf ihren Nacken zu setzen und ihm für das zu danken, was er ihr gegeben ... Denn sie war das Weib in Reinkultur, die Henne von Gottes Gnaden, die in grenzenlosem Unterwerfungsdrange sich zur Erde neigt, wenn sie auf ihrem Wege ihm begegnet, dem Einzigen, Einen: dem Mann, dem Geliebten, dem Hahn! Solange Frau Mona lebte, hatte Palle Uldahl für andere Frauen keinen Gedanken gehabt. Sie konnten lockend und aufreizend in ihrer reifen Schönheit sein, wie es seiner Zeit Frau Line auf Havslundegaard gewesen ... Oder sie konnten lebhaft, sinnenerregend jung sein, wie die kleine Minka vom Moorhofe ... Palle sah sie freilich mit Wohlgefallen an; aber er begehrte sie nicht. Er wußte, kein Weib konnte ihm einen wonnigeren und mannigfaltigeren Rausch schenken als er ihn in Mona-Lisas Armen genoß ... Aber da, eines Tages war das Märchen also aus, und er war allein zurückgelassen. Und da ergriff ihn die Reue über ein vergeudetes Leben und trieb ihn ruhelos in Hvidgaards leeren Stuben umher. Er hatte schwer gesündigt, gegen sich selbst und Mona! Ihr Tod hatte seinen Blick geklärt und er erkannte nun klar, daß es eigentlich gar nicht Monas Körper war, der ihn hauptsächlich gefesselt hatte; es war ihre Seele! Ihre reiche, mannigfache Seele war es, die seine Tage mit den reich wechselnden Tränen und Sonnenblicken eines Aprils erfüllt hatte! ... Ach, weshalb kam einem die goldene Erkenntnis der Wahrheit immer erst, wenn es zu spät war! Und er beschloß, den ganzen Rest seines Lebens zu benutzen, um diese Sünde zu sühnen. Er wollte Mona-Lisa einen Tempel in seiner Brust errichten, ein Heiligtum, in dem ihm ihre verklärten Züge ewig entgegenleuchten sollten; einen Altar wollte er ihr errichten, vor dem er ihrem gesegneten Gedächtnis opfern würde. Wie sie seine erste eigentliche Liebe gewesen, sollte sie auch seine letzte sein. Nie sollte ein anderes Weib Mona-Lisas Bild aus seinem Herzen und seinen Armen verdrängen! So schwor er. Und es war, als ob seine Sehnsucht nach der großen Heimgegangenen dadurch Tag für Tag gleichsam geläutert, reiner, zarter, geistiger würde ... Die Uhr schlug sieben. Es klopfte still an die Tür, und das Stubenmädchen Alvilda trat ein mit einem Tablett, auf dem der Morgenimbiß des Hofjägermeisters stand: sechs Setzeier, vier Scheiben Schinken, Brot, Butter und Kaffee, alles was sie auf dem Tisch vor seinem Bett anbrachte. Palle fuhr auf, heiß vom Schlafen und Träumen: » Mona ...!« stotterte er und breitete entzückt die Arme aus ... Und erst neun Monate später wurde ihm sein Irrtum klar. Schluß Am Tage nach ihrer mißglückten Expedition in die Meierei hatten Niels Uldahl und der Schmied, mit kräftigen Eichenstöcken bewaffnet, den Verwalter Larsen aufgesucht, um wegen seiner Blasphemie mit Rikke an ihm Rache zu nehmen. Aber die Knechte des Hofes waren, gegen die Gewohnheit, dem Verwalter zu Hilfe geeilt; und es hatte eine reguläre Schlacht stattgefunden, die mit der schmachvollen Niederlage der beiden Freunde endete. Man hatte sie nach Hause tragen müssen. Den Schmied in seine Hütte im Dorfe, und den Gutsbesitzer in sein Turmzimmer. Und während Niels Uldahl wochenlang hier lag, schimpfiert, gichtbrüchig und nüchtern – da trat der große Wendepunkt seines Lebens ein ... Es war in einer Abendstunde, während Frau Line getreulich am Bett ihres Mannes saß und die nassen, kühlenden Umschläge auf seiner schimpfierten Nase wechselte, als Niels plötzlich ihre Hand ergriff und ein: »Dank!« flüsterte ... so zart und unsäglich milde, daß ihr großes warmes Frauenherz davon in seiner tiefsten Tiefe gerührt wurde. Sie vergaß all das Böse, das er ihr in den langen und schweren Jahren ihrer Ehe zugefügt; denn es war, als ertönte in diesem einen demütigen »Dank« ein Widerklang all der feinen und verständnisvollen Worte, die jede Seite der Liebesbriefe aus seiner Jugend erfüllten, die sie noch, trotz allem, pietätvoll aufbewahrte, und die sie oft, gemeinsam mit jener trostreichen Kunst des Kartenlegens, heil über so manche bitteren Stunden hinweggetragen hatten. Und die Sanftmut seines Blickes und seiner Stimme flößten ihr auf einmal Mut ein, ihm das zu sagen, was sie bisher vor ihm verborgen gehalten, was aber doch einmal gesagt werden mußte: »Niels ...« begann sie zögernd, »ich muß dir etwas ... etwas erzählen ... Meinst du, daß du stark genug bist, es hören zu können?« »Ich weiß es ...« nickte er stille unter den Umschlagen. »Du weißt es?« »Ja ... aber erzähle nur ...« Sie zögerte noch. Die Tränen traten ihr in die Augen, so groß war ihr Mitgefühl mit ihm, und sie vergaß vollständig, daß das Unglück sie und die Kinder gleich schwer traf. »Wir müssen von Havslunde ziehen, Niels ...« ertönte es dann – »Verwalter Larsen ist beim Kreditverein gewesen, und der hat ihm recht gegeben ... Der Hof ist verkauft.« »An wen?« »An ... an Hans Henriksen von Ravnsholt.« Hier hatte sie einen Schrei des Zornes erwartet und blickte ihn in ängstlicher Spannung an. »Niels, armer Niels ...« sagte sie. Aber er beugte nur demütig seinen schimpfierten Kopf, so tief und reuevoll, daß ihm der kalte Umschlag von der Nase fiel. »Und was sagen die Mädchen?« flüsterte er. »Ach, daß du doch zuerst an sie denkst, Niels!« sagte sie und legte den Umschlag wieder zurecht. »Wie gut du bist!« »Ich will versuchen, es zu werden ...« lächelte er betrübt zurück. »Aber du hast mir nicht auf meine Frage geantwortet ...« »Doch,« sagte sie eilig – »Sophie ist natürlich sehr niedergeschlagen. Sie glaubt ja, sie könne nirgends anders leben als hier ... Aber die andern fassen es ruhig auf.« »Und du selbst, Line?« »Ach, ich,« lächelte sie, »denke jetzt nicht an mich ... Ich hatte nur Angst, Niels, daß du ... so Egesborg und Havslunde zu verlieren ... Und daß es gerade die von Ravnsholt sein müssen, die ...« Er ergriff ihre Hand und drückte sie dankbar. »Man muß lernen, sich Gottes Willen zu beugen,« sagte er. »Ja ...« Frau Line zog ihre Hand zurück und warf ihm einen unruhigen Blick zu. Angst und Unruhe ergriffen sie wieder. Was war mit Niels vorgegangen? Woher diese plötzliche Demut und Gottesfurcht? Er wurde doch sonst nur religiös, wenn er berauscht war ... Sollte er ohne ihr Wissen ...? »Ich habe lange gewußt, was es für ein Ende nehmen würde,« fuhr er fort, als seine Frau beständig schwieg. »Seit Onkel Joachim Vater den Stab abgeluchst hatte, habe ich gewußt, daß es kommen würde, das Unglück mit Egesborg und mit dem Hofe hier ... Deshalb stürzte ich mich in dies wilde Leben. Aber jetzt hat ja Gott alles zum Guten gewendet,« lächelte er fröhlich, »und wir können beginnen, wieder aufzubauen. Du, die Kinder und ich ... Denn nicht wahr, Line, ihr werdet mir vergeben ... Ihr laßt mich nicht im Stich, wie?« »Nein ...« stammelte sie verwirrt. »Ach hole sie! Hole die Kinder!« fuhr er fort, gleichsam hingerissen von dem Neuen, das in ihm gärte. »Hole die Kinder, liebe Gattin, daß wir uns mitsammen freuen können, über das, was geschehen ist ... alle!« Der Umschlag fiel ihm wieder von der Nase, und sie legte ihn wieder zurecht. »Der Umschlag ...« sagte sie. »Ja, der Umschlag,« wiederholte er begeistert. »Der große, große Umschlag ...! Hole die Kinder, Line, meine Gattin, daß ich es vor ihnen bekennen kann!« »Ja, aber, Niels, ...« versuchte sie. »Ach Line, Line, du läßt mich also doch im Stich!« sagte er schmerzlich. »Nein, nein, das tu' ich nicht, Niels ... Aber ... aber über was sollen wir uns freuen ...« »Darüber, daß das Alte vergangen und alles neu geworden ist!« Sie beugte sich schnell über ihn und packte ihn bei der Schulter. »Du hast getrunken, Niels,« sagte sie, »und der Doktor hatte es doch so streng verboten.« »Ja, ich habe getrunken!« rief er in Extase, »Aber aus einem Born, so tief und reich, daß mir das Herz davon schwillt ... Hole die Kinder, daß ich auch ihnen zu trinken geben kann!« »Ja aber, Niels ...« »Hole die Kinder, Line! Ich bitte dich! Daß die große Prüfung stattfinden kann.« »Welche Prüfung ...?« »Ob die Liebe alles überwindet ... Hole die Kinder!« Und Frau Line gehorchte ... Aber die Mädchen weigerten sich einträchtig, ihr zu folgen. »Ich glaube dem alten, durchtriebenen Kerl nicht eine Sekunde!« sagte Fräulein Charlotte. »Er will bloß unser Geld in die Finger kriegen!«   Madame Pompadour-Henriksen hatte sich im langen Lauf der Zeit endlich beugen müssen, und die kleine Moor-Minka triumphierte ... Die Sache hat folgenden Verlauf genommen: Als der Handel um Havslundegaard mit dem Kreditverein eingeleitet worden war, hatte Madame Henriksen die Absicht gehabt, sobald der Kauf abgeschlossen war, ihren zweitältesten Sohn, Jeppe, auf Havslunde anzubringen, und Anders, dem Jüngsten, Kragholm zu überlassen, das kleiner war. Und wenn dann Hans, der Älteste, Ravnsholt, den größten der drei Höfe, zugeschrieben bekam, so war jeder der Söhne dem Alter entsprechend versorgt und der Gerechtigkeit Genüge geschehen ... Aber draußen auf dem Moorhof saß also die landflüchtige Frau Minka, die auch ein Wörtchen mitreden wollte: »Hans!« sagte sie deshalb eines Tages zu ihrem Ehe- und Reichstagsmann, »wie lange willst du noch zum Gelächter der ganzen Gegend hier umherlaufen?« Hans starrte beschämt zu Boden, während Minka ihn prüfend betrachtete. Und das Resultat dieser Untersuchung war, daß sie, als er wieder die Augen erhob, um zu antworten, sich ihm laut schluchzend an die Brust warf. »Du liebst mich nicht mehr, Hans,« klagte sie, »denn dann würdest du dich nicht darin finden, daß deine Mutter mich so herabwürdigte!« Hans hätschelte, streichelte und drückte seine Dame und versicherte, er hätte sie nie heißer geliebt als gerade im gegenwärtigen Augenblick. »Dann muß mit der Komödie ein Ende gemacht werden,« sagte sie und bremste ihr Weinen. »Du mußt verlangen, daß deine Mutter mit Jeppe nach Havslunde zieht und uns beide auf Ravnsholt zufrieden läßt.« »Das tut sie nicht!« sagte Hans mit tiefer Überzeugung. Aber da riß Minka sich aus seinen Armen und rief: »Dann verbiete ich dir, jemals wieder hier nach Moorhof zu kommen! Und kommst du doch, dann schließe ich mich in mein Zimmer ein, und du darfst auch nicht einmal einen Zipfel meines Kleides sehen. Ich will mich nicht länger in diese lumpige Behandlung finden! Bist du ein Mann! Sollst du helfen das Land regieren! Hä, ich sehe dich schon im Reichstag stehen und tratschen, du, der du nicht einmal Manns genug bist, deine eigenen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen!« »Minkachen! Minkachen! Immer kalt Blut ...« »Ich will mich scheiden lassen,« fuhr sie fort, »es ist viel besser, daß wir uns scheiden lassen, dann hat doch die Geschichte ein Ende!« Hier begann sie wieder zu klagen und zu jammern, als sollte ihr armes Moorherz brechen. »Und ich, die ich dich so lieb habe,« schluchzte sie, »das weißt du doch selbst.« Ja, das wußte er, das wußte er ...! Und er begann in seiner großen Not wieder zu hätscheln, zu streicheln, zu drücken und zu versichern ... Worauf sie zu Bett gingen. Und am Morgen darauf, als er Abschied nahm, schwor er, daß er ernsthaft mit seiner Mutter reden wolle. Aber natürlich stieß er auf den steilsten Widerstand. Die Pompadour, die noch nie zuvor in ihrem Leben gelacht hatte, schlug in ihrer Ungeübtheit eine Art Gelächter auf, das sich eigentlich wie das Gebrüll eines kranken Tieres anhörte, als sie den Vorschlag des Sohnes hörte, den Hof zu seinen und der Schwiegertochter Gunsten abzutreten. »Ha, ha, ha!« sagte sie. »Und wenn ihr mit zwölf schwarzen Hengsten hier vorführet, würdest du mich um des trotzigen Mädels willen auch nicht einen Zoll breit vom Fleck bringen!« Als Hans mit dieser pompösen Absage nach Moorhof zurückkehrte, gab Minka ihm zum Willkomm eine kräftige Ohrfeige und schloß sich ein. Sie wollte ihn nicht sehen, sie könnte es nicht ertragen , sie wolle sich scheiden lassen, sie könne ihn nicht ausstehen ... Aber nach einer halben Stunde, als er im Kontor des Jägermeisters saß und die Sache mit den Eltern erörterte, wurde die Entreetür ein wenig geöffnet und ein blaurotes verbrülltes Gesicht zeigte sich in der Spalte und sagte milde, aber von schluchzenden Lauten unterbrochen: »Hans ... komm ... einen Augenblick ...« Und Hans ruckelte entzückt in die Höhe und hinaus.. Minka hatte nun in ihrer Einsamkeit einen anderen Plan ausgeheckt: Die beiden ältesten Brüder sollten die Höfe tauschen: »Jeppe nimmt Ravnsholt,« sagte sie, »und du nimmst Havslunde. – Bist du nicht entzückt, Hans?« Hans knaupelte. »Ha, aber Ravnsholt ist doch gut hundert Tonnen Land größer ...« kam es dann. Da sank Minka leblos zu seinen Füßen nieder. »Geh! Fort aus meinen Augen! Du liebst mich nicht!« Aber der Erwählte des Volkes blieb. Und die Sache wurde nach unzähligen Bredouillen so geordnet, wie es seine Frau gewollt hatte ... Nun lag die Zukunft in rosigem Licht vor den jungen Leuten.   Zum ersten September sollte der neue Besitzer Havslunde übernehmen. Und die Familie Uldahl hatte vollauf zu tun, alles Nötige vorzubereiten und zu ordnen ... Am fünfzehnten August wurde eine Auktion über den Hausrat und die Gebrauchsgegenstände abgehalten. Alle Sachen waren im Burghofe untergebracht. Das Wetter war gut; und die Leute kamen scharenweise von meilenweit her, wie Raben nach dem Aas ... In der Ecke zwischen dem Hauptflügel und dem »Asyl« war aus Tonnen und Brettern eine Erhöhung hergestellt worden, und hier saß der Auktionator und rief, daß seine Stimme Lärm und Geschwätz durchschnitt. Eigentlich hätte Isidor Seemann hierbei fungieren müssen, aber er hatte das Vergnügen dem zweiten Polizeigehilfen überlassen. »Drei Kronen und 75« schrie dieser Stellvertreter munter über die Köpfe der Versammlung hinaus. »Drei Kronen und 75! Keiner mehr? Keiner mehr? ... Es ist ein ganz wundervoller Überrock! Er hat richtiges Seidenfutter! ... Das ist etwas für Sie, Christian Poulsen. (Er deutete auf einen kleinen, grinsenden Bauersmann.) Drei Kronen und 75 für einen Überrock mit seidenem Futter, das ist ja gestohlen! Na, Christian Poulsen, wird's was? (Christian Poulsen nickte.) Vier Kronen. Zum ersten! Zum zweiten ... zum dritten! Vier Kronen! ... Bum! (Der Hammer fiel.) Bitte Christian Poulsen! Tragen Sie den Rock mit Gesundheit auf ...! Oder lassen Sie ihn für Ihre Schwiegermutter umnähen, der tut's gewiß not, daß sie ein besseres Innere kriegt!« Das Publikum gluckste und wand sich vor Lachen. Eine neue Nummer wurde aufgerufen ... Die Uldahlschen Damen hatten sich in ihre Zimmer eingeschlossen. Aber Niels hatte das Martyrium auf sich genommen und ging still und demütig unter der Menge umher. Die Narben vom Kampf mit dem Verwalter Larsen waren noch deutlich in seinem Gesicht zu sehen; namentlich die große blutrote quer über der Nase. Aber Niels trug sie unangefochten zur Schau; und Frieden und Versöhnung leuchteten in seinen Augen. – Dieses Heiligen-Betragen bereitete so manchem Anwesenden eine tiefe Enttäuschung. Man hatte sich darauf gefreut, den »Herrn Gutsbesitzer« betrunken umherwackeln und lärmen und rasen zu sehen, wie er es sonst zu tun pflegte, wenn ihm die geringste Kleinigkeit nicht nach Wunsch ging. Es war sogar eine verstärkte Polizeimacht von zwei Mann zugegen. Aber hier, wo Niels Uldahls Gut und Eigentum unter Lachen und Witzen in alle Winde zerstreut wurde, und ein neugieriger und schadenfroher Haufe sich heimlich und offensichtlich über den Ruin seines Hauses freute, hier lief er selbst friedlich umher, ruhig und beherrscht, als ginge ihn die ganze Widerwärtigkeit gar nichts an, Das konnte einen doch bucklig ärgern! ... Aber da kamen doch, Gott sei Dank, Hans Henriksen und Frau von Ravnsholt ... und sie steuerten gerade auf Niels zu ... so, jetzt mußte es doch hoffentlich mit einem Schaustück endigen. Und man notierte mit Befriedigung, daß die große Narbe quer über des Gutsbesitzers Stirn noch röter und sichtbarer wurde, als er das Paar erblickte ... Minka ging und lachte und sprach laut, und deutete auf die Sachen, die ihr Mann kaufen müßte. »Pst!« Da ist der Gutsbesitzer!« sagte Hans plötzlich und wollte abbiegen. Aber Niels streckte freundlich lächelnd die Hand aus und sagte: »Guten Tag, Hans Henriksen! ... Ja, jetzt müssen Sie den Kampf hier aufnehmen. Bitten Sie den Herrgott, daß er Ihnen hilft, damit Sie nicht in mein Kielwasser geraten!« Und als Hans stumm dastand, außerstande, diesen Augenblick zu bemeistern, wandte Niels sich an Minka: »Guten Tag, Frauchen ...! Na, Sie sind auch zur Auktion gekommen.« »Ja-e« stotterte Minka errötend. Es war ihre erste Begegnung nach seinen Vergewaltigungsversuchen. »Ja, sehen Sie nun zu, daß Ihr Mann soviel wie möglich kauft, dann bleibt es doch, wo es hingehört.« Und er streichelte sie noch einmal und ging lächelnd fort ... »Satan auch,« murmelten die Bauern enttäuscht, »was ist denn heute mit ihm los!« ...Da tauchte Verwalter Larsen auf, lang und übermütig. Er begrüßte laut die Umstehenden, während er höhnisch blinzelnd zu seinem ehemaligen Gebieter und Brotherrn hinüberblickte. »So muß es ihnen gehen, den Butterdieben!« kicherte er. Niels Uldahl hielt seinen Schritt an, als er das boshafte Kichern des Verwalters hörte. Dann machte er bedächtig kehrt und ging zurück. Sein Gesicht war bleich, und die Adern standen darin wie Blutstreifen. Endlich! dachten die Bauern boshaft, jetzt kommt es! Aber wiederum streckte Niels Uldahl friedfertig eine Hand aus. »Verwalter Larsen,« sagte er, und nur wenige bemerkten, daß seine Stimme ein wenig bebte, »können Sie einem alten Mann seine unangebrachte Übereilung verzeihen ... Ich bitte Sie hiermit um Entschuldigung! Wollen Sie mir zum Zeichen der Versöhnung Ihre Hand reichen?« Verwirrt streckte der Verwalter seine Hand hin, und Niels ergriff sie und drückte, sie ... Und als Niels Uldahl sogar im Laufe des Tages hinging und seinen Erbfeind begrüßte, den alten Knudsen, den »Pferdehändler«, der ein väterliches Gut Egesborg, gekauft hatte, sahen die Bauern ein, daß der Verstand des Gutsbesitzers gelitten hatte und gaben den Mann auf.   Fräulein Charlotte hatte ihrem Vater Unrecht getan, als sie nicht an seine durchgreifende seelische Umwälzung glauben wollte; denn Tag auf Tag verging, ohne daß Niels Uldahl auch nur im geringsten seiner alten sündhaften Lebensweise wieder verfallen wäre. Spiritus genoß er nicht mehr, Karten rührte er nicht an, und nie mehr warf er sein Auge auf Weiber. Ja, selbst seinem Busenfreunde, dem Schmied, der sich wieder zum Dienst gemeldet, hatte er die Wege gewiesen. Doch natürlich erst, nachdem er zuvor in milden Wendungen versucht hatte, zu seiner unsterblichen Seele zu sprechen ... Ergreifend war es, diese beiden alten Kombattanten, weißhaarig und narbenbedeckt vom Kampf desselben Lebens, trockenen Mundes nebeneinander im Turmzimmer sitzen zu sehen, an jenem bejahrten Mahagoni-Klapptisch, über den einst der Wein geflossen war und die Karten getanzt hatten ...! Niels Uldahl hatte davon erzählt, wie ihm das Heil gekommen war: durch seine liebe, selige Mutter, die sich ihm im Traum gezeigt und ihn mit Worten und Gebeten vom breiten, asphaltierten Wege des Verderbens hinweg und auf den schmalen und steinigen dito der Entsagung verwiesen hatte. »Schmied, Schmied!« schloß er seine erhabene Rede. »Kehre um! Kehr' um!« Aber der Schmied kniff verschmitzt ein Auge zusammen. »Und der Herr Gutsbesitzer wollen auch nicht mehr mit Frauenzimmern zu tun haben?« fragte er. »Nein, nein!« sagte Niels entsetzt. – »Niemals!« »Aber wie wollen der Herr Gutsbesitzer es nun loswerden!«? »Dafür wird Gott sorgen!« »Und trinken wollen der Herr Gutsbesitzer auch nicht mehr?« »Nein!« »Ja, aber, was hat man denn dann noch, möcht' ich fragen!« »Die Entsagung , Schmied! Die große Freude an der Entsagung.« Aber der Schmied schüttelte sein weißes Haupt. »Ich finde wirklich, wir müssen schon ohnedies so vielem entsagen,« meinte er, »daß der Herrgott uns sehr wohl die paar Vergnügungen gönnen könnte, die noch übrig sind!« Und wieder kniff er schelmisch ein Auge zusammen. »Wollen der Herr Gutsbesitzer vielleicht auch nicht mehr essen?« Niels lächelte nachsichtig. »Ja, essen will ich,« sagte er. »Aber nur das Notwendigste.« »Na also doch!« nickte der Schmied, und das Lachen überwältigte ihn. »Ja, wohl bekomm's also,« sagte er und stand auf. »Und auch gleich adieu ... und viel Vergnügen!« »Denk' nun über meine Worte nach, Schmied!« rief ihm der Gutsbesitzer nach. »Ja – ha – ha – a!« sagte der Freund und stürzte davon. Niels Uldahl sah ihn von seinem Fenster mit krummem Rücken durch den Hof flüchten. Die Beine des Schmiedes schlugen zuweilen geradezu ein Kreuz unter dem Manne, so lachte er. Aber dies rührte Herrn Niels keineswegs. Er wußte ja, der Weg der Entsagung war eingefaßt von den Dornen des Hohnes und den Nesseln des Spottes ...   Es war am Tage der Abreise ... Die Familie Uldahl saß um den Frühstückstisch im Eßzimmer. Im Laufe des Nachmittags sollte man Havslunde verlassen. Kisten und Körbe standen vollgepackt an den Wänden entlang, ebenso Säcke mit Wäsche und Kleidern und Bündel von Deckbetten und Kissen. Die Fenster waren ohne Gardinen. Das Tageslicht fiel schneidend auf das ganze Chaos ... Man aß in tiefem Schweigen. Nur ab und zu erklang ein »Bitte« und ein »Danke«, wenn die Schüsseln herumgingen ... Plötzlich tauchte Fräulein Sophies bleiches Gesichtchen vor einem der nach dem Garten gelegenen Fenster auf; verschwand aber gleich wieder, ohne daß es jemand gesehen hätte. Niels Uldahl saß und starrte andauernd auf seinen Teller hinab. Vor ihm stand ein Glas Milch ... Durch Frau Lines Vermittlung hatte er in den letzten paar Wochen täglich an den Mahlzeiten der Familie teilgenommen. Und wenn abends die Lampe im Wohnzimmer angezündet wurde, glitt er still durch die Entreetür hinein und setzte sich auf ein bescheidenes Stühlchen in einer Ecke, dankbar dafür, daß man ihn nicht fortwies oder aufstand und ihn im Zimmer allein ließ ... All dies hatten Frau Lines warmfühlendes Herz und gute, milde Worte allmählich durchgesetzt. Nur Fräulein Sophie verhielt sich jeder Art von Versöhnung gegenüber immer noch unerschütterlich abweisend. Der Vater war ihr sogar womöglich noch widerwärtiger, seit seine Demutsperiode begonnen hatte. Sie aß nie mit den anderen zusammen, und sie verließ ein Zimmer, sobald Niels sich zeigte. Er war für sie ein heimtückisches und unreines Tier, und sie floh schaudernd seine Nähe –. Eines Tages, als sie und Niels zufällig im Entree zusammentrafen, und er ihr furchtsam und flehend eine Hand auf die Schulter gelegt hatte, flüchtete sie in den Hof hinaus und übergab sich aus Ekel vor seiner Berührung. Frau Line hatte sie immer wieder gebeten und gebettelt, sich zu beherrschen. Aber Sophie hatte das eingeschüchterte Antlitz zu ihr erhoben und gesagt: »Ich kann nicht, Mutter, ich kann nicht! Es hat keinen Zweck!« »Ja aber, Sophiechen, bedenke doch, wenn wir jetzt in die Stadt ziehen und eine viel kleinere Wohnung bekommen, dann wirst du ja genötigt zu ...« Sophie unterbrach sie: »Ich ziehe nicht mit,« sagte sie hart. »Und laß mich jetzt zufrieden!« Und Frau Line hatte resigniert das Haupt gebeugt. Sie verstand die harten Herzen ihrer Kinder nicht ... Und als sie später oben in der »Kapelle« wie gewöhnlich ihre Karten hervorgeholt hatte, um mit ihrer getreuen Hilfe Trost und Aufklärung über die Zukunft zu suchen, hatte sich mitten in einem sonst verheißungsvollen Stern plötzlich ein schwarzes und nicht zu durchschauendes As in den Weg geschoben; so daß alles auch fernerhin in Ungewißheit und Dunkel da lag ... Auch von dem Umgang mit ihren Geschwistern hatte Fräulein Sophie sich zurückgezogen. Sie fand in ihrem aufrührerischen Herzchen, daß sie sich niedrig und erbärmlich betrugen, indem sie in dieser Weise den Vater zu Gnaden aufnahmen, nur weil er jetzt, wie sie es in ihrer jugendlichen Kurzsichtigkeit nannte, kroch und schwänzelte und den Heiligen spielte. Und sie vermied ihre Gesellschaft und streifte die Tage hindurch, nur von Türk gefolgt, in den Wäldern und am Strande der Bucht umher ... Sie war wie ein friedloses irrendes Vögelchen, das eines Nachts plötzlich aus seinen Träumen erwacht ist und, dicht vor sich, in den gelbgrünen Augen einer Katze alle erstarrenden Schrecken des Lebens erblickt hat ... Lieber, lieber Isidor, schrieb sie zum letzten Male in ihr Tagebuch, ich kann das Leben nicht mehr aushalten. Wenn die anderen heut nachmittag von hier fortfahren, fahre ich nicht mit, ich will nicht fort von Havslunde! Ich würde ja doch nur aus dem Wagen springen und schreien und schreien und zurücklaufen und wahnsinnig werden vor Sehnsucht. Wie kann man nur einen Ort so innig lieben, wo man es so schlecht gehabt hat? Ich weiß es nicht. Nein, ich will sterben, das ist das Einzige, was mir zu tun übrig bleibt. Und dann ist ja auch noch all das andere Schreckliche, das ich erlebt habe, Isidor, was ich Dir erzählt habe, und das was kein Mensch jemals erfahren soll, am allerwenigsten Du! Unten an der Bucht bei den zwei hohen Dünen, da ist ein Platz, dort könnt ihr mich finden, da ist es so schön. Ich weiß wohl, daß Türk mir nachspringen wird, aber dann faß ich ihn um den Hals und ziehe seinen Kopf unter das Wasser herunter, und dann sinken wir alle beide. Leb' wohl, leb' wohl, Liebster, liebster Isidor! Vergiß mich nicht! Aber ich habe trotzdem solche Angst! Deine kleine Sophie Uldahl-Ege † den 28. August 1904. Jetzt schlucke ich das Stück Radiergummi, das ich von Deinem Schreibtisch nahm, das soll kein anderer besitzen. Epilog Es war an einem Sonntag vormittag gegen Weihnachten. Über den Dächern der Stadt lag Schnee und alles war öde und leer ... Aber da fielen plötzlich die Kirchenglocken ein, die heiligen Tore wurden aufgeschlagen, die Gemeinde erfüllte die Straße, wünschte einander Wohlbekomms! und eilte nach Hause zum Mittagessen. Niels Uldahl und die alte Frau Thora Seemann verließen die Kirche Seite an Seite, die Gesangbücher hielten sie in den Händen. »Möchte die gnädige Frau nicht meinen Arm nehmen, es ist ein bißchen glatt.« »Gewiß, tausend Dank! ... Ja, es ist ein bißchen glatt mit dem Schnee, aber sonst ein reizendes Wetter, so milde und stille. Wer sollte glauben, daß wir bald Weihnachten hätten! ... Wie geht es bei Ihnen zu Hause?« Frau Thora wußte sehr wohl, daß Niels keinen weiteren Verkehr mit seiner Familie hatte, aber sie hielt auf die Formen. »O danke, recht gut!« »Ihre Frau und Töchter kommen nie ins Gotteshaus glaube ich ...« »Nein leider ...! Achten Sie auf die Schlittenbahn dort.« »Ja, ich sehe sie ja; die Kinder, die Kinder, aber es sind ja Kinder! ... Das war eine reizende Predigt heute, finden Sie nicht Herr Uldahl?« »Ausgezeichnet! Ich lerne Probst Lindemann immer höher schätzen.« »Ja, er ist ein wundervoller Mann, wundervoll! .. Danke, ja, jetzt bin ich schon zu Hause. Und Dank für die Begleitung!« »Nein, ich begleite doch unter allen Umständen die gnädige Frau die Treppe hinauf.« Die alte Dame lachte vergnügt: »Wirklich? Ja, Sie sind ein ausgesuchter Kavalier, wahrhaftig!« Als Niels geläutet hatte und Frau Seemann im Entree stand, sagte er: »Ja, dann komme ich also Dienstag wieder?« »Ja, tausend Dank! Sie wissen nicht, wieviel Sie für mich sind!« »Das Gefühl ist gegenseitig, liebe Frau! Es verleiht eine solche angenehme Sicherheit mit Menschen zusammen zu sein, die einen verstehen!« »Gott segne Sie, ja, nicht wahr! ... Darf ich Sie bitten, zu Hause zu grüßen?« »Ich gleichfalls Ihren Mann.« »Danke ... Ja, dann auf Dienstag?« »Auf Dienstag, ja! ... Adieu, liebe Frau Seemann, und Dank für den heutigen Tag.« »Adieu, adieu, lieber Herr Uldahl! Und Gott segne Sie noch einmal für das, was wir einander sind!« Niels Uldahl hatte das Herz der alten Frau Seemann gewonnen, indem er ihr seine ganze Leidensgeschichte mit seiner Frau und seinen Kindern erzählt hatte, die ihn durch ihre Unfreundlichkeit gegen ihn in ein sündiges Leben hinausgetrieben hatten. Und sodann berichtete er die schöne Geschichte, wie seine liebe verstorbene Mutter seine Umkehr bewirkt, indem sie sich ihm mit Erfahrungen und Gebeten gezeigt hatte. Worauf Frau Seemann, vollständig überwunden, seine Aufnahme in die Gemeinde durchgesetzt hatte. Und nun kam er häufig zu ihr zu Besuch, wo sie im Erinnerungs-Sofa saßen und von den höchsten Dingen sprachen, während der alte Vater Seemann, unempfänglich für alle Narrenstreiche dieser und jener Welt im Wohnzimmer seine Zeitung las ... Aber den tiefsten und unauslöschlichsten Eindruck hatte Herr Niels doch dadurch auf Frau Thora gemacht, daß er ihr das Dogma von der unbefleckten Empfängnis ausgelegt hatte; diese fundamentale Frage, die nicht einmal ihr kluger und heißgeliebter Sohn Isidor zu ernsthafter Behandlung aufzunehmen gewagt hatte ... Die Familie Uldahl hatte den ersten Stock eines alten Kaufmannshauses bezogen, das am südlichen Stadttor lag. Frau Line und die Mädchen hatten die Wohnung gemietet, weil ein großer alter Garten zu ihr gehörte. Dann war doch der Übergang nicht ganz so schwer. Und in der Gegend bleiben wollten sie; nun hatte Frau Line ja außerdem auch noch Fräulein Sophies Grabstätte zu versorgen bekommen ... Niels verhielt sich den Handlungen seiner Familie gegenüber ganz passiv, dankbar dafür, daß man ihn nicht völlig verstieß. Still und bescheiden führte er sich auf. Und als er auf seinen demütigen Vorschlag aus opportunen Rücksichten wieder wie in alten Tagen das Schlafzimmer mit seiner Gattin zu teilen, eine verdutzte Absage erhielt, wählte er sich, um so wenig wie möglich zu genieren, ein paar abgelegene Zimmer oben auf dem Boden neben der Mädchenkammer. Und hier lebte er zurückgezogen und still und zeigte sich nur bei den Mahlzeiten. Aber diese herzlose Verbannung von Herd und Bett erregte natürlich bedeutendes Aufsehen in dem Städtchen. Die alte Frau Seemann behauptete geradezu, es wäre schändlich, wie seine Damen ihn behandelten. Ringsum in anderen christlichen Häusern sagte man dasselbe. Und Niels wurde allmählich eine Art Märtyrer. Selbst der Umstand, daß er ein paarmal, ehe ihn die Gnade so richtig untergekriegt, einen leichten Rückfall bekommen hatte und berauscht auf der Straße gesehen worden war, schwächte sein Ansehen keineswegs. Er bereute nämlich nachher so wirklich reizend, ließ kein gutes Haar an sich und sagte, es würde ihn nicht wundern, wenn Gott zuletzt die Geduld verlöre ... So oft sich die Gelegenheit bot, ging er in die Kirche und setzte sich noch mehr dem Spott und Hohn der Welt aus, indem er morgens und abends religiöse Traktate an die Arbeiter verteilte. Ja, er trat sogar ab und zu in frommen Versammlungen auf und legte seine ganze Vergangenheit bloß; was ihm so manches Ohr in der Gemeinde gewann. Nur Frau Line und ihre Töchter verhielten sich dieser Bewegung gegenüber andauernd verständnislos und abweisend. Frau Line war seit dem so traurigen Tode ihrer Lieblingstochter immer verschlossener und schweigsamer geworden. Nicht einmal die Karten spendeten ihr noch Trost. Sie hatte Fräulein Sophies Tagebuch gelesen, ehe sie es Isidor Seemann übergab, und diese Lektüre hatte sie um ihre gewohnte Ruhe gebracht. Ihr Mut war gebrochen, und ihre einst so starke und geduldige Seele hatte ihre Spannkraft verloren; denn sie war ja nicht einmal imstande gewesen, ihrem armen, einsamen Kinde Verständnis und Hilfe zu bringen. Und sie wiederholte verzweifelt die Worte des brustkranken Jens Oluf: Es nützt nichts! Es nützt nichts! Die Menschen wohnen so fern voneinander ... Und sie hatte doch den redlichsten Willen gehabt. Nur wenn sie in dem kleinen Stübchen der Lurvadt und der Rottböl saß, dort in dem Stift, wo die Mädchen beide untergebracht waren, fand sie einen kargen Trost. Die Lurvadt mußte ihr dann immer wieder alles von Fräulein Sophie berichten, worauf sie sich nur irgendwie besinnen konnte, Munteres und Trauriges durcheinander. Und Frau Line saß dann und hörte still zu, während die Rottböl in einer Ecke des Zimmers an ihren Puppen herumpusselte und ihr Lieblingslied vom wolkenlosen Lande der Träume summte ... oder mit irgendeinem merkwürdigen Wort jonglierte: »Bankrott-Hof, Rottbankhof, Hof-Bank-rott!« lautete die neueste Bereicherung ihres Repertoires. Und wie Frau Line das Leben hinschleppte, so auch ihre Töchter. Sie waren sich selbst überlassen und gingen jede ihre eigenen Wege. Fräulein Anna faulenzte die Tage hindurch über einem Buch, in dem sie niemals las. Und Fräulein Charlotte und Fräulein Frederikke saßen, ihre Pfeifen dampfend, und vertieften sich jede auf ihre Weise in Gedanken über die Anziehung zwischen den menschlichen Geschlechtern ... Nur der Märtyrer Niels Uldahl-Ege, der Geringgeschätzte, der Verleugnete, der in jeder Beziehung Gewesene, erhob sein weißes kampferprobtes Haupt siegreich immer höher über der Asche der Vergangenheit. Denn er hatte Gott gefunden!