Monika Hunnius Mein Weg zur Kunst Raimund von Zur-Mühlen und Hans Schmidt in alter Freundschaft Kindheit und Jugend Mein Elternhaus in Narva Als ich geboren war, schrie ich Tag und Nacht zum Entsetzen meiner Familie. Meine Mutter wurde durch das fortwährende Geschrei ganz nervös und weinte. »Was wird das für ein Kind?« meinte seufzend unsere alte russische Wärterin. Mein Großvater aber, der Kinderarzt war, sagte: »Sie wird eine Sängerin, laßt sie schreien!« Mein Vater entstammte einer alten deutschen Pastorenfamilie, die im Anfang des 18. Jahrhunderts in die Ostseeprovinzen gekommen war. Er war Prediger in einer kleinen Stadt Estlands. Es war das altertümliche Narva an der ingermanländischen Grenze. Meiner Mutter Familie stammte ursprünglich aus Böhmen, wodurch vielleicht die große Begabung für Musik in unserer Familie zu erklären ist. Wir lebten in einem spitzgiebeligen Hause, das dicht gegenüber der altertümlichen Kirche lag. Glockenklang, Choralgesang tönten in unsere ersten Kinderträume und erfüllten unsere Phantasie von früh auf. Meine Mutter, die ein großer Altersunterschied von meinem Vater trennte, war seine zweite Frau – eine ganz andere Natur, als er. Er war etwas langsam, ernst und schwerfällig. Alles mußte für ihn zurücktreten, wenn es galt, seine Pflicht zu tun. Eine große Strenge gegen sich selbst mit einem Stück Askese charakterisierte ihn. Dieser Ernst seines Wesens wurde aber gemildert durch einen ausgesprochenen Sinn für Humor und ein Herz voll Liebe. Wir Kinder hatten eine große Scheu vor ihm, die bei mir oft an Furcht grenzte. Meine Mutter war jung, voller Phantasie, eine strahlende Persönlichkeit, eine Künstlerseele und Dichterin. Sie hatte eine wunderschöne Stimme. In ihrem Gesang lag etwas Fortreißendes und Ergreifendes, denn sie konnte jede Empfindung aussprechen. Ihre große, ehrfürchtige Liebe zu unserem Vater empfanden wir schon als Kinder sehr stark. Trotz ihrer glänzenden Begabung, ihres raschen Geistes war es ihr, die ihn in seiner etwas übergewissenhaften Art oft überflügelte, selbstverständlich, sich jederzeit ihm zu beugen, denn sie erkannte seine Überlegenheit, die in seiner ruhigen, männlichen Art lag, unbedingt an. Es war viel Liebe in unserem Hause, dessen Sonne meine Mutter war. Sie hatte eine freudige Art, das Leben zu leben. Wie es genialen Naturen meist eigen ist, trug sie eine große Kindlichkeit in sich, die sie sich durch ihr ganzes Leben erhielt. Diese Seite ihres Wesens gab ihrer starken Natur einen besonderen Reiz. Zwei erwachsene Söhne aus erster Ehe lebten schon nicht mehr im Elternhause, als wir geboren wurden. Wir waren drei Kinder: ein älterer Bruder, ich und eine jüngere Schwester. Letztere verletzte sich schwer durch einen Sturz als kleines Kind. Die Folge war ein unheilbares Rückenmarkleiden, das sie in späteren Jahren fast hilflos machte. Sie war von uns dreien meiner Mutter am ähnlichsten und hätte Großes im Leben erreichen können, wenn sie gesund gewesen wäre, denn sie verband mit dem genialen und künstlerischen Sinn meiner Mutter die unbeugsame, stille Energie meines Vaters. Mein Bruder war ein schöner, begabter Knabe, der schon früh seine ersten Dichterversuche machte. Musikalisch waren wir alle drei. Unsere Mutter lehrte uns, wie mein Vater behauptete, zuerst das Singen und dann das Sprechen. Die ersten Anfänge meiner musikalischen Erziehung fallen in eine sehr frühe Zeit meines Lebens. Als ich so klein war, daß ich noch nicht sprechen konnte, begann mein erster Gesangunterricht. Ich saß auf meiner Mutter Schoß, die mir Töne vorsang, wobei sie ein Stückchen Zucker in der Hand hielt. Bald begriff ich, daß dieses Stückchen Zucker nur dann in meinen sehnsüchtigen kleinen Mund gelangte, wenn ich Laute von mir gab, welche allmählich zu richtigen Tönen wurden. Bei der Geburt eines jeden Kindes bestimmte meine Mutter die Stimmlage, in der es einmal singen sollte. Ihr Traum war, unter ihren Kindern ein Gesangquartett zu haben, wobei ich den Alt übernehmen sollte. Alles in unserem Hause wurde mit Gesang begleitet: unser Aufstehen und unser Schlafengehen, unsere Spiele, unsere Leiden und unsere Freuden. Als ich so groß war, daß ich mit der Nase über die Tasten des Flügels reichte, sagte meine Mutter: »Nun bist du groß genug dazu, nun mußt du die zweite Stimme singen!« Und ich sang sie, zuerst eine Oktave tiefer als die anderen Stimmen; das verbot mir aber meine Mutter. Oft versammelte sie uns um ihren Flügel, wo sie mit uns sang. Mein Lieblingslied war: »Die Katz sitzt auf der Mauer,« das konnte ich nie laut genug singen, was meine Mutter rügte; ich solle mich nicht hervordrängen, sagte sie. Zu den schönsten Erinnerungen aus meiner frühesten Kindheit gehört das Singen in der Dämmerstunde, wenn unsere Kirchenglocken den Sonntag einläuteten. Tief und dunkel klangen sie, und wenn sie schwiegen, sangen wir, um meine Mutter geschart: »Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh.« Wie ahnungslos unsere kleinen Stimmchen über den Worten hinschwebten! Unsere Mutter sang mit ihrem tiefen, weichen Alt die dritte Stimme dazu, und noch höre ich den schönen Ausdruck, mit dem sie sang: »Nein, nein, hier ist sie nicht! Die Heimat der Seele ist droben im Licht.« Durch meine Mutter lernten wir alle schon früh unsere wunderbaren deutschen Lieder kennen. Ich kann mich gar nicht besinnen, daß ich jemals die »Müllerlieder«, »Frauenliebe und -leben« und »Die Winterreise« gelernt hätte. Ich habe sie immer gekannt, sie gehörten zu mir wie mein Leben und Atmen. Ich sang sie oft bei meinen Spielen. Einmal sang ich, an meinem Kindertischchen sitzend, bei einem trüben Talglicht mit heller Stimme »die Klage der Peri« von Schumann. »Wie glücklich sie wandeln, Die seligen Geister, Im Dufte der Blumen, Die nimmer verblühn.« Meine Mutter hörte mich und kam in ihrer stürmischen Art schnell zu mir herein: »Wer singt da?« fragte sie. »Ich,« sagte ich erschrocken und kläglich. »Wo hast du's her?« fragte sie. »Aber du hast es doch gesungen.« »Sing's gleich noch einmal.« Aber ich weinte und konnte es nicht. »Du bist ein ganz dummes Kind,« sagte sie ärgerlich, »siehst du denn nicht, daß ich mich freue?« Jeden Morgen beim Ankleiden sang ich eine Art Morgenhymne, und ich fühle noch jetzt die Wonneschauer, die mich beim Klang meiner eigenen Stimme überrieselten. Worte und Melodie hatte ich selbst zusammengestellt: »Halleluja, gelobt sei Jesus Christus. Hosianna in der Höh!« Ich sang so laut, daß meine alte russische Wärterin kopfschüttelnd sagte: »Mein Gott, mein Gott, diese Stimme! Schrei doch nicht so laut, du weckst ja die Kleinen.« Meine Mutter hatte nie Musikunterricht gehabt, was sie konnte, hatte der liebe Gott sie gelehrt. Sie hatte ein feines Ohr für Klang und ein starkes Empfinden für Schönheit. Sie erlaubte mir nie, gellend zu singen oder zu schreien. »Sing immer so, daß es hübsch klingt,« sagte sie. So wurde mein Gefühl für die Schönheit des Klanges früh erzogen, und mein Sinn für das Ästhetische der Musik ist wohl auch dadurch stärker geworden als für das rein Musikalische. Der Begriff Musik war mir von Gesang untrennbar, das Klavier interessierte mich wenig. Eines Tages faßte meine Mutter einen kühnen Plan. Ich sollte zum Geburtstag meines Vaters zwei kleine Stücke vierhändig mit ihr spielen. Mit dem ganzen Enthusiasmus ihrer Natur schilderte sie mir die Freude, die mein Vater dabei haben würde. Ich glaube, der künftige Pädagoge regte sich in mir schon, als ich ängstlich fragte: »Ja, wie soll ich das aber machen?« »O,« sagte meine Mutter ganz begeistert, »ich zeige es dir an!« Ich war nicht sehr dafür, daß meine Mutter mir etwas anzeigte. Sie war großartig und klug, aber sehr schnell, weit von jeder Musikpädagogik entfernt, und sehr ungeduldig. Ich hatte meine Erfahrungen gemacht. Sie wollte uns immer überreden, wenn sie uns etwas lehrte, wogegen ich mich auflehnte. Und dann war sie so rasch, daß ich mit meinem kleinen, geordneten Kopf oft gar nicht folgen konnte. Bald saß ich mit ihr am Flügel, ein kleines Blatt mit Noten war vor uns aufgestellt. »Du spielst den Diskant,« sagte meine Mutter mutig, »und ich spiele den Baß!« »Was ist denn das?« fragte ich mißtrauisch. »Ach spiel doch, du wirst es schon sehen,« war die Antwort. »Nimm deine beiden Zeigefinger, hier sind die Tasten, und nun schlage diese Töne zweimal an, ich werde zählen.« Sie begann zu zählen: »Eins – zwei –.« Was das Zählen mit all dem zu tun hatte, konnte ich wieder nicht begreifen. »Nun die beiden Töne nebenbei,« rief meine Mutter und zählte wieder, »und so geht es immer weiter.« Ich versagte vollständig und fing an zu weinen. Meine Mutter wurde ärgerlich. »So, jetzt fangen wir noch einmal an,« sagte sie dann überredend. Ich aber war hoffnungslos und meine Tränen strömten unaufhaltsam herab. Ich versuchte dabei zu spielen, aber meiner Mutter Zählen wurde immer lauter, und sie begann nun auch den Takt dazu zu schlagen. Ich fühlte in der ganzen Sache keinen rechten Zusammenhang, was mich verzweifeln ließ. Meiner Mutter Taktschlagen mußte eine üble Wendung genommen haben, denn das Notenblatt flog vom Klavier, der Notenständer fiel mit einem Krach zusammen, ich aber weinte nicht mehr, ich schrie. Meine Mutter hob das Blatt vom Boden auf und begann mit sanfter Stimme mir zuzureden, aber das wurde mir erst recht unheimlich. Sie schilderte die große Freude, die ich meinem Vater bereiten würde, und rührte mich damit aufs neue zu heißen Tränen. Ich versprach, mich zu bessern und es noch einmal zu versuchen. Es ging natürlich wieder nicht, weil mich das Zählen verwirrte und ich überhaupt die Verbindung zwischen den geschriebenen Noten und den weißen Tasten nicht begriff. Da ertönte als Erlösung die Haustürglocke, und mein Vater kam heim. Ich weiß nicht, wer froher darüber war, meine Mutter oder ich. Von der geplanten Überraschung wurde nie mehr gesprochen. Ach, meine liebe Mutter war ein großartiger Mensch, aber Klavierstunden zu geben, verstand sie wirklich nicht! Ich glaube, ich muß sieben Jahre alt gewesen sein, als ich die ersten richtigen Klavierstunden bekam. Meine Lehrerin hieß Kathi, war eine Freundin unseres Hauses und wurde von uns heiß geliebt. Aber es war merkwürdig: gleich in der ersten Stunde veränderte sie sich und wurde für mich ein ganz neuer und schrecklicher Mensch. Sie sprach mit einer fremden Stimme und verlangte Dinge von mir, die ich nicht begriff. Ich sollte »üben« und wußte nicht wie. Nach einigen angstvollen Versuchen meinerseits, zu ergründen, was sie eigentlich von mir wolle, versteinerte ich mich innerlich und tat nichts. Ich war als Kind nicht leicht zu erziehen; fand man den Schlüssel zu mir, so konnte man mich mit einem Blick leiten, fand man ihn nicht, so konnte man nichts mit mir beginnen. Meine einst so sehr geliebte Kathi fand den Schlüssel nicht, und ich begrub sehr schnell meine Liebe zu ihr in meinem kleinen Herzen, sie verwandelte sich in Furcht und Widerstand. Wie und was ich üben sollte, blieb mir immer ein dunkles Geheimnis. Mein Übungsklavier stand im oberen Stock in einem Zimmer, das von einer Witwe, Frau Tamissar, und deren fünf Kindern bewohnt wurde. Mein Vater, der damals schwer krank war, durfte keinen Ton hören, und meine Mutter hatte keine Zeit, mich zu beaufsichtigen. Ich mußte um eine bestimmte Stunde ans Klavier gehen; was ich da tat, war meine Sache. Es ging hoch dabei her. Bei meinem Erscheinen umringte mich sofort die Familie Tamissar voll glühender Bewunderung. Ich dachte keinen Augenblick daran, Wohlfahrts »Klavierschule« aufzuschlagen, die nur unfaßliche schwarze Punkte enthielt, die sinnlos auf Linien umherkletterten. Ich erging mich in freien Phantasien, und manchmal sang ich sogar dazu. Ob Gesang und Begleitung miteinander übereinstimmten, weiß ich nicht, glaube es aber keinesfalls. Doch die uneingeschränkte Anerkennung, die ich genoß, erhob mich über mich selbst. Schrecklich aber war's, wenn der Tag der Klavierstunde nahte. Alles ging soweit gut, bis ich vor der kleinen, eisenbeschlagenen Tür stand, die zur Hintertreppe von Kathis Wohnung führte. Sie erschien mir wie die Tür zur ewigen Verdammnis. Mein Gewissen schrie laut in mir, bis dahin hatte es in festem Schlafe geruht. Langsam stieg ich die Treppe empor, mit wilder Angst nach einer Erinnerung suchend, ob ich nicht wenigstens einmal den Wohlfahrt aufgeschlagen und meine Aufgabe geübt hätte. Aber unerbittlich stand die Wahrheit vor mir, ich hatte es kein einziges Mal getan. Kathis erste mit strenger Stimme gestellte Frage lautete: »Hast du geübt?« »Nein,« stieß ich hervor, und meine Tränen begannen zu fließen. Nun kam die Schelte. Ich weinte nicht mehr, ich schrie in meiner Angst laut, so daß Kathi die Türen schloß, damit mein Gebrüll nicht ihre Familie erschreckte. Und dann kamen wieder Erklärungen, die ich nicht begriff, und das wilde Auflehnen in mir gegen die fürchterliche Musik, die hier so ganz anders war, als wenn ich zu Hause das »Sehnsuchtlied der Peri« sang, oder wenn wir im Dämmern mit Mutter geistliche Volkslieder anstimmten. Ich konnte mir das gar nicht zusammenreimen – es mußte eben zwei Arten von Musik geben: eine, die man konnte, und die in einem lebte, schön und vertraut, die einem die Seele weitete und mit Schauern der Wonne erfüllte, und eine, die man nicht konnte, die fremd und schrecklich war, die man lernen sollte und nicht lernen konnte, die von außen auf einen eindrang und sich nie mit der Musik, die in einem lebte, verband. Ich glaube, die Pädagogik meiner Kinderjahre bestand vor allem in Schelten und Strenge, und eine Hauptsache war die, daß die Lehrer sich so fern wie möglich von ihren Schülern stellten. Man mußte als Lehrer unbedingt gefürchtete Respektsperson sein. Wenn das Wesen der Erziehung – auch der musikalischen – hauptsächlich darin bestehen soll, dem Schüler die Wege zu seinem eigenen Ich zu bahnen, so ahnte meine Lehrerin davon wohl nichts. Mein kleines, verschüchtertes Ich und die Musik, die ich lernen sollte, stellten sich wie zwei Feinde gegeneinander. Und doch war meine ganze Seele erfüllt von Musik, ich fand nur die bewußte Verbindung mit ihr nicht, und so wurde sie mein Feind. Noch sehe ich das Zimmer, in dem ich Stunden hatte, mit seinen Glasmalereien an den Fenstern, mit seinen beiden großen Flügeln und den Violinpulten und -kästen, mit seiner Atmosphäre von Schelten und dunklem, angstvollem Widerstreben. Aber seltsamerweise wirkte dies alles nicht so auf mich, daß ich zu begreifen und zu üben versuchte. Ich muß wirklich ein großes Stück Leichtsinn in mir gehabt haben, daß ich alle diese Schrecken immer wieder so schnell vergessen konnte. Mein Gewissen schwieg und erwachte nur, wenn ich vor der eisenbeschlagenen Tür stand, die zu meiner Folterkammer führte. Außerdem erschien mir die Sache derartig hoffnungslos, daß ich mich gar nicht viel um sie mühte. So ging es eine Weile, bis Kathi erklärte, ich sei so verstockt und faul, daß sie mit mir nichts anfangen könnte. Ich wurde von meiner Mutter sehr streng vermahnt, versprach mich zu bessern, obgleich ich es mir nicht vorstellen konnte, wie ich es machen sollte, und wurde dann zu Frau Rödder gebracht, der Frau unseres Stadtorganisten. Sie war eine runde, lustige Frau mit einer hellen, freundlichen Stimme, die mit einem Schlage meine ganze widerspenstige und leichtsinnige Seele in ihre Hand bekam. Ich begriff plötzlich alles. Der Musik, die ich lernen sollte, antwortete die Musik in meiner Seele. Jede Stunde brachte neue Offenbarungen. In ihre Zimmer voll Sonne und Blumen kam ich mit frohem Herzen. Das feste Zutrauen dieser liebevollen, warmen Seele zu allem, was gut in mir war, öffnete mein Herz weit. Ich liebte sie und hätte sie nicht enttäuschen können. Ich machte plötzlich große Fortschritte, denn sie lehrte mich, wie ich zu Hause üben mußte, und ich übte nun mit Freuden. Und wenn ich meine kleinen Musikstücke auswendig und fehlerlos in der Stunde vorgespielt hatte, dann rief sie mit heller Stimme nach Mann und Söhnen: »Kommt und hört, wie die kleine Mona spielt!« Und sie kamen und mußten sich als richtige Zuhörer hinsetzen. Stolz und selig saß ich da mit meinen spiegelblank geflochtenen Zöpfen, mit baumelnden Beinchen auf dem hohen Klavierstuhl, zählte laut und spielte der aufhorchenden Familie meine kleinen Stücke vor. Ja, das war wohl etwas ganz anderes als die Erfolge bei der Familie Tamissar. War es besonders gut gegangen, durfte ich vorsingen: »Die Katz sitzt auf der Mauer« und »Wenn die Schwalben heimwärts ziehn«. Das letztere sang ich mit besonderem Entzücken und großer innerer Bewegung. Frau Rödder, die mich begleitete, strich mir dann liebevoll übers Haar. Einmal sah ich zu meinem großen Erstaunen, daß sie dabei Tränen in den Augen hatte. »Kind, aus dir wird noch was,« sagte sie, und mir war's, als wüchsen mir Flügel. Der Tod meines Vaters machte diesem schönen, freudigen Arbeiten ein Ende, ich war damals neun Jahre alt, wir mußten Narva verlassen und siedelten nach Riga über. Ich erlebte noch eine große musikalische Ehrung vor meiner Abreise. Ich durfte vor der ganzen Schule in der letzten Gesangstunde ein Abschiedslied singen. Unser alter Gesanglehrer begleitete mich. Ich hatte mein Lied selbst gewählt und sang: »Wenn die Schwalben heimwärts ziehn.« Ich war begeistert und sang, so laut ich irgend konnte, ohne Scheu alle Verse, ich schenkte meinen Zuhörern nichts. Beim letzten Vers: »O armes Herz, was trauerst du. Du auch gehst dereinst zur Ruh!« fühlte ich, wie Tränen der Seligkeit in meine Augen traten, denn meine Stimme klang hell und schwingend durch den großen Raum. Als ich geendet hatte, stand mein alter Lehrer auf und legte die Hände segnend auf mein kleines Haupt: »Gott segne deine Silberstimme,« sagte er bewegt, »gebrauche sie zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen.« Stolz und beseligt ging ich heim und erzählte alles meiner Mutter. »Eine Stimme ist ein großes Geschenk vom lieben Gott,« sagte sie, »bilde dir nur nie etwas darauf ein, sonst verdirbst du dir dies schöne Gottesgeschenk.« Übersiedelung nach Riga Es war im Herbst 1869, als meine Mutter mit uns Kindern in ihre alte Heimatstadt Riga zog. Hier lebten ihr Vater und ihre Geschwister. Mein Großvater, ein sehr bekannter Kinderarzt Rigas, wohnte in seinem eigenen Hause in der Mitauer Vorstadt. Im oberen Stock dieses Hauses erhielt meine Mutter eine kleine Wohnung, in der wir uns mit einem Teil unserer Narvaschen Möbel einrichteten. In der Parterrewohnung lebte mein Großvater mit seinen zwei Töchtern und einem Sohn. Die eine Tochter war Witwe und hatte fünf Kinder, die alle von meinem Großvater erzogen wurden und zum Teil in unserem Alter waren. Ein großer Hof und Garten umgab das Haus, das mit einem breiten holländischen Dach und einer großen Freitreppe vornehm und still in einer kleinen Seitenstraße lag. Es war ein ganz anderes Leben, das nun für uns begann. Das in seiner Gastfreiheit und Geselligkeit großzügige Leben im Pastorat zu Narva, das dort den geistigen Mittelpunkt der Stadt bildete, war zu Ende, und an seine Stelle trat das Leben einer Witwe in den bescheidensten Verhältnissen. Meine Mutter litt unendlich darunter, denn ihr waren die Flügel gebunden. Wir Kinder aber fühlten es nicht so schwer, genossen vielmehr das fröhliche Leben mit den vielen Vettern und Cousinen. In Riga lebte noch ein Bruder meiner Mutter, der auch fünf Kinder hatte. Jeden Sonntag versammelte sich die ganze Familie bei unserem Großvater, wo viel Musik gemacht wurde und stets eine harmlose Fröhlichkeit herrschte. Sonst hatten wir gar keinen Verkehr, lebten ganz in der Familie, weltfremd und ahnungslos dem wirklichen Leben gegenüber. Ich kam bald in eine große Mädchenschule, mein Bruder besuchte das Gymnasium, meine kranke Schwester wurde zu Hause unterrichtet. Den Klavierunterricht erteilte mir eine Jugendfreundin meiner Mutter. Sie war früher ein reiches, verwöhntes Mädchen gewesen und mußte sich nun ihren Unterhalt durch Musikunterricht erwerben. Dabei war ihr Stundengeben ein Greuel, sie litt häufig an Migräne und hatte von Pädagogik keine Ahnung. Die Flügel, die mir so froh bei der lieben Frau Rödder gewachsen waren, lagen bald geknickt am Boden. Es war auch alles dazu angetan, mir die Klavierstunden zu verleiden. Meine Übungsstunde mußte täglich von 7 – 8 Uhr morgens sein. Da saß ich denn halb verschlafen in den Herbst- und Wintermonaten in einem noch ungeheizten Zimmer vor den kalten Tasten bei trübem Licht. Meine einzige Erfrischung bestand darin, daß ich ungezählte Male aufstand und nachsah, ob es nicht schon acht Uhr war, denn dann durfte ich Kaffee trinken. Meine Mutter merkte von ihrem Schlafzimmer aus die vielen Pausen, die ihr verdächtig vorkamen, und so wurde mir auch diese kleine, angenehme Unterbrechung verboten. Die Klavierstunden schlossen sich direkt an die Schulstunden. Müde, abgespannt und hungrig kam ich hin und wurde von einem müden, freudlosen Gesicht empfangen. Wie oft hatte meine Lehrerin Migräne, hielt sich den Kopf, seufzte über mich und schalt mich. Wie oft hörte ich, daß ich ein schreckliches Kind sei und mir keine Mühe gebe. Das Zimmer war auch so freudlos, ohne Sonne, ohne Blumen. Es war mit einem Schirm abgeteilt, und ich wußte genau, daß hinter diesem Schirm eine alte Cousine meiner Lehrerin saß, die jedes Scheltwort hörte und jeden falschen Ton, was mein kleines, stolzes Herz zusammenschnürte. Ich spielte endlose Tonleitern, deren Zusammenhang ich nicht begriff, spielte nach jeder Tonleiter Akkorde, die mir völlig unnütz vorkamen, was ich meiner Lehrerin gegenüber einmal aussprach. »Sei nicht ungezogen,« sagte sie darauf, aber die Notwendigkeit ihres Daseins erklärte sie mir doch nicht. Dann kamen Sonatinen von Clementi, die ich derart haßte, daß ich noch jetzt, wenn ich ihren Namen höre, ein feindseliges Gefühl nicht unterdrücken kann. »Fröhlicher Landmann, von der Arbeit heimkehrend« und »Nachklänge aus dem Theater« von Schumann haben mich Tränen gekostet, weil meine Lehrerin sagte, es sei eine Schmach und Schande, wie ich sie spiele. Das Wort Salzmanns: »Von allen Fehlern und Untugenden seines Schülers suche der Lehrer den Grund in sich selbst,« war damals noch nicht bekannt, jedenfalls nicht meinen Lehrern. Ein geistreicher Kollege von mir sagte einmal, als ich schon selbst Lehrerin war: »Wir sind in einer schlechten Zeit geboren. Als wir Schüler waren, hatten immer die Schüler schuld, wenn sie keine Fortschritte machten. Jetzt, da wir selbst Lehrer sind, sind in solch einem Fall immer die Lehrer schuld.« So würgte ich mich denn Jahr um Jahr hindurch, mein heißer Wunsch zu Weihnachten und zu meinem Geburtstag, mit meinen Klavierstunden aufhören zu dürfen, wurde von meiner Mutter nicht erfüllt. »Du wirst mir noch einmal dafür danken, daß ich dir die Stunden aufgezwungen habe,« sagte sie manchmal. Für die musikalische Qual in den Stunden hielt ich mich im Hause schadlos, wo ich mir meine eigene Musik verschaffte. Ich lebte mit vielen Vettern und Cousinen zusammen in einem Hause, alles sang, spielte und geigte. Duette, Quartette, Terzette erschollen durch Haus und Garten. Auf den Bäumen des Gartens saßen wir und sangen, auf dem Dach des Hühnerhauses, auf den Zäunen und in den Bodenluken, oft im Winter in Schnee und Eis. Weigerte ich mich dabei mitzutun, denn meine Kehle war zart, dann hieß es: »Bilde dir nur ja nichts auf deine Stimme ein.« Ich war siebzehn Jahre alt, als ich die Schule verließ. Ich nährte eine glühende Hoffnung in meiner Seele, daß nun der Augenblick gekommen sei, wo ich Gesangstunden nehmen dürfte, aber meine Mutter hatte es anders beschlossen. »Du bist für Singstunden noch viel zu jung und kindisch,« sagte sie. Ich sollte noch einen Winter Klavierstunden nehmen und Englisch lernen. Ich war verzweifelt. In die Klavierstunden hatte ich mich schon gefunden, diese Last nahm doch keiner von meiner Seele, aber die englischen Stunden, gegen die revoltierte ich heimlich, denn ich liebte meine englische Lehrerin gar nicht und haßte die englische Sprache. Aber wie loskommen? Das Wort meiner Mutter ließ sich nicht leicht umstoßen. Tagebuch, 16. November 1875. Nie habe ich meine englischen Stunden so gehaßt wie jetzt, da ich doch gehofft habe, sie aufgeben zu dürfen und Singstunden zu bekommen. Heute hatte ich eine Stunde, die mir klar machte, daß ich alles dran setzen will, von meiner englischen Lehrerin loszukommen. Ich vertrödelte meine Zeit auf dem Wege mit voller Absicht, um die Stunde abzukürzen, und kam viel zu spät, das ärgerte die Alte schon gewaltig. Ihr Zimmer ist schrecklich, düster und traurig, ohne Sonne, ohne eine Aussicht aus den Fenstern. Auf den Fensterbrettern stehen Blumentöpfe mit Kakteen voller Stacheln, grau und verstaubt. Grau und verstaubt sah auch die Alte aus mit kleinen rotgeränderten Augen. Ich bemühte mich, recht keck auszusehen, als machte ich mir aus dem allen nichts. Die englische Sprache ist mir nämlich absolut zuwider. Sie ist so willkürlich in der Aussprache! Und dann habe ich auch immer den Verdacht, ob sie sie mich richtig lehrt. Wer sagt mir, daß ihre Aussprache stimmt? Sie ist doch eine Deutsche. Ich setzte mich zur Stunde an den Tisch ihr gegenüber. Sie sah mich an, wie eine Katze, die eine Maus gefangen hat. »So,« sagte sie, »jetzt fangen wir an.« Ich sagte mein Gedicht auf, das ganz gut ging, denn ich las es zum großen Teil unterm Tisch ab. Als sie mich lobte, schämte ich mich ein wenig. Darauf las ich meine schriftliche Arbeit vor, die von Fehlern wimmelte. Sie fragte mich mit strenger Stimme, ob ich nun die englische Sprache lieber gewonnen hätte. Ich sagte: »Nein, ganz im Gegenteil.« Darauf wurde sie sehr zornig und fragte, was ich dann wolle. »Singen,« sagte ich schnell, »den ganzen Tag singen!« Da legte sie das Buch aus der Hand und sagte mit böser Stimme, was ich wohl von meiner Zukunft dächte, ob ich denn am Ende Sängerin werden wolle. Ehrlich gesagt, hatte ich gar nicht an meine Zukunft gedacht. Aber wie sie mich so höhnisch fragte, wurde ich trotzig und sagte: »Ja, ich will eine Sängerin werden.« Da sah sie mich mit funkelnden Augen an, was ich wohl dächte, eine Pastorentochter wolle Sängerin werden! Künstler seien alle leichtfertig, und ich würde den Weg des Verderbens gehen. Ich war tief empört! »Künstlerin sein ist etwas Heiliges,« sagte ich, »und Künstler gehen nicht den Weg des Verderbens. Sie sind dazu da, die Menschen glücklich zu machen und Schönes und Edles in ihr Leben zu tragen.« Darauf sagte sie, in der Bibel stünde ein hartes Wort, das sie auf mich anwenden müsse: »Verflucht sei, wer sich verläßt auf sein Fleisch.« Als diese Stunde beendet war, stand es fest in mir, das Englische für immer aufzugeben. Aber wie sollte ich das durchsetzen? Ich ging nach Hause und suchte einen guten Augenblick abzupassen. Wenn man Mutter nur zum Lachen bringt, dann ist alles gewonnen! Ich hatte eine neue Art entdeckt, wie man bei ihr etwas erreichen konnte, ich nannte es: »Flehen in Kreuzesform.« Ich warf mich glatt auf den Boden und streckte dabei beide Arme weit von mit. Das machte ich nun und jammerte laut. Meine Mutter fing an zu lachen. »Was willst du eigentlich?« fragte sie. »Ich will meine englischen Stunden aufgeben, die Alte ist zu scheußlich und die Sprache zu greulich, ich möchte Singstunden haben.« Zu meinem großen Erstaunen sagte Mutter: »Ja, ich erlaube dir, die Stunden aufzugeben.« Ich richtete mich sofort auf, die Sache mußte einen Haken haben! Ach, mein Gott, der Haken kam bald genug heraus! »Ich mache aber eine Bedingung,« sagte Mutter weiter, »du mußt selbst hingehen und die Stunden absagen.« Da hatte ich's. Das war ja entsetzlich, ich war einfach bange. Aber ich wußte, daß Mutter an dieser Bedingung unerbittlich festhalten würde. Ich ging zur Beratung zu Cousine Frieda, die eine Treppe über uns wohnte. Meine »Waffengefährtin« nannte ich sie, denn sie verließ mich nie bei dummen Streichen. »Ich lasse dich auch diesmal nicht im Stich,« sagte sie. »Ich werde dich zur Alten begleiten. Fressen kann sie uns ja doch nicht, und du bist die Sache los.« So trabten wir denn am Nachmittag des nächsten Tages mit angsterfülltem Herzen zu ihr. Es war eine ganze Komödie, bis wir endlich bei ihr im Zimmer waren. Immer rannten wir wieder zurück auf ihren kleinen Hof hinaus. Endlich hielt mich Frieda fest und riß an der Klingel. Ich wollte davon, sie aber stieß mich vor sich her ins Zimmer hinein. Da stand ich denn vor meiner Lehrerin mit schlotternden Knieen; sie war sehr freundlich und forderte uns auf, wir sollten uns aufs Sofa setzen. Sie dachte wohl, wir hätten ihr einen Besuch gemacht. Stotternd stieß ich hervor, wir kämen, um meine Stunden abzusagen; ich sprach mit dem Mut der Verzweiflung. »Warum, warum?« fragte sie aufgeregt, englische Stunden zu geben, wäre doch eine Zukunftsaussicht für mich. Ich sagte: »Da würde ich denn doch lieber Putzmacherin werden.« Da fing sie an zu weinen und sagte, mein Kopf stecke voller Unsinn, ich würde das alles noch einmal bitter bereuen. Es tat mir entsetzlich leid, hätte sie nur nicht geweint! Ich dankte ihr noch für ihre Mühe, dann stürzten wir beide ohne uns umzusehen aus dem Zimmer. Das aber hatte sie doch erreicht, daß mir den ganzen Tag elend zu Mut war. Mein erster Gesangunterricht Endlich durfte ich denn mit meinen heißersehnten Singstunden beginnen. Die beiden Hauptgesanglehrer Rigas waren ein Kapellmeister, der selbst nicht zu singen verstand, und der jeder Schülerin in der ersten Stunde das »Lithauische Lied« von Chopin zu singen gab, und eine frühere Opernsängerin. Sie hatte eine wunderschöne Stimme gehabt, hatte aber eine ganz ergreifende Ahnungslosigkeit von der Gesangskunst. Meine Mutter wählte für mich die Opernsängerin. Es war ein feierlicher Augenblick, als ich vor ihr stand. Sie war klein, dick und blond, musterte mich von oben bis unten und machte eine Bemerkung über meine blonden Zöpfe, die sie viel »zu lang« fand. Diese Bemerkung störte mir die Weihe des Augenblickes. Meine Mutter, die als Dilettantin sehr schön sang, ohne jemals eine Stunde gehabt zu haben, sagte die denkwürdigen Worte: »Bitte, lehren Sie meine Tochter keine Kunst, lehren Sie sie nichts weiter, als unsere schönen deutschen Lieder schön singen,« was meine zukünftige Lehrerin beides bereitwillig versprach. Ihr erstes Versprechen hielt sie jedenfalls getreulich, denn ahnungsloser wie sie konnte man einer Kunst nicht gegenüberstehen. Was das zweite Versprechen betraf – das konnte sie nicht einlösen. In den zwei ersten Stunden sang ich Töne, vollständig sinnlos, und Tonleitern, in denen alle Töne übereinander stürzten, was ich alles recht langweilig fand. In der dritten Stunde fragte ich, ob ich nicht ein Lied singen könnte, denn dazu war ich ja da. Sie war sofort zu allem bereit und wählte »O du klarblauer Himmel« von Silcher. Sie sang es mir vor. »Nun singen Sie es nach,« sagte sie, und es gelang mir so gut, sie zu imitieren, daß sie lachte und mich sehr lobte. Zur nächsten Stunde gab sie mir ein Rezitativ auf, ich sollte es mir selbst auswählen. Da ich keine Ahnung hatte, was das sei, ging ich in die Musikalienhandlung und verlangte danach. Der Ladenjüngling fragte mich sofort: »Aus welcher Oper?« Ich sagte, das wäre ganz einerlei! Da drückte er mir ein Tenor-Rezitativ aus einer Mozart-Oper in die Hand. Stolz ging ich damit heim und erzählte, ich sänge ein Rezitativ aus einer Oper. Meine Vettern sagten: »Werde nur nicht albern!« Theater und Albernheit hingen für unsere Begriffe nahe zusammen. Nur meine Mutter meinte, ein Tenor-Rezitativ sei doch wohl nicht das richtige. Es müßte etwas »für Alt« sein, denn Alt müßte ich singen, das verlangte schon die Tradition der Familie. Nun fing ich das Rezitativ an zu üben; wie ich es sang, weiß ich nicht, nur daß ich mich sehr damit quälte, weil es viel zu hoch war, ist mir in Erinnerung geblieben. Meine Familie sagte, es sei nicht anzuhören, so häßlich klänge es. Ein tiefes Erbarmen mit mir selber erfüllt mich noch heute, wenn ich an die Irrwege denke, die ich in meiner musikalischen Entwicklung habe gehen müssen. Mit meinem glühenden Wollen, mit meinem Idealismus, der mit Fleiß verbunden war, mit meinem ausgesprochenen Stilgefühl und einer Stimme, die transparent für alle Seelenregungen war, hätte ich bei richtiger Führung wirklich etwas erreichen können. Wenn ich bedenke, wie die Entwicklung der Stimme das Studium meines Lebens geworden ist; bei wieviel Meistern ich immer wieder gearbeitet habe, immer wieder suchend, immer neue Wege findend, weil das Problem der Stimmbildung eins der schwierigsten auf künstlerischem Gebiete bleibt, so könnte mich eine Wut gegen die Lehrer erfassen, die mich immer wieder falsch geführt haben. Daß meine Liebe zur Kunst mich trotz alledem nicht verlassen hat, zeigt wohl, daß sie das Stärkste in meinem Leben war. Es ging in meinen Singstunden bald unglaublich her. Ich sang nur Lieder wie den »Erlkönig«, den »Doppelgänger« von Schubert und Loewesche Balladen, kurz, ich machte mich an Aufgaben, an die sich große Künstler auf der Höhe ihrer Laufbahn nur mit Scheu und Bangen wagen. Mir war aber nichts zu schade zum Singen, und ich weinte und jauchzte innerlich, wenn ich mich in diese Lieder vertiefte, deren Schönheit ich instinktiv in meinem Herzen empfand. Da, eines Tages, ich hatte schon immer eine leise Müdigkeit in der Kehle gespürt, sang ich in der Stunde die große Edvard-Ballade von Loewe. Bei der Stelle: »Ich habe geschlagen meinen Vater tot, Mutter, Mutter« brach meine Stimme plötzlich schrill ab, ich konnte keinen Laut hervorbringen. Meine Lehrerin wurde sehr ärgerlich. »Das kommt davon!« sagte sie, aber was sie damit meinte, erklärte sie nicht weiter. Wie gesagt, in der Zeit waren immer die Schüler schuld, wenn es nicht ging. Auch meine Mutter war ärgerlich. Es wurde beschlossen, ich solle ein paar Stunden pausieren. Unser Hausarzt, dem ich vorgestellt wurde, meinte: »Die Stimme ist kaput, das ist klar. Aber jede Stimme wird kaput, wenn sie erst in die Hände von Gesanglehrern kommt.« Ich versuchte ein paarmal zu singen, aber meine Stimme gab nur einen schwachen, zitternden Laut her. Da ging ich zu meiner Lehrerin, um ihr die Gesangstunden abzusagen, worauf sie aber nicht einging. »Die Stunden sind bezahlt und müssen genommen werden,« sagte sie. In meiner Jugend waren Eltern und Lehrer absolute Autoritäten, denen man blind zu gehorchen hatte. So stellte ich mich denn gehorsam wieder zu den Stunden ein, doch mußte ich sie sofort wieder aufgeben, es ging mit dem Singen nicht mehr. – Fast ein Jahr war meine Stimme fort, dann kam eine Gesanglehrerin aus Berlin nach Riga; sie war eine sehr energische Dame, Ostpreußin, die in Berlin an der Hochschule ihre Studien gemacht hatte. Sie hatte von mir gehört und sich in den Kopf gesetzt, mich zu unterrichten. Mit der ganzen Wucht ihrer Persönlichkeit stürzte sie sich auf uns und ruhte nicht eher, als bis sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie plagte meine Mutter so lange, bis diese mich zu einem Spezialisten brachte, bei dem ich eine Kur begann, die mir half. Bald war ich so weit, daß ich die Stunden bei ihr beginnen konnte. Sie unterrichtete mit Leidenschaft und war sehr stolz auf ihre Methode. Vielleicht war diese nicht schlecht, aber sie hatte sie nur halb begriffen und war völlig unklar. Sie lehrte mich zuerst atmen, aber diese Lehre war so geheimnisvoll und verworren, daß ich ihr unmöglich folgen konnte. Sie erklärte bald, meine Lungen wären »verbaut« und lägen zu nah nebeneinander, ich würde nie richtig atmen können. Ein Arzt, dem später einmal diese Technik vorgelegt wurde, erklärte, wer so atmete, wie sie es lehrte, müsse sofort tot hinfallen. Sie behauptete, der Atem müsse aus den Lungen herausdringen und ins Zwerchfell getrieben werden. Wie er da wieder herauskäme und zum Singen benutzt werden könnte, das verriet sie uns nie. Wie der Aufbau ihrer Methode sonst war, kann ich nicht sagen, sie erreichte aber etwas bei mir, und ich war von Dankbarkeit erfüllt. Sie war sehr unkünstlerisch und wenig gebildet, und ich empfand sehr bald diesen großen Mangel an ihr. Aber sie forderte viel von mir, war nie zufrieden, und das band mich fest an sie. Zum Glück ließ sie mich bald singen, wie ich wollte und forcierte meine Stimme wenigstens nicht, ich sang natürlich und frei heraus. Ich wurde ihr Glanzstück, das bei jeder Gelegenheit vorgeführt wurde. In diese Zeit fiel ein Anerbieten, das meiner Mutter für mich gemacht wurde. Hätte sie es angenommen, so wäre mein Leben wohl in ganz andere Bahnen gekommen. Ein reiches, kinderloses Ehepaar, Gutsbesitzer, verbrachte den Winter in Riga. Sie fanden Gefallen an mir und machten meiner Mutter folgenden Vorschlag: sie sollte mich ihnen für ein Jahr überlassen als Gesellschafterin, dafür wollten sie meine ganze musikalische Ausbildung in die Hand nehmen. Sie wollten mich nach Italien und Paris zu den ersten Meistern schicken und für meine ganze Zukunft sorgen. Meine Mutter wies das Anerbieten endgültig ab. »Ist das Talent meiner Tochter wirklich groß, so wird es sich auch so durchsetzen,« sagte sie, »wenn sie dabei ringen und kämpfen muß, wird das nur ihre Kräfte stählen, was dann ihrer Kunst zugute kommt. Warum soll ihr Weg ihr so erleichtert werden?« Es war charakteristisch für das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern der damaligen Zeit, daß meine Mutter die Sache gar nicht mal mit mir besprach, sondern über mich bestimmte. Erst nach Jahren habe ich davon erfahren, und ich war doch damals schon kein Kind mehr. Künstlerbesuch in unserem Hause Ein großes Ereignis trat in mein Leben: ich lernte den ersten Künstler kennen. Wir waren erzogen, Künstlertum als etwas Göttliches anzusehen und ihre Vertreter, die Künstler, als gottbegnadete Menschen. Meine Mutter hatte diese Anschauung in uns wachgerufen und genährt. Ein Landsmann, der Musiker war und viele Jahre in Deutschland gelebt hatte, wollte in die Heimat kommen und versuchen, dort seine Existenz zu gründen. Es war ein Baron Kaulbars. Er war schön, vielseitig begabt, verwöhnt, aber unfähig, sich im Leben durchzusetzen. So wurde er uns geschildert. Zu alledem umgab ihn noch die Glorie einer unglücklichen Liebe. Es hieß, er habe Elise Polko geliebt, die damals durch ihre musikalischen Märchen unsere jungen Herzen entflammte. Er war meiner Mutter warm empfohlen worden, die versuchen sollte, ihm in Riga eine Lebensmöglichkeit zu schaffen. Unser ganzes Haus war in stürmischer Erregung, denn jeden Tag konnte der Künstler über unsere Schwelle treten, ein Wesen aus einer Welt, von der wir träumten, die wir aber nicht kannten. Ich lasse mein Tagebuch sprechen: Tagebuch, 10. September. Ich habe etwas Großes erlebt, denn ich habe einen Künstler von Gottes Gnaden kennen gelernt, ja, ich habe sogar mit ihm gesprochen. Ich will aber alles der Reihe nach erzählen, wie es war. Cousine Lina und ich waren ganz allein zu Hause. Wir hatten uns ans Klavier gesetzt, aßen Äpfel und arrangierten Mendelssohns »Lieder ohne Worte« zu vier Händen. Es klang so abscheulich, wie nur irgend möglich. Plötzlich wird geklingelt. Wir hörten sofort auf zu spielen und beschlossen, unser Dasein zu verleugnen. Doch das Klingeln wurde wiederholt. Wir hielten einen Kriegsrat: sollten wir öffnen oder nicht? Wir schämten uns beide sehr wegen unseres schlechten Klavierspieles. Die sanfte Lina überredete mich, ich solle moralischen Mut zeigen und öffnen; unterdessen wurde zum drittenmal geklingelt. Ich stürzte mutig hin und öffnete. Vor mir stand ein fremder Herr. Ich war so erschrocken, daß ich einen Apfel, den ich eben aß, schnell in die Tasche steckte und fragte: »Was wünschen Sie?« Es ging ein etwas spöttisches Lächeln über seine Züge, und ich sah in meiner Verwirrung, daß es ein schönes, edles Gesicht war mit müden, blauen Augen, die, halb verdeckt von schweren Lidern, mich ansahen. Eine fürchterliche Ahnung stieg in mir auf: am Ende war es Baron Kaulbars, der Künstler, und ich war allein zu Hause! Wie sollte ich nun mit ihm sprechen? Er überreichte mir seine Karte, ich las sie – – er war's. Ich sagte nur: »Mein Gott!«, nichts weiter und hätte am liebsten die Tür vor ihm zugeschlagen. Ich stotterte, es sei niemand zu Hause. Wieder ging ein Lächeln blitzschnell über sein Gesicht. Wann er wohl meine Mutter zu Hause treffen würde, fragte er. In meiner Aufregung stieß ich eine Einladung für den nächsten Tag zum Kaffee heraus. Ich hielt dabei immer die Tür in der Hand und ließ ihn nicht über die Schwelle. Endlich entfernte er sich. Ich stürzte ins Zimmer zurück und fiel stöhnend auf einen Stuhl. »Er war es,« schrie ich, »und ich habe mich blödsinnig benommen! Wie wird es denn werden, wenn er morgen zum Kaffee kommt, wie soll ich mich benehmen nach dieser Einführung?« »Aber nun ist er doch da,« sagte Lina, »und herrliche Zeiten stehen uns bevor.« Wir tanzten einen Freudentanz, kleideten uns dann an und gingen in die Stadt, um Mutter aufzusuchen und ihr die aufregende Botschaft zu überbringen. Am andern Tage war er wirklich zum Kaffee da. Erst wollte ich gar nicht herauskommen, so schämte ich mich. Dann aber dachte ich, daß ich nun doch schließlich ein erwachsenes Mädchen sei, und begrüßte ihn, als wenn nichts gewesen wäre. Er war gerade im lebhaftesten Gespräch mit Mutter. Bei meinem Eintritt erhob er sich und begrüßte mich wie ein vollendeter Weltmann. Er sah gar nicht wie ein Künstler aus, sondern wie ein vornehmer Aristokrat und hatte etwas sehr Feines, die Situation Beherrschendes. Nach dem Kaffee setzte er sich an unseren alten Flügel und spielte Präludium und Fuge von Bach. Ich saß in meine Sofaecke gedrückt und lauschte mit gefalteten Händen. So hatte ich noch nie spielen gehört: gewaltig und zart. Es war, als kenne er keine Hindernisse, alles konnte er aussprechen, und unser alter Flügel brauste und klang unter seinen Händen. Diese Musik kam mir so nah, wie mir noch nie Musik gekommen war. Dann spielte er »Warum?« von Schumann, dabei mußte ich weinen, es war mir, als sähe ich tief in sein Leben. Wie hart hatte er gekämpft und nicht begriffen warum, und es gab keine Antwort auf die Frage seiner Seele. Ja, er ist ein richtiger Künstler, dabei arm und brotlos, und er soll von seiner Kunst leben, anstatt sie wie ein Heiligtum in seinen Händen zu tragen! Dann stand er auf, machte einen Scherz und setzte sich zu Mutter. Der Scherz klang bitter. Er fing an von seinem Leben zu sprechen in demselben bitteren Ton. Man kann es nicht ertragen, ihn anzuhören, wenn er so ruhig, verzweifelt und resigniert spricht. Er versteht das Leben nicht anzufassen, er träumt von seinen Idealen und wird durch Not und Sorge ins nüchterne Leben gestoßen, herab aus seinen Höhen auf die Erde, wo die Wirklichkeit ihn roh und freudlos ansieht. 20. September. Kaulbars kommt fast täglich zu uns, Mutter macht Gänge und schreibt Briefe, um ihm zu helfen. Fürs erste aber nützt das alles nichts, und er wird immer gedrückter. Es tut weh, ihn sprechen zu hören, er hat einen vernichtend ruhigen Standpunkt dem Leben gegenüber, so ruhig, verzweifelt, so spöttisch, fast höhnisch. Alles beurteilt und verurteilt er, und alles ist trostlos und hoffnungslos; man kann es gar nicht anhören, alles dreht sich in einem um. Er ist immer verbittert, wenn er zu uns kommt, dann aber taut er auf, und etwas Herzgewinnendes und Kindliches spricht aus ihm. Das Schönste bleibt aber doch, wenn er sich an den Flügel setzt und spielt, was er jedesmal tut. Dann sitzen wir still da, alles versinkt, und die ganze Seele horcht. Kann ein Mensch auf der Welt noch schöner spielen als er? Gestern spielte er den »Aufschwung« von Schumann, das machte mich nicht so traurig, wie das »Warum«, denn im »Aufschwung« siegt die Seele über den Schmerz und macht sich los vom Erdenstaube. Sie spannt die Flügel weit aus und schwingt sich fröhlich hinauf in ewige, selige Gefilde, wo kein Kampf mehr ist, sondern Freude und Sieg. Eins ist schlimm, ich glaube, er findet mich lächerlich. Ich komme auch immer in unangenehme Situationen, wenn er da ist. Ich spreche schon fast gar nicht in seiner Gegenwart, aber wenn ich etwas sage, dann verbeißt er oft sein Lachen. Heute stürzte ich laut singend mit einem Teebrett, auf dem Tassen standen, ins Speisezimmer. Ich hatte die Tür mit dem Fuß aufgestoßen und fuhr mit einem Knall herein. Wer saß auf dem Sofa und richtete etwas erstaunt seine müden Blicke auf mich? Er war's. Ich wußte gar nicht, wie ich grüßen sollte. Anstatt nun alles erst fortzustellen und dann zu grüßen, wie ein vernünftiger Mensch, machte ich mit dem Teebrett in den Händen eine tiefe Verbeugung. Er verbarg ein Lachen nur mühsam, was mich so verlegen machte, daß ich sofort in den Garten lief und mich nicht getraute, wieder hereinzukommen. Aber die Angst, er könne am Ende spielen und ich würde das versäumen, trieb mich wieder hinein; ich setzte mich mit einer Handarbeit ans Fenster. Mein Unglück wollte, daß Onkel Eduard, der mich immer neckt, zum Besuch da war. Als eine Pause im Gespräch entstand, fragte er mich plötzlich: »Sag mal, liebst du es noch immer, so umherzutoben, kletterst du noch immer auf Bäume und springst über Zäune?« Ich wollte in den Boden sinken, so außer mir war ich. Mich so was zu fragen! Ich wurde flammend rot und kämpfte mit den Tränen, überwand mich dann aber und sagte mit ziemlich fester Stimme, das täte ich niemals in der Stadt, nur am Strande oder auf dem Lande. Alles lachte, es war einfach fürchterlich! 2. Oktober. Wenn ein Tag vorübergeht, ohne daß Kaulbars kommt, werden wir alle unruhig und warten auf ihn. Wie wird es aber erst sein, wenn er fortgeht, und wir sein herrliches Spiel nicht mehr hören? Es ist sehr komisch, aber die Menschen denken, ich hätte mein Herz an ihn verloren. So was Dummes! Künstler sind zum Schwärmen und zur Begeisterung da, nicht zum Verlieben. 3. Dezember. Heute war ein großer Musikabend bei uns. Es wurde viel gespielt und gesungen, am schönsten aber spielte doch Kaulbars, hier reichte ihm keiner das Wasser. Plötzlich, zu meinem Entsetzen, sagte er, ich solle etwas vorsingen. Es half alles nichts, ich mußte an den Flügel, und ich sang: »Meine Mutter hat's gewollt« von Otto Leßmann und »Lehn deine Wang an meine Wang« von Jensen. Zum Schluß eine Komposition von Kaulbars, ein Herbstlied, und darüber stand: »Mit müder Sehnsucht zu singen«. Als ich geendet hatte, trat er auf mich zu: »Sie singen mit Ihrer Seele,« sagte er, »und mit starker Leidenschaft, nur müde Sehnsucht scheinen Sie noch nicht zu kennen. Dieses Lied mißlang Ihnen vollständig.« Dabei traf mich aber ein merkwürdiger Blick unter den halbgesenkten Lidern hervor, die immer seine Augen verdecken: der Blick mißfiel mir, ich weiß nicht recht, warum. Aber seitdem ist mir's, als wäre er etwas von seiner Höhe herabgesunken, »ruhig kann ich ihn erscheinen, ruhig gehen sehen.« Raimund von Zur-Mühlen und Hans Schmidt In diesen Herbst fiel ein Konzert, das für meine ganze künstlerische Zukunft maßgebend wurde. Ich hatte immer ein unklares Ideal von der Gestaltung des Liedes in meinem Herzen getragen, aber nie hatte ich einen Sänger gehört, der es erfüllte. Es war ein in der Luft schwebendes Bild, das ich mir machte, von höchster Vergeistigung und Aussprache dessen, was der Dichter und Komponist gedacht und gefühlt. Nun stand es vor mir. Ich hörte in diesem Konzert Raimund von Zur-Mühlen singen; begleitet wurde er von seinem musikalischen Zwillingsbruder – Hans Schmidt. Es waren zwei Poeten, die die Seele der Lieder erlauschten und in zarter, feiner Weise zum Klingen brachten. Dabei war alles so einfach, so selbstverständlich. Ich saß atemlos im Konzertsaal, und es war, als gingen Träume in Erfüllung. Das war es ja, was ich gesucht, so lange ich sang. Nun war es da! Sie waren beide noch sehr jung, die Künstler, nur wenig Jahre älter als ich, und der ganze Zauber der Jugend umgab sie. Ich hörte die »Dichterliebe« von Schumann, und nie vergesse ich den Eindruck dieser Lieder. Besonders ergriff mich: »Ich will meine Seele tauchen In den Kelch der Lilie hinein. Die Lilie soll klingend hauchen Ein Lied von der Liebsten mein.« Es war so voll Glut und dabei so zart gesungen, und in der Begleitung schauerte, bebte und duftete es von fremden Blüten. Das Konzert war zu Ende. Ich starrte immer noch auf das Podium, das leer war, ich hätte meine Seele hingeben mögen, wenn ich ins Künstlerzimmer hätte hineingehen dürfen, um ihnen zu danken. Aber das war eine Welt, die fern und hoch über mir stand, in die ich nicht hinein durfte. Meine Mutter rief mich, wir sollten heimgehen. Wie im Traume folgte ich ihr in die Garderobe, auf der Treppe begegnete mir meine Gesanglehrerin. »So lernt man in Berlin singen,« rief sie mir zu in ihrer lärmenden Art, »und ich werde nicht eher ruhen und rasten, bis Sie auch nach Berlin kommen und so singen lernen.« Das schlug wie ein Feuer in meine Seele. Zum erstenmal kam mir der Gedanke: sollte ich vielleicht auch zu den Berufenen gehören? Ich konnte es nicht ertragen, jetzt heimzugehen, ich mußte die Künstler wenigstens noch einmal sehen. Ich entschlüpfte meiner Mutter und lief in den leeren Saal zurück. Ich sah sie von fern mit Bekannten reden, ich hörte Zur-Mühlen sprechen mit einer merkwürdig hellen und hohen Stimme. Ich hörte Hans Schmidt etwas sagen, worüber alles um ihn laut lachte, und dachte: das höchste Glück würde jetzt für mich sein, wenn ich mit ihnen sprechen und ihnen die Hand geben dürfte. Ahnte ich es schon damals, daß diese beiden den stärksten Einfluß auf meine ganze künstlerische Entwicklung haben würden? daß ich neben ihnen hergehen würde, von ihnen lernend und mit ihnen arbeitend, ein ganzes, schönes, reiches Berufsleben hindurch in treuer Freundschaft und Kameradschaft? Nein, so hoch flog mein höchster Traum damals nicht. Meine Mutter kam an die Tür und rief mich, sie liebte es nicht, wenn ich »unsinnig« wurde. Es war ein stürmischer Novembertag, als wir über die Dünabrücke heimgingen, Regen und Schnee schlugen mir ins Gesicht, ich spürte es nicht. Die aufgeregten Wasser der Düna schäumten über die Brücke, durchnäßten meine Füße, ich fühlte es nicht. Meine Seele jauchzte und sang: »Ich habe was Großes erlebt, und nun kenne ich mein Ziel! Nun weiß ich, was ich will. – Ich will eine Sängerin werden.« Aber ich sprach zu niemandem davon, es wäre mir wie eine Entheiligung gewesen. Ich lebte die nächsten Tage wie im Traum. Mein einziges Bestreben ging dahin, irgend etwas von den Künstlern zu erfahren. Ich hörte allerlei Aufregendes, namentlich über den Sänger. Er hätte eine Zeitlang in einer Schneiderstube verbracht, weil er eine geniale Veranlagung für die Schneiderei gehabt habe. Er hätte geäußert, nicht in die Kirche gehen zu können, weil er immer in Gedanken die geschmacklosen Hüte und Mäntel der Damen umändern müßte. Ich hörte, daß der Verkehr mit den beiden namenlos unterhaltend, aber sehr aufregend sei, weil sie ungezogen seien, lachend und ruhig den Menschen die unangenehmsten Sachen ins Gesicht sagten, und sich alles und jedes erlaubten. Außerdem kleideten sie sich merkwürdig, trügen bunte Westen und bunte Kravatten, was bei uns unerhört und auffallend war. Ich zog mein Schwert blank und kämpfte für sie bis aufs Blut. »Es sind eben geniale Künstler,« sagte ich, »und die dürfen sich alles erlauben.« Ein zweites Konzert von den beiden Künstlern wurde angekündigt. Ich hatte das Gefühl, ich müßte sterben, wenn ich das nicht anhörte. Aber meine Kasse war leer, wie immer, und es war durchaus keine Aussicht vorhanden, den Rubel zu erlangen, den das Billet kostete. Ich faßte mir endlich ein Herz und bat meine Mutter um ein Konzertbillet. Sie wies mich voll Staunen und Entrüstung ab. »Zwei Konzerte in einer Woche, und noch dazu von denselben Künstlern,« sagte sie, »wie kommst du nur auf solch einen Gedanken?« Die Sache war völlig hoffnungslos. In meiner Notlage beschloß ich zu beten: Gott möge ein Wunder geschehen lassen und mir den Eintritt in das Konzert irgendwie verschaffen oder wenigstens das Konzert verhindern. Da las ich in der Zeitung, Zur-Mühlen sei erkrankt, das Konzert fände nicht statt. Ich dachte nicht einen Augenblick an den unglücklichen Sänger, sondern war nur voller Dank, daß mein Gebet erhört war. Weiterarbeit. Enttäuschungen Mit neuem Eifer legte ich mich nun auf mein Studium. So unkünstlerisch meine Lehrerin auch war, sie verstand ihre Schüler anzuregen. Sie arrangierte Vorsingabende, zu denen sie verschiedene musikalische Spitzen der Stadt einlud. Der Verkehrston dabei war ungezwungen und fröhlich, und die Begeisterung stieg hoch. Wir Schüler saßen dann in einem winzig kleinen Schlafzimmer zusammengedrängt, ganz erfüllt und gehoben von unserer Aufgabe. An einem solchen Abend sang ich einmal die ganze »Dichterliebe« von Schumann. Kaum jemals in meinem Leben habe ich mit solch einer völligen Hingabe gesungen. Von der großen Erregung erkrankte ich und mußte tagelang das Bett hüten, so stark war der Rückschlag. Meine Mitschülerinnen schickten mir aus Anerkennung einen wunderbaren Strauß aus Frühlingsblumen. So ging eine Weile in fleißigem Arbeiten hin, bald aber erlahmte ich. Es war nichts zu machen, meine Lehrerin genügte mir nicht mehr. Ich sehnte mich nach einer künstlerischen Führung, denn ich hatte das Wehen hoher Kunst in jenem Konzert gefühlt, das ich nicht vergessen konnte. Ich wurde kritisch in den Stunden, quälte meine Lehrerin mit Fragen, die sie nicht beantworten konnte, und die sie darum ärgerten. »Was wollen Sie eigentlich,« sagte sie immer wieder, »Sie haben ja Erfolg, wo Sie nur singen, Sie sind undankbar gegen mich!« Ich trug aber ein Ideal in meiner Brust, unbestimmt und dunkel, ich wollte weiter kommen. Dagegen waren die kleinen Erfolge nichts. Das begriff aber meine Lehrerin nicht. Tagebuch, 12. Dezember 1880. Gestern war ich mit Mutter zu einer großen Abendgesellschaft eingeladen, zum erstenmal sollte ich in einem fremden Kreise mich vorstellen und dort vorsingen. Es war mir namenlos unbehaglich. Erstens: ein fremder Kreis, zweitens: ein verwöhnter und ein an gute Musik gewöhnter! Je näher der Abend kam, desto abscheulicher wurde mir zu Mut. Und als es nun so weit war, daß ich in meinem besten Sonntagskleid mit meinen Noten unter dem Arm mich auf den Weg machte, war mir's als ginge ich zum Galgen und sollte in nächster Minute erwürgt werden. Ich verwünschte mit weinerlicher Stimme alle Gesellschaften, alle geistreichen, musikalischen Soireen der Welt, bis Mutter mir mein Geklöhn verbot. Als ich die Treppe hinaufging, hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn ich sie wieder hinuntergefallen wäre und mir ein Bein gebrochen hätte. Im Vorzimmer empfing uns ein Diener mit Handschuhen und nahm uns die Mäntel ab. Noch ein flüchtiger Blick in den Spiegel, da öffnete der Diener schon die Türen zum Saal, und wir traten ein. Ein besonders fein ausgestatteter Salon, eine Unmenge Menschen in strahlender Beleuchtung, das war alles, was ich zuerst sah. Aus dem Chaos löste sich eine Gestalt, die uns begrüßte, die Hausfrau. Allmählich erkannte ich auch verschiedene Gesichter, darunter meine Lehrerin, die mindestens ebenso aufgeregt war, wie ich. Ich setzte mich zu den jungen Mädchen, und wir lachten und plauderten. Ich hätte mich ganz gemütlich gefühlt, wenn nicht die abscheuliche Aussicht gewesen wäre, daß ich singen müßte. Zuerst spielte ein Baron Manteuffel ein Präludium von Bach, dann wurde ich aufgefordert zu singen. Meine Lehrerin schoß aufgeregt wie ein Meteor durch die Zimmer und wies allen auf Stühlen und auf Sofas ihre Plätze an. Sie selbst setzte sich in einen breiten Lehnstuhl, machte ein Gesicht wie die Königin von Saba, und ich konnte beginnen. Mir taubten die Arme vollständig ab vor Aufregung. Es war nicht nur die fremde Gesellschaft, die mir Furcht einflößte, es war auch die Verantwortung für meine Lehrerin. Sie erwartete, daß ich ihr Ehre eintragen sollte, und das machte mich zittern, denn jetzt mußte ich mich ihr dankbar erweisen. Ich sang zuerst »Im Rhein, im heil'gen Strome« von Franz und »Lascia ch'io pianga« von Händel. Aber wie klang das, mein Gott! Erstens war der Raum dicht mit Portieren und Teppichen überladen, die den Ton schon an und für sich erstickten, und nun noch meine Angst, die mir die Kehle fest zuschnürte. Dabei ging mir immer der Atem zur unrechten Zeit aus, und ich atmete an Stellen, wo es mir streng verboten war. Um mein Unglück ganz voll zu machen, versagte meine Stimme einmal vollständig, als ich einen hohen Ton piano einsetzen wollte. Als ich ausgesungen hatte, stand ich da, als hätte ich Ohrfeigen verdient, so blamiert war mir zu Mut. Zu meinem Staunen aber umringte mich die ganze Gesellschaft mit lauten Lobpreisungen. »Diese süße Stimme«, »diese Seele«, »wie wunderschön war es!« riefen sie durcheinander. Ich traute meinen Ohren nicht. Was war das nur? Was sollte ich von ihnen denken? Verstanden sie wirklich so wenig von der Kunst? Da wurde es mir plötzlich traurig klar, daß man nichts glauben darf, was einem so in Gesellschaften gesagt wird, daß hier die Phrase regiert, die Schmeichelei und Unwahrhaftigkeit. Was diese Menschen ihren Nebenmenschen alles zu sagen wagten, davon hatte meine Seele bis jetzt keine Ahnung. Es erfüllte mich zuerst mit Staunen und dann mit Abscheu, und dann kam eine große Dankbarkeit über mich, daß es bei uns zu Hause wohl ganz anders hergeht. Da fiel mein Blick auf meine Lehrerin, und nun mußte ich doch recht lachen. Wie ein Fels im Meere stand sie mitten in der Bewunderung und Umschmeichlung der Gesellschaft. Alles nahm sie wie einen Tribut entgegen, den man ihr schuldete. Was man ihr alles über mich sagte, es war wohl zum Staunen! Später mußte ich wieder singen, da ging es schon etwas besser. Meine Lehrerin war selig und küßte mich und Mutter vor allem Volk. So habe ich denn nun einen Blick hineingetan in das Leben der großen Welt mit ihrer Schmeichelei und Unwahrhaftigkeit, und mit einem Gefühl von Heimweh nach meiner Welt bin ich heimgegangen. Nun weiß ich es ganz genau, dies alles lockt mich nicht. Heute hatte ich wieder eine Singstunde, und nun kam das dicke Ende nach: meine Lehrerin nahm mich tüchtig durch und kritisierte mich erbärmlich. Mein ganzes Auftreten verachtete sie, und wie ich beim Singen stünde, und wie ich mich nachher dumm benähme. Und der Schluß ihrer Rede war immer wieder der: »Sie wirken viel, viel zu unbedeutend. Wie kann man nur sein Licht so unter den Scheffel stellen!« Meine Stimme hätte so nichtssagend geklungen, ich hätte lauter kleine Lieder gewählt, wo die Stimme gar nicht genug zur Geltung gekommen wäre. Dann machte sie mich nach, wie ich am Klavier stand mit schiefem Kopf, den Mund kaum öffnend und ganz verschüchtert. »So müssen Sie stehen,« sagte sie und richtete sich in die Höhe, die Brust heraus, den Kopf zurück, den Mund weit aufgerissen. Es fehlte nur noch, daß sie die Arme in die Seite stemmte. Ich war ganz still und widersprach nicht. Was hätte es genützt! Aber im Herzen nahm ich es mir fest vor, so zu stehen und so den Mund zu öffnen, wie ich es bisher getan hatte, denn Wichtigkeit und Unnatur sind mir zuwider. Ich werde mich nicht so vors Klavier pflanzen und meine Lieder herunterschreien, das wäre auch nichts für mich. Ich weiß, was ich von ihr lernen kann, und was ich übergehen muß, und ich lasse mir nichts aufdrängen! Erstes öffentliches Auftreten Es kam mein erstes öffentliches Auftreten: ein Wohltätigkeitskonzert, bei dem ich mitwirken sollte. Meine Lehrerin war in der größten Aufregung, denn sie versprach sich einen Riesenerfolg sowohl für mich, als auch für sie, und da kamen zwischen uns die ersten Konflikte. Wir waren über die Wahl des Programms nicht einig. Sie wollte, ich solle lauter große Lieder singen, künstlerische Aufgaben, denen ich mich auf dem Podium noch gar nicht gewachsen fühlte, und wir kämpften bis aufs Blut miteinander. Ich weiß es jetzt, daß ich mit meinem instinktiven Gefühl absolut recht hatte. Sie verlangte, ich solle »bedeutend« wirken, wozu ich weder die Kraft noch die Fähigkeit fühlte. Und ich setzte meinen Willen durch, was sie mir nie vergab. Der Konzerttag kam heran, ich hatte nur Gedanken für meine Lieder, sonst für nichts, am wenigsten für meine Toilette, die daher ganz unbeschreiblich unschön ausfiel. Ahnungsloser als meine Mutter auf diesem Gebiet war, konnte man auch nicht leicht sein. Unjugendlich und unkonzertmäßig ausstaffiert, mit glattem Scheitel, die dicken Zöpfe wie einen Kranz vielfach um den Kopf gewunden, so bestieg ich die verhängnisvollen Bretter zum erstenmal. Anfangs war ich sehr bedrückt und scheu, doch da das Publikum mich sehr freundlich begrüßte, fühlte ich mich bald wohl. Zum Schluß kam die ganze Keckheit und Lustigkeit meiner zwanzig Jahre zum Vorschein, und als ich Hans Schmidts »Habt ihr meinen Schatz gesehen. Wenn er von den Bergen kommt?« sang, war mir's, als stiege ich allein über die Berge, und ich jauchzte, unbekümmert um den Konzertsaal den Refrain: »O du lieber, lieber Schatz!« Rauschender Beifall belohnte mich, aber ich fürchte, ich betrug mich recht naturwüchsig. Anstatt mich beim Publikum zu bedanken, schüttelte ich mich vor Lachen, besann mich plötzlich, daß ich auf dem Podium war, erschrak und lief spornstreichs davon. Das Publikum lachte, applaudierte und rief mich wieder zurück, denn es waren viele Bekannte unter den Zuhörern. Irgend jemand aus dem Künstlerzimmer beförderte mich dann wieder heraus, so flog ich aufs Podium. Weil mich aber niemand gelehrt hatte, was ich da zu tun hätte, stand ich erst ratlos da, nickte dann ins Publikum und lief ins Künstlerzimmer zurück. Alles lachte, das Publikum, die Mitwirkenden, am meisten aber ich, die ich erschöpft auf einen Stuhl sank. »War es schön?« fragte mich meine Mutter später. »Ich weiß es nicht,« war meine Antwort. Meine Lehrerin aber war entrüstet über das Ganze. »So beträgt man sich im Walde und auf der Wiese, doch nicht auf einem Konzertpodium,« sagte sie. Sie war sehr enttäuscht über die Art meines Erfolges. Sie hatte gehofft, ich würde das Publikum »überwältigen, erschüttern«, und nun – das! Sie unterwarf mich einer erbarmungslosen Kritik, die aber gar nicht sachlich war. Sie verspottete mich, machte mich nach, das erbitterte mich nur. »Ich kann nicht anders sein, als ich bin,« sagte ich hartnäckig auf alle Vorwürfe. »Sie werden nie eine Künstlerin werden,« das war der letzte Schlag, den sie gegen mich führte. »Gräme dich nicht,« sagten die übermütigen Vettern zu Hause, »Natur geht vor Kunst.« Je mehr meine Lehrerin aber fühlte, daß ich ihr entwuchs, desto fester wollte sie mich in Ketten schlagen. Man konnte mich in meiner Jugend mit einem Blick lenken – gegen Ketten revoltierte ich. Mein Streben sah sie für Undankbarkeit an, mein Sehnen nach einer höheren Vollendung für Unzufriedenheit. In dieser Zeit kam eine italienische Gesanglehrerin nach Riga an die Musikschule. Es wurde viel über sie gespottet und über ihre Methode gelacht, besonders von meiner Lehrerin. Andererseits fand sie ihren begeisterten Jüngerkreis. Sie baute alles auf den Atem auf, lehrte eine besondere Atemtechnik. Der Direktor der Musikschule kam zu meiner Mutter und bot ihr eine vollständig freie musikalische und gesangliche Ausbildung für mich an. Um meiner Lehrerin nicht zu schaden, schlugen wir dies Anerbieten aus. Ich hätte mir hier eine Atemtechnik aneignen können, die ich erst viele, viele Jahre später lernte, als sie meinem eigenen Singen kaum mehr zugute kam, wohl aber meinen Schülern. Ein ganzes Leben voller Mühen, falscher Führung, falscher Arbeit und Irrwege lag dazwischen. Ich hätte mir viel ersparen können, hätte ich damals zugegriffen. Jetzt weiß ich, wieviel es für eine künstlerische Entwicklung darauf ankommt, daß zur rechten Zeit das Rechte geschieht, denn es sind zarte Werte, die in Frage kommen, und die leicht zerstört werden können. Jede Hingabe verlangt Opfer, am meisten aber wohl die Hingabe an eine Kunst, die den ganzen Menschen erfordert. Es gibt Fälle, wo jede Rücksicht hier zum Unrecht werden kann, denn das auf diesem Gebiet einmal Versäumte läßt sich meist nie wieder einholen. Meine Unzufriedenheit, meine Sehnsucht weiter zu kommen, nahmen mir den frohen Mut, der sonst mein Wesen kennzeichnete, er ging mir fast verloren. Da kam Weihnachten heran. Ich fand unterm Weihnachtsbaum ein großes Kuvert. Als ich es öffnete, war eine Anweisung auf eine Geldsumme darin: ich sollte auf ein Jahr nach Berlin zur Ausbildung meiner Stimme. Durch den Verkauf unseres großväterlichen Hauses war es meiner Mutter möglich gewesen, mir diese Summe zu schenken. Ich war wie im Traum, aber plötzlich schlug ein Schmerz, wie eine Kralle in mein Herz – da mußte ich ja fort von zu Hause? Und bei dieser Vorstellung erlosch die Freude in meinem Herzen. Es setzte zum erstenmal ein Konflikt bei mir ein, den ich später oft als Zwiespalt in meinem Leben empfunden habe, und der mir viel Kampf gekostet hat. Der Zwiespalt entsprang aus dem Stück Künstlertum, das in mir lebendig war, und aus dem Teil meines Wesens, den meine Kollegen im Scherz »die livländische Pastorentochter« nannten. Es spielte gewiß auch meine Erziehung dabei mit, denn ich habe meine Kindheit und Jugend sehr weltfremd und abseits vom Leben gelebt. Aber es war doch wohl ebenso stark eine Veranlagung, die das Künstlerblut in mir bekämpfte, den Sieg gewann und mich zu einem pädagogischen Berufe führte. »Die livländische Pastorentochter« war doch die stärkere in mir. Im Herbst sollte ich nach Berlin. Im Frühjahr brach schwere Krankheit in unserer Familie aus, die Geldopfer forderte. So mußte ich mein Studiengeld dafür hingeben. Ich litt schwer darunter und wußte nicht mehr, was mit mir beginnen. Ich fing ein wenig an zu unterrichten, was mir viel Freude machte, mich aber sehr ängstete, weil ich keinen klaren Weg vor mir sah und nicht recht wußte, was ich lehren sollte. Auch wurde meine Lehrerin eifersüchtig auf mich und meine Erfolge, die mich selbständig von ihr machten. Ich sang viel in Gesellschaften, es wurde viel Wesens von meinem Singen gemacht. Aber es genügte mir das alles nicht, die Lorbeeren, die ich da erhielt, waren mir zu leicht gespendet. Amalie Joachim Amalie Joachims Konzert in Riga war das zweite große künstlerische Ereignis in meinem Leben. Sie, die berühmteste Altistin Deutschlands, kam zu einer ganzen Reihe von Konzerten in die Ostseeprovinzen. Sie begann ihre Tournee mit Riga. Es war dieselbe künstlerische Luft, die ich in ihrem Konzert atmete, wie im Konzert von Raimund von Zur-Mühlen und Hans Schmidt. Ich war wieder wie außer mir, denn sie war eine Königin in ihrem Reich. Ich fühlte das Flügelrauschen einer großen, echten Künstlerseele über mir und streckte sehnsüchtig die Arme nach ihr aus: »Könnte sie mich lehren!« Dieses Mal war meine Mutter ebenso »unsinnig«, wie ich; mit ihrem feinen Kunstverständnis empfand sie sogleich mit hoher Begeisterung das Verwandte bei Frau Joachim. Wir rafften unsere letzten Kopeken zusammen, denn unsere Mittel waren immer schmal, und hörten sie singen, wo sie nur auftrat. Sogar in die Nachbarstadt Mitau durfte ich fahren, um sie zu hören. In einer Kritik war einmal von ihr gesagt worden: »Wenn die Venus von Milo singen könnte, müßte sie singen wie Frau Joachim.« »Frauenliebe und -leben« von Schumann von dieser einzigen Großen gehört zu haben, wird niemand vergessen, dem dieses Glück zuteil wurde. Die berühmte »Erbarme dich«-Arie aus der Matthäuspassion konnte keiner erschütternder singen, als sie. Es war etwas Riesenhaftes in ihrer Gestaltung, und sie vermied alles und jedes, was irgendwie Konzession an das Publikum war. Wer ihr aber auf ihre Höhe folgen konnte, der hatte es gut, der erlebte Unvergeßliches. Ich wurde ihr vorgestellt und lernte sie persönlich kennen. Meine Lehrerin veranstaltete eine große Matinee, wo ihre Schülerinnen vorsingen mußten, den Schluß machte ich mit einigen Liedern aus der »Winterreise«. Meine Mutter hatte ein Gedicht auf Frau Joachim gemacht, das mit goldenen Lettern auf einen wunderbaren Bogen gedruckt war und ihr von einer Schülerin mit einem Blumenstrauß überreicht wurde. Alles, was Namen und Bedeutung in der Gesellschaft hatte, war zu dieser Matinee eingeladen. Die Freude und Begeisterung war groß, wie es bei uns Balten bei solchen Gelegenheiten üblich war. Und als zum Schluß Frau Joachim sich erhob und eine Nummer Brahms-Lieder sang, da erreichte der Jubel seinen Höhepunkt. Ich lebte wie auf Wolken, denn ich hatte zum erstenmal in meinem Leben mit einer großen Künstlerin gesprochen und hatte ihr vorsingen dürfen, und sie hatte mir die Hand gereicht und warme, anerkennende Worte gesagt. Künstler waren in unserem Hause den Halbgöttern gleichgestellt, und ich hatte das Gefühl, als müßte man eigentlich eine neue Sprache erfinden, die würdig wäre, im Verkehr mit Frau Joachim gebraucht zu werden. Es sollte aber noch überwältigender für mich kommen. Frau Joachim hatte Interesse an mir und meinem Singen gewonnen, auch hatte meine Mutter mit ihrer großen Persönlichkeit einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Da sie von meiner Schwester gehört hatte, die durch ihr unheilbares Leiden an den Rollstuhl gefesselt war, beschloß sie in ihrem gütigen Herzen, uns zu besuchen und meiner kranken Schwester vorzusingen. Das Ganze sollte eine Überraschung für meine Mutter sein. Mit großer Mühe machte ich alle Vorbereitungen heimlich, den hohen Gast würdig aufzunehmen; und nur meine Schwester war eingeweiht. Ruhelos ging meine Mutter an dem Tage durchs Haus. »Es liegt etwas in der Luft,« sagte sie immer wieder, »es wird etwas Besonderes geschehen, ich fühle es.« Da wurde an der Hausglocke geläutet, und ich stürzte hin, um zu öffnen. Frau Joachim mit ihrer Begleiterin und meine Lehrerin standen an der Tür. Ich sah nach meiner Mutter: mit ganz blassem Gesicht stand sie da. »Das geht nicht mit rechten Dingen zu,« war das einzige, was sie sagen konnte Als der erste Sturm der Freude und Aufregung sich gelegt hatte, ging Frau Joachim mit ihrer Begleiterin an unseren Flügel und öffnete ihn. Sie stand da, ruhig und königlich und legte ihre Hände mit einer nur ihr eigenen Bewegung von stiller Würde ineinander. Dann hob sie den Kopf, als lauschte sie auf irgend etwas, und fing an zu singen. Es war die Arie aus der Matthäuspassion. »Erbarme dich, mein Gott, um meiner Tränen willen,« und ich dachte, so müßte die Niobe gesungen haben, wenn sie hätte singen können. Darauf sang sie Brahms und Schubert, die »Maiennacht«, den »Doppelgänger«. Wir waren alle so aufgeregt, so beseligt, daß es auch die große Künstlerin mit ergriff und erschütterte. Als sie zum Schluß »Frauenliebe und -leben« sang, brach sie plötzlich in Tränen aus. Diese Stunde wob ein festes Freundschaftsband zwischen meiner Mutter und ihr, das sie treu bis zu meiner Mutter Tode verband. Nach dem Singen saßen wir alle bei der Schokolade, die ich heimlich hatte kochen lassen. Ich hatte alles so festlich wie möglich bereitet, unsere schönsten Tassen, unser altes Silber und köstliches altes Kristall schmückten den Tisch. Frau Joachim bemerkte alles und freute sich an allem, am meisten aber an den leuchtenden Augen meiner Schwester. Diese Stunde gehörte zu dem Größten, was sie in ihrem stillen Krankendasein erlebt hat. Und nun wollte Frau Joachim mich prüfen. Es sollte eine endgültige Entscheidung getroffen werden, ob mein Talent der großen Opfer wert wäre, die man für seine Ausbildung bringen sollte. Das Endresultat der Prüfung war: ja, mein Talent wäre der Ausbildung und wirklicher Opfer wert. Sie sagte ferner, mir fehle vor allem das künstlerische Maß, ich sänge maßlos und ließe mich nur von meinen Impulsen leiten. Sie nannte Professor Stockhausen in Frankfurt a. Main, der für mich der berufene Lehrer sein würde. Er, der größte Liedersänger seiner Zeit, der große Klassiker, würde mich schon bald maßhalten lehren. Er fordere viel von seinen Schülern und sei sehr heftig und ungeduldig. »Davor fürchte ich mich nicht,« sagte ich schnell, worüber sie lächelte. Sie versprach mir eine Empfehlung an Stockhausen, dann würde ich es leichter haben. Als sie gegangen war, eilte meine Mutter schnurstracks, ohne ein Wort zu verlieren, an ihren Nähtisch. Sie entnahm ihm ein Band, das sie sorgfältig um den Fuß des Stuhles, auf dem Frau Joachim gesessen hatte, band. »Der Stuhl ist geweiht für alle Zeiten,« sagte sie. Frau Joachim hatte damals ihr Taschentuch bei uns vergessen, es war von ihren Tränen noch feucht. »Das gebe ich ihr nicht wieder,« sagte meine Mutter, als wir es fanden, »das legt mir einmal in meinen Sarg.« Nach Jahren habe ich ihr diesen Wunsch erfüllt. Als die Nacht hereinbrach, beschienen der Mond und die Sterne in ganz Livland keine glücklichere Familie als uns. Auf einem Gute in Kurland Mein Ruf war infolge der Anerkennung von Frau Joachim in meinem Kreise sehr gestiegen, sogar mein Bruder und meine Vettern wurden dadurch bekehrt. »Es muß doch etwas an deinem Singen dran sein,« sagten sie und blickten nicht mehr so mißbilligend auf meine Künstlerträume. Ein halbes Jahr darauf waren die Mittel für meine weitere Ausbildung beschafft, wenn auch in bescheidenstem Maßstabe. Ich sollte auf ein Jahr zu Professor Julius Stockhausen nach Frankfurt am Main gehen. Meine Mutter hatte von Freunden eine Reise nach Rom geschenkt bekommen, und ich hatte das Glück, daß ich mit ihr zusammen reisen durfte, und daß sie mich persönlich zu Stockhausen bringen konnte. Um noch etwas für die Reise zu verdienen, hatte ich für zwei Monate eine Stelle als Gesanglehrerin auf dem Gute Stenden in Kurland angenommen. Es sollte eine kleine Vorprobe sein für meinen ersten großen, selbständigen Ausflug in die Welt. Es war im Frühling, als ich mich aufmachte. Zum erstenmal ging es unter ganz Fremde. Ich hatte es unendlich gut getroffen, denn ich kam zu lieben, seltenen Menschen. Es war ein schönes, altes Gutshaus, das ich kennen lernte, die Bewohner – ein originelles Ehepaar mit zwei Töchtern, von denen ich die jüngste unterrichten sollte. Aufs wärmste wurde ich von allen empfangen, mit stürmischer Begeisterung von meiner zukünftigen Schülerin. Es herrschte im Hause zwar kein großes Verständnis für die Musik, aber eine leidenschaftliche Liebe. Meine Schülerin hatte eine hübsche, helle Sopranstimme, war musikalisch und von einem großen Eifer beseelt; was ich sie lehrte, weiß ich nicht recht, doch waren wir fleißig bei der Sache und froh aneinander. Jeden Morgen gab ich Stunden, wir übten und sangen, begleiteten uns gegenseitig und erregten die Bewunderung des Hauses und der ganzen Umgegend. Es war eine neue Welt, in die meine junge Schülerin eingeführt wurde. – Die Monate, die ich in dem Hause verlebte, gehören mit zu den frohesten Erinnerungen meines Jugendlebens. Es war ein originelles Leben unter besonderen Menschen. Der Hausherr, eine vornehme Erscheinung mit dunklem Gesicht, feurigen Augen und grauem Haar, war ein echter Kurländer vom alten Schlage. »Gott straf,« damit fing er jeden Satz an. Er war trotz seines Alters von riesenhafter Stärke. Auf Jagddiners habe ich es erlebt, daß zuletzt eine uralte Jagdflinte hereingetragen wurde. Alle Herren erprobten ihre Kräfte daran, die Flinte zu heben. Keinem gelang es. Da erhob sich unser Hausherr, ergriff die Flinte mit einer Hand, hob sie wie eine Feder hoch über seinen Kopf und schulterte sie dann unter dem Jubel der Tischgesellschaft. Er hatte den ganzen Stall voller Pferde und zwei Kutscher, die meistens rauchend vor der Stalltür saßen; doch wurden die Pferde nur in den seltensten Fällen benutzt. Die beiden Kutscher machten ihm vor jeder Ausfahrt klar, daß die Pferde nicht überanstrengt werden dürften. Wenn er fahren mußte, fuhr er meist mit der Post. Seine Frau war eine wunderschöne Erscheinung, voller Güte und Selbstlosigkeit, dabei ein Original durch und durch. Sie wurde von allen ausgenützt, am meisten aber von ihren Dienstboten, die sie vollkommen beherrschten. Der Koch, der lange Jahre im Hause war, kochte nie, was sie wünschte, nur was er wollte. Manche Speisen kamen überhaupt nicht auf den Tisch, denn er erklärte sie für zu gewöhnlich und nicht passend für eine adelige Tafel. Es wimmelte von Dienstboten im Hause, darunter waren alte Leute, die das Gnadenbrot aßen. Ich erinnere mich eines uralten Dieners, von allen »Freundchen« genannt, der, im Sommer in weiße Leinwand gekleidet, in seinem hellen, freundlichen Stübchen ein tatenloses, stilles Leben führte. Dann gab es eine alte Magd Liesing, die die einzige Lebensaufgabe hatte, einen zahmen Auerhahn zu hüten, den sie spazieren führte und mit einer Rute beherrschte. Ferner lebten da zwei Diener, die von dem, was sie vom Tische beiseite brachten, mehrere Schafe ernährten; ungezählte Stubenmädchen, Unterköchinnen, Wäscherinnen, alles das führte ein herrliches Leben, liebte die Herrschaft, teilte alles voller Interesse mit ihr auf ganz patriarchalische Art und bestahl sie, soviel es nur irgend ging. »Sehen Sie, mein liebes Kind,« sagte die alte Baronin, »ich weiß ganz genau, daß sie stehlen, das ist aber ihre Sünde und nicht die meine.« Ich lebte mich bald ein, solch ein Leben hatte ich noch nie gekannt; es gab so viel zu lachen, so viel zu staunen, und es war so viel Freude, die durch unsere Musik ins Haus kam. Die älteste Tochter war eine berühmte Schönheit, sie lebte ein abgeschlossenes, eigenartiges Leben. Die Jüngere achtzehnjährig war voll stürmischer Kraft und voller Sehnsucht, etwas zu erleben. Ich war selbst noch so jung, dreiundzwanzig Jahre alt, und steckte voller Pläne und Unternehmungslust. Die alte Baronin hatte immer den Verdacht, daß wir irgend etwas planten und miteinander ausheckten. Bald rissen wir auch die ältere Schwester mit uns fort. Es wurden Wetten gemacht mit den Assessoren der Nachbarschaft – natürlich alles hinter dem Rücken der Eltern – die ausgeführt wurden, wenn wir allein zu Hause waren. Wir erwarteten heimlich Sonnenaufgänge, wir schlichen uns bei Nacht und Nebel aus dem Hause in Mondschein, wir badeten, wir machten große Fußtouren und hielten das ganze Haus in atemloser Aufregung. Dazu war ein Frühling ins Land gezogen, so reich, so wunderbar schön, voller Blüten, Nachtigallenschlag und Mondschein. Der erste Frühling, den ich ganz auf dem Lande erlebte. Unseren Hauptverkehr bildete das Pastorat, ein richtiges, wie es sein muß, mit vielen Kindern: der Pastor mit weißem Bart und einem schwarzen Sammetkäppchen, die Pastorin mit hellen Augen, hübsche und interessante Kinder voller Leben, voller Interesse und voller Poesie in ihrem schlichten Leben. Die Monate flogen nur so hin. Zum Schluß meines Aufenthaltes veranstalteten wir ein großes Kirchenkonzert für die Hofleute und Dienstboten des Gutes. Wir hatten eifrig geprobt, begleiteten uns gegenseitig auf der Orgel, sangen Soli und Duette und hatten ein richtiges Programm zusammengestellt. Da, zu unserem Staunen, fuhr zur Stunde des Konzertes ein Wagen nach dem anderen in den Hof. Die ganze Nachbarschaft hatte davon gehört und kam als Zuhörerschaft zu unserem großen Schrecken und Entsetzen, denn wir hatten uns nur auf Bauern und Dienstboten als Publikum eingestellt. Mit der großartigen Gastfreundschaft, die den Kurländern eigen ist, wurde alles nachher zu Mittag eingeladen. Es war ein großes Fest, und wir ernteten viel Lob und Ehre. Hier lernte ich auch ein altes kurisches Original kennen, ein Überbleibsel der früher in Kurland so bekannten Art, die man »Krippenreiter« nannte. Es war der Organist eines benachbarten Kirchspiels, der auf dem Gut den Spitznamen »Neitsche« hatte. Er war ein kleiner, dicker Mann mit schlauen Augen, der sich sein Leben einzurichten verstand. Jeden Sonntag spielte er getreulich seine Orgel in der Kirche, am Montag spannte er sein Pferdchen vor einen kleinen Wagen, hüllte sich in einen steifen Kragenmantel und fuhr auf ein benachbartes Gut – am Dienstag weiter aufs nächste, am Mittwoch wieder weiter, und so ging es durch die ganze Woche von Gut zu Gut. Am Sonnabend abend kam er wohlgenährt und vergnügt wieder zu Hause an, erzählte seiner alten, aufhorchenden Frau wie eine lebendige Zeitung von allem, was im Umkreise der Landschaft geschehen war, und ging dann friedlich zur Ruhe. Am Sonntag waltete er wieder seines Amtes, um am Montag seine Rundreise von neuem zu beginnen. So ging es das ganze Jahr durch gute und böse Zeiten, durch Sommersonnenglut, Winterkälte und Schnee. Auf den Gütern unterrichtete er die Töchter recht und schlecht. Am Abend aber spielte er mit den Herren des Hauses Karten, wo er beständig die Zielscheibe vieler Neckereien und Witze war, und tat sich gütlich an den guten Mahlzeiten der kurischen Hausfrauen. Er war immer ein gern gesehener Gast, denn er kannte alle Neuigkeiten, wußte allen Klatsch der Umgegend, er war immer gut aufgelegt und lustig und konnte auch über einen derben Scherz, dessen Zielscheibe er selbst war, fröhlich mitlachen. Man war sehr gut gegen ihn, die Hausfrauen ließen ihm seine Lieblingsspeisen kochen, und die Hausherren brachten ihm einen guten Tropfen aus dem Keller. Die Baronin setzte ihm immer Karauschen, sein Lieblingsgericht, vor. Er verspeiste sie sorgsam, immer mit einem Tröpfchen an der Nase. Mich betrachtete er ganz als Kollegin und sprach nur über Musik mit mir, wobei er andeutete, daß er als Musiker eine ganz andere Karriere hätte machen können. Sein Ideal war Domorganist Wilhelm Bergner in Riga, von dem er in Ausdrücken sprach, wie wir sie sonst nur bei Händel und Bach brauchen. Die zwei Monate waren rasch vorübergegangen, und es schlug die Stunde meines Scheidens. Es war ein schmerzlicher Abschied, und viele Ehrungen wurden mir zuteil. Der Hausherr nahm den Kampf mit den rauchenden Kutschern auf und befahl, daß uns alle Pferde zur Verfügung gestellt werden sollten, um mich ins Nachbarstädtchen zu bringen, von wo ich weiter zu meinen Verwandten reisen sollte. Wir Damen saßen in einem Landauer, vor den vier Pferde lang gespannt waren, die Herren waren alle hoch zu Roß, so brausten wir über die Landstraße ins kleine Städtchen Talsen, wo alle Leute die Fenster aufrissen und uns nachsahen. »Nun ist das Leben zu Ende,« sagte meine Schülerin, »und der Alltag ist wieder da.« Wir weinten heiße Tränen beim Abschied. Als ich allein war, dachte ich: »Also so sieht's in der Welt draußen aus, soviel Liebe, Freude und Verwöhnung warten da auf mich.« Es war gar nicht so, wie Mutter immer sagte: »Denke nur ja nicht, daß du's so gut haben wirst wie zu Hause, draußen wehen scharfe Winde, die werden dir schon den Übermut fortblasen.« So wird es wohl immer weitergehen, einem Künstlerleben entgegen, und es wird noch schöner werden, noch viel, viel herrlicher, dies ist ja nur ein Anfang, das Wirkliche kommt erst noch, wenn ich etwas gelernt habe und eine Künstlerin bin. Studienzeit Aufnahmeprüfung bei Stockhausen Im Herbst 1882 machte ich mich mit meiner Mutter nach Deutschland auf, zum erstenmal überschritt ich die Grenze ins »gelobte Land«, als das uns Balten Deutschland immer erschien. Aber schon in Berlin packte uns beide das Heimweh, und ich dachte in Verzweiflung: was wird nun aus mir werden? Einige Tage des Ausruhens in Frankfurt folgten und beruhigten mich ein wenig, dann ging ich, von meiner Mutter begleitet, zu Stockhausen. »Wenn er dich nur annimmt,« sagte mein Onkel, der auf einige Tage nach Frankfurt gekommen war, um uns zu sehen. »Er soll sich wenig genieren und die Schüler, die ihm nicht gefallen, sofort wieder hinausweisen.« So aufgeregt und entmutigt in meiner ohnehin schon recht zaghaften Seele trat ich meinen schweren Gang an mit der »Winterreise« unterm Arm. Frau Professor Stockhausen, eine etwas streng aussehende Dame, empfing uns. Ich glaube, daß wir in unseren altmodischen Toiletten ihr keinen großen Eindruck machten. Wir wurden ins Musikzimmer geführt, wo wir warten sollten. Ich sah mich in dem kleinen Raum um, in dessen Mitte ein großer Flügel stand. Nichts als Bücher und Noten auf Borten und an den Wänden, ein paar schöne, wertvolle Bilder, Teppiche, schwere Vorhänge, das alles übersah ich im ersten Augenblick und fand, es sei eine seltsame Einrichtung für ein Musikzimmer. Später habe ich erfahren, daß Stockhausen mit vollster Absicht jede akustische Täuschung, jeden »Betrug«, wie er sich ausdrückte, über den Klang der Stimme durch diese Einrichtung unmöglich machte. »Wenn es hier klingt, dann klingt es überhaupt auch im großen Saal,« meinte er. Da ging plötzlich die Tür auf, und herein wie ein Sturmwind fegte ein kleiner Mann und stellte sich vor mich hin, mich von oben bis unten musternd. Er stand vor mir mit den Händen in den Rocktaschen, und ich sah in ein dunkles Gesicht mit grauem Bart und grauem Haar. Ein paar merkwürdige, stechende Augen blickten in die meinen, um den Mund lag ein spöttischer Zug. »Sie sind also die Livländerin, die Frau Joachim mir empfohlen hat,« sagte er mit klangvoller Stimme. »Können Sie denn etwas?« »Gar nichts,« sagte ich mit dem Mut der Verzweiflung. »Aber darum bin ich ja auch hergekommen. Ich will viel lernen.« Die Antwort schien ihm Spaß zu machen, denn er lachte. »Was haben Sie denn Gutes mitgebracht?« »Die Winterreise,« war meine Antwort. Er stürzte auf seinen Flügel, riß den Deckel auf, schleuderte ein paar Noten, die auf dem Klaviersessel lagen, weg. »Schnell,« rief er, als ich verwirrt mit meinem Notenheft dastand, »worauf warten Sie eigentlich?« Mit bebenden Fingern schlug ich die »Krähe« von Schubert auf. Stockhausen saß schon am Flügel und vertiefte sich in die Begleitung. Mir fiel sofort der veränderte Ausdruck seines Gesichts auf, sobald die ersten Akkorde erklangen. Es wurde verklärt, schön und edel, die Augen verloren den stechenden Blick, der ganze Mann machte den Eindruck eines Entrückten. Ich übersah das alles mit Blitzesschnelle, und alle Angst wich von mir. Ich glaube, ich habe dieses Lied selten so schön gesungen wie damals: es ging von ihm eine Kraft aus, die mich trug. Als ich geendet hatte, nickte er. »Weiter,« sagte er kurz. Nun schlug ich die »Letzte Hoffnung« auf. Ich sang es ebenso frei, wie das erste Lied. Nach dem letzten Akkord sprang er auf und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Dann hob er seine Hand gebieterisch. »Knien Sie hin,« rief er, »auf der Stelle knien Sie hin und danken Sie Ihrem Gott. Sie haben etwas von Ihrem Schöpfer erhalten, was nicht viele haben. Sie haben eine Seele und können sie aussprechen, das kann Ihnen kein Lehrer geben. Aber Sie singen nicht einfach genug, Sie wollen zu viel. Sie wollen in jedes Wort einen Ausdruck pressen und überladen damit das Lied. Sehen Sie, so singt man so etwas.« Und er setzte sich wieder an den Flügel, sein Gesicht verwandelte sich, es bekam wieder den merkwürdig weltentrückten Ausdruck, er bog den Kopf ein wenig in den Nacken und sang mir die »Letzte Hoffnung« vor. Er sang mit der ganzen, erschütternden Selbstverständlichkeit, die ein großes, gereiftes Kunstwerk haben muß. Es war, als hätte er den tiefsten Herzschlag des Dichters und des Komponisten belauscht. Ich horchte atemlos, das war ja so einleuchtend, als könnte ein Kind das nachsingen. »Jetzt singe ich's noch einmal,« rief ich hingerissen, als er geendet hatte. »Nachgesungen wird hier nicht. Sie sollen Ihre Wege selbst finden,« sagte er kurz, »aber wenn Sie auch noch musikalisch sind, kann aus Ihnen was werden. Sind Sie musikalisch?« »Ich denke sehr,« war meine Antwort, denn ich hatte es nie anders gehört. »Nun, wollen wir doch mal sehen,« sagte er skeptisch und setzte sich an den Flügel. »Singen Sie mir jetzt den Tetrachord.« Ich hatte nie etwas ähnliches gehört. »Was ist das?« fragte ich erschrocken. Ein funkelnder Blick traf mich. »Das ist ja unerhört, wie sind Sie denn unterrichtet worden? Ich bitte, sich bald darüber zu instruieren!« Dann machte er einige Gehörsübungen, wobei ich vollständig versagte. »Na, Sie scheinen ja Ihre Intervalle gar nicht zu kennen,« sagte er scharf. »Ich habe nie solche Übungen gemacht,« antwortete ich kläglich. »Sehr musikalisch sind Sie nicht,« sagte er. »Schade, aber es kann auch so gehen.« Ich war so verblüfft, daß ich nicht musikalisch sein sollte, daß ich stehen blieb und ihn starr und erschrocken ansah. Ich war wie im Bann. Mein Gott, was würde ich noch alles erleben? Das ist ja fürchterlich, hier wehen scharfe Winde. Frau Professor kam ins Zimmer; sie hatte dunkle Augen und einen merkwürdig zusammengekniffenen Mund, sah streng aus und klug. Sie notierte meine Adresse, während dessen ging er im Zimmer auf und ab mit den Händen in den Taschen. Bei seinen Wanderungen blieb er dazwischen stehen und sagte: »Also, Sie haben noch nie etwas von einem Tetrachord und Intervallen gehört. – Klara, kannst du dir so etwas vorstellen?« Seine Frau verzog ein wenig den Mund, aber sie lachte nicht. »Ich werde das alles bald kennen lernen,« sagte ich. Er lachte, daß er sich schüttelte. »Ja, ja, zu Hause war man wohl die gefeierte Diva, hier aber wird es anders werden!« »Das ist mir gerade recht,« sagte ich mutig, »das ist es ja, was ich will.« Es wurde mir nun ein Tag genannt – es war der nächste Sonntag – an dem ich wiederkommen sollte, wo ich meinen Stundenplan erhalten und meine Nebenfächer erfahren würde. Unterdessen hatte meine Mutter im Nebenzimmer gewartet. Sie konnte gar nicht begreifen, daß ich so mutig geantwortet hatte. Ihr wurde heiß und kalt vor Angst, als es herauskam, daß ich den Tetrachord nicht kannte und bei den Gehörsübungen so völlig versagte. Als wir nach Hause gingen, sagte ich ruhig: »Davor habe ich keine Angst. Die Hauptsache ist doch, daß ich nun wirklich bei einem großen Künstler bin, und daß er mich angenommen hat.« Beginn der Arbeit Am Sonntag darauf gab es bei Stockhausen eine Versammlung von sämtlichen Schülern. Die Stundenpläne wurden verteilt, man wurde einander vorgestellt, und dann sollte eine Chorprobe sich anschließen. Ich war recht verloren und verschüchtert unter einer Schar eleganter, junger Damen, die mich durch ihre hochgetürmten Frisuren und großen Hüte erschreckten. Auch eine Schar junger Herren war da mit langen und kurzen Künstlerhaaren und farbigen Kravatten. Frau Professor Stockhausen verteilte die Stundenpläne, er kümmerte sich um nichts. Er schoß durchs Zimmer, neckte die Schülerinnen und suchte sie zu erschrecken und zu verblüffen. Ich sah unter der Schar ein junges Mädchen stehen in dunklem, schlichtem Kleide mit glattem, dunklem Haar und sehr ängstlichen, schönen Augen. Ich fühlte sofort, die ist von meiner Art, suchte in ihre Nähe zu kommen und redete sie an. Da kam es heraus, daß sie sich ebenso fürchtete, wie ich. Sie war eine Schwäbin und bekam später den Spitznamen »das Mäusle«. Wir haben unsere ganze Studienzeit getreulich zusammengehalten, sie wurde meine Intima genannt. Wir haben miteinander gearbeitet und gezankt, miteinander geweint, gelacht und gelitten. Die Stundenpläne waren verteilt, Stockhausen ging an den Flügel und öffnete ihn. Es war wirklich wunderbar, wie sein ganzes Äußere sich verwandelte, wenn er an seine künstlerische Aufgabe ging; sein ganzes Wesen straffte sich, wurde ruhig und fest, sein Gesicht wurde klar und edel. Er warf sein Haar aus der Stirn und überflog die Versammlung mit herrischem Blick. »Wir nehmen den ersten Chor aus der Matthäuspassion,« rief er, »setzen Sie sich nach den Stimmlagen, aber schnell.« Zum Glück sang meine schwäbische Freundin auch Sopran, wir klammerten uns aneinander, Noten wurden verteilt, wir erhoben uns. »Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen,« erbrauste von jungen, schönen Stimmen getragen. Als dieser Chor beendet war, erscholl plötzlich Stockhausens Stimme. Zu meinem Entsetzen rief er meinen Namen. »Monika Hunnius, können Sie vom Blatt singen?« Alles hätte ich gekonnt, nur das nicht. Aller Blicke wandten sich mir zu und maßen mich mit Erstaunen, die ich in einem geschmacklosen Kleide mit glatt gescheiteltem Haar und einer unmodernen Frisur weltfremd und ängstlich dasaß. Ich war so erschrocken, daß ich ja sagte, statt nein. Ich wollte dieses Wort so gern wieder zurücknehmen, konnte mich aber nicht dazu entschließen, weil ich das Gelächter fürchtete, das gewiß entstanden wäre. Ein Tenor wurde aufgerufen, Georg Anthes. Er hat sich später einen großen Namen als Opernsänger gemacht, damals war er noch ein junger, ängstlicher Mann mit langem Künstlerhaar und flatterndem, roten Schlips. Er sang ergreifend eine Tenorarie aus der Matthäuspassion, trotzdem erntete er nur einige scharfe, kritische Bemerkungen, die wenig Anerkennung enthielten. Unterdessen krümmte sich alles in mir vor Angst. Er wird mich doch nicht auch Solo singen lassen, dachte ich immer wieder. Vor Entsetzen wurde mir die Stirn kalt und feucht. Eine Altistin, Marie Reuter, wurde aufgerufen. Sie sang mit tiefer, dunkler Stimme die »Erbarme dich«-Arie aus der Matthäuspassion. Hin und hergerissen zwischen Begeisterung und Todesangst saß ich da, denn auch sie erntete nur ein paar spöttische, kritische Worte für ihren Gesang, der mir sehr schön erschien. »So, nun singen wir die Motette von Mendelssohn,« rief Stockhausen, »und Monika Hunnius singt die Sopransoli daraus. Die Solisten kommen zu mir und stellen sich neben mir auf.« Auch das noch! Wie würde ich das nur überleben? Wie im Traum verließ ich meinen Platz und ging durchs ganze Zimmer, ich weiß nicht, wie meine Füße mich trugen. Ich fühlte, daß jemand mir ein Notenblatt in die Hand drückte, dann erhob sich der ganze Chor. Und jetzt kam mein Solo. Ich begreife es noch in dieser Stunde nicht, wie es möglich war, aber ich sang es in meiner furchtbaren Erregung, die alle Kräfte in mir anspannte, tadellos vom Blatt, ohne mich auch nur einmal zu versehen. Aber es war nicht ich, die da sang, es war, als wäre es eine vollständig andere. Meine Stimme klang hell und jauchzend über alle die Köpfe hinweg, die voll Staunen sich nach mir gewandt hatten. Als ich geendet hatte, klopfte Stockhausen mir auf die Schulter. »Sie kann ich brauchen,« sagte er. »Sie haben ja eine Seele.« Alles umringte mich, keiner hatte hinter meinem unscheinbaren Äußeren irgend etwas erwartet. Sogar Frau Professor Stockhausen drängte sich durch die Schüler, um mir die Hand zu drücken. »Sie haben es wunderschön gemacht,« sagte sie. »Sie werden die Grundmann tot machen,« sagte eine von meinen künftigen Kolleginnen. »Sehen Sie, wie sie schon aufgeregt dasitzt. Sie war bisher die vereidigte Sopransolistin, nun wird das wohl ein Ende haben, denn Sie schlagen sie vollständig aus dem Felde.« Ich war ganz betäubt; als ob ein Meer um mich brandete und brauste, so war's mir. Es war ein glanzvolles Debüt, das ich hatte, mein erstes und mein letztes, denn Stockhausen sorgte bald dafür, daß ich in einen tiefen Abgrund sank; auf Höhen hielt man sich nicht dauernd bei ihm. »Sie singen ja glänzend vom Blatt,« sagte er mir beim Abschied. »Das war ein Zufall,« sagte ich aus tiefster Seele heraus, »ach, glauben Sie mir doch, es war ein Zufall.« Ich war in dem Hause eines Pfarrer Schlosser untergebracht. Die Frau Pfarrer stammte aus den Ostseeprovinzen aus einem altadeligen Hause. Sie war erst kurze Zeit mit dem Pfarrer verheiratet, der Witwer mit einer ganzen Kinderschar war. Sie hatte in glänzender Stellung gelebt, war Leiterin eines großen Pensionats gewesen, geliebt und vergöttert von ihrer ganzen Umgebung. Und nun heiratete sie in späterem Alter in schlicht bürgerliche Verhältnisse. Es war ein großer Sprung, den diese seltene Frau gemacht hatte, es waren zwei Welten, die sich begegneten. Aber eine große Liebe zu ihrem Mann und ein heiliges Wollen, ganz das zu sein, was sie übernommen hatte, erfüllte ihre Seele. Es war äußerlich ein sehr ungleiches Paar, er sehr schlicht nach außen hin wirkend, klug und gut, mit einem großen Wissen, einer großen Kraft und einer Kinderseele, unkompliziert und einfach. Sie, die Aristokratin, mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen, die eine fast suggestive Wirkung ausübten, schlank und blaß. Ich habe immer an die Prinzessin aus dem Tasso denken müssen bei ihr. Sie wirkte wie eine Fremde, wo sie war, als gehörte sie nicht in ihre Umgebung. Es war eine Sehnsucht und Trauer um sie. Jetzt weiß ich, daß es die Sehnsucht einer Seele war, die das Vollkommene wollte und unter der Erdenschwere litt. Die sechs Kinder waren liebe, ausgesprochene Persönlichkeiten; die älteste Tochter schon erwachsen, das jüngste ein Knabe, vielleicht acht Jahre alt. Im zweiten Jahre meines Dortseins wurde ein kleines Mädchen geboren, dessen Erscheinen das ganze Haus beständig in Atem hielt. Zuerst war ich die einzige Pensionärin dort, später kamen noch einige andere junge Mädchen dazu. Es war ein starkes, reiches Leben im Hause. Ich hatte ganz oben im höchsten Stock mein kleines Zimmer, worin mein Klavier stand. Ich konnte üben und arbeiten nach Herzenslust. Und das tat ich denn vom frühen Morgen bis zum späten Abend, war es doch das, was ich seit Jahren ersehnt hatte, was nun mein Leben füllen durfte ohne einen Nebengedanken. Stockhausen als Lehrer Und nun begann meine Arbeit beim großen Meister. Sie war reich an hohen Freuden, aber auch reich an Qualen und Leiden. Stockhausen hatte einen merkwürdigen Entwicklungsweg als Künstler gemacht. Er fing seine Laufbahn an der komischen Oper in Paris an, wo er keinen Erfolg hatte. Seinen Ruf erwarb er sich erst in Deutschland als größter Oratorien- und Liedersänger. Sein Verdienst ums deutsche Lied war groß, denn er führte es wieder im Konzertsaal ein. Die Opernarie hatte das Lied vom Konzertpodium verdrängt. Er war der erste, der es wagte, die »Müllerlieder«, »Winterreise« und »Dichterliebe« als Zyklus im Konzert vorzutragen. »Der Meistersinger des deutschen Liedes« wurde er genannt. Es ist nicht ganz leicht, diesem Künstler als Lehrer gerecht zu werden. Als Künstler war er unantastbar, ich kann ihn nur mit einer Flamme vergleichen, die auf einem Opferaltar brannte, schön und strahlend, klar und heilig, war sie uns allen ein leuchtendes Vorbild. Als Pädagoge war er durchaus angreifbar. Eines aber lernten wir bei ihm, und das war arbeiten. Er forderte viel und unerbittlich, man konnte ihn eigentlich nie befriedigen. Wenn man mit dem Aufgebot aller Kräfte gearbeitet hatte und in die Stunde kam, konnte er oft sagen: »Also so haben Sie's gemacht! Dann können Sie's ja eigentlich noch ganz anders, nun kann ich noch viel mehr von Ihnen verlangen.« Er glaubte nie, daß man wirklich seine ganze Kraft einsetzte. »Sie möchten, aber Sie wollen nicht,« war einer seiner stehenden Aussprüche. Man kam nie zur Ruhe bei ihm, auch nicht zu ruhigem Arbeiten. In seinen Forderungen lag etwas Atemloses, überspannendes, namentlich den Schülern gegenüber, die es ernst meinten. Das Große, das er uns gab, war eine hohe, künstlerische und musikalische Erziehung, in der technischen Schulung versagte er. Er selbst, ein vollendeter Techniker, beherrschte alle Stilarten; er sang ebenso vollkommen eine italienische Koloraturarie, einen Mozart, wie ein Lied von Schumann und Brahms, aber das weiter zu lehren, war nicht seine Gabe. Er war viel zu sehr Künstler, Gelehrter und Forscher, als daß er hätte Pädagoge sein können. Er war sehr ungeduldig, griff die Behandlung einer Stimme manchmal von drei bis vier Punkten an und verwirrte seine Schüler dadurch. In den zwei Jahren, die ich bei ihm studierte, habe ich nie etwas von Atemtechnik, die doch die Basis eines jeden Singens ist, gelernt. Er entwickelte nicht stetig und ruhig das Organ. Was er heute aufbaute, riß er morgen wieder nieder, denn es war ihm oft über Nacht irgend eine Idee gekommen, die er sofort bei der nächsten Schülerin, die ihm in die Hände kam, in die Tat umzusetzen versuchte. Eine geistreiche Sängerin nannte ihn einmal mir gegenüber einen Stimmenvivisektor. Stimmenprobleme interessierten ihn, er stürzte sich auf eine Stimme, die ihm Probleme aufgab, mit wahrer Leidenschaft, nahm das Organ mit dem Interesse eines Forschers vollständig auseinander und machte seine wissenschaftlichen Studien dabei. Ging das Zusammensetzen aber nicht so schnell wie er wollte, dann warf er die ganze Sache hin und interessierte sich für die Trümmer nicht mehr viel. Die musikalische Erziehung machte mir zuerst viel Not, ich war unendlich schlecht vorbereitet und ganz ahnungslos jeder Theorie gegenüber. Meine musikalische Begabung war in erster Linie ästhetisch, ganz im Gefühl wurzelnd. Ich konnte keine Musik denken, ich konnte sie nur fühlen. Die elementarsten, theoretischen Dinge waren mir fremd. Ich kannte keine Intervalle außer Sekunden und Terzen. Ich mühte mich namenlos, das Versäumte einzuholen und dies vernachlässigte Gebiet ein wenig zu beherrschen. Stockhausen aber stand immer gleich wie mit einer Peitsche hinter einem. Ich mußte so oft an ein Wort von Geibel denken: »Wo sein Flügel ihn trug, Meint er, du müßtest nun gehen.« Ich mußte die alten Schlüssel lernen und sie sofort praktisch verwerten. Zu dem Zweck holte er uralte zweistimmige Übungen von Fuchs hervor, in Kanonform gehalten, in Sopran- und Altschlüsseln geschrieben. Da mußte man eine Stimme vom Blatt singen und die andere dazu spielen. Dabei stand Stockhausen hinter einem, mit ungeduldigem Zuruf das Tempo beschleunigend. Jahrelang bin ich nachts manchmal im Angstschweiß erwacht, weil ich im Traum Übungen von Fuchs singen mußte. Wunderbar war es aber, wenn es ans Gestalten von Liedern und Arien ging, dann war er einfach überwältigend in seiner Künstlergröße. Nie vergesse ich, wie ich mein erstes Händelrezitativ bei ihm studierte. Es war das Rezitativ des Micha aus dem Samson: »Blickt her, den Helden schaut.« Wie gemeißelt stehen Wort und Ton noch heute vor meiner Seele. Wie er es sprach, wie er sie vor einem erstehen ließ, die Gestalt des gebrochenen Helden. »Seht, wie er liegt mit schwerem Haupt, gebeugt, verlassen, ohne Trost.« »Wer kann das je vergessen?«, der das gehört und erlebt hat. Stockhausen sprang vom Flügel auf, nahm mich an der Hand und führte mich in eine Ecke des Zimmers: da lag der Held in Ketten, auch ich sah ihn da liegen. Und nun beugte er sich zu ihm herab und trauerte um ihn in edlen Klagetönen, daß mir das Schluchzen in die Kehle stieg. Nach solchen Stunden ging man wie im Traum einher, erschüttert, beglückt, zu allem bereit. Kam man dann in die nächste Stunde und konnte technisch nicht das verwirklichen, was man in der Seele trug, was er geweckt hatte, war er empört. Dann sah er nicht den Schüler in einem, den er führen sollte, er sah nur unheilige Hände, die sich nach seinen Heiligtümern streckten, und er schlug nicht nur auf die Hände, sondern er schlug aufs Herz, das mit so heiliger Begeisterung und Ehrfurcht seine Größe empfand und sich seiner eigenen Kleinheit schon selbst bewußt war. Wunderbar war es, wie er einen in die alten Oratorien einführte. Er stellte in der Stunde plötzlich vier Stimmen zusammen, und man mußte vom Blatt aus den Oratorienchören singen; oder er suchte die technischen Übungen aus Händel und Bach zusammen. So machte man seine Übungen nie mechanisch, sondern mit wachem Stilgefühl. Auch ließ er uns technische Übungen mehrstimmig singen. »Das macht musikalisch,« sagte er. Seine Art zu lehren betonte in erster Linie eben immer das Musikalische, das er entwickelte, doch muß meiner Meinung nach Technik, wenigstens zuerst, absoluter Selbstzweck sein. Hinreißend wirkte er als Chordirigent. Er hielt viel vom Chorgesang, gab jede Woche eine Probe für den Frauenchor, jeden Sonntag eine für den gemischten. Da habe ich Brahms' und Schumanns wunderbare Frauenchöre kennen gelernt und die Mendelssohnschen Motetten. Sonntags sang man alte Madrigale, Brahms, gemischte Chöre und Sätze aus Oratorien. Dann wurden die Soli, die in der Woche studiert worden waren, vorgetragen. Da habe ich Perron seine unvergeßliche Paulus-Arie singen gehört, er rührte uns zu Tränen, wenn er sang: »Ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.« Da sang Anthes aus den Mendelssohn-Oratorien: »Zerreißet Eure Herzen und nicht Eure Kleider.« Und wenn dann die Begeisterung in hohen Wogen ging, litt es Stockhausen auch nicht länger, er erhob sich von seinem Platz am Flügel und sang seine allerberühmtesten Sachen, wie »Am Abend, da es kühle ward« aus der Matthäuspassion. Wenn er vor seinem Chor stand, mit dem verklärten Ausdruck in den strengen Zügen, wenn er wie ein Blitz mit seinen lebendigen schwarzen Augen über uns herfuhr, dann lag etwas Zwingendes in seinem Blick und seinen Handbewegungen. Es sprang direkt ein Funke von ihm auf seinen Chor über, den er in eiserner Disziplin hielt. Tiefste Konzentration, äußerste Hingabe forderte er unbedingt, wehe dem Blick, den er nicht auf sich gerichtet sah. So hatte er an uns ein kleines, aber glänzend organisiertes Heer, das jedem Wink seines Feldherrn folgte. Unser Schülerkreis Es war eine angeregte und interessante Gesellschaft, die sich unter seinen Schülern befand und in Ernst und Heiterkeit ihrer Arbeit lebte. Es war bei uns jungen Menschen natürlich, daß neben den ernsten Arbeiten auch dazwischen ein namenloser Übermut sich Bahn brach trotz der strengen Zucht, die Frau Professor übte. Schwer litt der Unterlehrer, der die Solfeggien leitete, unter uns. Aller Witz, aller Übermut, wurde an ihm ausgelassen, denn er war untüchtig und ungeschickt. Ich hatte einen fröhlichen Sinn, und das Lachen saß mir immer lose. Durch mein Lachen spornte ich die Mitschüler zum größten Übermut an, bis Frau Professor Stockhausen mich einmal beiseite nahm und ernst mit mir sprach, ich sollte mein namenloses Lachen in den Stunden einschränken, ich wäre dadurch schuld an der Disziplinlosigkeit der ganzen Klasse. Ob ihr strenges Reden bei mir auf fruchtbaren Boden fiel, weiß ich nicht! Die amüsanteste und eigenartigste unter meinen Mitschülerinnen war eine Holländerin, Marie Diest. Eine funkelnde Erscheinung, schwarzäugig und schwarzhaarig, immer elegant angezogen, leidenschaftlich und voller Humor. Sie hielt uns alle in Atem, hatte viele Feinde, weil sie ihren Witz an allen übte; ich konnte ihr nichts übel nehmen, sie war zu originell und amüsant. »Du wirst keine Künstlerin,« sagte sie mir einmal in ihrer unerschrockenen Art, »trotz deiner schönen Stimme und der Seele, von der der Professor immer spricht. Hätte ich zehn Kinder, ich würde sie dir alle zur Erziehung übergeben, aber auf dem Podium wirst du keinen Erfolg haben. Wenn ich du wäre, würde ich schön sein, dich aber sieht keiner an. Wer sich so wenig anzuziehen versteht, kann keine Künstlerin werden, denn die Kunst hat ihren Erfolg nicht nur durch geistige Mittel.« »Nun, wir wollen mal sehen,« sagte ich. – Als ich in reiche Frankfurter Patrizierhäuser eingeführt wurde, war sie entrüstet. »Was machst du da, was kannst du da für eine Rolle spielen?« sagte sie immer wieder. »Laß mich an deiner Stelle hingehen; in die vornehme Welt, da passe ich hin. Du wirst ja dort doch nur eine komische Erscheinung sein.« Als sie das Ziel ihrer Sehnsucht erreichte und auch in eins dieser alten Häuser eingeführt wurde, lehnte man sie vollständig ab, während ich immer vertrauter und befreundeter dort wurde. »Es ist nicht zu begreifen,« sagte sie, »die Menschen in Frankfurt müssen keinen Geschmack haben.« Trotz ihrer Ungezogenheiten mußte man sie lieben, denn ihre Gesinnung war vornehm und ihr Herz warm. Sie improvisierte sehr hübsch auf dem Klavier. Wir hatten uns so aufeinander eingestellt, daß wir manchmal folgenden musikalischen Scherz machten. Wir nahmen ein Gedicht vor, lasen es gemeinsam durch, dann setzte ich mich an ihr Fenster, das in einen großen, stillen Garten ging, sie saß am Klavier. Wir improvisierten beide, ich sang an stillen Sommerabenden in den kühlen, dämmerden Garten hinaus, und sie folgte mir am Klavier in überraschendem Mitgehen. Wir gaben oft unseren Freundinnen diese Aufführung zum besten. Kein Lehrer wurde mit ihr fertig, da sie so unerschrockene Augen hatte, mit denen sie ihnen ins Gesicht schaute und sie trieb sie in die Enge mit Fragen in ihrem falschen holländischen Deutsch. Sie war dabei so drollig und hatte so viel Humor, daß sie immer die Lacher auf ihrer Seite hatte. Furcht und Scheu kannte sie nicht. Als wir einen neuen Lehrer für die Solfeggioklasse bekamen, begann sie mit ihm einen hartnäckigen Kampf. »Ich muß ihn unterkriegen,« sagte sie. »Kinder, für die Solfeggiostunde habe ich mir was Besonderes ausgedacht, ich will heute mal den Lehrer ärgern,« sagte sie oft. Die ganze Klasse wartete, bei solchen Gelegenheiten kam sie immer zu spät. Einmal hatte sie sich ganz nach einem holländischen Bilde frisiert und angezogen, trug Armbänder, die durcheinander klingelten, wenn sie den Takt beim Solfeggio schlug. Oder sie forderte langatmige Erklärungen; manchmal tat sie, als verstünde sie kein Deutsch, mißverstand den Lehrer, hielt die ganze Klasse mit hartnäckigen Fragen auf und sprach absichtlich falsch, womit sie die Lehrer wild machte. »Nehmen Sie mich bitte nicht übel,« schloß sie höflich. Der junge Lehrer ließ nicht mit sich spaßen und hielt sich in seiner Autorität tapfer, doch blieb sie Siegerin. Es wurde eben keiner mit ihr fertig. Eine meiner liebsten Freundinnen war Marie Reuter, ein prachtvoller Mensch, ein goldener Kamerad, ehrlich und selbstlos. Sie hatte eine wunderschöne, schwere Stimme, die zu ihrer ganzen etwas schwerfälligen und ernsten Persönlichkeit stimmte. Sie kämpfte hart mit Existenzsorgen, mußte sich ihr Studium zum Teil durch Privatstunden verdienen, hatte aber immer etwas für uns übrig. Ihr ganzes, mühsam verdientes Stundengeld gab sie her, wenn sie wußte, daß eine von uns in pekuniärer Not war. Ich begegnete ihr einmal auf dem Wege, als ich einen neuen Rock kaufen wollte. »Du wirst doch für solch einen Unsinn kein Geld ausgeben! Komm, ich habe zwei Röcke, einen davon sollst du haben. Wir gehen lieber zusammen für das Geld ins Konzert.« Wenn sie ein Speisepaket bekam, dann holte sie die ganze Pension zusammen, und es wurde alles sofort mit Stumpf und Stiel aufgegessen. Keiner freute sich so selbstlos über den Erfolg einer Kollegin wie sie, keine war so wahrhaftig in der Kritik, so erbarmungslos und so liebevoll. Gerda Reinders, eine Holländerin, gehörte auch zu unserem nächsten Freundeskreise. Sie war ein ehrlicher, fleißiger und zuverlässiger Mensch mit der ganzen Nüchternheit ihrer Nation. Ihre Stimme war schön und klar, sie arbeitete mit eisernem Fleiß und sah nicht rechts und nicht links. »Sie steht mit den Füßen im Schnee,« sagte Stockhausen von ihr, »wenn sie singt. Aber sie kann nichts dafür, das ist ihre Nation.« Damals war eben die »Feldeinsamkeit« von Brahms im Druck erschienen und erfüllte unsere Herzen mit heiliger Begeisterung. Es war etwas Besonderes, wenn Stockhausen dieses Lied in seine Hände nahm; wir waren voller Ehrfurcht, als er es Gerda Reinders zum Studieren gab. Wir hatten unsere Stunden zusammen, und ich freute mich darauf, wie Stockhausen das Lied mit ihr durchnehmen würde. Er saß am Klavier und schlug die Noten auf. »Haben Sie beim Studium dieses Liedes geweint?« fragte er sie. »Geweint?« Ich höre noch das Staunen in ihrer Stimme. »Geweint? Warum sollte ich wohl dabei weinen?« »Ich habe genug,« sagte er, »Sie singen dieses Lied nicht. Bei mir wenigstens nicht.« Fassungslos vor Staunen sah sie sich mit ihren klaren, blauen Augen um. »Hast du verstanden, was er meinte?« fragte sie mich leise. »Vollständig,« war meine Antwort. Sie schüttelte den Kopf. Lucie Schemell, du Liebe, Treue, wie schwer hast du in deiner Studienzeit unter dem Professor gelitten! Sie war blond und zart, und errötete bei jeder Gelegenheit, was ihr den Spitznamen »Schämchen« eintrug. Sie wurde viel von uns allen geneckt, es wurden Gedichte auf sie gemacht, es wurde ihr beständig Verliebtheit in die Unterlehrer und in den Klavierlehrer nachgesagt, wogegen sie sich mit heißem Erröten wehrte. Es half ihr nichts! Keine hielt ihr Zimmer so ordentlich und zierlich wie sie; es war ein böser Sport, dieses in ihrer Abwesenheit immer in Unordnung zu bringen. Bekam sie Eßpakete von zu Hause, so wollte sie sie nur mit ihren Auserwählten teilen; sie sagte, sie hätte keinen Sinn für die Allgemeinheit. Alles zog dann in Scharen zu ihr und forderte schamlos Teilung ihres »Besitzes«. Sie war sehr fleißig, sehr musikalisch, war aber verschüchtert durch Stockhausens Art, wurde so nervös, daß sie in der Stunde nichts leisten konnte und unter Stockhausen sehr litt. Keine mußte so viel getröstet werden wie sie. Mit ihrer ganzen, feinen, künstlerischen Seele empfand sie seine Größe, begriff, was er als Künstler wollte, doch seine Pädagogik wurde für sie verhängnisvoll. Ihre Stimme zerbrach, wurde schrill und machte unseren großen Meister immer reizbarer. Da schlugen wir ihr eine Trennung vor. »Er ist der größte Künstler, den ich kenne,« sagte sie, »wie soll ich bei einem anderen Lehrer noch Befriedigung finden nach dieser Größe?« Ihre Studienzeit war ein Leidensweg. Und nun kommt meine Intima, Bertha Tritschler, das »Mäusle«, an das ich mich in der ersten Chorstunde so fest anschloß, und die mir ein treuer Kamerad durch meine Studienzeit blieb. Sie war arm wie ich, und wenn wir uns einmal geröstete Kastanien kauften oder eine Birne, litten wir Gewissensqualen. Sie war keine Künstlernatur, hatte ihren Beruf ergriffen, um als Lehrerin ihr Brot zu verdienen. Ihre Stimme war süß und hell, sie war warmherzig und naiv, fleißig und gewissenhaft, aber sie war mehr Frau als Künstlerin und ist eine von den wenigen, die aus unserem Kreise geheiratet haben. Bei großer Begeisterungsfähigkeit hatte sie doch als richtige Schwäbin ein großes Stück Nüchternheit und Kritik. Sie verlor sich nie in den Wolken, auch wenn sie begeistert war, was mir immer passierte. Wir kamen oft aneinander, und sie behauptete, ich wäre »wüscht«. Das war mein intimster Kreis, daran schlossen sich noch Außenstehende. Es war ein freudiges, tüchtiges Arbeiten. Außer Gesang und Chor hatten wir noch Solfeggiostunde und dialektfreies Lesen bei Frau Professor Stockhausen. Es gab viel Fröhlichkeit und Lachen, namentlich in den Solfeggiostunden, und eine große und warme Begeisterung erfüllte uns. In meinem ersten Studienwinter kam Frau Joachim zu Konzerten nach Frankfurt. Sie nahm sich meiner auch dort liebevoll und mütterlich an, und durch sie kam ich in drei der ersten Häuser der Frankfurter Gesellschaft, Dr. Lucius, Meisters und Frau Professor Becker. In diesen Häusern wurde ich aufs herzlichste aufgenommen, nicht nur Frau Joachims wegen, sondern noch viel mehr wegen meiner Landsmannschaft mit Raimund von Zur-Mühlen und Hans Schmidt, die dort während ihres Aufenthalts in Frankfurt viel verkehrt hatten. Es waren im schönsten und wahrsten Sinne vornehme Häuser, wo alles, was irgendwelche künstlerische und geistige Bedeutung in Frankfurt hatte, aus und einging. Ich unterrichtete später die beiden Töchter Lucius' und Meisters im Gesang und kam dadurch in ganz nahe freundschaftliche Beziehungen zu ihnen. Im Hause Meister war es auch, wo ich bei einer Abendgesellschaft Raimund von Zur-Mühlen zum erstenmal persönlich begegnete. Er war der verwöhnte Liebling dieser Kreise, voll Grazie und knabenhaftem Übermut, mit bezaubernder Ungezogenheit, die immer anmutig und fein blieb, war er sofort beim Eintritt in die Gesellschaftsräume der Mittelpunkt des ganzen Kreises. Nun hatte ich das Glück, nach dem ich mich so sehr gesehnt hatte, mit ihm sprechen zu dürfen. Den ganzen Zauber seiner eigenartigen Persönlichkeit empfand ich sofort, als er mich beim Eintritt an die Hand nahm, ins Nebenzimmer führte und mir sagte: »Hören Sie, Monika Hunnius, hier in dieser fremden Welt gehören wir beide zusammen, denn wir sind Landsleute. Hoffentlich haben Sie nie solch ein Heimweh, wie ich es gehabt habe. Und haben Sie Heimweh, dann kommen Sie zu mir, dann weinen wir gemeinsam, denn ich muß Ihnen hier wie ein Bruder sein.« Seine warme, herzliche Art berührte mich heimatlich und machte mich überglücklich; leider traf ich ihn in meiner Frankfurter Studienzeit so gut wie garnicht, da er fast immer auf Konzertreisen war. Die ganze Gesellschaft stand unter seinem Bann. Er war so sprudelnd, so eigenartig witzig, alles, was er sprach, hatte eine fast leidenschaftlich persönliche Note. Er spielte mit den Formen, die er absolut beherrschte, und bewegte sich frei und natürlich wie ein verwöhntes Kind, das weiß, daß ihm alles, was es tut, gut steht. Fast sein erstes Wort beim Hereinkommen war: »Wann essen wir heute abend?« »Um neun,« sagte die Hausfrau. »Das ist viel zu spät,« sagte er, »ich bin zu hungrig, so lange kann ich nicht warten. Kann das Essen nicht früher da sein?« Und die Hausfrau jagte die Dienerschaft durcheinander, und das Abendessen war um halb neun fertig. Er war mein Tischnachbar, plauderte von der Heimat und brachte alles zum Lachen. Dazwischen wurde er ganz ernst und sagte seine, künstlerische Dinge, über deren Geist und Zartheit ich staunte. Zum Abschied sagte er mir die unvergeßlichen Worte: »Möchten Sie es nie bedauern, daß Sie unter die Künstler gegangen sind. Sie sind in schlechte Gesellschaft gekommen.« Brahms Ein unvergeßliches Erlebnis fiel in das erste Jahr meiner Frankfurter Studienzeit, meine erste und einzige Begegnung mit Brahms. Eines Tages verkündigte uns Stockhausen, Clara Schumann und Brahms würden seine Gäste sein, wir sollten ihnen Schumannsche und Brahmssche Chöre vorsingen. Eine fieberhafte Aufregung ergriff uns alle; wir sollten Brahms von Angesicht zu Angesicht sehen! Unser ganzer Chor war zum Abend zu Stockhausen zu einer Bowle eingeladen, nachher sollten wir singen. Wir schmückten uns mit den schönsten Festkleidern, die wir besaßen, den ganzen Tag hatte Feiertagsstimmung geherrscht, keiner wollte arbeiten, keiner wollte üben. Man rottete sich zusammen, ging spazieren und sprach nur von dem großen Ereignis. Zur festgesetzten Stunde machten wir uns auf den Weg. Es war ein wunderbarer Frühlingsabend, als wir durch die Anlagen wandernd, uns Stockhausens Wohnung näherten. Da plötzlich sahen wir in den Anlagen in der Nähe der Stockhausenschen Wohnung eine große Versammlung von Mitschülern, die aufgeregt durcheinandersprachen. Posten waren aufgestellt, die jeden von uns auf dem Wege abfangen und zur allgemeinen Beratung der Lage bringen sollten. Es war ein Häuflein Revolutionäre, unter die wir traten. Was war geschehen? Frau Professor Stockhausen, die nicht sehr beliebt war, hatte die ersten von uns mit dem Bescheid empfangen lassen, sie wären zu früh gekommen und sollten draußen warten; damit war ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen worden. Tief in ihrer jungen Künstler- und Menschenwürde beleidigt, hatten sie beschlossen, sich zu rächen und einen Streik zu proklamieren. Sie hatten sich am Wege aufgestellt, um jeden von uns, der mit beflügelten Schritten zu Brahms eilte, davon abzuhalten. Wir hielten eisern zusammen, die Unbill, die dem einzelnen widerfuhr, traf die ganze Gesellschaft. Bald war der ganze Chor draußen versammelt, Männlein und Fräulein. Die festgesetzte Stunde für unseren Gesang war da, und unser Feldherr wartete vergebens auf sein Heer. »Er soll selbst kommen und uns holen,« das war die Losung, die ausgegeben war. Meine Intima empfand ein weibliches Mitgefühl in ihrem Herzen. »Findest du's nicht eigentlich schrecklich, daß wir den Professor mit seinem berühmten Gast so im Stich lassen?« fragte sie mich leise. Ich hatte es die ganze Zeit selbst gedacht, aber – Kameradschaft über alles! »Wir müssen zusammenhalten,« sagte ich energisch, »dabei ist gar nichts zu machen.« Ich weiß nicht, wie die Nachricht von unserer Verschwörung in Stockhausens Haus gekommen war. Ich glaube, durch einen jungen Unterlehrer, der an uns vorüberging, von der Verschwörung erfuhr und entzückt von unserem Unternehmen war, denn er stand auf Kriegsfuß mit Frau Professor und gönnte ihr die Schlappe. Nach einiger Zeit erschien plötzlich Stockhausen mitten unter uns mit flatterndem Mantel, flatterndem Schlips und bebend vor Zorn. Erst schrie er uns an, was wir uns wohl einbildeten und was wir uns dächten, ihn warten zu lassen! Aber die stumme, geschlossene Haltung des ganzen Chors ließ ihn bald andere Saiten aufziehen. Eine von uns trat vor und machte die Sprecherin; sie erzählte in kurzen Worten die Unbill, die uns widerfahren war. Man fühlte, wie peinlich das Ganze unserem Professor war. Er machte sofort seine Entschuldigung, meinte, es sei nur ein Mißverständnis gewesen, Brahms und die Bowle warteten beide, wir sollten nur kommen. Er ging voran, und wir folgten ihm alle wie eine Lämmerherde ihrem Hirten, nachdem heimlich die Losung ausgegeben worden war, keinen Tropfen von der Bowle zu nehmen, denn etwas mußte doch für unseren beleidigten Stolz geschehen. Angekommen, wiesen wir streng jede Erfrischung ab und stellten uns im Musikzimmer auf. Die beiden Flügeltüren zum Gesellschaftszimmer nebenan standen weit auf. Eine vornehme, glänzende Gesellschaft war dort versammelt, wir aber sahen nur Brahms und Clara Schumann. Da ging Stockhausen auf Brahms zu, faßte ihn am Arm und zog ihn in die geöffnete Tür. Nun standen sie beide vor uns, zwei Herrscher auf ihrem Gebiet, der größte Komponist seiner Zeit und sein größter Interpret. Zwei prachtvolle Charakterköpfe: Brahms mit dem gewaltigen Kopf, mächtigem grauen Haar und grauem Bart, mit den Leben und Güte ausstrahlenden blauen Augen, machtvoll, ruhig und majestätisch. Neben ihm Stockhausen, auch mit grauem Haar und Bart, mit dunklen, wie in Bronze gegossenen Zügen, etwas unsteten, schwarzen Augen, fremdländisch, beweglich und ruhelos. Stockhausen hob die Hand und wies auf Brahms. »Das ist also Brahms,« rief er, »seht ihn euch genau an, ehe ihr ihm vorsingt.« Brahms fuhr sich mit einer leichten Bewegung der Hand durch das graue Haar. »So, nun müssen sie singen, die armen Kinderchen, sie tun mir leid,« sagte er. Ein fröhliches Lachen antwortete ihm. Brahms machte sich los von Stockhausen und ging wieder auf seinen Platz neben Clara Schumann, die lächelnd die ganze Szene mitangesehen hatte. Schon stand Stockhausen vor uns in der Tür, den Taktstock legte er aus der Hand, er hob beide Hände, sein Gesicht war emporgerichtet, schön und edel. Mit einem sprühenden Herrscherblick überflog er uns und nahm uns alle sofort in seinen Bann. »Jetzt gilt es,« sagte er leise und leidenschaftlich. Seine Hände senkten und hoben sich, und nun erklang »Die Waldesnacht« von Brahms. »Waldesnacht, du wunderkühle. Die ich tausendmale grüß! Nach dem lauten Weltgewühle O, wie ist dein Rauschen süß.« Stockhausen schlug nicht den Takt, das brauchte er nicht bei seinem Chor, wir hielten auch so zusammen wie eine Stimme. Er gab nur mit Augen und Händen den Ausdruck an und trug uns fort auf die Höhe. Sein Chor war sein Instrument, mit dem er schalten und walten konnte, wie er wollte. Als wir geendet hatten, sagte Brahms: »So schön habe ich's mir ja gar nicht gedacht.« Clara Schumanns Gesicht war transparent, wie von einem inneren Licht durchleuchtet. Ein Chor nach dem anderen folgte, Frauenchöre wechselten mit gemischten. Wir waren so fortgerissen, daß wir unsere Noten aus der Hand legten und alles auswendig sangen. Stockhausen lächelte, er war wie ein Entrückter. Zum Schluß sangen wir ein altes Madrigal: »Feuer es brennt mein Herz« in einem Tempo, wie wir es noch nie gesungen. Als es beendet war, brach ein Jubel los. Brahms war aufgestanden und hatte Stockhausen umarmt. Er ging mitten in unseren Chor hinein und streckte seine Hände aus, die wir ergriffen und schüttelten. Jeder wollte seine Hand haben, jeder wollte seinen Ärmel streifen. »Wie soll ich euch danken, Kinder,« rief er. »Spielen Sie uns was vor,« war unsere jauchzende Antwort. Und da saß er schon am Flügel. »Was soll ich spielen?« »Alles, alles,« riefen wir. »Das wäre ein bißchen viel,« meinte er. Darauf erhob er die Hand und tiefe Stille trat ein. Er setzte sich am Flügel zurecht, eine seltsame Erscheinung: den mächtigen Kopf und den mächtigen Oberkörper aufgerichtet, die Beine weit von sich gestreckt, die Zigarre im Munde, so saß er da. Plötzlich sagte er: »Ich will nicht allein am Klavier sitzen, es soll jemand sich zu mir setzen.« Wem sollte diese Ehre zuteil werden? Da rief er eine hübsche Pianistin, eine Schülerin von Clara Schumann herbei, die sich neben ihn setzte. Wir fanden es recht albern, daß es eine Pianistin war, der Ehrenplatz hätte unserer Meinung nach einer Sängerin gebührt. Dann fing er an zu spielen, wobei er vernehmlich mitknurrte. Es war ein Satz aus einem Quartett, dann ein Satz aus einer Symphonie, eine Klavierkomposition spielte er nicht. Und Brahms Spiel? Ich konnte nichts darüber sagen, denn ich wußte nicht, ob es schön war. Ich dachte, so müßte ein Löwe spielen, wenn er Hände hätte. Es war etwas Gewaltiges, Großartiges, Eigenartiges in seinem Spiel. Mächtig brauste es einher; man fühlte es, ein bedeutender Geist sprach zu einem, man fühlte sein Wehen hoch über sich hinwegziehen, man beugte sich in Demut, aber man verstand ihn nicht. Wir umstanden ihn und den Flügel dicht gedrängt, jauchzten und jubelten, als er geendet hatte. Durch die Frühlingsnacht gingen wir heim mit dem Gefühl, etwas Großes, Herrliches erlebt zu haben, das nun wie ein Stern über unserem Leben stehen würde. Clara Schumann Tagebuch, 3. April 1883. Ich habe heute ein zu großes Erlebnis gehabt, als daß ich zu Bett gehen könnte, ohne darüber berichtet zu haben. Ich habe Clara Schumann gesehen und mit ihr gesprochen! Ich muß dies wunderbare Erlebnis ganz von Anfang an erzählen. Frau Pfarrer Schlosser bat mich heute, zu Clara Schumann zu gehen, um mich nach einer Schülerin von ihr zu erkundigen, die die Gräfin Tiesenhausen als Lehrerin für ihr Institut engagieren wollte. Frau Pfarrer Schlosser und Clara Schumann waren früher sehr befreundet gewesen. Nun waren sie sich fremd geworden. Das Leben hatte sie getrennt, und sie fanden den Weg nicht mehr zueinander. »Nennen Sie nur nicht meinen Namen; das könnte Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten,« sagte Frau Pfarrer. Mit welchen Gefühlen ich den Tag über umherging, das läßt sich nicht schildern. Clara Schumann, Robert Schumanns Frau, sollte ich sehen, sollte ich sprechen; sie, die ihn geliebt und verstanden, wie sonst kein Mensch in der Welt! Halb war ich selig, halb graute mir davor. Besonders da ich wußte, wie unfreundlich sie oft gegen Menschen sein konnte. Ich zog die schönsten Handschuhe an, nähte an meinem Mantel alle losen Taschen und Knöpfe fest, legte eine neue Krause um den Hals und lieh mir einen schönen, seidenen Schirm; so wandelte ich denn hin. Immer wilder schlug mein Herz, je näher ich kam. Ich prägte mir eine sehr gebildete Rede ein, die ich ihr sagen wollte, und mit der ich mich wirklich schön eingeführt hätte. Nun stand ich vor dem Hause: Myliusstraße 32. Erst ging ich einigemal vorüber, um mir Kräfte zu sammeln. Dann vorwärts und hinein! Vor der Tür fiel mir plötzlich ein: »Ach, wenn sie irgendwie erfährt, daß ich bei Frau Pfarrer Schlosser wohne und mich fragt, warum Frau Pfarrer sie nicht mehr besucht, was sage ich dann?« Da klingelte ich schon mit einem schnellen Entschluß. Ich schickte meine Karte hinein und wurde gleich darauf in Clara Schumanns Zimmer geführt. Beim Eintreten dachte ich: »Ach, wenn ich mich nur nicht verspreche und Frau Pfarrer Schlosser anstatt Gräfin Tiesenhausen sage.« Dann dachte ich nichts mehr, – denn ich sah in einer Ecke einen blumengeschmückten Schreibtisch stehen, davor saß, mit dem Rücken zu mir, eine schwarze Gestalt. Sie war's! Mein Herz stand einen Augenblick still und schlug dann wild und laut. »Du mußt dich zusammennehmen,« sagte ich mir, und mit einem gewaltsamen Entschluß raffte ich mich auf. Da erhob sie sich, und vor mir stand Clara Schumann! War es nun wirklich in ihrer Persönlichkeit begründet, oder lag es an dem Bewußtsein, wer vor mir stand, kurz, ich verlor momentan die Besinnung, so überwältigt war ich. Ob ich sie gegrüßt habe, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ein paar schöne, ernste Augen in dunkler Umrahmung mich anblickten, und daß im Gesicht ein Ausdruck von herbem Leid wie eingegraben stand. Dann drehten das Zimmer, Clara Schumann und ich sich in die Runde. Ich kam erst zur Besinnung, als ich auf einem Stuhl ihr gegenüber saß, krampfhaft den Griff meines Regenschirms umklammernd. Ich hörte meine Stimme mit unnatürlich tiefem, zitterndem Klang sagen: »Frau Pfarrer Schlosser aus Karlsbad schickt mich zu Ihnen.« Dann nahm ich mich zusammen und brachte einigermaßen geordnet mein Anliegen vor; hatte aber glücklich Frau Pfarrer Schlosser genannt. Warum ich sie nach Karlsbad versetzt hatte, weiß ich nicht. Als ich fertig war, lächelte Frau Schumann. Es war wie ein trauriger, blasser Herbstsonnenschein, dies Lächeln, das einen Moment ihr Gesicht erhellte, »so leuchtet längst vergangener Tage Licht«. Sie war sehr freundlich und gab mir eingehende Auskunft über alles. Ich stand auf und wollte mich verabschieden, aber sie bat mich, noch ein wenig zu bleiben – sie hätte Zeit und ich störe sie gar nicht. Ich setzte mich ergeben hin; ich wußte, was kommen würde. Sie fragte mich, bei wem ich hier wohne, und als ich sagte: »Bei Frau Pfarrer Schlosser,« blickte sie mich an und sagte: »Früher hat sie mich oft besucht, aber merkwürdig, seit ihrer Verheiratung ist es damit wie abgeschnitten.« »Die Ansprüche, die ihr neues Leben und ihr Beruf an sie stellten,« sagte ich, »waren so vielfache, daß sie zu nichts anderem kommen konnte.« »Gut, gut,« fiel mir Frau Schumann ins Wort, »aber schreiben konnte sie mir doch. Ich hätte ja nichts weiter verlangt, als eine Zeile: ich kann jetzt nicht kommen, warten Sie – und ich hätte gewartet.« Ich verstummte; hatte ich ja dasselbe oft gedacht. Aber ich mußte noch einmal für sie reden. »Sie kennen sie ja,« sagte ich, »sie ist eine von jenen Persönlichkeiten, die immer das, was sie ist, ganz ist.« »Das verstehe ich ja. Aber wenn man einem so vielfach zeigt, daß man ihn lieb hat, und sich dann plötzlich gar nicht um ihn kümmert, fragt man sich unwillkürlich: womit habe ich das verdient? Ich glaubte, sie hätte mich geliebt.« Sie hatte bei diesen mit Bitterkeit gesprochenen Worten einen so herben, ja harten Zug um den Mund, daß mir das Herz wehtat. »Sie liebt Sie auch wirklich noch,« rief ich; »sie hat mir's selbst gesagt, wie schwer es ihr wurde, den Verkehr mit Ihnen aufzugeben. Aber sie sagte mir einmal: Zuerst konnte ich nicht, jetzt darf ich nicht kommen.« Clara Schumann hatte ihr Gesicht zur Seite gewandt, ich beobachtete ihr Profil. Ich sah den herben Zug um den Mund sich vertiefen. Sie atmete hastig, als kämpfe sie mit sich, ein versöhnendes Wort zu sagen. Aber sie schwieg. Eine kurze Pause entstand; dann erhob ich mich und verabschiedete mich. Sie begleitete mich bis zur Tür. Wieder ein Schatten von einem Lächeln – ein freundlicher Gruß – und ich stand hochatmend draußen. Wenn ich sie im Leben auch nie wiedersehen, nie wieder mit ihr sprechen sollte: diese Begegnung mit Clara Schumann werde ich nie vergessen! Sie und Frau Schlosser fanden sich wieder zueinander; wie konnte es auch anders sein? Aber meine Hand war es nicht, welche die zerrissenen Fäden wieder aneinander knüpfen durfte. Geselligkeit bei Stockhausens Es herrschte im Stockhausenschen Hause eine großartige Gastfreundschaft. Manchmal wurde die ganze Schule eingeladen, wobei es dann sehr zwanglos und fröhlich herging. Wir speisten in verschiedenen Zimmern zu Abend, tanzten und machten Musik, denn ohne die ging es bei Stockhausen nie ab; er lebte und atmete ganz in seiner Kunst. An solchen Abenden verlor man alle Scheu; nicht nur vor dem Herrn Professor, sondern auch sogar vor seiner Frau. Sie war klug und charaktervoll und hielt Haus und Besitz Stockhausens in fester Hand. Er war ein richtiger Künstler und wäre ohne sie wohl der fahrende Sänger geworden. Er wußte nichts von praktischen Dingen, lebte nur seiner Kunst und sonst in den Tag hinein, sorglos wie ein Kind. Keinen Sonntag Mittag war die Familie allein; immer waren Gäste da. Öfters wurden auch Schüler eingeladen. Zu diesen Auserwählten habe ich auch manchmal in meinem ersten Studienjahr gehört. Unvergeßlich ist mir mein erster Mittagsbesuch dort. Nach einer Sonntagschorprobe wurde ich mit einigen andern Schülern eingeladen, zu Mittag dazubleiben. Diese Einladung bereitete mir mehr Schrecken als Freude. Am liebsten hätte ich abgesagt, doch wagte ich es nicht. Ein wenig atemlos vor Herzklopfen trat ich ins Wohnzimmer, wo die Familie beisammensaß. Aber meine Angst schwand bald, denn Stockhausens waren bezaubernde Wirte. Der Professor führte mich zu Tisch, und ich konnte das Lachen kaum verbeißen, als er so höflich und ritterlich mit mir war. Bei Tisch legte er mir die Speisen vor, neckte mich, und es wurde harmlos und amüsant geplaudert. Unter anderem kam die Rede auf Händel, und Stockhausen erzählte mit großer Freude, wie Händel einmal eine widerspenstige Sängerin so lange aus dem Fenster hielt, bis sie alles tat, was er wollte. »Schade,« sagte er, »daß man das jetzt nicht mehr tun kann.« »Ja,« meinte ich lachend, »das dürfte man jetzt wohl nicht mehr wagen.« »Nicht mehr wagen?« fragte Stockhausen ganz verwundert, »warum denn nicht? So habe ich's ja gar nicht gemeint. Ich denke nur, daß man jetzt nicht mehr die Körperkraft zu so etwas hat.« Vielleicht würde er uns ganz ruhig einmal in den Stunden erwürgen, dachte ich, und dann erstaunt fragen: warum sollte ich das nicht tun, da ich doch die Körperkraft dazu habe? Nach dem Essen wurde eine Partie in den Wald gemacht. Stockhausen, in flatterndem Mantel und großem Räuberhut, war der fröhlichste von allen. Man verlor jegliche Scheu, lachte und scherzte mit ihm. Er erzählte interessant von seinen Konzertreisen nach Rußland, bedauerte, daß er nie in die Ostseeprovinzen gekommen war. »Dort wäre mein Publikum gewesen,« sagte er zu meinem größten Stolz. Er war so verwachsen mit seiner Musik, daß er kaum einen Augenblick ohne sie sein konnte. Er gab uns beständig musikalische Aufgaben; dabei waren seine Augen offen für alles Schöne um ihn, auf alles machte er uns aufmerksam. Es war solch eine sorglose Freude in ihm. Als wir aus dem Walde traten, lag eine weite Ebene vor uns. In der Ferne sah man in bläulichem Duft den Taunus. Er sammelte uns um sich und verteilte Töne unter uns; dann hob er die Hand, und ein wunderbarer Akkord klang durch die sonnenbeschienene Landschaft. Harmonisch und fröhlich klang dieser schöne Tag aus. »Wir gehen bald wieder in den Wald,« sagte Stockhausen verheißungsvoll beim Abschied. Als ich heimging, dachte ich darüber nach, wie das wohl möglich wäre, daß derselbe Mensch so fröhlich und gütig sein konnte, wie ein Kind, und in den Stunden oft so hart und grausam. Die Schüler der Stockhausenschen Gesangschule bekamen oft Freikarten für Konzerte und Oper. Ich hörte zum erstenmal in meinem Leben die großen Wagner-Opern. Stockhausen war ein ausgesprochener Gegner Wagners, worin seine Schüler ihm zum Teil getreulich nachfolgten. Auf mich wirkte Wagnersche Musik damals geradezu quälend; sie drang auf mich ein mit einer Gewaltsamkeit, die mich ängstete, so daß ich oft taumelnd und überanstrengt aus der Oper heimkam. Es gab aber unter den Schülern welche, die sich selbständig in Wagnersche Musik vertieften, sich für ihn begeisterten, seine Größe verehrten und Stockhausen einseitig nannten. Doch wurden diese Urteile nur flüsternd gegeneinander ausgesprochen; denn wer hätte es gewagt, dem Meister, dem Selbstherrscher, entgegenzutreten? Aber in der Schule, in den Pausen zwischen den Stunden und auf dem Heimwege wurde viel gestritten und diskutiert. Ich hielt mich an das Wort aus dem »Faust«: »Am besten ist's, wenn ihr nur einen hört, Und auf des Meisters Worte schwört.« Ich war Klassikerin durch und durch, einseitig, ja eng, und sah weder rechts noch links, hielt mich auch, wie ich erzogen war, mit gläubiger Pietät an die Worte meines Lehrers. Künstler waren eben Propheten; die standen höher und wußten alles besser, als gewöhnliche Sterbliche. Doch auch für mich kam die Zeit, daß mir die Augen geöffnet wurden darüber, daß große Künstler auch nur Menschen waren. Meine Kolleginnen, die über mein weltfremdes Wesen oft lächelten und daran Anstoß nahmen, sagten mir: »Du bist ja wie ein Nönnchen, das hinter Klostermauern aufgewachsen ist. Du machst dich lächerlich. Du mußt die Augen auftun lernen und das Leben und die Menschen sehen, wie sie sind. Man kann ein großer Künstler sein und ein ganz kleiner Mensch. Das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun.« Gegen diese Erkenntnis wehrte ich mich zuerst wie eine Verzweifelte; aber es half alles nichts: ich wurde sehend, und mit dem ahnungslosen Leben »hinter Klostermauern« war's vorüber für immer. Ein Erlebnis, das meine Intima hatte, öffnete mir die Augen. Sie war arm, und ihre Eltern konnten das Geld für die höhere Klasse nicht aufbringen. Es war ihr fest versprochen, daß sie eine Freistelle in der Gesangschule bekommen sollte. Da stürzte sie eines Tages zu mir, tränenüberströmt, bebend vor Verzweiflung. Die Freistelle war vergeben! An eine ganz unfähige Schülerin, die nicht wählerisch gewesen war in den Mitteln, die sie anwandte, um sich diesen Platz zu erobern. Vergebens versuchten wir mit Bitten etwas zu erreichen: Stockhausen hatte entschieden, und man mußte sich schweigend ergeben. »Wäre ich hübsch,« sagte meine Freundin erbittert, »dann wäre die Sache anders entschieden worden.« – Von da an lebte ich mit offenen Augen und sah und hörte manches, was mir bisher fremd gewesen war. Ganz besonders empörte es mich, wenn ich von Ungerechtigkeiten erfuhr, die sich ganz große Künstler ihren Schülern gegenüber erlaubten. Ich sah oft, wie ein Augenblick schlechter Laune Existenzen zerstörte, erlebte es, daß Unwürdige an Stellen kamen, wo sie nicht hingehörten, nur weil sie es besser verstanden, die Schwächen der Lehrer zu benutzen, als die Würdigen. Ich litt im Anfang sehr unter diesen Erkenntnissen und war in jugendlicher Übertreibung oft ungerecht in meinem Urteil. Erst allmählich lernte ich mich freuen an hohen künstlerischen Leistungen, losgelöst vom Menschentum der Künstler, die auch nur irrende Menschen waren. Es gibt ein seltsames Wort von Riehl: »Je größer der Künstler, desto kleiner der Christ.« Dieses Wort hat mir im Leben viel zu denken gegeben. Vielleicht gilt es mehr für den reproduzierenden als für den produzierenden Künstler. Sollte nicht die Gefahr für den ersteren darin liegen, daß er sich mit seinen Phantasien in eine Welt begibt und in Gefühlen lebt, die weiter keine Taten von ihm fordern? Liegt in dieser Art des Sichauslebens in einer unwirklichen Welt vielleicht eine Gefahr der Verkümmerung des Menschentums? Veränderung meiner Stimmlage Meine Arbeit mit Stockhausen blieb schön und reich. Er war gütig gegen mich und interessierte sich für mein Talent. Ich erlebte ihn nie ungeduldig oder ungerecht, wie ich es in anderen Stunden sah. »Er wird dich schon fassen,« sagten meine Freundinnen, »deine Stunde wird auch schlagen.« Und meine Stunde schlug. Stockhausen empfand einen gewissen Zwang in meiner Stimme. »Es ist etwas Unnatürliches in Ihrem Singen,« sagte er, »als sängen Sie in einer falschen Lage.« Er hatte die Gewohnheit, in besonderen Fällen seine Schülerinnen zum Halsarzt zu senden, um sich von diesem genau über den Bau des Kehlkopfes informieren zu lassen. Er schickte mich jetzt zu Dr. Schmidt, der durch seine Behandlung Kaiser Friedrichs berühmt geworden war. Dieser untersuchte meine Kehle und sagte sofort: »Sie haben eine sehr tiefe Stimme; nicht wahr?« »Nein,« war meine erstaunte Antwort, »ich habe einen hohen Sopran.« »Dem widerspricht der Bau Ihres Kehlkopfes,« sagte er entschieden, »Sie benützen Ihre Stimmbänder nicht in ihrer ganzen Spannungsmöglichkeit. Entwickeln Sie Ihre Tiefe und Ihre Stimme wird eine vollständig andere werden. Sie haben ja bisher gar keine Ahnung gehabt von den Kräften, die in Ihnen liegen.« Stockhaufen triumphierte. Das war ein Fall, der ihn interessierte. Er nahm sofort meine tiefen Töne vor, die, wie bei einem Sopran, hell und leicht waren. Er trieb und jagte mich, bis plötzlich ein Ton aus der Tiefe meiner Brust kam, wie ich ihn nie zuvor gehabt. Er war gewaltig und stark – dunkel und schwer –, aber roh und unschön. Vor Entsetzen verschloß ich mit beiden Händen meinen Mund. Stockhausen aber jauchzte. »Es liegen gewaltige Kräfte in Ihnen verborgen,« sagte er immer wieder, »wir werden Großes erleben.« Der Ton versagte, stellte sich aber wieder ein, und mit einem Male hatte ich fünf Töne in der Tiefe zubekommen. Aber sie paßten nicht zu den anderen Tönen, und mit sehr geteilten Gefühlen ging ich diesesmal, von Stockhausens Segenswünschen begleitet, nach Hause. Stockhausen erzählte mir in dieser Stunde, daß er dieselbe Erfahrung mit Hermine Spies, seiner berühmtesten Schülerin gemacht habe. Als hoher Koloraturensopran war sie zu ihm gekommen, aber durch die Entwicklung der Bruststimme, die er entdeckte, hatte ihre Stimmlage und Stimmart sich völlig verändert. Als Stockhausen sie entließ, gehörte sie zu den ersten Altstimmen Deutschlands. Das tröstete mich. Nun begann eine bitterschwere Zeit für mich, die nur durch Stockhausens glühendes Interesse erhellt wurde. Es zeigte sich aber bald auch bei mir, daß er kein Pädagoge, sondern ein Forscher und Künstler war. Es war und blieb eine Trennung zwischen den tiefen Tönen und meiner sonstigen Stimme. Sobald ich zu meinen neugewonnenen Tönen kam, fiel die Stimme wie in einen Abgrund. Mit äußerster Vorsicht und Geduld und feinster Pädagogik hätte dies überbrückt werden müssen. Das aber war nicht Stockhausens Art. Auch das Wachsen mußte bei ihm schnell vor sich gehen. Ich war wie in eine neue Welt geraten, in der ich mich nicht zurechtfinden konnte. Im Chor wurde ich aus dem höchsten Sopran in den tiefsten Alt versetzt. Ich bekam Lieder in den tiefsten Altlagen. Es war mir alles so ungewohnt, unbehaglich und widerwärtig, daß die Freudigkeit beim Studium mich zu verlassen anfing. Eins aber konnte ich festhalten, und das tröstete mich: Ich fühlte, daß die Lage, in der ich nun sang, gesünder für meine Stimme war, als die frühere. Ich konnte auf diese Art viel länger singen wie bisher, ohne zu ermüden. Eine Aussprache mit Stockhausen, zu der ich mich endlich entschloß, beruhigte mich auch ein wenig; doch wurde eins mir dabei völlig klar: daß mit einem Studienjahr nichts zu erreichen wäre. Meine Kolleginnen standen mir zur Seite, tröstend, helfend und mit mir arbeitend. Sie halfen mir über die schwerste Zeit hinweg in treuster Kameradschaft. Ohne sie wäre ich ganz elend geworden; denn Stockhausens Geduld mit mir hatte plötzlich ein Ende, »er hatte mich gefaßt,« wie es unter uns hieß. Noch eins hielt mich aufrecht; das waren die großen, künstlerischen Erkenntnisse, die mir durch Stockhausen wurden, und die mein Leben trotz allem schön und reich machten. Mein Singen war früher aus dem Gefühl heraus vollkommen unbewußt gewesen. Ich stürzte mich in ein Lied und gab es so wahr und stark, wie ich es empfunden, wieder, jedes Wort so ausdrucksvoll wie möglich aussprechend. Stockhausen lehrte mich den künstlerischen Drüberstand finden. Den »Wortausdruck« nannte er dilettantisch. »Der Sänger muß einmal geweint und gelacht haben beim Studieren des Liedes,« sagte er, »aber wenn er vor dem Publikum steht, muß sein Kopf kühl geworden sein, und er muß das Lachen und Weinen nun so schildern, daß jeder es ihm glaubt.« Er verlangte, daß ein Kunstwerk, losgelöst vom Ausübenden, gleichsam in eine höhere Sphäre gerückt werde. »Sie müssen als Künstler die Leidenschaften gefühlt haben, von denen Sie sprechen. Die Empfindungen, von denen Sie singen, müssen einmal erlebt gewesen sein. Stehen Sie aber auf dem Podium, so müssen Sie immer über Ihrem Schaffen stehen; sonst können Sie nie ein Kunstwerk gestalten.« Ich war voll Erstaunen. Das war für mich eine ganz neue Welt, und diese Anschauung wollte mir zuerst nicht einleuchten. »Sie denken noch wie ein Dilettant,« sagte Stockhausen. Aber es kamen auch mir allmählich die künstlerischen Erkenntnisse in der Atmosphäre, in der ich atmen durfte. Stockhausen zog eine feine Linie zwischen Konzert- und Operngesang. »In der Oper müßt ihr das Publikum davon überzeugen, daß ihr das wirklich seid, was ihr vorstellt; denn da muß der schöne Schein als Wirklichkeit festgehalten werden; da verwirklicht ihr mit eurer ganzen Persönlichkeit das, was ihr singt. Im Konzertgesang müßt ihr mit eurer Person vollständig zurücktreten; da seid ihr nichts anderes als die Interpreten vom Dichter und Komponisten.« Unerbittlich wachte er über jede Bewegung, die wir unwillkürlich beim Singen machten, wenn uns der Ausdruck hinriß. Er verbot sogar ein zu starkes Mienenspiel. »Das gehört auf die Bühne,« sagte er herrisch, »auf dem Konzertpodium dürfen nur Mund und Augen sprechen.« Es kamen schwere Zeiten für mich; denn ich konnte mich lange nicht in meine neue Stimmlage finden. Ich mußte alles umdenken und umfühlen und war in meinem Singen nicht mehr zu Hause. Aber den Glauben an Stockhausen verlor ich keinen Augenblick. Beim Üben mußte ich eine unermeßliche Geduld aufbringen; oft war ich der Verzweiflung nahe. Es gab nichts als technische Übungen und abermals technische Übungen, die gewiß interessant hätten gestaltet werden können, doch das lag Stockhausen nicht. Er war wechselnd in meinen Stunden: manchmal voller Güte und Geduld; dachte sich immer wieder neue Übungen aus, um den Riß in meinen Registern zu überbrücken; dann aber kam die Ungeduld über ihn und er kränkte und quälte mich maßlos. Eines Tages empfing er mich mit folgenden Worten: »Sie sind Slavin und darum schlaff. Wären Sie eine Deutsche, so hätten Sie die Hindernisse in Ihrer Stimme längst überwunden. Die Slaven haben keine Kraft.« »Ich bin eine Deutsche,« rief ich empört, »und nicht ein Tropfen slavisches Blut fließt in meinen Adern.« »Sie sind doch Russin,« sagte er, steckte seine Hände in die Taschen und sah mich spöttisch an. »Wie kommen Sie nur darauf?« rief ich außer mir. »Wissen Sie denn wirklich nicht, was wir Balten sind?« Da nahm er seine Hände aus den Taschen und lachte: »Der heilige Zorn steht Ihnen gut,« sagte er. Es gab auch Tage, wo der Übergang zwischen den Registern ausgeglichener war; das gab mir immer wieder Mut und Hoffnung. Meine Stimme veränderte sich und wurde schöner und stärker, aber ich hatte noch kein Verhältnis zu ihr. Ich schrieb von der Veränderung meiner Stimme an meine alte Lehrerin in Riga, berichtete ihr von meinen Übungen und sprach ihr meinen festen Glauben an Stockhausens richtige Führung aus. Ich bekam einen empörten Brief von ihr, in dem sie mir den Untergang meiner Stimme prophezeite. Sie fürchtete für ihren Ruf als Lehrerin und sah die ganze Umänderung meiner Stimme als Schädigung und Undankbarkeit von meiner Seite an. Der Brief war in sehr beleidigender Form gehalten und zerriß das letzte Band, das mich an sie fesselte. Manchmal wundere ich mich jetzt, zurückblickend auf diese Zeit, wie stark mein Vertrauen zu Stockhausen im Grunde doch war. So schwer ich litt, so mühselig oft die Arbeit war, so gern ich die Entwicklung meiner Stimme beschleunigt hätte, an der Richtigkeit meines Weges habe ich nie gezweifelt. Übergang ins Konservatorium Im Frühsommer dieses Jahres trat eine große Veränderung in unser aller Leben: Stockhausen wurde als Professor an Dr. Hochs Konservatorium berufen. Bernhard Scholz übernahm das Direktorat und hatte Stockhausens Berufung verlangt. Die Herren des Kuratoriums sollen gezögert haben, auf diese Bedingung einzugehen, denn Stockhausen war durch seine Schwierigkeit im Zusammenarbeiten bekannt; er konnte eben nur Alleinherrscher sein. Aber Clara Schumann, die auch am Konservatorium unterrichtete, setzte mit Bernhard Scholz seine Berufung durch. Stockhausen forderte seine ganze Schule auf, mit ihm ins Konservatorium überzusiedeln. Mit sehr geteilten Gefühlen folgten wir unserem Meister. Als Stockhausens Privatschüler fühlten wir uns als etwas durchaus Besonderes und sahen ein wenig auf die Konservatoristen herab. Wir beschlossen, zusammenzuhalten und ihnen zu zeigen, daß wir auf einer höheren künstlerischen Stufe ständen, als sie. Nur Clara Schumanns Schülerinnen ließen wir gelten. – Es war ein feierlicher Augenblick, als der Direktor, Bernhard Scholz, uns im großen Saale des Konservatoriums versammelte und eine Ansprache an uns hielt. Ich sehe ihn noch eben so lebendig vor mir: groß und überschlank, grauhaarig, mit einem immer etwas geröteten Gesicht und hellen, gütigen Augen. Er bat uns, Zutrauen zu ihm zu haben, mit unseren Sorgen wie zu einem Vater zu ihm zu kommen. Dann wandte er sich an uns Schüler Stockhausens und sprach von dem hohen, künstlerischen Ernst, der unseres Meisters Schule immer ausgezeichnet habe. Zum Schluß gab er der Hoffnung Ausdruck, daß wir mit diesem Ernst auch dem Konservatorium nützen würden. Wir nannten ihn nach dieser Rede nur den »Allvater«. Aufgeregt standen wir nachher in den Korridoren zusammen und maßen mit feindseligen Blicken die Konservatoristen, die an uns vorüberwandelten. Es war eine ganz andere Atmosphäre, in die wir kamen. Die Arbeit und das Leben hatten nicht mehr das familienhaft Zusammengeschlossene, und zu unserer Empörung wurden die Klassenstunden, wie Solfeggio und Italienisch, mit Konservatoristen gefüllt. Die größte Aufregung herrschte aber darüber, daß unser Elitechor mit fremden Elementen durchsetzt wurde; denn die Schüler der anderen Gesangklassen hatten das Recht, in den Chorstunden mitzusingen. Als dann sogar einige Pianisten in unseren Chor eindrangen, machten wir so entschieden Front gegen sie, daß wir sie bald heraus hatten. Wir fanden, sie verdarben die Klangfarbe des Chors, eine Anklage, die gewiß nicht ohne Berechtigung war. Das Konservatorium bot viel Gelegenheit zu einer weiteren musikalischen Ausbildung, und in der ersten glühenden Begeisterung über diese Möglichkeiten belegte ich ungezählte Fächer: Musikgeschichte, Formenlehre, Deklamation, Theorie, Solfeggio und Italienisch. Ja, sogar zur dramatischen und Mimikklasse hatte ich mich gemeldet und ertrank fast in den ersten Wochen in meiner Arbeit. Da ließ sich Stockhausen einmal meinen Stundenplan zeigen und geriet in helle Wut. Er strich mir viele Fächer; namentlich hatte er einen Zorn auf die Theoriestunden. Da trat ich ihm zum erstenmal entgegen: Ich müsse und wolle Theoriestunden nehmen, da ich Lehrerin werden würde. »Lehrerin!« – ich höre noch seine Entgegnung voller Erstaunen – »wie kommen Sie nur darauf, mit dieser Stimme? Das verbiete ich Ihnen einfach. Sie haben alles, um eine Künstlerin zu werden und sich einen Namen zu erwerben und wollen sich in Riga als Lehrerin niederlassen! Machen Sie sich nicht lächerlich. Unterrichten können Sie immer noch, wenn Sie alt sind.« Ich aber setzte meinen Kopf darauf und sagte: »Meine Mutter würde mir gar nicht erlauben, Künstlerin zu werden.« Er lachte laut auf und rief: »Das sind Gründe!« Dann sprang er auf, rannte durchs Zimmer, fuhr sich durch die Haare, wie es seine Gewohnheit war, und sprach entrüstet in der dritten Person von mir. Zuletzt blieb er stehen, steckte die Hände in die Taschen und funkelte mich zornig mit seinen schwarzen Augen an. Und dann brach er los: »Jetzt hören Sie, was ich Ihnen sage: ich verbiete Ihnen diese unsinnigen Ideen! Auf den Knieen danken mir meine Schülerinnen, wenn ich ihnen gestatte, Künstlerinnen zu werden, und Sie, der ich eine große Zukunft als Künstlerin zutraue, werfen Ihren Kopf zurück und sagen mir einfach: ich werde Lehrerin!« Ich konnte sehr trotzig sein in meiner Jugend, und etwas mir selbst Unbegreifliches stand plötzlich in mir auf: die Freude am Kampf mit dem Gewaltigen. »Ich habe kein Geld zu einer Künstlerlaufbahn,« sagte ich trotzig. »Lächerlich!« stieß er hervor, »das Geld wird da sein; davon ist gar keine Rede. Und die Theorieklasse verbiete ich ein für allemal.« »Seien Sie doch vernünftig,« fügte er überredend hinzu, »wozu braucht eine Sängerin Theorie? Lesen Sie Shakespeare, Goethe, lassen Sie die großen Schicksale in Ihnen leben, lassen Sie die gewaltigen Gestalten in sich erstehen, lernen Sie unsere schöne Lyrik auswendig, leben Sie in unserer deutschen Poesie; und dann gehen Sie spazieren und fühlen Sie die Musik, die in der Natur liegt. Das alles wird Sie künstlerisch weiter bringen, als die trockene Theorie.« Das klang in meinem Herzen an. Aber ich hatte mich nun in die Theorie verbissen, die auch mir im Grunde unsympathisch war, für die ich wenig Befähigung fühlte. Doch hielt ich es gerade darum für meine Pflicht, mich mit ihr zu beschäftigen. Aus dieser Stunde ging ich sogleich zum Allvater und legte ihm meinen Streit mit Stockhausen vor. Er redete mir gütig zu und riet mir, wenigstens fürs erste die Theoriestunden zu lassen, da Stockhausen so ausgesprochen dagegen war. »Später denkt er vielleicht anders,« sagte er freundlich, »reizen Sie ihn doch nicht.« – Da gab ich denn nach. – Jede Stunde, die ich von da an bei Stockhausen hatte, begann für eine längere Zeit mit der Frage: »Nun, haben Sie Ihre Hirngespinste aufgegeben, oder wollen Sie sich noch immer lächerlich machen?« Er sah sogar einigemal in der Theorieklasse nach, ob ich mich nicht doch heimlich eingeschlichen hätte, bis er sich allmählich beruhigte. Die Entwickelung meiner Stimme interessierte nicht nur meine Kollegen, sondern auch alle die Unterlehrer bei Stockhausen. Herr Schubert und Fräulein Zeigers-Veekens, zwei sehr tüchtige Lehrkräfte, erboten sich, mit mir zu arbeiten, weil der Stimmbruch als »seltener Fall« ihr Interesse erregte. Ich habe zeitweise bei ihnen viel mehr gelernt, als bei Stockhausen. Sie hatten Geduld und wußten, daß ein Wachstum seine Zeit haben muß. Stockhausen in seiner Hitzigkeit ließ mich oft forcierte Übungen machen; aber ich hatte gute Warner mir zur Seite in den beiden Lehrern, so daß nichts Böses mit meiner Stimme passierte. Ich erhielt bald eine Partie zu studieren. Es war der Orpheus. Am großartigsten war Stockhausen immer, wenn er eine neue Partie mit einem durchsprach. Was für ein künstlerischer Schwung, welche Kraft und Beredsamkeit brachen dann aus ihm hervor. Er war dann so hinreißend und stark, daß man ganz atemlos vor Begeisterung zuhörte. Und doch wußte man ganz genau, daß die Qual beginnen würde, sobald man selbst zum Singen kam. In der Glut seiner Begeisterung vergaß er eben immer, wen er vor sich hatte, und sah nicht Schüler in uns, deren berufener Führer und Helfer er sein sollte, sondern nur Verderber von heiligen Kunstwerken. Konservatoriumskonzerte mir Clara Schumann und Stockhausen Ein wunderbares Konzert – nur für uns Schüler – gab es als Eröffnungsfeier für den Antritt des neuen Direktors im Konservatorium. Clara Schumann spielte eine Nummer. Ich lasse wieder mein Tagebuch sprechen. Tagebuch, 15. Mai 1883. Es gibt Tage im Leben, an denen man abends nicht zur Ruhe gehen kann, weil man nicht sagen will: Dieser Tag ist auch gewesen. Solch ein Tag, oder vielmehr Abend, war heute! Ich bin eben vom Konservatorium heimgekommen. Ich habe Clara Schumann gehört und somit wohl das Schönste, was man an Musik hören kann. Es mag ja sein, daß es glänzendere, fortreißendere Virtuosen gibt, – schöner, edler, geistiger, man kann fast sagen heiliger, spielt keiner. Es wäre töricht, wollte ich versuchen zu schildern, wie sie spielt; das kann man nicht; wenigstens ich nicht. »Mir war's, als ob ich längst gestorben bin – und ziehe selig mit durch ew'ge Räume.« Sie spielte eine Sonate von Schumann. Als sie vom Klavier aufstand und ich ihr ins Gesicht sah, war mir's, als hätte ich ein Engelsgesicht geschaut. Verschwunden waren Härte und Bitterkeit, die ich noch neulich gesehen. Es ruhte ein lichter Glanz wie ein Schimmer auf ihrem Gesicht, und anstatt des schmerzlich herben Zuges lag ein leises Lächeln um ihre Lippen. – Mir aber war's, als müßte ich jetzt nach Hause gehen, mich in mein Zimmer setzen und alles an mir vorüberziehen lassen, was ich Seliges und Trauriges durchlebte in meinem ganzen Leben – und dann mich von Herzen ausweinen. Es sollten noch vierstimmige Chöre von Brahms kommen. Als wir auf dem Podium standen, sagte Stockhausen in seiner elektrisierenden Weise: »Jetzt wollen wir Frau Schumann danken.« Jeder einzelne von uns war bis ins tiefste Herz erschüttert, darum sang der Chor wahrhaft hinreißend. Beim letzten Chor – der »Waldesnacht« von Brahms – machte er es, wie immer bei Höhepunkten: er legte den Taktstock aus der Hand und sagte kurz: »Jetzt gilt's!« Noch ein Blick, der über uns alle hinsprühte und uns wie ein elektrischer Strom traf, und dann setzten wir ein. Er dirigierte wieder mit den Händen, mit den Augen, mit dem Ausdruck seines Gesichts, über das es hinzog in wunderbar wechselndem Leben. – Dann hatten wir geendet. – Noch ein Moment stand Stockhausen still da, wie verklärt, mit emporgerichtetem Blick; dann sagte er leise: »Ja, das war schön.« Dann stiegen wir fast schwindelnd von all der Erregung vom Podium. Heute war es anders als damals, als wir Brahms vorsangen. Damals hatte es uns wie ein Taumel ergriffen; heute gingen wir still, mit den Tränen kämpfend, auseinander, erschüttert bis ins tiefste Herz hinein. – Langsam ging ich heim über die Mainbrücke, blieb stehen und sah auf den Strom, der unter der Brücke hindurchzog. Die Sterne spiegelten sich im Wasser, und eine Sehnsucht, stark und groß, erfüllte mein Herz. Mir war unaussprechlich zumute – halb, als empfände ich ein namenloses Glück dabei, dann wieder eine tiefe Traurigkeit. So war mir's manchmal zumute gewesen, wenn ich beim Sonnenuntergang am Meer gestanden hatte und es mich überfiel mit grenzenloser Sehnsucht, mich da hineinzustürzen, der Sonne nach, »hinein in die rote, selige Glut«. Nun bin ich heimgekommen, sitze am offenen Fenster und kann nicht schlafen, und ein Schauer nach dem andern schüttelt mich. Ich denke darüber nach, was Mühlen mir sagte, als ich ihm zum erstenmal in Frankfurt begegnete: »Monika Hunnius, warum kamen Sie her! Und noch dazu Musik zu studieren! Das war eine große Torheit. Man wird ja doch nur unglücklich dabei. Machen Sie nur ruhig einen Strich unter Ihr früheres Leben.« Ja, nun bin ich auch zur Überzeugung gelangt, daß ich ein beneidenswerter und glücklicher, aber noch vieltausendmal mehr ein trauriger und zwiespältiger Mensch geworden bin. Ich habe es gewagt, mein Leben der Kunst zu weihen und mit schwachen Kräften nach einer Krone zu greifen, die ich doch nie fassen und mir aufs Haupt werde setzen können. Mir sind künstlerische Ziele und Erkenntnisse klar geworden, aber ich weiß nun auch, daß ich nicht zu den Berufenen gehöre. Wie werde ich mich nun in mein weiteres Leben finden? Werde ich für immer verurteilt sein, gleichsam in der Luft zu stehen? Noch in demselben Frühling gab es ein zweites Konzert, in dem Stockhausen sang. Tagebuch, 31. Mai 1883. Gestern war ein herrlicher Abend. Stockhausen sang in einem Konzert des Konservatoriums für die Schüler. Es gab zuerst kleine Händel-Konzerte für Streichorchester, von Schülern in wunderbarer Feinheit ausgeführt. Dann sangen wir unsere Chöre, und zum Schluß erhob Stockhausen sich und betrat das Podium. Es war wirklich ein schöner Anblick, als er so dastand, während des Vorspiels, schon ganz versunken in seine künstlerische Aufgabe, mit einem Leuchten auf dem Gesicht, mit den jungen, lebensvollen Augen und dem grauen Haar. Und dann begann er zu singen. Ja, der alte Löwe lebte noch! Er sang zuerst Mozart, dann Schumann und zuletzt Brahms. Mit mächtigen Tönen, mit hinreißend leidenschaftlichem Ausdruck und mit vollendeter Kunst griff er uns ans Herz. Strahlend, selig saßen wir Schülerinnen da und drückten einander heimlich die Hände. »Unser Meister ist doch der größte von allen,« sagten wir zu einander. – Als er geendet hatte, brach ein Beifallssturm los. Wir Schülerinnen hatten uns erhoben, jauchzten und klatschten und hörten damit nicht auf. Er lachte und winkte uns, strahlte aber dabei wie eine Sonne. »Hören Sie auf,« rief er uns zu; aber wir dachten nicht daran, zu gehorchen. Er wandte sich ab und sprach mit dem Direktor; wir aber klatschten weiter. Da blickte er lächelnd zu uns hin: »Ich kann nichts mehr singen, es wird zu spät!« rief er. Wir jubelten nur und klatschten weiter. Da sah er, daß er nichts mit uns anfangen konnte, griff lachend nach seinen Noten und betrat noch einmal das Podium. Das Vorspiel begann zu »Flutenreicher Ebro« von Schumann. Eine von Stockhausens Hauptwirkungen liegt in der Behandlung der Sprache. Er hat eine fabelhafte Art, mit den Konsonanten zu malen. Wie er anfing »Flutenreicher Ebro«, stürzte das Lied wie ein Strom über uns hin. Gewaltig war die Steigerung zum letzten Vers: »Schwärmende Vögel«. Keiner saß mehr ruhig auf seinem Platz. Es erfaßte uns alle wie ein Taumel. Kaum konnte er zu Ende singen. Dann brach aber ein Jubel los, wie der nüchterne Konservatoriumssaal ihn noch nicht gehört hatte. Ich hielt mir mit beiden Händen den Mund zu, sonst hätte ich vor Seligkeit laut geschrieen, damit mein Herz nicht zersprang. Es war wirklich ein großer Augenblick, als wir ihn umringten, seine Hände faßten, jubelten und jauchzten und ihm dankten, und dann einander umarmten und sagten: »Jetzt darf er alles mit uns tun, darf uns quälen und plagen, malträtieren und schelten; denn wir können es nicht teuer genug bezahlen, daß dieser Meister unser Lehrer ist, daß er uns würdigt, von seiner gewaltigen Kunst zu lernen.« Es ist ganz was Eigenes um seinen Gesang. Er fingt anders als die Joachim: menschlicher, irdischer, näher; aber fortreißender und zündender als sie. Es ist ein gewaltiges Feuer in ihm, das alles in seiner Umgebung in Brand setzt, während Frau Joachims Singen wie ein starker Strom dem Meere zustrebt, unbekümmert darum, ob die kleinen Menschlein seinem Laufe folgen können oder nicht. Stockhausen, glaube ich, wird jedem verständlich sein, Frau Joachim nicht allen. Wer von ihnen beiden größer ist? – Ich weiß es nicht. Das aber weiß ich, daß wir Kleinen scheu verstummen müssen, wenn diese Gewaltigen reden. Es ist gut, wenn Stockhausen manchesmal singt. Dadurch versöhnt er uns und macht sich alles Untertan. Jetzt hat er für lange Zeit eine begeistert an ihm hängende Schülerschar. Ich habe viel in den Häusern Meister, Lucius und Frau Professor Becker verkehrt. Es war ein schönes, freies Leben dort, wo man immer interessante Menschen traf. Ich wurde oft zu Spazierfahrten abgeholt, auch hatte ich Zutritt zu den Museumskonzerten, wo ich, zum Staunen meiner Freundinnen, unter der glänzenden Frankfurter Patrizierschaft in meinen schlichten Kleidern saß. – Natürlich genoß ich die Konzerte, in denen ich mit meinen Freundinnen auf dem billigsten Platz der Galerie saß, doch noch mehr. Tiefen Eindruck machte mir ein Konzert im Museumssaal, wo die Brahms'schen Liebeswalzer gesungen wurden. Brahms saß am Klavier und begleitete im Baß; die Wiedergabe mit Marie Fillunger, Hermine Spies, Raimund von Zur-Mühlen und Stockhausen war das vollendetste, das man sich vorstellen kann. Sogar die kühlen, verwöhnten Frankfurter waren diesmal außer sich. Prüfungskonzert Stockhausen fühlte sich nicht sehr wohl im Konservatorium. Er war eben Selbstherrscher und konnte von niemandem abhängig sein. Wenn der Direktor ihm auch volle Freiheit ließ; er mußte sich doch in manches finden und fügen. Er mußte Befehle von der Leitung entgegennehmen, mußte Soiréen und Prüfungen mit seinen Schülern beschicken, hatte ein Kuratorium, nach dem er sich richten mußte, was ihn reizte. Auch machte ihn das viele Klingen und Singen um seine Klasse herum rasend. Kein Zimmer war ihm still genug. Er zog mit uns rastlos im ganzen Saalhof herum. Zum Semesterschluß gab es eine große, öffentliche Prüfung im Konservatorium. Der Direktor verlangte, ich sollte auch eine Nummer singen, was Stockhausen ärgerte; denn er wollte noch nicht mit mir herauskommen. Schließlich gab er nach, und ich bekam als Aufgabe die große Arie der Penelope von Max Bruch: »Ich wob dies Gewand.« Das Arbeiten zu dieser Prüfung war eine Qual. In jeder Stunde erklärte er mir, ich sei noch lange nicht reif zum Auftreten und würde ihm keine Ehre eintragen. Jeder Laut, der nicht richtig saß, jeder Konsonant, der nicht genug geübt war, wurde mir wie ein Verbrechen angekreidet. Sehr ehrgeizig mit seinen Schülern, ließ er seinen Nerven freien Lauf. Je näher es zur Prüfung kam, desto nervöser wurde Stockhausen und ich mit ihm. Es gab Tage, wo ich das Gefühl hatte, ich könne gar nicht mehr arbeiten. Da waren es die Kolleginnen, die mir mit großer Freundschaft halfen. Sie ruhten nicht eher, als bis ich auf vierzehn Tage in ihre Pension kam. Sie wollten mir helfen: ich sollte nicht einen Ton meiner Arie allein üben, damit ich zur Prüfung gut bestände. Ich zog also für zwei Wochen in die Pension Weißenborn, in der die meisten meiner Freundinnen lebten. Es war eine schöne Zeit. Nicht nur stimmlich half sie mir, noch mehr seelisch. Es war ein starkes Gegengewicht gegen Stockhausen. Wir arbeiteten ernst, waren aber unendlich fröhlich in der freien Zeit. Sie rissen mich von der Arbeit los, zwangen mich, mit ihnen spazieren zu gehen. Und als die Prüfung kam, gab es viele aufgeregte Seelen um mich, denn ich sollte mit Glanz bestehen. Mit welch unbeschreiblicher Dankbarkeit denke ich an meinen Studienkreis! Wie wäre ich ohne meine Freunde durchgekommen! Als der große Tag herankam, war ich innerlich gerade soweit zerschlagen, daß mir's klar war, daß ich nicht mehr zu singen verstand. Aber es gab keine Rettung: ich mußte aufs Podium. Es war ein schwerer Augenblick, als ich wartend im Schülerzimmer stand. Stockhausen sprach kein Wort mit mir, aber meine Freundinnen suchten mich auf jede Weise zu stärken. »Du hast das größte Vortragstalent von uns allen,« sagten sie, »halt dich daran, du wirst dich schon durchsetzen, denk nur ja nicht an die Technik.« Meine Füße wollten mich kaum aufs Podium tragen, aber als ich oben stand, da kam es wie ein Trotz, wie der Mut der Verzweiflung über mich. Ich legte mich mit meiner ganzen Seelenkraft in die Arie, warf alle Gedanken an Vokale und Konsonanten über den Haufen und ließ mich nur von meiner Empfindung tragen. Zu meinem Erstaunen hatte ich einen großen Erfolg. Sogar Stockhausen schmunzelte, konnte aber doch nicht umhin, mir eine kurze Kritik zuzurufen: »Ihr ›S‹ war ganz schlecht,« sagte er. Doch daraus machte ich mir nicht viel, hatte ich doch ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht gesehen. Der Jubel meiner Freundinnen trug mich und die warme Anerkennung von Direktor und Lehrern. Auch hatte ich einmal wieder meine Flügel gespürt und fühlte, daß sie noch stark waren und mich trugen. Nach der Prüfung gab es ein großes Ehrengeleit: alle meine Freundinnen brachten mich vor die Tür meiner Pension. Es war ein wunderschöner Geist der Kameradschaft unter uns. Neid und Eifersucht habe ich in meiner Studienzeit nicht kennen gelernt. Am Ende dieses Semesters schrieb ich meiner Mutter: »Es ist nicht leicht, Stockhausens Schülerin zu sein, und doch bin ich stolz, daß ich es sein kann; ich ginge zu keinem anderen«. Seine ganze künstlerische Richtung, seine Auffassung von der Arbeit, sein hoher, heiliger Ernst, all das erfüllt mich mit Begeisterung; und ich weiß, daß ich bei ihm etwas Großes und Tüchtiges lernen werde, wenn es bei anderen auch mit weniger Angst und Not geschehen könnte. Dafür erlebt man aber auch bei ihm Stunden, wie bei keinem anderen: Stunden der höchsten Weihe und Begeisterung, wo er einen hoch über sich selbst hinaushebt, wo man atmen kann in anderen herrlichen Welten, wo man sich schwindelnd fühlt ›auf der Menschheit sonnigen Höh'n‹, und dann der Erde Traurigkeit, Prosa und Last gar nicht mehr empfindet, weil man Himmelsluft geatmet hat. Mit tausend Freuden opfert man für solche Stunden so manches. – Gestern hatten wir eine Chorprobe zu einem Konzert, das das Konservatorium gibt. Unser Chor ist wunderbar. Zum Schluß probten wir ein altes Madrigal, ein leidenschaftliches Liebeslied. Wir fingen an. Stockhausen klopfte sofort ab: ›Dummes Zeug!‹ rief er, ›das ist ja gar nichts. So müssen Sie es singen.‹ Und er schmetterte den Anfang los in einem Tempo, das uns wahrhaftig das Feuer durch die Glieder jagte. Jubelnd sang der ganze Chor es nach, in einem Übermut und Tempo, daß alle, die zuhörten, der Direktor, die anderen Lehrer, Stockhausen, wir selbst, zum Schluß in helles Lachen ausbrachen. Und als die Probe zu Ende war und wir heimgingen, alle Arm in Arm, da duftete es um uns in den Anlagen nach den weißen Akazien und in uns sang und klang es von Musik, von Jugend, Wonne und Glück. Alle waren wir froh und einig, fest miteinander verbunden; wußten wir uns doch eins in unserem Streben, Arbeiten und Ringen. Und ich dachte, daß ich ein reicher, glücklicher Mensch bin, daß ich all das erleben darf, solch eine reiche, reiche Zeit! Man mag Stockhausen mancherlei nachsagen; eins muß man ihm lassen: heiligen Ernst und wahre Liebe zu seiner Kunst, die hat er; und nichts Halbes läßt er bei seinen Schülern gelten. Mit Leib und Seele muß man seiner Kunst ergeben sein und nur für sie atmen. Nichts verfolgt er so wie Dilettantismus und Halbheit. Es halten darum nicht viele bei ihm aus; aber die bei ihm bleiben, bilden eine stolze Garde, mit der er schon was aufstellen kann.« Ich mußte mein Semester ein wenig früher schließen, ich war überarbeitet und konnte nicht mehr mit. Von Hause hatte ich die Zusicherung bekommen, daß ich im Herbst meine Studien fortsetzen könne, und glückselig fuhr ich heim. Ferienreise und Rückkehr an die Arbeit Meine frühere Lehrerin, die mir den Wechsel meiner Stimme nicht vergeben konnte, hatte dafür gesorgt, daß in der Heimat kein großes Zutrauen zu dem, was ich erlernt hatte, mir entgegenkam. Ich sang auch fast gar nicht vor, benutzte die Ferien nur zur Erholung. Wer mich hörte, meinte, die Stimme wäre wohl viel größer geworden, hätte aber an persönlichem Reiz eingebüßt; mein Singen sei künstlerischer, aber strenger geworden und rührte nicht mehr so stark an die Herzen der Hörer. Nur meine Mutter war froh und meinte, so hätte ihre Stimme geklungen, als sie jung war. Ich war noch stark in der eisernen Klammer meiner Schule, die mich unfrei machte. Doch hatte ich guten Mut, denn ich wußte, daß dies ein Entwicklungsstadium war, das ich überwinden würde. Der Bruch meiner Stimme war leider noch lange nicht ausgeglichen, obschon die Stimme viel gleichmäßiger geworden. Im Herbst des Jahres kehrte ich wieder nach Frankfurt zurück. Wenn ich auf meine Studienzeit bei Stockhausen zurückblicke, so kann ich sie in zwei Phasen teilen: im ersten Jahr lernte ich viel, im zweiten wurde ich fast nur gequält und lernte wenig. Ich hätte das zweite Jahr zu einem anderen Lehrer gehen müssen. Aber die künstlerischen Ansprüche, die ich jetzt an meinen Lehrer stellte, waren durch Stockhausen so groß geworden, daß mir kaum ein anderer genügt hätte. Stockhausen selbst war mit seinen Nerven ganz am Ende, als er dies Semester anfing; er war krank gewesen. Dazu kamen die beständigen Reibereien im Konservatorium. In seiner Herrscherart hatte er sich Übergriffe erlaubt und gegen die Disziplin verstoßen, was man ihm, wenn auch in aller Vorsicht, zu verstehen gegeben hatte. So kam er einmal in eine Stunde hereingestürzt, in der er so aufgeregt war, daß er uns gar nicht singen ließ, sondern in wildem Zorn klagte, daß man ihn vergewaltige, ihn, einen freien Künstler! In seiner Tonbildung hatte er sich auch auf einen Punkt verrannt, der gefährlich für die Stimme wurde. Der Punkt hieß: die tiefe Kehlkopfstellung. Physiologisch hatte er recht. Der Kehlkopf nimmt beim Singen eine etwas tiefere Stellung ein, als beim Sprechen. Doch wird das von selbst, durch die Atemtechnik reguliert, und der Kehlkopf stellt sich automatisch ein. Da wir aber alle eine sehr mangelhafte Atemtechnik hatten – denn Stockhausen interessierte sich nicht für sie – konnte dieser Vorgang nicht naturgemäß vor sich gehen, und Stockhausen versuchte, es auf künstliche Weise zu erzwingen. Wir mußten unseren Kehlkopf mit den Fingern berühren und tief halten; ein gefährliches, nervösmachendes Experiment. Durch seine Ungerechtigkeit und Nervosität erbitterte er auch seine Schüler, und wir lehnten uns allmählich gegen seinen Despotismus auf. Es kam zu Szenen in den Stunden. Wir verklagten ihn sogar beim Direktor. Es drohte zu einem Bruch zu kommen. Da griff er klug und schnell zum einzigen wirksamen Mittel, das uns wieder in seine Hand brachte: er gab ein Privatkonzert im Konservatorium für seine Schüler. Eine grollende, widerspenstige Gesellschaft fand sich ein, und als das Konzert zu Ende war, umgab ihn eine jubelnde, begeisterte Schar. Nie im Leben habe ich die Gewalt der Kunst und die Macht eines großen Künstlers über die Menschenseele so empfunden, wie in diesem Konzert. Als er anfing, war wohl keine so trotzig, so erbittert, wie ich. »Sing du nur,« dachte ich, »mich fängst du nicht.« Ich hielt diesen Widerstand durch die ersten Nummern aufrecht; aber bei der »Abendempfindung« von Mozart brach mein Trotz. Ich sehe ihn noch eben vor mir stehen: das Gesicht durchleuchtet von einer geistigen Schönheit, den Blick in die Ferne gerichtet: »Abend ist's, die Sonne ist verschwunden. Und der Mond strahlt Silberglanz. So entflieh'n des Lebens schönste Stunden, Zieh'n vorüber wie im Tanz. Bald vielleicht – mir weht wie Westwind leise Eine stille Ahnung zu – Schließ ich dieses Lebens Pilgerreise, – Ziehe in das Land der Ruh.« Als er soweit gekommen, war mir's klar geworden unter seinen wunderbaren Tönen, daß er mit anderen Maßen gemessen werden müßte, als andere, und ein Gefühl von Schuld überwältigte mich, daß ich ihn, den großen Künstler, durch meine Stümperei gequält hatte. Dieses Gefühl der Schuld lag wie eine Last auf mir, als ich heimging, sagte ich mir immer wieder: »Ich will ihn ja nicht quälen, ich will nichts Böses, ich will nur singen lernen!« Eine Gelegenheit, Schülerin der Viardôt in Paris zu werden, ließ ich leider ungenützt an mir vorübergehen. Wieder ein großes Versehen in meiner künstlerischen Entwicklung, das zum Teil aus falscher Pietät begangen wurde, zum Teil aber auch nicht meine Schuld war. Als ich mit einer zaghaften Anfrage nach Hause meinen Wunsch, nach Paris zur Viardôt zu gehen, aussprach, bekam ich den sehr strammen Bescheid von meinem Onkel, von dem ich momentan pekuniär abhängig war: »Bleib! Es ist ein Unsinn, aus der Schule zu laufen. Man beißt eben die Zähne zusammen und hält aus. Lehrlingszeit ist immer schwer, tut aber gut.« – Er verwechselte eine Kaufmannslehrlingszeit mit einem künstlerischen Lernen und dachte nicht, daß viel kostbare und zarte Werte in Frage kämen, die zerstört werden konnten. Lehrkräfte am Konservatorium Mißerfolge sind wie Gift für manche Naturen, und jede Stunde in diesem Winter bei Stockhausen war eigentlich ein Mißerfolg. Wir alle litten gemeinsam; denn es ging keinem besser als mir. Die anderen Stunden entschädigten einen ja wohl ein wenig für die Leiden bei Stockhausen. Unser fröhlicher Jugendmut trug uns immer wieder empor. Namentlich in den italienischen und Theoriestunden, die ich schließlich doch nahm, hielten wir uns schadlos. Welch eine ausgelassene Fröhlichkeit herrschte zum Schmerz unseres italienischen Lehrers in seinen Stunden! Luigi Forte hieß der freundliche, ritterliche Italiener, der sich vergebens mühte, den Kampf mit unserer lustigen Gesellschaft aufzunehmen. Wir lernten wenig und lachten viel. Ein Hauptwitz war, sich, wie wir sagten, Überraschungen für die Stunde auszudenken. Eines Tages erschien er, das kleine Häuflein Schüler hatte sich in der großen Klasse durch den ganzen Raum verteilt. Hier und da saß eine Einsame und schrie ihm die italienischen Gedichte oder Vokabeln zu. Marie Diest, die immer die Sprecherin machte, erhob sich dann und erklärte ihm in falschem Italienisch die Situation. – In der nächsten Stunde hatten wir uns alle auf die erste Reihe zusammengepfercht. »Sie waren ja unzufrieden, daß wir uns so verstreut gesetzt hatten,« erklärte Marie Diest. – Am unheimlichsten aber wurde ihm, wenn wir einmal abmachten, uns eine Stunde gesittet zu betragen, wenn wir artig auf unseren Plätzen saßen und tadellos unsere Aufgaben hersagten. »Was haben Sie nur heute vor?« konnte er ganz aufgeregt fragen. Vor der Semesterprüfung machten wir einen Pakt mit ihm. Er solle uns nur ganz ruhig die Aufgaben nennen, die er uns geben würde, »denn Ihnen, Herr Professor, wird es doch noch viel unangenehmer sein, als uns, wenn wir vor der Kommission nicht bestehen.« – Unter vielen Erklärungen und Vorbehalten entrissen wir ihm ein Examenthema nach dem anderen und bestanden rühmlich. Sehr interessant war der Deklamationsunterricht beim Schauspieler Herrmann. Er war ein sehr feiner, künstlerischer Mensch; doch konnte er selbstverständlich bei einer ganzen Klasse uns nichts Wirkliches geben, außer künstlerischen Gesichtspunkten und seinen Gedanken. Technisch lernten wir nichts bei ihm. Rezitation und Gesang vertragen selbstredend keine Klassenbehandlung. Ich habe ihn in warmer, dankbarer Erinnerung. Ein Original war unser alter Theorielehrer Magnus Böhme, ein gelehrter, alter Herr, der, eingesponnen in seine verstaubte Theorie, gar keine rechte Fühlung mit seinen Schülern hatte. Er war eine alte Biedermeiererscheinung mit hohen, steifen Vatermördern, einem geschlungenen Halstuch und an der Seite gescheiteltem dichtem grauem Haar. Er goß die Wogen seiner Gelehrsamkeit über uns hin, aber bei Querfragen, die wir dazwischen hineinwarfen, hob er erstaunt sein Haupt und verlor den Faden. »Warum stört Ihr mich?« fragte er dann. Ich war sein erklärter Liebling. Unverdienter und ungerechter als diese Lieblingsschaft konnte nichts auf Erden sein, denn ich war die schlechteste Schülerin der ganzen Klasse. Meine mangelhafte musikalische Vorbildung rächte sich immer wieder. Auch waren mein Talent und mein Interesse für diesen Zweig der Musik gering. Ich quälte mich damit nur aus Gewissenhaftigkeit. Diese unbegreifliche Bevorzugung fand in folgendem ihre Erklärung: Magnus Böhme hatte ein Buch über Theorie geschrieben, das ich in meinem Eifer mir sofort angeschafft hatte. Als wir zur ersten Theoriestunde versammelt waren, fragte er, ob jemand das Buch besäße? Ich war die einzige, die es hatte. Ein wohlwollendes Strahlen verbreitete sich über sein altes, verwittertes Gesicht: »Monika Hunnius ist die einzige unter Ihnen, die wirkliches Interesse hat,« sagte er. Und diesen Glauben ließ er sich durch meine schlechtesten theoretischen Arbeiten nicht nehmen. Er hatte bald heraus, daß ich mich immer unsterblich blamierte, wenn ich an der großen Tafel, angesichts der Klasse, eine theoretische Aufgabe lösen mußte. Da vermied er mit allen Listen, mich an die Tafel zu rufen. Doch verlangten eines Tages meine Freundinnen stürmisch, um der Gerechtigkeit willen müßte ich auch einmal vor. Da half nichts, ich erhob mich und versagte vollständig vor der ganzen Klasse. Ein wildes Geschrei brach los – wir ließen einander nichts durch: »Sehen Sie jetzt, wie schlecht sie es gemacht hat!« riefen sie. »Nun, nun,« sagte der alte Mann begütigend, »sie ist auch nur ein Mensch. So was kann schon mal passieren. Setzen Sie sich nur ruhig auf Ihren Platz und grämen Sie sich nicht.« Ebenfalls ein Original war mein Klavierlehrer Valentin Müller, auch eine altmodische Biedermeiererscheinung. Er war namenlos gutmütig und freundlich und unterrichtete in der unteren Klavierklasse, die das Konservatorium für Sängerinnen eingerichtet hatte. Wir waren immer drei in einer Stunde. Müller war eigentlich Cellist und gab nur als Nebenfach Klavierstunden. Der Unterricht konnte nicht anregend genannt werden. Wurde er gar zu langweilig, so führten wir zwei Unbeschäftigten nach dem Spiel der anderen hinter seinem Rücken Tänze auf. Der freundliche, alte Mann tat, als sähe er sie nicht; er war froh, wenn wir lustig waren. Nur kurze Zeit arbeitete ich bei ihm; ich kam bald in eine höhere Klavierklasse, zu einem Schüler Clara Schumanns, Uzzielli, einem Italiener. Er war eine berühmte Schönheit und hatte neben den Stunden, die er ernst und gewissenhaft gab, gern kleine Nebenfreuden im Verkehr mit seinen jungen Schülerinnen. Ich gewann durch ihn eine große Freude am Klavierspiel. Er war ein sehr feiner Pianist und Poet und hatte die richtige Art, mit uns Sängern mehr das Musikalische, Ästhetische in seinem Unterricht zu betonen, und nicht so sehr das Technische, das für uns ja weniger in Betracht kam. So eignete ich mir bei ihm eine große Gewandtheit im Transponieren an und habe in meinem Berufsleben oft dankbar seiner gedacht. Das Verhältnis von Stockhausen zu seinem Kuratorium spitzte sich immer mehr zu. Seine Nerven waren derart überreizt, daß man kaum mehr bei ihm arbeiten konnte. Wir schleppten uns mit Angst und Mutlosigkeit durch seine Stunden, und oft wurde er beim Direktor verklagt. Es kam auch zu schlimmen Szenen zwischen ihm und den Schülern. Einmal hatte er Marie Diest so schwer gereizt, daß es zu einem wilden Ausbruch bei ihr kam. Sie ergriff ihre Noten und warf sie krachend vor ihn auf den Fußboden unter einem Strom heftiger, leidenschaftlicher Worte und Anklagen. Dann stürzte sie, ihrer selbst nicht mehr mächtig, aus der Stunde. Nach dieser Szene konnte sie ihre Stunden bei Stockhausen nicht fortsetzen. Die Sache wurde vertuscht, aber auf den Korridoren standen aufgeregte Gruppen seiner Schüler beisammen, die miteinander verhandelten. Man lehnte sich auf. Stockhausens Nerven wurden immer schlimmer. Er litt an Gehörstäuschungen, hörte alle Töne unrein und behauptete immer, daß die zuhörenden Schülerinnen in den Stunden leise eine zweite Stimme mitsummten. Wer hätte so was auch nur im Traume zu tun gewagt! Endlich hieß es, Stockhausen habe dem Konservatorium gekündigt. Er konnte eben keine Abhängigkeit ertragen. Als es so weit war, wurde er ruhiger, und man konnte wieder bei ihm arbeiten. Konzerte in Karlsruhe und Bruchsal In diese Zeit fiel eine Aufforderung für mich, die aus Karlsruhe kam. Ich sollte in einem Kammermusikkonzert, das vom Pianisten Ordenstern veranstaltet wurde, mitwirken und zwei Nummern singen. Durch Landsleute war dieses Engagement zustande gekommen, und da ich im Herbst in die Heimat zurückkehren sollte, war es für mich von größter Wichtigkeit, einige Konzertkritiken aus Deutschland mitzubringen. Ich ging zum Direktor, machte ihm die Situation klar und bat ihn, bei Stockhausen für mich zu sprechen. Ich fühlte mich weder reif, noch irgendwie fähig zum öffentlichen Auftreten, aber meine Freundinnen bestürmten mich, den Schritt zu wagen. Auch der Direktor war dafür und versprach, die Sache bei Stockhausen zu vertreten. Mein Programm bestand aus der Penelope-Arie von Bruch, zwei Schumann- und einem Schubert-Liede. Meine erste Gesangstunde, nachdem Stockhausen mir die Erlaubnis zum Konzert gegeben hatte, war charakteristisch. Ich begann zaghaft: »Herr Professor, der Direktor hat mir gesagt, daß Sie nichts dagegen haben, daß ich in Karlsruhe singe.« Er war sehr schlechter Laune. »Ich habe nichts erlaubt,« sagte er unfreundlich, »das ist des Direktors Sache. Mich kümmert das alles absolut nicht.« Bei seiner schlechten Laune erwachte mein Trotz. »Würden Sie nicht wenigstens die Güte haben, die Lieder mit mir durchzunehmen?« fragte ich. »Meinetwegen,« war seine kurze Antwort. Ich legte die »Frühlingsfahrt« von Schumann vor ihn hin und begann zu singen. Jeder Atemzug, jeder Laut war schlecht. Er ließ kein gutes Haar an mir. Sogar die Tonlage fand er für meine Stimme ungünstig. Kurz, die Sache war ganz hoffnungslos und meine Seele wurde matt. Ich begann das zweite Lied »Stirb Liebe und Freud«, auch von Schumann. Da wurde er gütiger. Das läge mir gut, sagte er. Dann kam der »Schwager Kronos« von Schubert, und da wurde der Künstler in ihm lebendig. Er vergaß seinen Ärger; das Lied füllte seine ganze Seele. Er erhob sich und deklamierte das ganze Gedicht; dann sang er's mir vor, daß ich zwischen Lachen und Weinen losbrach: »Ach, Herr Professor, das ist ja überirdisch schön! Wer so singen könnte!« Da lächelte er und sang mir mein ganzes Programm vor; er schloß mit der »Frühlingsfahrt« von Schumann. Wie berauscht von Glück ging ich heim. Als ich unter den Fenstern des Konservatoriums vorüberkam, hatte er sie weit geöffnet und sang mit jubelnder Stimme: »Es zogen zwei rüst'ge Gesellen«. Das Konservatorium liegt dicht am Main. Ich stand unter den Fenstern und horchte auf sein Singen und ein wundersames Gefühl durchströmte mich, wie die Töne so über den Main durch den goldnen Sonnenschein hinüberfluteten, ein Gefühl, wie ich es in früheren Jahren gekannt im Frühling, wenn Frühlingswonne und Übermut, Wanderlust und unbestimmte Sehnsucht mir die Brust bewegten, daß es mich trieb, als müßte ich »Flügel dehnen ins klar vertiefte Blau hinein«. Es waren wunderschöne Stunden, die dieser ersten folgten. Aber je näher das Konzert kam, desto aufgeregter wurde er, desto zugespitzter hörte er zu, und allmählich verwirrte er mich und machte mich mutlos. Ich meldete mich auf den Rat meiner Freundinnen für die letzten Stunden krank, nur, um nicht ganz verstört aufs Podium zu kommen. Außer dem Karlsruher Konzert war ich noch zu einem in Bruchsal aufgefordert worden. Meiner bescheidenen Toilette wurde von allen Seiten durch meine Kolleginnen aufgeholfen. So fuhr ich denn, von ihnen allen begleitet, getröstet und aufgerichtet, in einem geliehenen Mantel und Hut ab. Ich denke mit einem leisen Grauen an den Anfang dieses meines ersten Konzertausfluges zurück. Zum erstenmal war ich allein in einem Hotel abgestiegen. Meine arme, verschüchterte Seele schiffte durch eine Flut von Ängsten und Verzagen. Ich sollte zuerst in einem Mädcheninstitut, das von einer Landsmännin geleitet wurde, absteigen. Aber die Vorsteherin hatte sich's überlegt und war zum Resultat gekommen, daß es für den Ruf des Instituts schädlich werden könnte, wenn Künstler dort aus und eingingen. Das kränkte mich tiefer, als es mich hätte kränken dürfen. »Ja, wenn ich nur eine Künstlerin wäre,« dachte ich, »wollte ich schon über diese Beschränktheit lachen.« Das waren wohl die ersten Dornen, von denen Frau Joachim sprach, die mich auf meinem Berufsleben trafen. Sie taten weh. Wie schön ist es, in aller Stille für seine Kunst zu arbeiten; wie schwärmt man für seinen herrlichen Beruf, wie träumt man es sich erhebend, hinaustreten und zeigen zu können, was man errungen, mitteilen zu dürfen, was die ganze Seele erfüllt! Aber wie ganz anders schaut einen das Leben an, als man es sich in der Stille seines Arbeitszimmers denkt. Nun sollte ich den ersten Schritt in die Öffentlichkeit tun und mir war's wie einer, die bisher in der warmen Stube gesessen und nun hinaustritt und ihren Weg über die Heide nimmt. Jeder Wind und jeder Regen konnte mich anfallen. Ich fror. Da erschienen unerwartet mein Stiefbruder und meine Schwägerin aus Stuttgart. Nun war alles leicht. Sie waren so lustig, so festlich, daß sie mich mitrissen. – Ich wurde von meinem Begleiter zur Probe geholt, die so gut ging, daß ich ganz mutig wurde. Und dann kam der Abend heran. Es war alles so fröhlich im Künstlerzimmer. Die Mitwirkenden waren so gut gegen mich; sie schworen, ich würde einen glänzenden Erfolg haben. Einer spielte auf der Violine, einer übte einen Gang auf dem Cello, einer turnte mit großen Spießen, die von einer Theateraufführung in der Ecke standen. Ich kam gar nicht zur Besinnung und mußte viel lachen. Und – ehe ich mich versah, stand ich auf dem Podium, wo mich warmer Applaus begrüßte. Ich sang ganz ruhig, ohne Zittern, ohne Verwirrung. Es ging alles viel besser, als ich es erwartet hatte; zum Schluß wurde ich mehrere Male herausgerufen. Die Mitwirkenden gratulierten mir; nur meinten sie, ich wäre zu ernst auf dem Podium gewesen. Es fehlte mir die »fröhliche Keckheit«, die Schumann als notwendig für einen Erfolg erklärt. Nach dem Konzert war ich mit meinen Geschwistern zu Landsleuten eingeladen. Der Hausherr, ein alter, lustiger Herr aus Petersburg, war ein Freund meines Bruders. Wir waren sehr fröhlich miteinander. Ich mußte mich einer scharfen Kritik unterziehen lassen. »Wenn Sie singen,« sagte der Hausherr, »denkt man. Sie hätten eine schöne Seele. Aber sobald der letzte Ton verklungen ist, stehen Sie ernst und ablehnend da. Was hilft einem die schöne Seele, wenn man nicht an sie herankommen kann? Man sieht Ihnen auf dem Podium an, daß Sie Grundsätze haben, und die machen eine Frau, und gar eine Künstlerin, nie liebenswürdig.« Ich wußte nicht recht, ob ich lachen oder mich ärgern sollte. Am anderen Tage fand das Konzert in Bruchsal statt. In Begleitung des Pianisten Ordenstern und seines Freundes, eines jungen Arztes, machte ich die Eisenbahnfahrt. Wir sollten bei Freunden von Ordenstern, einem Regierungsrat in Bruchsal, absteigen. Am Bahnhof empfing uns der alte Herr Rat. Vergnügt zogen wir in die Stadt ein, rechts und links von mir meine beiden Begleiter. Der eine trug meinen Blumenstrauß, der andere schwenkte lustig meine Notenmappe in der Hand. Bald standen wir am Hause des Herrn Rat. Die ganze Familie erwartete uns auf der Treppe. Die dicke, freundliche Frau Rat und ihre Töchter umringten uns und begrüßten mich, als wäre ich eine alte Bekannte. Man nahm mir Hut und Mantel ab, und wir wurden an den gedeckten, festlich geschmückten Kaffeetisch geführt; alles war voller Frühlingsblumen. Zwei von den Töchtern waren Ordensterns Schülerinnen, die aus dem Erröten und Strahlen gar nicht mehr herauskamen und an den Blicken ihres verehrten Lehrers hingen. Nach dem Kaffee wurde ein allgemeiner Spaziergang durch die Stadt vorgeschlagen, und im Triumph begleitete uns die ganze Familie. Mittlerweile waren die anderen Musiker auch angelangt und schlossen sich uns an. »Das sind die Kinschtler,« hörte ich auf der Straße uns nachsagen. Die ganze, kleine Stadt war in Aufruhr. Die Menschen blieben auf der Straße stehen und sahen uns nach. – Ich hatte mich an die älteste Tochter geschlossen, die die Veranstaltung des Konzertes übernommen hatte. Sie erzählte mir viel von den Leiden, die sie dabei gehabt, wie vorsichtig sie beim Kartenverkauf hätte sein müssen, damit die höher gestellten Beamten des Städtchens nicht am Ende die Plätze hinter den niederen bekämen. »Dadurch wäre alles verdorben gewesen,« sagte sie; »aber,« schloß sie begeistert, »für Herr Ordenstern und die Kunst habe ich alles getan.« Wir stiegen auf einen Aussichtsturm, von dem aus man die ganze Stadt überblicken konnte. Da sah man über blühende Bäume weit ins Land hinein. Am Horizont türmten sich Berge, und in der Ferne sah man in nebelhaften Umrissen die Türme von Mainz. Mir war ganz wundersam zumute, als wäre ich etwas Fremdes, nicht mehr die, welche ich noch vor wenigen Tagen gewesen. Einen sehr sympathischen Eindruck machte mir Ordenstern. So ähnlich dachte ich mir Mendelssohn in seiner Jugend: so liebenswürdig fröhlich und so voller Musik. Auf dem Heimwege begegnete uns eine Seiltänzergesellschaft, die Affen, Kamele und einen Bären durch die Straße führten. Ich weiß nicht, wem das größere Interesse des Publikums galt, uns oder den Kamelen und Affen. Als wir heimgekommen waren, bat ich, mich zurückziehen zu dürfen. Die älteste Haustochter führte mich in ein kleines Stübchen oben im Dachstock. Dann verließ sie mich. Ich öffnete das Fenster weit. Es hatte geregnet und erquickende Luft drang zu mir herein. Es duftete nach feuchter Erde und Blütenknospen. Es war still auf der Straße; aus der Ferne klang mehrstimmiger Männergesang. Von unten herauf schallten fröhliche Stimmen. Dort saß die ganze Gesellschaft bei einem Glase Bier plaudernd beisammen. Jeden Augenblick erschien jemand in der Tür und fragte, wie ich mich fühle. Dann kam zu meinem Schrecken die Stadtfriseurin, die hinter meinem Rücken von der Familie bestellt worden war. Ich kämpfte einen wilden, hoffnungslosen Kampf mit ihr. Ich wollte keine »Frisur« haben und vor allem mein Haar nicht brennen lassen. Sie aber rief das ganze Haus zum Kampf gegen mich auf. Ich mußte mich fügen und sah mit Grausen unter ihren Händen eine fremde Spukgestalt aus dem Spiegel mir entgegenstarren. Aber meine lieben Gastfreunde, die mich mit sämtlichen Lampen des Hauses beleuchteten, waren damit zufrieden. So mußte ich es wohl auch sein. Dann ging es ins Konzert. Es gelang alles gut, denn das Publikum war warm und von vornherein begeistert. Die Palme des Abends aber erlangte Ordenstern durch sein Spiel. Nach dem Konzert vereinigte uns ein Abendessen bei unseren lieben Hauswirten. Es wurden viele Reden gehalten; man kritisierte einander; es war, als hätte man sich schon lange gekannt. Meine Stimme und der edle Stil meines Singens wurden sehr gelobt; aber immer wieder hieß es, ich müsse viel mehr aus mir heraustreten, viel persönlicher sein. Dann würde ich noch ganz anders wirken. Das, was früher mein Bestes war, das Persönliche beim Singen, hatte ich bei Stockhausen verloren. Die Schule band mich, ich kam nicht frei von ihr. Am andern Morgen fuhr ich, von der ganzen Familie zum Bahnhof begleitet, heim nach Frankfurt. Dort wurde ich mit Jubel empfangen. Kritiken über das Konzert waren schon da: alle weit über Erwarten günstig. In meinem Zimmer fand ich einen riesigen Zuckerhasen, der unter Blumen saß. Meine Kolleginnen hatten ihn mir gestiftet. Trennung von Stockhausen Als ich zur Stunde kam, fragte mich Stockhausen ein wenig sarkastisch nach meinen Erfolgen. Ehrlich erzählte ich ihm von den Kritiken, die ich über mein Singen gehört hatte. Er lachte spöttisch: »Ja, als Sie herkamen, dachte ich, Sie wären ein Mensch voll Geist und Leben. Sie konnten sich im Singen aussprechen und hatten eine Seele. Wo ist das alles geblieben? Sie sind langweilig geworden.« Da faßte mich ein grenzenloser Zorn, und es brach aus mir heraus: »Das haben Sie alles in mir totgeschlagen!« Er antwortete nicht; tat, als hätte er es nicht gehört und wandte sich ab. Meine beiden Kolleginnen, die die Stunde mit mir teilten, waren blaß vor Schreck. Ich aber nahm meine Noten und verließ die Klasse, ohne ein Wort weiter zu sagen. Im Städelschen Museum hängt ein Bild, »der Sängerkrieg auf der Wartburg«. Oft habe ich davor gestanden. Dies Bild stellt den Augenblick dar, wo Wolfram von Eschenbach mit dem alten Zauberer Klingsor in einen Wettgesang getreten ist. Klingsor hat ihn durch Rätselaufgaben und Querfragen so verwirrt, vor allem aber durch seine ganze Eigenart, daß der arme Wolfram nach qualvollen Nächten und Tagen sich gefangen gibt, indem er in die Worte ausbricht: »Du nahmst mir all mein Singen.« – Es liegt etwas Ergreifendes in dem müden, verhärmten Gesicht des jungen Sängers, in der leise nach vorn geneigten Haltung des Kopfes, in der, wie in matter Abwehr, erhobenen Hand. Wenn ich so davorstand, schien es mir oft, als wäre Klingsor Stockhausen, als hätte er mit seinem flatternden Haar und Bart und mit seinem spöttischen Ausdruck Stockhausens Gesicht und der junge Sänger mit der müden Handbewegung trüge meine Züge. Dieses Bild stand vor mir auf, als ich voll Trauer und Zorn durch die Straßen heimging, und immer wieder klang das Wort Wolframs mir durch den Sinn: »Du nahmst mir all mein Singen.« Mit nicht geringem Herzklopfen kam ich dann in die nächste Stunde. Ich war nicht sicher, wie Stockhausen mich empfangen würde. Er aber tat, als wäre nichts gewesen. – Ich hatte nicht mehr viele Stunden bei ihm; denn nun war das Jahr um, für das er sich im Konservatorium gebunden hatte. Es blieben bis zum Schluß des Semesters noch einige Monate; ich wollte aber bei Stockhausen nicht länger bleiben und bis zum Ende des Semesters im Konservatorium arbeiten. Heritte Viardôt, die Tochter der berühmten Viardôt-Garcia, die auch im Konservatorium angestellt war, sollte für ihn eintreten und seiner Klasse bis zum Ende des Semesters den Unterricht erteilen. Uns Schülern wurde es freigestellt, ob wir mit ihm gehen oder bei Frau Heritte weiter studieren wollten. Er hatte erklärt, er würde die Schüler bezeichnen, die er wieder mit sich in seine Privatschule nehmen würde. Die Aufregung unter uns war groß. Lange Besprechungen auf den Korridoren, auf der Straße beim Nachhausegehen fanden statt. Das Resultat dieser Beratungen war, daß wir alle, bis auf eine, erklärten, wir gingen nicht mit ihm. Der Tag der Entscheidung kam. Wir mußten ins Sprechzimmer zum Direktor. Eine traurige, aber ganz entschlossene Schar, standen wir beisammen und warteten auf das Erscheinen des »Allvaters«. Nur die eine Getreue stand am Fenster. Sie hatte uns den Rücken zugekehrt und zeigte uns ihre Verachtung. Der Direktor trat ins Zimmer, und ich mußte die Sprecherin machen. Ich erklärte in kurzen Worten, ohne Klage und ohne Anklage, daß wir alle im Konservatorium bleiben würden. Der Direktor ließ keinen Laut der Überraschung hören und entließ uns nach einigen freundlichen Worten. Da trat die eine Getreue vor und sagte mit bebender Stimme: »Ich gehe mit Stockhausen.« Und zu uns gewendet, brach sie los: »Ihr seid undankbar und verräterisch!« Der Direktor hob die Hand und vermied so eine Antwort von uns. Wir verließen schweigend das Zimmer. Dann kam die letzte Stunde bei Stockhausen. Tagebuch, 25. Mai 1884. Heute habe ich nun meine letzte Stunde bei Stockhausen gehabt. Als die Stunde zu Ende war, ging er zuerst einigemal im Zimmer auf und nieder und sagte dann: »Nun ja,« nahm seinen Hut und trat zuerst auf meine beiden Mitschülerinnen zu: »Leben Sie wohl,« sagte er kurz. Eine dankte ihm für seine interessanten Stunden. Ach, wie konnte sie nur das über ihre Lippen bringen? Ich stand dabei und fühlte es wie einen Krampf in meiner Kehle. Dann trat er auf mich zu und reichte mir die Hand. Ich wollte ihm ein Wort des Dankes sagen, brachte aber nur einen kurzen, schluchzenden Laut hervor. Er sagte kein Wort, wandte sich ab und ging hinaus. Bei der Tür sah er sich noch einmal um. »Möge es Ihnen gut gehen im Leben,« sagte er freundlich zu mir. Dann war er fort. Nun ich hielt mich auch nicht länger, setzte mich auf einen Stuhl, zog mein Taschentuch und weinte, bis ich nicht mehr konnte. Vergessen war alles, was ich durch ihn gelitten, ich mochte nicht mehr daran denken, ich konnte nur an das Große denken, das ich durch ihn gehabt. – Ich konnte nicht gleich nach Hause gehen und lief noch lange in den Anlagen umher. Alles knospte und grünte um mich her. In den Gärten sangen die Amseln, und die Luft war voll Sonne und Blütenduft. Mir aber war es nicht nach Frühling zumute. Ich konnte eine Stimme in mir nicht zur Ruhe bringen, die laut rief, daß ich undankbar gegen Stockhausen gewesen war. Wie viele herrliche Stunden, wieviel künstlerische Erkenntnisse, wieviel Großes habe ich durch ihn gehabt! Und jetzt, wo alle ihn verlassen, verlasse ich ihn auch. Er hat neulich zum Direktor gesagt, daß er die größten Hoffnungen auf mich setze, und nicht einmal ein Wort des Dankes habe ich ihm zum Abschied sagen können! Ach – keine von uns hätte ihn ja verlassen, wenn es nur möglich gewesen wäre, in Ruhe bei ihm zu lernen. – Aus ist es jetzt mit einer großen Periode meines Lebens. Es war eine unvergeßliche Zeit, reich an Freuden, groß an Leiden. Nie flog meine Seele so hoch, nie lag sie so tief im Staube, wie in dieser Zeit. Meine Gedanken wanderten immer wieder in die ersten Monate meines Studiums zurück. Was war das für eine Seligkeit gewesen, bei diesem großen Meister zu studieren, der so hinreißend war in seiner Künstlerschaft. Sonnabend war die letzte Chorstunde. Wir hatten ihm eine wunderschöne Lyra aus duftenden Veilchen bestellt. Er trat ein und sah überrascht nach den Blumen hin. Wir hatten uns alle erhoben, die hübscheste Kollegin trat ihm entgegen und sagte ihm einige Dankesworte in unser aller Namen. Sie sprach vor Aufregung lauter Unsinn, redete von den vielen Freuden, die er uns bereitet hätte. – Trotzdem war er sehr bewegt. Es zuckte in seinem Gesicht, als er uns dankte und mit den Worten schloß: »Möchten Sie alle nicht nur gute, sondern auch große Sängerinnen werden.« Wir hatten auf eine Karte unser aller Namen geschrieben. Er nahm sie, steckte sie in sein Notizbuch, und seine Finger bebten. Nun stellte er sich ans Klavier, ergriff den Taktstock zum letztenmal: »Wir wollen die Brahms'schen Chöre singen,« sagte er. Und wir sangen sie alle, wie wir sie so oft unter seiner Führerschaft gesungen. Da stand er wieder mit dem alten, vertrauten Ausdruck; mit der Begeisterung, die wie eine Flamme aus ihm brach, mit der er uns zu allem, allem brachte. Alles das hatten wir in den letzten bösen Zeiten fast nie mehr bei ihm gesehen. »Zum letztenmal in deinem Leben!« dachte ich und fühlte es heiß in meine Augen steigen. Dazu sangen wir »Die Nonne«, und es klang klagend und traurig; ich weinte meine heißen Tränen hinter dem Notenblatt. Dann war die Stunde zu Ende. Er legte den Taktstock aus der Hand und wandte sich zu uns: »Ich wünsche von Herzen, daß wir noch einmal im Leben zusammen musizieren,« sagte er; dann reichte er einer nach der anderen die Hand. Vor mir blieb er einen Augenblick stehen und sah mich mit seinen schwarzen Augen an; der Blick war streng und vorwurfsvoll. Ich hatte ein Gefühl, als müßte ich ihm zu Füßen fallen. Dann gab er auch mir die Hand, sagte aber kein Wort, und ich stürzte fort in die Garderobe. Hätte ich in dem Augenblick tun können, wie mein Herz es mir sagte, ich hätte ihn angefleht, mich mit ihm gehen zu lassen. Ich war völlig auseinander, weinte und schluchzte. Nun kamen noch die anderen Kolleginnen. Wie sie mich weinen sahen, folgten alle meinem Beispiel, eine nach der anderen. Wir schlossen die Tür und weinten eine gute Weile miteinander. Dann wankten wir alle, eine stumme Gesellschaft, heim. Eine der bedeutungsvollsten Zeiten meines Lebens ist zu Ende. Was sie mir gebracht, was sie mir zerstört, das kann ich noch nicht beurteilen. Noch stehe ich zu sehr in allem drin. Aber eins fühle ich wohl: so studieren, wie wir es unter diesem Meister taten, durfte man nicht. Ruhe hatte man nie; und zum Wachsen braucht man Ruhe. Das aber wußte ich, daß meine Sehnsucht nach diesem großen Künstler und seiner Künstlerschaft mich durch mein ganzes Leben begleiten würde. Unter uns war kaum eine, die in diesem Augenblick nicht klar gefühlt hätte, daß wir diesem Großen in unserem ganzen künstlerischen Weiterleben Dank schuldig bleiben würden. Nun begann eine ganz andere Zeit, keine erhebende, keine große. Wir nannten die Stunden bei Frau Heritte eine Massenabschlachtung. Sämtliche Schüler wurden für den ganzen Vormittag zusammen in eine Klasse getrieben und nacheinander »überhört«. Anders kann ich ihren Unterricht nicht nennen. Vier Stunden saß man so zusammengepfercht. Die letzten, die drankamen, waren so müde und abgespannt, daß sie nichts mehr leisten konnten. Frau Heritte frühstückte dazwischen, und ich erinnere mich deutlich, wie empört ich war, als ich die Altpartie der Matthäuspassion bei ihr sang, und sie, Kakao schlürfend und ihr Butterbrot dabei essend, ihre Ausstellungen dazu machte. Das waren wir nicht bei Stockhausen gewohnt. Er erzog uns auch zu äußerer Ehrfurcht jedem Kunstwerk gegenüber. Und nun noch Bachs Matthäuspassion! Es war ganz natürlich, daß Frau Heritte kein Interesse für die Stockhausenschen Schüler hatte; denn seine Methode war ihr unsympathisch und fremdartig. Zwischen uns beiden bestand keine rechte Fühlung. Sie war mir zu oberflächlich und zu wenig eingehend, und ich war ihr zu gründlich und zu schwerfällig. Sie nannte mich nur »das Oratorium in Person«. Als ich meine erste Stunde bei ihr hatte, sang ich ihr ein Schumannsches Lied vor. Sie sagte sofort: »So singt man ein Oratorium, aber kein Schumannsches Lied. Sie müssen viel mehr menschlich subjektive Empfindungen hineintragen. Sie singen ja viel zu objektiv.« Als ich bei Stockhausen meine erste Stunde hatte, sagte er: »Sie singen viel zu subjektiv, viel zu beherrscht von ihren persönlichen Empfindungen. So schafft man keine Kunstwerke. Sie müssen sich eine gewisse Objektivität erwerben, ohne die kein Kunstwerk gedacht werden kann.« Sie hatten beide recht und ich wußte wohl, daß ich die richtige Mitte zwischen beiden finden mußte. Ich hätte manches bei Frau Heritte lernen können, denn ihre Schüler hatten gerade das, was uns Stockhausenschen fehlte, aber sie verstand nicht, uns richtig zu beeinflussen und in ihre Methode hinüberzuleiten. Ich fürchtete immer, sie würde mir den mühsam erlernten Ton und Stil von Stockhausen entreißen und lehnte sie ab. Dafür rächte sie sich und schrieb zum Abschied in mein Album: »Schwerfälligkeit und Langeweile sind der Tod der Kunst.« Künstlerin oder Lehrerin? Ich konnte den Schluß des Semesters nicht erwarten, denn ich war krank, überarbeitet und wurde vom Arzt heimgeschickt. Mein Schlußexamen durfte ich auf ärztliches Verbot hin auch nicht machen. Dank dem Entgegenkommen des Direktors und der anderen Lehrer aber bekam ich trotzdem mein Abgangszeugnis, das so glänzend ausfiel, wie es wohl kaum nach einem Examen gewesen wäre. Eine große Versuchung trat noch vor meiner Abreise an mich heran. Lucius' und Meisters, die sich für meine künstlerische Entwicklung immer warm interessiert hatten, schlugen mir vor, ich solle den Gedanken an den Lehrerberuf ganz aufgeben und Künstlerin werden. Sie erklärten sich bereit, für mich zu sorgen, sowohl für mein Studium, wie auch für mein späteres Weiterkommen. Ich hatte gedacht, daß mein Entschluß feststünde und hatte nur einen Weg vor mir gesehen, der führte in die Heimat und in den Lehrerberuf, in ein Leben voll mühsamer, wenn auch reicher Arbeit für meine Mutter und meine Schwester. Und nun kam dies Anerbieten, riß die Tore auf und zeigte mir lockend eine Welt voll Glanz und Schimmer. Sorglos studieren dürfen und dann ein Leben »auf der Menschheit sonnigen Höhen«! Ich war jung, und das Künstlertum in mir war stark und machte mir Qual und Not. Es gab Tage, wo ich nur diesen einen Weg sah, wo ich die Heimat und die Meinen als Hemmungen in meinem Leben fühlte, wo ich die Kraft empfand, alles, was mir hindernd in den Weg trat, bei Seite zu stoßen. Aber wer würde dann für meine alte Mutter und meine kranke Schwester sorgen? Das Band, das mich mit ihnen verband, war stark, und ich wußte, daß ich nie Frieden finden würde, wenn ich es zerriß und meine eigenen Wege ging. Ich konnte mir allein nicht helfen und wandte mich in meiner Not an Frau Joachim, legte ihr die Sache dar, auch meine Zweifel an meiner Befähigung für das Künstlertum als Lebensberuf und bat sie um ihren Rat. Sie kannte mich und liebte die Meinen, außerdem war sie nicht nur eine große Künstlerin, sondern auch eine warmherzige Frau, sie würde meinen Kampf verstehen und mir zur Klarheit helfen. Frau Joachim antwortete mir liebevoll und eingehend. Sie meinte, meine Begabung und meine Stimme würden für einen Künstlerberuf reichen, und ich würde mir gewiß einen Namen als Sängerin in Deutschland erwerben, denn ich hätte eine künstlerische Eigenart. Trotzdem aber müsse sie mir von diesem Wege abraten. »Es wird Sie wundern,« schrieb sie, »daß ich Ihnen das sage, aber Ihre Persönlichkeit und Ihre Erziehung stehen Ihnen im Wege. Sie sind zu zart erzogen und seelisch zu sehr behütet worden. Zu diesem Beruf braucht man Ellenbogen. Sie würden sehr leiden, viel einbüßen und ein halber Mensch werden. Der Zwiespalt würde nie von Ihnen weichen. Gehen Sie heim zu Mutter und Schwester und wirken Sie in der Heimat, wo ein reicher Boden, sich auch künstlerisch zu betätigen Ihrer wartet, und leben Sie den Ihrigen.« Dieser Brief brachte Klarheit und Ruhe in mein Herz. Als mein Entschluß gefaßt war, ging ich zu Frau Lucius. Ich dankte ihr, erzählte ihr ehrlich von meinem Kampf; von Frau Joachims Brief und sagte, daß ich fest entschlossen sei, ihr hochherziges Anerbieten nicht anzunehmen. Sie war eine schlichte, wahrhaftige Frau, die in dem großen Reichtum, in dem sie lebte, sich ihr warmes Herz und ihren einfachen Sinn bewahrt hatte. Sie stand auf, schloß mich in ihre Arme und küßte mich. »So wie ich Sie kennen gelernt habe, konnten Sie keinen anderen Entschluß fassen,« sagte sie, »aber eins versprechen Sie mir: wenn Sie jemals in irgend einer Not sind oder eine Sorge haben, so kommen Sie zu uns, mein Mann und ich werden immer für Sie bereit sein.« Sie hat ihr Wort gehalten. Nach Jahren wandte ich mich an sie und bat sie um Hilfe für meinen Stiefbruder, der mit einer großen Kinderschar unverschuldet in Not geraten war. Sie halfen ihm, wie nur erprobte Freunde helfen können. Wenn ich jetzt auf mein Leben zurückblicke, so weiß ich, daß ich den rechten Weg gewählt habe, und danke es Frau Joachim, die ihn mir gewiesen. So reiste ich denn heim, mit viel Tränen von meinen Kolleginnen geleitet. Wir schworen uns, treu zueinander zu halten und uns nicht zu vergessen, was wir auch getreulich gehalten haben. Wenn unsere Wege sich im späteren Leben begegneten, fühlten wir froh, wie stark das Band aus unserer Frankfurter Studienzeit her war. Eins hielten wir alle hoch: das Andenken an unseren großen Meister. Er hatte es uns nicht leicht gemacht, unter ihm zu arbeiten, aber in der Erinnerung treten alle Menschlichkeiten zurück. Was bleibt, sind ewige Werte, die jede von uns in dankbarem Herzen bewahrt. Wirken in der Heimat Heimkehr. Hans Schmidt Mein Weg in die Heimat führte mich zuerst an den Rigaschen Strand. Aus starkem, künstlerischem Leben heraus, kam ich in die tiefste Strandeinsamkeit. Das Gesinde, in dem wir unsere Sommerferien verbrachten, lag mitten im Walde, auf einer kleinen Wiese, durch hohe Dünen vor den Seewinden geschützt. Dort lebte ich mit meiner Mutter und meiner Schwester unter Bauern. Waldesduft, grüne Wiesen, das Rauschen des ewigen Meeres und liebevollste Fürsorge der Meinen umgaben mich hier. Der Gegensatz aber zum Frankfurter Leben mit seiner Unruhe, seinen Kämpfen und Erlebnissen war so stark, daß ich anfangs ganz zusammensank. Eine plötzliche Nervenerschlaffung trat ein. Ich lag auf den Dünen und weinte und hatte keinen Mut zum Leben, das vor mir lag. »Hätte ich dich doch nie fortgelassen,« sagte meine Mutter. »Was hat man nun von seinem Kinde?« Aber meine gute, gesunde Natur hob doch bald wieder ihr Haupt empor, ich hatte wieder Mut, das neue Leben anzupacken. Eine große Freude und Erfrischung kam durch den Besuch von Hans Schmidt, den ich damals kennen lernte. Schlank und blaß, lustig und amüsant trat er bei uns ein, und es war uns, als wäre er kein Fremder, sondern ein längst Bekannter. Er suchte uns in unserer Einsamkeit auf. Seit einem Jahr hatte er Deutschland verlassen und lebte als Musiklehrer und Organist in Arensburg. Eine Ferienreise brachte ihn nach Riga. Er hatte meinen Aufenthalt erfahren und war gekommen, »um zu sehen, wie ich sei,« was er mit größter Offenheit und Ungeniertheit aussprach. Der erste Eindruck dieses Kollegen war sehr sympathisch, wenn man auch aus dem Staunen über manches nicht herauskam. Er hatte eine drollig ungezogene Art, alles auszusprechen, was ihm durch den Sinn ging. So sagte er mir nach kurzer Zeit, er hätte gedacht, ich wäre viel amüsanter, und daß er eigentlich ein wenig enttäuscht sei. – Seine schönen, blauen Augen hatten einen durchdringenden Blick, der alles sah, namentlich alles, was irgendwie unecht oder unnatürlich war. Man hatte das Gefühl, diesen hellen Augen und diesem etwas spöttischen Munde völlig ausgeliefert zu sein. Die große Gutherzigkeit, die feine Seele dieses Künstlers lernte ich erst später kennen. Er ist einer meiner treusten Freunde geworden und geblieben durch lange Jahre gemeinsamer Arbeit. Ich habe ihm unsagbar viel zu danken, künstlerisch und menschlich. Die große, gesellschaftliche Gewandtheit, das spöttische Wesen, das kleine Stückchen Unbarmherzigkeit, das damit verbunden war, schüchterte mich anfangs ein. Ich mußte von Frankfurt erzählen, von Stockhausen, von unseren gemeinsamen Freunden Lucius und Meisters, beständig unterbrochen von lustigen und witzigen Bemerkungen, die aus ihm heraussprudelten. Er hielt uns alle in Atem. Dann plötzlich konnte er in der Stimmung umschlagen und etwas Zartes, fast weiblich Weiches, Feines, breitete sich unversehens über sein Wesen. Als er Abschied nahm, sagte er: »Ich muß auch nach Riga kommen, und wir beide wollen die musikalische Welt dort aus den Angeln heben.« Dann ging er. Nun waren sie beide in mein Leben getreten, die zwei Künstler, die den ersten und tiefsten künstlerischen Eindruck auf mich gemacht hatten. Der Wunsch, den ich damals kaum zu denken wagte, war erfüllt. Ich hatte nicht nur mit ihnen sprechen dürfen: sie hatten sich freundschaftlich und kameradschaftlich zu mir gestellt. Das war der Anfang einer reichen, schönen Gemeinsamkeit. Als er gegangen war, sprachen wir noch lange über den Eindruck, den er uns hinterlassen hatte. Meine Schwester lehnte ihn ab. »Er ist spöttisch,« sagte sie, »man muß sich ein wenig vor ihm fürchten.« Meine Mutter hatte ihn mehr erfaßt, doch wußte sie nicht recht, was sie aus ihm machen sollte. »Ich weiß nicht, wie er eigentlich ist,« sagte sie, »er hat eine schnelle und scharfe Zunge; das macht einen ängstlich.« Ich aber sagte: »Er ist ein Künstler, Gott sei Dank kein Mensch aus dem Alltag! Ich wollte, er käme nach Riga und würde mein Freund. Dann brauchte ich mich nicht mehr vor dem Leben in meinem Beruf zu fürchten.« Ein Brief von Amalie Joachim Der Sommer war zu Ende, wir zogen zur Stadt. Mein neues Berufsleben begann. Es war etwas fast Krankhaftes in mir: der Mangel an Selbstvertrauen, durch Stockhausens Art groß gezogen. Ich hatte immer das Gefühl, ich müßte überall erzählen, wie unfertig ich sei. Immer hatte ich die Empfindung, als würde ich die Menschen betrügen, die von mir was erwarteten. Vor allem aber hatte ich ein Grauen davor vorzusingen, und öffentlich aufzutreten, schien mir ganz unmöglich. Meine Mutter verstand mich nicht darin. Die Freunde trieben und drängten, ich müßte mich hören lassen, weil ich sonst keine Schüler bekommen würde. Die Sorge für meine Mutter und meine Schwester lag seit meiner Rückkehr ausschließlich auf mir. In meiner Not schrieb ich Frau Joachim, der Gütigen. Ich legte ihr alles offen dar und bekam folgendes Schreiben als Antwort: »Ich habe viel an Sie und Ihre Sorgen gedacht. Könnte ich Sie sprechen, so wären wir bald im klaren; aber mit dem Schreiben, wo man so gar keinen singenden Ton mitgeben kann, – ist das so 'ne Sache! Was Sie jetzt durchmachen, hat jeder, der eben eine Schule verlassen hat, durchgemacht! Es ist eine alte Sache, daß man die Schule wieder vergessen, sich ganz befreien muß, wenn man Künstlerisches leisten will. Man hat verzweiflungsvolle Momente, – ich kenne das! Aber helfen kann man sich nur selber, und auch hier hilft die Zeit. Mein Rat ist: Singen Sie recht viel öffentlich; studieren Sie Ihre Sachen ganz nach Stockhausens Anleitung; singen Sie viel vor, Ihrer lieben Mutter, Ihrem Schwesterl' – und anderen. Und wenn Sie dann öffentlich vortragen, vergessen Sie Tonfärbung und Konsonanten; denken Sie sich in die Situation und lassen Sie mehr das Herz als die Kehle singen. Dann wird es schon richtig werden! Fürchten Sie nur nicht, über das Maß des Schönen hinauszugehen. Naturen wie der Ihrigen passiert das schon nicht! Nur viel musizieren mit musikalischen Leuten, recht vielerlei, damit Ihnen die Musik über das Mechanische des Singens wächst! Wenn Stockhausen Ihnen gesagt hat, Sie singen ungebändigt, so meinte er damit nichts »Wildes«, sondern »Unbearbeitetes«. Als ich Sie singen hörte, sangen Sie ungleich. Sie sangen nicht ein Lied, sondern einzelne Takte in einer Stimmung und übertrieben nach der Weichheit hin. Versuchen Sie einmal für sich, beim Studium den Ausdruck auf Kosten der Schönheit zu geben. Solange Sie singen, also nicht kreischen oder schreien, können Sie dieses gar nicht! – Dies sind alles Ausdrücke, welche sich theoretisch sehr schön ausnehmen, – aber solche Dinge muß man beim Schopf fassen. Singen ist nicht sprechen, kreischen oder schreien. Ich kann am Theater, ohne zu übertreiben, im größten Affekt einmal aufschreien, z.B. im Fidelio: »Töt' erst sein Weib«, oder »noch ein' Laut, und du bist tot!« Aber im Lied und im gesungenen, breiten Oratorium, Rezitativ, niemals. – Charakterisieren kann und muß man natürlich; aber diese feinen, mehr andeutenden Linien, – ja, die muß man selber finden! Dazu verhilft am besten die Öffentlichkeit. Ich kann Ihnen versichern, daß ich oft ein Lied öffentlich gut sang, für welches ich im Zimmer nie den richtigen Ton fand! Vergessen Sie jetzt alle die präparierten Konsonanten, alle die Stockhausenschen f, f, f, f, und w, w, w, w usw., und singen Sie mit frohem Herzen, damit es nicht weichlich wird, so recht drauf los, wie Ihnen das Schnäbelchen gewachsen ist! Üben müssen Sie natürlich täglich: Kopf, Brust, Falsett, recht gewissenhaft, – aber beim Liedersingen wieder vergessen. Solange man beim Vorsingen an die mechanischen Dinge denkt, kann man natürlich nicht ausdrucksvoll singen. Der Geist muß auch hier das Materielle dirigieren. Das ist im Leben schon nicht leicht; wie soll es in unserer Kunst sein?! Ich weiß nicht, ob Sie etwas Befriedigendes in meinen Worten finden. Es ist eben schwer, gerade das klar zu machen, und ich kann nichts, als Sie eben nur wieder an Sie selber weisen! Jeder muß da durch! Eine Schule entläßt eben nie fertige Künstler, sondern weist uns die verschiedenen Wege an, die man gehen kann. Das wirkliche Studium kommt nachher. Sie bekommen ja jetzt erst eine Einsicht in das, was Ihnen fehlt. Hat man dies erst, so ist man schon sehr weit gekommen! Nur nicht mutlos! Jedes Haarbreit, das Sie gewinnen, ist für Sie eine Freude – und zugleich eine neue Enttäuschung, denn mit dem Vorschreiten wächst das Ziel weiter; – und doch, wie beneidenswert, – jung und begabt zu sein, Zeit vor sich zu haben! Ich freue mich jetzt schon auf die Zeit, wo ich lehren werde. Was man selber nicht mehr erreichen kann, kann man vielleicht andere erreichen machen! – Wenn Sie mich in irgend einer Frage noch aufsuchen wollen, werde ich mich freuen. Vielleicht kann ich Ihnen einmal wirklich raten und helfen. – Ihnen allen bewahre ich ein treues Gedenken und hoffe auf ein Wiedersehen. Es küßt Sie Ihre Amalie Joachim.«   Mit diesem Brief von Frau Joachim ging ich tagelang umher und überlegte meine nächsten Schritte. Es war mir nun klar, daß ich öffentlich singen mußte; der große Schritt mußte geschehen. Ich entschloß mich zu einem Konzert in Arensburg. Seit einem Jahr lebte Hans Schmidt dort: der vergötterte Mittelpunkt des musikalischen und gesellschaftlichen Lebens. Und mein Bruder, auch sehr beliebt, bildete dort den zweiten Mittelpunkt, um den sich alles scharte. Er war Prediger und Oberlehrer am Gymnasium. Außer diesen beiden besaß ich dort noch einen mächtigen Faktor, der für mich sprach: die Frau des Stadthauptes, Frau Agnes von der Borg. Mit Freuden wurde meine Anfrage des Konzerts wegen begrüßt. Hans Schmidt war freundlich bereit, mich zu begleiten, mein Bruder nahm mich in seine hübsche Häuslichkeit auf, und Frau von der Borg breitete ihre mächtigen Schwingen aus und versprach mir allen Schutz und alle Fürsorge. Es sollten zwei Konzerte stattfinden: ein weltliches und ein geistliches, und Frau von der Borg hatte die Losung ausgegeben, die Konzerte müßten ausverkauft sein. Sie gab immer Losungen aus, die mächtige, originelle Frau, nach denen die Stadt sich zu richten hatte. Und wer sich nicht danach richtete, bekam es zu fühlen. So fuhr ich denn, halb ängstlich, halb freudigen Mutes mit dem Dampfschiff ab. Konzertreise nach Arensburg Arensburg ist ein seltsames kleines Städtchen auf der Insel Ösel. Weltabgeschieden liegt es in seiner meerumsponnenen Einsamkeit. Etwas einsameres, als diese von der See umspülten Wiesen, die weißen Landstraßen, im Sommer von blühenden Büschen wilder Rosen umsäumt, kann man sich kaum vorstellen. Alles geistige Leben, das auf der Insel zu finden war, konzentrierte sich in Arensburg. In der Einsamkeit, im Kampf mit den Elementen stark und trotzig gewordene Menschen waren die Bewohner dieser Insel: stark zum Lieben, stark zum Hassen. Immer gab es einen Kampf, und das Städtchen war in zwei Parteien gespalten. Und immer war Frau von der Borg mit stürmender Seele mit dabei, als Führerin der einen Partei. Wen sie liebte, der hatte es gut, wen sie haßte – schlecht. Sie war von einer leidenschaftlichen Ungerechtigkeit und einer lodernden Wahrhaftigkeit, ein Sturmvogel mit einer weichen Kinderseele und einer unbeschreiblich hilfsbereiten Güte. Wenn man sie zu nehmen verstand, konnte man alles bei ihr erreichen; sie selbst aber hielt sich für unerbittlich. »Das Luftfenster von Arensburg« wurde sie genannt; denn wo sie war, da gab es frische Winde. Von meinem Bruder wurde ich am Dampfschiffsteg empfangen. Frau von Borgs Equipage stand bereit. Und als ich in die Stadt einfuhr, blieben die Menschen auf der Straße stehen und sahen mir nach, und manches Fenster öffnete sich voll Neugierde. Es war eine Atmosphäre von Frische und festlicher Erwartung, die mich empfing und mit sich fortriß. Mein Bruder hatte sein reizendes Heim geschmückt, befreundete Familien hatten zu meinem Empfang frisches Gebäck gesandt, eine Reihe von Gesellschaften war geplant. Ich kam gar nicht zur Besinnung. Stadthaupt von der Borg, eine kluge, feine Persönlichkeit voller Humor und Witz, kam mit seiner Frau, mich zu begrüßen. Auch Hans Schmidt kam und erfüllte das ganze Zimmer mit Lachen und Fröhlichkeit. Ich mußte ihm mein Programm vorlegen, das er sofort vollständig über den Haufen warf. »Machen Sie ein ganz populäres Programm,« riet er. Ich hatte nach alter Väter Sitte an den Eingang eine Arie gesetzt, die strich er mir. »An dieser Arie würde sich nur Stockhausen freuen, sonst niemand,« entschied er. – Wir nahmen eine große Schubert-Nummer, dann Schumann. In der zweiten Hälfte nur Kompositionen von meinem Bruder, und zum Schluß Lieder von Hans Schmidt. So kam in Saus und Braus der Konzerttag heran, und mit Herzklopfen, aber doch mit freudiger Seele trat ich ins Künstlerzimmer, wo Hans Schmidt mich bereits erwartete. Ein prüfender Blick über meine Toilette – er verstand sich darauf – und ich sah ein deutliches Mißfallen in seinen Augen. – Meine Konzerttoiletten waren im Anfang immer konventionell und unpersönlich; ich verstand mich nicht darauf. Hans Schmidt hielt mit seinem Mißfallen auch nicht einen Augenblick hinter dem Berge, war aber so komisch dabei, daß ich lachen mußte. Er hatte eine bezaubernde Art, einer bangen Seele im Künstlerzimmer Mut zu machen, war so zuversichtlich, daß alles gut gehen würde, machte noch beim Hinaustreten aufs Podium einen Witz, daß ich mit einem Lachen auf den Lippen oben stand. Den Anfang machte »An die Musik« von Schubert. Ich empfand, daß ich Fühlung mit dem Publikum bekam, das wohl von vornherein entschlossen war, das Konzert wunderschön zu finden. Frau von Borg saß in der ersten Reihe in stattlichem Seidenkleide und hoher Spitzenhaube und sah sich streng um, wenn der Applaus nicht ganz ihren Wünschen entsprach. – Und ich stand auf dem Podium, und mir ward wie dem treuen Heinrich im Märchen, dem der eiserne Reif, den der Zauberer um sein Herz geschmiedet hatte, gesprungen war. Nirgendwo war's auch so schön zu singen, wie in den kleinen Städten unserer Heimat. Konzerte waren dort eine Seltenheit, denn nicht oft verirrte sich ein Künstler in diese weltentlegenen Orte. So ward ein Konzert dort zum Fest für Stadt und Land. Die Kleinstädter waren noch so unverwöhnt und dankbar, und konnten ihre Freude so unverhohlen und warmherzig äußern, daß man sich wie getragen fühlte. In der ersten großen Pause war das Künstlerzimmer gefüllt mit dankenden, frohen Menschen. Die Freude steigerte sich noch in der zweiten Abteilung, in der mein Bruder seine Lieder selbst begleitete. Er war eine feine Künstlernatur, und in seinem Spiel lag eine große Poesie. – Und als nun die Schlußnummer mit Hans Schmidts bezaubernden Wiegenliedern und seinem lustigen Jägersmann kam, da brach ein wahrer Jubel los. Als ich nach vielen Zugaben endlich im Künstlerzimmer stand, konnte ich die vielen Hände, die sich mir dankbar entgegenstreckten, gar nicht alle fassen und drücken. Dann gab es ein Abendessen bei Stadthaupt von der Borg, wo in kleinem Kreise große Fröhlichkeit herrschte. Jeder gab drollige Urteile und Erlebnisse aus dem Konzert zum besten, wobei der Hausherr mit seinem trockenen Humor von überwältigender Komik war. Dankerfüllten Herzens ging ich mit meinem Bruder heim. Als ich in meinem stillen Stübchen allein war, konnte ich lange keine Ruhe finden. Ich überdachte den ganzen Abend. Jedes Lied mit seinen Mängeln und Vorzügen stand klar vor meiner Seele. Über allem aber stand eine leidenschaftliche Dankbarkeit. Ich fühlte, ich hatte etwas für mich Großes erlebt. Und war es nicht wie ein Märchen, daß bei meinem ersten Auftreten in der Heimat Hans Schmidt mein Begleiter sein konnte? Erst wenige Jahre war es her, daß ich ihn zum erstenmal gehört hatte und es mir als höchstes, unerreichbares Ziel erschienen war, einmal mit seiner Begleitung zu singen. Und nun war es Wirklichkeit geworden! »Wenn Hans Schmidt begleitet, ist es schon halb gesungen,« sagte einmal Frau Joachim. Ja, so war es. Was das für einen Sänger bedeutete, diesen Poeten und Mitschaffenden neben sich am Flügel zu haben, wissen nicht viele so gut wie ich; denn ich habe dieses Glück durch ein ganzes Berufsleben hindurch gehabt. Zuverlässig, voller Geistesgegenwart, verstand er, dem Sänger im Konzert Ruhe und Sicherheit zu geben. Er führte einen mit fester und zarter Hand, aber er dominierte nie. Jeden Gedanken fühlte dieser Mitgestalter, nahm ihn auf und führte ihn aus. Es war ein wundersames Nehmen und Geben, Belauschen und Folgen. Man erlebte immer etwas, wenn man mit ihm sang. Manchmal war's in Gesellschaften und Konzerten, daß ich wie aus einem Traum erwachte, wenn das Lied zu Ende war. Ich hatte Zuhörerschaft und Podium vergessen, über diesem wunderbaren, künstlerischen Miteinanderschaffen bei dem staunenden Horchen auf diese Poetenseele, die im Begleiten Geheimnisse enthüllte. Als ich an diesem glücklichen Abend endlich einschlief, war einer meiner letzten Gedanken: »Was hätte Stockhausen heute gesagt?« Die Tage zwischen diesem ersten und dem zweiten, einem Kirchenkonzert, vergingen wie ein Rausch. Ich wurde – mit einem Wort gesagt – »gefeiert«. Blumen, Gebäck, Briefe und freundliche Menschen kamen ins Haus, und eine Einladung jagte die andere. Dazwischen fuhr Frau von Borg mit ihrer Equipage vor. Wie ein Sturmwind brauste sie ins Haus. »Ich kann nicht zusehen, daß Sie hier gemordet werden,« rief sie. »Kleiden Sie sich sofort an. Ich bringe Sie ein bißchen in die Einsamkeit, ans Meer.« So fuhr ich hinaus auf diese merkwürdige Insel. Ich sah Bauern mit ihren schönen, bunten Nationaltrachten, sah einsame Wiesen voll blasser Herbstblumen und atmete den kräftigen Seegeruch ein. Ich fuhr am stillen Strande hin und hörte den scharfen, wilden Ruf der Möven über mir, sah sie mit ihren krummen Schnäbeln und dunklen Köpfen gegen den blauen Himmel mit langsamen Flügelschlägen schimmernde Kreise ziehen. Und überall leuchtete das Meer am fernen Horizonte. Dann kam das Kirchenkonzert. – Meine Seele war frei. Ich sang meine Händel- und Bach-Arie, sang geistliche Lieder – und alles war froh und begeistert. Dann mußte ich Abschied nehmen. Als ich nun endlich auf dem Schiff stand, das Herz voll Dankbarkeit, die Tasche voll von selbstverdientem Gelde, und die Insel immer weiter und weiter im Meere versank, dachte ich voll Freude und Trauer: »So schön wird's gewiß nie mehr sein!« Am anderen Morgen war ich in Riga. Es war ein frohes Heimkommen: das Haus zu meinem Empfang festlich geschmückt, der Kaffeetisch schön gedeckt, und die Meinen waren glücklich, daß ich wieder da war. Trotz der frühen Stunde versammelten sich bald alle Freunde um unseren Kaffeetisch. Ich mußte ausführlich erzählen und alles nahm teil an meinem Erleben. Der schönste Augenblick für mich aber war doch der, als ich meinen ganzen Verdienst in meiner Mutter Hände legen und damit die Sorgen für die nächste Zeit aus unserem friedlichen, kleinen Heim bannen konnte. Berufsleben Und nun begannen meine Stunden. Ich wollte mit meinem Unterricht nach einem Wort von Louis Ehlert »meine Schüler nicht zu Spiegelbildern meiner eigenen Persönlichkeit abrichten, sondern ihnen die Wege zu ihrem eigenen Ich finden helfen.« Mein zweites Ziel war in einem Wort von Rochus von Liliencron enthalten. Er läßt es von einem alten Musiklehrer aussprechen: »Wir wollen durch unseren Unterricht den Musikjüngern ein wenig Klarheit für ihre Begriffe und ein wenig Demut für ihre Seelen gewinnen.« – Dieses waren die beiden Gesichtspunkte, die ich für meinen Unterricht ins Auge gefaßt hatte. Auf meine erste Annonce erschienen sofort vier Schülerinnen. O! diese vier ersten! Sie waren mir wie eine erste Lebensliebe. Noch heute erinnere ich mich genau ihrer Stimmen, ihrer Mängel und ihrer guten Eigenschaften. Mit der allerersten, die in die Sprechstunde kam, achtzehnjährig, holdselig und errötend, verbindet mich noch heute eine treue Freundschaft. Ihr Mann, ihre Kinder gehören zu mir, und ihr schönes Heim in Berlin ist für mich ein Stück Heimat geworden. – Und die zweite, auch achtzehnjährig, mit hellbraunen Augen und einem schmalen, schönen Gesicht, hat mir Treue gehalten bis auf den heutigen Tag. Jetzt ist ihr einziges Kind meine liebe Schülerin geworden. Wir sprechen mit der Mutter oft von alten Zeiten. Zu den vier ersten Schülerinnen waren bald viel mehr gekommen, und mein Tag war ganz ausgefüllt. Ich glaube, ich habe meine Schüler im Anfang recht gequält; denn die Stockhausensche Methode war schwer, kompliziert und unnatürlich. Aber sie gingen mit Begeisterung mit mir; denn ich ging ihnen voran mit der ganzen Glut und Freudigkeit meiner jungen Seele. So wenig heimisch ich auf dem Podium jemals geworden bin, so heimisch fühlte ich mich von der ersten Stunde an meinen Schülern gegenüber, denen mein ganzes Herz und meine ganze Kraft gehörte. Mein Musikzimmer war unglaublich primitiv eingerichtet. In der Mitte stand meiner Mutter alter Flügel; bescheidene Möbel, noch aus unserem Pastorat, ein schlichtes, braunes Tischchen, das meinen Schreibtisch vorstellte, und ein paar Bilder an den Wänden, das war die ganze Einrichtung. Wenn ich mein späteres Musikzimmer voll wertvoller Sachen und Erinnerungen damit vergleiche, denke ich oft an die Worte Jakobs aus dem Alten Testament: »Als ich über den Jordan ging, hatte ich nur einen Stecken, und nun bin ich zweier Heere Herr geworden.« Ich verkehrte kameradschaftlich mit meinen Schülerinnen, die mir zum Teil ganz nahe im Alter standen. Ich tanzte auf ihren Hochzeiten und war sogar Brautschwester bei ihnen. Mein ganzes Haus, meine Mutter und meine Schwester, lebten mit meinen Schülern und nahmen teil an meiner Arbeit. Ich fürchte, ich bin im Anfang keine geduldige Lehrerin gewesen: eigene Unsicherheit macht ungeduldig und unruhig und nur die Beherrschung des Stoffes gibt Ruhe. Von Anfang an war es mir klar, daß ich mich für meine Schüler anders einstellen mußte, als ich bei Stockhausen gelehrt worden war. Es gab dabei manche Konflikte zu überwinden. Ich wollte einerseits die Fahne hochhalten und keinen Dilettantismus lehren; andererseits muß aber ein Lehrer, der Dilettanten unterrichtet, Konzessionen machen und andere Maßstäbe anlegen, als wenn er Künstler erziehen soll. Allmählich wurde mir immer klarer, was ich wollte: künstlerisch hörende und empfindende Dilettanten erziehen, die Ehrfurcht vor der Kunst und den Kunstwerken hatten. Zu diesem Zweck lud ich meine Schülerinnen oft zusammen ein. Von den Vorgeschrittenen ließ ich ganze Zyklen singen, wie z.B. Winterreise, Müllerlieder, Dichterliebe. Ich hatte für diese Abende kleine Vorträge zusammengestellt, in denen ich meine Schüler in das Wesen der Lieder einführte und kurze Charakteristiken der Komponisten gab. Die Schüler hatten diese Abende gern und besuchten sie sehr eifrig. Auch für Konzerte, die gute Künstler gaben, bereitete ich sie vor und nahm an solchen Abenden dann die Programme durch. Ich weiß nicht recht, wie ich damals lehrte; denn mir fehlte die Atembasis, ohne die ich mir einen Unterricht jetzt überhaupt nicht denken kann. Immer aber hatte ich das Bedürfnis, aufzubauen und in einheitlicher Weise meine Schule zu entwickeln. Meine Schüler folgten mir gern auf meinem Wege, selbst wenn es Irrwege waren; denn was ich auch lehrte, lehrte ich mit starker Überzeugung, die sich auf sie übertrug. Ich wunderte mich schon damals, wo sie das Vertrauen zu einer so jungen, unerprobten Lehrerin hernahmen. Ich war noch so jung und ich weiß nicht, wer im Anfang schüchterner und aufgeregter in den Stunden war: meine Schülerinnen oder ich selbst. Aber das Vertrauen, das sie mir entgegenbrachten, stärkte mein Selbstvertrauen; und so wuchs ich in meine Arbeit und die Sicherheit hinein. Es war nichts Bedeutendes an Talenten, was ich an meinen Schülerinnen in der ersten Zeit hatte. Auch herrschte damals noch nicht der Trieb, wie jetzt unter den jungen Studierenden, sofort an die Öffentlichkeit zu kommen. Man lernte für sich und das Haus, und überließ das Podium wirklichen Künstlern. – Nach einigen Jahren änderte sich das, und es wurde mir nachgesagt, daß von keinem Lehrer mehr Schüler ins Ausland gingen, um weiter zu studieren und Berufssänger zu werden, als von mir. Doch war das nicht meine Schuld. Ich habe das nie begünstigt, denn von Stockhausen her waren mir die »unberufenen Hände«, die nach Künstlerlorbeeren griffen, unsympathisch. Jetzt begannen auch die Besuche bei den Kolleginnen und den maßgebenden musikalischen Persönlichkeiten Rigas. Bei meiner großen Schüchternheit war ich froh, unter den Flügeln meiner Mutter überall hingehen zu können. So wurde ich stets als Tochter meiner Mutter eingeführt, und nicht als selbständiger Mensch, der seine Stelle und seinen Beruf zu vertreten hatte. Das war von vornherein ein Fehler. Bei den Besuchen sprach ich oft kein Wort, was ich in Gegenwart meiner Mutter auch in Gesellschaften gewohnt war. Wir wurden überall auf das freundlichste empfangen, denn meine Mutter war eine wohlbekannte Persönlichkeit in der Stadt. Den liebsten und schönsten Eindruck von diesen Besuchen nahm ich mit aus dem Hause der Fräulein von Jung-Stilling, Amalie und Elise. So viel Liebe, Güte und Wohlwollen empfing mich da, daß mein Herz weit aufging und voll Vertrauen den beiden Schwestern entgegenschlug. Durch seltsame Schicksale war ihr Vater, der Sohn des berühmten Goethe-Freundes Jung-Stilling, nach Riga verschlagen und hier zu einer glänzenden Stellung gelangt. Er versammelte in seinen gastlichen Räumen alles, was von Bedeutung in der Stadt lebte. Die Musikabende dieses Hauses waren berühmt. Sein Tod endete jäh diese glanzvolle Zeit, und seine verwöhnten Töchter, denen die Kunst bisher nur Schmuck ihres Lebens gewesen, mußten sie nun zum Broterwerb ausüben, denn die Sorge für eine zarte Mutter und unerzogene Geschwister lag auf ihnen. Als ich sie kennen lernte, hatte ihr Haus gesellschaftlich dieselbe Stellung, wie zu Lebzeiten ihrer Eltern. Sie arbeiteten noch beide rastlos, hatten aber dabei immer Zeit und Kraft, eine wunderschöne Geselligkeit zu pflegen. Ganz besonders gütig aber waren sie gegen künstlerisch strebende Jugend. Voll Zagen und Ehrfurcht trat ich mit meiner Mutter bei ihnen ein. Sie lebten, wohl schon über dreißig Jahre, in einer wundervoll altmodischen Wohnung. Es war vielleicht eine der charakteristischsten Häuslichkeiten, die Riga damals besaß. Die alten, schweren Mahagonimöbel erzählten von Wohlstand und einer vornehmen Vergangenheit. Sie waren künstlerisch und pietätvoll geordnet. Es saß sich prächtig in den alten Lehnstühlen mit den gestickten Rückenkissen und Schlummerrollen. Von den Wänden grüßten gute Kopien alter Meister; zwei Flügel standen an der Wand, und behaglich dunkle Teppiche bedeckten den Fußboden. Meine jungen Augen wanderten durch den Raum, und meine Seele nahm alles in sich auf. Ich war stumm. Ich sah zur Malerin hinüber, denn ich fühlte ihre Augen auf mir ruhen und unsere Blicke begegneten sich. Ein Strahl unendlicher Güte traf mich aus ihnen und in spontaner Empfindung streckte ich ihr die Hand hin und sagte: »Bei Ihnen ist es wunderschön! Ach, seien Sie gut gegen mich.« Sie stand auf und küßte mich: »Sie sollen zwei Freundinnen an uns haben,« sagte sie einfach. Und sie hat ihr Wort gehalten. Als ich mit meiner Mutter heimging, sagte diese: »Als ich jung war, war mein höchster Traum, im Hause Jung-Stilling eingeführt zu werden. Dieser Wunsch ist mir nicht erfüllt worden. Nun wirst du alles das haben, was mir versagt war.« Noch im Laufe dieses Herbstes wurde ich zu den »Börsentanten«, wie sie bald unter uns hießen, zu einer großen musikalischen Matinee eingeladen. Es war dort eine im schönsten Sinne altmodische Geselligkeit, wie man sie wohl in der Biedermeierzeit pflegte. Wir sagten immer, es sei eine höfische Art der Geselligkeit, auf die besonders Fräulein Amalie sah. Doch empfand man die Formen nie als Zwang, denn sie wirkten nicht einengend, sondern befreiend und sicher machend, da sie belebt waren von warmer Herzensgüte und getragen von feinem, künstlerischem Sinn. Da trafen sich die Spitzen des Landes. Es wurden politische, musikalische und ästhetische Fragen besprochen. Ich lernte hier den livländischen Landmarschall, Herrn von Bock, kennen, den Mann der Schröder-Devrient, sowie den residierenden Landrat, Baron Meyendorff, der eben aus Petersburg vom Kaiserhofe kam und interessant über das Leben dort berichtete. Einen großen Eindruck auf mich machte auch die Fürstin Constance Lieven, der ich hier vorgestellt wurde. Sie war verwachsen und klein und saß in einem hohen Lehnstuhl. Ihre Füße ruhten auf einem kleinen, gestickten Schemel. Sie reichte mir eine feine, schmale Hand, die von vielen Leiden sprach. Ich beugte mich zum Kusse über sie, und als ich aufsah, blickte ich in ein paar scharfe, helle Augen, die mich ansahen, als wollten sie mir auf den Grund der Seele dringen. »Setzen Sie sich zu mir, liebes Kind,« sagte sie gütig mit einer etwas scharfen, hohen Stimme. Ich faßte sogleich Zutrauen zu ihr, denn sie war ein besonderer Mensch. Sie lebte in einer Atmosphäre von geistiger Klarheit und Kraft, war wissenschaftlich, künstlerisch und ästhetisch sehr gebildet. Ich bin ihr später sehr nahe gekommen. Die Augen der beiden Schwestern waren überall. Kein Gast konnte sich zurückgesetzt fühlen, jeder wurde beachtet, jeder kam zu seinem Rechte. Staunend blickte ich in diese Welt, eine solche Art der Geselligkeit war mir neu. Es traf sich zufällig, daß Hans Schmidt in diesen Tagen in Riga war. Fräulein von Jungs hatten mich gebeten, ihn in ihrem Namen einzuladen. Sie kannten ihn persönlich noch nicht; doch war sein Name als Künstler schon überall im Lande bekannt. Er hatte die Einladung angenommen, konnte aber nur kurze Zeit zur Gesellschaft kommen, da sein Schiff nach Arensburg am selben Tage zurückkehrte. – Es wurde Kammermusik gemacht. Das Trio war zu Ende. Man stand in Gruppen beisammen und plauderte. Da erschien Hans Schmidt plötzlich in der Tür und sah mit hellen Augen über die Versammlung hin. Er trat in den fremden Kreis ohne eine Spur von Befangenheit. Die beiden Gastgeberinnen gingen ihm sofort entgegen und begrüßten ihn. Auf ihre freundliche Anrede antwortete er mit einer geistreichen, witzigen Bemerkung. Er war frei und lustig, gerade so wie damals, als er uns zum erstenmal am Strande besuchte, als säße er im Sande auf der Düne. Alles, was ihm einfiel, sprach er aus und freute sich an der schönen, eigenartigen Häuslichkeit, die er mit kurzen Worten charakterisierte und beim ersten Blick ganz in sich aufgenommen hatte. Fräulein Amalie wollte ihn ein wenig protegieren, aber er entschlüpfte ihr sofort. Man hatte überhaupt das Gefühl, daß er jedem entschlüpfte, der ihn irgendwie festhalten wollte, und ganz selbständig dort auftauchte, wo er gerade zu sein wünschte, unbekümmert um die Hände, die sich nach ihm streckten. Er hatte etwas von einem geistigen Straßenjungen und spielte mit den Formen, die er oft mit vollster Absicht nicht beachtete. Ich sah ihm aus einer sicheren Ecke zu und wollte mich in aller Stille totlachen. »Wenn er mich nur nicht bemerkt,« dachte ich in heimlicher Sorge, »und mich nur nicht in Verlegenheit bringt!« Er entdeckte mich aber doch und holte mich aus meiner stillen Ecke hervor. Ich mußte an den Flügel und seine Lieder singen, – diese entzückenden, lustigen und wehmütigen Sachen, seine Wiegenlieder und die vom Jägersmann, der das Mägdlein im Walde küßt, und zum Schluß das Lied vom lieben, lieben Schatz. Ich hatte einen Erfolg und wußte nicht, wie mir geschah, als ich mich plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller fühlte. Dann rief Hans Schmidt plötzlich: »Mein Schiff, mein Schiff, ich muß auf mein Schiff!« und entzog sich allen durch eilige Flucht. In der Tür fing Fräulein Amalie den Flüchtigen ab; und in ihrer etwas wortreich altmodischen Art dankte sie ihm für sein Kommen. Sie hätte sich so besonders gefreut, ihn kennen zu lernen. »Ja?« sagte er, und es klang ein wenig fragend und ungläubig. »Ist das auch ganz wahr, oder nur halb?« Sie, die Formensichere, verlor im Augenblick etwas den Boden unter den Füßen und sah ihn ratlos an. Da hatte er sich schon über ihre Hand gebeugt, sich so herzlich und kindlich von ihr verabschiedet, daß sie lachen mußte. Ich hatte in der Tür gestanden und die kleine Szene beobachtet. Etwas atemlos kam Fräulein von Jung auf mich zu. »Ein seltsamer Mensch,« sagte sie. »Sehr amüsant,« erwiderte ich, »und ein Künstler!« Mein erstes Konzert in Riga Meine Freunde und meine Familie drängten zu einem eigenen Konzert in Riga, und so entschloß ich mich denn, mit einem Sänger, Herrn von Kotzebue aus Estland, zu diesem großen Schritt. Wir hatten zwei Duettgruppen zusammengestellt und jeder hatte seine Solonummern. Kapellmeister Lohse vom Stadttheater sollte uns begleiten. Herr von Kotzebue war ein feiner Sänger und ein vornehmer, liebenswürdiger Mensch. In dieser Beziehung hatte ich es gut getroffen. Der Konzerttag kam näher, und eine entsetzliche Angst ergriff immer mehr und mehr von mir Besitz. Ich hatte keinen frohen Augenblick mehr, sprach aber mit niemand darüber. Die Angst hätte doch keiner von mir nehmen können. Es war schon fast krankhaft. Am Konzerttag erwachte ich mit einer Migräne, die mich eigentlich zu allem unfähig machte. Keiner half mir, keiner riet mir; und so stand ich denn abends geschmückt und elend an Leib und Seele im Künstlerzimmer. Ein kleiner Lichtstrahl traf mich in der Dunkelheit: ein wunderbarer Blumenstrauß und ein paar Zeilen von Hans Schmidt erwarteten mich im Künstlerzimmer. Dann betrat ich das Podium. Ich kann mir jetzt nicht vorstellen, wie mein Singen damals gewirkt haben mag. Ich denke mir, es war matt und unfrei; denn während ich bei meinen früheren Konzerten gleich zu Beginn alle Angst verlor und mich ganz in meinen Liedern vergaß, lag diesmal der lähmende Druck der Stockhausenschen Schule auf mir und ließ mich bis zuletzt nicht los. Aber das Publikum nahm es sehr warm auf; es waren viel Freunde darunter. Meine alte Lehrerin rauschte nach dem Konzert ins Künstlerzimmer; aber sie wagte nicht etwas zu sagen: meine Freunde umgaben mich. – Die Kritik am folgenden Tage vernichtete mich vollständig. Als ich sie las, dachte ich: nun müßte mein Leben zu Ende sein, da ich von nun an einen Schandfleck auf mir tragen würde. Ich wagte gar nicht, vor die Tür zu gehen, mich unter die Menschen zu mischen, so übertrieben empfand ich meinen Mißerfolg. Auch meiner Mutter war es ein harter Schlag. Wir fühlten meine ganze Existenz, meine Stunden bedroht. Nur eine freute sich und sprach ihren Triumph unverhohlen aus: meine frühere Lehrerin. Ich war in meiner Jugend sehr leicht entmutigt und glaubte, ich würde mich niemals von diesem Schlage erholen. Da kam mir ein Urteil von Herrn von Kotzebue zu Ohren. Er hatte gesagt, ich müsse mich ändern oder meinen Beruf aufgeben, ich sei viel zu sensibel und innerlich, sowohl als Persönlichkeit, wie als Sängerin. Ich müsse mich seelisch abhärten, auf diese Art würde ich nie etwas erreichen und zu Grunde gehen. Ich dachte eine Weile über diesen Ausspruch nach. Er hatte recht. Aber aufgeben konnte ich meinen Beruf nicht, also mußte ich mich »abhärten«, und beschloß, zu diesem Zweck das Schwerste zu tun, das mir momentan denkbar war: meiner früheren Lehrerin einen Besuch zu machen und über das Konzert zu sprechen. Ich machte mich sofort auf den Weg und stand bald vor der Erstaunten, die so überrascht durch mein Erscheinen war, daß sie zuerst gar keine Worte fand. Ich aber ging gerade auf mein Ziel los und sagte: »Ich bin gekommen, um über mein Konzert mit Ihnen zu sprechen.« Da löste sich ihre Zunge und sie schäumte los. Die ganze Enttäuschung ihres gekränkten Lehrerinnenstolzes, ihrer Eitelkeit, brach aus ihr heraus. Sie hat es mir nie vergeben, daß sie so wenig Anerkennung bei Stockhausen gefunden – ja, daß sich bei ihm meine ganze Stimmlage geändert hatte. Sie war kein edler Mensch; nun lag ich am Boden, und sie hatte »recht behalten«. Unter Stockhausen war nun nichts aus mir geworden – ja, schloß sie, ihrer Meinung nach müßte ich Riga verlassen, denn hier hätte ich ein für allemal verspielt. Ich saß still da und ließ die Flut mich überbrausen. Aber unter den bösen, häßlichen Worten wachte etwas in mir auf, froh und stark; und das war der Glaube an mich, an mein Können, meine innere Berufung und an meinen endlichen Sieg über alle Hindernisse. Ich hob mein gesenktes Haupt, und es brach wie ein Jauchzen aus mir: »Es ist alles, alles ganz anders, als Sie denken. Ich weiß, daß mein Konzert schlecht war, aber ich fühle die Kraft in mir, es wieder gut zu machen, und ich werde nicht weichen, bis ich mir meinen Platz erworben habe und eine der ersten hier in der Stadt geworden bin; das sollen Sie erleben!« Sie war vollständig sprachlos vor Schreck und Staunen, setzte ein paarmal zu einer Gegenrede an, sagte aber nichts weiter, als: »Nun, es soll mich freuen.« Wir hatten uns nicht mehr viel zu sagen. Ich ging. Als ich auf der Straße stand, kam es wieder wie ein Jauchzen über mich. Alles war verändert: hell und froh. Es war, als läuteten Glocken in mir wie Osterfreude und Auferstehungsklänge. Ich wußte nun, daß Stockhausen nichts in mir totgeschlagen hatte, daß mein Leben und Singen nur verschüttet waren, daß alles nur wartete, ans Licht zu kommen. Ich fühlte meine Schwingen wieder und wußte, daß sie stark genug waren, mich zu tragen in ein Leben voll Reichtum. Ich ging durch den hellen Vorfrühlingsabend heim. Welch' ein Licht lag in der Luft! Wie hell war der Himmel! Zu Hause fand ich Fräulein Elise von Jung-Stilling vor, die gekommen war, mich zu trösten und aufzurichten. Ich faßte ihre treuen Hände, und ihr warmes Herz nahm voll Freude teil an meinem Glück. »Jetzt sind Sie durch,« sagte sie in ihrer schlichten Art. »Das Schwerste liegt hinter Ihnen, nun braucht man sich nicht mehr um Sie zu sorgen. Noch liegt ein großes, schweres Stück Arbeit vor Ihnen, aber die Hauptsache ist da: Sie haben sich selbst wiedergefunden.« Programmstudien bei Hans Schmidt Im Sommer dieses Jahres ging ich auf sechs Wochen nach Arensburg, um bei Hans Schmidt Programme zu studieren. Ich tat diesen Schritt auf Rat von Frau Joachim. Sie kannte ihn gut, war er doch mehrere Jahre Hauslehrer ihrer Kinder gewesen und stand ihr freundschaftlich nah. Im Hause Joachim war es auch, wo Hans Schmidt Brahms kennen lernte, der sich für seine Lieder und Kompositionen aufs wärmste interessierte. Er folgte dem berühmten Meister nach Wien, wo er sein Kompositionsschüler wurde. Brahms schreibt in einem seiner Briefe vom jungen, feinen und liebenswürdigen Livländer, den er kennen gelernt habe. Auch als Dichter schätzte er ihn, und eine ganze Reihe von Dichtungen Hans Schmidts hat er komponiert und herausgegeben. Das berühmteste dieser Lieder ist die »sapphische Ode«. Als Dank schrieb der Dichter in seiner anmutigen Art folgende Zeilen an Brahms: »Wie der Bernstein eine kleine Mücke umschließt und ihr dadurch ein ewiges Leben gewährt, so haben Sie mein einfaches, kleines Gedicht, indem Sie es mit Ihrer Musik umschlossen, unsterblich gemacht.« Bald führte mich der Arensburger Dampfer auf die Insel, die mir so lieb war. Aber ich machte eine seltsame Erfahrung, die mich schmerzlich traf. Eine andere Atmosphäre umfing mich, als im Herbst. Mein verunglücktes Konzert und die schlechte Kritik hatten ihre Wirkung getan: die Arensburger schämten sich ihrer voreiligen Begeisterung. »Wenn sie nur kein Konzert gibt,« hieß es, »was für Riga nicht gut ist, ist es auch nicht für uns.« Zugleich mit mir war eine Aufforderung an Hans Schmidt gekommen, die ihn nach Riga als Musikkritiker an unsere erste Zeitung rief. Es hieß nun allgemein, ich hätte ihm diesen Ruf verschafft, dem er folgen wolle. Das brachte mir viel Feindschaft ein. Ich verstand den Zorn und Schmerz, denn ich wußte, welch eine Bedeutung eine Persönlichkeit wie Hans Schmidt für das Leben des ganzen Städtchens hatte. Ein Strom aus einer anderen Welt kam mit ihm in das stille, weltabgeschiedene Arensburg. Musik, interessante Leseabende und Gesellschaften waren durch ihn ins Leben getreten. Der Musikverein hatte einen ungeahnten Aufschwung genommen. Es gab Konzerte, wie Arensburg sie noch nie erlebt. Ihm war das Unerhörte gelungen, in seinem Chor Adel, Literaten und Bürgerschaft friedlich zu vereinen. Und nun sollte das alles ein Ende haben – durch meine Schuld, wie man annahm. Kein Wunder, daß ich dafür büßen mußte! Ich sollte zuerst bei meinem Bruder wohnen, aber Frau von Borg hatte es anders beschlossen. Kaum war ich angekommen, erschien sie sofort in ihrer großen Hilfsbereitschaft. »Sie kommen zu mir,« entschied sie diktatorisch. »Ihr Bruder ist Junggeselle. Sie brauchen einen mütterlichen Schutz. Außerdem müssen Sie jemand haben, der den Arensburgern imponiert. Dazu bin ich gerade die Richtige.« – Es war eigentlich eine willkommene Situation für den lieben Sturmvogel: einerseits schützen, andererseits kämpfen. Sie nahm mich sofort auf ihr schönes Landhaus außerhalb der Stadt, das in einem großen Garten lag. Eine Hecke aus riesengroßen Tannen schloß das ganze Besitztum von der Straße ab. Aufs liebreichste empfing mich auch Herr von Borg. Ich bekam zwei schöne Zimmer mit einer kleinen Veranda; im Saal stand ein guter Flügel, den ich immer benutzen durfte. Wie ein Kind des Hauses wurde ich behandelt und lebte wie in einer Festung, umgeben von Mauern der Liebe und des Verstehens, an denen sich die zornigen Wogen von außen machtlos brachen. Wir erfuhren alles, was an Feindseligkeiten über mich im Städtchen gesprochen wurde, aber ich lernte darüber lachen. Herr von Borg hatte eine so unnachahmlich humoristische Art, die Sachen zu beleuchten, daß alles seinen Stachel verlor, und Frau von Borg, die ihrem Zorn auf drastische Weise Luft machte, war so überwältigend komisch, daß es immer was zum Lachen gab. Als wir eines Morgens beim Kaffeetisch saßen, schlug Frau von Borg plötzlich auf den Tisch und sagte: »Nun sollen es die Arensburger einmal ordentlich kriegen! Ich will einen großen Kaffee geben, zu dem ich alle Ihre Freundinnen einlade; so habe ich sie einmal beisammen. Zur Strafe lade ich Hans Schmidt nicht ein und Sie, mein liebes Kind, werden auch nicht vorsingen – unter keinen Umständen! Das wird eine schöne Enttäuschung sein!« Und so geschah es. Auf diesem Kaffee machte ich bittere Erfahrungen: mich umgab eine große Kühle und Ablehnung. Viel versteckte Angriffe mußte ich still hinnehmen und, welchem Kreise ich mich auch näherte, es verstummte sofort jedes Gespräch, um bei meiner Entfernung wieder laut aufzurauschen. – Herr und Frau von Borg waren überall; und wenn sie mit ihrem schönen, stolzen Profil so recht triumphierend dreinsah, wußte ich, sie hatte wieder einem Opfer auf den Kopf geschlagen. Und die so Geschlagene hütete ihre Zunge für eine Weile. Unterdessen ging meine Arbeit mit Hans Schmidt schön und segensreich weiter, ich war in die richtigen Hände gekommen. Mit seiner wunderbar poetischen Begleitung verstand er den Sänger zu führen, ihm klar zu machen, wie er es meinte; man folgte ihm mit Freuden, weil er einen überzeugte. Gleich nach der ersten Stunde sagte er mir, in meinem Gesang fehlten Licht und Schatten, die das eigentliche Leben hineintrügen. Auch fehlte es den Liedern an Gliederung, alles wäre schwerfällig und wuchtig; ich sänge so unfroh; aber von Stunde zu Stunde ging es besser. Seine fröhliche, anerkennende Art, seine amüsanten Bemerkungen halfen mir, aus mir selbst herauszutreten. Dazu kam ein unbestechlich feines Ohr für den Klang und ein sicheres Gefühl für den geistigen Inhalt; vor allem aber eine unermüdliche Geduld. – Bald merkte ich, daß ich wieder meine Persönlichkeit beim Singen herausarbeiten konnte. Und jeden Fortschritt erkannte Hans Schmidt und begrüßte ihn mit freudigem Zuruf. Ich war so glücklich, wie lange nicht bei meiner Arbeit. Dann gab es ein Konzert von Otto und Mathilde Lohse aus Riga. Er, der später in Deutschland so berühmt gewordene Kapellmeister, war damals noch zweiter Dirigent am Stadttheater; doch fing man schon an, von ihm zu reden als von einer Kraft, die eine Zukunft haben würde. Eine große Rolle dagegen spielte bereits seine Frau im Rigaer Kunstleben. Sie war die »Sängerin« Rigas, besaß eine schöne, leidenschaftliche Stimme, und ihr gewaltiges Temperament riß die Zuhörer mit sich fort, wo sie auftrat. Sie hatte alles das, was mir fehlte. Nur im klassischen Stil war ich ihr über. Wir hatten uns in Riga zuweilen in Gesellschaften berührt, auch einander besucht, doch waren wir uns bisher nicht nahe gekommen. Sie war ein großzügiger, warmherziger Mensch. Als nach ihrem frühen Tode die Kinder verwaist zurückblieben – der Mann hatte sie verlassen – habe ich sie im Gesang ausgebildet und Sorgen und Freuden ihres Lebens mit ihnen geteilt. Es war eine schwere Tragik, in der ihr Leben ausklang. Doch damals, als Hans Schmidt und ich sie am Dampfschiffstege empfingen, stand sie im höchsten Sonnenglanze ihres glücklichen Lebens und ihrer Ehe. – Lohses gaben zwei Konzerte in Arensburg. Wir vier waren diese Tage viel beisammen, es waren beides Menschen voller Leben und voller Musik. Sie, sehr amüsant, lustig und schlagfertig, fand doch in Hans Schmidt ihren Meister; und wenn die beiden miteinander scherzten, machten der Mann und ich die lachenden Zuhörer. Frau von Borg fand keinen großen Gefallen an der ganzen Sache. Ich war in ihren Augen doch in erster Linie das junge Mädchen aus gutem Hause, das man mit Künstlern nicht ohne weiteres loslassen durfte. Auch gefielen ihr Lohses gar nicht. Sie nannte ihn kurzweg einen Musikanten und sie eine Katze. Ihr Unwille aber erreichte den Gipfel, als Lohses ein ausverkauftes Haus und einen gewaltigen Erfolg hatten. Den Höhepunkt des Konzerts bildete für mich ihr Vortrag von Schumanns »Schöne Wiege meiner Leiden«. Es war eine Meisterleistung an Schönheit und Farbenpracht! Doch stellte sie nebenbei Lieder, die ihr durchaus mißglückten, die übertrieben und unschön waren. Aber sie riß auch hier alles mit sich fort. Frau von Borg war empört; vor allen Dingen darüber, daß sie im Konzert gehört hatte, wie jemand sagte: »Die singt ja ganz anders, als Monika Hunnius; mit der kann die sich nicht messen.« Das genügte. Frau von Borg ließ an Frau Lohse kein gutes Haar. – Als wir am anderen Morgen am Kaffeetisch saßen, hatte die Nachtruhe ihre Entrüstung in keiner Weise abgeschwächt. »Und diese Sängerin wagt es, sich neben Sie zu stellen!« rief sie empört. »Sie stellt sich gar nicht neben mich, sondern weit, weit über mich. Hat sie doch gerade das, was mir fehlt.« »So was zu sagen, ist direkt dumm,« sagte Frau von Borg. Sie strafte Lohses damit, daß sie nicht ins zweite Konzert ging. Sie bekannte immer Farbe, die Starke, Warmherzige! Den Tag vor Lohses Abreise gab Hans Schmidt ihnen zu Ehren ein Souper im kleinsten Kreise. Es herrschte eine unendliche Fröhlichkeit. Man hielt viele Reden, deren Hauptinhalt Hans Schmidts Übersiedlung nach Riga war, die schon im Herbst erfolgen sollte. Erst gegen Morgen gingen wir endlich auseinander. Als ich heimkam, von der ganzen Gesellschaft begleitet, leuchtete es schon rötlich am Horizont. Die Morgenröte kam, und es war hell in der nordischen Sommernacht. Allein geblieben, mochte ich noch nicht schlafen gehen, setzte mich auf die Stufen der Verandatreppe und wollte den Sonnenaufgang erwarten. Ein kühler Hauch wehte vom Meere her; Syringen- und Pilbeerduft lag schwer in der Luft. Vom Meere her drang der klagende Ruf der Möven und aus den Gärten nebenan riefen erwachende Vogelstimmen. Vor mir lag die Festung im grauen Morgenschimmer. Es war alles grau und trübe. Ich dachte über das Künstlerleben nach, wie seltsam es um den Erfolg bestellt ist, und verglich mein Künstlerstreben mit dem von Frau Lohse. Ich arbeitete mit meiner ganzen Kraft, ließ mir nie Ruhe, studierte und war nie zufrieden mit mir. Frau Lohse tat nichts von alledem; und wenn ich unsere künstlerischen Erfolge miteinander verglich, waren die ihren groß und die meinen gering! »Sie arbeiten und studieren zu viel,« sagte sie mir heute. »Das ist ein Unsinn, keiner dankt einem dafür. Sie müssen das Publikum verblüffen, darauf kommt es an. Sie müssen die Zuhörer dazwischen überraschen, daß sie auffahren und nicht wissen, wie ihnen geschieht. Dann fliegen die Hände in die Höhe, und in ihrer Überraschung applaudieren sie – und Sie haben einen großen Erfolg. Sie nehmen die Sache viel zu fein, viel zu vornehm.« Als ich an diese Worte dachte und so einsam mit meinen Gedanken im fahlen Morgenlicht dasaß, kam eine tiefe Traurigkeit über mich. Da ging die Sonne auf. Sieghaft stieg sie aus dem Meer, jubelnd sangen die Vögel in den Gärten; ich stand auf und streckte die Arme der Sonne entgegen. Es kam eine Welle von Freudigkeit wieder in mein Herz. »Ich bin jung und stark,« dachte ich froh, »ich will kämpfen; und ich werde siegen auf meinem Wege. Wollen wir sehen, wer recht behält.« Ein schönes, friedliches Leben war's, das ich im Hause von der Borg führte. Es herrschte dort eine echt livländische Gastfreundschaft. Jeder, der kam, fand zu den Mahlzeiten seinen Platz am Tisch; jeder, der Rat oder Hilfe brauchte, fand sie dort. Obschon Frau von Borg viel zankte und schalt und nie ein Blatt vor den Mund nahm, riß sie sich für den Gescholtenen in Stücke, sobald es galt zu helfen oder beizustehen. – Mit Hans Schmidt verband sie ein sehr rührendes Verhältnis. Er kam täglich ins Haus, und Frau von Borg genoß sein ganzes Vertrauen. Sie haderte »mit der grenzenlosen Verwöhnung der Arensburger, durch die sie seine Seele verdürben«; aber es gab wohl niemand im Städtchen, der ihn so verwöhnte, wie sie. Wenn ich ihr das sagte, zog es wie ein Schatten von Verlegenheit über ihr stolzes Gesicht, was ihr einen unsagbaren Reiz verlieh. »Was soll man denn machen?« sagte sie, »er ist ja zum Verwöhnen geschaffen, und es ist zu selbstverständlich, daß man es tut. Aber ich sag dem Patron auch gründlich die Wahrheit. Das können Sie mir glauben!« Meine Zeit in Arensburg neigte sich ihrem Ende zu. Da wurde eine große Gesellschaft beim residierenden Landrat der Insel gegeben; es sollte eine Abschiedsfeier für Hans Schmidt sein. Ganz Arensburg war eingeladen. »Jetzt müssen Sie zeigen, daß Sie alle in den Sack stecken,« sagte Frau von Borg. Es gab eine leidenschaftliche Toilettenberatung zwischen uns beiden. Ich weiß nicht, wer auf diesem Gebiet hilfloser war: sie oder ich. Ich tat mein Möglichstes. Tief befriedigt von meinem Anblick zog meine stolze Pflegemutter mit mir ab. – Es war eine riesige, in drei Sälen versammelte Gesellschaft, in die wir eintraten. Das Haus war reich und glänzend, die Wirte kamen jedem Gast liebenswürdig entgegen, und ich fühlte mich unter den starken Flügeln meiner mütterlichen Freundin geborgen und sicher. Die Gesellschaft zu beobachten, machte mir sehr viel Spaß. Hans Schmidt, der absolute Mittelpunkt derselben, war überall. Wo er hinkam, gab es Lachen und helle, frohe Gesichter. Plötzlich saß er neben einem, machte ein paar lustige Bemerkungen voll Übermut und Komik, denn er besaß, wie Frau von Borg sagte, »ein Lästermaul«. Nichts, was komisch oder lächerlich war, entging seinen scharfen, kühl beobachtenden Augen. Wehe dem, der sich eine Blöße gab! Durch diese Eigenschaften hatte er sich auch viele Feinde gemacht, trotz seiner großen Gutherzigkeit und seiner feinen Seele. Es wurde viel Musik gemacht. Hans Schmidts Schülerinnen sangen und spielten. Die Stimmung war sehr gehoben und angeregt und erreichte ihren Gipfelpunkt, als Hans Schmidt sich an den Flügel setzte und phantasierte. Er nahm ein kleines Volkslied zum Thema: »Morgen muß ich fort von hier.« Seine Art zu spielen war bezaubernd. Es war ihm gegeben, tief und schlicht aus dem Menschenherzen zu schöpfen, einfach und einleuchtend zu sagen, was man oft selbst empfunden. Alle leisen Herzensstimmen, die verborgen in uns erklingen, hatte er belauscht, und seine Töne redeten davon. Es war etwas unendlich Vertrautes und Bekanntes, was einem aus seinem Spiel, seinen Gedichten, und oft auch aus seinem Wesen entgegentrat. Am meisten aber fühlte man seine Seele aus seiner Musik. Viele von den Zuhörern vergossen Tränen, und ich sah manchen feindlichen Blick auf mich gerichtet. Ich glaube, da waren wohl manche in der Gesellschaft, die mich am liebsten auf einem Scheiterhaufen verbrannt hätten. Er schloß mit dem Liede: »Es ist bestimmt in Gottes Rat«; und als das »Scheiden, ja scheiden« verklang, gab es eine große Bewegung. Als diese sich ein wenig gelegt hatte, sagte Hans Schmidt mit lauter Stimme: »So, nun kommt das Schönste vom Ganzen: wir wollen Fräulein Hunnius bitten, daß sie einige Lieder singt.« Totenstille folgten diesen Worten. Aus dieser Stille heraus erhob ich mich und ging durch den ganzen Saal ruhig zum Flügel hin. Ich hatte einige Lieder von Hans Schmidt zum Vortrag gewählt. Er setzte sich an den Flügel, und ich ließ meinen Blick durch den Saal gleiten. Aller Augen waren auf mich gerichtet, und ich fühlte es wie eine Kluft zwischen mir und meinen Zuhörern. Dann aber überkam mich ein Gefühl, wie ich es noch nie gehabt, ein Gefühl von grenzenlosem Hochmut und stolzer Freude. Ich wußte, daß ich etwas besaß, womit ich mich weit über sie erheben konnte: das war meine Kunst. Meine Seele konnte fliegen! Was galt mir ihre Feindseligkeit? – Es war kein edles Gefühl, das mich erfüllte, aber ein ganz starkes. Und es trug mich, daß ich alles vergaß, alles, außer der Freude an meinem Reichtum. Und so sang ich Lied auf Lied und fühlte, wie ich sie bezwang, sie alle zu mir herüberzog. Meinem Jubel antwortete ein Jubel vom Flügel her; denn es riß auch Hans Schmidt mit sich fort. Und wir jubelten und jauchzten und weinten und lachten um die Wette. Als ich geendet, sprang Hans Schmidt auf und rief ganz spontan in die Gesellschaft hinein: »Das war wunder-, wunderschön!« Und Herr von Borg sagte laut und vernehmlich: »Da sieht man, was Künstler sind!« Frau von Borg aber rauschte in ihrem schwarzen Seidenkleide an mich heran mit vor Erregung roten Wangen, die ihrem Gesicht einen merkwürdig jugendlichen Eindruck verliehen. »Nun wollen wir heim,« flüsterte sie, »Sie haben es ihnen ordentlich gezeigt; aber Sie haben sie bezwungen. Ich bin stolz auf Sie!« Ich kam nicht so bald los. Alles umdrängte mich, jeder wollte mir die Hand schütteln, jeder mir danken. Als wir endlich im Wagen saßen und durch den warmen Sommerabend heimfuhren, sagte ich aus einem großen Schweigen heraus: »Wie seltsam ist es doch! Wenn ich bescheiden und demütig bin, singe ich langweilig, und keiner beachtet mich. Bin ich aber schlecht und hochmütig, dann zünde ich. Wie kann man das zusammenreimen?« Herr von Borg schwieg; aber Frau von Borg sprach, es ist mir, als höre ich es noch heute: »Menschengunst ist der größte Dreck, den es auf Erden gibt.« Nun war meine Zeit in Arensburg zu Ende. Schweren Herzens trennte ich mich von meinen lieben Pflegeeltern. Ich hatte nicht nur eine reiche Zeit in ihrem Hause verlebt, sondern ich fühlte, daß ich menschlich und künstlerisch weitergekommen war. Das hatte ich ihnen beiden zu danken. Die Gründung des Crescendo-Vereins Das Leben, das ich im Herbst wieder in Riga begann, erhielt durch Hans Schmidt sofort ein ganz anderes Gesicht. Nun hatte ich einen Kameraden, der mir zur Seite stand, mich künstlerisch förderte, und in jeder Weise freundschaftlich für mich eintrat. Bald sammelte sich das musikalische Leben Rigas um ihn. Wir gründeten einen Musikverein, dessen Leitung er übernahm und nannten ihn den »Crescendo-Verein«. Seine Aufgabe sollte in erster Linie sein: edle Musik zu pflegen, und in zweiter: jungen, künstlerischen Kräften, die sich noch nicht in die Öffentlichkeit wagten, die Möglichkeit zu schaffen, vor einem musikalisch gebildeten Publikum sich hören zu lassen. Bald entstand ein Chor von ausgewählten Stimmen, der zu regelmäßigen Übungen jede Woche zusammenkam. Alle drei Wochen gab es einen Programm-Abend. Zuerst trat der Verein noch nicht an die Öffentlichkeit: die Musikabende fanden in Privathäusern statt. Doch er trug seinen Namen mit Recht. Nur ein Jahr behielt er diesen privaten Charakter. Er wuchs derartig, daß er ihn bald aufgeben mußte und ein öffentlicher Musikverein wurde. Fräulein Amalie von Jung-Stilling mit noch zwei anderen Damen gehörten zum Präsidium. Es wurde keiner in den Verein aufgenommen, der nicht zur »Gesellschaft« gehörte. Dabei gab es drollige Kämpfe zwischen Fräulein von Jung und Hans Schmidt, die aber in aller Freundschaft ausgefochten wurden. Fräulein von Jung, die viele Vereine in ihrem Leben geleitet hatte und für Gesetz und Ordnung war, und Hans Schmidt, der gern an festen Formen rüttelte und sie, wenn irgend möglich, über den Haufen warf, gerieten oft hart aneinander. Wenn »Tante Malchen« die schönsten Programme zusammengestellt hatte, die allen Wünschen und allen Gerechtigkeitsgefühlen entsprachen, dann sauste plötzlich Hans Schmidt dazwischen und warf alles durcheinander, indem er seinerseits Menschen aufgefordert hatte, die gerade »Lust zum Singen oder Spielen« gehabt hätten. Oder, was nun ganz schrecklich war, er hatte jemand als Mitglied aufgenommen, ohne sich mit dem Vorstand zu beraten, ein Mitglied, das nicht »zur Gesellschaft« gehörte! »Ach, sie bat so sehr,« oder »Ich brauche gerade einen Tenor für meinen Chor,« waren seine Argumente. Ihm machte es unendlich Spaß, Tante Malchens »höfische Kreise« zu stören. Da sie aber beide gute und vornehme Menschen waren, die einander lieb hatten, kam es nie zu wirklichen Konflikten. Tante Malchen zog die Fäden immer wieder glatt, die er oft nur aus Übermut verwirrt hatte. Und da er, verwöhnt durch Arensburg, immer machte, wie er es wollte, gab es für sie vollauf zu tun, Wogen zu glätten, die er erregt hatte. Riga war nicht Arensburg. Und so fest und treu ein großer Kreis von Freunden zu ihm hielt, so unendlich beliebt er in der Gesellschaft war: es gab doch manchen, den er durch seine Art ärgerte und kränkte. So gutherzig und freundlich sein Gemüt war, er konnte manchen empfindlich treffen, namentlich durch seine Spott- und Lachlust. Es gibt Naturen, die eher eine Beleidigung vergeben, als daß man sich über sie lustig macht. So wuchs ganz still, zuerst unbemerkt, gegen diesen verwöhnten Liebling der Gesellschaft, diesen seinen Künstler, eine Gegnerschaft, die schließlich eine zerstörende Gefahr für sein Leben wurde. Doch davon ahnte man damals nichts; das lag in späterer, dunkler Zukunft. Es war ein fröhlicher, intimer Kreis von jungen Elementen, der fest zusammenhielt und dessen Mittelpunkt Hans Schmidt bildete. Er hatte eine kleine, eigene Häuslichkeit, die seine Schwester, die lustige Liesel, leitete. Sie war ein köstlicher Kamerad, immer fröhlich und guter Dinge, hatte immer Zeit und war für alles zu haben. Zu denen, die Hans Schmidt und mir am nächsten standen, gehörten vor allem die beiden Schwestern Sokolowski. Ihre Freundschaft betrachtete ich als ein großes Glück für mich. Sie lebten mit ihrer sanften, zarten Mutter in einem schönen, behaglichen Heim. Anni, die ältere, war Pianistin und Klavierlehrerin; Emmi – Sängerin und Gesanglehrerin. Wir hatten die Schule zusammen besucht, waren aber einander bis jetzt nicht nahe getreten. Nun verband uns das gemeinsame Streben und Arbeiten. Anni war ein seiner, geistvoller Mensch, sehr musikalisch, lebensfroh und überströmend, reich und vielseitig gebildet. Mit schnellem Blick erfaßte sie alles und konnte ihm beredten Ausdruck geben. Sie begleitete schön zum Gesang. Besonders hoch schätzte ich ihre ausgesprochen kritische Veranlagung. Ich hatte an ihr einen unbestechlichen Beurteiler meiner künstlerischen Leistungen, an die sie immer hohe Maßstäbe stellte, einen wirklichen Freund. Emmi, auch beweglichen Geistes, war witzig und schlagfertig, voller Humor. Sie hatte ein Jahr nach mir ihre Gesangstudien in Dresden beendet. Sie war die einzige Fachkollegin, die mir freundschaftlich nahe gekommen ist. Durch und durch musikalisch, war sie voll ernstem Streben und künstlerischem Wollen. Unsere Methoden waren sich völlig entgegengesetzt, ebenso unsere Stimmen: die ihre leicht, hell, hoch und tragend, die meine seit Stockhausen immer etwas schwer und dunkel. Wir lernten voneinander, zwangen unsere verschieden gearteten Stimmen, im Duett zusammenzugehen, korrigierten uns gegenseitig und halfen einander. Schon in jungen Jahren habe ich die erbitterten Methodenzänkereien der Gesanglehrer nicht verstehen können. Methoden sind Wege. Ein guter Gesanglehrer darf gar nicht nur eine Methode, d. h. nur einen Weg haben. Die menschliche Stimme und ihre Behandlung ist ein Problem. Man muß eine Menge Wege kennen, um diesem beizukommen. Das ist die erste Bedingung. Dann muß man, ähnlich wie der Arzt, ein Talent zur Diagnose haben, ein sicheres, inneres Gefühl, das einen leitet und den besonderen Weg im einzelnen Fall erkennen läßt. Ein sehr beliebtes Glied unseres Kreises war meine Cousine Mine Müller, eine bekannte Musikpädagogin Rigas. Wir haben oft zusammen geübt und für meine Schülerabende war sie stets meine sichere Begleiterin. Sie war ein prächtiger Kamerad, immer gut aufgelegt, mit einem ausgesprochenen Talent für witzige Verse. Alles, was bei uns passierte, wurde von ihr besungen. Das Beste aber an ihr war ihre Treue: ich konnte immer auf sie rechnen, sie versagte nie. Es herrschte ein angeregtes, fröhliches Leben in unserem Kreise, dem sich allmählich noch einige junge Musiklehrer und -lehrerinnen angeschlossen hatten. Heitere Verse, amüsante Karikaturen, lustige Briefe flogen hin und her. Meist wurden wir alle zusammen eingeladen. Man machte viel Musik in diesen Gesellschaften, aber auch literarische Interessen wurden gepflegt. Hans Schmidt hatte eine besonders glückliche Hand, eigenartige, seine Sachen von verschollenen Dichtern auszugraben, die er dann getreulich mit uns teilte. Am häufigsten trafen wir uns im Hause der Doktorin Heerwagen, einer Cousine Raimund Mühlens. Sie war eine feine Pianistin, hatte eine schöne, behagliche Häuslichkeit, die für ihren Freundeskreis – man kann sagen – Tag und Nacht offen war. Unerschrocken und zuverlässig, war sie die Vertraute von allen. Der Crescendo-Verein entwickelte sich und blühte unter Hans Schmidts künstlerischer Leitung. Alles drängte sich zur Aufnahme. Der Chor wies viele junge, schöne Stimmen auf. Wenn die Brahmsschen und Schumannschen Frauenchöre gesungen wurden, erwachten Erinnerungen an Stockhausensche Zeiten in mir. Das nächste Jahr traf uns ein harter Schlag: Emmi Sokolowskis Verlobung und baldige Heirat mit Dr. von Engelhardt. Sie verließ Riga und siedelte mit ihrem Mann auf das Land über. Ich war wieder allein in meinem Fach und bin es auch bis zuletzt geblieben, denn die Versuche, mich meinen Spezialkolleginnen zu nähern, bekamen mir übel, so daß ich sie zuletzt sein ließ. Jeder ritt sein Steckenpferd und verfolgte seine Methode, alles andere von vornherein ablehnend. Meine erste Schülerprüfung In diesem Winter hatte ich einen Vortragsabend mit meinen Schülerinnen geplant. Es sollte der erste in großem Stil sein. Bei mir konnte ich ihn nicht machen, denn meine Räume waren klein und faßten nur die Schüler, aber keine Zuhörer. Da boten mir die Eltern einer Schülerin ihren großen, altertümlichen Saal für den Abend an. Schon am Morgen früh eilte ich mit einer Schar auserwählter Schülerinnen hin, alles einzurichten. Das ganze Haus stand uns zur Verfügung – die Eltern des jungen Mädchens waren für den Tag verreist. – Ein fieberhaftes Leben herrschte in den großen Räumen. Ich teilte die Schüler in Gruppen, von denen eine jede ihre Aufgabe hatte. Einige sollten das Einräumen des Musiksaales, andere das Streichen der Butterbrote übernehmen. Fortwährendes Klingeln störte uns, weil unzählige Blumensträuße von Schülern und Eltern geschickt wurden, die das Musikzimmer schmücken sollten. Nun war alles fertig: der Saal sah konzertmäßig aus, eine Menge Teller mit Butterbroten stand im Speisezimmer. Im »Künstlerzimmer« war alles mögliche bereitgestellt, was für die Stimme gut ist, wie: Eier, Malzbonbons, Rotwein. Nun trieb ich meine Gehilfinnen heim, sie sollten sich vor Beginn der Aufführung erholen. Auch ich versuchte, einen Augenblick zu ruhen. Aber mir war zu Mut wie jenem Knaben, der sich Besuch eingeladen hatte und sich, bevor die Gäste kamen, vor Angst versteckte. Am liebsten wäre ich geflohen, irgendwohin; denn ich hatte nicht nur die Eltern der Schülerinnen zum Zuhören eingeladen, sondern auch die Kollegen. Die meisten der Schüler begleitete ich selbst, denn sie fühlten sich immer unter meiner Führung am sichersten. Nie vergesse ich den Anfang. Die Eingangsnummer war eine zweistimmig gesungene Solfeggie, wobei die Schülerinnen sich sehr tapfer hielten. Dann kam die erste Solonummer: »Minnelied« von Mendelssohn. Ich sehe sie noch heute so deutlich vor mir, die kleine Schülerin, die sich bebend und gehorsam an den Flügel stellt. Sie war noch ein halbes Kind, im rosa Kleidchen und braunen, gelockten Haaren. Sie fing an und brach schluchzend ab; mühte sich noch ein paarmal, ihrer Tränen Herr zu werden – es war aber vergeblich. Da verbarg sie ihr Gesicht aufweinend in den Händen und sagte unter Schluchzen laut und deutlich: »Ich kann wirklich nicht«. Damit stürzte sie ins »Künstlerzimmer«. Ich fühlte, was auf dem Spiele stand, denn wie eine Suggestion wirkt solch ein Anfang auf junge Menschen. »Jetzt gilt's,« dachte ich und wurde ganz kaltblütig. Ich ging ins Zimmer zu meinen Schülerinnen, die schreckensbleich und erstarrt dastanden, schloß die Tür und trat mitten unter sie. »Wenn Sie sich später beruhigt haben, werden Sie ihr Lied noch einmal singen,« sagte ich. »Dieses Erlebnis hat gar nichts zu sagen. Die große Hermine Spies ist einmal weinend vom Podium gegangen, weil sie stecken blieb.« Dann wandte ich mich an die anderen Schüler: »Ich erwarte von Ihnen allen, daß Sie sich jetzt doppelt zusammennehmen. Ein Schuft, wer mich jetzt im Stich läßt und seine Sache schlecht macht!« Meine Schüler sangen alle besser, als je in der Stunde. Es war wie eine Kraft, die sie trug. Sogar das kleine Mädchen kam und sagte tapfer, sie wolle ihr Lied noch einmal singen. Es war ein glänzender Abend. Zum Schluß sang eine meiner besten Schülerinnen eine große Koloratur-Arie von Rossini, eine wirkliche Leistung! Als wir nachher alle fröhlich bei Tee und Butterbroten zusammensaßen, sagten mir meine beiden ältesten Kolleginnen: »Sie haben Disziplin bei Ihren Schülern. Davon haben Sie heute den Beweis geliefert. Sie haben sie großartig in der Hand.« Ich weiß nicht, ob es Disziplin war oder die Liebe, die sie zu mir hatten, daß sie ihrem jugendlichen Feldherrn so tapfer folgten und ihn nicht im Stich ließen, wo es galt. Man lächelt jetzt, rückblickend, über die Wichtigkeit, mit der damals das alles behandelt wurde. Und doch – was heißt groß, was klein im Leben? »Und setzet ihr nicht das Leben ein. Nie wird auch das Leben gewonnen sein.« Auguste Hohenschild Im zweiten Jahr meines Aufenthaltes in der Heimat kam eine Künstlerin nach Riga, der ich unendlich viel zu danken habe: Auguste Hohenschild, Raimund Mühlens erste, sehr jugendliche Gesanglehrerin und intime Freundin. Ebenso befreundet war sie mit Hans Schmidt, der ihr ein Heft seiner Lieder gewidmet hatte. – Sie gab ein Konzert im Schwarzhäuptersaal. Auguste Hohenschild war eine feine Sängerin; klein, zierlich, mit einem runden Kindergesichtchen, dunklem Haar und merkwürdig strahlenden, klugen, blauen Augen. Sie sah auf dem Podium bezaubernd aus in einem weißen Kleide, mit einem dichten Kranz dunkelroter Blüten im Haar. Ihr Genre waren dunkle, geheimnisvolle Brahmslieder, deren niedergehaltene Sehnsucht und Leidenschaft sie wunderbar wiedergab, wie z.B. »Alte Liebe« und »Die Mainacht«. Wir waren begeistert und stürmten nachher in das Künstlerzimmer. Hans Schmidt lud uns sofort mit ihr zusammen ein, und unsere Begeisterung für sie stieg, denn sie war als Mensch noch viel bedeutender, wie als Sängerin. Sofort beherrschte sie die ganze Gesellschaft. Der Darmstädter Dialekt, den sie sprach, unterstrich das Naive ihrer ganzen Art. Sie war aber nicht naiv; sie war unendlich klug und bewußt; aber so originell, so fortreißend, wenn sie erzählte – so leidenschaftlich in ihrer persönlichen Darstellung, so glühend im Bilderreichtum ihrer Sprache, daß sie unseren ganzen Kreis vollständig faszinierte. Man riß sich um ihre Gesellschaft, und sie freute sich an der bewundernden Liebe, die man ihr entgegentrug. Die »Börsentanten« gaben ihr eine kleine Abendgesellschaft. Immer dachten sie sich etwas Besonderes aus, wenn sie berühmte Gäste hatten. Diesesmal war folgende Überraschung bereit. Bevor man zu Tisch ging, bekam jeder Gast ein kleines Blatt in die Hand, auf dem Noten geschrieben waren: Schumanns »Könnt' ich dich in Liedern preisen. Säng ich dir das schönste Lied«. Jeder fand auf seinem Notenblatt eine Zeile dieses Liedes, und danach mußte man sich für die Tischordnung zusammenfinden. Es gab bald ein fröhliches Durcheinander beim Suchen der Plätze. Als wir uns um die Tafel gesetzt hatten, mußte jeder nacheinander seine Zeile singen, was große Heiterkeit verursachte; denn wir hatten nicht nur Sänger in unserer Gesellschaft, sondern auch sangesunkundige Pianisten. Bei den »Börsentanten« war das Charakteristische, daß ein jeder mit seinen Gaben und Talenten, waren sie groß oder klein, zur Geltung kam. Das lag wohl in erster Linie an der Art, wie die Gäste zueinander geladen waren, noch mehr an dem erlösenden, befreienden Wesen, das die beiden Schwestern hatten. Man fühlte ihnen immer wieder die Freude an, die sie an solchen Abenden erfüllte und die wie ein Funken auf einen jeden Gast hinübersprang. Hinreißend war Auguste Höhenschild – oder kurzweg »Gustel«, wie sie sich am liebsten nennen ließ – an diesem Abend. Das Gemisch von spontaner Naivität und großer, überlegener Klugheit, ihr sprühender, funkelnder Geist berauschten förmlich den ganzen Kreis. Und sie erzählte wunderbare Dinge, die uns alle unendlich interessierten. Wie Mühlen das erstemal in ihr Leben getreten war und ihr eins von den Brahmsschen »Heimwehliedern« vorgesungen hatte, wonach sie schluchzend aus dem Zimmer hatte gehen müssen, weil sie ihrer Bewegung gar nicht Herr werden konnte. Er war noch sehr jung gewesen und seine Stimme zart und fast kindlich im Klang. Aber sie fühlte schon damals sofort den Adel einer großen Künstlerschaft in ihm. »Sie werden ein großer Künstler werden,« hatte sie ihm gesagt. – So leidenschaftlich persönlich sie erzählte, stellte sie dabei doch nie ihre eigene Persönlichkeit in den Vordergrund. Sie kannte alle Künstlergrößen ihrer Zeit: Brahms, Clara Schumann, die Joachims, Stockhausen, und wußte sie sofort durch eine kleine, eigenartige Geschichte zu charakterisieren. Stundenlang saßen wir im Bann dieser Erzählerin, und es war lange nach Mitternacht, als wir uns trennten. Mir blieb der Abend noch in besonderer Erinnerung, weil ich da meine spätere intime Freundin Doris von Kruedener kennen lernte, mit der ich dann Jahre hindurch Freude und Leid teilte. Sie war eine anmutige, feine Künstlernatur, ein herrlicher Kamerad, auf allen Kunstgebieten gleich stark begabt, mit einem Gemisch von Humor und Schwermut. An dem Abend hatte ich sie nicht viel beachtet: vor dem glänzenden Stern »Gustel« verblich alles andere. Ich war öfter mit Gustel, wie wir sie auch bald nannten, zusammengekommen, doch hatten wir uns nicht persönlich gefunden. Ich bewunderte sie, aber mehr aus der Ferne. Da brachte eine Erlebnis sie mir unerwartet ganz nah. Wir waren in einer großen musikalischen Gesellschaft zusammen gewesen. Durch Taktlosigkeit der Hausfrau erfuhr ich eine künstlerische Zurücksetzung, die mir sehr schmerzlich war. Ich hatte mich nach meinem verfehlten Konzert noch nicht durchgesetzt und galt infolgedessen in den Augen mancher künstlerisch sehr wenig. Am anderen Tage war Gustel bei mir. In ihrer geraden, warmherzigen Art ging sie gleich aufs Ziel los. »Ich habe Sie aufgesucht, weil ich das Gefühl hatte, daß Sie vom gestrigen Abend her traurig sind.« Die Berührung dieser Wunde, so liebevoll sie war, schmerzte, und ich brach in Tränen aus. Sie faßte meine Hand. »Wie kann man über so etwas traurig sein?« sagte sie warm, »das ist schwächlich. Sie haben so viel und sind so reich, und die Familie, über deren Verhalten Sie weinen, hat nichts als ihre Taktlosigkeit, mit der sie ganz Riga versorgen könnte, und sie behielte noch für sich selbst zu viel übrig.« »Ja, wenn ich nur etwas wäre!« sagte ich traurig. »Stockhausen hat Sie zerschlagen,« erwiderte sie gütig, »ich kenne das bei ihm. Aber nun ist es auch wirklich Zeit, daß Sie das einmal überwinden und für immer hinter sich werfen! Es kann nicht nur Adler und Nachtigallen geben. Der liebe Gott braucht auch andere Vögel, wie Finken und Meisen. Wenn wir nur das, was wir sind, ganz sind, so füllen wir unseren Platz in des lieben Herrgotts Garten aus. Ich bin auch nur ein Fink, aber mein ganzer Stolz ist es, ein richtiger Fink zu sein. Sie aber denken immer: wenn ich ein Adler wäre oder eine Nachtigall, dann wollte ich schon fliegen. Jedem sind Grenzen gezogen, jeder kann nur das sein, wozu Gott ihn geschaffen hat; das aber soll er mit Freude sein!« Sie war so mutmachend dabei, und ihre klugen Worte trafen so stark meine leicht verzagte Seele, daß es von dem Gespräch an wie eine Gesundung über mich kam. Ich fand den Mut zu meiner Persönlichkeit, und meine durch Stockhausen zu hoch gespannten Ideale verloren das Ungesunde und Zerstörende und standen von nun an nur noch wie Sterne über meinem Leben, die meinem Pfade leuchteten. Monatelang blieb dieser seltene Gast bei uns. »Gustel« hatte die Ostseeprovinzen liebgewonnen, sich in Riga festgesetzt und wachte von hier aus eine ganze Reihe von Konzertausflügen in die anderen Städte, meist in Begleitung von Hans Schmidt. In Riga lebte sie abwechselnd in verschiedenen Freundeshäusern, auch bei uns war sie mehrere Wochen ein begeistert aufgenommener Gast. Weniger beglückt waren unsere Mütter über diesen »Hecht im Karpfenteich«. Wo sie war, rührte sie alles durcheinander, stellte alles auf den Kopf. Um sie gab es nie einen Alltag, immer nur außergewöhnliche Zeit. Sie kramte unsere Wohnungen um, machte sich über unsere Haarfrisuren und Toiletten her. Sie entwickelte unseren Geschmack für Zimmereinrichtungen, die Liebe zu Raritäten, ging mit uns auf den Trödelmarkt, zu Althändlern, wo sie alles mögliche zusammenkaufte und mit scharfem Blick unter Geröll und Gerumpel schöne, wertvolle Dinge fand. Sie weckte in meiner Seele den Wunsch, auch Raritäten zu besitzen. Ich erinnere mich des Schrecks meiner Mutter, als ich zum erstenmal vom Trödelmarkt eine alte Kupferkanne und einen alten Stuhl heimschleppte. Sie fürchtete, eine Sammlerleidenschaft würde sich in mir entwickeln, die meinen pekuniären Ruin zur Folge haben müßte. Wie Gustel unsere Wohnungen umänderte, so griff sie auch in unser Seelenleben hinein, regte allerlei Wünsche und Selbständigkeiten in uns an. Es waren auch gefährliche Sachen, die sie uns lehrte. So lautete z. B. eine ihrer Theorien: Mütter hinderten einen immer; was sie offen meiner Mutter sagte, die diese Sprache mit fassungslosem Staunen vernahm; denn sie war eine starke Persönlichkeit und nicht gewohnt, daß man ihr so entgegentrat und sie kritisierte. – Gustel glaubte immer, man stünde nicht auf seinem richtigen Platze und wollte uns alle auf einen anderen Boden verpflanzen. So blind ich ihr künstlerisch folgte, so wenig konnte ich es in meinem Privatleben. Sie wollte mich aus Riga forthaben, aus meinem Lehrerberuf, aus den festumschlossenen Grenzen meines Familienlebens und meinte, mir würden ganz andere Flügel wachsen, wenn ich erst von all dem loskäme. Sie sah nur das Künstlertum in mir, das nach Ausleben rang, unterschätzte aber die »livländische Pastorentochter«, die nie einen wirklichen Flug, losgelöst von Heimat und Familie, zugelassen hätte. Wir haben oft Nächte durch miteinander gekämpft, wobei sie meist sehr ungeduldig und verständnislos mir gegenüber war. Mir aber brachten diese Kämpfe wohl ruhelose Tage und schlaflose Nächte, zum Schluß aber doch klare Erkenntnisse für den Weg, den ich zu gehen hatte und schließlich ganz allein finden mußte. Mir fehlte eben doch die letzte Kraft zu einem wirklichen Künstler, die die Hauptsache ist. Ich arbeitete ganz regelmäßig bei ihr. Meine Stimme mußte befreit werden, denn mit meiner Tonbildung hatte ich mich in eine Sackgasse verirrt: die Stockhausensche tiefe Kehlkopfstellung und eine starke Deckung in der Mittellage hatten meiner Stimme die Tragfähigkeit genommen. Gustel arbeitete daran, sie wieder zu befreien und in die richtigen Resonnanzräume zu bringen. Da ihre Atemtechnik aber auch nicht gut war, führte sie mich gewundene Wege zu dem richtig geschauten Ziel, das ich auf diese Art nicht erreichen konnte. Studiensommer in Pernau Nun kam der Sommer heran. Gustel folgte einer Aufforderung von Hans Schmidts Geschwistern und zog für die Sommermonate nach Pernau, einer kleinen, am Meere gelegenen Stadt Nordlivlands. Ich ging mit meiner Mutter und meiner Schwester an den Rigaschen Strand. Da kam plötzlich ein Brief von Gustel. Sie schrieb: »Laß alles stehen und liegen und komme zu mir nach Pernau zum Weiterarbeiten. Du kannst hier endlich einmal eine Zeit haben, losgelöst von Arbeit und Häuslichkeit, wo Du nur für Deine Kunst lebst. Eine billige Pension findest Du hier, und ich gebe Dir jeden Tag eine Stunde. Nimm den Kampf mit den Deinen auf, solch eine Gelegenheit findest Du nicht wieder, und komme her.« Wie eine Brandfackel zündete dieser Brief in mir, und ich begann den Kampf mit meiner Mutter, die mich für vier Wochen nicht missen wollte. Er war nicht leicht, denn nach alter livländischer Tradition gehörte man in den Ferien unbedingt der Familie. Aber endlich siegte ich doch, und nach wenig Tagen befand ich mich auf dem Wege nach Pernau, wo mich Gustel und Hans Schmidts Schwester Lisel jubelnd am Dampfschiffstege empfingen. Ich wohnte bei Verwandten, war aber fast den ganzen Tag mit Gustel zusammen. Sie lebte im gastlichen Hause von Hans Schmidts Schwager und Schwester, Dr. Behses. Ein großes Zimmer hatte sie in einem gegenüberliegenden Hause gemietet, wo sie ihre Stunden gab, aber ihr Leben spielte sich sonst im Hause des Doktors ab. Dort herrschte eine große Gastfreundschaft. Das Doktorat lag mitten in einem wunderbaren, großen Garten und war bis an den Rand gefüllt mit Sommergästen, die außer den vielen Behseschen Kindern das Haus belebten. Frau Dr. Behse war eine kluge, etwas zur Schwermut neigende Persönlichkeit; ihr Mann, von einer großen Liebenswürdigkeit, auch klug und großzügig, ein hochangesehener Arzt im kleinen Städtchen. Da lernte ich auch Hans Schmidts Mutter kennen. Sie war schon damals fast blind, doch ging es von ihrer zarten, fröhlichen Persönlichkeit wie ein Sonnenschein aus, der das ganze Haus erleuchtete und durchwärmte. Sie war voll Güte, Liebe und kindlicher Heiterkeit, konnte so herzlich lachen und nahm an allem so begeisterten Anteil, daß sie immer und überall der geliebte Mittelpunkt des Lebens war. Außer ihr lebten dort noch ihre beiden Töchter Sonny und Liesel und Hans Schmidt. Bald ließen sie mir keine Ruhe. Ich mußte mein Verwandtenhaus verlassen und ganz zu ihnen übersiedeln. »Jetzt ist die Sache erst ganz richtig,« sagte Hans Schmidt. Am Vormittag wurde gearbeitet, geübt, gesungen; dann vereinigte uns das Mittagessen auf der großen Veranda, wo sprudelnde Fröhlichkeit herrschte. Nach dem Kaffee gingen wir baden. Das ganze Städtchen merkte sich unsere Badestunde, weil wir immer dabei Terzette sangen. Lisel Schmidt, die auch Gustels Schülerin war, hatte eine wunderhübsche, helle, hohe Sopranstimme und unsere Stimmen klangen sehr schön ineinander. Am Strande aber hatte sich der weibliche Teil Pernaus versammelt und lauschte unserem Singen, das übers Wasser klang. Abends saßen wir im Garten unter duftenden Sommerblumen. Man las vor oder Gustel erzählte, bis der Mond am Himmel stand. Zum Schluß der Zeit waren Behses auf einige Wochen verreist und überließen Haus und Garten ihren Gästen. Von Hause wurde ich durch Mahnbriefe heimgerufen, die Gustels sprudelnden Zorn erregten. Auch ich konnte mich nicht entschließen, die seltene Lernzeit schon abzubrechen, fühlte ich doch, wie gut sie meiner Stimme tat. Es war ein schönes Arbeiten mit Gustel. So leidenschaftlich sie in den Stunden war, so hitzig sie manchmal auf einen lossprang, einen direkt an die Kehle packte und schüttelte, so war sie doch dabei immer voller Güte. Prachtvoll und einleuchtend waren ihre Bilder und Vergleiche, und ihr künstlerischer Flug war stark und hoch. Sie hatte viel an mir auszusetzen: ich sollte hübscher und anmutiger sein, wollte sie haben; sollte mehr »auftreten«, mehr »Glanz um mich verbreiten«; ich sollte »etwas Besonderes« sein. Aber ich ließ mich durch ihre Art nicht quälen, bis sie ganz entrüstet einmal sagte: »Du denkst wohl: ich bin ein Charakter und brauche all den weiblichen Schmuck für meine Persönlichkeit nicht. Das überlasse ich euch Kleinen. Du wirkst so hochmütig.« – Ach nein, das war ich wirklich nicht. Es war mir nur nicht möglich, mich nach fremden Vorschriften zu entwickeln, sondern nur nach den Gesetzen meiner Natur. Wie amüsant wirkte Gustel im Zusammenleben! Sie hatte immer irgendwelche »Ideen«, die sie verwirklichen mußte; so plötzlich die, sich ein estländisches Kleid bauen zu lassen. Dazu wählte sie grobes Bauernleinen, das sie blau färben ließ und garnierte das Kleid mit estnischen gewebten Bauerngurten. An der Brust trug sie eine große Silberbreze, wie solche zur früheren estnischen Bauerntracht gehörten. Das Phantastischste aber war ein riesengroßer Hut, auch aus demselben Leinen, denselben Bauerngurten, mit einer großen Silberbreze als Schnalle an der Seite geschmückt. Der Hut war so schwer, daß er einem den Schädel niederdrückte; sie aber trug ihn tapfer. Abenteuerlich genug sah sie in diesem Kostüm aus, das focht sie aber in keiner Weise an. – Ihre ganze Leidenschaft bestand darin, alte Estentrachten und alten Silberschmuck zu finden. Da hatte Hans Schmidt eine Neckerei für sie ausgedacht. Als wir einmal auf eine der schwedischen Inseln, die vor Pernau liegen, hinausfuhren, um nach solch alten Schätzen zu suchen, hatte er auf dem Grund einer Bauerntruhe einen silbernen Anhänger verborgen, auf dem er in alter Punktierschrift Gustels Namen ins Lateinische übersetzt mit einer mittelalterlichen Jahreszahl hatte eingravieren lassen. Und es gelang ihm wirklich, die Schlaue, die sonst sofort hinter alle Schliche kam, hereinzulegen. Die Stunde des Scheidens schlug endlich, und ich mußte heimkehren. Ich kam so frisch und froh zu Hause an, nahm mit solcher Freudigkeit die Arbeit wieder auf, daß die Meinigen ganz ausgesöhnt mit meinem langen Fernsein waren. Im September dieses Jahres kam Mühlen nach Riga und gab ein gemeinsames Konzert mit Gustel. – Der Schwarzhäuptersaal war ausverkauft, das Publikum in festlicher Stimmung erschienen. Sie sangen zum Eingang Brahms' Eduard-Ballade, die mir einen großen Eindruck machte; zum Schluß eine ganze Reihe Duette von Schumann für Tenor und Mezzosopran. Mit diesem Höhepunkt fand die Zeit Gustel Hohenschilds in Riga ihr Ende. Sie ist später noch zu wiederholten Malen in mein Leben getreten, aber nie wieder in unser Land gekommen. Die Wogen des Lebens trugen sie an andere Ufer. Für mich war und blieb die Zeit des Zusammenlebens und -arbeitens mit ihr eine bedeutsame und für mein Leben fruchttragende. Künstlerleben in Berlin Im Sommer 1889 ging ich zur Kur nach Obersalzbrunn. Durch die belastende Singweise der Stockhausenschen Methode hatte ich immer mit meiner Kehle zu tun. Ich hoffte, die Kur in Salzbrunn würde mich widerstandsfähiger machen. Sie half mir aber nicht, und ich beschloß, auf den Rat meines Arztes, mich an eine Autorität in Berlin zu wenden. Ich wandte mich an Professor Fränkel, der mir sofort sagte, ich müßte einige Monate in Berlin bleiben und mich behandeln lassen. Trotz der Kur, die ich sehr gewissenhaft brauchte, blieb mir noch viel Zeit zum Arbeiten und Genießen übrig. Es waren schöne, reiche Monate, die ich durchlebte, voll Anregung und frohen Schaffens; denn ich durfte sehr bald mit meinen Singstunden wieder beginnen. Ich fühlte genau, was mir fehlte: immer wieder litt ich unter der Schwerfälligkeit beim Singen. Auf Mühlens Rat wandte ich mich an Frau Schultzen-Asten, um speziell französische Sachen mit ihr zu studieren, worin sie Meisterin war. Sie erlaubte mir auch, in der Hochschule in allen ihren Stunden zu hospitieren. Sie war eine sehr musikalische Persönlichkeit, gewandt und glänzend in ihrem Genre, immer lustig und lebendig, so recht ein Mensch fürs Leben geschaffen. Für meinen Gesang habe ich nicht viel von ihr gehabt; ihre Art war der meinen doch gar zu fremd, und ich fühlte mich ihr gegenüber zu befangen. Sobald ich das erkannte, löste ich mich von ihr, um meine in der Heimat begonnene Arbeit bei Gustel Hohenschild hier in Berlin fortzusetzen. Wie eine Schwester nahm Gustel sich meiner an. Täglich suchte ich sie in ihrem Künstlerheim auf, wo jedes Stück etwas Besonderes war. Wir teilten bald Freude und Leid miteinander. Sie weckte meinen ästhetischen Sinn auch für die äußere Gestaltung des Lebens, wie künstlerische Zimmereinrichtungen und persönliche Kleidung. Das alles lag wohl in mir, war aber bisher nicht geweckt worden. In meinem Zuhause, dem meine Mutter ihren ganzen starken Stempel aufdrückte, herrschte künstlerischer Sinn nur auf geistigem Gebiete. Daß man aber auch auf dem praktischen, in seiner Art zu leben, in seiner Wohnungseinrichtung und Kleidung sich künstlerisch ausleben konnte, war mir ein neuer Gedanke, den ich mit Freuden ergriff und mir zu eigen machte. Was ich bei Gustel kennen lernte, war ein Stück »Bohême«, das mich mit Entzücken erfüllte; denn etwas davon lag ausgesprochen in meiner Natur. Gustel nahm das Leben, wie es kam. Bald ging es hoch her bei uns, wir aßen Pasteten und Leckerbissen und tranken kostbaren Wein dazu; dann wieder nährten wir uns von Kaffee, Tee und Butterbrot. Auf diese Dinge kam es absolut nicht an. Es war etwas in Gustels Wesen, das mich fortriß. Nur auf die großen Wirklichkeiten im Leben kam es ihr an, was wertlos war, wurde beiseite geschoben. Festtage für uns waren es, wenn Mühlen in seinem ruhelosen Künstlerleben einmal einen Tag in Berlin verbrachte, den er uns schenkte. Die beiden machten sich einen Spaß, mich in die große Welt einzuführen. Ich mußte die berühmtesten Restaurants Berlins kennen lernen, deren Pracht mich unschuldige Provinzialin blendete. Dann saßen wir beisammen und sprachen über künstlerische Fragen, bis der Morgen graute. Was für feine, hohe Gesichtspunkte eröffneten sich mir da, die mir von Bedeutung für mein ganzes Leben blieben. Ich schrieb alle diese Extravaganzen treulich heim. Zu meinem Erstaunen aber teilten die Meinen gar nicht meine Begeisterung für diese Art Leben. Meine Mutter sah ihr Entenkücken mit den stolzen Schwänen durch die Lüfte fliegen und geriet in die größte Aufregung. »Siehst du nun,« sagte Gustel, »daß du nicht alles nach Hause schreiben darfst? Hab ich nicht recht, daß die Deinen dich nicht verstehen in den Bedürfnissen deines Lebens?« Gustel führte mich auch in verschiedene ihrer Freundeshäuser ein. So besuchte ich mit ihr den Hofprediger Frommel und war bei der alten Frau von Olfers. Ich kam hier in eine seine aristokratische Häuslichkeit. Alles Leben des Hauses scharte sich um die bezaubernde alte Frau von Olfers, das Urbild der »schönen Müllerin« aus den Müllerliedern. Sie war damals schon sehr alt, wie eine kostbare Blüte von ihren Kindern gehütet. Sie trug immer helle Kleider. Ich sah sie in einer weißen Spitzenhaube mit zartem lila Band. Ihre Töchter: Gräfin York und Marie von Olfers, die bekannte Schriftstellerin, traten mir liebevoll und gütig entgegen. Ich mußte viel aus der Heimat erzählen, und das Herz ging mir auf in dieser Atmosphäre von vornehmer Einfachheit und künstlerischem Sinn. Auf ihre Bitte sang ich vor, und dann erzählte Frau von Olfers mir, wer alles auf ihrem Flügel gespielt und an ihm gesungen hatte. Es war eine feine Zuhörerschaft, die mit der Seele auf meine Lieder horchte, und als wir heimgingen, hatte ich das Gefühl, als hätte ich in diesem Hause ein Stück Seelenheimat gefunden. Nach diesem Abend aber merkte ich zum erstenmal eine leidenschaftliche Eifersucht bei Gustel. »Du nimmst mir alle meine Freunde,« sagte sie, »mit deiner verwünschten livländischen Art!« Ich erschrak so sehr über diesen unerwarteten Ausbruch, daß ich ganz verstört war. Von da an spürte ich diese Eifersucht noch öfter, was mir viel Schmerzen bereitete. Gegen Ende meines Aufenthaltes kam Hans Schmidt zu Konzerten von Mühlen nach Berlin. Mühlen stand damals auf der Höhe seiner Künstlerschaft. Alles, was Namen hatte, wollte die beiden Freunde heranziehen, bei Bismarcks gingen sie aus und ein, bei der Kaiserin Friedrich, deren eine Tochter Mühlen unterrichtete, war er ein häufiger, gern gesehener Gast. Trotzdem fanden beide immer noch Zeit, hin und wieder einen Abend Gustel und mir zu widmen. Dann erzählten sie vor allem von Bismarck, seiner Frau, seiner Häuslichkeit, den Gesprächen, die sie mit dem »eisernen Kanzler« geführt. Man hörte ihnen Stunden und Stunden zu und lebte in ihrer glänzenden Welt mit. Für mich war es wunderschön, das alles aus der Ferne mitzuerleben, ohne einen Nebengedanken, der mir die Freude trübte. Gustel empfand anders. Manche Nacht hat sie bitterlich geweint nach solchem Beisammensein. »Warum kann ich das nicht auch haben?« Ihr Kummer schnitt mir tief ins Herz, aber helfen konnte ich ihr nicht. Im Februar fuhr ich mit Hans Schmidt heim. Ich mit einem fertig studierten Konzertprogramm und einer wunderbaren Konzerttoilette, einem schwarzen Samtkleide, dem Geschenke meiner drei Freunde. Dieses war auf das genaueste nach Mühlens Angaben gearbeitet. Ich kam mir wie eine Königin darin vor. Sehr bald nach meiner Ankunft in Riga gab ich einen Liederabend mit Hans Schmidt am Klavier. Es war mein erstes eigenes Konzert nach dem verunglückten mit Herrn von Kotzebue. Jetzt war ich soweit künstlerisch und menschlich gereift, daß ich wirklich mein Bestes auf dem Podium geben konnte. Schon die erste Nummer – eine Gruppe altitalienischer Arien – erzielte einen durchschlagenden Erfolg. Und immer wärmer wurde das Publikum. Als ich dann mit einer Gruppe Hans Schmidtscher Lieder schloß, hatte ich einen Erfolg, wie ich ihn mir nie hätte träumen lassen. Es war wirklich ein Sieg. Meine alte Lehrerin hat dieses Konzert nicht mehr erlebt. Sie war nach Deutschland zurückgekehrt, da sie allmählich alle ihre Schüler verloren hatte und sich in Riga nicht mehr halten konnte. Es kamen nun Jahre voll schöner, reicher Arbeit. In den Ferien bin ich oft Gast von Hans Schmidts alter, blinder Mutter gewesen, an der ich mit großer Liebe und Verehrung hing. Mit seinen beiden Schwestern verband mich auch bald eine innige Freundschaft. Goldene Zeiten verbrachte ich in ihrer kleinen, idyllischen Häuslichkeit in der Nähe Fellins. Unvergessene Tage voll Licht und Fröhlichkeit, wie lebendig steht ihr vor meiner Seele! Sommertage in Livland »Sonny, sieh ein wenig nach, ob von der Landstraße nicht Gäste kommen, es ist so unheimlich still heute.« Sonny erhebt sich lachend, geht hinters Haus und blickt auf die Landstraße: »Nein, Mamachen, die Sache ist völlig hoffnungslos! Heute kommt niemand; du mußt dich schon darauf gefaßt machen, einmal mit uns vorlieb zu nehmen.« »Aber Kinder,« sagt die gütige Stimme wieder, »mit euch zusammen zu sein, ist ja auch herrlich! Ich meinte nur« – eine leichte Verlegenheit liegt auf dem lieben, alten Gesicht mit den blinden Augen. – »Ich meinte nur – die Kümmelkuchen sind heute so besonders gut geraten. Da wäre es doch ein Jammer, wenn nicht auch Gäste sich daran freuen sollten!« Gäste! In keinem anderen Hause im gastlichen Livland habe ich dieses Wort mit solch einem Ton aussprechen hören wie hier. Es lag immer ein festlicher Glanz darauf, besonders wenn die liebe, alte Mutter Malchen es aussprach. Wir sitzen um den Kaffeetisch, der vor dem Hause gedeckt ist. Das Haus liegt ganz einsam. Ein merkwürdig niedriges, flaches Dach deckt es. Es ist überwuchert bis an den Dachgiebel von wildem Wein, der, nie geschnitten, bis auf die Wege sich breitet und wie eine Schleppe das kleine Haus umgibt. Es waren wohl winzig kleine und niedrige Räume, in denen aber erstaunlich viel Gäste Tag und Nacht Platz fanden. Das Häuschen lag hoch; von einer Veranda, die die ganze Breitseite des Hauses einnahm, blickte man hinab auf den See, weit über grüne Rasenflächen und blühende Büsche. Eine kleine, altmodische Holztreppe, auch dicht von Wein umsponnen, führte hinab in den Garten. Hier lebt Sommer für Sommer die blinde, alte Frau Schmidt, die Witwe des früheren Direktors der Schmidtschen Lehranstalt in Fellin. Sie ist überall bekannt unter dem Namen »Mutter Malchen«. Und mit ihr leben ihr Sohn Hans Schmidt und ihre beiden Töchter Sonny und Liesel. Ihre Kinder hatten ihr dieses Häuschen – früher ein Bauernhaus – ausgebaut. Dort sollte sie stille, friedliche Sommerferien verleben. Nur zwei Werst vom Landstädtchen Fellin entfernt, lag dieser kleine Besitz, und es verging kaum ein Nachmittag, an dem nicht irgend jemand aus dem Städtchen dahin pilgerte. Seit Wochen lebte ich dort als verwöhnter Sommergast. Jedem Versuch, diesem Paradies zu entfliehen und meine Ferienreise fortzusetzen, warf sich die ganze Familie mit größter Energie entgegen und schlug ihn stets siegreich zu Boden. »Stör nicht die Gemütlichkeit,« sagte meine Freundin, die lustige Liesel. Ach! und man blieb so gerne! Man ruderte auf dem See, man badete, man sang, man wanderte über die Landstraße, man sah die Sonne hinter den weiten Feldern untergehen und atmete den süßen Duft des blühenden Klees. Man las gemeinsam, lachte, plauderte und schwieg. Am schönsten war es aber doch am Abend. Dann saßen wir auf den Stufen der Treppe und blickten auf den See hinaus zum gegenüberliegenden Ufer hin, wo der Friedhof lag, über dessen dunklen Tannen einsam der Abendstern stand. Und drinnen am Flügel saß Hans Schmidt. Seine Künstlerhände griffen in die Tasten, und wir horchten wie verzaubert auf die Töne, die über das Wasser zogen bis hin zur Ruhestätte der stillen Schläfer da unten. Wie gerne blickte ich dann auf das friedliche Antlitz der Greisin mit den lichtlosen Augen. Das Gesicht, von einer schwarzen Tüllhaube umrahmt, war lieb und klar. Ihre Hände ruhten still gefaltet im Schoße, und sie horchte auf das Spiel ihres Lieblingssohnes. Sie war über achtzig Jahre, aber ihre Seele war hell und vertrauend, wie die eines Kindes, fromm und voller Frieden. Sie sprach nur Gutes von den Menschen, denn sie hatte nur Liebe empfangen und Liebe gegeben durch ein langes Leben hindurch. Wir sitzen um die dampfende Kaffeekanne. Mit einem kleinen Seufzer hatte Mutter Malchen noch einmal konstatiert, daß die Kümmelkuchen heute ganz besonders delikat wären. Wir meinen: gerade gut genug für uns, gar nicht nötig, daß Gäste sie essen. Der Kaffeetisch ist abgeräumt und wir holen unsere Handarbeiten herbei. Auch Mutter Malchen hat ein Strickzeug, das der Sohn »das Gewand der Penelope« nennt. Die Blinde läßt beständig Maschen fallen, die rettungslos in die Tiefe sinken, so daß immer wieder getrennt werden muß. Mutter Malchen soll nun aus ihrem Leben erzählen, wir bitten sie darum. Und sie erzählt aus ihrer Jugend, von Menschen, die längst gestorben sind. Wenn man sie hört, waren alle gut, froh, hübsch, klug und »ideal«, ein Wort, das sie ganz besonders liebt. Sie wird oft unterbrochen von lustigen Bemerkungen ihrer Kinder, die alle drei witzig, schlagfertig und voller Humor sind. Auch Mutter Malchen ist schlagfertig und schelmisch. »Ja,« sagt sie plötzlich und wird ernst, »der beste Mensch und der feinste, den ich jemals gekannt habe, war doch Frauenfelder, ein Lehrer unserer Anstalt.« Unter ihren Worten ersteht ein ergreifendes Bild, das Bild eines Idealisten, eines weltfremden Träumers. Er ist einer von denen, der »sein Leben läßt für seine Brüder«, einer, dem die Wirklichkeit immer fremd geblieben war, und der buchstäblich das Wort der Bibel erfüllte: »Wer zwei Röcke hat, der gebe einen dem, der keinen hat.« Wir sehen ihn mit wunden Füßen durch die Straßen des Städtchens hinken, weil er sich nicht entschließen konnte, verpfuschte Stiefel dem Schuhmacher zurückzugeben, aus Furcht, »es könnte ihn zu sehr beschämen«. Wir sehen ihn im abgetragenen, schlechten Rock fröhlich an Festen teilnehmen, denn seinen guten Rock hatte er jedesmal verliehen. »Das schlimmste aber,« sagt Mutter Malchen, und sie wird noch eben ganz aufgeregt, »war doch, wie ich dahinterkam, daß er Wochen hindurch sein Morgenfrühstück einem Armen gegeben hatte. Mit vielen Listen hatte er das vor uns verborgen gehalten, und Tag für Tag war er hungrig an seine Arbeit gegangen. Als ich es herausbekam, sagte ich ihm kein Wort. Das hätte doch nichts geholfen, kannte ich doch seine Antwort: ›Ach, ich habe es so gut. Gegen das Leben der Armen gesehen, lebe ich im Überfluß.‹ Ich schickte ihm von nun an jeden Morgen die doppelte Portion Kaffee auf sein Zimmer und noch einmal soviel Butterbrote wie sonst. Aber was war die Folge? Von nun an erschienen jeden Morgen zwei Arme, die er zum Kaffee geladen hatte.« Mutter Malchen erzählt bezaubernd. Sie lebt in ihren Erzählungen, und wir horchen auf die friedliche Stimme, die so tröstend klingt, auch wenn sie von Schmerzen erzählt, die ja längst gelitten sind. So spinnen sich die Tage hin in lichter Schönheit. Möchten sie nie ein Ende nehmen! »Es ist doch ein Jammer, daß Doris nicht da ist,« sage ich eines Tages, »sie gehört in dieses Leben.« Meine Freundin Doris lebt auf einem Gut, sechzig Werst von Fellin. »Wir laden sie ein,« ruft Mutter Malchen fröhlich, »sie muß kommen.« – »Natürlich laden wir sie ein,« ruft der Chor der Kinder, »die fehlt uns noch gerade.« »Ja, aber wo bringen wir sie unter?« ruft Sonny bedenklich. Sie ist die einzige von uns, die noch einigermaßen Sinn für Raum und Zeit behalten hat. Die ganze Gesellschaft erhebt sich, um das Haus zu durchstöbern und einen Winkel ausfindig zu machen, in dem man noch einen Gast unterbringen könnte. Die Sache sieht ziemlich hoffnungslos aus, denn das Haus ist winzig klein und jeder Platz ist besetzt. Die abenteuerlichsten Pläne werden geschmiedet, die merkwürdigsten Beschlüsse gefaßt, deren Unausführbarkeit einem sofort einleuchtet. Plötzlich ein Jubelruf von Hans Schmidts Lippen: »Ich weiß etwas, kommt mit mir, ich zeige euch ein Fremdenzimmer.« Er führt uns zu einer kleinen Kammer, es ist das sogenannte »Schinkenzimmer«, ein Raum, wo Räucherwaren aufbewahrt werden. Wir machen uns sofort ans Einrichten. Die Schinken und Würste werden von der Wand gerissen, Sonny kann sehen, wo sie sie unterbringt! Es wird Maß genommen; ob man wohl ein Bett hineinstellen kann? »Ach nein, ein Bett hat keinen Raum. Was machen wir nun?« »Wir nehmen einen Rahmen, der wird Platz haben.« Ein Rahmen mit zwei Böcken findet sich auf dem Boden. Er wird glücklich hineingezwängt und paßt ins Zimmer. Daß Doris sehr groß ist, wird nicht weiter in Betracht gezogen. Nun kann noch ein kleiner Tisch und ein Stuhl in der Kammer Platz finden, sonst nichts mehr. Die fleckigen Wände werden mit Laken ausgeschlagen, und Ranken von wildem Wein bilden den Fries. Dies Zimmer wird der Lieblingsraum des ganzen Hauses. Jeder denkt nur daran, wie er irgend etwas zum Schmuck des »Schinkenzimmers« beitragen könne. Nun ist es fertig. Ich wage zu sagen, daß es mit den weißbeschlagenen Wänden wie eine Leichenkammer aussieht, was allgemeine Entrüstung hervorruft. Eine Einladung an Doris wird mit glühenden Worten geschrieben und die Schönheit ihres Zimmers in allen Tönen angepriesen. Sie muß alles stehen und liegen lassen und sofort kommen. Hans Schmidt macht sich selbst zur Stadt auf, um den Brief als Eilbote auf die Post zu bringen. Und nun warten wir Tag für Tag. Immer sieht man jemand am Eiskeller stehen, von wo es den freiesten Blick über die Landstraße gibt. Ob sie wohl kommt? – Natürlich kommt sie! Endlich gegen Abend des dritten Tages – es waren schon abfällige Urteile über Doris' Saumseligkeit laut geworden – da – ein gellender Ruf von Liesels Lippen: »Sie kommt, sie kommt!« Wir stürzen alle zum Eiskeller hin. Wie eine kleine, feine Silhouette hebt sich ein Wägelchen vom Horizont ab mit einer Gestalt drin und einem Pferde davor. Es kommt langsam näher: Doris ist da und hält bald vor der Haustür. Wir lassen ihr kaum Zeit, aus dem Wagen zu klettern. Das Zimmer, das Zimmer! Jeder will es ihr zeigen. Sie wird im Triumph hineingeführt, wir alle drängen nach, obschon eigentlich nur für eine Person Raum drin ist. Doris ist begeistert; und als ob sie immer dagewesen wäre, so selbstverständlich fügt sie sich in unser Leben hinein. Sie ist ein Mensch voll Gaben und voll Zauber. Sie kann eigentlich alles. Sie singt, sie spielt, sie malt und zeichnet besonders feine Karikaturen. Sie macht witzige Verse und ist voll anmutiger Heiterkeit. Welche Tage voll Licht, voll kindlicher, harmloser Freude, durchfunkelt von Witz und feinsten, künstlerischen Genüssen! Und alles durchglüht von Sommersonne und wärmster Liebe! Man hat uns Balten oft nachgesagt, daß wir unser Leben zu festlich gestalteten, daß Feste und Freude eine zu große Rolle bei uns spielten. Aber haben wir uns nicht auch bewährt, als die Zeiten des Leidens über uns kamen? Hat das Licht uns nicht auch stark gemacht, die dunklen Tage zu tragen? – Lichtvolle Jugend, ein Leben, in dem man sich an der Sonne freute, machen noch in der Erinnerung den grauen Alltag hell und lassen auch die dunklen Schmerzensnächte nie ganz dunkel sein. – Doris ist nur auf ein paar Tage gekommen, aber es geht ihr wie mir, sie wird ganz einfach nicht mehr fortgelassen. Pferd und Wagen werden mit einem Knecht heimgeschickt, und es wird ein großes Fest ihrer Ankunft zu Ehren geplant. Das Fest soll im engsten Familienkreise stattfinden, und es wird eifrig beraten, wie es gestaltet werden soll. Die verschiedensten Vorschläge werden gemacht und wieder verworfen. Eine Idee, die Liesel hat, wird mit Begeisterung angenommen: »Wir lassen Schiffchen schwimmen, wie zur Sylvesternacht.« Jetzt soll jeder sich einen Wunsch ausdenken, von dem kein anderer was wissen darf. Die Wünsche werden auf schmale Papierstreifen geschrieben und streng geheim gehalten. Sonny verschwindet in der Küche und backt Kuchen. Hans Schmidt geht ins Städtchen, um Wein und Konfekt zu besorgen und Doris malt Tischkarten: Karikaturen, die für jeden mit einem scherzhaften Vers versehen sind und eine lustige Szene aus seinem Leben darstellen. Liesel und ich schleppen mit Aufbietung all unserer Kräfte einen riesigen Waschkübel ins Zimmer. Eimerweise tragen wir das Wasser aus dem Brunnen und füllen ihn bis an den Rand unter Spritzen und Lachen. Mutter Malchen ist die glücklichste und aufgeregteste von uns allen. Sie hat einen schelmischen Plan und zieht mich ins Vertrauen: jeder hat für das Schiffchenschwimmen nur einen Wunsch frei, doch sie will ihren Wunsch dreimal aufschreiben lassen, »aber daß keiner was merkt«. Wir beide ziehen uns auf die Veranda zurück, und ich mache drei schmale Papierstreifen zurecht. Auf jeden Zettel läßt sie mich nur den einen Wunsch aufschreiben: »Eine Frau für Hans.« Sie ist glücklich, als ich die Zettel beschrieben habe, nimmt sie in die Hand und befühlt sie. »Wenn doch dieser Wunsch in Erfüllung ginge,« sagte sie mit einem leisen Seufzer. »Ach, Mutter Malchen, so ist es eigentlich viel netter,« sage ich, »denken Sie doch, wenn der Hans uns eine Frau herbrächte, die gar nicht zu uns paßt, was fingen wir dann an?« »Das ist schon wahr,« sagt sie nachdenklich, »aber« – und ein kleiner Schatten von kindlicher Verlegenheit fliegt über das liebe Gesicht, »es könnte ja auch eine Bekannte sein, zum Beispiel eine von euch.« Ihre Stimme sinkt zu einem vertraulichen Flüstern herab. »Sagen Sie mir ehrlich, mein liebes Kind, glauben Sie nicht, daß es vielleicht noch mit Doris was wird? Der Hans war so eifrig beim Zimmereinrichten, daß mein Herz voller Hoffnung ist.« »Liebste Mutter Malchen,« sage ich lachend, »schlagen Sie sich nur die Gedanken ganz aus dem Sinn. Das mit dem Zimmereinrichten will auch gar nichts sagen. Ihm liegt dabei viel mehr am Einrichten als an Doris. Die denken nicht daran, sich zu heiraten, sie sind viel zu gute Kameraden dazu.« Mutter Malchen seufzt. »Es ist eine merkwürdige Welt,« sagt sie, »ich kann mich nicht mehr hineinfinden. Früher war alles so viel einfacher. Je befreundeter man war, desto lieber wollte man sich auch heiraten, und jetzt hindert die Freundschaft einen am Heiraten.« Der Abend ist herangekommen, ein festliches Abendessen hat uns alle vereinigt. Wir sind in Festkleidern erschienen und Mutter Malchen hat ihre schöne Sonntagshaube aufgesetzt. Unter Lachen und Scherzen werden die Tischkarten besehen und die Gedichte gelesen. Wir behaupten, Doris hätte unter ihrer zarten, mädchenhaften Außenseite einen kleinen Giftzahn verborgen, der in ihren Versen und Karikaturen lebendig wird. Nach dem Essen wird das Programm für den Abend und die Nacht entworfen. Zuerst soll eine Bootpartie auf dem See gemacht werden, das einzige, woran Mutter Malchen nie teilnimmt, denn sie fürchtet sich vor Bootfahren. »Während wir auf dem Wasser sind, müssen wir entweder singen, lachen oder pfeifen,« sagen die Kinder; sobald Mutter unsere Stimmen nicht mehr hört, glaubt sie, wir seien ertrunken und wird traurig. Wir steigen in das kleine, weiße Boot, das an der Landungsbrücke liegt, und rudern auf dem See, bis die Dämmerung hereinbricht. Dann kehren wir heim. Nun sitzt alles still auf der Treppe und lauscht auf Hans Schmidts meisterhaftes Spiel. Das übermütige Lachen verstummt, denn ein Dichter redet in Tönen zu uns. Es liegt etwas Wunderbares in seinem Spiel. Seine Töne steigen hinab in tiefste Seelentiefen, rühren mit leisem Finger an Gedanken und Empfindungen, die dort in lautloser Stille ruhten, und eine Sehnsucht ohne Grenzen, aber ohne Schmerz erwacht und füllt die Seele mit einem Gefühle von Glück, denn sie hat ihre eigene Sprache vernommen. Er hat geendet und tritt unter uns. Keiner will sprechen, es liegt wie ein Bann auf uns allen. Wir haben in einer zarten und geheimnisvollen Welt gelebt und finden uns nur langsam in die Wirklichkeit zurück. Sonny findet zuerst den Weg. Sie hat sich leise erhoben und stellt Wein und Konfekt auf den Tisch. »Nun ist genug geträumt,« sagt sie fröhlich, »kommt, stoßt an!« »Jetzt zur Hauptsache,« ruft Liesel, »nun sollen die Schiffchen schwimmen.« Alles sammelt sich um den großen Wasserkübel, der auf hohen Beinen mitten im Zimmer steht. Eine Walnuß wird ausgehöhlt, in die ein kleines Licht hineingesetzt wird. Der Rand des Kübels wird mit den schmalen Papierstreifen beklebt, die über das Wasser hängen. Ich habe die drei Wünsche von Mutter Malchen heimlich nebeneinander befestigt. Nun wird das Wasser in Bewegung gesetzt, das Licht im Walnußschiffchen angezündet und muß seine Fahrt auf dem bewegten Wasser antreten. Liesel und ich haben einen geheimen Bund geschlossen, wir spielen ein wenig Schicksal und geben dem kleinen Fahrzeug unbemerkt die Richtung, die wir wünschen. Es nähert sich schaukelnd einem Papierstreifen und entzündet ihn. Schnell wird er ausgelöscht, vom Rand des Wasserkübels gelöst und gelesen. Sonny ist Vorleserin. Sie beugt sich über den Zettel und liest: »Eine Frau für Hans.« »Hurra, der Wunsch soll noch in diesem Jahre in Erfüllung gehen.« Nun kommt die nächste Fahrt. Wieder wird ein Schiffchen auf die Flut gesetzt, und wir drängen uns um den Rand des Waschkübels. Wieder derselbe Vorgang. Sonny liest den nächsten angebrannten Zettel: »Eine Frau für Hans.« Hans Schmidt lehnt sich auf: »Das geht nicht mit rechten Dingen zu,« ruft er empört. »Wieso,« sagt Mutter Malchen mit unschuldiger Miene, »es können doch zwei Menschen denselben Wunsch gehabt haben?« Hans Schmidt beruhigt sich wieder, und das dritte Schiffchen wird vom Stapel gelassen. Alle sehen mir auf die Finger. Ich kann nichts tun, um ihm die gewünschte Richtung zu geben, da gelingt es Liesel noch schnell, ihm einen kleinen Stoß zu versetzen. Keiner hat es bemerkt. »Nun aber muß ein anderer Wunsch kommen,« ruft Sonny, indem sie den angebrannten Papierstreifen ablöst und zu entziffern versucht. »Eine Frau für Hans« steht zum drittenmal darauf. »Nun ist kein Zweifel, das kannst nur du, Mamachen, gemacht haben,« ruft der Sohn. »Jetzt aber schwörst du, daß das der letzte Zettel ist, den du diktiert hast, sonst verbrenne ich alle auf einmal.« Mutter Malchen lacht so herzlich, daß ihr die Tränen über die Wangen laufen. »Daß gerade meine drei Wünsche zuerst angebrannt sind, das ist doch seltsam und bestimmt ein gutes Zeichen,« sagt sie. Wir sitzen wieder vor dem Hause um den runden Kaffeetisch. Mutter Malchen ist von uns viel geneckt worden, daß sie ihre zweite Tasse Kaffee nicht austrinkt, weil sie immer noch heimlich auf Gäste wartet. Sie lacht in ihrer kindlich fröhlichen Art. »Man kann nicht wissen,« sagt sie schelmisch, »vielleicht kommt noch jemand ganz Besonderes.« »Du rechnest auf Raimund Mühlen,« ruft Liesel, »der kommt aber sicher nicht, er ist ja erst gestern angekommen.« Der berühmte Sänger lebt im »alten Schloß« bei Fellin, aus dem er ein Paradies geschaffen hat. Auch er verbringt dort seine Sommerferien bei seiner alten Mutter und seinen Schwestern. Immer wieder zieht es ihn in die Stille der Heimat, an der er mit leidenschaftlicher, sehnsüchtiger Liebe hängt. Da plötzlich Pferdegetrappel, und eine Kalesche mit zwei Pferden bespannt biegt um die Ecke des Hauses und hält an der kleinen Terrasse. Jubelnder Zuruf von uns allen begrüßt ihn. Es ist wirklich Raimund Mühlen, der im hellen Überzieher, hellen Filzhut, vornehm, blaß und ruhig aus dem Wagen steigt. Wir empfangen ihn mit einem estnischen Festlied: »Pidu hakkab, pidu hakkab, pere eidekene Pane pulma pill hüüdma, pere taadikene.« Bald sitzt er unter uns neben Mutter Malchen, die glücklich ist. Sie liebt diesen ältesten Jugendfreund ihres Sohnes. Er hat eine gute und ehrfürchtige Art mit ihr. Sofort ist er der Mittelpunkt des fröhlichen Kreises. Es ist eine merkwürdige Kraft, die von ihm ausgeht, belebend, erregend. Er blickt um sich mit den Augen, die alles sehen, denen nichts verborgen ist. Auf dem blassen Gesicht liegt eine große Müdigkeit und Trauer, aber wenn er lacht, spielen Grübchen auf seinen Wangen und machen seine Züge hell und kindlich. »Es ist schön bei euch,« sagt er, »ach, und so voller Frieden.«– Er nimmt seinen Hut ab und streicht sich über die Stirn mit der flachen Hand. Es ist dies eine charakteristische Bewegung bei ihm, sie wirkt, als wolle er schwere Gedanken damit vertreiben. Er kommt aus der großen Welt, aus einem Leben voller Glanz, hohem Künstlerruhm, atemloser Arbeit, Kampf und Unrast. Er erzählt. Alles wird wie in hellste Beleuchtung gerückt. Fein, witzig und geistreich sekundiert Hans Schmidt; es ist eine Wonne, den beiden zuzuhören. In einer Pause des lebhaften Gesprächs weist Raimund Mühlen plötzlich auf einen Baum, der links vom Hause steht, von dichtem Gebüsch umgeben. »Dieser Baum muß fallen,« sagt er. »Er verdeckt die Aussicht. Auch das Gebüsch muß fort. Dann wird man den See noch einmal aufblitzen sehen, und eine kleine Windmühle, die am Ufer steht, wird frei.« Er springt lebhaft auf und steigt zur Verandatreppe empor. Er redet wie ein Herrscher, es fällt keinem ein, ihm zu widersprechen. Er hat auch immer recht, der große Künstler mit dem unfehlbaren Blick für Schönheit auf jedem Gebiet, auch für die verborgene, die er überall herausfühlt. Aber Mutter Malchen ist außer sich. Einen Baum soll man abhacken? Einen lebendigen, großen Baum, der sich seines Lebens freut und dessen Wipfel sich so froh in der Sonne wiegt? Sie wird von uns allen übertönt. Was liegt an einem Baum? »Aber es ist ja etwas Lebendiges, Kinder, bedenkt doch!« Und zuletzt sagt die Sanfte ganz energisch: »Ich erlaube es nicht, daß man den Baum abhackt.« Wir widersprechen nicht, verständigen uns aber lächelnd mit den Augen: der Baum muß fallen. – Wir sitzen auf der Veranda beim Abendessen. In unser fröhliches Plaudern klingen plötzlich Axthiebe. Die Blinde horcht erschrocken auf: »Da wird ja was gehackt!« »Holz für die Küche,« sagen wir lachend im Chor, und sie beruhigt sich wieder. Da – ein Krachen von Zweigen, ein Rauschen, der Baum erzittert, neigt sich zur Seite und sinkt zu Boden. Ein Jubelruf folgt seinem Fall. Wir stürzen alle hinaus, was werden wir sehen? Ein wunderbarer Blick ist freigeworden. Man sieht in der Ferne den See noch einmal im Abendlichte aufleuchten. Und richtig, eine kleine Windmühle hebt sich mit ihren dunklen Flügeln wie eine Zeichnung vom hellen Horizont ab. Wir freuen uns alle, nur Mutter Malchen will ein wenig traurig sein. »Der arme Baum,« sagt sie, »nun ist er tot.« Raimund Mühlen faßt die Hand der lieben, alten Frau und führt sie an die Stufen der Veranda. Er erzählt ihr, was man nun alles sehen könne, was bisher vom Baum verdeckt war. Wie er mit Worten zu malen versteht! Wir horchen alle auf ihn, und das kleine, einfache Landschaftsbild vor unseren Blicken bekommt Glanz und Schönheit. Die Blinde richtet ihre lichtlosen Augen nach dem hellen Abendhimmel, den sie nicht sieht, aber man fühlt, daß sie alles schaut, was mit seinen Worten vor sie hingezaubert wird. »Dann ist es ja gut, daß der dumme Baum fort ist,« meint sie mit einem ganz erleichterten Ton. – – – Das Abendessen ist vorüber. Wir sitzen auf der weinumrankten Treppe, die Abendkühle weht vom See herauf und ein Duft von Birken und Kalmus liegt in der Luft. Hans Schmidt hat sich leise erhoben und ist ins Zimmer an den Flügel gegangen. Schumanns »Kinderszenen« erklingen. Wer trifft die Stimmung dieses Abends so wie dieser Poet am Flügel? Es ist spät und unser Gast muß heim. Wir begleiten ihn durch die lichte Sommernacht über die einsame Landstraße, die zwischen Wiesen und Feldern zum Städtchen führt. Ein heller Streifen glüht am Horizont. Es duftet süß nach Heu und blühendem Klee, und durch die tiefe Stille klingt zuweilen das Schnarren des Erdkrebses und das ferne Anschlagen eines Hundes. »Wie schön und lieb ist die Heimat,« sagt Raimund Mühlen leise, »schöner und lieber als alles sonst auf der Welt.« Als wir wieder heimkommen, sitzt Mutter Malchen immer noch friedlich wartend auf der Treppe. Sie hat die Hände gefaltet und horcht auf die Stimmen der Nacht. »Es war ein herrlicher Tag,« sagt sie. »Nun hast du heute doch deinen Gast gehabt,« meint die Tochter lächelnd. »Ja,« sagt die alte Frau glücklich, »und noch dazu was für einen!« Alles im Hause ist zur Ruhe gegangen. Das Lachen ist verstummt, die Lichter sind verlöscht. Ich aber finde noch keine Ruhe im Bett. Leise erhebe ich mich und trete auf die Veranda hinaus in die helle, nordische Sommernacht. Wie seltsam leuchtet das Wasser des Sees herauf, die Dämmerung ist voller Licht. Am Horizont erglüht langsam das Morgenrot, verträumte Vogelrufe werden wach. Mit starker Liebe umfängt mein Herz die Heimat und leise wiederhole ich die Worte Raimund Mühlens: »Wie schön und lieb ist die Heimat, schöner und lieber als alles sonst in der Welt!« Erinnerungen an die Schröder-Devrient Meine Freundin Doris und ich haben eine Einladung auf das Gut Kersel, in der Nähe von Fellin, erhalten zum livländischen Landmarschall, Herrn von Bock. Die beiden alten Freundinnen Amalie und Elise von Jung-Stilling bringen den Sommer bei ihm zu, und wir sollen das Gut Kersel kennen lernen, das für uns von größtem Interesse ist. Hat doch die berühmte Opernsängerin Wilhelmine Schröder-Devrient als Gattin des Landmarschalls einige Jahre dort gelebt. Es ist ein früher Sommermorgen und die Wiesen sind voll Tau und Sonne. Aus den Feldern steigt singend die Lerche. Wir sitzen in einem Postwägelchen, das fröhlich über die helle Landstraße rollt. Die Postglocken klingen lustig durch die Morgenstille, und wir sind beide voll froher Erwartung. Längst schon haben wir es uns gewünscht, den Ort kennen zu lernen, in dem die berühmte Künstlerin Jahre hindurch gelebt, gekämpft und gelitten hat. Ja, es war ein seltsamer Weg, der die größte Opernsängerin ihrer Zeit in unser stilles, kleines Land geführt hat. Auf einer Konzertreise durch Livland wurde sie zum Schluß durch ihren Impresario um ihren ganzen Schmuck und ihr Vermögen gebracht. In dieser Notlage fand sie ritterlichen Schutz und Hilfe bei Herrn von Bock, und schließlich folgte sie ihm als Gattin auf sein Gut in Livland. Sie war müde der Welt und sehnte sich nach einem Hafen; seine grenzenlose Liebe schien ihr alles ersetzen zu können, was sie verließ. Aber sie war ein gefangener Adler, die Große, Starke – in der Stille eines livländischen Gutes. Sie schlug mit ihren mächtigen Schwingen gegen die Stäbe des Käfigs, in dem sie von viel Zartheit und Liebe umgeben war. Für sie aber blieb es ein Gefängnis. Und eines Tages durchbrach sie die Wände, die sie umschlossen, und floh wieder dahin zurück, wo sie hingehörte, in die große Welt, ins Künstlerleben. Die Fahrt dauerte fast zwei Stunden; aber sie wurde uns nicht lang. Es liegt eine große Poesie in solchen Fahrten durch unser liebes Heimatland. Unser Weg führte uns durch Felder und Wälder, Moraste und Wiesen. Dazwischen gab es wunderbare Fernblicke über das weite Land, das voll Lerchensingen und Stille war. Es ging an einzelnen Bauerngehöften vorüber, an flachsköpfigen Kindern und arbeitenden Leuten. Über allem aber lag eine tiefe Einsamkeit. Da bog unser Kutscher von der Landstraße ab in eine breite Allee, die zum Herrenhause Kersel führte. Wir fuhren um einen großen Rasenplatz vor dem Hause und hielten vor der breiten Verandatreppe, auf der, uns mit einer gewissen Feierlichkeit erwartend, der Hausherr stand. Hinter ihm sahen wir seinen alten, treuen Diener, der eilig die Stufen herunterkam und uns aus dem Wagen half. Es war ein Aristokrat der alten Schule, der uns mit ruhiger Würde empfing. Seine hohe Gestalt war nur wenig gebeugt, das Haar grau und dicht gelockt; das Gesicht still und friedvoll. Er führte uns in ein behagliches, altmodisches Haus; langgestreckt und niedrig, mit hohem Parterre, lag es da. Aber in den inneren Räumen lebte eine reiche, verschollene Welt für sich, voller Schönheit und Tradition. Im Wohnzimmer begrüßten uns Tante Malchen und Tante Elise herzlich, und wir wurden gleich an den Frühstückstisch, der auf der Terrasse gedeckt war, geführt. Ein wunderbarer Anblick tat sich vor uns auf, als wir hinaustraten! Vor uns lag ein Rosengarten mit vielen Hunderten von Rosenstämmen und Rosenbüschen, alle in vollster Blüte! Der Garten war von allen Seiten durch einen dichten Tannenwald geschützt; aber ein Durchhau gab den Blick frei auf eine kleine Kirche, die gegenüber auf einem Berge lag. Nach dem Frühstück wanderten wir durch den Garten. Es duftete nach Rosen, nach Reseden und Levkojen. Ins Haus zurückgekehrt, machten wir Musik, und ich sang an dem Flügel, an dem einst die Schröder-Devrient gesungen hatte! Wie behaglich die Zimmer eingerichtet waren! Mit schönen, alten Mahagonimöbeln und wunderbaren alten Stichen an den Wänden. Über dem ganzen Hause lag etwas Feierliches, Stilles. Es schliefen dort Geheimnisse, die längst gelebt und Schmerzen, die längst gelitten waren, an die aber nicht gerührt werden durfte. In der Mittagsruhe nach dem Essen lag das ganze Haus wie verzaubert da, umduftet von Rosen, umsummt von Bienen und umschwirrrt von Schwalbenrufen. Dann fand sich alles wieder auf der Terrasse zusammen, wo der Kaffeetisch bereits gedeckt war. Wir freuten uns am alten Silber, an den alten Tassen, die den Tisch schmückten. Auf jedem Platz lag eine eben erblühte Rose, die der Hausherr uns hingelegt hatte. Nach dem Kaffee winkte Tante Malchen uns freundlich zu. Sie hatte die Erlaubnis erhalten, uns das ganze Haus zu zeigen, vor allem die Zimmer der Schröder-Devrient, die noch genau so erhalten waren, wie damals, als die stolze, leidenschaftliche Frau in ihre alte Welt zurückkehrte. Wir stiegen eine Holztreppe in die obere Etage hinauf. Dort war das kleine Reich der großen Frau für eine kurze Zeit gewesen. Voll Staunen trat man in die Zimmer, in denen man sie sich nicht vorstellen konnte. Sie waren niedrig, mit weißen Holzdielen, in den kleinen Fenstern winzige Scheiben. Wie eng, wie bescheiden war alles! Mir fiel das Wort aus dem Korintherbrief aufs Herz: »Die Liebe glaubet alles und hoffet alles.« Welch einen Mut besaß der junge livländische Edelmann, auf welch einer Kraft der Liebe baute er, daß er glauben konnte, hier würde ein Adler ruhen, würde eine geniale Künstlerin die Welt vergessen können, die große, starke, in die sie gehörte! An einem der Fenster stand ihr Nähtisch. Ich setzte mich auf den davorstehenden Stuhl und blickte aus den niedrigen Fenstern hinaus, wie sie wohl oft voll Sehnsucht hinausgeblickt hatte. Dann öffnete ich ihren Nähtisch, wo noch die Häkelarbeit lag, an der sie zuletzt gearbeitet. Die Häkelnadel steckte im Knäuel, als hätte sie sie eben aus der Hand gelegt. Auf dem Schreibtisch lag ihre Mappe, auf der Toilette stand alles wie unberührt. Wir waren allein mit den beiden Tanten. »Ach, Tante Malchen, erzählen Sie von ihr,« baten wir. Und Tante Malchen erzählte. Wir sahen die große, stolze Künstlerin durch die niedrigen Zimmer schreiten: auf und ab, auf und ab, mit der heißen Sehnsucht ringend, nach der Welt, die ihre eigentliche Welt war. – Wir sahen sie mit einem Beil in der Hand zum Walde wandern und Bäume umschlagen, weil die ruhelose Seele sich Luft schaffen mußte. Wir sahen sie dann wieder als sorgfältige und peinliche Hausfrau sich um alles und jedes kümmern. Sie brauchte ihre Wäsche nach der Nummer und kochte das schönste Essen, sie wußte um alles Bescheid. Aber auch das gab ihr keine Ruhe. »Am schönsten aber,« sagte Tante Malchen, »und am schwersten war es, wenn sie sang, und die wenigen Zuhörer bis ins tiefste erschauerten vor der Größe ihrer Künstlerschaft und der Herrlichkeit ihrer Stimme. An einem Abend, nachdem sie eine ihrer schönsten Partien, Glucks »Iphigenie« gesungen und gespielt hatte, sei sie zusammengebrochen und habe unter wildem Schluchzen gerufen: »Ich muß meine Welt haben, sonst muß ich sterben! Ich, eine Künstlerin, muß in Livland Grütze kochen!« Während der Erzählungen schaute ich mich still in den Räumen um. Was hatten sie gehört, was erlebt! Aber die Tränen, die hier geweint, waren längst getrocknet, die Seufzer, die diese Wände gehört, waren längst verklungen. Da trat der alte Diener in die Tür und rief uns in das Studierzimmer des Hausherrn. »Jetzt kommt etwas Großes,« sagten die Tanten. »Er will euch das Bild der Schröder-Devrient zeigen. Das ist eine besondere Auszeichnung.« Wir folgten dem Diener in die unteren Räume. Er öffnete uns die Tür. Der Hausherr erhob sich von seinem Schreibtisch und sagte mit gütigem Lächeln: »Ich wollte Ihnen das Bild meiner Frau zeigen. Es wird Ihnen Freude machen.« Der Tür gegenüber, durch die wir eingetreten sind, fast die ganze Seite der Wand ausfüllend, hängt das Bild, von einem grünen Vorhang verhüllt. Er tritt daneben und zieht ihn mit leiser Hand zurück. Und lebensvoll, in wunderbarer Schönheit und Jugend, strahlt uns ihr Bild entgegen. Sie sitzt in einem tiefen Lehnstuhl, in dunklem Sammetkleide. Die eine Hand ruht lässig im Schoß und hält ein Spitzentüchlein umschlossen, die andere stützt sich mit den schlanken Fingern auf die Lehne des Sessels. Das Bild stellt sie in dem Augenblick dar, da sie sich vom Stuhl erheben will. Wie wunderschön war sie, wie sie so lächelnd und stolz zu uns herüberblickte! Keiner von uns spricht. Die Abendsonne fällt durch das Fenster und spielt in dem grauen Haar des Mannes, der diese Frau über alles geliebt hatte, der ihr alles geben wollte und sie doch nicht halten konnte, denn über ihrer Stirn leuchtete unsichtbar die Krone des Genies mit dem Fluch der Ruhelosigkeit: »Uns ist gegeben, an keiner Stätte zu ruhen.« Unsere Postpferde standen vor der Tür. Wir mußten heim noch vor Einbruch der Dunkelheit. Ein kurzer Abschied, und wir fuhren in die lichte Dämmerung des Sommerabends hinaus, beide schweigend. Dann kam es leise über meine Lippen: »Wie glücklich war er! Was sind die Schmerzen, die er gelitten gegen dieses Glück? Denn er hat eine Königin geliebt.« Mühlen-Konzerte Den Finken des Waldes – die Nachtigall ruft. Von Geigenstrich hallt es goldrein durch die Luft. »Ihr Zwitschrer, ihr Schreier, nun spart den Diskant. Der Heini von Steier ist wieder im Land.« Der Schuster im Gaben schwingt's Käpplein und spricht: »Der Himmel in Gnaden vergißt unser nicht. Sohlleder wird teuer, Bundschuh platzt am Rand; Der Heini von Steier ist wieder im Land!« Der Hirt läßt die Herde, der Bauer den Pflug, Der Fuhrmann die Pferde, der Wirt läßt den Krug. Der Schulz und der Meier kommt scheltend gerannt: »Der Heini von Steier ist wieder im Land!« Schon schwirren zur Linde, beglückt und entzückt. Die lieblichen Kinde, mit Kränzen geschmückt. Wo weilen die Freier? Manch Herz steht in Brand: Der Heini von Steier ist wieder im Land! Und wer schürzt im Gärtlein den Rock sich zum Sprung?! Großmutter in Runzeln, – auch sie wird heut jung! Sie stelzt wie ein Reiher dürrbeinig im Sand: Der Heini von Steier ist wieder im Land! Der aber hebt schweigend die Geige zur Brust, Halb brütend, halb geigend, des Volks unbewußt, Leis knisternd strömt Feuer durch Saite und Hand. – Der Heini von Steier ist wieder im Land! Ja, so war's, wenn es in jedem Herbst hieß: Raimund Mühlen kommt zu Konzerten nach Riga! Er war unser Heini von Steier, und mit ihm kam elektrisierende Freude, die jung und alt erfüllte. Der Alltag hörte auf; es gab nur noch Sonntage, »mit einem Sträußlein auf dem Hut«. Das Lehen nahm uns ganz gefangen, und unsere Mütter fügten sich, wenn auch mit Seufzen, in ihr Schicksal, in dieser Zeit mit den Töchtern nicht rechnen zu können. Ach, meine arme Mutter! Ihre sonst in meinem Leben so stark wirkende Autorität zerrann in nichts. Ich stürmte, ohne viel zu fragen, meinen Weg dahin, hielt die Hausordnung nicht mehr ein, versäumte Mahlzeiten, ohne jemals Reue darüber zu empfinden, nahm bei noch hellichtem Tage den Hausschlüssel, verschwand wie ein leichtsinniger Student, auf viele Stunden und kam oft erst am Morgen wieder heim, denn wo Mühlen war, wurde die Nacht zum Tage gemacht. Wir Freundinnen steckten immer beieinander, besprachen die Programme, erörterten künstlerische Fragen, die durch Mühlen in uns angeregt waren, oder saßen auch nur froh beisammen, denn wie ein starker Strom ging die Freude von dem großen Künstler aus. Und dann kamen die Konzerte! Nie wieder habe ich solche Konzerte im Schwarzhäuptersaal erlebt, mit solch einer Feststimmung, mit so auserlesenem Publikum. Die ganze Geistes- und Geburtsaristokratie von Stadt und Land war versammelt und saß in Festkleidung und Feststimmung erwartungsvoll da. Man grüßte jeden, denn man kannte jeden. Man wußte, wie jeder sich auf diesen Abend freute. Es war, als bildeten alle eine große, begeisterte Familie, die sich eins wußte in der Vorfreude. Ist es der Jugendglanz, der auf diesen Erinnerungen liegt, der sie so unbeschreiblich schön und lichtvoll macht? Oder waren die Konzerte wirklich etwas Besonderes? Ja, ein Liederabend von Raimund Mühlen und Hans Schmidt war etwas Besonderes, etwas Vollkommenes in seiner Art, denn diese beiden vornehmen Künstler gaben in anderer Weise, als man es sonst in Konzerten erlebte. Sie ergänzten sich, wie wohl noch nie Sänger und Begleiter sich ergänzt haben, waren sie doch Söhne eines Landes, unserer Heimat, miteinander aufgewachsen, einander verwandt, künstlerisch und menschlich. Es waren zwei Poeten, die den tiefsten Herzschlag des Dichters und des Komponisten erlauscht hatten, und denen ein Gott gab, das in ihre Seelen aufzunehmen und auszusprechen. Wir waren viel beisammen, bei Freunden und Bekannten. Man sah sich fast täglich. Hans Schmidts Haus stand uns offen. Dort verbrachten wir nach den Konzerten oft frohe Stunden. Ganz besonders schön aber war es, wenn die »Börsentanten« eine ihrer erlesenen Gesellschaften gaben. Dort kam alles zusammen, was in weiteren Kreisen den Künstler liebte und verstand. Die Auswahl der Geladenen so zu gestalten, daß sie Mühlen Freude machte, war nicht immer leicht. Ein einziges Element, das nicht ganz hineinpaßte, konnte dem Nervösen, Übersensitiven, für den ganzen Abend die Stimmung verderben. War er aber in Stimmung, so konnte niemand bezaubernder, lustiger und hinreißender sein, als er. Oft ließ er uns in das Geheimnis seiner künstlerischen Arbeit tief hineinschauen. Wir, die wir ihm von Anfang seiner Laufbahn gefolgt waren, konnten das Wachstum dieses unermüdlich Arbeitenden Jahr für Jahr in seinen Konzerten verfolgen. Er kämpfte mit seinem Organ, das eine klangliche Sprödigkeit hatte. Aber es war die ausdrucksfähigste Stimme, die ich kenne. Und ich liebte sie, die, transparent, jede geistige und seelische Erregung durchschimmern ließ. Ich habe immer die Empfindung gehabt, daß der Kampf mit seinem Organ, das oft stimmlich nicht aus dem Vollen schöpfen konnte, sein Singen intensiver vergeistigen ließ. Ich habe ihn in allen Phasen seiner künstlerischen Entwicklung gehört. Zuerst war es eine feine, klingende Seele, poetisch und eindringlich, die aus einer kleinen Stimme sprach. In dieser Zeit sang er viel zarte Schumannlieder. »Alte Laute« und »Wer machte dich so krank?« hat niemand gesungen, wie er damals. Und nie wieder hat jemand die Worte des Schumannliedes »Du Rose meiner Schmerzen« so ausgesprochen, wie er. Dann kam eine Zeit, – nachdem er in Italien und Paris studiert hatte – wo er fremdsprachige Programme vorzog. Wir sehnten uns nach unseren deutschen Liedern, wenn wir auch anerkennen mußten, daß seine Stimme sich stärker und glänzender entwickelt hatte an all den Tosties und Chaminads. Als ich ihm das einmal nach einem Konzert sagte, wurde er zornig. »Versuchen Sie es doch, eine richtige italienische Kantilene in ein deutsches Lied hineinzubringen,« sagte er. »Italienisch singt es sich von selbst, während man bei deutschen Konsonanten immer spucken muß. Machen Sie doch Ihre deutschen Ohren auf, und freuen Sie sich am italienischen Klang. Ihr aber wollt immer, daß man seine Seele vor euch zerfetzt.« Dann war auch diese Periode überwunden. Es gelang ihm, italienische Kantilene und Intensität des Tones auf das deutsche Lied zu übertragen. Wundervoll wurden seine Programme; sie waren von höchsten Gesichtspunkten zusammengestellte Meisterwerke. Es gab keine Konzessionen mehr, nicht die kleinsten. Den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens bildete für mich ein Schubert-Goethe-Abend. Wer ihn damals »Füllest wieder Busch und Tal« singen hörte, hatte eine Erinnerung fürs ganze Leben. Ich bin zuweilen gefragt worden, wie ich Mühlens künstlerische Persönlichkeit mit der Stockhausens vergleichen würde. Sie war Stockhausen verwandt und doch ganz anders geartet. Mit Stockhausen hatte er die klassische Behandlung der Sprache gemein, den vornehmen, edlen Stil. Das Charakteristische bei Stockhausen aber war, daß er jedes Lied in eine verklärte, lichtvolle Atmosphäre trug. Er rückte es damit gleichsam ferner, aus dem Leben hinaus. Mühlen dagegen war moderner und leidenschaftlicher. Er erschütterte die Seele seiner Zuhörer, weil er sie in die Welt seiner Lieder hineinriß, stark und zwingend, daß es einem war, als hörte man von seinen eigenen Leiden und Freuden singen. Er ging nie die eingetretenen Pfade der Auffassung. Immer wieder hörte man etwas Neues bei allen oft gesungenen und gehörten Liedern, die er so überzeugend wiedergab, daß man sich sofort sagte: So und nicht anders muß es sein. Jedes Lied war durchdacht bis in seine äußersten Feinheiten, wurde dann aber in ein stärkstes persönliches Leben getaucht, damit erfüllt und durchglüht. Viele konnten ihm nicht folgen. Die mußten eben dahinten bleiben. Ein geistvoller Arzt sagte mir einmal nach einem Mühlen-Konzert: »Ich beurteile den Bildungsstand eines Menschen nach seinem Verständnis für Mühlens Gesang.« Mühlen gehörte zu den stärksten und originellsten Persönlichkeiten, die mir im Leben begegnet sind. Er war leidenschaftlich in Haß und Liebe, Freude und Ärger; dabei voller Humor und so drastisch in seinen Vergleichen, daß man oft gar nicht aus dem Lachen und Staunen kam. Er konnte sich zuweilen so steigern – auch hier arbeitete seine künstlerische Phantasie – daß man erschrocken diesen Sturzbächen von Zorn, die oft geringfügige Ursachen in ihm entfesselten, zuhörte. Plötzlich konnte er sich dann unterbrechen und in einem ganz anderen, fast kindlich friedlichen Ton sagen: »Ja, warum habe ich mich denn so aufgeregt? Die Sache ist mir vollständig gleichgültig.« Alles, was er anfaßte, im Leben und in der Kunst, bekam eine besonders intensive, persönliche und künstlerische Gestaltung. Er schaffte Schönheit um sich, denn er konnte nichts Häßliches sehen, ohne es innerlich sofort in schönerer, veredelter Form zu schauen. Und dann hatte er keine Ruhe, ehe dem inneren Bilde die äußere Gestalt entsprach. Auch mir kam dieser Schönheitssinn zugute. Eines Tages erschien Mühlen mit Hans Schmidt unerwartet bei mir. Als er in mein Musikzimmer trat, übersah er es einen Augenblick mit seinen scharfen Augen. »Das Zimmer muß anders eingerichtet werden,« erklärte er sofort. Und ohne zu zögern machte er sich ans Werk. »Die Tapete ist unmöglich! Hans,« – zu Schmidt gewandt – »du mußt dafür sorgen, daß sie gestrichen wird. Für die Bilder und Büsten muß ein einfarbiger Hintergrund geschaffen werden.« – Alle Hausgenossen, staunende Schüler, die zur Stunde gekommen waren, wurden angestellt. Wie ein Feldherr stand er inmitten des Zimmers, dirigierte, befahl, packte auch selbst an. Widersprüche gab es keine. Wünsche durften nicht geäußert werden. Was ihm mißfiel, wurde erbarmungslos aus dem Zimmer verbannt. Unter seinen Händen entstand aber bald ein entzückender Raum. Ich ahnte nicht, daß ich so hübsche Sachen besaß, denn er verstand es, ein jedes Stück an einen Platz zu stellen, auf dem es zur Geltung kam. Fast kindlich wirkte dann seine Freude, als alles geordnet war, wie er es sich gedacht hatte. Dann saßen wir fröhlich beisammen im »neuen Zimmer«, wie es genannt wurde. Tags darauf meldete mir ein Brief von Hans Schmidt, die Maler seien bestellt, das Zimmer würde gestrichen. Über die Farbe brauche ich nicht nachzudenken; die sei auch bereits bestimmt. Die Maler kamen und strichen die Wände graublau. Hans Schmidt schickte Gardinen mit blaßblauen Mohnblüten für die Fenster, und von Mühlen kamen, mit einem lustigen Gedicht, blaue Plüsch- Portièren für die Türen. Und als die beiden Freunde kamen und alles in bester Ordnung, genau nach Mühlens Angabe eingerichtet, fanden, sprachen sie ihre höchste Zufriedenheit aus, und ich war die Besitzerin eines wunderschönen Musikzimmers. Für Mühlens Konzerte dachten wir uns immer irgend eine Überraschung aus, die niemand so genoß wie er, namentlich wenn sie in scherzhafter Form erschien. – Eine Hauptsache dabei war es, unerkannt zu bleiben. Aber meist erriet er sofort den Anstifter, und nur in seltenen Fällen konnte man ihn dauernd irre führen. Einmal nur gelang es mir. Ich hatte mir folgende Überraschung erdacht, die ich mit einer Freundin ausführte: wir bestellten einen Blumenstrauß und ich machte folgende Verse dazu: Wenn in dunkler Nacht ein Wandrer Einsam auf zum Himmel blickt, Kleinsten Sternleins blasses Flimmern Ihm die Seele dann erquickt. Sieh umher! Mit leisem Grüßen Aus der Heimat, der du fern, Soll'n dich diese Blumen grüßen Als solch kleiner, blasser Stern. Mühlen trennte sich immer schwer von der Heimat, an der er mit starker Liebe hing. Wohl erwarteten ihn in Berlin ein schönes, reiches Heim, ein großer Freundeskreis, aber das Echte, Feine in ihm fror in der Fremde. An diesen Zug seines Wesens hatte ich bei diesem kleinen Gedicht gedacht. Dieses und der Strauß wurden, wohlverpackt in einer Schachtel, einem Eisenbahnschaffner übergeben, mit der Weisung, beim Verlassen der livländischen Grenze Mühlen das Päckchen zu überreichen. Wir hatten die Überraschung so geheim gehalten, daß niemand eingeweiht wurde als ein Schüler, der den Packen auf die Bahn brachte und bei seiner Tertianerehre geschworen hatte, das Geheimnis zu wahren. Nach einigen Tagen stürzte Hans Schmidt zu mir mit einem Brief von Mühlen, der in den wärmsten Worten von der Freude sprach, die ihm die Überraschung bereitet habe. Mühlen gab ihm den strikten Auftrag, unter allen Umständen den Täter ausfindig zu machen. Er kam zu mir, mit der Bitte, ihm dabei zu helfen, wozu ich mich sofort bereit erklärte. Es machte mir natürlich großen Spaß, diesen Schlauen irrezuführen und ihn immer wieder auf neue Spuren zu hetzen. Mehrere Jahre hindurch gelang es mir, diese Überraschung bei der Abfahrt Mühlens zu wiederholen und unbekannt zu bleiben, bis einmal Mühlen in einer Gesellschaft davon erzählte. Ich verhielt mich ganz still und wagte kaum aufzusehen, um mich nicht zu verraten. Da traf mich ein Blick Mühlens, und er las alles in meinem Gesicht. – »Sie waren's!« rief er, »Sie, und kein anderer. Jetzt weiß ich es!« – Ja, vor Mühlen konnte man auf die Dauer keine Heimlichkeiten haben. Großes Entzücken erregte einmal eine Sammlung von Karikaturen: »Mühlen und Schmidt auf dem Podium und im Künstlerzimmer«, mit Versen dazu. Die beiden Künstler konnten sich gar nicht von dem Heft trennen und nahmen es überall hin mit, um es zu zeigen. Doris von Kruedener und ich galten lange Zeit hindurch, trotz alles verzweifelten Leugnens, als die Autoren dieser geistreichen Sammlung. Wahrhaftig, ich wollte, wir wären's gewesen! Besondere Höhepunkte dieser Festtage waren immer die Konzerte in Mitau. Wir alle fuhren hin, oft gegen zehn Personen. Man wohnte im schönen, alten Hotel Zehr, plünderte die Gärtnereien der kleinen Stadt, um das Zimmer, in dem das Abendessen nach dem Konzert stattfand, zu schmücken. Es war stimmungsvoll mit schönen, altertümlichen Möbeln eingerichtet; an der Wand hing ein großes Ölgemälde, das Bild der letzten Herzogin von Kurland. Von Mühlen hatte man vor den Konzerten nichts. Er war meist gespannt und nervös, und man ging ihm gern aus dem Wege. Aber wenn seine große künstlerische Arbeit hinter ihm lag, tat sich seine Seele weit auf und war wie erlöst und voller Freude. Wir liebten das Mitauer Publikum; denn es war warmherzig, spontan, begeisterungsfähig und unkritisch im schönen Sinne des Wortes. So wurden die Mitauer Konzerte immer von besonderer Wärme und persönlicher Herzlichkeit getragen. Wie strahlend froh präsidierte Mühlen an der Festtafel! Man erzählte seine Eindrücke aus dem Konzert. Vor allem aber mußte man berichten über die drolligen Bemerkungen und Urteile aus dem kurländischen Publikum. Sie waren oft weit entfernt von künstlerischem Gesichtspunkte und doch stark und echt in ihrer drastischen, persönlichen Art. Ganz besonders aber begeisterten Mühlen sogenannte »dumme Urteile«, über die er unbeschreiblich lachen konnte. Auf der Heimfahrt gab es meist eine Flasche Champagner, die Mühlen heimlich erstanden hatte und nun mit einem Bierglase aus seiner Manteltasche zerrte. Es war nicht zu beschreiben, was an lustigem Unsinn auf solchen Heimfahrten alles produziert wurde! Zuweilen wurden in der Gesellschaft Rollen verteilt, die jeder während der Fahrt festhalten mußte. Am Vormittag eines Konzertabends sandte Hans Schmidt uns heimliche Botschaft: »Freunde! Rettet Mühlen! Ladet uns nach dem Konzert ein! Mühlen hat in Erfahrung gebracht, daß er heute Abend in einem vornehmen Hotel von einem großen, fremden Kreise gefeiert werden soll. Er droht, sich das Leben zu nehmen, wenn das geschieht; also: rettet ihn!« Wir kamen zusammen und beratschlagten. In unseren Häusern war es unmöglich. Eine Gesellschaft so Hals über Kopf konnten wir bei unseren Müttern nie erreichen. Die einzigen, die es tun würden, waren die »Börsentanten«, die engelsguten. Meine Freundin Anni und ich machten uns auf den Weg, den Sturm zu wagen. Ich sehe uns noch beide, etwas zagend und doch fest entschlossen hinter der Glastür stehen, die zu »Tante Malchens« Musikzimmer führte. Sie gab eben Stunden: eine geheiligte Zeit, die respektiert werden mußte. Aber uns war nichts mehr heilig. Wir holten sie aus der Klavierstunde, knieten vor ihr nieder und sprudelten unsere Bitte heraus: »Ach, Tanten, ladet uns alle heute nach dem Konzert ein!« Dann erzählten wir von Mühlens Bitte, von seinem drohenden Selbstmord. Tante Elise kam dazu, stellte sich sofort auf unsere Seite, und die Guten, die so jung mit der Jugend zu sein verstanden, erfüllten unsere Bitte. Wie sie es machten, die Vielbeschäftigten, in wenigen Stunden ein glänzendes, kleines Fest anzuordnen, das weiß ich nicht; das war das Geheimnis der »Börsentanten«. Wie grausam man doch sein kann, wenn man jung ist! Nicht ein Schatten von Mitleid erfüllte uns, als die fremden Abgesandten mit ihrer Einladung im Künstlerzimmer erschienen und von Mühlen mit vollendet weltmännischer Höflichkeit, die ihm, wenn er wollte, wie keinem anderen zu Gebote stand, abgewiesen wurden, da er »zu seinem Bedauern bereits eingeladen sei«. Tief enttäuscht zogen sie ab und mußten ihr ganzes, herrliches Souper allein verzehren. Wie Verschwörer trafen wir uns dann bei den Börsentanten und brachten ein Hoch nach dem anderen auf die beiden aus. Sie hatten ein reizendes, kleines Fest veranstaltet. Es war einer der stimmungsvollsten Abende, und Mühlen dankte ihnen in der ritterlich kindlichen Art, die er alten Damen gegenüber haben konnte. Aber nicht nur Glück und Freude brachten mir diese Tage, auch still getragene Schmerzen. Der starke Tropfen Künstlerblut, der in meinen Adern floß, regte sich und machte mir wieder viel zu schaffen. Es gab Nächte, die mich ruhelos in meinem Zimmer fanden, denn mein Leben mit seinen friedvollen Grenzen erschien mir eng und erstickend; die Arbeit mit meinen Schülern dilettantisch und tötend. Wie oft dachte ich da an das »häßliche, graue Entlein« von Andersen, das auf seinem kleinen Teich rastlos rudert, um nicht dort einzufrieren und zu erstarren. Und dann sieht es plötzlich die Schwäne, die stolzen, herrlichen Vögel, die hoch über ihm dahinfliegen, fort, nach wärmeren Ländern, nach offenen Seen. Die fremden Vögel liefen aus der Höhe und weckten die Sehnsucht in ihm, mitzufliegen. Es antwortete ihnen mit einem Ruf, der aber nicht schön klang. Und als sie am Horizont verschwanden, war es außer sich. Jetzt weiß ich genau, daß ich nicht in die Lüfte gehörte, daß ich nie mit den fremden, großen Vögeln hätte fliegen können! In wunderbarer Erinnerung ist uns allen ein Konzert Mühlens geblieben. Er sang unter anderem eine große Schumann-Gruppe: »Die Löwenbraut«, »Mit Myrthen und Rosen«, und dann die ganze »Dichterliebe« mit dem gewaltigen Schluß: »Und holt mir auch zwölf Riesen, und Bretter fest und dick. Die sollen sein noch stärker, als wie zu Mainz die Brück! Die sollen den Sarg forttragen, und senken ins Meer hinab. Denn solchem großen Sarge gebührt ein großes Grab.« Und nun kam das Nachspiel, von Hans Schmidt gespielt, wie nur er so etwas gestalten konnte. Als er geendet hatte, herrschte tiefe Stille – so selten im Konzertsaale nach einem großen, künstlerischen Erleben – die wie nichts sonst den Künstler beglückt. Und dann brach ein Jubel los, wie ich ihn auch in diesen Konzerten kaum je gehört. Fast scheu betraten wir nachher das Künstlerzimmer. Blaß und abgespannt stand Mühlen da. Man wagte nicht, ihn anzureden. Da öffnet sich plötzlich die Tür und herein tritt eine kleine Gestalt, unscheinbar, das Gesicht blaß, die Haare grau, die Augen hell, Mühlen kennt sie nicht. Wir aber kennen und lieben sie. Es ist eine angesehene Literaturlehrerin, Goethe-Kennerin und -Schwärmerin. Sie versteht die große Kunst zu lieben und sich bis auf den Grund der Seele zu freuen und zu begeistern. »Herr von Mühlen!« ruft sie und ist einen Augenblick in der Tür stehen geblieben. Er sieht erstaunt auf, ablehnend, wie immer gegen Fremde. Sie fühlt und sieht das alles nicht. Ihre Seele flammt und glüht. Sie hat den Weg mit stürmischen Schritten von der Tür zu ihm zurückgelegt, hat seine Hände ergriffen und hält sie fest in den ihren: »Herr von Mühlen,« ruft sie, »wenn Sie jemanden brauchen, der Ihnen etwas aus dem Feuer holen soll: meine Adresse ist Puschkinboulevard 6, Bertha Nölting!« So etwas genoß Mühlen, wie kaum ein anderer. Wie konnte er lachen! Wie glücklich war er dann. Wehe aber, wenn man ihm eine Banalität sagte, wie wir es nannten: »dumm lobte«. Am erbarmungslosesten war er gegen alles, was Phrase hieß. Da erlaubte er sich Antworten, bei denen sich einem die Haare sträubten. – »Wir können so nicht nach Hause gehen. Wir müssen nach dem Konzert beisammen sein und alles durchsprechen; lassen Sie uns zu Ihnen kommen,« drängten wir Hans Schmidt. »Ich habe nicht genug zu essen. Ich kann euch nicht einladen,« wehrte er verzweifelt. »Das soll unsere Sache sein,« jubelten wir. »Jeder fährt nach Hause und bringt etwas aus seiner Handkammer; was fehlt, holen wir aus dem Hotel.« »Ja, ja, so soll es sein.« »Ich habe einen Kalbsbraten«, »ich habe Schinken«, »ich habe Wein,« rief alles durcheinander. Wir machten uns auf den Weg, immer zu zweien. Die Rollen waren verteilt. Ich hatte die Aufgabe, mit einem Kollegen in Hans Schmidts Wohnung den Tisch für alle zu decken. – Und als die Gäste kamen, traten sie in ein strahlend erleuchtetes Haus, in dessen Musikzimmer eine gedeckte Tafel stand. Bald erschienen auch die Abgesandten mit ihren Vorräten. Die Tafel brach unter all den Herrlichkeiten, die man in der Eile zusammengetragen hatte. Nun saß alles um den Tisch. Jeder sprach. Jeder wollte etwas sagen, jeder gehört werden. Da erhob sich Mühlen und erklärte mit Donnerstimme, wenn das so weiterginge, würde er vollständig wahnsinnig werden. Einer nach dem andern solle sprechen, solle erzählen, wie es ihm gegangen, was ihm am meisten gefallen, was er an den einzelnen Nummern auszusetzen habe. Wie ein König saß Mühlen an der Spitze der Tafel. Und zuletzt horchte doch alles nur auf ihn. Ich habe bei solchen Gelegenheiten immer Hans Schmidt bewundert. Er, der Verwöhnte, der Führer jeder Geselligkeit, trat mit einer selbstverständlichen Schlichtheit sofort zurück, wenn sein Freund da war. Keiner verstand es so, wie er, Mühlen zum Erzählen zu bringen. Und er war ein hinreißender Erzähler. Er sprach von fremden Ländern, in denen er gewesen, von Königshöfen, an denen er gesungen, von berühmten Menschen, die er kennen gelernt, mit denen er eine Weile gelebt hatte. Da sah man Bismarcks Riesengestalt vor einem erstehen. Die Fürstin Bismarck sah man in ihrer sprudelnden Originalität, in der grenzenlosen Liebe zu ihrem Otto, in dem heiligen Zorn, der sie erfüllte, wenn sie von Bismarcks Feinden sprach, und in ihrer kindlichen Begeisterung für die Musik der beiden Freunde. Alles das erlebte man. Am schönsten aber war es doch, wenn er in die Heimat zurückkehrte und aus seiner Kinderzeit erzählte. Von seiner Mutter, die er über alles liebte, von seinen Leiden und Kämpfen mit dem strengen, aristokratischen Vater, dem der kleine Sohn mit der phantastischen Künstlerseele, die sich schon früh auf ihren Leidensweg begab, immer unverständlich war. Er erzählte von seinem elterlichen Gute in Livland, an dem seine ganze Seele hing, von einer langen Birkenallee im Park, mit den spielenden Sonnenlichtern auf ihren weißen Stämmen; von hellen Sommernächten, die er durchwacht; von schlafenden Vögeln, die leise im Traum gesungen, auf die er gehorcht; von rieselnden Quellen, die er belauscht: »Mutter, schlafen die Quellen nie?« – »Nein, mein Kind, nie.« – »Flüstern sie die ganze Nacht, immer, immer?« – »Ja; sie sind wie das Herz der Menschen. Das schlägt auch immer, Tag und Nacht, und ruht nie.« – »Sind die Quellen denn das Herz der Erde, daß sie nie schlafen können? Wie seltsam ist das alles.« Er erzählt von heimlichen Tänzen in phantastischen Kleidern bei Sonnenaufgang, auf Wiesen unter taufeuchten Blumen, von niemandem gesehen; von einer Bodenkammer auf dem elterlichen Gut, in die er alles hineingetragen, was sein kleines Knabenherz als schön und leuchtend empfand. – Wie aus einem Traum kehrten wir – meist schon bei hellem Tageslicht, aus dieser wunderbaren Welt zurück zu unserer Alltagsarbeit. Max Bruch in Riga Der Crescendo-Verein war allmählich unter Hans Schmidts künstlerischer Leitung zu höchster Blüte gelangt. Die meisten durchreisenden namhaften Künstler traten an den sogenannten Programmabenden, zum Unterschied von den Chorübungsabenden so bezeichnet, hier auf, und in jedem Frühling gab es ein Konzert im Schwarzhäuptersaal. Die kleineren Chorwerke von Brahms und auch größere von Schumann, wie z.B. »Der Rose Pilgerfahrt« wurden aufgeführt. Es war unterdessen in Riga noch ein zweiter Verein ins Leben getreten, der Wagner-Verein, der ganz regelmäßige Konzerte veranstaltete. Sein geistiger, wenn auch nicht musikalischer Führer war Friedrich Glasenapp, der bekannte Biograph Wagners. Einen großen Aufschwung nahm der Verein, als Otto Lohse an seine Spitze trat. Doch war es nur eine kurze Blüte, da dieser bald zum ersten Kapellmeister an unserem Stadttheater ernannt wurde und die Führung des Wagner-Verein niederlegte. Außerdem gab es noch den Bach-Verein unter Wilhelm Bergner, der speziell geistliche Musik pflegte. Jeder Winter brachte eine große Aufführung, unter deren Zeichen d« ganze musikalische Gesellschaft Rigas stand. Eine dieser Aufführungen veranstaltete Bergner Max Bruch zu Ehren. Zwei Abende hintereinander sollten nur Bruchsche Chorwerke aufgeführt werden, und der Meister hatte sich bereit erklärt, nach Riga zu kommen und die Konzerte selbst zu dirigieren. Das erste sollte den »Odysseus« bringen. Das Ziel meiner Sehnsucht war, die Penelope-Partie darin zu bekommen. Die Arie: »Ich wob dies Gewand« war ein Glanzstück, mit dem ich im Konservatorium zum Prüfungskonzert sogar Stockhausens Zufriedenheit errungen hatte. Aber Bergner forderte jemand anderes auf, er mochte mich und mein Singen nicht. Dann kamen die Festtage, und Max Bruch begeisterte als Dirigent das Rigaer Publikum. Der Chor klagte wohl über seine Grobheit, und die Solisten waren empört über einige unmögliche Ausfälle; so hatte er z.B. in der Generalprobe die Sängerin der Penelope vor versammeltem Publikum spottend nachgeahmt. Da segnete ich mein Geschick, daß ich in der Dunkelheit geblieben war. Ein großes Fest für Max Bruch wurde geplant. Eines unserer ältesten und reichsten Patrizierhäuser gab ihm zu Ehren eine Abendgesellschaft. Alles, was musikalisch, künstlerisch oder gesellschaftlich von irgend einer Bedeutung war, wurde eingeladen. Ich war zum erstenmal in diesem Hause und freute mich an den festlichen Räumen, in denen sich eine elegante, angeregte Gesellschaft bewegte. Ein merkwürdiger Ton von Würde und Gehaltenheit charakterisierte diesen Kreis. Außer Künstlern und Musikern waren es hauptsächlich Alt-Rigaer Patrizierfamilien: schöne, vornehme Erscheinungen in würdevoller Haltung – die Frauen im Schmucke echter, alter Spitzen und Brillanten. – Lautlose Diener huschten hin und her und boten Tee in kostbaren Tassen, auf schweren, silbernen Teebrettern. Die Zimmer waren gefüllt mit schönen, alten Mahagonimöbeln. Dunkle Samtvorhänge verhüllten Türen und Fenster. Der Fuß versank in weichen Teppichen. Alles strahlte im Licht wunderbarer Empire-Kronleuchter. Ich fühlte mich durchaus hineingehörend. Mich hob das Bewußtsein, ein wunderschönes, echtes Samtkleid zu tragen, dessen Schleppe mit allen Patrizierschleppen wetteifern konnte, und die Empfindung, unbeachtet zu sein, gab mir eine große Freiheit und Ruhe. Da stürzte Hans Schmidt auf mich zu, in seiner ungenierten Art mich laut begrüßend. »Ich habe Sie die ganze Zeit gesucht,« rief er, »heute gibt es etwas Besonderes!« »Max Bruch,« sagte ich. »Ach was! Max Bruch!« war seine respektlose Antwort. »Die geborene Gräfin Dönniges, Lassalles verflossene Braut, mit ihrem Mann! Die werden hier ja wie die Hechte im Karpfenteich wirken. Gott sei Dank, einmal was Außergewöhnliches!« Er zog mich in ein Nebenzimmer und berichtete: Nach einem abenteuerreichen Leben hatte die Gräfin Dönniges schließlich einen russischen Aristokraten geheiratet, der wegen politischer Umtriebe nach Riga verbannt worden war. Es erschien ein seltsames Paar, das fremd in dieser Umgebung wirkte. Beide hoch und stattlich, sie in einem schwarzen Samtkleide, über und über mit rosa Schleifen garniert; im Schmuck ihrer berühmten roten Haarmassen, die sich in mächtigen Wellen um ein blasses, verlebtes Gesicht bauschten. Dieses war stark gepudert und trug die Spuren einstiger großer Schönheit. Die Nase war fein gebogen, der Mund hochmütig, die Augen blickten kalt. Der Mann war hochgewachsen, tadellos in seinem Auftreten, mit einem grauen, steinernen Gesicht. Wie diese Exoten in das ursolide, alte Patrizierhaus gekommen waren, blieb uns allen ein Geheimnis; genug – sie erschienen plötzlich und wurden vom Hausherrn und der Hausfrau liebenswürdig empfangen. Die Gesellschaft hielt sich durchaus fern von diesem merkwürdigen Paar; nur Hans Schmidt ließ sich sofort vorstellen und war bald in lebhaftem, lustigem Gespräch begriffen. Eine ältere Kollegin trat zu mir. Sie war empört: »Es ist wirklich eine Zumutung, mit solchen Menschen zusammen eingeladen zu werden!« sagte sie entrüstet. »Wenn man nun zufällig neben ihr sitzt, was spricht man mit ihr?« »Fragen Sie doch nach Lassalle,« schlug ich übermütig vor. Ehe sie mir antworten konnte, stand Schmidt plötzlich vor mir, mit allen Zeichen großer Aufregung: »Gleich wird Max Bruch sich Ihnen vorstellen lassen. Sie sollen gebeten werden, die Penelope-Arie zu singen. Ich flehe Sie an, singen Sie nicht im Tempo und Stil, wie eine Arie aus der Matthäuspassion! Treten Sie aus sich heraus, ich bitte Sie.« Ich versprach lachend alles. Da stand schon die Hausfrau mit Max Bruch vor mir und stellte uns einander vor. Ich habe Bruch in der Erinnerung als einen ziemlich kleinen, untersetzten Mann, mit grauem Haar und einer Brille, mehr wie ein Gelehrter als wie ein Künstler wirkend. Er sah mich forschend an: »Sind Sie bereit, die Penelope-Arie zu singen? Ich begleite Sie.« – Als er am Flügel saß, griff er ein paar mächtige Akkorde und blickte dann zu mir auf: »Aufgepaßt,« sagte er mit dem Ton eines Herrschers, »den Mittelfatz nehme ich sehr schnell; folgen Sie mir.« Er begann mit dem kurzen Vorspiel, und ich setzte ein: »Ich wob dies Gewand mit Tränen am Tage«. Den leidenschaftlichen Mittelsatz nahm ich in einem Tempo, das ihn in Erstaunen zu setzen schien, aber er folgte. Als ich geendet hatte, sprang er auf und schüttelte mir herzlich die Hand. Alles umringte mich. Sogar Bergner sagte mir ein paar freundliche, anerkennende Worte, die einzigen, die ich von seinen Lippen vernommen. Nun ging es zu Tisch. Max Bruch führte mich. Wir kamen sofort in ein sehr angeregtes Gespräch über Stockhausen, die Hohenschild; alle kannte er persönlich. Mitten ins Gespräch hinein fragte er plötzlich: »Wollen Sie mir eine Frage ehrlich beantworten? Warum haben Sie in meinem Konzert nicht die Partie der Penelope gesungen?« »Weil Bergner nichts von mir hält,« war meine Antwort, »er liebt weder mich noch meinen Gesang.« »Nanu,« sagte Bruch überrascht und legte Messer und Gabel hin, »warum denn das?« »Als ich in der Domkirche Probe sang, habe ich unrein gesungen; seitdem verachtet er mich.« »Das war allerdings schlimm,« sagte Max Bruch. »Ja, sehr schlimm,« stimmte ich ihm zu, und wir lachten beide. An meiner anderen Seite saß Hans Schmidt mit der früheren Gräfin Dönniges. Er wollte mich durchaus zu einem Gespräch mit seiner Nachbarin bringen. Wir lehnten uns aber nach dem ersten Wort vollständig ab. Mit einem kalten, ungütigen Blick ihrer hellen Augen sah sie mich forschend an und tat einige herablassende Fragen, die ich kühl beantwortete. Nein, wir beide hatten nichts miteinander zu teilen. Am anderen Tage gab es eine große Matinee Max Bruch zu Ehren in einem aristokratischen Hause. Ich konnte nicht dabei sein, habe es später auch nicht bedauert. Bruch war sehr ungnädig gewesen. Als sein Violin-Konzert gespielt wurde, hatte er plötzlich dazu gepfiffen, und während eine Sopranistin eine Arie aus einem seiner Werke sang, war er aufgestanden und ins Nebenzimmer gegangen. Mich überlief es kalt, als ich dieses alles hörte, und ich kam mir vor, wie der Reiter über den Bodensee. Was hätte ich angefangen, wenn es ihm eingefallen wäre, zu meiner Penelope zu pfeifen? Hermine Spies Ein reiches Künstlerleben hatte ich dadurch, daß alles, was an namhaften Künstlern zu Konzerten nach Riga kam, sich an Hans Schmidt wandte und bei ihm aus und ein ging. In seiner freundschaftlichen Fürsorge mußte ich an allem teilnehmen, was es an interessantem Erleben bei ihm gab. Dadurch kam eine große Fülle von Anregungen und künstlerischen Beziehungen auch in mein Leben. So lernte ich bei ihm Hermine Spies kennen, die berühmte Altistin, die mit ihrer Schwester, der getreuen Minna, zu einer Reihe von Konzerten in die Ostseeprovinzen gekommen war. Ihr Künstlerleben war eines der reichsten und glanzvollsten, das mir begegnet ist. Schon bei ihrem ersten Auftreten hatte sie einen ungewöhnlichen, durchschlagenden Erfolg, und der Erfolg blieb ihr treu. Es war ihr eine glänzende, aber nur kurze Künstlerlaufbahn beschieden. Auf der Höhe ihres Ruhmes heiratete sie, zog sich vom öffentlichen Leben zurück und starb bald, fast plötzlich. Ihren schnellen Aufstieg hatte sie nicht nur ihrer herrlichen Stimme und ihrer edlen Gesangskunst zu danken; es kam ihr noch ein Faktor zu Hilfe. Frau Joachim hatte als Altistin den Konzertsaal bisher beherrscht. Konflikte trennten das berühmte Künstlerpaar. Da erhob sich ein Heer von Neidern und Feinden gegen Frau Joachim und suchte sie auch auf ihrem künstlerischen Wege zu schädigen. Zu diesem Zweck hoben die Gegner Hermine Spies auf den Schild und spielten sie gegen Frau Joachim aus. Man pries sie als »die junge Amalie Joachim«, die ganz dasselbe könne, nur eine schönere Stimme hätte. Es war falsch, sie eine zweite Amalie Joachim zu nennen, mit der sie nur die schöne, dunkle Stimme und den edlen Stil gemeinsam hatte. Hermine Spies war etwas ganz anderes; auch etwas für sich Abgeschlossenes und Großes, aber nach einer anderen Richtung hin, als Frau Joachim. Das Beste und Charakteristischste, das über Hermine Spies' Singen gesagt worden ist, hat ihre Schwester in einem ihr gewidmeten Gedenkbuch ausgesprochen. Sie schreibt: »Wenn Hermine sang, mußte ich an eine Stelle aus Goethes ›Veilchen‹ denken: »Da kam die junge Schäferin Mit leichtem Schritt und munterm Sinn Daher, daher, die Wiese her und sang.« Ihre Stimme war das Schönste, was ich je gehört habe; sie wirkte auf mich immer wie Purpursamt: jeder Ton edel, weich, dunkel und dabei leuchtend. Da Hermine Spies Stockhausens Schülerin gewesen war, behandelte sie die Sprache wundervoll. Dazu kam das frohe, sorglose Singen aus der Fülle einer herrlichen Stimme heraus, die nirgendwo eine Grenze kannte, und aus der Fülle eines leichtbeschwingten, frohen Herzens. Sie wurde auch getragen von einem erfolgreichen, glücklichen Leben; sorgfältig behütet von treuer Schwesternliebe, die ihr alle Hindernisse aus dem Wege räumte. Das war wirklich ein glückliches Künstlerleben, und man fühlte es ihrem Singen an. Es waren nicht die Tiefen der menschlichen Seele, die sie berührte und aufwühlte, nicht neue, künstlerische Gesichtspunkte, die man durch sie empfing, keine Offenbarungen. Sie war aber populär im schönsten Sinne des Wortes. Es verstand sie ein jeder, und jeder konnte sich an ihr freuen. Wir haben unbeschreiblich frohe und schöne Tage miteinander verlebt. Unserem kleinen Kreise hatten sich noch zwei Künstler angeschlossen, ein junger Maler und ein schwedischer Pianist, Bror Möllersten. Letzterer war ein hervorragender Pädagog, ein witziger, kluger Gesellschafter, der bei uns immer gern gesehen war. Er hatte die Begleitung in den Konzerten von Hermine Spies übernommen. Es machte uns viel Freude, Hermine Spies und ihrer Schwester Riga zu zeigen. Wir besahen zusammen die Sehenswürdigkeit der Stadt, gingen ins Theater und fanden uns an den freien Abenden in Hans Schmidts behaglicher, kleiner Häuslichkeit ein, wo wir bis tief in die Nacht hinein plauderten. Hermine Spies konnte man für jeden lustigen Unsinn haben und Schwester Minna war witzig und klug. Merkwürdig aber war, daß man mit Hermine eigentlich nie über ihre Lieder und Programme sprechen konnte. Sie hatte nichts darüber zu sagen, sie empfand und sang sie und damit war die Sache zu Ende. Der letzte Abend vor ihrer Abreise nach Deutschland fand uns wieder bei Hans Schmidt vereinigt. Es war nach dem Abendessen; wir saßen im Wohnzimmer beisammen und plauderten. Wie behaglich war dieser Raum! »Nun muß jeder etwas aus seinem Leben erzählen,« schlug Hans Schmidt vor. Als die Reihe an mich kam, rief er: »Sie erzählen, wie es war, als Sie Hermine Spies zum erstenmal hörten.« Und ich beginne: »Es war ein Musikfest in Mainz. Wir, Stockhausensche Schülerinnen, fuhren alle hin. Ich hatte Stockhausen oft von Hermine Spies reden gehört: er war sehr stolz auf seine berühmteste Schülerin. Ich erlebte zum erstenmal solch ein Musikfest. Die Stadt war gefüllt mit festlichen Menschen, Fahnen und Blumen schmückten die Häuser. Unsere Herzen schlugen in froher Erwartung. – Den Riesenbau der Musikhalle, die am Rhein erbaut war, füllte eine unermeßliche Menschenmenge. Händels ›Messias‹ wurde aufgeführt. Der Chor zählte zweitausend Sänger und Sängerinnen, die in ihren hellen Kleidern und farbigen Fächern, die sie leise bewegten, wie Blumen oder bunte Schmetterlinge wirkten. Nun erschien der Dirigent mit den Solisten und bestieg, nachdem sie alle Platz genommen hatten, sein Pult. Auf ein Zeichen erhob sich der ganze Riesenchor. – Ein Augenblick atemloser Stille, wo einem Schauer und Ehrfurcht über die Seele flogen; dann kam mit Chor und Orchester die Eingangsnummer. Der riesige Raum war überfüllt von Klang und Schönheit. Nun erhob sich Alvari, der Tenor, und begann seine Arie: »Alle Tale macht hoch und erhaben.« Die Stimme des berühmten Sängers schien klein im gewaltigen Raum, nach den Klangmassen von Chor und Orchester. – Das Oratorium ging weiter. Und dann erhob sich Hermine Spies. Die wunderschöne, dunkle Stimme breitete ihre Flügel aus, wie ein Adler. Sie füllte den ganzen Raum: »Er ward verschmäht und verachtet, Ein Mann der Schmerzen und umgeben mit Qual.« »Nie vergesse ich diesen Eindruck,« schloß ich, »die wunderbare Stimme, die durch den Raum flog, unsere junge Begeisterung die atemlos horchende Menge. – Und drunten floß der Rhein.« Hermine Spies hatte aufmerksam zugehört, und ihre dunklen, strahlenden Augen, die so merkwürdig hell blickten, waren voller Freude. »Was hatte ich damals an?« fragte sie voller Interesse. »Ja, das weiß ich wirklich nicht,« sagte ich lachend, »darauf habe ich nicht geachtet.« »Denken Sie doch nach,« drängte sie, »war es ein rosa Kleid mit Rosen im Haar? Doch nein, es wird ein weißes gewesen sein. Mein Vater war damals eben gestorben, da werde ich doch kein rosa Kleid angehabt haben. Ich sang damals im ›Messias‹ gleichsam als Totenopfer, in Erinnerung an meinen Vater. Nun weiß ich es ganz genau: es war ein weißes Kleid und im Haar trug ich einen Efeukranz.« Ach ja! Sie war »die junge Schäferin mit leichtem Schritt und munterm Sinn«, und kam: »daher, daher, die Wiese her – und sang!« Christus-Aufführungen in Berlin Bei seinem Sommeraufenthalt in der Heimat hatte uns Mühlen viel von einem Plan erzählt, den er ausführen wollte. Er hatte unter Rubinstein die Partie des Christus im Oratorium gleichen Namens gesungen. Rubinsteins größter Wunsch war, dieses Oratorium inszeniert zu sehen. Darüber starb er; aber seine Freunde beschlossen, gleichsam als Totenfeier, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Im Frühling sollte die dramatische Aufführung im Opernhause in Bremen stattfinden, und Mühlen war für die Partie des Christus in Aussicht genommen. Mit der ganzen Intensität seiner Natur hatte er sich in diesen Gedanken hineingelebt. Es wurde viel für und gegen die szenische Darstellung dieses Oratoriums gesprochen. Mühlen sagte immer nur das eine: »Kommt und seht, und dann redet.« Hans Schmidt war der einzige, der es ermöglichen konnte, zu dieser Aufführung hinzureisen. Den Winter darauf waren Bruchstücke aus dem Oratorium im Privatkreise in Berlin aufgeführt worden und hatten bei vielen den Wunsch lebendig werden lassen, diesen hohen Kunstgenuß einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Auf der Bühne der Hochschule sollte diese Aufführung stattfinden. Nach manchem Kampf, nach manchem Hin und Her hatte ich mich für einige Wochen frei gemacht, um, in Begleitung einer Freundin, diese Aufführung in Berlin zu erleben. Als wir einige Tage vorher in Berlin eintrafen, hörte man viel über die Aufführung reden. Mühlen hatte die ganze Regie, die eine unermeßliche Arbeit erforderte, auf sich genommen. Es war seine Idee gewesen, nicht Opern-, sondern Oratoriumsänger zu dieser Aufführung zu verwenden. Die Chöre wurden aus Damen und Herren der Gesellschaft gebildet. Mühlen lehrte die Sänger jede Bewegung, jeden Schritt auf der Bühne. Alle Kostüme, alle Farbenzusammenstellungen waren in seinem Kopf entstanden. Es sollte diese Aufführung ein ganz besonderes Gesicht haben. Meine Freundin und ich gingen voller Erwartung diesem großen Erlebnis entgegen; denn daß es ein solches sein würde, wußte man. Wir wußten aber nicht, wie es auf uns wirken würde, ob erhebend und beglückend, oder verletzend. Der Konservatoriumssaal war bis auf den letzten Platz von einem auserwählten Publikum besetzt. Das erste Bild war die Taufe am Jordan: Christus wird erwartet. Plötzlich wendet sich das Volk und sieht staunend zur Höhe. Und von der Höhe steigt langsam eine schneeweiße, stille Gestalt hinab zum Jordan und wird getauft. Wie wunderbar löste sich jede Spannung! Was haben wir denn gefürchtet? dachte ich. Es war, als wäre man wieder ein Kind und säße auf seiner Mutter Schoß und horchte auf ihre Erzählung von Jesus. Man sah ihn, wie man ihn als Kind geschaut; man vergaß, daß es Mühlen war. Es war biblische Geschichte, die man erlebte. Bild auf Bild folgte. Den Höhepunkt dieses Abends bildete für mich die Bergpredigt: Christus sitzt einsam auf einer Anhöhe unter einem Baum; unten hat sich das Volk gelagert, mit den Jüngern. Nun hebt er die Hand und die erste Seligpreisung erklingt durch den Raum; mit einer unvergleichlichen Reinheit, Eindringlichkeit und Stille – fast unwirklich in ihrer Vergeistigung: »Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden« – »Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen«. »Selig – selig,« wiederholt ganz leise der Chor am Schluß. Und mitten hinein, unter die betenden Massen der Zuhörer, stürzt plötzlich die Ehebrecherin und bahnt sich einen Weg zu Jesus. Empört erheben sich die Jünger und reißen sie zurück. Doch da steht auch schon Jesus unter ihnen. Das geängstete Weib stürzt zu seinen Füßen. Er streckt schützend die Hand über sie aus: »Was bekümmert ihr dieses Weib?« War das noch die stille Stimme, die eben die Seligpreisungen verkündet hat? Wie blitzender Stahl klingt es jetzt in ihr. »Wer von Euch ohne Sünde ist, der hebe den ersten Stein!« Erschüttert sinkt das Volk in die Kniee. – Es war eine große Bewegung unter dem Publikum. Hinter mir saß ein alter, bekannter Hofprediger, zu dem alles in den Pausen drängte. Er war tief bewegt. Als man ihn fragte, ob er glaube, daß diese Art religiöse Oper eine Zukunft hätte, erwiderte er: »Bestimmt nicht, denn sie steht und fällt mit der Darstellung Mühlens. Ich wüßte niemand, der imstande wäre, eine Gestalt, wie die des Heilands so zu verkörpern, wie er.« Etwas Merkwürdiges erlebte ich an mir selbst. Ich hatte nach dieser Aufführung, die mich unbeschreiblich ergriff, gar nicht das Bedürfnis, Mühlen zu sehen und ihm zu danken; so losgelöst von seiner Person war diese künstlerische Tat; so wenig hatte sie in meiner Empfindung mit seiner Person zu tun. Es vergingen Tage, bis ich den Weg zu ihm fand; und als ich ihm sagte, was mich ferngehalten hätte, verstand er mich. Noch eine Aufführung erlebte ich, mit derselben starken Wirkung, wie das erstemal. Diese geistliche Oper ist später nie wieder über die Bühne gegangen. Das Jahr darauf hörten wir nur einige Szenen aus ihr in einem Kirchenkonzert, das Mühlen gab. Ich war erstaunt, wie unbedeutend die Musik auf mich wirkte, losgelöst von den Bühnenbildern. Dies mag vielleicht auch noch ein Grund gewesen sein, daß das Oratorium sich nicht behaupten konnte. Mir brachten die Wochen in Berlin außer den künstlerischen Eindrücken etwas sehr Schönes, die Bekanntschaft mit zwei von Mühlens besten Freundinnen: Frau Lisbeth Gyßling aus Königsberg und Frau Gertrud Maas aus Berlin. Beide waren kluge, höchst amüsante Menschen, warmherzig und großzügig, mit seinem Verständnis für alles Außergewöhnliche. Frau Maas' schöne, reiche Häuslichkeit bildete, wenn Mühlen in Berlin war, immer den Versammlungsort für seine Freunde und Schüler. Wir machten in ihrem Hause die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht. Es gab keine Hindernisse, wenn Mühlen etwas wollte oder wünschte. Wer Mühlen nahestand, mußte sehr bald ein Stückchen Genialität in sich entwickeln. Schwerfälligkeit durfte es nicht geben bei dem, der Mühlens Atmosphäre atmen wollte. »Habt Euch nicht!« war ein Wort, das er sehr liebte. Ich habe durch Frau Gertrud Maas viel Liebe genossen und viel echte Freundschaft erfahren. Viele Jahre später, als ich nach dem Kriege die Heimat verlassen mußte, ist ihr Haus mir ein halbes Jahr lang Zufluchtsort und Heimat gewesen. Nach vierwöchentlichem Aufenthalt in Berlin fuhr ich fröhlich und dankerfüllt wieder heim. Eine Fülle von Anregung trug ich mit mir, die meiner Arbeit wieder zugute kam. Alles, was ich künstlerisch erlebte, teilte ich mit meinen Schülern. An manchen Abenden habe ich ihnen ausführlich von den schönen und tiefen Eindrücken dieser Berliner Wochen erzählen müssen. Erste italienische Reise Im Jahre 1895 starb meine Mutter nach langem, bitteren Leiden. Ihr Tod bedeutete für mich eine völlige Veränderung meines Lebens. Ich war sehr abhängig von ihr gewesen; denn trotz ihres jahrelangen Leidens und körperlicher Hilflosigkeit war sie doch immer die geistige Führerin unseres Hauses geblieben, der ich mich in allen Dingen untergeordnet hatte. Nun mußte ich an ihre Stelle treten, und das war mir am Anfang unendlich schwer. Ich lebte mit einer alten Tante und meiner kranken Schwester zusammen. Da unsere Wohnung groß war, nahm ich junge Mädchen ins Haus, meist Schülerinnen von mir. Sie brachten Jugend und Frohsinn in unser häusliches Leben. Aber seltsam, ich fand nach dem Tode meiner Mutter wenig Freude an meiner Arbeit, hatte nicht mehr die Begeisterung für meine Stunden. Zuerst dachte ich, es sei nur der Schmerz um ihren Tod, und es würde sich ändern. Ein Jahr lebte ich so hin. Dann wurde mir's klar, so geht es nicht weiter. Ich war in meinen Stunden und in meinem Singen auf einen toten Punkt geraten; ich mußte irgend wohin gehen, um weiter zu studieren, neue Eindrücke sammeln, wieder Kunst sehen und hören. Da faßte ich den kühnen Entschluß, nach Italien zu gehen. Mühlen, der eine Zeit bei Galliera in Mailand studierte, hatte mir viel über die befreiende Art italienischer Gesangkunst gesagt; auch hatte ich sie an ihm selbst erlebt. Wohl versuchte ich auf diesem Wege für mich zu arbeiten, fühlte aber deutlich, daß es doch nur ein Umhertappen war. Ich stand vor italienischer Musik wie vor verschlossenen Gärten. Eine kleine Erbschaft ermöglichte es mir, diesen Plan auszuführen. Und eines Tages überraschte ich meine Nächsten mit der Nachricht, ich ginge nach Italien. Die alten Kollegen schüttelten ihre Köpfe. »Es ist nicht gut,« sagten sie, »seine Schüler auf so lange Zeit zu verlassen.« Auch meinten sie, es wäre dem Publikum gegenüber nicht klug, einzugestehen, daß man als Lehrer noch bei anderen lernen ginge. Ich aber dachte anders: meine Schüler sollten wissen, daß man in einer Kunst nie fertig wird. Sie sollten auch nicht glauben, daß ich mich für vollkommen hielte. Wenn ein Teil von ihnen infolge meines Weiterstudierens den Glauben an mich verlieren sollte, so fühle ich Kraft genug, mir andere zu erwerben. Das Weihnachtsfest 1895 feierte ich noch zu Hause und machte mich dann reisefertig. Ich hatte das große Glück, daß meine Freundin Doris von Kruedener mit mir ging. Sie wollte sich in Italien in der Malerei weiter ausbilden. Alice Barbi, die berühmte Sängerin, hatte mir eine Empfehlung an ihren früheren Lehrer Vannucini in Florenz mitgegeben. Glückstrahlend fuhren wir ab. Bis zum August wollte ich fortbleiben. Von dem Übermut und der Freude, mit der wir unsere Reise antraten, kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Sieben Monate der Freiheit lagen vor mir! Ich sollte in eine ganz neue Welt hineinschauen, sollte für mich arbeiten können den ganzen Tag, ohne Pflichten, ohne Verantwortung für andere! Und mit mir zog mein bester Kamerad. Wie ein Märchen war das! Was würde ich alles erleben? Unsere erste Station machten wir in Berlin, wo wir Gustel Hohenschild besuchten, die sich eben verheiratet hatte. Sie lebte in einem wundervollen Heim, an der Seite eines ungewöhnlichen Mannes. Es war ein großes Glück, das sie noch in späteren Jahren gefunden. Aber sie war eine von den Naturen, die das Glück nicht festzuhalten verstehen. Es zerbrach in ihren Händen. Damals nahm ich ein wunderschönes Bild ihres Lebens mit nach Italien. Aber schon ein Jahr darnach lag alles in Trümmern! In Frankfurt wollte ich Stockhausen besuchen. Mir war bange davor, weil ich ihn gegen seinen Willen verlassen hatte und all die Jahre hindurch ohne jede Verbindung mit ihm gewesen war. Mit starkem Herzklopfen ging ich hin, denn die Angst vor meinem großen Meister lag mir noch in den Gliedern. Er war verreist. Ich traf nur Frau Professor, die mich aufs herzlichste und wärmste empfing. Wie seltsam war es, die Räume wiederzusehen, in denen man so viel Großes und Schönes, aber auch so viel Schweres erlebt hatte! Nun war ich ein selbständiger Mensch, der sich in der Heimat seinen Platz erobert hatte. Aber als ich Stockhausens Schwelle überschritt, war mir's doch, als käme der alte Druck über mich; ich fühlte mich wieder ganz klein. Es gab noch eine Station in Stuttgart bei meinem Bruder, und dann – dann ging es südwärts – Italien entgegen! Der Weg durch die Schweiz nahm uns beiden den Atem. Was war das für eine gewaltige Welt, durch die uns die Eisenbahn trug! Wir saßen und staunten. – »Hier könnte ich nicht leben,« brach es schließlich aus meiner Seele, »diese Welt würde mich erdrücken!« Und nun kam der Gotthard-Tunnel. Jenseits lag das Wunderland – das heiß ersehnte. Jetzt war er mit seiner schier endlosen Dunkelheit durchfahren: ein heller Lichtschein drang zu unseren Fenstern herein: Italien! Italien! – was werden wir erblicken? Es geht ins Licht hinein, wir stürzen an die Fenster. Eine weite, weite Schneefläche, wie im livländischen Winter! Wir sahen uns erschrocken und sprachlos an: Ist das Italien? »Das ist die erste Enttäuschung,« sagte meine Freundin trocken. Was hatten wir eigentlich erwartet? Im Januar ein blühendes, lachendes Land? Unsere erste Station war Mailand. Wir sahen den Dom im Mondschein, wanderten durch die Brera und standen vor Leonardo da Vincis »Abendmahl«. Einen tiefen Eindruck nahm ich von der Gestalt Christi mit. Es war mir, als hätte ich nie eine solche Trauer in einem Menschenantlitz gesehen. Stumm und überwältigt gingen wir voller Scheu durch diese uns neue Welt, verließen aber Mailand bald und eilten unserem Bestimmungsorte Florenz zu. Um die Landessprache zu lernen, hatten wir uns in einer italienischen Pension angemeldet. Hier wurden wir sehr liebenswürdig empfangen, mit einem Strom von Worten, die wir in unserer Müdigkeit gar nicht verstanden, so daß wir froh waren, endlich ins Bett zu kommen. Von der Straße her klangen singende Stimmen mit Mandolinenbegleitung. Ich sprang aus dem Bett, öffnete mein Fenster, horchte auf die schwingende, helle Männerstimme, die zu mir heraufklang, und dachte an Mühlens Worte: »Am meisten werden Sie in Italien von den Straßensängern lernen, mehr als bei allen Lehrern.« Nach einigen Tagen, in denen wir etwas zur Besinnung gekommen waren, suchte ich Vannucini auf. Es ist merkwürdig, wie schlecht und ungepflegt die italienischen Häuslichkeiten sind. Ich war ganz überrascht, in welch ärmlicher Umgebung der berühmte Meister lebte. Gehäkelte Decken auf verwahrlosten Sofas; schlechte Öldrucke an den Wänden in ärmlichen Goldrahmen – erstaunlicherweise Beethoven, Mozart und Schubert. Das alles übersah ich auf den ersten Blick; dann übergab ich meine Empfehlung von der Barbi und raffte all mein bißchen Italienisch zusammen, um ihm Rede und Antwort zu stehen; wir verabredeten meine erste Gesangstunde bei ihm. Am nächsten Tage ging ich ruhigen Herzens, mit einigen Alt-Italienern unter dem Arm, hin. Ich sang ihm einen Marcello und einen Durante vor. Es machte mir Spaß, sein Erstaunen zu sehen, denn er hatte mir, wie es schien, nichts zugetraut. Wenn man in Italien als Sängerin etwas gelten soll, muß man in Federhüten und seidenen Gewändern einherschreiten. Meine baltische schlichte Erscheinung hatte ihm augenscheinlich gar nicht imponiert. Desto mehr imponierte ihm auf diesem unscheinbaren Hintergrunde mein Gesang. Ich sei wohl eine große deutsche »Maestra del canto«, fragte er mich ehrfurchtsvoll. Ich mußte lachen: »Im Gegenteil, ich bin nur ein kleines Licht in Livland.« Sein Staunen wuchs von Lied zu Lied, und als ich ihm eine Händel-Arie vom Blatt vorsang, erreichte seine Bewunderung den Höhepunkt. »Was ich denn bei ihm lernen wolle?« »Vor allen Dingen einen richtigen Atem,« sagte ich. »Einen Atem?« fragte er erstaunt, »den kann man nicht lernen; den hat man doch! Man muß ihn nur ganz natürlich nehmen, das ist alles.« Das übertriebene Lob und dieser Ausspruch enttäuschten mich ein wenig. Werde ich bei ihm etwas lernen? fragte ich mich. Aber als ich wieder auf der Straße war, mußte ich doch lachen. Diesen Erfolg mit meinem Singen in Italien hätte ich mir nicht träumen lassen! Nun begannen die Stunden. Frau Barbi hatte recht, als sie Vannucini charakterisierte: »Er kann sehr viel und ist ein seiner Musiker; aber er ist faul geworden, seit er viel mit reichen amerikanischen Dilettanten arbeitet. Das tut seinem Künstlertum nicht gut.« So nahm ich denn in den Stunden die Sache selbst in die Hände, was ihm wenig Freude zu machen schien. Ich faßte es aber schief an; denn ich wollte auf Stockhausensche Art lernen, wollte über alles Rechenschaft haben, ihn dazu zwingen, bewußt zu lehren. Das war falsch, so kann man bei einem Italiener nicht lernen. Eines Tages riß ihm die Geduld: er erklärte mir den Unterschied zwischen deutschem und italienischem Lehren und Lernen. »Die Deutschen,« sagte er, »sind klug und gründlich, auch in der Musik. Sie machen die Kunst zu einer Wissenschaft. Das aber ist falsch, Kunst arbeitet man nicht mit dem Kopf. Wir armen Italiener lehren es so: Gesang muß schön klingen und unser Herz bewegen. Gesang ist fürs Ohr und fürs Herz gemacht, nicht für den Kopf.« Ich war zu sehr auf Stockhausen eingestellt, und bei meiner konservativen Natur dauerte es, bis ich mich von seiner Art löste. Als ich so weit war, nützten mir auch die Stunden bei Vannucini. Doch füllten sie mich nicht sehr aus und interessierten mich nicht besonders. – Allmählich ging mir ein Licht darüber auf, daß nicht mehr die Musik das Größte in Italien war, wie in früheren Jahrhunderten. Eine andere Kunst trat schön und stark in mein Leben: die Welt der alt-italienischen Malerei und Plastik. Jeden Vormittag wanderte ich mit meiner Freundin Doris in den Galerien umher. Am Nachmittag besuchten wir die Kirchen oder machten Ausflüge in die Umgegend von Florenz. Abends saßen wir zusammen, studierten die Kunstgeschichte von Burkhardt und lasen »Michelangelo« von Grimm. Und diese Welt wurde in Italien die meine, in der ich ganz aufging. Nur aus Pflichtgefühl hielt ich noch an meinen Stunden fest. Die einzige Empfehlung, die wir mitbekommen hatten, galt einem Künstlerpaar, zwei Baltinnen: der Malerin Elly von Loudon und der Bildhauerin Frau Philippow von der Launitz. Nachdem wir uns ein wenig in Florenz eingelebt hatten, besuchten wir die beiden Damen. Ganz beglückt kehrten wir heim, mit der Überzeugung, einen großen Reichtum für unser Florentiner Leben durch die Bekanntschaft mit diesen Künstlerinnen gewonnen zu haben. Als käme man zu alten Freunden, die einen längst erwartet hatten, so empfingen sie uns beide. Sie hatten ein wunderschönes Künstlerheim und ein großes Atelier voller Kunstschätze. Ihre Art war heimatlich, daß uns das Herz aufging. Elly von Loudon gab sich warmherziger, ich möchte fast sagen enthusiastischer als ihre Freundin; sie tat Haus und Herz weit auf für uns. Sie sah noch immer jugendlich und eigenartig aus, und ihre schönen Augen strahlten Wärme und Klugheit. Ihre Freundin war viel zurückhaltender, stiller und zarter. Sie hatte etwas Sensitives, mit einem reizenden Zug ins Schelmische. ES war entzückend, zu beobachten, wie ruhig sie es zuließ, daß ihre stürmische Freundin vorwärts jagte, urteilte, verurteilte, tötete und wieder erweckte, mit einer Lebendigkeit, daß einem Hören und Sehen verging – und wie sie dann in ihrer zarten Art etwas Versöhnendes, Ausgleichendes sagte, das immer eine mit viel Güte gepaarte Überlegenheit in sich barg. Frau Philippow spielte wunderschön Klavier, aber nie vor einem großen Kreise. »Ich muß die Menschen fühlen, wenn ich vorspiele,« sagte sie, »sonst kann meine Seele nicht reden.« An demselben Tage, nur wenige Stunden nachdem wir dort gewesen waren, erschien Elly von Loudon bei uns. »Lachen Sie nicht darüber, daß ich schon da bin,« sagte sie in ihrer offenen Art, »wir sind so froh über Sie. Es gibt hier in Florenz nur ›Larven‹, Sie aber sind zwei ›Menschen‹. Das müssen wir genießen. Morgen haben wir einen großen Larvenempfang bei uns. Wollen Sie kommen und sich das Theater ansehen?« Der Empfang war ihr jour fixe, den sie einmal in der Woche hatten. Voller Neugier, wie das werden würde, gingen wir anderen Tages hin. Es war wirklich viel amüsanter, als ich es mir gedacht hatte, denn ich lernte eine Gesellschaft kennen, wie sie mir noch nie begegnet war: aus aller Herren Länder zusammengeströmt und in allen Sprachen durcheinander sprechend. Schöne, elegante Frauen, vornehme Männer, Engländer, Spanier, Italiener, Russen und Franzosen, am wenigsten Deutsche, fanden sich hier zusammen. Im Kamin brannte ein helles Feuer; man trank Tee aus schönen, altertümlichen Tassen und machte Musik. Einige Engländerinnen setzten sich unaufgefordert an den Flügel, spielten und sangen. Leider war die Musik nicht schön, aber ein jeder bewegte sich frei und ungezwungen, und die beiden Damen des Hauses, die alle Sprachen beherrschten, machten in der liebenswürdigsten Weise die Wirtinnen. Ich saß in einer Ecke, tief verborgen in einem kostbaren Renaissance-Lehnstuhl und sah mit staunenden und frohen Augen in das bunte, mir so fremdartige Getriebe. Da ich keine Sprache, außer der deutschen, richtig sprach, wagte ich nicht, mich an irgend einem Gespräch zu beteiligen. Doris von Kruedener, sonst viel scheuer und zurückhaltender als ich, schwamm zu meinem Erstaunen fröhlich mit, und ich traute meinen Augen nicht, als ich sie sogar plötzlich am Flügel sah. Es waren von irgend woher Noten gebracht worden, und – wahrhaftig: sie sang! Bald verlief sich die Menge, aber wir wurden nicht fortgelassen. Am hellen Kaminfeuer saßen wir vier noch stundenlang beisammen, sprachen von Heimat, Kunst, Italien, Freundschaft, Musik, kurz, von allem zwischen Himmel und Erde, und trennten uns endlich mit dem Versprechen, am anderen Tage in das Atelier der beiden Künstlerinnen zu kommen. »Was fiel dir nur ein, in dem großen, fremden Kreise zu singen?« fragte ich meine Freundin. »Nun, weißt du,« sagte sie, »da brauchte ich mich wohl nicht zu fürchten. Hast du jemals so schlechte Musik gehört, wie sie dort gemacht wurde? Ich nicht.« »Ich auch nicht,« stimmte ich ihr lachend zu. Und das war in Italien! Unser Leben bekam durch den Verkehr mit den zwei Freundinnen ein ganz anderes, reicheres Gepräge. Bald arbeitete Doris im Atelier von Frau Philippow; denn ein großes Bildhauertalent hatte sich plötzlich neben all ihren anderen gezeigt. Elly von Loubon nahm sich unserer künstlerischen Bildung mit viel Liebe an. Durch sie kamen wir in alte, verborgene Kirchen, die wunderbare Kunstschätze enthielten. Sie kopierte in einer kleinen Kapelle halbzerstörte Andrea del Sartos, in Geist und Leben dieses Meisters hatte sie sich ganz besonders durch jahrelanges Studium hineingearbeitet. Sie lehrte uns ihren Liebling kennen und verstehen. Mit den beiden Damen fuhren wir in die Umgegend von Florenz. Abends saßen wir beisammen und machten Musik. Zu jedem Rat, zu jeder Tat waren die zwei Freundinnen für uns bereit, und ihr Heim wurde uns bald der liebste Ort im schönen Florenz. Noch einmal habe ich sie wiedergesehen, bei meinem zweiten Besuch in Italien. Dann verlor ich sie aus den Augen. In einer Gesellschaft bei ihnen lernte ich einen alten, italienischen Gesanglehrer, Vivarelli, kennen. Dieser überredete mich dringend, bei ihm Stunden zu nehmen. Ich hatte die geheime Hoffnung, bei ihm Atemtechnik zu lernen, und sagte daher zu, aber mit der Bedingung, daß ich zugleich bei Vannucini weiterarbeitete. Er ging sofort mit Begeisterung auf meinen Vorschlag ein. Wir würden ja sehen, welcher Lehrer mir besser gefiele, bei dem könnte ich dann bleiben. Er riß sich in den Stunden beinahe in Stücke vor Eifer; aber, was ich suchte, fand ich auch bei ihm nicht: von Atemtechnik wußte er mir nichts zu sagen. Dann wollte er durchaus, ich solle nur seine Lieder singen, von denen ein Teil ziemlich sinnlos auf deutsche Texte komponiert war. Zu derselben Zeit hatte ich noch von einem dritten berühmten Lehrer, Vannini, gehört. Eine Freundin von mir hatte bei ihm angefangen zu studieren. Ein großes Plakat an seiner Haustüre beteuerte, es dürfe keiner in seinen Stunden hospitieren. Trotzdem gelang es mir, bei ihm einzudringen. Man kann eigentlich bei den liebenswürdigen Italienern alles erreichen, wenn man sie nur zu nehmen weiß. So saß ich denn bald in seinem Musikzimmer und wunderte mich über die fast tobsüchtige Art, mit der er das Klavier behandelte. Hinter einem riesigen Mackartstrauß, der den Flügel schmückte, stand die Schülerin. Die Stimme kämpfte gegen die Wogen der Begleitung, und zum Schluß schrie er immer ganz aufgeregt: »bravo, bravo«. Nach einer jeden solchen Stunde schwor er, die Schülerin hätte enorme Fortschritte gemacht. Nach einiger Zeit gab ich die Stunden bei Vannini auf, und auch Vannucini und Vivarelli sagte ich Lebewohl. Mein Gewissen beruhigte ich mit einer Stelle aus Mendelssohns Briefen: »Ich habe nirgendwo so wenig Musik gehört und gemacht und so viel Musik gelernt, wie in Italien.« Ich machte die Tore meiner Seele weit auf und ließ die Freude an diesem Wunderland, mit seiner Sonne, seiner Schönheit und seiner Kunst in mich hineinziehen. Von Land und Leuten, von Sonne und Frühling aus begriff ich allmählich italienische Musik. Man muß in Italien offene Ohren für das Klingen des ganzen Landes haben, muß seine Seele bereit machen für das Aufnehmen innerer Klangbilder. Und ist man dann wieder in der Ruhe und Stille der Heimat, so fühlt man, wie sich das alles in Musik umsetzt. Als ich mich von Vannucini verabschiedete, sagte er mit der Liebenswürdigkeit des Italieners: »Sie sind sehr klug, aber zum Singen wäre es besser, Sie wären etwas weniger klug.« Jetzt weiß ich, was er damit sagen wollte. Er meinte, ich solle das Grübeln lassen, das allzu Bewußte, und beim Singen nichts weiter tun, als hören und fühlen. Ich habe mir das für spätere Zeiten gemerkt, und es hat mir genützt. Wir hatten noch die große Freude, daß in der letzten Zeit, die wir in Florenz verbrachten, Fräulein Elise von Jung-Stilling und eine Freundin, Marie von Wolff, sich hier mit uns vereinigten, um in unserer Gesellschaft nach Rom und Neapel weiter zu reifen. Freunde von Fräulein von Jung hatten ihr diese Reise ermöglicht. Ihre Augen sollten Italien schauen, und ihre künstlerisch empfindende, immer junge Seele sollte italienische Kunst und Schönheit kennen lernen und in sich aufnehmen. Marie von Wolff begleitete sie. Es bewegte unsere Herzen, als wir unsere alte Freundin auf dem Bahnhof empfingen und im Triumph in unsere Pension geleiteten. Vielleicht kam diese Reise ein wenig zu spät für sie, denn ihre Augen waren nicht mehr scharf genug, alles zu schauen. Aber ihr für Freude und Schönheit offenes Herz empfand es voll Dank, daß ihr die Sehnsucht ihres langen Arbeitslebens erfüllt war, und daß sie Italien schauen durfte. Von Florenz gingen wir nach Rom. Da verstummte ich vollständig, Rom wirkte zu gewaltig. Rom Tagebuch, 10. Mai 1896. Welch wunderbares Leben lebe ich hier in Rom! Nie habe ich so stark das Gefühl gehabt, vom Verschwinden der eigenen Persönlichkeit, ja, des ganzen subjektiven Lebens, wie hier. Die Welt, die mich hier umgibt, ist so groß, so mächtig, daß nichts daneben sich halten kann. Nie habe ich so dem Augenblick gelebt, wie hier, nicht voraus-, nicht zurückgeblickt. Wer könnte auch hier an sich denken, angesichts dieser riesigen Trümmerwelt, dieser ernsten, schweigenden Zeugen eines Glanzes und einer Macht, wie wir sie uns kaum mehr denken können? – Und alles zerstört, versunken, was für die Ewigkeit geschaffen schien! Erschütternd fühlt man über »diesen großen Kirchhöfen der alten Römerwelt« das Wort: »Die Herrlichkeit des Menschen ist wie des Grases Blume«. Wie verschieden sind doch die Menschen! Wie verschieden wirkt auf uns alle Rom! Wie fremd fühlt man hier plötzlich Menschen gegenüber, mit denen man sich nahe stand, und wie nah kann hier ein Fremder einem kommen! Rom holt das Innerste des Lebens heraus. So sagte z.B. Marie von Wolff, nichts wirke so befruchtend auf sie, wie Italien; sie dächte hier nach, ob sie nicht ein Talent hätte, das sie ausbilden könnte. Mir geht es gerade umgekehrt: Hier mag ich gar nicht daran denken, daß ich auf künstlerischem Gebiete etwas leisten will. Alles schweigt, jede Äußerung meiner eigenen Persönlichkeit. Mein Skizzenbuch wanderte heute in den Ofen; meine Musik ist völlig verstummt. Man bekommt hier andere Maße, will nur das Vollkommene. Noch eins kommt dazu als Erklärung dafür, daß Rom mich musikalisch stumm macht: die Musik, die in mir lebt, paßt in diese Welt nicht hinein. Und in die neue Welt, die mich hier umgibt, die gewaltige, ernste, tauche ich mit meiner ganzen Seele Langsam fühle ich, wie vieles sich in mir verändert, von mir abfällt, und wie vieles in mir neu erblüht. Ein Brief von Hans Schmidt aus der Heimat sprach diese Empfindungen aus: »Man wird ein anderer Mensch in Italien,« schrieb er, »besonders in Rom. Aber man wird ein solcher nur im Sinne einer ›Wiedergeburt‹, nur insofern, als diese eine Bestärkung im Einfachsten, Uranfänglichsten, Unzerfaserten aller Empfindungen und Anschauungen ist. Man kommt dort recht auf den Grund seiner selbst und baut auf diesem Grunde seines Wesens, statt des im Laufe der Zeiten zusammengeklecksten verwickelten Gebäudes ein simples, helles Säulenhaus. – Der Einwohner ist ja immer derselbe, aber er guckt doch anders aus den anderen Fenstern.« – Hans Schmidt hat recht. –   Wir brachten die Vormittage in den Bildergalerien und Kirchen zu, fuhren am Nachmittage in die Umgegend Roms hinaus. Das liebste von allem ist mir die Campagna geworden, mit ihrer unermeßlichen Einsamkeit, ihrem Lerchengesang und der Feierlichkeit des »großen Kirchhofes der alten Römerwelt«. Einen starken Eindruck empfing ich durch die Villa d'Este in Tivoli, in der wir viele Stunden zubrachten. Eine stille, schöne, verzauberte Welt. Welch ein Glanz hat dort einmal geherrscht! Davon reden die Terrassen mit ihren Marmorbildern, die Wasserkünste und die breiten, stolzen Treppen. Aber alles verlassen, zerstört, vergessen! Die Wasserkünste spielen nicht mehr, die Bassins sind voll wilder Farne, die Marmorbilder liegen auf der Erde – wie die Terrassen und Treppen – von wilden Rosen und Efeu überwuchert. Aber eine Poesie, eine märchenhafte Stimmung umgibt diese schweigende Welt voll Blumenduft, Vogelstimmen und leisem, geheimnisvollem Wasserrauschen, wie in Eichendorffs Gedicht: »Es rauschen die Wipfel und schauern. Als machten in dieser Stund' Um die halbversunkenen Mauern Die alten Götter die Rund'.« Das ist das Wunderbare in Rom, daß man immer aus dem täglichen, wirklichen Leben herausgehoben wird; denn die Welt der Vergangenheit, in die man schaut, ist so stark, daß das wirkliche Leben, welches einen umgibt, nur wie ein Schatten an sie heranreicht. Der einzige musikalisch feine Eindruck, den ich bisher hatte, war ein Pfingstgottesdienst in Monte Trinita. Dort singt der berühmte Nonnenchor, dem Mendelssohn seine »Motetten« gewidmet hat. Der Altarchor war voll junger Klosterschülerinnen, alle in schneeweißen Kleidern, in lange, weiße Schleier gehüllt. Wenn sie niederknieten oder sich erhoben, wogten diese, als ob Engelflügel sich bewegten. Und dann sang hinter goldenem Gitter, hoch oben vom Chor, eine helle, hohe Sopranstimme, so inbrünstig flehend, daß einem das Herz erbebte; und jauchzend fiel der Frauenchor ein: »Alleluja! Alleluja! Amen«. Auch zwei der berühmten italienischen Castraten hörte ich hier: Männer mit Frauenstimmen. Der Klang dieser männlichen Soprane gleicht einer weiblichen Stimme. Er ist nur durchdringender und hat eine merkwürdig gebundene Leidenschaftlichkeit und einen wunderbaren Wohllaut. Wochen hindurch lebte ich mit meinen Freunden in dieser Welt voll unbeschreiblichen Reichtums. Es war etwas in mir aufgegangen. Ich fing an, die italienische Musik zu verstehen; und da erwachte plötzlich die Lust in mir, wieder zu singen. Die Sonne, das Licht, das Blühen und Leuchten Italiens macht die Menschen dort viel froher, sorgloser und leichtsinniger. Aus der Art ihres Lebens, aus diesen leichtbeschwingten Menschenseelen singt und klingt eine andere Musik, als in uns Nordländern, in denen so viel unerfüllte Sehnsucht lebt. Von Landsleuten wurde mir ein Gesanglehrer warm empfohlen, und von diesem Lehrer habe ich in Italien am meisten gelernt. Er hieß Bettini, war zweiundsiebzig Jahre alt und sang noch immer so bezaubernd, wie nur ein Italiener singen kann. Sein Ton floß wie ein goldener Faden, leicht und hell schimmernd. Er war früher berühmt und reich, hatte alles verloren und war ganz verarmt. Doch das focht ihn wenig an. Er, der früher Wagen und Pferde gehabt hatte, lief nun zu seinen Stunden treppauf, treppab, schwang fröhlich grüßend sein weißes Strohhütchen, und unterrichtete mit Händen und Füßen, Augen, Mund und allem, was er besaß. Ich hatte mir Bannucinis Lehren beim Abschied gemerkt und noch etwas dazu gelernt: man muß in Italien nicht bei sogenannten Pädagogen, sondern nur bei richtigen Sängern studieren und diesen ihre Kunst abhören; denn sie wissen oft nicht was sie tun. Ich ließ mir von Bettini Übungen und Arien unausgesetzt vorsingen und versuchte, sie ihm nachzusingen. Ich lernte von ihm die entzückendsten technischen Übungen, die er improvisierte und mit technischer Vollkommenheit ausführte. Er ließ Kadenzen, Läufer wie leuchtende Raketen in die Lüfte steigen. Schlimm war's nur, daß er sie oft im Moment wieder vergaß und nicht zum zweitenmal machen konnte, was mir das Behalten und Niederschreiben sehr erschwerte. Eine Gewohnheit hatte er, von der er gar nicht abzubringen war. Er sang immer mit bei allen meinen technischen Übungen und Arien. Allen meinen Vorschlägen, mich allein singen zu lassen und zuzuhören, und dann wieder selbst zu singen und mich zuhören zu lassen, begegnete er mit der größten Bereitwilligkeit; doch konnte er es nicht ertragen, zu schweigen. Es riß ihn immer mit. Er kam mir wie ein Kanarienvogel vor: er konnte, wie dieser, nicht schweigen, wenn ein anderer sang. Ich bedauerte sehr, nicht früher zu ihm gekommen zu sein; denn hier lernte ich wirklich singen. Er war in einer wilden Ekstase über meine Stimme, bildete sich ein, daß alles, was ich konnte, nur von ihm gelehrt sei, schlug sich auf die Brust und wiederholte immer: »Das haben Sie von mir gelernt, von mir ganz allein!« und schwor, keiner werde mein Singen wiedererkennen, wenn ich in die Heimat käme. Er schlug mir vor, ein halbes Jahr täglich bei ihm zu studieren; er verpflichtete sich, mich in dieser Zeit zur ersten dramatischen Sängerin Deutschlands auszubilden. Ich konnte natürlich auf diesen Vorschlag nicht eingehen, glaubte ihm auch alles nur halb. Wir trennten uns trotzdem ganz wehmütig voneinander. – Wenige Wochen nachher starb er am Herzschlage. In ihm verkörperte sich ein großes Stück alter italienischer Gesangkultur. Neapel, Capri, Venedig Ungefähr fünf Wochen waren wir in Rom gewesen. Dann schlug die Stunde des Abschieds. Wir hatten nur noch vierzehn Tage für den Süden: Neapel und Capri. Je tiefer man in den Süden kommt, desto mehr singt und klingt es – fast möchte ich sagen Tag und Nacht – in den Straßen und auf den Plätzen, in den Gärten und Osterien. O, diese italienischen Nächte voll fliegender Leuchtkäferchen, berauschendem Rosenduft und Gesang! Halbe Nächte sind wir hinter den Mandolinensängern dreingezogen, haben auf Gartenmauern am Meeresstrande gesessen. Dann sangen wir auch unsere Lieder, zwei- und dreistimmig, und ernteten begeisterte Anerkennung. Von Neapel habe ich damals durchaus keinen schönen Eindruck mitgenommen. Es war etwas zu spät im Jahr für diese Stadt. Die Glut des südlichen Sommers, voll Staub und Schmutz, legte sich quälend auf uns Nordländer. Die Stadt war schon ziemlich leer von Besuchern, und der ganze Strom von Bettlern ergoß sich auf die wenigen Fremden, die noch kamen, mit einer geradezu peinigenden Gewalt. Man wurde förmlich verfolgt, sobald man sich auf der Straße zeigte. Mit Geschrei stürzte sich alles einem entgegen, bettelte, verkaufte, überredete zu allem möglichen. Nicht einmal im Wagen war man sicher vor ihnen, denn sie kletterten mit affenartiger Geschwindigkeit hinein, setzten sich auf dem Kutscherbock fest, hingen am Trittbrett, streckten einem verkrüppelte Arme und wunde Glieder entgegen. Sie schrieen, lachten, jammerten, stahlen, erklärten die Gebäude und Aussichten in aufdringlichster Weise. Ich habe nie etwas Ähnliches von einem Volksleben gesehen. Abends lagerten sie sich auf den Plätzen und Straßen um große Kessel, in denen gemeinsame Mahlzeiten gekocht wurden. Einmal hatte ich die Unvorsichtigkeit, mehrere Knaben auf meine Kosten Makkaroni essen zu lassen, die mit Riesenschöpfern aus dem Kessel geholt wurden. Das brachte uns fast in Gefahr; denn wie eine wilde Horde stürzten sich alle anderen über uns und verlangten, auch gespeist zu werden. Da kam mir ein rettender Gedanke: ich schleuderte eine Handvoll Münzen, so weit es mir möglich war, auf den Boden. Da ließen unsere Peiniger von uns ab und stürzten sich, zu einem Knäuel geballt, auf das Straßenpflaster, die Münzen aufzusammeln. Wir benutzten diesen Augenblick, sprangen in einen Wagen und versprachen dem Kutscher ein gutes Trinkgeld. Der hieb auf sein Pferd ein und wir fuhren eilig davon, eine Weile noch verfolgt von einer tobsüchtig brüllenden Schar. Tante Elise weinte und war so zornig auf mich, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie beteuerte, sich meiner Führung nicht mehr anvertrauen zu wollen, da ich immer etwas mit dem Volke zu tun hätte; das würde uns noch ins Verderben bringen. – Wir waren ganz blaß und still und fühlten uns erst sicher, als wir in den Betten lagen. Wir kürzten unseren Aufenthalt ab, denn Neapel machte gar zu müde. Dieses Leben war beängstigend. Ich habe es das nächstemal nicht so schlimm empfunden, wie bei diesem ersten Besuch. Wie gerettet kamen wir uns vor, als wir das Schiff bestiegen das uns nach Capri trug. Eine kurze Fahrt über das schimmernde Meer – und eine andere Welt umfing uns! In Capri erwartete uns meine Freundin Nina Tode mit ihrer Schwester und ihrer Gesellschafterin. Das Zusammensein mit diesen Freunden machte die Schönheit noch schöner, die Freude noch froher. Fast zwei Wochen lebten wir ein Traumleben in Ruhe und Schönheit. Es war, als sei eine ganze Welt voll Licht und Klang um uns! In blühenden Myrthen saßen wir und blickten hinaus auf das blaue Meer in seiner Herrlichkeit; sahen hinüber nach Ischia, hörten die Fischer singen; und ich dachte mir oft: »So muß es im Paradiese sein«. Es gab wenig Fremde in Capri: nur ein paar Maler und Schriftsteller. Wir wohnten im berühmten Hotel Pagano, das damals noch ganz patriarchalisch war und voller Traditionen. Am Abend versammelten wir uns in der »Luna«, dem kleinen Restaurant, das durch Viktor Scheffel und Klaus Groth berühmt geworden ist. Im Mondschein wanderten wir hinaus an den Strand, saßen auf den Klippen und sangen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber in Capri konnte man auch deutsche Sehnsuchtslieder singen. Dann kam der Abschied. Am letzten Abend zogen wir alle hinaus ans Meer. Hell lag der Mondschein über den Faraglioni und dem Strande. Da fing ich an zu singen. Es war das Heimatlied von Hans Schmidt, seine ›Hirtenweise‹: »O Heimatland, du liebes Land, wie keiner je ein lieb'res fand«. Und ich wußte, daß trotz aller Herrlichkeit der Erde mein Herz der Heimat gehörte und gehören würde bis zu meinem letzten Atemzuge. Als letzten Eindruck von Italien nahm ich noch einige Tage in Venedig mit. Meine Freundin Doris war in die Schweiz vorausgefahren und ich blieb mit Tante Elise Jung allein in Venedig, dem wundersamsten Ort, den ich in meinem Leben geschaut! Wenn man die Eisenbahn verläßt, so versinkt nach wenigen Schritten mit einem Schlage die ganze Welt, in der man bisher gelebt hat, und es umfängt einen eine nie geschaute. Von allen Seiten ertönt der melancholische Ruf: »Gondola, Signora!« Bald saßen wir in einer Gondel und fuhren auf dem Canale grande im Mondschein unserem Hotel entgegen. Wachte oder träumte man? Unser Weg führte uns an wunderbaren alten Palästen vorüber, deren weiße Marmorfassaden wie Spitzen in den Himmel ragten. Gesang von allen Seiten: von den Ballonen, aus den Gondeln, an denen wir vorüberfuhren; dazu das leise Anschlagen der Wellen an unsere Gondel, die lautlose Stille um uns her, von keinem Wagengerassel, keinem Fabrikpfiff unterbrochen! Eine Woche blieben wir in der Wunderstadt und lebten Tage, wie nie zuvor. Ganz anders als in Rom, nicht ausgelöscht fühlte man sich, sondern verzaubert. Jeden Abend fuhren wir hinaus auf den Canale grande, die berühmten Sänger zu hören, die dort in ihren Gondeln Konzerte gaben. Es gab ganze musikalische Aufführungen in kleinem Stil. Chöre und Sologesänge wurden von einem Streichorchester begleitet. Und dann erhob sich eine Männerstimme und sang mit Mandolinenbegleitung; voll Schönheit und Wohllaut schwangen die Töne sich über das Wasser. Das alles war so wunderbar! Die deutsche Heimat mit ihren deutschen Liedern lag wieder plötzlich fern und wie fremd dahinten. Ich begriff ganz die Sehnsucht der Deutschen, die sie immer wieder über die Alpen, in das Märchenland, lockt, oft in Verderben und Tod. Und ich dachte: Wird nun die Sehnsucht nie in mir schweigen nach diesem Land mit seinem blauen Himmel und seinem Singen? Wird sie mir das Herz schwer machen oder Licht hineintragen in unsere dunklen Herbsttage und Winternächte? Und dann war der letzte Tag in Italien gekommen. Mit einem Schmerz, wie man sich sonst nur von lieben Menschen trennt, löste ich mich von diesem Lande und fuhr in die mächtige Gebirgswelt der Schweiz hinein. Ich war nach Italien gegangen, mit dem Gedanken, dort meine Stimme weiter zu entwickeln. Und ich hatte viel mehr und anderes gefunden. In der Bibel wird von einem Manne erzählt, der auszog, seine verlorene Eselin zu suchen, auf seinem Wege aber ein Königreich fand, und als König heimkehrte. So war es mir ergangen. Bayreuth Tante Elise Jung fuhr heimwärts. Marie Wolff hatte sich schon früher in Rom von uns getrennt. Doris Kruedener wartete ungeduldig mit ihrer Schwester auf mich. Sie hatten ein »Idyll« entdeckt, wie sie mir schrieben: einen stillen Malerwinkel, in den kein Tourist sich verirre. Dort lebten sie beim katholischen, jungen Kaplan, wo schon mein Zimmer bereit stand. Es war das Dörfchen Maderan im Maderaner Tal. Wir wollten noch drei Wochen in der Schweiz bleiben und uns von den starken Eindrücken Italiens erholen. Es war ein stilles Dörfchen, in dem wir fast vierzehn Tage lebten. Man mußte seine Augen und seine Seele umstellen, denn nach all der Freude, dem Licht, der Sonne und den Blumen des Südens wirkte die riesige, dunkle Welt der Schweiz zuerst drückend und traurigmachend. Aber auch das wurde anders. Wir liebten bald die Schweizer Berge, die schäumenden Wasser, die über die Felsen sprangen, die dunklen Tannen und das ernste Volk, das in diesem weltabgeschiedenen Tal so mühsam um sein Leben kämpfte. In dem jungen Kaplan lernten wir eine feine, kindliche Seele kennen. Er schloß sich warm an uns und konnte mit uns fröhlich sein. Wir besuchten mit ihm seine Gemeindeglieder, saßen bei seinen Kranken, halfen ihm seine Rosen pflegen und sangen am Abend, auf der Steinbank vor der Haustür sitzend, dreistimmige Lieder, die durch die stille Dorfstraße klangen. Schweren Herzens trennten wir uns von diesem weltabgelegenen Idyll und begannen eine Wanderung durch das Berner Oberland. Acht Tage wanderten wir, sahen aber nichts; denn dichter Nebel hüllte die ganze, herrliche Alpenwelt ein. – Dazwischen setzten wir uns auf einen Stein am Wege und lasen einander aus dem Bädeker vor, was wir alles hätten sehen können. Es war wirklich erbärmlich! Auf besseres Wetter konnten wir nicht warten, denn unsere Termine waren festgesetzt. Dann mußte ich mich von meinen beiden treuen Reisegefährtinnen trennen. Sie kehrten in die Heimat zurück, mir aber war es beschieden, noch etwas Großes zu erleben. Seit meiner Studienzeit bei Stockhausen war ich eigentlich Anti-Wagnerianerin. Bestärkt wurde diese Antipathie noch in Riga durch den Wagner-Verein, der mit einem derartigen Fanatismus geleitet wurde, daß ich mich innerlich dagegen auflehnte. Trotzdem hatte ich beschlossen, nach Bayreuth zu gehen. Als Widersacherin zog ich dort ein, und als Besiegte verließ ich es; denn dort erst ging mir das Verständnis für Wagners Musik auf. Ich hatte mit einer Freundin aus Stockhausenscher Zeit, Lucy Schemell, verabredet, mich dort zu treffen. Sie war unterdessen eine hochangesehene Musiklehrerin in Erfurt geworden. Als ich in Bayreuth aus dem Zuge stieg, erwartete sie mich bereits und führte mich im Triumph ins Städtchen. Wir hatten uns unbeschreiblich viel zu erzählen, lagen doch zwölf Jahre zwischen unserer Frankfurter Zeit und dem heutigen Tage. Aber beim Mittagessen gerieten wir uns leidenschaftlich in die Haare. Schon während unserer Studienzeit war Wagner ihr heimlicher Abgott gewesen. Ganz im Verborgenen mußte diese Liebe genährt werden, weil Stockhausen keine Wagner-Schwärmerei duldete. Nun aber brannte ihre Leidenschaft für Wagner lichterloh, und in mir war wieder das Interesse für italienische Musik wach geworden, die sie verachtete. Wir stritten so lebhaft, daß unsere Tischgesellschaft im Hotel aufmerksam wurde, und ich mißliebige Bemerkungen einstecken mußte; denn damals durfte man in Bayreuth noch nicht reden, wie man wollte. Wer nicht auf den Meister schwor, konnte Unannehmlichkeiten haben. »Wart' es erst ab und hör,« sagte Lucy Schemell mir zum Schluß, »morgen wirst du anders sprechen.« Das »Morgen« kam – und ich sprach anders. Es waren wunderbare, vom Alltag losgelöste Tage, die man lebte. Wir besuchten Liszts und Wagners Gräber, umschlichen Haus Wahnfried, lauerten am Toreingang, ob wir nicht jemand von der Wagnerschen Familie erspähen konnten; wir lasen die Texte der Wagner-Opern und gingen mit einem Führer durch die Wagner-Literatur umher. – Und dann kam die erste Aufführung des Nibelungenringes. Von Tag zu Tag wurde der Eindruck großartiger, ich drang tiefer in den Geist der Musik Wagners ein, die ich mit allen Fasern meiner Seele erlebte. Ich will hier nicht versuchen, ein Bild des Bayreuther Lebens zu entwerfen: das haben Berufenere schon vor mir getan. Für mich waren es starke künstlerische Eindrücke, die ich aus Bayreuth mitnahm. Siegfried Wagner führte das erstemal den Taktstock, und unter den Musikern gab es viel kritische Leute, die behaupteten, es wäre keine sehr glänzende Aufführung in diesem Jahr. Das alles focht mich nicht an. Das Orchester brachte mir immer neue Offenbarungen, nahm all mein Sinnen, Denken und meine Kraft in Anspruch; und am letzten Tage, bei Siegfrieds Tod und der erschütternden Totenklage des Trauermarsches, mit seinem Schmerz, der keinen Trost kennt, war ich zu Ende mit meiner Selbstbeherrschung und ging schluchzend heim. Einen merkwürdigen Eindruck machte anfangs die Art der Wagnersänger auf mich. Da ich eben aus dem Lande des Belcanto kam, wo die seine gesangliche Linie und die Schönheit des Tones, oft auf Kosten des Charakteristischen, immer festgehalten wurden, empfand ich den Wagnerschen Sprachgesang als rauh und unschön. Doch wurde es mir bald klar, daß Wagners Musik auch ihren Gesangstil haben mußte. Mit dem Gefühl eines großen Erlebnisses habe ich damals Bayreuth verlassen. Es war der letzte Eindruck meiner herrlichen Reise. Im August kehrte ich heim. Nachwirkungen Italiens Ende August langte ich zu Hause an. Ich kam gern wieder, denn meine Heimat und meine eigene Häuslichkeit liebte ich über alles. Wenn auch die gewaltigen Reichtümer, die diese Reise mir gebracht hatten, sich nicht schnell überblicken ließen: einen Segen spürte ich doch gleich. Ich freute mich auf meine Schüler und war wieder froh geworden, denn meine Seele hatte so viel Schönheit und Sonne in sich aufgenommen; die hielt sie fest. Mit frischen Kräften ging ich an die Arbeit. Durch Stockhausen angeregt, hatte ich ein großes Interesse für die Physiologie des Kehlkopfes und besaß eine ganze Menge in Spiritus präparierter Kehlköpfe, die mir ein junger Arzt aus dem Krankenhause geschenkt hatte. Da gab es Kehlköpfe in Längs- und Querschnitten, präparierte Stimmbänder und Luftröhrenstücke in Spiritus: eine grausige Gesellschaft, die meine Schüler kennen lernen mußten. Was hätte Vannueini wohl gesagt, wenn er die bei mir erblickt hätte! Meine erste Arbeit in der Heimat war, die Kehlköpfe auf den Kirchhof zu bringen und sie dort pietätvoll zu begraben. Diese Periode in meinem Leben war abgeschlossen. Ein großer Reichtum für mich lag auch in der neuen Welt, die sich mir in Italien erschlossen hatte, in italienischer Malerei und Skulptur. Da waren viele Wege, die zu unendlichen Schätzen führten, die noch ungehoben vor mir lagen. Denn das Studium in Italien auf diesem Gebiet war ja nur ein kleiner Anfang gewesen. Ich hatte viel gute Photographien mitgebracht und lebte in ihnen manch stille Abendstunde, die mir durch diese Erinnerungen reich und schön wurde. Und seltsam, auch in der Heimat sah ich nun so viel, was mir früher entgangen war: Schönheit an Licht, Farben und Linien. Es war, als hätte die starke Unterstreichung von leuchtenden Farben und Linien im Süden mir die Augen geöffnet für die zartere und stillere Schönheit der Heimat, durch die ich nun ging, mit staunender Seele, als wären neue Sinne in mir erwacht. Als ich anfing zu arbeiten, merkte ich nicht nur an meinen Schülern, sondern vor allem an meinem eigenen Singen, wieviel ich in Italien gevorteilt hatte. Meine Stimme war wieder in ihre natürliche höhere Lage zurückgekommen, denn Stockhausen hatte sie zu sehr in die Tiefe gedrückt. Das Singen war wieder leicht, und ich ging sorgloser daran, so wie in den Zeiten vor Stockhausens Schulung. Was mir unendliche Mühe machte, war die Verbindung von italienischem Ton und belcanto mit deutscher Deklamation, ich mußte oft daran denken, was Mühlen mir vor Jahren gerade über diese Schwierigkeit gesagt hatte. Ganz kann man dieses Problem natürlich nicht lösen: italienische Kantilene läßt sich nur bedingt auf deutschen Gesang übertragen. Das Charakteristische der deutschen Sprache besteht in der Behandlung der verschiedenen Konsonanten und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten und der vielfach gefärbten Vokale, von denen jeder sein eigenes Gesicht hat, aber ein anderes, als die reinen italienischen. Eine große Schwierigkeit bildet die Anhäufung der Konsonanten in der deutschen Sprache, aber ihre Beherrschung und Anwendung für den geistigen Ausdruck bilden ein Hauptmoment der Wirkungen, wodurch der deutsche Gesang so einzig in seiner Art ist. Für mein Singen habe ich in Italien viel gelernt und rate jedem Sänger, eine Weile in Italien zu studieren; aber nie zu seiner ersten Ausbildung hinzugehen! Man wird dort gewöhnlich für deutschen Liedergesang verdorben. Die moderne italienische Musik wirkt zu wenig erzieherisch auf den Geschmack junger Menschen, die noch nicht ihr Ziel haben und gibt ihnen Gesichtspunkte, mit denen sie deutsche Lieder und Stilart später leicht verkennen. Wer jeder deutsche Sänger, der sein Ziel kennt, seinen Geschmack bereits gebildet hat, sollte für eine Zeit nach Italien gehen; denn was »singen« heißt, Freude am Ton haben, auf den Klang seiner Stimme horchen, das lernt man nirgendwo so wie dort, wo jeder Straßenkehrer und Schuhputzer ein Sänger ist, von dem auch ein deutscher Konzert- und Opernsänger unter Umständen viel lernen könnte. Im November traf mich ein schwerer Schlag; es war der Tod eines alten Onkels, der in einem Städtchen Estlands, in Weißenstein, lebte. Es war mein Onkel Hermann. So lang ich denken konnte, hatte seine Liebe, sein freudiges Christentum mein Leben gelehrt. Sein Haus im kleinen, stillen Städtchen, mit dem großen Blumengarten, war mein Jugendparadies gewesen. Goldene Ferienzeiten voll unendlicher Freude hatte ich dort mit den Meinen verlebt. – Er war eine seltene Persönlichkeit, stark, froh und fromm. Mit einem Herzen voll Liebe und übersprudelndem Humor, ein rechter Führer der Jugend. Bei ihm lebte man in Freiheit und Freude. Wohl war das Leben im gastlichen Hause in der letzten Zeit still geworden. So mancher, mit dem man dort froh gewesen, lag auf dem Friedhof. Er aber, wenn auch alt und müde, war doch bisher immer noch da gewesen, und ich hatte mich in seiner Liebe geborgen gefühlt. Nun war das alles zu Ende. Mit meiner Mutter und ihm hatte ich die starken Führer meiner Jugend verloren. Sie versank für immer. Letztes eigenes Konzert Nachdem ich eine Weile gearbeitet hatte, sehnte ich mich nach einer größeren künstlerischen Aufgabe; sie fand sich bald: Hans Schmidt machte mir den Vorschlag, mit ihm zusammen in einem Konzert den Liederzyklus von Brahms, »die schöne Magelone«, zu bringen. Brahms hatte diese Lieder nach Tieckschen Versen Stockhausen gewidmet, der sie öfter in Konzerten gesungen. Seit Jahren waren sie nicht mehr an die Öffentlichkeit gekommen. Frau Joachim, die daran dachte, den Zyklus wieder einmal zu singen, hatte Hans Schmidt beauftragt, ihr einen verbindenden und erklärenden Text dafür zu schreiben, der zum Verständnis der Lieder beitragen sollte. Er hatte ihren Wunsch erfüllt; doch war es bis dahin noch zu keiner Aufführung gekommen. Nun schlug Hans Schmidt mir vor, wir sollten uns gemeinsam an diese Aufgabe machen. Mit Begeisterung griff ich die Idee auf und fing an, mich in die Lieder hineinzuarbeiten. Ich merkte bald, welch eine Riesenaufgabe das war. Während des Studierens überfielen mich oft Zweifel und Ängste, ob ich ihr gewachsen sein würde. Doch hatte ich einen großartigen Helfer an Hans Schmidt, was die geistige Gestaltung dieser seinen Lieder betraf. Getreulich standen mir auch meine Freundinnen zur Seite, mit denen ich regelmäßig arbeitete. Es war eine wunderschöne Zeit. Unser ganzer Freundeskreis nahm mit regstem Interesse teil an der Sache, für die wir uns fast ein ganzes Jahr vorbereiteten. Ich ging nie spazieren, ohne meine Magelonen-Lieder bei mir zu haben, da ich beschlossen hatte, den ganzen Zyklus auswendig zu singen. Meine Bekannten behaupteten, ich wäre vollständig geistesabwesend, wenn ich ihnen begegnete; die Welt vom Grafen Peter und der schönen Magelone stand mir näher als das Leben, das mir auf den Straßen Rigas entgegentrat. Endlich wagten wir uns an die Öffentlichkeit. Es war ein großes Fest, zu dem Freunde, Bekannte und Fernstehende sich im Schwarzhäuptersaal versammelt hatten. Ein junger Freund, der leidenschaftlichen Anteil am Konzert nahm, hatte das Podium geschmückt. Die großen Kandelaber, die sonst beiseite standen, waren von ihren Hüllen befreit und brannten im Strahle vieler Kerzen. Lorbeerbäume standen schlank und dunkel zwischen ihnen und schlossen die Rückwand des Podiums ab. Ganz frei von Angst, nur mit allen Fibern an meine Aufgabe denkend, betrat ich das Künstlerzimmer, wo Hans Schmidt, dieser beruhigende, immer gleichmäßig heitere Partner, mich schon erwartete. In diesem Konzert war es das erste- und einzigemal, daß seine Ruhe, die sich sonst auf mich übertrug, ihn verließ, und ich seine Nerven spürte. Als ich an der geschlossenen Tür stand, die zum Konzertsaal führte, bereit auf das Podium zu treten, fuhr es ihm heraus: »Sie werden doch nicht auswendig singen? Das ist ja eine ganz unmögliche Aufgabe!« Es war einen Augenblick – einen kurzen Herzschlag lang – als wenn eine Ohnmacht über mich käme; der Boden schien zu schwanken. Ich hatte die Lieder seit Monaten nur auswendig gesungen. Jetzt die Texte in die Hand nehmen, bedeutete eine derartige Umstellung, daß ich absolut unfrei geworden wäre. Und doch nahm das Wort des sonst so beherrschten Freundes mir vorübergehend alle Sicherheit. Mit einem gewaltigen Entschluß straffte ich mich und sagte bebend: »Ich kann die Lieder nur auswendig singen.« Hans Schmidt öffnete schweigend die Tür zum Konzertsaal, und ich betrat mit noch ein wenig zitternden Knien das Podium. Schon beim ersten Vorspiel wurde ich ganz ruhig; es war eine zu gewohnte Welt, in die ich tauchte. Der verbindende Text wurde von einem jungen Schauspieler, Viktor Günther, schlicht und eindrucksvoll gesprochen. Von spontanem Beifall unterbrochen, führten wir das Ganze durch, ohne Pause, bis zum Schluß. Als der Zyklus zu Ende war, umbrauste uns unendlicher, jubelnder Applaus, und in einem langen Zuge, der vom Podium bis zur Ausgangstür reichte, wurden uns dreien ungezählte Sträuße und Blumenkörbe überreicht. Wir standen schließlich auf dem Podium wie in einem Blumengarten. Das Künstlerzimmer wurde nicht leer von frohen, glückwünschenden Menschen. Ich aber stand unter ihnen mit einem seltsamen Gefühl der Ruhe, als hätte ich ein Ziel erreicht. Ich dachte an mein erstes, verfehltes Konzert im Schwarzhäuptersaal: das war der Anfang – und dieses das Ende. Ich wußte es: das Ende meines künstlerischen Schaffens. Dieser Abend war ein Höhepunkt in meinem Leben und bedeutete zugleich einen Abschied vom Konzertpodium für mich. Ich gab mir selbst mein Wort darauf; daß es so sein sollte, und – ich habe mein Wort gehalten. Noch einmal sang ich die »Magelone« in Dorpat. Dann schloß ich mit Konzerten für immer ab und lebte nur meiner pädagogischen Tätigkeit. Meine Liebe, mein ganzes Interesse gehörten von nun an ausschließlich meinen Schülern. Eine große Freude wurde mir durch dieses Konzert noch zuteil. Das war die wunderbar seine Kritik unseres strengen Musikreferenten Alexander Staeger, eines großen Brahms-Kenners. Mich freute besonders die Art, wie er mein Singen charakterisierte: »Die Sängerin sang jedes Lied, als hätte sie es eben aus der Tiefe ihrer eigenen Seele geschaffen.« Er hatte empfunden, wie verwachsen ich mit diesen Liedern war und wie ich sie vollständig zu meinem Eigentum gemacht hatte. Wieder in Italien Es gingen einige Jahre in schöner, reicher Arbeit und anregendem gesellschaftlichen Verkehr hin. Da erwachte die Sehnsucht nach Italien mit unüberwindlicher Stärke in mir. Es ließ mir keine Ruhe: ich mußte Italien wiedersehen! Meine Freunde behaupteten, ich nähme die unabweisbare Notwendigkeit eines Studiums immer zum Vorwand, um mit gutem Gewissen wieder in die weite Welt wandern zu können. Es war kein Vorwand, sondern in der Tat eine innere Notwendigkeit. Ich verausgabte mich in meinen Stunden und meinem Leben derartig, daß ich immer wieder Zeiten der Konzentration und des Aufnehmens brauchte, um in meiner Kunst etwas zu leisten. Im Jahre 1899 wollten zwei meiner Schülerinnen zu Studienzwecken nach Italien, und ich begleitete sie auf ein halbes Jahr. Diesesmal sollte mein Weg mich nach Neapel zu Professor Carelli führen. Raimund Mühlen hatte bei ihm studiert und mit großer Anerkennung, ja Begeisterung, von ihm gesprochen. Er war eine Seltenheit unter den Italienern: nicht nur ein feiner Sänger und Gesangpädagoge, sondern auch Musikgelehrter. Im August machte ich mich mit den beiden jungen Mädchen frohen Mutes auf den Weg. Es ging über Wien nach Italien. Unsere erste Station war Florenz. Wie ein wunderbares Heimkommen war's, als ich die vertrauten Straßen betrat. In der alten Pension Banchi wurde ich mit stürmischer Herzlichkeit willkommen geheißen. Lebendig stand noch alles vor meiner Seele, jede Straße, jedes Haus grüßte mich traut und lieb; und das Wiedersehen mit den Lieblingen in den Galerien war wie das Wiederfinden von Lebendigen. Mir war's, als verstünde ich jetzt alles viel tiefer, viel besser, viel selbstverständlicher, als das erstemal. Mit alter Herzlichkeit und Wärme empfingen mich die beiden Freundinnen Elly von Loudon und Frau Philippow. Nur über eins waren sie entrüstet: daß ich ohne meine Freundin Doris gekommen war, die sich unterdessen verheiratet hatte. Sie erzürnten sich darüber. »Dazu hat sie wahrhaftig ihre großen künstlerischen Gaben nicht erhalten,« meinten sie. – Wie freuten sich die beiden, mit denen ich schöne, angeregte Stunden verbrachte, als sie merkten, daß ich all die Jahre mit Italien im Herzen gelebt hatte. Auch mir war das bisher gar nicht so zum Bewußtsein gekommen, und ich erkannte es jetzt erst ganz, als ich das gelobte Land wieder betrat. Ich wäre gern noch länger in Florenz geblieben, aber meine Schülerinnen drängten, denn sie sehnten sich nach ihrer Arbeit. Noch ein kurzer Aufenthalt in Rom – und dann ging's nach Neapel. Wir lebten im Diakonissenhause bei den deutschen Schwestern und waren da unendlich liebevoll aufgenommen. Die guten Schwestern taten alles, um es uns heimisch und behaglich zu machen. Das Diakonissenhaus lag hoch am Arco de Mirelli. Ich hatte ein wunderschönes Zimmer mit einer Terrasse, von der aus man das Meer und am Horizont die Inseln Ischia und Capri überblickte. Links erhob sich der Vesuv, über dem immer eine kleine Rauchwolke schwebte, die in der Dunkelheit oft purpurn erglühte. Zu meiner heimlichen Freude war Professor Carelli noch nicht von seiner Ferienreise heimgekehrt. Die freie Zeit beschlossen wir auszunutzen und eine kleine Reise zu machen. Wir fuhren nach Pompeji. Und wieder umfing mich dort – wie vor vier Jahren schon – der ganze geheimnisvoll« Zauber, der tieftraurige, mit dem diese tote Stadt wohl jeden umgibt. Es ist ein Eindruck, der sich mit nichts sonst vergleichen läßt. – Wie es schien, waren wir die einzigen Besucher: niemand begegnete uns, und diese Todeseinsamkeit war überwältigend. Stundenlang wanderten wir so durch die Straßen mit ihren Schrittsteinen und dem Grase in den tiefen Wagenfurchen. Dann entließen wir unseren Führer und setzten uns auf die Stufen einer Treppe. Wie mochte hier alles ausgeschaut haben, als die Stadt noch lebte? Keine von uns mochte sprechen. Wie verzaubert wurde man in dieser stummen und doch so beredten Welt. Da hörten wir plötzlich ein Schreien und Rufen. Es wurde lebendig um uns; Leute liefen an uns vorüber mit Zeichen der größten Aufregung. Sie schrien, riefen einander Unverständliches zu und winkten uns, ihnen zu folgen. Wir gingen ihnen nach und erfuhren bald den Grund der Erregung: es sei bei den Ausgrabungen eben ein kostbarer Gegenstand freigelegt worden; den müsse man sehen. Bald standen wir an der Stelle, auf welcher gearbeitet wurde. Wir blickten wie in ein geöffnetes Grab, auf dessen Grunde, zum Teil nur freigelegt, zum Teil noch mit der steinernen Erde verwachsen, ein wundervoller Dreifuß aus Metall lag. Es war ein erschütternder Anblick, als nun plötzlich dieses Kunstwerk, das zwei Jahrtausende still in der dunklen Erde geruht, im Tageslicht und in der strahlenden Sonne vor uns lag; und es schien, als hielte die Erde ihren Besitz noch fest, den man ihr nur in mühseligster Arbeit wieder entreißen sollte. Von Pompeji reisten wir weiter über Amalfi und Sorrento nach Capri. Welch' eine Pracht der Färbe im Herbst! Welch' eine Glut der Sonne! In Capri wurde ich von allen wiedererkannt und mit italienischer Leidenschaft begrüßt. Die Kellner im Hotel Pagano, die Besitzerin des »Kater Hidigeigei«, eine alte Eseltreiberin, die mich Tarantella tanzen gelehrt hatte, alle taten sie, als hätten sie die Jahre nichts weiter getan, als auf mich gewartet. Wir erlebten die zweite Myrtenblüte, und die Insel war weiß von blühenden Büschen. Jeder Tag schien ein Feiertag voll Schönheit und Frieden. Wieder war mir's in Capri, als fühlte ich mich im Vorhofe des Paradieses, losgelöst von allem Irdischen. Stundenlang lag ich in den blühenden Myrtenbüschen bei den Faraglionis, mit dem Blick auf das blaue, schimmernde Meer, über dessen Wasser weiße Möwen mit langsamem Flügelschlage dahinzogen. Wunderbar war's, die Tage so über sich hinfließen zu lassen und nichts als Schönheit in seine Seele aufzunehmen. »Nichts zu forschen, nichts zu späh'n, Und nur zu träumen, leis und lind. Der Zeiten Wandel nicht zu sehn; Zum zweiten Mal ein Kind.« Aber meine beiden gewissenhaften Schülerinnen sehnten sich nach ihrer Arbeit und trieben zur Abreise. Und so löste ich mich schweren Herzens von diesem Paradiese. Ich werde es wohl nie wiedersehen. Als wir in Neapel ankamen, erwartete Carelli uns schon, und wir begannen sofort mit den Stunden. Er war der vornehmste und gebildetste von meinen italienischen Lehrern; ganz hervorragend in seinen Kenntnissen. Alles, was er sagte, konnte er wissenschaftlich begründen und künstlerisch gestalten. Man hatte die Möglichkeit, sehr viel bei ihm zu lernen. Amüsant erzählte er von Mühlen, wie er sich als unwissender Schüler bei ihm eingeführt hätte, mit der Behauptung, er könne nichts. »Ich ließ mich zuerst von ihm betrügen,« sagte Carelli lachend, »denn er stellte sich ganz unschuldig und ahnungslos. Aber er konnte doch sein großes Künstlertum nicht verbergen. Ich merkte bald, wen ich vor mir hatte, und daß es ein Meister war. Da habe ich mich geschämt, daß ein so Großer von mir lernen wollte. Er hat ganz großartig bei mir gearbeitet, obgleich ich nie das Gefühl los wurde, eigentlich sollte ich bei ihm in die Lehre gehen.« Ich habe Carelli manches zu danken; aber auch er konnte mich nicht dauernd fesseln. Es war wieder wie vor vier Jahren. Italien erfüllte mich so vollständig, daß es mir gar keinen Raum ließ, mich ganz in mein Gesangstudium zu vertiefen. In all dem Großen, das ich erlebte, spielte die Musik wieder nur eine kleine Rolle. Es war immer das »Klingen des Landes«, auf das meine Seele horchte. Im »Adoranten«, der mit seinen emporgehobenen Armen und mit der ganzen Gestalt dem Licht zustrebt, lag für mich mehr Musik, als in allen Rotolis und Tostis. Ich lernte auch diesesmal lieber von meinen Freunden, den Straßensängern, als in den Stunden, und wieder fühlte ich es: vom Volk muß man in Italien singen lernen. So bin ich denn Abend für Abend getreulich hinter den Sängern dreingezogen, wenn sie mit ihren Mandolinen singend durch die Straßen wanderten, oder ich stand in den Torbögen, wo zuweilen drei bis vier Männer sich zusammenfanden und ganze Szenen aus Opern vortrugen. Ich hatte viele Freunde unter dem Volk: die kleinen Schuhputzer klopften grüßend mit ihren Bürsten auf das Pflaster, wenn ich mich ihnen näherte; und die Droschkenkutscher erboten sich schreiend und peitschenknallend, mich für eine ganz geringe Summe bis in die Heimat zu fahren! Wie liebte ich das Volk mit seiner steten Fröhlichkeit und Zufriedenheit, mit dem Kindersinn und der Spitzbubenseele! Von Neapel aus habe ich den Vesuv erstiegen. Mit einer Landsmännin, einer Estländerin, machten wir uns eines Morgens auf. Es wurde uns dringend abgeraten, diese Tour zu unternehmen: für Damen allein sei es viel zu anstrengend und auch gefährlich. Wir sollten uns der Reisegesellschaft von Cook anschließen, hieß es. Aber der Gedanke, mit einer Schar fremder, schaulustiger Menschen den Vesuv zu ersteigen, war so wenig lockend, daß wir trotz aller Warnungen beschlossen, uns allein auf den Weg zu machen. Von Pompeji fuhren wir bis zu einem kleinen Städtchen, wo uns Reitpferde erwarteten. Es ging durch Weingärten, an kleinen Ortschaften vorüber, wo die Einwohner, vor ihren Haustüren sitzend, uns fröhlich winkten. Festlich schlang sich der Wein von Baum zu Baum; es sah aus, als seien uns lauter leuchtend rote Ehrenpforten gebaut. Aber diese frohe Welt hörte bald auf. Alle Vegetation starb; graue Lavablöcke und schwarze Asche bedeckten unseren Weg. Leise legte sich ein Grauen auf die Seele; denn wie riesige Todesströme waren einst die schwarzen Lavamassen von oben heruntergeflossen und dann erstarrt. Immer steiler wurde der Weg und so schmal wie ein kleiner Fußpfad, den die Pferde keuchend hinaufkrochen. Zuletzt ging es nicht weiter; wir mußten absteigen und noch anderthalb Stunden zu Fuß wandern. Eine Schar von Männern erwartete und umringte uns sofort mit wildem Geschrei. Sie erboten sich zu allen Diensten. Vier Männer wollten uns in einem Tragsessel tragen, andere an Stricken heraufziehen, wieder andere uns hinaufstoßen. Einer vermaß sich sogar, mich auf seinen Schultern hinaufzuschleppen. Wir wiesen alle ab und begannen allein zu steigen, von der ganzen Schar begleitet, die uns einen schnellen Tod prophezeite, wenn wir ihre Hilfe nicht annähmen. Nach einigen Minuten wurde ich schwankend. Man versank tief in der heißen Asche, und der Gipfel war noch so weit! Ein dunkler Italiener mit blitzenden Augen hatte mich durchschaut und ehe ich mich dessen versah, hatte ich eine Schlinge um die Hand, die er fest zuzog und an der er mich emporzerrte. Ich fühlte die Hilfe sofort und ließ mich erweichen, ihn mit seiner Schlinge zusammen anzunehmen. Eine ganze Strecke zog die Schar noch mit uns empor, uns mit einem Strom von Worten überschüttend. Sie hofften immer noch, daß ich mich von ihnen tragen lassen würde. Plötzlich, nach Italiener Art, wurden sie uns überdrüssig und verließen uns. Nun blieben wir allein mit unseren zwei Führern, allein in dem großen Todesschweigen um uns. Kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm, keine Menschenstimme, kein Vogelruf weit und breit. Alles schwarz, schweigend – tot. Und über diesem großen Grabe der italienische, leuchtend blaue Himmel und die strahlende Sonne. Und wenn wir uns umwandten, erblickten wir tief unten, in wunderbaren Farben den Golf, das Meer, Neapel, Ischia und Capri, eine andere Welt. Langsam, langsam klommen wir weiter in tiefem Schweigen. Da plötzlich ein Donnern und Krachen, dumpf und unheimlich aus der Tiefe der Erde kommend: wir näherten uns dem Gipfel. Ein erstickender Schwefelgeruch machte uns das Atmen schwer. Rund um uns her quollen glühende Dämpfe aus Erdlöchern und Spalten. Fest packten uns unsere Führer an den Armen. Jetzt standen wir nur wenige Schritte vom Kraterrand und schauten hinunter in kohlschwarze, zerrissene Felsenspalten voll Rauch und Dampf. Ein Windzug trieb den Rauch fort, und wir sahen einen Augenblick in das Innere der Erde. Und dann quoll es herauf: zischend, donnernd, heulend. Dampf, Rauch, glühende Steine emporschleudernd. Ströme kochenden Wassers stiegen gleich Fontänen hoch in die Lüfte und sanken dann zischend und rauschend auf die Felsen herab. Mir zitterten die Knie, so überwältigend war der Anblick, so grauenhaft, so gewaltig. »Das ist die Küche des Teufels; hier kocht er,« sagte mein Führer. Es zwang mich in die Kniee vor diesem Anblick, und ich glaube, ich wäre umgesunken, hätte mein Führer mich nicht fest am Arm gehalten. »Nun müssen wir umkehren, die Signorina ist schon ganz bleich,« sagte er. Wir machten uns auf den Rückweg. Welch anderes Bild, das sich nun zu unseren Füßen ausbreitete! Aber all diese leuchtende Schönheit konnte jeden Augenblick von den dunklen, in der Tiefe arbeitenden Gewalten ausgelöscht und vernichtet werden! Der Rückweg war in kürzester Zeit gemacht, denn man sprang, vom Führer am Arm gehalten, in großen Sätzen hinab. Unten erwarteten uns unsere Reitpferde, die uns nach Pompeji brachten. Als wir abends bei unseren lieben »Schwestern« waren und den Tag überdachten, sagten wir uns beide, daß die Vesuvbesteigung einer der größten und tiefsten Eindrücke unseres Lebens bleiben würde. Dann zog es mich unaufhaltsam nach Rom, wo ich mehrere Wochen bei Freunden lebte: es waren estländische Aristokraten, kluge, originelle Menschen, die schon vor 30 Jahren nach Rom gezogen waren und mit warmer Heimatliebe und Baltentreue die schönen Seiten italienischer Art verbanden. Sie waren in Italien so originell geworden, daß ich ihnen lachend sagte: »Ihr könnt nur noch hier leben; anderswo paßt ihr nicht hin.« In den Italienern liegt ein großer Respekt vor fremder Eigenart. Sie lassen einen vollständig gewähren in köstlicher Freiheit. »Leben und leben lassen« scheint ihre Devise zu sein. Die Freunde planten, mich ganz an Rom zu fesseln. Aber – die Heimat verlassen! – ach nein, dazu konnte mich nicht einmal Rom bewegen. Ich feierte Weihnachten mit ihnen und zog dann langsam und widerstrebend über die Alpen heim. Italien ist die Sehnsucht meines Lebens geblieben. Einmal führte mich noch mein Weg bis Venedig, es waren nur wenige Tage, die ich hier verbrachte. Aber immer wieder hat Italien mir die Empfindung gegeben, als wenn dort – wie sonst nirgendwo in der Welt – der eine Teil meiner Seele seine ureigenste Heimat hätte.   Italien hatte mir wieder so viel Helligkeit und Freude ins Herz gebracht, daß sie noch lange vorhielten für das Leben und für die Arbeit. Da ich meine Wohnung auf ein ganzes Jahr vermietet hatte, nahmen meine Freundinnen, Gertrud und Nina Tode mich für den Rest der Zeit bei sich auf. Wir führten ein schönes, angeregtes Leben miteinander, und das Mitgehen und Verstehen dieser beiden Treuesten der Treuen half mir, die Lasten, die mein Leben nun mit sich brachte, leichter zu tragen. Meine einzige Schwester, an der ich mit großer Liebe hing, lag schwerkrank in einer Nervenanstalt. Unser Musikleben war gespalten und unharmonisch durch eine große Feindschaft, die sich aus einem Teil der Musiker und des Publikums heraus gegen Hans Schmidt richtete. Wohl war es schön, dem Freunde, dem man so viel zu danken hatte, zur Seite stehen zu können, bis die Stürme sich wieder legten; aber das frohe Miteinanderarbeiten, das unseren Kollegenkreis ausgezeichnet hatte, lag unter einem starken, schweren Druck. In dieser Zeit wurde ich zur Präsidentin des Crescendo-Vereins gewählt, welchen Posten Annie Sokolowski mehrere Jahre bekleidet hatte. Es war keine leichte Zeit für unseren Verein, den viele gern vernichtet hätten. Aber es gelang uns mit Hilfe mancher Freunde, durch alle Sturmeswogen ihn doch hindurchzuretten. Er stand – vielleicht gerade weil er kämpfen mußte – besonders hoch in seinen künstlerischen Leistungen, und das Konzert, welches wir trotz vieler Hindernisse im Frühling durchsetzten, gehört mit zu den besten, die wir jemals gegeben hatten. Stunden habe ich immer mehr gehabt, als ich eigentlich geben konnte. Mein eigenes Singen hatte sehr durch die italienische Schulung gewonnen, aber die Ansprüche, die ich an mich stellte, waren auch wieder gewachsen; und je weiter ich kam, desto mehr fühlte ich, daß mir die technische Hauptsache, die richtige Behandlung des Atems fehlte. Keine meiner Schülerinnen hatte eine gute Atemtechnik. Ein Gefühl der Unwahrhaftigkeit beim Lehren bedrückte mich daher oft sehr. 1903 im Frühling starb meine Schwester, und nach ihrem Tode schien mir's, als hätte mein Leben und Arbeiten keinen Inhalt mehr. Sollte es nun so weiter gehen, Semester für Semester, Jahr für Jahr? Da, im Frühling 1904, bekam ich einen Brief von Mühlen, in dem folgendes Erstaunliche zu lesen war: »Nun fühle ich mich so weit, daß ich zu unterrichten wage. Ich will im kleinsten Rahmen, im kleinen Schloß in Fellin, einen Gesangkursus beginnen. Ich komme mit einigen Ausländern dazu. Mit wieviel Schülern kommen Sie? Und sind Sie überhaupt dabei?« Ich hatte in dieser Zeit der Niedergeschlagenheit ernstlich erwogen, ob ich nicht meinen ganzen Beruf aufgeben und einen anderen ergreifen solle. Ich dachte an soziale Arbeit. Mein Beruf machte mir wieder einmal keine Freude mehr. In diese Stimmung hinein kam Mühlens Anerbieten. Ja, das war ein Weg, war eine Rettung! Ich sollte mit dem großen Künstler und genialen Menschen nun eine gemeinsame Arbeit haben, ich sollte bei ihm lernen dürfen! Wie anders sah plötzlich das ganze Berufsleben aus. In einem kurzen Brief sprach ich ihm meine volle Begeisterung für seinen Plan aus. Anfang Juli sollte unsere Arbeit beginnen. Von den Kolleginnen, die ich in Mühlens Namen zur Teilnahme an den Kursen aufforderte, bekam ich – wenn überhaupt – nur ablehnende Antworten. Nur meine jungen Kolleginnen, die früher meine Schülerinnen gewesen waren, scharten sich mit Begeisterung um meine Fahne, und froh und wohlgemut zogen wir Anfang Juli in das kleine Städtchen Fellin ein. Raimund Mühlens Ferienkurse Fellin I Mühlen hatte folgenden Plan: wir Schüler sollten in der Stadt in verschiedenen Familien als Pensionäre verteilt werden. Seine Stunden wollte er im alten Schloß geben. Auf der einen Seite des Hauses lebte seine Mutter, auf der anderen er selbst. Auf Mühlens Bitte sorgte ich schon vorher für eine Begleiterin, und meine Cousine Aline Müller hatte dieses Amt übernommen. Bei unserer Ankunft empfing uns die Nachricht, daß Mühlens Mutter eben gestorben sei. Sein Schmerz über diesen Verlust war tief und stark. Seine Mutter war der feste Punkt in seinem ruhelosen Leben gewesen, der Inbegriff der Heimat für ihn. Nun war das alles zu Ende. »Jetzt bin ich niemands Kind mehr,« sagte er mir traurig beim Wiedersehen. »Wer fragt jetzt nach mir, wie nur eine Mutter fragt? Nun hilft nichts über diesen Schmerz als eine starke Arbeit. Sie müssen mir dabei helfen.« Die Beerdigung war vorüber; die Schüler warteten auf den Beginn der Arbeit. Da kam Mühlen mit dem Vorschlag zu mir, ich möchte mit der Begleiterin zu ihm ziehen und für die Zeit des Kurses ganz bei ihm leben. Ich sagte mit Freuden zu, und so siedelten wir noch an demselben Tage über. Es war ein zauberhafter Aufenthalt im »alten Schloß«, das ganz außerhalb der Stadt, fast in den Ruinen der alten Ordensburg lag. Nach wenigen Schritten stand man auf der Höhe der früheren Bastion; die einstigen Schloßgräben bildeten dicht verwachsene Schluchten, und von den Wällen hatte man einen wundervollen Blick weit über den Felliner See. Seinen Namen trug das Wohnhaus mit Unrecht; denn nichts Schloßähnliches konnte es aufweisen. Es war ein langgestrecktes Holzhaus, dicht von wildem Wein überwuchert, der bis aufs Dach hinaufkletterte. Doch lag es da, vornehm, still und grün in seiner schattenreichen, etwas verwilderten Umgebung, mit seinem Rasenplatz und seinen wunderbaren, bunten Blumenbeeten, daß man immer ein Gefühl der Feierlichkeit hatte, wenn man von der Straße in die Abgeschlossenheit dieses Heims trat. Es war eine Welt der Schönheit, die uns dort umfing. Die vielen Zimmer hatte Mühlen mit erlesenem Geschmack eingerichtet, aus Deutschland und England die passendsten Möbel, die schönsten Kunstwerke zusammengeholt. Jedes Stück im Hause war wertvoll. Mit feinstem Künstlersinn waren die Farben der Möbel, Teppiche und Vorhänge ausgesucht. Überall gab es lauschige Plätzchen, weiche Lehnstühle mit hellen Seidenkissen. Auf allen Tischen und Borten standen edel geschliffene Kristallschalen und Gläser voller Blumen. Meine Cousine und ich bekamen drei Zimmer mit einem eigenen Klavier. Wir getrauten uns kaum, die herrlichen Samtsofas zu benutzen, unsere bescheidene Toilette in den schönen Mahagonischränken unterzubringen. Hier kann es ja gar kein Alltags- und Arbeitsleben geben; in dieser Umgebung ist immer Feiertag. Mühlen war der liebenswürdigste Hausherr. Man fühlte sich wie von weiblicher Hand umsorgt und umhegt. Man kam nicht dazu, etwas zu wünschen; alle Wünsche waren vorbedacht und erfüllt. Am nächsten Morgen sollte die Arbeit beginnen. Ich wachte ganz früh auf; die Unruhe ließ mich nicht schlafen. Ungesehen verließ ich das Haus und wanderte in den goldenen Sommermorgen hinaus. Mein Herz war voll Dank und voller Vorfreude. Wie wunderbar war's doch, daß Träume in Erfüllung gingen! Sechs Wochen schöner Arbeit lagen vor mir mit dem Künstler, den ich verehrte und liebte, dessen hohem Flug ich seit Jahren gefolgt war. Der sollte nun mein Lehrer sein! Ich fühlte, daß ich auf einem Höhepunkt meines Lebens stand. Nun sah ich einen Weg vor mir in meiner Arbeit, die ich wieder lieben würde; das wußte ich. Frohen Herzens kehrte ich heim. Auch Mühlen war in einer gewissen feierlichen Erregung. Auch für ihn war es ein neuer Abschnitt in seinem Leben; denn der Gedanke hatte in ihm Gestalt gewonnen, seine Künstlerlaufbahn aufzugeben und eine Lehrtätigkeit zu beginnen. Es waren acht Schüler, mit denen er den Anfang machte. Wir hatten uns im Musikzimmer versammelt, und jede hielt ihre Notenmappe in etwas zitternden Händen. Mühlen trat plötzlich unter uns mit seinem schnellen, elastischen Schritt. Sein scharfer, kluger Blick umfaßte die kleine Versammlung. Dann setzte er sich an den Flügel neben die Begleiterin und rief in kurzem Ton: »Wer fängt an?« Alle sahen sich erschrocken an, keine wollte beginnen. Da erhob ich mich. »Ich will es tun.« – »Was wollen Sie bei mir lernen? Wo fehlt es Ihnen?« fragte er. »Ich will atmen lernen,« sagte ich, »ich verstehe nicht zu atmen. Je länger ich singe, desto bewußter wird mir dieser Mangel.« Ein Lächeln glitt plötzlich hell über seine gespannten Züge. Ich sang einige Lieder von Brahms. Als ich geendet, sagte er nichts weiter, als: »Ihnen werde ich helfen.« Nun war der Bann gebrochen. Eine Schülerin nach der andern sang ihm vor, und jede bekam eine kurze, sachliche Kritik, kein Lob, keinen Tadel. Als wir alle unser Examen beendet hatten und wartend auf unseren Plätzen saßen, erhob sich Mühlen langsam: »Ich kann euch allen helfen,« sagte er gütig, »den einen viel, den anderen vielleicht weniger. Aber helfen kann ich euch. Ich sehe für jeden einen Weg. – Und nun wollen wir arbeiten.« Ich hatte immer geglaubt, Mühlen müßte sehr ungeduldig als Lehrer sein. Weil er selbst so rasch war und immer flog, dachte ich, das langsame Klettern und Wandern seiner Schüler müßte ihm schwer zu ertragen sein. Aber in all den Jahren, in denen ich mit ihm arbeitete und bei Hunderten von Schülern hospitierte, habe ich nie ein heftiges oder unfreundliches Wort ihnen gegenüber von Mühlen gehört. In dieser ersten Stunde schon bekamen wir einen Begriff, wie der Atem zu handhaben wäre, welch eine Rolle das Zwerchfell dabei spielte, und was für eine Bedeutung das Benutzen der oberen Resonnanzräume für das Singen habe. – Wir umstanden ihn, er lehrte uns und hielt uns alle in Atem. Jede einzelne fühlte sich ganz persönlich angefaßt und geführt. Eine merkwürdige Kraft, die eine intensive Konzentration in den Schülern erzeugte, ging von ihm aus. So arbeiteten wir zwei Stunden ohne Pause. Dann rief Mühlen plötzlich: »Jetzt kommt eine Zwischenstunde, und wir frühstücken miteinander.« Er ging eilig voran ins Speisezimmer, wo ein köstlicher Frühstückstisch gedeckt war. Die Aufregung und Spannung hatte uns alle hungrig gemacht. Man aß und trank, sprach und lachte; und Mühlen war immer mitten unter uns, der fröhlichste und angeregteste. Nach etwa einer halben Stunde erhob er sich: »Kommt noch einmal alle ins Musikzimmer; ich will jeden einzelnen überhören. Was habt ihr behalten?« – Er entließ uns befriedigt. Das war der Anfang einer wunderbaren Lernzeit. Am dritten Tage sagte Mühlen beim Morgenkaffee zu mir: »Von heute an sind Sie meine Gehilfin und arbeiten mit mir gemeinsam.« Ich erschrak. »Das kann ich gar nicht,« rief ich ganz unglücklich, »ich habe ja noch selbst keinen Überblick und bin mir über das, was Sie wollen, gar nicht im klaren. Wie soll ich Ihre Gehilfin sein? Lassen Sie mir wenigstens vierzehn Tage Zeit!« »Sie können es,« sagte er ruhig. »Was Ihnen fehlt, werden Sie beim Lehren lernen.« Er hatte recht. Kopfüber stürzte er mich in die Arbeit, hielt aber dabei meine Hand fest als starker Führer. Ich fand mich sehr bald auf dem neuen Wege zurecht; denn was er lehrte, war einleuchtend und auf Naturgesetzen aufgebaut. Er verlangte eine absolute Konzentration, nicht nur in den Stunden, sondern auch beim Üben. »Zehn Minuten bewußt, konzentriert geübt, ist mehr wert, als eine ganze Stunde mechanischer Arbeit.« Immer sollten wir bewußt die einzelnen Muskelgruppen arbeiten lassen, aber als letzte Kontrolle stets das eigene Ohr zu Rate ziehen. »Hört euch selbst zu; singt nie drauf los!« sagte er immer wieder. Er hat seine Schule späterhin weiter ausgebaut; aber in den Grundzügen blieb sie genau dieselbe, wie er sie uns in diesem ersten Sommer lehrte. Er kannte ungezählte Hilfsmittel und erfand Bilder, die einem auf diesem Wege weiterhalfen. Manche Vergleiche, manche Bilder haben sich mir so tief eingeprägt, daß ich sie jetzt noch in meinen Stunden benütze. Mühlen hatte Klassenunterricht eingeführt; denn die Schüler sollten voneinander lernen. Ich war atemlos beschäftigt, nicht nur mit meinem eigenen Singen; jede einzelne Schülerin wurde mir anvertraut. Mitten in der Stunde übergab Mühlen mir die eine oder andere, mit der ich in mein Musikzimmer gehen und sie die aufgegebenen Übungen unter meiner Aufsicht machen lassen mußte. Man arbeitete mit heiligem Ernst und glühendem Eifer. Das ganze kleine Städtchen stand unter dem Zeichen der Mühlenschen Stunden. Aus den Häusern erklangen die Übungen, die er für jeden einzelnen Schüler besonders erfand. In den Freistunden gab es viel Scherz und Fröhlichkeit. Jeden Tag wurde ein größerer Spaziergang von sämtlichen Schülern unternommen und häufig dabei gesungen. Sehr hübsch klangen die technischen Übungen, die von einigen Talentvollen zweistimmig gesetzt worden waren. Am Sonntag gab es Ausflüge in die reizvolle Umgegend, und der Jubel war groß, wenn Mühlen unerwartet unter uns erschien. Zu allen Tageszeiten zog er Schüler in sein Haus. Für diese war es natürlich nicht nur von größtem Interesse, sondern auch sehr fördernd, an seiner lebensvollen, meist künstlerische Fragen berührenden Unterhaltung teilnehmen zu können. Er hatte seine ganz eigene Ausdrucksweise, zuweilen sehr derb und drastisch, aber immer amüsant; seine Vergleiche waren stets treffend, seine Bilder einleuchtend. Das Schönste für mich aber waren die Abendstunden, in denen er mit mir jede einzelne Schülerin besprach mit ihren Fehlern und den Hoffnungen, die er auf sie setzte. Dann ging ihm das Herz auf, und er erzählte von seinen Studien, seinen Kämpfen. Welch eine Fülle überströmte einen, wenn er über seine künstlerischen Erfahrungen, die großen Gesetze der Kunst und Ästhetik redete, und den Weg schilderte, der ihn zu all diesen Erkenntnissen geführt hatte! Er erzählte auch wunderbar von den großen Künstlern, die er gekannt: mit Jenny Lind hatte er verkehrt, mit Clara Schumann jahrelang musiziert. Auch mit Brahms war er immer wieder in Berührung gekommen. In seinem Herzen hatte er aufbewahrt, was er von ihnen gelernt. Als ein Glück sah er es an, alle seine großen technischen und künstlerischen Erfahrungen seinen Schülern weitergeben zu können. Noch war es nur ein kleines Häuflein, das bei ihm lernte Aber er wußte ja, bei aller künstlerischen Bescheidenheit, daß er einmal als Lehrer zu den Größten gehören würde. – Eine Singstunde Es ist Abend. Das Dunkel eines frühen Herbsttages liegt über dem »alten Schloß«. Der Regen strömt herab und man hört sein eintöniges Rauschen. Dazwischen faßt der Wind die Ranken des welken Weinlaubes und schlägt sie gegen die Fenster. Es ist, als klopfte jemand mit leisem Finger an die Scheiben. Drinnen aber ist's behaglich. Im weißen Kachelofen brennen, dem kühlen Herbsttag zu Ehren, große Birkenscheite. Eine Lampe mit gelbem Schirm verbreitet ein gedämpftes Licht. Das Feuer im Ofen flammt hell auf und läßt die Farben der Decken und lichten Seidenkissen auf den Tischen und Sofas aus dem Dunkel aufleuchten. Zuweilen tritt im unbestimmten Licht phantastisch die Gestalt des »Adoranten« hervor, der, seine Arme in nie endendem, sehnsüchtigem Flehen emporstreckt. Ich stehe am Flügel und habe eine Singstunde. Brahms' »Regenlied« ist aufgeschlagen. Die Pianistin beginnt mit dem Vorspiel. Mir gegenüber, tief in einen Lehnstuhl zurückgelehnt, sitzt Mühlen. »Walle Regen, walle nieder, Wecke mir die Träume wieder, Die ich in der Kindheit träumte, Wenn das Naß im Sande schäumte.« Ich lasse mich ganz von der Traurigkeit des Herbstabends erfassen, die mich weitab von dem führt, was Dichter und Komponist wollen. Es ist für mich ein Lied unerfüllbarer Sehnsucht geworden. Mühlen horcht mit intensiver Aufmerksamkeit; sein Gesicht ist wie aus Erz: unbeweglich und gespannt. Ich habe geendet, und es herrscht einen Augenblick Schweigen. Er schüttelt seinen Kopf, erhebt sich und geht im Zimmer auf und nieder. Endlich bleibt er stehen und spricht: »Ich muß mich von dem Eindruck Ihrer Auffassung frei machen. Er war stark, Ihre Auffassung aber nicht richtig. Künstlerisch war es, wie Sie die Stimmung durchgeführt haben, unkünstlerisch, wie Sie Ihre eigene, subjektive Empfindung ins Lied drängten und Brahms und Klaus Groth auslöschten. Das darf nicht sein. Sie müssen auf den Herzschlag des Dichters und Komponisten lauschen. Die Erinnerungen führen in die Kinderzeit zurück, und sie sind licht.« »Es ist heute solch ein dunkler Herbstabend,« sage ich, »der Regen rauscht so traurig, die Kinderzeit liegt weit zurück und kommt nie wieder. Nur die Sehnsucht bleibt.« »Kindheitserinnerungen sind immer hell und froh,« sagt Mühlen, »und wenn man in diese Welt hinabtaucht, lächelt man. Brahms und Klaus Groth haben jedenfalls dabei gelächelt.« Er gibt der Begleiterin ein Zeichen. Sie beginnt das Vorspiel von neuem und Mühlen fängt an zu singen. Er singt, wie er im Wandern mitten im Zimmer stehen geblieben ist, das ganze Lied und führt einen ins sonnige Kinderland. Wohl rieselt der Regen, wohl wacht die Sehnsucht auf, aber alles tritt zurück vor dem Glück der Erinnerung, die mit goldnen Lichtern malt. »Welche Wonne, in dem Fließen Dann zu steh'n mit nackten Füßen. An dem Grase hinzustreifen, Und den Schaum mit Händen greifen.« Wohl spannt die Sehnsucht in diesem Liebe ihre Flügel: »Möchte ihnen wieder lauschen, Ihrem süßen, feuchten Rauschen.« Aber sie weckt ein Lächeln und keine Trauer. Man war ja im Paradiese. Er hat geendet, sieht zu mir hinüber und lächelt: »Hab ich nicht recht?« »Wie immer,« ist meine Antwort. – Dieser erste Sommer der Gesangkurse Mühlens gehört zu meinen schönsten Erinnerungen. Froher, begeisterter habe ich nie gearbeitet. Und ich glaube, auch Mühlen denkt gern an diese Zeit zurück. Noch jetzt nach vielen Jahren, ist es ein besonderes Band, das mich mit den Schülern jenes ersten Ferienkursus' verbindet. Nach sechswöchentlicher Arbeit schloß Mühlen seine Stunden, mit der schönen Aussicht, sie im kommenden Jahr wieder aufzunehmen. Wir fuhren alle zusammen nach Riga, von wo aus Mühlen weiter nach London ging, das nun sein Arbeitsfeld werden sollte. –Mein Semester begann. Die ersten Wochen richtete ich meinen Unterricht ganz nach dem Muster der Mühlenschen Kurse ein, gab zuerst nur Klassenunterricht, um meine Schülerinnen in die neue Art der Arbeit gemeinsam einzuführen, und arbeitete den ganzen Vormittag mit ihnen allen. Nach einigen Wochen kehrte ich zu meinen Privatstunden zurück. Ich hielt in Mitau in einer musikpädagogischen Versammlung einen Vortrag über die Mühlensche Gesangtechnik. Ich demonstrierte sie an einigen Schülern, die ich mitgenommen hatte. Leider erreichte ich mit diesem Vortrag nicht viel, es fehlte wohl an gutem Willen unter meinen speziellen Kollegen und beim Publikum. Ich war trotz alledem sehr glücklich in meiner Arbeit. Der Weg, den ich mein Leben lang bei ungezählten Lehrern vergebens gesucht hatte, den hatte ich nun gefunden. Neu für mich war die Atemtechnik, das andere, was Mühlen uns auf diesem Wege lehrte, war alles praktisch, natürlich, zusammengefaßt und einleuchtend, wunderbar einheitlich von dem einen Punkt der Atemtechnik ausgehend, so daß ich beim Unterrichten eine Freude empfand, wie ich sie bisher bei meiner Arbeit nie gehabt hatte. Und diese Freude teilte sich allen meinen Schülern mit. In reicher Arbeit ging der Winter hin. Manchmal faßte mich ein Schmerz, wenn ich an die Irrwege dachte, die ich mit meiner Stimme gegangen war. Wie mühsam oft die Arbeit gewesen war, die so einfach hätte sein können! Und doch hatten die Irrwege auch ihr Gutes gehabt, ich hatte viel auf ihnen gelernt, und all das kam nun meinen Schülern zugut. Fellin II Der Sommer 1905 kam heran. Außer den alten Schülern, die sich wieder um Mühlen versammelten, war eine Anzahl neuer gekommen, darunter auch Ausländer. Die eine von ihnen, eine Schwäbin, Adel Lang, war auf sehr eigentümliche Art nach Fellin gelangt. Ehe von den Mühlenschen Kursen in Fellin noch die Rede war, hatte ich einmal meine Verwandten, die Eltern des Dichters Hermann Hesse, in Württemberg besucht. Ich traf dort eine Freundin meiner Nichten, die bei ihnen als Gast einige Tage verbrachte. Da sie still und scheu war, hatten wir uns nicht weiter berührt. Eines Nachmittags hatte ich viel vorgesungen. Als ich abends zufälligerweise in das Zimmer meiner Nichten kam, sah ich ihren jungen Gast am Bügelbrett stehen. Sie arbeitete aber nicht, sie hatte beide Arme aufs Bügelbrett gestützt und weinte herzbrechend. Sie hatte mich nicht bemerkt, erschrocken zog ich mich zurück. Als ich später meine Nichte sah, stand ich noch so unter dem Eindruck dieses Schmerzes, dessen Zeuge ich ungewollt gewesen war, daß ich sie fragte: »Weißt du, warum das junge Mädchen so geweint hat?« »Ich weiß es wohl,« war die Antwort. »Dein Singen hat sie traurig gemacht. Sie ist Gesanglehrerin und hat eine schlechte Schule gehabt, die ihre Stimme verdorben hat. Sie möchte so gerne weiterkommen und was lernen, um mit gutem Gewissen lehren zu können, aber sie hat kein Geld zum Studium. Ihr Vater ist tot und sie muß für ihre Mutter und ihre Geschwister mitsorgen, und es ist vollständig aussichtslos für sie, weiterzustudieren.« Wie fühlte ich ihren Schmerz nach, wie kannte ich ihn aus meinem eigensten Erleben! Nach dem ersten Felliner Gesangkursus tauchte plötzlich die Gestalt des jungen, weinenden Mädchens vor mir auf. Ich hatte ihren Namen vergessen, aber nicht ihr Herzeleid. Immer wieder sah ich sie am Bügelbrett stehen, das Gesicht in den Händen vergraben, von Schluchzen geschüttelt. Als Mühlens zweiter Kursus beginnen sollte, schrieb ich meinen Nichten, schilderte unsere Arbeit, die unbeschreibliche Hilfe, die ich durch Mühlens genialen Unterricht gehabt und schloß energisch damit, daß eine Möglichkeit geschafft werden müßte, ihre Freundin an den Kursen teilnehmen zu lassen. Der Brief schlug wie ein Blitz bei ihnen ein. Die Mittel wurden geschafft; und als ich zum zweiten Kursus in Fellin eingezogen war, stand die junge Schwäbin eines Tages vor mir mit strahlenden Augen. Das war der Anfang eines reichen, schönen Weges für sie. Jahr für Jahr konnte sie es möglich machen, die Mühlenschen Kurse zu besuchen; Adel Lang gehörte zu dem »eisernen Bestande«. Sie ist eine der ersten Gesanglehrerinnen Stuttgarts geworden, denn ihre pädagogische Begabung war hervorragend. Wir haben seitdem in treuer Freundschaft zusammengehalten, sie gehört zu meinen besten und treuesten Freunden. Die zweite, die mir in dem Kreise persönlich nahe trat, war eine Engländerin, Edith Wehner, eine entzückende Persönlichkeit, mit der mich bald eine warme Freundschaft verband. Ihre eigenartige Erscheinung, ihre edle Stimme mit dem traurigen Klang wurden viel bewundert. Ich hatte im Laufe des Jahres öfters mit Mühlen Briefe gewechselt. Er hatte in London zu unterrichten begonnen und ließ mich getreulich an allen Erfahrungen teilnehmen, die er machte. Ich fand seinen Unterricht im zweiten Sommer noch praktischer und vereinfachter als im ersten. Vieles, was damals Theorie war, hatte sich bei ihm in praktische Erfahrungen umgewandelt. Die alte Begeisterung und Freude aber war geblieben. In meine Hand hatte er wieder die Leitung der Kurse gelegt, ich mußte für die Stundenpläne sorgen und hatte die Schüler vorzubereiten. Wir hielten alle treulich zusammen, halfen einander, und allen voran ging unser lieber Meister. Man konnte bei Mühlen arbeiten lernen. Verschwenderisch schüttete er seine Reichtümer über uns aus. Es war eine großartige Intensität, mit der er Stunden gab, aber dieselbe intensive Art zu arbeiten, verlangte er auch von seinen Schülern. »Ihr müßt nach der Stunde so müde sein, daß ihr euch wie ein Stück Wäsche über das Seil hängen möchtet,« und: »Man darf nie sagen: ach, das kann ich nicht, denn bei mir gibt es kein Aufgeben der Schwierigkeiten.« Das Schöne aber war, daß man sich in seinem Kampf und seiner Arbeit nie allein fühlte, immer stand er einem zur Seite als Führer und Helfer. Er forderte viel von uns, schwach und mutlos durfte man sich nicht zeigen. Er wies uns die Ziele und verlangte, daß wir mutig und ehrlich den Hindernissen entgegen gingen, die uns vom Ziele trennten. »Ich kenne keine Auswege, nur Wege,« sagte er, »und lieber fallt zehnmal auf dem richtigen Wege, als daß ihr Nebenwege einschlagt, die in die Irre führen.« Er stellte die Arbeit unendlich hoch, Talent ohne Fleiß achtete er wenig. Er hatte eine wunderbare Art, einen zu ermutigen. »Man darf nie denken, daß mißglückte Proben keinen Gewinn bringen. Nichts, was man an Arbeit geleistet hat, geht verloren; erntet man auch nicht gleich, einmal erntet man doch.« »Ihr müßt die Goldkörner, die ich auf den Boden werfe, sofort aufnehmen und in eurem Kropf verwahren, auch wenn ihr sie nicht gleich verdauen könnt,« sagte er einmal. Alles mußte bei ihm scharf umgrenzt, klar und bewußt hingestellt werden. Die einzigen Male, wo ich eine leise Ungeduld in seinem Wesen empfand, war es Schülern gegenüber, die weinerlich oder mutlos in den Stunden waren. Man konnte ruhig etwas falsch machen, das korrigierte er mit größter Geduld, nur schlaff und unbestimmt durfte man nicht sein. Unpräzise Konsonanten verglich er mit Kleidungsstücken, die im Regen gehangen und bei denen die Farben ausgewaschen seien. In der Zeit, als ich bei Mühlen arbeitete, erhielt ich einen Brief von der Van-Zanten mit der Bitte, ihr für ein gesangpädagogisches Blatt, das sie herausgab, einen Beitrag zu liefern. Und zwar wünschte sie einen Bericht über die Mühlensche Gesangmethode. Als ich Mühlen diesen Brief vorlegte, sagte er sofort: »Das darf unter keinen Umständen geschehen. Eine Gesangmethode ist etwas Flüssiges und immerfort wieder Neuwerdendes. Man darf sie nicht annageln, sonst verurteilt man sie zum Tode.« Er, der immer weiter Arbeitende und rastlos Strebende, vertrat Schumanns Ausspruch in seinem Künstlerleben: »Es ist des Lernens kein Ende.« Und zu diesem »Lernen ohne Ende« erzog er seine Schüler. »Kein Künstler, kein Lehrer ist so groß, daß er jemals ausgelernt haben könnte,« waren seine Worte. »Man muß sich immer wieder unter die Kritik eines anderen stellen. Dabei braucht der andere gar nicht ein größerer Künstler oder Lehrer zu sein als man selbst ist. Er muß nur wache Ohren haben und ehrlich sein.« Er war absolut nicht das, was man einen »Methodenreiter« nennt. Dazu war er viel zu beweglich, zu klug und hatte zu viel in seinem Leben gelernt. Aufs Ziel kam es ihm an und auf den Ernst und die Treue, mit denen man seine Wege wanderte. Man hat oft gefragt, warum über Gesangmethoden so viel gestritten wird und warum Gesanglehrer so anerkannt schlechte Kollegen seien. Ich glaube, es liegt daran, daß man beim Gesangunterricht ganz besonders individualisieren muß. Der Gesanglehrer muß durchaus ein wenig Psychologe sein, denn was dem einen Schüler eine Hilfe ist, führt den anderen in die Irre. Wie ein Arzt bei der Diagnose, muß der Gesanglehrer unter all dem Verschütteten und Verzerrten des Tons, dem er oft begegnet, den Klang herausfühlen, »den der liebe Gott sich eigentlich gedacht hat, als er die Stimme schuf,« wie Mühlen sich ausdrückte. Unsere Arbeit in Fellin, »die neue Methode«, wie sie in Riga genannt wurde, ist vielfach angegriffen, verspottet und lächerlich gemacht worden, und die abenteuerlichsten Gerüchte darüber wurden verbreitet und geglaubt. Wir gingen freudig und unbekümmert unsere Wege, wußten wir doch am besten, welch einen Reichtum sie für uns bedeutete. Wenn ich noch einmal das Charaktistische der Mühlenschen Gesangkunst zusammenfasse, wie sie sich im Laufe der Zeit immer mehr und mehr entwickelte, so kann ich es in wenig Worten tun. Ruhe und Schönheit des Tons waren die Ziele, nach denen er für seine Schüler strebte. Er baute alles auf den Atem und das Arbeiten des Zwerchfells auf, was der Stimme Freiheit und Ruhe gibt. Durch Führung des zu Klang gewordenen Atemstromes in die Resonnanzräume, wie Mundhöhle, Nasenrachenraum usw. entwickelte er die mitklingenden Obertöne, dadurch erhält die Stimme Schönheit und Glanz. Mit kurzen Worten gesagt: die Basis des Atems unter Kontrolle des Zwerchfellmuskels und die Ausarbeitung der hohen Resonnanz, das sind Anfangs- und Endpunkt der Mühlenschen Gesangtechnik.   An einem Sonntagmorgen schlug Mühlen mir vor, mit ihm auf das frühere Gut seiner Eltern, Tennasilm, zu fahren, das in der Nachbarschaft von Fellin lag. Der Besitz war in bäuerliche Hände übergegangen, woran er noch immer trug. Bald hielt unser Wagen vor einem langgestreckten, niedrigen Holzhause, es sah recht verwahrlost aus. Wir gingen nicht hinein, sondern sofort in den Garten. Wie verwildert, ungepflegt sah es dort aus, wie schmerzlich war das alles für Mühlen! Wir setzten uns auf eine verfallene Bank, die am Ende einer großen Birkenallee stand. Diese war früher der Stolz des ganzen Gartens gewesen, nun fehlten die schönsten Bäume. Erst schwieg Mühlen, er war wie verloren in traurige Gedanken, dann fing er an zu erzählen. Die verfallene Welt um uns versank, und eine Welt erstand, die, einmal gewesen, nun nie mehr wiederkehren konnte. Es war ein für Alt-Livland charakteristisches Leben, das er schilderte, äußerlich in schlichter Umgebung. Das Haus war ein echtes livländisches Landhaus mit niedrigen Zimmern und kleinen Fenstern, aber das Leben, das in diesen schlichten Räumen geführt wurde, war breit, sorglos und vornehm. Unter seinen Worten blühte und leuchtete alles. In der Birkenallee mit ihren scharfen Sonnenlichtern auf dem Wege sah man helle, frohe Gestalten wandeln; überall war Leben, Freude. »Ach, wenn dies Gut mir gehören könnte,« sagte Mühlen immer wieder, »wenn ich das Geld hätte, es zu kaufen! Die alte Zeit sollte wieder erstehen, und ich hätte ein Heim, das mir gehört!« »Wollen wir nachdenken, wieviel Geld nötig wäre, um es zu kaufen und instand zu setzen.« »Eine Million,« war seine Antwort. »Eine Million?« wiederholte ich erstaunt, »wo wollten Sie die hier wohl anbringen, denn Sie würden doch keinen Palast aufbauen wollen.« »Gewiß nicht,« sagte er, »der paßte ja gar nicht in die livländische Umgebung. Das Haus würde selbstverständlich unangetastet bleiben, so wie es ist und war, aber« – und er erhob sich und streckte die Hand aus – »dieser Berg hier müßte verschwinden, an seiner Stelle würde ich einen See ausgraben, dagegen auf der Wiese einen Berg anführen lassen, an Stelle des Wäldchens käme eine Wiese. Das würde doch schon eine Million kosten.« »Könnten Sie nicht alles lassen, wie es ist, und nur wiederherstellen und in Ordnung bringen, was verwahrlost ist?« fragte ich lächelnd. »Nein,« sagte er, »das könnte ich nicht, das weiß ich ganz genau. Ich sehe alles in einer anderen Gestalt, und ich würde keine Ruhe haben, bis ich es so geschaffen, wie ich es innerlich geschaut.« Wir gingen auf den Kirchhof, der, von einer niedrigen Steinmauer umgeben, mitten auf den Feldern lag. Es war der einzige Besitz, der nach dem Verkauf des Gutes den Erben geblieben war. Von der Kirchhofspforte führte ein schmaler Weg durch einen Tannenwald bis an eine Lichtung, dort war das Familienbegräbnis. Es war so still um uns, nur die Gräber und Kreuze erzählten von Menschen, die stark und frei einst auf dem Gut gelebt. Mühlen bückte sich und griff eine Handvoll Erde, die er gedankenvoll betrachtete. »Dies ist die einzige Erde der ganzen Welt, auf die ich ein Recht habe,« sagte er traurig. Langsam ließ er die Erde durch seine Finger gleiten. Sie fiel zu Boden. Mühlens letztes Konzert in Riga Im Fluge gingen die Wochen hin. Da, zum Schluß griff die Revolution in unsere friedliche, künstlerische Arbeit. Wir wollten zuerst nicht darauf achten, aber die Anzeichen wurden drohender, die Schüler wurden ängstlich, Mühlen bekam Drohbriefe, es wurden Erpressungen versucht. Das »alte Schloß« lag einsam, und diese Einsamkeit war nicht ohne Gefahr. Eine Schar junger Handwerker, die Mühlen in Dankbarkeit verbunden waren, erbot sich, die Nächte bei uns zu wachen. Diese Unruhen beschleunigten das Ende der Kurse. Heimlich wurde alles zur Abreise bereitet und eines Morgens, als es noch dunkel war, verließen wir fluchtartig Fellin mit den Schülern, die noch geblieben waren. Wir kamen ungehindert bis Riga. Die große Stadt bot größere Sicherheit, doch begegnete man auch dort ernster Sorge, denn auf dem Lande brachen hier und da schon die Flammen der Revolution hervor. Einige Wochen blieb Mühlen in Riga, um eine Klärung der Verhältnisse abzuwarten. Aber das Leben wurde immer ängstlicher und gefährlicher. Trotzdem wollte er noch ein Konzert geben und hatte den Zyklus der Müllerlieder aufs Programm gesetzt. Es mußte eine Matinée sein, denn Zusammenkünfte am Abend waren bereits in der Stadt verboten. Um die Nachmittagsstunde versammelte sich das bekannte Mühlen-Publikum im Schwarzhäuptersaal, aber in einer Stimmung, wie sie noch nie zu Mühlens Konzerten geherrscht hatte. Es lag ein schwerer, angstvoller Druck auf uns allen, auf jedem lastete die dunkle Zeit, und in jedem Herzen lebte die bange Frage: Was wird aus uns? Wird dieses Konzert vielleicht das letzte sein, das wir erleben? War diese Stimmung der Grund, daß alle Herzen empfänglicher für Mühlens und Hans Schmidts hohe Kunst waren, als sie es je gewesen? Mir war, als hätte er nie so gesungen, Hans Schmidt nie so begleitet, und als hätten wir ihnen nie so atemlos zugehört. Und als Mühlen mit »Des Baches Wiegenlied« schloß: »Gute Ruh, tu die Augen zu. Wanderer, du müder, du bist nun zu Haus,« da ging eine tiefe Bewegung durch den ganzen Saal. Hatte man diese beiden Künstler zum letztenmal an dieser Stelle gehört? Keine Hand rührte sich zum Applaus, unter tiefem, erschüttertem Schweigen des Publikums verließen die Künstler das Podium. Aber merkwürdig war es, wie die ganze Menschenmenge eine Weile still sitzen blieb, bis sich endlich einer nach dem andern erhob und den Saal verließ. Als ich meiner Bewegung Herr geworden war, ging ich ins Künstlerzimmer. Blaß und düster stand Mühlen am Kamin. Als ich zu ihm trat, hob er die Hand: »Jetzt hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe,« sagte er. »Heute habe ich zum letztenmal in Riga gesungen. Nie werde ich hier wieder ein Konzert geben.« Ich wollte etwas sagen, er aber schnitt mir mit einer Handbewegung das Wort ab. »Widersprechen Sie mir nicht. Ich sage: bei Gott, es war mein letztes Konzert.« Er hat sein Wort gehalten. Nie haben wir die beiden Künstler, die feinsten, die unser Land hervorgebracht hat, je wieder zusammen bei uns gehört. Unvergessen aber bleibt dieses letzte Konzert, wo sie beide ihr Heiligstes und Bestes gaben, und unser Dank für das, was wir durch sie gehabt, soll ihnen gehören, solange wir leben. Dieses Schlußkonzert in Riga war der Anfang vom Ende der Künstlerlaufbahn Mühlens. Er sang die Müllerlieder noch einmal in Berlin mit einem Erfolg, wie er ihn auch dort nie gehabt. Als er den Konzertsaal verließ, standen seine Zuhörer bis weit die Straße hinunter dicht gedrängt. Wie ein König schritt er durch die Reihen seiner begeisterten Verehrer und nahm im Herzen Abschied von ihnen. Es war auch in Berlin sein letzter Liederabend. Er zog sich ganz von der Öffentlichkeit zurück und lebte nur seinem Unterricht. Auf der Höhe seines Ruhmes verließ er den Konzertsaal. Er lebt in der Erinnerung von uns allen, die ihm so viel reiche, unvergeßliche Stunden verdanken, als ein ganz Großer, Unvergessener. Neuhäuser Die erste lettische Revolution 1905 machte Mühlen das Weiterarbeiten in Fellin unmöglich. Es waren eine Menge ausländischer Schüler zu den Ferienkursen gemeldet, die wegen der unsicheren Verhältnisse in den Ostseeprovinzen nicht nach Fellin gekommen wären. Man mußte einen anderen Ort für unsere Arbeit finden. Mühlen hatte schon einen neuen Plan: eine Stunde von Königsberg, am Strande von Neuhäuser, hatte er etwas entdeckt, das allen seinen Wünschen entsprach. Ungefähr eine Viertelstunde vom Badeort lag ein kleines Häuschen – man sagte, dort hätten früher die Bernsteinfischer gewohnt, dicht am leicht erhöhten Meeresufer nebenbei, doch ganz für sich abgeschlossen, war eine alte, hochgelegene Scheune, die Mühlen in einen Musiksaal verwandelte. Einsam, ganz für sich und wunderbar gelegen, war es gerade wie für ihn geschaffen mit tausend Möglichkeiten, ein kleines Paradies daraus zu gestalten. Das Häuschen war niedrig, strohgedeckt, mit Streckbalken und kleinen Fensterscheiben. Der sogenannte Seesaal lag hart am Rande des hohen Ufers; eine breite Glastür führte auf eine Terrasse, von der aus man einen weiten Blick über das Meer hatte. Das Familienhafte, das die Kurse in Fellin hatten, konnte man hier in dem Maße nicht aufrecht erhalten, sie mußten auf einen anderen Fuß gestellt werden. Mühlen hatte mich gebeten, die Leitung, wie in Fellin, in meinen Händen zu behalten. Es waren Anzeigen in vielen deutschen Musikblättern gemacht, und man konnte auf einen großen Zuzug von Schülern rechnen. Mit einigem Herzklopfen, halb freudiger, halb ängstlicher Art, kam ich Ende Juli in Königsberg an, wo Mühlen mich erwartete. Dort teilte er mir seine Pläne mit. Ich sollte mit ihm in dem kleinen Strandhause leben. Ein Musikzimmer, in dem ich den Schülern Nachhilfestunden geben konnte, war bereits für mich eingerichtet. Dann bat mich Mühlen, nach Neuhäuser vorauszufahren, wo schon ein großer Teil der Schüler angekommen war, die Anmeldungen entgegenzunehmen und die Stundenpläne zu entwerfen. Nach einigen Tagen wollte er folgen. Voller Spannung betrat ich nun Mühlens neues Künstlerheim, in dem auch ich ein Arbeitsfeld finden sollte. Hatte ich mir auch viel versprochen, so wurden meine Erwartungen doch weit übertroffen. Eine alte Wirtin und ein Stubenmädchen empfingen mich. Als ich in das für mich eingerichtete Musikzimmer trat, blieb ich staunend auf der Schwelle stehen: ein roter Teppich deckte den Fußboden; alte, mit rotem Samt bezogene Mahagoni-Möbel bildeten die Zimmereinrichtung, aus der ein großer, altertümlicher Eckdivan mir besonders in die Augen fiel. Weiße Mullgardinen schmückten die kleinen Fenster, und auf den Fensterbrettern sah ich rote Blumen in roten Blumentöpfen. Von diesem Zimmer aus hatte man einen schönen Blick auf das Meer. Eine Treppe hoch sollte ich mit meiner Freundin Edith Wehner, Mühlens Hilfslehrerin in London, in einem behaglichen Erkerzimmer schlafen. – Bei so viel Schönheit war alles doch merkwürdig selbstverständlich, heimlich und voller Behagen; bis ins kleinste war alles bedacht. Man brauchte sich nur an den Schreibtisch zu setzen, seine Feder in die Tinte zu tauchen und die Arbeit zu beginnen. Der Seesaal, Mühlens Musikzimmer, war die Krone des Ganzen. Es lag etwas Festliches über dem hohen, künstlerisch eingerichteten Raum. Die großen Glastüren standen meistens offen. Als ich über die Schwelle trat, ging mein Blick weit bis an den Horizont über die schimmernde Wasserfläche. Fischerboote mit goldbraunen Segeln zogen still und majestätisch ihre Bahnen. Die Rückseite beider Häuser lag an einer von Buchen umrandeten Wiese, von uns später »der heilige Hain« genannt, weil er so sehr an den von Böcklin erinnerte. Am Nachmittag waren die Empfangsstunden für die Schüler in einem Hotelzimmer des Badeortes angesagt. Mit starkem Herzklopfen ging ich hin; kannte ich doch niemanden. Eine ganze Gesellschaft erwartete mich schon, als ich eintrat, und ich wurde neugierig von vielen Blicken gemustert. Als ich mich gesetzt hatte, traten die Wartenden einer nach dem anderen an den Tisch und wurden auf dem Stundenplan notiert. Es waren interessante Erscheinungen unter ihnen, auch Ausländer: Amerikaner und Engländer. Eine der Sängerinnen fiel mir sofort auf. Sie hatte ein blasses Gesicht, brennende, dunkle Augen und trug ihr schwarzes Haar ganz eigenartig. Kritisch und hochmütig blickte sie auf mich herab und sagte, an meinen Schreibtisch tretend, kurz: »Ich bin die Maria aus den Christusaufführungen von Rubinstein.« Überrascht blickte ich sie an: nun wußte ich, wo ich diese fremdartige Erscheinung schon einmal gesehen hatte. Sie überhörte meinen freundlichen Gruß. »Ich will jeden Tag eine Stunde bei Herrn von Zur-Mühlen haben,« sagte sie herrisch. »Ich kann Ihnen leider nicht mehr als zwei Wochenstunden bewilligen,« war meine Antwort. Staunen und Zorn fuhren wie Blitze aus ihren dunklen Augen auf mich hernieder. »Sie wissen wohl nicht, wer ich bin?« sagte sie, »ich bin Maria Freund.« »Es freut mich, Sie kennen zu lernen,« erwiderte ich, »ich habe Sie in der Rolle der Maria sehr bewundert.« »Nun also,« rief sie zornig und warf ihren stolzen Kopf zurück. »Ich bin kein kleines Mädchen, das hier singen lernen will. Ich bin eine Künstlerin, die bei Herrn von Mühlen ihre Programme für den nächsten Winter studiert. Auf mich kommt's an. Bitte schreiben Sie mich für eine Stunde täglich an.« »Ich habe die strenge Weisung von Herrn von Mühlen, keinem mehr als zwei feste Stunden in der Woche zu versprechen,« war meine Antwort. »Ich kann auch mit Ihnen keine Ausnahme machen. Was an mir liegt, will ich gern tun; aber jetzt muß es bei dem bleiben, was ich gesagt habe.« Alle Schüler hatten einen Kreis um uns gebildet und hörten zu. Mir war es klar, daß dieser Moment entscheidend für meine Stellung in den Gesangkursen sei. »Ich werde mit Herrn von Zur-Mühlen selbst sprechen,« sagte sie, und ihre Augen funkelten vor Zorn. »Ich würde Ihnen nicht raten, das zu tun, es würde Ihnen nichts nützen,« erwidere ich äußerlich gelassen, doch voll innerer Erregung. »Das wollen wir doch sehen,« sagte sie und ging hoch erhobenen Hauptes hinaus ohne einen Gruß. Später sind wir sehr gute Freunde geworden. Sie war ein ungewöhnlicher Mensch, klug und großzügig, sie hing mit heiligem Ernst an ihrer Arbeit. Mühlens Stunden Schon um neun Uhr früh begann Mühlen mit seiner Arbeit. Jeden Morgen legte ich ihm den Stundenplan für den Tag auf seinen Flügel. Es durfte keine Lücke in der Stundenfolge entstehen. Atemlos, mit einer kurzen Mittagpause, arbeitete er von früh bis spät. Da ich mit den Schülern übte, mußte ich Fühlung mit ihren Stunden haben und hatte überall freien Zutritt. Durch Notizen, die ich mir machte, führte ich Buch über jede einzelne Schülerin. In den Ruhepausen, mittags und abends, sprach sich Mühlen gern mit mir über jede einzelne aus. – Ein strahlender Sommermorgen! Die Glastüren des Seesaales stehen weit offen. Der hohe Raum ist in lichten Farben gehalten. Große, blumengefüllte Vasen stehen auf Tischen und Postamenten, wertvolle Bilder hängen an den Wänden. Seeluft, Sommersonne, strahlendes Licht füllen den Raum mit erwartungsfroher Feststimmung. Und wie zu einem Fest kommen alle in weißen Kleidern. Dem großen Flügel gegenüber, an dem die Schülerin steht, sitzt Mühlen in einem Lehnstuhl. – Es wird mit technischen Übungen begonnen, alle von Mühlen erdacht, eigenartig, gesanglich und oft von bestrickendem Wohllaut. Nun sind sie beendet und ein Melodram von Schumann: »Schön Hedwig« wird studiert. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgt Mühlen allem, unterbricht, macht vor, nickt manchmal nur zustimmend, steht auch dazwischen auf und geht in die äußerste Ecke des Saales, um die Wirkung aus der Ferne zu beurteilen. Mit größtem Ernst und völliger Hingabe arbeiten Lehrer und Lernende. Lautlos sind unterdessen schon die Schüler für die nächste Stunde hereingekommen: Erna Seesemann und Adel Lang, eine Kurländerin und eine Schwäbin, die in Freundschaft auf Leben und Tod sich verbunden haben. Man sieht kaum je die eine ohne die andere. Erna ist klein, zierlich, mit einem blassen, vergeistigten Gesichtchen und leidenschaftlichen, dunklen Augen. Was sie anfaßt, ergreift sie mit glühender Hingabe. Sie hat eine bezaubernde Stimme, die zu ihrer ganzen Persönlichkeit paßt. Adel ist ebenso blaß wie ihre Freundin. Auch sie ist voll starken, leidenschaftlichen Innenlebens. Mit ihren dunklen Augen und dem prachtvollen Haarknoten im Nacken paßt sie gut zur zarten, blonden Freundin. Sie sitzen beide dicht aneinander gedrängt, am liebsten auf einem Stuhl. Mit vollster Hingabe folgen sie der Stunde. Das Melodram geht weiter: Schön Hedwig wird für ihre treue Liebe belohnt und zur Königin erhoben. Erna beugt sich zu ihrer Freundin und flüstert ihr etwas ins Ohr. Adel lacht. Mühlen, der bei vollster Vertiefung in die Arbeit alles sieht und bemerkt, unterbricht die Stunde. »Was spracht ihr miteinander?« fragte er unvermittelt. »Adel, was sagtest du?« – Er duzt die meisten seiner Schüler. – Totenstille. – »Adel, antworte mir,« wiederholt er. Adel, ganz bleich, erhebt sich und stammelt: »Ich habe nichts gesagt, es war Erna.« »Nun Erna, dann sage du mir, was ihr spracht; ich wünsche es zu erfahren.« – Sie wissen beide, daß Mühlen unerbittlich ist. Erna erhebt sich, mit glühenden Augen. »Ich sagte« – sie stockt – »Ich sagte, wenn es doch im Leben auch so schnell mit dem Heiraten ginge wie in der Poesie.« Da lacht Mühlen; wie eine Quelle bricht dieses Lachen aus ihm heraus. »O, ihr Kinder!« sagt er. Eine der eigenartigsten Erscheinungen unter den Schülern war Eva Lißmann. Nach Mühlens Ausspruch besaß sie das größte Vortragstalent, das er je in Händen gehabt. Eine reiche, komplizierte Natur, hatte sie den unfehlbar sicheren künstlerischen Instinkt, der so stark war, daß er ihr ganzes Leben bis in den Alltag hinein bestimmte. Ein hohes Ziel stand wie ein Stern unverrückt über ihr, und diesem Ziel strebte sie nach, mußte sie nachstreben, und wenn es galt, durchs eigene Herzblut zu schreiten. Neben dieser großen, künstlerischen Veranlagung ging ein zartes Mädchentum, scheu und blumenhaft. Sie stammte aus einer Künstlerfamilie. Ihre Eltern waren in Deutschland bekannte und berühmte Opernsänger, alle ihre Geschwister Künstler. In ihrer Eigenartigkeit und Verträumtheit lebte sie in einer anderen Welt versonnen und einsam. Mir sind wenig Seelen begegnet, die so leidensfähig waren, wie die ihre. Mühlen hatte mir viel von ihr erzählt. Sie hatte in London, wo sie zu Konzerten war, angefangen, bei ihm zu arbeiten. »Das ist eine Sängerin in weißem Kleide,« sagte er von ihr, »eine, die auf dem Podium immer die Wahrheit sprechen wird. Sie kann nie populär werden; denn die Menschen lieben es nicht, die Wahrheit zu hören. Aber sie wird eine große Künstlerin sein.« Ich war sehr gespannt, sie kennen zu lernen. Der Unterricht hatte schon begonnen, als es in Neuhäuser hieß, Eva Lißmann sei angekommen. Mühlen gibt Stunden im Seesaal. Ich hospitiere und mache meine Notizen. Da höre ich einen leichten Schritt auf dem Kieswege der Terrasse, und in der geöffneten Tür, vom Sonnenlicht umflossen, steht eine helle Gestalt. »Das muß Eva Lißmann sein,« denke ich sofort. Sie war's. Schüchtern sah sie sich um und wußte nicht, ob sie in den Saal treten dürfe, denn die Stunde war noch nicht zu Ende. So stand sie da groß und schlank in einem schlichten, blauen Sommerkleide; auf dem goldbraunen, lockigen Haar ein weißes Hütchen mit einem lang herabwallenden, weißen Schleier. Sie hatte etwas Königliches in der Art zu schreiten, und doch etwas unendlich schüchtern Mädchenhaftes. Das zarte Gesicht war von Purpurröte übergossen, die hellen Augen blickten ratlos zu Mühlen hin, der ihr freundlich grüßend zunickte. Da faßte sie Mut, trat über die Schwelle und setzte sich mit ihrer Notenmappe in die Nähe der Tür. Wenn ich an sie denke, sehe ich sie am liebsten so, wie ich sie das erstemal erblickte: lichtumflossen, im Hintergrunde Himmel und Meer. Nun begann ihre Stunde. Sie sang eine Reihe Schumann-Lieder, und ich erlebte etwas Wunderbares: es war mir, als sänge ich, als sänge meine Jugend aus ihr heraus, als wäre es meine Seele, die plötzlich aus dieser schönen, jungen Stimme sprach. Ich bin heimgegangen mit dem Gefühl, als hätte da ein Teil von mir gestanden und gesungen. Keine Singstunde von ihr habe ich versäumt, und immer wiederholte sich dies Erleben. Dabei hatte ich gar nicht den Wunsch, ihr persönlich näherzukommen. Sie war auch sehr scheu und zurückhaltend und näherte sich mir in keiner Weise. Dann aber brachte ein Abend uns plötzlich zueinander.   Mit drei Kolleginnen zusammen hatte ich dreimal in der Woche meine Gesangstunde bei Mühlen. Von den anderen wurden wir im Scherz die »Granden-Klasse« genannt. Wir standen uns nahe; es war ein schönes und interessantes Studieren mit diesen seinen Künstlernaturen und ernsten Arbeitern, die schon ihren Namen in der Konzertwelt hatten. Unsere Stunde war immer die letzte am Tage. Es dunkelt. Die großen Fenster und breiten Glastüren des Seesaales sind geschlossen und gewähren nur den Blick auf das ruhelose Meer im fahlen Abenddämmern. Der grüne Schirm einer von der Mitte der Decke herabhängenden Lampe verbreitet sein mattes Licht durch den hohen Raum, das nur durch die Kerzen am Flügel ein wenig verstärkt wird. Mühlen sitzt, eine Decke über die Kniee gebreitet, tief vergraben in seinem Lehnstuhl, wie er bereits Stunde für Stunde in intensivster Arbeit gesessen hat. Am Flügel steht Frau Uzielli, die Frau meines früheren Klavierlehrers am Frankfurter Konservatorium. Sie ist schön und eine gefeierte Sängerin gewesen, in deren weicher Stimme eine feine Seele schwang. Man hatte ihr zugejubelt, wo sie sich zeigte. Schwere Lebensschicksale nahmen ihrer Stimme die Kraft und den Schmelz. Sie hofft, bei Mühlen wiederzufinden, was sie verlor. Das war ein Fall, der sein ganzes pädagogisches Interesse wachrief. Er verspricht ihr nichts; denn wer kann sagen, wie weit die Kunst imstande ist, zu ersetzen, was das Leben nahm? Aber er gibt ihr den Glauben an das Leben wieder. Er zeigt ihr eine Hoffnung, die den Mut hebt und ihr Freudigkeit verleiht. Sie fühlt, es ist eine feste und sichere Hand, die sie führt, und so spannt die müde gewordene Seele ihre Flügel von neuem. Sie beginnt. Wir horchen atemlos, wie diese matte Stimme anfängt zu klingen, wie der bewußt geführte Atem ihr Leben einhaucht, wie sie die entgleitende immer wieder in die Hand bekommt. Mühlen ist sehr zufrieden. »Geduld,« wiederholt er, »unermüdliche Geduld braucht ein Künstler. Keine Arbeit ist verloren.« Ihre Stunde ist zu Ende. Beglückt und gehoben geht sie auf ihren Platz. Es ist seltsam: keine von uns ist mehr jung, aber wie auf Kinder wirken Lob und Tadel des Meisters auf uns. Nun erhebt sich Maria Freund und tritt an den Flügel. Eine eigenartig fesselnde Erscheinung, die mich immer an das bekannte Bild der Bettlerin mit dem kranken Kinde von Gabriel Max erinnert, ist diese Maria Freund. Klein und zierlich, sieht sie doch gar stolz aus, wie sie so dasteht mit ihrem Rassegesicht. Sie weiß, was sie gilt. Ihre blassen Züge sind beim Singen wie von einem inneren Feuer durchglüht; die feingeschnittenen Nasenflügel beben. Die ganze verhaltene Glut ihrer leidenschaftlichen Seele liegt in ihren Augen, die sie fest mit einem ekstatisch vertrauenden Ausdruck auf Mühlen gerichtet hält. Sie bringt zwei Sachen, die sie schon längere Zeit studiert hat und nun fertig zum letztenmal Mühlen vortragen will. Als erstes eine altfranzösische Arie, die von dieser dunklen, aber merkwürdig durchsichtigen und edel geschulten Stimme getragen in einem breiten Strom von Wohllaut durch den Saal flutet. Mühlen hat an dieser Arie, die vollendet im Stil gesungen ist, nichts mehr auszusetzen. »Diese Nummer ist fertig,« sagt er, »die können Sie beiseite legen oder in den Glasschrank stellen, um sie immer wieder hervorzuholen, und die anderen Sachen, die Sie arbeiten, an ihr zu messen. Sie ist mustergültig.« Es folgt als zweites ein Lied von Schumann. Ich sehe es, als sie geendet hat, Mühlen an, daß er nicht zufrieden ist. Maria Freund, als Polin, trifft den Herzenston eines Schumann-Liedes nicht nach seinem Sinn. Er schweigt einen Augenblick. »Technisch habe ich nichts auszusetzen; Sie haben es ausgezeichnet gearbeitet,« sagt er; »aber – Sie verstehen nicht zu träumen. Bei Schumann muß man träumen können. Ihre Augen aber sind immer wach.« Sie sagt nichts und geht schweigend auf ihren Platz. Es ist ihr Ehrgeiz, deutsche Lieder zu singen, und sie will es erzwingen! Ich aber denke an das Goethe-Wort: »Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen.« Die nächste Sängerin, Edith Wehner, ist eine reizvolle, durchgeistigte Erscheinung. Der größere Teil ihrer Stunde wird von technischen Übungen ausgefüllt. Sie kann sehr viel, und beim Singen spricht ein fast feierlicher Ernst aus ihrem Gesicht. Von uns vieren verfügt sie wohl über die vollkommenste Technik und kann mit ihrer nicht starken Stimme daher alles machen, was sie will. Es kommt mir manchmal vor, als behandelte sie dieselbe ganz wie ein Instrument. Mühlen mutet ihr viel zu und läßt die Übungen immer schwieriger werden. Er ist sehr zufrieden und nickt ihr freundlich zu. »Du kannst was,« sagt er. »Hast du dein Lied fertig gearbeitet? Dann singe es mir zum Schluß noch vor.« Ein deutsches Lied von Wulffins hat sie studiert: »Wenn ich Abschied nehme, will ich leise gehn.« Sie beginnt. Die dunklen Augen blicken ins Weite und eine unstillbare Sehnsucht spricht aus der tiefen, traurigen Stimme. Wir horchen mit Bewunderung und Staunen, wie bei diesem Meisterwerk der Atemtechnik sie sich aufschwingt und aufstrahlt zum jubelnden Schluß: »Morgenlüfte wehen freudig um mein Haupt; Und es kommt die Sonne, der ich doch geglaubt.« Sie selbst ist so bewegt, daß ihr Tränen in die Augen treten, als sie geendet hat. Auch Mühlen ist bewegt. »Gut,« sagt er, und noch einmal: »gut.« Wenn er dieses kurze Wort in solch einem Ton spricht, dann ist es ein hohes Lob. Das wissen wir alle. Noch einmal nickt er ihr freundlich zu mit einem leisen Lächeln um die Lippen. Ich, als die letzte aus der Klasse, habe den »Kreuzzug« von Schubert vorbereitet, ein Lied, in dem alle Mängel und Schäden meiner Stimme offenbar werden, das ich mir als schwere Studienaufgabe gewählt und an dem ich viel gearbeitet hatte. Als ich mich erhebe und an den Flügel treten will, sagt Mühlen: »Ach, warten Sie einen Augenblick, fangen Sie noch nicht an. Ich habe allen Schülerinnen angesagt, heute in Ihre Stunde zu kommen, weil viel daran zu lernen sein wird, wie Sie das Lied mit mir arbeiten.« Er steht auf und gibt durch die Glocke ein Zeichen, das die im Nebenhause wartenden Schüler hereinruft. Mein Herz bleibt mir fast stehen vor Schreck. Ich konnte das Lied noch nicht vortragen, steckte noch tief in der Arbeit damit. Und diese Arbeit mit Aufdeckung all meiner Mängel vor einer großen Zuhörerschaft machen – nein, das schien mir unmöglich. Schon wollte ich herausbrechen: »Das kann ich nicht!« als mir einfiel, daß es dieses Wort für Mühlen nicht gab. Als ich einmal bei ähnlicher Gelegenheit ihn gebeten hatte, mir die Zuhörerschaft zu ersparen, hatte er ruhig erwidert: »Das ist unmöglich. Ich weiß genau, wie Schweres ich von Ihnen fordere. Es muß aber sein; die Sache verlangt es. Ich brauche Sie als Beispiel für die anderen Schüler.« Wenn die Sache es erfordert, mußte das Persönliche immer schweigen und zurücktreten; so standen wir beide zu unserer Arbeit. Der Saal hatte sich gefüllt; es fehlte kaum eine von allen Schülerinnen. Ich stehe auf, trete an den Flügel, fühle die Augen aller voller Erwartung auf mich gerichtet, und eine große Hilflosigkeit meiner Aufgabe gegenüber erfaßte mich. Mein Blick fällt auf Mühlen, dessen Gesicht einen gespannten, gequälten Ausdruck hat. Er weiß nicht, wie die Sache enden wird, ob meine Nerven vorhalten werden; denn er fühlt, wie schwer mir's diesesmal fällt. »Du darfst nicht versagen!« Der Gedanke erfüllt mich und gibt mir Kraft. Noch ein Augenblick der inneren Ratlosigkeit – da kommt mir ein Gedanke wie eine Erleuchtung, blitzschnell. Er erfüllt mich ganz, er nimmt mir die Angst. »Ich kann das Lied nicht vorsingen, es ist noch nicht fertig. Aber darf ich Ihnen zeigen, wie ich es gearbeitet habe?« frage ich, »Ton für Ton, Phrase für Phrase?« Mühlen sieht mich überrascht an, macht dann aber eine zustimmende Bewegung – und ich beginne. Nach den ersten Tönen ist Zuhörerschaft und Stunde vergessen. Ich denke nur an meine Arbeit, als wäre ich allein und gehe, wie ich es gesagt, Ton für Ton, Phrase für Phrase das Lied durch mit allen technischen Hilfemitteln, die Mühlen uns gelehrt hat. Die matten Töne werden dabei lebendig und strahlend, die harten – weich; die Verbindungen der Phrasen selbstverständlich. Ich fühle, wie es mir immer besser gelingt. Der gespannte Ausdruck in Mühlens Gesicht ist einem leidenschaftlichen Interesse gewichen, und ich sehe, wie sein Auge freudig aufstrahlt bei jedem Gelingen. Stark empfinde ich es, wie er mit mir arbeitet, mich hebt und trägt, stützt und stärkt. So, ganz hingegeben an die mir gestellte Aufgabe, bin ich erstaunt, beim Aufblicken Mühlen plötzlich dicht vor mir stehen zu sehen. Wie mir meine Begleiterin nachher erzählt hat, habe Mühlen sich langsam vom Stuhl erhoben, die Decke sei zu Boden geglitten, und Schritt vor Schritt, wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, sei er bis zum Flügel gekommen. Das Lied ist zu Ende. »Nun singen Sie es noch einmal, aber als Lied, gestaltend,« sagt Mühlen. Ich denke gar nicht mehr daran, daß ich es eigentlich nicht konnte und nehme das Lied in meine Hände und an mein Herz. Es ist etwas in mir, das mich trägt über mich hinaus. Ich sehe die Ritter, ich sehe die Kreuzesfahne im Winde schwellen, ich sehe sie das Schiff besteigen und in das gelobte Land ziehen, ich sehe den Mönch, »am Fenster grau«, und singe seine Schlußworte: »Des Lebens Fahrt durch Wellentrug und heißen Wüstensand, Es ist ja auch ein Kreuzeszug in das gelobte Land.« Ich war es nicht, die da sang, es war eine andere. Selten hatte meine Stimme so geklungen, so geleuchtet, so ausgesprochen, was ich innerlich geschaut. Und nun wendet sich Mühlen an die versammelten Schüler – er konnte etwas Großartiges haben, wenn er innerlich gepackt war – und ruft mit lauter Stimme: »Jetzt hört alle, was ich euch sage: das war eine Musterleistung an Arbeit; so muß man üben. Geht nach Hause und merkt es euch; ihr habt eben etwas Großes erlebt. Das nennt man arbeiten, kämpfen und siegen!« Schweigend reicht er mir die Hand und verläßt den Saal. Meine Freunde umringen mich jubelnd. – Die Stunde hatte mir viel Kraft genommen, aber ein großes Geschenk gebracht: am anderen Tage stand Eva Lißmann in meinem Sprechzimmer und bat mich mit leiser Stimme und heißem Erröten, ob ich ihr Stunden geben wolle; sie würde so gern bei mir arbeiten lernen. In meiner Stunde gestern sei ihr klar geworden, daß sie gar nicht zu arbeiten verstünde. Das war der Anfang unserer Freundschaft. Sie folgte mir nach Riga und war dort zwei Winter hindurch meine Schülerin. Sie war ein Sorgenkind, denn ihr Künstlerweg war hart. Alles aber, was an künstlerischer Entwicklung und Künstlerträumen in meinem Leben nicht in Erfüllung gegangen ist, sah ich in dieser jungen Menschenseele zu hoher Blüte sich entfalten. Und daß ich ihr dabei ein wenig helfen konnte, war für mich das größte Glück.   Abends, nach der Tagesarbeit, fühlte Mühlen sich meist so müde, daß er kaum sprechen mochte. Es brauchte aber nur ein Thema berührt werden, das ihn interessierte, so war er voll Leben und Feuer und konnte – während wir um den Speisetisch versammelt waren – stundenlang uns durch seine Erzählungen und Einfälle in Atem halten. Seine Freunde, Trude Maas und Lisbeth Gyßling mit ihrem Mann, dem klugen, warmherzigen Justizrat, waren dabei häufig unsere Gäste. Sie lebten den ganzen Sommer in Neuhäuser und nahmen warmen Anteil an den Kursen und allen Schülern. Oft klang Gesang zu uns herein und manchmal wagten die Sänger sich auch näher und riefen uns durch das offene Fenster fröhliche Gutenachtgrüße zu. An den Sonntagen jedoch hielt Mühlen sich meist vom Getriebe der Schüler fern. Dann lag unser Haus traumverloren da in Herbstsonnenschein und Meeresrauschen. Nur hin und wieder gab es fröhliche Kaffeegesellschaften auf der Terrasse, zu denen geladen zu werden, jeder Schüler sich zur Ehre rechnete. Anfang Oktober flogen wir alle auseinander, gaben uns aber die Hand darauf, im nächsten Jahr wiederzukommen. Schülerfahrten in Livland Viele Freude bereitete es mir, daß aus dem Neuhäuserschen Studienkreise zwei Schülerinnen mir nach Riga folgten, um bei mir weiterzuarbeiten. Außer Eva Lißmann war es Helene Roever aus Hamburg. Wenige Wochen nach meiner Heimkehr empfing ich beide in Riga und brachte sie in Pensionen unter, da ich meine Häuslichkeit vorübergehend aufgegeben hatte und selbst bei Verwandten lebte. Eva Lißmann hatte viele Empfehlungen aus ihrer Heimatstadt Hamburg an die reichsdeutsche Gesellschaft mitgebracht. Ihr erstes Konzert, das sie in Riga gab, war ausverkauft und ihre liebreizende Erscheinung und die vornehme, edle Kunst ihres Gesanges riß das Publikum hin. Eine Fülle von Blumen wurden ihr gespendet. Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich nach dem Konzert in mein Musikzimmer trat, die ganze Blumenherrlichkeit dort vorzufinden. Sie hatte durch einen treuen Boten heimlich alles zu mir bringen lassen. – Von Riga aus machte sie Konzertausflüge in die anderen Städte der Provinzen und arbeitete in der Zwischenzeit dann wieder mit mir. Es war keine leichte Arbeit. Mir war eine so eigenartige, in ihrer Stärke und Verschlossenheit fast hilflose Künstlernatur noch nie begegnet. Bei aller äußerlichen Fröhlichkeit trug sie schwer am Leben, konnte nur ihre Wege gehen, auf ihre Weise lernen. Es dauerte eine Weile, bis ich das begriff und sie zu führen lernte. Ihr etwas aufzuzwingen, war nicht möglich. Wenn ihre Seele keine Antwort gab, konnte sie nichts aufnehmen. In ihrer ganzen künstlerischen Entwicklung ging sie ihren allereigensten Weg. Im Frühling kehrte sie nach Hause zurück. Lenchen Roever blieb und arbeitete eifrig bei mir. Sie war sehr musikalisch und fleißig. Mit ihrer hellen, hohen Stimme sang sie den ersten Sopran in dem Frauenquartett, das ich mit meinen Schülerinnen gegründet hatte. Im Mai trat aus vier kleinen Städten Livlands die Bitte an mich heran, dort mit einigen meiner Schülerinnen Konzerte für den eben gegründeten »Deutschen Verein« zu geben. Die Revolution im Jahre 1905 hatte uns das Gute gebracht, daß das Deutschtum im Lande freier sein Haupt heben konnte. Man hatte sich in den Provinzen zu einem »Deutschen Verein« zusammengeschlossen: deutsche Schulen blühten auf und neues Leben begann sich auf allen Gebieten zu regen. Als ich mit meinen Schülerinnen über diese Aufforderung sprach, begeisterten sie sich für den Plan und wären am liebsten alle mitgekommen. So konnte ich dem Deutschen Verein eine Zusage senden. Mit vier Schülerinnen, einer Begleiterin und einem reichhaltigen Programm von Sologesängen, Duetten und Quartetten fuhren wir an einem wundervollen Maimorgen aus Riga ab. Bei unserer Ankunft in den kleinen Städten wurden wir ganz offiziell von den Vorstandsdamen empfangen und in unsere Quartiere geleitet. Es gab ausverkaufte Konzerte und das Publikum war begeistert. Wenden, Wolmar, Walk waren mit schönem Erfolg absolviert. Dann ging es zu Wagen weiter durch das frühlingshelle Land nach dem kleinen Lemsal. Überall blühten Leberblümchen und gelbe Dotterblumen. Wie grüne Schleier wehte es in den Birkenwäldern. Jubelnd stiegen Lerchen in die Lüfte. Es war eine schöne Zeit auch für unsere ganze Heimat; ein Aufatmen nach den Schrecknissen der Revolution. Man hoffte wieder und sah in eine bessere Zukunft für sich und die liebe Heimat. Es ist nun einmal Baltenart, immer wieder zu hoffen, immer wieder zu bauen, immer wieder sich zu freuen, sobald das Atmen einem nicht gar zu schwer gemacht wird. Mühlens Schüler Im Spätsommer des folgenden Jahres fing die Arbeit in Neuhäuser wieder an. Welch eine Freude herrschte, wenn sich die Kollegen vom vorigen Jahr wiederfanden! Es war dasselbe Bild, wenn auch die Gesichter in dem Bilde wechselten. Da aber viel fremde Elemente dazukamen, mußten die Kurse immer mehr das Intime, Familienhafte verlieren; doch gab es einen Kern von alten Schülern, die den alten Geist aufrecht erhielten, den Geist froher Arbeit und guter Kameradschaft. Unter den eigenartigen, interessanten Persönlichkeiten des zweiten Kurses tauchte ein junger Sänger aus England auf, von dessen bestrickender Persönlichkeit und Stimme mir schon früher viel zu Ohren gekommen war, ein Schüler Mühlens: William Pitt Chatham, allgemein kurzweg »Bobbi« genannt. Ich war von seiner knabenhaften Erscheinung überrascht, als er in grauem Sportanzug vor mir stand. Aus einem anziehenden Gesicht leuchteten mir ein paar dunkle Augen entgegen, und ein Lächeln voll Liebreiz, wie ich es nie bei einem Manne gesehen. Es ging ein merkwürdiger Zauber von ihm aus, dem sich kaum jemand entziehen konnte. Worin der wohl liegen mochte? Ob in der eigenartigen Mischung von bubenhafter Ausgelassenheit und hohem Künstlertum? Dazu kam, daß bei ihm, dem sicher Vielerfahrenen, der Eindruck von Kindlichkeit und Reinheit, den er machte, sich durch nichts zerstören ließ. So bezwang er alle Herzen, und wo Bobbi erschien, gab es leuchtende Augen und frohe Gesichter. Ein romanhaftes Erleben, die Liebe zu einer schönen, viel älteren Frau, umgab ihn mit einem besonderen, geheimnisvollen Reiz; und allerlei ritterliche Abenteuer, die von ihm erzählt wurden, machten ihn interessant. Wir konnten anfangs gar nicht miteinander verkehren, denn er sprach kein Wort deutsch, während ich das Englische damals nur sehr mangelhaft beherrschte. Doch radebrechten wir uns allmählich zueinander. Er bat mich, täglich mit ihm zu üben, weil er deutsche Liederprogramme studieren wolle, und so fingen wir denn unsere Stunden bald an. Seine wunderbare, weiche Stimme besaß eine große Ausdrucksfähigkeit. Trotz seiner Unkenntnis des Deutschen lebte er sich, dank seiner Geschicklichkeit und seinem Anpassungsvermögen bald in die neue Welt ein und lernte schnell, deutsche Lieder singen. Meine Lehrmethode in diesen Stunden war außergewöhnlich einfach: ich sprach und sang ihm die Sachen so lange vor, bis er sie nachsingen konnte, und in kurzer Zeit beherrschte er sie so vollkommen, daß er sogar Mühlen dabei sehr fein imitierte. Auch den Ausdruck in den Liedern traf er mit so sicherem Empfinden, daß man nur staunen konnte. Im Laufe dieser Wochen hatte Chatham ein solches Zutrauen zu mir gefaßt, daß er mich in die Tragik seines Lebens hineinblicken ließ. Er war in einer großen Not, denn die Frau, die er liebte, hatte ihren Mann verlassen und ihr Leben mit der ganzen Verantwortung dafür auf die Schultern dieses Knaben gelegt. Mühlen hatte einmal den Plan in ihm angeregt, nach Riga zu gehen, dort bei mir weiterzuarbeiten und in den Ostseeprovinzen zu konzertieren. Hans Schmidt, der Chatham in London kennen gelernt, hatte damals versprochen, ihn bei sich aufzunehmen. Diesen Plan griff Chatham nun auf und bat mich flehentlich, ihm bei seiner Verwirklichung zu helfen, damit er imstande wäre, die Frau zu heiraten, die er liebte. Ich schrieb Hans Schmidt, der ihm freundschaftlich sein Haus öffnete. Im Herbst sollte er nach Riga kommen.   Immer reicher und schöner gestaltete sich die Arbeit in den Ferienkursen. Aber Mühlens Leben sah ich dabei mit Sorgen zu. Er schlief meist nicht mehr als vier Stunden, aß kaum etwas und arbeitete so angestrengt, wie ich selten Menschen habe arbeiten sehen, da immer noch neue Schüler zu den alten kamen. Eines Tages erhielt ich einen Brief von Gustel Hohenschild. Ich hatte lange nichts von ihr gehört, wußte nur, daß sie von ihrem Mann verlassen worden war. Sie meldete mir eine Schülerin für die Mühlenkurse, Tochter eines Professor Seng in Heidelberg, und bat mich, die junge Sängerin in meine besondere Obhut zu nehmen. Die Eltern hatten sich nur schwer entschlossen, ihre einzige, schöne Tochter allein unter die Künstler ziehen zu lassen. Diese Bitte von Gustel berührte mich eigen. Sie, die einst so stark in meinem Leben gestanden hatte und nun schon lange daraus entschwunden war, tauchte wieder auf und brachte mir ein junges Menschenkind zum Lieben und Umsorgen. Ich antwortete ihr sofort und versprach, ihren Wunsch zu erfüllen. Bald meldete sie mir auch ihre Ankunft. Ich ging ins Hotel, um zu sehen, ob in ihrem Zimmer nichts fehle. Während ich noch einiges ordnete, hörte ich das leise Öffnen der Tür, und als ich mich umwandte, erblickte ich ein junges Mädchen auf der Schwelle, das mich halb schüchtern, halb forschend anschaute: Tempe Seng. Da ich sie noch nicht erwartet hatte, war ich im Augenblick überrascht; noch mehr überrascht aber von ihrer seltsamen, dunklen Schönheit. Von ihrer Urgroßmutter her, die Indierin gewesen war, hatte sie das Fremdländische. Sie war schlank und braun, und aus dem schmalen Gesicht leuchteten ein paar ernste Augen. Alles an ihr war dunkel, und rassig. Überraschend bei dem jungen Menschenkinde wirkte der etwas herbe Zug um den sonst lieblichen Mund und ihre kühl reservierte Haltung. »Sie sind Tempe Seng?« fragte ich. Ein kurzes, leises »Ja« kam als Antwort. Sie trat dabei vollends ins Zimmer und richtete ihren Blick ein wenig kritisch auf mich. Ich sagte ihr einige warme Worte zum Empfang und verließ sie dann. Auf dem Heimwege beschäftigte mich diese junge Fremde. Ob ich ihr jemals nahe kommen werde, dachte ich und sah immer wieder ihre ernsten Augen und das Abweisende ihrer Haltung vor mir. Ich bin ihr nahe gekommen; unsere Leben haben sich nachher merkwürdig miteinander verkettet. Ich hörte ihre erste Singstunde an. Sie sang ein Lied in einer tiefen Stimmlage; die Stimme hatte etwas Unfreies. Es lag überhaupt ein starkes Wollen, kein inneres Müssen in ihrem Singen. Als sie geendet hatte, schwieg Mühlen erst einen Augenblick; »Sie wollen anders, als Ihre Stimme eigentlich will,« sagte er dann. »Warum singen Sie so tief? Die Stimme strebt ja in die Höhe.« »Meine Höhe war immer unfrei,« war ihre Antwort. »Da meinte mein Lehrer, ich hätte eine Altstimme.« Ein Laut der Ungeduld entfuhr Mühlen: »Ja, so machen sie es,« sagte er ärgerlich; »wenn etwas in der Stimme von Natur nicht gleich da ist, wird es übergangen, anstatt daß man es entwickelt. Es ist ja gerade so, als fischte man ein Stück Bernstein, an dem Seetang hängt, aus dem Meere und anstatt das Störende zu entfernen und das kostbare Stück zu bearbeiten, wirft man es wieder ins Meer zurück.« Während Mühlen sprach, sah sie ihn unverwandt an. Man wußte nicht, war sie froh oder traurig über seine Worte. »Wir wollen die Höhe entwickeln,« sagte er zu mir gewendet, »dann erst wird man die Stimme beurteilen können.« Ihre Stimme wurde frei, hell, hoch und allmählich schön. Außer den Stunden bei Mühlen arbeitete sie ganz regelmäßig bei mir. Sie hatte eine eiserne Energie und eine große Konzentrationsfähigkeit, sie verstand zu arbeiten. Im Herbst kam sie mit mir nach Riga. Ein prächtiger Kamerad war Frida Beckershaus. Sie war eine Norddeutsche, schwerfällig und zuverlässig, schön und würdevoll. Ebenso schön und mächtig war ihre tiefe Altstimme. Wahrhaftig, bis auf den Grund ihres Wesens war sie und sicher wie ein Fels, auf den man bauen konnte. Ihr hartes Leben nahm sie tapfer und stark auf ihre Schultern. Wir fanden, der Name Frida passe nicht zu ihr und nannten sie Santa Barbara. Mit Stolz und Würde trug sie eine Last, unter der ihre großzügige Natur schwer litt: die Armut. Heimlich entbehrte sie vieles, blieb aber niemand etwas schuldig. Die lange Allee, die zu Mühlens Häusern führt, sehe ich zwei helle Gestalten heraufkommen: Barbara M'Counel, eine Australierin, und Gladis Newbury, eine Amerikanerin. Beide reich, fröhlich, mit jungen Herzen und schönen Stimmen, beide fein und zierlich, aus einer vornehmen, fremden Atmosphäre und großem Reichtum hierher, in schlichte Verhältnisse und eine strenge, künstlerische Arbeit versetzt. Dieses Leben ist ihnen vollständig fremd. Aber mit sorgloser Selbstverständlichkeit haben sie sich in alles gefunden. Sie erleben jeden Tag mit neuer Wonne. Helene und Oskar Hörschelmann! Sie, die Reichbegabte, Lebensvolle, kam jeden Sommer getreulich zu Mühlens Kursen, begleitet von ihrem lieben, feinen Mann, dem »Kursonkel«, wie wir ihn nannten. Er war Arzt in Rußland, und sie sparten beide das ganze Jahr, um sich den Aufenthalt in Neuhäuser Sommer für Sommer zu ermöglichen. Sie arbeitete für ihre Singstunden, und er war die Vertrauensperson der Schüler, von allen hochgehalten und geliebt. Erkrankte jemand unter uns – Onkel Oskar war sofort da; und man fühlte sich schon besser, wenn diese ruhige, kühle Hand einem an den Puls faßte. Man kam zu ihm, sobald einem etwas fehlte, an Leib oder Seele – und er half immer. Mit seiner ritterlichen Art und seiner selbstlosen Güte war er der geborene Freund. Das Ehepaar bildete auch den gesellschaftlichen Mittelpunkt für die Schüler. Bei Hörschelmanns versammelte man sich zu gemeinsamer Lektüre; von ihnen aus unternahm man größere Wanderungen in die Umgegend. Auch reizende kleine Feste gaben sie auf ihrer mit bunten Lampen geschmückten Veranda, wo gelesen, musiziert und geschwärmt wurde. Jeder kam von diesen Abenden angeregt und erfrischt nach Hause. Und nun – wird meine Feder es vermögen, ein Bild von dir zu zeichnen, Lëlja Kaschperowa? Du, mit dem reinen Kinderherzen und der genialen Künstlerseele! Sie steht vor mir in der Sprechstunde. Der hübsche Kopf mit dem kurzen Haar sitzt auf einem etwas ungeschickten Körper; oder wirkt er nur so ungeschickt durch die schlechte Kleidung? Ein paar herrliche Augen sehen mich an, Augen mit dem Ausdruck eines Kindes: braun, strahlend, freudig und erwartungsvoll. Sie sprudelt mit stark russischem Akzent ihre Wünsche heraus: »Ich bitte um Stunden beim Meister, Stunden bei Ihnen.« Lëlja Kaschperowa ist eine bekannte Komponistin und Pianistin, Schülerin Rubinsteins, die sich schon in Petersburg einen Ruf erworben hatte. Nun aber hat sie sich in den Kopf gesetzt, bei Mühlen zu singen. »Ich will seine Künstlerschaft in mich aufnehmen; ich brauche sie sehr,« sagt sie in ihrem russischen Deutsch. Was für eine Fülle von Freude, Anregung, Spaß haben wir durch sie gehabt! Sie hielt uns immer in Atem; denn sie machte stets alles ganz anders als andere Menschen: War der Tag heiß, so konnte man sicher sein, sie in einem dicken Paletot, mit Galoschen an den Füßen und einem Regenhut auf den kurzen Locken, atemlos, in Schweiß gebadet, in die Stunde kommen zu sehen. Hingen dräuende Wolken am Himmel, blies ein starker Wind vom Meer her, so erschien sie in einer dünnen Musselinbluse, verwundert darüber, daß sie es so kühl habe. So war und blieb sie: merkwürdig weltfremd; trotzdem aber nie verloren; mit ihren Kinderaugen sah sie nur den Platz, auf dem sie stand, und der erfüllte ihre ganze Seele. Sie tat immer, was ihr gerade einfiel, und es kam ihr immer aus; denn überall fand sie begeisterte Helfer, deren Hände sie vertrauensvoll mit den ihren faßte. In den Stunden gab es oft heiße Kämpfe. Wenn Mühlen nicht immer bloß lobte, schlug die Verzweiflung wie Wellen über ihrem Haupte zusammen. Wie manches Mal ist sie aus ihrer Stunde zu mir hereingestürzt, meine Schüler auseinandersprengend, in wilder Verzweiflung sich mir in die Arme werfend. Dieses Weinen! Der ganze Körper wurde durch ihr Schluchzen erschüttert. Wie ein Kind mußte ich sie in die Arme nehmen, trösten, streicheln – und was war dann die Ursache? »Ich habe meine Kopfstimme heute nicht singen können,« brach's von ihren bebenden Lippen. »O, mein Gott, mein Gott, was soll daraus werden?« Wir sitzen am Strande; die Sonne geht unter, leise schlagen die Wellen an das Ufer. Und Lëlja erzählt. Ein Gut, fern in Rußland, in tiefster Einsamkeit, entsteht vor unseren Augen. Das Haus ist langgestreckt und weiß; eine breite Treppe führt hinab in den Garten, aus dem man einen weiten Blick hat über einsame, grüne Felder und ein Birkenwäldchen in der Ferne. Die Familie sitzt um die geliebte alte Mutter geschart, die Leute kommen singend von den Feldern heim. Lëlja hat den Kopf zurückgebogen, die Hände ruhen lässig im Schoß. Sie sieht nicht das Meer – sie sieht nicht uns – sie sieht die heimatlichen Felder, atmet den Duft der Birken und des frischen Heues und hört die heimatlichen Lieder durch die stille Sommernacht klingen. Sie fängt an zu singen, süß, hell und hoch klingt ihre eigenartige Stimme. Unter den Liedern, die wir hören, erwacht auch in unseren Seelen eine Sehnsucht nach Wiesen und Feldern, nach Sommersonne und tiefer, tiefer Einsamkeit. Nun erzählt sie weiter: Es arbeitet eigentlich keiner im Hause. Ein alter Kutscher führt die Landwirtschaft; ihm zur Seite stehen zwei alte Kinderwärterinnen der Familie. – Dazwischen werden Theateraufführungen gemacht. Man spielt Stücke, welche die jungen Mädchen sich selbst ausgedacht haben. Es gibt einen Konzert- und Theatersaal im Hause mit einer Bühne und weißen Säulen. Alles lebt nur in diesen Theaterstücken. Sie vergessen ganz den Alltag darüber, das wirkliche Leben, die Arbeit. Und plötzlich erzählt sie von der Liebe ihres Lebens, unterbricht ihre Erzählung mit Liedern, welche die Situation malen. Es ist eine wunderbare, fremdartige Welt, in die wir schauen, voll eigenartigen Lebens. Das Meer ist ganz still geworden; nur ihre Augen strahlen durch die Dämmerung, und über das Wasser klingt ihre Stimme, eindringlich, süß und hoch. – Wir sind alle in ihrem Zimmer versammelt; es ist Sonntagvormittag. Sie spielt die »Kinderszenen« von Schumann. Wir sitzen auf dem Bett, auf der Kommode, auf dem Fensterbrett, auf ihrem Koffer, Kopf an Kopf gedrängt. Wenn sie spielt, klingt's immer, als improvisierte sie, so eigen, wie im Moment geboren, klingt alles. – »Ach, Lëlja,« sage ich, als sie geendet hat, »du sollst nicht singen, du hast ja schon deine Sprache gefunden; warum suchst du nach einer anderen Ausdrucksform?« – Sie kann so schnell weinen; sofort sind ihre Augen mit Tränen gefüllt: »Laßt mich doch zu euch gehören,« sagt sie, »Singen ist doch das Schönste!«   Wie lebendig steht ihr noch heute vor mir! Ihr und viele, die ich nur im Geist noch grüßen kann; aber alle Genossen leuchtender Tage! Die Zahl der Kursteilnehmer war allmählich sehr gewachsen. Nicht nur Deutsche und Balten: Engländer, Russen, Amerikaner, Australier waren erschienen, Groß- und Kleinstädter; Künstler, die ihre Technik verbessern und Programme studieren wollten; alte Lehrerinnen, die sich ein bescheidenes Sümmchen zusammengespart hatten, um »die neue Methode«, wie sie es nannten, kennen zu lernen; sie kamen aus einer mühsamen Alltagswelt plötzlich in eine künstlerische Atmosphäre, die ihnen anfangs den Atem raubte. Dazwischen, wie leuchtende Blumen, junge, schöne Menschenkinder mit frohen Herzen, denen das Singen nur Schmuck und Freude des Lebens bedeuten sollte. Alle aber vereint unter einer Fahne, ihr Leben unter einen Gesichtspunkt stellend: den – künstlerischer Arbeit. Für die Menge Schüler reichte meine Kraft nicht mehr aus, und Mühlen mußte noch einige Hilfslehrerinnen anstellen; aber die oberste Leitung der Kurse lag immer in meinen Händen. So lernte ich sie alle mehr oder weniger kennen mit ihren Freuden und Kümmernissen. Denn es gab in meinen Sprechstunden – halb ernsthaft, halb spöttisch auch von den Schülern »Seelenstunden« genannt – viel zu trösten und Tränen zu trocknen. Manche konnten sich in Mühlens Art nicht gleich zurechtfinden. Er war ihnen zu schnell, und seine Atmosphäre zu stark. Was mir aber stets wohltuend entgegentrat, war der Geist freudiger Hilfsbereitschaft unter allen. Bezeichnend hierfür ist folgender Ausspruch einer Sängerin: »Ich erlebe hier Dinge, die man sonst nie erlebt. Es gibt immer Neid, Hader, Kampf, wo Sänger beisammen sind. Keiner hilft dem anderen oder gönnt ihm etwas. Aber hier, wenn jemand nur sagt, ich verstehe nicht zu üben, oder ich habe Mühlen nicht begriffen, erhebt sich sofort eine ganze Schar von Kollegen und erbietet sich zum Helfen und Mitarbeiten. Ja – gibt es denn hier keinen Sängerneid?« Nein, den gab es nicht; und das gerade machte diese Zeit so schön und reich. Mühlen schloß die Kurse mit einem Fest, das er für seine Freunde und Schüler veranstaltete. Ein mitten im Wald gelegenes Wirtshaus, der Waldkrug, besaß einen großen Saal, den er sich zum Festsaal ausersehen hatte. Der Besitzer des Waldkruges, bei dem auch viele Schüler als Pensionäre lebten, nahm mit leidenschaftlichem Eifer teil an dem ganzen Fest. Die Veranda wurde mit bunten Lampen, der Saal mit Kränzen und Guirlanden festlich geschmückt. Und unter den Schülern begann nun ein reges Leben voller Geheimnisse. Mit den bescheidensten Mitteln sollte ein Kostümfest veranstaltet werden. Uns allen zur Überraschung hatte der Wirt sich folgenden Scherz ausgedacht: aus uralter Zeit befand sich im Waldkrug eine gelbe Postkutsche. Kutscher und Vorreiter wurden in altertümliche Kostüme gesteckt; vier Pferde vor die Postkutsche gespannt. Dieser Wagen fuhr von Pension zu Pension, die Gäste abzuholen. Vor jeder Tür meldete der Vorreiter auf einer Blechtrompete die Ankunft der Kutsche. Mitten im Saal stand Mühlen, neben ihm seine Freundin, Frau Justizrat Gyßling, und ich. Jede eintretende Gruppe der Gäste empfing ein Tusch von einem kleinen Orchester, das Mühlen für diesen Abend bestellt hatte. Da kamen sie denn hereingezogen, alle künstlerisch ihre Rollen durchführend: Ein Biedermeierherr, in steifem Halskragen und hohem Hut, zwei bezaubernde Biedermeierdamen an der Hand führend, die sich in ihren breiten Krinolinröcken tief vor ihrem Gastgeber neigten. Singend kam ein Zug lettischer Mädchen herein mit einer Vorsängerin, die mit einer himmelhohen, hellen Stimme das »Lihgo Janit« sang. Dann eilten trippelnden Schrittes drei Japanerinnen durch den Saal, warfen sich vor Mühlen auf die Knie, und grüßten auf japanische Art, den Boden mit der Stirn berührend. Wer zählt all die Rumänen, Ungarn, Inder? Ja, sogar einen Neger gab es! Welch ein festliches, amüsantes Wogen! Wieviel Scherzworte und geistvolle Witze flogen hin und her! Und dann gab es ein fröhliches Tanzen. Zum Schluß sogar eine von Mühlen mit einer Russin getanzte Mazurka! Der helle Morgen mit Vogelsang und Sonnenschein schaute durch die weit offenen Fenster, als wir uns trennten. Ja, nun waren die Kurse wirklich zu Ende. Wir flogen nach allen Himmelsrichtungen auseinander. – Ich fuhr mit einigen Landsleuten noch nach Berlin für acht Tage. Lëlja Kaschperowa wollte allein die Reise in die Heimat machen. Wir sitzen in unserer Pension in Berlin am Fenster. Es ist ein trüber, regennasser Herbstnachmittag. Eine Droschke fährt vor, und – wer entsteigt ihr? – Lëlja! Wir stürzen auf die Straße, sie zu empfangen. »Aber Lëlja, du wolltest doch heimreisen?« Wie zwei Sonnen strahlen ihre Augen. Sie faßt unsere Hände. »Wie herrlich, daß wir wieder beisammen sind!« sagt sie. »Es war so traurig, allein zu reisen. Da habe ich mich entschlossen, euch abzuholen. Nun machen wir die Reise zusammen bis an die russische Grenze.« Wir haben sie in unser Zimmer gebracht, fröhlich lachend. »Ach Lëlja, du bist doch ein wahres Kind! Man fährt doch nicht extra von Königsberg nach Berlin, um jemand abzuholen! Es ist ja eine große Reise!« »Ja,« sagt sie, »ich war auch ganz erschrocken, wie lang sie war. Aber denkt nur, wie herrlich, jetzt machen wir die Heimreise miteinander! Ich habe mich die ganze Zeit gefreut, daß ich mit euch fahren werde!« Sie steht mitten im Zimmer, in einem dicken Mantel mit langem Kragen und einem rosa Strohhut, auf den sie sehr stolz ist, und den wir alle entsetzlich finden. »Lëlja, du siehst ja ganz unförmig aus; was hast du in deinen Taschen?« »Ach,« sagt sie eifrig, »ich habe meine Handtasche verloren. Da war ich froh, daß meine Manteltaschen so groß sind; und habe meine Nachtsachen eingesteckt.« Unter Staunen und Lachen entleerten wir diese. Was war da alles drin! Das erste, was wir hervorzerren, ist ihr Nachthemd. »Ja, das ging am schwersten hinein,« sagt sie. – Dann folgen: ein Stück Seife, Kämme, eine Zahnbürste, ein Schwamm in feucht gewordenes Papier gewickelt, und noch eine Menge Kleinigkeiten, die sie im letzten Augenblick gefunden und hineingesteckt hatte! »Ach Lëlja, dich kann man ja nicht einen Augenblick allein lassen,« sage ich. »Das glaube ich auch,« erwidert sie, »deshalb bin ich froh, daß wir wieder beisammen sind!« Arbeitsleben und Festtage mit meinen Schülern In diesem Herbst waren mir Eva Lißmann, Tempe Seng und Bobbi Chatham nach Riga gefolgt. Da ich keine eigene Häuslichkeit hatte, sondern immer noch bei Verwandten lebte, konnte ich sie nicht bei mir aufnehmen und brachte Eva und Tempe in einer Pension unter, Bobbi wohnte bei Hans Schmidt. Sie gingen wie Kinder bei mir aus und ein, und ich genoß so unendlich, diese jungen, hoffnungsfrohen Menschen um mich zu haben und künstlerisch, wie in Neuhäuser, mit ihnen weiterzuarbeiten. Bobbi und Eva studierten Programme; zuerst gab jeder einen eigenen Liederabend, dann vereinigten sie sich zu Duetten. Sie hatten stets ausverkaufte Konzerte, namentlich ihre Duettabende waren unendlich beliebt, und diese jungen, strahlenden Menschen hatten etwas so Hinreißendes, wenn sie nebeneinander auf dem Podium standen, daß keiner diesem Eindruck widerstehen konnte. Ihre Stimmen waren wie füreinander geschaffen, und sie hatten sich beim Singen so zusammengefunden, waren so miteinander verschmolzen, daß sie wie ein Klang wirkten. Zu Weihnachten fuhr ich mit meinen drei Pflegekindern nach Livland auf ein einsames Pastorat zu meinem Neffen. Er war Junggeselle; verschneit, weltabgeschieden lag sein Haus in einem großen Garten. Weite Wiesen umgaben es, die jetzt tief im Schnee vergraben waren. So weit das Auge reichte sah es nichts weiter als eine schneeweiße Fläche. Wie köstlich funkelte sie, wenn die Wintersonne darauf lag! Es war eine Einsamkeit, wie meine drei Kinder, die aus der großen Welt kamen, sie noch nie geschaut. Aber das alles focht sie nicht an. Das stille Haus war plötzlich voll Lachen und Singen, und Weihnachtsfreude füllte es. Wir holten selbst den Weihnachtsbaum aus dem Walde und schmückten ihn mit goldenen Nüssen. Bobbi mußte deutsche Weihnachtslieder lernen, dann sangen wir sie dreistimmig. Es klang bis ins stille Arbeitszimmer zum Pastor hinüber, der seine Tür öffnete und auf den süßen Klang horchte, der in seine Weihnachtspredigt hineintönte. »Solch ein Weihnachten gab es noch nie bei mir,« sagte er in seiner stillen Art und tat alles seinen jungen Gästen zuliebe. Täglich ließ er seine Pferde vor einen großen Schlitten spannen, in den wir alle gepackt wurden, warm in Pelzdecken eingehüllt. Da fuhren wir stundenlang ins weiße, stille Land hinein durch dunkle Tannenwälder, an tief verschneiten, wie im Schlaf daliegenden Bauernhäuschen vorüber. Und dann kam der Weihnachtsabend. Ich sehe sie noch unter dem Weihnachtsbaum stehen, die drei schönen, frohen Menschen: Eva und Tempe in weißen Festkleidern; sie hielten sich an den Händen und sangen: »O du fröhliche, o du selige, Gnadenbringende Weihnachtszeit.« Diesem Ausruhen im stillen Pastorat folgten Konzerte in Estland von Bobbi und Eva; Tempe und ich begleiteten sie nach Dorpat und Reval. Die warmherzigen Estländer äußerten noch spontaner ihre Begeisterung als die Rigenser. Wie getragen von Liebe und Freude, gingen diese jungen Menschen damals durch ihr Konzertleben, und ich erntete als stolze Pflegemutter mit frohem Herzen viel Lob und Ehren. Dann kamen noch weitere stille Arbeitswochen in Riga, aber es gab auch viel Geselligkeit, denn jeder wollte die jungen Künstler bei sich aufnehmen. Ich mußte manchmal den vielen Einladungen einen kleinen Halt gebieten, denn die Hauptsache war für uns doch die Arbeit. Nach Ostern fuhren sie alle heim. Wie schön war es, daß man sich immer auf Wiedersehen sagen konnte, denn im August begannen die Mühlenkurse in Neuhäuser. – Es gab dasselbe äußere Bild wie im früheren Sommer: frohe Arbeit, die mit so glücklichem Herzen getan wurde, daß jeder Tag ein Fest war; immer wieder die alten Schüler und neue, oft sehr interessante, die dazukommen, und über allem Mühlen, gebend, spendend aus dem nie versiegenden Born seiner reichen Künstlernatur. Es folgten mir immer mehr von Mühlens Sommerschülern nach Riga. Eva Lißmann blieb in diesem Winter zu Konzerten in Deutschland, aber Tempe Seng und Bobbi Chatham reisten wieder mit mir in meine Heimat. Außer ihnen kamen Frida Beckershaus, zwei Australierinnen, Barbara M'Connel, die von ihrer Schwester begleitet wurde, und eine junge Schülerin aus Königsberg. Ich sollte nach zwei Jahren wieder meine eigene Häuslichkeit haben, denn Hans Schmidt und sein Freund Oskar Bergengruen hatten mir eine Wohnung gemietet, während ich in Deutschland war. Ich kam mit einigen meiner Schüler an, Bergengruen erwartete mich auf der Bahn. Er half mir, zuerst die Fremden in ihren Pensionen unterzubringen, sprach dabei sein Bedauern aus, daß es ihm und seinem Freunde nicht gelungen sei, meine Wohnung zu meinem Empfang einzurichten. »Es ist mir so unangenehm, daß ich Ihnen das sagen muß, aber die Handwerker haben eben erst die Wohnung verlassen. Alles steht durcheinander, ich habe nicht einmal scheuern lassen können.« Ich tröstete ihn: »Nun, das ist nicht schlimm, wir richten zusammen ein.« Nun standen wir vor dem Hause und stiegen die Treppen zu meiner Wohnung empor. »Wie es auch darin aussehen mag,« sagte ich zu meinem Begleiter, »ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie mir wieder eine eigene Häuslichkeit geschaffen haben.« Wir standen vor einer umkränzten Tür, an der mein Name auf einem neuen Messingschild prangte. Dann wurde die Tür geöffnet, und Hans Schmidt stand vor mir. Ein Choral erklang, von vielen Stimmen gesungen: »Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren.« »Was ist denn das?« rief ich. »Das ist Ihr neues Heim,« sagte Hans Schmidt. Er war ganz bewegt. »Sie sollen es fühlen, wie froh wir sind, daß Sie wieder da sind.« Ganz betäubt wurde ich von meinen beiden Freunden hineingeführt, die Wohnung war vollständig eingerichtet. Stumm stand ich da, meine nächsten Freunde und Bekannten erwarteten mich, sie wollten meine Freude und Überraschung sehen. Unter ihrem Jubel wurde ich von einem Zimmer ins andere geleitet: im Speisezimmer war der Kaffeetisch gedeckt, in der Küche stand mein neues Dienstmädchen in weißer Schürze, weißem Häubchen und bereitete das Mittagessen. Es fehlte nichts, alles war da bis aufs gefüllte Tintenfaß auf meinem Schreibtisch. Das Wunderbarste aber blieb doch, daß alles nach meinen Wünschen, in meinem Sinne eingerichtet war. So und nicht anders hätte ich selbst alles gemacht. Ich konnte mich in mein Haus setzen und mein Leben beginnen. Das sind Augenblicke, die sich einem tief einprägen. Die Erinnerungen an sie bleiben wie leuchtende Sterne über dem Leben stehen. Ein bewegtes, fröhliches Leben beginnt in meinem Hause mit meinen ausländischen Schülern. Nur Tempe Seng wohnt bei mir, aber der ganze Kreis, zu dem auch ein Neffe und seine Schwestern gehören, geht täglich bei mir aus und ein. Jeden Nachmittag, wenn ich meine Stunden geschlossen habe, versammelt sich alles um die Teemaschine. Wir sind meist acht bis zehn Personen. Sie kommen alle gar zu gern; selten fehlt jemand. Deutsch und englisch wird durcheinander geredet. Wir lesen viel Shakespeare im Original und in der Übersetzung und plaudern über künstlerische Fragen. Wenn abends ein Konzert ist, gehen wir immer gemeinsam hin. Vieler Augen folgen uns; denn meine Pflegetöchter sind schöne, eigenartige Erscheinungen. Meine junge Gesellschaft ist ein wenig verwöhnt und anspruchsvoll. Sie nimmt ganz Besitz von mir, so daß meine alten Freunde und Schüler sich manchmal gekränkt fühlen und fortbleiben. Ich muß mir zuweilen Luft machen, und, wie sie es nennen, »Gerichtstage« halten. Dann bekommen sie eine Rede über livländische Gastfreundschaft, die nicht exklusiv sein darf. Das hilft für eine Weile. Sie sind so jung und stark und leben so unbekümmert egoistisch ihr eigenes Leben! Dabei wird fleißig gearbeitet; Konzertprogramme werden studiert. Bobbi und Frida Beckershaus geben Konzerte. – Nun ist Weihnachten gekommen. Ich bin mit meiner ganzen Gesellschaft auf das Land gefahren zu »Tante Ida«, einer Jugendfreundin meiner Mutter, nach Keggum, einem an der Düna gelegenen früheren Doktorat. Staunend sehen die Fremdländerinnen tief verschneite Wälder, durch die wir von der Eisenbahnstation in kleinen Schlittchen fahren. Wir sind am Ziel. Die Schlitten halten vor einem langgestreckten Hause mit weißen Säulen; wir nennen es die »Arche«, weil Wohnhaus, Vorratskammern und Ställe alle unter einem Dach sind. Die gastliche Tür steht weit offen, und von der Schwelle grüßt »Tante Ida« freundlich und mütterlich meine ganze Schar. Sie ist eine wunderschöne Erscheinung, und sieht aus wie eine Königin in schlichtem, grauem Alltagskleide. Stolz und gerade ist ihre Haltung, stolz das schöne Profil und leuchtend die blauen Augen. Herzgewinnend aber ist das unbeschreiblich Mütterliche, das von ihr ausstrahlt. Immer hat sie irgendwelche Gäste unter ihrem Dach, die sie pflegt, für die sie sorgt. Wie mancher, der mit gebrochenen Schwingen in die Arche einzog, hat das Fliegen wieder gelernt und ist durch Tante Idas sonnige Liebeskraft wieder auf die rechte Bahn gekommen. Die jungen Menschen, die jubelnd, lachend mit mir über die Schwelle der Arche dringen, haben keine gebrochenen Schwingen. Sie wollen froh sein, den ganzen Tag froh, unter Tante Idas Hut und in ihren verschneiten Wäldern. Sie wollen »fröhliche, selige« Weihnachten feiern. »Diesmal brauchst du nichts zu flicken,« sage ich, indem ich sie zur Begrüßung umarme. »Wir sind alle gesund und wollen uns nur freuen.« »Das tut gut zu hören,« antwortet Tante Ida mit ihrer tiefen, klangvollen Stimme. »Türen und Herzen sind weit aufgetan für euch.« Juling, das gute, treue Dienstmädchen, eilt mit blendend weißer Schürze und spiegelglatt gekämmt, mit unserem Gepäck die kleine gewundene Wendeltreppe hinauf, zu den Gastzimmern. Tante Ida führt uns in den Saal. Es ist ein großer altmodischer Raum mit Streckbalken, den die dunkelroten Samtmöbel nicht imstande sind ganz zu füllen, sie stehen bescheiden an den Wänden. Nebenbei im Wohnzimmer brennen, unserer Ankunft zu Ehren, mächtige Birkenklötze im Kamin. »Kommt ins Speisezimmer,« ruft Tante Ida, »der Kaffee wartet auf euch!« Das läßt man sich nicht zum zweitenmal sagen, und bald sitzen wir alle um den langen Tisch. – Guscha, des Hauses guter Geist, kommt hochrot aus der Küche, mit der dampfenden Kaffeekanne. Auf dem Tisch stehen Berge von frischgebackenen Kümmelkuchen. Tante Ida präsidiert am Ende der Tafel: ihre strahlenden Augen gehen von einem zum anderen, und ihre mütterliche Seele umfaßt liebevoll jeden, der an ihrem Tisch sitzt. Jetzt tritt Ida herein, die Tochter des Hauses, blond und hochgewachsen, mit einem etwas herben Gesichtsausdruck. Aber sie besitzt ein weiches Herz, das treu zu lieben versteht. Still setzt sie sich zu uns. Begleitet wird sie von zwei riesigen Hunden, die sich, auf einen Wink von ihr, still zu ihren Füßen niederlegen. Durch die Fenster sieht man in den Garten, an dem die Düna vorüberfließt. Im Sommer hört man die Stromschnellen rauschen, jetzt ist alles still. Über den ruhelosen Strom hat sich eine Eisdecke gespannt, auf der jetzt funkelnder Schnee liegt. »Ihr müßt selbst den Weihnachtsbaum holen,« sagt Tante Ida. »Morgen früh wird angespannt, und ihr fahrt alle in den Wald. Ich gebe euch ein paar Knechte mit, die den Baum fällen sollen, aber ihr müßt ihn aussuchen.« Das ist eine köstliche Aussicht! – Am nächsten Morgen ist alles bereit zur Waldfahrt. Niedrige, breite Holzschlitten stehen vor der Tür; Strohsäcke, die auf ihnen liegen, bilden die Sitze. So fahren wir ab; eine ganze Reihe kleiner Schlitten, einer hinter dem anderen. Bobbi steht wie ein Triumphator in dem seinen, die Zügel in der Hand. Es gibt einen großen Kampf; niemand will sich seiner Führung anvertrauen. »Er wird uns in den Schnee werfen,« sagen die jungen Mädchen. In strahlender Sonne geht es blitzschnell über die Landstraße, dem Walde entgegen, der uns bald aufnimmt. Es ist ein Glück, daß Ida mitkam, sonst hätten wir unter den herrlichen Tannen uns zu keiner entschließen können. Ein Baum ist schöner als der andere, wie sie so dastehen in dem blendenden Schnee! Ida machte allem Wählen und Streiten ein Ende. »Es muß ein breiter Baum sein,« sagt sie; »die Spitze wird abgeschlagen. Er muß den Saal füllen, denn es soll ein Stück Wald sein, das ins Zimmer gekommen ist.« Bald klingen Axthiebe durch den stillen Wald. Ein Rauschen – ein Krachen – wir springen zur Seite. Jetzt stürzt der Baum. Er wird mit Stricken umwunden; wir spannen uns vor und ziehen ihn durch den Schnee auf die Landstraße. Zwei Schlitten werden aneinander gebunden; der Baum wird hinaufgehoben und im Triumph heimgebracht. Tante Ida hat schon von weitem das Läuten unserer Schlittenglocken gehört und steht nun, in ihren Pelz gehüllt, an der Haustür; neben ihr Guscha, in ein dickes, graues, gestricktes Tuch gewickelt. »Ich habe heißen Tee und frischgebackene Speckkuchen für euch,« sagt sie, »ihr werdet hungrig sein.« Sie tut nichts weiter den ganzen Tag, als für andere sorgen, die Gute! Wir haben den Schnee von unseren Kleidern geschüttelt, uns unserer Pelze entledigt und sitzen um den brennenden Kamin. – Guscha bringt den Tee und die Speckkuchen. »Das Mittagessen kommt in einer halben Stunde,« sagt Tante Ida. »Bewahrt noch ein Plätzchen dafür. Heute gibt's was Gutes.« Ach, es gab in Keggum immer etwas Gutes. Die Knechte haben dem Tannenbaum die Spitze abgeschlagen und ihn fest auf ein Holzkreuz gestellt. Er wird hereingebracht, seine Zweige rauschen. Nun steht er mitten im Saal, es ist wirklich ein Stück Wald ins Haus gekommen, der Duft der Tannennadeln zieht leise durch alle Räume. Es ist Weihnachten! Die Weihnachtsbescherung ist vorüber. Nach dem Abendessen sitzen wir alle um den brennenden Kamin, singen Weihnachtslieder, erzählen uns von verschiedenen Weihnachtsfesten, die wir gefeiert haben, und schweigen dann. Jeder ist mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Da tritt Tante Ida unter uns: »Kinder, kommt heraus und seht, wie draußen die Sterne funkeln. So funkeln sie nur am Heilig-Abend zu Ehren des Christkindleins,« sagt sie. Wir gehen alle in den Garten, dicht eingehüllt in unsere Pelze. Man atmet nur schwer in der klaren, kalten Luft. Es ist ganz still, der Schnee leuchtet und knirscht unter unseren Schritten. Die Sterne funkeln und in der Ferne schlägt ein Hund an. Aus den Fenstern des langgestreckten Hauses fällt der Lichtschein auf den Schnee, aus der Leutestube hört man das Gesinde singen: »Stille Nacht, heilige Nacht.« »Solch ein Weihnachtsfest haben wir noch nie gehabt,« sagen meine jungen Ausländer. »Es ist ja wie ein Märchen!« Zu Beginn des Semesters waren wir alle wieder in Riga, wo das gewohnte Leben aufgenommen wurde. Im Frühjahr kam an Lempe Seng und Bobbi Chatham aus Dorpat eine Aufforderung, die Sopran- und Baritonpartie in Schumanns »Faust« zu übernehmen. Freudig wurde zugesagt. In einer Studentenburg der Korporation »Fraternitas Rigensis«, unter dem Namen »der kalte Jakob« bekannt, sollte für ein Unterkommen gesorgt werden. Es begab sich eine große Gesellschaft in fröhlichster Stimmung auf die Konzertreise, denn einige aus meinem jungen Kreise hatten sich uns angeschlossen. Der Zug läuft in den Bahnhof von Dorpat ein, Studenten in blauen Rigenserdeckeln erwarteten uns feierlich. Wir kommen uns bei dieser Ehre wie gekrönte Häupter vor. Man verteilt sich mit den Studenten in zwei bereitstehende Landauer, und im bekannten Dorpater Sturmtempo fahren uns die kleinen Estenpferde unserer Wohnung zu. An offenen Fenstern, vor den Haustüren stehen Bekannte, die von unserer Ankunft wissen, grüßen und winken. An der Tür werden wir von Studenten empfangen und in die behaglich eingerichteten Zimmer geführt; auch eine Speiseveranda steht uns zur Verfügung, hier erwartet uns ein reichbesetzter, geschmückter Kaffeetisch. Ich, als Haupt der ganzen Gesellschaft, habe das Präsidium an der Tafel zu übernehmen. Wie schön sind solche Choraufführungen in unseren kleinen Städten! Mit wieviel Verständnis und Liebe nimmt die ganze Stadt an ihnen teil, ehrt und verwöhnt die Solisten auf jede Weise! So waren denn auch diesmal Generalprobe und Konzert ausverkauft und lösten größte Begeisterung aus. Die »Rigensis« sieht uns als zu ihr gehörig an. Den ganzen Tag sind einige Studenten nur für uns da, jeder Wunsch wird mit feinster, ritterlicher Aufmerksamkeit erfüllt. Mit Stolz führen sie uns durch die wunderbare, hochgelegene Domruine und zeigen uns den Domberg, der im ersten Frühlingsschmuck prangt. Kommen wir nach Hause, so haben geheimnisvolle Hände schon den Tisch gedeckt, und bei jeder Mahlzeit machen Studenten in liebenswürdigster Weise die Wirte. Als wir nach dem Konzertabend an die Heimreise denken, heißt es, davon könne gar nicht die Rede sein, man würde noch uns zu Ehren Feste im Konventsquartier geben. Und wir blieben gern. Auf einem Kaffee der »Rigensis« gibt es Chorgesang, Fröhlichkeit und zum Schluß eine Scheinmensur, damit die Fremden eine Ahnung vom Burschenleben bekommen. Am folgenden Tage hat uns die »Estonia« zu einem großen Frühstück in die festlichen Räume ihres Konventsquartiers geladen. Im Saal, unter dem mächtigen Korporationswappen ist der Frühstückstisch gedeckt, an dem man in ungezwungenster Unterhaltung lange beisammen sitzt. Die »Estonia« ist von jeher durch ihren guten Chorgesang bekannt, auch heute stellt sich uns zu Ehren ein magister candidati an die Spitze seiner Sänger, und erfreuend brausen die alten, deutschen Burschenlieder durch den Saal. Wir müssen endlich an den Abschied denken, die ganze Korporation begleitet uns zum Wagen. Abends, als wir auf den Bahnhof kommen, empfangen uns dort die beiden Korporationen »Rigensis« und »Estonia«. Es ist ein großes Ehrengeleit. Unter den Klängen eines Abschiedsliedes steigen wir in unseren Waggon. Als der Zug sich in Bewegung setzt, winken sie uns Abschiedsgrüße mit ihren bunten Deckeln zu. Wir hören noch ihr Singen aus der Ferne. »Solche Tage könnte man bei uns in meiner Universitätsstadt nie erleben,« sagt Tempe Seng, die Professorentochter. »Irgend etwas, das ihr habt, fehlt unsern deutschen Studenten. Es ist der ideale Schwung und das Gefühl, das man bei euch hat, als müßte jeder einzelne von euch uns Fremden gegenüber die Ehre seines Landes vertreten.« Reisen nach Frankreich und England Im Jahre 1910 konnte ich meinen langgehegten Wunsch ausführen und für die Zeit der berühmten »season« nach London gehen. Es war Anfang Mai, als wir uns mit Eva Lißmann in Berlin trafen, um die Reise zusammen zu machen. Voll freudiger Erwartung sahen wir uns bei gemeinsamen Freunden wieder. Da tauchte plötzlich der Gedanke in mir auf, ob wir nicht vorher nach Paris gehen sollten. Ich hatte mir eine größere Summe erspart, die für uns beide reichte. Und – der folgende Morgen sah zwei glückselige Menschen auf dem Wege dahin! Eva Lißmann kannte Paris gut, sie hatte dort studiert. Wir fanden sogar bei ihrer früheren Hauswirtin Unterkunft in dem Zimmer, das sie während ihrer Studienzeit bewohnt hatte. Es war ein eigenes Gefühl, am Morgen in Paris zu erwachen! »Jetzt machen wir es einmal, wie reiche Leute,« sagte ich. Wir nahmen einen Wagen und fuhren stundenlang in den Champs Elysées spazieren. Es liegt etwas Berauschendes in der ganzen Pariser Atmosphäre, nie hat eine Stadt so auf mich gewirkt. Die breiten Avenuen mit den blühenden Kastanien, die Blumenherrlichkeiten überall, die großen, weiten Plätze mit ihren ostentativen Monumenten, die elegante Welt, die sich in den Straßen bewegt, die südliche Sonne, und eine Atmosphäre von Glanz und großer Lebensfreude, all das trug einen wie auf Flügeln durch die Tage, von denen jeder etwas Neues und Schönes brachte. Eva Lißmann war eine prächtige Führerin. Wir besuchten die Schlösser der Umgegend: Versailles, St. Cloud, Trianon, alles in Frühlingsblüten und Frühlingssonne getaucht. – Wir sahen Sarah Bernard in ihren berühmtesten Rollen; besuchten Ausstellungen und wandelten stundenlang auf dem Père la Chaise umher, die Gräber berühmter Toten aufsuchend, die dort zur letzten Ruhe gebettet waren. Waren wir einmal einen Abend still zu Hause, so gab es ein köstliches Ausruhen auf dem Balkon unseres Zimmers, von dem wir einen weiten Blick über das lärmende Paris zu unseren Füßen hatten. Wunderbar war auch das Verschollensein für die Menschheit! Außer meinen Freunden in Berlin wußte niemand, wo wir uns befanden. Kein Brief konnte uns erreichen, kein Ruf aus der übrigen Welt. »Von hier gehe ich nicht mehr fort,« erklärte ich jeden Abend, »so schön wird man es nie mehr haben.« Nach vierzehn Tagen aber wurde Eva Lißmann unruhig. Der »Arbeitsteufel«, wie ich es nannte, packte sie. Und wenn es so weit war, dann mußte man ihr den Willen lassen. Das kannte ich. Schweren Herzens trennte ich mich von Paris, von diesen Tagen voll Glanz und Frühlingsfreude. Eine andere Welt umfing uns, als wir dann eines Abends glücklich in London eintrafen. Alles war schwer, ernst nach dem lachenden Paris: die Menschen auf den Straßen, die Häuser, die Luft. Ich sehnte mich zurück; denn Paris ist eine Stadt, die einen überfällt mit ihrem Eindruck, in Londons Größe muß man sich erst hineinleben. Wir wohnten in einer Pension, die von der Mutter meiner Freundin Edith Wehner geführt wurde, und in der viele andere Mühlensche Schüler lebten. So gab es denn wieder eine schöne Gemeinsamkeit. Ich kann nicht sagen, daß ich ein persönliches Verhältnis zu London gewonnen habe, wie etwa zu Rom, Paris oder Wien; das Gewaltige dieser Riesenstadt beängstigte mich anfangs, aber ich empfing einen imponierenden Eindruck von ihrer Größe und der alten Kultur des englischen Volkes. Eine schöne, reiche Zeit lag vor mir, denn zur »season« strömt alles in London zusammen, was irgend eine Bedeutung auf künstlerischem Gebiete in der Welt hat. Auch war ich glücklich, einmal ganz ungehindert durch Schüler, meinen eigenen Gesangstudien leben und bei Mühlen arbeiten zu können. Den größten Genuß in dieser Londoner Zeit bereitete mir immer der Besuch des großen Opernhauses Covent-garden, wo man auf der höchsten Galerie die größten Gesangssterne Europas für ein Billiges hören konnte. Gewöhnlich fand sich eine ganze Gesellschaft aus der Pension zu einer Opernvorstellung zusammen. Ein einzelner wagte es kaum, den Kampf um ein Billet aufzunehmen, das hier nicht so leicht, wie anderswo, zu erreichen war. Schon die Fahrt dahin bringt viel Aufregendes mit sich. Mehrere Stunden vor Beginn der Vorstellung machen wir uns auf den Weg, denn wir haben eine Reise vor bis zum Ort unserer Bestimmung. Im Sturmschritt – in London kennt man nur einen Sturmschritt – eilt unsere Gesellschaft der Untergrundbahn zu. Ein Lift bringt uns in Windeseile viele Faden tief unter den Erdboden. Dann saust man in atemraubender Geschwindigkeit eine Weile dahin, mit dem grauenhaften Gedanken, sich – unter der Themse zu befinden! Nun schnell zu einer zweiten Bahn durch hellerleuchtete, winddurchsauste Gänge. Der Wind entsteht durch künstlich zugeführte Luft. Wieder ein beängstigender Gedanke: wenn die Ventilatoren versagen, müßte man ersticken! Jetzt ein Lift, das uns emporträgt und – welches Glück! – man ist im hellen Tageslicht. Eine enge Straße, die zum Covent-garden führt, darin eine endlose Menschenreihe, die sich durch langes Stehen und geduldiges Warten die unnumerierten Plätze zur Galerie erobern muß. Sorgenvoll zählt man die Köpfe der Menschenschlange, an deren Ende man angelangt ist, und sieht nach der Uhr. Noch zwei Stunden vor Beginn der Oper! Aber jetzt wird einem die Zeit nicht lang. Händler kommen und bieten Erfrischungen an, das Publikum ist in freudiger Erwartung, Scherze fliegen hin und her. Ein Trupp Taschen- und Straßenschauspieler erscheint. Die amüsantesten Vorstellungen werden gegeben, z. B. von einem Verwandlungskünstler, der in vielfachen Gestalten hinter einem Schirm hervorkommt. Dazwischen trinkt man Limonade und ißt Süßigkeiten. Plötzlich geht ein Ruck durch die Riesenschlange: die äußere Tür zum Opernhaus ist geöffnet worden! Nach vielen »Betriebsstockungen« und regelmäßigem Vorrücken in bestimmten Zwischenpausen fällt endlich die letzte Barriere, und nun stürmt man in wilder Eile die Treppe hinan, einen Platz zu erlangen. Atemlos, keuchend sitzt man endlich auf seiner unter heißen Kämpfen eroberten Bank und blickt aus einer wahren Himmelshöhe hinab auf die Bühne. Wird man etwas hören und sehen? Die Glut oben ist unerträglich, sinnverwirrend. Wird man fähig sein, von der Oper etwas zu genießen? Der Vorhang geht auf. Das wunderbare Orchester beginnt. Wir hören die Melba und die Tetracini. Mit seinem Silberklang schwingt die Stimme der Melba durch den Riesenraum. Ihre glänzende Atemtechnik trägt den Ton in unveränderter Schönheit zu uns herauf. Dazwischen prasselt das Koloraturen-Feuerwerk der Tetracini. Vergessen ist die Glut, vergessen alles über dieser künstlerischen Vollendung! Ich habe sie in London alle gehört, immer wieder, die großen Opernsterne Europas; nur Caruso nicht, der gerade in diesem Jahr durch Krankheit am Auftreten verhindert war. Aus den Konzerten, die ich in London mitmachte, möchte ich nur eins hervorheben, das sich mir in seiner merkwürdigen Eigenart eingeprägt hat. In der Albert-Hall feierte die Patti das fünfzigjährige Jubiläum ihres Begleiters. Eine lange, lange Liste von berühmten Namen stand auf dem Programm. Ungezählte traten auf, spielten, sangen, geigten, deklamierten Festgedichte. Ich konnte nicht genug staunen über diesen merkwürdigen Dilettantismus in größtem Stil. Als Glanznummer sang die Patti. Ein zierliches, kleines Persönchen in weißem Kleide, auf dem Kopf einen Riesenhut mit Rosen und Veilchen, große Brillanten in den Ohren, trippelte eilig auf das Podium, von brausendem Applaus empfangen. Sie dankte kindlich mit unzähligen Verbeugungen. Dann begann sie: »Voi chesapete«, ihr Glanzstück, das sie gewiß vieltausendmal im Leben vorgetragen hatte. Das »Home sweet home««, welches nun folgte, entfesselte einen Sturm von Begeisterung unter den kühlen Engländern. Blendend in ihrer vollendet technischen Zierlichkeit klang dann eine Koloratur-Arie, die mit dem berühmten Triller der Patti schloß, der von niemandem in seiner Vollkommenheit erreicht worden ist. Man kann wohl kaum etwas so Phänomenales hören, wie diesen Triller! Er klang wie aus einer Vogelkehle oder einem Instrument, ganz gleichmäßig, im forte, im piano, im crescendo und decrescendo, mit nie endendem Atem. Immer blieben sich die beiden Schläge in absoluter Reinheit gleich, ob sie den Triller verlangsamte oder beschleunigte. Es war wirklich die denkbarste Vollkommenheit. Der alte Jubilar hatte sie getreulich, stockend und stolpernd, begleitet. Als der rasende Applaus kein Ende nehmen wollte, ergriff die Patti seine Hand, zog ihn vom Klaviersessel empor und präsentierte ihn, eine kleine Ansprache an ihn richtend, dem Publikum. Dann nahm sie einen Lorbeerkranz, der unterdessen gebracht worden war, und stülpte ihn dem alten Herrn aufs Haupt. Und als der, von Freude und Rührung überwältigt, in Tränen ausbrach, umarmte und küßte sie ihn vor allem Volk. Man hatte sich von den Bänken erhoben und erwies dem Jubilar seine Ehrfurcht, worauf Frau Patti den weinenden alten Mann wieder an den Flügel zurückführte. Er faßte sich und spielte, von einigen Streichern begleitet, den Satz eines Klavierkonzerts. Zu einem Orchester hatte es scheinbar nicht gelangt. Ich kam gar nicht aus dem Staunen. War es möglich, so etwas in London zu erleben?! Ein Wohltätigkeitskonzert in – Lemsal, nur in riesenhaftem Format, das in seiner unkünstlerischen Aufmachung grotesk wirkte. Mühlen konnte es gar nicht abwarten, am anderen Tage mein Urteil zu hören. »Ja,« sagte er, »so ist England. Aber treu ist das Publikum seinen Künstlern, wie sonst nirgendwo auf der Welt.« Es ist ein heißer Sommerabend. Wir sitzen verschmachtend am Fenster unserer Pension und plaudern. Plötzlich dringt der Klang eines Harmoniums von der Straße herauf, und eine weiche Männerstimme, schön und edel geschult, erhebt sich und singt dazu. »Die Straßensänger!« rufen meine Freunde. »Wir müssen sie hören.« Während wir die Treppe hinuntergehen, erklärt mir meine Freundin, was dieses zu bedeuten habe. Es kommt während der »season« in London häufig vor, daß feine Künstler, von der Not getrieben, sich in dieser Weise auf der Straße hören lassen, weil sie nicht die Mittel haben, einen Konzertsaal zu bezahlen. Wir gehen dem Klang der Stimme nach, und ein eigentümliches Bild bietet sich uns dar: am Rande der Anlagen steht ein Karren, auf dem sich ein kleines Harmonium befindet. Dieses wird heruntergehoben und auf die Erde gestellt. Nun setzt sich ein schlanker, junger Mann, mit einer Maske vor dem Gesicht, an das Harmonium und beginnt das Vorspiel zu einer Arie von Händel. Neben ihm steht ein anderer, das Gesicht gleichfalls verhüllt. Und er singt mit großer Kunst und edlem Stil. Eine Menge Publikum hat sich angesammelt und lauscht in ehrfürchtigem Schweigen. Die Stimme, welche durch die schwüle Sommernacht klingt ist eines Künstlers Stimme. Auf die Arie folgt ein Lied von Schubert in englischer Übersetzung. Nun schweigt der Sänger. – Dann holt er einen kleinen Teller und geht von einem zum anderen, um Geld einzusammeln. Die Hand, die den Teller hält, ist edel und gepflegt. Ich bin so außer mir und so von Mitleid erfüllt, daß ich eine für mich unverhältnismäßig große Summe auf den Teller lege. Der Sänger sieht es, zieht tief seinen Hut und murmelt ein Dankeswort. Dann spannen sie sich wieder vor den Karren, der eine zieht, der andere stößt, und gehen weiter. Wir folgen ihnen. Ich gehe neben dem Sänger her. »Warum tun Sie das?« frage ich leise. »Ich tue es, weil ich hungere,« ist seine traurige Antwort. »Man muß doch leben.« Wir kehren um, und ich grüßte ihn zum Abschied. Nach einer kleinen Weile höre ich einen eiligen Schritt hinter mir. Es ist der Sänger, der unvermutet vor mir steht. »Wir nennen unsere Namen sonst nie,« sagt er, »aber ich möchte haben, daß Sie wissen, wer ich bin.« Er drückt mir eine Visitenkarte in die Hand. »Wenn Sie mir im Konzertsaal begegnen, sollen Sie wissen, daß Ihr Mitleid heute mir wohlgetan hat.« Ich habe seinen Namen im Konzertsaal nennen gehört, bin aber nie hingegangen. Das Londoner Leben ist so stark, daß ein Eindruck den anderen verdrängt. In einem kleinen Restaurant versammelte Mühlen einmal in der Woche einen Kreis von Freunden um sich. Da saß man oft bis lange nach Mitternacht beisammen, besprach künstlerische Fragen, berichtete von Konzerten und den Eindrücken, welche diese Riesenstadt auf uns Neulinge machte. Mühlen war einer von den seltenen glänzenden Erzählern, die auch zuzuhören verstehen. Der Schluß dieser Zusammenkünfte war aber doch immer, daß er sprach, und alles auf ihn horchte. Er lebte wie ein Einsiedler, machte nichts mit, ging kaum jemals in ein Konzert, am ehesten noch in die Oper. Und doch wußte er alles, hatte Fühlung mit allem. Er verstand eben, die Menschen auch zum Sprechen zu bringen, und das, was er hörte, so zu verarbeiten, so zu seinem Eigentum zu machen, daß man es nie einen Augenblick empfand, daß er persönlich all diesem Leben und Erleben fernstand. Die Zeit der »season« ging zu Ende, die feuchte Glut in London wurde für mich Nordländerin unerträglich. Noch ein paar Wochen Ruhe – und die Arbeit in Neuhäuser begann. Es sollte mein letzter Sommer gemeinsamer Arbeit mit Mühlen sein. – Der letzte Sommer in Neuhäuser Eine besonders schöne Erinnerung habe ich an diesen letzten Sommer in Neuhäuser. Mühlen hatte seine alte Jugendfreundin, Gustel Hohenschild, wie wir sie noch immer trotz ihrer Verheiratung nannten, eingeladen, den Sommer bei ihm zu verleben. Sie lebte ganz zurückgezogen in Süddeutschland, wo sie an der Bergstraße ein Haus besaß, und hatte kaum einen Verkehr. Als ich in Neuhäuser ankam, fand ich sie dort schon vor; sie war doch recht verändert in den vielen Jahren, in denen ich sie nicht gesehen. Wie reich und stark war sie trotzdem noch, und wie viel konnte sie einem geben! Ihr Leben war seit Jahren fern von jeder künstlerischen Betätigung gewesen, aber ihr großes Interesse an Mühlens Arbeit erwachte mit jedem Tag mehr, denn sie war zu sehr Künstlerin, um nicht Freude daran zu haben. Wenn die Tagesarbeit beendet war und wir in Mühlens kleinem Speisezimmer zusammensaßen, dann regten diese beiden reichen Menschen einander an. Man sprach über künstlerische Fragen, und sie erzählten aus ihrer gemeinsamen Jugendzeit und aus ihrem Künstlerleben. Ich las Brahms' Briefe vor, die von Zeiten erzählten, welche die beiden miterlebt hatten, und die Briefe ergänzend, übertrafen sie einander oft in drastischen Schilderungen. Die große, ernste Arbeit der Stunden wurde durch ein wundervolles Kostümfest unterbrochen, das Mühlen mit seinen Freunden seinen Schülern gab. Sogar Mühlen war im Kostüm erschienen. Es war ein Fest voll Schönheit, Freude und Schwung. Die Schüler boten künstlerische Aufführungen, und es gab echte Trachten von schönen Menschen getragen. Die schönste Erscheinung auf diesem Fest war unstreitig Tempe Seng. Sie kam als Indierin, und es ging wie ein Staunen durch die ganze Versammlung, als sie plötzlich einsam und still an der offenen Tür zum Saal stand. Ein langes, weißes Hemd fiel ihr bis auf die nackten Füße herab, die in Sandalen steckten. Um die ganze Gestalt war ein goldroter, echt indischer Schal geschlungen, goldene Spangen wanden sich um die dunklen Arme, große, goldene Reifen schmückten die kleinen Ohren, die Haare waren gelöst. Auf den Schultern hielt sie in hocherhobenen Händen einen kupfernen Krug. So stand sie in der Tür, fremdartig, abgeschlossen, wie aus einer anderen Welt kommend. Mühlen ging auf sie zu, ergriff sie an der Hand und führte sie, während die Musik einen Tusch spielte, durch den ganzen Saal. Den kleinen Kopf hoch getragen, die Augen gesenkt, ein wenig kühl, ein wenig hochmütig, so schritt sie an seiner Hand an den Gästen vorüber, »das Bild ohne Gnade«, wie man sie in den Kursen scherzend nannte. Gustel reiste gleich nach dem Fest fort, für uns blieben noch einige Wochen der Arbeit. Es waren goldene Herbsttage: das Meer war still und sturmlos, die Blumen um das Haus blühten in tiefen Farben, der Buchenwald fing an sich golden zu färben. Einmal ließ ich mich von einigen Schülern aufs Meer hinausrudern, wir lagen mit unserem Boot dem Seesaal gegenüber mit eingezogenen Rudern auf dem regungslosen Wasser. Die Türen zum Saal standen weit offen, eine Schülerin sang ein Lied von Brahms. Die schöne, edle Stimme schwebte zu uns herüber, wir verstanden jedes Wort: »Im Garten am Seegestade Uralte Bäume stehn, In ihren hohen Kronen Sind kaum die Vögel zu sehn. Die Bäume mit hohen Kronen Sie rauschen Tag und Nacht. Die Wellen schlagen zum Strande, Die Vöglein singen sacht. Das gibt ein Musizieren, So süß, so traurig, bang Als wie verlorner Liebe Und ewiger Sehnsucht Sang.« Wenn ich in späteren Zeiten dieses Lied sang oder hörte, dann sah ich immer dieses Bild: unser kleines Boot im Scheine der Abendsonne auf dem weiten, regungslosen Meer und den Seesaal, umgeben von hohen Buchen in goldener Herbstpracht. Als ich Ende September Abschied nahm und nach Riga heimreiste, dachte ich: so schön wird es nie mehr! Es war wie eine Vorahnung, denn für mich war es der letzte Sommer gemeinsamer Arbeit mit Mühlen. Er verließ den Ostseestrand und richtete seine Sommerkurse in England ein, wohin ich ihm nicht folgte. Im Frühling darauf erkrankte ich schwer an einem akuten Herzleiden, mein Zustand war nicht ohne Gefahr, doch überwand ich allmählich die Krankheit und wurde wieder arbeitsfähig. Aber es dauerte beinahe zwei Jahre, bis ich meine alte Frische zurückerlangte. Künstlerische Arbeit in Riga Zuerst vermißte ich sehr die Mühlenschen Kurse mit ihrer großen künstlerischen Anregung, doch lernte ich dankbar sein für das reiche Arbeitsfeld, das mir in der Heimat geblieben. Es war ein lebendiges, kunsterfülltes Leben, das ich mit meinen Schülern führte. Ich hatte ein gemischtes und ein Frauenquartett zusammengestellt, richtete musikalisch deklamatorische Abende ein, auf denen auch manch junger Dichter sein Erstlingswerk vortrug. Durch das Aufhören der Mühlen-Kurse war der Zuzug der ausländischen Schüler kleiner geworden, aber ich habe das nicht sehr empfunden. Ich hatte unter den heimatlichen Schülern Talente, die mich interessierten und die ich künstlerisch weiterbringen konnte. Schon seit einiger Zeit hatte ich begonnen Deklamationsstunden zu geben, eine Arbeit, in die ich mich zuerst hineinfinden mußte, denn ich führte meine Schüler Wege, die ich eben erst anfing, selbst zu gehen. Ich baute die Sprechtechnik genau in derselben Weise auf wie die Gesangtechnik von der Basis des Zwerchfellatmens und der Ausarbeitung der hohen Resonanz ausgehend. Ich hatte in diesem Fach besonders begabte Schüler. Mit einem von ihnen, meinem Neffen Arnold Poelchau, ging ich im Winter nach Berlin. Wir meldeten uns beide als Schüler bei Dr. Milan, der sich durch seine schlichte Vortragskunst eben einen großen Namen gemacht hatte; wir lernten in ihm einen fein gebildeten Künstler kennen. In der Behandlung von Prosa war er ein Meister, ich habe bei ihm viel Stifter und Storm gesprochen. Er konnte einen in den Stunden sehr anregen, am meisten aber bot er in seinen Rezitationsabenden. Wer ihn den »alten Turmhahn« von Mörike oder Stellen aus dem »Werther« rezitieren hörte, erlebte etwas Vollkommenes in seiner Art. Er interessierte sich sehr warm für uns beide, seiner Liebenswürdigkeit hatten wir es auch zu danken, daß wir an seinen Rezitationskursen an der Universität teilnehmen konnten. Meinen Neffen wollte er durchaus dabehalten und als Lehrer bei sich anstellen, denn ihm gefiel ganz besonders die Behandlung unserer Technik. Doch konnte mein Neffe auf seine Vorschläge nicht eingehen. Eine große Bereicherung fand mein Leben durch den Verkehr mit den ausländischen Künstlern, die zu Konzerten nach Riga kamen. So manche von ihnen suchten mich auf und traten mir persönlich nahe, so das Künstlerpaar Magda und Henri von Dulong, das in meinem Hause ein und ausging; Therese Behr, die längere Zeit mein Gast gewesen ist; Frau Lula Mycz-Gmeiner mit ihrem Begleiter, dem feinsinnigen Liederkomponisten Eduard Behm. Eine besondere Freude war es mir, Georg Anthes aufnehmen zu können, den einzigen aus meinem Stockhausenschen Schülerkreise, der nach Riga kam. Jeder brachte aus der großen Welt, in der er wirkte, Leben und Reichtümer in meine kleine Welt, so daß ich nicht das Gefühl des Abseitsstehens in meiner Kunst hatte. Dazu trug auch bei, daß ich jedes Jahr ins Ausland reiste, entweder im Sommer zur Kur in die Berge oder im Winter nach Berlin, wo ich bei Eva Lißmann lebte. Sie hatte sich allmählich einen Namen in der Künstlerwelt Deutschlands erworben und besaß ein schönes, eigenes Heim. Wir teilten in dieser Zeit getreulich Freude und Leid miteinander, besuchten Konzerte, lernten und studierten zusammen, nur daß sie, die sich künstlerisch so hoch entwickelt hatte, jetzt oft die Lehrende und ich die Lernende war. Wie gern kehrte ich nach solchen Ausflügen wieder in meine eigene Häuslichkeit und an meine mir so liebe Arbeit zurück. Die Arbeit an meinen Schülern war ernster, strenger und künstlerischer geworden, ich stellte größere Anforderungen an sie. Auch die Schüler, die sich jetzt einfanden, kamen mit anderen Ansprüchen und Zielen. Die »höheren Töchter aus guten Häusern« hörten allmählich ganz auf, sich bei mir zum Unterricht zu melden. Die allgemeinen Schülerabende, ebenso die halböffentlichen Prüfungen hatten ein Ende. Wer so weit fertig war, daß er auftreten konnte, gab eigene Konzerte oder wirkte in anderen mit. In mein Haus zog ich aus der Menge meiner Schüler einen kleinen Kreis Auserwählter, dem sich auch einige junge Kolleginnen und Künstler anschlossen. Zwei meiner Schülerinnen konnte ich immer ganz als Pensionärinnen bei mir aufnehmen. Mit Hilfe einer alten, treuen Magd führte ich den Hausstand. Mit meinen beiden Haustöchtern und dem nächsten Schüler- und Künstlerkreise gab es ein frohes, buntes Leben, das scherzweise von meinen Freunden das »aristokratische Boheme« genannt wurde. Oft bin ich noch spät am Abend aus Konzerten oder Proben mit einem ganzen Kreis heimgekommen. Wir holten aus der Handkammer, was sich dort Eßbares vorfand, kochten Kaffee zum Entsetzen meiner alten Magd und waren plaudernd und diskutierend bis tief in die Nacht beisammen. Eine große Hilfe dabei war mir in seiner feinen, ritterlichen Art mein Neffe Arnold, der beste Kamerad meiner jungen Mädchen und ihr zuverlässiger Schutz. Mir war er unentbehrlich, zu jedem Dienst bereit, immer voller Begeisterung half er mir meine lustige Gesellschaft zusammenhalten. Oft schüttelten meine Freunde die Köpfe über meinen bunten Schwarm, denn es fanden sich auch in ihm manche fremde Vögel, die sich aber ohne weiteres in den Ton meines Hauses fügten. So sehr dieser Kreis auch wechselte, in einem blieb er sich immer treu: es herrschte in ihm stets eine fröhliche Harmonie und ausgezeichnete Kameradschaft; ganz naturgemäß standen mir einzelne besonders nahe, trotzdem hat es aber nie Eifersucht oder Neid zwischen diesen und den anderen gegeben. Es war nicht nur ihre künstlerische Entwicklung, die mir am Herzen lag, es kam fast wie von selbst, daß ich besonders bei den Mutterlosen unter ihnen die Verantwortung für ihre persönliche Entwicklung übernahm. Einige von ihnen kamen so selbstverständlich mit ihren Sorgen und Nöten zu mir, daß sie bald meine richtigen Pflegekinder wurden. Einmal meldete mir ein Vater in meiner Sprechstunde sein einziges Töchterchen als Gesangschülerin, sie hieß Elschen und stammte aus Kronstadt. Er hatte sie nach Riga gebracht, um sie russischen Einflüssen zu entziehen und ihre Stimme ausbilden zu lassen. Auf seine Bitte nahm ich sie in mein Haus, sie ist viele Jahre mein liebes Pflegekind gewesen. Mutterlos aufgewachsen, ungeweckt, war sie zuerst wie ein kleiner, erfrorener Vogel, mit dem man nichts beginnen konnte. Es bedurfte unendlicher Geduld und Liebe, um den Weg zu ihrem Herzen zu finden, denn es war etwas Starres in ihr. Sie liebte nur ihren kleinen, schwarz und weiß gefleckten Hund Bobuschka, sonst eigentlich niemanden auf der Welt. Einsam und fast finster lebte dieses junge Geschöpf neben mir her; auch in den Singstunden wollte es gar nicht mit ihr gehen. Sie hatte eine goldenhelle Sopranstimme, war sehr musikalisch und talentvoll, aber sie verstand nicht zu lernen und zu üben, so daß mich die Geduld manchmal verlassen wollte. Nach den sorgfältigsten Erklärungen hatte sie auf meine Frage, ob sie mich nun verstanden, immer nur die eine Antwort: Nein. Immer wieder grübelte ich darüber nach: wie komme ich ihr nahe? wie helfe ich ihr? Da kam die Hilfe. Es wurde mir eine Schülerin gemeldet, die ich mit größtem Interesse in meine Hände nahm: Lia Lohse, die Tochter des Ehepaars Lohse, mit dem ich vor Jahren so fröhliche Konzerttage in Arensburg verlebt hatte. Er hatte Frau und Kinder verlassen und war nach Deutschland gegangen, wo er sich einen großen Namen als Kapellmeister erworben hatte. Sie war in Riga geblieben und wenige Jahre nach der Trennung von dem Mann gestorben. Frau Lohses Schwester, die Mutterstelle an den Kindern vertrat, brachte sie mir: blondlockig, klein, zierlich, mit einem trotzigen Kindermund stand sie da. Sie sang mir ein Lied von Mendelssohn vor, es war ein ganz großes, echtes Talent, das aus ihr sprach. Das Singen war ihr selbstverständlich wie atmen oder sprechen. Ich freute mich rückhaltlos an ihr. Ich unterrichtete sie mit Elschen zusammen, und da erlebte ich etwas Schönes. Zwischen diesen beiden Kindern entstand eine Freundschaft, in der Elschens Seele plötzlich erwachte. Lia hatte ein Herz voll Sonne und Liebe, sie war immer fröhlich und zu allem aufgelegt; das war's, was Elschen brauchte. Die beiden waren unzertrennlich, mein Haus wurde Lias zweite Heimat, und aus Elschens verschütteter Seele brach plötzlich wie eine Sonne die Lebensfreude. Die beiden wurden meine Freude und mein Kreuz, sie lachten und jubelten den ganzen Tag durchs Haus und hatten immer etwas miteinander auszuhecken. Ich konnte sie oft nicht mehr bändigen. Sie unternahmen Raubzüge in meine Speisekammer und verzehrten hinter meinem Rücken sorgsam gehütete Süßigkeiten. Anstatt in die italienische Stunde zu gehen, fuhren sie spazieren mit Elschens laut heulendem Bobuschka auf dem Rücksitz, daß die Menschen auf der Straße stehen blieben und ihnen nachsahen. Sie legten ihr Taschengeld in Schokolade und Kuchen an, und wenn es mir zu bunt wurde und ich ihrem Tun Einhalt gebieten wollte, so erstickten sie mich in Lachen und Zärtlichkeiten. Nur in den Stunden hatte ich sie in fester Hand und erlebte viel Freude an ihnen, denn es waren zwei echte Talente, und ihre Stimmen voll Jugend und Lieblichkeit. Ich studierte viel Duette mit ihnen. »O wie selig ist das Kind« aus der »Athalia« von Mendelssohn habe ich nie lieblicher gehört als von diesen zwei Blondköpfen mit ihren hohen, süßen Stimmen. Einmal machte ich mit ihnen eine Konzertreise durch mehrere kleine Städte Livlands, die Einnahmen waren für den deutschen Verein bestimmt. Im ersten Konzert betrugen sie sich aber so naturwüchsig, daß ich im Künstlerzimmer in hellen Zorn geriet. Furcht und Scheu kannten die beiden nicht; es war ihnen die Sache ein solcher Spaß gewesen, daß sie bei den Duetten sich Ellenbogenstöße versetzt hatten und ihr Lachen kaum unterdrücken konnten. Ich dachte an mein erstes Auftreten, an die Empörung meiner Lehrerin über mein »naturwüchsiges Betragen«, dies hier war aber noch viel schlimmer. Sie nahmen sich wohl ein wenig zusammen und ließen sich in ihrem Übermut bändigen, doch beim letzten Konzert brach ihre Lustigkeit bei einem Duett unaufhaltsam hervor. Sie sangen eine Tarantella von Tosti, die glänzend ging. In einem Zwischenspiel traten sie vor Vergnügen eine der anderen auf den Fuß. Das erregte ihre Heiterkeit dermaßen, daß sie in lautes Gelächter ausbrachen und fluchtartig das Podium verließen. Ich, die im Konzert begleitet hatte, blieb allein am Flügel sitzen. Das Publikum applaudierte derartig, daß die törichten Kinder gar nicht beschämt waren. »Du hörst ja, wie die Menschen sich freuen,« sagten sie immer wieder. »Mehr kann man doch nicht verlangen.« Ein Seitenstück zu Lia und Elschen bildeten zwei Schüler: Gustav, Lias Bruder und sein Freund. Ersterer gehört zu den größten Talenten, die ich je unter meinen Schülern gehabt habe. Von der Mutter hatte er die wunderschöne, leidenschaftliche Stimme geerbt, das echte Gesangtalent und die große Gestaltungskraft, vom Vater die unfehlbare musikalische Begabung. Er hätte etwas ganz Großes werden können, wenn er zu all seinen Gaben noch eine gehabt, den Fleiß, der fehlte ihm aber vollständig. Er arbeitete unter keinen Umständen und übte nur, wenn ich mit ihm übte, das war sein Verhängnis. Zu den Stunden kam er mit einer für ihn erstaunlichen Pünktlichkeit, er versäumte sie nie. Er hatte einen ganz unendlichen Charme, ein Gemisch von Kindlichkeit und Spitzbüberei. Man konnte ihm nie böse sein, weil er einen immer zum Lachen brachte, denn er war voller Humor. Ich verwaltete sein Geld, und wundere mich noch jetzt, daß er sich das gefallen ließ, denn ich forderte strenge Rechenschaft über jeden unnütz ausgegebenen Rubel. Das Höchste, was er kannte, war, elegant gekleidet zu sein, und wenn es an diesen Punkt kam, und ich größere Sparsamkeit durchsetzen wollte, da widersetzte er sich mir aufs äußerste. Ich schickte ihn nach Paris und nach Italien, und jedesmal wenn er heimkehrte, war seine Stimme schöner geworden und seine Gesangkunst größer. Aber immer stellte er sich sofort wieder bei mir als Schüler ein, ließ sich sein Geld von mir wieder fortnehmen und verwalten; kurz, es blieb das alte Verhältnis zwischen uns. Seine Studienzeit bei mir beendete er mit einem eigenen Liederabend. Er sang wunderschön, edel und leidenschaftlich und überraschte alle durch sein großes Können. Er ging zur Oper, sein erstes Engagement war in Prag, wo er Aufsehen erregte. Nach einem Jahr erhielt er einen Ruf nach Dresden an die Hofoper. Vorher kam er nach Riga, um den Sommer 1914 über bei mir zu studieren. Da brach der Krieg aus, und er, der Reichsdeutsche, wurde als Kriegsgefangener nach Sibirien geschickt. Diese Jahre der Gefangenschaft unterbrachen seine künstlerische Entwicklung, bei seiner Rückkehr nach dem Kriege fand er seinen Weg nicht mehr. Es fehlte ihm die Kraft, von vorn anzufangen, irgend etwas war in ihm zerstört. Er hat seine Künstlerlaufbahn aufgegeben. Sein Freund, der andere Schüler, hatte eine hervorragende Begabung für Gestaltung des geistigen Inhaltes der Lieder. Er verstand, jedem Liede eine persönliche Note und ein ganz eigenes Gesicht zu geben, doch fehlte ihm die Begabung fürs Gesangliche, und seine Stimme war mangelhaft. Er deklamierte seine Lieder und sang sie nicht. Leider war er auch nicht fleißig und konnte das selbständige Arbeiten nicht lernen; er tat es nur, wenn ich mit ihm übte. Wieviel Mühe, Freude und unendlichen Ärger habe ich mit diesen Schülern gehabt. Sie waren täglich bei mir, amüsant, voll lustiger Einfälle, sie hatten etwas Kindliches bei aller Durchtriebenheit. Nachdem er seine Studien bei mir beendet, ging er nach Berlin; durch den Krieg verlor ich seine Spur; nachher traf ich ihn zufälligerweise in Berlin. Ich war in ein russisches Varieté gegangen, ahnungslos, daß ich ihm dort begegnen würde. Da stand er plötzlich auf dem Podium und sang eine Nummer. Er war ein sehr feiner Varietésänger geworden und machte seine Sache glänzend. Die Art seiner Begabung hatte ihn auf diesen Weg gewiesen, ich konnte aber eine Trauer nicht unterdrücken, als ich ihn so wiedersah. Während ich ihm zuhörte, zogen die Jahre ernster, mühsamer Arbeit an mir vorüber. Das war das Resultat! Als ich ihn später sprach, sagte er: »Mein Talent reichte nicht weiter, glauben Sie es mir.« Ich habe kein großes Glück mit meinen Schülern gehabt, einen ganz großen Weg hat keiner, den ich von Anfang an erzogen habe, gemacht. Es gehört so viel dazu, ein großer Künstler zu werden, es genügen nicht nur die künstlerischen Gaben, es muß sich auch der Charakter dazu finden, vor allem Fleiß und eiserne Energie. Mühlens Winterkursus in Berlin Ende des Jahres 1913, als ich wieder für die Weihnachtszeit nach Berlin gehen wollte, hörte ich, daß Mühlen den Plan habe, dort einen sechs- bis achtwöchentlichen Winterkursus abzuhalten. Die Leitung sollte in den Händen seiner Londoner Gehilfin liegen, es war Marie Joachim, die Tochter von Amalie Joachim. Die Seligkeit von Lia und Elschen, als ich ihnen eröffnete, ich wolle sie mitnehmen, kannte keine Grenzen, sie versprachen sich goldene Berge von diesem ersten Ausflug in die Welt. Sie jauchzten und lachten auf der Reise derartig, daß sie ganz heiser in Berlin ankamen. Ich wohnte bei Eva Lißmann und hatte sie in eine Pension gegeben, heimlich ein wenig erleichtert, sie für eine Weile los zu sein. Der Kursus sollte beginnen, und ich war gespannt, ob es mir schwer sein würde, eine andere dort statt meiner an leitender Stelle zu sehen. Etwas unsicher empfing mich Marie Joachim, als ich meine zwei Schülerinnen bei ihr meldete. Sie wußte nicht, wie ich mich zu ihr stellen würde, doch konnte ich ihr frei und herzlich entgegentreten. Es hat eben alles seine Zeit, und ich hatte sieben Jahre schöner gemeinsamer Arbeit mit dem großen Künstler und alten Freund gehabt. »Wer Großes empfangen Der darf nicht verlangen. Daß nun sich der Traum Ins Unendliche webt.« Ich habe viel Schönes in dieser letzten Arbeitszeit Mühlens in Deutschland erlebt und war dankbar, daß ich ihr zuschauen durfte. Ich sah alte Freunde aus den Kursen wieder, Mühlen hatte mir den Zutritt zu allen seinen Stunden ermöglicht. Mit großer Freude folgte ich seiner Arbeit, die an Einfachheit und Freiheit noch gewonnen hatte. Wir sind auch persönlich viel zusammen gewesen, und der alte Zauber, den der Künstler und der Mensch Mühlen besaß, hatte seine Kraft nicht verloren. Aber es war doch ein anderes, wie ich mich nach meiner schweren Herzkrankheit zum Leben und zu den Menschen stellte, vielleicht nach dem alten Paulusworte »als die nichts inne haben und doch alles haben«. Mühlen hatte große Freude am Singen meiner beiden Kinder und amüsierte sich über ihre Naivität und unendliche Lustigkeit, die sie nicht einmal in seiner Stunde dämpften. Sie wurden immer kecker und wagten sogar, ihm zu widersprechen, was Mühlen mit Staunen erfüllte, denn das war er nicht gewöhnt. »Ihre Kinder sind goldig,« sagte er mir einmal, »aber Sie haben sie entsetzlich schlecht erzogen.« Als ich Abschied nahm, um an meine Arbeit in die Heimat zurückzukehren, sagten wir Freunde zueinander: jetzt wollen wir das festhalten, daß wir uns jeden Winter zu Mühlens Kursen in Berlin treffen. Aber im nächsten Sommer brach der Weltkrieg aus und zerstörte neben vielem Großen auch diese Hoffnung. Mühlen ist seit diesem Winter nicht nach Deutschland gekommen, und ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen. Die letzten, die mir auf dem Bahnhof das Geleit gaben, waren Eva Lißmann und Gerhard Jekelius, ein Schüler von Mühlen. Seine edle, schöne Stimme und seine Persönlichkeit waren mir schon aufgefallen, sein Wesen hatte etwas Jünglinghaftes, und man fühlte die Reinheit und Heiterkeit dieser Seele. Als der Zug sich in Bewegung setzte, und ich die beiden feinen Menschen nebeneinander stehen sah, wußte ich, daß sie zueinander gehörten, und als mich mein Weg nach vielen Jahren wieder zu ihnen führte, hatten sie sich für immer gefunden. Weltkrieg und Nachkriegszeit Kriegsausbruch. Deutsche Kriegsgefangenenhilfe Im Sommer 1914, als der Krieg ausbrach, war ich in Riga. Ich war allein, eine schwere Krankheit hatte mich in der Stadt festgehalten. Elschen verlebte den Sommer in Rußland. Noch wußten wir nicht, was unserem kleinen Heimatlande bevorstand, daß Krieg, Revolution und Vernichtung unser Los sein sollte. Als aber der Krieg zwischen Deutschland und Rußland begann, ahnten wir doch, wenn auch nicht in vollem Umfange, was für uns kommen würde. Ein furchtbarer Druck legte sich einem langsam aufs Herz. Deutschland war unser Feindesland geworden, unsere deutschen Männer im russischen Heer mußten gegen ihre deutschen Brüder zu Felde ziehen. Die russische Regierung griff ein, die Reichsdeutschen, denen es nicht gelungen war, vor Kriegsausbruch abzureisen, wurden gefangen genommen und nach Sibirien geschickt. Bald sollte dieses Los auch die Frauen treffen. Uns Deutschbalten wurde mit dem größten Mißtrauen begegnet, alle unsere Vereine wurden geschlossen, in den Schulen der deutsche Unterricht verboten, kein deutsches Wort durfte bei strengster Strafe auf den Straßen oder an öffentlichen Orten gesprochen werden, Dienstboten wurden aufgefordert, alle die anzugeben, die sich irgendwie deutschfreundlich geäußert hatten. Mit Mitleid und Entsetzen hörte man von der grausamen Art der Behandlung deutscher Kriegsgefangener. Je näher unser nordischer Winter kam, um so furchtbarer wurden die Berichte über die Lage der Gefangenen, die vielfach aller wärmenden Kleidungsstücke beraubt, barfuß im Schnee endlose Strecken zurücklegen mußten. Ich wußte nichts von Elschen, glaubte sie beim Vater geborgen, da erschien sie eines Tages unerwartet bei mir. Der Vater hatte sie nach Riga geschickt, sie solle ihre Studien nicht unterbrechen. Keiner dachte an eine lange Dauer des Krieges. Ich begann mit meinen Stunden, die Schüler fanden sich wieder ein, und das Leben in den Häusern ging seinen gewohnten Gang. Ich aber erlebte etwas Unerwartetes. Elschen war leidenschaftlich russisch gesinnt, ich leidenschaftlich deutsch, unser liebevolles Zusammenleben bekam einen Riß. Ich schlug ihr vor, die Politik in unserem Verkehr auszuschalten, doch zeigte es sich bald, daß es ganz unmöglich war. Wie sollte man schweigen von dem, was einen Tag und Nacht erfüllte! Die Gegensätze verschärften sich zwischen uns. Sie fing an, für die russischen Soldaten zu sparen und zu arbeiten. Es kamen die ersten Verwundeten-Transporte nach Riga, sie hatte sich Eintritt zu den Hospitälern verschafft und besuchte die Kranken täglich. In dieser Zeit erhielt ich von Helene Horschelmann, mit der ich mehrere Jahre in den Mühlenschen Kursen künstlerisch zusammen gearbeitet hatte, einen Brief, in dem sie mich aufforderte, an ihrer Arbeit für die deutschen Gefangenen und Verwundeten in Moskau teilzunehmen. Sie war Witwe geworden und lebte nur für diese Arbeit. Ihr Brief entrollte ein so erschütterndes Bild von der Not und dem Elend, in das sie Einblick bekommen hatte, daß ich mich sofort auf den Weg machte, um in Riga eine Sammlung für die Unglücklichen zu beginnen. Im ersten Hause, in dem ich meine Bitte vortrug, fand ich sofort begeisterte Teilnahme. Schon am nächsten Tage erhielt ich eine völlige Ausstattung für sechs Kriegsgefangene zugeschickt, es fehlte nicht einmal eine Tafel Schokolade und ein Neues Testament. Das war der Anfang. Ich brauchte selbst keine weiteren Gänge zu machen, denn wie ein Lauffeuer verbreitete es sich durch die Stadt, es wäre eine Möglichkeit, den deutschen Gefangenen zu helfen, und von allen Seiten strömten mir die Gaben zu. Jeder wollte etwas tun, jeder etwas opfern für die deutschen Brüder. Es würde zu weit führen, erzählte ich von all den ergreifenden Erfahrungen, die ich persönlich gemacht habe. Es waren so viele »Scherflein der Witwe«, die mir mit leuchtenden Augen gebracht wurden, man wollte so gerne entbehren und Opfer bringen! Die Sachen türmten sich allmählich bei mir, ich mußte ein leerstehendes Zimmer nur für die Gaben einrichten. Körbe, Koffer, Säcke füllten sich, und viele Tausende von Rubeln flossen in meine Hand. Ich trug den Schlüssel zu dem Zimmer immer bei mir und dachte oft, was wohl meine russischen Schülerinnen sagen würden, wenn sie hinter die geschlossene Tür schauen könnten. Die Gefahr für mich wurde immer größer. Es kamen heimlich Fremde durch die Küchentür zu mir und warnten mich, ich solle vorsichtig sein, denn mein Name sei in aller Leute Mund. Sie erzählten von Spionen, namentlich von Damen, die mit Paketen und Geldgeschenken in die Häuser der Verdächtigen kämen. Nahm man die Geschenke an, so hetzten sie einem die Polizei ins Haus. Ich war mir keiner Unvorsichtigkeit bewußt und ging getrost meinen Weg, wie getragen von dem Gedanken, wenn es sein müßte, mein Leben zu lassen für die Brüder. Manche kamen mit ihren Gaben, nannten ihre Namen nicht – oft waren es nur ein Paar Handschuhe oder ein paar Rubel, die sie mir in die Hand drückten – und sagten ganz leise: »Gott wird Sie schützen, Sie brauchen sich nicht zu fürchten.« Es bewegte mich sehr, daß Elschen auch einmal kam und mir aus ihrem Vorrat einige warme Sachen gab. »Für deine Deutschen,« sagte sie. Ich begleitete sie dafür zu ihren geliebten Kosaken. Es war stillschweigend eine Brücke zwischen uns geschlagen. Nun aber mußten die Sachen aus dem Hause und an ihren Bestimmungsort. Ich zerbrach mir den Kopf, wie das zu bewerkstelligen wäre, und sah keinen Ausweg. Da erschien eines Tages ein fremder, junger Mann bei mir, um mir beim Transport der Sachen zu helfen. Er legitimierte sich, fragte mich dann: »Haben Sie Mut?« »Ich denke,« sagte ich lächelnd. »Je kühner wir sind, desto sicherer sind wir. Mein Vater ist Leiter einer Sanitätskolonne des russischen Roten Kreuzes. Ich bekomme von ihm ein Rotes Kreuz-Auto und hole mit einigen Beamten der Kolonne alle Ihre Sachen ab. Was später mit ihnen geschieht, dafür lassen Sie mich sorgen. Kommt es aber heraus, dann sind Sie verloren.« Ich überlegte keinen Augenblick und griff zu. Am anderen Tage erschien er mit den Beamten, als ich gerade einer Klasse meiner Schüler Deklamationsunterricht erteilte. Ich machte, als ob alles in Ordnung sei, setzte meine Stunde scheinbar ruhig fort, während Koffer auf Koffer aus dem Nebenzimmer entfernt wurde. Dreimal mußte das Auto wiederkommen. Als endlich das letzte Stück aus meiner Wohnung fort war, spürte ich doch eine merkwürdige Schwäche in den Knieen. Nach einigen Wochen erfuhr ich, daß alle Sachen glücklich an ihren Bestimmungsort gelangt waren. In den ersten zwei Kriegsjahren sind achtundsechzigtausend deutsche Verwundete und Kriegsgefangene von den Balten gekleidet und versorgt worden. Ich konnte nun wieder etwas aufatmen und ausruhen. Da erfuhr ich, daß ein Brief, den ich in dieser Angelegenheit geschrieben hatte, durch ein Unglück in falsche Hände geraten war, daß die Polizei ihn suchte und den Schreiber ermitteln wollte. Es waren mehrere Menschen in die Angelegenheit hereingezogen, die alle von der Polizei aufgefunden und befragt wurden, ich war allein noch übrig. Ich konnte meinem Verhängnis nicht entrinnen, wohl war der Brief vernichtet, aber nicht seine Spur. Es waren furchtbare Tage, die ich durchlebte. Jeder Glockenklang, der in meine Stunde hineintönte, ließ mich vor Schreck erstarren. Da wurde ich eines Tages ins Vorzimmer gerufen, ein Beamter sei da und wolle mich sprechen. Zu allem bereit, ging ich hinaus, ein hochgewachsener Herr in Uniform stand vor mir. Er stellte sich mir vor, es war ein kurländischer Aristokratenname, den er nannte. »Ich habe gehört, daß Sie in Not sind,« sagte er schlicht. »Bei meiner Stellung kann ich einiges durchsetzen. Wenden Sie sich an mich, wenn Sie Hilfe brauchen.« Ein fester Händedruck und er ging. Alle Angst war von mir genommen. Es war nicht der Schutz, den dieser edle Mann mir anbot, es war mir, als hätte Gott zu mir gesprochen: »Fürchte dich nicht!« Wenige Tage nachher stand ich im Untersuchungszimmer der Gendarmerie. Da ich kein Russisch konnte, begleitete mich eine liebe, alte Freundin, die für mich redete. Sie verstand ihre Sache großartig, aber wir waren auch an den Richtigen geraten. Es war ein junger Beamter, der aus einem russischen Städtchen gekommen war und der von nichts wußte. Dieser schwierige Fall war seine erste Untersuchung in Riga. Seine Fragen waren die eines unwissenden Kindes. Meiner Gefährtin war es gelungen, ihn auf einen Nebenweg zu führen, auf dem beharrte er getreulich, griff sich an den Kopf und rief immer wieder: »Das ist ja alles ein Unsinn, Sie haben nichts getan, das kann doch jeder sehen.« Dann schrieb er ein endloses Protokoll, las es uns vor, fragte freundlich, ob wir mit ihm zufrieden wären, erklärte, die Sache sei für immer abgetan, schüttelte uns herzhaft die Hand und entließ uns mit den Worten: »Auf Wiedersehen.« Als wir auf der Straße standen, sagte meine Gefährtin leise: »Gott war mit uns.« Die Zeiten wurden immer schwerer, fast unerträglich für uns Deutsche. In mein Leben kam eine große Stille, wie ich sie kaum je gekannt. Jede Geselligkeit hörte auf, die Straßen waren dunkel, man lebte hinter verhängten Fenstern, denn es durfte kein Lichtschein aus den Häusern auf die Straße fallen. Nach Eintritt der Dunkelheit rührte man sich nicht aus seiner Wohnung. Lia, als Reichsdeutsche, mußte nach Deutschland abreisen, Elschen wurde vom Vater nach Petersburg abgeholt. Kurland wurde von den Deutschen eingenommen, am 1. August 1915 zogen sie in Mitau ein, unsere Lage wurde dadurch immer schwerer und zugespitzter. Aber ein heller Hoffnungsstrahl war in unser Leben gedrungen, wir warteten von Woche zu Woche auf die Befreiung durch die Deutschen. Dieser Gedanke erfüllte unsere Herzen Tag und Nacht. Es sollte aber noch zwei ganze Jahre dauern, bis die Erlösungsstunde auch für uns schlug. In diesen Jahren der Stille und des Wartens fing ich an zu schreiben. Mein Vetter, Hermann Hesses Vater, hatte mir schon öfter geraten: »Du sollst schriftstellern. Du mußt deine Lebenserinnerungen schreiben, denn du hast den Menschen etwas zu erzählen.« Meine erste kleine Erzählung war »Herr Fink«, die ich später in den »Menschen, die ich erlebte« erscheinen ließ. Damals aber dachte ich mit keinem Gedanken an Veröffentlichung. Es war eine Zeit stillen Glückes, die mir aus dieser Arbeit erwuchs. Der ersten Erzählung waren mehrere andere gefolgt, dann wandte ich mich an eine größere Aufgabe. Es waren Erinnerungen aus meiner Jugendzeit, die sich um die Gestalt meines alten Onkel Hermann woben. Mein Vetter, dem ich den Anstoß zum Schriftstellern verdanke, hat keine meiner Arbeiten kennen gelernt. Er starb in der Kriegszeit, die uns jede Verbindung mit Deutschland nahm. Inzwischen waren die Zustände in Riga immer unerträglicher geworden. Überall gab es Einquartierung, auch das Haus, in dem ich lebte, war voller Soldaten. Es begannen Haussuchungen. Ich war allein mit meinem Mädchen in meiner großen Wohnung, es wurde mir unheimlich. Ich entschloß mich, meine Wohnung aufzugeben und zog zu einer alten, mir befreundeten Lehrerin, Anna Bock. Wer kennt sie nicht bei uns, diese echte Vertreterin alt-rigascher Art? Einen Teil meiner Sachen stellte ich dort im Hause ab, wir lebten still und friedlich miteinander, teilten getreulich Freude und Leid, Furcht und Hoffnung. Meine Stunden gingen regelmäßig weiter, wenn sie auch sehr zusammengeschmolzen waren, doch meine schönste Freude blieb immer meine Schriftstellerei. Ich fing an, hin und wieder etwas von meinen Sachen vorzulesen, und der unerwartete Erfolg, den ich hatte, ermutigte mich, damit fortzufahren. Der Einzug der Deutschen in Riga Dann kam der September 1917, und unsere Befreiungsstunde schlug. Das russische Heer zog ab, schnell, fluchtartig, und deutsche Kanonen donnerten in der Ferne. Es war ein Sonntagmorgen voll Sonne und Herrlichkeit, da stand meine Freundin Mary von Gruenewald vor mir im Festkleide, und ihr Gesicht leuchtete: »Zieh dein bestes Kleid an, es ist ein großer Tag. Wir wollen in die Kirche gehen, die Deutschen kommen!« Die Kirche war wenig besucht, die Menschen waren ängstlich und hielten sich still in den Häusern. Für meine Erinnerung liegt über diesem Gottesdienst ein wunderbarer Glanz. Es war, als sei unsere schöne Kirche voll strahlenden Lichtes gewesen. Der Pastor sprach über den Kampf Jakobs mit dem Engel: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.« – »Und als er die Stätte des Kampfes verließ, ging die Sonne auf,« so schloß er tiefbewegt. Wir faßten uns an den Händen und sagten immer wieder: »Daß wir das erleben dürfen!« Dann gingen wir an die Düna und sahen dem endlosen Zuge des flüchtenden Heeres nach, das in düsterem Schweigen über die Brücke zog. Alles das sollte uns nun nie mehr schrecken und ängstigen, dachten wir. Wie wenig ahnt der Mensch von seiner Zukunft! Dann kamen die Deutschen. Durchs offene Fenster rief es uns jemand zu, der vorüberlief: »Sie sind da, sie sind da!« Wir stürzten auf die Straße ohne Hut, ohne Mantel. Immer weiter in die Stadt hinein liefen wir. »Sie kommen, sie sind da,« hörte man von allen Seiten rufen. »Wo, wo?« »Längs dem Dünaufer kommen sie.« Wir liefen weiter über Glasscherben, an brennenden Häusern vorbei. Nun kamen wir an die Holzbrücke der Düna, sie stand in Flammen, die Eisenbahnbrücke war zerstört. Wir eilten am Dünakai entlang, von oberhalb sollten sie kommen. Nun befanden wir uns am Bahndamm, wir kletterten ihn empor, von da hatten wir einen freien Blick. Da kamen sie, die Feldgrauen in endlosem Zuge! So weit das Auge reichte, graue Helme mit Blumen geschmückt. Es war wie ein wandelnder Blumengarten, der uns entgegenzog, sogar im Lauf ihrer Flinten steckten Blumen und grüne Zweige. Ich mußte mich an meiner Begleiterin halten, sonst wäre ich umgesunken. Die Deutschen! Nun waren sie da! Überall öffneten sich Fenster, Menschen winkten, stürzten auf die Straße, liefen neben den Soldaten her, suchten ihnen die Hände zu schütteln, viele weinten. Auf dem Platz vor dem brennenden Bahnhof lagerten sie sich, man brachte Kaffee, und bald fingen sie an zu singen: deutsche Volkslieder! Durch die Straßen, in denen noch vor wenigen Tagen jedes deutsche Wort mit Gefängnishaft bestraft wurde, klang es nun: »In einem kühlen Grunde Da geht ein Mühlenrad.« Und wir sangen alle mit. Als ich am Abend todmüde, verstaubt, hungrig, noch immer ohne Hut und Mantel heimkehrte, sagte ich zu meiner alten Hausgenossin: »Dieser Tag war die Leiden der drei letzten Jahre wert!« Tage voll Festglanz und Herrlichkeit, die nun folgten! Der nächste Sonntag fand uns alle in der Kirche, die von einer dichten Menge, auch deutschen Soldaten und Offizieren gefüllt war. Kopf an Kopf stand und saß man. Als der Pastor an den Altar trat, erhob sich ganz spontan die Gemeinde. Es ging wie ein großes Flügelrauschen durch die Kirche, und alles sang: »Nun danket alle Gott.« Mit vor Bewegung fast versagender Stimme las der Pastor dann den 126. Psalm: »Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden.«   Wir sahen den deutschen Kaiser durch unsere Straßen fahren und die Truppenparade auf unserem Exerzierplatz. Wir sangen uns heiser beim »Heil dir im Siegerkranz«, wir liefen uns die Füße wund, um noch irgendwo den Kaiser zu erblicken. Jeder Soldat auf der Straße, jeder Offizier, dem man begegnete, war ein Freund. Nur wer unter einem so furchtbaren Druck gelebt hat, wie wir seit langen Jahren, kann begreifen, was es für uns bedeutete, daß man jetzt frei atmen durfte. Es gab keinen Zwiespalt mehr, wir durften sein, was wir waren – Deutsche. Ein Liedervers ging von Mund zu Mund: »Was der alten Väter Schar Höchster Wunsch und Sehnen war. Und was sie geprophezeit, Ist erfüllt in Herrlichkeit.«   Im Dezember hatte ich die große Freude, Eva Lißman wiederzusehen. Es war um die Weihnachtszeit, als sie in Mitau ihren Liederabend gab. Ihre Schlußnummer bestand nur aus Weihnachtsliedern, das Podium war mit Tannenbäumen geschmückt, in der Pause wurden die Weihnachtskerzen angezündet. Als Eva Lißmann dann auf dem Podium erschien, zögerte sie erst einen Augenblick, überrascht von dem unerwarteten Anblick. Dann stand sie im strahlenden Lichterglanz im schimmernden weißen Kleide und sang: »Es ist ein Ros entsprungen Aus einer Wurzel zart.« Sie wirkte wie die holdselige Verkörperung der frohen Botschaft. Zwei Konzerte in Riga folgten dann. Es waren die ersten deutschen Liederabende nach der langen Zeit völligen Abgeschnittenseins von Deutschland. Für uns alle waren es daher ganz besondere Erlebnisse. Eva Lißmann wohnte bei mir, und es war wie in alten, schönen Zeiten. Auf einem Waldspaziergang im Kaiserwald gestand sie, die Vielumworbene, mir, daß sie sich mit Gerhard Jekelius verlobt habe. Ich hatte es schon geahnt, denn es lag diesmal wie eine stille Glückseligkeit über ihrem ganzen Wesen. Im Sommer darauf konnte ich auf einige Wochen nach Berlin gehen. Ich fand nicht das Deutschland, von dem wir Balten geträumt hatten, und das uns tapfer und mutig erhalten hatte durch Jahre des Drucks und der Erwartung. »Die Leute reden, als wollten sie Revolution machen,« sagte ich ganz erschrocken zu Eva, als ich von einem Ausgange heimkehrte. »Ach, du weißt, die Berliner müssen immer reden,« war ihre sorglose Antwort. Sie rüstete sich zu ihrer Hochzeitsreise nach Siebenbürgen und sah alles im Licht dieses großen Glückes. Als wir uns trennten, ahnten wir nicht, wie lange es bis zu unserem Wiedersehen dauern würde und wie vieles dazwischen liegen sollte.   Als ich wieder nach Riga kam, war das Leben dort schon nicht mehr so voll Freude und Jubel, wie ich es im Frühling verlassen hatte. Das deutsche Militär und die deutschen Beamten, die wir mit größtem Vertrauen begrüßt hatten, waren im Kriege verwildert – manch schmerzliche Enttäuschung hatte man bei uns erleben müssen. Unheimliche Gerüchte über Deutschlands Lage tauchten auf, man wollte sie nicht glauben. Es konnte und durfte doch die übermenschliche Anstrengung all der furchtbaren Kriegsjahre nicht umsonst gewesen sein! Dann aber kam es plötzlich Schlag auf Schlag: die Revolution, der vollständige Zusammenbruch, der Sturz des Kaiserhauses. Deutschland, das sich so tapfer gehalten hatte gegen die gewaltige Übermacht, war nun doch völlig unterlegen. Damit war aber auch unser Schicksal hier besiegelt. Das deutsche Heer hatte uns gleich bei Ausbruch der Katastrophe verlassen, ohne jeden Schutz von außen waren wir den heranrückenden Bolschewikenscharen preisgegeben. Die englischen Kriegsschiffe, unsere letzte Hoffnung, verließen uns im Augenblick der größten Gefahr. Es war gerade um die Weihnachtszeit, ein traurigeres Fest haben wir in unserer Heimat wohl nie begangen. Alles, was fliehen konnte, floh, vor allem ein großer Teil der deutschen Bevölkerung. Ich habe keinen Augenblick dem Gedanken an eine Flucht Raum gegeben und es trotz allem Entsetzlichen, das folgte, nie bedauert, daß ich geblieben war. Es gab so Unzählige unter denen, die mir nahestanden, die gar keine Möglichkeit hatten, zu fliehen, und die ich nicht verlassen wollte. Unaufhaltsam, schreckenerregend rückte das Heer der Bolschewiken auf Riga zu, wie ein unentrinnbares Verhängnis. Wie sollte unsere soeben gebildete Landeswehr, die zum größten Teil aus ganz ungeübter Jugend bestand, sich ihm entgegenstellen? Unter der Bolschewikenherrschaft Ein Teil der Schilderungen dieses Kapitels ist enthalten in meinen »Bildern aus der Zeit der Bolschewikenherrschaft in Riga«, erschienen 1922 bei Eugen Salzer in Heilbronn. Es war am 3. Januar. Wenige Stunden nachdem die englischen Kriegsschiffe den Rigaer Hafen verlassen hatten, lichteten die letzten großen Dampfer, überfüllt mit Flüchtlingen, die Anker. Sie wurden von den bereits einrückenden Bolschewiken beschossen, und nun waren wir Zurückgebliebenen dem Schreckensregiment der Roten ausgeliefert. Anna Bock, meine liebe Hausgenossin, sagte mir am Tage des Einzuges: »Wie es auch kommen mag, wir wollen tapfer sein!« Wir haben getreulich miteinander durchgehalten. Jeden Abend, wenn sie mir gute Nacht sagte, war ihr letztes Wort: »Eine Mauer um uns baue, Daß dem Feinde davor graue.« Die Zeiten, die nun kamen, waren voll Entsetzen, aber auch voll hohem Mut, wunderbarer Leidenskraft und herrlichem Sterben, ich möchte sie nie aus meinem Leben streichen. Zu meinem Erstaunen gingen meine Stunden immer fort, wenn sie auch sehr zusammengeschmolzen waren. Ich habe gehungert, gedarbt, gefroren und habe das Grauen gelernt. Die Not wuchs von Tag zu Tag: Haussuchungen, Verschleppung in die Gefängnisse und Ausraubung gehörten zur Tagesordnung. Immer wieder begegnete man Zügen von Gefangenen, unter denen viele Bekannte waren, deren Schicksal man nicht wußte. Ich habe mich gewundert, wie meine Schüler in dieser Zeit singen konnten, aber man rettete sich aus der Welt des Grauens und Sterbens hinaus, wenn auch nur für kurze Stunden, in eine Welt voll Schönheit und Freude. Die gab es doch noch irgendwo und wird es auch für uns noch geben. Ich habe es erlebt, daß Schülerinnen, nachdem sie eben aus der Gefängnishaft entlassen waren, blaß und auf schwankenden Füßen zur Stunde kamen und zu singen versuchten. Sie sorgten auch für mich, so viel sie irgend konnten: bald holten sie aus ihrer Notenmappe ein Stück Brot oder etwas Speck heraus, das sie mir strahlend übergaben. Eine meiner Schülerinnen brachte mir jede Woche eine Flasche Milch, eine der seltensten Kostbarkeiten dieser Zeit. Rührend war mir eine kleine Lettin, die mit einem Sack voll Schnittkohl auf dem Rücken in der Stunde erschien. Öfter wurden meine Stunden durch plötzliche Haussuchungen unterbrochen. Das erste Mal steht mir noch so lebendig in der Erinnerung. Ich sitze am Klavier und gebe eine Gesangstunde. Hell und klar klingt die junge Stimme meiner Schülerin durch den Raum. Es ist etwas Reines und Heiliges in ihr, die wie losgelöst vom Irdischen schwingt. Da höre ich ein Brüllen und Schreien, Stampfen und Zanken im Nebenzimmer. Ich weiß, nun sind sie da. »Singen Sie ruhig weiter,« flüsterte ich ihr zu. Die Stimme schwankt einen Augenblick, dann hebt sie wieder ihre reinen Silberschwingen. Das Gebrüll im Nebenzimmer verstummt, die Tür zu meinem Zimmer wird vorsichtig geöffnet, wilde bewaffnete Gestalten stehen auf der Schwelle. Sie singt weiter. Acht Mann füllen das Zimmer, aber sie schweigen und horchen und gehen dann auf Fußspitzen an mir vorüber ins Nebenzimmer. Das Lied ist zu Ende, ich gehe ihnen nach. Sie stehen vor meinem Schreibtisch, rohe Hände reißen die Schubladen auf, greifen hinein, und schleudern ihren Inhalt auf den Boden. »Was wollen Sie hier?« frage ich. »Wir brauchen einen Schreibtisch,« ist die in fast höflichem Ton gegebene Antwort. Einer von ihnen winkt mir mit den Augen zu, ich folge ihm ins Nebenzimmer: »Seien Sie ruhig, ich will Ihnen Ihren Schreibtisch retten.« Er tritt wieder zu den anderen: »Der Schreibtisch ist zu klein,« sagte er befehlend. »Gehen wir in ein anderes Haus.« Er grüßt und wendet sich zum Ausgang. Sie zögern, sehen sich betreten an. »Hört ihr's nicht!« ruft ihnen ihr Führer ungeduldig zu. »Ich kann den Schreibtisch nicht brauchen, gehen wir.« Da grüßen sie und gehen einer nach dem anderen hinaus, Wir Hausgenossen sehen uns sprachlos an. Von einer solchen Haussuchung hatten wir noch nie gehört. Was machte sie so still, was schüchterte sie so ein? War es die schöne klare Stimme, die ihnen von einer heiligen Welt sprach, die hoch über dem stand, was ihr blutiges Leben erfüllte? Lag auch in diesen rohen Menschenseelen doch noch ein Fünkchen, das aufleuchten konnte und von einem Leben erzählte, das verschüttet war?   Die letzte Haussuchung endete mit einem sofortigen Aussiedelungsbefehl. Es war an einem Vormittag. Wildes Geschrei erfüllte unser Haus. Kommissare der Bolschewiken waren da und stürmten die Wohnungen. Sie fluchen und schreien, heben ihre Flinten gegen wehrlose alte Damen, reißen Sachen aus den Schränken, Uhren und Schmuckgegenstände den Menschen vom Leibe. »In zwei Stunden müssen Sie Ihre Wohnung verlassen« ist das Ende der Verhandlungen. Jeden Augenblick müssen sie auch bei mir sein. Ich hatte meine Schülerinnen fortgeschickt und harrte der Dinge, die kommen sollten. Da wird geklingelt, ich öffne. Eine Dame, in kostbare Pelze gehüllt, steht vor mir. Sie nennt ihren Namen, es ist eine bekannte Varietésängerin, deren Mann eine furchtbare Rolle beim Bolschewikentribunal gespielt hat, sie gilt für eine gefährliche Persönlichkeit. Sie will bei mir Gesangstunden nehmen. »Ich kann Sie eben nicht empfangen,« sage ich, »Sie hören selbst, was im Hause vorgeht. Die Kommissare sind da, ich erwarte sie jeden Augenblick!« Sie richtet sich auf und horcht, in dieser Bewegung liegt etwas von einer Schlange. Wilder Lärm dringt aus der Nebenwohnung, in der eine alte Dame von neunzig Jahren lebt. »Ich bleibe,« sagt sie dann entschlossen, »ich will Ihnen helfen!« Ich bin so überrascht, daß ich kein Wort sagen kann. Sie tritt bei mir ein und wir versuchen, eine Unterhaltung zu führen. Da ertönt ein wilder Schlag mit Flintenkolben gegen die Türe, sie springt auf und ins Zimmer stürzen drei Bewaffnete. Der Anführer brüllt wie ein wildes Tier, sein Gesicht ist verzerrt, er stampft mit den Füßen und schlägt mit dem Kolben seiner Flinte auf den Boden: »Heraus, heraus!« schreit er, »in zwei Stunden müssen Sie Ihr Haus verlassen! Zwei Taschentücher, zwei Handtücher, ein Kleid, ein Kopfkissen dürfen Sie mitnehmen, alles andere bleibt hier!« Erstarrt sitzen wir da. Die Sängerin ist ganz still. Plötzlich erhebt sie sich und nähert sich dem Anführer der Rotte. Sie steht vor ihm, schlank und elegant, in ihren kostbaren Pelzen, mit funkelnden Brillanten in den Ohren. Sie streckt ihm die Hand entgegen: »Guten Tag, Genossen,« sagt sie lächelnd. Das Geschrei verstummt, sprachlos erstaunt sieht der Kommissar sie an: »Guten Tag!« sagt er dann verwirrt und nimmt ihre Hand. »Kommen Sie ins Nebenzimmer,« sagt sie kurz und geht voraus, noch immer sprachlos folgen ihr die Männer. Sie schließt die Tür, ich höre sie eine Weile miteinander verhandeln. Ich höre eine zornige Männerstimme sich erheben, aber die helle, kalte Frauenstimme bleibt Siegerin. Die Männerstimmen schweigen, es wird still; da öffnet sich die Tür des Nebenzimmers, sie steht auf der Schwelle, ihre Augen funkeln. »Er ist fort,« sagt sie und lacht. »Ihre Wohnung müssen Sie wohl verlassen, aber nehmen Sie Ihre persönlichen Sachen ruhig mit, einen Koffer dürfen Sie haben. Er wollte nicht nachgeben und auf nichts eingehen, aber ich nannte ihm einen Namen – da hat er gezittert!« Ich fasse ihre Hand und danke ihr, da geht eine merkwürdige Veränderung in ihrem Gesicht vor: es wird weich, fast lieblich, und mit einem plötzlichen Impuls streckt sie ihre Arme aus, umarmt mich und küßt mich: »Ich bin so froh, daß ich Ihnen helfen konnte,« sagte sie warm, »wenn Sie mich weiter brauchen, bin ich jederzeit für Sie da.« Sie gibt mir ihre Adresse und geht fort. Nun muß ich aufs Kommissariat, um die Adresse der mir bestimmten Wohnung zu erhalten. Es ist ein Gang in die Hölle, und ich fürchte mich. In einer vornehmen Wohnung ist sein Bureau eingerichtet. Ich gehe durch verwüstete Räume, zertrümmerte Möbel, zerbrochene, kostbare Sachen stehen und liegen umher. Ich stehe vor einem roh aussehenden Mann, der vor einem Schreibtisch sitzt, er fragt nach meinem Namen, und schreibt dann einige Worte auf einen Zettel, den er mir zuschiebt. Es ist die Adresse meines neuen Wohnortes. Ich lese den Namen einer Halbinsel an der Düna, die fast nur von Arbeitern bewohnt ist. Sie liegt weit aus der Stadt. »Dort kann ich nicht hinziehen,« sage ich ruhig, »die Wohnung liegt zu weit aus der Stadt. Ich bin Lehrerin, dort kann ich meine Arbeit nicht tun. Ich bitte Sie, mir zu erlauben, in folgendes Haus zu ziehen.« Ich nenne die Adresse meiner Verwandten. Er lacht höhnisch, lehnt sich in seinen Stuhl zurück und scherzt: »Dort ist die Luft besser, die Vögel werden bald singen, der Frühling kommt, Sie können spazieren gehen und Blumen pflücken, es ist mir eine Freude, Sie dort zu wissen!« So höhnt und spottet er, rohes Lachen seiner Gefährten lohnt jeden wüsten Scherz. Ich stehe mit Anna Bock mitten im Geschrei und Gelächter. Ihr weißes Haar umrahmt ihr Gesicht; ein Leben voll Arbeit für ihre Nebenmenschen liegt hinter ihr, sie wird verhöhnt wie ich. Endlich ist der Witz des Kommissars erschöpft, nach einigem Zögern reicht er uns neue Wohnungszettel; unsere Wünsche sind erfüllt, wir können in der Stadt bleiben, in den Wohnungen, um die wir gebeten. Es liegt aber solch ein böses Lachen in seinen Augen, daß mein Herz erschrickt. Nun müssen wir noch eine Unterschrift vom obersten Kommissaren haben, dazu müssen wir in einen anderen Raum, und stehen vor einem Manne, bei dessen Anblick mir der Atem stockt. Das ist kein Menschenantlitz, das mich anblickt. Grausame, blutige Wolfsaugen sind es, in einem gedunsenen Gesicht, ein furchtbarer Mund mit spitzen Raubtierzähnen und einem Ausdruck von Haß – der nicht mehr menschlich ist. Nun erkläre ich mir auch das böse Lachen des ersten Kommissars. Mir ist, als könnte ich kein Glied rühren, keinen Laut hervorbringen, dann reichen wir ihm unsere Zettel. Er sieht sie an und reißt sie mitten durch: »Sie werden nicht hier bleiben, Sie sollen fort,« schreit er. »Ich will es so! Und was ich will geschieht! Und wenn es mir gefällt, jage ich Sie auch von dort fort und noch viel weiter!« Ich schweige, aber meine Gefährtin bittet. Mit ruhiger Würde spricht sie: »Ich habe über vierzig Jahre hier in der Stadt gelehrt« – er läßt sie nicht weiter sprechen, er schlägt auf den Tisch, er brüllt wie ein Tier: »Ja, mit Gottes Wort? So haben Sie gelehrt, und dafür gesorgt, daß Dummheit und Dunkelheit verbreitet werden! Dafür sollen Sie gestraft werden! Und dafür sollen Sie büßen!« Es ist, als würden seine Augen blutunterlaufen, rot vor Haß, er wirft sich im Stuhl hin und her, er krümmt sich vor Wut, dann schreibt er einige Worte auf ein Papier, schiebt uns die Zettel zu und kehrt uns den Rücken. Wir gehen und stehen bald auf der Straße. Was nun beginnen? »Ich gehe zur Sängerin,« sage ich entschlossen, »vielleicht hilft sie!« Wir suchen sie in ihrer Wohnung auf und finden sie sofort bereit, für uns einzutreten. Sie hüllt sich in ihre Pelze und bittet uns, sie zu erwarten. »Das wird ein Kampf!« sagte sie lachend und siegesgewiß. »Das ist ein Böser, ich kenne ihn. Nun, wir werden ja sehen, wer stärker ist.« Nach einer halben Stunde ist sie wieder da, strahlend und triumphierend; sie hat die Erlaubnis für die erbetene Wohnung erhalten. Wir danken ihr, sie küßt mich und sagt wieder, wie glücklich sie gewesen sei, mir helfen zu können. Ich gehe heim, taumelnd vor Mattigkeit und Hunger, denn seit dem Morgen habe ich weder gegessen noch getrunken. Welch ein Anblick aber erwartet mich, als ich heimkomme! Es leben in unserem Hause viele alte Lehrerinnen. Alle müssen bis zum Abend hinaus. Kranke werden aus ihren Wohnungen getragen, auf Handkarren werden sie fortgeführt, alte Damen laufen verwirrt treppauf, treppab, mit kleinen Bündeln in den Händen, die ihre Habe enthalten. Mit einem Herzen voll Müdigkeit stehe ich in meinem Heim, das ich nun verlassen muß. Alles, was ich mir in meinem Leben voll Arbeit erworben, alles, was von Urvätern her mein liebes Eigentum war, mußte ich zurücklassen. Was ich mitnehmen durfte, lag bald auf einem Karren, der von einem Edelmann und von einem Magister der Theologie gezogen wurde, die sich jetzt auf diese Weise ihren Unterhalt verdienten. Ich ging hinterher, meinem neuen Heim entgegen. Am Morgen dieses Tages war mir der Spruch in die Hände gefallen: »Wer verläßt Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Äcker um meines Namens willen, der wird es hundertfältig nehmen und das ewige Leben erwerben« (Matth. 19, 39). Ich hatte drum gebangt, ob ich dieses Opfer würde bringen können, ohne Klagen. Nun war es von mir gefordert, und mein Herz war voll Dank, daß ich es freudig bringen konnte, denn über allem stand hell die Erkenntnis: »Was dem Leben den höchsten Wert gibt, das können sie einem doch nicht nehmen.« Die Lage wird von Woche zu Woche unerträglicher. Jeden Morgen kommen neue Schreckensberichte: Der oder die sind im Gefängnis ermordet. Oft haben die Gefangenen das Wimmern der Sterbenden vor ihren Fenstern gehört, und wußten nicht, ob es nicht Sterbeseufzer ihrer nächsten Verwandten oder Freunde waren; andere sind fortgebracht worden, man weiß nicht wohin. Menschen sterben, man erhält keine Erlaubnis, sie zu beerdigen, die Leichen stehen wochenlang in den Wohnungen. Kommt die Erlaubnis, so erhält man keine Pferde für den Leichenwagen. Die Angehörigen spannen sich davor, und bringen ihre Toten zu Grabe. Legt man sich abends in sein Bett, macht man sich jedesmal bereit, es in der Nacht wieder verlassen zu müssen. Menschen werden wie wahnsinnig durch diese grauenhafte Unsicherheit des Lebens. Man hört von einer ganzen Familie, die in einer Nacht durch den geöffneten Gashahn diesem Leben ein Ende gemacht hatte, das sie nicht mehr tragen konnte. Man ging wie mit einem Joch auf dem Nacken durch sein mühsames Leben. Aber neben diesem mühsamen Leben, oder vielmehr über ihm, erwachte ein Leben, still, groß und herrlich, wie wir es nie gekannt. Es ging von den Gefängnissen aus, es strahlte durch die Mauern, es brach durch die vergitterten Fenster, ich kann es nicht anders nennen, als ein Leben im ewigen Licht. Es kamen dazwischen aus den Gefängnissen Berichte durch bestochene Wärter. Alle erzählten von wunderbarer Kraft, wie die Leiden ertragen werden, wie groß und still die Opfer in den Tod gehen. Sogar manche der rohen Wärter wurden davon erfaßt. In Schmutz und Elend, in Hunger und Kälte leiden die Gefangenen unverzagt, ja es stärkt einer den anderen. Abends halten sie Andachten in ihren Zellen und singen ihre Lieder miteinander. Von einer Zelle zur anderen klingt es, tröstend und hell durch die Dunkelheit. »Ich habe einen Brief von meinem Mann aus dem Gefängnis,« sagt mir eine junge Frau mit strahlenden Augen, in denen dabei Tränen stehen, »er schreibt glücklich! Das Leben dort hat so große leuchtende Schwingen. Bin ich nicht eine selige Frau? Ich habe einen Mann, der im Gefängnis glücklich sein kann!« Schlichte Menschen werden zu Helden, helfen, trösten, führen. Kräfte erwachen und teilen sich den anderen mit. Wir, die wir noch in der Freiheit sind, fühlen das Licht, das aus dem Kerker strahlt, tief in unser mühseliges Leben hineinscheinen. Auch wir versuchen unser Leben, so voller Gefahr und Not, in das ewige Licht zu stellen, auch wir versuchen ihm Schwingen zu geben. Einer steht für den anderen ein, man gibt nicht nur, sondern man teilt, was man hat. Es ist wie in den Zeiten der ersten Christenverfolgung. Unsere Pastore sind alle im Gefängnis, in unseren Kirchen werden Meetings abgehalten, Sonntags aber treten Laien vor den Altar, lesen aus der Bibel oder aus Predigtbüchern vor. Wir fühlen, es ist eine große Zeit, wir erleben einen persönlichen Gott. Ein hohes Zeugnis gaben uns ungewollt unsere Peiniger. Einer der haßerfülltesten Führer der Bolschewiken sagte in einem Ausbruch schäumender Wut: »Man kann an diese deutschen Balten nicht herankommen! Man nimmt ihnen alles, sie klagen nicht! Man treibt sie aus ihren Häusern, sie gehen schweigend. Man führt sie in die Gefängnisse, ja, man treibt sie in den Tod, klaglos und gefaßt gehen sie auch da Die Errettung, 22. Mai 1919 Es wurde Frühling, man fühlte es nicht. Die Sonne strahlte, man sah sie nicht. Da, ein Ton! Woher kam er? Leise pflanzt er sich fort, einer flüstert es dem anderen zu: »Die Rettung naht, die Befreier kommen!« Wer hat es gesagt? Wo kam die Nachricht her? Man hebt sein Haupt, horcht – man sieht die Sonne wieder, sieht den Frühling, der die Bäume und Sträucher in lichtgrüne Schleier gehüllt hat. Sollte es möglich sein? Dürfen wir es glauben? Eine Unruhe hat auch die Bolschewiken erfaßt, man fühlt es! Sie packen, sie bringen die geraubten Sachen in Autos und Wagen fort, sie rüsten zum Abzug! Ja, ja, es ist Wahrheit! Aber nun Vorsicht, daß man nichts ahnen läßt von dem Jubel, der einem die Brust zersprengen will. Auf der Straße wagt man es kaum, seine Bekannten zu grüßen, aus Furcht, etwas von der namenlosen Freude, die einen erfüllt, zu verraten, denn man ist von Spionen umgeben. Die Wut der Bolschewiken steigt. Sie schleppen in die Gefängnisse, was ihnen unter die Hände kommt, Kinder und Greise. Da bricht sie plötzlich über uns herein, die Stunde der Erlösung! Wie ein Sturm kommen sie, es ist unsere Landeswehr, verstärkt von Deutschen und geführt von deutschen Offizieren. Der Donner der Geschütze braust über unsere Stadt: »Sind sie es wirklich, sind wir gerettet?« Ja, ja, sie kämpfen schon an der Brücke! Sie dringen in die Stadt! Was sich ihnen widersetzt, wird niedergemacht! Man läuft auf die Straße und denkt nicht an die Gefahr. Wir glauben nicht, daß deutsche Kugeln uns treffen können! Da braust ein Auto heran, ja, nun sehen wir es mit unseren eigenen Augen, sie sind da! Kopf an Kopf stehen sie drin, unsere Feldgrauen, mit den Stahlhelmen über den jungen, strahlenden Gesichtern, die Gewehre im Anschlag. »Zurück in die Häuser! Fenster und Türen zu! Es wird geschossen!« »Hurra! Hurra!« ist die jauchzende Antwort. Man stürzt in die Häuser zurück, aber sofort ist wieder alles vor den Türen! Man will sie sehen, immer wieder sehen, unsere Retter! In wilder Hast fliehen die Bolschewiken, ein furchtbares Gericht bricht über sie herein. Im Augenblick hat sich eine Sicherheitspolizei von unseren Herren gebildet; sie binden ihre Taschentücher um den Arm, entreißen den Toten ihre Gewehre und ziehen als Patrouillen durch die Straßen, für Ordnung sorgend. Es ist Abend geworden, ein heller, wunderbarer Frühlingsabend. Es ist still, hie und da fällt noch ein Schuß. Alles ist auf der Straße, und von Mund zu Mund geht die bange Frage: »Sind unsere Gefangenen befreit?« Um die Gefängnisse hat der Kampf am wildesten getobt, nun ist's auch dort still. Ich gehe mit meiner Freundin hin, wir wollen die Befreiung der Gefangenen erleben. Eine Wache will uns zurückweisen, wir achten nicht auf sie. Jetzt stehen wir vor den Toren des Frauengefängnisses. Es ist ganz still, kein Wächter vor der Tür, nur dunkle Blutlachen überall. Und da sieht man sie auch liegen in ihrem Blut, die stumm gewordenen Männer und Frauen, die unser Leben mit Entsetzen erfüllten. Das Gefängnistor ist halb geöffnet, der Vorraum ist leer. Wir gehen weiter und stehen bald im großen Korridor, auf den die Zellen alle münden. Ein Wogen von Menschen, ein Schluchzen, ein Jauchzen, ein Grüßen und Händeschütteln! Man kann die Hände nicht alle fassen, die sich einem entgegenstrecken, man stürmt aus einer Umarmung in die andere. Ich blicke in die Zellen. Auf den Pritschen sitzen noch einige, die still wie die Träumenden blicken. Sie können es nicht begreifen, daß sie frei sind und rühren sich nicht. Ich bin in der Zelle einer, die ich lieb habe. Schmal und grau ist ihr Gesicht, nur ihre Augen strahlen in hellem Licht. Ich helfe ihr, ihre Sachen zusammensuchen. Wir machen ein Bündel daraus und schweigen beide. Nun wollen wir die Zelle verlassen. An der Tür wendet sie sich noch einmal um, und ihre leuchtenden Augen umfassen den engen Raum. Sie zögert; es ist mir fast, als würde ihr das Scheiden schwer. Und da bricht es von ihren Lippen in Lob und Dank für all das Große, was sie hier erlebt. »Ich habe Gott erlebt,« sagt sie immer wieder, »ich habe Gott geschaut. Ich fürchte mich vor dem Leben da draußen, ich fürchte mich, das wieder zu verlieren, das ewige Große, das ich hier errungen! Helfen Sie mir, ach, helfen Sie mir, daß ich's in meiner Seele bewahre, bis der Tod mich ruft! Nie, nie möchte ich diese Zeit aus meinem Leben verlieren! Ich habe hier Menschen in ihrer Größe kennen gelernt! Wie schön und herrlich sind doch Menschenseelen, ich habe es ja garnicht gewußt!« Schluchzend wendet sie sich dem Ausgang zu, ich folge ihr erschüttert. Im langen Zuge gehen wir durch die Gefängnisräume in die Freiheit! Nun stehen wir draußen, Frühlingsluft umfängt uns. Alles bleibt stehen. Sie stellen ihre Bündel auf den Boden, sie stehen wie berauscht. Sie heben ihre Hände empor, dem scheidenden Lichte entgegen. Frühling, Frühling und Freiheit! Ich gehe mit mehreren befreiten Freunden heim. Wir gehen durch die Anlagen, immer wieder bleiben sie stehen, stellen ihre Bündel auf den Boden und strecken ihre Arme in die laue Luft. Junge Mädchen kommen uns nachgelaufen, wollen den Gefangenen ihre Sachen tragen, andere folgen unserem Zuge, es ist wie ein großes Ehrengeleite. Man trennt sich endlich! Die Stimmen verklingen, jeder sucht sein Heim auf. Ach, mancher findet eine völlig zerstörte Stätte. Ich mag noch nicht heimgehen, die Straßen sind voll froher Menschen. Jeder will jeden sehen, jeder will dem anderen die Hand drücken. Man ist wie eine große, glückliche Familie. Deutsche Posten in Stahlhelmen stehen an den Straßenecken, Sicherheit, Friede, Freude liegen über der noch eben so verstörten Stadt. Da, ein Gerücht taucht auf, man flüstert es nach und schweigt dann mit erblaßten Lippen. Nicht alle Gefängnisse sind zur rechten Zeit geöffnet worden. Das Auto, das die Retter ins ferner gelegene Zentralgefängnis bringen sollte, erlitt einen Aufenthalt unterwegs. Dadurch kamen die Retter zu spät. Früh am Morgen wandern die hinaus, die liebe Angehörige dort hatten. Das Gerücht, daß ein großes Blutbad im Gefängnishof gewesen ist, bestätigt sich. Da liegen sie noch alle, wie der Tod sie ereilt, mit zerfetzten Gesichtern und Körpern. Männer, darunter acht Pastoren, Frauen und junge Mädchen. Aus nächster Nähe sind die Geschosse auf sie gerichtet gewesen und haben sie in Stücke zerrissen. Manche von ihnen erkennt man nur noch an den Kleidern. Gott hat den Jammer der verwaisten Kinder, Mütter, Männer und Frauen gesehen, und er hat ihre Tränen gezählt. Aber Märtyrerblut ist nie umsonst geflossen. So wird auch diese blutige Saat aufgehen und ihre Früchte tragen. Anna Bock und ich zogen nun wieder in unsere Wohnung. Einen Teil unserer Sachen fanden wir vor, den anderen Teil gelang es uns allmählich wiederzufinden. Es war oft wie ein Wunder, daß man doch noch zu dem Seinigen kam. Man wanderte durch die entlegensten Häuser, in denen die Bolschewiken ihre Bureaus eingerichtet hatten und fand bald hier, bald dort ein vermißtes Stück seines Eigentums wieder. Die liebevolle Einladung einer Freundin, Pastorin Seesemann, rief mich diesen Sommer nach Tabor bei Mitau. »Ich habe Vorräte,« schrieb sie mir, »komm, ruh dich bei uns aus und iß dich einmal wieder satt.« Sie war die jüngste Tochter des Pfarrer Schlosser in Frankfurt am Main, bei dem ich in meiner Studienzeit gelebt hatte. Ihr Mann, der unendlich gütig und gastfrei war, leitete die große kurländische Irrenanstalt Tabor. Die Zeit, die ich in diesem Sommer bei ihnen verlebt habe, ist mir eine wundervolle Erinnerung. Ich nahm meine schriftstellerischen Arbeiten wieder auf und schrieb weiter an meinem »Onkel Hermann«. Über ein Jahr hatte diese Arbeit geruht, nun war die Lust dazu aufs neue erwacht. Niemals habe ich wieder, so getragen von den Verhältnissen, arbeiten können wie damals. Meine Freunde hatten mir ein wunderschönes Zimmer im oberen Stock ihres Hauses eingeräumt, das mit alten Birkenmöbeln eingerichtet war. Die Tür, die zu meinem Balkon führte, stand immer weit offen: Heuduft, Tannenduft, sommerliches Schwalbenschwirren, drangen zu mir herein. Ungestört lebte ich in meiner Welt, die Wirklichkeit versank, und nur die Vergangenheit war da und war Wirklichkeit geworden. Es war eine unendlich reiche Zeit, reich an Glück und an Sehnsucht. Ich war wieder jung, und alle lebten um mich, die ich so sehr geliebt. Ich hörte ihr Lachen, sie sprachen zu mir, und auf den sonnigen Sommerwegen, auf denen ich in Gedanken wanderte, schritten ihre Füße neben mir, und ihre Hände hielten die meine. Oft bin ich von meiner Arbeit aufgestanden, bin auf den Balkon hinausgetreten und habe die Arme nach ihnen ausgestreckt, die mir eben so nahe gewesen, lebendig und wirklich. Ich habe »Onkel Hermann« nicht geschrieben, ich habe ihn gelebt. Damals dachte ich noch nicht daran, daß ich für die Öffentlichkeit schreiben könnte. Vielleicht ist das alles eine Erklärung für die Wirkung, die das Buch auf seine Leser gehabt. Mein »Onkel Hermann« ist das einzige Buch, das ich ungehindert mit eigener Hand schreiben konnte. Eine Nervenerkrankung meines rechten Armes machte mich für meine weiteren Bücher von fremder Hilfe abhängig. In dieses abgeschlossene Leben kamen plötzlich Briefe aus Berlin von Freunden und Verwandten, die mich für den Winter dringend zu sich riefen. Ich wies dieses Ansinnen zuerst vollständig zurück. »Warum willst du diese Einladung nicht annehmen?« fragte meine Freundin erstaunt. »Ich will die Heimat nicht verlassen,« war meine Antwort. »Es ist mir, als müßte ich mich an sie klammern, wo ich so unendlich viel in ihr erlebt und gelitten habe.« »Du bist sentimental,« sagte sie in ihrer klaren, klugen Weise. »Die Heimat bleibt dir doch. So was Schönes läßt man nicht vorübergehen, greif zu.« Endlich war mein Entschluß gefaßt, ich schrieb nach Berlin, daß ich käme. Ich weiß nicht, warum mir dieser Entschluß so schwer geworden war, vielleicht ahnte ich im tiefsten Unterbewußtsein, welche einschneidende Folgen diese Reise für meine Zukunft haben würde. Anfang September reiste ich ab. Die billigste und bequemste Art, damals nach Deutschland zu reisen, bot der Anschluß an einen Flüchtlingstransport. Ich beabsichtigte erst nur für einen Winter hinauszugehen, es wurden aber drei und dreiviertel Jahre daraus. Wenn ich diese ganze Zeit überblicke, die ich fern von der Heimat war, muß ich an ein Wort eines alten Waldbauern in Roseggers Erzählungen denken. Der sagt gedankenvoll über ein Erleben, über das er selber staunte: »Es mußte alles so sein, es war mir wohl so aufgesetzt.« Reise und Winter in Berlin Wenn ich an die Jahre zurückdenke, die damals vor mir lagen, so ist es mir, als hätte mein Leben unter einem höheren Willen, der oft dem meinen entgegen war, gestanden. Ich habe immer wieder Entschlüsse fassen müssen, gegen die ich mich anfangs sträubte, ich bin oft Wege gegangen, die ich nicht wollte, die ich aber dann doch freudig ging, weil ich sie für richtig erkannte. Es lag in meiner Art, niemals zurückzublicken, wenn ich einen Entschluß gefaßt hatte, so bestieg ich denn auch guten Mutes den Flüchtlingswagen, der mich meinem Ziel entgegenführen sollte. Es war ein Pferdewaggon, den die deutsche Regierung uns zur Verfügung gestellt hatte. Eine Menge Familien: Männer, Frauen und Kinder füllten den Waggon, auch einzelne alte Damen, die sich von Entbehrungen und Schrecken in Deutschland erholen wollten. Drei Tage und drei Nächte waren wir unterwegs, schliefen auf dem Boden oder auf unseren Koffern, aßen von unseren mitgebrachten Vorräten, kochten uns Tee, teilten bald alles miteinander, so wie es Baltenart ist, und waren wie eine große Familie. Oft wurde der Waggon auf einen toten Strang geschoben, wo er Stunden und Stunden lag; dann kletterten wir heraus, gingen spazieren, wuschen uns an einem vorüberfließenden Bach, suchten Milch für die Kinder in den umliegenden Dörfern zu bekommen, kletterten dann wieder in unseren stoßenden, rasselnden Waggon zurück. Abends, wenn die unruhigen Kinder schliefen, rückten wir unsere Koffer vor die offene Waggontür, sangen, blickten in die Sterne oder schwiegen, viele von uns wohl mit sorgenschweren Gedanken. Es war ein heller Sonntagmorgen, als ich in Berlin ankam. Sehr wohltuend berührte es mich, daß kein Träger etwas von uns nehmen wollte für das Heraustragen der Sachen. Ich wurde von niemand erwartet, nahm meinen Weg zu Eva Lißmann, die jetzt Jekelius hieß, und stieg die wohlbekannte Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Bald stand ich unerwartet vor dem Ehepaar, das ich am Kaffeetisch fand. Sie waren fast stumm vor Bewegung. Unter meinen Freunden hatte es mehreremal geheißen, ich sei ermordet, nun stand ich lebendig vor ihnen, wir weinten. Als ich endlich auf einem Stuhl saß, blickte ich mich um. Wie wunderbar war es, das alles zu erleben: das schöne, gepflegte Heim voller Blumen, die strahlenden jungen Menschen in ihrem Glück, die Atmosphäre, die sie umgab, voll Schönheit, Reinheit und Frieden; und dagegen die Zeit, aus der ich kam, auf der die Schatten des Todes lagen! Ich versuchte mehreremal zu sprechen, aber kein Laut kam über meine Lippen. Und plötzlich war es mir, als trennte mich eine Welt von diesen Glücklichen, und ich könnte den Weg nicht mehr zu ihnen finden. Doch schwand dieses Gefühl bald. Welch ein Wiedersehen gab es mit den alten Freunden, die mich wie eine vom Tode Erstandene begrüßten, und das war ich auch. Erst allmählich lernte ich mich wieder ins Leben der Großstadt hineinfinden. Ich lebte bei Freunden und Verwandten, machte viele Konzerte mit und fing an, alles so lang Entbehrte zu genießen. Langsam trat das Erlebte zurück und lag im tiefen Grunde meiner Seele. Es war eine Furcht in mir, daran zu rühren; ich wußte, wenn das emporsteigen würde und mein Leben erfüllen, dann müßte es mich trennen von Licht und Freude, von Musik und allem Schönen, ja selbst von meinen Freunden und Verwandten. Bald nach meiner Ankunft kam bei Jekelius' ein Töchterchen an. Als ich mich über das kleine Geschöpfchen beugte, das so ahnungslos in einem Korbe schlummerte, war mein Herz sehr bewegt. Die Mutter hatte ihr eine Nelke in den Arm legen lassen, die sie mir zur Begrüßung »überreichen« sollte. Es war ein kleines, rundes Gesichtchen, in das ich schaute, mit einem merkwürdig entschlossenen Ausdruck. Was wird der kleinen Eva Monika für ein Weg beschieden sein: wird sie die leidensfähige Seele ihrer Mutter oder die sonnige ihres Vaters mitbekommen haben? Am 1. November zog ich zu Mühlens Freundin Trude Maas, dort sollte ich bis zu meiner Heimreise bleiben. Sie bewohnte damals noch ihr schönes Heim, wenn auch die glänzenden Verhältnisse, in denen sie bisher gelebt hatte, bescheideneren gewichen waren. Für mich war es nach den erlittenen Entbehrungen noch immer ein glänzendes Leben. In mein sorgloses Genießen kamen Nachrichten aus Riga von der Beschießung der Stadt durch die Bermondt-Truppen. Da kam der Jammer des Heimwehs über mich, und ich schämte mich, daß ich hier mein Leben genoß, während sie daheim in den Kellern saßen und für ihr Leben zitterten. Es war aber doch ein Glück für mich, daß ich diese Zeit nicht in der Heimat verleben mußte, ich glaube nicht, daß meine Nerven durchgehalten hätten. In dem ruhigen, schönen Leben, das ich nun führte, begannen die ersten Anzeichen meiner Nervenerkrankung sich zu zeigen. Sie äußerten sich im Versagen der rechten Hand: ich konnte nicht schreiben und spielte falsch Klavier. Da der Zustand wechselte, beruhigte ich mich immer wieder. Eine ganze Schar Schüler hatte sich um mich gesammelt, frühere aus der Heimat und auch neue. »Mein Onkel Hermann« Das Leben mit Trude Maas war sehr schön. Sie umgab einen mit viel Liebe und verstand die große Kunst, nicht nur an den Leiden, sondern auch an den Freuden ihrer Freunde teilzunehmen. Sie trug geduldig die große Unruhe, die durch mich in ihr Haus gekommen war, denn durch meine Schüler und Freunde war ein ungewohntes Leben um sie entstanden. Sie interessierte sich aber mit ihrem warmen Herzen für alles, am meisten aber doch für meinen »Onkel Hermann«, den ich ihr vorlas. Sie riet mir dringend, an seinen Druck zu denken, und erbot sich, die ganze Erzählung abzuschreiben, manche stille, reiche Abendstunde entstand dadurch für uns, ich diktierte und sie schrieb. Nun war das Manuskript für den Druck fertig, aber wie sollte ich zu einem Verleger gelangen? Da faßte ich einen kühnen Entschluß, den ich ihr eines Morgens mitteilte. »Ich schreibe meinem Neffen Hermann Hesse und bitte ihn, mein Manuskript zu beurteilen. Findet er es gut, so wird er mir auch einen Verleger nennen, vielleicht sogar mir eine Empfehlung an ihn geben.« Trude Maas begeisterte sich für diesen Gedanken. Ich kannte meinen Neffen nur wenig, einmal hatte ich ihn, als er noch ganz jung war, in seinem Elternhause gesehen, als noch niemand in ihm den berühmten Schriftsteller ahnte. Aber er war doch der Großsohn von meinem Onkel Hermann, und darum schrieb ich ihm, wenn auch etwas zaghaft, doch voll Vertrauen, und bat ihn, ob ich ihm mein Manuskript zur Beurteilung schicken dürfte. Seine Antwort war so warm, wie ich es kaum erwartet hatte. Ich brauche ihm mein Manuskript nicht zu senden, schrieb er, er wüßte auch so ganz sicher, wie es sei und würde mir eine Empfehlung an einen Verleger geben. Nur solle ich mich nicht grämen, wenn es mit dem erstenmal nicht gelänge, niemals könne ein namenloser Autor damit rechnen, gleich einen Verleger zu finden. »Aber wir suchen schon so lange, bis wir einen gefunden, darüber mache dir keine Gedanken,« schloß er herzlich. – Das war ein Anfang, wie ich ihn mir nur wünschen konnte. Sehr gehoben nahm ich alsbald mein Manuskript unter den Arm, steckte Hermann Hesses Empfehlung zu mir und begab mich auf die Redaktion Velhagen und Klasings. Es war doch ein sehr merkwürdiges Gefühl, als bescheidene Anfängerin einen ganz neuen Weg zu beschreiten, wenn ich an die künstlerische Stellung dachte, die ich schon seit Jahren in der Heimat eingenommen hatte. Aber wer hat das Glück, einen neuen Weg gleich mit einer Empfehlung von Hermann Hesse in der Tasche anzutreten? Und ich betrat ganz ruhig die Redaktion. Ich schickte meine Empfehlung hinein, fast im selben Augenblick stürzte ein Herr heraus. »Sie haben eine Empfehlung von Hermann Hesse,« rief er. »Ja,« sagte ich kühl, als wäre es etwas Alltägliches für mich. Er nahm sofort mein Manuskript entgegen und versprach mir aufs liebenswürdigste, daß ich bald einen Bescheid haben sollte. Nach einigen Tagen kam mein Manuskript zurück. Sie hätten es gar nicht gelesen, schrieb man mir, da sie ihren Verlag wegen Papiermangel aufgäben. Ich schrieb es gleich Hermann Hesse. »Nur nicht den Mut verlieren,« war seine Antwort. »Es ist möglich, daß wir umsonst bei zehn Verlegern anfragen. Nun gebe ich dir eine Empfehlung an Eugen Salzer, das könnte der richtige für dich sein.« Wieder war seinem Brief eine Empfehlung an Salzer beigefügt, die wir sofort mit dem Manuskript und ein paar Zeilen von mir abschickten. Nun kam eine Weile des Wartens, und dann lag die Antwort eines Morgens unter meinen Postsachen. Ich riß das Kuvert hastig auf – Salzer nahm mein Buch an! Mit einem Jubelschrei rannte ich durch alle Zimmer zu Trude Maas, den Brief wie eine Siegesfahne in der Hand schwenkend. »Dein Manuskript ist angenommen,« rief sie, und wir sanken uns in die Arme. Es war ein großer Augenblick. Mein Verleger hatte einige kleine Änderungen vorgeschlagen, die ich bald gemacht hatte. Dann begann er sofort mit dem Druck. Welch ein wunderbares Erleben, sein erstes gedrucktes Buch in der Hand zu haben! Jeder Satz, jedes Wort, das dem Herzen nahe stand, wird einem plötzlich fremd. Das eigene Werk rückt von einem ab, es wird ein Buch, ein Kunstwerk, das in kritische Beleuchtung tritt. Es dauert, bis es einem wieder nahe kommt und man es als eigenes Kind empfindet. Mein Verleger wünschte dringend, ich solle Hermann Hesse um ein Vorwort bitten, das würde dem Buch seinen Weg erleichtern, meinte er. Ich ging sehr schwer an diese Bitte: ich hatte viel in dieser Zeit mit meinem Neffen korrespondiert, ihn in allem um Rat gefragt, und er hatte mir aufs bereitwilligste aus seiner reichen Erfahrung geholfen. Wir waren uns auch persönlich näher gekommen, er hat mir manchen Einblick in sein Leben geschenkt, und nun sollte ich wieder mit einer Bitte kommen! Doch ließ mein Verleger nicht nach, so entschloß ich mich denn zu diesem Schritt. Hermann Hesses Antwort war, wie immer, freundlich und eingehend. Es sei gegen seine Überzeugung, Vorworte zu schreiben, ein Buch müsse sich selbst empfehlen, wenn es das nicht könne, hülfen alle Vorworte nichts. Doch wolle er in diesem besonderen Falle sehen, ob er etwas schreiben könne; er verpflichte sich aber zu nichts, ich solle ihm den ersten Abzug senden lassen. Wer meinen »Onkel Hermann« gelesen hat, kennt seine Geleitworte. Manchmal lese ich sie für mich, sie rühren in ihrer Schlichtheit immer wieder an mein Herz, ich weiß es mit dankbarem Herzen, was Hermann Hesses Geleitwort meinem Büchlein auf seinem Lebensgang genützt hat. Ich wußte gar nicht, daß Bücherschreiben ein Leben so reich machen kann. »Mein Onkel Hermann« brachte mir nur beglückende Erfahrungen, freundliche Kritiken, unendlich viel liebe Briefe aus der Heimat, aus England, aus Deutschland, aus der Schweiz, ja sogar aus Indien. Viele schreiben mir immer wieder dasselbe: »Es ist, als träte aus Ihrem Buch unsere eigene Jugend uns entgegen, so Ähnliches haben auch wir erlebt.« – Seltsam war es auch, daß dieses Buch häufig die Menschen anregte, mir ihre eigene Geschichte zu schreiben. In manchem Leben hatte auch ein alter Onkel oder ein Großvater gestanden, um dessen greises Haupt sich die schönsten Erinnerungen woben. Wie wunderbar viel Gleiches liegt im rein Menschlichen, wie stark müßte uns das doch mit der Menschheit verbinden! Ein ganz besonders warmes Freundschaftsgefühl verbindet mich mit der Schweiz, da haben meine Bücher mir eine ganze Menge unbekannter Freunde und Freundinnen gebracht. Wie viele Päckchen, wie manche Geldsendung mit der Bitte, mir oder anderen damit eine Freude zu machen, gelangten von dort in meine Hände. Ein Pfarrer sandte mir Geld, ich solle die Summe für eine kleine Reise gebrauchen. Auf diese Weise habe ich den Bodensee kennen gelernt und die Insel Mainau. Die schöne, wollene Strickjacke, die mich an kühlen Sommerabenden wärmt, ist von der fleißigen Hand einer meiner Schweizer Freundinnen eigens für mich gestrickt, Einmal erhielt ich einen Brief von einer Lehrerin aus Deutschland. Sie schrieb: »Da das Postporto ins Ausland so unerschwinglich teuer geworden sei, solle ich eine Freundin nennen, die das Postporto nicht selbst bezahlen könne. Sie würde ihr Postmarken schicken, damit ich die Freude hätte, von ihr Briefe zu erhalten.« Sie hat diesen besonders lieben Gedanken wirklich ausgeführt. Es ist mir, als ruhte auf diesem meinem ersten Buch der ganze, starke Segen, der von Onkel Hermanns Leben ausging, und daß ich diese seltene Menschenseele übers Leben hinaus habe festhalten dürfen, ist mir immer wieder ein neues Geschenk, das mein Herz mit Dank erfüllt. Leben in Königsfeld Der Sommer war zu Ende, ich bereitete mich zur Heimreise vor, da erhielt ich einen Brief von meinen Freunden Mary und Otto von Gruenewald, die eben in Schwerin lebten. Sie luden mich auf vier Wochen in den kleinen Herrnhuterort Königsfeld im Schwarzwald ein. Reise und Aufenthalt dort sollten ihre Sorge sein. Mein Blick aber war in die Heimat gerichtet, ich wollte mich von meinem Wege nicht wieder ablenken lassen. Wohl tauchte wie ein verlockendes Bild der Schwarzwald im Herbstsonnenschein vor mir auf und das Leben mit den beiden Freunden in Stille und Schönheit. Doch wies ich es ab und schrieb ein »Nein«, denn ich wollte in die Heimat. Nach wenigen Tagen kam eine Antwort, sie waren beide fest entschlossen, mein Nein nicht anzunehmen, schrieben mir den Termin unserer gemeinsamen Abreise aus Schwerin, kurz, die Schlinge der Freundschaft war mir um den Hals gelegt, die beiden hielten fest. Ich machte zuerst einen langen Spaziergang am Meeresstrande, irgend etwas in mir fürchtete sich, dem Ruf zu folgen. Es war mir, als verließe ich sicheres Land und täte einen Schritt ins Ungewisse. Aber dann mußte ich doch selbst über mich lächeln: war ich nicht ein Tor? Wenn etwas so Schönes an einen herantrat, griff man einfach zu und war glücklich. Ich schrieb ein jubelndes »Ja«. Kurze Zeit danach befand ich mich auf der Reise nach Schwerin, bald ging es in den Süden, dem Schwarzwald zu. Wir nannten uns »die drei armen Pracher«, denen das Glück in den Schoß gefallen war. Dazu war draußen eine goldene Herbstsonne, die Luft klar, die Welt, durch die wir fuhren, wurde immer schöner und wir immer froher; am Abend des zweiten Tages kamen wir an. Der Wagen, der uns von der Station abholen sollte, war durch ein Versehen nicht gekommen. Wir entschlossen uns schnell, den Weg, der dreiviertel Stunden dauerte, zu Fuß zurückzulegen und wanderten frohen Mutes, Arm in Arm, durch den dunklen Wald. Welch eine Luft voll Tannenduft und Frische, hier war es eine Lust zu atmen! Als wir aus dem Walde traten, lag das kleine Königsfeld vor uns mit seinen funkelnden Lichtern. Wir blieben einen Augenblick stehen und freuten uns an diesem Anblick. »Es wird eine schöne Zeit, die vor uns liegt,« sagten wir uns; »wir wollen sie von Grund unseres Herzens genießen!« Meine Freundin und ich wohnten im Sanatorium Luisenruh. »Unser Bruder« zog wieder zum Doktor des Sanatoriums; bei dem er schon früher gelebt hatte. Wir drei waren viel zusammen, wanderten, lasen, machten Musik, denn Otto von Gruenewald war ein sehr feiner Pianist und bot uns Stunden hohen künstlerischen Genusses. Zu uns gesellte sich bald der Doktor, so viel es ihm seine Zeit erlaubte; er war eine Natur voll Leben und impulsiver Aufnahmefähigkeit. Aus den vier Wochen wurden sechs. Als meine Freundin abreiste und ich mich ihr anschließen wollte, ließen der Doktor und die Oberin des Sanatoriums mich nicht fort. »Wir brauchen Sie für uns und unsere Kranken,« hieß es; »in die Heimat kommen Sie immer noch zeitig genug nach Weihnachten!« Wieder blieb ich, zuerst mich sträubend, dann freudigen Herzens. Eine schöne friedvolle Zeit begann. Der Herbst dort oben wurde immer schöner, langsam kam der Winter heran, es war, als würde das Leben immer friedlicher, immer abgeschlossener in den verschneiten Wäldern. Die erste Zeit hatte ich still und ausschließlich mit den Freunden gelebt; nun fing ich an, mit den Patienten zu verkehren. Ich besuchte sie in ihren Zimmern, las mit ihnen und wanderte mit ihnen durch die Wälder. Abends ging ich oft zu Otto Gruenewald, vergrub mich in einen Lehnstuhl und ließ mir von ihm vorspielen. So mußte man ihn hören, im Konzertsaal verschloß diese leichtverletzliche Künstlernatur oft ihr bestes. Ich lernte durch den Doktor die Schriften von Angelus Silesius kennen und arbeitete an einer Herausgabe seiner Aussprüche unter Gesichtspunkten, wie: Gott und die Seele, Bilder aus der Natur, Liebe usw. Zwei der Patientinnen halfen mir beim Schreiben und Ordnen des Materials. Welch reiche Stunden verlebte ich an meinem Schreibtisch, in den stillen Krankenstuben meiner Gehilfinnen, im Verkehr mit diesem frommen Mystiker, dessen Seele ganz in Gott lebte. Unter den Kranken am Ort lebte ein Dr. Stockhausen mit Frau und Tochter. Es war ein Sohn meines alten Professors aus Frankfurt. Ich erinnerte mich seiner genau, wie manches Mal hatte ich mit dem stillen, bescheidenen Fritzchen auf Ausflügen mit der Familie Käfer gesucht. Er war als Knabe ein Käfersammler und trug immer eine Büchse bei sich, in die er seine unglücklichen Opfer sperrte. Nun hörte ich, er sei schwer leidend und seit einigen Wochen fast völlig gelähmt. Ich ließ anfragen, ob ich ihn besuchen dürfe und wurde sofort auf das freundlichste eingeladen. Als ich mich zu ihm aufmachte, war ich ein wenig erregt, denn alles, was mit Stockhausen zusammenhing, faßte mich noch immer innerlich an. Seine Frau, ein sonniges, fröhliches Menschenkind, und ihre Tochter empfingen mich, sie führten mich sofort zum Kranken. Es war ein schöner, edler Männerkopf, der auf den weißen Kissen lag, mit einem unendlich melancholischen Ausdruck. Viel Kämpfe, schwere Leiden standen auf diesem Gesicht geschrieben, aber auf der Stirn lag doch ein klarer, stolzer Ausdruck. Er begrüßte mich wie eine alte Bekannte und behauptete, mein Name sei ihm vertraut, da er oft in seinem Elternhause genannt worden sei. Ich fragte ihn nach seinem Leiden, doch hatte ich sofort den Eindruck, daß er nicht gern davon sprach. »Zwanzig Jahre,« sagte er, »kämpfe ich gegen meine Krankheit. Nun scheint's, daß ich erliege.« Ich habe ihn oft besucht, zuletzt lebte ich zwei Wochen ganz in seinem Hause; sie nannten mich dort »Schwester Monika«, ein Name, der sich allmählich in Königsfeld verbreitete und der mir sehr lieb war. Ich war froh, wenn ich dem Kranken einige kleine Handreichungen machen konnte, am liebsten aber hatte er es, wenn ich mir einen Stuhl zu Füßen seines Bettes heranholte und aus meinem Leben erzählte. Oft kamen auch die Frau und die Tochter hinzu. Wenn ich von meinen Stunden bei seinem Vater sprach, vom Leben und Treiben der Schülerinnen, von den Festen und der Musik in seinem Elternhause, von den Leiden, die wir dem unglücklichen Unterlehrer bereiteten, dann vergaß er für Augenblicke sogar seine Schmerzen. Oft haben wir alle so herzlich dabei gelacht, daß der Doktor, der zufälligerweise hinzukam, voll Staunen sagte: »Soll das hier ein Krankenzimmer sein?« Der Kranke litt seine Qualen immer geduldig, immer freundlich, er hielt sich in eiserner Disziplin und gestattete sich niemals ein Entgleisen. Als ich ihm dies einmal bewundernd aussprach, war seine Antwort: »Ein Kranker darf nie vergessen, welch eine Last er für seine Umgebung ist. Die darf er nicht noch vergrößern.« Er war ein prachtvoller Mensch, der mit großer Klugheit, einem scharfen Verstande eine unendliche Herzensgüte verband. Mit Stolz fühlte ich, daß er mein Freund war. Manchmal ließ er mich in sein Leben hineinschauen, aber er sprach nicht viel von sich. Oft fragte er nach meiner Mutter, die auch ein jahrelanges, schweres Leiden getragen hatte. Einmal saß ich bei ihm, wir waren beide allein. Ich hatte ihm von meiner Mutter erzählen müssen, nun schwieg ich. Er lag ganz still da, draußen war es Winter, und der Schnee lag schwer auf den hohen Tannen, hinter dem Walde verglühte das letzte Abendrot, und die Dämmerung legte sich sacht auf das schöne Gesicht und die edlen Hände des Kranken, die so müde auf der Decke lagen. Da unterbrach er die Stille: »War Ihre Mutter geduldig?« fragte er plötzlich. »Nicht so geduldig wie Sie,« war meine leise Antwort. Er schwieg, und dann klang ein Laut durch die Stille wie ein Schrei oder ein Schluchzen. Aus ihm, dem eisern Beherrschten, brach eine Verzweiflung wie eine Sturmflut, die alle Dämme niederriß; ich verstand nur die Worte: »Ich – geduldig!« Dann kam ein Weinen, wie ich nie in meinem Leben habe weinen gesehen. Ich saß ganz still, wie gelähmt. Es war, als ob alles in mir erstorben wäre außer dem einen Gefühl des Mitleids mit dem Manne, dessen Seele in Schluchzen vor mir zerbrach. Nichts macht so einsam wie ein großes Leiden, es trennt wie ein breiter Strom den Leidenden von allen, oft von seinen Liebsten, und nichts dringt hinüber in diese Einsamkeit. Stumm und ehrfurchtsvoll stand ich von ferne, fühlte schweigend den ganzen Jammer dieser Menschenseele vor mir und konnte ihr nicht helfen! Wenn ich das Wort lese von denen, die in weißen Kleidern aus großer Trübsal gekommen sind, und die keine Qual mehr anrührt, dann denke ich an ihn. Livländische Weihnachten im Schwarzwalde Inzwischen war es Adventszeit geworden. Ganz besonders schön waren die Festzeiten im kleinen Königsfeld. Es gab so viele alte Herrnhuter Sitten, an denen das Städtchen festhielt, und die dem Leben dort ein eigenes Gepräge gaben. Aber von allen Festzeiten war Advent und Weihnacht mir dort die liebste Zeit. Am Abend vor dem ersten Advent versammeln sich alle Patienten des Sanatoriums im großen Speisesaal, Berge von Tannengrün haben sie aus dem Walde geholt. Wir winden Adventskränze und singen dazu die alten Adventslieder: »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit. Es kommt der Herr der Herrlichkeit.« Jedes Krankenzimmer bekommt seine Tannenkrone, die an bunten Bändern von der Decke herabbängt. Diese ganze Zeit steht unter einer besonderen Weihe; jedes Haus hat seinen Stern, seine Kränze, und überall hört man Adventslieder singen. Oft wandere ich abends durch die stillen verschneiten Straßen, sehe die farbigen Sterne, die von der Zimmerdecke herabhängen und horche auf das Singen, das gedämpft hinter geschlossenen Fenstern zu mir herüberklingt. So kommt das Weihnachtsfest heran. Ich habe den Patienten versprochen, am ersten Feiertag ein »livländisches Weihnachten« mit ihnen zu feiern, verrate aber nicht, welcher Art das Fest sein wird. Tagelang bin ich im Wald umhergestreift und habe endlich nach langem, vergeblichem Suchen einen kleinen Tannenbaum gefunden, der frei dasteht in der verschneiten Winterwelt. Diesen Baum will ich zu Weihnachten mit Lichten schmücken und sie anzünden, wenn es dunkel geworden ist. So haben wir's in der Heimat öfter gemacht. Der erste Weihnachtsfeiertag ist gekommen. Die Luft ist still und kalt, die Tannen stehen tief gebeugt unter ihrer Schneelast. Ich bin vorher allein in den Wald gegangen und habe mein Bäumchen über und über mit Lichten geschmückt, nun warte ich auf die andern. Eine von den Patienten ist eingeweiht, sie führt die ganze Schar durch die tiefverschneiten Waldwege, alles ist voll feierlicher Erwartung. Ich zünde die Lichte an, denn ich höre sie kommen. Durch den stillen Wald klingt hell und lieblich das alte Weihnachtslied: »Es ist ein Ros entsprungen Aus einer Wurzel zart.« Mein Bäumchen steht auf einer kleinen Lichtung, mächtige Schwarzwaldtannen halten ringsum die Wacht. In der regungslosen Luft steigt die Flamme still und gerade empor, darüber der Nachthimmel voll funkelnder Sterne. Nun biegen sie um die Waldecke, und vor ihnen liegt das strahlende Wunder in verschneiter Winternacht. Das Singen verstummt, schweigend kommen sie näher und umstehen den Baum. Ich stimme an: »Stille Nacht, heilige Nacht.« Alles singt mit; wie wunderbar das klingt in dem großen Schweigen der Wälder! Das Licht der Weihnachtskerzen fällt auf die Gesichter der Versammelten, es ist ein feierlicher Ausdruck, den sie alle tragen, und wir erleben in unseren Herzen »stille Nacht, heilige Nacht«. Vor einer neuen Lebensaufgabe Als ich im Januar nun wirklich Königsfeld verließ, um über Berlin heimzureisen, fragte mich der Doktor beim Abschied, ob ich nicht wiederkehren und als seine Gehilfin im Sanatorium arbeiten wolle. Das geschah am letzten Morgen, und ich war erschrocken und entschlußlos. Da sangen die Patienten hinter meiner Tür: »Jesu, geh voran auf der Lebensbahn.« Schweigend erhob sich der Doktor und verabschiedete sich, ich aber fuhr mit dem Klang des Liedes im Herzen nach Berlin, wo ich dieses Mal bei meinen Freundinnen Nina und Gertrud Tode lebte, die schon vor Jahren Riga verlassen hatten, und nach Berlin übergesiedelt waren. Nur zu ihnen sprach ich vom Vorschlag des Doktors, sie beeinflußten mich mit keinem Wort. »Du mußt selbst wissen, was du tust,« sagten sie. Ich aber konnte nicht zur Klarheit und zur Ruhe kommen. Wochen dauerte mein Kampf. Warum konnte ich nicht Nein sagen, wie ich doch wollte? Es war wieder die seltsame Macht, die mich gegen meinen Willen zwang, der ich mich schließlich doch fügen mußte. Von der einen Seite rief die Heimat, die zerstörte, fremdgewordene, der alte Beruf, von der anderen Seite war ein noch ungeklärter Weg, auf dem aber so viele standen: Kranke, Ratlose, und des Doktors Stimme sagte: »Wir brauchen Sie.« Eines Tages war die Klarheit da, und mit ihr kam ein freudiger Mut, ich sah meinen Weg und war entschlossen, ihn zu gehen: er führte nach Königsfeld. Sobald mein Entschluß gefaßt war, schrieb ich dem Doktor: »Ja, ich käme! Im April reiste ich zurück. Als ich in den Zug der Schwarzwaldbahn stieg, kam es plötzlich wie eine namenlose Angst über mich, es überfiel mich ein Heimweh, wie ich es nie gekannt. Ich litt fast körperliche Schmerzen. Es war, als müßte ich aus dem Zuge springen und zu Fuß gehen, immer weiter, bis ich in die Heimat käme! Ich sah nicht das blühende Land, durch das ich fuhr, nicht den wunderbaren Frühling des Südens, ich sah nur die Fremde und ein neues Leben, in das ich nicht hinein wollte. Als ich auf der Station Peterzell ankam, hatte ich mich wieder gefunden. Der warme Empfang, der auf mich wartete, nahm mir bald die Angst. Und dann war meine alte Freundin Adel Lang gekommen, das war eine große Hilfe. Sie hatte ihre Schüler in Stuttgart im Stich gelassen, um mir beim ersten Einleben zu helfen. Der Anfang war nicht leicht, bis ich meine Arbeit fand und überblickte, denn ich sollte eine Stellung einnehmen, eine Arbeit leisten, die bisher noch nicht dagewesen war. Da fiel mir ein Wort ein, das ich einmal gelesen hatte: »Habe nur Liebe im Herzen, dann kommt das andere ganz von selbst.« Dieses Wort half mir, ich fand mich bald zurecht. Ich habe mich gut mit dem Doktor in der Arbeit verstanden, denn sein Wollen war gut und rein. Wir haben uns zeitweise wundervoll in die Hände gearbeitet. Ich lebte zuerst in einem Zimmer, das ich mir gemietet hatte, den Tag über war ich im Sanatorium. Im Juni siedelte ich ins Landhaus des Doktors über, das zwanzig Minuten vom Ort entfernt am Waldrande lag. Der Umzug dorthin wurde von sämtlichen Patienten besorgt, sie kamen mit kleinen, bekränzten Handwagen und schleppten stückweise meine Habe hin. Eine von ihnen hatte ein Umzugslied gedichtet auf eine bekannte Volksmelodie, das wurde beim Transport gesungen. Mit Liebe denke ich an die zwei Zimmer in des Doktors Landhaus, die mein Reich waren. Die Wände waren holzgetäfelt, auf dem breiten Tritt vor dem Fenster stand ein altertümlicher Lehnstuhl, der Blick ging über den Blumengarten hin zum Walde. Welch ein Frieden, welch ein Duft war um mich her, wenn ich am Fenster saß und hinausblickte. Es war eine glückliche Zeit. Ich fühlte immer mehr, daß ich meinen Kranken etwas sein konnte, ich gewann sie lieb, denn ich lernte unter ihnen feine Menschen kennen. Doch lag auch manches Leid, manches dunkle Menschenschicksal lastend auf mir. Unter den Freunden des Doktors lernte ich auch so manche ungewöhnliche Persönlichkeit kennen; manchen von ihnen trat ich sehr nahe, sie wurden auch meine Freunde. Am vertrautesten wurde ich mit zwei Frankfurterinnen, Frau Professor Dreyfus und Frau Else Adler. Beide verstanden, Freunde zu sein, das habe ich oft erfahren. Als der Sommer in Königsfeld zu Ende war und sie wieder nach Frankfurt heimreisen mußten, luden sie mich auf vierzehn Tage zu sich ein. Im Oktober machte ich mich frei und reiste auf zwei Wochen zu ihnen. Ich wohnte bei Professor Dreyfus. Es war so eigen diese Stadt wiederzusehen, wo ich so viel Schönes und so viel Schweres erlebt hatte. Sie war mir doch sehr fremd geworden, und von meinen alten Freunden und Bekannten lebte niemand mehr dort. Es war eine Zeit voll konzentrierter geistiger und künstlerischer Genüsse, die ich hatte. Am Vormittag holte Frau Else mich ab und brachte mich in die Bildergalerien, sie war eine ideale Führerin, für die nur das Beste und Feinste existierte. Sie verstand es, voller Ehrfurcht vor großen Kunstwerken zu schweigen. Abends besuchte ich mit Frau Professor Dreyfus die Oper oder Konzerte, unter denen für mich nur das Schönste ausgesucht wurde. Professor Dreyfus, eine Autorität für Nervenleiden, interessierte sich für meinen kranken Arm und nahm mich in Behandlung. Er konnte mich nicht gesund machen, aber in seiner klugen, gütigen Art hat er mir unendlich geholfen. Er gab mir Gesichtspunkte und lehrte mich, mein Leiden zu bekämpfen, damit ich ihm nicht unterliege. Eine große Freude wurde mir zuteil, ehe ich wieder heimreiste. Ich hatte im Hause Dreyfus Fräulein Dessow kennen gelernt, die geniale Dirigentin des von ihr gegründeten berühmten Frauenchors. Sie hatte mich aufgefordert, eine Probe mit anzuhören, mit großer Freude folgte ich dieser Einladung. Sie studierte gerade einen mehrstimmigen Chor von Cherubini. Wie ein Feldherr stand die stolze, schöne Erscheinung vor ihrem feingeschulten Chor. Wie hatte sie ihn in der Hand! Als die Probe beendet war, erhoben sich die Sänger auf einen Wink ihrer Dirigentin noch einmal. Es gab eine Überraschung für mich, sie begannen: »Der Holdseligen sonder Dank,« ein Frauenchor von Brahms folgte dem andern. Ich hörte mit bewegter Seele zu. Wie oft hatten wir diese Chöre unter Stockhausen gesungen, und nun durfte ich sie hier in Frankfurt wieder hören. Es war, als woben sich goldene Fäden aus der Vergangenheit in die Gegenwart, ich fühlte plötzlich die ewigen Werte, die ein Kunstwerk hat. Da ist kein Gebundensein an Zeit und Raum, nur wir waren jung und wurden alt, aber in unvergänglicher Schönheit strahlten die Lieder heute wie vor vierzig Jahren. Wir, die wir sie einst mit großer Begeisterung gesungen, sangen nicht mehr, aber an unsere Stelle waren wieder andere junge, frohe Sänger gekommen, und unter ihrem Singen erstanden die Lieder wieder neu. Zum Schluß erklang der »Bräutigam« von Brahms: »Von allen Bergen wieder So fröhlich Grüßen schallt.« Es wurde mit wundervollem Schwung vorgetragen und in einem Tempo, an dem auch Stockhausen sich hätte freuen müssen. Sie hatten geschlossen, ich sah freudige Gesichter, die erwartungsvoll ihre Blicke auf mich richteten. Da erhob ich mich und wollte einige Worte des Dankes zum Chor sprechen, aber die Erinnerung überwältigte mich so stark, daß ich in Tränen ausbrach. »Das war unser schönster Lohn,« sagte die Dirigentin leise zu mir, als ich schluchzend ihre Hand ergriff. Anfang und Ende; und dazwischen lag das Leben mit seiner Schönheit und seinem furchtbaren Ernst. Unsere Waldgottesdienste Ich halte jeden Sonntag vormittag mit den Patienten des Sanatoriums eine Andacht. Ich lese mit ihnen einen Abschnitt aus der Bibel und eine Predigt, dann singen wir. Wenn der Sommer kommt, ziehen wir in den Wald. »Waldgottesdienste« nennen wir diese Zusammenkünfte, und wir hängen sehr an dieser Sonntagsfeier. Sehr bescheiden hatte ich angefangen, nur mit zweien, jetzt sind wir eine große Schar geworden. Man hat mir die Nachricht gebracht, daß die »Ginsterhalde« in voller Blüte steht. So nennen wir einen Berg, der abgeholzt, frei in der Sonne liegt und über und über mit Ginsterbüschen bewachsen ist. Wenn er in voller Blüte steht, strahlt und leuchtet er im Sonnenschein wie lichtes Gold. Es ist ein wunderbarer Sonntagmorgen, alles hat sich vor dem Sanatorium versammelt. Wir wollen zur »Ginsterhalde«, wo ich heute die Morgenandacht halten will. Als das Städtchen hinter uns liegt, beginnen wir zu singen: »Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Enden.« Es ist das alte Kreuzfahrerlied, und man sieht in ihm die Scharen dem heiligen Lande entgegenwandern. In diesem Liede schaut man alles, was ihre sehnsüchtigen Augen an Schönheit unterwegs erblicken: »Schön sind die Wälder, schöner die Felder In der schönen Sommerzeit.« Wir wandern durch eine Birkenallee, die im ersten Sommergrün prangt. An unserem Wege liegen blühende Wiesen in einer Blumenpracht, wie ich sie sonst nirgendwo gesehen. Dann tauchen wir in den Waldesschatten, ein kurzer Weg noch, der Wald ist zu Ende, vor uns liegt die Ginsterhalde in leuchtender Schönheit, in goldener Fülle. Für mich ist bald ein Baumstumpf entdeckt, auf dem ich etwas erhöht sitzen kann, um mich lagern sich meine Begleiterinnen. Neben mir sitzt mein »Küsterlein«, eine junge Patientin, der ich diesen Namen gegeben habe, denn sie trägt mir immer die Bücher zu den Waldgottesdiensten. Ich lese auch heute ein Kapitel aus der Bibel, und dann eine Predigt von Rittelmeyer. Ich habe die Predigt gewählt über Markus 2,1–12 von Jesus, dem Lichtboten. Ich liebe sie, weil sie voller Helligkeit ist. Sie redet von der Sehnsucht der Deutschen nach Licht, die sich in ihren Sagen, ihren Dichtungen so ergreifend ausspricht. Der Verfasser zeigt uns Christus als die höchste Erfüllung dieses Sehnens und macht uns Mut, die Sehnsucht in Taten umzusetzen. Und dann singen wir, Lied auf Lied. Ich lasse meinen Blick über die Versammelten gleiten, meine Kranken, denen mein Lieben und Sorgen gehört. Wie liebe ich sie! Wie viel habe ich immer wieder mit ihnen zu teilen, sie zu trösten, ihnen zu helfen und sie über die dunklen Tage, die im Krankenleben so oft vorkommen, hinüberzutragen. Mit jeder von ihnen verbindet mich ein Band mehr oder weniger stark. Nun habe ich sie alle verlassen, und jede geht ihren Weg, aber meine Gedanken suchen sie oft in der weiten Welt. Ein Musikabend Wie schön sind die stillen Sommerabende in Königsfeld, das so weltfern, abgeschlossen, von keiner Eisenbahn berührt, mit seinen bunten Wiesen mitten unter ernsten, dunklen Wäldern in den Bergen liegt! Ungefähr zwanzig Minuten entfernt vom Städtchen, hoch am Waldrand gelegen, steht ein kleiner Pavillon: er gehört zum Doktorshause und ist vollständig eingerichtet; im Sommer läßt der Doktor sein Klavier hintragen, wir musizieren dort viel des Abends. Vom Pavillon aus hat man einen herrlichen Blick über den Garten, über weite, grüne Felder und unermeßliche Wälder. Die Türen des Pavillons stehen weit offen. Den Weg von Königsfeld herauf über die Wiesenpfade und Waldwege sieht man Menschen heraufpilgern. Am Saum des Waldes – auf der Wiese vor dem Pavillon – am Wegrande haben sich viele gelagert. Sie sitzen einzeln oder in Gruppen beisammen; und immer neue Scharen ziehen nach. Die ganze Landschaft ist belebt durch dieses bunte, reizvolle Bild. Wir haben einen Musikabend mit Rezitationen angesagt, der im Pavillon stattfinden soll; die Wiese davor ist der Konzertsaal. Der ganze Ort ist eingeladen, daran teilzunehmen, und jeder ist willkommen. Die untergehende Sonne liegt schimmernd auf den Wiesen, aus den fernen Tälern steigen Nebel, der Himmel ist klar und hell. Nun ist alles versammelt, und das Konzert beginnt: auf die Veranda des Pavillons tritt eine Geigerin, eine schlanke, vornehme Erscheinung. Sie steht eine Weile still da, mit ihrem Instrument im Arm. Dann hebt sie die Geige und, vom Klavier begleitet, erklingt durch den lauen Sommerabend das »Air« von Bach. Wunderbar edel, dunkel und stark ziehen die Töne durch die Abendstille. Ist es auch keine Künstlerhand, die den Bogen führt, so ist es doch eine Künstlerseele und ein warm empfindendes Künstlerherz, das aus den Tönen der Geige spricht. Die Geigerin fühlt die Schönheit, das Licht und die Ruhe um sich; und alles, was ihr Auge schaut, redet lebendig aus ihren Tönen. Es ist, als sollte man Bach nur so hören, unter dem lichten Abendhimmel, in einem Konzertsaale, dessen Boden von grünem Rasen und Blumen gebildet ist, dessen Wände hohe, ernste Schwarzwaldtannen sind, und dessen Decke der Sternenhimmel. Dann folgen Präludium und Fuge von Bach und ein Satz aus einer Sonate von Beethoven für Klavier. Da man die Pianistin nicht sieht, wirkt diese Musik merkwürdig geheimnisvoll und losgelöst vom Menschentum. Mich rührt das Spiel zu Tränen; denn die da spielt, ist meine alte Jugendfreundin Annie Sokolowski aus Riga, die auf einige Zeit zu mir in den Schwarzwald gekommen ist. Jeder Ton berührt mich bekannt und vertraut, wie ein Gruß aus Heimat und Jugendzeit. Es folgen noch einige alte Italiener für Violine und Klavier; und der erste Teil des Konzerts ist zu Ende. Die Musik schweigt; aber niemand spricht; alles horcht den verklungenen Tönen nach. Nun steht die Rezitatorin auf den Stufen der kleinen Veranda; sie ist noch jung, ihr Gesicht blaß, ein Heimatkind, eine meiner Schülerinnen, die mir auf einige Sommerwochen hierher gefolgt ist, um weiter zu studieren. Die Sonne ist hinter den fernen Tannenwipfeln versunken, ihr letzter Abglanz liegt noch auf der hellen Stirn, dem weißen Kleide des jungen Mädchens, das ernst und gesammelt dasteht. Wir haben das Programm sorgfältig zusammengestellt und der Stimmung des Abends angepaßt. Sie beginnt mit Hölderlins »Abendphantasie«. Ihre Stimme klingt klar und ruhig und voller Wohllaut; eine Seele liegt in ihr: »Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt Der Pflüger. Dem Genügsamen raucht sein Herd! Gastfreundlich tönt dem Wanderer im Friedlichen Dorfe die Abendglocke. Ein Gedicht folgt dem anderen. Die junge Stimme erzählt von Wandersehnsucht und Frühlingslust, von Sommerstille und dunklen Wäldern. Sie erzählt von silbernem Mondschein und rauschenden Mühlen, von Sehnsucht und Schmerzen und schließt mit der »Abendandacht« von Hermann Hesse. »Jeden Abend sollst du deinen Tag Prüfen, ob er Gott gefallen mag.« Unterdessen ist die Dämmerung herangekommen. Ein Stern nach dem anderen leuchtet am Abendhimmel auf, und über dem Walde steht der Mond. Es ist, als hörte man die Stille. Und nur die Grillen zirpen im Grase. Da erhebe ich meine Stimme und beginne zu singen: »Der Mond ist aufgegangen. Die gold'nen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar.« Eine Stimme nach der anderen fällt ein; zuletzt singt alles mit. Es ist ein schöner, voller Chor, der über die Wipfel der Bäume zu den Sternen emporsteigt. »Wie ist die Welt so stille, Und in der Dämm'rung Hülle So traulich und so hold. Wie eine stille Kammer, Da ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt.« – – Nun ist alles heimgegangen, nur der Mondschein liegt auf dem Rasenplatz, auf dem eben noch so buntes Leben herrschte. Ich sitze allein auf den verlassenen Stufen des Pavillons. Schwer strömt der Duft der Sommerblumen aus dem Doktorsgarten zu mir herüber. Die ganze Welt ist in Mondlicht getaucht; und in mir klingt das Lied nach, das wir eben gesungen. Und plötzlich erwacht die Erinnerung in mir an einen Abend vor vielen, vielen Jahren. Es war auch ein Sommerabend voller Mondschein, wie heute. Wir wanderten über die Landstraße in der Heimat und ich war jung! Weite, stille Wiesen und Felder, ein lauschendes Flüßchen, Abendnebel auf den Wiesen, und vor uns lag das Städtchen Weißenstein im stillen Mondlicht. Meine junge Mädchenhand lag in Onkel Hermanns alter, treuer Hand, und wir sangen: »Wie ist die Welt so stille – – Wie eine stille Kammer, Da ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt.« Wie hell hatte damals meine Stimme geklungen! Wie ahnungslos! »Des Tages Jammer«, ja, was ahnte meine junge Seele damals davon? Nun hatte ich ihn kennen gelernt, unermeßlichen Jammer, eigenen und fremden. Wie fern lag die Heimat, die geliebte! Zerstört und verloren war sie, und tot waren die, mit denen ich damals gewandert und gesungen. Da stand meine Jugendfreundin Annie vor mir. Sie hatte mich unter den Heimkehrenden vermißt und war umgekehrt, mich zu suchen. Ich erhob mich und ging mit ihr heim. Ihre Nähe hatte etwas in mir geweckt, das schlummerte und nun erwacht war: das Heimweh. Würde mein Weg mich jemals wieder in die Heimat zurückführen? Es war ein weiter Weg von hier bis zu ihr hin. Aber in diesem Augenblicke wußte ich es: ich würde ihn wiederfinden und ihn gehen! Loslösung von Königsfeld Zu Ende des Sommers erhielt ich einen Brief von Tempe Seng, in welchem sie mir ihren Besuch auf zwei Tage ankündigte. Ich hatte lange Jahre kaum etwas von ihr gehört, der Krieg hatte uns getrennt. Nur das wußte ich, daß sie viel krank gewesen war und ihr Singen zeitweise ganz aufgeben mußte. Sie schrieb mir kurz, daß sie seit Jahren in der Schweiz lebte und bei Cairati wieder angefangen hatte zu singen; nun aber wollte sie nach Heidelberg zu ihren Eltern zurück und dachte daran, ihren Beruf wieder aufzunehmen. Welch eine Freude war das für mich, sie auf dem kleinen Bahnhof in Peterzell zu erwarten. Wir hatten uns acht Jahre nicht gesehen. Als sie mit mir die Schwelle des Doktorhauses überschritt, wußten wir beide nicht, daß sie ihre zukünftige Heimat betrat. Am Tage nach der Ankunft hatten wir ihr zu Ehren einen Musikabend in der »Luisenruh« arrangiert. Ich habe sie kaum jemals so schön singen gehört wie an dem Abend; ihre Stimme war durch die Studien bei Cairati frei und klangvoll geworden, man hatte sonst so leicht in ihr einen leisen Zwang gespürt. Sie sang so selbstverständlich und gab sich auch seelisch ganz frei, dabei sah sie so schön und eigenartig im weißen Kleide aus, alles wirkte harmonisch, daß ich meine ungetrübte Freude an ihr hatte. Meine Kritik, die auch bei meinen früheren Schülern nie schwieg, hatte an diesem Abend kaum etwas zu tun. Als wir nach dem Konzert nach Hause gingen, sprach der sonst so redefrohe Doktor kein Wort – sein Schicksal war besiegelt. Als Tempe das nächstemal wiederkam, war sie seine glückliche Braut, gleich nach Weihnachten war die Hochzeit. Wie seltsam verbinden sich doch die Menschenwege untereinander! Ich hatte das Doktorhaus verlassen, lebte im Städtchen und widmete mich nun ganz meinen Kranken. In diesem Winter entstanden »Menschen, die ich erlebte« und »Meine Weihnachten«. Immer waren liebe Hände bereit, für mich zu schreiben, zu flicken und zu nähen, so daß ich die Hilflosigkeit meiner Hand nicht so stark empfand. Das Leben war jedoch nicht so harmonisch wie im ersten Winter; es gab Kämpfe und Streitigkeiten, die einem das Atmen mühsam und die Seele matt und traurig machten. Wir hatten auch sehr schwere Patienten, deren Leiden manchmal wie eine dunkle Last auf mir lagen. Immer wieder mußte ich es lernen, daß man im Grunde den Menschen doch nur wenig helfen kann. In diesem Winter war ich auch viel krank, und trotz liebevollster Pflege konnte ich mich von diesen Krankheitsanfällen nur langsam erholen. Irgend etwas zehrte an mir, ich wollte es nicht aufkommen lassen und unterlag ihm schließlich doch, es war das Heimweh. Meine Wurzeln lagen zu tief im Heimatboden, da war nichts zu machen. Der Sommer kam heran, so reich an Blüten, so wunderschön wie auch im vorigen Jahr, mir aber war's klar geworden, daß ich fortmüßte. Diese Erkenntnis wuchs aus den Verhältnissen heraus, denen ich mich nicht mehr gewachsen fühlte. Ich sprach mit keinem davon, bis mein Entschluß ganz fest stand. Dann schlug mir die Stunde des Abschieds von dem Ort, den ich liebgewonnen, und der mir doch keine Heimat geworden war. Meine Aufgabe dort war erfüllt, und mein Weg führte mich fort aus den stillen Wäldern von meinen lieben Kranken, noch wußte ich nicht wohin. Meine Sehnsucht rief mich in die Heimat, aber noch boten sich mir dort keine Existenzmöglichkeiten, noch mußte ich warten, »bis die Zeit erfüllet würde«, wie eins meiner Lieblingsworte aus der Bibel heißt. Doch war ich auch bereit, in Deutschland zu bleiben, wenn sich da ein Weg für mich finden sollte. Am letzten Abend in Königsfeld, als ich mein Spruchbüchlein öffnete, fand ich für den Tag folgenden Spruch: »Ich, der Herr, habe dich aus Ägyptenland geführt und werde dir das Land zeigen, wo du hingehen sollst.« Da war wieder die starke Hand, die mich die letzten Jahre so spürbar geführt, und ich sah der Zukunft voll Ruhe entgegen. Zuerst ging ich auf einige Tage nach Stuttgart zu Adel Lang. Sie empfing mich mit der Nachricht, daß Edith Wehner, unsere Londoner Freundin, eben in Stuttgart sei. Sie wußte nichts davon, daß ich eben angekommen war. Das war eine Überraschung und ein frohes Wiedersehen! Wie viel gab es zu erzählen, denn seit dem letzten Sommer in Neuhäuser hatten wir uns nicht gesehen. Abends gingen wir miteinander in die Oper, wo wir Rhoda von Glehn als Traviata sahen; sie war in den Felliner Kursen Mühlens Schülerin gewesen, und nun war sie der Stern der Stuttgarter Oper. Nach der Aufführung vereinigten wir uns in einem Restaurant, wo die »Valutafürstin«, wie wir Edith Wehner nannten, uns ein köstliches Festessen gab, an dem Rhoda von Glehn und deren Mann auch teilnahmen. Nun war ich wieder mit einem Schlage in meiner alten Welt und fühlte mit Freuden, wie stark sie doch die meine geblieben war. Von Stuttgart ging ich auf einige Wochen nach Heilbronn ins Haus meiner Verwandten. Meine Nichte war ein fröhliches Menschenkind, und über ihrem Hause lag's wie Sonnenschein. Mein Neffe ließ sie in allem gewähren, und wenn er am Abend aus seinem Geschäft nach Hause kam, war's als atmete er Behagen und Ruhe aus. Sie hatten nur einen Sohn, der Musiker werden wollte und mit eiserner Energie nur diesem einen Ziel entgegenstrebte. Wir sind die beiden einzigen aus unserer großen, musikalischen Familie, die die Musik zu ihrem Lebensberuf gemacht haben. Möchte der Weg dieses schön veranlagten jungen Menschen so reich werden, wie es der meine war. In Heilbronn habe ich auch öfter das Haus meines Verlegers, Eugen Salzer, besucht. Ich fühlte mich dort wohl und heimisch in der schlichten Häuslichkeit bei den warmen Menschen, die mir mit einer großen Herzlichkeit entgegenkamen. Ich habe die Empfindung, als ob die Süddeutschen in ihrer Art sich zu geben, uns Balten viel verwandter wären als die Norddeutschen, mir scheint's, als lebten sie viel mehr aus dem Gemüt heraus, man fühlt sich unter ihnen bald heimisch. Mit Frau Salzer ging es mir eigen, als ich sie zum erstenmal sah, war mir's, als hätte ich sie längst gekannt. Als ich das gegen sie aussprach, lächelte sie: »Mir ist's mit Ihnen genau ebenso gegangen.« Es war ein klarer Herbstnachmittag, als ich dem Ehepaar auf einem Spaziergang begegnete. Sie sagten, sie wären auf dem Wege zu ihrem Weinberg, ob ich sie nicht begleiten wolle. Mit Freuden schloß ich mich ihnen an. Ein Weinberg ist für einen Nordländer etwas ganz Besonderes, ich war noch in keinem gewesen. Mit großer Freude bin ich in ihm umhergewandert und habe mich an den großen blauen Trauben gefreut, wie sie so schwer an den Weinstöcken hingen. Von der stillen Höhe hatte man einen weiten Blick auf Heilbronn, das tief unten im Tale lag, und in die Ferne, wo sich bewaldete Berge im blauen Duft verloren. Es war ein wundervoller, kleiner Besitz! Auf der Höhe des Weinbergs zogen sich Gemüsebeete hin, Obstbäume, schwer an Früchten, standen im Gelände und ein Baum mit goldfarbigen Quitten beladen, den Herr Salzer den »Baum der Hesperiden« nannte. Überall führte er mich umher, machte mich auf alles Schöne aufmerksam. Unterdessen holte Frau Salzer einen Liegestuhl für mich aus dem Gartenhäuschen, den sie an einer Stelle des Gartens aufstellte, von wo ich einen wunderbaren Blick in die Ferne hatte. Dann brachte sie eine Flasche selbstgekelterten Wein, ein Glas und einen Teller mit köstlichen Trauben; alles das stellte sie auf ein Tischchen, das sie an den Stuhl heranrückte, auf den ich mich legen mußte. Mein Blick ging in die Ferne, um mich blühten und dufteten Herbstblumen, die Sonne war hinter dem Berge verschwunden, und es war, als hätte sie ihr goldenes Licht auf dem »Baum der Hesperiden« liegen lassen. Die Dämmerung wob einen zarten Duft um Heilbronn, sie hüllte die Dächer, die alten Türme und Mauern in ihre sanften Schleier, so daß die Stadt in unwirklicher Schönheit, der Erdenschwere entrückt, wie ein Traumbild erschien. Da begann das Abendläuten; zuerst war's eine Glocke, dann läuteten sie alle, durch die schwere Herbstluft kam der Klang nur gedämpft zu mir; hinter den Bergen glühte es noch golden-rot. Ob die Frau mit den fleißigen Händen und der schönheitsdurstigen Seele das sieht? mußte ich denken. Ich suchte sie mit den Blicken – ja, sie sah alles! Hochaufgerichtet stand sie da und blickte mit den dunklen Augen auf das wunderbare Bild, das vor ihr lag. Sie hielt die Hände gefaltet, und über die stille Gestalt hinweg zogen die gedämpften Glockentöne, die aus der Tiefe klangen. Anfang Oktober ging's weiter nach Berlin, froh und geborgen fühlte ich mich, als ich mit meiner Nichte und meinem Neffen im Auto saß. Es war schon wie ein Stückchen Heimkehr. Ich lebte gern in der schönen Villa meines Neffen, die in Steglitz vornehm in einem großen Garten lag. Den Tag über war es sehr still in dem großen, kinderlosen Hause. »Wie in einem Sanatorium,« sagten wir. Ich stand meiner Nichte sehr nahe, sie war ein klarer, wahrhaftiger Mensch und eine mustergültige Hausfrau. Ihre schöne, vornehme Erscheinung paßte in den Rahmen des Hauses, das sie mit natürlicher Würde leitete. Alles um sie her war geordnet, und es tat mir wohl, eine Weile in Reichtum und Schönheit zu leben. Abends kam mein Neffe aus der Stadt, und mit ihm sprudelndes Leben. Er war ein genialer Kaufherr im großen Stil und ist der einzige in seinem Beruf, der mir begegnet ist, dem ich stundenlang zuhören konnte, wenn er über seine Arbeit sprach. Er faßte sie mit einem weiten Blick und fast künstlerischem Schwung auf, neben dem eine kluge Nüchternheit Platz fand. Durch ihn gewann ich für den Kaufmannsstand eine ganz andere Wertschätzung als früher. Ich begriff seine historische Bedeutung und seine Kulturaufgabe für die Völker. Doch waren es nicht nur kaufmännische Interessen, die er pflegte, sondern auch künstlerische, vor allem musikalische, die seine Frau getreulich mit ihm teilte. Einige Monate blieb ich in Berlin, genoß das Zusammensein mit meinen Verwandten und Freunden und arbeitete an diesem Buch, das ich schon in Königsfeld begonnen hatte. Öfters ging ich für den ganzen Tag zu Jekelius', hörte ihre Stunden an, freute mich an ihrem Singen und ließ mich von Eva-Monika beherrschen. Sie war nun fast drei Jahre alt, ein großes, starkes Kind, klug und aufgeweckt weit über ihre Jahre. So klein sie war, regierte sie eigentlich das Haus, denn ihr Wille war gewaltig. Ich nannte sie nur das »Löwenkind«. Wenn sie sich unbeobachtet glaubte, sang sie bei ihren Spielen mit süßer Vogelstimme Lieder und Händelsche Koloraturen, die sie in den Singstunden ihrer Eltern gehört hatte. Einmal versuchte ich dazu die zweite Stimme zu singen, sie schwieg sofort, und sah mich vernichtend an. »Du singst ganz falsch,« sagte sie, »so darf man nicht singen.« »Wollen wir noch einmal zusammen singen,« sagte ich überredend, »dann wirst du hören, wie hübsch das klingt.« Sie schüttelte energisch ihren blonden Lockenkopf. »Nein,« sagte sie, »nein, du singst falsch, und falsch darf man nicht singen.« In dieser Zeit erhielt ich eine Nachricht, die mich schmerzlich traf. Mein alter Freund Hans Schmidt war schwer erkrankt, und der Arzt gab keine Hoffnung mehr auf Genesung. Für ihn, den Lebensfrohen, war es ein unendlich qualvolles Sich-losreißenmüssen von seiner Arbeit, von jedem Verkehr und vor allem von seiner Musik. Weihnachten war herangekommen, und da kam für mich das schönste Weihnachtsgeschenk: der Weg zur Heimat wurde plötzlich frei. Freunde riefen mich, Freunde ebneten mir die Wege, ein Freundeshaus öffnete sich mir und bot mir Heimat und Zuflucht. »Die Zeit war erfüllet,« ich konnte heim. Lebensabend in der Heimat Heimkehr Nach fast vierjährigem Fernsein an einem Sonntagmorgen, Anfang Februar 1923, kam ich wieder in Riga an. Als ich mein neues Heim betrat, fand ich mein Zimmer mit meinen Sachen eingerichtet, die von Freundeshand während der Zeit meiner Abwesenheit behütet waren und nun, liebevoll bereitgestellt, mich grüßten. Es war alles so unwirklich: das neue Heim, die fremden Räume mit den alten, vertrauten Sachen, das Wunder, die Heimat, die man so oft im Traum geschaut, nun mit wachen Augen wiederzusehen, die alten Freunde, die mit tiefer Bewegung mich willkommen hießen – es war, als könnte man alles gar nicht tragen. Und wie eine Glocke klang es unaufhörlich in meinem Herzen: Nie, nie wieder gehe ich fort in die Fremde. Am Nachmittag des ersten Tages um die Kaffeestunde versammelte sich alles, was noch an alten Freunden in Riga war, bei uns und empfing mich, als ich ins Zimmer trat, mit dem Choral: »Lobe den Herrn, o meine Seele.« Der Kaffeetisch war mit meinen Tassen und meinem Silber gedeckt, alles war voller Blumen. Wir setzten uns, im Kamin brannte ein Feuer. Unaufhörlich ging die Glocke, immer wieder wurden Briefe, Blumen, Gebäck und sonst allerlei gebracht, fast reichten Tisch und Stühle nicht mehr für die Fülle der Gaben. Es waren nicht nur die alten Freunde, die in solcher Weise an mich dachten, auch Fernstehende hießen mich in der Heimat willkommen. Wie reich machte mich diese Freundschaft und Liebe! Immer wieder wurde ich von diesem und jenem gefragt: »Nicht wahr, du gehst nicht wieder fort?« Wie hatte ich nur so lange fortbleiben können? Hierher gehörte ich, hier hatte ich die Wurzeln meines Lebens. Am anderen Morgen weckte mich das Engelterzett aus dem »Elias« von drei schönen Stimmen gesungen: »Hebe deine Augen auf.« Es waren Freundinnen, ehemalige Schülerinnen, die mich damit weckten. Ich lag ganz still und horchte auf das Singen und sagte mir immer wieder das eine: ich bin daheim! Der Alltag trat nun in seine Rechte, aber es gab ja gar keinen Alltag, denn die Festtagsfreude erlosch nicht im Herzen. Immer noch kamen Bekannte, um mich wiederzusehen, frühere Schülerinnen; manche brachten mir ihre Kinder, die ich noch nicht kannte, und die mit Blumen in den kleinen Händen mich grüßten. Auf die Straße wagte ich mich in der ersten Zeit nur ungern, denn das Straßenbild war ein anderes geworden, Riga war keine deutsche Stadt mehr, sondern eine lettische. Überall las ich lettische Aufschriften, hörte fast nur lettisch sprechen, das alles war seltsam und fremd. Aber dieser erste Eindruck verlor sich, und immer mehr kam das alte Riga für mich zum Vorschein, standen doch die alten Häuser, unsere lieben Kirchen noch, lebte doch noch überall die frühere Wärme und Hilfsbereitschaft unter uns. Mein erster Ausgang galt dem alten Freunde Hans Schmidt, der schwer leidend war; als er meine Stimme hörte, kam er mir sofort entgegen. Kaum konnte ich meiner Bewegung Herr werden. Als ich seine bebenden Hände ergriff und ihm ins verstörte Gesicht blickte, wußte ich, daß er ein dem Tode Geweihter war. Immer wieder dachte ich: wie schön, daß ich kam, wie gut, daß ich da sein darf, vielleicht kann ich dem Freunde, dem ich so unendlich viel zu danken habe, doch eine kleine Erleichterung, ein Stückchen Freude und Freundschaft für die letzte Zeit seines Lebens bringen. Ich saß ihm gegenüber in seinem schönen, mir so vertrauten Heim und versuchte, fröhlich und mutig mit ihm zu reden. Der Jammer um ihn zerriß mir das Herz. Sein Gesicht war merkwürdig starr, der Ausdruck seiner Augen fast hart, kein Lächeln trat auf seine Lippen. Er hatte zu viel gelitten, das fühlte ich. »Es ist gut, daß Sie da sind,« sagte er plötzlich, »es ist wirklich gut.« Dabei traten Tränen in seine Augen und rollten langsam die Wangen herab. Es waren ihm noch schwere Leiden vorbehalten: sein klarer Geist wurde dunkel und sein beredter Mund stumm, aber er war nicht allein. Sein Freund, der seit Jahren sein Leben mit ihm geteilt hatte, nahm in unwandelbarer Treue und unendlicher Geduld sein Leiden mit auf sich. Er ging mit ihm, bis er seine Augen schloß. Es war Herbst, als er starb. Er, der der Inbegriff des Lebens war, dessen ganze Natur sich gegen Sterben und Vergehen aufbäumte, er, dem vor dem Tode graute, weil er in ihm den Vernichter des Lebens fürchtete, das alles, alles half nichts – er mußte sterben. »Also ward der Mensch eine lebendige Seele«, war der Text seiner Grabrede. Eine lebendige Seele, das war er – eine lebenspendende. Als man seinen Sarg aus dem Hause trug, sangen wir: »Licht nach dem Dunkel, Ruhe nach Streit! Sonne nach Regen, Wonne nach Leid!« Er ruht unter seinem Grabhügel, auf dem Blumen blühn, aber nicht dort suche ich ihn, sondern in meinem Leben. Es war seltsam, aber ich hatte fest daran geglaubt, daß die Heimat mir völlige Genesung von meinem Nervenleiden bringen würde. An diesem Glauben hielt ich noch immer, auch als Monate vergangen waren und ich keine Besserung spürte. Es war oft eine große Unruhe in mir, denn immer wieder dachte ich, es käme nur darauf an, den richtigen Weg zu finden, um gesund zu werden. Da kam eine Autorität für derartige Erkrankungen aus Deutschland nach Riga, Freunde konsultierten ihn für mich. Nach genauester Untersuchung nahm er mir jede Hoffnung auf Genesung. Aber diese Erkenntnis, so hart sie auch war, hat mir doch allmählich ein großes Stück Ruhe gegeben und damit einen Teil meiner alten Leistungsfähigkeit. Mein ganzes Leben ist jetzt auf einen stillen Kampf gestellt, auf einen Kampf gegen Schwäche und drohende Hilflosigkeit. Es gibt ein wunderschönes Pauluswort, das von der Kraft spricht, die grade in den Schwachen mächtig ist. Dieses habe ich selbst erlebt. Manchmal ist mir's, als leistete ich jetzt sogar mehr als früher, denn ich habe zwei Berufe, von denen jeder eigentlich einen ganzen Menschen fordert: meine Gesangstunden und meinen Schriftstellerberuf. Oft fühle ich zu meinem eigenen Staunen, daß dieser Kampf nicht schwach macht, sondern stark, und daß das Leben durch ihn nicht ärmer, sondern reicher und vertiefter wird. Ich wohne noch immer in dem Freundeshause, das mich bei meiner Heimkehr aufnahm, mit dessen Leben ich mich stets fester und tiefer verwachsen fühle. Zarte Fürsorge und feines Verstehen umgeben mich, und viele freundliche Hände sind hilfreich für mich da und lassen mich meine Krankheit nicht gar zu schwer empfinden. Wenn ich in meinem schönen Musikzimmer am Fenster sitze, blicke ich auf eine Gruppe edler, hoher Schwarzwaldtannen. Wenn sie im Winter vom Schnee tief gebeugt dastehen, erinnern sie mich an meinen lieben Wald in Königsfeld, meine Gedanken ziehen dahin, aber ohne Sehnsucht, denn die Wanderlust in mir hebt nie mehr die Flügel. Der Vogel hat sein Haus gefunden Und die Schwalbe ihr Nest. In mein Zimmer voll Sonne und Blumen kommen so manche, die vom Leben müde geworden sind, denn es lastet oft schwer auf uns Balten, namentlich auf uns baltischen Frauen. Armut, übermäßige und ungewohnte Arbeit sind schwer zu tragen für solche, die bisher in breiten und bequemen Verhältnissen gelebt; es sind oft stille Heldinnen unter ihnen. Mich macht es glücklich, wenn sie bei mir auf eine kleine Weile die Bürden ihres Lebens beiseite stellen und vergessen können. Nun ist's eine ganze Weile, daß ich wieder daheim bin. »Haben Sie sich auch eingelebt?« werde ich noch oft gefragt, und kann darauf nur eine Antwort geben: »Nie war ich ausgelebt aus der Heimat, in die ich gehöre, wie der Baum in sein Erdreich.« Ich habe wieder meine alte, künstlerische Arbeit gefunden und stehe mitten drin, voller Interesse, wie einst. Die Zeiten in Königsfeld, meine Arbeit dort, erscheinen mir oft, wie auf einem anderen Stern gelebt. So schließt mein Leben jetzt sich an das alte, das ich früher gelebt habe. Es ist wie sonst: Schüler kommen und geben, und den ganzen Tag erklingt Gesang aus meinem Zimmer. Wohl ist's eine andere Welt, die mich umgibt, eine andere Jugend, zum großen Teil ein anderes Volk, das sich zu meinen Stunden findet. Aber es ist doch die alte Arbeit, die man an neuen Menschenseelen leistet; und der Geist, aus dem ich arbeite, ist der alte. Wenn ich mein Leben überblicke, wie es mir jetzt aus diesem Buch entgegenstrahlt, so ist mir's, als müßte ich staunen über die Fülle, aus der ich schöpfen durfte, und ein Gefühl von Dankbarkeit erfüllt mich: Wie reich kann ein kleines Menschenleben sein! Aber es ist in der Hauptsache vorüber und gelebt. Wie ein Geschenk, mit dem man nicht mehr rechnen kann, ist in meinem Alter ein jedes Jahr, in dem man noch leben und arbeiten darf. Eine heimatliche Schriftstellerin sagt am Schlusse ihres Buches: es sei seltsam, daß man zuweilen so fühlen kann, als klängen Glück und Schmerz zusammen in einen Ton, das sei unbegreiflich, aber wunderbar schön! An diese Worte muß ich denken, jetzt, wo ich mein Buch schließe und mein Leben überschaue. Schmerz und Glück meines langen Lebens klingen mir zusammen aus in einem Ton, und der wird zu einem vollen, tiefen Dank für alles, was gewesen ist. Nun weiß ich es: es war trotz allem wunderbar schön zu leben; und wie es war, so war es gut.