Paul Keller Der Sohn der Hagar Erstes Kapitel »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin, ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn.« Die Lore sang schön. Und sie selbst war schön. Die Abendsonne, die durchs geöffnete Fenster schien, bestrahlte ihren blonden Kopf, bestrahlte das Nähzeug, das sie in den kleinen Händen hielt, und überzog selbst die blanke Nadel mit einem leichten Goldschimmer. »Die Luft ist kühl und es dunkelt, und ruhig fließt der Rhein, der Gipfel des Berges funkelt im Abendsonnenschein.« Der Rhein war dieser schleichen Flur fern; aber das Wasser des großen Teiches funkelte rotgolden auf, das tiefe Leuchten ging über seine stille Fläche und stieg am jenseitigen Ufer den kleinen Berg hinauf, wo der vereinzelte wilde Kirschbaum stand, den die Leute den »Wächter« nannten. Der »Wächter« stand auf einer kleinen Anhöhe wie auf einem Auslugposten und sah übers ganze Dorf weg und übers ganze Tal. Wenn ein Wetter kam, dann wehrte der »Wächter« mit ausgestreckten Zweigen die Blitze ab, daß sie den Häusern nicht zu nahe kämen. Seit Menschengedenken hatte es in Teichau nicht eingeschlagen; dagegen zeigten sich gelegentlich die Leute mit leiser Furcht und großem Respekt die kleinen Schmarren und Risse wie auch die tiefe Wunde, die der tapfere, treue Baum durch die Wetterstrahlen erlitten hatte. Und wie ein Vorposten war er, den der Wald ausgestellt hatte, der Wald, der ruhig wie ein schlummerndes Heer den Hügel hinauf im ersten Herbsttraume lag. »Die schönste Jungfrau sitzet dort oben wunderbar –« »Sing' nich immerfort! Näh' lieber! Bei dem ewigen Gedudele wird nischt fertig!« Lore erschrak und stach sich leicht in den Finger. Sie sah ihre Tante, die Frau Gastwirt Anna Hartmann, die so plötzlich in die Wirtsstube getreten war, an und sagte leise, aber mit leichtem Trotz: »Ich näh' ja!« Ihr Onkel, der Gastwirt Wilhelm Hartmann, der im hohen Schanksims sanft eingeschlummert gewesen war, war durch das Erscheinen seiner Frau jählings erwacht und tat nun, als ob er eifrig Gläser ausspüle. Seine Frau warf einen Blick in seine hölzerne Burg und sagte mürrisch: »Du könntest lieber amal in a Pferdestall sehn. Es is Zeit zum Füttern, und der Gottlieb wüstet mit 'm Haber, als wenn a gar nischt kostete.« Darauf verschwand sie. Lore seufzte und zog dann ein schnippisches Mäulchen, Hartmann hörte auf zu spülen, trocknete sich die Hände ab und kam aus dem Schanksims heraus. »Lore, du kannst singen! Aber sing' leise«, sagte er. Nach diesem tapferen Ausspruch verließ er das Zimmer, um zu Gottlieb, dem alten Großknecht, in den Pferdestall zugehen. Einen Augenblick blieb's still in der großen Wirtsstube, dann tönte leise wieder des Mädchens Gesang: »Ihr goldnes Geschmeide blitzet, Sie kämmt ihr goldenes Haar.« Sie hat ganz zu nähen aufgehört. Im Glase des offenstehenden Fensterflügels betrachtet sie ihr Bild. O, sie ist schön! Hat auch goldene Haare. Und heißt auch Lore. Wenn sie auf dem Felsen am Rheine säße und die Schiffer zögen vorbei und sähen alle voll Liebe und Bewunderung zu ihr hinauf, das wäre herrlich! Es wären viele: der Bernert Bruno, der Postassistent aus der Stadt, der jeden Sonntag kam, der neue Adjuvant aus der Schule, der Forsteleve, sogar der Gendarm, der Witwer war und fünf Kinder hatte. Lore lachte leise. Dann fast alle Bauernburschen und am Schluß der Berthold – Berthold Hartmann, ihr Vetter. Aber der müßte auf einem Schweinetrog fahren, wie er in Ermangelung eines Bootes draußen auf dem Teich manchmal im Schweinetrog ruderte, wenn er das Bedürfnis hatte, ein kaltes Bad zu nehmen. Denn der Trog kippte immer um. Lore schrie plötzlich auf. Ein großer dunkler Gegenstand sauste durch das breite Fenster herein, und ehe sie noch feststellen konnte, daß es ein gefüllter Bettstrohsack war, kam schon ein zweiter dunkler Gegenstand durchs Fenster, und dieser zweite war Berthold. »Berthold – du bist ja – du bist ja ganz verdreht – du erschrickst einen –« Berthold, der auf dem Strohsack hockte, sagte stolz: »Ja, Lore, das is so! Das is so a feiner Witz, den ich mir ausgedacht hab'! Denn siehste, erst kummt der Sack und dann kommt der Esel.« Lore mußte lachen. »Haste dir das wirklich alleine ausgedacht? Das glaub' ich nich«, sagte sie freundlich. »Nu je, der Gottlieb hat mir a bissel gehulfen beim Ausdenken. Aber daß ich a Strohsack hier reinschmeißen wullte, das is mir ganz alleine eingefallen.« »Wo kommst'n eigentlich jetz mit dem Strohsack her?« Berthold zog ein mürrisches Gesicht. »Ach, die Christel! Die schimpft ja immerfurt uff mir rum. Alle sechs Wuchen muß ich mir a Strohsack neu stuppen. Und jetz, da sind sechs Wuchen reichlich rum. 's hat doch aber keenen Zweck, wo ich jetz zu a Soldaten kumm. Aber wart' ock, wenn ich vum Militär zurück bin, da muck ich uff! Da laß ich mir von der Christel nischt mehr sagen, wo sie doch bloß meine Schwester is. Da stupp ich mir a Strohsack 's ganze Jahr nich.« »Nu, da wärste ja a recht feiner Schweinigel!« Berthold versank ins Nachdenken. »Weeßte Lore, später da wird alles viel feiner. Wenn ich amal heirat', da koof' ich Madratzen. Die fein'n Leute haben überhaupt keene Strohsäcke. Da gibt's nischt zu stuppen. Denkste, der Kaiser stuppt sich 'n Strohsack? Denkt nich dran! 'ne Madratze hat a. Und weeßte, Lore, wen ich mit meiner feinen Ausstattung heirat'?« Lore wiegte kokett den Kopf. »Die Hillner Liese, die hat zehntausend Taler.« Berthold schüttelte sich heftig: »Nee, die nich, die hat mir zu a schiefes Maul.« »Nu, dann vielleichte die Mitguden. Die hat gar fünfzehntausend.« »Fünfzehntausend hat se, und sechzehn Jahr is se älter als ich. Ich mag se nich«, sagte Berthold. »Na, da wirste die Fischer Selma nehmen. Die hat zwar bloß sechstausend, aber sie is hübsch und jung.« »Die Fischer Selma nehm' ich auch nich. Denn die hat schon ein'n andern, und das paßt mir nich. Nee, ich werd' dir's sagen. Du mußt's aber ganz für dich behalten.« Er legte den Mund dicht an das Ohr des Mädchens. » Dich Heirat' ich!« »O je, Berthold, mit meinen zweitausend Talern! Was würd' da deine Mutter sagen?« »Wenn ich vom Militär zurück bin, muck' ich uff. Stupp keen Strohsack nich mehr und heirat', wen ich will. Laß mir nischt mehr gefall'n. Ich nehm' dich, Lore, da paß nur mal uff!« Da in diesem Augenblick draußen Frau Hartmanns scharfe, herrische Stimme hörbar wurde, warf Berthold seinen Strohsack wieder zum Fenster hinaus und setzte ihm eilig nach. Lore seufzte. Der Berthold war ein starker, hübsch gebauter Bursche. Nur dumm war er. Und seine Mutter würde auch eine Heirat mit ihr nicht zugeben. Die wollte viel Geld. So kam das Mädchen wieder ins Träumen, schaute ins Fensterglas und betrachtete ihr blondes Bild. Da zogen wieder alle, die in sie verliebt waren, an ihrem geistigen Auge vorüber. Nur der Gendarm mit seinen fünf Kindern war ausgeschaltet. »Ich sage Ihnen, Hartmann, nischt wie Ärger!« Mit dem zurückkehrenden Gastwirt trat ein Mann ein: Dr. Friedlieb, Gutsbesitzer, praktischer Arzt, Amtsvorsteher und Dorfreformer. Er war Mitte der vierziger Jahre, hatte ein offenes Gesicht, gutmütige, etwas unter den Brauen versteckt liegende Augen und zeigte in seinem Äußern die ganze Vielgestaltigkeit seines Berufes: Er hatte eine blasse Stirn, aber ein robust rotes Gesicht, trug eine goldene Brille und einen Stock mit silberner Krücke, hatte aber langschäftige Stiefel und einen dicken Bauernanzug an, seine Wäsche war tadellos, aber auf seinem Kopfe saß eine filzige Tuchmütze. Verdrossen warf er die Mütze auf einen Stuhl. »Nischt wie Ärger, nischt wie Borniertheit!« »Der Herr Dokter ärgern sich ooch gleich immer zu sehr«, sagte Hartmann. »Soll man sich da nich ärgern? Gleichgültig sein, schlafmützig, tranig? Was? Meine ganze Dokterei bringt mir n'Quark! Weil ich eben nich wie manche von meinen Kollegen 'n Interesse dran Hab', daß die Leute krank sind, nee, daß sie gesund bleiben. Verflucht noch eins, wozu hab' ich denn den Gesundheitsverein gegründet? Wozu halt' ich jeden Sonnabend hier 'n populär-wissenschaftlichen Vortrag? Wozu verbreit' ich nützliche Bücher? Daß so 'ne alte Schwarte, wie die Scherwenken, bei sechzehn Grad Celsius 's Fenster zu hat? In einer Pestluft sitzt? Rausschmeißen müßte man so 'ne alte Schachtel aus 'm Gesundheitsverein. »Jes, jes, Herr Dukter, ich hab' doch a so sehr Zahnreißen!« »Renommieren Sie nich, olle Lichtscheuche!« sagte ich, »Sie haben doch gar keene Zähne mehr!« »Nee, nee, Herr Dukter, aber Wurzeln hab' ich – Wurzeln! – – Sehn Sie, Hartmann, und weil das alte Weib Wurzeln hat, macht sie kein Fenster auf, läßt sie keine Luft rein!« Hartmann ging nach dem Schanksims. »Woll'n Sie nich vielleichte 'n Gilka, Herr Dokter?« »Nee – 'n Mampe! Mir is ganz schlecht um 'n Magen von dieser scherwenkischen Luft. Sagen Sie mal, Hartmann, wie steht's denn jetzt mit 'm Winkler-Maurer?« »Ach, da fragen der Herr Doktor lieber gar nich erst!« »Natürlich frag' ich! Sauft er noch so? Hartmann, Sie haben doch aber auch immer gewissenhaft die Chemikalien, die ich Ihnen gegeben hab', in die Flasche getan, aus der Sie dem Winkler einschenken? Wir woll'n ihn retten, ohne daß er's merkt. Verekeln müssen wir ihm den Fusel.« Hartmann kam aus dem Schanksims heraus. »Bitte, ein Mampe! Herr Dokter, mit dem Winkler is es schrecklich. Ich hab' immer Ihre Medizin, die ihm's Saufen verekeln soll, in eene Fünfliterflasche getan und ihm daraus eingeschenkt. Eenmal hab' ich mich vergriffen und eene Flasche mit reinem Kornbranntwein erwischt und ihm ein Liter verkauft.« »Verdammt ja, das wird ihm wieder geschadet haben!« »Nee, den reinen Schnaps hat a zurückgebracht und gesagt: von seiner Sorte wollt' a haben, die schmeckt ihm viel besser.« Dr. Friedlieb trank empört seinen Mampe aus. »Noch 'n Mampe, Hartmann, noch einen – das sind ja – das sind ja – Viecher! Die – die saufen schließlich auch Petroleum! Hartmann, ich geb's auf! Da is ja mit dem allerbesten Willen nischt anzufangen.« Hartmann zuckte die Achseln. »Ja, der Winkler-Maurer is undankbar. Ihre Schwester, die Fräul'n Jettel, hat erst jetzt wieder seinen fünf Kindern Winterstrümpfe gestrickt.« Der schon sehr verärgerte Dr. Friedlieb fuhr auf. »Meine Schwester, die is – die is – o Hartmann, wenn sie nich meine Schwester wär', würd' ich sagen, sie is 'ne Gans. Eine Riesen-Patent-Ausstellungs-Fettgans! Strümpfe strickt sie! Für Winkler-Maurers Kinder! Damit nur ja dem Kerl die Sorge für seine Familie ganz abgenommen wird, damit er den letzten Heller für Ihren Giftfusel übrig hat. Herrgott ja, die Jettel! Die Frauenzimmer haben ja alle keinen Verstand, aber gar die Jettel – von Verstand, Einsicht, nich die Spur! Ihre Lieblingskatze füttern, die ›Christliche Jungfrau‹ lesen und für die Winklerkinder Strümpfe stricken, das is so ihr Fall, das is so ihr ganzes Menschentum.« »Sie meint's eben gut, Herr Dokter, mit ihren Almosen.« »Gut? Almosen sind Mumpitz, mein Lieber! Das müßten Sie doch endlich einsehen. Sind ein ganz elendes Flickwerk! Was ist denn einer Familie damit gedient, daß sie neue Strümpfe bekommt? Bleibt sie nich auch mit neuen Strümpfen im Elend? Nee, mein Bester, Almosen sind 'ne faule Ausrede, sind 'ne Gewissensbeschwichtigung, sind 'ne Bemogelei unserer selbst. Gesunde Lebensbedingungen schaffen, Verhältnisse gestalten, daß niemand 'n Almosen nötig hat, das is das Richtige! Zum Beispiel in diesem Falle dem Manne das Saufen abgewöhnen.« »Das hat aber eben seine gewissen Schwierigkeiten!« »Stimmt! Aber das Schwierige allein lohnt sich zu tun. Na sehn Se mal, Strümpfe stricken kann jedes, das is keine soziale Fürsorge. Und was unser Landrat tut, Verfügungen erlassen und uff sozialen Kongressen lange Reden halten, oder blecherne Zeitungsartikel loslassen, das steht noch unterm Strümpfestricken. Das erfüllt keinen andern Zweck, als daß der Landrat endlich mal 'n Adlerorden vierter kriegt. Nee, Hartmann, jeder muß selber eingreifen, jeder in seinem Kreise. Aber nich immer ausflicken, zukleistern oder gar andern die Faulheit und Liederlichkeit stärken, Wege zeigen, Fundamente bauen. Bring'« Se mir jetzt 'n Gilka!« »Mir scheint, es is Musik im Dorfe«, warf Lore dazwischen. Dr. Friedlieb wandte sich um: »Ach, Lore, Sie sind auch da? 'n Abend! Hab' Sie gar nich gesehn. Musik meinen Sie? Warten Sie mal! Ich hör' nischt. Seit ich die verfluchten Polypen im Ohre hab' –« »Ja, ich hör's auch,« meinte Hartmann, »das werd'n Bettelmusikanten sein.« »Lore! Lore! Lore! Es sind Bettelmusikanten im Dorfe«, schrie Berthold Hartmann draußen im Hofe und trabte nach der Straße. Im gleichen Augenblicke öffnete sich die Stubentüre und Christel Hartmann, ein etwa vierundzwanzigjähriges Mädchen, trat kurz ein: »Vater, es scheinen Bettelmusikanten zu kommen.« Gleich darauf erschien durch eine zweite Tür Frau Hartmann. »Mach' endlich, daß du fertig wirst, Lore, 's scheinen Bettelmusikanten zu kommen.« »Ach nee!« sagte Dr. Friedlieb, »das is unser Neuestes.« Zum Überfluß kam Gottlieb, der alte Großknecht, aufgeregt herein und wollte etwas vermelden, aber Dr. Friedlieb schnitt ihm die Rede ab: »Schweigen Sie, Gottlieb, man sieht's Ihnen an. Ihnen scheint, es kommen Bettelmusikanten.« Zweites Kapitel Es war Abend geworden. Um einen schweren Tisch, über dem eine mächtige Petroleumlampe brannte, saßen vier fremde Musikanten: ein großer Mann mit grauem Bart und dem unverkennbaren Ausdruck des ehemaligen Soldaten, zwei Kriegsdenkmünzen auf der Brust, ein zweiter, von langer dünner Figur, dann ein brauner schwarzgelockter und endlich ein fünfundzwanzigjähriger Mann mit einem blassen, hübschen, fast weiblich weichen Gesicht. Eine große eiserne Pfanne mit dampfenden Bratkartoffeln und eine Riesenschüssel mit abgerahmter Milch standen auf dem Tisch. Aus diesen zwei Gefäßen löffelten die hungrigen Fremden ihr Nachtmahl. Der alte Gottlieb Peuker aß mit ihnen. »Also Sie sind Großknecht hier?« fragte ihn der Kriegsmann. Gottlieb lachte. »Grußknecht und noch vieles andre. Zum Beispiel Nachtwächter. Wenn Sie bis um zehne munter bleiben, könn'n Se mich uff meiner Pfeife musezieren hör'n. Eins, zwei, drei – bis zehne!« »Na, hör'n Se mal, wenn Se bei Tage Großknecht sind und in der Nacht Nachtwächter, wann schlafen Se denn da?« Gottlieb lächelte pfiffig. »Ja, das hat noch keener rausgekriegt. Aber ich schlaf'! Dadruff verlassen Se sich! Ja, sehn Se, das sind aber noch lange nich alle meine Posten. Ich bin beispielsweise ooch Totengräber.« »O misericordia!« sagte der Schwarze. »Was spricht der?« fragte Gottlieb verwundert, »das is wohl a Böhmake?« »Nee, mein Lieber,« sagte der Große geringschätzig, »da haben Se eben gar keenen Sprachverstand nich; das is 'n Italiener: Signor Maestro Potello da Milano. Ja gelt, da gucken Se aber? Sie müssen nich denken, daß wir so 'ne ganz gewöhnliche Kapelle sind. Ich z. B. heiß Steiner, bin Unteroffizier gewest, hab' Königgrätz und Paris mitgemacht, und sehn Sie sich amal unsern Waldhornisten an, der war bei der Husarenkapelle, der is der, der immer bei a Konzerten een Ton fünf Minuten lang aushält, ohne Atem zu holen. Sie könn'n sich freu'n, daß Se uns für a nächsten Sonntag engagiert haben. Wir werden Ihn'n eine pickfeine Kirmsmusik machen.« »Das freit mich wirklich,« sagte Gottlieb höflich, »denn sehn Se, ich bin nämlich ooch Tanzmeester.« Sämtliche Musikanten lachten laut auf. »Siebzig Jahr is a,« sagte Steiner, »Großknecht is a, Nachtwächter is a, Totengräber is a und Tanzmeester is a. Totengräber und Tanzmeester, das reimt sich ja so grandios zusamm'n!« »Reimt sich ganz gutt, Herr Unteroffizier,« sagte Gottlieb milde, »das hat sugar was Tröstliches an sich. Sehn Se, die Teichauer sind lustige Leute. Wenn nu aber eener gesturben is und im Sarge uff a Kirchhof getragen wird, und a sieht so, wie die ganze Gemeinde zwee und zwee hinter ihm hergeht, und vurneweg sieht a 'n alten Tanzmeester gehn, und a hört die Musike blasen, na, da denkt a sich halt, 's is eegentlich gar nich su schlimm, daß ich begraben werd', 's bluß so 'ne Art Polonaise.« »A spricht wie a Buch«, sagte der Lange, Dünne anerkennend. »Gerade so wie der Hellmich,« sagte Steiner, »der Hellmich macht ooch immer solche Gleichnisse.« »Heeßen Sie – heeßen Sie Hellmich?« fragte Gottlieb überrascht, ja betroffen und sah den jungen Waldhornisten an. »Hellmich, ja – wundert Sie das so?« »Och nee – nee – 's gibt ja viele Hellmiche, 's is a recht verbreiteter Name.«––– »Na, jetzt kommen Se mal mit rein, Hartmann, jetzt woll'n wir uns mal die Kunden kaufen; jetzt werden se wohl fertig sein mit 'm Essen.« Dr. Friedlieb, der bisher im Honoratiorenstübchen nebenan gesessen hatte, erschien mit Hartmann im Gastzimmer. Er stellte sich an den Tisch, setzte eine bedrohliche Miene auf und musterte mit funkelnden Blicken die Fremden. »Ihr also seid die Musikanten?« fragte er barsch. Keiner antwortete. »Ob ihr die Musikanten seid, will ich wissen?« Da drehte sich Steiner würdevoll um und sagte in vornehmem Tonfall und nicht ohne Ironie: »Mein Herr, wir heißen nicht Ihr, wir heißen Sie! Denn wir sind Künstler.« »Bummler seid ihr!« schrie Dr. Friedlieb. »Fechtbrüder, Landstreicher! Und ich – ich bin der Amtsvorsteher! Verstanden?« Da erhob sich Steiner. »Herr Amtsvorsteher, wir haben ein'n Gewerbeschein! Den hab' ich, denn ich bin der Kapellmeister.« Er brachte eine alte Brieftasche hervor, der er den Gewerbeschein entnahm. »Hier, Herr Amtsvorsteher! Es ist bei uns alles in Ordnung. Außerdem heiße ich Steiner, bin Unteroffizier und hab' Königgrätz und Paris mitgemacht. Mein Instrument is Tuba.« Sprach's, setzte sich und löffelte wieder seine Milch. Dr. Friedlieb war verblüfft. »Is das ein kniffliger Kerl!« sagte er mit schlecht verhohlener Anerkennung. »Nu hör'n Sie mal, Tubamann, Sie gehn recht fein um mit der weltlichen Obrigkeit.« »Wir haben ein'n Gewerbeschein, wir sind ehrliche Künstler, wir zahlen unsre Steuer, und deshalb lassen wir uns nicht ihrzen«, sagte Steiner grob. »So?« sagte Dr. Friedlieb und schob sich einen Stuhl an den Tisch. »Na, ich kann ja auch Sie sagen. Sie Stromer!« Steiner machte ein empörtes Gesicht. »Herr Amtsvorsteher, Sie dürfen uns nicht beleidigen, wir haben nichts verbrochen.« Friedlieb starrte ihn an, Hartmann brummte etwas dazwischen; schließlich sagte der Doktor im Tone der Überraschung: »Tja – tatsächlich – hätt' ich nich geglaubt – der Kerl hat Ehrgefühl!« Es entstand eine Pause, in der der Doktor die Musikanten scharf musterte; schließlich fragte er: »Also hör'n Sie mal, Sie feinfühliger Kapellmeister, ich muß Sie mal was fragen! Was waren Sie denn früher? Sie müssen doch mal irgendwelchen anständigen Beruf gehabt haben. 's geht doch nich, daß einer zu weiter nischt auf die Welt kommt, wie Königgrätz und Paris mitzumachen und hinterher Tuba zu blasen und Amtsvorstehern kiefig zu kommen.« »Früher war ich herrschaftlicher Kutscher«, sagte Steiner mit Stolz. Friedlieb zog eine Grimasse. »Herrschaftlicher Kutscher is nischt Reelles! Das is so'n windiger, aufgeblasener Heidiposten. Da wundert mich's nich, daß Sie da so nach und nach – Kapellmeister geworden sind. Und der Lange, Dünne, was war der früher?« »Ich war Bäcker,« antwortete der Angeredete, »und ich heiße Schulze.« Dr. Friedlieb stand erfreut auf. »Bäcker waren Sie? – Bäcker? Und Schulze heißen Sie? Das is anständig! Beides! Bäcker is was Großartiges! Das Nützlichste auf der Welt is der Bauer, und die Fortsetzung, die Vollendung, sozusagen das Komplement zum Bauer is der Bäcker. Verstehen Sie das, Schulze? Verstehen Sie aber auch, daß es Sünde und Schande von Ihnen is, mit einem so schönen Namen und so nahrhaften Handwerk als Landstreicher in der Welt rumzututen?« »Herr Amtsvorsteher, wir müssen bitten – –« »Halten Sie das Maul, Sie oller Königgrätzer! Jetz red' ich endlich amal. Bäcker! Schulze! Das geht nich länger so! Das muß anders werden mit Ihnen! Sie müssen die Bummelei aufstecken! In die Backstube rein! Arbeiten! Brot schaffen! 'n ehrlicher, seßhafter Kerl sein! Jawohl seßhaft! Da liegt der Hund begraben! Nomadenleben taugt nischt, und die zigeunerische Künstlerei hol der Deiwel! Nomadenleben is unmoralisch! Sehn Sie, Schulze, Sie haben Glück! Tuten da so in Ihrem Dusel in eine anständige schlesische Gemeinde rein und treffen da 'n Mann, der.. na ja, der's gut mit Ihn'n meint. Was macht der? Er amüsiert sich nich etwa über Ihre Tanzstückel, a schenkt Ihn'n nich etwa zehn Pfennige, a strickt Ihn'n nich etwa Strümpfe, a erlaßt nich etwa 'ne Verordnung über Sie und kriegt dafür 'n Adlerorden vierter, nee – a kriegt Sie moralisch am Kragen und steckt Sie in die Backstube. A hat die ganze Zeit, wo Sie hier bei gedeckter Tafel geschlampampt haben, nebenan in der ungemütlichen Bude gesessen und sich gesagt, daß er als vernünftiger Mensch und Amtsvorsteher Bettelmusikanten nicht dulden darf. Mein lieber Schulze! Uns fehlt 'n Bäcker. Wir haben sechzehnhundert Seelen im Dorfe, die alle Brot und Semmeln brauchen. Was meinen Sie, was das für'n Geschäft wär'! Sie müssen sich bei uns etablieren. Jawohl, Sie müssen sich etablieren.« Schulze lächelte wehmütig. »Herr Amtsvorsteher, dazu hab' ich keen Geld.« »Ach was, Geld! Geld findet sich schon! Für den Anfang würd' ich Ihn'n was besorgen. Natürlich nur, wenn Sie 'n anständiger, arbeitsamer Kerl sein wollen.« Schulze besann sich ein bißchen, dann sagte er langsam: »`n anständiger Kerl bin ich! Aber ich kann meine Kollegen nich im Stiche lassen.« »Nee, das kann a nich,« fuhr Steiner dazwischen, »da könnte jeder komm'n!« »Quatscht mir nich – quatscht mir nich dieser durchgegangene, umgeschmissene, verunglückte Kutscher wieder dazwischen? Warten Sie doch, Mensch, bis Sie drankommen! Sie sehen doch, daß jetzt ich die Leine in Händen hab'. Bäcker! Schulze! Sie sehen, ich mein's gut! Ich tu meine soziale Fürsorgepflicht, weiter nischt. Ich will nich so'n oller Duselmichel und Phrasenhengst sein wie se alle sind. Es ist mein Prinzip, daß ich immer, wenn ich irgendwo 'n Karren im Dreck sitzen seh', mich nich hinstelle und dem Karren 'ne schöne Rede halte, nee, daß ich 'n rausschieben helfe. Ich möcht' Ihn'n gerne helfen. Wie wird's Ihn'n denn allen vieren gehn, wenn jetzt der Winter kommt? 's kommt diesmal 'n sehr strenger Winter. Gestern hab' ich einem Mäuseloche nachgegraben. Tief, sehr tief, und das bedeutet immer 'n strengen Winter. Sehn Se, die Mäuse sind schlau, die sehn sich vor. Aber Sie? Sie werden mit zerrissenen Stiefeln im Schnee- und Eiswasser rumpatschen, in einem erbärmlichen dünnen Anzug den ganzen Tag in Wind und Wetter auf der Straße leben, wandern, immer wandern von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, ungemütliche, geizige Leute finden, kaum was Warmes essen und nachts in einem kalten Stalle schlafen. Das alles hab' ich mir jetzt da drin überlegt. Und wenn ich Sie aus diesem Leben rausreiß', das is doch vernünftig! Oder meinen Sie nich, Sie umgekippter Kapellkutscher?« Steiner war ob dieser Rede mit einem Male sehr gerührt. Er bekam einen roten Kopf und schlug die Augen nieder. »Ja, hungern – hungern und frieren werden wir schon – das is schon richtig – und das Reißen hab' ich auch schon wieder.« »Das Reißen hat a! Wird 'n Wunder sein! Bei dem Leben! Komm'n Sie morgen mal zu mir, ich werd' Sie mal untersuchen. Ich bin nämlich von Hauptberuf nich Amtsvorsteher, sondern Arzt.« »O mio dio! Io sono anche molto malato!« Dr. Friedlieb starrte den Schwarzgelockten an.«Was? – Wie? – Wieso?! – Was sagen Sie? Sie sind wohl nich von hier?« »Che ha detto?« Steiner gewann seine Haltung wieder und nahm eine überlegene Miene an. »Das is nämlich een Italiener, Herr Doktor! Der spricht italienisch. Und er heißt Signor Maestro Fernando Potello da Milano.« Dr. Friedlieb geriet in einen Zustand der Verblüfftheit. Aber er schüttelte ihn bald ab. »Italiener? – Echter Italiener? – Nee, ich gloobe, das is Schwindel. Wir haben drinnen in der Stadt 'n Kaufmann, der will 'n Englander sein. ›How do you do?‹ kann er sagen und ›what is the matter?‹ Der Kerl is nämlich 'n paar Jahre in London und in Hamburg Kommis gewesen. Dort hat a sich so 'n paar Phrasen angelernt, und nu tut a, als ob er keen Wort Deutsch mehr verstünd'! Dabei stammt das Schaf aus Ratibor. Aus unserm schlesischen Ratibor, wo der Schnupftabak herkommt. Nee, nee, echte Ausländer sind selten. Wenn's hoch kommt, ist der Schwarze aus Breslau.« »Nee, aus Zwickau in Sachsen is a«, verschnappte sich Schulze, der Bäcker, was ihm einen strafenden Blick Steiners, seines Chefs, eintrug, weshalb er gleich verbessernd hinzusetzte: »Aber a hat sehr lange in Italien gearbeit', a is nämlich Bildhauer.« Dr. Friedlieb grunzte vor Vergnügen. »Aus Zwickau is a! Ach herrjemersch! A sächsischer Italiener! Hab' mir doch gleich sowas gedacht. Da sitzt nu der Held von Königgrätz! Blamiert! Aber Ihnen, Sie verschwindelter Italiano, Ihn'n werd' ich auch 'ne Stelle besorgen. Drin in der Stadt, 'ne halbe Stunde von hier, is 'n Bildhauer, der sehr hübsche preiswerte Denkmäler macht. Ich hab' öfter mal in meiner ärztlichen Praxis Gelegenheit, ihn zu empfehlen. Da kann a mir jetzt auch mal 'n Gefallen tun und Sie anstellen.« »N ganz richt'ger Pildhauer bin ich Se nämlich eegentlich gar nich«, sagte der Italiener verlegen. »Was? Erst is a keen richt'ger Italiener und jetzt is a ooch nich amal a richt'ger Bildhauer? Das ist frech! Was is er denn da eigentlich?« »Goofmann, Herr Amtsvorsteher! Goofmann! Ich hab' nämlich immer so mit Kipsfikürchen gehandelt. Und in Idalchen bin ich Se wirklich gewäst.« Dr. Friedlieb schlug die Hände zusammen. »Goofmann is der Kerl! Goofmann in Kipsfikürchen! Und wie heißen Sie? Das mit dem Signor Potello, das is doch erst recht Schwindel.« »Nu, uff deitsch heeß ich Se eegentlich Bohl. Bohl mit 'n harten B! Ja, so heeß ich Se aber werklich!« »Also Pohl! Und is Kaufmann! Das heißt, eigentlich bloß so 'n Rumträger! So 'n Gips-Nauke! Ja, aber egal, ich werd' Sie unterbringen. Der englische Kaufmann muß Sie nehmen. Der wird der einzige sein, der so verrückt ist, das zu tun. Denn er macht in Sensation, und eine Sensation sind Sie, Pohl!« » O grazie mille! Grazie, signore! Sono un Italiano perfetto e sero un buono mercante! « »Quatschen Sie nich, Pohl! Die Sache mit Ihnen ist abgemacht! Nu aber Sie, Steiner! Sie sind 'n Angstkind. Was mach' ich mit Ihnen? Krieg anzetteln und Sie nach Königgrätz schicken, kann ich nich, 'n herrschaftlichen Kutscher brauch' ich nich, und nich amal als Schwindelmeier sind Sie zu gebrauchen. Vorläufig werde ich Sie mal in meiner eigenen Wirtschaft als Faktotum anstellen.« »Herr Amtsvorsteher, ich muß sehr bitten, ich bin kein Faktotum«, sagte Steiner beleidigt. »Nee, aber 'n dummes Luder sind Sie! Mensch, seien Sie doch froh, wenn ich Sie nehme. Sie glauben wohl, das is so leicht? Nee, mein Lieber, da is noch meine Schwester und Mitbesitzerin Jettel, bei der ich Sie erst sozusagen durchsetzen muß, denn die wird nischt davon wissen wollen. Wird Ihn'n höchstens 'n Paar Strümpfe stricken und 'n Kapitel aus der »Christlichen Jungfrau« vorlesen. Na, davon würden Sie nich viel haben. Aber ich setze Sie durch! Sie bleiben bis auf weiteres bei mir. Basta!« – Während der Verhandlungen des Dr. Friedlieb mit den Musikanten hatte Christel Hartmann den Tisch abgeräumt und sich dann zu ihrem Vater und dem alten Gottlieb Peuker gesetzt, die sich ein Lauscherplätzchen auf der Bank gesucht hatten, die rund um den großen Kachelofen lief. Christel Hartmann war ein schlankes Mädchen mit etwas blassem Gesicht. Zwei große, tiefleuchtende Augen machten sie schön. Nun lag ein Lächeln um ihren schmalen Mund, als sie Dr. Friedlieb sich so um das Wohl der Musikanten bemühen sah. Ihr Vater stieß sie oft in die Seite. Er amüsierte sich über den Doktor. Und selbst Gottlieb vergaß auf das Stündchen Schlaf, das er sich sonst gönnte, ehe er auf die Wache zog und schmunzelte immerzu. Dr. Friedlieb rieb sich die Hände. »Also drei hätten wir untergebracht! Oho, Herr Landrat, man kann's auch so machen! Rumschnauzen, Einsperren und dann mal offiziell volksfreundlich sein, das macht das Kraut nicht fett. Aber – aber der Vierte! Also, hör'n Sie, junger Mann, jetzt kommen Sie dran. Was sind Sie denn?« Der junge Waldhornist lächelte melancholisch. »Ich, Herr Amtsvorsteher? Ich bin ein Pechvogel.« »'n Pechvogel? So! – Ja, das is nich gerade viel, was Sie da sind. Da muß ich mal weiter fragen. Was waren Sie denn früher, eh' Sie 'n Pechvogel wurden?« »Ich bin schon als Pechvogel auf die Welt gekommen.« »Haben Sie gehört, Hartmann? Als Pechvogel auf die Welt gekommen! Verrückte Kerls, diese Musikanten! Und gerade der Jüngste und der, der am anständigsten aussieht! Das ist ja int´ressant! Also erzählen Sie mal: wieso und warum als Pechvogel auf die Welt gekommen?« »Herr Amtsvorsteher, das werd' ich wohl doch nicht so vor allen Leuten sagen. Das ist gar keine lustige Sache.« »Lustige Sache! Was heißt lustige Sache! Glauben Sie, ich bin überhaupt für lustige Sachen? Sie denken wohl, ich mach' Ihnen hier 'n Theater vor? Nee, ich nehm' die Sachen sehr ernst. Überhaupt Ihre! Also sehn Sie mal, lieber Freund, warum woll'n Sie denn hinterm Berge halten? Wir sind ja unter uns; vor den drei lumpigen Personen auf der Ofenbanke und vor mir brauchen Sie sich doch nicht genieren. Und sonst sind doch bloß Ihre Freunde da.« »Herr Amtsvorsteher, es is da wirklich mit meinen Erlebnissen nich viel Staat zu machen. Eh' ich hier zur Kapelle kam, hatte ich vom Militär aus vier Jahre Festung.« Dr. Friedlieb drehte sich mit einem Ruck um seine Achse. »Vier – vier – Jahre sagen Sie? Na erlauben Sie mal, da müssen Sie ja was Schönes ausgefressen haben.« »Ja, ich hab' ein'n Unteroffizier mit 'm Seitengewehr gestochen.« »Mensch! Tot – totgestochen?« »Nee – tot nich! A war bald wieder munter.« »Aber Sie sind wohl – Sie sind wohl des Deiwels? Warum machen Sie denn solche Zicken?« Das Gesicht des Waldhornisten wurde finster. »A hatte öffentlich – was – was Unverschämtes über meine Mutter gesagt. »Über die Mutter – ach! So ein – so ein Lump! Na ja, aber Stechen – Stechen is auf alle Fälle gegen's Gesetz. Haben Sie denn die ganzen vier Jahre absitzen müssen, Sie armer Kerl?« »Nein, das letzte hat mir der Kaiser geschenkt.« »So! – Aber doch drei Jahre! Drei lange Jahre! Und dann direktement zu den Bettelmusikanten? Was waren Sie denn, ehe Sie zum Militär gingen?« »Landwirt. Aber meine Leute wollten nichts mehr von mir wissen, als ich von der Festung kam.« »Da hatten also Ihre Eltern 'ne Bauernwirtschaft?« Ein schwerer Schatten legte sich über das Gesicht des jungen Mannes. Er kämpfte offensichtlich, ob er weitere Auskunft geben sollte. Dann raffte er sich auf. »Ich hab' gar keine Eltern. Ich war bloß a angenommenes Kind. A Findling! Aus Gnade und Barmherzigkeit angenommen und bei der ersten Gelegenheit wieder rausgeworfen.« »Kannten Sie denn Ihre richtigen Eltern nicht?« »Nein! Von meinem Vater weiß ich nichts. Meine Mutter is gestorben – als ich – als ich auf die Welt kam. Bei einem – einem Weizenfelde haben Bauersleute – die Mutter tot gefunden – und mich – den Neugeborenen – auch gerade – gerade am Absterben.« Totenstill war's in der Wirtsstube. Nur der Nachtwind klopfte leise ans Fenster, und die Lampe flackerte einmal auf. Träg ging die Uhr. Dr. Friedlieb schluckte ein paarmal und wurde feuerrot. »Ja – sehn Sie – wenn ich sowas – sowas geahnt hätte, da hätte ich Sie nich gefragt. Wahrhaftig nich! Seien Sie nich böse auf mich!« Vom Ofen her klang schweres Atmen. Der Waldhornist hob den Kopf. »Ach, Herr Amtsvorsteher, ich seh' schon, daß Sie ein guter Herr sind, sonst hätt' ich's ja nicht erzählt. Und dann – ich hab' mir von meiner Kindheit an soviel anhören müssen, da wird einem das bissel Ehrgefühl abgehärtet. Bloß damals, als es der Unteroffizier so roh ins Bierlokal reinbrüllte, da hab' ich mich vergessen.« Dr. Friedlieb reichte dem Waldhornisten die Hand. »Sie! – Ich bin 'n königlich preußischer Beamter, aber den – den hätt' ich auch – na ja, ich will Sie nich aufhetzen. Aber daß Sie mir's erzählt haben, daß Sie Vertrauen zu mir hatten, das soll Sie nich reuen. Donnerwetter, müßte unsereiner 'n Mistfink sein, wenn man sich da nich drum kümmerte. Wenn man so 'ne Sache nich wieder einzurenken versuchte. Der Deiwel hol alle woll'nen Strümpfe!« Ganz mild und freundlich wandte er sich wieder an den jungen Musikanten. »Also Landwirt? Verstehen Sie die Bauernwirtschaft ordentlich?« »O ja! Ich bin ja dabei aufgewachsen.« »So! Na sehn Sie, das is 'n Lichtblick! Landwirt is das beste, was Sie sein können. Is was ganz anderes wie Kutscher oder Gipszigeuner, is noch mehr wie Bäcker. Ich freu' mich, lieber Freund, ich freu' mich, daß Sie Landwirt sind. Ja, Hartmann, da kommt mir 'n guter Gedanke. Ihr Berthold wird doch jetzt zu 'n Achtunddreißigern eingezogen. Sehn Sie mal an, da hätten Sie an dem jungen Manne gleich 'n seinen Ersatzmann für Ihre Wirtschaft.« Hartmanns Gesicht verfinsterte sich. »Wie? – Wieso? – Ersatzmann?– Ich? – Nee, das geht nich! Na, sehn Sie mal, Herr Dokter, nehmen Sie mir das nich übel, aber erstens, der –-der dort, der is doch ganz raus aus der Arbeit – und dann vier Jahre – und dann hauptsächlich, im Winter brauch' ich niemanden-« »Der Herr Doktor hat ganz recht!« sagte nun Christel Hartmann eifrig, »wenn der Berthold fort ist, brauchen wir jemanden; der Gottlieb is schon alt –« »Nu, das möcht' ich meenen, daß ich alt bin und daß wir jemanden brauchen«, sagte Gottlieb Peuker. »Alleine mach' ich's nich mehr.« Er atmete schwer. »Aber 's geht nich«, wehrte sich Hartmann. »Und dann, was würde auch meine Frau –« »Herr Doktor, bemüh'n Sie sich nur nicht meinetwegen«, sagte der Waldhornist dazwischen. »Der Herr Gastwirt braucht mich nicht, und wenn man nicht gern genommen wird, ist's besser –« »Aber, verehrter Herr Doktor, Sie werden einsehen –« »Ich nies' auf Ihre Verehrung, Hartmann! Da hätt' ich Sie höher eintaxiert. »Meine Frau« – natürlich, wer sich vor der Frau fürchtet! – Aber Sie, junger Freund, lassen Sie nich 'n Kopf hängen. Ich bring' Sie schon unter. Sie bring' ich ganz bestimmt unter. Sie zuerst! 's gibt 'ne ganze Menge anständige und gefällige Leute hier in der Gemeinde. Jawohl, Hartmann, immer husten Sie! Meinetwegen könn'n Sie 'n Keuchhusten kriegen, 's wird auch ohne Sie gehen. Morgen sprechen wir über Ihre Sache, junger Mann. Wie heißen Sie denn?« »Winter, das heißt, eigentlich heiß' ich Hellmich – Robert Hellmich.« »Hell – – Hellmich?« Hartmann, der Gastwirt, war rasch herangetreten und starrte dem Musikanten ins Gesicht. Dabei verfärbte er sich, fing an zu zittern und wich schrittweise zurück. Er bot das Bild jähen Schreckens. »Hellmich!« wiederholte er stammelnd. Es sahen ihn alle verwundert an. Da trat Gottlieb, der alte Knecht, zu ihm. Der versuchte zu lachen. »Was sull er nich Hellmich heißen? Es gibt tausend Hellmiche. Aber ich hab' dir was vergessen zu sagen, Hartmann, das fällt mir jetzt eben ein. Unser Schimmel scheint nämlich wieder die Kolik zu kriegen. Wir möchten bald amal nach dem Pferde sehen. Ja, es is nötig!« Hartmann faßte sich gewaltsam. »Der Schimmel – ah! Ja, natürlich, warum sollten Sie nich Hellmich heißen! Ich bin ja ganz konfuse, weil mir der Herr Doktor – der Herr Doktor das so übel nimmt. Na, Gottlieb, gehn wir zum Schimmel! Gehn wir! Natürlich – natürlich, es gibt viel Hellmiche.« Und er ging mit dem Knecht hinaus. »Was hatte das zu bedeuten?« sagte Dr. Friedlieb verwundert. Sie zuckten alle die Achseln. Nur Christels sonst so bleiches Gesicht war blutrot. Drittes Kapitel Eine schwermütige Nacht. Mit leisem Pfeifen zog der Herbstwind die dunkle, tote Dorfstraße hinunter. Hier und da nur, ganz vereinzelt, einmal ein erleuchtetes Fenster, wie ein glühendes Auge. Über den schwarzen Teich lief kalter Wellenschauer. Dichte Wolken bedeckten den Himmel. Dort, wo der Mond hinter dem Gewölk stand, war lichter Schein. Er hob sich unheimlich vom schwarzen Firmamente ab, als ob von Himmelsferne her in Licht und Schrecken ein Richter käme. Öde, lautlos das ganze Dorf. Nur der Bach brauste, und ein paar Hunde bellten aufgeregt, als ob irgendwo ein Dieb schliche, irgendwo eine Gefahr einzöge in Dorf und Haus. Die Tür zum Kretscham öffnete sich und schloß sich bald darauf. Zwei Männer waren herausgetreten – Gottlieb und Hartmann. Sie blieben einen Augenblick wortlos stehen. Aber der Atem ging beiden schwer. Dann suchten die Augen des alten Knechtes die des Wirtes. In der Finsternis bohrten sich die Blicke ineinander. »Hast 'n erkannt?« »Gottlieb!« »Schrei' nich! Komm in a Pferdestall!« Sie gingen das Haus entlang und traten durch eine niedere Tür in den Stall. Die Pferde standen schläfrig an den Krippen; dunstige Wärme erfüllte den Raum. Gottlieb zündete die große Stallaterne an, die an der Wand hing. Scheu wandte er sich nach dem Wirt um. »Du weeßt, daß er's is?« Keuchend antwortete der Wirt: »Ich kenn' ihn doch nich! – Ich weeß doch nich! Man kann sich doch irr'n!« »A is es! Der Hellmich Marthas Sohn! A is, wie se leibte und lebte!« »Gottlieb! Was soll denn da werden? Was will a denn? Was soll ich denn da machen?« Der Wirt schlug eine Hand über die Augen. Das Gesicht des alten Knechtes wurde hart und höhnisch. »Machen? Du? – Nu, loofen lassen! Loofen lassen, Hartmann! Das haste ja mit seiner Mutter ooch so gemacht.« »Willste mir Vorwürfe machen, jetzt, wo mir ohnehin so erbärmlich zumute is?« »Vorwürfe? Ach nee! Du hust's ja recht schlau gemacht dazumal. Denn wenn ooch die Martha deine Liebste war, a sehr schmuckes braves Mädel, hübsch und unschuldig und unerfahren mit ihren achtzehn Jahr'n, gerade su recht geschaffen zum Verführ'«, sie war nu eenmal 'ne arme Magd, und 'ne Magd kunnte sich doch der reiche Gastwirtsuhn nich heiraten. Die kunnt' a eben, wie gesagt, bluß um a guten Namen bring'« und dann – loofen lassen.« »Gottlieb, mach' mich nich verrückt! Es ließ sich doch nich ändern. Mir hat's genug leid getan.« »Ach, leid getan? Ja ja, ich glob's schun, is alles, was sein kann. Leid getan! Die schmucke Martha war dir freilich lieber als die häßliche, dürre Müller-Anna. Leid getan! Aber die Müller-Anna hatte halt Geld. Na, und sie sagte: Eh' nich die Martha aus 'm Hause is, kumm ich nich als Frau in die Schenke. Siehste, und da haste halt der Martha gekündigt. Was will su a Mädel machen, wenn ihr gekündigt wird? Sie muß gehn. Gehn, ooch, wenn's so um se steht. Na, und se is gegangen, se hat keen Skandal gemacht, se hat keen Geld von dir verlangt – se is gegangen.« Der Gastwirt ließ diese Anklagen in stummer Qual über sich ergehen. »Aber ich! – Aber ich!« Der alte Knecht setzte sich langsam auf einen Stallschemel. Wie mit sich selbst sprach er: »Ich – ich bin ihr gutt gewest – ich hätt' se – hätt' se wie mein'n Augapfel gehalten – ich hätt' se ernährt mit mein'n zehn Fingern, so gut ich kunnte – Tag und Nacht hätt' ich arbeiten woll'n, mir die Hände zerschinden für sie –« Er brach in bitterliches Schluchzen aus. Erst nach einer Weile konnte er weitersprechen. »Sie war – sie war dir zu gutt! Dir, der's nich verdiente! Noch als sie ging, hab' ich se gebeten. Ich hätt' mir nischt aus a Leuten gemacht, ich hätt' auch das Kindel mit groß gezogen. Suviel su a Kindel braucht, verdient sich am Ende ooch a armer Knecht noch. Aber se wullte nich – se hing an dir – und du jagtest se fort.« Wieder eine Pause. Dann fuhr Gottlieb fort: »'n Monat lang hatt' ich 'n Groll auf sie. Dann hielt ich's nich länger aus, ich ging ihr nach. Nach Liegnitz hatt' sie gewollt. Sich dort vermieten. Ich bin rüber nach Liegnitz. Ich hab' nach ihr gefragt, bei a Fleischern, Bäckern, bei a Koofleuten, in a Bäudeleien. 's wußte keen Mensch was von der Martha. Da bin ich wieder heem. Viel hundertmal bin ich bei a alten Hellmichleuten gewest und hab' gefragt, ob se nischt wüßten von ihrer Tochter. Sie flennten immer und wußten nischt. Und heute krieg' ich die erste Nachricht nach sechsundzwanzig Jahren! Gestorben, umgekommen in ihrer schweren Stunde – ohne Hilfe – auf freiem Felde!« »Mir – mir wird schlecht!« sagte der Gastwirt und ging hinaus. Es dauerte lange, ehe er wieder hereinkam. Heiser sagte er: »Das is nu alles vorbei! Das läßt sich nich mehr ändern. Aber was sull ich jetzt machen?« Gottlieb Peuker sah ihn scharf an. Mit einer Stimme, die vor Aufregung bebte, sagte er: »Ich dächte, das wär' klar! Dabehalten mußt 'n! Denn a is ebensu dein Kind wie der Berthold oder die Christel. Ebensu dein Kind!« »Dabehalten – dabehalten kann ich 'n nich! Was würd' die Anna sagen?« »Die Anna?– – – Du – du – du Memme du! Gell, wenn die arme Magd dran glauben muß, wenn se elendiglicher umkommt wie a Stickel Vieh, das tut nischt – aber die Froo –die Froo – das war' ja schrecklich, wenn die sich amal a bissel ärgerte oder uffregte.« »Red' nich so! Ich kann doch nich – ich in meiner Stellung hier im Dorfe – a hat vier Jahre Festung gehabt – a kummt mit Stromern und Bettelvolk an –« »Und wer is denn schuld?« schrie Gottlieb. »Hast du's nich auf 'm Gewissen? Die vier Jahre Festung, und daß a mit a Musikanten zieht, und alles? Hartmann, wenn du diesmal wieder niederträchtig bist, da stell' ich mich uff die Straße und schrei's allen Leuten ins Gesichte, was du für a Ehrenmann bist.« »Das tuste nich, wo du dein ganzes Leben lang in meinem Hause gewesen bist.« »Das tu' ich, so wahr ich vor dir steh'! Ich bin in deinem Hause mei Leben lang gewest – stimmt! Aber ich hab' mir ooch mei Leben lang mei Brot ehrlich und sauer verdient. Und 'ne neue Schufterei geb' ich nich zu.« Hartmann lehnte sich gegen die Wand und schloß die Augen. »Nu, da tu's halt! Mach' mich schlecht! Stör' mir a eh'lichen Frieden.« Gottlieb lachte. »Eh'lichen Frieden is gutt gesagt! Wenn du dein ewiges Unterbucken eh'lichen Frieden nennst –« »Die Frau hat ihre Rechte.« »Ja, mir scheint bloß die Frau, sonst niemand, du nich und sonst keen Mensch.« »Ich bring's nich über mich! Was sollten ooch die Leute sagen, wo ich Schulze bin und Kirchvorsteher und wu man selber Familie hat.« »Nu, da sind wir eegentlich fertig, Wilhelm. Da tu du, was du willst, und ich tu, was ich will.« Gottlieb wandte sich nach der Tür. »Gottlieb, du wirst doch nich –« »Ja, ich werd'! Erst sag' ich's dem Musikanten, dann sag' ich's a alten Hellmichleuten, seinen Grußeltern, dann sag' ich's deiner Froo, und dann bind' ich mir mei Päcksel zusamm'n und geh.« Dem Wirt brach der Angstschweiß aus. »Gottlieb, bleib' doch! – Ich will ja – Sieh amal, wir könnten mit ihm reden – ich könnt' ihm zehn Taler oder dreißig Taler mitgeben –« »Mach' dich nich zu nobel, Wilhelm! Die Froo kriegte es doch raus, denn sie zählt dir doch´s Geld nach. Gib dir keene Mühe! Ich hab' keen Erbarmen. Mit der Martha hat ooch niemand Erbarmen gehabt.« »Gottlieb, su a alter Freind!« »'s is aus mit der Freindschaft. Bis morgen früh haste noch Bedenkzeit. Wenn du dann noch nich vernünftig geworden bist, da weißte, was ich mache.« Er ging. Hartmann setzte sich auf die Haferkiste und grub das Gesicht in die Hände. So saß er lange. Dann löschte er die Stallaterne aus und schlich hinaus. Dr. Friedlieb ging gerade die Straße hinab. Wenn der's erführe! Der würde erst recht verlangen, daß er den Musikanten dabehalte. Er verlangte es ja ohnehin schon. Die Frau, die Frau! Und die Leute! Wie finster es war! Aber das kleine Holztürchen, das den Feldweg abschloß, auf dem man zum Bahnhof geht, das sah er doch. Dort hatte sie sich zum letztenmal umgesehen, damals, als sie ging. Das Türchen! Es war noch dasselbe. Wurmstichig und alt war es geworden. Es wimmerte, wenn man es öffnete. Jetzt rüttelte der Nachtwind daran. Wie fest er einherging auf dem Feldwege. Alte Erinnerungen standen auf in Hartmanns Herzen. In düsteren Nächten lebte immer die Furcht in diesem unmutigen Mann. Und wie alle Schwachen liebte er das Grausige, suchte es in alten, zerlesenen Gespenster- und Geisterbüchern. Jetzt auch packte ihn das kraftlose Entsetzen, das keine Flucht gönnt, als er den dunklen Feldweg hinausblickte. Und plötzlich fuhr er zusammen und lehnte sich in erbärmlichem Zustand an einen Baum. Der Wind hatte die alte Tür zerschmettert. Mit einem Ächzen, dann mit einem Krachen war sie zusammengebrochen. Offen stand das Tor, und etwas Eisiges, Unkörperliches kam über die Straße auf das Haus zu. Hartmann setzte sich auf die kleine Bank, die unter dem Baum stand. Er war nicht imstande, ins Haus hineinzugehen. Und doch schüttelten ihn Frost und Grauen.– – – Weit über Berg und Tal lag ein herbstliches Feld. Braun und verdorrt Gras und Blume am Rain, und zwischen den fahlen Stoppeln lagen verlorene Weizenähren. Da ging eine arme Seele mit nackten Füßen über scharfe Stoppeln. Ging mit wehen Augen und geöffneten Lippen. Und sang ein Lied der Sehnsucht und der Schmerzen. Sie suchte nach einem Kinde. Dort am Wegrand war ein blaßrotes Leuchten. Das war ein Fleck von mütterlichem Blut. Dort am Wegrand ging im Nachtwind eine Klage um blühende Jugend und ein leises Kinderweinen. Aber das Kind war fort. Und die arme Seele ging mit nackten Füßen über die scharfen Stoppeln. Am schwarzen Nachthimmel stand hinter düsterem Gewölk der Mond. Der weiße Schein hob sich groß, fremd und furchtbar ab, als ob von Himmelsferne her in Licht und Schrecken ein Richter käme. Da schaut die Seele dort hinauf in ihrem sehnsüchtigen Schmerz. Sie fleht nicht um Rache, sie fleht um Gnade. Um das Kind! Eine Wolke teilt sich und eine große, weiße, strahlende Hand zeigt nach Osten. Siehe, sie wandert. Geht über Berge und Täler. Bleibt fern den friedlichen Wohnungen. Aber wenn sie unvermutet eine dunkle Hütte streift, dann weint sie, wenn sie drinnen in der Hütte ein Kindlein lachen hört im Traum. Es ist nicht ihr Kind. Und die Hand am Himmel verschwindet, strahlt wieder auf und zeigt immer gen Ost. Da weiß sie, daß es nach Hause geht. Und sie schaut auf ihre nackten Füße und schämt sich vor den Eltern. Aber die Hand zeigt dorthin, und sie geht. Denn über die Eltern ist das Kind. Der Feldweg kommt. Der Sturm steigt vom Himmel herab. Er fegt Staub, dürres Laub und welke Zweige von ihrem Pfad, und geht weich auf dem Herbstgras. Der Sturm reißt die alte Pforte ein. Und sie ist da, wo sie Mutter wurde. Den einsamen Mann unter dem herbstlichen Baum faßt eine Hand an. Eine schwarze Frauengestalt steht vor seinen im Schreck geöffneten Augen. Er schreit nicht. Er zuckt kaum zusammen. Seine Glieder sind steif, und über die Zunge rollt nur ein schweres Lallen. »Ich bin es, Vater! – Christel!« Da sie sich zu ihm setzen will, will er aufstehen. Aber dann sieht er sie scheu an, erkennt sie und bleibt sitzen. Er schämt sich und wendet den Kopf zur Seite. Sie sagt anfangs gar nichts. Dann legt sie sachte die Hand auf seine Schulter. »Quäl' dich nicht, Vater ... behalt' ihn da!« Ganz langsam wendet er sich um und schaut sie erschrocken und fragend an. Sie blickt ihm offen in die Augen und faßt seine Hand. »Ich weiß, daß er mein Bruder ist«, sagte sie schlicht und ruhig. Es gehen zwei Sterne auf am Himmel. Sie glänzen wie zwei Augen hinter fernen Schleiern und schauen aus hoher Weite. Er findet kein Wort. Sie streicht ihm sanft über die Hand. »Vor mir brauchst du dich ja nicht zu scheuen. Wir haben ja immer alles miteinander besprochen, wenn etwas war.« Da fragt er endlich mit matter Stimme: »Woher weißt du's?« Sie erzählt ihm kurz, was sie aufgefangen hat von seinem Jugendschicksal aus halben Worten und bösen Scherzen der Dorfleute in all den Jahren. »Und als sich der Fremde Hellmich nannte und als ich sah, wie ihr beide, du und Gottlieb, vor seinem Namen und seinem Gesicht erschraket, da wußte ich's.« Sie ist klüger und besser als alle, das weiß er längst. Auch jetzt ist er nicht unglücklich, daß sie's weiß. Es ist ihm eher eine Gewähr für einen guten Ausgang. Aber sein feiger Sinn findet in diesem Augenblick kein besseres Wort als: »Du wirst mich nicht verraten.« »Nein!« Sie schweigen eine Weile, dann sagt er: »Die Mutter darf nie etwas davon hören, nie, nie!« »Nein!« Wieder eine Pause. Dann fährt er fort: »Gottlieb will mich morgen verraten, wenn ich ihn nicht behalte. Und ich weiß nicht, wie ich's machen soll.« »Ich werd' dir's sagen. Ich hab' mir's überlegt. Es wird alles ganz gut gehen. Und jetzt komm in die Stube. Es ist kalt hier. Drinnen ist niemand mehr. Da können wir mitsammen reden.« Sie erhebt sich, und er folgt ihr schwerfällig. Die zwei weißen Sterne flimmern auf Augenblicke klar und freundlich auf. Vor der Tür faßt er sie am Arm: »Christel, du bist gut! Wünsch' dir zu Weihnachten, was du willst, ich werd' dir's schenken.« Sie lächelt müde und traurig, aber sie nickt mit dem Kopfe. Da besinnt er sich, noch ehe sie ins Haus treten, auf ein Besseres, faßt die Hand seiner Tochter und küßt sie. Viertes Kapitel Im großen kahlen Tanzsaal war für die Musikanten ein Strohlager bereitet. Jeder von ihnen hatte ein Federkopfkissen und eine wollene, dicke Decke. Sonst schliefen sie immer bald ein, wenn sie nach langer Tageswanderung am Abend endlich die müden Glieder ausstrecken konnten. Heute wachten alle. »'n merkwürdiger Mann, der Amtsvorsteher«, sagte Schulze, der Bäcker. »Mein Lieber,« belehrte ihn Steiner, »Amtsvorsteher sind immer merkwürdig. Aber dieser ist sozusagen ein komischer Heiliger.« »Cha, a is 'n gomischer Gerl,« meinte der Italiener, »aber er is 'n galantuorno; er wird mir 'n padrone besorgen, und ich geh in conditione bei 'n englischen Goofmann.« Die drei andern wandten sich nach ihm um. »Willst du denn wirklich, Pohl?« ,Ma sicuro!« rief dieser. »Nell' inverno bei 'n schlechten Wedder und Schnee un Eis geh ich in conditione bei 'n Engländer, und nella primavera, wenn die warme Sonne wieder scheint, gneif ich aus.« »Das wär' unehrlich«, sagte Hellmich. Die andern schwiegen. Der Wind trommelte an die Fenster des Tanzsaales, und alle hüllten sich fröstelnd in die Decken. »Zwei Mark fünfundsiebzig haben wir heute eingenommen«, fing Schulze wieder an. »Das is sehr wenig für viere. Man möcht' wirklich sprechen, heutzutage is es besser, Handwerker oder Bauer zu sein als Musikus.« »Das is übertrieben«, meinte Steiner. »Aber ich hab' 's Reißen und fürcht' mich vorm Winter auf der Straße. Sonst aber is es fein!« »Zeßhaft müssen wir im Winter sein – zeßhaft«, sagte der Italiener. »Das mit 'm Hellmich, das hat aber die Leute gegriffen«, meinte Schulze. »Warum bloß der Gastwirt am Ende so tälsch tat?« »Vielleichte hatt' a een'n sitzen«, sagte Steiner. »Nu, das mit 'n Hellmich, das is ooch keene Kleenigkeit. Aber wenn man's richtig nimmt, am Ende hätte jeder, der auf der Straße rumzieht, 'ne rührende Geschichte zu erzählen. Aus Wohlleben und glücklichen Verhältnissen kommt keener.« »Das is nich wahr«, sagte der Bäcker. »Da war ich beispielsweise amal – 's sind wohl an die zehn Jahre – in eener Kapelle mit eenem zusamm', der war adlig, 's war noch a junger Mensch, vielleicht fünfundzwanzig. Aber 'n richtiger ›von‹. Auf 'm Gymnasium hatt'n se 'n fortgejagt, weil a sein'n Mitschülern Geld gemaust hatte. Na, und a war überhaupt a Früchtel in allen Stücken. Sein Vater hat 'n ganz und gar verstoßen. Konnten wir ihm ooch eegentlich nich übelnehm'n. Was macht a? A red't uns eenes Tages ein, wir sollten doch amal nach dem Dorfe reesen, wo seine Eltern 'n Rittergut hatten, und vor ihrem Schlosse spielen. Na, das machten wir denn.« »Das verrät keen'n sogenannten Takt«, warf Steiner dazwischen. »Solchen Leuten is das bloß peinlich, wenn der Sohn 'n Künstler geworden ist und vorm Schlosse spielt. Das hätt' ich in meiner Kapelle nich zugegeben! Was meinst du dazu, Hellmich?« »War 'ne Gemeinheit!« sagte der junge Mann. »Wer erst Bettelmusikant geworden ist, hat sich von anständigen Leuten fernzuhalten.« Da aber saßen die anderen drei sofort aufrecht und schimpften alle gleichzeitig auf Hellmich ein. Sie machten ihm heftige Vorwürfe. Er sei immer stolz und absonderlich gewesen und sei überhaupt ein trübsinniger Patron. Sie aber seien noch lange nicht unanständig und keine verworfenen Menschen, wenn sie auch nur arme Musikanten seien. Hellmich ließ sie austoben, dann sagte er: »Ich weiß, daß ihr gute und ehrliche Kerle seid, und wenn ich's richtig sagen soll, so is mir bei euch wohler gewesen, als wie ich noch zu Hause war. Da haben sie mich's immer so spüren lassen – – und dann, da war ich immer aus Gnade und Barmherzigkeit gelitten, obwohl sie Nutzen aus mir zogen. Das war bei euch besser. Aber das muß ich euch sagen: eh' ich als armer, veracht'ter Musikante nach Hause zög', eher stürb' ich im ersten besten Straßengraben.« Es entstand eine gedrückte Pause. Draußen rüttelte der Wind an den Obstbäumen im Garten. Von Zeit zu Zeit hörte man die abfallenden Früchte aufklatschen. Endlich stieß der Italiener den Bäcker an und sagte: »Red' deutsch, du Esel!« sagte der verdrossen. »Was is denn nu eigentlich aus dem ›von‹ und sein'm Eldernbaare weider geworden?« Schulze, der ob der zweifachen Abkanzelung durch Steiner und Hellmich sehr verstimmt war, wollte anfangs nicht heraus mit der Sprache und entschloß sich erst nach vielem Zureden zur Fortsetzung seiner Geschichte. »Wir reesten also ohne sogenannten Takt auf das Dorf zu, wo die Eltern von unserm adligen Kameraden wohnten. Unterwegs sagten wir ihm oft, es passe sich ganz und gar nich, daß er seine Leute so ärgern wollte, was sehr merkwürdig von uns war, da wir doch weder den feinfühligen Herrn Steiner noch den gelehrten Herrn Hellmich bei uns hatten. Also wie gesagt, wir redeten ihm ab. Und so blieb a ooch gut 'ne Meile entfernt alleene in eenem Straßenwirtshause zurücke und sagte, wir sollten ohne ihn blasen, und 'n Tag später wollt' a da und da mit uns wieder zusammentreffen. Wir reesten also alleene weiter, kamen in das Dorf und fanden bald das Schloß, das über die andern Häuser wegragte. Ich muß sagen, 's war uns ganz eegen zumute, wie wir das herrliche Schloß sahen, den schönen Park mit der hohen Mauer und die grünen Rasenflächen und die Veranda und die vielen Blumen, und wir wagten uns gar nich nahe ran und blieben draußen vor dem großen schmiedeeisernen Tore stehen und fingen an zu blasen. Ich weeß noch ganz gutt: »Wenn ich zu meinem Kinde geh', in seinem Aug' die Mutter seh« , das hatten wir ausgewählt. Wie wir nu kaum die erste Strophe fertig hatten, kam 'n alter Herr 'n Weg lang. Das heißt, sehr alt mocht' a noch nich sein, Anfang fünfzig, aber a hatte schneeweiße Haare. Wir dachten uns, es wird von unserm Kameraden der Papa sein. Da hab' ich für meinen Teil wirklich 'ne Art Zittern gekriegt und konnte kaum weiterblasen. Na, aber a war sehr freundlich und gab uns 'n Zweimarkstück. Aber wir sollten was anderes blasen, sagte er, nich das Lied. Wir sollten 'n Kriegsmarsch spielen. Na, da bliesen wir denn 'n Hohenfriedeberger, und dann 'n Pariser und dann, daß auch was Lustiges wär': ›Wie noch nie tanzt die Marie.‹ Der Herr war unterdessen ins Schloß zurückgegangen. Wie wir die Marie anstimmten, schickt a uns mit einem Diener noch 'n Paketel Zigarren raus und ließ uns sagen, er wär' jetzt schon befriedigt für sein Geld und wir möchten uns nur nich abhalten lassen und ruhig ins Dorf weiterziehen, 's war wirklich 'n sehr freundlicher Herr, und wie wir 'n Stückel weg waren, sagten wir uns: Gott sei Dank, daß der Sohn nich bei uns gewest war. Wir machten dann noch ganz gute Geschäfte und blieben in der Schloßbrauerei über Nacht, wo wir uns was Gutes leisteten. Wie wir nu aber schliefen – ooch in so einem großen Tanzsaal wie hier – geht mitten in der Nacht plötzlich die Türe auf, 'n Haufen Bauern kommt, der Schulze, der Gendarm, und eh' wir uns versehen, sind wir alle gepackt und gebunden. Wir waren des Todes erschrocken und fragten immer und immer, was wir denn eegentlich gemacht haben sollten. Der Schulze und der Gendarm gaben uns keene Antwort, aber die Bauern redeten so viel durcheinander, daß man sich nach und nach a Bild machen konnte. Unser Kamerad war bei seinen eigenen Eltern eingebrochen, hatte 'ne Menge Gold- und Silberzeug und ooch Bargeld gestohlen und war auf 'm Rückwege vom Schloßwächter erschossen worden. Man hatte seine Trompete im Garten gefunden, und nu dachten alle, wir wären beteiligt an dem Verbrechen. Das war wohl das Schrecklichste, was mir auf meiner Wanderschaft passiert is. Wir wurden nach 'm Schloß geführt. Auf dem Rasenplatze vorm Schlosse stand 'ne Menge Leute. Sie fluchten und drohten, als sie uns sahen. Laternen brannten und zwei oder drei Fackeln. Auf 'm Rasen lag unser Kamerad. Die Mütze war ihm vom Kopfe gefallen. Die langen, braunen Haare hingen um sein hübsches, junges Gesicht, und in der Schläfe war die Revolverkugel des polnischen Schloßwächters. Der alte Herr, der sein Vater war, trat auf uns zu. Er war kreideweiß, und er hob die Hände auf, als wollt' er auf uns einschlagen. Auf einem Stuhle saß eine alte Frau. Das war die Mama. Sie saß ganz stille und sagte keen Wort. ›Wie kommt er zu euch? Wie kommt er zu euch?‹ schrie der alte Herr. Die Kameraden brachten kein Wort raus vor Schreck. Da sagte ich: ›Gnädiger Herr, er is bloß acht Wochen bei uns gewest. Wir haben ihn halb verhungert an einem Straßenrande gefunden. Wir haben ihm die Trompete geborgt und zwei neue Hemden gekauft. Nu wollt' a hierher, wollt' hier mit blasen. Aber das haben wir ihm ausgered't. Da is a in Prausewitz zurückgeblieben im Schwarzen Adler, und morgen wollt a uns in Tornsdorf im Gerichtskretscham wiedertreffen. Wie a hierherkommt und was hier für a Unglück passiert is, davon haben wir keene Ahnung.‹ Er sah mich lange durch und durch an, dann sagte a zum Gendarm: ›Sie werden ja die Leute festhalten müssen, bis sich alles herausgestellt hat, aber ich glaube, sie sind unschuldig. Dafür kenn' ich diesen Lumpen – er zeigte auf den Toten – daß er das allein ausgeführt hat.‹ Dann wandte er sich an einen Diener und sagte: ›Hole mir Mantel und Hut und der gnädigen Frau Mantel und Hut und laß sofort anspannen. Dieses Haus betreten wir nie wieder.‹ Die Mäntel und die Hüte kamen. Die Fuhre fuhr vor. Da sagte er zu seiner Frau: ›Komm!‹ Er mußte sie aufreißen vom Stuhle, und sie konnte kaum gehen. Als sie fünf oder zehn Schritte fort war, machte sie sich los, kehrte wieder um, beugte sich über den Toten und machte ihm mit 'm Finger 'n Kreuzel auf die Stirn. Ihr Mann sah ihr finster zu, dann faßte er sie am Arm und zog sie fort. Und gleich darauf fuhr der Wagen ab. Die Bauersleute weinten und wir Musikanten auch. Wir sind dann vier Tage in Untersuchung gewest und dann freigelassen worden.« Da schwiegen erst die Musikanten still, als sie diese Geschichte gehört hatten, dann sagte ein jeder seine Meinung und schickte dem Toten sein Urteilssprüchlein nach. Nur Hellmich schwieg. »Ehre Vater und Mutter!« Wenn er als Kind das in der Schule hörte, verloren sich immer seine Blicke, und seine Seele ging in die Irre. Als er zwölf Jahre alt war und alles wußte, hat er seinen Vater gehaßt. Seine Mutter war keine Dirne gewesen. Ordentlich hat sie ausgesehen und ein schönes, gutes Gesicht gehabt. »Ein reines Gesicht«, hat ihm eine alte, gütige Frau gesagt, die sie im Sarge gesehen hatte. Das war das, was seiner jungen Seele Halt gab. Und darum hat er dem Unteroffizier gegenüber das Andenken seiner Mutter hochgehalten und verteidigt. Aber der – der ihm das Leben gegeben und ihr das Leben genommen, der, nachdem er es getan, ins Dunkel zurückwich, daß niemand ihn sah, der keine Antwort gab auf das Todesrufen der Mutter und den Lebensschrei des Kindes, keine Hand ausstreckte zu einer kleinen Fürsorge – – Ihn haßte er! Haßte ihn schon als Kind! Wenn er andere Kinder »Vater« sagen hörte, wenn er sah, wie sich ein starker Mann liebreich oder freudig oder doch wenigstens aufrichtig zu seinem Kinde bekannte, dann sah er sich, der als ein kluger, aber trotziger Knabe galt, oftmals heimlich um, starrte in die leere Luft und fragte: »Wo bist du? Was versteckst du dich? Was bist du so feig'? Was bist du so geizig?« Und als er auf der Festung war und Schande und Unfreiheit ihm die Seele drückten, da rief er ihn oft in seinem Herzen, wenn er schwer arbeitete oder auf rauhem Lager ruhte, dann zermarterte sich seine Phantasie, bis ein roher, feiger, schlechter Mann vor ihm erschien, und zu dieser Erscheinung sagte er »Vater« und ging mit ihr ins Gericht und kannte niemals Erbarmen. Auch wie oft während seiner Musikantenzeit ist aus seinem Herzen ein Gedanke des Unsegens und des Hasses auf die Suche gegangen ins Ungewisse, den Mann zu finden, der alles verschuldet hatte. Aus elenden Herbergen, aus Schmutz und Kälte, schickte er ihm einen Fluch auf die wohlbesetzte Tafel, die weit irgendwo in der Fremde stand und keinen Platz hatte für den Sohn. Und auf den weiten einsamen Wegen, wenn die Kameraden stumm und verdrossen marschierten und keiner Lust hatte, ein Wort zu reden, suchte er ein Ziel, nach dem es sich lohne, durch kalte Lachen und aufgeweichten Morast zu wandern, und wollte nichts, als einmal an seines Vaters Tür landen, ihn herausrufen aus seinem feigen Hause, ihm mitten ins Gesicht schlagen: »Da – da – du – du – du Vater!« und dann befriedigt seiner Straße ziehen. Es war nicht immer so. Er war ein weicher, scheuer Bursch. Furchtsamer als alle, ein Unrecht zu tun. Aber er hatte die eine wunde Stelle. Und wer an sie rührte, den traf jede Waffe, die er fand. Die Kameraden schliefen. Er hörte ihr tiefes Atmen. Was sollte werden, wenn einer von ihnen hierblieb, wenn alle hierblieben? Der seltsame Doktor, der wohl ein guter Mensch war, hatte sie schon alle untergebracht. Nur ihn nicht. Der Gastwirt wollte ihn nicht behalten. Seine Arbeit begehrte niemand. Da kam wieder der Groll. »Ja, ja, mein lieber Vater! Dein Sohn steht wieder einmal ganz verlassen da. Die Kameraden lassen ihn im Stich. Er hat den Husten, er hat oft Stechen in der Brust, und es macht ihm keinen Spaß, als Bettelmann durch die Welt zu ziehen. Hast du kein Brot, keine Arbeit für ihn? Herr Vater, ich will dir eine Geschichte erzählen, die in der Heiligen Schrift steht. Da sagte der Sohn, der all seine Güter verschwendet hatte: ›Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und ihm sagen: Halte mich wie einen deiner Tagelöhner.‹ Willst du? Willst du mich als einen Tagelöhner halten? Verstecke dich nicht! Ich kenne dich nicht, aber ich weiß, du hast Haus und Hof. Wärst du ein armer Mann, dann hättest du die Mutter behalten, denn ihr Gesicht war schön und gut und rein. Aber du bist reich und schlecht. Ich habe keine Güter verschwendet. Ich hatte keine. Um all das, was ich habe, hast du mich betrogen. Und ich will auch nicht dein Tagelöhner sein! Ich würde dir deine Scheuer anzünden.« Der Regen schlägt ans Fenster. Der Sturm pfeift. Dunkel, unheimlich liegt der große Saal. »Wohnte in einem Schlosse! Hatte einen Vater, der ihn anerkannte, hatte eine Mutter. Eine lebende Mutter. Und wurde ein Bettler wie ich. Und wurde ein Dieb!« Eine Stunde vergeht. Da fallen auch ihm die Augen zu. Leiser, immer leiser geht der Wind. Der Schmerz verrinnt, der Friede kommt. – – – Da öffnet sich die Tür zum Tanzsaal. Ein Mädchen erscheint mit leisem Schritt. Ein Dienstmädchen. Man sieht es an ihrem einfachen Kleide und der groben Schürze. Aber ihr Gesicht ist jung und schön. Sie trägt ein Licht in der Hand, das setzt sie auf einen Stuhl. Dann kommt sie zu seiner Lagerstatt. Sie läßt sich auf die Knie nieder, faßt ihn mit beiden Händen am Kopfe und küßt ihn ein ... zwei ... dreimal! Und jeder Kuß ist innig und dauert lange und ist durstig – heiß. Dann schaut sie ihn an mit blauen, keuschen, unverdorbenen Augen, schaut ihn ernst und voller Sorge an. »Zieh' weiter! – Zieh' fort von hier!« sagt sie und küßte ihn noch einmal. Zuletzt macht sie mit ihrem Finger ein Kreuz auf die Stirn, löscht das Licht aus und ist fort. Er aber hebt im Schlaf und Traum die Hände hoch und sagt laut: »Mutter – Mutter, ich liebe dich!« Fünftes Kapitel Ein grauer, regnerischer Morgen kam. Robert Hellmich erhob sich eher von seinem Lager als die Kameraden. Er hatte eine unruhige Nacht hinter sich. In die Küche trat er ein und bat um Waschwasser. Die Christel stand allein am Herde. Sie wurde ein wenig rot und verwirrt, als sie ihn sah, kam ihm aber freundlich entgegen und reichte ihm die Hand hin. »Guten Morgen! Wie haben Sie geschlafen?« Er wunderte sich über diese Freundlichkeit und betrachtete sie verlegen. Sie hatte ein zartes, weißes Gesicht und eine hohe, schmiegsame Gestalt, war von jener feinen, eigenartigen Schönheit, für die Bauern keinen Sinn haben. Christel Hartmann hatte noch nie einen Freier gehabt. »Haben Sie nicht gut geschlafen?« wiederholte sie, da er nicht antwortete. »O doch... doch ...« sagte er beklommen; »es ist nur ... es ist nur so ... es hat mich nämlich noch niemals im Leben jemand gefragt, wie ich geschlafen hab'!« Sie sah ihn mit ernsten Augen an und entgegnete darauf nichts. Dann bereitete sie einen Waschtisch, füllte Wasser ein und lud ihn ein, sich zu waschen; indes ging sie nach einem Schrank und brachte ein blütenweißes Handtuch, das sie ihm darreichte. Er kam in noch größere Verlegenheit. »Fräulein, so ein frisches Handtuch ist ja schade für mich.« Sie wandte sich ab. »Trocknen Sie sich nur ab damit«, sagte sie. Er tat es, und dann fragte er, ob er ihr nicht etwas dienlich sein könne mit Wasser- oder Kohlenzutragen und ähnlichen Dingen. Sie lehnte das ab und sagte, er solle sich einstweilen auf den Stuhl am Ofen setzen, der Vater werde gleich kommen. Sie glaube, der Vater habe mit ihm zu reden. Da setzte er sich, die Wärme tat ihm wohl, und er sah zu, wie emsig und fast geräuschlos sie arbeitete. Er glaubte, er müsse sich wohl dankbar erzeigen und sich ein wenig mit ihr unterhalten. Da fragte er: »Sind Sie schon von Geburt aus in diesem Hause, Fräulein?« »Ja.« »Es ist ein schönes Haus. Man findet selten ein so schönes Gasthaus auf dem Lande. Es ist alles sehr solid.« Sie nickte, aber dann sagte sie: »Es ist auch nicht immer alles, wie es sein sollte.« Nach einer kleinen Pause meinte er: »Wir haben schon lange kein so gutes Quartier gehabt. Es geht uns oft sehr schlecht. Möchten Sie mir wohl sagen, Fräulein, ob es der Herr Amtsvorsteher wirklich ernst meint mit meinen Kameraden, ob er sie wirklich hier behalten will?« Da trat sie zu ihm: »Aber gewiß meint er's ernst. Dr. Friedlieb hat keine größere Freude auf der Welt, als den Menschen Gutes zu tun. Es ist bei uns in der ganzen Gemeinde nicht ein einziger Mensch, dem es wirklich schlecht ginge. Und das haben wir dem Doktor zu verdanken. Er hilft allen Leuten, wenn er irgend kann. Und er wird auch Ihnen helfen. Doch hören Sie, da kommt der Vater.« Draußen ging jemand über die Treppe, und bald darauf trat Hartmann in die Küche. Er sah stark übernächtigt aus und erschrak ein wenig, als er Robert Hellmich am Herde sah. Robert hat sich grüßend erhoben. Da sagte Hartmann, und seine Stimme klang beklommen: »Ich habe mit Ihnen zu reden. Sind Ihre Kameraden schon munter?« »Nein, sie schlafen noch.« »Da gehen Sie doch einstweilen in die Gaststube, ich komme gleich nach!« Er wies auf eine Tür. Hellmich verließ die Küche, und Hartmann blieb mit Christel allein zurück. Die große Gaststube war noch ganz dämmrig. Die leeren Tische, die vielen Bänke und Stühle brachten in dem weitläufigen Raume einen ungemütlichen, frostigen Eindruck hervor. Robert trat ans Fenster und schaute auf die Dorfstraße hinaus. Sie stand voller Wasserlachen. Drüben jenseits der Straße führte ein Weg ins Feld hinaus. Er war wohl sonst abgeschlossen, aber nun hatte der Wind die alte Tür zertrümmert, und der Weg stand offen. Hinaus, herein! Ein schwarzer Vogel ging immerfort hin und her. Herein, hinaus! Für ihn würde es natürlich wieder heißen »hinaus!« Heute konnten sie hier bleiben in diesem stattlichen, sicheren Hause, weil sie morgen zur Kirmes spielen sollten. Dann mußten sie weiter. Und wenn die Kapelle sich auflöste, dann mußte er allein weiter. Durch Lachen und Morast, durch Kälte, Schmutz, Entbehrung und Unehre mit keinem anderen Ziel, als daß er eben frei war und daß er vielleicht einmal den fand, den er haßte. »Da bin ich!« Robert Hellmich fuhr herum. Hartmann war eingetreten. Er war sichtlich erregt, ging an den Tischen entlang, über die er mit der Hand strich, und rückte an den Stühlen. Dabei brummte er etwas vom Wetter. »Ich hab' mit Ihnen zu reden«, begann er endlich. »Sie müssen mir da was erklären. Sie sagten gestern, eigentlich hießen Sie Winter, aber Sie nennen sich – Hellmich.« »Ja, eigentlich heiß' ich Winter. Mein Pflegevater, der mich aufgezogen hat, hat mich auf seinen Namen schreiben lassen. Aber weil er dann, wie ich von der Festung kam, nichts mehr von mir wissen wollte, da nenn' ich mich wieder Hellmich. Nach meiner Mutter! Die hat Hellmich geheißen.« Eine Pause. Draußen läutete eine Glocke zum Frühgottesdienst. Hartmann fuhr langsam mit der Hand über die Stirn. Darauf standen eiskalte Perlen. Und er setzte sich auf einen Stuhl nieder, weit von Hellmich entfernt, und schlug die Augen nieder. Mit mühsam beherrschter Stimme fragte er: »Was wissen Sie denn von Ihrer Mutter?« Er hob die Augen voll geheimer Angst. Wenn dieser Fremde alles wußte, wenn er überhaupt nur gekommen war, um Rechte an ihn geltend zu machen, mußte es jetzt herauskommen. Aber über das Gesicht des Musikanten ging nichts als ein Zug der Bitterkeit. »Fast nichts weiß ich, nicht einmal, woher sie stammt. Sie hat ein kleines Gebetbuch bei sich in der Tasche getragen. Drin stand: › Martha Hellmich, geboren den 25. Juni 1850 .‹ Das ist alles, was ich weiß. Aber sie – sie ist ordentlich und sauber angezogen gewesen, ganz ordentlich und anständig, als man sie gefunden hat, sie – sie war keine Landstreicherin.« »Nein, das war sie nicht«, sagte Hartmann. Und da er darüber erschrak, setzte er bald hinzu: »Ich meine, ich glaube es gern, daß sie ordentlich und gut war.« Robert Hellmichs Gesicht glänzte auf. »O ja, ganz ordentlich und gut! Da war eine sehr achtbare, alte Frau in unserm Dorfe, die hat sie im Sarge gesehen und hat mir später gesagt, die Mutter hätte ein reines, gutes Gesicht gehabt. Und ich freu' mich so, daß Sie das glauben, Herr Hartmann.« Hartmann atmete tief. Um von der schweren Straße abzulenken, sagte er: »Und sind Sie denn gern mit den Musikanten herumgezogen? Ich meine, Sie hätten doch mal 'ne Stelle finden müssen.« Robert zuckte die Achseln. »Ein paarmal hätt' ich wohl eine gefunden. Aber ich wollte nicht lügen, ich wollte mich nicht verstecken. Wenn ich den Leuten sagte, wer ich bin und daß ich drei Jahre auf der Festung gewesen sei, da hießen sie mich immer wieder gehen. So fand ich keine freundlichen Menschen, außer meinen Kameraden.« Hartmann schwieg eine Weile. Dann fiel ihm die Hauptfrage ein, die ihn vielleicht erlösen, die vielleicht alles als Irrtum aufklären konnte. Er tat diese Frage ganz schnell: »Sagen Sie, wann sind Sie eigentlich geboren?« »Den 15. Juli 1869. Die Mutter war erst neunzehn Jahre alt, da sie – da sie starb.« Hartmann schöpfte einmal kurz nach Luft, dann wandte er sich ab. Sein Gesicht war blaß und verzerrt. Keine Täuschung! Den 15. Juli 1869! Dieser dort war sein Sohn! Er ging langsam nach dem Fenster, lehnte den Kopf gegen das Kreuz und trommelte mit müdem, leisem Schlag an die Scheiben. Robert Hellmich sah ihn verwundert an. »Herr Hartmann, ich weiß ja nich – was eigentlich –« Da drehte sich der Gastwirt um. Er gab sich Mühe, ganz ruhig zu scheinen, und es gelang ihm annähernd. »Ich hab' mir nämlich was überlegt«, sagte er. »Sie wissen, daß Herr Dr. Friedlieb Ihre Kameraden hier behalten will, und daß ich Sie in meiner Wirtschaft beschäftigen sollte. Daß ich nicht gleich ›Ja‹ sagte, müssen Sie mir nicht übel nehmen. Man muß sich so was überlegen. Aber wenn Sie wollen, können Sie dableiben.« »Herr Hartmann! Guter Herr Hartmann! Hierbleiben? Ich –« »Ja, ich hab' mir's überlegt. Ich kann Sie brauchen. Mein Sohn Berthold kommt jetzt zum Militär. Wie gesagt, Sie können dableiben. Sie werden sehen, Sie werden 's ganz gut haben. Sind Sie einverstanden?« »Herr Hartmann, ich bleib' ja so gerne! Ich bin ja so glücklich! Ich hab' ja das Wandern so sehr satt!« »Nun, so ist's recht! Da – da geben Sie mir einmal die Hand.« Die junge Hand fügte sich in die alte, und den Musikanten überlief ein Schauer, da er fühlte, wie kalt die andre Hand war. »Es wird Ihnen an nichts fehlen. Meine Frau is ein bissel streng. Daran müssen Sie sich gewöhnen. Halten Sie sich nur an mich und an die Christel.« In überströmender Dankbarkeit küßte der landfremde Musikant dem Manne, der ihm eine Heimat anbot, die Hand. »Na – nich – nich – ich will das nich! Ich tu bloß meine Pflicht. Ja ja, Pflicht! Sie haben ja gehört, der Doktor hat's ja gesagt.« Robert Hellmich drückte seine Dankbarkeit, seine Freude, vom Sumpf der Straße erlöst zu sein, in vielen Worten aus, gelobte, seinem Brotherrn treu zu sein und ihm zu dienen mit bester Kraft. Hartmann war immerfort in Gedanken. Er wollte in dieser entscheidenden Stunde nichts vergessen. Da fiel ihm wieder etwas ein. »Es wär' mir lieb, wenn Sie sich wieder Winter nennten, und wenn Sie niemandem von Ihrer Mutter was erzählten.« Der junge Musikant ließ den Kopf sinken. So war also doch auch diesem freundlichen, gütigen Manne das Andenken seiner Mutter ein Makel. Obwohl er glaubte, sie sei ordentlich gewesen! Aber er besann sich. »Es ist ja gleich, wie ich mich nenne. Ich hab' ja immer Winter geheißen, und ich heiß' ja auch gesetzlich so.« »Eben, eben, Sie heißen gesetzlich so«, nickte Hartmann befriedigt. »Da werd' ich mich Winter nennen und nichts von der Mutter sagen. Ich tu's sowieso nicht gerne. Aber Sie dürfen deshalb nicht denken, ich verachte sie. Ich verachte bloß meinen Vater.« Der Gastwirt stierte ihn an. »Wissen – wissen Sie denn was von Ihrem – Ihrem Vater?« »Nein! Aber daß ich nichts von ihm weiß, das ist ja seine Schande. Ich müßte doch was von ihm wissen. Aber der – keinen Bissen Brot, kein gutes Wort, keine kleine Hilfe die ganzen Jahre! Ich hab' immer gedacht, wenn ich ihn einmal fänd', den elenden Menschen, der schuld ist, daß die Mutter so starb und daß ich – daß ich überhaupt lebe – ich schlüg ihn – ich schlüg' ihn –« Der Musikant begann zu schluchzen. Hartmann stand wie erstarrt, und als der Musikant die Hände aufhob, wich er erschrocken zurück. Aber der hob die Hände auf, um zu bitten. »Verzeihen Sie mir, Herr Hartmann! Denken Sie nichts Schlechtes von mir. Ich hab noch keinem Menschen was getan, außer dem Unteroffizier; und meinen Vater – den kenn' ich ja nicht.« Hartmann ging schwer durch die Stube. Er ging lange hin und her und blieb schließlich wieder stehen. Gewaltsam beherrschte er sich. »Also Sie bleiben da, Winter! – Winter heißen Sie jetzt wieder. Aber ich – ich möcht Sie mit 'm Vornamen rufen. Robert! Ich bin das so gewöhnt bei meinen Leuten.« Der Musikant nickte freudig. »Und dann – dann möcht' ich ›du‹ sagen, wie zu meinen andern Leuten.« »Ich freu' mich, Herr Hartmann, wenn Sie ›du‹ sagen und Robert.« »Na denn, da woll'n wir's auf gut Glück versuchen. Da gib mir noch einmal die Hand, Robert!« »Auf gut Glück, Herr Hartmann!« * * * Draußen in der Küche traf Hartmann seine Frau und Gottlieb Peuker. Möglichst gleichgültig sagte der Wirt: »Anna, ich werd' mir einen von den Musikanten dabehalten. Den jungen Waldhornisten. Er heißt Robert Winter. Er scheint 'n ordentlicher Mensch zu sein. Früher is er Landwirt gewest. Na, und weil unser Berthold doch zum Militär kommt, brauchen wir doch jemanden in die Wirtschaft.« Die hagere Frau stemmte die Hände in die Seiten. »Was? – Du bist wohl verrückt? – So einen Stromer? In unsre Wirtschaft? Nu, daraus wird ja in alle Ewigkeit nichts! Das wäre ja – das wär' ja mehr als verrückt.« Hartmann war blaß. Doch er raffte sich zusammen und sagte: »Wir müssen jemanden haben, und ich hab' schon mit dem – dem Winter gesprochen.« »Schon – schon – ohne mich? Und ich werd' gar nich erst gefragt? Ja, hab' ich denn gar nichts zu sagen? Bin ich denn – was fällt dir denn ein?« Sie richtete sich auf, er sank zusammen, sie schwang sich auf den Richter- und Herrscherthron, er stand als ein armer Sünder da und wußte nichts Rechtes zu sagen. Da kam Hilfe. Gottlieb Peuker wandte sich an die Frau: »Frau Hartmann, was denken Sie sich eigentlich? Denken Sie, wenn der Berthold fort is, ich mach' die Arbeit ganz alleene? – Ich alter, zittriger, tapriger Krüppel? Ich, der ich kaum kriechen kann? Nee, daraus wird nischt. Ja, ja, immer gucken Sie mich an. Daraus mach' ich mir nischt. Ich will jemanden zur Hilfe. – Und ich werd' Ihn'n noch was andres sagen, Frau Hartmann! Gestern abend, wie ich auf der Wache war, da kam der Dr. Friedlieb an mich ran. Und er sagte: ›Gottlieb,‹ sagt a, ›drei Musikanten hab' ich untergebracht; eener wird Bäcker, eenen geb' ich zum englischen Kaufmann, eenen behalt' ich selber als Faktotum. Den vierten, was nun gerade der Beste und Anständigste scheint, soll sich der Hartmann behalten. A kann'n gut brauchen. A möcht' ja auch, denn a is een anständiger Mann. Aber a fürcht' sich vor seiner Alten –‹« »Gottlieb! Du frecher – du alter –« »Nee, nee, Frau Hartmann, das hat ja bloß der Dr. Friedlieb gesagt. Mit dem müssen Sie das ausbaden. Aber die Hauptsache kummt erst. ›Gottlieb,‹ sagt a, ›der Hartmann is vernünftig, der wird schon a Winter dabehalten Aber sie! Die Alte! Die wird Krach machen!‹« »Alter abscheulicher – frecher –« »Krach machen, sagt a. Und recht hat a gehabt. Denn Sie haben Krach gemacht. ›Aber, Gottlieb,‹ meint a, ›weißte, was ich mache? Wenn sich der Hartmann wieder über a Löffel halbieren läßt, wenn a wieder vor seinem Hauskreuze unterbuckt, dann räch' ich mich. Ich zieh' aus bei ihm. Ich komm' nie mehr in sein Gasthaus. Ich zieh' aus mit allen Vereinen, die ich gegründet hab': mit 'm Kriegerverein, mit 'm Gesundheitsverein, mit 'm Skatklub, mit 'm Kegelklub, mit der freiwilligen Feuerwehr, mit 'm Gesangverein und mit 'm Verein für verwahrloste Kinder. Und was is dann der Hartmann? Geliefert is a. Und wer macht's Geschäft? Sein Konkurrente, der Schmidt-Brauer, macht's Geschäft. Und wer is schuld? Seine Alte is schuld.« »Das – das steckt ja alles unter einer Decke – da – da behaltet doch den Strolch!« Sie raste hinaus und schlug krachend die Tür zu. »Gutt, daß sie naus is«, sagte Gottlieb. »Wilhelm, 'ne sonnige Nummer hast du dir ja nich gerade erheirat'.« »Laß mich, es ist schwer, es wird vielleicht schrecklich werden.« Auch Gottlieb wurde ernst. »Sieh mal, Wilhelm, ich bin ja a alter, armer, tummer Kerl. Aber meine schweren Gedanken mach' ich mir ooch. In der letzten Nacht hab' ich vor 'm Häusel von a alten Hellmichleuten gestanden und mir gesagt: ›Geh' rein, sag' ihnen, beim Hartmann im Gasthause is euer Enkelsohn.‹ Das wär' wohl 'ne Freude für die beiden alten Leute. Aber – wenn a dann sagt: ›Meine Mutter is ohne Hilfe, ganz verlassen an einem Feldraine verblutet‹ – Hartmann, sie dürfen 's nich wissen. Es is ihnen so wohler. Und du? Ich bin ja dein Freind gewest immer. Bloß damals nich, so uff drei, vier Jahre. Aber jetzt will ich zu dir halten, treu zu dir halten, weil du a altes Unrecht gutmachen willst.« »Es wird nich gehen, es wird ja nich gehen«, seufzte Hartmann. »Besser wär's, wir wären ehrlich«, sagte Gottlieb. »Aber ich hab' kein' Mut, und du hast erst recht kein' Mut.« Sechstes Kapitel Es war noch das rotgoldene Licht des Herbstes im Lande. Die feuchten Schollen der frischgepflügten Ackerstücke zeigten das heimliche, tiefe Aufblitzen großer, glänzender Kupferstücke, die Kühe auf der braungrünen Weide hatten weithin schimmernde Felle wie Tiere auf frischgemalten und frischlackierten Bildern. Im Walde waren die Blätter rot, in der Luft schwebten bunte Papierdrachen, und die kleinen Feldfeuer glühten ihre Traumlichter ins Land. Das ist der rotgoldene Herbst. Auf den Feldern arbeiteten lachende Leute. Sie waren bei der Kartoffelernte. Die Kartoffelernte am warmen Herbsttag ist der fröhlichste Teil aller Erntearbeit. Sie hat etwas von der kindlichen Vergnügtheit der Schatzgräberei. Da richtete sich Gottlieb Peuker in seiner Kartoffelfurche auf und sagte zu dem kleinen Peterle Hübner, einem zehnjährigen Schulbüblein, das als Hilfsarbeiter angestellt war: »Du, Peterle, was hast du für dunkle Hände! Wenn du noch viel Nüsse maust, wirste wohl noch so schwarz werden wie a Neger.« Peterle betrachtete mißvergnügt seine gebräunten Räuberhände. »Das is von den grünen Nußschalen, und 's geht nich ab,« sagte er, »nich mit Wasser und nich mit Spucke; ich hab' sogar schon mit Seife probiert. Und nu kann ich mich in der Schule nich mehr melden, sonst merkt's der Lehrer oder gar der Pfarr'.« »Gelt, Peterle,« fragte Gottlieb teilnehmend, »und da mußte halt in der Schule immer die Hände unten lassen und tun, als wenn du rein gar nischt wüßtest und a ganz tummes Schaf wärst?« Peterle nickte. »Ja, seit die Nüsse reif sind, bin ich in der Schule schon sieben Plätze runtergekommen.« Gottlieb tröstete ihn. »Laß gut sein, Peterle, jetzt dauert's nich mehr lange, da maust du dann Wasserrüben. Da wird's dann besser, denn die färben nich ab.« Und so scharrten sie wieder vergnügt in ihren Kartoffelfurchen. Auf einem andern Teile des großen Feldes schwelgten zwei junge Mägde in Ballerinnerungen. »'s war 'ne fermose Kirms«, sagte die ältere, »die Kerle haben geblasen wie die Deiwel.« »Ja, sie haben ganz dolle geblasen,« sagte die zweite, »bloß der Große, der Steiner heißt, hatte sich dann a bissel besoffen, und da konnt' a mit seinem großen Basse nich mehr richtig schnell genug den andern nach. Da hat'n ja dann der Dr. Friedlieb angeschnauzt, a soll beim Blasen nich so 'ne schwere Zunge haben. Aber das hat a sich nich gefallen lassen. ›Herr Doktor,‹ sagt a, ›man bläst überhaupt nich mit der Zunge! Und wenn ich wollte, könnt' ich noch amal so schnell blasen wie die andern und viel schneller fertig sein wie sie.‹ Da blies a dann ganz schnell, aber a kriegte a Husten davon und mußte aufhören.« »Es war 'ne schöne Kirmes«, sagte die erste wieder begeistert. »Auf meinen neuen Gamaschen mit Gummizug hab' ich die Sohlen durchgetanzt.« »Ja, wer so ein'n Hanke August hat«, entgegnete die zweite mit leisem Neid und einigem Seufzen. »Ach du!« erwiderte die erste in seligem Zorn. »Da is ja nich dran zu denken. Was du so redest.« Und sie richtete die blühende, gesunde Gestalt empor und schaute nach einem Hügel hinüber, wo ein junger Knecht langsam den Pflug durchs weiche Erdreich führte. Und hatte dann, als sie weiterarbeitete, immerfort das Herz voll geheimer, tiefer Wonnen. Da kam langsam Robert Winter vorbeigezogen. Er pflügte ein benachbartes Stoppelfeld um. Die zweite Magd rief einen derben Spaß hinüber. Er antwortete nicht, schüttelte nur leise den Kopf und sah wieder auf seinen Pflug. »Der is stolz«, sagte die erste Magd. »Der is a extra Feiner. Der is a Prinz!« »Prinz Bettelmusikante! Prinz Bettelmusikante!« schrie die Junge ihm nach. Robert wandte sich um und warf den Mägden einen zornigen Blick zu. Da riß ihn schon der Pflug weiter. Er strauchelte ein wenig, und die Mägde lachten. So ging er unmutig hinter dem Pfluge her, immer die Furchen auf und ab, sah in Gedanken verloren, wie die dunkle Erde aus der Pflugschar herausquoll und warf den Pferden manchmal ein Wort der Aufmunterung hin. Er hatte Heimweh. Heimweh nach der Fremde. Er hatte sich lange nach einem sicheren, ruhigen Heim gesehnt, aber nun, da er's besaß, fühlte er sich in der Enge und war schwer bedrückt. Es war wohl auch, daß die Kameraden nicht mehr bei ihm waren. Früher hatte er sich oft über sie geärgert. Sie standen an Bildung alle unter ihm. Aber es waren fröhliche Leute. Und es ist doch nichts über Fröhlichkeit und gibt doch nichts Schöneres als Freiheit. Das war auch, weil Frau Hartmann so unfreundlich mit ihm war. Sie hatte noch kein Wort mit ihm gesprochen in den zwölf Tagen, da er da war und ihm immer finstere Gesichter gezeigt. Der Herr war freundlicher, aber auch nur, wenn er ihn allein traf, und dann sah er sich immer um, als ob er fürchte, es möchte ihn jemand beobachten. Die Mädel waren nett. Hauptsächlich die Christel, die tat ihm viel Gutes. Oft war ihm das peinlich. Wenn er in ihr weißes Gesicht und auf ihren ordentlichen Anzug sah, schämte er sich oft. Und dann die Lore. Wie er an die Lore denkt, wird auch sein Gesicht hell, und er gönnt den Pferden einen freudigen Zuruf. Ein Schwarm verspäteter Vögel fliegt noch in der Luft fernhin nach Süden. – Pflüg', armer Bauer, pflüg' das nordische Feld! Es ist nicht dein Feld und wird nicht deine Ernte sein. Aber in Herbstnebel und kaltem Wind sollst du den Acker bestellen und in enger Klause warten, wenn die Saat schläft unter Eis und Schnee. Wir aber fliegen der Sonne entgegen über die blinkenden Berge und durch die rosenroten Wolken, die über südliche Meere gehen, und werden bei fremden Blumen sein und vor fremden Zelten singen. Doch wenn im nächsten Jahre die Frucht reift auf deines Herrn Acker, dann kommen wir mit unsern Kindern und kosten die besten Körner. Pflüg', armer Bauer, pflüg' das nordische Feld! – Da war vor sechs Tagen auch einer fortgezogen – Berthold Hartmann, der Sohn seines Herrn. Robert hatte ihn zur Bahn gefahren auf dem kleinen Korbwagen, und die Lore war auch mitgefahren, weil sie in der Stadt Besorgungen machen sollte. Ein Lächeln geht über Roberts Züge, da er an den Abschied denkt. Da hätte einer freilich die verschlossene lieblose Frau Hartmann nicht wiedererkannt. Wie sie im Hause herumrannte in ihrer Abschiedsaufregung, wie sie die zwei Riesenkoffer mit allem Möglichen für Berthold vollfüllte, wie sie ihm noch einmal alle Leckerbissen vorsetzte. So ist's um die Mütter. Die eine tut nichts, als ihr Leben lang Kisten und Kasten zu füllen, die andre stirbt, ehe sie dem hungrigen Kindlein auch nur einmal die Brust reichen konnte. Die Liebe zu eignem Fleisch und Blut ist die leichteste und darum die unverdienstlichste auf der Welt. Aber da die Sonne, unter der unsre Welt lebt, die Selbstsucht ist, kann es nicht anders sein, als daß jene Blutsliebe als eine rote herba officinalis auf allen Äckern ins Kraut schießt, während die allgemeine Menschenliebe nur auf einsamen, stillen Feldrainen gedeiht und die Feindesliebe ein Edelweiß auf steilen Felsenklippen bleibt, nach denen nur die Stärksten und Lichthungrigsten streben. Wie sie schaffte, wie sie eine Fürsorge zeigte, die bis ins Lächerliche ging. Er solle sich beim Militär nur nicht erkälten. Als ob schon je einer beim Militär gewesen wäre, der sich nicht erkältet hätte! Es war sehr albern, wie sich diese Frau benahm. Als sie dann endlich auf der Landstraße hinfuhren: die Lore, der Berthold und er, fing die Lore mit drolliger Schwermut an zu singen: »Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, waren Kisten und Kasten schwer. Als ich wiederkam, als ich wiederkam, war alles leer.« Da fing Berthold zum Steinerweichen an zu heulen. Lore aber sprach mit tiefem Ernst: »Weine nicht, lieber Soldate, denn das Lied ist noch nicht aus. Paß mal auf: »Doch ist alles leer und ist nichts mehr drein, ist die Not auch groß und toll, schreibe ich nach Haus, und mein Mütterlein macht's wieder voll!« Berthold lachte unter Tränen. »Hast du – hast du das alleine gemacht – Lore?« »Ganz allein!« sagte Lore stolz. »Dir zum Troste!« »Du bist gut und klug, Lore«, seufzte er. »Gut bist du auch«, sagte sie. Berthold lächelte dankbar, und Robert Winter gab den Pferden einen vergnügten Peitschenhieb, daß sie ganz schnell davongingen. Dann kam Berthold wieder ins Weinerliche. »Gelt, Lore, du wirst nich mit dem Adjuvanten aus der Schule poussier'n, er hat bloß siebenhundertfünfzig Mark jährlich.« »Er wird später Kantor,« sagte Lore, »und dann hat er viel mehr.« »Aber, Lore, du wirst doch nich – nich – und dann mit dem Postassistenten – der wohnt doch in der Stadt – und du paßt doch nich in die Stadt –« »Ich paß gut in die Stadt! Da is es fein! Da hat man schöne Kleider und 'ne elektrische Klingel an der Tür.« »Und dann mit dem Forsteleven –wenn den nu mal die Wildschützen totschießen –« »Wenn sie ihn totschießen, heirat' ich ihn nich«, sagte Lore mit Bestimmtheit. »Lore, mir is so, als wenn du mich bloß ausstoppen tät'st. Gelt, aber die andern, a Heiber Emil und a Zimmer Karle und a Jäschke Bernhard – die nimmste alle nicht?« »Die nehm' ich nicht alle!« sagte Lore. Da ließ Robert Winter die Pferde langsam gehen. Bei aller Lustigkeit des Gesprächs quoll auch ihm in der Seele eine leise Bitterkeit auf. Berthold weinte leise vor sich hin. »Wenn ich doch nich – wenn ich doch nich zu a Soldaten müßt' –« schluchzte er leidenschaftlich. Lore sang die Melodie eines Tanzstückes. Dann fragte sie plötzlich: »Sie, Winter, Sie war'n doch auch Soldat. Da hab' ich mal gehört, wenn Krieg werden soll und es is gerade schlechtes Wetter, da fällt der Krieg aus. Is das wahr?« Robert lachte. »Ja, das is wahr! Das is immer so! Da wird erst genau ans Barometer geguckt, beim Manöver auch!« Auf dem Bahnhofe, als Berthold einsteigen sollte, fing er noch einmal an zu weinen. »Gibst du mir – gibst du mir wenigstens einen Kuß?« sagte er kläglich. »Mit Gott für König und Vaterland!« sagte sie und küßte ihn derb auf den Mund. Er winkte wie rasend mit seinem Taschentuche, bis der Zug verschwand. Sie winkte auch, aber als er fort war, sagte sie: »Das is einer! Lieb' Vaterland, kannst ruhig sein! Dumm darf ja ein Mann sein, wenn er's schon nicht lassen kann. Aber heulen darf er nich! Das is – das is miserabel! Wenn's kalt wird, muß der Ohrklappen an seinen Helm kriegen.« Er fand sie entzückend, als sie so ein spöttisches Gesicht machte. Zornig sah sie aus. Die gesunde Weiblichkeit, die sich über die männliche Schlappheit empörte, kleidete sie. Dann ging er mit ihr durch die Stadt. Sie zeigte ihm alle Geschäfte, in denen er selbst vielleicht einmal zu tun haben könnte, machte ihre Einkäufe und ließ ihn den Korb tragen. Zuletzt sagte sie: »Nun kommen Sie, Winter, jetzt geb' ich Ihnen was zum Besten!« Er schämte sich ein wenig, aber er ging mit. Sie führte ihn in einen Frühstücksladen und bestellte für ihn zwei Paar warme Würstchen, für sich ein Paar und für jeden ein Glas Bier. Sie bezahlte, besah ein Zehnpfennigstück, das sie noch in der Hand behielt, und sagte freundlich: »Dafür werde ich Ihnen dann noch zwei Zigarren kaufen. Es is von meinem Taschengelde. Zwei Mark monatlich! Viel is das ja nich. Aber die Tante is elendiglich geizig. Der Onkel schustert mir manchmal was zu, und das is auch gut, denn man braucht viel. Ein Vierteljahr lang hab' ich auf einen Brennapparat für meine Haare sparen müssen. Und mit Oranienburger Kernseife mag ich mich auch nicht waschen.« Ja, sie war reizend an jenem Tage. Und sie ist alle Tage reizend. In allen Mühen des Tages tröstet Robert immer der eine Gedanke, daß er wohl ein paar Minuten in der Mittagspause oder am Abend mit ihr plaudern könne. Neue Vögel fliegen gen Süden. Pflüg', armer Knecht, pflüg'! Auf all diesen Feldern wächst für dich keine Frucht. Du darfst helfen und zusehen, wie sie gedeiht, und dann, wenn ein andrer erntet, ein fröhliches Gesicht machen. – – »Das is ein Staat! Die Furchen sind wie mit der Schnur gezogen.« Robert Winter hielt die Pferde an und ließ den Pflug fallen. Gottlieb Peuker stand vor ihm. Er rieb sich die Hände. »Das muß ich sagen, Robert, Sie sind 'n Landwirt! Da liegt was drin! Sie sind 'n andrer Kerl wie der Berthold.« Robert war glücklich über das Lob des alten Knechtes. »Ich bin ja sehr heraus aus der Arbeit!« sagte er. »Wenn man so was jahrelang nich betreibt, vergißt sich viel. Und es strengt ein'n im Anfang an.« »Na, da komm'n Sie, Robert, ruh'n Sie sich a bissel aus! Die Lore hat eben a Vesperkaffee gebracht.« »Fräulein Lore?« fragte er glücklich. »Ja, die Lore! Na, da kommen Sie!« Was wissen alle Satten und Faulen, was wissen auch alle die armen Stubenmüden im Lande von der Freude, gesunden Hunger zu stillen auf freiem Felde! Alle Künste der Koch- und Kellermeister reichen nicht hin, ihren Gaumen einen Teil jener Wonnen zu vermitteln. Die Bauernknechte, die gesunde Kost haben, sind die glücklichsten Feinschmecker im Lande. Es war wieder ein schönes Herbstbild. Am Feldrande, an dem die Landstraße entlang lief, hatten sie sich gelagert: Gottlieb, Robert, Lore und Peterle. Die Mägde und Knechte saßen abseits. Sie wollten nicht mit den andern zusammensitzen. Sie taten, als ob jene etwas Feineres waren, und hatten ein Gefühl, als seien die andern hochmütig, und waren doch froh, daß sie nicht zu ihnen kamen und sie in ihren Derbheiten störten. Das war hier wie überall. Die Roheren sonderten sich von den Feineren ab, schimpften auf deren Hochmut und waren glücklich, allein zu sein. Peterle hatte einen Haufen Kartoffelkraut zusammengetragen und Gottlieb ein Phosphorhölzchen an seiner harten Lederhose entzündet und das Feldfeuerchen entfacht. So hielten sie am Wegrande im kurzen braunen Herbstgras glückliches Lager. Lore packte Butterstullen aus und gab jedem sein Teil Kaffee. Das Feldfeuerchen knisterte sein Märchenlied und sah mit glühenden Augen aus dem großen Berge des dürren Krautes. Lore, das gesunde Kind, war guter Laune, wie meist. Nach einer Weile schickte sie das Peterle fort und zog dann einen Brief aus der Tasche, den sie Gottlieb und Robert zeigte. »Vom Berthold«, sagte sie. »Ich werde ihn euch vorlesen: Liebe Lore, es ist hier sehr schlecht. Der Unteroffizier hat mir beim Einkleiden so den Helm auf den Kopf geschlagen, daß er mir wehtut. Und ich habe sehr das Heimweh. Und meine Stiefel sind auch zu klein. Krawutschke II in meiner Bude ist ein sehr schlechter Mensch. Die Würste haben mir die andern schon alle weggegessen. Krawutschke II hat drei Stück allein genommen. Und ich schlafe oben an der Decke. Da lassen mich die andern immer nicht rauf und schlagen mich immer sehr. Liebe Lore, mir ist sehr bange nach Dir und nach der Mutter. Der Robert Winter hat es gut. Er ist zu Hause, und ich bin fort, und ich werde es gewiß nicht aushalten und bei den Soldaten sterben. Krawutschke II sagt, im Manöver komm ich um. Liebe Lore, ich bitte Dich sehr herzlich, daß Du nicht den Schuladjuvanten und den Postassistenten und den Forsteleven oder die andern heiratest, denn ich bin sehr unglücklich. Wenn Krawutschke II sein Jahr vollends um hat und abgeht, dann wird es wohl besser sein. Aber ich werde es nicht aushalten. Und Du sollst mir treu bleiben. Herzlichen Gruß von Deinem Berthold.« Sie sahen sich an und lächelten ein wenig über den Brief. Aber lachen konnten sie nicht. Im Dorfe drin, als sie ihn das erstemal las, hatte Lore über den Brief gelacht. Aber jetzt, wo sie ihn dahier beim freien Feldfeuer vorlas, sah sie doch aus all der Unbeholfenheit der menschliche Jammer an, und sie konnte nicht lachen. »A hat's zu gutt gehabt derheeme«, sagte Gottlieb. »A is immer wie a Pappekindel gehätschelt worden. Nu find' a sich in der großen Welt nich zurechte.« »Ja, es wird ihm wohl sehr schwer werden«, sagte Robert Winter. »Im Anfang is das Soldatenleben für jeden schwer, und wenn einer verwöhnt is, dann is es schlimm.« »Sie beneidet a, Sie, Winter! Der Winter hat's gut, der is zu Hause, und ich bin fort, schreibt a. Nu, lange genug war's umgekehrt. Da war er zu Hause und Sie waren fort.« Winter lächelte. »Er is halt der Sohn«, sagte er. Da stand Gottlieb Peuker auf, griff ins Kartoffelkraut und lockerte es auf, daß die Flamme hoch emporschlug. Und es war wie ein Signal zu sehen, das über die Felder hin leuchtete. Lores freundliches Gesicht hatte sich verfinstert. Ein Trotzteufelchen guckte aus ihren blauen Augen. »Ich nehm' ihn nicht, ich will ihn nicht, ich mag ihn nicht!« sagte sie. »Und wenn er an mir hängt, was kann ich dafür? Ich Hab' ihn nicht lieb, nicht das allerkleinste bissel lieb! So einen Mann mag ich nie – nie!« Robert Winter sah mit glänzenden Augen das schöne Mädchen an und faßte sie selbstvergessen an der Hand. Sie ließ ihn gewähren, und er ließ die Hand erst los, als sie sagte: »Und ich laß mir das nich vorschreiben, auch nich von der Tante. Und ich werd' ihm Antwort schreiben: er soll mir nich immer Vorschriften machen wollen, ich amüsier mich, mit wem ich will.« * * * Am Abend desselben Tages, als Robert heimgekehrt war, trat Christel in ihrer stillen Art an ihn heran, als er einsam an einem Tische saß. Sie setzte sich neben ihn auf die Bank und legte ihre Hände neben die seinigen. »Robert,« sagte sie möglichst unbefangen, »ich war heute mit dem Vater in der Stadt, da Hab' ich ein paar Einkäufe für Sie gemacht. Sie brauchen doch jetzt – wo's auf den Winter zugeht – mancherlei an Wäsche. Das hab' ich gekauft. Es war gerade Ausverkauf und sehr billig. Der Vater hat mir das Geld gegeben, und ich hab' alles auf einen Zettel geschrieben. Es kann Ihnen dann so nach und nach vom Lohne abgezogen werden. Und einen neuen Anzug können Sie sich auch beim Schneider bestellen. Den bezahlen wir auch einstweilen. Ist Ihnen das recht?« Er schlug die Augen nieder und wußte vor Scham und Dankbarkeit kaum etwas zu sagen. Leise schlug er mit den Fingern auf den Tisch. Dieses Mädchen erlöste ihn – erlöste ihn von Schmutz und Schande. Seine geringe Wanderhabe war elendschlecht. Unter diesen seßhaften, ordentlichen Menschen kam er sich vor wie ein Lump, wie einer, der nicht das hochzeitliche Kleid anhat. Am letzten Sonntag hatte er sich nicht sehen lassen, hatte angegeben, nicht wohl zu sein, und im Bett gelegen, solange er keine Arbeit hatte. Nun erlöste ihn dieses Mädchen, reihte ihn ein, gab ihm die Uniform der Wohlanständigkeit, gab ihm einen Sonntagsanzug. »Fräulein Christel, Sie sind sehr gut zu mir«, sagte er leise. Sie legte die Hand auf die seinige und sah ihn mit großer Liebe an und sprach: »Ich möchte Ihnen immer helfen, wenn ich kann. Sagen Sie mir's doch immer, wenn Ihnen etwas fehlt. Wollen Sie?« »Ja. Gern.« »Sonst braucht niemand das von der Wäsche zu wissen. Auch meine Mutter nicht. Es können ja alle denken, Sie haben selber noch Geld gehabt und sich was beschafft. Und sonst – lassen Sie sich das nicht drücken. Es wird nicht lange dauern, da sind Sie ganz schön in Ordnung.« Er würgte an einer Frage. »Und – und Fräulein Lore – weiß es die?« Sie schüttelte den Kopf. »Das ist nichts für Lore«, sagte sie und ging aus der Stube. Er sah ihr nach. Sie war wohl der beste Mensch, der ihm begegnet war. Sie war so lieb zu ihm. Dachte und sorgte für ihn. Und wie sie ihn angeschaut hatte. Mit solchen Augen! Ein heißes Gefühl strömte dem Musikanten durch die Seele. Aber es war kein Glück. Es war Scheu und Furcht. Als Robert dann in seiner Kammer war, fand er ein großes Paket mit Unterwäsche, Strümpfen, Vorhemdchen, Kragen und zwei Krawatten, auch einen schwarzen Filzhut, der ihm genau paßte. Ein Zettel lag dabei, darauf stand seine Schuld verzeichnet, die lächerlich klein war. Aber da er nach Art junger Männer keine Ahnung von dem Wert guter Wäsche hatte, machte er sich keine Bedenken und war glücklich über seinen neuen Besitzstand. Gerade als er mit großer Zufriedenheit immer wieder alles neu musterte und den Hut vor dem kleinen Wandspiegel noch einmal probierte, kam Gottlieb Peuker. Er sah die Herrlichkeiten und machte ein verdutztes Gesicht. »Sehn Sie mal an – na, da kann ich wohl wieder einpacken?« Er nahm mit großer Umständlichkeit seinen Geldbeutel aus der Tasche und steckte einen Hundertmarkschein hinein, den er in der Hand gehalten hatte. »Den Hab' ich von der Botenfrau auf der Sparkasse abheben lassen; ich dachte, wenn ich Ihn'n was vorstrecken könnte«, sagte er brummend. Da kam ein großes Glücksgefühl über Robert Winter, das Hochgefühl, bei guten Menschen zu sein. Um selben Abend noch wanderte er mit Gottlieb zum Schneider, um den neuen Anzug zu bestellen, und er stand mit feierlichem Gefühl still und steif da, wie ein glücklicher Knabe, als der Schneider an ihm herummaß. Am nächsten Sonntag war der Anzug noch nicht fertig, da lag Robert Winter am Nachmittag wieder im Bett, aber am übernächsten Sonntag hatte er das feiertägliche Gewand. Mit einem Andachtsgefühl im Herzen zog er es an, und dann stand er ganz still da, und seine Augen glänzten. Er war ein ordentlicher Mensch! Dieser neue Anzug umschloß seinen Leib wie ein schützender Panzer gegen vieles, was feindlich war in seinem Leben. So stieg er langsam wie ein Entsündigter die Treppe hinab. Unten traf er die Lore. Das hatte er sich gewünscht. Sie betrachtete ihn wohlwollend, lobte ihn, daß er sich neu beschafft habe, drehte ihn im Kreise herum und zupfte an seiner Krawatte. Dann sagte sie, er könne jetzt augenblicklich mit ihr zur Kirche gehen; sie sei gewissermaßen schon auf dem Wege. Robert fiel ein, daß er wohl erst Christel suchen und sich ihr vorstellen müsse, aber da Lore nicht warten wollte, ging er mit ihr. Siebentes Kapitel Es war an einem andern Herbsttag, da war der Himmel nicht so sonnig und die Erde nicht leuchtend. Der »Wächter« auf der Höhe, der einsame Baum, der über das Tal hinwegsah, hatte sein letztes Laub verloren. Es tanzte um den Stamm, viel lose Blätter gingen weit fort, und nur ein paar treue blieben da und schmiegten sich unten am Fuß an den mütterlichen Leib. Kalt pfiff der Wind über die Felder. Schwere, frühe Dämmerung kam und hüllte die fröstelnden Berge ein, und einzelne Regentropfen flogen wie kalte, zornige Tränen durch die Luft. Die Krähen sangen ihr Räuberlied, und alle Käferlein, die schon halb im Wintertraum lagen, hörten es, und ein Zittern lief über die zarten Leiber. Weit weg fiel manchmal ein Jägerschuß, wie ein Signal von Sieg und Tod. Und dann war wieder Stille und Öde. Wer da einsam war, erschrak, und eine Furcht kam ihm in dieser tiefen Verlassenheit, und wenn er jenseits der Hügel den Eisenbahnzug fahren sah, wünschte er, mitzureisen nach freundlichen, hellen Städten. Städte haben keine Jahreszeiten; sie haben sich abgeschlossen von den Schauern und Freuden der Natur. – Ein Mann stieg den kleinen Hügel hinauf und setzte sich an den Fuß des wilden Kirschbaumes. Er stützte die Hände gegen den Boden und ließ den Kopf sinken. Sein Gesicht war voll Trauer. Unten am Fuße des Hügels arbeiteten fleißige Leute. Sie luden Rüben auf einen großen Wagen. Er kümmerte sich nicht um sie, sah kaum einmal verdrossen nach ihnen hin. Er freute sich auch nicht über die lodernden Feldfeuer, die ihren roten Schein über den grauen Feldhügel breiteten. Wenn er überhaupt einmal den Kopf hob, sah er nach der Straße hin, die ins Land hinausführte und sich im Nebel verlor. Dann rang sich ein schwerer Seufzer von seiner Brust und sein Auge bekam etwas Stieres. Dr. Friedlieb, der ein wenig später den Hügel von der andern Seite her erstieg und den Mann sitzen sah, lächelte, stemmte die Hände in die Seiten und rief: »Heda, Steiner! Oller Unteroffizier! Sie sitzen ja so majestätisch betrübt da wie Napoleon bei Probstheida! Was machen Sie denn da?« »Nichts!« sagte Steiner mit müder Gebärde. »Nichts? – Nichts is gut! – Nichts is richtig!« Dr. Friedlieb kam vollends heran und betrachtete sein »Faktotum«. »Also – nichts? So! Warum denn nu – warum denn nu ausgerechnet – nichts?« »Ich warte, bis die Leute die Rüben aufgeladen haben, und dann fahre ich sie heim.« »Ja, könnten Sie bei dem Aufladen nicht ein bißchen helfen?« Steiner schüttelte den Kopf. »Ich bin bloß als Kutscher engagiert«, sagte er abweisend. »Hm, hm! Als Kutscher! Als herrschaftlicher Runkelrübenkutscher beim Dr. med. Amtsvorsteher und Gutsbesitzer Friedlieb. Na, dann – dann werd' ich mich ein bissel zu Ihn' setzen.« Er nahm Platz und sah Steiner von der Seite her an. »Sagen Sie mal, Mensch, warum machen Sie denn ein so blödsinnig trübes Gesicht? Warum sehen Sie denn so essigsauer aus?« Steiner seufzte. »Wenn man eben bessere Tage gesehen hat –« Dr. Friedlieb schlug sich aufs Bein. »Bessere Tage! Das is stark! Bessere Tage als bei mir?« »Herr Doktor, ich war Unteroffizier und Kapellmeister!« »Also gewissermaßen immer in leitenden Stellungen, meinen Sie! Sie sind 'n Schaf, Steiner! Sie haben's doch ganz gut so.« Steiner schüttelte wieder den Kopf und holte zu einer Rede aus. »Sehn Sie, Herr Doktor, so ganz richtige Künstler sind wir ja nich gewesen.« »Nein, Steiner, nein!« »Ich mein', so Konzertkünstler! Aber schön war's doch, ja, schön war's doch – man hat doch die Musik gerne gehabt.« »Ja, das seh' ich ein! Na, da kann ich Ihn'n eine Freude machen. Die Pohlsdorfer haben heute rübergeschickt, Sie soll'n dort nächsten Sonntag Tanzmusik machen.« Steiners Gesicht hellte sich auf. »Alle vier?« fragte er glücklich. »Ja, natürlich alle vier. Pro Mann fünf Mark. Die Kerle wollten bloß vier Mark geben. Das habe ich ihnen ausgeredet. Gute Musik ist gutes Geld wert. Na, sehn Sie, Steiner, wenn Sie Ihre Sache gut machen, da kriegen Sie nach und nach 'n gewisses Renommee, und dann beblasen Sie hier die ganze Gegend.« »Das wär' herrlich!« rief Steiner begeistert. »Tja, Musik is ja an und für sich kein Mumpitz. Aber ständige, seßhafte Musik muß es sein, keine rumziehende. Der Musikmensch muß ebenso anständig sein wie jeder andre. Na, da sind Sie wohl jetzt zufrieden, Sie oller Königgrätzer? Oder läuft Ihnen sonst noch ne Laus über die Leber?« »Fräulein Jettel«, antwortete Steiner seufzend. »Mein Lieber, erstens is es nich anständig von Ihnen, in Verbindung mit meiner Schwester gleichnisweise von einer über die Leber laufenden Laus zu reden, und zweitens habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich da nichts machen kann. Da müssen wir uns eben in Geduld fassen. Es is aber möglich, daß da bald mal 'ne gründliche Änderung wird.« Steiner faltete die Hände, sah andächtig gen Himmel und sprach im stillen: »Gott geb 's!« Dann sagte er laut: »'n bissel besser is es ja schon geworden, seit ich »gnädiges Fräulein« zu ihr sag'. Das sagt ja sonst kein Mensch zu ihr. Der Robert, der hat's ja gut getroffen, der sagt zu Fräulein Hartmann einfach »Christel«.« Dr. Friedlieb fuhr überrascht herum. »A–ch! Einfach – einfach »Christel«?« »Ja, sie hat's von ihm verlangt. Sie hat ihm verboten, daß er Fräulein Hartmann sagt. Und sie hat ihm schon 'ne Masse Hemden und Unterhosen und Strümpfe und 'n neuen feinen Anzug gekauft. Aber halt, herrjeh – das soll ich ja nich weitersagen – da hab' ich ja 'm Robert 's Ehrenwort drauf geben müssen. Herr Doktor, Sie werden's nicht weitererzählen, nicht wahr –« Dr. Friedlieb saß ganz steif da. Sein Gesicht war plötzlich blasser geworden, und nur auf seiner Stirn sammelte sich eine dunkle Glut. »Christel,« wiederholte er, »Christel!« »Ja, Christel! Sie is überhaupt sehr freundlich zu ihm, steckt ihm alle guten Bissen zu, und einmal habe ich gesehen, wie sie ihn ganz sacht' an der Hand nahm. Na, das macht Fräulein Jettel ja nu alles nicht.« Friedlieb hörte nicht auf das, was Steiner sagte, er blickte starr hinunter ins Dorf nach dem Kretscham, und es war, als ob er mit etwas Unfaßlichem ränge und gegen eine böse Sorge ankämpfe, die ihn unversehens überfallen hatte. Da riefen die Knechte vom Felde herauf, der Wagen sei jetzt voll. Steiner erhob sich, stieg den Hügel hinunter und fuhr langsam dem Friedliebschen Hofe zu. Sein Herr saß noch oben am kahlen Baum. Der »Wächter« streckte seine leeren Äste über ihn aus wie drohend geschwungene Ruten, und der Wind spielte in ihnen mit leise höhnischer Melodie. Die Christel! Auch Dr. Friedlieb stemmte die Hände gegen den Boden, ließ den Kopf sinken und seine Augen bekamen etwas Stieres, und auch er saß da wie Napoleon bei Probstheida. Sie war vierundzwanzig, er war fünfundvierzig Jahre alt! Fast das Doppelte! Und er hatte immer gezögert, hatte es nie gewagt! War zu elend feig dazu gewesen. Hatte Rücksicht genommen auf die Schwester! Auf diese Schwester! Mit der sich niemand vertragen konnte. Hätte er sie doch rausgeworfen mitsamt ihren Katzen und Erbauungsbüchern! Dann wäre alles besser geworden. Sie konnte doch ihre Katzen auch wo anders füttern, ihre Schwarten auch wo anders lesen! Sie mußte doch nicht immerfort seinem Leben, seinem Werk, seinem Glück im Wege sein! Die Christel! Das einsame, gute, liebe Mädchen! Seht nur an! Nun kam ein andrer, ein Junger, ein Schöner, einer, der ihrer Jugend gefiel, und der alternde, feige Dr. Friedlieb saß auf, blanker Erde wie ein Narr. Aber gar so schnell war es gekommen. Und gleich solche Dinge für ihn kaufen und sich Christel nennen lassen! Der Volksfreund, der Reformator tobte dagegen. Das war zu viel! Sie brauchte sich nicht mit jedem, dem sie Gutes tun wollte, gleich auf du und du zu stellen. Das ging über alles Maß! Und dann, daß niemand davon etwas hören durfte, daß dieser Trottel, dieser Steiner, hatte sein »Ehrenwort« geben müssen, nichts zu verraten – Das war das Verdächtigste! Der Doktor sprang auf und stieg den Feldweg hinab bis nach der Landstraße. Dort sah er zu seinem Unglück den Winkler-Maurer schwer betrunken die Straße entlang wanken. Er trug die Schnapsflasche in der Hand. Dr. Friedlieb holte ihn ein, riß ihm die Flasche aus der Hand und roch hinein. Es war sein Hartmannscher Chemikalienschnaps. Sein Gesundheitsschnaps! Sein Kurschnaps! Wütend zerschellte der Doktor die Flasche am nächsten Stein: »Saufen Sie sich tot, Sie Schwein! Man ist ein Narr, wenn man solchen Lumpen helfen will. Meinetwegen können alle Säufer sich in Fusel ertränken und alle vagabondierenden Bettelmusikanten zum Teufel marschieren!« Drunten im Dorf war eine Backstube. In der waren bereits drei Bäcker bei Fleiß und gutem Betragen bankrott geworden. Schulze, der neue Bäcker, der die traurige Geschichte seiner Vorgänger kannte, ahnte Trübes. Er konnte zwar nicht bankrotter werden, als er schon immer gewesen war, aber er hatte Mitleid für Dr. Friedlieb, der ihm Geld geborgt hatte. Nun saß Schulze in trüben Gedanken vor der »Feuerung« und hörte dem Knistern der Flammen zu. Er hatte nur einen sehr geringen »Schub«, es hatte sich kaum gelohnt einzuteigen, war eigentlich schade ums Holz. Aber das Feuer hatte das Gute, daß man sich dabei wärmen und so recht aussinnen konnte. Wenn Schulze ehrlich mit sich selbst war, mußte er sich sagen, daß er sich eigentlich nie recht für einen genialen Bäcker gehalten hatte. Die Meister hatten ihn immer schnell fortgeschickt, und so war er ins Wandern geraten und hatte sich schließlich das Brot andrer Leute ganz gut schmecken lassen. Nun hatte er im Laufe der Zeit so viel von seiner schönen Kunst verlernt, daß es ihm im Anfange überhaupt nicht gelungen war, Feuer im Backofen zu machen, von den wesentlich wichtigeren Backbeschäftigungen zu schweigen. Mit Hilfe einer Frau, die er sich »zu Handreichungen« hielt, hatte er aber doch Gebilde hervorgebracht, die mit Broten und Semmeln mancherlei Ähnlichkeit hatten. Seit der Zeit hatte Schulze einen verdorbenen Magen, die Frau, die ihm half, hatte einen verdorbenen Magen, Dr. Friedlieb hatte einen verdorbenen Magen und viele andere Leute auch noch. Die Bäuerin Bansch hatte behauptet: die Hühner hörten nach dem Genusse des Schulzebrotes auf zu legen, und kluge Hunde, die eine feine Nase hatten, gingen den Schulzeschen Brotkrusten mit Vorsicht aus dem Wege. Das waren nun alles keine günstigen Ergebnisse, die einen Mann wie Schulze für seinen Beruf begeistern konnten. Dazu kam, daß er sich immer elend und müde fühlte. Er hatte das Bedürfnis, am Tage sechs bis acht Stunden zu marschieren, sonst war er müde. Wenn er manchmal vor sein enges Bäckerhaus in die freie Luft trat, überkam ihn eine schmerzhafte Sehnsucht, und er streckte die Hände aus, als ob er fortfliegen wollte, wie der kümmerliche Rauch aus seinem Schornstein. Wie er nun heute so trübe vor seinem Backofen saß, kam eine Frau, von der er wußte, daß sie eine Witwe mit sechs Kindern war. Sie verlangte ein Brot. Er gab es ihr und fragte furchtsam: »Schmeckt Ihn'n denn mein Brot?« Da lächelte sie und sagte: »Ach, sehn Sie mal, ich bin doch so arm, und wie soll ich's mit meinen sechs Kindern einrichten, wenn die a ganzen Tag immerfort nach Brotschnitten schrei'n? Da war so a Fünfzigpfennigbrot in zwei Tagen weg, und ich verdien' doch an einem Tage bloß sechzig Pfennige. Aber seit ich bei Ihn'n das Brot hole, brauch' ich viel weniger.« Schulze wandte sich ab. Die Kinder taten ihm leid. Und wie er nun wieder allein war und über das Geheimnis der »Oberhitze« grübelte, ging die Tür auf, und ein Mann erschien: »Woll'n Sie vielleicht gute, frische Semmeln kaufen?« Das war der Bäckerkutscher aus der Stadt. Sein Konkurrent kam, ihm frische Semmeln anzubieten! Schulze warf ein Holzscheit nach ihm. Zorn über seine Bäckerei fand er gerechtfertigt, Hohn ertrug er nicht. Nach einiger Zeit, als der Abend hereinbrach und der Herbstwind traurig sang vor dem Hause, fing Schulze an zu weinen. Er weinte über sich selbst und sein verpfuschtes Leben, weinte über seine Einsamkeit und seine traurige Gefangenschaft. » Buona sera! Come sta? « »Pohl! Pohl! Mein lieber Pohl!« Er sank dem alten Kameraden an die Brust. »Pohl, wo kommst du her?« » Dalla citta! Ich gomm auf Pesuch. Ich bin ausgegniffen. Mein Padrone is' nämlich ä Kamel. Carpo di Bacco , ich habe ihm eine krosse Packpfeife rundergehau'n. Da sind wir ausnander g'raten. Gannste mich nich in deiner Bäckerei anstellen?« Schulze sah ihn melancholisch an. »Armer Pohl!« Und er gab ihm einen Geschäftsbericht. Danach sahen sie sich an und schwiegen. »E terribile«, seufzte Pohl endlich. »Es is kreilich! Nu werd' ich müssen die Packpfeife zurücknähm' und zu mein Padrone redour gehn.« So saßen nun zwei am Backfeuer und wußten keinen Rat, wie sie sich durch dies hungrige Leben schlagen könnten. Traurig sang der Herbstwind vor dem Bäckerhause. Er blies in den Schornstein hinein wie in ein großes Schallrohr und schläferte das Feuer ein, das unten brannte. »Packer,« sagte Pohl warnend, »Packer, ich ferchte, dein Feier wird ausgehn.« Schulze zuckte die Achseln, als wollte er sagen: Was ist gegen ein solches Naturereignis zu tun? Pohl fing nun an von Italien zu reden. Die große Sehnsucht nach dem südlichen Land, nach dem reichen Sonnenschein und dem tändelnden Wind, der das Leben dort so leicht macht, packte ihn – wie alle, die in Italien gewesen sind. Und wie er so erzählte, gebrauchte er viele italienische Wörter und Phrasen, von denen er zwar wußte, daß sie der andre nicht verstand, die auch keineswegs immer richtig waren, aber er tat das so wie alle, die in Italien gewesen sind. Und er suchte nach vielem Großen, Seltsamen, Merkwürdigen, das er da unten erlebt hätte und das er nun erzählen müsse in diesem herbstlichen Nordlande, um Staunen zu erregen, und er log dabei – wie alle, die in Italien waren. Darauf erzählte er von einer kleinen süßen Margherita, von dem dunklen Glanz ihrer Schönheit, von ihrer frohen Art, von den Wonnen jener Liebe, und als er das sagte, übertrieb er sehr arg, wie alle, die in Italien geliebt haben; aber dann sprach er von Untreue, und da wurde er wahr in seinem alten Schmerz. Pohl weinte über sein verpfuschtes Leben und seine Verlassenheit. Traurig sang der Herbstwind vor dem kleinen Bäckerhaus, und durch das welke Laub, mit dem er spielte, schritt mit schwerem Tritt ein Mann, öffnete die Tür und rief mit tiefer Stimme ins Haus hinein: »Schulze, mach Licht!« Da freuten sich die zwei, die drinnen waren, und jubelten, und Pohl vergaß auf allen fremdländischen Sprachschmuck und hieß in seiner schönen sächsischen Muttersprache den Fremdling willkommen. »Schulze, mach' Licht!« wiederholte dieser. »Denn ich fürchte, daß ich dir deine Brote und Semmeln entzweitrete.« »Sind noch gar nicht fertig, lieber Steiner. Setz' dich daher zu uns ans Backfeuer und erzähle!« Aber Steiner erzählte nicht, er schimpfte. Er schimpfte auf das gesamte Menschenleben und die ganze Welt und konzentrierte diesen weitläufigen Zorn schließlich auf Fräulein Jettel Friedlieb. Sie hörten ihm zu, und dann wies Pohl in einer reichlich mit italienischen Wörtern verzierten Rede nach, daß es auch ihm übel ergehe, da sein Chef ein Kamel wäre, weshalb er heute auf und davon gegangen sei. Worauf Schulze von der Bäckerei sprach. Einfach ohne alles Toben und Zanken. Er gab lediglich einen Geschäftsbericht. Aber seine Rede machte von allen den traurigsten Eindruck. Und so saßen nun die drei betrübt am Backfeuer, drei Unweise aus dem Abendlande. Da stand Steiner auf und sprach durch die Finsternis: »Ihr könnt weiter nichts als schimpfen und klagen. Ich aber als euer alter Chef werd' euch etwas Fröhliches sagen. Nächsten Sonntag mach'n wir in Pohlsdorf Tanzmusik.« »Alle vier?« schrien sie freudig. »Ja, natürlich alle vier. Fünf Mark pro Mann! Die Kerls wollten bloß vier Mark geben, aber das hab' ich ihnen angestrichen. Gute Musik ist gutes Geld wert, hab' ich gesagt. Und das sagt auch Dr. Friedlieb. Denn er schätzt unsre Musik.« Sie staunten ihn an. Sie verehrten ihn. Er nahm das in Gelassenheit hin. »Wenn wir unsre Sache gut machen,« sagte er, »dann bekommen wir nach und nach 'n gewisses Renommee, und dann beblasen wir die ganze Gegend.« Sie staunten ihn an. Sie verehrten ihn. Es war klar, daß Steiner ein weitschauender Mensch, daß er in Wirklichkeit ihr Führer war. Sie fühlten die geistige Überlegenheit. »Und der Hellmich – ich will sagen der Winter – wird sich auch freuen«, meinte Schulze. »Molto rallegrarsi – molto – molto –. das is glar«, sagte Pohl. »Robert is der einzige von uns, der Glück hat. Er wird heiraten«, verkündete Steiner. »Heiraten?« »Una moglie?« Sie horchten auf. »Ja – Fräulein Christel Hartmann! Sie nimmt ihn manchmal bei der Hand, sie hat ihm schon Hemden und Unterhosen und ein'n neuen Anzug gekauft, und er sagt schon Christel zu ihr – einfach Christel.« Das war erstaunlich! Die reiche Gastwirtstochter! Einfach Christel sagte er schon. Hatte eine Menge geschenkt bekommen. Und jeder von den Dreien dachte an eine andre Frauensperson, bei der er sein Glück versucht hatte – o je! Traurig sang der Herbstwind ums kleine Bäckerhaus. Steiner erschrak. »Das heißt – das vom Robert darf niemand wissen. Da gebt mir mal euer Ehrenwort drauf.« Sie gaben ihre »Ehrenworte«. Nun war Stille. Jeder rechnete nach, was Robert für ein Glück hatte und wie wenig heraushängen würde, wenn er selbst von seiner eigenen Schönen erhört würde. Das Herz war ihnen bedrückt, und sie dachten an ihr verpfuschtes Leben. Bis Steiner sich aufs neue erhob. »Kameraden,« sagte er, »warum macht ihr solche blödsinnig trübe Gesichter? Warum seht ihr so essigsauer aus? Geht's euch nicht ganz gut so?« Das verneinten sie. Da fuhr er fort: »Es is eine Stelle frei. Eine sehr ehrenhafte, feine Stelle. Sozusagen eine Kaiserlich Königliche Stelle. Landhilfsbriefträger! – Der etatsmäßige Landbriefträger is behufs Krankheit 'n halbes Jahr beurlaubt. Der Herr Amtsvorsteher is um eine zuverlässige Hilfskraft angegangen worden. Sechzig Mark monatlich! Außerdem Stiefelgeld! Er hat natürlich zuerst an mich gedacht, weil ich Unteroffizier gewesen bin, Paris und Königgrätz mitgemacht hab, aber ich hab' gesagt: ›Herr Doktor,‹ hab' ich gesagt, ›ich hab' Kameraden, da werd' ich nich mir nichts, dir nichts so 'n fetten Posten wegschnappen, da muß ich erst mit meinen Kameraden sprechen.‹ – ›Sind 'n braver Kerl,‹ hat a gesagt, ›sprechen Sie mit Ihren Kameraden!‹« »Das is anständig vor dir«, sagte Schulze der Bäcker. »Ich würd' mich ja für so 'n Posten begeistern. Denn wenn ich am Tage so sechs bis acht Stunden laufen könnte –« Er machte Bewegungen mit den Armen wie ein flügelbeschnittener Storch in einem zoologischen Garten. »Oh, oh, come mai ! Ich hätt' ja sozusagen ooch was für mich«, meinte der Italiener. »Ich gönnte besser die Atressen lesen, wenn mal eene aus Idalchen gommen däte.« So sprachen die Leute am Backofen. Steiner, der Philosoph, meinte: »Wir müssen losen. Robert wird für seinen Teil verzichten. Wir drei andern werden losen. Und wen's trifft, der mag sein Glück genießen.« Sie beratschlagten, und dann losten sie. Sie zündeten ein Licht an, und dann legten sie unter eine stroherne Brotschüssel ein Stück Kohle, das sollte heißen: »Du bist ein kohlschwarzer Pechvogel, mein Lieber«, und unter eine zweite Brotschüssel legten sie einen kleinen Kamm, das sollte tragikomisch andeuten: »Du kannst dich kratzen«, aber unter die dritte Schüssel legten sie eine Brotkrume, und das sollte das Siegeszeichen sein und heißen: »Du hast dein Brot gefunden.« Dann stellten sie die drei ganz gleichen umgekehrten Schüsseln auf die glatte Diele und schoben sie schnell und wirr durcheinander, so daß am Ende keiner mehr wußte, was eine jede verdeckte. Sodann drehte sich jeder noch dreimal um seine Achse, und dann losten sie. Steiner wählte zuerst. Er zog die Kohle. Trübselig nickte er, und Nase und Mund wurden spitz wie bei einem Raben. Pohl, der Italiener, zog den Kamm. »Kratz' dich«, sollte das heißen. Er fuhr durch seine langen Haare und betonte, daß er bei sich immer sehr auf Sauberkeit gehalten hätte. Schulze, der Bäcker, zog das Brot, zog das Siegeslos, war Kaiserlich Königlicher Landhilfsbriefträger. »Der einzige, der a nahrhaftes Gewerbe hat«, knirschte Steiner. »A Klick hat der!« rief Pohl. Schulze betrachtete sein Siegeszeichen. »Ich fürchte,« sagte er, »ich fürchte, es wird ein saures Brot sein.« Achtes Kapitel Am selben Nachmittag wanderte Robert auf der nebligen Landstraße einsam dem Dorfe zu. Er war in der Stadt gewesen. »Dort hatte er Einkäufe machen müssen. Es waren lauter kleine Dinge gewesen, die er nun in einem Paketchen heimtrug. Frau Hartmann hatte ihm zehn Mark mitgegeben und ihm dreimal befohlen, sich ja in jedem Geschäft eine quittierte Rechnung ausstellen zu lassen. Dann hatte ihn Herr Hartmann beauftragt, vierzig Mark bei der Agentur der Lebensversicherung für ihn einzuzahlen. Das hatte aber Frau Hartmann nicht zugeben wollen, hatte immer darum herumgeredet, diese Einzahlung könne auf eine andre Weise besorgt werden, bis die blasse Christel sich erregt an die Frau gewandt hatte: »Mutter, mit im ganzen fünfzig Mark geht er nicht durch! Mir scheint, er ist so ehrlich wie wir.« Darauf war ein heftiger Streit entstanden, und Herr Hartmann hatte Robert gewinkt, er möge gehen. Draußen vor der Tür hatte er ihm die vierzig Mark übergeben, außerdem eine Mark Zehrgeld. Das war viel. Robert hatte für die Mark in einem Geschäft ein kleines silbernes Herzchen gekauft. Er wollte der Christel etwas schenken, wenn er jetzt nach Hause kam. Den Weg entlang standen hohe Pappeln. Die bogen sich im Herbstwinde, und es war anzusehen wie ein großer, seltsamer Reigen. Hüben eine Reihe sich schwingender Bäume, die einander die Hände zu reichen schienen, drüben eine Reihe, und sie tanzten und sangen ihre düstere Melodie. Wer einsam am Herbsttag durch eine Pappelstraße geht, den faßt die Schwermut. Auch Robert schritt rascher vorwärts, der Einsamkeit zu entfliehen, die ihn drückte. Wie Furcht war es in ihm, als ob hinter den dicken Stämmen ein Unheil lauere, als ob aus dem Straßengraben sich ein Feind erheben könne. Das war so, weil er nie allein gewandert war. So freute sich Robert, als er einen alten Mann und eine alte Frau einholte, die offenbar auch aus der Stadt kamen. Jedes trug in einem bunten Tuch ein Paket. Robert blieb um wenige Schritte zurück und musterte die Leute. Sie mochten ungefähr siebzig Jahre alt sein, schritten aber ganz rüstig vorwärts und waren beide nur wenig gebückt. Er redete sie an, fragte, ob sie auch nach Teichau gingen. »I nu freilich«, sagte der Mann. »Wir sind ja aus Teichau. Ich bin der alte Hellmich-Bittner aus dem kleinen Häusel neben dem Schulzbauer-Gute.« Robert erwiderte, daß er in Teichau noch sehr wenig bekannt sei, da er erst einige Wochen im Orte wohne. »Sie sind Wohl der neue Wirtschafter beim – beim – im Kretscham?« fragte die Frau. »Ja, beim Herrn Hartmann«!« erwiderte Robert. Und er schlug vor, sie könnten den Weg nach Hause gemeinsam zurücklegen. Die beiden Alten sahen sich an, dann sagte der Mann auf den Vorschlag Roberts: »Nu, ja, ja! Wenn wir Ihn'n nich zu sachte gehn.« Und dann schwiegen sie. Robert wunderte sich über die Leute. Sie benahmen sich merkwürdig gegen ihn. Aber das war wohl, weil er ihnen so fremd war. »Hellmich-Bittner!« hatte der Mann gesagt. – Es fiel Robert ein, er könnte den beiden Leuten sagen, daß er eigentlich auch Hellmich heiße. Das würde sie vielleicht interessieren, obwohl Hellmich hierzulande ein sehr verbreiteter Name war. Aber er überlegte, daß er dann bloß unnütze Erklärungen geben müsse, daß vielleicht ein Gerede im Dorfe entstehen würde, und hauptsächlich, daß es Herrn Hartmann nicht lieb sei, wenn er sich anders nenne als Winter. Also erzählte er nur, daß er das Musikantenleben satt gehabt habe und daß er nun froh sei, eine Unterkunft zu haben. Herr Hartmann sei sehr gut. Darauf sagten sie nichts. Sie blickten vor sich auf den Weg. Da sah Robert sie an, und es fiel ihm ein, die alten Leute seien wohl auf Hartmann oder jemand aus seinem Hause nicht gut zu sprechen. Das war ja leicht möglich, namentlich bei dem Charakter der Frau des Gastwirts. Es gab viele solche Feindschaften im Dorfe. Eine Weile schritt Robert schweigend neben dem alten Paare hin. Dann fragte er die Frau, ob sie ihn nicht ihr Paket tragen lassen wolle, er habe ja so gut wie nichts in den Händen und er sei noch jung und stark, er könne ihr leicht die Bürde abnehmen. Sie wollte nicht und redete viel dagegen, aber ihre müden alten milden Augen glänzten freudig und zuletzt gab sie ihm das Paket. »Aber wenn's Ihn'n etwa zu viel mächt,« sagte sie, »da geben Sie mir's bald wieder.« Der alte Hellmich blieb stehen und zog seine Tabaksdose aus der Tasche. »Na, da schnuppen Se amal mit mir!« sagte er. Er war sichtlich erfreut über die kleine Freundlichkeit, die der junge Mann seiner Frau erwiesen hatte. Robert nahm eine kleine Prise Tabak, und sie erschien ihm wie ein wirkliches Geschenk, da der alte Mann, der vorher so wortkarg gewesen, nun so freundlich mit ihm war. Sie wurden nun alle fröhlicher und schritten plaudernd die Straße entlang. »Ja,« sagte der alte Hellmich, »wir gehen jeden Mittwoch in die Stadt, wenn Markt is. Denn sehn Sie, meine Mutter da, die is sehr vergnügungssüchtig.« »Sei ock stille«, sagte die Frau. »Wer hält's denn zu allererst nich derheeme aus, wenn der Mittwoch kummt? Du! Du mußt eben durchaus in die Stadt.« »Nu ja«, meinte der Mann gut gelaunt. »Ma will halt ooch amal was sehn. Im Dorfe kumm' wir kaum aus'm Hause, na, und da gehn wir halt immer Mittwochs in die Stadt. Da kaufen wir das bissel Kram, was wir brauchen und bringen auch für andre Leute was mit. Wir sind beede rüstig. Die Mutter is achtundsechzig, und ich bin ooch erst siebzig. Na, da geht's schon. Und in der Stadt is halt schön. Überhaupt die Schaufenster. Die sehn wir uns jedesmal an. Die Mutter studiert immer die neuen Moden.« »Ach, du alter Narrenhans«, sagte die Frau. »Ja, ja, Sie könn's globen, bei a Hüten und bei a Spitzenkleidern krieg' ich sie kaum weiter. Na, und da is doch su viel Verrücktes dabei, und da stehn wir halt da und brummen und schimpfen jeden Mittwoch a bissel uff die hoffärtige Welt und freuen uns jedesmal wieder drüber. Wenn ich amal 's große Los gewinne, da koof ich meiner Mutter a rosa Spitzenkleid und een grün' Hutt.« Er lachte über seinen Scherz. »Nee aber, Vater, nee aber –« Die Frau geriet in große Beschämung. »Wenn du's große Los gewinnst, da kaufste dir zu allererste 'n goldne Uhre, daß du's weißt! Denn wer steht denn immer und ewig beim Uhrmacherladen?« Nun war der Mann verlegen, Er wandte sich an Robert. »Na, nu sehn Sie, gelt ja, das is ja nu alles bloß Spaß! Ansehen kost' doch nischt! Und so a Uhrmachergeschäft, das seh' ich halt für mei Leben gerne. Das is halt 'ne Pracht.« »Und jedesmal wünscht a sich 'n andre Uhre«, sagte die Frau. »Nu je je,« meinte der Mann, »warum soll man sich nich a bissel Abwechslung gönnen? Wenn ich dann wieder derheeme bin, denk' ich die ganze Woche an die Uhre, die ich mir gewünscht hab'. Und manchmal träumt mir, ich hab' sie. Das is fein. Das is rein schade, wenn man uffwacht. Und dann bin ich immer begierig, ob sie a nächsten Mittwoch noch da sein wird.« Er sah wieder lächelnd vor sich hin. »Ja, wir sind liederlich«, begann er aufs neue. »Jeden Mittwoch mach'n wir blau. Jeden Mittwoch verreisen wir. Und dann tun wir uns was an; ich een Paar Würstel und een' Kümmel und die Mutter een Paar Würstel und –« »Sei ock stille«, unterbrach sie ihn. Da schwieg er und verriet die kleine Schwäche seiner Frau nicht. Die Abendsonne blickte durchs Gewölk und beleuchtete die drei, die durch die Pappelallee gingen. Ein großer Friede war in Robert. Er hörte nicht mehr das schwermütige Lied der hohen Bäume, und Furcht und Sorge waren weit. Diese alten Leute waren lieb. Er fragte, ob er sie gelegentlich einmal besuchen dürfte. Da waren sie erst ein wenig verlegen, aber dann sagten sie, ja, er solle nur einmal kommen. »Überhaupt, wenn Ihn'n amal was fehlen tät,« sagte der alte Hellmich, »die Mutter is klüger wie a Dukter.« Sie widerstritt, aber er behauptete: »Ja, das is wahr. Sie hat alle Sorten Tee, und wenn Sie amal 'n Geschwulst oder so was hätten, das bringt sie Ihn'n gutt weg. Das is wahr.« »Ich Hab' halt so a paar Hausmittel«, sagte die Frau. Und wieder gingen sie eine Strecke Weges. Das Gespräch stockte. Da fragte Robert, um etwas zu sagen, von dem er glaubte, es würde die Alten erfreuen: »Da haben Sie wohl natürlich auch Kinder und Enkelkinder.« »Nee – nee!« sagte der Mann beklommen. »Nee – nee!« seufzte die Frau. Robert merkte, daß er an eine wunde Stelle gerührt habe und brachte das Gespräch bald auf etwas andres. Ein zeitiger Abend brach herein. Es wurde Nacht, ehe sie Teichau erreichten. Sie gingen die Dorfstraße hinab. Ehe sie den Kretscham erreichten, blieben die Hellmichleute an einem Seitenwege stehen. »Wir biegen hier ab«, sagte Hellmich. »Wir haben's hier näher, 's is schon spät.« Robert gab der Frau ihr Paket und sie dankte ihm herzlich. In dem Augenblick brach der Mond hell durch die Wolken. Er bestrahlte mit silbernem Licht Roberts Gesicht. Da starrte ihn die alte Frau an. »Sie – Sie – Sie –!« Sie atmete schwer. »Mutter, was is denn? Was is denn?« fragte Hellmich erschrocken. Auch Robert war verwundert. Die Frau erholte sich. »Es – es is – is nischt – es war bloß – so eine Ähnlichkeit – ich seh' schon nich mehr gutt – und jetzt im Mondscheine – da bin ich erschrocken. – Da seien Sie och nich böse – da nehm'n Sie's och nich übel!« Sie reichte Robert die Hand und verschwand mit ihrem Manne in der Gasse. Robert schaute ihnen nach. Der Mond verschwand wieder hinter dunklen Wolken. Der Wind sang wieder sein trübes Lied. Und Robert tappte die finstre Gasse hinunter nach Hartmanns Hause. Neuntes Kapitel Es war Sonntag. Droben der Wächter stand im Sonnenschein. Er hatte nicht zu wachen. Friedlich lag rings die Welt in Sabbatsruhe. Vier Musikanten stiegen zu ihm herauf, jeder mit seinem Instrument. Als sie auf der Höhe waren, blieb Steiner stehen und kommandierte Halt. »Kinder,« sagte er, »mir is zumute wie einem abgesetzten Feldmarschall, der plötzlich wieder eingesetzt worden is. Oder wie einem bankerott gewordenen Kaufmann, der das große Los gewinnt. Oder wie einem alten Sofa, das 'n neuen Überzug gekriegt hat!« Er strich mit der Hand zärtlich über seine Tuba. »Wer hätte das gedacht! Vor a paar Tagen, da war mir hier beim Rübenaufladen noch so miserabel zumute, und jetzt bin ich raus aus der ganzen Schinderei und geh Musik machen. Und wißt ihr, was der Doktor gesagt hat, wie a mich amal hat so schuften gesehn? ›Steiner‹, hat a gesagt, ›Sie sind gewissermaßen 'n Pegasus im Joche.‹'« »Ja, aber seit du so schuftest, wirst du fett«, sagte der Bäcker neidisch. »E vero, è vero«, schrie der Italiener. »A dutt sich ganz dicke arbeiden.« Steiner schüttelte melancholisch den Kopf. »Das versteht ihr nich! Wenn ich dicker werde, gewissermaßen 'n Bauch krieg', so is das nischt wie versetzte Kunst. Die setzt sich fest wie 'ne Geschwulst. Und mit'm Herzen hab' ich's, das könnt ihr mir glauben. Setz'n wir uns ein bissel, es is noch zeitig.« Sie setzten sich unter den Baum. »Kinder,« begann Steiner aufs neue in lehrhaftem Tone, »in meiner Schlafkammer hängt ein Bild vom Großen Kurfürsten. Das hat mir der Doktor geschenkt.« Die anderen drei sagten, der Doktor hätte ihnen ebenfalls ein solches Bild geschenkt. »Es is sein Nationalheld«, sagte Steiner wichtig. »Und da hat a ja recht. Denn der Große Kurfürst ist ja 'n sehr tüchtiger Kaiser gewest. A hat Ordnung gemacht in seinem Lande, hat selbst zugegriffen, und vorher war da alles verliedert und verlumpt. Da soll man sich nu 'n Beispiel dran nehmen.« »Ich finde solche Beispiele anzüglich«, sagte der Bäcker. »Denn wir waren gar nicht verliedert und verlumpt. Und ich wünschte, ich hätt' den Großen Kurfürst gar nich erst kennen gelernt, denn ich bin durch ihn bloß in Schulden gekommen.« » Jo anche ,« meinte Pohl, »bei mein' Padrone sitz ich schon mit vierzig Mark fünfundsiebzig in der Glemme. Wie ich 'm hab' 'ne Packfeife gehau'n, hat a mir das Geld gegindigt. Aber damit hat a kee Klick gehabt. Und da dun wir uns halt wieder verdragen. Es is a ulkscher Gerl, mei Padrone.« »Na, kommt Zeit, kommt Rat«, sagte Steiner. »Mit Zeit meine ich 's Frühjahr. Jetzt sind wir ja nu vorläufig wieder amal Gott sei Dank auf einen Tag Musikanten.« Er nahm seine Tuba und begann ganz allein zu blasen. Es war eine gewaltig schmetternde Weise von rührender Einfachheit. Die Baßbegleitung zu einem Walzer. Ein heimliches Zittern lief über den »Wächter«. Es war, als ob ein alter, würdevoller Portier verstohlen über einen schnurrigen Gast kicherte. Ein paar Häslein, die in einer Ackerfurche geschlafen hatten, wurden munter und ergriffen die Flucht, drei Krähen flogen kreischend dem Walde zu, und nur ein Trupp von Sperlingen kam heran. Die setzten sich in eine Reihe, hielten die Köpfe schief und verwunderten sich. Steiner blies immerzu weiter. Da nahm auch der Bäcker sein Instrument und fing an mitzublasen, der Italiener ergriff seine Trompete und endlich setzte Robert Winter diesem musikalischen Torso den Kopf auf und blies auf seinem Waldhorn die Melodie: »Ob ich dich liebe, frage die Sterne.« Unten am Fuße des Hügels, jenseits des Teiches, am Giebel des Kretschams wurde ein Fenster geöffnet, und es winkte jemand lustig mit einem roten Tuche. Die Lore! Nach ihr schaute Robert Winter. Auf dem Kirchturm aber, auf den um diese Zeit die Küstermagd gestiegen war, um zum Nachmittagsgottesdienst zu läuten, wurde aus der obersten Luke eine schwarz und weiß gestreifte Schürze geschwenkt. Nach dem Kirchturm schaute der Bäcker. Jenseits des Tales, auf einem gegenüberliegenden Hügel trat eine stattliche Witwe vor ihr Haus in den Garten. Die winkte nicht, aber ihre Gestalt hob sich schwarz vom leuchtenden Himmel ab wie eine beträchtliche Wolke. Nach dieser Wolke schaute Steiner, und er suchte seinem Baß immer innigere und tiefere Herzensklänge abzugewinnen. Pohl, der Italiener, allein machte ein verdrossenes Gesicht und hörte bald auf zu blasen. » Oh misero me! 's hat keen Zweck! Meine Liebste, die Maria Puchara, wohnt in der Stadt.« Sie bliesen noch ein zweites und drittes Stück, lauter Liebeslieder. Die Fahne vom Kirchturm wehte immer weiter, und keine Glocke rührte sich, die Wolke rückte langsam ein Stückchen nach Ost und blieb da in noch größerer Deutlichkeit halten, viele Leute liefen im Dorfe zusammen, nur die Lore am Giebelfenster war verschwunden. Da rückten endlich die Musikanten ab und bliesen im Marschieren: »Muß i denn zum Städtele hinaus, und du mein Schatz bleibst hier.« Sie waren alle froh, sie marschierten leicht und glücklich in den Herbsttag hinaus, und der Goldglanz ihrer Instrumente gleißte vor ihren Augen. Die Hände, die an rauhe Arbeit gekommen waren, spielten wieder mit kleinen, leichten Ventilen, und in ihren Herzen war lauter Klang. * * * Im Pohlsdorfer Kretscham war der Tanz in vollem Gange. Sonst ist leider im schleichen Landvolk die Klassenabsonderung jetzt schon so groß, daß alle Besitzenden und ihre Söhne und Töchter in dem feineren »Kränzel«, die Dienstleute aber nur bei der »gewöhnlichen Musik« tanzen dürfen. Zur Kirmes wird noch hier und da eine Ausnahme gemacht, da tanzt alles durcheinander. Von Volkstrachten war auch in diesem Pohlsdorfer Kretscham nicht viel mehr zu sehen. Die Stadt hat ihre Maschinen aufs Dorf geschickt, ihre Zeitungen, ihre Trachten, ihre Sitten. » O misericordia «, seufzte Pohl während einer Tanzpause, als er eine dicke Magd auftauchen sah, die ihre Figur in ein Korsett gepreßt hatte, einen entsetzlich geschmacklosen Hut auf dem puterroten Kopfe trug und eine schreiend blaue Taille mit »modernen« Ärmeln anhatte. » Misericordia , es is eene kreiliche ragazza. Brutta! Brutta! « Und er erklärte Schulze, dem Bäcker, daß sich italienische Frauen und Mädchen des Volkes niemals kleiden wie eine Signora, weil sie fühlten, daß dazu eine ganz stilechte Robe und das Auftreten einer Signora gehöre, und daß niemals ein italienischer Mann aus dem Volke einen Zylinderhut trage. »Die Maria Pachura is 'n Volksgindel! 'n Bohlenmädchen. Die hat 'n seidnes Gopstichel, das steht ihr nämlich krandios.« »Ja«, sagte Steiner und wies auf die Volksmenge. »Das sind Insulaner des Lebens, die behängen sich gern mit unechtem Schmuck.« Ob dieses Ausspruches ließ er sich anstaunen. Daß er ihn von Dr. Friedlieb aufgeschnappt hatte, verriet er nicht. Und es kam Stück um Stück. Die Stimmung wurde immer lustiger, die Späße derber, der Bier- und Schnapskonsum größer. Auf den ungedeckten Holztischen, die an der Wand entlang standen, waren Bierlachen, lagen durchtränkte Filzdeckel, schwammen abgebrannte Streichhölzer und Zigarrenstummel. Die Mädchen glühten von der Anstrengung des Tanzes und der ungewohnten Einschnürung der Leiber, die Burschen lachten überlaut über jeden Scherz, klimperten mit Silbergeld in den Westentaschen und hänselten einander. Plötzlich riß Pohl die Augen weit auf und starrte nach der Tür. »Mei Padrone!« sagte er zu Steiner und machte drei Takte Pause. »Welcher?« fragte dieser und ließ den Baß schweigen. »Der in den verrückten garrierten Anzuge«, sagte Pohl. »Und der andere, der mit ihm gommt, is 'n Bostassistent aus der Stadt.« »Mensch, blas' doch!« mahnte Steiner, blies aber selbst nicht. Nun mischte sich auch der Bäcker ruckweise ins Gespräch, und die Musik wurde immer lückenhafter. Nur Robert Winter blies deutlich und im Takte die Melodie. Plötzlich brach auch er ab. Er starrte nach dem Eingang. Die Lore! Jetzt um zehn Uhr! Aus dem Nachbardorf«! Die Lore! Unten entstand ein Tumult. »Blasen!« schrien die Burschen. »Blasen! Ihr schlaft wohl ein?« »Ja, blasen!« brüllte Steiner und schmetterte ein paar total verunglückte Töne in den Saal. Langsam und knarrend wie ein stehengebliebener Wagen setzte sich die Musik wieder in Bewegung. Auch Robert Winter blies wieder. Aber eine Röte brannte auf seinen Wangen. Er verwandte keinen Blick von Lore. Sie sah zu ihm auf, lachte ein wenig und nickte mit leichtem Gruß. Und bald darauf kam der, den Pohl als den Postassistenten bezeichnet hatte, auf sie zu und tanzte mit ihr durch den Saal. Wie sie lachte und wie der lange Städter verliebt auf sie einredete! Eine lustige, übermütige Weise erklang aus dem Waldhorn, aber das Herz des Musikanten pochte einen schweren Takt dazu. In einer Tanzpause verließ Robert Winter den Saal und trat auf die Straße. Er hoffte, die Lore werde ihm nachkommen. Und er täuschte sich nicht. Das Mädchen huschte bald heran und faßte ihn am Arme. »Gelt, Sie werden mich nicht verraten, Robert?« »Was soll ich nicht verraten?« »Nu, daß ich hier tanzen bin. Onkel und Tante Hartmann wissen nichts davon. Auch die Christel nicht. Ich hab' gesagt, ich hätte Kopfschmerzen und bin um neun in meine Kammer gegangen. Da hab' ich mich natürlich rasch umgezogen, und da bin ich eben jetzt hier.« »Aber Lore – Fräulein Lore – das – das paßt sich ganz und gar nicht!« Er sagte es mit gepreßter Stimme. Sie machte ein spöttisches Gesicht. »Ach, Sie sind wohl auch so einer? So ein Mucker? Ich bin jung und ich will mich amüsieren! Ich mag nicht das ganze Jahr eingesperrt sein. Und wenn Sie klatschen wollen – so klatschen Sie!« Sie wollte ihm zornig den Rücken kehren, aber er hielt sie am Arme fest. »Aber. Fräulein Lore – ich denk' ja gar nich dran, was zu klatschen. Es geht mich ja eigentlich gar nichts an. Aber sehn Sie mal, jetzt in der Nacht auf 'n fremdes Dorf gehen – auf den finsteren Wegen, da kann Ihn'n doch 'n Unglück passieren.« »Es ist bloß eine knappe halbe Stunde zu gehen«, entgegnete sie. »Dann ist auch die Fischer Selma mitgegangen, und dann – dann haben wir übrigens auf dem Wege zufällig zwei bekannte Herren aus der Stadt getroffen.« »Ja, den englischen Kaufmann und den – den Postassistenten«, sagte er mit gepreßter Stimme. »Ach, die kennen Sie schon?« »Ich hörte es so nebenher.« Er seufzte und stand vor ihr und wußte nichts mehr zu sagen. Sie schwieg auch und betrachtete ihn. Plötzlich begann sie zu lachen. »Sie sind schrecklich komisch, Winter! Als wenn Sie eifersüchtig wären!« Sie lachte ganz herzlich, und er wurde blutrot und fing heftig an zu schlucken. Dann, als das Mädchen immer leise weiterlachte, faßte er es krampfhaft an beiden Schultern und hielt es fest wie mit eisernen Klammern. »Das tut weh, Winter! Das tut weh!« »Lore – ich weiß nicht, was ich sage – was ich tu' – ich bin ganz verwirrt – ganz verrückt – es is schrecklich, Lore, ich lieb' dich, lieb' dich, lieb' dich!« Und er preßte sie mit eiserner Gewalt in seine Arme und küßte sie mit der ganzen Glut und Wut entfesselter Leidenschaft. Sie ließ es geschehen und floh nicht davon, als die Umklammerung lockerer wurde und seine Arme sich nur noch leicht und zärtlich um sie schlossen. »Lore, ich bin ein armer Kerl – aber arbeiten will ich, arbeiten Tag und Nacht – mir nichts gönnen, mich kaum satt essen – alles dir geben – alles dir – ich habe dich lieb immer und ewig!« Sie machte sich plötzlich frei. »Wenn das die Christel gesehen hätte!« sagte sie. Er zuckte die Achseln und lachte verlegen. »Die Christel! Was mach' ich mir aus Fräulein Christel?« »Tun Sie nich so, Winter! Sie is Ihn'n doch sehr gut. Das sieht man doch. Ich muß immer lachen, wenn ich denke, was die Tante sagen wird, wenn sie hört, daß die Christel Sie heiraten will.« »Heiraten mich – die Christel? Aber ich denk' ja nich dran. Ich will ja – will ja doch Sie heiraten –« Da lachte sie wieder. »Sie sind schnurrig, Robert! Ich bin zum Heiraten noch viel zu jung. Und jetzt muß ich wieder in den Saal. Und Sie werden mich zu Hause nich verraten. Um zwölf geh ich sowieso schon wieder heim. Es lohnt kaum der Rede.« Er suchte noch einmal ihren Arm zu haschen, aber sie entschlüpfte ihm und verschwand im Hause. Da stand der Musikant einsam in der Herbstnacht. Kalt strich der Wind um seine heiße Stirn, strich mit seinen kühlen Händen über die klopfenden, gefüllten Adern, darin das unruhige Blut jagte immer vom Herzen zum Kopfe, immer vom Kopfe zum Herzen. Und es schwammen heiße Gefühle stromauf, kluge Gedanken stromab, aber die klugen Gedanken ertranken bald, und der ganze rote Strom war voll Leidenschaft. Die Arme schlossen sich über der Brust, noch einmal war dem jungen Manne, als hielte er die süße Mädchengestalt umfangen, und der Gedanke, daß er sie geküßt, daß sie ihm nicht gewehrt habe, war wie ein Glückstaumel in ihm, und – er baute auf Weiberlieb' und Weibertreu' das Haus seiner Zukunft, das schnell wie von Zauberhand errichtet vor ihm stand und ihm mit grünen, freundlichen Giebeln und hellglänzenden Fenstern lockend entgegenlachte. Da wurde er gestört. Ein Stückchen die Dorfstraße hinab hörte er zwei Männer zanken und ein Mädchen weinen. Das alte Lied von neuer Liebe und altem Rechte. Rasch wandte er sich und ging nach dem Tanzsaal zurück. – So blies er wieder seine Tanzweisen. In ihm war Seligkeit, Qual und schwere Unruhe. Seine Augen hingen immer nur an der einen. Wenn nun der Städter kam – und er kam in jedem Stück und tanzte lange mit ihr – dann mußte Robert Winter alle Kraft zusammennehmen, daß er nicht sein Instrument fortschleuderte und hinabschrie: »Las sie los – gib sie frei – sie ist mein – sie ist ganz allein mein!« Ach, er durfte es nicht tun, er mußte die Musik machen zu dem Tanz der anderen. Sein Gesicht war bleich, seine Augen glänzten im Fieber der Eifersucht. Weil der reicher war als er! Weil der ein paar Taler ausgeben konnte und er selbst sich fünf Mark verdienen mußte, deshalb durfte der mit ihr tanzen, durfte den Arm um sie schlingen, und er mußte die Musik dazu machen. Von draußen durch die Fenster des zur ebenen Erde gelegenen Tanzsaales schauten Leute herein, alte Leute, arme Leute, einige Kinder, ein Stelzfuß und – alle unehelichen Väter und Mütter des letzten Jahres. Nach einem Jahre durften diese jungen Ausgesperrten wieder mittanzen. Jetzt hatten sie erst eine Art Buß- und Trauerjahr durchzumachen. Nun standen sie draußen in der Herbstnacht und schauten mit sehnsüchtigen Augen auf die wirbelnde Lust. Zuweilen, wenn im Saal das Fensterglas anlief, kam eine mitleidige Seele und wischte mit einem Taschentuche die Scheiben blank. Die Lore tat das zweimal. Wie die im Saal alle fröhlich waren! Sogar die zwei taubstummen Mädchen lachten und tanzten immerfort. Da regten sich draußen in den Sünderherzen Reue und Neid, und die Mädchen suchten die Hand des Liebsten und fragten mit leisem Druck: »Wirst du mich heiraten? Wirst du mich wieder ehrlich machen? Werde ich wieder tanzen dürfen?« Robert Winter, der die Dorfsitten kannte, sah oft nach den Ausgesperrten hin, deren Gesichter hinter den Scheiben matt sichtbar waren. Und einmal, als gerade die Lore vorbeitanzte und auflachte, durchfuhr ihn böse Furcht. Ein Gesicht narrte ihn. Das tanzende Mädchen verschwand, und er sah draußen im Garten mitten unter den Ausgeschlossenen die Lore stehen, sah ihr vergrämtes Gesicht durch das Fensterglas spähen, sah ihre süßen Augen weit wie Todesaugen starren. Er hielt das nicht aus. Er suchte mit flatternden Blicken die Tanzende, und da er sie lachend und gesund fand, grämte es ihn nicht einmal, daß der Städter wieder den Arm um sie geschlungen hatte. Aber die Sorge ließ ihn doch nicht los. In einer Tanzpause suchte er noch einmal ihrer habhaft zu werden. Er traf sie im Saal. »Wenn Sie nach Hause gehen, Lore, da geht doch die Fischer Selma wieder mit Ihnen?« fragte er bang. »Ja doch –!« sagte sie ungeduldig. Sie sah ihn an, als ob er sie belästigt habe. »Natürlich geht sie mit!« Als er wieder auf der Musikantenbühne stand, machte er sich Vorwürfe. Das war grob und frech von ihm gewesen. Er hatte kein Recht, sie zu schulmeistern, und es hatte in seiner Frage etwas wie Verdacht oder doch Sorge gelegen. Das war kränkend für sie. Was traute er ihr denn zu? Mit welchem Recht? Er schalt sich schwer, und wie er so mit sich selbst zürnte und sich sagte, ein Mädchen wie Lore, das sich habe von ihm küssen lassen, könne er doch ruhig tanzen und wandern lassen, ward ihm wohler, und die wehe Spannung ließ nach. Dennoch gab er genau acht, als Lore sich gegen zwölf Uhr durch ein Kopfnicken von ihm verabschiedete. Die Fischer Selma ging mit, aber gleichzeitig verschwand der Postassistent, während sein Begleiter, der englische Kaufmann, dablieb und unter dem Gesange: »I'm a jolly good fellow – hipp, hipp, hurra!« unter stürmischer Heiterkeit des Publikums einen Besentanz ausführte. Pohl, der Italiener, wollte sich totlachen über seinen »Padrone«, obwohl er wußte, daß dieser den Seltsamen und den Spaßmacher nur spielte, um sich populär zu machen, daß er sein eigener Reklamenarr war. Steiner, der sich etwas betrunken hatte, begann zu dem Besentanze auf seiner Tuba abscheuliche Töne zu grunzen. Der ganze Saal war in der Stimmung ausgelassener Heiterkeit Nur Robert Winter nahm an alledem keinen Anteil. Er stierte die große Wanduhr an, die ihm gegenüber war, und nachdem die Lore erst fünf Minuten fort war, raunte er Steiner zu: »Haltet die Leute auf! Lasset sie Possen treiben! Macht eine längere Pause! Ich komme bald wieder.« Und war draußen und stürmte ohne Hut die Dorfstraße hinab. Rannte in jagender Angst, hatte denselben bohrenden Schmerz in sich wie damals, als der Unteroffizier seine Mutter geschmäht hatte. Eine Wegkreuzung kam. Ein alter Wegweiser stand da. Da hinüber ging's nach Teichau. Der Mond schimmerte schwach durchs Gewölk, die Straße ließ sich matt erkennen. Robert Winter rannte den Weg hinaus ins freie Feld. Feiner Regen sprühte ihm auf die Stirn und vermischte sich mit den Schweißtropfen, die ihm unaufhaltsam über den Kopf rannen. Da im unsicheren Mondlicht gingen zwei Menschen. Ein Mann und eine Frau. Er hatte sie um den Hals, er küßte sie. Lore! Da reichten die Kräfte des Musikanten nicht weiter. Lähmende, schwere Müdigkeit sank in seine Glieder, ein paar Schritte taumelte er nach vorn, wollte rufen, sich auf diesen Mann stürzen, aber er fühlte, wie seine Kraft dahin war, und kehrte langsam um. Mit müden Schritten ging er nach dem Dorfe zurück. Mochte sie gehen. Mochte sie den Weg wandern, der zu Schande und Elend führt! Er lief ihr nicht nach. Er wollte sie nicht warnen. Sie war es nicht wert. Erst ihn, dann jenen! Wer weiß, wen sonst noch! Alles an einem Abend! Fünf Mark verdiente er heute. Die wollte er ihr schenken. Wollte die Küsse bezahlen. Denn Dirnen müssen bezahlt werden, und er wollte den Schandlohn nicht schuldig bleiben. Fünf Mark waren genug. Und übers Jahr würde sie in der Schande sein, war ihr falsches Jungfernkränzlein zerpflückt, zeigten die Leute mit Fingern auf sie. Dann mußte sie wohl fort aus ihres Onkels Hause, wurde ausgestoßen. Das war ihr recht. Er haßte sie. Wer so schön und lieb war, durfte nicht so schlecht sein. Langsam ging Robert Winter weiter die trübe, nächtliche Straße. Er kam wieder ins Dorf an den alten Wegzeiger. Dort war ein Meilenstein, auf den setzte er sich. Durch die Stille der Nacht gingen Strahlen einer fernen, hohen Gnade, heimlicher als versteckter Sternenschein. Und sie drangen in eine einsame Seele und wandelten Zorn und Haß in Trauer. O, daß dieser Glanz unterging, daß dieser Kranz verwelkte, daß diese roten Wangen erbleichen und sich dieses Lachen in ein Stammeln der Angst wandeln sollte! An solch einem Kreuzweg würde sie eines Tages auf schwankenden Füßen in Frost und Not stehen und nicht wissen, wohin. Sie und – das Kind! Da richtete sich der einsame Mann auf. Das Kind! Zwei junge Augen schauen ihn an, zwei kleine zitternde Hände sieht er tasten durch graue Luft, auf dem Wege vor sich sieht er ein junges, sterbendes Weib, hört er ein klägliches Kindeswimmern. »Mutter!« Und noch einmal zitternd ... gebrochen ... »Mutter!« Und dann rast er wieder hinaus ins Feld, den Weg hinüber nach Teichau zu. Es darf nicht sein. Er muß sie retten. Muß! Darf sowas nicht sagen, nicht denken! Es ist ja eine so schwere Schuld, zuerst über ein Weib das Wort Dirne zu rufen. Er muß sie finden, nach Hause bringen! Leer das Feld. Leer der Weg. Der Kretscham liegt in tiefer Ruh. Da hebt Robert Winter die rechte Hand und schlägt ein Kreuz gegen das Haus. Dann kehrt er um. Wenn er den Kameraden sagt, er sei krank gewesen, so ist das keine Lüge. Zehntes Kapitel Stille Novembertage. Die große Einsamkeit auf allen Fluren. Den ganzen Tag liegen sie stumm und müde; nur am Morgen und Abend werden sie lebendig. Dann tanzen die Nebelfrauen ihren Reigen. Von den Wiesen und Wasserbächen kommen sie her, wo sie sich gebadet haben, huschen im flatterhaften Gewande heran und tanzen ihre wirren Tänze, und die Weiden schauen zu wie alte Herren, die an losem Spiel noch einmal Ergötzen suchen. Das ist dann, wenn ein leichter Wind die Weise spielt. Wenn es ganz still ist, dann gehen die Nebelfrauen schwer und müde in ihren grauen Schleiern wie zur Totenfeier, und wo sie gegangen sind, hängen an allen Halmen und Erdschollen Tränen. Sie weinen, der Wind sei gestorben, und leichtfertig Volk weint schnell. Bis der Wind ausgeschlafen hat und als Sturm erwacht. Dann kommt der große Hexensabbat, dann fliegen die Nebelfrauen durch die Luft, tanzen auf den Spitzen der Baumkronen, rupfen den Hahn auf dem Kirchturm, machen ihre waghalsigen Sprünge von den Bergen in die Täler, von den Tälern auf die Berge, und die alten Herren am Bachrand beugen die Häupter, denn diese Tollheit ist über ihren Geschmack. Selten einmal sind die Nebelfrauen häuslich. Bei ganz klarer Luft bleiben sie den Tanzsälen fern und halten sich verborgen. Dann sieht man nur aus einem fernen Waldgrund einen leichten Rauch aufsteigen. Dort kochen die Nebelweiblein ihr Mahl und flicken die zerrissenen Gewänder. Die große Einsamkeit auf allen Fluren. Den ganzen Tag steht der alte Wegzeiger an der Straße dicht am Dorfe und zeigt mit seinem Arm nach der Stadt. Keiner kommt, der ihn um Rat früge. Langweilig ist solcher Dienst und auch beschämend für einen rüstigen Greis. Die Linde neben ihm beklagt sich manchmal, daß sie die Mäuse in die Füße beißen und sagt, das sei so listig, als wenn ein Mensch Flöhe in den Strümpfen habe. Das mag sein, aber es ist doch immerhin eine Abwechslung. Ihn beißt keine Maus; nicht deswegen, weil er ein Mann von amtlichem Charakter ist, sondern weil er einen dicken, schwarzen Teerstrumpf anhat, den die Mäuse meiden. Immer nur jahraus, jahrein zu sagen: »Nach Soolberg sechs Kilometer« ist stupide, namentlich da alle Leute, die vorbeikommen, ihn gar nicht um seine Weisheit befragen, sondern schon selber wissen, daß diese Straße nach Soolberg führt. Auch sein Brustschild: »Das Betteln ist in diesem Dorfe streng verboten« macht ihm wenig Freude. Die Fechtbrüder, die vorbeikommen, können wahrscheinlich nicht lesen, denn nicht einer erschrickt vor seinem Brustschild, und sie betteln alle. Was gilt's? Er wird sich das Leben nehmen. Sich in einer dunklen Nacht quer über die Straße legen und von einem schweren Wagen überfahren lassen. Da kam eines Tages Dr. Friedlieb daher und blieb beim Wegzeiger stehen. Der wußte als kluger Mann des Wegweisers Leiden, wußte, daß er sich über die Leute grämte, über die Fuhrwerke, die Fechtbrüder und über die Mäuse. Er bedauerte ihn aber nicht, sondern klopfte ihm mit dem Spazierstock ans Bein und sagte: »Brumme nicht, hölzerner Kerl, ein Dorfwegzeiger is keine Litfaßsäule, und ein Amtsvorsteher is kein Landrat.« Und ging weiter. War auch in schwerer Einsamkeit. Vormittags ging er angeln. Saß sich müde am großen Teichrande. Fing eine Menge Fische und verschickte sie ins Dorf. Mußte aber selber öfter nachsehen gehen, ob die Fische auch richtig zubereitet wurden, denn die Scherwenken hatte einmal zwei prächtige Schleien in den Mist vergraben, weil sie nichts mit ihnen anzufangen wußte. Dann grübelte er am Teichrande darüber nach, ob er ein Kochbuch für die Dörfler schreiben solle. Aber er konnte selbst nicht viel kochen. So ließ er's. Nachmittags ging er auf die Jagd. Oft bekam er sentimentale Anwandlungen und ließ zwei oder drei Hasen laufen. Dann schaute er ihnen nach, und wenn er sie in sicherer Entfernung halten sah, wußte er, was sie sprachen: »Siehst du, Alte, du hattest die Wache, und wenn der Dr. Friedlieb nicht so dumm wäre, hätte er durch deine Unachtsamkeit eines von uns erwischt.« »Sei still, Alter, wenn er deine zweite Frau erschossen hätte, wäre das ganz gut gewesen.« Dann sah der Doktor, wie die beiden Hasenweiber sich balgten und schritt befriedigt weiter. Wenn ihm dann aber – die Christel einfiel und der junge Musikant, den er selber ins Hartmannsche Haus gebracht hatte, war all seine gute Laune dahin, und die Einsamkeit der Felder fiel ihn an. Dann kam er sich plötzlich mit seinen fünfundvierzig Jahren alt und lächerlich vor, wie einer, der Jugend, Liebe und Glück versäumt hat und im Herbst nach Veilchen sucht. Alt! Lächerlich! Dumm! Er ertrug das nicht lange, er kehrte heim und zankte zur Ablenkung mit seiner Schwester Jettel, die er für noch älter, lächerlicher und dümmer hielt, als er selbst war. Oder er ging ins Dorf und revidierte die Luft in den Bauernstuben. Er hatte es längst so weit gebracht, daß die Stuben gelüftet wurden und auch überall ein Thermometer war. Wer kein Thermometer hatte und nicht die Stuben lüftete, durfte sich auf die peinliche Gegnerschaft des Amtsvorstehers gefaßt machen. Der machte ihm mit allerlei Polizeimaßregeln das Leben sauer und kehrte sich nicht daran, daß der Amtsvorsteher dem Doktor zuliebe parteiisch war. Wer unhygienisch lebte, war bei ihm verloren. Sein Lieblingsplan war die Einrichtung eines Volksbades. Drei Dinge gehören dazu, meinte er, aus unserer Bauernbevölkerung Menschen von Eisen zu ziehen: erstens gute Stubenluft, zweitens Gemüsegenuß, drittens Baden. Wenn das erreicht würde, dann müßte bei der kerngesunden landwirtschaftlichen Arbeit ein Durchschnittsalter von hundert Jahren leicht zu erreichen sein. Und ob er sich jedesmal bei seinem Gange durchs Dorf vornahm, das Hartmannsche Haus zu meiden, am Ende ging er immer wieder hin. Nicht der Christel wegen, redete er sich vor, nein, um ein Glas Bier zu trinken, um zu beweisen, daß er kein Abstinenzler sei, um andererseits durch seine Gegenwart andere von der Unmäßigkeit abzuhalten. Wenn ihn dann Hartmann bediente, plauderte er verdrossen eine halbe Stunde mit ihm, bekam ihn bald satt und behauptete plötzlich, Hartmann müsse sich mehr um seine Bauernwirtschaft kümmern. Den ganzen Tag in der Gaststube sitzen, sei nichts für ihn. Frau Hartmann bediente nie Gäste, das war ihm lieb, denn er vertrug sich nicht mit ihr. Blieb der Flederwisch, die Lore. Mit der hatte er immer Krieg. Sie hatte keinen Respekt vor ihm. Früher paßte ihm das, da nahm er sie gern mal an den rosigen Ohren, jetzt fand er sie leichtfertig und kindisch und knurrte sie an, wenn sie ihm absichtlich eine uralte Zeitungsnummer vorlegte oder sonst einen Possen trieb. Oft quälte er sich lange und ging am Ende doch nach der Küche hinüber, wo er sich brummend und mit irgendeiner Ausrede einschmuggelte und die Christel fand, die er vergeblich in der Gaststube erwartet hatte. Dann saß er auf einem Küchenstuhl und erzählte gleichgültige Geschichten. Und er war friedlich in sich. Es war ihm immer, als hätte er den ganzen Tag lang nur diesen einen Stuhl gesucht, als könne er auf keinem anderen ruhen. Die Christel polterte nie bei der Arbeit, wie die Jettel, sie stellte nie eine dumme Frage, sie gab nie eine alberne Antwort, wie die Jettel. Sie verstand ihn, ja sie konnte ihm sogar widersprechen, ohne ihn zu reizen. In dieser Küche war keine tote Einsamkeit, hier war Friede und stille Freude. Einmal trat Robert Winter ein. Er hatte nur etwas zu bestellen. Dabei hustete er leicht. »Sie haben sich wohl erkältet, Robert?« fragte Christel besorgt. »Ach, das hat nichts zu sagen, Christel«, sagte der und ging. Dr. Friedlieb gab dem Kohlenkasten einen Fußtritt. »Was das für ein ›Gechristel‹ und›Geroberte‹ is! So'n blödsinniger Lausehusten hat gar nichts zu bedeuten.« Christel sah ihn erschrocken an, wandte sich um und schwieg. Das brachte den Doktor in Verlegenheit. Einen schweigenden Gegner konnte er nicht gebrauchen, wenn er schimpfen wollte. Als das Mädchen still weiterhantierte, hatte er das peinliche Gefühl, eigentlich sei er ein Grobian, der Ursache hätte, sich selbst am Kragen zu kriegen und hinauszuwerfen. »Ich will ja nich schimpfen,« begann er aufs neue, »aber wegen einem bissel Husten – tja, natürlich dürfen Sie ihn ja fragen – selbstverständlich – und da hat Ihnen – kein Deibel was reinzureden – ich meine ja auch bloß, so schlimm is es nich – und Sie können ihm vorläufig Spitzwegerich, Fenchel und Hirtentäschelkraut untereinanderkochen – tja, das is ja richtig – aber das ›Robert‹ sagen und dann – dann so kurzweg ›Christel‹ – das – das wundert mich eben.« Da sah sie ihn mit ihren tiefen Augen, die er so liebte an ihr, ernst aber freundlich an und sprach: »Er arbeitet für meine Eltern, ich arbeite für meine Eltern; deswegen sagt er ›Christel‹ zu mir und ich ›Robert‹ zu ihm. Und Freundlichkeit braucht er, denn er ist ein sehr armer Mensch.« Stand der Herr Dorfreformer da mit rotem Kopf. »Freundlichkeit braucht er! Tja! Sie meinen, der Dr. Friedlieb is 'n alter Esel – reden Sie nich rein, das weiß ich besser – 'n alter Esel, der erst die Leute ansässig macht und sie dann schlecht und ohne alle Freundlichkeit behandelt. Haben recht, Christel, haben recht! Ich bin 'n Unglückskerl! Eh' ich mich's verseh', bin ich grob, ungerecht, schnauzig und ruppig. Haben ganz recht! Freundlichkeit! Da liegt der Hase im Pfeffer. Mit Freundlichkeit läßt sich die Welt erobern. Die liebe Sonne am Himmel is weiter nischt als freundlich. Na, Christel, geben Sie mir Ihre Hand – Ihre gute Hand, – Sie wissen ja – das heißt, Sie wissen eigentlich gar nichts – Sie haben gar keine Ahnung – nein, nein, wirklich, Sie haben keine blasse Idee – die Hauptsache is, daß es eben wirklich weiter nichts is wie Freundlichkeit – wie – wie – na, wie soll ich sagen? – wie ganz gewöhnliche christliche Nächstenliebe!« Sie sah den Mann, der ihre Hand festhielt, ernst an und schwieg. So standen sie ein paar Sekunden lang. Da lief ein Zittern durch Dr. Friedliebs Hand. »Christel – Christel ist es mehr – ist es noch etwas anderes?« »Ja.« Er ließ ihre Hand los. »So wollen Sie ihn heiraten?« fragte er. Sie machte eine heftige Gebärde. »Nein – nein!« Dann wandte sie sich ab von ihm. Er stand noch eine Minute lang mit gesenktem Haupte da, dann ging er zur Küche hinaus. Er ging nach Hause und saß lange am Fenster seines Arbeitszimmers. Sein großes, stolzes Haus lag auf einer Anhöhe, und man konnte von da das Tal übersehen. Friedliche Nacht dort unten. Kein Sturm und böses Wetter. Heimlich blitzten die rötlichen Lampenlichter auf und der Doktor wußte, daß friedliche Menschen im Tale wohnten. Wohl hatte so mancher seine Kümmernis, aber keines einen schweren Kummer. Ohne daß er's wollte, fiel dem Doktor ein, er habe wohl Anteil, habe wohl sein Verdienst an diesem Frieden. Da schüttelte er den Kopf. Nun ja, ein paar Dutzend Menschen hatte er das Leben gerettet, aber das hätte ein anderer Arzt auch getan, ein paar ruinierten Existenzen hat er wieder aufgeholfen, ein paar leichtsinnige Galgenstricke vor Schande und Zuchthaus bewahrt. Stimmt! Aber weiter nichts als Pflicht gewesen. Wer weiter nichts als seine Pflicht tut, braucht sich nicht zu rühmen. Kommt gerade noch mit »genügend« durch beim Herrgott. Und wenn er nebenbei ein alter Esel ist wie er, der seinen eigenen Vorteil verpaßt, die Blume an seinem Wege höchstens mit der klobigen Stiefelsohle berührt anstatt mit suchender Hand, braucht er sich nicht zu beschweren und keine Grimassen zu schneiden, wenn ein anderer kommt, der klüger ist als er. Aber schwer ist es – schwer! Müde stützt er sich aufs Fensterbrett und legt den Kopf auf die Hand. Die Uhr schlägt wieder. Da richtet sich Dr. Friedlieb auf. Seine Hand ist feucht. Zornig wischt er sie an seinem Rocke ab. Dann springt er energisch auf und zündet das Licht an. Einen Bogen Papier nimmt er und schreibt darauf: 45=24. »Na, da sieh hin, alter Herr! 45=24. Viel kannst du nicht mehr von Mathematik, aber das weißt du doch noch: 45=24 ist keine Gleichung. Da ist ja eine ganz erschreckliche Differenz von 21. Von einundzwanzig Jahren! Weißt du, was einundzwanzig Jahre sind im Menschenleben? Was das für eine Kluft ist? Und dann guck mal in den Spiegel! Bilde dir ja nicht ein, du seist ein strammer Kerl, bei dem noch kein Härlein grau ist. Du hast rechts in der Kopfecke einen Ministerwinkel und links einen und auf dem Wirbel steht das Buschwerk schwach. Hast eine Warze an der linken Schläfe und einen in der Mitte geteilten Vollbart, der gar nicht modern ist. Hast überhaupt eine Visage, die dir selber nicht gefällt, viel weniger einer Frau. Und bist ein grober, klobiger, schnauziger, ruppiger Kerl, den jeder Ladenkommis mit seiner Höflichkeit aussticht. Der keinen Schritt tanzen, kein amüsantes Gespräch führen kann, dem keine Liebesritterlichkeit einfällt und wenn er nachdenkt, daß er schwitzt. Du und ein vierundzwanzigjähriges Mädchen! Etablier' dich als Erbonkel, und wenn du an Hochzeit denkst, dann sehne dich nach dem Ehrenposten eines Trauzeugen!« So, jetzt war er fertig mit sich! Jetzt hatte er sich die Wahrheit gründlich gesagt. Jetzt mußte er ruhig werden. Aber eine Viertelstunde später saß er wieder am Fenster und starrte in die Nacht hinaus. Die Christel! Die Christel! Das war ja nicht um das Mädel, das war ja um ihre liebe Seele. Und immer kam die Hoffnung wieder. »Nein« hatte sie gesagt. »Nein, nein!« auf seine Frage, ob sie den Musikanten heiraten wolle. Aber so sprechen alle Mädchen, die ihre Liebe nicht verraten wollen. Der Christel war es wohl ernst mit ihrem Nein. Aber sie wollte den Musikanten nur deshalb nicht, weil sie die Eltern fürchtete. Ihre Liebe gehörte doch dem Fremden. Eine Frau ohne Liebe wollte Dr. Friedlieb nicht, und Liebe – Frauenliebe, meinte er, könne er nie verdienen. Indes war der, auf den sich des Doktors Neid richtete, einsamer als alle. Äußerlich fehlte ihm nichts. Christels Fürsorge erriet alle seine Wünsche. Sie verbesserte seine Kost, legte ihm heimlich Speck oder Schinken auf die Brotstullen, steckte ihm Zigarren in die Sonntagsjacke und suchte ihm die Arbeit zu erleichtern, wo sie konnte. Der Musikant als armer Kerl glaubte das alles annehmen zu dürfen, aber eine rechte Freude hatte er daran nicht. Abends, wenn er in seine Schlafkammer kam, fand er gewöhnlich unter seinem Kopfkissen ein paar auserlesen schöne Apfel. Er kannte die milde Hand, die sie hingelegt hatte, aber er segnete sie nicht und aß die Apfel mit gutem Appetit, aber ohne Freude. Einmal jedoch, als er sich wie immer im Finstern zu Bett gelegt hatte und wie gewohnt nach der rundlichen letzten Atzung griff, kam er erst ins Spucken und Schimpfen, dann aber lachte er laut und glücklich. Er hatte in eine rohe Kartoffel gebissen. Die hatte die Lore hingelegt. An diesem Abend schlief er selig ein, und seine Träume waren sonnig und glücklich, waren voll Klang und silbernem Lachen. Der düstere Abend der Pohlsdorfer Kirmes war längst vergessen. Lore hatte ihm gesagt, er müsse sich getäuscht haben, ein anderes Paar gesehen haben im unsicheren Nachtlicht, denn sie sei von der Seite ihrer Begleiterin, der Fischer Selma, nicht gewichen. Das hatte schwere Last von seiner Seele genommen. Und doch kam alle Tage neue Sorge. Alle Tage lachte die Lore mit irgendeinem jungen Burschen. Dann leuchtete ihr Gesichtlein, dann flatterten die blonden Haare um ihre weiße Stirn, und dem Burschen, mit dem sie sprach, glänzten die Augen. Um die Christel kümmerte sich kein Mensch. Und auch Robert erlag dem blonden Zauber, und Lores rohe Kartoffel schmeckte ihm besser als Christels schöne Äpfel. Er war oft ungerecht gegen das stille Mädchen und undankbar in seinem Herzen. Ihre Fürsorge war ihm lästig, weil er mehr und mehr zu dem Gedanken kam, sie sei in ihn verliebt. Auch der schlichte Mann will ja das Weib erobern, nicht finden. Ein paarmal war er ungeduldig, ungezogen gegen die Christel. Wenn er daran dachte, sie heiraten zu sollen, faßte ihn ein tiefinnerer Schauer, den er nicht verstand, faßte es ihn wie Krankheit in der Seele, wie Entsetzen. Unschlüssig, verwundert, ratlos war er oft. Warum war sie so freundlich? Warum kam sie ihm so sehr entgegen? Oft, wenn er seine Mahlzeit hatte in der Küche, merkte er gar wohl, wie ihre Augen an ihm hingen. Dann überlief es ihn, und eine schwere Unruhe überkam ihn. Was wollte sie? Sie war ein reiches Mädchen. Bekam sie sonst keinen? Oder warum gefiel er ihr so? Er wollte nicht, daß er ihr gefiel, er wollte ihre Fürsorge nicht mehr, er wollte lieber hungern, ohne diese Liebe, die ihm widerstand. Gut, daß er ihr das silberne Herzchen damals nicht gegeben hatte, gut, daß er es der Lore geschenkt hatte, die es freilich noch nie getragen hatte, nicht einmal am Wochentag. Als der November zur Neige ging, war die Christel plötzlich verändert. War noch stiller und um einen Schein blasser. Steckte ihm nicht mehr zu, legte ihm keine Äpfel unter das Kopfkissen, wurde flammend rot, wenn er sie traf und ging ihm aus dem Wege. Ganz verwirrt war sie. Er hatte sie beleidigt. Das tat ihm leid, denn gut war sie, gut und lieb. Auch hübsch, wenn er es recht bedachte. Nur, daß er sie nicht lieben konnte, nicht so wie die Lore. Sie war wohl eifersüchtig. Immer ratloser wurde er, immer einsamer. Da, als er einmal allein beim Abendbrot saß, kam sie wieder und setzte sich ihm gegenüber. Sie war blaß und mußte sich Mühe geben zu reden. »Ich möchte mich einmal aussprechen mit Ihnen, Robert. Ich hab' Zutrauen zu Ihnen, und ich weiß wohl, daß Sie mich nicht verraten werden, wenn ich Ihnen etwas anvertraue.« »Ja – ja – natürlich nicht!« würgte er heraus. »Ich bin – sehr unglücklich. Sehen Sie, ich bin jetzt vierundzwanzig Jahre alt. Wenn mein Bruder Berthold vom Militär zurückkommt, wird er wahrscheinlich heiraten und die Wirtschaft übernehmen. Die Eltern gehen dann in den Auszug, und ich bin hier übrig. Ich muß dann fort. Neben einer jungen Frau hätte ich keinen Platz. Ich muß dann in ein fremdes Haus in Stellung; denn bei den Eltern will ich nicht bleiben. Das wird mir schwer werden. Am besten wär' es für mich gewesen, ich hätte auch heiraten können.« Robert wurde blaß. Jetzt mußte es kommen. Sie sah ihn ruhig an und fuhr fort: »Aber ich kann nicht heiraten, denn es gibt nur einen einzigen Mann auf der Welt, mit dem ich glücklich sein würde, und der denkt nicht ans Heiraten. Dieser Mann ist der Doktor Friedlieb.« »Der – der Doktor –« Er starrte sie an. »Ja! Ich weiß, daß es töricht von mir ist. Er hat keine Frau gefunden, die ihm gefiel, bis in seine vierziger Jahre; was sollte er an mir schlichtem Mädel Gefallen haben? Aber ich wollte es Ihnen aus einem bestimmten Grunde sagen, Robert. Ich möchte keinen anderen Mann auf der Welt als den Doktor Friedlieb. Und weil ich ihn nicht haben kann, werde ich niemals heiraten.« Er starrte sie noch immer sprachlos an. Sie stand auf und reichte ihm die Hand. »Das alles habe ich Ihnen im Vertrauen gesagt, Robert. Sie sollen mich immer verstehen. Sie sollen wissen, daß ich nicht glücklich bin, und wenn ich ein paar Kleinigkeiten für Sie tue, dann sollen Sie es nicht falsch auffassen, sondern bloß denken: sie tut's, weil sie nicht glücklich ist und ich auch nicht.« Da sah er, daß sie ihn durchschaut habe. Scham und Bestürzung faßten ihn. »Christel – ich bin – ich wußte nicht – ich bin schlecht! Ich schäme mich so!« Sie lächelte und schüttelte den Kopf. »Nein, nein, Robert! Sie sollen bloß immer daran denken, daß wir Freunde sind, die besten Freunde!« Sie nickte ihm noch zu und ging hinaus. Elftes Kapitel Seit jenem Tage hatte er eine tiefe Verehrung für Christel. Er war glücklich, wenn er ihr einen Dienst erweisen konnte und nahm ihre Guttaten mit ehrfürchtiger Dankbarkeit an. Ja, als die Lore einmal über ihn und Christel witzelte, fuhr er sie zornig an. Das hatte freilich keinen besseren Erfolg, als daß sich das lose Mädchen vornahm, ihn häufiger als je mit dieser Sache zu necken. Da kam es so weit, daß er eines Tages zu ihr sagte: »Fräulein Lore, Ihnen scheint es leider egal zu sein, ob und wegen wem die Leute von Ihnen reden. Christel ist das nicht egal und mir auch nicht! Sie ist die Tochter meines Herrn, und ich bin ein armer Mensch, und bespöttelt zu werden, dazu sind wir nicht da. Das merken Sie sich!« Da war die Lore feuerrot geworden vor Zorn, hatte ihm ihre kleine Faust hingestreckt und gesagt: »Nu so einer – so ein Grober! Na, warten Sie, wenn Sie mich wieder küssen wollen, ich werde Ihnen heimleuchten!« Und war lustig mit anderen Burschen mehr als je. Robert Winter litt schwer darunter. Einsam war er den ganzen Tag. Eine Woche lang hatte die große Dreschmaschine ihr monotones Lied gesungen, dann war ihm die Aufgabe geworden, den Wagen zu begleiten, der die Rüben nach der Zuckerfabrik schaffte. Das war ein weiter Weg, schweigend schritt Robert neben den Pferden, die die schwere Last dahinschleppten. Dann dachte er oft nach über sein Leben und fand, daß es nutzlos und freudlos sei. Müde Melancholie faßte seine Seele, und die trüben Herbsttage vermehrten seine Schwermut. Was hatte er gehabt vom Leben? Nichts! Was hatte er zu hoffen? Nichts! Ein paar vereinzelte freundliche Tage ausgenommen. Wenn er es recht bedachte, war seine Musikantenzeit noch das Beste von seinem Leben gewesen. Sorglos und ohne innere Kämpfe. Die Scham, Almosen zu nehmen, ist eine Krankheit, die alle Tage abnimmt. Und er hatte sich ja auch immer eingeredet, er nähme gar keine Almosen. Er blies das Waldhorn ganz gut, er hatte ja beim Militär in großen Gartenkonzerten mitgespielt. Wenn die Leute also etwas für die Musik zahlten, hatte es den Anschein eines Almosens, in Wirklichkeit verschaffte er den Zuhörern ein spottbilliges Vergnügen. Hätte Musiker bleiben, in eine Privatkapelle eintreten sollen. Aber es war auch ein Hungerleben, und Nacht um Nacht angestrengt zu musizieren, das hielt er nicht aus. Seit bösen, regenkalten Manövertagen hatte er keine guten Lungen mehr. Die Festungshaft war seiner Gesundheit auch nicht bekommen. Was sollte er nun tun? Ruhig sein, froh, daß er im Hartmannschen Hause Unterkunft gefunden hatte. Was konnte dieses Haus für seine qualvolle Liebe zu Lore? Eine Lore konnte er überall finden. Und Herr Hartmann war ein Ehrenmann. Immer freundlich, immer gütig zu ihm. Fast so wie seine herrliche Tochter Christel. Wenn es kalt war, rief er ihn oft heimlich in die Wirtsstube und goß ihm einen wärmenden Schnaps ein. Und Robert sah ganz gut, daß er ihn aus der besten Flasche nahm. Kürzte seine Arbeitszeit ab, so gut es sich einrichten ließ, ließ ihn auch abends in die Gaststube kommen und gestattete, daß er mit anderen Karten spielte. Und eines rechnete Robert Herrn Hartmann besonders hoch an: Ein junger Bauernsohn hatte ihn einmal gehänselt, daß er Musikant gewesen sei und hatte durchblicken lassen, es schicke sich nicht, daß er mit am Wirtshaustisch sitze. Da hatte Herr Hartmann gesagt: »Lieber Bruno Wenzel, der Robert ist mein Wirtschafter und so gut wie jeder andere Wirtschafter im Dorfe. Wenn er Ihnen im Wege ist – im Niederdorfe gibt's noch ein anderes Gasthaus.« Seit jenem Tage hatte Robert Winter ein Gefühl der Achtung für Hartmann, das an Liebe grenzte. Dann war die Christel, die so treulich für ihn sorgte, der gutmütige alte Gottlieb Peuker und die Lore, die ihm ja viel Leiden brachte, aber doch wie ein Sonnenstrahl war, wenn sie ihm nur über den Weg huschte. Was war es also, daß er nicht heimisch wurde in diesem Hause? Die Frau war schuld. Sie hatte noch kein freundliches Wort zu ihm gesprochen, sie kränkte ihn mit hundert Kleinigkeiten, hatte etwas Schnüffelndes, sah sogar die Brotstullen nach, ob sie nicht zu fett geschmiert seien. Wenn sie ihn nur anblickte, war es ihm immer wie ein stummer Befehl: »Schere dich fort! Verlaß das Haus! Du gehörst nicht hierher! Du hast kein Recht, hier zu sein!« Vor dieser Frau fürchteten sie sich alle, am meisten Hartmann. Bei jeder Kleinigkeit, die er ihm erwies, mahnte er ihn, die Frau nichts merken zu lassen, und er selbst redete in ihrer Gegenwart nur kurz mit ihm. So wurde das Hartmannsche Haus für Robert Winter keine Heimat, weil er nicht eine Stunde das sichere Gefühl der Berechtigung hatte, dort zu sein.– – Das letzte Fuder Rüben war aufgeladen. Hartmann begleitete diesmal Robert, um mit der Fabrik abzurechnen. Die beiden gingen lange schweigend neben dem langsam dahinschleichenden Wagen her. Leer und stumm lag die Landstraße. Gerade als die Pferde eine Anhöhe hinauf einmal stehen blieben, um zu verschnaufen, sagte Hartmann: »Wie denkst du dir nun deine Zukunft, Robert?« Robert sah ihn mißtrauisch an. Gewiß, der wollte ihm kündigen. »Wollen Sie mich nicht mehr behalten, Herr Hartman«?« »Wer spricht denn davon? Wie kommst du denn darauf?« »Mir – mir ist immer, als wenn mich Frau Hartmann am liebsten forthätte.« »Unsinn! – Na, die is halt so! Wer kann da was ändern? Und wer wird da alles gleich übelnehmen! Von Fortschicken is gar keine Rede. Aber wenn man fünfundzwanzig Jahre is, wie du, da denkt man doch amal dran, wo man nu eigentlich hinsteuert.« »Was soll ich denken? Ich hab' keine Aussicht. Meine Pflegeeltern hatten mir manchmal versprochen, sie würden mir mal ihre Wirtschaft vermachen. Aber erstens weiß ich nicht, ob sie das getan hätten, weil sie noch Verwandte hatten, und dann – Sie wissen ja, daß ich mit ihnen verfeindet bin, seit ich – wegen meiner Mutter –« Hartmann unterbrach ihn. »Na ja, Robert, du kannst glauben, ich mein's ja gut mit dir. Ich zerbrech' mir wegen dir genug 'n Kopp. Am besten wär's eben, wenn du a Mädel kriegtest, die a paar Taler Geld hat und könnt'st 'ne kleine Wirtschaft kaufen oder auch was pachten –« »Herr Hartmann, da wird wohl nichts draus werden.« »Warum nich?« Robert wurde rot und sah zu Boden. Hartmann betrachtete ihn und ein Lächeln ging über seine jetzt immer sehr ernsten Züge. »Nu, so a alter Kerl wie ich, der versteht ja nicht mehr viel davon, was sich junges Volk so einbild't. Aber ich hab' mir eben so meine Gedanken gemacht. Ich glaube, ich wüßte eine für dich: unsere Lore.« »Herr Hartmann!« Der tat, als ob er die maßlose Überraschung Roberts nicht bemerke. Er wandte sich halb ab und sagte: »Sie is a flunkriges Ding, es is noch kein richtiger Ernst in ihr. Aber sie is halt noch jung. Die Gesetztheit kommt schon noch. Sonst is sie gut. Gesund, freundlich und auch fleißig. Sie is ja 'ne Waise. Mein Bruder und seine Frau sind zeitig gestorben. Da haben wir das Mädel genommen. Geld hat sie etwas über zweitausend Taler. Das is ja nich viel, aber zum bescheidenen Anfange langt's schon. Und du verstehst ja deine Sache. Wenn man euch vorläufig noch was vorstreckte, da könntet ihr zu was kommen.« Robert Winter stand zitternd auf der Straße. Und wie er den alten Mann so halb abgewandt vor sich stehen sah, flutete eine glühende Liebe zu ihm durch sein Herz, die ganze Vereinsamung seines Lebens von der Kindheit bis jetzt war ausgelöscht, und er stammelte: »Herr Hartmann, Sie – – – Sie sind so gut – – – so gut zu mir – – – wie noch kein Mensch war.« Hartmann wandte sich ganz ab. Eine Weile sagte er nichts, dann drehte er sich um und sprach: »Na, laß gut sein, Robert. Sag' vorläufig niemand was. Sieh, daß du die Sache mit dem Mädel abmachst und dann – dann werden wir schon sehen. Jetzt fahr' weiter!« Die Pferde zogen an, der Wagen krachte. Leise sprühte der Herbstregen hernieder. In Roberts Herzen aber war Frühling voll Klarheit und Sonne. Vergessen der Gram. Vergessen selbst der Zorn gegen den unbekannten Vater, den sein Haß sonst suchte. Ein fremder Mann war ihm ein Vater geworden. Spät kamen sie nach Hause. In der Wirtsstube saß der Postassistent, der mit zwei anderen Karten spielte. Er hatte einen freien Tag und war auf dem Zweirade gekommen. Lore bediente die Spieler und war lustiger als je. Da schämte sich Robert, in seinem schmutzigen Werktagsanzug in die Gaststube zu treten und ging nach der Küche. Er fand die Christel allein. Lange saß er schweigend da mit seinem übervollen Herzen. Da fragte Christel: »Sie sind so still, Robert. Ist etwas passiert?« »Ja! Und ich möchte es Ihnen gern sagen, Christel, ich möchte mich Ihnen anvertrauen.« Sie sah ihn freundlich an, fragte aber nicht. »Ihr Vater is so sehr gut zu mir, Christel. Außer Ihnen ist noch niemand zu mir so gewesen. Heute hat er mit mir von meiner Zukunft gesprochen.« »Ja, und da hat er wohl gesagt, Sie sollen unsere Lore heiraten?« Er blickte überrascht auf. »Sie wissen –« »Ich dachte es mir. Und ich denke mir auch, daß Sie der Lore gut sind. Wer wäre ihr nicht gut? Sie ist sehr, sehr hübsch und gesund und lustig, und sie ist auch fleißig und hat ein gutes Herz.« »Ja, das ist wahr! Das ist wahr!« Sie wandte sich von ihm ab und sprach: »Es wäre gut, Robert, wenn Sie recht bald mit der Lore einig würden. Sie brauchen ja nicht sofort zu heiraten, aber es wäre gut, wenn Sie ihr bindendes Versprechen hätten.« Das war leichthin gesprochen, aber Robert hörte die Sorge heraus, und er fuhr zusammen, als im selben Augenblick das laute Lachen des Postbeamten aus der Wirtsstube herüberschallte.– – Es kam ein freundlicher Spätherbsttag. Die Sonne vergoldete noch einmal Fluren und Gärten, und ob es auch kühle Farben waren, sie waren doch schön und erfreulich. Ganz still war die Luft. Wenn ein spätes Blättlein vom Baume sich löste, sank es langsam wie ein bunter Kinderstern zur Erde. Robert und Lore rechten im Garten das welke Laub zu großen Haufen zusammen. Es war ganz lustige Arbeit, und Lore, die Roberts kleine Lektion längst verschmerzt hatte, war ausgelassen und trieb mehr Allotria als Arbeit. Robert war in großer Erregung. Er ahnte, weshalb Christel ihn mit Lore allein in den abgelegenen Garten beordert hatte. Er zögerte, die Zeit verstrich. Da verachtete er sich selbst wie einen Feigling. Doch als er wieder einmal ganz in der Ecke an der Gartenmauer mit ihr zusammentraf, wagte er es: »Lore, ich möchte etwas mit Ihnen besprechen, etwas sehr Ernstes.« »Nanu? Wollen Sie mich wieder ausschimpfen? Ich danke!« »Nicht doch, Lore! Sie machen es mir schwer. Lore, Sie wissen, daß ich Sie lieb hab' – für mein Leben lieb – und ich – ich will Sie bitten – herzlich bitten, daß Sie – daß Sie mich heiraten.« Mit seiner ganzen Treue und Unbeholfenheit brachte er das heraus. Das Mädchen wollte erst lachen, aber sie blieb doch ernst. »Ja, das – das geht ja gar nicht.« »Es wird gehen«, entgegnete er eifrig. »Ihr Onkel will mir wohl. Er hat es mir direkt gesagt – gestern bei der Rübenfuhre hat er es mir gesagt – daß er es gern sehen würde, wenn wir uns heirateten. Ja, das hat er!« Lore wurde blaß. »Aber wieso – wieso kann er sowas sagen?« »Es ist bloß sein stiller Wunsch, es hängt ja natürlich alles von Ihnen ab – er meinte, er würde uns behilflich sein, daß wir 'ne kleine Wirtschaft kaufen oder was pachten –« »Wenn ich aber nicht will! Was liegt mir daran?« Sie stampfte mit dem Fuße auf. Traurig und jäh erschrocken sah sie Robert Winter an. »Wenn Sie nicht wollen – dann – dann – dann –« Er brachte kein Wort mehr heraus. Lore überwand ihren Zorn schnell und betrachtete ihn prüfend. »Ärgern will ich Sie ja nicht, Robert. Ich hab' ja auch gar nichts gegen Sie. Sie sind hübscher als alle, und daß Sie Musikant gewesen sind, daraus mache ich mir gar nichts –« Er sah glücklich auf. »Lore, herzensgute Lore, und gerade davor – davor hab' ich mich ja so gefürchtet –« »Nein! Was können Sie dafür! Was kann ich dafür, daß ich keine Eltern mehr hab'? Einer hat Eltern und hat Glück, einer hat keine und hat Pech.« »So ist es bloß deshalb, weil Sie mich nicht lieb haben?« »Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob ich gar keinen lieb habe oder alle. Ich will mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, denn ich bin noch jung. Ich bin noch nicht mal ganz zwanzig. Was hab' ich, wenn ich heirate? Da kommt gleich ein Haufen Kummer. Und Sie, Sie sind so streng. Sie passen so auf –« »Lore, ich will ja – Sie können ja –« »Könnte man keinen Schritt mehr tanzen, mit keinem reden oder lachen, käm' nicht mehr aus der Bude. Nein, damit hat's bei mir noch lange Zeit.« Er stand vor ihr mit bleichem Gesicht. »Da – da entschuldigen Sie nur, Fräulein Lore –« »Ja, nu nehmen Sie's übel! Ich Hab' doch schon gesagt, daß ich Sie nicht ärgern will. Und ganz ausschlagen will ich Sie ja auch nicht. Bloß jetzt, jetzt paßt mir's eben noch nicht, jetzt will ich erst noch abwarten.« Sein Gesicht erhellte sich wieder etwas. »Da hab' ich doch ein bissel Hoffnung? Ich werd' mir ja so Mühe geben –« »Versprechen tu ich gar nichts und abschlagen auch nichts.« »Aber – aber Sie werden's auch keinem andern versprechen –« »Das weiß ich nicht. Und jetzt müssen wir wieder Laub rechen.« Sie verließ ihn. Die Tränen waren ihm nahe. – Lore aber dachte: »Keinen Schneid hat er. Keinen Ulk macht er. Sogar mit dem alten Gottlieb hab' ich mich im vorigen Herbst beim Rechen immer abwechselnd in einen großen Laubhaufen gestoßen, daß nischt mehr zu sehen war. Fällt dem a solcher Ulk ein? Nein! Feierlich wie 'n barmherziger Bruder. Aber ein hübscher Kerl is er.« Am frühen Abend trafen sich zwei Männer auf der Dorfstraße. »Bist du es, Robert? Wie kommst du daher ins Niederdorf?« »Guten Abend, Schulze! Ich komme aus der Schmiede. Hast du jetzt noch Briefe auszutragen?« »Ja, die letzte Post«, sagte Schulze stolz. Er trug eine Briefträgermütze und eine Binde mit dem gelben Postadler am Arme. »Ich sage dir, das is doch a andres Leben wie die Kleisterei in der Backstube. Ich fühl' mich jetzt erst wieder wohl. Könntest mir eigentlich 'n klein'n Gefallen tun, Robert – eurer Lore 'n Brief mitnehmen, da spar' ich mir'n Weg.« Er suchte in seiner Posttasche und übergab Robert einen Brief. Der hielt ihn still in der Hand, ohne ihn genauer anzusehen. »Er is drin in der Stadt aufgegeben worden,« sagte Schulze, »1 bis 2 Uhr nachmittags, und die Adresse zeigt 'ne sehr ausgeschriebene Handschrift.« Robert entgegnete nichts. Er schob den Brief in die Rocktasche, und der lag darin, als sei er von Eisen. Ein kleines Haus tauchte im Abenddämmern auf. Gelbrotes Licht fiel durch die halbverhüllten Fenster. Vorn war ein Hof, an den Seiten zog sich ein Garten hin. Die Klänge einer Ziehharmonika tönten aus dem Häuschen. »Da drin wohnen die alten Hellmichleute«, sagte Schulze. »Kriegen sehr selten mal was Postalisches. Wenn aber doch mal was an sie da is, da kommt die alte Hellmichmutter immer in sehr große Aufregung. ,'s wird doch nich – 's wird doch nich –', sagt sie dann immer, und mehr sagt sie nich. 's soll ihr nämlich vor sehr langer Zeit 'ne Tochter verschollen sein, und da hofft die alte Mutter noch, wenn nach langer Zeit amal der Briefträger kommt, a könnt' 'ne Nachricht von der Tochter bringen. Die wird natürlich längst tot sein.« »Wahrscheinlich«, sagte Robert zerstreut. »Hörst du – hörst du, jetzt singt a gar«, sagte Schulze. »Das is der Hellmich. Die alten Leute tun miteinander wie ein Liebespaar. Ich muß mal gucken.« Er ging in den Hof ans Fenster und winkte Robert. Der wollte erst auf der Straße zurückbleiben, ging aber dann doch seinem ehemaligen Kameraden nach und schaute mit ihm in die Stube. Eine echte schlesische Dorfstube war's, erhellt von freundlichem Lampenlicht, das sogar die niedere dunkle Holzdecke etwas heller erscheinen ließ. Eine ganze Ecke füllte der blaue Kachelofen aus. Unter der Ofenbank lag friedlich eine weiße Katze auf einem pechschwarzen Pudel. An der Wand stand eine bunt bemalte Truhe und das offenbar kostbarste Stück der Ausstattung, eine hellpolierte Kommode, über die eine weiße gehäkelte Decke gebreitet war. Auf der Kommode lag ein dickes Buch, wohl eine Bibel, darüber hingen einige fromme Bilder und in deren Mitte ein weißer Glaskasten, in dem ein verdorrter Kranz war. Der alte Hellmich saß in einem Lehnstuhl, der mit schwarzem Wachstuch überzogen war, und spielte auf der Ziehharmonika. Dazu sang er mit altersheiserer Stimme, aber neckischem Ausdruck: »Ich bin kein Graf und kein Edelmann und auch kein Kaiser und König, ich bin kein Doktor, der alles kann, doch habe ich drum nicht wenig: Ich bin ein glücklicher Musikant und habe die schönste Liebste im Land.« Dabei schielte er verliebt nach seiner Frau, die Kaffee in die Mühle füllte. Der flog ein Lächeln über das Runzelgesichtlein, sie fing an den Kaffee zu mahlen und sang dabei mit flacher Stimme: »Ich hab' keinen Schleier und Federhut und auch keine seidenen Kleider, ich bin kein Fräulein von adligem Blut, doch bin ich zufrieden und heiter: Der flotteste Bursche im Lande ist mein, ich bin ein glückliches Mägdelein.« Dann sahen sich die beiden an und lachten. Hellmich erhob sich aus seinem Lehnstuhl. »Ja, Rosel, a flotter Bursche bin ich ja, das is wahr, und wenn mir's nich immer a so im Kreuze steckte, wär' ich noch viel flotter.« »Und die Schönste im Lande bin ich ja auch,« sagte die Hellmichen, »und wenn ich nich a su viel Runzeln hätte, wär' ich noch viel schöner.« »Aber Mutter, wie das ulkig is, wenn du so mit deiner hohen Stimme ›und Fäderhut‹ singst –« »Ja, und wenn du so mit deinem tiefen Basse brummst ›Kaiser und Keenig‹ –« »Na, Mutter, wir zwei, wir zwei können's doch seit unsrer Jugendzeit. Komm, jetzt mach' wir a Duett. Ich spiele uff der Harmonika, und du spielst uff der Kaffeemühle. Und ich bin a viel feinerer Musikant wie du, denn ich tu doch fingern, aber du bist halt bloß a Leierweibel. Nu, mach' Platz, Mutter! Du wirst aber ooch werklich olle Tage dicker.« Sie machte Platz auf der Truhe, wo sie saß, und er setzte sich neben sie. Er begann auf der Harmonika zu spielen, und sie drehte vergnügt die Kaffeemühle dazu. Zu dieser Begleitung sangen beide: »Wir haben kein Schloß und keinen Palast, kein Gold und Edelgeschmeide, und dennoch ist das Glück unser Gast, und wir sind zufrieden, wir beide: Wir scheren uns nicht um Gut und um Geld, wir sind das glücklichste Paar auf der Welt!« Die ganze Stube war hell, schön und voll Freude. Robert Winter, der nur scheu in das Zimmer gesehen hatte, sagte leise: »Das sind gute Menschen!« Für einen Augenblick überkam ihn eine Sehnsucht, in dieses kleine Haus einzutreten, die Hoffnung, er würde dort drinnen geborgen sein, und viel Kummer würde von ihm abfallen, wenn er über diese Schwelle träte. Er wandte sich ab. Er hatte kein Recht, da hinein zu gehen, er hatte nicht einmal das Recht, durchs Fenster zu schauen. Auf der Straße verabschiedete er sich von seinem Kameraden und ging langsam heim. Das Glück der beiden Alten beschäftigte seinen Sinn. Warum war ihre Liebe so ewig, ihr Glück so beständig, ihr Alter so heiter? War das nur ihr eigen Verdienst? Oder war es nicht die Himmelsgunst, daß zwei Menschen sich gefunden hatten, die ganz zueinander paßten? Freude zur Freude, Helles zu Hellem? Da wurde er traurig. Was war er für ein schwerblütiger Mensch, immer auf der Suche nach dem Trüben, ohne die Siegesgewißheit glücklicher Fügungen, immer voll Klagen und heimgesucht von vielen Schmerzen. Und die Lore, das Sonnenkind, das ewig lachende Mädchen, für die Fröhlichkeit und leichter Sinn nötig waren wie für ein Fischlein, das sprudelnde Wasser im Bach! Er und sie könnten kein so glückliches Paar geben wie die beiden Alten. Ihre späten Tage würden keine jungen Liebeslieder kennen. Der Brief knisterte in seiner Tasche. Der, von dem er kam, war fröhlicher als er – Sollte er den beiden das Glück gönnen, dadurch seine Liebe beweisen, daß er das schwerste, das einzige uneigennützige Liebesopfer brachte, den Verzicht? Sein Herz schlug ein paarmal hoch auf, dann war der Gedanke vorbei. Nein, er wollte sie haben! Zwölftes Kapitel Peterle hatte seinen Aufsatz über »Die Leiden und Freuden des Winters« geschrieben. Alle Buben im Deutschen Reich schreiben im Dezember Aufsätze über »Die Leiden und Freuden des Winters«. Peterle war auf seine Dichtung sehr stolz und trug das Diarium zu seinem Freunde, dem alten Gottlieb Peuker, der in seiner kleinen Stube im Hinterhause der Hartmannschen Besitzung mit der Tabakspfeife am Tische saß. Gottlieb setzte die Brille auf und besah das Aufsatzheft. »Ziemlich gut bis auf die liederliche Schrift!« las er ab. »Ach, Vater Gottlieb, das is ja die Zensur vom vorigen: Das Leben eine Wanderung.« »Das is a hübsches Thema«, sagte Gottlieb nicht ohne Sarkasmus. »Gerade was Neues is es ja nich. Ich hab's jetzt schon an die sechzigmal in jeder Jahresschlußpredigt gehört. Na siehste, ich kenn' das! Und schön geschrieben haste ja wirklich nich.« »Gib mir amal das Heft her, Vater Gottlieb, ich werd' dir mein'n neuen Aufsatz lieber vorlesen.« Er setzte sich breit an den Tisch, hustete dreimal und begann: »Die Leiden und Freuden des Winters. Der Winter is eine schlechte Zeit.« »Nee, nee,« sagte Gottlieb, »das is nich wahr. Die Ernte is viel schlechter.« »Das hat aber der Lehrer gesagt«, verteidigte sich Peterle und las weiter: »Der Winter ist eine schlechte Zeit. Er beginnt am 21. Dezember.« »Warum is denn nu das grade so 'ne Schlechtigkeit vom Winter, daß a am 21. Dezember beginnt?« erkundigte sich Gottlieb. Peterle sah ihn mißmutig an. »Nu, wenn a doch amal am 21. Dezember anfängt. Das macht a doch! Und schlecht is a einmal. Laß mich ock lesen! Am 21. Dezember. Auf dem Felde erfrieren die Hasen und die Rehe, und der Fuchs geht auf Raub aus.« »Peterle,« warf Gottlieb dazwischen, »haste schon amal 'n erfrorenen Hasen gesehen? Nich? Ich hab' schon zwei Stück gesehen. Und lebendige hab' ich aber mehr gesehen. Viel mehr! Und haste schon amal 'n Fuchs auf Raub ausgehen gesehen? Nich? Ich auch nich! Bei uns gibt's ja gar keene Füchse.« »Aber wenn's doch nu amal anderswo welche gibt! Laß mich ock lesen! Der Schnee liegt höher als ein Haus, und das arme Mütterchen sucht Holz im Walde.« »Was für a armes Mütterchen?« »Nu, halt a armes Mütterchen.« »Wenn die ock nich etwa gar in dem haushohen Schnee stecken bleibt. Sowas sollte das alte Weib lieber nich riskieren.« »Vater Gottlieb, du bist aber – Na, laß mich ock lesen! Die armen Leute frieren in den Stuben und haben nichts zu essen.« »Na, lange werden das die armen Leute aber nich aushalten. Da is bloß gutt, daß ich und du so reiche Kerle sind. Da frieren wir doch nich und haben auch was zu essen.« »Gottlieb, wenn du so bist, da – da mag ich überhaupt nich mehr.« »Nu, ich kann doch nich dafür, daß wir reich sind. Na, da lies weiter! Jetzt kommen wohl die Freuden des Winters dran?« Peterle sagte mit knurriger Stimme: »Nee, noch ein Leiden! Wenn Eiszapfen am Dache hingen, dann fallen sie unachtbaren Kindern auf den Kopf.« Er machte eine Pause, weil er wieder einen Einwurf erwartete, aber Gottlieb nickte nur ernsthaft mit dem Kopfe, als wollte er sagen: »Ja ja, diese Eiszapfen! Sie sind eine rechte Landplage!« »Der Winter hat aber auch seine Freuden. Die Kinder laufen Schlittschuh.« »Ach, fährst du jetzt auch Schlittschuh?« »Nee, ich hab' ja gar keene. Aber andre! Laß mich ock lesen! Und manche fahren lustig auf dem kleinen Handschlitten.« »Da haste auch keenen?« fragte Gottlieb. Peterle schüttelte den Kopf. »Der Schnee ist wie ein Leichentuch. Nee, verflixt, das paßt nich zu a Freuden. Das paßt bloß vornehin zu a Leiden. Da wär' ich Leichentuch ausstreichen und Brautkleid darüber schreiben. Das is alles dasselbe. Wie ein Brautkleid! Der liebe Niklas bringt schöne Geschenke. Und am schönsten ist das heilige Weihnachtsfest. Fertig!« »Nu ja ja«, sagte Gottlieb. »Voriges Jahr haste ja nischt zu Weihnachten gekriegt. Aber du kannst's ja schreiben. 's is a recht hübscher Aufsatz. Ich tät'n ja anders machen.« »Du?« fragte Peterle abfällig. »Wie willst du 'n denn machen, wenn du alles gar nich mit in der Schule gehört hast?« »Nu, ich werd' amal probieren. Ich werd' amal denken, ich bin der Peterle und mach' 'n Aufsatz. Wenn bloß das Schreiben nich wär', ich kann noch schlechter als du!« Gottlieb Peuker suchte unter dem Kleiderschrank ein Tintenfläschchen und eine Feder hervor, prüfte die arg verrostete lange auf seinem Daumennagel, nahm endlich einen Briefbogen aus der Tischschublade und fing an zu schreiben. Er stöhnte ein paarmal leise dabei, und die Feder kratzte jämmerlich, aber es lag ein schöner Zug auf dem Gesicht des alten Schreibers. Peterle las indessen in einem Buch über den Krieg von 1864. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, dann sagte Gottlieb: »Nu werd' ich dir meinen Aufsatz vorlesen. Die Leiden und Freuden des Winters, Aufsatz von Peterle.« »Der Winter ist nicht sehr schön, weil ich lieber barfuß gehe als in den schweren Holzlatschen. In Holzlatschen kann man gar nicht schnell rennen. Mein Vater geht im Winter in die Fabrik, aber die Mutter verdient weniger. Da können wir bloß Sonntags Fleisch essen. Und Wurst gibt es gar nicht. Im Sommer ist die Kost besser. Sonst gibt es nicht viel Leiden in Teichau. Bloß die alte Pätzolden hat es schlecht, weil sie Botenfrau ist, und der Briefträger und der Wilke-Bauer, der immer die Gicht kriegt. Ich muß mich auch immer sehr wurmen, weil ich keinen Schlitten und keine Schlittschuhe habe. Wenn ich die 1 M. 50 Pf., die ich gespart hatte, weil ich im Sommer immer auf Arbeit gehe, nicht hätte auf ein Halstüchel gebraucht, da hätt' ich Schlittschuhe und es wär' eine Freude des Winters. Der Winter hat auch seine Freuden. Ich stehe erst um halb 8 Uhr auf. Das paßt mir. Und ich schmeiß' alle Jungen und Mädel mit Schnee. Das paßt mir auch. Der Kaufmann freut sich, weil er viel Petroleum verkauft. Mein Freund, der alte Gottlieb Peuker, freut sich auch, weil er nichts zu tun hat und immerzu Pfeife rauchen kann. Alle Leute sind im Warmen, sogar die im Gemeindehause. Alle haben zu essen. Es ist eine Freude des Winters, daß wir den Herrn Dr. Friedlieb haben. Und der Hund freut sich, weil er am Ofen liegt. Das Feld freut sich, weil es nicht gepflügt und nicht gekratzt und nicht gewalzt und nicht geschnitten wird. Aber dem Felde sieht man die Freude nicht an, man kann sich's bloß denken. Die Hasen freuen sich nicht sehr. Das is, weil sie Faulpelze und Dummriane sind. Zu Weihnachten haben wir keine Schule. Da freuen wir uns mächtig darüber.« »Fertig?« schloß Gottlieb. »Was meinste zu meinem Aufsatz?« Peterle starrte ihn an. Vor Erstaunen hatte er keinen Einspruch gewagt. Jetzt raffte er sich auf: »Keile tätste kriegen«, sagte er. »Übergebuckt würd'st du! Zeig' amal her!« Gottlieb reichte ihm den Briefbogen. Da las Peterle und stieß viele Schreie jubelnden Entsetzens aus und nahm Gottliebs Feder und fing an anzustreichen. Am Schluß holte er tief Atem. »35 Fehler ohne die Komma«, sagte er. »Ungenügend! Liederlich! Nachsitzen! Noch einmal! Strafe!« Gottlieb lächelte verlegen. »'s is noch nich alles«, sagte er. »Du mußt amal a Bogen umdrehen.« Da wandte Peterle das Papier und las noch: »Eine sehr große Freude des Winters ist es, wenn der alte Gottlieb einen Aufsatz schreibt und so viel Fehler macht, daß man sich halbtot lachen muß. Und dann ist es auch eine große Freude des Winters, daß mir der Gottlieb zu Weihnachten ein Paar Schlittschuhe kauft und mir morgen im Holzschuppen einen kleinen Schlitten macht.« Peterle wurde blaß vor Schreck. »Das is ja nich wahr –« »Nu, hast du's nich schriftlich? Da wird's doch wahr sein.« »Ein Paar Schlittschuh! Einen Schlitten! Da muß ich heim!« Er machte drei wilde Freudensprünge, nahm das Papier und raste davon. Aber er kam bald wieder und guckte verlegen zur Tür herein. »Gelt, Gottlieb, du bist doch nich böse, weil ich das von den 35 Fehlern gesagt hab'?« »Nee, nee, Peterle, die uff der zweiten Seite haste ja nich mitgerechnet.« * * * Nun war Gottlieb allein. Er sah wehmütig nach der Tür, hinter der Peterle verschwunden war, und dachte bei sich: Da ist mir nun auch eine Freude des Winters davongerannt. Es kamen Schritte auf seine Tür zu. Frau Hartmann trat ein. Sie war eine Frau von kaum fünfzig Jahren, sah aber älter aus. Alles an dieser Frau war streng. Die Haare schnurgerade gescheitelt und zu beiden Seiten glatt weggekämmt. Die Augen spähend, immer mit einem kleinen Mißtrauen im Blick, die Nase scharf, der schmallippige Mund an den Ecken leicht nach unten gezogen, die hagere Figur ohne jeglichen Reiz. Die Kleider geschmacklos, ohne irgendeinen kleinen, freundlichen Schmuck, aber peinlich ordentlich und sauber. »Ein Leiden des Winter«, dachte Gottlieb, als sie eintrat. Sie war heute erregter als sonst, das Gesicht gerötet und das Polizistenhafte im Blick einer weiblichen Angst gewichen. »Gottlieb, ich hab' einen Brief gekriegt – der Junge, der Berthold – hat – hat –« »Was hat er?« Sie reichte ihm den Brief, und Gottlieb las: »Liebe Mutter, ich bin sehr froh und glücklich, denn ich habe einen Herzfehler und da komm ich vom Militär los. Morgen muß ich bloß noch vom Oberstabsarzt untersucht werden, dann komm ich abends 9 Uhr 30 mit der Eisenbahn an, und Du kannst mich abholen lassen. Krawutschke II hat mich durchgeprügelt, weil er nicht auch einen Herzfehler hat. Das macht der Neid. Und ich grüße Euch alle und am meisten die Lore. Dein Sohn Berthold.« »Ist das nicht schrecklich, Gottlieb?« »Och nee, er is ja sehr fidel dabei –« »Ja, weil er's nicht versteht. So ein Kind! Ach Gott, so a Kummer! Mit 'm Herzen das is doch sehr schlimm!« »Nu ja ja –« »Gottlieb, du bist ja alt und erfahren. Denkste denn, 's kann was Gefährliches sein? Sie würden ihn doch sonst nicht vom Militär entlassen.« »Nu, 's Militär is halt vorsichtig. Sie denken, eh' was passiert, is besser, sie schicken ihn heim, 's wird wahrscheinlich beim Militär ohne a Berthold ooch gehn.« Sie überhörte den kleinen Spott, schlug die Hände zusammen und jammerte. Die Angst um den verzärtelten Liebling sprach aus ihrem Gesicht. Endlich sagte sie: »Gottlieb, du mußt 'n heute von der Bahn holen.« »Ich? Nee, ich nich! Erstens fahr' ich nich mehr gern in der Nacht, und dann muß ich doch um zehne uff die Nachtwache ziehn.« »Das is egal. Um halb 11 biste ja wieder zurück. Da kommste noch lange uff die Wache zurecht. Du mußt fahr'n.« »Aber warum denn ich? Da kann doch der Robert fahr'n.« Ihr Gesicht wurde finster. »Der darf a Berthold nicht holen. Der würd' ihm a schönes Gesicht zeigen, denn er wird's doch gleich merken, daß a jetzt übrig is.« »Was? Der Robert? Übrig? A soll fort?« »Ja! Sobald als möglich! Wenn der Berthold wieder da is, brauchen wir ihn nich, und dann – a is mir überhaupt zuwider.« »Also – also einfach nausschmeißen?« Gottlieb fing an leise zu zittern. »Was heißt rausschmeißen! Wir brauchen ihn nich mehr, und da werden wir ihm zum 1. Januar kündigen.« Gottlieb ging durch die Stube und blieb vor der Frau stehen. In seine gutmütigen Augen trat Haß. »Nu ja ja – kündigen! Da muß a dann am 1. April gehen. Da kann a mir gerade noch räumen helfen.« »Räumen? Dir? Willst du denn ausziehen?« »Ja! Zum April bin ich siebzig, da krieg' ich meine Altersrente, a paar Pfennige hab' ich mir erspart, Nachtwächter und Totengräber kann ich ja bleiben, na, da wird's schon gehen. Ich werd' amal a alten Hellmich fragen, ob der nich a Stübel für mich übrig hat.« »Gottlieb!« »Warum schrei'n Sie denn so, Frau Hartmann? Warum soll ich denn nich zu a alten Hellmichleuten ziehn? Das sind die bravsten Leute im ganzen Dorfe.« »Zu den – gerade zu den –« Gottliebs Gesicht wurde bitter ernst. »Haben sie Ihnen was getan, Frau Hartmann? Ich glaube nich. Eher sind Sie ihn'n was schuldig – die Tochter.« »Gottlieb, das verbitt' ich mir! Sollt' ich's – sollt' ich's etwa damals dulden, daß so a freches Frauenzimmer im Hause –« »Ruhig!« Der Alte brüllte auf und hob die Hand hoch. Aber er beruhigte sich schnell. »Schimpfen Sie ruhig – Sie schimpfen ja immer! Aber was Sie damals hätten tun müssen, das will ich Ihn'n endlich amal sagen, 's is traurig genug, daß a alter Mann sowas einer Frau sagen muß. Als Sie's wußten, wie's um die Hellmich Martha stand, da hätten Sie 'm reichen Hartmann-Sohn absagen müssen: Heirat' das Mädel, zu dem du gehörst. Ja, das – das – das!« Das Weib lachte spöttisch. »Er konnte ja – er hatte ja die Wahl.« »O ja! Und gewählt hatte er ja auch schon! Aber Sie klimperten halt zu laut mit Ihrem Geldsack, und da macht' a 'ne Dummheit und nahm Sie!« Darüber wurde sie rasend. »Gottlieb, du bist ein alter, frecher, frecher Lump; du bist –« »Sagen Sie wenigstens ›Sie‹ zu mir, Frau Hartman«. Ich bin jetzt siebzig, da kommt man in das Alter, wo man gesiezt werden kann. Und von Ihn'n kann ich das ›Du‹ nich mehr hör'n.« Sie sprang vom Stuhle auf und wollte hinaus. Aber sie blieb doch stehen. Leute gibt es mit stumpfem, schlechtem Gewissen, die an Geißelhieben von Zeit zu Zeit ein halbes Wohlgefallen haben. »Als wenn ich schuld wäre – als wenn ich schuld wäre«, sagte sie mit nervösem Lachen. »Sie sind an vielem schuld, Frau Hartmann, an viel mehr, als Sie denken. Zum Beispiel: den richtigen Erben vom Hartmannschen Vermögen haben Sie hinausgedrängt –« »Du bist wohl verrückt?« »Sagen Sie ›Sie‹, Frau Hartmann! Und verrückt bin ich nich, wenigstens nich sehr. Sehn Sie, ich weiß ganz gut, a uneheliches Kindel gilt nischt. Hauptsächlich wenn die Mutter arm is, da gilt's gar nischt. Suchen Sie 's ganze Land ab: in jedem Dorfe hat's 'ne Kirche. Müßte man denken, in jedem Dorfe wohnen christliche Leute. Das is aber nich wahr! Denn es gibt überall verlassene Kindel, und das is eine Schande, die zum Himmel schreit. Und was sagen selbst die Leute, die sich recht christlich vorkommen, wenn amal a reiches Bürschel a armes Mädel unglücklich gemacht hat? ›Gib ihr halt jede Woche 'n Taler, daß sie nich verhungert, und heirat' dir a reiches Mädel, da kommt's wieder raus.‹ Sehn Sie, Frau Hartmann, das sind Lumpen, und wenn ich a Herrgott recht versteh', wird der mit dem Taler wohl nich zufrieden sein. Wird's ihnen schon anstreichen, denen, die's tun, und denen, die's verteidigen. Wenn ich Geistlicher wär', ich tät keine Ehe einsegnen von einem, der a andres Mädel mit einem Kinde im Stiche läßt. Denn a Kind is was Heiliges, und es hat a Recht, was sich mit Geld nich ablösen läßt.« Frau Hartmann versuchte zu lachen. »Von dir is man solche konfuse Predigten schon gewöhnt.« »'ne Predigt is das nich, Frau Hartmann. Zum Predigen bin ich viel zu dumm. Aber man denkt sich so manches, wenn man tage- und jahrelang hinterm Pfluge hergeht.« »Das möcht' ja 'ne schöne Wirtschaft werden, wenn jeder junge Kerl, der sich amal mit einem leichtsinnigen Mädel vergißt, die dann heiraten müßt'.« »Soll sich's vorher überlegen! Soll lieber 'ne Scheune anzünden oder 'n Meineid leisten, als so was tun. So a Kindel in die Welt setzen, um das a sich nich kümmern kann! Und wenn's doch passiert is, wir sind ja alle schwache Menschen, wenn der dann das Mädel nich heiraten kann aus irgendeinem Grunde – Armut is aber kein Grund –, also wenn a 's nich kann, dann soll a sich doch sein ganzes Leben lang um das Kindel kümmern, als wenn's sein eheliches Kindel wär'! Soll's nich rumlaufen lassen wie a verlorenes Schaf, soll ihm a Weg durchs Leben und a Weg zum Herrgott zeigen.« Der alte Mann zitterte, und die Frau ließ ein wenig den Kopf sinken, aber dann lachte sie doch wieder kurz und trotzig auf. »Lieber 'ne Scheune anzünden oder 'n Meineid leisten; du bist ja a feiner Heiliger.« »Nu, Frau Hartmann, Sie könn' mir's ruhig glauben, daß ich noch keine Scheune angezündet und auch noch kein' Meineid geleistet hab'. Das war bloß so gleichnisweise gesagt. Ich meinte bloß, so einer, der a Kindel im Stiche läßt, der is noch schlechter wie a Anzünder und wie a Meineidiger. Denn eine Scheune, die kost' vielleicht a paar tausend Taler, und a Meineid, der kost' vielleicht 'n Unschuldigen 's Gefängnis, aber a schlechter Vater kostet seinem Kinde alles. Das Leben! Und vielleicht noch mehr!« »So schlecht denkst du also von deinem Herrn?« »A hat's nich richtig erfaßt. A war damals a junger unverständiger Mensch, a hat's halt damals gemacht, wie's so gang und gäbe is. Aber wenn er's jetzt gutmachen könnte, da tät' er's. Mit 'm Herrn Hartmann hab' ich nischt, gar nischt.« Sie sah ihn lauernd und mißtrauisch an. Gottlieb fuhr gleich fort: »Der Herr Hartmann is a ganz guter Mensch. Es macht ihm schweren Kummer im stillen, daß das damals so gekommen is.« Leidenschaftlich fuhr die Frau auf. »Du denkst wohl, daß es ihm leid tut, daß a mich –« »Es tut ihm leid, daß die alten Hellmichleute noch immer umsonst auf eine Nachricht von ihrer Tochter passen. Haben Sie denn das noch nich bedacht, Frau Hartmann? Haben Sie sich noch nich bedacht, daß die Martha zugrunde gegangen sein muß, da doch gar keine Nachricht kommt –« Tränen schossen dem alten Gottlieb in die Augen. Die Frau wandte sich ab. Gottlieb wagte das Äußerste: »Und sehn Sie, der Winter Robert, das is ja auch so a armer Kerl, der in der Welt rumirrt wie a verlorenes Schaf. Das is ja auch einer, der niemanden hat, der froh is, daß a amal a festes Dach überm Koppe hat. Und wenn da der Herr Hartmann amal a gutes Werk tun will, da sollten Sie's ihn tun lassen.« Frau Hartmann wandte sich rasch um und sah Gottlieb scharf in die Augen. »Ich weiß Bescheid«, sagte sie und ging hinaus. Dreizehntes Kapitel Das alte Jahr starb dahin. Nicht in schwerem Todeskampf, in stumpfer Agonie ging es seinem Ende entgegen. Die Augen verschleiert von schweren Wolkenschatten, die Glieder in regloser Starre, kaum daß ein leises Wimmern klang aus tiefen Gründen. Vom dunklen Kirchturm klang das Läuten zur Jahresschlußandacht, das Glöcklein des Priesters, der dem sterbenden Jahre einen letzten Segen spenden wollte. Da kamen von den Berghängen, von einsamen Wiesenhöfen her, aus dunklen Toren heraus die Menschen und gingen schweigend und mit bedrücktem Herzen dem Klange der Glocken nach. Sie gingen leise, wie man leise geht durch ein Sterbehaus, und wenn sie von dem alten, todgeweihten Jahr sprachen, von seinen Fehlern und von seinen Vorzügen, dann taten sie es mit gedämpfter Stimme. Einer ging nicht zur Kirche, einer hörte nicht die mahnende Frage des Priesters: »Wer hält heute letzte Silvesterfeier auf dieser Erde?« Das war Hartmann. Er saß zu Hause. Gelähmt. Ein Schlagfluß hatte seine linke Seite getroffen noch vor Weihnacht. Zwei Tage lang hatten die Seinen um ihn gebangt, dann war der Tod an ihm vorbeigegangen. Nun saß er im Lehnstuhl, und an seiner Seite standen seine Tochter Christel und sein alter Freund Gottlieb. Die andern waren alle in der Kirche. Und auch Hartmann hielt Silvester. Vor ihm auf dem Tische lagen Feder und Papier. Nach der Feder griff er und schrieb, während seine Tochter und sein alter Freund ihm mit feuchten Augen zuschauten, mit der ungelähmten rechten Hand auf den weißen Bogen: »Im Angesichte Gottes und in Gegenwart meiner Tochter Christine Hartmann und des Gottlieb Peuker bekenne ich, daß der Robert Hellmich, der sich Robert Winter nennt und jetzt bei mir in Dienst ist, mein leiblicher Sohn ist. Ich bitte allen ab, denen ich Unrecht getan habe, am meisten Martha Hellmichs Eltern, und ich bestimme, daß Robert Hellmich nach meinem Tode aus meinem Vermögen fünfzehntausend Mark erhält. Alles andre bekommen meine Frau und meine Kinder Berthold und Christine zu gleichen Teilen. Ich segne alle meine Kinder, auch den Robert, der keinen Haß mehr auf seinen Vater haben soll, und ich bitte Gott, daß er uns allen gnädig sei.« Darunter schrieb Hartmann Ort, Datum und Namen, und auch Gottlieb Peuker und Christine Hartmann unterschrieben das Testament. Christel nahm den Bogen Papier an sich, und dann hielt sie mit dem alten Gottlieb Wache bei dem Kranken. Auf dem Gesichte Hartmanns lag ein Hauch des Friedens. Langsam stieg eine Röte in seine Stirn und ein Glanz in seine Augen. Nun er eine mutige, gute Tat vollbracht, würde es nicht so schwer sein, den Schritt zu tun ins andre Leben. – – Die Kirchgänger kamen heim, die Abendmahlzeit ging vorüber. Da verlangte Hartmann, daß alle zu ihm in die Stube kämen und einen Silversterpunsch tränken. Ja, er wollte, sie sollten lustig sein. Aber sie wurden nicht lustig. Es war nicht allein die Gegenwart des Kranken, die sie drückte – Hartmann ging es verhältnismäßig gut –, aber sie sahen alle mit bangen Augen ins neue Jahr. Die stolze, kalte Frau hatte das Schicksal mit rauher Hand angefaßt. Ihren Mann hatte sie wohl nie geliebt. Ihr Herz war zu hart für Frauenliebe. Aber es hatte doch eine weiche Stelle. Sie liebte den Sohn. Die Tochter war ihrer Seele fremd geblieben in ihrer Art. Den Sohn, der gar keine Eigenart hatte, der hilflos ihr immer anheimgegeben war, den liebte sie. Nun hatte sie schweren Kummer. Als ihr Dr. Friedlieb nicht die ganze Wahrheit über Berthold enthüllen wollte, war sie mit ihm nach der Stadt gefahren, und ein alter, rücksichtsloser Sanitätsrat hatte ihr gesagt: »Liebe Frau, Schonung, Diät und Digitalis, so hält's noch ein paar Jahre. Eine Gesundung gibt es in diesem Falle nicht.« So lebte sie neben einem zum Tode verurteilten Kinde, und da ihr Herz nie etwas von einer Ergebung in einen andern Willen gewußt hatte, war es ohne Trost und ganz voll Zorn und Angst. Berthold wußte nichts von seinem Schicksal, aber auch er war nicht heiter, weil die Lore nicht mit ihm scherzen wollte. Und wie er klammerte auch Robert Winter all seine Zukunftshoffnungen an das schöne Mädchen und war voll Sorgen. Die Friedlichsten im Kreise waren Gottlieb und Christel. Ihre Seelen hatten keine heißen Wünsche und angstvollen Fragen ans neue Jahr. Die Lore aber – die Lore – – Mit blassem Gesicht ging sie einher, mit verängstigten Augen; sie erschrak, wenn sie jemand unvermutet ansprach, und wenn sie lachen wollte, war es wie ein Klang von zersprungenem Glas. Und als das Blut so schwer in ihr auf- und niederging und eine Hitze sie überfiel, die sie nicht aushielt, ging sie vors Haus in die kalte Silvesterluft und starrte den dunklen Weg entlang, der nach der Stadt führte. Siehe, die Kränze welken alle. Wenn ein König einzieht durchs geschmückte Tor, sind die Rosen schon welk, und wenn das kurze Fest aus ist, fallen sie auf den Schutt. Die Dichter hängen grüne Lorbeerkränze in ihre Stube. Aber gar bald spielt der leise Windhauch, der durch geöffnete Fenster dringt, mit dürren Blättern, und so dürr wurde auch die grüne Begeisterung des Abends, an dem der Dichter den Kranz bekam. An Altären und Kirchenmauern welken die Kränze, und von den Gräbern verweht sie am Ende der Wind wie trockene Spreu. Selbst in den Kinderhänden sind die Kränze nicht bleibend; im kühlen Abendrot frieren sie auf verlassenen Spielplätzen. Das ist Blumen- und Menschengeschick. Aber die Menschen trauern nicht lange um schnell vergängliche Blüten. Sie suchen einen neuen Garten, einen neuen Anger und winden einen neuen Kranz. Der eine aber ist nur einmal grün. Den flicht Gott selbst mit seinen heiligen Händen aus zarten Blättlein und weißen Blüten, die er im stillen, umhegten Winkel seines Paradieses pflückt, und legt ihn dem Menschenkinde, das in die Welt reist, um die Stirn. In stillen Stunden sieht der Mensch diesen Kranz, und ein weltfremder Duft aus dem fernen, blühenden Garten unsrer Sehnsucht dringt in seine Seele. Die Mutter sieht den Kranz auf der Stirn des Kindes, wenn es lächelnd und rosig im Bettlein schläft. Der Kinderfreund sieht ihn, der an einem Spielplatz stehen bleibt, wenn die Locken der jauchzenden Mädchen sich lösen, die Hüte von den Köpfen gefallen, die bunten Schleifen verlorengegangen sind, sieht den grünen Kranz mit den weißen Blüten fest auf den kinderseligen Häuptern ruhen. Der Jüngling sieht ihn und atmet beglückt seinen Duft, wenn er sich gläubig und vertrauend zum ersten Kuß auf die weiße Stirn der Geliebten neigt. Die arme, alte Jungfer fühlt ihn wie eine Krone und beugt sich lächelnd zu ihrer bescheidenen Arbeit, wie ein heimlich Königskind, das dient. Die Nonne sieht ihn, wenn sie Totenwache hält bei der Schwester, die mit weißem Gesicht in der schwarzen Truhe liegt. Diesen Kranz hatte Lore nicht mehr. So manch einer wird er gestohlen. So vielen reißt ihn der rauhe Sturm des Lebens vom Kopf. So manchen verwelkt er unter der Glut der klopfenden Adern. So viele, viele verlieren ihn um nichts, weil sie ihn nicht kennen; denn wenn sie ihn wirklich kennten, gäben sie ihn nicht her. Und einige vertändelten ihn. Lore hatte ihn vertändelt. Nun fuhr der Winterwind über ihren bloßen Kopf, und sie fror. Nun wartete sie wie alle, daß der, der sie beraubt, kommen und sie schützen würde gegen den Frost, ihren Scheitel nicht leer lassen, sondern ihr aus friedlichen Palmenzweigen eine Frauen- und Mutterkrone flechten würde. – Eine qualvolle, schlaflose Silvesternacht verging. Am Morgen harrte Lore auf einen tröstenden Brief. Aber sie bekam nur eine Karte, darauf stand mit bunten Buchstaben gedruckt: »Die besten Wünsche zum neuen Jahre!« Vierzehntes Kapitel Es war im Februar. Die Luft war feucht und frühlingswarm. Der Himmel hing voll Regen. Der Abend brach an. Lore ging langsam durch die Pappelallee, die von der Stadt herkam. Zweimal blieb sie stehen, wandte sich um und ging ein paar Schritt zurück auf die Stadt zu. Ach, es war zwecklos. Er war doch nicht zu Hause. Fünfmal war sie in seiner Wohnung gewesen. Ganz vergebens. Hatte er es geahnt, daß sie kommen würde, war er absichtlich fortgegangen? Nach Teichau kam er nicht mehr. Zum Sterben müde setzte sich das Mädchen auf einen Straßenstein. Sie zog einen zerknitterten Brief aus der Tasche und las wieder die eine Stelle: »Um zu heiraten, ist mein Gehalt zu klein. Wir müßten uns zu sehr einschränken. Später, wenn ich mehr Einkommen habe, werde ich Dich heiraten. Unterdessen mußt Du sehen, wie es sich einrichten läßt.« Da faßte das Mädchen der alte Trotz, sie ballte die Hände und mit zornerfüllter Stimme sagte sie: »Lump! Lump! Lump! Und gerade du!« Die Müdigkeit kam wieder, die schwere furchtbare Angst. Lores Gesicht wurde weißgrau wie das Restchen Schnee am Wegrand; sie glitt vom Stein auf den Boden und wußte nichts mehr. So lag zweifaches junges Leben einsam auf der feuchten Straße in herabdämmernder Nacht. Der Wind wurde kalt. Es war noch zu zeitig zu knospendem Lenz. Der Wind wurde todesscharf. Und er drückte Lores blonde Locken in den Schmutz. Arme, dumme Lore, wenn du gewartet hättest, bis dein Frühling kam, lägst du mit deiner blühenden Hoffnung in prangenden Blumen. Die Pappeln ächzten und schüttelten die Köpfe, als entsetzten sie sich nach alter Weiber Art über das sündige Kind. Eine Lerche duckt sich am Wegrand. Sie hat sich betrügen lassen von der milden Luft, ist zu zeitig aus dem sicheren Süden zu ihrem kalten Nest gekommen, und nun sind in der Winternacht ihre Lieder erstorben, und sie wird erfrieren in ihrem kalten Nest und die glücklichen Lieder ihrer Schwestern nicht mehr hören. Ein Strauch streckt seinen Zweig über das regungslose Mädchen. Dieser Zweig stand immer an der lustigen warmen Südseite. Er öffnete zu früh seine Knospen, und er allein wird leer und tot sein, wenn die andern Zweige Blätter tragen. – – – Da kam die Straße entlang Robert Winter gefahren. Er hatte die Lore nach der Stadt gebracht und sie da verloren, hatte sie lange gesucht und endlich gehört, sie sei nach Hause gegangen. In scharfem Trabe fuhr er die Straße entlang. Das eine Pferd bäumte auf, wurde scheu, sprang zur Seite. Ein Blick zeigte Robert eine menschliche Gestalt am Boden. Die Pferde gingen ihm durch. Weithin erst den Hügel hinauf brachte er sie zum Stehen. Da ging er zurück und fand die Lore. Zuerst schrie er auf und rief laut ihren Namen. Dann kniete er sacht bei ihr nieder. Schaute sie an ... schaute sie an ... Starrte ihr lange ins bleiche, veränderte Gesicht. Wie schwere aufgeregte Sturmzuckungen gingen wilde Gedanken durch seine Seele. Er fand den Brief – las ein paar Worte ... Da kam die Erkenntnis wie ein greller Blitz. Er sah ihre kranzberaubte Stirn. – – – Langsam stand er auf. Die Arme hingen ihm schlaff herab, die Brust sank zusammen, der Kopf fiel schwer nieder. Es war still in ihm, wüst und öde, als er sah, daß junge Ehre im Schmutz lag und junges Glück verdarb. Und er lehnte sich an den Stamm einer Pappel und schloß die Augen. Er hörte den Baum ächzen, hörte, wie der Strauch am Wegrande wimmerte und wie ein Vogel sich aufhob mit müden Flügeln. Dann wurde seine Stirn rot, und die Gedanken kehrten wieder. Er wußte, daß es aus war mit allem Hoffen und Bangen. Über das nächtliche Feld schlich die Verzweiflung an ihn heran, stechender Schmerz und tobender Zorn. Stürz' dich auf sie, rüttle sie wach, ziehe sie zu Gericht! Er stand vor ihr, ächzend, bebend, rasend. Aber als er sie wachrütteln, sich austoben wollte mit seiner beleidigten, verratenen Liebe, war es ihm, als sei plötzlich jemand hinter ihn getreten. Eine Frau. Die faßte ihn an den geballten Händen und legte den Kopf auf seine zuckende Schulter und sprach mit fremder Stimme: »Tue ihr nichts zu leide! Siehe, so lag auch ich am Boden, als du noch schliefest vor dem ersten Morgenhauch deines Lebens. So lag ich mit dir in Nacht und Not. Nun bin ich weit. Aber ich kenne den, der mich begnadigt hat; der Magdalenen begnadigt hat. Tue dieser nichts zuleide!« Da preßte Robert Winter die Hände vors Gesicht und weinte, und seine warmen Tränen fielen auf Lores Füße. Dann hob er ihren Kopf hoch und streichelte ihre Wangen. Da kam sie zu sich. Sie sah ihn mit furchtsamen Augen an, und in halber Bewußtlosigkeit sagte sie: »Schlage mich nicht!« Da küßte er sie auf ihre kranzberaubte Stirn und richtete sie auf. Er kniete nieder neben ihr, putzte den Schmutz von ihren Kleidern und reichte ihr den Brief. Sie stand regungslos wie in schwerem Traum. Dann legte er sacht den Arm um sie und sagte: »Lore, fürchte dich nicht; ich werde dir helfen!« Er hatte mit diesen Worten Vieles und Schweres gesagt. Sie ging schweigend neben ihm hin. Endlich sagte sie: »Er ist schlecht zu mir.« Er entgegnete ihr: »Diese sind alle schlecht!« So erreichten sie das Gefährt, das dunkel am Wege stand. Es war finster geworden, die Pferde froren. Da schauerte Lore in sich zusammen. »Ich will nicht heim! Ich fürchte mich vor der Tante!« Er redete ihr zu, aber sie wollte nicht in den Wagen. So ergriff er die Zügel und ging langsam mit ihr neben dem Wagen her. Der schwarze Wagen zog den schwarzen Weg entlang, als würde drin eine tote Zukunft zu Grabe gefahren. Im Dorfe nötigte er sie in das Gefährt. Vor dem Hause wartete sie, bis er die Pferde in den Stall geführt hatte, dann trat sie mit ihm in die Küche. Beide waren leichenblaß. Auf dem Küchentisch stand das Abendbrot bereitet. Die Lampe brannte, es war heiß. Und es waren alle da: Hartmann, die Frau, Christel, Berthold, auch der alte Gottlieb Peuker. »Wo bleibt ihr denn so lange? Wie seht ihr denn aus?« Die Frau musterte Lore mit scharfen Blicken. »Du bist ja so schmutzig! Was ist mit dir, Mädel?« Da war es aus mit Lores Kraft, sie sank in beide Knie und gestand in zitternden, weinenden Sätzen ihre Schande. Neben ihr wie ein Beschützer stand Robert Winter. Er hatte die eine Hand auf Lores Schultern gelegt. Die andern saßen wortlos, hörten eine schwere Beichte, die sie nicht fassen konnten. Berthold regte sich zuerst. Er brach in lautes Schluchzen aus. Das löste auch der Frau die Zunge. Sie sprach, überschlug sich in der Rede, kreischte, raste auf und ab und hatte kein andres Wort für Lore als »Frauenzimmer«. Dann begann sie zu weinen. Da erhob sich Gottlieb Peuker und sagte: »Frau Hartmann – Sie sollen nich schimpfen – Sie sollten 'm Herrgott danken. – Sie waren immer glücklich – Sie waren nie hübsch – Sie waren nie lebenslustig – Sie waren nie in Versuchung – da könn' Sie eigentlich gar nich mitreden. – Hübsche Mädel haben's schwer auf der Welt.« Als die Frau beleidigt auffahren wollte, sagte er milde,: »Ich weiß ja – Sie wollen, daß das nich wär' – wir wollten's alle – daß keine Aufregung und Gerede würde – und Sie haben ja recht, Frau Hartmann – aber da läßt sich bloß mit gutem Willen was machen.« Der kranke Hartmann sah von seinem Lehnstuhl aus mit halb geistesabwesenden Augen die Lore knien. Auf derselben Stelle in dieser Küche hatte vor sechsundzwanzig Jahren die andre gekniet. Und er sah, wie der alte Gottlieb Peuker und Robert Winter die Lore sacht vom Boden aufhoben. Fünfzehntes Kapitel Am andern Morgen ging die Frau mit Lore ins Gericht. Das Mädchen lehnte an der Wand und ließ alle Schmach über sich ergehen, die jene auf sie häufte. Sie entgegnete nichts, als manchmal ein halbes »Ja« oder »Nein«. Hatte keine Verteidigung, nicht einmal eine Bitte um Erbarmen. Es wurde ihr nichts erspart. Alle Vorwürfe, die sie sich selbst gemacht in einsamen Stunden, erfuhr sie noch einmal aus fremdem Munde; alle Schmach und Verdemütigung, die sie selbst gefühlt in schlummerlosen, angstvollen Nächten, bekam sie noch einmal dargereicht in übervollem Kelch. Zuletzt das Urteil: Fort aus dem Hause für immer! Bald fort aus diesem ehrsamen Hause, das sie befleckte. So wollte es diese Richterin ohne Sünde und Liebe. »Auf uns sollen die Leute nicht mit Fingern zeigen, wir haben ein christliches Haus!« Hart und falsch klang es, aber die, die's anging, wußte, es war ein Urteil ohne Widerruf« Da brachen endlich die leidenschaftlichen Tränen wieder durch: »Wo soll ich denn hin? Wo soll ich denn hin?« Da sprang die Tür von der Gaststube auf. Berthold stürzte herein, warf sich dem Mädchen zu Füßen und weinte lauter und heftiger als sie. »Sei gut, liebe Lore, sei gut!« »Du gehst von ihr weg, Berthold, du rührst sie nicht an!« »Lore! Lore! Ich bin dir so gut!« Er klammerte sich an sie; die Frau riß an seinen Schultern, ihn wegzubringen. »Laß das Frauenzimmer, Berthold!« Da stand der starke Bursche auf und schob mit einem Arm die Mutter zur Seite. Sein Gesicht war verändert, seine gutmütigen Augen funkelten in bösem Licht. »Du sollst sie nicht schimpfen, Mutter, du sollst ihr nichts tun. Es ist die gute, schöne Lore! Es ist mir alles egal! Ich will sie heiraten.« Bleich stand die Frau vor ihrem Sohn. »Du bist verrückt, Berthold?« gellte sie auf. Sie ging wieder auf ihn zu. Er aber erhob die Hand gegen sie: »Laß sie – tu ihr nichts – oder – oder –« Mit einem Röcheln brach er in sich zusammen. Die Aufregung brachte ihm einen schweren Krampfanfall. »Sie bringt ihn noch um, sie bringt ihn noch um –« Leute eilten herbei, und Berthold wurde in sein Bett getragen. Da saß nun die Richterin zitternd, und alle Angst, die ihr Opfer gefühlt, war über sie gekommen. Die eine wies sie hinaus aus dem Hause, der andre, der einzige, den sie liebte, ging nun wohl selber. Die Angst drückte mit ihrer rauhen Faust auf ihr Herz und machte es auf ein paar Minuten weicher. Bis Dr. Friedlieb kam und dem Kranken Linderung brachte, auch erklärte, es sei eine augenblickliche Gefahr nicht vorhanden. Da wurde das Herz der Frau wieder kalt. Grübelnd saß sie am Bette Bertholds, der schlief. Ihm, dem Kinde, würde sie schon helfen, würde ihm den törichten Wunsch ausreden. Es war ja so dumm von dem Jungen. Es war ja sicher bloß die Angst, es könne dem Mädchen etwas passieren. Das würde sie schon machen, sie hatte ja etwas viel Schwereres fertig gebracht mit Bertholds Vater – –. O, sie dachte nicht gern daran. Sie wollte lieber ein Mittel finden, das Mädel unterzubringen. Und am Nachmittag fiel ihr ein Ausweg ein. Sie suchte Robert Winter auf. »Wer hat meinen armen Berthold auf so verrückte Gedanken gebracht?« herrschte sie ihn an. »Ich weiß es nicht,« sagte Robert, »ich bin ja mit Ihrem Sohn kaum ein paar Wochen zusammen.« »Es ist immer so viel Heimlichtuerei hinter meinem Rücken, da kommen dann solche Geschichten.« »Niemand, Frau Hartmann, fällt das schwerer als mir.« Sie sah den Burschen an, der mit blassem Gesicht, in ganz müder Haltung vor ihr stand. »Sie sind ja auch in sie vernarrt gewesen.« Er schwieg. Dieser Frau gestand er seine Liebe nicht ein. »Ich hab's doch auch gestern abend gesehen, als Sie das Mädel brachten. Nun, so heiraten Sie sie doch!« Er zuckte zusammen. Und er konnte nur das eine Wort sagen: »Nein!« »Ah – der Frau gegenüber, die nichts tut, als ihr Haus reinhalten, da spielt man sich auf – aber selbst – oh, da ist man viel zu schade – ihr seid ja alle bloß Maulhelden!« »Frau Hartmann, ich – ich heirate Fräulein Lore nicht – weil sie mir nicht gehört.« »Und Berthold?« »Ihm gehört sie auch nicht. Er darf sie auch nicht heiraten.« »Nun, da hab' ich doch recht, da gehört sie doch eben auf die Gasse! Wenn schon einer wie Sie, der nichts hat und nichts ist, sich scheut – da wird doch nicht mein Sohn –« Er ballte die Fäuste, ein haßerfüllter Fluch drängte sich auf seine Lippen. Da trat Christel ein. »Robert, Sie sollen bald zum Vater kommen.« Er ging mit ihr. Draußen im Hausflur begann er ob der schmachvollen Behandlung, die ihm zuteil geworden war, zu schluchzen. Aber er verschwieg Christel den Grund. Sie war die Tochter. Nun trat er in Hartmanns kleine Stube. Es war schon die Dämmerung hereingebrochen. Hartmann saß am Fenster. Er winkte Robert und sagte mit matter Stimme: »Setz dich ganz nahe zu mir!« Da kam es wie Ruh' und Frieden in Roberts verbittertes Herz. Hartmann legte die Hand auf Roberts Schulter. »Siehst du, Robert – jetzt hat uns alle ein Unglück getroffen. Am meisten dich. Weine, Robert, schäm' dich nicht vor mir, wein' dich aus! Ich weiß, was du verloren hast. Wir hatten ja darüber gesprochen damals, als wir die Rüben fortfuhren. Ich hätte es gern gut eingerichtet mit euch beiden. Nu hat das junge Ding alles verdorben. Aber gelt, Robert, wir wollen nicht böse auf sie sein. Sie hat am schwersten zu tragen.« Robert begann zu schluchzen. »Siehst du, Robert, das geht oft so im Leben, daß einer die nicht kriegt, der er gut ist. Wie ich jung war – da – da ist es mir – mir auch so ähnlich ergangen – da – haben mich – meine Eltern und meine Verwandten – auch – auch zu was anderem gezwungen, als ich wollte.« Der Kranke legte seinen gesunden Arm fest um Roberts Schulter, und ein Schauer flutete durch die Seele des jungen Mannes. Langsam tastete sich Hartmann bis auf Roberts Kopf. »Gott helfe dir, mein Junge! Helfe uns allen! Wenn man so nahe vor dem Tode steht wie ich –« »Herr Hartmann, guter Herr Hartmann – –« »Sei still, Robert! Das eine kannst du glauben, ich verlaß dich nicht – ich werd' dir weiter helfen, ich werd' schon sehen, daß ich dir eine Existenz schaffe. Auch ohne die Heirat.« Und Robert Winter sagt, was er an zärtlichen Gedanken im einsamen Herzen trägt, das so wenig Liebe erfahren hat, alles diesem Manne. In bleiche Schleier hüllt die Dämmerung Vater und Sohn. Wenn jetzt ein mutiger Gedanke fällt, ist der Sohn der Hagar zu Haus. Hartmann beginnt aufs neue: »Wir müssen der Lore helfen. Wir dürfen sie nicht verderben lassen – nein, nein, nicht verderben lassen –« Die Kraft verläßt ihn. Es kommt eine schwere Pause. »Es ist ja nicht um sie allein – es ist auch um das Kind!« Da springt Robert Winter auf. »Das ist es – das ist es, Herr Hartmann, das ist es ja, worüber ich nicht wegkomme – das Kind – das darf nicht hinausgestoßen werden auf die Gasse – das darf nicht – das ist doch ganz unschuldig – – und ich – ich weiß doch, wie das ist – ich bin doch auch so eins – ich bin ja auch so rausgeworfen, so verraten, so verstoßen, und ich weiß, was das für ein elendes, schreckliches Leben ist, wenn man – wenn man keinen Vater hat.« Hartmanns Augen öffnen sich weit, ein Bekenntnis formt sich im bebenden Herzen, es steigt langsam auf die Zunge, es beginnt sich zu lösen in einem schweren Lallen – es setzt ein mit dem ersten heiseren Wort – Da ruft Robert Winter: »Ich hasse meinen Vater!« Und das Bekenntnis unterbleibt. Der Haß sprach, die Gnade schrickt zurück, das Glück und der Friede flieht. Bleicher werden die Schatten des Abends und fahler. Eintönig singt draußen der kalte Wind. Da rafft sich Hartmann auf und schüttelt die schwere Scheu ab: »Er muß sie heiraten – er, zu dem sie gehört. Für dich ist es schwer, Robert, aber es muß sein. Wegen des Kindes! Er kann sie auch heiraten, denn sie ist ja jung und hübsch. Geh zu ihm, Robert. Du bist der einzige, den ich schicken kann, wenn's auch so schwer für dich ist. Sag' ihm, sie hat siebentausend Mark, und ich werde noch fünftausend Mark dazu geben und ihnen aus der Wirtschaft alle Wochen was schicken, da werden sie auskommen.« Ein paarmal holt Robert Winter schwer Atem. Dann sagt er: »Ja, ich werde es ihm sagen.« Sechzehntes Kapitel Robert ging nach der Küche zurück. Dort traf er Christel allein. Er fragte nach Lore. Sie wußte nicht, wo das Mädchen war. Nun ging Robert Winter die Lore suchen. Er fand sie nicht in Haus und Hof. Er stieg bis auf den Boden hinauf und fand sie nicht. Scheu starrte er nach den dunklen Ecken und Winkeln. Es ist furchtbar, auf dunklen Böden nach Unglücklichen zu suchen. Nirgends! Durch das Bodenfenster fiel noch fahler Lichtschein. Robert trat heran. Von hier aus hatte die lustige Lore mit ihrem roten Tüchlein gewinkt, als er mit seinen Kameraden Liebeslieder blies beim »Wächter« drüben jenseits des Teiches. Der Teich! Schwarz wie eine finstere Lache lag er da unten. Drohend und unheimlich. Wenn die Lore ... Das Wasser – ... das Wasser lockt schwache Weiber ... Ein töricht Märchen wird kleinen Kindern erzählt: Die Mütter empfingen ihre Kleinen aus dem Teiche. Keine Mutter bekam ihr kleines Kind aus dem Teich; aber so manch Unglückselige hat ihr Kind in den Teich getragen. Da eilt er die Treppe hinab, da läuft er hinaus ... »Lore! Lore! Liebe Lore!« Der Wind pfeift ums Wasser, die Weiden biegen sich in frostiger Einsamkeit, der Ruf verhallt. Roberts Blicke suchen die schwarze Fläche ab, ob ein lichtes Kleid aufschimmere, ein Arm aus dunkler Tiefe noch einmal in letzter Verzweiflung sich weiß emporstrecke nach Leben und Rettung. »Lore! Lore! Es ist alles gut! Gib Antwort!« Die Weiden ächzen, ein schwarzer Vogel fliegt auf. Schatten und Nebel huschen hin und her, feucht und glitschig ist der tote Rasen. Robert eilt, sucht das ganze Ufer ab, findet nichts. Und steht wieder still und starrt das Wasser an. Das liegt vor ihm in schwarzer Schweigsamkeit. »Lore, ich bringe dir Hilfe!« Er ist am andern Ufer. Da stehen die Weiden dichter, da muß er oft zwischen starken Ruten hindurchdringen, die ihm ins Gesicht schlagen. »Lore, fürchte dich nicht!« Da wimmert es zwischen zwei Weiden. Er findet sie. Sie kauert am Boden, dicht am Wasser, den Kopf weit vorgeneigt zur Flut. Mit eisernem Griff faßt er sie am Arm. »Lore, du darfst es nicht tun!« »Ich kann nicht ... ich fürchte mich so ... ich fürchte mich so...« »Es ist Sünde, Lore, es ist schreckliche Sünde –« »Ich fürchte mich so – die Tante – – ich soll fort – – ich weiß nicht wohin, o Gott, mir graut so vor dem Wasser!« »Komm, Lore, ich muß mit dir reden!« Mit Gewalt nur kann er sie vom Boden aufziehen. Sie hält sich an einer Weidenrute fest und leistet Widerstand. »Ich will nicht nach Hause! Ich fürchte mich – die Tante hat mich geschlagen!« »Du sollst nicht nach Hause. Ich bringe dich fort! Komm mit mir!« Er zieht sie vom Teiche weg. Die grauen Nebel schleichen um die beiden. Die Nebelweiber hatten sich schon zum Totentanze gesammelt. Nun gehen sie mit verdrossenen Schritten über das leere Wasser ans jenseitige Ufer. Robert hält immer noch das Mädchen fest am Arm und redet tröstend auf sie ein. Er erzählt ihr von ihrem Onkel Hartmann und daß alles noch gut werden könne. Da wird sie etwas ruhiger und faßt einen zagen Mut. Lacht unter Tränen leise – krankhaft auf – – lacht dem Leben wieder entgegen. Aber als sie dem Hause nahe kommt, kehrt die Verzweiflung zurück. »Die Tante! Sie hat mich geschlagen! Sie jagt mich hinaus.« So führt sie Robert in Gottlieb Peukers Stube. Der Alte sitzt in trüben Gedanken am Tisch. Vor ihm liegt die Tabakspfeife, die er heute noch nicht angezündet hat. Ehe die beiden reden können, sagt er: »Lore, du mußt fort! Du mußt deshalb fort, weil du dir eine solche Behandlung nicht gefallen lassen kannst. Du hast gefehlt, das is wahr, am meisten hast du gegen, gegen – na ja, ich werd' nich auch noch 'ne Strafpredigt halten. Aber wie's deine Tante treibt, das is zu arg. Dazu hat sie gar kein Recht. Du hast die ganze Zeit hier in der Wirtschaft gearbeitet, viel Geld verdienen helfen und dafür wenig oder nichts gekriegt. Dafür wirst du bei der ersten unglücklichen Gelegenheit rausgejagt aus dem ›christlichen‹ Hause. Hier ist das Rausschmeißen Mode. Heb' 'n Kopp hoch, Lore, 's wird schon gehen, und wenn's nich anders geht, zieh' ich als Rentier, und du wirst meine Wirtin.« Lore hört den alten Mann reden. Und in ihr, die vom Felde des Todes herkommt, ist ein Verwundern, wie dieser Mann so ruhig sprechen, wie er scherzen kann. Die Wärme der kleinen Stube dringt auf das Mädchen ein, und es schüttelt sie, als ob ein tödlicher Frost aus ihr herausfahre. O, sie fühlt, daß es gut sei in dieser warmen Stube. – – – Da überließ Robert Winter das Mädchen der Obhut des alten Freundes. Er ging hinüber ins Wohnhaus und kehrte nach einiger Zeit mit Christel zurück. Christel brachte Mantel und Hut für Lore und ein kleines Paket mit den wichtigsten Sachen. Robert brachte die Abschiedsgrüße des Onkels, eine Geldbörse und einen Brief. Der Brief war an ein altes Ehepaar in der Stadt gerichtet, dem Hartmann einmal aus großer Not geholfen hatte und das er nun bat, die Lore aufzunehmen. Sie verhandelten das Nötige – in kurzen, abgerissenen Sätzen, dann sagte Gottlieb: »Mach den Abschied kurz, Lore! Geh in Gottes Namen!« Sie stand langsam auf, reichte Gottlieb und Christel mit großen, irren Augen die Hand, fand kein Wort, keine Träne und ging. Und der Sohn der Hagar ging mit ihr. Hartmann sah durchs Fenster. Der Mond beleuchtete die Straße. Da sah er die zwei jungen Leute dahinschreiten. Sie gingen denselben Weg, den vor langen Jahren Martha Hellmich ging. Und Lore hatte ein kleines Päckchen in der Hand wie jene. Aber das alte Tor war fort. Es war zusammengefallen in der Nacht, da Robert ins Haus kam. Der Weg war damals geöffnet worden für diese zweite. Langsam gingen die zwei. Es waren zwei! Die andre mußte allein gehen. Allein in den Tod. Alte Sünde stand auf in junger Reu'. Auf altem Wege ging ein altes Geschick. Siebzehntes Kapitel Langsame, schwere Wanderung. Unsicheres Wandern ins Dunkle. Seht, sie ist schön und geht ohne Ehre und Liebe aus der Heimat! Seht, sie ist jung und hat kein Ziel! Und der neben ihr geht, führt sein Glück ins Weite. Er löscht den Stern aus an seinem dunklen Himmel, tilgt den einzigen Rosenstock aus seinem armen Garten. Er muß großmütig sein und ist jung. Er muß schweigen und hat eine Seele voll schreiender Wünsche. Schwere, unsichere Reise! Das Mondlicht fällt fahl durch wandernde Wolken. Da gleiten seltsame Schatten über den Weg, lagern und recken und dehnen sich im toten Grase am Wegrand und zerrinnen gespenstisch in nichts. Sie kommen am Teiche vorbei, der drüben nächtlich liegt. Die Nebelfrauen huschen zwischen den Stämmen hervor, lauern und winken mit weichen, grauen Armen. »Seht, sie kommen wieder! Sie kommen zu zweien! Kommt, ihr schönen Menschen, kommt und schwimmt auf dem stillen Wasser. Schwimmt mit den Gesichtern nach oben – nebeneinander! Der Mond wird kommen und silberne Wasserrosen um euch streuen. Leuchtende Funken werden um euch sprühen. Der Wind weiß schöne Lieder. Dazu werden wir tanzen. Wir tanzen gern, wenn schöne Menschen im Wasser schlafen. Wir tanzen leise, daß sie nicht erwachen. Kommt, legt euch zur Ruhe!« Die beiden bleiben stehen, und ein paar Augenblicke sieht auch Robert hinüber nach dem Wasser. Denn es ist ein schweres Wandern. Aber eine lichte Wolke zerrinnt, und zwei Sterne schauen tröstend aus hoher Weite. Robert weiß nicht, ob ihn bei der Geburt ein Blick seiner Mutter traf, ob sie ihm einmal liebreich die Hand auflegen konnte oder ob sie noch früher starb, aber der Segen dieser Mutter hat ihn doch begleitet durch ihr todernstes Andenken und ihn gestützt in den schwersten Augenblicken seines Lebens, mehr als manches andre Kind, das durch viele Jahre eine gleichgültige Mutter hatte. So sagte er jetzt: »Lore, wir wollen weitergehen!« Sie wanderten schweigend, er trug jetzt ihr leichtes Reisebündel. Ein paarmal wollte er von ihrer Zukunft sprechen, aber er war es nicht imstande. Tröstende Worte erstickten in seinem eigenen Herzeleid. In der Pappelallee, wo er sie gefunden, sagte sie mit inniger Bitte: »Verzeih mir, Robert!« Sie schlang den Arm um ihn und lehnte den Kopf an seine Schulter. Er konnte nichts andres sagen als: »Sei still, Lore, sei still!« Und ging weiter mit ihr. Als sie aber auf die letzte Anhöhe kamen und die Lichter der Stadt aufblitzen sahen, blieb er stehen. Jetzt – diese paar Schritte noch – dann war alles aus, war alles Glück für ihn zu Ende. Da verließ ihn seine Führerruhe. Da riß er sie in seine Arme, preßte sie an sich und bedeckte ihr Gesicht mit leidenschaftlichen, glühenden, durstigen Küssen. Küßte sie unter Lachen und Weinen, gab ihr tausend zärtliche Namen – und schlug sich plötzlich mit den Fäusten gegen die Stirn und ging den Hügel hinab der Stadt zu, sah sich nicht einmal um, ob sie ihm folge. In der Stadt führte er sie in ein fremdes Gasthaus und befahl ihr zu warten, bis er zurückkomme. So ging er allein und lieferte Hartmanns Brief ab. Er fand ältere, gutmütige Leute. Sie kamen in große Verlegenheit, aber er redete ihnen zu und sagte, die Lore würde nicht lange bei ihnen bleiben. So faßten sie sich und willigten ein. Dann kam die Lore zu ihnen. Der Schritt über diese fremde Schwelle war schwer. Aber die alte Frau, deren Herz ruhig und unbeteiligt war, fand so viel freundliche und vor allen Dingen so viel wohltuend gleichgültige Worte, daß es Lore leichter wurde. Fremder Gleichmut ist eines der besten Mittel gegen die Fieber unsres Lebens. Es war noch nicht acht Uhr. Robert Winter sagte, er wolle noch etwas besorgen, und er komme noch einmal wieder. Er reichte dem Mädchen die Hand über den Tisch hin, und sie erschrak, daß sie so kalt war. Und Robert ging und fand ein Geschäft noch offen, dort kaufte er einen Revolver. Er lud ihn vor den Augen des Verkäufers. »Ich habe einen weiten Weg,« sagte er, »und er ist unsicher.« Die Waffe in der Tasche, ging er ein paar Straßen weiter und stieg in einem Hause bis zu einer Tür empor, an der war eine Visitenkarte mit der Aufschrift: Fritz Scholz, Postassistent. Er traf den zu Haus, den er suchte. Scholz geriet in schwere Verlegenheit. »Ach ... Herr Winter ... das ist ja eine Überraschung ... wo kommen Sie denn her? ... Bitte, nehmen Sie Platz.« »Ich danke! Ich bin nicht müde.« »Aber – aber was ist denn? Wie sehen Sie denn aus?« »Ich komme wegen der Lore.« Er sah ihn haßerfüllt, drohend an, und der andre erbleichte. »Wegen – wegen Fräulein Lore?« »Ja!« Robert schwieg und ließ den Gegner in Spannung. »Was – was ist denn mit Fräulein Lore?« Robert entgegnete nichts, aber seine Augen glühten und seine Hand fuhr in die Tasche. »Ist – ist etwas geschehen?« stammelte der andre. »Was geschehen ist, wissen Sie!« »Ist ein Unglück geschehen?« Robert gab wieder keine Antwort. »Ich bitte Sie, Herr Winter, ist ein Unglück geschehen?« Robert schwieg, aber ein unheimliches Keuchen drang aus seiner Brust. »Um Gottes willen, sprechen Sie doch, ist was mit Lore passiert?« »Ja. Ich hab' sie am Teiche gefunden.« Da verzerrt sich das Gesicht des jungen Mannes, und die Hände graben sich in seine Haare. »Tot – Winter – tot?« Keine Wimper zuckt an dem andern. »Ertrunken, Winter, ertrunken – wegen mir –« Er taumelt nach dem Tische, hält sich an, hebt die Augen entsetzt zu ihm auf. »Im – im Teiche – ertrunken?« Da endlich redet Robert. »Nein! Ich kam noch zur rechten Zeit.« Scholz sinkt auf einen Stuhl. »Sie ist nicht – nicht tot? – Winter – da – da –« Er streckt ihm die Hände hin, aber Robert steht bewegungslos. »Sie können gut Theater spielen, Herr Scholz«, sagt er mit Eiseskälte. »Theater, nein – ich – ich – ich – Sie wissen ja nicht – Sie wissen ja nicht! – Das wär' ja mein Ende –« »Es wäre nicht schade um Sie – Sie Schuft!« Fritz Scholz zuckt kaum zusammen bei der Beleidigung. »Bin ich – bin ich ein – Schuft?« lallt er wie geistesabwesend. Da wirft sich Robert Winter zum Richter auf. »Wer ein so schönes – fröhliches – reines Mädchen, wie die Lore war, verdirbt und sie dann im Stiche läßt, der ist ein großer Schuft. Gestern fand ich sie auf der Straße – ohnmächtig – sie hatte sich zuschanden gelaufen um Ihretwillen – Sie waren nicht zu Hause. Abends da hat dann die ganze Familie ihr Grauen gehabt über Sie – und dann, da holte ich die Lore vom Teiche. – Gelt, Sie hätten die Lore nicht geholt, Sie saßen hier in der warmen Stube. Aber Sie sind ein ganz dummer Mensch! Was wissen Sie von dem Jammer eines solchen geschändeten Mädchens? Was wissen Sie von einem so hilflosen Kinde? Sehen Sie mich an! Meine Mutter ist auch so einem gewissenlosen Schuft, wie Sie sind, in die Hände gefallen, sie ist am Wegrande gestorben, und ich – ich bin nicht gestorben – ich, das uneheliche Kind, bin ein glücklicher Mensch in der Welt geworden. Und so wird's nun der Lore gehen und ihrem Kinde.« Der andre hat sich die schweren Vorwürfe angehört, jetzt erholt er sich. »Herr Winter, ich weiß nicht, was Sie sagen. Es ist wahr, ich hab' der Lore geschrieben, ich könnte sie noch nicht gleich heiraten, meine Eltern sind dagegen.« »Ach«, unterbrach ihn Winter mit bösem Hohn. »Die Eltern! Sie geben dem Söhnchen die Erlaubnis nicht. Wegen der andern Sache hatte er nicht erst um Erlaubnis gefragt. Sie glauben wohl, Sie – Sie Bursche, Ihr Lebensglück und das Glück Ihrer Eltern ist wichtiger als das Lebensglück des Mädchens? Das Mädchen ist ja zehnmal mehr wert als Sie und Ihre ganze Sippschaft!« »Herr Winter – das ist zu viel. Jetzt schweigen Sie! Ich werde die Lore heiraten, aber erst in zwei Jahren. Ich laß mir von Ihnen ja bloß so viel gefallen, weil Sie meine Braut –-« Robert lachte laut auf. »Ihre Braut! Sie täuschen sich vielleicht. Sie glauben doch nicht, daß die Lore keinen bessern bekommt?« Fritz Scholz sah ihn verständnislos an. »Was soll das heißen? Einen andern? – Wen? – Sie?« »Mich nicht! Ich bin ein armer Kerl. Aber es gibt einen, dessen Einkommen nicht zu klein ist, sie zu heiraten, bei dem die Lore sich nicht um die Ehre zu reißen braucht, am Hungertuche mitzunagen – Berthold Hartmann.« »Berthold Hartmann –den dummen Menschen –« »Besser weniger klug und weniger schlecht! Die Mutter weigert sich noch, aber – sie wird nachgeben.« Da gewinnt Fritz Scholz seine Fassung wieder. »Das – das geht nicht – das ist unmöglich –den nimmt ja die Lore nicht – und ich geb' sie ja auch nicht her – ich geb' sie nicht her – lieber wollte ich mit ihr hungern.« »Reden Sie nicht so! Der Lore wird bei dem Berthold wohler sein als bei Ihnen.« »Aber ich liebe sie doch – ich lieb' sie ja so sehr –« Robert lacht rauh. »Das hat man gesehen!« »Es war ja bloß augenblickliche Verwirrung – Ratlosigkeit – ich geb' sie ja nicht auf – ich geb' sie nicht auf.« »Sie werden es müssen.« »Nein! Tausendmal nein! Und das Kind! Mein Kind! Sie gehört doch zu mir!« Da werden Robert Winters Züge mit einem Male weicher. »Ist es Ihnen um das Kind?« fragte er leise. »Ja!« »Ist das wahr?« »Ja!« Eine Minute lang steht Robert Winter regungslos. Er kämpft den letzten Kampf. »Wollen Sie – wollen Sie die Lore wirklich haben?« »Ja! Ja!« »Werden Sie gut mit ihr sein?« »Ja! Immer!« Robert schweigt noch eine kurze Weile. Dann sagt er tonlos: »Sie ist hier in der Stadt bei Bekannten: Gartenstraße 15, bei Hübner.« Fritz Scholz springt auf. »Ich will hingehen – mit ihr reden.« Robert winkt ihm ab. »Morgen! – Morgen ist es – zeitig genug.« Dann steht er wieder in Gedanken, versunken und fragt endlich: »Werden Sie bald heiraten?« »Ja. Wenn die Lore will – bald!« »Es ist gut!« Robert Winter greift in die Tasche und legt einen Revolver auf den Tisch. »Was – was soll das?« »Den schenk' ich Ihnen als Hochzeitsgeschenk.« Die Blicke bohren sich ineinander. Mit Schaudern sieht Fritz Scholz den Gegner an, von dem er weiß, daß er wegen einer Gewalttat drei Jahre gefangen war. »Den schenk' ich Ihnen«, wiederholt Robert Winter. Dann wendet er sich zur Tür. Aber er dreht sich noch einmal um. »Ich habe etwas vergessen zu sagen: Die Lore bekommt zwölftausend Mark Mitgift. Zwölftausend Mark!« * * * Robert geht nach der Gartenstraße zurück. Er bittet die alten Leute, ihn mit Lore auf ein paar Minuten allein zu lassen. Mit gesenktem Kopfe steht er vor dem Mädchen, und mit leiser Stimme sagt er: »Sei nicht mehr traurig, Lore, er wird dich heiraten. Ich war bei ihm. Morgen kommt er her, und er heiratet dich bald. Und er tut's – weil er dich liebt. – Ich hab' es ausgeforscht. Von der Mitgift hab' ich ihm erst zu allerletzt gesagt. Er heiratet dich bald.« Sie starrt ihn an. Kein Leuchten geht über ihre Züge, keine Freude blitzt auf in ihren Augen. »Lore, wirst du nun ruhig und zufrieden sein?« Sie sieht ihn mit brennenden Augen an und schluckt und findet kein Wort. Sie sieht ihn noch einmal an, und dann sinkt sie mit dem Kopf auf die Tischplatte und weint bitterlich. Junges Kind, kam dir eine Erkenntnis? Robert steht erschüttert vor ihr. Dann küßt er sie leise auf den blonden Scheitel und geht davon. Achtzehntes Kapitel Von tausend Zweigen sang der Frühling junge Lieder. Wandernde Bäche, wandernde Wolken, wandernder Wind. In diesen Tagen wird dem Menschen sein Heim unlieb. Er trennt sich gern von ihm wie von einem Bekannten, bei dem er zu lange zu Besuch war und dessen er überdrüssig geworden ist. Der Wächter auf der Höhe stand noch kahl, aber an seinen Füßen blühten zwei Veilchen, auf die blickte der Wächter den ganzen Tag wie ein rauher Kriegsmann, der in zwei Kinderaugen sieht. Er durfte ruhig träumen auf seinem Vorposten. Dem Wald, der hinter ihm sich dehnte, drohte jetzt kein Unheil. Da lagen brütende Vogelmütter auf bunten Eiern, und der Herzschlag alten Lebens einte sich mit dem Herzschlag werdender Wesen. Da gab es alle Tage neue Freude, neue Heimkehr, neues Wiederfinden. Am Fuße des Wächters saß Robert Winter. Er hatte heute nichts zu tun. Hartmann hatte Feiertag angesetzt für sein ganzes Haus. Die Lore hatte Hochzeit. Gottlieb und die Christel waren hinein nach der Stadt. Außer den zweien würden bloß die Verwandten des Bräutigams, die sich in Anbetracht der Mitgift rasch beruhigt hatten, an der Hochzeit teilnehmen. Sonst niemand. Vor allen Dingen er nicht, obwohl ihm die Lore einmal und der Bräutigam dreimal darum geschrieben hatte. Lores Brief hat er aufgehoben. Am frühen Morgen hat es einen häßlichen Auftritt gegeben: Berthold hat seine Mutter schlagen wollen. Seit die Lore fort ist, ist der Bursche heimtückisch, trotzig, oft halb tobsüchtig. Wandernde Bäche, wandernde Wolken, wandernder Wind. Der Teich schimmert. Die Weiden tragen silberfarbene Kätzchen. Der blaue Himmel spiegelt sich in der Flut. Und die Lore ist drüben in der Stadt und hält Hochzeit. Robert Winter lehnt sich fest gegen den Stamm des Baumes. Er sieht von fern den Gottlieb und die Christel kommen. Es ist jetzt vier Uhr nachmittags. Die Trauung ist am frühen Morgen gewesen. Und heute noch reist das junge Paar weit fort, denn Scholz hat sich versetzen lassen. Robert Winter erhebt sich und steigt den Hügel hinab. Er geht den beiden ruhig entgegen. »Ist sie verheiratet?« »Ja.« »Und sie reisen noch heute fort?« »Ja, Robert.« »So ist es gut – gut, weil es aus ist!« Sie gehen ein paar Schritte die Straße entlang, da sagt Gottlieb Peuker: »Robert, viel können wir dir ja nich sein, aber ganz wirst du unsre Freundschaft nich verachten.« »Nein. Und deshalb bleib' ich hier. Wegen dir, Gottlieb, wegen Ihnen, Christel, und auch wegen Herrn Hartmann.« Er reicht beiden die Hände, und sie gehen heim miteinander. Zur selben Stunde fährt ein Eisenbahnzug hinaus in die Welt. Eine junge Frau steht am Fenster, und als sie in der Ferne den Kirchturm von Teichau auftauchen und verschwinden sieht, denkt sie in schwerem Herzeleid an den einen. Wandernde Bäche, wandernde Wolken, wandernder Wind. Den ganzen Tag flogen schnelle Vögel durch die Luft, den ganzen Tag wiegten sich die Bäume im lauen Wind. Nichts wollte rasten. Die dicken Ackerpferde machten unbefohlene Versuche durchzugehen, die Kühe zerrten an ihren Ketten. Dr. Friedlieb ging am Tage zwanzigmal zwecklos durchs Dorf. Peterle Hübner sprang am Tage fünfzigmal zwecklos über einen Graben und verstauchte sich beim einundfünfzigsten Male den Fuß. Die Scherwenken machte freiwillig das Fenster auf. Der trunksüchtige Winkler-Maurer schlief fast regelmäßig im Freien. Fräulein Jettel war einmal ohne Haube vor die Tür getreten. Und die dicke Witwe schrieb an Steiner Liebesbriefe. Steiner aber antwortete nicht, denn er allein war in Trübsinn gefallen. Und einmal, als bei Einbruch der Nacht der Frühlingswind fröhlich vor dem kleinen Bäckerhause sang und neckisch in den Schornstein fuhr bis in den Ofen, wo er mit einem Häuflein kalter Asche spielte, schritt Steiner durch die blühende Frühlingspracht, öffnete die Pforte des Bäckerhauses und rief in die Finsternis hinein: »Schulze, mach' Licht!« » L'amico – der Steiner! 's is herrlich! Ich bin ooch schon da!« Drei Männer saßen am erloschenen Backfeuer um den Schein einer Talgkerze und berieten über ihr Leben. Der Italiener begann: »Gurz und kut, ich gneif' aus! Testo scheener 's Wedder wird, testo weniger baßt mir mei padrone . Er ist ein krosser asino , und ich mag bei so'n verrückten Gerl nich bleiben. Die Leite in der Stadt gomm' zwar in unser Geschäft, aber se nähm' uns nich ernst. Heite hab' ich gegindigt, morgen gneif' ich aus.« Schulze richtete seine lange, dünne Gestalt empor und sagte: »Mit der Post is nischt los! Damals im Herbste hab' ich der Post den Gefallen getan und mich anstellen lassen. Mei nahrhaftes Gewerbe hab' ich aufgegeben, meine Kundschaft verloren, a ganzen Winter in dem Sauwetter Briefe und Pakete verschleppt, und nu, wo's Frühjahr kummt, wird der alte Briefträger wieder gesund, und mich sägen se einfach ab. Mir nischt, dir nischt, als wenn nischt gewesen wär', als wenn man nischt aufgegeben hätte! Aber so verfahren se mit a armen Leuten. Von heute ab bin ich Sozialdemokrat.« »Schäm' dich,« sagte Steiner, der als früherer Unteroffizier solche Reden nicht liebte, »aber recht haste! Erst ziehste 's Glückslos, und nu sitzt de im Unglück. Aber mir geht's noch viel schlechter als euch. Grauen wird euch, wenn ich's euch sage. – Grauen! Die Jettel hat Salatpflanzen gesteckt.« Er machte eine Pause und sah die Kameraden erwartungsvoll an. Die waren in Verlegenheit, denn es graute ihnen nicht. »Grauen muß euch«, begann Steiner wieder. »Sie hat Salatpflanzen gesteckt, und weil die Spatzen kommen und die Salatpflanzen ausreißen, verlangt sie, ich soll mich mit meiner Tuba in den Garten stellen und die Spatzen fortblasen.« »Puh! Cattivo! Als spauracchio! Als Vogelscheiche!« »Ja, als Vogelscheuche,« wiederholte Schulze entsetzt, »unser Chef!« »Als Vogelscheuche, meine Herren«, sagte Steiner mit Nachdruck und erhob sich zu königlicher Haltung. »Ich, ich hab's ihr angestrichen. ›Gnädiges Fräulein‹ hab' ich gesagt, ›ich bin keine Vogelscheuche und ich möchte Ihnen nicht ins Handwerk pfuschen.‹« » Magnifico! Splendido! Das haste bickfein g'sagt.« »›Gnädiges Fräulein,‹« hab' ich gesagt, »›eineVogelscheuche ist kein Mann, ist niemals ein Künstler, eine Vogelscheuche ist immer ein gnädiges Fräulein.‹ Darauf hat sie mir gekündigt.« »Terribile! Erscht beleidigen und dann ooch noch gindigen.« Sie saßen am erloschenen Backfeuer und berieten über ihr Leben. Und da sie fanden, daß sie alle stellungslos seien, das Wetter schön, der Weg trocken sei, beschlossen sie ihr altes Leben wieder aufzunehmen, als Bettelmusikanten zu reisen wie früher. Da wurden sie rot im Gesicht vor Freude. Da sprachen sie von fröhlicher Wanderung, von glücklicher Rast am blühenden Feldrain oder im schlummerstillen Walde, von einsamen Schenken und freundlichen Herbergen, von jungem, tanzlustigem Volk und klingendem Lohn. Dann redeten sie von Robert Winter. »Er geht nicht mit uns«, sagte Steiner betrübt. Die anderen schwiegen, auch sie wußten bereits, daß sich ihnen Robert Winter nicht anschließen wollte. »Wenn ich nur wüßte, warum«, sagte Steiner. »Er meint, er will nicht undankbar sein. Undankbar sind wir auch nicht. Wir haben einen Winter hier gelebt und unser Brot selbst verdient. Nun können wir ruhig weiterziehen. Anfangs dachte ich, es sei wegen des Mädels – wegen der Lore –. Aber die Lore ist fort. Sie hält ihn nicht mehr hier.« »'s is noch eene andere ragazza da – die Christel«, meinte der Italiener. Steiner schüttelte den Kopf. » In puncto Christel habe ich mich getäuscht. Er liebt sie nich – trotz der wollenen Wäsche. Er wurde ganz fuchtig, als ich auf die Christel anspielte.« »Wenn er fuchtig wird, dann liebt er sie«, sagte der Bäcker mit philosophischem Stirnrunzeln. »Denn Fuchtigkeit und Liebe sind immer beisammen. Aber ich glaube, es is mit ihm nischt zu machen. Schade! Er blies 'ne schöne Nummer.« »Ja,« sagte Steiner, »er paßte zu uns. Und nu fehlt uns die Melodie, und Melodie müssen wir haben.« »Da gann der Päcker die Melodie uff der Drombede plasen.« Eine Melodie auf der Trompete is hart«, sagte der Kapellmeister. »Bei schmetternden Stücken is sie gut, aber bei den Liebesliedern tättert sie zu sehr. Da is Waldhorn besser. Vielleicht finden wir in einer Stadtherberge 'n Waldhornbläser. Unterdes behelfen wir uns mit der Trompete.« Sie beschlossen, eine Probe zu machen, denn ihre Instrumente waren im Bäckerhause untergebracht. So saßen die drei vor dem dunklen Backofen. Wo das kleine Licht sich spiegelte, schimmerten dunkle Goldfunken aus der Finsternis. »Schlösser, die im Monde liegen«, kommandierte Steiner. Sie spielten einige Takte. Sie brachen ab. Sie bekamen Streit. Sie fingen noch einmal an, brachen wieder ab, bekamen noch einmal Streit. »Bäcker, du bist gut für die Salatpflanzen!« schrie Steiner. Der Backer wollte eine heftige Antwort geben, aber eine aufgescheuchte Fledermaus, die in seinem Backofen geschlummert hatte, flog ihm an den Kopf, mahnte ihn an die ganze Unfruchtbarkeit seines bürgerlichen Berufes und mäßigte seinen Zorn. »Blas du doch auf deiner Tuba die Melodie«, sagte er. »Melodie blasen is nich so einfach. Da muß man sich erst einrichten. Ich werd' schon üben. Wenn ihr beide im Walde schlafen werdet, stell' ich mich dazu und üb' Melodie.« » O misericordia , wenn ich schlafen du, pläst er!« seufzte der Italiener. Dann einigten sie sich auf den »Rixdorfer«. Der ging erheblich besser. Stellen, wo Schulze in der Melodie einige Unsicherheit zeigte, vertuschte Steiner durch die verdreifachte Wucht der Begleitung. So freuten sie sich am Schluß und bliesen den Rixdorfer da capo . »Wartet, ihr verfluchten Kerle, ich werd' euch gleich den Takt schlagen!« Dr. Friedlieb trat ein und fuchtelte mit seinem Spazierstock. »Was soll denn das heißen?« Die Musikanten brachen mit einer greulichen Dissonanz ab. »Wir – wir üben, Herr Doktor – weil uns das so – so Spaß macht.« »Von – von wägen de Melodie – sähn Se –« »Weil wir – weil wir gerade Zeit hatten!« »Lüge! Auskneifen wollt ihr! Fortlaufen! Bummeln! Fechten!« Sie sahen sich betreten an, sie hörten kaum etwas von der donnernden Strafpredigt, die ihnen der Doktor hielt. Steiner fühlte sich als Oberhaupt der Gesellschaft verpflichtet, deren Sache zu führen. »Herr Doktor, die Musik liegt im Blute! So wie die Vöglein in den Bäumen singen müssen, so ist es auch bei uns.« Dr. Friedlieb unterbrach rauh das poetische Bild. »Quatschen Sie nich, Steiner, Sie dummes Schaf! Sie singen nich, Sie grunzen! Wenn ihr nich alle drei zu eurer Arbeit geht, zu eurer ehrlichen, seßhaften Arbeit, so laß ich euch einsperren!« Nun sprachen sie alle drei zu gleicher Zeit, der Bäcker von seiner undankbaren Kundschaft und der noch undankbareren Postverwaltung, der Italiener von seinem ›padrone‹ , bei dem er sich lächerlich fühle, Steiner von Sperlingen, Salatpflanzen und Fräulein Jettel. Der Skandal wurde so groß, daß nun drei Fledermäuse herumschwirrten, das Talglicht umfiel und Dr. Friedlieb aus der wüsten Finsternis flüchtete, nachdem er den Musikanten in einer Flut strenger Worte befohlen hatte, sich am nächsten Mittag bei ihm zu melden. Noch stand die Frühlingssonne nicht am Himmel, aber helles Rot flammte im Osten. Die Nebel der Nacht zerrannen auf den leuchtenden Feldern, und an den tausend Blüten des »Wächters« glitzerte der feine Tau. Da standen die Musikanten oben auf der Höhe und jeder hatte in einem Tuch verhüllt sein Instrument unter dem Arme. Sie standen zum Abschiednehmen da. Sie lugten oft hinüber nach dem Friedliebschen Gehöft und wären rasch davongegangen, wenn sich dort die Pforte geöffnet hätte. Aber sie blieb geschlossen. So stand ihnen der Weg in die Welt offen, und sie hatten das, was sie wünschten. Aber da sie nun den letzten Blick dahinunter warfen, wo sie viele Monate sicher und geborgen gewesen waren, war doch ein Abschiedsschmerz in ihnen. »Es war ein gutes Dorf«, sagte Steiner. »Und ich werde an den Herrn Doktor ein'n Entschuldigungsbrief schreiben und an meine Witwe eine Ansichtskarte.« »Die Küstermagd wird flennen – flennen wird sie«, sagte der Bäcker und wandte sich ab, weil ihm eine Träne langsam über die lange Nase lief. »Addio mia bella Teichau, Addio, addio! La tua soave imagine, Chi mai, chi mai scordar potra« summte der Italiener. Der Morgenwind fuhr durch die Äste des Wächters und schüttelte den Musikanten weiße Blüten auf Schulter und Hut. Da sahen sie Robert Winter den Hügel heraufkommen. »Ich geh' ein Stückchen mit euch«, sagte er, als er anlangte. Und sie verschwanden alle vier im Walde. Als sie kaum hinter den ersten Stämmen waren, blieb Steiner stehen und sagte mit Herzlichkeit: »Robert, ich bitt' dich, geh mit uns!« »Geh mit uns«, baten die anderen. »Ich kann nicht! Ich kann nicht fort von hier. Ich weiß selbst nicht warum.« Sie gingen den Waldweg entlang, die Musikanten in stiller Trauer, Robert in schweren Kämpfen. Die Vögel sangen so schön, der Morgen war so klar, die Welt so sonnig. Leichtes Marschieren war auf diesem grünen, freien Wege. Da hinter ihm lag seines Lebens schwerste Not. Da vor ihm war Freiheit und Stille. Da hinten im Tale war das Weib, das ihn haßte, da lag viel hämische Anfeindung und viel kalte Gefühllosigkeit. Neben ihm gingen treue Kameraden. »Geh mit uns, Robert!« Die Höhe war erreicht. Der Weg führte bergab. Da blieb er stehen. »Lebt wohl! Kommt wieder!« Sie reichten ihm stumm die Hände und wandten sich zum Gehen. Er sah ihnen nach mit traurigen Augen. Auch, als sie verschwunden waren, stand er immer noch an derselben Stelle, und in den Füßen zuckte es ihm, ihnen nachzueilen. Aber wie gehalten von einer fremden Macht blieb er stehen. Da hörte er unten im Tale blasen: »Ich hatt' einen Kameraden, einen bessern findst du nit.« Es war eine unbeholfene Musik, aber sie drang dem einsamen Manne auf der Höhe bis in die tiefste Seele. Als die Musik verstummt war, wandte er sich mit bleichem Gesicht zur Heimkehr. Er sah nichts von den Wundern im blühenden Frühlingswald – er hörte nichts von den jauchzenden Liedern der bunten Singer. Eine schwere Weise klang ihm im Herzen immer, immerfort: »Ihn hat es weggerissen –« Als er beim »Wächter« wieder ankam, war ein Verwundern in ihm, warum er die Kameraden habe allein reisen lassen, warum er zurückkehrte in das große Haus jenseits des bösen Teiches. Er wußte nicht, daß sich hier sein Geschick erfüllen sollte, wußte von nichts anderem, das ihn zurückhielt, als von den zwei freundlichen Augen eines kranken Mannes. Neunzehntes Kapitel Es war Juni geworden. Auf dem schmalen Fußwege, der vom Bahnhof her nach Teichau führte, schritt Dr. Friedlieb. Er trug eine leichte Reisetasche. Bei einer Wegkreuzung zog er die Uhr, rechnete aus, daß jetzt Kaffeezeit sei und daß nach einer geraumen Weile hier die Christel vorbeikommen müsse, falls die Hartmannschen Leute auf den Waldwiesen beschäftigt wären. Falls – ja falls – denn ob es wirklich der Fall sei, wußte er nicht. Er war anderthalb Tage lang verreist gewesen, Zeit genug, um auch in wichtigeren Dingen die Übersicht über die lokalen Geschehnisse zu verlieren. Doch er setzte sich an den blühenden Wegrand und wartete. Und er hatte sich nicht verrechnet. Die Christel kam. Sie trug ein leeres Körbchen am Arm, in dem sie den Arbeitsleuten das Vesperbrot gebracht hatte. »Herr Doktor, Sie waren verreist? Und wir hörten, daß auch Ihr Fräulein Schwester verreist sei.« Der Doktor zog das Mädchen sanft neben sich an den Wegrand. »Verreist – ja verreist – und Fräulein Schwester auch verreist – sie vorneweg, ich hinterher! – Sie is nämlich – – ausgekniffen!« »Die Jettel? Ach!« »Die Jettel! Jawohl! Ausgekniffen, desertiert, genau so wie dieser verfluchte Kerl, der Steiner, und die anderen Halunken. Einfach auf und davon! Na, Christel, unter uns gesagt, ich bin froh, daß sie fort is!« Das Mädchen schwieg. »Ja, sehn Sie, Christel, wir paßten einmal nich zusammen. Sie war mir zu dumm, und ich war ihr zu grob. Und das sagten wir uns bei jeder passenden Gelegenheit. Vorgestern früh hat die Jettel dem Winkler-Maurer 'n Taler geborgt, mittags hat er den Taler versoffen, nachmittags hab' ich's rausgekriegt und mit der Jettel Krach gemacht, und abends mit'm letzten Zuge fuhr sie ab. Alles an einem Tage! Es hat sich alles logisch und knapp entwickelt und abgespielt! Na, ich Hab' natürlich getobt, wie ich's rauskriegte, namentlich weil sie mir so 'n blödsinnigen Brief hinterlassen hatte. Der triefte von Sentimentalität und Unlogik. Immerhin, dachte ich, es is die Schwester! Wirst ihr mal nachfahren! Eigentlich, sagte ich mir, mußt du ihr gar nich nachfahren, denn wer fortlaufen will, der lauft eben. Aber – na ja, ich fuhr!« Er hielt inne. »Und wo trafen Sie die Schwester?« Dr. Friedliebs Gesicht nahm einen leidenden Ausdruck an. »In einem Jungfernstift! O – Christel!« Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Geschwindelt habe ich heute – geheuchelt – scheußlich! Zugeredet habe ich ihr, sie soll wieder mit heimkommen. Zugegeben habe ich, ich hätte unrecht gehabt, war' zu grob gewesen, und sie sei 'ne ganz patente Schwester. Na, und lauter solchen Quatsch! Denken Sie, sie hat sich bereden lassen? Keine Spur! Sie bleibt! Was die in dem Stifte Gutes stiften wird, ist mir unklar. Und ich sitz' dahier und weiß nich, ob ich mich ärgern muß oder ob ich mich freuen darf.« Das Mädchen schwieg wieder. »Wissen Sie was, Christel, ich werd' mich einfach freuen. Freilich, mein ganzes großes Hauswesen is jetzt ohne weibliche Aufsicht. Und das wird ja – das wird ja auf die Dauer – – hm ja!« Auch er schwieg. Heimlich summten wilde Bienen in gelbem Ginster und blühendem Klee. Ein Schmetterling setzte sich auf einen schwanken Rittersporn vor die beiden Menschenkinder und schlug leicht mit seinen bunten Flügeln. Von fernher rief ein Kuckuck. Und die alte Linde am Wege streute weiße Blüten auf den Weg, auf Ginster und Rittersporn und auf das schweigende Paar. Christels Augen irrten durch grünes Blattgerank ins tiefe Himmelsblau. Ihre Wangen blühten wie roter Mohn, und ihre Gestalt bebte leise wie die Ähren auf reifendem Felde. Dr. Friedlieb hob eine kleine Schnecke auf, die sich durch den Sand quälte und setzte sie auf ein grünes Blatt. Eine Weile kämpfte er mit sich, dann sagte er: »Christel, ich möchte mich einmal zu Ihnen aussprechen. Ich weiß, Sie sind klug, Sie werden mich verstehen, Sie werden mir auch nichts übelnehmen. Es ist ja schwer, was ich sagen will, aber ich will's nicht so ewig mit mir rumtragen; es wird mir leichter werden, wenn Sie alles wissen, und dann werden wir erst recht Freunde sein. Daß Sie aber nicht von vornherein erschrecken, sag' ich's bald: Heiraten will ich Sie nicht.« Ein leichtes Zucken ging durch des Mädchens Körper, und ihr Auge wurde starr. Der Doktor bemerkte es nicht. »Nein, heiraten will ich Sie nicht! So dumm bin ich nicht!« »Sie – Sie sollen ja auch nicht«, sagte sie heiser. »Ich weiß – ich weiß! Ich hab' mir das selbst gesagt, und deshalb haben Sie nicht nötig, mir einen Korb zu geben. Ich weiß, daß Sie trotz allem und allem den Musikanten lieben –« Sie sprang auf. »Nein, das ist nicht wahr! Oder ich liebe ihn doch nicht so, wie man einen Mann liebt, den man – den man heiraten möchte!« Er sah sie scharf an. »Ach! – Was – was Sie sagen! Und es muß wahr sein, denn Sie lügen nie.« Er sah sie ganz fassungslos an, und nun wurde sein Gesicht rot. »Ich will jetzt gehen, Herr Doktor!« »Wollen Sie nicht hören, was ich Ihnen anvertrauen wollte?« »O ja!« Langsam und müde setzte sie sich nieder. »Also heiraten will ich Sie nicht!« begann er aufs neue. »Es wäre ja sehr albern von mir. Wie im Frühjahr die Musikanten ausgerückt sind, habe ich mich schwer geärgert; am meisten habe ich mich aber geärgert, daß gerade der eine nicht mit ausgerückt ist, der Winter! ›Was will der Kerl?‹ habe ich mich gefragt. ›Warum zieht er nicht mit seinen Kameraden? Hat er nicht als Musikant ein frohes Faulenzerleben? Und was hält ihn hier? Die Lotte ist fort; so kann's nur die Christel sein!‹ Sehen Sie, und das war mein Gram!« Er schwieg ein bißchen, dann fuhr er fort: »Es ist ja schrecklich dumm von mir. Es ist unmotiviert, es ist ruppig. Aber ich kann nicht anders. Denn der Winter würde dann hier im Dorfe bleiben; und das wollt' ich Sie eben bitten. Fräulein Christel: Wenn Sie mal heiraten, dann heiraten Sie nach auswärts.« »Warum?« Sie fragte in arglosem Staunen. »Warum? – Weil – weil ich sonst fort müßte; denn hier im Dorfe Ihnen immer als der Frau eines anderen zu begegnen, das – das hielt' ich nicht aus. Das machte mich rasend, das brächte mich um!« Groß richteten sich die Augen des Mädchens auf den Mann. »Seien Sie nicht böse, Christel, wegen dieses dummen Geredes; ich will Sie ja auch wirklich nicht heiraten, aber ich könnte es auch nicht mit ansehen, daß Sie die Frau eines anderen sind, weil ich Ihnen – weil ich Ihnen so rasend gut bin.« Er ergriff ihre Hand und preßte seine Stirn darauf. Wie eine Bildsäule saß das Mädchen da mit weißer Stirn und entfärbten Wangen, ganz leblos; nur in den Augen brannte ein seliges Licht auf. »Ich liebe Sie, Christel, ich liebe Sie, und wenn ich nicht einundzwanzig Jahre älter wäre als Sie, da wollte ich um Sie werben –« »Ist es – ist es nur das Alter?« stammelte sie. Er hob den Kopf hoch. »Ja – was sonst? Nur das Alter! Nur das!« Da stieß das stille Mädchen einen leisen Jubelruf aus und schlang die Arme um den Hals des Mannes und preßte das glühende Gesicht an das seine. Dr. Friedlieb saß ein bißchen ganz still da und stand dann auf. »Erlauben Sie – das – das ist mir nicht klar!« Christel schlug die Hände vors Gesicht. »Mädel, liebes Mädel, sieh mal, einundzwanzig Jahre –« »Es ist – es ist ganz gleich – es ist gut so!« »Gut so?« wiederholte Dr. Friedlieb in stupidem Tonfall. Dann setzte er sich nieder. »Nein, nein, Christel, davon ist keine Rede! Ich durchschaue Sie doch! Aus dem alten, schnauzigen Doktor Friedlieb machen Sie sich doch im Grunde genommen gar nichts! Na, das wird Ihn'n niemand verdenken können! Aber Sie sind eine edle Natur, Sie wollen sich opfern, Sie wollen jetzt, da ich so alleine dastehe, sich opfern. Aber daraus wird nichts! Das wär' unrecht, wenn ich das annähme, wenn ich Sie auch – auch so über alles gern zur Frau möchte.« Sie saß neben ihm, schaute ihn an, faßte ihn an beiden Händen. Tränen rannen über ihre Wangen, und dann schmiegte sie sich an seine Schulter und sagte ihm mitten im schweigenden Walde leise ins Ohr von ihrer Liebe. Die wilden Bienen summten in Ginster und Klee, der Kuckuck rief von ferne, der Wind fuhr leise durch die blühenden Zweige der Linde. Das Weib sucht bei dem Manne, den es liebt, Schutz. Selbst wenn es keinen Schutz brauchte, würde es doch solchen suchen, würde sich lieber absichtlich schwächer machen, als daß es der holden Gabe entbehrte. Wilhelm Friedlieb und Christine Hartmann hatten den Wald noch nicht verlassen, als sie ihm die Not ihres Lebens offenbarte. Sie klagte nicht über ihre freudlose Jugend, nicht über die Mutter, aber sie mußte ihm das sagen, wofür ihre Seele keinen Ausweg sah. »Der fremde Musikant – der Robert Winter ist mein Bruder!« Dr. Friedlieb, dem sein Glück noch in den Sinnen lag, verstand sie nicht. Da erzählte sie alles vom Eintreffen Roberts bis auf diesen Tag. »Es war so schwer zu tragen – so schwer durchzuführen – ich hab' dich oft um Rat bitten wollen – ich durfte nicht – der Vater hatte es mir verboten. Aber jetzt muß ich dir alles sagen.« Langsam begann der Doktor die schwere Sache zu verstehen. »Und warum – warum sagt ihr 's ihm nicht? Ihr müßt ihm doch reinen Wein einschenken!« »Der Vater fürchtet sich! – Die Mutter!« Sie hatte geglaubt, die Entdeckung würde ihn in Erregung versetzen. Das war nicht der Fall. Ganz ruhig, beinahe belustigt, sagte er: »Richtig, die Mutter! Na, ein schrecklicher Angstmeier ist ja der Hartmann, gar kein richtiger Mann, und sie is 'ne böse Nummer! – Doch halt, verflixt, das werden ja jetzt meine Schwiegereltern! Siehst du, Christel, ich bin doch alt, ich kann nich in 'n richtigen respektvollen Schwiegersohnston reinfinden. Na ja, er fürchtet sich, – ich versteh' das – und gesorgt hat er für den Robert durch das Testament – das is nu wieder mal anständig von dem Hartmann! Wenigstens nach seinem Tode erkennt er das Kind an. Aber ich, ich alter Esel bin immerfort auf den Robert eifersüchtig gewesen! Auf den Bruder!« Sein glückliches Lachen hallte laut durch den Wald. »Was sollen wir denn machen? Gib mir einen guten Rat. Du bist so klug!« »Nee, klug nich! Aber, sieh mal, Christel, ich werd' dir einen Rat geben: Wir könn'n nämlich gar nischt machen!« »Ja, siehst du,« fuhr er ernster fort, »ich will dich nicht ängstigen, aber es steht doch schlecht mit deinem Vater. Wenn einer mal so 'n Schlaganfall weghat, dann ist die größte Schonung notwendig. Wenn es jetzt zu einem heftigen Streit zwischen deinen Eltern käme, würde es wahrscheinlich deines Vaters Tod sein.« »Ich weiß es!« Traurig sah Christel vor sich hin. Dr. Friedlieb grübelte darüber, wie er eine tröstende Zärtlichkeit anbringen könne; es fiel ihm aber nichts anderes ein, als daß er das Mädchen fest am Oberarm nahm. »Nicht so – nicht so betrübt sein, Christel, 's ist ja auch Unsinn! Der Robert hat 's doch ganz gut so. Das bissel Zeit, da dein Vater noch lebt, kann er sich gedulden. Und dann bringen wir schon alles ins richtige Geleis.« »Wenn er aber vor der Zeit von uns fortgeht – wieder in die Welt hinaus –« »Das müssen wir verhindern! Ausreißen laß ich ihn nicht! Die andern Musikanten sind mir zwar ausgerückt, die Jettel auch. Aber bei der Jettel hab' ich's gewußt. Jawohl, gewußt. Ich hab's gemerkt, daß sie zwei Reisekörbe packte. Pack' nur, pack', dacht' ich! Damit sie recht unbehelligt flüchten konnte, ging ich aus. In der Pappelallee Hab' ich gewartet, und als ich sie fahren sah, da – da sah ich nach der Uhr, ob sie auch 'n Schnellzug noch erwischen würde. Wie ich dann nach Hause kam, habe ich anstandshalber getobt, und am andern Tage bin ich nachgefahren. Alles nur zum Scheine! Das war 'ne Heuchelei von mir, 'ne Gefühlsroheit! Aber, zum Teufel, ich konnt' mir nich helfen. Sie hat mich zuviel geärgert.« Das Mädchen lächelte ein wenig. »Und wenn ich dich ärgern sollte?« »Wirste schon, Christel, wirste bestimmt! Jede ärgert! Die eine oft, die andere manchmal! Die Jettel oft, du manchmal! Damit bin ich ganz zufrieden. Und sieh mal, Christel, sieh mal –« Er schrieb mit seinem Stocke in den Sand: 45 = –24. »Also das ist eine Rechnung mit negativen Größen! Bist doch vier Jahre in die Stadtschule gegangen, wirst das schon kapieren. Also minus fünfundvierzig Jahre, das bin ich, und minus vierundzwanzig Jahre, das bist du! Verstehst du, jedes Jahr, das man lebt, ist minus eins. Man steigt in der Ziffer und sinkt im Werte. Es is wie bei den Schulden. Weniger ist da immer mehr. Also, wenn sich so 'ne minus fünfundvierzig neben eine minus vierundzwanzig stellt, das is eigentlich 'ne Mogelei! Und wenn sich da mal die Vierundzwanzig bissel mausig macht, da kann die Fünfundvierzig gar nischt dagegen knurren, denn sonst rückt die Vierundzwanzig aus, und die Fünfundvierzig steht allein da und zielt mit ihren zwei falschen Gleichheitsbalken ins Blaue.« Dr. Friedliebs Augen glänzten. Er hatte das Gefühl, sich jetzt als Liebhaber unterhaltend und witzig gezeigt zu haben. Das kluge Mädchen sah lächelnd auf die Rechnung im Sande. Sie wies auf die –24. »Und wenn wir da dazurechnen, was an Hilflosigkeit und an Fehlern da ist und von der Fünfundvierzig abziehen die ganze Tüchtigkeit, die Herzensgüte, die Hochachtung –« Sie kam nicht weiter. Dr. Friedlieb zerstörte in Hast die Rechnung mit dem Stocke. »Christel sei still, du hast von Mathematik keine Ahnung! Du kannst nicht zu reinen Zahlen bloße, nichtige Begriffe addieren. Aber du bist ein guter Kerl!« Glückselig schaute er sie an. Und er reichte ihr die Hand. »Christel, paß auf, es wird fein werden!« Ehe sie aus dem Walde traten, bekam er Lust, seiner Braut einen Kuß zu geben, aber es kam ihm zu peinlich vor, und so lenkte er sich selbst ab, indem er sich nach der Scharwenken erkundigte. * * * Während des Restes dieses seines Verlobungstages besuchte Dr. Friedlieb noch fünf Patienten, erwog mit dem Liebigbauern die Anlage eines Brunnens, zankte eine Magd aus, die sich für ihre Ausstattung beim Tischler einen »Glasschrank« bestellt hatte, versprach, ans Landratsamt einen Protest wegen ungerechter Verhängung der Hundesperre einzureichen, hatte einen Streit mit der alten Leipelten, weil sie ein Kopftuch unter dem Strohhute trug, und untersuchte die Hosentaschen einiger Dorfbüblein, ob sie auch brauchbare Schnäuztüchlein enthielten. Er fand einige Unordentlichkeiten und stellte fest, daß es nicht recht sei, wenn ein verantwortlicher Beamter wie er tagelang verreise. Nach dem Feierabend traf er Robert Winter auf der Straße. Er nahm den jungen Mann, der darob sehr erstaunte, mit in seine Wohnung. »Setzen Sie sich, Robert, ich komme gleich wieder!« Der Doktor brachte zwei Flaschen Wein und stellte sie auf den Tisch. »Also, Robert, die eine Flasche is Sekt – kostet vier Mark fünfzig Pfennige – die andere ist Mosel – is unter Brüdern zwölf Mark wert. Woll'n mal erst die Mosel trinken.« »Herr Doktor, ich weiß nicht – wie ich zu der Ehre –« »Woll'n mal erst die Mosel trinken! 'ne Flasche Mosel für zwölf Mark is immer 'ne Ehre! Für Sie und für mich! Also, daß Sie sich nich etwa vor lauter Erstaunen verschlucken – ich Hab' mich verlobt!« Robert Winter verfärbte sich ein wenig. »Der Herr Doktor haben sich verlobt? – Auf der Reise?« »Jawohl, Robert – ganz recht – auf der Reise! Ganz richtig geraten – auf der Reise! Mußte extra verreisen, um endlich mal dazu zu kommen.« Der Doktor lachte, daß er sich schüttelte. Der Musikant aber saß ganz betreten da. »Arme Christel!« entfuhr es ihm. »Na, hör'n Sie mal, Robert, das find' ich nu nich gerade sehr höflich von Ihnen! Es ist ja wahr, ich hab' mir 's auch lange bedacht, aber –« »Verzeihen nur der Herr Doktor, es is mir so rausgefahren, mir tut halt das Mädchen leid, der Herr Doktor wissen ja nich –« »Was weiß ich nicht? Hat sich Ihnen die Christel anvertraut?« Der Musikant nickte. »Und da sagen Sie, das Mädel tut Ihnen leid?« »Ja, ich sollte auch gewiß nichts verraten, es is mir jetzt so entschlüpft –« »Raus mit der Sprache! Was hat sie gesagt? Ich muß das wissen! Sie wären ein grundschlechter Mensch, Robert, wenn Sie mir's nicht sagten. Es hängt alles davon ab, mein Glück, Christels Glück! Ist sie – ist sie unglücklich?« »Ja, die Verlobung muß sie ja unglücklich machen!« »Muß sie unglücklich machen? So! – So! – Muß sie unglücklich machen! Na dann – sowas läßt sich ja Gott sei Dank rückgängig machen.« »O, nein, Herr Doktor, nicht doch – ich weiß ja nicht, was ich sag', sie kann ja ihren Sinn seitdem geändert haben.« »Was heißt seitdem? Seit Sie mit ihr gesprochen haben? Seitdem den Sinn geändert? Sehr gut! Das ginge ja flinker wie bei einer Wetterfahne! – Man soll sich nich mit Weibern einlassen!« Der Doktor hieb sein Weinglas auf, daß es zerbrach. Robert Winter saß mit bleichem Gesicht da. »Was geht Sie das überhaupt an?« brüllte der Doktor auf ihn los. »Wann – wann haben Sie mit der Christel gesprochen?« »O, es ist wohl über ein halbes Jahr her.« Der Doktor starrte ihn an. »Ein halbes Jahr? – Ja, Mensch, was – was haben Sie denn vor einem halben Jahr von meiner Verlobung sprechen können?« »Von Ihrer Verlobung ja natürlich nicht, Herr Doktor; aber, ach Gott, ich war ja schuld, ich hatte mich da mal so dumm benommen, und da sagte mir die Christel –« »Was sagte sie?« »Es gibt nur einen Mann, den ich lieb hab' und den ich heiraten möchte, aber der gar nicht daran denkt, und das ist –« »Wer ist das? Wer? Wer ist der Kerl? Wer is der Lause-Wenzel?« »Sie! – Sie, Herr Doktor!« Dr. Friedlieb ging langsam um den Tisch und setzte sich aufs Sofa. »Ich?« Mehr war er nicht imstande zu sagen. »Ja, Sie, Herr Doktor! Und wenn jetzt die Christel hören wird, daß Sie sich auf der Reise verlobt haben, da wird sie natürlich – sehr unglücklich sein, und weil sie so ein gutes, liebes Mädchen ist, tut sie mir halt leid.« Dr. Friedlieb saß ganz still. Ganz leise nur grunzte er oder stieß ein kurzes, meckriges Lachen aus. Dabei zeigte er abwechselnd mit dem Zeigefinger nach Roberts Stirn und nach seiner Stirn. Schließlich sagte er langsam und mit großer Herzlichkeit: »Robert, Sie sind ein Kamel!« »Das heißt,« setzte er hinzu, »immer hübsch unparteiisch: ich bin auch eins. Also, sehen Sie, da liegt mein schöner Römer in Scherben, und der gute Wein auf Jettels guter gehäkelter Tischdecke. Weil wir Kamele sind! Also, Robert, jetzt werde ich Ihnen mal 'ne Sonne aufgehen lassen: die Christel, das is ja eben die, mit der ich mich verlobt habe.« »A – ch! Die Christel? A – ch! Und Sie sagten auf der Reise?« »Auf der Reise! Auf 'm Wege vom Bahnhof hierher! Hatte die Reisetasche und 's Paraplue dabei in den Händen und noch den Lokomotivruß im Gesichte.« Kleine Mißverständnisse machen die Menschen rasch vertraut miteinander, sie schlagen leichte intime Brücken von Seele zu Seele. So bei diesen Männern, die sich bisher fast fremd geblieben waren. Beim dritten Glase fragte Dr. Friedlieb: »Also unpassend benommen haben Sie sich mal gegen die Christel? Sind ja 'n toller Kerl! Sowas hätt' ich Ihnen Duckmäuser gar nicht zugetraut. Was war denn los gewesen?« Robert Winter war blutrot. »Herr Doktor, ich kann – ich will – bitte, erlassen Sie mir das!« Der Doktor brummte. Nach einer Weile sagte er: »Ich kann mir's denken: Die Christel ist sehr freundschaftlich zu Ihnen gewesen, und da haben Sie gedacht. Sie sei in Sie verliebt.« Den Musikanten faßte eine Beschämung. Er stand auf. »Herr Doktor, ich möchte nach Hause –« »Nee, nee, keene Spur! Ich hab' nämlich ganz dasselbe gedacht. Ja, sehn Sie, der Mensch kann sich täuschen. Wenn z.B. hier im Dorfe mal 'ne Witwe war, und ich kümmerte mich 'n bissel um sie, weil ich dachte, das wär' so meine Pflicht und Schuldigkeit, gleich dachten die alten Schachteln, ich hätte Absichten. Mit Witwen ist das überhaupt immer schwierig, die erschweren einem die soziale Fürsorge kolossal. Um mal auf was anderes zu kommen: Sehn Sie, Robert, von unserer Verlobung weiß außer Ihnen noch niemand was. Hartmann is krank, ich muß mal 'ne gute Stunde abpassen, daß ich 's ihm sage, sonst erschrickt er am Ende zu sehr, weil ich doch einundzwanzig Jahre älter bin. Der Frau gönn' ich 's ja, denn der würde ich kaum sehr grün werden, und wenn ich Sultan wäre und von ihr dreißig Töchter heiratete. Aber sie würde raufgehen und 'm Alten 'ne Szene machen. Also muß ich mir 's verkneifen und kann sie mit der Verlobung erst später ärgern. Der Berthold is 'n dummer Kerl; also sind von der ganzen Familie bloß Sie übrig, dem ich mich anvertrauen kann.« Robert Winter lächelte ein wenig. »Von der ganzen Familie sagen der Herr Doktor?« Friedlieb erschrak ein bißchen und nahm sich vor, sich nicht zu verraten. »Ja, nu ich meine, Sie sind doch so 'n bissel was wie Pflegesohn. Sie sind doch nich wie 'n gewöhnlicher Angestellter. Sie müssen doch jetzt die ganze Geschichte dort über Wasser halten. Na, und die Christel, die behandelt Sie doch wirklich wie 'n Bruder.« Der Musikant saß vor dem Doktor mit roten Wangen. »Ja, das ist wahr! Wenn ich eine Schwester hätte, sie könnte nicht besser zu mir sein als Fräulein Christel. Und deswegen erschrak ich vorhin so, und deswegen freu' ich mich jetzt so, daß es zwischen ihr und Ihnen, Herr Doktor, so gekommen ist.« Dr. Friedlieb wandte sich ab und trat ans Fenster. »Freilich,« fuhr Robert fort, »freilich für mich ist es schlimm, denn wenn Fräulein Christel aus dem Hause fortgeht, dann werd' ich auch nicht mehr bleiben.« Mit einem Ruck drehte sich Dr. Friedlieb wieder um. »Das ist Unsinn! Unsinn ist das! Greulicher Unsinn! Mensch, das werden Sie nicht tun, Sie werden auf alle Falle dableiben, auf alle Fälle abwarten!« »Herr Doktor, das können Sie mir nicht verdenken! Ich bin mit meinen früheren Kameraden nicht fortgegangen, ob sie mir auch so zugeredet haben. Ich wollte aushalten, hauptsächlich der Christel wegen, weil die immer freundlich war, weil ich immer spürte, die hat mich gern, der bin ich nicht im Wege.« »Und wem sind Sie denn im Wege? Doch nicht Herrn Hartmann?« »Nein, dem auch nicht, der ist auch gut zu mir! Sehr gut! Aber jetzt ist er krank, ich sehe ihn oft viele Tage nicht. Aber die Frau und der Berthold –« »Der Berthold auch?« »Früher vertrugen wir uns. Aber jetzt, wo er so anders is, da die Lore fort ist, wo er mit allen liederlichen Mädeln rumzieht, da – ich hab' ein paarmal ihm zugeredet, und seit der Zeit ist's aus. Gestern hat er mir gesagt, ich hätte auf seinem Hofe gar nichts zu suchen.« »Der Berthold ist 'n Trottel! Bei dem langt's in keiner Weise, weder hin noch her. Aus dem werden Sie sich nichts machen.« »Aus ihm nicht so viel, aber aus der Frau! Sie regiert nu das ganze Haus, und sie kann mich nich leiden, ich weiß, ich bin ihr geradezu verhaßt. Gestern, wie der Berthold das zu mir gesagt hat, hat sie laut gelacht. Sehn Sie, wenn man da 'n bißchen Ehrgefühl hat, da muß man doch gehen. Ich weiß nich, was die Frau gegen mich hat, aber sie will mich raushaben. Ich bin ihr ein Dorn im Auge. Sie zeigt mir das bei jeder Gelegenheit.« Dr. Friedlieb ging aufgeregt durch die Stube. »Ich glaube das gern, Robert! Aber das muß man eben auf sich nehmen. Denken Sie, wenn die jetzt meine Schwiegermutter wird, ich werd' 'n leichten Stand haben? Aber fortlaufen kann ich deswegen nicht. Und wo wollen Sie denn hin? Ich würde sagen: ziehen Sie zu mir! Aber das will ich doch jetzt der Familie nicht antun, wo ich heirate. Sie sind ja auch dort gar nicht zu entbehren. Die Frau is bloß so vernagelt, sie müßte ja froh sein, daß Sie da sind.« »Sie sind so gütig zu mir, Herr Doktor, so von Anfang an und immer –« »Nu nee, immer nich! 's hat Zeiten gegeben, wo auch ich Sie zum Deibel gewünscht habe. Na, wegen der Christel! Weil ich so albern war, zu denken, das Mädel könnte in Sie verliebt sein. Aber jetzt, Robert, das können Sie glauben, bin ich Ihr bester Freund. Eh' ich Sie fortlaufen ließe, eher wartete ich mit der Hochzeit; na, und das könn'n Sie nicht verlangen. Sie werden dableiben, Robert, aushalten, abwarten, auch wenn die Christel nicht mehr im Kretscham ist! Sie können zu uns kommen jeden Tag.« In tiefer Bewegung streckte der Musikant dem Doktor die Hand hin. »Ja, Herr Doktor, ich werde dableiben, auch wenn die Christel heiratet.« »So ist's recht! So ist's abgemacht! Es wird alles gut werden!« Es klopfte. Eine Magd brachte ein Telegramm. Hastig öffnete es Dr. Friedlieb, entfärbte sich und sank aufstöhnend auf einen Stuhl. »Sie – sie kommt wieder!« »Was ist denn, Herr Doktor?« »Die Jettel – sie telegraphiert: ›Weil du alles eingesehen hast und zugibst, daß ich nie schuld bin, komme ich morgen zurück. Deine treue Schwester.›« Ein grimmiges Gelächter durchschüttelte seinen Leib. »Weil ich alles eingesehen habe, weil ich zugebe, daß sie nie schuld ist, da – da kommt sie wieder! Die treue Schwester! Ich – ich werd' 's ihr anstreichen! Ich schmeiß' sie raus, ich will sie nicht mehr, ich will endlich meine Ruhe, ich will heiraten –« Er grübelte düster vor sich hin. Dann setzte er ein Telegramm auf: »Bleiben. Ich komme morgen hin. Dr. Friedlieb.« Und schickte es durch einen Eilboten nach der Stadt. »Nu kann ich morgen wieder verreisen,« knirschte er, »und alles das, was ich gestern und heute so – so rein anstandshalber geschwindelt habe, widerrufen. Bin der Blamierte! Hätt' ich sie einfach laufen lassen, wär' ich schön heraus! Wie ein Märtyrer ständ' ich da in meiner Verlassenheit! So – so muß ich sie – nein, Robert, man soll nicht schwindeln, nicht anstandshalber und nicht aus Verlegenheit oder Mitleid. Die Lüge ist ein Sumpf, auf den man nicht bauen kann, der einzig feste Grund ist die Wahrheit, auch wenn sie kantig und rauh und felsenhart ist. Ach, wenn man immer die Wahrheit sagen könnte!« Er sah den Musikanten mit tiefer Bewegung an. »Die ganze Wahrheit! Aber es gibt Fälle, wo einem der Mund verschlossen bleibt gegen allen guten Willen.« – Als Robert Winter an diesem Abend nach Hause ging, war sein Herz leichter als sonst, und in seiner Seele dämmerte ein Heimatsgefühl auf. Doch als er in den Kretscham trat und daran dachte, daß die Christel das Haus bald verlassen werde, faßte ihn ein Frösteln in der Sommernacht. Und ein eigentümlicher Gedanke fiel ihn an: Die Christel würde ihm, um heimisch zu werden, mehr fehlen als die Lore, die er so leidenschaftlich geliebt hatte. Zwanzigstes Kapitel Die Getreideernte war beendet, die letzte Fuhre Weizen eingebracht; kaum daß hier und da ein langsames Bäuerlein noch ein Fleckchen Hafer liegen hatte. Die Scheunen waren gefüllt, und große Getreideschober erhoben sich auf den Feldern, dicke, gelbe Türme, die von Macht und Reichtum des Bauern zeugen, stolze Außenwerke reicher Höfe. Da wurde das Erntefest begangen mit Kuchenbacken, Schlachtfest, Kirchgang, Spiel und Tanz. Das Hauptinteresse des Tages aber war der Hochzeit des Dr. Friedlieb mit Christel Hartmann gewidmet. Das ganze Dorf wetteiferte, dem freundlichen Mädchen seine Liebe, dem Doktor Dankbarkeit zu bezeigen. Führte er auch ein altmodisch-autokratisches, oft sehr willkürliches Regiment, die Leute fühlten keine Härte, weil so viel Menschliches und so viel Amüsant-Theatralisches dabei war. Und es gab keinen Menschen im Dorfe, dem sich der Doktor noch nicht einmal nützlich erwiesen hätte. Für Nützlichkeit aber haben die Bauern Verständnis. So wurde am Vorabend der Hochzeit ein Fackelzug veranstaltet, in dem neben vielen bunten Papierlaternen auch zehn Pechfackeln zu sehen waren, wie der Schulze in seiner Huldigungsrede hervorhob. Der Lehrer brachte am klaren Sommermorgen mit seinen Schulkindern ein Gesangsständchen, das den Doktor bis zu Tränen rührte, und alle Leute hatten geflaggt, sogar die, die sonst den Sedantag vergaßen. Die Scherwenken hielt den ganzen Tag ihre Fenster offen, damit »er« sich nicht ärgere, wenn er an ihrem Häuslein vorbeiginge, und die Leipelten hatte, obwohl nur 19 Grad Wärme waren, kein Kopftuch unter dem Strohhut, sondern nur höchst unauffällig die Ohren mit Watte vollgestopft. Der Winkler-Maurer sogar brachte ein schweres Opfer. Er stellte sich nachmittags um 3 Uhr, da die Trauung war, völlig nüchtern an die Kirchentür. Und er sah blaß aus wie ein Aszet. Der eigentlichen Hochzeitsgäste waren wenige. Lore hatte abgeschrieben. Sie hatte einen Knaben geboren, zu dessen Wartung sie daheim bleiben mußte. Sie schrieb selten und wenig, niemals etwas davon, wie es ihr eigentlich gehe. Nur daß alle gesund seien, betonte sie, daß sie mit dem Gelde auskämen und daß sie allen in Teichau so dankbar sei. Auch ihr Mann kam nicht zur Hochzeit. Er gab an, jetzt im Dienste nicht abkömmlich zu sein. Als dieser Brief vorgelesen wurde, stand Robert am Fenster und starrte hinaus. – – – Während der Hochzeitsvorbereitungen hatte es im Hartmannschen Hause noch eine heftige Szene gegeben. Es war in dem Zimmer, wo Hartmann im Lehnstuhl saß. Die ganze Familie war versammelt, dazu Dr. Friedlieb und Gottlieb Peuker. Der Doktor sprach über die Trauzeugen. »Meine beiden Trauzeugen«, sagte er, »sind mein alter Freund Geheimrat Professor König und mein andrer alter Freund Gottlieb Peuker.« Frau Hartmann stieß ein lautes Lachen aus, und Berthold fing vor Vergnügen an zu tanzen. Der alte Großknecht Gottlieb aber sagte: »Ich weiß, Herr Doktor, Sie stuppen mich nich aus! Sie woll'n 's wirklich! Sie woll'n mir alten Manne die Ehre antun! Ich danke schön – ich rechne mir das hoch an, aber ich nehm' 's natürlich nich an.« »Sie müssen, Gottlieb! He, Sie werden mir doch das nicht abschlagen! Das wär' eine große Kränkung für mich! Ich hab's extra so gemacht. Mein Freund König ist einer von den besten Menschen in der großen Stadt, und mein Freund Peuker ist einer – – Na, kurz und gut, Sie müssen mein Trauzeuge sein!« Da fuhr Gottlieb mit der rauhen Hand über das Gesicht, nickte zweimal mit dem Kopfe und ging hinaus. Draußen stand er lange in der Haustür. Dann färbten sich seine runzeligen Backen rot, er ging nach seiner Stube, zählte in einer Truhe sein Geld und begab sich dann zum Schneider, bei dem er sich einen Anzug mit schwarzem Gehrock bestellte. »Und meine Trauzeugen«, sagte Christel inzwischen, »werden sein: Berthold und Robert – Robert Winter.« Ein Schein der Freude ging über das Gesicht des Kranken. Die Frau bemerkte das. Ihr blasses Gesicht nahm eine graue Färbung an. Sie mußte heftig nach Luft schöpfen, als sie sagte: »Das – das wird ja die reinste Dienstbotenhochzeit! Gibt's denn niemand anders? Denkt ihr nich an meine Verwandten? Hat nich die Christel genug Vettern? Warum – warum soll sich denn der Berthold gerade neben einen Knecht stellen?« »Nu eben«, sagte Berthold. »Das paßt mir schon lange nich.« Dr. Friedlieb vergaß die Pietät, die er als angehendes Familienmitglied schuldig war, und sagte: »Berthold, du bist 'n Schaf! Wenn sich mein Freund König, der 'n wirklicher König der Wissenschaft is, zum Gottlieb Peuker stellt (und er stellt sich gerne zu ihm, das weiß ich), da wirst du dich doch wohl zum Robert Winter stellen können. Also sei nich albern!« Berthold zuckte trotzig die Achseln, die Frau aber konnte ihre Wut nicht mehr verbergen. »Ein Schaf is der Berthold nich! Sie brauchen ihm nich vorzuwerfen, daß a nich so viel gelernt hat wie Sie! 's kann nich jeder Doktor sein! Überhaupt, wenn Sie das so rausdrehen wollen, daß wir Ihnen zu gering sind, da wär's ja besser –« »Mutter!« »Laß sie, Christel, laß sie! Sie spricht zwar nicht logisch, aber sie spricht fließend!« »Sie! Sie! Ich – geh' überhaupt nich mit zur Hochzeit! Hat man sich sowas an seinen Kindern erzogen? Sowas verdient? Und immer, immer dieser Kerl! Der zugelaufene Bummler! Lassen Sie mich reden, das is ja vorläufig noch mein Haus! Jawohl, mein Haus! Ohne mich, ohne mein Geld wär' die Bude hier längst zugemacht worden.« »Anna!« Der Kranke litt schwer. Aber er war machtlos und konnte sich nicht wehren. »Ich werd' hier meine Meinung sagen! Und so dumm, wie Sie denken, bin ich nich. Ich weiß, was ich weiß!« »Richtig!« »Jawohl, richtig! Wer's weiß, wird's schon wissen!« »Wieder richtig!« »Ich bitte dich, Wilhelm, es is die Mutter –« »Natürlich! Na, Frau Hartmann, ich tu Ihn'n doch auch nichts. Ich verstehe bloß nich, wie Sie sich so ereifern können. Sehn Sie mal, 'n kirchlicher Trauzeuge zu sein, das is nich gerade was Schweres. Man hat einfach dazustehen, braucht nich mal `gauz' zu sagen. Braucht nich mal 'n Namen schreiben. Da ist's doch ganz egal, ob der Robert dasteht oder 'n andrer.« »Was soll'n denn bloß die Leute sagen; was soll'n sie sich denn denken? Und nich amal 'n anständigen Anzug hat a.« »A is halt in Hemdsärmeln Beistand«, sagte Berthold höhnisch. »A kann sich mein'n schwarzen Anzug anziehen«, sagte der alte Hartmann leise. »A is von meiner Statur, und ich werd' kein'n schwarzen Rock mehr brauchen.« »Deinen – guten – schwarzen – Rockanzug –?« Die Frau brachte das stoßweise heraus und sah den Mann erschrocken, feindselig an. Hartmann machte eine hilflose Gebärde. Er litt schwer unter der aufregenden Unterhaltung. »Den schwarzen Anzug! Hört nur! Hört nur! Hört nur! Das is ja gar nich, als ob a der Knecht wär', das is ja –« Hartmann wurde sehr bleich. Dr. Friedlieb sprang zu ihm. »Hören Sie auf, Frau! Sehen Sie denn nicht, wie Sie ihn aufregen, wie Sie ihm schaden? Herr Hartmann, seien Sie ruhig, trinken Sie da mal 'n Schluck Wasser! Christel, gib die Medizin in dem braunen Fläschchen her! – – – So, und nun ist's gut damit! Regen Sie sich nicht auf! Was ist auch dabei! Es war meine Absicht, daß Robert Beistand sein sollte, ich hab's der Christel eingeredet. Ich wollte es tun, weil – weil der Robert – weil ich ihn doch hergebracht habe und weil – weil ich ihn bei den Dorfleuten mal einheben wollte – ja, deshalb! Aber wenn deshalb hier Streit und Aufregung entsteht, da können wir's ja lassen. Da müssen wir's ja lassen.« Der Kranke beruhigte sich etwas, nur seine Brust rang schwer nach Atem. Die Frau hantierte erregt auf dem Tische herum. Berthold ging hinaus. »Den guten schwarzen Rockanzug!« begann sie noch einmal. »Wenn der jemandem zukommt, so ist's der Berthold, der Sohn – der Sohn sage ich –« »Ja doch, ja doch, Frau Hartmann! Er kann ihn ja haben! Und jetzt muß ich Sie als Arzt dringend auffordern, daß hier Ruhe wird!« * * * Die Orgel klang, ein paar junge Mädchen und Burschen des Dorfes sangen eine Kantate, der Männergesangverein, dem Dr. Friedlieb als Ehrenmitglied angehörte, marterte sich mit einem Chor, dann klang die Orgel allein weiter, und das war schön. Freundlich schien die Sonne durch die bunten Kirchenfenster und vergoldete Christels grünen Brautkranz. Der Doktor stand stattlich neben ihr und hatte es nicht verwinden können, bei der Rede des jungen Priesters, der die Trauung vollzog, ein paarmal zustimmend mit dem Kopfe zu nicken. Dann kamen die Gebete um Segen, der weithin reicht über Kinder und Kindeskinder. Steif und regungslos saß Robert Winter in der Kirchbank. Wie durch einen Schleier sah er den Priester, das Brautpaar, die vier Trauzeugen. Nicht einmal darüber wunderte er sich, wie feierlich und sicher der alte Gottlieb Peuker neben dem seinen Professor aus der Hauptstadt dastand. Die äußeren Erscheinungen waren ihm gleichgültig. Vor ihm auf der Bank lag ein altes Gebetbüchlein, in schwarzes Leder gebunden. Er blätterte scheu darin. Dieses Büchlein nahm er nur bei den wichtigsten Veranlassungen seines Lebens. Und einmal – Einmal blätterte er bis zum Titelblatt zurück. »Martha Hellmich, geboren den 15. Juni 1850.« Das Gebetbuch – das einzige Erbe seiner Mutter! Seine Reliquie. Und er lenkte sich ab, sah wieder zum Altar. Er hörte die Segensworte und sah sie in lieblicher Erfüllung vor dem Auge seiner Seele: sah weit in der Zukunft glückliche Kinder spielen in der sicheren Umfriedung der Ehe, die da vollzogen wurde. Seine Seele wurde wieder matt und bitter, er war wieder der Ausgewiesene, Heimatlose, Rechtlose, der aus keiner Ehe kam und wohl nie in eine Ehe gehen würde. Scham befiel ihn: daß er keine größere Freude empfinde über das Glück dieser beiden Menschen, die er doch lieb hatte. Er wußte nicht, was ihm das Leben Kostbares geraubt hatte: Spannkraft und Mut, daß es ihn feig und scheu gemacht hatte, unfähig zu den hohen Dingen, zu denen ungetrübte Mitfreude gehört. Sogar als er heute früh den Anzug, den er sich für das von Dr. Friedlieb »geborgte« Geld gekauft hatte, anzog, mutete ihn die schwarze Farbe an wie Trauer. Der Hochzeitszug ordnete sich, die Kirche zu verlassen. Gleich hinter dem Brautpaar schritt der Geheimrat mit Fräulein Jettel Friedlieb, die kurz vor der Trauung in einem puritanisch einfachen Hochzeitskleide erschienen war, im übrigen jetzt aber stolz daher schritt und die zahlreich versammelte Gemeinde nicht eines Blickes würdigte. Zu Hause angelangt, führte der Doktor seine Braut in sein Arbeitszimmer. Sie waren allein miteinander. Der Doktor küßte seiner jungen Frau zärtlich Stirn, Mund und Hand und schloß dann einen Schub auf, dem er ein Schriftstück entnahm. »Liebe Christel,« sagte er ernst, »das hier ist mein Testament. Es bestimmt, daß du nach meinem Tode die Hälfte meines Vermögens bekommst und die andre Hälfte die eventuellen Kinder. Abzüglich einiger Legate.« »Wilhelm – heute bei der Hochzeit –« Sie schmiegte sich an ihn, und sie, die bei der ganzen Trauung keine Träne vergossen hatte, fing leise an zu weinen. »Na – nicht, Christel, bloß das nicht! Na, sieh mal, Ordnung muß sein, und wenn man so viel älter is –« »Wilhelm, du ängstigst mich so. Bist du denn krank? Du bist doch Arzt, du mußt das doch wissen. Ich hab' Kummer um dich!« Sie sah ihn angstvoll an. Da fing er an zu lachen. »Kummer hat sie – Kummer! Um mich Kummer!« Und er küßte sie viele Male. Und brummte dazwischen: »Kummer hat sie, Kummer! Ausgerechnet um mich! Kummer!« Aber dann lachte er laut. »Nee, nee, nee! Keine Spur! Ich sage dir, ich bin geradezu auffällig gesund! Vor acht Tagen habe ich mich um eine große Summe in der Lebensversicherung erhöht. Da untersuchen sie einen höllisch genau. Denkst du, die Kerle fanden was an mir? ›Die Versicherung is froh, daß wir Sie kriegen‹, sagte der Vertrauensarzt. Na, zahlen muß ich auch genug!« Es klopfte. »Entschuldige, lieber Freund, die Störung, aber dein Fräulein Schwester wünschte durchaus, daß ich sie sofort hierher führe.« »Nu, wir wären ja gleich rübergekommen«, knurrte der Doktor. Fräulein Jettel nahm nach einem Seitenblick auf den Geheimrat eine sehr vornehme Haltung an und hub an also zu sprechen: »Geehrtes Brautpaar, ich habe es für meine Pflicht gehalten, der ehelichen Verbindung meines Bruders beizuwohnen, und bringe meine Gratulation dar, gleichzeitig aber empfehle ich mich, denn ich reise unverzüglich wieder ab.« »Jettel, du – du bist ja ganz verrückt!« Ein empörter Blick traf ihn. »Ich will sagen, Jettel, das is doch von dir bloß 'n Hochzeitsulk, das is doch nich dein Ernst –« »Fräulein – Fräulein Friedlieb, ich bitte Sie so sehr –« Sie gab weder dem Bruder noch der jungen Frau Antwort, sondern wandte sich an den Geheimrat: »Herr Geheimrat, bitte, führen Sie mich zum Wagen.« »Na, dann – dann wünsch' ich zum wenigsten noch glückliche Reise!« schrie ihr der Doktor nach. Wütend schritt er durch das Zimmer, nahm das Testament und hieb es auf den Tisch. »Da – da streich' ich 'n Legat, da paßt nur mal auf!« Die junge Frau saß stumm auf einem Stuhl. Er trat vor sie hin und faßte ihre Hand. »Na, Christel, das tust du mir nicht an, daß du dich etwa darüber ärgerst! Über so 'ne, so 'ne – – da ärgert sich kein vernünftiger Mensch! Wenn die auch nich da is! Pah! Da wird wenigstens der Wein nich so sauer schmecken! Ärgern? Am Hochzeitstage ärgern? Was pfeifen werd' ich ihr!« Und er pfiff wirklich. Der Geheimrat kam zurück und sprach ein paar beruhigende Worte. Friedlieb trat dicht vor ihn. »Na, König, du kennst sie ja von der Studentenzeit her. Da sieh mal, da bist du ein großer Mann geworden, 'n Licht – schüttle nich 'n Kopp! – 'n Licht sag' ich, denn ich laß mir mein bissel Stolz, daß ich mit so 'nem Mann wie du studiert und promoviert hab', nich nehmen! Da hast du 'n hohen Orden vom Kaiser! Verdient sag' ich, sehr verdient! Da einen vom Sultan, weil du den mal von einer seiner vielen Krankheiten kuriert hast, und da noch 'n paar andre. Sieh mich an! Ich hab' keinen einzigen Orden! Ich bin 'n gewöhnlicher Dorfquacksalber. Aber ich sage dir, König, wenn das höheren Orts bekannt wäre, was ich mit meiner Schwester Jettel durchgemacht hab', da kriegt' ich's Eiserne Kreuz, und meine Frau, die Christel, kriegte die Rettungsmedaille.« * * * Eine laue Sommernacht. Es war Neumondszeit. In tiefer Dunkelheit lag das Dorf. Nur von einem freien Platze hob sich ein phantastisches Bild ab. Ein Karussell drehte sich im Kreise, die Lichter glänzten, die bunten perlengestickten Purpurvorhänge leuchteten, eine Leier tönte lärmend durch die stille Nacht, Holzpferde flogen. Viel junges Volk stand um das Karussell, Burschen und Mädchen. Unter ihnen Berthold Hartmann. Er hatte sich vom Hochzeitsfeste seiner Schwester fortgeschlichen. Der Festkreis in der großen Stube seiner väterlichen Behausung, dieser Kreis, wo der fremde Geheimrat mit seinem neuen Schwager plauderte, war ihm langweilig geworden. Unten im Tanzsaal war freilich ein Volksfest. Aber es hatte ihn fortgezogen zum Karussell, wo die Tochter des Besitzers in grellbuntem Aufputz den »Fahrpreis« einkassierte. Er fuhr jede Tour, schämte sich nicht, auf hölzernen Pferden, Löwen und Ziegenböcken zu reiten und wechselte mit dem dreisten Karussellmädchen verliebte Blicke und Worte. Zuweilen wollte er seinen Reichtum beweisen, lud lärmend die Anwesenden zu einer »Freitour« ein, die er bezahlte, und freute sich, wenn die ganze Horde unter Lärmen und gellendem Schreien sich um die freien Plätze zankte. Und dann lächelte der dicke, schmierige Karussellbesitzer, und dann lächelte seine bunte, dreiste Tochter. Als Berthold schon viel Geld los geworden war, setzte sich auf sein Bitten hin das Mädchen neben ihn auf ein zweites »Pferd«, und er schlang den Arm um sie und fuhr den närrischen Ringelreihen, indes die Leier einen blöden Gassenhauer spielte. Da traf Robert Winter ein. Bertholds Abwesenheit war bemerkt und Robert abgeschickt worden, den Bruder der Braut zum Feste zurückzuholen. »Was will denn der hier?« schrie Berthold, der angetrunken war. »Kommt er mich etwa holen? Was niesen werd' ich ihm! Freitour! Ich bezahle!« Lachend stürzten sich die jungen Leute auf die freien Plätze und übermütig fuhr Berthold mit seiner bunten Gefährtin im Kreis herum, im Kreis herum. Als das Karussell anhielt, trat Robert zu Berthold. »Berthold, Sie möchten bald nach Hause kommen!« »Ich? Was geht denn das Sie an? Was niesen werd' ich euch! Extratour! Extratour!« Wieder die armselige Komödie. Und zum zweiten Male trat Robert zu Berthold. »Lassen Sie sich zureden, Berthold! Bedenken Sie doch, es is die Hochzeit Ihrer Schwester.« »Ganz egal! Es is mir langweilig! Hier is es feiner! Ich laß mir nischt mehr gefallen! Ich bin nich mehr so tumm wie früher! Beim Kommiß bin ich helle geworden! Freitour! Rosa, hierbleiben! Nich weggehen! Bei mir bleiben!« Und das bunte, dreiste Mädchen schmiegte sich an ihn an und ließ sich schamlos vor den Augen aller Bertholds Zärtlichkeiten gefallen. Die Nacht war lau, die Leier lärmte, die bunten Purpurfetzen glitzerten mit ihren Glasperlen. Über Robert Winter kam ein tiefer Grimm. Was lag ihm an diesem beschränkten und so leichtsinnigen Burschen? Was lag ihm an diesem feilen Mädchen! Mochten sie untergehen! Aber die Nacht war schwül, und Robert Winter dachte daran, daß vielleicht nach einem Jahr ein heimatlos Kindlein mehr durch die Welt ziehen würde. Das Kind einer solchen Mutter und eines solchen Vaters! Da kam ihm zum Bewußtsein, daß nicht jede Hagar ein menschlich Mitleid verdient, aber daß es immer und immer um das Kind sei. Nie um den Mann, oft auch nicht um das Weib, aber immer um das Kind. Und es ekelte ihn des funkelnden Gaukelspiels, er erschrak, daß in so elendem Ringeltanz ein junges Leben entstehen und verderben sollte. Als das Karussell hielt, trat er zu Berthold und faßte ihn derb am Arm. »Wenn Sie jetzt nicht augenblicklich mitkommen, dann sag' ich's Ihrem Vater, und dann wird Herr Dr. Friedlieb Sie holen!« »Was – klatschen? Klatschen will der Kerl? Der Teufel hol' ihn! Rausschmeißen werd' ich ihn! Raus aus meinem Hofe, den Stromer, den Fechtbruder!« Robert wandte sich ab und ging fort. Die jungen Leute standen alle stumm und verlegen da. Da sprang Berthold von seinem Holzpferde herab und eilte Robert nach. Es schien, als sei er plötzlich etwas nüchterner geworden. »Wehe Ihnen, wenn Sie klatschen!« Robert gab ihm keine Antwort. »Woll'n Sie mich wirklich beim Doktor und bei meinem Alten verpetzen?« »Schämen Sie sich! Sie sollten von Ihrem Vater mit mehr Respekt reden.« Berthold lachte frech. »Ach der – ich weiß genug, der hat in seiner Jugendzeit noch ganz andre Zicken gemacht – der hat auch ein uneheliches Kind –« Robert gab ihm eine schallende Ohrfeige. Auf der dunklen Dorfstraße rangen die Halbbrüder miteinander. Um des Vaters Ehre! Da kam der alte Gottlieb Peuker, der auch zum Karussell hin wollte, und schlichtete. Einundzwanzigstes Kapitel Einsame lange Arbeitstage. Keine Hoffnung auf ein wenig Freude beim Erwachen, keine Befriedigung über ein gelungenes Werk beim Niederlegen. Wenn Robert vom Felde heimkam, faßte ihn immer ein Frösteln, daß er ins Haus hinein sollte. Seit die Christel fort war, fehlte ihm dort jede Behaglichkeit und jede Sicherheit. Wenn er zufrieden sein wollte, ging er in Gottlieb Peukers Stube. Manchmal traf ihn der Doktor und machte ihm Vorwürfe, daß er abends nicht öfter zu Besuch käme. Aber trotz aller Freundlichkeit des Doktors fühlte Robert, daß er nicht zu ihm gehöre, daß er in jenen Haushalt nicht hineinpasse. Täglich grübelte er darüber, was er anderes beginnen, wohin er sich flüchten könne. Er wußte keine Zufluchtsstätte. Sein ganzes Leben hatte es mit sich gebracht, daß er wenig Energie besaß. So sind die Überzähligen im Leben! Ihnen wird von Urbeginn ab die Daseinsberechtigung bestritten, und wenn sie nicht von sehr starker Art sind, müssen sie furchtsam und feige werden. Sie haben kein lautes Ja und kein trotziges Nein, sie stehen dort, wohin sie gestellt werden, und fürchten oft, auch ohne Grund, überflüssig und lästig zu sein. So werden sie unfroh, untüchtig. Und manche werden heimtückisch, wie verprügelte Tiere heimtückisch werden. Manchmal machte sich Robert Vorwürfe, daß er nicht mit den Kameraden gereist sei. Er hatte von ihnen keine Nachricht. Das Briefschreiben fiel ihnen schwer. Aber im September bekam er doch einen Brief. Steiner schrieb: »Lieber Freund! Es geht uns nur soso lala! Wir haben keine richtige Melodie. Denn auf der Trompete macht sich nicht alles gut. Manchmal haben wir sehr das Heimweh gehabt, und auch zeitweise das Reißen. Aber nach Teichau können wir nicht mehr. Es ist wegen unsrer Ehre und dann wegen Herrn Doktor. Dich möchten wir gern einmal wiedersehen. Wir haben Dich sehr lieb, denn Du bläst eine feine Nummer. Wenn Du wieder mit uns ziehst, kannst Du der Kapellmeister sein. Mir ist schon alles egal geworden. Dem Pohl auch! Der spricht fast bloß noch deutsch. Denn er hat nichts davon. Am besten geht es Schulze, weil der gern lauft. Aber wir können kaum mit. Lieber Robert, weil wir nicht nach Teichau und auch nicht ganz in die Nähe kommen können, wollen wir Dich doch gern einmal sehen. Wir sind Sonntag in acht Tagen in der Waldschenke bei Gliesnitz. Da hast Du nicht so weit, bloß ein Stückchen mit der Bahn. Da komme doch einmal. Wenn Du wolltest so gut sein und Dein Waldhorn mitnehmen und wieder mit uns losziehn, das wäre uns eine Freude. Und wir können dann beraten, ob Du Kapellmeister bist oder ich. Komme ja, wir warten auf Dich. Wir grüßen und küssen Dich alle herzlich. Dein alter treuer Chef Steiner, Unteroffizier a. D. * * * Eine tiefe Freude faßte Robert, als er diesen Brief bekam. Das war Rettung, das war Befreiung. An diesem Tage war er fröhlich. Er hatte einen Ausblick, er hatte wieder einen Anschluß. Er mußte nicht mehr hierbleiben. Du altes, frostiges Haus, bald bin ich dir entrückt; du liebloses, selbstsüchtiges Weib, bald quälst du mich nicht mehr; du dummer, dünkelhafter Bursch, bald sehe ich bessere, freundlichere Menschen als dich. Du Arbeit ohne Freude, ihr öden Tage, ihr verdrossenen Abende, nun seid ihr aus! Aber du alter, alter Gottlieb Peuker – ja, du freilich – ja, du – Und du, freundliche Christel, gütiger Doktor, ja, ihr freilich – Und du, lieber Kranker, der mich aufgenommen, als ich elend, zerrissen, ohne Habe von der Straße kam – – So war Robert bald wieder mitten im Zwiespalt, wieder ohne Klarheit, wieder ratlos und scheu. Und als dieser Sonntag kam, machte er sich zwar unter einem Vorwand frei, um die Kameraden aufzusuchen, aber das Waldhorn ließ er zu Hause. Er sagte sich, er wolle sich's noch überlegen, erst mit den Kameraden reden, nachreisen könne er ihnen noch immer. Es war ein lichter Sonntag. Die klare Herbstsonne beschien Roberts Weg, als er von der kleinen Bahnstation nach der Waldschenke schritt. In seiner Seele war die bange Freude, die jeder hat, der lange nicht gesehene Freunde wiedersehen soll. Eine kleine Anhöhe tauchte auf. Jenseits des Hügels lag einsam mitten im Walde die Fuhrmannsschenke. Auf der Anhöhe stand ein kleiner Mann, der scharf den Weg entlang lugte und plötzlich die Mütze schwenkend verschwand. Das war Pohl, der Italiener, der da auf Posten gestanden hatte. Rascher schritt Robert aus, und seine sonst blassen Wangen leuchteten rot. Und als er auf den Hügel kam, sah er die Kameraden mit den Instrumenten vor der Waldschenke stehen. Steiner gab das Zeichen, und dem Ankömmling tönte ein wohlbekanntes Stück entgegen: »So sei uns treulich willkommen, du alter, lieber Gesell.« Steiner machte mehrere Pausen in der Baßbegleitung, während deren er sich heftig schnauzte, warf endlich die Tuba ins grüne Waldgras, eilte Robert entgegen und schloß ihn in seine Arme. Die andern folgten nach. * * * Hell leuchtete die Herbstsonne in die Gaststube der Waldschenke, wo die vier Musikanten mit glücklichen Gesichtern um den Tisch saßen. Steiner hielt Robert an der rechten Hand, Schulze an der linken, und Pohl, der ihm gegenüber saß, schnitt mit seinem sächsisch-italienischen Gesichte vergnügte Grimassen. »Und du bist nicht mehr so ganz dagegen, wieder mit uns zu gehn?« fragte Steiner. »Nein! Aber ich wollt' erst einmal mit euch reden. Ihr müßt mir noch ein bißchen Bedenkzeit lassen.« »Bedenkzeit is was Bedenkliches«, sagte Steiner. »Nämlich, dann hat man nich viel Lust. Aber wir geben dir die Bedenkzeit. In vier Wochen kommen wir wieder hier vorbei, sagen wir genau heute in vier Wochen. Da sagst du uns Bescheid, und der beste Bescheid is, du bringst dein Waldhorn mit. Ich bin erschrocken, als ich dich so mit leeren Händen kommen sah.« » Jo anche! Ma tu sei un camerado molto bravo! Wenn du nämlich dätst wieder mit uns kehn, da dät ich wieder viel lieber amal a pissel g'pildet räden.« »Hast du nichts – hast du nichts von meiner Küstermagd gehört?« fragte Schulze, der Bäcker. »Sie is verheiratet«, antwortete Robert. »An den Schornsteinfegergehilfen.« »Verheiratet!« Des Bäckers Augen funkelten in grimmer Trauer. »Verheiratet! Und an einen Schmutzian! Die Weiber sind schlecht.« »Nach meiner Witwe frage ich lieber gar nich erst«, sagte Steiner beklommen. »Is auch besser!« »Was heißt, is auch besser! Da muß ich doch dahinter kommen, das kann ich nich so ohne weiteres runterschlucken.« Und Robert gab einen Bericht, der Steiner sehr traurig stimmte und ihm die Lust, nach Teichau zurückzukehren, die bei der Nachricht von Fräulein Jettels Abzug ein wenig aufgeflammt war, wieder nahm. » La donna è mobile ,« sagte Pohl, »ich hab' mein'm Bohlenmädchen von kanz alleene een samften Abschiedsdritt gegäm und prauch mich nu nich zu ärgern. Wenn ich mich immer hätt' über meine abdrünnigen Liebsten geärgert, da wär' ich schon längst mausedot. Da wär' ich euch amal was von Idalchen erzählen.« Sie lehnten alle heftig ab. »Und wie geht dir's, Robert? Bist du so ganz zufrieden und glücklich in Teichau?« Robert sah zum Fenster hinaus in das sonnenbeschienene Gärtlein. Es standen Astern draußen, dicke, bunte Georginen und Sonnenrosen. Ein Mäuslein marschierte durch den Garten und sah zu solch strahlender Blüte auf, die sich schwer zur Erde neigte, und wußte: im Winter wird sie an der Erde liegen. Dann leuchtet sie nicht mehr, aber dann liefert sie saftiges Korn. Scheine, gelbe Sonne, scheine, du bringst Segen! Das Mäuslein ließ sich noch ein wenig den Pelz wärmen und stieg dann in sein unterirdisches Haus hinab. Vor einem Jahre hatte Dr. Friedlieb gesagt: Die Mäuse sind klüger als die reisenden Musikanten, denn sie denken an den kommenden Winter. Das fiel Robert ein. »Ob du wirklich so ganz und gar zufrieden bist, hatt' ich dich gefragt«, wiederholte Steiner. Robert fuhr aus seinem Nachsinnen auf. »Ja, zufrieden, wer ist ganz zufrieden! Seid ihr ganz zufrieden?« »Och ja, ja, nee, nee! Wie man's halt so nimmt!« »Einmal haben wir Kalbsnierenbraten gehabt«, sagte Schulze, der Bäcker, andächtig. »Och!« machte Steiner überlegen, »Braten haben wir überhaupt öfters gehabt.« »Und zweemal ham mer in kanz richt'jen Petten geschlafen. O letto mollu! 50 Fenn'je bro Pett! Und bicksauber sag' ich dir. Geene eenz'je Wanze!« »Och ja, 's macht sich schon«, sagte Steiner wieder. »Und dann, man is halt sein freier Herr. Man braucht sich nich sozusagen behandeln lassen. Von Jettels und so!« » E vero! Mei padrone , der verrickte Gerl, hat mich auch behandelt. Und was macht a, wie ich 'n mal 'ne Ansichtsgarte schicke? A schreibt, ich soll wieder redour gomm'n. A engagiert mich wieder. Das hab' ich aber ritiutato. Abkelehnt! Der Gerl is mir zu wenig solide.« »Backen tu ich auf keinen Fall mehr!« sagte Schulze. Die andern fanden diesen Vorsatz löblich. »Und Menschen lernt man halt so kennen auf der Tour«, nahm Steiner wieder das Wort. »Da war mal abends in eener Kneipe eener, der machte sich mit der Schlacht von Koniggrätz mausig. Na, da lurt ich aber, denn mit Koniggrätz kann mir doch keener was vormachen! Was erzählt der Kerl? A tut so, als wenn überhaupt er der Macher von's Ganze gewesen wär', als wenn ohne ihn die ganze Sache zum Deiwel gegangen wär'. Als wenn wir andern nich auch dagewest wären. Na, das wurmte mich schon lange; aber 'n Gift kriegt' ich, als der Kerl behauptete, er und Bismarck hätten sich persönlich gekannt. A hieß Tulpe, der Kerl. Da erzählt er nu, wie er in einem Straßengraben gelegen und immerfort wie ein Wilder übers Feld fortgeschossen hätte, da wär' uff der Straße sein Bekannter, der Bismarck, vorbeigeritten gekommen und hätte gesagt: ,Unteroff'zier Tulpe, komm'n Sie raus aus 'm Graben, die Schlacht is gewonnen.' Darüber kriegte ich nu eine gräßliche Wut. Meine Herren, sagte ich, meine Herren, hier steht einer, der Koniggrätz wirklich mitgemacht hat, Unteroffizier Steiner. Koniggrätz und Paris. Dahier in dem Seidenpapier sind meine Orden, daß Sie sehn, daß alles wahr is. Wenn den dort Bismarck gekannt hat, dann hat mich der alte Kaiser Wilhelm gekannt. Und wie ich amal nach Berlin gereist war und vorm historischen Eckfenster stand, da sah mich der Kaiser stehen und sagte: `Is das nich der Unteroff'zier Steiner? Holt mir einmal den Mann rein! Gut, ich wurde geholt, und a hieß mich setzen, und wir plauderten so vom Kriege und von Königgrätz und von Paris. Und zuletzt da sagte der Kaiser zu seiner Frau: `Auguste, hol amal die Kümmelflasche, ich will meinem alten Freunde Steiner amal einschenken. Was sagen da die Kerle? Durcheinander schrein sie alle, das wär' nich wahr, und eener sagt, das wär' 'ne halbe Majestätsbeleidigung. Verflucht, dem bin ich aber gekommen! Den hätt' ich beinah gebackpfeift. Und wenn meine Geschichte nich ganz wahr sein sollte, da is die Tulpe-Geschichte vom Bismarck auch nich wahr. Na, da war denn der Tulpe schön blamiert.« » Si non è vero, è ben trovato «, sagte Pohl. Schulze machte durch eine Zigarre, die er sich in den Mund steckte, einen dicken, vertuschenden Strich durch sein ironisches Gesicht, und Robert sah wieder durchs Fenster hinaus zu den Sonnenrosen. Nur Steiner lachte siegesbewußt. »Ich will dir eben bloß beweisen, Robert,« sagte er, »daß man doch auf der Reise was erlebt. Das is doch nich so stupide, wie Rübenaufladen oder gar von Salatbeeten Spatzen vertreiben. Das paßte mir gerade!« Die andern begriffen Steiners Absicht, und nun erzählte jeder einen Schwank, einen lustigen Streich von seiner Reise und gab sich Mühe, das Musikantenleben im rosigsten Lichte erscheinen zu lassen. Was sie Bitteres und Entbehrungsreiches erlebt hatten, verschwiegen sie. Schulze fiel aus der Rolle: »Weißt du noch, Robert, wie mir mal der Vorwurf gemacht wurde, ich hätte kein'n sogenannten Takt, weil ich früher mal hätte mit meinem adligen Kameraden vor dem Schlosse seiner Eltern musizieren woll'n? Na, andre Leute –« Steiner und Pohl winkten ab; aber Schulze fuhr fort: »Andere Leute wollten in dem kleinen Städtel spielen, wo die Lore wohnt, und gar zur Lore hingehn. Aber da hab' ich gesagt: Das wär' aufdringlich, hab' ich gesagt, das tun wir nich!« Roberts Gesicht wurde blaß, seine Augen groß, er sagte kein Wort. Steiner und Pohl waren unwillig und schimpften auf ihren Kameraden. Es kam auch keine lustige Stimmung mehr auf, obwohl Robert die melancholische Anwandlung abzustreifen versuchte. Schließlich gab er einen Bericht über sein Leben. Er verheimlichte nicht seine Leiden, aber er verschwieg auch die Vorzüge seines gegenwärtigen Standes nicht. Da ließen die anderen die Köpfe hängen, und nun sah Steiner durchs Fenster und sagte so nebenher: »Die Georginen blühen schon wieder. Das sind die dümmsten Blumen, die ich kenne.« Als der Abend nahte, begleiteten die Musikanten Robert zur Bahn. Sie gingen langsam mit ihm und sprachen viel auf ihn ein. Als sie auf der Station anlangten, brauste der Zug schon heran. Es gab einen kurzen Abschied, aber sie riefen immerfort noch »Auf Wiedersehen!« als er es schon nicht mehr hören konnte, und schwenkten ihre alten Hüte. Als die Station verschwunden war, lehnte sich Robert müde ans Fenster. Das Abendrot umspann den Himmel und glänzte über Bergen und Wäldern. Aber das Abendrot machte ihn traurig, die fremden Berge sahen ihn so ernst an, die Wälder waren so dunkel. Die Wiesen und Felder dehnten sich lang und breit, und wenn er lustige, heimkehrende Spaziergänger lachen hörte, tat es ihm weh. Dieser Tag hatte ihm kein Glück gebracht. Er hatte ihm wohl die ganze Liebe und Treue der Kameraden wieder gezeigt, ihre treuherzige Art; aber er war klug genug, zu erkennen, daß er ihr Kamerad nicht mehr sei. Als er von der Festung kam, aus Knechtung und Schande, fand er sich bei ihnen zurecht. Jetzt, da er ein geordnetes Leben kennengelernt, da er tiefere Menschen gesehen, die ihm geneigt waren, würde er bei den Musikanten nicht mehr glücklich sein können. Einsam würde er sein bei all ihrer Treu. Denn für das, was in seiner Seele vorging, hatten sie kein Verständnis. So würde er fremd neben ihnen wandern. »Ich werde euch wohl nicht mehr wiedersehen, ihr guten Kerle!« dachte er bei sich. Und er fuhr hinaus in die anbrechende Nacht. Zweiundzwanzigstes Kapitel Bei einer Holzfuhre hatte sich Robert den linken Daumen verstaucht. Dr. Friedlieb leistete ihm ärztliche Hilfe. Und einmal, als auch Frau Christel dabei war, sagte er zu Robert: Im Niederdorf wohnt der alte Hellmich-Bittner. Dessen Frau versteht sich aufs Massieren. »Streichen« nennt man das hier. Da gehn Sie doch hin und lassen Sie sich den Finger alle Tage ein wenig streichen. Es sind gute Leute.« »Ja,« sagte Robert, »ich weiß es!« »Sie kennen die Hellmichleute?« »Ich bin einmal mit ihnen zusammen von der Stadt heimgegangen, und einmal habe ich mit meinem Kameraden Schulze durch ihr Fenster geguckt. Da sangen sie miteinander.« Der Doktor nickte. »Ja, ja, die Leute sind sehr brav. Es wird Ihnen dort gefallen.« Als Robert fort war, sahen der Doktor und seine Frau sich ernst an. Danach fragte Christel: »Warum tust du das? Warum schickst du ihn zu seinen Großeltern?« »Weil er dorthin gehört! Die alten Leute sind sehr einsam.« »Willst du es ihnen sagen?« Der Doktor wandte sich halb ab. »Ich weiß nicht. Ich kämpfe noch mit mir. Siehst du, Christel, es ist mir oft, als beginnen wir ein großes Unrecht, daß wir dem Musikanten den Weg nicht zeigen. Wir tun's deines Vaters wegen – ja! Aber die Hellmichleute sind alt. Sie können sich jeden ersten besten Tag ins Grab legen, und wenn dann Robert nachträglich erfährt, daß das seine Großeltern waren und daß wir's gewußt und bloß aus Familienegoismus nichts gesagt haben, das wird er uns nie verzeihen. Und er hat recht damit. Es wird ihm da was Kostbares durch uns vorenthalten und den alten Leuten auch. Mich drückt es schon lange!« »Mich auch!« sagte Christel traurig. »Ich hab' auch mit Gottlieb Peuker darüber gesprochen. Der quält sich auch damit. Aber er sagte: Die alten Leute sind jetzt glücklich und friedlich, und wenn sie hören würden, daß die einzige Tochter so – so am Wegrande –« »Darüber dürften sie allerdings nicht mehr wegkommen«, fiel der Doktor seiner Frau ins Wort. »Das ist richtig!« Er ging ein paarmal auf und ab. »Aber, Christel, denken müssen sie sich doch etwas Schlimmes über den Verbleib ihrer Tochter. Da sie ihnen in den langen, langen Jahren gar keine Nachricht gegeben hat, gibt es doch bloß zwei Lösungen: gestorben oder verdorben! Und wie ich die Hellmichleute kenne, ist denen »gestorben« lieber.« »Aber nicht so – nicht so! Das kann keine Frau, keine Mutter verwinden. Das ist zu schrecklich! Sie werden sich schon eine Lösung gemacht haben, vielleicht daß sie in einem Krankenhaus gestorben ist oder so etwas, was doch menschlicher ist. Und sie sind doch friedlich und können lachen und singen. Wenn sie das hören, werden sie nie mehr lachen und singen.« »Auch nicht, wenn sie den Enkelsohn haben! Es ist richtig, Christel! Es ist da besser so! Der eine furchtbare Gedanke würde den Alten ihr bißchen Lebenszeit verbittern und verkürzen! So muß alles bleiben, wie es ist! Aber es beruhigt mich schon etwas, wenn der Robert manchmal bei ihnen ist.« »Und wenn es dadurch herauskommt? Wenn er ihnen erzählt, daß er eigentlich Hellmich heißt wie sie, wenn er ihnen das Schicksal seiner Mutter –« »Er wird es nicht erzählen! Er hat nie wieder auch nur ein Wort davon gesprochen, und da wir alle, die 's damals hörten, geschwiegen haben, hat im Dorfe nicht ein Mensch ein Wort davon erfahren, nicht einmal deine Mutter.« »Ich glaube, die Mutter weiß es!« Der Doktor sah sie überrascht an. »Ich meine, sie weiß es nicht sicher, aber sie ahnt, sie fürchtet es. Und deshalb ist sie so – so –« »So niederträchtig! Nennen wir's ruhig mit dem richtigen Namen.« »Wilhelm, sie ist ein Weib!« »Ja! Und Weib gegen Weib ist niemals gerecht. Denn das Weib kann alles, aber es kann nicht großmütig sein. Ich will dich damit nicht kränken, Christel, auch nicht deine Mutter. Es liegt ja eine Art Entschuldigung für euch Frauen darin.« Christel schwieg. Sie wußte, daß da Widerspruch vergebens war, und ahnte, daß er recht hatte. Ihre Gedanken kehrten auch zu Robert und seinen Großeltern zurück. »Und wenn sie sich doch erkennen?« »Dann mag es in Gottes Namen geschehen! Dann können wir's nicht andern und werden das Weitere abwarten.« Trauliches Lampenlicht lag in hellgelber Schönheit auf dem Tische der Hellmichschen Wohnung, es schimmerte goldig auf dem Nähzeug der Alten, es lag breit und freundlich auf des Mannes großem, zerlesenem Kriegsbuche. Bis zur Ofenecke reichte es, wo seine ruhige, solide Art zurückwich vor dem flackernden, neckischen, koboldischen Spiel des Herdfeuers. Und als es gegen sechs Uhr am Abend war, wachte der Pudel aus seinem Mittagsschlaf auf, sah, daß im Ofen ein Feuer brannte und beschloß, an warmer Stelle sein Schlummerstündlein fortzusetzen. Er fand aber den Platz unter der Ofenbank schon von der schneeweißen Katze besetzt, brummte deshalb zärtlich und streckte ihr freundlich bittend seine schwarze Pfote hin. Sie aber gönnte ihm nur einen verschlafenen, sehr verdrossenen Blick und streckte sich noch länger und breiter aus. Verdutzt über solches Benehmen blieb der Pudel noch eine Minute stumm dastehen, sah aber in seiner klugen Art ein, daß da nichts zu machen sei, und schlich betrübt nach seiner vorigen Lagerstatt zurück. Mit einem Gähnen, das wie ein Seufzer klang, schloß er die Augen wieder hinter seinen wolligen Stirnhaaren. Der Kanarienvogel, dessen Bauer schon zugedeckt war, hörte den Seufzer seines großen, schwarzen Freundes, auf dessen Rücken er oft spazieren ging, sang ihm zum Gruß noch einen ganz leisen, kurzen Triller und schlief auch. Es war so schön und friedlich wie es immer bei diesen alten Leuten war. Da schlug die Uhr und rückte den Zeiger in eine neue Stunde. »Es kommt jemand«, sagte die Frau aufhorchend. Der Mann wandte sich um, und beide sahen gespannt nach der Tür. Da trat Robert Hellmich ein. Er blieb ein paar Augenblicke an der Tür stehen, und die Alten blieben sitzen und sahen ihn an. Da brachte er sein Anliegen vor. Mann und Frau kamen ihm entgegen und luden ihn an ihren hellen, freundlichen Tisch. Und sie saßen mit ihm und plauderten. Horch, geht die Uhr nicht mit fremdem Schlag? Geht sie nicht traumhaft leise? Singt nicht der Herbstwind leiser ums Haus, und rinnt nicht der Regen draußen ganz still über die Scheiben wie über die Fenster eines Hauses, das vor Glück und Freude weint? Wie weißer Opferbrodem steigt der Rauch der Hütte zum Himmel; im Herbstwind und Regen teilt sich hoch eine Wolke und es schauen zwei Sterne nieder auf das kleine Haus, darin zwei alte Leute bei einem jungen Manne sitzen. Die kennen sich nicht und sprechen über gleichgültige Dinge. Sie wissen nichts von dem großen Geheimnis, das sie verbindet. Aber es geht doch ein Strahlen von Seele zu Seele und machte ihre Herzen still und zufrieden, daß sie glücklich sind, beieinander zu sein. Sie sprechen nicht von Hartmann, da Robert schon längst das Gefühl hat, die alten Leute seien dem Wirt nicht gut. Er hat auch im Kretscham nicht gesagt, wohin er geht. Aber die Hellmichmutter preist den Doktor Friedlieb, während sie den kranken Finger beschaut und hat auch ein freundliches Wort für des Doktors Frau. Sie holt sich ein Fläschchen mit Öl, reibt den Finger ein und beginnt ihn leise zu streichen. Robert spricht mit dem Manne. Von dem, was da in dem Kriegsbuche steht, sprechen sie, vom Wetter, von allerhand Dingen aus dem Dorfe. Dann ein wenig von Politik, denn der Alte hält eine Zeitung und nimmt Anteil an den Schicksalen seines Volkes. Er spricht viel, und die Frau lauert immer sehnsüchtig auf ein Wort von Robert. Dann beim Klang seiner Stimme horcht sie auf, ihre Finger fahren lässiger über Roberts kranken Daumen, sie blickt auf von der Heilarbeit, hebt ein wenig den Kopf, hält ihn schief und schaut dem Fremdling auf einige Sekunden ins Gesicht. Dann liegt ein Forschen, Nachsinnen, eine tiefe, furchtsame Frage in ihren alten Augen, bis sich der Kopf leise und schwermütig senkt. Sie fragen ihn nicht nach seinen Lebensschicksalen. Sie haben gehört, daß er oft von rüden Burschen und dummen Leuten seines Musikantenlebens willen bitter gehöhnt worden ist. Da sind sie zartfühlend genug, ganz von der Vergangenheit zu schweigen. Er aber fängt selbst davon an. Was er niemandem im Dorfe (Gottlieb Peuker ausgenommen) mitgeteilt hat, das sagt er diesen Alten: daß er seine Kameraden wiedergesehen hat in der Waldschenke. Der alte Hellmich ist ein wenig neugierig, lacht und fragt nach Steiner und nach dem Italiener, die ihm beide sehr schnurrig vorgekommen sind; das Weiblein fragt nichts anderes als das eine: »Und wollen Sie wirklich wieder mit ihnen ziehn?« Besorgnis und Kummer liegen in ihrer Stimme. Robert erzählt von den inneren Kämpfen, die er deshalb leide. Und er verschweigt nicht, daß er sich oft unglücklich fühle der Frau Hartmann und Bertholds wegen. Darauf entgegnen sie nichts, und das Gespräch bricht ab. Erst spät fragt die Frau: »Haben Sie denn gar keine Verwandten?« Da schlägt die Uhr und rückt den Zeiger in eine neue Stunde. »Nein, ich habe niemanden; weder Vater noch Mutter, noch Bruder, noch Schwester, – niemanden; ich bin ganz allein.« Einen Augenblick lauschen die Alten teilnahmsvoll auf, ob er ihnen mehr enthüllen werde. Aber sein Mund schließt sich, und sie stellen keine Frage. Mit freundlichen Dankesworten geht er endlich davon, nachdem er versprochen, am nächsten Abend wiederzukommen. Die Alten sind allein. Die Lampe gießt ihr mildes Licht auf den Tisch, heimliche Märchen knistert das Herdfeuer, der Hund schleicht wieder nach dem Ofen, die Uhr tickt friedlich – es ist alles wie sonst und doch plötzlich alles ganz anders. Es ist etwas Neues, es ist ein Schicksal in diese Stube getreten. Die Frau führt versonnen und lässig ihr Nähzeug, der Alte träumt mit offenen Augen über seinem Kriegsbuche und liest nicht mehr. * * * Die Stunden vergingen langsam am folgenden Tage. Die Hellmichmutter, die am Fenster nähte, sah oft nach dem trüben Tag draußen und wünschte, er möchte zu Ende gehen, und wußte nicht, warum. Und ihr Mann ging immer aus und ein, hinaus in den kleinen Garten oder in den Holzschuppen, ohne eigentlich was Rechtes vorzuhaben. Robert war im Regen draußen im Walde, und wenn ein kalter Schauer seinen zarten Leib überfuhr, strömte eine Hoffnung warm durch seine Seele: die Aussicht auf die gemütliche Plauderstunde bei den alten Hellmichleuten. Erst nach dem Abendbrot konnte er bei ihnen vorsprechen. Heute fand er den alten Hellmich über einer großen, schönen Bilderbibel sitzend. Der alte Hellmich war ein bißchen eitel; er hatte sich gesagt, wenn er bei der Ankunft Roberts gerade über seinem großen Prachtwerke sitze, sei es ganz unauffällig und mache es sich ganz von selbst, daß er ihm den Schatz zeigen könne, ohne in den Verdacht der Wichtigtuerei zu geraten. Und Robert besah auch wirklich das große, schöne Buch mit viel Interesse und Bewunderung, und des Alten Augen glänzten, wenn er ein besonders prächtiges Bild zeigen konnte, gleich, als hätte er es selbst gemalt. Es waren gute Bilder nach alten Meistern. »Es is schon a recht altes Buch,« sagte Hellmich, »wir haben's uns halt gut gehalten. Ich hab's amal der Mutter geschenkt, wie wir noch Brautleute waren. Es war sehr teuer. Ich hab' drei Jahre lang dran abzahlen müssen. Aber ich hab' nu schon an die fünfzig Jahre meine Freude und meine Erbauung dran.« Die Hellmichmutter streicht wieder den kranken Finger. Wie gestern horcht sie auf, wenn Robert spricht, spürt mit den müden Sinnen ihrer alten Seele einem lange verlorenen Klang nach. Und wie gestern hebt sie manchmal den alten hübschen Kopf, hält ihn ein wenig schräg und späht ... und ist dann versonnen ... verwundert ... und das alte Herz klopft schneller und ist scheu und erschrocken. Bleibt nicht die Uhr stehen, hält sie nicht spähend den Atem an? Klirrte nicht leise das Fenster? Denn jetzt müßte heimlich ein Engel kommen, heimlich und eilig, ein kluger Engel vom Himmel, und Roberts rechte Hand führen, die in der Bibel blättert. Siehe, sie blättert rückwärts. Nun macht sie halt bei Moses' hoher Gestalt ... jetzt schlägt sie zurück ins Zeitalter der Patriarchen ... Robert, Robert, willst du an das Hagarkapitel tasten? Da schlägt er es auf. Die Austreibung! Ein großes Bild. Die Hand sinkt zurück, er blättert nicht weiter. Die Augen starren auf das Bild, das Gesicht wird finster, ein düsterer Schatten liegt über Augen und Stirn, die Mundwinkel zucken. Er sieht den Abraham, den bekümmerten, mitleidigen, ach, so schwachen Mann, er sieht die Hagar stehen in ihres Leibes Schönheit, die sie dahingab dem Manne, der sie nun vertreibt, sie und die Frucht ihrer Aufopferung, ihren kleinen Sohn, er sieht die triumphierende, mitleidslose Sara. Da ballt er die Faust, und ein höhnisches Lachen bricht ihm vom Munde, und er sagt: »O dieser – dieser war kein Gerechter! Ein Feigling war er, ein Lump war er!« Der alte Hellmich und seine Frau zucken zusammen. Auch sie haben in den langen Jahren das Bild nicht ohne Bitterkeit ansehen können. Wenn sie in der Bibel blätterten, haben sie es meist überschlagen. Es griff zu sehr an ihr eigenes Leben. Aber es sind fromme Leute, und so sagt der alte Hellmich: »Sie müssen sowas nicht sagen, Robert! Nein, das ärgert mich, 's war halt eine ganz andere Zeit. Da hat unser Herrgott die Menschheit anders geführt wie heute. A Held war ja der Abraham nich. A paarmal, wenn a Angst hatte, hat a die Sara für seine Schwester ausgegeben und hat sie sich von andern Männern wegnehmen lassen. Und dann hat a sie immer wieder angenommen. Damals nahm halt das die Menschheit nich so genau. Da war's da bloß um die richtige Fortpflanzung zu tun. Sehn Sie, Robert, ich hab' darüber verschiedentliches gelesen, denn ans Herze hat mir die Geschichte auch immer gegriffen. Da muß man sehn, daß man sich zurechtfind't. Und sehn Sie mal, Robert, unser Herrgott hat doch die Hagar und ihren Sohn nich umkommen lassen. Geben Sie mal her, ich werd' mal die Stelle lesen. Das is die Stelle aus der Bibel, die mich von allen am meisten getröstet hat.« Auf Roberts kranken Daumen, den die Hellmichmutter rieb, fiel eine Träne. Der Mann aber las mit feierlicher Betonung und voll festen Glaubens: »Da sie nun geschieden war, irrte sie umher in der Wüste Bersabee. Und als das Wasser im Schlauche ausgegangen war, legte sie den Knaben unter einen der Bäume, die da waren, und ging fort und setzte sich gegenüber von ferne, einen Bogenschuß weit; denn sie sprach: Ich kann den Knaben nicht sterben sehen. Und sie saß gegenüber, erhob die Stimme und weinte. Da erhörte Gott die Stimme des Knaben; und der Engel des Herrn rief der Hagar vom Himmel und sprach: Was tust du, Hagar? Fürchte dich nicht, denn Gott hat die Stimme des Knaben erhört von dem Orte, da er ist. Stehe auf, nimm den Knaben und fasse seine Hand; denn ich will ihn zu einem großen Volke machen. Und Gott tat ihre Augen auf; und sie sah einen Wasserbrunnen und ging hin und füllte den Wasserschlauch und gab dem Knaben zu trinken. Und Gott war mit ihm; und er wuchs und wohnte in der Wüste, und da er herangewachsen, ward er ein Bogenschütze.« Es war heilig-still in der Stube. »Der liebe Gott,« sagte der alte Hellmich in gläubigem Vertrauen, »der liebe Gott kann ein armes, ausgetriebenes Mädel nicht verderben lassen, auch wenn sie gefehlt hat.« Und die Frau sah ihn an und richtete die müde Seele auf an seinem Glauben. Roberts Augen hingen fieberglänzend an der Bibel. Das Blut schlug schwer und heiß durch seinen jungen Leib, und Trotz und Grimm bäumten sich in ihm auf, und er wollte schreien: »Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr! Er läßt sie verderben, er läßt sie verbluten in der Wüste!« Aber er sah den Glauben der Alten, und ein Vorsatz wuchs in seinem Herzen: er würde ihnen nie erzählen von dem Schicksal seiner Mutter. Ein kleiner, schwacher Wind fuhr ums kleine, schwache Haus, darin Menschen sprachen von ewigen Dingen. Hoch darüber kreisten die Sterne. In goldener Weite, die der Menschengeist in Milliarden Jahren nicht auszählt, kreisten sie, und wie sie ihre flimmernden Riesenleiber drehten und dahinschritten im blauen Himmelssaal, im ewigen Reigentanz, der den Einen ehrt, sangen sie die Harmonie der Sphären, und ein armes Reimlein in ihrem großen Liede fragte: Was wollen die kleinen Menschen? Was sind sie so töricht, auf ihrem armseligen Sterne an ihr Glück und ihre Heimat zu glauben? Was jubeln sie nicht auf, wenn sie von der Tiefe erlöst werden? Aber auch diese Menschen in der Hütte fragten und grübelten, klammerten sich an ihre Erde und deren Gesetze und fragten nach Glück und nach Heimat. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Robert greift abermals nach der Bibel und blättert wieder rückwärts, blättert bis zum Anfang der Bibel, bis zum Titelblatt. Da steht in goldenen Buchstaben: »Die heilige Schrift.« Und daneben steht mit sorgsamen, wenn auch ungeübten Zeichen geschrieben: »Martha Hellmich, geboren den 25. Juni 1850.« Roberts Hand sinkt zurück, seine Augen treten heraus, er entreißt der alten Frau die andere, die kranke Hand, er hebt beide Hände über den Kopf, er starrt, starrt ... hebt die Hände herunter ... zeigt auf die Schrift ... die schreckliche Schrift ... dieselbe Schrift, die ja auch in seiner Mutter Gebetbuch steht ... »Martha Hellmich, geboren den 25. Juni 1850.« Die Alten springen auf. »Was ist? Was ist Ihnen, Robert?« »Da – dieselbe Schrift – derselbe Name – dasselbe Datum –!« »Jesus, was ist?« Robert schaut die Alten scheu an. Es fällt ihm nur ein, daß sie Hellmich heißen – er zeigt wieder auf die Schrift – ein lauter Aufschrei: »Das ... das ist ja meine Mutter!« Und er fällt leblos über die Bibel. * * * Robert Hellmich wacht auf aus der Ohnmacht. Er liegt auf einem Bett. Er sieht die Alten, erschrickt und schließt die Augen. »Wer seid ihr?« fragt er leise. Sie geben keine Antwort, aber er hört, daß sie weinen. Ganz still liegt er. Ganz still. Und wie ein Wunder ist's: es wird ihm wohl. Und wie ein großes Wunder ist's: er wird ruhig und klar. Er öffnet die Augen und schaut sie an. »War diese Martha Hellmich eure Tochter?« fragt er. Sie nicken unter vielen Tränen. »Diese Martha Hellmich war meine Mutter.« Da sinken sie an seinem Bett in die Knie. Robert richtet sich auf. Er schlingt die Arme um die beiden Alten und preßt seinen Kopf an ihre Köpfe. »Wo – wo – wo – ist unsere Martha?« So fragt die Mutter. Nun ist er der Tröster. Mit weitgeöffneten, zuversichtlichen Augen sieht er die Alten an; mit fester, feierlicher Stimme sagt er: »Sie ist im Himmel. Ich weiß es. Sie ist gestorben, als ich auf die Welt kam. Sie hat ein schönes, reines Gesicht gehabt, da sie starb. Das hat mir eine gute Frau gesagt.« Und weiter sagt er kein Wort. Sagt nichts Bitteres. Sagt nichts davon, daß die Hagar in der Wüste starb. * * * Sie sitzen lange beisammen, bis tief in die Nacht. Sie sagen sich nichts wie von Liebe. Ach, ihr goldenen Sterne, ihr tanzenden Wunderwesen, singt im Sphären-Reigen nicht so klein von den Menschen. Denn sie haben die Liebe! Die drei waren glücklich. Die alten Lippen zitterten wie in bebendem Gebet. Und es war Glück! Sie forschten nicht, sie fragten nicht mehr. Es war ihnen genug, daß die Tochter mit reinem Antlitz gestorben und daß ihnen nun diese hohe Gnade geworden war. Aber das Schwere kam doch. Denn die Jugend fragt. Robert fragte in später Stunde: »Wer ist mein Vater?« Er fragte es mit dem ganzen Groll, mit der ganzen Verachtung, mit dem tollen Haß, den er für seinen Vater im Herzen trug und um dessentwillen er heute den Patriarchen geschmäht hatte. Sie gaben keine Antwort. Sie versteckten die Gesichter hinter den alten Händen. Aber er fragte wieder und immer dringlicher. Da sagten sie ihm: »Dein Vater ist Hartmann!« Das traf ihn noch schwerer, als die Kunde von seiner Mutter. Er wurde nicht ohnmächtig, er saß nur wortlos auf seinem Platz. Der ganze Haß, den er durch eine vergrämte Jugend, durch ein ersticktes Blütenalter, durch Kerkerhaft und Schande, durch Bettlertum und schmutzige Lachen getragen hatte, dieser Haß traf nun diesen Mann. Von der Stunde an sprach Robert nicht mehr. Er stand einer Fügung entgegen, die er nicht begriff, die wie ein schwerer Bann ihn grausam umfing. Langsam stand er auf. »Ich muß gehen!« Sie sprachen begütigend auf ihn ein. Er sagte nichts anderes mehr, als daß er morgen wiederkommen wolle. Und er ging. Die Alten waren wieder allein. Die Frau lag schluchzend auf dem kleinen Sofa. Der Mann aber beugte sich über den Tisch und küßte die Bibel und sprach: »Du heiliges Buch! Du getreues Buch!« Dreiundzwanzigstes Kapitel Es war morgens gegen drei Uhr. In toter Ruhe lag das Dorf. Gottlieb Peuker trat seine letzte Runde an. Da sah er eine dunkle Gestalt regungslos am Bachrande stehen. Die Gestalt rührte sich nicht, als Gottlieb näher kam. Er rief sie an. Keine Antwort. Fest faßte Gottlieb seinen alten Wächterspieß und ging auf die Gestalt zu. Da erkannte er Robert. »Du – Robert? Wo kommst'n du jetzt her? Was machste denn so spät auf der Straße?« Robert antwortete mit müder, schwerer Stimme, die einen ganz fremden Klang hatte: »Wo soll ich hin? Wo soll ich schlafen?« »Kannste denn nich ins Haus? Haben sie dir nich'n Schlüssel rausgelegt? Das sieht ihnen ähnlich! Wenn der Berthold ausbleibt, da hängt die Frau selber'n Schlüssel raus.« »Ich mag nicht mehr in das Haus«, sagte Robert düster. »Du magst nich mehr?« »Nein! Gottlieb, du weißt's ja nicht. Es ist – es ist ein schweres Unglück –« »Was – was denn?« »Der Mann – der Hartmann – ist mein Vater!« »Robert!« Dem alten Manne zitterten die Glieder. »Wer – wer hat dir das gesagt?« »Gott!« Unheimlich klang das Wort durch die Nacht. Kraftlos lehnte sich Gottlieb Peuker an einen Baum. »Du redest irre, Robert.« »Gott hat es mir gesagt. In der Bibel der alten Hellmichleute steht's!« Dem Wächter fiel die Laterne zu Boden und erlosch. Die beiden Männer standen in der Dunkelheit. »Du hast es gehört, Gottlieb, du bist mein Freund, du wirst mich nicht verraten, du wirst es ihm nie sagen. Morgen geh ich fort; denn ich kann mich an ihm nicht rächen.« »Du darfst nich fort, Robert – – er weiß es ja längst.« Da kam Robert lauernd auf ihn zu und sah ihm entsetzt ins Gesicht. »Was weiß er?« Gottlieb hob bittend die Hände auf. »Hartmann weiß es, die Christel und Dr. Friedlieb und ich.« »Seit wann wißt ihr's?« »Von – von Anfang an, von dem Tage an, wo du herkamst.« Da lachte Robert Winter grell auf, daß es durch die Nacht schallte, und lachte dann leise und sprach immer weiter lachend: »O – o – ihr guten, guten, guten Freunde! Ihr guten, lieben, treuen Schwindler ihr! Ihr braven, lieben Heuchler und Betrüger! Das – das ist ja herrlich von euch! Das ist herrlich, herrlich, herrlich!« Und er lachte wieder schrill und streckte die Hände über den Kopf und lachte. »Robert, nimm Vernunft an! Laß dir alles erklären.« »Scher' dich zum Teufel mit deinen Erklärungen! Wer mich so belügt und verrät, wer mich in so einem Hause läßt wie einen Knecht, wie einen Bettler, wie einen aus Gnade angenommenen Stromer, wer mir da nicht sagt: »Geh fort! Geh fort!« – der – der ist mein Feind, mein großer Feind, mein Todfeind!« Da trat Gottlieb Peuker fest vor ihn und sagte: »Jetzt hörst du auf mit solchen Verrücktheiten! Das laß ich mir nich gefallen! Wir haben's gut gemeint mit dir, wir wollten dich nich auf der Straße lassen, wir wollten dich halten, wir dachten: Kommt Zeit, kommt Rat. Es wird sich schon a Ausweg finden, dachten wir. Aber übers Knie brechen läßt sich's nich. 'ne Ehrenpforte konnten wir dir nich gleich bauen. Wir mußten abwarten. Und schlecht hast du's nich gehabt. Die, die's wußten, haben zu dir gehalten: die Christel vom ersten Tage an – auch der Hartmann – und am Ende ich auch – der Doktor weiß es erst a paar Wochen, und sonst weiß es niemand.« Robert stand ganz still da, der Kopf hing ihm auf die Brust. Er gab keine Antwort. »Hörst du, Robert, das mußt du zugeben, daß wir's gut meinten, daß wir uns eben keinen andern Rat wußten –« Keine Antwort. »Du mußt dir auch Hartmanns Lage bedenken. Vorderhand konnte er nich mehr tun.« Da blickte Robert auf. »Nein! – A hat ja leider – leider viel zu viel getan. Nun kann ich mich an ihm nicht rächen. A hat mich a paar Monate bei sich arbeiten lassen, a hat mir'n Anzug gekauft – a is, a paarmal freundlich gewesen – da is alles, alles, was vorher war, ausgelöscht – der Tod, von der Mutter und alles.« Die Arme hingen ihm schlaff herab. »Robert, a hat mehr getan! A hat dir in meiner Gegenwart in seinem Testament fünftausend Taler vermacht.« Robert lachte wieder in leisem Erstaunen. »Fünftausend Taler! Das is viel Geld! Das is dafür, daß die Mutter so starb – und daß ich so rumlief – und nu werd' ich wohl die Schwindsucht kriegen. Die Schwindsucht und fünftausend Taler! Damit soll ich zufrieden sein!« »Robert, a hat dir auch die Lotte verschaffen woll'n.« »Das is – das is wahr! Daran hab' ich heute nich gedacht. Das ist wahr! Das hat a gewollt!« »Und wir andern auch. Wir wollten gut machen, was noch gutzumachen war.« Robert sah ihn an. »Nu dann – dann sei nur nich böse auf mich! Da hab' nur vielen schönen Dank! Da nimm's nur nich übel!« »Willst du dir nich alles vernünftig überlegen, Robert?« »Ja, du! A Mensch wie ich, der hat keine vernünftige Überlegung mehr. Ich – ich weiß gar nichts. Ich weiß nich, ob ihr gute Leute seid oder Schufte. Ich weiß nichts! Jedenfalls – jedenfalls bin ich schuld. Ich versteh's nich, ich bin schlecht, ich bin dumm, ich mach' alles falsch.« »Robert, komm nach Hause! Leg' dich schlafen! Wenn du dich ausgeschlafen hast, da werden wir alles miteinander besprechen.« Er schlang den Arm um den jungen Mann und führte ihn zum Kretscham. Durch die Hintertür ließ er ihn ins Haus. Auf dem Wege hatte er ihm unter vielen Tränen die Geschichte seiner Mutter erzählt. * * * Eine scharfe Hand klopfte an Roberts Kammer. Es war morgens sechs Uhr. »Stehn Sie nu endlich auf? Komm'n Sie nu endlich runter zur Arbeit?« Robert, der völlig angezogen auf dem Bettrand saß, öffnete die Tür. Frau Hartmann stand draußen. »Es wird wohl endlich Zeit sein, daß Sie aufstehn«, sagte sie herrisch. »Aufstehn brauch' ich nicht. Ich bin noch nicht schlafen gegangen.« »Nu, das is ja recht hübsch. Da kann man sich ja auf seine Dienstleute verlassen, wenn sie sich die ganze Nacht rumtreiben.« »Berthold treibt sich auch rum! Viel, viel öfter als ich!« »Das geht Sie gar nichts an! Der is der Sohn! Da haben Sie nich reinzureden!« »Ich bin auch der Sohn!« Er sagte es mit Bedeutung. Sie wich von der Tür zurück und starrte ihn entgeistert an. »Sie sind wohl verrückt?« »Ich bin der Sohn von Wilhelm Hartmann und von Martha Hellmich!« sagte er langsam und herausfordernd. Da taumelte sie, kam in die Kammer herein und sank auf den einzigen Stuhl, den der kleine Raum aufwies. »Wer hat Ihnen das gesagt?« keuchte sie. Und wieder sagte er das eine Wort, ernst und feierlich: »Gott!« Sie lachte höhnisch und sprang auf. »Nein, nein, nein! Ich kenn' Sie! Ich durchschaue Sie! Ich kenn' Sie längst! Ich bin nich so dumm! Ich hab' das Manöver vom Gottlieb und vom Doktor durchschaut. Ich wußt' es längst. Ich kenn' doch diese Larve! Wer weiß, wo Sie's gehört haben! Und da sind Sie gekommen als Stromer, als Strolch –« Er hob die Hände gegen sie, aber er beherrschte sich noch. »Als Bummler! Haben sich eingeschlichen ins Haus, absichtlich eingeschlichen –« »Halten Sie den Mund! Das ist nicht wahr! Das is Lüge! Ich hab' nichts gewußt – nichts gewußt!« Sie lachte höhnisch auf. »Bei allen heiligen Eiden, ich hab' nichts gewußt, ich hab' nichts gewußt!« Sie flüchtete nach der Tür. Sie wagte nicht mehr zu lachen. Sie grinste nur. Mit verzerrtem Gesicht stand Robert vor ihr. »Gehen Sie doch!« knirschte sie. »Sagen Sie's ihm! Bringen Sie ihn um! Dann rührt ihn der Schlag!« »Ich brauch's ihm nicht zu sagen. Er weiß es!« »Er weiß es? O, er weiß es? Und behält Sie und Sie gehn ihm um den Bart, schmeicheln sich ein – wegen der Erbschaft –« »Frauenzimmer!« »Ein Frauenzimmer war Ihre Mutter!« Ein Wutschrei. Er faßte sie an den Händen, beugt ihr die Gelenke. Sie sinkt ächzend in die Knie. »Widerrufen Sie das?« Sie ächzt, windet sich, wimmert, will um Hilfe schreien, aber der Atem fehlt ihr. Ihm laufen die Augen rot an. »Ein Frauenzimmer sind Sie! Sie haben um Geld meinem Vater das Gewissen und die Freiheit abgekauft. Sie haben um Ihr schmutziges, verfluchtes Geld meiner Mutter den Tod und mir die Schande und den Verderb gekauft. Sie haben sich den Mann gekauft! Den Mann und Ihre Kinder haben Sie sich gekauft! Das Ehebett haben Sie sich gekauft. Sie – Sie Frauenzimmer! Denn Sie wußten, er wollte Sie nicht, er liebte Sie nicht, er läßt sich bloß bezahlen. Erschachert haben Sie sich ihn! Sie elendes, elendes Weib! Meine Mutter hat verbluten müssen, und Sie – Sie schlechtes, schlechtes, schlechtes –« Er schlug in wahnsinniger Wut auf sie ein, prügelte sie, verfluchte sie und hörte nicht auf, bis ein blutiger Schaum vor seinem Munde stand. Da taumelte er und sank auf sein Bett. Sie blieb eine Weile wimmernd knien. Dann stand sie halb bewußtlos auf, sah ihren Feind liegen mit dem blutigen Schaum vor dem Munde und ging hinaus. Lange lag er so. Dann ging sein Atem ruhiger. Er richtete sich auf. Sein Gesicht war totenblaß. Mühsam besann er sich. Von allem, was er erlebt, stand nur das eine deutlich vor seiner Seele, die Roheit gegen eine Frau. Er wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Geschlagen hatte er sie! Gemißhandelt! War das möglich? Er hatte noch nie in seinem Leben einen Menschen geschlagen. Nur den Unteroffizier und diese Frau. Die Beleidiger seiner Mutter! Ob er wohl wieder eingesperrt wurde? Es war schon möglich, und es war ja auch ganz gleichgültig. Aber er wollte nicht darauf warten, er wollte fort. In dieses Haus gehörte er nicht mehr! Das war zur Hälfte bezahlt mit dem Gelde der Frau, die er geschlagen hatte. Gottlieb fiel ihm noch einmal ein, auch die Christel und der Doktor. Die wußten alle, wer er war. Was nutzte ihm das? Zur Christel konnte er nie mehr gehen. Er hatte ihre Mutter geschlagen. Und er mochte sich auch als Bruder nicht aufdrängen. Aber wie er an die stille Frau dachte, die seine Schwester war, sank er in sich zusammen und weinte. Sein Körper zitterte. Er war maßlos müde. Sein Hirn war nach der Überhitzung nun wie gelähmt. Mit überwachten, glasigen Augen starrte er vor sich hin. Das eine nur wußte er: er mußte fort. Und er mußte alles, was er hier an Almosen empfangen hatte, dalassen. So suchte er aus dem Kleiderschranke den Anzug heraus, den er getragen hatte, als er hierherkam. Zog die alten Stiefel an. Und er suchte sein Waldhorn. Mit stumpfen Sinnen starrte er auf das erblindete Instrument. Damit sollte er sich nun durchs Leben helfen. Aber es würde gut sein in weiter Ferne! So trat er leise aus seiner Kammer und ging die Stiege hinab. An der Tür, dahinter sein Vater lag, versagte ihm noch einmal die Kraft. Eine schmerzhafte Begierde überkam ihn, hineinzugehen, vor ihm niederzuknien und bitterlich zu weinen aus Haß, Rachsucht und – Dankbarkeit und Liebe. Er ging auf die Tür zu, faßte nach der Klinke. Aber noch ehe er die Tür öffnete, sah er den alten Mann, krank und hilflos, den Mann, von dem der Doktor sagte, eine Aufregung würde ihn töten. Da sah er die braune Holztür noch einmal mit heißen Augen an, stieg die zweite Stiege hinab, kam in den Hausflur, öffnete die Haustür und trat hinaus aus seines Vaters Hause. Niemand begegnete ihm. Er dachte nicht mehr an Gottlieb Peuker, nicht mehr an Christel und Dr. Friedlieb. Wie ein Geistesabwesender ging er die neblige Dorfstraße hinab. Doch ehe Robert in das Haus seiner Großeltern trat, besann er sich. Diesen lieben, alten Leuten wollte er seine Kämpfe, sein Elend nicht in die Hütte tragen. Er richtete sich auf, raffte sich zusammen, versuchte ruhig zu sein. Sie kamen ihm in schwer erregter Liebe entgegen. Er sagte ihnen: »Ich mag in jenem Hause nicht bleiben. Es ist wegen der Frau, wegen Berthold und auch – auch wegen meines Vaters. Es wäre eine große Schande für mich, wenn ich bliebe.« Sie hörten ihn an und hatten Tränen im Auge. Aber sie begriffen ihn. Und er sagte: »Ich will fort in die Welt!« Da klammerten sie sich an ihn in ihres Alters Einsamkeit und wollten ihn nimmermehr fortlassen. Aber er redete ihnen begütigend zu: »Wir können nicht hierbleiben, nicht in diesem Dorfe, wo es bald alle Leute wissen werden. Laßt mich gehen! Ich werd' ein Plätzchen suchen für uns, da werden wir wohnen können.« Da sahen sich die alten Augen um im alten Heim. Und sie fragten: Wie können wir fort? Wie können unsre alten Tage noch fortwandern an einen andern Ort, in eine neue Welt? Aber sie sahen seinen schweren Kampf. Und wie er sie bittend anschaute, sah aus seinen Augen das Bild der unvergessenen Tochter. Und sie wußten: bei dem Enkelsohne ist unser Ort. So willigten sie ein. Einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag blieb er bei ihnen. Sie waren voll Liebe zueinander, und auf drei dunkle Menschenleben fiel in diesen Stunden viel goldener Schein. Ein guter Engel verschloß Roberts Mund, daß er den alten Eltern von dem grausamen Tode der Tochter nichts sagte. So blieben sie frei von diesem schrecklichen Leide. Stillschweigend nahmen sie an, die Tochter sei in den Armen der guten Frau, die ihr reines Gesicht gepriesen hatte, gestorben. Und die Hellmichmutter segnete das Andenken jener Frau. Um Abend des zweiten Tages machte sich Robert reisefertig. Der alte Hellmich gab ihm zweihundert Taler mit auf den Weg. Das waren ersparte Groschen, aber Robert nahm sie mit dem Gefühl der Dankbarkeit und Sicherheit. Denn es war ein Erbteil, das ihm zukam, kein Almosen. Von diesem Gelde hat er die kleine Schuldsumme abgezahlt, die er bei Dr. Friedlieb hatte. Er wußte nicht, daß er damit ein Unrecht beging. Er wollte keinen Pfennig aus dem Hause, das ihn nicht anerkannt hatte. In trüber Abendstunde verließ er das Dorf. Nach der Waldschenke reiste er. Dort wartete er eine Woche und fünf Tage, bis seine Kameraden kamen. Die alten Hellmichleute saßen allein an ihrem Tische, über dem die gelbe Lampe schien. Lange, lange hatten sie sich nicht allein gefühlt. Nun saß die Sehnsucht bei ihnen. Die Mutter weinte viel, aber der Vater schlang den Arm um ihren Nacken und tröstete sie. »Mutter, sei gut! Unser Herrgott lebt noch! Der hat die Hagar nicht verlassen und nicht ihren Sohn Ismael. Sei gut, Mutter, wir sind bald wieder bei ihm!« Und sie tröstete sich, und die Alten wurden wieder ruhig und wurden wieder friedlich. Ja, manchmal lachten sie wieder. Nur wenn der Briefträger kam, überfiel sie eine Unruhe. Denn sie warteten. Vierundzwanzigstes Kapitel Der Weg ging durch Schnee und Eis. Über fremde Straßen ging er, und die Höfe, die links und rechts lagen, waren fremd. Fremd war auch der Beruf. Fremd und töricht! Wer bläst im Wintersturm Frühlingslieder; wer spielt Tanzweisen, wenn ringsum das Regenwasser läuft in schmutzigen Rillen; wer hat fröhliche Melodien, wenn der Leib und die Seele friert? Der reisende Musikant tut es für elenden Sold. Er ist der singende Bettler, der Heuchler für Geld. Er ist unter allen Spaßmachern der letzte. Mit stumpfen Sinnen zog Robert durchs Land. Diese Stumpfheit war seine Rettung. Deshalb ertrug er dieses Leben. Er verschloß sich der Erinnerung und der Zukunft. Das Gegenwärtige aber war grau und leer und ließ ihn gleichgültig. Er war ein schlechter Kamerad. Die Scherze der Gefährten fand er albern, und so verstummten sie allmählich; ihre Freude über einen kleinen Gewinn fand er töricht, ihren Zorn über schlechte Behandlung teilte er nicht. Wenn sie von einem warmen Quartier, von einer freundlichen Ruhestunde sprachen, hörte er nicht zu. So trug er Schweigsamkeit und Verdrossenheit in den kleinen Kreis, und die Kameraden seufzten heimlich über ihn. Ihn auszuschelten, auf ihn einzureden, hatten sie längst aufgegeben. Sie verstanden ihn nicht. Er hatte ihnen nichts erzählt von seinen großen Erlebnissen. Manchmal fielen ihm die Großeltern ein. Dann war er unglücklich. Dann traten Vergangenheit und Zukunft an ihn heran, und er hatte für die Zukunft keine Lösung und für die Vergangenheit nichts als Zorn und Weh. Einmal aber nach einer unruhigen Nacht schrieb er eine Postkarte an die alten Eltern. Er schrieb nur wenig. Es gehe ihm gut, er reise mit den Kameraden und suche eine Heimat. Tagelang trug er schwer an dieser Lüge. Drei Wochen lang kämpfte er mit sich, ehe seine Seele die Kraft fand, einen Entschluß zu fassen. Es war Ende November. Die Musikanten waren in die Nähe einer großen Fabrikstadt gekommen. In einem Straßenwirtshaus hatten sie Einkehr gehalten. Ganz allein saßen sie in der schlecht geheizten Stube. Da stand Robert auf und sagte: »Ich ziehe nicht mehr mit euch!« Sie erstaunten nicht, sie hatten das alle Tage erwartet. Keiner gab eine Antwort. Und Robert fuhr fort: »Das ist kein Leben für Menschen!« »Das hast du früher nicht gesagt«, warf Steiner bitter ein. »Nein, aber oft gedacht. Wenn wir jetzt in die Stadt kommen, suche ich mir eine Arbeitsstelle.« »Dann hättest du sollen in Teichau bleiben.« Darauf antwortete er nicht. »Als was willst du arbeiten?« fragte Schulze. »Das ist ganz gleich. In irgendeinem Betrieb. Es ist alles besser als dieses Reisen.« »Wenn du nicht gleich Arbeit findest, kannst du in der großen Stadt verhungern.« »Nein! Ich habe Geld. Ich habe fast zweihundert Taler.« Sie starrten ihn erschrocken an, als sei er irre geworden. Da warf er eine Brieftasche auf den Tisch und zeigte die Kassenscheine. Entsetzt rückten sie mit den Stühlen vom Tische ab. »Ihr braucht euch nicht zu fürchten; ich habe es nicht gestohlen; ich habe es geerbt. Die alten Hellmichleute in Teichau sind meine Großeltern, von denen habe ich es.« Da hatte er es gerade heraus gesagt. Und er sagte auch das andre; sagte alles stoßweise, abgerissen, als ob jedes Wort ihn schmerze, jedes Wort verloren wäre. Sie saßen still und betroffen, scheu und verlegen. »Und nu hab' ich's euch gesagt, und nun spricht mir keiner darüber ein Wort!« Am nächsten Tage beredete er sie, mit ihm nach der Stadt zu ziehen. Er gab ihnen Geld, daß sie ein Unterkommen fanden, und mietete sich selbst eine kleine Stube. So machte er einem vierfachen Musikantenleben ein Ende. In dem tausendgestaltigen Leben der großen gewerblichen Stadt fanden die Leute ihr Unterkommen. Pohl, der Italiener, borgte Robert um 150 Mark an und begann einen Handel mit Kurzwaren, die er in einem Korbe zum Verkauf trug. Er war bald in allen Gasthäusern die populärste Figur, zahlte Robert gewissenhaft sein Darlehn zurück und war nach fünf Jahren ein wohlhabender Mann. Er bekam seine Scherze und Redensarten besser bezahlt als seine Waren, und wenn er einen neuen Witz ersonnen hatte, verdiente er damit mehr Geld als ein Schriftsteller mit einer guten, kleinen Arbeit. Schulze, der Bäcker, brachte es zu nichts. Die Wandersehnsucht seiner Beine führte ihn noch einige Male ins Weite. Er fand aber schließlich auch einen Beruf, der ihn ausfüllte; er wurde Austräger eines Damenhutgeschäftes. Steiner fing klein an. Er wurde zuerst Haushälter in einem großen Kaufhause. Seine joviale Art, seine Treue und natürliche Würde blieben dem Kaufherrn nicht verborgen, und so machte ihn dieser zum Portier seines Privathauses, das dadurch ein wirksames Schmuckstück erhielt. Robert ging wie ein Träumer durch die Stadt. Er fand keinen guten Platz. Ein paarmal wurde ihm eine Stelle von andern weggenommen, die weniger scheu waren als er. So wurde er endlich Fabrikarbeiter. Als er die Stelle hatte, schrieb er an seine Großeltern. Er war außerstande, ihnen sein Versprechen nicht zu halten. Aber es war noch so viel Klugheit und Gerechtigkeit in ihm, daß er das Sündhafte einsah, die alten Leute aus ihrem schönen Heim herauszulocken in diese schwarze, lärmende Stadt. Er wollte ihnen nur sagen, daß er heimisch geworden sei, daß er nicht mehr bettle und friere. Dann schrieb er, sie sollten an ihrem Orte wohnen bleiben und ihn besuchen, wenn sie wollten. Sie sollten ihn auf viele Monate besuchen. Am 19. Dezember kam dieser Brief zurück. Ein Briefträger hatte mit Bleistift auf die Rückseite geschrieben: Adressaten verstorben. Das war die Todesanzeige, die der Sohn der Hagar von dem Hingang seiner einzigen Angehörigen erhielt. An diesem Tage verlor Robert seine Arbeitsstelle, denn er lief von der Arbeit fort. Er schrieb einen Brief an Gottlieb Peuker und saß dann wartend Tag um Tag, bis er die Antwort erhielt: »Lieber Robert! Deine guten Großeltern sind sanft entschlafen. Sie sind beide an demselben Tage gestorben. Du weißt doch, daß sie jeden Mittwoch in die Stadt zum Markte gingen. Das haben sie auch noch gemacht, als Du fort warst. Sie waren nicht so sehr traurig. Sie sagten, wir haben doch einen Enkelsohn, und die Martha ist nicht schlecht geworden und ist gut gestorben. Da waren sie guter Dinge. Aber da sind sie wieder einmal in die Stadt, und auf heimzu hat sie ein böses Wetter erwischt. Da haben sie sich beide den Tod geholt. Influenza und Lungenentzündung haben sie gehabt. Dr. Friedlieb, Christel und ich sind bei ihnen gewesen. Und sie haben nebeneinander gelegen, und jedes hat immer aufgepaßt, daß nicht etwa das andre zuerst stirbt. Der Vater ist zuerst gestorben. Da hat die Mutter noch sehr geweint, aber ehe der Tag um war, war sie auch tot. Lieber Robert, gräme Dich nicht, gönne ihnen die Ruhe! Was nun Deine Verwandten väterlicherseits betrifft –« Von dieser Stelle an las Robert nicht mehr weiter. Nach drei Tagen, die er dem Gedenken seiner Großeltern geweiht hatte, schrieb er den Anfang von Gottlieb Peukers Brief ab. Den Brief selbst warf er ins Feuer. Auch an Gottlieb Peuker schrieb er nicht mehr. Zwei Jahre gingen dahin in öder Fron. Am frühen Morgen rief die gellende Fabrikpfeife zur Arbeit. Wie ein willenloser Sklave, wie ein Verurteilter folgte Robert dem aufpeitschenden Zeichen. Er arbeitete weder fleißig noch lässig. Bei seinen Arbeitsgenossen war er unbeliebt. Er sprach wenig, war immer scheu und in sich gekehrt, niemals lustig und hatte an rohen Freuden kein Gefallen. Ein kleines Erbteil war ihm noch zugestellt worden, nachdem das großväterliche Häuschen verkauft worden war. Das Geld brauchte er nach und nach auf. Denn er war oft krank und arbeitsunfähig. Mit starkem Trotz verschmähte er jede Verbindung mit Teichau. Briefe, die von da kamen, nahm er nicht an. Dr. Friedlieb machte sich endlich auf die Reise, ihn aufzusuchen, aber er war so unklug, sich telegraphisch anzumelden, und fand das Nest leer. Die Wirtin, eine ganz einfache Frau, übergab dem Doktor einen verschlossenen Brief. »Er hat die ganze Nacht geschrieben«, sagte sie. Der Doktor setzte sich auf einen der Bretterstühle und las: »Sehr geehrter Herr Doktor! Es tut mir leid, daß Sie unnütz den weiten Weg gemacht haben. Ich bin nicht imstande, mit Ihnen zu sprechen, und ich werde deshalb an einen andern Ort ziehen. Ich weiß, daß Sie es gut mit mir gemeint haben und freundlich gewesen sind, ebenso Ihre Frau und ebenso der – Ihr Schwiegervater. Sie haben mir viele und große Almosen gegeben. Aber ein Recht haben Sie mir nicht gegeben. Sie haben sich alle meiner geschämt. Wenn meine Mutter nicht gestorben wäre, hätte sie mir wohl nicht viel geben können, weil sie ein armes Dienstmädchen war, aber sie hätte den Leuten gesagt, daß ich ihr Sohn bin. Sie hätte sich meiner nicht geschämt, obwohl ich für das Mädchen eine viel größere Schande war – als für Ihren Schwiegervater. Meine Großeltern haben sich meiner auch nicht geschämt; sie haben mich als ihren Enkelsohn mit vielen Freuden aufgenommen. Sie haben mir das Recht gegeben, daß ich zu ihnen gehörte, und da habe ich alles von ihnen angenommen als Erbteil. Aber in dem Hause Ihres Schwiegervaters haben sie mich versteckt und verdeckt und mir Almosen gegeben, und die Frau hat gesagt, ich bin ein Erbschleicher. Das halte ich nicht aus, da will ich viel lieber verderben. Es ist mir zwar schlecht gegangen, und ich habe auf den Straßen gebettelt, aber in dem Hause Ihres Schwiegervaters mag ich nicht betteln. Kommen Sie nicht mehr wieder, sehr geehrter Herr Doktor, ich werde auch nicht mehr nach Teichau kommen. Es soll endlich damit alle sein. Robert Hellmich.« Diesen Brief las Dr. Friedlieb dreimal. Dann stand er auf und sagte zu der Frau, die neugierig an der Tür stehen geblieben war: »Sehen Sie, er hat recht! Wo der Mensch ein Recht hat, sind Almosen Betrug. Es gibt Leute, es gibt uneheliche Kinder, die Almosen nehmen, die fidel, die liederlich dabei sind, aber es gibt welche, die an den Almosen erwürgen. Und das sind die Besseren, die Glücklicheren, die Reicheren! Die andern sind noch viel elender! Und so ein Guter ist Robert Hellmich. Einer, der nach dem Recht fragt, nach dem Naturrecht! Ein Mensch ist er – ein Mann!« Die Frau, die nichts von allem verstand, sagte ein paar alberne Worte. Das verdroß Dr. Friedlieb. »Kommt denn der Robert Hellmich zu Ihnen zurück?« »Ich weiß nich! Alles bezahlt hat a – die Miete für 'n ganzen Monat – aber ich denke doch – seine Sachen sind noch hier!« »Geben Sie mir Schreibzeug!« Dr. Friedlieb schrieb drei Stunden lang. Er schrieb viele Bogen voll. Aber als er alles endlich durchlas und mit Roberts kurzem Brief verglich, fand er seine Widerlegungssophistik töricht und verbrannte sein Schreibwerk. Auf einen Zettel schrieb er: »Lieber Schwager, Du hast recht! Komm zurück, wir werden Dich anerkennen. Dr. Friedlieb.« Den Zettel schloß er in ein Kuvert und rief die Frau noch einmal zu sich. »Herr Hellmich ist mein Schwager«, sagte er. »Ich bin der Dr. Friedlieb aus Teichau. Herrn Hellmichs Schwester ist meine Frau. Wenn er zurückkommt, geben Sie ihm diesen Brief. Dahier sind zwanzig Mark für Ihre Mühe. Und dahier sind noch dreihundert Mark. Wenn etwa mein Schwager noch irgendwelche Verbindlichkeiten hat, die bezahlen Sie – verstanden? Das heißt, Sie tun so, als wenn Sie das für ihn einstweilen auslegten. Als wenn das Ihre Ersparnisse wären! Sie sagen ihm, er kann es Ihnen später wiedergeben. Verstehn Sie das? Er darf nicht wissen, daß das Geld von mir ist. Wenn Sie Ihre Sache gut machen, soll es Ihr Schade nicht sein.« Die Frau versprach alles, und Dr. Friedlieb ging. In der Folgezeit hat die Frau den Brief und sämtliches Geld für sich behalten, die Sachen aber, die Robert einforderte, hat sie ihm mit der Post zugeschickt. In irgendeinem Hospital war es. Robert hatte dort Aufnahme gesucht. Um zu arbeiten, war er zu krank. Durch lange, planlose Wanderung mit tausend Entbehrungen und Schädigungen war es mit seiner Gesundheit rasch abwärts gegangen. Nun war der Arzt dagewesen und hatte wieder an seiner Brust herumgehorcht. Eine Schwester hatte daneben gestanden. »Mut, junger Freund, die rechte Lunge ist kerngesund!« Robert antwortete mit dem matten Lächeln, mit dem solche Kranke oft zu antworten pflegen. Und wie der Doktor mit der Schwester aus dem Zimmer hinausging, hörte Robert mit den feinhörigen Ohren, die die Kranken haben, die nach dem Leben lauschen: »Immerhin vielleicht noch ein Vierteljahr!« Die Nacht kam, das Fieber kam. Robert lag still trotz der fiebrigen Unruhe. Noch ein Vierteljahr! Dann sterben! – Das war gut! So ganz still liegen ohne Leid und Kummer, ohne Qual und Herzeleid unterm grünen Rasen und hinaufträumen in die blühenden Blumen, die der Lenz auf jeden Hügel pflanzt. Zu Hause sein, an einem festen, stillen Ort! Aber als die Mitternacht geschlagen hatte, fragte doch das junge Leben nach seinem Recht und entsetzte sich vor der feuchten, kalten Grube, die ohne Luft und Licht ist. Und dem jungen Manne erschien das elendeste Leben besser als der Tod, das elendeste Dasein angefüllt mit Schönheit und Wohlbehagen gegen diese starre, furchtbare Einsamkeit. Die junge Seele rang in Not und Leid und wollte ihr Haus nicht verlassen. Das ganze Leben zog in bunten Bildern an ihr vorüber, in Bildern, die viel schöne, leuchtende Farben und lichte Punkte hatten und deren grauer Hintergrund verklärt war vom roten Anhauch der Lebenslust. Ein Vierteljahr! O Gott, dieses kurze bißchen Zeit des hohen Glückes, leben zu können, nur nicht schmachten, nur nicht verlieren, in diesen düsteren Räumen! Nur nicht vorzeitig tot sein! Hinaus ins Leben! Hinaus in die milde Frühlingsluft, die heilsamer sein würde als des Arztes Medizin. Noch einmal hinein in den schönen Wald! Ach, wenn er noch einmal wandern könnte mit den Kameraden. Sie kamen ihm jetzt so lieb, so gut, so lustig vor. Und jede stille Wirtshausecke erschien ihm in der Erinnerung heimlich und gemütlich, so recht geschaffen, fröhlich zu sein. Gegen Morgen fiel er in Schlummer, und als er erwachte, war zwar die Erregung verschwunden, aber Sehnsucht und Wille, das Krankenhaus zu verlassen, waren geblieben. Gegen den Willen des Arztes verließ er am Nachmittags desselben Tages die Anstalt. Bei den Kameraden war er ein paar Wochen. Sie bewiesen ihm ihre Treue, saßen ihre freie Zeit bei ihm und verstanden es mit dem klugen Sinn der Gutmütigkeit, ihn oft auf Stunden lang seinen Zustand vergessen zu lassen. Ja, er wurde manchmal fröhlich und aß und trank heiter mit ihnen. Er versagte sich nichts mehr, wonach ihm der Sinn gerichtet war und ging mit seinem Gelde nicht mehr sparsam um. So schmolz seine Habe. Und so schmolz sein Leben. Er suchte nach Freude wie einer, der den ganzen heißen Tag gedurstet hat und am kühlen Abend trinken will. Und einmal sagte er zu den Kameraden: »Ich will die Lore noch einmal sehen! Sie war die einzige, die ich geliebt habe.« Sie rieten ihm ab, der Weg war weit, sie versprachen sich überhaupt von einem solchen Vorhaben nichts Gutes. Da sprach er: »Was habe ich zu verlieren? Ich sehne mich nach ihr und will sie noch einmal sehen. Ich werde ihr nichts vorklagen, ich möchte gern, daß ich sie noch einmal lachen hörte. Wißt ihr noch, wie schön sie lachen konnte?« Und er fuhr nach Lores kleiner Stadt. Unterwegs mußte er einmal Station machen, und er kam an seinem Reiseziel erschöpft an. Drei Tage erholte er sich in einem Gasthaus, kaufte sich noch einen neuen Anzug. Dann schlich er um ihr Haus und bekam heraus, daß sie an sonnigen Nachmittagen mit ihrem Kinde nach der Promenade gehe. Dort traf er sie. Sie saß auf der Aussichtsbank einer kleinen Anhöhe. Ihr munterer Knabe spielte vor ihr im Sande. Sie erschrak heftig, und er konnte nicht sprechen in seiner großen Erregung, als zu ihr trat. So saßen sie eine Minute lang nebeneinander auf der Bank und hielten sich wortlos an den Händen. Ihre erste Frage war, ob er krank sei. Er lächelte. »Ich war krank! Ich war in einem Krankenhause. Aber du siehst, daß ich wieder heraus bin.« Die ganze Zeit der Unterredung gab er sich Mühe, nicht einmal zu husten. Und die große Erregung, in der er sich befand, färbte sein Gesicht rot und ließ ihn nicht so krank erscheinen als er war. »Es ist schön hier,« sagte er, »die Sonne scheint warm und man hat eine schöne Aussicht.« »Wie kommst du hierher?« fragte sie. »Ich wollte dich noch einmal sehen. Ich werde wahrscheinlich bald weit fortreisen. Da wollt' ich dich noch einmal sehen, Lore!« »Warum kommst du nicht in die Wohnung?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, nein! Es ist schon gut hier! Es genügt schon!« Sie begann von seinem Schicksal zu reden. Sie hatte volle Aufklärung durch Christel erhalten. »Sie grämen sich alle sehr um dich«, sagte sie. »Und ich will dich auch nicht erschrecken, aber du weißt vielleicht noch nicht, daß dein Vater – daß mein Onkel Hartmann tot ist.« Er hob den Kopf und sah ins Weite. »So – so! – Er ist tot! – – So – so!« sagte er versonnen. Sie fröstelte dieser Gleichmütigkeit gegenüber. »Ja, Lore, siehst du, wir müssen alle sterben. Manchmal denkt man, man muß leben. Aber das ist dumm! Wenn ich doch geschlagen werden muß, ist's egal, ob heute oder morgen oder übermorgen. Denn es dauert doch wohl bloß ein paar Tage, dann kommt's.« »Robert, du bist so verbittert. Und es ist dir ja viel Unrecht geschehen. Am allermeisten hab' ich dir Unrecht getan.« »Du? – Nein, Lore, das mußt du nicht sagen – das stimmt nicht! Du hast mir nicht Unrecht getan. Nein, nein, siehst du, das mit dir, das hat mit meiner eigentlichen Geschichte nichts zu tun. Das war halt so, wie's in jungen Jahren kommt. Aber wenn du auch gar nicht dagewesen wärst, da wär's mir am Ende ebenso gegangen. Ich hab' viel darüber nachgedacht. So ähnlich wie mir geht's allen solchen Abkömmlingen. Das is mal so Mode in diesem Leben.« Ein Schauer rann über ihren Leib, und sie sah auf das spielende Kind, das lachend im Grase saß. Dann begann sie wieder leise auf ihn einzureden. Er solle nicht unversöhnlich sein. Sie verteidigte die Christel und Gottlieb Peuker und pries Dr. Friedlieb. »Ich weiß, Lore, es sind gute Leute! Ich hab' mir's jetzt oft überlegt, daß sie nicht gut anders konnten, daß sie mir nicht die Wahrheit sagen konnten. Die Wahrheit ist zu schwer für uns. Wir lügen oft, weil wir's gut meinen.« Sie sahen eine Weile vor sich hin. Da kam ihm ein Hustenreiz und er dachte ans Gehen. Sie sollte ihn nicht husten hören. Er kämpfte schwer gegen sich, dann sagte er: »Aber eins sollst du mir wahr und wahrhaftig sagen, Lore. Du kannst es mir sagen, denn du siehst mich nicht mehr wieder und ich plaudere nichts aus. Du sollst mir sagen, ob du glücklich bist.« Da stand sie auf von der Bank und trat vor ihn. »Ich will dir's sagen, Robert! Ich will dir's ganz ehrlich und wahr sagen. Was die Menschen glücklich nennen, das bin ich nicht. Ich bin glücklich, daß ich das Kind habe. Mein Mann ist nicht besser und nicht schlechter, als die meisten Männer sind. Als ich ihn geheiratet hab', hab' ich ihn nicht geliebt, trotz – trotz –. Ich war leichtsinnig und er war keck. Das gefiel mir. Geliebt hab' ich dich .« Da starrte er mit den Augen, hob die Hände, wollte vor ihr auf die Knie fallen. »Nicht so, Robert! Das ist vorbei. Ich soll dir die Wahrheit sagen, und du mußt die Wahrheit vertragen.« Er setzte sich langsam und gehorsam wieder auf die Bank. Aber das Leuchten blieb in seinen Augen. »Du hast mich geliebt. – Und doch hast du mich nicht gewollt. O, ich weiß, ich weiß! Ich war so scheu, so albern, so furchtsam, so – so verprügelt, so ganz unmännlich und feig, wie eben so ein Überzähliger ist, und davor scheut sich das Weib.« Sie sprach beruhigende Worte zu ihm voll klarer Weiblichkeit. Und er wurde ruhiger und sah mit leuchtenden Augen weit hinaus in die dämmernde Ferne. »Glaubst du, Lore, daß sich die Menschen in einer andern Welt wiedersehen? Glaubst du das?« »Ja, ich glaube es.« »Ich glaube es auch. Und sie werden sich dann nicht mehr stoßen und schlagen.« Sie sah, wie weich sein Herz und seine Seele war, und sprach noch einmal versöhnende Worte zu ihm. Sie wagte es sogar, von Frau Hartmann zu reden. Vieles müsse er ihrer Art, ihrer harten Erziehung zugute halten. Ihr habe wohl selbst niemals im Leben jemand warme Liebe erzeigt, und so sei sie hart geworden. »Es ist schön, wenn einen jemand lieb hat«, sagte er. Da nahm sie ihm das Versprechen ab, noch einmal nach Teichau zu reisen, wenn auch auf kurze Zeit, und sich auszusöhnen. Er versprach alles mit lächelndem Munde. Selbst beim Abschied, der ganz kurz war und bei dem er ihr einfach die Hände drückte und ihrem Knaben einmal über die Locken streichelte, lächelte er. »Auf Wiedersehen, Robert!« sagte sie mit Tränen im Auge. »Ja, ja, auf Wiedersehen, Lore!« sagte er ganz ruhig. Dann stieg er langsam den Hügel hinab. Noch am selben Abend suchte Robert ein Krankenhaus auf. Es war in einer Stadt, die nur vier Stationen von Lores Wohnort entfernt lag. Dort lag er fünf Wochen lang an den Folgen eines Blutsturzes. Lore hat er keine Nachricht gegeben. Aber die ganze Zeit hat er still und ohne Gram gelegen, auch ohne Angst. Nach fünf Wochen hat er gegen den heftigen Widerspruch der Ärzte die Anstalt verlassen und ist gen Teichau gefahren. Er kam in später Abendstunde auf der Bahnstation an und machte sich trotz höchster Erschöpfung auf den Weg. Bis zum »Wächter« kam er in des Dorfes Nähe. Weiter kam er nicht mehr. Fünfundzwanzigstes Kapitel »Frühmorgens, wenn die Hähne krähn, eh' noch der Wachtel Ruf erschallt, eh' linder all die Lüfte wehn, vom Jagdhornruf das Echo hallt, das Echo hallt: Dann gehet leise nach seiner Weise der liebe Herrgott durch den Wald, der liebe Herrgott durch den Wald.« Auf einem fernen Felde singen Knechte und Mägde das Lied. Die Sensen ruhen. In fröhlicher Runde sitzen die Leute, die ihr Frühstück beendet haben, und singen. Aus dem Dorfe herauf, auf den »Wächter« zu, kommt eine Frau gegangen. Sie trägt Speise in einem Korbe und einen erquickenden Trank in einer Kanne. Es ist Frau Christel Friedlieb, die zu ihren Dienstleuten geht, die draußen im Erntefeld schwer arbeiten. Sie trägt ihren Arbeitern immer selbst die Labung. Eine Glocke tönt zum Frühgottesdienst. Es ist gegen sechs Uhr. Da hebt Robert Hellmich das Haupt. Er liegt dicht an einem Weizenfeld im nassen Grase. Scheu wendet er den Kopf. Neben ihm ist ein roter Fleck. Das sind keine roten Blumen, das ist Blut. Seine Augen haften daran und sein Blick ist irr. »Der Weizen – das Blut – und ich! – Wo – aber ist die Mutter?« Er unterscheidet nicht mehr zwischen seiner Geburt und seinem Tod. Am reifen Ährenfeld geboren, am reifen Ährenfeld gestorben, und zwischen Ernte und Wiederernte ein fruchtlos Leben. Er hört die Glocke tönen. Da blitzt ein klares Licht auf in seinen Augen. »Da – da – das Dorf – das Blut! Sterbe ich? Sterbe ich hier?« Fragend schaut er nach dem Gotteshause. »Warum bringt ihr mir die Wegzehrung nicht? Warum laßt ihr mich so?« Wieder sieht er den roten Fleck, entsetzt sich, kriecht ein Stücklein den Rain hinab und sinkt um in reines Gras. Die Glocke tönt, und sein fiebernder Blick geht dem Klang entgegen bis hin zur Kirche, und sein Gesicht ist bitter. Neben ihm singen leise die reifen Ähren, und sein Auge irrt den Hügel hinab über die weiße Feldflur. Da steigt ein fremdes Bild auf vor seiner Seele, und sein Mund murmelt: »Da irrte sie umher in der Wüste!« »Mutter! Mutter, wo bist du? Gib mir zu trinken! Weißt du nicht, daß ich dein Sohn bin und daß du die Hagar bist? Weißt du nicht, daß wir in der Wüste sind? Alles ist weiß, alles ist heiß! Lauter weiße, heiße Wüste!« Zu rufen fingt er an: »Mutter! Mutter Hagar! Sieh mich an, sieh mich an!« Die Ähren wiegen sich leise, der Himmel wölbt sich hoch und blau, die siegende Sonne strahlt über der Welt, Morgenfrische liegt auf der Flur. »Da gehet leise nach seiner Weise der liebe Herrgott durch den Wald, der liebe Herrgott durch den Wald!« Das Lied klingt in den Fiebertraum, der Sterbende horcht, lauscht auf das ferne Lied. Dort ist der Wald, über dem Felde! Dort ist wirklich ein Wald. Horch! Horch! Kommt nicht – kommt nicht ein leichter Schritt? Ein ganz leichter Schritt? Fliegt nicht da jemand? Schwebt nicht da jemand? Knistert es hinter ihm in den Ähren? Ist jemand neben ihm? Er schließt die Augen, er öffnet sie wieder, er wendet scheu, furchtsam den Kopf und schreit auf: »Jesus Christus!« Eine milde Stimme antwortet: »Du hast es gesagt: ich bin es!« Da richtet sich der sterbende Körper auf, und die Fieberaugen werden groß und sehend vor dem Erlöschen. Vor ihm steht Jesus von Nazareth. Sein Gesicht leuchtet wie die Sonne, und seine Kleider sind weiß wie Schnee. »Herr! Herr! Du bist es!« »Was fehlt dir, mein Sohn?« Wie Balsam fließen die milden Worte in die kranke Seele. »Verwirf mich nicht, o Herr, ich habe Hunger!« »Selig sind, die Hunger und Durst haben; sie werden gesättigt werden!« – – Und der Heiland streckt die rechte Hand in die reifen Ähren. Er reibt sich die Hand voll Körner, beugt sich nieder zu dem Sterbenden, träufelt ihm die Körner in den Mund und sagt: »Mein Sohn, nimm hin und iß; das ist mein Leib!« Sieht ihn noch einmal voll Liebe an und verschwindet in Glanz und Sonnenschein.– – – Selig liegt der Sterbende in Gras und blühenden Blumen. Noch einmal öffnet er die Augen, aber er kennt die Welt nicht mehr. Er hört auch nicht, daß eine Frau laut aufschreit und zu ihm hinfliegt, ihn mit tausend süßen Namen nennt. Aber er fühlt ihren glühenden Kuß, öffnet die Augen und schaut sie an. »Mutter, bist du gekommen? Mutter Hagar? Hast du eine Quelle gefunden? Mich dürstet!« Da bringt sie eine Kanne und gibt ihm zu trinken. Er trinkt in durstigen Zügen und lächelt dann und sagt: »Siehst du, du hast eine Quelle gefunden! Und ich will dir's sagen, Mutter, der Heiland war da.« Er hört nicht die schluchzenden Liebesnamen, er hört auch den Namen Christel nicht mehr. Er weiß nicht mehr, wer das ist. Sie bettet seinen Kopf in ihren Schoß. »Freue dich, Mutter, freue dich! Sei auch nicht mehr böse auf den Vater. Ich bin gut auf alle.« »Horch – horch – Mutter – der Heiland kommt! – Er fliegt – er schwebt – dort – dort über dem Weizenfeld – schön wie die Sonne – weiß wie der Schnee – er fährt in den Himmel auf – –« Im Sterben spricht der bleiche Mund die Worte nach, die die scheidende Seele aus strahlender Himmelshöhe hört: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen!«