Jura Soyfer So starb eine Partei Romanfragment Vorspiel Franz Josef Zehetner war gewöhnt, von seiner Frau Vorwürfe zu empfangen, weil er es im Leben nicht sonderlich weit gebracht hatte. Völlig abgestumpft, ertrug er die heftigen Zusammenstöße, die sie in nahezu regelmäßigen Zeitabständen provozierte. Ja, er hatte ihnen eine angenehme Seite abgewonnen. An den nachfolgenden Abenden das Extrazimmer im Wirtshaus zu betreten, sich mit einem humorigen Seufzer am Stammtisch niederzulassen: »Jawohl, meine Herren, heut hat's wieder geblitzt und gedonnert«, das schuf erst die verschwörerische Stimmung, die Männer und Kameraden brauchen, um sich ganz unter sich zu fühlen. Übrigens ging es den wenigsten Herren zu Hause anders. Knapp vor Weihnachten 1932 jedoch wuchs eine seiner ehelichen Auseinandersetzungen übers Erträgliche und Gewohnte hinaus. Die Frau gebrauchte ein erschütterndes Wort (dessen Tragweite ihr voll bewußt sein mußte, denn sie hatte ihre Jugend in besseren Kreisen verbracht): »Prolet« – Franz Josef Zehetner aber, der den allerdings anrüchigen Titel Maschinenmeister trug, war zweifellos Kopfarbeiter und Staatsbeamter. Wohlgemerkt: Beamter, wenn auch ein kleiner. Er saß in der Heizhauskanzlei eines der größten Wiener Bahnhöfe, wo zu seinen, rein intellektuellen, administrativen Funktionen auch jene gehörten, die Dienstturnusse der Mechaniker, Heizer, Lokomotivführer einzuteilen, also eine ausgesprochen autoritative Tätigkeit. So weit zu kommen, war ihm sauer genug geworden. Sein Herr Vater, von Beruf Oberlehrer, hatte für ihn die gleiche oder eine höhere Würde erträumt, hatte ihn aber, als er trotz eifrigen Studierens in der dritten Gymnasialklasse sitzenblieb, schäm- und zornerfüllt aus der Schule genommen und in die Lehre gesteckt. Hatte bald darauf die Maßnahme bereut, sie aber nicht zurückgenommen: aus Prinzip. Hatte die Schande, einen Schlossergehilfen zum Sohn zu haben, nicht mehr lange überlebt. Zehetner hatte Heizer und dann Lokomotivführer werden müssen. All die Zeit der Erniedrigung hindurch, fest ans Bewußtsein geklammert, daß ihm das alles nicht an der Wiege gesungen worden war, hatte er sich, soweit notwendige Kompromisse es erlaubten, von gewissen Elementen unter der Belegschaft distanziert. Musterhaftes Betragen trug ihm das Wohlwollen des Heizhausvorstandes und bald darauf die Maschinenmeisterstellung ein. Seelisch aufgerichtet, hatte er es gewagt, um eine höhere Magistratsbeamtentochter anzuhalten. Sie war ihm zuteil geworden. Seine Jugendsünden waren gutgemacht. An diesem Punkt jedoch schien Zehetners Stern seinen Kulminationspunkt erreicht zu haben. Ende 1932 stand er mit der Frau und vier Kindern, wo er vor 10 Jahren gestanden war, nämlich als Maschinenmeister in der Lohnkategorie 13; und seine hochfliegenden Versprechungen, die einst den mißtrauischen Sinn des höheren Magistratsbeamten betört hatten, fanden jetzt selbst im Ehebett knapp vor Auslöschen der Lampe keinen Glauben mehr. Und hier fiel das Wort »Prolet« und traf Zehetner ins Herz. Die Frau sah, was sie ihm angetan hatte, bereute sofort und versuchte, ihre Tat ungeschehen zu machen. Zu spät, Zehetners geheime Seelenwunde war brutal aufgerissen worden und tat bitter weh. Als Lokomotivführer hatte er sich lange genug jene Bezeichnung bieten lassen müssen und auch nur seitens gewisser Leute und infolge notwendiger Kompromisse. Warum stand er als Beamter noch immer, schon wieder, in Reichweite dieser Beschimpfung? Warum hatte er es nicht weiter gebracht als bis zur Lohnkategorie 13, dieser schmalen und immer wieder geschmälerten, dieser messerschneidendünnen Existenzbasis? Zehetner dachte nicht daran, daß seine bescheidenen geistigen Fähigkeiten zum Teil der Grund sein mochten. Ebensofern lag es ihm, in den komplizierten Begriffen der Volkswirtschaft herumzuwühlen. – »Warum« fragen, das hieß für ihn fragen: »Wer ist schuld?« – »Wer ist schuld?« fragte er sich in wieder ausbrechender Verzweiflung. Und die Schuldigen kannte er längst. Es waren schon wieder dieselben. Immer wieder dieselben. Aber man mußte vorsichtig sein. Damals war die Republik vierzehn Jahre alt. Seit vierzehn Jahren speicherte Zehetner Haß in sich auf und hütete ihn geizig und pedantisch. Selten hatte er gewagt, ihn offen zu zeigen, noch nie, ihn zu verausgaben. Denn wohl durfte der Herr Bahnhofsvorstand bereits aussprechen, daß die Zeiten sich geändert hatten. Daß aber schon der Heizhausvorstand diesen Ausspruch öffentlich übernahm und aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr machte, schien Zehetner unvorsichtig. Und für ihn selbst gar, einen Angehörigen niederster Kategorie, hieß es zweifellos immer noch: Schweigen und alles in sich hineinwürgen. Die anderen heimattreuen Herren teilten allerdings nicht mehr Zehetners vorsichtige Meinung. Sie taten in der Kanzlei schon, weiß Gott, wie groß. Zehetner war der letzte, der noch an sich hielt. Nur in ihm war die Furcht immer noch so stark wie der Haß. Sie kämpften miteinander in seiner Seele, fraßen aneinander, nährten einander. Immer wieder zurückgestaut, schmeckten sie ihm fade im Mund wie abgestandenes Bier, machten ihn krank. Aber diese langsame Vergiftung ertrug er geduldig. Nach den Sonntagsmessen begriff er sie als eine vom Herrgott gesandte Prüfung. Ohne Rücksicht auf die Bügelfalte seiner schwarzen Feiertagshose kniete er, den kleinen Stahlhelm am Knopfloch, lange vor der Marienstatue und sandte ihr in leisen Stoßgebeten Wünsche, so blutrünstig, wie man sie selbst am Kameradschaftsstammtisch nicht zu äußern wagte. Manchmal, wenn er die gelbliche Farbe seines dürren Gesichtes im Spiegel betrachtete, empfand er in Gedanken an die kommende Vergeltung eine Art Genugtuung: »Also, das habt's aus mir gemacht. Na, gfreut's euch, Bagage ...« Aus Vorsicht war Zehetner Mitglied verschiedenster Vereine und Parteien. Trug er am Rockaufschlag das Abzeichen aller heimattreuen und christlichen Männer, so befand sich in einem Geheimfach seiner Brieftasche eine Mitgliedskarte, die ihn als deutschbewußten Arier legitimierte. Denn zwar war ihm die plebejische Art dieser Partei (die sich geschmackloserweise Arbeiterpartei nannte), wie überhaupt alles Preußische tief zuwider. Aber die Braunhemden durchzogen die Stadt schon so selbstbewußt, als ob es Berlin wäre, und ihr »Deutschland erwache« erfüllte täglich die Straßen. Und hatten sie drüben im Reich auch kürzlich eine Wahlniederlage erlitten, so waren ihre Stimmen bei den Wiener Gemeindewahlen gewaltig emporgeschnellt. Hüben wie drüben war es noch immer möglich, daß sie zur Macht gelangten. Übrigens mußte man anerkennen, daß sie organisatorisch sehr tüchtig waren, weswegen sie ja, eben ganz auf preußische Art, scharf auf die Gesinnung sahen. Nicht in Zehetners Brieftasche, sondern sorgfältig versteckt unter der Wäsche seiner Frau befand sich eine andere Mitgliedskarte. Sie wurde seit vielen Jahren nicht mehr hervorgeholt, und ihre letzte Beitragsmarke stammte vom August 1921, aber sie war da, unversehrt, durchtränkt von Lavendelgeruch. Für ihre Existenz gab es keine Entschuldigung. Nichts kam seinem Selbstbewußtsein zu Hilfe, wenn er an dieses dünne Büchlein dachte. Manchmal, von begeisternden Kameradschaftsabenden oder von strammen Aufmärschen heimkehrend, ging er, die ermunternden Reden seiner Führer noch im Ohr, auf seinen Wäscheschrank zu und riß mit rauher Hand die Türe auf. »Was stierst du schon wieder in meinen Sachen umeinand?« fragte die Frau. Er stammelte etwas von einem Reservekragenknopf und schloß hastig den Schrank. Das Mitgliedsbuch blieb, wo es war, für alle Fälle. Denn Zehetner fürchtete es immer noch so stark, wie er es verabscheute. Es war ihm bekannt, daß er für feig galt, weil er es noch immer nicht wagte, sich als Herr im Staat zu gebärden, wie die Heimwehrkameraden, oder als kommender Herr, wie die Kollegen von der Deutschen Verkehrsgewerkschaft. Mochte man ihm nur Feigheit vorwerfen! Er sah die Dinge tiefer und wußte: Wer diesen Feind haßt, ohne Angst vor ihm zu haben, der haßt ihn nicht wirklich. Der ist ein Narr und ein Aufschneider; der hat, mag er noch so gewaltige Kampfreden schwingen, in Wirklichkeit vergessen, gegen wen der Kampf geht ... – Zehetner hatte nichts vergessen. – Sooft am Stammtisch die Geister sich rückwärts wandten, rekurierte man an sein Gedächtnis: »Sag einmal, Zehetner, wie hat nur der Soldatenrat geheißen, der was damals im Achtzehnerjahr beim Alten so einen Wirbel gemacht hat? Oder war's im Neunzehnerjahr?« – »Es war im Neunzehnerjahr«, sagte Zehetner. »Im Juni. Lechner hat er geheißen. Ein Linzer war er. Er hat den Herrn Vorstand mit der Pistole bedroht, bezüglich eines Truppentransports der Volkswehr ...« Was längst untergegangen war, längst fortgeschwemmt im Laufe der vierzehn Jahre, lebte noch in seiner Erinnerung, bedrückend, fast gegenwärtig. Heim kehrten in überfüllten Zügen die meuternden Soldaten des verlorenen Weltkrieges. Auf den Waggondächern hockten sie scharenweise; in brüllenden Dolden hingen sie über die Trittbretter. Trugen die Gewehre vorschriftswidrig mit dem Kolben nach oben, gehorchten keinem Kommando mehr, pfiffen auf Gott und Kaiser, glaubten an kein Vaterland; oder es tauchte das Gerücht von einem jener neuen Vaterländer auf, die täglich auf den Straßen ausgerufen wurden: in Prag, in Budapest, in Laibach oder sonstwo, und dann entdeckten die Soldaten der kaiserlich-königlichen Armee plötzlich, daß sie Tschechen seien, Ungarn, Ukrainer, Polen, Slowaken, Slowenen, Kroaten, Serben, Türken, Deutschösterreicher ... steckten auf ihre Mützen Kokarden der meuternden Nationen oder die roten, fünfzackigen Sterne, die von den freigelassenen Kriegsgefangenen aus Sibirien ins Land gebracht wurden. Überfluteten Wien. Hetzten durch die Straßen jeden Offizier, der noch die schwarzgelben Farben zu tragen wagte. »Hej, Slowene!« – »Wacht auf, Verdammte dieser Erde!« Auf tauchte, als die Wasser der Sintflut sich zu verlaufen begannen, ein kleiner Staat mit sechseinhalb Millionen Einwohnern, die ihn ungläubig Österreich nannten, Republik Deutsch-Österreich. Daß dieser Staat nicht dem Deutschen Reich einverleibt wurde, lag nicht an ihnen. Staatskanzler war ein sozialdemokratischer Advokat. Als Zehetner sich damals das Schandmal jenes Parteibuches zufügte, war er nur einer von Tausenden, die es mit demselben Ekel taten. Denn niemand wußte, was der nächste Tag bringen mochte. Zwar saßen im Ministerium neben den Besagten auch einige gutchristliche Herren. Aber in den Gemeinden des Landes machten sich Arbeiter-und-Soldaten-Räte breit. Zwar lagen in der Hörlgasse neunzehn erschossen, die »Alle Macht den Räten« gerufen hatten. Aber was man Armee nennen mußte, rekrutierte sich aus Banden, die jeder ordentliche Staat längst an die Wand gestellt hätte. Sie trugen an den Kappen noch dieselben roten Nelken, sangen noch dieselben Lieder, mit denen sie als Meuterer von der Front gekommen waren. So fuhren sie in überfüllten Zügen aus, um die Grenzen zu schützen, die Grenzen, die noch so ungenau bekannt und so unglaublich eng waren, daß fassungslose Geographielehrer sich im Unterricht immer noch an die österreichisch-ungarische Monarchie hielten. Jedoch an diesen Grenzen eines eben erst verlautbarten, winzigen Staatsgebildes bezogen die Banditen ihre Wachposten und gebrauchten zögernd das Wort »Vaterland «. Aus durchsichtigen Gründen: Nebenan in Ungarn und drüben in Bayern brachen schon die Rätediktaturen nieder, und es wollte wieder Ordnung werden in Europa. Kam die Zeit, da Zehetner staunend bemerkte, daß auch im eigenen Land die Lage sich festigte. Wie und warum eigentlich, wußte er kaum. Kein General von Epp hatte hier gewaltet, kein Horthy, kein Mussolini. Trotzdem verschwanden die Sowjets. Das Gesicht der Armee wurde halbwegs vertrauenerweckend. Mit immer weniger Gewissensbissen und Befürchtungen ließ man sich von ihr beschützen. Sie wurde ihren roten Kriegsminister los (denn das Kabinett war wieder rein bürgerlich geworden) und schließlich ihren ominösen Namen – Volkswehr. Man war um das Ärgste herum, aber eben nur ums Ärgste. Denken wir nicht an die Inflation zurück! Ohnehin begriff Zehetner nie und wird nie begreifen, wie das Ungeheuerliche geschehen konnte: Gewöhnliche Arbeiter, gewissenlos genug, um täglich mit Streiks zu drohen, verdienten damals eben darum mehr Geld als »Akademiker«! Das Ministerium hatten sie verlassen, um desto lauter im Parlament das große Wort zu führen. Im Wiener Rathaus regierten sie unumschränkt. Sie waren nicht mehr die Herren im Land, und Zehetner hatte die Zahlung der Mitgliedsbeiträge an ihre Partei eingestellt, aber tief zog er im Betrieb den Hut vor ihnen. Tief mußte sogar der Herr Vorstand seinen Hut ziehen. Der neue Bundeskanzler erwirkte in Genf einen Kredit zur Sanierung des Landes. Er war ein Jesuitenprälat. Immer und überall trug er, wie es schien, dasselbe enge, schwarze, priesterliche Gewand. Niemanden hätte es überrascht, zu hören, daß dieser Mann gar keinen Körper besäße. Im Bewußtsein des Volkes lebte er als Kopf: ein großer, völlig kahler Asketenkopf mit schmaler, vorspringender Nase, schmal eingefaßter Brille, schmal verkniffenem Mund. Er war unpopulär. Niemand liebte ihn. Weder die Tiroler, so tief fromm wie verelendet auf ihren verschuldeten Berghöfen, noch die protzigen Niederösterreicher; weder jene unter den steirischen Bauern, die trotz der verpestenden Nähe der Metallbetriebe und Bergwerke noch gut katholisch waren – noch jene unter den kleinen burgenländischen Pächtern, die trotz roter Bodenreformpläne noch staatserhaltend blieben; nicht einmal die wenigen tausend christlichsozialen Arbeiter; und schon gar nicht Zehetners deutschbewußte Bürokollegen. Sie alle empfanden für den Prälatenkanzler keine Liebe, sondern Scheu und scheues Vertrauen. Er sprach zu ihnen mit der dumpfen Stimme der Kalksburger Jesuiten, die hallte, als käme sie aus der Gruft, wo die Gebeine der vergangenen Habsburger lagen. Seine widerwillig gehaltenen, monotonen Ansprachen enthielten Hinweise auf Dante und Zitate aus Thomas von Aquino und waren von keiner einzigen volksrednerischen Geste unterstützt. Mit kaum verhohlener Verachtung für Zehetner und dessengleichen forderte er von ihnen Opfer. Zum Behelf schenkte er ihnen nur ein Schlagwort: Sanierung! Zehetner genügte es. Er ließ sich gern das Stück Gehalt abzwacken. Würde nun endlich Ordnung ins Land einziehen? Daß die wirtschaftliche Sanierung mißlang, verschmerzte Zehetner in der Folgezeit so weit, um sich sogar einreden zu können, sie wäre gelungen. Denn was kümmerten ihn in Wahrheit die Sparer, die nun nach Eindämmung der Inflation endgültig zu Bettlern stabilisiert wurden? Oder die Arbeitslosigkeit, die dem mißgeborenen kleinen Staat seit den ersten Atemzügen chronisch anhaftete? Oder die Bauernarmut im frommen Tirol? Zehetner war kein Sparer, kein Arbeitsloser, kein Bauer. Er war Bundesbeamter. In seinem Himmel hing ein blankes Sternlein: die Pension. – Und nun sollte er aus Angst um sie noch immer vor gewöhnlichen Proleten den Hut ziehen? Sollte er sich sein Leben lang von Heizern und derlei Pack in den Turnuszuteilungskommissionen auf Schritt und Tritt dreinreden lassen? Und noch dazu ein freudiges Gesicht machen, weil man ja nie wissen konnte, ob sie nicht morgen die Herren im Betrieb sein würden? Würde er einst seine Ruhestandsbezüge, sein Gnadenbrot, aus der Hand von Juden und Kohlenschauflern entgegennehmen müssen? Es war unerträglich, mit diesem Alpdruck auf der Seele der Pensionierung entgegenzualtern. Mochte die finanzielle Sanierung auf sich warten lassen, Zehetner war kein Materialist. Aber wo blieb die Seelensanierung, die der Prälatenkanzler versprochen hatte? Wohl versuchte Seine Eminenz die Rechte der Maulaufreißer im Parlament zu beschneiden, die Anleihemaßnahmen im Verordnungsweg durchzusetzen. Aber der Versuch scheiterte. Und ihre Wählerzahl überschritt weit die Million, und dreihunderttausend Stimmen fehlten ihnen nunmehr zur absoluten Majorität. In den Arsenalen ihrer Parteigarde häuften sich, wie man immer wieder hörte, die Waffen!– – – Aus ist's mit uns, dachte Zehetner am 15. Juli 1927. Aus ist's und vorbei. Im Burgenland hatte ein Heimwehrler einen Schutzbündler erschossen und war freigesprochen worden. Zehntausende hatten die Betriebe verlassen, marschierten aus Floridsdorf, Ottakring, Meidling, Simmering, von überallher auf die innere Stadt zu und überfluteten die Ringstraße. Aus den Fenstern des brennenden Justizpalastes flogen aufs Pflaster Kruzifixe, Kaiserbilder, Aktenstöße. Polizisten flohen, als Richter und Amtsdiener verkleidet. Während seine Frau beim Greisler ums letzte Kilo Schmalz raufte – um sich für Bürgerkrieg und Hungersnot einzudecken –, hockte Zehetner in der Küche und machte sich klein, damit die Revolution ihn nicht bemerke. Auf den Straßen knallten die ersten Salven. Dann erst erfuhr er, daß nur die Polizei geschossen hatte. »Nur die Polizei?« wiederholte er fassungslos. »Na ja. Die Roten sind durch die Straßen gehetzt worden wie die Hasen. Neunzig sollen hin sein.« Zehetner begriff noch immer nicht das Geschehen. Die Freie Gewerkschaft rief zum Protest einen vierundzwanzigstündigen Generalstreik aus. Er streikte mit, um sich in so stürmischen Tagen nicht unliebsam bemerkbar zu machen. Vierundzwanzig Stunden lang rollte nicht ein Waggon über die österreichischen Geleise. Aber als diese Zeit um war, meldete sich Zehetner blaß und zitternd beim Heizhausvorstand. Er habe nicht gestreikt, nur ein plötzliches Unwohlsein habe ihn zu Hause zurückgehalten. Er erlitt große Beklemmungen, bevor es am nächsten Morgen klar wurde, daß sein Instinkt ihn nicht getäuscht hatte: Straßenbahnschaffner, Chauffeure, Betriebsarbeiter nahmen in ganz Wien Dienst und Pflicht wieder auf. Ihre Gesichter waren verstört. Viele sah man Arm- oder Kopfverbände tragen. Sie hatten nicht gewagt, sich krank zu melden. Gegen Mittag erfuhr man, daß Bruck an der Mur ein paar Stunden lang seine proletarische Diktatur gehabt hatte, die dann vom Proletariat rückgängig gemacht worden war. Das war alles. Der Kanzlerprälat gab auf den Gräbern der neunzig Roten nur eine Losung aus: »Keine Milde!« Manches wandte sich zum Besseren. Sonntag für Sonntag weihten Pfarrer und Eminenzen die Wimpel neuer Heimwehrabteilungen. Zehetner trug den Kopf höher und auf dem Kopf einen Hahnenschwanzhut. Man fuhr in Autobussen in die Provinz hinaus, wagte sich in Viererreihen auf die Straßen der verseuchten Industriestädte. Marschierte, zögernd erst, trotz Heil und Tschin-Tschin, dann von Sonntag zu Sonntag immer kühner durch die Arbeiterviertel. Sie lagen leer, wie ausgestorben an ihrer roten Pest. Die Kameraden aus der Provinz verkündeten schon laut ihren eingefleischten Haß gegen das Sündenbabylon, das sich einen Volksschullehrer zum Bürgermeister und Juden zu Stadträten gewählt hatte. Man sprach von einem Marsch auf Wien. So weit war man allerdings noch nicht. Doch war der Triumph vom Oktober 1928 in Wiener Neustadt nicht berauschend genug? Prachtvoll im Gleichschritt durchzogen Zehntausende Hahnenschwänzler die Straßen der roten Hochburg. Zwar marschierte in den Parallelstraßen, durch Militärkordons, Stacheldrahtverhaue und Maschinengewehre im Zaum gehalten, gleichzeitig die rote Parteigarde. Aber die Grünen waren einmarschierende Siegertruppen, die Roten die Festungsbesatzung, die dabei ihre Parade abhielt. Ganz Österreich wußte das. Ganz Österreich fürchtete, es könne nicht gut ablaufen. Es lief gut ab. Auf der Heimreise nach Wien (die selbstverständlich ebenso gratis verlief wie die Ausfahrt) war Zehetner mit vier Dutzend Kameraden in einem offenen Viehwaggon eingepfercht. Während der Zug Neunkirchen verließ, zeigte sich am Fuße des Bahndammes plötzlich ein zerlumpter Kerl mit einem Gewehr, riß den Mund zu einem unverständlichen Schrei auf, legte hastig an und schoß. Der Schuß ging weit daneben. Außer Zehetner hatte fast niemand im Waggon den Vorgang bemerkt. Die Sieger, vom Freibier angeregt, sangen ihren Triumph in die Welt hinaus. Zehetner jedoch war nicht besoffen. Tagsüber war ihm der Hals wie zugeschnürt gewesen. Als er sich vom Schock des Attentates erholte, war der Täter nicht mehr in Sicht. Etwas löste sich in Zehetners Kehle und zerfloß in bittersüßer, trunkener Rührung zu einem kurzen Aufschluchzen. Wie Vögel bei Sonnenaufgang fühlte er plötzlich das instinktive Bedürfnis zu singen. Eigentlich ging seine Sehnsucht nach einer bacchantischen, gemütvoll-feschen Weise, wie etwa »Es wird ein Wein sein und mir wer'n nimmer sein«. Aber die Kameraden gaben Militärmärsche von sich. Und so brach es denn jubelnd aus seiner Kehle, wobei er sich bemühte; als einziger im ganzen Chor die Oberstimme einzuhalten, und so seinen schönen, hohen Tenor zur Geltung zu bringen ... »Mir san die Kaiserjager – – vom vierten Regiment – ...« An diesem Tage war die österreichische Arbeiterschaft wieder einen Schritt vor Zehetner zurückgewichen, und fast jede neue Woche brachte ihm kleine oder große Genugtuungen. Er durfte (aus Vorsicht sehr jovial) im Heizhaus verkünden: »Laut Erlaß der Bundesbahndirektion ist das Schmücken und Beflaggen von Lokomotiven am ersten Mai von nun an verboten. Leider!« fügte er für alle Fälle hinzu. Und: »Da kann man halt nix machen, meine Herren ...« Er durfte hinter bedeutsam entfalteter »Reichspost« seiner Frau am Frühstückstisch erklären: »Sixt es, jetzt ist die englische Labourregierung auch schon gestürzt. Leber wird's ausgesprochen. Die haben's auf die Heimatschutzbewegung scharf gehabt, dieser McDonald und speziell der Henderson. Das ham's jetzt davon. Leider Gottes ist unser Vaterland ja noch immer jedermann sein Spucknapf. Aber jetzt, wo drüben der Reichskanzler auch kein Sozi mehr ist – jetzt paß auf.« Als infolge der schamlosen, kommunalen Lustbarkeitssteuer der Roten die Weltwirtschaftskrise ausbrach, erfand Zehetner für seine freien Tage eine neue Vergnügung. Er verschob den gemeinsamen Familienspaziergang um zwei Stunden und machte sich allein auf den Weg, den steifen Hut schief überm Ohr und die sorgfältigst ausgesuchte Virginiazigarre fest zwischen die Zähne geklemmt und genau in der Gehrichtung vor sich hin balancierend. So suchte er mit elastischen Schritten in Vierteln, wo man ihn nicht kannte, räudige kleine Parks auf, darin die Arbeitslosen sich sonnten (schon waren ihrer so viele, daß den Kindern kein Platz auf den Bänken blieb). Dort knüpfte er kleine Gespräche an, harmlose Debatten, aber lustvoll grade in ihren feinsten und auffälligsten Nuancen. Diese Nuancen lauteten etwa: »Ich als Fixangestellter ..., das Elend ist mir nicht fremd, junger Mann, ich habe mich selbst von klein auf emporgearbeitet ... Wer ist denn schuld? Der Herr Stadtrat Breitner! No, bitte; Sie haben ihn ja selber geseh'n ... Übrigens, wenn einer wirklich arbeitswillig ist, gibt's für ihn keine Wirtschaftskrise. Wer sucht, der findet, Müßiggang ist aller Laster Anfang ...« Wiewohl er dabei sein Heimwehrabzeichen nicht trug, kam er selbstverständlich nur knapp am Verprügeltwerden vorbei. Nicht zum Geringsten war es grade diese Gefahr, die ihn insgeheim reizte, und seine elegante Manier. sich ihr schließlich als überlegen zu erweisen. Denn er sprach nicht provokant, sondern in einem strengen, väterlichen Ton, der viele junge Arbeitslose einschüchterte, zumal Zehetner geschnörkeltes Hochdeutsch verwendete. Den Dialekt gebrauchte er nur, um kleine, wohlwollende Scherze zur Beruhigung der Gemüter einzuschieben. (Zehetner konnte äußerst charmant sein.) Verblüfft, mißtrauisch, mürrisch oder entmutigt sahen ihn die Burschen an; einige argumentierten eifrig los, bis es einem schließlich zu dumm wurde und er drohend auf Zehetner losging. Dann pfiff der dürre, kleine Mann seinen dürren, kleinen Hund herbei und entfernte sich lächelnd und achselzuckend. »Sie sind leider Gottes verhetzt, junger Freund.« Er hörte, wie hinter ihm die Gereizten von den Friedfertigen beruhigt wurden: »Laßt's ihm die Gesinnung!« Zehetners Augen blitzten, sein Spazierstock wirbelte martialisch. Wie die Diskussion auch ausgefallen sein mochte – im Grunde hatte er recht: denn er war fixangestellt. Solche Ausflüge (übrigens vergewisserte er sich immer vorher, ob ein Wachmann in der Nähe war) nannte er »Rekognoszierungsritte« oder »Marxistenhäkeln«. Im Betrieb durfte er mißlaunige Gespräche erhaschen, ratlose Blicke, wenn am Vorabend den Leuten von ihren Führern erklärt worden war: Jetzt ist Krise; schraubt die Hoffnungen niedriger; Streiks sind aussichtslos. Im Herbst 31 versuchten es die steirischen Heimwehrkameraden mit einem Putsch. Es lag nicht an der Regierung, daß er schon nach einigen zufälligen Todesopfern zusammenbrach. Aber auch nicht an den Roten. Sie nahmen die Sache humoristisch auf. Ebenso den Freispruch der Kameraden vor den Grazer Geschworenen. Der 15. Juli ruhte in neunzig vernagelten Särgen. – Wer aber bürgte, daß sie fest genug vernagelt waren? Wer konnte, selbst Ende 1932, wissen, ob all die Geschehnisse, die man mit Fleiß aufgeschichtet hatte, haltbar genug waren, um einen Ausbruch des feurigen Jahres 18 aufzuhalten? Zehetner mißtraute dem Pflaster, auf dem man marschierte, mit Heil und Tschin-Tschin. Er mißtraute der Stille verschlossener Häuserfronten in den Arbeitervierteln. Er hatte Platzangst vor den vierzehn Jahren Republik. Sie bildeten eine Epoche für sich, mit eigener Zeitrechnung, die noch immer hieß »Nach dem Umsturz«. Zu einer anderen, früheren Epoche, genannt »In Friedenszeiten«, war das Leben durchaus ordentlich, übersichtlich, verständlich verlaufen. Alles aber, was »nach dem Umsturz« geschehen war und noch immer geschah, gehorchte unbekannten, unheimlichen, chaotischen Gesetzen. Kein Ding stand auf seinem Platz, und nichts stand fest. Regierungen forderten von ihren Staatsbeamten den schuldigen Respekt und ließen sich gleichzeitig im Parlament Ungeheuerlichkeiten vorwerfen: Korruption, Hörigkeit dem Bankkapital, demagogisches Doppelspiel ... Sie forderten Vertrauen, das Zehetner ihnen gern entgegenbrachte. Am nächsten Morgen stürzten sie in aller Öffentlichkeit, und man blieb tagelang ohne Regierung. Außen- und Innenpolitik waren in Friedenszeiten auf seelerhebenden Leitsätzen begründet gewesen: »In väterlicher Besorgnis um das Schicksal unserer Völker« – »In ewiger Verbundenheit mit dem angestammten Herrscherhaus ...« – »Elastischen Schrittes kam unser greiser Monarch dem jungen deutschen Kaiser einige Schritte über die Freitreppe entgegen ...« Jetzt, nach dem Umsturz, war von nichts anderem die Rede als von finanziellen Verpflichtungen gegenüber dem Völkerbund, von Budgetsorgen, Moratorien, Anleihezinsen, Anleihen zur Bezahlung der Zinsen usw., ohne Ende. Und verstehen sollte man das auch noch! Man wurde von Krämern regiert, die einem gnädigst das Mitbestimmungsrecht gewährten. Zehetner wollte kein Mitbestimmungsrecht. Er wollte in die Gehaltskategorie 14 aufsteigen. In Friedenszeiten wäre er längst so weit gewesen. Dazumal rollten kaiserlichkönigliche Eisenbahnzüge kreuz und quer im weiten Raum zwischen Schlesien und Oberitalien, zwischen Salzburg und Przemysl. Damals, mitten im Konglomerat untertäniger Sklavenvölker, hieß es noch etwas, deutscher Österreicher zu sein. Dazumal hatten Kopfarbeiter ihren Wert. Und ganz abgesehen von alledem hätte für Zehetners so ersehnten Aufstieg in die Gehaltskategorie 14 die Tatsache genügt, daß er kein Materialist war. In dieser verdrehten Zeit aber half es nur wenig, den Vorgesetzten daran zu erinnern. Ja, der Vorgesetzte wußte, daß Zehetner immer willig Opfer getragen hatte und daß er heimattreu bis in die Knochen war. Ja, der Vorgesetzte wußte das zu schätzen. Ohnedies hatte er trotz der sprichwörtlichen Beamtenhypertrophie seinen Schützling schon zwei Lohnkategorien hinaufprotegiert. Noch größeres, persönliches Wohlwollen, so erklärte der Vorgesetzte, könne man im Betrieb nicht zur Schau stellen. Man müsse notwendige Kompromisse einhalten. Zehetner sei bei der Belegschaft nicht sonderlich beliebt, und auch manche Heimwehrkameraden seien nicht bestens auf ihn zu sprechen. Er solle sich gedulden. Schon hätten sich die Zeiten ja wesentlich geändert ... Womit für Zehetner wieder einmal bewiesen war, daß sie sich nicht geändert hatten, noch immer nicht anders waren als die lausige »Zeit nach dem Umsturz«! Ein kleines Gulasch war nicht unter vierzig Groschen zu haben. Zehetner rechnete immer wieder von neuem, wie wenig es in Friedenszeiten gekostet hatte, und erschrak immer von neuem. Die moderne Kunst war durch nichts gehemmt. Sie unterwühlte den Staat und, was fast schlimmer war, sie unterwühlte Zehetner selbst. Die Jugend, anstatt in den Kasernen Disziplin zu lernen, trieb Politik. Mädchen verbrachten den Urlaub in gemeinsamen Lagern mit Burschen und bekamen nicht einmal Kinder. Gottlose durften den Klerus beschimpfen. Ein Beamter mit Gymnasialbildung mußte sich Prolet nennen lassen. Alles war jedem erlaubt. Alles war jederzeit möglich. Nur eines nicht: denen, die an allem schuld waren, mit der ersehnten Offenheit seinen Haß zu zeigen. Man mußte mit ihnen zusammenarbeiten. Sie saßen in den Personalausschüssen, Mitregenten im Bahnhofsbetrieb. Sie saßen als Zentralausschußmitglieder in der Generaldirektion auf dem Schwarzenbergplatz. Sie saßen sogar in höchster, schwindelnder Höhe im Verwaltungsrat, Juden und Kohlenschaufler. Und das Verwirrendste in diesem Wirrsal der »Nach-dem-Umsturz-Zeit«: Nicht nur, weil man unter ihrem Zwang stand, arbeitete man mit ihnen zusammen. War es nicht so, daß man sie brauchte? Waren sie nicht der Damm vor einem größeren, letzten Chaos? Das mochte der Teufel wissen oder sie selbst. Waren sie staatserhaltend oder revolutionär? Ihre Zeitungen erklärten das in einer Sprache, die für Zehetner Chinesisch war. Ihre Gewerkschaften nahmen ohne Wimperzucken Lohnkürzungen an und sprachen von sozialistischer Planwirtschaft. Ihre Abgeordneten drückten die Augen vor harten Regierungsmaßnahmen zu und drohten mit der Revolution. Zehetners Verwirrung trieb ihn zeitweise fast bis zum Verfolgungswahn. Wenn er in der Stadtperipherie an den riesenhaften Gemeindebauten vorbeikam, die Namen trugen wie »Karl Marx« – »Friedrich Engels« – »Matteotti« 134 – »Lassalle«, sah er keine Volkswohnhäuser vor sich, sondern Bürgerkriegsforts des roten Schutzbundes 135. Die kommunalen Mistabfuhrautos waren Tanks, die Kindergärten Waffenarsenale. Die Spielplätze Exerzierplätze. Sie hatten Wien zu einer getarnten Festung der Weltrevolution gemacht. Sie trugen Masken statt Gesichter und Masken unter den Masken. Sie waren unverständlich und nirgends zu fassen, wie die »Zeit nach dem Umsturz«. Sie waren diese Zeit. Sie waren an allem schuld. Sie waren unentbehrlich. Sie waren zu fürchten wie am ersten Tag. Und nur, wem sie unentbehrlich waren, nur wer Angst vor ihnen hatte, konnte sie tief genug hassen.   Aber jenes Wort aus dem Munde der eigenen Gattin zu hören! Zehetner ging verstört umher. »Ein Prolet bin ich also?« fragte er zwischen eng verkniffenen Lippen. »Nachdem bin ich also bei dir Prolet?« Vergebens versuchte die Reuige, ihre Entgleisung gutzumachen. Der Mann glaubte ihr nicht mehr. Selbstquälerisch wies er auf seine lumpigen 195 monatlichen Schilling hin, auf seine vier, sonst unversorgten Kinder, auf seine unwesentliche Funktion in der Kanzlei, wo er, genaugenommen, ja doch jederzeit durch jedermann mühelos ersetzbar wäre. »Ein Prolet«, wiederholte er, »das haben sie aus mir gemacht.« Daneben hatte tagelang kein klarer Gedanke Platz. Den Dienst in dieser Zeit wie gewöhnlich zu versehen, gelang ihm nur, weil die Arbeit wirklich der einer primitiven Rechenmaschine gleichkam, wobei die Maschine viel exakter gearbeitet hätte, weil sie unbeschwert war von einem noch nicht voll abgezahlten Lüstersakko und von einem verwirrten Gefühlsleben darunter. Zehetner aber, in einem sehr katholischen Land katholisch erzogen und katholisch geblieben, besaß einen um so größeren Respekt vor Gefühlen, je wirrer sie waren. Er hatte gelernt, Höheres hinter ihnen zu wittern. Eine Phrase, einmal am Stammtisch mit einem Viertel Vöslauer hinuntergeschwemmt, kam plötzlich an die Oberfläche. »Heimweh ist in mir ausgebrochen«, sagte er sich, »Heimweh nach Österreich, nach dem wahren Österreich, nach dem christlichen, deutschen ...« Dazu empfing er die Prophezeiungen fürs kommende Jahr 1933, die damals wie an jedem Jahresende vom Führer hüben und vom Führer drüben verkündet wurden. Ihm, der sich zwischen den zweien noch nicht richtig entschieden hatte, wurde in diesem Falle ein Dilemma erspart. Beide sagten dasselbe. 1933 werde gewaltige, endgültige, epochemachende Veränderungen bringen. Die gleichlautenden Orakel vom Vorjahr hatte Zehetner vergessen. Still berauscht saß er am Radioapparat, aus dem ihm die große Bestätigung zugerufen wurde: Es ist endlich genug, es geht nicht so weiter, es muß was geschehn! – Ja, das fühlte er selbst. Ja, die vierzehn Jahre hatten das Maß voll gemacht, und der Zeiger der Weltgeschichte drängte endlich zur Entscheidung! Ja, der Zehetner war Deutscher, war Arier, war Österreicher, war Christ, war der Sklave von Versailles und Saint-Germain, war die Zielscheibe marxistischen Terrors und der Eichbaum, an dessen Wurzeln Juda nagte. Auch in ihm, dem Vorsichtigsten, trieb endlich ein Etwas zum Aufbruch, nur, daß er noch nicht genau wußte, ob es der Ruf des Blutes oder die Stimme des Herrn war. Jedenfalls, auch er, Zehetner, war erwacht! Keiner mehr sollte ihm Lauheit vorwerfen! In dieser überspannten Stimmung empfing er vom Heizhausvorstand den Auftrag, die Dienstturnusse des Personals für den verstärkten Feiertagsverkehr einzuteilen, und gleichzeitig einen zu nichts verpflichtenden Wink: Er könne, wenn er wolle, auch bei dieser kleineren Gelegenheit gewissen Leuten unter der Belegschaft fühlbar machen, daß die Zeiten sich geändert hätten. Zehetner nahm nach Kanzleischluß die Listen der Dienstturnusse heim und verbrachte eine halbe Nacht darüber. Er war Spezialist für kleinere Schikanen. Diesmal aber wollte er kein schlampiges Stückwerk leisten, sondern ganze Arbeit, Rächerarbeit. Staunen sollten gewisse Herrschaften, wie bitter der Weihnachts- und Neujahrsverkehr ihnen bekommen würde! Nicht nur an die Reserveleute, die ihm ohnehin für solche Fälle ausgeliefert waren, wollte er sich halten. Nein, so manche andere sollten trotz ihrer permanenten Turnusse Überraschungen erleben. Mit überquellender Freude spürte Zehetner in sich die hemmungslose, tollkühne Bereitschaft zu jeder Gewalttat, diese Bereitschaft, die er so oft voll Neid bei jüngeren Kameraden gefunden hatte. Da waren viele Namen, die seine Feder knirschend vor Haß, aber peinlich kaligraphisch vor Angst sonst immer an den dienstordnungsmäßigen und kollektiv-vertraglich gesicherten Platz gesetzt hatte. Sie wurden diesmal vergewaltigt wie gewöhnliche, obskurere Namen. Fünf Stunden Schlaf teilte er ihnen für je vierundzwanzig Stunden zu. Es war eine grausame Abrechnung, die Zehetner hielt. Nur vor einem Namen zögerte er. War der Lokomotivführer Ferdinand Dworak nicht der einzige Mensch im Betrieb, der das Büro des Chefs betreten durfte, ohne sich die Schuhe abzuputzen? (Wobei der Chef doch ein so feines Ohr besaß für das pflichtgemäße Scharren auf der Fußmatte!) Wurde diesem Dworak nicht jedesmal eine Höflichkeitszigarette angeboten, wenn er im ölverschmierten Arbeitsanzug das feine Lederfauteuil im Allerheiligsten einnahm? Trug das Jahr 18, sooft man sich danach umwandte, nicht das Gesicht dieses Dworak? War er nicht damals der Herr des Betriebes gewesen? Und hatte er nicht über Leben und Tod des Herrn Vorstandes selbst entschieden, vom Waggondach herab, vor einer entfesselten Menge von Heimkehrern. Ja, damals im 18er Jahr mit seinem ewigen »Genossen, wir dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren«. War Dworak auf dem Bahnhof nicht zugleich der gefährlichste Hauptfeind und die anerkannteste Respektsperson? War er nicht ebenso hassenswert wie unentbehrlich? War er nicht – – – Aber wozu den ganzen Jammer der Nach-dem-Umsturz-Zeit noch einmal ausmalen? War Dworak, kurz gesagt, nicht der Ortsgruppenobmann der Freien Gewerkschaft? Zehetner zögerte lang, bis er seine Furcht überwand. Dann erhob er sich, ein Triumphator. Er kleidete sich sorgfältig aus, unterbrach sich aber mehrmals dabei, indem er sich noch schnell eine selbstgestopfte Zigarette gönnte, dann, auf Socken, nochmals zu der Liste schlich, um einen kühnen Schlußschnörkel anzufügen, und schließlich, nur mehr in Hemd und Unterhosen, einige Male händereibend das Zimmer durchmaß. Zuletzt tätschelte er den schnarchenden Zwergrattler »Schurli«, rückte ihm zärtlich den Hundepolster zurecht. Dieses Tier liebte er, wie er selbst oft betonte, mehr als alle Menschen der Erde. (»Ein Mensch, wie ich zum Beispiel, kann sich wehren, wenn ihm wer was antut; während das Tier hingegen nicht einmal die Gabe der Sprache hat.«) Wenn er das zappelnde kleine Geschöpf äußerln führte, ging er am liebsten mit ihm in die Nähe des Karl-Marx-Hofes. Eine schalkhafte Lust war es dem Herrli, zu beobachten, wie der »Schurli« an der Mauer des Giganten das Bein hob. Er wünschte dem Schlafenden »Gute Nacht«, dann kroch er ins Bett. Der Triumph ließ ihm keine Ruhe, er weckte die Frau auf, um ihr alles haarklein zu berichten. Staunen, jawohl staunen sollten gewisse Herrschaften! Und auch der Herr Dworak würde einmal spüren, daß Bonzen seiner Art nichts mehr zu kommandieren hätten. Jetzt würden die guten Freunde endlich kapieren, daß ihr Achtstundentag tot und begraben war! Die Zeiten hatten sich eben geändert! Wer nicht hören will, muß fühlen. Er, Zehetner, hatte keinen Pardon gegeben! Und das war nur eine kleine Mahnung an das kommende Jahr, das noch ganz andere, epochemachende Veränderungen bringen würde! Die Frau antwortete nicht. – – – – – »Beziehungsweise«, fügte Zehetner vorsichtig hinzu, »praktisch, verstehst du, nur praktisch läuft's auf fünf Stunden hinaus.« Nur praktisch würden sie nicht länger schlafen können; zu einem Protest aber hätten sie keinerlei Handhabe. Das habe er schon so eingerichtet. Er sei ja keine Rechenmaschine, er beherrsche ja sein Ressort aus dem »f.f.« Niemand könne ihm Willkür nachweisen, er würde einfach die Achseln zucken: »Leider, lieber Freund.« Er zeigte der Frau, wie er die Achseln zucken wollte. Da stellte sich heraus, daß sie schon seit geraumer Zeit wieder schlief. Die Tuchent entblößte mehrere Stellen ihres mageren Körpers. In Friedenszeiten war sie drall und voll Reize gewesen. War das noch eine Frau? War das noch ein Leben? Nein. Zehetners Triumph verdunstete jählings und hinterließ ein Kältegefühl. War er eigentlich befriedigt? Nein, das hatte er sich nur eingebildet. War er erwacht und entschlossen zum Aufbruch? Du lieber Gott, wie oft war er das in diesen vierzehn Jahren schon gewesen ... Hatte er gesiegt? Im Kinderzimmer plärrte eines der Kleinen plötzlich los. Zehetner erschrak. Wenn nur die Alte nicht aufwacht, daß sie mich am Ende noch anjammert. Nachdem bin ich also bei ihr ein »Prolet« ... Fröstelnd hockte er im ungewärmten Bett. Einsam fühlte er sich wieder wie in der wüsten Zeit nach dem Umsturz. Verwaist! Wer würde dieser Zeit endlich ein Ende setzen? Der Auferwecker drüben im Reich? Der war ein verpreußter Österreicher, also ärger als ein Preuße. Der Heimwehrfürst? Der wußte lang entbehrte, erhabene Worte zu setzen, war aber jung, sehr jung und sehr leichtsinnig. Der neue Kanzler Dollfuß? Neulich, als er das Bataillon abgeschritten hatte, mußten die Kameraden, mußte selbst der Fürst mit Mühe ein Schmunzeln verbergen: Dieser Kanzler war ein kläffender Zwerg, eine lebend gewordene Witzblattfigur. – – – Zehetner seufzte und schloß die Augen ... Nach einer Weile trat sein verstorbener Herr Vater ein, wuchs drohend zur Riesengröße. Seine Augen blitzten wütend. Der graue Backenbart zitterte wie Sülze. »Weil du mich umgebracht hast!« donnerte er auf Zehetner herab. »Taugenichts.« Zehetner, winzig, klein, stand stramm. »Jawohl, Herr Vorstand, zu Befehl, Herr Hauptmann!« »Vagabund!« donnerte derselbe Herr Vater. »Repetent!« Er holte gewaltig aus, der Schatten seiner Hand strich dunkel über Horizont und Himmel. Zwei Maulschellen fuhren krachend auf Zehetners Gesicht. Er sah Sterne tanzen. Tränen traten ihm in die Augen, rieselten die Wangen herab. Es waren Tränen der Erlösung. Sein Atem ging ruhig. Erstes Kapitel 1 Diese Fahrt enthielt alles, was Dworak von jeher und zutiefst haßte: die Unvernunft, das Unvorhergesehene, die Ordnungswidrigkeit; willkürlichen Zwang. Bevor ihm von einem übermäßig höflichen Zehetner mitgeteilt worden war, er werde – leider – in der Silvesternacht Dienst machen müssen, hatte er sich diese Zeit, wie jede, genau im vorhinein eingeteilt. Vorgesehen war ein gemeinsames Abendessen mit Sohn und Frau (das hatte sie ihm abgebettelt), dann eine dringende Besprechung mit dem neuen Kassier der Ortsgruppe (was sich aber voraussichtlich in die Länge gezogen hätte), hierauf eine Rede bei der Silvesterfeier des Arbeiterbildungsvereins (um in der heiteren Veranstaltung auch einmal kurz an den Ernst der Zeit zu erinnern), schließlich ein gemütliches Beisammensein im Gasthaus »Zur Republik«. Aus alledem wurde somit nichts. Es hieß, diese Nacht, gebraut aus Schnee, Hagelstößen und bissigkalter Finsternis, auf der Maschine zu verbringen, und der Heizer Gellert war nicht der Mann, um eine solche Situation angenehmer zu machen. Ja, gerade durch Gellert wurde die Sache schlimmer, als sie es sein mußte. Und schlimmer, als sie es sein mußte, machte sie sich schon fühlbar, als die Bahnhofsstreckensignale grün-blau-rot vorbeigestrichen waren. Im Flockenwirbel verschwamm Wien zu einem nebligen Lichtfleck, darin sich irgendwo das Gasthaus »Zur Republik« befand; das Extrazimmer, der Stammtisch. Dort verrann ohne Dworak seine einzige, wirkliche Ruhestunde im Jahr. Guter Bierdunst hing über der Runde; der bauchige Wirt bediente selbst. Eitel ließ er den Bizeps spielen, wenn sein violett-fleischiger Arm die Fracht über die Köpfe der Sitzenden schwang. Üppig schäumend landeten die Krügel auf der Tischplatte. Waren alle bedient, so schob er sich einen Sessel dazu, gönnte sich auch etwas: »Prosit, die Herrschaften!« Alle kannten ihn. Im Fünferjahr, als Schankbursch, hatte er sich einmal geweigert, ein paar Achterdragoner zu bedienen, die durstig waren vom Attackereiten gegen Wahlrechtsdemonstranten. Das hatte ihm mehrere Tag Arrest eingebracht und die Stellung gekostet. Damals hatte jedes Kind im Bezirk die Geschichte gekannt. Jetzt nützte dem Wirt »Zur Republik« auch die Brusttätowierung nicht mehr viel, die dieses Ereignis symbolisch darstellte. Nur die älteren Genossen wußten ihm noch Dank für die Tat. »Prosit, Herr Chef!« So begann der Abend. Aber jetzt war er wohl schon weiter fortgeschritten. Vielleicht war schon im großen Gastzimmer die Lotterie ausgelost, an der sich immer einige aus dem Extrazimmer beteiligten. Vergangenes Jahr hatte Kaliwoda von der Schutzbundkompanie »Friedrich Engels« den ersten Preis gewonnen: eine kolossale geselchte Haxe, mit roten Papiernelken garniert. Er hatte getan, als ob es damit nichts auf sich hätte, und hatte die Nelken unter den Damen verteilt. Aber dann hatte er über das klägliche Achtel Gespritztes hinweg einen sehr bedeutungsvollen Blick mit seiner Frau getauscht. Die beiden waren ja hundsjung, und er war ausgesteuert. Die hatten am Geselchten drei Wochen zu leben. Oder war auch schon die Lotterie vorbei? Prophezeiten die Frauen schon aus dem Kaffeesatz, die Männer aus der »Arbeiter-Zeitung«? War man bei den Trinksprüchen angelangt? Dann prostete Spannmeyer, Obmann der zwölften Sektion, wohl wie jedes Jahr der leichtbekleideten Dame zu, die im geschnörkelten Goldrahmen an der Wand hing, unter dem großen, alpinistischen Wappen der »Naturfreunde«. Im wallenden Griechengewand, auf dem Kopf eine Jakobinermütze, schritt sie kräftigen, nackten Fußes, unbewehrt und siegreich über einen Haufen gestürzter Throne, Kronen, Zepter, zerbrochener Schwerter, ohnmächtiger Kanonenrohre hinweg. Hinter ihr ging die Sonne auf. Sie war die Freiheit. Jüngere Genossen machten sich über den Öldruck lustig, aber man ließ ihn hängen. 1890, als er noch nicht brüchig und vergilbt, sondern blitzend neu und prachtvoll anzusehen war, hatte Victor Adler selbst in diesem Zeichen die Gründung des Bezirks-Arbeiterbildungsvereins vollzogen: knapp nach dem allerersten Mai-Aufmarsch. Sicherlich kamen wieder welche aus benachbarten Wirtshäusern zu Besuch. Auch aus Wohnungen, wo Silvester privat gefeiert wurde, kamen der Gastgeber oder die Frau auf einen Sprung herunter, holten an der Schank neue Vorräte ein, klapperten unentschlossen mit den Schlüsseln, blieben ein Viertelstündchen hocken. Junge Taugenichtse kehrten ein, auf einer endlosen Drahrerei durch alle Gasthäuser begriffen, schon schwer besoffen; berüchtigte Gestalten waren darunter, Plattenbrüder oder Lumpen aus der SA. Eisiges Schweigen, unterstützt vom Räuspern der Schankburschen, trieb sie bald wieder in die Nacht hinaus. Vergangenes Jahr war aber eine Jugend aufgetaucht, die Dworaks Herzen näherstand. Sein Sohn, mit einer ganzen Bande von Burschen und Mädel, alle SAJler. Alle in Skianzügen, die Bretter geschultert, so waren sie vom Bahnhof hergepoltert. Man hatte ihnen die Ehrenplätze im Extrazimmer eingeräumt. Ihre Wangen waren noch rot gewesen vom scharfen Alpenwind. Sie hatten heißen Tee getrunken – keinen Tropfen Bier oder Wein –, »Antialkoholiker« durch die Bank. Ihre Gespräche: Stemmbogen, gerissener und gezogener Kristiania, Schuß in vereistem Hohlweg, Gleitwachs und Steigwachs – und mittendrin war der Student Weigel auf die kleine Ruth Eisner losgestürzt: »Aber, wenn ich dir schon sag', daß Marx sagt, daß die Diktatur des Proletariats eine Diktatur der Majorität ist und infolgedessen ...« Und auch, wenn heuer diese Jungen nicht dort waren – wer von den Bezirksmitgliedern nur halbwegs in der Nähe der Gasse wohnte, wer nur halbwegs in der Gegend vorbeikam, machte seinen Respektsbesuch im Gasthaus »Zur Republik«. Denn dort saßen die führenden Genossen aus den meisten Sektionen zusammen, dort war an schlimmen Tagen das Hauptquartier jener Armee, an Feiertagen das Festzimmer jener Familie, die »Sozialdemokratische Arbeiterpartei« hieß. War man im Extrazimmer schon bei den Erinnerungen angelangt? Isonzo-russische Kriegsgefangenschaft – Parteitag im Siebenerjahr – die große Schuhmeierversammlung auf der Schmelz im Siebenerjahr –, und jedermanns Erinnerungen vermengten sich mit den fremden und doch gemeinsamen, bis auch die Schweigsamsten vom Schlage Dworaks aus sich herausgingen und sich der Redseligkeit hingaben, für sie doppelt köstlich. Dann versickerten die Gespräche, man wurde still und saß still im guten Bierdunst, Kopf und Herz angenehm geklärt. Plötzlich bemerkte Spannmeyer, daß es knapp vor 12 war. Er sprang auf, das Krügel in der Hand, stotterte etwas Feierliches durch den schaumbedeckten Schnurrbart, und dann war's soweit, und alle standen auf; die Männer küßten ihre Frauen, jeder hatte so viel Wünsche, daß keinem etwas einfiel, und Spannmeyer hob nochmals das Krügel, und alle schrien mit ihm: »Prosit Neujahr!«, »Hoch der Sozialismus!« – Die sternlose Himmelsdecke stülpte sich über den letzten schmalen Schimmer, der Wien war. Gleichgültige Dorflichter schwammen vorüber. Im Gasthaus »Zur Republik« würde die Feier ohne Dworak vergehen. Es war schade drum; es war schon ein richtiger Verdruß. Und der ließ sich schwerer verwinden, als Dworak vermutet hatte. Der sachlichste Funktionär des Bezirks konnte hier plötzlich ein paar lockende Silvestereinbildungen nicht loswerden, welche im Hintergrund seiner Gedanken standen, hastig gewiegt vom Vorwärtsstampfen der Maschine. Es gelang ihm nicht, sich auf die Tatsache einzustellen, daß er nun einmal der Mann war, der diesen D-Zug heil und gesund an die Grenze zu bringen hatte. Der gewohnte Dienst wurde erstaunlich schwierig und lästig. Sooft Gellert die Feuerungsklappe öffnete, stieß die Hitze wie mit Faustschlägen an die Augenlider. Der Streckenwind fuhr durch die Fenster herein, fraß sich mit kleinen Bissen eisig in Waden und Nacken, während vom Gesicht der Schweiß rieselte. Dworak kam auf eine Befürchtung, die ihm im normalen Zustand einfach läppisch geschienen hätte: Ob er sich nicht erkälten würde? Auf Gluthitze, Dezemberkälte und Rußgestank war er eingearbeitet wie nur je ein ordentlicher Mensch auf sein Handwerk. Er hatte gelernt, die notwendigen Griffe mit einem Minimum von Körperbewegungen zu verrichten. Mit einem Minimum von Worten wußten er und sein Heizer sich nötigenfalls zu verständigen. Das Erforderliche ging längst automatisch von der Hand. Er hatte sich selbst in der Arbeit streng rationalisiert, wie es ja auch nicht anders ging, wenn man seine Kraft, Schlafzeit, Gesundheit einem Staatsbetrieb zur Verfügung stellte, der vor lauter Ausgepowertheit ausbeuterischer wirtschaftete als Henry Ford. Es hieß systematisch mit sich haushalten; was nebenbei eine gute Funktionärsschulung war. Den arbeitslosen jungen Leuten fehlte sie, und man sah's ihnen an. Das war Dworaks Meinung, und das war der ganze Dworak! – Aber in dieser Nacht war er es offensichtlich nicht. Er las den Manometer ab, wendete sich zum Fenster, um auf die Straße zu sehen, und wußte plötzlich nicht, ob es achteinhalb oder neun Atmosphären gewesen waren. Dann wieder wurde der Regulatorhebel widerspenstig. Einmal, als Dworak sich aus dem Fenster beugte, riß ihm der Fahrtwind fast die Mütze vom Kopfe. Das Einfachste erforderte Konzentration. Dworak war seit zehn Jahren nicht einmal krank gewesen. Im Spiegel pflegte er sich nur genau so lange zu besehen, als es nötig ist, um festzustellen, ob man sich sauber gewaschen hat. »Kruzifix, was ist denn los mit mir«, knurrte er ungeduldig. – Und wer die Sache schlimmer machte, war der Heizer Gellert. Als Dworak gegen seine Gewohnheit zu fluchen begann – auf Zehetner zu fluchen –, sah es noch aus, als wolle Gellert ihn verstehen. Verstehen nämlich, wie schwer einem Menschen vom Range und in der Lage Dworaks so etwas fällt. Er ist Obmann einer der mächtigsten Eisenbahnergruppen des Landes. Er ist außerordentliches Mitglied der Exekutive der Bundesbahndirektion Wien. Hoher Bezirksfunktionär im Republikanischen Schutzbund. Er war im Jahre 18 die Nebenregierung auf dem Bahnhof. Nebenregierung? Was waren denn damals die offiziellen Regierungen? Schatten. Zwar, das hat sich nun geändert. Seither hat sich im Lande manches begeben. Aber nichts, was ihm Anlaß gibt zu zweifeln, daß im Betrieb eigentlich er die Autoritätsperson ist. Wie verhandelt der Vorstand mit ihm? Ausgesucht höflich. Von Großmacht zu Großmacht. Hinter dem Hofrat steht die Gewalt des Generaldirektors, hinter dem Lokomotivführer die Gewalt einer 92prozentigen freigewerkschaftlichen Belegschaft. Wer ist mächtiger? Beide ziehen es vor, das vorläufig dahingestellt zu lassen, bis die Wirtschaft sich erholt hat. Jeder der beiden trägt seine Verantwortung für die Ordnung im Betrieb. Der Lokomotivführer: die schwerere. Manchmal tönt durch den Rundfunk unvermutet eine scharfe Regierungsrede, der kleine Kanzler macht in einer Bauernversammlung drohende Andeutungen, der fürstliche Tunichtgut ruft seine Söldner zur Vernichtung des Bolschewismus auf. Die Partei tobt im Parlament, beruft Protestversammlungen ein. Was dem Volk lieber sei: die Diktatur eines Fürsten Starhemberg oder die Diktatur des Proletariats? Der Hofrat und der Lokomotivführer wissen, jeder für sich, Bescheid: Weder – noch. All das sind Geplänkel. Die Hauptschlacht ist vertagt. Man muß bis dahin irgendwie miteinander auskommen. Großmacht und Großmacht ... Keine Dienstplanänderung, keine Lohnkürzung geht im Betrieb durch, ohne dem Lokomotivführer vorgelegt zu sein. Er kennt das Gewirr der Dienstpläne, Dienstplanmuster, Lohntabellen, Ergänzungsbestimmungen, Disziplinarvorschriften, Bundesbahnsanierungs-Gesetze besser als der Generaldirektor und so gut wie dessen Leibjuristen. Er könnte ohne jede weitere Vorbereitung Verkehrsminister werden, auch Innenminister oder Heeresminister. Im Parlament säße er schon lange, wenn er damals im Jahre 1924 nicht lieber bei seinen Leuten im Betrieb geblieben wäre. Doch davon lieber nichts in dieser Nacht. Denn jetzt wird er nach alldem, im vierzehnten Jahr der Republik, von einem schäbigen, kleinen Kanzlisten willkürlich in die Arbeit gejagt wie ein Schlosserlehrling vom Meister. Dem Buchstaben der Dienstordnung nach hätte er sich auch in früheren Zeiten dagegen nicht wehren können, so geschickt ist die Schikane eingefädelt. Aber wann hätte die Nichtigkeit eines Zehetner sich auch nur in Gedanken an ihn herangetraut? Bisher hat er diesen Zehetner überhaupt nicht beachtet. Oder hat ihn, wenn der Name auftauchte, historisch erklärt, wie er es gelernt hatte, das heißt entschuldigt: »Er ist halt ein kleinbürgerlicher Mensch. Laßt's ihm die Gesinnung.« Nun muß er zur Kenntnis nehmen, was geschehen ist. Es ist nicht mehr als ein boshafter Mückenstich und läßt sich doch nicht verschmerzen. Dworak begann den Maschinenmeister ausgiebig zu verfluchen. Er spuckte die Flüche nicht aus, sondern schlürfte sie hastig schnaubend in sich hinein. Er beabsichtigte, sich in seiner Wut einen richtigen Rausch anzutrinken. Und zunächst schien Gellert zu verstehen, wie schwer das Dworak fiel und daß er es nur tat, um sich gehörig in Hitze zu bringen, um, mit einem Wort, irgendwie über den Verdruß hinwegzukommen. Gellert machte darüber keine einzige seiner höhnischen Bemerkungen. Er half mit wie ein guter Freund. Während Dworak hinausgelehnt stand, legte der Heizer wieder nach und schleuderte Flüche und Kohlenbrocken in die Feuerung. »So ein feiger Hund, so ein verdächtiger! Wann's soweit is', bin i derjenige, der was den Herrn an die Wand stellen tut! Den wer'n ma garantiert obidrahn! Soll'n sich no lang net aufpudeln, die Herrschaften! Bei uns san's no lang Zweite!« Das tat wohl. Dworak lächelte zu den nächtlichen Dörfern hinüber, deren Lichter in weiten Kreisbögen vorüberschwammen. In dieser Landschaft war ihm jeder Feldrain bekannt. Er durchfuhr sie seit 25 Jahren. Sie war ihm vertraut bei Tag und Nacht. Die Flocken fielen spärlicher. Keine Befürchtung, daß die Strecke verschneit sein mochte. Überhaupt war ihm schon viel leichter zumute. Und so wäre die Nacht wahrscheinlich ruhiger verlaufen, wenn Gellerts Mitgefühl weiter gereicht hätte. Der beruhigte Dworak wandte sich halb ins Innere des Führerhäuschens, und während er die Strecke sicher im Auge behielt, begann er über die versäumte Silvesterfeier zu sprechen. Nicht übermäßig laut, denn, wie gesagt, hatten die zwei gelernt, den Lärm der Maschine zu überhören. Nicht übermäßig verärgert. Dworak war schon bereit, sich mit dem Verdruß abzufinden. Schließlich war er ein Arbeitsmensch. Aber weil er eben auch ein Gewohnheitsmensch war, brauchte er irgendeinen Ersatz für das Versäumte. Er wollte nichts, als eine ruhige halbe Stunde mit seinem Heizer plaudern. Über Spannmeyer und Pawlick. Über den Organisationstratsch. Über alte Bezirkserinnerungen. Kurz, über all die leichten Dinge, die ihn mit unter gewichtigeren Gründen bewogen hatten, damals im 24er Jahr den Weg zu Ruhm und Aufstieg einem anderen zu überlassen. Er wollte ein bißchen Familienbehaglichkeit haben, um darin die unterirdischen Sorgen, unerledigten Fragen, angehäuften Selbstvorwürfe des vergangenen Jahres endgültig zu begraben. Das Kommende würde noch genug Neues bringen. Es kommt vor, daß man eine solche halbe Stunde dringender braucht als alles andere. So brauchte sie Dworak nun am Ausgang dieses Jahres 1932, und er hatte sich lange vorher darauf gefreut. – Hier ließ Gellert ihn im Stich. Auch Geliert war im Gasthaus »Zur Republik« erwartet worden. Bei den Zusammenkünften in jenem Extrazimmer war er fast immer anwesend. Aber störend wirkten immer wieder seine plötzlichen höhnischen Bemerkungen. Womit der Stammrunde keineswegs Verständnis für Humor oder Kritik abgesprochen werden soll. Spannmeyers Spottlust zum Beispiel war gefürchtet. Vergangenes Jahr hatte Dworaks Sohn Hans einen tückischen Witz über den Parteivorstand gerissen und damit viel Gelächter und Streit ausgelöst. Wenn der Kompanieführer Kaliwoda sich einen Spitz antrank (und dazu brauchte er nie mehr als 3 Achtel, denn er trank auf leeren Magen), starrte er ins Glas und murmelte: »Aber Juden san's halt doch ...!« Das alles war dazugehörig. Gellerts Bemerkungen nicht. Sie erregten nur Unbehagen. Sie kamen aus einer fremden Sphäre. Eigentlich lud man ihn nur ein, weil Dworak einen Narren an ihm gefressen hatte. Jetzt ließ Gellert die Feuerungsklappe niedersausen, daß es knallte. Er stützte den Bauch auf den Schaufelgriff und reckte den Kopf gegen Dworak vor. Der rote Widerschein des Feuers war von seinem Gesicht abgefallen wie eine Maske; nun starrte es schwärzlich, kurz und breit, mit aufgestülpter Nase, die die großen Nasenlöcher sehen ließ, mit zusammengekniffenen Lippen. Unter dem hochgeschobenen Mützenschild quollen ein paar feuchte Haarsträhnen hervor. In der rußverschmierten Haut sahen die hellgrauen Augen fast weiß aus. Noch bevor er sprach, wußte Dworak, was kommen würde. »Ujeh! Mir scheint gar, du hast Heimweh nach dein' Veteranenverein? Also, wannst mi fragst.« – »I hab di net gfragt!« »Deswegen werd i noch immer meine Meinung sagen dürfen in aner demokratischen Republik! Also, wanst mi fragst ...« Dworak lehnte sich wütend hinaus und hörte nicht weiter zu. So war dieser Gellert. Was man für ihn tat, war umsonst getan. Er war das geblieben, als was er vor 6 Jahren aufgetaucht war: ein fremdes Element. Ein anständiger Arbeiter soll von einem Vagabunden keine Dankbarkeit erwarten. Von keinem Menschen darf man Dankbarkeit erwarten. »Ferdl – Dworak.« Der Heizer tippte ihn auf die Schulter und hielt ihm die 2 Blechbecher und eine Flasche Bier entgegen. Ungeschickt lächelnd: »Schenk ein, 's ist gleich 12 Uhr!« Ja, der war plötzlich verlegen, die Augen hielten nicht stand. Seine ungewöhnlich breiten Schultern wurden hilflos. Er war um einen Kopf kleiner als sein hagerer Lokomotivführer. Dworak nahm wortlos den Becher an. Der andere machte einen armseligen Versuch zur Ermunterung. »Na, alsdann, sag'n ma, es war nix. Prosit! – Skal sagen die Schweden! Es lebe die Partei!« Das klang verlegen und hatte in Dworaks Ohren trotzdem einen höhnischen Unterton. Er brummte sein Prosit und setzte das Glas an. Immerhin, das Bier war gut. Wo hatte der Vagabund die Flasche aufgehoben, daß das Pilsener sogar kühl war? In diesem Augenblick fuhr ein eisiger Schreck Dworak durch den Leib. Angst preßte ihm den Magen zusammen, daß er fast das Getränk erbrach. Er hatte das sichere Gefühl, soeben das Haltesignal eines Blockhauses überfahren zu haben. Er griff nach der Notbremse, stieß den Oberkörper zum Fenster hinaus. Die Signale leuchteten grün. Er hatte sich geirrt, alles in Ordnung. Der Schreck zerrann. Aber eine Unruhe blieb; irgendein undeutliches Vorgefühl, das nichts Gutes besagte ... Dem völlig gesunden Mann gelang es nicht, sich Rechenschaft darüber zu geben, was im Laufe der nächsten Stunden eigentlich mit ihm geschah. Beim Aufenthalt im großen Bahnknotenpunkt, wo für gegebene Fälle Ersatzleute bereitstanden, gedachte er einen Augenblick ernstlich, sich ablösen zu lassen. Er befand sich in einer Verfassung, die es Fahrtbediensteten zur Pflicht macht, sich zur Fortsetzung der Arbeitsleistung außerstande zu erklären. »Wegen Behinderung der vollen geistigen und körperlichen Arbeitsfähigkeit!« sagte die Dienstordnung. Nur hätte er diesen Zustand an sich nicht näher präzisieren können, und so fuhr er weiter. Der Heizer ahnte nicht das Geringste. Sonst hätte er seinen Kollegen sofort krank gemeldet. Wenn aus keinem anderen Grund, so aus Angst um seine Knochen und um die der Fahrgäste. – Der Schneefall hatte ganz aufgehört. Der Himmel hatte sich gelichtet. Halbe Stunden lang ohne Unterbrechung flog der weißliche Mond neben der Lokomotive. Die Sicht war einwandfrei. Trotzdem wich von Dworak nicht die Besorgnis, irgendwo weiter könnte die Strecke blockiert sein. Wußte man denn, wie stark es vorne in den Bergen geschneit hatte und ob es noch schneite? Das Schreckerlebnis mit dem scheinbar übersehenen Haltesignal befiel ihn wiederholt, wenn auch weniger heftig, weil er sich mißtraute. Aber daß er sich mißtraute, war quälend genug. Gellert mußte mehrmals an seiner Statt die Geschwindigkeit regulieren. Tat er's selbst, so schien auf die Meßapparate überhaupt kein Verlaß zu sein. In Wirklichkeit aber auf ihn nicht, und das wußte er. Die gewohnte Verantwortung für alles, was dem Zug zustoßen mochte, war plötzlich fast unerträglich geworden. Was ist nur los mit mir? fragte er sich mehrmals, ohne eine Antwort zu finden. Gegen 3 Uhr morgens hielt er es nicht mehr aus, sich allein damit herumzuschlagen, und schrie heraus: »So kommt's zu die Eisenbahnkatastrophen! Und nachher schieben's alles auf uns. Die Hunde, die denken ja gar net auf den Betrieb! Nur immer auf die verfluchte Politik, sonst auf gar nichts! Aber daß einer ein Mensch ist, das ist denen Wurscht! Jessasmaria!« »Ja, was denn?« »Aber nix«, stöhnte Dworak. Er hatte ja auch beim Eigentlichen vorbeigeredet und wußte nichts anderes dazu zu sagen. Immerhin war die Spannung zwischen den beiden damit beendet. Dworak konnte dem anderen wenigstens mitteilen, was er über die Eisenbahner dachte, die ihnen in fast jeder Station Neujahrswünsche brachten. Das hatte sich schon ein Dutzend Male wiederholt und quälte seine gereizten Nerven. Er hätte am liebsten diese lächelnden Männer beschimpft. Über fast jeden Funktionär sind böse Gerüchte im Umlauf, Dworak, der sonst prinzipiell kein einziges für wahr hielt, glaubte jetzt plötzlich an alle. Dreck und Gemeinheit starrten ihm überall entgegen. »Hast den Fahrtdienstleiter Andreas gesehen, mit sein' abgeschleckten Grinsen? Das ist nix wie die Angst, mein Lieber. Die Kassa in dem seiner Ortsgruppen, die gehörte amal gründlich revidiert. Und der junge Hagleitner! Um was wetten wir, daß der ein Nazi ist? Der Fallot ist nur zum Spionieren bei uns.« »Aber geh, der Hagleitner? Hör auf!« »Freilich, der Hagleitner. Stille Wasser sind tief. Zu keinem Menschen kannst im Leben ein Vertrauen haben. Zu niemand, sag ich dir ...« Auch das war vorbeigeredet und half nichts. Und wieder ergriff ihn die Angst vor einer Katastrophe. – Es kam zu keiner Katastrophe. Das war unter solchen Umständen viel eher ein Zufall zu nennen, als wenn es dazu gekommen wäre. Gegen 5 Uhr ließ er die Maschine ordnungsgemäß im Heizhaus der Endstation abfertigen. 5 Stunden blieben ihm zum Ausschlafen, um 11 Uhr 30 hatte er dann einen Personenzug nach Wien zurückzuführen. Zerschlagen, wie er war, fühlte er sich dennoch außerstande, einzuschlafen. Er schlug darum nicht den Weg zur Eisenbahnerkaserne ein, sondern in die Stadt hinaus. Gellert begleitete ihn; das war ihm recht. Auf den Straßen lag knöchelhoch Schnee. Kein Gasthaus mehr hielt offen, die kleingedrehten Laternenlichter brannten kaum. Auch diese Provinzgemeinde war verarmt, man mußte an allen Ecken sparen. Im kargen Mondlicht lag die kleine Stadt tot. Die zwei Eisenbahner kannten sich hier recht gut aus, aber so, wenn alle Denkmäler überschneit, alle Fenster blind, alle Wirtshäuser geschlossen waren, wurde die Stadt wieder fremd. Frost brach herein, sie begannen trotz ihrer mit Schaffell gefütterten Winterjacken zu frieren, gingen aber weiter, ziellos durch die engen Quergäßchen. Vor einer eisernen Brunnenmadonna, die, eine Schneekappe auf dem Kopf, mit erfrorenem Lächeln ihr verschneites Christkind splitternackt in die Kälte hinaushielt, blieben sie stehen, um sich Zigaretten anzuzünden. Dworak blies der Jungfrau Rauch ins Gesicht. »Pfaffenland!« Sie gingen weiter. »Im Viererjahr, wie ich in die Partei eingetreten bin, hab' ich geglaubt, in höchstens 10 Jahren wird die Vernunft die ganze Menschheit erobern!« Gellert, der um 15 Jahre jünger war, begriff die Vorstellung nicht: »Wie meinst du das eigentlich?« – »Und nach 10 Jahren war der Weltkrieg da.« Eine Zeitlang stapften sie wieder schweigend nebeneinander. Dworak fragte unvermittelt: »Sag mir einmal ganz ehrlich, Sepp: Bist du ein Kommunist?« Gellert stöberte mit der Schuhspitze in einem Schneehaufen. »Wann der Lenin noch am Leben wär, nachher wär ich ein Kommunist.« Darauf wußte Dworak im Augenblick nichts zu sagen. Übrigens hatte er eigentlich schon wieder danebengefragt. Er hatte nur seiner Unruhe irgendwie auf den Grund kommen wollen, und das gelang ihm nicht. Wie das in einem kleinen Nest so geht, gerieten sie immer wieder auf den Hauptplatz zurück, jedoch ohne es zu bemerken. Jeder war mit sich selbst beschäftigt. Gellerts wechselnder Lebenslauf hatte ihm schon oft Gelegenheit dazu gegeben. Anders Dworak: Er dachte zum erstenmal so recht über sich nach, und angesichts so vieler neuer Fragen fühlte er sich völlig hilflos. Die Kälte ging ihm schon durch und durch. Nässe drang in seine Schuhe, alle Knochen schmerzten. Und da machte er eine ungewöhnliche Entdeckung. Genauer gesagt, stieß er auf eine sehr natürliche und durchaus nicht erstaunliche Tatsache, und erst, daß sie ihm eine Entdeckung erschien, war das Ungewöhnliche daran. Er erinnerte sich nämlich, daß er eigentlich schon an die 50 Jahre alt war. Alt? Damit war er ja noch nicht alt, aber immerhin 50 Jahre! 2 In den folgenden Wochen fand jedoch kein Bahninspektor Ursache, sich über Dworak dienstlich zu beschweren. Nichts fiel vor, was seinen Ruf vollster Zuverlässigkeit hätte trüben können. Das mochte daran liegen, daß er im Monat Jänner nur selten Nachtdienst zu leisten hatte. Außerdem aber berichtet Gellert, daß der Lokomotivführer damals auf besondere Weise mit den Maschinen Frieden schloß. Beim pflichtgemäßen Ölen und Nachprüfen der wichtigen Bestandteile trug er neben der gewohnten Sorgfalt geradezu eine Art Liebe zur Schau. Länger als nötig machte er sich mit gerührtem Blick an Kolben und Ventilen zu schaffen. Auch begann er, den Maschinen menschliche Namen zu geben, ein Brauch aus den verhältnismäßig gemütlichen Betrieben der tiefsten Vorkriegszeit, der sich aber nur mehr in der und jener kleineren Werkstatt erhielt. – Daß sich mit Dworak damals eine Wandlung vollzog, merkte man vor allem in unserer Bezirksorganisation. Es begann damit, daß er, bekannt als die Ruhe selbst, sich auf einmal in einen sehr anfechtbaren Versammlungsvorsitzenden verwandelte. In schroffer Art, offenbar willkürlich, schnitt er Diskussionsrednern das Wort ab oder verkündete überhaupt eine Beschränkung der Redezeit. Zunächst nahm man das mit Rücksicht auf Dworaks Autorität schweigend hin. Weyer war der erste, der Einspruch erhob; ein alter Genosse, unantastbar gemacht durch seine 35 Jahre alte Mitgliedskarte. Er begnügte sich mit einer geflüsterten Bemerkung am Vorsitzendentisch, wo er neben Dworak präsidierte. Daraufhin – das geschah bei einer Gewerkschaftssitzung – schlug Dworak mit der Faust auf den Tisch: »Laßt's mich in Ruh mit eurer Tagesordnung! Ihr habt's ja nix im Kopf seit 30 Jahren wie eure Tagesordnung!« Das war arg. Und gar aus dem Mund eines Mannes, der unter der Victor-Adler-Büste unerschütterlich und gerecht wie die leibhaftige Tagesordnung selbst zu thronen pflegte, klang das geradezu unglaublich. Noch merkwürdiger war, daß er nach diesen und wiederholten anderen Ausbrüchen mit einem Male jedes Interesse an der Sitzung zu verlieren schien und im bewegtesten Disput, die Brauen gerunzelt, eigenen Gedanken nachhing. Er verspätete sich mehrmals. Die erste scherzhafte Ermahnung darüber löste eine Lawine aus: »30 Jahre hab ich mich für euch geopfert! Auf's Nationalratmandat habe ich wegen euch verzichtet! Meine Nerven habe ich ruiniert wegen euch!«, usw. Bei eben dieser Sitzung des Bezirksvorstandes erreichte sein sonderbares Gehaben den Höhepunkt. Auf sein Betreiben wurde die ganze Tagesordnung im Eiltempo durchgepeitscht, weil er zum Punkt »Allfälliges« wichtige organisatorische Vorschläge zu machen hatte. Als es soweit war, kramte er lange in einem Stapel von Merkzetteln herum, legte eins ums andere kopfschüttelnd beiseite, um schließlich, an das letzte Stück Papier geklammert, eine ausführliche Ansprache loszulassen. Er redete in energischem, mitreißendem Ton, den man an ihm von großen Gelegenheiten her kannte. Ganz große Worte fielen wie: »Parteidisziplin, Sein oder Nichtsein, Freiheit und Fortschritt, Sackgasse ...« Aber das alles lief schließlich auf die unglaublich einfache Forderung hinaus, die Beiträge müßten fleißiger kassiert und schneller abgerechnet werden. Für den Bezirksvorstand gab es nichts auf der Welt, was so selbstverständlich, so grundlegend gewesen wäre, und nichts, worüber man öfter geredet hätte. Die Vorstandsmitglieder blickten einander befremdet an. Man konnte sich nicht einmal zu einer formellen Erwiderung aufraffen. Unter Räuspern und Sesselrücken löste sich die Sitzung auf, während einige verlegen noch ihr »sehr richtig« murmelten. Nun war es aber bekannt, daß Dworak nur entscheidende Dinge zu sagen pflegte und meist nur dazu das Wort ergriff. Außerdem war man schon damals in der Partei gewöhnt, hinter den Worten führender Genossen einem Sinn nachzuspüren, der aus parlamentarischen, außenpolitischen, innerparteilichen oder anderen taktischen Rücksichten nur andeutungsweise vorgebracht werden durfte. Die politische Stimmung war erregt, vornehmlich über Gerüchte, die vom Reich herkamen, und wegen einer kürzlich, von der Parteipresse aufgedeckten faschistischen Waffenschiebungsaffäre. Als Dworaks Rede, noch verschwommener, als sie ursprünglich gewesen war, sich unter den Funktionären herumsprach, fand sie viele Ausdeuter. Am passivsten blieben die Abenteuerlichsten. Augenzwinkernd begnügten sie sich mit ebenso kühnen wie unverbindlichen Theorien. »Is ja logisch! Die Entente fordert von Österreich eine Entschuldigung dafür, daß die Regierung die italienischen Waffen hat nach Ungarn schmuggeln lassen. Jetztn – einerseits – müssen wir Frankreich beruhigen – anderseits – müssen wir schau'n, daß wir net ins italienische Fahrwasser kommen. Außerdem muß eine Regierung her, was sich einen solchen diplomatischen Ton net gefallen laßt, weil Österreich zwar in Europa naturgemäß der letzte Dreck ist, aber was zuviel ist, ist zuviel. Alsdann – da gibt's eben nur eins – Koalitionsregierung!« Und sie wiesen bedeutsam auf irgendeinen Satz, nein auf irgendein Wort in der »Arbeiter-Zeitung«. – »Da seht ihr's ja! Der Genosse Bauer wird jetzt eine Zeitlang nichts zu reden haben. Man muß zwischen die Zeilen lesen können. Wann der Renner im Feber net Bundeskanzler ist, heiß' ich Veitel! Wer Ohren hat zum Hören, für den haben ja die Ausführungen von Genossen Dworak schon alles Nötige gesagt.« Gleichzeitig wurde das Gegenteil gemutmaßt. So saßen die ahnungslosen Propheten von jeher an ihren Sektions- und Wirtshaustischen, über alles und jedes spekulierend. So sollten sie noch eine Spanne Zeit sitzen, mit dem Fingernagel Worte aus der »Arbeiter-Zeitung« unterstreichend, den erloschenen Virginiastengel zwischen überlegen gekräuselten Lippen, mit pfiffigem Blick und kurzem Gedächtnis, streitsüchtig, in ihrer Art glücklich. Und so blieben sie auch diesmal auf ihren Stühlen. Andere aber wandten sich, mehr oder minder zögernd, direkt an diesen Genossen Dworak, der, bisher kühl und unnahbar, nun irgendeiner nicht ganz verständlichen Veränderung unterlag. Es war erstaunlich, was an Wünschen, Zweifeln, Hoffnungen, Plänen, von seinem unklaren Verhalten magnetisch angezogen, sich ihm plötzlich von allen Seiten aufdrängte. Einige Mitglieder der Sektion 4 baten ihn, sie im Kampf gegen ihren Obmann zu unterstützen, der den Sektionsausschuß systematisch mit bezirksfremden Elementen durchsetzte und noch dazu mit Intellektuellen, während die manuellen Arbeiter nichts zu reden hätten. Eine Gruppe kleiner Funktionäre forderte seine Hilfe gegen die Genossin Prischnigg, die noch immer im Bezirksvorstand saß, wiewohl sie eine Flitsche mit Lebenswandel sei und den Genossen Petschina schwer beleidigt habe. Die religiösen Sozialisten des Bezirks beschworen ihn, sie gegen die Tyrannei der Freidenker zu schützen. Einzelweise gingen ihn Kassierer, Kontrollkommissionsmitglieder, Vereinssekretäre mit ihren Beschwerden an, gewissenhafte kleine Bürokraten, die aus irgendeinem papierenen Grund zu Eiferern geworden waren. Diese hatten eigentlich noch am ehesten Ursache, sich auf jene Rede Dworaks zu berufen. – Aber ein 100prozentiges Mißverständnis lag offenbar vor, als ein Schutzbündler der 3. Kompanie bei ihm in der Wohnung erschien und mit einem festen Händedruck vertraulich erklärte: »Freut mich, Genosse, daß Sie als verantwortlicher Genosse endlich in der Beziehung etwas unternehmen wollen. Wir von der 3. Kompanie stehen vollständig auf demselben Standpunkt.« »Ja, ich weiß nicht recht ...« Der Mann augenzwinkernd: »Schon in Ordnung, Genosse Dworak, die 3. Kompanie schweigt wie das Grab.« Und im Weggehen: »Wär' ja auch eine Schande, wenn die SA das Ammonit zentnerweise hamstern tut, daß wir ohne ein Körndl Sprengstoff dastehen. – Na was denn – wir verstehen uns schon. Sonst möchten wir ja wirklich in die Sackgasse kommen, wie Sie so treffend ausgedrückt haben!« – Auch der alte Fellhammer kam. Seine spärlichen Haare standen wirr vom glänzenden Schädel ab. Er sprach erregt, die wasserblauen Augen wurden ganz dunkel vor Leidenschaft. Vom Ganzen begriff der Angeredete nur zwei Sätze: »Ganz recht ham's« und »Das Unglück hat ja schon im 7er Jahr angefangen, wie der selige Genosse Schuhmeier den unseligen Gang zur Hofburg gemacht hat«. Doch auch diesen Alten hörte Dworak geduldig bis zum Ende an. Er kannte dessen Steckenpferd seit 20 Jahren und hatte oft darüber gelacht. Er kannte auch längst (und liebte im Grunde genommen) all die Gruppen und Grüppchen, die ihn da plötzlich umdrängten. Er betrachtete sie von jeher als zum Leben der Organisation gehörig, als den natürlichen Bodensatz dieses Lebens, zusammengesetzt aus erfolglosem Ehrgeiz, erfolglosem, schlechtem oder allzugutem Willen, aus politischen und unpolitischen Schrullen, Idealen, Süchteleien, menschlichen Schwächen aller Art. Hier und da, meist vor Bezirkskonferenzen, wirbelten diese Leidenschaften auf, um bald wieder niederzusinken. Daran war er schon gewöhnt. Diesen Bodensatz von Unzufriedenheit irgendwie analysieren zu wollen, wäre ihm absurd erschienen. Dworak hatte keine hohe Meinung von den Menschen im allgemeinen. Im Vergleich zu den hohen Idealen von Vernunft und Gerechtigkeit, welche ihnen seiner Überzeugung nach als Aufgabe gesetzt sind, waren sie ihm immer als ziemlich verächtliche Geschöpfe erschienen; sie bedurften in hohem Maß der Obhut verantwortlicher Funktionäre. So führte er dann auch seit zwei Jahrzehnten jede Spielart dieser Unzufriedenheit auf die natürliche menschliche Unzulänglichkeit zurück. Zwischen der Ehrenaffäre Pruschnigg–Petschina, die sich seit nunmehr 5 Jahren hinzog, und etwa jener linken Opposition, die sich seit anderthalb Jahren entfaltete und im Herbst 32 gar keine Miene gemacht hatte, mit den Kommunisten in einer »Antifa« sich zu vereinigen, sah Dworak nur einen Unterschied im Grade der Schädlichkeit, aber keinen prinzipiellen. Weder die einen noch die anderen hatten begriffen, was das eigentlich war: die Partei. Und weil es immer Menschen geben mußte, die es nicht begriffen, waren die einen wie die anderen unvermeidlich. Doch hatte Dworak bisher auch hier Wichtiges und Kleinliches genau zu unterscheiden gewußt, hatte in hohem Grad jenen Orientierungssinn besessen, der führende Menschen davor bewahrt, im Morast der 1000 Überflüssigkeiten steckenzubleiben. Nun schien er es verloren zu haben. Das Gesicht ungeduldig verzogen, schien er hinter allem, was ihm wortreich oder stammelnd vorgebracht wurde, etwas Verstecktes zu suchen. So gab er sich über eine Woche lang mit allen ab, die ihm die Türe einrannten. Dann mit einem der jähen, ärgerlichen Entschlüsse, die ihn damals zu fassen pflegten, verschrieb er sich mit Haut und Haar den Bürokraten. Viele unter diesen waren's erst mit der Zeit geworden. Vor Jahr und Tag war an ihnen eine ähnliche Unruhe bemerkt worden wie nun an Dworak. Nur hatten diese Unbedeutenden damit kein Aufsehen erregt. Und da hatten sie sich denn in die Kleinarbeit festgebissen, waren blind und taub geworden gegen alles übrige. – Mit ihnen trieb er bis Ende Jänner. Sie hielten halbe Nächte lang Arbeitssitzungen ab, wo man sich an pedantischer Emsigkeit still berauschen konnte wie an Opium. Sie begruben sich hinter Katasterblättern. Eine übervolle Aktentasche unter dem Arm, stelzte Dworak die dienstfreie Zeit hindurch von Sekretariat zu Sekretariat. Weyer, der ihn für dringlich gewordene Maßnahmen gegen oppositionelle Eisenbahner brauchte, war gezwungen, ihn schließlich buchstäblich in eine Zimmerecke zu drängen. Das nützte nichts. Der Obmann hörte weg, seine Augen wichen aus. »Ja, ja, macht's, was ihr wollt's. Eins nach dem andern. Ich muß jetzt weg.« Und undeutlich fügte er etwas von »revidieren« hinzu. Drüben im Reich knallten allnächtlich Schüsse. Kommunisten und SA führten einen opferreichen Kleinkrieg. Der alte Hindenburg sprach vom geleisteten Eid: »Die Treue ist das Werk der Ehre.« Um das rätselhafte Kabinett Schleicher kreisten Gerüchte: Osthilfeskandal – Reichswehrputsch. Im Gasthaus »Zur Republik« hatten die Propheten Hochkonjunktur. In den Sektionen wurden Lichtbildervorträge» zugunsten politischer Referate verschoben. Die Tagesordnungen liefen geräuschvoll ab, und zum Hauptpunkt wurde – was selten vorkam – der Punkt Diskussion. Dworak duckte sich hinter Palisaden von Katasterblättern und revidierte irgend etwas. »Was zum Kuckuck revidiert er denn?« fragte sich der Bezirksrat Pawlik, gequält von einem schlechten Gewissen. »Revidiert er am Ende in Wirklichkeit mich?« Wiewohl er keinen Anhaltspunkt hatte, zweifelte er kaum mehr, daß Dworak ihm auf gewisse Pläne gekommen wäre, Pläne, die um das lukrative Korruptionszentrum des Direktors Rupprich von der Parteikino-AG kreisten, und zwar schon so eng, daß Pawlik sich kaum mehr hätte herauswinden können. Heuchelte Dworak (so fragte sich das schlechte Gewissen, unlogisch, wie schlechte Gewissen eben sind), heuchelte er etwa Inaktivität und Amtsmüdigkeit, um dann plötzlich Pawlik zu entlarven? Oder bereitete Dworak sich vor, seine Bezirksfunktionen niederzulegen, weil ihm eine höhere Karriere bevorstand? »Dazu«, sagte sich Pawlik ratlos, »braucht er doch nicht über meinen Kopf zu steigen und mich ruinieren. Bei seinen Beziehungen!« Für jeden Fall warnte er Rupprich und nahm den Stadtrat Kollmer gegen Dworak ein. So entstand selbst in diesem hohen Kreis eine gewisse Verwirrung. »Was ist denn los mit ihm?« fragte sich auch Gellert, der sich auf Dworaks Gehaben in den ersten Tagen viel zugute getan hatte. Denn, was anderes hatte er sich jahrelang gewünscht, als diese unerschütterliche Ruhe endlich einmal wanken zu sehen, als endlich in den selbstzufriedenen, festgeschlossenen, unzugänglichen Kreis dieser Gedanken einzubrechen. Ob aus Neid, aus regulärer Feindschaft oder aus Liebe, darüber hatte er nicht nachgedacht. Deutlich sah er jedenfalls, daß jetzt der Erfolg kein Erfolg war. »Du, frag net so viel, tu lieber deine Arbeit.« Und: »Von dem verstehst du nix, bist halt ein Vagabund.« Und die erstaunlichste Entdeckung an seinem Obmann blieb dem Heizer für den Morgen des 31. Jänner vorbehalten. Sie stießen an einer Straßenecke zusammen. Neben Dworak trottete ein gewisser Robert Blum, Kassier in der 12. Sektion, nebenbei ein klägliches Geschöpf, dem im Leben nichts gelungen war als korrekte Monatsabrechnungen. Man tuschelte, Dworak wolle ihn zum Bezirkskassier machen, aber wie verflucht unwichtig war das an diesem 31. Jänner! Gellert, der seit dem gestrigen Nachmittag keinen wesentlich genaueren Gedanken fassen konnte neben dem einen: »Also doch – also doch«, Gellert packte Dworak bei der Hand. »Also was sagst du dazu?« Jener Blum machte erstaunte Augen hinter seiner Brille. Der Heizer beachtete ihn nicht und wiederholte dringlicher: »Also, Ferdl, was du zu Deutschland sagst, möcht ich wissen.« – Dworak machte sich stirnrunzelnd los: »Laß mich in Frieden mit dem ewigen Raunzen wegen der Tolerierungspolitik. Kauf dir den ›Vorwärts‹, dann wirst es wissen.« Gellert sperrte den Mund auf: »Ja, weißt du denn nicht, daß gestern...?« Nein, Dworak wußte nichts. Zufällig. Er hatte von Spätnachmittag bis spätnachts mit Blum gearbeitet und hatte morgens die Zeitungen nicht gelesen. Dworak, seit 25 Jahren Parteimitglied, Ortsgruppenobmann, Personalausschußmitglied, Schutzbundkommandant, Mitglied des Bezirksvorstandes, hatte seine »Arbeiter-Zeitung« nicht gelesen, ging am 31. Jänner durch die menschenerfüllten Straßen seines Arbeiterbezirkes und wußte nicht, daß am Vortag Hitler Reichskanzler geworden war...! 3 Da bogen sie auch schon um die Ecke, voran die SA, Reitstiefel, Braunhemd, Koppelriemen, Hakenkreuzbinde, alles tadellos adjustiert. Rollende Trommeln, schmetternde Trompeten, prasselnder Marschtritt. Studenten, Kommiß, aber dazwischen immer wieder Arbeitergesichter. Arbeitslose? Gewiß, viele Arbeitslose, das war eine Beruhigung für Dworak, das half, sie zu bagatellisieren. Aber er sah auch Arbeiter, tüchtige Menschen, denen er in früheren Jahren, nein, vor Monaten noch in der Gewerkschaft begegnet war. Dann waren sie immer seltener zu den Abenden gekommen, immer verschlossener, mürrischer, mit Augen, aus denen schlechtes Gewissen und Herausforderung sprach. Bis sie ganz ausblieben. Jetzt fand er sie hier wieder. Es schien ihm, sie sähen in der SA-Uniform wie verkleidet aus. Doch fühlten sie selbst offenbar nichts dergleichen. Hinter ihnen marschierten Hitlerjugend und glücklich erregte Zivilisten. Schimpfworte wurden ihnen nachgerufen. Vor einem Jahr hatte man sie noch ausgelacht. Sie hatten keine Furcht. Hie und da griffen die Braunhemden drohend zu ihren Koppeln. So zogen sie, »die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen«, eine Invasionsarmee, quer durchs feindliche Gebiet. Am Karlsplatz sollte ihre Siegesfeier sein. – Dworak ließ den Heizer und den Kassier stehen, wo sie standen, sprang in die nächste Elektrische und fuhr heim. Auf dem zweiten Treppenflur mußte er einen Augenblick stehenbleiben, um auszuschnaufen. Er hatte Atemnot. Atemnot? Das war das Neueste. Er lehnte sich ans Geländer und betrachtete das saubere Türschild: »Robert Blum, Beamter a. D.« Darunter war ein Zettel geheftet: »Fürsorgerat, Sprechstunden: Dienstag und Freitag von 6–8.« Er verstand, daß ihm dieses Glück nicht erreichbar war. Die kleinen Funktionäre mochten hinter Katasterblättern ihre Ruhe finden. Ihm war dieser Fluchtweg versperrt. Er stand schon zu hoch. Er hatte schon zu viel Verantwortung. Verantwortung – ein teuflisches Wort. Früher hatte es ihm Kraft gegeben. Er hatte es zielsicher erregten Versammlungen entgegengeschleudert, und die Besserwisser, die Klugscheißer, die Verantwortungslosen waren verstummt. Jetzt drückte ihn diese Verantwortung nieder. Wenn er eine so große Verantwortung auf sich genommen hatte, warum nicht auch deren Annehmlichkeiten? Warum hatte er den Betrieb nicht verlassen, damals im 24er Jahr? Und was hinderte ihn jetzt daran? Er war außerordentliches Mitglied der Exekutive Wien. Er brauchte sich nur als ordentliches Mitglied kooptieren lassen, und schon würde er vom Dienst enthoben werden, würde ein Gehalt von der Gewerkschaft beziehen, seine Eisenbahnerpension dazu und ein Büro, um dort die Verantwortung zu tragen, die – so groß war sie schon – nicht mehr anders zu tragen war. Ein kleiner Schritt nur, und der unnatürliche Zustand war hinter ihm. Ja, der unnatürliche Zustand. Denn, was hat ein Generalstabsoffizier im Schützengraben zu suchen? Dworaks Parteiführer, Otto Bauer, liebte aus irgendeinem Grund militärische Vergleiche. Jetzt kam dem Mann, der langsam die Treppenstufen zu seiner Wohnung hinaufstieg, das Wort »Marneschlacht« in den Sinn. Hieß es nicht, ein kranker Generalstäbler wäre damals zwischen die flutenden Truppenmassen geraten? Er hätte den Wirrwarr einer operierenden Armee zu nahe gesehen: steckengebliebene Kanonen, Transporte stöhnender Verwundeter, aufgelöste Kompanien, verwirrte Kommandanten, Regimenter, die vor- oder zurückmarschierten, ohne zu wissen, warum. Er hätte die Übersicht verloren und allgemeinen Rückzug verfügt... Die Frau und der Sohn schon in der Wohnküche beim Nachtmahl. Die Frau lächelte vor Freude, als er kam, und stellte ihm seinen Teller dazu. Sie hatte verwischte Gesichtszüge, graue Haare, sah um Jahre älter aus als er. Er wusch sich die Hände. Als er nebenan im Schlafzimmer den Schrank öffnete, um ein frisches Handtuch zu nehmen, hing an der Innenseite der Kastentür, mit einem Reißnagel angeheftet, ein kleines Marienbild. Er riß es herunter. »Seit wann hängt der Dreck da in meinem Kasten?« Die Frau erschrak, saß ganz still und klein hinter dem Tisch. Ihre Nasenflügel wurden wachsgelb und zitterten. »Aber schon immer, Vater.« – »Lüg' mi net an! Sag lieber gleich, daß du unter die Kerzelweiber gangen bist!« Sie schwieg und schenkte ihm schüchtern Suppe ein. Es war durchaus möglich, daß sie nicht log, daß das Bildchen schon seit Jahren dort hing, von ihm unbemerkt. Durchaus möglich, daß sie sonntags in die Kirche ging, ohne daß er es wußte. Er hatte sie im Neunerjahr geheiratet, hauptsächlich, weil er sich als anständiger, klassenbewußter Arbeiter nicht ewig mit allerhand Weibsbildern herumtreiben wollte und die Bordelle satt hatte, die man in den Umkehrstationen aufsuchte. Nach der Heirat hatte er versucht, die Bauerntochter, die ein braves Dienstmädchen gewesen war, in die Bewegung zu ziehen. Als das nicht gelang, kümmerte er sich immer weniger um sie. Ohnedies nahm ihn die Organisation jede freie Minute in Anspruch. Den Sohn schenkte sie ihm im Jahre 15, 9 Monate nach dem ersten Fronturlaub. Er hatte ihm den ersten besten nichthabsburgischen Namen gegeben: Hans. Er hatte ihn gern auf den Knien reiten lassen und dem 13jährigen Roten Falken, dem es doch ein klein wenig um die Konfirmation leid tat, eine silberne Uhr geschenkt. Und wenn Spannmeyer ihn einen Haustyrann nannte, so wahrscheinlich nur darum, weil Spannmeyer unterm Pantoffel lebte. – Bei Tisch wurde nichts geredet. Von der politischen Katastrophe, die Dworak eben erfahren hatte, verstand die Frau nicht das Geringste, und die verwirrten Ansichten seines Sohnes interessierten Dworak nicht. – Hans schob den halbvollen Teller beiseite. »I mag nimmer, immer die Einbrenne«, sagte er mit einer kleinen Grimasse. Dworak sah die gekränkte Miene der Frau. Sie tat ihm plötzlich leid. Hätte sie es jetzt nötig, mit ihrer Suppe Kummer zu erleben, wenn er seine Aufstiegsmöglichkeiten ausgenützt hätte? Er war schuld. Als sie jung waren, hatte sie ihn manchmal scherzhaft »Herr Reichsratsabgeordneter« genannt und hatte schöne Träume gesponnen. Aber er bekam nie einen Vorwurf zu hören. Sie war brav und liebte ihn. Er hatte immerhin einiges an ihr gutzumachen. Er nahm sich vor, regelmäßiger heimzukommen. Auch sollten sie in Zukunft öfter wie Mann und Frau zueinander sein. »Ich bin ja noch lang jung genug, daß ich ihr das bissel Freud antu«, sagte er sich. Und er befahl mürrisch: »Iß, was man dir gibt!« Hans zuckte die Achseln: »Wann's mir aber net schmeckt...« Er griff nach seinem Schmalzbrot. Die Frau seufzte. Dworak, der Frieden schließen wollte, streichelte ihr sanft über den Scheitel. »Kränk di net, Mutter, zahlt si ja net aus, wegen dem Falloten. Soll froh sein, daß er überhaupt was kriegt, wo er keinen Groschen nach Haus bringt.« Hans war aufgesprungen. »Nachher is vielleicht meine Schuld, wann ich arbeitslos bin?« Dworak löffelte ruhig seine Suppe. »Meine Schuld is gewiß net. Wie ich so alt war wie du, war ich ein selbständiger Mensch und hätt von mein Vater selig kein Stückel Brot umasonst angenommen.« Erst als er die Tür zukrachen hörte, taute er auf. Der Junge war aus der Wohnung gestürzt. Die Frau kniete auf dem Fußboden und klaubte ängstlich ein ausgespucktes Stück Brot auf. – Also nicht einmal dem eigenen Kind durfte man die Meinung sagen? Jetzt verstand er schon gar nichts mehr. Seit 15 Jahren – seit seiner Heimkehr vom Feld – sah er den Buben täglich, sprach mit ihm, belehrte ihn, erzog ihn zu einem vernünftigen, klassenbewußten Menschen, und jetzt mußte er sich fragen, ob er diesen 18jährigen überhaupt besser kannte als irgendeinen beliebigen anderen Jungfrontler. Wozu die Mühe und die Liebe? Und diese SA-Burschen. »Siegreich woll'n wir ...« Wenn man das damals ihren Vätern im Schützengraben prophezeit hätte ... Und jetzt marschierten die Väter mit. »Nie wieder!« hatte man verkündet. Jetzt war Hitler Reichskanzler! Wozu die Arbeit? War die Vernunft, an die er über alles geglaubt hatte, eine falsche Vernunft gewesen? Gab es keinen Fortschritt? – Dworak, den Kopf zwischen den Händen, dachte an seinen Heizer. Als dieser Gellert im Betrieb aufgetaucht war, abgehetzt und entwurzelt, wie hatte er sich um den Burschen gekümmert! Er hatte ihn fest in die Organisation eingepflanzt, hatte ihm Funktionen verschafft, hatte ihm so alles gegeben, was ein Mensch seiner Meinung nach braucht, um Ruhe und Halt zu finden. Es hatte nichts genützt. Wozu das alles? Wozu war er, Dworak, 50 Jahre alt geworden? Unbeholfen stand er wieder, wohin er in der Silvesternacht zufällig und zum ersten Mal im Leben geraten war: sich selbst gegenüber. – Er zog einen Brief aus der Tasche, den er morgens vom Bezirksrat Pawlik erhalten hatte. »Werter Genosse Dworak! Hoffe, daß Du einem alten Mitkämpfer nicht bös sein wirst, wenn er aufrichtig zu Dir ist. Habe nämlich den Eindruck, daß Du in letzter Zeit mit Funktionen zu sehr überlastet bist, wie es leider grade unseren besten Genossen in der Partei oft und oft geht, die sich ohne Rücksicht auf ihre Nerven fürs Ideal opfern, und darum würdest Du vielleicht ein bißchen Erholung brauchen können. Übrigens ist das unabhängig von mir auch zufällig die Meinung von Herrn Stadtrat Genossen Kollmer und gebe ich Dir daher den freundschaftlichen Rat ...« War dieser Pawlik also ein Schuft? Daß er Karriere machen wollte, war für Dworak nicht neu. Er kannte ja den Mann seit 30 Jahren. Aber jetzt schien es, als hätte er ihn falsch eingeschätzt, die 30 Jahre hindurch. Als wäre der gewandte, ein wenig zu rücksichtslose, aber immerhin brauchbare Pawlik, den er kannte, eine Attrappe. Wieviel solche Attrappen – fragte sich Dworak – gab es in seiner Welt? Die Frau tippte ihm schüchtern auf die Schulter. Ob er einen Verdruß gehabt habe; er sähe so krank aus. Dworak zuckte die Achseln. »Gar nix, ich hab' morgen eine wichtige Besprechung mit dem Nationalrat Dreher«, log er, nur, um etwas zu sagen. So kam er auf den Gedanken, es könne wirklich nicht schaden, wieder einmal den alten Freund zu besuchen. – Jedoch verzögerte sich die Zusammenkunft um fast 2 Wochen, da Dworak erst die aufgehäufte Unzahl der von ihm vernachlässigten wichtigen Angelegenheiten ordnen wollte. Er tat es mit Liebe und Sorgfalt. Selbst das, was nicht durch seine Verwirrung im Laufe des Monats Jänner in Unordnung geraten, sondern schon von früher her, ohne sein Verschulden, in Rückstand geraten war und was er sich erst im Urlaub zu erledigen vorgenommen hatte, wurde aufgearbeitet. Kompetenzgebiete, die sich im Lauf der Jahre zwischen ihm und anderen Leitungsmitgliedern unmerklich verschoben hatten, wurden wieder abgegrenzt. Bevorstehende Besprechungen, Sitzungen in der Wienzeile, Schutzbundappelle und dergleichen, wurden, obgleich er sie im Gedächtnis zu behalten pflegte, jetzt säuberlich vorgemerkt. Dies alles aber nunmehr mit einem sehr präzisen Zielbewußtsein. »Als ob du morgen auf Urlaub fahren tätst«, staunte Spannmeyer. »Als ob du demissionieren wolltest«, scherzte harmlos Blum. »Als ob er etwas anderes im Auge hätt'«, mutmaßte mißtrauisch Pawlik. Als Dworak gegen Mitte Februar das Gefühl hatte, alles sei auf Glanz und in musterhafte Ordnung gebracht, setzte er zwei Stunden für den Besuch bei Dreher fest. Es waren 2 Samstag-Nachmittag-Stunden am 11. Februar. Zur selben Zeit sollte auf der Ringstraße eine große Parteidemonstration stattfinden, als Antwort auf die hakenkreuzlerische Siegesfeier der vergangenen Woche. Dworak beschloß, an der Demonstration nicht teilzunehmen. Er hatte in diesen Wochen Tagdienst und würde, auf lange hinaus, keine Zeit mehr innerhalb der Bürostunden Drehers erübrigen können. Den Abgeordneten daheim aufzusuchen schien ihm aber unpassend, unter anderem deshalb, weil der Zweck des Besuches dienstlich war: Beschleunigung der ordnungswidrig verzögerten Beförderung eines Bremsers zum Schaffner. Der Fall war dringend. Und ein Ersatzmann für die Führung der Eisenbahnerkompanie wahrend des Aufmarsches war selbstverständlich vorhanden. So wenigstens lautete die Argumentation Dworaks sich selbst gegenüber ... Drehers Kanzlei befand sich im Gebäude der Generaldirektion der Österreichischen Bundesbahnen auf dem Schwarzenbergplatz. (Da er als Gewerkschaftsvertreter Mitglied des Verwaltungsrates war, saß er dort in durchaus offizieller Funktion.) Dworak, nur mehr eine Minute Weges von dort, zögerte, die Ringstraße zu überqueren. Sie war schon dicht eingezäunt von einem Menschenspalier, erfüllt von marschierenden Massen, überweht von Gesang, Rufen und Fahnen. Dworak überlegte, daß es noch lange dauern würde, bis die Kolonne seines Bezirks vom Sammelpunkt heranmarschiert und in den Ring eingemündet wäre. Bis dahin könnte er mit Dreher fertig sein und doch noch ein Stück Weg lang die Führung der Eisenbahnerkompanie übernehmen. Er schob sich also eilends zwischen den Zuschauern vor, machte aber ganz vorne wieder halt. Die Menschenreihen strichen an ihm vorbei. Dworak war längst selbst im Instinkt Funktionär. Völlig grundlos wollte ihm eine Hemmung verbieten, fortzugehen, während seine Eisenbahner auf der Straße waren. Er seufzte unentschlossen und betrachtete den Zug. 4 An diesem 11. Februar marschierten wir ohne Musik. Um den kämpferischen Sinn der Demonstration zu betonen, hatte die Partei uns angewiesen, die Kapellen daheim zu lassen. Wir waren damals auf die Straße gegangen, wie wir es seit 15 Jahren taten. Bewegt von den Regungen des Tages, aber mit dem einen grundlegenden, unerschütterlichen Bewußtsein, daß sie uns gehörte. Diese Ringstraße, umsäumt von den prunkenden Häßlichkeiten der versunkenen Monarchie, dieser Ring um den Bezirk der reichen Leute, war unseren Demonstrationen vertrauter Boden. Das eine gehörte zum anderen. Zum scheußlichen pseudogriechischen Tempel des Parlaments gehörten 72 sozialdemokratische Abgeordnete. Zum gotischen Rathaus unsere rote Zwei-Drittel-Mehrheit. Und zum ersten Mai wie zum 12. November gehörte eine Ringstraße, durchflutet von Menschen, dröhnend von Gesang, brennend von unseren Fahnen. Nur einmal, im Jahre 27, waren hier zu unserer namenlosen Bestürzung Polizeisalven losgekracht. Ihr Echo grollte und drohte nach 5 Jahren noch immer durchs Land. Aber was konnte das an der elementaren Tatsache ändern, daß die Stadt, daß die Straße uns gehörten? Nicht anders war uns zumut, als wir an jenem 11. Februar demonstrierten. Die Gefahr, deren Atem todeskalt von Deutschland herüberwehte, war eine undeutliche, unverständliche Gefahr. Sie hatte nach 11 Tagen Dasein ihr Gesicht noch nicht entblößt. Wir zögerten sogar, sie »Faschismus« zu nennen. Sie trug damals nur einen Namen, hinter dem sich alles verbarg, was wir noch nicht wußten und später erfahren sollten: »Hitler«. Nicht nur die Musik fehlte bei diesem Aufmarsch, der feuchten Kälte wegen auch die vielfältigen Farben strahlender Maifeiern: die Blauhemden der Jugendlichen, die weißen Leibchen der Turner, die grünen Blusen der Falkenkinder, die bunten Festtagskleider der Frauen. Heftig rot leuchteten auf ihren hellen Bambusschäften nur die Sturmfahnen in all dem schweigenden und brüllenden Grau von Himmel, Häusern, Menschenmassen. Robert Blum, Kassier der 12. Sektion, schritt in der ersten Reihe seines Bezirks. Der bäuchige Spannmeyer hatte ihn, schon als der Zug sich formierte, unter den Arm gefaßt und mit jovialen Redensarten nach vorn und in ein Gespräch mit dem Bezirksrat Pawlik gezogen. Damit hatte es nichts weiter auf sich. In gutgelaunten Stunden verschenkte Spannmeyer seine Gunst wahllos. Daß Blum über Dworak ausgehorcht werden sollte, war höchstens ein entfernter Nebenzweck. Blum fühlte sich geschmeichelt. Unmittelbar vor ihm bewegten sich die Honoratioren der Bezirksorganisation, überragt von der gewaltigen Greisengestalt des Vorstehers Kärndl, dessen gigantische Hinterfront Blum die Aussicht verstellte. Das störte ihn nicht. Der breite, leichtgewölbte Rücken, der fleischige Nacken mit den schlohweißen Haaren, der zurückgeschobene steife Hut waren ihm Aussicht genug. Zu seiner Linken wurde die Standarte der Bezirksorganisation getragen. Sie war alt und ehrwürdig wie Kärndl. 43 Jahre hatten den schweren, weinroten Stoff, hatten die komplizierte Goldstickerei dunkel gebeizt. »Wissen ist Macht«, sagte geschnörkelt die Stickerei. Denn im Anfang war der Bildungsverein. Daß die Ehrwürdige nach der Art katholischer Prozessionsfahnen zugeschnitten war, recht häßlich in all ihren Goldfäden, recht unhandlich mit ihrem Griff voll Drechslerkunststücken, war unwichtig. Wichtig und köstlich, was unsichtbar von ihr herabströmte. Wer hinter ihr ging, den Kopf gesenkt, konnte dieses Unsichtbare vom Straßenpflaster auflesen: Erinnerungen! – Obgleich Blum nur durch Zufall hier vorne marschierte, machte er sich ein geheimes Spiel daraus, sich mit dem unruhigen Rundblick eines Verantwortlichen immer wieder nach den trippelnden, schlendernden, breit ausschreitenden Reihen der Organisierten umzuwenden. Die Frauen und die Alten waren's vor allem, die in diesen unübersehbaren Sechzehner- und Zwanziger-Reihen jeden gleichmäßigen Marschtakt unmöglich machten. Sie (ebenso wie Blum) hatten kein Verständnis für militärische Präzision. Mit dem unrhythmischen Scharren der Füße kam ein dumpfes Murmeln zahlloser Gespräche aus dieser Masse. Die Frauen beredeten Kindersorgen und Hauswirtschaft. Doch hielt fast jede ihr Taschentuch in der Hand, um gelegentlich dem dichten Spalier zuzuwinken. »Freundschaft!« riefen sie immer wieder unvermittelt aus ihren kleinen Gesprächen heraus oder schrill und wütend: »Nieder mit dem Faschismus!« Versuche jüngerer Genossen, mit wiederholtem Schrittwechsel einen Marschtakt herbeizuführen, wurden mit mütterlichem Hohn aufgenommen: »Hörst, Genosse Lechner, was hupfst denn wie ein Gaßbock?« und anschließend, um einen Ton gedämpfter: »Is des net der, was neulich beim Tanzkränzchen vom ABV mit der Fritzi vom Siebzehnerhaus – – – « Dann, diesmal ganz leise: »Mei Alter ist scho direkt so kommod wie a fünfstöckiger Hausherr. Ob's es glauben oder net, neulich, wie s' in der Nacht in Wienerwald gefahr'n san, die Krachen vom Schutzbund vergraben, hat er sich drucken wollen. Aber bei mir net, Frau Andritz, wiar i den aus'n Bett aussag'stampert hab – des hätten's sehen soll'n!« Blums Bezirk war in der Arbeiterbewegung berühmt und geachtet. Ununterbrochen Zurufe und Händeklatschen bei seinem Auftauchen zu empfangen, war für den kleinen Kassier überwältigend und merkwürdigerweise neu. Denn in den 29 Jahren seiner Parteiarbeit hatte er sich kein einziges Mal zum Spitzen- oder Flügelmann aufgeschwungen. Er wußte, daß er keine repräsentative Erscheinung war und daß es sich ihm geziemte, im Hintergrund des Lebens zu bleiben. Jetzt, als älterer Mensch, genoß er zufällig das unverhoffte Erlebnis, an der Spitze eines bejubelten Zuges zu schreiten. Während die jüngeren Genossen geradenwegs von der Arbeit gekommen waren, hatte er, als kaufmännischer Pensionist, die Muße gehabt, seine Feiertagskleider anzulegen. Schwarz umschloß ihn der Überrock, und im trüben Wetter waren nicht einmal die schäbigsten Stellen an den Rändern des Samtkragens sichtbar. Schwarz bedeckte ihn der steife Hut, schwarz glänzten die blankgewichsten Stiefel, und rot flatterte in seiner Hand das 29 Jahre alte Seidentüchlein. Die Wangen waren grausam rasiert. Die tadellose Reservebrille, wenn auch angelaufen, saß unverrückbar fest. Blums äußere Erscheinung durfte es wagen, in einer Reihe mit den obersten Bezirksfunktionären aufzutreten. – Von irgendwoher kam Gesang heran; die Frauen brachen ihre Gespräche ab. Die alten Genossen, festlich gekleidet wie Blum (denn für sie war jeder Ringaufmarsch, unter welcher Losung immer, eine heitere Siegesfeier für jenen 1. Mai 1890, als sie zwischen k. k. Bajonetten das Recht auf die Straße erobert hatten), die alten Genossen räusperten sich andächtig. Blum richtete wieder den Blick auf den Rücken des Bezirksvorstehers. Dann hatte das Lied ihn erreicht. Es war so häßlich und so machtvoll wie die Bezirksstandarte. Blum hatte es lange vor der »Internationale« gelernt und kannte alle Strophen auswendig. So stimmte er es an, das »Lied der hohen Braut, die ward den Menschen angetraut, eh er selbst Mensch ward noch. Was sein ist auf dem Erdenrund, entsproß aus diesem heil'gen Bund, die Arbeit ho-ho-ho-o-o-ch, die Arbeit hoch!« Hans Dworak, 18 Jahre alt, sang das Lied der Arbeit nicht mit. Denn er marschierte in der Kompanie »Friedrich Engels«, und hier erfolgten Lied und Sprechchor nur auf Befehl des Kommandanten. So war's Hans recht. Er zog zum ersten Mal im Schutzbund mit. Während seine Genagelten (er hatte Genagelte angezogen, weil es militärischer aussah) im prasselnden Takt von 120 Gleichschritten das Pflaster traten, rumorte in seinem Kopf verstohlen die Weise von den Soldaten, die durch die Stadt marschieren, und von den Mädchen an Fenstern und Türen ... Die Uniform bestand aus einer abgedienten, blauen Straßenbahnerjacke und einer blauen Schirmkappe. Aber das Riemenzeug, das neue, gelbe, umschloß straff den Oberkörper; und die Kappe saß schief überm Ohr, und eine Haarsträhne hing fesch heraus. Jetzt dachte Hans weder an die Schwierigkeiten mit Paula noch daran, wie man ihn zu Hause behandelte, seit er arbeitslos war; noch an den Termin, da seine Unterstützung ablief. Es gab anderes zu tun; zunächst vor dem Spalier tadellose Haltung zu bewahren. Mit geheimem Zorn schielte er zu manchen älteren Arbeitern in der Kompanie hinüber, die gar nicht daran dachten, ihren Brustkorb zur Geltung zu bringen und ihren Augen einen starren Ausdruck zu verleihen, sondern sich's in ihren nachlässigen, gegürteten Jacken so bequem machten wie möglich. »Die gehören ja in die Reserve!« dachte Hans wütend. Obzwar viele der Betreffenden nur gerade so alt waren, um den Weltkrieg mitgemacht zu haben, schienen sie ihm verächtliche Greise zu sein. Er vergaß vollständig, daß sie ihm unter manchem anderen das eine voraushatten, ausgezeichnet schießen zu können, während er von dieser Kunst noch nicht viel Ahnung hatte. Überhaupt war er zur Zeit ziemlich von sich eingenommen. Wachsam spähte er aus, ob das Spalier nicht stellenweise spärlichere Begeisterung zeigen wollte. Hatte es nicht geheißen, die Nazi würden Störungsversuche unternehmen? Wo steckten sie? Schon fuhr die Hand zum Koppel, gerührt von der knarrenden Schönheit des herrlichen Leders, begierig, es über Feindesköpfe zu schwingen. Doch da entfaltete sich auf den Gesichtern der Zuschauer schon das verzückte Lächeln, da sprossen wieder Hunderte Fäuste empor, und da schrien sie: »Hoch, der Schutzbund!« Es war fast ärgerlich. »Frei-heit! Frei-heit! Frei-heit!« antwortete man präzise im Takt der geschwungenen Hand Kaliwodas. Aber das befriedigte nicht. Und als Kaliwoda langgezogen begann: »Prole-e-e-t-« und man dröhnend einfiel: »Erwache!« und als er heiser emporwarf: »Hitle-e-e-e-er-« und man, wirklich von Haß aufgerührt, mit dem »verrecke!« zustieß; und als diese brüllende Litanei sich so lange wiederholte, bis Tausende ringsherum losbrachen und mitschrien; und als aus dem Getöse dann plötzlich Rhythmus und Melodie entstand, wurde Hans von einem Wachtraum benommen. Die singende, marschierende Masse wiegte ihn in ihren Schoß. Während er sang, träumte er, alles sei nun soweit und sie marschierten schon in das letzte Gefecht. Ferner Kanonendonner ertönte. In den Seitengassen ratterten die Maschinengewehre. Das Herz krampfte sich zusammen, aber nicht vor Angst, sondern vor lustvoller Ungeduld. Hob Herrmann nicht schon seine Trompete zum Signal? Flatterten die Fahnen dort nicht schon der ersten, stürmenden Reihe voran? Der Tag der Entscheidung, den man ihm versprach, solange er denken konnte, sprang mit einem Ruck aus dem Horizont, und Hans' weit offene Augen sahen ihn so nahe wie die nächste Ringbiegung. – Allerdings war das ein sehr phantastischer Traum unter einem ungünstigen Federhimmel. Allerdings stand eine ganz andere Wirklichkeit bevor. Allerdings würde dieser Traum nach einigen Augenblicken nichts anderes hinterlassen als Verlegenheit. Allerdings würde damit auch Hans' hohes Selbstbewußtsein ein Ende finden, dieses kurzlebige Gemisch aus umgeschlagener Unsicherheit und gewaltsam vergessenen Demütigungen, künstlich aufgepulvert vom Rausch der Demonstration. In einigen Augenblicken mußte alles zu Asche zerfallen. Da konnte auch die Uniform nichts helfen und der stramme Marschtakt nichts. Aber eben diese wenigen Augenblicke lang sprach die »Internationale« dem armen Traum Ermutigung zu. Erich Weigel, 24 Jahre alt, sang mit, ohne daß ihn dies hinderte, sich gleichzeitig allerhand Gedanken zu machen. Samt und sonders drehten sie sich eilend um die Frage: »Ist das gegenwärtige Stadium der Diktatur der Bourgeoisie in Deutschland, also das Kabinett Hitler-Hugenberg, noch als Bonapartismus oder schon als Faschismus zu bezeichnen?« Hastig stöberte er im Geiste nach Aussprüchen Marxens über Louis Bonaparte und Trotzkis über Kerenski. Denn die Sache war die, daß vor Erich Weigels Jungfront-Abteilung eine Kolonne kommunistischer Jugendlicher zog. Erich hatte bei einer gestrigen Bezirksbesprechung der Jugendfunktionäre laut und deutlich die historische Bedeutung der Tatsache hervorgehoben, daß zum ersten Mal seit Bestehen der österreichischen Arbeiterbewegung Kommunisten und Sozialdemokraten zusammen demonstrierten. Trotzdem war es ihm recht peinlich gewesen, daß die Gruppe dort, gespickt mit Standarten, brodelnd und heulend, sich grade vor seine Jungfrontier eingeschoben hatte. Seine Befürchtungen hatten sich sofort bewahrheitet: An der Berührungslinie zwischen der Nachhut der einen und der Vorhut der anderen waren Diskussionen losgebrochen. Und wo einem Fahnenträger (denn gerade diese harmlosen Burschen wurden am stärksten mitgenommen) die Argumente ausgingen, da wandte er sich an Weigel. (Nicht an den Obmann Fink, dessen Stellung in der Gruppe völlig untergraben war.) Nun war Erich Diskussionen mit Kommunisten durchaus nicht abgeneigt. Aber es mußten ruhige Unterhaltungen unter vier Augen sein und nicht grobschlächtige, öffentliche Polemiken. Denn Erichs keineswegs negative Einstellung zum Leninismus (wohlgemerkt nicht zur Kommunistischen Partei, hier mußte man Unterschiede wahren) war komplizierter Natur. Außerdem war sie mit einer sehr scharfen Kritik an der SP verbunden, die, in vollem Umfang öffentlich zu äußern, zur Zeit vor der Obmannsneuwahl taktisch unklug gewesen wäre. Hielt man sich aber zu eng im Rahmen der eigenen Partei, so geriet man in die Gefahr, auf Argumente zu verfallen, die gar nicht die eigenen waren; Gedankengänge anzuwenden, die man für gewöhnlich selbst als verbrecherischen Reformismus brandmarkte. (Ganz abgesehen davon, daß man vor den provokatorischen Phrasen der Kommunisten oft genug unversehens in seinem Herzen eine unverantwortliche Liebe zum altersschwachen Bürgermeister Seitz oder zum fetten Klassenverräter Renner entdeckte.) Über alle diese Schwierigkeiten sann Erich Weigel, während er mechanisch mitsang. Die Dauer des gemeinsamen Liedes bedeutete Waffenstillstand. Allerdings durchbrachen ihn die Kommunisten vorzeitig, indem sie den Schluß des Refrains nach eigenem Modus gestalteten. Diesem Text zufolge sollte nicht schlechtweg die Internationale das Menschenrecht erkämpfen, sondern »Die Dritte Internationale von Lenin«, was schon im Rhythmus des Liedes unangenehm auffiel. Sobald der letzte Ton ausgeklungen war, hob Fink die Hand, um den Auftakt zu einem Freiheits-Sprechchor zu geben. Sein »Frei« blieb aber in der Luft hängen. Keine einzige Stimme fiel ein. Auch als er rücklings schreitend den Versuch wiederholte, blieb er ergebnislos. Was das bedeutete, begriff Fink im gleichen Augenblick wie Erich. Beide erblaßten, der eine vor Schreck, der andere vor Freude. Das Schweigen der Jungfrontler war offensichtlich demonstrativ. Es war eine endgültige Mißtrauenskundgebung für Fink. Der von höherer Stelle eingesetzte Obmann wurde nicht mehr anerkannt, wurde auf Verabredung ignoriert. Gleichzeitig sagte das Schweigen, Erich Weigel brauche nicht die übermorgige Generalversammlung abzuwarten, um sich als neuer Obmann zu betrachten. Die so plötzliche Mission mit allem, was sie andersgearteten Naturen an Zweifel und kleinen Verlegenheiten gebracht hätte, verwirrte ihn nicht im mindesten. Er war seit seinem 16. Lebensjahr Jugendführer gewesen. Er wußte, daß von nun ab seine Worte und Bewegungen, seine Gewohnheiten, seine trüben und frohen Launen, seine Mädchen- und Männerfreundschaften nicht mehr ihm gehörten; sondern dies alles wurde rastlos beobachtet, mußte erbitterten Kritiken standhalten und, was schwieriger war, hingebenden Gemütern als Norm und Vorbild dienen. Schon spürte er, wie die Blicke 17jähriger sich an ihn hefteten, zudringlich, grenzenlos ergeben. So war's vier Jahre lang bei den Roten Falken gewesen und drei Jahre lang bei der SAJ. Der Zustand bereitete ihm kein Behagen. Schon mußte die erste Entscheidung gefällt werden: Die Kommunisten hatten das Sowjetfliegerlied intoniert und hielten bereits knapp vor der zweiten Strophe. Das Spalier maß sie nicht unfreundlich, war aber spürbar über die gleichzeitige Passivität der eigenen Jugend befremdet. So ging es, wenn man hinter Kommunisten marschierte. Man durfte die Stimmbänder nicht schonen – was den anderen an Zahl fehlte, wollten sie durch Geschrei wettmachen. Und da war keiner unter den Zuschauern, der in diesem Augenblick nicht, mehr oder weniger bewußt, die 12 mal 100 000 sozialdemokratischen Wahlstimmen mit den wenigen Zehntausend kommunistischer verglich und die 700000 Parteimitglieder mit den Sektierern. Man empfand das gedämpfte Unbehagen einer reichen Familie, die arme Verwandte empfangen muß. Und wie peinlich wird die Situation erst, wenn die schäbigen Gäste im Millionärshaus einen lauten Ton anschlagen, statt andächtig die Gobelins zu betrachten! Hier mußte schnell etwas geschehen. Ohne Zögern und demonstrativ für alle jene, die noch zweifeln mochten, daß die Jungfront von nun ab die Avantgarde der linken Opposition im Bezirk war, stimmte Weigel heute die zweite Strophe des Fliegerliedes an: »Wir reißen hoch die Riesenapparate ...« Das Spalier war dadurch wenig befriedigt. Die Massen kannten dieses zugereiste Lied nicht. Aber, da es unsere Jungen sangen, spitzten viele die Ohren, schon aufnahmefähiger für die merkwürdigen Worte, die da nichts von Galilei, von hohen Bräuten und anderen Symbolen wußten, sondern schlechtweg von Flugzeugen erzählten. Und als die Jungfrontler am Schluß für die »Dritte Internationale von Lenin« Revanche nahmen, indem sie mit ganzem Stimmaufwand betonten: »Ein jeder Propeller ruft surrend Frei-heit«, ging das gleichzeitige »Rot Front« der anderen in einem Massenecho unter. Der KJV gab das Rennen nicht auf. Ohne Atem zu schöpfen, hämmerten sie mit ihrem neuesten Sprechchor los: »Proletarier an die Front! Hoch die rote Einheitsfront!« »Hoch!« stimmte das in Schwung gebrachte Spalier zu. Aber hier fühlte sich Erich verpflichtet, eine Grenze zu ziehen. Er überholte die Fahnenreihe der Jungfront und tippte einem KJV-Burschen auf die Schulter. Der wandte sich um, sein Gesicht kam Erich bekannt vor. Möglicherweise von der Universität her; vielleicht auch von der oder jener Versammlung. Und hatte er nicht einmal vor der kommunistischen Arbeiter-Buchhandlung mit ihm diskutiert? Das Wien der Intellektuellen, auch der sozialistischen, war ein Dorf, bestehend aus Bibliotheken, Versammlungssälen und Kaffeehäusern, umgeben von den Fluren des Wienerwaldes. So gab es viele Gesichter, die Erich seine Jugend hindurch begleitet hatten, ohne daß er sie eigentlich kannte. Dieser Gegner da hatte als Bub an derselben Stelle Zelte aufgeschlagen und Lagerfeuer aufgebaut, wo die Erde noch aufgewühlt war von Erichs Falkenzelten und wo noch Asche von Erichs Feuern lag. Er hatte später dieselben Vorlesungen inskribiert, weil sie etwas von wirtschaftlicher Entwicklung ankündigten, und hatte dann, angeekelt, sie ebenso wie Erich geschwänzt. Wenn der eine in der Universitätsbibliothek die »Deutsche Ideologie« nicht ausgefolgt bekam, so darum, weil der andere sie schon las. Er stürzte ärgerlich in den Lesesaal der Arbeiterkammer. Aber da saßen schon lauernd und unersättlich Dutzende seinesgleichen. Es waren dieselben, die im Café Schottentor bei einer Schale Mocca einander gierig den »Manchester Guardian« und die »Weltbühne« abjagten, dieselben, die sonntags auf denselben Wiesen »Ball über den Zwischenraum« spielten. Selbstverständlich kannten nicht alle einander. Aber wenn wieder einmal zwei Bekanntschaft schlössen, war es eigentlich nur ein formeller Akt. Das »Du-Wort« war schnell zur Hand. Die Gespräche knüpften zwanglos an eine lange Kette nicht stattgefundener Gespräche an. So sollte es auch nach Jahren sein, unter blutig geänderten Umständen. »Hab ich dich nicht schon einmal getroffen? Ich meine, früher in der Legalität?« Aber Erich war von solchen Gedankengängen weit entfernt. Er stieß sein blasses spitzes Gesicht im Marschieren gegen den anderen vor und forderte: »Hört's schon einmal auf mit der roten Einheitsfront!« Der Angefahrene lächelte provokant: »Warum denn, ist euch die schwarze lieber?« Da hatte man's. So waren sie. Unter vier Augen war dieser Kerl sicherlich für eine vernünftige Diskussion, sogar über Neokantianismus zu haben. Hier auf der Straße glaubte er, wie ein besoffener Kutscher argumentieren zu müssen. Das hielt er wahrscheinlich für proletarisches Verhalten. »Ihr wißt sehr gut, daß ihr mit roter Einheitsfront eine Einheitsfront über die Köpfe der Führer meint! Während wir, lieber Genosse, sind schlicht und ehrlich für die Einheitsfront!« »Auch mit Severing und Grezinski?!« Da hatte man's wieder. Man durfte nicht einfach »nein« sagen. Man wollte nicht schlechtweg »ja« lügen. Man sah sich gezwungen, unter den spähenden Augen der Jungfrontler, zwischen dröhnenden Menschenmauern, umtost von Sprechchören, den Unterschied zwischen den Bruderparteien zu erläutern. Und zwar in Satzperioden, die ebenso kompliziert waren wie das ganze Verhältnis zwischen hüben und drüben. Erich wich diesem Zwang aus, indem er kurz ausrief: »Lobe hat erklärt, wenn Hitler einen Schritt über die Weimarer Verfassung hinausmacht, dann marschiert die SPD!« »Ja, gibt's denn noch die Weimarer Verfassung?« »Natürlich nicht! Aber du wirst doch nicht behaupten, daß drüben schon der Faschismus herrscht!« »Was denn?« »Du weißt grad so gut wie ich, daß die Sache nicht so einfach ist, wie ihr sie haben möchtet. Wenn der preußische Staatsstreich vom 20. Juli ...« Nein, die Sache war wirklich nicht einfach. Und als die Diskussion zwischen Erich und dem anderen Studenten an Übersichtlichkeit verlor, entbrannten an mehreren anderen Stellen Scharmützel. Es ging Mann gegen Mann oder aber, der Übermacht entsprechend, ein Kommunist gegen ein halbes Dutzend Jungfrontler. Die Schüsse, die allnächtlich in den Arbeitervierteln der reichsdeutschen Städte fielen, diese vereinzelten, schnell verstummenden Schüsse, echoten in ihren Herzen, zugleich verlockend und beängstigend. Gespräche, wie man sie dieser Tage führte: geflochten aus Hoffnungen, Gewissensbissen, Vermutungen – vage beendete Gespräche oder jäh abgebrochene, bohrten immer in den Hirnen. Nahezu zwei Wochen regierte Hitler, und nicht wesentlich anders, als es Papen ein Jahr lang getan hatte. Es schien bereits, man würde sich auch daran gewöhnen können, wie an so vieles andere. Redete man von Deutschland, so stieg wieder der alte, längst gewohnte Morast von Problemen auf. Und schon geschah es unter diesen Jungen immer seltener, daß einer während einer Versammlungsrede, einer Diskussion, eines Liebesgesprächs sich plötzlich umsah; den Mörderschatten Sphinx über diesen Tagen erblickte und plötzlich die beklemmende Angst im Innersten verspürte: Wenn du die Rätsel nicht löst, jetzt, auf der Stelle, dann ist es aus mit uns allen. – – – Die stattliche Reihe der sechs Sturmfahnen hatte sich recht unordentlich verschoben. Polemisieren war das Lebenselement der Jungfront. Den Kommunisten war nichts lieber. Die Invektiven schössen immer lauter hin und her. »Du bist also mit der Tolerierungspolitik glatt einverstanden?« »Ihr seid's ja eine Sekte! Eure 100 Mandel da – das ist doch eh der ganze KJV!« »Selbstverständlich, lieber Genosse, haben wir auch schon in Österreich den Faschismus!« »– die Befehle aus Moskau –« »– warum denn sonst habt ihr de facto die Lausanner Anleihe angenommen? Und die 28. Hungernovelle? Und wer hat den Grünbacher Streik abgewürgt?« »Ich bin selbst Leninist! Aber ihr seid's ja Stalinisten! Wenn Lenin heut leben würde –« »Aber, warum, habt ihr am 15. Juli die Waffen der Arbeiterschaft an die Bourgeoisie ausgeliefert?« »Eure blödsinnige Einheitsfrontpolitik –« »Die SPD toleriert genauso, wie –« »Aber ihr ruft's jeden zweiten Tag den Generalstreik aus! Aber in Österreich ist die Arbeiterschaft eben einig! Und ihr seid eben nichts anderes als Spalter! Und das ist eben –« »Aha, dann sag mir den Unterschied zwischen Zörgiebel und Hitler!« In der eifrigsten Debatte fing Erich Weigel plötzlich einen höhnischen Blick Finks auf. Zu Besinnung gebracht, merkte er, daß sie kaum mehr 200 Meter vom Denkmal der Republik entfernt waren, wo die Defilierung abgenommen wurde, und daß in diesem kritischen Augenblick der Zustand der Kolonne desolat war. Er hatte nur noch gerade Zeit, die KJVler zu ihrer Gruppe zurückzutreiben und seine Reihen halbwegs in Ordnung zu bringen. Dann waren sie schon beim Parlamentsgebäude angelangt. Sie schlugen einen strammen Schritt an. Die Fahnen, hoch erhoben, wehten im feuchten Federwind. Erichs Augen flatterten hinter den Brillengläsern. Die unterbrochene Diskussion wogte in seinem Inneren weiter. »Sie können sagen, was sie wollen«, dachte er, »so einen Aufmarsch bringen sie nie zustand – nicht einmal drüben im Reich. So etwas Grandioses gibt's überhaupt in keinem Land, außer bei uns. Ein Aufmarsch der 200 000 – eine Kundgebung des Trotzes und der Solidarität – und wenn's auch genauso in der ›Arbeiter-Zeitung‹ stehen wird – es ist trotzdem wahr – es ist doch keine Phrase –« Sie waren bis auf 20 Meter an das Denkmal der Republik herangekommen. Erich gab das Zeichen zu einem demonstrativ linken Oppositionssprechchor: »Republik ist noch nicht viel – Sozialismus ist das Ziel!« Die KJVler hoben die Fäuste zu Schulterhöhe und hämmerten mit ihrem »Rot Front«. Erichs Kolonne hob die Fäuste hoch über den Kopf und verstärkte den Stechtritt. Ihre Augen blickten starr und strahlend. Die KJVler entrollten überraschend eine Standarte: »Schluß mit dem Entzug der Wohlfahrtsunterstützungen!« Aber im Augenblick nahm Erich diese Überrumpelung nicht wahr. Im Augenblick schaute er mit ganzer Inbrunst nach rechts. Das Denkmal der Republik trug auf glatten grauen Marmorblöcken die Bronzeköpfe Hanuschs, Reumanns und Victor Adlers. Zwei Schutzbündler bewachten die Fahne der 2. Internationale. Sie sah der Bezirksstandarte sehr ähnlich. Davor standen winkend der massige Otto Bauer, der schlanke, alte Seitz und, seinem Vater wie immer erstaunlich ähnlich, nur älter, verwitterter als die Bronzebüste, die Augen rötlich entzündet, die Schultern gekrümmt von 15 Jahren sozialdemokratischer Nachkriegspolitik: Fritz Adler, Sekretär der völkerbefreienden Internationale. Und wie immer dachte Erich: »Der hat also 1916 den Ministerpräsidenten Stürgkh erschossen ...« Er war von grenzenloser Liebe. Käthe Haider, 27 Jahre alt, ging in den Reihen eines fremden Bezirks. Sie hatte sich zu lange im Arbeiterkinderheim aufgehalten. Am liebsten wäre sie ja überhaupt nicht mitmarschiert, da es diesmal geheißen hatte, es sei ratsam, die Kinder nicht mitzunehmen. Jedoch bestand schon eine Verabredung mit ihrem Freund Franz Seidel, und der war in solchen Dingen sehr genau (zu genau – und sie wußte, wenn ich ihm diese Empfindlichkeit nicht bald abgewöhne, ist es zu spät, denn lange stehen wir nicht mehr so miteinander, daß er mir zuliebe etwas zulernen möchte.) Sie hatte also viel zu lang im Heim herumgetrödelt, weil ihr bang war, die Kleinen unter der Aufsicht der 13jährigen Rosl zurückzulassen, und der Reiterer ewig und ewig nicht kommen wollte, trotz seines Versprechens, er werde mit den Kindern singen und er bürge für alles. Dann war es natürlich zu spät geworden, sie hatte den Bezirk nicht mehr auf dem Versammlungsplatz angetroffen, auch auf dem Weg zum Ring nicht mehr eingeholt. Aussichtslos, sich da noch im Strom von 200 000 Menschen durchzuzwängen, durchzufragen. So hatte sich Käthe irgendwo angeschlossen und erst später erfahren, daß sie unter Floridsdorfern war. Fremde Gesichter umringten sie. Die Unruhe um das Heim ließ sie nicht los. Sie vermißte die Schar der Kleinen, die an Mai- und Novembertagen hinter ihr über den Ring trotteten. Sie vermißte die ständige Sorge solcher Tage: Ob sie nicht müde sind? Ob sie warm genug angezogen sind? Und die schwierige Aufgabe, den ganz Kleinen erklären zu müssen: Das ist unser Parlament. Weißt du, was das ist, ein Parlament? Wie jeder von uns seinen Alltag mit den dazugehörigen Menschen und Gedanken um sich hatte, wenn wir auf dem Ring demonstrierten, so brauchte Käthe hier ihre 40 Arbeiterkinder. Ohne die kam sie sich recht überflüssig vor; als wäre sie vom eigenen tätigen Leben hier im Gedränge verloren worden und müsse nun warten, bis es sich wieder ihrer erinnerte, um sie abzuholen; oder als hätte sie sich in ein fremdes Stadtviertel verirrt. In solchen Lagen gerät man leicht auf abwegige Beobachtungen. Käthe bemerkte einen jungen Burschen, sehr blaß, sehr heruntergekommen. Er hielt im Marschieren die Hände in den Taschen; seine Mütze saß tief über den Augen. Er schwieg. – Der Blick, den er hie und da vom Pflaster erhob und ringsum streifen ließ, war erschreckend stark mit Haß und Verachtung geladen. Was hatte er hier zu suchen? – Käthe hörte wieder einmal den Sprechchor, der diesen Aufmarsch beherrschte: »Hitler verrecke!« Sie fragte sich: Warum haben wir dieses scheußliche Wort von den Nazis übernommen? Wollen wir nicht mit geistigen Waffen kämpfen? Dann wurde sie auf drei merkwürdige alte Weiblein aufmerksam. Tiefschwarz gekleidet, als gingen sie bei irgendeiner jener »schönen Leichen« mit, die sie sicherlich sehr liebten, humpelten sie mühsam in der Reihe, schwatzten miteinander, schwiegen sich dazwischen aus. Und nicht ein einziges Mal beachteten sie in irgendeiner Weise das menschliche Getöse ringsum. Kein Ruf, kein Tücherwinken – ja, nicht einmal ein kurzer Blick vor oder zurück auf die dröhnende graue Lawine, in der sie mitglitten. Vor dem Denkmal der Republik tuschelten sie einander ängstlich etwas zu. Dann humpelten sie weiter um die Ringbiegung, wie drei blinde greise Karussellpferdchen. – Käthe dachte wieder an das helle Kinderheim im Gemeindehaus. Und daß sie eigentlich Sozialdemokratin geworden war, weil die Gemeinde so viel für die Kinder tat. Das war nicht leicht gewesen, damals vor 10 Jahren. Der Vater war ein Führer in der christlichen Gewerkschaft, einer von der alten Garde Kunschaks, durch und durch katholisch und furchtbar verbittert. Er hatte sie dann auch von daheim fortgeekelt. Sie hatte sehr gelitten. Die Familie war bis dahin ihre Welt gewesen. Dann hatte sich das Unverhoffte herausgestellt: Die Partei gibt ihr alles und ersetzt ihr alles, auch die Familie. »Nieder mit dem Faschismus!« toste die Masse. »Faschismus?« fragte sich Käthe plötzlich. »Was heißt das eigentlich? Heißt das: Dies alles hört auf?« Sie versuchte, auf diesem Gedanken eine greifbare Vorstellung aufzubauen. Wie würde dann das Leben aussehen? Aus dem Gedanken eine Vorstellung zu machen, erwies sich als unmöglich. Die Frage nach dem Leben als nicht beantwortbar. – Wenn dies alles aufhörte, hörte also das Leben selbst auf. 5 Der Nationalrat Josef Dreher war nicht das, was man eine durchgeistigte Erscheinung nennt. Eher das Gegenteil: durchkörperlicht. Drehers Leib spielte nämlich eine gewichtige Rolle in dessen persönlichem Auftreten und öffentlicher Betätigung. Den Hetzern galt dieser Bauch als Inbegriff des Bonzentums. – »Seht, wie er sich von euren sauer ersparten Beiträgen angefressen hat!« riefen sie den Eisenbahnern zu. Sie logen. Denn schon in Friedenszeiten hatte der Schlossermeister als Wiener vom alten Schlag das Essen und Trinken kultiviert – und, damals nur unbezahlter Sekretär seiner Fachgewerkschaft, hatte er die Mittel durch seiner Hände Arbeit verdient. Der Drehersche Bauch wußte nichts von Orgien und sinnlosen Schlemmereien; dementsprechend war er kein aufgeschwemmtes Anhängsel, kein widerlicher Hängebauch, sondern eine fast natürliche Erweiterung des Leibes. Auch die Karminröte, die Drehers gewaltigen Schädel bis tief zum Hals und zum Nacken hinunter übergossen hatte, war nichts Krankhaftes. Sein Haarwuchs war dicht; struppiges, graues Moos, wild wuchernd auf Kopf und Oberlippe, in dichten Büscheln die säuglingsblauen Augen überschattend. Übrigens wußte Dreher, daß auch maßvolle Unmäßigkeit ihn in seinen! Alter mit einem Schlaganfall bedrohen könnte. Er hielt seit einiger Zeit eine sanft vorbeugende Diät ein. Er war ein vernünftiger Mensch, dem viel am Leben lag. Für seine Gesundheit war nichts zu fürchten. Im Schützengraben hatte das erfreuliche Aussehen des Feldwebels zur Aufrechterhaltung der Kampfmoral unter den Deutschmeistern beigetragen. Wenn dieser blühende Kamerad Dreher um die Grabenbiegung kam, verlor das Trommelfeuer der Isonzoschlachten einen winzigen Hauch seiner Schrecknisse (gerade den winzigen Hauch, der die große Sache für Geduld und Verstand endgültig unerträglich gemacht hätte). Daß er, die breitärschige Zielscheibe, nicht einen Kratzer davontrug, erregte nicht Neid, sondern Optimismus. Was hatte ihm zu seinem wachsenden Einfluß in der Gewerkschaft verholfen? Zweifellos sein energischer Hausverstand, der nicht von schlechten Eltern war. Aber wenn er jetzt, inmitten seiner zahllosen Funktionen einmal Zeit fand, sich seine Jugendjahre durch den Kopf gehen zu lassen, so erzählte ihm die Erinnerung, daß seinem frühen Aufstieg ein wichtiges Hindernis erspart geblieben war: vor den graubärtigen Genossen als zu jung zu gelten. Tatsächlich hatte er in seiner Leibesfülle mit 20 – wie ein 30er ausgesehen. Er war untermittelgroß, und der Bauch ließ ihn kleiner, aber imponierender erscheinen. Ein solcher Mann ist nicht zu übersehen und zu überhören, sobald er auf einer Tribüne steht. Jedenfalls schenkt man ihm lieber Vertrauen als einem halbverhungerten Heimkehrer aus der russischen Gefangenschaft, der mit verwirrten Worten von Sowjets und Bürgerkrieg erzählt. So war's im Jahre 18 gewesen. Schon damals aber und jetzt mehr denn je war seine eigentliche Spezialität die Besprechung im engen Kreis, mit einigen guten Freunden (seien's christlichsoziale Abgeordnete oder rote Arbeiter), die man unter Scherzen am Ärmel oder am Westenknopf gepackt und in eine Ecke zusammengeschleppt hatte. Da strahlte von Drehers jovialer Körperlichkeit eine wirkliche Macht aus. Die Eiferer begannen, sich ihrer Kompromißlosigkeit zu schämen. Ein körperliches Minderwertigkeitsgefühl beschlich sie vor diesem lachenden Dickbauch. Sie fürchteten plötzlich, als Hysteriker zu erscheinen, als griesgrämige Jammerlappen, als impotente Zeloten. Sich versöhnen – leben und leben lassen – Verdauungsbeschwerden vermeiden – den Modus vivendi finden – dieses Ziel im Zeichen des Fleisches rückte den fanatischsten Prinzipienreiter in verständliche Nähe. Schritt er, quecksilbrig trotz seines Fleischberges, durch Werkstätten und Bahnhofssäle, so sahen ihm die Arbeiter lachend nach. »Solang wir solche Bröckerln haben«, dachten sie spöttisch und liebevoll, »solang kann uns nix gescheh'n.« Diese Erscheinung stand im krassen Gegensatz zum hageren Leib, zum schmalen Schädel, zur scharfen Nase Dworaks. – Vor dem Jahre 1924, als Dreher, noch nicht dienstenthoben, mit Dworak in demselben Bahnhof arbeitete, hatte die kommunistische Betriebszeitung die beiden oft nebeneinander abgebildet. Das machte die Karikatur schärfer. Dann war Dreher ins Parlament gewählt worden, und zwar den meisten Voraussagen entgegen; denn man war sich fast einig, nicht er, sondern Dworak würde nominiert werden. Dworak war schon damals Ortsgruppenobmann und die eigentliche Autorität gewesen. Mit einem Scherzwort, statt jeder Erklärung, hatte der Favorit dem Außenseiter freiwillig Platz für die große Karriere gemacht: »Geh nur, Dicker, du kannst besser reden.« Und Erich Weigel, damals frühreifer Gymnasiast und Falkenführer, hatte den folgenden Aphorismus auf eine Mittelschülerversammlung losgelassen: »Sancho Pansa, Genossen, hat die Gouverneursinsel gekriegt, Don Quichotte reitet weiter!« Als Don Quichotte in Sancho Pansas Kanzlei eintrat, stand sofort jene Angelegenheit vom Jahr 24 zwischen ihnen. Bei keiner der häufigen Begegnungen seither war sie erwähnt worden. Jetzt, als wäre ein stillschweigend vereinbarter Termin abgelaufen oder ein geheimes Signal erfolgt, schlüpfte sie knapp vor Dworak durch die geöffnete Tür. Ehe die beiden Männer noch ihr Servus getauscht hatten, wußten sie, daß davon irgendwie die Rede sein werde. Während der Lokomotivführer dem Nationalrat gegenüber so Platz nahm, daß der umfangreiche Schreibtisch zwischen ihnen blieb, begann die Unterredung mit dem üblichen jovialen Redeschwall Drehers. »Daß d' wiedermal an mi denkst! Wie geht's denn allaweil? Bist ja wieder amal hundsmüd, alter Spezi! Gibst der Saubande no immer das Mädchen für alles ab? Die alte Geschieht – wie a Funktionär sich a bisserl fürs Ideal opfern tut, schieben's ihm gleich die ganze Arbeit am Buckel. Das ist halt der Jammer mit uns. No – und der Hansl? Noch immer ka Arbeit? No – da wern ma a bissei antauchen müssen. Was is er geschwind? Richtig, Elektriker. Morgen komm i eh mit 'n Oberbaurat Swoboda z'samm, in der Finanzkommission – da wern ma halt schaun, ob in Salzburg bei die Elektrifizierungsarbeiten net a Posten frei is. Ha, war ja noch schöner, wann a Eisenbahnerfunktionär für sein Sohn kan Posten bei uns finden tät! So weit is' no lang net, Gott sei's Dank! No – und der Spannmeyer? Was macht denn der immer? I muß wieder amal aussa, mi a bissel im Bezirk umschaun. Zu blöd, so was. Ma kommt ja net los von dem Werkel da! Ein Bürokratendasein is des! Du hast aber keine Ahnung, was die Herren jetzt wieder aufführen mit dem 2. Bundesbahnsanierungsgesetz. No nie war'ns so scharf aufs Lohnschinden, no nie sag ich dir. Alles wolln 's glei auf amal habn. Sie wittern halt Morgenluft in den Segeln. Kannst aber den Kollegen ruhig sagen: s' wird net so heiß gegessen wie gekocht. No, und wie geht's vorwärts mit dem Mandolinenverein?« Dreher hatte seine Vorsitzenden-Funktion im Arbeitermandolinenverein des Bezirks noch immer nicht zurückgelegt. Er fand natürlich längst keine Zeit mehr, weder um zu spielen noch um zu präsidieren. Es kam ihm mehr auf die Symbolik der Situation an: Ein Abgeordneter, ein Mitglied des Zentralausschusses und des Verwaltungsrates eines der größten Betriebe im Land, ist noch immer Obmann des obskuren kleinen Zirkels, der irgendwo »draußen« in einem Extrazimmer – 12 Mann hoch – zusammenkommt. Während des herzlichen Ergusses betrachtete Dworak verstohlen eine auf dem Schreibtisch liegende reichsdeutsche Illustrierte. Das Titelfoto zeigte die große Lustgarten-Kundgebung der Eisernen Front 196. Darunter stand: »Nach Hitler – kommen wir!« Der Nationalrat schien ihm nicht in bester Laune zu sein. Die Jovialität klang diesmal ein bißchen mechanisch. Es war, als ob im Innern des geräumigen Leibes selbsttätig eine oft abgespielte Grammophonplatte abliefe. Vielleicht hatte es damit nichts auf sich. Wer – das Dröhnen der Masse noch im Ohr – einen engen Raum betritt, dem scheinen Einzelstimmen manchmal unecht zu klingen. Es mochte sich jetzt um diese akustische Täuschung handeln. Dworak selbst war im Augenblick keineswegs bedrückt; im Gegenteil. Er hatte die Demonstration, deren Atem gedämpft durchs Fenster kam, mit dem Hakenkreuzler-Aufmarsch vom 1. Februar verglichen. Er hatte geglaubt, feststellen zu können: Dort die Hysterie – hier die ruhige Kraft; dort die Dressur – hier das lebendige Leben. Im gleichen Augenblick hatte er beschlossen, seinen Bezirk nicht abzuwarten, sondern unverzüglich Dreher aufzusuchen. Und dieser Entschluß, kaum gefallen, hatte sogleich eine viel größere Wirkung getan, als es scheinbar seinem unbedeutenden Gewicht entsprach. Eine Welle munterer Tatkraft war hochgestiegen. Hinter ein ganzes Kapitel schien plötzlich der Schlußpunkt gesetzt. Eine neue Seite war aufgeschlagen. Dworak, leseunkundig, was sein Inneres betraf, nahm die gute Stimmung ohne weiteres hin. Er brauchte sie nötig nach jenen ziemlich düsteren Wochen. Und nun fragte er nicht nach Drehers anscheinender Mißlaune, sondern setzte ihm den Fall des Bremsers Jackl auseinander, der, obzwar er mit Erfolg alle fünf Schaffnerprüfungen abgelegt hatte, noch immer auf seine Beförderung zum Revisionsdienst warten mußte. Dreher hob den Telephonhörer ab; das werde man gleich haben. Aus der Muschel kam quäkend das Beamten-Wienerisch eines im höheren Stockwerk befindlichen Hofrates. Dann schmiß Drehers grauhaarige Pranke den Hörer wieder hin. Sie war rissig und rot, als hätte all die 8 Jahre hindurch in den Couloirs des Parlaments noch immer ein bissiger Fahrtwind den enthobenen Lokomotivführer umweht. »Muß das Akterl heraussuchen, der Herr Hofrat. Ein Skandal überhaupt, daß so ein Fall bis zur Generaldirektion g'schleppt werden muß. Unfähige Bande. Aber beim Tarockieren – da is er Kaiser.« Dworak, zu Gefälligkeiten aufgelegt, tat dem anderen die Freude: »Soooo – du tarockierst mit ihm?« Ein kindisches Lächeln zeigte sich unter Drehers grauem Schnurrbart. Seine wasserblauen Augen leuchteten einen Augenblick lang auf. Dann war die kurze Fröhlichkeit vorbei. Nun war es nicht mehr zu übersehen, daß all das Fleisch im blühenden Gesicht recht schlaff geworden war. »Und das Defizit«, murmelte Dreher. »Weil's hier nichts ander's im Kopf hab'n, wie die verfluchte Politik. Wir sollten den Betrieb amal in die Hand kriegen – wir möchten ihnen schon zeigen, was a geschäftstüchtige Leitung erreichen kann ...« Er schnaufte kurz durch die Nase. Es ergab sich eine Stille. Solche Gesprächspausen erweckten für gewöhnlich in Dworak Unbehagen. Meist begann er sich zu fragen, ob er den vielbeschäftigten Freund nicht von Wichtigem abhalte; ob das Schweigen nicht ein Zeichen wäre, die Audienz sei beendet und der Bittsteller könne gehen. Dieses Gefühl, das Gefühl des armen Verwandten (nebenbei gesagt der Grund, warum er seit Jahren Drehers Wohnung und Familie mied), stellte sich diesmal nicht ein. Beide wußten, daß alles bisher Besprochene nur die Einleitung zum eigentlichen Thema war. Eine Empfindung der Überlegenheit dem anderen gegenüber, die mit der Zeit vor so viel Ämtern und Würden verlorengegangen war, fand sich nunmehr wieder in Dworak. Undeutlich spürte er, daß Pausen und Verzögerungen diesmal für ihn arbeiteten. Er wartete. Dreher wußte genau, worauf. Er wußte, daß Dworak gekommen war, um den Vorschlag zu hören, der ihm schon mehrmals gemacht worden war und den er regelmäßig mit der Begründung abgelehnt hatte: »Mich brauchen sie im Betrieb.« Vielleicht wollte sich Dworak diesmal nur vergewissern, daß ihm der Weg noch offenstand. Vielleicht wollte er ihn heute beschreiten. Vielleicht wußte er es im Moment selbst noch nicht. Zweifellos aber saß er dieser Frage wegen hier. Dreher schwieg und schnaufte nachdenklich: Der Vorschlag stammte von ihm selbst. Daß der andere endlich annehme, war immer sein Herzenswunsch gewesen. Sein Gewissen war seit jenem Jahr 24 nie ganz beruhigt. Er fühlte sich trotz hoher Verdienste um die Bewegung hie und da als Usurpator. Nahm aber Dworak an, so war alles wieder gut. Wozu ein Dilemma, wenn immer noch Platz für so viele war. Andererseits stand zu erwägen, daß Dworak nun auf einmal aus eigenem Antrieb erschien. Das war nicht so ohne. Wollte er am Ende plötzlich ganz hoch, über Drehers Kopf hinaus? Fähigkeiten dazu besaß er – mehr als Dreher selbst –, das wußte man. Und ganz oben, wo man als Fachmann für Eisenbahnerfragen saß, war Platz für wenige. Feinde zählte man genug, Fehler hatte man auch genug gemacht, man war ja nur ein Mensch. Was also war jetzt zu tun? Nichts kam Dreher derzeit ungelegener als dieser Fragenkomplex. Konnte man solche Sorgen nicht auf ruhigere Zeiten verschieben? Hatte man jetzt nicht genug anderes? Mußte man schon wieder mitten aus dem Alltag heraus eine Gefahr auftauchen sehen, wo doch ohnedies hier im Amt so viel Gewohntes plötzlich drohend, so viel heimisch Gewordenes plötzlich unheimlich wurde? – Aber Dworak wartete. Dreher wußte, daß sein Beschwichtigungsgenie diesem gegenüber immer unwirksam gewesen war. Ein Unglück kommt selten allein, dachte er seufzend und erhob sich. Während er mit seinem fröhlichen Gummimännchengang kreuz und quer durchs Zimmer wippte, fühlte er selbst, wie unnatürlich diesmal der humorige Baß aus ihm hervorkam. »Ha ja, mein lieber Ferd'l, wir wern alt. Alt wern wir alle miteinander. Das is' es. Es kommt der Tag, wo ich auf 'n Fauteuil mein Fett g'spürn werd' und du auf der Maschin' deine Knochen. Gell, ja, alter Spezi.« Dann ging's weiter, wie eine schlecht eingelernte Rolle. »A propos; in der nächsten Zeit wem ja die Wahlvorschläge für 'n Personalausschuß ausgearbeitet. Ich mein, du könnt'st dich ruhig einiwählen lassen. Und die Exekutive könnt dich als ordentliches Mitglied kooptieren. Is ja lächerlich, wo du eh längst mehr Arbeit machst wie jedes ordentliche Mitglied. Verdient hast du's ja, möcht ich meinen? Oder willst dich am Ende bis zur Pensionierung im Betrieb abschinden?« Dworak hatte den anderen mit den Augen verfolgt. Sobald der Vorschlag fiel, wurde ihm mit voller Selbstverständlichkeit klar, daß er hergekommen war, um ihn anzunehmen. Jetzt zögerte er nicht eine Sekunde. Bevor er antwortete, wickelte sich in seinem Kopf noch blitzschnell die Spule der Rechtfertigungen ab, denen der Entschluß schon zuvorgekommen war. Selbstverständlich habe er die gutbezahlte Funktion verdient. Frau und Kind – dreißig Jahre Arbeit – fünfzig Jahre alt – hatte er's nötig, sich der Willkür jedes kleinen Zehetner auszusetzen – schrien die Jungen unten nicht, daß auch sie drankommen, nachrücken wollten? Hatte er nicht längst so viele Erfahrungen gesammelt, daß es geradezu seine Pflicht war, sie in höherer Funktion zu verwerten? – Er wartete das Ende gar nicht ab, sondern erklärte kürz: »Einverstanden, kannst mich nominieren!« Drehers Antwort, noch kürzer, lautete: »Bravo, Ferdl« und war von einem Seitenblick begleitet, in dem schon offenes Mißtrauen lag. Dieser Seitenblick maß bereits die Wendigkeit des Rivalen, dessen persönliche Verbindungen zum Parteivorstand, dessen Feinde, die man sich vielleicht zu Freunden würde machen müssen. Und als Dreher von den Schwierigkeiten zu reden begann, die ihm seit Tagen das Leben verbitterten, geschah es aus Berechnung. »Wenn du glaubst, mein Lieber«, war der schadenfrohe Nebensinn, »wenn du glaubst, daß du da oben auf Rosen gebettet bist ...« Der Hauptzweck des Berichtes ging aus folgenden Redewendungen hervor: »Da sage ich, du, Ministerialrat« – »da nimmt mich der Sekretär König ganz privatim auf die Seite« – »beim Generaldirektor, wo ich aus und ein gehe « – »ich, natürlich, lass gleich den Parteivorstand zusammentrommeln –« Der Tatbestand aber, beunruhigend genug, war dieser: In der Verwaltungskommission hatte der Generaldirektor Seefellner die budgetäre Lage des Betriebes als verzweifelt geschildert. Wenn es nicht gelänge, bis zum Monatsende größere Geldmittel aufzutreiben, wäre man gezwungen, in der Auszahlung der Gehälter und Pensionen gewisse, »dermalen noch nicht feststehende Verschiebungen« vorzunehmen. Die freigewerkschaftlichen Vertreter hatten sofort protestiert. Der bewährten Taktik folgend, größere Opfer durch kleinere zu vermeiden, hatten sie versucht, die Frage der Werkstättenarbeiter aufs Tapet zu bringen. Und Dreher hatte erklärt, man werde über eine eventuelle Auszahlung in zwei Raten mit sich reden lassen, wenn man die Garantie erhielte, daß keine Arbeitsaufträge mehr an die Privatindustrie erteilt werden würden, was die Bahnwerkstätten vor weiterem Personalabbau schützen könnte. Seefellner war starrsinnig geblieben. Daß das Personal weitere Opfer nicht mehr ruhig ertragen würde, schien er nicht zu glauben oder mit einem bisher nie gesehenen Leichtsinn zu ignorieren. – Noch beunruhigender waren die zahllosen unverbindlichen und doch so wichtigen Couloir- und Privatgespräche. Da wurde von Seiten der Direktion und ihrer Leute ein sehr merkwürdiger, sehr ungewohnter Ton angeschlagen. So war Dreher im Bundeskanzleramt von einem guten Freund auffallend kühl empfangen worden. So hatte man aus offiziösem Mund den heftigen Ausspruch gehört: »Dann werden wir am 1. März eben gar nichts auszahlen!« Selbstverständlich war das als Erpressungsmanöver aufzufassen, und wenn die läppische Drohung nicht schleunigst zurückgezogen werden sollte, würde die Partei eine Kampagne eröffnen. »Aber«, schloß Dreher nachdenklich, »ich hab bei der ganzen Geschichte a schlechts G'fühl – a schlechtes G'fühl wie schon lang nimmer.« Dies alles hörte sich Dworak ruhig an. Er sah durchaus den Ernst der Lage. Jedoch, das fühlte er beglückt, mit neuen Augen. Im vergangenen Jahr war den Eisenbahnern der Lohn allmählich um 25 % gekürzt worden, und ebenso, Schritt für Schritt, waren sie vielerlei Rechte verlustig gegangen. Wenn Dworak nach nervenaufreibenden Verhandlungen schließlich vom Zentralausschuß erfuhr, man müsse wieder einmal ein sogenanntes »kleines Opfer« hinnehmen, verband sich damit die immer gleiche, immer drückendere Vorstellung: »Er betritt den Betrieb, Dutzende von Fragen bestürmen ihn; er durchquert die Halle, verfolgt von hunderten forschenden Blicken; stundenlanges Spießrutenlaufen; schließlich Betriebsversammlung, wo er den Kollegen klarmachen muß, daß man wieder an ihre Einsicht appelliert, daß diese Maßnahme ein schwierig erzieltes Kompromiß sei, daß man in der Krise nicht streiken könne, daß Widerstand die Sache nur schlimmer machen würde usw. Die Opposition springt auf, krawalliert. Familienväter rechnen der Versammlung unbeholfen vor, wieviel sie für Gas, Licht und Essen ausgeben müssen. Niemand bedenkt, daß Dworak dasselbe Opfer bringt. Er vertröstet alle, ihn vertröstet keiner. – So war's bisher gewesen. Jetzt hatte er andere Assoziationen. Er würde an einem Schreibtisch sitzen und die Vorschläge des Generaldirektors kritisch durchrechnen, in Kommissionen zähe verhandeln. Ein präzises Referat für den Zentralausschuß vorbereiten. Er dachte: »Ich werde jetzt einen besseren Einblick in die verzwickte Lage haben, von höherer Warte aus.« Aber in seinem sonst sehr nüchternen Hirn entstand für den Bruchteil einer Sekunde die Vorstellung eines überfüllten Saales, der dem Sitzungssaal des Parlaments verdammt ähnlich sah. Der Abgeordnete Dworak hielt eine flammende Rede gegen die Ausplünderung der Eisenbahner und verhöhnte schlagfertig die Zwischenrufe der Rechten. Mittags schon las er selbst davon in den Zeitungen. (Währenddessen deckte das Stubenmädchen den Tisch, und der Bub kam von der Technischen Hochschule heim ...) In den letzten Wochen hatte jene plötzlich aufgetauchte Angst vor dem Altwerden Dworaks Zigarettenverbrauch eingeschränkt. Jetzt lehnte er sich im Stuhl zurück und brannte ohne Zögern eine an. »Ja«, sagte er, »die Herrschaften glauben halt, sie dürfen sich jetzt alles erlauben, übrigens, was sagst du zum Hitler?« Der Nationalrat ließ einige Binsenwahrheiten los: »Der? Der wird in an Jahr abwirtschaften. Außer, er beißt sich scho am 5. März die Zähn'd aus bei den Reichstagswahlen! S' kommt halt alles aufs Zentrum an. S' Zentrum is das Zünglein auf der Waage!« Er griff nach seiner Pfeife. »I sag immer –« Hier stockte er, auch seine Hand stockte mitten in der Bewegung. Aus irgendeinem Teil des ungeheuren Direktionsgebäudes war schwach das Geräusch einer sich schließenden Tür gekommen. Für Dreher schien dieser Laut von großer Wichtigkeit zu sein. Horchend glotzte er einen Augenblick ins Leere und zischte hastig: »Der Sektionschef.« Dann war er schon bei der Türe, die er zu schließen vergaß, und draußen. Kaum auf dem Gang angelangt, vollführte er eine geradezu groteske Bewegung. Die rechte Hand wurde etwas über Schulterhöhe gehoben und einige Male locker im Gelenk geschwenkt: So begrüßt man von ferne jovial, ja ein wenig gönnerisch, einen Bekannten. Gleichzeitig aber klappte der ganze Oberkörper zu einem tief devoten Bückling vor. Und wie der Kellner in irgendeiner Pose sich mittels einer geschmeidigen Wellenkurve des Rückgrats aus der Verbeugung plötzlich in eine Kreuzhohlstellung aufschwingt und auf den Zehenspitzen, die Füße auswärts gedreht, lautlos dem werten Gast entgegeneilt – so schoß Dreher in eine unbekannte Richtung davon. Dworak mußte laut auflachen. Aus den Tiefen des Korridors kam die Stimme des Sektionschefs, und wieder hatte der Besucher die Empfindung, eine Grammophonplatte zu hören; diesmal näselte sie stark, und die Feder des Apparates war fast zu Ende abgelaufen, so daß die unerträglich gedehnte Stimme bei jedem Satze wehmütig zu ersterben schien. »No schau – ns – ober geh – ns – halt eine penible Komplikation« – außer diesen verbindlichen Wendungen war nichts zu verstehen. Nach einigen Minuten fiel Dreher durch die Tür in seinen Lehnstuhl. Die fleischigen Züge waren erschreckend verstört; die Wangen zwei schlaffe Taschen. Zum ersten Mal fiel es auf, daß unter den Säuglingsaugen runzlige Tränensäcke hingen. In der Röte der Haut waren unregelmäßige, wachsbleiche Flecken aufgetaucht. Dreher tastete wie blind nach seiner Pfeife, zwischen seinen Lippen kam eintöniges Gemurmel hervor: »Verfluchte Hetz – verfluchte Hetz – verfluchte Hetz noch einmal – verfluchte –« »Ja, was ist denn los?« staunte Dworak. Der dicke Mann zündete ununterbrochen Streichhölzer an, die immer wieder verlöschten, bevor er sie zur Pfeife führen konnte. »In drei Raten – in drei Raten wolln's im März die Gehälter auszahlen und die Pensionen – in drei Raten –.« Dworak verstand nicht. »Das ist ja kein solches Malheur nicht. Wenn man das gewissermaßen als eine Zwangsanleihe der Direktion beim Personal auffaßt – ohne Zinsen – so ist der Verlust höchstens ein paar Schilling?« – – – Dreher winkte ab: »Das is' ja net, das is's ja net, Ferdl. Du gneist es net. Er hat mir gesagt – vertraulich – wenn die Gewerkschaft net dafür stimmt – nocha – nocha –« (er sprach jetzt im tiefsten Dialekt) »tan's es erscht recht! Woas sagst jetztn?« Er warf die Faust vor, in der er mit aller Kraft die Pfeife umklammert hielt. Aus der Faust schnellte der Daumen vor, reckte sich, ein plumper, krummer Einser aus Fleisch und Blut. »Zum ersten Mal!« Die Erregung eines anderen löste in Dworak immer eine Reserve von Kaltblütigkeit aus. Er begann ausführlich von allem zu reden, was hier beruhigend wirken konnte: 1. mochte die Information vielleicht nicht authentisch sein; 2. spreche sie lediglich von einem Plan, und die Courage der Regierung wäre in diesem kläglichen Winkelstaat schon mehr als einmal von selbst unter den Tisch gefallen; 3. handelte es sich zwar um einen eklatanten Bruch der Dienstordnung, der, wie Dreher richtig gesagt habe, zum ersten Mal in solcher Deutlichkeit erfolgte, aber vielleicht wäre die Nachricht eben deswegen so zu verstehen, daß man vorher der Gewerkschaft eine neue Dienstordnung zur Beratung vorlegen wolle. Eine Dienstordnung mit gewissen außerordentlichen Vollmachten für die Direktion; 4. man habe auch schon in gefährlicheren Fragen ein Kompromiß gefunden. Das bäuchige Kompromißgenie schüttelte den Kopf. Dworak schwieg. Das Schweigen schwoll an und lastete schwer wie Wassermassen. Dann kamen die Möbel des Zimmers leise knarrend und knackend zu Wort: häßliche alte Prunkstücke, aus einem ehemaligen k.k. Ministerium hierher verpflanzt, gebeizt von der Zeit, Erbgut vieler Beamtengenerationen. Aus den Ecken krochen sacht die ersten Schatten der Dämmerung. Das Bild des Volksschullehrers und Bürgermeisters Seitz war schon in Dunkelheit ertrunken. Aber immer noch kamen durchs Fenster die gedämpften Töne der großen Brandung. – Die zwei Männer im Zimmer versuchten schweigend die Folgen des Erfahrenen abzuschätzen. Aber deutlich war nur, was unmittelbar drohte. Die Regierung, welche jahrelang die Arbeiter attackiert hatte, ritt jetzt die erste Attacke gegen den Parteiapparat. Zwei Partner hatten Karten gespielt; es war eine aufgeregte Partie gewesen, aber man war am selben grünen Tisch gesessen und hatte dieselben Spielregeln befolgt. Da stand der eine Partner auf und schlug dem andern ins Gesicht. Dworak räusperte sich und sagte: »Du, Pepi, du brauchst mich nicht für den Zentralausschuß nominieren. Ich bleib im Betrieb. So, wie's jetzt ausschaut, werdet's ihr mich dort eher brauchen. Wir werden die Kollegen beruhigen müssen, und außer mir kann das keiner in mein Betrieb.« Er wollte noch etwas hinzufügen. Dreher wollte antworten, wollte dem anderen heuchlerisch zureden, wollte Genugtuung verspüren. Aus alledem wurde nichts. Während sie einander in die Augen sahen, wurden sie gleichzeitig von einer eiskalten Panik ergriffen. Sie rührte von keiner Überlegung des Verstandes her, sondern gehörte zu den sinnlosen Ängsten, wie sie Männer manchmal an der ersten Grenze des Alters durchleben. Was man sein Leben lang aufgebaut hat, scheint in Zeiten solcher Anfälle wertlos und gebrechlich. Wertlos und gebrechlich, umlauert von Krankheit und Tod sieht man sich selbst. Der Freund ist falsch. Schon am Tage, da ihr euch kennengelernt habt, hat er dich verkauft. Hinterrücks verlacht er dich. Die geliebte Frau betrügt dich, weil du sie nie befriedigt hast. Die geliebte Sache ist ein Betrug, weil du sie verraten hast. Dich selbst hast du ja auch immer betrogen, denn nichts von allem, was du dir als Leistung anrechnest, hält einer Prüfung stand. Und du hast keine Zukunft mehr. Du wirst immer scheitern. Was du hältst, wird dir entrissen werden. Was du aufgebaut hast, wird ein Windhauch umblasen. Was du angreifst, ist Dreck. Dreck und Zunder – das ist die Welt. Und du bist wehrlos; denn du bist alt. Ein alter Mann. – Sie standen gleichzeitig auf, und ohne einander anzusehen, als fürchteten sie, auf dem Gesicht des anderen scheußliche Wundmäler zu erblicken, zwängten sie sich in ihre Überkleider. Erst auf der Straße atmeten sie leichter. – Langsam den Schwarzenbergplatz überquerend, genossen sie mit bedachter Wollust die Vorfreuden der Demonstration. Sie kauften bei einem kleinen Falkenmädel rote Nelken und schmückten sich. Sie tauschten Vermutungen aus, ob der Aufmarsch nicht doch noch am Ende verregnen würde. Sie kamen dem Getöse näher, es wurde betäubend, man mußte sich lauter verständigen. Hinter dem Spalier angelangt, betrachteten sie eine Zeitlang die Sturmfahnen, die in der beginnenden Dämmerung vorbeistrichen, rote Segel auf dem noch nicht sichtbaren Strom. »Die dritte Stunde«, sagte Dreher. »Ein Aufmarsch der 200 000«, rezitierte Dworak. »Eine Kundgebung des Trotzes und der Solidarität«, fiel der Abgeordnete ein. Dann machten sie sich daran, mit geübten Schulterwendungen einen Weg durch die gestauten Leiber zu bahnen. Schon waren sie den Vordersten, Glücklichsten näher, schon sahen sie eine singende Schutzbundkompanie vorbeimarschieren. Endlich standen sie auf dem Fahrdamm, spürten durch die Schuhsohlen die sanften Granitbuckeln des Ringpflasters. Ein unbekannter Bezirk zog vorbei. »Freiheit«, schrien Tausende. »Freiheit«, brüllten Dreher und Dworak und schoben sich in die marschierende Reihe. Resumé des 2. Kapitels Das zweite Kapitel behandelt den Streik der Eisenbahner am 1. März. Die Freie Gewerkschaft hat, anstatt alle Forderungen der Eisenbahner aufzurollen, nur die Frage der Dreiteilung der Gehälter als Losung ausgegeben, was dem Streik seine Wucht nimmt. Außerdem ist der Streik nur als dreistündiger Proteststreik angesetzt. Trotzdem wird hundertprozentig gestreikt. Dworak, der selbstverständlich die Taktik der Gewerkschaft vertritt, gerät in Zusammenstoß mit Gellert, der, in wirrer und undisziplinierter Weise, falsch von ihm verstandene Oppositionsforderungen vertritt. Dworaks große Autorität siegt, und Dworak glaubt um 11 Uhr, der Streik sei ein Sieg. Dann aber geht er mit einem Eisenbahner nach Hause, der vor dem »siegreichen« Streik sehr zuversichtlich gewesen war, und merkt an dessen nun entmutigter und zaghaft gewordener Stimmung: Der Streik ist in Wirklichkeit verloren. Denn er hat den Eisenbahnern keinen wirklichen Erfolg gebracht, weil er nicht entschlossen genug war. Jetzt werden die Eisenbahner der Rache der Direktion ziemlich wehrlos ausgeliefert sein ... Gellert ist in einen schweren, inneren Konflikt geraten. Es wird erzählt, daß er lange in der Welt herumvagabundiert ist, bevor er in der SPÖ mit Hilfe Dworaks Ruhe und Heimat gefunden hat; nun spürt er, daß sein Glaube an die Partei wankt. Es ist, als sollte ihm die Heimat, der Halt entrissen werden. Er beschließt, in die Parteisektion zu gehen, um seine Probleme zur Sprache zu bringen und vielleicht Klärung zu finden ... Er kämpft also um seinen Glauben an die Partei. Drittes Kapitel 1 Schnell erzählt ist die karge Lebensgeschichte Robert Blums, des Kassiers der 12. Sektion. Blums Obmann, Spannmeyer, liebte es, ihn öfters an die Namensvetterschaft mit dem bekannten 48er Revolutionär zu erinnern, und wurde an Stammtischabenden nicht müde, ihm die bekannte Volksballade zuzusingen. »Am Brandenburger Tor, die Hand am Rücken festgebunden, tritt Robert Blum mit festem Schritt hervor...« Aber das war krasser Hohn: Unseren Robert Blum hatte die Natur nicht zum Helden bestimmt. Sie hatte ihm einen kleinen Körperwuchs gegeben und leicht schielende Augen von der grauweißlichen Tönung blinder Pferdeaugen – so kurzsichtig, daß er schon als Kind mit Brillen versehen werden mußte. Doch seine braunen Kopf- und Barthaare wuchsen reichlich und fielen auch im Alter nicht aus. Er pflegte sie sorgfältig in Form einer genauen Scheitelfrisur, eines Fliegenbärtchens unter der Nase und eines immer gutgekämmten kleinen Knebelbarts. In bescheidenen Grenzen waren seine geistigen Fähigkeiten gut ausgebildet. Das heißt, er war ein zuverlässiger Rechner, auch Kopfrechner. Überhaupt war er hurtig im Erfassen geistiger Kombinationen, wenn sie sich nur im Rahmen seines kleinen Alltags bewegten. Phantasie besaß er keine. Seine Handschrift war kalligraphisch einwandfrei. Er hielt auf Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnung in jeder Hinsicht. Wenn auch seine besten Fertigkeiten durch Schreib- und Rechenmaschine längst überholt waren, so stellte er doch nicht einen anachronistischen Einzelfall dar, sondern es liefen Hunderttausende seinesgleichen in Wien herum, die durch nichts höher hervorragten. Warum war gerade er so besonders schüchtern? Warum bedrückte ihn die ständige Angst, er könne plötzlich und unvermutet in den Vordergrund irgendeiner Situation geschoben werden? Oder gar eine Entscheidung zu fällen haben? Warum bewegte er sich, von allen geliebt und sogar geschätzt, so zaghaft durch das Getriebe unserer Sektion? Weil er sich für einen Pechvogel hielt, dazu für einen ganz ausgepichten, der auch anderen Pech bringt. Tatsächlich hatte es auf sein Selbstbewußtsein viele schwere Schläge gehagelt. – Er war von Beruf und Neigung kaufmännischer Angestellter. Seine Fähigkeiten dazu waren genügende. Doch sein Aussehen hatte ihm geschadet. Nicht so, daß er keinen Posten gefunden hätte, im Gegenteil, er fand sie mit Leichtigkeit. Aber etwas in seinem Äußeren bewirkte, daß er vor allem bei solchen Kaufleuten aufgenommen wurde, deren Geschäft sich dem Bankrott näherte. Trotz sorgfältigster Körper- und Kleiderpflege sah er nämlich, besonders in seiner Jünglingszeit, keineswegs als das aus, was man einen »prima Burschen« nannte. Sondern er war auf den ersten Blick als zweitklassig zu erkennen. Es gibt Waren, die ihren Verwendungszweck gut erfüllen, zuverlässige, solide Waren, die aber mit einem kleinen Materialfehler behaftet sind, mit einem winzigen Brandfleck etwa oder einem Webfehler. Die sind billiger zu haben und werden von sparsamen Käufern erworben. Eine solche Ware von IIA-Qualität war Blum sein Leblang gewesen. Schon in der Jugend seiner Häßlichkeit wegen schüchtern, hatte er sich unermüdlich den Arbeitgebern vorgestellt. Die blühenden Firmen hatten sich 24 Stunden Bedenkzeit erbeten. (Wenn nichts Besseres nachkommt, nehmen wir den da, er ist ja so übel nicht.) Die anderen aber betrachteten ihn mit Wohlwollen. Er paßte gut zu ihrem soliden, jedoch schon schäbig gewordenem Mobiliar. Ich muß sparen, dachte der Kaufmann, gerade das ist die Art von Personal, auf die ich mich umstellen muß. Außerdem – wenn man dem einmal das Gehalt schuldig bleibt, sagtet nicht muh. Das ist einer, der für die Firma hungert, wenn's soweit kommt. Wer solche Berechnungen anstellt, ist aber meist schon dem Konkurs verfallen. Und als Bestand der Konkursmasse wanderte Blum von einer Firma zur anderen. Wo er aber eintrat, dort traten mit ihm Zerfall und Bankrott ein. Von seiner Perspektive aus war es ein bleiernes, bedrückendes Verhängnis. Doch wenn man auch seinen Fall nüchtern betrachtet, wenn man für eine derartige Verkettung des Menschen mit einer Reihe von Ereignissen, für eine Verkettung also, zwar seiner Natur, nicht aber seinem Willen zufolge eintritt, um nur irgendein abgrenzendes Wort zu finden, das Wort »dämonisch« wählt; und wenn man zugeben will, daß der Verlauf eines Menschenlebens irgend etwas beweisen kann, so war das kleine Dasein dieses ordnungsliebenden, ehrlichen, lebenswilligen Blum dämonisch mit Unordnung, Betrug und Untergang verbunden. – Endlich geriet er mit seinen vorzüglichen Zeugnissen in eine großmächtige Speditionsfirma. Dort brachte er's zum zweiten Buchhalter. Dann – 1931 – brach das Unternehmen in der Wirtschaftskrise zusammen. – Entmutigt, überdies schon zu alt, um nennenswerte Chancen zu haben, zog er sich ins Privatleben zurück, wozu ihm die winzige Rente seiner Frau die Möglichkeit gab. Diesen Schritt tat er nicht gern. Was jetzt begann, war alles eher denn ein Ruhestand zu nennen. Denn sein Privatleben war in besonderer Weise vom Schicksal verfolgt. Im Beruf hatte er immerhin Aussichten gehabt, mit Beharrlichkeit und etwas gutem Glück das Schicksal zu besiegen; hier aber schlug es ganz anders zu: unfair. Schamlos nützte es die Überlegenheit aus, die es besaß, völlig unberechenbare Hiebe führen zu können. Blum hatte bis zu seinem 30. Lebensjahre nur selten Frauen besessen, und sie waren wenig begehrenswert gewesen. Dann fand er eine recht hübsche, solide, vernünftige. Er heiratete sie. Sie brachte in die Ehe eine bescheidene Mitgift und überraschend viel Leidenschaftlichkeit. Dann wollte Gott (hätte Blum gesagt, wenn er kein Freidenker gewesen wäre), daß sie krank wurde. Was fehlte ihr? Alles und nichts. Der Krankenkassenarzt wußte mit seiner Kunst nichts anzufangen. Nicht einmal von der Schlaflosigkeit heilte er sie. Sie ging zu Bett, litt und klagte über hunderterlei, wollte eines Morgens nicht aufstehen, blieb auch am nächsten Tag liegen und lag jahrelang und immer noch. Gleich zu Anfang dieser unverständlichen Krankheit nistete sich die Schwägerin in Blums Wohnung ein. Sie haßte ihn, er wußte genau, warum. Sie pflegte die Frau und wurde darüber zur alten Jungfer. Kranke und Pflegerin wetteiferten, um Blum zu quälen. Am besten gelang es ihnen mittels der ewigen Geldsorgen des Schwagers Willy. Das war ein Schauspieler. Ein Lump, der immer Geld brauchte. Ob die zwei Weiber diesen Willy eigentlich gerne hatten oder nicht, fand Blum nie heraus. Jedenfalls machten sie ihm, sobald ein Bettelbrief von Willy kam, die Wohnung zur Hölle; und es roch nicht gut in der Wohnung. Das Schlafzimmerfenster mußte immer geschlossen bleiben, weil die Frau es nicht anders vertrug. Die aber verließ kaum ihr Zimmer. Und die Verbindungstür zur Wohnstube, wo er seine Sprechstunden als Fürsorgerat abhielt, die Verbindungstür mußte immer offen sein. Sonst ging das Gejammer los. Manchmal drohte die Schwägerin auch gefährlich. Manchmal waren Willys Briefe von der Art, wie man sie in den Gerichtssaalberichten erwähnt findet. In Erpressungsprozessen, in Mordprozessen ... Dies alles hatte schon in Friedenszeiten begonnen, hatte den Weltkrieg überstanden und dauerte nun 20 Jahre. Es näherte sich keinem sichtbaren Ende. Es war kein großes Drama. Es war überhaupt nichts Großes, nichts Ernstes. Der ganze Bezirk wußte davon und lachte, lachte darüber seit urewigen Zeiten. Manche fanden die ganze Geschichte einfach unappetitlich. – Blum aber hörte nicht auf, Genauigkeit, Ruhe und Ordnung zu lieben. Er war seit 29 Jahren Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. 2 Am 4. März, gegen 7 Uhr abends, machte Blum sich auf den Weg in die Sektion. Mit Aktentasche, Brille, graumeliertem Bärtchen, schlaffem Bäuchlein sah er aus wie ein subalterner Staatsbeamter. Das nahende Alter, die Sorgen und die Referentenfunktion hatten seinem Äußeren eine bescheidene Würde verliehen. – Blum dachte: »Gott sei Dank, daß jetzt Schluß ist mit allen diesen Geschichten wegen dem Eisenbahnerstreik und mit dem Wirbel daraufhin, gestern und vorgestern. Jetzt wird man wieder ruhig an die Parteiarbeit gehen können. Gut, daß der Spannmeyer den Sektionsabend auf ½ 8 angesetzt hat. Die Vertrauensmänner, nachher, werden sicherlich ihre 2 Stunden brauchen. Ich werde beantragen, daß der Punkt ›Kassabericht‹ gleich als zweiter Punkt drankommt. Ja, das werde ich tun, und wenn man die ganze Tagesordnung umstellen müßte! Die neuen Sprengelkassiere, die wir da von der Jungfront gekriegt haben, arbeiten miserabel. Das muß endlich einmal festgestellt werden. Ich werde mir kein Blatt vor den Mund nehmen. Ich nicht! Ich hab mich mein Leb' lang nicht so viel um Politik gekümmert wie diese Herrschaften, die's noch feucht hinter den Ohren haben. Das sollen sie gefälligst den verantwortlichen Genossen überlassen. In ihren Sprengein häufen sich die Rückstände an, und ich hab die Verantwortung. Das werd' ich auch gerad so heraus sagen. Allerdings – der Leitartikel heute war ziemlich scharf. Diese Maßregelungen bei den Eisenbahnern – das ist auch allerhand. Und von ›Rädelsführern‹ wird gesprochen – als ob wir unter Taaffe und Badeni leben würden. Das hat ihnen die ›Arbeiter-Zeitung‹ sehr treffend hineingesagt. 4% – das macht von 200 Schilling – 8 Schilling! Wofür werden die Leute eigentlich gemaßregelt, möchte man direkt fragen, wo doch im Gegenteil die Direktion Gesetz und Recht gebrochen hat. Ordnung muß sein. Rädelsführer – wie kann man so ein Wort heutzutage überhaupt in den Mund nehmen? Na, heute ist ja, Gott sei Dank, Parlamentssitzung, und da wird die ganze Angelegenheit erledigt, und ich werde gleich jetzt bei der Vertrauensmännersitzung ein paar wichtige Fragen anschneiden können. Es geht absolut nicht, daß man solche Genossen, die seit 1 Jahr keinen Beitrag zahlen, noch immer in den Listen mitschleppt. Entweder – oder! Das ist mein Prinzip; Ordnung muß sein. Ich habe die Verantwortung. Zum Glück besitze ich in den Kassafragen genügend Autorität ...« Und er begann, sich für sein festes Auftreten innerlich vorzubereiten. Übrigens nahm in normalen Zeiten die Politik in seinen Gedanken keinen solchen Raum ein wie nun die Fragen des Eisenbahnerstreiks – meistens gar keinen. Er las zwar jeden Morgen sorgfältig die »Arbeiter-Zeitung«, aber so, wie die meisten guten Katholiken ihr Abendgebet sprechen: mit einer kleinen Weile Geduld und ein klein bißchen Andacht war die Sache jedesmal ordnungsgemäß erledigt. In Diskussionen über Sanierung, Faschismus, Parteitaktik und dergleichen mengte er sich nie ein, und er wurde nie hineingezogen. Alle wußten, daß er ein völlig unpolitischer Mensch war. Öffentlich ergriff er das Wort nur zu seinen Kassaberichten. Als er den Hof des Gemeindehauses durchschritten und den Vorraum des Sektionslokals betreten hatte, stürzte der Obmann Spannmeyer, am ganzen Körper zitternd, auf ihn zu und zog ihn beiseite. »Hör zu, Blümchen«, stammelte er, »'s is was Z'widres passiert, ganz was Z'widres.« Blum geriet sofort in größere Aufregung als der andere. Eben kam er von einer unbeschreiblichen häuslichen Szene. Wenn nicht einmal hier Ruhe war, wo dann in aller Welt? Zum Glück besaß er hier Macht genug, um Ordnung zu schaffen; oder wenigstens, um ein Wörtlein mitzureden. Nur sollte Spannmeyer um Himmels willen von ihm keine Rede vom Podium herab verlangen. Nur das nicht. Vor Schreck und Courage stockte ihm das Blut. Er legte die Aktenmappe auf einen Sessel und machte sich bereit. »Na?« Spannmeyer warf machtlos die fleischigen Arme auseinander: »Der Hadina macht schon wieder Spomponadeln. Er will den Kartenverkauf fürs Bildungsvereinskränzchen nicht übernehmen.« – Sofort begann das Hirn des Kassiers zu arbeiten. »Hast du ihm schon gesagt, daß er bei der nächsten Vertrauensmännerwahl zum dritten Obmann g'wählt wird?« »Hundertmal! Er glaubt's net. Er sagt, daß wir's absichtlich g'macht haben, daß in die letzten 5 Jahr' immer was dazwischenkommen is. Er sagt, er will si' net fürs Ideal aufopfern, wann er keine Anerkennung net find't. Er will, wir sollen ihm gleich heut nach 'm Sektionsabend wählen.« »Das ist doch lächerlich!« empörte sich Blum. »Wo wir eine solche Tagesordnung haben! Außerdem ist er doch immer besoffen. Sieht er das nicht selber ein, daß wir einen Bsuff net zum dritten Obmann wählen können?« – Der erste Obmann seufzte. »Meistens sieht er es eh ein; heut justament net.« Blum strich sich nachdenklich den Knebelbart. »Hör zu, es gibt da nur einen Ausweg.« – In diesem Moment steckte jemand den Kopf zur Tür herein: »Genosse Spannmeyer, der Referent is da. –« »Also nachher sagst mir's«, winkte Spannmeyer ab. Sie begaben sich in den Vortragsraum. Der Besuch war gut: ungefähr 150 Personen. Eine kleine Sektion wie die zwölfte konnte damit sehr zufrieden sein. Bei Lichtbildervorträgen und heiteren Abenden kamen sogar bis 350, so daß man in den großen Saal übersiedeln mußte. Daß aber ein so wenig »reißerisches« Vortragsthema wie das diesmalige so viele hergelockt hatte, wunderte Blum. Dann begriff er: Das machten die erregten Zeiten; die Menschen rückten um die Partei zusammen, wollten von ihr hören ... Unser Sektionslokal war ein freundlicher, nicht allzu großer Saal. Erst vor kurzem waren wir aus den alten, düsteren Räumlichkeiten übersiedelt. Hier waren die Wände hellbraun, die Türen weiß getrieben, die Fenster kleiner als in alten Gebäuden, jedoch günstig angelegt. Alles war blitzblank und funkelnagelneu. Mit einem Wort, uns beherbergte ein jüngst erbautes Gemeindehaus. Die Möbel hatten wir von drüben mitgenommen, auch die altgediente Rednertribüne. An ihr hatte dazumal öfters Schuhmeier gesprochen; manchmal Victor Adler. Seine Büste war selbstverständlich nicht vergessen worden. Sie wurde in der linken Ecke hinter dem Podium auf einem Wandbrett aufgestellt. Die »Kinderfreunde«, die sich in der Benützung des Saales mit uns teilten, befestigten ihre bunten Wandzeitungen an die Mauer. Die Abstinenzler ihre Sprüchlein. Der Schachklub »Neue Welt« seine Turniertabellen. Spannmeyer, genau hinter seinem Vorsitzendenplatz, also in Nachbarschaft der Victor-Adler-Büste, ein anderes Exemplar jenes allegorischen Bildes der nackten Freiheit, das auch im Gasthaus »Zur Republik« hing. (»I bin halt ein Selchermeister«, scherzte er, »i hab' die mollerten Weiber gern, wo ein appetitlicher Schinken dran is.« Er war aber kein Selchermeister, wiewohl er so aussah, sondern ein pensionierter Krankenpfleger. Überhaupt waren im Sektionsverband die Pensionisten in der Mehrzahl.) Das Sektionsgebiet umfaßte ungefähr zur Hälfte einen kleinbürgerlichen Rayon des Bezirks und zur andern Hälfte ein rein proletarisches Viertel, das, seit jeher im Anblick leicht abgrenzbar, sich eng an jene etwas »nobleren« Häuserblöcke genistet hatte. (Ausgesprochen reiche Leute, Luxusläden, Privatautos und dergleichen gibt es im ganzen Bezirk wenige. Nur zur Sommerszeit beziehen Reiche ein halbes Hundert Villen, ganz draußen an der Bezirks- und Stadtgrenze.) Die fleißigeren Besucher in unserer Sektion waren aus irgendeinem Grund immer die Kleingewerbetreibenden, die Handelsangestellten, die Beamten gewesen. An diesem Abend sah Blum mit Staunen eine geschlossene Gruppe von etwa zwanzig, zum Großteil unbekannten Eisenbahnern, unter ihnen Gellert. Sie waren in Uniform und augenscheinlich geradewegs vom Bahnhof gekommen. Blum teilte die gegen Gellert herrschende Animosität. Jetzt dachte er: »Da schau her; hat ein paar Kollegen hergebracht. Daß der sich auch einmal nützlich macht.« Dann streifte sein Blick zu einer anderen, deutlich abgegrenzten Gruppe. Die Jugend, dachte er, und zwar, aus schon bekannten Gründen, ohne besonderes Wohlwollen. Die Jugend scharte sich neben der Eingangstür, saß auf Fensterbrettern, Tischen und teilweise auch auf Sesseln. In der Nähe der Tür hielt sich die Jugend erstens darum auf, weil es immer einige unter ihr gab, die sich während der Vorträge unauffällig entfernten, zweitens, weil sie sich als Fraktion fühlte und als solche immer die Möglichkeit haben wollte, den Saal für dringliche Besprechungen zu verlassen oder gar einen demonstrativen Exodus zu organisieren. – Sonst gab es keine scharf geschiedenen Gruppen. Solche, die sich immer wieder schwatzend um die Funktionäre herumscharten, zerfielen nach kurzer Zeit, weil die meisten Funktionäre nicht lange stillstanden, sondern wie geschäftig summende Bienen nach kurzer Rast abschwärmten. Mit einem Wort, es herrschte das normale Leben einer regen kleinen Sektion, die nicht schlief. Hadina war nicht zu sehen; Blum suchte einen Sitz in der letzten Sesselreihe auf. Unterwegs sammelte er bescheiden kleine Anzeichen seiner Beliebtheit: den gönnerhaften Gruß eines gigantischen Gaswerkarbeiters, dessen Schnurrbart so prachtvoll aufgezwirbelt war, als wäre der Herr Meister sein Leblang auf dem Wege, sich für die Jubilarenrubrik des »Kleinen Blattes« fotographieren zu lassen; das weltgewandte »Servus, Servus« eines eleganten Herren Modenkommis; das respektvolle »Freundschaft« eines blassen, jungen Arbeitslosen, eines Musterknaben unter den Sprengelkassieren, den Blum jener Jugend als Beispiel vorzuhalten pflegte; den freundschaftlichen Fauststoß des Straßenbahners und Boxmeisters im Sportklub »Heros« – Nowarka; das mütterliche Kopfnicken eines alten Weibleins, das er nicht mit Namen kannte und die aussah, als käme sie jedesmal direkt von der Kirche in die Sektion; einen Händedruck da und dort. Auch machte die Fürsorgerätin Wolff ihm vom anderen Ende des Saales geheimnisvolle, quadratische Fingerzeichen durch die Luft. Das konnte aber nichts Ernstes bedeuten. Sie tat's nur so – um sich wichtig zu machen. Er nahm Platz. Im gleichen Augenblick gab Spannmeyer, wuchtig aufragend hinter Karaffe und Wasserglas, ein diskretes Glockenzeichen. Langsam ebbte der Lärm ab, die Geschäftigsten mußten sich setzen. Blum war jetzt guter Laune. Kein Zweifel, sein Plan würde Erfolg haben; Spannmeyer sollte ihm zum Schein den Kartenverkauf für das Kränzchen übertragen. Dann würde Hadina weich werden wie Butter und am nächsten Morgen – – Flüsternd erklärte er die Sache in großen Zügen dem neben ihm sitzenden Bildungsreferenten Pollak. – Pollak, ein abgebauter Bankbeamter und Kriegsinvalide, blickte sieghaft auf. »Zweifellos«, flüsterte er zurück, »er nimmt's mit Handkuß an. Das ist die Lösung des Gordischen Knotens. Wir werden ihn in die Knie zwingen.« Neues Glockenzeichen. Völlige Stille. »Genossinnen und Genossen, ich eröffne den heutigen Sektionsabend und begrüße den Referenten, Genossen Doktor Steinbach, aufs herzlichste. Genossinnen und Genossen, es werden bald siebenzig Jahre sein, daß Karl Marx, der Begründer des Sozialismus, gestorben ist. Der Genosse Doktor Steinbach wird heute zu uns über das Thema sprechen: Karl Marx, sein Leben und seine Persönlichkeit. Ich bitte Genossen Referenten, das Wort zu ergreifen zu seinen Ausführungen.« Blum rückte sich zurecht. Wenn es erlaubt ist, im Zusammenhang mit ihm noch einen kleinen kirchlichen Vergleich zu wählen: Er schickte sich an, vor Beginn der ernsten Arbeit eine Messe zu hören, und hoffte, sie möchte erbaulich und weihevoll ausfallen. So wie dies alles um ihn herum verlief, verlief es in Ordnung. Er liebte den Raum und die Menschen darin. Er liebte auch den widerspenstigen Hadina und die durch ihn verursachten Aufregungen. All die trauliche Geschäftigkeit rollte in einem wohlbefestigten Geleise von Tagesordnungen, Geschäftsordnungen, Statuten ab. Hier hatte er seine Pflichten, seine Verantwortung. Und mehr: Er wußte, daß er nicht allein stand, nicht im Vordergrund des Daseins, nicht Aug in Aug dem Schicksal ausgesetzt. Weder als Mensch allein noch allein mit seiner Sektion. Sondern sie war eingeordnet in die Bezirksorganisation, der Bezirk in die Stadtorganisation, die Stadt in die Landesorganisation. Er war einer von 700 000. Nicht verloren unter ihnen, sondern gesichert. Er konnte überzeugt sein: Tue ich nur meine Pflicht, dann wird dies alles immer so weiter gehen. Er drehte das Rad der Geschichte – stolzes Bewußtsein! Aber er drehte es nicht allein, bewahre, er war eingefügt in eine gigantische Maschinerie von 1000 Verbindungsrädern und -rädchen, in einen gewaltigen, in einen präzise funktionierenden Apparat. Welche Geborgenheit! Hätte man ihn gefragt: Wofür lebst du, Blum?, dann hätte er lange keine Antwort gefunden. So restlos war er mit seinem kleinen Leben in diesem großen aufgegangen, so ganz naturgegeben schien ihm schon diese Welt. Wofür lebst du? Man kann doch nicht gut antworten: »Ich lebe fürs Leben?« Der Referent (einer der weniger Beliebten aus dem Stab der Bildungszentrale; mit seinen erst am Hinterkopf beginnenden und sich tief im Nacken kräuselnden Haaren sah er irgendwie nach »Künstler« aus) begann seinen Vortrag mit einem kleinen dialektischen Aphorismus: »Genossinnen und Genossen, liebe Freunde! Marx war kein Wissenschaftler. Marx war kein Revolutionär. Marx war ein revolutionärer Wissenschaftler ...« 3 Während des Vortrags stellte Spannmeyer alle Zeichen der Aufmerksamkeit zur Schau. Er neigte lauschend den Kopf, legte hie und da die Hand ans Ohr, veränderte bei manchen plötzlichen rhetorischen Wendungen sozusagen rhythmisch seine Körperlage usw. Er tat alles, ohne auch nur einen Moment zuzuhören. Dies ist das ungeschriebene Recht der Vorsitzenden. Im äußeren Verhalten müssen sie beispielgebend wirken. Daß sie dem Referat folgen, wenn sie andere Sorgen haben, erwartet niemand von ihnen. Nicht zuzuhören haben sie, sondern vorzusitzen. An gewissen stimmlichen Betonungen des Redners sowie an aufgefangenen Satzfetzen merkte sein geübtes Ohr etwa nach 1 Stunden, daß man sich dem Schluß näherte. Als es zum Beifallklatschen kam, war er der erste. Dann erhob er sich zur rituellen Formel: »Ich danke dem Genossen Referenten für seine ausgezeichneten Ausführungen. Wünscht jemand zu den Ausführungen des Referenten das Wort? Da dies nicht der Fall ist, schließe ich die heutige –« Hier merkte er, daß dies aber doch der Fall war. Er nahm es ohne Begeisterung zur Kenntnis; auch das wird ihm jeder Vorsitzende nachfühlen können. Vergessen wir nicht, daß noch eine langwierige Vertrauensmännersitzung bevorstand. »Bitte sehr, Genosse! Sie haben sich zum Wort gemeldet –« Ein Eisenbahner trat hinter die Tribüne, ein hagerer dunkler Mensch, sauber rasiert, mit Brillantinscheitel, offenbar ein Schaffner. Wenigen bekannt, erwies er sich sogleich als schlechter Redner. Er kam aus dem Betrieb, wo man seit dem 1. März vor zahllosen kleinen Intrigen, versteckten und offenen Drohungen, boshaften Zehetner-Schikanen, wirren Hoffnungen und Befürchtungen nicht mehr ein und aus wußte. All die höllischen Kleinigkeiten zusammenzufassen; den Genossen verständlich zu machen, daß solche Bagatellen in ihrer Gesamtheit einen sehr ernsten, sehr gefährlichen Gewerkschaftskampf ausmachen; Hilfe für diesen Kampf zu fordern – das fiel dem unbeholfenen Sprecher schwer. Außerdem ging es um sein tägliches Brot. Und er wußte nicht mit Sicherheit, ob es schicklich wäre, gerade jetzt davon zu reden, wo man doch eben so viele erhabene Worte über Karl Marx, sein Leben und seine Persönlichkeit, zu hören bekommen hatte. »Genossen! Ich möchte die Aufmerksamkeit auf die Frage lenken, nämlich, was unser Bundesbahner in diesen Tagen in große Erregung und auch Befürchtungen, Genossen also – gebracht hat. Wie ja allen Genossen bekannt ist, haben wir einen Streik hinter uns, wo wir uns sozusagen an die Spitze für den Kampf für die Koalitionsfreiheit gestellt haben für das gesamte österreichische Proletariat. Jetzt müssen wir sehen, Genossen, daß eine Welle von Strafmaßnahmen auf uns herunterhageln tut, indem im Betrieb Listen herumgehen, wer mitgestreikt hat. Ja oder nein – solche Methoden von der Direktion, Genossen, gar nicht zu reden von den Strafpensionierungen –« Er redete mühsam, schwang lange die Nachsilben nach, um Worte zu suchen, geriet in ein recht armseliges Pathos. Erst, als er auf die parlamentarische Seite zu sprechen kam, fand er sich besser zurecht. Allem Anschein nach, so erklärte er, würden die bürgerlichen Parteien keineswegs für die Zurückziehung der Strafmaßnahmen stimmen. Also könnte das Parlament die Eisenbahner nicht schützen. Man müßte sich fragen, was in diesem Fall zu tun wäre ... Spannmeyer ließ ihn noch einige Minuten weitermachen. Dann bemerkte er höflich: »Genosse, also net wahr, ich muß Sie leider aufmerksam machen, daß das Thema der Diskussion ›Karl Marx‹ heißt.« Der Schaffner geriet sofort in Verwirrung. Er stotterte noch einen Satz zu Ende, wurde plötzlich rot bis an die Haarwurzel und verließ die Tribüne. Ordnungshalber wollte der Vorsitzende sich noch einmal nach Wortmeldungen erkundigen. Bevor er's tun konnte, stand schon Gellert neben ihm. Über die nun folgende, sehr heftige Szene wurde später im Bezirk viel gestritten. Die Eisenbahner behaupteten schlechtweg, Spannmeyer hätte sie gehindert, über ihre Schwierigkeiten zu sprechen. Spannmeyer verantwortete sich mit seinen Vorsitzendenpflichten. Tatsächlich verhielt er sich damals korrekt. Wenn ein Antrag auf Abänderung der Tagesordnung angenommen wäre, hätte er Gellert nicht die geringsten Schwierigkeiten gemacht. Ein solcher Antrag wurde auch angeblich von Erich Weigel gestellt, ging aber im allgemeinen Tohuwabohu unter, wobei gerade Weigels Leute am meisten Lärm machten. Jemand wollte auch gehört haben, wie irgendein SAJler dem Antragsteller zurief: »Wir pfeifen auf die Tagesordnung!« Überdies wäre der Antrag überwiegend niedergestimmt worden, denn man war teils der Meinung, daß es sich hier um eine reine Gewerkschaftsfrage handelte, teils überhaupt über das taktlose Auftreten Gellerts empört. Wirklich trug er eine Heftigkeit, ja Verzweiflung zur Schau, die sogar die Eisenbahner befremdete. Spannmeyers Versuche, ihn zu unterbrechen, wiederholten sich mehrmals in der denkbar freundlichsten Weise. Gellert überschrie diese Bemerkungen, als befände er sich in einer gegnerischen Versammlung. Der Referent legte sich vermittelnd ein. Die spätere Meinung der meisten zu dem ganzen, peinlichen Vorfall war die, daß man niemandem die Schuld geben könnte, weil in jeder anderen Sektion die Sache sich ähnlich abgespielt hätte, wenn auch vielleicht in höflicheren Formen. – Wer diese durchbrach, war zweifellos Gellert. Er war für Gewerkschaftsfragen nicht kompetent und zeigte sich bereit, das Thema »Karl Marx« für abgeschlossen zu erklären. »Wenn die Genossen andere, wichtigere Angelegenheiten zu besprechen haben ...« Vielleicht verspürte er eine gewisse Enttäuschung, wie jeder Referent, der sehen muß, daß man auf seinen Vortrag nicht eingeht: Habe ich nicht interessant gesprochen? Bin ich heute nicht in Form gewesen? Vielleicht zeichnete sich diese Enttäuschung sichtbar auf seiner Miene ab. Wer konnte ihm einen Vorwurf daraus machen? Oder ihm gar die Schuld geben, auch wenn gerade diese Bemerkung es war, die Spannmeyer seinerseits in Rage brachte? »Nein, Genosse Steinbach«, rief er aus, »soweit sind wir Gott sei Dank noch nicht!« Er, als routinierter Vorsitzender, war jetzt in seinem Ehrgefühl getroffen. Er wurde energisch. Gellert noch lauter und ärgerlicher, so daß er sich zu dem folgenden Ausruf hinreißen ließ: »Wozu sitzt ihr überhaupt zusamm', wenn euch der Vormarsch des Faschismus net interessiert?« Schon vorher hatten ihn immer unwilligere Zwischenrufe unterbrochen. Jetzt fühlten sich alle beleidigt. Es prasselte los: »Oho!« »Geh hörst, was der sich erlaubt!« »Halt's z'samm! Zieg oab!« »Fahr ab, Kommunist!« »Wer spricht hier vom Kommunisten?« fuhr Weigel auf. »Gemeine Verleumdung!« schrien die Jugendlichen. Einige Sekunden lang übertönte die feierliche Stimme eines alten Straßenbahners den Krawall: »Genossen, es ist eine Schande, im Moment, wo sich drüben im Reich das Schicksal der Arbeiterklasse entscheiden tut –« Gellert drosch mit der Faust auf den Tisch: »Grad in diesem Moment müssen wir verstehen, daß der Streik –« »Zur Tagesordnung!!!«, und das Chaos war wieder auf dem Höhepunkt. (Nur die Eisenbahner schwiegen verlegen. Langsam begann sich in ihnen das festzusetzen, welches ein knappes Jahr später ihr Verhalten entschied. Es setzte sich unter großen Widerständen fest. Kein Vorwurf treffe sie.) Das Ende des Lärms wurde unfreiwillig vom Referenten herbeigeführt. Er machte nämlich den Vorschlag, man möge dem Thema »Eisenbahnerstreik und Maßregelungen« einfach den nächsten Vortragsabend widmen. Ohne dies sei die Frage nachmittags im Parlament bereinigt worden. Und während der Bildungsreferent Pollak schon dazwischenrief, die Sektion sei nicht das Forum für solche Angelegenheiten, und Gellert zur allgemeinen Entrüstung losschrie, kein Parlament könne helfen, wenn ein Streik verloren wäre – stand plötzlich eine neue Gestalt auf dem Podium. Es war ein bei uns organisierter Advokat, ein gewisser Doktor Rosen, ein älterer Mensch schon. Im Durcheinander hatte sich um ihn eine Gruppe geschart, der er etwas berichtete. Dann war er »gehoben und geschoben« unvermutet auf der Tribüne gelandet. »Ruhe!« schrie jemand. »Der Herr Doktor hat eine Neuigkeit!« Im langsam abflauenden Geschrei machte sich der alte Rosen nun folgendermaßen verständlich. Weil man vom Parlament redet: Er sei nachmittags dort gewesen; ein merkwürdiger Zwischenfall, eher ernsten Charakters, habe sich ereignet. Als man auf sozialdemokratischen Antrag über die Zurückziehung der »Eisenbahnermaßregelungen« abstimmte, habe ein roter Abgeordneter irrtümlich zwei Stimmzettel auf seinen Namen abgegeben. Dafür ein Fraktionskollege – gar keinen. Obgleich dies also in der Stimmenzahl auf das gleiche hinauslief, habe die Rechte Krawall geschlagen. »Es ging«, scherzte Doktor Rosen lächelnd, »fast so laut zu wie jetzt bei uns.« Renner habe demonstrativ den Vorsitz niedergelegt. »Bravo!« schrie ein Jungfrontler dazwischen. Hierauf aber habe, fuhr Rose fort, der zweite Vorsitzende, der Christlich soziale Buresch, ebenso gehandelt. Und der dritte, der Großdeutsche Straffner, ditto. So sei das Parlament also plötzlich ohne Vorsitzenden dagestanden. Und sei in Verwirrung und Unentschlossenheit offenbar, ohne daß jemand mehr die Befugnis gehabt hätte, die Sitzung zu schließen und eine neue einzuberufen, auseinandergegangen. Als Rosen schloß, sahen alle instinktiv auf den Referenten. Ich erinnere mich genau an die Miene dieses Doktor Steinbach im erwartungsvollen Gemurmel. Er war blaß und ein wenig geschmeichelt. Um irgend etwas zu sagen, sagte er belehrend: »Ja, Genossen, das ist allerdings der erste derartige Fall in der Geschichte des europäischen und amerikanischen Parlamentarismus.« Viertes Kapitel 1 Wenngleich Karrierist, hatte Dreher sich bisher um die Fragen von »Glück haben«, »Pech haben« wenig gekümmert. Er betrachtete seinen Aufstieg als historische und damit gerechtfertigte Notwendigkeit: Wie anders könne der Machtzuwachs des Proletariats sich äußern als dadurch, daß es seine besten Söhne die Sprossenleiter des Staates hinaufklimmen lasse? Und, was das Wettklettern selbst betraf, hatte es in diesem Lande weit weniger den Charakter eines Hasardspiels als etwa in der französischen Demokratie. Listenwahlrecht, Zweiparteiensystem, strenge Parteidisziplin – das hieß in diesem Fall: sich langsam hinaufdienen müssen. Nur wer eine genügende Weile auf Bürostühlen gesessen war, hatte sich durchgesetzt und durchgewetzt. Für Eigenbrötler und Renegaten war nichts zu holen. (Auch schon darum nicht, weil die Bourgeoisie hier so arm war, daß sie kaum die eigenen Korruptionisten zu sättigen vermochte.) Das System der Glückssterne verlief in geregelten Bahnen. Kometen waren rar. Daß Dreher 1924, getragen von einem ungeheuren Aufschwung der Wahlstimmen (damals fehlten, so schrieb Otto Bauer, nur 300 000 zur Einführung der klassenlosen Gesellschaft in Österreich), als Vierziger ins Parlament gelangt war, galt schon als staunenswert. Doch, einmal arriviert, war man unter solchen Umständen heroben derart gut geborgen, daß auch ihm nicht annähernd der Gedanke kam, er könne je wieder hinunterpurzeln. Und da sein Aufstieg zwar hurtig, aber normgemäß erfolgt war, vermißte auch er in seiner Stellung keineswegs das gesunde Bewußtsein: Ich habe lange genug selbstlos dem Proletariat gedient – jetzt darf ich mit Recht die Früchte ernten. Ja, seine Verbundenheit mit der Klasse war zweifellos stark. Auf jeder der zurückgelegten Stufen, bis zur untersten hinab, besaß er eine Schar dort zurückgelassener, meist neidloser Freunde. Ihm war wohl in den Kommissionen des Parlaments; stattete er aber dem Betrieb einen Besuch ab, so fand er sich dort ebenso zu Hause. Nicht einen Moment lang empfand er einen leeren Raum zwischen sich und den 700 000. Er fühlte sich als Proletarier und war stolz darauf. Sein Ehrgeiz war auf lange hinaus befriedigt. Höhere Ziele mochten erst in Betracht kommen, wenn eine Koalitionsregierung aktuell würde. Davon war seit der intransigenten Haltung des Kabinetts Buresch, abgesehen von einigen sehr vagen Besprechungen bei Bildung des Kabinetts Dollfuß, keine Rede gewesen. Was ist aus alldem verständlicher, als daß die Probleme von Geschick und Mißgeschick ihm wenig am Herzen lagen? Nüchtern sah er seinem nüchternen Schicksal ins Gesicht. Dies aber muß hier darum betont werden, weil in den Märzwochen ein geradezu abergläubischer Gedanke sich in Drehers Kopf festsetzte: Mit dem bewußten Besuch am 11. Februar habe Dworak ihn demoralisiert, mit irgendeiner Mißlaune angesteckt, mit läppischen Sorgen arbeitsunfähig gemacht, ja, irgendwie sein körperliches Wohlbefinden gestört. Kurz, das lief schon fast auf den Glauben an einen »bösen Blick« hinaus. Selbstverständlich war daran nichts haltbar als eben die Tatsache, daß der Lokomotivführer ihn in einem unglücklichen Moment auf einen wunden Punkt seines Lebens und seines Selbstbewußtseins getroffen hatte, indem er jene Angelegenheit des Jahres 24 wieder auftauchen ließ. Untertags hielt Dreher seine Verdächtigungen denn auch für puren Unsinn. Aber nachts spann er an ihnen weiter, beim Nichteinschlafen-Können, wenn selbst der Verantwortlichste sich im Halbtraum solch unverantwortliches Zeug erlaubt. Als robusten Egoisten zog es ihn an diesen Tagen unwiderstehlich zu derartigen Gedanken. Denn in eben diesen Tagen klappte plötzlich verschiedenes mit ihm nicht. – – Ja, das wußte er selbst, darauf liefen all die ungewohnten Hirngespinste hinaus: Er war außer Form geraten. Er war ganz und gar nicht in der idealen Verfassung, um sich dem Gewimmel der politischen Ereignisse zu stellen, die jetzt überfallsartig hereinbrachen. Bald nach dem Anfall von Depression, dem er zufällig gleichzeitig mit Dworak unterlegen war, hatte er körperliches Unwohlsein verspürt; ein Unbehagen des Magens nach den Mahlzeiten, heftiges Aufstoßen, leichtes Sodbrennen. Vielleicht war das nichts Neues bei ihm, und er mochte solche kleinen Beschwerden früher einfach nicht wahrgenommen haben. Jetzt ging er sogleich zum Arzt. Der Arzt stellte Überschuß an Magensäure fest. Das sei nichts Ernstes, trete häufig bei vielbeschäftigten Männern auf und sei wahrscheinlich die Folge zu wenig gründlichen Kauens. Er verordnete ein Pulver. Vorsichtig und unter verlegenen Scherzen über jenes scheußliche Mißgefühl befragt, erklärte der Doktor, auch das sei nichts Gefährliches. Männer im Klimakterium seien oft Opfer solcher seelischen Erscheinung. Natürlich hänge deren Schwere zum Teil von äußeren Umständen ab. Während er das Pulverrezept gegen die Magensäure aufschrieb, fügte er lächelnd hinzu: »Wegen Ihnen mach ich mir keine Sorge, Herr Nationalrat. Wenn die politische Lage so gesund wäre wie Sie –«, und er benützte die Gelegenheit, um den einflußreichen Mann über die Parlamentskrise auszufragen und darüber, »was überhaupt diesem unglückseligen Österreich bevorsteht «. Denn die Untersuchung erfolgte am 8. März, und nachts vorher hatte die Regierung die Vorzensur verhängt, politische Kundgebungen verboten und der Staatsanwaltschaft das Recht dekretiert, Zeitungen ohne Gerichtsentscheid zu konfiszieren, was ein offener Verfassungsbruch war. »Das ist es ja!« seufzte Dreher, als er, nur wenig beruhigt, die Ordination verließ. »Die äußeren Umstände –«, und wieder fragte er sich, warum er in drei Teufels Namen nach so viel gesunden Jahren gerade in diesen Tagen hatte krank werden müssen und warum er jetzt, statt sich pflegen zu dürfen, hundert wichtige Entscheidungen aufgebürdet bekam. Dieses Zusammentreffen seiner persönlichen Schwächeperiode mit einer politischen Krise, und mit einer verflucht ernsten dazu, brachte ihn dermaßen aus der Fassung, daß es sich allein schon zu einer Separat-Krankheit auswuchs. – Auf der Straße wartete das Auto. Es war ein Wagen, der höheren Funktionären, welche keinen eigenen besaßen, nötigenfalls zur Verfügung stand. In diesen Tagen fuhr meist Dreher darin. Die Situation hatte ihn, den bewährten »Packler« zu einem der wichtigsten Männer in der Partei gemacht. Er wußte es und wußte, daß man von ihm jetzt Leistungen verlangte. Während der Wagen ihn zum Parteihaus fuhr, versuchte er, sich zu konzentrieren. Seit dem 5. März führte er hauptsächlich mit zwei einflußreichen christlichsozialen Abgeordneten Verhandlungen. Genauer gesagt, hatte er einen von ihnen auf Grund persönlicher Beziehungen dreimal in dessen Wohnung aufgesucht, während er mit dem anderen täglich im selben Gasthaus in der Nähe des Parlaments aß. Obgleich das Abgeordnetenhaus seit dem 4. März nicht mehr zusammentrat, waren beide der Gaststätte treu geblieben. Dreher tat es mit Vorbedacht und auf ausdrückliche Weisung. Denn schon begannen Dollfuß und seine Kabinettsmitglieder jedem Kontakt nach Kräften auszuweichen, und Beziehungen wie diese wurden wertvoll. Der erste Abgeordnete hatte ihm erklärt, er halte die Regierungsbestrebungen, das Parlament nicht mehr zusammentreten zu lassen, für baren Unsinn. (Nur hatte er dies selbstverständlich sanfter ausgedrückt.) Gleichzeitig schien ihm die juristische Begründung der Regierungskreise bei den Haaren herbeigezogen (lächelnd: »aber schon sehr!«). Wenn die drei Parlamentsvorsitzenden, fuhr er fort, etwa bei einem Zugunglück umkämen – wäre dies etwa ein Grund, den Parlamentarismus aufzugeben? (Das war wörtlich eine Argumentation Otto Bauers aus dem Leitartikel. Dreher nahm's für ein gutes Zeichen.) Und wohin solle das führen? Gäbe es denn in Österreich irgend jemand, der an Diktatur dächte? Er sei überzeugt, die Lage werde sich in wenigen Tagen entwirren. Allerdings war das am 5. morgens gesagt worden, also drei Tage vor dem gestrigen Verfassungsbruch. Noch gestern aber, also am 7. hatte der andere und weit wichtigere zwischen Kalbsgulasch und Linzertorte etwa folgendes erklärt: »Also ich persönlich bin über die Absichten von Herrn Bundeskanzler in dieser peniblen Angelegenheit net informiert. I glaub a net, daß der Herr Bundeskanzler selber – also – äh – gewissermaßen ein festumschriebenes Ziel verfolgt. Soweit meine Informationen reichen, handelt sich's in erster Linie um eine gewisse Ausweitung der Regierungsvollmachten und um eine Reform der Geschäftsordnung, welche eine reibungslose Durchführung gewisser Maßnahmen ermöglichen soll – also net wahr – vor allem budgetärer Natur. Weil, Sie wissen ja, Herr Kollega, daß unser Land diesbehufs net auf Rosen gebettet is' und daß wir in der kommenden Parlamentssession wenig auf die Popularität unserer Gesetze Rücksicht nehmen können.« Dreher, äußerst angenehm berührt vom Ausdruck »kommende Parlamentssession«, hatte eingewendet, daß man besagte Reformen doch unschwer von der Sozialdemokratie erreichen könne. Auch der Sozialdemokratie gehe der Sinn für reale Gegebenheiten nicht ab usw. »Das sag' ich mir ja auch«, hatte er, der andere, erwidert. »Zweifellos wird's dem Herrn Bundeskanzler auch gelingen, diese gesunde Auffassung gegen den Einfluß gewisser Kreise – Sie verstehen schon, wen ich mein' – durchzusetzen. Leider bin ich zum Beispiel heut früh in nicht mißzuverstehender Weise, also schon direkt gehindert worden, beim Herrn Bundeskanzler vorzusprechen.« Das war wichtig. Dollfuß stand unter dem verstärkten Einfluß der Heimwehr. Dreher war einer der ersten gewesen, die dies mit Bestimmtheit melden konnten. Dollfuß war der Gefangene der Heimwehr. Das hatte sich in der letzten Nacht prompt und drohend bestätigt. Drehers Bitten an jene zwei »demokratischen Elemente«, sie möchten ihren Einfluß geltend machen, waren, wie der Verfassungsbruch bewies, vergeblich gewesen, ebenso wie parallele Aktionen anderer Genossen gemeinsam mit Dreher und separat. Heute, knapp vor dem Besuch beim Doktor, war er in jenem wichtigen Gasthaus gewesen. Der christlichsoziale Kollege war pünktlich erschienen. Nach dem Geschehenen war Dreher schon gefaßt, ihn nicht anzutreffen. Denn dieser Tischgenosse gehörte weder der demokratischen Kunschak-Gruppe an noch dem Kollmann-Kreis, sondern den jüngeren Christlichsozialen etwa um Schuschnigg herum, zu jenen Herren also, die sich »Frontkämpfergeneration« zu nennen liebten und mit einer gewissen Skepsis auf die alten Demokraten ihrer Partei blickten. Es war wichtig, vielleicht entscheidend zu erfahren, wie dieser Mann zum Verfassungsbruch stand. Ob er versucht hatte, die Tat zu verhindern? Und wenn nicht, warum? Weil er nicht wollte oder nicht konnte? Vielleicht wußte er auch, wieweit Dollfuß persönlich inzwischen getrieben war? Der Mann gab die lächerliche Antwort: »Der Herr Bundeskanzler wird heute in einer Radiorede das Wünschenswerte mitteilen.« Dann blieb er auf alle Fragen stumm wie ein Karpfen. Es war, als hätte der Verfassungsbruch seiner Partei ihm den Mund vernagelt. Hatte er Angst zu reden? Dreher schlug einen resoluteren Ton an. Er war frühmorgens der Parteivorstandssitzung beigezogen worden. Er wußte, daß man die Gefahr sehr hoch einschätzte und sich zu einer äußerst scharfen Sprache entschlossen hatte. Er teilte dem Christlichsozialen mit, daß man eben einen Aufruf druckte, worin man ziemlich unumwunden, für den Fall, daß das Parlament nicht wiedergewonnen werden könnte, das Volk auf Generalstreik und Revolution vorbereite. Hierauf schlug er sofort die joviale Skala an, die doch seine eigene Spezialität war: Ob das alles wirklich notwendig wäre, ob die Regierung denn die Sache auf die Spitze treiben wollte? Ob man in diesem »verflixten, geliebten Land« keine anderen, keine gemeinsamen Sorgen hätte? – Darauf kam kein Ja und kein Nein, sondern irgendeine gespenstig hohle Redewendung. Vor diesem wortgewandten Schweigen, vor der offensichtlichen Angst des anderen bekam Dreher plötzlich selbst Angst. Ja, erst in diesem Augenblick erschrak er wirklich vor dem, was in dieser Nacht geschehen war. (Bis dahin hatte er keine Zeit dazu gehabt vor tausend hastigen Informationen, Dispositionen, Konferenzen.) Jetzt auf einmal, angesichts dieser behäbigen »Beziehung«, die mit Bierschaum im Schnurrbart Beuschl mit Knödl vertilgte, jetzt, in der Stille des kleinen Extra-Zimmers, stieg vor ihm drohend das Gespenst einer Welt auf, die man sich zur Zeit des Pfrimerputsches unter endlosen Lachsalven bis ins kleinste ausgemalt hatte: die Welt, wo Dorfapotheker sich in allmächtige Landsknechtführer verwandeln, Stammtischreden in Verfassungen, Fabrikanten in Arbeiterführer; Morphinisten, Sadisten, Mordbrenner in Staatsmänner ... Erst jetzt erschrak er zutiefst, was sich drüben in Deutschland abspielte, begriff er mit einem Schlag, daß schon kein historischer Vergleich, keine gewohnte politische Kombination mehr ausreichte, um das Maß jenes Geschehens auszumessen, und daß sehr bald auch die menschliche Phantasie nicht mehr reichen würde. – Er begriff, was drohte. Seine Eingeweide krampften sich zusammen. Und in diesem Moment (er konnte sich's noch immer nicht verzeihen) hatte er zu sprechen aufgehört, hatte mit dem Kauen innegehalten und versucht, einen halbfertigen Fleischbissen im Munde, in seinen Magen hinein zu horchen. Denn dort rührte sich's, und das Sodbrennen griff mit noch nie gekannter Heftigkeit um sich. Der Christlichsoziale war schon beim Moccaschälchen angelangt. Das war das Stadium, in dem er redselig zu werden pflegte. Dreher versäumte die Gelegenheit. Wohl sprach er – aber zuwenig eindringlich, zuwenig jovial. Auch geschah es, daß er Antworten, die vielleicht wichtige Andeutungen enthielten, halb überhörte. Denn immer wieder nahm ihn sein Magen in Anspruch, und statt an Wichtigeres zu denken, hatte er in dieser vielleicht entscheidenden Viertelstunde beschlossen, nachmittags zum Arzt zu gehen. – Nun, im Auto, machte Dreher sich Vorwürfe, statt sich zu konzentrieren. Der Parteivorstand tagte in Permanenz. Man erwartete ihn. Was konnte er berichten? Doch nicht etwa das, was ihm das Arbeiten vergällte? Doch nicht das, was sich frühmorgens, bevor er zum erstenmal ins Parteihaus gefahren war, beim hastigen Frühstück abgespielt hatte? (Beim viel zu hastigen Frühstück, von dem die Magensäure kam.) Er konnte doch nicht folgendes referieren: Genossen und Genossinnen vom Parteivorstand! Ich habe zwei Söhne. Fredl und Eduard. Der Eduard ist ein dicker Medizinstudent, den ich aber weniger mag als den anderen, vielleicht weil er mit Hilfe meines guten Namens sich ein bißchen zu früh zum Parteibonzen hinaufstrebert. Der Fredl ist ein 17jähriger Maturant, den ich sehr liebe, vielleicht, weil er so schlank ist und irgendwie nobel ausschaut, so daß ich mich manchmal wundere, woher er das hat. Und heute früh, wie ich ihm beim Frühstück die Zeitung zustecke, mit der Nachricht vom Verfassungsbruch, da entschlüpft ihm plötzlich ein »Bravo!«. Ich sperr vor Staunen das Maul auf und frage ihn, ob er verrückt ist. Er wird puterrot, stottert herum und fährt mich plötzlich an: Jawohl, sehr gescheit, daß man jetzt fremde Staatsoberhäupter nicht mehr straflos beleidigen darf. Da werden sich's die Juden jetzt überlegen, bevor sie den Hitler weiter angeifern! – Ich stelle ihn zur Rede. Er ist wie im Rausch. Er schreit mir ins Gesicht: »Ja, ich bin ein Nazi! Ein SA-Mann, und in einigen Wochen weht über Österreich die Hakenkreuzfahne!« Ich, Josef Dreher, gestehe, daß ich die Juden auch nicht besonders mag, aber daß in meinem Haus, mein Fleisch und Blut– Das kann ich denen doch nicht referieren, dachte Dreher, von Wut und Schmerz zerfressen. Es gibt ja Wichtigeres: Ich war nicht jovial genug mit dem Pfaffenknecht, mit dem jesuitischen. O verfluchte Hetz noch einmal! In dieser Aufwallung spie er auf den Teppich des Austro-Daimler. Als er die Spucke mit dem Fuß verwischte, bemerkte er im Speichel winzige Blutfäserchen. Er nötigte sich, das Ereignis kühl und sachlich zu betrachten wie ein Fremder, wie ein Arzt. Er dachte: Magensäure? Das schaut nicht nach Magensäure aus. Merkwürdig – aus dem Krieg bin ich ohne einen Kratzer heimgekommen; als Lokomotivführer habe ich im schweinischsten Sauwetter höchstens hie und da einen Schnupfen gekriegt; als Abgeordneter bekomme ich eine Berufskrankheit und alles ausgerechnet in diesen Tagen. Und alles auf einmal. Er sah, daß er schon über den Ring fuhr und bald im Parteihaus sein mußte, jetzt aber Schluß mit dem Blödsinn, sagte er sich mit einem Ruck. Er zwang sich, über die neuentstandene Lage nachzudenken und die möglichen Folgen zu erwägen. Doch lief alles, was er dachte, auf die eine, eigentlich recht unwichtige Frage hinaus: Wozu das Ganze? Wozu? Die ganze Situation war von der ersten Minute an ebenso gefährlich wie läppisch gewesen. Jetzt wurde sie lebensgefährlich und dabei im Grunde immer lächerlicher. Diktatur? Wer wollte eine Diktatur? Etwa Dollfuß? Der gewiß nicht. Seine Umgebung? Dreher war überzeugt: Wenn man nur Gelegenheit hätte, jedem einzelnen aus dieser so rätselhaft gewordenen »Umgebung« die Frage ad hominem zu stellen – niemand würde geradewegs ja sagen. Außer den Heimwehrführern. Und auch da gab's einige, die immer mit sich reden gelassen haben. Weiteres: Wo war der Diktator?, der österreichische Hitler? Wieder Dollfuß, der kleine Herr Dollfuß als Diktator. Weniger lächerlich, als es bis vor kurzem geschienen hatte, aber doch sehr unwahrscheinlich. Die Autorität des kleinen Mannes war selbst in seinen Kreisen nicht größer als er. Der Lebemann Starhemberg? Da lachte man selbst in dieser bitteren Zeit. Weiteres: Was konnte die Bourgeoisie trotzdem zur Diktatur treiben? Das Budget, die »unpopulären« Sparmaßnahmen? Allerdings – damit hatte man ihnen Schwierigkeiten gemacht, aber keine allzu großen. Einige Male hatte man die Regierung sogar eigenhändig vor dem Sturz bewahrt: Man hatte die Lausanner Anleihe toleriert, die opferreiche Sanierung der Creditanstalt, die Sanierung der Bundesbahnen; man hatte den Massenaussteuerungen wahrhaftig keinen allzu heftigen Widerstand entgegengesetzt, und endlich, am 1. März, hatte man's bei einem zweistündigen Demonstrationsstreik bewenden lassen. »Dank vom Hause Österreich«, knurrte Dreher erbost. Aber man wollte nötigenfalls noch nachgiebiger sein. Auch die Regierung wußte das. – Oder sie wurden diktatorisch, weil sie Angst vor den Nazis hatten? Gegen die konnte niemand besser helfen als die Partei der 700 000 oder der 41%. Oder handelte es sich um eine Anbiederung an Hitler? Vielleicht? Aber, soviel Dreher wußte, waren die ewigen Verhandlungen zwischen Nazi und Regierung nicht intensiver geworden. Und war es denkbar, daß Kollmann, Kunschak, der kleine Klerus – kurz die demokratischen Gegenkräfte – da mittun wollten? Vielleicht war Mussolini der Anstifter? Aber ebensosehr wie von ihm war die Regierung von Frankreich abhängig (wenn nicht sogar stärker, infolge der Lausanner Anleihe). Und Fritz Adler hatte von Leon Blum erfahren, daß Dollfuß dem Ministerpräsidenten Daladier feste Zusicherungen betreffs der österreichischen Demokratie gemacht hatte. Fazit: Nichts wirklich Zwingendes lag vor, zur Diktatur zu greifen. Ihre Chancen waren gering. Nur wenige im Lager der Bourgeoisie wollten sie. Kein Diktator stand zur Verfügung. Wozu also das Ganze? Sooft Dreher in diesen Tagen die Lage durchdachte, kam er zu demselben Ergebnis. Er sah für seine Partei noch eine Unzahl unerschöpfter Möglichkeiten, die Arbeitsgemeinschaft mit der Bourgeoisie (welche Arbeitsgemeinschaft ihm längst eine wohlbegründete Notwendigkeit zu sein schien), weiter zu führen. Denn, dachte er, Österreich ist nicht Deutschland. Noch einmal also: Wozu das Ganze? Und doch waren auf dem Ballhausplatz hunderterlei Kräfte am Werk. Keiner schob dort alle anderen, sondern höchstens den Vordermann. Wahrscheinlich wußte keiner genau, was er wollte, keiner nahm die ganze Verantwortung auf sich, keiner dachte den ganzen Gedanken zu Ende. Ja, sie arbeiteten wahrscheinlich einander, wie immer, in ungezählten Cliquen entgegen. Und das Ergebnis war ein eklatanter Verfassungsbruch. So war die Lage: lächerlich und überaus gefährlich. Was tun? Als Dreher vor dem Parteihaus ausstieg, mürrisch, nervös, mit angegriffenem Selbstbewußtsein, »ein kranker Mensch« (wie er sich im geheimen schon nannte), antwortete er laut vor sich hin: echt österreichisch! Das war alles, was er wußte. 2 Hätte ein Untersuchungsrichter kurz nach diesen Märztagen Dreher die Frage gestellt: »Was haben Sie in der Woche vom 8. bis zum 15. gemacht?« – so hätte der Abgeordnete, um genau Bericht geben zu können, die Dinge erst mit großer Mühe rekonstruieren müssen. Ja, nicht einmal an den Abenden der einzelnen Tage konnte er sich über das eben Verflossene präzise Rechenschaft geben. Sein Gesamteindruck war: ein atemloser Wirbel verschiedenster Konferenzen, die allesamt äußerst wichtig waren, sich allesamt um Fragen von Leben und Tod bewegten; und allesamt irgendwie provisorisch verliefen, allesamt mit dem gleichen Wort schlössen: »Wenn ...« Ja, jetzt machen wir zweifellos Geschichte, dachte Dreher einige Male beim Nicht-einschlafen-Können. Aber wodurch sie eigentlich Geschichte machten, welche von all den Entscheidungen sich als die mit »der historischen Tragweite« erweisen mochte, das blieb im Hin und Her der vielen Fragen, welche in seinem Kopf herumwirbelten, vorläufig unklar. Das 18er Jahr hatte er aus einer anderen Perspektive erlebt. Nun fragte er sich: »Vielleicht war's auch damals so? Vielleicht ist's überhaupt immer so, wenn man Geschichte macht?« In den Büros des Parteihauses und vor allem in den Redaktionen der »Arbeiter-Zeitung« und des »Kleinen Blattes« verlief die tägliche Geschäftigkeit unter höchstem Dampfdruck. Es herrschte übermütige Kampfstimmung. Überall fing er Satzbrocken folgender Art auf: »Wir werden's ihnen schon zeigen, daß Österreich nicht Deutschland ist.« – »Ja, Kinder, jetzt geht's an.« – »Jetzt hört sich der Spaß auf!« – »Bei uns herüben weht halt eine andere Luft, das werden die Herren schon merken ...« usw. Als die »Arbeiter-Zeitung« mehrmals konfisziert wurde, mit weißen Flecken erschien, in den Landtagen immunisiert werden mußte, steigerte das die Kampflust der Redakteure noch mehr; über den Zeitungsköpfen druckten sie die Worte: Unter Vorzensur. Die Schlagzeile verkündete täglich gleichlautend » Die Abwehr ...« Die kleinste Lokalnotiz wurde im Tatenfieber verfaßt. Dreher verachtete Schreiberseelen. Er machte, daß er hier schnell vorbeikam. Meist hatte er im dritten Stock zu tun, wo der Parteivorstand tagte. Auch hier ließ die Stimmung zunächst nichts zu wünschen übrig. Als Defaitisten betätigten sich allein die Niederösterreicher, die Rechtesten der Rechten. »Der Dollfuß«, prophezeite einer ihrer Anführer, der mit dem Kanzler die Volksschulbank gedrückt hatte und aus diesem Grund Träger vieler Hoffnungen geworden war, »Dollfuß wird nicht umfallen. Wir müssen ihm schon jetzt mehr entgegenkommen.« Er setzte sich nicht durch. Otto Bauers Linie »schärfster Ton« fand allgemeine Zustimmung. Man war überzeugt, daß Dollfuß umfallen würde. – Vom Beginn der Parlamentskrise an beobachtete Dreher sehr scharf den Parteiführer; er hatte zu Otto Bauer kein unbeschränktes Vertrauen. Erst nach dem Tode Victor Adlers war Otto Bauer, der Oppositionelle von 1916, zum unbestrittenen Selbstherrscher aufgestiegen. Die Katastrophe im Juli 27 hatte seine Autorität gewaltig erschüttert. In der Periode der Neukonsolidierung hatte sich diese Autorität allmählich wieder aufgerichtet. Nun, als Dreher begriff, daß wieder eine Zeit der Taten und Entschlüsse hereingebrochen war, blickte er zuallererst prüfend auf Bauers Gesicht. (Es war breit, seit einigen Jahren glattrasiert, schon von feinen Runzeln bedeckt, die die Ausdrucksfähigkeit erhöhten; Nase und Mund waren scharf geschnitten; das Lächeln zumeist gütig oder schlau; der Ausdruck oft konzentriert nachdenklich; im Typus konnte es als Gesicht eines Gelehrten oder eines älteren Charakterschauspielers von der Art Emil Jannings gelten.) Dreher, als »kranker Mensch«, stand der allgemeinen Stimmung skeptisch gegenüber; seine eigene war miserabel. Er konnte sich nicht einer Welle von Mißtrauen enthalten, die jetzt plötzlich wieder in ihm gegen Bauer aufstieg. Er erinnerte sich, daß Bauer in jenem Juli den Nervenzusammenbruch Julius Deutschs nur sehr unzureichend wettgemacht hatte. Er erinnerte sich, daß Bauer Jude war, er bemerkte wieder Bauers fremdländischen Akzent. Er dachte: »Das hätte er sich aber ruhig abgewöhnen können, wo er schon so lange bei uns lebt. Angeblich ist das Prager Deutsch. Wer's glaubt, wird selig. Kann er nicht anders, oder will er nicht? Ist er ein österreichischer Arbeiterführer oder ein zugereister Bücherschreiber? Schon einmal hat er uns hineingeritten mit seiner Säbelraßlerei. Immer macht er die Regierung nervös mit seinem Radikalismus. Und wenn's zu den Konsequenzen kommt, steht er da und kriegt das Problematische, der Herr Theoretiker.« Allerdings, das mußte Dreher sich eingestehen, stand Otto Bauer allem Anschein nach diesmal sehr ruhig und zielbewußt da. Vielleicht nahm er sich zusammen, weil alle Augen nun wieder auf ihn gerichtet waren. Als einen der ersten zog er Dreher am Morgen nach dem Verfassungsbruch beiseite: »Also, Genosse Dreher, wie ist die Stimmung bei den Eisenbahnern?« Der Gefragte wußte, daß Bauer ihn als einen Mann der Praxis sehr schätzte. Er vermutete sogar, daß der Theoretiker vor Männern von Drehers Schlag gewisse Minderwertigkeitsgefühle hegte. Doch war das nur eine Vermutung, und trotz aller persönlichen Antipathie machte ihn Bauers Vertrauen jedesmal ein wenig stolz. Er antwortete vorsichtig. Denn in solchen Zeiten mußte man höllisch aufpassen, sonst war man auf ja und nein an allem schuld. Er schloß: »Wenn's losgehen sollt, gehen die Eisenbahner mit.« Und stellte sofort die Gegenfrage: »Also, wie ist's mit dem Generalstreik?« Bauer sagte: »Ja, also die Presseverordnung von heute nacht ist ja keinesfalls ein möglicher Anlaß. Pressefragen bringen die Massen nicht in Erregung. Wir dürfen solche Fragen von unserem Schreibtisch aus nicht überschätzen.« Dreher fand diese Ansicht sehr vernünftig. Er erkundigte sich, was man nach Bauers Meinung also zunächst machen sollte. »No schaun Sie, Genosse«, sagte Bauer, »wir können den Herren in den Landtagen sehr unangenehm werden. Wir werden auch den Hauptausschuß ausnützen müssen. Wir müssen zunächst alle legalen Mittel versuchen. Wenn das vergeblich ist, so ist ja allen Genossen klar, was wir zu tun haben.« Wir wurden ihnen in den Landtagen unangenehm. Der niederösterreichische und der steirische stimmten mit Majorität gegen die Regierung. Der Wiener Landtag rief aus: »Die Regierung ist nicht in der Lage, irgendeine Vorlage zu nennen, die sie ernstlich angestrebt hat und die der Nationalrat nicht erledigt hätte. Das freie Land Wien wird sich nicht knechten lassen! Die österreichische Arbeiterschaft wird dem Totentanz der Demokratie nicht ruhig zusehen, sondern sich mit Leib und Leben gegen jeden Versuch wehren, die Diktatur gegen die arbeitenden Menschen aufzurichten.« Der letzte der drei Präsidenten des Nationalrats, der großdeutsche Abgeordnete Straffner, berief nach Beratung mit Renner das Hohe Haus für den 15. des Monats zusammen. Die Regierung erwiderte lächerlicherweise, »das sei eine Verfassungsbeugung«, die sie verhindern werde. Und wie das? Man erfuhr: nicht auf gewaltsame Weise. »Also dann – auf welche Weise?« Man mobilisierte die Massen. Bauer hielt vor einer tobenden Versammlung der Wiener Vertrauensmänner eine Rede, die wahrscheinlich zu den gewaltigsten seines Lebens gehört. In der Massenversammlung der Jugend rief ihr Sekretär Kanitz: Ihr werdet die Freiheit mit Eurem jungen Leben verteidigen.« 482 Sektionsversammlungen (infolge der neuen Verordnung als Versammlungen für geladene Mitglieder kaschiert) wurden gleichzeitig in Wien abgehalten. Die ganze Provinz war in Bewegung. Die Reichsvorständekonferenz der Freien Gewerkschaften ermächtigte feierlich und leidenschaftlich den Bundesvorstand, nötigenfalls den Generalstreik auszurufen. Hier ergriff Dreher das Wort. Wie alle Redner dieser Tage fand er aufrüttelnde Formulierungen. Er schrie seine ganze Empörung hinaus: »Wir haben noch am 7. der Regierung unsere ehrliche Mitarbeit angeboten! Wir haben anerkannt, daß außergewöhnliche Zeiten außergewöhnliche Maßnahmen erfordern, und waren bereit, der Regierung die Möglichkeit zu solchen Maßnahmen zu geben! Was war der Dank? Was war die Antwort? Ein Verfassungsbruch. Genossen! Warnend steht vor unseren Augen das Beispiel des 20. Juli 1932 in Preußen. Aber hier in Osterreich werden wir keinen solchen Tag erleben! Wir weichen nicht der Gewalt! Wir werden uns nicht von einem Leutnant und drei Mann einschüchtern lassen! Wir werden nicht auf den Eid irgendeines Hindenburg vertrauen, bis es zu spät ist! Genossen! Im Namen von 40 000 Eisenbahnern verspreche ich euch, daß an dem Tage, wo jemand es wagt, die österreichische Demokratie anzutasten, daß an diesem Tag auf allen Strecken des Landes die Räder stillstehen.« Er hatte kaum Zeit, das Ende des Beifalls abzuwarten. Der Stadtrat Danneberg wartete draußen schon auf ihn, und wieder ging's zu einer der zahllosen Verhandlungen. Denn die Verhandlungen waren's, die Dreher täglich 10–12 Stunden in Anspruch nahmen. In diesem entfesselten Klassenkampf gehörte er zur Kompanie derer, die allen in Betracht kommenden Bürgerlichen die Türen einzurennen hatte. Der ganze Generalstab wußte: dieser Frontabschnitt ist bis auf weiteres der wichtigste. Hier wurden die Attacken von Danneberg dirigiert. Danneberg, obgleich Jude, war dem Gewerkschaftsführer sympathisch. Diese Abart mochte er gut leiden. Der da war kein abstrakter Theoretiker, kein Säbelraßler. Über den Budgetberechnungen der Gemeinde Wien leistete er Wunder an Fleiß und Hingabe. Ein großer Rechenmeister! Und welch ein Verhandlungskünstler. Neben ihm war selbst Dreher an den grünen Tischen nur ein Statist. Er achtete Danneberg von jeher. In dieser Woche lernte er ihn fast verehren. Denn man hatte es verflucht schwer, als »Packler«, ja, entschieden so schwer, wie noch nie. Sie kamen zum Vizekanzler Winkler, dem Führer der nationaldemokratischen »Landbund-Partei«. Winkler hatte zur Sozialdemokratie immer vertrauliche Querverbindungen gepflegt. Er zuckte die Achseln. »Wenn Sie wüßten, meine Herren, wie ich jetzt im Ministerrat dastehe! Wissen Sie, daß ich heute schon wieder nicht beigezogen bin? Hüten Sie sich vor dem Fey, meine Herren. Das ist ein noch viel gefährlicherer Intrigant, als wir bisher dachten. Ich denke stark an Demission.« Sie kamen zum Sozialminister Resch. Die österreichischen Arbeitslosen haßten ihn fast ebenso wie Hitler. Aber Resch war ein guter Demokrat. Er hatte immer Fühlung mit der Freien Gewerkschaft behalten. Auch war er persönlich sympathisch und, bei seiner unerhört grausamen Aussteuerungspraxis, von humanen Anschauungen. Er lächelte: »Ich kann Ihnen nimmer helfen, meine Herren, hab eben demissioniert. Wenn's wüßten, was am Ballhausplatz vorgeht – na! Ich bin schon zu alt für so was.« »Also, wird die Regierung das Parlament zusammentreten lassen?« »A – na, das ganz g'wiß net!« Dies wurde drei Tage vor der einberufenen Sitzung gesagt. Täglich sandte der Ministerrat eine Reihe neuer Notverordnungen in die Welt hinaus. Zum Teil bösartige, antimarxistische, zum Teil indifferente. Sie wollten das Volk an diese Art regiert zu werden gewöhnen. Dollfuß konnte zwar dem dichten Netz von Unterhändlern nicht immer entschlüpfen, aber festhalten, greifbar auf etwas festlegen ließ er sich nicht. Man wußte noch immer nicht genau, wo er hinauswollte. Und das war drei Tage, nein, man zählte schon die Stunden – also etliche siebenzig Stunden – vor dem 15. März. Weil man sich im Parteihaus neuerdings sehr für Leben und Psyche zu interessieren begann, erfuhr Dreher, daß dieser immer noch jenem Friseurladen treu geblieben war, wo er sich schon als kleiner Sekretär der Landwirtschaftskammer hatte rasieren lassen. Dreher war früher in jener Stadtgegend zu Hause und beim selben Friseur Stammkunde gewesen. Am Morgen des 13. März betrat er den bescheidenen Barbiersalon und ließ sich den Bart einseifen. Wenige Minuten später nahm der »Louis Bonaparte« der österreichischen Bourgeoisie neben ihm Platz. Aber sogar Napoleon I. war größer gewachsen, beeilte sich Dreher zu denken. Er gönnte seinen gepeinigten Nerven eine Minute Ruhe und labte sich an der körperlichen Kleinheit des Kanzlers. Nach allem, was geschehen war, seit Dreher ihn im Parlament gesehen hatte, erschien er noch winziger: wirklich, nahezu ein Zwerg. Dreher betrachtete ihn mit einer gewissen Neugierde: dieselbe unverhältnismäßig vorgewölbte Stirn, dieselben Pausbäckchen, kurz, der bekannte Embryokopf. Auch die krähende Stimme des unbeholfenen Redners war wohl nicht schöner geworden. Warum sollte der Mann sich schließlich auch in der einen Woche geändert haben? Auch innerlich mußte er derselbe geblieben sein. Welcher Teufel war also in diesen Knirps gefahren? Der Friseur bügelte Dollfuß unter Aufwand von Pomade den Scheitel glatt. Ja, das war jetzt seine neue Frisur. Früher hatte er die Haare ziemlich wirr vertikal aufwärts wachsen lassen, um größer zu erscheinen. Der Fürst Starhemberg hatte ihn wahrscheinlich aufmerksam gemacht, daß das keine Diktatoren-Frisur ist. Lächerlich, dachte Dreher wieder einmal. Dann begann er das Gespräch: »Meine Verehrung, Herr Bundeskanzler.« »Grüß Gott«, antwortete Dollfuß zerstreut und blickte kurz von seiner Zeitung auf. Dreher mobilisierte die letzten Bestände seiner Jovialität: »Mir scheint, Exzellenz, wir sind gemeinsame Stammgäst' bei dem Herrn Haarkünstler da? Wir kennen uns doch, vom Parlament her«, fügte er hinzu, als Dollfuß nochmals aufsah. »Freilich. Herr Toni, geb'ns mir bitte die ›Reichspost‹, wenn's schon frei ist.« »Wissen Sie, Exzellenz, neulich bei der Unterredung ...« »Bitte, scharf einspritzen, Herr Toni.« Unterm Seifenschaum errötete Dreher, daß es ihn brannte. Er erinnerte sich, daß er knapp vor der Parlamentskrise im Couloir laut behauptet hatte, dieser Mann sei der größte Stümper, der je die parlamentarische Maschinerie gehandhabt hatte; mit seiner Mehrheit von einer Stimme lebe er von der Gnade der sozialdemokratischen Fraktion. Er gehöre aber nicht auf eine Ministerbank, sondern bestenfalls in eine Viehkommission. Das war die pure Wahrheit, aber jetzt sehr ungelegen. In Deutschland, fiel es Dreher plötzlich ein, sollen sie gestern den Abgeordneten Sollmann zu Tode gefoltert haben. In einem Kohlenkeller. Aber der Gedanke huschte schnell vorbei – Dreher war nicht feig. Zorn übermannte ihn so stark, daß der Friseur betroffen sein Rasiermesser absetzte. »Oh, dieser Hundling«, dachte Dreher, »dieser Krüppel! Wie gut der's gelernt hat, ehrliche Leute abzuwimmeln! Der Bauernlackel, der gescherte! Der Jesuitenzögling! Daß sich unsereins mit so was hinstellen muß! Verfluchte Hetz! Verfluchte Hetz noch einmal!« Er saß wie auf Kohlen. Fertig rasiert, verließ er das Lokal, ohne den korrekten Gruß Dollfuß' zu erwidern. Und er raste zu Streeruwitz, einem Kanzler a. D. und Vertrauensmann der Bankleute, der durch die Creditanstalt mit dem französischen Kapital verbunden war und daher Demokrat. Der erklärte, er wäre von allem, was geschah, ausgeschaltet. Dann mit Danneberg zum Bundespräsidenten. Dieser Linzer Gymnasialprofessor gab einige zu nichts verpflichtende Erklärungen ab, salbungsvoll, als entließe er Maturanten ins rauhe Leben. Er sah auffallend schlecht aus. Gestern noch hatte er präziser gesprochen ... Dann traf man Renner, der berichtete, er und Straffner hätten zum erstenmal eine ausführliche Unterredung mit Buresch erlangt. Das Ergebnis: null. Der erste und der dritte Präsident hatten ihren Standpunkt klargemacht: Die Sitzung sei am 4. März ordnungsgemäß geschlossen worden, also tage das Parlament nicht mehr, daher sei die für den 15. einberufene Sitzung juridisch gerechtfertigt. (Der Rücktritt Straffners am 4. März aber wäre nicht gültig gewesen, so daß er als Einberufer einwandfrei sei.) Buresch hingegen, der zweite Präsident, wiederholte lediglich den Standpunkt der Regierung. Die Sitzung sei nicht geschlossen worden, daher tage das Parlament theoretisch noch, daher dürfe es zu keiner neuen Sitzung einberufen werden, daher – de facto – nicht tagen. Straffners Rücktritt aber sei gültig, daher er als Einberufer ungültig. Nur der Herr Bundespräsident dürfe das Parlament einberufen. (Weswegen der Arme ja so auffallend schlecht aussah.) Kurz, die Sachlage war um nichts weniger lächerlich geworden, und sie wurde mit jeder Stunde, mit jeder solch ergebnislosen Unterhandlung drohender. »Der Buresch«, sagte Renner, »ist vielleicht einer von den tückischsten!« Als ob man den Mann nicht seit 20 Jahren kannte! Als ob er je tückischer gewesen wäre als sonst ein Christlichsozialer ... Und dann ging die Fahrt zum nächsten Vorzimmer und zum übernächsten mit Danneberg, ohne Danneberg, mit Renner, ohne Renner, mit den Niederösterreichern oder ganz auf eigene Faust, endlos, ermüdend, tödlich entmutigend, zum Heil und zur Rettung der österreichischen Republik. Ja, Dreher rechnete die Frist schon nach Stunden. Er dachte nicht: »übermorgen«, sondern »überübermorgen um drei Uhr nachmittags«. Denn selbst am letzten Vormittag konnte noch, mußte doch etwas dazwischen treten. Dabei laborierte er ununterbrochen an seinen körperlichen Beschwerden. Gegen das Magenbrennen half jenes weiße Brausepulver nur auf beschränkte Zeit. Er nahm es weit öfter ein als vorgeschrieben. Er schleppte die Schachtel und einen Löffel zu allen Verhandlungen mit, bat immer wieder beim Bundespräsidenten oder beim Vizekanzler um ein Glas Wasser dazu, um immer wieder auf besorgte Fragen zu erklären: »Ich bin nämlich magenleidend.« Zuerst brachte er die ungewohnte Auskunft nur mit Ärger und Scham über die Lippen. Dann begann es ihm irgendeinen seltsamen Genuß zu bereiten, eine Rachebefriedigung. Wirkliches Leiden empfand er nur, wenn der Hexensabbat ihm eine Minute Atempause gewährte. Dann »horchte« er gespannt in sich hinein. Ja, es brannte da drinnen. Und schon wieder griff es um sich. War da nicht seit letzthin ein anderer Schmerz dabei? (Denn er begann schon die feinsten Nuancen des Schmerzes zu unterscheiden.) Ob das alles wirklich nur von Magensäure kam? In solchen Minuten konnte er, so sonderbar es ihm später schien, vollständig das fiebernde Land ringsum vergessen, die aufgewühlten Massen, zu denen er doch eben erst gesprochen hatte, die dritte Nachmittagsstunde des 15. März, die ganze Welt. Oder er dachte an all dies, und dann überfiel ihn wölfisch grausamer Egoismus. »Alles auf einmal«, empörte er sich. »25 Jahre Aufopferung – und wenn ich die Früchte ernten will, kommt das alles auf einmal über mich! Wie eine Verschwörung gegen mich ist das!« Daß dieser, sein Magen immer noch ein Politikum blieb, war unerträglich. Er las in der »Roten Fahne«: »Während vor 20 000 gemaßregelten Eisenbahnern und ihren Kollegen sich drohend das Hungergespenst des zweiten Bundesbahn-Sanierungsgesetzes erhebt, während 600 000 Arbeitslose bang dem 15. März entgegenblickten, dem Tag der neuen Welle von Massenaussteuerungen, während alle österreichischen Werktätigen fieberhaft diesem selben Tag entgegensehen, an denen die letzten kläglichen Reste ihrer politischen Freiheit ihnen geraubt werden sollen, trägt der Bonze Dreher seinen wohlgenährten Bauch von Kuhhandel zu Kuhhandel, von Packelei zu Packelei, von Verrat zu Verrat. Prolet, denk nach!« Er lachte nicht, wie sonst über derlei. Er zerknüllte die Zeitung, warf sie zu Boden, zertrat sie. Am 12. März fand auf dem Zentralfriedhof ein Massenaufmarsch statt zur Ehrung der Märzgefallenen vom Jahre 1848. Da politische Kundgebungen ja verboten waren, bedeutete diese, polizeilich als unpolitisch angemeldete, eine letzte Heerschau vor dem Schicksal. Die Massen liebten Otto Bauers harten, skandierenden Akzent. Er sprach auch diesmal hinreißend. Er rief ihnen zu: »Noch sind nicht alle Märzen vorbei.« Neunzehnhundertdreißig – und drei! Dann zogen sie am mit roten Nelken geschmückten Ehrengrabe vorbei. Dreher stand neben Otto Bauer. Sie nahmen das ekstatische »Freiheit« der Arbeiterjugend entgegen; die stummen Schwüre der Schutzbundkompanie; die selbstbewußte Ruhe der Betriebsbelegschaften. Dreher sah in diesem wortkargen Aufmarsch Frauen und Männer weinen. Rühren stieg ihm in kleinen Schlucken die Kehle herauf. Da hörte er neben sich Otto Bauer etwas murmeln. »Wenige –«, sagte Bauer leise, »möcht' wissen, warum's so wenige sind.« Dreher wandte sich scharf zum anderen. Aber Bauers Gesicht war seinen Leitartikeln gemäß: »Ernst und zuversichtlich.« Er grüßte die Menge mit erhobener Faust. – Am nächsten Tag sackte die Stimmung im Parteihaus ab. Es wurde offensichtlich, daß Dollfuß nicht umfiel. Der Zwerg erklärte in einer Radiorede, seine Ziele wären: »Erweiterung der Rechte des Bundespräsidenten, Einführung eines Ständerates, Geschäftsordnungsreform im Parlament und Schutz der Ruhe und Ordnung.« Er hatte in einer endlich gewährten Unterredung den Unterhändlern ungefähr dasselbe mitgeteilt. Diese hatten erwidert, man könne darüber mit sich wohl reden lassen. Daraufhin hatte Dollfuß für Ende des Monats eingehende Verhandlungen in Aussicht gestellt. Aber das Parlament könne er am 15. keinesfalls zusammentreten lassen; er sei nach wie vor entschlossen, diese Sitzung zu verhindern. Gewaltsam? Unter Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung. »Die Herren müssen doch begreifen«, rief Bauer zornig aus, »daß wir die Kampfentschlossenheit von Hunderttausenden auf diese Sitzung gerichtet haben!« Die Herren begriffen nicht. Unter den niederhagelnden Notverordnungen erschien eine, die sich mit der Regelung des Brennstoffverkaufs befaßte; eine unwichtige Frage – aber wichtig war, daß sie von Rechts wegen zur Kompetenz des parlamentarischen Hauptausschusses gehört hätte. Wollten sie also auch den Hauptausschuß ausschalten? Vereinsversammlungen für geladene Mitglieder, sogenannte §2-Versammlungen mußten, einer anderen Verordnung zufolge, nunmehr 8 Tage vorher angemeldet werden. »Seht ihr's«, krächzte unheildrohend der Fraktions-Leutner. »Da habt ihr's!« sekundierten ihn die Niederösterreicher. Aber der Ton des Parteivorstandes blieb weiter auf volle Schärfe eingestellt. »Dollfuß droht!« rief die »Arbeiter-Zeitung«. »Unter Drohungen verhandeln wir nicht!« Am 14. war die Lage unverändert. Die Regierung stahl der Gemeinde Wien mittels Notverordnung 4 Millionen Schilling. Ein Gerücht, »Miklas greift ein«, sprang auf und verflog. Dreher stieß im Vorraum des Wiener Sekretariats mit jemandem zusammen (mit wem, das vergaß er schon im nächsten Augenblick, so verwirrt war er schon von dem fieberhaften Trubel). »Wissen Sie«, fuhr dieser Jemand auf ihn los, »daß der Schutzbund keine Waffen hat?« »Blödsinn!« schrie Dreher. »Nein, nein, es ist schon möglich! In der ganzen Partei wird davon gemunkelt. Wissen Sie schon, daß der Körner gesagt haben soll, er lehnt jede Verantwortung für den Schutzbund ab?« »Dann werden wir ihn eben von der Schutzbundleitung absetzen, wenn das wahr ist, zum Kuckuck noch einmal!« »Sehr gut! Wen wollen Sie jetzt absetzen, Genosse? 24 Stunden vor der Sitzung?« »Hängen Sie sich auf«, schloß Dreher kurzerhand und raste die Treppen hinunter. Man erwartete ihn in der Konferenz der Wiener Betriebsräte. Als er auf die Tribüne trat, begrüßte ihn demonstrativer Applaus. »Ja, die haben mich gern«, dachte er, und das half ihm. Er schleuderte ihnen zu: »Österreich ist nicht Deutschland!« Der Saal brüllte auf. Aber in der Rede fühlte er diesmal an mehreren Stellen, daß seine Leidenschaft von innen her aussetzen wollte. Er füllte diese leeren Stellen mühelos mit Routine aus. Der Schluß der Rede ging in Ovationen unter. Die halbe Nacht, bis nach 2 Uhr früh, verbrachte Dreher im Parteihaus. Der Schutzbund war im ganzen Land in Alarmbereitschaft gesetzt worden. Eine Weisung vom Parlament aus, über den Parteiapparat allen Sektionen übermittelt, sollte das Zeichen für die Massen sein, die Straßen zu überfluten. Das Ziel: Ringstraße, Parlamentsgebäude. Alle ausschlaggebenden Betriebe standen in direkter Verbindung mit einer zentralen Stelle. Um 2 Uhr nachts erfuhr man, daß Straffner, eben eingeschlafen, durch einen Brief des Bundespräsidenten aus dem Bett geholt worden wäre. Er möge die angesetzte Tagung absagen. Dreher schluckte sein Pulver, trank einen großen Schwarzen und jagte zu neuen Verhandlungen. Morgens wurden die Parlamentsfahnen gehißt, die gewohnte Zeremonie an Sitzungstagen. Niemand hinderte das. Vor dem Gebäude begann sich ein Bummel zu bilden. Die Menschen verhielten sich ruhig und wurden von der Wache nicht belangt. Drehers Konferenzen dauerten den Morgen und den Vormittag hindurch bis 12 Uhr. Schließlich wurde die Antwort Straffners an den Bundespräsidenten aufgesetzt und abgeschickt: Die 125. Sitzung des Parlaments wird heute um 3 Uhr stattfinden. Nach einer Neuwahl des Präsidiums wird sie geschlossen werden. Straffner ist im Recht. Er kann und wird seine Funktion niemandem übergeben. Oder, noch kürzer zusammengefaßt: wir bleiben dabei. Es war nach zwölf. Dreher gönnte sich eine halbe Stunde Atempause. Er wollte heim, unter den Seinen Mittag essen. Im Auto kämpften Erregung und Schläfrigkeit einen zermürbenden, unentschiedenen Kampf in ihm. Die inneren Stadtviertel glitten hinter der Scheibe vorbei. Sie zeigten normales Straßenleben. In seinem Bezirk, dem proletarischen, änderte sich das Bild sofort. Frauen drängten sich vor den Lebensmittelgeschäften; diskutierende Gruppen standen überall herum; Schutzbündler in Uniform, zu dritt und viert waren auf dem Wege in die Bereitschaftslokale. Grüße und Scherzworte wurden ihnen nachgerufen. Der Bezirk rüstete sich. Am Mittagstisch fand Dreher nur seine Frau. Die Söhne waren ausgeblieben. Der Jüngere unentschuldigt. »Nicht nur wir haben heute Bereitschaft«, dachte Dreher in einer Woge von Gram, »auch die SA, ja, auch die SA. Mein Familienleben ist zerschlagen«, dachte er. Sein Nacken war vom verschwitzten Kragen aufgescheuert. Er zerrte sich das Zeug vom Hals. »Aber Josef«, sagte die Frau, »wie oft hab ich dich schon gebeten, du sollst bei Tisch nicht den Kragen runternehmen, das ist ordinär.« Er sah sie an: Ihr aufgedunsenes vierzigjähriges Gesicht war kraß geschminkt. Sie hatte vorigen Monat begonnen, Klavier spielen zu lernen. Ein englischer Lehrer kam 4mal wöchentlich zu ihr. Sie nahm private Stunden in rhythmischer Gymnastik. Vorigen Monat hatte er im Parteihaus hören müssen, wie irgendein Jud zu irgendeinem anderen Juden hinter Drehers Rücken sagte: »Kennen Sie die Frau vom Dreher? Und kennen Sie den ›bourgeois gentil-homme‹ von Molière? Ist das nicht eine Madame Joudain, wie sie im Büchel steht? Madame Joudain, proletaire-bourgeoise!« Dreher sah die modernen Möbel an, die er unbequem fand, er sah das Stubenmädchen an, das ihn »gnä' Herr« nannte. Er sah das Kollier seiner Frau an. Er sah ihr ins Gesicht, sie erschrak. Vor ihr saß nicht ihr Mann; nicht der, den sie dressiert hatte, zu Hause den Kragen aufzubehalten und ihr in Gesellschaft die Hand zu küssen. Sondern der andere, den sie geheiratet hatte, als sie eine kleine Modistin gewesen war: der Lokomotivführer Josef Dreher. – Der Lokomotivführer vergaß, sorgfältig zu kauen. Ein halbfertiger Bissen würgte sich quälend seine Speiseröhre hinunter. Er schwemmte den Bissen mit einem gewaltigen Schluck Bier hinab. Dann sagte er eiskalt: »Du Schlampen. Heut bricht der Bürgerkrieg aus.«   Der folgende Abschnitt wurde vorgreifend abgetippt, um Dir ungefähr einen Begriff von der Figur des Hans Dworak zu geben, der erst hier, am Ende des fünften Kapitels, richtiggehend in der Erzählung auftaucht und eine Hauptperson bilden wird. Zwischen diesem Abschnitt und dem vorhergehenden liegt also der Schluß des vierten und der Anfang des fünften Kapitels. Der Inhalt ist, was die politischen Vorgänge betrifft, folgender: Das Parlament wird von der Regierung auseinandergejagt, und gegen alte Erwartung rührt sich die SP nicht. Dann bricht ein spontaner Streik der Drucker aus, der den Anstoß zu einem Generalstreik bilden könnte. Der Streik wird abgewürgt. Schließlich wird der Schutzbund aufgelöst. Die Partei nimmt auch diese Niederlage hin. Die Schutzbundauflösung geschieht am 31. März. Das Folgende spielt in der Nacht des 31. März. 3 Fast mondlos und ohne Sterne hing diese Nacht über dem Wienerwald; tief im Dreck und ihrem schwarzgrauen Himmel bis zu ihrer klebrigen Erde herab. Der Wind wehte bissig, unberechenbar. Sprang er an, so spie er seinen eiskalten Speichel in die Gesichter. Zwischen hageren, nackten, unruhigen Waldbäumen konnten die Schutzbündler bis auf die Straße sehen. Dort hoben sich unklar die Umrisse des wartenden Lastautos ab. »Noch tiefer!« befahl Kaliwoda und stieß ruckweise seinen Spaten in den Grund. Mit ihm waren vier: Panetti, Franz Seidel, Erich Weigel, Hans Dworak. Sie begruben die Waffen der Kompanie »Friedrich Engels«. Fritz saß als Aufpasser drüben im Auto. Es war voll leerer Milchkannen. Unter den Kannen hatte man den Transport, die Gewehrkisten, versteckt gehalten. Sie standen bis zu den Knöcheln in Kot und faulen Blättern und gruben nun fast schon eine halbe Stunde. Der Boden war hier steinig. Sooft Kaliwoda der Schaufel mit dem Fuß nachhalf, hörte man den nassen Schmutz in seinen Halbschuhen quatschen. Sohlen und Oberleder klafften von Löchern. Erst wenn er in Zivil ging (das heißt, wenn er seine alte Straßenbahnerbluse mit der Ärmelstickerei nicht anhatte), sah man plötzlich, daß er zum Verrecken arm war. Panetti blickte von Zeit zu Zeit auf Kaliwodas durchweichte Windjacke und ärgerte sich krank. Warum hatte er, Panetti, nicht seinen Pullover mitgenommen? Er hätte plötzlich erklären können, ihm sei unerträglich heiß, der Kali solle ihm doch um Gottes willen das Zeug abnehmen. Aber den Rock konnte er ihm jetzt nicht anbieten und den Überzieher auch nicht. Denn Panetti hatte seinen pikfeinen (und einzigen) Überzieher an, und Sakko und Knickerbocker darunter waren die prachtvolle, mädchenbetörende Kleidung für Frühlings-, Sommer- und Herbstsonntage, wohlgemerkt für die Sonntage nur. Jetzt hatte er sich aus purer Wut so herausgeputzt. Abends hatte Kaliwoda ihm verboten, in der Uniform hinauszufahren. Erstens dürfe man überhaupt keine tragen, und zweitens wäre eine Uniform in dieser Nacht bei einer so gefährlichen Aktion der helle Wahnsinn. Und da hatte Panetti denn aus Protest seine Sonntagskleider angelegt, die hellgetönten, empfindlichen, noch nicht ganz abgezahlten. Denn das war ebenso kühn und sah auf einem Milchwagen höchst auffallend aus. So pflegten einst adelige Kadettenregimenter mit Glacéhandschuhen in die Schlacht zu ziehen. Mit dem Unterschied, daß Kadetten Reservehandschuhe besitzen. Auch dieses Unterschiedes wegen ärgerte sich jetzt der kotige Panetti. Zum Trost diente ihm, daß sein Mannlicher hier nicht mitvergraben wurde. Das Gewehr lag daheim unter der Matratze. Er schlief darauf, und wie prachtvoll war es doch eingefettet! Die Spannung der ersten Minuten hatte bei der langweiligen Arbeit nachgelassen. Man unterhielt sich halblaut. Das Gespräch war auf die Provenienz dieser Waffen gekommen. Man erinnerte sich an eine Mainacht vorigen Jahres. Bis dahin waren die Kisten samt Inhalt Besitz der Heimwehr gewesen. Aber da hatte der Bezirkskommandant des Schutzbundes dem Kaliwoda mitgeteilt: »Da und da liegen Hahnenschwänzler-Gewehre; wenn ihr sie haben wollt, holt sie euch.« Ja, das hatte er nicht zweimal sagen müssen, der Bezirkskommandant ... »Sind eh von unsern Steuergeldern bezahlt«, bemerkte Franz Seidel in diese Erinnerung hinein. Woraus man wieder einmal ersah: der ist nie arbeitslos gewesen. Den drei Stemplern und Erich erschien die Rechtfertigung überflüssig. Panetti lenkte ab: »No, und der Spitzel, von dem wir's haben – wann's dem draufkommen sind –, der kann sich g'freuen. Glatter Fememord, mein Lieber.« »Geh, red net so daher, so was gibt's net bei die Fünf-Schilling-Mandeln. Denen ihren Fanatismus laß ich mir stücklweis nachhau'n.« Panetti aber, der die Welt nicht liebte, wenn sie unromantisch war, beharrte gekränkt. »Weil'st net weißt! Da haben's eigene Spezialabteilungen für so was. So einen uns'rigen Spitzel stell'ns dir an die Wand wie nichts.« »Sind ja arme Teufel, im Grund genommen«, bemerkte Erich. Plötzlich mischte Hans Dworak sich ins Gespräch. Bisher hatte er mit wilder Verbissenheit gegraben. Sein merkwürdiger Tonfall fiel allen auf. »Schweine sind's, keine armen Teufeln! Wann ich heut hingeh' und tu mich an den Starhemberg verkaufen, weil ich arbeitslos bin – möcht wissen, obst mi nachher für einen armen Teufel anschaust.« Seine Stimme hatte etwas Provokantes. Panetti brummte (übrigens recht gutmütig): »No, no, du wirst's g'wiß nötig haben – Bonzensöhnchen ...« Hans hörte sofort zu graben auf; richtete sich empor. Durch die Dunkelheit sah man, daß seine Hände sich krampfhaft an den Schaufelgriff klammerten. Auch schien es, daß er sehr blaß geworden war. Schrill, gequetscht, weinerlich stammelte er: »A so is das! Ja wer sagt euch denn, daß ich – daß ich net bei der Heimwehr bin, oder – bei die Nazi? Was is, wann – wann i als Spitzel unter euch bin – und ihr – ihr wißt's es gar nicht. Wie? Was is, wann –« Hysteriker, dachte Erich. Wahrscheinlich hat bei ihm wieder mit seinem Mädel was nicht geklappt. Erich fühlte sich geradezu von diesem Hans Dworak beleidigt. Das wird ihm jeder nachfühlen, der junge Menschen in den Falken-Jahren großgezogen, in der SAJ-Zeit geführt hat und dann sehen mußte: aus dem da und aus der da wird nichts Rechtes. Seit Silvester hatte Erich von Hans nichts mehr gehört und gesehen als wir. Er wußte nur: der Bursch treibt sich irgendwo herum in billigen Tanzschulen, geht nachmittags in kleine Tschechs Billard spielen, alles ohne rechte Freude. Das kläglichste Arbeitslosendasein. Zu Silvester, in der Skihütte war er abends stumpf dagesessen. Bei den Diskussionen: kein Wort aus ihm herauszubringen; greift unterm Tisch nach seiner Paula; erzählt Kartenspielerwitze. Und so was war in Erichs Gruppe aufgewachsen. Während Erich sich dergestalt beleidigt fühlte, waren die anderen verlegen geworden. »Mir scheint, den muß man heut in Ruhe lassen«, murmelte Panetti. »Was der zusammenplauscht – möcht wissen, wozu wir das Baby überhaupt mitgenommen haben? Der Bub hat ja –« »Ruhe!« keuchte plötzlich Kaliwoda. Das war so hervorgebracht, daß alle sofort zur Landstraße blickten. Dort kamen zwei Fahrradlichter aufs Auto zugeflitzt: hielten. Die Fahrer stiegen ab, wurden im Lichtschein erkennbar: Gendarmen. Sie lehnten die Räder an den Wagen, nahmen die Gewehre von den Schultern. Fritz sprang vom Führerplatz. Ein Gendarm schaltete die Scheinwerfer des Autos ein, der andere suchte Fritz ab. Fritz redete gestikulierend, legitimierte sich. Ein Gendarm stieg in den Wagen, begann die Milchkannen zu durchstöbern. Warf eine nach der anderen auf die Straße. Fritz stand Hände hoch. Pfui Teufel, dachte Erich. Er versuchte mit aller Kraft, ein Jucken im Schlund zu unterdrücken: Hustenreiz. Der Reiz wurde stärker. Erich blähte sich auf, bog den Oberkörper vor, preßte die Hand vor den Mund, versuchte, »in sich hinein« zu husten, schüttelte sich stumm wie im Krampf. Die anderen hatten gemerkt, was mit ihm los war. Sie standen erstarrt, preßten die Fäuste vor Hilflosigkeit zusammen, ihre Gesichtszüge zuckten. Da lachte Hans Dworak laut auf. Sie standen noch eine Sekunde ganz still vor Staunen, nur Erich hustete selbstverständlich los, weil ja ohnehin alles verloren war. Dann packte Panetti den Burschen beim Kragen und holte mit der Faust aus. Hans lachte noch immer, ohne sich zu wehren, dem großen Mann ins Gesicht. Das verwirrte Panetti derart, daß er wieder losließ. Hans lachte. Panetti verlor vollständig den Kopf und warf sich herum, da er Schritte im Laub hörte und jeden Moment das »Hände hoch« der Gendarmen erwartete. Was er aber sah, war: die Schutzbündler rannten durch den Wald auf die Straße zu, Fritz winkte ihnen grinsend, schneller zu kommen, die Gendarmen zackelten auf ihren Rädern langsam davon. Panetti, fassungslos, war mit zehn Schritten beim Auto. Fritzl, hüpfend vor Freude, hielt ihm eine Legitimation entgegen. Was für eine? »Eine Heimwehrlegitimation. G'stohlen, ja, g'stohlen hab ich's – erst vorgestern! Im letzten Moment denk ich drauf – Milchlieferung, sag ich, ist das keine, Kamerad – ja, Kamerad hab ich zu dem Gendarmen gesagt – also Milch net, aber wir haben da a paar Kisteln zum Vergraben – eh schon wissen – Bataillonsbefehl – Er – naturgemäß – salutiert höflich, und dann verschwinden's wie a Wolken...« Ja, das war ein Glück. Aber ein größeres Glück, ein »Mordsglück«, wie wir später sagten, war es, daß Erich Weigel den Hans Dworak seit 8 Jahren kannte, daß er ihn nach dem Gelächter schon insgeheim zu verstehen begonnen hatte, so daß er die Befürchtung hegen mochte: Der Bub wird heut noch etwas anstellen – oder daß er einfach noch beleidigt war – kurz (und darauf kam es an), daß er sich in diesem Moment nach Hans umdrehte. Und auch, daß er die Geistesgegenwart nicht verlor, als er Hans mit einer Pistole auf die Gendarmen zielen sah, ist ein Zufall gewesen. – Vielleicht hätte Hans nicht sogleich losgedrückt, und wahrscheinlich hätte er nicht getroffen, denn seine Hand zitterte entsetzlich – aber es war gut, daß Erich weder daran noch an sonst etwas dachte, sondern sich auf Hans warf. Sie fielen zu Boden und rangen. Die anderen begriffen nicht, was vorging. Den Revolver, den Erich Hans zu entwinden versuchte, sahen sie nicht. Der einzige von den vieren, der in dieser Sekunde etwas tat, was sich beschreiben läßt, war Fritz. Er ließ den Automotor losdröhnen. Aus Instinkt: wo eine Rauferei im Gange ist, muß irgendein unschuldiger Lärm gemacht werden, damit die Polizei nicht aufmerksam wird. Die zwei auf dem Boden keuchten. Hans' Körper war schmächtig. Aber während Erich auf ihm lag und sein rechtes Handgelenk umzudrehen versuchte, bog er den Arm mit Erichs Umklammerung daran ruckweise aufwärts. Vielleicht gelang das darum so leicht, weil der andere seine Absicht nicht kannte. Hans' Gesicht war zum Erschrecken verzerrt. Nun keuchte er nicht mehr, sondern schluchzte mit krampfhaften Zuckungen des ganzen Leibes. Erst, als die Pistole nahezu in der Höhe von Hans' Schläfe war (und das war sie nach wenigen Sekunden seit dem Losbruch dieses Ereignisses), hörten die Umstehenden Erich aufbrüllen. »Er will sich umbringen!« Sie stürzten los. Aber die zwei Jungen lagen einige Meter von der Straße abseits im Wald. So fügte es sich, daß in dem Zeitteilchen, das die Laufenden brauchten, um diese Entfernung zurückzulegen, niemand da war, der Erich helfen konnte. Das war aber das entscheidende Zeitteilchen. Erich sah die in Qual verzerrte Fratze, die vor 1000 Jahren das Gesicht eines jungen Menschen gewesen war. Er sah die Lippen heftig zittern, und etwas wie ein stoßweises Jammern kam zwischen ihnen hervor. Er sah die Augen weit aufgerissen, dem Himmel zugewendet. Er wußte, daß er jetzt im Sekundenbruchteil das Wort finden mußte, um dieses Leben zu retten. Wenn es so ein Wort überhaupt gab, dann war es das einzige, und kein anderes konnte es ersetzen. Er mußte es jetzt, augenblicklich, sagen, kein Suchen und Versuchen war denkbar. Das alles begriff er in einer einzigen Aufwallung von Todesangst, schon, während er aufbrüllte: »Er will sich umbringen!« Und eng hinter dieser ungeheuren Woge von Schreck durchbrandete ihn genau in dem Nu, der alles entscheiden mußte, eine noch größere Woge von Liebe: zum schmalen, zuckenden Körper, zur fiebergeschüttelten Seele des Kameraden. Diese Grundwoge war's, die ihm das Wort ins Bewußtsein schleuderte. Er preßte seinen engen Kopf in den engen Raum zwischen dem Revolver und der Schläfe von Hans und stammelte ihm ins Ohr: »Hänschen – Genosse – wir brauchen dich ja, wir werden losschlagen, ich schwöre dir, wir werden losschlagen!« Hans ließ langsam den Revolver sinken. Im dahinrumpelnden Auto hielt er Erichs Hand umklammert und versuchte, sich zu rechtfertigen. »Verstehst du, wie ich geseh'n hab, daß ich schon so viel Blödheiten gemacht gehabt hab' und wie ich schon vor euch dasteh, als – als was für ein Element, da war mir schon alles Wurscht, verstehst du?« Er blickte sich scheu nach den anderen um. »Jetzt werd ich wahrscheinlich aus dem Schutzbund rausfliegen – wenn der Bezirkskommandant das hört. –« Panetti drosch ihm brüllend die Schulter: »Er wird's net hör'n, du Haderlump!« »Is wahr?« murmelte Hans in Glückseligkeit. Und da klappte er auch schon zusammen und lag der Länge nach zwischen den scheppernden Blechkannen. Sie bemühten sich um ihn wie die barmherzigen Brüder. Franz Seidel schüttelte den Kopf: »Meiner Seel' – im Kindergarten bei der Käthe geht's erwachsener zu ...« »Is scho gut, Hanserl, is scho wieder gut ...«, murmelte Panetti ununterbrochen und strich ihm mit der Riesenpranke übers Haar. (Dabei begannen dem Panetti die Tränen nur so herunterzukollern.) Kaliwoda hatte nachdenklich die Brauen gerunzelt und nagte an der Unterlippe. Resumé zum 6. Kapitel Am 15. März 1933 hat die Regierung Dollfuß das Parlament am Zusammentreten verhindert. Am 29. März löst sich der Schutzbund auf. Die Arbeiterschaft ist ungeheuer erregt und will sich mit Gewalt wehren. Die sozialdemokratische Parteiführung hält den Zeitpunkt für ungeeignet. Sie hofft auf Verhandlungen, die ihr von der Regierung versprochen wurden. Sie ist der Ansicht, daß der Faschismus sich an einer zähen, gewaltlosen Defensive totlaufen wird. Darum beschränkt man sich auf eine demonstrative Geste: Seitz, der Bürgermeister des roten Wien, löst die Wiener Heimwehr auf, obwohl der Heimwehrführer Fey dagegen beim Sicherheitsminister rekurieren darf und der Sicherheitsminister eben derselbe Fey ist. Ferdinand Dworak, Obmann des Betriebsrates eines großen Wiener Bahnhofs, kommt mit einer Delegation zu Otto Bauer, dem linken Parteiführer, um im Namen des Betriebes den bewaffneten Aufstand zu fordern. Bauer macht ihnen den Standpunkt des Parteivorstandes klar. Nun wird Dworak die schwere Aufgabe haben, diesen Standpunkt vor den aufgewühlten Massen zu verteidigen. Schluß des 6. Kapitels »Grüßen Sie Ihre Kollegen von mir, Genossen. Und gestatten Sie mir, Ihnen noch eines zu sagen. Sie waren doch alle im Krieg? Können Sie sich an die Marneschlacht erinnern? An den Tag, da an der zähen Defensive der französischen Truppen die gewaltige Offensive der deutschen Armeen sich zum erstenmal brach? Nun, Genossen, wir wissen, welche Opfer dieser Tag von Ihnen erfordert. Aber vergessen Sie doch nicht, daß er zur Marneschlacht des österreichischen Faschismus werden kann. Schauen Sie, Genossen, Sie sind Vertrauensmänner, Offiziere in unserer großen Armee. Wir, im Generalstab, werden unsere Pflicht tun. Tun Sie die Ihre, jeder in seinem Grabenabschnitt. Wir verlassen uns fest auf Sie. Vergessen Sie nicht, daß für Offiziere vor allem ein Gebot gilt: Disziplin, Genossen!« Und dann, die drei standen schon in der Tür, sagte er halblaut: »Auch ich habe mich schon der Parteidisziplin unterworfen in Fällen, wo ich anderer Meinung war.« Sie stiegen stumm die Treppe hinunter. In den Köpfen kreisten ihnen die vielen klugen Worte, die sie gehört hatten. In den Herzen lagen ihnen fest verankert die letzten. Die waren ein Appell. Wer solche Worte nicht begriff, hatte nicht das Recht, sich österreichischer Vertrauensmann zu nennen. Sie aber wußten; die Zeiten sind solche, in denen man Andeutungen verstehen muß. Sie verstanden. Niemals waren sie stolzer gewesen auf die lange, harte Lehrzeit, die ihnen Ohr und Nerven geschult hatte. Sie verstanden! Und ohne einander anzusehen, waren sie überzeugt, dasselbe zu fühlen. Nein, wir fallen dir nicht in den Rücken, Genosse Bauer. Wir nicht. Du hast es schwer genug in diesem verfluchten kleinen Land, schwer genug hast du's in der Internationale. Tu, was dir klug scheint. Wer soll dir folgen, wenn nicht wir, Genosse Bauer? Sobald die Tramway in die Hauptstraße einbog und der Lärm der Demonstration in den Wagen schlug, beschloß Dworak, hier auszusteigen. »Fahrt's in den Betrieb«, sagte er zu Weyr und Andritz. Sie hörten ihn kaum, der Motorführer hatte begonnen, wie rasend die Klingel zu treten. Auch er war offenbar mit den Nerven so gut wie fertig nach der halbstündigen Fahrt durch den aufgewühlten Bezirk. Dworak stand auf, drängte sich durch die Fahrgäste, die mit aufgerissenen Augen durch die Fenster starrten. Mit Befriedigung fühlte er, wie vollständig ruhig er war. Was hier geschah, kannte er auswendig, wie er noch immer das Vaterunser kannte. Der junge Schaffner auf der Plattform hatte die Kappe auf den Hinterkopf geschoben, der Riemen seiner Tasche hing nicht vorschriftsmäßig, sondern lose um den Hals. Er ließ die Tasche achtlos pendeln, weit über den Wagenrand vorgebeugt. »So haben wir im Jahre 18 die Gewehre verkehrt gehängt«, dachte Dworak. Er schob den Mann freundlich beiseite. »Keine Angst vor der Kontrolle? Was ist mit den Schwarzfahrern?« Der Schaffner sah ihn geistesabwesend an. »Daß die im E-Werk den Strom noch immer...« Die Straße heulte plötzlich auf und verschlang seine Worte. »Niedeeer!!« Die Tramwayklingel schepperte ununterbrochen wie ein Alarmsignal. Dworak blieb einen Augenblick auf dem Trittbrett der fahrenden Bahn stehen und versuchte die Zahl der Köpfe zu schätzen. Dreitausend – fünftausend – aber die Bogenlampen schwankten im starken Wind, Licht und Schatten wechselten zu heftig über der Masse, es war schwer zu schätzen. Dworak sah nur, daß sie bis hart an die Häusermauern marschierten, daß weder nach vorne noch nach hinten zu ein Ende des Zuges abzusehen war. Er spähte nach den dunkelgrauen Uniformen. Es waren wenige da, zersprengt und eingekeilt. »Die beste Polizei der Welt«, sagte Dworak laut und höhnisch. Dann erblickte er, was er suchte, und sprang ab. Er war sofort eingezwängt. Die anderen Leiber drängten ihn langsam, aber gewaltig nach rechts, die Straße abwärts, in die Richtung Gürtel. Die Stimmen, die die Losungen riefen, klangen schon heiser und japsend. In die Rufe mengten sich schon die grellen Pfiffe der jungen Burschen. Dworak kannte die wilde Demonstration, hatte sie genau studiert, liebevoll wie die Ärzte die Epidemien. Er blieb kühl. Er begann sich zur Polizeicharge vorzudrängen, und ohne das Haustor, in dem der Offizier stand, aus den Augen zu verlieren, suchte er mit kurzen Seitenblicken nach bekannten Gesichtern. Gattinger schritt vorüber. Er schrie in einem Atem sehr eilig und sich verhaspelnd: »Hoch der Schutzbund! Nieder mit der Faschistenregierung!« Der elegante, steife Kragen des Herrenmodenkommis war weit aufgerissen. Gerade als ein Chor seinem Ruf antwortete, strich er an Dworak vorüber, wie ein Nachtwandler, die Augen verzückt nach vorne, ohne ihn zu sehen. Die Andraschek winkte. Ihr fettes Fleisch glühte hochrot im Gesicht und im Brustausschnitt. »Kommens mit, Genosse Dworak! Zum Parlament her ich! Diese Kanaillen!« Kerner, in der dienstlichen schwarzen Wachstuchjacke tauchte neben ihm auf. »Was gibt's Neues? Du kommst doch vom Parteihaus? Es schaut aus –« »Niedeeeeer!!« Kerner wurde blaß, seine Unterlippe zitterte, er packte Dworak beim Rockaufschlag. »Dworak, du, was meinst, nicht wahr, es zahlt sich aus, heut zahlt sich's doch aus – die Pension zu riskieren?« Dann mußte Kerner loslassen. Er war ein schwächlicher Mensch, und der Strom, den Dworak durchquerte, schob ihn weiter. Von der Tramway aus hatte es Dworak geschienen, als wäre der Polizeimacher dort der Stadthauptmann Kusnitzki. Aber als er sich zum Haustor durchgedrängt hatte, sah er, daß es ein anderer war, ein weniger hohes Vieh, das er nicht kannte. Der schlanke Mann, in eine enge Geckenuniform gezwängt, hatte einen erstaunlich kleinen, wie brüchigen Schädel, eine richtige Aristokratenvisage. Er war käseweiß, stand im Eck' des Haustores, zerknitterte seine Glacehandschuhe zwischen den Fingern und glotzte die Straße aufwärts. Drei Polizisten umringten ihn, klemmten die Knüttel krampfhaft in die Fäuste, sahen ihm ins Gesicht, warteten. »Sie, passen Sie auf, ich werde jetzt eine kurze Rede halten!« Der Offizier zuckte zusammen und wendete sich zu Dworak: »Eh – was wollen Sie?« An der Brustseite seiner Uniform zog sich von oben bis unten eine schleimige Spur: Spucke. Wenn der nicht bald hinterm Haustor verschwand... »Ich halte eine Rede, verstehen Sie?« »Öffentliche Versammlungen sind gesetzlich –« Dworak spürte Ärger. »Ja, sind Sie blind? Sehen Sie nicht, was los ist?« »Ich mache Sie aufmerksam, daß in einigen Minuten das Überfallkommando –« Wie Dworak sie kannte, diese krampfhaft arrogante Grimasse, die ihm jetzt entgegen starrte! Wie oft er sie gesehen hatte, diese leichenblassen, hochmütigen Offiziersgefrieser, 1918 auf den Provinzbahnhöfen, in den drohenden Wirbeln der rückflutenden Soldatentrupps. Wie er ihn jetzt wiederfand, unverändert nach 15 Jahren, den provozierenden Herrenmut! Oh, das war etwas, was Dworak nicht vertrug, ganz und gar nicht vertrug. Er war ein ruhiger Mensch, ein besonnener Mensch. Aber das war immer wie eine Krankheit bei ihm gewesen, hatte ihn immer innerlich wie umgekrempelt, eine Art Jähzorn, aber eiskalt. Er biß die Zähne zusammen. Keine Dummheiten, Dworak, keine Dummheiten jetzt. Auf der Straße gab es keine Rufer mehr und keine Chöre, die einstimmten, sondern ein einziges Geheul ohne Pause und Ende. Keine Bekannten und Unbekannten mehr. Schwankende Gesichter, die sich öffneten und schlossen und dabei stumm schienen im ungeheuren Getöse. Köpfe, die vorüberstrichen, Fäuste, die sich schüttelten. »In Berlin«, dachte Dworak kühl, »in Berlin hätten sie die Gefrieser längst zu Haschee gemacht.« »Sie sind verhaftet«, sagte der Offizier. »Was?« Einer der Wachleute packte ihn beim Arm. »Ja, bin ich bei dir ein Verbrecher? Bin ich ein Verbrecher, du Dreckskerl?!« »Maul halten, sonst – ! Kommen Sie mit!« Ein zweiter griff zu, drehte ihm den Arm um. Rote Kreise begannen vor Dworaks Augen zu tanzen. Dworak sah alles rot. Er schüttelte die zwei ab, sie griffen wieder zu, einer beim Hemdkragen, daß es ihm den Atem verschlug. Er öffnete den Mund, schnappte mit aller Kraft nach Luft, wollte losbrüllen. Dann geschah alles geschwinder, als er denken, gerade so schnell, als er handeln konnte. Ein Kopf schob sich johlend vor. Eine Faust schlug mitten in die Aristokratenvisage. Lächerlich schnell sprudelte der ein Blutbad aus der Nase, der eine ließ Dworak los, Dworak bekam einen Knüppelschlag auf den Hinterkopf, die Narbe vom Kopfschuß begann rasend zu schmerzen, der zweite taumelte gegen das Tor, riß ihn am Kragen mit, er spürte, daß er erstickte, dann, daß er frei war, sah Gummiknüttel durch die Luft sausen, dann eine Zaunlatte, ein Ziegel krachte neben ihm ans Tor, ein weicher Gegenstand flog ihm an die Brust, er fing ihn auf, klebrig, er hob ihn ans Licht, eine Polizistenkappe. Zwei Worte jagten ihm durch den Schädel: Fünfzehnter Juli! Er griff mit beiden Armen nach rechts, packte den Offizier um den Leib, klinkte mit dem Ellbogen das Tor auf, zog den Mann in den Flur, stemmte sich mit aller Kraft gegen die Klinke. Aber der Sturm auf die Tür, den er erwartete, blieb aus. Da erst kam Dworak wieder zum Denken. Er maß den Offizier von Kopf bis Fuß. Der stand fast »Habtacht« im Licht der Hausflurlampe. Über sein Gesicht, das jetzt aschgrau war, zog sich quer ein roter Striemen. Er sah Dworak mit einem Fischblick an, zog die Mundwinkel abwärts und begann, ohne die Augen zu senken, langsam seine Glacehandschuhe auszuziehen. »Prügeln nützt nichts«, dachte Dworak, »man muß sie totschlagen.« Aber die Krankheit war fort. Er sagte: »Sie haben mehr Glück als Verstand gehabt.« Der Offizier ging einen Schritt auf ihn zu. »Sie sind verhaftet. Folgen Sie mir.« »Lassen Sie die Witze«, knurrte Dworak angeekelt. Er blickte dem Narren über die Schulter, um nicht das Gesicht sehen zu müssen. »Hören Sie zu. Ich werde jetzt 'rausgehn und eine Rede halten. Daß Sie mich ja nicht stören, jetzt können Sie eh nicht, aber auch nicht dann, wenn ihre Verstärkung auftaucht. Die Situation –« »Halten Sie den Mund und folgen Sie mir aufs Kommissariat.« Das Haustor krachte von einem Tritt oder Steinwurf. Das Gejohle der Straße echote im Hausflur. »Sie, Herr Kommissär, oder was Sie sind, versuchen Sie einmal im Leben nachzudenken, Himmelherrgott. Wir haben schon ein paar Minuten verloren. Ihre Verstärkung ist noch nicht da. Sie hat auf dem Weg zu tun gekriegt. Aber wenn sie da ist – sie müssen doch Demonstration und Demonstration unterscheiden, Herr, das ist doch Ihr Beruf –, fließt Blut. Tot, verstehn Sie, Tote!« Und weil der Unterschabsel noch immer nicht kapierte, was er wollte, noch immer da stand wie eine Panoptikumpuppe und weil Dworak daran dachte, wie der Kerl jetzt zusammenknicken würde, wenn der Stadthauptmann Kusnitzki einträte und Dworak grüßte, wie er ihn immer grüßte, und weil Dworak eine Art verächtliches Mitleid bekam, sagte er langsam und eindringlich: »Ja, verstehn Sie denn nicht? Ich will die Leute doch beruhigen. Werden Sie denn sonst fertig mit ihnen? Ich helfe euch doch.« Das Gesicht des Offiziers veränderte sich mit einem Schlag, leuchtete auf. »Sehr gut, sehr gut. Kamerad, ich –« »Wer ist dein Kamerad?!« Dworak stieß ihn weg, stürzte zum Tor, auf die Straße. Die Straße tobte. Mit dem Ärmel um den Mast der Bogenlampe geschlungen, hing zerfetzt eine grüne Uniformjacke. Kamerad – Kamerad. Die Masse bewegte sich nicht mehr vorwärts, war in besinnungslose johlende Trupps verteilt. Eine Frau drängte sich neben Dworak vor. Schrie auf: »Haut's es tot!« Dworak stemmte sich vorwärts, begann sich mit dem Ellbogen durchzuschlagen, auf das riesige Lastauto am anderen Trottoir zu, Kamerad – Kamerad – ein Mann rollte ihm vor die Füße, schaute mit Augen auf, die voll Todesangst waren, raste geduckt davon, er war ohne Rock, das Hemd zerfetzt, aber die Hosen verrieten noch immer, wer er war, ein Bursch holte weit aus, schlug ihm stumm ins Gesicht. Kamerad – Wer ist bei dir ein Kamerad, Dreckskerl?! Der Chauffeur des Lastautos erriet sofort, daß Dworak sprechen wollte, half ihm hinauf. Auf den breiten Schultern des Chauffeurs kniend, griff er nach dem Rand des hohen Autodaches, sah noch, wie der unten den Kopf hob und ihn anlachte: »Heut muß's noch krachen, gelt? Mach's gut.« Dann stand er oben. »Genossen!« Er hatte oft zu Massen gesprochen, aber zu solchen Massen schon lang nicht. »Genossen!« Vor fünfzehn Jahren war er ihnen so gegenüber gestanden, auf den Provinzbahnhöfen, den Burschen mit den roten Nelken auf den lausigen Militärkappen, und manche hatten sogar Sowjetsterne gehabt, den Burschen mit den verkehrt gehängten Gewehren. »Genossen!« Einige Hundert drängten sich schon um das Auto, blickten mit verdrehten Hälsen auf ihn. Hunderte Blicke– – – Dworak merkte plötzlich, daß ihm schwindelte. Die Kopfnarbe begann stark zu schmerzen. Ruhe – dachte er und schwankte. Ihm wurde schwarz vor den Augen – ich muß – Offizier – Marneschlacht – Manöver (weiß der Teufel, woher ihm das Wort plötzlich hergeweht kam) – Manöver – aber das dauerte nur Sekunden, dann hatte er sich wieder in der Hand. »Genossen! Die faschistische Regierung hat den Schutzbund aufgelöst!« Er wußte, daß sie losschreien müßten. Sie schrien los, lange und gellend. Er wußte, daß es dann ein paar Augenblicke lang stiller werden würde als früher. Es wurde still. »Als Antwort darauf –« Jetzt waren schon gut tausend um's Auto, nur in einer Nebengasse schlugen sie noch zu – »Hat unser Genosse Seitz als Wiener Landeshauptmann die Wiener Heimwehr aufgelöst! Genossen –« »Hoooch!« »Genossen – die Rechtsgleichheit –« »Hoooch!« Es hatte gewirkt. Dworak spürte einen bitteren Brechreiz im Mund. Jetzt das Letzte hergeben. »Die Rechtsgleichheit ist wiederhergestellt! Die österreichische Sozialdemokratie gibt Schlag für Schlag zurück. Unsere Losung ist jetzt: hinein in die Parteiordnerschaft und –« »Hoooo -!!!!« »Und nun, Genossen, zu den Sektionslokalen! In Ruhe zu den Sektionslokalen. Alles ruhig und diszipliniert zu den Sektionslokalen!« Erst folgten einige, dann ein Dutzend, dann ganze Klumpen. Die Strömung setzte ein, setzte sich durch, zog die mit, die nicht mitwollten. Nach wenigen Minuten sah Dworak große Flecken leeren Asphalts, sah dann nur mehr einzelne unentschlossen herumstehen, sah Burschen die Hände in die Taschen versenken, Frauen ihre Kleider glatt streichen, eine wild diskutierende Gruppe (kein Wachmann weit und breit) im Wirtshaus verschwinden, vier Männer lachend davonschlendern, sah den Chauffeur des Autos ungeduldig winken: laß mich schon fahren, sah, daß er gesiegt hatte, und spürte keine Siegesfreude. Als er sich bückte, um hinunterzusteigen, hörte er von der Reiningergasse her Pfiffe. »Sie kommen säubern«, dachte er grimmig, »jetzt können sie kommen.« Sobald er auf dem Pflaster stand, begann er sofort zum Telefonautomaten zu laufen, um das Parteihaus anzurufen und jemanden anzufordern, der für die Verhafteten intervenieren sollte. Das Johlen in der Reiningergasse wurde stärker. Neben ihm rannten andere. Rennt nur, Genossen, rennt, daß ihr keine Tippeln nach Hause bringt. Wie das Vaterunser kennt man das alles. Aber plötzlich kam ein Ruf, der ihn stutzig machte: »Verboten san's, abrüsten!« Wen zum Kuckuck wollten sie abrüsten? Die Polizei? Jetzt noch? Wo sie schon davonliefen? Sie liefen nicht davon. Sie liefen zur Reiningergasse. Die Reiningergasse füllte sich mit Menschen, und die Hauptstraße war wieder lebendig. Dort unten aber, wo die Bankgasse die Reiningergasse am unteren Ende kreuzte, stand in Marschformation, hinter einem Doppelkordon von frischer Wache, eine Heimatschutzkompanie. Noch war zu sehn, wie der Polizeikommandant den Faschisten zuredete, abzuziehn. Noch war zu sehn, wie sie grinsten und über den Kordon hinweg provozierten. Dann war nichts mehr zu sehn, was dort geschah. Die Gasse war gesteckt voll mit der heulenden Masse. »Aus ist's«, dachte Dworak müde. Sie warteten noch auf den nächsten Flitzer, die Helden. Aber dann – er nahm den Hut ab und wischte sich den Nacken, wie er's sonst nach der Arbeit tat. Neben ihm stand ein magerer Mann, den er nicht kannte. »In fünf Minuten gibt's Schwerverletzte«, sagte ihm Dworak. Der Mann warf die Fäuste hoch. »Sie sind aufgelöst! Sie haben kein Recht nicht! Kein Recht! Kein –« Plötzlich schwieg er. Schaute mit einem Schlag ganz merkwürdig drein. Er hatte hagere Wangen voll grauer Stoppeln, einen dünnen Mund, Runzeln, ein alter Mann schon. Und seine Gesichtszüge hatten sich entspannt, die Augen strahlten, der zahnlose Mund war ein wenig geöffnet. Man sieht selten Menschen auf der Straße, die so sonderbar dreinschauen, so verzückt, er kam Dworak irgendwie bekannt vor, aber woher? Der Alte streckte die Arme nach vorne aus und sagte leise: »Der Schutzbund.« Dworak warf sich herum. Auf der Hauptstraße zu ihnen her kam, Laufschritt, in Viererreihen, die Kompanie »Friedrich Engels«. An der Spitze neben Kaliwoda rannte Bezirksrat Pawlik unaufhörlich fuchtelnd. Kaliwoda ignorierte ihn vollständig, lief, den Kopf starr geradeaus... Dworak besann sich nicht. Stürzte los. Dreißig Meter von der Reiningergasse stieß er auf sie. »Kompanie – halt!« Sie waren in voller Montur und hatten die Sturmriemen unterm Kinn. Trotz allem, was hier geschah, das Exerzieren saß ihnen in den Knochen. Sie blieben stehen. Sofort warf sich der Bezirksrat auf Kaliwoda. »Zurück! Sie gehören ins Bereitschaftslokal!« Der magere kleine Kommandant zeigte ihm die Zähne. » Sie haben da gar nichts zu kommandieren!« Pawliks schwammiger Kopf lief fast violett an. Er taugte nicht für solche Angelegenheiten, wann würde er das endlich verstehen? »Sehen Sie nicht, was hier vorgeht?« japste er. »Und ob!« gab Kaliwoda zurück. »Drum gehn mir's ja holen, die Krachen!« schrien sie dazwischen. »Mir wer'n die Genossen nicht abschlachten lassen!« Und drüben brandelte es schon gewaltig. »Laß mich 'ran, Pawlik, du verstehst nichts davon, du wirst mit den Leuten nicht fertig.« Aber der Dicke redete weiter seinen Unsinn. »Die Waffen! Ihr wißt ja gar nicht, wo die Waffen sind.« »So?« Kaliwoda grinste gefährlich. Die ganze Kompanie grinste. Pawlik verlor den Kopf, stampfte auf. »Nein!« Er war für sie erledigt. Kaliwoda hob die Hand: »Kompanie zurück!« brüllte Pawlik. Sie rannten schon. Da packte Dworak den kleinen Kommandanten am Brustteil der Jacke, wirbelte ihn herum. »Als Bataillonskommandant nehme ich dem Kompaniekommandanten Kaliwoda das Kommando ab!« Sie stutzten. »Verstanden?« Kaliwoda, umringt von hundert Männern, die bereit waren, für ihn in die Hölle zu marschieren, sah Dworak mit dem schüchternen Blick eines Buben an, der die Strafe fürchtete. »Dworak«, stammelte er, »wir sitzen seit gestern abend in Bereitschaft und warten.« Er schluckte ein bißchen. »Schick uns nicht zurück.« Die Kompanie schwieg und wartete. »Genossen Schutzbündler! Als Parteiordner sehen wir uns morgen wieder. Es gilt jetzt zu beweisen, daß der Schutzbund die disziplinierte, zuverlässigste Vorhut der Arbeiterklasse ist! Wenn in der Reiningergasse nicht in den nächsten Minuten Ruhe entsteht, gibt's ein Blutbad! Darum: Laufschritt zur Reiningergasse, durchdrängen, die Genossen abdrängen, auseinanderschicken!« Gehorchen sie? Sie warteten. Aber Kaliwoda hatte den Kopf gesenkt und sprach nicht zu ihnen. Das Letzte hergeben. »Wir liefern unsere Genossen nicht den Säbeln der Polizei aus! Nur die Besonnenheit des Schutzbundes kann dies. Vorwärts, Genossen! Kompanie, Laufschritt, marsch!« Sie gehorchten. Wieder war Kaliwoda an der Spitze. Dworak hielt sich dicht hinter ihm, wußte: Ein Wort von dem Kleinen genügte und die Hundert rannten an der Reiningergasse vorbei, weiter zu den Gewehren. Kaliwoda bewegte die Beine in kurzen, sehr regelmäßigen Sprüngen, als hätte er noch weit zu laufen. Aber er schwieg. »Ich übernehme keinerlei Verantwortung!« schrie der Bezirksrat. Er stand mitten auf der Straße, weit hinter ihnen schon, ein zappelnder Hampelmann. Sie waren am Eck. Kaliwoda schwenkte ein wie ein Automat. Sie warfen sich in den Hexenkessel. Sie hatten es schwer. Schwer, sich durch das aufgepeitschte Element zu bahnen. Schwer, sich im Sturm hörbar zu machen. Schwer, diese brüllenden, pfeifenden Klumpen, die aneinanderhingen wie zusammengenietet, zu verschieben, zu zerspalten. Aber Dworak hatte gute Nerven. Nur: das war kein Meeressturm, kein Wirbelwind, kein Steinschlag, sondern das waren Menschen. Mit Gesichtern, die ihm entgegenstrahlten, und dann, als sie begriffen, plötzlich hilflos wurden oder mürrisch oder entsetzt oder feindselig. Mit Mündern, die jubelten: Hoch! und dann starr wurden, offenblieben oder nein schrien. Nein! Aber Dworak hatte gelernt, hart zu sein, und wußte: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Nur: dann fingen sie zu singen an. Als sie fast alle begriffen hatten, als viele schon gehorchten, als sie zur Hauptstraße abströmten, langsam in stockende Trupps, da begann einer, irgendwo sehr laut, sehr heiser, ein wenig falsch, so wie immer der, der beginnt. Und sie sangen: »Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt, Wir sind der Sämann, die Saat und das Feld, Wir sind die Schnitter der kommenden Mahd, Wir sind die Zukunft und wir sind die Tat.« »In die Sektionslokale!« »So flieg Du flammende«, »Auseinandergehen, Genossen!« »Du rote Fahne, voran dem Wege, den wir ziehn«, »Zurück, nicht provozieren lassen! In die Sektionslokale!« »Wir sind der Zukunft getreue Kämpfer, Wir sind –« Huii – huii – huii – huii – – »Gott sei Dank«, sagte Dworak. Blitzschnell kamen die kurzen, boshaften Pfiffe der Überfallautos näher. Die Menschen spritzten auseinander, rannten los. Alle Nebengassen spien grüne Schwarmlinien aus. Ja, jetzt waren endlich genug von ihnen da, und sie bekamen Mut, die besten Polizisten der Welt! Jetzt beherrschten sie auf einmal die Straße, jetzt säuberten sie! Und die Heimwehrler halfen mit, jagten nach Schutzbündlern, fluchten gemeinsam, wenn sie einen packten, rissen ihm die Jacke vom Leib. »Roter Saubankert!«, setzten ihm das Bajonett vor die Brust, die verbotenen Heimwehrler, verboten und schon wieder erlaubt, wer zweifelte denn dran. Die Gejagten aber, rennend, keuchend, von Schlägen umhagelt, die Gejagten sangen weiter ... »der Zukunft getreue Kämpfer, Wir sind die Arbeiter von Wien.« Nicht alle sangen. Wer feige war, schwieg. Wer tapfer war, aber auf dem Gesicht geschrieben hatte: Frau und Kinder!!! schwieg. Aber »So flieg du flammende«, Die Burschen, »Du rote Fahne, mit der Wut und der Scham im Gesicht – Voran dem Wege, den wir ziehn«, die sangen. Und die von der Kompanie Kaliwoda »Wir sind die Retter« sangen alle. Und nur jene verstummten, »Wir sind die Rächer« die die Übermacht niedertrampelte, um ihnen die Jacken vom Leibe zu reißen, »Wir sind der Rote Schutzbund Wien!« auf denen stand: »Friedrich Engels.« »Na also, Genosse Dworak, daß Sie endlich kommen. Ich warte schon eine Ewigkeit auf Sie in dem Gasserl, ein stilles Gasserl, net wahr, ein ruhiges Gasserl, also ich muß Ihnen gratulieren. Ihre Besonnenheit hat heute Schlimmes verhindert, ich werde den leitenden Genossen und wenn Sie wollen, werde ich auch Ihren Namen in der ›Arbeiter-Zeitung‹, aha, Sie gehen nach Hause, müde, net wahr? Na ja, ich begleite Sie ein Stückchen, also das hätt ich mir nicht gedacht, daß Kaliwoda usw. sich so brav benehmen werden. Die haben die Leute ja direkt mit einer Verbissenheit auseinandergetrieben, manche sind sogar handgreiflich geworden, net wahr. Na ja, ziehen Sie einem Menschen eine Uniform an, und er wird sich gleich über die Masse erhaben fühlen, haha. Habe ich nicht recht? Warum antworten Sie nicht, na ja, müde, müde kann ich mir denken, verletzt sind Sie auch, wissen Sie, darum ist diese Auflösung recht bedauerlich, net wahr, die Unzufriedenheit wächst leider. Aber Sie sehen ja aus wie eine Leiche, Mensch, na, die Frau wird Sie schon aufpäppeln, haha, net wahr – net wahr – net wahr – net wahr – –« »Gott sei Dank, daß du da bist, Ferdl, in der Hauptstraße soll ja die Revolution ausgebrochen sein. Der Hansl ist auch schon zu Hause. Himmel, Mann, wie schaust du aus, dir haben sie ja ein Loch in den Kopf, um Gottes willen, komm in die Küche, daß ich dich auswasch'. Aber wo gehst denn hin, Ferdl, Jesus, mit den dreckigen Kleidern aufs Bett... Ist dir schlecht, Ferdl? Daß ich den Arzt hol', so red doch ein Wort, um Christi willen, Mann, bist du...« »Revolution«, murmelte Dworak, »Revolution? Aber ja, warum nicht, das hätt's auch werden können, Revolution...« Er schaute aufmerksam das Bild über dem Bett an. Es war ein Bild, das die Frau noch aus der alten Wohnung hergeschleppt hatte. Sie wollte es nicht wegräumen, und er hatte ihr doch schon längst die Religion ausgeredet. Es war ein volksverdummendes Bild. Er studierte aufmerksam die Gesichter der Menschen auf dem Farbendruck. Eins nach dem andern studierte er sie, wie sie dem Christus nachstarrten, der in den Himmel fuhr. Er suchte etwas und wußte was, erst als er es fand. Am Rande des Bildes war ein alter Mann gemalt, mit eisgrauen Haaren und hagerem Gesicht. Und dieses Gesicht, und dieses Gesicht, das schaute ganz und gar aus wie das des Alten auf der Straße. Aber schon so, als ob sie ihn fotografiert hätten, in dem Moment, wo er sagte: »Der Schutzbund.« »Also daher«, murmelte Dworak und schlief ein. Resumé zum 19. Kapitel Käthe Haider, eine junge Sozialistin, von Beruf Kindergärtnerin, aber arbeitslos, ist freiwillige Aufseherin in einer Tagesheimstätte für Arbeiterkinder. Sie ist von Natur aus eine außergewöhnlich mütterliche Frau und wünscht sich schon lange ein Kind. Ihr Freund Franz Seidel, ein treuer Sozialdemokrat und Schutzbündler, gutbezahlter Arbeiter in einer Garage, hat nichts dagegen, will aber erst genug zusammensparen, um eine eigene Werkstätte aufmachen zu können. So haben sie beide ein festes Ziel auf ein kleines, solides Glück hin. Im Sommer 1933 (eine Zeit, da der Faschismus langsam, aber zähe vordringt und die Arbeiter zur Vaterländischen Front zu pressen beginnt) wird Käthe schwanger. Sie entschließt sich, acht Wochen lang ihrem Freund nichts davon zu sagen, und spielt lange, ohne feste Absicht, mit dem Gedanken, das Kind zu haben. 19. Kapitel Käthe ging Franz aus der Garage abholen. Sie träumte auf der Straße: Der Franz kommt nach Haus, und das warme Wasser ist schon vorbereitet, und die Glyzerinseife liegt daneben, damit das Schmieröl von der Haut runtergeht. Der Franz streift das Hemd ab, steht bei der Waschschüssel, Gesicht, Ohren und Hals, den ganzen Oberkörper voll Seife. Sie fragt, was es Neues gibt in der Garage, ob er sich mit dem Chef gestritten hat. Er pritschelt und scharrt mit der Bürste und knurrt wie immer, wenn wer vom Herrn von Russ zu reden anfängt, und er sagt nein, er hat sich nicht gestritten, er und der Chef streiten nie, weil sie beide wissen, wenn sie einmal ins Streiten kommen, gibt's einen Totschlag, das wissen sie beide ganz bestimmt. Er weiß nicht, warum er den Mann so haßt, aber eins weiß er, wenn's einmal zum Bürgerkrieg kommt und er und der Chef treffen einander wo, dann kommt nur einer von ihnen lebend weg. Und sie lacht, weil das seit Jahren dieselbe Geschichte ist, und sagt, er soll sich doch nicht unglücklich machen, jetzt, wo er ans Kind zu denken hat. Sie führt ihn an die Wiege, aber vorher muß er sich die Genagelten ausziehn, weil der Peter schläft. Er heißt Peter, weil er ein Bub ist. Dann besprechen sie, was er einmal werden soll, und sie sagt, ein Arbeiter darf er nicht werden, es wäre schade um ihn, wo er so intelligent ist. Und der Franz lacht und fragt, woher sie das weiß, wo der Herr Doktor noch gar keine Zähne hat. Aber sie sagt, er soll still sein, sie weiß es schon. Sie stieß mit einem alten Dienstmann zusammen. »Oha, Fräulein! Gar so traumhapert! Denken's an Ihren Bräutigam?« »An meinen Sohn.« »Ah, da gratulier ich. Na, lang kann er noch net auf der Welt sein.« »Er kommt erst.« Auf diese Art war der Dienstmann der erste, der's erfuhr. Vor Franz und vor ihr selbst. Denn erst, als sie weiterging, entschloß sie sich endgültig, nun, da es einmal herausgesagt war. Sie hatte zu lange mit dem Gedanken »Peter« gespielt. Kinder, mit denen sie spielte, gewann sie noch lieber, als sie überhaupt Kinder liebhatte. »Ja, jetzt lieb ich's schon«, dachte sie betroffen. Sie versuchte es aus ihrem Leben wegzudenken. Das ging nicht. Franz angelogen zu haben, gezögert zu haben, bis es für eine gewöhnliche Auskratzung zu spät war – alle diese Gewissensbisse verschwanden. Sie fühlte sich glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Es war schon ½6 Uhr. Sie machte ihre langen Wanderschritte, um ihn nach Arbeitsschluß nicht zu verfehlen. Ein Lied im Herzen, legte sie sich alles genau zurecht: Franzi, ich hab dir etwas sehr Wichtiges zu sagen. Ich hab dich acht Wochen lang angeschmettert, Franzi. Ich hab mir alles überlegt. Ich will das Kind haben. Du verdienst was, und ich werde vielleicht auch bald Arbeit kriegen. Viel Aussicht ist nicht, so wie's jetzt mit dem Gemeindekindergarten steht, aber die Zeiten werden schon einmal anders werden. Es wird schon reichen. Ich bin schon jetzt selig, wenn ich dran denk'. Das ist mein fester Entschluß. Außerdem ist's für eine gewöhnliche Auskratzung zu spät. Heiraten können wir, wann du willst, oder auch nicht. Was für ein Gesicht er machen wird, der Franzl? Er wird ausschaun, als ob er selbst ein Baby wär'. »Nein« – wird er nicht sagen. Wenn's bei ihr heißt: fester Entschluß – gibt's kein »Nein«, das hat er schon heraus. Sie lachte laut, warf die langen Beine noch weiter, sang das Lied. Als sie zur Garage kam, war's ½7 vorbei. Sie wunderte sich, ihn noch nicht warten zu sehen. »Der Russ schindet schon wieder Überstunden«, dachte sie und trat in die Halle. Sofort fiel ihr etwas auf, sie wußte nicht gleich, was. Im spärlichen Schein der paar elektrischen Birnen glitzerte der Lack der garagierten und kranken Autos. Wie immer krümmten sich Rücken in Overalls unter geöffneten Motorhauben, wie immer ragten Beine in öligen Arbeitshosen unter Karosserien hervor. Aber (jetzt wußte sie es) es war still, vollkommen still. Kein Werkzeug und keine Stimme waren zu hören. Es war, als wären sie mitten in der Arbeit eingeschlafen. Aber das Gesicht des Monteurs, der da vor einem Wagen kniend stumm vor sich hinstarrte, war nicht das Gesicht eines Schlafenden, war blaß und atemlos gespannt. Sie folgte seinem Blick und sah Franz. Franz stand vor der Glastür des Chefzimmers; ihm gegenüber in vier oder fünf Schritten stand Russ. Käthe erstarrte und hielt den Atem an. Sie fühlte: Wenn du dich rührst, wenn sich irgendwas rührt, geschieht dort eine Katastrophe. Franz' blühendes Gesicht war verzerrt, der Mund verkniffen. Er schaute auf Russ, als wollte er sich mit den Augen an dem festklammern, als hinge alles davon ab, ihn nicht eine Sekunde aus dem Blick zu lassen. Seine Arme hingen schlaff. Russ hatte die Hände in den Rocktaschen geballt. Sein rechtes Lid war nur halb gesenkt, und darunter drohte das stahlblaue, hemmungslose gesunde Auge. Das linke Lid war weit offen, die Glaskugel darunter funkelte grünlich. Auch er wagte nicht, von Franz wegzusehen. Plötzlich rührte sich seine Faust in der rechten Hosentasche. Die Tasche bauschte sich nach vorne länglich aus, als streckte Russ drinnen einen oder zwei Finger vor. Ein Schweißtropfen fiel Franz von der Stirn auf die Wange. Ohne den Blick von dem anderen abzuwenden, griff er seitwärts, am Kotflügel lag ein schwerer Schraubenschlüssel. Käthe wollte schreien, hinlaufen, aber es ging nicht. Sie war gefesselt, und tief in ihrer Kehle steckte ein Knebel. Plötzlich fuhr in der Stille die Stimme des alten Schmidt zitternd auf. »Meine Herren«, sagte er sehr höflich, fast untertänig, »bitte nicht, meine Herren, Sie kommen nach Stein, meine Herren.« Russ nahm langsam die Fäuste aus der Tasche. Endlich brach ihr der Schrei durch den Knebel. »Franz!« »Schon gut«, sagte er und wendete endlich einen Blick lang die Augen von Russ zu ihr. Dann atmete er mehrere Male tief aus und ein. Seine Glieder lockerten sich. »Ich hab Ihnen also meinen Standpunkt klargemacht. Daß ich in die Vaterländische Front eintrete, davon kann keine Rede sein. Dasselbe gilt für meine Kollegen.« Russ war wieder ein eleganter Kavalier, tadelloser Scheitel, stramme Haltung, breite Schultern, groß, fesch, trotz des Glasauges. »Letzteres stimmt ganz gewiß nicht.« »Wieso denn nicht, Herr Russ?« (Warum nannte er ihn nicht von Russ oder Herr Rittmeister? Alle taten das, auch die Kunden!) »Weil Ihre Kollegen heute früh korporativ beigetreten sind.« (Er hatte das näselnde Aristokratenwienerisch, das Franz nicht ruhig anhören konnte.) »Es wundert mich, daß sie Ihnen noch nichts gesagt haben.« »Stimmt das, Kollegen?« fragte Franz. Der Monteur neben Käthe begann eilig eine Zündkerze auszuwechseln. Keiner antwortete. Russ hatte schon wieder eine Wutgrimasse aufgesetzt. Die Offiziere kommen aus dem Häusel, wenn man ihr Wort anzweifelt. Franz wußte das genau. Warum benahm er sich so unvernünftig? »Auch du, Genosse Schmidt?« Schmidt brabbelte etwas. »In meinem Betrieb gibt es keine Genossen, sondern nur Arbeiter, Österreicher! Wollen Sie sich das endlich merken oder nicht?« »Werd's versuchen, Herr Russ.« Das rechte Lid des Rittmeisters senkte sich wieder. »Und was sagen Sie jetzt?« »Ich sag', daß es mich wundert, daß aufrechte Menschen so schnell vor dem Druck zurückweichen.« Russ ballte die Faust, näselte scharf: »Und?« Franz lächelte spöttisch und maß ihn von Kopf bis Fuß. Käthe wußte jetzt, daß es ganz gleichgültig war, was die zwei einander sagten. Mit dem Tonfall allein, mit dem Gesichtsausdruck allein reizten sie einander bis aufs Blut. Sie verstand nicht diese geheimnisvolle Feindschaft, aber sie versuchte, sich in sie einzufühlen, und weil sie Franz seit einer Stunde mehr liebte als je und in diesen Minuten am stärksten, begann auch sie Russ zu hassen, als hätte sich alles, was in der Welt gehaßt werden mußte, in seinem eleganten, stramm-schlenkrigen Körper vereinigt. »Und?« sagte Franz. »Mir macht Terror keine Angst.« »Genauso weit waren wir schon vorhin.« Russ machte mit seinem Offiziersgang, drohend geduckten Schultern, Fußspitzen leicht auswärts, zwei Schritte auf Franz zu. »Genauso weit.« Käthe dachte: »Wenn Männer sehr aufgeregt sind, wird ihre Stimme meistens sehr lächerlich.« Im selben Augenblick begriff sie, was drohte. »Nein«, dachte sie und schluckte die Angst mit einer Menge Speichel hinunter. »Da wundert's mich direkt, Seidel, daß ein Herr wie Sie, in einem Betrieb, wo solcher Terror herrscht, drei Jahre, zwei Monate und zehn Tage arbeiten konnte...« »Wie? Ah, so meinen Sie das!« Franz schmiß sich herum, das Gesicht zu den Mechanikern. »Genossen, habt ihr's gehört? Ich bin Betriebsrat, und er droht mir mit der Entlassung! Das ist ungesetzlich! Laßt ihr euch das gefallen, Genossen?« »Nein«, dachte Käthe mit aller Kraft. Der alte Schmidt begann sehr schnell zu sprechen: »Herr Rittmeister, das wäre ungesetzlich. Das wissen Sie selbst. Einen Betriebsrat dürfen Sie erst nach einer Verhandlung vor dem Einigungsgericht entlassen. So mir nichts, dir nichts war' das ganz ausgeschlossen. Und die Kollegen – würden – das nicht – die Kollegen würden – bestimmt in diesem Fall – weil – das nämlich ungesetzlich – wär'.« Hastig hatte die Rede begonnen, immer langsamer war sie geworden, während Schmidt nach den Mienen der Kollegen gespäht hatte. Aufgerichtet hatte sich Schmidt, als er begonnen hatte, blitzende Augen hatte er gehabt, und ordentlich jung hatte er ausgeschaut. Immer mehr hatte er sich dann verkrümmt. Kann ein Mensch in fünf Sekunden so altern? Die Rede endete im Brabbeln eines Greises. »Nein«, sagte Käthe leise und ballte die Fäuste. »Ein kleiner Betrieb, Fräulein«, flüsterte der Monteur, »ein Dutzend Angestellte im ganzen, und die im Büro sind Nazi, müssen's wissen.« Käthe packte ihn bei den Schultern. Es hieß kämpfen. Sie schrie: »So weit ist's mit euch?« Der Monteur wurde über und über rot. »Verfluchte Zeiten«, murmelte er, »verfluchte Scheiße.« Er warf noch einen zögernden Blick auf die andern. Wie man sich im Trommelfeuer deckt, so hatten sie sich hinter den Autos verkrochen. Sie waren auf einmal fleißig und schweigsam, als bekämen sie Akkordlöhne. Da senkte auch er den Kopf zu der kaputten Zündkerze. »Genossen«, begann Franz wieder. Als Russ zum ersten Mal aufbrüllte, verstand ihn niemand. Es klang gerade so, wie wenn einer (nicht Russ, sondern ein ganz unbekannter Mann) Hilfe geschrien hätte. Aber beim zweiten Mal erkannte man's schon. »Raus!« schrie Russ. »Das ist ganz unmöglich«, dachte Käthe eilig, »ganz unmöglich, so schreit man nicht ›Raus‹, so schreit man ›Hilfe‹, das ist ganz klar, er schreit ›Hilfe‹.« Nichts auf der Welt erschien ihr selbstverständlicher, eindeutiger. Da wies Russ mit dem Finger geradewegs auf das leuchtende Schild »Ausfahrt«. Die Stimme, die ihr vor tausend Jahren lächerlich vorgekommen war, heulte zum dritten Mal: »Raus!« Käthe sah plötzlich die Garage nicht mehr als Ganzes, sondern die Gegenstände in wirrer Folge eins nach dem andern. Als wäre das Ganze ein Zusammenlegespiel, das sich auseinandergeschoben hatte. Sie sah: eine Glastür »Direktion«, ein Schild »Ausfahrt«, einen Chauffeursitz, ein rundes Markenschild, »Steyr«, einen Rücken im Overall, ein grünes Glasauge, einen Schraubenschlüssel, dann ging's immer schneller im Kreis: Schraubenschlüssel, Glühbirne, Pneumatik, Ölkanne, Benzinpumpe, Ausfahrt, Einfahrt. »Halt«, dachte sie, »sonst werd' ich schwindlig.« Ihr Blick klammerte sich im Vorbeisausen an eine Blonde im Automantel. Die Dame lächelte von der Wand. Unter ihr stand: Selbst chauffieren ein Genuss. Lernen Sie's bei O. von Russ! »Ganz unmöglich«, dachte Käthe. Hinter der Dame parkte auf der Wand ein rotes Kabriolett, und hinter dem Kabriolett ragte ein grüner Berg. »Der Leopoldsberg«, dachte Käthe.   Erst als sie schon eine Weile stumm kreuz und quer durch die Straßen gegangen waren, traute sie sich zu fragen, ob alles aus sei. »Der Schuft!« rief er. »Er hat gewußt, wenn er mich fristlos und ohne Abfertigung kündigt, verliert er den Prozeß, weil die Kollegen für mich aussagen werden. Weißt du, was er gemacht hat, nachdem du hinausgelaufen bist? Ins Büro hat er mich kommandiert. Hat das Geld für die Kündigungsfrist und die Abfertigung, zwei Monate Lohn, auf den Tisch geschmissen. ›So! Damit ich mich nicht mit Ihnen vorm Gewerbegericht herumschlagen brauch! Sie haben mich zwar zu beleidigen versucht, und ich könnte Sie ohne einen Groschen wegschicken, aber es wäre mir widerlich, Ihnen eventuell noch vorm Gericht begegnen zu müssen. Das Geld schenke ich Ihnen.‹ Kehrt Euch, marsch! Kalt wie ein Fisch hat er das gesagt. Und man kann so einem Dreckskerl sein schäbiges Geld nicht einmal ins Gesicht schmeißen, dazu braucht man's viel zu sehr, und man kann nicht einmal – gar nichts kann man tun –« »Du bist doch Betriebsrat. Du kannst ihn klagen.« »Was schert sich heutzutage so ein Sturmscharmacher ums Betriebsrätegesetz? Daß ich von Terror gesprochen hab, kann ich nicht ableugnen. Ah, der möcht's sich schon richten.« »Aber die Kollegen –« »Hast sie eh gesehen, vorhin. Ich nehm's ihnen nicht übel. Der Russ hätt sie alle hinausgeschmissen. Das haben wir davon; daß wir das Streikverbot schön brav geschluckt haben. Oh, der haßt mich! Aber, seine Fotzen wird er sich von mir noch fangen, jetzt, wo ich sein Geld schon in der Tasche hab, das schwör ich dir. Und wenn's einmal kracht und er lauft mir in die Quer...« »Solltest du's nicht doch mit der Klage versuchen, Franz?« »So gib schon Ruh, wenn's keinen Zweck hat!« schrie er ärgerlich. »Du weißt es ja grad so gut wie ich. Was sekkierst du mich? Der Posten ist futsch.« »Futsch«, dachte sie. »Aber daraus folgt gar nichts. Andere sind arbeitslos und kriegen auch Kinder. Man darf halt kein Feigling sein.« Alles andere war Unsinn? Sie erschrak. »Was war Unsinn? Wer hat denn was vom Nichtkriegen gesprochen? Und wen will ich überzeugen?« Plötzlich stürzte in ihrer Seele etwas zusammen, mit stummem Getöse. Das war unerwartet, unglaubhaft, wie der Einsturz eines großen Hauses in einem Erdbeben. Aber sie schaute und horchte von dem Einsturz weg. »Wir werden mutig sein«, dachte sie. »Wir werden uns durchwurschteln. Was braucht schon so ein kleines Kind? Und jetzt muß er's endlich auch wissen.« Sie begann: »Franzl, ich hab dir etwas sehr Wichtiges zu sagen.« »Bitte.« Ja, aber das übrige Sprüchlein paßte nicht mehr. Alles mußte jetzt ganz anders erklärt werden. Der Gedanke: ich will das Kind haben, schaut jetzt ganz fremdartig aus. Sie suchte neue Worte, aber sie stieß immer wieder auf das alberne unpassende Sprüchlein, bis sie sich ergab und begann, es tonlos abzuleiern. »Ich hab dich 8 Wochen lang angeschmettert, Franzl.« »Schon gut«, sagte er. »Ich versteh schon.« Es kam ein langes Schweigen. Sie dachte: »Wir werden mutig sein. Wir werden uns durchs Leben schlagen, zu dritt. Schließlich ist man nicht sein ganzes Leben lang arbeitslos. Der Franz hat den Lohn auf 2½ Monate voraus. Erspart hat er sich auch schon was, das reicht fürs erste. Dann wird der Peter noch lange Zeit klein sein, was braucht schon so ein kleines Kind, dann werden andere Zeiten kommen. Andere sind auch arbeitslos, haben arbeitslose Männer und werden doch Mütter.« Aber dann erinnerte sie sich unter großen Qualen an alles, was sie diesen arbeitslosen gepeinigten Müttern gepredigt und vorgeworfen hatte. Hatte sie, Käthe, das alles gesagt? Ja. War sie, Käthe, die arbeitslose Mutter? Ja. Wer von den beiden hatte recht? »Unsinn«, dachte sie. »Feigheit!« Dann erinnerte sie sich an die Kinder aus dem AKH. An die Kinder der arbeitslosen Mütter wie sie – Dann merkte sie, daß er sie wieder vor die Garage geführt hatte. »Wart hier auf mich, Käthe.« »Was willst du drinnen, Franz, um Himmels willen, bring dich nicht in Unglück!« »Kannst ruhig sein«, antwortete er. Er schaute mehr tot als lebendig aus. »Ich geh zum Russ und erklär mich bereit, in die Vaterländische Front einzutreten. Vielleicht hilft das noch was, wenn er sieht, wie ich mich vor ihm – vor ihm –« Er brachte, sie verstand nicht wie, ein Lächeln zustande, zögerte, schaute sie fragend an, verschwand. Gegenüber der Garage war eine elektrische Uhr, die auf ½8 Uhr zeigte. Käthe hob den Blick zum Zeiger und faltete die Hände, wie Kerzelweiber vor dem Kruzifix. Zwei Minuten lang betete sie zum Zeiger. Dann brach eine Sturzflut von Scham über sie. »Und ich hab ihn gehen lassen. Ich hab geduldet, daß er sich verkaufen geht! Daß er sich demütigen geht, vor dem Russ, vor dem Russ! Ja, um Gottes willen, bin ich denn ganz wahnsinnig geworden? Ja um Gottes willen – was – ist – mir – eingefallen?« Sie erstickte. Eine Straßenbahn schepperte heran. Auf die Schienen schmeißen, befahl sich Käthe. Die Straßenbahn fuhr vorbei. »Oh, ich bin feig, feig, feig!« Sie weinte. »Komm«, befahl Franz plötzlich hinter ihr und zog sie fort. Die Hoffnung verschlug ihr den Atem. »Hat er dich wieder aufgenommen?« »Er hat mir ins Gesicht gelacht. Dann hat er ein paar Minuten geschwiegen, er wollte den Triumph genießen. Dann hat er mich rausgeschmissen. Ich geh jetzt ins Wirtshaus.« Sie litt in großen Schmerzen, die regelmäßig anschwollen und abflauten wie Ebbe und Flut, wie Wehen. Wenn Ebbe war, konnte sie denken. Sie dachte: »Hoffentlich tut die Abtreibung nicht so weh wie das jetzt.« Sie dachte, und alles funktionierte weiter, der Straßenverkehr, der Atem, das ganze Leben: »Unmöglich, daß alles ruhig weitergeht, das muß ein Irrtum sein, der Irrtum muß gutgemacht werden. Jetzt versteh ich, warum Leute Selbstmord verüben.« Sie dachte: »Trotzdem! Fester Entschluß!« Sie sah: Der Franz kommt nach Haus, und das warme Wasser ist schon vorbereitet, und die Glyzerinseife liegt daneben, damit das Schmieröl von der Haut runtergeht. Der Franz streift das Hemd ab, steht bei der Waschschüssel, Gesicht, Ohren, Hals, den ganzen Oberkörper voll Seife. Sie fragt, was es Neues gibt in der Garage, ob er sich mit dem neuen Chef verträgt, und er lächelt und sagt: Ja, wunderbar. Sie führt ihn an die Wiege, aber vorher muß er sich die Genagelten ausziehn, weil der Peter schläft. Aber Franz' Lächeln, die Wiege, der Schlaf des Kindes, das alles lag hinter einem Schleier von Qual, weil Käthe ununterbrochen wußte: Es ist nur ein Wachtraum, ein kläglicher, fiebriger Wachtraum. 28. Kapitel Nach rechts konnte er nicht schauen. Dort saßen die sieben wie eine Bande von Teufeln beisammen. Drei hockten auf einer Pritsche, zwei lagen auf einer andern, die Füße auf die Mauer gestemmt, glotzten zur Decke, zwei lehnten an der Wand, die Hände in den Taschen, wie sie an den Zäunen ihrer Verbrechergassen lehnten, bevor sie an die abscheulichen Abenteuer gingen, mit denen sie sich jetzt laut brüsteten. Der fettige Hasardspieler mit der Glatze (sie nannten ihn »Arsch mit Ohren«); der junge Berufsbettler mit der Windhundschnauze, der das Mitleid der Mitmenschen ausbeutete, wie es nur ganz gemeine Naturen können; der Ringwerfer, der ausschaute wie ein alter Geier und arme Provinzler betrog; der blonde Junge, der der Gemeinde Wien die Pflastersteine gestohlen hatte; der andere junge Mensch, der die WÖK-Speisemarken erbeutet hatte; der Besoffene, den sie erst diese Nacht eingeliefert hatten; und der Oberverbrecher, der Einäugige, der Riese mit den Schrotlöchern in der Wange – alle waren sie ihm gleich widerwärtig und unheimlich, und den Einäugigen fürchtete er am meisten. Sie prahlten laut mit ihren Verbrechen. Wenigstens ließen sie ihn jetzt in Ruhe. Aber hinschauen durfte er nicht aus seinem Eckchen, sonst würden sie ihn wieder quälen. Nach links konnte er auch nicht schauen. Dort war die Wand, und er wußte, daß sie ganz ungehörig beschmiert war. Mit schweinischen Zeichnungen, mit Hakenkreuzen, mit Hammer und Sichel und, wie er schmerzvoll gesehen hatte, mit drei Pfeilen. Unbesonnene, verleitete junge Parteigenossen waren vor ihm hier gewesen. So waren die Zeiten. Hinten: Wand. Über ihm, vor ihm: das Gitterfenster, das vergitterte Guckloch der Tür. Und daß er hinter Gitter saß, seit zwei Wochen hinter Gitter saß – nein, nicht daran denken, nicht hinschauen, lieber – lieber: die Handflächen auf den Knien ausbreiten und aufmerksam betrachten. Dann konnte er sich vorstellen, das sind die Katasterblätter. Dann konnte er die Abrechnung für September durcharbeiten. Die Teufelsbande führte ihre Gespräche sehr laut, lachte roh, schrie Worte, die er nicht verstand. Aber er war es von zu Hause gewöhnt, Störungen zu überhören, wenn er seine Pflicht verrichtete. Papier und Blei hatte er nicht. Aber er war ein guter Kopfrechner. Nur eines störte: Eine Woche vor Ultimo war das furchtbare Unglück passiert. Wenn's um den ersten herum gewesen wäre, hätte er schon vorher in die Kassabüchl Einblick gehabt. Oh, da hätte er sich jetzt im Kopf alles zusammenstellen können, hätte alles fix und fertig addieren können, wenn's auch nicht leicht gewesen wäre. Aber nein, wenn sie ihn am ersten Oktober hierher gebracht hätten, dann wäre jetzt der vierzehnte und nicht der siebente. Dann hätte er die Vertrauensmännersitzung bestimmt versäumt, während er jetzt noch die Möglichkeit hatte, zurechtzukommen. Die Sicherheit! Heute, morgen muß der furchtbare Irrtum sich endlich aufklären. Und die Vertrauensmännersitzung war sicher aufgeschoben worden. Sicher. Seit zwanzig Jahren gab es in der Sektion keine Vertrauensmännersitzung ohne ihn! Und jetzt auf einmal – das wäre ja gelacht! Er würde sicher zurechtkommen, aber dann mußte er mit der fertigen Abrechnung erscheinen. Er ohne Abrechnung bei der Vertrauensmännersitzung? Der Spannmeyer würde das gar nicht glauben. Oft und oft hatte er dem Spannmeyer erklärt: »Wenn's zum Monatsende geht, dann juckt's mich wie ein Rheumatismus, bis ich nicht alle Kassabücheln gesehen habe. Da brauch ich gar keinen Kalender dazu!« Morgen, übermorgen mußten sie ihn auslassen. Sie waren ja genau über alles unterrichtet im Kommissariat und wußten, wann die Vertrauensmännersitzung stattfindet. Da mußten sie sich beeilen. Es konnte gar nicht so schwer sein, abzuschätzen, wer im September bezahlt hatte, wer im Rückstand geblieben war, wer den Rückstand wieder ein Stück aufgeholt hatte. Die Geizigen, die Armen, die Zögernden, die Braven, die Spender – waren das nicht dieselben seit Jahren und Jahren? Und die meisten zahlten ja regelmäßig, das war so im Bezirk eingeführt, seit er das Regiment führte. Freilich, wenn's so weiter gegangen wäre wie damals, als er vor zwanzig Jahren die Kassa vom Orner übernommen hatte – – Ha ja, das wäre eine schöne Wirtschaft gewesen! Aber der Orner ist an der Front gefallen, man darf ihm nichts Schlechtes nachsagen. An die Arbeit! Nur: gestern hatten die Wachleute wieder ihn auf den Hinterkopf geschlagen, auf die Nase und ihm Ohrfeigen gegeben. Alles rumorte im Schädel. Darum war's so schwer zu rechnen, darum stach es so fürchterlich über den Augenbrauen. Sprengel 1, Rossigasse 1: Der Weichberger hat sicher gezahlt. Gut 50 Gr.; Familie Fenz auf Tür 16: der Vater 50 Gr., ist 1 S., die Frau 50 Gr., ist 1,50, der Sohn, die Arbeitslose, ist 160. Gut. Rossigasse 3: Der Dr. Ungar hat sicherlich wieder für den Kampffonds gespendet. Aber wieviel? Im August waren's 2 S, im Juli 5 S, im ... halt! Wohnt der Dr. Ungar überhaupt auf Nr. 3? Wo wohnt der Dr. Ungar? Lächerlich, daß ich so was nicht – weil sie aber auch so schreien, die Teufel! Päuligangen! Was heißt das überhaupt? Und wo wohnt der Dr. Ungar? Nirgends, Unsinn. Ein Mensch muß eine Wohnung haben. Gibt's überhaupt einen Dr. Ungar? Ist er nicht tot? Oder zum Tode verurteilt? Weil sie aber auch so lachen, die Teufel ... Und da stand schon wieder der Einäugige vor ihm. »Was ist, Blum, tust scho wieder Handlesen? Studierst auf Zigeuner?« Hastig legte er die Katasterblätter zusammen und steckte sie in die Rocktasche. Was gingen sie einen Außenstehenden an? »Komm her ein Stückerl, kannst was lernen von den Burschen!« Er hatte diese Elemente ein paarmal in die Schranken gewiesen. Seitdem waren sie sehr roh zu ihm. Um sie nicht zu reizen, setzte er sich auf die Kante der Pritsche, neben dem Speisemarkendieb, und verhielt sich still. »In dem Moment tauchen bei der Tür die Kiberer auf, jeder a Kracherl in der Hand. Hände hoch! Na kannst dir denken, was im Tschoch drin war, hebt d' Hand in d' Höh. Na und i, in der Brusttaschen hob i no guat mei zwahundert Stucker, also natürlich i wisper mein Bruadern glei zua: im Hof! Mit an Hupfer bin i beim Fenster draust, hau des Klumpat in a Ecken, verschwind wia a Wolken, glei ham, verstehst, verbrenn die dreihundert Stucker, was no im Nachtkastel warn, und guat is! Ois war in Butter gangen, wann net aner von deren Saubande, was sich zwa Wochen lang auf mei Kosten in der WÖK ausgfressen hat, die ganze Gschicht spieben hätt, der Hundling, i was genau, wer's is. Wann i aussa kum, kann sie der anschaun. Nachweisen können's mir an Schmarrn, und gestehn wer i a nix, bei mir sans zweite. Merk das, du Politischer!« (Er tat, als ginge ihn das nichts an, aber nur er konnte gemeint sein, er war der einzige Politische in der Zelle.) »Immer laugna. Nix wie laugna! Wannst unterm Galling stehst und hast den Strick um an Hoils, schreist: Unschuldi bin i!!« Er wollte sich würdig die Krawatte zurechtschieben und erinnerte sich, daß sie ihm bei der Einlieferung abgenommen worden war. Er stand auf, wollte ein paar würdige Schritte machen – die Hosenträger waren fort, die Hose rutschte. »Meine Herren«, greinte der Besoffene, »i kann mi an nix mehr erinnern! An goar nix mehr, meine Herren! I soi an gstochen habn, meine Herren, aber i woas goar nix!« Das alles war traurig und schändlich. Noch dazu erzählte der Blonde, wie er die Pflastersteine gestohlen hatte. Seelenruhig hatte er sie bei einem Bauplatz aufgeladen, mit einem Fuhrwerk zu einem anderen Bauplatz geführt, verkauft! Am hellichten Tag. Die Werkführer hatten ihm im besten Glauben beim Auf- und Abladen geholfen, hatten ihm anstandslos seine Ware bezahlt. Und das feine Geschäft hatte er monatelang betrieben. Daß so ein Mensch gar nicht verstand, wie er die rote Gemeinde schädigte! Er versuchte wieder in sein Eck zu fliehen. Aber da fing ihn der Einäugige beim Kragen, zog ihn auf die Pritsche. Maß ihn lange prüfend und nachdenklich. Die anderen wurden still. Sie wurden immer still, wenn der Einäugige sprach. Der war sehr geachtet in der sauberen Zunft. Aber als ehrlicher Mensch mußte man Angst vor ihm haben. »Du Blum. Paß auf, herst. I hätt a leiwaund Hacken für di. Bei eich in der Partei habt's ihr so a Massa Geschäftsleit, was pleite san. Na, jetzn her zua amoi, suarchst dar an aus und mochst erm an Vurschlag, er soi a Versicherung aufnehma gegen Einbruch, verstehst? Dann fahrt er auf Urlaub on an Samstag abend. In der Nacht steig i ein, brech iahm die Kassa auf, wo eh nix drin ist. I hab gnua mit 20% von der Versicherung. Den Rest könnt's euch teiln, verstehst?« Der Einäugige sprach nicht so prahlerisch wie die andern. Die Mundwinkel zogen sich beim Sprechen herab, die Stimme klang verächtlich, wehmütig. So pflegte er über sein Handwerk zu philosophieren. »Bei mir kannst sicher sein, spieb nix. A fünfundvierzig Jahrin bin i oilt, sechzehn Jahr davon bin i in Stein gsessen – gspieben hob i no nix. Da aussn Kommissariat müssn's mi eh boild aussilassen, das is nur a Bagatoell, wegn was i da bin, zwa, drei Meter kann i kriagn, mehr net. Eigentli müaßt i die Kassa gar net aufbrechn. A Kassa brauch i da nur a ½ Stund anschaun, und i bring dar a jedes System auf. Aber es is wegn an Eindruck, verstehst? Auf mi kannst di verlossn, wegn mir is no kaner mülligangen, da kannst die Burschen fragen!« Der Blonde nickte ehrfürchtig. Der Riese begann verführerisch zu blinzeln. Die vielen kleinen Löcher in seiner Wange durchzogen sich mit Falten. Mit dem einen Aug, das er auf- und zukniff (das blinde blieb immer geschlossen), sah er aus wie ein wirklicher Satan, der die Seele in Versuchung bringen wollte. »Kommst mit Geschäftsleit zam, kannst a paar tausend Kilo verdienen – tuast ausbaldowern, heerst –« Plötzlich brach er in ein schauerliches Gelächter aus, und die anderen stimmten ein. »Herr Turer, ich lasse Ihnen Ihre Gesinnung, aber ich bin ein aufrechter Mensch, trotz der Not der Zeiten.« Der Bettler hörte auf zu lachen und streckte ihm die Faust hart unter die Nase. »Und wos san nocha mir? San mir kane anständigen Menschen, ha?« Der Einäugige gebot ihm zu schweigen. »Verbrecher san mir alle miteinand. Freili san mir Verbrecher. So is das Leben, Bruada ums Eck. Oba du, Blum, bist grod so aner wia mir!« »Ich?« Ach warum hat er ihnen sein Herz ausgeschüttet in der ersten Nacht, als er noch geglaubt hatte, sie seien Menschen und keine Teufel? Jetzt würden sie ihn wieder quälen! »Ich mache Sie nämlich auf den Punkt aufmerksam, ich habe 29 Jahre – 29 Jahre habe ich für die Allgemeinheit gearbeitet.« Sie lachten, daß es ihm durch Mark und Bein ging. »A Verbrecher bist«, brüllte der Einäugige. »Du hast die Garage in die Luft gesprengt!« »Nein!« »A Kuppler bist! Die Frau Kainz hast du dem Stadtrat zu'triebn.« »Nein, nein! Sie lügen!« »Waaas?!« »Sie – ich bin unschuldig! Ich lehne jede Verantwortung für die Folgen der unverantwortlichen – also – Maßnahmen ab ...« »Wie der da?« Der Einbrecherkönig zeigte auf den Besoffenen. Der begann sofort zu jammern. »I kann mi net erinnern, meine Herrn, i soll an gstochen habn, aber meiner Söl, i kann mi an nix erinnern –« Die Teufel wälzten sich vor Lachen. »I reiß a Eck«, schrie der Stoßspieler außer Atem und strampelte mit den Beinen in der Luft. Der Bauernfänger kicherte wie ein altes Weib und hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht sein falsches Gebiß zu verlieren. Der Einäugige umarmte die zwei Jungen bei den Schultern und brüllte mit weit offenem Mund. Sein gesundes Auge quoll wasserblau hervor, unter dem geschlossenen des toten Auges rannen Tränen heraus, die in den Schrotlöchern hängenblieben. »A Verbrecher bist!« Nur der Besoffene, der auf dem Bauch lag, greinte leise vor sich hin. »I kan mi net erinnern ...« Er, der ehrliche Mensch, betrachtete mit verwirrtem Herzen den Besoffenen, wie der dalag, ein älterer Mann schon, die Augen voll roter Äderchen, das Gesicht grau, schwammig und zerknittert, Staub- und Fettflecken auf dem Rock, den er kopfschüttelnd unter Seufzern immer wieder vergebens abzuwischen versuchte. »Verbrecher!« brüllte der Einäugige. Wie die Augenbrauen stachen! Nein, er hatte 29 Jahre für die Allgemeinheit gearbeitet, er war kein Verbrecher. Er, der Sektionskassier, das älteste Mitglied im Bezirk – das wäre ja gelacht. Der Blum – ja, vielleicht, wer weiß? Ach, was für Unsinn. Vielleicht, weil sie ihn so auf den Hinterkopf geschlagen haben. »Mitsingen, Blum«, schrie der Einbrecher. Packte ihn beim Genick, begann zu dirigieren. »Wenn der Vater mit dem Sohne, Auf dem Zündloch der Kanone –« Er wollte nicht mitsingen, es war ein gemeines Lied. Aber der Einäugige merkte das und zwang alle noch einmal anzufangen. Ihm aber drückte er das Genick zusammen, jedesmal wenn er zögerte. »– eine Filzlaus buseriert – Wenn die Tochter mit der Mutter Hinter einer Tonne Butter Mit der Kerze onaniert – Wenn der Kaiser der Franzosen, Ohne Hemd und ohne Hosen Der Frau Gräfin gratuliert –« Er war über und über rot. Der Kopf drohte zu platzen. »Was tun?« dachte er fieberhaft, während er mitsang und der Einäugige ihm den Nacken zerquetschte: »Lauter, Blum!« »Maus, Maus, zuckersüße Maus, Komm mit mir nach Haus –« Da kam ihm die rettende Idee. Er riß sich los, lief zur Tür und klopfte ganz leise. »Willst wieder aufn Abort und traust di wieder net? Hast Angst vorm Kas?« fragte der Einäugige grinsend. »Ja«, murmelte er und lächelte untertänig. Oh, er war schlau, viel schlauer als dieses Gesindel. »Na guat is«, entschied der Einäugige und begann dröhnend die Tür zu bearbeiten. Der Wachmann schloß schimpfend auf. Durch den Gang, durch das Wachzimmer, wo die vier Diensthabenden Kreuzworträtsel lösten, ging's im beflügelten Schritt. Dann schloß er die Türe des Klosetts sorgfältig hinter sich, ließ die Hose hinunter, setzte sich lächelnd. Die Katasterblätter lagen wieder in seinen zitternden Händen. Noch einmal von vorne, dachte er. An die Arbeit! Sprengel 1, Rossigasse 1: Der Weichberger hat sicher gezahlt. Gut. Sind 50 Gr. Es war sehr mühevoll. Immerhin, er kam (er wußte kaum wie) bis Sprengel 3. Mit aller Kraft versuchte er, sich die Summe einzuprägen, 47 S, 30 Gr., sagte er sich immer wieder, während er sich die Hose zuknöpfte und schlauerweise die Wasserspülung in Betrieb setzte, damit die Diensthabenden wirklich glaubten – ja, er als Sektionskassier muß Menschenkenner sein – und immer wieder 47 S, 30 Gr. Aber als er draußen die Schwägerin stehen sah, vergaß er die Zahl. Zuerst glaubte er, das sei gar nicht wirklich die Schwägerin, weil er in den letzten Tagen verschiedene Personen gesehen hatte, die Frau, den Spannmeyer, den Dr. Ungar, den Orner, und es sich dann herausgestellt hatte, daß es nur Einbildung war, weil nichts als Luft dagewesen war, sobald er diesen Personen die Hand reichen wollte. (Was ja ganz selbstverständlich war, wenn man nur einen Augenblick ruhig nachdachte und die Kopfschmerzen nachließen. Wie hätte die Marie, wie hätte der Spannmeyer ins Gefängnis kommen sollen? Ins Gefängnis kamen nur Verbrecher wie der Einäugige oder der Robert Blum eventuell. Aber er als der Kassier der Sektion oder Spannmeyer als Obmann oder gar der Dr. Ungar und der Orner, die im Krieg gefallen waren? Das wär' ja gelacht!) So versuchte er, durch die Schwägerin durchzugehen, weil er natürlich glaubte, daß sie Luft war. Aber da stieß er hart mit ihr zusammen, und die Wachleute lachten. »He, Blum! Wollen's Ihnen gleich raufen mit der Schwägerin, wenn sie Sie besuchen kommt? Sie san aber gspaßig!« Einer raunte ihm zu: »Weh dir, wannst was sagst vom Verhör gestern!« Aber er dachte gar nicht daran! Er freute sich ja so! »Anna!« rief er. »Schön, daß du gekommen bist! Wie geht's zu Hause? Was macht die Marie? Wann ist die Vertrauensmännersitzung?« Er sah, daß sie lächelte, und ihm wurde warm bis ins Herz hinein. »Endlich«, dachte er, »wird hier jemand gut und freundlich zu mir sein. Endlich ist jemand da, der mich seit Jahren und Jahren kennt und weiß, daß ich die Garage nicht sprengen konnte. Ich hab ja schon angefangen zu phantasieren vor lauter Verzweiflung. Wenn der Spannmeyer das hört, wird er lachen: Blum, Blümchen, Blümelein, ich hab immer gemeint, du bist ein trockener Tintenkuli, und im Gefängnis hast du plötzlich zu dichten angefangen, hast deine Handflächen für Katasterblätter angeschaut, hast dir verrücktes Zeug eingebildet.« Blum dachte an das laute brave Lachen seines Obmannes, Tränen traten Blum in die Augen. Er wunderte sich, warum die Schwägerin nicht zu ihm sprach. Auch wollte es ihm plötzlich scheinen, als ob ihr Lächeln dem des Einäugigen ähnlich sei, so boshaft und höhnisch. Ach, Unsinn. »Wie geht's dem Willy, Anna? Wie geht's dir immer? Wer vertritt mich jetzt als Fürsorgerat? Wenn die alte Güntherin kommt, sag, ich lass' ihr sagen, ihre Pfründe wird nicht gekürzt. Hörst du, Anna, das ist sehr wichtig, ich hab's durchgesetzt. Wann ist die Vertrauensmännersitzung? Hat die Polizei bei euch noch keine Erkundigungen über mich eingezogen? Habt ihr ihnen gesagt, warum ich unschuldig sein muß? Und der Spannmeyer –« Der ältere Wachmann fuhr Blum in die Rede drein: »Sie dürfen nicht über den Straffall reden! Wenn Sie noch einmal über den Straffall reden, ist der Besuch abgebrochen!« Blum schwieg und umfing lächelnd mit dem Blick die Schwägerin. Endlich sprach sie. »Du Verbrecher!« sagte die Schwägerin. »Du verkommener Mensch!« sagte sie. »Ich bin nur gekommen, daß ich dir sagen kann, daß die Marie heute früh so einen Herzkrampf gehabt hat, daß ich schon geglaubt hab, es ist aus mit ihr! Und weißt du warum, du Gangster? Weil ein Herr Kriminalbeamter heut früh bei uns war und der Marie gesagt hat, er an ihrer Stell' möcht' sich von dir scheiden lassen! Oh, du –« Sie schrie: »Der ganze Bezirk redt von dir; ich trau mich ja nicht einmal auf die Gassn, nicht einmal auf die Apotheken vis-a-vis trau ich mich, nicht einmal die Medizin für deine kranke Frau trau ich mich holen, alle Leut zeigen mit dem Finger auf mich!« »Aber ich bin unschuldig, Anna! Ich mach schon seit zwei Wochen alle zuständigen Stellen sozusagen vergeblich darauf aufmerksam, daß die Übelstände –« Sie schrie: »Ein abgefeimter Verbrecher bist du! Das hab ich, der Marie schon an ihrem Hochzeitstag gesagt! Lebenslänglich kriegst du, das ist das mindeste! Das hat der Herr Spannmeyer gesagt, was ein gebildeter Mensch ist!« Er machte eine Bewegung, um die Bremse zu verscheuchen, die ihm laut ins Ohr zu surren begann. »Ach nein, das hat er sicher nicht gesagt, da irrst du dich, Anna. Weißt du vielleicht, liebe Anna« – er mußte ihr schmeicheln, sonst war von ihr nichts zu haben, sie war eben die alte geblieben –, »weißt du vielleicht, liebe Anna, am wievielten die Vertrauensmännersitzung ist?« »Was gehen mich deine Sitzungen an? Übrigens haben dich deine Herren Genossen eh schon abgesetzt, und da hätten's recht, weil –« »Du lügst!« heulte er. Er wollte ihr an die Gurgel fahren. Aber noch nie im Leben hatte er so etwas versucht, auch nicht als Kind im Spiel. Im Krieg war er superarbitriert gewesen. Er streckte unbeholfen die Hände nach ihrem Hals aus, stellte sich auf die Zehenspitzen (denn sie war viel größer als er). Da hatte sie ihm schon eine geschmiert. Mit einer Hand schleppte ihn der Wachmann zur Zelle zurück, wollte ihm nicht glauben, daß das Weib log, gemein und niederträchtig log, sperrte mit der anderen Hand die Türe auf und stieß ihn in die Zelle. Er torkelte vorwärts, solange der Schwung reichte, blieb mitten in der Zelle stehen, schloß die Augen und duckte den Rücken. Was er erwartete, kam: die Riesenpranke des Einäugigen senkte sich auf seinen Nacken und stieß ihn zu den anderen sechs Teufeln.   Der Herr Polizeirat schaute immer streng und unerbitterlich aus. An ihm war alles genau und tipptopp. Der Schnurrbart war bürstenförmig und immer gleich hoch geschnitten, die Koteletts waren haarscharf an den Rändern ausrasiert, der Scheitel wie aus Lackleder, die Augen stolz und streng. Er war sicherlich ein ordentlicher Mensch, wenn man nach dem Aussehen schließen darf. Der Genosse Pawlik hatte immer begeistert erzählt, wie verständnisvoll der Herr Polizeirat bei Verhandlungen war. Freilich hatte der Pawlik einmal erklärt, der Herr Polizeirat hätte eine andere Gesinnung, eine ganz andere, aber die Gesinnung muß man im Menschen achten, solange der Betreffende sonst anständig ist und mit sich reden läßt. Wenn der Herr Polizeirat ihn zum Verhör vorführen ließ, dachte er immer an die Worte Pawliks und glaubte: Jetzt muß sich endlich alles aufklären. Aber dann enttäuschte ihn der Herr Polizeirat immer sehr stark, wenn es erlaubt ist, so etwas zu sagen. Oh, es lag ein Irrtum vor, ein gewaltiger, furchtbarer Irrtum, der wahrscheinlich viel tiefer ging, als man es wußte. Wenigstens ahnte er manchmal schaudernd, daß Mißverständnisse sich ringsum in der Welt aufgetan hatten, tief, sozusagen wie Abgründe. Aber es war zu schwer, das alles zu begreifen. Jetzt schrie ihn sogar der Herr Polizeirat wieder an, und er hatte doch nichts Unerlaubtes gesagt, nichts, was eine Amtsperson verletzen könnte. »Lassen Sie mich schon in Frieden«, schrie der Herr Polizeirat, »mit Ihrem ewigen Selbstlob! Ich habe schon zum fünfzigstenmal gehört, daß Sie der Allgemeinheit gedient haben! Ich habe es satt, mich von Ihnen anquatschen zu lassen!« Er antwortete, ohne den Kopf zu heben (denn er wußte, wie in solchen Augenblicken das Gesicht des Herrn Polizeirats aussah): »Ich war immer ein ehrlicher Mensch.« »Danach habe ich Sie nicht gefragt! Was haben Sie am Abend des 23. September gemacht?« »Ich bin spazierengegangen!« »Wo?« »Ich kann mich nicht mehr erinnern!« »Sind Sie in der Nähe der Fahrschule Russ gewesen?« »Ja.« »Was haben Sie dort gemacht?« »Ich bin ein paarmal vor der Garage auf und ab gegangen.« »Was haben Sie sich dabei gedacht?« Er errötete: »Ich – also ich habe gedacht – zur Aktion – hab ich gedacht, sollten wir – ja das hab ich mir gedacht – schreiten, nämlich ...« »Was haben Sie damit gemeint?« »Ich weiß nicht.« Jetzt schrie der Polizeirat wieder (warum nur?): »So weit war ich mit Ihnen schon vor einer Woche! Wie können Sie sich so idiotisch verantworten?! Herr Franz Seidel, den Sie durch Ihre verworrenen lügenhaften Aussagen hier fälschlich in Verdacht gebracht haben, hat ausgesagt, daß er Ihnen am betreffenden Abend von seiner Entlassung aus der Fahrschule Russ erzählt hat. Darauf haben Sie an eine Aktion gedacht. Es ist doch klar, was Sie damit gemeint haben, Himmelherrgott!« »Herr Polizeirat, Sie kennen den Genossen Pawlik. Er hat – « »Hier gibt's keine Genossen! Und der Herr Pawlik hat mit der ganzen Sache gar nichts zu tun.« »Aber er hat immer gesagt, er hat Beziehungen zu Ihnen, die –« »Gar keine Beziehungen, mit euch werden wir in Österreich bald die Beziehungen abbrechen, daß euch Hören und Sehen vergehen wird! Haben Sie das Auto mit den Sprengpatronen gesehen?« »Ja.« »Was haben Sie dann getan?« »Nachgedacht hab ich.« »Schon wieder nachgedacht. Sie sind ja ein großer Denker. Und worüber?« »Über die Ungerechtigkeit. Und wer an allem schuld ist. Und –« »Und?!« »Und – also ja – daß man gewissermaßen zum Protest und weil doch eine Grenze sein muß, ich meine bei der Ungerechtigkeit – ja also – die Fahrschule eventuell –« »Sprengen sollte?!« Er versteckte den Kopf in den Händen: »Ja.« »Na aaalso.« Der Ton des Herrn Polizeirates hatte sich plötzlich ganz verändert. Der Herr Polizeirat hatte sich zurückgelehnt, stopfte sich eine Pfeife, seufzte gemütlich auf. Schüchtern versuchte er den Herrn Polizeirat anzulächeln. Der lächelte zurück! Das Herz tat einen Freudensprung. Endlich! Er hatte es gewußt! Alles mußte sich aufklären! »So ein Geständnis tut wohl?« fragte der Herr Polizeirat freundlich. Nahm ein frisches Blatt Kanzleipapier, schrieb eine halbe Seite voll. »Unterschreiben Sie!« Eine schöne Handschrift hatte der Herr Polizeirat. Da sah man gleich den ordentlichen Menschen. Aber am Schluß stand: Und erkläre ich sohin, die Garage der Fahrschule Russ am 23. September um ½ ein Uhr nachts eigenhändig durch ein Sprengstoffattentat zerstört zu haben. Nein, das konnte er natürlich nicht unterschreiben. Er reichte das Blatt zurück. »No, was ist, Blum?« »Was da steht, ist, Sie werden schon verzeihen, Herr Polizeirat, also, das ist nicht wahr, nein.« Er duckte erschreckend den Kopf. Aber der strenge Herr brüllte nicht los. »Passen Sie gut auf, Blum!« sagte er langsam. »Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen, wo am Schluß ein Preisrätsel ist. Das dürfen Sie dann erraten. Robert Blum geht am Abend des 23. September spazieren. Er trifft den Franz Seidel, läßt sich von der Kündigung aus der Fahrschule Russ erzählen. Robert Blum ist über die Kündigung sehr empört. Er läßt drohende Andeutungen fallen, es sei noch nicht aller Tage Abend, es gäbe eine Grenze, und was dererlei sattsam bekannte Redensarten mehr sind. Gegen halb eins kommt Robert Blum zur Garage Russ. Blum sieht in der Nähe ein Auto stehen, in dem Sprengmaterial liegt, das für einen Steinbruch bestimmt ist. Chauffeur und Mitfahrer haben das Auto verlassen. Robert Blum sieht das und überlegt, daß man jetzt eigentlich die Garage in die Luft sprengen könnte. Um halb eins fliegt die Garage in die Luft. Robert Blum wird in der Nähe ohnmächtig aufgefunden. Preisrätsel: Wer hat die Garage in die Luft gesprengt?« Der Herr Polizeirat hatte ruhig gesprochen, ja gescherzt. Aber unter der Freundlichkeit zitterte eine gewaltige Wut, die einem kalte Schauer über den Rücken jagte, weil man ahnte: Jetzt wird der Herr gleich hinausstürzen, und man wird allein bleiben, und dann werden die Wachleute kommen ... Und die Augenbrauen stachen ... und was der Herr sagte, war so logisch und einleuchtend wie eine Addition. Blum mußte die Garage gesprengt haben. Robert Blum. Auch der Herr Polizeirat glaubte: Blum hatte die Garage gesprengt! Die sieben Teufel schrien. Blum hat die Garage gesprengt! Die Schwägerin, die Frau, der Spannmeyer, der ganze Bezirk sagte: Blum hat die Garage gesprengt. Ein furchtbares Verbrechen! Eine abscheuliche Tat! Dutzende Menschen hätten sterben können! Wenn man daran dachte, wirbelte der Kopf, schmerzten die Schläfen. Ekel erfüllte Bauch, Brust, Kehle, Mund, Nase. Pfui Teufel, dieser Blum! Alle wandten sich mit Abscheu von ihm! Nur er, der Sektionskassier, der anständige Mensch, er allein sollte sich von Blum nicht lossagen, sollte das Element nicht verdammen? Aber etwas hielt ihn zurück. Er wollte sprechen, alle Mißverständnisse aufklären, die da ringsum gähnten, schwarz und schauerlich, wie Abgründe. Aber etwas stimmte nicht. Etwas – er wußte nicht, was. Oh, es war quälend, wie ein Alpdruck. Du willst fortlaufen, schnell fort, aber du kannst nicht, schwer wie Blei sind die Füße, kleben am Boden. Und du mußt laufen, mußt, sonst verschlingt dich der Abgrund, das bedauerliche Mißverständnis. Etwas an der Tagesordnung stimmt nicht, die ganze Sitzung läuft in falschem Geleise. Aber du weißt nicht, warum. Nein. »Nein«, sagte er und schüttelte traurig den Kopf. Und jetzt fuhr ihn der Herr Polizeirat wieder an. (Warum nur?) Die ganze Gemütlichkeit war weg. Man konnte nicht mehr in das genaue ordentliche Gesicht sehen, so wütend war es. »Nein? Was ist schon wieder mit nein? Sie wollen schon wieder leugnen, daß Sie die Garage gesprengt haben?« Er sollte sie gesprengt haben, er ? Das war ja eine ganz neue Anschuldigung! Da bäumte sich sozusagen alles in ihm auf: »Aber wo denken Sie hin, Herr Polizeirat? Ich? Ich bin doch ein ehrlicher Mensch. Ich habe 29 Jahre für die Allgemeinheit gearbeitet.« »Sie Kerl! Mir scheint gar, Sie wollen mich –« »Ich bin seit 1908 Sozialdemokrat. Ich habe mein Scherflein zum Aufbau des neuen Wien beigetragen. Gilt das nicht mehr?« »Nein!« »Ich habe als Fürsorgerat, also – sozusagen Hand angelegt am großen sozialen Hilfswerk der Gemeinde. Gilt das auch nicht mehr?« »Nein!« »Verzeihen Sie vielmals. Ich war immer ein treuer Republikaner, eine treue Stütze sozusagen unseres kleinen Staates.« »Interessiert mich nicht!« »Interessiert Sie nicht?« wiederholte er fassungslos. »Sie haben die Garage gesprengt!« »Ich? Aber das ist doch ganz unmöglich. Ich habe 29 –« »Maul halten!« Ach, warum macht er den Herrn immer so zornig. Er wußte doch: Man darf mit der Exekutive keine unnötigen Reibereien haben. Das hatten schon der Victor Adler und der Schuhmeier gesagt. Aber er war wirklich schuldlos am Zorn des Polizeirats. Er hatte keine Unbesonnenheit begangen, keine provozierenden Rufe ausgestoßen, er hatte sich nicht durch Kommunisten und Provokateure verhetzen lassen. Er war höflich und bescheiden gewesen. Und doch war der Herr Polizeirat wütend hinausgelaufen, und er saß allein und wartete. Oh, er wußte worauf, wußte, was kommen mußte. Da waren sie schon da. Den einen, den dicken mit dem rotbackigen Gesicht und den kleinen funkeligen schwarzen Augen kannte er schon. Den andern mit dem langen Pferdekopf und dem mürrischen Blick noch nicht. Aber er wußte, was sie mit ihm machen wollten. »Wos is dös fir aner?« »Blum heißt er. Das is der, wegn den in der vierer Zelln immer so ein Krawall is.« »Ah-ha!« knurrte der Pferdekopf, und in den mürrischen Augen sprangen Lichtlein auf. Er aber wunderte sich, daß er sich noch immer so wenig fürchtete. Als sie ihn gestern, vorgestern so betrachtet hatten und mit gerunzelten Brauen die Wut in sich angesammelt hatten, die man braucht, um einen Menschen zu schlagen, der einem nichts getan hat und nur schweigend dasteht – hatte er fast Durchfall vor Angst bekommen. Es war nicht nur die Angst vor dem Schmerz gewesen. Es war auch die Befürchtung gewesen, die Frauen und Kinder der Wachleute könnten plötzlich hereinkommen und alles sehen. Auch jetzt verwirrten sich seine Gedanken, kreisten immer schneller wie ein toll gewordenes Ringelspiel. Aber Angst hatte er nicht. Er versuchte nach seinen vorüberwirbelnden Gedanken zu haschen, und da flog einer vorüber, von dem er blitzschnell ablas; vielleicht schlagen sie den Blum und nicht mich! Kaum aufgetaucht, war der Gedanke schon wieder verschwunden, und andere flitzten vorüber. Aber das war ein Ringelspiel, man mußte nur aufmerksam lauern, der Gedanke würde bald wieder dasein, bald, bald ... Er wartete auf ihn mit großer Spannung, denn er wußte, alles hing von diesem Gedanken ab. Die Aufklärung bedauerlicher Mißverständnisse, die Fortsetzung der Tagesordnung, die zufriedenstellende Abrechnung für alle Sprengel, trotz alledem und alledem, trotz der Not der Zeit und der Gelüste mancher Herren, die wie Taaffe und Badeni gegen die ausdrücklichen Bestimmungen des Parteistatutes – Da spürte er den Stoß, das Brennen der ersten Ohrfeige. Die Ohren rauschten, der Schmerz in der Nase beschämte, entmutigte, trieb Tränen in die Augen. »Ich berufe mich auf Punkt ...« Aber jetzt bekam er von der anderen Seite noch eine. Die Nase wurde dick wie ein Elefantenrüssel. »Wie war das mit der Garage?« fragte der Rotbäckige mit den blitzenden Augen. »He?« Seine Faust, groß wie ein Haus, raste gegen den Mund. Der Mund füllte sich mit Blut, das er ängstlich schluckte. »Du roter Verbrecher! Saubankert!« Wieder holte die Faust aus. Er schluchzte. Das Blut kam in die falsche Kehle. Er mußte husten. Im Husten spie er Blut auf den Boden. »Sau, elendige! Schau, was du für eine Schweinerei angerichtet hast!« Er senkte gehorsam den Kopf. Es war wirklich eine große, unappetitliche – Der Dampfhammer krachte aufs Kinn, schleuderte den Kopf rückwärts, warf den Leib an die Mauer. Der Zahn, der Zahn war fort. Geschluckt! Konnte man wissen, ob die Krankenkassa den Zahn ersetzen würde? Tränen kamen ihm in die Augen. Leise und heiser flüsterte ihm Otto Bauer ins Ohr: Oh, Genossen, wir wissen, wir wissen, Robert Blum, der Freiheitskämpfer stand 1848 an der Mauer vor den Schergen des Windischgrätz und Jellascic ... Er wiederholte weinend: »Vor den Schergen.« »Wer ist bei dir ein Scherge?« Die Faust holt aus. »Net wieder mit der Faust ins Gesicht«, ermahnte der Pferdekopf mürrisch, »nocha sieht man die Spuren, und du hast die Scherereien.« Er hatte plötzlich einen nassen Fetzen in der Hand und kam näher. »Alstern mach uns den Dienst nicht schwer, Blum, leg das Geständnis ab, und die Geschichte hat sich. Hast es gesprengt, die Garage?« »Ich? Aber ich habe 29 Jahre – 29 Jahre hab ich für die Allgemeinheit –« Sie stürzten sich beide auf ihn. Der Fetzen klatschte um die Ohren, machte feuchte Brandwunden an den Schläfen, im Nacken. Er schrie. Der Rotbäckige bearbeitete wie rasend den Hinterkopf. Jeder Schlag fuhr quer durchs Hirn hindurch zu den Augenbrauen. Die Augenbrauen stachen, Tausende lange Nadeln. Er schrie, da trat ihm der Rotbäckige in den Bauch. Er klappte zusammen, fiel, konnte nicht mehr schreien, weil er erstickte. Vor jedem Schlag sprach die leidenschaftliche Stimme oder die mürrische. »Der Hund! Das Kommissariat beschmutzt er. Er glaubt, wir sind seine Schanis, der Hund!« Es schlug dumpf an die Rippen, schnitt scharf bis in die Lunge. Er stöhnte. »Die Viererzellen macht er rebellisch, der Kerl! Net sei bisserl Ruh' laßt er an beim Dienst!« Der Fetzen verbrannte die Augen. Er stöhnte. »Wann ma den net derwischt hätten, hätt ma a Bomben im Kommissariat ghabt.« Der Dampfhammer zermalmte die Nase. Er stöhnte. »Net mit der Faust ins Gsicht. Sonst macht uns der Kerl noch mehr Scherereien, der rote Hund, der verfluchte.« Der Fetzen umschlang tosend den Kopf, zuckte zurück, riß den Kopf herum, riß die Hirnschale auf. Er konnte wieder schreien. Er schrie. Sie sprachen nichts mehr. Es hagelte, rauschte, donnerte, schlug ein, schlug ein. Er hatte keinen Körper: Hand, Fuß, Kopf, nichts als ein großes Loch, angefüllt mit einer einzigen brodelnden Qual vom Scheitel bis zum Bauch. Und als er schrie, war's nicht mit dem Mund (wo war der Mund?), als er schrie, schrie er mit alldem auf einmal. So schrie er. Dann begannen die roten Kreise – die Hände – vor seinen Augen – am Rücken – zu tanzen – festgebunden – in den Krater von Qual hineinstachen – tritt – mit einer langen, langen Hutnadel – die Hände am Rücken festgebunden – daß der Krater unmenschlich aufschrie – tritt – da wurde es auf einmal blendend klar in ihm, ein Magnesiumlicht flammte in seinem Hirn auf und strahlte über der Welt, alle bedauerlichen Mißverständnisse verschwanden, alles war eine unerträgliche, beglückende Seligkeit, und die Hände am Rücken festgebunden, tritt Robert Blum mit festem Schritt hervor. Als sie ihm aus einem Schwamm kaltes Wasser ins Gesicht rinnen ließen und ihn dabei beschimpften, weil er ihnen den Dienst so schwer machte, bat er ruhig, den Herrn Polizeirat sprechen zu dürfen. »Werden Sie jetzt gestehen?« fragten sie. »Ich werde alle bedauerlichen Mißverständnisse aufklären.« Der Polizeirat schaute ihn nicht an, sondern begann in Akten zu blättern. Aber das war gar nicht nötig, der Herr brauchte sich nicht zu verstellen, brauchte nicht zu fürchten, daß er sich wider die Schläge beklagen möchte. Ach nein, er wollte ja alles erklären. Lebhaft und fröhlich begann er. »Also die Sache ist so, Herr Polizeirat, daß der Robert Blum nämlich die Garage in die Luft gesprengt hat. Aber sie dürfen ihn nicht hart beurteilen. Er hat es wegen der Ungerechtigkeit gemacht. Er hat sich, wie man sagt, durch Elemente einschüchtern und provozieren lassen.« »Na aalso«, seufzte der Herr Polizeirat zufrieden, »warum haben Sie mir nicht früher das Attentat gestanden? Wir hätten uns so manches erspart.« Sonderbar: der Herr Polizeirat verstand ihn wieder falsch und war doch sonst ein so gebildeter Mensch. Man mußte das Mißverständnis besser erklären. »Ich hab kein Attentat begangen. Ich nicht. Das ist ja ganz unmöglich. Ich habe 29 Jahre für die Allgemeinheit gearbeitet, und ich war, wie man sagt, eine feste Stütze unseres kleinen Staates. Also das wäre ja gelacht, daß ich so ein Attentat begehen soll. Nicht wahr? Der Robert Blum war's. Das haben Sie mir vorher selbst ganz genau vorgerechnet, daß es nur der Robert Blum gewesen sein kann, nicht wahr? Und der ganze Bezirk sagt's auch und die Schwägerin und die sieben Teufel.« Der Polizeirat sprang auf. Ach, warum schrie er wieder, wenn die Augenbrauen doch so stachen? Und was stellte er für eine komische, unverständliche Frage? »Wie bitte, Herr Polizeirat? Ich – also ich verstehe nicht, Herr Polizeirat.« Nein, er hatte sich nicht verhört. Die Frage kam nochmals. Er sagte sich jedes Wort einzeln vor. » Sind « – das verstand er – » Sie « – auch das verstand er – » denn nicht « – klar – » der – klar, das Wort gebrauchte er selbst hundertmal. Und schließlich » Robert Blum « – den kannte er – » Robert Blum « – den kannte er auch, das war der Mann, der die Garage in die Luft gesprengt hatte, die Händ' am Rücken festgebunden. Die Frage war sehr einfach, aber er hatte sie niemals vorher gehört, und drum verstand er sie nicht. Er schüttelte traurig den Kopf. Der Polizeirat schüttelte auch den Kopf, rief die zwei Wachleute herein, begann mit ihnen zu tuscheln. »Nur mit dem Fetzen«, beteuerte der Rotbäckige ehrfürchtig. Mochten sie tuscheln, was sie wollten, ihm war's gleichgültig. Er hatte alles aufgeklärt. Mehr konnte man von ihm nicht verlangen. Man darf nicht zu viel Funktionen auf einen Funktionär kumulieren. Er war müde und wollte schlafen. Er hatte wie immer seine Pflicht der Allgemeinheit gegenüber erfüllt ... Der Herr Polizeirat weckte ihn sanft aus seinem Nickerchen und hielt ihm ein Protokoll entgegen: »Unterschreiben Sie.« Das Blatt war zu einem Viertel vollgeschrieben. Eine schöne, ordentliche Handschrift. Die Handschrift verrät den Menschen, hatte der Oberbuchhalter ihm immer wieder gesagt, als er ein Praktikant gewesen war. Er war zu müde, um zu lesen, was da stand. »Unterschreiben Sie«, wiederholte der Polizeirat ungeduldig. Oh, er wollte gern unterschreiben. Aber der Finger des Herrn Polizeirates zeigte auf den alleruntersten Rand des Blattes. Und der Oberbuchhalter hatte ihm immer wieder gesagt, als er ein Praktikant gewesen war: Wenn Sie eine Bestätigung unterschreiben – dann nie so, daß zwischen dem Text und der Unterschrift ein Platz bleibt. Merken Sie sich das. Er schob den Finger ehrfürchtig beiseite und unterschrieb knapp unter dem Text. Und wieder wurde der Herr Polizeirat so rot im Gesicht. Und wieder fuhr er ihn mit unverständlichen Worten an: »Sie abgefeimtes Individuum. Mit Protokollen kennen Sie sich aus, was? Aber mir wollen Sie da ein Theater vorspielen? Sie Simulant. Ich werde Sie schon kleinkriegen.« Der Herr Polizeirat zerriß das Protokoll. Warum war er so wütend? Warum klang seine Stimme so enttäuscht, als er dem Rotbäckigen und dem Pferdekopf befahl: »Abführen, den Simulanten. Das ist ein ganz gefährlicher. In die Einzelzelle.«   Mitten in der Nacht wachte er auf, denn er hatte Geräusche gehört, als ob die sieben Teufel wieder eine Bosheit gegen ihn ausheckten. Dann erst erinnerte er sich, daß man ihn in eine andere Zelle gebracht hatte. Er schloß beruhigt die Augen. Aber die Pritsche in dieser Zelle war aus Hartholz. Der ganze Körper war steif. Jeder Knochen, jedes Stückchen Haut schmerzte. Wie er sich auch drehte und wendete – Schmerzen, Schmerzen. Unmöglich einzuschlafen. Er setzte sich auf. Die Lampe hier war nicht so grell wie die in der Gemeinschaftszelle, schien fahl gelblich. Das war gut so, die Augenbrauen stachen weniger. Er versuchte, die Abrechnung für September fertigzustellen. Aber er war viel zu müde, viel zu zerschlagen, um die Katasterblätter zu suchen. So stützte er den Kopf in die Hände und schlummerte ein bißchen ein. Als er wieder aufwachte, sah er, daß er nicht mehr allein war. Viele Herren mit karierten Anzügen saßen da und rauchten kurze Pfeifen, neben ihnen andere, kleine mit schwarzen Spitzbärten, und wieder andere, groß und blond, nordische Menschen, alle sehr elegant, sehr intelligent, sehr gebildet und besonnen. Sie sprachen englisch, französisch, norwegisch, belgisch. »Das demokratische Ausland«, dachte er freudig. Da erblickte er vor ihnen, die Händ' am Rücken festgebunden, Robert Blum. Robert Blum hatte sehr schöne große Augen, schwarze lockige Haare, die ihm bis zu den Schultern fielen. Er trug eine schwarze Samtjacke und eng anliegende, lange Hosen. Sein Gesichtsausdruck war sehr edel, aber die Krawatte hatten sie ihm abgenommen. Alle schauten auf Robert Blum, und ihre Mienen waren streng und vorwurfsvoll. »Das demokratische Ausland verurteilt den Blum aufs schärfste«, dachte er. Was ging ihn der Blum an, mochten sie den Blum nur verurteilen. Er schloß müde die Augen. Aber dann bekam er Mitleid mit Blum. Er dachte: »Oh, Genossen, wir wissen, der demokratische Westen, die skandinavischen Staaten mit ihrer jahrhundertalten Demokratie, all diese Länder, Genossen, deren Meinung für Österreich eine Frage von Sein oder Nichtsein ist –« Sein oder Nichtsein. Nein, er mußte den Robert Blum verteidigen, mußte ihm helfen. Er öffnete wieder die Augen. Jetzt sah er unter den Ausländern auch einige solid gekleidete Männer, die wie Landsleute sprachen. »Die guten Bürger«, dachte er. Dann sprang er entschlossen auf. Robert Blum warf ihm einen stolzen und dankbaren Blick zu. Da stellte er sich hinter Blum, schwang die Arme und begann: »Verehrte Anwesende, werte Parteigenossen und Parteigenossinnen. Ich erlaube mir, hier das Wort zur Diskussion zu ergreifen als ein Mensch, der stets mit seinem Herzen an der kleinen Republik Österreich hing, der stets besonnen und entschlossen seine Pflicht erfüllt hat, der Gewehr bei Fuß die Republik aus dem Chaos der trügerischen Verlockung der Elemente frei hielt, der mit den Waffen des Geistes die wohlerworbenen Rechte des Proletariats zu schützen wußte und der 29 Jahre –« Das war das erste Mal im Leben, daß er zu einer Versammlung sprach, ohne einen Kassabericht vor sich zu haben. Trotzdem stotterte er nicht, seine Stimme klang voll und stark wie immer, wenn er der Kontrolle seine Abrechnungen vorlegte. Alle Augen waren bewundernd auf ihn gerichtet. Je länger er sprach, desto größer wurde das Auditorium. Der Herr Polizeirat erschien, senkte aufmerksam den Kopf, daß man den Scheitel aus Lackleder sah. Die Frau erschien, schön und blühend wie einst, lachte ihm verschämt zu, bedeckte sich die Brüste mit den Händen und preßte die Schenkel aneinander wie damals. Die Schwägerin saß neben ihr und machte ein zerknirschtes Gesicht; einmal wendeten sich alle um und zeigten blitzschnell mit den Fingern auf sie. Dann kamen alle Vertrauensmänner der Sektion und setzten sich nach Sprengeln geordnet. Spannmeyer trug einen großen Blumenkranz mit der Aufschrift: Unserem Helden. Auch Willy und die zwei Wachleute, der mit dem Pferdekopf und der Rotbäckige, wollten herein, aber der Herr Polizeirat wurde puterrot, und da verschwanden sie. Das alles beobachtete er, während er hinter Robert Blum stand und sprach. »Sie beurteilen die Tat eines Menschen. Aber, hoher kaiserlicher Gerichtsrat, wenn auch die Tat des Robert Blum eine unbesonnene Tat war, so werden die Genossen doch verstehen. Robert Blum hat keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um der Regierung seine Verhandlungsbereitschaft zu zeigen. Robert Blum sagte der Regierung: der Staat ist in Gefahr? Wohlan. Wohlan, beraten wir über Maßnahmen, die die wirklichen Nöte des Volkes lindern können sowie die große Ungerechtigkeit. Wir sind zu einer positiven Mitarbeit im Rahmen bereit. So sprach Robert Blum, werte Parteigenossinnen und -genossen. Er war von Verantwortungsgefühl und Besonnenheit erfüllt. Er war ein Kämpfer für das Volk, die Freiheit war ihm mehr als reines Gold. Aber was geschah? Manche Herren trugen Gelüste, und, oh, Genossen, wir kennen die Herren, es sind dieselben Herren wie 1918. Da kam der Tag, wo die allzu straff gespannte Geduld des Robert Blum riß. Mag seine Tat unbesonnen sein. Aber –« Hier brachen alle in stürmische Bravorufe aus. Es war eine Versammlung der 200 000. Er wünschte nur eines, daß die Herren, die Gelüste trugen, dabei wären. »Sie ist verständlich. Er bereut sie tief, werte Versammlung. Er weiß, daß der demokratische Westen mit seiner jahrhundertalten Kultur –. Aber ich bitte um Verständnis für seine Verirrung. Um Milde und Nachsicht wegen Unzurechnungsfähigkeit. Hoher Gerichtshof, ich als anständiger Mensch verspreche Ihnen, er wird wird's nie, nie wieder tun –« »Maul halten, da drinnen. Wannst net glei schlafen gehst, hast ane picken, daß d'net waßt, wo's d' stehst. Roter Hund.« Alles verschwand wie weggeblasen. Er warf einen ängstlichen Blick nach den Teufeln. Ach so, er war allein. Auf den Zehenspitzen schlich er zu einer Pritsche und legte sich nieder. Er biß die Zähne zusammen, um seine Schmerzen zu unterdrücken. Als der Herr Polizeirat am nächsten Morgen wieder begann, ihn zu verhören, kam ein Wachmann ziemlich aufgeregt herein und meldete, ein Mann, den sie in der Nacht betrunken eingeliefert hätten, habe, als er heute früh nüchtern aufgewacht sei, seinen Zellengenossen erzählt, er sei wegen Sprengung einer Garage da. Man hatte es zufällig durch die Tür gehört. »Vorführen«, befahl der Herr Polizeirat, und auf ihn zeigend: »Abführen.« Am Gang, als der Mann an ihm vorbeigedrängt wurde, wollte das Herz plötzlich nicht mehr weiter: Es war der Richard Kainz... Kainz war nüchtern, aber sehr aufgeregt. Er schrie ununterbrochen: »Gar nichts können sie wissen. Ich habe nichts mit der Sache zu tun. Ich war nicht einmal in der Nähe von der Russgarage. Ich hab ein Alibi.« Am Abend kam der mit dem Pferdekopf in seine Zelle und sagte nur – mürrisch: »Packens Ihne zsamm, Sie können hamgehn.« Es war ein wunderbarer, trockener Oktoberabend. Den Mantel konnte er offen tragen, so mild war die Luft. Er lächelte alle Passanten freundlich an, und sein Herz schlug vor Freude bis an den Hals, vor den wieder die Krawatte gebunden war. Gerade als er den Mund spitzte, um ein Liedchen zu pfeifen, hörte er hinter sich eine Stimme: »Blum, Blümchen ... Blümelein.« Er wollte nicht der Blum sein, wenn das nicht der Spannmeyer war. »Natürlich haben wir alle gewußt, daß du unschuldig bist. Unser Kassier Blümchen soll eine Garage sprengen? Ha-ha-ha. Natürlich haben wir die Vertrauensmännersitzung verschoben. Der Hadina hat sich natürlich gewehrt, er hat schon auf deinen Posten gespitzt, der alte Karrierist. Aber alle anderen haben erklärt: Der Blum muß jeden Tag rauskommen, es ist klar wie Schuhwichs, und ohne Blum keine Sitzung. Aber wie schaust du aus, Blümchen? Sie haben dich geplescht, die Hundsviecher.« »Ich kann mich nicht erinnern«, sagte Robert Blum, »ich kann mich an gar nichts erinnern.« Tränen der Freude schossen ihm aus den Augen, daß seine Brille sich beschlug. Spannmeyer breitete die mächtigen Arme aus. Robert Blum fiel ihm um den Hals.