Louis Couperus Das schwebende Schachbrett Vorwort In den meisten Fällen stimmt das Wort, das dem eigentlichen Werke vorangeht, den Leser mißmutig, der im allgemeinen jeder Vorrede abhold zu sein pflegt. Ich als Schriftsteller schwärme auch nicht dafür, aber in diesem besonderen Falle bin ich der Ansicht, daß meinem »Schwebenden Schachbrette« ein paar einleitende Bemerkungen von einigem Nutzen sein dürften und hoffe darum, daß der Leser sie nicht so unbeachtet lassen wird, wie ich selber – zu meiner Schande muß ich es gestehen – so manches Vorwort unbeachtet ließ. Denn um für den Abenteuerroman vom »Schwebenden Schachbrett« die rechte Stimmung zu finden, ist es zwar durchaus nicht erforderlich, daß der Leser alle mittelalterlichen Geschichten von Artur und seiner Tafelrunde kennt. Wohl aber hält es der Autor für seine Pflicht, ihn wenigstens im großen Umriß über die Atmosphäre aufzuklären, die dieses »Schwebende Schachbrett« umgibt. Wir wollen uns daher einen Augenblick daran erinnern, daß nach den großartigen, aber oftmals etwas derben mittelalterlichen Versen, die nach dem Tode Karls des Großen die Taten der tapferen Pairs des gewaltigen Kaisers besangen und für welche die Chanson de Roland ein prächtiges Beispiel ist, ein neues Ideal entsteht: für die Ritterschaft und für die Literatur, die sie besingt. Die Kreuzfahrer haben Jerusalem erobert, sie haben den Orient kennengelernt, sie sind mit ungeheuren Schätzen sowohl von materiellem Wert, wie auch von orientalischer Poesie in ihre Heimat zurückgekehrt, und völlig neue Ideen und Ideale schweben nun vor ihrer verfeinerten Seele. Ihr ritterlicher Geist ist nicht mehr einzig beseelt von dem Drange, mächtig und tapfer zu sein und allüberall zu herrschen. Man möchte sagen: während in den Karl-Romanen einem französisch-germanischen Ideal der Macht und der Kraft naiv gehuldigt wurde, schwebt in den Artur-Romanen als Folge der neuen Kultur den Rittern sowohl wie ihren Sängern ein durchaus lateinisches Ideal der »hoeveschheit« vor. Es ist sehr kompliziert, und mancherlei ist darin miteinander vermischt. Zuvörderst gilt noch die alte blinde Treue, die den Vasallen an seinen Lehnsherrn, den Ritter an seinen König bindet; später zeigt sie sich in der Form ehrfurchtsvoller Huldigung, die dieser selbe Ritter den Frauen darbringt. In den Karls-Sagen und Karls-Romanen war für die Frau und ihre zarte Weiblichkeit nur wenig Raum: allenfalls bekam sie von einem wütenden, ingrimmigen ritterlichen Gemahl einmal einen Faustschlag ins Gesicht, oder sie wurde, wenn es angebracht erschien, an den Haaren über den Boden geschleift. Das alles hat sich bald völlig verändert. Wenn es später noch ab und zu vorkommt, daß sich ein Ritter an einer Frau vergreift, so gilt er dafür als Bösewicht und Schurke, und jeder rechte höfische Mann wird sofort für die gekränkte Frau eintreten und gern sein Herzblut vergießen, um sie zu erlösen oder zu rächen. Und die schönste, höchst verehrte aller Frauen ist die heilige Jungfrau: ihr gilt des Ritters innigste Huldigung, und für sie wählt der Dichter, der sie besingt, seine ehrfurchtvollsten, zugleich aber auch galantesten Worte und kunstvollsten Gleichnisse. Ein neues Element in den Artur-Romanen bilden Magie und Zauberei. Keltische und wallisische Sagen, aus denen sie sich aufbauen, umweben ja eine historische Figur, den letzten Britenkönig Artur, und sind voll von Erinnerungen an wunderreiche Haine, Druiden-Mysterien, an frühere Jahrhunderte, darin ein seltsam finsteres, halb heidnisches, halb christliches Element sich in einer Natur offenbarte, die mit schweren Wolken, ewigen Winden und geheimnisvollen Wäldern und Wildnissen die Bewohner von Wallis, Britannien und Nordfrankreich umgab. Die Zeiten haben sich nun geändert. Der Ritter, der aus dem Heiligen Lande wiederkehrt, genießt in seinem Schlosse mit verfeinerten Sinnen einen feineren Luxus, nachdem er sich draußen in der Welt eine umfassendere Anschauung von Menschen und Dingen erworben hat. Er wünscht etwas über »sa propre vie en beau« zu erfahren, wie Taine sich ausdrückt, und der Dichter erfindet für ihn den neuen Ritterroman. Der Spielmann trägt ihn im Burgsaale vor, und an besonders charakteristischen Stellen begleitet seiner Fiedel Klang die epische Erzählung. Wie bezaubert lauschen die Edelfrauen diesem neuen Lied, darin sie so gewonnen haben und das in ihr nicht immer vergnügliches Burgleben einen neuen Reiz bringt. Der Ritter erkennt in der »chanson de geste«, wie der Roman heißt, seine eigenen, allerdings stark ausgeschmückten Erlebnisse wieder. Er kämpft mit Drachen, und wohl hundert Feinde erschlägt er allein in einer einzigen Stunde. Er zieht hinaus und nimmt den Kampf mit Riesen und noch fürchterlicheren Riesinnen auf. Und ganz besonders behagt es, von seltsam heiligen Zauberdingen voll geheimnisvoller Magie zu hören: von dem Heiligen Gral, zu dem die Ritter der Tafelrunde pilgern, von dem Speer des Longinus, der Gottes Sohn am Kreuz ins Herz traf und seither blutend durch die Lüfte schwebt. Es ist merkwürdig, wie in diesen gereimten Ritterromanen die Magie einer gewissen verfeinerten Mechanik verwandt ist, mit der geschickte Magister okkulter Wissenschaften in dem nach der entnervenden Überkultur der Antike von neuem naiv gewordenen frühesten Mittelalter auf einfache wie auch auf ritterliche Geister Eindruck zu machen verstanden. So hat man die Zauberphantasien, die von einem Jungbrunnen wissen wollen, die Wunderbäume aus Gold, auf denen goldene Vögelchen singen und unzählige andere Erscheinungen oft nur als mehr oder weniger effektvolle komplizierte mechanische Schöpfungen aufzufassen, um die des Sängers Wort dichterischen Schleier webt, ohne dem Leser zu verraten, daß der goldene Wunderbaum mit den goldenen Vögelchen hohl ist und über einem Gewölbe steht, in dem sechzehn Männer mit acht Blasebälgen künstlichen Wind erzeugen, um die Vögel zum Singen zu bringen ... In diese seltsame, unwirkliche, ritterliche, naiv-zauberhafte Atmosphäre – und in die Zeit etwa des elften Jahrhunderts, kurz vor der Gotik – wünscht der Dichter sich aus der Wirklichkeit seines eigenen Jahrhunderts zu flüchten, und er fordert den Leser auf, ihn zu begleiten. Und so mögen nun die Wolken weichen, die die ritterliche Tafelrunde noch den Blicken der Gegenwart verbergen, und das Schachbrett möge daherschweben, das der wackere Held Gawein suchen und finden und seinem Herrn und König bringen soll! Kapitel I In jenen zauberhaften Zeiten, als Schachbretter durch die Wolken schwebten, mag Logres wohl in England gelegen haben, vielleicht war es in Wallis zu finden. Es kann aber auch ebensogut irgendwo anders gewesen sein. Jedenfalls ist es wohl recht schwer, heute Gewißheit darüber zu gewinnen. Dazumal war Logres ein seltsames Land; es hatte keine Städte, keine Dörfer: nur Wälder und Burgen; »Volk« gab es auch nicht: nur Ritter, die ihrem König Artur dienten, und diese Ritter hatten Schildknappen und Edelknaben. Und dann gab es Zauberer. Und die Ritter und die Zauberer bewohnten die Burgen – und in den Wäldern hausten Drachen und andere Ungeheuer. Nur hin und wieder ritt einmal eine Jungfrau auf einem weißen Zelter durch diese Wälder – ganz allein, ganz einsam –, und die wurde dann von einem Zauberer verzaubert – oder beinahe von einem Drachen verschlungen –, dann aber stets wieder von dem tapfersten dieser tapferen Ritter erlöst: so schickte es sich ganz von selber. Und nun erst das starke Land Logres mit seinen Wäldern und Burgen vor uns aufgetaucht ist, nun sehen wir auch deutlicher, wie sich aus dem dunklen Nebel die Burg Camelot heraushebt, wo König Artur in Friedenszeiten weilt: und ob es schon keine Städte im Lande Logres gibt, so ist doch diese Burg selber beinahe so groß wie eine Stadt. Starke Mauern umschließen sie, und zwischen zweien ist immer ein tiefer Wassergraben. Und viele Türme recken sich weitausschauend über die Ebene, um die Burg, heben sich aus dem Kranze der Zinnen, die so schön romantisch und so schön romanisch viereckig gegen den merkwürdig blauen Himmel stehen; – wie starke Zähne sehen sie aus. Der Himmel ist dunkelblau und hat einen feuerroten Saum – vielleicht kommt er vom Sonnenaufgang, vielleicht vom Sonnenuntergang, vielleicht auch vom Feueratem der Drachen. Und nun, da auch die Burg Camelot deutlicher vor unserer schauenden Phantasie liegt, nun sehen wir den großen Saal – gleichfalls romantisch und romanisch –, in dem König Artur mit den Rittern an der Tafelrunde sitzt: rund ist er, wie die Tafel selber, und ringsum ziehen sich runde romanische Bogen, und durch sie wogt der von Vogelstimmen erfüllte Sommermorgen aus den duftenden Obstgärten herein, deren Bäume voller Blüten stehen. Und der große runde Saal ist erleuchtet, und auf den vielen Bildern, die ringsum hängen, sind die unzähligen Heldentaten zu schauen, wie sie die Ritter der Tafelrunde vor einem Jahrzehnt zu Ehren ihres Königs Artur vollbracht haben, der über dem Lande von Logres herrscht. Am besten Platz der runden Tafel thront der König auf seinem Sessel, und um ihn sitzen die elf Ritter der Tafelrunde. Sie schweigen. Es scheint, als ob der König etwas erwarte, und als ob die Ritter um ihn her sich an diesem Morgen mehr langweilten denn sonst. Der zwölfte Platz, zur Rechten des Königs, ist leer. Sonst nahm Lancelot ihn ein. Allein der Freund der Königin wandelt mit der goldblonden Ginevra in leidvoller Minnelust durch die Haine voll blühender Obstbäume. Immer wieder erscheinen und entschwinden sie zwischen den blütenübersäten Zweigen hinter dem Rücken des Königs, und wenn die Ritter von der Tafel verstohlen zu dem Liebespaar hinüberblicken, sehen sie die beiden zwischen den romanischen Bogen immer wieder auftauchen. Sie lieben einander schon mehr denn zehn Jahre, der Ritter Lancelot und die Königin Ginevra. Und ihre Liebe ist wie eine glückliche und freudvolle Ehe, allen den Rittern wohl bekannt und wohl auch dem König selber, der Lancelot als seinen allertapfersten Ritter inniglich liebt. König Artur sitzt auf seinem Throne, und sein greises Antlitz ist voller Sorge unter der Krone, die auf seinen Locken ruht. Gleichfalls lang und grau wippt sein Bart hin und wieder auf und ab: das geschieht dann, wenn König Artur, der immer wartet (während den elf Rittern die Zeit so lang wird, daß sie abwechselnd hinter den vorgehaltenen Händen gähnen), mit seinem guten, alten zahnlosen Munde vor sich hinmurmelt. Das Antlitz des Königs gleicht einem verwitterten Pergament, das von einem gelehrten Schreiber mit unzähligen Schriftzeichen in roter Tinte bemalt ward: so wirken die Äderchen, die zwischen den Runzeln aufgesprungen sind, wie rote Quellen. Wie der Treff- oder Pique- oder Karokönig – denn dem Cœurkönig wagen wir ihn nicht zu vergleichen – trägt König Artur einen Schulterkragen aus Hermelin über einem roten Samtmantel. Was aber unter diesem Mantel ist, das ist schwer zu erkennen, weil seine Falten und das Gewoge seines Bartes es verbergen. Mantel wie Bart, insonders über dem Hermelinkragen, scheinen unter Motten gelitten zu haben, doch gerade dieses etwas Vermottete und Verwitterte verleiht der Herrscherherrlichkeit des König Artur etwas so unsagbar Rührendes, das einen zwingt, dem alten Mann mit dem runzligen Antlitz und den zitternden, großen, reich geäderten Händen zugetan zu sein. Seine Ritter sind ihm auch alle wohlgeneigt, und nicht zum mindesten Lancelot, der immer wieder mit der Königin in verliebter Zwiesprach durch den Blumenhain wandelt. Auch die allzeit jugendliche Ginevra, der »Urquell aller Schönheit«, hat, wenngleich sie schon seit zehn Jahren die Freundin Lancelots ist, ihren Gemahl doch lieb – wenn auch nur so, wie sie etwa ihren Großvater lieb haben würde. Neben König Artur, an seiner Linken – vergesset nicht, daß ihm zur Rechten Lancelots leerer Sessel steht! – sitzt Gawein, gleich Lancelot einer der Tapfersten, ja selber vielleicht der Allertapferste: trägt er doch den Beinamen »Vater der Aventiuren«, wiewohl er kaum mehr Jahre zählt als irgendein anderer im Kreise jener Ritter – und die Zahl ihrer Lebensjahre geht bei den meisten von ihnen nicht über dreißig! – Dennoch erscheint Gawein als der älteste von allen, als der ernsteste und wackerste dieser edlen Degen. Wenngleich auch er hin und wieder hinter der vorgehaltenen Hand gähnt, so geschieht das viel eher aus Mangel an ritterlicher Tätigkeit denn aus leichtfertigem Sichgehenlassen. Denn Gawein fühlt mit König Artur, fühlt seine Sorge mit ihm ... Weil nun bereits zehn lange Jahre kein Abenteuer mehr Stoff zum Reden gab. Steht denn die Welt still? Brüten denn die Drachen in den Wäldern des Landes Logres keine Jungen mehr aus? Reiten denn keine bedrängten Jungfrauen mehr auf weißen Zeltern durch diese nämlichen Wälder? Muß keine böse Untugend mehr bestraft werden? Und sind keine aufregenden Heldentaten mehr zu vollbringen? Nun der Gral gefunden ist und vom Ritter Parzival in der Burg von Montsalvat bewacht wird: – wird denn da nicht zum mindesten einmal wieder ein Schachbrett durch die Lüfte fliegen? Ja, Gawein, der da an der Seite des Königs sitzt, erinnert sich sehr wohl des schwebenden Schachbrettes: es kam, auf sommerlicher Brise sich wiegend, dahergeschwebt ... vor zehn Jahren. »Erinnert Ihr Euch, mein Fürst?« fragt Gawein den König, der seiner Mutter Bruder ist. »Meiner Treu, ich erinnere mich, Gawein, mein lieber Neffe und tapferer Held«, murmelt Artur, und sein Bart wippt auf und nieder, wie der Bühnenbart einer Maske. »Es kam hereingeschwebt und ließ sich hier vor mir nieder ...« Der König schlägt mit der flachen Hand auf die Jaspisplatte der Tafel. Der Schlag dröhnt durch den Saal und hallt durch das Gezwitscher der Vögel hindurch wider. Die zehn anderen gähnenden Ritter schrecken jäh empor. Ginevra und Lancelot halten in ihrem verliebten Wandel inne. »Was gibt es?« fragt Lancelot den Riesen Bohort, der Gawein zunächst sitzt. »Was ist ihm?« murmelt die Königin Ginevra Ywein dem Stotterer zu, der seinen Platz neben Lancelots leerem Sessel hat. »Es ggg ... ibt nnnn ... ichts«, stottert Ywein der fragenden Fürstin als Antwort zu. »Nichts«, ruft der riesige Bohort mit seiner tiefen Baßstimme Lancelot zu. »Das Schachbrett«, fährt der König sinnend fort, »hatte Felder aus Chrysopas und Achat, sieben Felder mal acht ...« »Die Figuren«, sagt Gawein grübelnd, »waren aus rotem Golde und aus weißem Silber getrieben.« »Sie standen in Reihen geordnet.« »Für eine Partie, traun!« »Ich tat einen Zug«, erinnert sich Artur. »Unsichtbare Hand führte das Gegenspiel«, sagt sinnend Gawein. »›König!‹ rief warnend mein Herr ...« »Dann ...?« »Dann ... schwebte bei diesem Wort das Schachbrett davon ...« »Bevor ich des unsichtbaren Spielers König mattsetzte.« »Meinem Fürsten träumte in jener Nacht ...« »Daß die Partie vollendet werden müsse, wenn ich nicht meiner Krone verlustig gehen wollte.« »Bei Jesus Christ von Nazareth«, ruft Gawein beseligt und jauchzend aus, und die übrigen Ritter schrecken auf, »ich suchte und fand für Euch, mein Fürst, das schwebende Schachbrett ...« »Ich spielte weiter.« »Ihr gewannet!« »Das Schachbrett verschwand – es schwebte schwankend davon wie ein abgeschossener Vogel!« »Ihr aber herrschtet weiter über das Land Logres! Und ich, mein König, ich gewann nach mancherlei Aventiuren meine schöne Ysabel!« Der König schlägt auf den Tisch, das Echo zieht sich an den Wänden des runden Saales entlang und vermengt sich mit dem Gezwitscher der Vögel draußen. Aber niemand erschrickt mehr. Draußen weht um das engelsschöne blonde Haupt des Lancelot der Schleier der Königin gleich einem Nebel, der ihren Kuß vor den allzeit verstohlen hinschauenden Augen der Ritter verbirgt. »Wahrlich«, sagte der König. »Und seither ...« »Seither, o weh, o Jammer, mein Fürst ...« »Begab sich keinerlei Abenteuer wieder.« »Zehn Jahre ist es her, bei Sankt Michael«, besinnt sich Gawein. »Und niemals setzten wir uns sonst zu Tische, ohne daß uns ein Abenteuer kund ward!« »Seither«, spricht klagend der König, »schlichen die Jahre träge dahin, und wir lebten in müßigem Frieden!« »Abend für Abend.« »Und nie mehr kam Kunde von einer bedrängten Jungfrau, die es zu retten galt ...?« »Nie mehr, nie mehr!« »Und niemals mehr hörte man von einem Drachen, der die allzeit unsicheren Wälder von Logres noch unsicherer machte?« »Nie und nimmer! Weh, nie und nimmer!« »Schwebte nie wieder ein blutiger Speer, ein heiliges Gefäß, ein verzaubertes Schachbrett durch die Lüfte, um dessentwillen ein wackerer Degen ausziehen mußte?« »Kein Speer, kein heilig Gefäß, nicht einmal ein Schachbrett, mein Fürst – und meine Ysabel, wehe, sie starb mir!« »Ich warte, ich warte«, spricht klagend der König, und das alte Haupt sinkt auf seinen wippenden Bart, auf seines Mantels Kragen aus Hermelin. Die Königin Ginevra nähert sich ihm liebevoll. »Großväterchen«, spricht artig der ›Urquell aller Schönheit‹ und die Stimme klingt wie das Gemurmel eines Bächleins, während sie ihrem Gemahl die weißen Händchen auf die hermelinbedeckten Schultern legt. »Großväterchen, seid nicht traurig, wenn sich auch heute kein Abenteuer anzeigt. Sehet, der Tag ist so wundervoll im hellen Sonnenschein. Die Apfelblüten sind wie ein verheißungsvolles Wunder. Die Vöglein zwitschern beinahe so selig wie die goldenen Vögel, die Merlin für mich auf den Zweigen des Wunderbaumes in meinem Lustgärtlein singen läßt. Und ich wünschte, daß Ihr die holde Lenzluft in vollen Zügen tränket, anstatt hier allzeit an dieser runden Tafel zu sitzen, bis Ihr von einem Abenteuer vernehmt! Großväterchen, tut mir's zu Willen: stehet auf und kommt und wandelt mit Eurer Ginevra einher, die Euch lieb hat, und mit Lancelot, der Euch auch so zugetan ist!« Und die Königin neigt sich zur einen, Lancelot zur anderen Seite über des Königs Schulter. Der läßt seinen Blick vom einen zur anderen gehen. Sie sind beide so schön und strahlen vor Liebe. Er so blond und so stark, sie so blond und so anmutig. Er so stattlich in seinem Wams aus gelb und schwarzem Sammet, das sich so eng um den hochgewachsenen Heldenleib schmiegt. Sie so zart in ihrem Gewände aus Goldgewebe, das von schmalen Hermelinstreifen umsäumt ist, derweil ihr Haar wie Goldgespinst durch die Maschen des runden Netzes leuchtet, das mit roten Rubinen besetzt ist, und dann in vier mit Rubinen durchflochtenen Flechten auf ihre mädchenhaften Schultern und ihre jungfräulichen Brüste herabfällt. Und der König freut sich an der Schönheit der beiden. Er erhebt sich getrost und spricht: »Selbst wenn keines Abenteuers Kunde zu uns dringt, ist ein Tag doch schön, den Lenz und Liebe vergolden.« Gawein hat sich erhoben; voll Wehmut gedenkt er seiner Isabella, die dahingegangen ist, während er dem König folgt, der davonschreitet, einen Arm um Ginevra geschlungen, den anderen um Lancelot ... sinnend folgt er und traurig darob, daß ein Abenteuer nun schon die zehn langen Jahre auf sich warten läßt ... Die anderen zehn Ritter aber recken sich nun mit lautem Gähnen und Dehnen in ihren Sesseln um die runde Tafel aus Jaspis und stehen dann auch auf. Dabei tun sie dem König seinen Handschlag auf die Tafel nach, bis die hallenden Echos dicht aufeinanderfolgend von den Wänden des reich bemalten runden Saales widerklingen. Kapitel II Die zehn Ritter der Tafelrunde trugen gleich Gawein, der sich ebensosehr wie der König nach Abenteuern sehnte, und gleich Lancelot, der niemals nach anderem als nach Ginevra Verlangen trug, schöne, volltönende Namen von keltischem Klang. Bohort: das war der Riese mit der Baßstimme, und nächst diesem will ich Agloval und Sagremort, Gwinebant und Galehot, Didonel und Mordred, Hestor und Melegant rühmen. Und wenn sie hin und wieder einander riefen oder bei ihren klangvollen Namen nannten, diese Ritter: »Hei, Galehot! Ha, Gwinebant! So höre doch, Sagremort! Held Agloval! Willkommen, Melegant, und du, tapferer Degen Hestor! Didonel und Mordred, Gott zum Gruße! Ywein und Bohort, seid gegrüßt, ihr Helden ...«, dann dröhnte von den Wänden der Burgsäle, die mit Abbildern von Heldentaten dieser nämlichen Ritter geschmückt waren, der Schall dieser uralten keltischen Adelsnamen in tausendfachem Echo, und es war, als ob ein Donner unter den niedrigen Gewölben und an den plumpen breiten Pfeilern entlangrollte. Noch ein anderer Ritter war da, der aber niemals mit an der Tafel saß; Keye hieß er. Keye ... das gab keinen guten Klang unter den übrigen keltischen sonoren Namen. Keye ... das klang hinterlistig und giftig, das war wie der Stich einer Wespe inmitten des rollenden Donners: Keye ... da, da hast du wieder einen unsanften Stich; Keye ... so ganz unversehens; Keye ... nur einen Mückenstich: Keye ... Als nun der König, der Ginevra und Lancelot zärtlich umschlungen hielt, zusamt dem wackeren Gawein durch den Hain davonschritt, trat Keye von der Seite auf und blickte verstohlen und spöttisch, als hätte er einen bösen Scherz auf den Lippen, den vier edlen Gestalten nach. Er schielte ein wenig auf einem Auge, er hinkte ein wenig auf einem Bein. Sein einer Arm war – wenngleich auch nur ein wenig – kürzer als der andere. Er hätte des Königs Milchbruder sein können, allein er war es nicht geworden, denn seine Mutter hatte ihn entwöhnt, um König Artur zu nähren. Später wurde er zum Seneschall ernannt und trug stets einen Schlüsselbund im Gürtel. Und war Artur ein majestätischer König geworden, so war Keye, der niemals eine Heldentat vollbracht, niemals Abenteuer bestanden und niemals Liebe genossen hatte, ein tückischer Kobold geworden, ein bösartiger Gnom, der nur spottete, immer spottete, so wie er auch nun hinter den vieren herspottete, während er seinen grauen, struppigen Zwergenkopf schüttelte. »Schau, schau! Was für einträchtiges Beieinander! Was für eine gute Familie! Gott schütze sie! Sagt, ihr Ritter, wer sind denn sie? Ein Vater mit seinem Töchterchen und seinem Schwiegersohn, deucht mich? Schildknappe dahinter? O nein; bei allen Engeln im Himmel! Das ist ja der fürtreffliche Held Gawein, der allertapferste auch bei den Damen! Und zwischen Ginevras Frauenrücken und Lancelots Männerrücken sehe ich den roten Mantelrücken unseres Königs! Ich kann nicht so gut Rücken unterscheiden, wie ihr tapferen Ritter es sicherlich vermögt: denn da ihr alle die Tapfersten seid, so werdet ihr doch wohl gelegentlich alle einmal die Rücken Fliehender vor euch gesehen haben!« Und Keye lachte grinsend, die Ritter aber, die noch immer gähnten und sich reckten, blickten ihn unwirsch von der Seite an. Da nahm der alte Keye zwei Bälle und spielte ganz allein Ball in dem Garten. Und ob er gleich hinkte, so war er doch geschmeidig, und ob er gleich schielte, so verfehlte er nicht ein einziges Mal einen der Bälle, die er abwechselnd und unter seinen Armen hindurch auffing. »Eines schönen Tages, das walte Gott, drehe ich ihm doch noch den Hals um«, sagte Bohort. »So zwischen meinen beiden Fäusten: Krrk!« Und Bohort machte mit seinen Riesenfäusten eine Gebärde, als ob er eine Kehle umspanne und zudrücke. Die zehn Ritter traten schwerfällig aus der Saalpforte hinaus. Sie kamen auf den offenen Burghof und setzten sich auf die runde Marmorbank unter einem breitästigen Kastanienbaum, der unzählige Blütenkerzen angezündet hatte. Sie alle ließen sich nieder und streckten die mächtigen Beine weit von sich, und hin und wieder gähnte einer noch einmal. »Himmlische Güte, die Zeit wird einem höllisch lang in Camelot«, meinte Galehot und gähnte. Vor zehn Jahren hatte er drei Drachen erschlagen und zwei Jungfrauen aus Zauberschlössern befreit. Und wenn er nicht gerade gähnte, so lächelte er immer anmutig, so oft von Jungfrauen und Drachen die Rede war ... »Verlangt's dich nach deinem vierten Drachen, Galehot?« fragte Gwinebant, der Jüngste und Schönste von allen. Er war der Neffe der Königin, war ebenso blond wie sie und hatte noch in sehr jungen Tagen, achtzehnjährig, gemeinsam mit Sagremort und Agloval einst Lancelot aus dem Tal des tollen Tanzes erlöst. Aus dem Tal, darin jeder, der hineingeraten war, weitertanzen mußte, bis er tot zusammenbrach. »Nein«, sagte Galehot, »bei Sankt Michael, das nicht, Gwinebant: einen Drachen zu töten ist, unter uns, doch nicht eine gar so große Heldentat.« »Das Untier speit doch aber, weiß Gott, Feuer«, meinte Sagremort zweifelnd und runzelte die Brauen. »Der Riese, den du, Sagremort, mit einem Hieb erschlagen hast, war sicherlich ein gewaltigerer Gegner als meine drei Drachen«, entgegnete ihm Galehot. »Fürwahr«, bestätigte der kleine, aber tapfere Melegant, der wohl auch schon ein paar Drachen getötet hatte, »Galehot hat recht.« Bescheidentlich erklärte Hestor: »Ich habe nur, ohne irgendwelchen Beistand, zehn schurkische Ritter, einen nach dem anderen, in das Gras beißen lassen und ein paar entführte Damoicelen befreit, doch eines Drachens bin ich noch nie gewahr worden.« »Ein Drache ist ja durch einen einzigen Stich in den Bauch schon tödlich verwundet«, meinte Galehot geringschätzig. »Speit denn nun das Untier Feuer und Flammen, oder nicht?« fragte Sagremort und runzelte noch immer die Brauen. »Das ist hier die Frage.« »Wenn es einen anbleckt, versengt sein Atem nicht einmal. Es ist nur ein Fauchen, das etwas nach Schwefel stinkt.« Hierüber mußte Agloval laut lachen. Das tat er gerne, auch wenn es nicht angebracht war. Und immer noch lachend, obwohl der Gegenstand des Gespräches doch sehr ernst war, sagte er: »Man könnte doch aber ersticken, wenn der Drache faucht und die Luft um einen her verpestet?« »Oder der ganze Wald könnte in Brand geraten«, versicherte Didonel ärgerlich. »Helfe mir Sankt Michael!« »Oder es könnte ein Erdbeben entstehen, und die Stürme könnten sich erheben, wenn das Untier aus seiner Höhle herauskommt«, meinte Mordred verstimmt. Ihn und Didonel, die Drachen bekämpft, aber niemals eine Damoicele befreit hatten, dünkte es nicht angebracht für ihren Ruhm, daß Galehot seine Heldentaten so verkleinerte. Allein Galehot zuckte noch immer die Achseln. »Ich wiederhole«, sagte er, »ein einziger Stich in seinen weichen Bauch, und ... Ist denn ein Drache überhaupt wirklich ein Drache, Sagremort? Meine waren kaum mehr als Eidechsen mit Flügeln und schienen mir gar nicht so sehr gefährlich.« »Nun: die unseren waren Drachen«, meinte Mordred. Es galt, den Ruf seiner Tapferkeit zu verteidigen. Und Didonel setzte finster hinzu: »Und sie brachten uns in der Tat in große Gefahr.« »In so große Gefahr, wie die Damoicelen, die du befreit hast«, rief Keye, der dabei mit den Bällen spielte. »Was schwatzest du, Galehot?« meinte Sagremort und seine Stirn glättete sich. »Einen Drachen gäbe es – vielleicht! – ebensowenig wie einen Riesen? War denn der Riese, den ich fällte, wirklich ein Riese? Oder war er vielleicht nur ein häßlicher Schelm, der bloß ein paar Schuhe größer war als ich?« »Dddd ... arüber sss ... ind www ... ir uuu ... ns seh ... on lll ... ange einig«, meinte Ywein, »ddd ... aß es Riesen und Ddd ... rächen nicht mehr ggg ... ibt.« »Und Wunder ebensowenig, so wahr mir der Sohn der heiligen Jungfrau helfe«, meinte Bohort der Riese bestätigend, wenn es auch ein wenig rauh klang. »Was wir taten, war Kinderspiel. Wir zählten nicht mehr als zwanzig Lenze, als wir diese Aventiuren bestanden und große Freude daran hatten, weil wir glaubten, ritterliche Taten vollbracht zu haben; aber im Grunde genommen waren es eben doch nur Kindereien ...« »Ein Spiel mit uns selber«, fiel Galehot ein. »Und von allen meinen Wunden«, fuhr Bohort fort, »ist mir nicht eine einzige Narbe geblieben, weil ich in dem elfenbeinernen Bett gepflegt wurde, in dem alle Wunden in einer Nacht heilen.« Keyes spöttisches Lachen gellte böse und giftig dazwischen. »Ist denn das elfenbeinerne Bette, in dem alle Wunden geheilt werden, kein Wunderding? O Bohort, du Riese, dein Kopf ist zwar wahrhaftig so groß wie der Goliaths, aber dein Verstand ist nur so klein wie der des geringsten Bauern, das glaube mir, Mann!« »Ich werde Euch um Euer böses Lachen schon noch eines Tages in Grund und Boden schlagen, Herr Keye«, rief Bohort drohend und eilte mit hoch erhobenen Fäusten auf Keye zu. Allein der stellte sich so, als befalle ihn heftige Furcht. Er tat, als wollte er hinter einen Baumstamm fliehen, und trotz seines Alters hinkte er dabei sehr flink und behende. Dazu rief er: »O, was für ein grimmer Leu, was für ein fürchterlicher Löwe ist auf diesen friedlichen Hain losgelassen! Helft mir, helft mir, all ihr Heiligen im Himmel!« Ein immer näher kommendes Summen ward vom blauen Himmel her vernehmlich. »Das ist Merlin, das ist Merlin«, schrien die Ritter in großer Erregung durcheinander. Und Ywein rief: »Ddd ... as ist Mmm ... erlin!« Agloval lachte laut auf, nicht so sehr, weil Ywein stotterte, als weil er eben sehr oft und gern laut auflachte, und zwar aus eitel Freude ... Und die Ritter zeigten einander einen Vogel, der mit Windeseile aus der Ferne herangeflogen kam. »Auf seinem Phönix, der auch kein Wunder ist«, grinste Keye den Rittern zu, »den aber immerhin keiner von jenen Helden begreift!« Die Ritter starrten entzückt empor. In der Tat schwebte dort ein blauer Phönix herbei. Und sein Flug war begleitet von einem seltsamen rhythmischen Geräusch – es surrte und summte gar geheimnisvoll. Sein schmaler Nacken trug einen phantastischen Vogelkopf mit Federn, sein ganzes Gefieder schien aus Edelsteinen zu sein, pfauengleich leuchtete er in allen Farben um Hals und Augen, und die großen und starken Flügel, die ihn in weiten Kreisen über die Burg trugen, schienen aus blauer Seide zu sein. Das war der Zaubervogel Merlins des Zauberers, und Merlin selber ritt auf ihm und saß im goldenen Gefieder des hohlen Rückens und richtete und wendete ihn nach Belieben, bis das Zaubertier mit leisem Schwung in den Hain, über die Grasfläche herabschwebte und dann zitternd stillstand. Merlin stieg ab und näherte sich mit höfischem Gruß den Rittern. Er war im Alter Arturs und Keyes. Doch weil er jeden Morgen ein Bad in seinem Jungbrunnen nahm, so sah er jünger aus als alle die anderen Ritter und glich viel mehr einem mutwilligen Jüngling, der einen Bart trug. »Gott zum Gruß!« rief er laut und kam über die Rasenfläche herangeschritten. Er trug eine zierliche Samara aus rotem Taffet. Seine Locken waren schwarz, an seinen Brauen sträubten sich die Haare empor, als wenn kleine Skorpione ihre scharfen Zähne zeigen, und sein zierliches Bärtchen war ganz spitz gestutzt. »Ich bin meinem König zu Ehren gekommen. Aber hat er denn schon Hof gehalten, daß ich euch alle hier bei müßigem, lenzlichen Zeitvertreib antreffe?« Sagremort runzelte die Brauen, was er stets tat, wenn er zweifelte, und entgegnete: »Wir reden gerade darüber, ob es Wunder, Riesen, Drachen und Heldentaten gibt, Merlin?« »Die Zweifelsucht hat Euch in den Klauen, Herr Sagremort«, meinte Merlin. »Wie? Was?« fragte Agloval laut auflachend. »Des Teufels Tochter«, sagte Merlin. »Wenn Ihr an Euch selber zweifelt, so begebt Ihr Euch unaufhaltsam höllenwärts.« »Aber Mordred und Didonel zweifeln nie, Merlin«, grinste Keye hinter einem dicken Baumstamm hervor, »und werden also in den Himmel eingehen.« Didonel und Mordred hörten nicht auf ihn. Sie waren in geheimnisvolles Flüstern versunken. Worüber? Das will ich euch noch nicht sagen ... »Ich zweifle im geringsten nicht«, sagte Sagremort, »aber ich prüfe gern erst lange, Merlin. Sage mir, Merlin, ist dein schwebender Vogel wirklich ein Zaubervogel? Und alle die schönen Wunderdinge in deiner Burg: sind das Werke der Zauberei und Magie? Wenn du mit einem von selbst dahersausenden Wagen auf glatten Wegen dahinfährst, ist das denn wirklich Magie?« »Es ist alles Magie und Zauberei, Sagremort«, versicherte Merlin. »So gut wie der Wunderbaum, den ich der Königin gemacht habe und auf dessen Zweiglein Tausende von Vögeln zwitschern, und so gut wie das elfenbeinerne Bette, das ich ebenfalls machte und in dem all eure Wunden heilen. Es ist alles Zauberei, Sagremort!« Keye, der auf den Rasen getreten war, um sich den azurflügligen Phönixvogel näher anzusehen, hinkte, während er sehr angespannt aufpaßte und immerfort laut lachte, um dieses Wunderding herum. »Zauberei!« rief er. »Zauberei! Der Vogel ist aus Stahl und Seide! Sein Kopf ist aus Edelsteinen, seine Augen sind Diamanten. Und er summt und schnurrt, wenn er aufsteigt und wenn Merlin auf ihm durch die Lüfte fliegt. Durch Zauberei schnurrt und summt er, und wer daran zweifelt, kommt in die Hölle!« »Merlin«, fragte Bohort, »warum gibt es für uns seit zehn Jahren und länger kein Abenteuer mehr?« »Weil wir zweifeln? Weil wir ungläubig sind wie Sagremort? Weil wir von allen empfangenen Wunden nicht eine einzige Narbe zurückbehielten?« fragten die Ritter und drängten sich um Merlin. »Jammervoll ist es! Wenn es doch wieder einmal eine Aventiure gäbe, die uns aus diesem Grübeln errettete!« »Die uns von dieser Langeweile erlöste!« »Auch wenn wir nicht an das Abenteuer glaubten«, riefen Sagremort und Agloval, Hestor und Melegant, Galehot und Ywein und Bohort durcheinander. Nur Gwinebant, der schöne Junge, der Neffe der Königin, rief nicht mit, sondern behielt Mordred und Didonel im Auge. Was die beiden wohl miteinander zu flüstern hatten? »Hört«, flüsterte Merlin den Rittern zu, und zwar ganz leise, damit Keye nichts vernähme, der immer noch neugierig um den Phönix herumhinkte. »Ich kann durch Magie wohl ein Abenteuer bereiten oder vielmehr eins sich wiederholen lassen, wie sich ja eigentlich alles im Leben wiederholt, nur immer anders; und das nennen wir Evolution ...« »Welches Abenteuer?« drangen die Ritter in Merlin. »Eines«, flüsterte Merlin noch geheimnisvoller und hob den Finger, »das Gawein vollbringen und wiederholen kann, weil er glaubt und schmachtet.« »Seinem Weibe blieb er nicht immer so treu wie seinem Glauben an Wunder!« sagte Galehot. »Er genoß vieler Frauen Minne«, flüsterten die Ritter untereinander, »doch mehr als sie alle liebte er Abenteuer.« »Gawein soll denn das Wunder und Abenteuer erleben!« flüsterte Merlin. »Ihm wird es sich offenbaren. Was soll es sein? Ich denke: ein schwebendes Schachbrett, wie das letzte Mal! Kommt, ihr lieben Freunde, in dieser Nacht auf meine Burg, daß wir uns beraten können!« Die Ritter versprachen es und waren froh ob der Verschwörung. Sie gelobten einander, es ganz geheim zu halten, daß Merlin ein künftig Abenteuer vorbereiten wolle. Keye hinkte mit seinem Schlüsselbund davon, um Weisungen für die Abendmahlzeit zu erteilen, und Merlin rief Mordred und Didonel zu: »Ihr beiden, kommt auch ihr diese Nacht in meine Burg?« »Wir werden kommen, Merlin«, sagten die zwei Ritter hastig zu, die er aus ihrer geheimen Zwiesprache aufgeschreckt hatte ... »Und du, Gwinebant?« fragte Merlin. Gwinebant war jünger als die anderen. Er hatte breite Schultern, schön und gerade war seine Nase, breit und glatt die Stirn, grau die Augen und braun die Brauen. Blondes, welliges Haar hatte er. Sein Hals war schneeweiß und rund. Seine Wangen blühten wie Rosen. Im Kinn hatte er ein Grübchen, in den Hüften war er schmal, vollendet also an allen Gliedern. Er versprach Merlin, zu kommen. Allein seine Gedanken weilten weder bei dem bevorstehenden Abenteuer, noch mehr bei Didonel und Mordred, denn er war einer fernen Jungfrau minniglich zugetan. Und wenn er so wie jetzt die Königin, seine Muhme, durch den Hain wandeln sah, allzeit mit Lancelot, den sie liebte und dem sie Treue trug, wie er ihr, so seufzte Gwinebant voll unbefriedigter Sehnsucht, vornehmlich dann, wenn ihr Schleier im Winde wehte und die beiden unter den herabfallenden Apfelblüten sicherlich miteinander Liebeswort und Kuß tauschten. Dann gedachte er der Jungfrau, die er liebte, Isabels, der schönen Prinzessin von Endi und König Assentijns Enkeltochter ... Isabels, die er nicht zu gewinnen verstand, weil er zu schüchtern war, wenn er auch der Neffe der Königin Ginevra war. »Gwinebant, du schöner Knabe, den ich krank vor Minne weiß, willst du Lancelot, den ich nicht stören mag, nun die Königin und er miteinander süße Weisen in den Apfelblütenhainen singen, willst du Lancelot kundtun, daß ich auch ihn in dieser Nacht in meine Burg bitte, um über neue Dinge Rats zu pflegen?« Gwinebant versprach es: »Ja, Merlin, ich ...« Und seufzte tief, weil er vor Sehnen nach Isabel verging. Kapitel III An jenem Abend war der König vor lauter Wehmut müde und hatte sich früh niedergelegt, obwohl der Mond licht am Himmel stand und Wald und Berg sich so schwarz und romantisch-romanisch von der Helle abzeichneten, daß sich keine schönere Nacht denken ließ. Durch die finsteren Schatten und das bläulichweiße fahle Licht in dem schaumweiß blühenden Hain wandelten Lancelot und Ginevra, oder sie saßen auf der Marmorbank, und der Königin Schleier verhüllte da, wohin der Mond schien, wie ein weißer Nebel ihren sich stets erneuenden Kuß. Auch Gawein hatte sich zur Ruhe begeben, wie einer, der von nichts weiß. Nur Keye, der Seneschall, hörte in der Nacht einen unbestimmten verhaltenen Lärm, drückte hinter seinem runden Fenster hoch oben in der Burg die Nase an die bunten Scheiben und spähte hinaus. An der anderen Seite der Burg strahlte aus der Kemenate der Königin gelblicher Fackelschein, und er glaubte, daß sie noch nicht schliefe und Lancelot ebensowenig. Aber das war keinem neu, und für die Entdeckung hätte Keye keinen Deut gegeben. Indessen spähte er nach dem Lärm in den Innenhof, und wie nun Mondenstrahlen und Schatten schräg hereinfielen und den Hof quer über Mauern und Türme und Pflaster hinweg in zwei Teile teilten, sah er die Kruppe eines gezäumten Rosses, das ein Knappe am Zügel hielt. Und weiter sah er, wie Lancelot aus der Pforte des Turms zu Ginevras Gemächern herauskam, sah, wie der gelbliche Schein erlosch, und vernahm dann Pferdegetrappel, sah endlich die in Schatten gehüllten oder vom lichten Mondenschein beleuchteten Ritter aus dem Hof hinausreiten, den er doch gewißlich hatte verschließen lassen. Lancelot, der aufgestiegen war, führten sie in ihrer Mitte, und sie zogen allesamt wie Schemen davon. Er konnte sie nicht weiter verfolgen. Er wunderte sich. Er stand wie gebannt da und wunderte sich. Er begriff nicht, daß in der Nacht sämtliche Ritter von König Arturs Tafelrunde – denn daß Gawein fehlte, hatte er nicht erspäht – Camelot verließen, um sich wer weiß wohin zu begeben. Und wütend darüber, daß sie durch die geschlossenen Tore zu gelangen vermocht hatten, durch die ganz sicher fest verschlossenen Tore, die den Zugang zu den sämtlichen Brücken der elf Kanäle bildeten, ergriff er ein schweres Schlüsselbund, versteckte es unter seinem Mantel, damit das Rasseln den König nicht wecke, verließ sein Schlafgemach und hinkte auf den Zehenspitzen durch die düsteren, schweigenden Gänge der finsteren Burg. Und er stieg die schmale Treppe hinab, öffnete leise das Haupttor, schaute sich um und um, blickte hinaus, spähte mit seinem einen Auge in das Dunkel, hütete sich vor dem Mondenlicht und barg sich im Schatten und versuchte festzustellen, ob wohl die Pforte geschlossen wäre. Natürlich, sie war geschlossen. Und nachdem er sie nun selber geöffnet und auf die zweite Pforte jenseits des ersten Kanals geschaut hatte – eine Brücke lag darüber, die aufgezogen war –, da fand er, daß weiß Gott auch die zweite Pforte geschlossen war. So würden vermutlich nach der Ritter geheimnisvollem Ausritt wohl alle Pforten geschlossen sein, und Keye wunderte sich ... Wie? Beim Vater im Himmel, hatten sie sich denn alle die verschiedenen Schlüssel nachmachen lassen? Und plötzlich begriff er. Das war Merlin, das war das Wunder, an dem sie wohl hin und wieder zweifelten, weil sie des zehnjährigen Wartens auf Abenteuer müde waren, das Wunder, das es aber dennoch gab, namentlich in Merlins schwarzer Kunst! Nachdem er die Pforten wiederum geschlossen hatte, hinkte Keye blinzelnd zurück; er war ärgerlich und dabei fürchtete er sich; wütend legte er sich die Frage vor, wozu es denn diene, daß an jedem Abend mit so vielen Schlüsseln die Pforten verschlossen würden, wenn dennoch Merlin mit seiner Zauberkunst und vermöge seines Wunders ...! Jetzt zitterte er vor Furcht. Wo waren sie geblieben, die Schurken? Denken konnte er sich nichts anderes, als daß sie zu Merlin gezogen seien. Aber warum? Und was ging ihnen durch den Kopf? Er schlich wieder zurück in die Burg, wobei er jede Türe hinter sich sorgfältig verschloß. Die Schlüssel rasselten leicht, wenn seine Hand nach dem rechten suchte, während er sie im Zipfel seines Mantels verborgen hielt, oder wenn er das Licht auf das Pflaster stellte und dann mühsam wieder aufnahm. Gespenstische Schatten umringten ihn. Endlich schleppte er sich böse und hinkend wieder zurück durch den engen Gang, auf den die Kemenaten der Ritter mündeten. Da hörte er plötzlich in Gaweins Gemach einen tiefen Seufzer, wie wenn ein Schläfer sich im Schlafe umwendet. Der also nicht? Gawein war nicht mit? Waren wohl die anderen alle mit? Und Keye ging zurück. Und er horchte an dieser und jener Tür. Er ging auf die andere Seite. Er legte Ohr und Auge an den Spalt und schloß, daß wohl alle die anderen Ritter mitgegangen seien, denn es war nicht das leiseste Geräusch zu hören: weder von Bohorts Riesengeschnarche, noch von den verliebten Träumen des schönen Gwinebant, noch sonst irgend etwas, das zu der Annahme führen konnte, Ywein der Stotterer, Sagremort der Zweifler, Agloval der allzeit Lachende, Melegant, Hestor und Mordred und Didonel, die beiden Schalke, hätten sich zur Ruhe gelegt. Auch Galehot nicht, der seine Drachen zu großen Fröschen verkleinerte. Nein, auch er nicht ... Die Gemächer fühlten sich nun, da Keye vor ihren Türen umhertastete, förmlich leer an, sie waren es auch. Und Keye kehrte in seine eigene Kammer zurück und dachte: »Was planen sie da insgeheim, diese bösen Gesellen? Oder in welchem üblen Hause wollen sie sich vergnügen?« +++ Aber wenn sich auch in den Wäldern des Landes Logres unter den vielen anderen Burgen eine erhob, in der schöne und schlechte Frauen samt schurkischen Rittern die tugendhaften Ritter bedrängten und an sich lockten, so ritten doch an diesem Abend die elf Kumpane – man vergesse nicht ihre klangvollen Namen, die da sind: Lancelot, Bohort und Ywein, Mordred und Didonel, Hestor, Melegant und Agloval, Sagremort, Galehot und Gwinebant – ruhig und im Schritt, bewaffnet wie stets, doch ohne einen Gedanken an Abenteuer, über die dunklen Wege, die sie so gut kannten, bis sie plötzlich unter dem Laubdach hervor ins Freie auf einen Kreuzweg gelangten, auf dem das weiße Mondlicht wie geronnene Milch über die schwarze Tinte der Baumschatten dahinfloß. Wenn weder Löwen noch Drachen in diesem Dunkel versteckt waren oder plötzlich drohend hervorschossen, so wob dennoch ein Geheimnis durch die geräuschlose Stille oder schwebte den Rittern voran durch den Mondenglast und geleitete die schweigenden Reiter zur Burg Merlins. Nur hin und wieder schnaubte ein Roß, und das Krüppelholz krachte unter seinem Hufschlag. Und plötzlich erhob sich auf weiter Ebene strahlend die Burg. So ganz anders war sie als Camelot, nicht romantisch und nicht mittelalterlich-romanisch, sondern vielmehr launig-orientalisch, mit helleren Mauern und spitzeren Türmen, die bereits den Flamboyantstil der späteren Gotik aufwiesen. Sie lag in einem weiten weißen Rosengarten voller Blüten, die sichtbarlich Wölkchen eines nebligen Duftes ausströmten. Und kein Graben oder Wall beschirmte das Schloß, das im Mondenschein wie Demanten glänzte: darum erschien es wohl auch wie pures Zauberwerk, dem niemand sich uneingeweiht nahen könnte. Nur wer da wußte, daß er willkommen wäre, blieb bewahrt vor plötzlichem Zauberschlage bei der Berührung geheimnisvoller Metalldrähte, die zwischen den Rosen versteckt lagen und allen zum Tod und Verderben gereichten, denen zum erstenmal die fremdartige Kraft durch den Körper drang. Sicherlich sah Merlin, sahen seine Trabanten schon von ferne durch Zauberspiegel aus Kristall oder Diamanten den Zug nahen, denn plötzlich flammte, wohl als Willkommensgruß, das ganze Schloß mit seinen Toren und Fenster in einem Lichte auf, das heller war als Sternenglanz, und die größte Pforte sprang auf und eröffnete eine Fernsicht voll tiefster Glut. »Ich dachte mir schon, daß ein Wunder dabei im Spiele sei«, sagte Hestor geblendet, »wodurch Merlins Schloß also erglüht ...« »Und Zauberei«, sprach Melegant, »mit der er schonungslos jeden tötet, der sich in seinen Drähten verwirrt, die schlangengleich zwischen seinen Rosen verborgen liegen.« »Froh bin ich, daß er uns mit so bösem Hinterhalt verschont, und daß wir den Weg zwischen den süßen Rosen kennen«, meinte Agloval lachend. »Rechts ab zur Pforte, vielliebe Gesellen«, sagte Lancelot warnend. »Das ist Teufelei, die weder durch ritterlichen Mut noch durch Kraft zu besiegen ist«, brummte Bohort, der ganz unter dem Eindruck des Geschauten stand. »Es ist Ttt ... eufelei«, meinte auch Ywein. »Und trotz alledem ist Merlin der Magier guten Willens voll«, meinte der schöne Gwinebant lobend mit einer Stimme, die hell erklang wie die einer Nachtigall. »Ob wohl all seine Streiche Teufelei sind?« meinte stirnrunzelnd Sagremort. »Oder Zauberei? Oder vielleicht nur ...?« »Was, Sagremort?« fragten die Ritter und drängten ihre Rosse an den Zweifler heran. »Beim Himmel, was denn, Sagremort?« »Büchergelehrsamkeit, die er in die Praxis umzusetzen weiß. Er liest viel dicke Folianten!« »Und wenn es auch Buchgelahrtheit wäre, die er nur richtig anzuwenden weiß, wäre denn das nicht auch Teufelei?« »Und Zauberei?« riefen Mordred und Didonel, um doch auch einmal etwas laut zu sagen. Denn im übrigen flüsterten sie in endloser Zwiesprache miteinander und die anderen Ritter bemerkten dies wohl; Gwinebants dunkle Augen besonders spähten unablässig zu ihnen hin. »Gut gesprochen, bei Sankt Michael«, sagte Sagremort, der sich gefaßt hatte, aber dabei dachte er unaufhörlich weiter nach, während er die Brauen runzelte und entrunzelte. Die Ritter waren indessen zwischen den hochgestielten Rosen, die weit umher blühten und fast sichtbaren Wohlgeruch ausströmten, auf einen Platz geritten. Dort standen auf Sockeln Marmorfiguren ringsumher, sie stellten Helden dar, die vor und in Troja gekämpft hatten und vom blinden Homer besungen worden sind, und alle die Götter und Göttinnen, die sie beschirmten. Und da standen auch Äneas und Fraue Dido, die Virgil einst in lateinischer Sprache besang. Die Edelsten und die Troubadours taten es den alten Dichtern nach und sangen wie sie an den langen dämmerigen Abenden in den Schlössern. Und die Bildsäulen waren so schön, daß die Ritter jedesmal, wenn sie sie sahen, von neuem darüber staunten ... Viele Knappen eilten herbei, während die Ritter abstiegen, und nahmen die Rosse bei den Zügeln. Ein Seneschall näherte sich mit einer Schar von Dienern. Als die elf Ritter eintraten, erlosch plötzlich, bevor noch die Pforte sich geschlossen, die ganze Beleuchtung des Schlosses, und sie standen verwundert vor den prächtigen Marmortreppen, die mit weißen Göttern und Heldenfiguren geschmückt waren, und staunten über die grelle Glut, die nun vor ihrem Blick aufstrahlte und unmittelbar hinter ihren Schritten wieder erlosch. Was für ein Meister war doch Merlin, daß er über Licht und Dunkel gebot! dachten sie nun alle. Sie stiegen die Stufen empor, und Merlin hieß sie oben an der Treppe willkommen, und es wollte sie bedünken, als sei er nicht mehr so jung wie am Morgen, unmittelbar nach seinem Jungbrunnenbade. Sein Antlitz war gütiger und runzliger, und unter seinem spitzen Diadem schien sein Haar leicht ergraut. Seine Haltung war leicht gebeugt, seine Gestalt wirkte gebrochener in seiner weiten, scharlachroten, mit Edelsteinen besetzten Magiersamara. Seine viellieben Gäste führte er in einen großen Saal, der mit seinen Säulen so schön und durchsichtig war, wie kein anderer im Lande Logres. Und die Ritter wunderten sich und waren des Lobes voll. Da sprach Merlin: »Ich entbiete euch Dank, meine wohledlen Freunde, daß ihr alle erschienen seid; so können wir gemeinsam beraten, was wir ersonnen haben, um aus dieser Langeweile der Abenteuerlosigkeit herauszukommen, die insbesondere unseren geliebten Fürsten und unseren Gawein so sehr bedrückt und bekümmert. Ich habe mir ausgedacht, daß ich zu ihrem Nutz und Frommen ein schwebendes Schachbrett in Camelot hineinfliegen lassen will, so wie es vor zehn Jahren schon einmal geschah. Und wenn ihr es wollet, werdet ihr mir treu zur Seite stehen und mich nie verraten, nun ich euch mein Vertrauen schenke. Denn ihr alle seid mir vonnöten, und um euch allen das so lange zurückliegende, für Gawein so ruhmreiche Abenteuer ins Gedächtnis zurückzurufen, will ich die Vergangenheit vor euch heraufbeschwören, auf daß ihr alle die entschwundenen Tage wiederseht, da ihr zwanzig Lenze zähltet und noch Jünglinge, fast Knaben wäret, voller Glauben an Abenteuer und Heldentaten.« Und er wies den elf Rittern elf weite Sessel an, und Melegant fragte: »Sollen wir diese Vergangenheit in einem großen Smaragd schauen?« »Nein«, sagte Merlin. »Salomo schaute die Vergangenheit in einem großen runden Smaragd, der sein magischer Spiegel war. Ich aber zeige sie euch einfacher, auf dieser weißen Wand.« Und er zeigte den Rittern eine weiße Wand, die von goldflammenden Lampen umrahmt war, und die Wand war wie ein viereckiges Tuch straff gespannt und empfänglich für jedes Bildnis aus der Vergangenheit. »Zauberei? Oder keine Zauberei?« erkundigte sich Sagremort, »das ist die Frage.« »Zauberei, Zauberei«, versicherte Merlin. Und plötzlich erloschen die Lichter in dem Saal, und nur oberhalb der weißen Wand leuchtete ein geheimnisvolles Lichtbündel in grellen Strahlen auf: es schnurrte und drehte sich etwas unsichtbar an der hinteren Wand und ... die Ritter sahen plötzlich, wie sich im schillernden Bilde auf der weißen Wand die Vergangenheit, ihre eigene Vergangenheit noch einmal abrollte. Angesichts dieser einfachen Tatsache war Sagremort ein Zweifeln, Galehot ein Nichtwissen unmöglich ... An den Smaragd des Salomo hätte vielleicht niemals einer von ihnen geglaubt, doch an Merlins weiße Zauberwand, auf der die Vergangenheit zitternd vorbeizog, mußten sie glauben. Denn sie sahen sich alle, doch um zehn Jahre jünger, in dem runden Saal an der runden Tafel Arturs: der König so kräftig im Vergleich zu dem wehmütigen Greise, der er jetzt war; Gawein bereits ernst, doch ebenso jung, wie sie alle dazumal gewesen waren ... Gwinebant fast ein Knabe noch, der kaum achtzehn Lenze zählte. Und der Platz an des Königs rechter Seite leer, wie am letzten Morgen, denn Lancelot wandelte mit der jugendlichen Ginevra durch die blühenden Haine, hin und wieder von den wallenden Schleiern zärtlich umspielt. »Welch Wunder, welch Wunder!« riefen sie alle. »O Zauberei, Teufelei! Wie machst du das, sage doch, Merlin? Unsere eigene Vergangenheit sehen wir vor uns! Es ist nicht zu glauben, aber dennoch sehen wir sie!« Dann ... schwebte auf der schillernd weißen Wand aus den Lenzwolken ein Schachbrett herbei, und es senkte sich, leicht wie ein Vogel, vor König Artur nieder, und die Ritter sahen, wie jeder von ihnen flüchtig erschrak. Aber nicht lange währte das, weil dazumal, an jenem Tage, ein seltsames Abenteuer ihnen angezeigt worden war. Und sie sahen, wie der König mit dem unsichtbaren Gegner spielte, und wie dann das Schachbrett sich von neuem erhob und davonschwebte und in den Lüften verschwand. »O Wunder! O Wunder!« riefen sie. Ja, so war es einst gewesen, so und nicht anders, vor zehn Jahren, vor zehn Jahren! Und ein kalter Schauder durchzuckte die elf Heldenseelen, während sie in der Dunkelheit Merlin strahlen sahen, stets sichtbarer, doch auch stets älter und mit einem grauen Bart, der unablässig zu wachsen schien. Kapitel IV Und in dem dämmerigen Saale sahen die Ritter auf der straff gespannten weißen Wand vor sich, zwischen den leuchtenden gotischen Floskeln der Umrahmung – Stil der Zukunft, der ihrem ästhetischen Bewußtsein noch fremd war – wie auf einem lebendigen Gemälde die letzte Aventiure aufleben, Gaweins Aventiure mit dem schwebenden Schachbrett, das er dem König auf mühevoller Fahrt gesucht und schließlich gefunden hatte. Ja, jetzt waren sie dessen gewiß, daß Merlin die Vergangenheit von neuem heraufbeschwören könne, weil es allbereits vor ihren Augen geschah. Sie sahen ja, wie vor Zeiten, sich selber zusammen um die runde Tafel geschart, während der König sie reihum fragte, wer ihm das Schachbrett suchen wolle. Dann sahen sie Gawein sich erheben, sich waffnen, sein gutes Roß Gringolette besteigen, das zwar jetzt noch im Stall stand, aber zu ritterlichen Ausfahrten ob seines Alters nicht mehr taugte. Sie sahen, wie ihr wackerer Genosse sich im Walde verlor und dann, wie er vor einem Berge haltmachte, der ihm den Weg versperrte, sie sahen, wie der Berg sich – war es Zauberei? – plötzlich weit auftat, und wie er Gawein verschlang. Und dann plötzlich gewahrten sie Gawein im wilden Kampfe mit dem Drachen, der ihn mit seinem Schweif umklammert hielt. Was sie seit Jahren weder geschaut noch verrichtet hatten, einen Drachen und eines Ritters Kampf mit einem solchen, das erblickten sie jetzt, während sie gemächlich in ihren weichen Sesseln saßen. Und es war ihnen ein gar belustigend Schauspiel, und sie alle waren höchlichst erstaunt und kleinmütig dazu und verwunderten sich darob, bis der Saal plötzlich im hellsten Lichte aus großen Edelsteinen, Topasen und Karfunkeln, erstrahlte und Merlin zu ihnen anhob: »Weiter, meine tapferen Helden und lieben Kumpane, vermag meine Kunst die Aventiure des Vaters der Abenteuer nicht zu zeigen. Meine dienenden Geister wußten nur noch Gaweins Kampf mit dem Drachen in den Maschinen festzuhalten, die die Vergangenheit aufnehmen und sie für alle Zeit bewahren. Doch was ihr sähet, ist genug, euch daran zu erinnern, daß ein Schachbrett hereingeschwebt kam, wie sehr ihr alle auch zweifeltet. Und so, sage ich euch, wird nun, da Pfingsten nahet, von neuem ein Schachbrett am heiligen Feste hereinschweben, und so ihr mir und Gawein zu Willen sein und den König vor trübem Sinne bewahren wollet, werdet ihr von neuem zaudern, um das Werk zu vollbringen. Dann wird, so wie er es bereits einmal getan, Gawein sich erheben, dann wird er zum zweiten Male ...« In diesem Augenblick erklang zitternd eine silberne Glocke über einer großen Lilie aus Perlmutter, und Merlin sprach: »Vergebt mir, meine Gefährten, und vergönnt, daß ich einen Augenblick mit meiner Schwester spreche, der Fee Morgueine, die ferne weilt in ihrem Kastell, und die mich durch dieses Zeichen ruft.« Die Ritter verwunderten sich sehr, allein Merlin näherte sich der wundersamen großen Perlmutterlilie und rief in die Blume hinein: »Hallo! ... Vielliebe Schwester Morgueine, bist du da? Ja, gewiß. Mit Freuden werde ich dir morgen meinen Zauberwagen senden, der ohne Gespann von selber läuft, und sicher wirst du auf den glatten Wegen, die dein Schloß umziehen, am Saume des Meeres mehr Freude daran erleben als ich, dem inmitten dieser Wälder von Logres solch schöner Wagen doch nicht frommt. Sei dessen gewißlich versichert, vielliebe Schwester, daß ich dir den Wagen gebe, und daß du selber dessen innewerden wirst, wie geräuschlos er läuft.« Die Ritter waren höchlichst erstaunt und umringten Merlin, als er sich von der großen Perlmutterlilie abwandte. »Was!« riefen Sagremort und Agloval, Bohort, Hestor und Melegant. »Bei Sankt Johann! Bei Sankt Michael! Bei Mariens ewigem Sohne! Ihr habt mit Eurer Schwester gesprochen, mit Morgueine, die so weit von Euch am Meere wohnt?« »Warum sollt' ich nicht, vielliebe Gefährten, die Wunderkraft meiner Zauberlilie nutzen?« antwortete Merlin. Und nun sahen sie alle, daß er gänzlich verändert und gealtert war und vor ihnen stand wie ein ehrwürdiger Greis mit silbergrauen Locken und silbergrau wallendem Bart. »Hat doch meine Schwester in ihrem Schlosse eine gleiche Zauberlilie – eine Sprechblume – mit dem schönen Kelch, durch welchen sie zu mir redet, und aus dem sie meine Stimme vernimmt.« »M ... m ... mit wem«, fragte Ywein, »bist du noch durch solche Sprechblume verbunden, Merlin?« »Mit niemand mehr, Ywein«, versicherte dieser, »denn nur allergrößte Zauberkunst vermag diesen Anschluß von Schloß zu Schloß zu bewerkstelligen, und nach Camelot wäre es zu meinem Schmerz nicht möglich, weil die Burg unseres königlichen Gebieters nach alter Sitte und Art gebaut und für unsere letzte Erfindung der Zauberkunst nicht geeignet ist ... Und nun, ihr Herren, denk ich in meinem Sinn, daß ihr euch zur Ruhe legen und süße Träume haben werdet, die ich euch senden will, auf daß ihr morgen, am Pfingsttage, auf das Abenteuer des Gawein vorbereitet seid, das sich zu Nutz und Frommen unseres Helden und unserem sehnsüchtigen König zu Liebe wiederholen wird.« Die Ritter nahmen von ihrem gastlichen Freunde höfischen Abschied, die weiten Türen öffneten sich, und plötzlich erstrahlten die Lichter auf den Treppen, und es schien, als ob sie aufleuchteten und erloschen, je nachdem Merlin seine Hand an den einen oder den anderen Knopf legte, wie sie hier und da an der Wand zwischen dem gotischen, golden aufflammenden Schnörkelwerk fast gänzlich versteckt angebracht waren. Bis Galehot, der, hinter den anderen herschreitend, dies beobachtet hatte, das Licht über den die Treppe hinabsteigenden Rittern erlöschen ließ, dann sein Hand an den topasgelben Knopf legte, und ... den soeben erloschenen Glanz zu neuem Erstrahlen brachte. »So wahr mir Gott helfe!« rief Galehot, »schaut nur, ich bin ein Zauberer und lasse das Licht nach meinem Willen leuchten!« Die anderen Ritter wendeten sich um, sahen das Licht dort aufstrahlen, wo es soeben hinter ihnen erloschen war, und erschraken sehr, und Bohort rief: »Gnade Euch Gott, vieledler Galehot! Drachen habe ich bekämpft, weiß kaum wie viele, allein bei allem Degentum fürchte ich mich vor dieser teuflischen Lampe. Wie habt Ihr die nur aufleuchten lassen können?« »So und nicht anders!« rief Galehot aus, und zugleich ließ er von neuem eine Lampe an der Wand aufstrahlen, die der Seneschall soeben gelöscht hatte – und lachte, lachte ... Allein die anderen Ritter lachten nicht, und selbst Agloval blieb diesmal ernst, und sie baten Galehot angsterfüllt, mit dem Zauber nicht leichtfertig Spiel zu treiben. +++ Indessen, nicht alle von der Tafelrunde waren die Treppe hinabgestiegen, nach Camelot zurückzukehren. Als Merlin die Weggehenden hinausgeleitet hatte und in den Saal zurückkehrte, fand er Gwinebant, den Neffen der Königin, der mißvergnügt in seinem Sessel saß, dieweil Lancelot besorgt vor ihm stand. »Was gibt es, ihr guten Freunde?« fragte Merlin. »Und warum folget ihr nicht den andern allen?« »Gwinebant ist krank«, sagte Lancelot, während er seine Hand auf die schmale Stirn des Jünglings legte. »In seinen Schläfen pocht es wie Hammerschläge, und sehet doch selbst, wie bleich seine Wangen sind. Könnt Ihr ihm nicht helfen, Merlin, Ihr, der Ihr um allerlei Zauberkünste wisset und auch die heilsamen Blumen und Kräuter kennet?« Merlin blickte eine Weile auf den schönen Gwinebant und sprach dann: »Fürwahr, mein lieber Lancelot, dieser Knabe, der sonst einer Rose gleich blühte, siecht in letzter Zeit dahin wie eine gebrochene Blume. Bei meiner Ehre, es ist nicht schwer, zu raten, was ihm fehlt. Ihn drückt sonderer Kummer, unseren lieben Gwinebant, Liebeskummer sehrt ihn. Sagt, ist es nicht so, Gwinebant?« »Ja, Merlin, es ist so«, antwortete Gwinebant, und schlaff fielen die sonst so kräftigen Arme an seinem schlanken Leibe herab. »Seit ich vor Monaten, beim letzten Turnier, Ysabel geschaut habe, die schöne Tochter des Königs Assentijn von Endi, hält die Liebe meine Sinne umfangen, und mein Hirn erfüllt kein anderer Gedanke als der an jene edle Jungfrau. Ysabel nennt mehr Schönheiten ihr eigen als Venus, die Göttin der Liebe selber. Ysabel ist schöner als Helena von Sparta oder als die irische Isolde mit den blonden Haaren, zu der Tristan so unselige Neigung trug. Ja, Ysabel ist schöner – vergib mir, Lancelot, daß ich das sage – als unsere schöne Königin Ginevra, und wenn ich euch beide durch die blühenden Haine wandeln sehe, so bin ich dessen wohl inne, daß Ysabel Ginevra weit übertrifft an vielerlei Schönheit, mir aber stockt das Herz in der Brust; es ist, als würde ich von Flammen verzehrt und wüßte nicht, wie ich meinen brennenden Durst löschen soll.« Und der liebeskranke Gwinebant legte sein hämmernd Haupt an Lancelots Brust, als wolle er Trost suchen bei einem Freunde, bei Merlin – wie alt war er nun, da die Mitternacht vorüberstrich! –, der nun den Finger an seine Stirn legte und ausrief: »Ysabel! Ysabel! Die Enkelin Assentijns! Wahrlich, ihr lieben Freunde, ich hatte in meinem Sinn nie an sie gedacht. Allein wir bedürfen ihrer nötig zu unserer Aventiure, die sich nun nach zehn Jahren erneuern soll. Denn hat Gawein nicht des Assentijn Tochter, die einstens Ysabel genannt wurde, in der Burg zu Endi gefunden, wo das erste Schachbrett durch das offene Fenster hereinschwebte, und hat er sie nicht mit sich geführt an des Königs Hof, zu seinem ehelichen Gemahl genommen, und ist sie nicht im Wochenbette gestorben? Armer Gawein! Untreu war er ihr oft, wenngleich er sie heiß liebte, seine Ysabel, sein liebes Weib, das aller Tugenden voll war. Eine Enkeltochter hat Assentijn von seinem Sohn, der im Kampf gegen Rom umkam. Und sie trägt den Namen ihrer Mutter Ysabel. Diese zweite Ysabel wird ihren Oheim Gawein zu Endi empfangen, so wie einst ihre Mutter ihn empfangen hat.« Gwinebant war in großer Verwirrung aufgesprungen. »Was meint Ihr, Merlin? Und welchen Wunsch bergt Ihr hinter all Eurem Nachsinnen und in all Euren Zauberplänen?« »Nichts anderes, viellieber Gwinebant, als deiner Liebe zu dienen, mein guter Knabe! Du, Lancelot, kehre zurück nach Camelot und lasse mir Gwinebant. Und du, Gwinebant, vertraue dem Merlin, der noch nie ein böser Zauberer war, und steige noch in dieser Nacht auf meinem Phönix mit mir in die Lüfte empor. Dann will ich dich zu Ysabel geleiten.« Der junge Ritter stieß vor lauter Freude einen Schrei aus. »Zu Ysabel, zu Ysabel!« rief er. Eine Weile später ritt Lancelot durch die Nacht nach Camelot. Daß er durch alle die Pforten gelangen würde, die Keye so sorgfältig verschlossen hatte, versprach ihm Merlin, wie er es auch den anderen Rittern versprochen hatte. Und auf dem Phönix, den Merlin lenkte, stiegen Gwinebant und der Magier empor. Der junge Ritter saß hinter seinem Lenker und wunderte sich über die Maßen. Der rauschende, pfauengleich schillernde Vogel mit den geraden Flügeln, azurfarben im Mondenschein anzusehen, schwebte höher und höher, und aus seinen demantenen Augen schössen zwei Bündel greller Lichtstrahlen, die den Weg erleuchteten und die Baumwipfel des nächtlichen Waldes trafen. Und zwischen Himmel und Erde, zwischen Wäldern und Sternen führte Merlin den jungen Gwinebant zur minnigsten Maid. Vor Glück lachend, hob Gwinebant von dem schwarzen Blättermeer, das drunten lag, einem gar stillen Meer mit nur leicht gekräuselten Wogen, sein Antlitz zu den Sternen empor. Wie sie schwebten! Wie der Phönix dahinflog! O Zauberei, o köstliche Zauberei des Fliegens und Schwebens durch die Lüfte, durch die Sommernacht, über die Welt, zwischen Sternen und Wäldern, bis sich in der Ferne von dem klaren Nachthimmel die gedrungene Silhouette der Burg Assentijns, des Gawein Schwiegervater, abzeichnete. Ysabel, seine Tochter, vorzeiten Gaweins liebes Gemahl, war von dieser Erde geschieden. Allein Ysabel die Junge, Assentijns Enkeltochter, die Gwinebant so sehr liebte, sie lebte dort in jenem Schlosse ... Der Phönix kreiste über dem Schlosse: ganz geräuschlos jetzt und unsichtbar durch die Kunst Merlins, die auch ihn selbst und Gwinebant unsichtbar machte ... Ringsum in den Lüften war ein anschwellendes Brausen hörbar wie von vielen leichten und luftigen Flügeln: ein Sausen wie von Hunderten von Stimmen, das anschwoll und immer stärker anschwoll ... »O Merlin«, hob Gwinebant an. Allein es schien, als schwebte er hinter Merlins Rücken. »Meine lieben Trabanten«, flüsterte Merlin links und rechts den Lüften zu. »Meine treuen Diener, meine allzeit frohen Sylphen! Hierher, hierher! Auf eure leichten Falterflügel nehmt den jungen Ritter hier, und übergebt seine leibliche Hülle den Gnomen im Walde, die ihn behüten sollen, meine Getreuen! Sie sollen gute Wacht über ihn halten. Ihr aber, ihr Sylphen, ihr sollt seine Seele voller Liebe mit euch führen bis in Ysabels Traum! Kommt, kommt. Nehmt ihn und tragt ihn mit euch dahin!« Einen Augenblick drang ein Mondenstrahl durch die Wolke, die Merlin und Gwinebant unsichtbar machte, und in dem Mondenstrahl hing, für Tausende von oben herabblinkender Geisteraugen sichtbar, die blaue Zaubermaschine, der schwebende Wundervogel, und deutlich wurden die unzähligen silbernen Sylphenflügel, die waren wie die Schwingen von Libellen und Wasserjungfern, und die durchsichtigem Glase glichen. Die Schar der Sylphiden, die den ohnmächtigen Körper Gwinebants trugen, senkte sich herab, langsam, langsam, und wurde dann wieder deutlicher in silbrig strahlenden Umrissen, als sie aus den dunklen Wäldern empor Gwinebants Astralleib in den Armen hinaufhob. »Webet den Traum von hier nach dort, von dort nach hier«, flüsterte befehlend Merlin. Er wies vom Schloß nach dem Walde, vom Walde nach dem Schloß. Wie weitgesponnenes Spinnengewebe leuchteten silbern die schwarzen Fäden vom Schloß zum Walde, vom Walde zum Schlosse, während Merlin, der unsichtbar auf dem wie leblos schwebenden Phönix stand, mit seinem Stabe magische Zeichen in die Lüfte schrieb. Und das Traumgewebe, das durchsichtige Spinnengewebe, spann sich weiter und weiter zwischen Erde und Himmel, zwischen Ritter und Jungfrau. Kapitel V In ihrer Kemenate lag die Prinzessin Ysabel auf ihrem Lager und schlief. In dem niedrigen braunen, gewölbten Raum, inmitten der reglosen Gestalten auf den Wandteppichen, die in des rubinroten Lämpchens mattgoldener Dämmerung vor dem Bildnis der Mutter Gottes zu wachen schienen, erhob sich auf zwei Stufen das große vergoldete Bett. Es war das Lager ihrer Eltern, und die Prinzessin Ysabel schlief, wie es die Sitte gebot, auf dieser Ruhestatt, rein und keusch. Ihr blondes Köpfchen ruhte auf dem mit Quasten geschmückten Pfühl, die Decke hatte sie über die Brust gezogen, und eines ihrer Händchen ruhte darauf. Es schien, als sinne sie im Schlafe darüber nach, wer dermaleinstens in dem breiten Bette als ihr Gemahl ihr zur Seite ruhen würde. Aus dem bräunlichen Schatten des Lagers zwischen den rötlichen Vorhängen leuchtete weiß ihr süßes Kindergesichtchen mit geschlossenen Augenlidern unter den scharf gezeichneten Bogen der Brauen hervor. Ihre Lippen öffneten sich leicht zu einem unbewußten Lächeln. Auf einer Stufe des Bettes ihr zur Seite lag ihr Prinzessinnenkrönchen. Ihre Pantöffelchen standen brav und artig auf dem Fell, das vor ihrem Bette lag. Durch das eine Fenster blaute die Nacht herein, und Mondenglast floß über die beiden Blumenschalen auf der Fensterbank. Weiterhin im Gemache ward der Dämmerschein zu goldenem Glänze. Das kam durch das Lämpchen über dem Betstuhle. Das kupferne Weihwasserbecken schimmerte rötlich auf. Vor dem anderen Fenster waren die Läden halb geschlossen; nur ein schmaler Streifen Mondlicht drang durch die Ritzen zu dem kleinen Tischchen, das da stand, und zu dem Bücherschrank daneben. Auf seinen Borden reihten sich die Chroniken und die Heiligenleben und die von kundigen Schreibern zusammengestellten Beschreibungen der um zehn Jahre zurückliegenden Aventiuren von König Arturs Rittern der Tafelrunde. Und ein schwarzbraunes Hündchen lag schlafend mitten im Gemache. Unbeweglich ruhte Prinzessin Ysabel. Waise war sie, die Enkeltochter des Königs Assentijn, dessen Reich Endi an das Land Logres grenzte. Finster und böse von vielem Ungemach und großem Kummer, den er erlitten hatte, bewachte der König sein Enkelkind als sein Liebstes voll Eifersucht. Sie durfte das Kastell nur mit einem dichten Gefolge vieler Bewaffneter verlassen, um sich auf die Jagd oder zum Turnier oder auf eine Wallfahrt zu begeben. Sonst mußte sie unerbittlich im Schlosse bleiben. Zwölf Mauern umringten es, und zwischen zwei Mauern zog sich ein tiefer Graben hin, und das Ganze war von einem tiefen und breiten Wasserlauf umgeben, der in steter Siedehitze gehalten wurde, also, daß, wer in ihm ertrank, zugleich verbrannte. Wer aber nach Assentijns Wunsch einst mit seiner Enkeltochter das große goldene Bette teilen sollte, das war der alte König Clarioen von Nordcumberland, dem er sehr verpflichtet war, und König Clarioen wünschte Ysabel zu ehelichen, sobald sie nur erst sechzehn Jahre alt sein würde. Die Prinzessin wußte darum und hatte König Assentijn versprochen, dem König Clarioen ein treues Weib zu sein, wenngleich er schon einen grauen Bart hatte und beinahe so alt war wie ihr Großvater. Sie hatte in den gereimten Berichten von der Ritterschaft der Tafelrunde gelesen, daß König Artur im Lande Logres ebenfalls sehr alt sei, während seine Königin Ginevra allzeit jung blieb. Sie hatte auch von Lancelot gelesen, der seiner königlichen Gebieterin stets ein treuer Ritter gewesen war mehr als zehn lange Jahre, und Ysabel hoffte, daß Gott ihr, so König Clarioen ihr Gemahl würde, wohl auch so einen lieben tapferen Ritter bescheren würde. Darum war sie voller Vertrauen auf die Zukunft. Und sie lag so ruhig da, wie ein artiges Kindlein. Auch das schlummernde Hündchen regte sich nicht. Und vollends regten sich nicht die wachenden Gestalten, die gleich Schutzgeistern im goldenen Licht der Dämmerung auf den Wandteppichen leuchteten. Draußen wehte kaum ein Lüftchen durch die Baumwipfel des Waldes. War es Wind, der durch die Blätter fuhr, oder waren es die allzu früh erwachten Vögel? Oder war es das Flüstern von Sylphidenstimmen, von Tausenden zwar, allein so zart, daß Ysabel sich nicht einmal im Schlafe regte? Es waren nicht Vogelflügel, die an die blau beschienene Scheibe des Kreuzfensters schlugen. Es waren Sylphidenflügel, und sie waren fast geräuschlos. All die Sylphiden waren durch das Fenster eingedrungen, das für sie kein Hemmnis bedeutete: gab es doch für sie kein Drinnen noch Draußen, war doch – für sie – die Kemenate wie ein Luftschloß ... Sie drangen ein, bis sie zu Tausenden den Raum erfüllten. Doch so leicht, so luftig, so nebelgleich, daß es schien, als sei nur ein wenig Mondenschein mehr hereingeglitten. Das Hündchen regte sich nicht, allein Ysabel hatte sich leicht umgewendet zu der leeren Statt an ihrer Seite, und ihr zweiter Arm kam unter der Decke hervor, und beide Arme streckten sich nun aus und schlössen sich, als umschlängen sie einen, der dort ruhte ... Und sie träumte von Gwinebant, und weil die Elfen etwas von dem Wesen der Schlafenden wie einen Astralleib mit sich davontrugen, so träumte Gwinebant im Walde, wo die Gnomen seiner Seele leibliche Hülle bewachten, den gleichen Traum. Ysabel war es, als wandle sie mit dem jungen Ritter, dem sie bei dem letzten Turnier ihren losen Ärmel gereicht hatte, auf daß er ihr zu Ehren gegen die anderen Ritter kämpfen sollte, und den er um seinen Helm gewunden hatte ... als wandle sie in Minneseligkeit, wie die Königin Ginevra und Lancelot es allzeit taten, schritte über die Wälle des Kastells erst durch die blühenden Haine, dann durch die Säle, ja, es war, als ob sie sogar in der Kemenate zusammen zwischen den blumengefüllten Vasen auf der Fensterbank saßen und im selben Buche lasen: von Alexander, dem Helden vor Troja, und Lancelots Roman, daran die Dichter just zu dieser Zeit schrieben ... Und da sprach Gwinebant zu Ysabel im Traume: »O schöne Jungfrau, ich liebe dich; du bist wie die Rose, die alle anderen Blumen an Schönheit übertrifft.« Und Ysabel antwortete: »Mein Ritter, reich an Tugend und voll höfischer Zucht und Sitte, auch ich habe dich lieb seit dem Turnier, davor du meinen Ärmel an deinen Helm heftetest. Und dieweil mich König Clarioen von Nordcumberland zu seiner Königin erkoren hat, sollst du mir sein, was Lancelot der Königin Ginevra ist, so wie ich es in jenen Büchern gelesen habe, die kundige Männer geschrieben haben und daraus die Sänger schöpfen, wovon sie singen und sagen.« Da wurde Gwinebant im Traume gar traurig zumute. Allein, weil er Ysabels reine Unschuld nicht betören wollte, so wagte er es nicht zu sagen, daß er viel Kummer und Schmerz erleiden würde, wenn die liebliche Jungfrau des alten Königs Gemahl werden müsse, und so sagte er nur dies: »Ysabel, mein Glück, du mein allerliebster Herzenstrost, hast du vom Ritter Gawein gehört, der mit uns zur Tafelrunde zählt?« »Ja, Gwinebant, ich habe von ihm gehört«, antwortete Ysabel. »Denn Gawein ist mein Oheim, er führte meine Mutter heim, deren Seele nun im Paradiese ruht.« »So wisse denn, daß er alsbald nahen wird auf abenteuerlicher Ritterfahrt, die er vollbringen soll. Und es wird gut sein, wenn du ihn so liebevoll empfängst wie deine Mutter, deren Namen du trägst, ihn vor zehn Jahren empfangen hat.« »Empfangen werd' ich meinen Oheim Gawein, o Gwinebant, wie meine Mutter ihn empfangen hat«, antwortete Ysabel. Und so sangen sie gemeinsam im Traum die süße Weise weiter in keuscher Freude und Seligkeit, und die Küsse, die sie tauschten, wurden ihnen von den Sylphen gegönnt, mehr aber gönnten die Sylphen ihnen nicht. +++ Am nächsten Tage war Pfingsten. Die Glocken in der Kapelle von Camelot läuteten ihr Bimbam, und König und Königin schritten zur Frühmesse. Leise sagen sie die Hymne an den Heiligen Geist, während sie durch die Haine wandelten, deren Blüten von einer leichten Brise auf sie herabgeweht wurden. Und nach der Messe, die der Kaplan las, ließen sich alle zwölf Ritter rings um König Artur im runden Saal nieder. Um den runden Tisch aus Jaspis saßen sie schweigend, wie sie es nun schon seit zehn Jahren taten, und harrten des Abenteuers. Auch Lancelot setzte sich, ob ihm Ginevra gleich winkte, die unter den blühenden Obstbäumen seiner wartete, denn sie wußte nichts von all dem, was sich da vorbereitete. Weil Frauen eher als Männer über Dinge sprechen, die besser verschwiegen blieben, hatte Merlin die Ritter ersucht, vor der Königin nichts laut werden zu lassen. Auch Keye, der Spötter, wußte nichts und wunderte sich darum sehr, daß der Freund der Königin, als Ginevra ihn zum Wandeln in dem Hain aufforderte – weil ja doch nimmermehr von einem Abenteuer Kunde kommen würde – ihr durch Kopfschütteln zu verstehen gab, er wolle nicht kommen und müsse auf seinem Platze verharren. Darob ward dann die Königin höchlich erstaunt und am Ende gar böse, bis sie sich endlich dichter in ihren Schleier hüllte und gekränkt allein weiterwandelte. Ihre Frauen, die sich anfangs bescheiden zurückgezogen hatten, näherten sich ihr nun, fragten, begriffen nicht und begleiteten sie alsdann auf ihrem Gange, und rieten ihr, in den Garten zu gehen, wo Merlins Zauberbaum stand, auf daß sie dort die goldenen Vögelein singen höre. Um den König saßen schweigend die Ritter, während Keye Ball spielte, allein und behende, wie ein Junger, mochte er auch hinken und schielen. Und besorgt und wehmütig saß der König in seinem weißen mottenzerfressenen Samt und Hermelin, und mottig war auch sein silberner Bart, und Gawein an seiner Seite war wehmütig und besorgt gleich ihm. Keiner von beiden glaubte im Innersten der Seele mehr an ein neues Abenteuer, und wenn sie so still, schweigend und harrend mit den anderen dasaßen, mit Lancelot, Bohort und Ywein, Agloval, Sagremort und Melegant, Hestor, Mordred und Didonel, Galehot und Gwinebant, so geschah dies viel mehr, um nicht den frommen Glauben an die Vergangenheit, an die herrlichen Tage von einst zu zerstören, da sie kaum je zur Tafel gegangen waren, ohne daß ein Abenteuer gelockt hatte oder ein Ritter oder zwei auf ruhmreiche Fahrt hinausgezogen waren. Und Gawein gähnte leicht hinter der Hand und war schläfrig nach der Messe und mißmutig ob des allzeit vergeblichen Wartens. Allein die übrigen elf gähnten nicht und warteten voller Spannung auf das, was sich nun ereignen sollte. Bohort sagte flüsternd zu Lancelot: »Bei St. Michael, nähert sich denn noch immer nichts?« Worauf Lancelot verstohlen zum Himmel emporblickte und Ywein flüsterte: »Ge...ge...dddduld!«, so daß Agloval nur mühsam sein allzeit bereites Lachen aus Ehrfurcht vor dem schweigenden König unterdrücken konnte, während Sagremort, der selber an diesem Morgen daran zweifelte, daß sich durch Merlins Zutun jemals das Abenteuer zutragen könnte, den Kopf schüttelte und die Brauen runzelte. Die anderen schwiegen stille. Hestor, der Bescheidene, sprach nie viel, Mordred und Didonel blickten einander vielsagend an, weil sie beide an ein Abenteuer dachten, das sie gemeinsam vorbereiteten, und von dem ich nichts anderes vermelden kann, als dies: daß es der Tafelrunde nicht würdig war; wehe, wenn König Artur darum gewußt hätte! ... Galehot lächelte neugierig, und Gwinebant hing einem seligen Traume nach und war nun, da Lancelot sitzen blieb, beinahe gar nicht mehr eifersüchtig auf den Wandel durch die Haine, weil er sich eigener Gesichte und Traumseligkeiten entsann ... Da plötzlich ... »Seht, seht!« rief Gwinebant. Sie schauten alle auf. Und sie gewahrten alle, wie am blauen Himmel, der über den Apfelbäumen sommerlich glänzte und zwischen den romanischen Bogen große runde, strahlendblaue Flächen ausspannte, ein Schachbrett daherschwebte, und sie merkten alle, wie es sich der Burg näherte, wie es sich schwebend herniedersenkte gleich einem großen schillernden Vogel, wie es dann in der Luft hing über des Königs greisem Haupt, das sich emporrichtete, damit seine ungläubigen Augen das Wunder sehen könnten. Gawein hatte sich mit lautem Ausruf erhoben. Hinter der Tafel stand Keye mit offenem Munde, die Hände in die Seiten gestemmt, und glaubte nicht, was er doch sah, und während die Königin und ihre Frauen herbeigeeilt kamen und der Hain von ihren erstaunten Rufen widerhallte, riefen die Ritter alle zusammen, wie ein wohlgeübter Chor, auf dessen Schulung der Sangesmeister viel Mühe verwendet hat: »Ein Wunder, ein Wunder! Zum zweiten Male schwebt ein Schachbrett herbei!« Wären nicht der König und Gawein und die Königin und Keye in diesem Augenblick vor Verwunderung ganz außer sich gewesen, so müßten sie es bemerkt haben, daß die elf Ritter ihren Ruf so gleichmäßig im Takt und Ausdruck wie einen wohlgeprobten Chorus hatten erklingen lassen. Bohort rief mit seines Basses Grundgewalt und Ywein stotterte nicht, Agloval lächelte dabei flüchtig, und Gwinebant sang die Worte mit seiner Nachtigallenstimme heraus. Und der Ruf klang schön und ward von dem Echo des runden Saales aufgenommen und wiederholt, daß es schien, als ob die Klänge in einer Reihe an den gemalten Wänden hintereinander herliefen. Dann schwiegen alle. Wer aufgestanden war, setzte sich wieder, und während der König die alten Hände zitternd erhob, schwebte das Schachbrett mit leichtem Summen, das an eine dicke Hummel erinnerte und viel leiser war als das Geräusch von Merlins Phönix, ein weniges in der Luft umher und sank dann vor König Artur nieder. Dessen altes pergamentenes Antlitz hatte sich völlig aufgehellt und schien vor Freude ganz verjüngt. »Das Abenteuer mit dem Schachbrett wiederholt sich«, rief der König jauchzend mit schallender Stimme. »Wiederholt sich«, jubelte Gawein. »Wiederholt sich«, rief Keye verwundert aus. »Wiederholt sich«, riefen die Frauen mit ihren hellen, hohen Stimmen dazwischen. »Wiederholt sich«, ertönte, wie im Finale einer Oper aus späteren Jahrhunderten, der Chor der elf Ritter. Und das alles zusammen klang sehr schön ... Jetzt stand das verzauberte Schachbrett vor dem König, und ungeachtet seines Schwebens waren die goldenen und silbernen Figuren nicht in Unordnung geraten oder umgefallen, sondern geordnet auf den Feldern aus Achat und Chrysopas stehengeblieben. Was für ein prächtig schönes Schachbrett war es doch! Vor König Artur standen die goldenen Figuren: das war sicherlich eine Artigkeit des unsichtbaren Gegenspielers. Und sie waren in zierlichster Arbeit getrieben. Sie stellten König Artur und die Königin Ginevra selber dar. Die Bauern glichen den Rittern der Tafelrunde, und jeder von den Zwölfen konnte sich, wenn er wollte, gut erkennen; auch das war leicht zu sehen, daß die Springer den berühmten Rossen der Ritter glichen, die natürlich alle berühmte Rosse besaßen; Gaweins Gringolette war unter ihnen am allerberühmtesten. Und die Türme waren getreulich nach dem Vorbilde der Burg Camelot geschmiedet und getrieben, und was für schöne Edelknaben und Schildknappen waren doch die acht Läufer! Der silberne König aber hatte ein wenig Ähnlichkeit mit dem König Clarion von Nordcumberland ... Da machte der König Artur, vor Glück erstrahlend, einen Zug. Er schob einen der Läufer vor. Eine unsichtbare Hand spielte gegen ihn. Alle sahen zu ... Und es wollte Gwinebant erscheinen, als sähe er die gespenstische Hand, die das Gegenspiel führte, und als gliche diese Hand der des Merlin ... Kapitel VI Atemlos verfolgten die Ritter das Spiel, denn sie waren wohl darauf vorbereitet, daß ein Schachbrett hereinschweben würde, aber weiter hatte Merlin ihnen nichts gesagt. Atemlos also verfolgten sie das Spiel. König Artur, der es meisterlich beherrschte, durfte gegen seinen unsichtbaren Gegenspieler nicht verlieren. Bedächtig spielten beide, mit langen Zwischenpausen und voller Überlegung, und der geheimnisvolle Zauber des Unwirklichen wehte durch den Saal wie ein rätselhafter Duft. Aus dem Lustgärtlein spähte Ginevra herüber. Sie wollte ihren Augen nicht trauen. Auch ihre Frauen machten große Augen. Tiefstes Schweigen herrschte. Und selbst die Vögel schienen nur leiser weiter zu zwitschern. Unheil mußte es bedeuten, wenn der Unsichtbare den König schachmatt setzte: Furchtbares mußte dann wohl geschehen; die Ritter wußten nur nicht recht, was sie sich darunter vorstellen sollten. Gewiß, Merlin hatte das Schachbrett heranschweben lassen. Aber trotzdem blieb es doch ein Wunder, und das, woran die elf Ritter eigentlich nicht mehr glauben wollten, wiewohl sie hin und wieder in ihrem Unglauben schwankend wurden, wiewohl sie zweifelten, ja, wiewohl sie im Grunde genommen selber nicht recht wußten, was sie glauben sollten oder nicht ... das sahen sie jetzt vor sich, wie sie das schimmernde Bild der Vergangenheit auf der weißen Wand gesehen hatten und den Lilienkelch der Sprechblume und all das Licht, das durch eine einzige Handbewegung des Merlin aufleuchtete und erlosch. Wunder oder kein Wunder? Galehot versuchte zu lächeln, aber es wollte ihm nicht recht gelingen, wenngleich er meinte, daß die Drachen, die er getötet hatte, doch eigentlich nur große Eidechsen gewesen wären. Sagremort runzelte die Brauen und zog die Stirn wieder glatt. Aber mochten die anderen tun was sie wollten: Gawein starrte gläubig wie auf eine Offenbarung überirdischer Heiligkeit. Das Spiel nahm seinen Fortgang in rascheren Zügen. Die goldenen Türme von Camelot in des Königs Hand glitten in geraden Linien dahin, seine goldenen Pferdchen machten ihre Sprünge, und sein goldener König nahm die silberne Königin. »König«, erklang jubelnd Arturs alte Stimme. Der silberne König war in Gefahr. Schwer nur vermochte er sich noch mit einem Rückzuge zu retten. Aber dennoch mußte er ohne ungewöhnlichste Spielkunst beim nächsten oder zweitnächsten Zuge schachmatt sein ... Alle sahen zu, König Artur durfte nicht verlieren. Plötzlich begann das Schachbrett zu beben und schwebte gleich darauf leicht in die Lüfte empor. Die Ritter, die Frauen, der König, alle stießen einen Schrei aus. Das Brett erhob sich samt den Figuren, deren am Ende der Partie, die sich für den silbernen König so unheilvoll entwickelt hatte, nur noch wenige auf dem Brette standen, und die auf beiden Seiten fortgenommenen Figuren erhoben sich gleichfalls, verschwanden im Nichts, gleich, als ob unsichtbare Hände sie weggezaubert hätten. Das Schachbrett selber aber schwebte ganz gerade, während die wenigen Figuren auf ihm stehenblieben, höher und höher und zog sachte davon. Es schwebte so hoch, und nun nicht mehr so rasch, als wolle es alle, die dort unten saßen, nachlocken, und über den Apfelbäumen trieb es nun unter den weißen, dicken Wolken am blauen Himmel dahin, langsam, langsam ... »Wer holt mir das schwebende Schachbrett ein?« rief König Artur erregt und wies mit der Hand hinauf. »Mein halbes Königreich geb' ich dem, der mir das Schachbrett wieder holt.« Das hatte er nun allbereits vor zehn Jahren ausgerufen, als ohne Merlins Mitwirkung ein Schachbrett hereingeschwebt war. Doch als Gawein nach vielen Abenteuern zurückgekehrt war und auf seinem Rosse Gringolette des Königs Assentijn Tochter Ysabel heimgeführt und dem König das Schachbrett gebracht hatte, schien Artur sein Versprechen völlig vergessen zu haben, und die Hofnotare hatten keinen besonderen Auftrag erhalten, des Königs Versprechen zu buchen oder zum mindesten festzulegen, daß nach seinem Hinscheiden die Hälfte von Logres an Gawein fallen solle. So kam es nun, daß, als der König zehn Jahre später den gleichen Ausruf tat, Gawein fein lächelte und Sagremort nur eben ein Kichern unterdrückte, denn auch er zweifelte ein wenig an der Erfüllung von seines Lehnsherrn Wort und Verheißung. »Wer«, rief der König wieder, »wer holt mir das Schachbrett ein? Wenn mir von neuem träumen sollte, daß ich meiner Krone verlustig gehen werde, dafern ich nicht diese Partie gewinne und den silbernen König schachmatt setze, so werde ich gewißlich selber auf die Suche nach dem Schachbrett gehen, meine werten Ritter, wo nicht einer von euch es mir holen will.« Des Königs Haupt zitterte vor Erregung und Alter, und während er so dastand, bebten seine alten, hoch erhobenen Hände. Allein die Ritter schwiegen; sie warteten auf Gawein, und darum blieb ein jeder stumm. Auch Gawein schwieg, und sogar Keye, der allzeit Spottlustige, und auch Merlin, der jung, lächerlich jung, mit einem schwarzen Spitzbart hinter einem der romanischen Bogen aufgetaucht war, um zu sehen und zuzuhören. Da erhob sich Gawein feierlich. Hoch reckte er sich auf und prächtig war er anzuschauen. Und es wollte die anderen bedünken, als sei er größer und herrlicher als sie alle. Sie wunderten sich darüber aber nur einen flüchtigen Augenblick. Die Elf blieben sitzen, und ihre Regungslosigkeit, ihr Schweigen bedeutete dem König, daß sie sich entschuldigten und nicht gesonnen waren, für ihren Fürsten das schwebende Schachbrett zu erjagen. Gawein allein hatte sich erhoben. Wie edel und mannhaft wirkte er, während er so dastand! Seine Züge waren ernst. Das Haupt hatte er hoch erhoben. Seine dunkelgrauen Augen blickten seelenvoll. Das dunkelbraune Haar hing ihm wellig bis auf die breiten Schultern herab und glänzte wie Frauenhaar. Breit und rund wie eine Säule war sein Nacken. Seine Glieder waren straff und von edelsten Formen. Die Muskeln zeichneten sich leicht unter dem braunen Wams ab, das Brust und Lenden umschloß, und unter den gelben Hosen, die seine schlanken starken Beine umspannten. Auf seine ritterlichen Fäuste gestützt, lehnte sich Gawein über die runde Tafel, und alle empfanden in diesem Augenblicke, daß sie ihn liebten, alle ... mit Ausnahme von Mordred und Didonel. Und Gawein sprach: »Mein Fürst, ich will, so wie ich es bereits einmal Euch zu Liebe und zu Eurer Ehre getan habe, das Schachbrett herbringen, wozu mir Mariens Sohn, der Herr des Himmelreichs, und Sankt Michael mit seinem flammenden Schwerte verhelfen und alle Heiligen des Paradieses beistehen mögen. Ein Abenteuer winkt endlich wieder einmal, und nach so vielen Jahren des Besinnens geziemt es sich nun, zur Tat zu schreiten. Mein Fürst, zum zweiten Male will ich Euch das schwebende Schachbrett holen und auch zum dritten Male würde ich das tun, wäre es auch wieder erst in zehn Jahren, wenn es sich noch ein drittes Mal ankünden und vor Euch herabschweben und wieder entschwinden würde. Denn ich bin derjenige, der Euch allezeit getreu ist und war und bleiben wird, bei dem Abenteuer, das da war, bei dem Abenteuer, das da ist, und bei dem Abenteuer, das da sein wird. Segnet mich, mein Herr und Gebieter, und heißt mich gehen. Ich nehme voll Vertrauen das Abenteuer auf mich, das mir winkt.« Und Gawein kniete vor König Artur nieder, der ihn segnete. Doch kaum hatte der Ritter sich wieder erhoben, so klang auch schon aus Keyes Munde Hohn und Spott. »Hahaha«, grinste er so schrill, daß selbst des Agloval gewohntes Auflachen ihm in der Kehle steckenblieb, als er über Keyes plötzliches Erscheinen Heiterkeit bezeigen wollte, und auch des Galehot Lächeln dem auf den Lippen erstarb. »Du tapferer Held«, fuhr Keye hämisch fort, »merke es dir wohl und verstehe recht: hättest du einen Draht genommen und den an das Schachbrett angebunden, so könntest du es jetzt zu dir herabziehen und es würde dir nicht entfahren sein.« »Wenn Ihr, Herr Keye«, sprach Gawein hochmütig und ruhig, »Euch dieser üblen Scherze enthalten wolltet, würde ich dies sehr wohl zu schätzen wissen und Euch ob Eurer Höflichkeit rühmen.« Und Gawein befahl, daß man Gringolette satteln und daß man ihm sein Roß alsbald vorführen sollte. Es war nicht mehr jung, das treue Streitroß, das Gawein schon zu vielen Abenteuern getragen hatte. Seit Jahren schon genoß es seine Ruhe, denn obzwar sein Herr es jeden Tag bestieg, so war doch ein stiller Ritt durch friedlichen Wald nicht dem zu vergleichen, was einst stetes Traben oder Sichaufbäumen bei Drachenkämpfen und Zwiegefecht an Kraft und Ausdauer erfordert hatte. So dachten wohl alle Ritter, als sie sahen, wie der Schildknappe Gringolette vorführte, während Gawein im Hof gerüstet und gewaffnet wurde. Und zugleich dachten sie darüber nach, ob es keine Drachen mehr gäbe, ob es wohl überhaupt je welche gegeben hätte – und Riesen ebenfalls – oder die ebensowenig? Zwei andere Schildknappen legten Gawein den silbernen Halsberg um und die Rüstung, die sich eng um Brust und Beine und Arme schloß, und darüber reichte der Waffenrock aus schwerem, dunkelscharlachrotem Tuch bis auf die Hüfte herab. Ein goldener Löwenkopf war auf dem Rock und auf der Schabracke zu sehen, die Gringolette, den Apfelschimmel, umhüllte, und der nämliche Löwenkopf glänzte auf Gaweins goldenem Schilde. Nun boten die Schildknappen ihm den Speer dar und das Schwert, und Gawein stieg auf, und der König rief: »Viellieber Neffe, tapferer Held, sieh zu, was die vollbringen kannst, und hör' den Rat, den ich dir gebe: hüte dich und dein Roß vor allem Unfall, der mich höchlichst betrüben müßte.« Und darauf ritt Gawein nach einem letzten Gruß mit dem Speer davon, und alle eilten auf die hohen Zinnen ... Der König folgte unsicheren Schrittes Ginevra, die bereits mit Lancelot und den andern Rittern vorausgeeilt war, und Keye schritt hinter dem König hinkend die schmalen Stufen zum Turme empor, und der Kaplan und die Schreiber und die Gewappneten und alle die Diener folgten dem König ehrfürchtig, bis er ihnen durch einen Wink zu verstehen gab, daß sie vorangehen sollten, wonach er sich mit Keye hinter ihnen her mühsam von einer Stufe zur andern schleppte, bis sie alle hoch über den Wipfeln der Bäume zwischen den starken Mauern durch die Zinnen hindurch Ausschau hielten über die Ebene, die sich rings um die Burg erstreckte, und gewahrten, wie Gawein hinter dem Schachbrett hertrabte, das einmal hoch, dann wieder tiefer ihn herauszufordern und zu locken schien ... Und die elf Ritter wechselten hinter dem roten Mantelrücken des Königs, hinter Ginevra und ihren Frauen und all den andern einen Blick mit Merlin, der so lächerlich jung aussah und andächtig hinausschaute ... »Ist das Schachbrett ein Wunder?« flüsterte Sagremort. »Ist das Zauberei?« fragte Agloval grinsend. »Teu ... Teu... Teufelei?« fragte Ywein. Auch die andern fragten: »Was ist Teufelei? Was ist Zauberei? Was ist Wunder?« »Und was ist es nicht?« entgegnete ihnen Merlin mit unbestimmten Armbewegungen, und Galehot meinte, daß er selber wohl ebenso klug zu antworten vermocht hätte, wiewohl er kein Zauberer war. +++ Gawein aber trabte immerfort hinter dem Schachbrett her über die Ebene. Und das schwebte so schwerfällig und so tief, daß er oft glaubte, es wirklich mit der Hand fassen zu können. Beinahe hätte er die umpanzerten Finger emporgehoben; allein er tat es nicht, denn plötzlich kam ihn die Furcht an: »Wenn ich es nun aber doch nicht packen könnte, würde Herr Keye seinen Spott mit mir treiben ...« Und Keyes Spott war das einzige, davor Gaweins sonst so furchtloses Herz erbebte. Da schwebte das Schachbrett wieder höher empor über der Lichtung. Und Gawein hörte, wie der König von der höchsten Zinne herabrief: »Gott möge dich geleiten, Gawein, jetzt müssen meine Augen sich von dir trennen.« »Gott möge Euch geleiten«, hörte Gawein auch die Ritter um den König rufen. Gawein hob als letzten Gruß den Speer empor, ohne sich umzuschauen, weil er das Schachbrett nicht aus den Augen verlieren wollte. Dann breitete sich Tal und Ebene endlos um ihn her. Unter dem mittäglichen Himmel, der zwischen weißen Wolkenmassen im blauen Glänze glühte, schwebte wie ein viereckiger Papierdrache das Schachbrett ... Aber ich halte es nicht an einem Draht, wie mir der böse Herr Keye riet, dachte Gawein sinnend ... O du seltsames Abenteuer, bist du nun da und willst du dich nach zehn Jahren ganz ebenso wiederholen, wie ich dich damals bestand? Das Schachbrett schwebte herbei, das Schachbrett schwebte davon. Wird mein König in dieser Nacht träumen? Und werde ich ... Oh, lieber wäre es mir gewesen, ein neues Abenteuer hätte sich begeben. Was sich durch ein Verhängnis wiederholen muß, wiederholt sich doch sicherlich in einigem anders. Werde ich mich nun nicht durch das verwirren lassen, was gewesen ist und was nun sein soll? Doch was grüble ich denn in meinem Sinn? Verzagen will ich nicht, das Schachbrett werde ich finden. Ich werde es einfangen, so wie ich es dazumal gefunden und eingefangen habe. Es wird mein werden, und ich werde es meinem Fürsten bringen. O Aventiure, die dazumal meinen Sinn gefangenhielt, nimm mich zum zweitenmal in deinen Bann! Und Gawein trabte hinter dem Schachbrett her und bemerkte, wie es schwebend den gleichen Weg nahm, den einstens das andere genommen hatte – oder war es das nämliche? Denn das erste war verschwunden, und niemand wußte, wohin! Ringsum das gleiche Tal und dann ... Und dann ... ... o Wunder! ... erhob sich wie dereinst ein Gebirge, das den ganzen Horizont abschloß, tat sich der Berg plötzlich vor ihm auf – ganz wie dereinst –, schwebte das Schachbrett in den Spalt hinein, wie dereinst, ritt Gawein, wie dereinst, in den Berg hinterdrein ... Der Riß schloß sich. Es war dunkel, nur hier und dort drang ein matter Tagesschein durch höhere, schmalere Spalten. Gawein bekreuzte sich. Und er betete: Hilf mir, Gott, hilf mir, Mariens Sohn. Ich bin in den Bergen, so wie ich es schon einmal war. Es ist dunkel, so wie es schon einmal war. Das Schachbrett habe ich verloren. Und wenn ich den Berg verlassen und ohne das Schachbrett an den Hof zurückkehren müßte, so würde mir's zur Unehre gereichen und Herr Keye würde mit mir seinen bösen Spott treiben. Du Gott, der du für uns starbest und um unsertwillen den Kreuzestod erwähltest, hilf mir aus meiner Not! Da wieherte Gringolette angstvoll ... Kapitel VII Gawein erinnerte sich ... Dies war die gleiche Stelle, wo er vor zehn Jahren durch Zauber und Magie, von denen er selber nichts ahnte, eingedrungen und dann eingeschlossen gewesen war. Der hohle Berg war geräumig wie ein endloses Gewölbe, und durch einen engen Spalt schien hie und da des Tages Leuchten, nicht heller denn Sternenflimmer. Und da hatte er dann in dieser düsteren, nur matt erleuchteten labyrinthartigen Grotte Lindwürmer gesehen: eine entsetzliche Drachenmutter mit vier Jungen, und erst hatte er die greuliche Brut bekämpft. Das Höllengezücht hatte die Schweife um ihn geringelt und mit den Flügeln geschlagen. Gringolette hatte sie freilich mit ihren Hufen zertreten, während Gawein mit seinem Schwert Hieb und Stich nach links und rechts ausgeteilt hatte. Er hatte ihnen die breiten Pfoten abgehauen, den spitzen Stahl in die flammenden, Schwefel speienden Mäuler gebohrt, bis sie wie ein blutig durchstochenes Knäuel voll Abscheu erregender Entsetzlichkeit leblos im Neste lagen, bis der letzte Phosphorglanz in ihren Augen mit dem Tode langsam erlosch. Nun aber hatte sich die Drachenmutter fauchend durch die dunklen Gänge herangeschoben, die draußen Aas und Fraß für ihre Jungen geholt hatte. In wildem Grimme über Gawein war sie, Feuer und Flammen speiend und erstickenden Odem ausstoßend, in der düsteren Höhle über ihn hergefallen und hatte ihn mit Klauen und Zähnen angegriffen, mit dem langen Schweif umklammert, während ihre breiten Flügel sich wie die eines Teufels spreiteten und ihre scharfen Schuppen ununterbrochen rasselten. Gawein war in ihrer tödlichen Umarmung vom Rosse herabgeglitten, und Gringolette war entwichen und hatte sich durch die felsigen Mauern, an denen sie sich wund stieß, einen Ausweg gesucht. Von dem Schweif der Schlange schier erdrückt, hatte der wackere Degen Gawein erst mit dem Schwert und dann, als ihm das entfallen, mit seinem letzten Heil, dem guten breiten Dolch, Stich auf Stich geführt, bis das Tier endlich tot umsank und sein siedend heißes Blut aus hundert Wunden über Gawein ergoß ... Und jetzt wartete der Held ab, ob wiederum ... Warum sollte nicht von neuem eine Drachenmutter ihre höllische Brut in dieser Höhle geworfen haben? Warum sollte nicht von neuem Phosphorglanz gleißen und glühen? Warum sollte es nicht von neuem Kämpfe zu bestehen geben? Gawein, der von Gringolette abgestiegen war und das Roß am Zügel führte, spähte im behutsamen Weiterschreiten um sich, ob nicht plötzlich ... bis er aus dem düsteren Gang in Bergestiefe an eine breitere Stelle gelangte und sich erinnerte und sogar noch sah: hier hatte er die jungen Drachen erschlagen ... dort ihre Mutter ... Und da erschrak Gawein mehr als er über den Anblick eines neuen Drachen erschrocken sein würde, wie er nun im Sternenmatten Tagesschein, der durch die Spalten drang, die Gerippe der jungen Schlangen erkannte, die weißen Wirbelknochen und die fleischlosen Rippen, die gebleichten Schädel und die blanken Knochenringe der langen Schweife. – Und in kurzer Entfernung spukte wie das Skelett eines Leviathans aus den ewigkeitsfernen Tagen, da es weder Christen noch Heiden gab, das entsetzliche Gerippe der Drachenmutter und versperrte den Weg durch den Berg. Weitgähnend klaffte noch der einst so weit dräuende Rachen, hohl war es unter den weißen Rippen, da sich einst der Bauch gebläht hatte wie ein feuriger Herd, der nun erloschen war, und wie die Haut der hochaufgerichteten Flügel verdorrt und zerfetzt an den Knochen herabhing und ihnen das Aussehen von Schwingen einer riesengroßen Fledermaus gab: das wirkte weit entsetzlicher, weil gespenstischer, als wenn ein neues Untier herangebraust sein würde ... Und Gawein klagte schon in seinem Gemüte darüber, daß er nur die tote Vergangenheit wiederschaute und sie nicht zu neuem Leben erstehen sah. Er gab sich das Wort, wenn er jemals wohlbehalten mit dem Schachbrett nach Camelot zurückkehrte, dieser verblichenen Überreste auch nicht mit einem einzigen Wort Erwähnung zu tun; er fürchtete den beißenden Spott des Herrn Keye. Und mit seinem Schwert hieb er auf das Gerippe ein, das ihm links und rechts den Weg versperrte. Die Knochen rasselten durcheinander, die Flügel zerfielen zu Staub, und hinweg über das, was so gespenstisch geschreckt hatte, zog er sein Roß mit sich, das scheute und sich bäumte, als empfände es noch jetzt vor diesem schaudererregenden Skelett die Schrecken der längst vergangenen Tage und ihrer Kämpfe. Allein sein Herr, der sich des schmalen Pfades durch den hohlen Berg wohl entsann, sah endlich das Licht heller erstrahlen und erkannte die Öffnung wieder, durch die er auch dazumal hinausgeschritten war ... Ja, auch draußen war alles gleichgeblieben. Der Berg erhob sich wie einst über einem unabsehbar breiten Flusse, die aufeinandergestapelten Felsklötze gaben ihm das Ansehen einer riesengroßen Kirche, die mitten im tiefen Strom auf einer Insel erbaut war. Und Gawein erinnerte sich, daß er mit Gringolette vom hohen Ufer in die tiefe Flut gesprungen war, auf einer Landzunge ein wenig geruht hatte und dann weitergeschwommen war, bis er endlich vor sich eine Burg gesehen hatte, deren zahllose Türme wie Gold geglänzt hatten. Und dort in jener Burg hatte er damals den König Mirakel angetroffen und Alydrisonder, seinen Sohn, und zwischen ihnen beiden hatte, o Wunder, das Schachbrett gestanden, und der König hatte gelobt, daß er es Gawein lassen wolle, wenn der ihm ein Schwert brächte – das Zauberschwert mit den zwei Ringen ... Dieses Schwert gehörte dem König Amoraen, und der wiederum wollte es Gawein nur abtreten, falls er ihm Ysabel, die schöne Tochter des Königs Assentijn zuführe. Und Gawein hatte Ysabel gewonnen, aber er hatte sie auch liebgewonnen, die Schöne, und als er sie nun, sein Ritterwort zu erfüllen, dem Amoraen dennoch zugeführt hatte, da war dieser bereits – welch Glück! – Todes verblichen, und so hatte Gawein das junge Weib für sich selber wahren dürfen, wenngleich er das Schwert dem König Mirakel hatte geben können, um damit das Schachbrett für König Artur zu erlangen. Und mit Ysabel und dem Schachbrett war er dann nach Camelot zurückgekehrt, und Keye hatte keinen Grund zu Hohn und Spott gehabt. Doch wie würde alles jetzt ablaufen? Warum hatte sich dieses gleiche Abenteuer wiederholt? Nun Gawein darüber nachdachte und an das Ufer des breiten Stromes gestiegen war und in der ruhig dahinströmenden Wassertiefe wie in einem Zukunftsspiegel zu lesen versuchte, legte er sich immer wieder die eine Frage vor: warum sich das nämliche Abenteuer wiederholt, warum nicht lieber ein neues gewinkt hatte. Es ist ermattend und nicht ermutigend, an Stelle von eben ausgebrütetem oder geworfenem Drachengezücht – ob ausgebrütet oder geworfen, wußte eigentlich niemand, da ein Drachenei noch nicht gefunden worden war! – die Gerippe der vor Jahren erlegten Untiere wiederzufinden. Dereinst war Gawein mit Drachenblut bespritzt worden, und während des Kampfes war ihm der Waffenrock zerrissen, der Halsberg war ihm gelöst, sein Schild in der feurigen Drachenglut beinahe geschmolzen und sein Schwert war schartig geworden und verbogen. Und er hatte dereinst dort im Grase geruht und seine Wunden mit Wasser aus dem Flusse gewaschen, er hatte Gringolette mit seinen kräftigen Händen die zitternden Flanken gerieben, sorglicher und liebevoller fürwahr als irgendein Stallbursche das Roß mit Striegel und Bürste hätte pflegen können! Während nun Gawein in das Wasser starrte und sich all dessen bewußt war, kam ihn fast Zorn darüber an, daß er nicht verwundet und mit Drachenblut bespritzt war. Gringolette war durchaus nicht müde. Doch würde das treue Roß jetzt noch imstande sein, so lange in der Wassertiefe gegen den Strom zu schwimmen? Gawein klopfte mit der gepanzerten Hand dem Roß den noch seidenweichen Nacken, und es erschauerte selig unter der wohlbekannten, wenn auch im Panzerhandschuh etwas unsanften Liebkosung. Gawein glaubte, es wagen zu dürfen, da Gringolette noch nicht gar so alt war, und so drängte er denn das treue Tier, dem er die Sporen in die Seiten preßte, zum Ansetzen und nach kurzem Zaudern tat es den Sprung in die Abgrundtiefe. Das ruhig dahinfließende Wasser brauste schäumend hoch auf, und Gringolette hob leicht keuchend den Kopf empor und blickte mit etwas entsetzten Augen auf die starke Strömung, gegen die es nun anzukämpfen galt ... Da erklang lautes Lachen. Erstaunt sah Gawein empor und erschaute am Ufer des Flusses, wo er herabgesprungen war, einen jungen Hirten inmitten seiner Schafe. Die Sonne sank über der Ebene, die sich wie ein Purpurtal dehnte, und glühte noch golden zwischen den geballten weißen Wolkenmassen hervor, als wollte sie die mit sich hinabziehen, und auf die wollenen Rücken der blökenden Schafe fiel letzter goldener Schein. Über den einer Kathedrale gleichenden Berg, aus dessen Höhlung Gawein entwichen war, flossen violette Tinten, und mattviolett spiegelte er sich in dem dahinströmenden Flusse, der fast wie ein Meer schien, da das jenseitige Ufer der weiten Wasser in fahlweiß aufsteigenden Nebeln nicht zu erschauen war. Als Gawein den Hirten entdeckte, wurde er zornig. Allein er beherrschte sich auch so geringem Manne gegenüber und rief daher ruhig zu dem hohen Abhang empor: »Darf ich dich, du junger Fant, fragen, warum du dort oben an dem sicheren hohen Ufer so fröhlich lachst, dieweil hier unten ein Ritter mühsam sein gutes Roß gegen den Strom zu der dort in der Ferne gelegenen Burg zwingen muß?« Der Hirtenknabe erschrak jetzt über sein eigenes Spottgelächter und rief, während er die Hand an den Mund legte, hinab: »Euer Edlen, Herr Ritter und mächtiger Baron, ich bitte Euch sehr, so Ihr es vermöget, haltet es zugute, aber als ich sah, wie Ihr Euch selber in Mißwende brachtet, da Ihr mit Eurem guten Rosse in tiefe Wasser hineinsprangt, während Ihr doch ebensogut des nämlichen Weges gemächlich hättet ziehen können, den ich für meine Herde entdeckt habe, da mußte ich lachen. Vergebt, mein edler Herr, einem geringen Bauernschlingel. Ich hätte fürwahr nicht lachen dürfen. Ich bitte Euch, seid mir nicht gram darob!« Gawein war's zufrieden und zürnte nicht mehr. Von seinem schwimmenden Rosse – wie keuchte Gringolette! – rief er dem Hirtenknaben zu: »Führt denn ein Weg zu der Burg des Königs Mirakel, wohin ich mich vor zehn Jahren auf meinem schwimmenden Rosse begeben mußte, wie ich es jetzt tue?« »Sicherlich, mein hoher Herr«, antwortete der Schäfer. »Ein fester, bequemer, gangbarer Weg ist schon seit Jahren angelegt, und heute morgen, als ich meine Herde auf die Weide führte, sah ich, wie ein Zauberwagen blitzschnell über den Weg glitt; von selber sauste er dahin. Und ich erschrak sehr und bekreuzigte mich. In dem Wagen aber stand eine stolze Prinzessin, wenn es nicht gar eine Zauberin war, und die hielt einen Stab in der Hand und mit dessen Zeichen allein lenkte sie das Gefährte über den glatten Weg. Und dafern ich mich recht erinnere, Herr Ritter, und mich mein Bauernschädel nicht täuscht, so war diese Prinzessin und Zauberin die stolze Fee Morgueine, Merlins, des Zauberers, bluteigene Schwester; der aber hat vor vielen Jahren diesen Weg angelegt.« Währenddessen schwamm Gawein auf Gringolettes Rücken in dem tiefen Wasser weiter und bemerkte, wie der starke Strom seinem Roß die keuchende Brust umspülte und ihm den Atem benahm. »Mein redlicher Hirte«, sagte Gawein, »das Schloß des Königs Mirakel ist noch fern und ich sehe, daß es meinem Rosse schwer wird, gegen den Strom zu schwimmen. Ich bitte dich, sage mir, wo kann ich an einer Stelle, die nicht gar so steil ist, ans Ufer steigen?« »Herr Ritter«, rief der Junge, »Gott gebe Euch Kraft, denn Ihr werdet Euer gutes Roß noch lange Stunden schwimmen lassen müssen. Seht doch nur, wie steil das Ufer hier bleibt! Und an die andere Seite wollen, hieße ein Meer durchqueren und würde immer weiter von der Burg des Königs Mirakel wegführen. Doch nahe beim Schloß weiß ich wohl eine Stelle, wo es möglich ist emporzusteigen.« So spornte Gawein Gringolette schweigend an, weiterzuschwimmen, während der junge Hirte oben auf dem Uferrand inmitten seiner leise blökenden Herde im Schimmer der untergehenden Sonne Roß und Ritter geleitete. Und Gawein dachte: So rasch und ohne mit mir erst recht zu Rate zu gehen bin ich mit Gringolette in das tiefe Wasser hinabgesprungen! Oh, daß ich doch um den Weg gewußt hätte, den Merlin vor Jahren gebahnt hat, und über den Morgueine mit dem Zauberwagen zu schweben weiß! Ich aber ahnte nichts davon. Da hätte ich mein armes Roß im Schritt gehen lassen können, und jetzt muß ich es gegen so starke Strömung ankämpfen lassen! Und das Schachbrett? Ich sehe es nicht mehr schweben, seit ich aus dem hohlen Berge heraus bin! Im selben Augenblicke aber sah Gawein, wie er unwillkürlich die Augen hob, um das Schachbrett zu suchen, in den jetzt fächerförmigen Strahlen der Sonne etwas über der Ebene schimmern, das einem Vogel oder einem Falter glich, und er stieß einen Freudenschrei aus, denn der Vogel, der Falter, wurde zu einem Viereck, erglänzte hell aus viereckigen Feldern von matteren und leuchtenderen Edelsteinen, und auf den Feldern standen hier und dort die Figuren des Schachspieles, gleißten die goldenen, mit denen König Artur gespielt hatte, und leuchteten milder die silbernen seines unsichtbaren Gegenspielers. Der Hirte indessen sah nichts und rief: »Edler Herr, was ist geschehen? Kann Euer Roß nicht mehr gegen den Strom an? Seid guten Mutes, noch eine Viertelstunde Schwimmens, und Ihr könnet an dem weniger steilen Abhang zum Ufer emporsteigen!« Gawein entgegnete nichts, er folgte mit aufwärts gerichtetem Blicke dem Schachbrett. Es schwebte aus der Bahn der Sonnenstrahlen heraus. Und dann plötzlich machte es eine Wendung nach links, wo in der violetten Abenddämmerung rote Türme in weitester Ferne noch eher zu erraten als wirklich zu sehen waren. »Das Schachbrett«, jubelte Gawein still in sich hinein. »Das Schloß des Königs Mirakel! Wie einstens wird es dort hinabschweben und seine Stätte finden, und wie einstens werde ich es dort finden zwischen dem König und seinem Sohn Alydrisonder! O Wunder, o Wunder! Welch Abenteuer! Gringolette, schneller geschwommen, daß es mir nicht entgeht. Schneller, schneller, mein wackeres Tier.« Und das Roß schwamm ... Stöhnen drang aus seinem offenen Maul, die Augen, die so schön waren wie die einer Frau, traten voll Todesangst aus ihren Höhlen hervor und voll Sorge schaute der Hirte von oben vom Ufer hinab, wie er die beiden begleitete und dabei seine blökende Herde vor sich her trieb, bis er endlich, mit dem Finger weisend, ausrief: »Herr Ritter, edler Baron, nur wenige Minuten noch und dort drüben, seht nur, dort drüben senkt sich plötzlich das Ufer und mit der Steilheit ist es vorüber.« Da richtete Gawein seine Augen auf die noch ferne Stelle des Ufers, die der Hirte ihm wies, und zugleich fühlte er, wie Gringolette, sein schnaubendes und keuchendes Roß, die letzten Kräfte verließen ... Kapitel VIII Gawein zwang das Pferd ans Ufer. Es gehorchte ganz erschöpft, schlug mit den Vorderhufen in den grasigen Abhang, der sich zum Wasser hinabsenkte, glitt aus. Doch endlich gelang es ihm, Fuß zu fassen, und nun klomm es mit dem Ritter empor. Dann aber am Rande des Weges, von dem Gawein nichts gewußt hatte, wankte es, stürzte zusammen, sobald der Reiter hastig abgestiegen war, und lag mit pochenden Flanken, über die das Wasser hinabtroff, keuchend da, flehentlichen Blick in den schönen großen Augen, die aus ihren Höhlen drängten. »Ach wehe, wehe!« rief Gawein schmerzerfüllt aus. »Willst du mich verlassen, Gringolette?« Letztes Aufleuchten der Sonnenstrahlen, dann erlosch der Glanz; ein dunkles Violett breitete sich über den ganzen Himmel aus. Das Wasser strömte weiter – bereits in nächtlichem Schatten. Und dort drüben in der Ferne erhob sich die Burg des Königs der Wunder, ihr dunkler Umriß stand gegen den letzten Schimmer des Tages. Die Schafe weideten, ihr leises Blöken tönte vom grasigen Abhang herüber, und ihr junger Hirte kniete mit Gawein bei dem keuchenden Roß. »Wehe, Herr Ritter!« rief der Hirte klagend, »Euer wackeres Tier scheint krank zu sein. Gebt mir Euren Helm, auf daß ich Wasser darein schöpfe und seinen erhitzten Kopf damit besprenge ...« Gawein nahm klagend, wie in großer Not, seinen Helm ab, und der Hirte lief damit hinunter und brachte ihn wieder. »O wehe, wehe!« rief Gawein noch immer klagend. »Sieh nur, mein Roß geht mir dahin – es stirbt! Gringolette, willst du mich verlassen, weil ich dich ohne Not durch diesen Fluß zwang?« Der Hirte besprengte mit dem frischen Naß den Kopf des Pferdes, den Gawein in seinen Schoß gebettet hatte. Mit brechendem Blick schaute es seinen Herrn an, hob dann die Nüstern, keuchend ging sein letzter Atem ihm über den Mund. Und dann sank es zusammen und lag still. Gawein aber war aufgestanden und rief: »Hirte, Gringolette ist tot. Ich trage Schuld daran! Wehe! Alt war sie noch nicht. Allein ihre Kräfte waren nicht mehr so wie dereinst. Vor zehn Jahren hat sie den gleichen Sprung von jenem mauersteilen felsigen Ufer getan. Vor zehn Jahren schwamm sie aufwärts bis zu der Burg des Königs Mirakel! So treu war sie, daß sie, selbst wenn ich abgestiegen war, nimmer fort mochte, sondern wartete, bis ich wieder aufsaß. Kein Fehl ließ sich an Gringolette finden, sie war so stark und so gut, und sie schützte mich mit ihrem Leibe, wie ich sie mit meinem Schilde deckte; wenn ich verwundet und bewußtlos dalag, wieherte sie laut und ruhte nicht, bis mein Knappe kam und mich fand. Und wenn ich dann mit meinen Augen zu ihr aufsah, wollte es mich bedünken, als vergäße ich jeglichen Kummer, und mein Herze ward wieder froh, und ich fühlte, ich müßte genesen.« Die Nacht war nun völlig hereingebrochen. Dort drüben vom blauen Himmel, an dem die Sterne langsam aufgingen, zeichnete sich unbestimmt die Burg ab, und weiter und weiter schien sie zurückzuweichen, wie ein Trugbild, das unerreichbar blieb. »Herr Ritter, Vieledler«, klagte der Hirte bewegt. »Was wollt Ihr nun, da Euer Roß verschied, noch länger hier an dem Strome weilen? Mögt Ihr nicht mit mir gehen nach meiner Hütte? Und darf ich Euch nicht gastlich empfangen, wenn ich Euch auch nur ein Bett aus Stroh und einen Bissen Brot zur Abendmahlzeit bieten kann?« »Mein wackerer Hirte«, antwortete Gawein jetzt ruhiger. »Habe Dank für dein Anerbieten. Allein diese Nacht will ich lieber hier bleiben und über meinem Roß wachen, auf daß nicht die Raben kommen und es zerhacken, auf daß nicht die Hexen nahen und es zerreißen für ihren Brei, der in greulichstem Kessel siedet! Braver Hirte, du mit deinem jungen Lachen und mit deinen jungen Tränen um ein Leid, das nicht dein eigenes ist, gehe mit den Schafen: es wird spät werden, ehe du deine Ställe erreichst. Geh und laß mich allein hier am Flußrand ...« Und Gawein drängte den Hirten, bis er mit seinen Schafen den Weg hinauf über die Ebene, in die Nacht hinein zog. Nur ein unbestimmtes Durcheinander sah er bald noch dort drüben, bis auch das in der Ferne verschwand. Und nun Stille vor der fernen, nur schwach durchhellten Dämmerung, der Dämmerung des Ungewissen ... Die Burg war am nebeligen Horizont fast völlig verschwunden. Kein Geräusch klang über diesen unablässig dahinwogenden Strom, der leise und eintönig weiterzog. Und Gawein blieb allein mit seinem toten Roß unter den Sternen, die immer heller erstrahlten. Der Degen hatte sich von neuem in das Gras gesetzt. Er nahm den Kopf des toten Pferdes in seinen Schoß und machte dreimal das Zeichen des Kreuzes darüber, und alles, was er mit seinem treuen Roß gemeinsam bestanden hatte, durchlebte er noch einmal, als ob ihn Schemen der Vergangenheit umwöben. Dann ließ er den Kopf sanft auf das Gras niedergleiten und kniete neben Gringolette hin und betete. Sein Schwert hatte Gawein neben Gringolettes toten Kopf in die Erde gestoßen und das Kreuz des Griffes zeichnete sich im unbestimmten Lichte der Nacht ab wie ein heiliges Symbol. Und Gawein war sehr betrübt, daß er nicht Kerzen anzünden konnte rings um den teuren Leichnam, dem er die Totenwacht hielt. Still saß er auf einem Grashügel, den unbehelmten Kopf geneigt, die bloßen Hände gefaltet. Als er aufblickte, gewahrte er, daß sechs Irrlichter das Pferd umleuchteten. Wie wilde Sterne zogen sie in stets gleicher Entfernung herum. Und Gawein begriff, daß sie von guten Geistern gesandt sein mußten. Am Ufer des Flusses entlang schwebten unzählige Leuchtkäferchen, doch über die Ebene her sah Gawein sechs andere glühende Lichter mit gelblichgrünem Widerschein sich nähern, und er wußte, daß da drei Wölfe heranstrichen. In einem Baum krächzte dreimal ein schwarzer Vogel durch die Nacht, und anderes Vogelgetier kam auf diesen Ruf herbeigeflogen. Die ganze Nacht hielt Gawein Wache, bis der frühe Tag farblos erwachte. Die Vögel saßen unbeweglich still und schauten bös von den Zweigen herab. Die Burg dort drüben tauchte fahl und unbestimmt aus dem Morgennebel auf. Und Gawein ward voller Zweifel, ob es wohl wirklich die goldene Burg des Königs Mirakel sei, darin er dereinst das erste Schachbrett gefunden. Übrigens dachte er kaum noch an das Schachbrett, das zu suchen er doch ausgezogen war. Sein Herz war voll stiller Verzweiflung, weil er erst seine herzliebe Frau Ysabel verloren hatte, ihm die Teuerste, ob er ihr gleich oftmals untreu gewesen war, und nun auch seine Gringolette! Kummer lastete schwer auf ihm, und er konnte nicht mehr hoffen, daß ihm diesmal das Schachbrett beschieden sein würde. Als der Tag voll erwachte, erhob er sich und zog sein Schwert aus der Erde. Und nun begann er mit seinem Schwerte rings um Gringolette vier tiefe Furchen zu ziehen und hob die Erde unter dem toten Körper aus und bereitete ihm sein Grab. Und er schaffte wie ein Knecht. Er grub und grub, mit dem Schwert und mit den Händen, und allmählich sank der Leichnam in den Grund. Zuletzt bedeckte er den Kopf mit Erde. Und von dem Ufer des Flusses schleppte er mühsam schwere Steine herauf und schichtete sie auf das Grab. Dann legte er seinen Schild mit dem goldenen Löwenkopf darauf nieder. Und wiederum steckte er sein Schwert in den Boden, an der Stelle, wo er ein Kreuz neben dem Kopfe Gringolettes aufrichten wollte. Und zur Seite des Grabes stieß er seinen Speer tief hinein und hängte den Helm darauf, und die Stahlhandschuhe legte er daneben. Und dann schlug er noch ein letztes Mal das Kreuz über dem, was er nun zurücklassen mußte, und baren Hauptes, von dem seine langen Locken, die wie Frauenhaar glänzten, ihm über den Halsberg fielen, und unbewaffnet, machte er sich langsam auf den Weg. Die neue Sonne strahlte über der Welt, die schwarzen Vögel waren verschwunden, und eine Lerche stieg zwitschernd höher und höher zum endlos durchsichtigen Himmel empor. Allein gleichgültig schritt Gawein dahin. Nach Camelot wollte er nicht zurück. Kam er ohne Waffen, ohne Gringolette, ohne das Schachbrett heim, so würde Keye sicherlich seinen Spott mit ihm treiben. Den Weg zur Burg des Königs Mirakel schlug er ein, ohne selber recht zu wissen, warum, denn er zweifelte gar sehr, ob er auch das zweite Schachbrett bei dem Wunderkönig finden werde. Und in seinem Panzerhemd zog er ziellos dahin, seltsam anzuschauen: der Ritter ohne Helm und ohne Schwert und ohne Roß auf dem Wege, der ins Wunderland führte – bis er plötzlich hinter sich ein schrilles Getöse wie Trompetenruf vernahm und sich umschaute und einen Zauberwagen gewahrte, der blitzschnell näher kam, in einer Wolke von Staub heranrollte – und in dem Wagen stand hoch aufgerichtet eine Frau. Sie lenkte ihn mit der Hand an einem horizontal sich drehenden Steuer, und in der anderen hielt sie einen Stab, mit dem sie die Wendungen anzugeben schien, die das Gefährt auf seinem Wege beschreiben mußte. Gleich einer flatternden Wolke umhüllte sie ihr durchsichtiger scharlachroter Mantel, der sich über die Schuppen eines Panzers breitete, und sie war sehr schön anzusehen mit ihren blauschwarzen Haaren, die ihr stolzes Antlitz umflatterten. Als ihre Trompeten, die zur Seite des Wagens ihre goldenen Schalltrichter vorstreckten, zur Warnung geblasen, und Gawein sich umgewandt hatte, um zu sehen, was es da gäbe, verlangsamte sie den Lauf ihres Zauberwagens und machte dann mit einem Ruck halt, während ein bläulicher Nebel und ein seltsam süßer betäubender Duft ihren Wagen umwölkten. Gawein verwunderte sich über die Maßen, doch als er Merlins Schwester, die Fee Morgueine, erkannte, grüßte er höflich mit Haupt und Hand. Und auch sie erkannte ihn und rief: »Gawein, großer Held, Ihr Vater der Abenteuer, wie treffe ich Euch hier auf einsamem Wege, ohne Helm, ohne Schwert, ohne Speer und ohne Schild und Roß?« »Ach, Morgueine«, antwortete Gawein, »mein teures Roß, Gringolette, starb, und mein Schild beschirmt sein Grab; auf meinem Speer ruht mein Helm ihr zur Seite und umschließt einen letzten Liebesgedanken an sie, und das Schwert, das ihr zu Häupten im Boden steckt und mit seinem Kreuze sie bewacht, wird sich in meinem eisernen Handschuh erheben, so Mensch oder Tier ihre letzte Ruhestätte schändet, so wahr mir der Sohn unserer lieben Frauen helfe.« »Und wohin begebt Ihr Euch, Gawein, so allein und baren Hauptes, im Staube dieser endlosen Straße? Nicht einem Ritter gleicht Ihr, weit eher einem Verbannten, der nicht weiß, wohin ihn seine Schritte tragen!« »Ach, Morgueine, weiß ich es denn, wohin ich treibe? Soll ich nach Camelot zurückkehren, daß Keye, den ich fürchte, mit mir seinen Scherz treiben kann? Ich gehe und gehe und weiß nicht, wohin. Ich gehe, ich gehe nur so für mich her!« »So gehet zu mir ein, tapferer Ritter«, sagte Morgueine einladend, »und ich will Euch in mein Tal führen, das ist voller Freude und Scherz und Liebesspiel.« »Ach Morgueine«, gab Gawein widerstrebend zurück, »was wollt Ihr mich mit Euch in Eure Zauberlande führen, in das Tal des tollen Tanzes, darinnen jeder, der es betritt, sich drehen muß, bis er tot umsinkt, und aus dem ich Lancelot, der ohne Arg sich darin verirrt hatte, von dem bittren Los habe befreien müssen, das Ihr meinem edlen Gefährten, den ich liebe, zugedacht hattet.« »Gawein«, sprach lächelnd Morgueine, »ich führe Euch nicht in das Tal des tollen Tanzes. Ich geleite Euch in einen andern Hain, der ist voller Freude und Seligkeiten. In diesen weiten Tälern wachsen zwischen schattigen Lauben und Lusthäuslein, die zu süßer Ruhe laden, die wunderbarsten Pfeffer-, Anis- und Ingwerbäume und Feigen und Muskatnüsse und Granatäpfel und Mandeln. Wir werden dort in meinen Wäldern weiße Hirsche jagen und gefleckte Leoparden, und wenn wir von der Jagd zurückkehren, werden wir köstlich roten Wein trinken und mit Pasteten und Pfauenbraten unsere Abendmahlzeit halten. Harfe und Psalter werden uns von selber aufspielen. Ich habe eine Orgel, die in der Luft schwebt und aus silbernen Pfeifen singt, die heller klingen als goldene, meiner Treu! Und Gnomen werden wir vor uns hertanzen sehen. Und Elfen werden wir um uns her singen hören, mit feinen Stimmchen, die wie silberne Glöcklein schallen. Auf dem Meere, das durchsichtig ist wie Glas, werden wir auf einem Floß mit unzähligen Fackeln umherfahren, und wir werden, von süßester Melodie geleitet, bis zum Monde schwimmen ... Wollt Ihr da nicht mitkommen, o Gawein?« Gawein lächelte mutlos und stieg ein. Der Wagen begann zu surren, bewegte sich ruckweise vorwärts und schnellte dann davon, und an des Königs Mirakel Burg vorüber, ehe noch Gawein sich dessen bewußt war. Er saß Morgueine zu Füßen und fühlte, wie er in schwindelerregender Fahrt mitgeführt wurde. »Das ist der Wagen meines Bruders Merlin«, sagte Morgueine. »Doch ich kann das Gefährt noch nicht allzu sehr loben, trägt es mich doch nicht durch die Lüfte; Merlin behält seinen zauberhaften Vogel für sich. Und wenn meine dienenden Geister mir nicht in verborgenen Quellen unter der Erde duftende Öle zu finden wüßten, durch die der Wagen in Gang gebracht wird – denn er läuft nicht von selber, Gawein, sondern durch geheime Triebkraft und Wunder wirkende Öle –, so vermöchte nichts eine so schwere Maschine vorwärts zu bringen, und wäre der Weg auch noch so glatt.« In der Tat schien es an den wunderbaren Ölen und der geheimen Triebkraft nicht zu mangeln, denn der Wagen flog, flog weiter wie ein Vogel. Und Gawein wußte kaum, wo, in welchem Reiche er sich befand, denn das war nicht Logres, und es waren nicht die Länder der Könige, die ringsum herrschten. Die Bäume trugen seltsam verschlungene Äste. An den Zweigen hingen zwischen grünen Blättern rote, lange und runde goldgelbe Früchte. Eine schneeweiße Hirschkuh eilte plötzlich über den Weg und entschwand im Wirrsal der blühenden weißen Mandelsträucher und der früchteschweren Granatäpfelbäume. Und plötzlich sah Gawein, wie sich vor ihm ein Zaubertal auftat, und hörte, wie süße Musik von selber spielenden Instrumenten ertönte, die mattsilbern oder elfenbeinweiß schimmernd inmitten zarter Wölkchen am blauen sommerlichen Himmel schwebten. »O Wunder!« sagte Gawein, »wie spielen nur all diese Zauberflöten von selber, Morgueine?« Morgueine lachte laut auf, dieweil der Wagen mit einem so heftigen Ruck stillstand, daß Gawein beinahe herausgeschleudert worden wäre. »Nicht anders als durch Zauberkunst, sei dessen gewiß«, sprach sie. Sie stiegen aus. Und an ihrer Hand führte Morgueine Gawein durch die Zauberpforte des Tales der Ungetreuen Ritter, aus dem ein Ritter, der jemals seiner Geliebten die Treue gebrochen hatte, nur durch einen Ritter erlöst werden konnte, der niemals untreu gewesen war. Kapitel IX Während eines Monats bereits hatte König Artur, hatten die Ritter zu Camelot nichts mehr von Gawein vernommen, der auf die Suche nach dem Schachbrett gezogen war, und ob ein Monat gleich nicht sonderlich lange Zeit bietet, so ein schwebendes Wunder einzufangen, so begann doch König Artur, begannen mit ihm die Ritter unruhig zu werden. Und die letzteren flüsterten miteinander und sannen, was wohl dem Gawein zugestoßen sein könne! Seltsam war es zugleich, daß Didonel und Mordred oftmals des Abends abwesend waren, und daß sie für ihr Fernsein keine besonders triftigen Gründe anzuführen vermochten. Zudem hatte sich Merlin während dieses ganzen Mondes nicht mehr auf Camelot sehen lassen. Das alles waren Dinge, die unfrohe Stimmung in Camelot schufen, und die, wie es schien, nur Lancelot und Ginevra sich kaum zu Herzen nahmen. Da endlich kam Merlin eines schönen Tages zur Zeit der Frühmesse auf seinem Phönix herabgeflogen, und kaum war er abgestiegen, so ward er von den Rittern mit Fragen bestürmt, ob er denn nicht wisse, wo Gawein sei? Und wo er selber so lange geweilt hätte? »Wo ich so lange gewesen bin?« gab Merlin zurück. »Aber, meine tapferen Degen, ich bin ja keiner aus dem Kreise derer, die hier bereits seit zehn Jahren auf Camelot in säumiger Muße sich verliegen, von Heldentaten ausruhen und abwarten, bis neue Abenteuer locken. Ich bin, wohl ist es wahr, ein Magier, aber ich bin auch Alchimist und Kenner der Kräfte des Weltalls, bin Schöpfer wundersamer Dinge und Erforscher der Natur, bin ein Mann der okkulten Wissenschaften. Und da habe ich viel zu schaffen – wahrlich, groß ist Müh und Plage für mich. Glaubt ihr in der Tat, ich könnte nur jeden Tag hier nach Camelot kommen, um müßig zu schwatzen und nichts anderes zu tun als darüber nachzudenken, ob wohl ein Wunder sich begeben würde oder nicht? Ich habe in diesen Tagen darüber nachgedacht, ob ich nicht die Sprechblume, die alle Gespräche zwischen Morgueine und mir aufnimmt und wiedergibt, drahtlos einrichten könnte.« »Drahtlos!« wiederholte Agloval, laut auflachend. Merlin sah den Ritter an, der, gleichviel, ob mit Recht oder Unrecht, immer so leicht auflachte, und zuckte nur die Achseln. »Jawohl, drahtlos!« sagte er. »Jetzt brauchen wir Metalldrähte, die mir meine Gnomen unter der Erde fortspannen. Wißt Ihr, Agloval, drahtlos wäre es viel einfacher. Doch weil Morgueine zu dieser Stunde nicht in ihrem Schloß am Meere weilt, hat mir die Arbeit viel Zeit genommen, und jetzt bin ich vollends damit hintan geblieben, weil sie sich in dem Tal der Ungetreuen Ritter daran ergetzt, mit hundertundfünfzig Ungetreuen ihr Wesen zu treiben.« »Hundertfünfzig?« wiederholte Sagremort zweifelnd. »Hunddddd ... ertfünfffff ... zig?« stotterte Ywein erstaunt. »Keiner mehr und nicht einer weniger«, versicherte Merlin, »und der hundertundfünfzigste ist Gawein.« »Gawein?« riefen Hestor und Melegant. Galehot lächelte, weil er längst schon geahnt hatte, wo Gawein so lange verweilen mochte. Und als Lancelot und Ginevra engumschlungen dahergewandelt kamen, gab er ihnen gleich die Kunde weiter: »Gawein hat seine Lust mit Morgueine in dem Tal der Ungetreuen Ritter ...« Und Merlin erzählte von dem Tode Gringolettes, des guten Rosses, und berichtete, wie Morgueine ihm endlich durch die Sprechblume gemeldet habe, daß Gawein ihr hundertundfünfzigster Ungetreuer geworden sei. »Wenn das der König erfährt«, sagte Lancelot verstört. »Nur ein Ritter, der seiner Fraue getreu ist, vermag Gawein zu erlösen«, meinte Gwinebant. »So gehet Ihr, Gwinebant, ihn zu retten«, entgegnete Merlin, »denn Ihr träumet ja nicht einmal von einer anderen Jungfrau als von Ysabel, des Assentijn schönem Enkelkinde.« »Gwinebant liebt nicht lange genug. Er ist noch nicht genug erprobt«, riefen Melegant und Hestor. »Zweifelt ihr an meiner Treue?« rief Gwinebant, und Entrüstung klang aus seiner klaren Stimme. »Wer von euch ist denn getreu?« fragte Merlin – und wußte es doch schon! Keiner von ihnen war es, bis auf einen einzigen. Und sie lächelten einander zu und zuckten die Achseln und wußten voneinander, daß sie, wenn sie eine Jungfrau geliebt hatten, auch zugleich einer anderen minnig zugetan gewesen waren. Gwinebant nur war noch ein Knabe, obschon er nur drei, vier Jahre weniger zählte als sie. »Lancelot«, meinte darauf Hestor, und er sprach sehr bescheidentlich, als dächte er gar nicht an sich selber. »Ja, Llll ... Lancelot«, meinte Ywein bestätigend. »Lancelot!« riefen nun auch die anderen. Der stand mit niedergeschlagenen Augen da, als wolle er um Vergebung bitten für seine Ohnmacht, untreu zu sein, und er sprach mit leiser Stimme, ohne vom Boden aufzusehen: »Ich bin getreu!« »Bei Sankt Michael, ja, du bist wahrlich getreu«, riefen sie alle. »So ist es an dir, Gawein zu erlösen«, hob Merlin an. »An dir«, fielen sie alle ein. »An mir«, bestätigte Lancelot. »Ich werde also den König um die Erlaubnis bitten, Gawein zu retten.« »Nein, nicht das«, riefen sie alle, »der König weiß ja nicht, daß Gawein ...« »... im Tale der Ungetreuen Ritter verweilt«, ergänzten Sagremort, Agloval und die anderen. »Wo sind denn nur Mordred und Didonel?« überlegte Galehot bei sich. »Ich werde denn«, hub Lancelot von neuem an, »den König um die Erlaubnis bitten, Gawein zu suchen.« »So ist es recht: ihn zu suchen!« »Ich werde Euch zur Seite stehen, Lancelot«, rief Merlin. »Wahrlich, meine Schwester Morgueine treibt ein ärgerlich Spiel in ihrem Tal ...« »Hunddd ... ertundfff ... fünfzig«, sagte Ywein und entrüstete sich. Eine große Glocke ließ darauf ihren metallenen Ruf ertönen. Das war das Zeichen, daß König Artur nun in den runden Saal hinabsteigen und seinen Platz in dem Thronsessel an der Tafelrunde einnehmen werde. Und allbereits erschien er, von Ginevra geleitet, und drei Pagen trugen seinen vermotteten Mantel, und die Ritter nahten sich, einer nach dem anderen, ihrem Herrn und König und beugten das Knie vor ihm. – +++ Am Nachmittage des gleichen Tages zogen Lancelot und Gwinebant mit des Königs Erlaubnis zu Pferde aus, Gawein zu suchen. Merlin war es leid gewesen, daß er ihnen nicht sogleich hatte helfen können, weil er eben seinen Zauberwagen der Morgueine überlassen hatte. Sonst hätten die beiden Ritter rasche Fahrt darin tun können bis ans Tal der Ungetreuen Ritter ... »Aber freilich hätte ja keiner von ihnen mit der Maschine umgehen und das Gefährte lenken können«, tröstete sich Merlin, und er selber war an diesem Tage zu beschäftigt mit der Vervollkommnung des drahtlosen Fernspruchs ... So ritten die zwei zu Pferde davon über die Ebene, die in Sonnenschein gebadet dalag, und rings um den Wunderberg, der sich ihnen nicht erschloß, und dann am Flusse entlang, der breit war wie ein Meer. Hin und wieder fielen sie in Trab, dann wieder in Schritt ... Gwinebant schaute immerfort auf, ob er das Schachbrett nicht erspähen könne. Allein es war nichts dergleichen zu sehen. Und es konnte ja nicht wohl in einem fort durch die Lüfte schweben. Und es war ja möglich, daß es jetzt bereits an der Stelle harrte, an der Merlin es den Gawein nach großen und kleinen Abenteuern finden lassen wollte. Und plötzlich sahen die Ritter am Wege einen aus Steinen gehäuften Grabhügel und erschraken sehr, denn sie erkannten Helm und Schwert und Schild und Speer ihres Gefährten Gawein. Und sie begriffen, daß er Morgueine unbewaffnet in das Tal gefolgt war. Indessen wagten sie es nicht, Helm, Speer oder Schild Gaweins mitzunehmen und von der Stätte zu entfernen, an der sie das Grab Gringolettes vermuteten. Beide machten das Zeichen des Kreuzes, dieweil sie ihre Rosse dem Hügel zukehrten und sich still neigten: hatte doch Gringolette beinahe menschlichen Verstand gehabt und weidete ihre Seele doch sicherlich jetzt auf den himmlischen Gefilden vor der Pforte, die St. Peter mit dem Schlüssel bewachte, und wo alle guten Pferde, die im Kampfe erschlagen oder sonst in Ehren umgekommen waren, ein glückselig Leben voller Frieden, bei der Fülle Hafers und Klees wartete ... Dann ritten sie immer weiter, und es wurde bereits Abend, da begegneten sie dem Hirten, der mit seiner Herde heimwärts zog. Und er grüßte sie artig – er war schon daran gewöhnt, Rittern zu Pferde oder Feen im Zauberwagen zu begegnen – und erzählte ihnen auch von Gringolettes Tod: das sei nun schon mehr als einen Monat her. Seither habe er den edlen Baron nicht wiedergesehen. Doch das ihm teure Grab, dessen könnten die Herren sich versichert halten, würde von niemandem geschändet werden, dafür bürgten die ritterlichen Waffen und der Schild und der Helm und die Handschuhe: so meinte der Hirte. Von dem Tal wüßte er nichts, er glaubte aber, die Barone müßten immer nur geradeaus an der Burg des Königs Mirakel vorüber reiten und dann links abbiegen. Dort seien wieder andere Wunderländer. Oh, es gäbe ihrer hier gar viele an dieser Seite des Flusses. Als aber der Abend hereinbrach, merkten die Ritter, die noch immer, bald im Schritt, bald im Trabe ritten, daß sie sich auf diesem linken Wege verirrt hatten. Ihre Rosse waren wohl müde, und Gwinebant sagte ungeduldig: »Warum sendet uns Merlin auch nicht ein Zeichen, daß wir in der Nacht nicht fehlgehen!« »Er ist mit dem drahtlosen Fernspruch beschäftigt«, meinte Lancelot, mild entschuldigend. »Aber mir wäre es auch willkommen, wenn wir eine Burg fänden, in der wir um Gastfreundschaft bitten könnten.« »Ob wir zum König Mirakel zurückkehren?« fragte Gwinebant zögernd. »Wir kehren nimmermehr um, wenn wir auf eine Fahrt zur Suche Gaweins gehen«, sagte Lancelot strenge. Und Gwinebant errötete wie ein Mädchen und sprach demütig: »Ihr habt wohl recht, Lancelot, möge mir Unsere liebe Fraue Maria im Himmel aus Hulden verzeihen ... Wir kehren nimmermehr um.« Und so ritten sie weiter durch die Nacht, die hereingebrochen war. Das Land erstreckte sich endlos und verlassen unter dem Schein der Sterne, die einen silbernen Nebel woben. Jenseits des Flusses war der Horizont nicht mehr zu sehen, war doch das Wasser so breit wie ein Meer ... »O sieh doch!« sagte Gwinebant und bekreuzigte sich voll frommen Schauders. »Ich sehe, ich sehe«, gab Lancelot zurück, und auch er schlug das Zeichen vor sich. Die beiden Ritter hielten die Pferde an. Atemlos sahen sie zu. Über dem meeresbreiten Flusse flogen unzählige schwarze Vögel. Es waren keine Raben, es waren keine Krähen. Es schienen vielmehr schwarze Tauben zu sein ... Und sie flogen in weiten Kreisen und stürzten sich dann plötzlich wie in Verzweiflung in die silbern schimmernden Wasser dort unten und flogen wieder empor, doch nun so weiß wie frischer Schnee – und verloren sich in der Nacht. »Das sind arme Seelen aus dem Fegefeuer«, sagte Lancelot und bekreuzigte sich von neuem. »Die sich in den reinen Wassern läutern«, fuhr Gwinebant fort und tat desgleichen. »Wir haben uns in heiliges Gefilde verirrt«, meinte Lancelot, während er um sich schaute. »Dies ist nicht mehr Logres.« »Und auch nicht mehr das Wunderland von König Mirakel.« »Weder das Zauberland der Morgueine noch das Merlins ...« »Werden die beiden ins Paradies eingehen, Lancelot?« fragte Gwinebant erschauernd. »Gewißlich«, erwiderte Lancelot, »Merlin und Morgueine sind ja nicht böse.« »Nein, böse nicht ...« »Sie sind nur allzu wohl erfahren in allen Dingen über und unter der Erde.« »Nur allzu wohl erfahren«, wiederholte Gwinebant. »Doch endlich werden sie gerettet werden; wir wollen für sie beten, Gwinebant.« Die Ritter stiegen ab. Sie banden die Rosse an ihre in den Rasen gesteckten Schwerter. Sie knieten nebeneinander am Ufer des meeresbreiten Wassers nieder und begannen ihr Ave zu sprechen. Vor ihren Blicken flogen noch immer drüben durch die weite silberne Nacht die schwarzen Vögel daher, tauchten unter und stiegen dann schneeweiß und triefend zu den Sternen empor ... Und Lancelot und Gwinebant beteten für Morgueine und Merlin, daß sie am Ende doch noch errettet würden. »So mögen sie«, betete Lancelot, »wie schwarze Vögel dahergeflogen kommen, Gott im Himmelreich, über deine läuternden Wasser ...« »So mögen sie«, betete Gwinebant, »als weiße Vögel aus deinen lauteren Wassern emporsteigen, o Gott im Himmelreich ...« »Amen«, sprachen beide mitsammen und bekreuzigten sich. Und sie stiegen wieder auf und ritten weiter, und glaubten, die weißen Tauben ganz leise in der Luft singen zu hören: »Kyrie eleison! Kyrie eleison!« Allein sie waren zu fromm, die beiden Ritter, als daß sie aufgeblickt hätten, und ritten weiter, immer weiter, ohne zu wissen, wohin, und vertrauten darauf, daß sie wohl von Schutzengeln geleitet würden, wenn auch nicht sogleich an das Ziel der Fahrt, so doch zu einem rechten Abenteuer. »So wie im Leben«, sagte Lancelot philosophisch. »Im Leben?« fragte Gwinebant wie ein Knabe. »Wo das Abenteuer aus Gutem und Bösem sich zusammensetzt, genau wie bei den Irrfahrten«, gab Lancelot zur Antwort. »Wirklich?« wunderte sich Gwinebant und fügte hinzu: »Lancelot, warst du deiner holdseligen Herrin, deiner minnig geliebten schönen Ginevra allzeit getreu?« »Ich bin ein großer Sünder«, sprach Lancelot, »doch in all meiner Sünde war ich allzeit getreu.« »Auch ich werde allzeit getreu bleiben«, erklärte Gwinebant. »Ihr aber wäret Euch bereits durch lange vergangene Jahre hindurch getreu.« »Ich bin ein großer Sünder«, hub Lancelot wieder an, »allein ich kann nicht anders, so wahr mir Gott helfe! Meine Treue ist meine große Sünde.« »Wir werden Gawein sicherlich finden«, sagte Gwinebant, »da wir beide also getreu sind ...« »Doch sündig bin ich allein«, meinte Lancelot und bekreuzigte sich dreimal. Das tat denn auch Gwinebant, wiewohl er weder Lancelot noch sich selber gar so sündig fand. Kapitel X Wie die beiden nun so in der Nacht langsam dahinritten, glichen sie recht jenen Urbildern auf Aventiuren ausziehender Ritter, wie sie in allen Ritterromanen durch die Nacht weiterreiten, wenn keine Burg an ihrem Weg ihnen Hausung und Lager bietet. Merlin indessen war, wenngleich nicht allwissend, so doch durch seiner Sylphiden und Gnomen Berichte hinlänglich unterrichtet und verstand es danach, Lancelot und Gwinebant durch herumschwirrende Leuchtkäferchen und Irrlichter auf dem rechten Weg zu halten, an dem sich die Burg eines oder des anderen alten Königs erhob, der nur nicht Mirakel, noch Assentijn oder Artur hieß. Lancelot und Gwinebant wurden von dem alten König Ban, der wohl an die Tafelrunde gehört hätte, im Nachtgewand, verschlafen und ein wenig brummig, empfangen, aber in ein Gemach geführt, wo Knappen ihnen Rüstung und Waffen abnahmen. Keine Sorge um die Rosse: sie standen bereits gut versorgt und wohl gestriegelt vor ihren gefüllten Krippen, dieweil die Knappen den Rittern Wams und Hosen darreichten und ihnen Wasser und Tücher boten, sich zu waschen, wie Edelleute es zu tun pflegen. Darauf führten sie die beiden in einen großen Saal, wo Platten auf Schrägen gelegt waren und das Tafeltuch gebreitet lag, und sie taten sich gütlich an Wild und tranken nach Lust vom wundervollen alten roten Wein. Und als die Knappen sie nach dem Mahl mit Fackeln wiederum in ihre Gemächer geleiteten, streckten sie sich alsbald auf den Lagern aus und hofften, bis zum Morgengrauen zu schlafen. Doch eine leise Musik ertönte. Und plötzlich schwanden die Mauern in einem weiten Bogen in der Wand, und zwei über alle Maßen schöne Jungfrauen erschienen lächelnd im Scheine vieler brennender Kerzen; mit weißen Rosenkränzen waren sie geschmückt, und Laute und Psalter trugen sie in der Hand. »O sieh doch, Lancelot!« rief Gwinebant und richtete sich von seinem Lager auf. »Zwei schöne heilige Cäcilien nahen sich uns durch die Wände!« Auch Lancelot hatte sich aufgesetzt, und die beiden Ritter, die selber so schön waren wie die Jungfrauen und so blond wie jene – Lancelot, der so ernst für seine dreißig Jahre, und Gwinebant, der für seine achtundzwanzig so jung war –, sahen überrascht, wie sich die beiden Spielerinnen näherten. Allein diese legten ihre Saitenspiele hin und traten aus dem Bogen, der sich hinter ihnen von selber wieder schloß. »Willkommen, Herr Ritter«, sprach die eine, und auch aus der anderen Munde klang der gleiche Gruß. »Willkommen, holdselige Besucherinnen«, sagten Lancelot und Gwinebant. Und Lancelot fragte: »Warum tut ihr uns die große Ehre an, ihr Jungfrauen, mit Musik und Blumen in unserem Schlafgemach zu erscheinen?« »Gleich der heiligen Cäcilie« – ergänzte Gwinebant und fand solchen Vergleich sehr trefflich. »Heilige sind wir nicht«, entgegnete die eine Jungfrau und lächelte Gwinebant zu. »Wir sind Schwestern, beide Töchter unseres Vaters, des Königs Ban, und ich bin Ydeleine.« »Und Belleflore ich«, sprach die andere, »und komme, euch zu fragen, ihr Ritter, ob ihr geneigt seid, euch mit uns in dieser Nacht an süßem Spiel zu freuen. Wir bitten euch darum in allen minnigen Züchten.« »Und wir beide danken euch in aller Höflichkeit, Belleflore und Ydeleine«, sagte Lancelot, bevor Gwinebant auch nur ein Wort hatte äußern können. »Doch wisset wohl, daß wir diejenigen sind, die morgen unseren Gefährten Gawein aus dem Tal der Ungetreuen Ritter befreien müssen, und daß wir dies nur dann vermögen, wenn wir selber unseren Herzensdamen treu bleiben. Wollet uns darob nicht zürnen!« »Wollet uns nicht gram sein«, endete Gwinebant die Entschuldigung mit leisem Bedauern, wiewohl er Ysabel niemals vergaß. »Gawein!« riefen die beiden Jungfrauen aus. »Aber gehört der nicht auch zur Tafelrunde?« »Sicher und gewiß, bei Sankt Michael«, sprach Gwinebant. »Bei der heiligen Maria, der hehren Himmelskönigin«, fügte Lancelot ernst und würdevoll hinzu. »Wir kennen ihn«, bekannte Ydeleine schalkhaft. »Wir kennen ihn beide«, versicherte Belleflore noch schalkhafter. »War er gestern hier?« rief Lancelot fast heftig in seinem Drang, mehr zu erkunden. »Oder wohl gar heute?« klang Gwinebants Stimme ihm nach. »Nicht gestern ...« »Und nicht heute«, gaben die Schwestern Bescheid. »Doch vor einem Jahre«, sagte Ydeleine. »Ja, vor einem Jahre«, sagte Belleflore. »Er kam und war des Irrens so müde und ruhte sich aus und speiste mit uns, und wir trieben unseren Scherz.« »Wir vergnügten uns mitsammen, und er war so ritterlich.« »Wir bedauern es sehr«, sagte Lancelot, »daß wir nicht so ritterlich sein dürfen wie unser Gefährte, ihr schönsten Jungfrauen, aber er ist der ritterlichste von uns allen.« »Wir wollen nicht in euch dringen«, sagte Ydeleine lächelnd. »Wir wollen euch keine Beschwer antun«, meinte Belleflore lächelnd. »Unser Vater sagte zu uns: Gehet zu jenen Rittern, ihnen nach alter Sitte höchstes Gastrecht zu gewähren.« »Und wir gingen mit unseren Blumen und unserem Saitenspiel, so wie es der Vater uns befohlen hatte, ehe er sich zur Ruhe legte.« »Aber die Musik mögen wir gern hören, ihr Jungfrauen«, rief Gwinebant aus. »Nicht wahr, Lancelot?« »So ruhet euch denn aus auf euren Lagern«, luden die beiden Jungfrauen sie ein. Die Ritter legten sich nieder. Das Gemach war dunkel, nur matter Mondenschein spielte über die Bogenscheiben, und Belleflore zupfte an ihrer Laute, und Ydeleine fuhr schmelzend mit dem Bogen über die fünf klingenden Saiten ihres Psalters. Und sie sangen beide mit sanften Stimmen abwechselnd und gemeinsam: »Lancelot! Träume von deinem süßen Los! Träume von deiner Königin! Gwinebant! Lieber Knabe, schöner Held, Träume von deiner süßen Minne!« »Ysabel«, murmelte Gwinebant mit geschlossenen Augen schon halb im Schlafe. Und geräuschlos öffneten sich wieder die runden Bogenpforten, und die beiden Jungfrauen zogen sich unter Rosengewinden, von Kerzenschein umstrahlt, langsam zurück – die Mauer schloß sich ... Und die beiden getreuen Ritter schliefen und träumten, während bläulicher Mondenschimmer über die bunten Scheiben spielte. +++ Am nächsten Morgen baten sie König Ban und die beiden Prinzessinnen um Urlaub und ritten weiter und waren jetzt ihres Weges sehr sicher, denn Belleflore und Ydeleine, die wohl von Morgueine wußten, hatten ihnen gesagt, welchen Weg sie zum Tal der Ungetreuen Ritter einschlagen müßten. Und ohne weiteres Abenteuer verflogen ein paar Morgenstunden, und es war ein recht vergnügliches Reiten. »Wohl anders als in alten Zeiten, Lancelot«, sagte Gwinebant, »als es noch auf Schritt und Tritt Abenteuer zu bestehen gab.« »Auf Drachen stoßen wir sicher nicht mehr. Doch so wie ich einmal mit Gawein dich, Lancelot, aus dem Tal des tollen Tanzes erlöst habe, werde ich heute in Gemeinschaft mit dir Gawein aus dem Tal der Ungetreuen Ritter erlösen. Und ist nicht das Schachbrett selber ein abenteuerlich Ding, wenngleich wir wissen, daß es durch eines Zauberers Macht geschickt ward?« »Er glaubte daran«, sagte Lancelot, »er glaubte daran, wie auch König Artur daran glaubte!« Wie schön war Gwinebant und wie jung, als er sich so in den Bügeln hob und gelobte, daß er die Suche glorreich vollenden wolle! »Gwinebant, mit dir ist Gawein der Jüngste und Schönste unter uns allen, einzig deshalb, weil er glaubte!« »Doch du, Lancelot, bist der Treueste.« »Gawein ist der Ritterlichste.« »Wer am meisten höfische Sitte übt, kann schwerlich der Treueste sein, Lancelot, weil er zu oft in Minnenot kommen muß! Und sage mir, wer ist der Ritterlichste?« »Gawein.« »Aber er ist nicht der Frömmste ... Er beichtet oftmals in Jahren nicht, und nun läßt er sich von Morgueine verlocken. Und er vergißt das schwebende Schachbrett ... Sage mir, Lancelot, viellieber Gefährte, bin ich ritterlich?« »Gewiß, Gwinebant, du bist es.« »Ich bin der Schwächste, denn ich bin der Kränkste. Um der Frau Venus willen trage ich Leid. Ich denke in einem fort an meine Ysabel. Mir träumt in einem fort von meiner Ysabel, und sie ist so fern ...« »Du aber bist nicht schwach, Gwinebant, wenn du sie in so starken Treuen liebst. Du bist nicht krank, Gwinebant, wenn du dich in gesegneter Gesundheit an der Minne erfreust. Du blühst unter uns allen wie eine Rose, Gwinebant, und deine Stimme klingt wie die einer Nachtigall.« So tröstete Lancelot Gwinebant, und Gwinebant fühlte sich auch eigentlich gar nicht schwach und krank. Er fühlte sich, im Gegenteil, gesund und stark, nur sehr in den Banden der Minne – und in jeder Nacht träumte ihm von Ysabel ... wie auch er in jeder Nacht durch ihre Träume ging ... +++ »Sieh nur, Lancelot, sieh nur«, rief Gwinebant. Sie waren aus einem dichten Walde in ein breites Tal gelangt, zu dem verschiedene glatte Wege hinabführten; die waren gar geeignet für Zauberwagen, die, von wunderbaren und geheimnisvollen Maschinen bewegt, am schnellsten über glatte Wege dahinfliegen. Inmitten des Tales war das reine Paradies; hohe rote Rosenhecken umschlossen es, und eine Duftwolke schwebte den Rittern entgegen. Und als sie beide an der Säulenpforte stille standen, zog Lancelot sein Schwert, und Gwinebant zog das seine. Allein er sprach: »Schlage du auf die Pforte, Lancelot, denn meine Treue ist nicht erprobt.« Des Lancelot Treue aber war erprobt seit mehr denn zehn langen Jahren, und er beschrieb nun mit seinem Schwerte ein Kreuz über der Pforte. Die goldgeschmiedeten Flügel sprangen auf, als hätten sie Wunderfedern, und die Ritter ritten hinein. »Gawein! Gawein!« riefen sie laut. »Wir kommen, dich zu erlösen!« In den Lauben und in den Lusthäuslein zwischen Pfeffer-, Anis- und Ingwerbäumen war ein großes Lärmen. Gefleckte Leoparden und weiße Hirsche strichen gezähmt zwischen den Mandeln, Granatäpfeln und Muskatnüssen umher, und ein hoher Ritter schaffte sich Bahn durch einen Schwarm tanzender Feen. Unter ihnen leuchtete Morgueine. Sie lachte laut. Ihren Arm hatte sie um den Nacken Gaweins geschlungen, der, wie eben aus einem Traum erwacht, auf rosenbedecktem Lager aus Elfenbein neben ihr ruhte. »Zwei getreue Ritter sind gekommen«, rief Morgueine laut auflachend. »Doch fürchtet nichts, meine lieben Ritter. Nach dem tollen Tanz und den Abenteuern im Tale der Ungetreuen wird Morgueine euch morgen schon neue Lust ersinnen.« Plötzlich donnerte es gewaltig. Und in einer schwarzen Wolke verschwand das ganze Tal. Es rief und schrie durcheinander: ritterliche Männerstimmen. Es kreischte durcheinander wie erschreckte Vögel: entfliehende Feen. »Gawein!« riefen Lancelot und Gwinebant. Sie hatten ihn ergriffen, und er ließ sich mitziehen. Doch in der tiefen Dunkelheit war nichts zu unterscheiden, und die anderen hundertneunundvierzig ungetreuen Ritter flüchteten und liefen gegeneinander, suchten erschreckt einen Ausweg und riefen: »Bei Sankt Michael! Bei Sankt Johann! Beim allmächtigen Gott im Himmelreiche! Stehe uns der heiligen Jungfrau gebenedeiter Sohn bei!« Da leuchtete von neuem der Tag. Allein das Zaubertal war zur dürren Heide geworden, und über eine kahle Ebene in dunklen Nebelschwaden, die langsam emporzogen, irrten die hundertneunundvierzig ungetreuen Ritter verstört durcheinander. Über den Weg kam der Zauberwagen gesaust; er barg Morgueine, und lange noch und laut scholl ihr Lachen, während sie zu ihrem Schloß am Meere enteilte. Jetzt umdrängten all die Ritter Lancelot und Gwinebant, die Gawein in ihrer Mitte hatten und ihre Rosse am Zaume führten. »Wart ihr beide getreu?« »Wahrlich getreu?« »Allzeit getreu?« Schier verwunderten sich die hundertneunundvierzig Ritter. »Sie hat ihr süßes Spiel mit uns getrieben«, sagte Gawein wieder. »Wir alle waren ja untreu, und seht, wir sind alle unbewaffnet. Sie aber war die Herrin und Königin von Freude und Scherz!« »Gawein«, sagte Lancelot und gab seinem Gefährten einen Schlag auf die rechte Schulter. »Gawein!« rief auch Gwinebant und gab seinem Gefährten einen Schlag auf die linke Schulter. Gawein blickte sich nach ihnen beiden um und erwachte aus seiner Bezauberung. »Gawein«, fragte Lancelot, »denkst du noch des schwebenden Schachbrettes?« »Gawein«, fragte Gwinebant, »denkst du noch daran?« »Ich sollte es suchen«, sagte Gawein und strich mit der Hand über die Stirn. »Allein Gringolette, mein gutes Roß, starb, und ich ließ meine Waffen auf ihrem Grabe ...« »Morgueine hat uns entwaffnet«, riefen die Ritter. »Wo sind unsere Waffen? Wer gibt uns unsere Waffen?« »Lasset uns alle beieinander bleiben«, riefen andere. »Unbewaffnet werden wir vereint stärker sein als getrennt.« »Was vermögen unbewaffnete Ritter in den Ländern unserer Könige?« riefen wieder andere. »Unbewaffnet sind wir nicht imstande, auch nur einen einzigen Drachen zu töten!« »Oder eine Damoicele aus den Armen eines schurkischen Ritters zu befreien – Drachen sind ja schon längst alle tot!« »Es gibt auch keine schurkischen Ritter mehr.« »Und niemals mehr reiten bedrängte Jungfrauen auf weißen Zeltern in den Wäldern umher.« Sie alle lachten in den umwölkten Tag hinein. Sie lachten laut und mit heiserem Klang. »Das Wunder!« rief Gawein nun völlig erwacht. »Das Abenteuer, das endlich winkt! Oh, ich glaube daran. Lasset uns gehen, meine trauten Gefährten, Lancelot und du, mein lieber Knabe Gwinebant. Jetzt werde ich das schwebende Schachbrett holen.« Und beide Hände hochhebend, als sähe er es vor sich einherschweben, als wolle er es greifen, stürzte er vorwärts, während die beiden getreuen Ritter ihm zu Pferde folgten und die anderen dichtgedrängt hinter ihnen herstürmten. Kapitel XI Außerhalb der Bannmeile des verzauberten Haines, da die Heide wieder ihr alltägliches Aussehen hatte, schritten die ungewappneten Ritter hinter Lancelot und Gwinebant einher, die zu Pferde saßen und Gawein in ihrer Mitte behielten, und es gab ein lautes Beraten, wohin sie sich wenden sollten. So ungerüstet war es, bei Gott, einem ritterlichen Manne doch gar seltsam zumute, und sie begehrten alle wieder nach Rüstung und Waffen und nach einem Rosse dazu, weß allen sie Morgueine ledig gemacht hatte. Da sahen sie plötzlich, wie aus dem helleren Himmel, an dem sie seit ihrer Verzauberung vielerlei wohllautende Saiteninstrumente hatten schweben sehen, Halsberge und Panzerhemden, Helme und Schwerter, Speere und Schilde herabfielen, und es waren ihrer so viele Teile ritterlicher Rüstung, daß der Tag von neuem verdunkelt ward. Und die Ritter jubelten ob des neuen Wunders und hoben die Hände und fingen hier einen Helm, dort ein Schwert auf; dabei aber mußten sie sich wohl wahren und in acht nehmen, denn die Waffenstücke prasselten wie dichter Regen vom Himmel, schlugen klirrend aneinander, ließen leises Donnergrollen voll metallischen Klanges durch die Lüfte tönen. Und die Ritter griffen nach den Stücken oder bekamen auch wohl einen schweren Schlag, wenn ihr Haupt von einem herabfallenden Schilde getroffen wurde, oder wenn sie den Hieb eines Schwertes empfingen, das herniederkam und einem ihrer Gefährten zuteil wurde. Am Ende lagen Rüstungsstücke und Waffen rings um sie her wie ein rostiger Eisenhaufen auf der Heide. Und fiebernd suchten sie sich heraus, was ihnen zusagte, fanden wohl auch einmal ihr eigenes Schwert wieder, aber nicht seinen Gurt, paßten einander die Helme auf, die sie gegriffen hatten, suchten verzweifelt nach ihrem Halsberg, bis sie rings um sich her lautes Wiehern vernahmen und unzählige Streitrosse einhertraben sahen; es waren ihre eigenen. Doch viele davon trugen ein Geweih auf dem Kopfe, andere hatten Flecken auf der Haut, so daß sie mit eins begriffen, wie die gefleckten Leoparden und die weißen Wunderhirsche nichts anderes gewesen waren als ihre eigenen Rosse, wie denn auch die schwebenden Saitenspiele ihre eigenen verzauberten Waffen gewesen waren. »Sie werden sich alsobald bewaffnen und auf ihren Pferden reiten«, sagte Gawein. »Ich aber habe mich nach Gringolettes Tode selber meiner Wehre begeben und weiß nicht, wo ich Roß und Waffen finden soll.« Indem er dies noch sprach, sah Gawein einen silbern und golden glänzenden Panzer mit Helm, Schwert, Schild und Speer vor sich niederfallen und Handschuhe dazu: und er wußte nicht, daß Merlin ihm diese Rüstungsstücke aus dem Himmel sandte. Allein Lancelot und Gwinebant begriffen es und sahen einander mit wissendem Blicke an. Nur Merlin konnte ja so ein Wunder aus seiner tiefen Gelahrtheit heraus geschehen lassen, um das Abenteuer vorzubereiten. Allein das Wunder war eigentlich gar keins, und das Abenteuer würde im Grunde genommen auch keins sein. Es schien ganz einfach, daß es Waffen aus dem Himmel regnete, wenn sie daran dachten, wie einfach sie die Vergangenheit auf Merlins weißer Zauberwand vor sich hatten auftauchen sehen, oder wie Merlin mit Morgueine durch eine Sprechblume redete, oder wie er Gwinebant von seiner süßen Ysabel träumen ließ. Und Lancelot und Gwinebant bekreuzigten sich nur, um sich auf alle Fälle vor dem zu hüten, was letzten Endes in diesem gar nicht verwunderlichen Wunder stecken mochte. Allein sie schauten voller Liebe und Ehrfurcht auf Gawein, der sich nicht bekreuzigte, sondern die Stücke freudig auffing. Und sie stiegen ab und halfen ihrem Gefährten, sich zu rüsten und zu wappnen. Und als sie damit fertig waren, wieherte es dicht neben ihnen. Und sie erblickten ein Roß, das glich aufs Haar der Gringolette, wenngleich es nicht Gringolette war. Allein Gawein war sehr erfreut und eilte auf das Tier zu und nahm es beim Zügel – denn es war gezäumt und gesattelt–, und Lancelot und Gwinebant begriffen von neuem sehr wohl, daß Merlin es dem Gawein sandte und fanden es eigentlich gar nicht weiter verwunderlich, wie nun, da Gringolette tot war, Gawein durch Merlins Zauberkunst ein anderes Roß erhielt. Es war ein sehr schöner, noch junger Hengst: eisengrau war sein Fell, breit und kräftig die Brust, verständig, fast menschlich blickte sein Auge, fein und stark waren die Fesseln, und freudig wieherte er Gawein entgegen, als kenne er ihn schon lange. Und Gawein empfand wohl all das Seltsame und Wunderbare, das rings um ihn sich zutrug, wie eigentlich alles Wunder und Abenteuer war: das schwebende Schachbrett, die Feen, der Zauberwagen, die aus dem Himmel fallenden Rüstungen und nicht minder Leben und Tod ...! Gawein war nun aufgestiegen und hielt zwischen Lancelot und Gwinebant, dieweil all die anderen Ritter unter Dankesbezeigungen für die beiden Getreuen, die sie erlöst hatten, noch ein letztes Mal Helme und Schwerter tauschten und dann eilends in verschiedene Richtungen davonritten. Sie zogen hierhin und dorthin. Sie wandten sich zurück zu den alten Königen, deren edle Vasallen sie waren. Über Stock und Stein, über Weg und unwegsame Heide, über Ebenen und durch Täler machten sie sich auf eilenden Rossen davon, und die drei Gefährten von der Tafelrunde sahen sie ringsumher am Horizont verschwinden. Da sprach Lancelot: »Viellieber Gawein, wir haben dich erlöst, und du bist bewaffnet. Was dünkt dich? Sollen wir dich jetzt auf abenteuerliche Fahrt aussenden und das schwebende Schachbrett suchen lassen?« »So sei es, meine tapferen Freunde«, antwortete Gawein. »Geht ihr beide und nehmet meinen Dank mit euch. Kehrt zurück nach Camelot und kündet dort, wie ihr Gawein aus Morgueines Zauberbann erlöst habt, und wie er sich nun wieder auf den Weg macht, das schwebende Schachbrett zu suchen. Schon ist die Mittagsstunde nahe, und ihr wißt, wie gegen Mittag meine Kräfte wachsen. Als mich in meiner ersten Kindheit ein Eremit taufte und meine Zukunft las, verhieß er mir bereits, daß sich allzeit gegen Mittag meine Kräfte gar mächtig steigern würden. Das ist für mich ein günstiger Augenblick, Erfolg bei meiner Suche und Aventiure zu gewinnen. Geht, laßt mich, liebe Freunde!« Da umarmten sich die drei Ritter, während sie im Sattel blieben, so gut es ihnen eben möglich war, sich hoch zu Roß und in Waffenrüstung zu umarmen. Es war auch mehr das Symbol einer Umarmung, aber es hieß doch, in brüderlicher Liebe Abschied voneinander nehmen, wiewohl die Pferde sich recht bäumten und die Rüstungen sich aneinander rieben und die Schilde zusammenklirrten. Dann ritten Lancelot und Gwinebant des Weges, der, wie sie wähnten, am ehesten nach Camelot führen müßte. Gawein zauderte ein wenig. Dann dachte er bei sich, daß ja die Burg des Königs Mirakel auf dem Wege läge, den er mit Morgueine im Zauberwagen zurückgelegt hatte, und beschloß, dahin zurückzukehren ... Zurückzukehren aber auf solcher Irrfahrt war niemals gut. Vorwärts, vorwärts mußte der fahrende Ritter ... Zurückzukehren galt als Zeichen der Schwäche und der Ohnmacht ... Allein Gawein dachte, es könnte auch wohl als Buße gelten, und solchen Sinnes kehrte er um. Wohin sollte er auch seinen neuen jungen Gringolet sonst lenken? Bei König Mirakel hatte er einstmals das Schachbrett gefunden. Bei König Mirakel konnte er hoffen, es auch diesmal zu finden. – Wo sonst? Er schaute spähend zum Himmel auf. Er sah das Schachbrett nicht mehr. Sicherlich hatte es sich zu König Mirakel hinabgesenkt! Und er ritt zurück in ruhigem Trabe. Ob sich auf seinem Rückweg ein Abenteuer begeben würde? Er zweifelte daran und beklagte es sehr, denn er fühlte, wie ihm die Kräfte wuchsen. Und die Mittagsstunde kam näher und näher, bis er plötzlich aufschaute. Dort erblickte er etwas, wie er es schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wollten sich denn alle Dinge von dazumal wiederholen? Erst das Schachbrett, und nun, o Trauer, Schande und Unehre! – Dort drüben, wo sich der Weg in den Wald verlor, sah er zwei Ritter reiten, einen roten und einen schwarzen, und in ihrer Mitte führten sie eine Jungfrau, die gleichfalls zu Pferde saß. Sie war in ein grünes Gewand gehüllt. Zwei silberblonde Flechten fielen bis auf den Sattelknopf herab. Und die beiden bösen Ritter zerrten sie roh an diesen Flechten, und sie rissen ihr die Kleider vom Leibe und schlugen sie mit Geißeln aus Lederriemen auf Brust und Angesicht, daß sie blutete. Stöhnend wehklagte sie, und laut erscholl ihr hilfeheischender Ruf: »O heilige Jungfrau, Gebenedeite, gibt es denn keinen einzigen tugendreichen Ritter, mich aus der Gewalt dieser bösen Schurken zu befreien, die gewißlich niemals den Ritterschlag empfangen haben?« Und weil ihr die Arme auf den Rücken gefesselt waren, daß sie sich kaum auf ihrem Zelter zu halten vermochte, wankte sie im Sattel, und ihr Schreien gellte durch den Wald und über den Weg und drang zum Himmel empor. Gawein gewahrte es von ferne. Die beiden Ritter kannte er nicht. Sie waren ganz eingehüllt in ihre schwarze und rote Rüstung und hatten das Visier herabgelassen. Und Gawein eilte, nachdem auch er seinen Helm geschlossen hatte, auf dem jungen Gringolet vorwärts, und von ferne schon rief er mit lauter drohender Stimme: »Ihr Herren, merket es euch, es ist unritterlich und aller Ehren bar, was ihr dieser Damoicele antut. Ihr sollt es entgelten, bei Sankt Michael, was ihr da treibt. Und ob sich gleich die Jungfrau eines Vergehens schuldig gemacht hätte, müßte man doch ritterlich mit ihr verfahren; wenig ehrenvoll ist es aber, eine so schwache und schöne Dame so grausam zu schlagen.« Da schrien der Rote und der Schwarze Gawein wütend an: »Ihr grober Geselle und Schurke, ob Ihr nun ein Ritter seid oder nicht, um Euretwillen wird sie nicht geschont werden. Und um Euch um so mehr zu ergrimmen, werden wir noch stärker auf sie einschlagen als bisher. Und wagt Ihr noch ein Wort zu sprechen, so wollen wir Euch mit unseren Speeren von Eurem Roß herunterstechen!« »Ihr Herren«, rief Gawein zurück, »hebt ihr mich aus dem Sattel, wohl, so werde ich zu Fuß gehen. Allein gleichviel, ob zu Roß oder zu Fuß: die Jungfrau, die ihr mißhandelt, werde ich beschirmen und ihre Qualen mindern, und müßte ich das Leben daran setzen. Noch einmal, ihr Herren, bei eurer Ritterschaft und um Gottes willen: lasset ab, diese Damoicele noch länger so schändlich zu mißhandeln.« »Machet, daß Ihr von dannen kommt«, riefen die Ritter und schlugen auf die Jungfrau mit ihren Geißeln ein, daß sie laut aufschrie. »So wahr uns Gott helfe, das soll Euch übel bekommen! Was soll uns Euer lehrhaft Geschwätz?« »Lasset die Jungfrau in Frieden!« rief Gawein, der vor Wut außer sich geriet, »oder wahret euch vor meinem Speer.« Und er ritt pfeilgeschwind mit eingelegter Lanze auf die Ritter zu. Der Rote und der Schwarze trennten sich. Sie ließen die Jungfrau, die ihre gefesselten Hände nicht einmal mehr zum Himmel erheben konnte, allein am Wege stehen. Der Rote lief Gawein an. Der Schwarze wich dessen Speerstoß aus und suchte, ihm in den Rücken zu kommen. Doch noch bevor ihm das glückte, traf Gawein den Roten seitlings unter seinem Schilde blitzschnell durch Rüstung und Panzerhemd in die Rippen unter das Herz, so daß der Speer zerbrach und mit der Spitze in dem Körper des Gegners steckenblieb. Der stieß einen entsetzlichen Schrei aus und sank schwer von seinem Roß herunter. Dann wandte Gawein grimmig seinen jungen Gringolet und jagte mit gezücktem Schwert auf den Schwarzen zu. Er zerschlug ihm den Speer in zwei Teile. Und als der Ritter sein Schwert zog, fühlte Gawein, wie seine Kraft ihm wuchs und schlug ihm mit einem einzigen schweren Hieb den schwarzen Schild aus dem Arm, daß er klirrend zur Erde fiel. Und der Schwarze, dessen linker Arm durch Gaweins Schlag gebrochen war, suchte nun, vor Schmerz und Wut fluchend, mit der Rechten das Schwert zu heben, als auch bereits Gaweins Gewaffen, das er hoch durch die Luft sausen ließ, ihm den Helm spaltete. Glatt durch ging der Hieb, und die schwarzen Edelsteine sprangen nach links und nach rechts heraus. Glatt durchschlug er das Haupt, und das Hirn quoll wie eine breiige Masse aus Blut und Eiter heraus, und rücklings taumelte der Schwarze von seinem Pferde herab. Dann stieg Gawein ab und ging der Jungfrau näher, hob sie vom Pferde und löste ihr die Fesseln. »Habt Dank, Herr Ritter!« rief sie jubelnd und zugleich weinend, »wohl habt Ihr mich an dem roten und schwarzen Ritter gerächt. Ich will Eure niedere Magd sein und bei Euch bleiben bis an das Ende meiner Tage.« Und sie warf sich dem Gawein zu Füßen und bedeckte seine Rüstung mit Küssen. »Wer seid Ihr, schöne Jungfrau, und warum seid Ihr in so großes Leid gekommen?« fragte Gawein, während er der Jungfrau aufhalf und kaum bemerkte, daß der rote Ritter stöhnend sich im Todeskampf wand. »Mein Vater war ein edler Rittersmann und hatte sein Lehen auf dem Lande«, gab die Jungfrau zur Antwort. »Doch sein Gut ging ihm verloren, und nun lebt er in bitterster Armut. Er ist krank und kann weder gehen noch reiten, kann kaum auf seinen Füßen stehen. Wenige Freunde sind ihm geblieben und wenige Diener. Und wehe, edler Ritter, da kamen heute der Rote und der Schwarze zu unserer Burg, die sehr zerfallen und verwahrlost ist, und vor meines Vaters Augen griffen sie mich und frönten ihrer Lust an mir. Dann warfen sie mich auf dieses Pferd, das mein eigen ist, und entführten mich und wollten mich zu der Burg schleppen, da viel schlechte Ritter ihr Spiel mit den Damoicelen treiben, die sie geraubt haben.« »Gawein! Gawein!« rief der rote Ritter, »komm mir zu Hilfe, steh mir und meiner Seele bei, ich sterbe!« Gawein erschrak: ihm war, als erkenne er jetzt des roten Ritters Stimme. Er eilte dahin, wo der Sterbende lag, schlug dessen Visier auf und rief: »Mordred! Mordred! Du bist es, mein Gefährte von der Tafelrunde?« »Ja, ich bin es!« rief Mordred. »O Gawein, hilf meiner Seele und mir!« Indessen schon stürzte Gawein auf den schwarzen Ritter zu, der mit gespaltenem Schädel im Staube lag, und sobald er dessen schwarzes Visier gelüftet hatte, rief er: »Didonel! Didonel! Ich erkenne ihn auch, wenngleich ich ihm den Schädel spaltete! Didonel! Wisset, Jungfrau, auch er war mein Gefährte von Arturs Tafelrunde, gleich wie Mordred es war. Barmherziger Gott im Himmelreich! Ich erschlug zwei meiner Freunde und Vasallen meines Königs Artur aus dem Lande Logres – doch sie waren Schurken und hatten ihrer Ritterehre vergessen.« Und Gawein brach in schmerzliches Schluchzen aus und hob die Arme gen Himmel. Die Jungfrau aber teilte seinen Gram, und weinend umschlang sie ihn, dieweil der verscheidende Mordred jammerte: »Gawein! Gawein! Steh mir und meiner Seele bei!« Kapitel XII Allein Gawein kniete neben Mordred nieder, der stöhnend im Staube lag. Er zog ihm mit sanften Händen das Eisen aus der Wunde und legte einen Talisman darauf, der das Blut zum Stillstehen brachte ... »Gawein«, sagte Mordred stöhnend, »ich bitte um Gnade. Mir wurde für meine Missetaten eine Buße auferlegt, die mich gar zu schwer drückt. Ich werde sterben durch deine Hand. Vor vielen Jahren habe ich schon den Tod verdient, und jetzt wird er mein Teil!« Die Jungfrau hatte auf Gaweins Wink Mordreds schweren Helm genommen und ihn am Bache, der aus einem moosigen Fels strömte, mit Wasser gefüllt, und sie labte Mordred und netzte ihm das Antlitz, während Gawein ihm diese Antwort gab: »Mordred, Gefährte von der Tafelrunde, Didonel ist tot, er kann nicht mehr von seiner Sünde sprechen. Du aber kannst noch reden: so bereue denn, ich bitte dich, und rufe unserer lieben Frauen Gnade an, auf daß deiner Seele das ewige Heil nicht versagt bleibe ...« »Ach Gawein«, stöhnte Mordred, »wenn ich wähnte, dadurch zu Gnaden zu kommen, so würde ich gerne meine Missetaten beichten. Allein ich habe ihrer so viele auf mich geladen, daß meine Seele keinen Rat weiß!« »Freund«, sprach Gawein heiter, »alle Missetat der Welt bedeutet wenig vor der Gnade Gottes: Der Herre Christ, der für uns geboren ward, empfing für uns die bitteren Wunden und darf dich von deinen Sünden lossprechen: beichte sie, beichte sie alle und laß den großen Teufel aus der Hölle dich nicht packen, darum bitte ich dich!« »Ach Gawein«, klagte Mordred, »Didonel trägt große Schuld, der mich verführte. Seit zehn Jahren schon hielt er mich dazu an, Damoicelen zu entführen, ihm zu Gefallen, und sie in den Liebeshain zu geleiten, in die Burg, die weit von hier, dicht bei Logres, fern von allen diesen Königreichen gelegen ist, und wo wir die Jungfrauen heimlich gefangenhielten. Und viele andere Ritter kamen auch dorthin, um ihren Spaß zu treiben und sündige Scherze, und gar manchen der Herren ermordeten wir, auch viele Jungfrauen und ihre Brüder und Sippen, die kamen, sie zu suchen. Gawein, o mein Gawein, habe Erbarmen und bete für mich! Seit zehn Jahren waren wir Entführer, nicht wert, mit euch allen an der Tafelrunde zu sitzen. Wir haben geraubt, was und wen wir konnten, doch zu mancher Stunde ist die Reue über mich gekommen, und dann habe ich umkehren wollen auf dem Wege des Übels. Allein ich war zu schwach ... vor Didonels Verführungsreden ...« Da sprach Gawein zu der Jungfrau: »Edle Jungfrau, wollet Ihr in Gnaden eine Bitte von mir vernehmen?« »Herr!« rief die Jungfrau, »gebietet über mich, befehlet mir: ich bin Euch in allem untertänig!« »So bitte ich Euch, vielschöne Damoicele, wollet diesen beiden Rittern alle ihre Missetaten vergeben. Durch Euer Verzeihen und durch Euer Gebet wird Didonel, der da tot liegt, von den Qualen der Hölle erlöst werden, und Mordred werdet ihr vielleicht aus heißen Flammen des Fegefeuers erretten.« »Mein edler Herr und Beschützer! Seid dessen gewiß: diese Bitte will ich Euch gern erfüllen und alle Missetaten vergeben, die mir dieser rote sterbende und jener schwarze tote Ritter angetan. Gott verzeih Euch, roter Ritter, Eure Sünden und die Not, in die Ihr mich gebracht habt.« Mordred stammelte: »Dank, großen Dank, edle Jungfrau!« Und sein Haupt sank auf das Knie Gaweins, der ihn, zu seiner Seite kniend, mit seinen Armen umschlungen hielt. Da eilte die Jungfrau, der die gelösten Flechten über das blutende Antlitz und auf die wundgeschlagene Brust herabhingen, in ihren zerrissenen Gewändern auf Didonel zu und kniete neben ihm nieder und betete. »Gawein! Gawein!« klagte Mordred noch immer. »Wirst du für mich beten und mich auf einem Kirchhof ehrlich bestatten?« »Ja, das werde ich tun, Mordred«, versprach Gawein. Und nun tat Mordred seinen letzten Atemzug. Da machte Gawein das Zeichen des Kreuzes über den beiden Toten und vor seiner eigenen Brust und stand auf und trat zu der Jungfrau. »Damoicele«, sprach er, »Eure beiden Peiniger sind tot, und ich wünsche sie zu begraben, nachdem ich Euch in Euer Schloß heimgeführt habe.« »Vieledler Herr«, sprach die Jungfrau, »dieser Wald ist mir bekannt. Bevor wir zu meines Vaters Burg kommen, führt ein Seitenweg links zu einer Kapelle, dort wohnt ein alter Priester, und bevor Ihr mich heimgeleitet, wollen wir den Schwarzen und den Roten dort begraben.« »So sei es, Jungfrau«, sprach Gawein. Dann schaute er sich nach den Pferden um. Sie weideten dort alle vier, als wäre nichts geschehen, und Gawein nahm seinen jungen Gringolet und Mordreds Pferd beim Zügel, und die Jungfrau führte ihr eigenes und Didonels Roß, wiewohl das sich bäumte. Und Gawein faßte den toten Mordred in seine Arme, nahm ihn, als trüge er ein Kind, und legte den Leichnam über den Sattel seines Rosses. Darauf nahm er die Leiche des Didonel und legte sie über dessen Roß, dem er gut zusprach. Und die Jungfrau und Gawein stiegen auf. Und sie ritten in den Wald hinein und schwiegen. Sie ritten im Schritt und schweigend, und der Weg war lang und zog sich endlos durch den Wald hin. Anfangs begleitete sie noch das Rauschen des Baches und der Vögel leiser Gesang. Doch als die Dämmerung hereinbrach, verstummten ihre Stimmen, und das Wasser lag zu fern, als daß sein singender Fall noch hörbar gewesen wäre. Und Schatten senkten sich auf den Wald herab und kündeten das kommende Dunkel. Gawein betete ein Paternoster und ein Credo und empfahl die Seelen der Toten dem heiligen Michael, und die Jungfrau sprach immer und immer wieder ihr Kyrie eleison, und mit seinem »Amen« schloß Gawein dann ihre Fürbitte. Und keiner von beiden sprach aus, was sie sahen und hörten: wie kurze und bleichflammige Kerzen die Leiche des Mordred zu umschweben schienen – sechs dünne Wachsfackeln – wie von unsichtbaren Händen getragen, und wie leiser Gesang aus unsichtbaren Kehlen die Gebete für die Toten begleitete. Auf einmal vernahm Gawein hinter sich ein Blätterrauschen, und als er sich umschaute, gewahrte er dunkle Gestalten. Und er befahl der Jungfrau, mit Mordreds Leichnam voranzureiten, und die Lichter und die Stimmen ringsumher waren in der fallenden Nacht deutlich zu sehen und zu hören: liebliches Engelgetöne und matter Schimmer wie von Wachskerzen. Und als er sich von neuem umblickte, erkannte Gawein die dunklen Gestalten, die hinter ihm her waren; sie schlichen verstohlen über die raschelnden Blätter, die im Mittsommer schon fielen, allein sie wagten sich nicht näher heran. Und Gawein sah, daß sie Haken in den Klauen hielten und daß sie Hörner trugen. Sie glitten durch das Gesträuch längs des Weges. Teufel waren es, und ihre Schwänze ringelten sich um ihre Körper oder schleiften über das raschelnde Laub, und Feuer schoß aus ihren Kehlen, und ihre Augen glühten unheimlich, wie die Lichter von Wölfen. Und Gawein hörte sie murmeln: »Didonel! Didonel! Manches Jahr hast du uns mit Mordred gedient. Jetzt sollst du den Lohn empfangen. Wir werden deine Seele, sobald wir sie haben, stoßen und schlagen und ihr viel Schmerzen bereiten. Wir werden mit ihr spielen, werden mit ihr herumtollen und wie einen Ball sie uns gegenseitig zuwerfen. Didonel! Didonel! Gib uns deine Seele, daß wir unseren Spaß damit treiben können nach unserer Art.« Voran ritt die Jungfrau und betete, und rings um die Leiche des Mordred, die quer über dem Sattel des im Schritt gehenden Pferdes hing, flackerten die sechs matten Kerzen durch die Nacht, und die unsichtbaren Engel, die sie trugen, umgaben, ihrer sechs, die Jungfrau mit ihrem Sang. ... Doch hinter ihr führte Gawein Didonels Leiche mit sich auf dessen Roß, und die Teufel schlichen sich, immer weiter murmelnd, näher und näher. Sie zogen an den Beinen des Toten und reckten sich bis zu seinem herabhangenden Haupt empor, aus dessen geöffnetem Mund die Seele ihren Ausweg nehmen sollte. »Ihr Bösewichter!« rief Gawein, »ihr höllische Teufelsbrut, seid ihr so begehrlich nach des Didonel Seele? Wäret ihr früher mir nahe gekommen wie nun ihm, den ich tötete, bevor er beichten und Unsere liebe Frau um Gnade bitten konnte, so hätte ich euch zu Frommen oder zu Schaden fühlen lassen, was mein Schwert vermag. Und das will ich, meiner Treu, auch heute tun, da ihr die abgeschiedene Seele umlauert!« Und Gawein schwang sein Schwert über des Didonel Leiche und zeichnete ein Kreuz darüber, das in der Dämmerung mattgolden schimmerte. Da entflohen die Teufel nach Nordost und Nordwest, und großes Geschrei ging aus ihren weitgeöffneten, feuerspeienden Mäulern, und in ihren funkelnden Augen erlosch der flackernde Glanz. Und die Jungfrau und Gawein ritten weiter. Es war nach Mitternacht, als sie den Seitenweg einschlugen und die Kapelle im matten Mondenschein liegen sahen, vor einer Ebene, daher Kreuze auf Gräbern schimmerten. Und sie stiegen ab, und Gawein läutete das Glöckchen, das am Tor hing, daß es durch die Nacht hallte. Der Engel Kerzen waren erloschen, und ihre Stimmen sangen nicht mehr; vielleicht waren sie wieder aufgefahren, noch ehe die Kapelle erreicht war, empor in die flüchtigen Wölkchen, die fern und hoch im zarten Mondenschein schwebten, und vielleicht schauten sie von dort oben hernieder... Der Priester kam heraus und fragte nach des Ritters Begehr, und Gawein antwortete: »Ehrwürdiger Vater, lasset uns diese beiden Toten in die Erde versenken, so ist es wohlgetan; und lasset uns eine Messe für sie singen.« »Wer will mein Ministrant sein?« fragte der Priester. »Das will ich«, sprach Gawein, »ich bin des Lesens kundig, nicht so ungelahrt wie manch anderer Rittersmann; habe ich doch in meiner Kindheit sieben Jahre lang eine Klosterschule besucht!« »Ich glaube es Euch, Herr Ritter«, erwiderte der Priester. Und sie legten die Toten auf eine Bahre, die vor dem Altare stand und bedeckten sie mit einem schwarzen Tuch, und die Jungfrau – Alliene war ihr Name – zündete die sechs Kerzen an, die in eisernen Leuchtern staken, und als der Geistliche über der Toten Seelen die Messe las, diente ihm Gawein willig und fromm und demütig als Chorknabe, dieweil die Jungfrau im Gebet versunken kniete. Und als die Messe vorüber war, beichtete Gawein nicht – und hatte doch schon seit zwölf Jahren nicht mehr gebeichtet –, denn er war nur auf seine Art fromm, und darum betete für ihn seine Mutter im Paradiese. ... Gawein und der Priester trugen darauf die Bahre hinter die Kapelle auf den Friedhof, und im Mondenschein grub Gawein mit seinem Schwerte das Grab, breit genug für Didonel und Mordred, denn ihre Leichen sollten zusammen ruhen, mochten auch die Seelen getrennt werden, wenn des Didonel unsterblich Teil mit den Teufeln würde zur Hölle fahren müssen. ... Gawein fürchtete das, und dennoch war ihm wohl zumute, weil Alliene Didonel Verzeihung gewährt und für ihn gebetet hatte und unablässig noch Fürbitte tat, für ihn und für Mordred. Tiefe Nacht war es nun, und Gawein gab dem Priester schuldigen Dank und Lohn und stieg auf. Er hob Alliene vor sich in den Sattel, und sie ruhte erschöpft mit geschlossenen Augen an seiner Brust, ihr Haupt auf den Löwenkopf seines Waffenrockes gebettet. Die drei anderen Pferde hatte er beim Zügel genommen, und sie schritten neben und hinter ihm her. Und durch die nächtliche Stille zog Gawein des Weges, der zu der Burg von Allienes Vater führte. Als sie ihr nahe waren, sah Gawein ein verfallenes Schloß mit einem Turm; traurig stimmte ihn der Anblick, wie sich der dunkle Umriß vom matten nächtlichen Himmel abhob, und er fühlte, daß ein unnennbares Unglück über der Burg schwebte. Die Fallbrücke über dem Graben war herabgelassen, als sei es nicht der Mühe wert, so zerfallene Armseligkeit während der Nacht noch besonders zu schützen und abzuschließen. Das Tor war offen. Im Hof lagen in einem Winkel Ackerbaugeräte neben einem Karren. Kein Diener eilte herbei; nur der zerbröckelnde Turm schien sich den Einziehenden entgegenzuneigen. Nachdem Alliene und Gawein abgestiegen waren, entschuldigte sich die Jungfrau: »Wir haben keine Diener mehr. Unser Burgvogt sorgt mit seinem Weibe für uns. Der Vater wird wahrscheinlich schlafen.« Es war dunkel in den finsteren Gängen, von deren Wänden kalte Feuchtigkeit troff. Seitlings lag ein großer Saal in Schutt. Und Alliene führte den Ritter in ein hochgelegenes Gemach, darin sich im Mondenstrahl, der bleich durch das runde Fenster fiel, eine Bettstatt abzeichnete, auf der ein Greis zu schlafen schien. »Vater!« rief Alliene, »Vater, wach auf! Ich bin zu dir zurückgekehrt, sieh, dieser edle Ritter hat dein Kind aus den Händen der Bösewichte befreit. Vater! Vater! Wach auf.« Als der Alte regungslos liegenblieb, näherte sich Alliene der Lagerstätte. Fast wäre sie über ein Schwert gestrauchelt, das am Boden lag. Und sie entsann sich, daß ihr Vater sie gegen Mordred und Didonel hatte verteidigen wollen, als die sie entführt hatten. Als sie aber ihre Hand auf ihres Vaters Stirn legte, die von grauen Locken umrahmt war, fühlte sie, daß sie eiseskalt war. Sie erschrak und legte lauschend ihr Ohr an des Alten Brust. Dann erhob sie sich. »Ist er tot?« fragte Gawein. »Tot«, sagte sie. Sie tastete im Dunkeln umher, zündete eine Kerze an und stellte sie zu Häupten des Toten. Dann ging sie in ihre eigene, angrenzende Kammer, zündete noch eine Kerze an und stellte auch diese bei dem Toten auf. Gawein kniete nieder wie sie, und sie beteten beide. Als Gawein seine Augen wieder aufhob, gewahrte er im matten Mondenschein im Winkel des unwirtlichen steinernen Raumes eine Gestalt, die aus dem Schatten mit seltsamem Glanze hervorflimmerte, eine Gestalt, die sich versteckte, und er sah einen Schwanz, der in ein dickes Büschel Haare auslief, und er erkannte daran und an den Hörnern einen Teufel, der dort auf seine Beute wartete. »Gott, der für uns geboren ward«, hub Gawein zu beten an. Der Teufel verging in dem Schatten, der sich vor Gaweins Augen lichtete, verging, als wäre er selber ein Schatten, den das Mondenlicht verscheuchte. Doch bevor er völlig verschwunden war, hörte Gawein ein Gemurmel, als wenn der Nachtwind durch dürre Blätter raschelt. »Wir werden auf dich lauern, Gawein, du beichtest nimmer, Gawein, du bist voller Sünden, und Mordtaten übst du, so viel du nur magst. Zwei Leben hast du heute vernichtet. Wir werden deiner harren, Gawein, und wenn du erst gestorben sein wirst, werden wir unser Spiel mit deiner Seele treiben: sie soll wie ein Ball hin und her fliegen!« – »Gott, der für uns geboren ward«, wiederholte Gawein, »verzeih dem Sünder seine Sünde...« »Amen ...« fügte Alliene betend hinzu – »... und lasse deine Engel seine Seele zum Himmelsthrone geleiten...« »Amen...« betete Alliene – »... hinauf in die Glorie deines Paradieses...« Kapitel XIII Zwei Tage später ritt ein Ritter aus dem Walde heraus, und ihm zur Seite ein junger Edelknabe. Es war Gawein – und es war Alliene. Sie hatten den Vater in die Erde gesenkt, und der Priester war gekommen, die Messe zu lesen. Der Burgvogt und seine Frau hatten sie mit Speis und Trank versorgt, und Gawein hatte ihnen die Pferde des Mordred und Didonel geschenkt, um die Schuld zu lösen, die Allienens Vater ihnen noch zu begleichen hatte. Und die Jungfrau folgte nun, mit der Rüstung ihres jugendlichen, kürzlich gefallenen Bruders angetan, dem Ritter, der sie beschützt und gerettet hatte, denn sie hatte auf der Welt sonst nichts und niemanden mehr. Und so verließ sie die verfallene Burg, die über ihrem Haupte sichtlich zerbröckelte. Sie ritten schweigend des Weges, und Gawein dachte in dem klaren Morgen, der sie umgab, all dem Traurigen nach, das er erlebt hatte. Was die Ritter der Tafelrunde außer ihm selber so häufig bezweifelt hatten, war nun gekommen und hatte ihn gepackt und würde ihn von neuem fesseln. Das Schachbrett, das herbeigeschwebt war, der Berg, der sich vor ihm aufgetan und hinter ihm wieder geschlossen hatte; Morgueine, die ihn nach Gringolettes Tode in einem von selber dahineilenden Zauberwagen in das Tal der Ungetreuen Ritter geführt hatte, in dem Saitenspiele durch die Luft schwebten, und daraus ihn zwei treue Gefährten erlöst hatten ... Waren das nicht alles Wunder und Abenteuer gewesen, daß Harnisch und Waffen aus der Luft herabgefallen waren und daß ein junger Gringolet wiehernd auf ihn zugeeilt war? War es kein Abenteuer gewesen, daß er Alliene aus der Gewalt des wilden Didonel und Mordreds befreit hatte? Welche bittere Überraschung hatte doch dieses Abenteuer gebracht! Jetzt breitete sich die Welt wieder von neuem in ungewisser Zukunft vor ihm aus. Neu mit dem neuen Tage ... »Schau her!« rief Alliene ihn plötzlich an. Er blickte auf, der Richtung ihres gepanzerten Fingers nach, und er sah vor sich, inmitten der weißen Wölkchen und dann wieder tiefer, wie in einem Vogelflug, das Schachbrett, das schwebende Schachbrett! Gleich einer Lerche flog es nun aufwärts, höher empor, im Nu verlor es sich zwischen den Wölkchen, trat wieder daraus hervor, senkte sich, fiel tiefer hinab, stieg aufwärts, himmelan, empor ... Und seine Edelsteinfelder glitzerten, und die wenigen schimmernden Figuren wankten nicht, sondern blieben durch Zauberkraft aufrecht stehen in goldenem und silbernem Glanze ... »Da erscheint es vor mir«, sagte Gawein, und atmete befreit auf; »und nun muß ich es einholen! Ich dachte es in der Burg des Königs Mirakel zu finden, wo ich es dazumal fand. Allein meine Aventiuren führten mich weit an seinem Schlosse vorüber. So muß es auch sein; so ist es immer gewesen: nimmermehr ist der heilige Speer oder der heilige Gral oder ein schwebendes Schachbrett von dem suchenden Ritter sogleich gefunden worden! Jahrelang irrte er umher, bevor er Gral, Speer oder Schachbrett fand. Das Wunder wird Wirklichkeit, das Abenteuer erst eigentliches Leben für den fahrenden Ritter, und so ihn nicht stets etwas daran hinderte, das Ziel zu erreichen, würde er nimmermehr bedrängte Unschuld retten, nimmermehr vor aller Welt von seiner treuen Liebe künden können, wie Lancelot es tat, als er mich erlöste.« Und Gawein spornte sein Pferd an, und auch Alliene trieb das ihre zu rascherem Gange, damit sie das Schachbrett nicht aus den Augen verlören. Doch mit einem Male schwebte es irgendwo hinter den Wipfeln der Bäume herab und verschwand. »Bei Sankt Michael, meine schöne Jungfrau«, rief Gawein, »vorwärts in der Richtung, da es verschwunden ist!« Und sie trabten quer durch den Wald, in den das Schachbrett herabgefallen zu sein schien. Ein Drache, ein Lindwurm, so meinte Gawein, müsse gewißlich ganz plötzlich aus dem Gewirr der Zweige und Äste auftauchen, die ihnen oftmals den Weg versperrten, oder aus dem dichten Gestrüpp, darinnen die angespornten Rosse strauchelten. Allein nichts dergleichen geschah, und die beiden Reiter verfolgten ihren Weg, bis sie durch einen Sumpf, aus dem blühendes Schilf herausragte, den Fluß erreichten: den nämlichen, den Gawein mit Gringolette durchschwommen hatte. Und an dem Flusse erhob sich die Burg des Königs Mirakel, der über das Wunderland herrschte, das zwischen dem Wunderstrom und den Wassern der Unterwelt lag. Und die Luft war dort anders, als man es andererorten ringsum kannte, wenngleich auch dahinein oftmals ein Hauch der Winde des Wunderlandes wehte ... Es sei eigentlich alles lauter Wunder, meinte Gawein, im Wunderlande, in dieser Welt von Wundern, und in all den andern Königreichen alter Herrscher ringsumher, in den Gebieten, über die König Mirakel oder Merlin und Morgueine den Zauberstab schwangen, oder wer sonst noch über die Elemente Erde, Luft, Wasser und Feuer gebot und über Gnomen und Sylphiden, über Undene und Salamander. Diese Burg aber, so fuhr er fort, sei ihm dazumal, als er zuerst das Schachbrett suchte und es dort auch bereits gefunden hatte, wie eine Feste aus Kupfer erschienen, wie ein Kastell aus glühender Bronze, wie ein Schloß aus eitel Gold, und nun wieder wäre es, als sei sie aus Stein erbaut, aus lauter rotem Stein, wie andere Königsburgen in den umliegenden Landen, nur rötlicher noch, schien es ... Gold? Nein, Gold war es nicht. Wie seltsam, daß es keins mehr war. Dort vor ihm war das Tor, durch das er auch dazumal eingeritten war. Schweigend bedeutete er Alliene durch eine Bewegung seines Speeres, daß sie mit ihm hineinziehen solle. Der Eingang war es zu einem unterirdischen Gewölbe, das unter dem Flusse hindurch bis zu der Burg führte. Die beiden ritten in das Dunkel hinein; da schwand hinter ihnen der Tag, und über ihren Häupten hörten sie die rasche Strömung des tiefen Wassers, das unablässig toste wie ein Wasserfall. »Herr«, hub Alliene leise und traurig an, »ich bitte Euch bei der heiligen Maria, daß ich nun Euer Dienstknappe sein darf und nicht Eure Magd, und daß Ihr in mir keine Jungfrau mehr sehen wollet, sondern nur einen Knappen, der für Euch sterben möchte, wenn er Euch mit seinem Leibe und seinem Leben beschützen könnte!« So sprach Alliene, doch sie sagte nicht alles, was sie in ihrem Herzen für den Ritter empfand, in vollster Wahrheit. Sie sprach nicht von der großen Liebe, die Frau Venus in ihr für Gawein geweckt hatte, für den Ritter, der voll edlen Mutes sie beschützt und von zwei Bösewichtern erlöst hatte, für den Edlen, den Starken, den Hehren, der während der Nacht an des toten Vaters Bahre mit ihr gebetet, dem die Jungfrau und ihr Schmerz in der Einsamkeit der verfallenen Burgsäle heilig gewesen waren. Denn Gawein, der sonst so leichtfertig und unbeständig in der Liebe war, der selbst Ysabel, der Tochter des Assentijn, niemals treu geblieben war, hatte seine Herzensneigung Allienen kundgetan, der er in Leid und Liebe beigestanden hatte, wie es ihm Ritterpflicht und Eid gebot. »So sei es, Alliene«, gab er nun zur Antwort, »und in meinem Sinne wähne ich, daß es am besten sein wird, dich, die Blume aller Knechte und Edelknappen, künftighin Amadis zu nennen und dir für spätere Zeiten ritterliche Aufnahme und Sitz und Stimme an meines Königs Artur Hofe zu verheißen ...« Und in seinen Worten lagen Scherz und Ernst zugleich, nun er Alliene vergönnt hatte, ihn in ihres Bruders Rüstung zu begleiten, weil sie auf der Welt so ganz verlassen war. – Jetzt waren sie aus dem unterirdischen Gewölbe heraus, ohne daß ein Zauberwerk sie daran gehindert hätte, denn die Torwächter hatten Gawein erkannt und ließen ihn und den Knappen ihm zur Seite ruhig einreiten. Gawein und Alliene kamen durch ein offenes Gatter nach dem anderen über Brücke auf Brücke, bis sie endlich den Burghof erreichten: Knappen eilten herzu und hielten ihnen die Pferde, und die Reiter stiegen ab. Und im Hofe unter einem Lindenbaum sahen sie den alten König Mirakel auf einer Ruhebank liegen. Und sein Sohn Alydrisonder saß neben ihm. Und sie spielten Schach ... Ringsum im Hof unter rotgoldenen Äpfeln, die schwer in den Bäumen hingen und, von der Mittsommersonne gewärmt, ihren Duft ausströmten, saßen Ritter und Edelfrauen des Hofes und trieben allerlei Kurzweil. Die Jungen schlugen Ball, andere spielten ein Brettspiel mit Scheiben, die sie nach Würfelaugen auf spitze Felder setzten. Ein Edelmann in einem Gewand aus kostbarsten Stoffen ließ den Falken auf seiner Faust von einer Dame bewundern, die in ihrem Schoß ihr lilienweißes, seidenhaariges Hündchen liebkoste. Und höfisches Gespräch ging um, während eine leise Melodie von Knabenstimmen erklang, die von Saiteninstrumenten, Psaltern und Zithern begleitet waren. Und als die Knechte Gawein und Alliene – die jetzt Amadis heißt, vergiß es nicht, Leser! – in den Hof geleiteten, schauten alle hin, und der Prinz Alydrisonder erhob sich sogleich und streckte ihnen beide Hände entgegen und rief erfreut: »Der Herr des Himmels schenke Euch Reichtum und Macht und alles, was Ihr begehrt, vieledler Freund Gawein, und auch dem schönen Schildknappen, der Euch begleitet. Seid willkommen in unserer Burg und erlaubet, daß unsere Knechte Euch beiden die Sporen lösen und Euch das Schwert abgürten!« Und seinem Vater, der krank war und sich nur matt in seinen Kissen aufrichten konnte, rief Alydrisonder zu: »Guter Vater, edler Herr, hier ist die Blüte aller Ritterschaft zu uns gekommen: das ist Gawein von König Arturs Tafelrunde!« Kapitel XIV Und Gawein eilte auf den kranken König zu und kniete nach höfischem Brauch vor ihm nieder und küßte ihm die Hand, dieweil alle die Großen des Landes und alle die Edelfrauen, die dort am Hofe zu Gaste weilten, Gawein anschauten und bewunderten und sich erhoben, um ihn zu begrüßen. »Mein Herr Gawein«, sprach König Mirakel, »Euresgleichen gibt es nicht mehr unter dem Himmel; wie froh bin ich, Euch nach so vielen Jahren wiederzusehen. Erkannt habe ich Euch sofort. Entsinnet Ihr Euch, daß Ihr hier zwischen mir und meinem Sohne das Zauberschachbrett fandet, das nach Camelot hereingeflogen und dann wieder entschwebt war, das Ihr sehnsüchtig begehrtet und das ich Euch gab, als Ihr mir nach vielen Abenteuern das Schwert mit den Ringen brachtet? Vom König Amoraen hattet Ihr es bekommen, weil Ihr ihm versprachet, ihm König Assentijns Tochter Ysabel zuzuführen. O weh, wie viele Jahre ist das alles her! Amoraen war gestorben; ehe Ihr ihm Ysabel brachtet und herben Schmerz ob Eures Eides trüget, denn Ihr selber hattet sie lieb gewonnen wie sie Euch. Aber dann hattet Ihr so Euer süßes Weib wie auch das Schachbrett gefunden, und beides war Euer Glück.« »Mein Herr König vom Wunderlande«, antwortete Gawein, der sich neben dem Herrscher niedergesetzt hatte, »ich entsinne mich sehr wohl aller dieser Dinge, und es ist mir schmerzlich, Euch zu sagen, daß mein Weib und Glück nicht mehr sind – denn Ysabel, wehe, sie starb.« Rings um Gawein tat sich große Trauer kund, als er diese Worte sprach. Der König nahm eine seiner Hände, und Alydrisonder griff nach der anderen, und die Edelfrau mit dem Schoßhündchen, das sie losgelassen hatte, und das nun in ihr Gewand verfangen war und kläffte, trat näher: denn Gawein erschien ihr gar verführerisch, zumal da sie nun hörte, daß er ein vornehmer Baron war, und einer der Großen von König Arturs Runde. Nachdem Gawein für so allgemeine Anteilnahme an seinem Verlust geziemend gedankt hatte, hob er von neuem an: »Mein Herr König, daß ich es wage, heute vor Euch zu erscheinen, geschieht aus keinem anderen Grunde als dem, daß ich wiederum ausgezogen bin, ein schwebendes Schachbrett zu suchen und dies bei Euch zu finden glaubte. Allein das Schachbrett, das ich auf diesem Tische sehe und auf dem Ihr mit Eurem Sohne spieltet, dem Prinzen Alydrisonder, den ich liebe, ist nicht das Schachbrett, das im Frühsommer in den runden Saal von Camelot hereingeschwebt kam.« Nun hob der alte König Mirakel die zitternden Arme empor. Und wehklagend rief er aus: »Ach, mein viellieber Herre Gawein, sucht Ihr bei mir das Zauberschachbrett? Wisset Ihr denn nicht, daß jegliche Zauberkraft dem König Mirakel schwand? Und daß mein Wunderland dieses Namens nicht mehr wert ist? Nein, dieses Schachbrett hier ist ein ganz alltäglich Ding, und ich würde auch kein Zauberschachbrett mehr schaffen oder darauf spielen können. Was ich konnte, war alte, gute Zauberei: nun aber haben die neuen Zauberer die ›moderne Magie‹ erfunden, wie sie es nennen. Wisset, Merlin ist so ein moderner Magier. Ich ahne nichts von seinen Künsten, die auf Ausnutzung von Naturkräften beruhen sollen. Mir und meinesgleichen sind sie unbekannt. Merlin verjüngt sich, wiewohl er so alt ist wie ich. Und er drückt auf Knöpfe und erleuchtet ganze Burgen oder durchblitzt ganze Wälder und dunkle Wolkenmassen, oder dreht an einem Steuer und fliegt durch die Lüfte, und das sind Wunder, wahre Wunder, die meinem armen Geist unfaßbar bleiben, viellieber Gawein. Und was ich ferner noch zu schaffen verstand: Zauberbetten, in denen der verwundete Ritter genas, Wunderbäume aus rotem Golde, auf denen die Vögelein singend ihre Flügel ausbreiteten, das – ich sage es Euch im Vertrauen – das geschah durch Männer mit Blasebälgen, die von einem unterirdischen Gewölbe aus dem hohlen Baum Wind zutrieben und die Vögelchen zum Singen brachten. Ähnliches vollbringt Merlin jetzt mit schwebenden Schachbrettern weit besser als ich. Das ist ihm Kinderspiel, müßiger Zeitvertreib, bloßer Scherz, mehr nicht: zumal mit einem schwebenden Schachbrett wird er, dessen bin ich gewiß, viel besser umzugehen verstehen, als ich es konnte. Gawein, mein lieber Gawein, sehet Ihr denn nicht, daß ich krank geworden ob meines minderen Wissens – daß ich müde und verzagt bin, obgleich mein ganzer Hof rings um mich her seine Scherze treibt, um mich meinen Gram vergessen zu lassen? Gawein, o Gawein, sehet Ihr denn nicht, daß der alte König Mirakel stirbt, weil neue Mirakel durch die Luft schweben, von denen ich Armer nichts mehr verstehe?« Da kniete Gawein von neuem neben dem kranken König nieder und sprach: »Mein viellieber Herr König Mirakel, wenn ich nicht fragte, ob Ihr krank seid, so unterließ ich dies, seid dessen gewiß, nur aus Bescheidenheit. Lasset mich Euch Genesung wünschen und Euch sagen, welcher Art meine Gedanken sind. Merlin ist ein geschickter Zauberer, allein er ist jung nur am Morgen, doch alt in der Nacht, und wenn er einst am Abend stirbt, so wird das nur darum sein, weil dann die Naturkräfte stärker sind als seine Zauberkünste. Allein jedes Wunder, das wirklich ein Wunder war, wird es weiterhin auch bleiben – so wie wir das Wunder in unserem Herzen empfinden, so wie ich, teuerster Herr und König, es empfinde, der ich das schwebende Schachbrett diesmal doch nicht zwischen Euch und Eurem Sohne, dem Prinzen, finde.« Überrascht richtete der kranke König sich halb auf. Er lächelte und blickte Gawein in die großen braunen Augen. Er legte ihm seine Hände auf die Schultern. Er sprach kein Wort, allein er war gerührt – aber als er dabei seinen Blick über die Barone und die Edelfrauen, ihre Weiber und Töchter, schweifen ließ, gewahrte er unter dem Lächeln höfischer Gesittung Zweifel und Unglauben und hatte Gawein jetzt nur noch um so lieber. Wenngleich König Mirakel von Wunderland krank war, und wenngleich ihm trübe zu Sinne war, so herrschte doch an seinem Hofe noch viel Freude, denn niemand schien es sich zu Herzen zu nehmen, daß über dem greisen Fürsten viel Schwermut und Trauer lag. Und nun, da die große Glocke ihren frohen hellen Klang ertönen ließ, um zur Tafel zu laden, führten Edelknaben Gawein und Amadis in ein Gemach, darin sie sich umkleiden sollten. Die Knappen brachten ihnen Festgewänder, wie sie stets in allen Burgen für die fahrenden Ritter bereitlagen und für alle jene, die sie begleiteten, und boten ihre Dienste an. Allein Gawein dachte daran, daß Amadis ja eigentlich Alliene war, und darum versicherte er ihnen, daß die Hilfe seines eigenen Schildknappen ihm genüge und blieb mit Alliene – oder vielmehr mit Amadis – allein. Dann blickte Gawein sich um und sprach: »Viellieber Amadis, mein liebster Knabe, schau dir diesen Raum an: ich kenne ihn aus vergangner Zeit. Auf diesem Zauberbette habe ich geruht, nachdem ich mit Drachen gekämpft hatte: mit einer Drachenmutter und ihren vier wilden Jungen – und in weniger denn einer Nacht war ich von meinen Wunden genesen. Doch seither hat Merlin das Geheimnis entdeckt, Zauberbetten zu schaffen, in denen verwundete Ritter in minder denn sechs Stunden geheilt werden. – Ein solches besitzen wir in Camelot – und deshalb ist dem König so unfroh zumute.« Und Gawein zeigte Amadis das Bette. Die vier Säulen der Lagerstatt waren aus feinem, rotem Golde, und die Lade selber war aus geschnitztem Elfenbein, und an dem Betthimmel, von dem Vorhänge aus gelbem Damast herabhingen, saßen vier Engelskinder in den Ecken und sangen, seit die Edelknaben die Gäste hereingeführt hatten. »Die Engel singen nicht immer rein«, sagte Gawein, »es ist wohl besser, wenn wir sie schweigen heißen.« Er versuchte an einem Knopf zu drehen, ob der wohl einen der Engel zum Schweigen bringen würde – und wirklich, er schwieg mit einem Knarren plötzlich still! Darauf ließ Gawein auch die anderen verstummen. »Auf Merlins Burg tönt holdes Singen aus großen goldenen Kelchen, und das scheint mir von sehr viel schönerem Klang. Allein ich entsinne mich wohl: als ich vor zehn Jahren diese Engel singen hörte, dünkte mich ihre Weise über alle Maßen schön.« Gawein begann seine Rüstung abzulegen und duldete, wiewohl er sich höflichst entschuldigte, daß Amadis ihm behilflich war, denn es war wohl für ihn allein ein wenig schwer. Und er selber half dann Amadis, sich zu entwaffnen, und sie wuschen sich in den Bronzebecken, in die das Wasser, gerade kalt und gerade heiß genug, bereits eingegossen war, und darauf kleideten sie sich schnell in die Gewänder, die von den Edelknaben für sie bereitgelegt waren. Gawein hüllte sich in ein Wams aus roter Seide, das mit Hermelin umsäumt war, und seine Hosen waren weiß, und seine Schuhe waren rot und mit rotem Golde gesprenkelt. Und nun stand er da in seinem Festgewande so ernst und so anmutig mit dem langen braunen Haar, das wie Frauenlocken glänzte und ihm wellig um den breiten Nacken fiel, daß Amadis ganz gerührt war. Der Knappe selber, der eigentlich doch Alliene war, legte ein Wams aus weißer Seide an, das mit Zobel umsäumt war, und rote Beinkleider und weiße Schnabelschuhe wählte er dazu. Die kurz geschnittenen blonden Locken umrahmten das etwas wehmütig dreinblickende Gesicht; nicht minder golden waren sie als die Flechten der Königin Ginevra. Und als wiederum die helle Glocke ihren Klang ertönen ließ und zur Tafel rief, verließen sie beide das Gemach. Und durch die Gänge und Galerien drängten sich die erlauchten Barone und ihre Frauen und Töchter. Im großen Saal, dessen Wände reich mit Gemälden aus des Königs Mirakel vergangenen Zauberjahren bemalt waren, standen viele Tische. Des Königs eigene Tafel war aus rotem Golde, und die der anderen aus Elfenbein, und kostbare Tücher waren darüber gebreitet. Der König ließ sich auf einem Sessel nieder, der einstens gegen Blitz und Donner gefeit gewesen war und darin er sich auch jedem feindlichen Angriff gegenüber als unantastbar erwiesen hatte. Doch jetzt gestand er seinem Gaste, an dessen Arm er unsicher dahinschritt, dieweil der Prinz Alydrisonder an seiner anderen Seite einherging, daß er nicht mehr allzugern während eines Unwetters oder einer Überrumpelung in dem Sessel sitzen bleiben würde. Um seine Zauberkraft sei es geschehen, meinte der königliche Greis, und bedenklich schüttelte er sein graues Lockenhaupt. Allein der jugendliche Prinz Alydrisonder lachte und sagte, daß es doch eigentlich überhaupt gar keine Zaubermacht gäbe und daß doch alles nur geschickte Mechanik und Gelehrtenerfindung sei: singende Engel sowohl wie ein heilkräftig Bette und Sessel, die gegen Blitz und Donner gefeit machten – worüber der König sehr ärgerlich wurde. Er schwankte auf seinen schwachen Füßen am Arme seines lieben Gastes, des Herrn Gawein, so daß der ihm versichern mußte, des Alydrisonder Urteil sei nur Ausfluß jugendlichen Übermutes, und alle Wunder der alten Wundermeister und des Königs von Wunderland bedeuteten viel mehr als alle Gelehrten- und Maschinenkünste. Ob solcher trostreichen Versicherung war König Mirakel sehr dankbar, und nun lud er Gawein ein, neben ihm auf dem Zaubersessel Platz zu nehmen und mit ihm von einem Teller aus rotem Golde zu kosten und mit ihm aus einem Pokal von rotem Golde zu trinken. Goldene Schenkkannen standen hier und da auf den Tafeln, sie waren mit edlem Rebensafte und würzigem Malvasier gefüllt. Näpfe aus Gold und Silber und aus reinem Kristall in vielerlei zierlichen Formen standen herum, und die Edelknaben gingen mit schweren Schüsseln einher, auf denen die Pfauen mit ausgebreitetem Schweif lagen oder dampfendes, thymiandurchduftetes Wild oder junges zartes Fleisch von Lämmern und Kälbern. Und allenthalben lagen Kirschen, die mit ihrem schönen Rot die Tafel schmückten, aber auch zum Naschen dienen sollten. Und goldene Engel in den Ecken des Saales bliesen mit vollen Backen in goldene Trompeten und andere sangen lieblich dazu. – Kapitel XV Da sprach der König Mirakel zu seinem hohen Gaste: »Herr, lasset es Euch wohl sein, ich bitte Euch darum, und nehmet, was Euch gefällt.« Worauf Gawein antwortete, wie es sich ziemt: »Hier gibt es, hoher Fürst, an allem Fülle genug: nichts mangelt mir, wollet mir glauben, und mir ist gar wohl zumute.« An den übrigen Tafeln saßen die Barone des Wunderreiches: es waren Herzöge und Grafen darunter, und eine Herzogin scherzte mit Amadis, den sie entzückend fand: so jung und so ernst und beinahe so lieblich wie eine Jungfrau... Und Gawein an des Königs Seite wunderte sich, wenn er sich umschaute, wohl ein wenig, denn wiewohl all jene, die dort saßen und tafelten, an allem zweifelten, was ihrem König und Herrn als Wunder galt, das er einst zu meistern vermocht hatte, so herrschte doch keine Traurigkeit unter ihnen: sie lachten und tranken und trieben ihre Kurzweil, und Gawein meinte in tiefinnerster Seele, bald werde wohl das Reich untergehen, wenn es wirklich kein Wunder mehr gäbe..., ebenso wie er glaubte, daß das Land Logres, König Arturs Reich, vergehen müßte, wenn einmal gar kein Abenteuer mehr winken würde und wenn er selber auf seiner Fahrt kein Glück mehr hätte... Allein solcherlei Gedanken schienen die Köpfe jener Edlen und ihrer schönen, Feste feiernden Frauen nicht zu beschweren. Und wie nun Gawein sehr ernst dasaß und sich darob besann, wollte es ihn plötzlich bedünken, als schwebten zwei geflügelte Genien mit abwärts gekehrten brennenden Fackeln über den Häuptern der sorglosen Gäste zwischen den Apfelbäumen in den Burgsaal Mirakels herein. Viele Knappen entzündeten nun unzählige Fackeln und Windlichter in goldenen Leuchtern und gingen mit Becken aus Gold und Kannen aus Gold umher und gossen daraus duftendes Wasser und boten die Tücher dar, daß die Gäste sich die Hände trocknen könnten. Dem König war mittlerweile das Haupt auf die Brust gesunken. Er schlief, müde und erschöpft, wußte nichts mehr um neue Wunder – und Gawein begriff, daß er das schwebende Schachbrett diesmal nicht bei ihm suchen und finden könnte. Als das festliche Mahl beendet war, zerstreuten die Gäste sich in den Hainen zu verliebtem Spiel und Scherz, und Amadis bemerkte, daß Gawein sich mit der Edelfrau, der das lilienweiße Schoßhündchen gehörte, zwischen den Baumstämmen im freundlichen Schatten verlor, der wie ein dunkler Sammetvorhang die beiden seinen Blicken entzog. Amadis gewahrte es, und sein Herz war erschüttert, und er entfloh vor der Herzogin, die sich ihm nahte, wie leises Rauschen ihres Gewandes verriet, und er eilte in das Gemach und legte sich auf das Wunderbette, das dereinst viele verwundete Ritter in vierundzwanzig Stunden geheilt hatte, das nunmehr aber nur noch wenig Wert besaß, denn selbst nach sechsunddreißig Stunden Schlafes wollten tödliche Wunden nicht mehr heilen... Und Amadis lag danieder, und weil er allein war und allein blieb, so nahm er des Gawein breites Schwert, drückte es an seine Brust und dachte darüber nach, ob das Wunderbette wohl noch Kraft genug besäße, um einen von sehnender Minne genesen zu lassen, die wie ein schmerzender Pfeil ihn sehrte. +++ Am folgenden Morgen nahmen Gawein und Amadis gewappnet Abschied vom gramverdüsterten König der Wunder und von seinem heiteren Hofstaat. Der greise Fürst umarmte Gawein sehr innig und sagte, es sei sicherlich das letzte Mal gewesen, daß er den tapferen Ritter von Angesicht zu Angesicht geschaut hätte; er fühle, daß er sterben müsse, weil er, ach, das neue Wunderwesen nicht mehr zu begreifen vermöge. Und Gawein sprach ihm Trost zu, so gut er es vermochte. Darauf ritten Ritter und Schildknappe – doch vergiß es nie, Leser: der Schildknappe war Alliene – am Flusse entlang. Sie verirrten sich, und Gawein, der Ausschau hielt, ob ihm nicht wiederum ein Abenteuer begegnen würde, sagte: »Mein vielschöner Knappe Amadis, Aventiuren begegnen nicht jeglichen Tag einem fahrenden Ritter auf seinem Wege. Es mag sich wohl vollends nichts auf diesem glatten Wege mehr zeigen, über den ich vor länger als einem Monat in Morgueines Zauberwagen dahingeeilt bin. Gar zu gerne wäre ich einem nicht allzu schurkischen Ritter begegnet, den ich aus irgendeinem Grunde hätte bekämpfen und besiegen, aber nicht erschlagen, sondern auf sein Ehrenwort frei an König Arturs Hof nach Camelot senden können, auf daß er von Didonel und Mordred berichte, denn deren Tod lastet schwer auf meiner Seele. Der König aber weiß noch nichts von diesem trüben Abenteuer, und Euch selber, der Ihr so jung und so zart seid, wage ich nicht zu bitten, allein nach Camelot zu ziehen. Ich müßte auch fürchten, daß der König Euch gram wäre, so Ihr ihm meldet, daß zwei seiner teuersten Ritter Schurken waren, ob sie es gleich vor aller Augen zu verhehlen wußten, und daß sie nun tot sind und begraben auf dem Kirchhof bei der Kapelle. Darum wollen wir mitsammen weiterziehen. Vielleicht schwebt das Schachbrett noch einmal in die Lüfte empor gleich einer Lerche, und es zeigt sich, daß wir es fangen können.« Und sie fuhren gemeinsam weiter durch den Wald, der wurde ungeheuer weit. Die schweren Eichen standen da riesengroß mit ihren jahrhundertealten Stämmen und knorrigen Ästen und ließen durch ihr schweres Blättergewebe kaum einen matten Lichtschimmer des Tages dringen. Gegen Mittag wuchsen Gaweins Heldenkräfte, wie stets, und er war zu jedem Abenteuer bereit, doch nichts wollte ihm begegnen. Der Wald schien von Menschen und Tieren, von Rittern und Drachen, ja selbst von den Vögeln in den Zweigen verlassen, und eine schauderweckende, beklemmende Schwüle hing unter den Bäumen, deren erste Blätter bereits raschelnd abzufallen begannen, so daß Amadis erschrak, obwohl er sich vorgenommen hatte, mit Mannesmut alles zu ertragen, was ihm an Gaweins Seite begegnen würde. Sicherlich war dieser Wald in früheren Jahrhunderten einer heidnischen Gottheit geweiht gewesen, und die damaligen Priester und Priesterinnen, die mit ihren sichelförmigen Messern Mistelzweige schnitten, hatten wohl auch Menschenopfer auf den großen viereckigen Steinen voll seltsamer unentzifferbarer Schriften dargebracht, die hier und dort aus dunklen Schatten geheimnisvoll hervorsahen. Da aber flog, o Freude, das Schachbrett, das juwelenbesetzte wunderbare Schachbrett plötzlich wie ein riesiger Falter tief über den Boden, den kein sichtbarer Weg mehr durchschnitt, und mit seinen paar Figuren und dem schachmatt bedrohten König flatterte es weiter und verschwand in dem niederen Gehölz und kam dann wieder zum Vorschein und suchte gleichsam einen Ausweg zwischen den Baumstämmen ... Gawein und Amadis zeigten es einander, und nun, da es von neuem erschienen war, erwachte in Gawein frohe Zuversicht, und er folgte dem Schachbrett, so rasch Gringolet ihn zu tragen vermochte. Das aber flatterte um Baumstämme herum, verschwand immer wieder, kam dann wirbelnd wieder zum Vorschein, und dabei war deutlich ein Brummen oder Summen wahrnehmbar wie von einer Hummel oder rastlos schwirrenden großen Fliege. ... Es reizte seine Verfolger, schien's, mit vollem Bedacht. Außerhalb des Waldes, der plötzlich in weite Wiesen voller Lachen verlief, die in der untergehenden Sonne rosig schimmerten, schwang es sich stets höher in die Luft und lockte Ritter und Knappen über die vom Abendschimmer überspielten Moose und Sümpfe: dort würden in der Nacht wohl böse Geister zwischen Nebelschwaden umherschweben. Dann plötzlich schoß es schnurstracks gleich einem Pfeil durch die Luft, und die Reiter spornten ihre Rosse zum Trabe an. »Ich weiß nicht«, sagte Gawein, »wo wir für diese Nacht eine Herberge finden werden. Allein wir können dieses Schachbrett nicht entweichen lassen, mein viellieber Knabe.« Amadis – Alliene! – trabte hinter seinem Herrn her; nachdem er einen ganzen Tag lang ruhelos durch den Wald und über die Wiesen hatte irren müssen, war er nun hungrig und müde, wie eine Jungfrau es wohl sein durfte. Allein ein süßes Glück erfüllte schmerzlich und bitter zugleich seine Seele, während er dem trabenden Ritter folgte, der hinter dem Schachbrett herritt ... +++ Plötzlich erkannte Gawein den Landstrich, in dem er sich befand. Hier war er gewesen vor Jahren, vor zehn Jahren – und dort, in der Richtung, die das schwebende Schachbrett eingeschlagen hatte, dort, wohin es flatterte, wo es sich hoch in die Lüfte hob, um dann plötzlich in einer glitzernden Spirale herabzusinken, reckte sich riesengroß die Burg des Königs Assentijn empor! Dorthin war vor Jahren Gawein geritten, Ysabel, des Königs Tochter, zu gewinnen – doch nicht für sich: um sie zu gewinnen für den liebeskranken König Amoraen, der ihm das Schwert mit den zwei Ringen hergeben sollte, wenn er ihm die Jungfrau zuführte. Das war das Zauberschwert, gegen das er endlich bei König Mirakel das Schachbrett eintauschen konnte. Doch da Amoraen voller Sehnsucht und Verlangen gestorben war, noch ehe Gawein ihm die Jungfrau zuführte, so hatte er Ysabel, die er so liebgewonnen, für sich behalten dürfen und sie samt dem Schachbrett mit nach Camelot geführt. Doch, wehe, sie war gestorben! Und schmerzvolle Erinnerungen bewegten die Seele Gaweins, als er Land und Burg erkannte! Das Schachbrett hatte sich in einer glitzernden Spirale inmitten der zahllosen Türme zur Burg herabgesenkt. Und Gawein, der Gringolet zügelte, bis Amadis ihm zur Seite kam, ward sich dessen bewußt, daß er nun wieder in das Kastell werde eindringen müssen, in das er dereinst erst mit so unendlich großen Mühen Eingang gefunden hatte ... Dermaleinst um der Jungfrau ... und jetzt um des schwebenden Schachbrettes willen ... Und unzählige Mauern und Gräben mit unzähligen Gattern und Toren umgaben die drohende Riesenburg, die von siedendem Wasser umschäumt war. Und Gawein entsann sich: dazumal hatte er vor jeder Pforte, an jedem Graben, ganz allein einer ungeheuren Zahl von bewaffneten Männern gegenübergestanden, hatte sie bezwingen müssen, bevor er siegreich eindringen durfte. Wiederholte sich das Abenteuer, wenngleich vielleicht ein wenig anders? Tief atmete Gawein auf und jubelte in seinem Gemüt und fühlte sich ruhiger, weil die neue Fahrt nicht wie die frühere mit dem Kampf gegen einen Drachen begonnen hatte. Nun freilich hatte er eine schwere Aufgabe zu erfüllen, sollte er allein eine so starke Königsburg einnehmen! Allein eine ganze Besatzung bekämpfen! Denn sicherlich würde die Burg doch nicht minder gut bewacht und verteidigt sein wie dereinst, als Gawein seine Ysabel darin gefunden ... Siehe, dort dampfte schon der allzeit siedende Fluß, und wer darinnen ertrank, verbrannte zugleich ... Zwölf Mauern umschlossen die Burg, und zwischen je zweien zog sich ein tiefer Graben hin, und siedendes Wasser dampfte rundum. War nicht König Assentijn der schwermütigste, finsterste aller alten Könige, die in diesen Landen von Britannje und Wallis ihre Zepter über ihre Reiche schwangen? War es nicht bekannt, daß König Assentijn von abenteuernden Rittern und ihren Taten nichts wissen wollte? Dennoch würde er das nun wohl müssen! Denn allein, allein würde Gawein von neuem seine Burg erstürmen müssen: dazu würde Amadis seinem Herrn weder nützlich noch nötig sein ... Und Gawein sprach zu dem Schildknappen: »Viellieber Knabe, schau her! Diese Burg, in der, wie ich glaube, das Schachbrett verschwand, muß ich erobern, um meine Fahrt zu einem guten Ende zu führen, und allein muß ich sie erobern, o Amadis, so wie ich es bereits einmal vor zehn Jahren tat. Und nun bitte ich dich in allen Züchten: sage mir, möchtest du nicht, da mir so großes Abenteuer und ungeheure Gefahr bevorsteht, etwas für deine Weiblichkeit weniger Gefährliches tun und mein Sendbote nach Camelot sein? Du könntest dann an den Hof meines Königs Artur gehen, ihm von Mordred und Didonel zu berichten, deren Tod mir schwer auf der Seele lastet. Ja, mir ist sehr trübe zumute um ihrer beider Schicksal, und weil ich zwei Ritter der Tafelrunde erschlug und meinem Herrn noch nicht Kunde von diesen so schmerzlichen Dingen sandte. Gewiß, der Weg ist lang, doch gute Fahrt gibt dir des Himmels Vorsehung wohl ebensogut, wie sie dir vordem Unheil und Qualen beschied. Und bist du erst einmal in Camelot angelangt, und hat sich des Königs Zorn, der mir gilt, über deinem lieben Haupte entladen, so wird mein Fürst und nicht minder die Königin Ginevra dem Boten Gaweins sicherlich huldvoll sein.« »Mein edler Herr«, sprach da Amadis, »ich werde tun, wie Ihr mir gebietet, und gehen, um König Artur vom Tode meiner Bedränger Kunde zu bringen. Trotzen will ich seinem Zorn, doch lieber, fürwahr, wäre es mir, wenn ich Euch hier im Kampfe beschützen und, täte es not, für Euch sterben dürfte ...« Kaum hatte Amadis also gesprochen ... Kapitel XVI ... Als zur größten Verwunderung Gaweins und seines Schildknappen vier Turmwächter von den höchsten Türmen in ihre kupfernen Hörner bliesen, daß es weithin schallte. Und von allen anderen Türmen ward der Ruf aufgenommen, so daß alsbald ein großes Lärmen die abendliche Luft erfüllte. Und Gawein glaubte, daß der Kampf nun allsogleich beginnen und die Bewaffneten aus dem ersten Tore hervorgehen und ihn wilden Grimmes anrennen würden, um den Wagemutigen zu erschlagen, der es sich gelüsten ließ, in König Assentijns Burg zu dringen. Doch wie wuchs sein Erstaunen, als sich die mächtigen Flügel weit auftaten und auf der Brücke über dem ersten Kanal des Königs Seneschall erschien. Ihm folgte ein Schwarm von Dienern, die Stäbe in den Händen trugen, und er entbot höfischen Gruß und sprach: »Herr Ritter, mein König heißet willkommen, wer ihm durch den Hörnerschall von seinen Türmen als ruhmreicher Held angekündigt ward, und bittet Euch samt Eurem Schildknappen, einzureiten und seine Gastfreundschaft anzunehmen.« Überrascht und höflich dankte Gawein und folgte mit Amadis über die erste Brücke und durch die zwölf Pforten und elf anderen Brücken, in den weiten Burghof. Da eilten die Stallknechte herbei. Die Gäste stiegen ab, und Diener nahmen ihnen Speere und Schwerter ab, und der Seneschall lud sie ein, sich in die Gemächer leiten zu lassen. Einen so höflichen Empfang in dem Schlosse, darein er einstens erst durch einen Kampf gegen Hunderte von Gegnern hatte Einlaß gewinnen müssen, glaubte Gawein nicht weniger höflich beantworten zu dürfen, und so sprach er, noch bevor er hätte erklären können, wer er sei und von wannen er käme: »Mein wackerer Seneschall, ich danke Euch für so liebwerte Aufforderung und für so freundlichen Empfang, zur Stunde, da die Dämmerung sich allbereits auf Wald und Wiesen senkt und der fahrende Ritter mit seinem Knappen sich schon hier und dort nach einer Herberge umsah, die ihn aufnähme, ehe die Nacht völlig hereinbricht. Doch bevor Ihr mich weiter bringet und dem König Assentijn zuführet, bitte ich Euch, ihm zu melden: Ich bin Gawein, ein Ritter von König Arturs Tafelrunde, und war ehedem König Assentijns Schwiegersohn, bis mein schönes Weib Ysabel, seine liebste Tochter, starb. Ich bin Gawein – und war einstmals des Königs Assentijn Feind, der ihm sein Kind entführen mußte. Ich bin Gawein – und dieser hier ist Amadis – mein Schildknappe.« Der Seneschall gab zur Antwort, daß er gehen wolle, um Gawein und Amadis anzumelden. In dem großen Saale, der nur von wenigen langen Kerzen in Wandleuchtern erhellt war, warteten Gawein und Amadis, beide waffenlos. Da ertönten draußen Schritte, Türen wurden geöffnet, und herein trat der König Assentijn mit einigen seiner Barone und Pagen. Er war groß von Gestalt, und finster blickte er drein. Unter seiner Krone hingen ihm die grauen Locken in das runzlige Antlitz, und es fiel Gawein auf, daß sein roter Mantel und sein Hermelinkragen so mottig und verschlissen waren wie der seines Königs Artur. Und es ging ihm durch den Sinn, daß ringsumher in der Runde doch gar viele solcher alten Könige herrschten in diesem Stück Welt, das vom Meer rings umspült lag, so sehr viele alte Könige – – Gawein grüßte seinen Schwiegervater ehrfurchtsvoll, doch dieser blieb ungebeugten Hauptes hochaufgerichtet vor ihm stehen und runzelte die Stirne, und während er ihn mit den noch feurigen bösen Augen zu durchbohren schien, sprach er endlich: »Mein Herr Schwiegersohn – das seid Ihr, mir zu Leide und Euch zur Freude, gegen meinen Willen geworden –, mich nimmt es wunder, was für Dinge Ihr suchet und aus welchem Grunde Ihr nach Endi gezogen seid. Kommt Ihr, um zu jagen oder um Euch zu erlustieren? Kommt Ihr, um Abenteuer zu suchen, und sannet Ihr uns Gutes oder Böses?« »Großmächtiger König Assentijn, Gebieter dieses reichen Landes und viellieber Herr Schwiegervater«, antwortete Gawein in so bezwingend liebenswertem Ton, wie er nur konnte, »der Herre Christ, der für uns geboren ward, möge es Euch lohnen, daß Ihr befählet, die vielen Tore mir zu öffnen, auf daß ich hindurchschritte, und Gott möge Euch die freundliche Gastfreundschaft lohnen, die Ihr Euren Gästen bietet. Höret und verstehet mich recht, mein edler Herr: daß ich nach Endi gekommen bin, hat ein Schachbrett verschuldet, das ich in Eure königliche Burg hineinschweben sah und das ich suche, um es meinem Herrn, dem König Artur, nach Camelot zu bringen.« Indessen hatte Assentijn, der alte König, in einem Sessel Platz genommen. Er ballte seine Faust und ließ sie auf des Tisches Platte hinabsausen – und sah den vor ihm stehenden Gawein, hinter dem Amadis sich bescheidentlich zurückhielt, durchdringend an. Er schüttelte sein zottiges Haupt, wie ein unzufriedener Leu die Mähne schütteln würde. »So so, mein tapferer Ritter und Schwiegersohn«, sprach Assentijn, »heute kommt Ihr, ein Schachbrett zu suchen, das innerhalb meiner Mauern herabgeschwebt zu sein scheint? Warum auch nicht, Vasall Eures Königs Artur, der nimmermehr der Abenteuer satt wird! Suchet Ihr doch allzeit das eine oder das andere, wenn Ihr durch die Lande von Britannje oder Wallis streift. Warum auch nicht? Seid Ihr nicht bereits vor zehn Jahren einmal hier gewesen, mein würdiger Gawein, und kämet Ihr nicht damals auch als gar höfischer Rittersmann, um mir meine Tochter zu entführen, Ysabel, die Schöne? Wolltet Ihr sie nicht dem Amoraen zuführen, der selbst so wenig dazu geschickt war, sie zu gewinnen, und der Euch das Schwert mit den beiden Ringen gegen die holde Braut eintauschen wollte – das Schwert, das Ihr wiederum dem König Mirakel für ein schwebendes Schachbrett geben wolltet? War es nicht so? Amoraen starb im letzten Augenblick, so daß Ihr selber mein liebes Kind behalten konntet und für das Schwert das Schachbrett empfinget und nun mit dem Schachbrett und mit Ysabel nach Camelot zoget, wo Ihr ob so ruhmreicher Waffentat mit großem Jubel gefeiert wurdet! War es nicht alles so, Herr Ritter, der Ihr ohne meinen Willen mein viellieber Schwiegersohn geworden wäret? Bei meiner Krone! Damalen erschlüget Ihr vor meinen zwölf Mauern, vor meinen zwölf Toren jeweils viermal zwanzig Mannen, wähn' ich – und wie waren die bewaffnet! Ihr dranget in meine Burg ein, und als Ihr gefangen laget im dunklen Verlies und meine Tochter zu Euch kam, wußtet Ihr sie zu betören und dann zu entführen... Sollte ich nun heute, neuer Art und Sitte gemäß, nicht besser daran tun, Euch alle Pforten zu öffnen, Euch höflich zu empfangen und Euch zu fragen, was Euer Begehr? Seid dessen gewiß, daß ich erfreut bin, tapferer Held, daß Ihr mich nicht um meine süße Enkeltochter, meinen letzten Trost, bittet. Sie heißet Ysabel, wie ihre arme Mutter, Euer Weib, mein süßes Töchterlein, das im Wochenbett starb, wie ich sagen hörte... Und kündet mir jetzt, Gawein, ob Ihr wünschet, daß ich Euch sage: gehet und durchspähet mein Schloß und suchet das Schachbrett, das hier hereingeschwebt kam und das König Artur zu besitzen wünscht, und kehret dann in Frieden nach Camelot zurück?« Der alte König, der noch immer die Faust auf dem Tisch geballt hielt, hatte mit verbissener Wut gesprochen, während Gawein – hinter dem Amadis sich unmaßen über alles verwunderte, was er vernahm – vor ihm stand gleich einem ungezogenen Schüler, der von seinem Lehrer gescholten wird. Nun aber hub er an, sich gegen des Königs Worte zu wehren: »Mächtiger König Assentijn von Endi, bevor ich Euch von dem Schachbrett spreche, um dessentwillen ich ausgezogen, möchte ich Euch sagen: Ysabel, Eure Tochter, liebte ich bereits, bevor ich sie traf, liebte ich bereits in meinen Träumen, in denen sie mir erschien wie durch Zauberblendwerk. Ysabel, Eure Tochter, kannte ich bereits, als ich sie zum ersten Male sah, und sie kannte auch mich aus ihren eigenen Träumen. Und mit großer List bat sie Euch, ihren Vater, mit mir tun zu dürfen, was sie wolle, und sie ließ mich fesseln und mich in ein Verlies werfen, doch sobald wir allein waren, löste sie meine Fesseln und wir kosten und küßten uns ...« Der König schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es von den Wänden der Säle langhallend widerdröhnte: »Ich weiß es, bei meiner Treu«, rief Assentijn, »sie war ein unwürdig Königskind, darum habe ich sie verflucht, und sie ist gestorben. Doch meint Ihr, Gawein, daß Ihr recht daran tatet, sie mir zu entführen und sie zu Amoraen zu geleiten, der nicht selber den Mut hatte, um sie zu werben? Und daß Ihr recht daran tatet, sie selber als Euer armes Weib zu behalten, als Amoraen Euch so sehr gelegen gestorben war und Ihr ihm Euer Ritterwort nicht einzulösen brauchtet? Meint Ihr« – und der König ließ ein zweites Mal die Faust auf den Tisch niedersausen, daß der Widerhall geweckt wurde –, »daß Ihr recht daran tatet, viermal zwanzig Mann vor jedem meiner zwölf Tore zu erschlagen, um in mein Schloß Eingang zu erzwingen, indes ich kein Verlangen nach Euch trug? Sicherlich, Ihr wart ein Held: Köpfe und Beine und Arme und Rümpfe lagen in Blutlachen überall um Euch umher. Ihr, Gawein, watetet durch das Blut, und Ihr ließet Euch in meinem Saale nieder und aßet und tranket alles, was Ihr fandet, und Ihr dranget immer weiter ein, bis wir Euch endlich gefangennahmen und Ysabel mich – wie es scheint, voll teuflischer List – bat, Euch die Nacht bewachen zu dürfen. Und ich war so töricht, der Bösen, die Euch befreien wollte, zu Willen zu sein. Doch meinet Ihr, Gawein, daß Ihr recht tatet, meinet Ihr wirklich, daß Ihr recht daran tatet, auszuziehen, um ein Schwert zu suchen, das Euch nicht gehören sollte, auszuziehen, um ein Schachbrett zu suchen, das Euch nicht gehören sollte, auszuziehen, um eine Braut zu suchen, die Euch nicht gehören sollte, und nur immer tapfer draufloszuhauen, um anderer Wünsche zu erfüllen? Ihr wäret stärker als alle meine Mannen, die Ihr erschluget, und Ihr würdet Euch sicher verwundern, denke ich mir, wenn ich Euch sagte, daß Ihr gar kein ritterlich Wesen offenbartet – dieweil Ihr doch immer und weithin als der ritterlichste von allen gepriesen werdet. Doch nichts für ungut, mein Herr Schwiegersohn, Wittmann meiner armen Tochter. Nur denket einmal darüber nach, ob Ihr wahrlich recht daran tut, heutigen Tages vor mir zu erscheinen und nach einem Schachbrett zu forschen, das inmitten meiner Mauern und Wälle herabgeschwebt zu sein scheint und das Ihr besitzen wollet, während es mich dünket, als ob das, was freiwillig in mein Bereich kommt, mein wäre – und nicht Euer – und nicht Eures Königs Artur?« Verlegen blieb Gawein vor dem König stehen, und hinter ihm wunderte sich Amadis immer mehr. Worte fand Gawein nicht, und ihm schwindelte der Kopf, der immer so ritterlicher Gedanken voll gewesen war – doch endlich glaubte er sprechen zu können und sagte höflich und beinahe demütig, aber dennoch würdig, denn er war sich keiner anderen Schuld bewußt als der, die Gott im Himmel ihm bei seiner Geburt mit in die Welt gegeben hatte: »Assentijn, mächtiger König und Vater meiner viellieben und, ach, nur allzufrüh dahingeschiedenen Ysabel, Ihr saget mir so viele Worte: und glaubet mir, sie verwirren meine Seele und meinen armen Geist. Denn sie müßten mich an meinem guten Rechte und an allen Gesetzen der Ritterschaft verzweifeln lassen, wenn ich glauben sollte, daß Ihr mit Grund und Fug solcherlei Worte an mich richtet. Ich weiß nur, daß ich ein Ritter von König Arturs Tafelrunde bin und daß ich, sobald er meine Ausfahrt verlangte – sei es um eines Schachbrettes oder um des Grals oder eines Speeres oder sonst eines Dinges willen –, mich jederzeit von der Tafelrunde erhob und bereit war, sein Begehren zu erfüllen, und daß ich der Jungfrau und ihrem Sohne im Himmelreich, der für uns Menschen geboren ward, allzeit diente und Witwen und Waisen beschirmte und alle Bösewichter und Schurken und Missetäter erschlug, die mir in den Weg kamen...« Gawein konnte seinen ohnehin so verwickelten Satz nicht vollenden: die Tür zum Saal ward geöffnet. Knappen traten ein, lange Kerzen trugen sie in der Hand. Und in dem so plötzlich einfallenden gelben Glanz erschien eine schneeweiße und goldblonde Jungfrau, so lieblich und so über die Maßen schön anzusehen, daß Gawein, geblendet, völlig verstummte und ohnwillkürlich die Hände hub und sie faltete, als wolle er niederknien und anbeten. »Mein viellieber Großvater und edler König«, sprach die junge Ysabel, »verzeihet Eurem Enkelkinde, daß es kommt, Euch zu stören, doch seine Angst, wo Ihr nur bliebet, war groß, und sein Herz war voll Sorge um Euch.« Und die Jungfrau schritt näher wie ein Traum, so blond, so licht in ihrem weißen, enganliegenden Gewande: so golden war ihr Haar wie goldene Fäden, aus denen Mädchenfinger die Aureolen der Heiligen bilden – und Gawein stand das Herz stille und er meinte, ihm nahe sich ein Engel, doch ein Engel, der seiner dahingegangenen Ysabel glich – – – Kapitel XVII Ysabel war zu ihrem Großvater getreten und hatte ihre beiden Händchen auf des alten Königs Assentijn rotsamtne Schultern gelegt, und Gawein mußte dabei an König Artur und an Ginevra denken, doch am allermeisten gemahnte es ihn an sein eigenes allzufrüh von ihm gegangenes Gemahl, und es wollte ihn dünken, als ob sie, wieder auferstanden, dort vor ihm erschiene, schöner noch und jugendlicher, als er sie jemals gesehen. Er ward sich dessen bewußt, daß er ihrem Andenken nicht treu gewesen, doch weil er niemals treu gewesen war und glaubte, daß nicht jeder Ritter so treu sein könne, wie Lancelot es seiner Freundin, der Königin Ginevra, war, so fühlte Gawein sich nicht sündiger, als es Gott gefallen hatte, ihn zu machen. Von Gwinebants Liebe und Treue wußte Gawein nichts, wenngleich Gwinebant ihn mit Lancelot aus dem Tal der Ungetreuen Ritter befreit hatte – und wenngleich er wohl hin und wieder in seinem Innern bedacht hatte, wem wohl Gwinebants Gedanken gehörten und wem er so treu wäre, daß er für würdig erachtet ward, an Lancelots Seite einherzugehen. So waren Gaweins Gedanken, während er wie anbetend mit gefalteten Händen die junge Ysabel anstarrte und während dem Amadis hinter ihm das Herz klopfte vor Eifersucht ob Gaweins sein innerstes Fühlen verratender Gebärde. Allein der alte König Assentijn nahm Ysabels Händchen in die seinen, und während sein runzliges Antlitz erstrahlte wie eine Winterlandschaft unter der ersten Lenzessonne, sprach er: »Süßes Töchterlein meines seligen Sohnes, wir danken dir für so liebe Sorgfalt und so fromme Fürsorge, doch diese Gäste haben uns die Vesper über in Anspruch genommen und ließen uns vergessen, daß die abendliche Mahlzeit unser harrt. Weißt du, wer dieser Ritter ist, mein Kindlein? Er ist einer der zwölf Wackeren von König Arturs Tafelrunde, er ist Gawein, er ist derselbe, der vor zehn Jahren meine königliche Burg belagerte und ganz allein gegen viermal zwanzig Mann an jedem meiner zwölf Tore kämpfte; er ist derjenige, der sie ganz allein besiegte – er war damals sogar ohne einen Schildknappen, wie ich ihn jetzt hinter ihm sehe, und er watete durch Blut... weißt du, zu wem, mein Töchterlein? Zu deiner Mutter, zu meiner schönen Tochter, Ysabel hieß sie, wie du. Und dieser wackere Streiter entführte sie, er brachte sie weit weg nach Camelot, und dort starb sie an dem Kinde, das aus ihrem Schoß zum Leben wollte, und an dem Fluch ihres Vaters. Sie starb, und jetzt, du mein Liebstes, erscheint vor mir dieser Rittersmann, mein Herr Schwiegersohn, gleich als wäre nichts geschehen, und ich frage dich, mein süßes Mägdelein, sage mir und rate mir: was soll ich mit dem Mörder meines Kindes und meiner Mannen beginnen?« »So ist des Himmels Gnade über mir!« rief Ysabel leise, doch jubelnd aus, und ihre Stimme klang lieblicher, so meinte Gawein, als die seiner eigenen Ysabel jemals geklungen, lieblicher selbst als der Sang der goldenen Vögelein, die auf den Wunderbäumen in der Ginevra Hain sangen, »also seid Ihr, o edler Ritter und großer Held, mein eigener Ohm, seid Gawein? Den Vater der Abenteuer nennt man Euch? Meiner seligen Mutter Gemahl seid Ihr, der Unvergleichliche, der Allerritterlichste, der Allertapferste, der Ritter aller Ritter unserer alten Könige? Seid mir hoch willkommen, mein lieber Ohm! Wenngleich ich kaum mehr bin als ein Kind, und wenngleich ich Euch noch nimmer sah, so las ich doch von Euren wunderbaren Waffentaten, die gelehrte Schreiber seit zehn Jahren in klangvollen Reimen aufgezeichnet haben. Und, o wunderbarer Zufall, eben hat ein Trouvere, der mit seinem Fiedler herzog, um Erlaubnis gebeten, von Euren Taten künden zu dürfen, und gerade wollte ich meinen Herrn König und Großvater um seine Einwilligung bitten, den Sänger zu der Fiedel Klang singen und sagen zu lassen und ihn in den großen Saal zu rufen vor all die Burgsassen, daß er von Euch erzähle, viellieber Ohm, den ich nun sicherlich in Ehrfurcht und voll Freude küssen darf!« Und Ysabel trat mit ausgestreckten Händchen näher, während Gawein sie noch immer ansah wie ein Wunder. In dem gelben Kerzenschimmer stand sie wie in einem Strahlenkranz: so weiß und so goldblond wie ein Engel, wie ein Strahl himmlischen Glanzes in diesem düsteren gewölbten Saal, und Gawein wartete wie verzaubert. Er wußte, daß Ysabel sich ihm genähert hatte. Er blinzelte mit den Augen. Er fühlte ihre kühlen Händchen an seiner pochenden Stirne. Er empfing ihren Kuß auf seine rechte und danach auf seine linke Wange. Er wußte nichts zu sagen noch zu tun. Er hörte nur ihr Stimmchen wie Goldklang tönen: »Was Ihr mit meinem Herrn Ohm, mit Eurem Schwiegersohne, tun sollet, mein Herr König und Großvater? Ihr sollt ihn ehren wie einen Ritter und Gast von höchstem Ansehen, Ihr sollt ihn lieben wie einen Sohn und treuen Anverwandten, den Ihr seit Jahren nicht mehr sahet. Ihr sollt ihn auffordern, mit uns das Mahl einzunehmen, und danach müsset Ihr ihn einladen, auf dem höchsten Ehrenplatze im Burgsaal Platz zu nehmen, auf daß Trouvere und Spielmann ihm von seinen eigenen Taten, seinem eigenen Ruhm singen können. O mein teuerster Herr, o mein liebster Großvater, begrabet allen Streit und lasset fahren allen Fluch und alle Feindschaft und vergesset all die bösen Dinge, sonst – seid dessen gewiß, wenn Ihr ein böser König seid! – werde ich den König Clarioen von Nordcumberland nicht zur Ehe nehmen!« Und Ysabel lachte ihm in die Augen und schlang die Arme um den mottigen Hermelinkragen des alten Assentijn, der den Kopf schüttelte und unzufrieden mit sich selber war, weil er den Schmeicheleien seiner Enkeltochter so leicht und schwach erlag. »Sei es darum«, sprach er dann, während er aufstand und die Brauen noch immer runzelte. »Jahre sind dahin gegangen, die Strafe ist vollzogen: meinem armen Kinde habe ich, ich will es ehrlich eingestehen, niemals geflucht, obwohl ich immer sagte, daß ich es täte. Sie starb an der Geburt ihres Kindes, das ist's. Ihr selber, Gawein, seid ein tapferer Held, wenngleich Ihr als ein rechter Raubritter Damoicelen und Schachbretter entführt... traun! da fällt mir ein, mein Herzblatt, weißt du vielleicht etwas von einem schwebenden Schachbrett, nicht von dem ersten, das dein Herr Ohm vor zehn Jahren mitsamt seiner Braut nach Camelot brachte, sondern von einem anderen, das gleich einem Vogel in seinem Käfig zwischen unsere Mauern hinabgeschwebt sein soll?« Ysabel befahl, daß man die Burg durchsuche. Und überallhin eilten die Diener und Kammerfrauen. Allein sie fanden kein Schachspiel. »Morgen, mein Ohm«, sagte Ysabel, »bei Anbruch des neuen Tages, wenn der Sonnenschein bis in die dunkelsten Winkel dringt, werden wir weiter das zweite schwebende Schachbrett suchen.« »O du meine andere liebsüße Ysabel«, sprach Gawein entzückt, während Amadis hinter ihm eifersüchtig auf seine Worte lauschte, »kanntest du mich, lasest du von mir, und hattest du den Helden deiner Romane ein klein wenig liebgewonnen?« »Ich kannte Euch, ich las von Euch, ich liebte Euch allbereits so sehr, mein Held und Ohm«, sprach Ysabel, »und ich dachte: möchte doch einst der Ritter, der mir als Königin von Nordcumberland dienen wird wie Lancelot der Königin Ginevra von Logres, meinem Oheim Gawein gleichen!« Nun führten die Edelknaben mit den langen Kerzen Gawein und Amadis in das für sie bestimmte Gemach. Glaub' es, o Leser, daß es Wunderbetten gab, auf denen die Ritter von ihren Wunden genasen! Und wisse, daß nun fast in jeder königlichen Burg eines stand – sie waren nur nicht alle so verfallen wie jenes erste des alten Königs Mirakel und wiederum nicht allzeit so neuartig heilkräftig wie jenes, das Merlin für Camelot und die Ritter der Tafelrunde bereitet hatte. Das Wunderbett des Königs Assentijn war mittleren Ranges. Und Prunkgewänder lagen bereit, und in dem großen Saal wurden bereits die Tafeln gedeckt und Schüsseln mit Wildbret bereitgestellt, und roter Wein und köstlicher Malvasier wurden in Kannen gefüllt, und die Knappen reichten schon die Becken aus rotem Golde und die Tücher herum, an denen die Ritter sich die mit Wasser benetzten Finger trocknen sollten. Und der Seneschall erschien mit seinen Dienern, und nun war alles genau so, wie es überall in jeder Königsburg zu dieser Stunde des späten Abends war, wenn fahrende Ritter eingekehrt waren, und froher Glockenklang zur Abendtafel rief. Und nach dem leckeren Mahle ehrte Assentijn seinen Gast aufs höchste; der saß an der Seite des Königs auf dessen breitem Thron und wunderte sich gar sehr, wenn er vergangener Zeiten gedachte, da alles so ganz anders gewesen war. Und Ysabel – was hieß sie doch so wie des Gawein verstorbenes Weib geheißen, und was glich sie ihr doch so sehr! –, Ysabel saß auf scharlachrotem Kissen zu Füßen des Großvaters. Und Amadis saß zu Füßen des Gawein. Und die Burgsassen, die Barone und Edelfrauen, die aufwartenden Diener und Pagen füllten den Saal und saßen oder standen oder neigten sich über die inneren Bogen der hohen Galerien herab, und ein matter Kerzenschimmer lag über allem. Da trat der Sänger auf mit seinem Fiedler, und die Knappen beeilten sich, die letzten Tafeln wegzuräumen. – Und während der Sänger sich verneigte, hub der Fiedler schon leise auf seiner Geige zu spielen an. Kapitel XVIII Der Fiedler strich leise über die Saiten und begleitete mit seiner Weise die Stimme des Sängers, der mit hohem Heldenlob einen Ritter der Tafelrunde feierte. Er hatte aus seiner Tasche eine Handschrift gezogen, die wäre ihm – so sagte er – nicht minder wert und kostbar wie dem Ritter sein Schwert, wie dem König sein Reich, und es war ein kleines Buch mit Blättern aus Pergament, darauf er mit feiner Schrift die klingenden Reimzeilen geschrieben hatte. Und während der Geiger auf seiner Fiedel weiterspielte, hob der Sänger das Büchelchen empor und küßte es und sagte, es sei sein Gedicht und all seine Kunst läge darin und er brauche kaum hineinzusehen, denn er habe es schon fest inne im Herzen und im Kopfe und er hoffe, Gott möge ihm alle Unbill vergeben, die er etwa mit seinem Liede einem zufügte, und ihm große Weisheit verleihen, auf daß er sonder Fehl von Gawein künden könnte. Und nun besang er den Helden und wußte, daß er vor ihm selber stand, und seine Stimme durchzitterte die innere Glut und Erregung, dieweil er vom Vater der Abenteuer erzählte. Er gab seinen langen Bericht leise und eintönig, wie Gawein, König Arturs Neffe, dem immer gegen Mittag die Kräfte allgewaltig wuchsen, nicht nur der kräftigste, sondern auch der ritterlichste Held sei, und der tapferste, der allertapferste! »Lancelot ist auch der Allertapferste«, flüsterte Gawein verlegen seinem Schwiegervater zu. »Und gar ritterlich dazu.« »Der Allertapferste«, fuhr der Sänger fort, »der eine Drachenmutter samt ihren wilden Drachenjungen erschlug.« »Ich habe vor nicht langer Zeit ihre Gerippe noch in der Grotte gesehen«, flüsterte Gawein und erblaßte. Und heftig bewegt war er, als der Sänger nun von Gringolette sang. Ach, sein gutes Roß war tot und lag begraben am Flusse. Ysabel aber, die war wieder auferstanden! Jetzt hörte er kaum mehr auf des Dichters Heldenmäre, die ihn besang, jetzt sah er klopfenden Herzens auf die blühende Rose, auf die schneeweiße Lilie herab, die zu des Königs Füßen blühte. Jetzt fühlte er, wie Frau Venus sein Herze anrührte. Jetzt wußte er, daß er liebte, wie er noch nie geliebt hatte – wie er nicht einmal sein dahingeschiedenes Gemahl geliebt hatte. Ysabel, Ysabel..., der alte Name zitterte zu den Tönen der Fiedel neu und mit neuem Klang durch Gaweins erregtes Gemüt. Ysabel, Ysabel! so klang es jubelnd über aller Köpfe durch den gewölbten Burgsaal. Ysabel, Ysabel! so mußten die Engel im Paradiese die holde Frau rufen, die ihn verlassen hatte, und die nun in einem Rosen- und Lilienregen herabgestiegen war: Rose und Lilie sie selber! Doch als der Sänger geendet hatte und mit dem Fiedler zur Küche hinabgestiegen war, wo ihnen inmitten der ganzen Dienerschaft köstlich aufgetischt wurde, und als sich alle zur Ruhe zurückgezogen hatten und auch Gawein und Amadis wieder in ihrem Gemach waren, lehnte sich Gawein in das Bogenfenster und schaute hinaus in die stille, sternenklare Nacht. Und er sann darüber nach, wie sich alle Dinge und alle Abenteuer wiederholten, und doch nicht so ganz genau wiederholten. Einstens war er hier durch Ströme vergossenen Blutes eingedrungen. Doch in jener Nacht hatte er seine Ysabel gefunden – Ysabel, die er bereits aus seinen Träumen kannte, Ysabel, die er darauf entführt hatte, Ysabel, die schließlich sein holdes Weib geworden war. Jetzt war er hier mit allen Ehren empfangen worden, aber nicht Ysabel bot ihm ihren Kuß. Die Kammerfrauen hatten sie hinweggeführt in ihre Kemenate und sie entkleidet und zur Ruhe gebettet, und ihr Prinzessinnenkrönchen, wie es sich gehörte, auf die Stufen gestellt, die zu ihrer Bettstatt hinaufführten; und ihr Hündchen schlief sicher in des Zimmers Mitten. Gawein starrte hinaus. Es wollte ihm scheinen, als ob Glück und Wehmut in dieser späten Liebe sich mischten, so wie sich draußen der Erdgeruch mit dem fernen Sternenglanz und den leise raschelnden Blättern aus dem umliegenden Walde zu einem mischte ... und mit dem seltsamen Klingen aus jenen mattsilbernen Wölkchen ... die aber keine Wölkchen waren und keine Nebelschwaden, die der Wind jagte, sondern silberne Flügel, wie Libellen und Wasserjungfern sie haben, Sylphenflügel. Auch Ysabels Kemenate war erfüllt vom selben seltsamen Schimmer und Schein, den Gawein über den Himmel gleiten sah, als er hinausstarrte. Und Ysabel drehte sich auf ihrem magdlichen Lager leise um und machte eine Bewegung, als wolle sie einen umarmen, der ihr zur Seite läge. Und sie träumte von Gwinebant ... Und dem Gwinebant in weiter Ferne träumte von Ysabel ... Gawein aber stand da und starrte hinaus voll Wehmut und voll Lust. Ihm war, als beginne nun erst sein Leben. Ihm war, als habe ihn sein ganzes bisheriges Dasein mit allen Wundern und Heldentaten und Zauberkünsten einzig und allein zu diesem Gefühl vorbereitet, einzig und allein zu diesem Glück, zu diesem süßen, unbefriedigten Verlangen. Ihm war, als sei es zu nichts anderem nütze gewesen als dazu ... Als erwachse ihm daraus nun sein allereinziges Abenteuer ... Doch endlich wandte er sich und stieg aus der Fensternische die Stufen hinab und ging auf das Bett zu. Da lag Amadis, regungslos, die Augen geschlossen, das Haupt in die Kissen vergraben, und stellte sich, als schliefe er. Und Gaweins Schwert lag dem Schildknappen zur Seite. Sorgfältig war es schon bereitgelegt, denn Ritter wie Knappen taten gut daran, stets bei ihrer Waffe zu schlafen. Gawein legte sich neben das Schwert, das nun zwischen ihm und Amadis lag. Auch Gawein schlief nicht; er lag da und starrte in die Ecken und Falten des Baldachins, der sich ob seinem Haupte ausbreitete. Er träumte mit offenen Augen, und ein Lächeln spielte um seine Lippen. Schattenhaft verschwammen die Gestalten der Frauen, die er geliebt hatte, vor seinem ins Leere gehenden Blick, und inmitten ihrer nebelhaften Gestalten leuchtete wie eine himmlische Erscheinung Ysabels Bild auf. Des Amadis Hand ruhte indessen nicht auf seinem eigenen Schwert, das ihm zur anderen Seite lag, sondern auf der Waffe Gaweins. +++ Am kommenden Tag suchten alle in der Burg nach dem schwebenden Schachbrett, das sich, wie Gawein und Amadis erklärten, in ihrer Mauern Ring herabgesenkt haben sollte. Die Barone und Edelfrauen, die Pagen und Diener, alle suchten, alle gingen treppauf, treppab, erklommen die zahllosen Türme, stiegen hinab in die unzähligen Verliese, und auch Gawein und Ysabel suchten, und Gawein zeigte Ysabel das Verlies, in dem er vor mehr denn zehn Jahren von ihrer Mutter, die gleich ihr Ysabel geheißen hatte, von König Assentijns schöner Tochter – wie erzürnt war der König gewesen, als er später von ihren heimlichen Küssen gehört hatte! – in Ketten geschlagen worden war. Und Ysabel, die Holde, entsetzte sich. Allein Gawein erklärte ihr, daß der Geist eines Ritters, den er einstmals errettet, sie beide aus dem Kerker befreit habe ... Und all das Fremde und Ungewöhnliche spukte rings um sie beide in der Dunkelheit, die von den Fackeln der sie begleitenden Knappen nur schwach aufgehellt ward: der Hauch der Vergangenheit wehte sie an, während sie nach dem Schachbrett suchten und es nicht fanden, die Erinnerung an den Geist eines Ritters stieg auf bei diesem Umherspähen nach dem schwebenden Schachbrett, hier in dieser Burg, in die Gawein dereinst allein, nach Kämpfen gegen viermal zwanzig Gewappnete an jedem der zwölf Tore und nach Erlegung ihrer aller, sich den Eingang hatte erzwingen müssen. »Ihr erschlugt zwölf mal achtzig Mannen, mein Ohm?« fragte Ysabel verwundert, während sie aus dem dunklen Verlies heraustraten. In endloser Folge gingen die Burginsassen treppauf, treppab und suchten. »Ihr erschlüget so viele Mannen, Ihr allein? Ja, ich las davon in den Ritterromanen, in dem nämlichen Heldengesang, den uns der Trouvere gestern vortrug.« »Ich tat es wider meinen Willen, tat es in harter Not, süße Ysabel«, sagte Gawein; verlegen fühlte er sich vor der Jungfrau ob der Ströme Blutes, die er dereinst hier vergossen hatte. »Allein, es geschah, mußt du wissen, um deine schöne Mutter Ysabel für König Amoraen zu gewinnen, der aber vor Sehnsucht starb, noch ehe ich sie ihm zuführen konnte.« »Ist es viel für einen einzigen Ritter, mein Oheim«, fragte Ysabel, »viermal zwanzig Mann an jedem von zwölf Toren zu erschlagen?« »Es ist wohl ein ziemlich Stück Arbeit«, gab Gawein ihr Bescheid und errötete, »doch ist es nicht so arg, als daß nicht auch Lancelot solche Waffentat hätte vollbringen können.« »Und Sagremort desgleichen?« »Auch Sagremort, bei Sankt Michael«, versicherte Gawein mit Nachdruck, »und auch Bohort, Hestor und Agloval, sei dessen gewiß, mein holdseliges Niftel.« »Aber Galehot?« fragte Ysabel voll Neubegierde. »Sicherlich würde auch Galehot es vermocht haben«, bekräftigte Gawein, »und Ywein nicht minder, zweifle nicht daran.« »Und auch ... Gwinebant ... mein Ohm?« »Gwinebant ist der jüngste, der mit an der Tafelrunde sitzt, und er ist mit Lancelot gekommen, mich aus dem Tal der Ungetreuen Ritter zu erlösen. Er ist mir teuer, meine Ysabel, und er ist ein tapferer Held, und ich zweifle nicht daran, daß auch er gleich allen den anderen die Waffentat hätte vollbringen können.« Ysabel lächelte voll heimlicher Freude, und sie stiegen die Treppe empor, eine Wendeltreppe, und suchten immer weiter nach dem Schachbrett. »Ich sehe es nicht, Oheim.« »Und ich ebensowenig, Ysabel ... Amadis, kannst du das Schachbrett erspähen?« Gawein wandte sich zu seinem Schildknappen um, der erst ein paar Stufen tiefer folgte. »Ich nicht, Herr«, antwortete Amadis so leise und traurig, daß es Ysabel auffiel. »Auch wir sehen es nicht«, sagten die Barone und Edelfrauen, indeß sie treppauf, treppab gingen. Gawein und Ysabel waren auf eine der Turmzinnen gelangt. Der sommerliche Himmel spannte sich über ihren Häuptern in unermeßlicher Weite aus, und schwere weiße Wolkenmassen ballten sich zusammen, die in- und übereinander trieben. »Gwinebant also auch«, nahm Ysabel ihres Oheims Antwort auf, und ihre Stimme klang jetzt seltsam, so leise und nicht minder traurig wie die des Amadis soeben geklungen hatte. »Gwinebant ist wohl kräftig und sehr tapfer? ... Viermal zwanzig Mannen vor jedem unserer zwölf Tore ... würde er gleich Euch, mein Ohm ... erschlagen können ... um eine Jungfrau zu gewinnen ...? Es ist zuviel Blut ... zuviel Blut ... aber er würde es vergießen, um eine Jungfrau zu gewinnen ... eine Jungfrau, die er liebte und der er treu war. Er würde um seiner Liebe willen solches vollbringen, nicht wahr, mein Ohm?« »Sahest du Gwinebant jemals, Ysabel?« »Ich sah ihn ein einziges Mal während des Turniers im letzten Jahre. Ich gab ihm meinen Ärmel, den er an seinem Helm befestigte. Nimmermehr erblickte ich ihn seither...« »Nie mehr, Ysabel, nie mehr?« »Ich traf ihn nie mehr, mein Ohm«, entgegnete Ysabel und sie lächelte jetzt leise und verriet nichts von ihren Träumen. »Doch sage mir, mein Ohm, wenn er mit Lancelot würdig war, Euch aus dem Tal der Ungetreuen Ritter zu erlösen, wem ist er denn so treu, wie Lancelot es der Königin Ginevra ist?« »Gwinebant hat es mir niemals vertraut«, antwortete Gawein, während er den Blick von den Wolken zu den Bäumen herabgehen ließ. Und plötzlich rief er laut, so daß seine Stimme von den Mauern der Burg widerhallte: »Das Schachbrett! Dort drüben ist es, das schwebende Schachbrett, dort zwischen den Baumstämmen des Haines!« Und er wies... Kapitel XIX Überall ertönten Stimmen: »Das Schachbrett! Das Schachbrett!« Überall strömten die Burgbewohner die Treppen hinab, aus den Pforten heraus. In einem niederen Bogenfenster erschien König Assentijn. Die Hofhunde und Schoßhündchen kamen herbeigelaufen und kläfften, die Pferde wieherten in den Ställen, und überall irrten Männer und Frauen in den Gärten umher und über die Wälle und an den Gräben entlang und eilten hinter dem schwebenden Schachbrett her. Gawein war die Wendeltreppe hinabgestürmt, Ysabel und Amadis hatte er zurückgelassen. »Das Schachbrett!« rief Ysabel aus und zeigte auf das glitzernde Viereck, das sich dort unten wie ein schillernder Vogel zwischen dem Laubwerk der Bäume verlor. »Das Schachbrett«, wiederholte bleich Amadis. Ysabel trat an den Schildknappen heran. »Mein lieber, schöner Knabe«, sprach die Prinzessin, »bist du krank? Du folgst deinem Herrn nicht, und alle Farbe ist aus deinem Antlitz gewichen. Kann ich dir helfen, mein guter Amadis?« »Ach, erlauchte Jungfrau«, sagte Amadis und schloß die Augen, »ja, zu meinem großen Kummer fühle ich mich wirklich krank. Ich werde meinem Herrn Gawein nicht auf seiner Fahrt folgen können.« »So bleibe denn hier und laß dich pflegen«, sagte Ysabel besorgt, während sie den Arm um Amadis schlang. In diesem Augenblick erschrak sie heftig. Sie fühlte, wie des Amadis Brust unter dem Knabenwams sich schwellend hob. Sie sah nun dem Knappen in die Augen, die sich weit öffneten. Sie ließ ihn los. »Fühlst du dich besser, mein viellieber Knabe?« fragte Ysabel. Amadis hatte sich wankend in einer Schießscharte niedergelassen, aus großen Augen starrte er hinunter, dahin, wo die Menge sich um die Burg drängte. »Ich fühle mich besser, hehre Jungfrau«, sagte Amadis, »und ich werde nun meinem Herrn nachgehen.« Er wollte sich erheben. Allein Ysabel hielt ihn mit sanftem Lächeln zurück. »Bleibe«, wiederholte Ysabel, »und sage mir, denn ich bin gar neugierig, sage und erzähle mir von Camelot. Gibt es dort viele schöne Edelfrauen, die den Rittern der Tafelrunde hold sind?« »Ich weiß es nicht, vieledle Jungfrau«, antwortete Amadis, »ich war noch nicht auf Camelot.« »Sähest du niemals Ginevra, den ›Urquell aller Schönheit‹?« »Ich sah sie nie, holdeste Jungfrau. Ich bin der einzige Sohn eines armen Ritters. Ich habe keine Anverwandten, und mein Vater starb. Der Herre Gawein erbarmte sich meiner – Gott im Himmel lohne es an ihm.« »Sähest du, sage mir doch dies, sähest du nimmer Herrn Gwinebant?« »Ich sah ihn nie, o Jungfrau ... ich sah nur Mordred und sah Didonel. Nun aber, schönste Jungfrau, saget auch mir jetzt, so Ihr mir Huld erweisen wollet: ist der König, Euer erhabener Vater, meinem Herrn nicht sehr gram?« »Ich denke nicht, Amadis.« »Werdet Ihr aber, meine süße Prinzessin, sofern Euer Vater meinem Herrn doch gram ist, ihm zuversichtlich Fürsprecherin und Trostspenderin sein, gleich der Jungfrau Maria?« »Vergleiche mich nicht, o Amadis, mit der heiligen Mutter Gottes, die uns den Heiland schenkte. Doch sei dessen gewiß, ich werde allzeit meinem Oheim Gawein Trostspenderin und Fürsprecherin sein.« »Liebet Ihr ihn, Prinzessin?« Der Schildknappe verriet sich bereits, Ysabel lächelte ihn sanft an und sprach: »Ich liebe Gawein, o Amadis, voller Bewunderung, weil ich von ihm und seiner Ritterlichkeit und von seinen gar wunderlichen Taten las. Einem anderen aber, o Amadis, gehört mein Herz und meine Seele, und dessen denke ich in allen meinen Träumen. Inniglich liebe ich diesen andern, der mir ferne und doch in jeglicher Nacht so nahe ist.« »Ich aber habe einen lieb, der ist mir nah in jeder Nacht und bleibt mir doch so ferne, wie nur ein Schwert zu trennen vermag«, flüsterte Amadis für sich hin. »Was sagst du, Amadis? »Nichts, holdselige Jungfrau, ich gedachte nur eines Liedes und einer Weise, wie die Sänger sie singen, und die kündet von trauriger Minne.« »So singe du sie mir!« »Ich kann nicht singen, hehre Jungfrau, mein Herz ist zu voll von Leid, als daß ich jetzt singen könnte. Ich bin jung, aber ich habe schon viel gelitten, und ich liebe und leide allzusehr. Minne macht oftmals traurig, wenn Frau Venus es so fügt. Denn einmal liebt einer eine, die ihn nicht liebt, und ein anderes Mal liebt eine einen, der sie nicht liebt ...« »Und dann wieder liebt eine einen, der so fern ist und weiß nicht, wen der in der Ferne wohl lieben mag ...« »Und die Dichter«, so endete Amadis, »machen daraus ein Lied und geben ihm eine Weise – nichts weiter bedeutet ihnen solcherlei Geschick ...« »Nein, nichts weiter, wehe, als Stoff zu einem Lied und einer Weise«, wiederholte Ysabel wehmütig. Drunten lag der Hain leer und verlassen. »Komm«, sagte Ysabel leise, »laß uns hinabsteigen und hören, ob das Schachbrett gefunden ist.« Und sie nahm des Amadis Hand und fühlte ihre frauenhafte Weiche und Zartheit. Allein sie sagte nichts. Er folgte ihr die finsteren und steilen Stufen der Wendeltreppe hinab. Sie beide waren erfüllt von zehrender Liebe zu anderen, wie Frau Venus es gefügt hatte, und sie hätten beide wohl weinen mögen über die ewige Sehnsucht, die Frau Venus wie ein süßes Gift in die Seele der Menschen träufelt, die ihr allzeit Untertan blieben, wie oft auch die Herrschaft anderer Götter über die Menschen wechseln mochte. +++ Das schwebende Schachbrett aber ward auch an diesem Tage nicht in der Burg des Assentijn gefunden, noch in dem Hain, oder auch in den Wäldern, darin die Jäger Jagd auf das Wunderding machten. Und als darauf der König Assentijn nach Zucht und höfischem Brauch Gawein, seinen Gast und Schwiegersohn, aufforderte, nicht sogleich wieder von dannen zu reiten, sondern nach aller erlittenen Mühsal und Beschwer erst zu rasten, nahm Gawein es dankbar an, und es schien, als habe er das schwebende Schachbrett so vergessen, wie er es während seines Weilens in dem Tal der Ungetreuen Ritter bei Morgueine vergessen hatte. Damals aber war Gawein mit hundertneunundvierzig anderen gefangen, jetzt hingegen war er allein gefesselt, gebunden von dem süßen Zauber seiner Liebe. Und die Tage vergingen. Des Morgens gab es Jagden, aber nicht mehr nach Schachspielen, sondern nach Eber und Hirsch ging man beim Schall der Jagdhörner auf die Pürsch, und Ysabel ritt auf einem weißen Zelter, inmitten der Barone und Edelfrauen. Oder es gab ein ritterliches Turnieren im Burghof, dieweil sich die Edelfrauen vor dem größten Burgfenster um Assentijn und Ysabel scharten. Und der Abend brachte manch süßes Liebesspiel, und beim Schimmer der Kerzen wurden allerlei Fragen gestellt, was der Ritter für die Fraue, was die Fraue für den Ritter in mancherlei Fällen tun würde, sofern sie nach den festen Gesetzen der Courtoisie handelten. Und man setzte sich zu Brettspielen oder zum Würfeln und lauschte dem Gesänge und den Mären, die der Sänger zum Klange der Fiedel vortrug; und König Assentijn schien nicht mehr in so dunkle Trauer um vergangene Dinge versunken, die er vergessen wollte. Und Gawein folgte den Schritten und Tritten der Ysabel, wohin sie immer gehen mochte. Ihr zur Seite ritt er auf Gringolet zur Jagd und half ihr, dem Falken, den sie auf dem behandschuhten Fäustchen trug, zur rechten Zeit die Kappe zu lösen, auf daß der Vogel pfeilschnell sich auf seine Beute, auf Hase oder Fasan, stürzen konnte. Und ihr zur Seite schritt er des Abends in den erleuchteten Burgsaal und saß neben ihr bei manch fröhlichem und höfischem Feste. Und ein Flüstern ging zwischen den Rittern und Edelfrauen im Kreise von Mund zu Mund um, während alle neugierig und verstohlen zu Gawein und Ysabel herüberblinzelten. Bis in einer bläulich schimmernden Mondnacht, die zwischen den schwarzen Wipfeln des dunklen Waldes und den schwarzen Schießscharten der dunklen Burg ihre silbernen Schleier breitete, aus denen droben vom Himmel die Sterne glänzten, Gawein zu Ysabel sprach: »Du meine süße Königin im Reiche meines Herzens, sag mir, hast du mich lieb? Denn ich habe dich so lieb, Ysabel, wie mein Wähnens nie für möglich gehalten hätte. Nie wußte ich, daß Liebe so selig sein könnte, und noch niemals habe ich eine Fraue so liebgehabt, seit ich, ein Knabe noch, Frauen und Jungfrauen zu minnen begann. Und kannst du mich nicht wieder lieben, so gilt mir das Leben nichts mehr und sollte ich gleich König sein über all diese Reiche der alten Könige, die in Britannje herrschen: Assentijns von Endi, Mirakels von Wunderland und Clarioens von Nordcumberland und Arturs, meines Herrn in Logres ... Doch so du mich lieb hast, o Ysabel, wünschte ich, daß ich als treuer und höfischer Ritter die ganze Welt für dich erobern dürfte, bis nach Rom und nach Paris, und den ganzen Himmel dazu!« Da war Ysabel sehr gerührt. Sie wußte, daß sie nur Gwinebant liebte, den sie einst auf dem Turnier gesehen, dem sie ihren Ärmel gegeben hatte, zu dem in jeder Nacht ihre Gedanken gingen und den sie in süßen Träumen umarmte. Allein das konnte sie Gawein nicht sagen, weil sie ihn nicht unglücklich machen wollte. Denn er war für sie der Held, von dem sie gelesen hatte, dessen Wundertaten und ruhmreiche Fahrten sie wohl kannte und der wohl manches Mal seiner Liebe untreu geworden war, seinen festen Glauben aber an das Wunder und an die Wirklichkeit aller Abenteuer sich stets treu bewahrt hatte ... Und sie selber wollte ja auch an Wunder und an Abenteuer glauben, wie sehr auch die Barone ihres Vaters und deren Frauen darüber lächeln mochten. Und sie war – mit der Liebe zu Gwinebant im Herzen – sehr besorgt darum, Gawein, dem Tapferen, keine Trauer zu schaffen, und so sprach sie, als Gawein nochmals fragte: »Ysabel, meine süße Ysabel, hast du mich lieb?« »Ich habe Euch sehr lieb, mein Oheim Gawein, und wenn ich dem König Clarioen von Nordcumberland zur Ehe folge, so werde ich sicherlich Euch zu meinem Ritter erwählen, wie einst Ginevra sich Lancelot erkor.« Da stutzte Gawein ... Allein er schlang seinen Arm um Ysabel und küßte sie lange, und sie gab seinen Kuß zurück und dachte dabei: »Ich tue es ja nur, um ihm kein Leid zu bereiten und keinen Schmerz ...« Kapitel XX Eine Woche darauf ritt Amadis, Gaweins jugendlicher Schildknappe, der eigentlich Alliene die Jungfrau war, allein quer durch die Wälder, die des Königs Assentijn und König Mirakels Länder vom Reich des Königs Artur trennten. Er war auf dem Wege nach Camelot, wohin Gawein ihn gesandt hatte, um endlich den Tod des Mordred und des Didonel zu melden. In stiller Eifersucht litt er gar zu sehr, wenn er Gawein und Ysabel zusammensah – und darum hatte er mit bewegten Worten Gaweins Einwände besiegt und zog nun allein durch die gefahrvollen Wälder, doch er war nicht furchtsam –, Alliene, die Jungfrau, war nicht furchtsam: Armut und Elend hatten sie in der verfallenen Burg ihres Vaters gelehrt, keine Furcht vor möglichen Unfällen zu hegen. Die Waffenrüstung ihres Bruders lastete nicht allzu schwer auf ihren zarten Schultern, ja, sie vermochte sogar das gewichtige Schwert zu schwingen. Drachen hausten ja freilich nicht mehr in den Höhlen der Wälder! Alliene, die Amadis hieß, hatte sich nun also auf den Weg gemacht mit des Gawein Botschaft, daß Mordred und Didonel zwei heimliche Schurken gewesen, doch daß sie nun erschlagen und dann unter Gebeten für ihrer Seelen Heil ehrlich begraben seien, und daß das Schachbrett für den Augenblick unauffindbar sei. Fürwahr: das Schachbrett hatte sich nicht wieder gezeigt, und wohin sollte Gawein die Schritte lenken, wenn es sich nicht mehr zeigen wollte? So verweilte er denn auf Endi, versöhnt mit seinem Schwiegervater, und voller Minne zu Ysabel. Sie saßen beieinander in der breiten Nische vor dem Bogenfenster und lasen mitsammen seinen eigenen Roman: wie er dereinst das erste schwebende Schachbrett gesucht hatte. Oder sie ritten zu zweit auf die Jagd mit dem Falken auf der Faust. Und Amadis ritt jetzt wehmütig durch die endlosen Wälder, ohne Furcht, doch auch ohne Hoffnung, ohne Freude am Leben, weil es um die Minne allzeit so traurig bestellt war, wenn der eine dem anderen Liebe schenkte und dafür nicht immer Liebe empfing. So liebte Amadis Gawein, und so liebte Gawein Ysabel, die doch einen anderen liebte, wie sie es selber eingestanden hatte. Und düstere Schatten fielen aus den dicht beblätterten Bäumen, und Schatten fielen auf sein Gemüt, und nur matt glänzten die Sonnenstrahlen, und nur selten umspielten flimmernde Sonnenflecken den jungen Ritter, der auf moosigem Grund über die von Unkraut überwucherten Wege dahinritt. Und die Vögel schwiegen, weil die Wolken tief auf die Baumkronen drückten. Hin und wieder raschelte eine Schlange im Grase, wand sich zwischen Felsblöcken dahin, verschwand geheimnisvoll unter dorrenden Blättern, die zusammenschrumpften oder zwischen den sattroten Pilzen vor Feuchtigkeit verfaulten. Nun aber erklangen deutlich Menschenstimmen in der Ferne, und das Pferd spitzte die nervösen Ohren, und Amadis lauschte und suchte zu ergründen, was ihm wohl für eine Begegnung, gut oder böse, bevorstünde. Dort, wo der Weg abbog, wo Felsen eine rauhe Schlucht umsäumten und der Sonnenschein aus nun freiem Himmel greller in den Wald fiel, die Schatten tiefer dunkelten: dort kam eine Schar von Rittern dahergeritten ... Eine Schar? Nein ... Amadis zählte nur ihrer sieben ... Allein ihre Worte dröhnten gewaltig, mit ihren breiten Rossen versperrten sie den schmalen Weg. Ihre Rüstungen klirrten, und Eisen und Stahl rasselten aneinander, daß es schien, als wären es ihrer mehr, denn es in Wirklichkeit waren. Amadis, der wohl wußte, wie leicht Unheil und Mißgeschick entstehen konnte, bekreuzigte sich hinter seinem Schild, ritt indessen furchtlos weiter. Und wie die Ritter näher kamen, grüßte er sie höfisch mit seinem Speer und gutem Wort, das er ihnen zurief. Der vorderste, ein Riese, erwiderte den Gruß und fügte hinzu: »Wohin lenkest du, junger Knabe, durch die Grenzen dieser vielen Königreiche deine Schritte, das laß mich dich fragen? So allein und so jung an Jahren durch die Wälder zu irren: das scheint mir einen Mut zu verraten, der sonst deinen Jahren noch nicht eignet!« »Ich sage Euch großen Dank, Herr Ritter, für Eure höfliche Frage, die ich gern beantworte«, sprach Amadis. »Ich lenke meine Schritte nach Camelot an den Hof des großen Königs Artur, um ihm Kunde von einem seiner Ritter zu bringen.« »Zu guter Stunde!« brüllte der Riese verwundert ... Und neben ihm stotterte sein Kumpan: » u ggguter Sss–tunde.« Während ein Dritter hinter ihm in ein lautes Lachen ausbrach ... »Zu guter Stunde!« Und die vier anderen riefen aus: »Bei Sankt Michael!« »Bei Sankt Johann!« »Da hast du es gar glücklich getroffen«, fuhr nunmehr lachend der Riese fort. »Denn wisse wohl, mein lieber Knabe, daß wir sieben Ritter der Tafelrunde sind und daß wir Mordred und Didonel suchen, die Camelot verlassen haben und nicht wiedergekehrt sind, so daß unser Herr König uns geheißen hat, nach ihnen zu forschen, denn sie sind ihm sehr teuer und er fürchtet für ihr Leben ... Ich bin Bohort geheißen und mein Gefährte hier an meiner Seite ist Ywein ...« »Ywein«, wiederholte der Stotterer, und er stotterte diesmal nicht, denn ein w ging ihm stets glatt vom Munde. »Agloval, bei meiner Treu, bin ich«, rief der Lacher, und aufs neue lachte er laut, während er jovial mit der Hand dem Knaben auf die Schulter schlug. Und die anderen schrien ihre sonoren Namen keltischen Klanges laut heraus, und sie dröhnten machtvoll an den Felswänden der Schlucht entlang und durch den Wald hin: »Hestor und Melegant, sind wir ...« »Galehot, ich!« »Und ich Sagremort, wisse das wohl!« Da lüftete Amadis das Visier seines Helmes und sprach leise und bescheiden: »Meine hohen Herren und tapferen Barone! Gott im Himmelreich war mir gnädig, daß er mich euch Sieben auf meinem einsamen Wege begegnen ließ. Ich bin Amadis, der Schildknappe des Herrn Gawein.« »Des Gawein!« riefen sie alle, und Bohort fuhr heftig fort: »Künde mir, viellieber Knabe, von unserem Gawein. Denn wir entbehren auch ihn seit langen Tagen, und Lancelot und Gwinebant sind schon zu zweit ausgezogen, ihn zu suchen.« »Er weilt bei seinem Schwiegervater, dem König Assentijn«, versicherte Amadis, »doch höret mich noch weiter an, ihr Ritter, denn Geheimnis ist nun nicht mehr vonnöten: ich bin kein Knappe, sondern eine unselige Jungfrau; ich bin Alliene, und Gawein befreite mich, als Mordred und Didonel mich aus der Burg meines Vaters entführt hatten und übel an mir taten.« Ausrufe der Überraschung und der Entrüstung entfuhren den Rittern des Königs Artur. Sie stiegen alsbald ab, banden die Rosse an die Bäume und ließen sich am Rande der Schlucht rings um Amadis nieder, der ihnen alles erzählte, was sich ereignet hatte: daß Mordred und Didonel zwei Schurken gewesen sein sollten, dünkte sie beinahe undenkbar, doch dann fiel ihnen so manches ein: »Nie und nie haben sie eine Damoicele aus den Händen anderer schurkischer Ritter befreit«, bemerkte der kleine tapfere Melegant. Und die anderen sechs Kämpen stimmten ihm zu: niemals hatten Mordred und Didonel während all der langen Jahre bedrängte Damoicelen befreit. Deshalb konnten sie auch den Worten dieser als Gaweins Schildknappe vermummten Jungfrau Glauben schenken, und als sie alle wieder aufsaßen, sagte Bohort: »Jungfrau Alliene oder Amadis, wie Ihr Euch heute nennet, zu sechsen wollen wir in den Hain der Liebe ziehen, davon Ihr sprechet, in die böse Burg, darin bedrängte Damoicelen durch schurkische Ritter, Spießgesellen des Mordred und des Didonel, gefangengehalten werden, und die Sechs werden die Jungfrauen erlösen, deß sollet Ihr gewiß sein. Doch einer von uns wird Euch nach Camelot geleiten, auf daß Ihr dem König Artur die Kunde bringet. Saget mir, welchen von uns Ihr Euch erwählet!« »Ich weiß es nicht, Herr Bohort«, sagte Amadis. »Darf ich mich erbieten?« sprach Galehot, »gern würde ich so lieben Schildknappen den meinen nennen, wenn Gawein seiner nicht Not hat, und mit ihm nach Camelot zurückkehren. Ihr, meine lieben Gefährten – o Sagremort, runzele doch nicht so deine Brauen! – gehet alle und befreiet die bedrängten Jungfrauen aus dem Haine der Liebe. Doch saget mir, wollen sie auch wohl wirklich befreit werden?« Agloval lachte laut ob Galehots Zweifel. Allein Sagremort sagte: »Er hat recht, Galehot: wollen die Damoicelen wirklich befreit werden oder nicht, das ist die Frage?« »Rrrrrritt – ttter – pflicht«, stotterte Ywein »ist es, bbbbe – dddrängte ... Jjjjungfrauen ... zu bbbbbefreien!« »Gleichviel, ob sie befreit werden wollen oder nicht«, meinte Hestor bescheiden, damit auch er jetzt seine Meinung äußere, und es war beinahe, als entschuldigte er sich. »So wirst du, Vetter Galehot, mit Amadis nach Camelot zurückkehren«, entschied Bohort, »wo unser Herr allein mit der Königin und mit Keye weilt und ängstlich nach Botschaft ausspäht, und wir sechs anderen werden gehen, die Damoicelen zu befreien.« »Endlich gibt es wieder einmal Damoicelen zu befreien!« rief Melegant in jubelnder Freude. »Wir gehen Dddddamoi – celen zu bbbbefreien«, stotterte Ywein; »ob sie bbbbefreit werden wollen oder nnnn – icht!« »Dies darf man wohl ein kleines Abenteuer nennen«, meinte Hestor, der jeder prahlenden Übertreibung abhold war. Allein Sagremort sprach: »Ich weiß eigentlich nicht, ob es an sich überhaupt schon ein Abenteuer zu nennen ist, aber es könnte vielleicht eins werden ... ja, ja, das könnte es!« »Und darum wollen wir alle sechs wieder aufsitzen«, sagte Agloval laut lachend, und zu seinem dröhnenden Lachen erklang seiner Waffen Geklirr, als er seinen gepanzerten Fuß in den breiten Bügel setzte. Kapitel XXI Indessen irrten Lancelot und Gwinebant durch andere Wälder, darin sie Gawein zu finden hofften. »Hätten wir nur Merlin in den letzten Zeiten sehen können! Er würde uns gewiß gesagt haben, wo Gawein wohl zu treffen wäre.« »Wir haben aber Merlin seit Tagen und Monden nicht mehr gesehen«, entgegnete Gwinebant. »Er ist sicherlich noch mit seiner drahtlosen Theorie beschäftigt«, meinte Lancelot sinnend. Gwinebant antwortete nicht. Er wahrte es im Herzen, daß Merlin, ob er gleich als Zauberer unsichtbar blieb, ihn jede Nacht, o Seligkeit, von der schönen Ysabel träumen ließ und von süßem und verliebtem Zusammensein mit ihr, und er fragte sich, der schöne Knabe, ob Merlin wohl auch versuche, diese Träume drahtlos zu senden. Doch er erwiderte dem Lancelot nichts und gab sich lieber schweigend der Erinnerung an den letzten Traum hin: Ysabels Arme hatten sein blondes Haupt umfaßt, Ysabels Mund hatte auf seinem Munde geruht. Das Grübchen in seinem Kinn vertiefte sich schalkhafter ... Dämmerung senkte sich bereits auf die dichten Zweige herab. Und in den Wipfeln schimmerte noch die untergehende Sonne. Die Ritter hatten keinerlei Begegnung, und Lancelot meinte bereits, daß dieser Tag ein verlorener wäre und daß sie sich nun umsehen müßten, eine Herberge zu finden, denn die fahrenden Ritter waren stets darauf aus, während der Nacht ein Bette, wo nicht eine Burg oder ein Kastell zu finden – am liebsten ein Wunderbette, in dem sie all ihrer Wunden am folgenden Tage genesen waren. Verwundet waren Lancelot und Gwinebant nun zwar nicht, doch sie hatten Hunger, so verliebt und so verträumt sie auch beide sein mochten. Da hielten sie denn beide ein wenig mürrisch Ausschau, ob keine Burg zwischen den Bäumen emporstieg. Allein es schien so, als dehne sich der Wald endlos aus, bis sie plötzlich Ächzen und Stöhnen hörten. »Das Abenteuer«, sagte Lancelot, und fast andächtig hob er den Finger. »Das Abenteuer«, wiederholte Gwinebant. Das Ächzen und Stöhnen kam näher. Das war keine Frauenstimme. Bei einer Biegung des Weges wurde nun ein Karren sichtbar, der von einem armseligen Klepper gezogen und von einem Zwerg geführt wurde. Dem Pferde waren Ohren und Schweif abgeschnitten, und in dem Karren lag ein halbnackter Ritter, an Händen und Füßen gebunden, und er war es, der so ächzte und stöhnte. »Sieh, der Karren!« rief Gwinebant heftig erschrocken. »Der Karren!« rief auch Lancelot mit größtem Entsetzen. »Der Karren der Schande! Du Zwerg, sage mir, wen führst du auf diesem Schandkarren durch die Wälder?« Der Zwerg grinste. Er war ein Idiot: allein der Ritter auf dem Karren stöhnte immer vernehmlicher. »Ihr Herren Ritter, wer ihr auch sein möget, erbarmet euch meiner. Ich bin Lionel, ein Ritter des Königs Clarioen von Nordcumberland, und der befahl, daß man mich nackt auf den Schandkarren werfe und daß dieser aller Vernunft bare Zwerg mich durch alle Straßen, über alle Wege, an allen Burgen vorüber führe, auf daß alle Bewohner mich von den Fenstern aus verlachen und meine Schande immer größer machen sollten. Ihr Herren Ritter, der König Clarioen beschuldigte mich, ich hätte ihm nach dem Leben getrachtet, um mich seines Thrones zu bemächtigen. Allein er beschuldigt alle Ritter, daß sie ihm nach dem Leben trachten, um sich seines Thrones zu bemächtigen. Edle Ritter, das kommt daher, weil er keine Nachkommen hat, keinen Sohn und keinen Erben, und weil er seine Braut, die junge Ysabel, noch nicht zur Ehe nehmen darf.« »Ysabel«, rief Gwinebant heftig erschrocken, »welche Ysabel, o sagt es mir, lieber Ritter!« »Ysabel, die Schöne, die Enkeltochter des König Assentijn, die Prinzessin von Endi.« Gwinebant und Lancelot waren abgesprungen. »Schwört mir, daß Ihr unschuldig seid«, sagte Lancelot. »Ich schwöre es Euch, edler Herr!« rief der andere. »Ich, Lionel, bin der sechste Ritter aus Nordcumberland, der unschuldig auf diesem Schand- und Zauberkarren umhergefahren wird. O erlöset mich, erlöset mich, ihr Herren!« »Euch erlösen, von diesem Schandkarren?« rief Lancelot im heftigsten Entsetzen. »Von dem Schandkarren Euch erlösen?« fragte auch Gwinebant ratlos. Und die beiden Ritter hoben die Arme zum Himmel empor und flehten Sankt Michael an. Dem Karren zu begegnen, galt als ein großes Unheil. Denn der Schandwagen mit dem armseligen Klepper und dem Zwerg, der ihn führte, war ein Zauberkarren, ein Folterwerkzeug, und wer in ihn hineingeworfen ward, wurde von selber an Armen und Füßen gefesselt, und wer einmal gefesselt darauf lag, konnte nur von einem befreit werden, der freiwillig an Stelle des Gefesselten den Karren bestieg. Dem Karren zu begegnen, bedeutete somit Unheil für den fahrenden Ritter, denn es war für ihn Ritterpflicht, den Gefangenen zu erlösen und an seiner Statt aufzusteigen. Allein der fahrende Ritter wollte weit lieber hundert Riesen erschlagen, und hundert Drachen dazu! Da sagte Lancelot: »Ich werde den Karren besteigen ...« »Nein!« rief Gwinebant aus und umarmte Lancelot, »nein, liebster Freund, du nicht, nicht du, der Erste am Hofe, der zur Rechten des Königs sitzt, nicht du, der unsere Königin minnet, nicht du, mein Gefährte, den ich liebhabe! Nimmer soll das geschehen! Ich bin der Jüngste, ich bin Gwinebant, der zu Ysabel im Herzen Minne trägt! Ich werde den Schandkarren besteigen!« Und er setzte den Fuß darauf. Es war sehr dunkel geworden. Und auf dem Karren entspann sich ein wütendes Gefecht. Es blitzte ... Und der Donner grollte ... Als Lancelot die Hände ausstreckte und umhertastete, trafen sie nicht Gwinebant, sondern Lionel, und er hörte, wie Gwinebant schon gefesselt auf dem Karren lag und vor Schmerz und Schmach ächzte und stöhnte. »Gwinebant!« rief Lancelot schmerzbewegt, »nun werde ich dich befreien!« »Erst nach zwölf Stunden«, sagte grinsend der Zwerg. »Lionel!« rief Lancelot, »hülle dich in meinen Mantel und besteige meines Freundes Roß. Du, Zwerg, ziehe mit uns weiter. Kennst du die Burgen wohl?« Der Zwerg grinste bestätigend. »So führe den Karren!« rief Lancelot, »führe ihn diese ganze qualvolle Nacht hindurch, bis wir des Tages an den Burgen vorüberfahren, wo Frauen und Ritter meinen süßen Gefährten von den Fenstern aus verlachen und verhöhnen werden, daß es ihm zur Unehre gereicht ...« »Gwinebant«, rief Lionel dem Jüngling auf dem Karren zu: der lag da, halbnackt in seinen durch Zauberei von ihm abgefallenen Rüstungsstücken. »Gwinebant!« rief Lionel und deckte ihn mit einem Mantel zu. »Gott wird es dir lohnen! Gott wird es dir lohnen, du mein Befreier!« Und während er noch ob der erlittenen Schmerzen stöhnte, bestieg er Gwinebants Roß. Der Zwerg saß auf der Deichsel des Karrens und riß an den Zügeln. Die Schandmähre zog an. Ein Platzregen fiel herab. »Ich bin zwar ein armer Narr, aber die Burgen kenne ich wohl«, meinte der Zwerg grinsend. +++ Was war das Leben doch schön und gut, meinte Gawein, was für Seligkeit war es allein schon, zu atmen, und war es nicht Paradieseswonne für einen Liebenden, wenn er glauben durfte, wiedergeliebt zu werden? In hochsommerlichem Glanze strahlte der blaue Himmel wolkenlos über der Burg, die gewaltig wie eine Stadt mit ihren zahllosen Türmen und ihren verwitterten Mauern sich inmitten der Wälder aus dem immer höher ziehenden Nebel emporreckte, der von dem siedenden Zauberflusse aufstieg. Und mit Ysabel wandelte Gawein über die Wälle und an den Gräben entlang und durch die zwölf Tore, die jetzt friedlich offenstanden, so daß sie zum einen Tor hinein und zum anderen hinaus schlendern konnten, während im Hof vor der Burg der alte König behaglich unter einer Linde saß und in dem milden Sonnenschein ein wenig einnickte, und seine Ritter Ball spielten, und die Edelfrauen an den Pagen wie an ihren Schoßhündchen ihre Lust hatten ... Gawein aber schritt unentwegt Ysabelen zur Seite als ihr Ritter, der auch in künftigen Turnieren ihr zu Ehren kämpfen würde, und kein anderer Ritter war so wie Gawein höfischer Sitte mächtig: wenngleich er die Dinge nicht so kunstvoll zu benennen wußte wie die wortreichen Dichter es vermochten, so wußte er alle Taten der Courtoisie doch zu tun, wie sie nur ein Ritter für die Dame seines Herzens zu tun vermag. Er lief eines Nachmittags hinter Ysabels Falken her, der davongeflogen war, bis er den Vogel endlich, des Fliegens müde, im Gestrüpp fand, und er rettete einst Ysabels Hündchen, das in einen der Gräben gefallen war, und sprang in das Wasser, um mit eigener Lebensgefahr das bereits untergehende kläffende Tierchen zu fassen: es ward ihm fast unmöglich, wieder aus dem Wassergraben herauszukommen. Da las Ysabel in dem Ritterroman des Lancelot – den die Schreiber auch bereits aufgezeichnet hatten –, dieser habe, nachdem er von einem feindlichen König drei lange Wintermonate hindurch eingekerkert gewesen war, die Gitterstäbe seines Fensterchens verbogen, um nur endlich, im Mai, eine im Kerkerhof blühende Rose zu pflücken, die ihn an seine herzliebste Herrin, die Königin Ginevra, gemahnte. Und Ysabel fragte ihren Oheim, der nun ihr Ritter geworden war, ob auch er zu ihrem Ruhm sechs Gitterstäbe verbiegen könne, um eine Rose zu pflücken, und da ließ Gawein sich in einen Kerker einsperren. Es blühte gerade ein Rosenstrauch vor dem kleinen Fenster des festen Gewölbes, und alle Ritter und Edelfrauen und Pagen, die Ysabel dienten, kamen herbei, um zu schauen, wie Gawein die Stäbe verbog, um, endlich befreit, die Rose zu pflücken, die er dann zu Ysabels Füßchen niederlegte. Und sie küßte ihn dankbar, und alle Ritter und Edelfrauen priesen Gawein als den Allerritterlichsten. Allein er wehrte bescheidentlich ab und sagte, daß er nicht mehr getan habe als Lancelot! Da gab Ysabel dem Gawein ihren goldenen Kamm, und durch seine goldenen Zähne hatte sie drei ihrer goldblonden Haare gewunden, weil sie in dem Ritterroman gelesen hatte, daß auch Ginevra einst dem Lancelot ihren Kamm mit einigen ihrer Haare geschenkt hatte. Kapitel XXII So war das Leben gut und schön, voller Freude und schmerzlich süßem Glück, meinte Gawein, während er mit Ysabel an den Gräben entlang und über die Wälle wandelte, wo auf hohen Stengeln Sonnenblumen blühten und ihre großen Strahlenkränze, die um den dunkleren Kelch standen, sich von dem rotbraunen Stein der Burgmauern abhoben, aus denen hier und dort ein vereinzeltes Bogenfenster glänzte. Und süße Worte quollen, wenngleich Gawein kein Dichter war, wie Wasser aus lebendigem Quell Gawein aus dem Herzen, und er sprach mit seiner tiefen Stimme, und Ysabel lauschte, während sie längs dem Sonnenblumenhag neben ihm einherschritt, in ihrem weißen enganliegenden, leicht schleppenden Gewande: golden fielen ihr die beiden schweren Flechten über den schmalen Rücken und auf den zarten Busen hernieder. Und mit Freuden wandelte sie so, wiewohl ihr in jeder Nacht von Gwinebant, von Gwinebant träumte. Und wieder sprach sie ihrem Ritter, den sie jetzt nicht mehr Ohm, sondern Gawein nannte, davon, daß sie nun sicherlich bald dem alten König Clarioen von Nordcumberland zur Ehe folgen würde, und Gawein begriff das, dieweil sie doch die Prinzessin von Endi war und das Prinzessinnenkrönchen mit den drei Zacken ihre Schläfe umschloß und sie darum keinen anderen als einen König ehelichen könnte, und weil alle Könige in den Ländern ringsum alt waren... Allein Ysabel sagte, wenn sie ihr Prinzessinnenkrönchen erst gegen die Königinnenkrone von Nordcumberland eingetauscht hätte, so wollte sie doch recht höfische und in allen Künsten der Courtoisie wohl geübte Ritter an ihrem Hof haben, einen oder zweie; sie wisse nicht viel von den nordcumberländischen Rittern, und darum müßten sie sicherlich aus ihres Großvaters Landen Ritter mit ihren Frauen auf die Brautfahrt geleiten. Und so ward dem Gawein viel Hoffnung gegeben, während er so glücklich an Ysabels Seite dahinlebte, wie er noch niemals neben einem minnigen Weibe gelebt hatte, nicht einmal an der Seite seiner ersten Ysabel, die dieser zweiten Ysabel Mutter und die Tochter des Königs Assentijn gewesen war. So gab es ein endloses Umherwandeln des Morgens nach der Messe über die Wälle und durch die Haine und durch die von der hineinlachenden Sonne aufgehellten Winkel zwischen den Mauern und Türmen, endlos um die Burg herum; liebe Wanderungen waren es durch Tore über Brücken an grünblauen und gelbgrauen Gräben entlang, die sich wie breite Gürtel ringsum schlangen, und Gawein entsann sich nicht mehr der grimmen Taten, die er dereinst hier vollbracht hatte. Wie sie eines Morgens sich wiederum dem Schloßhof näherten, gewahrten sie eine große Bewegung und sahen, wie unzählige Köpfe – Diener und Kammerfrauen – aus allen Burgfenstern spähten, und sie selber sputeten sich, um zu erfahren, was da draußen vor der Burg auf dem Wege geschähe, der hinausführte und von den Gräben aus sichtbar war. Und mit dem König und dem ganzen Hofe sahen Gawein und Ysabel, während der Edelfrauen Schoßhündchen auf den Wällen kläfften, einen Schandkarren, den ein Zwerg führte; der saß auf der Deichsel. Und in dem Karren lag halbnackt ein Ritter und stöhnte vor Schmerzen, und ihm zur Seite ritten zwei Ritter mit hochgeschlagenem Visier. So von weitem über die elf Gräben hinweg und durch den beständig aufsteigenden Dampf des siedenden Zauberflusses waren die Ritter nicht sogleich zu erkennen. Nicht nur der auf dem Karren, sondern auch seine beiden Gefährten schienen bleich und müde, vielleicht erschöpfter noch, als wenn sie aus einem Zweikampf oder einer Feldschlacht gekommen wären. Schon erhob sich nach üblem Brauch ein Johlen und Schreien der Burgsassen; mitleidslos höhnten besonders die vielen minderen Diener, die über die Wälle wimmelten, um zu gaffen und ihren Spott mit dem zu treiben, der von einem halbtollen Zwerg auf dem Schandkarren umhergeführt ward. Doch Gawein legte die Hand über die Augen und rief: »Bei unserer lieben Frau, bei aller himmlischen Gnade, was sehe ich! Ist jener eine Ritter nicht Lancelot? Ist es möglich, daß es wirklich Lancelot ist?« »Lancelot!« rief Ysabel jubelnd, »Lancelot ist es, den ich dort erschaue? Lancelot, von dem ich eben in einem schönen Ritterroman gelesen habe?« »Er ist es, mein Schwiegervater«, rief Gawein dem König Assentijn in heftiger Bewegung zu. »Und wer anders könnte nun der in dem Schandkarren sein als ein Ritter ohne Furcht und Tadel; würde ihm wohl sonst Lancelot Trost spenden und die Ehre seines Geleits erweisen? Nur einen, der dessen wert ist, wird Lancelot auf diesem fürchterlichen Karren begeleiten.« Und Gawein schritt heftig bewegt durch das erste offene Tor und rief von der Brücke über den vordersten Schloßgraben mit lauter Stimme: »Lancelot! Mein Lancelot!« Der blickte schmerzlich auf, er erkannte ihn. Und mit schwacher Stimme hallte es zurück: »Gawein! Gawein, den wir suchten!« Gawein aber stieß einen zweiten Ruf aus, schmerzlicher noch als den, mit dem er Lancelot gerufen: »Was sehe ich: Gwinebant! Mein Gwinebant!« Denn nun erkannte er den Ritter auf dem Karren. Und hinter ihm erklang ein schriller Frauenruf. Der kam von Ysabel, die nicht mehr um Lancelot jubelte. Ysabel lief hinter Gawein her; gleich vielen aus der Schar der Barone und Edelfrauen hatte sie Gwinebant erkannt und rief ihn nun bei seinem Namen: »Gwinebant! O alle ihr Heiligen im Paradiese! Auf dem Karren liegt Gwinebant, mein Ritter, der meines Gewandes Ärmel als Helmzier trug und mir zur Ehre im letzten Turnier so tapfer kämpfte.« Und noch bevor ihr Großvater und die Barone sie daran hindern konnten, war sie mit Gawein fortgeeilt, dann vor ihm und vor ihrem nachkläffenden Hündchen her durch alle die Tore, über alle die Brücken bis auf den Weg, auf dem der Zwerg mit seinem Karren und dem elenden Klepper heranzog. »Lancelot!« rief Gawein. Und: »Gawein!« rief Lancelot, »dich suchten wir!« Und er schwang sich von seinem Pferde, und die beiden Ritter lagen einander in den Armen. »Lancelot«, fragte nun Gawein, »warum liegt mein Gwinebant, unser jüngster und schönster Gefährte, auf dem Karren?« »Er liegt darauf, weil er ritterlich seine Pflicht tat«, sagte Lancelot. »Er liegt darauf, weil er Lionel befreien wollte, der schuldlos auf den Karren geworfen war. Wir sind ausgezogen, Gawein, nach dir zu forschen, da du uns so lange fernbliebst, und wir begegneten dem Karren, und Gwinebant befreite hier diesen: Lionel!« »Doch ich, ihr Herren!« rief Lionel, »bin nun wieder zu Kräften gekommen. Ich werde selber von neuem den Karren besteigen.« »Nicht also, Lionel!« sagte Lancelot dagegen, »an mir ist es jetzt, solches zu tun, und der Zwerg wird mich nach Camelot führen, da will ich meinem König Kunde vom grausen Abenteuer bringen, und dann wird Merlin den Karren entzaubern!« »Nein!« rief Ysabel, »nicht doch, edler Lancelot, dessen Ruhm mir ein wundervoller Roman kündete – ich las ihn jüngst mit Gawein, meinem Ritter –, Ihr, der Treueste der Treuen in aller Christenheit, Ihr, der Ihr in nimmer wankender Neigung dem ›Urquell aller Schönheit‹, der Königin Ginevra dienet – o, wie gerne sähe ich sie! – Ihr dürfet nicht den Karren besteigen. Gawein, mein Ohm und Ritter, wird das tun, um Gwinebant zu erlösen!« Und in die erregten Worte der Jungfrau mischten sich die erregten Stimmen Lancelots und Lionels und Gaweins, die miteinander voll Edelmut wetteiferten, wer von ihnen den Karren besteigen sollte! Denn Gawein, das Muster aller Ritterschaft, zögerte nicht einen Augenblick, dem Wunsche Ysabels zu willfahren, die er mehr denn alles in der Welt liebte. Noch bevor Lancelot und Lionel ihn daran hindern konnten – Knechte eilten indessen, ihnen die Pferde abzunehmen –, setzte er seinen Fuß auf den Karren ... Aus heiterem blauem Himmel kamen Donner und Blitz, der Zwerg bleckte grinsend die Zähne, die Mähre wieherte angstvoll, und ... Auf dem Karren lag Gawein ... Er wand sich, doch festgeknebelt lag er in zerrissenen Kleidern da ... Zwischen Lancelot und Lionel stand zitternd und schwankend Gwinebant. Er war totenbleich. Er hielt die Augen geschlossen, und die Freunde mußten ihn stützen. Er schien völlig erschöpft von den Schmerzen, die er während der Nacht auf dem unseligen Karren erlitten hatte. Als er die Lider aufschlug, erkannte er inmitten unzähliger Barone und Edelfrauen, deren Schoßhündchen ringsumher kläfften, eine Jungfrau, so blond, so weiß, so golden von Haar, strahlend in ihrem lichten Gewände, daß sie einem Engel glich ... Und voller Liebespein blickten ihre blauen Augen ihn an. Und er erkannte sie ... Einstmals hatte er sie beim Turnier erschaut ... Und er hatte ihren Ärmel, den sie ihm dargereicht, um seinen Helm geschlungen. Seither hatte er sie unzählige Male voll unsagbaren Glückes in seinen Träumen gesehen ... »Ysabel« ... flüsterte er ... Und: »Gwinebant« ... die Jungfrau. Und ihre weißen Händchen streckten sich ihm entgegen ... Er ergriff sie und küßte sie innig. »Ich sah Euch« ... stammelte er. »Und Euch sah auch ich, Gwinebant ...«, hauchte Ysabel. Allein sie sagten nicht, wo sie einander gesehen. In den letzten Zeiten waren sie einander in jeder Nacht begegnet – in ihren Träumen –, wenngleich er nicht um die ihren wußte und sie nicht um die seinen ... Und dieweil sie die Augen ineinander ruhen ließen und Liebesblicke voll seligen Erkennens tauschten, wieherten die Rosse um sie herum und bäumten sich hoch auf unter den Fäusten der Knechte, die sie am Zaum hielten. Die Edelfrauen riefen Weh und Ach ... Die Barone überhäuften Lancelot und Lionel mit Lob und Preis. Und die Schoßhündchen kläfften wie rasend. Da knallte der Zwerg mit der Peitsche. »Ich kenne alle Burgen in der Runde«, grinste der halbblöde Zwerg. »Wir gehen nach Camelot, im Lande Logres, und dann zurück nach Nordcumberland!« Allein Lancelot, Lionel und alle die Barone wollten nicht, daß der Zwerg mit dem Karren wegfahren solle, und auch König Assentijn, der aus den Toren über die Brücken herangekommen war, wünschte es nicht. »Wir alle möchten es nicht!« rief es ringsum. »In die Burg mit dem Zwerg! Hier in Endi soll der Karren bleiben. Hinein mit dir, Zwerg; was schiert uns deine Zauberei! Liegt Gawein schon ohne sein Verschulden auf diesem Karren, so soll er doch nicht auf allen Straßen herumgezeigt und zum Spott von Schurken und Bösewichtern werden. In die Burg, Zwerg!« Und sie zwangen ihn, durch den heißen Nebel des siedenden Wassers über die Brücke zu fahren. Die Knechte führten die beiden Pferde ab ... Die Schoßhündchen kläfften ... Es war ein ungeheures Lärmen, und kaum konnte der König sich verständlich machen, der Lancelot, Lionel und Gwinebant huldvoll aufforderte, ihm Gäste zu sein. Gawein stöhnte leise und wand sich, wand sich auf dem Karren, wand sich unter dem Zauberschmerz, der ihm durch die Glieder zuckte, aber er stöhnte mehr noch – anderes als ein Stöhnen war sein Klagen nicht –, weil er vor der Schandmähre, die den Karren zog, Ysabel mit Gwinebant einhergehen sah, seinem jungen Gefährten, den er wohl liebte ... Und er litt Qualen der Eifersucht, denn Ysabel führte, so glaubte er zu gewahren, den Gwinebant, der bleich, noch in seiner zerrissenen Rüstung, einherwankte ... Und Gawein sah, wie Gwinebant der Ysabel verstohlen zulächelte und ihr sicherlich bedeutete, es gehe ihm besser und ein Ritter der Tafelrunde werde gewiß nicht sterben, wenn er eine einzige Nacht unschuldig auf dem Schandkarren gelegen. In der Tat richtete sich auch Gwinebants schlanke, breitschultrige Gestalt so jugendlich auf wie die eines Kampfengels, und er gliche dem heiligen Michael, meinte Gawein stöhnend. Und Ysabel lächelte verstohlen dem Gwinebant zu – und wiederum stöhnte Gawein. Und derweilen erhob sich ein solches Lärmen, daß der König Assentijn, der zwischen Lancelot und Lionel schritt, plötzlich mit donnernder Stimme rief: »Jungfrauen und Edelfrauen! Ich gebiete euch: bringet – und das sogleich! – eure unseligen Schoßhündchen zum Schweigen, sonst – bei meiner Königskrone! – will ich sie alle von den Knechten in die Gräben werfen lassen!« Da stürzten alle die Frauen und Jungfrauen auf ihre Hündchen zu und bargen die lieben Tierchen auf ihren Armen, an ihrer Brust und in den Falten ihrer Gewänder ... Kapitel XXIII Allein erfreut waren alle Burgsassen, die edelsten sowohl wie die niederen, daß Gawein von der Schande verschont geblieben war, auf dem fürchterlichen Karren über Straßen und Wege geführt und allen denen gezeigt zu werden, die ihm begegneten. Der Zwerg brachte seinen Karren in den Burghof, und dort wurde das todmüde Pferd ausgespannt und weggeführt. Der Karren, auf dem Gawein stöhnend und sich windend lag, wurde unter die breitästige Linde gezogen, und alle, die rings um Gawein standen, rangen die Hände, denn erlöst werden konnte er erst nach zwölf Stunden, wenn nicht Lebensgefahr ihn und seinen Befreier bedrohen sollte. Und Lancelot und König Assentijns Barone schworen, daß sie mit jedem Sonnenuntergang abwechselnd Gawein erlösen würden. Sie versprachen es einander mit Handschlag. Ysabel und Gwinebant näherten sich jetzt ebenfalls dem Karren, und die Jungfrau hub zu weinen an, als sie Gawein sich so winden sah. »O Gawein!« rief sie, »mein lieber Ritter, bringt Euch der Zauberkarren gar so großen Schmerz? Ich kann Euch nicht so leiden sehen!« » Ach, Ysabel!« entgegnete Gawein sehr bleich. »Das ist nicht ein gar so großer Schmerz. Es ist nur wie ein Stechen von Mücken und Wespen, mehr bedeutet es mir nicht, und ich will wahrlich nicht länger stöhnen und mich nicht mehr winden, so Ihr es nicht mit ansehen könnt und Eure süßen Augen darob voller Tränen stehen.« Und Gawein lag still und schloß die Augen, der Zwerg aber strich grinsend um den Karren, und der König ließ sich besorgt auf seinem Thron nieder und befahl den Rittern, daß sie, wie sonst, ihre Ball- und Würfelspiele treiben sollten, und er hieß junge Knaben singen und Fiedler über die Saiten streichen, auf daß Gawein über der ihn rings umtönenden Musik vor dem gewohnten Alltagsbilde des Lebens und Treibens im Schloßhofe seine Leiden vergäße. Gawein lag noch immer ganz still und hielt die Augen geschlossen, und Ysabel dankte ihm, weil er nicht mehr stöhnte und sich wand, und Gwinebant dankte ihm, immer und immer wieder, daß er ihn hatte erlösen wollen. So gingen ein paar Stunden hin. Und es wollte fast scheinen, als leide Gawein nicht mehr, so still lag er da. Oh, über den entsetzlichen Karren, den Schandkarren, den Zauberkarren, dieses fürchterliche Gefährt des Königs Clarioen von Nordcumberland! In allen übrigen Reichen der Könige ringsum war dieses Marterwerkzeug bereits abgeschafft, doch immer noch ließ König Clarioen es durch die Lande fahren. Oh, wenn die Barone doch den Mut hätten, ihn zu vernichten, diesen Karren, der von einem einzigen blöden Zwerg geführt wurde! Indessen Zauberei und Magie waren stärker als alle Barone der Welt, und der Karren ließ sich eben nicht vernichten: nur entzaubern. Oh, wenn doch Merlin herbeizuzaubern wäre! Allein weder Gwinebant noch Lancelot wußten, wo er weilte. Sicherlich studierte er noch immer an seinem drahtlosen Fernspruch herum, und Lancelot ließ sich traurig an der Seite des Königs nieder, und Gwinebant geleitete Ysabel weiter, vorüber an den Gräben und den Sonnenblumen. Und wenngleich Gawein still lag, so schuf es der holden Prinzessin doch Pein, ihren Ritter auf dem Schandkarren zu sehen. Da plötzlich ertönte hoch von den Zinnen herab der Schall der kupfernen Hörner, die Turmwächter bliesen sie, und die Burgsassen hielten Ausschau. Zwei Ritter näherten sich, und des Königs Seneschall ging ihnen inmitten seiner Stabträger und Knechte durch das offene Tor entgegen und hieß sie willkommen. Sie ritten ein, und Lancelot erkannte den einen: das war Galehot, und der andere wohl sicherlich sein Schildknappe. Allein den kannte Lancelot nicht, so sprach er zum König Assentijn, der kurzsichtig die Augen einkniff. Galehot und der Schildknappe stiegen auf dem vorderen Platze ab, und Lancelot umarmte seinen Waffenbruder und rief aus: »Wehe, Galehot, zu einer bösen Stunde begegne ich Euch! Denn sehet, dort liegt Gawein auf dem Schandkarren, den er voll Edelmut bestiegen, um unseren Gwinebant zu erlösen, und die Zeit, da wir ihn erlösen dürfen, ist noch nicht gekommen.« Galehot, der sonst so still und anmutig lächelte, stieß einen lauten Jammerruf aus, und der Schildknappe klagte noch lauter. Und während Galehot den König begrüßte, erkannten nun alle Burggenossen auch den Schildknappen – es war Amadis –, und er kehrte mit Galehot von Camelot zurück, wohin er dem König Artur von seinen Rittern Kunde gebracht hatte. Und König Artur war erfreut gewesen, weil er nun von Gawein wußte. Allein er war sehr erzürnt geworden, weil Gawein sich in Endi zu verliegen und des Schachbrettes zu vergessen schien. Und dann hatte er Weh und Ach gerufen über Mordred und Didonel und hatte Amadis und Galehot geheißen, sich sofort auf den Weg zu machen und dem Gawein sein Gebot zu überbringen: er solle sich augenblicklich auf die Suche nach dem Schachbrett begeben. Und weil alle Ritter der Tafelrunde nun ausgezogen waren, so hatte König Artur – das meldete Galehot – zwölf andere seiner edelsten Barone zu Rittern der Tafelrunde geschlagen, und die saßen jetzt um die Jaspisplatte in dem runden Saal und warteten, ob Abenteuer winken würden, und sie warteten noch immer ... Als Assentijn davon hörte, schüttelte er bedenklich den Kopf und dachte bei sich – wiewohl er aus Höflichkeit seinem Gaste gegenüber davon nichts verlauten ließ! –, daß der König von Logres, der auf Abenteuer so erpicht war, doch schon sehr alt werde, älter als er, Assentijn, selber es war, und daß es gewiß nicht gut für seinen Magen sein könne, so lange vor Tische zu warten und nicht zu essen ... »Ich muß, meiner Treue, einmal darüber nachdenken«, meinte König Assentijn zu Lancelot und Galehot, »wo ihr zwölf von der alten und echten Tafelrunde denn doch eigentlich verweilet. Um mich sehe ich den armen Gawein, auch Lancelot und Galehot, und da drüben wandelt Gwinebant vor den Sonnenblumen umher, der schöne Knabe, und pflegt Zwiesprache mit meiner Ysabel. Die erzählen einander sicherlich von ihren Träumen ... Nun, das sind euer vier, wo sind denn die acht anderen, saget mir?« »Didonel und Mordred leiden Pein im Fegefeuer«, antwortete mit anmutigem Lächeln Galehot, »so kündete es uns Amadis, und die sechs anderen sind ausgegangen, um den Liebeshain zu belagern ...« Und Galehot erzählte nun dem Lancelot, wie Mordred und Didonel erschlagen wurden, als Gawein Alliene, die Amadis war, erlöste. »Ja, ich!« rief Gawein mit geschlossenen Augen von dem Karren herüber. »Ich erschlug die Schurken, die es wagten, sich zu uns in den Kreis der Tafelrunde zu stehlen.« Und wieder lag er ganz still. Und Lancelot war höchlich erstaunt über all das Neue, was er da hörte, und ihm war traurig zu Sinne, und König Assentijn wunderte sich im stillen, daß es Ritter der Tafelrunde gegeben hatte, die im abgelegenen Walde eine verrufene Burg hatten errichten können, darin sie entführte Damoicelen gefangenhielten. »Weh mir!« rief Lancelot aus, »ich muß dem Gwinebant die unerhörte Mär von Didonel und Mordred bringen!« Allein Assentijn hielt ihn zurück und sprach: »Ich würde das nicht tun, mein lieber Lancelot! Gwinebant wandelt so selig mit Ysabel an den Sonnenblumen dahin. Das ist die Jugend, die sich freuet! Lasset sie! Meine arme Enkeltochter, das holde Kind, habe ich dem Clarioen von Nordcumberland zum Gemahl versprochen, und nun ist es mir nicht wohl zumute darum nach all dem, was ich über diesen alten Bösewicht erfahre. Schandkarren, die mit Zauberkraft betrieben und von Rittern bestiegen werden müssen, dürfte man doch nicht mehr dulden! Saget mir jetzt, mein lieber Lionel« – und der König wandte sich an den Nordcumberländer – »ein wenig von dem Leben am Hofe dort drüben! Wie steht es um jenen Clarioen?« Und Assentijn forschte Lionel über das ferne nordische Reich aus, wohin seine Enkeltochter ihre Brautfahrt machen sollte und wo Clarioen jeden Ritter, der ihm nach seiner Krone zu trachten schien, auf den Schandkarren werfen ließ. Amadis war entsetzt an der Seite des Karrens stehengeblieben, und rings um ihn standen die Edelfrauen und Barone. »Mein lieber Herr«, sagte endlich Amadis. »Mein Herr Gawein! Ihr, der Edelste, der Unvergleichliche, auf dem Schandkarren?« Der Zwerg grinste. »Es schmerzt nicht, Schildknappe! Sieh doch nur, der Ritter ächzt nicht und windet sich nicht. Es gilt ihm nur wie der Stich einer Mücke oder einer Wespe! Ich kenne den Weg zu allen Burgen. Allein ich weiß auch von Knappen und Jungfrauen. Schildknappen haben oftmals sanfte Augen, und wisset: auch eine Jungfrau kann manchmal den Karren besteigen!« Amadis erblaßte, weil ein blöder Zwerg ihn zu durchschauen vermocht hatte. Und die Barone und Edelfrauen ringsumher, die bereits vernommen hatten, was Galehot dem Lancelot und dem König gemeldet, behaupteten nun, sie hätten schon immer gedacht, daß Amadis eine Jungfrau sei – obschon diese Behauptung nicht der Wahrheit entsprach, und so manche Edelfrau, die mit Amadis ihr süßes Spiel hatte treiben wollen, sehr enttäuscht gewesen war und über den ihrem Begehren so wenig zugänglichen Schildknappen in der Eintönigkeit des Schloßlebens gar unfroh ihr schönes Haupt geschüttelt hatte. – Gawein lag noch immer ganz still. Er hatte die Augen geschlossen und dachte an Ysabel ... Und schweigend litt er um sie. Und die Barone und Edelfrauen blieben rings um ihn mit tröstenden Worten, und die Fiedler geigten ihre Weisen, und die Knaben mit ihren hohen Stimmen sangen. Und Amadis fragte verzweifelt den Zwerg: »Wann ist es denn endlich vorbei mit dieser Zauberei? Wann kann ein anderer, Knappe oder Jungfrau, meinen Herrn erlösen? Sprich, o Zwerg: geht das erst nach Sonnenuntergang?« Der Zwerg grinste; die Sonne stand noch hoch am Nachmittagshimmel, und die Sonnenblumen auf den Wällen und längs den Gräben strahlten die goldene Glut zurück. Da flüsterte er: »Höre, mein holder Knappe! Ich bin gar nicht so toll, wie man glaubt. Die Barone zwangen mich, in die Burg hineinzufahren, und die Knechte spannten aus, doch wenn sich der Karren nicht bewegt, sondern der Klepper hier in der Königsburg stillsteht, um den Ritter vor allem Gelächter der Leute an den Straßen zu bewahren, so vermag nichts und niemand ihn zu befreien. Und wenn darum doch einer auf den Karren springt – ich warne Euch davor! –, so bleibt er gleichfalls geknebelt darin liegen.« »O weh! O weh!« klagte Amadis. »Kann Gott im Himmel solches dulden?« Und auch die Barone, die des Zwerges Worte gehört hatten, riefen: »Bei Sankt Michael! Bei Sankt Michael! Beim ewigen Gott im Himmelreiche!« Sie wollten dem Zwerg zu Leibe gehen und ihn wie einen Wurm zertreten. Allein Lancelot und Galehot stürzten schützend herbei, und sogar Gwinebant verließ Ysabel, um den Zwerg vor solcher Wut zu retten. Das wäre keine ritterliche Tat, diesen Zwerg umzubringen, und zudem: wer wüßte um den Karren und seine Maschine Bescheid, wenn der Führer nicht mehr wäre? Der Zwerg, der sich von dem bösen Drängen der Barone befreit sah, grinste spöttisch, schwang seine Mißgestalt auf die Deichsel des Karrens und schlang die dünnen Arme um die verwachsenen Knie, indes Gawein noch immer totenstill dalag ... »Ich werde warten«, sagte der Zwerg mit bösem Lächeln. »Euch zum Gefallen werde ich warten, ihr hohen Herren! Vor Sonnenuntergang kann kein Schildknappe mit den sanftesten Augen, kein Baron und kein tapferer Held den Ritter von diesem Karren erlösen. Ich aber muß zum König Clarioen zurück, das weiß ich gewiß, wie unsinnig ich Euch auch sonst erscheinen mag!« Wütend umdrängten die Barone den Schandkarren und den Zwerg. Plötzlich bezog sich der Himmel ... Die Glut der Sonnenblumen, von denen sich der Ysabel schlanke Gestalt weiß abhob, ließ mählich nach ... Eine schwere Wolke senkte sich über die Burg herab ... »Ein Unwetter!« riefen die Burgsassen. »Ein Gewitter!« Denn es begann zu blitzen ... Donner grollte – aber mitten aus diesem Gewittertoben heraus ward deutlich ein heftiges Surren fernher hörbar ... Kapitel XXIV Und just über der Burg bahnte sich durch die Wolken hindurch mit schwerem Flügelschlag ein riesiger Phönix seinen Weg, der seltsam in pfauenblauem Glanze wie von unzähligen Juwelen erstrahlte. »Merlin! Merlin!« riefen Lancelot, Gwinebant und Galehot, die Ritter der Tafelrunde. Und wirklich, Merlin war es, der in einem weiten Gleitflug auf seinem Zaubervogel herabschwebte. Surrend und heftig zitternd senkte sich der Phönix herab, um sich dann zierlich vor dem König aufzustellen, und Merlin stieg von des Vogels Rücken. Der Magier erschien nicht so sehr jung mehr – war es doch auch schon gegen Ende des Tages, da sein Jugendbad an Wirkung abgenommen hatte, und ein zweites Bad zu nehmen hatte er nicht für der Mühe wert erachtet. Er grüßte den König Assentijn, der sich nicht mehr verwunderte, als es sich mit seiner königlichen Würde vertrug, und rief jubelnd: »Heureka! Heureka! Ich habe die drahtlose Telegraphie erfunden, und nun komme ich, meinen lieben Gawein zu erlösen!« Jetzt lachte er laut, und währenddem schien ihm der Bart zu wachsen, schienen seine Augen Flammen zu sprühen. Mit großer Gebärde streckte er die Hand aus dem weiten Purpurmantel, als wolle er mit seinem Stabe einen Zauberkreis rings um den ganzen Burgbereich ziehen. Die Linde bewegte krachend alle ihre Äste und Zweige in dem scharf wehenden Winde. Ein dichter Nebel fiel herab, alle – der König, Lancelot, Gwinebant, Ysabel, Galehot, Amadis und auch die Barone und Edelfrauen – drängten sich um Merlin und den Karren. Ein Wirbelwind erhob sich; das währte keine zwei, drei Augenblicke, dann lichtete sich der Nebel, der Wind legte sich, und schon im Untergehen strahlte die Sonne noch einmal hell auf. Von den Sonnenblumen schimmerte Ysabels Gewand weiß herüber. Sie lag halbbewußtlos in den Armen des Gwinebant, und sie beide waren schön und lieblich anzuschauen. Vor des Merlin Füßen aber zerschmolz der Karren zu einer weißen Asche, während Gawein verstört dastand, und Merlin noch immer beschwörend die Hände bewegte. »Zauberei! Zauberei!« riefen die Barone und Edelfrauen ängstlich aus und drängten sich eng aneinander. Allein Gawein war erlöst. Über den Burgplatz kroch eine Schildkröte. Merlin lachte laut auf ... Er wies mit dem Finger ... »Das ist der Zwerg«, sagte er, »Ihr Burggenossen, gebet der Schildkröte den Weg frei. Sie kehrt nach Nordcumberland zurück und wird dem König Clarioen von seines Schandkarrens Schicksal Kunde bringen.« Und Merlin lachte so laut, daß auch alle Barone und Edelfrauen lachen mußten. Die Schoßhündchen, die von den Edelfrauen so lange still und versteckt gehalten worden waren, stürzten auf die Schildkröte zu, die dahinkroch, und kläfften sie an. Ysabel aber eilte mit einem Freudenschrei auf Gawein zu und umarmte ihn. Und dann verneigte sie sich ehrfurchtsvoll vor Merlin und rief jubelnd mit ihrer freudigen Stimme: »Großer Merlin! Ich habe oftmals in den schönen Ritterromanen von Euch gelesen, die kluge Schreiber seit zehn Jahren aufzeichnen, und jetzt sehe ich Euch mit eigenen Augen. Ihr seid der vielberühmte Zaubermeister. Ihr habt durch Eure Kunst den Karren verbrannt, daß er zu weißer Asche ward. Seid gebenedeiet, daß Ihr meinen lieben Gawein erlöstet.« Und sie verneigte sich tief zu mehreren Malen, dieweil sie ihre Flechten über der Brust zusammenhielt, und alle Edelfrauen taten es der Prinzessin nach. Da rief der König drohend aus: »Ihr Jungfrauen und Frauen, wenn ihr nicht eure Schoßhündchen ...« Er konnte nicht vollenden. Ohrenbetäubender Lärm erhob sich. Triumphgeschrei erklang aus allen Fenstern der Burg, von allen Festungswällen. Aber die Schoßhündchen kläfften noch immer laut, ohne sich um die dräuenden Worte des Königs Assentijn zu kümmern. Da erklangen vom höchsten Turm herab laut und schmetternd die Kupferhörner der Ausschau haltenden Wächter. Die auf den unteren Türmen folgten ihrem Beispiel. Alle blickten auf den Weg ... Ein Ritter näherte sich. Es war Sagremort. Gawein, Lancelot, Gwinebant und Galehot eilten auf ihn zu. Sagremort stieg ab. Die Artusritter zusammen mit den Baronen und Edelfrauen und ihren unvermeidlichen Schoßhündchen führten Sagremort vor den König. Da sprach er: »Edler Herr und König von Endi, hehrer Assentijn! Meine fünf Gefährten Bohort, Agloval, Ywein, Hestor und Melegant liegen gefangen auf der Burg im Liebeshain, wo viele schurkische Ritter Damoicelen in Banden halten und sie zu Zeit und Unzeit mit ihrem lüsternen Werben bedrängen. Ich kam an Eurer Burg vorüber und traf meine tapferen Gefährten; dazu half mir der heilige Michael. Ach, Herr König, warum bin ich nicht mit den fünf anderen gefangengenommen? Weil ich zauderte, hineinzugehen, als die Damoicelen an den Fenstern erschienen, winkten und mit süßem Lächeln lockten. Ich dachte bei mir: wollen die Damoicelen wohl wirklich befreit werden, oder wollen sie das gar nicht? Das ist die Frage?« »Sagte ich es Euch nicht?« rief Galehot. König Assentijn griff mit beiden Händen an sein armes Haupt, und seine Krone glitt zur Seite. Ein Schandkarren, fünf Ritter der Tafelrunde seine Gäste, fünf andere in einer Burg voller Schurken gefangen, und dazu noch Merlin, der Zauberer, auf einem Phönix; Clarioen von Nordcumberland, dem er seine Enkeltochter zur Ehe versprochen hatte, als alter Bösewicht und Schurke entlarvt, und überdies unzählige kläffende Schoßhündchen, die nicht zum Schweigen zu bringen waren ... »Es ist mir zuviel«, rief er, »mir schwinden die Sinne.« Und er sank auf seinen Thron zurück. Ysabel aber umschlang sein greises Haupt mit ihren schlanken Armen und lachte ... +++ Ein Rasttag in der Burg von Endi tat den fünf Rittern der Tafelrunde not. Sie konnten sich doch an diesem Abend nicht gleich vor der Vesper wieder auf den Weg machen! Die Pagen geleiteten die Gäste in die verschiedenen Kammern, und sie wuschen sich in goldenen Becken, trockneten sich an feinem Linnen und kleideten sich um. Es lagen ja bekanntlich stets Wams und Hosen für fahrende Ritter bereit. Lionel, der vorerst nicht zum König Clarioen zurückzukehren gedachte, hoffte, in die Ritterschaft des Königs Assentijn aufgenommen zu werden. Und auch Merlin blieb noch diese Nacht. Und nach dem Mahl brachte Merlin Gwinebant und Ysabel vermittels einer einfachen Zauberei zusammen. Sie trafen sich diesmal nicht bei den Sonnenblumen, sondern an den dunkelrot blühenden Rosensträuchern, von denen Gawein eine Rose gebrochen hatte, nachdem er die Kerkergitter verbogen: stark duftete es dort, als unten an den Burgmauern, im Scheine des Mondes, der in der blauen Nacht weiß aufstrahlte und sein Licht über die Festungswälle goß und sich im Wasser der Gräben widerspiegelte, Gwinebant und Ysabel umherwandelten. »Seid Ihr dessen eingedenk, Ysabel, daß Ihr mir beim letzten Turnier Euren Ärmel gabet ...« »Ich vergaß es nimmer, Gwinebant; Ihr kämpftet und siegtet zu meiner Ehre ...« »Seither dachte ich stets an Ysabel ...« »Und ich dachte seither stets an Gwinebant ...« Merlin lauschte in seinem Versteck: er war jetzt ganz alt, und silbern erstrahlte sein Bart im Spiel der Mondenstrahlen ...« »Mir träumte von Euch«, sagte Ysabel ... »Und mir von Euch«, sagte Gwinebant ... und er lachte verwundert ... »Mir träumte, Ihr kämet in meine Kemenate und ich umarmte Euch ...« »So süße Wonne träumte auch mir; mir war, als ob Ihr in meinen Armen läget«, sprach Gwinebant verwundert. »Träumen wir denn ganz gleich von einander?« fragte Ysabel. »Ich hielt dich so ...« Und sie schlang ihre Arme um sein blondes Haupt und küßte ihn lange auf den Mund. »Und so hielt ich dich«, gab Gwinebant zurück; er war voller Entzücken über ihren Kuß; »so umarmte ich dich ...« Und er küßte sie, und ihre Lippen ruhten aufeinander, so, wie es bisher nur im Traum gewesen war. »Und in jeder Nacht träumte mir von dir«, sagte Ysabel. »So auch mir von dir«, verwunderte sich lachend Gwinebant. »Nacht um Nacht«, sprachen beide, und sie küßten sich lange ... »Du bist ein Ritter des Königs Artur«, sagte Ysabel, »doch, o Gwinebant, ich wünschte von Herzen, daß du mein Ritter wärest ...« »Hast du mich lieb, Ysabel?« »Sehr lieb, Gwinebant.« »Wie ich dich, Ysabel.« »So lieb, so lieb«, sagten sie beide, und wieder küßten sie einander lange ... »Ysabel, willst du mein süßes Gemahl sein?« »Was kommt dir in den Sinn, Gwinebant?« antwortete Ysabel leise, lachend. »Ich bin eine Prinzessin von Endi, bin die Enkelin des Königs Assentijn! Und ich muß einen König ehelichen: Clarioen von Nordcumberland wird das sein!« »Der alte Bösewicht?« entsetzte sich Gwinebant, »dem wirst du doch nicht zur Ehe folgen wollen, Ysabel?« »Ich muß es, Gwinebant«, sagte Ysabel und küßte ihn. Und er gab ihr den Kuß zurück, lang, lang ... »Ich muß es«, wiederholte sie. »Ich muß doch Königin werden, und es gibt keine anderen Könige ringsumher, die eine Königin brauchen! Prinz Alydrisonder, der Sohn des Königs Mirakel, ist mir zu jung.« »Zu jung, Ysabel – willst du denn einen alten Mann?« »Ja, Gwinebant, ich will einen alten König zum Manne«, sagte Ysabel. Da stöhnte Gwinebant vor Liebespein. Allein Ysabel scheuchte seine Qual mit ihren Küssen, und er küßte sie wieder, und so holdes Wechselspiel trieben die beiden lange ... »Und dich will ich zu meinem Ritter erküren, mein Gwinebant.« »Wie denn, o Ysabel, die ich doch so lieb habe, so lieb?« »So, wie die Königin Ginevra, König Arturs Weib, den Lancelot zum Ritter erkoren hat. Das weißt du ja selber, mein Gwinebant, und ich las es in Lancelots Ritterroman: süßester Freund und trauteste Freundin sind Lancelot und Ginevra. Auch wir werden so Freund und Freundin sein.« »Ja, Ysabel, doch der alte Schelm Clarioen, der König in Nordcumberland, ist mir ein Dorn im Auge ...!« Sie küßte ihn, und er küßte sie lange ... »Und Gawein«, fuhr Ysabel fort, »will ich auch zum Ritter und zum Freunde haben ...« »Gawein auch, Ysabel?« »Ja, Gwinebant, ich bewundere den Gawein gar sehr, und ich habe ihn auch sehr lieb, er ist mein Oheim, aber er ist auch mein Ritter und mein Freund ...« »Er ist nicht dein Freund, Ysabel. Du weißt ja noch gar nicht, was ein Freund ist, süße Ysabel.« »Ich weiß nicht, was ein Freund ist? Doch, ich weiß es sehr wohl, Gwinebant. Ich will einen alten König zum Manne haben und zwei Freunde dazu: und darum soll Clarioen mein Gemahl werden, und Gawein und auch dich, Gwinebant, will ich zu Freunden gewinnen.« »O Ysabel, weißt du denn nicht, wie lieb ich dich hab?« »Du sollst nicht leiden, mein Gwinebant: Clarioen wird mir nur der König sein, der mich zu seiner Königin macht. Du aber wirst mein Freund sein – und Gawein auch, weil der doch gar zu viel Trauer im Herzen hegen würde, wenn nicht auch er mein Freund sein dürfte. Zusammen mit dir.« »Er wird aber nicht mit mir zusammen dein Freund sein wollen, Ysabel: Du weißt nicht, was ein Freund bedeutet!« »Ich weiß es sehr wohl, was ein Freund ist, Herr Ritter! Ein König wird mein Gemahl, der mich zu seiner Königin macht, aber mein Freund ist, wer immer ritterliche Courtoisie mit mir treibt.« Und dabei umarmte Ysabel Gwinebant und küßte ihn lange. »O Ysabel«, seufzte Gwinebant in Wonne und Schmerz, aber auch er küßte sie lange ... Aus dem Burgsaal ertönten Fanfaren und Knabenstimmen. Kapitel XXV »Du darfst auf Gawein nicht eifersüchtig sein«, sagte Ysabel sehr ernst und hob den Finger. »Ich will es nicht, Gwinebant. Mir ist Gawein sehr teuer, und ich mag ihm keinen Kummer bereiten, und er darf nicht wähnen, daß ich dich mehr liebe als ihn. Er ist mir in Treuen minnig zugetan, Gwinebant, und er darf solches nicht denken.« »Aber wen liebst du denn am meisten, Ysabel?« Ysabel umarmte ihn. »Gwinebant«, antwortete sie und sah ihm tief in die Augen. Gwinebant schloß die seinen. »Gehen wir«, sagte die Jungfrau, »ich will diese Nacht wieder von dir träumen, mein Lieb.« »O Ysabel«, sprach Gwinebant. »Wirst du auch im Traume dieser Nacht bei mir sein, Liebster?« »Ja, ich will es«, sagte Gwinebant, »will träumen von dir und allen unseren Küssen.« Sie gingen. Allein vermöge eines ganz einfachen Zaubers wußte Merlin, der in seinem Versteck gelauscht hatte, es zu fügen, daß Gwinebant sich in dem Schatten Ysabels verlor, und daß zugleich Gawein, der sie suchte, ihr begegnete. »Ysabel«, rief er erfreut aus, »finde ich Euch endlich!« »Ach, Gawein!« sprach Ysabel, »sucht Ihr mich? So suchte ich auch nach Euch und bin nun gar froh, daß ich Euch gefunden habe.« »Ich traf Euch nicht im Saale«, sagte Gawein, »wo die Burggenossen nach festlichem Mahle beisammensitzen, und bei der Tafel sah ich Euch mit Lancelot so süßes Spiel treiben und Dinge voller Courtoisie sprechen, daß ich nicht wußte, was ich denken sollte, o Ysabel!« »O Gawein, mein viellieber Gawein«, gab Ysabel schalkhaft zurück, »was verdächtigst du mich, daß ich mit Lancelot Courtoisie triebe? Lancelot ist der Freund des ›Urquells aller Schönheit‹, der Königin Ginevra, indessen ich nur ein töricht armes Jungfräulein bin. Lancelot bewundere ich als einen Helden aus dem Reiche Logres, der nur Euch, Gawein, vergleichbar ist.« »Indessen, Ysabel, bewundert Ihr mich auch als einen wackeren Kämpen aus Logres und Helden der Tafelrunde, so sagtet Ihr mir doch, daß Ihr mich sehr lieb hättet! O Ysabel, wenn Ihr das nicht mehr tätet, würde es mein Tod sein, mein Tod, den mir nicht einmal der Kampf mit viermal zwanzig Mannen an den zwölf Toren dieser Burg gebracht hat. Der Tod, o Ysabel würde mir also nicht in Feldschlacht oder Zweikampf drohen, auch nicht von Drachen oder von Riesen, nicht auf Ritterfahrt und Abenteuer, sondern von einem ›töricht armen Jungfräulein‹, das eine holde Prinzessin ist und sogar Königin von Nordcumberland werden, dabei aber doch Lancelot, den Freund Ginevras, zu minnigem Dienst um sich haben will.« »O Gawein, wie sollte ich wohl Lancelot minnen, den Freund der Ginevra? Ich wage kaum, ihm in die Augen zu blicken, die doch so sanft sind. Er ist so hoch über mich erhaben, und dazu ist er so treu, wie niemalen ein Ritter war. Die Dichter haben in dem Roman, dessen Held er ist, seine Treue über alles gepriesen. Wie sollte ich, o Gawein, wohl diesen Lancelot zu minnen wagen!« »Oder mein Tod, Ysabel, wird mir von dem nämlichen Jungfräulein kommen, so diese den Gwinebant lieben sollte.« »O Gawein, wie könnte ich wohl den Gwinebant lieben, wenn solches Minnen Euch Tod bedeuten würde? Glaubt Ihr, ich könnte Euren Tod wollen um Gwinebants Minne? Nein, das vermöchte ich nicht, mein Gawein.« »So saget mir, Ysabel, so schwöret mir, o Ysabel, daß Ihr weder Lancelot noch Gwinebant minnet, denn ich bin dessen nicht gewiß, welchem von jenen beiden Ihr, o Ysabel, wohl minnig zugetan sein könntet.« »O Gawein, Liebesschwüre sind wie Vögel mit leichten Fittichen, sie fliegen durch die Luft, sobald man sie freiläßt. Ysabel tut darum keine Liebesschwüre: doch wie könnte sie wohl Lancelot oder Gwinebant so minnen, wie sie Euch minnet, o Gawein?« »So küsse mich, süße Ysabel.« Da küßte Ysabel im Schatten, den die Burgmauern in die blaue Mondnacht warfen, den Gawein, und Gawein küßte Ysabel lange wieder, und er glaubte, daß sie ihn minne und nicht Lancelot, auch nicht Gwinebant, auch nicht Galehot oder Sagremort oder Lionel, den Nordcumberländer, und er fühlte, daß diese Liebe ihm das Leben bedeutete. War er auch niemals getreu wie Lancelot gewesen, so würde doch dieses Mal seine Liebe ihm Tod bringen können. Und während sie so miteinander kosten, schaute Merlin erst immerfort um die Ecke und entwich dann, und Amadis blickte um eine andere Ecke, und der Schildknappe hörte gerade, wie Ysabel nach einem langen Kusse schalkhaft sagte: »Seht, Gawein, meine größte Minnepein wird mir, fürchte ich, von einem Ritter kommen, der nicht Lancelot noch Gwinebant ist, und den ein gar schöner Schildknappe begleitet, und unter dieses Schildknappen Panzerhemde birgt sich eine Jungfrau – und darum möchte ich nun, meine Eifersucht zu stillen, wohl wissen: hat jener Ritter seinen Schildknappen lieb?« »O Ysabel«, hörte Amadis da seinen Herrn Gawein antworten, »wie könnte ich wohl Amadis – wie Alliene sich nennt, die ich ritterlich erlöste – wie könnte ich sie voll Mitleid und Barmherzigkeit wohl anders minnen denn ein Bruder seine Schwester liebt? Wie könnte ich Amadis lieben, so wie ich nur Ysabel, meine Ysabel, einzig und allein zu minnen vermag?« Da küßten sich Gawein und Ysabel lange, Amadis aber floh von dannen – – Aus dem Burgsaal ertönten Fanfaren. Und Gawein und Ysabel eilten an den dunklen Mauern entlang und durch die Tore zu dem Saale, und der Ritter führte die Prinzessin zu den Stufen des Thrones, wo ihr Vater saß. Und alle die Barone und Edelfrauen und alle die Burggenossen waren schon versammelt, und Merlin stand inmitten des Saales. Und er sagte: »Gawein, mein hoher Held, wir haben dich erwartet, denn nun du zu unser aller Freude von dem Karren erlöst bist, ist es meine Pflicht, dich, dem Galehot von König Artur Botschaft gebracht und vermeldet hat, daß er böse sei, weil du das Schachbrett vergessen hättest, seine eigene königliche Stimme vernehmen zu lassen.« »Wie das, Merlin?« fragte verwundert Gawein. »Camelot liegt doch gar weit von Endi entfernt, und Ihr könntet mich des Königs Artur Stimme hören lassen?« »Merlin ist ja so vieler Zauberkünste fähig«, sagte der König Assentijn voller Güte. »Lasset zu uns dringen, Merlin, mein Freund, des Königs Artur königliche Stimme.« Alle drängten neugierig herbei. Und Merlin machte ein Zeichen. Sechs Diener trugen eine große Trompete aus rotem Golde herein, wie man sie noch nie gesehen hatte; groß und rund weitete sich ihr Schallrohr. Und sie stellten die Trompete auf einen Tisch aus rotem Gold, und Merlin verneigte sich sehr ehrfurchtsvoll, gleich als neige er sich vor einem Fürsten. Und er beschrieb mit seinem Stab einen Bogen darüber. Und es war, als ob die Trompete leicht erzittere. Und dann sprach sie mit des Königs Artur Stimme: »Höre mich, Gawein, mein Neffe: so du das schwebende Schachbrett vergissest und auf deiner Fahrt säumig wirst, die du als Ritterpflicht auf dich genommen, so werde ich, dein König, selber mein gutes Roß besteigen und auf die Suche nach dem Zauberbrett ausreiten. Das schwöre ich bei meiner Krone und beim Gott im Himmelreiche und bei dem Sohne Mariens, der für uns geboren ward.« Durch den Saal ging ein Rauschen und Bewegen voller Verwunderung. Wahrlich, das war des Königs Artur Stimme – also sprachen im höchsten Erstaunen Assentijn und die Ritter der Tafelrunde. Kein Zweifel daran war möglich. Er redete mit seiner königlichen Stimme, dringend, befehlend, aus der goldenen Trompete. Gawein erblaßte wie ein Knabe. Und er neigte das Haupt. Dann rief er laut: »Morgen vor Tau und Tag werde ich auf die Weiterfahrt ausziehen, so wahr mir St. Michael helfe!« Allein vor die große Trompete hatte man eine kleinere gestellt, die war zierlich und mit kostbaren Edelsteinen besetzt: mit Demanten und Rubinen und Karfunkeln. Und Merlin erwies auch dieser Trompete wiederum höchste Ehrfurcht und schwang seinen Stab. Und dann sprach die kleine Trompete: »Lancelot, mein Ritter, kehre zurück nach Camelot, denn der König Artur sitzt den ganzen Tag mit den zwölf neuen Rittern der Tafelrunde und wartet, ob keine Kunde von Abenteuern zu ihm dringt, und die Stunden der Mahlzeit gehen vorüber, und wir essen nicht, und wir spielen nicht, und wir lieben nicht, und wir leben nicht, und dieses Dasein ist mir eine große Qual ohne dich, Lancelot, mein Ritter!« Andächtig hörten alle zu und hielten die Hand an das Ohr gelegt... Ysabel hatte sich erhoben, trat ein paar Schritte näher und lauschte mit süßem Entzücken der Stimme der Königin Ginevra. Lancelot aber rief schmerzlich und dennoch beherrscht: »Weh mir, meine süße Fürstin, ich kann noch nicht nach Camelot zurückkehren, denn wenn Gawein von neuem auszieht, das Schachbrett zu suchen, so reiten wir andern – nicht wahr, meine Gefährten? – so reiten Sagremort, Galehot, Gwinebant und ich, Lancelot, nach der Burg der Schurken und der bedrängten Damoicelen, wo jene Bösen fünf Ritter der Tafelrunde gefangenhalten. Bohort!« »Und Ywein!« rief Gwinebant. »Und Agloval!« rief Sagremort. »Und Melegant!« rief Galehot. »Und Hestor!« riefen alle vier zusammen. Und der Saal hallte wider von dem sonoren Klange der keltischen Namen. Kapitel XXVI In jener Nacht ereignete sich dieses in der Königsburg von Endi: Träume woben hin und her von Ysabel zu Gwinebant und von Gwinebant zu Ysabel ... Und Amadis, der Schildknappe, der gewohnt war, auf demselben Bette zu schlafen, schlief in jener Nacht nicht an der Seite des Gawein, was Gawein aber nicht bemerkte, weil er selber wachend von Ysabel träumte. Am kommenden Morgen saßen die fünf Ritter der Tafelrunde auf, nachdem sie von dem König, von Ysabel und von allen, die jetzt auf den höchsten Zinnen Ausschau hielten, Abschied genommen hatten. Wisse, Leser, daß Lancelot, Gwinebant, Galehot und Sagremort nun auszogen, den Liebeshain zu belagern. Und daß Gawein – wo in aller Welt mochte nur Amadis stecken? dachte er – auszog, das Schachbrett zu suchen. Daß Amadis ihn nicht begleitete, gewahrte Gawein erst kaum. Er war voller Glücksgefühl im Gedanken an Ysabel. In seiner Seele leuchtete es wie strahlende Sonne, es war, als ob das Himmelslicht mit all seinem Glänze sich darin widerspiegelte. Als er sich zum letzten Male umschaute, sah er, wie die Speere seiner vier Gefährten sich hoch hoben und ihre glänzend roten, von der Sonne angestrahlten Spitzen zum letzten Gruße senkten, und er erkannte auf der höchsten Zinne etwas Weißes, das ihm nachwinkte: Ysabel, die ihren Schleier wehen ließ ... Er winkte mit dem Speer zurück. Der Weg, für den er sich entschieden hatte, führte durch den weiten Wald. Fahrende Ritter wählten ihren Weg immer nach der Eingebung einer höheren Macht: Sankt Michaels oder des höchsten Gottes im Himmel selber. Und nun er den Weg erwählt hatte, willens, nach Ritterpflicht Gutes zu tun und die gefahrvolle Fahrt zu bestehen, harrte er der Abenteuer, die ihm begegnen würden. Drachen waren tot und spukten nur noch mit ihren Skeletten in den Berghöhlen. Riesen gab es schon seit langem nicht mehr, auch nicht jene furchtbaren Riesinnen von dereinst, die etwa Pantasilde hießen und in hohen Türmen wohnten: ihre Wohnungen lagen jetzt verfallen am Wege ... Schurkische Ritter, ja, die gab es leider noch, und sie bedrängten Damoicelen und hielten sie im Liebeshain gefangen. Allein vier tapfere Helden zogen ja aus, ihre Burg zu belagern. Und irgendwo schwebte wohl noch ein verzaubertes Schachbrett durch die Lüfte – allein unauffindbar war es, ungreifbar, wie ein Vogel, wie ein Falter ... Mit ehrfurchtsvollem Schauder entsann sich Gawein unter dem Gedenken an sein stilles Liebesglück der Stimme des Königs Artur, so wie sie aus Merlins roter goldener Trompete geklungen hatte, ingrimmig und dräuend, weil Gawein auf der Suche nach dem Schachbrett sich so lau erwiesen hatte. Nun, fürwahr: jetzt war er ja wieder auf dem Wege nach dem Zauberdinge. Er hatte seine Straße gewählt. Er bekreuzigte sich. Er würde es suchen, er würde es finden und fassen. Allein er wurde sich dessen wohl bewußt: blieb auch König Artur ihm böse, so er das Schachbrett nicht fände und es ihm brächte, hegte er ihm auch sehr großen Zorn in seinem Herzen, so würde er dennoch dem König Liebe und Treue wahren, wie es einem edlen Baron und Vasallen anstand. Allein wenn Ysabel ihn nicht mehr lieben mochte, zu der Frau Minne ihn mit süßem Zwange geführt hatte – so würde er sterben müssen. Er hatte gar viele Edelfrauen und Jungfrauen in den Schlössern geliebt, darin fahrende Ritter gegen Ende des Tages einkehren, um Herberge für die Nacht zu erbitten. Er hatte neben der ersten Ysabel, seinem süßen Weib, so mancher anderen minniglich gedient, die Frau Venus ihm auf kurze Weile begegnen ließ – so, wie eine Rose einen einzigen Tag, eine einzige Nacht oder nur wenige Stunden blüht –, und zu seiner ersten Ysabel hatte er lange Jahre Liebe im Herzen gehegt; der zweiten aber würde er bis zum Tode angehören. Ein Ritter, der so reich an Abenteuern war, mochte wohl viermal zwanzig Mannen an jedem von zwölf Toren erlegen, doch wenn es der Frau Venus Wille war, konnte Minne ihm den Tod bringen. Vor Minne sterben kann alles, was da minnet: der Tag stirbt um der Sonne willen, die sich von ihm scheidet, die Rose um der Nachtigall willen, die, wie sie glaubte, nur ihr sang, die Jungfrau um des Mannes willen, und auch der Mann kann sterben um der Jungfrau willen. Allein das wird er niemals aussprechen, der Mann, der Ritter, der sich vor Abenteuern oder Wundern nicht fürchtet. Er wird es niemals eingestehen. Erst die Dichter werden es später an ihm rühmen, die Sänger, die in ihren Romanen alle Helden- und Liebestaten buchen und sie dann, vom Spiel der Fiedler begleitet, an den langen Abenden, sonderlich während des Winters, den darob sehr gerührten Frauen vorsingen – und den nicht minder bewegten Männern. Allein die zeigen ihre Rührung nicht und sprechen sie nicht aus. Sicherlich, auch Ritter können vor Minne hin und wieder sterben. Gawein wußte im Augenblick nicht gleich, welche Ritter bereits vor Liebe gestorben waren. Er entsann sich dessen nicht aus den Ritterromanen, hatte die Namen vergessen. Allein gewiß war, daß es solche gab, die vor Liebe gestorben waren ... Nicht auf ihrem Bette, wie liebessieche Jungfräulein, sondern auf dem Schlachtfelde und im wilden Harste, wenn die Helden mit starkem Arm und unwiderstehlich ihr Schwert führen bis zum letzten und aus ihrem gebrochenen Herzen das Leben zugleich mit dem Blut entflieht, das ihren Wunden entströmt. Allein Gawein brauchte sich solchen wehmütigen Gedanken nicht hinzugeben. Denn Ysabel liebte ihn, o welche Freude! Und selbst wenn sie einem alten König zur Ehe folgte, so würde sie doch Gawein weiter lieben, die Reine, die Süße, Unschuldvolle – so, wie Ginevra ihren Ritter Lancelot liebte. Und die Sonne warf ihren hellsten Schein in des Gawein Seele, wie wenn ihr Glanz in einen Spiegel fiele ... Langsam schritt Gringolet, der junge Hengst, über die krachenden Äste, die herabgebrochen über dem Wege lagen, und es war still in dem Walde wie zu den Zeiten, da weise Priester, die Druiden, und weise Priesterinnen hier ihre Mysterien gefeiert hatten in den großen Blättertempeln, darin die Eichenstämme wie Säulen ragten. Die Vögel schwiegen. Kein Abenteuer lauerte an der Biegung des Weges, und wie auch Gawein spähend umherblickte: das Schachbrett schwebte nicht empor. Besinnlich ritt Gawein durch den leicht raschelnden Wald. Mehr als ein scheinbar zielloses Umherirren des Ritters durch die von leisem Rauschen bewegte Einsamkeit versprach dieser Tag nicht zu bringen. Und Gawein, der dabei ganz zufrieden und von süßem Glück erfüllt war und dessen Gedanken nur leicht von einer nicht zu bannenden Wehmut getrübt waren, die gleich einem Schatten auch neben dem allergrößten Glück liegt, Gawein atmete auf, lächelte, suchte das Schachbrett, dachte an Ysabel, träumte von Ysabel, immer und ewig von Ysabel, und ihr Traumbild schwebte leuchtend vor ihm wie eine süße Vision. Die Nacht brach herein und spannte ihre stille Bläue zwischen verdämmernde Äste und dunkelnde Zweige. Sie ließ ihr tiefstes Dunkel zwischen den dichteren Stämmen aufsteigen. Sie breitete fahlen Schimmer über den langen, in Grau versinkenden Weg, der kaum noch für das Roß gangbar war; immerfort verirrte es sich in dem Gestrüpp. Und Gawein sah keine Burg und kannte auch die Straße kaum, konnte sich dabei nicht entsinnen, je ein Kastell oder eine Kapelle oder irgendwelche Behausung in diesen Gegenden gewahrt zu haben. Er kannte nur die Richtung: westwärts war er geritten, westwärts hatte er sich gehalten, wie St. Michael es ihm eingegeben hatte. Und er wußte nur, daß er an einen breiten Fluß kommen mußte, soweit er sich überhaupt dieser Orte von früheren Irrfahrten her entsann, und in der Tat schimmerte durch die Nacht seine Welle, und weiter hinauf zog sie im matten Lichte des Mondes fort, der langsam aufging, später in dieser Nacht als in der vorhergegangenen, da Gawein Ysabel drunten vor den Burgmauern begegnet war. Und breit und ruhig, fast ohne Gemurmel, wallte der die Mondnacht widerspiegelnde Strom dahin, und weißer Glanz floß an den schlanken Schilfstengeln entlang und verschmolz mit dem glitzernden Wasser. Bezaubert von so stiller Schönheit, starrte Gawein zwischen den Stämmen, die immer wieder seinen Blick hemmten, und zwischen den Ästen und Blättern hindurch, die schwarze Schleier über den Fluß woben, bis er plötzlich erschrak. Denn über das Wasser glitt die Gestalt einer weißen Frau. Stromabwärts glitt sie, und eng lag ihr weißes Gewand um ihre Glieder, golden umfloß das Haar ihr weißes Antlitz und ihre Schultern, gleich als wenn der Strom selber ihr liebevoll das Haupt umschlänge und sie so mit sich zöge auf sanfter, doch unaufhaltsamer Fahrt. Und als Gawein sie sah, bekreuzigte er sich und machte das Zeichen des Kreuzes auch zu der Ertrunkenen hinüber und stieg dann ab, nahm das Roß beim Zügel und trat näher ans Ufer. Und von da aus erkannte er sie, die dort tot auf dem Strome trieb: es war die Jungfrau Alliene, es war Amadis, sein Schildknappe. Und Gawein begriff alles, und sein Glück, das während dieses Tages wie eine Sonne in seinem Herzen gewesen war, schwand plötzlich dahin vor dem Schmerz und dem Mitleiden, das er empfand, vor dem Schrecken darüber, daß er nicht Einsicht genug gehabt und der unglücklichen Jungfrau so wenig Courtoisie erwiesen hatte, die ihm ihre Rettung dankte, die er aber nicht liebte. Und er entsann sich des Schwertes, das in den leidenschaftslosen Nächten zwischen ihnen beiden gelegen. Allein er wußte nichts, nichts davon, daß solche Zurückhaltung Ehrfurcht gewesen. Da ward des Gawein Gemüt voller Zärtlichkeit und Wehmut und großen Schmerzes, und dieweilen er sein Roß am Zügel hielt, watete er durch das Schilf und trat in das Wasser, das ihm bis an die Brust reichte, und harrte der Abgeschiedenen, die im Strome dahintrieb ... Der Hengst wieherte laut durch die Mondnacht, als verstünde er das geschehene Unheil, und Gawein fühlte ein starkes Frösteln, das kam von großer Trauer und Reue, die ihn nicht mehr loslassen wollte in dieser Nacht, darin er von Wasser und Wehmut, Stille und verschwiegenen Schmerzen allüberall umgeben war. Und als sein Roß angstvoll wiehernd sich an ihn drängte, schloß Gawein Alliene in seine Arme – das Schilf über ihm raschelte und knickte – und er schaute ihr erbleichend in das wasserfeuchte, von goldenem Haar umrahmte Antlitz, dessen Augen Wassergeister zugedrückt haben mochten. Und dann hob er ihr Antlitz höher empor und drückte den ersten Kuß auf ihren nassen toten Mund. Das Roß wieherte lauter, und nun ließ Gawein die Tote sanft aus seinen Armen gleiten, so daß sie weiter auf dem Strom dahinglitt. Und er lenkte sie liebevoll so, daß sie in der Mitte des Stromes trieb, und blickte ihr nach. Sie zog weiter dahin in dem jetzt hell leuchtenden Mondenschein, und es schien, als sei ein Lächeln um den bleichen Mund erblüht, der sich geöffnet hatte, und Gawein schaute ihr lange nach und bekreuzigte sich und schlug auch ein Kreuz in der Richtung der immer weiter Davontreibenden. Sie ward dem weiten Meer entgegengeführt, dem salzigen Grabe, das süßer ist, denn irgendein Erdengrab es sein könnte. Und als er die tote Jungfrau nicht mehr sah, die wie eine mattsilberne Welle dahinzog, als der Umriß ihrer weißen Gestalt ihm entschwunden war, da entstieg er dem Wasser und dem Schilf, während die silbernen Tropfen von seiner silbernen Rüstung herabflossen, und seufzte tief, aber nun nicht mehr vor Glück. Und er hob seufzend den Arm und schlug sich mit der gepanzerten Faust unter dem hochgeschlagenen Visier auf die Stirne und kniete nieder und sprach sein Gebet für die Seele der Alliene, die vielleicht in diesem Augenblick bereits zu einem dunklen Vogel geworden, flüchtig in den Wassern des Fegefeuers untertauchte, um weiß und lauter wieder emporzuschweben, während ihr Leib noch nicht in das Meer getragen war, noch immer dort in der Ferne trieb ... Und darauf bestieg Gawein, tief aufseufzend, von neuem sein Roß und ritt weiter. Und die süßen Gedanken verließen ihn nicht in den Schatten der Nacht, bis er müde von seinem müden Hengst herabglitt und beide unter den schwarzen Blättern der Bäume einschliefen: und der Ritter hielt den enthelmten Kopf an die von tiefen Atemzügen bewegte Flanke seines Pferdes gelehnt und träumte – – von Ysabel. Kapitel XXVII Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Gawein erwachte und ganz erstaunt um sich blickte, wie er dort im Walde lag. Gringolet lief grasend umher, und rings um den Ritter fanden sich am Boden sein Helm, sein Sattel, sein Schwert, Schild, Speer und seine Panzerhandschuhe. Und als er sah, wie sein Roß so ruhig neben ihm graste, war Gawein hocherfreut und dachte vor dem jungen Hengst an die verlorene Grigolette, die auch niemals von ihrem Herrn gewichen wäre, die treue Stute, die er, weh und ach, sich in dem Strom hatte zu Tode quälen lassen. Nun wollte er nicht länger säumen und erhob sich und rückte sich sein Panzerhemde zurecht: ein Ritter, der auf Abenteuer zog, rastete wohl hin und wieder weniger bequem, als wenn er in einem heilbringenden Wunderbette in einer gastfreien Burg am Wege ruhen konnte! Er rieb Gringolet die Flanken, sattelte ihn flugs und behelmte sich und gürtete sein Schwert um, saß auf und ritt wieder weiter. Wehmut und Glück mischten sich in seiner Seele, die in der Einsamkeit des morgendlichen Waldes zur Ruhe kommen wollte: Wehmut beim Gedanken an Alliene, Glück im Erinnern an Ysabel, und dazwischen dachte er an viele andere Frauen, aber über sie alle stieg dann immer und immer wieder das Bild der einen Jungfrau, Ysabels, empor. Und ihr war keine gleich ... Für die Wahl der Wege und Wegkreuzungen durfte er sich getrost und froh dem heiligen St. Michael anvertrauen, der ihn schon recht leiten würde, so wie es vorausbestimmt war, auf daß er das Schachbrett fände. Oftmals war es vor ihm hergeschwebt, bis es in die Burg von Endi herabgestürzt und verschwunden war. Wie aber, wenn es doch noch immer in der Burg läge? Freilich hatte er allein und mit Ysabel zusammen in allen unterirdischen Gewölben und Winkeln und hinter allen Türen und in allen Verliesen gesucht. Und darum glaubte er wohl, daß es von neuem aus dem Schlosse entschwebt sei und er es wiederum suchen müßte und von neuem finden würde und von neuem die Gunst seines Königs Artur erringen könnte, mitsamt der Minne seiner Jungfrau: Ysabel ... Während Gawein so in Grübeln versunken war, trottete sein Roß gemächlich weiter. Die Morgensonne offenbarte alle Geheimnisse des Waldes. Schon begannen die Blätter sich gelb zu färben und golden zu leuchten, und der Himmel blickte ganz blau und durchsichtig durch die Zweige und hochaufgetürmten Wolkenmassen ... Da ertönte zwischen dem Gezwitscher der Vögel plötzlich, beinahe unhörbar erst, doch allmählich deutlicher, ein feines Gesurre, und Gawein sah, hoch oben am blauen Himmel auf den weißen Wolkenbergen, gleichsam herausfordernd, das Schachbrett schweben gleich einem Vogel, und es blitzte flüchtig auf mit seinen kostbaren Figuren, die noch immer unbewegt aufrecht standen. Das Schachbrett! Das Schachbrett! Da war es! Wohin würde es ihn jetzt führen, zu welcher Burg, zu welchem Abenteuer? Es ging bereits gegen Mittag, und Gawein, der schon einen ganzen Tag und eine ganze Nacht gefastet hatte, fühlte dennoch, daß ihm die Kräfte wuchsen, so wie es stets gegen Mittag der Fall war. Oh, an diesem Tage war er auf alles vorbereitet trotz seiner Wehmut, trotz seines Glückes – auf alles. Wenn er nur endlich des Schachbrettes sich bemächtigen könnte! Und zum erstenmal seit seiner neuerlichen Ausfahrt, seit gestern und heute, spornte Gawein Gringolet an und trabte mit ihm über den Weg, und leicht sprang das Roß über alle Hindernisse hinweg, die umgestürzte Bäume boten, und war schon bald aus dem Walde hinaus und einer Lichtung nahe, wo dunstige Hügel rings den Sehkreis eingrenzten ... Das Schachbrett blieb indessen gleich einer schimmernden Lerche hoch, ganz hoch über Gaweins Kopf hangen. Oh, daß Gawein Flügel hätte! Dann wollte er durch die Sommerlüfte dem Schachbrett nachschweben, bis er es griffe! Und der Ritter, der beinahe unbewußt seinem Roß die Sporen gab, daß es sich aufbäumte, als könne es wirklich hoch empor in die Lüfte steigen, starrte noch immer sehnsüchtig nach dem Schachbrett, das da über ihm schimmerte ... Er stieß einen Schrei aus wie ein Knabe, der einen Falter greifen will. Er streckte – vielleicht ohne es selber zu wollen – seine geöffnete Panzerhand dem Unerreichbaren entgegen, das da hoch in den Lüften herausfordernd schwebte, nach dem glitzernden Dinge ... Bis plötzlich das Allerundenklichste geschah ... Es knallte etwas ... Ein seltsames Geräusch war es, ein merkwürdiger zauberischer Lärm in dieser einsamen Welt der Hügel, der Ebene, der Wolken, des Waldes ... Es knallte etwas ... vermutlich in dem Schachbrett ... Und siehe, aus dem Schachbrett drang blauer Dampf, der sich sogleich am bläulichen Himmel auflöste ... Und dann, o Wunder, sank das Schachbrett, gleich als wäre etwas darin zerbrochen, rasch, wirbelnd, immer schwerer und schwerer aus der Luft herab, und Gawein, dem der Mund vor Staunen offen blieb, sah, wie es mitten auf der Ebene in das Gras herabfiel. Er sprengte in rasender Hast dorthin, fürchtete erst, daß es ihm wieder entweichen könnte, doch als er die Stelle erreicht hatte, wo es herabgefallen war, fand er es zwischen den Halmen liegen. Er war so verwundert, daß er nicht sogleich abstieg, um es zu ergreifen. Dann aber sprang er aus dem Sattel – ergriff das Schachbrett ... Die Figuren rollten durcheinander, wenngleich sie noch an dem Brette hangen blieben ... Das Spiel war in Unordnung geraten, und man sah nun, wie die Figuren an metallenen Fädchen über dem Brett hingen ... Sogar der goldene König, Arturs Ebenbild – ein zierlich getriebenes Figürchen – hatte sich losgelöst, und Gawein hob es aus dem Grase auf und betrachtete es ... Er hatte das Schachbrett! Allein die Partie war nicht mehr auszuspielen ... Er hatte das Schachbrett. Allein das Brett mit den Edelsteinfeldern war zerbrochen. Gawein betrachtete es neugierig. Es hatte, wie es schien, einen doppelten Boden. Der war geborsten, und in seiner Höhlung entdeckte Gawein eine seltsame, kleine, zierliche Maschine; so kompliziert war sie, daß sie ihn wie ein Rätsel dünkte. Sehr kleine Räderchen saßen an unzähligen kleinen Eisendrähten, die miteinander verbunden waren, und all diese feinen Drähte lagen nun durch- und übereinander, zerbrochen, verbogen, zu einem hoffnungslos verworrenen kleinen Knäuel zusammengeballt, und Gawein schüttelte den Kopf und zuckte, selber unwissend und dazu in seinem Denken von allerlei Abenteuern verwirrt, die Achseln. Er schaute hinein und tastete mit blutig gerissenen Fingern vorsichtig nach den kleinen Metalldrähten und befühlte die kleinen Rädchen. Allein er begriff nichts davon. Er sah nur so viel ein: daß Zauberei und seltsame Maschinen aller Art, ob groß oder klein, wohl sehr viel Zusammenhänge miteinander hatten. Und eines wenigstens wußte er gewiß: er hatte das Schachbrett wieder, wenn auch zerbrochen. Es sah sogar aus, als würde es ihm nie mehr davonschweben können. Und sorgfältig raffte er die an den metallenen Fädchen hängenden Figuren zusammen und verwahrte sie samt dem Brett in der Tasche an seinem Sattel. Das Schachbrett fand nicht völlig darin Platz. Es guckte mit seiner oberen Seite heraus. Was für ein elendes Ding schien es doch nun zu sein, wie es so da aus der Satteltasche hervorsah! Und Gawein war, während er aufstieg und langsam im Schritt weiterritt, der Gedanken voll. Was würde sein König sagen, wenn er nun nach Camelot mit dem zerbrochenen Schachbrett zurückkehrte, das nicht mehr schwebte und auf dem sich keine Partie mehr ausspielen ließ, so daß Artur, von seinem Traume befangen, um den Verlust seiner Krone Sorge tragen müßte? Es bedrückte Gawein immer mehr, daß er dieses Schachbrett nicht so wie das erstemal unversehrt und noch zauberkräftig zurückschaffen konnte. Ja, es gab zwischen Himmel und Erde mehr seltsame Dinge, als ein fahrender Ritter sich träumen ließ! Und Gawein, der des Denkens müde war, schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln ... und überließ sich ganz der Führung seines Rosses, das ihn wieder in den Wald hineintrug. Plötzlich blickte er auf: war er denn auf dem rechten Wege nach Camelot? Um König Artur das Schachbrett zu bringen? Er glaubte nicht, daß diese Straße nach Camelot führte, und er wußte selber eigentlich nicht recht, warum: vermutlich wohl, weil die Erfüllung seiner Aufgabe, wie er voll Unbehagen in seinem ritterlichen Gemüte empfand, ihn von seinem Glück in Ysabel ablenkte, empfand er plötzlich alle Dinge als etwas recht Übles: diese Wälder, die einander so sehr glichen, daß ein fahrender Ritter sich immerfort in ihnen verirrte, diese Wege, die nur dazu gemacht zu sein schienen, um fahrende Ritter noch mehr zu verwirren, als es ohnedies ihre Bestimmung war, das Abenteuer, das wohl ein guter Ausgang zu krönen schien, das jedoch immerhin nicht restlos befriedigte, weil das wunderbare Schachbrett in der Tat zu nichts mehr nütze war. Und ärgerlich auf sich selber und auf alles, und auch dem hilfreichen St. Michael gar nicht allzu fromm und ergeben gesinnt, schaute Gawein, der sogar nur mit Mühe einen Fluch unterdrückte, nach allen Richtungen aus und glaubte, er müsse jetzt südwärts reiten, war aber keineswegs dessen sicher, bis er – wie so froh war er ob solchen Schalles in dieser Einsamkeit! – Hufgetrappel sich nähern hörte und die Zweige krachten, die herabgebrochen am Wege lagen. Und wohlbekannte Stimmen glaubte er zu vernehmen, und eine dieser Stimmen rief: »Ja, wahrlich, bei Gott im Himmelreich, es gibt doch noch Abenteuer: zuweilen locken sie noch, auf Ritterfahrt zu gehen ... Gawein ist ausgezogen, um ein Schachbrett ...« »Und hat zwei unserer eigenen Gefährten bestraft, weil sie Schurken waren ...« »Und eine bedrängte Damoicele gerächt und befreit ...« »Und wir ...« Indessen waren die nahenden Ritter um die Biegung des Weges gekommen, und sobald Gawein ihrer ansichtig wurde, erkannte er, zwei und zwei nebeneinander reitend, die Ritter der Tafelrunde! Lancelot, Gwinebant, Galehot und Sagremort, und mit ihnen Hestor und Melegant, Agloval, Ywein und Bohort. Und die Neun ihrerseits erkannten Gawein und jubelten ihm freudig zu, und der beantwortete nach ritterlichstem Brauche ihre freudigen Grüße. Und er sprach: »Ihr habt also, meine viellieben Gesellen Lancelot, Gwinebant, Galehot und Sagremort, mitsammen die fünf anderen Degen gestern aus dem Liebeshain befreit?« Da brach Agloval in ein lautes Lachen aus, aber die anderen aus dem Liebeshain erlösten Ritter blickten starr und verlegen vor sich hin. Agloval lache sehr laut, meinte Galehot lächelnd. Das sei wohl das beste, was er tun könne, statt sich zu entschuldigen. »Waren sie gefangen oder nicht?« meine Sagremort, »das ist die Frage.« »Die waren niemals gefangen im Liebeshain«, stotterte Ywein, doch er stotterte nur leicht, »und die Damoicelen wollten gar nicht befreit werden ...« »So daß wir in Wahrheit gar keine schurkischen Ritter mehr zu bekämpfen hatten«, erklärte der kleine, aber tapfere Melegant, »sei dessen gewiß, viellieber Gefährte.« Sie kamen und gingen, die Ritter – Hestor berichtete es sehr einfach und erklärend dem Gawein – es waren unter ihnen solche von König Mirakel ... Von König Ban ... Auch von König Assentijn ... »Und auch von allen anderen alten Königen der ganzen Christenheit ringsumher«, riefen Agloval, Ywein, Melegant und Hestor durcheinander. »An allem ist nur Bohort schuld«, meinte Ywein, während er mit dem Finger auf ihn zeigte und ihn anklagte. Und die drei anderen wiederholten und wiesen dabei ebenfalls mit dem Finger auf ihn: »An allem ist nur Bohort schuld!« »Was wollt ihr!« sagte Bohort, und stark errötend schlug er die Augen nieder, wie riesengroß er auch auf seinem Rosse sitzen mochte. »Die Damoicelen neigten sich gar so verführerisch aus den Fenstern, als wir kamen, sie zu erlösen ...!« Kapitel XXVIII Lancelot hatte Mitleid mit seinem Freund. »Die Pforte zum Liebeshain ist ja allezeit gastlich geöffnet«, sprach er mit sehr sanfter Stimme. Und Gwinebant, der um Ysabels, der Schönen willen, im innersten Herzen eifersüchtig auf Gawein war, bezwang sich und fügte ritterlich hinzu: »Und alle Zugbrücken waren herabgelassen.« Gawein lächelte höflich und verstehend: »Ich begreife«, sagte er wohlwollend. »Gar so große Schurken waren jene Ritter auch nicht, denen wir dort begegneten«, meine Bohort entschuldigend mit seiner tiefen Baßstimme. Und dabei schüttelte er energisch verneinend das ungeheure behelmte Haupt. »Wir spielten mit ihnen das Wurftafelspiel«, sagte Hestor so bescheidentlich, wie er nur konnte. »Wir trrr – ranken mit ihnen roten burgundischen Wein und dunkelsüßen aus sss – sonnigen Ländern des Südens«, sagte Ywein und stotterte ein wenig mehr als sonst, da er Gawein gegenüber seiner Sache sicherer war. Allein Agloval rief laut auflachend: »Wir aßen mit ihnen saftigen Braten und Wildbret!« »Und wir übten höfische Ritterspiele mit ihnen«, sagte Melegant prahlerisch, und dabei krähte er wie ein Hahn. »Euer Abenteuer, meine lieben Gefährten«, sagte Gawein und lächelte dabei noch immer so höflich, daß sie alle fünf merkten, wie gut er sie begriff, »verlief so, wie es eben nur verlaufen konnte, und ich bin hocherfreut, euch allen bei guter Gesundheit zu begegnen, und wollet ihr nach Camelot und zu unserem gnädigen König Artur zurückkehren, so ziehe ich mit Euch, denn ich habe das schwebende Schachbrett nun gewonnen. Sehet, hier steckt es in meiner Satteltasche.« Und damit zeigte Gawein die eine Ecke des Schachbrettes, die aus seiner Satteltasche herausguckte. Alle Ritter verwunderten sich. Das Schachbrett, das schwebende Schachbrett! Das Schachbrett – das Merlin hatte fortschweben lassen, das Schachbrett, das zu so vielen Abenteuern geführt hatte – dieses Schachbrett hatte Gawein nun gefunden und gefaßt – und nun war er auf dem Wege, es dem König zu bringen. »Es ist aber arg zerbrochen«, sagte Gawein. Und alle die neun schauten einander an, und ihre fragenden Blicke kreuzten sich. Abenteuer? Hatte das Schachbrett in die große Langeweile ihres Daseins Abenteuer gebracht? »Kehren wir alle nach Camelot zurück, meine lieben Gefährten«, sagte Lancelot mit freundlichem Neigen des Hauptes. Er fühlte sich eigentlich sehr beschämt, weil er um das Schachbrett wußte, das Merlin gesandt hatte. Und er ritt zur Linken Gaweins, während Gwinebant sich rechts von ihm hielt und ohngeachtet seiner Eifersucht wegen der schönen Ysabel hoch erfreut darüber war, daß Gawein ohne Missewende die Aventiure, die eigentlich gar keine rechte Aventiure gewesen war, vollbracht hatte. Allein hinter ihm flüsterten die anderen Ritter: Sagremort: »Das schwebende Schachbrett ... war das nun Zauberei oder nicht?« Galehot: »Es ist so sehr Zauberwerk, daß es am Ende gar arg zerbrach.« Ywein: »Es ist ... auberei, denn Merlin ist und bleibt ein ... auberer ...« Bohort sagte nichts, weil er in all seiner Riesengröße Anführer der Ritter gewesen war, die ausgezogen waren, um Gawein, Mordred und Didonel zu suchen, und sich nun einigermaßen beschämt fühlte, weil er glaubte, an den Begebenheiten im Liebeshain ein groß Teil Schuld zu tragen. Auch Melegant sagte nichts, weil er plötzlich nicht mehr ganz sicher war – der Zweifel steckte ihnen wohl allen mehr oder weniger im Blut –, ob die Ritter, mit denen er im Liebeshain fröhlich gewesen war, wohl wirklich lauter echte Ritter gewesen sein mochten ... Allein Agloval lachte plötzlich laut auf und wies auf eine weite Ebene hin, an der sie vorüberritten; da wogten gleich einem Meer viele Schafherden, die von unzähligen ihnen rasch folgenden Hirten getrieben wurden. »Seht nur, meine Gefährten, wie die tollen Schafe vor den noch tolleren Hirten fliehen, die hinter ihnen her sind!« Die Ritter machten halt im Schatten der Buchenzweige, die sich über den Weg neigten, und über die in Sonnenschein gebadete Ebene näherten sich die fliehenden Schafe vor den hinterdrein jagenden Hirten. Und die Ritter hörten die Hirten rufen: »Große Barone und tapfere Helden, helft uns! Steht uns bei, ihr hier im Lande Endi, schützt uns, die wir zum Hofhalte des Königs Assentijn gehören.« »Was geht hier vor?« riefen Gawein, Lancelot, Gwinebant. Die Hirten hoben verzweifelt ihre Stäbe empor: »Der König Clarioen von Nordcumberland ... er kommt mit einem Heer, um Endi zu belagern! Er ist unserem König, dem König Assentijn, gram. Er trägt ihm Groll, weil er den Karrenritter an seinem Hofe zurückhält. Er ist erzürnt, weil unser König sich weigert, seine Enkeltochter, die Prinzessin, solch grimmem Fürsten zur Ehe zu geben!« »Ysabel«, riefen Gawein und Gwinebant aus. »Helft, helft uns, ihr tapferen Helden und großen Barone«, riefen die Hirten! Wie ein graues wolliges Meer wogten die Schafe längs des Weges. »Wo ist die Straße, die am schnellsten nach Endi führt?« rief Gawein. Denn fahrende Ritter kannten nur selten die kürzesten Wege. »Hierhin! Dorthin!« schrieen die Hirten und wiesen über die Ebene zurück. Und dann ... Dann jagten die zehn Ritter auf ihren freudig aufsteigenden Rossen ungeduldig über die Ebene. Sie hörten nichts mehr. Ihre Rüstung und ihre Waffen klirrten laut und rasselten in dem blendenden Sonnenschein. Prächtig anzuschauen waren alle diese Zehn wie silbervergoldete leuchtende Metallsilhouetten auf den kräftigen, schwer gebauten Rossen mit den Schabracken, und deutlich hoben sie sich von dem zitternd herabfließenden Lichte des Mittags ab. Rings um sie jagten die Schafe, schrieen die Hirten und schwirrten die erschreckten Schwalben ... +++ Als die zehn Ritter der Tafelrunde nach einem wilden Ritt über Ebenen, durch Wälder und Sümpfe, auf Wegen und Umwegen, in Heide und Weide dahergestürmt kamen und der Königsburg von Endi ansichtig wurden, sahen ihre Augen nun freilich ein Schauspiel, das sie verwunderte. Ein ungeheures Heer hatte sich rings um die Burg gelagert. Große und kleine Zelte in dichtem Gewimmel waren aufgeschlagen, und Fähnlein flatterten grün, blau, gelb und rot, und die goldenen Adler von Nordcumberland hoben sich glitzernd von dem Grün der Wälder und dem Blau des Himmels ab. Und als die Ritter das Heer sahen, das sich so gewaltig groß, so breit um die Burg des Königs Assentijn zog, da kam ihnen zum Bewußtsein, daß sie ihrer zehn waren, nicht mehr und nicht weniger, und nun so das große Abenteuer bestehen und die gewaltige Tat vollbringen mußten, die Burg zu entsetzen, weil doch König Assentijn und König Artur von Logres Freunde waren und weil doch des Königs Assentijns Enkeltochter, die Prinzessin Ysabel, zwar, wie alle wußten, dem nämlichen Clarioen, der in das Reich eingefallen, verlobt, aber zugleich doch die Herzallerliebste des Gawein oder des Gwinebant war: wessen von beiden, das wußte man nicht so gewiß, allein keiner wollte aus Höflichkeit den Gawein oder den Gwinebant fragen. Sie wußten nur, daß sie gegen ein ganzes Heer würden kämpfen müssen, zu zehnt als echte Helden, die sie waren. Nun gewiß, wenn sie sich besser umschauten und die Hand über die Augen legten, denn das Visier hatten sie noch hochgeschlagen, so sahen sie wohl, wie über Weide und Heide, auf Wegen und Umwegen, durch Sümpfe und Wälder und Ebenen all die Leibeigenen des Königs von Endi dahergestürmt kamen und all die kleinen Vasallen und Diener Assentijns herbeieilten, ihren Herrn zu entsetzen. Allein die zehn Helden lachten darüber, denn diese Kerle aus den Dörfern, von denen viele noch dazu nur mit Spaten, Stöcken und Schaufeln bewaffnet waren, würden ja doch kaum mit den Kriegsknechten des Clarioen fertigwerden! So versprachen sich denn unsere zehn Ritter gegenseitig mit Eid und Handschlag, daß sie für den König Assentijn und für die Prinzessin Ysabel kämpfen wollten, wobei Sagremort allerdings noch erst rief: »Aber will sie denn Königin von Nordcumberland werden oder will sie es nicht mehr? Das ist die Frage.« Worauf Agloval laut auflachte und Ywein etwas stotterte und Gawein sagte: »Meine lieben Gefährten, zaudert noch ein weniges. Nun ich das schwebende Schachbrett gefunden, habe ich meine Fahrt vollbracht. Ich darf mit diesem kostbaren Pfand in meiner Satteltasche nicht in den Kampf ziehen. Lasset es mich hier bei dieser Eiche vergraben, und sollte ich in der Schlacht fallen, so mag derjenige unter euch, der verschont bleibt, um des Himmels willen das Schachbrett ausgraben und es mit der Versicherung meiner unwandelbar gebliebenen Treue und Liebe dem König Artur bringen...« Sie alle stiegen ab, sie alle halfen ein Loch graben mit ihren Schwertern. Gawein legte das Schachbrett mitsamt seinen Figuren hinein und breitete Farrenblätter darüber. Dann füllten sie die Grube wieder mit Sand und darüber schwuren sie bei den Kreuzgriffen ihrer Schwertklingen einen Rittereid. Sie stiegen wieder zu Rosse, ließen das Visier herab und stürmten dann, laut schreiend, in der Richtung vor, wo das feindliche Heer vor dem Haupttore der Burg lag, gegenüber dem Burghof mit der Königslinde, unter der König Assentijn zu sitzen pflog. Auf allen den Wällen der Burg und vor den Toren und an den aufgezogenen Brücken wimmelten die eisenstarrenden Kriegsknechte, die den Angriff erwarteten, und die Barone von Endi erkannten von den Festungswällen aus die zehn Ritter der Tafelrunde, die dahergejagt kamen, so wie auch jene selber die Barone erkannten und ihnen zuriefen, daß sie nur guten Muts bleiben sollten. Aus dem größten Bogenfenster sahen die zehn Gefährten den König Assentijn herausspähen, den die Edelleute zurückhielten, sich noch weiter in den Bereich feindlicher Wurfspieße oder Pfeile vorzuwagen. Droben aber von der höchsten Zinne sahen die zehn, und von ihnen Gawein und Gwinebant zu allererst, etwas Weißes flattern. Es war der Schleier der Ysabel. Da stand Ysabel selber inmitten der Schar ihrer Edelfrauen und Dienerinnen. Alle die Frauen von Endi sahen sich von dort oben die Belagerung mit an. Während ihre eigenen Rufe den zehn Rittern, die jetzt die Speere als Zeichen des Grußes und zur Ermutigung erhoben, nur schwach entgegenklangen, ertönte laut das Gekläffe der zahllosen Schoßhündchen, die von den Edelfrauen mit auf diesen höchsten Turm genommen worden waren und in ihren Armen, an ihrer Brust, in den Falten ihrer Gewänder aus kostbaren Stoffen sich geborgen fühlten. Und deutlich ließen sich die kläffenden Hundeköpfchen mit ihren scharfen Äuglein über den unzähligen sich heiser kläffenden Kehlen unterscheiden, und über allen diesen Frauen und Hündchen flatterte rauschend das gewaltige grüngelbrote Banner von Endi ... Aber auch in dem Lager Clarioens, des Königs von Nordcumberland, der erzürnt war, weil sein Ritter Lionel von dem Schandkarren befreit und der Karren selber entzaubert worden war und weil König Assentijn ihm durch Botschafter plötzlich hatte ausrichten lassen, daß er ihm seine Enkeltochter, die schöne Ysabel, nicht als Frau und Königin geben wollte, waren die zehn Ritter der Tafelrunde gesehen worden. Kapitel XXIX Dann hub das Kämpfen an. Die Barone von Nordcumberland, die noch ruhig in ihren Zelten beim Schachspiel gesessen hatten, aber allbereits gewaffnet waren, warfen sich nun auf die Rosse und ritten den zehn Rittern entgegen, während der Kampf zwischen den Freisassen und den leibeigenen Bauern bereits rings um die belagerte Burg entbrannt war. Allein Gawein führte Bohort, Hestor, Melegant und Galehot an, und Lancelot hatte den Befehl über Sagremort, Ywein, Agloval und Gwinebant, und die widerstanden gar mannhaft dem jähen Ansturm so vieler Nordcumberlander Barone. Bei Sankt Michael, was fuhren da für gute Schwerter durch die Luft! Und was für blitzende Helme und was für glitzernde Speere und was für flatternde Wimpel und was für wehende Banner leuchteten grell und farbig durcheinander, und was sah man für große und starke Rosse! Wohl über fünftausend und mehr waren rings um die Bedrängten geschart. Doch bevor diese zehn ihr frohes Leben ließen, würden sie, deß war man gewiß, so manchen Mann zu Tode treffen. Wie groß ist der Drang aller, einander ans Leben zu gehen! Halsberge werden aufgerissen und Schilde zerschlagen. Bei Sankt Johann, da gibt es ein Schlachten und Schlagen! Und mancher gute Mann muß sterben, der es wagte, dem Speerstich oder Schwertschlag eines unserer Zehn zu trotzen. Tapferkeit ohnegleichen beweisen sie, wenn sie die blanken Schwerter nur so schwingen und herumsausen lassen, gleichviel, wen sie auch treffen mögen, die Helden: Gwinebant so jung und voll sehrender Minnenot, Agloval, der immerfort laut auflacht, Ywein, der beim Dreinhauen nicht mehr stottert, Sagremort, der nun nicht mehr zaudert, noch zweifelt, wenn Lancelot ihn angehen heißt. Sie sicheln nur so die Köpfe und die Arme ab, und die fallen links und rechts – hier ein Kopf und da ein Arm; bei Sankt Michael, wie viele Arme und Köpfe wohl! Und auch der Riese Bohort, der nicht mehr an den Liebeshain denkt, und Hestor, der nun durchaus nicht mehr bescheidentlich tut, und Melegant, der immer tapferer wird, je kleiner er im Vergleich zu seinem Widersacher ist, und Galehot, der stets so anmutig lächelt und auch unter seinem Visier ein unsichtbares Lächeln um den Mund hat, schwingen die Schwerter, und die Nordcumberländer Köpfe fliegen nach links und nach rechts, und die Nordcumberländer Arme fallen hierhin und dorthin. Gawein vollends gleicht einem Löwen. Gawein kämpft wie ein Leu. Gawein haut die Nordcumberländer in zwei Stücke, Männer und Rosse schlägt er nieder und wirft sie über den Haufen. Noch niemals sah ein Mensch solches Anrennen, noch niemals hörte ein Mensch solch ein Getöse und Gedröhne und Geschmetter und Kampfgebrause. Wie die Sense die Halme mäht, so mäht Gaweins Schwert die gehelmten Köpfe, und jeder, der es sieht, ist entsetzt. Mit Fingern weisen sie alle auf ihn, auf Gawein, den Kühnen, der das Schwert flugs in die Scheide steckt und den Nordcumberländern dann den Speer quer durch die Leiber jagt und sie von seinem Sattel aus nach links und rechts über den Boden schleudert. Gegen die zehn Ritter der Tafelrunde läßt sich nicht ankommen, sie lassen sich nicht überrumpeln, das sieht sogar der alte König Clarioen ein, der böse König, der schlechte König von Nordcumberland, der sich noch einen Schandkarren für seine Ritter hielt, der König Clarioen von Nordcumberland, der da glaubte, daß ein jeder Ritter ihm nach Leben und Krone trachte, der König Clarioen von Nordcumberland, der sehnlich wünschte, einen Erben aus dem Schoße der holdseligen Prinzessin Ysabel von Endi zu gewinnen. Nein, gegen diese zehn ist nicht anzukämpfen, nicht einmal, wenn Tausende ihnen gegenüberstehen, denn die zehn Zierden der Tafelrunde ragen noch immer mit ihren golden und silbern behelmten Köpfen über dieses entsetzliche Gemetzel, und rings um sie fliegen die Köpfe von den Hälsen, und die abgehauenen Arme wirbeln umher, und das grüne Gras ist verfärbt von dem roten Blute, und überall, wohin sich die zehn zuhauf drängen, haben ihre Gegner das bittere Spiel ausgespielt. Bis die Tausende zu weichen beginnen, zurück zu den fahnengeschmückten Zelten, bis die Zelte nachgeben und zusammensinken, wie Schiffssegel auf wilder See in Sturmesgewalt. Bis der böse König Clarioen von Nordcumberland dem heiligen Johann und dem Kinde Mariens und dem Gott im Himmelreiche selber flucht, so flucht, daß die Teufel und Dämonen aufhorchen und sich schon auf ihn freuen; bis er sich auf sein schwer gepanzertes Roß schwingt und inmitten seiner letzten Barone und Ritter verzweifelt vor seiner ganzen besiegten Heerschar herzutraben beginnt, durch den Wald, durch den Sumpf, durch die Ebene. Und immer weiter trabt er und trabt, trabt, um sein armseliges Leben zu retten. Tapfer hatten auch die Barone Assentijns und wacker hatten auch die Landleute mit ihren Spaten und Äxten mitgekämpft, und der Sieg war – Sagremort zweifelte nicht daran – zugunsten derer von Endi entschieden. – Der Tag ging zur Rüste. Kupferfarben rot sank die Sonne. Ihr letzter Schein war wie mit Blut gefärbt, gleich als ob sich die vergossenen Ströme edelsten Lebenssaftes in ihr spiegelten. Das Feld war weithin mit Toten bedeckt, und die Barone befahlen ihren Gefolgsmannen, daß sie aufräumen sollten. Es sollte wohl Tage und Nächte dauern, bis so viele erschlagene Reiter und Rosse bestattet sein würden. Die zehn Ritter der Tafelrunde sammelten sich und ritten mit den Baronen der Burg entgegen, auf deren Zinnen die Edelfrauen mit ihren Schleiern winkten, während die Schoßhündchen kläfften, und just als die Barone und Ritter über die erste herabgelassene Zugbrücke reiten wollten, trat der Kaplan mit sechs Chorknaben heraus. Er brachte auf des Königs Assentijn Geheiß den Sterbenden auf dem Schlachtfelde das Heilige Sakrament. Beten wollte er für alle sündigen Seelen, die dort im dämmrigen Abend zagten, weil die wilden Teufel in den fallenden Schatten sicherlich schon mit glühenden Augen lauerten, um mit den armen Seelen ihren grimmen Scherz zu treiben und mit ihnen wie mit Bällen zu spielen. Ehrerbietig ließen die Barone und Ritter den Kaplan mit seinen sechs Chorknaben vorüber, die bereits die Totengebete murmelten, und die tapferen Helden bekreuzigten sich und ritten dann gleich über alle die Brücken und wurden auf dem Burgplatze mit großem Jubel empfangen. Nun brach die Nacht bereits herein, und der König Assentijn stand unter der Linde auf seinem Thron und empfing mit offenen Armen Gawein, den er an sein Herz drückte, und sagte, alles einst Gewesene sei vergessen, aller Groll wegen der ersten Ysabel, die Gawein entführt, und wegen der viermal zwanzig Mannen, die er ihm dazumal vor jedem der zwölf Tore erschlagen habe. Und der König umarmte auch Lancelot und Gwinebant und Sagremort und Agloval ... warum soll ich es so lang machen? – Kurz, er umarmte alle zehn tapferen Ritter der Tafelrunde des Königs Artur, die ihm zu Hilfe geeilt waren, und er war froh, seine guten Barone wiederzusehen, die sich vor ihm auf ein Knie niederließen, und er pries sie ob ihrer vielen kühnen Waffentaten. Und dann trat Ysabel im Kreise ihrer Edelfrauen heraus – allein der König hatte streng befohlen, daß alle Schoßhündchen eingesperrt werden sollten, auf daß der feierliche Augenblick nicht gestört würde! – Sie glich – meinte Gawein – und auch Gwinebant dachte das nämliche – in ihrem weißen Gewande aus kostbarem Stoffe, mit ihren goldenen Flechten einem Engel, so weiß und so glänzend stand sie im gelben Schimmer der schwelenden Fackeln; und sie dankte den Rittern in der ihr eigenen holden Sprache, und als sie sich vor ihr neigten, fühlte ein jeder sich in seinem Innern bewegt, weil er sich dessen bewußt war, seiner beschworenen Ritterpflicht nachgekommen zu sein, als er mit der Heiligen Jungfrau Hilfe diese liebreizende Prinzessin erlöste – und mit ihr so viele anmutige Edelfrauen. Die Ritter und Barone, die verwundet waren – denn sicherlich, es gab ihrer fürwahr manchen, der eine Schramme oder eine Beule empfangen hatte, ja, es wurden sogar einige mit schweren Schäden vom Schlachtfeld hereingetragen –, die legten sich zu dritt oder viert in das Wunderbette: das war, wenngleich es nicht von Merlin gefertigt war, dennoch ein außerordentlich heilkräftiges Wunderbett – es stand ja in jenen Tagen in jeder Burg ein solches – wie es vor Zeiten nur beim König Mirakel eines gegeben hatte ... Und nach zwei oder drei Stunden – das hing von der Schwere ihrer Wunden ab – konnten sie genesen sein. Doch indessen hatten die zehn Ritter der Tafelrunde und die Barone und Edelfrauen rings um den König und die schöne Ysabel gegessen und getrunken: Ochsenfleisch und Wildbret und roten Burgunder und gewürzten süßen Wein, und der Sänger hatte zu seines Fiedlers Weise sogleich die Feldschlacht besungen – doch niemand gab viel acht auf ihn. Es war schon spät in der Nacht, und die Ritter waren müde vom Kampf und der König nicht minder – nur die Prinzessin Ysabel war es nicht. Und als die Barone und Edelfrauen sich vor dem König verneigt hatten, da zupfte Ysabel ihren Großvater an einem Zipfel seines Hermelinkragens und sagte, während sie ihr Köpfchen hob und alle die zehn Helden sie hörten: »Mein viellieber Großvater und mächtiger Fürst: das ist ja nun alles schön und gut; wir von Endi haben gesiegt, und die von Nordcumberland sind ohne Zweifel unterlegen. Aber nun, da wir auf jenen Bösewicht, jenen Schalk, jenen Clarioen erzürnt sind und der auf uns von Endi erzürnt ist ... nun sagt: welcher König soll die Ysabel ehelichen, mein vielteurer Großvater und wohledler Herre?« »Mein süßes Enkeltöchterchen«, erwiderte darauf Assentijn ein wenig verstört, während Ysabel ihr Köpfchen an seinen watteweißen Bart geschmiegt hielt, »sei dessen gewiß: deine Ehe wird in Ehrung aller Fragen höchster Staatskunst geschlossen werden, und ich darf darüber nicht so ohne weiteres befinden, aber ... wenn du auch gar keinen König wählen solltest, mein Herzblatt, so würdest du doch dereinst Königin von Endi werden, wenn ich zur ewigen Ruhe eingehe. Drum sei außer Sorge und laß uns jetzt schlafen gehen. Am morgigen Tage können wir weiter darüber beraten ...« Darauf verneigte sich Ysabel, dieweil der König Assentijn lange und laut gähnte nach einem so ermüdenden Tage, der vielerlei Aufregungen gebracht hatte: Belagerung und kriegerische Rüstungen und Kriegskostenfragen, und gegen Sonnenuntergang einen unerwartet schnellen Entsatz seiner Burg. Sie neigte sich vor ihrem Großvater, der sie auf die Stirn küßte, neigte sich wie eine Lilie vor den zehn Helden, die sie ritterlich grüßten, und flüsterte Gawein und Gwinebant zu, während sie jedem einen süßen Blick zuwarf: »Wie es auch gehen möge, ihr lieben Helden, und welchem König Ysabel auch zur Ehe folgen, wo immer sie auch Königin werden möge: zwei Ritter wie ihr werden ihr stets willkommen sein, wenn ihr mir ritterlich Treue wahret! –« +++ Nach einer Stunde lag alles in dem Schlosse in tiefem Schlaf. Nach einer Stunde träumte Ysabel von Gwinebant – – Und Gwinebant träumte von Ysabel – – Gawein aber erwachte plötzlich ... und er schaute aus dem Fenster ... Er blickte über das noch mit Leichen besäte Schlachtfeld ... Weithin erstreckte es sich zwischen Burg und Wald ... Und ihm war, als sähe er weiße Nebel sich herabsenken und wieder emporwallen ... und als sähe er glühende Augen aus den Schatten hervorlauern ... und wiederum verschwinden ... Wie Augen umherschleichender Dämonen ... Ihm war, als höre er Engel ganz leise Gebete für die vielen Toten singen ... Und er wußte nicht mehr, ob er glücklich war oder unglücklich, weil er Gwinebant, dem so viel Schöneren und Jüngeren, auf den er eifersüchtig war, den Blick Ysabels neidete ... Kapitel XXX Am folgenden Morgen vor Tau und Tag erhob sich Gawein, um das vergrabene Schachbrett auszugraben, verließ die Burg, an deren Toren die Schildwachen ihm ehrerbietig aus dem Wege traten, und schritt hinaus auf die Straße und auf die Ebene, wo die Schlacht geschlagen worden war. Und er sah bereits, wie die Dorfsassen damit beschäftigt waren, die Erschlagenen zu begraben. Für viele hatten sie bereits eine Ruhestätte auf der Heide und im sumpfigen Gelände am Waldesrande bereitet. Und als er sie alle so beim Grabschaufeln beschäftigt sah, fürchtete er für das Schachbrett, das sie vielleicht von ohngefähr ausgraben und für einen willkommenen Schatz halten könnten, und er bereute, daß er es nicht trotz der späten Stunde bereits gestern geholt hatte. Allein ihn tröstete der Gedanke, daß es doch wenigstens nicht mehr davonschweben könnte, weil seine Flugkraft doch gebrochen wäre. Er ging am Felde zwischen Ebene und Wald entlang und beruhigte sich alsbald: dort, wo er mit seinen Gefährten abgestiegen war und das Schachbrett vergraben hatte, war nicht gekämpft worden, und er fand auch bald die Eiche, an deren Fuß er das Schachbrett in die Erde gesenkt hatte. Mit dem Dolch grub er den Boden wieder auf und wahrlich ... da lag das Schachbrett. Allein o Wunder! Sobald Gawein es von den Erdklumpen befreit hatte, erhob es sich. Die Figuren stellten sich, wie durch Zauberei, auf die Felder, wo sie gestanden hatten, als König Artur die Partie unterbrechen mußte. Und das Schachbrett, das Gnomen wohl inzwischen wieder in Ordnung gebracht hatten, schwang sich von neuem gleich einem Vogel in die Lüfte, und Gawein erschrak heftig und fürchtete, daß es ihm wieder entfliehen könne. Und in seinem Schrecken breitete er beide Hände aus und griff danach ... dicht vor seinen Augen ... griff danach, wie er nach einem Falter gegriffen haben würde. Allein das Schachbrett schwebte wirklich weiter, surrte um Gaweins Haupt, gleich als ob es ihn foppen wollte, und zog dann weiter über seinem Haupte herum und brummte dabei unablässig wie eine große Hummel. Da warf Gawein beide Hände empor, und jetzt faßte er das Schachbrett, und der Gedanke fuhr ihm durch den Kopf, daß es sich wohl einfangen lassen wollte, da es doch inzwischen schon Zeit genug gehabt hätte, in die Weite fortzuschweben, wenn es das gewollt hätte. Doch wie dem auch sein mochte, Gawein hatte das Schachbrett wieder. Es summte und surrte in seinen Händen, während er es ansah und sich darüber wunderte, wie es vollkommen imstande zu sein schien: ein sehr schönes Schachbrett war es doch wahrlich mit seinen Feldern aus Edelsteinen und Achat und mit den so zierlich getriebenen goldenen und silbernen Figuren! Wie froh war Gawein, es wieder zu haben und es endlich dem König Artur bringen zu können. Nicht lange mehr wollte er auf Endi verweilen, gelobte er sich, während er mit großen Schritten burgwärts kehrte. Sobald wie möglich wollte er nach Camelot zurückkehren; am liebsten aber hätte er wohl mit dem Schachbrett und Ysabel als seiner süßen Braut zurückkehren mögen, so wie er vor zehn Jahren seine Heimfahrt nach Camelot mit dem Schachbrett angetreten hatte und mit seiner ersten Ysabel, die ihm der Tod genommen ... Und während er zwischen den Wachen durch die Tore und über die Brücken hineintrat und endlich wieder in seine Kammer zurückgelangte, meinte er, das süßeste Glück lächle ihm zu und wäre ihm nahe. König Assentijn war ihm wohlgesinnt, grollte nicht länger dem, der nun sein Befreier geworden, nachdem er vor Zeiten als sein Bedränger und als Räuber seiner Tochter erschienen war. Diesmal würde Ysabel ihn wohl mit des Großvaters Einverständnis begleiten dürfen, und wenn sie durchaus Königin sein wollte, noch ehe ihr die Herrschaft über Endi zufiele, bei Sankt Michael! so würde er ihr eben ein Königreich erobern, sei es auch bei Paris oder Rom! Und sein Heldenherz war erfüllt von eitel Seligkeit, während er das Schachbrett auf den Tisch niedersetzte und den Finger erhob, als drohte er ihm, daß es nicht etwa daran denken solle, noch einmal hinwegzuschweben. Ruhig blieb es stehen und glitzerte in einem Sonnenstrahl. Und es war so schön! Doch was war das für ein Knopf, der da wie ein weißer Diamant seitlich herausstand? Gawein tastete danach, ward dessen inne, daß der Edelsteinknopf sich drehen ließ, und rührte daran und drehte und drehte, neugierig. Und plötzlich ... siehe da! – erhob sich das Schachbrett und schwebte durch das Zimmer. Gawein stürzte an das offene Fenster und schloß es hastig; er fürchtete, daß das köstliche Schachbrett entschweben könnte. Und da sah er an dem Graben entlang, an den Sonnenblumen vorüber Ysabel und Gwinebant Seite an Seite, Hand in Hand einherschreiten. Darüber vergaß er das Schachbrett, bis es summend an die Decke stieß. Nun tat er vollends das Fenster zu und gedachte an den Rat des spöttischen Keye: ›Binde einen Draht daran, Gawein, wenn du es eingefangen hast!‹ Und Gawein suchte wirklich einen festen Draht und schnürte ihn um das Schachbrett, zog ihn durch die Figuren hindurch und band das Schachbrett selbst an einen Fackelring in der Wand und dann noch um den Tisch, und so stand es, noch zitternd, still. Jetzt öffnete Gawein das Fenster von neuem: Ysabel und Gwinebant sah er nicht mehr. Und er setzte sich hin und stützte den Kopf in die Hand, die Ellenbogen aufs Knie und dachte nach und entsann sich, wie Ysabel ihm doch versichert hatte, daß sie ihm in süßer Minne zugetan sei und nicht Lancelot und nicht Gwinebant ... ihn habe sie lieb ... ihn würde sie zu ihrem Ritter erküren – vielleicht allerdings zusammen mit Gwinebant ... wenn sie den König Clarioen geehelicht hätte ... Doch nun, da sie den König Clarioen nicht ehelichen sollte ... wie kam es, daß sie nun so offenbar Gwinebant liebte? Mehr als sie Gawein liebte? Die Gedanken jagten wirr und kraus durch des Gawein armen Kopf, daß ihm schwindelte, und er fühlte, wie er gar sehr eifersüchtig auf Gwinebant ward, den er doch auch so sehr liebte, den schönen Knaben, den jüngsten aller Ritter der Tafelrunde: Gwinebant, der ihm so treu war und der ihn aus dem Tal der Ungetreuen Ritter erlöst hatte; Gwinebant, den er seinerseits von dem Schandkarren befreit hatte; Gwinebant, dem er alles Glück wohl gönnte; doch Ysabel? Wenn er, Gawein, jemals der Gemahl dieser holden Jungfrau würde – und König Assentijn konnte ihre Hand dem tapferen Befreier von Endi nicht weigern –, würde er, Gawein, es dann dulden, daß sie Gwinebant zu ihrem Ritter erkor? Gawein schüttelte wild verneinend den Kopf und rang die Hände und kannte keine anderen Gedanken mehr, als wie sie Frau Venus in Kopf und Herzen der armen Sterblichen legt; um sie zu quälen, Gedanken, gegen die kein Heiliger, nicht einmal Sankt Michael, etwas vermag. König Assentijn feierte in jenem Monat große Feste zu Ehren der zehn Ritter von der Tafelrunde, und als er Gawein fragte, was er ihm geben könnte, um ihm seinen Dank und den Dank aller von Endi zu bezeigen, zögerte der nicht länger und bat, errötend zwar, doch mit lauter Stimme, ungeachtet aller verbitternden Grübeleien, darein er sich so sehr versenkt hatte, um die Hand der Ysabel. Und König Assentijn führte seine schöne Enkelin dem Gawein, ihrem Oheim, als Braut zu. »Bei Rom oder Paris, o Ysabel, du Schönste aller Schönen, werde ich dir ein Königreich erobern«, rief Gawein jauchzend. Ysabel legte mit süßem Lächeln und niedergeschlagenen Augen ihr weißes Händchen in des Gawein ritterliche Rechte und rings um sie her ertönte Gesang von Knaben: eine gar wohllautende Musik! Allein Gwinebant klagte an jenem Abend den roten Rosenbüschen und den Sternen seine Verzweiflung, gleich einer Nachtigall, die vor Liebe sterben muß. Ysabel, die gesehen hatte, wie er so bleich und so traurig aus dem Saale entwich, war hinter ihm hergeschlichen. Und sie näherte sich ihm nun in dem neuen Mondenschein, weiß wie ein Engel. »Gwinebant!« rief sie, »was klagst du, und was schluchzest du, Gwinebant, wie einer, der sich keinen Rat mehr weiß? Darum, weil an Stelle des Königs Clarioen Gawein mich ehelichen will? Hättest du mich denn lieber an der Seite des Clarioen gesehen, jenes alten Bösewichtes mit seinem Schandkarren? Gwinebant, mein lieber Gwinebant, dem ich so sehr gut bin, daß ich dich jede Nacht mit in meine Träume nehme – willst du es denn nicht glauben, meiner Treu, daß es das beste ist, wenn ich Gawein eheliche? Fürwahr: wenn ich Clarioen gefolgt wäre, würde ich Gawein und dich, meinen süßen Gwinebant nach Nordcumberland als meine beiden Ritter mitgenommen haben. Doch nun, da ich Clarioen nicht eheliche, sondern Gawein selber, jetzt ist es doch sonnenklar, daß ich dich, Gwinebant, als meinen Ritter mitnehme, und daß du mir treu sein wirst, so wie Lancelot der Königin Ginevra, der Schönen!« »O Ysabel! Ysabel!« rief Gwinebant und hob verzweifelt die Arme gegen die roten Rosensträucher, »du weißt ja nicht, was ein Freund ist!« »Ich wüßte nicht, was ein Freund ist?« rief Ysabel lachend. »Ich weiß es sehr wohl, und Gwinebant darf nicht eifersüchtig auf Gawein sein, denn Ysabel hat doch Gwinebant am allerliebsten. Aber Kummer und Verdruß will sie dem Gawein nimmer antun, die könnten ihm wohl den Tod bringen, der ihn doch sonst weder in Schlachten noch bei Abenteuern bedrohte ...« Und sie schlang ihre Arme um des Gwinebant runden Knabennacken, und sie küßten sich lange, so daß Gwinebant nicht mehr wußte, was er denken oder tun sollte in so schwerer Liebespein, worüber es am Minnehofe wohl einen langen Disput zwischen allen höfischen Rittern und Edelfrauen geben mochte. Gawein, dem am Tage darauf gleichfalls Frau Venus und ihr lieber Knabe die Sinne verwirrt hatte, suchte auf dem Burghof, wo die Ritter dem König Assentijn unter der Linde ihre Huldigungen darbrachten, den Gwinebant. Der schritt an der Seite des Lancelot einher, dem er sein Herzeleid anvertraut hatte. Und eben glaubte Gawein, obwohl er dessen nicht ganz sicher war, zu hören, wie Lancelot den Gwinebant frei heraus fragte, ob er Ysabel minne, und ob sie diejenige sei, der er bereits seit langem Treue im Busen gehegt hätte, so daß er mit ihm zusammen den Gawein aus dem Tale der Ungetreuen Ritter hatte erlösen können ... Doch in diesem Augenblick, da es im Burghofe von Baronen, Rittern und Edelfrauen wimmelte, ward hoch in den Lüften ein wildes Surren hörbar, und alle sahen, wie ein breitgeflügelter blauer Phönix über die Wälder und die Ebene daherschwebte, wie er dann über der Burg kreiste und im raschen Schwebeflug sich auf den offenen und runden Platz herabsenkte. Alle liefen jauchzend und jubelnd herbei, um Merlin willkommen zu heißen. Eilends stieg er aus. Er sah jetzt gegen Mittag noch ganz jung aus, und voll jugendlichen Schwunges grüßte er den König Assentijn, sprach ihm von des Königs Artur Liebe und rief dann plötzlich aus: »Meine viellieben Gefährten und tapferen Helden! Euch allen bringe ich, wie dem König hier, von unserem Herrn und König Artur die Versicherung seiner Liebe. Doch wehe! glaubet mir, allergrößte Gefahr droht Camelot, und ich bitt' Euch: macht euch auf zur Hilfe!« Eine heftige Erregung durchzuckte die zehn Ritter der Tafelrunde, und mit den Baronen von Endi umdrängten sie Merlin, während der König Assentijn befahl, daß man die gleichfalls herandrängenden Schoßhündchen, die zu kläffen begannen, zum Schweigen brächte. Unzählige Pagen nahmen die Kläfferchen in die Arme und eilten mit ihnen davon. »Wisset«, rief Merlin laut, »daß Clarioen von Nordcumberland auf uns alle von Camelot erzürnt ist, weil ihr, meine Gefährten, Endi entsetzt und weil ihr unter seinen Helden ein großes Sterben angerichtet habt. Wisset, daß er nach seiner Niederlage ein mächtiges Heer gesammelt hat und mit diesem gegen Camelot zieht, um sich an König Artur zu rächen, und daß unser Herr mich schickt und euch allen gebieten läßt: zögert nicht, sondern machet euch auf zur Hilfe!« »Eilt, meine lieben Herren Ritter!« rief Assentijn, »sputet euch für euern König! Eilt nach Camelot, und ihr, meine wackern Barone, eilt euch nicht minder und begleitet eure lieben Freunde, um ihrem König Hilfe zu bringen.« »Ich reite mit euch allen!« rief Lionel der Nordcumberländer Ritter, »denn Treue schwor ich dem König Assentijn. Auf zur Hilfe!« »Auf zur Hilfe!« rief auch Ysabel mit heller Stimme. Sie trat zwischen die Ritter und die Barone. »Nachdem Clarioen, der mich zur Königin von Nordcumberland machen wollte, sich als so ein alter Bösewicht erwies und verruchteste Grausamkeiten verübte, werdet ihr, meine Herren Ritter und Barone, ihn bekämpfen zur Ehre von Logres, zur Ehre von Endi!« »Zur Ehre von Logres! Zur Ehre von Endi!« riefen die Ritter mit großer Begeisterung. Allein Gawein näherte sich der Ysabel ... Kapitel XXXI »Ysabel«, rief Gawein, »meinen König werde ich nun befreien, das schwebende Schachbrett werde ich ihm bringen, denn ich habe es eingefangen und an einen Draht gebunden. Und wenn ich danach zurückkehre, willst du Schöne, du Süße dann die Meine sein?« »Ja, Gawein, das will ich«, sagte Ysabel, und sie riß sich einen ihrer weißen Ärmel ab und bot ihn ganz verwirrt ihrem Oheim dar. Gawein nahm den Ärmel, küßte ihn und eilte davon, um sich zu wappnen. »Ysabel!« rief nun Gwinebant, »du wirst Gaweins Weib werden, ich aber, der ich dich liebe, werde sterben in dem Kampf um Camelot, der nun beginnen soll.« »Ich aber will nicht, daß du sterben sollst!« gab Ysabel, die Schöne, ihm zur Antwort. »Du sollst leben und siegen, bei meiner Minne!« Und Ysabel riß sich den anderen Ärmel ab und bot ihn dem Gwinebant. Er küßte den Ärmel und eilte dann auch davon, um sich zu wappnen. Im hastigen Gedränge eilten alle die anderen Ritter gleichfalls davon und befahlen den Knechten, ihre Rosse zu satteln. Doch plötzlich standen sie wie gebannt. Denn auf der Schwelle der Pforte war König Assentijn in voller Waffenrüstung erschienen. Die Ritter und Barone erschraken sehr, der König aber rief: »Ihr Helden und Herren! Mein Arm ist alt und zittrig, allein mein alter Kopf ist noch sehr rüstig. Und ich werde euren stolzen Zug leiten und werde eure Heerscharen befehligen, um meinen Freund, den König Artur von Logres, in seiner Burg zu Camelot zu entsetzen. Wisset wohl, daß ich niemals gleichen Sinnes mit ihm war, wenn ich vernahm, daß er Tag für Tag mittags oder zur Vesperstunde mit dem Mahle warten wollte, bis die Kunde von einem Abenteuer zu ihm käme. Doch das ist kein Grund zu vergessen, daß Freundschaft mich ihm und allem, was sein ist, verbindet: seinem Reich und seinen edlen Rittern! Ihr Barone und Helden: Auf, ihm zu Hilfe!« Donnernder Jubel lief durch die dichten Reihen. Überall auf Zinnen und Wällen erschienen die Burggenossen, um den König gewaffnet zu sehen. »Auf, ihm zu Hilfe!« rief auch Ysabel, die Schöne, immer wieder. »Mein Herr König und Großvater, wenn Ihr Eurer weißen Haare nicht achtet und selber mit in den Kampf ziehet, so will ich, Eure Enkelin, nicht allein in dieser Burg weilen, sondern will mit Euch gehen mit so vielen meiner Edelfrauen, wie sich Kraft genug zutrauen, um das Turnieren mit anzuschauen, das diesmal nicht Spiel ist, sondern Ernst.« Der König war gar nicht mit Ysabels Wunsche einverstanden, allein sie ließ sich nicht zurückhalten. Alle Ritter und Barone jubelten, und ihr Jauchzen hallte von den rauhen, rötlichen Wänden der Burg wider. Viele Edelfrauen gesellten sich zu Ysabel: sie wollten mit dem König und der Prinzessin bei der Nachhut bleiben, und der Frauen Anwesenheit, die um ihren Fürsten sich scharten, sollte die Herren von Endi und die Ritter von der Tafelrunde unbesiegbar machen. »Wappnet euch, meine Freunde«, rief Merlin, der bereits in seinem Phönix aufstieg. »Knechte, sattelt die Rosse, Waffenknechte, ergreifet die Spieße. Die Zeit drängt: wohl habe ich meinen Gnomen befohlen, daß sie mit stachligen Zauberdrähten, die durch den Wald gespannt werden sollen, Clarioen aufhalten. Dennoch: die Zeit drängt, die Zeit drängt. Ich bin, wenn auch ein Magier, doch auch nur ein Mensch wie ihr.« Alle eilten in die Burg, um sich zu bewaffnen. Dann führten die Knechte das prächtige Streitroß des Königs vor ... +++ Auf den höchsten Turm von Camelots Königsburg war in hellster Verzweiflung und größter Ratlosigkeit die Königin Ginevra mit ihren Frauen gestiegen. Denn das mächtige Heer des Königs Clarioen von Nordcumberland, der dem König Artur und den zehn Rittern seiner Tafelrunde sehr gram war, ward bereits, von flüchtenden Vasallen, Dorfsassen, Hirten angekündigt, ringsum am Horizont auf der Ebene sichtbar, soweit das Auge von der Zinne aus nach Norden und nach Westen schweifen konnte. Und Ginevra inmitten ihrer Frauen, wies mit einem weiten Bogen ihres zitternden Lilienfingers auf die gewaltige Schar dort in der Ferne, die, von Nebelschwaden umwogt und von feuchten Herbstdünsten umschleiert, heranzog, und sie alle sahen, wie ihre Waffen und Schilde und Helme, um die der bleichen Herbstsonne Strahlen gleißten, immerfort aufblitzten. Das Himmelslicht kämpfte mit den Nebeln und Dünsten, und immer wieder glänzte es auf wie von sich nähernden Sternen, und Ginevra meinte, indessen sie inmitten ihrer ängstlichen Frauen ängstlich die Hand ans Ohr legte, sie höre bereits das Herantraben der feindlichen Reiterei. Drunten lag König Artur krank und Keye, der Seneschall, hinkte herbei und reichte ihm Arznei, die er selber bereitet hatte, und war zornig auf Ginevra, weil sie von ihres Gemahls Krankenbett gewichen war, um auf den Turm zu steigen. Er spottete über die eheliche Treue des ›Urquells aller Schönheit‹, die sicherlich droben nach ihrem Freunde Lancelot ausschaute und sich wunderte, wo er mit den neun Anderen wohl bleiben mochte – seit Didonel und Mordred sich als zwei Schurken erwiesen, betrug ja die einstige Zwölfzahl nicht mehr zwölf –, und warum sie noch nicht da waren, um Camelot, das belagert werden sollte, zu entsetzen. Und er selber, der Hinkende und Schielende, der allzeit verbittert war ob alles dessen, was das Schicksal ihm nicht vergönnt hatte – niemals ein Wunder, niemals ein Abenteuer, ja nicht einmal Liebe ihm, Keye, dem Spötter –, spottete selbst zu dieser Stunde und rief dem kranken König zu, der sich stöhnend von seiner Lagerstatt aufrichtete, um den Trank zu nehmen: »Trinket, mein lieber Herr König, trinket, was Euer Seneschall Euch darbietet, um Euch genesen zu machen, denn nun wird ja bald ein Abenteuer zu bestehen sein, und ein Wunder ist nahe! Das ist des Clarioen Heeresmacht, und die müßt Ihr doch in Gesundheit empfangen; Ihr sollet mit Euern zwölf neuen Rittern der Tafelrunde um die runde Tafel sitzen, nun die alten so lange zauderten. Trinket, mein lieber Herre, trinket.« Allein der alte, sieche König stöhnte, während er, auf seine Ellenbogen gestützt, die Schale leerte: »Keye, wenn du dir's doch versagen wolltest, so bösen Scherz mit deinem armen König Artur zu treiben, der hier vor Wehmut krank liegt und der schönen Zeiten von dereinst gedenkt, da an jedem Tage vor dem Mittags- oder Vespermahl von ritterlichem Abenteuer Kunde kam: schwebendes Schachbrett oder blutiger Speer, Ritter auf einem Karren, der erlöst werden mußte, oder bedrängte Damoicele. Ach weh mir, armer Keye, daß meine ersten Zwölf – mehr noch weh mir Armem, denn da Mordred und Didonel sich als Schurken erwiesen, muß ich wohl sagen, meine treuen Zehn! – so lange zaudern, nach Camelot zurückzukehren: nun muß ich vor Reue darob vergehen, daß ich Gawein gezwungen habe, auszuziehen, um das schwebende Schachbrett zu suchen, das sich vielleicht als ein unseliger teuflischer Spuk erweisen und ihm zum Verderben gereichen wird.« Allein Keye hörte schon nicht mehr. Er lauschte an der Wendeltreppe dem Rufen der ängstlichen Frauen dort oben, und er meinte, wenn Camelot die Vernichtung und allen Burgsassen der Tod gewiß sei, so würde er, bei Gott im Himmelreiche, dieses unritterliche Leben nicht betrauern, sondern gern gegen einen guten Platz im Paradies eintauschen, wo er ja sicherlich Seneschall bei einem der Heiligen, bei Sankt Michael oder Sankt Johann, werden und Entgeltung für alles empfangen würde, was ihm auf Erden vorenthalten geblieben sei. Inzwischen standen die zwölf neuen Ritter der Tafelrunde vor den Toren und auf den Festungswällen in voller Rüstung auf Warte, und um sie scharten sich Tausende von Waffenknechten auf den Wällen, um Camelot zu verteidigen. Auch die neuen Namen hatten sonoren keltischen Klang. Ihre Seelen waren noch mehr voller Zweifel an Wundern und Abenteuern, als es die der ersten zwölf Ritter gewesen. O sie waren – das glaube mir, Leser – tapfere Helden und unüberwindlich wie Löwen, und sie würden Camelot und den König Artur und dessen süßes Weib, die Königin Ginevra, verteidigen bis zu dem letzten Blutstropfen! Und im weiten Halbkreis nahte König Clarioens mächtiges Heer, kam näher und näher, nun es gegen Mittag ging, und Ginevra war auf dem Turm inmitten aller ihrer Frauen auf die Knie gesunken und betete laut zu Gott im Himmel und zu Sankt Michael, er möge ihnen zu Hilfe kommen – was die zwölf neuen Ritter wohl vernahmen und was sie nicht gar so angenehm berührte, weil sie es als einen Mangel an Vertrauen empfanden, was sie ihr indessen alsbald wieder verziehen, weil es sie doch vor allem nach Lancelot verlangte, den sie seit Tagen und Wochen nicht gesehen. Doch plötzlich erklang an dem herbstlichen Himmel, der golden leuchtete, erklang über den Wäldern, die kupfern und purpurn im bunten Schmuck ihrer fallenden Blätter glühten, das wohlbekannte Surren und Brummen, wie es vom schwebenden Schachbrett nur ganz leise, vom fliegenden Phönix aber gar mächtig herabtönte, und Ginevra sah Merlin daherziehen. Er schwebte hoch über ihrem Kopf und rief ihr zu: »Meine schöne Königin, saget mir, wollet Ihr, daß ich einer Schwalbe gleich auf die Zinnen Eures Turmes herabfliege? Ich würde Euch, holde Ginevra, dann mit auf mein Schloß führen können, wo Ihr geborgen wäret vor Nordcumberlands Heerscharen. Allein ich sage Euch offen: Lancelot und Gawein und die übrigen und König Assentijn mitsamt der mächtigen Heeresmacht eilen durch die Wälder und über die Ebenen herbei, um Camelot zu entsetzen, und sogar die Prinzessin hat sich der ritterlichen Schar zugesellt; Ysabel, die Schöne, sitzt inmitten aller ihrer Frauen zu Pferde, als gelte es nur eine frohe Jagd. Saget mir, wünscht Ihr, daß ich hinabsteige?« »Naht Lancelot?« rief Ginevra in hohem Entzücken. »Und kommen Gawein und alle die anderen? Zieht König Assentijn heran, und ist bei ihnen sogar die Prinzessin Ysabel? Und da sollte Ginevra verzagen? Nein, Merlin, sie verzagt nimmermehr, nun Lancelot kommt, sie zu befreien. Zu Camelot bleibt Ginevra, seid dessen gewiß!« Jauchzender Beifall donnerte zur Königin empor. Die zwölf neuen Ritter jubelten ihr zu. Wenngleich sie sich wohl klar darüber waren, daß Ginevra dem Lancelot allein mehr vertraute als ihnen zwölfen, so jubelten sie dennoch, denn sie fanden es sehr rühmlich, daß Ginevra nicht auf dem Phönix entfliehen wollte. »Doch vielleicht will der König auf dem Phönix entweichen, o Merlin«, rief Ginevra. »So fraget ihn schnell«, rief Merlin, während er über den Köpfen der Frauen kreiste, von denen wohl eine oder die andere gern hätte mitgehen mögen, wäre es auch nur, um den bevorstehenden Kampf von den Wolken aus mit anzusehen. »Keye!« rief Ginevra dem Seneschall zu, der unten an der Wendeltreppe stand, und: »Herr Keye! Herr Keye!« riefen die Frauen. Keye fragte zurück, was es gäbe. »Gehe zum König«, rief Ginevra, »und erkunde, ob er auf Merlins blauem Phönixvogel entfliehen will.« Die Frauen horchten an der Treppe. Doch alsbald rief Keye mürrisch zurück: »Der König will nicht, Ginevra, er fürchtet schwindlig zu werden, wenn er so hoch mit dem Phönix aufsteigt, und ihm ist nicht bange hier in seiner Burg inmitten seiner Ritter und im vertrauenden Harren auf die anderen, die da kommen werden.« Die Frauen riefen es dem Merlin hinauf. Und sie riefen es auch den Rittern und Waffenknechten hinunter. Und donnernder Jubel ertönte ringsumher. »So gehe ich denn«, rief Merlin, und sein Phönix surrte sehr laut und stieß einen bläulichen Dampf von seltsam süßlichem Dufte aus. »Vonnöten oder von Nutzen bin ich nicht mehr in diesem Augenblick, doch ich kehre wieder, sobald man meiner bedarf. Seid guten Mutes, seid guten Mutes, ihr tapferen Tafelritter, seid guten Mutes, ihr alle!« Und Merlin lenkte inmitten der azurnen Dampfwolken, die seine Maschine von vorn und von hinten ausstieß, den Kopf des Zaubervogels nach oben und stieg empor, hoch in den goldenen Herbsthimmel empor. Die Frauen blickten hinauf, ihm nach, und blickten dann rund um sich her. »Seht!« rief da Ginevra plötzlich und wies auf den Wald, wo sich zwischen fallenden Blättern eine Lichtung und ein sich schlängelnder Weg zeigte, »sehet, o seht! Sie nahen: dort zieht mein Lancelot heran!« Kapitel XXXII Und wirklich: näher und näher kam ein lautes Stampfen von Rossen und Blitzen von Waffen und Funkeln von Schilden, und heran brausten die zehn Ritter als eine festgeschlossene Ritterschar: schwer und breit erschienen sie auf ihren schweren Rossen mit den breiten Schabracken: Gawein, Lancelot, Gwinebant, Bohort, Hestor, Melegant, Agloval, Ywein, Sagremort und Galehot – und hinter ihnen, inmitten seiner Barone, ritt der alte Assentijn. Ehrfurchtgebietend war der Greis zu Pferde, und hinter ihm her zog sein Heer, und die vielen Fähnlein und Wimpel und Banner flatterten an den Lanzen und Speeren und Fahnenschäften. Aber über die Ebene war derweil auch im Halbkreis Clarioens Heeresmacht dem näher gerückt, um Camelot zu umzingeln. Vom Turm aus ließ sich nicht unterscheiden, auf welcher Seite die größere Heeresmacht stand, auf deren Clarioens oder auf der des Assentijn: für den bildeten freilich schon die zehn Helden allein eine gewaltige Macht, die über den Weg dahergebraust kam. Jetzt aber erblickten die beiden Heere einander dort, wo der Weg aus dem Walde in die Ebene führte, und die Mannen Clarioens begriffen, daß von Umzingeln nun keine Rede mehr sein könnte. Mit wildem Kriegsgeschrei wandten sich die zehn Helden von der Burg ab über die Ebene, und sie erschienen mit den herabgelassenen Visieren wie zehn eiserne Zentauren, so waren sie mit ihren Rossen verwachsen, und im Nu war der Kampf entfacht. Himmel, was sah man da für gute Schwerter und Speere, und was für starke Helme und Stahlhüte, und wie bunt flatterten die Wimpel durcheinander: gelb und silbern und rot und golden und blau und grün! Und was waren das für große und starke Rosse! Wohl ihrer fünftausend auf der einen und nicht weniger auf der anderen Seite. Doch bevor eines von ihnen in das Gras beißen würde, müßte auch wohl mancher Mann sein Leben lassen. Begehrlich waren sie, einander auf dem Schlachtfelde zu fällen, und sie stießen gewaltig zusammen. Herr des Himmels, wie hieben die Schwerter durch die sausende Luft, die davor erzitterte, und wie klirrten die baumstarken Speere gegeneinander! Mancher Held blieb dort auf der Wal. Und Gawein stach hierhin und dorthin und traf überall mit seinem Speer und bohrte ihn in blühende Leiber und warf sie aus dem Sattel. Hier fiel ein Ritter, dort einer, lauter Ritter von Nordcumberland. Sie flogen auf das Schlachtfeld nach rechts und nach links von ihren Rossen herab, die dann wie toll über sie hintrabten oder strauchelten oder gleichfalls durchstochen aufstöhnend zu Boden fielen. Auf beiden Seiten zog, wer kämpfen konnte, sein Schwert, und es gab ein Hauen und ein Stechen. Manch kühnem Mann kostete es das Leben. Ritterliche Tapferkeit bewährten alle die zehn Helden. Die Köpfe flogen nach links und nach rechts unter dem Schwertschlag Lancelots und Gwinebants, Bohorts und Sagremorts ... wozu soll ich all die anderen Namen nennen? Keiner schlug weniger Köpfe ab als der andere, nur Gawein traf vielleicht die meisten, die rings um ihn her flogen, daß es aussah wie ein schwingendes Rad aus Köpfen, lauter blutigen Köpfen. Und Arme fielen, und Beine verloren die Kämpen des Königs Clarioen, und Hunderte wiesen mit den Fingern auf Gawein und riefen über das Schlachtfeld, so von der einen, wie auch von der anderen Seite: »Seht den dort, sehet, seht dort jenen! Gawein ist es! Keinen Tapfereren gibt es fern oder nah!« Inmitten seiner Barone schaute der König Clarioen von Nordcumberland auf dieses entsetzliche Gemetzel. Und von dem Wege, der aus dem Walde kam, blickte König Assentijn auf diese allerfürchterlichste Niederlage der Nordcumberländer; er befehligte seine tapferen endischen Barone. Und neben ihm, inmitten vieler unerschrockener Edelfrauen, die aufgesessen waren, schaute Ysabel, die Schöne, von ihrem Zelter auf dieses mehr denn entsetzliche Schlachten. Da sah man Halsberge aufgerissen, Helme zerspellt, Schilde zertrümmert, Ritter mit Speeren aus den Sätteln gehoben, sah Köpfe durch die Luft sausen und wie rote Brünnlein die Blutstrahlen emporspringen. Und Ysabel folgte mit dem Blick hier dem Gawein und dort dem Gwinebant, Gwinebant und Gawein. Und sie hatte auch auf der höchsten Turmzinne Ginevra entdeckt, die süße Ginevra, der Lancelot schon seit Jahren Treue gehalten hatte, und die selber dem Lancelot all die lange Zeit treu geblieben war, Ginevra, von der sie in den schönen Ritterromanen der Dichter gelesen hatte. Und nun, da sie das alles mit eigenen Augen und in lebendigster Wirklichkeit sah, davon sie kurz vorher nur hatte lesen können oder singen und sagen hören, da dachte sie wohl bei sich, daß viel, gar viel Blut flösse, allein sie verzagte nicht, dafür war sie die Prinzessin von Endi und gebürtig aus dem Blute so vieler streitbarer Helden und Könige. Vielmehr jubelte sie über die Maßen, weil Gwinebant so tapfer war, und weil Gawein unüberwindlich schien. Bis sie plötzlich seitlich von der Ebene Gwinebant, der von seinen Gefährten abgedrängt war, im Kampfe mit fünf, nicht weniger denn fünf Nordcumberländer Baronen sah, die von allen Seiten auf ihn einhieben; bis sie sah, wie Gwinebant, die Schenkel fest um sein Roß gepreßt, sich hierhin verteidigte, dorthin zur Wehr setzte, seinen Schild, mit dem er sich deckte, bald hierhin, bald dorthin wandte, und zugleich mit dem Speer hierhin stach, mit dem Schwert dorthin hieb, gleich als habe er zehn Hände. Ysabel konnte von so weit her nicht begreifen, wie er das wohl anfange. Sie zeigte ihn ihrem Großvater, und währenddessen schlug ihr das Herz vor Rührung und Erregung. Einer gegen fünf, einer gegen fünf, dachte sie, und bald atmete sie heftiger und keuchend und war bleich vor Angst, dann ward sie wieder rot vor Stolz. Kam ihm denn keiner der anderen zu Hilfe? Würde er wohl Sieger bleiben können? Zwei Nordcumberländer Köpfe sah sie bereits durch die Luft fliegen, einen nach rechts, den anderen nach links. Da stieß sie plötzlich einen Schrei aus, gleich als wäre sie selber verwundet. Denn Gwinebants Roß bäumte sich unter ihm und legte sich dann durchbohrt auf die Seite; und er selber sank, weil er sich mit Schild und Speer und Schwert nicht sogleich frei machen konnte, und während sein Fuß noch in dem Bügel unter dem Pferde hing und er im Sattel rücklings zurückgeworfen war, schien er einen Augenblick wehrlos und in Todesgefahr, ob er sich auch gleich hinter seinem Schilde zur Wehr setzen mochte. Da stach er seinen Speer einem dritten Nordcumberländer quer durch den Leib, allein ihm selber entglitt das Schwert, und wiederum stieß Ysabel einen Schrei aus ... So daß ihr Großvater ihr sagen mußte, eine Prinzessin, die mit in den Kampf gezogen, dürfe sich nicht von ihren Gefühlen so überwältigen lassen. Da blieb sie einen Augenblick, bleich, hoch aufgerichtet auf ihrem Roß sitzen und zitterte vor unterdrückter Erregung, bis sie sah, daß die zwei noch übriggebliebenen Nordcumberländer sich auf Gwinebant stürzten und nur noch sein Schild zwischen ihnen und ihm war, denn seinen Speer konnte er nicht mehr gebrauchen. Und ungeachtet ihres Großvaters Verbot stieß Ysabel einen durchdringenden Schrei aus. Erst mehr vor Wut, dann mehr vor Schmerz. Und dessen gewiß, daß Gwinebant dort beinahe unmittelbar vor ihren Augen sein Leben lassen müsse, spornte sie plötzlich, bevor sie noch einer hätte daran hindern können, ihr Roß, und stürzte sich ... einen Angstschrei stießen die Frauen aus ... mit einem Sprunge ihres Pferdes von dem höheren Wege in die tiefere Ebene hinab. Der König Assentijn stieß nun selber einen grimmen Verzweiflungsschrei aus, als er seine Ysabel hoch zu Rosse inmitten des fürchterlichen Kampfgewühls sah. Die Barone um ihn folgten ihrer Prinzessin ratlos ... »Viktoria!« rief dort drüben Lancelot. Denn die Ritter von Nordcumberland um ihren König Clarioen wichen zurück und ergriffen die Flucht, wie damals vor der Burg zu Endi ... »Viktoria!« riefen auch Bohort, Sagremort und Ywein ... wozu soll ich all die anderen erst noch nennen! Allein Gawein stimmte nicht mit ein in den Siegesruf. Er hatte dort drüben an der Ebene die Prinzessin inmitten der ratlosen Barone erschaut. Und zugleich gewahrte er einen der Ritter der Tafelrunde, der auf seinem sterbenden Rosse lag, und über ihm zwei Angreifer: alles ein Klumpen krachenden, rasselnden, aufeinanderklirrenden Eisens. Er erkannte den Ritter der Tafelrunde: »Gwinebant!« Und heftig drückte er Gringolet die Sporen ein ... Und während er nur mit den Knien sein Roß lenkte, jagte Gawein dahin, seinen schwer gepanzerten Körper hoch aufgerichtet, den Schild am Riemen über der Schulter, den Speer mit der Linken, das Schwert in der Rechten schwingend – er sah entsetzlich und schön zugleich aus, strahlend wie Sankt Michael, der Erzengel selber – wie er so Gwinebant zur Hilfe herbeieilte. Kapitel XXXIII Gawein jagte zur Hilfe herbei. Doch gleichzeitig wurde sein Blick durch die Prinzessin auf dem Zelter gefesselt. Sie ritt in wildestem Galopp inmitten ihrer Barone dem Gwinebant entgegen, als wolle auch sie, Ysabel die Schöne, ihm Hilfe bringen. Und Gawein war über die Maßen entsetzt, als er seine Liebste in so großer Gefahr sah. Denn viele Nordcumberländer, die sich noch nicht zur Flucht entschließen konnten, sammelten sich, sobald sie die Prinzessin auf dem Schlachtfelde gewahrten, und wollten sie umzingeln. Die Barone verteidigten die königliche Jungfrau, allein sie waren ratlos ob des Leichtsinns der Ysabel ... Da tauchte Gawein in ihrer Mitte auf. Und es währte kaum mehr denn zwei, drei Augenblicke, so stürzte er sich in den Knäuel der drei kämpfenden Ritter und Pferde. Er hieb dem einen Nordcumberländer den Kopf ab, der weit weg flog, wie ein wertloser Ball ... Und dem anderen stieß er seinen Speer quer durch den Leib ... Doch zu gleicher Zeit empfing er von dem tödlich Getroffenen selber einen Stich dicht unter dem Herzen zwischen die Maschen seines Panzerhemdes. Er empfand einen heftigen Schmerz, und das Blut floß aus seiner Seite heraus wie aus der Wunde unseres lieben Herrn, die der Speer des Longinus ihm am Kreuze schlug ... Doch trotz allem schwang Gawein sich von seinem Rosse und befreite Gwinebant und riß ihn empor und sah, daß sein Gefährte blutete. Gwinebants Helm war zerspalten, und der warme Lebensstrom floß daran herunter. Jedoch er hatte noch nicht die Besinnung verloren und stand nun inmitten der Barone von Endi. Allein Gawein warf sich hastig auf Gringolet – mehrere Nordcumberländer eilten herbei ... Wenngleich bereits dort drüben von Lancelot Viktoria gerufen ward, so schien hier aus aller Verwirrung den Nordcumberländern noch neue Hoffnung und Erwartung zu erblühen. Sogar Clarioen, der König, hatte in seiner Flucht innegehalten und rief laut, daß dem, der ihm die Prinzessin zuführte, die Hälfte seines Königreiches zufallen solle. Und ringsum war gleich von neuem heftigster Kampf entbrannt. Alle Ritter der Tafelrunde eilten zu Hilfe herbei, und Gawein, der von den Baronen von Endi umringt wurde, rief jenen zu, daß sie den wunden Gwinebant, dem die Sinne schwanden, ihm aufs Knie heben sollten. Die Barone setzten Gwinebant auf des Gawein rechtes Knie, und der warf seinen jetzt völlig besinnungslosen Gefährten quer vor sich über den Sattel. Allein Ysabel war mit einem Schmerzensschrei von ihrem Pferde geglitten und hinzugeeilt; für nichts anderes hatte sie mehr Augen als für Gwinebant, den sie sterbend wähnte. O sie war so weiß und zerbrechlich wie eine Blume, die inmitten so vieler gezückter Schwerter, hochgerichteter und gekreuzter Speere sogleich zertreten werden konnte. Sobald sie sich die vier, fünf Schritte genähert hatte, die sie noch von Gwinebant und Gawein trennten, zog Gawein sie empor auf sein linkes Knie, über dem Gwinebants Haupt lag. »Ysabel!« rief er, »nimm Gwinebants Kopf in deinen Schoß.« Und zu gleicher Zeit umschlang er die Prinzessin stützend mit seinem linken Arm, während er den Schild in seiner ganzen Länge vor sie und Gwinebant hielt. Und das Schwert hatte er hoch erhoben in der rechten Faust. Geschah dies alles nicht viel schneller, als es sich von Troubadouren oder Minstrels singen und sagen läßt? »Nach Camelot!« rief Gawein den Baronen zu, die wieder aufgestiegen waren, und es entspann sich ein heftiger Kampf zwischen ihnen und ihren Schildknappen und den Nordcumberländern auf der anderen Seite. Die Barone und die herbeigeeilten acht Ritter der Tafelrunde umringten Gawein, um ihn zu schützen, während er quer durch das Gewühl nach Camelot trabte. Dorthin war der Weg über die Ebene schon reingefegt. Die Nordcumberländer entflohen jetzt nach allen Richtungen. Auch Clarioen glaubte nicht wohl daran zu tun, daß er noch verweilte, da seine Ritter ihm die Ysabel doch nicht zuführten. Ganz Nordcumberland ergriff die Flucht. Allein Gawein näherte sich im rasenden Trab auf Gringolet, den er nur noch mit dem Druck seiner Schenkel leitete und der mit seinen Hufen kaum den Boden berührte, der Burg Camelot, wo nun die erste Fallbrücke an schweren Ketten knarrend herabfiel. Noch immer saß Gwinebant vorn auf des Gawein breitem Sattel, noch immer hielt Gawein Ysabel umschlungen auf seinem linken Knie: welcher andere Ritter der ganzen Christenheit hätte solche Tat wohl also vollbringen können? Ysabel hielt das wunde Haupt des Gwinebant in ihrem Schoß. Die Stücke seines Helmes hatte sie weggeschleudert, und aus der klaffenden Stelle in ihres Liebsten Kopf floß das rote Blut in ihre weißen Händchen und über ihr weißes Samtgewand. So trabte Gawein, während ihn die Barone und die acht Ritter der alten Tafelrunde umringten und einen weiten Kreis zum Schutz um ihn bildeten und König Assentijn, von seiner Leibwache umgeben, ihm folgte, über die erste Zugbrücke von Camelot. Ein Jauchzen von den Wällen und den Zinnen der Burg grüßte ihn. Und die Frauen auf der höchsten Turmzinne rings um Ginevra brachen in freudiges Heilrufen aus. Gawein hemmte seinen Trab und ritt jetzt langsamer über die folgende Brücke. Über alle die Brücken, die eine nach der anderen herabgelassen wurden, ritt er, und jetzt war er auf dem Burgplatz. Auf der Schwelle der offenen Burgpforte war König Artur erschienen, siech, von seinen Pagen gestützt. Rings um Gawein, der noch immer mit seiner schweren doppelten Bürde zu Pferde saß, drängten sich hastig die abgestiegenen Barone und die acht Helden. Sie hoben erst den besinnungslosen Gwinebant herab und legten ihn unter die Königslinde, auf die Stufen von des Königs Thron. Dann halfen sie Ysabel herunter. Und ihre Hände und ihr weißer Schoß waren rot von Blut. Dann lüftete Gawein, der noch immer zu Pferde saß, sein Visier. Und atmete tief. Sie alle sahen, daß er totenbleich war. »Gawein!« rief Ysabel, während sie ihre ganz roten Händchen erhob, »mein Gawein, den ich so sehr lieb habe, seid Ihr verwundet?« Gawein ließ Schwert und Schild sinken und tastete nach der Stelle unter seinem Herzen, wo es durch den Panzer blutete. Und Ysabel wußte nun, daß ihre Hände und Schoß von dem Blute beider rot waren, des Gawein und des Gwinebant. »Gawein und Gwinebant sind beide verwundet«, riefen die Ritter dem König Artur zu. »Doch Camelot ist entsetzt!« »Nordcumberland ist auf der Flucht.« Über Camelot surrte es. Der Phönix kam dahergeflogen. »Leget Gawein und Gwinebant sogleich auf das Wunderbett«, rief Merlin noch aus den Lüften, während er sich über den Hain herabsenkte. Indem kam Ginevra mit ihren Frauen vom Turm herabgestiegen, gewahrte Lancelot, stürzte auf ihn zu und rief: »Lancelot, mein Lancelot! Seid Ihr wohlbehalten?« Und sie küßte und umarmte ihn, und der sieche König Artur tat, als gewahre er es nicht. »Bettet erst Gwinebant«, befahl leise Gawein. »Ich folge ihm langsam.« Auf seinen Befehl hoben sogleich drei bis vier Ritter Gwinebant empor und trugen ihn auf das Wunderbett, auf dem er in einem einzigen Tage genesen sollte. »In einem einzigen Tage, du süße Ysabel«, versicherte die Königin Ginevra und schlang ihre Arme um die Prinzessin, die sie so bewegt sah, und deren Minne sie erriet. Gawein, dem seine Gefährten kaum beigestanden, hatte sich aus dem Sattel gleiten lassen. Wie bleich war er, und wie rot von Blut troff sein Panzerhemd, wiewohl er so hochaufgerichtet dastand, als sei ihm nichts geschehen. »Gawein!« rief Keye, der possierlich hinkend daherkam. »Ihr seid verwundet. Und ihr da, ihr Ritter, sehet ihr es denn nicht? Herr König, sehet denn auch Ihr es nicht, daß Gawein verwundet ist?« Der König Assentijn mit seiner Leibwache war hereingeritten. »Seht ihr es denn alle nicht?« rief Keye immer wieder, »daß Gawein verwundet ist, viel schwerer als Gwinebant? Leget ihn sogleich dem zur Seite auf das Wunderbett, sonst rinnet sein Leben aus seinem Leibe dahin.« Die Gefährten meinten einen Augenblick, daß Keye wie immer seinen Spott treibe. Allein er spottete nicht. Und Merlin sah von dem Hain aus – und er entsetzte sich darob –, daß Gawein, so hochaufgerichtet er auch dastand, doch so bleich war und bereits dem Tode nahe ... Und daß für ihn das Wunderbette nicht mehr vonnöten war. Gawein hatte indessen, neben seinem Rosse stehend, der tiefen Satteltasche einen viereckigen Gegenstand entnommen, der mit einem langen, weißen Stoffstreifen umwickelt war. Die beiden Könige begrüßten einander. Ginevra verneigte sich vor Assentijn, und während alle Könige und Fürsten, Ritter und Barone sich sehr bewegt um Gawein drängten, schritt Gawein selber auf seinen Herrn, den König Artur, zu, der auf dem Thronsessel unter der Linde Platz genommen hatte. Und Gawein kniete auf der Stufe nieder. Und er sprach mit fester Stimme, die aus weiter Ferne zu tönen schien: »Mein viellieber Herr, mein Oheim, mein hoher König von Logres! Ich, Euer Ritter Gawein, den Ihr an Eurer Tafelrunde duldetet, an der wir allzeit glaubten, daß es noch Wunder gäbe und daß auch bei uns eines Tages wiederum eines geschehen würde, so wie wir auch allzeit an Abenteuer glaubten, wie es fahrenden Rittern geziemet: ich bringe Euch hier dies schwebende Schachbrett. Ich fand es und ich fing es für Euch ein und ich umwickelte es mit dem Ärmel Ysabels, der Schönen, die ich liebe. Mit dem Schachbrett, mein König, führe ich Ysabel nach Camelot, so wie ich vor Zeiten eine andere Ysabel – weh mir Armem! – und ein schwebendes Schachbrett nach Camelot führte. Damals war es so ... jetzt ist es anders: jetzt ist es vielleicht ein schöneres und größeres Wunder und ein glänzenderes Abenteuer, denn mit Ysabel und mit dem Schachbrett brachte ich auch noch meinen Gefährten Gwinebant, und ihn durfte ich vom Tode erretten.« Und Gawein gab dem König Artur das Schachbrett, das er aus dem Ärmel gewickelt hatte, in die Hände. Da empfanden die Gefährten, wie lieb sie alle Gawein hatten, und wie hehr und herrlich er sei, der so fest an Wunder glaubte! Und an Abenteuer, daran sie alle nicht mehr gar so fest glaubten! Doch zugleich empfanden sie eine seltsame Reue. Und wußten doch eigentlich alle nicht warum ... Merlin aber, der sich gleichfalls der Reue in seinem Menschenherzen bewußt ward, wußte, während er von ferne aus dem Hain zuschaute, sehr wohl, warum sie alle einander ansahen mit Blicken, die noch nicht ganz begriffen. Es wird alles so, wie es werden muß, dachte Merlin, um sich zu entschuldigen – auch ohne mich, auch ohne daß ich schwebende Schachbretter sende, waltet die Schickung. König Artur hatte mit vor Glück zitternden Händen aus den Händen des knienden Gawein das Schachbrett empfangen. Die goldenen und silbernen Figuren standen mitten im Spiel auf dem Edelsteinfelde genau so, wie sie gestanden hatten, als das Schachbrett davongeschwebt war ... Kapitel XXXIV »Mein viellieber Neffe«, sprach König Artur gerührt, »mein tapferer Held, ich danke dir für die so schön vollbrachte Aventiure. Sie war nicht minder schön, als dereinst die Fahrt nach dem ersten Schachbrett, wenngleich Didonel und Mordred, wehe mir, sich als zwei Schurken erwiesen ...« Der König – er hatte inzwischen das Schachbrett der Sorge seiner Schatzmeister empfohlen – wollte hinzufügen, daß er die Tafelrunde, wenn er auch in den letzten Jahren mancherlei von der Zweifelsucht seiner Ritter erraten haben mochte, noch immer für eine ausgezeichnete ritterliche Einrichtung erachte, und daß er nicht daran denke, sie aufzuheben ... Allein er wollte nun König Assentijn, der sich nach der ersten Begrüßung so echt königlich bescheiden nicht allzusehr in den Vordergrund drängen wollte, erst mit Ehren überhäufen und rief: »Mein Freund und König von Endi! Wie freut es mich von Herzen, daß Ihr mit der Blume Eures Herzens, Eurer Enkeltochter, der Prinzessin Ysabel, jetzt nach Camelot gekommen seid, so daß wir die Bande königlicher Freundschaft zwischen uns beiden enger knüpfen, und ...« Da stand Gawein, während seine Züge sich schmerzlich verzerrten, aus seiner knienden Stellung auf und ging zur Seite und hielt die Hand unter das Herz gelegt. Alle riefen: »Die Wunde schmerzt! Ihn schmerzt die Wunde. Lasset ihn sich neben Gwinebant auf das Wunderbett legen.« Allein Gawein wandte sich in Schmerzensqualen um, schritt von den Stufen des Königsthrones hernieder und wehrte den Gefährten. »Lasset mich, meine lieben Gefährten«, sagte Gawein. »Ich fühle, daß es für mich schon zu spät ist.« Nein, das wollte keiner von allen glauben. Zu spät, wenn doch das Wunderbette, das Merlin so kunstvoll geschaffen hatte, dort oben in der Kammer stand? Zu spät, wenn sie ihn jetzt sogleich an der Seite des Gwinebant betteten, der bereits – so meldeten drei, vier Ärztemeister – im gesunden Zauberschlaf lag und dessen Wunde an der Schläfe unter den Augen dieser drei, vier Ärzte, die seine Genesung verfolgten, herrlich heilen würde – zu spät? Es könne nicht zu spät sein, riefen sie alle Gawein zu und wollten ihn forttragen; er aber wehrte ihnen ab. »Meine lieben Freunde«, sprach er leise, und er sprach so höfischer Form voll, wie er stets in seinem Leben alles und zu einem jeden voll höfischer Form gesprochen hatte, »lasset mich zu euch reden und glaubet mir, so wahr ich ins Paradies zu kommen hoffe: es ist so weit, ich sterbe ... Meine lieben hehren Könige von Logres und Endi, mein Oheim Artur und Ihr, mein Schwiegervater, ich sterbe. Seid dessen gewiß! Wenn ich fühlte, daß ich auf dem Wunderbette noch genesen könnte, auf dem Gwinebant ruht und gesundet, so würde ich nicht zaudern, denn ich bin einer ...« Beinahe wären ihm die Sinne geschwunden. Und angsterfüllt neigten sich alle über ihn. »Ich bin einer, der das holde schöne Leben gar sehr liebte mit all seinen Wundern, Abenteuern, Schlachten und schönen Frauen. Ich habe es vielleicht zu lieb gehabt. Meine Freunde, gebeichtet habe ich niemals. Meine Freunde, ruft mir den Kaplan!« Der Gottesmann trat vor. »Ich beichte«, stammelte Gawein. »Ich bin ein schlechter Mensch gewesen, ein Sünder ... ein schurkischer Ritter ... ich beichte, ich beichte alles!« Er stammelte dem neben ihm knienden Pfaffen ins Ohr. Rings um den stille Beichtenden ertönte nun allgemeines Wehklagen. Gawein ... stirbt? ... Sie wollten es nicht glauben. Ungläubig fragten sie Merlin, und einer wollte es vom anderen bestätigt hören. Die zwei Könige fragten einander, und Ysabel fragte voller Schmerz die Königin Ginevra: »Stirbt Gawein wirklich? ...« Keiner von allen konnte es glauben. Gawein, der so stark, so jung, so rüstig, so mannesstark, so mannesjung ihnen im Kampfe vorangeleuchtet hatte gleich einem Erzengel, gleich Sankt Michael selber mit dem flammenden Schwert ... Gawein sollte sterben ...? Allein Gawein rief mit erlöschender Stimme: »Ysabel!« Sie näherte sich ihm und zitterte wie eine vom Wind bewegte Lilie. Und ihr Schoß war mit Blut befleckt, und blutrot streckte sie ihre Händchen vor. »Gawein«, murmelte sie und kniete neben ihm nieder. »Ysabel«, sagte Gawein, »siehst du, ich sterbe. Langsam, langsam fließt mir das Blut aus dem Herzen. Nein ... laßt mich hier liegen, auf der Stufe von meines Herrn Königs Thron. Laßt mich in meiner Rüstung sterben, das ist mir besser denn der Tod auf einem Bette. Denn für das Wunderbette ist es, wehe, zu spät. Ysabel, du meine Liebste, sage mir nur ein einziges Mal – woran ich hin und wieder sehr gezweifelt –, was ich so manches Mal nicht so sicher gewußt habe ... sage mir jetzt ein einzig Mal nur, aber aufrichtig: hast du mich lieb ...? Oder hast du Gwinebant, den werten Gefährten, allzeit lieber gehabt als mich?« Ysabel kniete neben Gawein und schlang die Arme um sein braunes lockiges Haupt, drückte ihre Brust an seine Wunde, schaute ihm lange und tief in die braunen Augen, die zu brechen schienen, und sprach: »Gawein, mein lieber Gawein, glaube mir in dieser Stunde: Ich habe dich immer lieber gehabt als Gwinebant!« Seine Arme schlossen sich um ihr blondes Haupt, das er liebevoll drückte ... Die Abenddämmerung brach herein: überall im Hofe und vor den Toren flammten die Fackeln auf, und große Kerzen wurden entzündet. Überall knieten hier und dort Frauen, Ritter und Barone und beteten. Und auf der Schwelle war Gwinebant erschienen, den die Ärzte stützen mußten. Genesen war er noch nicht. Doch als er aus dem ersten Zauberschlaf erwacht war und vernommen hatte, daß Gawein im Sterben liege, hatte er sich von dem Zauberbett erhoben. Und da stand er nun auf der Schwelle der Burgtür ... Und hörte Ysabels Worte, die sie wiederholt hatte: »Ich habe dich, Gawein, immer lieber gehabt als Gwinebant!« »Gwinebant!« hörte man hier und dort flüstern und manch einer erschrak, weil er noch nicht völlig genesen schien. Ysabel löste sich aus Gaweins Armen und hob den Kopf auf. Sie schaute Gwinebant gerade in die Augen, die aus seinem bleichen Antlitz sie anstarrten. Und sie lächelte ihm über Gawein, der selig die Augen schloß, schmerzlich zu. Gwinebant verstand, und sie verstanden sie alle. Der Kaplan begriff und machte wegen ihrer Lüge, ohne daß Gawein es sehen konnte, das Zeichen des Kreuzes über Ysabels Stirn. Und er bat den Gott des Himmelreiches, er möge ihr vergeben. »Gawein!« rief Gwinebant bleich von der Schwelle her. »Gwinebant!« tönte es von dem sterbenden Gawein zurück, »komm zu mir.« Gwinebant näherte sich und kniete neben Gawein nieder. »Du hast mich gerettet, Gawein«, sprach er, »und du stirbst an der Wunde, die du für mich empfingest.« Allein Gawein drückte mit beiden Armen Ysabel und Gwinebant an sich, er drückte ihrer beider Köpfe an seine Brust, die heftig pochte, und seine Augen schauten in die Nacht empor, zu den klaren Sternen, die hoch über den qualmenden Fackeln ringsumher vom Himmel strahlten. »Gwinebant«, murmelte Gawein, und: »Ysabel! O meine geliebte Ysabel, meine Braut, liebte mich, doch sie liebte auch dich, Gwinebant! So es unseren Königen recht ist, mein Freund, so empfange Ysabel von mir, da ich sterbe. Sei ihr Gatte, Gwinebant. Und du, Ysabel, die ich minnte, wie ich nie ein Weib geminnt habe, sei dem Gwinebant Gattin. Ich sterbe, wie gern ich auch noch hätte leben mögen. Ich sterbe glücklich. Seht, seht all meine Freunde: die Himmel öffnen sich, es glänzt, es strahlt. Ein Heer von Engeln mit silbernen Flügeln füllt den offenen Himmel. Schauet, König Artur, ich sehe Sankt Michael selber, den heiligen Helden; sein Schwert flammt, und er besiegt Luzifer, und er stürzt ihn aus dem Himmel. Mein heiliger Schutzpatron, ich sehe dich: Sankt Michael! Sankt Michael! Ich sehe dort die himmlischen Wälder; sie sind voller Drachen, die ich bekämpfen werde! Sankt Michael winkt mir. Ich sehe schwebende Schachbretter, sehe viele blutende Speere, und ich sehe ... den heiligen Gral, die strahlende Schale voll heiligsten Blutes. Das ist ein helles Leuchten! Sankt Michael, ich komme. Euer Ritter, den Ihr wohl empfangen müsset, wird die sündige Rüstung von den sündigen Gliedern streifen und zu Euch kommen und in diamantener Rüstung erstrahlen, die Ihr mir geben sollt. Ysabel, die ich minnte, fahr wohl! Gwinebant, lieber Knabe, leb wohl! Sehet nur, die Engel steigen hernieder, um meine Seele zu empfahen!« Langsam öffnete Gawein seine Arme ... Und er ließ Gwinebant und Ysabel los. Seine sterbenden Augen blickten verzückt mit brechendem Blick empor, wo die Himmel sich vor ihm in voller Glorie öffneten ... Ringsum in der Nacht, in dem Qualm der windbewegten Fackelflammen auf dem Burgplatze knieten alle nieder ... Gebete erklangen ... »Gott im Himmelreiche, der du für uns geboren wurdest ...« Kapitel XXXV Den folgenden Monat gab es auf Camelot großes Trauern um Gawein, der – so meinten nun alle – der tapferste Ritter der Tafelrunde gewesen. Und sein Leib ruhte nun in dem Grabgewölbe unter der Burgkapelle. Allein seine Seele, dessen waren alle gewiß, hatten die Engel mitgeführt in das Paradies zu Sankt Michael ... Und König Artur war sehr siech; ihn drückte der Jahre Last und Wehmut darum, daß seine Ritter nicht mehr an Wunder und Abenteuer glauben mochten. Gawein war der letzte gewesen, der davon erfüllt gewesen war, die neuen Ritter aber, die sich bei der letzten Verteidigung von Camelot als tapfere Helden erwiesen hatten, hielten gar nichts mehr davon und meinten – König Artur hatte es selber gehört –, daß alle Abenteuer und, als damit zusammenhangend, auch alle Kriege der alten Könige untereinander in der neuen Welt keine Bedeutung mehr hätten. Und sie glaubten, Krieg mit Paris oder Köln müsse kommen, um Logres und die anderen Königreiche von Britannje erst recht zur Blüte zu bringen. Diese neuzeitlichen Ansichten schmerzten König Artur gar sehr in seinem alten Königsherzen, um so mehr, als er nun mit den neuen Rittern ganz allein war. Denn die neun von der ersten Tafelrunde, Lancelot, Gwinebant, Sagremort, Bohort, Ywein, Agloval, Galehot, Hestor und Melegant waren mitsammen zu Fuße nach Rom gepilgert. Ihre Seelen waren schwer belastet durch den mehr oder weniger üblen Scherz, den sie mit dem von Merlin gesandten Schachbrett an ihrem lieben Gefährten Gawein getrieben hatten. Sie hatten gemeint, daß Merlin allen Anlaß haben dürfte, mit ihnen zu ziehen, allein Merlin der Zauberer – wenn er auch kein böser Zauberer war – sagte, er ginge nicht nach Rom. Und er brauchte keine Buße zu tun. Er hätte nur die Dinge gelenkt, die auch ohne ihn sich ereignet haben würden, wie es im Willen der Allmacht und des Himmels und der Kirche gelegen hätte ... So recht begriffen die Ritter nicht, was Merlin mit der Aufzählung der himmlischen Mächte meinte. Allein sie beteten für ihn unterwegs und in Rom... Der Trauer wegen saß der König Artur während all der Monate nicht an der Tafelrunde, auch mochte er die neuen Ritter, deren Zweifel und Widerwillen er bemerkt hatte, nicht trotz ihres Unglaubens unter seine Anschauungen zwingen. Aber es schmerzte ihn sehr, und gern hätte er wenigstens einmal allein an der Jaspistafel gesessen, doch er unterließ es um Ginevras willen, die ihm mit ihrer melodischen Stimme sagte, nun, da er siech und alt wäre, würde das für seine Gesundheit und sonderlich für seinen Magen gar nicht gut sein. Und der ›Urquell aller Schönheit‹ hatte König Artur sanft von dannen gezogen. Zum Trost für ihn waren König Assentijn und Ysabel auf Camelot geblieben. Krieg drohte jetzt nicht mehr mit Nordcumberland. Zweimal war Clarioen besiegt, und so würde er wohl jetzt, wenn auch die neun Helden zur Buße romwärts gepilgert waren, keinen Streit mehr wagen. Und die Wintertage schleppten sich eintönig hin. Der Schnee lag in den entlaubten Wäldern und säumte mit breitem Saum die Festungswälle um Camelot und die Zinnen und die Türme, und fast nie mehr erklang der Hörnerschall der Wächter. Kein Ritter durchzog diese Lande. Der Nordwind blies um die Burg. Die kurzen Tage ließen schon am frühen Nachmittag trübe Wehmutsstimmung in den grauen Winkeln der Kemenate aufkommen, und weil König Artur siech darniederlag, wollten Sorge und Trübsal nicht mehr weichen. Und während König Assentijn neben dem Bette des Königs Artur saß und ihm Trost zusprach und ihn dabei an das ruhmreiche Einst erinnerte, da noch an jedem lieben Tage sich Abenteuer zutrugen (wenn es auch Tage voll großer Mühsal gewesen seien, meinte Assentijn, der niemals sehr für die Tafelrunde geschwärmt hatte): währenddessen suchten Ginevra und Ysabel einander. Die Jungfrau war froh, die holdselige Königin, von der sie im Ritterroman vom treuen Lancelot so viel gelesen hatte, nun mit eigenen Augen schauen und sie, die Königin der Minne, liebhaben zu dürfen, und sie selber gestand ihr ein, daß sie Gwinebant minne, und daß sie ihn allzeit geminnt habe, und daß sie darum Gawein die Unwahrheit gesagt habe, als er sterbend unter der Königslinde lag. Und wiewohl Ginevra sie tröstete, weil sie aus Barmherzigkeit gelogen hatte, und obwohl der Kaplan ihr die Beichte abgenommen und Absolution erteilt hatte, wollte Ysabel noch größere Buße tun, als daß sie jeden Tag an des Gawein Grabstätte im grauen Gewölbe unter der Kapelle für seine Seele betete und für sich selber Vergebung erflehte. Und so zog sie denn auf Pilgerschaft zusammen mit der Königin, die glaubte, es sei besser, ob so treuer ehebrecherischer Liebe zu Lancelot eine Bittfahrt zu tun, als niemals Reue zu zeigen. Und die Königin und die Prinzessin und ihre Edelfrauen wallfahrteten barfuß in weißen Kutten über die verschneiten Wege, die langen, im Winde flatternden Kerzen in der Hand, und ließen sich von Rittern und Waffenknechten drei Tage lang von Kapelle zu Kapelle geleiten. So gelangten sie auch zu dem Kirchlein, bei dem auf dem Friedhof Mordred und Didonel von Gawein begraben worden waren. Und sie beteten für beider Seelen. Sie sprachen vielerlei Gebete, und allüberall verteilten sie ihre Gaben. Doch sehr erfreut waren sie, als sie dann nach Camelot zurückkehren und sich an den großen flammenden Feuern die erfrorenen Händchen und Füßchen wärmen und einander von ihrer Minne mit geringerer Reue erzählen konnten, nun sie drei Tage durch den Schnee gepilgert waren. Doch oftmals rief Assentijn Ginevra an das Krankenlager des Königs. Der aber wünschte es nicht, daß die Königin allzeit dort verweile. Aber nun, da er sich von einem Tage zum anderen dem Tode näher fühlte, legte er, während sie neben ihm niederkniete, seine große geäderte Hand auf ihr goldblondes Haupt und dankte ihr, daß sie allzeit liebevoll zu ihm gewesen, wie ein Töchterchen. Wenn er sie nun verlassen müsse, so würde sie als Königin über Logres herrschen, und er empfehle ihr, sich einen anderen Gemahl zu küren. Zu Lancelot rate er ihr ... Sie weinte gar sehr. Und ihre Tränen flossen über des Königs Hände, und des Königs Kuß traf ihre Stirn und segnete die süße und treue Sünderin. Da eines Tages kehrten die neun Pilger von Rom zurück. Auf dem Wege hatten sie miteinander viel darüber gesprochen, wie seltsam doch Wunder und Abenteuer seien. Sie mußten einander zugeben, daß das von Merlin gesandte Schachbrett, um das sie alle gewußt hatten, allerlei nach sich gezogen hatte, zum Exempel: Schandkarren und bedrängte Damoicelen und sogar – wehe! – des Gawein Tod. Hatte sich nicht alles eins an das andere gefügt bis zu der Pilgerfahrt, zu der sie sich bewogen fühlten? Und als sie nach Camelot zurückgekehrt waren, umarmte Ysabel Gwinebant, und Ginevra umarmte Lancelot und sagte ihm, dieweil ihr die Tränen über die Wangen rannen und sie noch schöner machten, daß der König im Sterben läge. Und die neun Helden standen um des Königs Lager, und zu ihnen fand sich ein Sänger, den sein Fiedler begleitete, und der sang von früheren Rittertaten, und umringt von den Seinen und in Gesichten von Wundern und Abenteuern verschied König Artur, der über das Land Logres geherrscht hatte, in seiner Burg zu Camelot. Nachdem der König in seinem königlichen Grabe mitten in dem Gewölbe unter der Kapelle beigesetzt war – Gawein ruhte gleich daneben –, huldigten die Helden in Gegenwart Assentijns und Ysabels der Königin Ginevra und legten ihr als ihre Vasallen und Barone feierlichen Treueschwur ab. Und darauf zog Bohort den Lancelot in den Vordergrund. Allein der und die anderen schoben wiederum Bohort vor, der ja so riesengroß war und der gewißlich leicht das rechte Wort würde sprechen können, während Ginevra so lieblich verlegen auf dem Throne saß und ihr zur Seite ihre Gäste, Assentijn und Ysabel. Und da sagte Bohort, daß die Königin um des Landes und um ihrer Krone willen sich unter ihnen allen von der Tafelrunde einen neuen Gemahl wählen müsse. Und Bohort machte es sehr gut, gleich als wenn er keinen Augenblick an Lancelot gedacht hätte, und auch die anderen alle hielten sich sehr gut, gleich als käme auch ihnen keinen Augenblick Lancelot in den Sinn. Und als die Königin nun den Lancelot erkor – mit züchtiger Stimme kündete sie ihre Wahl –, da stellten sie alle sich so an, als seien sie sehr überrascht, zugleich aber auch so, als ob sie ihrer Königin Wahl sehr priesen; denn sie stießen Freudenrufe aus und brachten Lancelot als dem zukünftigen König von Logres ihre Huldigung dar. +++ Was soll ich es nun noch so lang machen? Als der Winter vorüber war, brach der Weltkrieg zwischen allen vereinigten Königreichen von Britannje und Wallis, die sich mit Paris und Rom vereinigt hatten, und dem König von Köln aus. All die alten Könige waren gestorben, auch der gute Assentijn von Endi und auch der böse Clarioen von Nordcumberland. Und der schöne Gwinebant hatte die schöne Ysabel geehelicht; sie beide herrschten über Endi, und Lionel, der Ritter vom Schandkarren, gebot über Nordcumberland. All diese jungen Könige schloß die moderne Politik zu einem Bunde zusammen, und eine ungeheure Heeresmacht zog unter ihrer aller Führung gen Köln, wo gleichfalls ein neuer König herrschte, gleichwie zu Paris und Rom, denn es gab allenthalben lauter junge Könige in der Welt. Der Weltkrieg mußte gewaltig werden, wie man noch nie einen erschaut hatte. Zu Camelot und Endi blieben die Königinnen Ginevra und Ysabel, die von König Lancelot und König Gwinebant Abschied genommen hatten, allein zurück. Ginevra aber, die edlere und auch ältere der beiden, sandte Botschaft an Ysabel, ob sie nicht in Camelot Wohnung nehmen wolle, bis ihrer beider Könige und Gemahle siegreich aus dem Weltkriege heimkehren würden. Die nahm es voller Dank an und kam nach Camelot. Und Merlin, der hin und wieder auf seinem blauen Phönixvogel herbeigeeilt kam, fügte es so, daß den beiden Königinnen in jeder Nacht von ihren Königen träumte, und daß zwei Wundertrompeten auf ihren Tischen standen, aus deren einer des Königs Lancelot milde tiefe Stimme erklang, dieweil die andere den nachtigallenhellen Ton von König Gwinebants Stimme wiedergab. Auch lud Merlin die beiden Königinnen häufig ein, sich auf der weißen Zauberwand in seinem Schlosse die letzten Wunderbilder der ausziehenden Heeresscharen anzusehen: er bestellte dies alles jetzt durch drahtlosen Fernspruch und hatte auch die Gewogenheit, die edlen Fürstinnen zu einer kleinen Ausfahrt in seinem Zauberwagen oder gar zu einem Flug mit seinem Phönixvogel aufzufordern, der mit ihnen hoch emporstieg, weit über die Zinnen von Camelot und von Endi. Allein im Grunde liebte die Königin Ginevra all diese neuen Maschinen nicht sehr, während Königin Ysabel dafür schwärmte. Und an einem sonnigen Maimorgen – der Weltkrieg mußte vorüber sein, denn Weltkriege dauerten damals nicht länger als einen einzigen Winter – sprach die holde Ginevra zur nicht minder holden Ysabel: »Meine vielliebe Fürstin und Freundin, würdet Ihr mir, während wir unsere siegreichen Könige und Helden erwarten, eine Freude bereiten wollen, so kommt doch mit in meinen Hain der Freude, in dem ich damals so häufig mit meinem Lancelot wandelte, als König Artur noch lebte. Dort steht ein Wunderbaum, der alte Wunderbaum, der mir von allen Maschinen des Merlin eigentlich am allerteuersten ist, und Merlin hat ihn auf mein Ersuchen selber ausgebessert. Und wir werden darunter sitzen und die goldenen Vöglein singen hören und die goldenen Blättlein sich regen sehen ...« Und die Königin Ginevra führte die Königin Ysabel mit sich in ihren Hain. Der Mai lachte rings aus allen Blütenblättern. Allein das Schönste an ihrem ganzen Hofe wäre doch, so meinte Ginevra, der Wunderbaum, den Merlin bereits vor Jahren für sie gemacht hätte. Und Ysabel sah den Baum, den sie aus den Liedern der Troubadoure bereits kannte, und lächelnd und sehr neugierig schaute sie ihn an. Der köstliche Baum war aus eitel rotem Golde und breitete seine Zweige und Äste weit aus, die auch alle aus feinstem Golde waren, und auf jedem Zweige, auf jedem Ästlein stand ein goldenes Vögelein, sehr künstlich und fein bereitet und allerliebst anzusehen. Der Baum war in jeder Hinsicht sehr wohl gelungen und voll zauberhafter Schönheiten. An jedem seiner schönen Blättlein hing ein goldenes Glöckchen. Und Ginevra lud Ysabel ein, auf der Marmorbank unter dem Baum Platz zu nehmen. Und die beiden Königinnen blickten lächelnd empor, und ihre Edelfrauen und Damen kamen auch herbei, um zu sehen und zu hören. Und plötzlich begann jedes der Vöglein sich aufzurichten und zu zittern, gleich als lebe es, und dann ganz süß zu singen; ein jedes Vöglein gab sein eigenes Liedlein. Und das alles klang so schön und so hell, daß die beiden Königinnen mit frohen Sinnen zuhörten. Zu sechst und zu sieben sangen die Vöglein ihre Liedchen, hoch und tief, und darauf begannen auch die Glöckchen an den Blättern zu klingen, hoch und tief, und das alles zusammen bildete eine einzige Harmonie voller Melodie, und Ginevra sagte, während sie andächtig ihren schlanken Finger hob: »Hört Ihr es, vielliebe Ysabel? Schönere Musik ertönt auch wohl nicht bei den Engeln im Paradiese. Und wenn einer bis zum Tode verwundet wäre: er würde aller Schmerzen bar, so er hier nur eine kurze Weile diese Vöglein hören könnte. Und wir, meine süße Ysabel, wir werden, bis unsere Könige siegreich aus dem Weltkriege heimkehren, ihrer hier harren und diesen klaren Tönen lauschen und darüber die langen Stunden des Wartens vergessen. Und unter dem Wunderbaum, müsset Ihr wissen, o Ysabel, ist kunstvoll und mit großem Geschick ein Verschlag hergerichtet, und darin stehen wohl sechzehn Männer, und die haben acht Blasebälge in den Händen, und mit diesen treiben sie mit großer Wucht Wind in den Baum, von unten her in die Wurzeln bis hinauf in die Wipfel, und wenn sie dann mit ihrem Luftzug die Vöglein und auch die Glöcklein treffen, so singen sie alle zusammen ... Hört! Hört!« »Hört! Hört!« wiederholten leise die Edelfrauen, und alle hoben sie lauschend einen schlanken Finger in die Luft. Darauf lauschte auch die Königin Ysabel lachend. Alle die Frauen sangen die Musik nach, und auch Ginevra sang entzückt mit, und alle lachten und sangen. Und die Vöglein zwitscherten höher, und die Glöcklein läuteten tiefer. Und das alles war Wunder und Zauberei. Die beiden Königinnen lächelten leise singend mit erhobenem Finger einander zu. Da gewahrte Ysabel plötzlich, daß in dem goldblonden Haar des ›Urquells aller Schönheit‹ ein Silberfaden glänzte, und Ysabel begriff, warum Ginevra den alten Baum lieber habe als alle neuen Maschinen. Allein sie sagte nichts, die süße Ysabel, denn eigentlich war es ja auch Zauberei, daß ihr in jeder Nacht von ihrem jungen Gemahl, dem König Gwinebant, träumte, der schöner war als Sankt Michael selber ... Plötzlich ward über der Musik des Baumes eine schmetternde Fanfare aus den Kupferhörnern der Turmwächter hörbar. Sie kündete die Heimkehr der siegreichen Könige an. Und die Königinnen sanken einander jubelnd in die Arme, während Keye hinkend dahergelaufen kam, mit seinem schweren Schlüsselbund die Tore zu öffnen. Da weihte die süße Ysabel inmitten des Fanfarengetönes und der klingenden Zauberbaummusik dem Gawein, als dem ritterlichsten aller Ritter der Christenheit, eine Zähre der Erinnerung.